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        <title>Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechsundzwanzigster Jahrgang. 1910.</title>
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        Schulthess
Europäischer  Geschichtskalender.

Neue  Folge.

Sechsundzwanzigster  Jahrgang  1910.
(Der  ganzen  Reihe  Ll.  Band.)

Herausgegeben

von

Ludwig  Rieß.

 

München  1911  .
C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung
Oskar  Beck.
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        C.  H.  Beck'sche  Buchdruckerei  in  Nördlingen.
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        Inhaltsverzeichnis.

 

Chronik  der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1910
Kalendarium

I

II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.

IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.

XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.
XXIII.
XXIV.
XXV.
XXVI.
XXVII.

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder
Die  österreichisch-ungarische  Monarchie
Portugal

Spanien

Großbritannien

Frankreich

Italien

Römische  Kurie

Anhang:  Der  Modernisteneid
Schweiz

Belgien

Luxemburg

Niederlande

Dänemark

Schweden

Norwegen

Rußland

Türkei  und  Ägypten

1.  Die  Türkei

2.  Ägypten

Bulgarien

Rumänien

Serbien

Montenegro

Griechenland

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika  und  Kanada
Mittel-  und  Südamerika

Australien  und  Südsee

Afrika

Asien

Übersicht  über  die  politische  Entwickelung  des  Jahres  1910
Alphabetisches  Register

Seite

IV

453
481
488
495
529
554
563
568
570
573
578
579
581
584
585
588
602
602
614
616
619
621
624
624
633
647
656
658
664
682
714
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                                  Chronik
der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1910.

 

Januar.

1. Ungarn.  Beginn  des  Ex-Lex-Zustandes.

2. Portugal  und  China.  Ablehnung  des  portugiesischen  Antrages
auf  Schiedsgerichtsentscheidung  über  Grenzen  von  Macao.

3. Portugal.  Vertagung  der  Kammer  auf  zwei  Monate.

4. Frankreich.  Niederlage  der  Besatzung  von  Abescher  durch  die  Wadai
östlich  vom  Tschadsee.

6. Vereinigte  Staaten.  Antrag  auf  Neutralisierung  der  mandschurischen
  Bahnen  bekanntgegeben.

10. Türkei.  Neues  Kabinett  unter  Großwesir  Hakki  Pascha.

14. Großbritannien.  Nominationstag  für  Parlamentskandidaten.

17. Belgien.  Veröffentlichung  des  Wortlauts  der  Koburger  Stiftung.

18.   Ungarn      Ministerium  Khuen-Hedervary  tritt  an  Stelle  des  Kabinetts

Wekerle.

21. Japan  und  Rußland.  Ablehnung  des  Neutralisierungsvorschlags
für  mandschurische  Bahnen.

21. China.  Abkommen  über  amerikanische  Bahnbaupläne  in  der  Mandschurei.


26. Frankreich.  Höhepunkt  der  Überschwemmungen  in  Paris.

27. Spanien.  Programm  des  „katholischen  Verbandes“.

28. Ungarn.  Vertagung  des  Unterhauses  bis  24.  März.

29. Persien.  Erste  englische  Truppenlandung  und  Exekution.

30. Griechenland.  Berufung  einer  Nationalversammlung.

Februar.

1. Norwegen.  Neues  Ministerium  Konow.

4. Nicaragua.  Ausbruch  der  Revolution.

4. Deutsches  Reich.  Bekanntgabe  der  preußischen  Wahlrechtsvorlage.

5. Deutsches  Reich  und  Vereinigte  Staaten.  Annahme  des
Handelsvertrages.

6. Deutsches  Reich.  Beginn  der  Wahlrechtsdemonstrationen.

7. Griechenland.  Demonstration  der  Schutzmächte  im  Hafen  Piräus.

8. Britisch-Ostindien.  Knebelung  der  nativistischen  Hetzpresse.

9. Niederlande.  Dementierung  jedes  deutschen  Einwirkens  auf  Befestigungsplan
  für  Vlissingen.

10. Spanien.  Kabinett  Canalejas  gebildet.

12. Großbritannien.  Wahlresultat  ergibt  Gleichgewicht  der  Liberalen
und  Konservativen.

14. Türkei.  Flottenprogramm  debattelos  angenommen.

14. Ungarn.  „Nationale  Arbeitspartei“  gebildet.
        <pb n="5" />
        14.
17.
21.
22.
25.

26.

10.
13.
20.

22.
22.
24.

25.
27.

4.
7.

11.
13.

13.

14.
15.

Allgemeine  Ghronik.  V

14. Frankreich  und  Türkei.  Beilegung  des  tunesisch-tripolitanischen
Grenzstreits.

17. China.  Flucht  des  Dalai  Lama  nach  Indien.

21. Großbritannien.  Parlamentseröffnung.

22. Frankreich  und  Marokko.  Ratifikation  des  Anleihevertrages  erzwungen.


25. Rußland  und  Bulgarien.  Bedrohliche  Äußerungen  des  bulgarischen

  Ministerpräsidenten  in  Petersburg.

26. Bulgarien  und  Türkei.  Grenzplänkeleien.

 

März.
10. China.  Aufhebung  der  Sklaverei.
13. Japan.  Fusion  der  oppositionellen  Fraktionen  zur  „Kokuminto“.
20. Rußland  und  Oesterreich-  Ungarn.  Wiederherstellung  normaler
diplomatischer  Beziehungen.
22. Großbritannien.  Vetobill  vorgelegt.
22. Ungarn.  Auflösung  des  Reichstags.
24. Niederlande.  Staatskommission  zur  Beratung  einer  Verfassungsrevision
  eingesetzt.
25. Vereinigte  Staaten.  Sonderbotschaft  über  Protektorat  in  Liberia.
27. Abessinien.  Ende  der  Herrschaft  der  Kaiserin  Taitu.
30. Italien.  Bildung  des  Ministeriums  Luzzatti.

April.

4. Römische  Kurie.  Roosevelt  wird  der  Empfang  vom  Papste  verweigert.

7. Ägypten.  Erneuerung  der  Konzession  der  Suez-Kanalgesellschaft  abgelehnt.


11. Schweiz.  Verhältniswahlen  abgelehnt.

13. Rußland  und  Serbien.  Entschuldung  serbischer  Offiziere  durch
russisches  Geld.

13. Australien.  Wahlen  zum  Bundesparlament  ergeben  Mehrheit  der
Arbeiterpartei.

14. Spanien.  Auflösung  der  Cortes.

15. Großbritannien.  Oberhaus  verschiebt  Beratung  der  Vetobill  bis
Mitte  Juni.

 

22.—30.  Deutsches  Reich.  Streit  Erzberger-Dernburg.

24.
25.
27.
29.

—

12.
14.

24. Frankreich.  Allgemeine  Wahlen.

25. Türkei.  Beginn  des  Feldzuges  in  Oberalbanien.
27. Belgien.  Eröffnung  der  Brüsseler  Weltausstellung.
29. Australien.  Arbeiterparteiministerium.

Mai.

7. Großbritannien.  Tod  König  Eduards  VII.

9. China.  Berufung  einer  Notabelnversammlung  als  Vorparlament.

9. Kreta.  Nationalversammlung  im  Namen  des  Königs  der  Hellenen
eröffnet.

12. Deutsches  Reich.  Kolonialamt  schließt  Vertrag  mit  der  deutschen
Kolonialgesellschaft.

14. Belgien,  Deutsches  Reich  und  Großbritannien.  Grenzregulierung
  im  Osten  des  Kongostaats  vereinbart.

15. Nicaragua  und  Vereinigte  Staaten.  Intervention  wegen  der
Revolution.
        <pb n="6" />
        8.
9.

13.

15.
16.

17.

18.
21.

Allgemeine  Chronik.

22. Deutsches  Reich  und  Frankreich.  Aussprache  des  Kaisers  mit
Pichon  in  London.

23. Dänemark.  Rücktritt  des  radikalen  Ministeriums  Zahle.

23. Spanien.  Bombenattentat  auf  den  König.

26. Römische  Kurie.  Erlaß  der  Borromäus-Enzyklika.

30. Preußen.  Streit  Gwinner-Rheinbaben  über  Finanzverwaltung.

31. Spanien.  Verordnung  gegen  die  Klöster.

31. Südafrika.  Proklamierung  der  Union.

Juni.

4. Preußen.  Die  Freisinnigen  beantragen,  fakultative  Feuerbestattung
zu  ermöglichen.

8. Monaco.  Verfassungsverleihung  durch  den  Fürsten.

9. Deutsches  Reich.  Als  Nachfolger  Dernburgs  wird  v.  Lindequist
Kolonialsekretär.

13. Deutsches  Reich  und  Römische  Kurie.  Beilegung  der  Differenz
über  Borromäus-Enzyklika.

15. Preußen.  Erhöhung  der  Zivilliste  des  Königs.

16. Vereinigte  Staaten.  Arizona  und  New  Mexiko  als  Staaten  aufgenommen.


17. Großbritannien.  Eröffnung  der  Konferenz  über  die  konstitutionelle
Frage.

18. Deutsches  Reich.  Ministerwechsel.

21. Mexiko.  Verhaftungen  der  Gegenkandidaten  des  Präsidenten.

26.—27.  Portugal.  Neues  Ministerium  und  Kammerauflösung.

28.
29.

29.

14.
20.
20.

20.
25.

28. Großbritannien.  Änderung  des  Krönungseides.

29. Deutsches  Reich.  Bundesrat  nimmt  einstimmig  den  Gesetzentwurf
über  Schiffahrtsabgaben  an.

29. Römische  Kurie.  Motu  proprio  über  den  Doktoreid.

Juli.

4. Rußland.  Finnland-Gesetz  vom  Zaren  sanktioniert.

4. Rußland und  Japan.  Der  Text  des  Bündnisses  wird  bekanntgegeben.

5. Oesterreich.  Vertagung  des  Reichsrats  wegen  der  Obstruktion  der
Slovenen  und  des  Polenklubs.

27. Nicaragua.  Protest  des  Präsidenten  Madriz  gegen  die  Intervention
der  Vereinigten  Staaten.

29. Großbritannien.  Vertagung  des  Unterhauses  bis  15.  November.

29. Türkei.  Genehmigung,  die  Bagdadbahn  über  Aleppo  zu  leiten.

August.

14. Belgien.  Feuer  in  der  Brüsseler  Weltausstellung  zerstört  die  belgische,
französische  und  englische  Abteilung.

20. Römische  Kurie.  Die  Machtbefugnisse  der  Bischöfe  gegenüber  dem
niederen  Klerus  erweitert.

20. Portugal.  Klerikaler  Putsch  zur  Verhinderung  des  Wahlgeschäfts
am  28.  erfolglos.

20. Nicaragua.  Flucht  des  Präsidenten  Madriz.

25. Deutsches  Reich.  Königsberger  Rede  des  Kaisers.

Ende  August.  Deutsches  Reich  und  Großbritannien.  Verhaftung  der

englischen  Offiziere  Trench  und  Brandon  als  Spione.
        <pb n="7" />
        AIlgemeine  Chronik.  VII

September.

2.  Vereinigte  Staaten  und  Nicaragua.  Verzicht  auf  Intervention.

3.  Dänemark.  Polizei-  und  Kriminalrichter  verlangen  Wiederabschaffung
der  Prügelstrafe.

5.  Vereinigte  Staaten.  Roosevelts  politisches  Programm  des  neuen
Nationalismus.

6.  Großbritannien  und  Deutsches  Reich.  Verhaftung  des  Oberleutnants
  Helm  als  Spion.

8.  Römische  Kurie.  Motu  proprio  über  Modernisteneid.

10.  Italien.  Breschefestrede  des  Bürgermeisters  Nathan.

14.  Griechenland.  Eröffnung  der  Nationalversammlung.

20.  Niederlande.  Thronrede  verlangt  Befestigung  Vlissingens.

23.  Großbritannien.  Veto  der  Regierung  gegen  türkische  Anleihe  in

London.

24.—28.  Deutsches  Reich.  Krawalle  in  Moabit.

28.  Rußland.  Iswolski  wird  Botschafter  in  Paris.

29.  Türkei.  Anleihe  mit  deutschen  und  österreichischen  Banken  vereinbart.

Oktober.

4.—6.  Portugal.  Revolution.
.  Portugal.  Gründung  der  Republik.
10.—18.  Frankreich.  Allgemeiner  Eisenbahnerstreik.
12.  Römische  Kurie.  Verschärfung  des  Antimodernisteneides.
17.  Großbritannien  und  Persien.  Ankündigung  englischer  Besetzung
Südpersiens.
25.  Griechenland.  Auflösung  der  Nationalversammlung.

November.

3.  Frankreich.  Umbildung  des  Ministeriums  Briand.

4  Brasiilten  und  Deutsches  Reich.  Abkommen  über  deutsche  Militärmission


4.—5.  Rußland  und  Deutsches  Reich.  Entrevue  des  Zaren  und  Kaisers
in  Potsdam.

8.  Rußland  und  Deutsches  Reich.  Sassonows  Mitteilungen  über
die  Ergebnisse  der  Potsdamer  Entrevue.

8.  Belgien-  Demonstrationen  gegen  den  König  wegen  klerikaler  Schulpolitik.



8.  Rußland.  Stolypin  verlangt  Bekämpfung  der  deutschen  Kolonisten.
8.  Vereinigte  Staaten.  Sieg  der  Demokraten  bei  den  Kongreßwahlen.

10.  Großbritannien.  Schluß  der  konstitutionellen  Konferenz  ohne  Ergebnis.



13.  Deutsches  Reich.  Rede  des  Kaisers  in  der  Benediktiner-Abtei  Beuron.

16.  Spanien  und  Marokko.  Abkommen  über  Kriegskostenentschädigung.

18.—25.  Mexiko.  Revolution  wegen  Präsidentenwahl.

21.  Großbritannien.  Lord  Lansdowne  beantragt  Referendum.

21.  Oesterreich-Ungarn.  Flottenbauprogramm.

23.  Kreta.  Eröffnung  der  Nationalversammlung  im  Namen  des  Königs

der  Hellenen.
28.  Großbritannien.  Auflösung  des  Parlaments.

Dezember.

1.  Deutsches  Reich.  Volkszählung.
3.  Kanada.  Eigener  Flottenbau  beschlossen.
        <pb n="8" />
        VIII  AIlgemeine  Chronik.

3.

8.
10.

3. Marokko  und  Frankreich.  Landung  französischer  Kriegsschiffe  in
Agadir.

8. Römische  Kurie.  Der  Papst  sagt  1911  als  Trauerjahr  der  Kirche  an.
10. Türkei.  Beginn  des  Aufstandes  in  Arabien.

10.—11.  Brasilien.  Meuterei  der  Flotte.

13.—

3.
16.

17.
19.

20.

21.
22.

23.
31.

13.-21.  Rußland.  Studentenkrawalle.

13. Mexiko.  Beginn  des  Bürgerkrieges  im  Süden.

16. Deutsches  Reich.  Bundesrat  nimmt  den  Verfassungsentwurf  für
Elsaß-Lothringen  einstimmig  an.

17. Dänemark.  Verurteilung  des  ehemaligen  Justizministers  Alberti,
des  Einführers  der  Prügelstrafe,  wegen  Unterschlagung.

19. Deutschland  und  Großbritannien.  Der  Mißerfolg  der  Verhandlungen
  über  deutsche  Entschädigungsansprüche  aus  dem  Burenkriege
in  der  Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung  bekanntgemacht.

20. Großbritannien.  Die  Wahlen  ändern  nichts  an  dem  Stärkeverhältnis
der  Parteien.

21. Großbritannien.  Reorganisation  der  Heimflotte.

22. Frankreich.  Briands  Gesetzesvorlage  über  die  Rechtsverhältnisse  der
Eisenbahner.

23. Römische  Kurie  und  Sachsen.  Baron  Matthies  bittet  auf  Veranlassung
  des  Papstes  den  König  von  Sachsen  um  Verzeihung.

31. Deutsches  Reich.  Carnegie-Stiftung  für  Lebensretter.
        <pb n="9" />
        I.
Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen
Glieder.

1.  Januar.  Glückwunschaustausch  mit  dem  Präsidenten  der

Vereinigten  Staaten.

Kaiser  Wilhelm  richtete  an  Präsident  Taft  zum  Jahreswechsel
folgendes  Telegramm:  „Ihnen  und  dem  amerikanischen  Volke  meine  besten
Wünsche  für  ein  glückliches  Neujahr!“  —  Präsident  Taft  erwiderte:
„In  voller  Würdigung  und  Erwiderung  der  mir  übermittelten  freundlichen
Wünsche  Eurer  Majestät  wünsche  ich  Ihnen  und  dem  deutschen  Volke  für
das  kommende  Jahr  Gesundheit  und  Wohlergehen."

1.  Januar.  Der  Kaiser  gibt  die  Verlobung  des  Prinzen
Friedrich  Wilhelm  von  Preußen,  dritten  Sohnes  des  verstorbenen
Prinzen  Albrecht,  mit  Prinzessin  Agathe  von  Ratibor  und  Corvey,
der  ältesten  Tochter  des  Herzogs  Viktor  von  Ratibor,  bekannt.  Die
Braut  ist  Katholikin.

3.  Januar.  Kompetenz  deutscher  Gerichte  zur  Beschlagnahme
  russischer  Staatsgelder?

Es  wird  ein  Schreiben  des  Staatssekretärs  v.  Schoen  an  das  Amtsgericht
  Berlin  Mitte  bekannt  gemacht,  worin  gegen  die  Beschlagnahme
russischer  Guthaben  bei  dem  Bankhause  Mendelsohn  &amp;amp;  Cie.  der  Kompetenzkonflikt
  erhoben  wird.  In  der  Begründung  wird  einerseits  ausgeführt,
daß  durch  die  Widerklage  des  Hauptmanns  a.  D.  Alfred  v.  Hellfeld  in  dem
gegen  ihn  von  der  russischen  Regierung  angestrengten  Prozeß  vor  dem
kaiserlichen  Gericht  in  Tsingtau  trotz  des  Stillschweigens  des  Vertreters  der
russischen  Regierung  nach  völkerrechtlichen  Grundsätzen  eine  Gerichtsbarkeit
gegenüber  dem  russischen  Fiskus  nicht  geschaffen  wird.  Andererseits  sei
aber  auch  selbst  nach  erfolgtem  rechtskräftigen  Urteil  eine  gerichtliche  Zwangsvollstreckung
  an  dem  im  Inland  befindlichen  Vermögen  eines  fremden  Staates
unzulässig.  Es  bleibe  also  nichts  übrig,  als  solche  Ansprüche  gegen  fremde
Regierungen  durch  die  diplomatische  Vermittlung  des  Auswärtigen  Amtes
geltend  zu  machen.

3.  Januar.  (Berlin.)  Parteitag  der  Sozialdemokraten
Preußens.

Im  Gewerkschaftshaus  werden  die  Wahlrechtsdemonstrationen  vom
Januar  1909  als  Veranstaltungen  des  preußischen  Landesvorstandes  gerühmt.
Der  Landtagsabgeordnete  Paul  Hirsch  (Berlin!  fordert  als  Kommunalprogramm
  für  Preußen  das  allgemeine,  gleiche,  direkte  und  geheime  Wahlrecht
  bei  den  Stadtverordnetenwahlen,  die  Einschränkung  des  staatlichen
Aufsichtsrechts  und  Übertragung  der  Ortspolizei  auf  die  Gemeinden.

Europäischer  Geschichtskalender.  LI.  1
        <pb n="10" />
        2  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  3.—6.)

3.  Januar.  Im  Ruhrgebiet  tritt  der  Arbeitsnachweis  des
Zechenverbandes  in  Tätigkeit.

4.  Januar.  (Sachsen-Weimar.)  Großherzog  Wilhelm
Ernst  vermählt  sich  mit  der  Prinzessin  Carola  Feodora  von  Sachsen-Meiningen.


5.  Januar.  Audienz  der  chinesischen  Marinestudienkommission
unter  Prinz  Tsai  Hsün  bei  dem  Kaiser.

5.  Januar.  (Bayern.)  Der  Landesausschuß  der  Nationalliberalen
  Partei  lehnt  die  Anträge  Dirrs  auf  einen  weiteren  Ausbau
  der  Organisation  im  Sinne  der  Jungliberalen  ab.

5.  Januar.  (Elsaß-Lothringen.)  Bischof  Dr.  Fritzen  von
Straßburg

veröffentlicht  seine  Antwort  auf  den  Einspruch  des  Staatssekretärs
gegen  seine  Warnung  der  katholischen  Lehrer  vor  dem  Anschluß  an  den
allgemeinen  deutschen  Lehrerverein.  Er  sehe  sich  veranlaßt,  den  gegen  ihn
„erhobenen  Vorwurf  eines  Eingriffes  in  den  Bereich  der  staatlichen  Befugnisse
  zurückzuweisen".  —  Der  Staatssekretär  Frhr.  Zorn  v.  Bulach  hatte
durch  ein  von  ihm  veröffentlichtes  Schreiben  denselben  Vorwurf  auch  gegen
den  Bischof  von  Metz,  Benzler,  gerichtet,  weil  „die  Beamten  und  Lehrer
hinsichtlich  ihres  Verhaltens  lediglich  von  ihren  Vorgesetzten  Weisung  erhalten“
  dürfen.

5.  Januar.  Vizeadmiral  Breusing,  der  Direktor  des  Werftdepartements
  im  Reichsmarineamt,  wird  zur  Disposition  gestellt.

6.  Januar.  (Stuttgart.)  Die  württembergische  Landesversammlung
  der  deutschen  Volkspartei,  von  deren  sieben
Reichstagsmandaten  sechs  auf  Württemberg  fallen,  nimmt  auf
Antrag  von  Payers  das  Fusionsprogramm  der  vier  linksliberalen
Parteien  an.

Von  ihren  früheren  Forderungen  fehlen  darin  die  abkürzende  Legislaturperiode,
  die  Volksabstimmung  über  grundlegende  Gesetze,  die  OÖffentlichkeit
  der  Bundesratssitzungen  und  die  Unentgeltlichkeit  der  Lehrmittel.

6.  Januar.  (Berlin.)  Der  Südpolarforscher  Sir  Ernest
Shackleton

erhält  die  goldene  Nachtigall-Medaille  der  Gesellschaft  für  Erdkunde,
weil  er  sich  dem  Südpol  bis  auf  24  deutsche  Meilen  genähert,  den  magnetischen
  Südpol  festgestellt  und  die  weite  Ausdehnung  des  Meeres  im  westlichen
  südpolarischen  Gebiet  wahrscheinlich  gemacht  hat.

6.  Januar.  (Berlin.)  In  einer  Versammlung  des  Bundes
der  Festbesoldeten  wird  nach  einem  Vortrag  des  Professors  Delbrück
  eine  Petition  an  den  preußischen  Landtag  beschlossen,

wonach  Sparkassen,  Banken  und  das  Staatsschuldbuch  zur  Auskunft
an  die  Steuerbehörde  verpflichtet  seien  und  die  Veranlagungskommissionen
mit  Ausschluß  der  Landräte  zusammengesetzt  werden  sollen.
        <pb n="11" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  8.—10.)  3

Anfang  Januar.  Auswanderung  über  Bremen  und  Hamburg.

Die  Gesamtzahl  der  Auswanderer  über  See  betrug  im  Jahre  1909
316.337  gegen  174.676  im  Jahre  1908,    445.188  im  Jahre  1907,  401.299
im  Jahre  1906  und    330.231  im  Jahre  1905.  Die  Zahl  der  deutschen
Auswanderer  betrug    34.979.

8.  Januar.  Die  „Deutsche  Tageszeitung“  gegen  Dernburg.

Das  Organ  des  Bundes  der  Landwirte  gibt  der  angeblich  weitverbreiteten
  Befürchtung  Ausdruck,  daß  die  Dernburgische  Kolonialpolitik
Gefahr  laufe,  „mehr  kapitalistisch  als  national  zu  werden“.  Falls  er  diese
Befürchtung  nicht  beseitige,  droht  sie  ihm,  den  „Kampf  mit  der  gebotenen
Entschiedenheit  weiterführen  zu  müssen“.

8.  Januar.  (Frankfurt  a.  Main.)  Eine  Versammlung,
zu  der  sich  der  National-soziale  Wahlverein,  der  Demokratische
Verein  und  der  Verein  der  Fortschrittsparteien  vereinigt  hatte,
nimmt  eine  Resolution  an  für  die  Übertragung  des  Reichstagswahlrechts
  auf  Preußen  und  für  eine  der  Bevölkerungszahl  entsprechende
  Neubegrenzung  der  Wahlkreise.

9.  Januar.  (Elsaß-Lothringen.)  Der  Streit  über  die
Befugnis  der  Bischöfe,  den  Elementarlehrern  Vorschriften  zu  machen,
veranlaßt  den  Statthalter  zu  einem  Schreiben  an  Bischof  Dr.  Fritzen.

Die  Schlußerklärung  des  Bischofs  in  seinem  Schreiben  vom  13.  Januar
lautet:  „Ich  kann  nicht  anerkennen,  daß  ich  durch  die  Warnung  an  die
katholischen  Lehrer,  bei  der  ich  nur  die  religiöse  Seite  der  Frage  im  Auge
hatte,  die  Grenzen  der  bischöflichen  Gewalt  überschritten  habe.  Nach  diesem
beiderseitigen  wiederholten  Meinungsaustausche,  der  bei  der  Verschiedenheit
unserer  Gesichtspunkte  schwerlich  zu  einem  anderen  Ergebnis  in  der  Theorie
führen  wird,  hege  ich  trotzdem  die  Hoffnung,  daß  in  der  Praxis,  wie  es
für  die  Vergangenheit  der  Fall  war,  so  auch  in  Zukunft  unserem  Lande
der  Segen  eines  ungetrübten  religiösen  Friedens  voll  und  ganz  erhalten
bleiben  wird."“

10.  Januar.  Der  „Kölnischen  Zeitung“  wird  aus  Berlin
telegraphiert,  daß  auch  die  deutsche  Antwort  auf  die  amerikanische
Anregung  wegen  des  Ankaufs  der  mandschurischen  Eisenbahnen  zugunsten
  Chinas  wie  die  englische  ein  grundsätzliches  Einverständnis
ausspricht,

da  der  amerikanische  Vorschlag  durchaus  den  Grundsätzen  der  offenen
Tür  und  der  Gleichberechtigung  für  alle  entspricht.  Allerdings  hatte  die

englische  Antwort  das  Einverständnis  von  der  vorgängigen  Zustimmung
der  beiden  Hauptbeteiligten,  Japan  und  Rußland,  abhängig  gemacht.

10.  Januar.  (Baden.)  Die  Regierung  legt  dem  Landtag
eine  Denkschrift  über  den  Otto-Heinrichs-Bau  des  Heidelberger
Schlosses  vor.

Mit  Aufgabe  der  früheren  Pläne  soll  das  Bauwerk  genau  in  seinem
jetzigen  Zustande  erhalten  und  nur  gegen  Winddruck  und  Verwitterung
soweit  geschützt  werden,  wie  dies  ohne  Ausbau  und  Bedachung  möglich  ist.
Die  Kosten  sind  auf  300.000  Mark  veranschlagt.

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        4  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  10.)

10.  Januar.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Besprechung
der  Frage  der  Schiffahrtsabgaben.

Der  Verkehrsminister  v.  Frauendorffer  gibt  folgende  Erklärung  ab:
„Bayern  hat  im  Artikel  12  des  Vertrages  mit  Preußen,  Baden  und  Hessen
vom  21.  April  1906  anerkannt,  daß  die  Ausführung  der  Main-Kanalisierung
zwischen  Offenbach  und  Aschaffenburg  solange  aufgeschoben  bleiben  muß,
bis  die  Frage  der  Einführung  der  Schiffahrtsabgaben  auf  dem  Rhein  und
Main  im  Sinne  des  Schiffahrtsabgabengesetzes  geregelt  sein  wird.  Preußen
hat  zur  Regelung  der  Frage  im  Bundesrat  im  Februar  1909  einen  Entwurf
  eines  Reichsgesetzes  vorgelegt,  das  die  Frage  auf  Grund  einer  Finanzgemeinschaft
  lösen  will.  Die  bayerische  Regierung  hat  sich  an  der  Beratung
dieser  Frage  beteiligt  und  sich  der  preußischen  Auffassung  angeschlossen,  daß
die  Heranziehung  der  Wasserstraßen  zur  Deckung  der  Kosten  nicht  umgangen
werden  kann.  Sie  ist  zur  Überzeugung  gelangt,  daß  der  preußische  Vorschlag
  ein  großzügig  gedachtes  nationales  Programm  darstellt.  Überzeugt
von  der  Nützlichkeit  eines  einheitlichen  Betriebes  auf  den  Wasserstraßen  wird
die  bayerische  Regierung  im  Interesse  Bayerns  ihren  ganzen  Einfluß  aufbieten,
  um  eine  entsprechende  Lösung  der  Frage  auf  Grund  des  preußischen
Entwurfes  herbeizuführen.  Die  Tatsache,  daß  die  bayerische  Regierung  an
der  Lösung  mitgearbeitet  hat  und  weiter  mitarbeitet,  zeigt  schon,  daß  sie
die  vorgebrachten  Bedenken  staatsrechtlicher  Natur  nicht  teilen  kann.  Im
übrigen  kommen  die  Schiffahrtsabgaben  den  Interessenten  selbst  zugute.
Auch  in  England  müssen  die  Abgaben  von  den  unmittelbar  Interessierten
geleistet  werden.  Es  ist  unrichtig,  wenn  nun  wieder  behauptet  wird,  daß
Preußen  sich  von  eisenbahnfiskalischen  Gründen  habe  leiten  lassen.  Ich  muß
dem  entgegentreten:  Preußen  ist  aus  rein  nationalen  Gründen  so  vorgegangen.
  Auch  die  Bemerkung  des  Abg.  Dr.  Onidde,  daß  Preußen  nicht
bundesfreundlich  gehandelt  habe,  muß  ich  zurückweisen.  Mich  über  die
Denkschrift  kritisch  zu  äußern,  steht  mir  nicht  zu.  Die  Regulierung  des
Mains,  nach  der  die  Abgeordneten  Dr.  Pichler  und  Dr.  Hübsch  gefragt  haben,
wird  bis  zum  Herbst  1910  bis  hinauf  gegen  Bamberg  vollendet  werden.
Es  besteht  die  Hoffnung,  daß  bis  zum  Jahre  1912  die  Kette  bis  Bamberg
gelegt  sein  wird  und  der  Betrieb  bis  dahin  durchgeführt  werden  kann.  Es
wird  möglich  sein,  den  Betrieb  etappenweise  weiterzuführen.“

10.  Januar.  (Reichstag.)  Denkschriften  über  die  Entwickelung
  der  Schutzgebiete  im  Jahre  1908/9.

1.  Südwest-Afrika.  Hier  ist  eine  erfreuliche  Beruhigung  der
Stämme  eingetreten.  Die  Ovambos  haben  sich  ruhig  gehalten  und  der
Stamm  hat  sich  mit  der  Anwerbung  von  Arbeitern  einverstanden  erklärt.
Die  Hottentotten  überfielen  zwar  noch  eine  Anzahl  Farmen,  aber  ihnen  ist
von  den  Behörden  sofort  erfolgreich  entgegengetreten  worden.  Mit  besonderer
  Anerkennung  wird  das  freundnachbarliche  Verhalten  der  Kappolizei
hervorgehoben.  Die  weiße  Zivilbevölkerung  hat  sich  um  1..177  Personen  auf
9.410  vermehrt.  Bemerkenswert  ist  vor  allem  die  Zunahme  der  Frauen.
Die  gesamte  farbige  Bevölkerung  des  Schutzgebietes  einschließlich  Amboland
und  Caprivizipfel  wird  auf  63.117  Kopf  geschätzt  gegen  59.213  im  Vorjahre.
Die  Farmer,  die  ihre  Eingeborenen  zweckmäßig  zu  behandeln  wissen,  haben
kaum  über  Arbeitermangel  zu  klagen.  Der  Gesundheitszustand  war  nicht
besonders  gut.  Infolge  großer  Niederschläge  griff  die  Malaria  sehr  um
sich.  In  der  Verwaltung  sind  mehrfache  Änderungen  vorgenommen  worden.
Die  Ausdehnung  der  Diamantfelder  hat  eine  wesentliche  Verstärkung  der
Polizeibeamten  zur  Folge  gehabt.  Im  Berichtsjahre  ist  auch  eine  Kriminal-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  10.)  5

polizei  errichtet  worden,  die  hauptsächlich  auf  Diamantendiebstähle  und
Schmuggel  zu  achten  hatte.  Die  Selbstverwaltung  soll  innerhalb  der  Grenzen
der  Gemeindeverbände  und  im  weiteren  Bereiche  der  Bezirksverbände  ausgeübt
  werden.  Es  ist  daher  das  Institut  des  Gemeinderates  und  des  Bezirksrates
  errichtet  worden.  Die  Verordnung  über  die  Selbstverwaltung  ist  an
verschiedenen  Plätzen  auf  lebhafte  Opposition  gestoßen.  Es  wurden  weitergehende
  Befugnisse  verlangt  und  ein  anderes  Wahlverfahren  zum  Landesrat,
  bei  der  Gerichtsbarkeit  traten  keine  bemerkenswerten  Erscheinungen
hervor.  Die  Einnahmen  des  Schutzgebietes  sind  wesentlich  gestiegen  und
namentlich  die  Diamantenausfuhrzölle  haben  erhebliche  Zolleinnahmen  erbracht,
  so  daß  insgesamt  bei  den  Einnahmen  ein  Überschuß  von  etwa
750.000  Mark  gegenüber  dem  Voranschlag  vorhanden  ist.  Das  Wirtschaftsleben
  zeigte  viel  Stetigkeit,  wenn  auch  hier  und  da  Rückschläge  nicht  ausblieben.
  Zur  Feier  des  25  jährigen  Bestehens  der  Kolonie  wurde  eine
Ausstellung  der  im  Lande  gewonnenen  Produkte  vorgenommen.  Sehr  ausführlich
  wird  dann  in  der  Denkschrift  über  den  Bergbau  und  den  Minenbetrieb
  und  ganz  besonders  über  das  Diamantenschürfen  gesprochen.  An
der  ganzen  Küste  bis  nach  dem  Oranjefluß  finden  sich  in  dem  Sande
Diamanten.  Die  Diamanten  sind  durchweg  schön  auskristallisiert,  meist
wasserklar  und  sind  von  hervorragender  Güte.  Während  auf  den  Feldern
bei  Lüderitzbucht  nur  kleinere  Steine  bis  zum  Gewicht  von  1  Karat  gefunden
  wurden,  liefern  die  südlicher  gelegenen  Lagerstätten  größere  mehrkarätige
  Diamanten.  Um  einer  Zersplitterung  in  viele  kleine  Gesellschaften
vorzubeugen,  wurde  das  gesamte  in  Frage  kommende  Gebiet  für  das  weitere
Schürfen  gesperrt  und  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  eine  Sonderberechtigung
  erteilt,  aus  der  der  Fiskus  erhebliche  Vorteile  zieht.  Vor
Eintritt  der  Sperre  waren  noch  an  vier  andere  Gesellschaften  Abbaurechte
verliehen  worden.  Der  gesamte  Diamantenhandel  ist,  wie  bekannt,  zu  einem
Monopol  der  Regierung  gemacht  worden.  Gewonnen  wurden  seit  Ende
August  bis  Ende  Dezember  1908  39.275  Karat  im  Werte  von  rund  1½  Million
Mark.  Bei  zwei  Gesellschaften  wurden  täglich  rund  300  Karat  gefördert
mit  verhältnismäßig  geringen  Arbeitskräften.  Auch  der  Kupfererzbau  hat
Fortschritte  gemacht  und  der  Hüttenbetrieb  hat  sich  gut  entwickelt.  Der
gesamte  Privathandel  hatte  in  der  Kolonie  im  Jahre  1908  einen  Wert  von
über  35  Millionen  Mark  und  hat  gegenüber  dem  Vorjahre  um  fast
8  Millionen  Mark  zugenommen.  Den  größten  Anteil  an  dem  Handel  hat
die  Einfuhr  mit  27    Millionen  Mark.  Die  Ausfuhr  betrug  fast  8  Millionen
Mark.  Die  Kupfererzausfuhr  betrug  über  5  Millionen  Mark,  die  Bleiausfuhr
  fast  1  Million  Mark.  Auch  die  Ausfuhr  von  Wolle  und  Straußenfedern
  ist  gestiegen.

2.  Das  ostafrikanische  Schutzgebiet.  Die  Meinungsverschiedenheiten
  mit  den  kongolesischen  Grenzbehörden  über  die  Besetzung  des  Nord-
  ufers  des  Mvulerosees  in  Ruanda  fanden  Mitte  Februar  1909  durch  ein
provisorisches  Abkommen  der  örtlichen  Vertreter  ihr  vorläufiges  Ende.  Das
Verhältnis  der  Behörden  zu  den  Eingeborenen  war  ein  durchweg  gutes.
Eine  weitere  erfreuliche  Erscheinung  ist  die  im  Berichtsjahre  in  Fluß  gekommene
  Rückwanderung  Eingeborener  aus  portugiesischem  Gebiet,  welche
sich  seit  Oktober  1908  auf  schätzungsweise  10.000  Köpfe  beläuft.  Auf  der
anderen  Seite  ist  die  schon  in  den  Jahren  1906  und  1907  beobachtete  Abwanderung
  der  Bevölkerung  aus  dem  Norden  des  Schiratibezirks  (am  Ostufer
  des  s  Viktoriasees)  auf  englisches  Gebiet  auch  im  Berichtsjahre  zu  verzeichnen
  gewesen.  Die  Ursache  dieser  Abwanderung  dürfte  darin  zu  finden
sein,  daß  die  englischen  Behörden  sich  fast  bis  zum  Jahresschlusse  in  Sachen
der  Schlafkrankheit  abwartend  verhielten,  während  deutscherseits  in  der
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        6  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  10.)

Bekämpfung  der  Krankheit  energisch  eingeschritten  werden  mußte.  Nach  den
eingereichten  Übersichten  betrug  die  Zahl  der  an  Sklaven  erteilten  Freibriefe
  3.554,  mithin  50  mehr  als  im  Vorjahre.  Davon  entfielen  auf  Freikauf
  1.782,  auf  Freilassung  1.358,  auf  amtliche  Freierklärung  362;  durch
den  Tod  des  Herrn  und  auf  sonstige  Weise  sind  52  Sklaven  frei  geworden.
Wegen  Menschenraubs  und  Sklavenhandels  wurden  4  Personen  bestraft.
Verurteilungen  wegen  Verschiffung  von  Sklaven  über  See  haben  nicht  stattgefunden.
  Die  weiße  Bevölkerung,  welche  im  Vorjahre  um  216  Köpfe
gestiegen  war,  hat  im  Jahre  1909  um  542  Köpfe  (von  2.845  auf  3.387)  zugenommen.
  Schlafkranke  sind  an  den  Ufern  des  Viktoria-Rjansa-  und  des
Tanganjika-Sees  außer  auf  den  Sanitätsdienststellen  der  Bezirke  in  besonders
zu  diesem  Zweck  errichteten  Lagern  in  Behandlung.  Die  Zahl  der  Behandelten
  betrug  am  Schluß  des  Berichtsjahres  etwa  1.500,  darunter  auch
zwei  Europäer.  Am  Tanganjika-See  sind  fünf,  am  Viktoria--Rjansa-  See
vier  solcher  Krankenlager  errichtet.  Der  Hauptwert  bei  Bekämpfung  der
Seuche  wird  auf  Ausrottung  ihrer  Überträgerin,  der  Glossina  papalis,
gelegt.  Zu  diesem  Zweck  werden  ausgedehnte  Abholzungen  derjenigen    Seeund
  Flußufer  vorgenommen,  an  denen  diese  Fliege  vorkommt.  Die  wirtschaftliche
  Entwicklung  des  Schutzgebiets  kann  in  Berücksichtigung  der  internationalen
  Handelskrisis,  welche  sie  den  größten  Teil  des  Jahres  ungünstig
beeinflußt  hat,  nur  als  eine  erfreuliche  und  vor  allem  stetige  bezeichnet  werden.

3.  Kamerun.  Die  Zahl  der  Weißen  betrug  im  Schutzgebiet  1.127
Köpfe.  Die  Eingeborenen  werden  auf  1.300.000  Köpfe  geschätzt.  Das  Schulwesen
  ist  durch  eine  Verordnung  neu  geregelt  worden  und  zwar  wird  ein
Schulzwang  insofern  ausgeübt,  als  Schüler,  die  auf  Grund  eines  Vertrages
  mit  ihren  Herren  in  die  Schule  aufgenommen  worden  sind,  nun  auch
von  der  Behörde  zum  Schulbesuch  angehalten  werden.  Regierungs-Missionsschulen
  zusammen  hatten  etwa  20.000  Schüler.  Die  Erschließung  des  Landes
durch  den  Bau  der  vom  Reichstag  bewilligten  Eisenbahnen  und  namentlich
durch  Wegebauten  hat  erhebliche  Fortschritte  gemacht.  Auch  der  Rjong-Fluß
  ist  zum  Teil  schiffbar  gemacht  worden.  Die  Regulierung  dieses  Flusses
soll  in  3  Jahren  beendet  sein.  Die  Kolonie  führt  in  der  Hauptsache  Kautschuk,
  Palmkerne  und  Palmöl  aus.  Der  Export  an  Kautschuk  betrug
1.214.000  Kilogramm  mit  einem  Werte  von  451  Millionen  Mark.  An
Palmkernen  wurden  11  Millionen  Kilogramm  im  Werte  von  über  2  Millionen
Mark  ausgeführt.  Die  Palmölausfuhr  betrug  3  Millionen  Kilogramm  im
Werte  von  fast  1  Million  Mark.  Der  Export  ist  überall  zurückgegangen.
Auch  die  Baumwollenkultur  wird  im  Schutzgebiete  betrieben,  aber  es  ist
noch  fraglich,  ob  sich  diese  Kultur  rentieren  wird.  Man  hat  auch  versucht,
Mineralien  zu  gewinnen.  Es  sind  Goldfunde  gemacht  worden;  auch  Kupferlager
  werden  vermutet.  Der  Gesamthandel  belief  sich  auf  fast  30  Millionen
Mark.  Er  ist  um  etwa  4  Millionen  Mark  zurückgegangen.  Namentlich
die  Ausfuhr  hat  sich  verringert  und  betrug  12  Millionen  Mark  gegenüber
von  fast  16  Millionen  Mark  im  Vorjahre.

4.  Deutsch-Neu-Guinea.  Der  Außenhandel  der  Kolonie  ist  in
der  Einfuhr  um  295.000  Mark,  in  der  Ausfuhr  um  225.000  Mark  zurückgegangen.
  Die  Zahl  der  Unternehmungen  hat  sich  um  14  vermehrt.
Der  Zug  nach  den  Außengebieten  tritt  auch  weiter  in  Erscheinung  zum
Teil  in  der  Angliederung  an  die  Farmersiedelungen  im  Baininggebirge.
Eine  Denkschrift  über  das  Inselgebiet  Deutsch-Neu-Guinea  (Karolinen,
Marianen,  Marschallinseln)  stellt  eine  Gesamtersparnis  des  Etats  von
55.000  Mark  in  Aussicht.  Die  Einfuhr  des  Gebietes  ist  um  128.000  Mark
zurückgegangen,  die  Ausfuhr  um  2,9  Millionen  gestiegen,  hauptsächlich  infolge
  der  Phosphatverschiffung.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)  7

5.  Togo.  Für  die  Eingeborenen  ist  eine  Einkommenklassensteuer
eingeführt  worden,  doch  können  vorerst  nur  die  durch  eine  Bahn  erschlossenen
  Gebiete  zu  Geldsteuern  herangezogen  werden.  Der  Wunsch  nach
Schulbildung  ist  unter  den  Eingeborenen  so  stark,  daß  manche  ihre  Kinder
auf  die  benachbarten  englischen  Mittelschulen  geschickt  haben.  Da  ergibt
sich  die  Notwendigkeit,  dem  Wissensdrang  durch  Gründung  einer  Fortbildungsschule,
  für  welche  Mittel  im  Etat  angefordert  sind,  entgegenzukommen.
  Auch  die  Missionen  haben  diesem  Bedürfnis  durch  eine  analoge
Einrichtung  Rechnung  getragen.  Die  gesamten  Verkehrsanlangen  (Landungsbrücke,
  Küstenbahn,  Inlandbahn)  weisen  eine  Einnahmesteigerung  von
16,19  Prozent  gegenüber  dem  Vorjahre  auf.  Mit  der  deutschen  Kolonial-Eisenbahnbau-
  und  Betriebsgesellschaft  wurde  vom  Reichskolonialamt  ein
vorläufiges  Abkommen  über  die  Ausführung  der  Vorarbeiten  für  die  rund
175  Kilometer  lange  Srecke  Lome-Atakpame  einschließlich  Aufstellung  eines
Kostenanschlages  und  Bau  der  rund  75  Kilometer  langen  Strecke  Lome
getroffen.  Für  den  Schutz  der  eingeborenen  Arbeiter  wurde  ein  Arbeitskommissar
  bestellt,  über  dessen  Tätigkeit  Günstiges  berichtet  wird.

11.  Januar.  Der  Kaiser  eröffnet  den  preußischen  Landtag.

„Erlauchte,  edle  und  geehrte  Herren  von  beiden  Häusern  des  Landtages!
  Die  Staatsfinanzen,  welche  durch  die  Ungunst  der  wirtschaftlichen
Verhältnisse  in  Mitleidenschaft  gezogen  waren,  beginnen  sich  infolge  der
allmählichen  Wiederbelebung  von  Handel  und  Verkehr  langsam  zu  bessern,
so  daß  sich  voraussichlich  auch  der  für  das  laufende  Etatsjahr  veranschlagte
Fehlbetrag  nicht  unerheblich  ermäßigen  wird.  —  Immerhin  kann  von  den
staatlichen  Betriebsverwaltungen,  insbesondere  der  Eisenbahnverwaltung,
bei  ihren  stark  gestiegenen  Selbstkosten  auch  für  das  Jahr  1910  kein  so
hoher  Zuschuß  zu  den  allgemeinen  Staatsausgaben  wie  in  den  früheren
Jahren  erwartet  werden.  Dazu  kommt,  daß  von  den  rund  200  Millionen
Mark,  durch  welche  die  Besoldungsaufbesserungen  die  Staatskasse  dauernd
belastet  haben,  nur  der  kleinere  Teil  in  neuen  Steuern  Deckung  gefunden
hat.  Trotz  größter  Beschränkung  wird  daher  auch  der  Etatsentwurf  für
das  kommende  Jahr  mit  einem  zwar  gegen  die  Vorjahre  verringerten,  aber
doch  namhaften  Fehlbetrag  abschließen.  Diese  Sachlage  macht  auch  weiterhin
  die  möglichste  Zurückhaltung  in  allen  staatlichen  Aufwendungen  zur
Pflicht,  um  die  Einnahmen  und  Ausgaben  nach  und  nach  wieder  auszugleichen.
  —  Dem  vom  Hause  der  Abgeordneten  kundgegebenen  Wunsche
entsprechend,  ist  in  dem  Entwurfe  des  Etats  versucht  worden,  zur  Herbeiführung
  größerer  Gleichmäßigkeit  im  gesamten  Staatshaushalt  einer  übermäßigen
  Inanspruchnahme  der  schwankenden  Eisenbahnerträge  für  andere
staatliche  Zwecke  angemessene  Schranken  zu  setzen.  —  Zur  Erweiterung  und
besseren  Ausrüstung  des  Staatseisenbahnnetzes  sowie  zur  Unterstützung  von
Kleinbahnen  werden  wiederum  erhebliche  Mittel  angefordert  werden.  —
Die  Fürsorge  für  die  schulentlassene  Jugend  erheischt  eine  weitere  Ausbreitung
  und  Entwicklung  des  Fortbildungsschulwesens  auch  auf  dem  platten
Lande.  Gestützt  auf  die  günstigen  Wirkungen  des  im  Jahre  1901  für  die
Provinz  Hessen-Nassau  erlassenen  Gesetzes  wird  Meine  Regierung  Gesetze
vorschlagen,  die  auch  in  den  Provinzen  Pommern,  Schlesien  und  Westfalen
den  Kommunalbehörden  das  Recht  verleihen  sollen,  die  Pflicht  zum  Besuche
ländlicher  Fortbildungsschulen  einzuführen.  —  Den  Bestrebungen  zur  Förderung
  der  inneren  Kolonisation,  namentlich  auch  zur  Seßhaftmachung  von
Arbeitern  wird  fortgesetzt  die  größte  Aufmerksamkeit  zugewendet.  —  Ein
Gesetzentwurf,  der  die  Mittel  zur  Gewährung  von  Zwischenkredit  bei  Rentengutsgründungen
  erhöht,  wird  Ihnen  demnächst  zugehen.  —  Das  älteste
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        8  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)

der  geltenden  preußischen  Gemeindeverfassungsgesetze,  die  Gemeindeordnung
für  die  Rheinprovinz  vom  23.  Juli  1845,  vermag  nicht  mehr  allen  Anforderungen
  gerecht  zu  werden,  welche  die  bedeutsame  Entwickelung  dieser
Provinz  an  die  Gemeindeorganisation  stellt.  Eine  Novelle  will  dieses  Gesetz
  den  Aufgaben  der  Gegenwart  anpassen.  Während  die  Reichsgesetzgebung
  eine  doppelte  Heranziehung  zu  den  direkten  Steuern  innerhalb  des
Reiches  verhütet,  fehlt  es  bisher  für  die  direkte  Kommunalbesteuerung  an
einem  ähnlichen  Schutze.  Ein  Gesetzentwurf  soll  die  Möglichkeit  schaffen,
kommunalen  Doppelbesteuerungen  innerhalb  der  einzelnen  Bundesstaaten
im  Verwaltungswege  entgegenzutreten.  —  Um  die  als  notwendig  erkannte
Reform  der  inneren  Verwaltung  zu  fördern,  habe  ich  im  Juni  des  vergangenen
  Jahres  eine  besondere  Immediatkommission  sachverständiger  und
erfahrener  Männer  aus  den  verschiedensten  Kreisen  berufen,  die  unter  dem
Vorsitze  des  Ministers  des  Innern  ihre  Arbeit  alsbald  begonnen  hat.
Ihre  gutachtlichen  Vorschläge  werden  die  Grundlage  für  die  weiteren  Beschlüsse
  und  für  gesetzgeberische  Vorlagen  Meiner  Regierung  bilden.  Ich
vertraue  darauf,  daß  auch  Sie,  meine  Herren,  alsdann  bereit  sein  werden,
das  für  die  Fortentwickelung  des  Landes  wichtige  Werk  nach  Kräften  zu
unterstützen.  —  Endlich  harrt  Ihrer  noch  eine  ernste  Aufgabe.  Die  Vorarbeiten
  für  eine  Reform  des  Wahlrechts  zum  Hause  der  Abgeordneten
sind  ihrem  Abschlusse  nahe.  Eine  Vorlage  wird  in  einigen  Wochen  Ihrer
Beratung  unterbreitet  werden.  —  Strenge  Sachlichkeit  und  pflichtbewußte
Staatsgesinnung  wird,  des  bin  Ich  gewiß,  wie  bisher  die  Entschließungen
der  preußischen  Landesvertretung  leiten.  Und  so  erhoffe  Ich  von  der  bevorstehenden
  Tagung  segensreiche  Ergebnisse  für  die  Wohlfahrt  des  Vaterlandes.“


11.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Etatsrede.

Vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  spricht  Ministerpräsident  v.  Bethmann
  Hollweg.  „Meine  Herren!  Nachdem  ich  durch  die  Gnade  Seiner
Majestät  des  Königs  zum  Amt  des  Ministerpräsidenten  berufen  bin,  benutze
ich,  ebenso  wie  es  meine  Vorgänger  getan  haben,  die  erste  Gelegenheit,  um
meine  persönlichen  Beziehungen  mit  Ihnen  aufzunehmen.  Ich  beabsichtige
nicht,  heute  politische  Erörterungen  anzustellen.  Es  wird  mir  binnen  kurzer
Frist  Gelegenheit  gegeben  werden,  mich  zu  wichtigen  Fragen,  mit  denen  Sie
sich  zu  beschäftigen  haben  werden,  eingehend  zu  äußern.  Sie  wollen  mir
heute  nur  einige  wenige  Worte  gestatten.  Ich  glaube,  diesem  Hohen  Hause
kein  ganz  Fremder  zu  sein.  Mehrjährige  gemeinsame  Arbeit  an  den  Staatsgeschäften
  hat  uns  zusammengeführt.  Ich  habe  in  mein  gegenwärtiges  Amt
das  Gefühl  mirnehmen  zu  dürfen  geglaubt,  daß  der  Lösung  der  Aufgaben,
an  denen  ich  bisher  im  Verein  mit  Ihnen  mitwirken  konnte,  ein  von  mir  mit
Dank  empfundenes  gegenseitiges  Vertrauen  zugute  gekommen  ist.  Dieses
Vertrauen  als  eine  unentbehrliche  Grundlage  einer  ersprießlichen  Geschäftsführung
  zu  pflegen,  werde  ich  auch  künftig  bemüht  sein."

Finanzminister  v.  Rheinbaben:  Ehe  ich  zur  Begründung  des  Voranschlags
  für  das  Jahr  1910  schreite,  darf  ich  einen  Blick auf  die  beiden
vorangehenden  Jahre  werfen  und  das  tatsächliche  finanzielle  Ergebnis
des  Jahres  1908,  das  voraussichtliche  des  Jahres  1909  Ihnen  in  Kürze
darlegen.  Was  das  Jahr  1908  betrifft,  so  habe  ich  in  meiner  vorjährigen
Etatsrede  gesagt,  daß  der  Verkehr  der  Staatseisenbahnen,  namentlich  der
Güterverkehr,  in  folge  der  ausgangs  1907  einsetzenden  scharfen  wirtschaftlichen
Depression  in  sehr  erheblichem  Maße  nachgelassen  habe,  und  infolgedessen
auch  der  Beitrag  zurückgegangen  ist,  den  die  Eisenbahnen  zur  Deckung  der
allgemeinen  Staatsbedürfnisse  bisher  geleistet  haben.  Ich  habe  damals  die  vor-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)  9

aussichtlichen  Mindereinnahmen  der  Eisenbahnverwaltung  für  das  Jahr  1908
auf  134  Millionen  geschätzt.  Und  diese  Schätzung  ist  fast  genau  eingetroffen.
Die  Eisenbahnverwaltung  schließt  im  Jahre  1908  mit  einem  Minderüberschuß
von  134  Millionen  ab.  Das  zweite,  das  Ergebnis  des  Jahres  1908  ungünstig
  beeinflussende  Moment  waren  die  erheblichen  Aufwendungen  für  die
Beamtenbesoldungen.  Das  Defizit  des  Jahres  1908  stellt  sich  auf  nicht
weniger  als  202  Millionen,  also  im  wesentlichen  haben  sich  meine  früheren
Schätzungen  als  richtig  erwiesen.  Was  das  voraussichtliche  Ergebnis  des
Jahres  1909  anlangt,  so  stand  der  Etat  dieses  Jahres  unter  dem  Druck
der  Ungunst  der  wirtschaftlichen  Lage.  Vorsichtige  Veranschlagung  war
deshalb  am  Platze.  Erfreulicherweise  trat  im  Laufe  des  Jahres  1909,  besonders
  in  der  zweiten  Hälfte,  die  wirtschaftliche  Besserung  ein.  Wir  haben
eine  Aufwärtsbewegung  in  unserem  gesamten  wirtschaftlichen  Leben  zu  verzeichnen.
  —  Der  Minister  kam  dann  auf  den  neuen  Etat  zu  sprechen.  Es
wiederhole  sich  hier  ein  ähnliches  Bild;  zwar  sei  eine  Besserung  gegen  das
Vorjahr  eingetreten,  aber  die  erhöhten  Ausgaben  hätten  auch  hier  ein  Defizit
zur  Folge  gehabt.  Man  müsse  eben  in  Rechnung  ziehen,  daß  der  Staat  jetzt
am  Ende  einer  Periode  stehe,  in  der  ganz  außergewöhnliche  Anforderunngen
an  die  Staatskasse  gestellt  worden  seien.  Eine  Überschreitung  der  Eisenbahnausgaben
  für  das  Jahr  1908,  die  ich  in  meiner  vorjährigen  Etatsrede  annehmen
  mußte,  ist  erfreulicherweise  nicht  eingetreten,  im  Gegenteil,  es  sind
geringe  Ersparnisse  gemacht  worden.  Die  Eisenbahnverwaltung  schließt  hiernach
  im  Jahre  1908  mit  einem  Minderüberschuß  von  134,5  Millionen  Mark
ab.  Das  zweite,  das  Ergebnis  des  Jahres  1908  ungünstig  beeinflussende
Moment  waren  die  erheblichen  Aufwendungen  für  Gehaltsaufbesserung.  Von
diesen  Aufwendungen  in  Höhe  von  126  Millionen  Mark  waren  nur  77  Millionen
  im  Etat  gedeckt.  Von  den  restierenden  19  Millionen  sollten  30  Millionen
  durch  einen  Zuschlag  zu  den  direkten  Steuern  für  das  Jahr  1908
aufgebracht  werden.  Bekanntlich  wurde  aber  dieser  Vorschlag  vom  Hause
abgelehnt,  somit  blieben  49  Millionen  ungedeckt.  Weiter  ist  das  Haus  um
etwa  17  Millionen  bei  den  Gehaltsaufbesserungen  über  den  Vorschlag  der
Regierung  hinausgegangen,  so  daß  insgesamt  für  66  Millionen  keine  Deckung
im  Etat  1908  vorhanden  war.  Das  Defizit  des  Jahres  1908  stellte  sich
auf  nicht  weniger  als  202,1  Millionen,  also  im  wesentlichen  haben  sich
meine  früheren  Schätzungen  als  richtig  erwiesen.  Dieses  Defizit  ist  ausschließlich
  auf  den  Rückgang  des  Überschusses  der  Eisenbahnen  mit  134,5  Millionen
  und  auf  die  66  Millionen  Mark  Mehrausgaben  für  Gehaltsaufbesserungen
  zurückzuführen.  Was  das  voraussichtliche  Ergebnis  des  Jahres  1909
anlangt,  so  stand  der  Etat  dieses  Jahres  unter  dem  Druck  der  Ungunst  der
wirtschaftlichen  Lage,  die  damals  unser  ganzes  Erwerbsleben  beherrschte.
Vorsichtige  Veranschlagung  war  deshalb  am  Platze.  An  Stelle  eines  Zuschusses
  von  294,4  Millionen,  den  die  Eisenbahnverwaltung  im  Etat  1908
zu  den  allgemeinen  Staatsausgaben  liefern  sollte,  trat  nur  ein  Zuschuß  in
Höhe  von  83,5  Millionen,  so  daß  also  der  Zuschuß  der  Eisenbahnverwaltung
zur  Deckung  der  allgemeinen  Staatsbedürfnisse  sich  um  166  Millionen  Mark
verringerte.  Durch  sparsame  Veranschlagung  sollte  dieser  Betrag  mit  10  Millionen
  Mark  gedeckt  werden,  so  daß  das  Defizit  des  Etats  auf  156  Millionen
Mark  veranschlagt  wurde.  Erfreulicherweise  trat  im  Laufe  des  Jahres  1909,
namentlich  in  der  zweiten  Hälfte,  eine  wirtschaftliche  Besserung  ein.  Wir
haben  eine  Aufwärtsbewegung  in  unseren  ganzen  wirtschaftlichen  Verhältnissen
  zu  konstatieren.  Dazu  kam,  daß  in  unserem  Vaterlande  allgemein
eine  durchaus  erfreuliche  Ernte  gemacht  wurde.  Es  trat  eine  Steigerung
des  Personenverkehrs  von  5  v.  H.  und  des  Güterverkehrs  von  4,8  v.  H.  ein,
so  daß  sich  die  Eisenbahneinnahmen  um  34,8  Millionen  hoben.  Die  Forsten
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        10  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)

brachten  einen  Mehrertrag  von  7  Millionen  und  die  Zölle  und  indirekten
Steuern  von  6  Millionen.  Ich  erinnere  dabei  aber  daran,  daß  die  in  dem
letzten  Sommer  auf  16  Millionen  veranschlagten  Mehreinnahmen  aus  dem
neuen  Stempelsteuergesetz  hinter  den  Erwartungen  zurückblieben.  Die  Bergverwaltung
  schloß  leider  mit  einem  Minderergebnis  ab,  während  bei  der
allgemeinen  Finanzverwaltung  eine  Verbesserung  von  29,7  Millionen  zu
verzeichnen  ist,  da  das  Reich  den  Einzelstaaten  die  gestundeten  Matrikularbeiträge
  erlassen  hatte.  Ich  will  in  keine  Erörterung  der  Reichsfinanzreform
eintreten,  aber  man  muß  dem  Reichstage  doch  Dank  dafür  aussprechen,
daß  er  den  unerträglichen  Zuständen  bezüglich  der  Matrikularbeiträge  ein
Ende  gemacht  hat.  Die  Einzelstaaten  hätten  die  Matrikularbeiträge  durch
Anleihe  decken  müssen,  und  das  liegt  doch  nicht  im  Sinne  der  Reichsverfassung.
  Hiernach  können  wir  hoffen,  daß  das  auf  156  Millionen  veranschlagte
  Defizit  für  1909  sich  auf  etwa  105  Millionen  ermäßigen  wird,
also  eine  Verbesserung  von  51  Millionen  erzielt  ist.  Das  Jahr  1909  bedeutet
  den  Abschluß  des  ersten  Jahrzehnts  eines  neuen  Jahrhunderts.  Am
Anfang  dieses  Jahrzehnts  waren  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  außerordentlich
  günstig  entwickelt.  Wir  mußten  daher  dazu  übergehen,  die  Verkehrsverhältnisse
  zu  verbessern,  deshalb  wurde  der  Ausbau  des  Wasserstraßennetzes
  vorgesehen.  Da  unsere  Finanzen  dadurch  eine  erhebliche  Belastung
erfahren,  so  ist  es  nur  billig,  daß  diejenigen,  die  den  Vorteil  daraus  haben,
eine  angemessene  Gebühr  dafür  zahlen,  und  wir  sind  durch  Gesetz  gezwungen,
den  dahin  niedergelegten  Willen  zum  Ausdruck  zu  bringen  und  siegreich  zu
verwirklichen.  Wir  haben  uns  auch  entschließen  müssen,  den  Betriebemittelpark
  der  Eisenbahnen  auszubauen.  Wir  haben  in  diesem  Jahrzehnt  610  Km.
Hauptbahnen  und  über  1.000  Km.  Nebenbahnen  gebaut.  Trotzdem  haben
aber  auch  die  Kulturaufgaben  nicht  gelitten.  1899  schloß  der  Kultusetat
mit  152  Millionen  ab,  1909  mit  276  Millionen,  wovon  auf  den  Elementarunterricht
  allein  eine  Steigerung  von  79  Millionen  entfällt.  69  neue
Seminarien  und  42  Präparandenanstalten  wurden  neu  errichtet,  um  dem
Lehrermangel  abzuhelfen.  Während  die  frühere  Beamtenbesoldung  vor
über  zehn  Jahren  92  Millionen  erforderte,  sind  jetzt  dafür  200  Millionen
aufgewandt  worden.  Allerdings  hat  die  Allgemeinheit  dazu  außerordentliche
  Opfer  gebracht.  Während  aber  1899  die  Betriebsverwaltungen  57  v.  H.
und  die  Steuern  43  v.  H.  zu  den  Einnahmen  des  Staates  ergaben,  hat
sich  das  Verhältnis  bis  1909  dahin  verschoben,  daß  die  Betriebsverwaltungen
nur  noch  34  v.  H.  ergeben,  während  aus  den  Steuern  66  v.  H.  aufgebracht
werden  mußten.  Wir  müssen  die  großen  Lasten  der  Vergangenheit  durch
Sammlung  in  der  Zukunft  wieder  ausgleichen.  Diese  Sammlung  muß
erfolgen  durch  pflegliche  Behandlung  der  Einnahmen  und  Sparsamkeit  in
den  Ausgaben.  In  Bezug  auf  die  Aussichten  des  kommenden  Jahres
kann  ich  sagen,  daß,  wenn  nicht  ganz  unerwartete  Dinge  eintreten,  die
Besserung  unserer  wirtschaftlichen  Verhältnisse,  die  im  zweiten  Semester
des  Jahres  1909  eingesetzt  hat,  sich  auch  im  Jahre  1910  fortpflanzen  wird.
Die  Aussichten  der  Industrie  sind  günstiger  geworden.  Die  Aufwärtsbewegung
  wird  fortschreiten,  und  hoffentlich  allmählich,  so  daß  wir  nicht
wieder  in  den  alten  Fehler  verfallen,  daß  eine  rapide  Entwicklung  nach
oben  mit  einer  Überspannung  der  Produktion  entsteht,  auf  die  dann  wieder
ein  Rückschlag  folgt.  Je  allmählicher,  aber  sicherer  die  Aufwärtsbewegung
sich  vollzieht,  um  so  besser!  Trotz  dieser  guten  Aussichten  dürfen  wir  uns
nicht  verhehlen,  daß  wir  steigenden  Schwierigkeiten  entgegengehen,  daß  die
wirtschaftliche  Konkurrenz  fremder  Länder  immer  stärker  wird.  Um  so
wichtiger  ist  es,  unseren  inländischen  Markt  zu  stärken.  Vor  Monatsfrist
hat  auf  einer  hervorragenden  Versammlung  gerade  von  Industriellen  der
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)  11

hochverdiente  Geschäftsführer  des  Zentralverbandes  Deutscher  Industrieller
auf  die  Wichtigkeit  des  inländischen  Marktes  hingewiesen,  indem  er  ausführte:
„Die  Bedeutung  der  Landwirtschaft  hat  sehr  erheblich  zugenommen  und
erhebliche  Fortschritte  gemacht.“  Er  führte  beispielsweise  die  Steigerung  der
Produktion  verschiedener  Getreidearten  an,  daß  unsere  Landwirtschaft  1880
14.900.000  Tonnen  Roggen  produziert  hat,  im  Jahre  1908  10.700.000  Tonnen,
daß  die  Produktion  an  Kartoffeln  in  dieser  Periode  von  19  Millionen
Tonnen  auf  46  Millionen  Tonnen  gestiegen  sei.  Dann  sagt  er:  „Wichtig
ist  und  bleibt  darum  der  inländische  Markt,  und  auf  dem  inländischen
Markt  ist  die  Landwirtschaft  der  bedeutendste  Faktor.  Deswegen  haben
wir  auch  alle  Ursache,  die  Landwirtschaft  mit  zu  pflegen,  soweit  wir  dazu
imstande  sind.  Wir  haben  ein  Interesse  daran,  daß  ebenso  wie  der  Industrie
  auch  der  Landwirtschaft  der  Schutz  erhalten  bleibt.  Wir  müssen
auf  unserer  Hut  sein  und  an  unseren  richtigen  Bundesgenossen  festhalten,
das  sind  die  wirklichen  Vertreter  der  Landwirtschaft.“  Ich  unterschreibe
jedes  Wort.  Wenn  die  Bundesgenossenschaft  zwischen  Industrie  und  Landwirtschaft
  aufrecht  erhalten  bleibt,  dann  wird  es  für  unser  Vaterland  nur
von  Nutzen  sein.  In  dem  auf  92  Millionen  bezifferten  Defizit  steckt  in
erheblichem  Maße  der  Rückschlag  der  ungünstigen  letzten  Jahre,  ein  Konjunkturdefizit,
  das  ich  auf  50  Millionen  Mark  schätze.  Ob  es  gelingen
wird,  die  verbleibenden  40  Millionen  durch  Steigerung  der  Einnahmen
wie  durch  Beschränkung  der  Ausgaben  zu  beseitigen,  läßt  sich  im  Augenblick
  noch  nicht  übersehen.  Wir  dürfen  aber  zu  keinem  dauernden  Defizit
kommen.  Das  widerspräche  den  Grundsätzen  unserer  soliden  Finanzwirtschaft.
Gelingt  es  aber  nicht,  in  Bälde  das  Defizit  zu  beseitigen,  so  ist  unablässig
notwendig,  neue  Einnahmequellen  herbeizuschaffen.  Wir  haben  mit  allen
Kräften  die  Ausgaben  zu  beschränken  gesucht.  Das  hohe  Haus  hat  bisher
immer  in  entgegengesetzter  Richtung  gehandelt.  Die  ganzen  Etatsverhandlungen
  verlieren  sich  ja  meist  darin,  daß  Wünsche  auf  Steigerung  der  Ausgaben
  vorgetragen  werden.  Wir  würden  sehr  dankbar  sein,  nicht  nur  ich
persönlich,  sondern  im  Interesse  unserer  Staatsfinanzen,  wenn  das  hohe
Haus  von  dieser  löblichen  Gewohnheit  etwas  abginge.  Darüber  hinaus
wollen  wir  auch  im  Etat  selber  eine  Schutzwehr  aufrichten,  um  einer  übermäßigen
  Inanspruchnahme  der  Staatseisenbabnüberschüsse  durch  andere
Ressorts  entgegenzutreten.  Wir  haben  schon  zu  diesem  Zwecke  einen  Ausgleichsfonds
  geschaffen.  Aber  alle  bisherigen  Maßnahmen  reichen  noch  nicht
aus.  Wir  mücssen  im  Etat  selber  Vorsorge  treffen,  daß  die  Überschüsse,
die  über  eine  gewisse  Grenze  hinausgehen,  an  den  Ausgleichsfonds  gehen.
Diese  Grenze  haben  der  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  und  ich  auf
2,10  v.  H.  des  investierten  Kapitals,  das  gegenwärtig  10  Milliarden  beträgt,
  festzusetzen  geglaubt.  Das  wären  210  Millionen  Mark.  Das  Extraordinarium
  der  Eisenbahnverwaltung  muß  unerläßlich  ein  verhältnismäßig
hohes  sein  wegen  der  viel  zu  geringen  Schuldentilgung,  die  wir  vornehmen.
Die  Eisenbahnverwaltung  kann  jeden  Tag  infolge  des  Fluges  der  Erfindungen
  und  der  Technik  vor  ungeahnte  Aufgaben  gestellt  werden.  Für
solche  Zeiten  müssen  wir  Vorsorge  treffen.  Wir  haben  uns  viel  zu  sehr  in
unserem  ganzen  staatlichen  und  wirtschaftlichen  Leben  an  den  Gedanken
gewöhnt,  daß  die  Sonne  uns  ewig  lächele,  und  daß  uns  auch  weiter  eine
ebenso  glänzende  wirtschaftliche  Entwicklung  beschieden  sei.,  wie  in  den  letzten
Jahrzehnten.  Wir  wollen  das  hoffen.  Aber  wie,  wenn  dunkle  Wolken  am
Himmel  aufziehen  und  schwere  wirtschaftliche  Krisen  kommen?  Dann  möchte
ich  einmal  wissen,  wie  es  mit  den  Eisenbahnen  bestellt  sein  soll!  Darum
müssen  wir  in  guten  Zeiten  Vorsorge  treffen.  Ich  schlage  vor,  diesen  Versuch
  mit  der  Festlegung  der  Einnahmen  aus  der  Eisenbahnverwaltung  zu-
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        12  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)

nächst  auf  fünf  Jahre  zu  machen.  Der  Minister  berührt  sodann  einige
Posten  aus  den  Einzeletats  und  erwähnt  unter  anderem  einen  Posten  für
Errichtung  einer  königlichen  Dressuranstalt  für  Polizeihunde.  Das  Defizit
für  1910  werde  92  Millionen  betragen,  der  Etat  im  ganzen  balanziere
mit  3.900  Millionen.  Besonders  betont  der  Minister  sodann  noch,  daß  die
Aufgaben  der  inneren  Kolonisation  nicht  leiden  sollen,  wenn  auch  in  diesem
Etat  nur  etwa  2  Millionen  dafür  angesetzt  seien.  Der  Minister  schließt
mit  den  Worten:  Ich  glaube,  daß  es  immerhin  als  erfreulich  anzusehen
ist,  wenn  wir  unter  den  jetzigen  Verhältnissen  das  Defizit  im  Etat  von
ca.  200  Millionen  im  Jahre  1908  auf  92  Millionen  im  Jahre  1910  herabgemindert
  haben.  Ich  hoffe,  daß  wir  auf  dem  erprobten  Wege  der  Sparsamkeit
  in  der  Konsolidierung  der  Finanzverhältnisse  des  preußischen  Staates
fortschreiten  werden.

11.  Januar.  Die  Gesamtziffern  des  preußischen  Staatshaushaltsetats


ergeben  an  Staatseinnahmen  3.837.412.963  Mark,  an  Staatsausgaben
3.929.412.963  Mark,  also  einen  Fehlbetrag  von  92.000.000  Mark,  der  durch
eine  Anleihe  zu  decken  ist.  Dabei  sind  an  außerordentlichen  Ausgaben
  204.393.421  Mark  vorgesehen,  wovon  allein  auf  die  Eisenbahnverwaltung
120  Millionen  Mark  entfallen.

11.  Januar.  (Reichstag.)  Interpellation  wegen  der  Verfassung
  in  Mecklenburg.

Die  am  14.  Dezember  1909  von  den  Nationalliberalen  und  Freisinnigen
eingebrachte  Interpellation  Linck-Dr.  Pachnicke-Reichsgraf  v.  Bothmer
lautet:  „Gedenkt  der  Herr  Reichskanzler  der  Erwartung,  welche  hinsichtlich
der  mecklenburgischen  Verfassung  der  Bundesrat  in  seiner  Sitzung  vom
26.  Oktober  1875  den  mecklenburgischen  Regierungen  gegenüber  ausgesprochen
hat,  nunmehr  weitere  Folge  zu  geben,  nachdem  die  zwischen  den  mecklenburgischen
  Regierungen  und  den  Ständen  seit  fast  60  Jahren  resultatlos
geführten  Verfassungsverhandlungen  kürzlich  wiederum  gescheitert  sind  und
nachdem  die  mecklenburgischen  Regierungen  den  Ständen  auf  dem  diesjährigen
Landtage  erklärt  haben,  daß  ihnen  angesichts  der  Haltung  der  mecklenburgischen
  Ritterschaft  weitere  Verhandlungen  zurzeit  nicht  mehr  möglich
seien,  daß  sie  die  Hoffnung  nicht  mehr  aufrecht  erhalten  könnten,  zu  einer
Verständigung  zu  gelangen,  und  daß  sie  bei  Verhandlungen  im  Reichstage
ihren  bisherigen  Standpunkt  gegenüber  einem  Eingreifen  des  Reiches  nicht
aufrecht  erhalten  könnten?“

Abg.  Linck  (RL)  betont,  daß  die  beiden  Großherzöge  seit  dem  März
1907  eine  zeitgemäße  Reform  eifrig  betrieben,  aber  durch  den  Widerstand
der  Ritterschaft  einen  Erfolg  nicht  erzielt  haben.  Die  mecklenburgischen
Regierungen  haben  deshalb  erklärt,  daß  sie  bei  Verhandlungen  im  Reichstage
  ihren  bisherigen  Standpunkt  gegen  ein  Eingreifen  des  Reichs  nicht
aufrecht  erhalten  können.  Es  wäre  zu  erwägen,  ob  nicht  Art.  76  der  Reichsverfassung
  auf  Mecklenburg  anwendbar  ist,  wonach  Verfassungsstreitigkeiten
in  solchen  Bundesstaaten,  in  deren  Verfassung  nicht  eine  Behörde  zur  Entscheidung
  solcher  Streitigkeiten  bestimmt  ist,  der  Bundesrat  auf  Anrufen
eines  Teiles  gütlich  auszugleichen  oder  im  Wege  der  Reichsgesetzgebung
zur  Erledigung  zu  bringen  hat.  Es  handelt  sich  in  Mecklenburg  tatsächlich
um  eine  Verfassungsstreitigkeit  in  eminentem  Sinne.  Ein  anderer  und  der
sicherste  Weg,  den  wir  schon  seit  über  30  Jahren  empfohlen  haben,  ist  der:
die  Ergänzung  der  Reichsverfassung  durch  eine  Bestimmung,  wonach  in
jedem  Bundesstaat  eine  aus  Wahlen  der  Bevölkerung  hervorgegangene  Ver-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)  13

tretung  vorhanden  sein  muß.  Diese  Ergänzung  widerspricht  keineswegs
dem  Geiste  der  Verfassung,  denn  für  unantastbar  hat  man  die  Verfassung
nie  erklärt.

Stellvertreter  des  Reichskanzlers  Staatssekretär  Delbrück:  Die
mecklenburgische  Verfassungsfrage  ist  zuletzt  in  der  Reichstagssitzung  vom
15.  Juni  vorigen  Jahres  verhandelt  und  die  Stellung  der  Verbündeten
Regierungen  dazu  von  dem  gegenwärtigen  Herrn  Reichskanzler  dargelegt
worden.  Seitdem  ist  tatsächlich  eine  Änderung  nur  insofern  eingetreten,
als  die  voriges  Jahr  schwebenden  anfänglich  Erfolg  verheißenden  Verhandlungen
  der  mecklenburgischen  Regierungen  mit  den  Ständen  bedauerlicherweise
  ergebnislos  verlaufen  sind.  Unter  diesen  Umständen  fehlen  wie  bisher
die  tatsächlichen  und  rechtlichen  Voraussetzungen  für  die  Anwendung  des
Art.  76  der  Reichsverfassung.  Es  bleibt  daher  nur  die  Frage  übrig,  ob
nicht  in  Anbetracht  der  hohen  Bedeutung,  welche  der  endlichen  zufriedenstellenden
  Lösung  der  Frage  beizumessen  ist,  durch  eine  Erweiterung  der
verfassungsmäßigen  Zuständigkeit  auf  Grund  des  Art.  78  die  Grundlage
für  ein  Eingreifen  des  Reiches  zu  schaffen  wäre.  Im  Namen  der  Verbündeten
  Regierungen  habe  ich  die  Erklärung  abzugeben,  daß  sie  es  nicht
für  angezeigt  erachten,  diesen  Weg  zu  beschreiten,  da  sie  ihn  mit  den  föderativen
  Grundlagen  des  Reiches  für  unvereinbar  halten.

Bundesbevollmächtigter  mecklenburgischer  Gesandter  Frhr.  v.  Brandenstein:
  Namens  der  Großherzoglich  Mecklenburg-Schwerinischen  Regierung
  habe  ich  folgendes  zu  erklären:  Die  Verhandlungen  des  letzten  Landtages
  über  die  Verfassungsreform  haben  einen  Verlauf  genommen,  der  die
Hoffnung,  demnächst  zu  einer  Einigung  zu  gelangen,  sehr  gering  erscheinen
läßt.  Nach  dem  Verlaufe  der  Besprechungen  im  August  glaubte  die  Regierung
  besonders  auch  durch  die  Stellungnahme  der  ritterschaftlichen  Mitglieder
  sich  zu  der  Hoffnung  berechtigt,  daß  der  Landtag  die  Vorlage  annehmen
  würde.  Diese  Hoffnung  hat  sich  nicht  erfüllt.  Die  Landschaft  stimmte
der  Vorlage  grundsätzlich  zu,  die  Ritterschaft  lehnte  sie  aber  ab  und  war
nur  zum  Ausbau  der  Verfassung  auf  ständischer  Grundlage  bereit.  Unter
diesen  Umständen  erschien  der  Regierung  die  Einigung  aussichtslos,  sie  zog
die  Vorlage  zurück  und  behielt  sich  die  Wiedereinbringung  vor.  Bei  dieser
Sachlage  sieht  sich  die  Großherzogliche  Regierung  nicht  mehr  imstande,  die
in  der  Sitzung  des  Reichstags  vom  15.  Juni  1909  abgegebene  Erklärung
aufrecht  zu  erhalten  und  einem  etwaigen  Eingreifen  des  Reiches  mit  der
Erklärung  entgegenzutreten,  daß  die  Erwartung  bestehe,  mit  der  Ritterschaft
zu  einer  Einigung  zu  kommen.  Auf  der  anderen  Seite  sieht  sie  sich  auch
nicht  veranlaßt,  ein  Eingreifen  des  Reiches  zu  beantragen,  und  kann  ein
solches  auch  nicht  wünschen  mit  Rücksicht  auf  die  Selbständigkeit  der  Bundesstaaten
  und  den  förderativen  Charakter  der  Reichsverfassung.  Diese  wichtigsten
  Bedenken  sind  hier  soeben  durch  den  Stellvertreter  des  Reichskanzlers
zum  Ausdruck  gebracht  worden.  Gleichwohl  ist  ihr  die  heutige  Verhandlung
von  Wert,  weil  dadurch  die  erwünschte  Klärung  der  Lage  erreicht  wird.
Die  Regierung  entnimmt  daraus  die  Bestätigung  ihrer  eigenen  Auffassung,
daß  die  von  ihr  als  notwendig  erkannte  Verfassungsreform  im  Lande  selbst
und  aus  eigenen  Kräften  durchgeführt  wird.  Namens  der  strelitzischen  Regierung
  habe  ich  lediglich  hervorzuheben,  daß  für  dieselbe  nach  der  Erklärung
  des  Stellvertreters  des  Reichskanzlers  kein  Anlaß  gegeben  ist,  auf
den  Inhalt  der  Interpellation  näher  einzugehen.

Bei  der  Besprechung  der  Interpellation erklärt  Abg.  v.  Treuenfels
  (Dk.):  Im  Auftrage  meiner  politischen  Freunde  habe  ich  zu  erklären,
daß  wir  eine  Einmischung  des  Reichstags  in  die  Verfassungsangelegenheiten
eines  Bundesstaates  als  im  Widerspruch  mit  der  Reichsverfassung  stehend
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        14  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)

erachten.  Die  Interpellation  war  nur  ein  Schlag  ins  Wasser,  sie  hatte
nur  einen  agitatorischen  Charakter  und  stärkt  nur  denen  in  Mecklenburg
den  Rücken,  die  eine  Änderung  überhaupt  nicht  wollen.  Das  Verhalten
der  mecklenburgischen  Ritterschaft  will  ich  nicht  verteidigen,  es  war  ein
politischer  Fehler.  Ich  möchte  aber  darauf  hinweisen,  daß  auch  verschiedene
Städte  die  Verfassungsvorlage  bekämpft  haben,  auch  die  Stadt,  die  der  Abg.
Linck  vertritt,  ist  glatt  mit  der  bösen  Ritterschaft  gegangen.  Herr  Linck  hat
es  für  geschmackvoll  gehalten,  sein  eigenes  Vaterland  hier  herabzusetzen.
Wer  seine  Nase  abschneidet,  schändet  sein  eigenes  Gesicht.  Die  Erklärung
der  mecklenburgischen  Regierung,  die  wir  eben  gehört  haben,  hat  mich  erfreut.
  Mit  politischem  Geschick,  mit  Energie  und  mit  Klugheit  wird  es  ihr
gelingen,  Mecklenburg  eine  Repräsentativverfassung  zu  geben,  die  wir  für
notwendig  halten.  Die  Regierung  wie  die  Stände  haben  früher  große
Fehler  gemacht.  Die  Bevölkerung  bis  tief  in  liberale  Kreise  hinein  wird
sich  schönstens  dafür  bedanken,  sich  vom  Reichstage  eine  Verfassung  diktieren
zu  lassen.

Abg.  Dr.  Pachnicke  (Fr.  Vp.):  Es  wird  nun  gesagt,  Mecklenburg
sei  ausgenommen  in  das  Reich  mit  der  mecklenburgischen  Verfassung.  Es
war  aber  die  Meinung  des  Reichstages  und  des  Bundesrates,  daß  mit
dieser  altertümlichen  Verfassung  aufgeräumt  werden  müsse.  Noch  der  Vorgänger
  des  jetzigen  Staatssekretärs,  Graf  Posadowsky,  hat  offen  zugegeben,
daß  es  dem  Wesen  der  Bundesstaaten  entspreche,  daß  überall  gewählte  Volksvertretungen
  zu  entscheiden  haben.  Auf  Art.  76  habe  ich  mich  für  meine
Person  nicht  bezogen,  aber  die  Zuständigkeit  des  Reiches  zur  Erweiterung
seiner  eigenen  Kompetenz  wird  von  keinem  Rechtslehrer  von  einiger  Bedeutung,
  z.  B.  Prof.  Laband,  mehr  bestritten.  Auch  Prof.  Zorn  hat  sich
in  einem  Briefe  an  mich  auf  denselben  Standpunkt  gestellt.  Auf  der  einen
Seite  Prof.  Laband,  auf  der  anderen  Herr  von  Treuenfels.  Es  ist  die
Regel,  daß  in  anderen  Staaten,  wie  der  Schweiz  usw.,  eine  Homogenität
der  Verfassung  besteht;  nur  Deutschland  macht  eine  Ausnahme.  Von  einem
Eingriff  in  die  Souveränität  der  Bundesstaaten  kann  nicht  gesprochen
werden.  Unser  Antrag  läßt  Spielraum  genug  für  die  Ausgestaltung  der
Einzelheiten.  Der  Bundesrat  hat  es  ja  in  der  Hand  zu  verhindern,  daß
nicht  zu  weit  gegangen  wird.  Es  ist  eine  Entwürdigung  des  mecklenburgischen
  Volkes,  daß  es  sich  von  einer  Handvoll  mecklenburgischer  Gutsbesitzer
  seine  Gesetze  vorschreiben  lassen  soll.

Staatssekretär  Dr.  Delbrück:  Es  bleibt  nur  noch  die  Frage,  ob  die
Bestimmung  im  Art.  78  Abs.  2  der  Reichsverfassung  die  Möglichkeit  gibt,
den  mecklenburgischen  Verfassungsstreit  durch  ein  Eingreifen  des  Reiches  aus
der  Welt  zu  schaffen.  Mein  Vorgänger  im  Amt  hat  am  15.  Juni  darauf
aufmerksam  gemacht,  daß  diese  Frage  eigentlich  ein  mehr  juristisch-theoretisches
Interesse  hat.  Er  hat  diese  Frage  verneint,  und  die  Verbündeten  Regierungen
  haben  sie  jetzt  wiederum  einstimmig  verneint.  Wie  ist  denn  ein
derartiges  Eingreifen  denkbar  oder  möglich?  Gesetzt  den  Fall,  es  könnte
auf  Grund  dieses  Artikels  ein  derartiges  Gesetz,  wie  es  von  liberaler  Seite
gewünscht  wird,  verabschiedet  werden,  glauben  Sie  denn,  daß  das  auf  die
mecklenburgische  Ritterschaft  Eindruck  machen  würde,  so  lange  das  Reich
nicht  die  Möglichkeit  hat,  diese  Anordnung  durchzusetzen?  Es  würde  also
notwendig  sein,  es  dem  Reiche  zu  ermöglichen,  im  Wege  des  Zwangs  denjenigen
  Staaten  eine  Verfassung  zu  geben,  die  sich  weigern,  eine  Verfassung
einzuführen  oder  die  bestehende  zu  ändern.  Wie  soll  das  erreicht  werden?
Wollen  Sie  den  einzelnen  Regierungen  die  Befugnis  geben,  eine  Verfassung
zu  oktroyieren,  oder  wollen  Sie  dem  Reiche,  was  wahrscheinlich  Ihren
Wünschen  am  meisten  entspricht,  die  Befugnis  geben,  dem  betreffenden
        <pb n="23" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)  15

Staate  die  Verfassung  zu  oktroyieren?  Damit  würde  das  Reich  in  den
einzelnen  Staaten  die  Befugnis  erhalten,  das  Maß  der  Rechte,  das  den
Volksvertretungen  und  den  Souveränen  zusteht,  nach  eigenem  Ermessen  zu
verteilen.  Das  wäre  eine  Konstruktion,  die  tatsächlich  unvereinbar  ist  mit
dem  föderativen  Charakter  der  Bundesstaaten.  Nun  hat  man  von  der
letzten  Möglichkeit  gesprochen  und  gemeint:  „Wenn  ihr  Bedenken  tragt,  eine
derartige  Änderung  der  Verfassung  ganz  allgemein  eintreten  zu  lassen,  so
geht  doch  den  oft  betretenen  Weg,  erlaßt  ein  Gesetz  für  Mecklenburg  in  der
durch  Art.  78  vorgeschriebenen  Form.“  Würde  ein  Spezialgesetz  für  Mecklenburg
  geschaffen,  so  wäre  das  ein  Ausnahmegesetz  gegen  einen  einzelnen
Bundesstaat,  und  daß  gegen  ein  derartiges  Ausnahmegesetz  die  bereits  generell
erhobenen  Bedenken  noch  stärker  ins  Gewicht  fallen  würden,  liegt  auf  der
Hand.  Sprechen  so  wichtige  politische  Bedenken  gegen  ein  Eingreifen  des
Reiches,  so  kann  es  unerörtert  bleiben,  in  welcher  Weise  formell  den  Wünschen
der  Herren  von  der  Linken  entsprochen  werden  kann.

Abg.  Gröber  (Z.):  Es  ist  nicht  meine  Aufgabe,  die  Erklärung  der
mecklenburgischen  Regierung,  die  sie  den  Ständen  gegenüber  abgegeben  hat,
in  Einklang  zu  bringen  mit  der  heutigen  Erklärung  des  mecklenburgischen
Regierungsvertreters.  Die  heute  gehörte  Erklärung  war  ja  nicht  besonders
klar.  Es  scheint  ja  fast,  als  habe  die  mecklenburgische  Regierung  doch  noch
Hoffnung,  zu  einer  Verständigung  zu  kommen.  Ich  möchte  ebenfalls  den
Wunsch  aussprechen,  daß  endlich  einmal  die  mecklenburgische  Frage  verschwindet
  und  mit  der  alten  Ständeverfassung  in  Mecklenburg  aufgeräumt
würde.  Ein  Eingreifen  des  Reiches  auf  Grund  der  Reichsverfassung  halten
wir  nicht  für  angängig.  Wenn  wir  gegen  Mecklenburg  vorgehen  wollten,
dann  würden  unabsehbare  Konsequenzen  daraus  folgen.  Wir  kommen  dann
auf  die  schiefe  Ebene,  auf  der  es  kein  Halten  mehr  gibt.  Das  würde  schließlich
zur  Mediatisierung  der  mittleren  und  kleinen  Bundesstaaten  führen.  Redner
lehnt  es  ab,  dem  Bundesrat  das  Recht  zu  geben,  sich  in  die  Existenzfrage
der  Einzelstaaten  einzumischen.  Wir  Süddeutschen  wollen  uns  selbstverständlich
  nicht  in  unsere  bundesstaatlichen  Angelegenheiten  hineinreden  lassen
und  dasselbe  müssen  wir  auch  den  norddeutschen  Bundesstaaten  zugestehen.
(Beifall  i.  Z.  und  r.).

Abg.  v.  Oertzen  (Rp.):  Daß  die  mecklenburgische  Verfassung  reformbedürftig
  ist,  wird  wohl  kaum  bestritten  werden  können  und  ich  bedauere,
daß  die  Regierungsvorschläge  von  der  Ritterschaft  abgelehnt  worden  sind.
Die  Ablehnung  habe  ich  um  so  mehr  bedauert,  als  dadurch  viele  konservative
  Elemente  der  konservativen  Sache  entfremdet  werden.  Ich  habe  diesen
Standpunkt  häufig  zum  Ausdruck  gebracht  und  habe  mir  dadurch  die  Mißstimmung
  vieler  guter  Bekannter  und  Verwandter  zugezogen.  Aber  ich
habe  mich  im  Interesse  meines  Vaterlandes  dazu  für  verpflichtet  gehalten.
Wir  halten  aber  das  Reich  nicht  dazu  berechtigt,  den  Einzelstaaten  eine
Verfassung  zu  oktroyieren.  Als  Mitglied  der  Ritterschaft  hoffe  ich,  daß
es  gelingen  wird,  in  Mecklenburg  selbst  eine  Verfassung  durchzuführen.

Abg.  Frohme  (Sd.)  fordert  das  Eingreifen  des  Reiches,  da  die
Zustände  in  Mecklenburg  unhaltbar  seien.

11.  Januar.  Die  preußische  Staatsschuld.

Nach  den  Erläuterungen  des  Etats  der  Staatsschuldenverwaltung
für  das  Etatsjahr  1910  hat  die  preußische  Staatsschuld  sich  für  das  Etatsjahr
  1909  auf  8.770.149.734  Mark  91  Pfennig  belaufen.  Davon  kommen
in  Abgang  durch  Tilgung,  Rückkauf  usw.  28.378.945  Mark  80  Pfennig.
Dagegen  kamen  in  Zugang  bei  den  Anleihen  auf  Grund  der  neuen  Anleihegesetze
  an  4prozentiger  konsolidierter  Anleihe  270  Millionen  Mark  und  an
        <pb n="24" />
        16  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)

3½  prozentiger  konsolidierter  Anleihe  310  Millionen  Mark,  ferner  bei  den
unverzinslichen  Schatzanweisungen  100  Millionen  Mark,  so  daß  sich  der
Gesamtzugang  auf  680  Millionen  Mark  beläuft  und  zur  Staatsschuld
  651.621.054  Mark  20  Pfennig  mehr  hinzutreten,  als  von  ihr  abgehen.  Die
Staatsschuld  wird  sich  hiernach  für  das  Etatsjahr  1910  auf  9.421.770.789  Mark
11  Pfennig  belaufen.  Bei  einer  weiteren  derartigen  Steigerung  würden
wir  im  Etatsjahr  1911  die  zehnte  Milliarde  überschreiten.  Die  Gesamtausgabe
  für  die  Staatsschuld  beträgt  für  das  Etatsjahr  1910  395.644.510  Mark;
davon  entfallen  auf  Verzinsung  333.909.868  Mark  66  Pfennig,  auf  Tilgung
56.983.937  Mark  87  Pfennig,  auf  Renten    3.361.500  Mark  und  auf  Verwaltungskosten
  1.389.202  Mark  74  Pfennig.  Gegenüber  dem  Vorjahr  hat
eine  Steigerung  der  Ausgaben  auf  die  Staatsschuld  von  nicht  weniger  als
  26.515  Mark  stattgefunden;  davon  entfallen  allein    20.752.966  Mark

6  Pfennig  auf  die  Zunahme  der  Verzinsung  der  Staatsanleihen  nach  Abzug
der  Verzinsung,  die  durch  die  Tilgung  der  Eisenbahnschulden  und  Staatsanleihen
  erspart  wird.

11.  Januar.  (Bayern.)  Kammer  der  Abgeordneten.  Interpellation
  über  die  Entnahme  von  Gemälden  aus  der  Augsburger
Bildergalerie  für  die  Pinakothek.

Kultusminister  Dr.  v.  Wehner  gab  eine  längere  Erklärung  ab.  Darnach
  ist  die  Neuordnung  in  der  alten  Pinakothek  wegen  der  Hebung  des
künstlerischen  Niveaus  notwendig  gewesen.  Die  vorhandenen  Lücken,  besonders
  bei  den  italienischen  Meistern,  ebenso  bei  der  französischen,  niederländischen
  und  dänischen  Schule,  hätten  im  Interesse  des  Weltrufes  der
alten  Pinakothek  unbedingt  ausgefüllt  werden  müssen.  Zu  diesem  Zwecke
habe  man  sich  an  die  Filialgalerien  des  Landes  wenden  müssen.  Die  Filialgalerien
  hätten  selbstverständlich  vollwertigen  Ersatz  dafür  erhalten.  Die
Stadt  Augsburg  habe  übrigens  gar  kein  Einspruchsrecht  gegen  das  Besitzrecht
  des  Staates,  denn  die  Augsburger  Galerie  sei  Eigentum  des  Staates.
Im  übrigen  stehen  die  vermeintlichen  Nachteile  Augsburgs  in  gar  keinem
Verhältnis  zu  dem  großen  künstlerischen  und  kulturhistorischen  Gewinn
Münchens.  Auch  sei  die  Augsburger  Gemäldegalerie  feuergefährlich.

11.  Januar.  (Baden.)  Finanzdebatte  in  der  Zweiten  Kammer.

Finanzminister  Dr.  Honsell  beleuchtet  die  finanzielle  Kalamität:
Die  Geschichte  des  Reiches  hat  uns  deutlich  genug  gezeigt,  daß  das  Hauptelend
  im  Schuldenmachen  und  in  der  übermäßigen  Inanspruchnahme  des
Geldmarktes  liegt,  in  der  Erschwerung  des  internationalen  Wettbewerbs
unserer  Industrie,  auch  im  Anwachsen  des  Kapitalismus.  Angesicht  dieses
hätte  ich  nicht  geglaubt,  daß  man  jetzt  einer  Inaugurierung  der  Anleihewirtschaft
  noch  das  Wort  rede.  Unsere  Eisenbahnschuld  ist  eine  Staatsschuld
und  nichts  anderes,  wie  sich  auch  die  Verhältnisse  der  Eisenbahn  sonst  gestalten
  mögen.  Vollständig  richtig  ist  der  Hinweis  des  Berichterstatters,
daß  bei  uns  aus  Anleihen  Dinge  bestritten  werden,  deren  Lebensdauer
schon  in  der  ersten  Hälfte  der  Tilgungszeit  dahin  ist.  Das  gilt  namentlich
von  Lokomotiven  und  Wagen.  Eine  Lokomotive  neuesten  Stils  kostet
100.000  Mark,  ihre  Lebensdauer  beträgt  fünfzehn  Jahre.  Sie  wird  aus
Anleihemitteln  bezahlt,  die  Tilgung  erfolgt  aber  so  langsam,  daß  die  Lokomotive
  schließlich  200.000  Mark  kosten  wird.  Von  69  Millionen,  die  das
Budget  für  1908  und  1909  enthält,  hätten  nach  Miquelschen  Finanzgrundsätzen
  nur  6  bis  7  Millionen  aus  Anleihen  entnommen  werden  dürfen.
Mit  allem  Ernst  muß  nach  Herstellung  des  Gleichgewichts  im  Budget  getrachtet
  werden  durch  weitere  Steigerung  der  Einnahmen  und  Einschränkung
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)  17

der  Ausgaben.  Ausgaben,  die  ihrem  Wesen  nach  unproduktiv  sind,  wie  es  der
Apparat  der  Staatsverwaltung  ist,  regen  da  in  erster  Linie  zur  Kürzung  an.
Überall,  nicht  nur  in  Deutschland,  bemüht  man  sich  gegenwärtig  um  die  Frage,
was  zur  Einschränkung  der  mit  der  Zeit  übergroßen  Verwaltungsausgaben
geschehen  muß.  Auch  im  Geschäftsleben  sucht  man  in  ähnlicher  Lage  zunächst
die  Generalunkosten,  den  Personalaufwand  einzuschränken.  Der  Minister
gibt  Vergleichszahlen,  wonach  sich  die  Zahl  der  etatsmäßigen  Beamten  der
allgemeinen  Staatsverwaltung  in  den  letzten  zehn  Jahren  um  45  Prozent
vermehrt  hat,  die  der  Eisenbahnverwaltung  sogar  um  85  Prozent.  Noch
stärker  ist  der  Aufwand  für  das  Personal  gestiegen,  um  117  Prozent  bei
der  allgemeinen  Staatsverwaltung  und  um  270  Prozent  bei  der  Eisenbahnverwaltung.
  Der  ganze  Betrag  unserer  direkten  Steuern  wird  durch  den
Aufwand  für  die  Beamten  verzehrt,  und  außerdem  müssen  zum  gleichen
Zweck  noch  13.8  Millionen  aus  sonstigen  Quellen  beschafft  werden.  Der
Personalaufwand  erfordert  55.3  Prozent  des  gesamten  Staatsaufwands.
Diese  Zahlen  geben  doch  wohl  zu  denken.  Die  Verminderung  der  Gesamtzahl
  ist  in  diesem  Hause  ja  auch  schon  früher,  sowohl  in  der  Zweiten  wie
in  der  Ersten  Kammer  angeregt  worden.  Es  hat  sich  dabei  die  Erscheinung
gezeigt,  wie  in  der  württembergischen  Zweiten  Kammer  der  Ministerpräsident
v.  Weizsäcker  unter  allgemeinem  Beifall  zutreffend  bemerkte,  daß  über  den
allgemeinen  Gedanken  der  Vereinfachung  der  Staatsverwaltung  die  Sonne
lacht,  sobald  man  aber  an  Einzelheiten  geht,  dann  folgt  der  Donner.  Gerade
so  bei  uns.

12.  Januar.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Vor  Eintritt
in  die  Tagesordnung  gibt  Präsident  Frhr.  v.  Manteuffel  das  Wort

dem  Präsidenten  des  Staatsministeriums  v.  Bethmann  Hollweg:

Meine  Herren!  Seit  dem  Abschlusse  Ihrer  letzten  Session  ist  in  der
Führung  der  preußischen  Geschäfte  die  Änderung  eingetreten,  daß  Seine
Majestät  der  König  mich  zu  den  Ämtern  berufen  hat,  in  denen  Seine
Durchlaucht  der  Fürst  v.  Bülow  neun  Jahre  hindurch  Reich  und  Staat
gedient  hat.  Ich  bitte  Sie,  meine  Herren,  versichert  zu  sein,  daß  ich  nichts
unterlassen  werde,  um  die  engen  Beziehungen  fortzuführen,  die  zwischen
diesem  Hause  und  dem  Präsidenten  des  Königlichen  Staatsministeriums
stets  bestanden  haben.  Ich  bitte  Sie,  mir  in  diesen  Bemühungen  Ihre
Unterstützung  nicht  fehlen  zu  lassen.

12.  Januar.  (Reichstag.)  Interpellation  wegen  der  Versetzung
  von  Reichsbeamten  aus  Kattowitz,  die  dort  bei  den  Stadtverordnetenwahlen

  für  polnische  Kandidaten  gestimmt  hatten.

Zwei  ziemlich  gleichlautende  kurze  Interpellationen  waren  am
14.  Dezember  von  dem  Abg.  Horn  (Z.)  und  am  15.  Dezember  von
Brandys  (P.)  und  Genossen  eingebracht  worden.

Als  Sprecher  des  Zentrums  begründet  Graf  Oppersdorff  die
Interpellation:  Am  9.  und  10.  November  vorigen  Jahres  fanden  die  Hauptund
  am  29.  die  Stichwahlen  zur  Stadtverordnetenversammlung  in  Kattowitz
  statt.  In  Verfolg  derselben  fanden  Maßregelungen  von  Reichsbeamten
statt.  Es  standen  sich  hier  Hakatisten  und  Sozialdemokraten,  andererseits
Zentrum  und  Polen  gegenüber.  Die  gemaßregelten  Beamten  waren  zweifellos
  mittelbare  Reichsbeamte.  Die  Vorschriften  des  Reichsbeamtengesetzes
sind  überaus  dürftig  in  Bezug  auf  Tatbestände  und  Vergehungsbegriffe;
lediglich  §  10  gibt  hier  einigen  Anhalt.  Mit  lakonischer  Kürze  wird  hier
das  ganze  „dienstliche  und  außerdienstliche“  Verhalten  des  Beamten  zum

Europäischer  Geschichtskalender.  LI.  2
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        18  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)

Gegenstand  einer  Verordnung  gemacht.  Außerdem  kommt  die  bekannte
kaiserliche  Botschaft  von  1882  in  Betracht,  die  von  den  politischen  Beamten
die  Unterstützung  der  Regierungspolitik  auch  bei  den  Wahlen  fordert.  Auf
dem  Boden  dieser  Botschaft  von  1882  stehen  offenbar  auch  die  Vertreter  der
Reichsregierung.  Die  unteren  Postbeamten  gehören  aber  nicht  zu  den
politischen  Beamten;  sie  erfüllen  gerade  mit  der  freien  Ausübung  ihres
Wahlrechts  die  Voraussetzungen  der  Botschaft.  Ferner  wird  doch  bisher
ein  sehr  beträchtlicher  Unterschied  zwischen  politischen  und  Kommunalwahlen
gemacht.  In  dieser  Beziehung  stehen  Kanzler  und  Staatssekretäre  ganz
auf  dem  Boden  der  Interpellanten,  diese  überraschende  Mitteilung  muß
ich  Ihnen  machen.  Nach  der  Breisgauer  Zeitung  haben  in  Baden  Postbeamte
  sich  für  das  Abkommen  zwischen  Nationalliberalen  und  Sozialdemokraten
  ausgesprochen  und  für  die  Sozialdemokraten  gestimmt,  dasselbe
ist  in  Dortmund  und  Essen  geschehen;  dem  Vorstande  der  nationalliberalen
Partei  in  Essen  gehören  auch  hohe  Regierungsbeamte  an.  In  allen  diesen  Fällen
sind  keinem  Beamten  wegen  seiner  Ausübung  des  Kommunalwahlrechts  irgendwelche
  Unbequemlichkeiten  durch  den  Staatssekretär  oder  den  Kanzler  gemacht
worden.  Ich  stelle  die  Namen  dem  Staatssekretär  unter  der  Bedingung
zur  Verfügung,  daß  er  hier  öffentlich  erklärt,  daß  diesen  Beamten  aus
diesem  Anlaß  nichts  geschehen  wird.  Anders  verfuhr  der  Herr  Staatssekretär
  in  Bezug  auf  Kattowitz.  Dort  schrieb  er  in  einem  hektographierten
Briefe  etwa  das  Folgende:  „Ihr  Verhalten  in  Kattowitz  hat  der  von  Ihnen
erwarteten  Pflichterfüllung  nicht  entsprochen“;  es  wird  verlangt,  daß  später
diese  Pflicht  „gewissenhafter“  erfüllt  wird.  Bald  darauf  erfolgten  Versetzungen;
  die  Regierung  teilte  allerdings  eiligst  mit,  daß  es  sich  nicht  um
Strafversetzungen,  sondern  um  Versetzungen  im  Interesse  des  Dienstes
handle.  Ich  kann  nicht  umhin,  dem  Kanzler  und  dem  Staatssekretär  meine
ungeteilte  Verwunderung  über  ihr  Verhalten  in  allen  diesen  Fällen  auszusprechen.
  Läge  eine  Pflichtverletzung  der  Beamten  vor,  dann  wäre  es
Pflicht  des  Staatssekretärs  gewesen,  sie  vor  den  Disziplinargerichtshof  zu
bringen.  Ist  dies  aber  nicht  der  Fall,  dann  mußten  die  Beamten  mit
einer  Strafversetzung  verschont  werden.  Wir  haben  es  hier  mit  einer
Scheinversetzung  im  Interesse  des  Dienstes  zu  tun.  Wir  fordern,  daß  die
Maßregelungen  in  Kattowitz  wieder  gut  gemacht  werden  und  sich  nicht
wiederholen,  zum  Heile  von  Kaiser  und  Reich!

Abg.  Korfanty  (P)  begründet  die  Interpellation  Brandys:  Kattowitz
  ist  der  Brennpunkt  eines  reichen  wirtschaftlichen  Lebens  des  preußischen
Ostens,  unmittelbar  an  die  beiden  östlichen  Kaiserreiche  angrenzend.  Die
väterliche  Fürsorge  des  Reichskanzlers  und  Ministerpräsidenten  hat  sich  jetzt
auch  diesem  äußersten  Winkel  der  Ostmark  zugewendet  und  die  Früchte
gezeitigt,  die  hier  heute  zur  Erörterung  stehen.  Es  handelt  sich  bei
diesen  Vorkommnissen  geradezu  um  die  Ehre  des  deutschen  Namens
und  der  deutschen  Nation.  Die  kleine  liberale  Minderheit  in  Oberschlesien
  ist  lediglich  der  Schleppenträger  des  nationalliberalen  Großkapitals:
  sozialpolitisch  ist  sie  reaktionär  im  höchsten  Grade,  und  sie  wird
sofort  vom  Polen-  und  Katholikenkoller  befallen,  wenn  sie  nur  die  Worte
„polnisch"  und  „katholisch"  hört;  ich  brauche  da  bloß  an  den  früheren
Abg.  Dr.  Voltz  zu  erinnern.  Wie  in  Kattowitz  stellen  sich  die  Verhältnisse
im  ganzen  oberschlesischen  Bergwerksdistrikt;  überall  in  den  dortigen  Gemeinden
  haben  diese  kleinen  Minderheiten  von  pseudoliberalen  Hakatisten
mit  Hilfe  des  Terrors  der  Gruben-  und  Hüttenbesitzer  die  Herrschaft  in
Händen.  Die  gewerbsmäßigen  Hetzer  aus  den  Reihen  des  Hakatismus
werden  vom  Reichskanzler  durch  Danktelegramme  noch  in  ihrer  hetzerischen
Tätigkeit  bestärkt.  Die  Meinungen  der  Regierung  sind  doch  nicht  konstant,
        <pb n="27" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)  19

es  gab  eine  Zeit,  wo  Landräte  für  polnische  Kandidaten  eintraten.  Die
Regierung  sollte  wenigstens  den  Mut  haben,  offen  Farbe  zu  bekennen,
daß  es  sich  um  eine  Strafversetzung  handelt.  Diese  hätte  aber  allerdings
nur  auf  Grund  eines  disziplinargerichtlichen  Urteils  verhängt  werden
können.  Die  gemaßregelten  Beamten  haben  lediglich  im  Sinne  der  schon
zitierten  ministeriellen  Verordnung  für  Ruhe  und  Ordnung  zu  sorgen  sich
bemüht.  Der  Staatssekretär  wird  ja  wohl  das  Schreckgespenst  der  polnischen
Gefahr  heraufbeschwören,  um  zu  bemänteln,  daß  es  sich  hier  um  eine  Verfassungsverletzung
  handelt.  Solche  skandalöse  Vorgänge  dürfen  sich  in  der
Zukunft  nicht  wiederholen.  Wenn  Sie  (nach  l.)  sie  durch  eine  Reform  des
Wahlrechts  verhindern  wollen,  so  werden  Sie  uns  an  Ihrer  Seite  finden.

Stellvertreter  des  Reichskanzlers  Staatssekretär  Delbrück:  Die  dem
Sinne  nach  im  Wesen  übereinstimmenden  beiden  Interpellationen,  die  ich
zu  beantworten  habe,  stellen  zwei  Fragen.  Der  Herr  Abg.  Graf  Oppersdorf
hat  die  Zahl  dieser  Fragen  außerordentlich  erweitert.  Ich  gehe  zunächst
auf  die  in  den  beiden  Interpellationen  gestellten  Fragen  ein  und  auf  das,
was  unmittelbar  damit  im  Zusammenhang  steht.  Was  die  Kattowitzer
Angelegenheit  selbst  betrifft,  so  darf  ich  kurz  noch  einmal  den  Tatbestand
wiederholen,  der  den  Entscheidungen  des  Reichskanzlers  zugrunde  gelegen
hat.  Bei  den  letzten  Wahlen  für  die  Stadtverordnetenversammlung  in
Kattowitz  ist  es  zu  einem  Wahlkompromiß  zwischen  dem  Zentrum  und  den
Polen  gekommen.  Infolge  dieses  Kompromisses  waren  zu  wählen  drei
Abgeordnete  der  Zentrumspartei  und  zwei  Abgeordnete  —  sagen  wir  einmal
  —  großpolnischer  Richtung.  Bei  der  ersten  Wahl,  die  zu  einem  endgültigen
  Ergebnis  nicht  führte,  hat  eine  große  Anzahl  Beamte  verschiedener
preußischer  Ressorts,  84  Beamte  der  Reichepost-  und  Telegraphenverwaltung
und  ein  Beamter  der  Reichsbankverwaltung  für  diese  beiden  polnischen  Kandidaten
  gestimmt.  (Unterbrechung.)  Bei  der  am  29.  November  stattgehabten
  Stichwahl  haben  14  Postbeamte  und  der  Reichsbankbeamte  wiederum
  für  die  beiden  polnischen  Kandidaten  gestimmt.  Sie  und  ein  weiterer
Postbeamter,  der  nicht  wahlberechtigt  war,  aber  durch  seine  Agitation  für
die  polnischen  Kandidaten  sich  stark  hervorgetan  hatte,  sind  alsbald  in
andere  Orte  versetzt  worden.  Dieses  Verfahren  der  Reichsbehörden  deckt
sich  mit  den  Maßnahmen  der  preußischen  Behörden  gegenüber  den  ihnen
unterstellten  Beamten  und  hat  die  Zustimmung  des  Reichskanzlers  gefunden.
Von  den  der  Reichsverwaltung  angehörenden  Beamten  sind  nur  solche
Beamte  versetzt,  die  in  der  Stichwahl  wiederum  den  polnischen  Kandidaten
ihre  Stimme  gegeben  hatten,  obwohl  sie  durch  ihre  Vorgesetzten  mündlich
darüber  belehrt  waren,  welcher  Parteirichtung  diese  polnischen  Kandidaten
angehörten  und  in  welcher  Weise  sie  sich  politisch  betätigten.  Sie  haben
den  Polen  wieder  gewählt,  obwohl  sie  darauf  aufmerksam  gemacht  waren,
daß  es  mit  den  Pflichten  des  Beamten  unvereinbar  sei,  Bestrebungen  der
großpolnischen  Partei  Vorschub  zu  leisten.  Diese  Versetzungen  haben  nicht
den  Charakter  disziplinarischer  Strafe,  sondern  sind  erfolgt  im  Interesse
des  Dienstes.  (Unterbrechungen.)  Wenn  Sie  Auskunft  wünschen,  dann
lassen  Sie  mir  auch  die  Möglichkeit,  Ihnen  Auskunft  zu  geben.  Ich  kann
wenigstens  verlangen,  daß  Sie  mir  in  Ruhe  zuhören.  Diese  Beamten  sind
versetzt  in  ein  Amt  mit  gleichem  Rang  und  gleichem  Gehalt,  unter  Erstattung
  der  Umzugskosten  in  Orte,  in  denen  sie  nicht  wieder  Gefahr
laufen  können,  mit  der  Beamtendisziplin  in  Konflikt  zu  geraten  und  in
den  Kreisen  der  nationalgesinnten  Bevölkerung  Verwirrung  und  Unwillen
zu  erregen,  wie  dies  in  Kattowitz  der  Fall  war.  Im  übrigen  gehören  die
15  Postbeamten,  die  von  Kattowitz  versetzt  sind,  zu  derjenigen  Klasse  der
Beamten,  die  nach  §  1  des  Reichsbeamtengesetzes  zwar  Reichsbeamte  sind,

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        20  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)

aber  nach  Art.  50  Abs.  5  der  Reichsverfassung  als  Landesbeamte  angestellt
werden.  Diese  Beamten  haben  infolgedessen  zunächst  den  Charakter  von
Landesbeamten,  sie  haben  den  Diensteid  der  preußischen  Beamten  mit  dem
in  Art.  50  Abs.  3  stehenden  Zusatz  geleistet,  sie  haben  dem  Könige  von
Preußen  Treue  und  Gehorsam  gelobt  und  eine  gewissenhafte  Befolgung
der  preußischen  Verfassung.  Schon  aus  diesem  etwas  mehr  formalen  Grund
war  es  nicht  möglich,  die  Reichsbeamten  anders  zu  behandeln,  als  dies
mit  den  preußischen  Beamten  geschehen  ist.  Die  Beamten  stehen  grundsätzlich
  in  der  Ausübung  ihrer  staatsbürgerlichen  Rechte  allen  übrigen
Staatsbürgern  gleich.  Die  Freiheit  der  politischen  Betätigung  erfährt  bei
ihnen  gewisse  Einschränkungen,  die  sich  aus  der  Stellung  des  Beamten  zum
Staat  ergeben.  Diese  Einschränkungen  sind  nicht  durchweg  im  einzelnen
gesetzlich  fest  umschrieben,  sie  sind  zum  Teil  Folgerungen  des  Treueides,
den  der  Beamte  geleistet  hat,  aber  sie  sind  für  den  Takt  und  das  Pflichtgefühl
  des  einzelnen  Beamten  unschwer  erkennbar,  und  sie  auch  im  vorliegenden
  Falle  zu  erkennen,  war  gewiß  nicht  schwer.  Es  kann  keinem
Zweifel  unterliegen,  daß  es  mit  der  Stellung  des  Beamten  unvereinbar
ist,  wenn  er  Bestrebungen  unterstützt,  die  in  ihrem  letzten  Ziel  gegen  den
Bestand  des  Staates  gerichtet  sind.  Bei  dem  schweren  Ringen,  das  Preußen
in  seinen  Ostmarken  zu  bestehen  hat,  handelt  es  sich  darum,  ob  diese  Landesteile,
  die  in  der  harten  Arbeit  vieler  Menschenalter  zu  kulturell  ebenbürtigen
  Gliedern  des  preußischen  Staates  geworden  sind,  der  polnischslavischen
  Kultur  anheimfallen  und  damit  schließlich  auch  ihrer  äußeren
Loslösung  vom  preußischen  Staate  entgegengeführt  werden.  Wenn  Preußen
in  diesem  Akte  nationaler  Notwehr  von  seinen  Beamten  unbedingte  Heeresfolge
  verlangt,  so  ist  das  sein  gutes  Recht  und  ein  Akt  der  Selbsterhaltung.
Die  Regierungen  des  Deutschen  Reiches,  dessen  Glieder  sich  zu  einem  ewigen
Bunde  zusammengeschlossen  haben  zum  Schutz  des  Bundesgebietes  und  zum
Schutze  des  in  demselben  geltenden  Rechtes,  verlassen  den  Boden,  auf  dem
die  Reichsverfassung  ruht,  wenn  sie  Preußen  in  diesem  Kampfe  verlassen.
(Lebhaftes  Bravo!  r.  und  bei  den  Nl.,  Lärm  und  andauerndes  Zischen  bei
Z.,  P.  und  l.)

Abg.  Gröber  (Z.):  Belehrungen  von  Vorgesetzten  über  die  Ausübung
  staatsbürgerlicher  Rechte  braucht  kein  Beamter  entgegenzunehmen.
Gewiß,  formell  handelt  es  sich  nicht  um  Strafversetzungen,  denn  die  dürfen
nur  erfolgen  unter  Wahrung  aller  Kautelen  des  Beamtengesetzes.  Welches
sind  denn  aber  die  dienstlichen  Interessen,  die  für  die  Versetzung  gesprochen
haben?  Wir  verlangen  nähere  Auskunft.  Die  versetzten  Beamten  tun  doch
in  der  neuen  Stellung  denselben  Dienst  wie  in  Kattowitz.  Das  Vorgehen
des  jetzigen  Reichskanzlers  erinnert  an  die  schlimmsten  Zeiten  preußischer
Wahlbeeinflussungen  in  den  fünfziger  Jahren  und  in  der  Konfliktszeit.
Fürst  Bismarck  hat  1882  ausdrücklich  im  Reichstag  erklärt,  daß  das  Wahlrecht
  der  Beamten  vollständig  frei  sei.  Niemals  werde  ein  Beamter  wegen
der  Ausübung  des  Wahlrechts  gemaßregelt  werden.  Und  wörtlich  setzte
Fürst  Bismarck  hinzu:  „Wir  werden  uns  sogar  genieren,  einem  Beamten
das  anzutun,  und  ich  würde  nie  die  Hand  dazu  bieten.“  Selbst  der
Minister  Puttkammer  ist  nicht  so  streng  vorgegangen,  als  jetzt  der  Reichskanzler
  v.  Bethmann  Hollweg.  Es  ist  soweit  gekommen,  daß  die  Beamten
nicht  mehr  nach  eigener  Überzeugung  abstimmen  dürfen,  sondern  gewärtig
sein  müssen,  eine  mündliche  Belehrung  über  die  Ausübung  ihres  Wahlrechts
  zu  erhalten.

Abg.  Dr.  Heinze  (Nl.):  Die  Maßregelungen  können  nur  richtig
beurteilt  werden  aus  dem  Milieu  heraus.  Wir  müssen  sie  betrachten  aus
dem  Gesichtspunkt  der  großpolnischen  Gefahr.  Die  Polen  halten  fest  an
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)  21

der  Hoffnung,  das  polnische  Reich  wieder  herzustellen.  Die  Polen  fühlen
sich  nicht  als  Deutsche,  Russen  oder  Oesterreicher,  sondern  als  Polen.  (Sehr
richtig  b.  d.  P.)  Das  polnische  Nationalgefühl  wird  genährt,  so  viel  es
geht,  und  alles  Preußische  wird  schlecht  gemacht.  Das  tut  man,  weil  der
eigene  alte  Glanz  ja  wiederkehren  soll.  Ich  muß  das  vorbringen,  um  das
Großpolentum  zu  beleuchten.  Wir  stehen  in  der  polnischen  Frage  unbedingt
  hinter  der  Regierung  und  bedauern  nur,  daß  in  der  Polenpolitik
der  Regierung  Schwankungen  vorgekommen  sind.

Abg.  Henning  (K.):  Wir  halten  in  der  Polenfrage  an  unserer  bisherigen
  Stellungnahme  fest,  die  durch  unsere  ganze  Vergangenheit  gegeben
ist.  In  nationalen  Fragen  stehen  wir  immer  auf  dem  Standpunkt  energischer
  Abwehr.  Den  Polen  wurde  seinerzeit  die  Hand  zum  Frieden  gereicht.
  Sie  haben  sie  abgelehnt.  In  Oberschlesien  besteht  tatsächlich  die
Gefahr  einer  Polonisierung  des  Deutschtums.  Ihr  gegenüber  stellen  wir
die  großen  vaterländischen  Ziele  in  den  Vordergrund.  Bedauerlich  ist  es,
daß  das  Zentrum  die  Beamten  erst  in  das  Dilemma  brachte,  für  einen
Polen  stimmen  zu  sollen.  Wir  wollen  die  Beamten  in  ihren  Rechten  nicht
beschränken.  Aber  wir  müssen  die  Regierung  auch  in  dem  Bestreben  unterstützen,
  sich  eine  Beamtenschaft  zu  schaffen,  auf  die  sie  sich  verlassen  kann.
Maßregelungen  kommen  nicht  bloß  bei  unteren  und  mittleren  Beamten
vor.  Denken  Sie  doch  an  die  Landräte  bei  der  Kanalvorlage.  Was  dem
einen  recht  ist,  ist  dem  andern  billig.  Jedenfalls  liegen  uns  etwaige  kulturkämpferische
  Absichten  völlig  fern.  Die  Disziplin  aber  muß  gewahrt  werden,
denn  Ordnung  regiert  die  Welt.

Staatssekretär  des  Reichspostamts  Krätke:  Die  Beamten  sind  versetzt
  worden,  weil  die  Regierung  nicht  dulden  kann,  daß  an  einem  Brennpunkt
  der  nationalen  Interessen  Beamte  Bestrebungen  unterstützen,  die  direkt
gegen  die  Regierung  gerichtet  sind.  Gegen  das  Zentrum  wird  damit  nicht
vorgegangen;  es  ist  nur  vorgegangen  gegen  Beamte,  die  Kandidaten  großpolnischer
  Richtung  gewählt  haben.  Preußen  vertritt  nur  deutsche  Interessen,
  deshalb  handelt  es  sich  um  deutsche  Interessen.  Es  ist  gesagt
worden,  es  handelt  sich  bloß  um  Stadtverordnetenwahlen,  den  kommunalen
Körperschaften  sind  aber  wichtige  Staatsinteressen  anvertraut.  Mit  großer
Härte  ist  gegen  die  Beamten  nicht  vorgegangen  worden.  Sie  sind  aus
dienstlichem  Interesse  versetzt  worden  an  Orte,  wo  sie  solchen  Einwirkungen
wie  in  Kattowitz  nicht  mehr  auzsgesetzt  sind,  an  Orte,  unter  denen  sehr
schöne  sich  befinden  und  wo  sie  ihrem  religiösen  Bedürfnis  durchaus  nachgehen
  können.  Überall  sind  katholische  Kirchen.  Wir  gehen  auch  niemals
gegen  Beamte  wegen  ihrer  religiösen  Betätigung  vor.  Der  Abg.  Korfanty
hat  natürlich  in  seiner  Art  derartiges  behauptet,  aber  ohne  Beweismaterial
vorzubringen.  Die  Beamten  sind  lediglich  von  Kattowitz  entfernt  worden,
weil  die  Regierung  sich  von  ihrer  Tätigkeit  nichts  Gutes  versprechen  konnte.
(Zischen  beim  Zentrum  und  bei  den  Polen.)

Staatssekretär  Delbrück:  Der  Standpunkt  des  Herrn  Reichskanzlers,
den  ich  vorhin  zu  vertreten  die  Ehre  gehabt  habe,  ist  von  verschiedenen
Seiten  mit  verschiedenen  Gründen  angegriffen  worden.  Wenn  ich  jetzt  das
Wort  zur  Abwehr  dieser  Angriffe  ergreife,  so  habe  ich  mir  zweierlei  Fragen
vorzulegen.  Erstens:  ist  es  richtig,  daß  die  Beamten  in  Bezug  auf  die
Ausübung  ihrer  staatsbürgerlichen  Rechte  dem  Einfluß  des  Staates  vollständig
  entrückt  sind,  und  —  falls  diese  Frage  zu  verneinen  ist,  falls  dem
Staate  das  Recht  zusteht,  einen  gewissen  Einfluß  auf  die  staatsbürgerliche
Betätigung  seiner  Beamten  auszuüben  —  sind  die  tatsächlichen  Voraussetzungen
  unrichtig  gewesen,  die  den  Reichskanzler  veranlaßt  haben,  die  Versetzung
  von  Reichsbeamten  gutzuheißen  bezw.  anzuordnen?  Was  die  erste
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        22  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)

Frage  betrifft,  so  ist  doch  das,  was  wir  staatsbürgerliche  Freiheit  nennen,
ein  Komplex  von  Rechten,  die  verfassungsmäßig  dem  einzelnen  Staatsbürger
zugesprochen  sind.  Dies  ist  aber  kein  unbeschränktes  Recht.  Alle  Rechte
haben  eine  Grenze  an  dem  verfassungsmäßigen  Rechte  Dritter,  mögen  sie
begründet  sein,  wie  sie  wollen,  und  die  politischen  Rechte  der  Beamten
finden  ihre  Grenze  in  dem  öffentlich-rechtlichen  Dienstverhältnis,  das  die
Beamten  zum  Staate  eingehen.  Es  ist  unbestritten  Rechtens,  daß  das
dienstliche  Verhältnis  des  Beamten  gegenüber  dem  Staat  nicht  lediglich  die
Pflicht  des  Beamten  ist,  gewisse  Arbeiten  innerhalb  bestimmter  Fristen  zu
erledigen,  sondern  es  erstreckt  sich  auf  die  gesamte  dienstliche  und  außerdienstliche
  Tätigkeit  des  Beamten,  soweit  sie  in  Beziehung  tritt  zu  dem
Staate  und  seinen  Aufgaben.  Diese  Beschränkungen  sind  dem  Beamten  auch
nicht  willkürlich  auferlegt,  er  wird  nicht  in  das  Dienstverhältnis  zum  Staat
hineingeboren,  wie  der  Staatsbürger  in  sein  staatsbürgerliches  Verhältnis,
sondern  er  tritt  freiwillig  in  dasselbe  ein  und  unterliegt  damit  selbstverständlich
  den  ihm  bekannten  Beschränkungen.  Er  wird  besonders  auf  letztere
hingewiesen  und  übernimmt  sie  auch  nicht  umsonst,  denn  das  Beamtenverhältnis
  bringt  ihm  auf  der  anderen  Seite  eine  Reihe  von  materiellen
und  ideellen  Vorteilen,  äußere  Ehren,  eine  vorteilhafte  Stellung  im  öffentlichen
  Leben  und  eine  gesicherte  materielle  Existenz.  Gewiß,  es  gibt  viele
Leute,  die  darauf  Wert  legen.  Daraus  ergeben  sich  in  gewissen  Grenzen
Beschränkungen  in  der  Ausübung  seiner  staatsbürgerlichen  Rechte.  Das  gilt
grundsätzlich  für  mittelbare  und  unmittelbare  Staatsbeamte.  Wie  weit  man
im  einzelnen  Falle  bei  der  einen  oder  anderen  Kategorie  in  der  Art  der
Beschränkung  geht,  hängt  von  den  besonderen  Verhältnissen  ab  und  ist
lediglich  nach  dem  Gesichtspunkte  zu  prüfen,  ob  die  Handlungsweise  des
Beamten  in  dem  bestimmten  Falle  vereinbar  ist  mit  den  Interessen  und
Aufgaben  des  Staates  oder  nicht.  Ist  sie  nicht  vereinbar,  so  hat  der
Staat  daraus  die  Konsequenzen  zu  ziehen.  (Zurufe  von  den  Sd.)  Ich  habe
Herrn  Südekum  keinen  Vortrag  über  das  Wesen  des  Staates  zu  halten.
Der  Staat  hat  die  Aufgabe,  die  Interessen  der  Gesamtheit  nach  Maßgabe
der  Verfassung  und  des  bestehenden  Rechts  zu  vertreten.  Er  hat  die  persönliche
  Freiheit  der  Beamten  zu  beschränken,  wenn  ihre  Ausübung  im
Widerspruch  steht  mit  den  öffentlichen  Interessen,  die  der  Staat  verfassungsmäßig
  zu  vertreten  hat.  Handelt  es  sich  um  schwere  Verfehlungen,  so  wird
der  Staat  selbstverständlich  das  Disziplinargesetz  in  Anwendung  bringen,
liegt  der  Fall  milder,  hat  der  Staat  den  Eindruck,  daß  ein  sonst  pflichttreuer
  und  tüchtiger  Beamter  sich  nur  im  gegebenen  Moment  vergriffen  hat
und  infolgedessen  an  der  jetzigen  Stelle  nicht  mehr  verwendbar  ist,  so  versetzt
  er  ihn  im  Interesse  des  Dienstes.  In  dieser  Versetzung  liegt  in  der
Mehrzahl  der  Fälle  ein  Vorteil  für  den  Beamten,  indem  der  Staat  auf
die  disziplinare  Ahndung  und  die  damit  verbundene  Ehrenkränkung  verzichtet.
  Daß  die  Reichsregierung  und  die  preußische  Regierung  in  früheren
Fällen  weitherziger  und  milder  gewesen  sind  in  der  Handhabung  der  dargelegten
  Grundsätze,  ist  richtig.  Das  kann  ich  aus  meiner  30jährigen  Beamtentätigkeit
  bestätigen.  Es  dreht  sich  im  gegebenen  Falle  um  die  Frage:
Wie  hoch  sind  die  Interessen  zu  bewerten,  die  der  Beamte  durch  sein  Verhalten
  geschädigt  hat?  Ich  gebe  zu,  daß  es  nicht  ganz  leicht  ist,  ein  richtiges
  Bild  von  der  Bedeutung  der  polnischen  Bewegung,  ihrem  Wesen  und
ihren  Zielen  sich  zu  verschaffen.  Das  weiß  ich  am  allergenauesten,  der  ich
beinahe  ein  Menschenalter  hindurch  in  einer  unserer  zweisprachigen  Provinzen
  gearbeitet  habe.  Wenn  man  aber  auf  der  andern  Seite  die  Presse
und  Literatur  verfolgt  und  unbefangen  und  aufmerksam  das  Wachsen  der
Animosität  der  polnisch  sprechenden  Bevölkerung  gegen  die  Deutschen  be-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)  23

obachtet,  so  kommt  man  zu  dem  Ergebnis,  daß  die  die  polnischen  Interessen
vertretenden  Gruppen  sich  einig  sind:  Sie  wollen  die  nationale  Kultur  und
Geschichte  aufrecht  erhalten,  das  nationale  und  Kulturbewußtsein  der  polnischen
  Bevölkerung  heben.  Sie  wollen  das  nationale  Band,  das  die  jetzt
getrennten  Teile  des  ehemaligen  Königreichs  Polen  umschließt,  nicht  nur
nicht  locker  werden  lassen,  sondern  immer  fester  schließen,  und  die  Vertreter
der  verschiedenen  Richtungen  im  polnischen  Lager  haben  oft  und  wiederholt
der  Auffassung  Ausdruck  gegeben:  „Es  gibt  kein  Nationalbewußtsein  ohne
Staatsbewußtsein“,  und  dieses  wird  gepflegt  mit  dem  Nationalbewußtsein.
Die  Kattowitzer  Frage  kann  nur  im  Zusammenhang  mit  der  ganzen  Situation
  beurteilt  werden.  Den  Kommunalbehörden  sind  weitgehende  Rechte
übertragen,  und  in  Zeiten  so  hochgehender  politischer  Erregung  kann  allerdings
  die  Regierung  Wert  darauf  legen,  daß  in  den  städtischen  Kollegien
Männer  sind,  an  deren  zweifelloser  Treue  in  nationaler  Hinsicht  kein  Zweifel
ist.  Es  ist  darauf  hingewiesen  worden,  daß  die  beiden  in  Frage  kommenden
Kandidaten  weit  davon  entfernt  seien,  großpolnischen  Bestrebungen  zu  huldigen.
  Die  nationalpolnische  Propaganda  liegt  in  der  Hand  zweier  Vereine.
Das  sind  die  Socols  und  die  Straczvereine.  In  diesen  Vereinen  werden
die  Bestrebungen  auf  Wiederherstellung  Polens  gepflegt.  Der  eine  der
beiden  Herren  ist  ein  eifriger  Förderer  der  Socolvereine,  und  der  andere
ist  Starost  von  Straczvereinen.  Diese  Vereine  haben  ihre  Agitationsgruppen
  über  das  ganze  Land  verteilt,  und  an  der  Spitze  der  einzelnen
Agitationsgruppen  steht  ein  Starost.  Hiernach  wird  wohl  niemand  ernstlich
bestreiten  wollen,  daß  die  Regierung  wegen  der  großpolnischen  Bestrebungen
dieser  Herren  allen  Grund  hatte  vorzugehen.  Die  Polen  behaupten  immer,
sie  würden  geknechtet,  sie  wären  Heloten  der  Deutschen.  Die  polnischen
Herren  arbeiten  viel  mit  der  Geschichte  Polens.  Aber  sie  pflegen  130  Jahre
zu  überschlagen.  Diese  130  Jahre  liegen  zwischen  der  Okkupation  der  polnischen
  Landesteile,  Westpreußen  und  Posen,  und  der  heutigen  Zeit.  Auf
Oberschlesien  brauche  ich  hier  nicht  einzugehen,  denn  Oberschlesien  ist  altes
deutsches  Land.  In  Westpreußen  hat  der  deutsche  Orden  viel  dem  Unglauben
  und  der  Unkultur  abgerungen  und  für  das  Christentum  und  für
die  deutsche  Kultur  gewonnen.  An  dieser  Kulturarbeit  des  deutschen  Volkes
in  Westpreußen  haben  teilgenommen  alle  Gaue  des  deutschen  Vaterlandes
und  alle  Stände.  Fürsten,  Ritter,  Bürger,  Bauern  sind  hinausgezogen  und
haben  in  diesem  Lande  Denkmäler  deutscher  Kulturarbeit  gesetzt,  die  heute
noch  bestehen.  Auch  in  der  Provinz  Posen  ist  ein  Teil  der  Kultur,  namentlich
der  Städte,  deutsch  gewesen.  Aber  wie  sahen  diese  Lande  aus,  als  sie  an
Preußen  kamen?  Wüste  Höfe,  wüste  Felder,  die  erkennen  ließen,  daß  im
Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  eine  Anarchie  über  das  Land  dahingebraust
war  und  alles  weggeschwemmt  hatte.  Und  jetzt  blühende  Städte,  gut  aufgebaute
  Dörfer,  anstatt  wertloser  Forsten  Wälder  von  großem  Werte.  In
denselben  Landen,  wo  sich  die  Mehrzahl  der  Bevölkerung  in  wirtschaftlich
dürftiger  und  abhängiger  Lage  befand,  da  befindet  sich  heute  ein  Bauernstand,
  der  in  guten  Verhältnissen  auf  eigener  Scholle  sitzt.  An  Stelle  öder
Städte  sehen  wir  blühende  Städte.  In  diesem  ganzen  Lande  lebt  eine
Bevölkerung,  die  dieselben  verfassungsmäßigen  Rechte  genießt  wie  jeder
andere  Bürger  des  Reiches.  Die  preußische  Verwaltung  hat  diesem  Lande
Gesetz  und  Freiheit,  Kultur  und  Bildung  gebracht.  Wir  haben  dort  einen
wohlhabenden,  gebildeten  Mittelstand.  Wenn  dieses  Land  die  Güter  der
Kultur,  die  Wohlhabenheit  und  die  Bildung,  die  es  dem  preußischen  Staate
verdankt,  dazu  benutzt,  Waffen  zu  schmieden  gegen  den  Staat,  der  sein  Wohltäter
  gewesen  ist,  so  beweist  das  nicht,  daß  Preußen  die  polnisch  sprechenden
Untertanen  geknechtet  hat,  sondern  es  beweist,  daß  man  in  dem  aufgeklärten
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        24  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.)

Staate  Friedrichs  des  Großen  die  kulturelle  Aufgabe  des  Staates  höher
bemessen  hat  als  die  Erwägungen  kluger,  berechnender  Staatskunst.  Vielleicht
  hat  der  Staat,  der  mit  vollen  Händen,  ohne  zu  fragen,  an  wen  er
gab,  Wohltaten  ausstreute,  damit  eine  üble  Saat  ausgestreut.  Ich  kann
nur  wiederholen,  daß  das  Recht  des  Reiches  und  des  preußischen  Staates,
sich  gegen  solche  Bestrebungen  zu  wehren,  unbestreitbar  ist.  Wir  werden
uns  in  der  Verteidigung  dieses  Rechtes  nicht  irre  machen  lassen.  (Lebhafter
Beifall  und  Unruhe.)

13.  Januar.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  bespricht
  Staatssekretär  Dernburg  die  Forderung  der  Bürger  von
Lüderitzbucht,  daß  der  Kolonialgesellschaft  für  Südwestafrika  größere
Leistungen  auferlegt  und  ihre  Rechte  mit  Beendigung  der  Sperre
am  31.  März  1911  aufgehoben  würden.

Durch  die  Erwerbung  des  ganzen  Gebietes  mit  allen  Land-  und
Bergrechten  habe  aber  die  Kolonialgesellschaft  als  Rechtsnachfolgerin  von
Lüderitz  das  Bergregal  über  das  ganze  Schutzgebiet  erworben.  Durch  Abkommen
  mit  der  Gesellschaft  sei  aber  in  ihrem  Gebiete  seit  1909  allgemeine
Schürffreiheit  eingeführt  worden.  Die  Diamantenpachtgesellschaft  liefere
75%  ihres  Nettoertrages  an  den  Fiskus  ab.  Auch  von  dem  Rest  verbleibe
der  größere  Teil  den  Beteiligten  im  Schutzgebiet  und  nur  2½%  den  Beteiligten
  in  Berlin.

13.  Januar.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Debatte  über
Maßregelung  von  Reichsbeamten  in  Kattowitz.

Abg.  Schrader  (Fr.  Vg.):  Nach  §  13  des  Reichsbeamtengesetzes  ist
jeder  Beamte  für  die  Gesetzmäßigkeit  seiner  amtlichen  Handlungen  verantwortlich.
  Handelt  der  Staatssekretär  des  Innern  oder  der  Staatssekretär
der  Reichspostverwaltung  gegen  das  Gesetz,  so  trifft  auf  ihn  auch  diese  Bestimmung
  zu.  Der  Staatssekretär  beruft  sich  auf  die  Staatsnotwendigkeit.
Wer  befindet  denn  darüber?  Wenn  ein  Befehl  von  oben  herab  gesetzwidrig
ist,  so  ist  er  ungültig,  und  kein  Beamter  hat  sich  danach  zu  richten.  Man  hat
die  Versetzungen  der  Beamten  als  etwas  ganz  Unerhebliches  bezeichnet.  Ich
möchte  wissen,  ob  es  dem  Staatssekretär  gleichgültig  wäre,  wenn  er  wo
andershin  versetzt  würde.  Den  Treueid  hat  der  Beamte  nicht  dem  Staatssekretär
  oder  einem  Vorgesetzten  geleistet,  sondern  Seiner  Majestät  dem
König.  Es  darf  keinem  Beamten  etwas  zugemutet  werden,  was  ungesetzlich
ist,  und  am  wenigsten  kann  man  ihm  ein  Recht  vorenthalten,  das  jedem
Staatsbürger  zusteht,  das  Wahlrecht,  überhaupt  das  Recht  der  freien  Verfügung
  an  allen  Stellen,  wo  er  nicht  als  Beamter  auftritt.  Dasselbe  Recht
hat  er  auch  in  der  kommunalen  Körperschaft.  Der  Staatssekretär  hat  ausdrücklich
  gesagt,  die  Beamten  hätten  im  Interesse  des  Staates  zu  handeln:
was  aber  Interesse  des  Staates  ist,  hat  irgendein  Vorgesetzter  zu  bestimmen.
Danach  hätte  also  die  Exekutivgewalt  des  Staates  über  die  Stimmen  einer
nach  Millionen  zählenden  Anzahl  von  Personen  zu  verfügen.  Daß  das  der
Verfassung  nicht  entspricht,  kann  niemand  leugnen.  Wenn  eine  so  große  Anzahl
  von  Stimmen  einfach  gebunden  wird,  so  heißt  das  die  Verfassung  über
den  Haufen  werfen.  Der    Staatssekretär  macht  seine  Macht  jetzt  in  der  Polenfrage
  geltend;  wer  sagt  aber,  daß  es  allein  auf  die  Polenfrage  beschränkt
bleibt?  Mit  demselben  Recht  könnte  er  es  gegen  eine  andere  Partei  machen.
Wenn  Fürst  Bülow  diese  Theorie  gehabt  hätte,  hätte  er  die  Beamten  einfach
  kommandieren  können,  keinen  Zentrumsmann  zu  wählen.
        <pb n="33" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.)  25

Abg.  Dr.  Südekum  (Sd.):  Das  deutsche  Zentralproblem  ist  die
Wahlrechtsänderung  in  Preußen.  Der  Staatssekretär  und  die  ihm  nachgeordneten
  Stellen  haben  in  Kattowitz  vielleicht  nicht  gewollt,  aber  verübt
eine  ganz  gemeine  Wahlfälschung.  Diese  Abstrafung  von  Beamten  ist  ein
Aufruf  des  Volkes  gegen  solche  Manieren  der  Bureaukratie.  Wenn  der  Staatssekretär
  wirklich  dem  Staatszweck  dienen  will,  so  sollte  er  nicht  versuchen,
die  Gepflogenheiten  der  preußischen  Behörden  auf  die  Reichsverwaltung  zu
übertragen,  die  Freiheit  der  Staatsbürger  anzutasten  und  damit  das  Einzige
  und  Beste,  auf  dem  ein  Staatswesen  ruhen  kann.

Staatssekretär  Delbrück:  Gewiß  genießen  die  Beamten  in  der  Ausübung
  ihrer  verfassungsmäßigen  Rechte  grundsätzlich  dieselbe  Freiheit  wie
die  Staatsbürger;  gleichwohl  erfährt  diese  Freiheit  Einschränkungen  durch
die  besondere  Pflicht,  die  der  Beamte  dem  Staat  gegenüber  zu  erfüllen  hat.
Diese  Beschränkungen  sind  zwar  nicht  durchweg  gesetzlich  festgestellt,  aber
doch  unschwer  erkennbar.  Herr  Schrader  fragt,  wo  diese  gesetzlichen  Bestimmungen
  geschrieben  sind,  und  meint,  ich  würde  keinen  Juristen  finden,
der  mir  solche  namhaft  machen  könnte,  auf  Grund  deren  diese  Auffassung
gerechtfertigt  werden  könnte.  Er  hat  insofern  recht,  als  in  keinem  Gesetz,
weder  des  Reichs  noch  der  Bundesstaaten,  eine  fest  umschriebene  Definition
des  Beamtenbegriffs  steht.  Aber  um  so  eingehender  hat  sich  die  Regierung
mit  dieser  Frage  beschäftigt  und  die  Mehrzahl  unserer  namhaften  Staatsrechtslehrer
  steht  auf  dem  Standpunkt,  daß  der  Beamte,  wenn  er  ein  Amt
übernimmt,  in  ein  öffentlich  rechtliches  Dienstverhältnis  oder,  wie  Laband
sagt,  in  ein  Gewaltsverhältnis  zum  Staate  tritt,  und  dementsprechend,  da
der  Staat  selbst  nicht  sprechen  und  handeln  kann,  zu  den  zur  Vertretung
des  Staates  berufenen  Behörden.  (Lebhafte  Unruhe.)  Wenn  ein  derartiges
  Dienst-  und  Gewaltsverhältnis  besteht  —  ich  zitiere  diesen  Ausdruck
ungern  —  so  fragt  sich,  wo  die  Grenzen  dieses  Verhältnisses  liegen.  Soweit
  die  Grenzen  nicht  gesetzlich  festgelegt  sind,  müssen  sie  aus  den  Aufgaben
des  Beamten  und  seinen  Beziehungen  zum  Staate  abgeleitet  werden,  und
dann  kommt  man  dahin,  daß  die  Grenze  für  die  Möglichkeit  der  Beeinflussung
  des  Beamten  durch  den  Staat,  nicht  durch  die  nackte  Pflicht  der
Arbeitsleistung  gezogen  ist.  Der  Beamtenerlaß  Kaiser  Wilhelms  I.  fordert
nur,  daß  die  politischen  Beamten  sich  in  der  Unterstützung  der  Politik  der
Regierung  gewissen  Richtlinien  zu  fügen  haben.  Ich  frage  Herrn  Schrader,
aus  welchem  Gesetz  ist  denn  diese  Anordnung  zu  entnehmen?  (Zwischenrufe
  des  Abg.  Schrader.)  Sie  ist  aus  den  allgemeinen  Beziehungen  abzuleiten,
  die  ich  angegeben  habe.  Wenn  wir  jetzt  weitergegangen  sind,  so
ist  das  nicht  leichten  Herzens  geschehen;  ich  habe  ausdrücklich  darauf  hingewiesen,
  daß  diese  ausnahmsweise  Behandlung  des  Kattowitzer  Falles  als
ein  Akt  der  nationalen  Notwehr  anzusehen  ist.  Es  handelt  sich  um  den
speziellen  Fall,  darüber  hinaus  habe  ich  nicht  irgendwelche  Grundsätze  über
die  rechtlichen  Pflichten  der  Beamten  bei  den  Wahlen  aufgestellt.

Abg.  Kolbe  (Rp.):  Auch  wir  bedauern  die  Kattowitzer  Vorgänge,
aber  nicht  im  Sinne  der  Interpellanten.  Wir  bedauern,  daß  deutsche
Männer  an  der  Ostgrenze  so  stimmten,  daß  diese  Maßregelungen  überhaupt
notwendig  waren.  Natürlich  muß  die  Freiheit  der  Abstimmung  gewahrt
werden.  Aber  diese  Freiheit  hat  ihre  Grenze.  Selbst  die  katholische  „Schlesische
  Lehrerzeitung“  hat  die  Maßregelung  zwar  für  scharf,  aber  berechtigt
erklärt.  Wo  ist  da  die  angebliche  Erbitterung  unter  der  Lehrerschaft?  Aber
das  Zentrum  will  ja  die  Wahrheit  nicht  hören.  Selbst  Martin  Spahn
hat  die  polnische  Frage  für  eine  preußische  Gefahr  erklärt.  Wir  wollen
keine  Politik  der  Nadelstiche,  keine  Gendarmenpolitik,  aber  eine  energische
Abwehr  polnischer  Übergriffe.  Auch  die  Freisinnigen  sollten  endlich  zu
        <pb n="34" />
        26  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.)

einem  gesunden  Volksegoismus  erwachen,  der  die  Wohlfahrt  und  die  Ehre
des  Vaterlandes  in  allen  Fragen  voranstellt.

Abg.  v.  Dziembowski  (P.):  Fast  einmütig  ist  das  Verhalten  des
Staatssekretärs  verurteilt  worden.  (Widerspruch.)  Wäre  das  Reich  erschüttert
worden,  wenn  in  Kattowitz  zwei  polnische  Stadtverordnete  gewählt  worden
wären?  Warum  diese  Angst  vor  dem  Fleischermeister  Pakulla?  Hinter
der  ganzen  Geschichte  steckt  der  Ostmarkenverein,  der  der  Regierung  Vorschriften
  macht.  Das  ist  eine  Gefahr  für  den  Staat.  Wir  bekämpfen  nicht
den  Staat  als  solchen,  sondern  den  Hakatismus  und  seinen  Einfluß  auf
die  Regierungspolitik.  Weitergehende  politische  Träume  müssen  einem  Volk
gestattet  sein,  das  ist  noch  lange  kein  Hochverrat.  Mit  Zeitungsausschnitten
erledigt  man  die  polnische  Frage  nicht.  Wir  spielen  mit  offenen  Karten
und  kämpfen  mit  offenem  Visier.

Abg.  Lattmann  (W.  V.):  Die  Sozialdemokraten  sollten  bei  ihrer
furchtbaren  Parteidisziplin  etwas  Verständnis  für  die  Staatsdisziplin  haben.
Hat  sich  denn  Herr  Dr.  Südekum  bei  seiner  Rede  nicht  daran  erinnert,
wie  denn  die  freie  Überzeugung  der  eigenen  Leute  bei  den  Sozialdemokraten
geknechtet  wird?  Haben  Sie  denn  die  „edlen  Sechs",  die  Redakteure  des
„Vorwärts",  ganz  vergessen?  (Lärm  d.  Sd.)  Das  mag  Ihnen  unangenehm
sein!  Wenn  wir  einen  sozialdemokratischen  Staat  hätten  und  sozialdemokratische
  Beamte  würden  agrarisch  oder  christlich  denken,  so  würden  sie  zum
Teufel  gejagt.  Sie  würden  nicht  in  bessere  Orte  versetzt,  sondern  einfach
auf  die  Straße  gesetzt.

Abg.  Dr.  Doormann  (Fr.  Vp.):  Die  Stadtverordnetenwahlen  in
Kattowitz  sollen  dem  Kampf  für  die  Konfessionsschule  gegolten  haben.  Nun
sind  zwar  80  v.  H.  der  Kattowitzer  Einwohnerschaft  katholisch,  aber  nur
37  v.  H.  gehören  zum  Zentrum  bezw.  zu  den  Polen  und  nur  diese  wollen
die  Konfessionsschule.  Die  Mehrheit  der  Kattowitzer  Katholiken  ist  mit  der
Simultanschule  vollständig  zufrieden.  Von  geistlicher  Seite  ist  auch  niemals
  gegen  den  Religionsunterricht  in  der  Simultanschule  ein  Einwand
erhoben  worden.  Durch  das  Vorgehen  der  Regierung  ist  der  polnischen
Agitation  neues  Wasser  auf  die  Mühlen  geleitet  worden.  In  Oberschlesien
sind  die  Polen  unter  sich  nicht  einmal  einig,  und  diese  Entwicklung  hätte
man  weiter  vor  sich  gehen  lassen  sollen.  Hoffentlich  wird  der  Friede  zwischen
beiden  Nationalitäten  wieder  hergestellt.

13.  Januar.  (Sachsen.)  Die  Frage  der  Schiffahrtsabgaben
in  der  Ersten  Kammer.

Der  Ministerpräsident  Graf  Vitzthum  v.  Eckstädt  erwiderte  auf
verschiedene  Anfragen  aus  dem  Hause,  die  Regierung  lehne  nach  wie  vor
die  Einführung  von  Schiffahrtsabgaben  ab.  Dieser  Standpunkt  vertrage
sich  aber  auch  durchaus  mit  dem  Wunsche,  wie  bisher  die  bundesfreundlichen
Beziehungen  mit  der  preußischen  Regierung  in  altbewährter  Weise  zu
pflegen.  Er  glaube  im  übrigen,  auch  die  preußische  Regierung  teile  die
Ansicht,  daß  Verfassungsänderungen,  soweit  ihnen  grundsätzliche  Rechte  einzelner
  Bundesstaaten  entgegenstehen,  nicht  ohne  Zustimmung  dieser  Staaten
beschlossen  und  jedenfalls  nicht  gegen  ihren  Willen  zur  Durchführung  gelangen
  sollten.

13.  Januar.  (Reichstag.)  Bei  der  ersten  Beratung  der
Gesetzentwürfe  betr.  Änderungen  des  Gerichtsverfassungsgesetzes,  der
Strafprozeßordnung  und  eines  zu  beiden  Gesetzen  gehörenden  Einführungsgesetzes
  wies  der  neue  Staatssekretär  des  Reichsjustizamtes
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.)  27

Dr.  Lisco  auf  die  starke  Zuziehung  des  Laienelements  hin  und  auf
die  größere  Rücksichtnahme  gegenüber  dem  Beschuldigten  und  seinem
Verteidiger.

Eine  neue  Regelung  erfahre  der  Zeugniszwang  gegenüber  der  Presse.
Die  bisherige  Praxis  habe  dazu  geführt,  über  den  Zeugnispflichtigen  Maßregeln
  zu  verhängen,  die  zu  der  Bedeutung  der  Strafsachen  in  keinem  angemessenen
  Verhältnis  stehen.  Der  Entwurf  der  Strafprozeßordnung  gebe
den  Redakteuren,  Verlegern  und  Druckern  sowie  dem  technischen  Hilfspersonal
das  Recht,  die  Auskunft  zu  verweigern  unter  der  Voraussetzung,  daß  ein
Redakteur  wegen  des  Inhaltes  des  Artikels  bestraft  ist  oder  seiner  Bestrafung
kein  Hindernis  entgegensteht.  Begründe  jedoch  der  Inhalt  des  Artikels
z.  B.  den  Tatbestand  einer  öffentlichen  Aufforderung  zum  Hochverrat  usw.,
so  dürfen  der  Ermittelung  des  Verfassers  oder  Einsenders  keine  Schranken
gesetzt  sein.  Schließlich  sucht  die  Vorlage  der  Jugendfürsorge  besondere
Rechnung  zu  tragen.  Nach  längerer  Debatte  werden  die  Gesetzentwürfe  am
15.  Januar  einer  Kommission  zur  Vorberatung  überwiesen.

13.  Januar.  (Bayern.)  Kammer  der  Abgeordneten.  In
der  Generaldebatte  über  den  Etat  kam  der  Ministerpräsident  Frhr.
v.  Podewils  nach  einem  längeren  Rückblick  auf  die  Finanzreform
des  Reiches  auch  auf  verschiedene  andere  Reichs-  und  Landesfragen
zu  sprechen.

Der  diplomatische  Ausschuß  zeige  jetzt  eine  regelmäßige  Betätigung.
Den  Ausgang  des  Falles  Tremel  bezeichnete  der  Minister  als  einen  erfreulichen.
  An  die  Regierung  sei  übrigens  die  Angelegenheit  nicht  herangetreten.
  Die  Exkommunikation  durch  das  Ordinariat  sei  nicht  angedroht
worden.  Die  Kirchenbehörde  hat  lediglich  auf  gewisse  Vorschriften  von  1869
hingewiesen.  (Zuruf  L.:  Wahrung  der  Kronrechte.)  Den  Fall  Geith  berührte
  der  Minister  nur  allgemein.  Eine  Nebenregierung  gebe  es  in  Bayern
nicht,  früher  und  jetzt  nicht.  General  v.  Wiedemann  als  Chef  der  Geheimkanzlei
  sei  durchaus  korrekt  verfahren.  Man  habe  eine  programmatische
Erklärung  über  die  Meinungsfreiheit  der  Beamten  vermißt.  Die  Regierung
sei  die  letzte,  die  den  Beamten  das  Bedürfnis  ihrer  religiösen  Überzeugung
verüble.  Daß  das  Verhalten  der  Regierung  im  Falle  Brentano  davon  abweiche,
  treffe  nicht  zu.  Diese  Angelegenheit  unterstehe  jetzt  dem  Ressortminister.
  Was  für  Geith  gelte,  gelte  natürlich  auch  für  Brentano.  Was
über  die  Sitzungen  des  Ministerrats  verbreitet  worden  sei,  erklärt  der
Ministerpräsident  als  eine  haltlose  Kombination.  Abstimmungen  seien  im
Ministerrat  selten  und  in  dem  Falle  Geith  habe  Anlaß  zu  einer  Abstimmung
  auch  nicht  vorgelegen.  Parteipolitische  Verhältnisse  im  Landtage
könne  natürlich  die  Regierung  nicht  ignorieren.  Nur  dann  könne  man  von
einer  Schwäche  der  Regierung  sprechen,  wenn  sie  sich  gegen  ihre  eigene
Überzeugung  bestimmen  ließe.  Von  diesem  Standpunkt  sei  aber  die  Regierung
  nie  abgewichen  und  darauf  werde  er  weiter  verharren,  solange  er
im  Amt  sei.

Verkehrsminister  v.  Frauendorfer  gibt  zu  dem  Falle  Geith  noch
einige  Erörterungen.  Die  religiöse  Kundgebung  des  Ministerialdirektors
v.  Geith  habe  offenbar  einen  politischen  Einschlag  gehabt.  Aber  den  Beamten
  sei  selbstverständlich  nicht  verwehrt,  von  ihren  staatsbürgerlichen  Rechten
Gebrauch  zu  machen.  Voraussetzung  sei  natürlich,  daß  nicht  gegen  die  Gesetze
  verstoßen  werde  und  die  Beamten  dabei  nicht  in  Widerspruch  mit  ihren
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        28  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.  —  15.)

amtlichen  Pflichten  kommen.  Gewisse  Grenzen  seien  hier  gezogen.  Geith
habe  in  dieser  Richtung  aber  sich  nichts  zuschulden  kommen  lassen,  deshalb
sei  auch  kein  Anlaß  gewesen,  gegen  ihn  den  Disziplinarweg  zu  beschreiten.

13.  Januar.  (Reichstag.)  Sieg  der  Dernburgischen  Diamantenpolitik.


In  der  Budgetkommission  begründet  Abg.  Erzberger  (Z.)  den
Zentrumsantrag:  „Bergwerkssonderberechtigungen  und  Landkonzessionen
sind  vor  der  Verleihung  dem  Bundesrat  und  Reichstag  zur  Genehmigung
vorzulegen“,  zieht  ihn  aber  nach  den  Ausführungen  des  Kolonialsekretärs
zurück.  Zum  Schluß  der  Besprechung  stellt  der  Berichterstatter  die  allgemeine
  Anerkennung  dieser  Kolonialpolitik  des  Herrn  Dernburg  fest  und
beantragt  Genehmigung  der  südwestafrikanischen  Einnahmeposten  und  des
Nachtragetats  mit  zusammen  5,3  Millionen  Mark.  Der  Korreferent  schlägt
vor,  über  die  Lüderitzbuchter  Petitionen  zur  Tagesordnung  überzugehen,
um  nicht  schärfer  zu  werden.  Die  Budgetkommission  beschließt  dies  einstimmig.


14.  Januar.  Im  Staatsarchiv  zu  Münster  wurden  Text
und  Noten  von  drei  Liedern  von  Walther  von  der  Vogelweide  und
eines  Fragments  eines  Liedes  eines  anderen  Dichters  auf  dem  Umschlag
  zu  einer  Rechnung  vom  16.  Jahrhundert  ausfgefunden.  Es
handelt  sich  um  Abschriften  aus  dem  14.  Jahrhundert.

14.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Der
Abgeordnete  Noeren  hat  mit  Unterstützung  der  Zentrumsfraktion
folgenden  Antrag  eingebracht:

Die  königliche  Staatsregierung  ist  aufzufordern,  Maßnahmen  zur
Herbeiführung  eines  wirksameren  Schutzes  gegen  die  schweren  Schädigungen
zu  treffen,  die  unserem  Volksleben  durch  die  zunehmende  Verbreitung  der
öffentlichen  Unsittlichkeit  und  insbesondere  der  heranwachsenden  Jugend

durch  das  Überhandnehmen  der  Pornographie  und  Schundliteratur  zugefügt
  werden.

15.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Etatsdebatte.
  Das  frühere  Präsidium  v.  Kröcher  (K.),  Dr.  Porsch  (Z.)
und  Dr.  Krause-Königsberg  (Nl.)  wird  durch  Zuruf  wiedergewählt.
Dann  wird  auf  Antrag  des  Abg.  Kirsch  (Z.)  die  Kattowitzer  Affäre
aus  der  Etatsdebatte  ausgeschaltet.

Abg.  v.  Pappenheim  (K.):  Dem  Ministerpräsidenten  habe  ich  im  Auftrage
  meiner  Freunde  zu  erklären,  daß  auch  wir  uns  der  Hoffnung  hingeben,
  daß  wir  mit  ihm  auf  dem  Wege  sachlicher  Erwägungen  zum  Wohle
des  preußischen  Staates  arbeiten  werden.  Seine  reichen  Kenntnisse  der
preußischen  Verhältnisse  und  Bedürfnisse  werden  es  ihm,  davon  sind  wir
überzeugt,  ermöglichen,  auch  in  seiner  neuen  Stellung  zum  Nutzen  Preußens
zu  wirken.  Wir  wünschen  und  hoffen  dies  um  so  mehr,  als  wir  der  Ansicht
sind,  daß  das  Gedeihen  Preußens  und  die  Erhaltung  seiner  Machtstellung
im  Reich  die  sicherste  Gewähr  für  die  Erhaltung  eines  starken  Deutschtums
ist.  Die  außerordentliche  Inanspruchnahme  des  Ministerpräsidenten  durch
seine  Geschäfte  als  Reichskanzler  lassen  es  mir  zweifelhaft  erscheinen,  ob  er
imstande  sein  wird,  im  preußischen  Staatsministerium  dauernd  so  zu  wirken,
        <pb n="37" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.)  29

wie  es  wünschenswert  wäre.  Es  muß  erwogen  werden,  ob  darum  nicht  ein
Stellvertreter  für  seine  Geschäfte  in  Preußen  zu  ernennen  wäre.  Unsere
Stellung  zur  Wahlrechtsänderung  haben  wir  schon  früher  kundgegeben.  Dem
haben  wir  nichts  hinzuzufügen.  Die  Finanzreform  legt  uns  nahe,  von
neuem  zu  betonen,  daß  die  indirekten  Steuern  dem  Reich  und  die  direkten
Steuern  den  Einzelstaaten  auch  weiter  zustehen  müssen.  Die  direkten  Steuern
sind  unbedingt  notwendig  für  die  Einzelstaaten.  Der  preußischen  Regierung
kann  ich  den  Vorwurf  nicht  ersparen,  daß  sie  für  die  Verbreitung  dieses  Verständnisses
  im  Volke  nichts  getan  hat.  Die  Verhetzung  der  Bevölkerung
hätte  dann  nicht  soweit  getrieben  werden  können.  —  Der  Redner  bespricht
dann  im  einzelnen  den  Etat.  Es  werde  zu  prüfen  sein,  ob  nicht  in  der
Bergverwaltung  Mängel  vorhanden  seien.  Die  Gehaltsaufbesserungen  haben
die  Finanzlage  ungünstig  beeinflußt.  Wir  haben  das  möglichste  für  die
Beamten  getan.  Mögen  auch  die  Beamten  es  an  treuer  Pflichterfüllung
nicht  fehlen  lassen.  An  den  Schiffahrtsabgaben  halten  wir  unter  allen  Umständen
  fest.  Die  Entscheidung  über  diese  Frage  muß  jetzt  fallen.  Hic
Rhodus,  hic  salta!  Wir  werden,  wie  bei  der  Kanalvorlage,  hier  mit  eiserner
Konsequenz  vorgehen.  Im  übrigen  hoffen  wir,  daß  wir  nicht  durch  neue
Steuern,  sondern  durch  Hebung  der  Betriebsverwaltungen  und  durch  Sparsamkeit
  wieder  zu  gesunden  Finanzverhältnissen  kommen.

Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinhaben:  Ich  will  auf  die  Reichsfinanzreform
  auch  heute  nicht  materiell  eingehen.  Der  Vorwurf,  daß  die
preußische  Regierung  an  der  Verteuerung  der  Gebrauchsgegenstände  durch  die
Reichsfinanzreform  schuld  sei,  ist  unberechtigt.  Die  Finanzreform  ist  eine
Maßregel  des  Reiches  und  von  den  Verbündeten  Regierungen  durchberaten
und  beschlossen  worden.  Wir  tun  am  besten,  nicht  mehr  rückwärts,  sondern
vorwärts  zu  schauen,  die  Kritik  an  der  Reichsfinanzreform  einzustellen  und
uns  zu  vergegenwärtigen,  daß  sie  jedenfalls  die  Finanzen  des  Reiches  auf
eine  solide  Basis  gestellt  hat.  Die  nationalen  Parteien  sollten  sich  wieder
zusammenfinden  auf  dem  Boden  gemeinsamer  Arbeit  und  auf  die  unfruchtbare
  Erörterung  vergangener  Dinge  verzichten.  Eine  über  120  Millionen
hinausgehende  Inanspruchnahme  der  Eisenbahnüberschüsse  für  das  Extraordinarium
  soll  nur  in  äußersten  Ausnahmefällen  erfolgen.

Eisenbahnminister  v.  Breitenbach:  Was  die  Schiffahrtsabgaben  anlangt,
  so  ist  es  in  hohem  Maße  erwünscht,  diese  Frage  endlich  zum  Abschluß
  zu  bringen.  Ich  stelle  fest,  daß  die  von  uns  ausgearbeitete  Vorlage
allen  denjenigen  Bedenken  Rechnung  trägt,  die  von  den  Gegnern  der  Schifffahrtsabgaben,
  soweit  sie  nicht  grundsätzliche  Gegner  sind,  erhoben  worden
sind.  Preußen  hat  den  übrigen  Bundesstaaten  weitgehendstes  Entgegenkommen
  bewiesen;  jede  partikularistisch-fiskalische  Tendenz  ist  der  Vorlage
fremd.  Wir  sehen  in  der  Vorlage  ein  nationales  Werk,  deshalb  waren  wir
ursprünglich  auch  geneigt,  die  Sache  auf  reichsgesetzlichem  Wege  zu  regeln.
Daß  unsere  Vorlage  nicht  verkehrsfeindlich  ist,  erhellt  daraus,  daß  eine
Reihe  berufener  Handelsvertretungen,  so  die  Handelskammer  zu  Hamburg,
sich  mit  ihr  einverstanden  erklärt  hat.  Die  preußische  Regierung  ist  überzeugt,
  daß  sie  mit  dieser  Vorlage  Erfolg  haben  wird,  die  durchaus  den
traditionellen  bundesfreundlichen  Standpunkt  Preußens  wahrt.

Abg.  Dr.  v.  Jadzewski  P.):  Der  Ministerpräsident  hat  in  seiner  Antrittsrede
  auf  das  Vertrauensverhältnis  verwiesen,  das  sich  während  seiner
früheren  Tätigkeit  zwischen  dem  Hause  und  ihm  entwickelt  habe.  Besteht
dies  Vertrauen  wirklich?  Herr  von  Bethmann  hat  an  dem  Vereinsgesetz
und  an  der  Enteignungsvorlage  mitgewirkt,  die  einen  großen  Teil  des  Volkes
unter  eine  Ausnahmegesetzgebung  stellt.  Wo  soll  da  das  Vertrauen  herkommen?
  Wie  steht  es  mit  der  Besetzung  des  Erzbistums  Posen-Gnesen?
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        30  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.)

Wann  wird  endlich  die  Ausmerzung  der  polnischen  Sprache  aus  unseren
Schulen  im  Osten  aufhören?  Gerade  der  Kultusminister  hat  es  in  der
Hand,  Besserung  in  den  Ostmarken  eintreten  zu  lassen.  Darum  bitte  ich  ihn.

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  Der  Finanzminister  hat  vor  dem  Reichstag
  eine  tiefe  Verbeugung  gemacht,  weil  er  die  gestundeten  Matrikularbeiträge
  den  Einzelstaaten  abgenommen  hat.  Das  war  recht  unbegründet,
denn  diese  Beiträge  sind  lediglich  auf  die  Reichsschuld  übernommen  worden.
Das  hätten  wir  in  Preußen  auch  gekonnt.  Trotzdem  hat  der  Finanzminister
seinen  Rüffel  von  Herrn  v.  Pappenheim  bekommen,  weil  die  Regierung  das
Volk  nicht  gehörig  über  den  Segen  der  Finanzreform  aufgeklärt  habe.
Wäre  die  Finanzreform  eine  gute  Sache,  so  würde  sie  sich  von  selbst  empfehlen,
  aber  sie  ist  in  sozialpolitischer  Hinsicht  das  unglücklichste  Kind,  das
je  geboren  ist.  Wir  werden  die  Bevölkerung  darüber  aufklären,  daß  die
Konservativen  eine  gesunde  Finanzreform  verhindert  haben.  Die  Frage  der
Schiffahrtsabgaben  mit  den  anderen  Bundesstaaten  befriedigend  zu  regeln,
wird  Aufgabe  unserer  Gesandten  bei  diesen  Staaten  sein.  Wunderbar  ist
es,  daß  man  hier  vor  einer  Verfassungsänderung  nicht  zurückschreckt,  wie
man  es  bezüglich  der  mecklenburgischen  Frage  tut.  Der  Abg.  Friedberg
ging  dann  auf  die  Etats  der  Einzelministerien  ein.  Er  forderte  Ausbau
des  Wasserrechts  und  größere  Selbständigkeit  der  Kommunalverwaltungen.
Des  weiteren  kam  er  auf  die  Einführungsworte  des  Ministerpräsidenten  zu
sprechen.  Seine  Partei  will  ihm  ohne  Mißtrauen  begegnen,  ihn  aber  nach
den  Taten  beurteilen.  Er  machte  ihm  und  dem  Minister  des  Innern  zum
Vorwurf,  daß  die  Regierung  eine  konservative  Parteiregierung  sei.  Unter
der  Leitung  des  Herrn  v.  Moltke  werden  nur  konservative  Männer  in  die
Verwaltung  aufgenommen.

Minister  des  Innern  v.  Moltke:  Der  Vorredner  hat  mich  nach  dem
Stande  der  Vorarbeiten  zur  Verwaltungsreform  gefragt.  Die  dafür  niedergesetzte
  Kommission  ist  in  voller  Tätigkeit  und  hat  ihre  Arbeiten  an  verschiedene
  Unterausschüsse  verteilt.  Erstens  einen  Ausschuß  für  die  Vereinfachung
  des  Geschäftsverfahrens,  zweitens  einen  Ausschuß  für  die  Schuldenverwaltungen,
  drittens  für  die  landwirtschaftlichen  Verwaltungen,  viertens
für  die  Finanzverwaltungen,  für  das  Versicherungs-,  das  Kassen-  und
Rechnungswesen,  fünftens  ist  ein  Zentralausschuß  für  die  Frage  der  Dezentralisation
  gebildet  worden,  sechstens  ein  Ausschuß  für  das  Rechtsmittelwesen.
Die  Ausschüsse  haben  sich  eingehend  mit  den  gemachten  Vorlagen  beschäftigt.
Der  Ausschuß  für  die  Vereinfachung  des  Geschäftsverfahrens  hat  verschiedene
Vorschläge  ausgearbeitet  und  diese  sollen  dem  Könige  unterbreitet  werden,
worauf  sich  das  Staatsministerium  weiter  damit  beschäftigen  wird.  Ich
bin  davon  überzeugt,  daß  ein  erheblich  schnellerer  Ausbau  der  gestellten
Aufgaben  bei  den  Verwaltungsbehörden  dadurch  möglich  sein  wird,  und
eine  Ersparnis  nicht  nur  an  Zeit,  sondern  auch  an  Kräften  stattfinden  wird.
Der  Abg.  Friedberg  hat  weiter  mit  Recht  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß
viele  Materien  schon  mit  Erfolg  dezentralisiert  worden  sind.  Auch  in
meinem  Ressort  hat  sich  eine  große  Anzahl  von  Geschäften  herausgestellt,
die  von  einer  unteren  Stelle  besser  bearbeitet  werden  können  oder  auch  von
den  Organen  der  Selbstverwaltung.  Jedenfalls  wird  mit  allen  Kräften  an
der  Lösung  dieser  ganzen  Aufsgabe  gearbeitet.

Abg.  Herold  (Z.)  machte  aufmerksam,  daß  in  Herrn  v.  Rheinbabens
Etatsrede  zum  ersten  Male  von  seiten  der  Regierung  dem  Reichstage  für
die  Finanzreform  Dank  ausgesprochen  worden  sei.  Redner  polemisierte
dann  lange  und  sehr  heftig  und  unter  dauerndem  Lärm  gegen  die  Haltung
der  nationalliberalen  Partei  in  der  Frage  der  Finanzreform.  Geheimes
Wahlrecht  müsse  nicht  nur  für  den  Landtag,  sondern  auch  für  die  Kom-
        <pb n="39" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  16.  17.)  31

munalvertretungen  gefordert  werden.  Der  Hauptteil  der  Heroldschen  Rede
galt  den  klerikalen  Forderungen  auf  Herrschaft  der  Kirche  über  die  Schule.

16.  Januar.  (Berlin.)  Die  sozialdemokratische  Partei  veranstaltet
  in  Berlin  und  Umgegend  61  Wahlrechtsversammlungen,
in  denen  folgende  Resolution  angenommen  wird:

„Die  Versammelten  fordern  erneut  die  volle  staatsbürgerliche  Gleichberechtigung,
  insbesondere  die  Einführung  des  allgemeinen,  gleichen,  direkten
und  geheimen  Wahlrechts  für  alle  über  20  Jahre  alten  Männer  und  Frauen
auf  Grund  der  Verhältniswahl  und  geloben,  alles  daranzusetzen,  um  dieser
Forderung  zum  Siege  zu  verhelfen.  Die  Versammelten  erwarten,  daß  die
Parteileitung  der  preußischen  Sozialdemokratie  den  reaktionären  Plänen
der  Regierung  mit  allen  Mitteln  begegnet  und  für  die  Forderung  des
freien  Wahlrechts  einen  Wahlrechtssturm  entfesselt,  der  die  verjunkerte
Reaktion  niederzwingt.“

17.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  Etatsdebatte.

Abg.  Wiemer  (Fr.  Vg.):  Der  Finanzminister  hat  nun  tunlichste
Beschränkung  der  Ausgaben  auf  allen  Gebieten  angekündigt.  Wenn  der
Reichsschatzsekretär  im  Reichstage  Sparsamkeit  verlangt,  so  bin  ich  ganz
damit  einverstanden,  denn  die  Ausgaben  des  Reichs  sind  im  großen  und
ganzen  unproduktive  Ausgaben.  Wenn  aber  der  preußische  Finanzminister
zur  Sparsamkeit  mahnt,  dann  sage  ich:  Schade!  Im  vorigen  Jahre  hat
Herr  Sydow  als  Reichsschatzsekretär  mit  Recht  die  Forderung  nach  Sparsamkeit
  an  die  Spitze  seines  Programms  gestellt.  Jetzt  als  Handelsminister
in  Preußen  hat  er  für  die  Entwicklung  von  Handel  und  Verkehr,  für  die
Förderung  des  gewerblichen  Lebens  zu  sorgen,  und  hoffentlich  wird  er,
wenn  der  Finanzminister  ihn  zur  Sparsamkeit  mahnt,  manchmal  sagen:
Herr  Kollege,  das  ist  doch  ganz  etwas  anderes!  Ich  freue  mich,  daß  im
Etat  mehr  Mittel  für  den  gewerblichen  Unterricht  und  für  den  Fortbildungsschulunterricht,
  auch  auf  dem  Lande  ausgeworfen  sind.  Die  wichtigste
  Reform,  die  bevorsteht,  ist  die  Reform  des  Wahlrechts.  Es  besteht
ein  auffallender  Unterschied  zwischen  der  vorjährigen  und  der  diesjährigen
Thronrede.  Im  vorigen  Jahre  hieß  es:  „Es  ist  mein  Wille“,  und  die
organische  Fortentwicklung  des  Wahlrechts  wurde  als  „eine  der  wichtigsten
Aufgaben  der  Gegenwart“  bezeichnet.  In  diesem  Jahre  wird  nur  noch  von
einer  „ernsten  Aufgabe“  gesprochen.  Nun  haben  wir  ja  gehört,  daß  Graf
Reventlow  in  Oldesloe  ausgeführt  hat,  der  Kaiser  habe  sich  gegen  die
Erwähnung  der  Wahlrechtsreform  in  der  Thronrede  ausgesprochen,  und
Fürst  Bülow  habe  ernstlich  befürchtet,  der  Kaiser  würde  die  Stelle  auslassen.

Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (Fk.):  Der  Parteihader  ist  in  unserem  Vaterlande
  jetzt  besonders  groß.  Wir  sind  nahe  daran,  kaum  noch  einander  zu
verstehen.  Während  wir  in  den  letzten  Jahren  hier  in  ruhiger  Sachlichkeit
  die  Geschäfte  des  Hauses  erledigen  konnten,  hat  der  heutige  und  der
vorgestrige  Tag  Beispiele  von  Parteitaktik  gebracht,  die  nicht  gute  Hoffnungen
  erwecken.  (Rufe  L:  Herold!)  Gewiß,  den  meine  ich  auch!  Es  hat
sich  ein  Zwiespalt  zwischen  Stadt  und  Land,  zwischen  Handel,  Industrie
und  Landwirtschaft  herausgebildet.  Handel  und  Industrie  haben  sich  organisiert
  zu  dem  ausgesprochenen  Zwecke,  ihre  Interessen  mehr  geltend  zu
machen,  bis  jetzt  nicht  im  Gegensatz  zur  Landwirtschaft.  Hoffentlich  können
wir  Industrie  und  Landwirtschaft  als  treue  Verbündete  erhalten.  Aber
der  Umstand,  daß  das  mittlere  und  Kleingewerbe  sich  dieser  Organisation
        <pb n="40" />
        32  Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder.          (Januar 17.)

angeschlossen  hat,  gibt  doch  sehr  zu  denken.  Staatsverwaltung  und  politische
Körperschaften  werden  gut  tun,  dafür  zu  sorgen,  daß  der  Funke,  der  vielleicht
  hier  vorhanden  ist,  nicht  zu  einem  Feuer  ausbricht.

Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben:  An  Tarifermäßigungen  bei
der  Eisenbahn  können  wir  zurzeit  nicht  denken.  Es  versteht  sich  von  selbst,
daß  wir  für  jeden  Weg  dankbar  sind,  der  uns  zu  einer  immer  besseren
Erfassung  des  Einkommens  und  Vermögens  führt.  Es  ist  ja  in  der  Tat
ein  eigentümliches  Bild,  daß  wir,  die  wir  jahraus,  jahrein  für  eine  solche
strenge  Erfassung  gekämpft  haben,  hier  im  Landtag  immer  gescholten
worden  sind,  daß  wir  viel  zu  viel  Erklärungen  beanstanden,  und  nun
plötzlich  hören,  daß  die  Veranlagungsbehörden  das  Gegenteil  täten.  Ich
glaube,  daß  die  Steuerveranlagungsbehörden  ein  gutes  Gewissen  haben
und  daß  namentlich  der  Vorwurf  einer  absichtlichen  oder  fahrlässigen  Unterschätzung
  auf  dem  Lande  durchaus  unbegründet  ist.  Es  sind  eine  ganze
Anzahl  von  Fällen  in  den  einzelnen  Zeitungen  angeführt  worden.  Wir
haben  es  selbstverständlich  für  unsere  Pflicht  erachtet,  diesen  Fällen  nachzugehen,
  und  was  hat  sich  herausgestellt?,  daß  die  Veranlagung  in  all
diesen  Fällen  vollkommen  richtig  erfolgt  ist.  Seit  1892  bis  1908,  also  in
16  Jahren,  ist  die  Zahl  der  Steuerpflichtigen  von  2,44  Millionen  auf
5,88  Millionen  gestiegen,  das  Veranlagungssoll  von  121  Millionen  auf
273  Millionen,  also  um  190  Prozent.  Das  Veranlagungssoll  der  physischen
Personen  ist  auf  dem  Lande  von  30  auf  60  Millionen  gestiegen.  Das  ist
in  erster  Linie  wohl  ein  Zeichen  unseres  steigenden  Wohlstandes,  aber  es
ist  auch  unzweifelhaft,  daß  zu  diesem  Steuerergebnis  die  Nachprüfung  der
Veranlagungsbehörden  sehr  beigetragen  hat.  Im  Jahre  1909  sind  von
  720.000  abgegebenen  Steuererklärungen  33  Prozent  beanstandet  worden.
Früher  hätte  man  das  unerhört  gefunden,  jetzt  findet  man  das  noch  zu
wenig.  Durch  diese  Beanstandungen  sind  nicht  weniger  als  345  Millionen
Einkommen  mehr  erfaßt  worden,  wodurch  11,6  Millionen  mehr  an  Einkommensteuer
  aufgebracht  worden  sind,  die  ausgefallen  wären,  wenn  die
Beanstandung  nicht  erfolgt  wäre.  Infolge  der  Nachprüfung  sind  seit  diesen
16  Jahren  nicht  weniger  als  3  Milliarden  Einkommen  mehr  durch  die
Steuer  erfaßt  worden  mit  einem  Gesamtertrage  von  106  Millionen  Einkommensteuer.
  Auf  dem  Lande  ist  die  Veranlagung  der  physischen  Personen
in  diesem  Zeitraum  allein  um  99  Prozent  gestiegen.  Herr  Dr.  Friedberg
hat  die  Frage  der  inneren  Kolonisation  Schleswig-  Holsteins  gestreift.  Wir
beabsichtigen,  uns  an  der  neugegründeten  Ansiedlungsgesellschaft  zu  beteiligen.
  Zuletzt  kann  ich  Herrn  Dr.  Friedberg  noch  antworten,  daß  ein
Gesetz  über  die  Tagegelder  der  Beamten  in  Vorbereitung  ist  und  hoffentlich
  noch  im  Laufe  dieser  Session  an  den  Landtag  kommen  wird.

Abg.  Hirsch  (Sd.):  Wir  schließen  uns  dem  Mißtrauensvotum  der
Polen  für  den  wieder  abwesenden  Ministerpräsidenten  an.  Für  uns  ist
er  aus  seiner  Tätigkeit  als  Minister  des  Innern  und  Staatssekretär  kein
homo  novus,  er  ist  für  die  Dreiklassenwahl  und  mitschuldig  an  der  Steuerbelastung
  des  Volkes.  Wir  danken  auch  für  den  Großblock,  wenigstens  in
Preußen.  Vor  allem  lehnen  wir  eine  Ehe  mit  den  Nationalliberalen  ab,
wir  sind  allein  viel  stärker  als  bei  einem  Bündnis  mit  unsicheren  Kantonisten.
  Die  Finanzlage  ist  schlecht,  aber  nicht  wegen  der  Beamtenaufbesserung.
  Die  Staatsarbeiter  werden  noch  viel  zu  schlecht  entlohnt,
obenein  werden  sie  von  den  Vorgesetzten  politisch  geknebelt.  Zögen  wir
die  großen  Vermögen  wirklich  entsprechend  bei  der  Steuerveranlagung
heran,  so  wäre  das  Defizit  aus  der  Welt  geschafft.  Die  Forderungen  des
Zentrums  laufen  auf  eine  Verdummung  des  Volkes  hinaus.  Daher  auch
die  Gegnerschaft  gegen  Ferrer,  der  mehr  für  die  Aufklärung  des  Volkes
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  17.)  33

getan  hat,  als  alle  Zentrumsherren.  Der  Kultusetat  ist  schlecht  dotiert,
um  so  besser  aber  der  Polizeietat.  Die  Thronrede  enthält  so  wenig  über
die  Wahlreform,  daß  man  es  als  eine  Verhöhnung  des  Volkes  ansehen  muß.

Vizepräsident  Dr.  Porsch:  Ich  bilte,  sich  mit  etwas  mehr  Zurückhaltung
  über  die  Thronrede  zu  äußern.

Abg.  Hirsch  (Sd.):  Wir  lassen  uns  von  unserem  Kampf  um  das
Wahlrecht  nicht  abbringen.  Von  den  Freikonservativen  erwarten  wir
dabei  nichts,  ebensowenig  von  den  Nationalliberalen.  Das  Zentrum  ist
zwar  auf  dem  Papier  für  das  gleiche  und  geheime  Wahlrecht,  hat  aber
bisher  Taten  vermissen  lassen.  Auch  das  Verhalten  des  Freisinns  ist  nicht
gerade  anmutig.  Wir  wollen  aber  dem  Freisinn  zugute  halten,  daß  er
noch  von  der  Blockidee  befangen  war.  Ich  erkläre,  daß  wir  trotz  des
Verhaltens  des  Freisinns  gegen  uns  im  Wahlrechtskampf  mit  ihm  zusammengehen
  wollen,  wenn  es  der  Freisinn  damit  ehrlich  meint.

17.  Januar.  (Reichstag.)  Interpellation  über  die  Pensionsversicherung

  der  Privatbeamten.

Begründet  wurde  die  Zentrumsinterpellation  vom  Abg.  Sittart,
die  der  Nationalliberalen  vom  Abg.  Dr.  Stresemann.  Beide  Redner  verlangten
  eine  unzweideutige  Antwort,  ob  die  Verbündeten  Regierungen
bereit  seien,  die  schon  vor  längerer  Zeit  versprochene  Vorlage  betr.  die
Pensionsversicherung  der  Privatbeamten  in  kurzer  Zeit  einzubringen.  Sie
erwähnten  die  Gerüchte,  wonach  die  Regierung  in  letzter  Zeit  anderer
Meinung  geworden  sei  und  die  Vorlage  auf  unbestimmte  Zeit  zurückgestellt
  habe,  und  verlangten  Auskunft,  warum  das  geschehen  sei.  Sie
widerlegten  auch  alle  Gründe,  die  laut  geworden  sind,  um  die  angeblichen
Schwierigkeiten  zu  begründen.  Staatssekretär  des  Innern  Dr.  Delbrück
erklärte,  daß  die  technischen  Schwierigkeiten,  die  der  Vorlage  im  Wege
stehen,  größer  seien,  als  man  ursprünglich  annahm,  und  daß  sich  die  unabwendbare
  Notwendigkeit  ergeben  habe,  die  Vorlage  einstweilen  zurückzustellen.
  Er  werde  aber  bestrebt  sein,  sobald  er  dazu  in  der  Lage  sei,
einen  Gesetzentwurf  vorzulegen.  Diese  verblümte  Absage  rief  im  Hause
Mißstimmung  hervor,  die  auch  bei  der  nun  folgenden  Besprechung  der
Interpellation  deutlich  zum  Ausdruck  kam.  Selbst  der  konservative  Abg.
Dr.  Dröscher  sprach  mit  ungewöhnlicher  Schärfe  gegen  die  Regierung  und
fand  es  unverständlich,  warum  man  nicht  endlich  den  Mut  der  Entschlossenheit
  zu  der  Vorlage  habe.  Noch  entschiedener  äußerte  sich  der  freisinnige
Abg.  Hormann,  der  es  klipp  und  klar  heraussagte,  daß  hinter  den  Kulissen
gegen  die  Privatbeamtenversicherung  gearbeitet  werde  und  die  Regierung
diesen  Einflüssen  offenbar  unterlegen  sei.  Seine  Partei  müsse  auf  dem
Wunsche  beharren,  daß  noch  in  dieser  Session  eine  Vorlage  über  die  Versicherung
  der  Privatbeamten  eingebracht  werde.  Ihm  schlossen  sich  auch
die  Abgg.  Heine  (Sd.)  und  Linck  (Rp.)  an.  Im  gleichen  Sinne  sprachen
noch  die  Abgg.  Breiski  (P.),  Dr.  Burckhardt  (W.  V.)  und  Nacken  (Z.),  womit
  die  Interpellationsbesprechung  erledigt  war.

Sozialdemokratische  Interpellation  wegen  der  Entschädigung
der  durch  die  Finanzreform  brotlos  gewordenen  Tabaksarbeiter.

Nach  ihrer  Begründung  durch  den  Abg.  Geyer  (Sd.)  erklärte  der
Reichsschatzsekretär  Wermuth,  daß  den  geäußerten  Wünschen  durch  die  im
November  erlassenen  Ausführungsbestimmungen  Rechnung  getragen  werde.
Die  Zigarettenarbeiter  aber  könnten  in  die  Entschädigung  nicht  mit  einbegriffen
  werden,  weil  diese  nur  für  Zigarrenarbeiter  im  engeren  Sinne
des  Wortes  bestimmt  sei.  Dieser  Auffassung  traten  fast  alle  Redner  aus

Europäischer  Geschichtskalender.  Ll.  3
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        34  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  17,  18.)

dem  Hause  mit  Entschiedenheit  entgegen.  Einigkeit  herrschte  auch  darüber,
daß  der  zur  Gewährung  der  Unterstützungen  gegründete  4  Millionen-Fonds
nötigenfalls  erhöht  werden  müsse.

17.  Januar.  (Reichstag.)  Ein  Weißbuch  über  die  marokkanischen
  Minenfragen,  enthaltend  eine  Denkschrift  und  73  Aktenstücke,
  geht  dem  Reichstag  zu.

Darin  wird  die  Frage  behandelt,  ob  das  Berggesetz  Mulay  Hafids
vom  6.  Oktober  1908  nach  Artikel  112  der  Algecirasakte  und  dem  einstimmigen
  Beschluß  der  Mächte  vom  20.  August  1908  rechtsgültig  sei.  Da
das  verneint  werden  muß,  so  fallen  auch  die  Ansprüche  der  Gebrüder
Mannesmann,  die  aus  den  auch  in  der  Form  sonderbaren  Erlassen  vom
7.  Dezember  1908  und  20.  März  1909  gefolgert  werden,  zu  Boden.  Die
langwierigen  Bemühungen  zwischen  der  „Union  des  mines  marocaines“,
bei  der  auch  deutsche  Interessen  beteiligt  sind,  und  dem  Mannesmann-Syndikat
  einen  Ausgleich  herzustellen,  scheiterten.

18.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  überweisung

  des  Etats  an  die  Budgetkommission.

Abg.  Pachnicke  (Fr.  Vp.):  bemängelt  die  fortgesetzte  Abwesenheit
des  Ministerpräsidenten:  Eine  solche  Zurückhaltung  ist  nicht  vereinbar  mit
dem  Begriff  des  führenden  Geistes  und  mit  dem  Erfordernis  der  gegenwärtigen
  Lage.  Gerade  die  jetzige  Situation  erfordert  straffe  Zügel,  wir
brauchen  einen  Staatsman,  der  Ziele  steckt,  der  nicht  der  Taktik  des  Kunktators
  huldigt,  der  sich  nicht  in  Schweigen  hüllt.  Wir  brauchen  einen
Staatsmann,  dessen  Persönlichkeit  ein  System  darstellt  und  der  mit  diesem
System,  wenn  es  sein  muß,  fällt.  Nach  einem  Rückblick  auf  die  Reichsfinanzreform
  erinnert  er  an  das  Nichteinhalten  der  Gepflogenheiten  eines
neuen,  leitenden  Staatsmannes,  seinem  Vorgänger  anerkennende  Worte  zu
widmen,  schon  um  den  Schein  der  Kontinuität  zu  wahren.  Fürst  Bülow
hat  ohne  Ausnahmegesetz  und  ohne  Polizeimaßregeln  die  Zahl  der  sozialdemokratischen
  Abgeordneten  von  83  auf  43  herabgedrückt.  Warten  wir
ab,  welche  Früchte  die  neue  Politik  zeitigen  wird!  Im  Verkehrsinteresse
sei  das  preußische  Projekt  der  Schiffahrtsabgaben  zu  verwerfen.  Alle  Parteien
  haben  bei  Stichwahlen  schon  die  Sozialdemokratie  unterstützt,  auch
die  Konservativen,  in  Magdeburg  und  Neustadt-Landau.

Abg.  v.  Arnim-Züsedom  (K.):  Noch  auf  unserm  letzten  Parteitag
  wurde  unser  Prinzip:  „unter  allen  Umständen  gegen  die  Sozialdemokratie“
  klar  ausgesprochen.  Die  Ablehnung  der  Erbschaftssteuer  sei
ohne  Vereinbarung  zwischen  Zentrum  und  Konservativen  als  selbstverständlich
herbeigeführt  worden.  Der  Weg,  den  der  Finanzminister  bezüglich  der
Begrenzung  der  Zuschüsse  der  Eisenbahnverwaltung  für  allgemeine  Staatszwecke
  vorgeschlagen  hat,  scheint  meinen  politischen  Freunden  gangbar  zu  sein.
Den  Vorschlägen  über  die  innere  Kolonisation  stimmen  wir  eigentlich  nicht
zu;  denn  wir  haben  gesehen,  daß  in  der  zweiten  Generation  immer  wieder
die  Abwanderung  in  die  Städte  stattfindet.  Vielleicht  gelingt  es  uns  aber,
die  schlechten  Folgen  durch  geeignete  Maßnahmen  zu  verringern.  In  der
Frage  der  Schulinspektion  muß  ich  erklären,  daß  meine  politischen  Freunde
starke  Bedenken  in  Bezug  auf  die  Beseitigung  der  geistlichen  Schulinspektion
in  manchen  Bezirken  haben.

Abg.  Schmieding  (Nl.):  Die  Zentrumspartei  habe  ohne  weiteres
ihre  Grundsätze  aufgegeben,  um  den  Fürsten  Bülow  zu  stürzen.  Das  machen
wir  der  konservativen  Partei,  insbesondere  Herrn  von  Heydebrandt  zum
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)  35

Vorwurf,  daß  sie  dazu  die  Hand  geboten  hat,  daß  sie  nicht  einmal  versucht
  hat,  überhaupt  mit  dem  alten  Block  eine  Verständigung  zu  finden.
Bei  den  nächsten  Reichstagswahlen  wird  das  Zentrum  die  Entrüstung  des
Volkes  spüren.  Was  den  sogenannten  Ferrer-Rummel  betrifft,  so  ist  die
Sache  mit  diesem  Schlagwort  nicht  abgetan.  Wenn  auch  Ferrer  Anarchist
gewesen  ist,  so  trägt  doch  das  klerikale  Regiment  in  Spanien  die  Schuld
daran,  daß  solche  verkommenen  politischen  Zustände  dort  herrschen,  die  den
Ferrer-Rummel  immer  wieder  von  neuem  hervorbringen.  In  Spanien  ist
die  katholische  Religion  noch  Staatsreligion,  selbst  das  Ministerium  kann
sich  nicht  gegen  die  Geistlichkeit  durchsetzen,  der  Protestantismus  kann  nicht
einmal  seinen  Kultus  ausüben.  Das  ist  die  Freiheit,  die  Sie  (zum  Z.)
meinen,  nach  dem  Rezept:  „Wo  ihr  das  Regiment  habt,  verlangen  wir
Toleranz  in  eurem  Sinne,  wo  wir  die  Macht  haben,  unterdrücken  wir  euch
nach  unserem  Sinne.“  (Lärm  i.  Z.)  Das  ist  die  Freiheit,  die  Herr  Herold
fordert.  Die  Folge  der  klerikalen  Herrschaft  in  Spanien  ist,  daß  dem  Volke
die  religiöse  Ehrlichkeit  verloren  gegangen  ist,  daß  es  aber  um  so  bigotter
an  den  Äußerlichkeiten  seines  Kultus  hängt.  An  diesem  Regiment  des
Jesuitismus  ist  Spanien  zugrunde  gegangen.  (Unruhe  i.  Z.)  Wir  wünschen
auch,  daß  dem  Volke  die  Religion  erhalten  wird,  daß  der  christliche  Geist
auch  in  der  Schule  gepflegt  wird,  aber  wir  wünschen  nicht  diesen  fanatischen
  Geist,  sondern  ein  Evangelium  der  Liebe,  nicht  das,  was  Herr
Herold  predigt.  Nur  so  können  wir  ein  glückliches  Preußen  schaffen.

Abg.  Herold  (Z.):  Jeder  wird  begreifen,  daß  wir  für  den  Fürsten
Bülow,  der  unsere  Fraktion  schwer  beleidigt  hat,  keine  Freundschaftsgefühle
hegen  konnten,  aber  wir  brauchten  ihn  nicht  mehr  zu  stürzen.  Seit  den
Novembertagen  von  1908  war  es  ein  öffentliches  Geheimnis,  daß  die  Tage
des  Fürsten  Bülow  gezählt  waren.  Um  den  Bestand  unserer  Partei  braucht
man  nicht  besorgt  zu  sein;  bei  den  Wahlen,  die  nach  der  Reichsfinanzreform
  stattgefunden  haben,  haben  wir  bis  jetzt  recht  gut  abgeschnitten.
Wenn  wir  in  Dortmund  und  Essen  keinen  Erfolg  gehabt  haben,  so  liegt
das  eben  an  dem  Kompromiß  der  Nationalliberalen  und  aller  bürgerlichen
Parteien  mit  den  Sozialdemokraten,  aber  auch  dort  war  die  Gesamtzahl
der  Stimmen  größer  als  in  vergangenen  Jahren.  Seien  Sie  nur  beruhigt,
wir  werden  Ihnen  schon  noch  zu  schaffen  machen.  In  der  Polenfrage
verteidigen  wir  nur  das  Recht  der  Muttersprache,  aber  das  Großpolentum
unterstützen  wir  nicht.  Wir  werden  niemals  ablassen,  die  Freiheit  der
Polen  zu  schützen,  denn  wir  wollen  die  Gleichheit  aller  Staatsbürger.
Wenn  wir  Katholiken  in  Preußen  nur  dieselbe  Freiheit  hätten  wie  die
Evangelischen  in  Spanien!  Ist  es  etwa  Freiheit,  wenn  katholische  Ordensschwestern
  in  ihrer  Arbeit  gehindert  werden,  ist  es  Herrschaft,  wenn  wir
katholische  Schulen  fordern?  Ist  es  Herrschaft,  wenn  wir  Freiheit  für
Ordensniederlassungen  wünschen,  die  staatstreu  und  königstreu  sind?  Wir
wollen  nicht  die  Herrschaft  über  die  Schulen,  wir  erkennen  an,  daß  die
Schule  eine  Anstalt  des  Staates  ist,  aber  wir  verlangen,  daß  die  Kirche
mitwirkt,  und  daß  der  Religionsunterricht  in  konfessionellem  Geiste  erteilt
wird.  Kirche  und  Staat  sollen  in  der  Schule  zusammenarbeiten,  das  ist
christlicher  Grundsatz.  Ein  Kulturkampf  steht  nicht  bloß  bevor,  wir  befinden
  uns  mitten  im  Kulturkampf.

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  Die  katholische  Religion  ist  nicht  beschränkt.
  Die  preußische  Gesetzgebung  ist  viel  liberaler  als  die  bayerische,
dort  herrschen  die  Katholiken  und  ändern  doch  nicht  die  Gesetzgebung.
Wird  mit  der  Freiheit  der  Kirche,  ihrer  Entstaatlichung,  ernstlich  ein  Anfang
  gemacht,  so  sind  die  Geistlichen  immer  dagegen.  Als  in  Frankreich
die  Orden  unter  das  Vereinsgesetz  gestellt  wurden,  waren  die  Bischöfe  da-3*
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        36  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)

gegen.  Herr  Herold  will  das  Ordensgesetz  abschaffen,  aber  daß  die  Orden
dem  Vereinsgesetz  unterstellt  werden,  das  will  er  auch  nicht.  Selbstverständlich
  wünsche  auch  ich  Möglichst  den  Frieden  der  Konfessionen.  Diese
Gegensätze  hier  sind  gar  nicht  so  böser  Natur;  um  die  katholische  Religion
kümmern  wir  uns  gar  nicht,  aber  wir  halten  die  Rechte  des  Staates  aufrecht,
  wie  es  alle  guten  Staatsbürger  tun  sollen.

18.  Januar.  (Reichstag.)  Sozialdemokratische  Interpellation
über  den  Bergarbeiterstreik  im  Mansfelder  Revier.

Die  Interpellation  lautet:  „Ist  dem  Herrn  Reichskanzler  bekannt,
daß  bei  dem  kürzlich  im  Mansfelder  Bergrevier  ausgebrochenen  Bergarbeiterstreik
  Militär  zugezogen  ist,  um  den  Bergarbeitern  die  Ausübung
ihres  reichsgesetzlich  gewährleisteten  Koalitionsrechts  zu  erschweren  und  sie
an  dessen  Ausübung  zu  hindern?  Ist  dem  Herrn  Reichskanzler  ferner
bekannt,  daß  bei  diesem  Streik  Offiziere  und  Beamte  sich  viele  Verstöße
gegen  Reichsgesetze  zuschulden  kommen  ließen?  Was  gedenkt  der  Herr
Reichskanzler  zu  tun,  um  solchen  Vorkommnissen  für  die  Zukunft  vorzubeugen?“


Nach  einer  längeren  Begründung  durch  den  Abg.  Sachse  antworten
  Staatssekretär  des  Innern  Delbrück  und  preußischer  Kriegsminister
General  v.  Heeringen.  Staatssekretär  Delbrück:  Es  ist  richtig,  daß  aus
Anlaß  des  Streiks  im  Mansfelder  Berg-  und  Seekreis  Militär  zusammengezogen
  und  bis  gegen  das  Ende  des  Streiks  dort  verblieben  ist.  Nach
Art.  66  der  Reichsverfassung  sind  die  Bundesfürsten  berechtigt,  ihre
Truppen  zu  polizeilichen  Zwecken  zu  verwenden,  und  berechtigt,  Truppen
von  anderen  Kontingenten  für  den  gleichen  Zweck  zu  requirieren.  Ich
habe  zunächst  zu  untersuchen,  ob  die  Verwendung  des  Militärs  im  vorliegenden
  Falle  in  Übereinstimmung  mit  der  Reichsverfassung  erfolgt  ist.
In  dieser  Beziehung  habe  ich  festzustellen,  daß  das  Militär  herangezogen  ist
durch  die  zuständigen  Landräte,  nicht  durch  die  zuständige  Bergbehörde,
nachdem  am  21.  Oktober  in  Hettstedt  eine  nach  Tausenden  zählende  Menge,
in  der  sich  allerdings  auch  Frauen  und  Kinder  befanden,  schwere  Ausschreitungen
  vorgenommen  hatte,  denen  gegenüber  sich  die  Polizei  und
Gendarmeriemannschaften  wehrlos  gezeigt  hatten.  Es  wird  hiernach  wohl
nicht  bestritten  werden  können,  daß  die  Heranziehung  des  Militärs  im
Einklang  mit  den  Vorschriften  der  Verfassung  erfolgt  ist.  Es  sind  Ausschreitungen,
  die  dem  Gericht  Veranlassung  zu  einer  Anklage  wegen  Landfriedensbruchs
  gegeben  haben.  Es  ist  einwandfrei  festgestellt,  daß  eine
große  Anzahl  von  Arbeitswilligen  aus  der  Menge  heraus  nicht  nur  beleidigt,
sondern  auch  beschimpft,  daß  sie  angespieen  worden  sind,  und  daß  schließlich
die  vorhandenen  Mannschaften  der  Gendarmerie  und  Polizei  von  der  tobenden
  Masse  an  der  einen  Seite  des  Marktplatzes  an  die  Mauer  gedrückt
worden  sind.  Ich  betone  wiederholt,  daß  unter  diesen  Umständen  kein  Zweifel
darüber  sein  kann,  daß  die  betreffenden  preußischen  Landräte  durchaus  im
Einklang  mit  den  Bestimmungen  der  Reichsverfassung  das  Militär  zur
Hilfe  herbeigerufen  haben.  Mit  dieser  Feststellung  fällt  auch  die  weitere
Behauptung,  daß  das  Militär  herbeigerufen  wäre,  um  die  Bergarbeiter
in  der  Ausübung  ihres  Koalitionsrechts  zu  beschränken.  Die  Frage,  ob
bei  Unruhen,  die  aus  Anlaß  eines  Streiks  drohen  oder  entstehen,  militärische
Hilfe  zu  rufen  ist  oder  nicht,  ist  zu  entscheiden,  unabhängig  davon,  welches
die  Unruhe  des  Streiks  gewesen  ist.  Die  Polizeibehörden  haben  die  Pflicht,
die  öffentliche  Ruhe  und  Ordnung  aufrechtzuerhalten  mit  den  erreichbaren
verfassungsmäßigen  Mitteln,  ohne  Rücksicht  auf  die  Ursachen,  die  die  öffentliche
  Ruhe  und  Ordnung  gestört  oder  bedroht  haben.  Dabei  ist  der  Reichs-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)  37

kanzler  aber  der  Ansicht,  daß  grundsätzlich  die  Polizeibehörden  in  die  Lage
versetzt  werden  sollten,  ohne  militärische  Hilfe  nach  Möglichkeit  ihre  Pflicht
zu  erfüllen.  Da  der  Reichskanzler  aber  in  dieser  Auffassung  mit  dem
preußischen  Minister  des  Innern  eins  ist,  und  der  preußische  Minister  des
Innern  in  dieser  Hinsicht  wiederholt  Anordnungen  getroffen  hat,  fehlt  für
den  Reichskanzler  die  verfassungsmäßige  Voraussetzung,  sich  aus  diesem
Grunde  mit  dem  preußischen  Minister  des  Innern  ins  Einvernehmen  zu
setzen.  Es  sind  dann  von  dem  Vorredner  eine  Reihe  von  Vorkommnissen
vorgetragen,  bei  denen  nach  seiner  Ansicht  Militärpersonen  sich  bei  Ausübung
  des  polizeilichen  Schutzes  in  Widerspruch  mit  den  reichsgesetzlichen
Bestimmungen  gesetzt  haben.  Da  die  Verantwortung  für  Handlungen  der
Militärpersonen  auch  in  den  hier  vorliegenden  Fällen  allein  bei  den  militärischen
  Instanzen  liegt,  wird  der  Kriegsminister  nachher  auf  diese  Anführungen
  eingehen.  Es  sind  ferner  auch  gegen  Beamte  der  preußischen
Verwaltungen  Vorwürfe  erhoben  worden  in  der  Richtung,  daß  auch  sie
sich  mit  den  bestehenden  Reichsgesetzen  in  Widerspruch  gesetzt  hätten.  Ich
habe  in  dieser  Beziehung  festzustellen,  daß  Beschwerden  hierüber  bis  zur
Stunde  nicht  an  die  zuständige  preußische  Zentralstelle,  an  den  Minister
des  Innern  gelangt  sind.  Auch  bei  dem  Reichskanzler  sind  Beschwerden
irgendwelcher  Art  nicht  eingegangen.  Es  fehlt  also  bis  heute  dem  preußischen
Minister  des  Innern  die  Möglichkeit  des  Eingreifens,  und  es  fehlt  auch
für  den  Reichskanzler  zurzeit  in  diesem  Punkte  die  Voraussetzung  einer
Verständigung  mit  den  preußischen  Behörden  auf  Grund  des  Art.  4  der
Reichsverfassung.  Ich  werde  aber  das  heute  vorgebrachte  Material  dem
preußischen  Minister  mit  der  Bitte  übermitteln,  die  erhobenen  Vorwürfe
zu  prüfen  und  eventuell  Remedur  eintreten  zu  lassen.  Die  Erörterung
dieser  Beschwerden  wird  dann  an  den  preußischen  Landtag  zu  verweisen
sein,  da  die  Amtshandlung  der  Beamten  der  einzelnen  Bundesstaaten  nicht
durch  die  Verantwortlichkeit  des  Reichskanzlers,  sondern  durch  die  Verantwortlichkeit
  der  betreffenden  Ressortchefs  der  Bundesstaaten  gedeckt  wird.
Ich  glaube  unter  diesen  Umständen  mir  versagen  zu  müssen,  auf  die  Einzelheiten
  der  Interpellation  einzugehen,  und  ich  glaube  das  um  so  mehr  tun
zu  können,  als  ich  versichern  kann,  daß  der  Reichskanzler  mit  dem  preußischen
  Minister  darin  einig  ist,  daß  eine  gleichmäßige  unparteiische  Handhabung
  und  Beachtung  der  Gesetze  durch  die  Beamten  und  Behörden  der
Bundesstaaten  eine  der  vornehmsten  Voraussetzungen  unseres  Staatslebens
  ist.

Preußischer  Kriegsminister  General  v.  Heeringen:  Ich  betrachte  es
als  eine  günstige  Fügung  und  Vorbedeutung,  daß  das  erstemal,  wo  ich  die
Ehre  habe,  in  meiner  jetzigen  Dienststellung  hier  im  Hause  sprechen  zu  müssen,
es  sich  um  die  Abwehr  eines  Angriffs  gegen  die  Armee  handelt,  der  ganz
unbegründet  ist.  Der  Stellvertreter  des  Reichskanzlers  hat  bereits  auseinandergesetzt,
  daß  von  den  zuständigen  Behörden  die  Aufforderung  an  das
Generalkommando  des  vierten  Armeekorps  ergangen  ist,  Truppen  in  das
Streikgebiet  zu  schicken,  weil  die  Polizeibehörden  zur  Aufrechterhaltung  von
Ruhe  und  Ordnung  nicht  mehr  genügten.  Die  Militärbehörde  ist  gar  nicht
dafür  da  und  hat  gar  nicht  das  Recht,  diese  Aufforderung  nachzuprüfen.
Sie  hat  einfach  die  Pflicht,  wenn  die  zuständige  Behörde  ruft,  ihr  zu  folgen.
Ob  Feuer  oder  Wassersnot  die  Ursache  ist,  oder  wie  im  vorliegenden  Falle
aufgehetzte  Mitbürger  —  auf  die  Dienstmädchen  komme  ich  später  —  wir
müssen  an  Ort  und  Stelle  gehen  und  unsere  Pflicht  und  Schuldigkeit  tun.
Der  kommandierende  General  hat  alsbald  diejenige  Truppenmacht  ausrücken
lassen,  die  er  bei  der  ungeklärten  Lage  für  erforderlich  hielt.  Man  hat  sich
darüber  aufgeregt,  daß  den  Truppen  Maschinengewehre  mitgegeben  worden
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        38  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)

sind.  Es  hat  kein  Mensch  befohlen,  daß  die  Maschinengewehre  mitgenommen
werden.  Diese  sind  ein  integrierender  Bestandteil  der  Truppe;  wie  die
Infanterie  ihre  Gewehre  mitnimmt,  nimmt  sie  die  Maschinengewehre  mit,
dann  könnte  man  auch  der  Kavallerie  sagen,  daß  sie  die  Lanze  zu  Hause
läßt.  Die  Lage,  die  die  Truppen  im  Streikgebiet  vorfanden,  war  erheblich
weniger  harmlos,  als  der  Vorredner  sie  geschildert  hat.  Am  Abend  vorher
hatte  eine  nach  Tausenden  zählende  Volksmenge  versucht,  die  Gendarmen
nicht  nur  an  die  Wand  zu  drängen,  sondern  ihnen  die  Waffen  wegzureißen,
so  daß  tatsächlich  die  Gendarmen  ihres  Lebens  nicht  sicher  waren  und  ihren
Auftrag  nicht  durchführen  konnten.  Als  die  Truppen  abends  in  Hettstedt
angekommen  waren,  waren  sie  noch  um  11  Uhr  genötigt,  nicht  Frauen  und
Kinder,  sondern  einen  400  Köpfe  zählenden  Streikhaufen  zu  vertreiben.
Zwei  Kompagnien  geleiteten  die  Arbeitswilligen  durch  Hettstedt  und  trafen
auf  dem  Marktplatz  eine  ebenfalls  nach  Tausenden  zählende  Menge,  in  der
einige  Frauen  und  Kinder  waren,  die  aber  in  allererster  Linie  aus  Streikenden
  bestanden.  (Fortdauernde  Unterbrechung  von  den  Sd.  Zuruf  des
Abg.  Sachse:  Das  ist  ja  Unsinn!  Glocke  des  Präsidenten.  Vizepräsident
Erbprinz  zu  Hohenlohe:  Ich  bitte  Sie,  den  Redner  nicht  zu  unterbrechen,
da  ich  sonst  genötigt  bin,  Sie  zur  Ordnung  zu  rufen.  Zuruf  bei  den  Sd.:
Der  Mann  weiß  das  nicht,  man  hat  es  ihm  aufgebunden!  Erbprinz  zu
Hohenlohe  bittet  nochmals  energisch,  die  Zwischenrufe  zu  unterlassen.)  Erst
nach  zweimaligem  Trommelwirbel  ging  die  Menge  zurück,  so  daß  die  Truppen
Gott  sei  Dank  nicht  genötigt  waren,  von  der  Waffe  Gebrauch  zu  machen.  Die
Koalitionsfreiheit  ist  von  seiten  der  Truppen  nicht  angegriffen,  damit  haben
wir  überhaupt  nichts  zu  tun.  Für  die  Truppen  begann  ein  recht  anstrengender
  Dienst.  Drei  Wochen  sind  sie  kaum  aus  den  Kleidern  gekommen.
Wenn  Sie  die  Leute  an  Ort  und  Stelle  gesehen  hätten,  hätten  Sie  erkannt,
was  für  einen  ermüdeten,  angestrengten  Eindruck  sie  machten.  Sie  mußten
auf  weite  Entfernungen  unter  fortwährenden  Beleidigungen  die  Arbeitswilligen
  bei  zweimaligem,  täglichem  Schichtwechsel  begleiten.  Das  hat  die
Truppen  so  angestrengt,  daß  schließlich  Kavallerie  herangezogen  werden
mußte.  Ob  der  Arbeiter  reichstreu  ist  oder  nicht,  ist  für  die  Armee  in
diesem  Falle  einerlei.  Für  uns  kommt  es  darauf  an,  daß  der  Arbeiter
Ruhe  und  Ordnung  hält.  Daß  die  Truppen  mit  großer  Besonnenheit
vorwärts  gegangen  sind  und  sich  jeder  Provokation  enthalten  haben,  zeigt
erstens,  daß  überhaupt  kein  Zusammenstoß  mit  der  Bevölkerung  stattgefunden
  hat  und  zeigt  zweitens  die  geringe  Zahl  der  Verhaftungen.  JIch
erkenne  ohne  weiteres  an,  daß  auch  die  Streikleitung  sich  bemüht  hat,  Zusammenstöße
  zu  vermeiden.  Es  ist  wiederholt  in  Versammlungen  und  durch
Rundschreiben  darauf  hingewiesen,  daß  dem  Militär  kein  Anlaß  gegeben
werden  sollte,  einzuschreiten.  Aber  diese  meine  Anerkennung  wird  doch
etwas  beeinträchtigt:  es  hieß  dabei  immer  „solange  das  Militär  da  bleibt".
Alle  Nachrichten  stimmen  damit  überein,  daß,  sobald  unsere  Truppen  dem
Streikgebiet  den  Rücken  gewandt  hätten,  die  Tätigkeit  gegen  die  Arbeitswilligen
  erst  recht  wieder  ausgenommen  worden  wäre.  Tatsächlich  ist  beim
Generalkommando  erwogen  worden,  die  Truppen  zurückzuziehen.  Aber
alle  Tage  hat  man  mit  Bedauern  zu  der  Ueberzeugung  gelangen  müssen,
daß  die  Zeit  noch  nicht  gekommen  sei;  erst  nachdem  Ruhe  und  Ordnung
wieder  hergestellt  waren,  konnten  die  Truppen  wieder  abziehen.  Der  Abg.
Sachse  hat  eine  Anzahl  Klagen  vorgebracht.  Ich  war  neugierig  und
konnte  mir  keinen  Vers  daraus  machen,  welche  Verstöße  gegen  die  Reichsgesetze,
  von  denen  in  der  Interpellation  gesprochen  wird,  vorgekommen
sein  sollen.  Ich  habe  versucht,  mich  aus  der  Presse  aller  Parteien  zu
orientieren.  Auch  da  kam  ich  auf  keinen  irgendwie  ernsten  Verstoß.  Wenn
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)  39

man  das  Ergebnis  der  Anklage  des  Abg.  Sachse  von  heute  zieht,  so  ist  es
ein  höllisch  mageres.  Wenn  Truppen  in  so  schwierige  Verhältnisse  hineinkommen
  (Unterbrechungen  bei  den  Sd.,  fortdauernde  Unruhe;  Glocke  des
Präsidenten.  Vizepräsident  Erbprinz  zu  Hohenlohe:  Herr  Hus,  ich  muß
Sie  bitten,  die  Zwischenrufe  zu  unterlassen,  wenn  Sie  sprechen,  werden  Sie
auch  nicht  durch  die  Vertreter  der  Regierung  gestört.  Ich  muß  Sie  dringend
bitten,  Gegenseitigkeit  walten  zu  lassen).  Ich  habe  mich  gewundert,  daß
alles  so  glatt  gegangen  ist.  Ich  komme  zu  den  Einzelheiten.  Selbstverständlich
hat  niemand  etwas  dagegen,  wenn  ein  Mann  mit  einer  weißen  Binde
herumgeht  und  Ordnung  hält.  Gegen  Ordnungsmänner  ist  tatsächlich  nur
da  eingeschritten  worden,  wo  sie  ihr  sogenanntes  Amt  in  lautester,  provokatorischer
  Weise  in  unmittelbarer  Nähe  der  Truppen  auszuüben  suchten.
So  lautet  die  Instruktion  und  so  lauten  auch  die  tatsächlichen  Berichte.
Ich  konstatiere  nur  eins:  Auch  heute  ist  an  mich  nicht  die  Idee  einer  Beschwerde
  aus  dem  Streikgebiet  gekommen,  und  Sie  sind  doch  sonst  nicht
so  bescheiden!  Ich  komme  jetzt  auf  das  Dienstmädchen  und  auf  die  Frauen
von  Kelbra.  Es  hat  ja  sehr  schön  geklungen,  hat  auch  in  den  Zeitungen
sehr  schön  gestanden,  hat  nur  den  einen  Nachteil,  daß  es  absolut  unwahr
ist.  Es  ist  überhaupt  in  dem  ganzen  Streikgebiet  keine  einzige  Frau  verhaftet
  worden.  Nachdem  das  in  der  Zeitung  stand,  und  ich  diesen  Roman
las,  habe  ich  mich  gewundert  und  habe  das  Generalkommando  zum  Bericht
aufgefordert,  und  es  hat  berichtet:  Von  seiten  der  Polizei  ist  keine  Frau
verhaftet  worden.  (Zuruf:  Aber  Mädchen!)  Wenn  ich  sage,  keine  Frau
verhaftet,  dann  ist  auch  kein  Mädchen  verhaftet.  Ein  Mann,  der  in  die
Pferde  gefallen  ist  —  der  Mann  ist  mit  Absicht  hineingefallen,  und  daß
man  sich  das  nicht  gefallen  läßt,  ist  klar  —  ist  verhaftet  worden  und  wehrte
sich  derartig  gegen  seine  Verhaftung,  daß  das  ganze  Gefängnis  dabei  in
Trümmer  ging.  Gewiß  sind  die  Flugblätter  angehalten  worden.  §  30  des
Reichspreßgesetzes  läßt  den  §  10  des  preußischen  Gesetzes  von  1850  noch
in  Kraft,  wonach  unentgeltliche  Verteilung  von  Flugblättern  an  die  Genehmigung
  der  Ortsbehörde  gebunden  ist.  Diese  Genehmigung  war  im
vorliegenden  Falle  nicht  erfolgt.  Weiter  führt  Herr  Sachse  Beschwerde,
daß  der  kommandierende  General  keine  Antwort  erteilt  habe,  als  er  eine  Depesche
  bekam.  Ich  habe  ihn  nicht  danach  gefragt,  aber  ich  glaube,  er  hat
es  nicht  getan  —  ich  hätte  es  auch  nicht  getan  —,  weil  die  Depesche  in
ostentativer  Weise  unterzeichnet  war:  Der  Streikleiter,  gezeichnet  Sachse.
Mit  solchen  Instanzen  braucht  man,  glaube  ich,  nicht  zu  verhandeln.  Im
übrigen  war  eine  Antwort  auch  gar  nicht  notwendig,  denn  die  Sache  war
bereits  erledigt.  Nun  kommt  der  Vorgang  in  Kelbra,  wo  ein  Offizier  mit
Schießen  gedroht  haben  soll.  Der  Tatbestand  ist  einfach  so:  Ein  Junge,
der  Flugblätter  verteilt  hatte,  lief  weg,  der  Posten  hinter  ihm  her.  Der
Offizier  fragte  nachher  den  Posten,  warum  er  nicht  geschossen  habe,  und
da  sagte  der  Mann  einfach  sehr  richtig:  „Weil  der  Betreffende  noch  nicht
verhaftet  ist",  und  da  sagte  der  Offizier:  „Da  haben  Sie  sehr  recht  getan.“
Also  ich  sage,  es  ist  sehr  wenig  herausgekommen.  Die  Armee  zählt  solche
„Vergnügungen“"  wahrlich  nicht  zu  ihren  Annehmlichkeiten.  Selbst  das
tatendurstigste  Mitglied  der  Armee  weiß  ganz  genau,  daß  auf  der  Straße
uns  keine  Lorbeeren  blühen,  und  daß  wir  unsere  Zeit  besser  zu  verwenden
haben,  um  uns  geschickt  zu  machen  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes.
Ebenso  aber  müssen  wir  betonen:  Wenn  wir  berufen  werden,  werden  wir  fest
stehen,  um  Recht  und  Ordnung  unter  allen  Umständen  aufrecht  zu  erhalten.
Auf  Antrag  Singer  wird  einstimmig  Besprechung  beschlossen.
  Abg.  Arendt  (Rp.):  Auch  ich  begrüße  es  mit  großer  Freude,  daß
in  Mansfeld  kein  Blut  geflossen  ist.  Das  danken  wir  der  außerordentlich
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        40  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)

kaltblütigen  Umsicht  der  Gendarmen  und  dem  tatkräftigen  Eingreifen  des
Militärs.  Das  ist  nicht  nur  die  Anschauung  der  bürgerlichen  Kreise.  Auch
Herr  Sachse  muß,  wenn  er  ein  Gewissen  hat,  in  erster  Linie  dem  Militär
danken.  Ich  kann  Ihnen  aus  meinen  an  Ort  und  Stelle  vorgenommenen
Ermittelungen  und  den  Unterhaltungen,  die  ich  mit  allen  Kreisen  der
Mansfelder  Bevölkerung  gehabt  habe,  ein  vollkommen  anderes  Bild  der
Dinge  geben,  wie  sie  sich  in  Wirklichkeit  dort  gestaltet  haben.  Der  Redner
macht  Mitteilungen  nach  Schilderungen  von  Augenzeugen.  Da  hat  Herr
Sachse  allerdings  in  einer  Versammlung  am  Schluß  gesagt:  Verhaltet  euch
ruhig.  Aber  was  er  vorher  in  der  ganzen  Rede  gesagt  hatte,  wirkte  eben
dahin,  daß  die  Leute  auf  die  Straße  gingen.  (Abg.  Sachse  ruft:  Hierauf
kommt  es  nicht  an!)  Auf  die  Tatsachen  kommt  es  an,  daß  die  Streikunruhen
  unmittelbar  nach  der  Versammlung  begannen.  Das  zeigt  den
Zusammenhang.  Die  Sache  war  vollständig  organisiert  mit  Radfahrerkundschaftern,
  mit  ausgegebenen  Paroleworten.  Die  Gendarmen  wurden
am  Schutze  der  Arbeitswilligen  verhindert.  Frauen  mit  Kindern  auf  dem
Arm  bespuckten  die  Arbeitswilligen,  bewarfen  sie  mit  Steinen.  Leute
mußten  ins  Krankenhaus  gebracht  werden,  einer  sogar  ins  Irrenhaus.
Diese  „harmlosen“  Vorgänge  haben  darin  bestanden,  daß  gegen  14  Personen
eine  Voruntersuchung  wegen  der  Verbrechen  des  komplizierten  und  einfachen
  Landfriedensbruchs  schwebt,  außerdem  sind  135  Strafanzeigen  erlassen
  und  35  Strafkammeranträge  erhoben.  Nicht  zum  Schutze  des  Arbeitgebers,
  sondern  der  Arbeitswilligen  ist  das  Militär  gekommen.  Die  zuständigen
  Behörden  hätten  sich  eines  Pflichtvergessens  schuldig  gemacht,
wenn  sie  es  nicht  gerufen  hätten.  Die  Arbeitswilligen  waren  in  Lebensgefahr.
  Ohne  das  Militär  wäre  alles  drunter  und  drüber  gegangen.  Es
hätte  ein  Blutvergießen  gegeben,  ein  großes  Unglück  wäre  eingetreten,  das
Herr  Sachse  auf  dem  Gewissen  hätte.  Das  Militär  war  ein  wahrer  Segen.
Demgegenüber  fällt  es  nicht  so  schwer  ins  Gewicht,  wenn  hier  und  da  ein
Unteroffizier  oder  ein  Leutnant  sich  inkorrekt  benommen  hat.  Die  Mansfelder
  Knappen  sind  immer  noch  reichstreue  Männer.  Ein  alter  Bergmann,
der  mitgestreikt  hatte,  erklärte  mir  offen:  Wenn  der  Kaiser  ruft,  dann
jagen  wir  alle  Roten  zum  Teufel!  In  Mansfeld  handelte  es  sich  gar  nicht
um  die  Organisation,  sondern  um  die  Agitation.  Die  sozialdemokratische
Verhetzung  sollte  zurückgewiesen  werden.  Es  war  ein  Streik  der  Minderheit,
  bei  dem  mit  den  lächerlichsten  Nachrichten  gearbeitet  wurde.  So
wurde  berichtet,  daß  durch  50  Millionen  aus  England  die  Streikkassen  so
voll  seien,  daß  das  Geld  auf  die  Nachbarorte  verteilt  werden  mußte.  Arbeitswillige
  sind  bespuckt  worden,  wahrscheinlich  im  Namen  der  Koalitionsfreiheit.
  Beamte  wurden  schwer  beleidigt.  Da  kann  man  es  der  Gewerkschaft
  nicht  verdenken,  wenn  sie  nicht  alle  Leute  wieder  einstellt.  Allgemeiner
Dank  gebührt  dem  Landrat  v.  Hasse,  der  zur  rechten  Zeit  das  Militär
herbeirief.  Die  „Reichstreuen“  haben  sich  beim  Streik  durchaus  bewährt.
Es  sind  nicht  Gesinnungslumpen,  sondern  treue  Knappen.  Mit  diesem
Kern  wird  es  gelingen,  den  alten  Ruhm  unseres  Bezirks  als  des  reichstreuen
  Mansfelds  wiederherzustellen.  Bei  dem  Streik  handelte  es  sich  um
eine  Prinzipienfrage,  bei  der  die  Mansfelder  Gewerkschaft  nicht  nachgeben
konnte.  Sonst  hätte  sie  das  Heft  völlig  aus  der  Hand  verloren.  Es  wäre
gewiß  auch  ohne  Maschinengewehre  gegangen.  Wenn  aber  eine  Truppe  ausrückt,
dann  kann  sie  doch  ihre  Waffen  nicht  zu  Hause  lassen.  Die  Mansfelder  wollen
von  den  sozialdemokratischen  Verführern  nichts  wissen.  Wir  werden  die  politische
  Kinderkrankheit,  die  Sozialdemokratie,  siegreich  überwinden.  Kein  Volk
kann  sich  die  Gewaltherrschaft  der  Sozialdemokratie  gefallen  lassen.  In  Mansfeld
  ist  ein  treuer  Kern  von  Arbeitern,  der  immer  reichstreu  sein  wird.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)  41

Abg.  Dr.  Fleischer  (Z.):  Die  katholischen  Bergleute  sind  nicht  mitschuldig
  an  den  Vorgängen  in  Mansfeld.  Ihre  Berichte  stimmen  nicht
mit  den  Schilderungen  des  Herrn  Sachse,  sondern  mit  der  Darstellung  des
Kriegsministers  und  des  Vorredners  überein.  Man  hat  die  arbeitswilligen
Arbeiter  von  oben  bis  unten  besponnen.  Die  Arbeitswilligen  wurden  bedroht,
  daß  sie  mit  Säure  begossen  werden  würden.  Die  katholische  Geistlichkeit
  hat  den  katholischen  Arbeitern,  die  sich  an  sie  wandten,  den  Rat  gegeben,
  sich  am  nächsten  Tage  nicht  zur  Arbeit  zu  begeben,  da  sie  als  Familienväter
  nicht  ihr  Leben  aufs  Spiel  setzen  dürfen.  Wenn  die  katholischen
Arbeiter  sich  mit  den  sozialdemokratischen  zu  dem  Streik  entschlossen  und
sie  dann  im  Stiche  gelassen  hätten,  dann  würde  ich  es  mißbilligen.  Aber
davon  war  gar  keine  Rede.  Die  Sozialdemokraten  haben  sich  in  einer
aller  Sitte  und  Gerechtigkeit  hohnsprechenden  Weise  benommen.  Die  Sozialdemokraten
  verunglimpfen  und  vergewaltigen  jeden  Arbeiter,  der  anderer
Meinung  ist  als  sie.  Die  Sozialdemokraten  haben  keinen  Respekt  vor  der
Koalitionsfreiheit!  Gewöhnen  Sie  sich  doch  daran,  daß  es  noch  andere
Meinungen  gibt  als  die  Ihrige.  Glauben  Sie  doch  nicht,  daß  Sie  allein
recht  haben.  Die  Mißstände  in  Mansfeld  beschönige  ich  nicht.  Der  Streik
war  aber  nicht  das  geeignete  Mittel,  sie  zu  beseitigen.  Welches  war  denn
der  Erfolg?  Eine  vernichtende  Niederlage!  Und  wie  haben  Sie  sich  in
der  Agitation  benommen.  Kinder  haben  Sie  gegen  die  Väter  aufgehetzt,
daß  sie  mitheulen  und  johlen  sollten.  Die  Frauen  hätten  sich  ruhiger  verhalten
  sollen.  Harmlos  waren  die  Vorgänge  in  Mansfeld  nicht.  Schuld
daran  war  die  sozialdemokratische  Agitation.  (Großer  Lärm  bei  den  Sd.
Zurufe:  Ein  netter  Arbeitervertreter!  Gemeinheit!  Schluß!  Redefreiheit!)
Die  Sozialdemokraten  haben  die  Interessen  der  Arbeiter  schwer  geschädigt.
Auf  diese  Art  stellt  man  das  Recht  des  Arbeiters  nicht  sicher.  Unser  wirtschaftliches
  Leben  steht  nicht  im  Zeichen  der  Gewalt,  sondern  in  dem  der
Gerechtigkeit.

Abg.  Pauli  (Potsdam,  K.):  Der  Streik  ist  frivol  vom  Zaune  gebrochen
  worden,  weil  die  Sozialdemokraten  endlich  im  reichstreuen  Mansfelder
  Revier  Fuß  fassen  wollten.  Ihr  Versuch  ist  mißglückt.  Es  war
ein  ganz  gewissenloses  Unternehmen,  aus  Agitationsgründen  die  Existenz
zahlreicher  Arbeiter  aufs  Spiel  zu  setzen.  Ohne  das  Militär  wäre  es  zu
Blutvergießen  gekommen.  Großes  Elend  wäre  die  Folge  gewesen.  Die
Staatsautorität  mußte  gewahrt  werden.  Sie  stand  in  Mansfeld  auf  dem
Spiele,  weil  die  paar  Gendarmen  machtlos  waren.  Durch  das  Erscheinen
der  Truppen  wurden  die  drohenden  Unruhen  vermieden.  Das  Militär  hat
sich  durchaus  taktvoll  benommen.  Von  den  Behauptungen  Sachses  ist
nichts  übrig  geblieben.  Das  ist  so  sozialdemokratische  Art.  Für  die  sozialdemokratische
  Ordnung  danken  wir.  Das  Volk  will  in  seiner  großen  Mehrder
  Knute  umzugehen  wissen.  Die  Behörden  verdienen  für  ihr  Verhalten
im  Mansfelder  Falle  unseren  Dank.

Abg.  Gothein  (Fr.  Vg.):  Meine  politischen  Freunde  erkennen  durchaus
  an,  daß  die  Staatsverwaltung  das  Recht,  unter  Umständen  auch  die
Pflicht  hat,  selbst  das  Militär  zu  requirieren,  um  Ordnung  und  Ruhe
herzustellen.  Das  wird  ihr  niemand  bestreiten  können,  denn  die  Ruhe  zu
bewahren  ist  eine  der  höchsten  Pflichten  des  Staates.  Anders  ist  die  Frage,
ob  es  unbedingt  angemessen  war,  hier  einzuschreiten.  Es  ist  nicht  leicht,
darüber  ein  Urteil  zu  bekommen.  Von  einem  Aufruhr  kann  hier  doch
nicht  gesprochen  werden,  auch  nicht  von  verhetzten  Arbeitermassen.  Der
Staatssekretär  des  Innern  war  in  seiner  Auslassung  viel  vorsichtiger;  er
hat  nicht  Partei  ergriffen,  denn  er  hat  sich  gesagt,  daß  der  Streik  hier
        <pb n="50" />
        42  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)

von  seiten  des  Arbeitgebers  provoziert  war.  Wenn  der  Arbeiter  nicht  das
Recht  haben  soll,  sich  der  Organisation  anzuschließen,  der  er  sich  anschließen
will,  dann  hat  er  eben  kein  Koalitionsrecht;  das  ist  das  tief  Bedauerliche
und  außerordentlich  Rückständige,  daß  unsere  Arbeitgeber,  die  sich  schönstens
verbitten  würden,  daß  man  ihnen  Vorschriften  darüber  macht,  welcher
Organisation  sie  beitreten  sollen,  dieses  Recht  gegenüber  den  Arbeitern  in
Anspruch  nehmen.  Diese  Unduldsamkeit  verurteilen  wir  ebenso  entschieden
wie  die  gleiche  Einseitigkeit,  wenn  sie  von  Arbeitern  betätigt  wird.  Daß
auf  die  Beschwerde,  unterzeichnet  „der  Streikleiter  Sachse“  nicht  geantwortet
worden  ist,  ist  auch  unrichtig.  Merkwürdigerweise  wußte  der  Kriegsminister
in  dem  Falle  des  Dienstmädchens  Bescheid;  aber  auch  andere  Dinge  waren
durch  die  Zeitungen  gegangen,  ohne  daß  der  Kriegsminister  ihnen  nachgegangen
  ist  und  hier  Auskunft  gegeben  hat.  Auch  der  Staatssekretär
hätte  sich  ausgiebiger  aus  der  Presse  orientieren  können.  Es  ist  eine  sehr
schwächliche  Ausrede,  wenn  man  sich  dahinter  verschanzt,  daß  man  von  den
Dingen  nichts  wisse,  und  Beschwerden  an  die  Zentralinstanz  nicht  gelangt
seien.  Wäre  das  sozialpolitische  Verständnis  in  unseren  Arbeitgeberkreisen
größer,  so  würden  wir  nicht  so  viel  Zeit  auf  solche  Erörterungen  zu  verwenden
  haben.

Abg.  Vogel  (Nl.):  Ich  glaube  mit  dem  Abg.  Sachse,  daß  der  Streik
nicht  von  vornherein  zu  dem  Zeitpunkt  beabsichtigt  war,  wo  er  ausgebrochen.
ist.  Immerhin  hat  sich  die  Leitung  der  Mansfelder  Gewerkschaft  der  wachsenden
  Agitation  gegenüber  genötigt  gesehen,  zunächst  mit  der  Kündigung
von  45  Bergleuten  vorzugehen.  Das  brachte  größeres  Leben  in  die  Bewegung.
  Man  kam  jetzt  mit  der  Forderung  der  Anerkennung  des  Bochumer
Verbandes.  Andererseits  war  die  Lage  des  Mansfelder  Bergbaues  eine
immer  schwierigere  geworden,  insbesondere  infolge  der  amerikanischen  Konkurrenz;
  sie  hat  1908  und  1909  keine  Ausbeute  verteilen  können.  Zur  Bekämpfung
  dieser  Nachteile  hat  der  neue  Direktor  zunächst  eine  Änderung
des  Gedinges  vorgenommen.  Die  Belegschaft  gab  sich  damit  zufrieden  und
zeigte  andererseits  volles  Verständnis  für  die  schwierige  Lage  der  Gewerkschaft.
  Es  mag  ja  sein,  daß  unter  den  45  Gemaßregelten  auch  solche  waren,
die  nicht  Agitatoren,  sondern  bloße  Mitläufer  waren:  jedenfalls  konnte  sich
die  Gewerkschaft  nicht  anders  helfen,  wenn  sie  den  Abwehrkampf  gegen  die
Sozialdemokratie  überhaupt  führen  wollte.  Im  übrigen  hatte  sie  den  Arbeitern
  das  Koalitionsrecht  vollständig  gewährt.  Die  Mehrheit  der  Belegschaft
  hat  ja  auch  den  Streik  nicht  mitgemacht.  Das  Aufgebot  von  Militär
ist  in  solchen  Fällen  immer  mißlich.  Man  muß  aber  die  Anwendung  nach
dem  Erfolge  beurteilen,  und  da  muß  man  sagen,  daß  die  Heranziehung  des
Militärs  sich  als  nützlich  und  notwendig  erwiesen  hat.  Ich  möchte  mit  dem
Wunsche  schließen,  daß  die  Mansfelder  Gewerkschaft,  trotzdem  sie  gesiegt  hat,
aus  dem  Mansfelder  Streik  die  nötige  Lehre  ziehe.

Abg.  Breiski  (P.):  Es  ist  nicht  zu  bestreiten,  daß  die  Löhne  im
Mansfelder  Revier  sehr  niedrig  sind.  Auch  in  diesem  Falle  war,  wie  schon
früher  im  Ruhrrevier,  nur  die  Behörde  und  die  Polizei  diejenigen,  die  auf—
geregt  waren.  Die  Gefahr  war  jedenfalls  nicht  so  groß,  daß  Militär  requiriert
  werden  mußte.  Solche  Gewaltmaßregeln  züchten  höchstens  Sozialdemokraten.
  Stehen  die  Kollegen  Giesberts  und  Behrens  auf  demselben
Standpunkt  wie  der  Abg.  Fleischer?  Das  würde  ich  im  Interesse  der
christlichen  Gewerkschaften  nur  bedauern.  Ich  befürchte,  daß  solche  Reden
ebenfalls  die  Arbeiter  in  die  Reihen  der  Sozialdemokratie  treiben  und  die
Sozialdemokratie  im  Bergrevier  die  Alleinherrschaft  erhält.  Ich  möchte  aber
die  sozialdemokratischen  Gewerkschaften  bitten,  gegen  die  christlichen  und  polnischen
  Gewerkschaften  toleranter  zu  sein  und  von  ihrem  Terrorismus  abzulassen.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18,  19.)  43

Abg.  Behrens  (W.  V.):  Es  handelte  sich  in  Mansfeld  tatsächlich
um  die  Koalitionsfreiheit.  Auch  gegen  die  evangelischen  Arbeitervereine
leisten  die  Arbeitgeber  stillen,  aber  heftigen  Widerstand.  Die  große  Niederlage
  und  damit  die  Schädigung  der  Arbeiterschaft  mußte  vorausgesehen
werden.  Wir  wollten  bei  günstigerer  Konjunktur  das  öffentliche  Gewissen
wachrufen,  und  ich  bin  überzeugt,  auch  auf  der  rechten  Seite  hätten  wir
das  nötige  Verständnis  gefunden.  Jetzt  trifft  die  Verantwortung  lediglich
die  Organisation,  die  die  notwendige  gewerkschaftliche  Vorsicht  außer  Acht
gelassen  hat.  Ein  Streik  darf  nicht  zur  Unzeit  geführt  werden,  und  dazu
noch  mit  ungeschulter,  mit  unorganisierter  Arbeiterschaft;  da  war  das  militärische
  Einschreiten  vorauszusehen.  Die  Streikenden  haben  die  nötige
Achtung  vor  den  Nichtstreikenden  nicht  gehabt.  Der  Redner  setzt  sich  weiter
mit  den  Sozialdemokraten  über  Streikdiplomatie  und  Streikpolitik  auseinander.
  Wir  verlangen  Anerkennung  der  Koalitionsfreiheit,  nicht  theoretische,
  wie  die  Nationalliberalen,  sondern  praktische.  Den  Mansfelder
Bergarbeitern  aber  rufe  ich  nachträglich  noch  zu:  Schließt  euch  den  Bergarbeiterverbänden
  an!

18.  Januar.  (Sachsen.)  Verhandlungen  der  Zweiten  Kammer
über  die  Leipziger  Tendenzprofessur.

Kultusminister  Dr.  Beck  erklärte,  Ehrenberg  sei  ihm  bis  zu  dem
Tage,  als  die  Frage  an  ihn  herantrat,  eine  ganz  unbekannte  Größe  gewesen.
  In  Sachsen  bestehe  die  Tradition,  daß  die  Unterrichtsverwaltung
bei  der  Besetzung  neuer  Professuren  nicht  selbständig  handle,  sondern  nur
in  Übereinstimmung  mit  der  zuständigen  Fakultät.  Der  Minister  betonte,
daß  er  sich  für  Ehrenberg  materiell  nicht  mit  einem  Wort  ins  Zeug  gelegt
habe.  Er  lehne  es  ab,  mit  den  Interessengruppen  im  Bund  gewesen  zu
sein.  Auch  habe  er  sich  keineswegs  bemüht,  den  Tendenzprofessor  an  eine
andere  Lehranstalt  zu  bringen.  Er  habe  lediglich  Dr.  Stresemann  gesagt:
Wenn  Ihnen  soviel  daran  liegt,  daß  Ehrenberg  nach  Leipzig  kommt,  so
wenden  Sie  sich  an  die  Handelshochschule.  Diese  untersteht  jedoch  nicht
dem  Kultusministerium.  Der  Minister  erklärte  zum  Schluß,  er  werde  für
eine  Übereinstimmung  der  Unterrichtsverwaltung  mit  der  Universität  stets
eintreten,  namentlich,  wo  es  sich  um  die  Berufung  einer  neuen  Lehrkraft
handle,  und  selbstverständlich  dürfe  die  Universität  auch  nicht  zu  einer  Pflegestätte
  des  Scharfmachertums  gemacht  werden,  wie  von  sozialdemokratischer
Seite  befürchtet  werde.  Sie  müsse  stets  eine  Freistatt  der  Wissenschaft  bleiben.

18.  Januar.  Der  Wert  des  auswärtigen  Handels  Deutschlands
  belief  sich  im  Jahre  1909

im  Spezialhandel  ohne  Edelmetalle  in  der  Einfuhr  auf  8,2  gegen
7,7  Milliarden  Mark  im  Vorjahre,  in  der  Ausfuhr  auf  6,7  gegen  6,4
Milliarden  Mark  im  Jahre  1908.  Der  Edelmetallverkehr  erreichte  in  der
Einfuhr  0.3  gegen  0,4  Milliarden,  in  der  Ausfuhr  0,3  gegen  0,1  Milliarden.
Trotz  dieser  Zunahme  gegen  das  Vorjahr  blieben  die  Ein-  und  Ausfuhr
gegen  das  Jahr  1907  erheblich,  jene  mehr  als  diese  zurück.

19.  Januar.  (Reichstag.)  Der  Freundschafts-  und  Handelsvertrag
  zwischen  dem  Deutschen  Reich  und  Bolivien  wird  in  erster
und  zweiter  Beratung  angenommen.

Besprechung  einer  Interpellation  der  freisinnigen  Fraktionsgemeinschaft
  (Ablaß  und  Gen.)  betr.  die  Anwendung  des  Reichsvereinsgesetzes.
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        44  DPDas  Perntshhe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)

Sie  hat  folgenden  Wortlaut:  „Ist  dem  Herrn  Reichskanzler  bekannt,
daß  die  Anwendung  des  Reichsvereinsgesetzes  seitens  einzelner  Landesbehörden
  noch  immer  gegen  das  Gesetz  verstößt?  Was  gedenkt  er  zu  tun,
um  einen  solchen  Mißbrauch  des  Vereinsgesetzes  zu  verhindern?  Was  gedenkt
  der  Herr  Reichskanzler  ferner  zu  tun,  um  zu  verhindern,  daß  trotz
der  Erklärung,  die  der  Staatssekretär  des  Innern  während  der  Beratung
des  Vereinsgesetzes  abgegeben  hat,  nach  wie  vor  Beamte  lediglich  aus  der
Tatsache,  daß  Gastwirte  ihre  Räume  zu  politischen  Versammlungen  hergegeben
  haben,  den  Grund  entnehmen,  diesen  Gastwirten  die  Erlaubnis  zur
Abhaltung  von  Lustbarkeiten  und  dergl.  zu  beschränken  oder  zu  entziehen
oder  sie  von  der  Hergabe  ihrer  Lokale  durch  Bedrohung  mit  derartigen
Schädigungen  abzuhalten  unternehmen.“

Zur  Begründung  führt  Abg.  Dr.  Müller-Meiningen  aus,  daß  dem
Reichstag  1.  die  Prüfung  der  Ausführungsbestimmungen  der  Einzelstaaten
zum  Reichsvereinsgesetz,  2.  die  Kritik  der  Ausführung  des  Vereinzsgesetzes
durch  die  Landesbehörden  und  3.  die  Kritik  rechtskräftiger  Urteile,  in  denen
die  Rechtsprechung  prinzipiell  in  falsche  Wege  geleitet  werde,  zustehen  müsse.
Für  die  Reichsregierung  bestehe  die  Pflicht  einzuschreiten,  wenn  die  unteren
Behörden  das  Gesetz  in  einer  den  gegebenen  Zusicherungen  widersprechenden
Weise  ausführen.  Kaum  jemals  ist  der  Name  eines  Staatsmannes  so  eng
mit  einem  Reichsgesetz  verbunden,  als  der  des  gegenwärtigen  Reichskanzlers
mit  dem  Reichsvereinsgesetz.  Da  Herr  v.  Bethmann  Hollweg  mehrfach  hier
für  eine  loyale  Handhabung  dieses  Gesetzes  eingetreten  ist,  so  hätte  ich  den
dringenden  Wunsch  gehabt,  daß  er  wenigstens  dieses  eine  Mal  mit  seiner
Parlamentsscheu  gebrochen  hätte  und  es  der  Mühe  für  wert  gehalten  hätte,
hier  zu  erscheinen.  Allmählich  ist  die  Schonzeit  für  eine  verständnislose
Bureaukratie  vorbei.  Die  preußische  und  sächsische  Bureaukratie  hängt  mit
einer  gewissen  Zärtlichkeit  an  ihrer  reaktionären  Tradition  und  wir  wissen,
daß  dagegen  nur  in  zähem  Kampf  anzukämpfen  ist.  So  verfolgt  unsere
Interpellation  den  Zweck,  1.  den  Behörden  immer  wieder  zu  Gemüte  zu
führen,  daß  wir  allmählich  eine  genaue  Kontrolle  über  die  Ausführung  des
Vereinsgesetzes  im  Deutschen  Reiche  verlangen,  und  2.  den  Zweck,  der  Reichsregierung
  selbst  die  Möglichkeit  zu  geben,  Aufklärung  über  eine  Reihe  von
Fällen  zu  gewähren,  die  in  der  Oeffentlichkeit  großes  Aussehen  erregt  haben.
Da  ist  zunächst  der  Sprachenparagraph  des  Gesetzes,  der  zu  Beschwerden
Anlaß  gibt.  Im  August  des  Vorjahres  hat  nämlich  die  Kieler  Polizei  anläßlich
  der  Abhaltung  einer  Friedenskundgebung  den  zurzeit  in  Deutschland
  weilenden  englischen  Arbeiterdeputierten,  die  an  dieser  Versammlung
teilnehmen  sollten,  das  Sprechen  in  englischer  Sprache  verboten.  Zu  den
so  Gemaßregelten  gehörte  auch  der  Deputierte  Macdonald,  der  wenige
Wochen  vorher  in  Berlin  von  den  deutschen  Behörden  feierlich  empfangen
worden  war.  Durch  dieses  Verbot  ist  die  internationale  Conrtoisie  vollständig
  verletzt  worden.  Eine  solche  Anwendung  des  Vereinsgesetzes  mußte
uns  vor  dem  Auslande  bloßstellen,  und  es  kann  nicht  wundernehmen,
wenn  man  sich  in  England  über  ein  derartiges  Vorgehen  unserer  Polizeibehörden
  lustig  macht.  An  vielen  Einzelbeispielen  wurde  klar  gemacht,
daß  häufig  eine  schikanöse  Auslegung  des  Gesetzes  von  der  Polizei  angewandt
  und  von  den  Gerichten  gutgeheißen  werde.  Zusammenfassend  sage
ich:  Wir  stehen  nach  wie  vor  auf  dem  Standpunkt,  daß  dieses  neue  Reichsvereinsgesetz
  einen  großen  politischen  Fortschritt  bedeutet,  wir  freuen  uns,
daß  sogar  die  gegnerische  Presse  das  allmählich  einzusehen  beginnt.  Um
so  mehr  haben  wir  die  Verpflichtung,  darauf  zu  sehen,  daß  das  Gesetz  so
zur  Anwendung  gelangt,  wie  es  von  der  Mehrheit  des  Parlaments  gewollt
ist.  Der  jetzige  Reichskanzler  haftet  uns  mit  seiner  ganzen  Persönlichkeit
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        Das  Veensche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)  15

dafür,  daß  nicht  eine  verständnislose  Bureaukratie  das  zunichte  macht,  wos
im  Interesse  einer  einheitlichen  und  freiheitlichen  Entwickelung  von  der
Mehrheit  dieses  Hauses  beschlossen  ist.  Wir  werden  deshalb  alljährlich
solche  kritischen  Debatten  über  dieses  Gebiet  veranlassen,  bis  endlich  auch
in  Preußen  und  Sachsen  die  Bureaukraten  einsehen,  daß  sie  dem  Drängen
des  Parlaments  nachgeben  müssen.  Wir  tun  das  in  der  festen  Ueberzeugung,
daß  wir  damit  im  besten  Sinne  staatserhaltend  wirken,  denn  die  Gerechtigkeit,
  die  hier  verletzt  wird,  ist  das  beste  Fundament  des  Staates.
Staatssekretär  des  Innern  Dr.  Delbrück:  Das  Reich  hat  nicht  die
Ausführung  der  Gesetze,  sondern  diese  obliegt  den  Bundesstaaten.  Dem
Reich  ist  eine  Einwirkung  auf  die  Ausführung  der  Geschäfte  nur  so  weit
möglich,  als  feststeht,  daß  die  Landesbehörden  durch  ihr  Verhalten  sich  in
Widerspruch  mit  den  klaren  Bestimmungen  oder  dem  Geist  der  Vorschriften
gesetzt  haben.  Das  hat  auch  mein  Herr  Amtsvorgänger  bei  der  letzten  Interpellation
  über  dasselbe  Thema  zum  Ausdruck  gebracht.  Ich  glaube,  auch
der  Abg.  Müller-Meiningen  wird  mir  nicht  den  Vorwurf  machen  können,
daß  ich  bureaukratisch  verfahre,  wenn  ich  denselben  Standpunkt  wie  mein
Vorgänger  einnehme.  Die  Verstöße,  die  ja  hier  und  da  vorkommen  mögen,
sind  übrigens  nicht  zurückzuführen  auf  den  Geist,  in  dem  die  Zentralbehörden
das  Gesetz  ausführen,  sondern  auf  das  Verhalten  der  Lokalbehörden.  Wenn
Sie  die  beiden  Erlasse  sich  ansehen,  die  der  preußische  Minister  des  Innern
über  die  Handhabung  des  Gesetzes  herausgegeben  hat,  so  werden  Sie  sicher
die  Ueberzeugung  gewinnen,  daß  an  dieser  Stelle  das  ehrliche  Bestreben
besteht,  das  Gesetz  so  auszuführen,  wie  es  gedacht  ist.  In  eine  Kritik  gerichtlicher
  Entscheidungen  einzutreten,  habe  ich  stets  vermieden  und  werde
ich  auch  weiterhin  vermeiden,  weil  unsere  Rechtsprechung  jeder  Beeinflussung
des  Parlaments  und  der  Verwaltungsbehörden  grundsätzlich  entzogen  bleiben
muß.  Die  Rechtsprechung  der  Gerichte  ist  lediglich  dem  Gesetz  unterworfen,
und  wenn  man  mit  ihren  Entscheidungen  nicht  zufrieden  ist,  ist  man  in
der  Lage,  die  Rechtsmittel  einzulegen.  Herr  Dr.  Müller  hat  mir  eine  Anzahl
von  Fällen,  die  er  erörterte,  vorher  bekannt  gegeben,  ich  habe  mich  bemüht,
sie  zu  eruieren.  Bei  dem  Kieler  Fall  hat  es  sich  nicht  um  einen  internationalen
  Kongreß,  sondern  um  eine  deutsche  Volksversammlung  gehandelt.
zu  der  man  einen  einzelnen  hier  anwesenden  Ausländer  eingeladen  habe.
In  diesem  Falle  gibt  aber  die  Bestimmung  des  Vereinzsgesetzes  der  Landeszentralbehörde
  die  unbeschränkte  Befugnis,  nach  freiem  Ermessen  die  fremde
Sprache  zu  gestatten  oder  nicht.  Es  ist  juristisch  unmöglich,  daß  man  einer
Landeszentralbehörde  die  unbeschränkte  Befugnis  gibt  und  sie  nachher  zur
Verantwortung  zieht,  wenn  sie  davon  Gebraucht  macht.  Im  übrigen  ist
das  Verbot  durch  den  Regierungspräsidenten  erfolgt,  eine  Beschwerde  an
den  Minister  des  Innern  ist  nicht  ergangen.  Ich  bin  also  nicht  in  der
Lage,  weiter  auf  den  Fall  einzugehen.  Der  Staatssekretär  geht  auf  weitere
Fälle  ein  und  stellt  fest,  daß  in  dem  Falle  des  Versammlungsverbots  wegen
Scharlachgefahr  dem  Amtsvorsteber  durch  den  Landrat  eröffnet  worden  ist,
daß  sein  Versammlungsverbot  nicht  korrekt  sei.  Sie  sehen  also,  in  einem
der  wenigen  Fälle,  die  zur  Kognition  des  Ministers  gekommen  sind,  ist
prompt  Remedur  eingetreten.  Der  Staatssekretär  verliest  sodann  einen  Erlaß
des  Ministers  des  Innern,  wonach  unter  Bezugnahme  auf  die  Erklärung
des  Staatssekretärs  des  Innern  in  der  Reichstagskommission  über  das
Vereinsgesetz  betont  und  die  Erwartung  ausgesprochen  wird,  daß  aus  Anlaß
der  Hergabe  von  Sälen  für  politische  Versammlungen  usw.  keine  gewerblichen
  Nachteile  angedroht  werden  sollten,  wie  in  Sachen  der  Polizeistunde
usw.  Wie  soll  ich  bei  dieser  Sachlage  Anlaß  nehmen,  mich  mit  dem  Minister
  des  Innern  ins  Einvernehmen  setzen?  Wird  im  Einzelfalle  gegen
        <pb n="54" />
        46  Das  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)

die  dargelegten  Grundsätze  verstoßen,  so  mögen  die  Beteiligten  den  Beschwerdeweg
  ergreifen.  Ich  glaube  nicht,  daß  der  Minister  berechtigte  Beschwerden
im  Gegensatz  zu  seinen  ausdrücklichen  Anweisungen  zurückweisen  wird.  Das
ist  in  Preußen  nicht  Mode.  In  das  Beamtenrecht  greift  das  Vereinsgesetz
nicht  ein.  Auch  die  Beschränkung  des  Vereinsrechts  durch  kirchliche  Obere
kann  nicht  aus  diesem  Gesichtspunkte  behandelt  werden.  Es  handelt  sich
da  um  die  Frage,  ob  die  kirchlichen  Oberen  in  der  Lage  sind,  den  Angehörigen
  ihrer  Kirche  gewisse  Beschränkungen  in  der  Anwendung  ihres
Vereinsrechtes  aufzuerlegen.  Es  kann  sich  ferner  um  die  Frage  handeln,
inwieweit  die  Befugnis  der  geistlichen  Oberen  ihrerseits  einschneidet  in  die
Hoheitsrechte  des  Staates,  beispielsweise  in  dem  Schulgesetze;  aber  auch
diese  Frage  ist  nicht  zu  erörtern  auf  Grund  des  Vereinsgesetzes,  sondern
des  Kirchen=  und  Schulrechts.  Ich  werde  das  ganze  Material  des  Herrn
Dr.  Müller  zur  Aufklärung  und  eventuell  Remedur  den  zuständigen  Bundesregierungen
  übergeben.  Ich  habe  die  feste  Ueberzeugung,  daß  die  Zentralbehörden
  der  Bundesstaaten  eine  Lösung  finden  werden,  die  dem  Staatsbewußtsein
  und  der  Würde  eines  großen  und  gut  regierten  Staates  entspricht.
Ich  kann  alle  die,  denen  wirklich  und  ehrlich  daran  liegt,  daß  dieses  Gesetz
durch  Verwaltung  und  Gerichte  sinngemäß  und  entsprechend  angewendet
wird,  nur  dringend  bitten,  vor  allem  dafür  zu  sorgen,  daß  Beschwerden
auf  dem  vorgeschriebenen  Instanzenwege  vorgebracht  werden.  Nur  auf  diese
Weise  werden  wir  dahin  kommen,  daß  die  Grundlagen  zweifelsfrei  festgelegt
werden,  nach  denen,  wie  wir  alle  hier  im  Hause  einig  sind,  dieses  Gesetz
angewendet  werden  soll.

Sächsischer  Bevollmächtigter  Dr.  Hallbauer:  Es  ist  unrichtig,  daß
das  Vereinsgesetz  in  Sachsen  völlig  ignoriert  werde.  Auf  die  von  Dr.  Müller
vorgebrachten  Einzelfälle  kann  ich  nicht  eingehen,  da  sie  mir  unbekannt  sind.
Es  scheint  mir  aber,  als  ob  es  sich  um  polizeiliche  Maßnahmen  handelt,
die  sich  nicht  auf  das  Vereinsgesetz  stützen.  Man  sollte  einzelne  Fälle  nicht
verallgemeinern.  Die  königlich  sächsische  Regierung  hat  eine  Instruktion
berausgegeben,  in  der  als  oberster  Grundsatz  aufgestellt  wurde,  daß  das
Gesetz  im  liberalen  Sinne  ausgeführt  werde.  Von  einer  Nadeistichpolitik
kann  bei  der  sächsischen  Regierung  jedenfalls  nicht  die  Rede  sein.  Man
kann  ihr  nicht  vorwerfen,  daß  sie  einem  verknöcherten  Bureaukratismus
huldigt.

Auf  Antrag  des  Abg.  Dr.  Struve  (Fr.  Vgg.)  tritt  das  Haus  in  die
Besprechung  der  Interpellation  ein.

Abg.  Dr.  Hieber  (Nl.):  Nach  der  Erklärung  des  Staatssekretärs  sind
die  Verbündeten  Regierungen  ehrlich  bemüht,  das  Gesetz  seinem  Sinn  und
Geiste  nach  loyal  auszuführen.  Wir  nehmen  davon  mit  Vergnügen  Akt,
ebenso  wie  von  der  Erklärung  des  sächsischen  Vertreters,  daß  das  Geses
liberal  ausgeführt  werden  soll.  Wir  haben  damit  die  Antwort  auf  die
Frage  erhalten,  was  „liberal“  ist.  Verstöße  gegen  das  Gesetz  sind  weniger
den  oberen  als  den  unteren  Behörden  zuzuschreiben.  Bei  uns  im  Süden
hat  man  kein  Verständnis  für  den  Versuch,  auf  dem  Wege  der  Polizeimaßnahmen
  der  Freiheit  des  Vereins=  und  Versammlungsrechtes  zu  beschränken.
  Bei  uns  ist  keine  Beschwerde  über  die  Ausführung  des  Vereinsgesetzes
  bekannt  geworden.  In  Württemberg  ist  die  Einführung  des  Gesetzes
gar  nicht  gemerkt  worden.  Abg.  Gröber:  Doch!)  Das  Schwabenvolk  hat
nichts  gemerkt;  man  ist  durchaus  zufrieden  mit  der  neuen  Regelung,  wir
sind  froy,  daß  die  bisherige  Uebung  verbrieftes  Recht  geworden  ist.  In
Breslau  ist  der  Vorstand  eines  freisinnigen  Vereins  bestraft  worden,  weil
er  eine  öffentliche  politische  Versammlung  nur  als  öffentliche  und  nicht  als
politische  angemeldet  hat.  Unter  allen  Umständen  liegt  hier  ein  ungeheurer
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        I##s  Veesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)  47

Formalismus  einer  mittleren  Behörde  vor.  Bei  manchen  der  vorgekommenen
Fälle  ist  der  Instanzenweg  allerdings  teils  nicht  beschritten,  teils  nicht  erschöpft.
  Auch  wir  können  nur  empfehlen,  diesen  Weg  zu  beschreiten.  Die
oberen  Behörden  werden  dem  Rechte  leichter  zum  Rechte  verhelfen  als  die
unteren  Behörden.  Abg.  Dr.  Gröber  hat  seinerzeit  gemeint,  daß  das  Reichsvereinsgesetz
  ein  ganz  miserables  Gesetz  sei  und  von  einer  verständigeren
Mehrheit  hinweggefegt  werden  müsse.  Ich  lade  Sie  ein,  Herr  Gröber,  mit
dieser  „verständigeren“  Mehrheit  ein  neues  freiheitlicheres  Gesetz  zu  machen.
(Beifall  und  Heiterkeit.)

Abg.  Ganz  Edler  Herr  zu  Putlitz  (Dk.):  Meine  Partei  ist  durchaus
  der  Ansicht,  daß  der  Reichstag  darüber  zu  wachen  hat,  daß  die  Bestimmungen
  des  Vereinsgesetzes  voll  innegehalten  werden.  Wollten  wir
aber  alle  die  kleinen  Fälle  hier  erörtern,  so  könnten  wir  zwei  Jahre  dabei
sitzen;  denn  hier  handelt  es  sich  um  Lapalien.  Ist  das  die  ganze  Ausbeute,
  was  uns  hier  vorgetragen  ist,  so  ist  das  eine  glänzende  Ehrenrettung
für  das  Gesetz.  Nur  solche  Fälle,  wo  die  einzelnen  Regierungen  ihre  Pflicht
nicht  tun,  gehören  vor  den  Reichstag.  Solche  Fälle  sind  aber  nicht  vorgebracht
  worden.

Abg.  Brey  (Sd.):  Wie  ist  man  gegen  die  Jugendorganisation  auf
Grund  dieses  famosen  Vereinsgesetzes  vorgegangen!  In  Breslau  ist  die
Jugendorganisation  als  politisch  erklärt  und  aufgelöst  worden.  Auch  die
Auflösung  der  Berliner  Jugendorganisationen  ist  auf  ganz  unbegründete
Maßnahmen  der  Polizeibehörde  zurückzuführen,  denn  eine  politische  Betätigung
  haben  diese  Jugendorganisationen  nicht  entfaltet.  Erfreuen  sich
die  bürgerlichen  Organisationen  bei  der  Polizei  der  gleichen  Wertschätzung
wie  die  proletarischen?  Gerade  in  einer  Großstadt  sollte  Verständnis  dafür
vorhanden  sein,  wie  notwendig  es  ist,  den  jugendlichen  Arbeiter  gewissen
Einflüssen  zu  entziehen.  Der  einzige  Rettungsweg  ist,  das  Gesetz  zu  revidieren
  und  die  unklaren  Bestimmungen  auszumerzen;  mit  uns  sollten  sich
die  Liberalen,  das  Zentrum  und  die  Polen  zu  diesem  Zwecke  zusammentun.
Herr  Müller-Meiningen,  erfassen  Sie  diese  Gelegenheit.

Abg.  Gröber  (3.):  Der  Staatssekretär  und  der  Redner  der  Konservativen
  haben  die  Legitimation  des  Reichstages  zu  dieser  Besprechung  etwas
in  Zweisel  gezogen;  es  ist  aber  bereits  zur  Widerlegung  des  Zweifels  auf
Art.  4  der  Verfassung  verwiesen  worden.  Zur  „Beaufsichtigung  der  Ausführung
  der  Reichsgesetze“  gehört  auch  das  Recht  des  Reichstages,  Abänderungen
  in  Vorschlag  zu  bringen,  und  Art.  19  spricht  ja  sogar  von  einer
Zwangsexekutive  des  Reiches,  wenn  die  Einzelstaaten  ihre  bundesstaatlichen
Verpflichtungen  nicht  erfüllen.  In  Bayern  und  Württemberg  ist  faktisch
alles  beim  alten  geblieben,  obwohl  die  Vereinsgesetzgebung,  und  für  Württemberg
  sogar  ganz  erheblich,  geändert  worden  ist.  Wir  haben  in  Württemberg
jetzt  auch  das  Ausnahmerecht  des  Sprachenparagraphen;  dennoch  denkt  kein
Mensch  dort  an  solche  Dinge,  wie  sie  in  Preußen  alte  Praxis  waren  und
geblieben  sind;  es  ist  eben  in  Württemberg  kein  Denunziant  da.  Der
„Allgemeine  Deutsche  Lehrerverein“  hat  eine  durchaus  antireligiöse  Tendenz.
das  möchte  ich  hier  lediglich  feststellen,  ohne  weiter  auf  die  Sache  einzugehen;
  daß  eine  kirchliche  Behörde  darauf  aufmerksam  macht,  das  wird  man
ihr  nicht  übel  nehmen  können.  Keine  Staatsgewalt  der  ganzen  Welt  würde
imstande  sein,  einen  Bischof  an  der  Erfüllung  einer  solchen  Verpflichtung
zu  verhindern  (Lärm  l.;:  Vizepräsident  Spahn  ersucht  wiederholt,  die  Unterbrechungen
  zu  unterlassen).  Der  Fall  Ratibor  hat  eine  Petition  gezeitigt,
die  der  Reichstag  den  Verbündeten  Regierungen  zur  Berücksichtigung  überwies.
  Zu  der  Uebersicht  der  Entschließungen  des  Bundesrats  auf  Beschlüsse
des  Reichstags  ist  uns  mitgeteilt  worden,  daß  die  Erhebungen  darüber  noch
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        48  Vas  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  GElieder.  (Januar  19.)

schweben.  Heute  hören  wir,  es  gehe  nicht  an,  dort  eine  Zusammenrechnung
eintreten  zu  lassen;  es  handle  sich  hier  um  zwei  nichtdeutsche  Idiome.  Für
eine  solche  Auslegung  findet  sich  in  §  12  kein  Anhalt,  und  da  kann  man
auch  von  einer  loyalen  Auslegung  nicht  mehr  reden.  Wo  soll  es  hinkommen,
  wenn  in  einem  Kreise,  der  nur  10  Prozent  deutsche  Insassen  hat,
nur  Deutsch  in  den  Versammlungen  geredet  werden  darf?  Auf  der  Generalversammlung
  der  Katholiken  Deutschlands  ist  eine  Sonderversammlung,  in
der  Polnisch  gesprochen  werden  sollte,  trotzdem  alle  Kautelen,  die  die  Polizei
wünschen  konnte,  gegeben  waren,  nicht  gestattet  worden!  Wenn  je  eine
Polizeimaßregel  des  Regierungspräsidenten  von  Breslau  deplaciert  war,
so  in  diesem  Fall.  Lediglich  die  radikal-polnische  Strömung  hat  damit
Wasser  auf  ihre  Mühle  bekommen;  immer  wieder  richtet  diese  unglückselige
Polenpolitik  der  preußischen  Regierung  den  größten  moralischen  Schaden
an,  bringt  sie  wahrhaft  verwüstende  Wirkungen  hervor,  siehe  Kattowitz!
Mit  solchen  Maßnahmen  dokumentiert  diese  Politik  einfach  ihren  Bankerott.
Wenn  man,  wie  es  im  Kreise  Kolmar  geschehen  ist,  das  Zusammensein  einer
größeren  Zahl  von  Personen  als  Versammlung  auffaßt,  so  muß  das  zu
lächerlichen  Konsequenzen  führen.  Die  Generalversammlung  eines  polnischen
Sparkassenvereins  wurde  vom  Amtsvorsteher  als  eine  öffentliche  erklärt,  in
der  Deutsch  gesprochen  werden  müsse!  Mit  der  Begründung,  daß  in  einer
Versammlung  Reden  gehalten  werden  könnten,  die  zu  Meinungsverschiedenheiten
  Anlaß  geben  und  die  öffentliche  Sicherheit  dadurch  gefährdet  werden
könnten,  kann  man  jede  Versammlung  unter  freiem  Himmel  verbieten.  Die
Meinungsverschiedenheiten  unter  den  Versammelten  sind  doch  keine  Gefährdung
  der  öffentlichen  Sicherheit.  Daß  wir  jedes  Jahr  über  die  Handhabung
des  Vereinsgesetzes  abrechnen  können,  ist  viel  wert.  Das  Lob,  das  die
Freisinnigen  dem  von  ihnen  gemachten  Gesetz  erteilen,  kann  nicht  darüber
hinwegtäuschen,  daß  sich  bei  ihnen  über  gewisse  Hauptbestimmungen  eben  dieses
Gesetzes  ihr  Gewissen  regt.

Abg.  Stychel  (P.):  In  den  polnischen  Landesteilen  wird  der  Polizeistock
  am  kräftigsten  auf  Grund  des  neuen  Vereinsgesetzes  geschwungen.
Man  sollte  nun  meinen,  daß  die  Kenntnis  des  Gesetzes  und  die  AUchtung
vor  dem  Gesetze  in  erster  Reihe  bei  den  Hütern  des  Gesetzes,  den  Beamten,
vorhanden  wäre.  Das  Gesetz  wird  schikanös  angewendet.  Polnische  Vereine
und  Versammlungen  werden  als  Spielball  benutzt.  §  1  des  neuen  Gesetzes
kommt  uns  nicht  zugute.  Es  ist  alles  beim  alten  geblieben.  Jünglingsvereine
  werdTen  als  politische  Vereine  verboten,  weil  sie  das  Polnische  als
Muttersprache  pflegen.  Wir  müssen  energisch  dagegen  protestieren,  daß  wir
verfolgt  werden,  bloß  weil  wir  Polen  sind.  Unser  Ceterum  censeo  ist:
§  12  des  Vereinsgesetzes  muß  beseitigt  werden.

Abg.  Gräf  (W.  V.):  Nach  unserer  Meinung  geht  §  12  noch  gar
nicht  weit  genug;  er  ist  gegen  unseren  Willen  verstümmelt  worden.  Den
christlichen  Gewerkschaften  werden  von  den  Behörden  noch  immer  erhebliche
Schwierigkeiten  gemacht,  z.  B.  in  Oberschlesien.  Nicht  bloß  Unterbeamte,
sondern  auch  Landräte  haben  sich  Mißgriffen  schuldig  gemacht,  so  im  Regierungsbezirk
  Oppeln;  dort  hat  der  Landrat  die  christlichen  Gewerkschaften
in  Bezug  auf  Verhetzung  der  Arbeiter  mit  den  Sozialdemokraten  auf  die
gleiche  Stufe  gestellt.  Ich  habe  ferner  Beschwerde  zu  führen  über
die  Verwaltungsgerichtsbarkeit  in  Sachsen-Weimar.  Weimar  war  früher
das  klassische  Land  der  Versammlungsunfreiheit,  und  noch  heute  haben
wir  keine  Garantie  für  eine  unvarteiische  Nachprüfung  der  Verwaltungsgerichtserkenntnisse.
  Eine  Resorm  dieser  in  Bezug  auf  die
Handhabung  des  Vereins=  und  Versammlungsrechts  rückständigen  Verwaltungsgerichtsbarkeit
  soll  ja  in  Aussicht  stehen.  Ich  hoffe,  daß  wir
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        D#  Heuische  Reich  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Januar  19.)  49

im  nächsten  Jahr  darüber  keine  Beschwerden  mehr  zu  führen  haben
werden.

Abg.  Hanssen  (D.)  führt  für  die  Behauptung,  daß  die  Klagen  über  die
mißbräuchliche  Anwendung  des  §  12  sich  häufen,  auch  Beispiele  aus  Nordschleswig
  an.  An  einer  Reihe  von  Fällen,  die  das  Verfahren  der  Behörden
bei  der  Handhabung  des  Vereinsgesetzes  illustrieren  sollen,  sucht  Redner  die
Wahrheit  des  Ausspruches  des  Professors  von  Liszt  nachzuweisen,  daß  mit
zweierlei  Maß  gemessen  werde,  daß  man  sich  ganz  wie  in  früheren  Zeiten
besonders  auch  des  beliebten  Mittels  der  Saalabtreiberei  bediene,  um  die
Dänen  zu  drangsalieren.  Beschwerden  an  den  Minister  des  Innern  würden
nicht  berücksichtigt,  ja  nicht  einmal  beantwortet.  Selbst  Hochzeiten  würden
unter  polizeiliche  Bewachung  gestellt  und  Beschwerden  darüber  vom  Regierungspräsidenten
  mit  den  wunderlichsten  Argumenten  unter  absoluter
Mißachtung  der  Bestimmungen  des  Gesetzes  und  der  Erlasse  der  Landeszentralbehörde
  zurückgewiesen.

Abg.  Dr.  Mugdan  (Fr.  Vp.):  Gerade  die  Parteien,  die  das  Gesetz
gemacht  haben,  sind  verpflichtet,  dafür  zu  sorgen,  daß  es  richtig  ausgeführt
wird,  und  wir  Liberalen  haben  vor  allem  diese  Verpflichtung.  Wir  sind
nach  wie  vor  stolz  darauf,  es  mit  zustande  gebracht  zu  haben;  es  ist  gut,
aber  seine  Güte  tritt  zurück,  wenn  solche  Fehler  bei  der  Ausführung  gemacht
  werden.  Wir  dürfen  eine  gewisse  Genugtuung  empfinden,  da  die
Sozialdemokraten,  die  Polen  und  das  Zentrum  gegen  das  Gesetz  selbst
eigentlich  nichts  vorgebracht  haben.  Das  bayerische  Vereinsgesetz  war
mindestens  so  schlecht  wie  das  preußische.  Herr  Gröber  soll  doch  nicht
vergessen,  daß  auch  nach  dem  bayerischen  Gesetz  die  Frauen  völlig  rechtlos
waren.  Für  jeden  deutschen  Bundesstaat  war  das  Reichsvereinsgesetz  ein
Fortschritt.  (Widerspruch,  Zuruf:  §  121!)  Es  wäre  eine  kolossale  Dummheit
  gewesen,  wegen  des  §  12  das  ganze  Gesetz  zu  verwerfen.  Will  man
vielleicht  leugnen,  daß  gerade  auch  die  Arbeiterbewegung  durch  das  Gesetz
einen  ungeheuren  Impuls  erhalten  hat?  Die  Frage  der  Rechtsfähigkeit
der  Berufsvereine  ist  durch  das  Gesetz  auf  eine  rein  finanzielle  Frage  zusammengeschrumpft.
  Ich  habe  die  Empfindung  eines  tiefen  Aergers,  daß
gerade  in  Preußen  das  Gesetz  so  mangelhaft  ausgeführt  wird.  Preußen
als  der  größte  deutsche  Staat  hat  auch  Pflichten;  gerade  Preußen  als
Vormacht  Deutschlands  muß  Reichsgesetze  auf  das  allerpünktlichste  ausführen.
  Ein  Freund  der  polnischen  Bewegung  bin  ich  nicht;  ich  glaube
auch  nicht  daran,  daß  sie,  wie  Herr  Stychel  versichert,  so  harmlos  ist;
aber  vom  Rechtsstandpunkt  aus  kann  es  dem  Ansehen  meines  engeren
Vaterlandes  nicht  dienen,  wenn  solche  Klagen  vorgetragen  werden  können.
Die  falsche  Verwaltungspraxis  der  preußischen  Beamten  spielt  gerade  den
Gastwirten  gegenüber  eine  Hauptrolle.  Es  ist  mehr  als  merkwürdig,  daß
die  Erlasse  des  preußischen  Ministers  des  Innern  vielfach  bei  den  nachgeordneten
  Behörden  so  wenig  Beachtung  finden.  In  dem  Dorfe  Moys
in  meinem  Wahlkreise  Görlitz  hat  ein  Amtsvorsteher  durchgesetzt,  daß  überhaupt
  keine  politischen  Versammlungen  stattfinden.  Ein  Gastwirt  wurde
von  dem  Amtsvorsteher  mit  der  Entziehung  der  Erlaubnis  zu  Tanzlustbarkeiten
  für  fünf  Wochen  bedroht,  wenn  er  eine  sozialdemokratische
Versammlung  aufnähme.  Seine  Beschwerde  ist  vom  Landrat  und  Regierungspräsidenten
  zurückgewiesen  worden.  Die  Folge  war,  daß  die  Sozialdemokraten
  über  den  ganzen  Ort  den  Bonkott  verhängten.  Eine  solche
Anwendung  des  Gesetzes  züchtet  nur  Sozialdemokraten.  Man  sollte  an
den  Grenzen  einen  anderen  Weg  einschlagen,  um  zu  verhüten,  daß  das
Deutschtum  Abbruch  erleidet.  Beamte,  die  ein  Reichsgesetz  so  falsch
anwenden,  verdienen  wirklich  die  Strafe,  die  über  Kattowiter  Beamte

Europaischer  Geichichtskalender.  LI.  4
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        50  Jos  Veische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)

mit  Unrecht  verhängt  worden  ist:  die  Versetzung  im  Interesse  des
Dienstes.

19.  Januar.  (Hessen.)  Die  Regierung  sucht  die  Staatsschulden
  dadurch  zu  tilgen,  daß  die  Eisenbahn-Einnahmen  vom
Staatshaushalt  abgetrennt  und  in  erster  Linie  zur  Schuldentilgung
verwendet  werden.

19.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Beratung
  der  Interpellationen  der  Abgg.  Dr.  Porsch  (Z.)  und  Genossen
und  der  Abgg.  Dr.  von  Jazdzewski  (P.)  und  Genossen  wegen  der
Maßregelung  von  Beamten  und  Lehrern  in  Kattowitz.

Die  erstere  lautet:  „In  Kattowitz  sind  unmittelbare  und  mittelbare
Staatsbeamte  aus  Anlaß  der  Ausübung  des  kommunalen  Wahlrechts  Maßregelungen
  unterworfen  worden.  Wie  rechtfertigt  die  Königliche  Staatsregierung
  diese  Beschränkung  in  der  Ausübung  staatsbürgerlicher  Rechte?“"

Die  Interpellation  der  Polen  hat  folgenden  Wortlaut:  „Infolge
der  Beleiligung  an  den  vorjährigen  Kommunalwahlen  in  Kattowitz  sind
mehrere  Staatsbeamte  und  Lehrer,  weil  sie  polnischen  Kandidaten  die
Stimme  gegeben  haben,  strafversetzt  worden.  Wir  richten  an  die  Königliche
  Staatsregierung  die  Frage,  wie  eine  solche  Maßregelung  mit  den
Grundsätzen  der  Staatsverfassung  und  der  den  Staatsangehörigen  gesetzlich
garantierten  individuellen  Freiheit  bei  der  Ausübung  ihrer  staatsbürgerlichen
  Rechte  bei  den  Wahlen  in  Einklang  zu  bringen  ist?“

Abg.  Dr.  Porsch  (3.):  In  Kattowitz,  das  70  bis  75  v.  H.  katholische
Bevölkerung  hat,  waren  von  den  42  Stadtverordneten  19  evangelisch,
15  Juden  und  nur  8  Katholiken.  Aus  diesem  Grunde  hat  der  katholische
Männerverein  in  der  dritten  Abteilung  alle  Hebel  in  Bewegung  zu  setzen
versucht,  um  wenigstens  die  Mandate  dieser  Stadtverordneten  mit  katholischen
  Männern  zu  besetzen.  Vor  zwei  Jahren  ist  zwar  auch  schon  von
polnischer  Seite  die  Aufforderung  an  den  Männerverein  ergangen,  unter
diesen  Vertretern  der  katholischen  Weltanschauung  auch  einen  polnisch
sprechenden  Kandidaten  aufzustellen,  sie  würden  dann  auch  für  die  katholischen
  Kandidaten  stimmen.  Damals  war  es  zur  Verwirklichung  dieser
Forderung  zu  spät.  Aber  diesmal  sind  in  die  Liste  der  Kandidaten  zwei
polnische  Diener  der  katholischen  Kirche  ausgenommen  worden.  Das  ist
aber  erst  geschehen,  nachdem  von  seiten  der  Liberalen  die  Kandidatenliste
aufgestellt  worden  war.  Die  Kandidaten  der  Liberalen  waren  als  schärfste
Gegner  der  Katholiken  bekannt.  Der  Reichstagsabgeordnete  Doormann
hatte  gesagt,  die  Liberalen  würden  verzichten,  wenn  keine  Polen  als  Kandidaten
  aufgestellt  würden.  Wäre  dieser  Vorschlag  angenommen  worden,  so
hätte  sich  der  ganze  Streit  vermeiden  lassen.  Es  sind  dann  verschiedene
Wahlaufrufe  in  liberalen  Blättern  ergangen,  aus  denen  hervorging,  daß
es  sich  bei  diesem  Kampfe  nicht  um  einen  Nampf  zwischen  Kätholiken  und
Evangelischen,  sondern  zwischen  christlicher  und  liberaler  Weltanschauung
handelte.  Das  Oberschlesische  Tageblatt  schrieb  zwei  Tage  vor  den  Wahlen,
daß  es  sich  um  den  Rampf  um  die  Simultanschule  handle,  die  das  gentrum
beseuigen  wolle.  Bei  den  Slichwahlen  erlangten  die  Kandidaten  der  Liberalen
  die  Mehrheit,  und  auf  einem  großen  Siegesfest  feierte  ein  Rechtsanwalt
  erst  den  Liberalismus  und  dann  den  mit  ihm  verbündeten  rechtsstehenden
  Sozialismus.  Dieser  an  sich  schon  scharfe  Kampf  wurde  noch
durch  Vorträge  und  durch  eine  Ferrer-Versammlung  verschärft.  Der  Abg.
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        #s  Vernische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)  51

Hirsch  hat  uns  vorgestern  scharf  des  Hasses  gegen  Ferrer  beschuldigt.  Wir
hassen  nicht  diesen  toten  Mann,  wir  wenden  uns  nur  gegen  den  frivolen
Mißbrauch,  den  man  im  Namen  dieses  Mannes  getrieben  hat,  um  das
Volk  aufzuhetzen  gegen  Jesuitismus,  gegen  die  katholische  Kirche,  gegen
das  Zentrum  und  gegen  den  sogenannten  schwarz-blauen  Block.  So  lagen
die  religiös  zugespitzten  Verhältnisse  in  Kattowitz.  Der  Kampf  drehte  sich
lediglich  um  die  Simultanschule.  Da  trat  nun  das  Novum  ein,  daß  die
Sozialdemokratie  sich  der  Stimme  enthielt.  Von  diesem  Augenblick  an
wurde  der  Sache  ein  deutsches  Mäntelchen  umgehängt.  In  der  Schlesischen
Zeitung,  die  mit  Regierungskreisen  Fühlung  zu  haben  scheint,  wurde  nach
der  Wahl  auf  das  Bedenkliche  hingewiesen,  daß  die  Beamten  für  die  Polen
gestimmt  haben;  vor  den  Wahlen  war  davon  nicht  die  Rede;  es  erschien
serner  eine  Mitteilung,  daß  die  Regierung  von  den  Beamten  bei  der  Stichwahl
  ein  treues  Festhalten  an  ihrer  Pflicht  erwarte.  An  den  Lehrern  in
Kattowitz  ist  eine  förmliche  Hinrichtung  vollzogen  worden.  Der  zuständige
Schulrat  las  ihnen  einen  Erlaß  vor  und  sprach  von  politischer  Unreife
älterer  Herren.  Trotzdem  die  Lehrer  später  um  Verzeihung  baten,  erklärte
ihnen  der  Regierungspräsident,  daß  ein  Exempel  statuiert  werden  müsse.
Da  es  sich  bei  der  Hauptwahl  nur  um  den  Kampf  um  die  christliche  oder
atheistische  Weltanschauung  handelte,  so  kann  ich  nur  mein  Bedauern  darüber
  aussprechen,  daß  die  Regierung  in  Oppeln  kein  Verständnis  dafür
gehabt  hat.  Einem  der  polnischen  Kandidaten  ist  zum  Vorwurf  gemacht
worden,  er  wäre  einmal  in  Krakau  gewesen!  Nun,  ich  war  zweimal  in
Krakau,  ohne  daß  meine  deutsche  Gesinnung  gelitten  hätte.  Nach  meiner
Ansicht  hätte  es  genügt,  wenn  man  die  Beamten  gewarnt  hätte.  Ich  muß
es  aber  prinzipiell  ablehnen,  daß  die  Regierung  überhaupt  in  das  Wahlrecht
  der  Beamten  eingreift.  1882  hat  selbst  Bismarck  anerkannt,  daß  das
Votum  eines  Beamten  niemals  einen  Grund  zum  Einschreiten  geben  könne.
Fürst  Bülow  hat  1908  ausdrücklich  eine  Pflicht  der  Regierung  darin  erblickt,
  gegen  Beamte  wegen  einer  Wahl  nicht  vorzugehen.  Und  hier  handelt
es  sich  sogar  nur  um  kommunale  Wahlen,  nach  denen  sonst  kein  Hahn
kräht.  Mindestens  hätte  der  Erlaß  von  1882  aufgehoben  werden  müssen.
Bei  der  Maßregelung  der  politischen  Beamten  wegen  der  Kanalaffäre  wurde
ausdrücklich  deren  Stellung  als  politische  Beamte  bhervorgehoben.  Sind
denn  die  Polen  etwa  gar  mit  der  Pest  behaftete  Menschen?  Warum  werden
nicht  auch  Beamte  gemaßregelt,  die  bei  Stichwahlen  Sozialdemokraten  gewählt
  haben?  (Zuruf  des  Abg.  Dorgmann:  Denunziation!)  Nein,  das
ist  keine  Denunziation,  ich  verlange  auch  die  Maßregelung  dieser  Beamten
nicht  an  sich,  wohl  aber  muß  dann  mindestens  gleiches  Recht  für  alle  gelten.
Dann  werden  auch  die  anderen  Parteien  sehen,  wohin  der  Weg  führt.

Abg.  Dr.  v.  Jazdzewski  (Pole)  verzichtet  zunächst  auf  die  Begründung
  der  Interpellation  der  Polen.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Meine  Herren,  die
Interpellation  führt  Beschwerde  darüber,  daß  eine  Anzahl  von  Lehrern
und  Beamten  versetzt  worden  ist  und  wünscht  Auskunft  über  die  Gründe
dieses  Vorgehens.  Ich  bin  bereit,  die  gewünschte  Auskunft  über  die  Ansichten,
  über  die  Anordnungen  der  Regierung  zu  geben.  Der  Abg.  Porsch
ist  soeben  bei  der  Schilderung  des  Sachverhalts  auf  die  einzelnen  Gegensätze
  parteipolitischer  und  konfessioneller  Natur  in  Kattowitz  eingegangen.
Ich  will  ihm  im  gegenwärtigen  Moment  in  diese  Details  nicht  folgen.
(Ahal  im  Z.)  Ich  behalte  das  dem  späteren  Gange  der  Debatte  entweder
mir  selbst  oder  einem  der  Herren  Ressortminister  vor.  (Lachen  im  Z.)
Meine  Herren,  lachen  Sie  nicht  zu  früh!  Stören  Sie  mich  nicht  zu  früh
mit  Zwischenrufen,  lassen  Sie  mich  meine  Gedanken  ruhig  entwickeln,  Sie

4
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        52  Das  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)

werden  sehen,  daß  der  Gedankengang  auch  von  Ihrem  Standpunkte  aus
ein  begründeter  sein  kann.  Für  mich  kommt  es  darauf  an,  Ihnen  gegenüber
  hier  festzustellen,  daß  für  die  Entscheidung  der  Regierung  parteipolitische
  oder  konfessionelle  Gegensätze  ohne  jeden  Einfluß  gewesen  sind,
daß  für  die  Regierung  entscheidend  gewesen  ist  lediglich  der  Gesichtspunkt,
über  den  der  Abg.  Porsch  in  mancher  Beziehung  etwas  kurz  hinweggegangen
ist,  der  Gesichtspunkt,  daß  Beamte  Kandidaten  großpolnischer  Richtung
ihre  Stimme  gegeben  haben.  (Zurufe  im  Z.:  Sind  ja  keine  Großpolen!)
Sie  sagen,  es  sind  keine  Großpolen.  Die  Regierung  hat  ein  sehr  eingehendes
  Material,  das  Ihnen  unmittelbar  nach  mir  von  meinem  verehrten
  Nachbar  zur  Rechten  (auf  den  Kultusminister  von  Trott  zu  Solz
zeigend)  mitgeteilt  werden  wird,  aus  dem  Sie  trotz  der  Mitteilungen  des
Abg.  Porsch  ersehen  werden,  daß  aus  dem  ganzen  Verhalten  der  beiden
Kandidaten,  um  die  es  sich  handelt,  kein  anderer  Schluß  gezogen  werden
kann,  als  daß  sie  der  großpolnischen  Richtung  angehören.  Wenn  ich  soeben
gesagt  habe,  daß  für  die  Regierung  bei  ihrer  Entscheidung  konfessionelle
Gegensätze  gänzlich  ausgeschlossen  gewesen  sind,  so  will  ich  das  erweitern.
Ich  will  gleich  allen  meinen  Vorgängern  auf  das  bündigste  in  Abrede
stellen,  daß  in  der  gesamten  Polenpolitik  der  preußischen  Regierung  konfessionelle
  Gegensätze  irgendeine  Rolle  spielen.  Die  Regierung  lehnt  es  ab,
solche  Gegensätze  mit  dem  Nationalitätenkampfe  zu  verquicken.  Wer  diese
Verquickung  vorgenommen  hat,  das  sind  die  Polen.  Die  Polen  haben  den
Gegensatz  von  Katholisch-Polnisch  und  Evangelisch-Deutsch  konstruiert.  (Sehr
wahr!  r.,  Zurufe  der  P.:  Wo?  Zurufe  der  R.:  Ueberall.)  Also,  ich  muß
daran  festhalten,  daß  in  Kattowitz  eine  Anzahl  von  Beamten  und  Lehrern
ihre  Stimme  Kandidaten  gegeben  hat,  welche  der  großpolnischen  Richtung
zugerechnet  werden  müssen.  Dr.  Porsch  hat  soeben  den  Beschluß  des  Staatsministeriums
  aus  dem  Jahre  1898  beinahe  in  extenso  verlesen,  in  welchem
für  die  Ostmarken  und  alle  Landesteile  mit  gemischtsprachiger  Bevölkerung
den  unmittelbaren  und  mittelbaren  Staatsbeamten  einschließlich  der  Lehrer
vorgehalten  wird,  welche  Haltung  sie  auch  in  ihrem  außeramtlichen  Verhalten
  einzunehmen  haben  bei  der  Stärkung  des  Deutschtums  und  bei  der
Abwehr  von  deutschfeindlichen  Angriffen.  Im  vorliegenden  Falle  ist  den
Beamten,  welche  in  der  Hauptwahl  für  den  polnischen  Kandidaten  gestimmt
hatten,  vor  der  Stichwahl  von  ihrer  vorgesetzten  Behörde  ausdrücklich  erklärt
  worden,  daß  die  Stimmabgabe  für  den  polnischen  Kandidaten  als
nicht  vereinbar  mit  ihren  Pflichten  erachtet  werden  könne.  Ein  Teil  dieser
Beamten  ist  dieser  Mahnung  zugänglich  gewesen,  ein  anderer  Teil  nicht.
Die  Regierung  sah  sich  deshalb  vor  die  Entscheidung  gestellt,  ob  und  wie
sie  gegen  diese  Beamten  vorgehen  solle.  Sie  hat  sich  dafür  entschieden,
von  allen  disziplinaren  Strafmaßregeln  abzusehen.  Sie  hat  die  Beamten
im  Interesse  des  Dienstes  von  Kattowitz  versetzt  in  Aemter  von  gleichem
Nang  und  Gehalt  und  ohne  Verlust  von  Umzugskosten.  Eine  solche  Versetzung
  im  Interesse  des  Dienstes  ist  trotz  der  Betrachtungen,  die  Sie  angestellt
  haben,  keine  Disziplinarstrafe.  Auch  wenn  eine  solche  Versetzung
im  Interesse  des  Dienstes  von  den  betroffenen  Beamten  wie  eine  Strafe
empfunden  wird,  kommt  es  hier  doch  darauf  an,  den  rechtlichen  Charakter
der  Maßregel  darzustellen.  Sie  selber  sprechen  in  ihrer  Interpellation
von  einer  Beschränkung  staatsbürgerlicher  Rechte.  Man  wirft  der  Regierung
  rechtswidriges  Vorgehen  vor,  wenn  sie  im  vorliegenden  Fall  die
Beamten  versetzt  hat.  Da  müssen  Sie  mir  schon  gestatten,  daß  ich  unser
Verfahren  rechtlich  definiere  und  daran  festhalte,  daß  die  Versetzung  im
Interesse  des  Dienstes  keine  Disziplinarstrafe  ist.  Eine  solche  Versetzung
hat  jeder  nichtrichterliche  Beamte,  jeder  Beamte,  für  den  nicht  ausdrück-
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        Bs  Veeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  GElieder.  (Januar  19.)  53

liche  Gesetzesvorschriften  feststellen,  daß  er  nur  mit  seinem  Willen  oder  im
Disziplinarverfahren  versetzt  werden  darf,  über  sich  ergehen  zu  lassen.  Allgemeine
  Regeln  dafür,  wann  das  dienstliche  Interesse  eine  Versetzung  erfordert,
  lassen  sich  nicht  aufstellen  und  sind  nicht  aufzustellen.  Selbstverständlich
  dürfen  es  niemals  schikanöse  oder  frivole  Rücksichten  sein,  welche
eine  solche  Versetzung  begründen,  sondern  nur  sachliche  und  triftige  Gründe.
Nun  behaupten  Sie,  ein  sachlicher  und  triftiger  Grund  könne  niemals
verbunden  werden  mit  der  Stimmabgabe  des  Beamten  bei  einer  Wahl.
Man  hat  deshalb  das  Vorgehen  der  Regierung  für  verfassungswidrig  gehalten.
  (Sehr  richtig!  l.  u.  im  Z.)  Sie  bestätigen,  daß  das  auch  Ihre  Ansicht
  ist.  Aber  inwiefern  denn  verfassungswidrig?  Wo  gibt  es  eine  Bestimmung,
  die  das  verbietet?  Ich  kenne  sie  nicht.  Die  Regierung  hat
das  unbestreitbare  Recht,  einen  Beamten  von  dem  speziellen  Posten,  für
den  er  sich  nach  der  Ueberzeugung  der  Regierung  nicht  eignet,  zu  versetzen.
Wenn  die  Regierung  auf  die  Ausübung  dieses  Rechts  verzichten  soll,  weil
die  Ungeeignetheit  des  Beamten  sich  in  der  Stimmabgabe  bei  öffentlichen
Wahlen  dokumentiert  hat,  dann  müssen  Sie  die  Vorschriften  hier  vorführen,
  welche  die  Staatsregierung  in  dieser  Weise  in  der  Ausübung  eines
sonst  unbeschränkten  Rechtes  beschränken.  Diesen  Beweis  hat  auch  der
Abg.  Porsch  nicht  geführt  und  wird  ihn  nicht  führen  können.  Er  hat  angedeutet,
  daß  man  aus  dem  Erlaß  des  Fürsten  Bismarck  die  Folgerung
ziehen  müsse,  daß  die  Freiheit  der  Wahl  nicht  beschränkt  werden  darf.  Es
handelt  sich  doch  aber  im  vorliegenden  Fall  gar  nicht  um  disziplinare
Strafen.  Ich  lehne  es  deshalb  ab,  theoretisch  die  Frage  zu  erörtern,  inwieweit
  die  Stimmabgabe  eines  Beamten  bei  einer  öffentlichen  Wahl  zum
Ausgangspunkt  disziplinarer  Maßnahmen  gemacht  werden  kann  oder  nicht.
Diese  Frage  hat  mit  dem  vorliegenden  Fall  gar  nichts  zu  tun.  (Widerspruch
  im  3Z.  u.  I.)  Eines  billige  ich  Ihnen  zu.  Der  Beamte  soll  in  der
Ausübung  seiner  staatsbürgerlichen  Rechte  und  insonderheit  in  der  Freiheit
seines  Wahlrechts  nur  dann  beschränkt  werden,  wenn  es  das  Interesse  des
Staates  unbedingt  erfordert.  Engherzigkeit  in  dieser  Beziehung  würde
gerade  einer  Beamtenschaft  wie  der  preußischen  gegenüber  am  allerwenigsten
am  Platze  sein.  Ihre  Treue  und  Vaterlandsliebe  ruhen  auf  einem  besseren
Fundament,  als  es  äußerer  Zwang  zu  schaffen  vermag.  Sie  hat  dem
preußischen  Staate  gerade  um  deswillen  so  Großes  geleistet,  weil  sie  sich
bewußt  gewesen  ist,  daß  sie  über  ihr  unmittelbar  amtliches  Verhalten,  ihre
unmittelbar  amtliche  Obliegenheiten  hinaus  auch  in  ihrem  gesamten  äußeren
amtlichen  Verhalten  dem  Staate  durch  den  Treueid  verbunden  ist.  Ich
hoffe  sicher,  daß  die  Beamtenschaft  an  diesem  Grundsatz  preußischen  Beamtenrechts
  festhalten  wird,  auch  gegenüber  Bewegungen,  die  ihr  einzureden
  versuchen,  daß  die  individuellen  Rechte  des  Beamten  dem  Interesse
des  Staates  vorzugehen  haben.  Wenn  eine  derartige  Ansicht  zum  Durchbruch
  käme,  so  würde  eine  der  sichersten  Grundlagen  des  preußischen  Staates
erschüttert  werden.  Darum  wird  die  preußische  Staatsregierung  an  diesem
Grundsatz  unerschütterlich  festhalten.  Nun  hat  Herr  Porsch  gemeint,  die
Beamten  in  Kattowitz  hätten  gar  nicht  annehmen  können,  daß  sie  gegen
ihre  Amtspflicht  verstießen,  wenn  sie  bei  Stadtverordnetenwahlen  einem
Großpolen  ihre  Stimme  gaben.  (Zuruf  i.  Z.:  Es  waren  ja  gar  keine  Großpolen!)
  Herr  Porsch  vergißt  dabei  die  hochgespannten  nationalen  Verhältnisse
  in  Oberschlesien.  Es  gibt  dort  keinen  Beamten,  der  nicht  wüßte,  daß
es  mit  seinem  nationalen  Bewußtsein,  seinen  nationalen  Pflichten  unvereinbar
  ist,  bei  Wahlen  das  Großpolentum  zu  stärken.  Man  hat  nun  weiter
gesagt,  die  Versetzung  der  Beamten  von  Kattowitz  wäre  auch  um  deswillen
so  ungerecht  gewesen,  weil,  wie  der  Abg.  Porsch  es  ausdrückte,  die  Welt
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        51  Fas  Penisqhe  Reiqh  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Januar  19.)

rund  wäre.  Andere  haben  schärfer  gesagt,  weil  ja  niemand  wissen  könne.
ob  wir  diese  Polenpolitik,  die  inauguriert  wäre,  weiterführen  würden.
Die  gegenwärtige  Polenpolitik  ist  vom  Fürsten  Bismarck  inauguriert  worden.
Meinem  unmittelbaren  Amtsvorgänger,  dem  Fürsten  Bülow,  wird  es  stets
als  ein  großes  Verdienst  anzurechnen  sein,  daß  er  diese  Politik  mit  Energie
fortgeführt  hat.  Diese  Politik  hat  die  Zustimmung  der  großen  Mehrheit  dieses
hohen  Hauses  von  der  rechten  Seite  bis  weit  in  die  Reihen  des  Liberalismus
  hinein  gefunden.  Es  ist  deshalb  nicht  nur  das  Recht,  sondern  auch
die  Pflicht  der  Staatsregierung,  die  Prinzipien  dieser  Politik  gegenüber
ihren  Beamten,  welche  auch  dissentieren,  durchzusetzen.  Wenn  ein  Beamter,
wie  es  in  Kattowitz  geschehen  ist,  in  seiner  Stimmabgabe  zeigt,  daß  er  die
Polenpolitik  der  Regierung  für  falsch  hält,  daß  er  sie  nach  seiner  Ueberzeugung
  nicht  zu  unterstützen  vermag,  daß  er  sich  im  gegebenen  Falle  für
den  polnischen  Kandidaten  aussprechen  muß,  dann  zeigt  dieser  Beamte
damit,  daß  er  in  einem  national  umstrittenen  und  gefährdeten  Orte  wie
Kattowitz  nicht  an  seinem  rechten  Platze  ist,  mag  er  sonst  ein  noch  so  brauchbarer,
  tüchtiger  Beamter  sein.  Die  Regierung  hatte  deshalb  die  Pflicht,
diese  Beamten  als  ungeeignet  von  Kattowitz  zu  entfernen.  Hätte  sie  es
nicht  getan,  so  hätte  sie,  wie  die  Stimmung  in  Oberschlesien  ist,  eine  ganz
heillose  Verwirrung  angerichtet.  (Cho!  im  Z.)  Jawohl,  meine  Herren,
das  hätte  sie  getan.  Sehen  Sie  sich  doch  einmal  die  praktischen  Verhältnisse
  an!  Der  deutsche  Gewerbetreibende,  der  deutsche  Landwirt,  der  in
den  Ostmarken  die  deutsche  Staatsidee,  die  deutsche  Staatsgesinnung  hochhält,
  hat  unter  dem  Boykott  und  unter  den  Anfeindungen  des  Polentums
zu  leiden.  (Rufe  b.  d.  P.:  In  Oberschlesien?)  In  Oberschlesien,  in  Posen.
(Rufe  b.  d.  P.:  Ist  nicht  wahr!)  Sie  haben  die  Bewegung  von  Posen  nach
Oberschlesien  hinübergetragen.  Wie  soll  man  denn  nun  von  diesen  Elementen,
von  diesen  Gewerbetreibenden  und  Landwirten  ein  Festhalten  an  der
nationalen  Gesinnung  verlangen,  wenn  die  Regierung  zusieht,  wie  ihr  ihre
eigenen  Beamten  bei  der  Durchführung  dieser  Polenpolitik  in  den  Rücken
sallen.  Ich  sagte  vorhin,  der  Abg.  Porsch  hat  die  ganze  Angelegenheit  auf
konfessionelle  und  parteipolitische  Gegensätze  hin  geprüft  und  hätte  den
nationalen  Gesichtspunkt  in  den  Hintergrund  geschoben.  Ich  wiederhole,
der  nationale  Gesichtspunkt  ist  für  die  Regierung  der  einzig  entscheidende
gewesen,  und  darum  wollen  Sie  mir  gestatten,  daß  ich  auch  noch  einige
Worte  über  unsere  Polenpolitik  sage.  Man  wirft  uns  vor,  daß  wir  die
polnische  Gefahr  überschätzen;  wenn  auch  einige  Hitzköpfe  vorhanden  seien,
die  von  der  Wiederaufrichtung  des  polnischen  Nationalstaates  träumten,  so
seien  das  Phantasien,  man  solle  eine  ruhige  Politik  der  Versöhnung  betreiben,
  dann  würde  die  Frage  sich  von  selbst  lösen.  Sehr  richtig!  i.  Z.
und  b.  d.  P.)  Sie  sehen,  ich  schildere  die  Ansichten  der  Gegner  der  preußischen
Polenpolitik  ganz  richtig.  Man  hat  weiter  behauptet,  es  sei  diese  preußische
Polenpolitik  gewesen,  deren  gänzliches  Fiasko  jetzt  feststeht,  die  den  polnischen
  Chauvinismus  grosiggezogen  habe.  Ich  sehe  diese  historischen  Zusammenhänge
  von  Tatsachen  anders  an.  Mag  auch  die  Politik  der  bewaffneten
  Erhebung  längst  als  aussichtslos  aufgegeben  worden  sein,  und
mögen  sich  auch  die  Besonnenen  unter  den  politischen  Führern  ihre  letzten
Ideale  zu  enthüllen  hüten,  so  ist  doch  der  Gedanke  und  die  Hoffnung  auf
die  Wiedererstehung  eines  polnischen  Nationalreichs  das  geistige  Element,
das  die  Polen,  ob  radikal  oder  gemäßigt,  ob  arm  oder  reich,  ob  hoch  oder
niedrig,  zusammenhält  und  das  allein  der  polnischen  Bewegung  die  Stoßkraft
  verleiht,  deren  Erfolge  jeder  sehen  muß,  der  sieht  und  sehen  will.
Wenn  die  polnische  Bewegung  nicht  von  einer  solchen  Idee  getragen  wäre,  dann
würde  sie  nie  und  nimmermehr  die  großen  materiellen  und  geistigen  Opfer
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        Das  NVeische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)  55

haben  hervorbringen  können,  die  alle  ihre  Mitglieder  bis  hinüber  in  die
überseeischen  Länder  bringen,  und  wenn  man  demgegenüber  behauptet,  es
sei  die  preußische  Polenpolitik  gewesen,  welche  im  Versagen  des  loyalen
Wunsches  nach  Erhaltung  der  Muttersprache  und  des  Nationalwesens  zu
der  Leidenschaft  entflammt  habe,  die  die  polnischen  Herzen  erfüllt,  so  schätzt
man  die  geistigen  Kräfte  nicht  richtig  ein,  von  denen  nationale  Bewegungen
ausgehen.  Ich  weiß  sehr  wohl,  die  Herren  der  polnischen  Fraktion  lehnen
alle  Pläne  ab,  die  darauf  hinausgehen,  das  polnische  Reich  auf  Kosten  der
Unversehrtheit  des  preußischen  Staates  wieder  aufzurichten,  und  wenn  die
polnische  Presse  in  Tausenden  und  Abertausenden  von  Exemplaren,  in  Agitation,
in  Versammlungen  und  von  Mund  zu  Mund  den  polnischen  Traum  pflegt
und  wach  erhält,  dann  schütteln  Sie  (z.  d.  P.)  das  alles  von  Ihren  Rockschößen
  ab.  Aber  ungeachtet  dessen  geht  die  Arbeit  im  Lande  ruhig  weiter,
eine  Arbeit,  die  darauf  bedacht  ist,  in  jedem  Polen  das  preußische  Staatsgefühl
zu  ersticken  und  ihn  politisch,  sozial  und  wirtschaftlich  durch  unübersteigbare
Schranken  vom  Deutschtum  zu  trennen.  Mit  dieser  Arbeit  soll  im  prenßischen
Staate  —  nicht  nur  in  den  Ostmarken  —  ein  abgeschlossenes  polnisches
Gemeinwesen  gebildet  werden,  das,  wenn  auch  erst  in  serner  Zukunft  und
wenn  die  Geschicke  einmal  günstig  liegen  sollten,  Boden  und  Kräfte  abgeben
soll,  auf  Grund  deren  der  preußische  Staat  zerrissen  wird.  Und  einer
derartigen  Bewegung  gegenüber  empfiehlt  man  eine  Politik  des  Geschehenlassens
  und  des  Abwartens.  Was  die  Folge  davon  sein  wird,  lehrt  uns
die  Geschichte:  Stärkung  des  Polentums  zuungunsten  des  Deutschtums.
So  ist  es  noch  immer  gewesen  in  Perioden,  wo  das  Deutschtum  nicht  planmäßig
  gefördert  und  gestützt  worden  ist.  Hat  man  denn  vergessen,  daß
reindeutsche  Gemeinden  und  reindeutsche  Landstriche  nachträglich  polonisiert
worden  sind?  Sieht  man  nicht,  daß  es  dem  Großpolentum  in  Oberschlesien
gelungen  ist,  eine  polnische  Bevölkerung,  so  staatstreu  und  vaterlandsliebend
wie  irgend  eine  andere,  zu  verhetzen  und  dem  preußischen  Staate  zu  entfremden
  Preußen  kann  keine  Politik  des  Kleinmuts  führen,  die  daran
verzweifelt,  in  den  national  umstrittenen  Landesteilen  das  Deutschtum  als
den  ausschlaggebenden  Faktor  aufrechtzuerhalten.  Darauf  ist  unsere  Polenpolitik
  und  Schul=  und  Ansiedlungspolitik  gerichtet.  Gewiß,  wir  werden
mit  dieser  Politik  nicht  die  Kraft  der  polnischen  Bewegung  plötzlich  brechen
können.  Dafür  geht  die  Bewegung  mit  ihren  Wurzeln  viel  zu  tief.  Aber
mit  einer  stetigen,  vom  deutschen  Nationalbewußtsein  getragenen  Arbeit
können  wir  das  Deutschtum  materiell  und  kulturell  stärken,  daß  ihm  das
Polentum  trotz  seines  Vordringens  nichts  anhaben  kann.  Und  diese  Arbeit
zu  leisten,  ist  Pflicht  des  preußischen  Staates  nicht  nur  für  sich,  sondern
für  ganz  Deutschland.  Es  entspricht  nicht  den  Tatsachen,  zu  behaupten,
daß  alle  Arbeit,  die  wir  bisher  geleistet  haben,  vergeblich  gewesen  ist.  Gewiß,
  auch  unsere  Ansiedlungspolitik  ist  von  manchen  schädlichen  Nebenerscheinungen
  begleitet,  sie  hat  zeitweise  die  Güterpreise  ins  Ungesunde
gesteigert,  sie  hat  Unruhe  in  die  Reihe  der  deutschen  Besitzer  gebracht,  sie
ist  unzweifelhaft  auch  mit  großen  Härten  verbunden.  Aber  soll  es  denn
nun  nichts  sein,  wenn  wir  in  einer  verhältnismäßig  kurzen  Spanne  Zeit
über  15000  bänuerliche  Stellen  geschaffen  haben,  wenn  wir  150  neue  deutsche
Dörfer  haben  entstehen  lassen,  wenn  wir,  obgleich  wir  mit  der  Ansetzung
von  Arbeitern  erst  später  begonnen  haben,  auch  hierin  schon  Erfolge  erzielt
haben?  Das  ist  rein  unter  dem  Gesichtspunkt  der  inneren  Kolonisation,
die  ich  für  ein  zwingendes  Bedürfnis  halte,  eine  Kulturarbeit,  deren  Preußen
sich  nicht  zu  schämen  hat  und  die  auf  die  Dauer  auch  dem  preußischen
Staat  zugute  kommen  wird.  Man  darf  aber  auch  nicht  von  einer  Arbeit,
die  ihrer  Natur  nach  weitausschauend  sein  muß,  vor  der  Zeit  durchschlagende
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        56  Das  PDentsthhe  Reith  und  seint  einzelnen  Slieder.  (Januar  19.)

Erfolge  erwarten.  Und  vor  allem  nicht  durch  Uneinigkeit  in  den  eigenen
Reihen  den  Fortschritt  dieser  Arbeit  verzögern!  Auf  polnischer  Seite  habe
ich  von  solcher  Uneinigkeit  nichts  bemerkt.  Mögen  auch  die  radikalen  Polen
bisweilen  mit  den  gemäßigten  nicht  übereinstimmen,  weil  diese  ihnen  nicht
schnell  und  energisch  genug  vorgehen,  in  dem  Grundgedanken,  der  Stärkung
des  Polentums  gegenüber  dem  Deutschtum,  sind  sie  sich  alle  einig,  und  an
dieser  Einigkeit  sollten  auch  wir  uns  ein  Beispiel  nehmen,  dann  wird  die
Zeit  kommen,  wo  auch  der  begeisterte  Großpole  einsieht,  daß  irgendwelches
Rüttelnwollen  an  den  schwarzweißen  Grenzen  aussichtslos  ist,  ebenso  aussichtslos,
  wie  der  Kampf  gegen  deutsche  Kultur  und  deutsches  Wesen,  und
dann  wird  auch  der  Nationalitätenhader  aufhören,  der  von  beiden  Seiten
gleich  bitter  empfunden  wird.  Ich  hoffe,  daß  die  Mehrheit  dieses  Hauses
die  Regierung  in  ihrer  Politik  auch  ferner  unterstützen  wird  und  deshalb
auch  anerkennen  wird,  daß  es  lediglich  die  Ueberzeugung  von  staatlicher
Notwendigkeit  war,  die  die  Regierung  zu  den  Entschlüssen  bestimmt  hat,
die  den  Gegenstand  der  heutigen  Interpellation  bilden.  (Lebhafter  Beifall  r.,
Zischen  b.  d.  P.  und  i.  Z.)

Kultusminister  v.  Trott  zu  Solz:  Die  vom  Abg.  Porsch  geschilderten
  Kämpfe  sind  für  die  Maßnahmen  der  Regierung  von  keiner  Bedeutung
  gewesen.  Sie  hat  zu  diesem  Streite  der  Parteien  nicht  selbst
Partei  genommen,  am  allerwenigsten  gegen  diejenigen,  die  in  Kattowitz
für  die  christliche  Weltanschauung  eintreten  zu  müssen  glaubten.  Das  geht
daraus  hervor,  daß  eine  ganze  Reihe  von  Beamten,  von  Lehrern,  die  für
die  Kandidaten  des  Zentrums,  nicht  aber  für  diejenigen  der  Polen  stimmten,
von  den  Maßnahmen  der  Regierung  gänzlich  unberührt  geblieben  sind.
Niemand  hat  daran  gedacht,  irgend  etwas  gegen  sie  zu  unternehmen.  Mit
den  Vorgängen  in  Kattowitz  ist  neulich  vom  Reichstage  und  auch  heute
von  Dr.  Porsch  zugleich  erwähnt  worden  die  in  Kattowitz  veranstaltete
Ferrer-Feier.  Ich  muß  leider  auch  auf  diese  Versammlung  kurz  eingehen,
weil  behauptet  wurde,  daß  an  ihr  ein  Oberlehrer  teilgenommen  habe.  Ich
habe  von  dieser  Versammlung,  wenigstens  was  die  näheren  Umstände  anlangt,
  erst  Kenntnis  erhalten  durch  die  Verhandlungen  des  Reichstages.
Ich  habe  sofort  Bericht  eingefordert,  und  wenn  ich  mir  auch  noch  kein
abschließendes  Urteil  bilden  kann,  so  stehe  ich  doch  nicht  an,  schon  jetzt  zu
erklären:  Wenn  in  der  Tat  ein  Oberlehrer  in  das  Komitee  zur  Veranstaltung
  dieser  Versammlung  eingetreten  ist,  in  der  Versammlung  selbst  an
dem  Vorstandstische  gesessen  und  es  ohne  Widerspruch  geduldet  hat,  daß
in  dieser  Versammlung  die  katholische  Kirche  heftig  angegriffen  und  zum
Austritt  aus  der  katholischen  Kirche  dort  unter  verhetzenden  Ausführungen
aufgefordert  wurde,  daß  dann  der  Oberlehrer  die  Grenzen,  die  ihm  sein
Amt  als  Lehrer,  auch  als  Lehrer  von  katholischen  Kindern,  zieht,  überschritten
  hätte  und  zur  Rechtfertigung  gezogen  werden  müßte.  Alle  diese
Dinge  sind  aber  von  keiner  Bedeutung  für  die  Maßnahmen  der  Regierung
gewesen.  Für  sie  war  lediglich  maßgebend,  daß  bei  den  Stadtverordnetenwahlen
  in  Kattowitz  eine  Reihe  von  Beamten  und  Lehrern  ihre  Stimme
abgegeben  hat  für  zwei  Großpolen,  für  zwei  Anhänger  der  großpolnischen
Partei,  und  daß  sie  dies  getan  hat  in  Oberschlesien,  auf  diesem  national
so  heiß  umstrittenen  Boden.  Nun  bestreiten  Sie,  daß  die  beiden  Kandidaten
Großpolen  gewesen  seien.  Es  wurde  heute  bestritten  und  auch  in  Ihrer
Presse.  Daraus  darf  ich  den  Schluß  ziehen,  daß  Sie  selbst  es  nicht  für
angängig  halten,  daß  Beamte  und  Lehrer  öffentlich  für  Anhänger  der  großpolnischen
  Richtung  eintreten.  Es  würde  also  danach  gar  keine  grundsätzliche
  Verschiedenheit  zwischen  uns  bestehen,  sondern  der  Streit  sich  nur
darum  drehen,  ob  wir  oder  Sie  mit  der  Beurteilung  der  Kandidaten  im
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        Das  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)  57

Rechte  sind.  Die  beiden  Kandidaten  sind  der  Fleischer  Pakulla  und  der
Rechtsanwalt  Adamczewski.  Der  Fleischer  Pakulla  ist  von  polnischer  Seite
als  eine  durchaus  harmlose,  beinahe  deutschfreundliche  Persönlichkeit  gekennzeichnet
  worden.  Meine  Nachrichten  lauten  anders.  Pakulla  ist  ein
eifriges  Mitglied  des  Sokols.  Sie  wissen,  was  die  Sokols  in  der  polnischen
Bewegung  bedeuten.  Ueberall,  wo  Polen  sich  in  größeren  Mengen  zusammenfinden
  und  wo  die  nationalpolnische  Idee  propagiert  werden  kann,
da  ist  das  erste,  was  geschieht,  es  wird  ein  Sokol  gegründet,  und  um  ihn
herum  gruppiert  sich  das  polnische  Leben.  Wir  haben  Sokols  in  Oberschlesien,
  Posen,  Westpreußen,  Berlin,  Westfalen,  ja  selbst  in  Amerika,  und
unter  allen  diesen  Sokols  besteht  eine  enge  Verbindung,  sie  besuchen  einander
  bis  über  das  Meer,  die  Verbindung  wird  aufrechterhalten  von  Oberschlesien
  bis  Amerika.  Die  Fahnen  werden  in  Krakau  geweiht,  und  um
die  Führer  der  Sokols  scharen  sich  die  anderen.  Ein  treuer  Förderer  der
Sokols  ist  Pakulla.  Er  läßt  sich  nicht  stören,  wenn  ein  Sokolverein  aufgelöst
  ist,  den  Mitgliedern  nach  wie  vor  sein  Haus  zur  Verfügung  zu
stellen,  er  ist  enragierter  Großpole.  (Lebhafter  Widerspruch  d.  P.;  Zuruf:
Er  spricht  zu  Hause  deutsch.)  Das  ist  nicht  der  Fall;  das  wurde  schon
im  Reichstage  behauptet,  trifft  aber  nicht  zu.  Er  hat  eine  deutsche  Frau,
und  trotzdem  verlangt  er,  daß  in  seinem  Hause  polnisch  gesprochen  wird,
daß  seine  sämtlichen  Angehörigen  polnisch  sprechen,  und  seinen  Sohn  hat
er  bei  dem  bekannten  Großpolen  Lewandowski  in  Dienst  gegeben.  Er  vermeidet
  alles,  was  ihn  daran  erinnert,  daß  seine  Frau  eine  Deutsche  ist.
Es  kann  also  keine  Rede  davon  sein,  daß  Pakulla  nur  ein  Katholik  polnischer
Zunge  sei.  Er  gehört  natürlich  auch  den  Vereinigungen  an,  die  die  Polen
in  Oberschlesien  gegründet  haben,  um  ihre  Landsleute  von  jedem  Verkehr
mit  den  Deutschen  abzuschließen  und  die  Grenzen  zwischen  Polen  und
Deutschen  immer  tiefer  zu  ziehen.  (Der  Minister  zählt  diese  Vereine  auf.)
Das  alles  ist  nachgewiesen.  Der  Mann  entfaltet  eine  recht  lebhafte  Beteiligung
  am  öffentlichen  Leben  und  macht  sie  geltend  ausschließlich  in  der
Richtung  polnischer  Agitation.  Noch  schärfer  tritt  das  hervor  bei  dem
Rechtsanwalt  Adamczewski.  Er  ist  ein  lebender  Beweis  dafür,  wie  von
außen  herein  die  polnische  Propaganda  nach  Oberschlesien  getragen  wurde.
Er  stammt  aus  Posen  und  war  einer  der  ersten,  die  auf  den  Ruf  des  bekannten
  Großpolen  Lewandowski  nach  Oberschlesien  übersiedelten,  um  dort
polnische  Agitation  zu  treiben.  Er  ist  dieser  Aufgabe  denn  auch  in  vollem
Maße  gerecht  geworden.  Er  wurde  Mitglied  vieler  polnischer  Vereine  und
Mitarbeiter  radikal-polnischer  Blätter.  In  welchem  Sinne  diese  Blätter
schreiben,  das  wissen  die  Herren  vom  Zentrum  selbst.  Das  Zentrum  ist
mit  Entschiedenheit  von  einer  derartigen  Agitation  abgerückt,  was  ich  gern
anerkenne.  So  muß  also  Herr  Adamczewski  angesehen  werden  als  ein
Mann,  der  dieselbe  Richtung  wie  Herr  Korfanty  vertritt.  Ich  glaube,  ich
habe  nicht  Unrecht,  wenn  ich  sage,  nicht  wir  haben  uns  im  Irrtum  befunden,
  sondern  Sie.  Es  kommt  noch  hinzu,  daß  dieser  Adamczewski  vom
Ehrengericht  seiner  Berufsgenossen  wegen  eines  Vorfalls  bestraft  worden
ist,  bei  dem  er  in  Kattowitz  in  einem  öffentlichen  Lokal  sich  gegen  die
Deutschen  in  derartigen  Schimpfereien  ergangen  hat,  daß  ich  außerstande
bin,  die  Worte  hier  zu  wiederholen.  Solche  Dinge  pflegen  in  einem  Ort
von  der  Größe  wie  Kattowitz,  wo  die  nationalen  Gegensätze  so  stark  hervortreten,
  wo  sie  das  Tagesgespräch  bilden,  nicht  unbekannt  zu  bleiben.  Trotzdem
  haben  die  Lehrer,  die  für  diesen  Kandidaten  gestimmt  hatten,  behauptet,
sie  hätten  von  der  großpolnischen  Richtung  nichts  gewußt.  Das  ist  schwer
verständlich.  Aber  selbst  wenn  es  richtig  wäre,  muß  ich  sagen,  daß  sie
dann  erst  recht  nicht  geeignet  waren,  in  einer  solchen  Umgebung  Lehrer  zu
        <pb n="66" />
        58  Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Januar  19.)

sein.  Um  was  handelt  es  sich  denn  bei  der  ganzen  Sache?  Es  sind  Lehrer
weggenommen  worden,  weil  sie  sich  als  ungeeignet  zeigten.  Ich  gebe  zu,
daß  die  Versetzung  der  Lehrer  an  Orte  Oberschlesiens  erfolgt  ist,  wo  ebenfalls
  eine  gemischtsprachige  Einwohnerschaft  wohnt.  Ich  habe  auch  die
Absicht  gehabt,  die  Versetzung  der  Regierung  in  Oppeln  insoweit  zu  ändern,
daß  ich  die  Lehrer  an  Orte  versetzen  wollte,  an  denen  sie  nicht  solchen  Gefahren
  ausgesetzt  sind.  Da  ist  mir  von  den  Lehrern  der  Wunsch  vorgetragen
worden,  sie  möchten  in  Oberschlesien  bleiben.  Es  wäre  für  sie  die  größte
Härte,  wenn  sie  aus  ihrer  Umgebung,  ihrer  Verwandtschaft  herausgerissen
würden.  Sie  haben  das  Unrecht  ihres  Verhaltens  eingesehen,  haben  versichert,
  daß  sie  nicht  wieder  in  den  Fehler  verfallen  würden,  und  da  habe
ich  nachgegeben,  habe  geglaubt,  eine  zu  vermeidende  Härte  vermeiden  zu
sollen.  Ich  hoffe,  daß  sich  diese  Lehrer  den  Vorgang  als  Warnung  dienen
lassen  und  daß  sie  ebenso  wie  die  übrigen  Lehrer  in  Oberschlesien  getreu
ihren  Aufgaben  nachkommen  und  in  dem  Sinne  treu  wirken,  daß  sie  für
das  Deutschtum  tätig  sind,  daß  sie  ihren  Schülern  Verständnis  für  deutsche
Art  beibringen.  Dann  arbeiten  sie  zum  Nutzen  der  Schule,  zum  Nutzen
des  Vaterlandes  und  zum  Nutzen  der  irregeleiteten  polnischen  Landsleute.
Herr  Porsch  hat  noch  darauf  verwiesen,  daß  die  Lehrer  insofern  schlechter
weggekommen  seien,  als  sie  gleich  nach  der  Hauptwahl  und  nicht,  wie  die
übrigen  Beamten,  erst  nach  der  Stichwahl  versetzt  worden  sind.  Das  hängt
zusammen  mit  der  besonderen  Stellung,  die  der  Lehrer  in  Oberschlesien
hat.  Eine  polnische  Agitation  hat  früher  in  Oberschlesien  nicht  bestanden,
sondern  ist  von  außen  in  das  Land  hineingetragen  worden.  Man  versucht,
nach  und  nach  auch  Oberschlesien  zu  polonisieren.  Wenn  irgendwo,  so
stehen  wir  dort  auf  dem  Boden  der  Abwehr.  Wir  wehren  uns  gegen  den
Versuch,  ein  deutsches  Land  zu  polonisieren.  Dagegen  müssen  wir  alle
Mittel  anwenden,  vor  allem  die  Mittel,  die  auf  kulturellem  Gebiet  liegen.
Und  da  brauchen  wir  die  Schulen  unbedingt,  um  Fortschritte  zu  machen.
Neuerdings  ist  ja  unsere  Schulpolitik  heftig  angegriffen  worden,  man  hat
gesagt,  sie  sei  ganz  verfehlt  und  hätte  die  Aufgabe,  die  sie  lösen  sollte,
nicht  gelöst.  Dieser  Vorwurf  ist  ungerechtfertigt.  Die  Ostmarken  zu
germanisieren,  kann  die  Schule  allein  nicht  erreichen.  Denken  Sie  an
die  Schwierigkeiten,  denen  gerade  die  Schule  im  Osten  ausgesetzt  ist.  Aber
die  Schule  kann  wesentlich  zur  Germanisierung  beitragen,  sie  ist  die  Vorbedingung
  für  eine  Stärkung  und  Kräftigung  des  Deutschtums  in  der
Ostmark.  Deshalb  nehmen  die  Lehrer  im  Osten  eine  ganz  besondere
Stellung  ein  und  es  muß  von  ihnen  in  allererster  Linie  verlangt  werden,
daß  sie  unter  allen  Umständen  zum  Deutschtum  halten,  innerhalb  und
außerhalb  der  Schule.  (Beifall  r.  und  bei  den  Nl.)

Auf  Antrag  des  Abg.  Dr.  Porsch  (Z.)  wird  die  Besprechung  beider
Interpellationen  beschlossen.

Abg.  Winkler  (K.):  Wir  stehen  einmütig  an  der  Seite  der  Regierung.
  Ihre  Maßnahmen  sind  nur  eine  Folge  ihrer  Polenpolitik.  Wir
würdigen  den  Ernst  der  Lage  im  OÖsten.  Die  großpolnische  Propaganda
hat  auf  Oberschlesien  übergegriffen.  Dem  muß  entgegengetreten  werden.
Die  Regierung  und  ihre  Organe  sind  es  uns  schuldig,  dieses  altpreußische
Land  uns  preußisch  zu  erhalten.  Wir  halten  es  deshalb  für  eine  Pflichterfüllung
  der  dortigen  Behörden,  daß  sie  dem  ersten  Wanken  in  den
deutschen  Reihen  fest  und  entschlossen  entgegengetreten  sind  und  daß  sie
den  Beamten  gegenüber,  die  für  zwei  großpolnische  Kandidaten  gestimmt
und  damit  Verwirrung  in  die  deutschen  Reihen  gebracht  haben,  die  gesetzlichen
  Konsequenzen  gezogen  haben.  Eine  andere  Haltung  der  Regierung
würden  wir  für  unvereinbar  halten  mit  den  ersten  Pflichten  der  Staats-
        <pb n="67" />
        Das  Denische  Reihh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)  59

erhaltung.  Wir  würden  es  auch  als  das  Ende  der  Beamtendisziplin  betrachten,
  wenn  jeder  Beamte  sein  subjektives  Urteil  über  das  der  Regierung
stellen  wollte.  Ein  Eintreten  von  Beamten  für  sozialdemokratische  Kandidaten
  ist  ebenso  unzulässig  wie  ein  Eintreten  für  polnische,  und  wir
haben  das  Vertrauen,  daß  die  Regierung,  wenn  das  einmal  vorkommen
sollte,  mit  gleichem  Maße  messen  wird.

Abg.  Schiffer  (Nl.)  verliest  namens  seiner  Partei  eine  Erklärung:
Aus  der  Eigenart  des  Verhältnisses  zwischen  Beamten  und  Staat  folgt,
daß  die  allgemeinen  Staatsbürgerrechte,  die  auch  den  Beamten  zustehen,
nicht  unbedingt  den  Vorrang  gegenüber  seinen  besonderen  Pflichten  beanspruchen
  können.  Jedoch  darf  von  einer  solchen  Einschränkung  der  politischen
  Rechte  nur  die  Rede  sein,  wenn  unzweifelhaft  Lebensinteressen  des
Staates  in  Frage  kommen.  Diese  Voraussetzung  liegt  hinsichtlich  der
polnischen  Bestrebungen  vor.  Wenn  daher  die  Staatsregierung  gegen  Beamte
  und  Lehrer  eingeschritten  ist,  die  für  diese  Bestrebungen  öffentlich
eingetreten  waren,  so  war  ihr  Vorgehen  gerechtfertigt  und  berechtigt.  Mit
Rücksicht  auf  die  grundsätzliche  Tragweite  der  Angelegenheit  hegen  wir
dennoch  den  Wunsch  und  die  bestimmte  Erwartung,  die  Staatsregierung
werde  eine  unzweideutige  Erklärung  dahin  abgeben,  daß  sie  derartige  Maßnahmen
  ausschließlich  gegen  Bestrebungen  anwenden  wird,  die  sich  unmittelbar
  gegen  die  Sicherheit,  den  äußeren  Bestand  oder  die  monarchische
Grundlage  des  Staates  richten,  und  daß  sie  sie  in  keinem  Falle  und  in
keiner  Weise  weder  mittelbar  noch  unmittelbar  gegen  das  Eintreten  für
irgendeine  andere  Parteibestrebung  richten  wird.  Nicht  zustimmen  kann
ich  aber  dem  Ministerpräsidenten,  wenn  er  so  stark  betont,  es  handle  sich
um  eine  Versetzung  im  Interesse  des  Dienstes.  Die  Beamten  haben  ihre
Versetzung  als  Strafe  empfunden,  und  eine  Strafe  ist  sie  auch  gewesen.
Wenn  wir  das  Vorgehen  der  Regierung  prüfen,  so  müssen  wir  uns  drei
Fragen  vorlegen.  Die  erste  ist:  ist  es  überhaupt  zulässig,  unter  irgendwelchen
  Umständen  und  aus  irgendwelchen  Gründen,  die  staatsbürgerlichen
Rechte  der  Beamten  zu  beschränken?  Wir  bejahen  diese  Frage.  Die  Beamten
  dürfen  sich  nicht  als  Förderer  von  Bestrebungen  betätigen,  die  sich
gegen  den  Bestand  des  Staates  richten.  Wir  meinen  dagegen  nicht,  daß
der  Beamte  verpflichtet  sein  soll,  auf  die  allgemeine  Politik  der  Regierung
zu  schwören.  Herr  Porsch  hat  den  Liberalismus  in  eine  Reihe  gestellt  mit
dem  Atheismus.  Das  ist  unerhört,  das  ist  eine  schwere  Beleidigung  aller
derer,  die  treu  zu  ihrem  Glauben  halten  und  treu  zum  Liberalismus  stehen.
Wenn  ein  so  besonnener  Mann  wie  Herr  Porsch  in  solcher  Tonart  hier
öffentlich  spricht,  einen  Tag,  nach  dem  Herr  Herold  hier  den  Ruf  nach
konfessionellem  Frieden  hat  erschallen  lassen,  dann  wissen  wir,  was  wir  von
diesen  Friedfertigkeitsbeteuerungen  zu  halten  haben.  Es  unterliegt  keinem
Zweifel,  daß  die  großpolnischen  Bestrebungen  im  Widerspruch  zu  den  Jnteressen
  des  Staates  stehen.  Das  braucht  nicht  mehr  bewiesen  zu  werden.
Noch  heute  gilt  für  die  Polen  das  polnische  Sprichwort,  das  einmal  ein
Abgeordneter  in  polnischer  Sprache  in  den  Saal  rief:  „So  lange  die  Welt
besteht,  wird  nie  ein  Pole  der  Bruder  eines  Deutschen  sein!“  Bedenklich
hat  uns  die  Bemerkung  des  Staatssekrekärs  im  Reichstage  gemacht,  daß
die  Regierung  zu  ihrem  Bedauern  in  der  Kattowitzer  Sache  über  den
Rahmen  des  Bismarckerlasses  vom  4.  Januar  1882  habe  hinausgehen
müssen.  Es  geht  nicht  an,  daß  die  Grundlagen  unseres  Beamtenrechts
verrückt  werden,  ohne  daß  ein  neues  Beamtenrecht  geschaffen  wird.  Das
ist  eine  dringende  Aufgabe.  Kein  Beamter  darf  wegen  oppositioneller
Haltung  gemaßregelt  werden,  so  lange  er  nicht  staatsfeindliche  Bestrebungen
vertritt.  Weder  wegen  der  Bekundung  von  Zentrums=  noch  von  frei-
        <pb n="68" />
        60  Hos  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19,  20.)

sinnigen  Anschauungen  darf  ein  Beamter  irgendwelche  Nachteile  erfahren.
Wir  wünschen,  daß  die  Regierung  eine  kraftvolle  Politik  auf  nationalem
Gebiet  beobachte;  sie  hat  das  hohe  Recht  und  die  Pflicht,  den  Staatsund
  den  Nationalitätsgedanken  gegen  alle  Feinde  zu  verteidigen.  Möge
sie  zeigen,  daß  der  preußische  Adler  die  preußischen  Staatsinteressen  zu
schützen  weiß,  und  daß  er  scharfe  Fänge  hat  und  sie  im  Kampf  mit  seinen
Todfeinden  zu  gebrauchen  weiß!Q

Abg.  Dr.  Seyda  (P.):  Die  Rede  des  Ministerpräsidenten  hat  uns
nicht  überrascht.  Er  ist  aber  darauf  nicht  eingegangen,  ob  die  Maßregelungen
mit  gesetzlichen  Bestimmungen  in  Einklang  zu  bringen  sind.  Im  weiteren
Verlaufe  seiner  Ausführungen  bezeichnet  es  Redner  als  ein  Ammenmärchen,
daß  die  Polen  an  eine  Losreißung  preußischer  Landesteile  dächten.  Er
spricht  dem  Ministerpräsidenten  das  Recht  ab,  die  Gefühle  der  Polen  derartig
  zu  kennzeichnen,  wie  es  geschehen  sei,  solange  nicht  Beweise  dafür
erbracht  seien,  die  nur  in  vollendeten  Tatsachen  liegen  könnten.  Je  mehr
die  preußische  Regierung  den  Boden  des  Rechts  verläßt,  um  so  mehr  werden
wir  unsere  Anhänger  aufklären,  ohne  den  Boden  des  Rechts  zu  verlassen.
Hinter  uns  steht  das  Recht,  die  Verfassung  und  die  Gerechtigkeit.

Abg.  Merten  (Frk.):  Meine  politischen  Freunde  sind  dafür,  daß
die  Beamten  ihr  Wahlrecht  frei  ausüben  können.  Allerdings  müssen  dieser
Freiheit  Grenzen  durch  nationale  Rücksichten  gezogen  werden.  Es  geht
nicht  an,  daß  Beamte  Bestrebungen  unterstützen,  die  darauf  abzielen,  am
letzten  Ende  den  Bestand  des  preußischen  Staates  zu  gefährden.  Hier
kommt  die  Sozialdemokratie  und  die  polnische  Bewegung  in  Betracht.  Von
Haß  gegen  die  katholische  Religion  kann  auch  keine  Rede  sein.  Wir  haben
doch  in  den  Ostmarken  gute  Katholiken,  die  für  das  Deutschtum  eintreten.
Der  Zentrumsabgeordnete  Graf  Hencke!  von  Donnersmarck  hat  selbst  in
einem  Schreiben  an  den  Ostmarkenverein  die  großpolnische  Bewegung  als
ein  nationales  Unglück  hingestellt.  Weiter  sagt  er  in  diesem  Schreiben:
„Diese  Bewegung  wiegelt  das  Volk  gegen  jede  Antorität,  kirchliche  wie
staatliche,  auf.“  Das  Zentrum  sollte  dankbar  sein,  daß  gegen  die  polnische
Bewegung  Front  gemacht  wird,  denn  das  Zentrum  wird  in  Oberschlesien
sicherlich,  wenn  es  so  weiter  geht,  am  ehesten  von  der  polnischen  Welle
weggeschwemmt  werden.

Eisenbahnminister  v.  Breitenbach  bemerkt  kurz,  daß  auch  Eisenbahnbeamte
  hätten  versetzt  werden  müssen,  weil  sie  trotz  vorhergehender
Belehrung  für  die  polnischen  Kandidaten  gestimmt  hätten.

19.  Januar.  (Charlottenburg.)  Dr.  Oskar  Gallenkamp,
Vizepräsident  der  Reichsbank  von  1902—1906,  f  im  78.  Lebensjahre.

19.  Januar.  (Sachsen-Weimar.)  Der  Staatshaushaltsetat
  für  die  nächste  dreijährige  Finanzperiode

verlangt  neue  direkte  Steuern  von  jährlich  265000  Mark,  um  den

Anteil  des  Reiches  an  der  Erbschaftssteuer  und  die  fälligen  Matrikularbeiträge
  zu  decken.

20.  Januar.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  wird
die  Depesche  der  Bürger  von  Lüderitzbucht  auf  Antrag  der  Sozialdemokraten
  als  erledigt  erklärt,

weil  sie  Verleumdungen  enthalte  und  den  Herrn  Kreplin  und
Genossen  unberechtigte  Vorteile  von  der  Diamantenausbente  verschaffen
solle.
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        Das  Dentsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Januar  20,  21.)  61

20.  Januar.  (Kattowitz.)  Gymnasialoberlehrer  Hoffmann,
der  bei  den  Stadtverordnetenwahlen  polnisch  wählte,  wird  im  Interesse
  des  Dienstes  nach  Strehlen  versetzt.  Gymnasialoberlehrer  Hacks,
der  dem  Komitee  der  Ferrerversammlung  angehört  hatte,  wird  vom
Provinzialschulkollegium  zur  Verantwortung  gezogen.

20.  Januar.  (Bayern.)  Kammer  der  Abgeordneten.  Bei
der  Debatte  über  Gewerbeaufsicht  erklärt  der  Ministerpräfident
Podewils,

daß  allerdings  Industrie  und  Handel  durch  die  Reichsfinanzreform
in  erster  Linie  betroffen  werden,  aber  sie  seien  auch  imstande,  diese  Lasten
zu  tragen.  Der  Minister  gedenkt  alsdann  der  Bemühungen  der  Regierung
um  das  Handwerk,  sei  es  durch  Meisterkurse,  Wanderlehrer,  das  gewerbliche
  Genossenschaftswesen  usp.  Daß  die  Industrie  in  Bayern  nicht  so
wünschenswerte  Entwicklung  zeige  wie  anderswo,  daran  sei  die  geographische
Lage  Bayerns  schuld,  ebenso  der  Mangel  an  Kohlen  im  Gegensatz  zu
Rheinland  und  Westfalen.  Hoffentlich  werde  durch  die  geplante  Ausnützung
  der  Wasserkräfte  Bayerns  die  industrielle  Entwicklung  mehr  gefördert
  als  bisher.  Außerdem  sei  die  Möglichkeit  gegeben,  durch  die  Qualität
  der  Erzeugnisse,  besonders  auf  dem  Gebiete  des  Kunstgewerbes,  Ausgleich
  zu  schaffen.

21.  Januar.  (Reichstag.)  Die  Selbstverwaltung  in  Südwest-Afrika.


In  der  Budgetkommission  des  Reichstags  erklärt  Staatssekretär
Dernburg,  daß  die  Bevölkerung  der  Kolonie  zum  großen  Teil  für  eine
Selbstverwaltung  noch  nicht  reif  sei.  Auf  8000  Deutsche  kommen  dort
19000  Prozesse,  einundzwanzigmal  soviel  als  in  Deutschland,  und  die  Kriminalität
  sei  viermal  so  stark.  Nachdem  alle  Parteien  der  Auffassung  des
Staatssekretärs  über  die  Selbstverwaltung  und  ihre  Vorbereitung  zugestimmt
  hatten,  wird  ein  Antrag  Erzberger  (Z.)  angenommen,  der  verlangt,
  daß  den  Gemeinden  in  Südwestafrika  1.  genügend  Land  auch  für
die  zukünftige  Entwicklung  vorbehalten  bleibt,  und  2.  ausreichende  Steuerquellen
  zur  Verfügung  gestellt  werden.

21.  Januar.  (Berlin.)  Professor  August  Meitzen,  Statistiker
und  Wirtschaftshistoriker,  f.  88  Jahre  alt.

21.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  Interpellationsdebatte  wegen  der  Kattowitzer  Beamtenmaßregelungen.



Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  In  der  Beurteilung
der  Angelegenheit  des  Kattowitzer  Oberlehrers,  der  bei  einer  Ferrerfeier
beschimpfende  Angriffe  auf  die  katholische  Kirche  stillschweigend  geduldet
haben  soll,  hat  der  Kultusminister  vollkommen  recht.  Hat  der  Oberlehrer,
der  auch  katholische  Kinder  zu  unterrichten  hat,  das  getan,  so  ist  er  für
diesen  Posten  ungeeignet  und  wird  zur  Verantwortung  gezogen  werden.
Gegenüber  der  Berufung  mehrerer  Redner  auf  den  Bismarckerlaß  weise
ich  darauf  hin,  daß  ich  mich  durchaus  in  Uebereinstimmung  mit  dem
großen  Realpolitiker  Bismarck  weiß,  wenn  ich  sage:  Wenn  jemals  der  hoffentlich
  niemals  zu  erwartende  Fall  eintreten  sollte,  daß  Beamte  sich  an  Be-
        <pb n="70" />
        62  JNas  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  21,  22.)

strebungen  beteiligen,  die  das  staatserhaltende  Interesse  verletzen,  dann
hat  die  Regierung  alle  Machtmittel  des  Staates  dagegen  anzuwenden,
und  zwar  mit  allem  Nachdruck  und  aller  Schärfe.  Abg.  Schiffer  hat  meine
Darlegung,  daß  es  sich  in  Kattowitz  nicht  um  Disziplinarmaßregeln  handle,
bemängelt.  Ich  stelle  nochmals  fest,  daß  es  sich  um  Versetzungen  im  Interesse
  des  Dienstes  gehandelt  hat.  Allgemeine  Regeln  für  die  Versetzung
im  Interesse  des  Dienstes  lassen  sich,  wie  ich  schon  neulich  betonte,  nicht
aufstellen.  Willenlose,  korrumpierte  Sklaven,  wie  Herr  Liebknecht  anführte,
will  die  Regierung  nicht  haben.  Die  können  wir  nicht  brauchen.  Ich  habe
zu  erklären:  Die  Regierung  wird  es  vermeiden,  solange  sie  irgend  kann,
in  die  Ausübung  der  politischen  Rechte  der  Beamten  sich  einzumischen,  sie
wird  das  nur  dann  können,  wenn  es  staatliche  und  nationale  Notwendigkeiten
  zwingend  gebieten.  Diese  kurze  Versicherung  ist  meines  Erachtens
wertvoller  als  eine  notwendig  mit  allerhand  Deklarationen  verbrämte  lange
Erklärung,  wie  man  sie  von  mir  für  Sicherstellung  der  Rechte  der  Beamten
gefordert  hat.

21.  Januar.  (Reichstag.)  Im  Kolonial-Nachtragsetat  wird
die  erste  Baurate  von  2  Millionen  Mark  zur  Fortführung  der
Usambarabahn  nach  Modschi  und  zum  Ausbau  des  Hafens  in
Tanga  bewilligt.

21.  Januar.  (Hessen.)  Der  Finanzminister  Dr.  Gnauth
erläßt  in  der  Presse  und  im  Finanzausschuß  der  Zweiten  Kammer
eine  Erklärung  gegen  die  Verdächtigung  in  einigen  Mainzer,  Wormser
und  Darmstädter  Zeitungen,  als  ob  er  über  die  beantragte  Vereinfachung
  der  Staatsverwaltung  seinen  Spott  getrieben  habe.

22.  Januar.  (Essen.)  In  der  Zeche  „Holland“  werden
sechs  Bergleute,  die  in  einem  eingestürzten  Schachte  86  Stunden
eingeschlossen  waren,  gerettet.

22.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Interpellation
  des  Zentrums  betr.  den  Arbeitsnachweis  im  Ruhrkohlenrevier.


Die  Interpellation  lautet:  Welche  Stellung  gedenkt  die  königliche
Staatsregierung,  insbesondere  auch  als  Vertreterin  des  staatlichen  Bergbaues
  gegenüber  der  einseitigen  Organisation  des  Arbeitsnachweises,  wie
er  im  Ruhrkohlenrevier  von  seiten  der  privaten  Bergwerksunternehmer  mit
Zwangscharakter  eingerichtet  worden  ist,  in  der  Folge  einzunehmen?

Handelsminister  Sydow:  Ich  kann  es  nur  willkommen  heißen,  daß
ich  durch  die  Interpellation  auch  nach  den  Beratungen  im  Reichstage  hier
an  der  zuständigen  Stelle  die  Gründe  darlegen  kann,  welche  für  die  preußische
Bergverwaltung  in  dieser  Frage  bisher  bestimmend  waren  und  weiter  bestimmend
  sein  werden.  Ungeachtet  der  Erörterungen  im  Reichstage  verträgt
  diese  Frage  der  Oeffentlichkeit  gegenüber  immer  noch  eine  weitere
Klärung.  Bevor  ich  in  die  Sache  selbst  eintrete,  kann  ich  es  nicht  unterlassen,
  dem  Abg.  Trimborn  zu  danken  für  die  ruhige  und  sachliche  Art,
mit  der  er  gestern  die  Frage  behandelt  hat.  Menige  Tage,  nachdem  im
Oktober  vorigen  Jahres  der  Zechenverband  den  Beschluß  gefaßt  hatte,  einen
Zwangsarbeitsnachweis  einzuführen,  wandten  sich  die  Vertreter  der  vier
Bergarbeiterorganisationen  an  mich  mit  der  Bitte,  vermittelnd  einzugreifen,
        <pb n="71" />
        Das  Denisqe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Januar  22.)  63

damit  der  Arbeitsnachweis  nicht  ins  Leben  trete.  Die  Bedenken,  die  sie
bervorhoben,  bestanden  im  wesentlichen  darin,  daß  sie  eine  Beschränkung
ihrer  Freizügigkeit  und  ihrer  freien  Verwertung  der  Arbeitskraft  befürchteten.
Sie  verlangten  auch,  es  möge  seitens  der  preußischen  Staatsregierung  für
eine  gesetzgeberische  Forderung  der  paritätischen  Arbeitsnachweise  gewirkt
werden.  Der  Zustand  der  Beschaffung  von  Arbeitskräften  und  Arbeitsgelegenheit
  im  Ruhrrevier  war  bisher  ein  völlig  anarchischer.  Auf  der
einen  Seite  suchten  sich  die  Werksbesitzer  durch  Agenten  ihre  Arbeitskräfte
zu  beschaffen  und  es  traten  dabei  alle  Mißstände  des  Agentenunwesens  hervor.
  Die  Tätigkeit  der  Agenten  war  mehr  auf  den  Provisionsgewinn  gerichtet
  als  auf  die  Befriedigung  des  Arbeitsbedürfnisses.  Insofern  mußte
jede  erträgliche  anderweitige  Organisation  des  Arbeitsnachweises  als  ein
Fortschritt  angesehen  werden.  Ich  gehe  davon  aus,  daß  der  Arbeitsnachweis
  keine  anderen  Zwecke  verfolgen  soll,  als  einerseits  den  Arbeitern  geeignete
  Arbeitsgelegenheit  und  andererseits  den  Arbeitgebern  geeignete
Arbeiter  zu  verschaffen.  Nur  verlangen  die  Arbeiter  paritätische  Arbeitsnachweise,
  weil  nur  auf  diese  Weise  zu  verhüten  sei,  daß  der  Arbeitsnachweis
als  ein  Machtmittel  zu  anderen  Zwecken  verwendet  würde.  Das  war  nicht
immer  die  Meinung  der  Arbeiter.  In  den  neunziger  Jahren  kam  auf  dem
Gewerkschaftskongreß  in  Frankfurt  a.  M.  auf  das  bestimmteste  das  Verlangen
  zum  Ausdruck,  die  einseitigen  Arbeitsnachweise  der  Arbeiter  als
Mittel  zu  verwenden,  um  die  Arbeitgeber  zu  zwingen,  nur  solche  Arbeiter
anzunehmen,  die  den  Bedingungen  der  Arbeitnehmer  entsprachen.  Wenn  der
Abg.  Trimborn  gestern  erwähnte,  daß  1909  auf  einer  Versammlung  der
Arbeitlgeber  Nachweise  ähnlicher  Tendenz  verlangt  worden  sind,  so  kann
man  nur  sagen:  wie  es  in  den  Wald  hineinschallt,  so  schallt  es  heraus.
(Unruhe  i.  Z.  und  b.  d.  Sd.)  Ich  will  damit  ja  gar  nicht  sagen,  daß  das
meine  Meinung  ist.  Insbesondere  seit  dem  großen  Ausstand  in  Krimmitschau
  sind  die  Arbeitgeber  dazu  übergegangen,  in  größerem  Maße  als  bisher
  sich  eigene  Arbeitsnachweise  einzurichten.  Praktisch  haben  diese  Arbeitsnachweise
  so  große  Erfolge  gegenüber  den  Nachweisen  der  Arbeiter  gehabt,
daß  nunmehr  die  Arbeiter  eine  Schwenkung  vorgenommen  haben,  und  das
Verlangen  nach  paritätischen  Arbeitsnachweisen  stellen.  Es  braucht  ein  einseitiger
  Arbeitsnachweis  nicht  notwendig  eine  Kampforganisation  zu  sein.
Die  Befürchtung,  daß  durch  den  Arbeitsnachweis  Arbeiter  über  den  Bedarf
herangezogen  werden,  kann  ich  in  keiner  Weise  teilen.  Am  meisten  wird
die  Heranziehung  der  Arbeiter  über  den  Bedarf  durch  das  Agentenwesen
gefördert,  und  das  Agentenwesen  möchten  die  Werksbesitzer  eben  vermeiden.
Man  wünscht  nun  durchaus  einen  parilätischen  Arbeitsnachweis.  Nach
meiner  Keuntnis  der  Verhältnisse  ist  der  Boden  für  einen  paritätischen
Arbeitsnachweis  im  Ruhrrevier  noch  nicht  vorbereitet.  Es  hieße,  den  Kopf
in  den  Busch  stecken,  wenn  man  die  Verhältnisse  zwischen  Arbeitgebern  und
Arbeitnehmern  im  Ruhrrevier  nicht  sehen  würde.  Dadurch,  daß  man  nun
zwangsweise  die  beiden  leider  häufig  streitenden  Teile  an  einen  Tisch  setzt,
würde  man  kein  gutes  Verhältnis  herstellen.  Wir  haben  in  der  Beziehung
Erfahrungen  bei  der  Bochumer  Zwangskasse.  Die  gedeihliche  Fortentwicklung
  der  Kasse  wurde  dadurch  stark  gefährdet,  daß  der  alte  Bergarbeiterverband
  die  Frage  der  Statutenänderung  zu  einer  Kraftprobe  zu  machen
suchte.  Ebenso  ist  bekannt,  daß  jede  Wahl  von  Knappschaftsältesten  als
Machtprobe  der  Organisation  benutzt  wird.  Wenn  das  so  bei  einer  Einrichtung
  ist,  die  doch  aueschließlich  im  Interesse  der  Arbeiter  liegt,  wieviel
mehr  ist  das  bei  einer  Einrichtung  zu  befürchten,  die  sich  noch  nicht  so  eingelebt
  hat  und  die  zugleich  auch  zweifellos  zum  Nutzen  der  Werksbesitzer
geschaffen  ist.  Man  befürchtet  nun,  daß  die  Werksbesitzer  den  Arbeitsnachweis
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        64  Das  Veuische  Reich  und  seine  einjelnen  Elieder.  (Januar  22.)

nicht  so  ausüben  werden,  wie  sie  es  zugesichert  haben.  Ich  muß  es  ablehnen,
  Männern,  die  in  der  Industrie  und  im  gewerblichen  Leben  eine  so
angesehene  Stellung  einnehmen,  ohne  die  allerzwingendsten  Beweise  zu
haben,  nicht  das  Vertrauen  entgegenzubringen,  daß  sie  ihr  gegebenes  Versprechen
  halten  werden.  Aber  selbst  wenn  sie  es  nicht  aus  Ehr=  und  Pflichtgefühl
  täten,  würde  sie  schon  die  Klugheit  dazu  zwingen,  das  Versprechen
zu  halten.  Die  Regierung  ist  auch  in  der  Lage,  wenn  es  nötig  wäre,  die
Herren  darauf  aufmerksam  zu  machen,  ihrer  bernhigenden  Erklärung  Folge
zu  leisten,  und  das  würde  nötigenfalls  mit  Nachdruck  geschehen.  Würden
die  Werksbesitzer  ihr  Versprechen  nicht  halten,  würde  sich  ein  Sturm  der
Entrüstung  gegen  sie  entfesseln,  den  zu  verhüten  sie  das  allergrößte  Interesse
selber  haben.  Gegen  die  Personalkarte  wäre  an  sich  nichts  zu  sagen,  sondern
nur  dagegen,  daß  die  Leute  sich  zu  den  gemachten  Eintragungen  nicht
äußern  können.  Ich  wäre  der  letzte,  eine  solche  Karte  zu  befürworten.
Aber  sie  ist  hier  auch  gar  nicht  beabsichtigt.  Ich  kann  also  die  Interpellation
  dahin  beantworten:  Die  Regierung  wird  mit  allen  ihr  zur  Verfügung
  stehenden  Mitteln  danach  streben,  daß  der  Arbeitsnachweis  in  dem
Sinne  ausgeführt  wird,  wie  er  durch  die  der  Staatsregierung  gegenüber
gemachten  Erklärungen  festgelegt  ist.  Im  Reichstag  ist  angedeutet  worden,
ob  die  Regierung  nicht  ein  gewisses  Kontrollrecht  über  den  Arbeitsnachweis
haben  soll.  Die  Frage  unterliegt  zurzeit  der  Prüfung  durch  den  Bundesrat.
  Bedenken  gegen  solche  Kontrollvorschriften  habe  ich  nicht.  Die  weitere
Frage  der  Interpellation,  wie  die  Regierung  sich  als  besondere  Vertreterin
des  staatlichen  Bergbaues  zu  dem  Arbeitsnachweis  zu  verhalten  gedenke,
beantworte  ich  dahin,  daß  die  Regierung  sich  in  der  Ordnung  der  Arbeiterverhältnisse
  ihrer  Verwaltungen  vollkommen  freie  Hand  wahren  will,  daß
sie  sich  nicht  durch  Majoritätsbeschlüsse  von  Privatunternehmern  binden
läßt  und  daß  sie  dem  Zwangsarbeitsnachweis  sich  nicht  anschließen  wird.
Der  Abg.  Trimborn  befürchtete,  daß  bei  den  staatlichen  Zechenverwaltungen
dadurch  Schwierigkeiten  eintreten  würden.  Es  könnte  nur  umgekehrt
kommen.  Wir  haben  bisher  schon  genug  brauchbare  Arbeiter  bekommen,
und  wir  werden  in  Zukunft  erst  recht  Leute  bekommen,  denen  es  nicht  paßt,
durch  den  Zwangsarbeitsnachweis  zu  gehen.  Wir  sind  noch  niemals  in
Verlegenheit  gewesen,  genügend  brauchbare  Arbeiter  zu  bekommen.  Nun
hat  der  Abg.  Trimborn  am  Schluß  seiner  Rede  an  den  Zechenverband  den
Appell  gerichtet,  er  möchte  alles  vermeiden,  was  dazu  beitragen  könnte,
den  schon  vorhandenen  Zündstoff  noch  weiter  zu  häufen,  damit  keine  Explosion
  entstände.  Ich  kann  das  Wort  für  Wort  unterschreiben.  Aber  die
Gerechtigkeit  erfordert,  denselben  Appell  an  die  Organisationen  der  Arbeiter
zu  richten.

22.  Januar.  (Köln.)  Erzbischof  Kardinal  Fischer  tritt  in
einem  Fasten-Hirtenbrief  für  die  Konfessionalität  des  politischen
Lebens  der  Katholiken  ein.

Es  heißt  darin:  Eine  in  gewissen  Kreisen  der  Gegenwart  beliebte
Forderung  ist  die  sogenannte  Interkonfessionalität.  Man  verlangt,  daß
die  einzelnen  Konfessionen  sich  nicht  voneinander  abschließen  sollen;  man
rügt  es  insbesondere,  wenn  die  Katholiken  sich  in  katholischen  Vereinigungen
  zusammentun,  und  spricht  von  Sonderbestrebungen,  vom  Sichabschließen
  gegen  das  nationale  Leben  und  die  nationale  Kultur,  von  einem
Fremdkörper  im  eigenen  Fleisch,  und  wie  all  die  schalen  Redensarten
heißen.  Die  Forderung  hängt  zusammen  mit  dem  leider  immer  mehr  in
unserm  Vaterlande  sich  einbürgernden  Unglauben,  mit  der  Abneigung
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        Das  Vetsche  Reich  uud  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  23.  24.)  65

gegen  Christentum  und  Kirche,  die  in  weiten  Kreisen  Platz  gegriffen  hat.
Darum  geht  sie  vorzugsweise  von  solchen  Leuten  aus,  die  selber  keine
Religion  mehr  haben,  geschweige  eine  Kenntnis  oder  auch  nur  eine  Ahnung
besitzen  von  der  Bedeutung,  der  Macht  und  Wirkungskraft  des  katholischen
Glaubens.  Tritt  die  Konfession  überall  im  öffentlichen  Leben  zurück  und
wird  in  den  Hintergrund  gedrängt,  so  ist  dem  religiösen  Indifferentismus
Tür  und  Tor  geöffnet  und  die  christliche  Grundlage  unseres  öffentlichen
Lebens  in  Frage  gestellt.  Leider  scheinen  auch  einzelne  der  Unfrigen  sich
darüber  nicht  so  ganz  klar  zu  sein  und  erstreben,  unter  dem  Einfluß  des
Zeitgeistes,  eine  Interkonfessionalierung  oder  vielmehr  Konfessionslosigkeit
auch  dort,  wo  sie  bisher  aus  guten  Gründen  als  ausgeschlossen  galt.  Geht
man  doch  hier  und  da  so  weit,  daß  man  möglichst  schon  den  Namen
„katholisch"  vermieden  wissen  möchte  und  statt  des  mann-  und  herzhaften
Bekenntnisses  zu  unserm  heiligen  katholischen  Glauben  lieber  von  der  sogenannten
  „christlichen  Weltanschauung“  spricht:  als  hätten  wir  uns  unseres
heiligen  Glaubens  zu  schämen!

W3.  Januar.  (Weimar.)  Bei  der  Galatafel  im  Großherzoglichen
  Schloß  wechseln  der  Kaiser  und  der  Großherzog  herzliche
Trinksprüche.

24.  Januar.  Exzellenz  v.  Loebell,  der  am  14.  Juli  vorigen
Jahres  zum  Oberpräsidenten  der  Provinz  Brandenburg  ernannte
frühere  Chef  der  Reichskanzlei,  nimmt  krankheitshalber  seinen  Abschied,
ohne  seinen  neuen  Posten  angetreten  zu  haben.

24.  Januar.  Die  „Nationalliberale  Korrespondenz“  gegen
den  Bund  der  Landwirte:

Wenn  der  Bund  der  Landwirte  noch  der  alte  wäre,  als  der  er
gegründet  wurde,  dann  beständen  auch  keine  grundsätzlichen  Differenzen
zwischen  ihm  und  der  nationalliberalen  Partei.  Aus  dem  parteilosen  wirtschaftlichen
  Verband  ist  aber  unter  Dr.  Hahns  apostatisch-wilder  Führung
ein  neuer,  parteipolitischer  Bund  geworden.  Seit  die  Bundesführer  immer
offenkundiger  in  der  konservativen  Partei  die  Prätorianerrolle  spielen,  zugleich
  sie  beschützen  und  beherrschen  wollen,  seitdem  kann  allerdings  zwischen
ihnen  und  den  Nationalliberalen  kein  Frieden  herrschen.  Wenn  heute  noch
in  einzelnen  Distrikten  Bündler  und  wirkliche  Nationalliberale  an  einem
Strange  ziehen,  so  liegt  das  daran,  daß  dort  die.  Unterorganisationen  des
Bundes  an  der  alten  Tradition  festhalten  und  die  Tendenz  der  Führer,
die  agrarfreundlichen  Parteien  gegeneinanderzuhetzen,  verwerfen.  Der  neue
Bund  aber  hat  die  Bündnisfähigkeit  verloren.

24.  Januar.  Im  Bund  der  Industriellen  spricht  der  nationalliberale
  Reichstagsabgeordnete  Dr.  Stresemann  über  Industrie  und
Hansabund.

Es  würde  verhängnisvoll  sein,  wenn  die  Industrie  Stellung  gegen
die  Landwirtschaft  nehmen  würde  und  wenn  der  Hansabund  bei  seiner
Industriepolitik  verlangen  wollte  eine  Zurücksetzung  der  Landwirtschaft.
Trotz  der  aggressiven  Politik  des  Bundes  der  Landwirte  dürfe  die  Kaufkräftigkeit
  des  inneren  Marktes  nicht  beeinträchtigt  werden.  Die  15  Millionen
Personen  in  der  Landwirtschaft  seien  in  ihrem  Wert  als  Käufer  nicht  zu
unterschätzen.  Man  dürfe  auch  eben  nicht  alles  auf  die  eine  Karte  des
Exports  setzen.  Wir  können  als  Industrielle  sehr  gut  eine  Politik  der  Ge-Europäischer

  Geschichtskalender.  Ul.  5
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        66  Jaos  Beutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  21.  25.)

rechtigkeit  gegenüber  den  verschiedenen  Erwerbsständen  vertragen.  Aber
von  der  Regierung  müssen  wir  verlangen,  daß  sie  in  dieser  Zeit  des  immer
schwerer  werdenden  Kampfes  der  Weltwirtschaft  alle  Kräfte  einsetzt,  unseren
Export  zu  fördern.  In  unsere  Diplomatie  muß  ein  kaufmännischer  Geist
eindringen.  Eigentümlich  berührt  es,  daß  fast  das  gesamte  diplomatische
Korps  sich  aus  dem  Adel  zusammensetzt.  Der  Adel  hat  gewiß  seine  Vorzüge,
  aber  heute  ist  die  Welt  eine  andere  geworden.  Man  mag  über
Dernburg  in  seiner  Stellung  zu  den  Pflanzern  denken,  wie  man  will,  aber
man  muß  doch  zugeben,  daß  in  das  Amt  ein  ganz  anderer  Geist  gekommen
ist.  Höher  als  die  Sozialpolitik,  die  für  Alter  und  Krankheit  sorgt,  ist
eine  gesunde  Wirtschaftspolitik,  die  in  gesunden  Tagen  für  ein  gutes  Auskommen
  sorgt.

24.  Januar.  Der  Vorstand  des  deutschen  Protestantenvereins
erläßt  einen  Aufruf  zur  Kräftigung  des  Gemeindelebens  und  zur
Vorbereitung  einer  freiheitlichen  Bewegung  bei  den  1913  bevorstehenden
  allgemeinen  Kirchenwahlen.

25.  Januar.  (Berlin.)  Eine  Ausstellung  von  Werken
französischer  Kunst  des  18.  Jahrhunderts  wird  in  Gegenwart  der
kaiserlichen  Familie  und  des  Reichskanzlers  in  der  Königlichen
Akademie  der  Künste  eröffnet.

25.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Nationalliberale
  Interpellation:

„Ist  der  Königlichen  Staatsregierung  bekannt,  daß  in  der  Provinz
Posen  gegen  Beamte  wegen  ihres  Eintretens  für  die  nationalliberale  Parteie
amtliche  Maßregeln  ergriffen  worden  sind?  Billigt  sie  diese  Maßnahmen?“

25.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Nationalliberale
  und  Konservative  beantragen  die  landesgesetzliche  Zulassung
des  Litauischen,  Masurischen  und  Wendischen  als  Versammlungssprache
  gemäß  §  12  des  Reichsvereinsgesetzes.

25.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  In  der
allgemeinen  Debatte  über  den  Etat  der  landwirtschaftlichen  Verwaltung
  kommt  es  beim  Titel  Ministergehalt  zu  einem  sehr  erregten
Rededuell  zwischen  Dr.  Dietrich  Hahn  vom  Bunde  der  Landwirte
und  dem  nationalliberalen  Abgeordneten  Wamhoff,  einem  Führer
des  Bauernbundes.

25.  Jannar.  (Reichstag.)  Schlußbericht  der  Kommission
über  die  Land=  und  Bergwerksgesellschaften  in  Südwest-Afrika  und
in  Kamerun.

Auf  Beschluß  des  Reichstages  hatte  der  Reichskanzler  eine  aus  Abgeordneten
  und  Kolonialsachverständigen  zusammengesetzte  Kommission  gebildet,
  welche  die  Rechte  und  Pflichten  sowie  die  bisherige  Tätigkeit  der
bezeichneten  Gesellschaften  prüfen  und  Vorschläge  zur  Beseitigung  etwaiger
Minstände  machen  sollte.  In  Bezug  auf  Südwest-Afrika  erklärte  die
Kommission,  daß  eine  endgültige  Lösung  der  Gesellschaftsfrage  nicht  herbei-
        <pb n="75" />
        Das  Veensche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jannar  25.)  67

geführt  worden  ist.  Dagen  sei  sichergestellt,  daß  in  den  nächsten  zehn  Jahren
Kauflustige  auch  in  den  Gesellschaftsgebieten  Land  zu  angemessenen  Preisen
erwerben  können,  die  zum  Teil  alle  zwei  Jahre  revidierbar  sind,  und  denen
die  Kosten  für  Landvermessung  und  Wassererschließung  hinzutreten.  Betont
  wurde  sodann,  daß  die  Kolonialverwaltung  eine  weitere  steuerliche
Heranziehung  des  Schutzgebietes  zur  gegebenen  Zeit  im  Auge  behalten
müsse.  Es  kann  dies  durch  eine  erhöhte  Besteuerung,  z.  B.  durch  eine
progressive  Einkommensteuer  erreicht  werden.  Sie  wird  ermöglichen,  sowohl
  Individuen  wie  Gesellschaften  in  steigender  Proportion  ihrer  Gewinne
zu  den  öffentlichen  Lasten  heranzuziehen.  Der  Zeitpunkt,  zu  dem  dies
geschehen  kann,  steht  zurzeit  mit  Sicherheit  noch  nicht  fest.  Es  unterliegt
keinem  Zweifel,  daß  bei  weiteren  Besteuerungsmaßnahmen  mit  großer  Vorsicht
  vorgegangen  werden  muß,  um  nicht  die  Betätigung  des  Kapitals
im  Schutzgebiete  abzuschrecken.  Es  ist  wünschenswert,  daß  schon  im  Jahre
1912  ein  weiterer  Schritt  nach  der  erwähnten  Richtung  getan  werden
könne,  da  dann  die  Steuerfreiheit  sowohl  der  South-West-Africa  Co.  wie
der  Otavi-Gesellschaft  in  Wegfall  kommt.  Bezüglich  der  Gesellschaft  Nordwest-Kamerun
  schlägt  die  Kommission  vor,  vor  einer  Beseitigung  resp.  Abänderung
  der  Konzession  für  die  Gesellschaft  Nordwest-Kamerun  im  Konzessionsgebiete
  keine  Landkommissionen  zu  bilden  und  so  die  Besitznahme
von  Kronland  wie  die  Veräußerung  desselben  unmöglich  zu  machen.  Der
Gouverneur  von  Kamerun  soll  angewiesen  werden,  die  Ermächtigung  zum
Aufsuchen  von  Land,  zum  Abschluß  von  Verträgen  über  Ablassung  von
Land  und  vorläufige  Besitznahme  des  Landes  durch  die  Gesellschaft  Nordwest-Kamerun
  nicht  zu  erteilen.

25.  Januar.  (Reichstag.)  Nachtragsetat  für  die  Schutzgebiete:


Ankauf  der  Otavibahn,  Ausbau  der  Strecke  Karibib—Windhuk  und
Bau  der  Nord-Süd-Bahn.  Diamantenpolitik.

Abg.  Semler  (Nll.)  referiert  als  Berichterstatter.  Südwest-Afrika  hat
über  eine  halbe  Milliarde  gekostet  und  kostet  noch  jährlich  viele  Millionen  für
militärische  Zwecke.  Trotzdem  zieht  das  Reich  die  jetzigen  Mehreinnahmen.
nicht  zur  Deckung  der  militärischen  Ausgaben  heran,  sondern  investiert  sie
in  Bahnen  für  Südwest-Afrika.  Die  Beschwerden  der  Südwest-Afrikaner
seien  daher  unverständlich.  Der  Vertrag  mit  der  Otavibahngesellschaft  fand
zunächst  Beanstandung.  Aber  die  Aufklärung  des  Staatssekretärs  hat  die
Kommission  schließlich  befriedigt.  Auch  für  die  anderen  Bahnbauten  habe
sich  die  Kommission  erklärt,  nachdem  die  Notwendigkeit  von  dem  Staatssekretär
  überzeugend  nachgewiesen  worden  sei.  Die  Erweiterung  des  Bahnnetzes
  werde  auch  eine  Verminderung  der  Besetzung  und  damit  der  Kosten
zur  Folge  haben  können.

Abg.  Erzberger  (3.):  Die  Diamantenfrage  spielt  zweifellos  in
unserer  Kolonialpolitik  neuerdings  eine  große  Rolle.  Wir  haben  von  der
Regierung  eine  ausführliche  Denkschrift  bekommen.  Nur  wäre  es  wünschenswert,
  wenn  wir  die  Drucksachen  etwas  eher  in  die  Hand  bekommen  hätten.
Eine  frühere  Veröffentlichung  der  Denkschrift  hätte  zweifellos  zur  Aufklärung
  und  Beruhigung  beigetragen.  In  unserer  Diamantenpolitik  hat
der  Staatssekretär  zweifellos  eine  recht  geschickte  Hand  gezeigt.  Ueberhaupt
sind  wir  im  allgemeinen  mit  der  Kolonialpolitik  des  Herrn  Dernburg  einverstanden,
  und  wenn  der  Staatssekretär  seine  Tätigkeit  vor  3½  Jahren
als  Herr  Dernburg  begonnen  hat,  so  wird  er  es  doch  wohl  bald  zu  einem
Herrn  v.  Dernburg  bringen.  Der  Staatssekretär  hat  zu  Anfang  schwere
Angriffe  wegen  seiner  Mitteilungen  über  die  Diamantenfunde  und  wegen

5
        <pb n="76" />
        68  Haes  NVeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  25.)

der  Diamantenpolitik  erfahren  müssen.  Um  so  erfreulicher  ist  es,  daß
jetzt  die  Diamantenpolitik  des  Staatssekretärs  von  allen  Parteien  des  Hauses
gebilligt  worden  ist.  Das  ist  nicht  ohne  Bedeutung,  daß  sich  alle  Parteien
in  dieser  Frage  zusammengefunden  haben  und  die  Politik  des  Herrn  Dernburg
  billigten  In  einzelnen  Punkten  kann  man  sich  allerdings  vor  einer
Kritik  nicht  ganz  hüten.  Ich  will  nicht  prüfen,  ob  die  Diamantenfunde
ein  Glück  für  die  Kolonie  sind;  es  scheint  fast,  als  hätte  die  Leute  da
unten  ein  Diamantenkoller  erfaßt.  Bei  der  Diamantengewinnung  hat  die
Deutsche  Kolonialgesellschaft  gute  Geschäfte  gemacht  und  es  sind  Stimmen
laut  geworden,  die  fragten,  ob  nicht  an  den  Rechten  dieser  Gesellschaft
gerüttelt  werden  könne.  Aber  in  der  Kommission  haben  wir  nach  genauer
Prüfung  feststellen  können,  daß  die  Gesellschaft  diese  Rechte  in  vollem  Umfange
  besitzt.  Trotzdem  ist  es  bedauerlich,  daß  die  Gesellschaft  so  viele
Rechte  besitzt,  aber  leider  wird  sich  daran  nur  wenig  ändern  lassen.  Herr
Dernburg  hat  nun  versucht,  die  Rechte  der  Gesellschaft  etwas  einzuschränken.
Wenn  die  alte  Rechtsbestimmung  bezw.  des  Bergbaues  für  Südwest-Afrika
bestände,  dann  hätte  man  nur  die  Hälfte  der  Einnahmem  bekommen,  die
wir  jetzt  bekommen  haben.  Hätte  der  Staatssekretär  nicht  manche  guten
Verträge  mit  dieser  Gesellschaft  abgeschlossen,  dann  hätte  die  Gesellschaft
einfach  die  Sperre  über  das  ganze  Diamantengebiet  verhängen  können.
Jetzt  hat  der  Staatssekretär  diese  Sperre  verhängen  können  und  das  war
eine  sehr  vernünftige  Maßnahme.  Die  Sperre  ist  zunächst  bis  1911  verhängt.
  Es  fragt  sich  nun,  wird  von  diesem  Zeitpunkt  an  die  allgemeine
Schürffreiheit  bestehen,  oder  soll  dann  die  Sperre  weiter  verhängt  werden.
Ich  habe  weiter  gelesen,  daß  auch  über  die  Nordgebiete  die  Sperre  verhängt
werden  soll.  Ich  möchte  nun  fragen,  ob  der  Staatssekretär  in  der  Lage
ist,  darüber  Mitteilung  zu  machen.  Sind  mit  der  Kolonialgesellschaft  die
Verträge  bereits  soweit  gediehen,  daß  darüber  in  der  Oeffentlichkeit  Mitteilungen
  gemacht  werden  können?  Wir  wünschen  aber  im  allgemeinen,
daß  bezüglich  der  Mineraliengewinnung  nicht  mehr  als  in  freigehender
Konzession  gewährt  wird.  Wir  wünschen,  daß  der  Reichstag  vor  der  Verleihung
  solcher  Konzessionen  gehört  wird  und  wir  werden  bei  der  nächsten
Gelegenheit  diesen  Antrag  wieder  einbringen.  Vorläufig  haben  wir  ihn
zurückgestellt,  und  wenn  wir  ihn  wieder  einbringen,  so  soll  damit  nicht
die  geringste  Spitze  gegen  den  Staatssekretär  enthalten  sein,  sondern  wir
wünschen  nur,  daß  nicht  ein  einzelner  Beamter  mit  einem  Federstrich  ganze
weite  Strecken  unseres  Schutzgebietes  weggeben  kann.  Wir  wünschen,  daß
der  Spekulation  in  Südwest-Afrika  entgegengetreten  wird.  Deshalb  sind
wir  auch  gegen  die  Einführung  von  kleinen  Aktien  in  Südwest=  Afrika.=  Es
darf  nicht  dazu  kommen,  daß  jedes  Dienstmädchen  in  Berlin  solche  Aktien
besitzen  kann.  Die  jetzige  Gesellschaftssorm  ist  ja  nicht  gerade  dazu  sehr
geeignet,  aber  vielleicht  läßt  sich  auch  ein  Reichskommissar  dem  Gouvernement
  in  Südwest-Afrika  beigeben:  dann  wird  die  jetzige  Schwierigkeit
beseitigt  werden.  Zusammenfassend  will  ich  noch  einmal  sagen,  man  mag
es  bedauern,  daß  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  so  große  Rechte  verliehen
  worden  sind,  aber  unter  den  bestehenden  Umständen  läßt  sich  nichts
daran  ändern.  Es  ist  im  Gegenteil  zu  begrüßen,  daß  es  Herrn  Dernburg
gelungen  ist,  soviel  für  das  Reich  herauszuschlagen.  Das  Schürfen  wird
nun  in  der  Kolonie  auch  von  einer  Berliner  Pachtgesellschaft  betrieben.
Diese  hat  500000  Mark  eingezahltes  Aktienkapital  und  wie  sich  berechnen
läßt,  hat  diese  Gesellschaft  einen  Gewinn  von  400000  Mark.  Das  ist  ein
Gewinn  von  80  Prozent  und  dagegen  werden  in  Südwest-Afrika  Bedenken
laut.  Vielleicht  gibt  uns  der  Staatssekretär  nähere  Auskunft  darüber,  wie
der  Gewinn  verteilt  wird.  Von  dem  Staatssekretär  ist  nun  in  Berlin  eine
        <pb n="77" />
        Das  Denisqhe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  25.)  69

Regie  zum  Verkauf  von  Diamanten  gegründet  worden.  Diese  Regie  läuft
am  28.  Februar  ab  und  es  fragt  sich  nun,  ob  dieser  Vertrag  verlängert
werden  soll.  Anfänglich  machte  sich  auch  gegen  diese  Regie  starke  Opposition
  geltend,  aber  es  hat  sich  gezeigt,  daß  sie  sich  voll  bewährt  hat.  Wir
wünschen  darüber  Auskunft,  welche  neuen  Pläne  für  die  Verlängerung  der
Regie  bestehen.  Die  Regie  hat  sich  jedenfalls  in  der  jetzigen  Form  in
finanzieller  Hinsicht  durchaus  bewährt.  22  Mark  pro  Karat  hat  der  Verkauf
  der  ersten  deutschen  Diamanten  erzielt  und  jetzt  beträgt  der  Erlös  auf
ein  Karat  33  Mark.  Aus  diesem  Mehrerlös  können  die  Ausfuhrzölle  vollkommen
  gedeckt  werden.  Unter  diesen  Umständen  verstehe  ich  nicht  die
Opposition  gegen  die  Regie,  die  geschickt  verhindert  hat,  daß  ein  Ueberangebot
  auf  dem  Weltmarkt  vorhanden  war.  Unverständlich  ist  die  Unzufriedenheit
  der  Farmer  in  Südwest-Afrika.  Ich  glaube  aber,  diese  Beschwerdeführer
  kennen  den  ganzen  Zusammenhang  nicht,  sonst  müßte  man  an  ihrem
guten  Glauben  zweifeln.  Wir  wünschen  daher  auch,  daß  die  Mitteilungen
der  Denkschriften  des  Staatssekretärs  in  der  Kolonie  bekannt  gemacht  werden.
Dann  wird  die  Unzufriedenheit  vielleicht  etwas  nachlassen.  Das  Vorgehen
der  Lüderitzbuchtansiedler  muß  aufs  schärfste  verurteilt  werden.  Die  Leute
tun  sich  selbst  den  größten  Schaden.  Wer  soll  da  noch  Lust  haben,  diesen
Leuten  die  Selbstverwaltung  zu  gewähren?  Wir  wollen  alle  Beschwerden
sachlich  prüsen.  Aber  die  Art,  wie  die  Angriffe  gegen  den  Staatssekretär
Dernburg  gerichtet  worden  sind,  kann  bei  uns  keine  Unterstützung  finden.
Wir  haben  die  Pflicht,  zur  Ruhe  und  Besonnenheit  zu  raten.  Je  ruhiger
und  sachlicher  die  Leute  ihre  Beschwerden  vorbringen,  desto  mehr  können
sie  auf  eine  eingehende  Prüfung  rechnen.  Die  Einnahmen  aus  den  Diamanten
  werden  nun  natürlich  keine  dauernden  Einnahmen  sein.  Wir
müssen  die  Einnahmen  als  einen  recht  großen  Lotteriegewinn  betrachten.
Wir  können  nun  das  Geld  dazu  benutzen,  um  die  Schulden  in  Südwest-Afrika
  zu  decken.  Aber  das  wollen  wir  nicht  und  deshalb  ist  die  Protestbewegung
  in  Südwest-Afrika  um  so  unbegreiflicher.  Wir  verwenden  alle
Einnahmen  wieder  für  Südwest-Afrika  und  das  Reich  hat  zunächst  gar  keinen
Gewinn.  Der  Staatsekretär  hat  uns  ein  großes  Bahnprojekt  vorgelegt
und  wir  begrüßen  es.  Dieses  Bahnprojekt  wäre  nicht  möglich  gewesen,
wenn  wir  nicht  diese  großen  unerwarteten  Einnahmequellen  gehabt  hätten.
Am  meisten  kritisiert  wurde  in  diesem  Programm  der  Vertrag  mit  der
Otavi-Minen-Gesellschaft.  Prinzipiell  muß  die  Verstaatlichung  der  Verkehrsmittel
  begrüßt  werden.  Es  fragt  sich  nun,  ob  der  Vertrag  dem  Reiche
günstig  ist.  Wenn  die  Gesellschaft  sich  dem  Reiche  nicht  freundlich  gegenüberstellt,
  so  werden  wir  auch  Mittel  haben,  die  Gesellschaft  dazu  zu
zwingen.  Wir  werden  aber  trotz  aller  Bedenken  auch  diesem  Vorschlag
zustimmen,  ebenso  auch  den  anderen  Bahnbauten  und  hoffen,  daß  sie  für
unsere  Kolonie  von  Nutzen  sein  werden.

Staatssekretär  Dernburg:  Auf  die  Lüderitzbuchter  Depeschenangelegenheit
  werde  ich  nicht  eingehen,  um  nicht  den  Eindruck  des  Verdiktes
abzuschwächen,  das  die  Kommission  darüber  abgegeben  hat.  Es  handelt
sich  hier  um  sehr  schwierige  Fragen.  Die  Verwaltung  ist  durch  die  Diamantenfunde
  vor  eine  große  Aufgabe  gestellt  worden.  Ich  bin  selbst  überrascht
worden  durch  die  schnelle  Entwicklung,  welche  diese  Sache  genommen  hat.
Das  erste  Prinzip  ist,  daß,  wenn  man  koloniale  Verbrauchsgegenstände
fördern  will,  die  die  Heimat  verwenden  kann,  man  sie  billig  herstellen  muß.
Luxusgegenstände  muß  man  dagegen  im  Preise  steigern,  d.  h.  man  muß  sie
monopolisieren.  Das  zweite  Prinzip  ist,  man  muß  Steunerobjekte  schaffen
und  drittens  muß  man  dafür  sorgen,  daß  die  Sachen  verkauft  werden  können.
Der  Vorredner  meint,  diese  Dinge  hätten  früher  publiziert  werden  müssen.
        <pb n="78" />
        70  Das  Dentshe  Reiqhh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  25.)

Das  gebe  ich  zu.  Aber  jede  dieser  Verfügungen  ist  im  Reichskolonialblatt
abgedruckt  worden.  Ich  habe  aber  auch  seinerzeit  in  einem  Vortrag  vor
diesem  Hause  eingehende  Mitteilungen  gemacht.  Die  Vertreter  von  Lüderitzbucht
  sind  hier  gewesen  und  alles  ist  mit  ihnen  besprochen  worden.  Ihre
Wünsche  sind  gehört  und  erfüllt  worden  und  sie  haben  sich  mit  allem,
auch  mit  der  Einrichtung  der  Regie,  einverstanden  erklärt.  Es  hat  sich
seitdem  nichts  geändert,  nur  der  Appetit  ist  mit  dem  Essen  gekommen  und  es
sind  nun  Leute  gekommen,  die  Anteil  am  Gewinn  haben  wollten.  Die  Frage,
wie  weit  die  Rechte  der  Kolonialgesellschaft  gehen,  ist  aber  wohl  nicht  richtig
verstanden  worden.  Es  ist  darüber  zum  Prozeß  gekommen  und  der  Richter
hat  das  Urteil  dahin  abgegeben,  daß  die  Kolonialgesellschaft  ein  dauerndes
Recht  an  den  Feldern  nicht  habe.  Ich  will  aber  in  das  schwebende  Verfahren
  nicht  eingreifen.  Ich  verstehe  nur  nicht,  warum  ich  nicht  meinen
Prozeßvertreter  mit  Instruktionen  versehen  soll.  Die  Deutsche  Kolonialgesellschaft
  ist  keine  Konzessionsgesellschaft,  sie  hat  niemals  vom  Staate
oder  vom  Reiche  eine  Konzession  erhalten,  sie  hat  aber  durch  Verträge
mit  den  Häuptlingen  Privateigentum  gekauft,  wie  das  auch  heute  einer
tun  kann.  Diese  Rechte  sind  die  Grundlagen  für  die  Besitzergreifung  in
Südwest-Afrika  gewesen.  Auf  diese  Anerkennungsurkunde  der  Gesellschaft
gründet  sich  auch  ihr  Bergrecht,  das  ihr  zugesprochen  wurde,  als  sich  kein
anderer  Interessent  fand.  Später  ist  man  etwas  bedenklich  geworden  und
hat  1889  ein  neues  Berggesetz  erlassen.  Das  ausschließliche  Bergeigentum
der  Gesellschaft  in  diesem  Gebiete  war  aber  nicht  zu  bestreiten.  Die  viel
angefochtene  Sperre  ist  eine  Maßregel,  die  auf  Grund  des  Berggesetzes
angeordnet  ist.  Sie  konnte  aber  nicht  zu  dem  Zweck  ergehen,  die  Gesellschaft
zu  expropriieren.  Die  Verträge  sind  doch  auf  Treu  und  Glauben  geschlossen
  worden.  Der  Zweck  der  Sperre  war  nur,  daß  der  Besitz  nicht
zersplittert  würde  und  um  eine  Sachverständigengesellschaft  für  die  Ausbeutung
  zu  gewinnen.  Die  Folge  war,  daß  das  Spekulantentum  ferngehalten
  wurde  und  der  solide  Kaufmann  zum  Rechte  kam.  Wenn  der
Abg.  Erzberger  mich  deshalb  lobt,  so  will  ich  doch  bemerken,  daß  der
kaufmännische  Geist  sich  nur  in  der  Freiheit  entwickeln  kann.  Wenn  Sie
ihn  aber  durch  Vermerke  und  Resolutionen  einschnüren,  die  den  Bundesrat,
  das  heißt,  sämtliche  deutsche  Bundesstaaten  und  den  Reichstag  in  Anspruch
  nehmen,  so  werden  Sie  in  keiner  Verwaltung  kaufmännischen  Geist
entfalten.  Aber  unsere  Südwestafrikaner  fühlen  sich  jetzt  als  Nabel  der
Welt:  die  Diamanten  sind  ihnen  zu  Kopfe  gestiegen.  Es  haben  nun  neue
Verhandlungen  mit  der  Kolonialgesellschaft  stattgesunden  und  es  ist  ein
neuer  Vertrag  vereinbart.  Er  hat  folgenden  Inhalt:  Im  Eingange  werden
zunächst  die  Rechte  anerkannt,  die  die  Gesellschaft  schon  besitzt  und  nach
§  1  wird  die  provisorisch  gegebene  Verleihung  in  ein  dauerndes  Abbaurecht
  und,  was  etwas  neues  ist,  auch  für  alle  anderen  Mineralien  verwandelt
  und  zwar  deshalb,  weil  dieses  Abbaurecht  der  Kolonialgesellschaft
so  wie  so  schon  gehört,  aber  in  der  ersten  Konzession  nicht  ausdrücklich
angeführt  war.  Dafür  haben  wir  aber  erreicht,  daß  der  Fiskus  in  Konkurrenz
  mit  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  für  Südwestafrika  das  Abbaurecht
  südlich  des  26.  Grades  haben  soll  und  daß  dieses  Gebiet  auf  die
Dauer  für  Dritte  und  Private  gewährt  ist.  Der  Fiskus  aber  soll  in  der
Lage  sein,  sich  Bergwerkseigentum  anzueignen,  um  die  Ausbente  betreiben
zu  können.  Ich  habe  bereits  in  der  Budgetkommission  ausgeführt,  welch
außerordentlich  hohe  Unkosten  uns  dadurch  entstanden  sind,  daß  man
auch  nördlich  des  26.  Grades  Diamantenstellen  gefunden  hat,  daß  infolgedessen
  eine  Auswanderung  von  Lüderitzbucht  und  Swakopmund  als  auch
eine  Einwanderung  von  der  See  her  in  das  Gebiet  sich  vollzogen  hat,  daß
        <pb n="79" />
        Das  Deische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Januar  25.)  71

nicht  weniger  als  4000  Schürfscheine  in  wenigen  Wochen  gelöst  sind
und  in  diesem  Gebiet  Rechtszustände  herrschen,  die,  wie  der  Gouverneur
sich  ausgedrückt  hat,  einer  zivilisierten  Nation  unwürdig  sind.  Wenn
das  schon  dort  gesagt  wird,  so  können  Sie  sich  vorstellen,  wie  es  da  aussieht.
  Ich  habe  deshalb  von  der  Kolonialgesellschaft  verlangt,  daß  sie
keinerlei  Widerspruch  dagegen  erheben  kann,  wenn  auch  das  Gebiet  nördlich
des  26.  Grades  bis  in  die  Nähe  von  Swakopmund  vom  Fiskus  gesperrt
wird,  in  welchen  Fällen  dem  Fiskus  und  der  Kolonialgesellschaft  in  diesem
Gebiet  vorbehaltlich  erworbener  Rechte  Dritter  ein  Erwerbsrecht  nicht  nur
auf  andere  Mineralien,  sondern  auch  auf  Diamanten  zusteht.  Der  nächste
Paragraph  handelt  davon,  daß  die  in  §  1  vorgesehene  Sperre  auch  vom
südwestafrikanischen  Landesfiskus  ausgesprochen  werden  kann.  Ferner  kann
in  einem  Teile  des  Bergbaugebietes,  das  als  Abbaugebiet  gilt,  die  Sperre
unter  gewissen  Kautelen  aufgehoben  werden.  Die  Kolonialgesellschaft  hat
für  das  ihr  zweifellos  gewährte  Recht,  auch  für  das  nördlich  vom  26.  Grad
gelegene  Gebiet,  von  der  von  2  auf  10  Prozent  zu  erhöhenden  Schürfgebühr
6,2  Prozent  an  den  Fiskus  abzugeben.  Der  Fiskus  erhält  25  Prozent
von  allen  Ueberschüssen  und  für  den  Fall  der  Liquidation  bekommt  er  auch
ein  Viertel  der  Liquidationssumme.  Die  Summe  ist  aber  limitiert  auf
acht  Millionen.  Es  ist  doch  zweifellos  ein  erheblicher  Fortschritt,  den  wir
da  erreicht  haben  und  alles  das,  weil  die  Kolonialgesellschaft  Wert  darauf
legt,  daß  wir  ein  für  allemal  darauf  verzichten,  an  dem  Rechtstitel,  der
ihr  zusteht,  zu  rütteln.  Außerdem  überträgt  die  Kolonialgesellschaft  ihr
Landgebiet  nördlich  bis  Kuiseb,  das  auf  etwa  drei  Millionen  Hektar  geschätzt
  wird,  soweit  es  nicht  schon  verkauft  oder  verpachtet  ist,  an  den  Südwestafrikanischen
  Fiskus.  Es  sind  davon  einige  Teile  ausgenommen,  die
bereits  an  andere  Gesellschaften  verpachtet  sind,  die  Bergrechte  in  den  abgetretenen
  Gebieten  haben.  Auch  das  Recht  auf  Gewinnung  von  Marmor
und  Guano  soll  der  Kolonialgesellschaft  verbleiben.  Durch  diesen  Vertrag
wird  eine  klare  Rechtslage  geschaffen,  die  allen  weiteren  Prozessen  ein  Ende
machen  wird.  Unsere  Kolonialgesetzgebung  sieht  bereits  eine  kleine  Aktie
von  100  Mark  vor  und  dies  ist  eigentlich  bequem  genug.  Viele  kleine
Aktiengesellschaften  werden  aber  nicht  gebildet  werden.  Man  kauft  die
Aktien  nur,  weil  sie  unter  Staatsaufsicht  stehen.  Was  gewünscht  wurde,
war  ein  Gesetz  nach  englischem  Muster,  das  wir  nicht  wollen.  Die  Herren
werden  auf  die  Agiotage  verzichten  und  sich  einrichten  müssen.  Dort  wird
man  nicht  in  acht  Tagen  Millionär.  Wenn  der  Fiskus  etwas  verpachtet
gegen  einen  Anteil  am  Reingewinn,  so  muß  er  die  Leute  kennen,  mit
denen  er  abschließt,  damit  er  nicht  betrogen  wird.  Es  handelt  sich  um
Millionenprojekte,  die  man  fremden  Menschen  nicht  anvertraut.  Darum
habe  ich  im  Interesse  des  Fiskus  gehandelt,  wenn  ich  die  Sache  der  deutschen
  Bergbaugesellschaft  übertrug.  Redner  erläutert  näher  die  Einzelheiten
des  Abkommens,  das  eine  Gleichmäßigkeit  der  Abgaben  für  das  Reich  sichert.
Das  Geld,  welches  wir  durch  Diamanten  erwerben,  wollen  wir  nun  auch
zum  Besten  der  Kolonie  wieder  verwenden.  Diesem  Zwecke  dient  die  Eisenbahnvorlage.
  Wir  müssen  da  an  das  Bestehende  anknüpfen.  Wir  haben
mit  dem  Landmonopol  gebrochen  und  ebenso  mit  dem  Bergmonopol.  Wohin
  das  Eisenbahnmonopol  führt,  das  lehrt  ein  Blick  auf  die  Vereinigten
Staaten.  Redner  begründet  dann  die  Vorlage  betreffend  den  Ankauf  der
Otavibahn.  Was  die  Angriffe  betrifft,  die  in  dieser  Angelegenheit  gegen
mich  laut  geworden  sind,  so  stehe  ich  zu  hoch,  als  daß  sie  mich  erreichen

könnten,  auch  wenn  sie  von  geheimen  Würdenträgern  unterstützt  werden.

Abg.  Arning  (Nl.)  erklärt,  daß  selbst  wenn  man  den  Wünschen  der
L#lderibuchter  Petenten  sympathisch  gegenüberstehe,  die  Art  ihres  Vor-
        <pb n="80" />
        72  Das  Meeische  Reich  und  seine  einzelsen  Glieder.  (Januar  26.)

gehens  es  erschwere,  auf  diese  Wünsche  einzugehen.  Das  Verdienst  des
Staatssekretärs  ist,  daß  es  ihm  endlich  gelungen  ist,  das  Großkapital  für
die  Kolonien  mobil  zu  machen.  Erfreulich  ist,  daß  die  aus  den  Diamanten
gewonnenen  Summen  nicht  aus  der  Kolonie  genommen  werden,  sondern
der  Kolonie  verbleiben  und  in  Bahnen  nutzbringend  angelegt  werden.
Ueberhaupt  ist  das  ganze  Bahnprogramm  ein  großzügiges  Werk,  dem  wir
nur  Anerkennung  zollen  können.  Auch  der  Vertrag  mit  der  Stavigesellschaft
  ist  nicht  ungünstig  für  das  Reich.

Staatssekretär  Dernburg:  Im  Prozesse  gegen  den  Fiskus  ist  entschieden
  worden,  daß  es  sich  nicht  um  ein  Gebiet  der  Pomona  handelt,
sondern  um  Gebiete  der  Kolonialgesellschaft.  Die  Schürffelder  können  wir
auch  nicht  aufteilen  und  sie  den  Meistbietenden  geben,  sondern  wir  müssen
uns  die  Personen  ansehen.

Abg.  Freiherr  v.  Richthofen  (K.):;  Die  Frage  der  Selbstverwaltung
haben  wir  sehr  genau  geprüft.  Aber  wir  haben  zu  dem  Schluß  kommen
müssen,  daß  es  noch  nicht  Zeit  dazu  ist.  Das  hat  auch  das  Verhalten  der
Lüderitzbuchter  gezeigt.  Wenn  uns  die  Lüderitzbuchter  tatsächliches  Material
unterbreiten,  werden  wir  es  selbstverständlich  genau  prüfen.  Wir  haben
nur  die  Form  der  Petition  a  limine  abgelehnt.  Zu  der  Verstimmung  der
Farmer  wollen  wir  keinen  Anlaß  geben,  aber  wir  müssen  heute  schon  sagen,
daß  das  Selbstbestimmungsrecht  für  große  Fragen  nicht  in  der  Kolonie
liegen  kann.  So  große  Fragen,  wie  es  jetzt  bei  den  Diamanten  der  Fall
war,  müßten  hier  an  der  Zentralstelle  entschieden  werden.  Wir  können  dem
Staatssekretär  nur  dankbar  sein  für  seine  Diamantenpolitik,  denn  er  hat  es
verstanden,  Mißstände  nach  Möglichkeit  zu  vermeiden.  Wir  sind  dem  Staatssekretär
  dankbar,  daß  er  so  energisch  die  Rechte  des  Fiskus  gewahrt  hat.

26.  Januar.  Der  neue  Vertrag  über  Bergbaurechte  und
Landeigentum  in  Südwest-Afrika.

Der  Budgetkommission  wird  der  zwischen  dem  Reichskolonialamt,
der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  und  der  Deutschen  Diamantgesellschaft
abgeschlossene  Vertrag  vorgelegt.  Da  die  Deutsche  Kolonialgesellschaft  aus
alten  Verträgen  mit  den  Häuptlingen  in  verschiedenen  Teilen  von  Südwest-Afrika
  Landeigentum  und  Bergrechte  besitzt  und  namentlich  in  dem  Gebiete
  vom  26.  Grad  südlicher  Breite  bis  zum  Kuiseb  ausschließliche  Eigentümerin
  ist,  so  werden  ihre  Rechte  in  14  Paragraphen  entweder  zusammengestellt
  oder  neu  geregelt.

§  1  besagt:  Für  das  Gebiet  der  Kolonialgesellschaft  südlich  des
26.  Grades  wird  das  Kolonialamt  die  Sperre  über  den  1.  April  1911  hinaus
bestehen  lassen  mit  der  Maßgabe,  daß  sie  sich  auf  alle  Mineralien  erstreckt.

§2:  Das  Kolonialamt  behält  sich  vor,  das  Gebiet  vom  26.  Grad
bis  Kuiseb  ebenfalls  zu  sperren.  Die  Sperre  soll  in  diesem  Falle  zugunsten
des  Fiskus  und  der  Nolonialgesellschaft  erfolgen,  so  daß  beide  neben-  und
unabhängig  voneinander  Schürffelder  belegen  und  Bergwerkseigentum  erwerben
  dürfen.  Sie  dürfen  auch  die  Gewinnung  von  Mineralien  aus
Bergbaufeldern  an  Dritte  übertragen.  Die  Kolonialgesellschaft  soll  bei
gleichen  Bedinqungen  seitens  des  Fiskus  Vorzugsrechte  genießen.

Das  Kolonialamt  kann  die  in  §  1  vorgesehene  Sperre  für
andere  Fenuns  als  Diamanten  zugunsten  des  südwestafrikanischen  Fiskus
aussprechen,  soweit  dadurch  die  Gewinnung  von  Diamanten  nicht  beeinträchtigt
  wird.

§  4:  In  Teilen  des  Sperrgebietes,  in  denen  die  Gewinnung  von
Diamanten  aussichtslos  geworden  ist,  kann  die  Sperre  unter  verschiedenen
Nautelen  außer  Kraft  gesetzt  werden.
        <pb n="81" />
        Das  Veische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  26.)  73

§5:  Die  Kolonialgesellschaft  tritt  auch  dann  noch,  wenn  der  in  §  4
vorgesehene  Fall  eintritt,  von  der  zehnprozentigen  Förderungsabgabe
6  5  Prozent  an  den  südwestafrikanischen  Fiskus  ab.

§  6:  Die  Deutsche  Diamantgesellschaft  beteiligt  nach  Auszahlung  von
20  Prozent  Dividende  an  dem  überschießenden  zur  Verteilung  gelangenden
Gewinn  den  Fiskus  mit  25  Prozent.  Bei  Liquidation  erhält  der  Fiskus
25  Prozent  der  Masse,  nachdem  die  Anteilseigner  120  Prozent  des  Stammkapitals
  erhalten  haben.  Die  Deutsche  Diamantgesellschaft  darf  ihr  Kapital
nur  im  Falle  wirklicher  Bedürfnisse  erhöhen.  „Der  dem  Fiskus  eingeräumte
Anspruch  auf  Beteiligung  an  dem  Gewinn  der  Diamantgesellschaft  bezw.
den  Diamantbetrieben  der  Kolonialgesellschaft  und  sein  Anrecht  an  die
Liquidationsmasse  erlischt,  sobald  im  ganzen  acht  Millionen  Mark  an  den
Fiskus  auf  Grund  der  vorerwähnten  Beteiligung  gezahlt  worden  sind."“

§  7:  Die  Kolonialgesellschaft  überträgt  ihr  Landeigentum  nördlich
des  Kuiseb,  welches  auf  drei  Millionen  Hektar  geschätzt  wird,  soweit  es
nicht  schon  verkauft  oder  verpachtet  ist,  an  den  südwestafrikanischen  Fiskus
außer  1.  den  ihr  noch  gehörenden  Teilen  des  Weichbildes  von  Swakopmund,
  2.  dem  Halbkreis  mit  30  Kilometer  Radius  vom  Cape  Croß.  3.  der
Farm  Spitz-Koppje  (100000  Hektar),  4.  dem  Gebiet  von  45  Kilometer
Länge,  5  Kilometer  Breite  an  den  Chuos-  und  Gersibbergen,  wo  dem
Kaufmann  H.  S.  F.  Schmidt  bereits  eine  Option  erteilt  ist.  Die  Bergrechte
in  den  abgetretenen  Gebieten  bleiben  der  Kolonialgesellschaft,  auch  das
Recht  auf  Gewinnung  von  Marmor  und  Guano.

§  8:  Der  Landverwertungsvertrag  vom  17.  Februar  1908  und
30.  März  1909  zwischen  dem  Kolonialamt  und  der  Kolonialgesellschaft
bleibt  in  Kraft,  für  das  der  Kolonialgesellschaft  gehörende  Gebiet  außerhalb
  des  Sperrgebietes  mit  der  Maßgabe,  daß  die  Kolonialgesellschaft  nur
eine  Urkolonne  zu  unterhalten  hat.

§  9  enthält  Bestimmungen  über  die  Gerichtsbarkeit.

§  10:  Es  besteht  Einverständnis  darüber,  daß  in  dem  der  Sperre
nicht  unterworfenen  Bergwerksgebiet  der  Kolonialgesellschaft  Sonderberechtigungen
  nicht  erteilt  werden  sollen.  Sollte  im  öffentlichen  Interesse  eine
weitere  Sperre  erforderlich  werden,  so  wird  die  Kolonialgesellschaft  an  erster
Stelle  berücksichtigt.

§  11  enthält  die  Verpflichtung  der  Diamantgesellschaft  zur  Kartierung
  des  Sperrgebietes.

§  12  enthält  unwesentliche  Bestimmungen.

*  13:  Die  Vertragschließenden  sind  sich  darüber  einig,  daß  die  Beschleunigung
  der  Einführung  eines  Berggrundbuches  in  Deutsch-Südwestafrika
erwünscht  ist.

§  14:  Stempelkosten,  Steuer  und  Abgaben  werden  durch  das
Estent  entweder  niedergeschlagen  oder  der  Kolonialgesellschaft  zurückerstattet.


26.  Januar.  (Reichstag.)  Der  deutsch-portugiesische  Handelsvertrag
  wird  in  der  Kommission  mit  15  gegen  13  Stimmen  abgelehnt.
  Die  Konservativen,  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten,
sowie  wenige  Nationalliberale  stimmten  dafür.

26.  Januar.  (Braunschweig.)  Eröffnung  der  Landesversammlung
  durch  Staatsminister  Dr.  v.  Otto.

Die  Thronrede  erwähnt  die  Auslandreise  des  abwesenden  Herzogregenten,
  die  Etats  und  eine  Aenderung  der  Gehaltsordnungen  für  die
        <pb n="82" />
        74  Das  Vesche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Januar  26.)

Beamten,  sowie  eine  Erhöhung  der  direkten  Steuern.  Zugleich  schlägt  sie
die  Vertagung  nach  Annahme  des  Etats  bis  Herbst  1910  vor.

26.  Januar.  (München.)  Rede  des  Prinzen  Ludwig  im
Verein  zur  Hebung  der  Fluß=  und  Kanal-Schiffahrt:

Man  brauche  die  Wasserstraßen  nicht  zu  dem  Zwecke,  um  den  Verkehr
  zu  unterbinden,  sondern  um  ihn  zu  fördern!  Es  sei  dringend  zu
wünschen,  daß  so  vorangegangen  werde,  daß  die  dissentierenden  Staaten
sich  nicht  mit  Recht  beschwert  fühlen.  Da  kann  man  aber  helfen.  Wir
sind  in  Bayern  in  einer  verschiedenartigen  Lage.  Das  rechtsrheinische  Bayern
ist  in  hohem  Grade  interessiert,  daß  die  Mainkanalisierung  zustande  kommt,
das  linksrheinische  Bayern  aber  steht  auf  einem  ganz  anderen  Standpunkt,
und  von  seinem  Gesichtspunkt  aus  mit  Recht:  Es  sagt  sich,  wir  haben  die
Wasserstraße  schon,  wir  wollen  möglichst  ohne  jede  Abgaben  den  Verkehr
mit  der  See  behalten.  Denselben  Standpunkt  nehmen  Baden,  Sachsen  und
Hessen  ein.  Gegen  diese  Staaten  wollen  wir  nicht  arbeiten,  und  wir
wünschen,  daß  auch  diese  Staaten  einen  Vorteil  haben.  Wir  in  Bayern
wollen  nicht,  daß  wir  in  Aschaffenburg  enden,  und  die  Württemberger
nicht  in  Heilbronn.  Wenn  der  Rhein  bis  in  den  Bodensee  schiffbar  gemacht
  wird,  so  hat  gerade  der  südliche  Teil  von  Baden  einen  sehr  großen
Vorteil  von  der  Rheinschiffahrt,  den  er  jetzt  nicht  hat.  Wenn  in  Sachsen
die  Saale  und  die  Elster  ausgebaut  werden,  so  ist  Leipzig  angeschlossen,
und  das  ist  gewiß  von  großer  Bedeutung.  Aehnlich  steht  es  mit  Hessen,
wenn  die  Lahn  kanalisiert  wird.  Trachten  wir,  das  große  Werk  möglichst
schnell  auszuführen,  und  zwar  so,  daß  nicht  eine  Uneinigkeit  zwischen  den
deutschen  Staaten  entsteht,  sondern  daß  diese  Staaten,  wenn  sie  auch
momentan  glauben,  daß  sie  geschädigt  werden,  in  Zukunft  doch  Vorteile
daraus  erwarten  können.

26.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Zur
Grunewaldfrage.

In  der  Budgetkommission  erklärt  der  Regierungsvertreter,  daß
Pichelswerder  und  die  an  die  Döberitzer  Heerstraße  angrenzenden  Parzellen
verkauft  werden  sollen.

26.  Januar.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Debatte  über

den  südwestafrikanischen  Nachtragsetat.

Abg.  Dr.  Arendt  (Rp.):  Alle  bürgerlichen  Parteien  sind  in  der
günstigen  Beurteilung  der  Politik  des  Staatssekretärs  einig.  Auch  die
Sozialdemokratie  tritt  jetzt  ganz  anders  auf  als  früher.  Hoffentlich  kehren
die  häßlichen  Vorgänge  der  letzten  Wochen  in  Lüderitzbucht  nicht  wieder.
Sie  dürfen  nur  eine  Episode  sein.

Abg.  Storz  (Südd.  Vp.):  Die  Otavibahngesellschaft  befindet  sich
zweifellos  in  einer  sehr  günstigen  Lage.  Sie  hat  ein  Monopol  bekommen
und  genoß  vollständige  Freiheit  bei  der  Festsetzung  der  Tarife.  Wenn  wir
rechtzeitig  eine  Konkurrenzbahn  gebaut  hätten,  hätten  wir  die  Otavibahn
  mürbe  machen  können.  Leider  hat  man  sich  darum  zu  wenig  gekümmert.
  Wir  hoffen  aber,  daß  der  Staatssekretär  tun  wird,  was  sich  noch
machen  läßt.

Staatssekretär  Dernburg:  Im  südwestafrikanischen  Gebiet  kann
Bergbau  und  Viehzucht  in  großem  Umfange  getrieben  werden,  aber  nur
unter  der  selbstverständlichen  Voraussetzung,  daß  für  den  Absatz  auch  die
nötigen  Verkehrswege  geschaffen  werden,  die  es  ermöglichen,  innerhalb  der
durch  den  Weltmarkt  gegebenen  Preise  die  Produkte  abzusetzen.  In  dieser
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        Dass  Veische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jannar  26.)  75

Beziehung  hat  es  bisher  noch  zum  großen  Teil  gefehlt.  Ein  Land,  anderthalb
  Mal  so  groß  wie  Deutschland,  hatte  bisher  nur  verschiedene  Hundert
Kilometer  Bahnnetz.  Dabei  konnte  sich  natürlich  eine  besondere  Entwicklung
  nicht  entfalten.  Durch  die  Bahnen  soll  vor  allen  Dingen  jetzt  das
ganze  mittlere  Gebiet  des  Schutzgebietes  wirtschaftlich  erschlossen  werden.
Man  muß  wirklich  alle  Anerkennung  für  diejenigen  Leute  haben,  welche
sich,  ohne  diese  Verkehrswege  dort  zu  besitzen,  in  dem  Schutzgebiet  angesiedelt
  haben  und  ihre  Produkte  nur  nach  wochenlangem  Transport  mit
Ochsenwagen  absetzen  konnten.  Mit  Freuden  ist  es  daher  zu  begrüßen,
daß  die  Vorlagen  Zustimmung  hier  gefunden  haben.  Die  neuen  Verkehrswege
  werden  den  Ansiedlern  zu  gute  kommen,  die  nun  ein  auskömmliches
Dasein  und  eine  freie  und  frische  Entwicklung  ihrer  physischen  und  moralischen
  Kräfte  im  Schutzgebiete  finden  werden.  Diese  Entwicklungsmöglichkeit
zu  schaffen,  ist  die  große  Bedentung  dieser  Vorlagen.  Noch  ist  von  Südwest-Afrika
  kaum  die  Hälfte  durch  Bahnen  erschlossen.  Das  bei  weitem
aussichtsreichste  Gebiet  im  Norden  ist  bisher  ganz  bahnlos  gewesen.  Es
ist  ein  Verdienst  des  Deutschen  Reichstages,  daß  er  diese  Vorlagen  anerkannt
  hat.  In  Bezug  auf  die  Finanzierung  der  Bahnen  glauben  wir  auch
gut  zu  fahren.  Bedenken,  die  da  hervorgetreten  sind,  sind  nicht  berechtigt.
Die  Otavi-Eisenbahn  zahlt  zu  den  Gesamtkosten  von  76  Millionen
25  Millionen.  Die  kritisierten  134  Millionen  Mark  hat  auch  nicht  die
Otavi-Eisenbahn-Gesellschaft  bekommen,  sondern  die  Bauunternehmung.
Die  Bauunternehmung  ist  von  der  Otavi-Eisenbahn-Gesellschaft  durchaus
getrennt.  Vorläufig  werden  wir  weiteres  nicht  verlangen.  Wir  werden
uns  mit  dem  begnügen,  was  wir  heute  mit  den  erhaltenen  Mitteln  erreichen
  können.  Die  Aussichten  für  die  Zukunft  sind  keine  schlechten.  Die
Südbahn  wird  nach  meiner  privaten  Ansicht,  die  sich  besseren  und  anderen
Gründen  durchaus  nicht  verschließt,  Windhuk  wahrscheinlich  nicht  umgehen
können,  wegen  der  zentralen  Lage  und  der  strategischen  Bedeutung  Windhuks.
  Hinsichtlich  der  Otavibahn  ist  die  Rechnung  so  aufgestellt,  daß  wir
heute  bei  zehnjähriger  Pachtdauer  noch  Gelder  einnehmen,  die  uns  das
Kapital  für  17,  18  Jahre  verzinsen.  Die  Kolonialverwaltung  hat  immer
sehr  vorsichtig  gerechnet.  Es  ist  der  Landkommission  für  ihre  Tätigkeit
gedankt  worden.  Die  Landkommission  hatte  die  Rechte  der  verschiedenen
Gesellschaften  zu  prüfen.  Was  nach  Lage  der  schwierigen  und  verwickelten
Rechtsverhältnisse  hat  erzielt  werden  können,  ist  tatsächlich  auch  erzielt
worden.  Aber  ohne  die  Unterstützung,  die  die  Landkommission  dem  Kolonialamt
  durch  ihre  Anregung,  durch  ihre  Arbeiten  und  insbesondere  auch  durch
die  scharfe  Stellungnahme  in  gewissen  Punkten  geleistet  hat,  wäre  dieses
Resultat  nicht  möglich  gewesen.  Wenn  also  gedankt  wird,  dann  muß  der
Dank  geteilt  werden.  Ich  hoffe,  daß  die  Aufregung  in  Südwest-Afrika  nur
vorübergehender  Natur  sein  und  daß  nach  genügender  Aufklärung  die
Beruhigung  von  sebst  folgen  wird.  Wir  haben  ein  Interesse  daran,  daß  diese
Beruhigung  möglichst  bald  eintritt,  und  aus  diesem  Grunde  habe  ich  gestern
bereits  den  Inhalt  eines  Nachtragsvertrages  mit  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft
  hier  vorgetragen.  Die  Bemängelungen,  die  bereits  in  der
Budgeikommission  dagegen  laut  geworden  sind,  werden  uns  veranlassen,
diesen  Vertrag  in  der  gegenwärtigen  Form  zurzeit  nicht  abzuschließen.
Eine  Sympathie  muß  sich  gründen  auf  ein  gegenseitiges  Verstehen  und
Achten,  der  jedem  Teil  zustehenden  Rechte,  und  daran  scheint  es  mir  noch
ein  bißchen  zu  fehlen.  Wir  haben  das  auch  in  den  anderen  Kolonien  gesehen.
  Die  deutschen  Kolonien  werden  regiert  nach  den  Bestimmungen  des
Schutzgebietgesetzes  durch  den  Inhaber  der  Schutzgewalt,  den  Kaiser,  der
durch  den  Reichskanzler  vertreten  wird,  und  durch  die  Zentralstelle  in
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        76  Das  Veusche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  26.)

Berlin,  dem  Staatssekretär  und  das  Reichskolonialamt,  die  unter  der
Verantwortung  des  Reichskanzlers  arbeiten.  So  sehr  wir  bemüht  sind,  in
allen  lokalen  Fragen  die  lokalen  Verwaltungen  ungehindert  arbeiten  zu
lassen,  so  muß  die  Entscheidung  doch  von  hieraus  erfolgen,  und  zwar  um
so  mehr,  als  wir  diesem  hohen  Hause  für  die  Verwendung  der  bewilligten
Gelder  Rechenschaft  schuldig  sind.  Daraus  ergibt  sich,  daß  der,  der  die
Verantwortung  trägt,  auch  die  Exekutive  haben  muß,  und  die  Andeutungen
in  den  verschiedenen  Depeschen,  daß  der  Gouverneur  oder  jemand  anders
gegenüber  dem  Reichstag,  dem  Bundesrat  oder  dem  Reichskanzler  den
Ausschlag  geben  müßten,  sind  verkehrt.  Das  müssen  unsere  Landsleute  in
Südwest-Afrika  einsehen  lernen.  Wenn  sie  dieses  Gefühl  über  die  tatsächliche
  Machtverteilung  erkannt  haben,  dann  werden  auch  die  gegenwärtigen
Schwierigkeiten  verschwinden  und  dann  werden  wir  in  lokalen  Dingen  dem
Schutzgebiet  die  Bewegungsfreiheit  geben  können,  auf  die  es  in  gewissem
Umfange  Anspruch  hat.  Wir  wollen  die  Landsleute,  die  ihre  Heimat  verlassen
  und  ihre  staatsbürgerlichen  Rechte  damit  verlieren,  nicht  nur  als
Objekte  von  Behörden  behandeln,  sondern  es  müssen  diesen  Personen  auch
gewisse  politische  Rechte  eingeräumt  werden.  Mit  der  Ausdehnung  des
Bahnbaus  wird  auch  die  Verwaltung  des  Landes  eine  intensivere  werden,
so  daß  die  Kolonie  auch  administrativ  einen  Aufschwung  nehmen  wird.
Von  diesem  Gesichtspunkt  begrüße  ich  mit  Freuden  die  Haltung  dieses
hohen  Hauses  in  dieser  Frage.

Abg.  Lattmann.W.  V.):  Durch  das  Studium  der  Akten  des  Kolonialamts
  habe  ich  mich  zu  meinem  Bedauern  überzeugen  müssen,  daß  die  alten
von  den  Gesellschaften  abgeschlossenen  Verträge  tatsächlich  zu  Recht  bestehen.

Abg.  Erzberger  (3.):  Es  ist  kein  Widerspruch,  wenn  ich  einerseits
den  kaufmännischen  Geist  des  Staatssekretärs  lobe  und  andererseits  das
Bestreben  zeige,  wo  irgendmöglich  das  Budgetrecht  des  Reichstages  zu
wahren.  Der  Auffassung  des  Abg.  Storz,  daß  die  deutsche  Kolonialgesellschaft
  für  Südwest-Afrika  heute  noch  nicht  bloß  das  Bergrecht,  sondern
anch  das  Berwerkseigentum  besitzt,  muß  ich  aufs  entschiedenste  widersprechen.
Damit  würden  wir  ja  in  eine  ganz  unerträgliche  Monopolwirtschaft  geraten.
  Von  1908  ab  kann  davon  gar  keine  Rede  sein.  Auch  in  allen
früher  abgeschlossenen  Verträgen  ist  nirgends  von  einem  Bergwerkseigentum
die  Rede.  Die  Bergordnung  von  1905  stellt  ausdrücklich  auch  für  das
Gebiet  der  deutschen  Kolonialgesellschaft  das  Prinzip  der  allgemeinen  Schürffreiheit
  auf;  aus  dem  Schürfrecht  folgt  nach  dem  Wortlaute  der  Bergordnung
  das  Abbaurecht  von  selbst.  Die  Uebergangsbestimmungen  der
Bergordnung  ändern  an  diesem  Verhältnis  nichts;  die  gegenteilige  Annahme
  des  Abg.  Storz  ist  ein  Grundirrtum;  alle  Privilegien  der  Gesellschaft
  sind  auf  diesem  Gebiet  beseitigt,  es  besteht  kein  Recht  der  Gesellschaft
mehr  an  dem  Besitz  des  Mineralvorkommens  in  ihrem  Gebiet.  Das  ganze
Abkommen  vom  17.  Februar  1908  mit  der  Gesellschaft  hätte  ja  sonst  gar
keinen  Sinn.  Deshalb  hat  ja  auch  die  Landkommission  gerade  dieses
Abkommen  als  einen  großen  Fortschritt  begrüßt,  als  eine  sinngemäße  Auslegung
  der  Verträge  könnten  wir  es  nun  und  nimmermehr  ansehen,  wenn
man  jetzt  dazu  überginge,  die  Bestimmungen  dieses  Abkommens  preiszugeben.
  Allerdings  hätte  die  Gesellschaft  das  Abkommen  vielleicht  nicht
geschlossen,  wenn  damals  schon  die  Diamantenfunde  gemacht  worden  wären.
Sonderprivilegien  dürfen  nicht  mehr  der  Ausgangspunkt  allgemeiner  Maßnahmen
  sein.

Abg.  Dr.  Arning  (Nl.)  bestätigt,  daß  die  Landkommission  mit
einziger  Ausnahme  des  Abg.  Storz  auf  dem  von  dem  Abg.  Erzberger  entwickelten
  Standpunkte  gestanden  hat.
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        Das  Denisqhe  Reit  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  26.)  77

Das  Haus  nimmt  den  Nachtragsetat  für  Südwestafrika  durchweg
nach  dem  Antrage  der  Budgetkommission  an.

26.  Januar.  (Reichstag.)  Zweite  Lesung  des  Militäretats.

An  den  Titel  Gehalt  des  Kriegsministers  knüpft  sich  eine  allgemeine
  Aussprache.

Abg.  Häußler  (3.):  Jede  Vermehrung  des  Heeres  und  der  Flotte
des  einen  Staates  zwingt  andere  Staaten,  es  nachzumachen,  und  derjenige
bleibt  Sieger,  dem  es  gelingt,  den  höchsten  Rüstungseffekt  in  qualitativer
und  quantitativer  Beziehung  unter  möglichster  Schonung  der  Steuerkraft
des  Volkes  zu  erzielen.  Die  rastlos  fortschreitende  Technik  macht  große
Ersparnisse  beinahe  unmöglich,  ja,  sie  erfordert  immer  neue  große  Opfer.
Um  so  mehr  müssen  alle  Ausgaben  vermieden  werden,  die  mit  der  Kriegstüchtigkeit
  der  Armee  in  keiner  Weise  etwas  zu  tun  haben.  Auf  der  anderen
Seite  müssen  wir,  nachdem  wir  im  vorigen  Jahre  die  Erhöhung  der
Offiziersgehälter  durchge  führt  haben,  nun  auch  an  die  Erhöhung  der  Soldatenlöhnung
  herangehen.  Zur  Kritik  fordern  heraus  die  hohen  Mietsentschädigungen
  für  einzelne  Generale  und  verschiedene  hohe  Protektionsstellungen,
wie  die  Kommandanten  in  offenen  Städten  und  die  Kommandanten  in  den
Festungen  neben  den  Gouverneuren.  Am  Militäretat  muß  jede,  auch  die
kleinste  Ersparnis  gemacht  werden.  Hierher  gehört  auch  die  Frage,  ob  wir
nicht  zu  viel  Offiziere  haben.  Bei  der  Kavallerie  haben  wir  nach  meiner
Ansicht  im  Verhältnis  zur  Truppenstärke  viel  zu  viel  Generale.  Frankreich
bat  jüngst  die  Zahl  seiner  Leutnants  um  700  herabgesetzt.  Auch  bei  uns
könnte  eine  Herabsetzung  Platz  greifen  ohne  eine  Gefährdung  der  Kriegstüchtigkeit.
  Das  Anwachsen  unserer  Bevölkerung  bringt  eine  fortgesetzte  Heeresvermehrung
  mit  sich.  Unter  den  obwaltenden  politischen  und  militärischen
Verhältnissen  wäre  es  ein  verhängnisvoller  Fehler,  wenn  Deutschland  diese
Ueberlegenheit  nicht  in  vollem  Maße  ausnutzen  würde.  Aber  es  muß  hier
durch  eine  Herabsetzung  der  Dienstzeit  ein  Ausgleich  geschaffen  werden.  Mit
der  Beseitigung  des  dritten  Dienstjahres  für  die  Kavallerie  müssen  wir  den
Anfang  machen.  Im  übrigen  kann  ich  der  Heeresverwaltung  die  Anerkennung
nicht  versagen,  daß  in  der  letzten  Zeit  bemerkenswerte  Vereinfachungen  in
der  Armee  Platz  gegriffen  haben.  Leider  aber  haben  wir  noch  immer  das
Exerzierreglement  mit  seinem  durchaus  entbehrlichen  Exerzier-  und  Parademarsch.
  Auch  dessen  Beseitigung  wird  noch  kommen.

Abg.  Dr.  Osann  (Nl.):  Beim  Militäretat  muß  Sparsamkeit  geübt
werden.  Das  war  auch  das  Ziel  des  Fürsten  Bülow.  Bis  jetzt  hat  aber
diese  Sparsamkeit  noch  nicht  besonderen  Ausdruck  gefunden.  Aeußerlich
mag  ja  der  Etat  erfreulich  aussehen,  da  er  32  Millionen  gegen  früher
weniger  fordert.  Aber  das  bezieht  sich  meist  auf  Dinge,  die  mehr  außerhalb
des  Etats  liegen,  wie  Bauten.  Wir  haben  es  sogar  mit  einer  Erhöhung
  der  Ausgaben  zu  tun.  Die  Reisegebühren  sind  viel  zu  hoch  angesetzt;
  Gelder  werden  da  verschwendet.  Ein  Oberst  bekommt  außer  Reisekosten
  25  Mark  Diäten,  ein  Major  20  Mark.  Ueberflüssige  Kommandanturen
  bestehen  auch  immer  noch.  Bei  Dienstwohnungen  kann  ebenfalls  sehr
gespart  werden.  Die  großen  Paraden  sollten  nicht  Selbstzweck  sein,  sondern
sich  mit  kriegsmäßigen  Zwecken  verbinden.  Wenn  wir  auch  Sparsamkeit
wünschen,  so  darf  sie  doch  unter  keinen  Umständen  da  geübt  werden,  wo
es  gilt,  das  Heer  auf  der  heutigen  Höhe  zu  erhalten.  Das  bezieht  sich  vor
allen  Dingen  auf  die  Technik.  Neue  Erfindungen  müssen  im  Militärwesen
Eingang  finden,  wenn  sie  auch  viel  Geld  kosten.  Auch  wünschen  wir  keine
Sparsamkeit  gegenüber  den  Kämpfern  von  1870,  die  nachher  in  Not  geraten
  sind.  Die  Deckung  hierfür  können  wir  in  einer  Wehrsteuer  finden.
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        78  JNas  Detsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  26.)

Die  zweijährige  Dienstzeit  bei  der  Kavallerie  wird  sicherlich  auch  weiter
von  einigen  Parteien  gefordert  werden.  Die  Militärverwaltung  hält  aber
an  der  dreijährigen  Dienstzeit  der  Kavallerie  fest,  und  wenn  das  diese  berufene
  Behörde  mit  aller  Bestimmtheit  erklärt,  so  wollen  wir  keine  Pression
ausüben.  In  der  Verwendung  der  Automobile  wird  weiter  vorgegangen
werden  müssen,  einerlei,  ob  dies  teurer  ist  oder  nicht.  Es  wird  von  unserer
Partei  unangenehm  empfunden,  daß  auch  heute  noch  eine  Bevorzugung  des
Adels  in  der  Armee  in  der  Weise  stattfindet,  daß  eine  ganze  Reihe  von
Regimentern  nur  mit  adligen  Offizieren  besetzt  wird.  Bei  einigen  Regimentern
  ist  ja  ein  Wandel  infolge  des  Eintretens  des  jetzigen  Chefs  des
Militärkabinetts  vor  sich  gegangen.  Den  Militärmißhandlungen  muß  mit
aller  Entschiedenheit  entgegengetreten  werden.  Vereinzelt  kommen  auch
Mißhandlungen  durch  Offiziere  vor.  Gewiß  wird  ein  Offizier,  der  sich  zu
Mißhandlungen  herabläßt,  bestraft,  aber  nicht  in  derselben  Weise  wie  der
Unteroffizier;  diesen  trifft  nicht  allein  die  Strafe,  sondern  auch  der  Verlust
seiner  Stellung  und  des  Zivilversorgungsscheins.  Das  sollte  eine  Warnung
sein  für  diejenigen,  die  berufen  sind,  die  Soldaten  zu  erziehen.  Wie  aus
den  Verhandlungen  des  bayerischen  Abgeordnetenhaufes  hervorgeht,  haben
sich  in  den  letzten  Jahren  die  Mißhandlungen  auch  in  Bayern  gehäuft,
während  man  immer  glaubte,  daß  sie  nur  bei  der  scharfen  Disziplin  in
Preußen  vorkämen.

Bayerischer  Generalmajor  Freiherr  v.  Gebsattel:  Wenn  der  Abg.
Osann  einen  solchen  Vorwurf  erhebt,  sollte  er  sich  erst  die  Grundlagen
dafür  ansehen.  Dann  muß  er  sehen,  daß  Bayern  günstiger  dasteht  als  das
ganze  Deutsche  Reich.  In  den  Verhandlungen  des  bayerischen  Landtags
ist  nur  gesagt  worden,  es  sei  zu  bedauern,  daß  die  Mißhandlungen  anscheinend
  stationär  geworden  seien,  es  ist  aber  anerkannt  worden,  daß  sie
in  Bayern  geringer  sind  als  im  übrigen  Reich.  Es  ist  also  nur  bedauert
worden,  daß  sie  stationär  sind,  das  ist  etwas  ganz  anderes.  Ich  weise  die
schwere  Beleidigung  der  bayerischen  Armee  mit  aller  Entschiedenheit  ab.

Abg.  Stücklen  (Sd.):  Der  Posten  des  Gouverneurs  von  Berlin
dient  nur  höfischen  Zwecken;  er  könnte  ohne  weiteres  gestrichen  werden.
Dasselbe  gilt  von  einer  großen  Anzahl  von  Kommandanten,  Militärattachés
usw.  Das  Zulage-,  das  Reisekosten=  und  das  Bekleidungswesen  bedarf  einer
gründlichen  Reform.  Daß  die  gemeinen  Soldaten  bei  der  Gehaltsaufbesserung
  unberücksichtigt  geblieben  sind,  verschuldete  das  Zentrum,  welches
die  Sache  auf  das  nächste  Jahr  verschieben  wollte.  Es  ist  zweifelhaft,  ob
der  jetzige  Schatzsekretär  jetzt  dafür  zu  haben  sein  wird.  Wie  steht  es  mit
der  Reform  des  Militärstrafgesetzbuches?  Viel  versprechen  wir  uns  ja  davon
  nicht.  Die  ganze  Mililärjustiz  widerspricht  dem  Rechtsbewußtsein  des
Volkes,  wie  die  Behandlung  der  Duellanten  beweist.  Soldatenschindereien
werden  in  der  Regel  mit  lächerlich  geringen  Strafen  geahndet.  Der  Ueberfall
  des  Unteroffiziers  in  Bonn  führte  nur  zur  Suspension  des  feudalen
Borussenkorps.  Im  Militärverfahren  wurden  die  Angeklagten  freigesprochen,
obwohl  sie  eigentlich  wegen  Zusammenrottung  zum  Zwecke  der  Mißhandlung
eines  Vorgesetzten  mit  Gefängnis  nicht  unter  fünf  Jahren  hätten  bestraft
werden  müssen.

Preußischer  Kriegsminister  General  v.  Heeringen:  Die  Frage  der
Bevorzugung  des  Adels  hat  schon  im  vorigen  Jahre  das  Hohe  Haus  beschäftigt.
  Als  ich  im  vorigen  Jahre  die  Reichstagsverhandlungen  las,  da
fragte  ich  mich:  Wo  steckt  denn  die  Bevorzugung  des  Adels  in  der  Armee?
Im  praktischen  Leben  empfindet  man  sie  wahrhaftig  nicht.  Es  ist  zuzugeben,
  daß  es  unrichtig  ist,  in  der  Beziehung  muß  ich  mich  auf  den  Standpunkt
  stellen,  den  mein  Amtsvorgänger  hier  im  Plenum  früher  eingenommen
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        Das  Ventsche  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (Januar  26.)  79

hat  —  daß  es  nicht  einem  nationalen  Heer,  einem  Volksheer  entspricht,
daß  sich  einzelne  Regimenter  bilden,  die  aus  lauter  Adligen  zusammengesetzt
  sind,  und  daß  ein  Unterschied  gemacht  wird,  als  ob  es  Regimenter
erster  oder  zweiter  Klasse,  adlige  oder  nichtadlige  Regimenter  gibt.  Das  ist
nicht  meine  persönliche  Ansicht  allein,  es  ist  auch  die  Ansicht  aller  maßgebenden
  Persönlichkeiten.  (Zwischenrufe.)  Warum  etwas  nicht  geschieht,
wird  gefragt.  Das  ist  sehr  einfach.  Was  verlangen  Sie  denn?  Soll
plötzlich  eine  große  Versetzung  stattfinden?  Sollen  plöglich  solche  Offiziere
aus  Berlin  nach  Mörchingen  versetzt  werden?  Eins  muß  berücksichtigt
werden:  Auf  der  Homogenität  unseres  Offizierkorps  beruht  seine  Stärke,
es  bildet  eine  Familie  für  sich,  und  diese  kann  nicht  plötzlich  zerrissen  werden.
Nach  und  nach,  meine  Herren,  kommt  die  Sache,  jetzt  aber  plötzlich  mit
Gewalt  läßt  sie  sich  nicht  durchführen.  Es  ist  dann  das  Verhältnis  des
Kriegsministeriums  zum  Militärkabinett  berührt  worden.  Mein  Amtsvorgänger
  hat  im  vorigen  Jahr  sehr  eingehend  dargelegt,  wie  die  Verhältnisse
  entstanden  sind,  wie  die  Stellung  des  Militärkabinetts,  seine  Wirksamkeit,
  seine  Tätigkeit  neben  dem  Kriegsministerium  ist.  Ich  möchte  nur  gegen
eins  protestieren:  Es  wird  immer  so  hingestellt,  als  ob  der  Chef  des  Militärkabinetts
  die  Initiative  zu  allem  ergriffe,  als  ob  der  Kriegsminister  eigentlich
nichts  zu  sagen  habe,  eigentlich  nur  nachhinke  den  Anregungen,  die  von
anderer  Stelle  gegeben  werden.  Ich  muß  offen  sagen:  Fühlen  Sie  denn
nicht,  welche  unwürdige  Rolle  Sie  damit  dem  Königlich  Preußischen  Kriegsminister
  zuweisen?  (Zuruf  l.:  Wir  doch  nicht!)  Ich  lehne  dies  auf  das
allerbestimmteste  ab,  denn  die  Sache  liegt  doch  absolut  nicht  so,  der  Kriegsminister
  hat  seine  vollberechtigte  Stellung  neben  dem  Chef  des  Militärkabinetts.
  (Zuruf  I.:  Neben!)  Daß  der  Kaiser  zur  Ausführung  der  ihm
verfassungsmäßig  zustehenden  Kommandogewalt  verschiedene  Organe  braucht,
ist  doch  einleuchtend.  Während  der  Amtszeit  meines  Amtsvorgängers  ist
kein  Fall  vorgekommen,  und  bei  mir  ebensowenig,  daß  der  Chef  des  Militärkabinetts
  dem  Wirkungskreise  des  Kriegsministers  in  irgendeiner  Weise  zu
nahe  getreten  ist.  Entscheidend  ist  doch  die  Persönlichkeit,  und  wie  sie  zu
dem  Chef  steht.

Abg.  v.  Liebert  (Rp.):  Den  Generalen  Keim  und  v.  Deimling  kann
man  keinen  Vorwurf  machen,  wenn  sie  ihre  Weltanschauung  aussprechen.
Auch  Moltke  hat  gesagt:  „Der  ewige  Friede  ist  ein  Traum,  und  nicht  einmal
  ein  schöner!“  Mit  einem  solchen  Zeugen  kann  man  doch  auch  in  der
Welt  auftreten.  Den  Sozialdemokraten  halte  ich  ihren  englischen  Parteigenossen
  Blatchford  entgegen.  Der  innere  Feind  sind  nicht  die  Arbeiter,
sondern  die  sozialdemokratischen  Agitatoren.  Niemals  hat  sich  die  Auffassung
  der  Militärkosten  als  eine  Versicherungsprämie  so  bewährt,  wie  im
Frühjahr  vorigen  Jahres,  wo  die  Welt  beinahe  in  Brand  stand  und
Oesterreich  schon  mobil  gemacht  hatte.  Da  stellte  eine  friedliche  Aussprache
zwischen  den  Kabinetten  von  Berlin  und  Petersburg  den  Weltfrieden  her.
Konnte  das  geschehen,  wenn  Deutschland  nicht  vier  Millionen  Bajonette
hinter  sich  hatte?  Ich  meine  sogar,  die  Freunde  des  ewigen  Friedens  müssen
in  dem  Kriegsminister  den  rettenden  Engel  begrüßen,  der  ihre  Ziele  durchführt.

26.  Januar.  (Sachsen.)  In  der  Zweiten  Kammer  kommt
es  bei  der  Beratung  eines  Gesetzes  über  Anstellung  von  Lehrerinnen
für  Nadelarbeit-,  Koch=  und  Haushaltungsunterricht  zu  einem  Konflikt

  zwischen  der  gesamten  Linken  und  dem  Kultusminister  Dr.  Beck,

weil  dieser  die  Uebernahme  der  Pensionen  in  Höhe  von  40000  Mark
auf  den  Pensionsetat,  der  21½  Millionen  Mark  beträgt,  verweigerte  und
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        80  Nos  Veuische  Reiqh  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Januar  26.  27.)

deshalb  das  ganze  Gesetz  zu  Fall  bringen  wollte.  Nur  28  Konservative
stimmten  mit  der  Regierung.

26.  Januar.  (Braunschweig.)  Bei  einer  sozialdemokratischen
  Wahlrechtsdemonstration,  an  der  abends  7  Uhr  mehrere
tausend  Personen  teilnahmen,  werden  15  Personen  verwundet.

27.  Januar.  Ergebnisse  der  zweiten  internationalen  Friedenskonferenz.


Das  Reichsgesetzblatt  enthält  in  Nummer  2  das  Abkommen  zur  friedlichen
  Erledigung  internationaler  Streitfälle,  vom  18.  Oktober  1907,  das
Abkommen,  betreffend  die  Beschränkung  der  Anwendung  von  Gewalt  bei
der  Eintreibung  von  Vertragsschulden,  vom  18.  Oktober  1907,  das  Abkommen
  über  den  Beginn  der  Feindseligkeiten,  vom  18.  Oktober  1907,  das
Abkommen,  betreffend  die  Gesetze  und  Gebräuche  des  Landkriegs,  vom  18.  Oktober
  1907,  das  Abkommen,  betreffend  die  Rechte  und  Pflichten  der  neutralen
Mächte  und  Personen  im  Falle  eines  Landkriegs,  vom  18.  Oktober  1907,
das  Abkommen  über  die  Behandlung  der  feindlichen  Kauffahrteischiffe  beim
Ausbruche  der  Feindseligkeiten,  vom  18.  Oktober  1907,  das  Abkommen  über
die  Umwandlung  von  Kauffahrteischiffen  in  Kriegsschiffe,  vom  18.  Oktober
  1907,  das  Abkommen  über  die  Legung  von  unterseeischen  selbsttätigen
Kontaktminen,  vom  18.  Oktober  1907,  das  Abkommen,  betreffend  die  Beschießung
  durch  Seestreitkräfte  in  Kriegszeiten,  vom  18.  Oktober  1907,  das
Abkommen,  betreffend  die  Anwendung  der  Grundsätze  des  Genfer  Abkommens
  auf  den  Seekrieg,  vom  18.  Oktober  1907,  das  Abkommen  über
gewisse  Beschränkungen  in  der  Ausübung  des  Beuterechts  im  Seekriege,  vom
18.  Oktober  1907,  das  Abkommen,  betreffend  die  Rechte  und  Pflichten  der
Neutralen  im  Falle  eine  Seekriegs,  vom  18.  Oktober  1907,  die  Bekanntmachung
  über  die  Ratifikation  von  zwölf  auf  der  Zweiten  Haager  Friedenskonferenz
  abgeschlossenen  Abkommen  vom  18.  Oktober  1907  und  die  Hinterlegung
  der  Ratifikationsurkunden  sowie  über  die  von  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika,  von  Oesterreich-Ungarn  und  von  Rußland  gemachten
Vorbehalte,  vom  25.  Januar  1910,  und  die  Bekanntmachung  über  den  Beitritt
  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  zu  dem  Haager  Abkommen  vom
18.  Oktober  1907,  betreffend  die  Rechte  und  Pflichten  der  Neutralen  im  Falle
eines  Seekriegs,  sowie  über  den  Beitritt  Nicaraguas  zu  diesen  und  elf
anderen  auf  der  Zweiten  Haager  Friedenskonferenz  abgeschlossenen  Abkommen
  vom  18.  Oktober  1907,  vom  25.  Januar  1910.

27.  Januar.  (Braunschweig.)  Minister  v.  Otto  über  die
Finanzreform.

Bei  dem  Festmahle  zum  Geburtstage  des  Kaisers  hielt  Staatsminister
v.  Otto  eine  Ansprache,  in  der  er  u.  a.  sagte:  Dem  letzten  Regierungsjahr
des  Kaisers  gab  das  Gepräge  der  Ausklang,  der  durch  Deutschlands  Machtstellung
  und  durch  deutsche  Treue  unter  Seiner  Majestät  Führung  bewirkten
Lösung  der  orientalischen  Wirren  und  die  Reichsfinanzreform.  Ich  müßte
in  den  Verhandlungen  nicht  Bundesbevollmächtigter,  nicht  der  Vertreter
Braunschweigs  gewesen  sein,  sollte  ich  nicht  rückhaltlos  bekennen:  ich  bedaure
den  Ausgang  der  Verhandlungen.  Um  die  Finanzen  des  Reiches,  um
Deutschlands  inneren  Frieden  wäre  es  besser  bestellt,  wenn  die  Finanzreform
nach  den  Vorschlägen  der  deutschen  Regierung  gestaltet  worden  wäre.  Und
doch  hat  Braunschweig  für  die  Annahme  der  Finanzreform,  wie  sie  geboten
wurde,  gewirkt  und  gestimmt.  Die  Regierung  eines  bankerotten  Staates
        <pb n="89" />
        N  Neusche  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (Januar  28.)  81

—  und  auf  dem  Wege  zum  Bankerott  war  mindestens  das  Deutsche  Reich  —
ist  wehrlos  und  ohnmächtig  gegenüber  den  Parteiströmungen  des  Volkes
und  der  Volksvertretung.  Eine  starke,  von  Pflichtbewußtsein  durchdrungene
Regierung  ist  eine  der  wesentlichsten  Bedingungen  des  Gedeihens  eines
Staatswesens.  Aus  dieser  Erwägung  ist  Braunschweigs  Stellungnahme
erwachsen.

28.  Januar.  (Reichstag.)  Preußischer  Kriegsminister
v.  Heeringen  antwortet  auf  die  Ausführungen  einiger  Redner
über  den  „Duellunfug“  und  die  Bevorzugung  des  Adels.

Die  Kabinettsordre  von  1897  hat  wohltätig  gewirkt,  mit  solchem  Ersolge,
  daß  im  Jahre  1909  von  20000  aktiven  Offizieren  nur  drei  sich
duelliert  haben  und  von  21.000  Offizieren  des  Beurlaubtenstandes  nur  neun.
Ich  hoffe,  daß  die  Kabinettsordre  ihre  weitere  Wirkung  auch  in  Zukunft
tun  wird.  Man  ist  dann  nochmals  auf  den  Adel  gekommen,  und  ich  möchte
ein  Mißverständnis  berichtigen,  das  durch  eine  wohl  nicht  ganz  richtige
Ausdrucksweise  von  mir  hervorgerufen  worden  ist.  Die  Regimenter,  die
jetzt  im  wesentlichen  aus  adligen  Offizieren  sich  zusammensetzen,  haben  das
vielleicht  aus  dem  Grunde  getan,  weil  der  Regimentskommandeur  sehr
großen  Anlauf  hat  und  er  die  Auswahl  aus  den  Kreisen  vornehmen  wollte,
aus  dem  sich  sein  Offizierskorps  seit  langen  Jahren  zusammensetzt.  Die
Tradition,  die  hierbei  in  Frage  kommt,  bezieht  sich  nicht  auf  die  Armee
im  ganzen,  sondern  auf  einzelne  Regimenter.  Ich  habe  es  neulich  schon
betont:  Die  Regimenter  in  sich  bilden  eine  Familie,  und  es  ist  durchaus
nicht  so  gleichgültig,  wie  beim  Kaufmannsstand,  ob  jemand  bei  dem  Geschäft
eintritt  oder  bei  jenem.  Nein,  bei  welchem  Regiment  der  Offizier  steht,
darauf  kommt  es  für  viele  Familien  ganz  außerordentlich  an.  Ein  Beispiel
  aus  meiner  eigenen  Praxis:  Meine  drei  Söhne  stehen  in  einem
Regiment,  bei  dem  schon  mein  Urgroßvater  gestanden  hat,  und  so  geht  es
hunderten  und  aberhunderten  von  Familien,  die  ihre  Söhne  nur  dorthin
schicken,  wo  ihre  Bäter  und  Urgroßväter  gestanden  haben.  Schätzen  Sie
diesen  Umstand  nicht  zu  gering  ein.  In  der  Tradition,  die  vom  Urgroßvater
  bis  zum  Enkel  geht,  liegt  eine  Stärkung  für  den  Offizier.  Die  hält
unsere  Offiziere  von  vielen  Versuchungen  ab  und  führt  sie  im  Ernstfalle
durch  viele  Gefahren.  Im  praktischen  Leben  kommt  der  Adel  eigentlich
kaum  zum  Vorschein;  eine  Bevorzugung  des  Adels  im  Avancement  aber
fällt  der  Armee  nicht  ein,  und  wenn  Herr  Dr.  Mugdan  heute  wie  im
vorigen  Jahr  auf  den  Generalstab  gekommen  ist,  so  muß  ich  das  entschieden
ablehnen.  Eine  Bevorzugung  im  Generalstab  tritt  nicht  ein.  Wir  führen
keine  Statistik;  ich  will  mir  überlegen,  ob  ich  eine  machen  soll.  Aber  aus
dem  Kopf  kann  ich  Ihnen  sagen,  daß  von  vier  oder  fünf  Oberquartiermeistern
  im  Generalstabe  drei  nicht  adlig  sind.  Ich  bin  auch  im  Generalstabe
  hochgekommen  und  groß  geworden;  wir  haben  uns  nicht  überlegt,
ob  jemand  drei  Buchstaben  vor  hat  oder  nicht  und  ob  das  bei  der  Versetzung
irgendeine  Rolle  spielt.  Ich  kann  versichern,  der  jetzige  Chef  des  Generalstabs
  steht  genau  auf  demselben  Standpunkt.  Tüchtig  sollen  die  Leute
sein,  ganz  gleich  welche  Namen  sie  haben;  auf  Tüchtigkeit  kommt  es  allein
an.  Strafgarnisonen  haben  wir  nicht,  und  Mörchingen  ist  wahrhaftig
keine  Strasgarnison.  Aber  umgekehrt  kann  man  nicht  leugnen,  daß  es
größere  Annehmlichkeit  hat,  wenn  man  nahe  an  der  Hauptstadt  ist,  als
nahe  an  der  französischen  Grenze.  Daß  ein  Luxus  noch  im  Offizierskorps
im  großen  besteht,  muß  ich  in  Abrede  stellen;  im  einzelnen  kommt  es
gewiß  vor,  und  ich  würde  froh  sein,  wenn  er  auch  im  einzelnen  ganz  auf-Europäischer

  Geschichtskalender.  Ul.  6
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        82  DPeas  Penisqe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  28.)

hören  würde.  Der  Aerztemangel  wird  auch  von  uns  beklagt.  Aber  eins
muß  ich  bestimmt  erklären:  Das  Verhältnis  zwischen  den  Sanitätsoffizieren
und  Offizieren  kann  nicht  schuld  daran  sein.  Ich  kenne  die  Armee  auch
genau  und  kann  Ihnen  sagen,  daß  das  Verhältnis  ausnahmslos  ein  gutes
ist.  Von  Abgeschlossenheit  des  Offizierskorps  kann  nicht  die  Rede  sein.
Wenn  wir  uns  zusammenschließen,  so  hat  das  lediglich  den  Grund,  daß
wir  im  Zusammenstehen  hoffen,  besser  zu  werden,  den  guten  Geist  zu
pflegen  und  die  Ausbildung  des  Heeres  für  den  Ernstfall  zu  fördern.

Abg.  Korfanty  (P.):  Bei  den  Kontrollversammlungen  halten  Offiziere
und  Feldwebel  politische  Reden  und  hetzen  gegen  die  Polen,  namentlich
zur  Zeit  der  Wahlen;  sogar  Generale  gibt  es,  die  in  dieser  Richtung
als  Gönner  des  Ostmarkenvereins  eine  eifrige  Tätigkeit  entwickeln  und  von
Ort  zu  Ort  reisen,  um  gegen  die  Polen  zu  hetzen.  Ein  Oberst  Schreiber
aus  Danzig  hat  sich  ganz  besonders  durch  Agitationsreden  derart  ausgezeichnet
  und  uns  geradezu  der  Verleitung  zum  Landesverrat  geziehen.
In  den  polnischen  Landesteilen  belegen  die  Militärbehörden  den  polnischen
Kaufmann  und  Gewerbetreibenden  mit  dem  Bonkott.

Der  Kriegsminister  antwortet:  „Die  Armee  hält,  wie  ich  wiederhole,
  sich  fern  von  Politik.  Der  Oberst  Schreiber  ist  längst  inaktiver
Offizier.  Die  Kriegervereine  sollen  keine  Politik  treiben,  gehören  aber  auch
nicht  der  Armee  an.“

Abg.  Werner  (Rfp.):  Die  Bestimmungen  über  das  Wahlrecht  der
Militärbeamten  im  Militärgesetz  von  1874  sind  unklar  und  müssen  revidiert
  werden.

Abg.  Erzberger  (Z.):  Um  noch  einmal  auf  die  Ersparnisse  zurückzukommen,
  so  möchte  ich  die  Militärverwaltung  auf  die  Dienstreisen  hinweisen.
  Warum  wird  denn  bei  militärischen  Festlichkeiten  ein  so  großes
Gefolge  von  Offizieren  aufgeboten?  Das  ist  doch  nicht  nötig.  Ein  angeklagter
  Leutnant,  der  vor  einem  Kriegsgericht  erschien,  erhält  105  Mark
Reisekosten,  Strafe:  5  Mark!  Die  Kriegsgerichtsräte  reisen  auch  zu  viel
herum.  In  der  Vergebung  der  Lieferungen  findet  immer  noch  eine  Begünstigung
  großer  Firmen  statt.  Auf  Krupp  allein  ist  die  Verwaltung
heute  nicht  mehr  angewiesen.  Die  Pistolen  für  die  Kavallerie  sind  einer
einzigen  Firma  in  Berlin  zur  Lieferung  übertragen  worden.  Krupp  hat
ja  nicht  mehr  dieselbe  Monopolstellung  im  Waffenlieferungswesen  wie  früher.
Im  Laufe  der  letzten  6,  8  Jahre  ist  das  Unteroffizierkorps  derart  vermehrt,
  daß  es  derart  nicht  mehr  fortgeht.  Dabei  ist  weniger  die  Belastung
des  Militäretats  entscheidend  als  die  Konsequenzen,  denn  es  werden  immer
mehr  Stellen  den  Zivilanwärtern  zugunsten  der  Militäranwärter  fortgenommen,
  und  die  Beamtenschaft  wächst  immer  mehr.

28.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Erfahrungen
  mit  der  Eosingerste.  Zuschuß  zu  Pferderennen.

Bei  der  Beratung  des  Etats  der  landwirtschaftlichen  Verwaltung
antwortet  auf  eine  Anfrage  des  nationalliberalen  Abg.  Meyer  (Diepholz)
Minister  v.  Arnim:  Es  sind  vor  der  Einführung  der  Eosinfärbung  Versuche
  gemacht  worden  an  drei  Gruppen  von  Schweinen  in  Bromberg:  Die
eine  Gruppe  war  mit  gewöhnlicher  Gerste  gefüttert  worden,  die  zweite
Gruppe  mit  teilweise  gefärbter  Gerste  und  die  dritte  Gruppe  mit  vollständig
  gefärbter  Gerste.  Auch  bei  der  dritten  Gruppe  haben  sich  keinerlei
schädliche  Wirkungen  herausgestellt.  Daraufhin  wurde  die  Eosinfärbung
eingeführt.  Es  haben  dann  eingehende  Beratungen  im  Reichsschatzamt
stattgefunden;  dabei  hat  nur  ein  Sachverständiger  es  als  möglich  angesehen,
daß  die  Färbung  schädlich  wirken  könnte;  die  anderen  haben  sich  dagegen
        <pb n="91" />
        ILIIEILITIIIIIII  83

ausgesprochen.  Außerdem  sind  die  Versuche  wieder  aufgenommen  worden,
es  sind  inzwischen  Tausende  von  Schweinen  geschlachtet  worden,  die  mit
Taise  gefüttert  waren,  und  es  haben  sich  niemals  Nachteile  herausgestellt.


Da  die  300000  Mark  für  Rennprämien  des  früheren  extraordinären
Fonds  im  neuen  Etat  verschwunden  sind,  beantragen  die  Abgg.  Schulze-Pelkum
  (K.),  v.  Oertzen  (Frk.),  Dr.  Friedberg  (Nl.)  und  Graf  Henckel  von
Donnersmarck,  die  Regierung  zu  ersuchen,  die  in  dem  Dispositionsfonds  enthaltene
  Summe  von  231000  Mark  für  Staatspreise  bei  Rennen  vom
nächsten  Jahre  ab  angemessen  zu  erhöhen.

Unterstaatssekretär  des  Finanzministeriums  Dr.  Michgelis:  Der
ertraordinäre  Fonds  von  300000  Mark  war  nur  ein  Zuschußfonds  für
den  Bedarfsfall,  und  wir  müssen  jetzt  die  Staatsfinanzen  berücksichtigen.
1881  wurden  noch  1,4  Millionen,  1889  nur  960000  Mark  und  später
nur  noch  500000  Mark  gegeben.  Dann  kam  das  Reichsgesetz,  und  es
flossen  1908  2050000  Mark,  1909  2234000  Mark  und  1910  2776000  Mark
aus  dieser  Steuer  den  Rennvereinen  zu.  Der  Staat  hat  nichts  davon  in
die  Tasche  gesteckt,  die  Summe  von  2776000  Mark  wird  gegeben,  wie  sie
im  Etat  steht.  Aber  der  Staat  muß  sich  fragen,  ob  bei  diesen  reichen
Erträgen  aus  der  Steuer  er  noch  den  Fonds  geben  kann,  der  aus  der
Tasche  der  Steuerzahler  genommen  wird.  Um  die  Möglichkeit  einer  Aenderung
  des  Reichsgesetzes  handelt  es  sich  für  uns  gar  nicht,  sondern  darum,
ob  die  Finanzlage  noch  den  Zuschuß  gestattet  für  die  Rennvereine,  denen
so  reiche  Einnahmen  zufließen.  Die  Regierung  hat  volles  Verständnis
für  die  Ziele  der  Rennvereine  und  für  die  Vollblutzucht,  und  sie  würde
sich  freuen,  wenn  einmal  der  Zuschuß  wieder  gegeben  werden  könnte.

28.  Januar.  (Elberfeld.)  Wirkung  des  Vereinsgesetzes.

Die  Niederlegung  eines  Kranzes  mit  roter  Schleife  bei  dem  Leichenbegängnis
  eines  Sozialdemokraten  war  von  der  Polizeibehörde  in  Velbert
wegen  groben  Unfugs  und  wegen  versäumter  Einholung  der  Genehmigung
mit  einem  Strafbefehl  über  15  Mark  belegt  worden.  Auf  Einspruch  hatte
das  Schöffengericht  den  Strafbefehl  bestätigt  und  die  Elberfelder  Strafkammer
  die  Berufung  dagegen  verworfen,  weil  durch  diese  Kundgebung
das  Leichenbegängnis  ein  „außergewöhnliches“  und  dadurch  die  vorherige
Genehmigung  der  Polizei  nach  §  10  des  Vereinsgesetzes  nötig  geworden
sei.  Das  Kammergericht  hob  das  Urteil  auf,  und  bei  neuer  Verhandlung
bejahte  zwar  die  Strafkammer  die  Frage  nach  dem  „außergewöhnlichen“
Charakter  des  Leichenbegängnisses  und  die  Schuld  des  Angeklagten,  erkannte
  aber  auf  Aufhebung  des  Strafbefehls  und  auf  Freisprechung,  weil
die  Polizei  mit  dem  Erlaß  eines  Strafbefehls  auf  Grund  des  Vereinsgesetzes
  ihre  Kompetenz  überschritten  habe.

28.  Januar.  (Elsaß-Lothringen.)  Eröffnung  der  37.  Session
des  Landesausschusses.  Aus  der  Ansprache  des  Statthalters:

„Die  finanzielle  Lage  des  Landes  hat  sich  seit  dem  letzten  Jahre
nicht  gebessert.  Von  der  zur  Herstellung  des  Gleichgewichts  im  Etat  für
1908  eingestellten  Anleihe  von  rund  3800000  Mark  mußten  2000550  Mark
begeben  werden.  Der  Abschluß  des  laufenden  Jahres  wird  voraussichtlich
noch  weniger  günstig  sein,  zumal  die  von  dem  Lande  an  das  Reich  zu
leistenden  Zahlungen  durch  Erhöhung  der  ungedeckten  Matrikularbeiträge
um  das  Doppelte  des  Etatansatzes  eine  sehr  erhebliche  Steigerung  erfahren
haben.  Eine  Folge  der  Reichs=  und  Landesgesetzgebung  des  abgelaufenen
Jahres  ist  die  Zunahme  der  fortdauernden  Ausgaben  um  fast  fünf  Millionen,

6*
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        84  Ha#se  Vernische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  28.  29.)

eine  Summe,  die  auch  bei  weitgehender  Sparsamkeit  und  Zurückhaltung
von  Neuforderungen  ohne  erhöhte  Inanspruchnahme  der  Steuerkraft  des
Landes  nicht  gedeckt  werden  kann.  Die  Verhandlungen  über  den  weiteren
Ausbau  unserer  Verfassung  sind  noch  nicht  abgeschlossen,  dauern  aber  fort.
Ich  gebe  mich  der  Hoffnung  hin,  daß  sie  in  nicht  zu  ferner  Zeit  zu  einem
befriedigenden  Ergebnis  führen  werden.

28.  Januar.  (Baden.)  In  der  Kammer  wird  der  Antrag
der  Nationalliberalen,  Demokraten  und  Sozialdemokraten  durch
bundesfreundliches  Zusammenwirken  von  Württemberg  und  Baden
möge  die  Frage  der  Neckarkanalisation  einer  baldigen  Lösung
entgegengeführt  werden,  gegen  die  Stimmen  der  Rechten  angenommen.


29.  Januar.  (Reichstagsersatzwahl.)  Im  Wahlkreise
Eisenach-Dermbach,  der  bisher  von  dem  antisemitischen  Abg.  Schack
vertreten  wurde,  wird  Sozialdemokrat  Leber  gewählt.

29.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fischerei

und  Moorkultur.

Bei  dem  Kapitel  „Förderung  der  Fischerei“  betont  Abg.  v.  Böhlendorff-Kölpin
  (K.)  die  Wichtigkeit  der  Fische  als  Volksnahrung.  Ebenso
wie  für  die  Hebung  der  Viehzucht  und  für  die  Hebung  des  Kornbaues
bisher  gesorgt  worden  sei,  so  müsse  auch  die  Fischerei  unterstützt  werden.
Auf  diesem  Gebiete  habe  man  es  noch  nicht  verstanden,  der  Zunahme  der
Bevölkerung  Rechnung  zu  tragen.  Bisher  seien  in  Bezug  auf  die  Fischereiwirtschaft
  schwere  Fehler  gemacht  worden.  Der  Fischexport  verhalte  sich
zum  Fischimport  wie  1:  7.  Viel  könne  durch  ein  Lehrinstitut  für  Fischerei
erreicht  werden,  das  unter  Mitwirkung  der  Fischereivereine  und  der  Landwirtschaftskammern
  zu  errichten  sei.  Die  bisher  vorhandenen  Institute
am  Müggelsee  und  in  Hannover  erfüllten  nicht  alle  Forderungen.  Besonderer
  Wert  sei  auf  die  Festsetzung  der  Schonzeit  zu  legen.  Durch  die
biologische  Forschung  sei  man  zu  dem  Ergebnis  gekommen,  daß  es  falsch
sei  den  Aal  zu  schonen.  Keine  Schonung  des  Aals  sei  die  richtige  Parole.
Er  bitte  den  Minister,  dafür  zu  sorgen,  daß  die  Fischereiwirtschaft  mit
aller  Kraft  gehoben  werde.

Ein  Zeutrumsantrag:  „Die  Regierung  zu  ersuchen,  Maßnahmen  zu
treffen,  welche  geeignet  sind,  in  verstärktem  Maße  eine  Umwandlung  von
Moor=  und  Oedländereien  in  Ländereien  von  höherem  wirtschaftlichen  Werte
herbeizuführen,“  wird  angenommen.

29.  Januar.  (Reichstag.)  Generaldebatte  bei  der  Spegialberatung
  des  Militäretats  zum  ersten  Ausgabetitel  „Gehalt  des
preußischen  Kriegsministers  50000  Mark“.  Zwischenfall  v.  Oldenburg.

Zu  diesem  Titel  sind  zwei  freisinnige  Anträge  eingebracht:  1.  Antrag
  Ablaß,  den  Reichskanzler  wiederholt  zu  ersuchen,  nach  den  Beschlüssen
des  Reichstages  von  1905,  1906,  1907,  1908  und  1909  die  Reform  des
gesamten  Militärstrafrechts,  des  Beschwerderechts  und  des  ehrengerichtlichen
Verfahrens  gegen  Offiziere  in  die  Wege  zu  leiten;  2.  Antrag  Müller
(Meiningen  -Wiemer,  den  Reichskanzler  zu  ersuchen,  zu  erwägen,  auf  welche
Weise  denjenigen  Militärpflichtigen,  welche  eine  hervorragende  turnerische
Ausbildung  besitzen,  Vergünstigungen  bei  der  Erfüllung  ihrer  militärischen
        <pb n="93" />
        Das  Denisqe  Reit  und  seine  rintelnen  Glieder.  (Januar  29.)  85

Dienstpflicht  (kürzere  Dienstzeit,  Vergünstigungen  im  Avancement  usw.)  bewilligt
  werden  können.

Abg.  Dr.  Müller-Meiningen  (Fr.  Vp.):  Man  täusche  sich  doch  nicht
über  die  Macht  des  Militärkabinetts.  Vor  dem  vorigen  Militärkabinettschef
  soll  das  ganze  jüngere  Offizierkorps  direkt  gezittert  haben.  Der  jetzige
Chef  dagegen  soll  ein  humaner  Herr  sein.  Der  Kriegsminister  sagt,
die  Hauptsache  seien  die  Personen,  die  in  diesen  Aemtern  sitzen.  Nein,
die  Hauptsache  ist  dieses  ganz  inkonstitutionelle  Amt.  Ich  stehe  nicht  an
zu  sagen,  daß  unsere  Kabinettsregierung  sehr  gefährlich  ist.  Herr  v.  Oldenburg,
  der  nach  mir  spricht,  wird  wahrscheinlich  wieder  sagen,  daß  die  Armee
ein  rein  persönliches  Werkzeug  des  Herrschers  sei.  Das  ist  nicht  richtig.
Ter  Offizier  ist  ebenso  Beamter  wie  jeder  andere  Beamte,  und  die  Worte

s  Reichskanzlers  über  die  Freiheit  der  Beamten  aus  dem  Abgeordnetenvent
  gelten  auch  für  die  Offiziere.  Von  der  größten  Bedeutung  ist  auch
eine  Reform  der  militärischen  Verwaltungsbehörden.  Sie  unterstehen  den
Kommandeuren,  und  die  Kommandeure  folgen  nur  zu  gern  den  rein  militärischen
  Interessen  und  sehen  nicht  auf  die  ökonomischen  Interessen  des
Reichs.  Nach  meiner  vorjährigen  Rede  über  die  adligen  Regimenter  hat
man  gehört,  daß  auch  einige  bürgerliche  Offiziere  in  die  Garde  eingereiht
sein  sollen.  Aber  es  gingen  die  sonderbarsten  Gerüchte  über  die  Aufnahme
dieser  bürgerlichen  „Konzessionsschulzen".  Ein  konservatives  Blatt  schrieb
von  einem  Oberstleutnant  R.,  er  habe  erklärt,  er  wolle  nicht  die  Demokratisierungsbestrebungen
  der  Armee  als  erster  bürgerlicher  Bahnbrecher
unter  den  Regimentskommandeuren  der  Garde  mitmachen.  Dementiert  ist
das  nicht.  Das  zeigt.  daß  man  tatsächlich  auf  Widerstand  gestoßen  ist.
Ich  bedauere  die  gestrige  abschweifende  Rede  des  Kriegsministers  sehr.  Er
sagt,  die  Regimenter  bilden  für  sich  eine  Familie.  Früher  sagte  man,  das
Offizierskorps  der  ganzen  Armee.  Es  gibt  keinen  größeren  Feind  einer
wirklichen  Kameradschaft  in  der  Armee  als  eine  derartige  Klassenabsonderung
in  einzelnen  Regimentern.  Haben  denn  die  bürgerlichen  Offiziere  nicht
dasselbe  Recht  wie  die  adligen?  Der  Kriegsminister  sagt,  es  gibt  keine
Strafgarnisonen.  Gut,  Herr  Kriegsminister,  dann  versetzen  Sie  doch  ein
Garderegiment  nach  Mörchingen  oder  Morbach!  Die  ganze  Armee  wird
ihm  diesen  Vorzug  ohne  weiteres  gönnen.  Als  gestern  Dr.  Mugdan  meine
vorjährigen  Ausführungen  über  den  Adel  im  Generalstab  unterstrich,  wurde
der  Kriegsminister  sehr  scharf;  das  ist  der  wunde  Punkt.  Ich  begreife  nicht,
wie  er  solche  offenkundigen  Tatsachen  leugnen  kann.  Ich  habe  im  vorigen
Jahr  ein  größeres  Zahlenmaterial,  von  dem  die  Herren  ganz  genau  wissen,
daß  es  vollkommen  richtig  ist,  für  das  Prävalieren  des  Adels  in  den  allerwichtigsten
  Stellen  der  Armee  vorgebracht.  Es  ist  mir  von  einer  kundigen
Stelle  heute  berichtet  worden,  daß  in  diese  Abteilungen  seit  dem  letzten
Jahr  auch  einige  Bürgerliche  hineinkommandiert  sind.  Hoffentlich  ist  das
nur  ein  Anfang.  Bei  den  höheren  Adjutanturen  ist  das  Mißverhältnis
noch  größer;  bei  der  Kavallerie  23  Adlige  und  0  Bürgerliche.  Die  hohen
Verdienste  des  preußischen  Adels  gebe  ich  ohne  weiteres  zu.  Soll  aber
seine  Tüchtigkeit  so  auffallend  größer  sein  als  die  der  Bürgerlichen?  Haben
die  bürgerlichen  Offiziere  nicht  im  Ernstfalle  ebenso  ihre  Pslicht  und  Schuldigkeit
  getan?  Wir  verlangen  nichts  als  Rechtsgleichheit.  Wir  verlangen
zan  daß  das  Protektionswesen  in  der  Armee,  ein  gewisses  Cliquenwesen,
aufhört.

Kriegsminister  General  v.  Heeringen:  Mit  Strafen  kommt  man
an  das  Duell  nicht  heran.  Wenn  es  dem  Brandenburgischen  Kurfürsten
mit  der  entehrenden  Strafe  des  Todes  nicht  gelang,  das  Duell  aus  der
Welt  zu  schaffen,  so  werden  wir  noch  heutzutage  mit  Strafen  keinen  Er-
        <pb n="94" />
        86  Das  Denisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  29.)

folg  erzielen.  Wir  suchen,  den  Zweikampf  einzuschränken  auf  Grund  der
kaiserlichen  Verordnung  von  1898.  Ein  Erfolg  in  dieser  Hinsicht  ist  auch
zu  verzeichnen.  Politische  Vergehen  eignen  sich  zu  ehrengerichtlichen  Verhandlungen
  überhaupt  nicht.  Die  Frage,  ob  auch  die  Offiziere,  die  Uniform
tragen,  dem  Ehrengericht  unterstehen,  ist  nicht  zweifelhaft.  Wenn  für  einen
ausscheidenden  Offizier  die  Erlaubnis  dazu  beantragt  wird,  so  wird  sein
Einverständnis  vorausgesetzt.  Nun  ist  auf  die  Macht  des  Militärkabinetts
hingewiesen  worden.  Die  Sache  liegt  wirklich  nicht  so.  Der  Kriegsminister
befindet  sich  dem  Kabinett  gegenüber  wirklich  in  einer  erheblich  günstigeren
Lage.  Er  hat  wöchentlich  beim  Kaiser  Vortrag  und  verkehrt  mit  ihm
fast  nie  schriftlich,  sondern  mündlich.  Er  kann  jederzeit  beim  Kaiser  das
vorbringen,  was  er  für  notwendig  hält.  Der  Chef  des  Militärkabineits
ist  durchaus  keine  Mittelsperson.  Er  darf  auch  nicht  eigenmächtig  über
das  Schicksal  der  Offiziere  verfügen,  er  ist  an  die  Anträge  der  kommandierenden
  Generale  gebunden.  Die  Versetzungen  erfolgen  auf  Grund  der
Berichte  sämtlicher  Vorgesetzten,  ehrenwerter  gefestigter  Charaktere,  die  man
hier  nicht  angreifen  sollte.  Das  Kriegsministerium  entscheidet  auch,  ob  und
welche  Pensionen  gegeben  werden.  Wenn  Sie  eine  weitere  Ausdehnung
der  Machtbefugnisse  des  Kriegsministers  haben  wollen,  dann  müssen  Sie
Verfassung  ändern.  Das  jetzige  Verhältnis  zwischen  Kaiser  und  Offizier
ist  eine  Hauptstärke  der  Armee.  Gewiß  nimmt  der  Offizier  eine  andere
Stellung  ein  als  der  Beamte.  Er  schwört  nicht  auf  die  Verfassung,  sondern
leistet  den  Eid  nur  seinem  König.  Dieses  klare  Verhältnis  ist  durchaus
zum  Segen  des  Vaterlandes  in  vielen  Schwierigkeiten  gewesen.  Das
Militärkabinett  hat  auf  die  Annahme  von  Offizieren  keinen  Einfluß.  Der
Regimentskommandeur  nimmt  sie  an,  der  für  die  Homogenität  seines
Offizierskorps  dem  Kaiser  verantwortlich  ist.  Ich  bezweifle  ganz  entschieden,
daß  bürgerliche  Offiziere  in  sogenannten  erstklassigen  Regimentern  schlecht
behandelt  worden  sind.  So  etwas  ist  ausgeschlossen.  Eine  Bevorzugung
des  Adels  tritt  praktisch  nicht  ein.  Erst  durch  Sie  werden  wir  gezwungen,  uns
zu  fragen:  Wo  stecken  eigentlich  die  Adeligen  und  wo  die  Unadeligen?
Auch  über  die  Kommandierung  zu  Adjutanten  ist  gesprochen  worden.  Die
Liste  der  dazu  geeigneten  Offiziere  stellt  der  Kommandeur  auf,  und  alle
Vorgesetzten  äußern  sich  dazu.  Das  Militärkabinett  hat  nichts  damit  zu
tun,  es  richtet  sich  nur  nach  den  Listen.  Von  einer  Herabsetzung  der  Dienstzeit
  kann  nicht  die  Rede  sein.  Die  Armee  hat  sich  mit  der  zweijährigen
Dienstzeit  so  gut  es  ging  abgefunden,  weil  Vorgesetzte  und  Mannschaften
alle  Kräfte  an  die  Erfüllung  ihrer  Pflichten  setzten.  Gewiß  mag  die  Nervosität
  zugenommen  haben,  weil  die  Anforderungen  wachsen.  Wir  haben
getan,  was  anging,  um  eine  Vereinfachung  des  Dienstes  zu  erzielen.  Nach
Möglichkeit  ist  alles  Parademäßige  über  Bord  geworfen  worden.  Nach
und  nach  kann  aber  nur  eine  Vereinfachung  erfolgen.  Mit  Gewalt  ist
nichts  zu  machen.

Abg.  v.  Oldenburg  (K.)e:  Die  Herren  Sozialdemokraten  haben  sich
darüber  beschwert,  daß  bei  dem  Streik  in  Mansfeld  gegen  sie  nicht  zart
genug  vorgegangen  worden  ist.  Wenn  die  Streikenden  in  Mansseld
etwa  die  gesellschaftlichen  Umgangsformen  besessen  haben  sollten,  wie  der
Herr,  der  sich  vorhin  erlaubte,  der  Rechten  zuzurufen:  Maul  halten!  dann
ist  mit  ihnen  viel  zu  gelinde  vorgegangen  worden.  (Zuruf  b.  d.  Soz.:
Sie  können  uns  sonst  was!)  Ueber  den  Paradedrill  stehen  ich  und  viele
meiner  alten  Freunde,  die  gedient  haben,  auf  einem  anderen  Standpunkt
als  Dr.  Müller-Meiningen.  Wir  bedauern  es,  wenn  altpreußische  militärische
  Traditionen,  wie  sie  im  Parademarsch  liegen,  in  den  mililärischen
Honneurs,  im  Frontmachen  usw.,  bei  denen  jedem  alten  Soldaten  das
        <pb n="95" />
        #s  Deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  29.)  87

Herz  im  Leibe  lacht,  verloren  gehen.  Herr  Dr.  Müller-Meiningen  verlangt
  Reform  des  Militärstrafrechts.  Wir  haben  doch  erst  seit  wenigen
Jahren  eine  neue  Strafprozeßordnung;  leider,  muß  ich  sagen;  die  alten
Zustände  waren  viel  besser,  das  Parlament  ist  dagegen  angegangen,  die
Berwaltung  hat  nachgegeben,  und  nun  klagen  Sie  wieder.  Wir  können
doch  nicht  alle  paar  Jahre  eine  neue  machen,  es  muß  erst  ein  Weile  gehen.
Der  Bonner  Fall  ist  nicht  näher  bekannt,  scheint  aber  wesentlich  übertrieben
zu  sein.  Ich  bedauere,  daß  ich  nicht  Korpsstudent  gewesen  bin,  ich  habe
nicht  studiert.  Man  muß  auch  in  Universitätsstädten  solche  Fälle,  wenn
sie  selbst  Ausschreitungen  darstellen,  nicht  so  tragisch  nehmen;  besser,  wenn
die  jungen  Herren  Korpsiers  mal  über  die  Stränge  schlagen,  als  wenn  sie
gar  nichts  unternehmen.  Die  Mißhandlungen  sind  doch  Gott  sei  Dank
tatsächlich  auf  das  denkbar  geringste  Maß  zurückgegangen;  sie  ganz  zu  beseitigen,
  wird  unmöglich  sein,  solange  noch  Rekruten  und  Unteroffiziere
Menschen  sind.  Den  Offizieren  kann  auch  nicht  der  Vorwurf  gemacht
werden,  daß  sie  die  Mannschaften  und  die  Unteroffiziere  nicht  genügend
kontrollieren;  es  ist  doch  unmöglich,  die  Lente  jede  Minute  von  Offizieren
kontrollieren  zu  lassen.  Wenn  Sie  für  wünschenswert  halten,  daß  eine
Disziplin,  wie  dem  erwähnten  französischen  Rittmeister  gegenüber,  der  vor
der  Front  Abbitte  tun  mußte,  auch  bei  uns  herrschen  sollte,  so  halte  ich
das  im  Interesse  des  deutschen  Vaterlandes  nicht  dafür,  jeder  aktive  und
inaktive  Offizier  bei  uns  hat  bei  der  Nachricht  davon  sich  gesagt:  Gott  sei
Dank,  daß  ich  in  der  deutschen  Armee  Dienst  tue  und  nicht  in  der  französischen!
  Wie  weit  die  französische  Armee  mit  dieser  Disziplin  kommen
wird,  wird  die  Zukunft  beweisen.  Im  übrigen  will  ich  mich  darüber  nicht
weiter  auslassen,  ich  habe  schon  einmal  mit  dem  Auswärtigen  Amt  Komplikationen
  gehabt.  Bezüglich  des  Duells  schließen  wir  uns  den  Ausführungen
  des  Kriegsministers  an;  ganz  wird  man  es  nicht  verhindern
können,  aber  die  Allerhöchste  Verordnung  wegen  seiner  Einschränkung  hat
aufs  segensreichste  gewirkt,  das  muß  anerkannt  werden.  Auch  daß  niemand
seinen  Abschied  bekommt,  ehe  er  reine  Wäsche  hat,  ist  selbstverständlich:
das  brauchen  wir  zur  Erhaltung  der  Ehre  und  des  Ansehens  des  Offizierstandes.
  Bei  der  Betrachtung  über  das  Militärkabinett  wollte  Herr  Müller-Meiningen
  wohl  den  jetzigen  Chef  in  Gegensatz  zu  Herrn  von  Hülsen
bringen.  Wer  das  Glück  und  die  Ehre  gehabt  hat,  Herrn  v.  Hülsen  zu
kennen,  kann  Ihnen  nur  sagen,  daß  er  einer  der  humansten  Leute  war,
und  daß  der  jetzige  Chef  nichts  besseres  tun  kann  und  wird,  als  in  seinen
Bahnen  weiterzuschreiten.  Es  hat  Ihnen  ja,  Herr  Müller-Meiningen,
nichts  ferner  gelegen,  als  das  Andenken  an  Herrn  v.  Hülsen  zu  trüben.
Das  Militärkabinett  und  das  Prävalieren  des  Adels  in  der  Armee  oder
in  einzelnen  Regimentern  basieren  auf  der  preußischen  Geschichte,  die  meinen
Herren  Bundesbrüdern  vielleicht  nicht  in  dem  Maße  zugänglich  ist  wie
mir.  Ich  erinnere  Sie  nur  an  die  Episode,  wie  hier  gelegentlich  eines
Disputs  über  die  bayerischen  oder  preußischen  Korps  der  bayerische  General
v.  Endreß  in  geradezu  herzbewegender  Weise  seinen  Dank  abstattete  für
uns,  was  die  bayerischen  Korps  an  dem  Beispiel  der  preußischen  Armee
gehabt  haben.  Wenn  Sie,  meine  werten  Bundesbrüder,  so  lange  denken
können,  denken  Sie  mal  fünfzig  Jahre  weiter  zurück.  Als  ich  drei  Jahre  alt
war,  habe  ich  mit  vieler  Mühe  einen  Vers  lernen  müssen,  den  ich  dem  alten
Vater  hersagen  sollte:  „Und  wenn  der  alte  Fritze  kommt  und  klopft  sie  auf
die  Hosen,  dann  läuft  die  ganze  Reichsarmee,  Panduren  und  Franzosen!“
Wir  wollen  also  möglichst  wenig  an  dem  preußischen  Beispiel  rütteln.  Der
preußische  Adel  ist  von  preußischen  Königen,  von  Friedrich  Wilhelm  l.  und
Friedrich  dem  Großen  teilweise  gezwungen  worden,  die  Offizierkarriere
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        88  Das  Penisqhe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Januar  29.)

einzuschlagen.  Der  Sohn  einer  bei  Königsberg  ansässigen  Familie  wollte
Künstler  werden;  da  kam  eine  Order  des  großen  Königs:  „Unsinn,  Sein
Sohn  hat  bei  den  Husaren  einzutreten!“  Die  preußische  Geschichte  führt
dahin  daß  der  preußische  Adel  in  die  Offizierkorps  eingetreten  ist;  und  ich
glaube,  daß  diese  preußische  Tradition  dem  Offizierkorps  mindestens  nicht
geschadet  hat.  Selbstverständlich  prätendiert  auch  der  Adel  nicht  eine  bevorrechtigte
  Stellung  in  der  Armee;  nein,  das  entwickelt  sich  wieder
historisc.!  Wenn  ein  Vater  seinen  Sohn,  gar  nicht  einmal  zum  Avancement,
in  ein  Regiment  bringt,  wo  der  Vater  selbst  schon  stand,  dann  nimmt  ihn
doch  der  Oberst  an  und  freut  sich,  daß  der  Vater  dies  Attachement  an  die
Truppe  hat.  Mancher  Vater  hat  schon  seinen  dritten  Jungen  bei  derselben
Schwadron,  wo  er  vor  fünfzig  Jahren  stand.  Ich  habe  überhaupt  keinen
Unterschied  gekannt,  ob  adlig  oder  bürgerlich,  ob  evangelisch  oder  katholisch;
Königlich  Preußische  Offiziere  waren  wir  alle  zusammen  —  es  ist  doch
natürlich,  daß  der  Kommandeur  diesen  jungen  Leuten  den  Vorzug  gibt
vor  anderen.  Dasselbe  gilt  von  den  Garde-Regimentern.  Eine  bedenkliche
Wandlung  in  dem  ganzen  Ersatz  unserer  Offizierkorps  entwickelt  sich  dahin,
daß  die  Familien,  adelige  wie  bürgerliche,  nicht  mehr  in  gleichem  Umfange
geneigt  sind,  ihre  Söhne  dem  Heere  zuzuführen.  Die  Gründe  liegen  auf
der  Hand.  Eine  lange  Friedenszeit  lähmt  den  Enthusiasmus;  fünfzehn
Jahre  Leutnant,  fünfzehn  Jahre  Kompagnie=  oder  Schwadronschef,  dann
ist  der  Mann  fünfzig  Jahre  alt,  ehe  er  die  Kompagnie  oder  Schwadron
los  wird.  Dann  ist  doch  die  beste  Bouillon  abgeschöpft,  dann  kann  sich
kein  großer  Unternehmungsgeist  mehr  entwickeln.  Ein  weiterer  Grund  ist,
daß  leider  Gottes  die  Stellung  des  Offiziers  nicht  mehr  in  dem  Maße
wie  früher  vor  der  Oeffentlichkeit  geschützt  ist.  Wie  ich  Offizier  war,  war
es  mir  ganz  egal,  was  von  mir  in  der  Zeitung  stand;  ich  fragte  nur:
„Was  sagen  meine  Vorgesetzten?“  Reichstag  und  Publikum  ging  mich
nichts  an.  Wenn  heute  ein  Leutnant  in  irgendeiner  Ecke  hustet,  hat  er
immer  die  Sorge,  daß  es  im  Reichstag  zur  Sprache  kommt.  Auf  das
Urteil  des  Reichstages  wird  jetzt  ein  Gewicht  gelegt,  wie  ich  es  nicht  gekannt
  habe.  Darunter  leidet  der  Offizierstand,  und  er  muß  darunter  leiden
wegen  seines  persönlichen  Zusammenhanges  mit  dem  Allerhöchsten  Kriegsherrn.
  Zwischeuruf  lI.)  Das  ist  auch  eine  preußische  Tradition,  und  daß
diese  Ihnen  nicht  paßt,  glaube  ich  sehr  gern.  Der  König  von  Preußen
oder  der  Deutsche  Kaiser  muß  stets  imstande  sein,  jedem  Leutnant  zu  sagen:
„Nehmen  Sie  zehn  Mann,  und  schließen  sie  den  Reichstag!“  (Stürmische
Heiterkeit  und  anhaltende  Erregung;  der  Redner  kann  sich  erst  nach  geraumer
  Zeit  wieder  verständlich  machen.)  Darum  kann  man  nur  den
Wunsch  haben,  daß  die  Tradition  in  unserem  Offizierkorps  erhalten  bleibe,
auch  in  Bezug  auf  die  Zusammensetzung  des  Offizierkorps,  auf  dessen
Homogenität,  die  alte  königlich  preußische  Tradition!  (Unter  dem  immer
wieder  sich  erneuernden  Sturm  von  Zwischenrufen  l.  und  demonstrativem
Beifall  r.  verläßt  Redner  die  Tribüne.  Auf  der  Linken  erschallen  Rufe:
Hauptmann  von  Cöpenick!  Ohrenbetäubender  Lärm  auf  allen  Seiten  des
Hauses.  Zwischenruf  des  Abg.  Ledebour  (Sd.):  Was  sagt  der  Präsident
dazu?  Vizepräsident  Erbprinz  zu  Hohenlohe:  Ich  verbitte  mir  eine
Kritik  meiner  Geschäftsführung  in  dieser  Form.  Das  Wort  hat  der  Abg.
Dr.  Osann.  —  Fortgesetzter  Lärm  und  Zurufe  bei  den  Sd.  Der  Bizepräsident
  ruft  den  Abg.  Ledebour  zur  Ordnung.  Der  Lärm  dauert  fort.)

Nach  einigen  Ausführungen  des  Abg.  Dr.  Osann  (Nl.)  kommt  es
zu  einer  erregten  Geschäftsordnungsdebatte.

Abg.  Singer  (Sd.):  Ich  nehme  Anlaß,  auf  den  Vorgang,  der  sich
abgespielt  hat,  zurückzjukommen.  Ich  stelle  fest,  daß  Herr  v.  Oldenburg  die
        <pb n="97" />
        Das  Denisqhe  Reih  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Januar  29.)  89

Worte  gebrauchte:  der  Kaiser  würde  jederzeit  in  der  Lage  sein,  einem
Leutnant  zu  sagen:  nimm  zehn  Mann  und  schließe  den  Reichstag!  Ich
will  im  Rahmen  einer  Geschäftsordnungsrede  über  die  Niedrigkeit  der  Auffassung
  nicht  sprechen,  die  er  dem  Reichstag  in  dieser  Redewendung  zugemutet
  hat.  Ich  rede  auch  in  diesem  Augenblick  nicht  davon,  daß  diese
Redewendung  als  eine  direkte  Aufforderung  zum  Verfassungsbruch  zu  bezeichnen
  ist.  Ich  frage  den  Präsidenten,  der  während  der  Rede  nicht  eingegriffen
  hat,  ob  er  die  Aeußerung  gehört  hat?  Hat  er  sie  gehört,  so
würde  es  wohl  eine  Beleidigung  für  ihn  sein,  wenn  ich  annähme,  daß  er
sich  mit  dem  Inhalt  der  Rede  identifiziert  und  den  Redner  nicht  darauf
verwiesen  hat,  daß  er  der  Würde  und  der  Achtung  des  Reichstags  schuldig
ist,  solche  Redewendungen  zu  unterlassen.  Hat  er  diese  Redewendung  nicht
gehört,  so  nehme  ich  an,  daß  er  nunmehr  seines  Amtes,  den  Reichslag  vor
Beschimpfungen  zu  schützen,  walten  wird.

Vizepräsident  Erbprinz  zu  Hohenlohe:  Ich  habe  die  Aeußerung
des  Herrn  v.  Oldenburg  gehört  und  habe  sie  in  folgender  Weise  aufgefaßt.
Der  Herr  Abgeordnete  sprach  von  Disziplin  im  preußischen  Heere.  Und
als  er  die  Aeußerung  tat,  die  soeben  von  Herrn  Singer  genannt  worden
ist,  habe  ich  geglaubt,  daß  er  damit  nur  das  sagen  wollte,  daß  der  preußische
Soldat  auch  bis  aufs  äußerste  dem  Ruf  des  obersten  Kriegsherrn  zu  folgen
habe.  Hätte  ich  geglaubt,  daß  der  Abg.  v.  Oldenburg  wirklich  im  Ernst
geglaubt  hätte  und  hätte  aussprechen  wollen,  daß  die  preußische  Armee
dazu  da  sei,  zehn  Mann  in  den  Reichstag  zu  schicken  und  denselben  auseinander
  zu  sprengen,  so  würde  ich  ohne  Zweifel  diese  Aeußerungen  aufs
schärfste  gerügt  haben.

Abg.  v.  Oldenburg  (K.):  Der  Herr  Präsident  hat  vollständig  das
verstanden,  was  ich  habe  sagen  wollen,  und  ich  habe  es  lediglich  angeführt
als  äußersten  Beweis  der  Disziplin.  Daß  das  nicht  vorkommen  wird,  ist
selbstverständlich.  Ich  habe  es  lediglich  als  Beispiel  der  Disziplin  angeführt,
  die  nicht  zu  fragen  hat  nach  der  Verfassung.

Abg.  Bassermann  (Nl.):  Nachdem  der  Abg.  Singer  auf  den
Vorfall  nochmals  zu  sprechen  kam,  möchte  ich  namens  meiner  politischen
Freunde  doch  das  eine  erklären:  Daß  wir  die  Aeußerung  des  Herrn
v.  Oldenburg,  in  der  auch  wir  eine  Mißachtung  des  Reichstags  und
seiner  verfassungsmäßigen  Rechte  erkennen  müssen,  tief  beklagen,  ebenso
die  Tatsache,  daß  diese  Aeußerung  Beifall  auf  einigen  Bänken  des  Hauses
gefunden  hat.  «

Abg.Groeber(Z.)(anGeschäftsordnung):IchkanndieAeußes
rung  des  Herrn  v.  Oldenburg  nicht  so  harmlos  auffassen,  wie  er  sie  jetzt
darstellen  möchte,  und  ich  möchte  im  Namen  meiner  politischen  Freunde
unser  tiefstes  Bedauern  darüber  aussprechen,  daß  ein  Mitglied  des  hohen
Hauses  sich  zu  dieser  Aeußerung  hat  hinreißen  lassen.

Abg.  Dr.  Müller-Meiningen  (Fr.  Vp.):  Auch  wir  protestieren
gegen  die  Aufreizung  seitens  des  Herrn  v.  Oldenburg  zu  Verfassungsbruch
und  Hochverrat.  Wir  sind  in  keiner  Weise  durch  die  Erklärung  befriedigt,
die  Herr  v.  Oldenburg  notgedrungen  nachher  gegeben  hat.  Herr  v.  Oldenburg
  hat  in  sehr  demonstrativer  Weise  uns  wiederholt  als  die  deutschen
Bundesbrüder  angeredet.  Eine  größere  Gefährdung  des  bundesstaatlichen
Charakters,  als  diese  Art  des  Herrn  v.  Oldenburg,  hier  aufzutreten,  ist
nach  meiner  Anschauung  kaum  denkbar,  und  er  hat  das  föderative  Prinzip
mit  einer  derartigen  Redewendung  nach  meiner  Auffassung  auf  das  allertiefste
  gekränkt  und  gefährdet.  Auch  wir  beklagen  diese  Aeußerung  des
Herrn  v.  Oldenburg,  und  wir  protestieren  auf  das  allerschärfste  gegen  die
Aeußerung  sowohl  als  gegen  die  Untätigkeit  des  Präsidenten.
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        90  Hos  PDentsthe  Reith  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Januar  29.)

Abg.  Sachse  (Sd.)  ruft:  Runter  vom  Präsidentenstuhl!  Bizepräsident
  Erbprinz  v.  Hohenlohe:  Wenn  ich  recht  gehört  habe,  hat  Herr
Sachse  gesagt:  Runter  vom  Präsidentenstuh!?  Abg.  Sachse:  Jawohl.
(Sehr  richtig  b.  d.  Sd.])  Vizepräsident  Erbprinz  v.  Hohenlohe:  Herr
Abgeordneter,  ich  kann  einen  solchen  Ausdruck  nicht  zulassen,  solange  ich  hier
als  gewählter  Präsident  fungiere.  Ich  protestiere  gegen  einen  solchen  Zuruf
und  rufe  Sie  zur  Ordnung.  (Große  Unruhe.)

Abg.  v.  Oldenburg  (K.):  Ich  kann  nur  protestieren  gegen  die
Auffassung,  die  Sie  mir  imputieren.  Ich  protestiere  auch  gegen  die  Auffassung,
  daß  ich  mit  dem  Ausdruck  gegen  meine  Herren  Bundesbrüder
irgend  etwas  Verletzendes  gesagt  hätte.

Abg.  Singer  (Sd.):  Ich  habe  namens  meiner  Freunde  ausdrücklich
  dagegen  Verwahrung  einzulegen,  daß  die  Aeußerung  des  Herrn
v.  Oldenburg  durch  den  Herrn  Präsidenten  als  eine  nicht  ernst  zu  nehmende
und  harmlose  bezeichnet  wird.  Es  würde  mir  als  Abgeordneten  meinem
Geschmack  widersprechen,  wenn  ich  als  nicht  ernst  zu  nehmen  hingestellt
würde.  Das  hat  aber  Herr  v.  Oldenburg  mit  dem  Präsidenten  auszumachen.
Was  mich  bewegt,  noch  einmal  das  Wort  zu  nehmen,  ist,  daß  durch  die
Erklärung  des  Herrn  Präsidenten  nicht  nachgewiesen  ist,  daß  die  Aeußerung
von  ihm  richtig  verstanden  ist.  Im  ganzen  Hause  konnte  die  Aeußerung
nicht  anders  verstanden  werden,  wie  sie,  wie  ich  persönlich  glaube,  auch
gemeint  war.  Wenn  Herr  v.  Oldenburg  die  Gelegenheit  benutzt,  um  seine
Aeußerung  so  abzuschwächen,  so  überlasse  ich  auch  ihm  die  Beurteilung
darüber,  ob  es  dem  Mut  eines  Mannes  entspricht,  eine  Aeußerung  in  der
Weise  nicht  zurückzunehmen,  sondern  abzuschwächen.  Außerhalb  des  Parlaments
  würde  man  das  „kneifen“  nennen.  Was  den  Herrn  Präsidenten
anlangt,  so  stelle  ich  fest,  daß,  wenn  er  die  Aeußerung  so  verstanden  hätte,
wie  die  Mitglieder  des  Hauses,  er  sie  gerügt  hätte.  Das  hat  der  Präsident
erklärt.  Wir  Abgeordnete  sind  der  Meinung,  der  Präsident  konnte  sie
nicht  anders  verstehen,  und  es  wäre  zum  Schutze  des  Reichstages  und  seiner
Würde  nötig  gewesen,  daß  er  sie  richtig  verstanden  hätte.

Abg.  v.  Oldenburg:  Ich  erkläre  nochmals,  daß  ich  meine  Aeußerung
  getan  habe  als  ein  Beispiel  äußerster  Ronsequenz  der  Disziplin.
Es  fällt  mir  gar  nicht  ein,  etwas  abzuschwächen.  Ich  habe  mein  ganzes
Leben  lang  das  aufrechterhalten,  was  ich  einmal  gesagt  habe,  und  was
der  Abg.  Singer  darüber  denkt,  ist  mir  Wurscht.  (Zuruf  v.  d.  Sd.:  Und
der  Herr  Präsident?  Zuruf  des  s  Abg.  Ledebour:  Der  kneift  auch!  Große
Unruhe  und  lebhafte  Zurufe  von  allen  Seiten.)

Vizepräsident  Erbprinz  v.  Hohenlohe:  Ich  habe  gesagt,  daß  ich  das
Amt  als  Präsident  kraft  der  Wahl  des  Hauses  führe,  und  solange  ich  es
nicht  niederlege,  bitte  ich,  meine  Amtsführung  nicht  in  dieser  Weise  zu  kritisieren.
(Fortdauernde  Unterbrechungen,  die  Erregung  hält  minntenlang  an.)

Nach  Schluß  der  Debatte  gibt  der  Vizepräsident  Spahn  bekannt:

#S  ist  ein  Schreiben  das  Abg.  Ledebour  hier  eingegangen,  worin  er  gegen
er  ihm  vom  Vizepräsidenten  Ernst  Prinz  zu  Hohenlohe  erteilten  Ordnungsruf
  Protest  einlegt.  Nach  §  60  der  Geschäftsordnung  haben  wir  in  der
nächsten  Sitzung  ohne  Debatte  darüber  abzustimmen,  ob  dieser  Ordnungsruf
  berechtigt  war  oder  nicht.

29.  Januar.  (Bayern.)  Der  Landtag  genehmigt  die  Regierungsforderung
  von  14  Millionen  Mark  für  Durchführung  von
Wasserbauten  in  der  laufenden  Finanzperiode.  Der  Betrag  soll
durch  Anleihen  aufgebracht  werden.
        <pb n="99" />
        Das  Denisqe  Reiq  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  29.  —  Februar  1.)  91

29.  Januar.  Auf  eine  neue  4prozentige  Reichsanleihe  von
340  Millionen  Mark  und  auf  neue  4prozentige  Preußische  Konsols
im  Betrage  von  140  Millionen  Mark  wird  zur  Subskription  zum
5.  Februar  eingeladen.

31.  Januar.  (Stuttgart.)  Eröffnung  der  Ausstellung  von
Erfindungen.

Es  werden  1000  Erfindungen  vorgeführt,  die  durch  Verkauf  oder
Lizenzvergebung  oder  Kapitalbeschaffung  verwertet  werden  sollen.

31.  Januar.  (Berlin.)  Der  Monistenbund  veranstaltet  im
Saal  des  Zoologischen  Gartens  eine  Diskussion  über  das  Thema:
Hat  Jesus  gelebt?

die  von  Professor  Arthur  Drews  mit  einem  Vortrag  eingeleitet
wird,  der  Jesus  als  einen  vermenschlichten  Gott,  nicht  aber  als  einen  vergöttlichten
  Menschen  gelten  lassen  will  und  ihn  als  den  mystisch  verklärten
Messias  der  jüdischen  Mythe  hinstellt.

31.  Januar.  (Karlsruhe.)  Die  „Karlsruher  Zeitung“
schreibt  zu  einem  Zwischenfall  bei  der  Kaiserfeier,  an  der  der  kgl.
preußische  Gesandte  auf  Einladung  teilgenommen  hatte:

„Wider  Erwarten  erfolgten  während  der  Feier,  bei  deren  Charakter
politische  und  Parteigegensätze  naturgemäß  zu  schweigen  hatten,  in  einer
Rede  Angriffe  gegen  die  Königlich  preußische  Regierung,  die  der  Gesandte
nicht  ganz  ignorieren  konnte.  Er  sah  sich  deshalb  veranlaßt,  nach  Schluß
der  Rede  in  unauffälliger  Weise  sich  zurückzuziehen,  indem  er  dem  Oberbürgermeister
  bemerkte,  daß  ihn  die  Aeußerungen  der  Rede  peinlich  berührt
hätten.  Da  dem  Oberbürgermeister  dieser  für  den  Gesandten  peinliche  Eindruck
  leid  war,  hat  er  sich  deshalb  entschuldigt.“

31.  Januar.  (Reichstag.)  Der  Rechtsstandpunkt  der  Kolomalgesellschaft.


Vertreter  aller  Paorteien  wenden  sich  gegen  die  Veröffentlichung  der
Deutschen  Kolonialgesellschaft  in  der  „Kölnischen  Zeitung“,  in  der  ausgeführt
wird,  daß  durch  das  Abkommen  vom  17.  Februar  1908  nur  die  Berghoheit,
  nicht  aber  das  Bergwerkseigentum  abgetreten  worden  sei,  und  daß
überdies  wegen  eines  Formfehlers  das  ganze  Abkommen  rechtsungültig  sei.

31.  Januar.  (Meiningen.)  Die  im  Finanzausschuß  des
Landtages  vorgeschlagene  Besteuerung  des  Einkommens  des  Herzogs
und  des  herzoglichen  Domänenvermögens  wird  von  der  Regierung
abgelehnt.

1.  Februar.  Der  japanische  Prinz  Higashi  Fushimi  und  Gemahlin
  werden  vom  Kaiser  in  Berlin  empfangen.

Dem  Prinzen  Adalbert  wird  der  japanische  Sonnenorden,  dem
Kaiserpaar  eine  große  Anzahl  von  kostbaren  Geschenken  überbracht.

1.  Februar.  Preußische  Einkommenstener.

Für  1909  wurden  in  Preußen  ohne  die  Zuschläge  284  Millionen
Mark  auf  ein  Einkommen  von  13219,/4  Millionen  Mark  veranlagt.  Davon
        <pb n="100" />
        92  Das  Dentsche  Reit  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Februar  1.)

entfallen  auf  physische  Personen  2511/3  Millionen  Mark  Steuern  und  auf
juristische  Personen  32½  Millionen  Mark  Steuern.  Das  Durchschnittseinkommen
  der  Zensiten  stellt  sich  auf  2167½  Mark,  nämlich  2392,61  Mark
in  den  Städten  und  1776,36  Mark  auf  dem  Lande.  Der  höchste  Durchschnitt
  wird  von  Deutsch-Wilmersdorf  mit  4335,88  Mark  erreicht.

1.  Februar.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  beantwortet
  Oberst  Wandel  eine  Frage  über  die  Fortschritte  in  der  Aviatik.

Die  lenkbaren  Luftschiffe  hätten  große  Fortschritte  gemacht,  hauptsächlich,
  weil  man  alle  Systeme  gleichmäßig  unterstützt  habe.  Wir  seien
allen  anderen  Staaten  voran.  Die  Benutzbarkeit  sei  durch  das  Wetter
beschränkt.  Man  dürfe  die  Brauchbarkeit  daher  nicht  überschätzen.  Die
Konstrukteure  müßten  die  Eigengeschwindigkeit  erhöhen;  man  habe  darin
auch  schon  Fortschritte  gemacht.  Eine  Luftflotte  sei  zu  teuer;  aber  im
Lande  müsse  eine  gewisse  Anzahl  vorhanden  sein,  das  müsse  man  eventuell
durch  Subventionen  fördern.  Die  Flugapparate  seien  sehr  unsicher;  sie
flögen  für  Beobachtungen  zu  schnell  und  könnten  in  größere  Höhen  mit
Sicherheit  eine  zweite  Person  nicht  mitführen.  Die  Verwaltung  verfolge
selbstverständlich  die  Entwicklung  und  unterstütze  auch  dahingehende  Versuche.
  Dieses  Programm  wird  aus  der  Kommission  heraus  für  richtig  gehalten.
  Es  wird  gefragt,  ob  die  Antriebsmaschinen  für  Flugapparate  noch
im  Auslande  bestellt  werden  müßten.  Die  Frage  verdiene  Aufmerksamkeit;
auch  die  Unterseeboote  habe  man  anfangs  nicht  ernst  genommen.  Oberst
Wandel  erwidert  auf  die  Frage,  die  deutsche  Industrie  liefere  den  Luftschiffen
  ausgezeichnete  Motore;  für  die  Flugapparate  freilich  sei  unsere
Technik  noch  nicht  auf  der  Höhe.  Von  mehreren  Kommissionsmitgliedern
wird  ausgeführt,  die  Flugmaschine  könne  dereinst  ein  Kampfmittel  gegen
die  Luftschiffe  werden,  das  sei  zu  beachten.  In  großen  Höhen  über
1000  Meter  hindere  die  Geschwindigkeit  die  Beobachlung  nicht.  Auf  der
JIla  sei  von  der  Fabrik  Griesheim-Elektron  eine  neue  Metallkomposition
ausgestellt  worden;  habe  man  damit  schon  Versuche  gemacht?  Ein  Regierungsvertreter
  verneint  die  Brauchbarkeit  dieses  Metalls.

1.  Februgar.  (Reichstag.)  Ablehnung  des  Einspruches
Ledebours  gegen  den  Ordnungsruf.  Annahme  des  deutsch-portugiesischen
  Handelsvertrages.

In  einfacher  Abstimmung  wird  der  Einspruch  abgelehnt.  Zugunsten
des  Einspruchs  stimmen  mit  den  Sozialdemokraten  die  Freisinnigen  und
die  Polen.

Die  Kommission  hatte  mit  15  gegen  13  Stimmen  beschlossen,  die  Ablehnung
  des  Handels-  und  Schiffahrtsvertrages  mit  Portugal  zu  empfehlen.
Nach  dem  Bericht  des  Abg.  Hormann  (Fr.  Vp.)  haben  die  in  sehr  großem
Umfang  beabsichtigten  Festlegungen  von  portugiesischen  Höchstzöllen  und  die
von  Deutschland  zugestandene  Begünstigung  portugiesischer  Weine  lebhaften
Widerspruch  gefunden.  Von  den  Rednern  wird  bemängelt,  daß  der  Vertragsentwurf
  den  Interessenten  erst  sehr  verspätet  und  nicht  im  Originaltext
  mitgeteilt  worden  sei.  Der  Vertrag  wird  mit  den  Stimmen  der
Deutschkonservativen,  der  Sozialdemokraten,  der  Freisinnigen,  der  Mehrheit
der  Reichspartei,  eines  Teils  des  Zentrums  und  vereinzelter  Nationalliberaler
  angenommen.

1.  Februgar.  (Dresden.)  Der  Dichter  Otto  Julius  Bierbaum
  f.  44  Jahre  alt.
        <pb n="101" />
        Das  Venische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Februar  1.—3.)  93

1.  Februar.  (Rheinfelden.)  Der  Schriftsteller  Dr.  Hans
Blum,  der  langjährige  Redakteur  der  „Grenzboten“  und  Verfasser  des
fiebenbändigen  Werkes  „Bismarck  und  seine  Zeit“,  f.  68  Jahre  alt.

1.  Februnr.  (Hamburg.)  Bürgerschaftswahlen.

Die  Rechte  gewinnt  von  den  36  städtischen  Mandaten  zwei  neue
und  die  vereinigten  Liberalen  ein  neues  auf  Kosten  des  linken  Zentrums,
das  drei  Sitze  verliert.

1.  Februar.  (Sachsen.)  Wirkung  des  Mehrstimmenrechtes.

Die  „Leipziger  Zeitung“  benutzt  die  Statistik  über  die  sächsischen
Landtagswahlen  im  Oktober  1909,  bei  denen  zum  erstenmal  in  Deutschland
das  Pluralstimmrecht  angewandt  wurde,  zu  einer  Berechnung  des  Unterschiedes,
  der  unter  Anwendung  des  Reichstagswahlrechts  herausgekommen
wäre.  Die  Sozialdemokraten,  die  sich  jetzt  mit  25  Sitzen  begnügen  müssen,
denen  66  Bürgerliche  gegenüberstehen,  hätten  gleich  bei  der  Hauptwahl
53  Mandate  und  bei  den  Stichwahlen  noch  15  weitere,  im  ganzen  also
68  Sitze  erlangt.  Von  den  634  735  Wählern  haben  über  die  Hälfte,  341  396,
sozialdemokratisch  gestimmt;  an  Stimmen  hatten  die  Sozialdemokraten  aber
nur  492522  von  1273998.

1.  Februar.  (Baden.)  Ein  Gesetz  über  die  Aufwandsentschädigung

  an  Landtagsabgeordnete

setzt  für  die  Abgeordneten  der  Zweiten  Kammer,  wenn  sie  in  Karlsruhe
  wohnen,  2000  Mark,  sonst  3000  Mark,  und  entsprechend  für  die  Mitglieder
  der  Ersten  Kammer  1000  und  1500  Mark  fest.  Abzüge  bei  unbegründetem
  Fernbleiben  sind  vorgesehen.

2.  Februar.  (Elsaß-Lothringen.)  Die  liberal-demokratische
Fraktion  des  Landesausschusses  hat  einen  Initiativantrag  auf  Anderung
  der  elsaß-lothringischen  Verfassung  eingebracht.

Gefordert  werden  Gleichstellung  Elsaß-Lothringens  mit  den  übrigen
Bundesstaaten  und  das  allgemeine,  gleiche,  direkte  und  geheime  Wahlrecht
zum  Landesausschuß.

Bei  der  Besprechung  im  Landesausschuß  legt  Abg.  Hauß  namens
der  Zentrumspartei  Verwahrung  gegen  die  Rede  des  Reichskanzlers  über
die  Weißenburger  Denkmalsfeier  ein.  Der  Statthalter  hätte  als  erster
einen  Kranz  am  Denkmal  niederlegen  müssen.

2.  Februar.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  kündigt  an,  daß  der
Kaiser  und  König  dem  Präsidenten  des  Staatsministeriums  und
den  Ministern  der  Justiz  und  des  Innern  die  Ermächtigung  erteilte,
  den  Entwurf  eines  Gesetzes  zur  Abänderung  der  Vorschriften
über  die  Wahlen  zum  Hause  der  Abgeordneten  dem  Landtage  vorzulegen.


3.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die

Zukunft  des  Grunewaldes.

Ein  Antrag  von  Brandenstein  ersucht  die  Regierung,  Waldparzellen
in  der  Nähe  der  großen  Städte  nur  im  Interesse  des  Publikums  zu  verkaufen,
  dabei  aber  die  Wälder  zu  erhalten.  Ein  Antrag  des  Nationalliberalen
  v.  Bülow  bittet  um  billige  Ueberlassung  fiskalischen  Terrains  zu
        <pb n="102" />
        94  Das  VBeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Elieder.  (Februar  3.)

Spielplätzen.  Ein  sozialdemokratischer  Antrag  will  die  Veränßerungen  fiskalischer
  Waldparzellen  von  der  Zustimmung  des  Parlaments  abhängig
machen.

*r  Landwirtschaftsminister  v.  Arnim:  Ich  muß  darauf  hinweisen,  daß
um  Berlin  herum,  im  Grunewald,  in  der  Jungfernheide,  am  Müggelsee,
noch  im  ganzen  ca.  26000  Hektar  Wald  erhalten  sind.  Während  nun  auf
der  einen  Seite  gewünscht  wird,  daß  nicht  ein  Quadratmeter  unter  dem
Marktpreise  verkauft  wird,  wird  andererseits  für  die  Städte  das  weiteste
Entgegenkommen  verlangt.  Es  muß  ein  Mittelweg  gefunden  werden,  wie
das  in  verschiedenen  Fällen  bereits  geschehen  ist.  So  hat  die  Stadt  Charlottenburg
  185  Hektar  der  Jungfernheide  zu  dem  außerordentlich  niedrigen
Preise  von  2  Mark  pro  Quadratmeter  erwerben  können;  auch  von  der
Stadt  Berlin  haben  wir  nur  2  Mark  pro  Quadratmeter  von  400  Hektar
der  Wuhlheide  verlangt.  Durch  entsprechende  Verträge  haben  wir  dafür
Sorge  getragen,  daß  die  gekauften  Terrains  als  Wald  erhalten  bleiben.
In  Zukunft  sollen  die  Städte  verpflichtet  werden,  bei  eventuellen  Weiterverkäufen
  die  Mehrerträgnisse  an  den  Staat  abzuführen.  Bezüglich  des
Grunewalds  kann  ich  den  Abg.  v.  Brandenstein  dahin  beruhigen,  daß  im
vorigen  Jahre  überhaupt  keine  Uferstreifen  an  der  Havel  und  an  den  Seen
verkauft  worden  sind.  Der  Pichelswerder  mußte  der  Bebaunng  erschlossen
werden,  weil  die  Durchführung  der  Heerstraße  über  den  Stößensee  schon
aus  technischen  Gründen  heraus  den  Charakter  des  Waldes  verändert  hätte.
Wir  mußten  auch  darauf  bedacht  sein,  die  Kosten  der  Heerstraße  möglichst
aus  fiskalischen  Terrains  zu  decken.  Ich  kann  aber  mitteilen,  daß  die
schönen  Punkte  an  der  Südspitze  des  Pichelswerder  erhalten  bleiben  sollen.
Im  übrigen  kann  ich  für  die  Königliche  Staatsregierung  erklären,  daß  sie
nach  den  Wünschen  des  Abg.  v.  Brandenstein  schon  heute  nach  Möglichkeit
verfährt;  andererseits  dürsen  aber  die  Staatsinteressen  keine  allzu  weitgehende
  Beeinträchtigung  dadurch  erfahren.

Abg.  v.  Bülow  (Homburg,  Nl.)  bittet,  noch  in  letzter  Stunde  von
dem  Verkauf  des  Pichelswerder  abzusehen,  und  begründet,  unter  Hinweis
auf  das  Beispiel  Wiens  und  Londons,  seinen  Antrag  auf  Hergabe  fiskalischen
Waldterrains  zu  Jugendspielplätzen.

Abg.  Borgmann  (Sd.):  Der  Minister  ist  anscheinend  immer  noch
der  Ansicht,  daß  die  Berliner  den  Grunewald  nicht  brauchen.  Es  ist  bedauerlich,
  daß  ein  Mann  mit  solchen  Anschauungen  die  Entscheidung  bei
Waldverkäufen  hat.  Unsere  Forderung,  daß  die  Regierung  ohne  Zustimmung
  des  Landtags  keine  Forstverkäufe  tätigen  darf,  entspricht  dem  Geist
und  Wesen  der  Verfassung.  Die  Regierung  beabsichtigt  weitere  Forstverkäufe,
  angeblich,  um  aus  dem  Erlös  Oedländereien  aufzuforsten.  Durch
die  Waldverwüstungen  in  der  Nähe  der  Großstädte  wird  die  Gesundheit
der  großsstädtischen  Bevölkerung  untergraben.  Die  Sache  läuft  nur  darauf
hinaus,  daß  billige  Särge  geschaffen  werden  können.

Minister  v.  Arnim:  Dem  Antrag  Bülow  werden  wir  tunlichst  entgegenkommen.
  Der  Antrag  Borgmann  ist  verfassungswidrig.

3.  Februar.  (Bundesrat.)  Vorabstimmung  über  die  preußische
Vorlage  bezüglich  der  Schiffahrtsabgaben.

46  Stimmen  sind  dafür,  12  dagegen.  Zur  Ablehnung  würden
11  Stimmen  gehören.  Es  wird  versucht,  durch  wesentliche  Zugeständnisse
auch  die  Staaten  der  Minderheit  zu  gewinnen.

3.  Februar.  (Reichstag.)  Zollbehandlung  amerikanischer
Einfuhrwaren.
        <pb n="103" />
        Dae  Veische  Reich  und  seine  einzelnen  GSlieder.  (Februar  3.)  95

Dem  Reichstag  geht  folgender  Gesetzentwurf  zu:  „Der  Bundesrat
wird  ermächtigt,  bei  der  Einfuhr  von  Erzeugnissen  der  Vereinigten  Staaten
von  Amerika  in  das  deutsche  Zollgebiet  die  Anwendung  der  in  den  geltenden
  Handelsverträgen  zugestandenen  Zollsätze  in  angemessenem  Umfang  zuzulassen.
  Die  Ermächtigung  bleibt  so  lange  in  Kraft,  als  in  den  Vereinigten
Staaten  die  Erzeugnisse  des  Deutschen  Reichs  und  der  mit  ihm  zollgeeinten
Länder  oder  Gebietsteile  höheren  Zollsätzen  als  den  in  Abschnitt  1  des
amerikanischen  Zolltarifgesetzes  vom  5.  August  1909  (das  ist  der  Mindesttarif
  der  Vereinigten  Staaten)  vorgesehenen  nicht  unterworfen  werden.
Wird  von  den  Vereinigten  Staaten  bei  der  Zollbehandlung  nicht  nach  den
in  der  Note  zu  Artikel  2  des  Handelsabkommens  vom  22.  April/2.  Mai  1907
unter  B  bis  Fenthaltenen  Grundsätzen  verfahren,  oder  lassen  die  Vereinigten
Staaten  durch  Gesetze,  Verträge  mit  dritten  Ländern  oder  auf  irgendeine
andere  Weise  bezüglich  des  Warenaustausches  zwischen  dem  Deutschen  Reich
und  den  Vereinigten  Staaten  irgendwelche  den  gegenwärtigen  Zustand  zu
ungunsten  Deutschlands  verschiebende  Aenderungen  eintreten,  so  wird  der
Bundesrat  nach  seinem  Ermessen  die  den  Erzeugnissen  der  Vereinigten
Staaten  gewährten  Begünstigungen  ganz  oder  teilweise  zurückziehen.  Dieses
Gesetz  tritt  mit  dem  Tage  seiner  Verkündigung  in  Kraft.“

3.  Februar.  Wie  der  „Reichsanzeiger“  bekannt  gibt,  ist  das
Schiedsabkommen  zwischen  Deutschland  und  Großbritannien  vom
12.  Juli  1904  durch  Notenaustausch  um  weitere  fünf  Jahre,  also
bis  zum  12.  Juli  1914,  verlängert  worden.

3.  Februar.  Der  Reichskanzler  und  der  Alldeutsche
Verband.

Die  Vertreter  des  Alldeutschen  Verbandes  Rheinlands  und  Westfalens
  sandten  an  den  Reichskanzler  das  folgende  Schreiben:  Mühlheim-Ruhr,
  31.  Januar  1910.  Hochgebietender  Herr  Reichskanzler!  Enerer
Exzellenz  habe  ich  als  Obmann  der  Vereinigung  rheinisch-westfälischer  Vertrauensmänner
  des  Alldeutschen  Verbandes  in  deren  Auftrage  die  Ehre,
nachfolgende  Entschließung  ganz  ergebenst  zu  unterbreiten:  Die  am  30.  Januar
1910  in  Düsseldorf  als  Vertreter  von  39  Ortsgruppen  tagenden  rheinischwestfälischen
  Vertrauensmänner  des  Alldeutschen  Verbandes  erachten  es  als
vaterländische  Pflicht,  auszusprechen,  daß  in  ihren  Kreisen  das  Auswärtige
Amt  alles  Vertrauen  verloren  hat.  Diese  Reichsbehörde  hat  fortgesetzt  durch
ihre  Maßnahmen  tatsächlich  fremdländische  Interessen  zum  Nachteil  reichsdeutscher
  gefördert,  ja  geradezu  dem  Ausland  die  Waffen  gegen  deutsche
Unternehmungen  geliefert  und  in  wichtigsten  Fällen  große  reichsdeutsche
Interessen  schwer  geschädigt.  Mit  besonderer  Sorge  fragt  die  Versammlung,
wie  lange  der  Reichskanzler  solches  politisch  und  wirtschaftlich  gleich  schädliche
  Gebaren  des  Auswärtigen  Amtes  mit  seiner  Verantwortlichkeit  decken
will.  Euere  Exzellenz  bitte  ich,  dieser  Entschließung  eine  wohlwollende  Aufnahme
  entgegenzubringen  und  ihr  eine  geneigte  Beachtung  zuteil  werden
zu  lassen.  Euerer  Exzellenz  ganz  ergebenster  gez.  Carl  Itzenplitz.

Darauf  ist  folgendes  Schreiben  ergangen:  Berlin  3.  Februar  1910.
An  die  Hauptleitung  des  Alldeutschen  Verbandes  Mainz.  Der  Hauptleitung
des  Alldeutschen  Verbandes  beehre  ich  mich  mitzuteilen,  daß  mir  aus
Mühlheim-Ruhr  das  beifolgende  Schreiben  zugegangen  ist.  Es  ist  unverantwortlich,
  daß  von  Gliedern  einer  Organisation,  die,  wie  der  Alldeutsche
Verband,  nach  ihren  Satzungen  im  nationalen  Sinne  wirken  will,  gegen
eine  Reichsbehörde  so  unwürdige  und  beweislose  Anschuldigungen  geschleudert
        <pb n="104" />
        96  Hos  Beuische  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (Februar  3.  4.)

werden.  Ich  lehne  es  ab,  diese  Entschließung  entgegenzunehmen.  Der
Reichskanzler.  v.  Bethmann  Hollweg.

Der  geschäftsführende  Ausschuß  der  Hauptleitung  antwortet  mit
einem  Hinweis  auf  die  „#ernste  Sorge",  die  „von  der  überwältigenden  Mehrheit
  der  Reichsbürger  geteilt  wird“.

3.  Februar.  Der  Reichskanzler  konferiert  mit  den  Vertretern
jeder  der  vier  Parteigruppen  des  Landtages  über  die  Grundzüge
der  Wahlrechtsvorlage.

4.  Februar.  Offizielle  Darlegungen  über  Inhalt  und  Zweck
der  preußischen  Wahlrechtsvorlage:

1.  Aus  der  „Nordd.  Allg.  Ztg."“  Die  Thronrede  vom  20.  Oktober
  1908  hatte  eine  organische  Fortentwicklung  der  Wahlrechtsvorschriften.
verheißen,  schloß  also  den  Uebergang  zu  einem  völlig  anderen  Wahlsystem
aus.  Danach  kam  ein  nach  Berufsständen  gegliedertes  System  so  wenig  in
Frage  als  ein  Proportional=  oder  ein  Pluralwahlrecht.  Alle  diese  Systeme
sind  in  ihren  Grundlagen  von  dem  geltenden  Dreiklassenwahlrecht  verschieden.
  Es  handelte  sich  vielmehr  darum,  das  bisherige  Wahlrecht  auf
Grund  der  gewonnenen  Erfahrungen  von  Mängeln  zu  befreien  und  den
Verhältnissen  der  Gegenwart  anzupassen.  Der  Grundgedanke  der  Dreiteilung
  der  Wählerschaft  ist  beibehalten  worden.  Vielfach  ist  gegen  die  Dreiklassenwahl
  geltend  gemacht  worden,  daß  sie  die  breiten  Volksschichten  vom
Einfluß  auf  die  Wahlen  ausschließe  und  regelmäßig  zur  Ueberstimmung  der
dritten  Abteilung  durch  die  beiden  oberen  Abteilungen  führe.  Diese  Behauptung
  hält  vor  der  Statistik  nicht  stand.  Ergibt  die  Statistik  schon  die
Tatsache,  daß  sogar  noch  von  den  „Drei-Mark.  Wählern“  128709  zur  zweiten
und  8993  zur  ersten  Abteilung  gehörten,  so  widerlegt  sie  vor  allem  durchaus
  die  Annahme,  daß  die  Mehrzahl  der  Abgeordneten  aus  Minoritätswahlen
  hervorgehen.  Nur  in  17,13  v.  H.  der  Urwahlbezirke  ist  die  dritte
Abteilung  von  den  beiden  anderen  überstimmt  worden.  Für  die  Berliner
Urwahlbezirke  allein  gerechnet  ist  der  Prozentsatz  höher,  aber  doch  nur  40,31.
Die  Mängel  des  Systems  liegen  auf  anderem  Gebiete,  zunächst  in  der  indirekten
  Mahl  und  der  mit  dem  Wahlmännersystem  zusammenhängenden
Vernachlässigung  der  Minoritäten;  sodann  in  den  Anomalien,  die  sich  in
der  ersten  Abteilung  aus  dem  übermäßigen  Stimmgewicht  der  großen  Steuerzahler
  ergeben  und  sich  in  den  „Einer-  und  Zweier-Abteilungen“  zeigen;
weiter  in  der  ausschließlichen  Anwendung  des  Steuermaßstabes  bei  der
Bildung  der  Abteilungen.  Diesen  Mängeln  will  die  Vorlage  durch  folgende
Maßnahmen  abhelfen:  Von  der  indirekten  soll  zur  direkten  Wahl  übergegangen
  werden.  Daß  die  indirekte  Wahl  sich  überlebt  hat  und  in  die
heutigen  Verhältnisse  nicht  mehr  hineinpaßt,  kann  nicht  bestritten  werden.
Mit  dem  Uebergang  zur  direkten  Wahl  wird  das  politische  Interesse
der  Mähler  gesteigert,  und  mit  der  größeren  Teilnahme  an  den  Wahlen
werden  die  Wünsche  der  Bevölkerung  besser  zum  Ausdruck  gelangen.  Die
zweite  wichtige  Neuerung  schlägt  die  Vorlage  mit  der  sogenannten  „Maximierung“"
  vor:  es  soll  eine  Grenze  festgelegt  werden,  über  die  hinaus  die
Steuerleistung  nicht  mehr  angerechnet  wird.  Diese  Grenze  ist  bei  5000  Mark
Gesamtsteuer  gewählt.  Von  diesem  Maximierungssatz  werden  etwa  13000
Wähler  getrofsen.  Die  dritte  Neuerung  will  neben  dem  Steuermaßstabe
weitere  Merkmale  für  die  Bildung  der  Abteilungen  ausstellen.  Als  solche
bieten  sich  höhere  Bildung,  gereifte  Berufserfahrung,  verdienstvolle  Tätigkeit
  im  öffentlichen  Leben.  Damit  wird  der  Ausbreitung  der  Bildung,  des
politischen  Verständnisses  und  der  Staatsgesinnung  Rechnung  getragen  und
        <pb n="105" />
        Das  Vesche  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (Februar  4.)  97

den  Klagen  über  unbillige  Gruppierung  der  Wähler  allein  nach  ihrem  Besitz
begegnet  werden.  Eine  weitere  Verbesserung  ergibt  sich  aus  der  Art  der
Stimmenzählung.  Es  soll  abteilungsweise  in  Stimmbezirken  abgestimmt
werden.  Die  Zusammenrechnung  der  Stimmen  soll  aber  in  jeder  Abteilung
  für  den  ganzen  Wahlbezirk  erfolgen,  so  daß  die  Minoritäten  der
einzelnen  Stimmbezirke  bei  dem  Gesamtrefultat  zur  Geltung  kommen.  Die
Tendenz  der  Vorlage  läßt  sich  also  dahin  zusammenfassen,  daß  sie  unter
Aufrechterhaltung  der  bisherigen  Grundlagen  des  Wahlrechts  und  des  Einflusses
  der  mit-leren  Stände  plutokratische  Ausartungen  beseitigt  und  für
die  Zukunft  verhindert,  und  daß  sie  die  Teilnahme  der  Wählerschaft  an
den  Wahlen  belebt  Die  Einführung  der  geheimen  Abstimmung  hat  die
Regierung  bereits  in  der  Erklärung  vom  10.  Januar  1908  algelehnt.  Es
wird  mithin  die  Stimmabgabe  zu  Protokoll  festgehalten.  In  kleinen
Stimmbezirken,  die  zur  Erleichterung  der  Wahl  notwendig  sind,  läßt  sich
das  Wahlgeheimnis  für  die  zweite  und  erste  Abteilung  nicht  wahren,  und
man  kann  nicht  der  dritten  Abteilung  gewähren,  was  sich  für  die  beiden
anderen  nicht  sichern  läßt.

Die  Feststellung  des  Wahlergebnisses  soll  sich  folgendermaßen  vollziehen:
  Für  jede  Abteilung  gesondert  wird  die  Zahl  der  im  ganzen  Landtagswahlbezirk
  abgegebenen  gültigen  Stimmen  zusammengerechnet,  und  der
Anteil  jedes  Kandidaten  an  den  abgegebenen  gültigen  Stimmen  abteilungsweise
  nach  Hundertteilen  der  Stimmen  festgestellt.  Die  so  gewonnenen
Hundertteilzahlen  aller  Stimmen  jeder  Abteilung  werden  für  jeden  Kandidaten
  zusammengezählt,  ihre  Summe  wird  durch  drei  geteilt.  Gewählt  ist,
wessen  durchschninlicher  Stimmenanteil  hiernoch  mehr  als  fünfzig  vom
Hundert  betägt.  Bei  diesem  Verfahren  wird  das  gleiche  Gewicht  des  Einflusses
  jeder  der  drei  Abteilungen  auf  das  Gesamtergebnis  der  Wahl  innerhalb
  des  ganzen  Landtagswahlbezirkes  vollkommener  gerechnet  als  bisher.
Das  neue  Verfahren  hat  ferner,  wie  schon  erwähnt,  den  wesentlichen  Vorzug
vor  dem  bisherigen,  daß  es  nicht  die  Stimmen  der  Minderheiten  in  den
örtlichen  Abstimmungebezirken  vom  Einfluß  auf  das  Gesamtergebnis  ausschaltet,
  sondern  jede  Stimme  im  ganzen  Wahlbezirke  für  die  Wahl  des
Abgeordneten  zur  Geltung  bringt  und  den  Blick  der  Wähler  auf  die  Interessen
  des  ganzen  Wahlbezirkes  hinlenkt.  Verhältnisse  der  engsten  örtlichen
Umgebung  werden  infolgedessen  in  Zukunft  einen  geringeren  Einfluß  auf
die  Stellungnahme  der  Mähler  üben,  als  es  vielsach  bei  der  Wahl  der
Wohlmänner  in  den  Urwahlbezirken  bisher  der  Fall  gewesen  ist.  In  der
Ungewißheit  des  Wablausfalls  für  den  ganzen  Wahlbezirk,  der  nicht  mehr,
wie  es  in  vielen  Urwahlbezirken  jetzt  schon  mit  der  Aufstellung  der  Wahlmannskandidaturen
  der  Fall  ist,  den  Wählern  erkennbar  feststehen  wird,
liegt  ein  starker  Antrieb  zu  regerer  Belteiligung  an  der  Wahl,  deren  Belebung
  vor  allem  anzustreben  ist,  nicht  minder  auch  in  dem  nunmehrigen
Rechte  jedes  Wählers,  unmittelbar  selbst  für  den  Kandidaten  einzutreten,
dert  ihm  zum  Abgeordneten  seines  Landtagswahlbezirkes  am  geeignetsten
erscheint.

2.  Aus  der  „Berliner  Korrespondenz“.  In  der  Erklärung,  die
Fürst  Bülow  am  10.  Januar  1908  vor  dem  Abgeordnetenhause  namens  der
gesamten  Staatsregierung  abgab,  wird  betont,  daß  diese  die  Ersetzung  der
öffentlichen  Stimmab  abe  dulich  die  geheime  nicht  in  Aussicht  stellen  könne,
und  daß  „jede  gesunde  Reform  des  preußischen  Wahlrechts  den  Einfluß  der
breiten  Schichten  des  Mittelstandes  auf  das  Wahlergebnis  aufrechtzuerhalten
und  zu  sichern,  sowie  auf  eine  gerechte  Abstufung  des  Gewichtes  der  Wahlstimmen
  Bedacht  zu  neymen“  haben  werde.  Und  in  der  Thronrede  vom
20.  Oktober  1908  ist  eine  „organische  Fortentwicklung“  der  „auf  der  Grund-Europäischer

  Geschichtskalender.  LI.  7
        <pb n="106" />
        98  Das  Pentsqe  Reit  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  4.)

lage  der  Verfassung  erlassenen  Vorschriften  über  das  Wahlrecht,  welche  der
wirtschaftlichen  Entwicklung,  der  Ausbreitung  der  Bildung  und  des  politischen
Verständnisses,  sowie  der  Erstarkung  staatlichen  Verantwortlichkeitsgefühls
entspricht“,  als  Ziel  und  Zweck  der  in  Aussicht  genommenen  Reform  in
noch  bestimmteren  Richtlinien  vorgeschrieben  und  als  eine  der  wichtigsten
Aufgaben  der  Gegenwart  bezeichnet  worden.  Die  Vorlage  weist  den  Uebergang
  zu  einem  der  theoretisch  vielfach  empfohlenen  Pluralwahlsysteme  von
der  Hand,  weil  mit  keinem  von  ihnen  die  wirkliche  Bedeutung  jedes  Wählers
im  geistigen,  wirtschaftlichen  und  politischen  Leben  des  Staates  zuverlässig
erfaßt  und  zur  Geltung  gebracht  werden  kann,  und  weil  jedes  Pluralsystem,
das  sich  mit  der  Hervorhebung  nur  einzelner  großer  Wählergruppen  begnügt,
  genau  denselben  Angriffen  ausgesetzt  sein  würde  wie  das  jetzige  Dreiklassensystem.
  Auch  diese  Auffassung  findet  durch  die  praktischen  Erfahrungen
in  Nachbarstaaten,  die  zu  Mehrstimmensystemen  übergegangen  sind,  ihre
Bestätigung.  Es  würde  einen  Schritt  ins  Ungewisse  bedeuten,  wenn  man
noch  unerprobte  Vorbilder  unter  durchaus  verschiedenartigen  Verhältnissen
nachahmen  wollte.  Unter  den  Mängeln  des  heutigen  Systems,  deren  Beseitigung
  vor  allem  anzustreben  ist,  steht  an  erster  Stelle  die  schwache  Wahlbeteiligung.
  Die  indirekte  Wahl  hat  sich  überlebt  und  bietet  dem  Angriffe
ständig  neue  Nahrung,  daß  das  Wahlsystem  in  der  großen  Masse  der
Wählerschaft  eine  lebendige  Anteilnahme  an  der  Entwicklung  des  Staates
und  das  Verständnis  für  staatliche  Bedürfnisse  und  Notwendigkeiten  nicht
genügend  aufkommen  lasse.  Die  Vorzüge  der  indirekten  Wahl  liegen  in
Verhältnissen,  die  vom  Gange  der  Entwicklung  in  den  weitaus  größten
Teilen  des  Staatsgebiets  überholt  sind.  In  den  städtischen  Bezirken  werden
die  Wahlmänner  längst  nicht  mehr  als  Vertrauensmänner  ihres  engeren
Wähleranhanges  gewählt,  sondern  als  Mittelspersonen  zur  Durchsetzung
der  von  den  Parteien  aufgestellten  Wahlkandidaten,  auf  dem  Lande  aber
leidet  die  Beteiligung  an  den  Wahlen  unter  dem  Einfluß  enger  örtlicher,
persönlicher  und  wirtschaftlicher  Beziehungen.  Der  Vorwurfs,  daß  das  jetzige
System  die  wahre  Stimmung  des  Volkes  nicht  zum  Ausdruck  bringe,  läßt
sich  bei  so  schwacher  Beteiligung  nicht  abweisen.  Einen  entscheidenden  Schritt
auf  dem  Wege  der  inneren  Fortbildung  des  Wahlsystems  bildet  die  Einführung
  sogenannter  Bildungsmerkmale.  In  Zukunft  sollen  gewisse  Wählergruppen
  (Akademiker,  Parlamentarier,  Ehrenbeamte  in  den  Verwaltungskörperschaften
  der  höheren  und  örtlichen  Kommunalverbände  usw.)  aus  den
Wählerabteilungen,  denen  ihre  Steuerleistung  sie  zuweist,  der  nächsthöheren
zugewiesen  werden.  Der  Zweck  dieser  Vorschriften  ist,  die  einseitigen  Wirkungen
  des  bloßen  Steuermaßstabes  auszugleichen,  sowie  die  nach  Bildung,  Einsicht,
  Erfahrung  und  Staatsbewußtsein  zu  besonders  reger  Beteiligung  an  den
Wahlen  berufenen  Wähler  regelmäßig  in  diejenigen  Wahlkörper  überzuführen,
in  denen  ihre  Stimme  ins  Gewicht  fällt  und  ihre  Teilnahme  an  der  Wahl
den  staatlichen  Interessen  nützlich  sein  kann.  Neben  den  Merkmalen  formaler
Bildung  sind  aber  noch  die  weiteren  Voraussetzungen  eines  gewissen  Alters
und  eines  mittleren  Einkommens  für  das  Aufsteigen  in  die  höheren  Abteilungen
  vorgeschrieben,  durch  die  es  verhindert  werden  soll,  daß  den  unteren
Wählerabteilungen  die  Vertreter  höherer  Bildung  und  gereifterer  Erfahrung
  gänzlich  entzogen  werden.  Die  geheime  Wahl  bringt  der  Entwurf,
wie  zu  erwarten  war,  nicht.  In  kleinen  Stimmbezirken  würde  das
Wahlgeheimnis  in  den  beiden  oberen  Abteilungen  in  der  Regel  ohnehin
durchsichtig  sein.  Aenderungen  der  Landtagswahlbezirke  sind  nicht  in  Vorschlag
  gebracht.  Aus  den  erheblichen  Verbesserungen,  die  in  dieser  Beziehung
im  Jahre  1906  schon  durchgeführt  sind,  sowie  aus  einer  Bemerkung  in
der  Begründung,  daß  die  Verfassung  die  einmal  eingerichteten  Wahlkreise
        <pb n="107" />
        IIIIILIIIIIIIIIIIL  99

als  dauernde,  im  wesentlichen  unveränderliche  Grundlage  der  Wahlorganisotion
  ansieht,  darf  man  schließen,  daß  die  Regierung  in  dieser  Frage  auch  jetzt
noch  auf  dem  Standpunkt  starker  Mehrheiten  in  beiden  Häusern  des  Landtages
  steht,  die  es  ablehnen,  im  Jahre  1906  auch  schon  abgelehnt  haben,
einzelnen  Landesteilen  einen  Teil  ihrer  Vertretung  zu  entziehen,  um  damit
diejenige  anderer,  durch  die  Binnenwanderung  und  durch  städtische  oder
industrielle  Entwicklung  ohnehin  schon  begünstigtere  Teile  des  Staates  zu
verstärken.

4.  Februar.  Der  preußische  Wahlrechtsentwurf.

Artikel  I.  Die  Artikel  70,  71,  72,  74  Abs.  1  der  Verfassungsurkunde
vom  31.  Januar  1850  werden  aufgehoben.

Artikel  II.  An  ihre  Stelle  treten  nachfolgende  Vorschriften:

§  1  Absatz  1:  Wähler  für  das  Haus  der  Abgeordneten  ist  jeder
Preuße,  welcher  das  24.  Lebensjahr  vollendet  hat,  in  der  Gemeinde,  wo
er  seit  sechs  Monaten  seinen  Wohnsitz  oder  Aufenthalt  hat.  Jeder  Wähler
darf  nur  an  einem  Orte  wählen.  Für  die  zum  aktiven  Heere  gehörigen
Militärpersonen  mit  Ausnahme  der  Militärbeamten  ruht  die  Berechtigung
zum  Wählen.

§  2.  Vom  Recht,  zu  wählen  (§1),  sind  ausgeschlossen:  Personen:  1.  die
entmündigt  oder  unter  vorläufige  Vormundschaft  gestellt  sind,  für  die  Dauer
der  Entmündigung  oder  Vormundschaft;  2.  über  deren  Vermögen  das
Konkursverfahren  eröffnet  ist,  für  die  Dauer  des  Verfahrens;  3.  denen  die
bürgerlichen  Ehrenrechte  aberkannt  sind,  für  die  Dauer  der  Aberkennung;
4.  die  eine  Armenunterstützung  aus  öffentlichen  Mitteln  erhalten.  Als
Armenunterstützung  im  Sinne  dieses  Gesetzes  gelten  nicht:  a)  dem  Wähler
oder  einem  seiner  Angehörigen  gewährte  Pflege  oder  Unterstützung  in
Krankheitsfällen,  b)  einem  Angehörigen  wegen  körperlicher  oder  geistiger
Gebrechen  gewährte  Anstaltspflege,  c)  Unterstützungen  zum  Zwecke  der
Jugendfürsorge,  der  Erziehung  oder  der  Ausbildung  für  einen  Beruf.

§3.  Wählbar  zum  Abgeordnetenhaus  ist  jeder  Preuße,  der  das
30.  Lebensjahr  vollendet  hat,  nicht  vom  Recht,  zu  wählen  ausgeschlossen
ist  und  seit  wenigstens  einem  Jahre  preußischer  Staatsangehöriger  ist.

§  4.  Die  Abgeordneten  werden  von  den  stimmberechtigten  Wählern
des  Wahlbezirks  unmittelbar  gewählt.

§  5.  Jede  Gemeinde  (Gutsbezirk)  bildet  der  Regel  nach  einen
Stimmbezirk  für  sich.  Gemeinden  mit  weniger  als  750  Einwohnern  werden
von  dem  Landrat  mit  einer  oder  mehreren  benachbarten  Gemeinden  zu
einem  Stimmbezirke  vereinigt.  Gemeinden  mit  mehr  als  3500  Einwohnern
werden  von  der  Gemeindeverwaltungsbehörde  in  Stimmbezirke  geteilt.  Die
Stimmbezirke  müssen  tunlichst  räumlich  zusammenhängen  und  abgerundet
sein.  Sie  dürfen  nicht  weniger  als  750  und  nicht  mehr  als  3500  Einwohner
  nach  der  letzten  allgemeinen  Volkszählung  enthalten.

§  6.  Die  Wähler  jedes  Stimmbezirks  werden  nach  Maßgabe  der
von  ihnen  zu  entrichtenden  direkten  Staats-,  Gemeinde-,  Kreis-,  Bezirksund
  Provinzialsteuern  in  drei  Abteilungen  geteilt  und  zwar  in  der  Art,
daß  auf  jede  Abteilung  ein  Drittel  der  Gesamtsumme  der  Steuerbeträge
aller  Wähler  fällt.  Uebersteigt  der  Gesamtsteuerbetrag  eines  Wählers  die
Summe  von  5000  Mark,  so  wird  der  Ueberschuß  nicht  angerechnet.  Die
wegen  des  Unterhalts  der  Kinder  oder  anderer  Familienangehörigen  auf
Grund  gesetzlicher  Verpflichtung,  sowie  wegen  besonderer  die  Leistungsfähigkeit
wesentlich  beeinträchtigender  wirtschaftlicher  Verhältnisse  gewährten  Ermäßigungen
  der  Staatseinkommensteuersätze  bleiben  bei  der  Berechnung  der  zu
entrichtenden  Steuerbeträge  für  den  Zweck  der  Wahl  außer  Betracht.

77
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        100  Ja#  Penisqhe  Reith  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  4.)

§  7.  Die  erste  Abteilung  besteht  aus  denjenigen  Wählern,  auf  welche
die  höchsten  Steuerbeträge  bis  zum  Belauf  eines  Drittels  der  Gesamtsteuern
fallen.  Die  zweite  Abteilung  besteht  aus  denjenigen  Wählern,  auf  welche
die  nächst  niedrigeren  Steuerbeträge  bis  zur  Grenze  des  zweiten  Drittels
fallen.  Die  dritte  Abteilung  besteht  aus  den  am  niedrigsten  veranlagten
Wählern,  auf  welche  das  dritte  Drittel  fällt.  In  diese  Abteilung  gehören
auch  diejenigen  Wähler,  welche  zu  keiner  Steuer  veranlagt  sind.

§  8.  Aus  der  nach  88  6,  7  gebildeten  Abteilung,  der  sie  nach  ihrer
Steuerleistung  zugehören,  der  nächst  höheren  Abteilung  zugewiesen,  werden
Wähler  der  zweiten  und  dritten  Abteilung,  die  entweder:  1.  vor  wenigstens
zehn  Jahren  vor  einer  akademischen  deutschen  Behörde  oder  einer  staatlichen
oder  kirchlichen  Behörde  in  Preußen  eine  Prüfung  bestanden  haben,  zu
deren  Ablegung  ein  wenigstens  dreijähriges  Siudium  auf  einer  Universität
oder  einer  sonstigen  deutschen  höheren  akademischen  Lehranstalt  erforderlich
ist,  oder  2.  dem  deutschen  Reichstag  oder  dem  preußischen  Landtag  als
Mitglieder  angehören  oder  wenigstens  zehn  Jahre  angehört  haben,  oder
3.  gewählte  Mitglieder  eines  preußischen  Provinzialrats,  Provinzialausschusses,
Landesausschusses,  Bezirksausschusses,  Kreis=  oder  Stadtaue  schusses,  oder
unbesoldete  Mitglieder  des  Magistrats  oder  unbesoldere  Beigeordnete  eines
Stadtkreises  sind  oder  wenigstens  zehn  Jahre  gewesen  sind,  oder  4.  dem
deutschen  Heere  oder  der  kaiserlichen  Marine  als  aktive  Offiziere  wenigstens
zehn  Jahre  angehört  haben  und  entweder  zur  Dieposition  gestellt  oder  zu
den  Offizieren  des  Beurlaubtenstandes  überführt  sind  oder  den  Abschied
bewilligt  erhalten  haben.  Durch  die  Wahlordnung  (8  27)  wird  bestimmt,
welche  deutschen  Anstalten  als  höhere  akademische  Lehranstalten  im  Sinne
des  Abs.  1  Nr.  1  zu  gelten  haben.

§  9.  Der  nach  88  6,  7  gebildeten  zweiten  Abteilung  werden  die
nach  ihrer  Steuerleistung  in  die  dritte  Abteilung  fallenden  Wähler  zugewiesen,
  die  im  unbesoldeten  Ehrenamte:  1.  Vorsteher,  Beigeordnete  oder
sonstige  Mitglieder  des  Magistrats  einer  kreisangehörigen  Stadt  oder  des
Gemeindevorstandes  einer  ländlichen  Gemeinde  oder  Gutevorsteher  sind
oder  wenigstens  zehn  Jahre  gewesen  sind,  2.  Bürgermeister  einer  rheinischen
Landbürgermeisterei,  Amtmänner  eines  westfälischen  Amtes,  Amtsvorsteher
oder  Stellvertreter  (Beigeordnete)  dieser  Ehrenbeamten  sind  oder  wenigstens
zehn  Jahre  gewesen  sind.

§  10.  Der  nach  §§  6,  7  gebildeten  zweiten  Abteilung  werden  ferner
die  nach  ihrer  Steuerleistung  in  die  dritte  Abteilung  fallenden  Wähler  zugewiesen,
  die  mit  einem  Einkommen  von  mehr  als  1800  Mark  zur  Staatseinkommensteuer
  veranlagt  sind  und  entweder:  1.  seit  wenigstens  fünfzehn
Jahren  sich  im  Besitze  der  wissenschaftlichen  Befähigung  zum  einjährigfreiwilligen
  Militärdienste  befinden,  oder  2.  seit  wenigstens  fünf  Jahren
ununterbrochen  die  Berechtigung  zur  Annellung  im  Zivildienste  auf  Grund
wenigstens  zwölfjährigen  militärischen  oder  diesem  gleichgestellten  Dienstes
oder  die  Berechtigung  zur  Anstellung  im  Forstdienste  besitzen.

§  11.  Auf  die  Zuweisung  zu  einer  höheren  Abteilung  nach  Maßgabe
  der  vorstehenden  Vorschriften  (§8  8,  9,  10)  hat  nur  Anspruch,  wer
die  begründenden  Tatsachen  der  Gemeindebehörde  spätestens  im  Verfahren
zur  Berichtigung  der  Wahllisten  (Wählerliste,  Abteilungsliste)  nachweist.

§  12.  In  jeder  Gemeinde  (Gutsbezirk)  wird  ein  Verzeichnis  der
stimmberechtigten  Wähler  aufgestellt,  in  dem  bei  jedem  einzelnen  Namen
der  Steuerbetrag  und  die  sonst  für  die  Wahlberechtigung  erheblichen  Angaben
  verzeichnet  sind.  (Wählerliste.)  Dieses  Verzeichnis  ist  nach  vorgängiger
ortsÜüblicher  Bekanntmachung  des  Ortes  und  der  Zeit  der  Auslegung  eine
Woche  lang  öffentlich  auszulegen.  Wer  die  Aufstellung  für  unrichtig  oder
        <pb n="109" />
        Das  Dentsqhe  Reich  und  seine  reinfelnen  Glieder.  (Februar  4.)  101

für  unvollständig  hält,  kann  innerhalb  einer  Woche  nach  Beginn  der  Auslegung
  bei  der  Gemeindeverwaltungsbehörde  (Gutsvorsteher)  oder  bei  dem
dazu  ernannten  Kommissar  oder  bei  der  dazu  eingesetzten  Kommission  schriftlich
  oder  zu  Protokoll  Einspruch  erheben.  Die  Entscheidung  über  die  Einsprüche
  steht  der  Gemeindeverwaltungsbehörde  zu.  Beschwerden  gegen  die
Entscheidung  sind  binnen  drei  Tagen  nach  ihrer  Behändigung  bei  der  Gemeindeverwaltungsbehörde
  einzulegen.  Ueber  die  Beschwerden  beschließt
in  Stadtkreisen  der  Regierungspräsident,  in  Landkreisen  der  Landrat.  In
Gemeinden,  die  in  mehrere  Stimmbezirke  geteilt  sind,  wird  die  Wählerliste
nach  den  einzelnen  Stimmbezirken  aufgestellt.

§  13.  Die  Abteilungen  werden  von  den  Behörden  festgestellt,  welche
die  Stimmbezirke  abgrenzen.  Eben  diese  Behörden  haben  für  jeden  Stimmbezirk
  die  Räumlichkeit,  in  der  die  Abteilungsliste  des  Bezirkes  öffentlich  auszulegen
  und  die  Wahl  abzuhalten  ist,  zu  bestimmen  und  den  Wahlvorsteher,  der
die  Wahl  zu  leiten  hat,  sowie  Stellvertreter  für  die  Fälle  seiner  Behinderung
zu  ernennen.  In  Bezug  auf  die  Auslegung  und  die  Berechtigung  der  Abteilungslisten
  kommen  die  Vorschriften  für  die  Feststellung  der  Wählerlisten
sinngemäß  zur  Anwendung.  Ueber  Beschwerden  gegen  Entscheidungen  des
Landrats  auf  Einsprüche  gegen  die  Richtigkeit  einer  Abteilungsliste  beschließt
der  Regierungspräsident.  Bei  einzelnen  Neuwahlen,  die  innerhalb  eines
Jahres  nach  der  letzten  allgemeinen  Wahl  stattfinden,  bedarf  es  der  neuen
Aufstellung  und  Auslegung  der  Wahllisten  (Wählerliste,  Abteilungsliste)  nicht.

&amp;amp;14.  Der  Tag  der  Wahl  wird  von  dem  Minister  des  Innern  festgesetzt.
Die  Wähler  sind  zur  Wahl  durch  ortsübliche  Bekanntmachung  zu  berufen.

§  15.  Der  Wahlvorsteher  ernennt  aus  der  Zahl  der  Wähler  des
Stimmbezirks  zwei  bis  sechs  Beisitzer  sowie  einen  Protokollführer,  welche
mit  ihm  den  Wahlvorstand  bilden,  und  verpflichtet  sie  mittels  Handschlags
an  Eidesstatt.

§  16.  Die  Wahl  erfolgt  durch  Stimmgebung  zu  Protokoll  nach
den  Vorschriften  der  Wahlordnung  (§  27).  Unter  Protest  oder  Vorbehalt
abgegebene  Wahlstimmen  sind  ungültig.

§  17.  Die  Wahl  findet  entweder  in  gemeinschaftlicher  Versammlung  zu
bestimmter  Stunde  (Terminswahl)  oder  in  einer  nach  Anfangs=  und  Endtermin
  festzusetzenden  Abstimmungsfrist  statt  (Fristwahl).

§  18.  Abteilungen,  die  500  oder  mehr  Wähler  zählen,  können  in
Abstimmungsgruppen  geteilt  werden.  In  Stimmbezirken,  die  aus  mehreren
Ortschaften  bestehen,  kann  je  nach  der  Oertlichkeit  und  dem  Bedürfnisse  die
Abstimmung  in  den  einzelnen  Ortschaften  angeordnet  werden.  Ueber  die
Wahlverhandlungen  wird  ein  Protokoll  ausgenommen,  das  der  Wahlvorstand
  vollzieht.

§  19.  Der  Wahlkommissar  für  jeden  Wahlbezirk  wird  von  dem
Regierungspräsidenten  ernannt.

§  20.  Der  Wahlkommissar  beruft  zur  Ermittelung  des  Wahlergebnisses
  für  den  Wahlbezirk  mindestens  sechs  und  höchstens  zwölf  Wähler
des  Wahlbezirks,  die  ein  unmittelbares  Staatsamt  nicht  bekleiden,  in  den
Wahlort  zu  einem  Wahlausschuß  zusammen  und  verpflichtet  sie  als  Beisitzer
mittels  Handschlags  an  Eidesstatt.  Außerdem  ist  ein  Protokollführer,  der
ebenfalls  Wähler  des  Wahlbezirks  sein  muß,  aber  Beamter  sein  darf,  zuzuziehen
  und  in  gleicher  Weise  zu  verpflichten.  Der  Zutritt  zu  dem  Raume,
in  dem  die  Ermittelung  des  Wahlergebnisses  stattfindet,  steht  jedem  Wähler
des  Wahlbezirks  offen.  Ort  und  Zeit  der  Wahlermittelung  sind  vorher
öffentlich  bekannt  zu  machen.

§  21.  Das  Wahlergebnis  wird  festgestellt,  indem  für  jede  Abteilung
besonders  die  Zahl  der  im  ganzen  Wahlbezirk  allgemein  gültigen  Stimmen
        <pb n="110" />
        102  Hos  NVenische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  4.)

ermittelt  und  der  auf  jeden  Kandidaten  entfallende  Stimmanteil  nach
Hundertteilen  der  Stimmen  berechnet  wird.  Gewählt  ist,  wer  im  Durchschnitt
  der  drei  Abteilungen  mehr  als  50  Hundertteile  erhalten  hat.  Ergibt
  sich  keine  solche  Mehrheit,  so  findet  unter  den  beiden  Kandidaten,  deren
Stimmanteile  ihr  am  nächsten  gewesen  sind,  eine  engere  Wahl  statt.  Bei
Gleichheit  der  Stimmanteile  entscheidet  das  durch  die  Hand  des  Wahlkommissars
  zu  ziehende  Los.

§  22.  Ueber  die  Verhandlung  zur  Ermittelung  des  Wahlergebnisses
ist  ein  Protokoll  aufzunehmen,  das  der  Wahlausschuß  vollzieht.

23.  Der  gewählte  Abgeordnete  muß  sich  über  die  Annahme  oder
Ablehnung  der  Wahl  gegen  den  Wahlkommissar  erklären.  Eine  Annahme--erklärung
  unter  Protest  oder  Vorbehalt,  sowie  die  Nichtabgabe  einer  Erklärung
  binnen  einer  Woche  von  der  Zustellung  der  Benachrichtigung  über
die  Wahl  an  gerechnet,  gilt  als  Ablehnung.

§  24.  Die  Wähler  sind  verpflichtet,  das  Ehrenamt  des  Wahlvorstehers,
sowie  das  des  Protokollführers  oder  sonst  eines  Beisitzers  im  Wahlvorstand
oder  Wahlausschusse  zu  übernehmen.  Zur  Ablehnung  ist  berechtigt,  wer
das  65.  Lebensjahr  überschritten  hat  oder  durch  Krankheit,  durch  Abwesenheit
in  dringenden  Privatgeschäften,  durch  Dienstgeschäfte,  ein  öffentliches  Amt
oder  durch  sonstige  besondere  Verhältnisse  verhindert  ist,  welche  nach  billigem
Ermessen  eine  genügende  Entschuldigung  begründen.  Wer  die  Uebernahme
dieser  Obliegenheiten  ohne  zulässigen  Grund  ablehnt  oder  sich  ihrer  Wahrnehmung
  ohne  ausreichende  Entschuldigung  entzieht,  kann  mit  einer  Ordnungsstrafe
  bis  zu  300  Mark  belegt  werden.  Wird  nachträglich  eine  genügende
  Entschuldigung  geltend  gemacht,  so  kann  die  verhängte  Strafe  ganz
oder  teilweise  zurückgezogen  werden.  Die  Festsetzung  und  die  Zurücknahme
der  Strase  steht  in  Landkreisen  dem  Landrat,  in  Stadtkreisen  dem  Bürgermeister
  zu.  Gegen  seine  Verfügung  ist  binnen  zwei  Wochen  nach  der  Zustellung
  Beschwerde  an  den  Regierungspräsidenten  zulässig,  welcher  endgültig
  entscheidet.

§  25.  Wer  die  in  den  Wähler=  oder  Abteilungslisten  enthaltenen
Angaben  über  die  Steuer=  oder  Einkommenverhältnisse  eines  Wählers  zu
anderen  als  Wahlzwecken  öffentlich  verbreitet,  wird  mit  Geldstrafe  bis  zu
1500  Mark  bestraft.  Die  Verfolgung  tritt  nur  auf  Antrag  des  betreffenden
  Wählers  ein.

§  26.  Die  Kosten  für  die  Druckformulare  zu  dem  Wahlprotest  und
für  die  Ermittelung  des  Wahlergebnisses  in  den  Wahlbezirken  trägt  der
Staat,  alle  übrigen  Kosten  tragen  die  Gemeinden.

§  27.  Die  näheren  Vorschriften  zur  Ausführung  dieses  Gesetzes
hat  das  Staatsministerium  in  einer  Wahlverordnung  zu  erlassen.

Artikel  III.  Artikel  115  der  Verfassungsurkunde  tritt  außer  Kraft.

Artikel  IV.  Für  einzelne  Neuwahlen,  die  vor  der  nächsten  nach
dem  Inkrafttreten  dieses  Gesetzes  stattfindenden  allgemeinen  Wahl  erforderlich
werden,  kommen  die  bisherigen  Vorschriften  zur  Anwendung.

4.  Februar.  Der  Fall  Dammann.

Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  schreibt:  In  ihrer  Nummer  vom  1.  d.  M.
bringt  die  „Rheinisch-Westfälische  Zeitung“  unter  der  Spitzmarke  „Eine
versäumte  Pflicht  unserer  Diplomaten“  eine  Zuschrift  des  Privatdozenten
Dr.  A.  Wirth  in  München,  worin  behauptet  wird,  daß  die  Familie  des
seinerzeit  in  Persien  ermordeten  Studenten  Immanuel  Dammann  durch
eine  Versäumnis  des  Auswärtigen  Amtes  von  der  persischen  Regierung
keine  Entschädigung  erhalten  habe.  Demgegenüber  wird  festgestellt,  daß
die  persische  Regierung  auf  Betreiben  des  kaiserlichen  Gesandten  in  Teheran
        <pb n="111" />
        Das  NVesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  4.)  103

eine  Entschädigungssumme  von  15000  Toman  (etwa  58000  Mark)  gewährt
hat,  deren  letzter  Teilbetrag  bereits  Ende  September  vorigen  Jahres  ausgezahlt
  worden  ist.  Der  Fall  ist  typisch  für  die  Leichtfertigkeit,  mit  welcher
Angriffe  gegen  das  Auswärtige  Amt  erhoben  werden.

4.  Februar.  (Bayern.)  Auf  der  Journalistentribüne  der
bayerischen  Abgeordnetenkammer  erscheinen  in  der  Nachmittagsitzung
keine  Berichterstatter,  weil  die  Journalisten  wegen  überbürdung
durch  die  zu  langen  Sitzungen  Arbeitseinstellung  beschlossen  hatten.

4.  Februar.  (Reichstag.)  Der  Handelsvertrag  mit  Portugal
  wird  in  dritter  Beratung  mit  schwacher  Mehrheit  angenommen

gegen  die  Stimmen  der  Mehrzahl  der  Nationalliberalen,  eines  Teils
des  Zentrums  und  der  Reichspartei  und  die  Wirtschaftliche  Vereinigung.

4.  Februar.  (Reichstag.)  Dem  Reichstag  geht  der  abgeänderte
  Gesetzentwurf  über  den  Absatz  von  Kalisalzen  zu.  (Siehe
17.  Dez.  19091)

In  der  Begründung  heißt  es:  „Die  Kalisalzlager  stellen  einen  beträchtlichen
  Teil  des  deutschen  Nationalvermögens  dar,  dessen  Bedeutung
noch  durch  den  Umstand  gesteigert  wird,  daß  Kalisalze,  abgesehen  von  unbedeutenden
  Aufschlüssen,  im  Auslande  bis  jetzt  nicht  aufgesunden  worden
sind.  Deutschland  besitzt  also  ein  Naturmonopol,  vermöge  dessen  die  Produzenten
  in  der  Preisbemessung  durch  keine  Rücksichten  auf  ausländischen
Wettbewerb  eingeengt  sind.  Diese  Verhältinisse  ermöglichen  mäßige  Preisstellung.
  Die  reichlichen  Erträge  aus  den  Kalilagern  haben  die  Zahl  der
Produktionsstätten  erheblich  schneller  wachsen  lassen  als  an  Kalisalzen  gebraucht
  wurde.  Die  Zahl  der  Werke  steigt  noch  immer.  Eine  Anzahl
größerer  Werke  zeigt  die  Neigung,  ihre  Ueberlegenheit  kleineren  Werken
gegenüber  zur  Geltung  zu  bringen  und  sich  von  den  die  freie  Entfaltung
ihrer  Kräfte  hemmenden  Fesseln  des  Syndikats  zu  befreien.  Die  Bemühungen
  des  Kalisyndikats  sind,  wie  bekannt,  gescheitert  und  die  großen
Werke  haben  einen  scharfen  Konkurrenzkampf  begonnen.  Auch  die  Gefahr
der  Auflösung  des  bestehenden  Teilsyndikats  besteht,  und  damit  würde  der
Beginn  eines  ungezügelten  Konkurrenzkampfes  bevorstehen.  Es  besteht
also  die  Notwendigkeit,  die  schwächeren  Werke  zu  schützen,  um  eine  schwere
Schädigung  wichtiger  Interessen  der  Allgemeinheit  zu  verhindern.  Der
Absatz  der  Salze  an  das  Ausland  zu  Schleuderpreisen  würde  auch  die
deutsche  Landwirtschaft  gegenüber  der  ausländischen  schädigen.  Auch  würde
das  Ausland  sicherlich  billig  Kaliwerke  infolge  der  Entwertung  ankaufen
und  Einfluß  auf  die  Gestaltung  der  Verhältnisse  der  deutschen  Kaliindustrie
gewinnen.  Auch  die  Gefahr  eines  Kalitrustes  durch  Ankauf  kleinerer  Werke
ist  nicht  von  der  Hand  zu  weisen.  Ein  Eingriff  des  Staates  zur  Verhütung
  eines  Syndikatszusammenbruchs  war  unter  diesen  Umständen  unvermeidlich.
  Der  im  Wege  der  freien  Vereinbarung  auf  die  Daner  nicht
mit  Sicherheit  zu  ergielende  Zusammenschluß  aller  Beteiligten  muß  deshalb
vorübergehend  (bis  1930)  durch  gesetzliche  Vorschriften  herbeigeführt  werden,
und  zwar  so  lange,  bis  die  Verhällnisse  der  Kaliindustrie  sich  so  weit  gefestigt
  haben  werden,  daß  diese  durch  eigene  innere  Kraft  zusammengehalten
  wird.“

4.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die
Gesetzentwürfe  betr.  die  Abänderung  des  preußischen  Gerichtskosten-
        <pb n="112" />
        LEEEIIILILIEIIIEIIE

gesetzes  und  der  Gebührenordnung  für  Notare  werden  einer  besonderen
  Kommission  von  21  Mitgliedern  überwiesen.

5.  Februar.  (Grunewald-Berlin.)  Geh.  Legationsrat
Dr.  Wilhelm  Knappe,  der  früher  als  Konsul  in  Samoa  und  in
Schanghai  Berühmtheit  erlangt  hatte,  f.  54  Jahre  alt.

5.  Februar.  Die  Presse  über  die  Wahlrechtsvorlage.

Der  „Vorwärts“  erklärt  sie  für  eine  „brutale  und  höhnische  Kriegserklärung“".
  Mindestens  drei  Viertel  der  Wähler  werden  auch  künftig  der
dritten  Klasse,  der  Klasse  der  Rechtlosen,  angehören!  Dagegen  ist  die
Dreiklassenschmach  noch  verschärft  worden  durch  die  Heraushebung  aller
Besitzenden  aus  der  Klasse  der  Wahlrechtsheloten!  Die  klerikale  „Kölnische
  Volkszeitung"  schreibt:  Die  Aufrechterhaltung  der  öffentlichen
Stimmabgabe  allein  schon  macht  für  uns  die  ganze  Wahlrechtsvorlage  unannehmbar
  .  Soweit  der  Entwurf  jetzt  nach  dem  Auszug  zu  beurteilen
ist,  ist  er  wohl  im  wesentlichen  den  Nationalliberalen  auf  den  Leib  zugeschnitten,
  im  übrigen  aber  in  dieser  Form  allen  übrigen  Parteien  doch
wohl  unannehmbar  ..Was  die  amtliche  Begründung  für  die  Beibehaltung
der  öffentlichen  Wahl  vorbringt,  sind  Ladenhüter  ältester  Art  und  so  schwache
Argumente,  daß  man  fast  vermuten  könnte,  die  Regierung  habe  die  geheime
  Wahl  nicht  in  die  Vorlage  gebracht  nur  deshalb,  um  in  ihr  ein
Handelsobjekt  für  die  weiteren  Beratungen  und  Verhandlungen  mit  den
Parteien  zu  haben.  Die  „Deutsche  Tageszeitung“  glaubt,  daß  „für
den  Entwurf,  wie  er  jetzt  dem  Abgeordnetenhause  zugeht,  die  Regierung
kaum  eine  Mehrheit  finden“  wird.  Bei  der  Abgrenzung  der  Abteilungen
müsse  die  Bevorzugung  des  Beamtentums  vor  den  selbständigen  erwerbenden
Ständen  die  schwersten  Bedenken  wachrufen,  besonders  auf  dem  platten
Lande  und  beim  Handwerke.  In  gleichem  Sinne  schreibk  der  konservative
„Reichsbote“:  Man  muß  sich  wundern,  daß  nicht  auch  die  seit  einer  gewissen
  Zeit  selbständigen  Gewerbetreibenden,  die  Handwerksmeister,  welche
Real-  und  Gewerbeschulbildung  besitzen,  den  zivildienstberechtigten  Unteroffizieren
  mit  zwölfjähriger  Dienstzeit  oder  einem  aus  der  Sekunda  einer
Realschule  oder  Presse  hervorgegangenen  Einjährigen  mindestens  gleich  geachtet
  und  also  an  der  Versetzung  in  die  zweite  Klasse  beteiligt  werden.
Auch  bei  den  Bauern  ist  mancher,  der,  was  politisches  Verständnis  anlangt,
einem  alten  Unteroffizier,  der  sich  zwölf  Jahre  lang  gar  nicht  mit  Politik
hat  beschäftigen  dürfen,  mindestens  gleichberechtigt  zur  Versetzung  in
die  zweite  Klasse.  Der  „Reichsbote“  hofft,  daß  die  Regierung  fest  bleiben
wird  im  Kampf  um  die  geheime  Wahl:  Die  Haltlosigkeit  der  Regierung
hat  viel  verdorben;  hoffentlich  prästiert  der  neue  Reichskanzler  die  für
solche  große  Aktion  notwendige  klare  Festigkeit.  Die  „Kreuzzeitung"“
bezeichnet  es  als  das  Beste,  was  man  zum  Lobe  der  Wahlrechtsvorlage
sagen  kann,  „daß  sie  sich  vom  Reichstagswahlrecht  sehr  fern  hält“.  Was
in  der  Begründung  der  Vorlage  gegen  die  geheime  Wahl  gesagt  wird,  ist
eine  geradezu  vernichtende  Kritik  am  Reichstagswahlrecht.  Für  die  indirekte
  Wahl  begeistert  sich  kaum  noch  jemand;  ob  es  aber  durchaus  nötig
ist,  sie  zu  beseitigen,  da  sie  doch  für  die  engeren  Verhällnisse  in  schwach
bevölkerten  ländlichen  Wahlkreisen  noch  keineswegs  unpraktisch  ist,  hängt
von  Zweckmäßigkeitserwägungen  ab,  zumal  für  die  Beseitigung  eine  Verfassungsänderung
  nötig  ist,  die  man  doch  nur  aus  zwingenden  Gründen
vornimmt.  Die  „National-Zeitung"  schreibt:  „Die  nationalliberale
Partei  hat  ihre  Reformwünsche  in  den  bekannten  fünf  Forderungen  nieder-
        <pb n="113" />
        Das  Penisqe  Reith  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  5.)  105

gelegt,  die  eine  neue  Wahlkreiseinteilung,  direkte  und  geheime  Wahl,  Abstufung
  der  Wählerklassen  nach  Alter,  Bildung  und  Besitz  sowie  Beseitigung
der  Drittelung  der  Urwahlbezirke  vorsehen.  Der  Reformplan  der  Regierung
bringt  nur  in  zwei  Punkten  eine  vollständige  Erfüllung  der  nationalliberalen
Wünsche,  die  direkte  Wahl  und  die  Berücksichtigung  gewisser  Imponderabilien
bei  der  Klasseneinteilung  der  Wähler,  die  ihre  rein  plutokratische  Grundlage
  verlieren  soll.“  Aus  der  Kritik  des  „Berliner  Börsen-Couriers“":
„Diese  Wahlreform  ist  Zuckerware  für  den  „Beamtenmittelstand“,  um  ihn
zu  ködern.  Die  Herrschaft  der  „Millionäre“  soll  eingeschränkt  werden.  Damit
  will  man  die  Vorlage  schmackhaft  machen.  Die  Akademiker  —  ihrer
überwiegenden  Mehrzahl  nach  Staatsbeamte  —,  also  die  Beamten  sollen
Vorzüge  erhalten.  Dementsprechend  auch  die  Beamten  der  Selbstverwaltung
—  nicht  etwa  auch  die  Stadtverordneten  —,  ferner  die  Militäranwärter,
die,  den  Männern  mit  dem  Einjährigenzeugnis  gleichgestellt,  in  „gehobene"
Wahlrechtsstellung  gelangen  dürfen,  sollen  mit  Vorrechten  bedacht  werden,
dazu  die  Schicht  der  „Halbbildung“,  die  das  Einjährigenzeugnis  aufweist.
Auch  das  sind  zu  einem  großen  Teil  wiederum  Beamte  —  Beamte  in
Privatbetrieben  der  Industrie,  des  Handels  und  Verkehrs.  Kurzum  ein
Wahlrecht,  das  vornehmlich  zugunsten  des  Beamtenstandes  aller  Art  zugeschnitten
  ist.“"  Die  „Stettiner  Neuesten  Nachrichten“"  schreiben:
„Daß  an  der  bereits  aus  den  sechziger  Jahren  herstammenden  Wahlkreiseinteilung
  nicht  gerüttelt  werden  soll,  übersteigt  die  schlimmsten  Annahmen.
Die  Neueinteilung  der  Wahlkreise  wäre  die  erste  Pflicht  ausgleichender
Gerechtigkeit,  denn  die  Großstädte  und  Industriebezirke  haben  zu  verlangen,
daß  sie  eine  genügende  Vertretung  im  Landtage  besitzen.  Vor  rund  fünfzig
Jahren  wurde  bestimmt,  daß  auf  je  50000  Seelen  ein  Abgeordneter  kommen
sollte.  Inzwischen  aber  sind  mächtige  Verschiebungen  in  der  Bevölkerung
eingetreten.  Verschiedene  ländliche  Wahlkreise  sind  ganz  zusammengeschrumpft,
während  sich  die  Bewohner  der  Städte  und  der  Industriegebiete  verdoppelt
und  verdreifacht  haben.  Fünf  Provinzen  der  östlichen  Monarchie,  die  ein
Drittel  der  Gesamtfläche  ausmachen,  bringen  nur  ein  Sechstel  der  gesamten
Staatssteuern  auf,  dagegen  aber  beanspruchen  die  herrschenden  Klassen
dieser  Landbewohnerschaft  zwei  Drittel  des  im  preußischen  Wahlrecht  zur
Geltung  gelangenden  Einflusses  im  Staate.  Und  so  soll  es  bleiben!  Man
durfte  von  der  Vorlage  der  preußischen  Wahlreform  erwarten,  daß  sie
gegenüber  der  Hochspannung  der  ganzen  innerpolitischen  Atmosphäre  ein
Sicherheitsventil  öffnen  solle,  aber  es  ist  leider  zu  befürchten,  daß  Entrüstungsstürme
  und  Unruhen,  wie  jüngst  in  Braunschweig,  entstehen  werden,
u  deren  Unterdrückung  mehr  als  zehn  Soldaten  und  ein  Leutnant  nötig
fein  werden!“  Das  „Leipziger  Tageblatt“"  prophezeit:  „Die  Erfahrungen
  bei  der  Annahme  der  sogenannten  Reichsfinanzreform  bewahren
das  Deutsche  Reich  vor  einer  Ueberschätzung  der  prinzipiellen  Berliner
Standhaftigkeit.  Am  Widerstande  der  Regierung  würde  die  geheime  Wahl
kaum  scheitern.  Ebenso  möchten  wir  der  Gegnerschaft  des  Herrenhauses
kein  entscheidendes  Gewicht  beilegen.  Das  preußische  Volk  wird  die  geheime
  Wahl  bekommen,  wenn  eine  Mehrheit  des  Abgeordnetenhauses  sie
beschließt.“  Die  „Vossische  Zeitung“  schreibt:  „Die  wenigen  winzigen
Verbesserungen  der  Reform  sind  kaum  der  Rede  wert.  Sie  ist  eine  klägliche,
  kümmerliche  Vorlage  und  gibt  denen,  die  nach  Brot  riefen,  einen
Stein  und  ist  sie  Gesetz  geworden,  so  ist  die  Erlangung  eines  zeitgemäßen
vernünftigen  Wahlrechts  in  Preußen  und  eine  gerechte  Einteilung  der
Wahlkreise  unverändert  eine  der  wichtigsten  Aufgaben  der  Zukunft.“  Die
Auffassung  des  „Berliner  Tageblatts“  wird  in  der  „Frankfurter
Zeitung"  folgendermaßen  zusammengefaßt:  „Nur  mit  einem  Gemisch  von
        <pb n="114" />
        106  Venische  Reith  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Februar  5.)

brennender  Scham  und  heißer  Empörung  könne  man  die  unerhört  engherzigen,
  ausgeklügelten  Bestimmungen  verfolgen,  mit  denen  Herr  v.  Bethmann
  Hollweg  das  preußische  Volk  zu  „politischem  Verständnis“,  „zur
Staatsgesinnung“  und  zu  „politischem  Verantwortlichkeitsgefühl“  zu  erziehen
  gedenke“  Die  „Liberale  Korrespondenz“  führt  aus:  „Die  stärksten
Bedenken  müssen  die  Vorschläge  zur  anderweitigen  Einteilung  der  Klassen
erwecken.  Den  Schulzeugnissen  wird  eine  fast  komisch  anmutende  Ueberschätzung
  zugemessen,  wenn  bestimmt  wird,  daß  Männer  mit  dem  Einjährigenzeugnis
  und  akademisch  voll  ausgebildete  Leute  stets  in  den  höheren  Klassen
wählen  sollen.  Diese  Bestimmung  bedeutet  eine  durch  nichts  gerechtfertigte
Benachteiligung  der  Handwerker,  der  Gewerbetreibenden,  der  Bauern,  die
keine  höhere  Schule  durchgemacht  haben,  aber  vielfach  an  Lebenserfahrung
und  politischem  Verständnis  hoch  über  den  Männern  mit  dem  Einjährigenzeugnis
  stehen.  Die  Bestimmmung  bedeutet  ferner  —  und  das  ist  fast  noch
bedenklicher  —  eine  Degradierung  der  dritten  Klasse  zur  reinen  Proletarierklasse,
  während  die  zweite  und  die  erste  Klasse  fast  ganz  den  oberen  Schichten
vorbehalten  bleiben.  Dadurch  charakterisiert  sich  das  neue  Wahlrecht  als
ein  Gesetz  zur  möglichsten  Beschränkung  der  Sozialdemokratie.  Ein  Wahlrecht
  aber,  das  dieser  Partei  den  Eintritt  in  das  Abgeordnetenhaus  aufs
höchste  zu  erschweren  strebt,  kann  nur  die  größte  Erbitterung  und  Staatsfeindschaft
  erzeugen.“  Die  „Straßburger  Post“  bezeichnet  die  Vorlage
als  eine  tiefe  Verbeugung  der  preußischen  Regierung  vor  der  konservativen
Macht,  die  lebhaft  an  den  Gang  durch  das  kandinische  Joch  gemahne,  den
der  heutige  preußische  Ministerpräsident  bereits  einmal  als  Reichskanzler
bei  Hergabe  seiner  Unterschrift  unter  die  Finanzreform  getan  habe.  Moralische
  Eroberungen  werde  die  Regierung  mit  dieser  Politik  der  Rücksichtnahme
  auf  konservative  Forderungen  weder  in  Preußen  noch  im  Reiche
machen.“  Die  „Kölnische  Zeitung“  schreibt:  „Die  Reform  ist  unzulängliches
  Stückwerk,  die  Resorm  will  ernstlich  gar  nichts  an  der  Bevorzugung
des  platten  Landes  und  der  in  Preußen  herrschenden  konservativen  Partei
ändern.  an  vielen  Punkten  will  sie  das  agrarische  Uebergewicht  sogar  noch
verstärken.  Den  Nationalliberalen  geht  es  gegen  den  Strich,  eine  Reform
zu  loben,  deren  Urheber  von  der  Vorzüglichkeit  des  Dreiklassenwahlrechis
überzeugt  sind.  Der  Liberalismus  wenigstens  sollte  es  ablehnen,  eine  Vorlage
  zu  loben,  die  auf  diesem  Boden  bleibt  und  nur  schüchtern  hier  und
da  Besserungsversuche  anbringt.  Aber  auch  diese  Besserungsversuche  sind
keineswegs  nach  dem  Sinne  der  Liberalen,  ihnen  durchaus  nicht  auf  den
Leib  geschnitten,  sondern  in  Berücksichtigung  der  konservativen,  besser  der
agrarischen  Wünsche  ausgedacht.“

5.  Februar.  Konservativer  Parteitag  in  Hildesheim.

Herr  v.  Bodelschwingh-Schwarzenhasel  tadelt,  daß  Herr  v.  Oldenburg
mit  seinem  Ausspruche  vom  29.  Januar  der  Sozialdemokratie  Hetzmaterial
geboten  habe,  und  bedauert,  doß  nicht  gleich  nach  Herrn  v.  Oldenburg
aus  der  konservativen  Fraktion  heraus  eine  Richtigstellung  erfolgt  sei  und
daß  nicht  naträglich  die  „Konserv.  Korresp.“  eine  offene  Mißbilligung  des
Ausdrucks  veröffentlicht  habe.

5.  Febrnar.  (Reichstag.)  Annahme  des  Gesetzentwurfes
über  die  Handelsbeziehungen  zu  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika
  in  allen  drei  Lesungen.

Staatssekretär  Delbrück  bringt  die  Vorlage  ein  und  gibt  eine
Uebersicht  über  die  Verhandlungen  mit  den  Vereinigten  Staaten.  Das
gegenwärtige  Abkommen  räumt  Deutschland  alle  Zollermäßigungen  ein,
        <pb n="115" />
        Das  Denisqe  Reit  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Februar  6.)  107

die  die  Vereinigten  Staaten  einem  dritten  Land  gewähren  können,  wofür
Deutschland  als  Gegenleistung  den  Vereinigten  Staaten  den  weitaus  größten
Teil  der  Konventionalsätze  seiner  Handelsverträge  einräumt.  Der  neue
amerikanische  Zolltarif  enthält  nun  aber  für  die  deutsche  Ausfuhr  viele
Erschwerungen,  und  von  nicht  zu  unterschätzender  Bedeutung  sind  die
Schwierigkeiten,  die  uns  auf  dem  Gebiet  der  Zollabfertigung  gemacht  worden
waren.  Weiter  enthält  das  neue  amerikanische  Tarifgesetz  keine  Bestimmung
mehr,  auf  Grund  deren  die  Vereinigten  Staaten  einem  anderen  Lande  besondere
  Zolltarifzugeständnisse  gewähren  können.  Handelspolitische  Vereinbarungen
  können  also  mit  den  Vereinigten  Staaten  nur  noch  in  der  Weise
zustande  kommen,  daß  die  Vereinigten  Staaten  autonom  bestimmte  Anordnungen
  erlassen,  die  der  andere  Teil  für  hinreichend  erachtet,  um  Amerika
die  Meistbegünstigung  einzuräumen.  Diese  Handelsbeziehungen  erfahren
eine  Stabilität  insofern,  als  die  Botschaft  des  Präsidenten  der  Vereinigten
Staaten,  durch  welche  der  Minimaltarif  gewährt  wird,  den  Charakter  eines
Gesetzes  enthält.  Die  Verhandlungen  mit  den  Vereinigten  Staaten  waren
sehr  langwierig  und  sind  erst  vorgestern  morgen  endgültig  abgeschlossen
worden.  Im  Laufe  der  Verhandlungen  haben  die  Vereinigten  Staaten
an  uns  Anforderungen  gestellt,  die  einen  starken  Eingriff  in  unsere  gesetzgeberische
  und  polizeiliche  Autonomie  gewesen  wären.  Vor  allem  waren
es  Eingriffe  auf  dem  Gebiet  der  Veterinärpolizei.  Wir  haben  den  Vereinigten
  Staaten  gegenüber  darüber  keinen  Zweifel  gelassen,  daß  wir  derartigen
  Versuchen,  aus  Anlaß  von  Tarifverhandlungen  in  unsere  gesetzgeberische
  und  polizeiliche  Autonomie  irgendwie  einzugreifen,  einen  unüberwindlichen
  Widerstand  entgegensetzen  würden.  Es  gelang  uns  im  Laufe
der  Verhandlungen,  eine  ganze  Reihe  dieser  Forderungen  auszuschalten,  und  es
blieben  schließlich  nur  übrig  die  Forderungen  auf  Gewährung  aller  deutschen
Vertragszollsätze,  auf  Zulassung  von  amerikanischem  Schweinefleisch  ohne
Beibringung  der  gegenwärtig  noch  verlangten  Bescheinigung  über  erfolgte
mikrosfkopische  Trichinenuntersuchung  in  den  Vereinigten  Staaten  und  auf
Zulassung  von  amerikanischem  Rindvieh  zur  sofortigen  Schlachtung.  Der
Staatssekretär  führte  weiter  aus:  Wir  haben  den  Vertrag  auch  unsererseits
auf  einer  veränderten  Grundlage  aufgebaut.  Danach  wird  der  Bundesrat
ermächtigt,  bei  der  Einfuhr  von  Erzeungnissen  der  Vereinigten  Staaten
die  Anwendung  der  Konventionalsätze  in  angemessenem  Umfang  zuzulassen.
Diese  Ermächtigung  hört  ohne  weiteres  auf,  sobald  die  Vereinigten  Staaten
irgendwie  gegenüber  dem  gegenwärtigen  Zustand  zuungunsten  Deutschlands
Aenderungen  eintreten  lassen  oder  nicht  nach  den  in  der  Note  des  Staatsdepartements
  in  Washington  vom  22.  April  bis  2.  Mai  1907  enthaltenen
Grundsätzen  über  die  Zolldeklaration  und  die  Fakturen  sowie  die  Wertzeugnisse
  der  deutschen  Handelskammern  verfahren.  Die  Konstruktion  des
Gesetzentwurfes  ist  also  so,  daß  wir  uns  bemüht  haben,  die  Vollmacht  ähnlich
  zu  gestalten,  wie  die  des  Präsidenten  nach  dem  amerikanischen  Gesetz.
Nun  hoffe  und  glaube  ich  nicht,  daß  wir  genötigt  sein  werden,  von  dieser
Befugnis  Gebrauch  zu  machen.  Ich  gebe  mich  der  bestimmten  Hoffnung
hin,  daß,  nachdem  wir  in  langwierigen  und  schwierigen  Verhandlungen
einig  geworden  sind,  die  Vereinigten  Staaten  die  uns  gemachten  Zugeständnisse
  im  Geiste  der  Versöhnlichkeit  und  des  weitherzigen  Entgegenkommens
handhaben  werden.  Es  sind  gewiß  nicht  alle  Wünsche  erfüllt,  die  wir  im
Interesse  unserer  Volkswirtschaft  glaubten  stellen  zu  können,  und  die  Hergabe
  unseres  vollen  Konventionaltarifs  ist  gegenüber  den  amerikanischen
Angeboten  für  die  Amerikaner  ein  Vorteil.  Aber  die  verbündeten  Regierungen
  haben  nach  langen  eingehenden  Erwägungen  geglaubt,  dieses
Abkommen  schließen  zu  sollen,  um  für  unsere  Schiffahrt,  unseren  Handel
        <pb n="116" />
        IEHIELIIIIIIIIIIIIIIIJIII

und  unsere  Industrie  ohne  auch  nur  vorübergehende  Störungen  über  den
kritischen  Tag,  7.  Februar,  hinaus  Verhältnisse  zu  ermöglichen,  von  denen
wir  hoffen,  daß  sie  einer  gewissen  Stabilität  nicht  entbehren  werden.

Der  Präsident  eröffnet  die  Diskussion.  Eine  Wortmeldung  liegt
nicht  vor.  Die  erste  Lesung  ist  beendet.  Es  wird  sofort  in  die  zweite
Lesung  eingetreten.  Auch  hier  wird  von  keiner  Seite  das  Wort  gewünscht.  Das
Handelsabkommen  wird  zur  Abstimmung  gestellt  und  einstimmig  angenommen.
  Der  Präsident  macht  den  Vorschlag,  in  einer  schon  nach  einer  Viertelstunde
  zu  eröffnenden  neuen  Sitzung  auch  die  dritte  Lesung  vorzunehmen.

5.  Februar.  Die  aufgelegten  Reichs=  und  preußischen  Staatsanleihen
  (siehe  29.  Januarl)  werden  um  200  Millionen  Mark
überzeichnet.

6.  Februar.  Wahlrechtsdemonstrationen.

Nicht  nur  in  vielen  Städten  Preußens,  sondern  auch  in  Braunschweig
und  Nürnberg  finden  Demonstrationen  gegen  die  Wahlrechtsvorlage  statt.

6.  Februar.  (Elsaß-Lothringen.)  Ausweisung  des  Abg.
Blumenthal  aus  der  liberalen  Landespartei.

Der  Parteivorstand  und  die  Liberalen  des  Landesausschusses  erklären
  es  wegen  des  gebotenen  Kampfes  gegen  das  Zentrum  für  unmöglich,
daß  der  Abg.  Blumenthal,  der  bei  der  Etatsdebatte  in  ver  Kompetenzfrage
eine  für  das  Zentrum  wohlwollende  Neutralität  gewahrt  hatte,  länger  in
der  liberalen  Landespartei  verbleibe.

6.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Stärke
der  Parteien.

Das  vollbesetzte  Haus  zählt  443  Mitglieder.  Davon  sind  152  Konservative,
  60  Freikonservative,  65  Nalionalliberale,  37  Feisinnige,  6  Sozialdemokraten,
  104  Mitglieder  des  Zentrums,  15  Polen.

7.  Februar.  (Reichstag.)  Denkschrift  über  Militärbekleidungswesen
  verlangt.

Da  in  der  Budgetkommission  von  den  vielfachen  Bestellungen  von
unnötigem  Ausrüstungsmaterial  für  die  Expedition  in  Südwest-Afrika  die
Rede  war  und  für  20  Millionen  Mark  blaues  Militärtuch  aus  ihnen  noch
jetzt  vorhanden  ist,  so  bringen  die  Nationalliberalen  zur  zweiten  Lesung
des  Militäretats  den  folgenden  Antrag  Bassermann  ein:  Der  Reichstag
wolle  beschließen:  den  Herrn  Reichskanzler  zu  ersuchen,  dem  Reichstage
bis  zur  Vorlegung  des  Etats  für  1911  eine  Denkschrift  über  die  Organisation
  des  Militärbekleidungswesens  sowie  über  die  Kosten  der  Verwaltung
und  Herstellung  der  Bekleidungsstücke  nach  dem  früheren  und  dem  jetzt  in
der  Einführung  begriffenen  System  zugehen  zu  lassen.

8.  Februar.  (Leipzig.)  Prof.  Dr.  Richard  Wülker,  bekannt
durch  seine  Werke  über  englische  Literatur,  f,  65  Jahre  alt.

8.  Februar.  Revisionismus  und  Wahlrecht.

In  den  „Sozialistischen  Monatsheften“  tritt  der  sozialdemokratische
Abg.  Dr.  Leo  Arons  für  ein  Krompromiß  der  gesamten  Linken  von  Friedberg
  bis  Liebknecht  ein.  Er  empfiehlt,  die  Einführung  der  geheimen
Abstimmung  und  der  Proportionalwahl,  sowie  eine  neue  Wahlkreiseinteilung

  durch  einen  „mäßigen  Abstrich  von  der  unbedingten  Gleichheit"
zu  erkaufen.
        <pb n="117" />
        Das  Dentsche  Reich  und  seine  rintelnen  Glieder.  (Februar  9.  10.)  109

9.  Februar.  (Halle.)  Urteil  im  Mansfelder  Aufruhrprozeß.

Das  Schwurgericht  verurteilt  den  Bergmann  Ernst  Gölzer  wegen
Vergehens  gegen  §  153  der  Reichsgewerbeordnung  zu  3  Monaten,  den
Bergmann  hon  Sichting  wegen  desselben  Vergehens  und  Körperverletzung
in  2  Fällen  zu  5  Monaten  Gefängnis.  Der  Bergarbeiter  Karl  Otte  wird

freigesprochen.
9.  Februar.  (Reichstag.)  Der  Verkauf  des  Tempelhofer
Feldes  vor  der  Budgetkommission.

Der  Bericht  sagt  darüber:  Auf  Anfrage  erklärte  dabei  der  Kriegsminister,
  er  hoffe,  die  Mittel  für  die  noch  fehlenden  Truppenübungsplätze
aus  dem  Verkauf  des  Tempelhofer  Feldes  zu  erhalten.  Die  Militärverwaltung
  erklärte,  eine  Vorlage  sei  in  Vorbereitung,  die  Verhandlungen
seien  aber  noch  nicht  abgeschlossen.  Ein  sozialdemokratischer  Vertreter  von
Berlin  bemerkt  hierzu:  Im  vorigen  Jahre  sollte  die  Möglichkeit  für  Vorberatungen
  gegeben  werden.  Man  müsse  darauf  halten,  daß  die  Verwaltung
  nicht  ohne  Genehmigung  des  Reichstages  Verträge  abschließe.  Das
könne  sie  vielleicht  hinsichtlich  des  im  vorigen  Jahre  bewilligten  Betrages,
aber  nicht  darüber  hinaus.  Es  scheine,  als  wolle  man  den  Reichstag  einem
Fait  accompli  gegenüberstellen.  Das  Tempelhofer  Feld  könne  nur  an  die
Stadt  Berlin  verkauft  werden,  nicht  an  eine  andere  Gemeinde.  Natürlich
müsse  es  dann  eingemeindet  werden,  denn  Berlin  könne  nicht  Terrain
kaufen,  von  dem  dann  Tempelhof  den  Nutzen  habe.  Von  der  Militärverwaltung
  wird  hierauf  erwidert,  ohne  Genehmigung  der  gesetzgebenden
Körperschaften  werde  nichts  verkauft.  Ein  Zentrumsabgeordneter  führt
aus:  So  komme  man  nicht  verwärts.  Berlin  könne  das  so  nicht  nehmen,
Tempelhof  auch  nicht.  Es  scheinen  Terraingesellschaften  am  Werke  zu  sein.
Man  solle  für  die  Jugend  sorgen  durch  Bereitstellung  von  Spielplätzen.
Das  liege  auch  im  Interesse  des  Militärfiskus,  der  nur  noch  19  v.  H.
Wehrpflichtige  der  zweiten  Generation  in  Berlin  finde.  Wenn  man  mit
Berlin  nicht  zu  Ende  komme,  so  könne  man  auch  den  Zossener  Uebungsplatz
  nicht  bewilligen.  Das  sozialdemokratische  Kommissionsmitglied  aus
Berlin  empfiehlt,  mit  den  Gemeinden  Berlin  und  Tempelhof  in  Verbindung
zu  treten.  Berlin  könne  ganz  Tempelhof  eingemeinden,  das  sei  ein  Weg.
Tempelhof  allein  könne  die  Sache  doch  nicht  machen  Jetzt  plane  man
schon  eine  Untergrundbahn,  das  zeige,  daß  die  Tempelhofer  der  Sache
nicht  gewachsen  seien.  Das  Aufmarschterrain  will  Berlin  zur  Vergrößerung
des  Viktoriaparkes  ankaufen.  Der  Kriegsminister  erklärt,  die  Gesichtspunkte
  des  Vorredners  kämen  für  die  Militärverwaltung  nicht  in  Betracht.
Er  könne  nicht  in  den  Streit  der  Gemeinden  eingreifen.  Wolle  man  bald
verkaufen,  so  müsse  man  andere  Wege  gehen.  Das  Reich  hier  vorzuspannen,
gehe  nicht  an.  Ein  freisinniges  Mitglied  meint,  das  allgemeine  Interesse
komme  hier  auch  in  Frage.  Es  gefalle  ihm  nicht,  daß  der  Kriegsminister
sage:  Wer  am  meisten  gibt,  bekommt  den  Platz.  Man  müsse  hier  die
Grundstücksspekulanten  ausschalten.  Der  Zentrumsredner  hält  es  für  notwendig,
  an  Berlin  zu  verkaufen,  wenn  es  ebensoviel  biete  wie  der  in
Bildung  begriffene  Konzern.  Er  beantragt  eine  Resolution  dahin.  Diese
Resolution  wird  angenommen.

10.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Erste
Lesung  des  Gesetzentwurfs  zur  Abänderung  der  Vorschriften  über
die  Wahlen  zum  Hause  der  Abgeordneten.
        <pb n="118" />
        EEIEIIIITDIIIIIIIIIL

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg  (von  den  Sd.  mit  Pfuirufen
  und  Zurufen:  Volksverräter!  empfangen,  auf  welche  von  der  rechten
Seite  des  Hauses  mit  stürmischen  Rufen:  raus!  geantwortet  wird.  Vizepräsident
  Dr.  Porsch:  Ich  bedaure  es,  daß  einem  Mitgliede  der  königlich
preußischen  Staatsregierung  ein  solcher  Empfang  zu  teil  geworden  ist.)
Mit  Ihrer  Uebereinstimmung  soll  nach  der  Ankündigung  der  Thronrede
vom  20.  Oktober  1908  durch  das  Ihnen  vorgelegte  Wahlgesetz  das  Wahlrecht
  zum  Hause  der  Abgeordneten  auf  den  auf  der  Verfassung  beruhenden
Grundlagen  organisch  fortgebildet  werden.  Ebenso  wie  damals  lehnt  es
auch  heule  die  Staatsregierung  ab,  diese  Grundlagen  zu  verlassen.  Sie
läßt  sich  in  diesem  Entschlusse  auch  nicht  wankend  machen  durch  die  Kritik,
die  vorweg  an  diesem  Gesetzentwurfe  geübt  worden  ist.  Die  Staatsregierung
  hat  den  Entwurf  eingebracht,  keiner  Partei  zu  Liebe  oder  zu
Leide.  Sie  läßt  sich  hierin  auch  nicht  von  Strömungen  der  Oeffentlichkeit
leiten,  sei  es,  daß  diese  eine  radikale  Reform  fordern  oder  jede  Aenderung
entschieden  ablehnen.  Sucht  nach  Popularität  wird  keinen  Schritt  der
Regierung  bestimmen.  Das  will  ich  auch  denen  gesagt  haben,  die  hinter
meinem  Bestreben,  die  Sache  sachlich  zu  behandeln,  Aengstlichkeit  und  Unsicherheit
  wittern.  Aber  noch  einer  anderen  Vorstellung  muß  ich  von  vornherein
  entgegentreten.  Man  hat  es  so  dargestellt,  als  sei  es  gar  nicht  die
wirkliche  Ueberzeugung  der  Staatsregierung,  daß  das  Wahlrecht  geändert
werden  soll,  als  habe  sie  diese  Vorlage  nur  eingebracht,  weil  sie  durch  den
Passus  der  Thronrede  in  eine  Zwangs=  und  Notlage  versetzt  worden  sei.
Man  hat  zwischen  der  Thronrede  und  der  Ueberzeugung  der  Staatsregierung,
  ja  der  des  Königs  selbst  einen  Widerspruch  festzustellen  gesucht.
Daran  ist  kein  Wort  wahr.  Was  die  Thronrede  ankündigt,  ist  die  Willensmeinung
  Seiner  Majestät  des  Königs,  und  für  diese  Willensmeinung  tritt
die  königliche  Staatsregierung  mit  ihrer  vollen  Verantwortung  ein.  Ich
sprach  vorhin  von  Strömungen  in  der  Oeffentlichkeit,  die  die  Reform  des
Wahlrechts  fordern.  Laut  genug  machen  sie  sich  geltend.  Aber  um  so
ruhiger  muß  man  sehen,  was  hinter  ihnen  steht.  Daß  die  Sozialdemokratie
das  Dreiklassenwahlrecht  und  jede  nicht  mindestens  auf  das  Reichstagswahlrecht
  hinauskommende  Reform  in  Grund  und  Boden  verdammt,  das
ist  nicht  verwunderlich;  bei  den  Herren  spricht  der  nackte  Wille  zur  Macht
seine  Sprache.  Sie  hoffen,  mit  einem  Wahlrecht  auf  breitester  demokratischer
  Grundlage  das  Staatsgefüge  Preußens  zu  lockern  und  erblicken
darin  eine  Etappe  auf  ihrem  Wege  zur  allmählichen  Unterminierung  des
monarchischen  Staates.  Auf  dem  Wege  werden  wir  den  Herren  nicht
folgen.  (Abg.  Borgmann:  Sie  werden  schon  müssen!  Gegenrufe  r.:  Ruhel)
Und  darum  bleibt  jede  Agitation  und  jeder  Zwischenruf,  der  von  Ihnen
erfolgt,  auf  die  Entschlüsse  der  Staatsregierung  völlig  wirkungslos.  (Abg.
Borgmann:  Abwarten!  Sie  werden  schon  lernen!  Gegenrufe  r.:  Ruhel!)

Vizepräsident  Dr.  Porsch:  Ich  bitte  um  Ruhe!  Ein  Vertreter
Ihrer  Partei  wird  dann  das  Wort  erhalten.  Ich  muß  aber  verlangen,
daß  Sie  auch  diejenige  Ordnung  respektieren,  die  Sie  für  sich  wünschen.
(Rufe  r.:  Zur  Ordnung  rufen!)  Die  Geschäftsordnung  gibt  leider  kein
Mittel  an  die  Hand,  um  gegen  derartiges  Benehmen  vorzugehen.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Bei  der  Forderung  des
Zentrums  und  des  Freisinns  nach  dem  Reichstagswahlrecht  scheinen  mir
nicht  so  sehr  Sucht  nach  eigener  Herrschaft,  wie  ethische  und  theoretische
Motive  maßgebend  zu  sein.  Das  Zentrum  wird  kaum  an  Sitzen  verlieren,
gleichgültig,  ob  nach  dem  Reichstagswahlrecht  oder  nach  dem  Dreiklassenwahlrecht
  reformiert  wird.  Es  würde  auch  mit  dem  Reichstagswahlrecht
an  Stärke  nicht  gewinnen;  höchstens  würden  die  Persönlichkeiten  wechseln.
        <pb n="119" />
        Das  Beeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.)  111

Und  der  Freisinn  —  kein  Mensch  wird  den  Herren  vorwerfen,  daß  hinter
ihren  Wünschen  eigennützige  Bestrebungen  stehen.  So  glänzende  Zeiten,
wie  in  den  sechziger  Jahren  des  Abgeordnetenhauses,  hat  der  Fortschritt,
der  ausgesprochene  Fortschritt,  im  ganzen  Reichstage  noch  nicht  erlebt,  und
damals  wurde  er  doch  von  einem  Bismarck  bekämpft.  Und  heute?  Die
Landtagswahlstatistik  ist  vielfach  angegriffen  worden.  Aber  es  ist  auch  vielfach
  der  Aufmerksamkeit  entgangen:  heute  verdankt  von  all  den  Herren,
die  die  freisinnige  Vereinigung  ausmachen,  nur  ein  einziger  seinen  Sitz
einer  Majorität  auch  in  der  dritten  Wählerklasse,  also  derjenigen  Wählerklasse,
  der  man  angeblich  mit  dem  Reichstagswahlrecht  zum  Siege  verhelfen
will  und  die  die  entrechteten  Volksmassen  enthalten  soll.  In  dem  Rennen
um  die  Gunst  der  Massen  werden  Sie  (zu  den  Freisinnigen)  hinter  der
Sozialdemokratie  immer  um  mehrere  Pferdelängen  zurückbleiben,  oder  Sie
müssen,  wie  es  in  dem  extremen  Flügel  der  bürgerlichen  demokratischen
Presse  schon  heute  geschieht,  Töne  anschlagen,  die  nicht  mehr  damit  in  Einklang
  stehen,  daß  Sie  die  Vertreter  des  gebildeten  fortgeschrittenen  Bürgertums
  seien.  Verlassen  Sie  aber  erst  einmal  diese  Position,  dann  büßen
Sie  Ihre  Selbständigkeit  und  damit  die  Bedeutung  ein,  die  eine  Fortschrittspartei
  für  das  politische  und  staatliche  Leben  hat.  Sie  würden  zwar
die  Demokratisierung  des  preußischen  Staates,  die  Schwächung  der  Konservativen
  erreichen  und  damit  Ihre  Wünsche  erfüllen,  aber  lachender  Erbe
wäre  ein  dritter.  Ich  wiederhole:  Sucht  nach  eigener  Herrschaft  steht  nicht
hinter  Ihren  Wünschen.  Mit  dem  Zentrum  halten  Sie  jedes  abgestufte
Wahlrecht  und  vollends  das  Dreiklassenwahlrecht  für  verwerflich  und  allein
das  gleiche  Wahlrecht  für  menschenwürdig.  Im  Streit  hierüber  werden
wir  uns  nie  einigen.  Sie  sind  der  Ansicht,  daß  der  nackten  Zahl  und  damit
  der  großen  Masse  der  politische  Einfluß  ausgeliefert  werden  muß,
damit  sich  Preußen  glücklich  entwickle.  Ich  bin  der  Ueberzeugung,  daß  die
nackte  Zahl  zwar  der  bequemste,  aber  nicht  der  alleinige  Gradmesser  für
die  politischen  Rechte  einer  Nation  ist.  Sie  halten  mit  theoretischer  Zähigkeit
  an  einer  überkommenen  Forderung  fest,  unbekümmert  um  alle  Erfahrungen,
  welche  mit  dem  gleichen  Wahlrecht  gemacht  worden  sind  und
gemacht  werden,  unbekümmert  um  die  gewaltige  Verschiebung  der  staatlichen
Verhältnisse,  die  dadurch  eingetreten  ist,  daß  die  Kompetenzen  zwischen  dem
Reich  und  den  Einzelstaaten  geteilt  worden  sind,  und  daß  wir  in  Preußen
selbst  umfangreiche  Staatsaufgaben  auf  die  Kommunalverbände  übertragen
haben.  Sie  werden  es  mir  daher  nicht  verargen,  wenn  ich  in  eine  theoretische
  Diskussion  über  die  Vorzüge  und  Nachteile  des  abgestuften  Wahlrechts
  einerseits  und  des  gleichen  Wahlrechis  andererseits  nicht  eingehe.
Wir  würden  niemals  zu  praktischen  Ergebnissen  hierin  kommen.  Aber
weiter.  Auch  in  den  Kreisen  des  gemäßigten  Liberalismus,  der  für  Preußen
das  Reichstagswahlrecht  verwirft,  und  der  im  Prinzip  an  einem  abgestuften
Wahlrecht  festhält,  ist  die  Bewegung,  welche  eine  Reform  des  bestehenden
Wahlrechts  verlangt,  beinahe  ebenso  lebendig  Ich  halte  es  für  falsch,  diese
Bewegung,  wie  es  wohl  geschieht,  zum  großen  Teil  auf  Stimmungmachen
zurückzuführen.  Es  ist  ja  möglich,  daß  die  radikalen  Wünsche  auf  gewisse
Kreise  abgefärbt  haben.  Die  Suggestionskraft  ist  im  Zeitalter  der  Zeiiungen
groß.  Aber  ich  will  das  nicht  untersuchen.  Kein  Unbefangener  sollte  leugnen,
daß  die  Wablrechtsfrage  auch  für  den  gemäßigten  Liberalismus  zu  einer
sehr  ernsten  Frage  geworden  ist.  So  offen  und  ehrlich  ich  dies  zugebe  und
bewerte,  muß  ich  mich  doch  fragen,  ob  es  wirklich  die  Mängel  des  Landtagswahlrechts
  und  die  Vorzüge  der  erstrebten  Reform  sind,  welche  der
Wahlrechtsfrage  zu  dieser  Bedeutung  verholfen  haben.  Mir  scheint  vielmehr,
  daß  die  Wahlrechtsfrage  allmählich  die  Formel  geworden  ist,  in  der
        <pb n="120" />
        112  Daee  Peristhhe  Reith  und  seine  einteluen  Glieder.  (Februar  10.)

alles,  was  an  politischer  Unzufriedenheit  und  politischer  Mißstimmung  besteht,
  möge  es  mit  dem  Wahlrecht  zusammenhängen  oder  nicht,  zusammengefaßt
  ist.  Und  dann  wird  auch  die  erstrebte  Reform  als  der  Punkt  hingestellt,
  um  den  sich  alles  dreht.  Das  ist  der  Grund,  weshalb  sich  die
Wahlrechtsfrage  so  tief  eingefressen  und  eine  Bedeutung  gewonnen  hat,  die
psychologisch  unendlich  weiter  reicht  als  praktisch.  Darüber  kann  man  nicht
hinwegkommen,  auch  wenn  man  unbesehen  die  Schlagworte  hinnimmt,  in
denen  sich  diese  Stimmung  ausdrückt.  Reaktion,  Bürokratismus,  Polizeiregiment,
  Agrariertum,  agrarischer  Feudalstaat,  Junkertum  sind  ungefähr
die  Dinge,  die  mit  der  Reform  des  Wahlrechts  beseitigt  werden  sollen.
In  ruhiger  Diskussion  wird  wohl  auf  vielen  Seiten  zugegeben  werden,  daß
darin  handgreifliche  Uebertreibungen  liegen,  aber  man  verlangt  die  Modernisierung
  eines  ursprünglich  auf  überwiegend  agrarische,  zum  Teil  angeblich
auch  auf  feudale  Zustände  zugeschnittenen  Wahlsystems,  das  seinerzeit  vielleicht
  den  Zwecken  gedient  habe,  jetzt  aber  veraltet  sei,  nachdem  der  Staat
seinen  feudalen  Charakter  längst  abgestreift  habe.  Das  bestehende  Wahlsystem,
  behauptet  man,  mache  das  Großgrundbesitzertum,  also  den  einseitigen
Konservatismus,  zum  Beherrscher  der  Situation,  während  die  anderen
Stände,  Handel,  Industrie,  Gewerbe,  Arbeiterstand,  längst  in  eine  gleichberechtigte
  Stellung  eingerückt  seien.  Luft  und  Licht  für  alle,  das  ist  der
Grundton  der  Bewegung.  Weil  man  diese  Forderungen  mit  der  Reform
des  Wahlrechts  identifiziert,  darum  greift  die  Wahlrechtsfrage  so  tief.  Nun
kommt  dazu  noch  ein  anderes.  Wir  haben  soeben  in  England  sich  einen
Wahlkampf  mit  beispielloser  Leidenschaft  abspielen  sehen.  Die  Waffen,  die
dort  gebraucht  worden  sind,  waren  zum  mindesten  ebenso  schartig,  wie  sie
bei  uns  gewöhnlich  sind.  Das  ist  im  Wahlkampf  an  sich  nicht  wunderbar,
aber  eine  hundertjährige  politische  Kultur  und  Erziehung  verhindert  die
Engländer,  politische  oder  gar  religiöse  Gegensätze  auf  das  persönliche  und
soziale  Gebiet  zu  übertragen.  Der  Engländer  schätzt  den  Engländer  nicht
danach  ein,  ob  er  politisch  oder  religiös  ebenso  denkt  wie  er.  Bei  uns
sind  wir  noch  nicht  so  weit.  Auf  allen  Seiten  noch  nicht.  Bei  uns  heißt
es  noch  heute,  der  denkt  anders  wie  ich,  also  steht  er  eine  Stufe  tiefer.
Daher  kommt  es,  daß  unsere  politischen  Zustände  von  einem  Gefühl  der
Bitterkeit  überfüllt  sind,  das  tiefer  steckt  als  die  Realitäten  in  politischer
Hinsicht.  Der  Konflikt,  der  im  letzten  Sommer  über  die  Reichsfinanzreform
entstanden  ist,  ist  deshalb  so  scharf  geworden,  weil  er  in  die  Form  der
persönlichen  Verstimmung,  ja  der  Mißachtung  übergeht.  Ich  will  die  Schuldfrage
  nicht  untersuchen.  Hier  scheinen  alle  schuld  zu  sein.  Nun  gibt  es
am  Dreiklassenwahlrecht  Dinge,  die  als  Mißstände  empfunden  werden  und
Mißstände  sind,  und  man  erwartet  von  einer  radikalen  Form  dieses  Wahlrechts
  den  Wandel  aller  Dinge.  Das  ist  die  Täuschung!"  Es  moöchte  sich
hören  lassen,  wenn  es  möglich  wäre,  die  politischen  Kräfte  der  Nation  rein
ziffernmäßig  genau  gegeneinander  abzuwerten  und  dann  die  Verhältnisse  im
Parlament  zusammenzufassen.  Aber  das  sind  Theorien,  und  wichtiger  als
die  Theorie  scheint  mir  doch  die  Praxis.  Es  ist  zunächst  unrichtig,  daß
das  preußische  Wahlsystem  auf  agrarische  und  feudale  Verbältnisse  zugeschnitten
  ist.  Wie  ist  es  denn  in  Wirklichkeit  gewesen?  Das  Abgeordnetenhaus
  ist  von  fortschrittlichen  zu  nationalliberalen  und  von  nationalliberalen
zu  konservativen  Majoritäten  gekommen.  Dafür  ist  nicht  die  Form  des
Wahlsystems,  sondern  dafür  ist  die  Dreiteilung  bestimmend  gewesen,  die
die  Parteien  zu  den  aktnellen  politischen  Problemen  eingenommen  haben.
Trifft  es  denn  weiter  zu,  daß  die  Mängel,  die  man  dem  preußischen  Wahlsystem
  nachsagt,  die  angebliche  Entrechtung  der  Volksmassen,  die  Bevorzugung
  des  Agrariertums,  des  Großgrundbesitzes,  sein  plutokratischer  Cha-
        <pb n="121" />
        Das  Denisqhe  Reich  nad  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.)  113

rakter,  daß  diese  Mängel  die  Arbeit  und  Politik  des  Abgeordnetenhauses
auf  eine  die  niederen  Stände  bedrückende,  einseitige  und  plutokratische
Richtung  bringen.  Es  ist  so  sehr  Sitte  geworden,  Preußen  als  das  Land
der  finstersten  Reaktion  hinzustellen,  daß  ich  mich  schon  im  voraus  auf  die
Krinik  freue,  die  mir  von  denen  zu  teil  werden  wird,  von  denen  diese  Behauptung
  aufgestellt  wird.  Ich  fürchte  sie  aber  nicht.  Es  ist  notwendig,
einer  Farce,  die  immer  wieder  als  ein  Gespenst  aus  vormärzlicher  Zeit
hervorkommt  und  schließlich  im  In-  und  Auslande  als  ein  lebendiges  Wesen
angesehen  wird,  einmal  ins  Gesicht  zu  sehen.  Nicht  um  einen  Lobeshymnus
auf  die  preußischen  Zustände  anzustimmmen,  das  wäre  genau  so  abgeschmackt,
wie  das  Häufen  von  Schimpf  und  Schande,  das  Beschmutzen  des  eigenen
Nestes,  abgeschmackt  und  unwürdig  ist.  Was  behauptet  man  nicht  alles,
um  zu  zeigen,  daß  das  preußische  Gesetz,  das  mit  Ihrer  Hilfe  und  Zustimmung
  gemacht  worden  ist,  einen  einseitigen,  rückschrittlichen,  reakrionären
Charakter  hat,  den  man  als  Signatur  seines  Wahlsystems  bezeichnet?  Die
preußischen  Finanzen  beruhen,  wenn  man  in  großen  Zügen  spricht,
auf  den  Einnahmen  aus  den  staatlichen  Betriebsverwaltungen  und  aus  den
staatlichen  Steuern.  Kein  Mensch  kann  der  preußischen  Einkommensteuer
und  Vermögenssteuer  vorwerfen,  daß  sie  die  Reichen  zuungunsten  der
Armen  bevorzugt,  und  noch  jede  Novelle,  die  wir  neuerdings  zu  diesem
Gesetz  gemacht  haben,  hat  die  Tendenz  weiter  verfolgt,  die  Bemittelten  zugunsten
  der  Unbemittelten  stärker  heranzuziehen.  Sehr  demokratisch  regierte
Länder  kämpfen  seit  Jahren,  aber  vergeblich,  um  eine  solche  Steuerreform.
Gewiß,  die  wenigsten  Menschen  zahlen  Steuern  gern.  Aber  ich  habe  nicht
gefunden,  daß  die  Masse  des  preußischen  Volkes  gerade  unter  dieser  preußischen
Staatssteuergesetzgebung  seufzt.  Dagegen  wird  gerade  die  reichste  Steuergesetzgebung
  als  agrarisch  gebrandmarkt,  die  wir  in  dem  auf  Grund  des
allgemeinen,  gleichen,  direkten  und  geheimen  Wahlrechts  gewählten  Reichstag
  beschlossen  haben.  Ich  halte  diese  Vorwürfe  für  nicht  begründet,  aber
sie  werden  erhoben,  und  gerade  das  letzte  Reichssteuergesetz  hat  in  jenen
Kreisen  besondere  Mißstimmung  hervorgerufen,  die  jetzt  für  Preußen  das
Reichstagswahlrecht  verlangen.  Unsere  Betriebsverwaltung!"  Ich  wüßte
nicht,  daß  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen,  diese  für  unsere  gesamte
Finanzgebarung  grundlegende  Maßregel,  unsozial  wäre.  Im  Gegenteil,
die  Art  und  Weise,  wie  wir  mit  den  von  Ihnen  bewilligten  Mitteln  in
den  staatlichen  Betriebsverwaltungen  die  Lohnfrage  der  Arbeiter  regeln,
wie  wir  in  der  Eisenbahnverwaltung  z.  B.  nicht  unbedeutende  Aufwendungen
machen,  um  die  Stellung  der  Arbeiter  über  die  Bezüge  hinaus,  die  ihnen
aus  den  Reichsgesetzen  zustehen,  zu  verbessern,  die  Aufwendungen  zur  Verbesserung
  der  Wohnungsverhältnisse  der  minderbemittelten  Beamten  und
Arbeiter  —  all  das  sind  Zeichen  dafür,  daß  das  preußische  Parlament  seiner
sozialen  Verpflichtung  sich  wohl  bewußt  ist.  Natürlich,  die  Sozialdemokraten
verlangen  sehr  viel  mehr.  (Zuruf  d.  Sd.:  Koalitionsrecht!)  Aber  wer  sich
genauer  umsieht,  wird  finden,  daß  viele  sehr  gut  geleitete  Privatbetriebe
in  der  Nachbarschaft  der  Staatsbetriebe  gar  nicht  in  der  Lage  sind,  den
Arbeitern  die  gleiche  Lebenshaltung  zu  gewährleisten,  wie  die  staatlichen.
Ich  muß  noch  einen  weiteren  hervorstechenden  Zug  der  preußischen  Gesetzgebung
  anführen,  einen  grundlegenden,  ich  habe  ihn  vorhin  schon  in  anderem
Zusammenhange  flüchtig  gestreift,  den  Ausbau  der  Selbstverwaltung  im
weitesten  Sinne  des  Wortes.  Ich  lege  dabei  nicht  das  Gewicht  auf  die
formale  Seite  der  Sache,  ich  weiß,  die  Liberalen  haben  eine  ganze  Reihe
von  Wünschen,  wohl  aber  auf  den  materiellen  Inhalt  dieser  Selbstverwaltung
  und  da  kann  man  ohne  jede  Uebertreibung  sagen,  daß  der  Schwerpunkt
  der  wirtschaftlichen  und  kulturellen  Entwicklung  des  Landes  in  der

Europäischer  Geschichtskalender.  II.  8
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        114  ##  enische  Reich  and  seine  einjelnen  GSlieder.  (Februar  10.)

Tätigkeit  der  Kommunalverbände  liegt,  der  engeren  und  der  weiteren,  der
Gemeinden,  Kreise  und  Provinzen  und  der  Genossenschaften  jeglicher  Art,
kurz  in  der  Bildung  aller  Verbände,  die  dem  Staatsorganismus  eingegliedert
sind,  und  die  doch  das  Wohl  und  Wehe  des  einzelnen  Staatsbürgers  richtig
zu  beurteilen  die  nächsten  sind.  Daran  sollte  man  doch  erinnern,  wenn
man  über  die  preußischen  Zustände  als  reaktionär  und  rückständig  spricht.
Tendenz  unserer  Gesetzgebung  in  den  letzten  70  Jahren  ist  es  gewesen,  einen
immer  und  immer  größeren  Kreis  von  Aufgaben,  welche  bis  dahin  zentralistisch
  vom  Staate  erfüllt  werden,  auf  die  Kommunalverbände  zu  übertragen.
  Das  ist  nicht  geschehen,  um  den  Staat  zu  entlasten,  sondern  weil
es  einem  fortschrittlichen  Siaatswesen  nur  auf  diesem  Wege  möglich  ist,  die
Entwicklung  des  Landes  zu  fördern  und  dabet  gleichzeitig  die  Bevölkerung
zur  Mitarbeit  an  ihren  Geschicken  heranzuziehen,  wie  es  in  ähnlicher  Weise
bisher  noch  kein  Parlament  und  kein  parlamentarisches  Wahlrecht  gewährleisten
  kann.  Der  Kulturarbeit,  welche  die  preußischen  Kommunen  geleistet
haben  und  leisten,  braucht  sich  Preußen  weder  vor  dem  Inlande  noch  vor  dem
Auslande  zu  schämen.  Eine  solche  Gesetzgebung  aber,  die  diesen  Gedanken
verfolgt,  die  damit  nur  ausgebaut  hat,  wozu  Stein  und  Hardenberg  den
Grund  legten,  kann  man  nicht  reaktionär  nennen.

Nun  zum  Kapitel  Polizeiwesen.  Ich  kenne  keine  Gesetzgebung,  die
wie  die  preußische  in  so  minutiöser  Weise  den  Rechtsstaat  auszubauen  versucht
  und  jede  Polizetübung  so  mit  dem  Schutyze  von  Garantien  umgibt.
So  weit  sind  wir  gegangen,  daß  wir  auf  diesem  Wege  eine  neue  Art  bureaukrarischer
  Umständlichkeit  und  Vielschreiberei  geschaffen  haben,  zu  deren  Beseitigung
  man  jetzt  um  Hilfe  ruft.  Endlich,  meine  Herren,  die  behauptete
einseitige  Bevorzugung  des  Agrariertums  zuungunsten  des  vierten  Standes!
Dabei  vergißt  man  doch  ganz,  daß  fast  die  gesamte  Gesetzgebung,  wo  eine
solche  Einseitigkeit  hervortreten  soll,  von  Preußen  auf  das  Reich  übertragen
worden  ist.  Wollte  man  auch  hier  ein  Wahlsystem  verantwortlich  machen,
so  wäre  es  nicht  das  Dreiklassenwahlrech:,  sondern  es  wäre  wiederum  das
Reichstagswahlrecht  Wenn  in  allen  diesen  Beziehungen,  die  ich  kurz  gestreift
  habe,  das  Dreiklassenparlament  so  ganz  versagt  hätte,  wenn  es  wirklich
die  rückschrittliche  Politik  getrieben  hätte,  die  man  ihm  nachsagt,  ohne  die
Dinge  zu  kennen,  dann  wünrde  ich  vielleicht  die  Leidenschaftlichkeit  begreifen,
mit  der  man  für  eine  radikale  Aenderung  unseres  Wahlrechts  eintritt.  Wie
die  Dinge  aber  liegen,  ist  es  nicht  zu  begreifen.  Oder  lassen  Sie  mich  von
einem  etwas  veränderten  Standpunkte  aus  folgendes  sagen:  Ich  glaube  ja
nicht,  daß  der  gemäßigte  Liberalismus  die  preußische  Gesetzgebung,  wie  ich
sie  soeben  in  einigen  Hauptpunkten  flüchtig  skizziert  habe  und  an  der  er
durchwegs  selber  mitgearbeitet  hat,  für  so  rückschrittlich  hält.  Ich  glaube
auch  nicht,  daß  der  gemäßigte  Liberalismus  der  kanservativen  Partei  im
ganzen  absolut  rückschrittliche  Tendenzen  zuspricht.  Was  die  Herren  meinen,
das  ist  das:  sie  behaupten,  daß  die  Regierung  in  der  Verwaltung  und  in
der  Anwendung  der  Gesetze  die  Konservativen  einseitig  bevorrechte.  (Lebhaftes
  Sehr  richtig!  l.)  —  Sie  werden  schon  hören,  wie  weit  das  richtig
ist,  meine  Herren!  —  daß  sie  einseitig  konservative  Anschauungen  vertrete
und  daß  sie  das  tue  oder  tun  müsse,  unter  dem  Drucke  der  mit  dem  Dreiklassenwahlrecht
  übermächtig  gewordenen  konservativen  Partei.  (Lebhafte
Zustimmung  l.)  MWir  werden  uns  schon  noch  sprechen!  Darum  soll  also
das  Mahlrecht  geändert  werden.  Das  führt  mich  zu  der  Stellung  der
Regierung  zu  den  Parteien.  Ich  habe  böse  Dinge  darüber  zu  hören
bekommen,  daß  ich  im  Reichstag  gesagt  habe,  wir  könnten  in  Deutschland
keine  Parteiregierung  haben.  Widerlegt  hat  mich  niemand  und  kann  auch
niemand.  Wir  müßten  ja,  abgesehen  von  allem  anderen,  zunächst  einmal
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        Das  Denische  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.)  115

die  staatsrechtliche  Stellung  des  Bundesrats  beseitigen,  wenn  wir  zu  einer
Parteiregierung  kommen  sollten.  Eine  preußische  Staatsregierung,  die  in
dem  Sinne  sich  als  Parteiregierung  etablieren  wollte,  daß  sie  einseitig  die
Geschäfte  einer  bestimmten  Partei  führt,  daß  sie  sich  als  deren  rerum  gestor  oder
als  ihren  Mandatar  gebrauchen  läßt  oder  —  richtiger  gesagt  —  mißbrauchen
ließe,  die  würde  dem  historischen  Preußen  sein  Ende  vorbereiten;  und  eine
Partei,  die  es  beanspruchte  oder  die  es  auch  nur  versuchte,  eine  Regierung
so  in  ihren  Bann  zu  zwingen,  würde  der  Totengräber  Preußens  sein.
Preußen  läßt  sich  nicht  in  das  Fahrwasser  des  Parlamentarismus  verschleppen,
  solange  die  Macht  seines  Königtums  ungebrochen  ist.  An  der
Macht  dieses  Königtums,  dessen  stolze  Tradition  es  ist,  ein  Königtum  für
alle  zu  sein,  wird  nicht  gerührt  werden.  Eine  Regierung,  die  sich  in  den
Dienst  einer  einzelnen  Partei,  und  sei  es  auch  der  stärksten,  stellte,  die  sich
nicht  in  ihrem  gesamten  Organismus,  auch  in  ihrer  Beamtenschaft,  Selbständigkeit
  gegenüber  den  Parteien  bewahrte,  die  würde  dem  Lande  einen
halben  Parlamentarismus  vortläuschen,  der  außer  allen  übrigen  Mängeln
des  Parlamentarismus  noch  den  besonderen  hätte,  daß  er  innerlich  unwahr
und  ungerecht  wäre.  Auch  die  konservative  Partei  will  und  muß  ihre  Unabhängigkeit
  und  ihre  Selbständigkeit  gegenüber  der  Regierung  wahren.
Je  mehr  Sie  (z.  d.  K.)  Ihre  Stärke  allein  auf  die  eigene  Kraft  und  die
Ueberzeugung  Ihrer  Angehörigen  begründen,  um  so  besser  wird  es  nicht
nur  für  die  Regierung  und  den  Staat,  sondern  auch  für  Sie  selbst  sein,
eine  um  so  stärkere  Stütze  Preußens  werden  Sie  damit  werden.  Aber  dieselbe
  Unabhängigkeit  auch  der  Regierung  werde  ich  Ihnen  gegenüber  wahren.
Ich  habe  in  diesem  Zusammenhang  ausdrücklich  und  absichtlich  die  Beamtenschaft
  berührt.  Das  ist  ein  Punkt,  auf  den  die  Herren  von  den  liberalen
Parieien  in  der  Wahlrechtsfrage  immer  wieder  hinweisen  und  über  den
man  sich  mit  voller  Offenheit  aussprechen  muß.  Sie  von  der  liberalen
Seite  behaupten  vielfach,  daß  die  politischen  Beamten  und  insonderhbeit  die
Landräte  nicht  nur  die  Konservativen  unterstützen,  wie  bei  den  Wahlen
ihnen  Handlangerdienste  leisten,  sondern  daß  sie  auch  eine  freie  Wahlentfaltung
  verhindern.  Der  Beamte  ist  ein  Diener  des  Staates.  (Zuruf  b.
d.  L.:  Sollte  er  sein!  Zuruf  b.  d.  Sd.:  Ein  Diener  der  Junker!  Unruhe  r.
Vizeprändent  Dr.  Porsch:  Ich  bitte  wirklich,  keine  Zwischenrufe  zu  machen.)
Der  Beamte  ist  ein  Diener  des  Staates  und  nicht  Diener  einer  Partei.
(Stürmischer  Widerspruch  l.,  vielfache  Zurufe:  So  sollte  es  sein!)  Wie  die
politischen  Beamten  die  Regierungspolitik  zu  vertreien  haben,  gegenüber
allen  Parteien  zu  vertreten  haben,  darüber  bestehen  feste  und  allgemein  bekannte
  Grundsätze.  (Zurufe  b.  d.  L.:  Die  werden  nicht  beachter!)  Jede
Leugnung  dieser  Grundsätze  würde  den  Zerfall  des  Staatsorganismus  bedeuten.
  Natürlich  muß  der  Beamte  für  seine  Person  eine  feste  politische
Ueberzeugung  haben.  Sonst  wäre  er  kein  guter  Beamter,  sonst  könnte  er
sich  in  seinem  Amtsbezirk  nicht  die  Achtung  verschaffen,  deren  er  bedarf.
Es  werden  aber  bierbei  an  den  Takt  und  das  Verantwortlichkeitsgefühl  der
Beamten  große  und  schwere  Anforderungen  gestellt.  Diese  Anforderungen
erhöhen  sich  dadurch,  daß  unsere  Landräte  durch  die  Dezentralisation  der
Staatsgeschäfte  und  durch  die  Entfaltung  des  kommunalen  Lebens  in  eine
Instanz  gerückt  sind,  die  sie  zu  Vertretern  fast  der  gesamten  Lebensinteressen
der  Kreisbevölkerung  ohne  Rücksicht  auf  die  politische  Richtung  machen.
Wenn  sich  aber  die  politischen  Gegensätze  —  und  Gott  sei  Dank  ist  das
nicht  der  Fall  —  dazu  auswachsen  sollten,  daß  der  Beamte  seine  Macht
politisch  mißbraucht,  so  kann  das  für  den  Staat  nur  verhängnisvoll  sein.
Es  würde  das  die  Liebe  zur  Bevölkerung,  die  Treue  zur  staatlichen  Mitarbeit
  gefährden,  Eigenschaften,  ohne  welche  ein  Staat,  wie  Preußen,  mit
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seinem  beispiellosen  wirtschaftlichen  Aufschwung  nicht  leben  kann.  Jede  Verfehmung
  des  Andersdenkenden  rächt  sich.  Deutschland  und  Preußen  wissen
davon  ein  trübes  Lied  zu  singen.  Denken  Sie  an  die  Zeiten  der  zwanziger
und  dreißiger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts,  erinnern  Sie  sich  des  Drucks,
der  auf  dem  Volk  lastete.  Aber  so  gut  ich  sage:  wo  ein  solcher  Mißbrauch
stattfinden  sollte,  mißbillige  ich  ihn  auf  das  entschiedenste.  (Lautes  Lachen  l.)
Lachen  Sie  nicht  immer.  Wenn  Sie  nichts  Besseres  dagegen  einzuwenden
haben,  dann  schweigen  Sie  lieber.  (Lärm  l.,  Zustimmung  r.)  Also  ich
sage,  ich  verurteile  ebensogut  jeden  Mißbrauch,  wie  ich  jede  Chikane  verurteile.
  Alles  das  sind  kleinliche  Maßregeln,  die  weder  des  Staates,  noch  des
Beamten,  noch  der  Partei  würdig  sind,  für  die  sie  geleistet  werden.  Aber
dagegen  protestiere  ich,  daß  man  unserem  politischen  Beamtentum,  unsern
Landräten  in  ihrer  Allgemeinheit  oder  auch  nur  in  einem  irgendwie  nennenswerten
  Umfang  die  Tendenzen  in  ihrer  Amtsführung  andichtet,  von  denen
ich  soeben  gesprochen  habe.  Ich  glaube  das  zu  wissen,  ich  glaube  das  persönlich
  zu  wissen.  Ich  habe  lange  genug  selber  i  im  preußischen  Verwaltungsdienst
  gestanden.  Unsere  Landräte  sind  mit  den  wirtschaftlichen  Interessen
ihres  Kreises  so  verwachsen,  die  gehen  so  in  der  Arbeit  für  diese  Interessen
auf,  sie  erfreuen  sich  auch  in  ihrer  überwiegenden  Mehrzahl  so  des  Vertrauens
  ihrer  Kreisbewohner,  daß  es  ein  Unrecht  ist,  Ausnahmen,  die  überall
vorkommen,  der  Allgemeinheit  zur  Last  zu  legen  und  von  Gebräuchen  und
Mißbräuchen  einzelner  auf  den  Geist  zu  schließen,  der  in  der  Verwaltung
herrscht.  Noch  ein  Wort  über  den  Vorwurf,  den  man  im  Zusammenhang
hiermit  den  Beamten  macht.  Man  sagt,  das  preußische  Beamtentum  sei
verknöchert.  Der  Geist  eines  Beamtentums  wie  das  preußische  ist  nicht
willkürlich,  nicht  zufällig.  Er  ist  gewachsen  und  geworden  mit  der  Geschichte,
mit  der  Entwicklung  des  Staates,  bei  der,  was  man  heute  so  gern  vergißt,
das  Beamtentum  wirklich  keine  unwürdige  Rolle  gespielt  hat.  Die  ganze
Geschichte  der  Entwicklung  Preußens  ist  ein  Zeichen  dafür.  Das  hat  seiner
Art  den  strengen  und  vielfach  barschen  Charakter  gegeben,  durch  den  es  das
Errungene  behauptet  hat.  Wenn  Sie  das  konservativ  nennen  wollen  —
aber  Preußen  ist  dadurch  ein  Staat  geworden.

Ich  habe  diese  Ausführungen  gemacht,  nicht  um  der  preußischen
Verwaltung  eine  Lobrede  zu  halten,  ich  habe  dabei  auch  auf  Mängel  und
Fehler  hingewiesen,  die  zum  Teile  schuld  sind  an  dem  Mißmut,  der  weite
Kreise  des  Volkes  erfüllt.  Dieser  Unmut  (Sehr  richtig  l.)  greift  viel  weiter
und  anderswohin,  als  wohin  Sie  meinen,  die  Sie  mir  „Sehr  richtig!“
zuriefen.  Hinter  diesem  ganzen  Unmut  steckt  das  unbehagliche  Gefühl,
daß  wir  nach  dem  Aufschwung,  den  wir  genommen  haben,  uns  kulturell
in  einer  Periode  der  Stagnation  befinden.  Lassen  Sie  mich  nur  zwei
Punkte  herausgreifen.  Die  Sorge  darum.  ob  wir  mit  der  höheren  wissenschaftlichen
  Erziehung  und  Bildung  unserer  Jugend  noch  auf  dem  richtigen
Wege  sind,  erfüllt  weite  Kreise  unseres  Volkes  mit  Besorgnis.  Wir  werden
uns  der  Lösung  dieses  Erziehungsproblems  auf  die  Dauer  nicht  entziehen
können.  Und  auf  religiösem  Gebiet.  Ich  will  nicht  von  Konfessionen
sprechen,  es  liegt  mir  auch  fern,  irgendwelche  religiösen  oder  kirchlichen
Ueberzeugungen  antasten  oder  gar  verletzen  zu  wollen;  aber  die  tiefe
irreligiöse  Bewegung,  die  seit  Jahren  die  weiten  Schichten  unseres  Volkes
durchzieht,  gibt  mir  das  Recht  dazu,  zu  sagen,  daß  der  Drang  nach  innerlich
  vertieftem  religiösen  Leben,  der  immer  ein  Grundpfeiler  deutschen
Wesens  gewesen  ist  und  hoffentlich  für  alle  Zukunft  bleiben  wird,  nicht
mehr  überall  vorhanden  ist.  Ich  bin  abgeschweift.  Aber  man  muß  auf
alle  diese  Quellen  zurückgehen,  um  zu  erkennen,  weshalb  diese  Mißstimmung,
  von  der  ich  sprach,  in  unserem  Volke  vorhanden  ist.  Und  diese
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        Das  Denische  Reich  uud  seine  einzeluen  Glieder.  (Februar  10.)  117

Mißstimmung  verlangt  auch  eine  Reform  des  preußischen  Wahlrechts.
Man  wiegt  sich  in  der  Hoffnung,  daß  darin  der  Anfang  zu  allem  Guten
gefunden  sei,  wenn  erst  das  preußische  Dreiklassenwahlrecht  abgeschafft
worden  ist.  Ich  muß  aber  immer  wieder  betonen,  daß  das  ein  großer
Fehlgriff  für  alle  diejenigen  ist,  die  in  der  Demokratisierung  des  preu-Phischen
  Staates  nicht  das  große  Heil  erblicken,  und  damit  komme  ich  auf
meine  vorigen  Aeußerungen  zurück.  Wem  es  darum  zu  tun  ist,  alle  Anklänge
  an  einen  Klassenstaat  zu  beseitigen,  wird  mir  zugeben,  daß  das
Fragen  der  politischen  Kultur  und  Erziehung  sind,  die  viel  weiter  reichen
als  die  Form  des  Wahlsystems,  und  soweit  sie  mit  dieser  Form  des  Wahlsystems
  zusammhängen,  behaupte  ich,  daß  politische  Kultur  und  Erziehung
nicht  gefördert  werden,  sondern  leiden,  je  demokratischer  das  Wahlrecht
gestaltet  ist.  Es  hat  eine  Zeit  gegeben,  wo  das  Parlament  die  politische
Bildung  des  Volkes  ausmachte.  Mir  scheint  diese  Zeit  vorüber  zu  sein.
Was  einer  unserer  bedeutendsten  politischen  Schriftsteller  die  Politisierung
der  Gesellschaft  nannte,  kann  nur  noch  von  den  unteren  Elementen  der
Gesellschaft  und  des  Staates  ausgehen.  Dort  wird  der  allgemeine  formale
RNahmen  der  Gesetzgebung  von  wirklichem  Leben  erfüllt.  Dort,  wo  man
die  Wirkung  der  Gesetzgebung  am  eigenen  Leibe  fühlt,  vollzieht  sich  die
Erziehung  zum  staatlichen  Verantwortlichkeitsgefühl,  das  die  Grundlage
allen  politischen  Lebens  ist.  Und  vergleichen  Sie,  welchen  Anteil  denn  das
Volk  an  der  Tätigkeit  der  Parlamente  in  seiner  großen  Masse  nimmt.
Ich  spreche  nicht  von  Fällen,  wo  Lebensfragen  der  Nation,  wo  die  Frage:
Krieg  oder  Frieden,  das  Volk  bis  in  seine  Tiefen  aufrührt.  Das  wäre
nicht  der  richtige  Maßstab.  Aber  welchen  Anteil  nimmt  das  Volk  an  der
laufenden  sachlichen  Arbeit  der  Parlamente?  Die  Presse  hat  die  Sitte
aufgebracht,  von  dem  Parlament  Stimmungsbilder  zu  liefern,  bei  denen
man  häufig  den  Eindruck  hat,  als  sollte  das  ein  Bericht  über  eine  Theatervorstellung
  sein.  Verläuft  die  Sitzung  ruhig  und  sachlich  —  und  würde  es
sich  selbst  um  die  wichtigsten  Gegenstände  handeln  —  dann  heißt  es,  daß
öde  Langweile  über  dem  Saale  lagerte.  Aber  wenn  ein  „großer  Tag“
ist,  dann  wird  davon  gesprochen,  welche  Weste  der  Minister  angelegt  hatte.
Und  lustig  wird  er,  wenn  berichtet  werden  kann,  daß  der  oder  jener
Abgeordnete  temperamentvolle  Angriffe  gegen  den  Minister  richtete,  wobei
er  energische  Töne  fand  und  womöglich  ein  paar  Ordnungsrufe  erhielt.
So  wird  das  Volk  verführt,  in  der  Sensation  den  Kernpunkt  der  Politik
zu  finden.  Ich  will  damit  keine  Kritik  an  der  Tätigkeit  der  Presse  üben,
aber  ich  muß  doch  fragen,  ob  die  Behauptung  gerechtfertigt  ist,  daß  die
Parlamente  das  Zentrum  sind,  von  dem  aus  politische  Bildung  und
Erziehung  auf  die  Volksmassen  ausstrahlt,  oder  ob  nicht  umgekehrt  die
Demokratisierung  des  Parlamentarismus  in  allen  Ländern  dazu  beigetragen
  hat,  die  politischen  Sitten  zu  verflachen  und  zu  verrohen  und
den  Fortschrittsprozeß  zu  hemmen,  dessen  wir  dringend  bedürfen  und
zu  dessen  Förderung  jetzt  die  Reform  des  preußischen  Wahlrechts  gemacht
  wird.

Ich  habe  alle  diese  Ausführungen  gemacht,  um  einer  Ueberschätzung
des  Wahlrechts  in  seinen  Gründen  und  Wirkungen  entgegenzutreten.  Ich
habe  damit  vielleicht  Ihre  Geduld  übermäßig  in  Anspruch  genommen.
Aber  wenn  behauptet  wird,  daß  die  Wahlrechtsfrage  im  Mittelpunkt,  im
Zenit  unseres  gesamten  politischen  Lebens  steht,  dann  konnte  auch  ich  an
den  allgemeinen  Fragen  nicht  vorübergehen.  Lassen  Sie  mich  in  kurzen
Worten  und  in  allgemeinen  Zügen  zunächst  auf  die  Grundlagen  der  Reform
eingehen,  die  wir  Ihnen  vorlegen.  Mir  ist  mehrfach  der  Gedanke  entgegengehalten
  worden,  die  Regierung  müsse  eine  gründliche  Liberalisierung
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des  Wahlrechts  vorschlagen,  sonst  werde  die  Sozialdemokratie  noch  mehr
gestärkt.  Der  Vorschlag  leidet  an  zwei  großen  Fehlern.  Erstens  ist  Furcht
immer  der  schlechteste  Ratgeber,  und  zweitens,  glaubt  man  denn,  daß  die
Sozialdemokratie  sich  mit  irgendeinem  Wahlrecht  begnügen  würde,  das
sie  nicht  zur  Herrschaft  bringt!?  So  unschuldig  sind  wir  doch  nicht,  das
zu  glauben.  Wenn  wir  aber  bereits  so  weit  sein  sollten,  daß  große  Teile
der  bürgerlichen  Parteien  zur  Sozialdemokratie  übergehen,  weil  ihnen  das
Wahlrecht  nicht  genügt,  so  trägt  dieses  daran  nicht  die  Schuld,  sondern
der  Mangel  an  staatlichem  Sinn  bei  den  Ueberläufern.  (Zuruf  l.:  Die
Regierung  ist  schuld!)  Die  Regierung  kann  nur  eine  Reform  vorschlagen,
welche  in  Anknüpfung  an  das  historisch  Gewordene  Bestimmungen  beseitigt,
die  keine  innerliche  Berechtigung  mehr  haben,  und  die  Vorsorge  trifft,  daß
das  zu  Erhaltende  sich  nicht  zu  schädlichen  Formen  auswächst.  Das  tut
die  Regierung  in  dem  Entwurf,  und  das  zu  tun  ist  ihre  Pflicht.  Wie  oft
wird  in  der  Wahlrechtsagitation  das  bekannte  Verdikt  des  Fürsten  Bismarck
über  das  Dreiklassenwahlrecht  zitiert,  namentlich  von  denjenigen,  die  seinerzeit
  die  erbittertsten  Gegner  Bismarcks  waren.  Daß  Bismarck  trotz  dieses
Verdikts  in  dreißigjähriger  Tätigkeit  das  Wahlrecht  nicht  geändert  hat,
daß  er  am  Ende  seines  Lebens,  als  er  die  Entwicklung  in  Deutschland  und
Preußen  überschaute,  in  seinen  Gedanken  und  Erinnerungen  eine  ganz
andere  Anschauung  bekundet  hatte,  das  wird  übersehen.  Man  stellt  eben
Bismarck  als  den  Theoretiker  hin,  der  uns  das  Reichstagswahlrecht  gegeben
  habe,  weil  er  es  für  das  vollkommenste  gehalten  hätte,  und  das
Dreiklassenwahlrecht  verdammt  habe.  Aber  er  hat  es  nicht  geändert.  Wenn
man  Bismarck  zum  Kronzengen  für  eine  radikale  Reform  des  Wahlrechts
anruft,  so  ist  das  also  eine  grenzenlose  historische  Voraussetzungslosigkeit.
Lesen  Sie  doch  die  Rede  vom  28.  März  1867  durch,  in  der  Sie  jene  Kritik
des  Dreiklassenwahlrechts  finden.  Darin  sagt  Bismarck  vom  Reichstagswahlrecht,
  dessen  Mängel  er  ausdrücklich  anerkennt,  daß  es  uns  überkommen
sei  als  ein  Erbteil  der  Entwicklung  deutscher  Einheitebestrebungen.  Es  sei
eben  da  gewesen.  Die  Verbündelen  Regierungen  hätten  genommen,  was
vorlag  und  wovon  sie  glaubten,  daß  es  am  leichtesten  annehmbar  sein
würde:  weitere  Hintergedanken  hätten  sie  nicht  gehabt.  Ich  glaube,  schärfer
und  präziser  kann  der  rechtliche  und  geschichtliche  Geist  Bismarcks  in  der
Politik  gar  nicht  gekennzeichnet  werden,  und  auch  die  heutige  Regierung
muß  sich  auf  diesen  geschichtlichen  Boden  stellen.

Auf  die  einzelnen  Bestimmungen  der  Vorlage  will  ich  hier  nicht
eingehen,  nur  einen  Punkt,  einen  negativen,  will  ich  kurz  hervorheben.
Der  Entwurf  hält  am  öffentlichen  Wahlrecht  sest.  Er  ist  um  deswillen
von  vornherein  für  unbrauchbar,  für  unwürdig,  für  unanständig  erklärt
worden.  Das  ist  ja  das  Votum,  mit  dem  man  bis  in  die  gebildetsten
Kreise  der  Bürger  hinein  die  Einrichtungen  des  eigenen  Staates  zu  belegen
  liebt.  Die  Frage  der  öffentlichen  und  der  geheimen  Stimmabgabe
ist  auch  eine  Ueberzeugungssache.  Das  öffentliche  Wahlrecht  hat  so  gut
seine  Vorzüge  und  Nachteile  wie  das  geheime.  Wir  haben  das  öffentliche.
Sollen  wir  von  ihm  abgehen,  so  müssen  wir  überzeugt  werden,  daß  das
geheime  Wahlrecht  theoretisch  und  praktisch  das  für  Preußen  absolut  bessere
sei.  Die  Oeffentlichkeit  der  Stimmabgabe,  so  meint  man,  soll  es  nicht  ermöglichen,
  in  voller  Unabhängigkeit  der  eigenen  politischen  Ueberzeugung  Ausdruck
  zu  geben.  Man  soll  doch  den  Begriff  dieser  Unabhängigkeit  nicht  übertreiben.
  Unser  ganzes  Leben  setzt  sich  aus  Abhängigkeiten  zusammen.  Ganz
frei  und  unabhängig  in  der  Luft  schweben,  ist  ein  Phantom.  Die  Abhängigkeit,
  die  des  Lebens  Notdurft  schafft,  ist  die  gottgegebene  Abhängigkeit,
  von  der  Bismarck  einmal  sprach.  Die  Abhängigkeit,  die  der
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        Das  Beenssche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Februar  10.)  119

Kampf  der  Parteien  nicht  zufällig  mit  sich  bringe,  nein,  sich  ausdrücklich
zum  Ziele  setzt,  diese  Abhängigkeiten  begleiten  den  Wähler  auch  in  die
Isolierzelle  des  Wahlraums  hinein,  und  es  ist  der  dringende  und  heiße
Wunsch  jeder  Partrileitung,  daß  ihre  Angehörigen  bei  der  Abgabe  ihrer
Stimmzettel  sich  ihrer  Abhängigkeit  recht  lebhaft  erinnern.  Man  sagt,  die
geheime  Stimmabgabe  mache  die  Wähler  von  der  Rücksicht  auf  wirtschaftliche,
  soziale,  religiöse  Dinge  unabhängig.  Aber  es  ist  falsch,  was  jetzt  in
diesen  Tagen  vielfach  behauptet  wird,  daß  die  Abhängigkeitsverhälktnisse,
von  denen  ich  gesprochen  habe,  in  unseren  gegenwärtigen  Zeiten  stärker
seien  als  damals,  wo  das  preußische  Wahlrecht  eingeführt  wurde.  Im
Gegenteil.  Das  patriarchalische  Verhältnis,  das  zu  jener  Zeit  die  Beziehungen
  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  in  weitem  Umfange  beherrschte,
  ist  zum  Teil  heute  nicht  mehr  vorhanden.  Wer  im  praktischen
Leben  steht,  weiß,  in  wieviel  Fällen  es  schwer  ist,  einen  Arbeiter  zu  finden
und  festzuhalten,  und  daß  auch  der  Arbeiter  namentlich  immer  unabhängiger
geworden  ist,  wie  darüber  hinaus  alle  Abhängigkeiten  des  Lebens  nicht
verschwunden,  aber  in  ihrer  Wirkung  geschwächt  sind.  Die  Sozialdemokratie,
die  immer  nüchterne  und  praktische  Realpolitik  treibt,  schätzt  den  Sukkurs,
der  ihr  aus  den  Mitläufern  bei  der  geheimen  Wahl  erwächst,  höher  ein,
als  die  Hilse,  die  sie  bei  öffentlicher  Mahl  durch  den  Terrorismus  erzielt,
und  daß  die  Sozialdemokratie  Terrorismus  in  sehr  viel  größerem  Umfange
treibt  als  irgendeine  andere  Partei,  das  ist  hier  in  diesem  hohen  Hause
und  in  der  Presse  des  öfteren  ausgeführt.  (Zustimmung  r.  Ruf  b.  d.
Sd.:  Pfui!)

Vizepräsident  Dr.  Porsch:  Herr  Abg.  Borgmann,  ich  rufe  Sie  zur
Ordnung!  —  Ich  bitte  um  Entschuldigung;  es  wird  mir  eben  gesagt,  daß
der  Abg.  Liebknecht  pfui  gerufen  hat.  Ich  nehme  den  Ordnungsruf  gegen
den  Abg.  Borgmann  mit  Bedauern  zurück  und  rufe  den  Abg.  Liebknecht
zur  Ordnung.  (Lebhafter  Beifall  r.)

Ministerpräsident  von  Bethmann  Hollweg:  Danach  ergibt  sich
die  Gegenrechnung  für  alle  bürgerlichen  Parteien  von  selbst.  Sie  verlieren
in  ihrer  Gesamtheit  nicht  viel,  und  zwar  nicht,  weil  sich  bei  der  geheimen
Wahl  persönliche  politische  Ueberzeugung  frei  betätigen  kann,  sondern  weil
mangelndes  staatliches  Verantwortlichkeitsgefühl  unter  dem  Schleier  des
Geheimnisses  Einflüssen  nachgibt,  zu  denen  es  sich  öffentlich  nicht  zu  bekennen
  wagt.  Aus  allen  diesen  Gründen  hält  die  Regierung  an  der  überkommenen
  Oeffentlichkeit  der  Wahl  fest.  Die  Vorlage  hat  weit  über
Preußens  Grenzen  hinaus  in  Deutschland  Interesse  wachgerufen.  Ich  bin
der  Zustimmung  der  großen  Mehrheit  dieses  hohen  Hauses  gewiß,  wenn
ich  die  Stimmen  mit  Entschiedenheit  zurückweise,  welche  für  das  Reich  eine
Kontrolle  über  dasjenige  vindizieren,  was  wir  hier  beraten  und  beschließen
sollen.  Es  ist  vollkommen  berechtigt  an  sich,  daß  man  sich  in  ganz  Deutschland
  dafür  interessiert,  wie  sich  in  dem  führenden  Bundesstaate  die  Verfassung
  gestaltet.  Aber  es  ist  für  viele  Kreise  der  praktische  Wunsch  dabei
vorhanden,  es  möge  Preußen  durch  ein  modernes  Wahlrecht  so  demokratisiert
  werden,  daß  ein  im  letzten  Ende  auch  demokratischer  Bundesrat  die
Geschicke  des  Reiches  bestimmen  möge.  Das  ist  eine  Entwicklungslinie,  der
wir  widerstreben  und  der  wir  widerstreben  müssen,  gerade  mit  Rücksicht
auf  das  im  Reich  geltende  Wahlrecht.  Vielfach  wird  gefordert,  daß  unsere
konstitutionelle  Entwicklung  in  verschiedenen  Bundesstaaten  homogene  Bahnen
einschlagen  müsse.  Das  ist  eine  dogmatische  Forderung  ohne  jedes  Verständnis
  für  Deutschlands  Geschichte,  für  seine  Kultur.  Wenn  es  deutschem
Wesen  und  deutscher  Kultur  entspräche,  daß  wir  den  Norden  und  den
Süden  in  gleiche  politische  Formen  packen,  dann  hätte  sich  im  Laufe  der
        <pb n="128" />
        120  JNas  Veische  Peich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Februar  10.)

tausendjährigen  deutschen  Geschichte  längst  der  zentralistische  Einheitsstaat
entwickelt.  Daß  dies  nicht  geschehen  ist,  ist  nicht  ein  Zufall  der  Geschichte,
sondern  liegt  in  einem  tiefen  Zuge  des  deutschen  Wesens,  der,  wenn  er
auch  die  Quelle  unseres  politischen  Elends  war,  doch  mit  dem  Reichtum
und  der  Innerlichkeit  deutscher  Kultur  und  allem,  was  sie  geschaffen  hat,
eng  zusammenhängt.  Der  individualistische  Zug  im  deutschen  Wesen,  der
starke  Isolierungstrieb,  wie  es  Bismarck  einmal  nannte,  hat  es  lange  verhindert,
  eine  politische  Form  zu  finden,  hat  jahrhunderlelang  Deutschland
  zum  Spielball  fremder  Interessen  gemacht.  Aber  als  endlich  die  Form
gefunden  wurde,  weil  sie  gegen  das  Ausland  gefunden  werden  mußte,  da
konnte  es  nur  der  föderative  Staat  sein,  in  dessen  Wesen  es  eben  liegt,
daß  die  einzelnen  Teile  ihre  durch  Geschichte,  durch  Kultur  und  Charakter
der  Stämme  gegebene  Eigenart  frei  entfalten  können,  ohne  daß  das  Ganze
Schaden  erleidet.  Wir  können  und  wir  wollen  diese  Eigenarten  der
bayerischen  und  schwäbischen  und  sächsischen  Stämme  und  wie  sie  auch
heißen,  nicht  missen,  diese  Eigenarten,  die  sich  nicht  nur  in  den  Sitten  und
Gewohnheiten  der  Bevölkerung,  sondern  auch  in  politischen  Formen  der
Staaten  aussprechen,  als  einen  Teil  unseres  eigenen  Deutschtums  achten.
Aber  ebenso  soll  man  uns  auch  nicht  unsere  preußische  Eigenart  verkümmern.
Man  soll  mit  den  Schlagworten  wie  „agrarisch“,  „reaktionär“  Preußen
nicht  in  Verruf  bringen.  Das  dient  weder  dem  deutschen  Ansehen  noch
der  deutschen  Einheit.  Denn  schließlich  ist  doch  Preußen  und  Preußens
Eigenart  es  gewesen,  die  nicht  an  letzter  Stelle  bei  der  Wiedererstehung
des  Reiches  mitgearbeitet  hat.  Aber  diese  Tatsache  schließt  auch  eine  Verpflichtung
  in  sich.  Ich  will  mit  Berufung  auf  sie  sagen,  daß  nicht  etwa  in
Preußen  auf  alle  Dauer  alles  beim  alten  bleiben  müsse,  daß  Ueberlebtes  erhalten
  und  versteinert  werden  müsse.  Preußen  muß  sich  im  Zusammenhang
  mit  der  ganzen  deutschen  Entwicklung  erhalten.  Dazu  gehört
  nicht  nur  Achtung  und  Verständnis  für  seine  besondere  politische  und
Kulturkraft,  sondern  vor  allem,  daß  sich  Preußen  selbst  stark  erhält,  und
daß  dann  auch  diese  seine  Stärke  sich  dem  Reiche  dienstbar  macht.  Wenn
Sie  —  und  damit  will  ich  schließen  —  bei  der  Beratung  der  gesamten
Wahlrechtsfrage  neben  dem  agitatorischen  Beiwerk  auch  solche  Gesichtspunkte,
wie  ich  sie  eben  angegeben  habe,  zu  ihrem  Rechte  kommen  lassen,  dann
werden  Sie  Beschlüsse  finden,  die  dem  Wohle  nicht  nur  Preußens,  sondern
auch  des  Deutschen  Reiches  dienen.  (Stürmischer  Beifall  r.  Zischen  b.  d.
Sd.,  darauf  erneuter  Beifall  r.)

Minister  des  Innern  v.  Moltke  spricht  unter  großer  Unruhe  des
sich  langsam  leerenden  Hauses  über  die  Einzelheiten  der  Vorlage.  Er  erläutert
  die  Bestimmungen  der  Vorlage.  Die  Form  der  indirekten  Wahl
könne  fallen  gelassen  werden,  da  die  heutigen  Verkehrsverhältnisse  sie  überflüssig
  gemacht  haben.

Abg.  Freiherr  v.  Richthofen-Mertschütz  (K.):  Ehe  der  Ministerpräsident
  zu  sprechen  begann,  ertönten  hier  im  Saal  Rufe  von  jener  (zu
den  Sd.)  Seite,  wie  man  sie  selbst  auf  der  Straße  nicht  hören  würde.
(Lebhafte  Zurufe  r.:  Sehr  richtig!  Bravo!  Lärm  bei  den  Sd.  Adbg.
Ströbel  ruft  zur  Rechten  hinüber.  Vizepräsident  Dr.  Porsch:  Abg.  Ströbel,
Sie  haben  nicht  das  Wort!)  Leider  haben  wir  hier  keine  Mittel,  wie  den
Ausschluß  von  den  Sitzungen,  die  wir  im  Reichstag  besitzen,  um  erzieherisch
zu  wirken.  Das  Verhalten  dieser  Herren  war  ganz  unerhört.  Wir  Konservativen
  sind  durchaus  keine  Reaktionäre,  in  manchen  Dingen  haben  wir
uns  fortschrittlicher  als  die  Freisinnigen  erwiesen.  Wir  suchen  auf  jedem
Gebiete  auch  den  Gegner  zu  verstehen.  Die  Wahlrechtsvorlage  ist  vor  allem
eine  preußische  Angelegenheit.  Wir  würden  an  den  Grundpfeilern  des
        <pb n="129" />
        Das  Veeische  Reich  uad  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.)  121

preußischen  Wahlrechts  nicht  rütteln  lassen.  Die  Sprünge  ins  Dunkle  sind
schon  vielen  schlecht  bekommen.  Ich  warne  vor  Experimenten.  Wir  werden
die  Vorlage  sachlich  prüfen  und  haben  nicht  die  Absicht,  die  prinzipiellen
Fragen  der  Vorlage  im  Plenum  zu  erörtern.  Das  wird  in  ernster  Arbeit
in  der  Kommission  zu  geschehen  haben.  Ich  beantrage  Ueberweisung  der
Vorlage  an  eine  Kommission  von  21  Mitgliedern,  will  aber  bereits  jetzt
erklären,  daß  wir  schwere  Bedenken  gegen  viele  Einzelheiten  der  Vorlage
nicht  unterdrücken  können.  Es  gibt  kein  ideales  Wahlrecht.  Das  preußische
Wahlrecht  hat  sich  bewährt.  Ist  denn  Preußen  nicht  die  Vormacht  Deutschlands
  geworden?  (Abg.  Hirsch:  Leider!  Rufe  r.:  „Pfui“  und  „raus!")
Das  jetzige  Wahlrecht  ist  ein  Mittelstandswahlrecht  in  des  Wortes  wahrster
Bedeutung.  Die  Sozialdemokraten  sind  nicht  Vertreter  der  Arbeiter,  als
welche  sie  sich  immer  aufspielen.  Das  Zentrum  und  unsere  Partei  hat
Bauern  und  Handwerker,  die  des  Tages  Last  und  Hitze  getragen  haben.
(Zuruf  des  Abg.  Liebknecht.)  Herr  Dr.  Liebknecht,  sind  Sie  ein  solcher
Arbeiter?  (Abg.  Dr.  Liebknecht:  Ja!  —  Stürmisches  Gelächter  im  ganzen
Hause).  Der  Wert  der  Maximierung  ist  doch  etwas  zweifelhaft.  Der  Großunternehmer,
  der  Tausende  von  Arbeitern  beschäftigt,  hat  ein  Recht  auf
größere  politische  Einwirkung  als  zum  Beispiel  der  Rentier,  der  Coupons
abschneidet  und  sein  Geld  womöglich  im  Auslande  arbeiten  läßt.  Hat  die
Regierung  sich  wirklich  an  die  organische  Fortbildung  des  geltenden  Wahlrechts
  gehalten?  Warum  geht  sie  von  der  indirekten  Wahl  ab?  Wäre  es
nicht  auch  besser,  man  versetzte  von  vornherein  ganz  bestimmte  Wählergruppen
  allgemein  in  die  erste  oder  zweite  Klassev  Die  Vorzüge  unserer
Beamtenschaft  erkennen  wir  durchaus  an.  Aber  ihnen  ein  Vorrecht  zu
gewähren,  ist  doch  nicht  unbedenklich,  wenn  das  zu  einer  Benachteiligung
des  erwerbstätigen  Mittelstandes  führt,  und  das  geschieht.  Die  Sozialdemokratie
  will  mit  dem  Reichstagswahlrecht  Preußen  nicht  nur  demokratisieren,
  sondern  sozialdemokratisieren.  Die  Sozialdemokratie  will  das  Volk
mit  ihrer  Wahlrechtsforderung  auf  den  Weg  der  Revolution  drängen.  Wer
auf  diesem  Gebiete  mit  der  Sozialdemokratie  kokettiert,  der  verfündigt
sich  an  Preußen.  Und  wenn  die  rote  Flut  kommt,  wird  sie  auch  diese
Elemente  fortschwemmen.  Wir  werden  im  vollen  Gefühl  unserer  Verantwortung
  an  die  Kommissionsarbeit  gehen  und  unsere  Entscheidung
erst  nach  reiflichster  Prüfung  treffen.  Wir  wissen,  daß  hier  nicht  nur
materielle,  sondern  auch  sehr  große  ideale  Güter  des  Preußenvolkes  zu
schützen  sind.

Abg.  Träger  (Fr.  Vp.)  erklärt  namens  seiner  politischen  Freunde
die  Wahlvorlage  für  unannehmbar  und  hält  es  für  unmöglich,  daß  man
aus  dem  preußischen  Wahlrecht  die  Wahlmänner  beseitige  und  trotzdem
das  Dreiklassenwahlrecht  beibehalte.  Die  „Maximierung“  sei  eine  Bereicherung
  des  Wortschatzes,  aber  nicht  der  Materie.  Die  Beamten  wolle
er  darauf  aufmerksam  machen,  daß  ihre  in  der  Vorlage  geplante  „Bevorzugung“
  zu  einer  goldenen  „Kette“  für  sie  werden  könne;  er  erinnere
an  die  Vorgänge  in  Kattowitz  und  Posen.  Durch  die  Differenzierung  der
verschiedenen  Stände  werde  die  Unzufriedenheit  nur  wachsen.  Er  schloß
mit  der  Hoffnung,  daß  doch  noch  einmal  ein  gerechtes  Wahlrecht  für  Preußen
geschaffen  werde.

Der  Abg.  Schiffer  (Nl.)  begrüßt  es  mit  Freuden,  daß  vielleicht
doch  noch  eine  Einigung  mit  der  Linken  in  der  Wahlrechtsfrage  möglich
sei.  Der  Abg.  Träger  sei  nicht  mit  derselben  Bestimmtheit  wie  früher  für
die  Uebertragung  des  Reichstagswahlrechts  auf  Preußen  eingetreten.  Für
das  letztere  stimme  die  nationalliberale  Partei  nicht,  aber  sie  stehe  nach
wie  vor  auf  dem  Standpunkt  der  geheimen  Abstimmung.
        <pb n="130" />
        122  JNas  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.)

10.  Februar.  Voraussichtliche  Wirkung  der  Wahlrechtsvorlage.


Die  „Kreuzzeitung“  sucht  die  Wirkungen  der  vorgeschlagenen
Aenderungen  des  Landtagswahlrechts  zu  berechnen  und  kommt  zu  folgendem
Ergebnis:

1.  Ktose  Bisheriger  Wählerbestand  293400
a)  Zuwachs  infolge  veränderter  Klassenbildung  ’  1330000
b)  „  „  Akademikerprivileg  100000
c)  »  „Offizierprivileg,  ehrenamtl.  Tätigkeit  usw.  10000
533  400

2.  Klasse.  Bisheriger  Bestand  ..  .  .  1065200
a)  Zuwachs  infolge  veränderter  Klassenbildung  240000
b)  „  „  Akademikerprivie  40000
33  „  „  Einjährigenprivilses  100000
4)  „  „  Zivilversorgungsschen  60000
e)  „  aus  andern  Gründen  10000
1515200

Von  dieser  Zahl  sind  abzurechnen  die  unter  a  und  b  aufgeführten
Wähler,  die  aus  der  zweiten  in  die  erste  Klasse  aufgestiegen  sind.  Mithin
würde  die  erste  Klasse  künftig  rund  530000  =  7  v.  H.  (bisher  3.8  v.  H.)  und
die  zweite  rund  1300000  =  17  v.  H.  (bisher  13,8  v.  H.)  Wähler  zählen.
(Unter  Zugrundelegung  einer  Gesamtwählerschaft  von  7600000  Köpfen,  wie
bei  der  letzten  Wahl.)  Ungefähr  würden  also  etwa  240000  Wähler  aus  der
zweiten  in  die  erste  und  450000  aus  der  dritten  in  die  zweite  aufsteigen.

10.  Februar.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  zweiten  Lesung
des  Militäretats.

Auf  die  Angaben  verschiedener  Abgeordneter  über  das  Verhältnis
von  adligen  und  bürgerlichen  Offizieren  erwidert  preußischer  Kriegsminister
v.  Heeringen:  Die  Herren  behaupten,  die  Sache  habe  sich  mit  dem  Ueberwiegen
  der  adligen  Offiziere  verschlimmert.  Nach  meiner  Statistik  ist  das
nicht  der  Fall.  Im  Jahre  1865  waren  65  v.  H.  Adlige  und  35  v.  H.
Nichtadlige.  Am  1.  November  1908  ist  es  grade  umgekehrt.  Natürlich
kann  sich  das  Verhältnis  der  stärkeren  Aufnahme  der  nichtadligen  Offiziere
nicht  gleich  in  den  höheren  Stellen  geltend  machen,  aber  im  Jahre  1860
waren  von  den  Generalen  und  Obersten  86  v.  H.  adlig  und  nur  14  v.  H.
nichtadlig  und  1905  stellte  sich  das  Verhältnis  von  50  zu  50  v.  H.

Abg.  Gothein  (Fr  Vg.):  Eine  andere  wichtige  Frage  ist  die  Zurücksetzung
  unserer  jüdischen  Mitbürger.  Es  wird  ihnen  unmöglich  gemacht,
auch  nur  Reserveoffizier  zu  werden,  weil  die  Verordnung  des  Kriegsministers
v.  Einem  nicht  befolgt  wird.  Herr  v.  Einem  hat  ausdrücklich  in  einer
Verfügung  erklärt,  daß  es  unstatthaft  sei,  Einjährig  =  Freiwillige  lediglich
wegen  ihrer  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  Religionsgemeinschaft  von
der  Beförderung  zum  Reserveoffizier  auszuschließen.  Er  hat  selbst  die
Hoffnung  ausgesprochen,  daß  diese  Erklärung  eine  gewisse  Wirkung  haben
würde,  daß  man  nur  auf  die  Tüchtigkeit  der  Leute  sehen  würde.  Dieselben
Grundsätze  sollen  auch  bei  der  Wahl  zum  Reserveoffizier  gelten.  Herr
v.  Einem  hat  selbst  erklärt,  er  nehme  an,  daß  man  ihm  diese  Worte  nicht
verübeln  werde.  Das  klang  wie  ein  Stoßseufzer.  Vielleicht  hängt  die
Sache  auch  mit  seiner  Verabschiedung  zusammen.  Der  Erlaß  ist  durchaus
nicht  befolgt  worden.  Der  Redner  führt  eine  Reihe  von  Fällen  an,  wobei
jüdische  Einjährige  absichtlich  vom  Offiziersdienst  ausgeschlossen  wurden,
obwohl  sie  sonst  durchaus  befähigt  waren.
        <pb n="131" />
        Das  Denisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  11.)  123

Preußischer  Kriegsminister  v.  Heeringen:  Die  allgemeinen  Bestimmungen
  über  die  Behandlung  von  Mitbürgern  jüdischer  Konfession  sind
dieselben  geblieben  wie  früher.  Auf  ihre  Ausführung  wird  streng  geachtet.
Herr  Gothein  hätte  mir,  wie  Dr.  Müller.  sein  Material  vorlegen  sollen,
dann  würde  es  gründlich  untersucht  werden.  An  einzelnen  Stellen  mag
eine  durchaus  nicht  gerechtfertigte  Abneigung  gegen  jüdische  Einjährige
vorhanden  sein.  Aber  das  ist  nicht  alles.  Zum  Offizier  gehören  nicht  nur
Können,  Wissen  und  Charakter,  wir  müssen  auch  verlangen,  daß  die  ganze
Persönlichkeit,  die  vor  die  Front  ktritt,  Achtung  gebietend  ist.  Der  Mann
muß  Autorität  haben.  Es  liegt  mir  fern,  etwa  grundsätzlich  behaupten  zu
wollen,  daß  das  bei  den  jüdischen  Mitbürgern  nicht  der  Fall  wäre.  Wir
dürfen  aber  nicht  in  Abrede  stellen,  daß  bei  unseren  niederen  Volksschichten
hier  und  dort  eine  andere  Auffassung  besteht.  Dieser  müssen  wir  Rechnung
tragen.  Darum  müssen  wir  die  ganze  Frage  vorsichtig  behandeln.  Trotz
aller  Leistungen,  die  ich  vollkommen  anerkenne,  müssen  wir  uns  auch  bei
den  jüdischen  Einjährigen  fragen,  ob  ihre  Persönlichkeit  geeignet  ist,  die
Autorität  unter  allen  Umständen  vor  der  Front  zu  sichern.  Die  vielen
Anzapfungen,  die  in  Bezug  auf  die  Parteilichkeit  unserer  niederen  Vorgesetzten
  gemacht  werden,  haben  schon  dazu  geführt,  daß  bei  den  Truppen
Führungslisten  über  die  Wochenleistungen  der  Einjährigen  angelegt  sind.
Sie  geben  manchmal  ganz  andere  Urteile,  als  die  jungen  Herren  für  sich
in  Anspruch  nehmen.  Die  Wahl  zum  Reserveoffizier  liegt  durchaus  im
freien  Ermessen  der  Offizierkorps.  Der  Kaiser  lehnt  es  ganz  ab,  und  ich
stimme  ihm  durchaus  bei,  in  diese  freie  Bestimmung  einzugreifen.  Gerade
die  Linke  sollte  doch  mit  diesem  geradezu  demokranschen  Grundzug  im
Heere  einverstanden  sein.  Diese  freie  Wahl  hat  eine  weitgehende  Bedeutung,
die  Sie  vielleicht  nicht  ganz  schätzen.  Ich  kann  in  voller  Uebereinstimmung
mit  meinem  Vorgänger  erklären,  daß,  wenn  ein  jüdischer  Vizefeldwebel
oder  Wachtmeister  von  einem  Offizierkorps  vorgeschlagen  würde,  der  Kaiser
ihn  auch  ohne  weiteres  befördern  würde.  Das  ist  kein  Stoßseufzer.  Auch
die  Anspielung  auf  den  Grund  des  Scheidens  meines  Vorgängers  war
versehlt.  Wenn  man  sechs  Jahre  Kriegsminister  gewesen  ist,  hat  man  wohl
die  Berechtigung  von  diesem  Posten  abzutreien.

Abg.  Mugdan  (Fr.  BVp.):  Alles,  was  der  Kriegsminister  sagt,  wird
durch  die  einzige  Tatsache  widerlegt,  daß  seit  1880  überhaupt  kein  einziger
jüdischer  Einjähriger  Offizier  geworden  ist.  Da  werden  auch  der  Kriegsminister
  oder  die  Herren  dort  auf  der  rechten  Seite  nicht  etwa  behaupten
wollen,  daß  in  diesen  28  Jahren  nicht  ein  einziger  jüdischer  Einjähriger
gedeent  haben  sollte,  der  die  Befähigung  gehabt  hätte,  Vorgesetzter  zu
werden.

11.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  Wahlrechtsdebatte.

Abg.  Herold  (3.):  Der  Gesetzentwurf  entspricht  unseren  Ansichten
zu  unserem  Bedauern  nicht.  Daß  er  keine  Neueinteilung  der  Wahlkreise
enthält,  ist  ein  Vorteil.  Für  die  Bemessung  der  Wahlkreise  darf  nicht  allein
die  Bevölkerungszahl  maßgebend  sein;  es  ist  auch  die  Tradition  und  die
historische  Entwicklung  zu  beachten,  desgleichen  die  räumliche  Ausdehnung.
Die  Provinzen  Ostpreußen.  Schleswig-Holstein  und  andere  haben  weniger
Einwohner  als  Berlin,  und  dennoch  ist  es  gerechtfertigt,  daß  sie  eine  größere
Anzahl  von  Abgeordneten  haben.  Das  schließt  aber  nicht  aus,  daß  in
Zukunft  bei  allzu  starker  Verschiebung  der  Verhältnisse  doch  wieder  eine
Neueinteilung  der  Wahlkreise  notwendig  wird.  Nachdem  aber  seit  1860
mehrfache  Vermehrungen  der  Wahlkreise  stattgesunden  haben,  liegt  gegen-
        <pb n="132" />
        124  Jos  Veutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Februar  11.)

wärtig  dafür  kein  Bedürfnis  vor.  Außerdem  hieße  es,  das  Zustandekommen
der  Vorlage  noch  mehr  erschweren,  wollte  man  auch  diese  Frage  mit  ihr
verknüpfen.  Die  Verbesserungen,  die  der  Entwurf  bringt,  sind  sehr  klein,
dahin  gehört  die  direkte  Wahl,  wenn  auch  die  Frage,  ob  direkt  oder  indirekt
  gewählt  wird,  keinen  so  gewaltigen  Einfluß  haben  wird.  Ein  weiterer
Vorzug  ist  die  Höchstgrenze  der  anzurechnenden  Steuern.  Ob  die  Summe
von  5000  Mark  für  die  neu  anzurechnende  Steuergrenze  die  Höchstgrenze
sein  wird,  wird  noch  Gegenstand  weiterer  Erwägungen  sein  müssen.

Minister  des  Innern  v.  Moltke:  Ich  muß  daran  festhalten,  daß
die  Gründe,  die  die  Einführung  der  indirekten  Wahl  seinerzeit  wünschenswert
  erscheinen  ließen,  heute  nicht  mehr  vorliegen.  Ich  will  gern  zugeben,
daß  in  ganz  einfachen  ländlichen  Verhältnissen,  wo  kleine  Leute  weit  von
der  Stadt  und  ohne  enge  Verkehrsverhältnisse  wohnen,  sie  die  Zwecke  und
die  Ziele  der  Parteien  nicht  genügend  übersehen  und  im  kritischen  Moment,
vielleicht  verlockt  durch  gegenteilige  Vorstellungen,  sich  auf  eine  Seite  stellen,
die  ihrer  inneren  Ansicht  und  ihren  Interessen  eigentlich  nicht  entspricht.
In  dem  bisherigen  System  hatten  sie  in  der  Person  eines  ihnen  nahestehenden
  Vertrauensmannes  als  Wahlmann  eine  Anleitung,  die  sie  an  der
Stange  hält.  Das  sind  aber  doch  heutzutage  Ausnahmezustände,  auf  die
man  ein  Wahlrecht  nicht  aufbauen  kann.  Die  Einrichtung  der  indirekten
Wahl  entstammt  einer  Zeit  ohne  Eisenbahn  und  ohne  Telegraphen,  ohne
Zeitungen  und  ohne  Vereine.  Heute  ist  die  Oberfläche  des  öffentlichen
Lebens  erweitert  worden.  Es  kommt  heute  darauf  an,  die  Wähler  aufzurütteln,
  damit  sie  zur  Wahl  gehen.  Die  Wahlbeteiligung  war  unter  der
indirekten  Wahl  eine  sehr  geringe,  und  man  kann  daher  sagen:  Die  indirekte
  Wahl  hat  wirklich  kaum  noch  eine  politische  Bedeutung.  Sie  mindert
die  Fühlungnahme  zwischen  den  Abgeordneten  und  den  Wählern  und  beeinträchtigt
  die  selbständige  politische  Betätigung.  Sie  ist  außerdem  äußerlich
  eine  höchst  umständliche  Modalität  des  Wahlverfahrens  geworden.  Es
liegt  im  ganzen  System  der  indirekten  Wahl,  daß  sie  die  Minderheiten
benachteiligt,  und  schon  dieser  Umstand  hält  viele  Wähler  von  der  Wahl
zurück.  Die  Minderheit  weiß  eben,  daß  sie  nicht  zur  Geltung  kommt.
Das  Ihnen  vorgeschlagene  System  ist  gerechter.  Es  verhilft  den  Minderheiten
  zur  Geltung  und  damit  den  wirklich  in  der  Masse  der  Wähler  vorhandenen
  Strömungen.

Abg.  v.  Zedlitz  (Fk.):  Die  Maximierung,  die  vorgeschlagen  wird,
ist  nicht  eine  Bevorzugung  des  platten  Landes,  sondern  im  Gegenteil,  sie
bringt  eine  Bevorzugung  der  Städte.  Die  Maximierung  wird  aber  außerordentlich
  ungleich  je  nach  den  kommunalen  Steuerzuschlägen.  Die  Maximierung
  wird  außerdem  infolge  der  jetzigen  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken
  eine  große  Verschiebung  unter  den  Wählern  hervorrufen  und  deswegen
  wird  man  nicht  herumkommen,  die  jetzige  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken
  wieder  fallen  zu  lassen.  Durch  die  jetzige  Drittelung  wird
der  Mittelstand  fast  durchweg  in  die  dritte  Klasse  gedrängt.  Wer  also
dem  Mittelstand  seine  frühere  einflußreiche  Stellung  wiedergeben  will,  der
muß  die  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken  fallen  lassen  und  für  die  Drittelung
  in  den  Gemeindebezirken  sein.  Die  jetzige  Drittelung  hat  zwar
dem  Zentrum  einige  Vorteile  gebracht,  aber  es  darf  auch  nicht  vergessen
werden,  daß  die  Sozialdemokratie  viel  Vorteil  davon  hat.  Die  Bevorzugung
der  Bildung  bei  der  Wahl  ist  ein  durchaus  gesunder  Gedanke.  Es  frägt  sich
nur,  ob  dieser  Gedanke  in  der  Vorlage  richtig  zum  Ausdruck  gebracht  ist.
Es  muß  vor  allem  bei  dem  Aufrücken  aus  der  dritten  in  die  zweite  Klasse
eine  Berücksichtigung  der  selbständigen  Gewerbetreibenden  und  Landwirte
erfolgen.  (Zuruf  b.  d.  Sd.:  Und  die  Arbeiter?)  Die  Arbeiterinteressen
        <pb n="133" />
        #s  Denische  Reiq  und  seine  einfelnen  Glieder.  (Februar  11.  12.)  125

werden  bereits  zur  Genüge  durch  das  Reichstagswahlrecht  wahrgenommen,
sodaß  die  Arbeiter  keine  weitere  Bevorzugung  beanspruchen  können.  Aber
auch  hier  im  Hause  werden  die  Interessen  der  Arbeiter  genügend  wahrgenommen,
  denn  wir  sind  Vertreter  des  ganzen  Volkes,  also  auch  der  Arbeiter.
Abg.  Ströbel  (Sd.):  Die  Vorlage  ist  eine  ungeheure  Provokation
der  Sozialdemokratie.  Hinter  der  Forderung  des  Reichstagswahlrechts  für
Preußen  steht  die  große  Mehrheit  —  zwei  Drittel  —  aller  preußischen
Wähler,  und  wenn  man  die  nationalliberalen  Wahlreformfreunde  miteinrechnet,
  kommen  an  6  Millionen  Wahlreformer  heraus.  Demgegenüber
stehen  knapp  1½/  Millionen  konservativer  Wahlrechtsgegner.  Die  Regierung
aber  richtet  sich  nach  den  Wünschen  der  Rechten,  sie  weiß  eben,  daß  die
Minister  von  den  Konservativen  gestürzt  werden,  sobald  sie  sich  weigern,
weiter  die  Lakaien  der  Junker  zu  sein.  Selbst  wenn  wir  die  geheime  Abstimmung
  erhalten  sollten,  das  grenzenlos  ungerechte  Wahlrecht  bliebe  ja
immer  noch  bestehen.  Sogar  der  konservative  Professor  Delbrück  hat  erklärt,
  daß  die  neue  Vorlage  nicht  einmal  als  eine  Abschlagszahlung  anzusehen
  sei,  selbst  dann  nicht,  wenn  das  geheime  Wahlrecht  hineingefügt
würde.  Sie  werden  sich  doch  wohl  an  Volksfreundlichkeit  nicht  von  einem
konservativen  Professor  beschämen  lassen.  Fort  also  mit  diesem  infamen,
niederträchtigen  Wahlsystem,  fort  mit  dieser  hundsföttischen  Vorlage!
Abg.  Korfanty  (P.):  Wir  verlangen  mit  allem  Nachdruck  die
Aufhebung  des  Dreiklassensystems  und  die  Einführung  des  gleichen  Wahlrechts,
  damit  nicht  dem  weitaus  größten  Teile  das  vornehmste  polirische
Recht  verkümmert  wird.  Die  Beibehaltung  der  Oeffentlichkeit  der  Wahl
hat  lediglich  und  ausschließlich  den  Zweck,  der  Regierung  im  Bedürfnisfalle
  gute  Wahlen  zu  verschaffen.  Die  Mehrheit  der  Staatsbürger  wird
von  der  Forderung  des  allgemeinen,  geheimen,  gleichen  und  direkten  Wahlrechtes
  nicht  abgehen,  und  meine  politischen  Freunde  werden  nicht  aufhören
zu  kämpfen,  bis  sie  dieses  Wahlrecht  auch  für  Preußen  errungen  haben  werden.

11.  Februar.  (München.)  Zur  preußischen  Wahlrechtsdebatte
schreiben  die  „Münchner  Neuesten  Nachrichten“:

„Es  handelt  sich  bei  dieser  wichtigen  Beratung  um  die  Ordnung
des  obersten  Volksrechts,  nicht  um  ein  staalsbürgerliches  und  politischphilosophisches
  Kollegium.  Zur  Debatte  steht  die  für  das  ganze  Reich  und
namentlich  für  uns  im  Süden  so  unbedingt  ernste  Sache  der  Reform  eines
durch  und  durch  unhaltbaren  Wahlsystems  des  führenden  Bundesstaates.
Und  ist  nicht  das  Wahlrecht  eben  das  wichtigste  Volksrecht  und  damit  ein
wesentliches  Mittel  zur  Erziehung  des  Volkes  zur  politischen  Reife?
Sollte  der  Reichstag  gelegentlich  noch  so  schlecht  arbeiten,  am  Wahlrecht
liegt  die  Schuld  nicht,  denn  dasselbe  Wahlrecht  hat  auch  das  Reich  begründen
  helfen;  es  hat  das  Reichsheer  und  die  Flotte  fundiert,  die  soziale
Gesetzgebung  machen  helfen,  die  uns  an  die  Spitze  der  Kulturvölker  gesuellt
hat.  Alle  „Wahrheiten“,  die  Herr  v.  Bethmann  Hollweg  vorbrachte,  beweisen
  nichts  gegen  das  Reichstagswahlrecht  und  nichts  für  die  durchaus
unzulängliche  und  unerfreuliche  „Wahlrechtsreform“,  mit  der  man  den
führenden  Bundesstaat  einfach  um  seine  moralische  Kritik  vor  den  übrigen
Bundesstaaten  bringt.“

12.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Dritter
Tag  der  Wahlrechtsdebatte.

Abg.  Pachnicke  (Fr.  Vg.):  Für  uns  ist  die  Vorlage  in  ihrer  jetzigen
Form  ganz  unannehmbar.  Die  Rede  des  Ministerpräsidenten  war  ein
Plaidoyer  gegen  die  Vorlage  und  gegen  die  Reformbedürftigkeit  des  Wahl-
        <pb n="134" />
        126  Das  NVeutsche  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Februar  12.)

rechts  überhaupt!  Warum  hat  der  Minister  bei  diesem  seinem  Standpunkt
in  Sachen  der  Wahlreform  die  Vorlage  überhaupt  eingebracht?  Anscheinend
  wirklich  nur,  weil  er  die  Thronrede  mit  dem  Versprechen  der
Wahlreform  vorfand.  Auf  der  Basis,  die  die  Regierung  vorschlägt,  wird
das  Wahlrechtsproblem  nicht  gelöst  werden.  Gelöst  wird  es  aber  doch  einmal.
  Die  Wahlrechtsforderung  wird  immer  lebendig  bleiben,  sie  wird  den
nächsten  Wahlkampf  beherrschen.  Wie  sich  das  Reichstagswahlrecht  im  Reiche
bewährt  hat,  so  würde  es  sich  auch  in  Preußen  bewähren.  Man  hat  doch
in  Zeiten  der  Not  immer  erkannt,  wie  wertvoll,  wie  unerläßlich  es  ist,
daß  der  Staat  sich  auf  vollberechtigte  Bürger  stützt,  man  denke  an  die
Freiheitskriege.  Wir  müssen  in  Preußen  ein  Wahlrecht  bekommen,  das
dem  Empfinden  des  Volkes  gerecht  wird.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Ich  habe  nicht  die  Absicht,
  in  eine  Polemik  einzutreten  gegen  die  Ausführungen  des  Abg.
Dr.  Pachnicke,  die  wir  soeben  gehört  haben.  Was  ich  zur  Wahlrechtsvorlage
zu  sagen  für  erforderlich  gehalten  habe,  habe  ich  vorgestern  gesagt.  Ich
muß  dagegen  Widerspruch  erheben,  daß  der  Abg.  Dr.  Pachnicke  es  so  dargestellt
  hat,  als  trete  die  Staatsregierung  ein  Rückzugsgefecht  an,  wenn
sie  diese  Vorlage  vorlegt.  Glauben  die  Herren,  daß  ich  mich  zum  Spaß
hier  hinstelle  und  eine  Vorlage  einbringe,  die  in  einschneidender  Art  unser
Versassungswesen  ändert?  Ich  habe  vorgestern  gesagt,  daß  die  königliche
Staatsregierung  mit  ihrer  Verantwortung  hinter  dieser  Vorlage  steht,  und
ich  habe  Anspruch  darauf,  daß  das  für  Ernst  genommen  wird,  was  ich  hier
im  Namen  der  Staatsregierung  erklärte.

Abg.  Malkewitz  (K.):  Es  ist  eine  ständige  Begleiterscheinung  aller
Wahlrechtsreformen,  daß,  wenn  man  die  Frage  der  Reform  einmal  anrührt,
  man  fahrzehntelang  an  ihr  herumzudoktern  hat.  Wir  sehen  das
ja  an  Sachsen.  Wir  werden  weder  in  der  Kommission  noch  auch  später
im  Plenum  die  für  den  Mittelstand  unerläßlichen  Bestimmungen  des
geltenden  Wahlrechts  preisgeben.  Der  alte,  tüchtige  preußische  Staat  darf
nicht  durch  Wahlrechtsexperimente  gefährdet  werden.

Abg.  Krause  (Nl.):  Das  heutige  Wahlrecht  bietet  nur  einer  Partei
Vorteil:  den  Konservativen.  Eine  Berufung  auf  die  Vergangenheit  hat
praktisch  nicht  den  geringsten  Wert.  Die  Vorschläge  der  Regierung  wegen
der  Privilegierung  einzelner  bestimmter  Volksgruppen  lassen  das  vermissen,
was  wir  als  unerläßliche  Vorbedingung  jedes  Pluralwahlrechts  ansehen:
Das  sozial  versöhnende  Moment.  England  hat  das  geheime  Wahlrecht,
und  es  hat  an  Stelle  der  öffentlichen  Wahl  die  geheime  eingeführt,  weil
die  praktischen  Engländer  trotz  ihrer  Vorliebe  für  die  öffentliche  Wahl  sich
sagten:  Es  ist  das  kleinere  Uebel,  die  öffentliche  Wahl  preiszugeben,  als
durch  ihre  Beibehaltung  es  dahin  zu  bringen,  daß  die  Wähler  entweder
gegen  ihre  Ueberzeugung  oder  gar  nicht  stimmen.  Wir  kommen  darüber
nicht  hinweg,  daß  wir  eine  Parteiregierung  haben.  Die  Spatzen  pfeifen
es  von  den  Dächern,  daß  eine  Bevorzugung  der  Konservativen  im  Lande
stattfindet.  Eine  Einseitigkeit  herrscht  in  unserer  Staatsverwaltung,  wie
sie  nicht  einseitiger  gedacht  werden  kann.  Die  konservative  Strömung  ist
nicht  von  unten  heraus  aus  dem  Volke  enstanden,  sondern  von  oben  her
ins  Volk  hineingetragen  worden.

Abg.  v.  Woyna  (Frk.):  Von  vielen  Seiten  wird  das  geheime  Wahlrecht
  gefordert.  Ein  Siebentel  meiner  Parteifreunde  ist  auch  dafür,  aber
wir  aus  Hannover  wollen  das  geheime  Wahlrecht  nicht;  wir  kennen  nichts
anderes  als  das  öffentliche  Wahlrecht.

Abg.  Fischbeck  (Fr.  Vp.):  Am  dringendsten  ist  die  Abschaffung  der
öffentlichen  Wahl,  unter  der  namentlich  die  Gewerbetreibenden  leiden.
        <pb n="135" />
        Das  Penitsqe  Reiq  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  12.  13.)  127

Biele  Gewerbetreibende  können  überhaupt  nicht  wählen,  weil  sie  unter  dem
Terrorismus  zu  leiden  haben.  Die  Sozialdemokratie  gibt  den  Terrorismus
offen  zu,  die  Rechte  leugnet  ihn.  Aber  in  Wirklichkeit  wird  er  auch  von
ihr  ausgeübt.  Im  Herrenhaus  wurde  es  offen  ausgesprochen,  daß  das
öffentliche  Wahlrecht  dazu  da  sei,  um  einen  Druck  ausüben  zu  können.

Die  Debatte  wird  geschlossen  und  die  Vorlage  an  eine  Kommission
von  28  Mitgliedern  verwiesen.

12.  Februar.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  zweiten  Lesung
des  Militäretats.

In  Bezug  auf  den  Verkauf  des  Tempelhofer  Feldes  beantragt  die
Kommission  eine  Resolution,  daß  bei  dem  Verkauf  das  öffentliche  Interesse
zu  wahren  sei.

Berichterstatter  Abg.  Erzberger  (3Z.)  erläutert  die  Resolution  dahin,
  daß  die  Kommission  damit  in  keiner  Weise  das  Kriegsministerium  habe
auf  eine  bestimmte  Richtung  festlegen  wollen,  man  könne  sich  den  Verkauf
an  die  Stadt  Berlin  aber  auch  so  denken,  daß  z.  B.  die  Militärverwaltung
einen  großzügigen  modernen  Bebauungsplan  anfertigen  läßt  und  auf  Grund
desselben  das  Terrain  stückweise  verkauft.

Die  Resolution  wird  angenommen.  (Siehe  9.  Februar!)

12.  Februar.  (Reichstag.)  Die  Wahlprüfungskommission
des  Reichstags  beschloß  beim  Plenum  die  Ungültigkeit  der  Wahl
des  Abg.  Wehl  (Nl.)  Celle-Peine-Gifhorn  zu  beantragen,

weil  die  Kriegervereine  als  politische  Vereine  und  die  Stimmen  der
Mitglieder  dieser  Vereine  als  beeinflußt  anzusehen  seien.

12.  Februar.  (Elsaß-Lothringen.)  Der  gemeinschaftliche
Verfassungsantrag  aller  Fraktionen  und  Gruppen  des  Landesausschusses.


1.  Der  Landesausschuß  wolle  beschließen,  die  Regierung  zu  ersuchen,
mit  aller  Kraft  darauf  hinzuwirken,  daß  die  verbündeten  Regierungen  dem
Reichstag  alsbald  einen  Gesetzentwurf  vorlegen,  durch  welchen  bestimmt
wird,  daß  die  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  sowie  das  Reichsgesetz  betreffend
  die  Verfassung  und  die  Verwaltung  Elsaß-Lothringens  dahin  abgeändert
  werde,  daß  Elsaß-Lothringen  zum  selbständigen  Bundesstaate  erhoben
  und  als  solcher  den  deutschen  Bundesstaaten  verfassungsrechtlich  völlig
gleichgestellt  wird.  2.  Der  Landesausschuß  wolle  beschließen,  die  Regierung
zu  ersuchen,  mit  aller  Kraft  darauf  hinzuwirken,  daß  die  verbündeten  Regierungen
  dem  Reichstag  alsbald  einen  Gesetzentwurf  vorlegen,  durch  welchen
bestimmt  wird:  Daß  der  Landesausschuß  von  Elsaß-Lothringen  oder  die
bei  der  Erhebung  zum  Bundesstaat  zu  schaffende  Volksvertretung  aus  dem
allgemeinen,  gleichen,  direkten  und  geheimen  Wahlrecht  unter  Anwendung
des  Proportionalverfahrens  hervorgehen  soll.

13.  Februar.  (Berlin.)  An  den  Anschlagsäulen  findet  sich
folgende  Bekanntmachung.

Es  wird  das  „Recht  auf  die  Straße"“  verkündet.  Die  Straße  dient
lediglich  dem  Verkehr.  Bei  Widerstand  gegen  die  Staatsaewalt  erfolgt
Waffengebrauch.  Ich  warne  Neugierige.  Berlin,  den  13.  Februar  1910.
Der  Polizeipräsident.  v.  Jagow.
        <pb n="136" />
        128  Nes  Veutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Februar  13.  14.)

13.  Februar.  Wahlrechtsdemonstrationen.

In  Berlin  veranstaltet  die  sozialdemokratische  Partei  18  öffentliche
Versammlungen  in  der  Stadt  und  26  in  den  Vororten.  Eine  gleichlautende
  Resolution  verlangt  das  allgemeine,  gleiche,  direkte  und  geheime
Wahlrecht  für  alle  20  Jahre  alten  Personen  beiderlei  Geschlechts.  Die
Teilnehmer  (etwa  50000  Personen)  zogen  dann  in  kleinen  Trupps  durch
die  Straßen  und  sammelten  sich,  da  ihnen  der  Zug  nach  der  inneren  Stadt
verwehrt  wurde,  im  Humboldthain,  ohne  daß  es  zu  erheblichen  Zusammenstößen
  gekommen  wäre.  Ebenso  harmlos  verliefen  die  sozialdemokratischen
Straßendemonstrationen  meist  in  den  Provinzen,  so  in  Altona,  Barmen,
Bochum,  Danzig,  Dortmund,  Düsseldorf,  Essen,  Hanau,  Kassel,  Kiel,  Köln,
Magdeburg,  Remscheid,  Solingen  und  Wiesbaden.  Einige  Verletzungen
gab  es  in  Halle,  Königsberg,  Neumünster  und  besonders  in  Duisburg.
Auch  die  freisinnigen  Organisationen  der  Städte  Charlottenburg,  Schöneberg
  und  Wilmersdorf  veranstalten  eine  Versammlung,  in  der  die  Einführung
  des  Reichstagswahlrechts  und  eine  gerechtere  Wahlkreiseinteilung
in  Preußen  gefordert  werden.  Der  nationalliberale  Wahlverein  in  Breslau
hielt  eine  öffentliche  Versammlung  ab,  in  der  die  Reichstagsabgeordneten
Bassermann  und  Paasche  das  Auswärtige  Amt  und  die  preußische  Wahlreform
  scharf  kritisierten.  Der  Provinzialverband  schleswig  -holsteinischer
Bürger  verlangt  auf  einem  außerordentlichen  Verbandstag  in  Altona  die
Einführung  der  geheimen  Wahl.  In  Frankfurt  a.  Main  demonstrierten
der  Verein  für  Frauenstimmrecht  und  die  Sozialdemokraten  gesondert.  Auch
außerhalb  Preußens,  besonders  in  Karlsruhe,  Durlach  und  Pforzheim,
finden  Kundgebungen  gegen  die  Wahlrechtsvorlage  statt.

14.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Interpellation
  über  das  Vorgehen  gegen  nationalliberale  Beamte  im
Wahlkreis  Czarnikau-Filehne.

Abg.  Friedberg  (Nl.)  begründet  die  Interpellation  unter  Aufführung
  von  Einzelheiten  über  Versetzung  einiger  nationalliberaler  Beamten
  und  von  Warnungen  an  Eisenbahnbeamte,  Postbeamte  und  Lehrer,
nicht  für  den  nationalliberalen  Kandidaten  zu  stimmen.

Minister  v.  Moltke  erklärt  das  Vorgehen  der  Regierung  mit  der
Notwendigkeit,  eine  Zersplitterung  der  deutschen  Stimmen  zugunsten  der
Polen  zu  verhindern.  In  der  Tat  sei  infolge  der  nationalliberalen  Sonderkandidatur
  der  Pole  in  die  Stichwahl  gekommen.

14.  Februar.  (Berlin.)  Die  medizinische  Fakultät  spricht

sich  für  eine  Statutenänderung  aus,

nach  der  die  Zulassung  zur  Dozentur  zunächst  nur  auf  5  Jahre  erfolgen
und  erst  dann  durch  Fakultätsbeschluß  in  eine  endgültige  umgewandelt
werden  soll.

14.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Anderung

  der  Geschäftsordnung?

Der  Seniorenkonvent  verhandelt  aus  Anlaß  der  Pfuirufe  in  der
Sitzung  vom  10.  Februar  über  eine  Aenderung  der  Geschäftsordnung,  nimmt
aber  davon  Abstand  und  überläßt  es  den  Parteien,  zu  der  Frage  Stellung
zu  nehmen.

14.  Februar.  (Reichstag.)  Erste  Lesung  des  Gesetzentwurfes
über  den  Absatz  von  Kalisalzen.
        <pb n="137" />
        Daes  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  14.)  129

Preußischer  Handelsminister  Sydow:  Mit  dem  Entwurf  sollen  für
die  Kaliindustrie  auf  die  Dauer  von  20  Jahren  gewisse  Normen  aufgestellt
werden.  Er  faßt  die  Produzenten  zusammen  und  gibt  Vorschriften  über
den  Verkauf.  Der  Vorgang  ist  neu  und  nicht  gerade  gewöhnlich,  aber
auch  die  Umstände,  die  die  Veranlassung  zur  Einbringung  gegeben  haben,
sind  neu  und  ungewöhnlich.  Die  Kaliindustrie  hatte  sich  bisher  zu  einem
Syndikat  freiwillig  zusammengefunden,  das  in  bestimmten  Zeitabschnitten
erneuert  worden  ist  und  auf  das  der  preußische  Handelsminister  einen  gewissen
  Einfluß  hat.  Der  Zustand  der  Geschäfte  war  günstig  für  die  Konsumenten
  im  Lande.  Weniger  befriedigend  war  die  Entwicklung,  die  sich
im  allgemeinen  für  die  Produzenten  ergab.  Mit  der  Zunahme  des  Absatzes
  wuchs  die  Zahl  der  neuen  Werke  und  zwar  übermäßig  stark.  1900
bis  1908  ist  die  Zahl  der  an  der  Förderung  teilnehmenden  Werke  von  15
auf  30  gestiegen.  Eine  Reihe  anderer  Werke  ist  beim  Abteufen  der  Schächte
und  in  absehbarer  Zeit  werden  etwa  100  Kaliwerke  vorhanden  sein.  Es
ist  ein  Herabgehen  der  Rentabilität  eingetreten,  das  besonders  die  guten
und  starken  Werke  empfindlich  getroffen  hat.  Infolgedessen  fühlen  sich
diese  Werke  nicht  mehr  wohl  im  Syndikat,  weil  sie  sich  beschränkt  fühlen
in  ihrer  Leistungsfähigkeit.  Infolgedessen  ist  auch  das  Syndikat  nicht  wieder
in  der  alten  Form  zustande  gekommen.  Redner  schildert  eingehend  die
Vorgänge,  die  dann  schließlich  zur  Bildung  des  sogenannten  Kampfsyndikates
geführt  haben.  Dieses  Syndikat  ist  nur  auf  fünf  Jahre  abgeschlossen,  aber
mit  sechswöchentlicher  Kündigungsfrist.  Es  ist  alles  nur  ein  Notbehelf,
der  getroffen  wurde  in  der  Erwartung,  daß  eine  Verständigung  mit  Amerika
erzielt  würde.  Diese  Erwartung  ist  aber  nicht  in  Erfüllung  gegangen.
Wir  sind  den  dortigen  Interessenten  sehr  weit  entgegengekommen,  aber  das
genügte  alles  nicht.  Die  Trusts  bestanden  auf  ihren  Forderungen  und
deshalb  ist  auch  an  ein  Zustandekommen  eines  endgültigen  Syndikats  nicht
zu  denken  gewesen.  Die  Industrie  selbst  ist  zu  der  Ueberzeugung  gekommen,
daß  ohne  ein  gesetzliches  Eingreisen  die  Ordnung  der  Verhällnisse  nicht
erfolgen  kann.  Der  gesetzgeberische  Eingriff  ist  dringend  nötig.  In  der
deutschen  Kaliindustrie  sind  etwa  eine  halbe  Milliarde  Kapital  investiert.
Es  sind  30000  Arbeiter  in  dieser  Industrie  beschäftigt.  Das  sind  alles
bedeutende  Interessen,  die  wahrgenommen  werden  müssen.  Aber  wir  würden
nur  eingreifen  können,  wenn  es  das  allgemeine  Interesse  erfordert.  Was
würde  nun  geschehen,  wenn  kein  Eingriff  erfolgt?  Das  jetzige  provisorische
Syndikat  ist  nicht  in  der  Lage,  seine  Aufgaben  zu  erfüllen.  Bricht  dieses
Syndikat  vollkommen  zusammen,  so  entsteht  ein  großer  Kampf  gegen  alle.
Die  Preise  würden  sinken,  die  schwächeren  Werke  würden  zusammenbrechen.
Auf  dieses  Moment  wartet  das  Ausland.  Das  Ausland  hat  seit  zwei
Jahren  versucht,  mehr  Kaliwerke  in  Deutschland  zu  bekommen.  Zwei  besitzt
  das  Ausland  bereits.  Beim  Zusammenbrechen  kleiner  Werke  würde
sich  der  amerikanische  Düngertrust  sofort  diese  Werke  erwerben.  Auch  die
jezige  Preisbildung  war  nicht  aufrecht  zu  erhalten.  Das  Ausland  würde
schließlich  billigere  Preise  erzielen,  als  das  Inland.  Die  Auslandspreise
würden  sinken  und  die  Inlandepreise  steigen.  Das  Ende  vom  Liede  würde
sein,  daß  wir  einen  Trust  der  mächtigen  Werke  bekämen,  in  dem  das  Ausland
  die  größte  Rolle  spielte.  Daß  das  vermieden  wird,  liegt  im  allgemeinen
Interesse.  Wenn  einem  Lande  durch  die  Natur  die  Möglichkeit  gegeben
ist,  ein  Produkt  zu  besitzen,  das  das  Ausland  braucht,  so  ist  das  ein  Faktor
der  Stärke.  Das  sehen  wir  in  Amerika  bei  Baumwolle.  Petroleum  usw.
Deutschland  war  bisher  nicht  in  der  Lage,  ein  solches  Produkt  zu  haben.
Wir  haben  es  erst  seit  Erschließung  der  Kalibergwerke  und  diesen  Vorteil
sollten  wir  uns  wahren.

Europäischer  Geschichtskalender.  Ull.  9
        <pb n="138" />
        130  Pas  Veische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Februar  14.)

Weiter  kommt  das  Interesse  der  deutschen  Landwirtschaft  in  Frage.
Die  deutsche  Landwirtschaft  ist  darauf  angewiesen,  alles  anzuwenden,  um
ihre  Produktion  zu  erhöhen  und  das  kann  die  Landwirtschaft  mit  Oilfe
des  Kalis.  Aus  allen  diesen  Gründen  hat  die  Regierung  ein  gesetzgeberisches
  Eingreisen  für  nötig  gehalten.  Am  besten  geschieht  das  nach
unserer  Meinung  in  der  Weise,  wie  es  die  Vorlage  will.  Wir  wollen
die  Kaliindustrie  dazu  bringen,  daß  zuerst  der  Inlandsmarkt  bedient  wird.
Die  Inlandspreise  sollen  niedrig  gehalten  werden  und  die  Auslandspreise
sollen  nicht  niedriger  sein  als  die  Inlandspreise.  Um  diesen  allgemeinen
Gesichtspunkt  zu  befolgen,  müssen  bestimmte  Kontrollmaßregeln  eingerichtet
werden.  Es  würde  bei  freiem  Verkauf  nicht  möglich  sein,  die  Abcchlüsse
nach  dem  Auslande  zu  kontrollieren.  Deshalb  schlägt  der  Entwurf  vor,
eine  Vertriebsgemeinschaft  zu  schaffen.  Es  ist  nichts  anderes  als  das  alte
Syndikat.  Die  staatliche  Einwirkung  auf  diese  Vertriebsgemeinschaft  besieht
  darin,  daß  der  Bundesrat  Einfluß  gewinnt,  daß  wir  an  der  Preisfestsetzung
  mitwirken  und  daß  wir  eine  gewisse  Kompetenz  als  Berufungsinstanz
  haben.  Der  Bundesrat  soll  die  Preise  festsetzen  können.  Ein
Reichskommissar  wird  darauf  zu  halten  haben,  daß  die  gesetzlichen  Bestimmungen
  befolgt  werden.  Die  Bewegungsfreiheit  der  Betriebsgemeinschaft
  in  kaufmännischem  Sinne  ist  in  keiner  Weise  beeinträchtigt.  Der
preußische  Antrag,  der  vor  Weihnachten  veröffentlicht  worden  ist,  ging
weiter.  Es  war  vorgesehen,  daß  die  Produktion  eingeschränkt  werden  sollte
auf  die  Werke,  die  bereils  vor  dem  1.  November  vorigen  Jahres  niedergebracht
  waren.  Bei  der  Beratung  dieser  Vorschläge,  die  in  der  Oeffentlichkeit
  großen  Widerspruch  gefunden  haben,  war  das  Ergebnis,  daß  gewichtige
  Bedenken  entgegenstanden.  Es  besteht  ein  gewisser  Interessengegensas
zwischen  den  Teilen,  die  schon  Kali  fördern  und  denen,  die  noch  eine  Hoffnung
  auf  Kali  haben.  Namentlich  auch  in  Süddeutschland  besteht  die
Hoffnung  auf  solche  Förderung.  Ein  weiterer  Interessengegensatz  besteht
zwischen  denen,  die  bereils  im  Betriebe  befindliche  Werke  besitzen  und  denen,
die  nur  bei  der  Bohrarbeit  sind.  Weiter  machte  die  Provinz  Hannover
Vorstellungen  gegen  den  preußischen  Entwurf.  Aus  diesen  Gründen  hat
sich  der  Bundesrat  unter  preußischer  Zustimmung  entschlossen,  den  Beitritt
zu  der  neuen  Betriebsgemeinschaft  auch  den  neuen  Werken  zu  gestatten.
Allerdings  hat  das  zur  Folge,  daß  die  kleinen  Werke  eiwas  begünstigt
werden.  Auf  der  anderen  Seite  sind  aber  die  kleinen  Werke  nicht  mehr
in  der  Lage,  durch  ein  Ueberangebot  eine  Pression  ausüben  zu  können.
Ich  glaube,  wir  haben  mit  der  Vorlage  eine  billige  und  gerechte  Lösung
der  Frage  erzielt,  namentlich  auch  was  das  amerikanische  Interesse  anlangt.
Jetzt  können  die  Verträge,  die  außerhalb  des  Syndikats  abgeschlossen  sind,
eingehalten  werden.  Aber  es  ist  eine  Abgabe  an  die  Vertriebegemeinschaft
festgesetzt,  wenn  das  Kontingent  überschritten  wird.  Der  Gesetzentwurf  ist
so,  wie  er  vorliegt,  das  Ergebnis  einer  langen  Beratung  gewesen.  Ich
weiß  recht  gut,  daß  eine  Reihe  anderer  Wege  vorgeschlagen  worden  ist.
Es  ist  von  einem  Reichskalimonopol  die  Rede.  Ich  will  nicht  darauf  eingehen,
  bis  sie  erst  hier  vorgebracht  worden  sind.  Ich  will  nur  sagen,  es
gibt  keinen  Weg,  der  weniger  in  die  Freiheit  des  Gewerbes  eingreift.  Der
Weg,  den  wir  vorschlagen,  ist  der  einfachste,  bescheidenste  und  auch  der
ehrlichste.  Ueber  Einzelheiten  werden  wir  in  der  Kommission  noch  reden
können,  aber  Sie  werden  erkennen,  daß  wir  mit  der  Vorlage  die  dortigen
Interessen  wahrnehmen.  Nicht  zutreffend  ist  es,  daß  wir  der  deutschen
Kaliindustrie  ein  Geschenk  in  den  Schoß  werfen.  Aber  wir  glauben,  daß
die  Einnahmen  der  Kaliwerke  auf  gesunde  Grundlagen  gestellt  werden
müssen,  und  deshalb  ist  auch  die  Industrie  selbst  im  allgemeinen  damit
        <pb n="139" />
        Das  eutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  14.)  131

einverstanden.  Auf  20  Jahre  schlagen  wir  die  Regelung  vor,  und  ich
bitte  Sie,  an  diesem  Zeitpunkt  nichts  zu  ändern.  Die  Werke  brauchen
eine  so  lange  Frist,  um  sich  mit  der  Propaganda  einzurichten.  Ich  hoffe,
daß  wir  trotz  aller  Schwierigkeiten  zu  einer  Verständigung  kommen  werden,
denn  die  harte  Notwendigkeit  zwingt  dazu.  Würde  das  Gesetz  nicht  zustande
  kommen,  so  würde  unsere  deutsche  Volkswirtschaft  und  nicht  zuletzt
auch  unsere  deutsche  Landwirtschaft  einen  schweren  Schaden  erleiden.

Abg.  Heim  (3.):  Wir  wollen  keine  Verschleuderung  des  Kalis  an
das  Ausland,  aber  auch  keine  Maßnahmen  auf  Kosten  der  inländischen
Avnehmer.  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  werden  wir  in  die  Beratung
des  Entwurfes  hineingehen.  Wir  haben  hier  eine  Menge  Kalisachverständige
im  Hause,  Industrielle  und  Kuxeninhaber  und  nun  sehe  man  auch  einmal
auf  den  Kurszettel,  welche  Steigerung  bei  Kalikuxen  eingetreten  ist.  Nur
vorübergehend  im  Oklober  ist  ein  Abflauen  eingetreten.  Nicht  die  Verhandlungen
  mit  den  Amerikanern  haben  das  zustande  gebracht,  sondern
dieser  Kaligesetzentwurf.  Wir  haben  keine  Veranlassung,  deutsche  Werte,
die  zurzeit  ein  Monopol  Deutschlands  sind,  zu  unvernünftigen  Preisen
an  das  Ausland  abzugeben.  Darüber  besteht  auch  keine  Meinungsverschiedenheit,
  aber  die  Inlandsfrage  ist  das  Problem,  das  werden  wir  zu
lösen  haben.

Abg.  Gamp  (Rp.):  Besonders  die  hannoverschen  Verhältnisse  machen
noch  eine  Reihe  von  Schwierigkeiten.  Wie  ist  es,  wenn  ein  Amerikaner
in  Hannover  Grundbesitz  kauft,  dort  Kali  fördert  und  es  nach  Amerika
bringt?  Daran  kann  ihn  nach  dem  vorliegenden  Gesetz  der  Staat  nicht
hindern.  Dann  noch  eins.  Wenn  wir  hier  in  den  Kalibergbau  eingreifen,
dann  müssen  wir  auch  daran  denken,  ob  nicht  ein  gleiches  Eingreifen  in
die  Kaliindustrie  nötig  ist.  Hoffentlich  erzielen  wir  in  der  Kommission
eine  Verständigung.

Abg.  Gothein  (Fr.  Vglg):  Der  Zweck  jedes  Kartells  ist,  die  Preise
hoch  zu  halten  und  die  Konkurrenz  auszuschließen.  Das  Kalisyndikat
wollte  aber  auch  gleichzeitig  das  Entstehen  einer  neuen  Konkurrenz  verhüten.
  Die  Leute  wollien  alle  Produktionsstellen  in  ihre  Hand  bringen.
Die  Gesellschaften  haben  einen  riesigen  Komplex  von  Feldern  zusammengemutet,
  aber  ein  enormer  Besitz  in  freier  Hand  ist  doch  entstanden  und
als  sie  nun  einsahen,  daß  dieser  Weg  nicht  zum  giele  führte,  da  sollte  das
Kalimonopol  helsen.  Der  erste  Entwurf  schob  der  neuen  Gründung  von
Werken  einen  Riegel  vor,  darin  war  wenigstens  Sinn,  aber  es  war  ein
so  unerhörter  Eingriff  in  die  privaten  wohlerworbenen  Rechte,  daß  er  nicht
einmal  hier  verteidigt  werden  konnte.  Der  jetzige  Entwurf  läßt  diesen
Zweck  vollständig  fallen,  aber  er  ist  geradezu  eine  Prämie  für  die  Neugründung
  von  Werken.  Die  Beispiele  für  Agiotagen  infolge  gesetzgeberischer
Maßnahmen,  die  Herr  Dr.  Heim  gegeben  hat,  kann  ich  noch  sehr  vermehren.
Die  jetzige  Vorlage  ist  ein  Stimulus  für  die  noch  nicht  erschlossenen  Werke.
Sie  können  sagen:  Wir  haben  auf  Grund  des  Gesetzes  einen  sicheren  Absatz,
  wir  müssen  infolgedessen  die  Sache  sehr  schnell  in  Angriff  nehmen.
Je  mehr  Werke  gegründet  werden,  desto  geringer  wird  die  Quote.  Je
geringer  die  Quote  ist,  desto  höher  ist  der  Selbstkostenpreis.  Also  gründen
wir  rasch  und  stoßen  die  Aktien  rasch  an  die  Dummen  ab,  die  darauf
hineinfallen.  Wer  es  mit  der  Landwirtschaft  gut  meint,  muß  gegen  den
Gesetzentwurf  sein.  Auch  wer  es  mit  der  Kaliindustrie  selbst  gut  meint,
muß  diesen  Gesetzentwurf  bekämpfen.  Wir  sind  auch  aus  prinzipiellen
Gründen  gegen  das  Gesetz.  Der  preußischen  Bergverwaltung  hat  es  immer
an  Mut  gefehlt  und  es  fehlt  ihr  auch  jetzt  daran,  ihre  Fehler  einzusehen.
Die  freie  Tätigkeit  der  Industrie  soll  man  hochhalten.  Wir  werden  in

9
        <pb n="140" />
        132  Has  Beutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Elieder.  (Februar  14.  15.)

der  Kommission  mitarbeiten,  aber  mir  ist  nicht  klar,  was  aus  diesem
Gesetz  etwa  Gutes  herauskommen  kann.  Klare  Verhältnisse  müssen  geschaffen
  werden.

Handelsminister  Sydow:  Es  kommt  darauf  an,  eine  verfahrene
Situation  zu  retten.  Die  Werke  sind  da  und  nun  kommt  es  infolge  der
amerikanischen  Verkäufe  darauf  an,  die  bestehenden  Werke  zu  halten  Das
Ausland  ist  beim  Beginn  eines  Preiskampfes  sichergestellt;  es  könnte  den
Bedarf  aus  den  eigenen  Werken  befriedigen.  Man  hat  sich  schlüssig  gemacht
  und  wird  absolut  daran  festhalten,  daß  wir  mit  Ausfuhrzöllen  in
diesem  Punkte  nicht  vorgehen  werden,  weil  wir  sonst  unsere  gesamte  handelspolitische
  Situation  dem  Ausland  gegenüber  verschlechtern.

Abg.  Hausmann  (Nl.):  Was  die  Vorlage  betrifft,  so  hat  man  sich
daran  gewöhnt,  sie  eine  Lex  Schmidtmann  zu  nennen.  Bis  jetzt  sind  ja
abbauwürdige  Kalifelder  im  Auslande  nicht  vorhanden,  so  muß  auch
verhütet  werden,  daß  sie  verschleudert  werden.  Deutschland  hat  auch  ein
Interesse  daran,  daß  die  Kaliwerke,  die  in  einer  günstigeren  Lage  sind,
ihre  Uebermacht  nicht  ausnutzen  gegenüber  den  kleineren  Werken.  Zahllose
Millionen  von  Werten  sind  verloren,  die  in  kleineren  Werken  investiert
sind.  Es  handelt  sich  hier  um  ein  großes,  vaterländisches  Interesse,  und
ich  Leasntrag,  die  Vorlage  in  einer  Kommission  von  28  Mitgliedern  genau
zu  prüfen.

Abg.  Dr.  Roesecke  (Dk.):  Dem  bisherigen  Syndikat  muß  zuerkannt
werden,  daß  es  den  verständigen  Grundsatz  verfolgte,  der  deutschen  Landwirtschaft
  das  Kalisalz  billiger  zuzuführen  als  dem  Auslande,  seine  Politik
hat  eine  durchaus  nationale  Grundlage,  wie  sie  leider  dem  Kohlensyndikat
nicht  nachgerühmt  werden  kann,  dessen  Verfahren  trotz  des  Hinweises  auf
den  Weltmarktpreis  der  Kohle  nicht  zu  billigen  ist.  Bei  freiem  Wettbewerb
werden  die  kleinen,  die  schwächeren  Werke  unterliegen,  weil  sie  unterliegen
müssen,  die  starken  werden  sich  vertrusten,  und  die  Verteuerung  wird  da  sein.

Abg.  Hue  (Sd.):  Die  Anarchie,  nicht  nur  in  der  Kalii#ndustrie,  sondern
  in  der  ganzen  Montanindustrie  kann  nur  beseitigt  werden  durch  eine
Enteignung  der  Spekulanten.  Andere  deutsche  Staaten  und  Oesterreich
haben  die  Bergbaufreiheit  eingeschränkt.  Die  Begründung  des  österreichischen
Gesetzes  ist  so  sozialistisch,  als  hätte  sie  einer  unserer  Genossen  ausgearbeitet.
Nach  diesen  Vorgängen  ist  es  eine  starke  Zumutung,  statt  der  Verstaatlichung
  des  Bergbaues  eine  Bevorrechtung  des  Syndikats  vorzuschlagen.
Wir  können  dem  Gesetzentwurf,  wie  er  vorliegt,  unmöglich  unsere  Zustimmung
  erteilen.  Wir  fordern  ein  Gesetz,  das  die  Aufsicht  des  Staates
über  die  Gewinnung  dieser  Bodenschätze  strikte  durchführt.  Dieser  Gesetzentwurf
  will  den  Staatssozialismus  für  die  Millionäre,  wir  aber  wollen
den  Sozialismus  für  das  Volk  und  hoffen,  daß,  wenn  nicht  von  diesem
Reichstag,  so  von  einem  anderen  unsere  Forderungen  auf  diesem  Gebiete
erfüllt  werden.

14.  Februgr.  (Hessen.)  Die  Zweite  Kammer  lehnt  den
Antrag  Noack  auf  Einführung  zweijähriger  statt  einjähriger  Budgetperioden
  ab.

15.  Februar.  Zum  Oberpräsidenten  der  Provinz  Brandenburg
  ist  der  Unterstaatssekretär  im  Landwirtschaftsministerium  von
Conrad  ernannt.

15.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Beschlüsse
  der  Wahlrechtskommission.
        <pb n="141" />
        Deas  Neuische  Reich  und  seine  einzelsen  Glieder.  (Februar  15.)  133

Nach  dem  Beschluß,  2  Lesungen  abzuhalten,  und  der  Zurückziehung
eines  sozialdemokratischen  Antrages,  wird  die  Einführung  des  gleichen
Wahlrechts  mit  15  gegen  11  Stimmen  abgelehnt.  Für  den  Antrag  stimmten
die  Freisinnigen,  das  Zentrum,  der  Sozialdemokrat  und  der  Pole.  —  Die
Kommission  trat  hierouf  in  die  Erörterung  des  zweiten  Satzes  des  freisinnigen
  Antrages,  welcher  die  geheime  Abstimmung  fordert.  Einer  der
Antragsteller  begründete  ihn  mit  dem  Hinweis  auf  den  Druck,  welcher  von
den  verschiedensten  Seiten  bei  der  öffentlichen  Wahl  auf  die  abhängigen
Elemente  ausgeübt  wird.  Hunderttausende  von  Beamten  und  Millionen
von  Arbeitern  ständen  in  einem  solchen  Abhängigkeitsverhältnis.  Durch
den  Zusammenschiuß  der  Sozialdemokratie  und  der  Koalierung  der  Arbeiter
sei  dazu  ein  Druck  von  unten  her  gekommen,  der  sich  insbesondere  gegen
Handwerker  und  abhängige  Kaufleute  sowie  gegen  Gastwirte  richte  Nachdem
  die  anderen  Parteien  kurz  Stellung  genommen  und  der  Minister  des
Innern  für  die  Oeffentlichkeit  der  Wahl  eingetreten  war,  wurde  der  Antrag
  mit  15  gegen  13  konservative  und  freikonservative  Stimmen  angenommen.


15.  Februar.  (München.)  Demonstration  gegen  die  preußische
Wahlrechtsvorlage.

Nach  einer  sozialdemokratischen  Protestversammlung,  die  im  Münchener
  Kindlkeller  gegen  die  preußische  Wahlrechtsvorlage  abgehalten  wurde,
zog  eine  größere  Volksmenge,  etwa  800  bis  1000  Personen,  vor  die
preußische  Gesandschaft  in  der  Prinzregentenstraße,  wo  Hochrufe  auf  das
geheime  und  gleiche  Wahlrecht  ausgebracht  wurden.

15.  Februar.  (Bayern.)  Prinz  Georg  als  grundsätzlicher
Anhänger  des  Duells.

Die  Bayerische  Zentrumsparlamentskorrespondenz  schreibt  zu  der
Rede  des  Prinzen  Georg  in  der  Kammer  der  Reichsräte:  „Das  tiefe  Bedauern,
  daß  ein  Mitglied  des  Königshauses  sich  so  verirren  konnte,  muß
ausgesprochen  werden.  Prinz  Georg  verstößt  nicht  nur  gegen  die  religiösen,
ethischen  und  kulturellen  Grundsätze  und  Gesichtspunkte,  er  kämpft  auch
gegen  die  Ehrengerichtsordnung  des  Prinz-Regenten  an  und  befindet  sich
im  Widerspruch  zur  Rechtsordnung.  Er  leistet  der  Monarchie  einen  sehr
schlechten  Dienst.  Denn  wenn  sich  ein  Mitglied  des  Königshauses  über
die  Rechtsordnung  hinwegsetzt,  wie  kann  man  vom  Volke  die  Respektierung
der  Rechtsordnung  verlangen,  auf  welcher  die  Monarchie  ruht?“

15.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Beschlüsse
  der  Wahlrechtskommission.

Zu  §9  3  liegt  ein  Antrag  des  Zentrums  vor,  welcher  die  Grenze
der  Wählbarkeit  vom  30.  auf  das  25.  Lebensjahr  herabsetzen  will.  Für
diesen  Antrag  sprechen  sich  die  Redner  des  Zentrums,  der  Freisinnigen,
Sozialdemokraten  und  Polen  aus,  während  der  Antrag  von  den  Nationalliberalen
  und  den  Konservativen  bekämpft  wird.  Die  Abstimmung  ergibt
die  Ablehnung  des  Antrags  mit  15  gegen  11  Stimmen.  Hierauf  wird
der  Vorschlag  der  Regierung  erörtert,  anstelle  der  bisherigen  indirekten
Wahl  die  direkte  Wahl  zu  setzen.  Die  Konservativen  haben  hierzu  den
Antrag  eingebracht,  daß  die  Abgeordneten,  wie  bisher,  von  Wahlmännern
gewählt  werden  sollten.  Der  Redner  der  Konservativen  lehnt  es  ab,  an
den  Grundlagen  des  bisherigen  Wahlrechts  zu  rütteln.  Zu  diesen  Giundlagen
  gehöre  auch  die  indirekte  Wahl.  Der  Regierungsvertreter  verteidigt
        <pb n="142" />
        134  Pes  Perisqhe  Reiqh  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (Februar  15.)

die  Vorschläge  des  Entwurfs  mit  dem  Hinweis  darauf,  daß  in  der  jetzigen
Zeit  die  Wähler  soweit  herangebildet  seien,  daß  sie  der  Bevormundung
durch  einen  Wahlmann  nicht  mehr  bedürfen.  Ueberall  gäbe  es  Post  und
Telegraphie,  überall  würden  Zeitungen  gelesen,  und  in  solcher  Zeit  sei  es
überflüssig,  das  Stimmrecht  durch  einen  Beauftragten  ausüben  zu  lassen.
Ein  freisinniger  Redner  verteidigt  die  direkte  Wahl.  Die  indirekte  Wahl
schaffe  nur  ein  neues  Moment  der  Abhängigkeit  des  Wählers.  Der  Wähler
könne  vielfach  ungenierter  direkt  einen  oppositionellen  Abgeordneten  wähien,
als  die  Stimme  einem  Wahlmann  verweigern,  von  dem  er  wirtschaftlich
abhängig  sei.  Der  nationalliberale  Redner  tritt  gleichfalls  für  die  Regierungsvorlage
  ein.  Bei  der  indirekten  Wahl  kämen  auch  die  Minoritäten
zur  Berücksichtigung,  außerdem  aber  erschwere  die  Wahl  von  Wahlmännern.
unnötig  das  ganze  Wahlgeschäft,  da  die  Person  des  Kandidaten,  auf  den
die  Wahlmänner  gewählt  würden,  von  vornherein  feststehe.  Der  Redner
des  Zentrums  spricht  sich  gleichfalls  für  die  direkte  Wahl  aus.  Ein  konservativer
  Redner  tritt  für  die  Wahl  von  Wahlmännern  ein,  weil  der
Arbeiter  auf  dem  Lande  denjenigen  sehen  wolle,  den  er  wählt,  worauf
ein  nationalliberaler  Redner  erwiderte,  daß  man  dann  erst  recht  für  die
direkte  Wahl  des  Abgeordneten  eintreten  und  den  Abgeordneten  veranlassen
müsse,  sich  den  Wählern  direkt  vorzustellen.  Ein  anderer  konservativer
Redner  bestreitet  die  Mündigkeit  der  Wählerschaft  in  der  heutigen  Zeit,
während  ein  dritter  konservativer  Vertreter  von  der  Einführung  der  direkten
Wahl  Vorteile  für  das  Polentum  in  den  Ostmarken  bei  den  Wahlen  befürchtet.
  Ein  freikonservativer  Abgeordneter  führt  Gründe  für  und  gegen
die  direkte  Wahl  an  und  erklärt,  daß  er  nicht  in  der  Lage  sei,  zurzeit
zu  dieser  Frage  Stellung  zu  nehmen.  Einem  Wunsche  der  Konservativen
gemäß  wird  über  die  Frage  vorerst  nicht  abgestimmt,  da  die  Konservativen
erklären,  daß  der  Weitergang  der  Beratung  für  sie  erst  die  Entscheidung
bringen  werde,  ob  sie  schließlich  für  die  direkte  oder  indirekte  Wahl
stimmen  können.

15.  Februar.  (Hessen.)  Exposé  des  Finanzausschusses  der
Ersten  Kammer  zum  Staatsvoranschlag  1910.

In  der  gemeinsamen  Sitzung  der  Finanzausschüsse  beider  Kammern
werden  die  Vorschläge  zur  Sanierung  der  hessischen  Finanzen  und  der
Budgetentwurf  scharf  kritisiert.  Den  von  der  zweiten  Kammer  in  Aussicht
genommenen  Zuschlag  von  25%  zur  Einkommensteuer  und  26  2.25%  zur
Vermögenssteuer  erklärt  das  Exposé  für  unannehmbar.

15.  Februar.  Deutsch-Kanadisches  Handelsprovisorium.

Nach  einer  Vereinbarung  des  deutschen  Konsuls  in  Montreal  mit
dem  kanadischen  Finanzminister  Fielding  fällt  vom  1.  März  1910  der  besondere
  Zollzuschlag  auf  deutsche  Waren  bei  der  Einfuhr  nach  Kanada  fort,
sodaß  dann  der  kanadische  Generaltarif  auf  sie  angewendet  wird.  Dafür
gesteht  Deutschland  der  kanadischen  Einfuhr  25  Nummern  seines  Vertragstarifes
  zu:  für  Weizen,  Gerste,  Hafer,  Kleesaat,  Grassaat,  frisches  und
getrocknetes  Obst,  längs  gesägtes  Bauholz,  Faßholz,  Pferde,  Rindvieh,
Schafe,  Fleisch,  Hummern  und  Langustern,  Schweineschmalz  und  Oleomargarine,
  Mehl,  eingedickte  Milch,  Konserven,  Kalziumkarbid,  Holzgeist,
Lederkernstücke  und  Schweinsleder,  Schuhe  aus  Leder,  Holzmasse  und
grobe  Pappe.

15.  Februar.  (Reichstag.)  Schluß  der  ersten  Lesung  des

Kaligesetzes.  Erste  Lesung  des  Stellenvermittler-Gesetzentwurfes.
        <pb n="143" />
        De  Beutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  15.  16.)  135

Abg.  Dr.  Ricklin  (Z.-Elsässer):  Auch  im  Elsaß  sind  seit  1904  große
Kalilager  gefunden  worden.  Wir  wünschen,  daß  das  Gesetz  nicht  zustande
kommt,  es  würde  die  bei  uns  neu  aufblühende  Kaliindustrie  schwer  schädigen.
Wir  verwerfen  es  aus  prinzipiellen  und  wirtschaftlichen  Gründen.  Nicht
nur  die  Elsässer,  sondern  alle  Bundesstaaten  sollten  dagegen  protestieren,
schon  im  Interesse  der  Landwirtschaft.  Bleiben  Sie  uns  mit  den  bergpolizeilichen
  Schikanen  dieses  Gesetzes  vom  Leibe.  Es  liegt  kein  Grund
zum  gesetzlichen  Eingreifen  vor.  Wenn  wir  uns  einmal  auf  eine  so  gefährliche
  Bahn  begeben,  wo  machen  wir  dann  Halt?  Wir  haben  riesige
Kalischätze.  Sollen  wir  jetzt  schon  dafür  sorgen,  daß  noch  in  2000  Jahren
die  Landwirtschaft  mit  Kali  versorgt  wirdd  Warum  sträubt  sich  die  Regierung
  gegen  einen  Kaliausfuhrzoll?  Dieses  Gesetz  wird  den  Reichsgedanken
  im  Elsaß  nicht  festigen.  Lehnen  Sie  es  ab.

Abg.  v.  Damm  (W.  V.):  Gerade  in  diesem  Falle  ist  ein  staatliches
Eingreifen  mehr  berechtigt,  als  bei  allen  anderen  ähnlichen  Gelegenheiten.
Gegen  einen  Kaliausfuhrzoll  haben  wir  an  sich  nichts.  Es  würde  aber
die  drohende  Gefahr  nicht  beseitigen,  also  das  Gesetz  nicht  überflüssig  machen.
Im  allgemeinen  stehen  wir  dem  Entwurf  freundlich  gegenüber.  Freilich
wünschen  wir  noch  manche  Aufklärung.  Die  Frist  von  20  Jahren  erscheint
uns  zu  lang.  Mit  der  Kommissionsberatung  sind  wir  einverstanden.

Abg.  Werner  (Refp.)  stimmt  im  wesentlichen  zu.  Nur  sollte  man
nicht  immer  die  letzte  Emscheidung  dem  Bundesrat  überlassen.

Abg.  v.  Dannenberg  (W):  Der  dritte  Teil  der  heute  bestehenden
Kaliwerke  liegt  in  Hannover  und  ist  hauptsächlich  privater  Besitz.  Verlangen
Sie  doch  von  der  Familie  Schmidtmann  keine  nationalen  Gefühle.  Das
sind  gar  keine  Deutschen,  sondern  amerikanische  Bürger.  Die  Gerissenheit
hat  im  Kaliwesen  bieher  eine  große  Rolle  gespielt.  Auf  diese  Herren
brauchen  wir  daher  keine  Rücksicht  zu  nehmen.  Sie  haben  von  Treu  und
Glauben  einen  merkwürdigen  Begriff.  Sollen  wir  diesen  Dollarkönigen
gestatten,  daß  sie  den  halben  Weltmarkt  an  sich  reißen?

Der  Entwurf  geht  an  eine  Kommission  von  28  Mitgliedern.  Der
vom  Staatesekretär  Delbrück  eingeführte  Entwurf  eines  Gesetzes  zur  Organisation
  der  Stellenvermittlung  unter  Leitung  und  Beaussichtigung  des
Staates  wird  einer  Kommission  von  21  Mitgliedern  überwiesen.

15.  Februar.  (Reichstag.)  Marineetat  in  der  Budgetkommission.


An  eine  freisinnige  Resolution,  den  Reichskanzler  zu  ersuchen,
dem  Reichstag  für  das  kommende  Etatsjahr  eine  Denkschrift  über  das
Zulagenwesen  in  der  kaiserlichen  Marine  vorzulegen  und  dem  Reichstage
Vorschläge  über  eine  möglichst  weitgehende  Vereinfachung  im  Interesse
größerer  Sparsamkeit  und  übersichtlicher  Verwaltung  zu  machen,  schließt
sich  eine  lange  Debatte  über  Tafel-  und  Messegelder.  Es  wird  dabei  von
allen  Seiten  darauf  hingewiesen,  daß  bei  der  Marine  an  Zuschüssen  hier
und  da  zu  viel  ausgegeben  werde.  Staatesekretär  Tirpitz  ist  mit  der  Resolution
  einverstanden,  aber  die  Freisinnigen  ziehen  sie  zugunsten  eines
Zentrumsantrages  auf  Abstrich  1½2  Million  und  auf  eine  Neuregelung  noch
im  Laufe  dieses  Jahres  zurück  Die  Resolution  des  Zentrums  wird  mit
geringer  Mehrheit  angenommen  und  schließlich  wird  auch  die  Resolution
über  die  Vorlegung  der  Denkschrift  im  nächsten  Jahre  einstimmig  angenommen,
  die  das  gesamte  Zulagenwesen  behandeln  soll.

16.  Februar.  (Bückeburg.)  Die  Fürstin-Mutter  Hermine
zu  Schaumburg--Lippe  f,  82  Jahre  alt.
        <pb n="144" />
        136  JHN#s  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  SElieder.  (Februar  16.)

16.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Antrag
auf  Verschärfung  der  Geschäftsordnung.

Der  Antrag,  der  von  der  gesamten  konservativen  Partei  unterschrieben
  ist,  hat  folgenden  Wortlaut:  Das  Haus  wolle  beschließen,  seine
Geschäftsordnung  dahin  abzuändern,  daß  wirksame  Bestimmungen  zur
Aufrechterhaltung  der  Ordnung  des  Hauses  und  zur  Einschränkung  von
Reden,  welche  die  Zeit  des  Hauses  ungebührlich  in  Anspruch  nehmen,  getroffen
  werden.  —  Der  Antrag  wird  am  21.  Februar  der  Geschäftsordnungskommission
  überwiesen.

16.  Februar.  (Bayern.)  Kammer  der  Abgeordneten.  Malzaufschlaggesetz

  und  Üübergangsabgabe.

Nach  Annahme  des  Maljzaufschlaggesetzes  nahm  die  Kammer  der
Abgeordneten  eine  vom  Ausschuß  vorgeschlagene  Erklärung  an,  daß  die
Regierung  mit  allem  Nachdruck  darauf  hinwirken  möchte,  daß  bei  Berechnung
  der  Uebergangsabgabe  der  Verfassung  des  Deutschen  Reichs  mehr
Rechnung  getragen  werde.  Finanzminister  von  Pfaff  versichert,  sobald
das  heute  angenommene  Malzausschlaggesetz  eingeführt  worden  sei,  werde
er  im  Bundesrat  einen  Antrag  auf  Neuregelung  der  Uebergangsabgabe
in  Anregung  bringen.  Er  hoffe,  daß  dann  eine  gerechtere  Uebergangsabgabe
  geschaffen  werde.

16.  Februar.  (Reichstag.)  Erste  Lesung  des  Arbeitskammergesetzes
  und  eines  Hausarbeitsgesetzes.  Beide  gehen  an  eine  Kommission
  von  28  Mitgliedern.

16.  Februar.  (Schleswig.)  Der  Romanschriftsteller  Hermann
Heiberg  f#  im  70.  Lebensjahr.

16.  Februar.  (Berlin.)  Rede  des  Reichskanzlers  im  deutschen
Landwirtschaftsrat.

Es  ist  nicht  das  erste  Mal,  daß  Sie  mir  gestatten,  Ihr  Gast  zu
sein,  und  wenn  auch  im  Nebenamte,  darf  ich  mich  doch  auch  als  Ihren
Berufsgenossen  betrachten.  Ich  bitte  aber  darauf  kein  besonderes  Gewicht
zu  legen,  denn  mein  hochverdienter  Herr  Amtsvorgänger,  der  Fürst  von
Bülow,  gehörte  zu  den  Kanzlern  ohne  Ar  und  Halm  und  hat  sich  doch
um  die  deutsche  Landwirtschaft  Verdienste  erworben,  die  ihm  nie  vergessen
werden  können.  Für  die  vom  Fürsten  Bismarck  inaugurierte  und  vom
Fürsten  Bülow  fortgesetzte  Wirtschaftspolitik  bin  ich  in  meinen  bisherigen
Aemtern  so  oft  öffentlich  eingetreten,  daß  es  keiner  Versicherung  bedarf,
daß  ich  an  dieser  Politik  festhalten  werde.  Graf  Schwerin  hat  mit  Recht
hervorgehoben,  daß  diese  Politik  nicht  nur  den  Interessen  der  Landwirtschaft,
  sondern  auch  denen  von  Gewerbe,  Handel  und  Industrie  dient.
Einen  der  schlagendsten  Beweise  dafür  erblicke  ich  darin,  daß  Deutschland
die  letzte  große  Wirtschaftskrisis  ohne  wirklich  gefährliche  Erschütterungen
überwunden  hat  und  überwindet.  Aber  meine  Herren,  ich  will  nicht  eigentlich
  von  politicis  reden,  sondern  mich  freuen,  unter  deutschen  Landwirten
weilen  zu  dürfen.  Was  der  Landwirt  in  seinem  Beruf  jahraus,  jahrein
üben  muß,  Unverdrossenheit,  Ausdauer  und  Geduld,  ist  auch  mir  nötig
wie  das  tägliche  Brot.  Zwischen  Saat  und  Ernte  liegt  auch  in  der  Politik
eine  lange  Zeit,  und  wer  bei  schlechtem  Wetter  gleich  das  Vertrauen  verlieren
  wollte,  der  taugte  zum  Staatsmann  so  wenig  wie  zum  Landwirt.
All  die  Hagelschauer  der  Kritik,  die  auf  mich  niedersausen,  machen  mich
        <pb n="145" />
        Des  Denisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  16.  17.)  137

nicht  irre,  wobei  mir  als  Wetterschutz  nicht  so  sehr  der  schon  etwas  abgetragene
  Mantel  des  Phdilosophen  dient,  den  mir  freundliche  Mumenschen
immer  wieder  um  die  Schultern  hängen,  als  die  Ueberzeugung,  daß  mir
die  Pflicht  gegen  Kaiser  und  Reich  zu  handeln  gebietet,  wie  ich  handle.
Vor  Ihnen,  meine  Herren,  die  Sie  aus  allen  Gauen  unseres  Vaterlandes,
auch  aus  dem  Süden  her,  zusammen  gekommen  sind,  betone  ich  hier  besonders
  gerne  die  Pflicht  gegen  das  Reich.  Sie  wissen,  um  die  Angriffe
besonders  scharf  und  verletzend  zu  machen,  stempelt  man  mich  zum  preußischen
Partikularisten  und  sagt  mir  Mißachtung  süddeutschen  Wesens  nach.  Ich
wüßte  nicht,  wie  ich  deutscher  denken  könnte,  als  wenn  ich  Preußens  Beruf,
  wie  ich  es  neulich  ausgesprochen  habe,  darin  erblicke,  sich  selbst  stark
zu  erhalten,  dann  aber  seine  Stärke  in  den  Dienst  des  Reiches  zu  stellen.
Und  wenn  ich  neben  die  Eigenart  Bayerns,  Schwabens  und  Sachsens  auch
die  Preußens  als  berechtigt  hingestellt  habe,  so  glaube  ich,  meine  Herren,
darin  gerade  von  deutschen  Landwirten  richtig  verstanden  zu  werden.  Am
treuesten  und  zähesten  hält  an  der  Eigenart  seiner  Heimat  und  seines
Stammes  der  deutsche  Bauer,  der  deutsche  Landwirt  fest.  Noch  nie  aber
habe  ich  wahrgenommen,  daß  er  sich  in  der  Liebe  zu  unserem  gemeinsamen
  Vaterlande  von  irgend  jemand  übertreffen  ließe.

16.  Februgr.  (Hamburg.)  Das  Istbudget  für  1909

zeigt  einen  Fehlbetrag  von  nur  3813000  Mark  an  Stelle  des  im
Sollbudget  veranschlagten  Defizits  von  17  ½  Millionen  Mark.

17.  Februar.  (Sachsen.)  Zweite  Kammer.  Verhandlung
über  drei  Anträge  der  Freisinnigen,  Nationalliberalen  und  Sozialdemokraten
  auf  Reform  oder  Aufhebung  der  Ersten  Kammer.

Nachdem  die  drei  Anträge  begründet  worden  waren,  erklärte  Staatsminister
  Graf  Vitzthum  v.  Eckstädt,  die  Regierung  hätte  im  Jahre  1905
den  Entwurf  eines  Gesetzes  vorgelegt,  das  die  Reform  der  ersten  Kammer
bezweckt  hätte.  Mit  diesem  Entwurf,  in  welchem  sie  6  neue  Mitglieder
aus  Handel,  Industrie  und  Gewerbe  vorgeschlagen  hätte,  hätte  die  Regierung
  das  Aeußerste  bezeichnet,  was  an  Resorm  der  ersten  Kammer  zulässig
wäre.  Da  dieser  Gesetzentwurf  von  der  zweiten  Kammer  1905  abgelehnt
worden  wäre,  wäre  das  Gesetz  gescheitert.  Ueber  das  Maß  dieses  Entwurfs
  könnte  die  Regierung  nicht  hinausgehen.  Sie  müßte  deshalb  die
vorliegenden  Anträge  ablehnen,  zumal  die  Anträge  außerordentlich  unbestimmt
  gefaßt  wären.  Die  Regierung  müßte  zudem  abwarien,  welche
Stellung  die  erste  Kammer  einnehmen  würde.

17.  Februar.  (Frankfurt  a.  Main.)  Nach  fünf  sozialdemokratischen
  Protestversammlungen  gegen  das  Vorgehen  der
Polizei  am  Wahlrechtssonntag  kommt  es  zu  Zusammenstößen  und
zahlreichen  Verwundungen  von  Polizeibeamten  und  Demonstranten.

17.  Februar.  (Berlin.)  Die  Stadtverordnetenversammlung
nimmt  einen  Antrag,  den  Landtag  um  Ablehnung  der  Wahlrechtsvorlage
  zu  ersuchen,  einstimmig  an.

17.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die
Kommission  lehnt  die  Wahlrechtsprivilegien  der  Regierungsvorlage
einstimmig  ab,  nachdem  alle  von  den  Parteien  gestellten  Abänderungsanträge
  verworfen  waren.
        <pb n="146" />
        138  Nas  Betsche  Reich  und  seine  rintelnen  Glieder.  (Februar  17.  18.)

17.  Februar.  (Reichstag.)  Toleranzanträge  des  Zentrums

und  der  Sozialdemokraten.

Antrag  des  Zentrums:  „Den  Herrn  Reichskanzler  zu  ersuchen,
durch  Verhandlungen  mit  den  Bundesstaaten  dahin  zu  wirken,  daß  Beschränkungen
  der  religiösen  Freiheit,  soweit  solche  bestehen,  auf  dem  Wege
der  Gesetzgebung  beseitigt  werden.“

Dazu  haben  die  Sozialdemokraten  beantragt,  dem  Antrag
folgende  Sätze  hinzuzufügen:  a)  daß  aus  der  Zugehörigkeit  oder  Nichtzugehörigkeit
  zu  einer  Religionsgemeinschaft  keine  Beeinträchtigung  der
bürgerlichen  und  staatsbürgerlichen  Rechte  und  Pflichten  abgeleitet  werden
darf;  b)  daß  kein  Kind  gegen  den  Willen  der  Erziehungsberechtigten  zur
Teilnahme  an  einem  Religionsunterricht  oder  Gottesdienst  angehalten
werden  darf;  c)  daß  zur  Bewirkung  des  Austritts  aus  einer  Religionsgemeinschaft
  eine  schriftliche  oder  mündliche  Erklärung  zu  genügen  hat,
die  vor  dem  Amtsgericht  des  Wohnorts  abgegeben  und  von  diesem  der
Religionsgemeinschaft  mitzuteilen  ist;  das  Austriitsverfahren  hat  kostenund
  stempelfrei  zu  sein.

Tags  darauf  wird  der  Zentrumsantrag  in  namentlicher  Abstimmung
mit  160  gegen  150  Stimmen  abgelehnt.  Die  sozialdemokratischen  Unteranträge
  werden  mit  233  gegen  89  Stimmen  abgelehnt.

18.  Februar.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  berichtet
  Staatssekretär  v.  Tirpitz  über  die  Untersuchung  der  vom
sozialdemokratischen  Abg.  Severing  erhobenen  Beschuldigungen  über
die  Versenkung  wertvoller  Materialien  in  den  ins  Eis  gehauenen
Löchern  bei  Danzig.

Es  handelt  sich  nur  um  wertloses  Gerümpel,  daß  auf  diese  Weise
beiseite  geschafft  wurde.

18.  Februar.  (Reichstag.)  Spezialberatung  des  Etats  des
Reichsamts  des  Innern.

Abg.  Mayer-Kaufbeuren  (Z.):  Die  Entwicklung  der  Stellung  Deutschlands
  auf  em  Weltmarkt  zeugt  von  einer  erstaunlichen  Produktions-  und
Konsumkraft  des  Deutschen  Reiches.  Unsere  Gesamthandelsbilanz  ist  stark
und  steigend  passiv;  trotzdem  hat  unsere  Zahlungsbilanz  sich  in  den  letzten
Jahren  weiter  gebessert.  Auch  unsere  Landwirtschaft  hat  1909  weitere  Fortschritte
  gemacht  in  dem  Bestreben,  den  Inlandskonsum  auch  durch  die  Inlandsproduktion
  zu  decken.  Sehr  bedauerlich  bleibt  unsere  Abhängigkeit
vom  Ausland  in  Bezug  auf  Baumwolle.  Ein  ganz  gefährliches  Kapitel
ist  auch  die  Abhängigkeit  vom  amerikanischen  Petroleum;  die  neuesten  Machinationen
  des  Petroleum-Welttrusts  gehen  dahin,  auch  die  letzte  freie
Petroleumproduktion,  nämlich  die  österreichisch-galizische,  sich  untertänig  zu
machen.  Auch  die  Eisenproduktion  reicht  noch  nicht  aus,  uns  vom  Auslande
  unabhängig  zu  machen,  im  Gegenteil  steigert  sich  mit  jedem  Jahre
der  Bezug  Deutschlands  an  Eisenerzen  vom  Auslande,  und  wir  werden  in
zunehmendem  Maße  von  Schweden  abhängig.  Die  schwedische  Regierung
hat  die  sogenannten  A-Erze,  also  die  besten,  von  der  Ausfuhr  ausgeschlossen;
wie  deckt  sich  die  Maßnahme  mit  dem  schwedischen  Handelsvertrag?  Es
scheint,  als  ob  man  in  Schweden  auf  Ausfuhrzölle  hinsteuert.  In  Oberschlesien
  wird  die  Schleuderpolitik  der  deutschen  Rohstoff=  und  Halbzeugkartelle
  nach  dem  Auslande  ruhig  fortbetrieben,  was  eine  Benachteiligung
der  inländischen  verbrauchenden  Industrien  und  eine  Verschärfung  der  aus-
        <pb n="147" />
        Das  Benische  Reich  und  seine  einjelnen  GSlieder.  (Februar  18.)  139

ländischen  Konkurrenz  zur  Folge  hat.  In  Frankreich,  wo  man  jetzt  mit
der  Revision  des  Zolltarijs  beichäftigt  ist,  geht  man  damit  um,  die  Länder,
die  eine  solche  Schleuderpolitik  zulassen,  durch  Zollverschärfungen  noch  extra
zu  bestrafen.  Deutschland  besitzt  im  Auslande  wenig  Handelssachverständige,
abgesehen  von  den  Konsuln.  Es  sollten  deren  mehr  angestellt  und  entsendet
werden;  jeden  falls  muß  die  Verteilung  ihrer  Berichte  rascher  weitergehen.

Staatssekretär  Delbrück:  Mut  der  Errichtung  des  Deutschen  Reiches
hat  für  Deutschland  eine  Zeit  ihren  Abschluß  gefunden,  die  ausgefüllt  war
mit  politischen  Idealen;  an  deren  Stelle  ist  dann  eine  Periode  wirtschaftlicher
  Kämpfe  geireten,  und  eines  der  Kennzeichen  dieser  wirtschaftlichen
Kampie  ist  ein  aousgeprägt  sozialistischer  Zug,  ein  Zug  der  Konzentration.
aller  wirtschaftlichen  Kräfte  und  der  Massen  zur  gemeinschaftlichen  Verfolgung
ihrer  Ziele.  Dieser  Zug  der  Konzentration  ist  so  stark  gewesen,  daß  er  nicht
nur  unserer  politischen  und  wirtichaftlichen  Entwicklung  in  den  letzten  Jahrzehnten,
  sondern  auch  unserer  Wissenschaft,  unserer  ethischen  und  ästhetuchen
Entwicklung  das  charakteristische  Gepräge  gegeben  hat.  Für  die  Orientierung
  unserer  inneren  und  insbesondere  unserer  Wirtschaftspolitik  im  Laufe
der  letzten  Jahrzehnte  sind  zwei  Momente  maßgebend  gewesen,  die  hochgespannte
  Entwicklung  von  Handel  und  Industrie  und  die  völlige  Veränderung
  unserer  internationalen  und  nationalen  Verkehrsbeziehungen.
Die  Aenderungen,  die  sich  auf  diesem  Gebiete  vollzogen  haben,  sind  so  tiefgreifend
  gewesen,  daß  beinahe  kein  Gebiet  unseres  Volks=  und  unseres  wirtschafllichen
  Lebens  davon  unberührt  geblieben  ist,  und  die  Wirkungen  auf
die  anderen  Gebiete  sind  so  stark  gewesen,  daß  beispielsweise  in  der  Gesetzgebung
  dieses  Hauses  ganz  andere  Fragen  durch  Jahrzehnte  hindurch
dominiert  haben.  Die  Momenie  für  die  Orientierung  unserer  inneren
Politik  im  Laufe  der  letzten  25  Jahre  liegen  in  den  siebziger  Jahren,  und
zwar  meldete  sich  zuerst  als  Konsequenz  umerer  zunehmenden  industriellen
Entwicklung  die  soziale  Frage,  die  Kämpfe  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern.
  Die  Sorge  für  die  wirtschaftliche  und  soziale  Selbständigkeit,
die  Hebung  unseres  Arbeiterstandes  haben  die  Gesetzgebung  des  Reiches
durch  Jahrzehnte  beherrscht.  Die  Aufgaben,  die  wir  auf  diesem  Gebiete
gelöst  baben,  mögen  groß  gewesen  sein;  abgeschlossen  ist  diese  Entwicklung
noch  nicht.  Die  zunehmende  Industrialisierung  mit  ihren  tiefgreifenden
Folgen  hat  auch  stark  und  intensiv  eingegriffen  in  die  Verhälklnisse  der
Landwirtschaft.  Die  Aenderungen,  die  sich  vollzogen  haben,  sind  nicht  allein
veranlaßt  durch  Lohnarbeiter  und  Lohnfragen.  Die  Lobn=  und  Arbeiterschwierigkeiten
  in  der  Landwirischaft  sind  nur  ein  Inzidenzpunkt  in  der
landwirtschaftlichen  Entwicklung  gewesen.  Die  Schwierigkeiten  nahmen  ihren
Anfang  mit  der  völligen  Veränderung  unserer  Markiverhälinisse  infolge  der
Entwicklung  unseres  einheimischen  und  auswärtigen  Eisenbahnwesens  und
mit  der  enormen  Entwicklung  unserer  internationalen  Schiffahrt,  die  in  der
Preisbildung  für  unsere  landwirtschaftlichen  Produkte  eine  so  starke  Verschiebung
  brachte,  daß  viele  landwirtschaftliche  Existenzen,  große  und  kleine,
allein  dadurch  an  den  Rand  des  Verderbens  gebracht  wurden.  Diese  aus
der  Weltkonjunktur  sich  ergebenden  Sch  wierigkeiten  wurden  noch  weiter
verschärft  dadurch,  daß  sie  unsere  östliche  Landwirtschaft  in  einem  Augenblick
  trafen,  wo  dort  die  Natural-  mit  der  Geldwirtschaft  im  Kampfe  lag,
und  infolgedessen  das  kaufmännische  Rüstzeug,  das  der  Landwirt  heute
braucht  und  über  das  er  heute  versügt,  ihm  noch  nicht  zu  Gebote  stand.
Die  Landwirtschaft  hat  nachhaltig  in  den  letzten  Jahrzehnten  und  wohl  nicht
ohne  Erfolg  gekämpft.  Am  verderblichsten  aber  und  für  den  Volkswirt
und  Gesetzgeber  am  unbequemsten  hat  die  Industrialisierung  und  die  Entwicklung
  unseres  Handels  eingewirkt  auf  diejenigen  Schichten,  die  von  rechts
        <pb n="148" />
        140  JNos  Veuische  Reich  uah  seine  einjelnen  Glieder.  (Februar  18.)

und  links  zerrieben  wurden.  den  sogenannten  Mittelstand.  Ich  verstehe
darunter  den  selbständigen  gewerblichen  Mittelstand,  an  dessen  Erhaltung
jedem  wahren  und  ernsten  Politiker  viel  gelegen  sein  muß.  Infolgedessen
hat  uns  die  Mittelstandspolitik  bisher  hier  im  Hause  ebenso  wie  in  den
Parlamenten  der  Einzelstaaten  ernsthaft  beschäftigt  und  wird  uns  noch
manche  schwer  lösbare  Aufgabe  bieten,  weil  wir  nicht  in  der  glücklichen  Lage
sind,  etwas  Neues  zu  entwickeln,  sondern  weil  wir  hier  genötigt  sind,  bestehende
  Zustände,  die  von  rechts  und  links  angegriffen  und  aufgelöst  werden,
nach  Möglichkeit  den  neuen  Verhältnissen  entsprechend  weiter  zu  entwickeln.
In  den  letzten  25  Jahren  hat  von  allen  Fragen  keine  eine  so  gewaltige  Stoßkraft
  entwickelt  als  die,  die  wir  gemeinhin  mit  dem  Begriff  Sozialpolitik
umfassen.  Das  hat  seinen  Grund  nicht  allein  darin,  daß  die  unmittelbar
beteiligten  Klassen,  die  Arbeiter,  es  verstanden  haben,  sich  innerhalb  und
außerhalb  dieses  Hauses  eine  entschlossene  und  wirkungsvolle  Vertretung
zu  schaffen,  sondern  darin,  daß  über  diese  Kreise  der  Arbeiter  hinaus  große
Parteien  dieses  Hauses  diesen  Bestrebungen  ein  besonderes  und  dauerndes
Interesse  gewidmet  haben.  Das  deutsche  Volk  hat  eigentlich  die  Summe
seines  ganzen  Idealismus  hineingelegt.  Nicht  der  Fachpolitiker  allein  beschäftigt
  sich  augenblicklich  in  Deutschland  mit  den  sozialen  Fragen,  sondern
der  sozialistische  Zug,  von  dem  ich  sprach,  geht  durch  unsere  Wissenschaft,
durch  unsere  Literatur  und  Kunst,  überall  finden  wir  denselben  Drang,  um
mit  einem  etwas  trivialen  Ausdruck  zu  sprechen,  Sozialpolitik  zu  treiben.
Solange  das  deutsche  Volk  seinen  Idealismus  auf  diese  Fragen  konzentriert,
wird  niemand  daran  denken  können,  unserer  Sozialpolitik  andere  Richtungen
und  ein  wesentlich  anderes  Gepräge  zu  geben,  als  sie  es  heute  hat.  Allerdings
  wird  man  fragen,  haben  die  Mittel,  die  wir  aufgewendet  haben,  denn
nun  überall  die  Erfolge  gezeitigt,  die  wir  erwartet  haben?  Werden  wir
nicht  im  Laufe  der  Zeit  auch  diese  Fragen  von  anderen  Gesichtspunkten
auffassen?  Es  ist  hierüber  viel  geschrieben  und  gesprochen  worden.  Was
wir  allein  auf  dem  Gebiete  der  Arbeiterversicherung  zu  schaffen  haben  und
demnächst  schaffen  werden,  geht  weit  über  das  hinaus,  was  andere  Länder
zu  leisten  imstande  gewesen  sind,  nicht  bloß  in  Bezug  auf  ihre  gesetzgeberische
Technik,  sondern  auch  mit  Rücksicht  auf  die  Opferwilligkeit  des  Volkes,  auf
die  Opferwilligkeit  aller  beteiligten,  produzierenden  Stände  und  mit  Rücksicht
  auf  den  idealistischen  Zug,  der  bei  uns  alle  diese  Bestrebungen  durchweht.
  Aber  eins  muß  gesagt  werden:  alle  diese  Erfolge,  die  gewiß  namentlich
nach  ihrem  materiellen  Maßstabe  außerordentlich  groß  sind,  haben  eine
Aufgabe  nicht  gelöst,  es  ist  uns  nicht  gelungen,  die  tiefe  Kluft  zu  überbrücken,
  die  die  wirtschaftlichen  Kämpfe  der  letzten  Jahrzehnte  gerissen  haben,
und  die  das  deutsche  Volk  zu  seinem  Schaden  in  zwei  Teile  teilt.  Wir
werden  uns  bei  allen  sozialpolitischen  Aufgaben,  die  wir  in  die  Hand  nehmen,
bei  allen  neuen  Versuchen,  sozialpolitische  Probleme  zu  lösen,  stets  bewußt
sein  müssen,  daß  unsere  Handlungen  und  Entschlüsse  geleitet  sein  müssen
von  der  Tendenz,  zusammenzuführen  und  nicht  zu  trennen,  zu  versöhnen
und  nicht  zu  erzürnen.  Diese  Trennung,  die  die  sozialpolitischen  Kämpfe
uns  gebracht  haben,  werden  vielleicht  erst  einmal  in  einer  späteren  Zeit
in  ihrer  Bedeutung  ermessen  werden.  Wir  werden  und  wollen  nicht  vergessen,
  daß  es  nicht  die  Sorge  für  das  materielle  Wohl  allein  ist,  die  ein
großes  Volk  zu  beschäftigen  hat,  sondern  wir  müssen  uns  gegenwärtig
halten,  daß  ein  großes  Kulturvolk  unvergängliche  Besitztümer  hat,  die  zu
wahren  und  zu  hüten  seine  Aufgabe  ist,  daß  dies  aber  nur  möglich  ist,
wenn  es  gelingt,  das  ganze  Volk  in  allen  seinen  Kreisen  um  diese  unvergänglichen
  Besitztümer  zu  scharen.  Auf  dem  Gebiete  der  Landwirtschaft
liegt  ein  erheblicher  Teil  der  Erfolge,  auf  die  wir  zurückblicken  dürfen,  nicht
        <pb n="149" />
        Deas  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Februar  18.)  141

direkt  in  der  Tätigkeit  des  Reiches,  sondern  in  der  Fürsorge  der  Bundesstaaten,
  aber  auch  das  Reich  hat  stets  mit  vollem  Verständnis  für  den  Ernst
der  Landwirtschaftsfragen  gearbeitet,  und  wir  müssen  uns  heute  zweierlei
gegenwärtig  halten  —  das  möchte  ich  in  diesem  Augenblick  besonders  betonen,
  weil  ich  glaube,  die  Verhältnisse  ziemlich  genau  zu  kennen  —  daß
nämlich  am  meisten  zu  diesem  Erfolge  beigetragen  hat  die  entschlossene
Arbeit  der  Landwirte,  der  Landwirte  im  einzelnen  und  der  Landwirte  im
großen,  in  ihren  Vertretungen.  Wir  dürfen  nicht  vergessen,  daß  wir  dieser
entschlossenen  Arbeit  unserer  Landwirte  und  der  stützenden  und  helfenden
Tätigkeit  der  Staaten  und  des  Reiches  eine  Summe  von  materiellen  und
sittlichen  Werten  verdanken,  ohne  die  wir  nicht  in  der  Lage  sind,  ohne
schweren  Schaden  durch  kritische  Zeiten  hindurchzukommen.  Wir  werden
also,  auch  selbst  wenn  wir  anerkennen  müssen,  daß  die  Sorge,  die  wir  vor
15  bis  20  Jahren  für  die  Landwirtschaft  hatten,  heute  nicht  mehr  auf  uns
lastet,  doch  niemals  vergessen  dürsen,  daß  in  der  Landwirtschaft  Werte
liegen,  die  vererbt  werden  müssen.  Ich  komme  nun  zur  Industrie.  In
dem  Augenblicke,  als  Ende  der  siebziger  Jahre  unsere  Eisen=  und  Textilindustrie
  die  Hilfe  des  Reiches  in  Anspruch  nahmen  und  den  Anstoß  zur
Zollpolitik  gaben,  hat  man  nicht  geahnt,  daß  sie  in  so  kurzer  Zeit  zu  einer
Weltmacht  oder  zu  zwei  Weltmächten  kommen  würden.  Aber  ich  habe  den
Eindruck,  daß  diese  glänzende  Entwicklung  schon  seit  langer  Zeit  den  Blick
getrübt  hat  für  die  Gefahren,  die  aus  der  Eigenartigkeit  der  Entwicklung
und  für  die  Zukunft  unserer  Industrie  und  dem  damit  unmittelbar  zusammenhängenden
  Handel  sich  ergeben.  Hier  liegen  die  Ansätze  zu  einer
ganzen  Reihe  neuer  Probleme,  und  ich  halte  es  nicht  für  einen  Zufall,
nicht  lediglich  für  eine  Folge  der  augenblicklichen  geschäftlichen  Dispositionen
dieses  Hauses,  wenn  der  verehrte  Redner  aus  der  Mitte  des  Hauses  mit
einer  großen  handelspolitischen  Rede  die  Debatte  über  den  Etat  des  Reichsamts
  des  Innern  eröffnet  hat.  Wir  werden  uns  darüber  im  klaren  sein
müssen,  daß  unsere  Industrie  und  unser  Handel  zwar  auch  gewaltige  Werte
schaffen  und  sich  eines  gewissen  Glanzes  ihrer  Entwicklung  erfreuen  können,
daß  aber  gerade  hier  das  Reich  mit  sorgendem  Auge  darüber  wachen  muß,
daß  diese  stolze  Entwicklung,  die  Grundlage  zum  Teil  für  unsere  Kriegsbereitschaft,
  von  der  die  Aufrechterhaltung  und  Fortführung  der  Beschäftigung
  von  Millionen  von  Arbeitern  abhängt,  keinen  Schaden  leide,  und  es
wird  also  unser  Bestreben  sein  müssen,  bei  allen  unseren  Maßnahmen  hierauf
Rücksicht  zu  nehmen.

18.  Februar.  (Holsterhausen  i.  Westfalen.)  Bei  den
katholischen  Kirchenwahlen  siegen  die  Polen  mit  bedeutender  Majorität

über  die  Zentrumskandidaten.

In  dem  katholischen  Kirchenvorstand  und  in  der  Kirchenrepräsentation
  von  H.  sitzen  somit  ausschließlich  Polen  und  zwar  nach  der  „Köln.  Ztg.“
in  der  ersten  Körperschaft  10  und  in  der  zweiten  Körperschaft  30  Polen.

18.  Februar.  (Bayern.)  Die  finanzielle  Lage  des  Staatshaushalts.



Wie  Finanzminister  v.  Pfaff  im  Finanzausschusse  des  bayerischen
Landtages  mitteilte,  ergibt  die  letzte  Finanzperiode  1908.1909  anstatt  der
erwarteten  Ueberschüsse  einen  sehr  erheblichen  Fehlbetrag.  Beim  Malzausschlag
  betrug  die  Mindereinnahme  3,8  Millionen,  bei  den  Staatseisenbahnen
  rund  23  Millionen  und  bei  der  Post  6  Millionen,  somit  im  ganzen
32,8  Millionen.  Nun  werden  allerdings  die  Mindereinnahmen  der  Post
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        142  JN%##  Netsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  19.)

gedeckt  durch  die  Herabsetzung  der  an  das  Reich  zu  zahlenden  Ausgleichsbeträge.
  Auf  der  anderen  Seite  sind  an  direkten  Steuern,  an  Gebühren,
sowie  aus  Einnahmen  aus  der  Bergverwaltung  und  der  Forstverwallung
Mehreinnahmen  zu  verzeichnen.  Die  abgeschlossene  Finanzveriode  schließt
aber  immerhin  mit  einem  Fehlbetrag  von  14  bis  15  Millionen  ab,  zu
deren  Deckung  eine  Anleihe  von  15  Millionen  nötig  wird.  Für  den
bayerischen  Finanzminister  ist  die  Situation  überhaupt  sehr  unerfreulich,
denn  seine  Steuerreform  ist  aufs  äußerste  gefährdet.  Die  bayerische  Reichsratskammer
  hat  bei  der  Einkommensteuer  das  vom  Zentrum  propagierte
Existenzminimum  von  300  Mark  wieder  auf  die  ursprüngliche  Höhe  von
600  Mark  gesetzt  und  damit  das  Zentrum  schwer  gekränkt.

19.  Februar.  Der  Präsident  des  Reichstags  Graf  Udo  zu
Stolberg-Wernigerode  f  in  Berlin  im  70.  Lebensjahre.  Zuerst  1907
von  der  Blockmehrheit  gewählt,  gelangte  er  auch  nach  dem  Zerfall
derselben  zur  Wiederwahl.

19.  Februar.  (Reichstag.)  Sozialdemokratische  Interpellation
wegen  der  Außerungen  des  Reichskanzlers  im  preußischen  Abgeordnetenhause
  über  die  Wahlrechtsfrage  am  10.  Februar.

Diese  Aeußerungen  sollen  geeignet  sein,  das  in  der  Verfassung  des
Reichs  gewährleistete  allgemeine,  gleiche,  geheime  Wahlrecht  herabzusetzen
und  zu  bedrohen.  Zur  Begründung  spricht  Dr.  Franck  (Sd.):  Der  Reichskanzler
  hat  gemeint,  daß  die  Kultur  sinke,  je  demokratischer  ein  Wahlrecht
sei.  Das  hat  ein  Kanzler  gesagt,  der  dem  durch  ein  demokratisches  Wahlrecht
  gewählten  Reichstag  verantwortlich  war.  Was  würde  einem  Reichskanzler
  geschehen,  wenn  er  sagen  wollte,  daß  gewisse  Reden  und  Geschmacksrichtungen
  des  Kaisers  verflachend  wirkten.  (Vizepräsident  Spahn:  Ich
bitte,  die  Person  des  Kaisers  nicht  in  die  Debatte  zu  ziehen.)  Ich  wollte
ja  nur  hypothetisch  ausführen.  (Vizepräsident  Spahn  unmierbrechend:  Ich
bitte,  mir  zu  folgen.)  Der  Herr  Präsident  hätte  warten  sollen,  was  ich
sagen  will,  und  er  hätte  dafür  sorgen  müssen,  daß  die  Redefreiheit  hier
gewahrt  wird.  Ich  wollte  ausführen,  daß  das  Kaisertum  und  der  Reichstag
  am  gleichen  Tage  geberen  sind.  Daß  der  Reichstag  den  gleichen  Respekt
zu  beanspruchen  hat,  wie  der  deutsche  Kaiser,  und  daß  der  Reichstag  es
sich  nicht  gefallen  zu  lassen  braucht,  daß  hier  im  Hause  und  außerhalb  des
Hauses  despektierlich  von  ihm  gesprochen  wird.  Wir  brauchen  dabei  auch
nicht  mimosenhaft  vor  der  Person  des  Kaisers  zurückeuschrecken.  Der  Ministerpräsident
  hat  im  Abgeordnetenhause  verlangt,  daß  seine  Rede  ernst  genommen
  werden  soll.  Es  ist  bedenklich,  wenn  er  das  erst  verlangen  muß.
Man  muß  aber  wissen,  was  werden  soll  und  wir  fragen  den  Reichskanzler,
ob  er  das  „verflachende  und  verrohende“  Reichslagswahlrecht  zu  ändern
wünscht.  Es  ist  gesagt  worden.  daß  dazu  ein  Militär  notwendig  sei.  Ich
glaube  nicht,  daß  der  Reichskanzler  das  Zeug  dazu  hat  trotz  der  schnellen
militärischen  Beförderung,  die  er  gemacht  hat,  auch  nicht,  wenn  er  um  die
Majorsecke  herumkommt  Der  Reichskanzler  hat  also  wohl  nur  dozieren
wollen.  Dann  soll  er  aber  auf  eine  Universität  gehen,  wie  Herr  v.  Jagemann,
  der  Staatsstreichlehrer  geworden  ist.  Wo  hat  der  Reichskanzler
eigentlich  seine  Beobachtung  über  den  Rückgang  der  politischen  Bildung
gemacht?  Vielleicht  bei  den  Borussen  in  Bonn  oder  anderen  Korvsbrüdern?
Was  wir  unter  politischer  Bildung  verstehen,  ist  etwas  anderes.  Mancher
Arbeiter  übertrifft  einen  Geheimrat  an  volitischer  Bildung.  Wenn  es  aber
in  den  unteren  Klassen  an  politischer  Bildung  fehlt,  dann  ist  daran  die
        <pb n="151" />
        H##  Beesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  19.)  143

mangelhafte  Ausbildung  auf  der  Volksschule  des  Dreiklassenwahlrechts  schuld.
Der  Reichskanzler  will  das  öffentliche  Wahlrecht  aufrecht  erhalten,  um  die
geistig  Schwachen  zu  schüßen.  Es  wäre  aber  ehrlicher  gewesen,  offen  zu
sagen,  daß  die  Beamten  nicht  nach  ihrer  Ueberzengung  wählen  dürfen.
Von  Zeit  zu  Zeit  wird  ein  hohes  Lied  auf  das  Pflichtgefühl  der  Beamten
gesungen  und  trotzdem  trauen  Sie  allen  Beamten  nicht  über  den  Weg.
Etwas  Gemeineres,  etwas  Gewissenloseres,  etwas  Erbärmlicheres  und
Feigeres  kann  ich  mir  nicht  denken,  als  der  Versuch  der  wirtschaftlich
Stärkeren,  die  wirtschaftlich  Schwächeren  um  ihre  Ueberzeugung  zu  betrügen.
Eine  goltgewollte  Abhängigkeit  wird  dabei  herangezogen,  das  sollten  alle
frommen  Männer  als  eine  Gotteslästerung  empfinden.  Die  Arbeiter  haben
mit  den  Demonstrationen  ihren  Willen  zum  Ausdruck  gebracht  und  sie
haben  ihren  Zweck  erreicht,  trotz  Polizeipräsidenten,  trotz  des  Ministerpräsidenten.
  Die  Massen  sind  auf  die  Straßen  gegangen,  sie  haben  ihren
Willen  kundgegeben.  (Lachenr.)  Es  hat  mich  nicht  überrascht,  daß  Sie  lachen,
aber  Ihr  Lachen  klingt  viel  leiser,  als  vor  zwei  Jahren.  Die  Massen  haben
auch  gezeigt,  daß  sie  Selbstzucht  besitzen.  (Zuruf:  Frankfurt!)  Es  wird
darauf  hingewiesen,  daß  hier  und  da  Ausschreitungen  vorgekommen  sind.
Das  sind  kleine  Dinge  gegenüber  dem  gewaltigen  Ausdruck  des  Massenwillens.
  An  diesen  Ausschreitungen  ist  aber  nicht  die  Arbeiterschaft,  sondern
die  Polizei  schuld.  Gewisse  Vorfälle  in  Franksurt  bedauern  auch  wir,  aber
es  ist  festgestellt,  daß  auch  hier  nicht  die  Arbeiterschaft,  sondern  die  Polizei
die  Schuld  trägt.  Seit  Jahrzehnten  haben  wir  ein  solches  Beispiel  nicht
erlebt,  daß  Hunderttausende  ihren  Willen  gemeinsam  zu  deutlichem  Ausdruck
gebracht  haben.  Das  war  Idealismus,  Herr  Reichskanzler,  und  der  Idea-Lismus
  findet  sich  nicht  bei  den  Oberlehrern,  sondern  bei  den  Arbeitern.
Wir  wünschen  keine  Ausschreitungen,  wir  wollen  durchaus  friedliche  Demonstrationen.
  Es  hat  Opfer  gegeben,  es  ist  Blut  geflossen,  die  Arbeiter  lassen
sich  dadurch  nicht  von  ihren  Kämpfen  abbringen.  Die  Arbeiter  sind  gewohnt,
  Opfer  zu  bringen.  Sie  bringen  jährlich  Ovfer  auf  dem  Schlachtfeld
  der  Arbeit  für  kleinliche  Interessen  der  Kapitalisten,  und  sie  werden
auch  Blut  fließen  lassen  und  haben  es  fließen  lassen  für  die  große  Befreiung
der  Arbeiterschaft.  Der  Herr  Reichskanzler  wird  gehen,  aber  der  Wahlrechtskampf
  wird  bleiben.  (Lebhafter  Beifall  b.  d.  Sd.  Pfuirufe  auf  der
Rechten,  erneuter  Beifall  b.  d.  Sd.)

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  An  einer  Diskussion  über
das  preußische  Wahlrecht  und  die  im  preußischen  Landtag  vorgelegte  Wahlreform
  kann  ich  mich  nicht  beteiligen.  Ich  kann  Ihnen  nur  wiederholen,
was  unzählige  Male  vom  Bundesratstisch  aus  erklärt  worden  ist,  zuletzt
noch  vor  zwei  Jahren  von  meinem  Amtisvorgänger,  daß  die  Aenderung
der  verfassungsrechtlichen  Zustände  in  den  Einzelstaaten  nicht  Reichssache
ist  und  daß  die  verbündeten  Regierungen  sich  an  der  Verwischung  dieser
staatsrechtlichen  Grenzen  nicht  beteiligen  Ich  werde  mich  bei  der  Beantworlung
  der  Interpellation  streng  an  das  halten,  was  vor  das  Forum
des  Reichstages  gehört.  Die  Interpellation  verlangt  Auskunft  von  mir
darüber,  was  mich  veranlaßt  habe,  gemisse  Ansichten  über  das  Wahlrecht
im  preußischen  Abgeordnelenhause  zu  äußern.  Ich  bin  zur  Auskunft  darüber
  bereit,  aus  welchen  Motiven  heraus  ich  einen  Gesetzentwurf  vorschlage,
  eine  Verwaltungsmaßregel  treffe,  vielleicht  auch  aus  welchen
Gründen  ich  beides  nicht  ine.  Aber  wenn  Sie  mich  fragen,  aus  welchen
Gründen  ich  eine  bestimmte  Ansicht  äußere,  meine  Herren,  die  Antwort
darauf  ist  sehr  einfach,  eben  weil  ich  sie  für  richtig  halte!  Aber  einer
solchen  Selbstverständlichkeit  wegen  werden  Sie  wohl  nicht  interpelliert
haben.  Ich  glaube  vielmehr  den  Sinn  der  Interpellation  dahin  verstehen
        <pb n="152" />
        144  aos  eutsche  Reich  und  seine  einfelnen  Glieder.  (Februar  19.)

zu  können,  daß  Sie  zu  wissen  wünschen,  ob  das  Reichstagswahlrecht  in
Gefahr  ist.  Sie  behaupten,  ich  hätte  im  Abgeordnetenhause  Ausführungen
gemacht,  die  geeignet  sind,  das  in  der  Verfassung  des  Reiches  und  mehrerer
Bundesstaaten  gewährleistete  gleiche,  geheime  Wahlrecht  herabzusetzen  und
zu  bedrohen.  Die  Herren  Interpellanten  sind  doch  sonst  nicht  so  feinfühlig.
Sie  selbst  nehmen  sich  unausgesetzt  das  Recht  heraus,  Reden  zu  halten  und
Demonstrationen  zu  veranstalten,  die  nicht  nur  geeignet  sind,  das  durch
die  preußische  Verfassung  gewährleistete  Wahlrecht  herabzusetzen  und  zu  bedrohen,
  sondern  die  es  ganz  unmittelbar  herabwürdigen  und  beschimpfen.
Der  Regierung  versagen  Sie  die  freie  Meinungsäußerung.  Das  entspricht
freilich  ganz  den  Ansichten  von  Gleichheit  und  Gerechtigkeit,  die  Sie  vertreten.
  Was  habe  ich  denn  nun  gesagt,  das  geeignet  wäre,  das  Reichstagswahlrecht
  oder  auch  Bundesstaatswahlrecht  herabzuwürdigen  oder  zu  bedrohen?
  Gewiß,  meine  Herren,  ich  habe  das  Sacrilegium  begangen,  nicht
an  die  alleinseligmachende  Kraft  des  allgemeinen,  gleichen,  direkten  und
geheimen  Wahlrechts  für  alle  Staaten  und  für  alle  Verhältnisse  zu  glauben.
Weil  ich  nicht  an  dieses  Dogma  glaube,  bin  ich  in  Ihren  Augen  ein
reaktionärer  Dogmatiker.  Das  ist  ein  zu  billiges  Kampfmittel.  Ich  bin
sogar  so  weit  gegangen,  von  der  zunehmenden  demokratischen  Entwicklung
des  Parlamentarismus  eine  Verflachung  der  politischen  Sitten  zu  erwarten.
Ja,  meine  Herren,  bin  ich  etwa  der  erste  oder  der  einzige,  der  die  Anschauung
  geäußert  hat,  daß  die  demokratische  Entwicklung  zwar  die  Basis
verbreitert,  aber  die  Richtung  hat,  das  Niveau  zu  verflachen.  Das  ist  doch
ein  in  der  Geschichte  aller  Völker  und  aller  Zeiten  erwiesener  Grundsatz.
Und  da  finden  Sie  es  auffällig,  eine  solche  Anschauung  auszusprechen,
weil  wir  im  Reiche  und  in  einer  Reihe  von  Bundesstaaten  ein  demokratisches
  Wahlrecht  haben.  Ja,  wenn  ich  dieses  Wahlrecht  als  eine  Institution
  des  Reiches  oder  einzelner  Bundesstaaten  angegriffen  hätte,  wenn
ich  gesagt  oder  nur  von  ferne  angedeutet  hätte:  ich  beabsichtige,  den  Verbündeten
  Regierungen  die  Abschaffung  des  Reichstagswahlrechtes  vorzuschlagen
  —  wie  ich  das  Wahlrecht  in  den  Bundesstaaten  bedrohen  könnte,
ist  mir  im  übrigen  gänzlich  unerfindlich  —,  dann  könnten  ängstliche  Gemüter
sich  beunruhigt  fühlen,  die  nicht  daran  denken,  daß  Bundesrat  und  Reichstag
doch  auch  noch  ein  Wort  mitzusprechen  haben.  Nichts  von  alldem  habe  ich  getan.
Nichts  von  alledem  liegt  in  meiner  Absicht.  (Zurufe  b.  d.  Sd.:  Wer  ist  es  denn,
der  an  dem  Bestande  des  Reichstagswahlrechtes  rütteln  will?)  Das  sind  die
Herren  Interpellanten.  Sie  werden  mir  recht  geben,  wenn  Sie  mich  weiter
anhören  wollen.  Ihnen  genügt  es  nicht,  Sie  wollen  das  Wahlalter  bis
unter  das  Mündigkeitsalter  herabsetzen.  Sie  wollen  den  Frauen  zum
Stimmrecht  verhelsen  und  anderes  mehr.  Glauben  Sie  aber,  daß  Ihre
Bestrebungen  auf  diejenigen  Volkskreise,  die  anders  denken  als  Sie,  und
deren  gibt  es  doch  noch,  beruhigend  wirken?  Und  selbst  wenn  ich  das
Reichstagswahlrecht  kritisiert  hätte,  wie  läge  denn  die  Sache  dann?  Unter
veränderten  Formen  und  in  veränderter  Stimmung  haben  wir  im
Jannar  1908  dasselbe  erlebt,  was  wir  heute  erleben.  Damals  hatten  die
Herren  sich  darüber  entrüstet,  daß  der  Fürst  Bülow  im  preußischen  Abgeordnetenhause
  erklärt  hatte,  es  entspreche  nicht  dem  Staatswohl,  das  Reichstagswahlrecht
  auf  Preußen  zu  übertragen.  Auch  damals  wurde  darin  eine
unerhörte  Kritik  des  Reichstagswahlrechtes  gefunden,  und  als  dann  später
im  März  hier  wiederum  über  das  Wahlrecht  im  Reiche  und  in  Preußen
verhandelt  wurde,  da  waren  es  genau  die  gleichen  Gedanken,  die  heute
zum  Ausdruck  kommen.  Damals  knünpfte  die  Agitation  an  ein  Programm
des  Fürsten  Bülow  an,  heute  an  die  Ausführung  dieses  Programms,  und
um  die  Agitation  noch  zugkräftiger  zu  machen,  wurde  damals  dem  Ver-
        <pb n="153" />
        Das  Denische  Reit  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  19.)  145

künder,  heute  dem  Ausführer  des  Programms  Mißachtung  und  Bedrohung
von  Reichseinrichtungen  zum  Vorwurfe  gemacht.  Das  Spiel  ist  zu  durchsichtig,
  um  nicht  erkannt  zu  werden.  Meine  Herren!  Ich  wiederhole,  die
Verbündeten  Regierungen  denken  nicht  daran,  am  Reichstagswahlrecht  zu
rühren.  Das  Reich  hat  sich  mit  diesem  Wahlrecht  sein  Haus  eingerichtet
und  trotz  aller  Mißstände  unseres  öffentlichen  Lebens  ist  mein  Glaube  an
die  Kraft  und  an  die  Zukunft  des  deutschen  Volkes  viel  zu  fest  gegründet,
als  daß  ich  nicht  davon  überzeugt  wäre,  es  werde  diesen  Bau  unversehrt
erhalten.

Gestatten  Sie  mir  eine  kurze  Abschweifung.  Meine  Herren!  Wer
es  nicht  begreifen  kann,  daß  ich  als  preußischer  Ministerpräsident  die
preußischen  Beamten  gegen  ungerechtfertigte  Angriffe  und  Verdächtigungen
in  Schutz  genommen  habe,  der  hat  keinen  Sinn  für  staatlichen  Organismus,
  keinen  Sinn  für  reale  Notwendigkeiten.  Ich  möchte  ihn  weltfremd
nennen,  wie  mich  der  Herr  Abg.  Frank  genannt  hat,  und  wer  darüber
hinweghört,  weil  es  ihm  nicht  in  seinen  Kram  paßt,  daß  ich  Parteiendienst
der  Beamten  verurteile  und  auch  durch  die  Tat  zu  verurteilen  wissen
werde,  mit  dem  kann  ich  nicht  diskutieren.  Bureaukratisches  Regiment  würde
uns  zur  Versteinerung  führen.  Wer  ist  es  denn  aber,  der  so  gerne  und
so  häufig  bureaukratisteren  will?  Meine  Herren!  Ich  habe  die  Ehre,  nun
bald  drei  Jahre  mit  Ihnen  zu  arbeiten.  Bei  den  mannigsachen  sozialpolitischen
  Fragen,  die  wir  miteinander  erörtert  haben,  habe  ich  immer
wieder  vor  der  trügerischen  Hoffnung  gewarnt,  die  Welt  mit  Gesetzesparagraphen
  und  dem  Heer  der  hinter  ihnen  stehenden  Beamten  zu  verbessern.
  Ich  habe  beispielsweise  bei  den  Arbeitskammern,  die  Sie  neulich
wieder  beraten  haben,  auf  das  schärfste  den  Standpunkt  vertreten,  daß  ich
mir  von  einem  Zusammenarbeiten  der  beteiligten  Berufsstände,  also  von
der  Arbeit  des  Volkes  selbst  viel  größere  Vorteile  verspreche  als  von  aller
Reglementiererei,  die  immer  unpraktisch  ist  und  schließlich  dazu  führen
muß,  hinter  jeden  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  einen  Polizisten  zu  stellen.
Und  wenn  ich  in  meiner  Abgeordnetenhausrede  hervorgehoben  habe,  daß
es  die  unteren  Gliederungen  des  Staates  und  Volkes  sind,  in  denen  die
größte  wirtschaftliche  und  geistige  Kulturarbeit  geleistet  wird,  dann  habe
ich  damit  die  Ueberzeugung  ausgesprochen,  daß  wir  nur  in  freier  und
freiwilliger  Tätigkeit  des  Volkes  selbst  vorwärts  kommen.  Wer  das  Bureaukratismus
  neunt,  der  weiß  mit  Fremdwörtern  nicht  Bescheid.  (Große
Heiterkeit  und  Zustimmung.)  Meine  Herren!  Damit  lassen  Sie  mich
schließem.  So  gut  wie  unverwüstliche  Streitlust  zum  Leben  des  Deutschen
gehört,  ebenso  kann  er  ohne  unverwüstlichen  Idealismus  nicht  bestehen.
Ich  halte  es  vor  allem  mit  dem  Idealismus.  Ich  baue  fest  auf  die  idealen
Kräfite  des  deutschen  Volkes,  die  sich  unter  dem  realen  Drucke  unserer
nationalen  Bedürfnisse  steigern  und  das  Feld  behaupten  werden.

Die  Besprechung  der  Interpellation  wird  beschlossen  von  den
Sozialdemokraten,  Freisinnigen,  Nationalliberalen  und  einem  Teil  des
Zentrums.  Das  Wort  erhält  zunächst

Abg.  Gröber  (3.):  Die  preußische  Landesangelegenheit  ist  nicht
gleichgültig  für  das  ganze  Reich.  Wir  haben  doch  erst  vor  wenig  Wochen
über  Maßregelungen  von  preußischen  Beamten  infolge  preußischer  Bestimmungen
  hier  verhandeln  müssen.  Die  Aeußerungen  des  Reichskanzlers
im  Abgeordnetenhause  haben  bei  manchen  meiner  politischen  Freunde
schwere  Besorgnisse  hervorgerufen.  Heute  hat  der  Reichskanzler  die  Hauptbesorgnis
  aus  dem  Wege  geräumt  durch  die  Mitteilung,  daß  die  Verbündeten
  Regierungen  nicht  daran  denken,  an  dem  Reichstagswahlrecht  zu
rütteln.  Trotzdem  geben  die  Ausführungen  des  Reichskanzlers  in  ihrer

Europäischer  Geschichtskalender.  UI.  10
        <pb n="154" />
        146  Das  Pentsqhe  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Februar  20.—23.)

prinzipiellen  Bedeutung  einen  gewissen  Anlaß  zur  Kritik.  Der  Reichskanzler  hat
gemeint,  er  habe  sich  nicht  gegen  das  Reichstagswahlrecht  gewandt.  Ja,
man  braucht  das  Wahlrecht  gar  nicht  ausdrücklich  zu  nennen  und  kann  es
doch  meinen.  Das  Reich  und  Preußen  kann  man  formalistisch  wohl  als
verschiedene  Staaten  bezeichnen,  aber  das  entspricht  nicht  der  wirtschaftlichen
  und  politischen  Entwicklung.  In  beiden  Ländern  sind  doch  dieselben
Volksmassen.  Der  Reichskanzler  ist  nach  meiner  Ueberzeugung  über  das
Maß  der  Kritik  bezüglich  des  Parlamentarismus  hinausgegangen.  Zu  dem
Reichstagswahlrecht  habe  ich  zu  erklären,  daß  wir  nicht  daran  rütieln
lassen  werden.

Abg.  Dietrich  (K.):  Es  hat  doch  sicher  niemand  im  Ernste  daran
geglaubt,  daß  die  Verbündeten  Regierungen  an  dem  Reichstagswahtlrecht
rütteln  wollten.  Das  soll  aufrecht  erhalten  bleiben.  Aber  daraus  folgt
nicht,  daß  das  Reichstagswahlrecht  auf  Preußen  übertragen  werden  müsse.
Man  versucht  jetzt,  dem  Reiche  Einfluß  auf  Preußen  zu  geben.  Würde
das  zugelassen  und  durchgeführt,  so  wäre  das  eine  Mediatisierung  Preußens.
Preußen  würde  dadurch  schlechter  genellt  als  alle  anderen  Bundesstaaten,
deren  Angehörige  es  immer  verstanden  haben,  jede  Einmischung  in  ihre
Interessen  zu  verhindern.  Wenn  aber  nun  in  Süddeutschland  sich  Stimmen
regen,  die  für  Preußen  das  Reichstagswahlrecht  verlangen,  so  weise  ich  auch
diese  Einmischung  zurück,  weil  sie  ungünstig  wirken  muß.  Für  preußisches
Wesen,  das  sind  wir  gewöhnt,  ist  in  den  süddeutschen  Bundesstaaten  kein
allzu  großes  Verständnis  zu  finden.  Aber  wir  haben  Anzeichen,  daß  es
wenigstens  beginnt,  verstanden  zu  werden.  Aus  der  Blockzeit  ist  eine  der
schönsten  Erinnerungen  für  mich  die,  daß  von  dieser  Tribüne  herab  sowohl
Herr  Hieber  als  auch  Herr  Payer  die  große  preußische  Mission  in  Deutschland
  gewürdigt  und  gepriesen  haben.

20.  Februar.  (Stuttgart.)  „Deutsch-freisinnige  Volkspartei.“

Auf  einem  außerordentlichen  Parteitag  beschließt  die  1868  gegründete
deutsche  Volkspartei  ihre  Verschmelzung  mut  der  freisinnigen  Volkepartei
und  der  freisinnigen  Vereinigung  unter  dem  Namen  „deutsch  freisinnige
Volkspartei“.

22.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  In
der  Wahlrechtskommission  werden  der  „kombinierte“  Antrag  der
Konservativen  und  des  Zentrums  auf  geheime  Urwahlen  und  offene
Abstimmung  der  Wahlmänner  mit  Zustimmung  der  Freikonservativen
angenommen.

22.  Februar.  (Elsaß-Lothringen.)  Im  elsässischen  Landesausschuß
  richten  die  intransigenten  Abgeordneten  Dr.  Wetterlé  und
Preiß  persönliche  Schmähungen  gegen  den  Staatssekretär  Zorn  von
Bulach  und  den  Unterstaatssekretär  Mandel.

23.  Februar.  (Reichstag.)  Rede  des  Staatssekretärs  Delbrück
über  Handelspolitik,  Mühlenindustrie.  Syndikate,  die  Siegerländer
Eisenindustrie  und  die  Handeleverträge.

Ueber  letztere  sagt  der  Staatssekretär:  Was  Schweden  betrifft,  so
läuft,  wie  bekannt,  der  schwedische  Handelsvertrag  Ende  dieses  Jahres  ab,
und  er  enthält  keine  Bestimmung,  wonach  er  automatisch  weiterläuft,  wenn
von  keiner  Seite  eine  Kündigung  erfolgt.  Es  muß  also  ein  neuer  Handels-
        <pb n="155" />
        Das  Vesche  Reich  und  seine  rintelnen  Glieder.  (Februar  23.)  147

vertrag  geschlossen  werden.  Inzwischen  ist  in  Schweden  ein  neuer  Zolltarif
  vorgelegt,  von  dem  man  nicht  übersehen  kann,  wann  er  verabschiedet
wird.  Infolge  dessen  haben  die  Regierungen  sich  bahin  geeinigt,  zunächst
den  bestehenden  Vertrag  bis  zum  1.  Dezember  1911  weiterlaufen  zu  lassen.
Der  schwedische  Tarifentwurf  ist  inzwischen  im  Reichsamt  des  Innern
übersetzt  und  den  beteiligten  Kreisen  zugänglich  gemacht  Wir  erhalten
täglich  Zuschriften  dazu,  und  ich  hoffe,  die  Oeffentlichkeit  so  rechtzeitig  damit
befassen  zu  können,  daß  keine  Beschwerden  laut  werden.  Außer  Schweden
wird  uns  in  allernächster  Zeit  unser  handelspolitisches  Verhältnis  mit
Japan  beschäftigen.  Unser  Handelsvertrag  mit  Japan,  der  von  1896
datiert,  ist  1899  in  Kraft  getreten.  Wenn,  wie  anzunehmen  ist,  die
japanische  Regierung  zur  Kündigung  des  Vertrags  kommen  sollte,  werden
wir  mit  Japan  in  Handelsvertragsverhandlungen  einzutreten  haben.  Die
Regierung  hat  bereits  einen  neuen  Zolltarif  vorgelegt,  der  uns  in  urkundlicher
  Uebersetzung  zugänglich  gemacht  ist.  Ich  hoffe,  daß  wir  schon,  bevor
der  Tarif  in  Japan  zur  Verabschiedung  gelangt,  einen  Teil  des  für  die
Handelsvertragsverhandlungen  notwendigen  Materials  zusammen  haben.
Es  ist  wiederholt  auf  den  neuen  französischen  Zolltarif  hingewiesen.  Ich
muß  mich,  wie  schon  kürzlich  bei  anderer  Gelegenheit,  auf  die  Mitteilung
beschränken,  daß  wir  die  französische  Regierung  in  freundschaftlicher  Weise
darauf  hingewiesen  haden,  daß  die  Verabschiedung  des  Tarifs,  so  wie  er
vorliegt,  unser  beiderseitig's  handelepolitisches  Verhältnis  zu  gefährden
geeignet  sein  würde.  Wir  haben  dabei  auf  die  besonders  in  Betracht
kommenden  Positionen  hingewiesen.  Die  französische  Regierung  hat  diese
Vorstellung  ihrerseits  freundlich  aufgenommen,  und  ich  möchte  mich  vorläufig
  der  Hoffnung  hingeben,  daß  wir  mit  Frankreich  auch  weiter  in  guten
handelspolitischen  Beziehungen  leben  und  nicht  genötigt  sein  werden,  die
Frage  der  Repressalien  zu  erwägen.  Die  Frage  des  Abkommens  mit
Kanada  hat  ja  zum  Teil  schon  durch  die  Presse  ihre  Beantwortung  gefunden.
  Wir  haben  zurzeit  in  Kanada  vier  Tarife.  Es  besteht  zunächst
ein  allgemeiner  Generaltarif;  das  Mutterland  und  einige  Kolonien  genießen
einen  Vorzugstarif  von  33½  Prozent  des  Werts  der  Waren  unter  dem
Generaltarif;  zwischen  beiden  liegt  neuerdings  ein  sogenannter  Mitteltarif,
dazu  bestimmt,  die  Grundlage  von  Handelsvertragsverhandlungen  zu  bieten.
Auf  Grund  desselben  ist  ein  Handelsvertrag  mit  Frankreich  zustande  gekommen,
  durch  welchen  Frankreich  für  80  Positionen  des  kanadischen  Tarifs
die  Sätze  des  Mitteltarifs  und  für  12  etwas  darüber  hinausgehende  ermäßigte
  Sätze  erlangt  hat.  Dieser  französisch-kanadische  Tarif  ist  am
1.  Februar  1910  in  Kraft  getreten  und  für  uns  insofern  von  Bedeutung,
als  die  Vorteile  desselben  auf  dem  Wege  der  Meistbegünstigung  auch
Oesterreich,  der  Schweiz  und  Japan  zugewendet  worden  sind.  Ueber  den
Generaltarif  hinaus  ging  nun  ein  besonderer  Tarif  für  Deutschland;
namentlich  seit  1898  wird  uns  gegenüber  ein  Zuschlag  von  33  ½  Prozent
des  Zollwerts  zu  dem  Generaltarif  erhoben,  eine  Maßnahme,  zu  welcher
sich  Kanada  damals  entschloß,  weil  wir  die  präferenzielle  Behandlung  des
Mutterlandes  nicht  hinnehmen  wollten  und  unsererseits  den  Generaltarif
gegen  Kanada  in  Kraft  setzten  Der  Wunsch  unserer  Industrie,  die  unter
den  bestehenden  Verhälinissen  schwer  gelitten  bat,  geht  seit  Jahren  auf  eine
zollpolitische  Vernändigung  mit  Kanada  Wir  haben  gehofft,  zu  einem
Meistbegünstigungs-  oder  Reziprozitätsvertrag  zu  gelangen,  haben  das  aber
bis  jetzt  nicht  erreicht,  haben  uns  aber  für  verpflichtet  gehalten,  mindestens
dafür  zu  sorgen,  daß  die  Surtaxe  von  33½18  Prozent  in  Wegfall  kommt
und  damit  friedlichere  Vorauesetzungen  für  Verhandlungen  über  einen  vollständigen
  Handelsvertrag  geschaffen  werden.  Das  Abkommen  beseitigt  diese
10“
        <pb n="156" />
        148  Das  Veische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  22.—24.)

Surtaxe,  die  deutschen  Waren  gehen  in  Kanada  zu  den  Sätzen  des
Maximaltarifs  ein,  sie  bleiben  differen  ziert  gegenüber  Großbritannien  und
einigen  Kolonien  und  auch  gegenüber  Frankreich  und  den  in  gleicher  Weise
meistbegünstigten  Ländern.  Diese  Begünstigung  macht  indessen  für  die
Mehrzahl  der  Artikel  nicht  mehr  als  2½  Prozent  aus.  Als  Gegenkonzession
für  die  Einräumung  des  kanadischen  Generaltarifs  haben  wir  die  Zollvergünstigungen
  der  Handelsverträge  für  25  Nummern  unseres  Tarifs  gewährt,
  so  für  Weizen,  Obst,  Fleisch,  Malz  und  Mehl.  Das  Abkommen
stellt  sich  dar  als  ein  Provisorium;  wir  hoffen,  daraus  zu  einem  endgültigen
  Vertrage  zu  gelangen,  und  wir  hoffen,  damit  unserer  Industrie
einen  Dienst  erwiesen  zu  haben,  wenn  ich  auch  dem  Abg.  Stresemann  zugebe,
  daß  ein  schattenloser  Lichtblick  auch  dieser  Erfolg  nicht  ist.  Der  Abg.
Mayer-Kaufbeuren  hat  betont,  daß  es  viel  zur  Besserung  unserer  Handelsbeziehungen
  zum  Auslande  beitragen  würde,  wenn  wir  uns  in  Bezug  auf
die  Produktion  von  Baumwolle  und  Kupfer  vom  Auslande  unabhängiger
machen  könnten.  Ich  freue  mich  sehr  darüber;  ich  habe  vor  Jahren  einmal
außerhalb  des  Hauses  eine  ähnliche  Anregung  gegeben.  Es  besteht  bereits
eine  internationale  Vereinigung  zur  Förderung  des  Baumwollbaues  außerhalb
  der  Vereinigten  Staaten.  Außerdem  ist  unsere  Kolonialverwaltung
im  Verein  mit  dem  Kolonialpolitischen  Komitee  bestrebt,  den  Baumwollbau
  in  unseren  Kolonien  zu  fördern.  Aber  trotz  aller  Mühe  und  zweifellosen
  Erfolgen  ist  der  Zeitpunkt,  wo  wir  mit  unserer  Baumwolle  den  Vereinigten
  Staaten  den  Rang  streitig  machen  werden,  noch  fern.

23.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Bei
der  Etatberatung  (Ministerium  des  Innern,  Ministergehalt)  geht
Abg.  Dr.  Bell  (Z.)  auf  die  Broschüre  „Fürst  Bülow  und  seine
Zeit“  von  „Germanicus“  ein,

die  trotz  ihrer  heftigen  Ausfälle  gegen  das  Zentrum  und  die
katholische  Kirche  in  der  ministeriellen  „Berliner  Korrespondenz“  empfohlen
worden  war  und  für  deren  Zusendung  sich  der  Minister  des  Innern  anerkennend
  bedankt  hatte.  Abg.  v.  Pappenheim  (K.)  verurteilt  diesen  „Mißgriff“
  amtlicher  Empfehlung  eines  Buches,  das  in  seiner  zweiten  Auflage
auch  gegen  die  konservative  Partei  heftige  Schmähungen  brachte.

22.—24.  Februar.  Besuch  des  Grafen  Ahrenthal  in  Berlin.

Das  offiziöse  Communiqué  sagt  über  seine  Unterredung  mit  dem
Reichskanzler:  „Anknüpfend  an  ihre  Unterredungen  vom  vorigen  Herbste
waren  sie  in  der  Lage  festzustellen,  daß  ebenso  Deutschland  wie  Oesterreich-Ungarn
  die  Erhaltung  des  status  quo  im  nahen  Orient  anstreben  und  die
weitere  Konsolidierung  der  inneren  Verhältnisse  des  ottomanischen  Reichs
mit  ihren  Sympathien  begleiten.  v.  Aehrenthal  und  v.  Bethmann  Hollweg
verblieben  bei  ihrer  ruhigen  Beurteilung  der  nächsten  Zukunft  sowohl  was
die  Lage  in  Europa  im  allgemeinen  als  die  Entwicklung  im  nahen  Orient
anbelangt.  Diese  Zuversicht  stützt  sich  vor  allem  auf  das  Bundesverhältnis
beider  Staaten  zu  Italien  sowie  auf  die  günstige  Entwicklung  der  Beziehungen
  Deutschlands  und  Oesterreich-Ungarns  zu  den  anderen  Mächten,
welche  die  so  notwendige  Erhaltung  der  Eintracht  unter  den  Mächten  wirksam
  zu  fördern  geeignet  ist.“

Unter  der  Ueberschrift  „Nachklang“  veröffentlicht  die  offiziöse  Süddeutsche
  Reichskorrespondenz  folgende  Berliner  Zuschrift  über  den  Besuch
des  Grafen  Aehrenthal:  „Die  Aussprache  zwischen  dem  Reichskanzler  und
dem  Grafen  v.  Aehrenthal  über  die  schwebenden  Fragen  der  Politik  ist
        <pb n="157" />
        Maes  Veesche  Reich  uand  seine  einfeluen  Glieder.  (Februar  24.  25.)  149

unter  Eindrücken  erfolgt,  die  sachlich  befriedigend  wie  persönlich  angenehm
sind.  Dies  mag  für  gewisse  ausländische  Kririker  gesagt  sein,  die  vor  der
Ankunft  des  Grafen  v.  Aehrenthal  in  Berlin  bemüht  waren,  einen  frostigen
Berlauf  seines  Besuches  vorauszusagen,  und  die  es  vielleicht  auch  künftig
für  eine  besondere  diplomatische  Kunst  halten  werden,  Berlin  und  Wien
gegeneinander  mißtrauisch  zu  machen.  Man  ist  nicht  müde  geworden,  auszustreuen,
  Deutschland  blicke  mit  scheelen  Augen  auf  die  sich  vorbereitende
Annäherung  zwischen  Oesterreich-Ungarn  und  Rußland.  In  Wirklichkeit
lag  kein  Grund  vor,  uns  wegen  diplomatischer  Unterhandlungen  zu  beunruhigen,
  über  deren  Zweck  und  Inhalt  wir  von  beiden  Seiten  fortlaufend
  unterrichtet  werden.  Wir  haben  zuviel  Achtung  vor  der  Selbstständigkeit
  der  österreichisch-ungarischen  wie  der  russischen  Politik,  um  Winke
für  die  fernere  Gestaltung  des  Verhältnisses  zwischen  den  beiden  Kaiserreichen
  zu  erteilen  oder  Versuche  zur  Herstellung  eines  Einvernehmens  mit
gönnerhaften  Lobsprüchen  zu  begleiten.  Aber  wir  brauchen  nicht  zu  verschweigen,
  daß  auch  wir  Interesse  nehmen  an  dem  Schwinden  einer  Entfremdung,
  die  in  Wien  wie  in  St.  Petersburg  als  abnorm  und  als  störend
empfunden  wird.  Zwischen  zwei  Großmächten,  von  denen  eine  uns  fest
verbündet,  die  andere  durch  keinen  naturnotwendigen  Gegensatz  in  großen
Fragen  von  uns  getrennt  ist,  gibt  es  für  Deutschland  nicht  die  Rolle  des
Tertius  gaudens,  die  übrigens  bei  der  zunehmenden  Verflechtung  der
Interessen  für  keine  Großmacht  zeitgemäß  ist.  Der  Ausblick  auf  die
politische  Gesamtlage  erscheint  nicht  unbefriedigend.  Das  Vertrauen  in  die
Fortdauer  einer  überwiegend  günstigen  Entwicklung  gründet  sich  aber
darauf,  daß  im  Verkehr  der  Mächte  gutwillige  Stimmung  und  europäischer
Geist  gepflegt  und  gestärkt  werden.  Wir  sind  gewiß,  daß  hierzu  die  Besprechungen
  der  Dreibundstaatsmänner,  jetzt  in  Berlin  und  später  in  Rom,
das  ihrige  beitragen.“

24.  Februar.  (Oldenburg.)  Die  Regierung  zieht  ihre  Gehaltsvorlage
  für  Beamte  und  Lehrer  zurück,

weil  der  Landtag  die  Vereinfachung  der  Staatsverwaltung  zur  Bedingung
  der  Annahme  gemacht  hatte.

24.  Februar.  (Potsdam.)  Der  Dichter  und  Schriftsteller
Dagobert  von  Gerhardt  („Gerhardt  von  Amyntor“")  1.  79  Jahre  alt.

25.  Februar.  (Hessen.)  Finanzminister  Gnauth  nimmt  seine
Entlassung,

weil  der  Finanzausschuß  beider  Kammern  das  von  ihm  vorgelegte
Amortisationsgesetz,  das  die  Staatsschuld  mit  jährlich  ⅜8  Prozent  in
56  Jahren  üulgen  soll,  ablehnte.

25.  Februar.  (Bayern.)  Derösterreichisch-ungarische  Minister
des  Außeren  Graf  v.  Ahrenthal  wird  vom  Prinzregenten  in  München
in  Audienz  empfangen.

25.  Februar.  (Reichstag)  Staatssekretär  Delbrück  kündigt
an,  daß  im  Sommer  1910  eine  internationale  Konferenz  zur  überwachung
  und  Bekämpfung  der  Schmutzliteratur  in  Paris  abgehalten
werden  soll.

25.  Februar.  (Sachsen  -Meiningen.)  Mit  17  gegen  7
Stimmen  wird  der  sozialdemokratische  Antrag  angenommen,  den
        <pb n="158" />
        150  Hos  NVeische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  26.)

Beamten  auf  den  fiskalischen  Schieferbrüchen  solange  keine  Zulage
zu  gewähren,  bis  der  10prozentige  Lohnabzug  der  Arbeiter  wieder
aufgehoben  sei.

26.  Februar.  Reichstagsersatzwahl  in  Mülheim-Wipperfürth-Gummersbach.


Oberlandesgerichtsrat  Marx  (3Z.)  erhielt  in  der  Stichwahl  21496
Stimmen,  der  Schriftsteller  Dr.  Erdmann  (Sd.)  13385.

26.  Februar.  (München.)  Der  fränkische  Bauernbund  wird

„Abteilung  Bayern“  des  „Deutschen  Bauernbundes“.

Die  Vorstandschaft  des  Fränkischen  Bauernbundes  mit  231  Obmannschaften
  hat  den  Anschluß  an  den  Deutschen  Bauernbund  beschlossen.  In
der  Begründung  wird  gesagt,  daß  im  Bund  der  Landwirte  nicht  die  Bauern,
sondern  nur  die  Junkerinteressen  maßgebend  seien.  Die  Reichssteuerpolitik,
welche  der  Bund  der  Landwirte  im  Verein  mit  dem  Zentrum  eingeschlagen
hat,  habe  geradezu  erbittert.  Ebenso  eine  andere  Zentrumsbescherung:
das  neue  Branntweinsteuergesetz  mit  seiner  den  Großbrennern  den  Hauptnutzen
  zuweisenden  Einschränkung  der  Kontingente,  sowie  die  in  Bayern
erhöhte  Bierbesteuerung,  welche  die  bayerischen  Bierbrauer  durch  die  Steuererhöhung
  empfindlich  schädige.  Weiterhin  habe  das  Zusammengehen  der
bündlerischen  Abgeordneten  mit  dem  Zentrum  bei  der  bayerischen  Steuerreform
  die  Mißstimmung  in  jenen  Kreisen  aufs  höchste  gesteigert.  Es  sei
daher  geraten,  das  vom  Deutschen  Bauernbund  angebotene  Schutz-  und
Trutzbündnis  anzunehmen,  in  das  der  Fränkische  Bauernbund  in  seinem
eigenen  Statut,  Programm,  Organ  und  bisherigen  Einrichtungen  unter
dem  Titel  „Deutscher  Bauernbund,  Abteilung  Bayern“,  eintrete.

26.  Februar.  (Bremen.)  Staatshauehalt.

Das  Budget  für  1910/11  weist  Ausgaben  in  Höhe  von  41  ½  Millionen
  Mark  (2  Millionen  Mark  mehr  als  im  Vorjahre)  auf.  Die  Finanzdeputation
  rechnet  das  wahrscheinliche  Defizit  auf  eiwas  über  3¼  Millionen
Mark  gegen  318  Millionen  Mark  im  Vorjahre.  Aus  früheren  Ueberschüssen
ist  ein  Reservefonds  von  5⅛½  Millionen  verfügbar.

26.  Februar.  (Reichstag.)  Ausnahmegesetz  über  die  Aufstandsausgaben
  in  Südwestafrika.

Es  soll  ausnahmsweise  gestattet  werden,  daß  die  durch  den  Aufstand
hervorgerufenen  Ausgaben,  soweit  sie  nicht  in  der  Heimat  geleistet  und
noch  nicht  verrechnet  sind,  in  einer  einheitlichen  Abrechnung  ohne  Trennung
nach  Rechnungsjahren  nachgewiesen  werden  dürfen.  Die  Prüfung  darf
ebenso  wie  die  Kontrolle  des  Rechnungshofes  auf  Stichproben  beschränkt
werden.  Der  Reichskanzler  soll  ermächtigt  werden,  zur  Deckung  der  Mehrausgaben
  bei  den  durch  die  Etats  aus  Anlaß  des  Eingeborenenaufstandes
bewilligten  Fonds  die  Summe  von  23,7  Millionen  Mark  im  Wege  des
Kredits  flüssig  zu  machen.  Soweit  die  Aufstandsausgaben  hiernach  noch
keine  genügende  Deckung  finden,  sind  sie  aus  den  ordentlichen  Einnahmen
des  Schutzgebietes  zu  bestreiten.

26.  Februar.  Der  Bundesrat  beendet  die  dritte  Lesung  der
Reichsversicherungsordnung.

26.  Februar.  (Hessen.)  Das  Finanzministerium  übernimmt
an  Stelle  des  zurückgetretenen  Dr.  Gnauth  der  bisherige  Minister
        <pb n="159" />
        Das  Penisqhe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  27.—März  1.)  151

des  Innern  Dr.  Braun,  dessen  Amt  dem  Provinzialdirektor  der
Provinz  Rheinhessen  von  Hombergk  zu  Vach  übertragen  wird.

27.  Februar.  (Berlin.)  Wahlrechtsdemonstration  vor  dem
kaiserlichen  Schlosse.

Nach  einer  Kundgebung  des  freiheitlichen  Bürgertums  gegen  die  Wahlrechtsvorlage
  kam  es  nach  der  Rückkehr  vom  Zirkus  Busch  und  dem  Feenpalast
zu  einer  Massenansammlung  unter  den  Fenstern  des  kaiserlichen  Schlosses.
Außer  Hochrufen  auf  das  allgemeine,  gleiche  Wahlrecht  hörte  man  von  Zeit
zu  Zeit  auch:  Nieder  mit  Bethmann!  Nieder  mit  dem  Junkerparlament!

27.  Februar.  (Elsaß-Lothringen.)  Gräfin  Wedel  und
Abbé  Wetterlé.

Der  „Schwäbische  Merkur“  macht  bekannt:  „Am  Tag  seiner  Entlassung
  aus  dem  Gefängnis  (16.  Februar)  erhielt  Wetterlé  noch  im  Gefängnis
  einen,  natürlich  französisch  geschriebenen,  Brief  von  der  Gräfin  Wedel,
Gemahlin  des  kalserlichen  Statthalters,  in  dem  die  Gräfin  ihrem  Bedauern
darüber  Ausdruck  gibt,  daß  Wetterlé  verhindert  gewesen  sei,  an  ihren  Ballfesten
  teilzunehmen.  Sie  sende  ihm  deshalb  nachträglich  die  Geschenke  zu,
welche  bei  den  Festen  an  die  Gäste  verleill  worden  seien.  Diesen  Brief  hat
Wetterlé  noch  vom  Gefängnis  aus  beantwortet  und  hat  ihn  mehreren  Personen
  triumphierend  gezeigt.“  (Weiterlé  war  wegen  Beleidigung  zu  zwei
Monaten  Gefängnis  verurteilt  worden.  Siehe  13.  Oktober  19091)

28.  Februar.  (Hamburg.)  Bei  der  Notabelnwahl  verliert
die  Rechte  8  von  den  von  ihr  zu  verteidigenden  20  Sitzen.

28.  Februar.  Die  Pariser  Akademie  der  Wissenschaften  lehnt
die  Einladung  der  Berliner  Universität  zu  ihrer  Jahrhundertfeier  ab.

1.  März.  (Reichstag.)  Wahl  des  Präsidenten.

Durch  Akklamation  wird  auf  Antrag  des  Abg.  Frhr.  v.  Hertling  (3Z.)

der  Graf  Schwerin-Löwitz  gewählt.  Er  ist  Mitglied  der  deutschkonservativen
  Fraktion  und  vertritt  seit  1893  den  Wahlkreis  Anklam--Demmin.

1.  März.  (Reichstag.)  Zweite  Lesung  des  Etats  des  Reichsamts
  des  Innern.  Bauernbund  und  Bund  der  Landwirte.

Abg.  Böhme  (b.  k.  Fr.)  dankt  für  die  Anerkennung,  die  dem  Bauernbund
  zuteil  geworden  ist.  Diese  Anerkennung  kann  uns  nicht  hindern,  an  der
Schutzzollpolitik  im  Sinne  des  Zolltarifs  von  1902  festzuhalten.  Wir  können
den  Getreidebau  nicht  enibehren.  Gegen  hohe  Futterzölle  ist  gewiß  nichts
einzuwenden,  auch  vom  bäuerlichen  Standpunkt,  nur  darf  es  sich  nicht  um
Mindestzölle  handeln,  wie  sie  der  Bund  der  Landwirte  in  Höhe  von
Mark  7.50  vorschlug.  Der  Zoll  muß  ein  Kompensationsobjekt  sein.  Gegen
den  jetzigen  Zoll  von  Mark  1.30  auf  Futtergerste  kann  nichts  eingewendet
werden.  Dagegen  kann  der  Zoll  auf  Braugerste  im  Interesse  der  Produzenten
durchaus  befürwortet  werden.  Unsere  landwirtschaftliche  Produktion  hat  sich
unter  dem  Schutze  des  Zolliariss  auf  allen  Gebieten  beträchtlich  gehoben  und
wird  sich  weiter  heben.  Die  Steuerreform,  namentlich  die  Erbanfallsteuer,  kann
die  größte  Konfusion  im  Lande  hervorrufen.  Es  ist  nicht  zu  sagen,  was  für
Vorstellungen  sich  unter  der  bäuerlichen  Bevölkerung  über  die  Erbanfallsteuer
gebildet  haben.  Diesen  Angriffen  gegenüber  sind  wir  in  der  Abwehr.
Wir  hetzen  nicht,  hetzen  tut  Frhr.  v.  Wangenheim  in  der  Breslauer  Versammlung.
  Indirekte  Steuern  müssen  sein,  aber  sie  können  nicht  ins  maß-
        <pb n="160" />
        152  JNaoas  Neutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (März  1.)

lose  gesteigert  werden,  denn  gerade  der  Mittelstand  hat  unter  ihnen  zu
leiden.  Da  muß  die  Erbanfallsteuer  aushelfen.  Die  Gestaltung  hängt
von  der  politischen  Zusammensetzung  des  Reichstages  ab.  Wenn  die  Sozialdemokratie
  nicht  eine  ausschlaggebende  Stellung  im  Reichstag  erhält,  bestehe
  keine  Gefahr  für  eine  unzulässige  Ausdehnung  der  Erbschaftssteuer.
Aber  durch  Ablehnung  der  Erbschaftssteuer  haben  Sie  auf  der  Rechten  nur
die  Geschäfte  der  Sozialdemokratie  gefördert.  Sie  haben  die  Einmütigkeit
der  bürgerlichen  Parteien  zerstört,  und  die  Folge  davon  haben  Sie  bei
den  Nachwahlen  und  bei  den  Landtagswahlen  in  Sachsen  gesehen.  Ueberall
hat  die  Sozialdemokratie  Vorteil  von  der  Ablehnung  der  Erbschaftssteuer
gehabt.  Hätten  Sie  auf  der  Rechten  eine  Politik  des  Mittelstandes  und
des  Bauernstandes  getrieben,  dann  hätten  Sie  die  Erbschaftssteuer  annehmen
  müssen.  In  der  Ansiedlung  von  Bauern  müssen  wir  in  viel
schnellerem  Tempo  vorgehen.  Die  Restgüter  müssen  aufgeteilt  werden  und
zur  Ansiedlung  von  Bauern  benutzt  werden.  Die  Restgüter  sind  ein
Schaden  für  das  Deutschtum  und  die  Entwicklung.

Abg.  Fuhrmann  (Nl.):  In  der  „Deutschen  Tageszeitung“  ist  dem
Grafen  Caprivi  immer  vorgeworfen  worden,  daß  er  ein  Mann  ohne  Ar
und  Halm  sei.  Nun,  wir  haben  nationalliberale  Hofbesitzer  als  Reichstagskandidaten
  vorgeschlagen,  aber  der  Bund  der  Landwirte  hat  andere  Personen
  vorgeschlagen  und  was  für  welche:  den  früheren  Bankbeamten  und
jetzigen  Direktor  des  Bundes  der  Landwirte.  Herrn  Diederich  Hahn,  Herrn
Zeitungsverleger  Bruhn,  Herrn  Amterichter  Vahrenhorst  usw.  Sind  das
etwa  Leute,  die  von  der  Landwirtschaft  etwas  praktisch  verstehen?  Ein
großer  Kampf  dreht  sich  nun  um  die  Reioserbschaftssteuer,  für  die  zu
stimmen  Herr  Hahn  Abgeordnete  dadurch  abgehalten  hat,  daß  er  ihnen
drohte,  sie  würden  die  Folgen  zu  spüren  haben.  Die  Erbschaftssteuer,  die
jetzt  den  Familiensinn  vernichten  soll,  ist  einst  von  der  „Deutschen  Tagesjeitung
  verlangt  worden  und  auch  im  konservativen  Handbuch  findet  sich
eine  Ablehnung  der  Reichserbschaftssteuer,  aber  heute  wird  nun  ein  gewissenloser
  Kampf  gegen  uns  geführt,  weil  wir  für  die  Erbschaftssteuer
gestimmt  haben.  Der  Bund  der  Landwirte  bringt  von  Zeit  zu  Zeit  ein
großes  Schlagwort.  Einst  war  es  ein  Antrag  Kanitz,  dann  das  Börsengesetz,
  dann  die  Margarine,  dann  das  Pökelfleisch  und  jetzt  auch  das  Schlagwort
  Erbschaftssteuer.  Für  die  Einlassung  des  amerikanischen  Pökelfleisches
haben  damals  auch  der  größte  Teil  der  Konservativen  und  das  Zentrum
gestimmt.  In  einzelnen  Wahlkreisen  Hannovers  ist  bereits  deutlich  zu  erkennen,
daß  Abmachungen  zwischen  dem  Bund  der  Landwirte  und  den  Welfen
gegen  die  Nationalliberalen  zum  Teil  schon  getroffen,  zum  Teil  aber  beabsichtigt
  sind.  Es  sind  bereits  Resolutionen  angenommen,  in  denen  erklärt
  wird,  daß  die  Abag.  Wachhorst  und  Arning  die  Unterstützung  des
Bundes  der  Landwirte  auch  in  Stichwahlen  nicht  wieder  bekommen  würden.
Das  ist  also  Herr  Hahn,  der  Schüler  Bismarcks,  der  jetzt  die  Wahlkreise
den  Welfen  ausliefern  will.  Bismarck  würde  sich  im  Grabe  umwenden,
wenn  er  das  hören  würde.  Jetzt  wirft  uns  Herr  Hahn  vor,  wir  schlössen
Bündnisse  mit  den  Sozialdemokraten  ab.  Wir  denken  nicht  daran,  und
wo  entgegengesetzt  gehandelt  wird,  da  mißbilligen  wir  es,  sowohl  in  der
Parteileitung  wie  in  der  Fraktion.  Aber  wie  hat  der  Bund  der  Landwirte
  gehandelt?  In  Neustadt  hat  der  Bund  der  Landwirte  wohl  eine
Parole  für  den  Nationalliberalen  ausgegeben.  Da  ist  aber  erst  der  Nationalliberale
  so  schlecht  gemacht  worden,  daß  die  Bündler  dann  für  den  Sozialdemokraten
  stimmten,  was  nachgewiesen  worden  ist.  Der  frühere  Minister
v.  Möller  ist  durch  die  Bündler  zu  Fall  gekommen,  und  an  seiner  Stelle  ist  ein
Sozialdemokrat  in  den  Reichstag  gekommen.  Die  Debatte  war  nötig,  um  ein-
        <pb n="161" />
        Das  Beische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  1.)  153

mal  mit  Herrn  Hahn  abzurechnen,  der  die  Schuld  dafür  trägt,  daß  unter  die
bürgerlichen  Parteien  diese  Zersetzung  gekommen  ist.  Wenn  der  nächste  Reichstag
  eine  Mehrheit  bekommen  sollte,  mit  der  nicht  regiert  werden  kann,  dann
trägt  die  Schuld  nur  Herr  Hahn.  Wir  werden  den  Kamps,  der  uns  aufgezwungen
ist,  durchsetzen.  (Zurufe  rechts:  Wir  auch!)  Wir  werden  den  Kampf  aufnehmen
in  der  Ueberzeugung,  daß  unsere  Wähler  Verständnis  für  die  Gründe  haben
werden.  Wir  glauben  aber  auch,  daß  auf  der  Rechten  die  Erkenntnis  wachsen
wird,  daß  mit  der  Politik,  die  Stadt  und  Land  trennt,  ein  Ende  gemacht  werden
muß.  Sie  haben  den  Fürsten  Bülow  gestürzt,  der  ein  warmes  Herz  für
die  Landwirtschaft  hatte.  Sie  werden  das  noch  so  weit  treiben,  daß  eine
Mehrheit  im  Reichstag  zustande  kommt,  die  landwirtschaftsfeindlich  ist.
Sie  werden  der  Totengräber  der  Landwirtschaft  werden.  Herr  v.  Kardorff
hat  noch  kurz  vor  seinem  Tode  gesagt,  daß  nicht  wegen,  sondern  trotz  des
Bundes  der  Landwirte  die  Landwirtschaft  floriere.
Abg.  Heim  (3.):  Ich  will  über  den  Deutschen  Bauernbund  sprechen.
Ueber  seine  Mitgliederzahl  weiß  man  nichts.  Gesagt  hat  er  auch  noch  nicht
viel.  So  ein  Rummel  kostet  doch  Geld.  Das  viele  Reden  und  die  Blätter
kosten  doch  Geld,  und  da  keine  Mitglieder  da  waren,  muß  doch  ein  Kapitalist
  dagewesen  sein,  der  einmal  das  Gründergeld  riskiert  hat.  Herr
Dr.  Böhme  hätte  hier  erklären  müssen:  Wir  nahmen  vom  Hansabund  kein
Geld  und  nehmen  auch  kein  Geld  von  ihm.  Ich  würde  im  Gegenteil  eine
Korruption  erblicken.  (Zuruf:  Bauernfängerei!  Unruhe  b.  d.  Nl.)  Gewiß,
in  der  Gründung  des  Bauernbundes  selbst  sehe  ich  nur  eine  Durchführung
einer  politischen  Ansicht.  Aber  das  Wie  ist  die  Frage.  (Zuruf:  Fränkischer
Bauernbund!)  Gewiß,  ich  gebe  zu,  der  ist  übergetreten  mit  angeblich
10000  Mitgliedern.  Da  können  Sie  ruhig  eine  Null  am  Ende  streichen,
wie  bei  der  Mitgift  auf  dem  Lande.  Das  Programm  des  neuen  Bundes
ist  ja  auch  danach.  Wenn  die  Erbschaftssteuer  der  einzige  Grund  ist,  die
neue  Vereinigung  ins  Leben  zu  rufen,  so  ist  es  doch  klar,  daß  die  ganze
Gründung  nur  politischer  Natur  ist,  und  bei  alledem  sind  die  Liberalen
kläglich  zusammengeschmolzen.  Jetzt,  wo  Herr  Posadowsky  im  „März“
seinen  Arrikel  veroffentlicht  und  sagt,  der  Reichstag  habe  in  nationalen
Dingen  nie  versagt,  da  habe  ich  mich  wohl  erinnert  an  das  nationale
„Versagen“  des  Zentrums,  das  damals  voraueging.  Es  ist  allerdings
eine  Auffassung,  die  der  der  leitenden  Staatsmänner  widerspricht,  aber
man  weiß  ja  nie,  wo  der  klügere  Staatemann  sitzt.  Und  jetzt  schreien
die  Nationalliberalen,  die  überall  unter  die  Räder  kommen,  und  wollen
anderen  Leuten  das  Haus  anzünden,  und  dabei  brennt  ihr  eigenes
schon  lange.  Nur  eine  entschiedene  Politik  hilft,  und  die  wollen  Sie  nicht.
Also  werden  Sie  von  rechis  und  links  zerrieben.  In  der  Landarbeiterfrage
  bin  ich  mit  Herrn  Böhme  einverstanden.  Nur  die  Aussichtslosigkeit
der  Landarbeiter,  der  6⅛/  Millionen,  schaffen  das  Elend.  Die  innere
Kolonisation  ist  nötig,  aber  nicht  mit  Privarkapitalien,  sondern  von  Staats
wegen.  Es  muß  neue  Freibauern  geben.  Das  muß  auf  gesetzgeberischem
Wege  geschehen,  wie  wir  es  jetzt  in  Bayern  mit  der  Aufteilung  des  großen
Grundbesitzes  mit  einer  Länderbank  machen  wollen.  (Zurufe:  Das  machen
wir  ja  in  Preußen  auch.)  Nein,  so  wie  Sie  es  in  Preußen  machen,  das
gefällt  mir  nicht.  Ich  bedauere  nur,  daß  Herr  Böhme  in  diesem  berechtigten
Streben  keine  Leute  hinter  sich  hat.  Der  Bauernbund  ist  mir  nur  ein  Beweis,
  daß  unsere  Zollreform  und  Tarifpolitik  jetzt  schon  in  diesen  Saal
hineinspielt.  Aber  der  Bauernbund  ist  nur  gegründet,  um  Zwietracht  zu
säen,  und  dieses  Zwietrachtsäen  bedaure  ich.
Abg.  Hahn  (K.,:  Herr  Fuhrmann  hat  mir  vorgeworfen,  ich  sei
daran  schuld,  wenn  jetzt  die  Kämpfe  unter  den  bürgerlichen  Parteien  ent-
        <pb n="162" />
        154  HN#s  NVeische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (März  1.  —3.)

fesselt  seien.  Ich  lehne  es  ab,  daran  schuld  zu  sein.  Ich  war  während
der  Reichsfinanzreform  krank  und  habe  mich  nicht  an  den  Kämpfen  beteiligt.
  In  der  Presse  des  Bundes  der  Landwirte  wird  in  der  vornehmsten
Weise  gegen  die  Gegner  polemisiert.  Sollte  einmal  ein  Ausfall  stehen
bleiben,  so  mißbillige  ich  das.  Der  Ausgangspunkt  des  scharfen  Kampfes
sind  die  scharfen  Ausfälle  von  nationalliberaler  Seite  gewesen.  Ich  kann
es  auch  heute  noch  bedauern,  daß  ich  damals  aus  der  nationalliberalen
Partei  ausgetreten  bin,  allerdings  nicht  in  meinem  Interesse,  sondern  im
Interesse  der  nationalliberalen  Partei.  Als  ich  aber  damals  austrat,  da
haben  meine  Wähler  treu  zu  mir  gestanden  und  das  zeigt  auch,  daß  schon
damals  sehr  verschiedene  Strömungen  in  der  nationalliberalen  Partei  bestanden.
  Einen  Liberalismus,  wie  ihn  heute  die  nationalliberale  Fraktion
treibt,  haben  die  hannoverschen  Liberalen  nie  treiben  wollen.  Den  Zug
nach  links  machen  wir  nicht  mit,  wir  sind  liberal  gewesen  in  Hannover
seit  Jahrhunderten.

2.  März.  (Hessen.)  Zweite  Kammer.  Die  Novelle  zum
Urkundenstempelgesetz,  die  u.  a.  den  Stempel  für  den  Kommerzienrattitel
  auf  3000  Mark  ansetzt,  wird  angenommen.

2.  März.  Versetzung  bürgerlicher  Offiziere  in  die  Garde.

Nach  Meldung  des  „Berliner  Tageblatts“  sind  die  Regimentskommandeure
  der  Linienregimenter  aller  Waffengattungen  durch  daes  Militärkabinett
  aufgefordert  worden,  je  einen  bürgerlichen  Offizier  namhaft  zu
machen,  der  sich  für  die  Versetzung  in  die  Garde  eignet.

2.  März.  (Berlin.)  Graf  Götz  von  Seckendorff,  ehemaliger
Oberhofmeister  der  Kaiserin  Friedrich,  k.  68  Jahre  alt.

2.  März.  (Bremen.)  In  einer  Lehrerversammlung  wird
mit  440  gegen  14  Stimmen  die  Demonstration  des  radikalen  Flügels
der  Lehrerschaft  zu  Bebels  70.  Geburtstag  und  aus  Anlaß  des
Prozesses  gegen  den  sozialdemokratischen  Lehrer  Holzmeyer  mißbilligt.

2.  März.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Zweiten  Lesung  des
Etats  des  Reichsamts  des  Innern.

Zwei  Resolutionen  zur  Förderung  der  Luftschiffahrt  werden  einstimmig
  angenommen.  Bei  dem  Etat  zur  Förderung  der  Seefischerei
(350000  Mark)  wird  die  nationalliberale  Resolution,  die  eine  Verbilligung
der  Eisenbahntarife  für  deutsche  Scefische  verlangt,  angenommen.  In  der
Debaite  wird  auf  den  Nachteil  der  deutschen  Heringsfischer  hingewiesen,
die  400  Meilen  in  See  gehen  müssen,  um  auf  die  Fangpläte  zu  kommen,

während  die  schottischen  und  norwegischen  Fischer  nur  60  Meilen  zurückzulegen
  brauchen.

3.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Zuweite
Kommissionsberatung  der  Wahlrechtsvorlage.

&amp;amp;  1  wurde  nach  dem  Vorschlag  der  Redaktionskommission  in  folgender
  Fassung  angenommen:  „Jeder  Preuße,  der  das  24.  Lebensjahr  vollendei
  hat,  ist  in  der  Gemeinde,  wo  er  seit  sechs  Monaten  seinen  Wohnsitz
oder  freiwilligen  Aufenthalt  hat,  zu  wählen  berechtigt.“  Es  wurde  hierbei
festgestellt,  daß  solche  Personen,  welche  Lungenheilanstalten  zugewiesen  sind,
als  wahlberechtigt  gelten,  weil  dieser  Aufenthalt  als  ein  freiwilliger  anzusehen
  ist.  §  2,  der  die  Personen  bestimmt,  die  vom  Wahlrecht  aus-
        <pb n="163" />
        Das  Denisqe  Reiq  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  3.)  155

geschlossen  sind,  wurde  unverändert  angenommen,  ebenso  83,  der  die  Vorschriften
  über  das  passive  Wahlrecht  enthält.  8  4  lautet  nach  den  Beschlüssen
der  ersten  Lesung:  „Die  Abgeordneten  werden  von  Wahlmännern  in  Wahlbezirken,
  die  Waohlmänner  von  den  Wählern  in  Stimmbezirken  gewählt.
Die  Wahl  der  Wahlmänner  erfolgt  mittels  verdeckter  Stimmzettel.“  Die
Konservativen  beantragen  die  öffentliche  Wahl  für  die  Wahlmännerwahl.
Zur  Begründung  dieses  Antrages  führte  ein  konservativer  Redner  aus,  daß
die  konservative  Partei  gern  mit  der  Regierung  etwas  zustande  bringen
möchte,  trotzdem  diese  Reform  darauf  hinauslaufe,  die  Konservativen  zu
schwächen.  Die  Konservativen  seien  aber  so  selbstlos,  daß  sie  bereit  seien,
trotzdem  mitzuarbeiten.  Seine  Partei  halte  aber  grundsätzlich  an  der  öffentlichen
  Wahl  fest.  Der  Minister  des  Innern  erklärte,  der  Standpunkt  der
Regierung  sei  nicht  zweifelhaft,  sie  bleibe  stehen  bei  der  Vorlage  und  deren
Begründung.  Ein  nationalliberaler  Vertreter  betont,  daß  seine  Partei  am
geheimen  Wahlrecht  festhalte.  Ein  freisinniger  Redner  wirft  die  Frage
auf,  worin  eigentlich  die  Selbstlosigkeit  der  Konservativen  dieser  Vorlage
gegenüber  bestehe.  Jeden  Fortschritt  des  Wahlrechts  lehne  die  konservative
Partei  ab.  Die  Vertreter  der  Sozialdemokratie,  des  Zentrums  und  der
Polen  sprachen  sich  für  die  geheime  Abstimmung  aus.  Die  Freikonservativen
erklärten  sich  für  die  Wiederherstellung  der  öffentlichen  Wahl.  Auf  die
Bemerkung  eines  konservativen  Redners,  daß  keine  Partei  der  Regierung
so  weit  entgegengekommen  sei,  als  die  konservative,  weist  ein  nationalliberaler
Redner  darauf  hin,  daß  nach  der  eigenen  Erklärung  der  Regierung  die
direkte  Wahl  das  Hauptstück  der  Vorlage  sei.  Und  gerade  das  wollen  die
Konservativen  mit  Hilfe  des  Zentrums  beseitigen.  Der  Vertreter  der  Konservativen
  bestreitet,  daß  die  Mehrheit  der  Wähler  im  Lande  für  das  geheime
  Wahlrecht  sei.  Dagegen  liefert  ein  freisinniger  Redner  statistisch  den
Nachweis,  daß  die  Wahlkreise  der  Konservativen  14  Millionen  Einwohner
umfassen,  dagegen  diejenigen  der  für  die  geheime  Wahl  eintretenden  Parteien
23  Millionen  Einwohner.  Bei  der  Abstimmung  wird  der  konservative  Antrag
  auf  Wiederherstellung  der  öffentlichen  Abstimmung  mit  15  gegen  13
Stimmen  abgelehnt.  Dann  wurde  beschlossen,  die  Diskussion  über  §  4  zu
verbinden  mit  dem  von  der  Kommission  in  erster  Lesung  neu  beschlossenen
§  16a:  „Die  Wahlmänner  werden  in  jeder  Abteilung  aus  der  Zahl  der
stimmberechtigten  Wähler  des  Stimmbezirks  ohne  Rücksicht  auf  die  Abteilung
gewählt.“  Die  Nationalliberalen  hatten  Beseitigung  der  indirekten  Wahl
beantragt  und  die  Bestimmung,  daß  der  Wahlmann  aus  dem  ganzen  Wahlbezirk
  entnommen  werden  darf,  das  Zentrum  dagegen,  daß  in  Gemeinden,
welche  in  mehrere  Urwahlbezirke  zerfallen,  der  Wahlmann  aus  den  Wählern
der  ganzen  Gemeinde  gewählt  werden  kann,  in  Berlin  aus  jedem  der  betreffenden
  Wahlbezirke.  Gegen  den  nationalliberalen  Antrag  sprachen  die
konservativen,  freikonservativen  und  Zentrumsredner.  Der  nationalliberale
Antrag  wurde  mit  17  gegen  9  Stimmen  abgelehnt,  der  Zentrumsantrag
mit  20  gegen  8  Stimmen  angenommen.  Bei  der  Abstimmung  über  den
§  4  trennten  sich  die  Freikonservativen,  so  daß  die  Annahme  des  §  4  des
Kompromisses  mit  17  gegen  11  Stimmen  erfolgte.  Schließlich  wurde  noch
ein  freisinniger  Antrag,  nähere  Ausführungen  zur  Sicherung  der  geheimen
Wahl  in  das  Gesetz  aufzunehmen,  mit  19  gegen  9  Stimmen  abgelehnt.
Beim  §  6  kam  die  Frage  der  Drittelung  nach  Urwahl-  oder  Gemeindebezirken
  zur  Sprache.  Freikonservative  und  Nationalliberale  hotten  die
Rückkehr  zu  der  Drittelung  nach  Gemeinden  beantragt.  Die  Debatte  wurde
namentlich  zwischen  Nationalliberalen  und  Zentrum  geführt.  Sie  endigte
damit,  daß  der  vereinigte  freikonservativ-nationalliberale  Antrag  mit  19
gegen  9  Stimmen  abgelehnt  wurde.  Weiter  wurde  die  Frage  der  Maxi-
        <pb n="164" />
        156  Nas  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  Anfang.  3.—5.)

mierung  in  Verbindung  mit  einem  nationalliberalen  Antrage,  wonach  die
fingierte  Steuer  der  Steuerfreien  von  3  Mark  auf  5  Mark  erhöht  werden
sollte,  diskutiert.  Bei  der  Abstimmung  wurde  ein  konservativer  Antrag
angenommen,  statt  5  Mark  4  Mark  zu  setzen,  gegen  die  Stimmen  der
Nationalliberalen,  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten.  Es  ist  also  im
wesentlichen  bei  den  Beschlüssen  erster  Lesung  geblieben,  nur  daß  der
fingierte  Elruersat  der  Steuerfreien  von  3  Mark  auf  4  Mark  heraufgesetzt
worden  ist.

Anfang  März.  Die  Zahl  der  durch  die  Tabaksteuer  arbeitslos

  gewordenen  Zigarrenarbeiter

beträgt  nach  der  „Süddeutschen  Tabakzeitung“  54000.  Denjenigen
von  ihnen,  für  die  keine  andere  Arbeit  vorhanden  ist,  zahlt  der  Staat
zwei  Drittel  ihres  im  letzten  Jahre  verdienten  Lohnes  als  Unterstützung.

3.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Kommission

  beendet  die  Beratung  der  Wahlrechtsvorlage.

Keine  Mehrheit  finden  die  verschiedenen  Anträge  der  Nationalliberalen,
  Konservativen,  Freikonservativen  und  des  Zentrums  betreffend
ein  höheres  Wahlrecht  für  sogenannte  Kulturträger.  Abgelehnt  wird  der
Antrag  der  Konservaliven,  neben  der  Fristwahl  auch  die  Terminwahl  zuzulassen.
  Darauf  wird  in  der  Gesamtabstimmung  die  Vorlage  mit  15
Stimmen  der  Konservativen  und  des  Zentrums  gegen  13  angenommen.
Einstimmig  angenommen  wird  eine  nalionalliberale  Resolution,  daß  in
Strafverfahren  nicht  nach  der  Abstimmung  gefragt  werden  soll.

3.  März.  (Berlin.)  Die  vom  Magistrat  vorgeschlagene
Wertzuwachssteuer  wird  von  der  Stadtverordnetenversammlung  fast
einstimmig  angenommen.

3.  März.  (Reichstag.)  Budgetkommission.  Der  Reichsinvalidenfonds,
  der  nach  den  Angaben  der  Regierung  bis  1913
ausreichen  sollte,  erfordert  schon  für  das  Jahr  1911  einen  Zuschuß
von  20—25  Millionen  Mark  aus  der  Reichskasse.

3.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Kommission
  für  das  Reisekostengesetz  beschließt  die  folgenden  Herabsetzungen
der  Tagegelder  für  Beamte:

Für  die  Minister  von  35  auf  30  Mark,  für  Beamte  der  ersten  Rangklasse
  von  28  auf  25  Mark  und  für  die  der  zweiten  und  dritten  Rangklasse
  von  22  auf  20  Mark.  Außerdem  wurde  bestimmt,  daß  bei  einer
Dauer  der  Reise  von  nur  drei  Stunden  Tagegelder  nicht  zu  liqutdieren
sind,  bei  der  Dauer  der  Reise  bis  zu  sechs  Stunden  nur  die  Hälfte  der
Tagegelder,  und  wenn  die  Reise  an  demselben  Tage  angetreten  und  beendet
wird,  ungefähr  zwei  Drittel  der  bisherigen  Sätze  festgesetzt  werden.  Nur
bei  den  Beamten  der  vierten  und  fünften  Rangklasse  wurden  stati  10  Mark
12  Mark  festgesetzt.

5.  März.  (Reichstag.)  Spezialberatung  des  Extraordinariums
  des  Etats  für  das  Reichsamt  des  Innern.  Etat  der  kaiserlichen
  Marine.  Der  Reichskanzler  über  die  deutsch-englischen  Beziehungen.
        <pb n="165" />
        Pas  Denisqe  Reich  und  seine  einzelnen  Elieder.  (März  5.)  157

Als  Beitrag  des  Reichs  für  das  deutsche  Museum  in  München
werden  350000  Mark  bewilligt,  ebenso  2  Millionen  Mark  (im  Vorjahre
4  Millionen)  zur  Förderung  der  Herstellung  geeigneter  Kleinwohnungen
für  Arbeiter  und  gering  besoldete  Reichsbeamte.

Bei  der  Spezialberatung  des  Etats  der  Kaiserlichen  Marine  bemängelt
  Abg.  Graf  Oppersdorff  (Z)  die  „Verwaltung  aus  dem  Vollen“:
das  Zulagesystem,  den  Ueberfluß  an  höheren  Beamten,  Abteilungschefs,
Dezernenten  u.  a.  Die  laufenden  Ausgaben  sind  in  vier  Jahren  von  120
auf  157  Millionen  gestiegen  und  werden  weiter  steigen,  wenn  die  großen
Schiffe  mit  ihrem  größeren  Deplacement  fertig  sein  werden.  Aehnlich  beim
Extraordinarium.  In  England  werden  die  Kriegsschiffe  bar  bezahlt;  wir
verfolgen  eine  andere  Politik,  wir  verkürzen  zwar  die  Lebensdauer  der
Schiffe,  aber  nicht  das  System,  die  Schiffe  aus  Anleihen  zu  bezahlen.
Eigentlich  müßten  doch  diese  Bauten  von  der  lebenden  Generation  bezahlt
werden;  wir  belasten  die  zukünftige  Generation  damit.  In  Bezug  auf  die
Panzerplatten  besteht  immer  noch  das  Monopol  der  Firma  Krupp-Dillingen.
Es  ist  möglich,  sogar  wahrscheinlich,  daß  Deutschland  auch  fernerhin  die
hohen  Preise  bezahlen  muß,  die  es  jetzt  bezahlt.  Die  verbündeten  Firmen
werden  ihre  Monopolstellung  durch  Hochhaltung  der  Preise  zu  erhalten
suchen.  Gewiß,  die  Firma  Krupp  hat  ihre  großen  Verdienste,  wir  sind
stolz  auf  sie,  aber  wir  sollten  die  Vergangenheit  nicht  der  Zukunft  opfern.
Wir  müssen  aus  der  jetzigen  Lage  heraus,  die  einen  gewissen  unangenehmen
Beigeschmack  hat.  Freiwillig  eingeräumte  Monopole  wirken  verteuernd
auf  die  Kriegsartikel.  Der  Staatssekretär  sollte  mit  starker  und  geschickter
Hand  in  diese  Verhältnisse  eingreifen  und  sich  durch  keine  Lob=  und  Hilfsaktion
  davon  abhalten  lassen.

Staatssekretär  des  Reichsmarineamts  v.  Tirpitz:  Daß  der  Marineetat
  eine  wesentliche  Steigerung  aufweist,  ist  für  niemand  unangenehmer
als  für  das  Reichsmarineamt  und  besonders  für  den  Staatssekretär  des
Reichsmarineamts  selbst.  Aber  es  ist  ganz  klar,  daß,  wenn  der  Zweck  erreicht
  werden  soll,  den  wir  anstreben,  eine  Flotte  zu  schaffen,  welche  eine
gewisse  Bedeutung  hat,  die  Kosten  so  steigen  müssen,  wie  sie  veranschlagt
worden  sind.  Daß  wir  aber  die  Kosten  nicht  höher  anschlagen  als  es  notwendig
  ist,  zeigt  dieser  Etat.  Die  Marineverwaltung  hat  sich  bemüht,  den
Etat  zusammenzuschieben,  ihn  den  finanziellen  Verhältnissen  des  Reiches
anzupassen.  Der  Voranschlag  ist  denn  auch  um  24  Millionen  hinter  dem
Voranschlag  des  vorigen  Jahres  zurückgeblieben.  Außerdem  möchte  ich
darauf  hinweisen,  daß  1916  die  Anleihen  für  Schiffsbauten  aufhören  und
durch  Steuererträge  gedeckt  werden.  Was  die  Frage  Krupp  —  Marineverwaltung
  betrifft,  so  hat  sich  der  Vorredner  hinsichtlich  der  Artillerie
sehr  kurz  gefaßt  und  mir  nur  nahegelegt,  bei  meinem  Kollegen  vom  Kriegsministerium
  einzuwirken,  daß  die  Firma  Ehrhart  mehr  in  den  Vordergrund
  tritt.  Darauf  habe  ich  keinen  rechten  Einfluß.  Die  Entscheidung
darüber  muß  dem  Kriegsminister  überlassen  bleiben.  Die  Marineverwaltung
ist  an  Ehrhart  herangetreten  und  hat  ein  8.8-Zentimeter-Geschütz  bestellt.
Wir  haben  diesen  Auftrag  1904  gegeben  und  dringend  gewünscht,  ein
solches  Geschütz  zu  bekommen.  Wir  warten  heute  noch  darauf.  Was  die
Panzerplatten  betrifft,  so  bemerke  ich,  daß  es  sich  hier  um  einen  durchaus
berechtigten  Materiallieferungsvertrag  handelt.  Wir  haben  bei  der  Bewilligung
  des  Flottengesetzes  schon  vor  verhältniemäßig  niedrigen  Preisen
gestanden,  niedrig  bezüglich  des  Charakters  als  Weltmarktpreis  für  Panzerplatten.
  Um  besser  disponieren  zu  können,  und  um  auch  Krupp  die
Möglichkeit  zu  geben,  seinerseils  disponieren  zu  können,  war  die  Marineverwaltung
  der  Ansicht,  daß  in  den  Preisen  noch  heruntergegangen  werden
        <pb n="166" />
        158  Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Marz  5.)

müßte,  und  nach  längeren  Verhandlungen  ist  es  1905  zu  einer  Einigung
gekommen.  Krupp  hat  einen  wesentlichen  Nachlaß  gewährt,  und  wir  haben
zugestanden,  daß  drei  Jahre  vorbehaltlos  nur  bei  ihm  bestellt  wird.  Es
war  gar  kein  Wunder,  daß  wir  Krupp  diese  Garantie  auf  drei  Jahre  gegeben
  haben.  Wenn  wir  nach  Ablauf  dieser  Zeit  keinen  Konkurrenten
gefunden  hatten,  der  die  Panzerplatten  besser  lieferte,  dann  standen  wir
1907  vor  der  Frage:  Wie  können  wir  Krupp  zu  einer  weiteren  Herabsetzung
  der  Preise  veranlassen?  Denn  nach  Verabschiedung  der  Flottennovelle
  von  1908  mußte  für  eine  Reihe  von  Jahren  ein  stärkerer  Bezug
von  Panzerplatten  stattfinden.  Krupp  antwortete  auf  unsern  erneuten
Versuch,  wenn  er  prompt  liefern  sollte,  müßte  er  seine  Werft  entsprechend
vergrößern  und  könnte  nicht  noch  einen  weiteren  Preisnachlaß  einräumen.
Das  war  eine  gewisse  Zwangslage,  die  noch  vergrößert  wurde  dadurch,
daß  Krupp  nach  dem  Vertrage  von  1907  die  höheren  Preise  für  1908,
1909  und  1910  bereits  in  der  Hand  hatte.  Ehe  ich  weiter  mit  Krupp  in
Verhandlung  trat,  habe  ich  mich  nicht  gescheut,  an  die  amerikanische  Firma
Midvale  mich  zu  wenden,  die  damals  der  amerikanischen  Regierung  einen
billigeren  Preis  anbot,  und  zwar  deshalb,  um  in  das  Panzerplattengeschäft
überhaupt  hineinzukommen.  Der  Preis  ist  nachher  in  Amerika,  als  die
Firma  im  Geschäft  war,  erhöht  worden.  Die  Antwort  der  Firma  lautete  dahin,
daß  sie  gegenüber  der  ihr  wohlbekannten  schnellen  Bauweise  auf  deutschen
Werften  in  Verzug  geraten  würde.  Wir  haben  uns  dann  noch  weiter
mündlich  an  inländische  Firmen  gewendet  und  schriftlich  an  die  Firma
Thyssen.  Herr  Thyssen  schrieb  mir  1907,  die  von  ihm  geäußerte  Hoffnung,
die  Einrichtungen,  die  zur  Herstellung  von  Panzerplatten  erforderlich  wären,
beschaffen  zu  können,  habe  sich  leider  nicht  verwirklichen  lassen.  Ich  habe
mich  auf  diese  Weise  überzeugt,  daß  eine  Konkurrenz  ausgeschlossen  ist.
Mit  dieser  harten  Tatsache  muß  doch  der  Staatssekretär  des  Reichsmarineamts,
  der  in  Geldsachen  auch  keine  Gemütlichkeit  versteht,  rechnen.  Wenn
ich  an  Krupp  herantrat  und  verlangte:  „Du  mußt  erstens  deine  Werke
vergrößern  und  zweitens  für  die  nächsten  drei  fetten  Jahre,  für  die  du
kontraktmäßig  einen  höheren  Preis  bereits  zugestanden  erhalten  hast,  herunterlassen“,
  so  muß  ich  doch  einem  Geschäftemann  gegenüber  ein  Nequivalent
  geben,  und  dieses  bestand  darin,  daß  ich  diesmal  die  Kautelen  für
eine  Verlängerung  des  Vertrages  etwas  milder  gesaßt  habe.  Wir  haben
gesagt,  daß  wir  1912  dann  von  dem  Vertrag  frei  sein  sollten,  wenn  wir
bessere  Platten  bekommen  könnten,  und  1913  dann,  wenn  wir  billigere
Platten  bekämen.  Durch  diesen  Vertrag  haben  wir  für  die  Jahre  1908,
1909  und  1910  bare  12  Millionen  dem  Reiche  erspart,  und  zwar  von  einer
Summe,  welche  Krupp  kontraktmäßig  in  der  Hand  hatte.  Ich  glaube,
dieses  Geschäft  war  die  Kautelen  wert,  die  ich  zubilligen  mußte.  Wir  sind
in  der  ganzen  Angelegenheit  praktisch  verfahren.  Durch  die  ganze  Vertragepolitik
  Krupp  gegenüber  haben  wir  seit  1902  einschließlich  des  vorliregenden
  Etats  im  ganzen  58  Millionen  dem  Reich  erspart.  Wir  können
die  Anerkennung  beanspruchen,  daß  wir  rationell  und  praktisch  verfahren
haben,  daß  das  Reichsmarineamt  alles  getan  hat,  um  eine  Konkurrenz
gegen  Krupp-Dillingen  zu  erreichen,  und  schließlich  das  Anerkenninis,  daß
wir  tatsächlich  die  besten  und  billigsten  Platten  haben.  Diese  letztere  Tatsache
  muß  ich  in  den  Vordergrund  stellen.  Es  hat  kein  Staat  ähnlich  gute
Platten,  kein  Staat  so  billige  Platten  wie  wir.  Ich  habe  die  Preise  nach
den  besten  öffentlichen  Quellen,  die  mir  zur  Verfügung  stehen,  zusammengestelll.
  Danach  zahlt  Frankreich  pro  Tonne  2300)  Mark,  Oesterreich
1950  Mark,  Iltalien  1950  Mark.  Amerika  1750  Mark,  England  1950  Mark,
Rußland  25000  Mark,  wir  bezahlen  ganz  erheblich  weniger,  in  der
        <pb n="167" />
        Das  Neesche  Reich  nad  seine  eintelnen  Glieder.  (März  5.)  159

Budgetkommission  habe  ich  die  Zahlen  genannt.  Neuerdings  ist  Thyssen
aufs  neue  an  uns  herangetreten.  Die  Kautelen,  die  er  von  der  Marineverwaltung
  verlangt,  sind  sehr  viel  strammer  als  die  Krupp  zugestandenen.
In  einem  ersten  Schreiben  fragte  Tyyssen  nach  den  Preisen,  die  wir  bezahlt
  haben.  Ich  hatte  Krupp  im  allgemeinen  zugesichert,  die  Preise,  die
wir  zadlen,  mit  Rücksicht  auf  sein  Auslandsgeschäft  nicht  öffentlich  zu  sagen.
Ich  habe  aber  doch  dem  Konkurrenten  gegenüber  mich  verpflichtet  gefüylt,
die  Preise  mitzuteilen.  Darauf  erhielt  ich  ein  zweites  Schreiben  von  Thyssen,
das  keineswegs  die  Freudigkeit  atmete,  in  die  Konkurrenz  einzutreien,  die
aus  dem  ersten  Schreiben  hervorging.  Er  erklärte,  die  Aufnahme  der
Fabrikation  könnte  erst  geschehen,  wenn  ihm  auf  die  Dauer  von  mindestens
zehn  Jahren  die  Lieferung  von  mindestens  ein  Drittel  des  jeweiligen
Bedarfs  fest  übertragen  würde.  Seine  Forderungen  liefen  darauf  hinaus,
daß  1915  der  Trust  da  sein  sollte.  Auf  die  Bedingung,  daß  der  Vertrag
hinfällig  sein  sollte,  falls  die  Marine  besseres  Material  von  anderer  Seite
erhielt,  bedauerte  Thyssen,  nicht  eingeben  zu  können.  Die  Marineverwaltung
sollte  sich  also  binden,  zehn  Jahre  lang  keine  besseren  Panzerplatten  zu
akzeptieren.  Der  Vorwurf,  daß  das  Reichsmarineamt  Krupp  begünstige,
besteht  nach  alledem  nicht  zu  Recht.  Die  Siellung  Krupps  hat  sich  heiausgebildet
  seit  einem  Menschenalter.  Damals  ist  Krupp  gegen  seinen  Wunsch
von  seiten  der  Reichsregierung  gedrängt  worden,  Panzerplatten  zu  produzieren,
  damit  wir  nicht  genötigt  wären,  vom  Ausland  zu  beziehen.  Darauf
ist  Krupp  eingegangen,  und  daraus  hat  sich  die  Sache  weiterentwickelt.
Es  kommt  doch  darauf  an,  was,  im  ganzen  genommen,  für  das  Geld,  das
das  Hohe  Haus  der  Marineverwaltung  zur  Verfügung  gestellt  hat,  geleistet
worden  ist.  Ich  glaube,  daß  wir  mit  der  Leistung,  der  Kriegsleistung,
die  für  dieses  Geld  tatsächlich  gemacht  worden  ist,  zufrieden  sein  können.
Wenn  wir  diese  Leistungen  mit  denen  anderer  Staaten  vergleichen,  so  spielt
die  deutsche  Marine  dabei  keine  schlechte  Rolle.

Abg.  Gans  Edler  Herr  zu  Puttlitz  (P.):  Ich  möchte  zunächst
der  Freude  darüber  Ausdruck  geben,  daß  die  Wogen  des  Kampfes,  der  vor
Jahresfrist  zwischen  Deutschland  und  England  über  die  Flottenrüstungen
tobte.  sich  mehr  und  mehr  geglättet  haben.  Unsere  Flotte  soll  den  Frieden
sichern  helfen  und  uns  ermöglichen,  im  Frieden  vorwärts  zu  kommen.  Die
Stärke  der  deutschen  Wehrkraft,  die  une  jetzt  einen  40jährigen  Frieden
verichafft  hat,  ist  auch  in  unserer  Flotie  verkörpert.  Der  Streit  der
Meinungen  über  den  Wert  der  Flolte  ist  immerhin  nicht  ergebnislos  gewesen:
  er  hat  klärend  gewirkt.  Im  ganzen  ist  der  für  die  Schaffung  der
Flotie  eingeschlagene  Weg  der  richtige  gewesen;  auch  zur  Verteidigung
brauchen  wir  Linien=  und  Schlachtschiffe.  Andere  Flotten,  wie  die  französische,
  find  unserm  Beispiel  gefolgt,  während  wir  andererseits  von  den
Franzosen  in  Bezug  auf  die  Unterseeboote  gelernt  haben.  Wir  bringen  der
Marineverwaltung  nach  wie  vor  Vertrauen  entgegen.  Dieses  Vertrauen
ist  in  den  letzten  Jahren  an  vielen  Siellen  der  Bevölkerung  verringert  und
erschüttert  worden.  Es  ist  aber  mehr  getadelt  worden,  als  zu  tadeln  war.
Defraudationen  höherer  Beamter  haben  auch  in  dem  Kieler  Prozeß  nicht
nachgewiesen  werden  können.  Die  Kommission  hat  anerkennen  müssen,  daß
theoretisch  gegen  den  Betrieb  nichis  einzuwenden  sei.  Daß  in  der  Prax's
Mängel  und  Unregeimößigkeiten  vorkommen  müssen  in  einer  so  großen
Verwaltung,  hat  der  Staatssekreiär  selbst  zugegeben.  Der  Betrieb  leidet
eben  daran,  daß  er  ein  Staatobetrieb  ist  und  bleibt.  Es  handelt  sich  hiec
um  schnell  wechselude  und  schnell  auszuf  hrende  Aufgaben.  Da  ist  mit
dem  Worte  „kaufmännisch“  nich!t  viel  anzufangen;  die  freie  Hand  und  das
Wirken  für  das  eigene  Portemonnaie  konnen  wir  eben  unseren  Werft-
        <pb n="168" />
        160  Das  Dentsqe  Reit  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  5.)

betrieben  nicht  geben.  Die  Marine  kostet  ein  außerordentliches  Stück  Geld;
Sparsamkeit  ist  also  auch  hier  am  Platze.  Im  Volke  glaubt  man  vielfach,
daß  in  der  Marine  die  Grundsätze  altpreußischer  Sparsamkeit  nicht  gelten.
Wir  müssen  auch  deshalb  auf  Sparsamkeit  und  Kontrolle  dringen  und  werden
daher  auch  für  die  Resolution  der  Kommission  stimmen,  welche  eine  Denkschrift
über  die  Tafel-  und  Messegelder  verlangt.  Sehr  dankenswert  ist,  daß  die
Zentralisation  des  gesamten  Beschaffungswesens  in  Aussicht  gestellt  worden
ist.  Eine  noch  weitere  Verbilligung  der  Panzerplattenpreise  wäre  ja  sehr
wünschenswert;  es  würde  überaus  erfreulich  sein,  wenn  der  Staatssekretär
mit  seinen  weiteren  Bemühungen  um  eine  Konkurrenz  gegen  Krupp-Dillingen
  mehr  als  bisher  Erfolg  hätte.  Beim  Ankauf  von  Materialien
hat  der  Staatssekretär  eine  sehr  geschickte  Hand  bewiesen  und  viel  zu  Ersparnissen
  beigetragen.  Im  übrigen  kann  es  nicht  wundernehmen,  wenn
die  Ausgaben  für  die  Instandhaltung  der  Flotte  andauernd  steigen.  Unsere
Marine  ist  allen  Marinen  der  Welt  auch  in  Bezug  auf  die  Etatsaufstellung
voran;  in  dem  englischen  Etat  steht  ein  Pauschauantum  neben  dem  andern,
wir  sind  in  Deutschland  auf  diesem  Gebiete  ohne  parlamentarisches  System
weit  besser  daran  als  andere  Länder.  Der  Etat  ist  so  sparsam  ausgestellt
wie  irgend  möglich.  Ich  hoffe,  die  Verwaltung  wird  auch  in  Zukunft  mit
immer  wachsender  Umsicht  und  Tatkraft  ihre  Riesenaufgabe  lösen  und  dadurch
  im  Volke  die  Freude  an  unserer  jungen  Flotte  wieder  steigern.

Abg.  Dr.  Semler  (Nl.):  Ich  bedauere,  daß  öffentlich,  um  den  Ruhm
des  Herostratus  zu  erwerben,  gesagt  worden  ist,  diese  Panzerkreuzer  seien
eigentliche  Linienschiffe.  Wir  denken  gar  nicht  daran,  Panzerkrenzer  zu
schaffen,  wo  wir  Linienschiffe  meinen.  Bei  den  Kreuzern  wird  das  Hauptgewicht
  auf  die  Geschwindigkeit  gelegt  werden  müssen.  Wir  haben  mit  den
kleinen  Kreuzern  ein  gutes  Geschäft  gemacht.  An  dem  Geschäftsgebaren
der  Marineverwaltung  in  dem  Bau  dieser  Schiffe  wesentliches  zu  ändern,
haben  wir  keine  Veranlassung.  Eine  Abschaffung  der  Torpedos  hieße  die
Beiseitelegung  einer  unserer  besten  Waffen.  Auf  unseren  Unterseebooten
ist  erfreulicherweise  bis  jetzt  kein  Unfall  vorgekommen,  wie  denn  auch  überhaupt
  in  unserer  Marine  relativ  sehr  wenig  Unfälle  vorgekommen  sind.
Das  ist  auf  die  innere  Kraft  unserer  Flotte  zurückzuführen.  Was  die
Werftbetriebe  betrifft,  so  haben  wir  aus  dem  Kieler  Prozeß  die  Lehre  gezogen,
  daß  eine  größere  Kontrolle  und  eine  größere  kaufmännische  Ausbildung
  des  Personals  notwendig  ist.  Das  gilt  zunächst  von  dem  Unterpersonal.
  Die  Hauptsache  ist,  daß  die  Werftdirektoren  in  enger  Fühlung
mit  den  mittleren  und  unteren  Beamten  und  Arbeitern  stehen  müssen,  daß
der  Oberwerftdirektor  auch  mit  den  Technikern  in  Fühlung  bleibt.  Diejenigen
  Beamten,  die  es  bedürfen,  müssen  in  ihrem  Einkommen  aufgebessert
werden.  Im  übrigen  können  Ersparnisse  gemacht  werden.  Die  englischen
Zeitungen  haben  unsere  Flottenpläne  übertrieben.  Wir  bauen  nicht  Schiffe,
um  England  den  Rang  abzulaufen.  Wir  können  es  nicht  hindern,  wenn
England,  das  gegen  die  Welt  seine  Flotte  ausbaut,  unsere  Rüstung  übertreibt.
  Deutschland  hat  ein  Recht  darauf,  daß  man  ihm  glaubt,  es  werde
nicht  mit  seiner  Flotte,  die  an  dritter  Stelle  steht,  einen  Krieg  provozieren.
wollen,  während  es  mit  einem  Heer,  das  an  erster  Stelle  steht,  bisher  den
Frieden  aufrecht  erhalten  hat.  Unter  allen  Umständen  wollen  wir  unseren
Handel  und  unsere  Industrie  mit  unserer  Flotte  schützen.  Dazu  zwingt
uns  auch  unsere  wachsende  Bevölkerung.

Abg.  Dr.  Lconhard  (Fr.  Vp.):  Der  vorliegende  Etat  ist  höher  als
alle  anderen,  nur  England  hat  einmal  einen  höheren  Marineetat  gehabt.
Trotzdem  hat  sich  die  Kommission  mit  geringen  Abstrichen  begnügt.  Der
Etat  ist  allerdings  durch  das  Flottengesetz  gebunden,  aber  ich  bezweifle,
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        Das  Denisqhe  Reiqh  and  seine  einjelnen  Slieder.  (März  6.)  161

daß  diese  gesetzliche  Bindung  für  die  Regierungen  noch  einen  so  hohen
Wert  hat.  Wenn  alle  verfügbaren  Mittel  auf  den  Schiffsbau  verwandt
werden  müssen,  so  kann  für  die  Küstenverteidigung  nichts  geschehen.  Ich
verstehe  deshalb  sehr  wohl,  daß  andere  Mächte  wohl  ein  Flottenprogramm
aben,  aber  von  einem  Flottengesetz  wie  dem  unfrigen  nichts  wissen  wollen.
talien  ist  sehr  schnell  davon  zurückgekommen.  Ich  habe  auch  ferner  volles.
Verständnis  dafür,  daß  der  Reichsschatzsekretär  die  größten  Bedenken  hatte,
wie  er  in  den  nächsten  Jahren  den  Etat  balancieren  kann.  Nach  meiner
festen  Ueberzeugung  wird  das  ohne  neue  Steuern  gar  nicht  möglich  sein.
Der  Oberwerftdirektor  in  Kiel  hat,  wie  es  heißt  auf  Veranlassung  des
Staatssekretärs,  eine  Untersuchung  eingeleitet,  welche  seiner  höheren  Beamten
  Beziehungen  zu  Abgeordneten  hätten.  Das  ist  geradezu  unerhört!
Wenn  die  bürgerlichen  Parteien  den  Wünschen  und  Anregungen  der  Beamten
  ihr  Ohr  verschließen  würden,  so  würde  sich  die  Sozialdemokratie
jederzeit  ihrer  annehmen.  Wir  müssen  verlangen,  daß  der  Beamte  außerhalb
  des  Dienstes  die  vollen  staatsbürgerlichen  Rechte  hat,  auch  im  Interesse
  der  Reichsmarineverwaltung  selbst  wäre  ein  derartiges  Verfahren  besser
unterblieben.  Die  Arbeitsfreudigkeit  der  Beamten  wird  dadurch  nicht
ehoben.
geb  Abg.  Dr.  Südekum  (Sd.):  Im  vorigen  Jahre  wurde  der  Marineetat
  in  zweiter  Lesung  fast  ohne  jede  Debatte  angenommen.  Das  ist  ein
recht  unangenehmer  Zwischenfall  gewesen,  denn  der  Marineetat  ist  doch
der  eigentlich  politische  Etat  und  muß  um  so  gründlicher  erörtert  werden.
In  diesem  Jahre  war  die  Spannung,  mit  der  man  die  Plenarberatung
erwartete,  um  so  größer,  als  die  Prozesse  starke  Mißstimmung  draußen  im
Volke  hervorgerufen  hatten.  Die  Marine  ist  schuld  an  dem  Finanzjammer
des  Reiches,  das  steht  fest.  Beim  Regierungsantritt  des  jetzigen  Kaisers
betrugen  die  Marineausgaben  51  Millionen,  1911  werden  sie  462  Millionen
betragen.  In  20  Jahren,  von  1889,  sind  fortdauernd  für  die  Marine
3199  Millionen  Mark  verausgabt  worden;  die  Gesamtausgaben  belaufen
sich  auf  über  vier  Milliarden,  ohne  die  Verzinsung  der  Schulden  und
ohne  die  Pensionsbeträge.  Diese  Ausgaben  und  die  damit  verknüpfte
Schuldenwirtschaft  bringen  unsere  Sozialpolitik  geradezu  zum  Verdorren.
Die  Flottenpolitik  war  aber  auch  nicht  die  Wirkung,  sondern  die  Ursache
der  scharfen  Spannung  zwischen  den  Nationen.  Jedes  Ding  hat  seine
Zeit,  auch  der  Imperialismus,  auch  die  dem  Volke  zum  Unsegen  gereichende
Flottenpolitik,  die  ihren  Höhepunkt  anscheinend  doch  jetzt  überschritten  hat.
Die  Flotte  ist  durchaus  nicht  ein  Moment  des  Friedens,  wenigstens  nicht
nach  außen  hin,  sie  hat  ein  Moment  der  Beunruhigung  in  die  Politik
gebracht.  Man  braucht  ja  bloß  auf  England  zu  verweisen.  Weder  unser
Handel,  noch  das  Minimum  von  deutschen  Kolonien  rechtfertigt  das  Besitztum
  einer  so  großen  Flotte;  England  kann  nur  glauben,  diese  deutsche
Flotte  richte  sich  gegen  England.  So  liefern  wir  der  Reaktion  in  England
den  Vorwand,  immer  weiter  auf  Vermehrung  der  Flottenrüstungen  zu
drängen,  was  natürlich  wieder  auf  uns  zurückwirkt.  Die  Frage  der  Landesverteidigung
  Deutschlands  ist  keine  Frage  der  Flottenpolitik,  denn  Deutschland
  ist  eine  Landmacht,  die  Entscheidung  in  einem  zukünftigen  Kriege
fällt  zu  Lande,  nicht  zu  Wasser.  Die  Niederlage  Rußlands  gegen  Japan
lag  begründet  in  der  Minderwertigkeit  des  Heeres,  und  die  hatte  ihre
Ursache  in  dem  autokratischen  Zarenregiment,  und  wenn  in  Preußen  die
Kurzsichtigkeit  und  brutale  Regierungspolitik  aufrechterhalten  wird,  so
wird  es  auch  nicht  mehr  gelingen,  die  Preußen  für  einen  Krieg  zu  entslammen.
  (Der  Präsident  ersucht  den  Redner,  zur  Sache  zu  reden.)  Es
gibt  keinen  anderen  Ausweg,  als  die  deutsche  Marine  wieder  zum  Range

Europäischer  Geschichtskalender.  LI.  11
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        162  IELLIIEEIIIIIIIIIL

x-  Spezialwaffe  herunterzudrücken,  das  war  ihre  frühere,  ihre  richtige
tellung.
Keicstanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Mir  wird  mitgeteilt,  daß
der  Herr  Vorredner  ausführliche  Erörterungen  über  unser  Verhältnis
zu  England  angestellt  hat.  Ich  bin  nicht  in  der  Lage  gewesen,  diesem
Teil  seiner  Ausführungen  persönlich  zu  folgen,  will  aber  nicht  unterlassen,
sofort  einige  Worte  dazu  zu  sagen.  Unser  Verhältnis  zu  England  liegt
klar  und  offen  vor  jedermanns  Augen.  Daß  wir  unsere  Flotte  nicht  zu
aggressiven  Zwecken  bauen,  sondern  lediglich,  weil  wir  überzeugt  sind,  zum
Schutze  unserer  Küsten  und  unseres  Handels  einer  aktionsfähigen  Seemacht
u  bedürfen,  ist  so  oft  ausgesprochen  worden,  nicht  nur  hier  von  der
undesratsbank  aus,  sondern  auch  aus  der  Mitte  des  Reichstags  heraus,
daß  ich  nicht  wiederholen  will,  was  nun  einmal  feststeht.  Und  ebenso  ist
durch  unser  Flottengesetz  aller  Welt  bekannt,  in  welchem  Umfange  und  in
welchem  Zeitabschnitt  wir  Schiffe  bauen  werden.  Nichts  vollzieht  sich  dabei
heimlich  oder  in  Formen,  die  irgendeiner  anderen  Macht  feindselig  wären
oder  sie  bedrohten  oder  welche  auch  nur  den  Verdacht  solcher  Feindseligkeit
oder  Bedrohung  hervorrufen  könnten.  Und  schließlich  liegt  ebenso  offen
unser  Wunsch  zutage,  unbefangen  und  aufrichtig  ein  freundschaftliches
Verhältnis  zu  England  zu  pflegen.  Ich  habe  darüber  bereits  bei  der  ersten
Lesung  des  Etats  gesprochen.  Unsere  auswärtige  Politik,  nicht  nur  England,
  sondern  allen  Mächten  gegenüber,  ist  lediglich  darauf  gerichtet,  die
wirtschaftlichen  und  kulturellen  Kräfte  Deutschlands  frei  zur  Entfaltung  zu
bringen.  Diese  Richtlinie  ist  nicht  künstlich  gewählt,  sondern  ergibt  sich
von  selbst  aus  dem  Dasein  dieser  Kräfte.  Ich  sehe  nicht  ein,  weshalb  dies
freundschaftliche  Beziehungen  zu  einem  Lande  stören  sollte,  das  uns  wirtschaftlich
  und  kulturell  so  nahe  verbunden  ist  wie  England.  Den  freien
Wettbewerb  anderer  Nationen  kann  keine  Macht  auf  der  Erde  mehr  ausschalten
  oder  unterdrücken.  Wir  sind  alle  darauf  angewiesen,  in  diesem
Wettbewerb  nach  den  Grundsätzen  eines  ehrlichen  Kaufmanns  zu  verfahren.
Ich  bin  überzeugt,  daß  sich  auf  dieser  Grundlage  die  vertrauensvollen
Beziehungen,  die  wir  mit  der  englischen  Regierung  unterhalten,  günstig
forkentwickeln  und  die  Volksstimmungen  in  dem  gleichen  Sinne  beeinflussen
  werden.

Abg.  Erzberger  (3.):  Die  Abstriche,  die  wir  in  der  Kommission
nach  vielen  Mühen  durchgesetzt  haben,  halten  wir  aufrecht,  es  sind  nur
1  ½  Millionen  auf  beinahe  100.  Das  Zulagewesen  in  der  Marine  ist  in
unglaublicher  Weise  entwickelt;  zu  jeden  100  Mark  Gehalt  und  Wohnungsgeldzuschuß
  treten  noch  60  Zulage;  da  wird  es  glaublich,  daß  manche
Kapitänleutnants  Einkommen  haben  von  10,  12,  11000  Mark.  Die  Marine
darf  nicht  üur  als  Schoßhündin  gepflegt  werden,  sondern  es  muß  ein
vernünftiges  Verhältnis  zwischen  den  Marincoffizieren  und  den  Offizieren
des  Landheeres  Platz  greifen.  Notwendig  ist  eine  Herabsetzung  der  teilweise
  viel  zu  hohen  Tafelgelder  und  der  Messegelder.  Frappiert  hat  mich,
daß  der  Staatssekretär  sagte,  er  habe  bei  den  Bezügen  von  Krupp  von
1902  bis  1910  dem  Reiche  58  Millionen  erspart.  Da  muß  sich  doch  das
deutsche  Volk  sagen:  „Wie  muß  früher  die  Firma  das  Reich  über  das
Ohr  gehauen  haben!“  Die  Firma  streicht  doch  auch  jetzt  noch  ganz  anständige
  Gewinne  ein.  Der  Staatssekretär  erklärte  weiter,  daß  schon  1900
die  Panzerplattenpreise  bei  Krupp  niedriger  gewesen  seien  als  der  Weltmarktipreis.
  Das  ist  nicht  richtig.  Es  wurden  damals  100  Mark  pro
Tonne  mehr  bezahlt  als  von  Amerika.  Daß  eine  Konkurrenz  auch  auf
dem  Gebiet  der  Herstellung  unserer  Riesenkanonen  notwendig  ist,  hat  der
Staatssekretär  in  der  Kommission  selbst  zugegeben.  Er  konnte  nicht  in
        <pb n="171" />
        Dae  Vensche  Reich  nad  seine  einzelnen  Glieder.  (März  5—7.)  163

Abrede  stellen,  daß  Krupp  seine  Kanonen  an  uns  um  30  bis  40  v.  H.
teurer  verkauft,  als  man  sie  im  Ausland  kaufen  kann,  und  jedes  Schlachtschiff
  braucht  zwölf  solcher  Kanonen.  Ich  will  gewiß  nicht  haben,  daß
die  Leute  nichts  verdienen  sollen.  Ohne  Profit  raucht  kein  Schornstein,
aber  eine  Konkurrenz  muß  schon  im  wirtschaftlichen  Interesse  vorhanden
sein.  Daß  wir  unsere  Stellung  zum  Flottengesetz  oder  zu  Flottenfragen
überhaupt  geändert  haben,  muH  ich  dem  Abg.  Semler  gegenüber  auf  das
entschiedenste  zurückweisen.

Staatssekretär  v.  Tirpitz:  Es  muß  ohne  weiteres  seitens  der
Marineverwaltung  zugegeben  werden,  daß  daß  Zulagewesen  etwas  unübersichtlich
  geworden  ist.  Ich  habe  in  der  Budgetkommission  ausgeführt,  daß
wir  eine  entsprechende  Denkschrift  im  nächsten  Jahre  vorlegen  werden.
Wenn  es  möglich  gewesen  ist,  soundsoviele  Millionen  zu  ersparen,  so  ist
das  eine  der  außerordentlich  guten  Wirkungen  des  Flottengesetzes,  an  dem
ja  gerade  die  Zentrumsfraktion  ein  großes  Verdienst  hat.  1907  ist  durch
die  Art  des  Vorgehens  der  Marineverwaltung  ein  weiterer  Preisnachlaß
erzielt,  trotzdem  Krupp  für  drei  Jahre  schon  die  höheren  Preise  bewilligt
erhalten  hatte.  Wenn  es  Krupp  möglich  gewesen  ist,  uns  auch  diesen
Preisnachlaß  noch  zu  gewähren,  so  ist  zu  berücksichtigen,  daß  wir  einen
Mehrbedarf  an  Panzerplatten  von  mehr  als  33  v.  H.  hatten.  Auf  der
anderen  Seite  ist  es  nicht  unbillig,  wenn  wir  Krupp,  nachdem  er  seine
Panzerplattenwerke  vergrößert  hat,  gewisse  Kautelen  dafür  bieten,  daß  er
seine  Werke  auch  voll  ausnutzen  kann.

5.  März.  (Bayern.)  Verordnung  betr.  die  „Dreier-Juristen“.

Eine  Regierungsverordnung  verfügt,  daß  im  bayerischen  Justizund
  Verwaltungsdienst  künftig  nur  diejenigen  Kandidaten,  welche  die
weite  Staatsprüfung  mit  der  Gesamtnote  „Eins“  oder  „Zwei“  bestanden
aben,  die  Fähigkeit  zum  Amte  eines  Richters,  Staatsanwalts,  Notars
sowie  zur  Rechtsanwaltschaft  erlangen.  Kandidaten  mit  der  Gesamtnote
„Drei“  können  höchstens  noch  zu  Gerichtsschreibern  ernannt  werden.

5.  März.  (Berlin.)  Der  Parteitag  der  freisinnigen  Volkspartei
  erklärt  seine  Zustimmung  zum  Zusammenschluß  mit  der
freisinnigen  Vereinigung  und  der  deutschen  Volkspartei  zur  „dfortschrittlichen
  Volkspartei".

6.  März.  (Berlin.)  Wahlrechtsspagiergang  der  Berliner
Sozialdemokratie.

Gegen  den  geplanten  Spaziergang  nach  dem  Treptower  Park  machte
der  Polizeipräsident  Bedenken  wegen  Raummangels  geltend  und  erzwang
ein  Verbot  durch  eine  umfassende  Absperrung.  Die  Demonstranten  wurden
deshalb  von  der  Parteileitung  angewiesen,  auf  verschiedenen  Wegen  zum
Tiergarten  zu  ziehen  und  führten  diesen,  die  Polizei  überraschenden  Plan
in  musterhafter  Ordnung  durch.  Im  ganzen  waren  etwa  30000  Personen

im  Tiergarten  versammelt.  Aehnliche  Versammlungen  fanden  in  vielen
andern  Städten  statt,  ohne  daß  die  Ordnung  ernstlich  gestört  wurde.

7.  März.  (Reichstag.)  Zustimmung  zum  Gotthardbahnvertrag.
  Fortsetzung  der  Spezialberatung  des  Marinetats.

Abg.  Dr.  Struve  (Fortschr.  Vp.):  Unklarheit  ist  gerade  bei  den
Stellen  des  Etats  vorhanden,  auf  die  sich  die  Kritik  richtet,  beim  Besoldungsund
  Zulagewesen  der  Offiziere.  Wünschenswert  sei,  die  Kosten  für  die

11°
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        164  Jaos  Nenische  Reich  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Maͤrz  7.)

Diensthaltung  der  Schiffe  wieder  getrennt  nach  den  einzelnen  Schiffen  aufzuführen.
  Das  Verlangen  einer  besonderen  Havarieordnung  habe  bei  der
Marineverwaltung  lebhaften  Widerspruch  gefunden.  Die  strengen  Vorschriften
  über  die  Straßendisziplin  sind  übertrieben.  Die  Deckoffiziere  sollten,
wenn  sie  auf  Urlaub  gehen,  von  den  strengen  Meldevorschriften  befreit
werden.  Die  Marineoffiziere  beziehen  7,8  Millionen  Mark  Gehalt,  die
Zulagen  betragen  nicht  weniger  als  4,3  Millionen  Mark.

Staatssekretär  v.  Tirpitz:  Tafelgelder  sind  keine  Stellenzulagen.
Bei  den  wirklichen  Stellenzulagen  liegt  die  Sache  so,  daß  80  Prozent  auf
das  Maschinen-Unterpersonal  fallen,  6  Prozent  auf  das  übrige  Unterpersonal.
  Für  die  Offiziere  und  höheren  Beamten  bleiben  somit  von  den
gesamten  Stellenzulagen  des  Etats  14  Prozent,  von  diesen  kommen  3  Prozent
  auf  die  Seeoffiziere,  7  Prozent  auf  die  Ingenieure,  3  Prozent  auf
die  Zahlmeister,  1  Prozent  auf  die  Aerzte.  Die  Offiziere  sind  also  außerordentlich
  gering  bedacht.

Abg.  Frhr.  v.  Gamp  (Rp.)e  Herr  Leonhart  sagte,  ohne  neue  Steuern  sei
eine  Balancierung  des  Etats  in  den  nächsten  Jahren  nicht  möglich.  Dagegen
  muß  ich  entschieden  protestieren.  Wir  brauchen  keine  neuen  Steuern,
wir  wollen  sie  auch  nicht  haben.  Deutschland  nimmt  im  auswärtigen
Handel  die  zweite  Stelle  ein,  und  es  erscheint  nicht  unbillig,  wenn  es  dann
auch  mit  seiner  Flotte  die  dritte  oder  vierte  Stelle  einnimt.  Die  Auffassung,
  daß  die  Engländer  glauben  könnten,  unsere  Flotte  richte  sich  gegen
England,  ist  längst  widerlegt.

Staatssekretär  v.  Tirpitz:  In  der  Frage  der  Küstenverteidigung
haben  wir  uns  eine  gewisse  Reserve  auferlegt,  weil  wir  der  Ansicht  sind,
daß  die  Küstenverteidigung  an  sich  nicht  dazu  beiträgt,  den  Frieden  zu  erhalten.
  Die  Erhaltung  des  Friedens  soll  doch  aber  der  Hauptzweck  der
Flotte  sein.  Vernachlässigt  haben  wir  die  Küstenverteidigung  aber  nicht,
wie  einzelne  Marineschriftsteller  behaupten.  In  der  ganzen  Periode  von
Stosch  bis  Hollmann,  also  von  73  bis  97,  haben  wir  für  die  Küstenverteidigung
  22  Millionen  aufgewendet,  in  meiner  Amtszeit  aber  29.  Die
beantragte  Wiederherstellung  des  Titels  Verpflegungsgelder  begrüße  ich
lebhaft;  solange  es  eine  Marine  gegeben  hat,  besteht  das  System  der  Tafelgelder,
  der  freien  Verpflegung.  Für  Kauffahrteischiffe  ist  die  freie  Verpflegung
  sogar  gesetzlich  vorgeschrieben.  Der  einzelne  hat  auf  die  Messe
gar  keinen  Einfluß.  Die  Einrichtungen  der  Passagierschiffe  haben  wir  freilich
  nicht,  denn  diese  sind  für  Menschen  gemacht,  unsere  Schiffe  aber  zunächst
  für  die  Waffen.  Die  Lebenshaltung  ist  bei  uns  verhältnismäßig
teurer.  Sehr  viel  Geschirr  wird  verbraucht.  Die  Herren  müssen  auch
repräsentieren,  wenn  sie  im  Auslande  von  den  Deutschen  aufgesucht  werden.

Abg.  Bassermann  (Nl.):  Die  Forderung,  über  den  Rahmen  des
Flottengesetzes  hinaus  Schiffe  zu  bauen,  haben  sowohl  der  Flottenverein
als  auch  ein  Teil  meiner  Freunde  fallen  gelassen,  da  man  auf  die  finanzielle
Lage  des  Reiches  Rücksicht  genommen  hat.  In  den  „Soz.  Monatsh.“  hat
ein  Herr  Leuthner  geschrieben,  der  Abrüstungsvertrag  bedeute  nicht  anderes
als  die  Aufhebung  des  Selbstbestimmungsrechts  der  Nation.  Das  sind
Worte  aus  sozialdemokratischem  Munde,  wie  wir  sie  nicht  besser  vorbringen
könnten  (Abg.  Dr.  Südekum:  Der  Mann  steht  isoliert!)  Wenn  er  isoliert
stünde,  so  könnte  ihn  doch  eine  so  gut  redigierte  Zeitschrift,  wie  die  „Soz.
Monatsh.“,  nicht  zu  Worte  kommen  lassen.  Wir  wünschen  gute  Beziehungen
mit  England,  aber  nicht  auf  Kosten  des  Selbstbestimmungsrechtes  über  die
Größe  unserer  Flotte.

Abg.  Ledebour  (Sd.):  Die  Rede  des  Herrn  v.  Bethmann  enthielt
nur  Selbstverständlichkeiten.  Man  darf  die  Herren  nicht  beurteilen  nach
        <pb n="173" />
        Das  Penilsche  Reit  nnd  seine  einjelnen  Glieder.  (März  7.)  165

ihren  Reden,  sondern  nach  ihren  Taten.  Der  Gedanke  der  Abrüstung
scheint  ja  jetzt  auch  in  den  bürgerlichen  Parteien  Freunde  gefunden  zu
haben.  Wir  kämpfen  gegen  unsere  Chauvinisten,  genau  wie  unsere  englischen
  Freunde  gegen  die  dortigen  Chauvinisten  kämpfen.  Herrn  Bassermann,
  der  sich  auf  Leuthner  berufen  hat,  verweise  ich  auf  den  früheren.
Marineminister  v.  Hollmann,  der  bei  Ihnen  jedenfalls  mehr  Ansehen  genießt
  als  Leuthner  bei  uns.  Herr  v.  Hollmann  hat  erklärt,  daß  die  deutschen
  Küsten  sich  selbst  verteidigen.  Unsere  Flottenpolitik  muß  im  Auslande
  Mißtrauen  erregen,  da  wir  lediglich  zur  Verteidigung  unserer  Küsten
keine  so  starke  Flotte  gebrauchen.  Im  vorigen  Jahr  hatten  der  Reichskanzler
  und  der  Staatssekretär  bestritten,  daß  jemals  England  mit  Abrüstungsanregungen
  an  Deutschland  herangetreten  sei.  In  Wirklichkeit  hat
England  wiederholt  in  formloser  Weise  solche  Anregungen  gegeben.  Was
für  einen  Eindruck  muß  es  in  England  machen,  wenn  seine  eigene  Regierung
  so  Lügen  gestraft  wird?  Man  glaubt  eben  den  leitenden  Männern
bei  uns  gar  nichts  mehr.  Die  Regierung  sieht  im  Reichstag,  dem  sie  mit
Hinterhaltigkeit  entgegentritt,  genau  so  eine  feindliche  Macht  wie  Herr
v.  Jagow  in  der  Berliner  Bevölkerung.  Diese  Regierungsmethode  diskreditiert
  im  Ausland  das  Ansehen  unseres  Vaterlandes.  (Unruhe  r.

Vizepräsident  Erbprinz  zu  Hohenlohe:  Das  dürfen  Sie  von
unserer  Regierung  nicht  sagen.

Abg.  Ledebour  (Sd.):  Ich  will  nachweisen,  daß  durch  unsere  Regierungsmethode
  das  Ansehen  Deutschlands  im  Auslande  geschädigt  wird.
Durch  den  Reichskanzler  ist  die  Frage  der  auswärtigen  Politik  in  diese
Debatte  hineingebracht  worden.  Wir  wollen  diese  Regierung  beseitigen,
die  nicht  fähig  ist,  das  Ansehen  Deutschlands  im  Ausland  zu  wahren.

Staatssekretär  v.  Tirpitz:  Die  Tatsachen  beweisen  ja,  daß  von
einer  Beschleunigung  in  unserem  Programm  absolut  nicht  die  Rede  ist,
sondern  daß  das  Flottenprogramm  erst  ausgeführt  sein  wird,  wie  es  von
vornherein  vorgesehen  ist.  Der  positive  Beweis  liegt  vor,  daß  wir  nicht
um  ein  Jota  schneller  vorwärtsgegangen  sind.  Hiernach  ist  der  erhobene
Vorwurf  vollständig  zurückgewiesen.  Der  Abg.  Ledebour  hat  ferner  dem
Fürsten  Bülow  und  mir  Hinterhaltigkeit  vorgeworfen  in  Bezug  auf  unsere
Ausführungen,  die  wir  bezüglich  einer  etwaigen  Vereinbarung  mit  England
  über  die  Flottenrüstungen  gemacht  haben.  Ich  muß  diese  Vorwürfe
auf  das  nachdrücklichste  zurückweisen.  Ich  kann  jedes  Wort  aufrechterhalten,
das  ich  in  dieser  Angelegenheit  gesagt  habe.  Ich  habe  hier  das  Protokoll
der  Budgetkommission,  nach  welchem  der  Staatssekretär  des  Auswärtigen
Amts  folgende  Erklärung  namens  des  Reichskanzlers  abgegeben  hat:  „Die
englische  Regierung  hat  zwar  ihre  Bereitwilligkeit  bei  der  deutsch-englischen
Verständigung  über  Umfang  und  Kosten  der  Flottenrüstungen  in  allgemeiner
Weise  zu  erkennen  gegeben,  sie  hat  aber  keinen  dahingehenden  formellen
Antrag  gestellt.  In  den  unverbindlichen  Gesprächen,  die  über  diese  Frage
zwischen  maßgebenden  deutschen  und  englischen  Persönlichkeiten  stattgefunden
haben,  ist  niemals  ein  englischer  Vorschlag  hervorgetreten,  der  nach  unserer
Auffassung  als  Basis  für  amtliche  Verhandlungen  hätte  dienen  können.
Im  Verkehr  zwischen  befreundeten  Regierungen  pflegt  es  vermieden  zu
werden,  formell  Anträge  zu  stellen,  deren  Berücksichtigung  zweifelhaft  erscheint.
  Die  englische  Regierung  hat  es  aus  diesem  Grunde  wohl  vermieden,
  einen  formellen  Antrag  an  uns  zu  richten,  und  wir  haben  daher
keine  Stellung  zu  einem  Antrage  zu  nehmen  gehabt.  Die  Gründe  für
unsere  abwartende  Haltung  gegenüber  dem  Gedanken  einer  allgemeinen
Einschränkung  der  Rüstung  zur  See  sind  am  10.  Dezember  v.  J.  vom
Reichskanzler  im  Reichstage  dargelegt  worden.  Sie  gelten  selbstverständlich
        <pb n="174" />
        166  Das  Vesche  Reich  und  seine  rinzelnen  Slieder.  (März  7.)

für  etwaige  Abmachungen  unter  einzelnen  Mächten.  Unser  gesetzlich  festgelegter
  Flottenbau  ist  ausschließlich  nach  unserem  eigenen  Bedürfnis  bemessen
  und  stellt  keinerlei  Drohung  gegen  irgend  eine  Nation  dar,  wie
wiederholt  von  uns  betont  ist.“

7.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
der  zweiten  Beratung  des  Etats  der  Handels=  und  Gewerbeverwaltung:
  Titel  „Ministergehalt“.

Abg.  Dr.  Schröder-Kassel  (Nl.):  Der  Hansabund  ist  infolge  der
Vorgänge  bei  der  Reichsfinanzreform  gegründet  worden.  Man  muß  ihm
recht  geben,  daß  Handel,  Gewerbe  und  Industrie  zu  geringe  Vertretung
in  den  Parlamenten  finden.  Es  wird  Aufgabe  des  Hansabundes  sein,  hier
die  bessernde  Hand  anzulegen  und  vor  allen  Dingen  Männer  aus  Handel,
Industrie  und  Gewerbe  herauszufinden.  Es  ist  ja  keine  Kleinigkeit,  Wahlkämpfe
  durchzufechten.  Manche  Unannehmlichkeit  muß  man  da  in  den
Kauf  nehmen,  und  davor  schrecken  viele  Herren  aus  Handel,  Gewerbe  und
Industrie  zurück.  Hier  muß  der  Hansabund  Wandlung  schaffen.  Der
Hansabund  stellt  sich  in  keiner  Weise  in  einen  Gegensatz  zur  Landwirtschaft.
In  allen  Reden  auf  Versammlungen  des  Hansabundes  wurde  stets  ein
vornehmer  Ton  angeschlagen,  wenn  man  die  landwirtschaftlichen  Verhältnisse
  berührte.  Die  Töne,  die  man  im  Zirkus  Busch  dagegen  anschlug,
als  man  den  Hansabund  nur  erwähnte,  stehen  im  schreienden  Gegensatz
dazu.  Als  in  einem  Ort  an  der  Nahe  eine  Ortsgruppe  sich  bildete,  erklärten
  die  Angehörigen  des  Bundes  der  Landwirte,  bei  den  Vorstandsmitgliedern
  dieser  Ortsgruppe  auch  nicht  für  einen  Groschen  mehr  kaufen
zu  wollen.  Es  blieb  den  Herren  nichts  weiter  übrig,  um  nicht  ihre  eigene
Existenz  aufs  Spiel  zu  setzen,  als  ihre  Aemter  niederzulegen.  Wenn  man
diese  Tatsache  sich  vor  Augen  hält,  muß  man  sich  doch  sagen,  ob  dieser
Terror,  der  hier  vom  Bund  der  Landwirte  ausgeübt  wird,  auch  nur  um
ein  Haar  besser  ist  als  der  Terror,  den  man  der  Sozialdemokratie  vorwirft.
  Nun  zur  Sozialpolitik!  Die  Bedrohung  unseres  Handwerks  und
unserer  Industrie  durch  die  Sozialpolitik  ist  nicht  zu  leugnen.  Ich  rede
dabei  nicht  von  der  Hinterbliebenenversicherung  und  der  Pensionsversicherung
der  Privatbeamten  oder  der  Hinterbliebenenversicherung,  die  den  Arbeitern
in  der  Botschaft  Kaiser  Wilhelms  verheißen  ist.  Es  sind  aber  nicht  sowohl
die  hieraus  resultierenden  Lasten,  die  in  Industrie  und  Handwerk  Beunruhigung
  und  Mißstimmung  erzeugen.  Viel  mehr  tut  das  das  Eingreifen
  des  Staates  in  den  Gewerbebetrieb  und  die  Kostspieligkeit  des
Verwaltungsapparats.  Vorsicht  gegenüber  allen  neuen  sozialpolitischen
Vorschlägen  ist  durchaus  geboten  im  Interesse  der  Erhaltung  der  Konkurrenzfähigkeit
  unseres  Gewerbes  auf  dem  Weltmarkt.  Die  Inkraftsetzung  des
zweiten  Teils  des  Gesetzes  zur  Sicherung  der  Bauforderungen  ist  nötig.
Wir  sind  auch  für  den  Vorschlag  des  Berliner  Handelskammertages,  daß
den  Innungen  das  Recht  zur  Festsetzung  gewisser  Mindestpreise  für  Handwerkerarbeiten
  gegeben  werden  soll  —  vorbehaltlich  der  Zustimmung  der
Aufsichtsbehörde  natürlich.  Der  Ministerialerlaß  über  die  Vergebung  staatlicher
  Arbeiten  ist  ja  sehr  dankenswert,  nur  wird  vielfach  gegen  ihn  verstoßen.
  So  ist  z.  B.  in  Cassel  einem  Zimmermeister,  der  drei  Jahre  lang
keine  Abgaben  an  Berufsgenossenschaft  und  Krankenkasse  gezahlt  hatte  und
deshalb  fruchtlos  gepfändet  war,  eine  große  Staatslieferung  übertragen
worden,  weil  er  billiger  war  als  alle  andern.  Das  konnte  er  natürlich
sein,  wo  er  die  sozialpolitischen  Lasten  nicht  zu  tragen  brauchte.  In  Breslau
wird  dem  Handwerk  durch  Vergebung  behördlicher  Lieferungen  an  die  Ge-
        <pb n="175" />
        Nes  Vensche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  7.)  167

fängnisarbeit  unzulässige  Konkurrenz  gemacht.  Typisch  dafür,  wie  mit  dem
Handwerk  umgesprungen  wird,  ist  ein  Fall,  wo  einem  Großunternehmer,
der  hauptsächlich  Heimarbeiter  beschäftigte,  eine  große  Lieferung  übertragen
wurde,  während  die  Innungsmeister,  die  ihre  organisierten  Arbeiter  und
Gesellen  hoch  bezahlen  und  sozialpolitische  Lasten  tragen  müssen,  leer  ausgingen.
  Große  Arbeiten,  an  denen  die  einzelnen  Handwerker  etwas  verdienen
  können,  werden  in  einem  Lose  vergeben,  so  daß  nur  Großunternehmer
sie  übernehmen  können,  und  nur  ganz  geringsügige  Arbeiten  werden  öffentlich
  ausgeschrieben.  Das  schreit  doch  zum  Himmel.  Man  muß  dem  Handwerk
  Arbeit  schaffen,  aber  auch  lohnende  Arbeit.  Daran  läßt  es  der  Staat
sehr  fehlen.  Der  Minister  muß  dafür  sorgen,  daß  seine  gut  gemeinten
Erlasse  auch  durchgeführt  werden.

Abg.  Rahardt  (Fl.)  klagt  über  zu  rigorose  Handhabung  der  Bäckereiverordnung.
  Die  fünfjährige  Frist  nütze  nichts,  sie  bedeute  für  die  Bäcker
nichts  anderes  als  die  Hinausschiebung  eines  Todesurteils  für  einen  Verbrecher.
  Nur  die  Regierung  kann  und  muß  da  helfen!  Im  Interesse  der
Hygiene  sind  ja  scharfe  Maßnahmen  geboten.  Aber  weil  die  Backstuben
nur  ein  paar  Zentimeter  zu  niedrig  sind,  sollten  Hunderte  von  Existenzen
ruiniert  werden!  Die  Hansabundsache  will  ich  nicht  vom  parteipolitischen
Standpunkt  aus  betrachten.  Wir  betrachten  die  Bewegung  vom  Zweckmäßigkeits-
  und  Nützlichkeitsstandpunkt  für  das  Handwerk  aus.  Handwerk
und  Industrie  haben  so  viele  Ursachen,  in  bestimmten  Dingen  Hand  in
Hand  zu  gehen,  daß  es  tatsächlich  Wasser  in  die  Spree  gießen  hieße,  wollte
ich  das  noch  ausführlich  darlegen.  Wir  stehen  gemeinsam  der  Arbeiterfrage
  gegenüber,  wir  können  in  den  Innungen  nichts  getrennt  ausrichten.
Wir  haben  gemeinsame  Interessen  bei  allen  Verkehrsfragen,  in  der  Sozialpolitik,
  die  ich  nicht  zum  Stillstand  gebracht  sehen  möchte.  Wir  wollen
den  Fortgang  der  Sozialpolitik,  freilich  sollen  andere  Leute  nicht  über  den
Taler  verfügen,  den  wir  in  der  Tasche  haben.  Wer  Sozialpolitik  treiben
will,  soll  auch  selbst  Opfer  bringen  wollen!  Unmöglich  kann  man  immer
wieder  den  Arbeitgeber  als  Packesel  ansehen,  auf  den  alles  abgeladen  wird.
Die  Belastungsgrenze  beim  Handwerk  ist  längst  überschritten.  Zu  den
hohen  Arbeiterlöhnen  steht  das  Einkommen  der  kleinen  Handwerker  in  gar
keinem  Verhältnis.  Wir  wollen  nicht  immer  die  Politik  des  verpaßten
Anschlusses  treiben.  Die  Beamten,  denen  wir  bei  der  Gehaltsregulierung
sehr  weit  entgegenkamen,  sollten  nun  auch  so  verständig  und,  gerade  herausgesagt,
  so  anständig  sein,  dem  Handwerker  seinen  Verdienst  zu  lassen  nach
dem  Grundsatz:  Leben  und  leben  lassen!  Manche,  die  uns  bisher  von  der
Linken  mit  Unverständnis  entgegengetreten  sind,  fangen  an,  mit  uns  zusammen
  zu  arbeiten.  Eine  Reihe  von  Mißverständnissen  ist  dadurch  beseitigt.
  Mit  schönen  Redensarten  der  Regierung  können  wir  uns  auch
nicht  mehr  zufrieden  geben.  Heute  sollen  wir  noch  nicht  einmal  Einheitssätze
  von  den  Behörden  verlangen  können.  Es  dient  nicht  der  Standesehre
  des  Handwerks,  wenn  man  mit  Portiers  und  Kastellanen  verhandeln
muß,  um  über  die  Preissätze  der  Behörden  etwas  erfahren  zu  können.
Wir  geben  heute  —  durch  die  Arbeitgeber  natürlich  —  12:4  Millionen
täglich  für  die  Sozialpolitik  aus.  Man  soll  nichts  übertreiben;  sonst
schlachten  wir  die  Henne,  die  die  goldenen  Eier  legt.

Handelsminister  Dr.  Sydow:  Ich  werde  es  als  eine  der  wichtigsten
Aufgaben  betrachten,  dafür  zu  sorgen,  selbständige  Existenzen  gerade  durch
die  Förderung  des  Handwerks  zu  erhalten  und  zu  vermehren.  Von  den
Verwaltungen  werden  auch  bei  Vergebungen  die  Handwerker  und  HLandwerkergenossenschaften
  immer  mehr  berücksichtigt,  so  vor  allem  von  der
Militärverwaltung,  die  z.  B.  an  der  Lederlieferung  zu  17  v.  H.  die  Hand-
        <pb n="176" />
        IEHILILIIIIIIIIIIIIIII

werker  beteiligt  hat.  Die  Post=  und  Telegraphenverwaltung  handelt,  wie
ich  von  früher  her  weiß,  in  gleicher  Weise.  Allerdings  sind  die  Erfolge
in  dieser  Hinsicht,  wie  der  Kriegsminister  im  Reichstage  dargelegt  hat,
mitunter  nicht  erfreulich  gewesen.  Das  ist  auch  nicht  verwunderlich.  Die
Handwerker  müssen  sich  erst  in  gewisser  Weise  auf  die  Uebernahme  von
großen  Lieferungen  vorbereiten.  Ich  habe  aber  die  Innungen  und  Verbände
  auf  die  Mängel,  die  sich  bei  den  Lieferungen  herausgestellt  haben,
aufmerksam  gemacht,  um  sie  zu  beseitigen.  Ich  bin  auch  der  Meinung,
daß  es  gut  ist,  hier  auf  diesem  Wege  nicht  zu  schnell  vorzugehen.  Ich
habe  aber  das  feste  Vertrauen,  daß  die  einzelnen  Verwaltungen  durch  gelegentliche
  schlechte  Erfahrungen  sich  von  dem  einmal  beschrittenen  Wege
nicht  abbringen  lassen  werden.  Wenn  bei  Submissionen  von  den  ausführenden
  Organen  nicht  nach  den  erlassenen  Bestimmungen  gehandelt
wird,  so  bitte  ich,  das  nur  der  Zentrale  mitzuteilen.  Unzulässig  ist  durchaus,
  daß  Gefängnisverwaltungen  mit  ihren  Arbeiten  bei  öffentlichen  Submissionen
  konkurrieren.  Die  Frage  der  Trennung  von  Handwerk  und
Fabrik  ist  durch  die  Denkschrift  des  Handwerks-  und  Gewerbekammertags
wesentlich  gefördert.  Mit  einer  gesetzlichen  Festlegung  der  Begriffe  wird
voraussichtlich  das  Ziel  nicht  zu  erreichen  sein.  Von  Fall  zu  Fall  wird
entschieden  werden  müssen.  Ueber  die  Leitsätze,  die  für  diese  Entscheidung
maßgebend  sein  sollen,  finden  jetzt  Verhandlungen  mit  dem  Reichsamt  des
Innern  statt.  Mit  der  Verkürzung  der  Meisterkurse  wird  jetzt  in  Breslau
ein  Versuch  gemacht.  Man  darf  aber  nicht  übersehen,  daß  für  das  Handwerk
  im  allgemeinen  nur  die  kleinen  Meisterkurse  in  Frage  kommen.  Bezüglich
  der  Bäckereiverordnung  könnte  ich  nachweisen,  daß  nachsichtig  bei
Durchführung  der  Bäckereiverordnung  verfahren  ist.  In  zweifelhaften
Fällen  prüft  eine  Kommission,  der  Bäckermeister  angehören,  die  Bäckereien.
Daß  aber  die  Verordnung  nur  auf  Neubauten  Anwendung  finden  soll,
geht  nicht  an.  Es  haben  doch  in  den  Kellerbäckereien  auch  mitunter  sehr
merkwürdige  Zustände  geherrscht.  Aber  ich  spreche  nicht  gern  darüber.
Rigoros  ist  die  Bäckereiverordnung  nicht  gehandhabt  worden,  den  Vorwurf
  muß  ich  zurückweisen.  Ich  will  auch  daran  erinnern,  daß  schon
Versammlungen  von  Bäckergesellen  stattgesunden  haben,  in  denen  wir
besenen  worden  sind,  die  Bäckereiverordnung  nicht  zu  nachsichtig  auszuführen.


Abg.  Korfanty  (P.)  fordert  Verbesserung  der  Transportwege,  insbesondere
  den  Ausbau  der  Wasserstraßen  im  Osten.  Die  Oderregulierung
sei  dringend  notwendig.  Die  Polenpolitik  hat  dazu  geführt,  daß  die  deutschen
Waren  in  Russisch-Polen  boykottiert  werden;  an  Stelle  der  deutschen  Warenbezeichnungen
  werden  dort  jetzt  englische  gewählt.  Unter  der  Polenpolitik
leidet  die  deutsche  Industrie,  das  deutsche  Handwerk  und  der  deutsche  Kaufmann,
  namentlich  in  den  Grenzbezirken.  Dieselbe  Polenpolitik,  die  das
Deutschtum  stützen  soll,  untergräbt  damit  die  Existenz  vieler  deutschen  Gewerbetreibenden.


7.  März.  Der  Bundesrat  stimmt  dem  Entwurf  einer  Reichsversicherungsordnung
  zu.

7.  März.  (Wilhelmshaven.)  Bei  der  Vereidigung  der
Marinerekruten  hält  der  Kaiser  eine  kurze  Ansprache  mit  einer  Ermahnung
  zur  Treue  und  guten  Führung  im  Auslande.

8.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Wahlkommission
  läßt  ihren  Bericht  an  die  Abgeordneten  verteilen.
        <pb n="177" />
        Das  Dernisqhe  Reit  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  8.—9.)  169

Im  Bericht  werden  u.  a.  die  Wahlrechte  in  den  wichtigsten  deutschen
und  außerdeutschen  Staaten  einander  gegenübergestellt.  Von  den  deutschen
Staaten  hat  nur  Preußen  öffentliche  und  indirekte  Wahl.  Geheime  und
indirekte  Wahl  haben  Hessen,  Sachsen-Weimar,  Oldenburg  und  Anhalt.  Das
Dreiklassenwahlsystem  besitzt  außer  Preußen  nur  Sachsen-Altenburg,  dessen
Wahlgesetz  aber  geheime  Wahl  vorsieht.  Klassensysteme  existieren  sonst  noch
in  einigen  kleinen  Staaten.  Direktes,  gleiches  und  geheimes  Wahlrecht  besitzen
  Bayern,  Württemberg  und  Baden.  Sachsen  besitzt  direktes,  geheimes
Pluralwahlrecht.  Von  den  auswärtigen  Staaten  besitzen  direktes  öffentliches
  Wahlrecht  Ungarn  und  Dänemark,  indirekte  und  geheime  Wahl  nur
Rußland,  die  übrigen  gleiches,  direktes  und  geheimes  Wahlrecht.  Nordamerika
  und  Japan  haben  direktes  und  geheimes  Wahlrecht.

8.  März.  (Baden.)  Erste  Kammer.  Das  Ministerium
v.  Dusch  erleidet  in  der  Frage  des  Simultancharakters  der  Lehrerseminare
  eine  Niederlage,  da  das  Haus  den  Beschluß  der  Zweiten
Kammer,  endlich  in  dieser  Frage  vorzugehen,  gutheißt.

8.  März.  (Landtags-Ersatzwahl.)  In  Herford-Halle-Bielefeld
  wird  statt  des  verstorbenen  freifinnigen  Abg.  Lorentz  der
Gutsbesitzer  Meyer  zu  Jerrendorf-Theesen  (Nl.)  gewählt.

8.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Der  Handelsminister
  Sydow  teilt  mit,  daß  in  der  nächsten  Tagung  ein  Gesetz
vorgelegt  werden  wird,  das  für  alle  Gemeinden  über  10000  Einwohner
  den  Zwang  zur  Errichtung  von  Fortbildungsschulen  bringt.

9.  März.  (Reichstag.)  Die  Mannesmann-Angelegenheit
in  der  Budgetkommission.

Nach  dem  Beschluß,  die  Angelegenheit  nicht  vertraulich  zu  besprechen,
erklärt  Staatssekretär  v.  Schön:  Es  wäre  der  Sache  förderlich  gewesen,
wenn  nach  der  Aussprache  in  der  ersten  Lesung  des  Plenums  man  über
die  Sache  nicht  weiter  verhandelt  hätte.  Aber  die  mit  leidenschaftlicher
Heftigkeit  geführte  Bewegung  schien  die  Vorstellung  zu  bringen,  daß  aus
Nachgiebigkeit  und  Schwäche  von  seiten  des  Auswärtigen  Amts  wichtige
deutsche  Interessen  ausgegeben  worden  seien.  Deshalb  mußte  das  Auswärtige
  Amt  den  Nachweis  bringen,  daß  es  eine  wohlerwogene  Haltung
eingenommen  und  im  vollen  Umfange  Privatinteressen  geschützt  habe,  soweit
sie  berechtigt  waren.  Gutachten  nicht  genügend  informierter  Gelehrter
hätten  die  öffentliche  Meinung  beeinflußt.  Die  starke  Hilfe,  die  das  Auswärtige
  Amt  den  Gebrüdern  Mannesmann  geleistet  habe,  sei  dabei  völlig
außer  Erwähnung  geblieben.  Man  habe  das  Bestreben,  eine  schiedsrichterliche
  Instanz  in  die  Angelegenheit  zu  bringen,  falsch  verstanden.  Es  soll
ein  Ausweg  gefunden  werden,  keine  Rechtsprechung.  Dem  Auswärtigen
Amt  habe  man  Unkenntnis  vorgeworfen.  Man  habe  den  Kampf  gegen  das
Auswärtige  Amt  mit  gewagten  Mitteln  soweit  getrieben,  daß  sein  Ansehen
auf  dem  Spiele  stand.  Insbesondere  habe  man  dem  Auswärtigen  Amt
aus  seiner  öffentlichen  Darstellung  der  Angelegenheit  einen  schweren  Vorwurf
  gemacht.  Aber  das  Auswärtige  Amt  habe  auch  Reichsinteressen  zu
vertreten  und  deshalb  mußte  eine  amtliche  Darstellung  erfolgen.  Eine
Schädigung  der  deutschen  Interessen  war  selbstverständlich  nicht  beabsichtigt
        <pb n="178" />
        170  Deas  Penisqhhe  Reith  und  seine  einzelnuen  Glieder.  (März  9.)

und  konnte  auch  nicht  die  Folge  der  Veröffentlichung  des  Weißbuches  sein.
Nur  über  das  Maß  der  Vertretbarkeit  der  Ansprüche  der  Gebrüder  Mannesmann
  sei  man  verschiedener  Meinung  gewesen.  Der  Fehler  liegt  darin,
daß  die  Gebrüder  Mannesmann  eigenmächtig  ungeschickte  Wege  gegangen
seien.  Auch  jetzt  wolle  das  Auswärtige  Amt  ihre  Interessen  fördern  durch
Ausbildung  des  Berggesetzes.  Manches  sei  aber  in  dieser  Beziehung  erreicht.
Erleichtert  werde  der  Erfolg  werden,  wenn  man  alle  in-  und  ausländischen
Interessen  in  eine  Gruppe  zusammenschließen  könnte.  Daß  die  Einigungsbestrebungen
  der  Reichsregierung  erfolglos  waren,  bedaure  sie  tief.  Das
Weißbuch  sei  nicht  erschöpfend;  man  habe  es  nicht  zu  umfangreich  werden
lassen  wollen;  auch  eigne  sich  einiges  nicht  für  die  Oeffentlichkeit.  Die  Behauptung,
  daß  durch  scharfes  Auftreten  die  Ansprüche  der  Gebrüder  Mannesmann
  durchzusetzen  waren,  ist  falsch.  Das  ist  nur  möglich,  wenn  ein  unanfechtbarer
  Rechtsboden  vorhanden  ist.  Das.  ist  aber  nicht  der  Fall.  Die
Gebrüder  Mannesmann  widersprechen  sich  in  ihren  Darlegungen;  bald
reden  sie  von  unermeßlichen  Schätzen  und  bald  von  kleinen  Ansprüchen.
Es  handle  sich  nicht  bloß  um  Deutschland  und  Frankreich,  auch  nicht  nur
um  die  Union  der  Mines  Marocaines  und  Mannesmann.  Dazu  bringe
man  Phantasiegebilde  von  geheimnisvollen  Abmachungen  mit  Krupp  und
einem  großen  französischen  Trust.  Es  kommt  eine  Reihe  von  Mächten
in  Betracht,  England,  Spanien,  auch  Portugal,  Holland  usw.  Eine  Einigung
mit  Frankreich  allein  wäre  nutzlos,  aber  auch  unmöglich  gewesen.  Beim
Abkommen  mit  Frankreich  kam  es  darauf  an,  uns  nicht  wirtschaftlich  aus
Marokko  drängen  zu  lassen.  Das  ist  in  erfreulicher  Weise  gelungen;
manches  ist  erreicht,  anderes  in  Vorbereitung.  Die  Aussichten  sind  jetzt
besser  als  vor  einigen  Jahren.  Das  Abkommen,  das  eine  große  politische
Wirkung  hat,  wäre  bei  Hervorkehren  der  Ansprüche  der  Gebrüder  Mannesmann
gescheitert.  Man  hätte  sich  dem  Vorwurfe  unehrlicher  Interpretation  ausgesetzt.
  Im  besten  Falle  wäre  es  zu  einer  ungünstigen  Entscheidung  des
Schiedsgerichts  gekommen  unter  Verminderung  auch  des  politischen  Ansehens
  und  Vertrauens  des  Deutschen  Reiches.  Jetzt  könne  dasselbe  Resultat
  ohne  die  unangenehmen  Begleiterscheinungen  erreicht  werden.  Mit
Druck  ohne  Kompromiß  wäre  es  ohne  die  Gefahr  eines  offenen  Konfliktes
nicht  durchzusetzen  gewesen.  Soweit  möglich,  hat  sich  die  Reichsregierung
mit  Ernst  der  Förderung  der  deutschen  Interessen  stets  gewidmet.
Unterstaatssekretär  Stemrich:  Die  Ansprüche  der  Gebrüder  Mannesmann
  gründen  sich  auf  Urkunden,  deren  erste  auf  Seite  36  der  Denkschrift
wiedergegeben  ist.  Der  Unterstaatssekretär  verliest  diesen  Passus,  den  Gesellschaftsvertrag
  des  Sultans  Mulay  Hafid  mit  den  Gebrüdern  Mannesmann.
  Dann  folgt  eine  andere  Urkunde  mit  einem  Verzeichnis  von
Mutungen,  die  dritte  (auf  Seite  42  des  Weißbuches),  die  die  Bestätigung
  der  Ausbentung  der  Minenvorkommen  bringt,  und  schließlich  eine
vierte.  Die  Gebrüder  Mannesmann  behaupten,  in  der  ersten  Urkunde  sei
das  von  der  Algeciras-Akte  gemeinte  Berggesetz  zu  sehen.  Alles  komme
darauf  an,  ob  dies  zuzugeben  sei.  Die  Gutachter  der  Gebrüder  Mannesmann
  kommen  auf  Grund  der  marokkanischen  Gesetze  zur  Bejahung  dieser
Frage.  Am  20.  März  sei  die  Bestätigung  erfolgt,  da  sei  er  zweifellos
Sultan  gewesen.  Das  Sultansiegel  genüge  für  die  Gültigkeit.  Die  Forderung
  der  Algeciras-Akte,  das  Gesetz  müsse  mit  den  europäischen  Berggesetzen
  übereinstimmen,  sei  erfüllt.  Das  Auswärtige  Amt  ist  aber  nicht
dieser  Meinung.  Der  erste  Teil  der  Urkunde  auf  Seite  36  enthalte  eine
Minensozietät,  der  zweite  Teil  die  Ausführungsbestimmungen.  Es  seien
auch  andere  Bedenken.  Der  erste  und  zweite  Teil  der  Urkunde  rührten
von  verschiedenen  Handschriften  her;  auch  seien  die  Mannesmannsche  Ueber-
        <pb n="179" />
        Das  Veuische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (März  9.)  171

setzung  und  die  Vasselsche  verschieden.  Der  Gesandte  Rosen  habe  darauf
aufmerksam  gemacht,  daß  die  Urkunde  sprachlich  und  formell  mangelhaft
sei.  Ein  Gutachten  von  Professor  Kampfmeyer  am  Orientalischen  Seminar
sei  hierüber  eingefordert  worden.  Im  zweiten  Teil  der  Urkunde  erklärt
der  Unterstaatssekretär  nur  ein  Muster  oder  Formular  zu  sehen,  das  sich
der  Sultan  habe  ausstellen  lassen,  keinesfalls  ein  Gesetz.  Dazu  komme  die
Algeciras-Akte,  die  in  Marokko  ratifiziert  sei.  Habe  der  Sultan  wirklich
die  Absicht  gehabt,  das  Minengesetz  zu  erlassen?  Abdul  Asis  sei  mit  Porché
zur  Ausarbeitung  eines  Minengesetzes  zusammengetreten.  Dies  habe  El
Mokri  gefordert,  unabhängig  von  dem  Mannesmanngesetz.  Auch  seien  in
Rücksicht  auf  dies  zu  erlassende  Gesetz  die  Beginne  der  Förderung  an  verschiedenen
  Stellen  nicht  erläutert.  Das  Mannesmannsgesetz  sei  nicht  publiziert.
  Freilich  entspreche  das  dem  Gebrauch  bei  innerafrikanischen  Gesetzen,
aber  dieses  Gesetz,  das  auch  die  Mächte  interessierte,  mußte  publiziert  werden.
Daß  die  Algeciras-Akte  nicht  in  Marokko  publiziert  sei,  habe  nichis  zu
sagen;  denn  das  gehe  nur  die  Mächte  an.  Die  Mannesmannabkommen
seien  nicht  einmal  dem  Auswärtigen  Amt  bekannt  gegeben.  In  nur  zwei
Ausfertigungen  sei  das  Abkommen  vorhanden;  das  könne  man  nicht  als
geltend  für  die  Mächte  ansehen.  Die  Bestätigung  der  Akte,  daß  das  Minengesetz
  nach  europäischem  Muster  abgefaßt  sein  sollie,  konnte  gefährlich  werden,
da  in  Frankreich  nicht  das  Prioritätsprinzip  besteht  und  dies  leicht  in  das
marokkanische  Gesetz  hinein  kommen  konnte.  Deshalb  habe  man  Abdul  Asis
zum  Erlaß  eines  Gesetzes  zu  veranlassen  gesucht.  Der  Versuch  sei  gescheitert.
  Daraus  entsprangen  Besorgnisse,  und  diese  haben  den  Beschluß
des  diplomatischen  Korps  gezeitigt,  daß  nur  ein  Minengesetz  nach  Einsichtnahme
  des  diplomatischen  Korps  erlassen  werden  dürfte.  Dies  sei  auf
deutsche  Veranlassung  geschehen.  Davon  komme  man  nicht  zurück.  Sodann
die  Frage:  Stand  dem  Sultan  nach  Erlaß  der  Algeciras-Akte  frei,  Minenkonzessionen
  zu  erlassen?  Diese  Frage  sei  zu  verneinen,  da  die  Algeciras-Akte
  das  Prinzip  der  wirtschaftlichen  Gleichstellung  proklamierte.  Auch  eine
dahingehende  Auslegung  der  Algeciras-Akte  sei  von  allen  Mächten  angenommen.
  Vorbereitende  Maßnahmen,  auch  ein  Inverbindungtreten  mit
den  Behörden  seien  gestattet  gewesen,  aber  nicht  mit  rechtsverbindlicher
Kraft  irgend  welcher  Art.  Die  Behauptung,  Spanier  und  Franzosen  seien
schon  im  Minenbetrieb,  glaube  er  nicht.  Im  vorigen  Monat  habe  Rosen
noch  telegraphiert,  daß  es  sich  nur  um  Bahnbauten  und  Minensuchen
handle.  Gestern  hat  der  französische  Botschafter  erklärt,  an  keinem  Ort
Marokkos  würden  Minen  ausgebeutet.  Der  Sultan  habe  ein  beständiges
Geldbedürfnis  und  spiele  die  Leute  gegeneinander  aus.  Davon  haben  die
Gebrüder  Mannesmann  profitiert  und  versucht,  ein  Berggesetz  zu  erreichen,
und  glauben  es  erreicht  zu  haben.  Das  Auswärtige  Amt  sei  in  den  letzten
Monaten  unendlich  angegriffen  worden.  Er  misse  diese  Angriffe  zurückweisen.
  Man  habe  sich  die  erdenklichste  Mühe  gegeben,  eine  Einigung
herbeizuführen,  und  sei  den  Gebrüdern  Mannesmann  behilflich  gewesen,
die  Prioritätsrechte  festzulegen.  Aber  die  Entscheidung,  ob  der  Sultan
berechtigt  war,  den  Gebrüdern  Mannesmann  die  Konzession  zu  erteilen,
konnte  man  vorwegnehmen.  Die  Gebrüder  Mannesmann  seien  nicht  den
vom  Auswärtigen  Amt  empfohlenen  Weg  gegangen.  Man  hätte  bei  Vertretung
  ihrer  Ansprüche  den  Mächten  gegenübergestanden.  Vermutlich
wäre  es  zum  Haager  Schiedsgericht  gekommen,  und  dieser  Weg  wäre
unzweckmäßig  gewesen.  Man  habe  deshalb  den  anderen  Weg,  den  der
Verhandlungen  eingeschlagen.  Diese  würden  mehr  Aussicht  auf  Erfolg
haben,  wenn  sich  die  Gebrüder  Mannesmann  mit  den  anderen  einigen
wollten.
        <pb n="180" />
        172  J%os  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  9.)

9.  März.  (Sachsen.)  Zweite  Kammer.  Bei  der  Besprechung
einer  Petition  erwehrte  sich  der  Staatsminister  Dr.  v.  Rüger  wiederholter
  Zwischenrufe  durch  die  Bemerkung:  Ich  bitte  mir  derartige
Ungezogenheiten  zu  ersparen.

Nachdem  sich  die  Erregung  hierüber  gelegt  und  der  Minister  seine
Ausführungen  beendet  hatte,  erklärte  der  Präsident,  er  besitze  leider  keine
Handhabe,  um  gegen  Aeußerungen  eines  Regierungsvertreters,  wie  sie  soeben
  gefallen  seien,  vorzugehen.  Er  bedauere  diese  Aeußerungen  zwar,
müsse  aber  die  Würde  des  Hauses  wahren  und  könne  den  Abgeordneten
solche  Zwischenrufe,  wie  sie  soeben  laut  wurden,  nicht  gestatten.

9.  März.  (Reichstag.)  Etat  für  Kiautschou  und  das  ostafiatische
  Marinedetachement.

Staatssekretär  v.  Tirpitz:  Unser  Hafen  in  Tsingtau  ist  der  beste
Hafen  von  China,  der  für  28  Millionen  gebaut  wurde.  Der  Baumeister
hat  damit  eine  Leistung  vollbracht,  die  in  der  ganzen  Welt  anerkannt
wird.  Der  Reichszuschuß  ist  von  Jahr  zu  Jahr  heruntergegangen,  denn
wir  haben  —  nehmen  Sie  mir  das  nicht  übel  —  das  dringende  Bestreben,
  vom  Reichstag  loszukommen.  Der  Zuschuß  betrug  1906  noch
13  Millionen,  er  ist  Jahr  für  Jahr  um  eine  Million  bis  auf  7,8  herabgegangen,
  weil  wir  möglichste  Sparsamkeit  geübt  haben.  Der  Justizpflege
haben  wir  uns  besonders  eifrig  angenommen.  Die  Chinesen  haben  großes
Vertrauen  zu  unserer  Justizpflege.  Wir  werden  fortfahren,  die  Entwicklung
unserer  kolonialen  Rechtspflege  nach  Kräften  zu  fördern.  Auf  die  Frage
des  Boykotts  will  ich  hier  nicht  weiter  eingehen.  Die  Industrie  hat  den
lebhaften  Wunsch,  daß  eine  Mustersammlung  in  Tsingtau  veranstaltet  wird.
Das  ist  ein  sehr  vernünftiger  Gedanke,  den  wir  unterstützen.  Die  Förderung
  der  Missionsschulen  erscheint  der  Marineverwaltung  außerordentlich
wünschenswert.  Wir  werden  der  Bürgerschaft  in  Tsingtau  in  Bezug  auf
ihre  Vertretung  soweit  entgegenkommen  wie  möglich,  und  von  dem  Augenblick,
  wo  sie  sich  selbst  erhalten  kann,  werden  wir  die  Verwaltung  gern  in
ihre  Hände  legen.  Aber  wir  können  nicht  das  ganze  Geld,  das  das  Reich
gegeben  hat,  der  Verwaltung  der  Bürgerschaft  anvertrauen.  Hoffentlich
wird  sich  zwischen  den  Auffassungen  der  Bürgerschaft  und  der  Marineverwaltung
  eine  mittlere  Linie  finden  lassen,  die  den  richtigen  Weg  für
die  Zukunft  darstellt.

Abg.  Dr.  Paasche  (Nl.):  Was  wir  in  den  12  Jahren  in  Kiautschon
geschaffen  haben,  darauf  können  wir  als  Deutsche  stolz  sein.  Es  ist  etwas
Großes  geschaffen,  eine  neue  deutsche  Kultur,  eine  Stätte,  von  der  deutsche
Kultur,  deutsche  Gesittung  und  Bildung  Eingang  in  die  weiten  chinesischen
Gebiete  finden  soll.  Der  Redner  erörtert  die  zu  erwartenden  segensreichen
Wirkungen  der  Hypothekarbank,  unterstreicht  die  anerkennenden  Worte
Erzbergers  über  unsere  Rechtspflege  und  die  Entwicklung  des  Kolonialrechts
und  betont  die  Notwendigkeit  eines  Kolonialrechis  in  direktem  Zusammenhang
  mit  Kolonialwirtschaft  und  Kolonialpolitik  durch  ordentliche  Lehrer
mit  Seminaren  und  Bibliotheken.  Aber  es  muß  sparsamer  gewirtschaftet
werden  als  bisher.  Für  Beamte  geben  wir  beinahe  eine  halbe  Million
an  Gehältern  aus,  auf  einem  Gebiet  nicht  viel  größer  als  ein  preußischer
Landratskreis,  mit  einer  chinesischen  Bevölkerung,  die  sich  selbst  verwaltet.
Sollen  wir  die  Freude  an  der  Kolonie  erhalten,  dann  muß  endlich  mit
der  Fülle  von  Beamten  aufgeräumt  werden.  70  Bureaubeamte,  darunter
17  Zahlmeister,  für  diesen  kleinen  landrätlichen  Kreis!  Die  Forstwirtschaft
        <pb n="181" />
        Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjeluen  Glieder.  (Maärz  9.—11.)  173

muß  in  eigene  Regie  übernommen  werden,  denn  sonst  kommen  uns  die
Anlagen  hundert  und  tausendmal  so  teuer  wie  in  der  Heimat.

9.  März.  (Hessen.)  Landtag.

Das  Kapitel  Denkmalschutz  ist  bereits  im  Ausschuß  um  10000  Mark
gekürzt  worden.  Abg.  Schönberger  (Nl.)  regt  an,  die  Denkmalspflege  für
10  Jahre  einzustellen.  Er  bringt  sehr  drastische  Beispiele  über  zu  weit
getriebenen  Denkmalschutz.  Auch  der  Berichterstatter  Brauer  hält  die  Klage
über  bureaukratische  Ausartung  der  Denkmalspflege  für  begründet.  Der
Abstrich  wird  genehmigt.

10.  März.  Der  Bundesrat  erteilt  dem  Entwurf  eines  Gesetzes
zur  Ausführung  der  revidierten  Berner  Uebereinkunft  zum  Schutze
von  Werken  der  Literatur  und  Kunst  die  Zustimmung.

11.  März.  (Baden.)  Landtag.  Aufwendungen  für  Eisenbahnen.



Vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  legte  der  stellvertretende  Finanzminister,
  Ministerialdirektor  Göller,  die  Entwürfe  des  Eisenbahnbaues  und
der  Eisenbahnschuldentilgungskasse  vor.  Das  Eisenbahnbaubudget  schließt
mit  neuen  Forderungen  von  netto  64,4  Millionen  Mark.  Diese  verteilen
sich  auf  4  Abschnitte:  1.  neue  Bahnlinien  3,9  Millionen  Mark,  2.  für  bestehende
  Bahnen  7,4  Millionen  Mark,  3.  für  Stationen  40,5  Millionen  Mark
(für  die  Bahnhofsnenbauten  Heidelberg,  Friedrichsfeld,  Weinheim,  Durlach,
Pforzheim,  Karlsruhe,  Offenburg,  Lahr,  Dillingen,  Basel,  Radolfzell,  zusammen
  35,9  Millionen  Mark,  also  ungefähr  '8  der  gesamten  Aufwendung),
4.  Aufwendungen  für  Betriebsmittel  12,6  Millionen  Mark  (Personen=  und
Güterwagen,  Elektrisierung  der  Wiesentalbahn;  einen  sehr  erheblichen  Teil
der  Kosten  bedingt  die  Beschaffung  neuer  Güterwagen  infolge  der  Güterwagengemeinschaft
  mit  9,4  Millionen  Mark).  Dazu  Reste  aus  der  vorigen
Budgetperiode  macht  zusammen  81,8  Millionen  Mark.  Gegenüber  der
vorjährigen  Budgetperiode  ist  eine  Verminderung  um  7  Millionen  Mark
erfolgt.  Der  Ministerialdirektor  betont  ausdrücklich,  daß  die  Beschränkung
in  der  Aufnahme  neuer  Bahnlinien  auf  einem  Beschluß  des  gesamten
Staatsministeriums  beruhe.  Um  rund  5  Prozent  sind  die  Eisenbahnschulden
  innerhalb  der  letzten  10  Jahre  gestiegen  und  die  Einnahmen
konnten  natürlich  nicht  in  gleichem  Maße  wachsen.  Die  Verzinsung  der
gesamten  Eisenbahnschulden  erfordert  32,9  Millionen  Mark  in  einem  Jahr.
Das  ist  eine  Steigerung  von  jährlich  rund  4,9  Millionen  Mark.  Ein
Fehlbetrag  von  7,9  Millionen  Mark  bleibt  zu  decken  auch  nach  Einrechnung
des  Staatszuschusses.

11.  März.  (Reichstag.)  Erklärung  zur  Mannesmann-Angelegenheit.


Die  Budgetkommission  nimmt  nach  dreitägiger  Diskussion  über  die
Mannesmann-Angelegenheit  statt  der  verschiedenen  vorgeschlagenen  Resolutionen
  die  folgende  Erklärung  ihres  Vorsitzenden  Frhr.  v.  Gamp.  an:
„Ich  stelle  aus  dem  Gang  der  Verhandlungen  und  den  Erklärungen  der
Parteien  fest,  daß  die  Kommission  einstimmig  der  Erwartung  Ausdruck
gibt,  daß  das  Auswärtige  Amt  die  großen  in  Frage  stehenden  wirschaftlichen
  Interessen  des  Reiches  nachdrücklich  wahren  wird."“

11.  März.  (Reichstag.)  Sozialdemokratische  Interpellation
über  das  Verbot  des  Wahlrechtsspaziergangs  nach  Treptow.
        <pb n="182" />
        EELEEILIIILILIIIIIIIITIII

Sie  lautet:  Ist  dem  Herrn  Reichskanzler  bekannt,  daß  der  Polizeipräsident
  von  Berlin  für  eine  zum  6.  März  d.  J.  nach  dem  Treptower
Park  bei  Berlin  einberufene  öffentliche  Versammlung  unter  freiem  Himmel
in  Widerspruch  zu  dem  9  7  des  Reichsvereinsgesetzes,  der  die  Versagung
der  Genehmigung  nur  dann  für  zulässig  erklärt,  wenn  Gefahr  für  die
öffentliche  Sicherheit  zu  befürchten  ist,  die  Genehmigung  verweigert  hat?
Welche  Maßregeln  gedenkt  der  Herr  Reichskanzler  zu  ergreifen,  um  eine
eraie,  Beeinträchtigung  des  Versammlungsrechts  für  die  Zukunft  zu
verhüten!

Abg.  Ledebour  (Sd.)  begründet  die  Interpellation.  Auch  in  Halle,
Kiel  und  Bochum  sind  Versammlungen  unter  freiem  Himmel  verboten
worden.  Wir  beschränken  uns  auf  Berlin,  weil  der  Hauptschuldige  an
diesem  System  polizeilicher  Uebergriffe  —  Herr  v.  Jagow  —  fortgesetzt
mit  fieberhaftem  Eifer  in  der  Presse  sogenanntes  Entlastungsmaterial  produziert,
  das  aber  geradezu  zu  seiner  Ueberführung  dient.  Nach  einer
Kammergerichtsentscheidung  sind  Demonstrationen  nicht  rechtswidrig.  Dieses
Urteil  ist  doch  wertvoller  als  die  Meinung  irgend  eines  Polizeibeamten
in  Berlin  oder  Posemuckel.  Nirgends  ist  die  öffentliche  Sicherheit  gestört
worden,  wenn  sich  die  Polizei  fernhielt.  Das  war  ja  der  Zweck  des  Herrn
v.  Jagow,  daß  er  am  letzten  Sonntag  starke  Unruhen,  Störungen  der
Ordnung  und  Menschenverletzungen  herbeiführen  konnte.  Herr  v.  Jagow
mit  seinem  schönen  Plakatstil  ist  nur  ein  Handlanger  des  konservativen
Parteiregiments.  Es  verdient  die  allerschärfste  Zurückweisung,  daß  ein  von
den  Groschen  der  Steuerzahler  besoldeter  Polizeibeamter  sich  erlaubt,  zu
sagen,  daß  die  politische  Agitation  im  Parlament  sich  übergenug  betätige.
Das  ist  eine  Anmaßung  sondergleichen.  Wir  werden  für  das  gleiche  und
freie  Wahlrecht  in  Preußen  den  Kampf  fortsetzen,  bis  wir  dieses  Ziel  erreicht
  haben.  Sie  behaupten,  wir  untergraben  das  Ansehen  der  Regierung.
Das  ist  nicht  richtig.  Sie  selbst  bewirken  diese  Untergrabung  dadurch,  daß
Sie  solche  polizeiliche  Uebergriffe  begehen  lassen  und  sie  decken.  Sie  untergraben
  die  Staatsautorität,  wie  etwa  einzelne  Monarchen  durch  ihr  Verhalten
  das  Ansehen  der  Monarchie  weit  mehr  untergragen  haben,  als
irgend  ein  noch  so  heftig  gegen  die  Monarchie  redender  Sozialdemokrat
es  tun  könnte.  Ich  erinnere  nur  an  den  früheren  König  von  Serbien,
an  den  früheren  König  von  Belgien.  Die  heutige  Bureaukratie  ist  nicht
einen  Pfifferling  besser  als  die  vom  Jahre  1806,  die  einen  so  schmählichen
Zusammenbruch  erlitten  hat.

Staatssekretär  Delbrück:  Der  Vorsitzende  des  Aktionsausschusses
des  Verbandes  der  sozialdemokratischen  Wahlvereine  Berlins,  Herr  Ernst,
und  der  Landtagsabgeordnete  Borgmann  haben  beim  Polizeipräsidenten
für  den  6.  März  mündlich  die  Genehmigung  zur  Abhaltung  von  Versammlungen
  unter  freiem  Himmel  und  zur  Veranstaltung  von  Aufzügen
in  Berlin  nachgesucht.  Der  Polizeipräsident  hat  dieses  Gesuch  abgelehnt
und  dann,  wie  das  Vereinsgesetz  vorschreibt,  schriftlich  begründeten  Bescheid
gegeben.  Für  den  Treptower  Park,  der  nicht  zum  Bezirk  des  Polizeipräsidenten
  gehört,  ist  eine  Genehmigung  bei  der  zuständigen  Ortspolizeibehörde
  nicht  nachgesucht  worden.  Diese  Ortspolizeibehörde  hat  die  Schließung
des  Parks  angeordnet,  nachdem  ihr  bekannt  wurde,  daß  an  Stelle  der  verbotenen
  Versammlung  ein  Spaziergang  im  Park  stattfinden  solle.  Sie
hat  auch  den  Polizeipräsidenten  um  Unterstützung  bei  der  Aufrechterhaltung
der  Ordnung  gebeten.  Ich  habe  hier  lediglich  die  Tatsachen  vorzutragen,
die  meines  Wissens  unbestreitbar  sind  und  die  für  die  weitere  Beurteilung
der  Dinge  nicht  von  übermäßiger  Erheblichkeit  sind.  Es  dreht  sich  um  die
Frage,  ob  der  Polizeipräsident  berechtigt  war,  die  öffentliche  Versammlung
        <pb n="183" />
        Ves  Denische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  11.)  175

und  die  geplanten  Umzüge  zu  verbieten  oder  nicht.  Gegen  die  Verfügung
des  Polizeipräsidenten  ist  Klage  im  Verwaltungsstreitverfahren  erhoben
worden.  Das  Verfahren  schwebt;  es  wird  zweifellos  durch  alle  Instanzen
gehen  und  durch  eine  letztinstanzliche  Entscheidung  des  Oberverwaltungsterichts
  seine  Erledigung  finden.  Ich  muß  Bedenken  tragen,  unter  diesen

mständen  im  einzelnen  in  eine  Kritik  der  Tatsachen  einzutreten.  Wenn
die  Entscheidung  gefallen  ist,  wird  es  meine  Sache  sein,  zu  prüfen,  ob
nach  der  Entscheidung  des  höchsten  preußischen  Gerichtshofes  für  mich  eine
Veranlassung  vorliegt,  mich  mit  dem  preußischen  Minister  des  Innern
wegen  des  Verhaltens  seiner  Polizeiorgane  ins  Benehmen  zu  setzen.  Nach
§  7  des  Vereinsgesetzes  bedürfen  öffentliche  Versammlungen  unter  freiem
Himmel  und  Umzüge  der  Genehmigung,  die  nur  versagt  werden  soll,  wenn
Gefahr  für  die  öffentliche  Sicherheit  zu  befürchten  ist.  Der  betreffende
entscheidende  Beamte  muß  die  Befürchtung  haben,  daß  eine  Gefährdung
der  öffentlichen  Sicherheit  eintritt.  Sie  werden  zugeben  müssen,  daß  damit
  ein  starkes  subjektives  Moment  in  die  Entscheidung  hineingetragen  ist.
Sie  werden  auch  bei  der  objektivsten  Handhabung  bei  der  Entscheidung
den  Einfluß  von  Takt,  Temperament  und  Erfahrung  bei  den  betreffenden
Beamten  niemals  ausscheiden  können.  Daneben  müssen  Tatsachen  vorliegen,
  die  objektiv  geeignet  sind,  eine  derartige  Befürchtung  zu  begründen.
Nun  werden  diese  Tatsachen  an  verschiedenen  Orten  und  unter  verschiedenen
Boraussetzungen  ganz  verschieden  zu  bewerten  sein.  Es  ist  zweifellos
richtig,  daß  an  sich  die  Absicht,  eine  politische  Demonstration  zu  veranstalten,
nicht  allein  und  unter  allen  Umständen  geeignet  ist,  die  Befürchtung  zu
begründen,  daß  eine  Gefahr  für  die  öffentliche  Sicherheit  vorliegt.  Es
wird  überhaupt  in  den  allerseltensten  Fällen  der  Zweck  einer  derartigen
Veranstaltung  allein  entscheidend  sein  können  für  die  Genehmigung  oder
Versagung.  Der  Zweck  kann  an  einem  Orte  unbedenklich  sein,  am  anderen
bedenklich.  In  Betracht  kommen  noch  die  Lage  des  Platzes,  seine  Größe,
seine  Zuwege,  die  Zahl  der  Menschenmenge,  die  Gewohnheiten  der  Bevölkerung,
  und  ob  nicht  die  Gefahr  vorliege,  daß  außer  den  Demonstranten
nicht  noch  bedenkliche  Elemente  sich  einfinden,  die  ihrer  Disziplin  nicht
unterstehen.  Nun  hat  der  preußische  Minister  des  Innern  mit  vollem
Recht  angeordnet,  daß  eine  allgemeine  Vorschrift  über  die  Voraussetzungen,
  unter  denen  eine  solche  Versammlung  genehmigt  oder  nicht
genehmigt  werden  kann,  nicht  erlassen  werden  soll.  Die  Folge  davon
ist,  daß  ein  Teil  der  Polizeibehörden  solche  Umzüge  zum  Zwecke  der
Wahlrechtsdemonstation  genehmigt  hat  und  andere  nicht.  Es  liegt  für
mich  zurzeit  keine  Veranlassung  vor,  gegen  diese  allgemein  dem  Wortlaut
und  dem  Sinne  des  Gesetzes  entsprechende  Anordnung  des  preußischen
Ministers  irgendwelche  Schritte  zu  unternehmen.  Wir  werden  zunächst
abwarten  müssen,  wie  die  Entscheidung  des  Oberverwaltungsgerichts  gegenüber
  dem  Präsidenten  ausläuft.  Nun  handelt  es  sich  um  die  Frage,  ob
das  Verhalten  des  Polizeipräsidenten  in  Bezug  auf  den  Wahlrechtsspaziergang
  anfechtbar  war  oder  nicht.  Ich  will  mir  vor  der  Entscheidung  des
Gerichts  kein  Urteil  gestatten.  Wenn  aber  das  Verbot  des  Polizeipräsidenten
zu  Recht  bestand,  so  war  er  berechtigt,  Vorsorge  zu  treffen,  daß  es  nicht
umgangen  wurde.  Er  hat  ganz  korrekt  den  Herren,  die  die  Erlaubnis
nachgesucht  hatten,  mitgeteilt,  daß,  wenn  dieser  Spaziergang  den  Charakter
eines  Aufzuges  annehmen  würde,  er  genötigt  sein  würde,  ihn  zu  verhindern.
  Der  Gang  der  Ereignisse  hat  dem  Polizeipräsidenten  Recht  gegeben.
  Es  handelte  sich  nicht  um  einen  harmlosen  Spaziergang.  Ich  bin
auch  am  Sonntag  im  Tiergarten  gewesen.  Wenn  große  Mengen  von
Menschen  in  geschlossenen  Reihen,  unter  Führern  auf  bestimmte  Plätze  nach
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        176  JNas  Veutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Slieder.  (März  11.)

einem  einheitlichen  Plan  dirigiert  werden,  wenn  sie  äußerlich  durch  das
Entfalten  von  roten  Fahnen,  durch  Hochs  auf  das  allgemeine  Wahlrecht
demonstrieren,  so  ist  das  kein  Spazierengehen,  keine  Freude  an  dem  schönen
Frühlingssonnenschein.  (Oho-Rufe  b.  d.  Sd.)  So  ist  das  eine  öffentliche
Veranstaltung,  ein  öffentlicher  Umzug.  Sie  können  sich  wohl  nicht  beschweren,
  wenn  von  der  Polizeibehörde  dagegen  eingeschritten  wird.  Nun
besteht  in  Preußen  die  Anordnung,  daß  in  solchen  Fällen  die  Polizei  durch
geeignete  Maßnahmen  darauf  hinwirken  soll,  daß  sich  derartige  Ansammlungen
  zerstreuen,  daß  sie  von  den  Verkehrszentren  abgehalten  und  in
andere  Straßenzüge  abgelenkt  werden.  Das  ist  eine  allgemeine  Anordnung,
deren  Zweckmäßigkeit  und  Rechtmäßigkeit  niemand  bestreiten  wird.  Nun
hat  der  Vorredner  behauptet,  und  auch  in  der  Presse  ist  das  geschehen,
daß  die  Sache  nicht  in  zweckmäßiger  Weise  durchgeführt  wurde.  Es  wurde
behauptet,  daß  einzelne  Beamte  sich  Uebergriffe  erlaubt  haben,  daß  sie  mit
ungeeigneten  Mitteln  bestrebt  waren,  ihre  Aufgaben  zu  erfüllen.  Es  wird
behauptet,  daß  Unschuldige,  Frauen  und  Kinder,  völlig  Unbeteiligte  durch
das  Eingreifen  der  Polizei  nicht  nur  in  Schrecken  gesetzt,  sondern  auch  an
ihrer  Gesundheit  geschädigt  wurden.  Ich  bin  ganz  außerstande,  diese  Einzelheiten
  zu  prüfen.  Die  Prüfung  und  Beurteilung  dieser  Frage  gehört
auch  nicht  zur  Zuständigkeit  des  Reichstages.  Das  muß  dem  preußischen
Abgeordnetenhause  und  der  preußischen  Regierung  überlassen  werden.  Wenn
aber  tatsächlich  unbeteiligte,  unschuldige  Personen,  wenn  Frauen  und
Kinder  durch  das  Eingreifen  der  Polizei  in  Bezug  auf  ihr  Leben  gefährdet
und  hinsichtlich  ihrer  Gesundheit  geschädigt  sein  sollten,  so  ist  das  sicherlich
auf  das  äußerste  zu  beklagen,  nicht  bloß  im  Interesse  der  betreffenden
Opfer,  sondern  auch  im  Interesse  der  Polizeimannschaften,  die  den  schwersten
Dienst  hatien.  Man  kann  also  wohl  verstehen,  daß  unter  dem  Eindruck
dieser  Anstrengungen  einmal  ihre  Nerven  versagt  haben.  (Zuruf  l.:  Sie
hätten  zu  Hause  bleiben  sollen!)  Darüber  haben  nicht  die  Beamten  zu
befinden,  sie  haben  nur  ihre  Pflicht  zu  erfüllen.  Daß  diese  Pflichterfüllung
in  den  letzten  Monaten  manchmal  sehr  schwer  war,  das  werden  Sie  bei
objektiver  Beurteilung  nicht  bestreiten  können.  Aber  wenn  man  im  Anschluß
  an  diese  Vorgänge,  von  denen  ich  nicht  weiß,  ob  sie  sich  so  zugetragen
  haben,  wie  sie  der  Redner  nach  Pressemeldungen  darstellt,  sagt,
daß  für  diese  Vorgänge  verantwortlich  wären  der  leitende  Staatsmann
und  die  Polizei,  dann  möchte  ich  doch  darauf  aufmerksam  machen,  daß  die
Verantwortung  in  erster  Linie  diejenigen  trifft,  die  ohne  die  Genehmigung,
einen  Aufzug  zu  veranstalten,  ihn  veranstaltet  haben  und  dadurch  der
Polizeibehörde  nicht  nur  die  Möglichkeit,  sondern  in  gewissen  Grenzen
auch  die  Pflicht  gegeben  haben,  einzuschreiten.

Abg.  Frhr.  v.  Hertling  (3.):  Ich  halte  mich  streng  an  die  Interpellation.
  Meine  politischen  Freunde  halten  daran  fest,  daß  die  im  87
des  Vereinsgesetzes  vorgesehene  Genehmigung  zur  Veranstaltung  von  Versammlungen
  unter  freiem  Himmel  und  Aufzügen  nur  dann  versagt  werden
darf,  wenn  eine  Gefahr  für  die  öffentliche  Sicherheit  gegeben  ist,  nicht  aber
schon  im  Interesse  der  Aufrechterhaltung  der  öffentlichen  Ordnung.  Ob
die  öffentliche  Sicherheit  gefährdet  ist,  ist  von  Fall  zu  Fall  zu  entscheiden,
und  wenn  die  Entscheidung  an  verschiedenen  Orten  verschieden  ausfällt,  sokann
  daraus  nicht  gefolgert  werden,  daß  die  Entscheidung  an  einem  Orte
unrichtig  gewesen  ist.  Man  wird  im  allgemeinen  auch  nicht  bestreiten
können,  daß  bei  einem  Massenaufgebot  aus  Anlaß  einer  die  Gemüter  erregenden
  politischen  Frage  —  man  sprach  von  200000  Menschen  —  den
politisch  vielleicht  sehr  hoch  disziplinierten  Elementen  auch  die  in  großen
Städten  zahlreich  vorhandenen  bedenklichen  Elemente  sich  leicht  anschließen,
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        Das  Denische  KReich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  11.)  177

Elemente,  die  ihrem  Mutwillen,  ihrem  Zerstörungstrieb,  vielleicht  ihrem
verbrecherischen  Sinn  Rechnung  tragen  wollen.  Es  können  auch  Gegendemonstrationen
  und  Gegenrufe  erfolgen,  und  auf  Worte  folgen  leicht
Tätlichkeiten.  Das  Gesetz  schreibt  vor,  daß  gegen  die  Entscheidung  der
unteren  Behörden  im  Verwaltungsstreitverfahren  angegangen  werden  kann.
In  diesem  Stadium  ist  eine  Stellungnahme  des  Reichstages  nicht  angebracht.

Abg.  Dr.  Junck  (Nl):  Die  Interpellation  ist  nur  eine  retrospektive
Kritik,  und  damit  hätte  man  sehr  wohl  bis  nach  der  Entscheidung  der
obersten  Instanzen  warten  können.  Es  handelt  sich  also  nur  um  einen
konkreten  Fall,  wo  zudem  die  obersten  Instanzen  noch  nicht  gesprochen
haben.  Es  lag  also  kein  Grund  vor,  eine  Interpellation  einzubringen;
dieser  Fall  wird  wirklich  nicht  dazu  beitragen  können,  die  Erweiterung  des
Interpellationsrechtes,  wie  auch  ich  dies  wünsche,  zu  fördern.

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  (K.):  Ich  kann  bis  auf  weiteres  nur  annehmen,
  daß  das  Verhalten  der  Sozialdemokraten  der  Polizei  zum  Einschreiten
  Veranlassung  gegeben  hat.  Ich  kann  der  Polizei  für  ihr  ruhiges
Vorgehen  nur  meine  Anerkennung  aussprechen.  Ich  kann  nur  hoffen,  daß
sie  gegen  ein  solches  Revolurionieren  der  Masse  vorgehen  wird,  wenn  nötig
mit  schärferen  Mitteln.  Ich  halte  die  Interpellation  für  unbegründet.

Abg.  Dr.  Müller-Meiningen  (Fr.  Vp.):  Wir  meinen,  daß  die
Haltung  der  preußischen  Polizei  diktiert  ist  von  Angstmeierei.  Der  Treptower
  Park  liegt  doch  an  der  Peripherie  von  Berlin.  Man  konnte  froh
sein,  daß  die  Versammlung  vom  Herzen  von  Berlin  hinaus  in  die  Peripherie
  verlegt  war,  und  durfte  den  Leuten  das  nicht  erschweren.  Der
Treptower  Park  ist  eine  Million  Quadratmeter  groß,  wo  von  einer  Verkehrsstörung
  keine  Rede  sein  kann.  Eine  Reihe  von  Kollegen  hat  festgestellt,
  daß  die  Haltung  der  Demonstranten  eine  tadellose  zu  nennen  war,
die  Disziplin  wurde  aufrecht  erhalten.  Es  gibt  eine  große  Gefahr  für  die
öffentliche  Sicherheit  in  Berlin,  das  scheint  mir  das  System  des  Herrn
v.  Jagow.  Die  Tätigkeit  des  Polizeipräsidenten  als  Erzieher  des  deutschen
Volkes  müssen  wir  ablehnen,  er  hat  sonst  gerade  genug  zu  tun,  als  das
Publikum  schulmeistern  zu  wollen,  wie  er  es  tatsächlich  tut.  Wozu  diese
Aufreizung  durch  solche  Verbote?  Wir  klagen  nur  das  System  an.  Die
kleinliche  Nadelstichpolitik  gegen  einzelne  politische  Parteien  auf  dem  Gebiete
  des  Vereinsgesetzes  muß  beseitigt  werden.  Das  deutsche  Volk  ist  so
reif  wie  das  englische:  es  braucht  solche  kleinliche  Polizeischikane  nicht  mehr.

Abg.  v.  Dirksen  (Rp.):  Schon  seit  Jahresfrist  wird  von  der  Sozialdemokratie
  das  Recht  auf  die  Straße  verkündet;  zahllose  Versammlungen
haben  stattgefunden  und  die  Provokation  der  Polizei  und  der  friedliebenden
Bevölkerung  wurde  ganz  planmäßig  betrieben.  Am  letzten  Sonntog  sollte
dieses  Recht  noch  energischer  betont  werden,  und  da  ist  auch  der  friedlichen
Bevölkerung  endlich  einmal  die  Geduld  gerissen.  Neuer  Gesetze  bedarf  es
nicht,  die  vorhandenen  und  das  Reichsvereinsgesetz  §7  genügen  vollständig.
Im  ganzen  haben  sich  ja  die  Demonstranten  ruhig  benommen;  aber  diese
Demonstrationen  können  Aufregung  in  die  Kreise  der  politischen  Gegner
der  Demonstranten  bringen,  und  es  können  leicht  Tausende  von  Undisziplinierten
  hinzustoßen  und  alles  in  Frage  stellen.  Es  war  kein  Spazierang,

  sondern  ein  lange  vorbereiteter  Demonstrationszug;  mit  so  kindischen
ezeichnungen  wie  Spaziergang  sollte  man  uns  nicht  entgegentreten;  dazu
sind  die  Zeiten  zu  ernst.

Abg.  v.  Czarlinski  (P.):  Auch  meine  Partei  verurteilt  aufs  schärfste
jeden  Uebergriff  der  Polizei.

Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg  (W.  V.)  verliest  eine  Erklärung,
  in  der  es  heißt:  Wir  glauben,  daß  es  die  unabweisbare  Pflicht

Europäischer  Geschichtskalender.  II.  12
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        178  DPDas  Penisqhhe  Reiqh  und  seine  einjelnen  GSlieder.  (März  11.)

aller  bürgerlichen  Parteien  wäre,  einmütig  dieser  Gefährdung  des  Volkes
entgegenzutreten.

Abg.  Heine  (Sd.):  Juristisch  steht  für  uns  die  Sache  glänzend.
Das  Verbot  des  Herrn  v.  Jagow  ist  absolut  unhaltbar.  Wenn  Leute  friedlich
  und  ruhig  spazieren  gehen,  so  ist  das  keine  Versammlung,  selbst  dann
nicht,  wenn  einmal  ein  Demonstrationsruf  erschallt.  Auch  moralisch  steht
die  Sache  für  uns  günstig.  Denn  wir  haben  die  Lacher  für  uns.  Herr
v.  Jagow  begann  als  Napoleon  mit  dem  Stil,  als  befände  er  sich  unter
den  Pyramiden:  weiter  kann  man  den  Lakonismus  nicht  treiben.  Wie
war  die  Fortsetzung?  Sein  Lakonismus  verwandelte  sich  in  phrasenhafte
Redseligkeit.  Herr  v.  Jagow  macht  es  nicht  wie  der  Reichskanzler,  dem
vorgeworfen  wurde,  er  hätte  keine  Fühlung  mit  der  Presse.  Seine  Kundgebungen
  sind  weitschweifig,  inhaltlos,  man  kann  sagen:  lächerlich.  Nach
ihm  ist  die  Zahl  der  Demonstranten  immer  mehr  zusammengeschrumpft;
schließlich  ist  gar  keiner  dagewesen.  Von  anderer  Seite  werden  uns  Vorwürfe
  gemacht,  daß  wir  die  Sache  nicht  richtig  angefangen  haben.  Kann
man  die  Sache  besser  machen,  als  wenn  man  die  Leute  im  März  in  den
April  schickt?  Es  ist  nicht  richtig,  daß  wir  einen  Geheimdienst  haben.
Unsere  Organisation  ist  ganz  öffentlich,  ihre  Statuten  liegen  gedruckt  vor.
Daß  die  Schuszeute,  die  zwei  Meilen  weit  nach  dem  Großen  Stern  getrieben
  werden,  sich  ärgern,  ist  begreiflich;  sie  sollten  sich  aber  nicht  über
uns,  sondern  über  das  verkehrte  System  ärgern,  das  sie  dazu  treibt.
Selbst  das  blindwütige  Einhauen  der  Schutzleute  möchte  ich  enischuldigen
und  die  ganze  Schuld  den  Vorgesetzten  geben.  Das  nächste  Mal  wählen
diese  Schutzleute  uns,  des  können  Sie  sicher  sein,  bei  den  Landtagswahlen,
auch  bei  den  Kommunalwahlen.

111.  März.  (Bayern.)  Kammer  der  Abgeordneten.  über
die  Außerungen  des  Abg.  v.  Oldenburg-Januschau.

Abg.  Günther  kommt  beim  Nachtragsetat  für  Militärausgaben
auf  die  Rede  des  Abgeordneten  v.  Oldenburg  im  Reichstage  zu  sprechen.
Nur  der  Unwissenheit  des  Herrn  v.  Oldenburg  und  derer  um  ihn  sei  es
zuzuschreiben,  daß  Herrr  v.  Oldenburg  bei  seinem  Vergleich  der  preußischen
Armee  mit  denen  anderer  deutscher  Kontingente  die  bayerische  Armee  in
einem  Atemzuge  mit  der  Reichsarmee  nennen  konnte.  Vom  bayerischen
Militär-Bevollmächtigten  im  Bundesrat  hätte  man  eine  Zurechtweisung
des  Herrn  v.  Oldenburg  erwartet.  Kriegsminister  Freiherr  v.  Horn  gibt
hierauf  folgende  Erklärung  ab:  Im  Leben  der  Völker  und  der  Heere  gibt
es  glückliche  und  unglückliche  Zeiten,  ruhmvolle  und  ruhmlose  Tage.  Wenn
nun  ein  Parlamentarier  im  Reichstag,  wo  sämtliche  deutsche  Stämme  durch
Abgeordnete  vertreten  sind,  auf  eine  unglückliche  Episode  in  der  Geschichte
eines  oder  des  anderen  Stammes  aufpielt,  so  ist  das  ohne  Zweifel  eine
Geschmacksverirrung  und  eine  Entgleisung,  aber  im  allgemeinen  doch  nicht
wert,  daß  man  sich  allzusehr  darüber  aufregt,  und  darüber  einen  Mißton
zwischen  Nord  und  Süd  konstruiert.  Wenn  der  Aba.  v.  Oldenburg  einen
Vergleich  gewählt  hat,  bei  dem  der  Spottvers  vom  König  Friedrich  in  der
Reichsarmee  Verwendung  fand,  so  muß  ich,  wie  es  ja  auch  schon  der
Abg.  Prof.  Günther  getan  hat,  doch  konstatieren,  daß  bayerische  Truppen
bei  der  Schlacht  von  Roßbach  gar  nicht  beteiligt  waren.  Diesen  Umstand
muß  der  bayerische  Militärbevollmächtigte  wohl  vor  Augen  gehabt  haben,
und  darum  mag  er  wohl  die  Aeußerung  getan  haben,  er  fühle  sich  als
Bayer  durch  die  Ausführungen  des  Abg.  v.  Oldenburg  nicht  beleidigt.  Es
geht  aber  auch  aus  den  Ausführungen  dieses  Herrn  hervor,  daß  er  die
bayerische  Armee  von  heute  durchaus  nicht  gemeint  hat.  Dies  muß  für
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        Das  Denisqhe  Peich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  11.)  179

den  bayerischen  Militärbevollmächtigten  ein  Grund  mehr  gewesen  sein,  auf
die  Sache  nicht  näher  einzugehen.  Daß  bei  der  Schlacht  von  Roßbach,
wie  der  Abg.  Günther  schon  erwähnte,  ein  kleines  Würzburger  Kontingent
dabei  war,  ist  dem  bayerischen  Militärbevollmächtigten  wohl  nicht  gegenwärtig
  gewesen,  sonst  hätte  er  wohl  doch  noch  Verwahrung  gegen  die  Worte
des  Herrn  v.  Oldenburg  eingelegt.

11.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Zweite
Lesung  der  Wahlrechtsvorlage.

An  Artikel  1  schließt  sich  eine  allgemeine  Debatte  an,  in  welcher
auch  der  sozialdemokratische  Antrag  auf  Einführung  des  allgemeinen,
gleichen  und  direkten  Wahlrechts  für  beiderlei  Geschlechter  über  21  Jahre
zur  Verhandlung  kommen  soll.

Abg.  Bell  (3.)  referiert  über  die  Kommissionsverhandlungen  und
über  die  Aenderungen,  die  die  Kommission  vorgenommen  hat.

Abg.  Hirsch  (Sd.)  kritisiert  die  Haltung  aller  Parteien,  die  gegen
die  Einführung  des  Reichstagswahlrechts  kämpfen.  „Wir  wollen  jetzt
gemeinschaftlich  zusammen  kämpfen  mit  dem  Freisinn  und  den  Polen.  Und
nun  die  Regierung.  Von  der  hört  man  überhaupt  nichis  Bestimmtes.
Ein  „Unannehmbar“  wagt  sie  nicht  zu  sagen,  weil  sie  abhängig  ist  von  den
Konservativen.  Die  Regierung  setzt  all  ihre  Hoffnungen  auf  das  Herrenhaus.
Wir  aber  werden  dafür  sorgen,  daß  sie  nicht  zur  Ruhe  kommt.  Wir  werden
das  Volk  aufpeitschen,  wir  werden  dafür  sorgen,  daß  ein  Sturm  der  Entrüstung
  die  Regierung  und  die  Mehrheitsparteien  dieses  Hauses  wegfegt.
Daß  das  Volk  aufgewacht  ist,  können  Sie  uns  danken.  Wir  werden  nichts
unversucht  lassen,  um,  namentlich  in  den  Wahlkreisen  des  Zentrums,  das
Volk  aufzurütteln.  Die  Früchte  von  Ihren  Beschlüssen  sollen  Sie  ernten.
Wir  werden  den  Kampf  für  die  Uebertragung  des  Reichstagswahlrechts
weiterführen.  Abhalten  lassen  wir  uns  nicht  durch  Drohungen.  Sie  sogen
uns  immer,  wir  sollten  den  gesetzlichen  Weg  verfolgen.  Das  macht  sich
recht  schön  in  einem  Parlament,  das  selbst  nicht  auf  gesetzlicher  Grundlage
  steht.  Haben  Sie  denn  ganz  vergessen,  daß  das  Abgeordnetenhaus
auf  Grund  eines  Wahlrechts  gewählt  ist,  das  auf  einen  niederträchtigen
Gewaltstreich  der  Regierung  von  1849  zurückzuführen  ist?  (Lärm  r.  Vizepräsident
  Dr.  Porsch:  Ich  bitte  Sie,  sich  zu  mäßigen.)  Glauben  Sie  jeetzt
wirklich,  daß  die  Massen  verhetzt  sind?  (Jalr.)  Glauben  Sie  wirklich,
das  Volk  habe  sich  durch  ein  paar  Volksverführer  betören  lassen?  (Zuruf
  r.:  Jawohl!)  Nein,  das  Volk  empfindet  von  selbst  die  Last  und  die
Ungerechtigkeit  und  lehnt  sich  dagegen  auf.  Ob  sich  die  Entwicklung  friedlich
  vollziehen  wird,  das  liegt  nicht  in  unserer  Hand,  sondern  das  hängt
von  Ihnen  ab.  Sorgen  Sie  dafür,  daß  das  Volk  das  allgemeine,  gleiche
und  direkte  Wahlrecht  bekommt."“

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  (K.):  Leider  lassen  sich  große  Massen
durch  die  Sozialdemokratie  irre  führen  und  verwirren.  Wir  können  eine
Wahlreform  machen  wie  wir  wollen,  sie  wird  der  Sozialdemokratie  nie
enügen.  Die  Sozialdemokratie  will  die  Massen  aufpeitschen,  und  wenn
ie  ihre  Macht  erreicht  haben  würde,  dann  bringt  sie  für  das  Volk  keine
Kultur,  sondern  das  Zuchthaus.  Unsere  Stellung  zu  dem  Grsetze  selbst  hängt
ab  von  der  Gestaltung  der  einzelnen  Bestimmungen.  Wir  werden  unsere
Stellung  zu  den  einzelnen  Bestimmungen  darlegen.  Wir  verzichten  daher  auf
eine  große  Generaldiskussion.  Aber  ich  möchte  nur  erklären,  daß  auf  meine
Freunde  die  Ausführungen  des  Abg.  Hirsch  keinen  Eindruck  gemacht  haben.

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  Meine  politischen  Freunde  treten  für
ein  abgestuftes  Wahlrecht  ein  und  wir  haben  daher  keine  Veranlassung,

127
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        180  Joss  Veesche  Reich  und  seine  einjelnen  GSlieder.  (März  11.)

dem  sozialdemokratischen  Antrag  näher  zu  treten.  Zu  den  einzelnen  Bestimmungen
  werden  wir  unseren  Standpunkt  klarlegen.

Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (Fk.):  Ich  will  hier  keine  lange  Generaldiskussion
  entfachen.  Der  sozialdemokratische  Antrag  richtet  sich  selbst.  Er
wendet  sich  nur  an  die  Unbildung  der  Massen  und  ist  keines  Wortes  wert.

Abg.  Fischbeck  (Fortsch.  Vp.):  Den  sozialdemokratischen  Antrag
lehnen  wir  ab.  Wir  glauben,  daß  wir  schon  recht  weit  gekommen  sein  werden,
wenn  wir  das  Reichstagswahlrecht  erreicht  haben.  Ich  glaube,  die  Sozialdemokratie
  hat  mit  ihrem  Antrag  nur  demonstrieren  wollen,  aber  zur
Klärung  der  politischen  Situation  trägt  er  nicht  bei.  Wir  werden  bei  dem
entscheidenden  §  4  lindirekte  und  geheime  Wahl)  unseren  Standpunkt  darlegen.

Abg.  Herold  (3.):  Ich  beschränke  mich  darauf,  zu  erklären,  daß
wir  den  sozialdemokratischen  Antrag  ablehnen.

Der  sozialdemokratische  Antrag  wird  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten
  abgelehnt  und  der  Artikel  1,  der  die  durch  die  Schaffung  eines
Wahlgesetzes  nötige  Aufhebung  der  Verfassungsurkunde  bedingt,  angenommen.
Von  Arrikel  2  wurden  die  §§  1,  2  und  3  angenommen.  8  4  lautet  nach
dem  Beschluß  des  Zentrums:  „Die  Abgeordneten  werden  von  Wahlmännern
in  Wahlbezirken,  die  Wahlmänner  von  den  Wählern  in  Stimmbezirken  gewählt.
  Die  Wahl  der  Wahlmänner  erfolgt  mittels  verdeckter  Stimmzettel.“
Die  Konservativen  beantragen,  einen  §  3a  einzufügen:  „Die  Wahlen  erfolgen
  durch  Stimmengebung  zu  Protokoll  nach  den  Vorschriften  der  Wahlordnung.“
  (Also  öffentliche  Stimmenabgabe.)  Ein  nationalliberaler  Antrag
wünscht,  daß  die  Abstimmung  der  Wahlmänner  geheim  sein  soll.  Die  Freisinnigen
  beantragen,  dem  §  4  eine  Fassung  zu  geben,  „daß  das  Wahlrecht
für  alle  Wahlberechtigte  gleich  ist.  Die  Abgeordneten  werden  von  den
stimmberechtigten  Wählern  des  Wahlbezirks  mittels  verdeckter  Stimmzettel
unmittelbar  gewählt.“

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  (K.):  Wir  sind  für  die  öffentliche  Abstimmung
  und  beantragen  daher  auch  zunächst,  darüber  abzustimmen,  daß
die  öffentliche  Wahl  bestehen  bleibe.  Wir  weisen  besonders  darauf  hin,  daß
in  weiten  Volksschichten  die  öffentliche  Abstimmung  gewünscht  wird,  namentlich
  auch  in  der  schweren  Industrie  in  Rheinland  und  Westfalen  und  wir
bitten  Sie,  durch  Zustimmung  zu  unserem  Antrag  diesen  Wünschen  Rechnung
  zu  tragen.

Abg.  Friedberg  (Nl.):  Mit  Ausnahme  des  Abg.  Heyl,  der  seinen
Wählern  bestimmte  Versprechungen  gegeben  hat,  werden  sich  meine  Freunde
der  Abstimmung  über  den  konservativen  Antrag  enthal:i:en  und  zwar  auch
die,  die  aus  innerster  Ueberzeugung  für  die  öffentliche  Abstimmung  sind:
denn  die  Konservativen  wollen  diesen  Antrag  nur  als  Dekorationsstück  benutzen,
  um  ihren  Umfall  zu  bemänteln.  Damit  zeigen  die  Konservativen,
daß  sie  es  mit  ihrem  Antrag  gar  nicht  ernst  nehmen.  Um  aber  das  Verhalten
  der  Konservativen  festzustellen,  beantrage  ich  namentliche  Abstimmung.

Es  hat  sich  niemand  mehr  zum  Wort  gemeldet,  die  namentliche
Abstimmung  wird  mit  den  Stimmen  der  Linken  beschlossen.  Als  der  Vizepräsident
  Porsch  zur  Abstimmung  schreitet,  verlangt  Abg.  v.  Heydebrand
das  Wort  zur  Geschäftsordnung:  Nach  diesem  Vorgehen  des  Herrn  Friedberg
  habe  ich  zu  erkären,  daß  sich  jetzt  der  größte  Teil  meiner  Freunde
der  Abstimmung  enthalten  wird.  Ich  glaube,  die  Nationalliberalen  sind
der  Meinung,  daß  sie  jetzt  einen  besonders  taktischen  Zug  gemacht  hätten,
aber  wir  wollen  ihnen  zeigen,  daß  wir  auch  in  der  Lage  sind,  die  Sache
taktisch  zu  behandeln.  Durch  ihr  Vorgehen  und  ihre  Art  und  Weise  sind
wir  in  die  Notwendigkeit  gesetzt,  auch  diese  Frage  lediglich  vom  taktischen
Gesichtspunkte  aus  zu  behandeln.  Ich  bedaure  das,  weil  die  Art,  wie  Herr
        <pb n="189" />
        Das  Penische  Reihh  und  seine  einjelnen  Glieder.  (März  11.)  181

Friedberg  aufgetreten  ist,  es  uns  sehr  schwer  macht,  in  einer  guten  Weise
mit  den  Nationalliberalen  zusammenzuarbeiten,  wie  es  unser  dringender
Wunsch  ist.  (Lebhafte  Rufe:  Das  ist  doch  keine  Geschäfisordnung!)  Vizepräsident
  Porsch:  Die  Aeußerungen  sind  zwar  nicht  zur  Geschäftsordnung,
aber  ich  glaubte  den  Redner  doch  weiter  sprechen  lassen  zu  sollen.  (Widerspruch
  Il.  Abg.  Dr.  Wiemer:  Aber  das  geht  doch  nicht.  Gibt  es  denn  hier
gar  keine  Geschäftsordnung  mehr?)  Ich  stelle  nochmals  fest,  daß  wir  lediglich
  durch  das  Vorgehen  der  Nationalliberalen  ..  .  (Großer  Lärm  l.,  Rufe  l.:
Zur  Geschäftsordnung!  Vizepräsident  Porsch:  Ich  habe  die  Ausführungen
zugelassen,  weil  ich  auch  den  Rednern  der  andern  Parteien  in  der  Geschäftsordnung
  weiten  Spielraum  lassen  will.)

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  Die  Ausführungen  des  Herrn  v.  Heydebrand
  beweisen,  daß  der  Antrag  der  Konservativen  nur  taktisch  gemeint  ist.
Ein  besserer  Beweis  für  meine  Auffassung,  als  daß  sich  die  Herren  der
Abstimmung  enthalten,  konnte  nicht  erbracht  werden.  Die  Herren  glauben
immer  wegen  unseres  Tons  nicht  mehr  mit  uns  zusammenarbeiten  zu
können.  Wenn  die  Herren  aber  ein  Zusammenarbeiten  aus  taktischen
Gründen  haben  wollen,  so  werden  sie  es  nach  wie  vor  tun,  wenn  es
in  ihrem  Interesse  liegt.  Ob  ich  mich  nun  so  oder  so  ausdrücke,  das  wird
keine  Bedeutung  haben.  In  meinem  Ton  ist  übrigens  keine  Schärfe  gewesen.
  Die  Bemerkung,  daß  sie  nicht  mit  uns  zusammenarbeiten  könnten,
ist  auch  wieder  nur  Taktik  seitens  der  Konservativen.

Abg.  Herold  (Z.):  Wir  sind  immer  mit  Entschiedenheit  für  die  geheime
  Wahl  eingetreten,  daher  bitte  ich  den  konservativen  Antrag  abzulehnen,
damit  endlich  das  richtige  Ziel  der  geheimen  Wahl  erreicht  wird.

Abg.  Fischbeck  (Forischr.  Vp.):  Daß  wir  für  die  geheime  Wahl
eintreten,  für  eine  Wahl,  die  diesen  Namen  auch  verdient,  beweisen  wir
durch  unseren  Antrag.  Daß  das  Zentrum  auch  für  die  geheime  Wahl
gewesen  ist,  ist  ein  Streit  um  Worte.  Wenn  man  die  geheime  Wahl  mit
der  indirekten  Wahl  verquickt,  so  wird  der  Sinn  der  geheimen  Wahl  beseitigt.
  Das  geschieht  nur,  um  es  den  Konservativen  zu  ermöglichen,  für
die  ganze  Sache  zu  stimmen.  Ich  schließe  mich  in  der  Verurteilung  des
konservativen  Antrages  durchaus  dem  an,  was  der  Abg.  Friedberg  gesagt
hat.  Wenn  ein  Teil  der  Konservativen  sich  der  Stimmenabgabe  enthält,
so  geschieht  das,  um  das  Zentrum  in  die  Majorität  zu  bringen  und  dann
stimmt,  was  Herr  Friedberg  sagt.  Veranlassen  Sie  (zu  den  Konservativen)
doch,  daß  das  Zentrum  für  Ihren  Antrag  stimmt,  dann  haben  Sie  alles,
was  Sie  haben  wollen.

Abg.  Hirsch-Berlin  (Sd.):  Ich  beschränke  mich  auf  eine  Erklärung,
daß  wir  den  Antrag  der  Konservativen  einer  näheren  Erörterung  überhaupt
  nicht  für  würdig  halten.

In  der  Abstimmung  über  den  8§  3a,  den  die  Konservativen  einfügen
  wollen,  und  der  die  öffentliche  Abstimmung  wieder  herstellen  soll,
stimmt  das  Zentrum  geschlossen  gegen  den  konservativen  Antrag.  Die
Nationalliberalen,  die  Volkeparteiler  und  Sozialdemokraten  nehmen  an
der  Abstimmung  überhaupt  nicht  teil.  Die  Freikonservativen  stimmen,  mit
Ausnahme  eines  kleinen  Teils,  für  den  Antrag.  Von  den  Konservativen
erklärt  ein  großer  Teil  die  Stimmenthaltung.  Von  den  Freikonservativen
stimmen  mit  Nein:  v.  Oertzen,  Paulsen,  Peters,  Rehren,  Dr.  Wagner,  mit
Nein  auch  die  Konservativen:  Carow,  Metzenthin,  v.  Schönaich  und  Wollkowski.
  Das  Resultat  der  Abstimmung  ergibt  62  Stimmen  für  den  Antrag,
  124  dagegen  und  19  Stimmenthaltungen.  Der  Antrag  wird  unter
stürmischem  Gelächter  der  Linken  als  abgelehnt  erklärt.  Bemerkenswert
war  die  Verteilung  der  konservativen  Fraktion  mit  ihren  152  Mitgliedern.
        <pb n="190" />
        182  Jaos  Neuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  11.)

Für  den  Antrag  stimmten  nur  30,  gegen  den  Antrag  5,  während  sich  83
der  Stimme  enthielten.  Es  folgt  die  Diskussion  über  §  4  und  die  dazu
gestellten  Abänderungsanträge.

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  (K.):  Zu  diesem  Paragraphen  liegt
uns  noch  ein  Antrag  des  Abg.  Aronsohn  auf  Einführung  des  Reichstagwahlrechtes
  vor.  Wir  sind  der  Meinung,  daß  in  Preußen  das  bestehende
Wahlrecht  seine  historische  Bedeutung  hat  und  daß  es  nicht  notwendig  ist,
daß  wir  das,  was  im  Reich  vorhanden  ist,  auch  in  die  Bundesstaaten  einführen.
  Wir  werden  gegen  den  Antrag  stimmen.  Was  nun  die  Frage
anlangt,  ob  wir  für  die  indirekte  Wahl  in  Verbindung  mit  der  geheimen
Wahl  stimmen  werden,  so  haben  meine  Freunde  Sie  alle  vor  die  Frage
gestellt,  ob  Sie  sich  prinzipiell  für  die  geheime  Wahl  entscheiden  wollen
oder  nicht.  In  der  Kommission  ist  mit  15  gegen  13  Stimmen  die  Entscheidung
  für  die  geheime  Wahl  gefallen.  Trotzdem  wollten  wir  hier  im
Plenum  noch  einmal  jedes  Mitglied  vor  die  Entscheidung  stellen,  ob  geheime
  oder  öffentliche  Wahl.  Denn  es  könnte  zweifelhaft  sein,  ob  das
Plenum  sich  für  oder  gegen  die  geheime  Wahl  entscheiden  würde.  Nachdem
der  Abgeordnete  Friedberg  aber  erklärt  hat,  daß  auch  diejenigen  seiner
politischen  Freunde,  welche  Anhänger  der  öffentlichen  Wahl  sind,  für  das
geheime  Wahlrecht  eintreten  würden,  war  für  meine  Freunde  klar,  daß
hier  im  Plenum  die  Entscheidung  gegen  die  öffentliche  Wahl  fallen  würde.
Wodurch  ist  diese  Enischeidung  herbeigeführt  worden?  Durch  das  Verhalten
  der  Nationalliberalen.  (Lärm  b.  d.  Nl.)  Die  Tatsachen  sind  doch
klar.  Ich  konstatiere  Tatsachen.  Der  Abg.  Friedberg  hat  namens  der
nationalliberalen  Partei  namentliche  Abstimmung  beantragt.  Nachdem  die
namentliche  Abstimmung  aber  beantragt  war,  haben  die  Nationalliberalen
das  Haus  verlassen.  (Ernenter  Lärm  b.  d.  Nl.)  Das  erschwert  allerdings
die  Arbeit  mit  Ihnen  (zu  den  Nationalliberalen)  außerordentlich,  daß  Sie
unsere  ernsten  Absichten,  jedes  Mitglied  vor  die  Frage  zu  stellen,  ob  öffentliche
  oder  geheime  Wahl,  so  durchkreuzt  haben.  Bei  Ihrem  Verhalten  ist
es  überhaupt  fraglich,  ob  wir  in  dieser  Session  die  Wahlreform  zustande
bringen.  Ihre  Taktik  hätte  heute  auch  keinen  Zweck  gehabt,  wenn  Sie
eine  Annahme  des  Antrages  zuwege  gebracht  hätien.  Dann  wäre  die
Vorlage  an  die  Kommission  zurückgegangen  und  wir  hätten  dann  wieder
dieselbe  Abstimmung  mit  15  gegen  13  Stimmen  gehabt.  Ich  konstatiere,
daß  durch  das  nationalliberale  Vorgeben  unsere  ernsten  Absichten  vereitelt
wurden  (Langanhaltender  Lärm  b.  d.  Nl.  Der  Präsident  schafft  dem  Redner
mit  großer  Mühe  Ruhe.)  In  der  Kommission  ist  das  geheime  Wahlrecht
für  die  Wahlmännerwahlen  angenommen  worden.  Wir  haben  uns  gesagt,
mit  der  Annahme  der  geheimen  Wahl  wird  die  ganze  Wahlreform  auf
einen  anderen  Boden  gestellt.  Die  Regierung  haite  die  öffentliche  Wahl
für  notwendig  erklärt.  Nachdem  die  ösfentliche  Wahl  aber  gefallen  war,
standen  wir  vor  der  Frage,  ob  wir  neben  der  indirekten  Wahl  noch  eine
zweite  Grundlage  des  bisherigen  Wahlrechts  aufgeben  sollten  oder  nicht.
Wir  einigten  uns  auf  den  Zentrumsantrag.  Die  Konservativen  sind  bereit,
  auch  im  Plenum  auf  den  Boden  der  Kommissionebeschtüsse  zu  treten.
Ich  hoffe,  daß  durch  dieses  außerordentliche  Entgegenkommen  ..  (Großes
Gelächter  I.),  ja  es  ist  ein  außerordentliches  Entgegenkommen.  Ich  hoffe,
daß  dieses  große  Entgegenkommen  dazu  führt,  eine  Wahlreform  zustande
zu  bringen,  während  Ihr  (nach  links)  Vorgehen  dazu  führen  würde,  die
Reform  auf  die  Dauer  zunichte  zu  machen.  Ich  bitte,  den  §  4  so  anzunehmen,
  wie  er  der  Kommission  zugegangen  ist.

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  Namens  meiner  politischen  Freunde
muß  ich  die  Erklärung  abgeben,  daß  wir  die  Kommissionsbeschlüsse  in  der
        <pb n="191" />
        Das  Denisqe  Reit  und  seine  rinjelnen  Glieder.  (März  11.)  183

vorliegenden  Form  ablehnen.  Wir  haben  in  der  ersten  Lesung  für  diese
Kombination  der  geheimen  Wahl  mit  dem  indirekten  System  gestimmt,
um  zunächst  eine  Basis  zu  schaffen.  Wir  wollten  aber  noch  Verbesserungen
durchsetzen.  Wir  haben  weiter  dafür  gestimmt,  eine  Basis  für  eine  Verständigung
  zu  finden.  Wir  haben  festgestellt,  daß  wir  gerne  mitarbeiten
wollten  an  dem  positiven  Ergebnis.  Wir  sind  der  Ueberzeugung,  daß  eine
Reform  des  Wahlrechts  nur  getragen  werden  kann  von  einer  großen  Mehrheit.
  Deshalb  wollten  wir  auch  mit  den  anderen  Parteien  zusammenarbeiten,
  und  wenn  die  Verständigung  vorderhand  noch  nicht  zustande  gekommen
  ist,  so  ist  das  nicht  unsere  Schuld,  sondern  die  der  Konservativen
und  die  des  Zentrums.  Wir  machen  ietzt  den  Versuch  zu  einer  Verständigung,
  indem  wir  Anträge  einbringen  und  das  zeigt  doch,  daß  wir  es
ernst  meinen.  Meine  politischen  Freunde  fordern  zunächst  die  direkte  Wahl,
weil  die  indirekte  Wahl  sich  überlebt  hat  und  weil  sie  dazu  führt,  daß  bei
den  Landtagswahlen  nicht  die  nötige  Beleiligung  vorhanden  ist.  Ich  kann
mir  nicht  denken,  daß  die  Regierung  die  direkte  Wahl  einfach  unter  den
Tisch  fallen  läßt.  Es  läßt  sich  ja  nicht  leugnen,  daß  durch  die  Einführung
der  geheimen  Wahl  ein  gewisser  Fortschritt  erzielt  worden  ist.  Aber  er
reicht  nicht  aus,  zumal  die  Wahlmänner  offen  abstimmen  müssen.  Der
Vorredner  hat  gemeint,  daß  wir  einen  Zwiespalt  durch  unseren  Antrag
geschaffen  hätten  und  er  hat  uns  aus  unseren  letzten  Abstimmungen  einen
Vorwurf  gemacht.  Uns  trifft  keine  Schuld,  sondern  wir  wollten  nur  verhüten,
  daß  die  Konservativen  im  Lande  sich  brüsten  könnten,  sie  allein
seien  die  Hüter  der  Wünsche  gewisser  Volksschichten.  Wenn  man  aus
Ueberzeugung  einen  Antrag  durchietzen  will,  dann  nimmt  man  keine  Abkommandierung
  vor,  wie  Sie  es  getan  haben.  Daß  ich  das  ins  klare  Licht
erückt  habe,  das  rechne  ich  mir  zum  Verdienst  an.  Wir  hatten  nur  die
flicht,  festzustellen,  daß  die  konservative  Partei  nicht  das  Recht  hatte,  vor
dem  Lande  zu  behaupten,  sie  sei  durch  andere  Parteien  gezwungen  worden,
für  die  geheime  Wahl  einzutreten.  Daß  das  Zentrum  uns  im  Stich  gelassen
  hat,  als  wir  für  die  Abgabe  der  Wahlmännerstimmen  die  geheime
Abstimmung  einführen  wollten,  wundert  uns  gar  nicht.  Das  entfpricht
dem  ganzen  Verhalten  des  Zentrums  in  dieser  Wahlreform.  Wir  haben
versucht,  die  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken  zu  entfernen,  um  krasse
Ungleichheiten  zu  beseitigen.  Aber  auch  das  ist  uns  infolge  des  Verhaltens
des  Zentrums  nicht  gelungen.  Durch  den  Kommissionsbeschluß  ist  ja  jetzt
erreicht,  daß  die  Dreimarkwähler  zu  Viermarkwählern  geworden  sind.  Wir
hoffen,  daß  diese  Erhöhung  auf  fünf  Mark  erfolgt.  Die  Privilegierung
der  verbündeten  Parteien  ist  durchaus  unzureichend.  Es  sind  verschiedene
Versuche  in  der  Kommission  gemacht  worden,  aber  zu  einer  Verständizung
  sind  wir  nicht  gekommen.  Den  Gedanken  einer  Abstufung  nach

ildung  und  Besitz  halten  wir  für  berechtigt,  aber  es  fragt  sich  nur,  ob
sich  das  im  Rahmen  des  Dreiklassenwahlsystems  durchführen  läßt.  Der
Zentrumsbeschluß,  wie  er  jetzt  ist,  genügt  uns  durchaus  nicht.  Der  Kommissionsbeschluß
  bedeutet  weiter  nichts  als  die  Befestigung  des  Besitzstandes
wweter  großer  Parteien,  der  Konservativen  und  des  Zentrums.  Wenn
ieser  Kompromißbeschluß  der  Kommission  angenommen  wird,  dann  ist  die
ganze  Wahlreform  weiter  nichts,  als  eine  reformatio  in  peius.

Abg.  Fischbeck  (Fortsch.  Vp.):  Ich  empfehle  Ihnen  unseren  Antrag,
der  das  gleiche,  geheime,  direkte  und  allgemeine  Wahlrecht  fordert.  Durch
das  jetzige  Wahlrecht  werden  breite  Volksschichten  entrechtet  und  diese  Ungerechtigkeit
  wird  auch  von  Gegnern  unserer  Forderungen  anerkannt.  Aus
diesem  Grunde  hat  man  die  Dreimarkwähler  und  die  Drittelung  in  den
Urwahlbezirken  geschaffen.  In  der  Hauptsache  hat  das  Zentrum  diesen
        <pb n="192" />
        184  D0  Penisqhhe  Reiqh  und  seine  einjelnen  Slieder.  (März  11.)

Wunsch  gehabt,  um  seine  eigenen  Geschäfte  zu  fördern.  Die  Widersinnigkeit
  des  Dreiklassensystems  ist  schon  oft  augenfällig  bewiesen  worden.  Bei
allen,  die  eine  Reform  des  Wahlrechts  verlangen,  ist  eine  Mehrheit  dafür
gewesen,  daß  die  direkte  Wahl  eingeführt  werden  muß.  Jeht  ist  ein
Kompromißantrag  zustande  gekommen  zwischen  der  Zentrumspartei,  die
uns  in  den  Wahlrechtsforderungen  am  nächsten  stand,  und  der  konservativen
Partei,  die  überhaupt  nichts  geben  wollte,  und  jetzt  haben  sich  die  Folgen
gezeigt.  Die  direkte  Wahl  hat  wieder  weichen  müssen,  die  indirekte  soll
bestehen  bleiben.  Scheinbar  hat  die  konservative  Partei  eine  Konzession
gemacht,  indem  sie  die  geheime  Stimmabgabe  gewährte.  Die  konserve#tive
Presse  hat  nun  zu  erkennen  gegeben,  daß  diese  geheime  Stimmenabgabe
möglichst  unschädlich  gemacht  werden  muß  und  das  geschieht  dadurch,  daß
die  indirekte  Abstimmung  beibehalten  wird.  Das  Zentrum  behauptet,  es
hätte  mithelfen  müssen,  um  die  Zustimmung  des  Herrenhauses  zu  erreichen.
Ja,  haben  Sie  eigentlich  Garantien  vom  Herrenhaus,  daß  es  Ihre  Wünsche
annehmen  wird?  Was  Sie  in  der  Kommission  geschaffen  haben,  können
wir  überhaupt  nicht  mehr  als  Wahlrefocm  ansehen,  weil  diese  Reform  für
die  Konservativen  unschädlich  ist.  Unschädlich  wird  dieses  Kompromiß
namentlich  dadurch,  daß  die  Wahlmänner  öffentlich  abstimmen  sollen.  Das
hat  zur  Folge,  daß  sich  keine  liberalen  Wahlmänner  mehr  finden  werden.
Die  geheime  Wahl  verliert  jeden  Sinn,  wenn  doch  bei  der  Abstimmung
der  Wahlmänner  dem  Terrorismus  Tür  und  Tor  geöffnet  wird.  Wir
stehen  auf  dem  Standvunkt,  daß  es  besser  ist,  gar  nichts  zustande  kommen
zu  lissen  als  eine  Refsorm,  die  vom  Volke  nur  als  eine  Verhöhnung
empfunden  wird.  Die  Herren  von  den  Konservativen  und  vom  Zentrum
haben  die  Reform  darauf  zugeschnitten,  daß  nur  um  Gotteswillen  der  Besitz
  der  Konservativen  nicht  geschmälert  wird.  Wenn  die  Konservativen
eben  auf  dem  Standpunkte  stehen,  daß  sie  keine  Mandate  bei  einer  Wahlreform
  verlieren  dürfen,  dann  wird  mit  den  Konserovativen  überhaupt  keine
Reform  zustande  kommen  können.  Und  nun  gibt  es  noch  eine  Sielle,  die
Staatsregierung.  Die  Konservativen  sollen  der  Regierung  zur  Hilfe  kommen.
Aber  sie  wollen  die  öffentliche  Wahl.  Die  Konservativen  beschließen  die
geheime  öffentliche  Wahl,  wenn  man  sich  einmal  so  ausdrücken  will.  Die
Regierung  will  die  direkte  Wahl  schaffen.  Dafür  beschließen  die  Konservativen
  die  indirekte.  Den  Konservativen  kommt  es  mehr  darauf  an,  der
Regierung  wieder  einmal  ihren  Willen  aufzuzwingen.  Die  Herren  um
Heydebrand  wollen  zeigen,  daß  sie  regieren.  Wenn  die  Regierung  den
Willen  hat,  das  auszuführen,  was  in  der  Thronrede  dem  Volke  versprochen
worden  ist,  dann  kann  sie  niemals  dieser  Reform  zustimmen  und  sie  würde
gut  tun,  mit  einer  neuen  Vorlage  zu  kommen.  Wir  stimmen  gegen  den
Kommissionsbeschluß  und  bitten  Sie,  für  unseren  Antrag  einzutreten.
Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (Frk.):  Die  Freisinnigen  würden  von  ihrem
eigenen  Antrag  keinen  Nutzen  haben,  sie  würden  verschwinden.  (Zurufe  l.:
Das  überlassen  Sie  doch  uns.)  Wir  sind  aber  so  guten  Herzens,  daß  wir
Sie  vor  Ihrem  Untergang  hüten  wollen  und  lehnen  daher  Ihren  Antrag
ab.  Das  ungleichste  Wahlrecht  ist  das  allgemeine  gleiche  Wahlrecht,  das
die  Herrschaft  der  Proletarier  schafft.  Der  freisinnige  Antrag  würde  nur
die  Herrschaft  der  Proletarier  für  Preußen  bedeuten.  Das  wollen  wir
nicht,  und  lehnen  deshalb  den  Antrag  ab.  Der  größie  Teil  meiner  Freunde
wird  für  den  Paragraphen  stimmen,  weil  nicht  mehr  zu  erreichen  ist.  Ein
Teil  wird  aber  dagegen  stimmen,  weil  dieser  Teil  meiner  Freunde  unter
allen  Umständen  die  öffentliche  Abstimmung  will.  Für  die  Schlußabstimmung
  behalten  wir  uns  aber  vollkommen  freie  Hand.  Für  unsere  Schlußabstimmung
  ist  maßgebend,  daß  ein  einheitliches  Werk  für  längere  Dauer
        <pb n="193" />
        Das  Beuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  11.)  185

geschaffen  wird.  Bedauerlich  ist,  daß  die  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken
aufrecht  erhalten  wird,  denn  diese  Drittelung  wird  in  ihrer  Wirkung  noch
verschärft  durch  Maximierung.  Wir  stimmen  vorläufig  für  den  §  4.  Aber
wenn  nichts  von  unseren  Anträgen  durchgesetzt  werden  sollte,  werden  wir  es
uns  noch  sehr  überlegen  müssen,  ob  wir  in  der  Schlußabstimmung  dafür
sein  können.

Abg.  Herold  (3.):  Zunächst  hat  der  Abg.  Friedberg  erklärt,  seine
Freunde  seien  für  das  geheime  Wahlrecht  und  trotzdem  enthielten  sie  sich
ihrer  Abstimmung.  Die  Konservativen  hatten  deshalb  auch  mit  ihrer
Stellungnahme  vollkommen  recht.  Die  Nationalliberalen  beantragen  namentliche
  Abstimmung  und  dann  verlassen  sie  den  Saal.  Das  ist  doch  schlimmste
Obstruktion  und  das  wird  ihnen  von  ihren  eigenen  Wählern  niemals  vergessen
  werden.  Sie  treten  jetzt  genau  in  die  Fußstapfen  der  Sozialdemokraten
  beim  Zolltarif.  Das  Schlechteste  ist  immer,  wenn  man  sich  in  seinem
Verhalten  leiten  läßt  von  der  Verärgerung.  Von  der  Fortschrittlichen
Volkspartei  wird  nun  ein  Antrag  eingebracht,  der  das  gleiche  und  geheime
Wahlrecht  verlangt.  Unsere  Stellung  dazu  habe  ich  in  der  ersten  Lesung
klar  und  deutlich  abgegeben.  (Zuruf  b.  d.  Sd.:  Das  hat  Ihnen  niemand
geglaubt.  Lärm  r.  und  im  Z3.)  Wenn  ich  im  Namen  meiner  Partei  diese
Erklärung  abgebe,  dann  habe  ich  den  Anspruch  darauf,  daß  mir  geglaubt
wird.  (Erneute  Zurufe  l.:  Es  glaubt  Ihnen  doch  niemand!  Großer  Lärm
im  Z.  Vizepräsident  Krause  bittet,  die  Zwischenrufe  zu  unterlassen.)  Für
das  gleiche  Wahlrecht  läßt  sich  keine  Mehrheit  finden  und  der  freisinnige
Antrag  bedeutet  nur  eine  Ablehnung  des  gesamten  Entwurfes,  weil  das
Herrenhaus  nicht  dafür  zu  haben  sein  würde.  Aus  diesen  Gründen  lehnen
wir  den  Antrag  bei  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  ab.  Wir  legen  aber
Wert  darauf,  daß  das  Gesetz  im  wesentlichen  nach  dem  Kommissionsbeschluß
zustande  kommt,  denn  das  bedeutet  einen  Fortschritt.  Daß  das  geheime
Wahlrecht  einen  Fortschritt  bedeute,  lasse  sich  doch  nicht  bestreiten.  Weiter
wird  die  Drittelung  für  den  Urwahlbezirk  aufrecht  erhalten.  Darauf  legen
wir  großen  Wert.  Diese  Drittelung  hat  sich  auch  außerordentlich  bewährt.
Die  Nationalliberalen  verfolgen  bei  der  Wahlreform  nur  den  Zweck,  ihren
eigenen  Besitz  zu  stärken.  Wir  wollen  aber  das  Dreiklassensystem  in  seiner
Schärfe  abmildern,  unabhängig  davon,  welche  Partei  davon  Nutzen  hat.
Auch  wir  wünschen,  daß  das  Gesetz  mit  einer  großen  Mehrheit  zur  Verabschiedung
  gelangt,  weil  dann  das  Gesetz  mit  mehr  Vertrauen  im  Volke
angenommen  wird.  Wir  werden  alles  daran  setzen,  das  Gesetz  in  der  Form
durchzubringen,  in  welcher  es  in  der  Kommission  beschlossen  worden  ist.
Es  steht  fest,  daß  es  ein  wesentlicher  Fortschritl  gegenüber  dem  bisherigen
Zustand  ist  und  im  ganzen  Lande  wird  man  uns  dankbar  sein  für  unsere
Energie,  etwas  Positives  zu  erzielen.

Abg.  Korfanty  (P.)  verliest  eine  Erklärung,  in  welcher  er  sich
gegen  den  Kommissionsbeschluß  ausspricht.

Abg.  Ströbel  (Sd.)  erklärt  sich  gegen  den  Kommissionsbeschluß
und  tritt  für  die  Uebertragung  des  Reichstagswahlrechtes  ein,  indem  er
die  bekannten  Gründe  für  dieses  Wahlrecht  anführt.  Sodann  polemisiert
Redner  gegen  die  Ausführungen  des  Abg.  Herold.  Das  Zentrum  müßte
doch  einsehen,  daß  es  Verrat  an  dem  Volke  wäre,  wenn  nicht  die  direkte
Wahl  durchgeführt  werde.  Das  Zentrum  bringt  das  zu  Fall,  was  selbst
mit  Hilfe  der  Nationalliberalen  zu  erreichen  war.  Das  ist  ein  Verhalten,
das  gar  nicht  scharf  genug  gebrandmarkt  werden  kann.  Unbedingt  nötig
ist  die  neue  Einteilung  der  Wahlkreise,  denn  unter  der  jetzigen  Einteilung
werden  die  städtischen  Arbeiter  noch  einmal  bedeutend  entrechtet.  Nachdem
der  Redner  eine  Stunde  lang  gesprochen  hat,  sagt  er:  Meine  Herren,  man
        <pb n="194" />
        186  JNas  Penisqhe  Reith  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (März  11.)

könnte  darüber  tagelang  reden,  um  nur  einmal  die  Sünden  des  Zentrums
darzulegen.  Jetzt  hat  das  Zentrum  Angst  um  das  Herrenhaus  und  deshalb
  verrät  es  die  Volksinteressen.  Bei  der  Reichsfinanzreform  war  es
nicht  ängstlich  und  auch  im  Kulturkampf  nicht.  Da  stand  es  fest  und  hat
etwas  erreicht.  Und  wenn  es  jetzt  fest  bleiben  würde,  so  würde  es  auch
nicht  schlecht  fahren.  Wenn  es  mit  uns  zusammen  den  Kampf  ausgenommen
hätte,  dann  hätten  wir  den  Sieg  errungen  Die  Regierung  hätte  nachgeben
  müssen,  das  Herrenhaus  ebenfalls,  und  die  Konservativen  hätten  zu

reuze  kriechen  müssen.  Das  hat  das  Zentrum  nicht  getan  und  damit  hat
es  die  Interessen  des  Volkes  verraten.

Ein  sozialdemokratischer  Antrag,  über  den  Teil  des  freisinnigen
Antrages  namentlich  abzustimmen,  der  die  gleiche  Wahl  fordert,  findet
nicht  genügende  Unterstützung,  weil  nur  die  Fortschrittliche  Volkspartei
dafür  stimmt.  Ein  Schlußantrag  wird  gegen  die  Stimmen  der  Nationalliberalen,
  Volksparteiler  und  Sozialdemokraten  angenommen.

aAbg.  Schiffer  (Nl.):  Durch  den  Beschluß  der  Debatte  ist  es  mir
leider  nicht  möglich  geworden,  auf  die  Angriffe  des  Abg.  Herold  zu  antworten.
  Daß  das  Zentrum  für  den  Schlußantrag  gestimmt  hat,  das  ist
bedauerlich,  aber  auch  bezeichnend.

Berichterstatter  Dr.  Bell  (3.)  widerspricht  der  Aeußerung  des  Abg.
Ströbel,  daß  die  Regierung  in  der  Kommission  sich  nicht  gegen  die  geheime
Wahl  gewendet  habe.  Nach  dem  Kommissionsbericht  habe  der  Minister
des  Innern  die  Einführung  der  geheimen  Wahl  als  höchst  bedenklich  bezeichnet.
  Der  Minister  hat  in  der  Kommission  ferner  erkläri,  daß  dann
das  Zustandekommen  eines  für  die  Regierung  brauchbaren  Gesetzes  in
höchstem  Grade  gefährdet  sei.  Die  Kommission  hat  in  ihrer  Mehrheit  aus
dieser  Erklärung  des  Ministers  des  Innern  entnehmen  müssen,  daß  die
geheime  Wahl,  in  Verbindung  mit  der  direkten  Wahl,  für  das  Zustandekommen
  dieses  Gesetzes  die  notwendige  Zustimmung  nicht  finden  würde.
Dagegen  glaubt  die  Kommission  durch  die  Verbindung  der  geheimen  Wahl
mit  der  indirekten  eine  Form  geschaffen  zu  haben,  die  nicht  nur  die  Zustimmung
  des  Hauses  finden,  sondern  auch  die  Erwartung  erfüllen  wird,  daß
die  Regierung  und  das  Herrenhaus  ihre  Zustimmung  geben.

Abg.  Ströbel  konstatiert,  daß  die  geheime  Wahl  schon  acht  Tage
vorher  angenommen  war,  ohne  daß  die  Regierung  eine  Erklärung  dazu
abgegeben  habe.

Nach  kurzer  Geschäftsordnungsdebatte  beginnt  die  Abstimmung
über  §  4  und  die  dazu  gestellten  Anträge.  Zunächst  wird  der  Antrag
Hobrecht,  die  Kommissionsfassung  durch  die  Regierungsvorlage  zu  ersetzen
(direkte  Wahl  statt  indirekter  Wahl)  und  gleichzeitig  die  geheime  Wahl
einzuführen,  gegen  die  Stimmen  der  Nationalliberalen,  der  Volkspartei,
der  Polen  und  der  Sozialdemokraten  abgelehnt.  Darauf  wird  der  erste
Satz  des  Antrags  Aronsohn,  der  das  gleiche  Wahlrecht  fordert,  gegen
dieselbe  Minderheit  und  die  Stimmen  der  Abg.  Gronowski,  Sauermann
und  Bartscher  abgelehnt.  Die  Abstimmung  über  den  zweiten  Satz  des
Antrags  Aronsohn  (direkte  und  geheime  Wahl)  ist  namentlich.  Für  den
Antrag  stimmen  110  Abgeordnete,  (Nationalliberale,  Volkspartei,  Polen
und  Sozialdemokraten,  die  Zentrumsabg.  Bartscher,  Sauermann,  Imbusch
und  Gronowski  und  die  Freikonservativen  Wagner-Breslau  und  Rahardt),
gegen  den  Antrag  stimmen  277  Abgeordnete  (Rechte  und  Zentrum  und
der  nationalliberale  Abg.  Heye).  Der  Antrag  ist  also  abgelehnt.  84
wird  darauf  in  der  Kommissionsfassung  gegen  die  Stimmen  der  Nationalliberalen,
  der  Volkspartei,  Polen  und  Sozialisten  und  einiger  Zentrumsabg.
angenommen.
        <pb n="195" />
        #  Vesche  Reich  und  seine  rintelnen  Glieder.  (März  12.)  187

12.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  zweiten  Lesung  der  Wahlrechtsvorlage.

§  5  bestimmt,  daß  auf  jede  Vollzahl  von  250  Einwohnern  ein  Wahlmann
  zu  wählen  ist,  daß  jede  Gemeinde  (Gutsbezirk)  der  Regel  nach  einen
Stimmbezirk  für  sich  bildet,  daß  Gemeinden  (Gutsbezirke)  von  weniger  als
750  Einwohner  mit  einer  oder  mehreren  benachbarten  Gemeinden  zu  einem
Stimmbezirk  vereinigt  werren,  daß  Gemeinden  von  1730  oder  mehr  Einwohnern
  in  Stimmbezirke  eingeteilt,  und  daß  diese  Stimmbezirke  nicht
weniger  als  750  und  nicht  mehr  als  1749  Einwohner  enthalten  dürfen.
Ein  Antrag  Hobrecht  (Nl.)  will  die  ursprüngliche  Regierungevorlage  wiederherstellen,
  daß  erst  Gemeinden  mit  mehr  als  3500  Einwohnern  in  Stimmbezirke
  eingeteilt  werden.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Mehrere  der  Herren
Redner  haben  gestern  mit  größerer  oder  geringerer  Ausführlichkeit  die
Frage  erörtert,  welche  Stellung  die  Regierung  zu  den  vorliegenden  Anträgen
  und  Beschlüssen  einnimmt.  Für  die  Herren,  welche  bei  dieser  Frage
besonders  lange  und  freundlich  verweilten,  für  die  Herren  von  der  Fortschrittlichen
  Volkspartei  und  die  Herren  Sozialdemokraten  ist  die  Antwort
sehr  einfach:  Das  einfache  oder  das  potenzierte  Reichstagswahlrecht,  was.
sie  anstreben,  werden  wir  Ihnen  nicht  gewähren  und  über  diese  Antwort
konnten  die  Herren  eigentlich  in  keinem  Stadium  der  Verhandlungen  im
Zweifel  sein.  Im  übrigen  haben  die  Vorschläge  der  Kommission  für  die
Wahlreform  eine  neue  Basis  geschaffen.  Aber  diese  Beschlüsse  sind  von
der  Kommission  unter  allem  Vorbehalt  gefaßt  worden  und  auch  aus  den
gestrigen  Verhandlungen  ist  hervorgegangen,  daß  große  Parteien  dieses
Hauses  ihre  endgültige  Stellung  davon  abhängig  machen  wollen,  wie  sich
das  Gesetz  im  ganzen  gestaltet.  Gegenüber  einer  solchen  Unbestimmtheit
vinkuliert  sich  die  Regierung  nicht;  sie  hat  in  dem  der  Beschlußfassung
unterbreiteten  Gesetzentwurfe  gezeigt,  welche  Stellung  sie  zu  der  Wahlresorm
einnimmt;  sie  erwartet,  daß  nunmehr  das  Haus  der  Abgeordneten  seine
Stellung  zu  diesen  Regierungsvorschlägen  durch  bestimmte  Beschlüsse  präzisiert.
  Wir  haben  deshalb  die  Beschlüsse  der  Kommission,  welche  von  den
Regierungsvorschlägen  grundsätzlich  abweichen  und  in  vielen  Punkten  auch
zu  Bedenken  Anlaß  geben,  nicht  zurückgewiesen,  aber  wir  behalten  uns
unsere  Stellungnahme  zu  den  einzelnen  Bestimmungen  vor,  bis  sich  übersehen
  läßt,  wie  die  Bestimmungen  ineinandergreifen  und  welche  Gesamtwirkung
  sie  erzielen.  Wir  tragen  damit  dem  Ernste  der  Situation,  in  der
es  uns  wie  der  großen  Mehrheit  des  Hauses  darauf  ankommt,  zu  einem
positiven  Ergebnis  zu  gelangen,  am  besten  Rechnung  und  besorgen  deshalb
auf  diese  Weise  am  zweckmäßigsten  die  Geschäfte  des  Landes.

Abg.  Schiffer  (Nl.)  begründet  den  Antrag  Hobrecht:  Durch  die
Ausdehnung  der  Größe  der  Stimmbezirke  erleichtern  wir  die  Auswahl  der
Wahlmänner.  Deshalb  hat  unser  Antrag  eine  große  prinzipielle  Bedeutung.
  Wir  sind  schon  an  und  für  sich  gegen  die  indirekte  Wahl.  Unsere
Gegnerschaft  wird  aber  noch  verstärkt  dadurch,  daß  der  Kreis  für  die  Entnahme
  der  Wahlmänner  so  klein  gezogen  ist.  Die  Erregung  im  Volke  ist
schon  groß  genug,  es  bedurfte  gar  nicht  der  Aufpeitschung  durch  den
Abg.  Hirsch.  Von  konservativer  Seite  aus  hat  man  sich  selbst  einmal
gegen  die  indirekte  Wahl  ausgesprochen,  weil  bei  dieser  die  Gevatterschaft
zu  sehr  mitspricht.  Ein  konservativer  Wahlaufruf  hat  1905  zugegeben,
daß  die  indirekte  Mahl  mehr  an  den  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts
paßte  und  daß  der  Widerstand  dagegen  an  sich  gut  zu  verstehen  sei.  Eine
gesunde  Lösung  der  schweren  Krisis,  die  jetzt  auf  Preußen  ruht,  ist  aber
        <pb n="196" />
        188  Nas  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  12.)

nur  möglich,  wenn  wir  das  geheime  und  direkte  Stimmrecht  ohne  jede
Einschränkung  erhalten.  Geben  Sie  (nach  r.)  sich  keiner  Täuschung  hin,
die  indirekte  Wahl  ist  dem  Untergange  verfallen,  wenn  es  nicht  früher
gewesen  ist,  so  jetzt,  nachdem  die  Regierung  selbst  der  indirekten  Wahl  den
Todesstoß  versetzt  hat.  Es  ist  genau  so  wie  in  der  öffentlichen  Wahl.  Die
öffentliche  Wahl  ist  nicht  mehr  zu  halten.  Sie  (nach  r.)  haben  ihr  die
moralische  Unterlage  weggenommen.  Sie  werden  jetzt  niemals  diejenigen
finden,  die  an  das  öffentliche  Stimmrecht  glauben.  Das  alles  sollte  Sie  zum
Nachdenken  anregen.  Nur  ein  Werk,  das  auf  möglichst  breiter  Basis,  getragen
  von  dem  Vertrauen  und  der  Zufriedenheit  möglichst  weiter  Schichten
des  Bürgertums  zustande  kommt,  kann  den  Stürmen  mitl  Kraft  Widerstand
  leisten,  die  von  anderer  Seite  kommen.  Die  Grenze,  wo  der  Widerstand
  eintreten  kann  und  mit  Erfolg  einsetzen  kann,  ist  das  allgemeine
gleiche  Wahlrecht,  denn  hier  haben  wir  weite  Volkskreise,  auch  im  Zentrum
und  bei  den  Freisinnigen,  die  von  dem  gleichen  Wahlrecht  nichts  wissen
wollen,  die  aber  das  direkte  und  geheime  Stimmrecht  haben  wollen.  Bei
dem  Kompromiß  werden  Sie  und  die  großen  Kreise  des  Bürgertums  keine
innere  Zufriedenheit  empfinden,  und  ohne  innere  Zufriedenheit  werden  Sie
diesem  Werke  keine  Dauer  verleihen,  sondern  nur  eine  Halbheit,  die  nur
neue  Stürme  und  neue  Krisen  heraufbeschwört.

Abg.  v.  Heydebrand  u.  d.  Lasa  (K.):  Wie  ist  es  denn  überhaupt
gekommen,  daß  wir  vor  die  Frage  gestellt  worden  sind:  Geheime  Wahl
oder  öffentliche  Wahl?  Lediglich  die  Haltung  der  nationalliberalen  Partei,
die  ursprünglich  mit  uns  für  die  öffentliche  Wahl  war,  und  ich  weiß  nicht
aus  welchem  Grunde,  sich  jetzt  für  die  geheime  Wahl  entschieden  hat.  Die
Nationalliberalen  sind  es  gewesen,  die  jetzt  die  Mehrheit  für  die  geheime
Wahl  geschaffen  haben.  Wenn  wir  einer  solchen  Siration  gegenüber  den
Sachverhalt  unzweideutig  seststellen  wollen,  dann  ist  das  keine  Demonstration,
  sondern  dann  leitet  uns  auch  da  der  Wille.  etwas  zustande  zu
bringen,  etwas  zustande  zu  bringen  auch  gegenüber  einem  Votum,  das  sich
gegen  uns  richtet.  Wir  wollen  aus  der  Vorlage  wenigstens  das  machen,
was  wir  vor  dem  Lande  und  unserem  Gewissen  vertreten  können.  Und
weil  wir  das  wollen,  deswegen  haben  wir  die  öffentliche  Wahl  beantragt.
Demgegenüber  sich  hinzustellen  und  zu  tun,  als  wenn  man  mit  unserer
Partei  gemeinschaftlich  die  Geschäfte  fördern  und  etwas  zustande  bringen
will,  das  verstehe  ich  angesichts  des  Verhaltens  der  Linken  nicht.  Ich
wiederhole  nochmals,  daß  durch  das  Vorgehen  der  Linken  am  gestrigen
Tage  es  uns  sehr  schwer  geworden  ist,  weiter  den  Weg  der  Verständiaung
zu  gehen.  (Zuruf  r.:  Wir  sind  weit  entgegengekommen.  Zurufe  l.:  Nein,
nein.)  Ist  die  geheime  Wahl  nicht  ein  Zugeständnis?  (Stürmische  Rufe
I.:  Nein,  nein.)  Ist  es  nicht  ein  Zugeständnis  gerade  gegenüber  Ihrer
Partei.  (Zurufe  b.  d.  Nl.:  Nein,  nein!)  Wenn  Sie  gestern  erklärt  haben,
daß  Sie  einstimmig  für  die  geheime  Wahl  seien,  so  ist  das  ein  Zugeständnis,
  ein  Opfer  unserer  Ueberzeugung.  das  wir  unseren  Wählern  im  Lande
klarlegen  mußten.  Das  wollten  wir  mit  unserem  Antrage  tun,  und  daran
haben  Sie  uns  verhindert.  Und  doch  haben  wir  trotz  Ihrer  gestrigen
Taktik  tatsächlich  das  zuwege  gebracht,  was  wir  eigentlich  wollten.  Zuruf
  I.:  Aber  wiel)  Wir  sind  eben  auch  diesmal  früher  aufgestanden
als  Sie.

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  Der  Abg.  Herold  bezweifelt,  daß  wir
etwas  zustande  bringen  wollten.  Wäre  ich  sonst  gestern  zu  den  konservativen
  Führern  gegangen  und  hätte  sie  ersucht,  den  Antrag  zurückzuziehen?
Wenn  wir  das  Bestreben  gehabt  hätten,  die  Vorlage  zum  Scheitern  zu
bringen  dadurch,  daß  die  öffentliche  Wahl  beschlossen  wurde,  so  hätten  wir
        <pb n="197" />
        Das  Beuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  12.—14.)  189

ja  selbst  nur  für  die  öffentliche  Wahl  zu  stimmen  brauchen.  Wir  sind  umgekehrt
  verfahren.  Wir  wollten  durch  unsere  Stimmenthaltung  nur  aufdecken,
  daß  die  Konservativen  einen  Antrag  eingebracht  hatten,  dessen  Annahme
  sie  selbst  nicht  wünschten.

Der  Antrag  Hobrecht  wird  gegen  die  Stimmen  der  Linken  abgelehnt
  und  §  5  mit  den  Stimmen  der  Konservativen  und  des  Zentrums
angenommen.

Die  Beratung  geht  nunmehr  zu  den  8§§  6  und  7  über,  die  die
Maximierung  der  Steuerbeträge  und  die  Drittelung  in  Urwahlbezirken
enthalten.  Hierzu  liegen  Anträge  der  Nationalliberalen,  die  eine  teilweise
Drittelung  der  Wähler  in  Gemeinden  herbeiführen  wollen,  sowie  ein  Antrag.
der  Freikonservativen,  die  Maximierung  auf  10,000,  statt  5000  festzusetzen,
vor.  Minister  v.  Moltke  gab  die  kurze  Erklärung  ab,  daß  der  freikonservative
  Antrag,  der  die  Maximierung  in  Stadtkreisen  auf  10,000  Mark
heraufsetzt  und  bestimmt,  daß  der  Gesamtsteuerbetrag  sich  von  1915  ab
und  von  da  ab  alle  fünf  Jahre  um  je  1000  Mark  erhöht,  der  Erwägung
wert  sei.  Nachdem  Abg.  Freiherr  v.  Zedlitz  den  freikonservativen  Antrag
begründet  hatte,  wurden  die  §§  6  und  7  in  der  Fassung  der  Kommission
angenommen.  §§  8—  11  —  die  sogenannten  Kulturträgerparagraphen  oder
Privilegierungsparagraphen  —  hatte  die  Kommission  sämtlich  gestrichen.
Von  den  verschiedenen  Anträgen  der  Nationalliberalen,  Freikonservativen
und  Konservativen  wird  mit  Hilfe  des  Zentrums  der  folgende  konservative
Antrag  angenommen:  Der  zweiten  Abteilung  werden  die  nach  ihrer
Steuerleistung  in  die  dritte  Abteilung  (&amp;amp;§8  6  und  7)  fallenden  Wähler  zugewiesen,
  1.  welche  vor  wenigstens  zwölf  Jahren  die  zum  akademischen
Studium  berechtigende  Reifeprüfung  an  einer  höheren  Lehranstalt  bestanden
haben.  Durch  die  Wahlordnung  (§  27)  werden  die  Anstalten  bestimmt,
welche  als  höhere  Lehranstalten  im  Sinne  dieser  Vorschriften  zu  gelten
haben;  2.  welche  entweder  a)  dem  Deutschen  Reichstag  oder  dem  preußischen
Landtage  angehören,  oder  gewählte  Mitglieder  eines  preußischen  Provinzialrats,
  Provinzialausschusses,  Landesausschusses  oder  Bezirksausschusses,  einerpreußischen
  Handels-,  Landwirischafts-,  Handwerks=  oder  Arbeitskammer
sind,  oder  b)  im  unbesoldeten  Ehrenamt:  Kreisdeputierte  oder  gewählte
Mitglieder  eines  Kreis=  oder  Stadtausschusses,  oder  Vorsteher  oder  Mitglieder
  des  Magistrats  einer  Stadt  oder  Bürgermeister  einer  rheinischen
Landbürgermeisterei,  Amtmänner  eines  westfälischen  Amtes,  Amtsvorsteher,
Gemeindevorsteher  oder  Gutsvorsteher  oder  Beigeordnete  dieser  Beamten
oder  Vorsteher  von  Innungen  (Obermeister)  sind  oder  c)  eine  der  unter
a  und  b  bezeichneten  Stellungen  wenigstens  zehn  Jahre  lang  innegehabt
  haben.

12.  März.  (Bayern.)  Dem  Landtag  geht  der  Entwurf  eines.
Gesetzes  über  die  Güterzertrümmerung  zu.  Darin  soll  den  Auswüchsen
  des  gewerbsmäßigen  Güterhandels  entgegengetreten  werden.

13.  März.  In  Berlin  und  anderen  großen  Städten  finden
neue  Kundgebungen  zur  Wahlreform  statt.

14.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  zweiten  Lesung  der  Wahlrechtsvorlage.

Eine  lebhaftere  Debatte  entspinnt  sich  um  §  17,  der  allgemein  die
Fristwahl  festsetzt.  Ein  Antrag  Avrens  (K.)  will  in  Ortschaften  mit  nicht
mehr  als  16000  Einwohnern  die  Wahl  in  gemeinschaftlicher  Versammlung
zu  bestimmter  Stunde  (Terminswahl)  stattfinden  lassen.  Ein  Antrag
        <pb n="198" />
        190  J%s  Veische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  14.)

Viereck  (Frk.)  will  dem  Oberpräsidenten  das  Recht  geben,  auf  Antrag  die
Terminswahl  anordnen  zu  können.  Ein  Antrag  Dr.  Bell  (3.)  will  für
Ortschaften  bis  3000  Einwohner  Terminswahl  oder  Fristwahl  zulassen.

Nachdem  der  Abg.  Hoff  (Vp.)  die  Terminswahl  „eine  der  skandalösesten
  Einrichtungen  des  preußischen  Wahlrechts“  genannt  und  Abg.  Gottschalk
  (Nl.)  sich  ebenfalls  gegen  die  konservativen  Anträge  ausgesprochen
hatte,  erklärt  Geheimrat  v.  Falkenhayn:  Die  Regierung  ist  mit  der
Tendenz  der  beiden  konservativen  Anträge  und  des  Zentrumsantrags  einverstanden,
  welcher  von  ihnen  den  Vorzug  verdient,  möchte  ich  hier  nicht
entscheiden,  die  Regierung  überläßt  das  dem  Hause.  Die  Wähler  auf  dem
Lande  wären  nicht  sehr  erbaut,  wenn  man  die  Terminswahl  nicht  mehr
zulassen  wollte.

Bei  der  Abstimmung  wird  Absatz  1  der  Kommissionsfassung
(Terminswahl  neben  Fristwahl)  mit  allen  gegen  die  Stimmen  der  Polen
und  Sozialdemokraten  angenommen.  Der  Antrag  Viereck  (Befugnis  der
Oberpräsidenten  zur  Anordnung  der  Terminswahl)  wird  gegen  die  Freikonservativen,
  der  Antrag  Ahrens  (obligatorische  Terminswahl  in  Orten
unter  5000  Einwohnern  gegen  die  Konservativen  abgelehnt.  Der  Zentrumsantrag
  (obligatorische  Terminswahl  in  Orten  bis  zu  3000  Seelen)  wird
gegen  die  Linke  angenommen.  Der  Antrag  Viereck  auf  Wiederherstellung
des  Absatz  2  der  Regierungsvorlage  (Teilung  von  Abteilungen  mit  500
und  mehr  Wählern  in  Abstimmungsgruppen)  wird  gegen  die  Polen  und
die  Sozialdemokraten  angenommen.  Schließlich  wird  der  ganze  §  17  mit
diesen  Aenderungen  gegen  die  gesamte  Linke  genehmigt.

Zu  §  21,  der  die  Oeffentlichkeit  der  Abgeordnetenwahl  vorsieht,  verlangt
  ein  Antrag  Aronsohn  (Vp.)  geheime  Stimmabgabe.  Das  Haus  beschließt
  aber  in  der  Fassung  der  Kommission,  daß  die  Wahlmänner,  die
aus  den  geheimen  Urwahlen  hervorgegangen  sind,  ihrerseits  öffentlich  die
Wahl  der  Abgeordneten  vornehmen.  Darauf  werden  die  übrigen  Paragraphen
  des  Gesetzes  ohne  Debatte  angenommen.  Ein  Antrag  des
Dr.  Pachnicke,  Schutzbestimmungen  zur  Sicherung  des  Wahlgeheimnisses  in
die  Vorlage  aufzunehmen,  wird  abgelehnt,  dagegen  eine  Resolution  der
Kommission  in  ähnlichem  Sinne  gegen  die  Stimmen  der  Rechten  angenommen.


14.  März.  (Reichstag.)  Etat  des  Reichskanzlers  und  der
Reichskanzlei.  Debatte  über  Elsaß-Lothringen.

Eine  sozialdemokratische  Resolntion  verlangt  die  Erhebung  Elsaß-Lothringens
  zum  Bundesstaat  und  die  Schaffung  eines  Parlaments  für
Elsaß-Lothringen  auf  der  Grundlage  des  Reichstagswahlrechts.

Abg.  Vonderscheer  (3)  bespricht  die  Entwicklung  der  elsaß-lothringischen
  Verfassung.  Der  Landesausschuß  sei  heute  noch  nichts  anderes
als  eine  Ablagerungsstätte  des  Reichstages.  Elsaß-Lothringen  ist  kraft
eigenen  Rechts  an  seiner  Gesetzgebung  nicht  beteiligt.  Für  Elsaß-Lothringen
muß  eine  Stellung  geschaffen  werden,  die  der  der  Bundesstaaten  im  Deutschen
Reiche  entspricht.  Es  muß  Autonomie  bekommen.  Die  Zentrumsfraktion
des  Reichstages  hat  diesen  Standpunkt  immer  vertreten.  Ein  einmütiger
Antrag  des  Landesausschusses  von  Elsaß-Lothringen  hat  denselben  Wunsch
ausgesprochen.  Namens  meiner  politischen  Freunde  möchte  ich  das  Ersuchen
an  den  Reichskanzler  richten,  in  tunlichster  Bälde  diesem  Wunsch  nachzukommen.
  Die  Gewalt,  Landesgesetz  zu  erlassen,  muß  auf  das  Land  ausschließlich
  übergehen.  Reichstag  und  Bundesrat  müssen  als  Faktoren  der
Gesetzgebung  ausgeschaltet  werden.  Wir  sind  entschlossen,  die  Regelung
der  Verfassung  nicht  anders  vorzunehmen,  als  mit  Aenderung  des  Wahl-
        <pb n="199" />
        Bas  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  14.)  191

rechts  und  mit  Einführung  des  allgemeinen,  gleichen,  direkten  und  geheimen
  Wahlrechts.,.  Der  Reichskanzler  hat  neulich  dieses  Wahlrecht  unter
Hinweis  auf  die  berechtigte  Eigenart  der  Süddeutschen  als  vollauf  berechtigt
anerkannt;  die  Elsaß-Lothringer  können  also  im  voraus  auf  die  Anerkennung
dieser  Forderung  durch  den  Kanzler  rechnen  und  sprechen  ihm  im  voraus
dafür  herzlichen  Dank  aus.  Der  Abg.  Wetterlé  sei  ungewöhnlich  hart  bestraft
  worden.  Eine  nationalistische  Partei  Wetterlé-  Blumenthal  mit  französischen
  Tendenzen  existiere  nicht.  Eine  solche  würde  auf  allen  Seiten
verurteilt  werden.  Der  nationalliberale  Lothringer  Grégoire  verlangte
gleichfalls  bundesstaatliche  Selbständigkeit,  vor  allem  allgemeines  Wahlrecht
für  die  Landesvertretung,  das  am  besten  noch  vor  Erlaß  der  Verfassung
eingeführt  würde.  Nationalistische  Umtriebe  gebe  es  wohl,  man  sollte  aber
in  Altdeutschland  berücksichtigen,  daß  sie  durch  chauvinistische  Auslassungen
von  dort  nur  gefördert  würden.  Die  Reklamehascherei  des  Herrn  Wetterlé
sei  für  die  Einführung  der  Autonomie  keineswegs  nützlich.  Auf  der  anderen
Seite  solle  man  sich  vor  unberechtigten  Angriffen  auf  höfliche  Beamte
hüten.  Die  Lothringer  seien  für  Höflichkeit  besonders  empfänglich.  Es  sei
beklagenswert,  daß  eine  edelmütige,  wenn  auch  nicht  kluge  Privathandlung
der  Gräfin  Wedel  in  die  öffentliche  Diskussion  gezogen  werde,  um  gegen
die  von  einem  starken  Willen  getragene  Politik  des  Statthalters  anzukämpfen.


Der  Abg.  Böhle  (Sd.)  begründete  eine  Resolution,  in  der  die  Autonomie
  Elsaß-Lothringens  und  die  Gleichberechtigung  mit  den  anderen
Bundesstaaten  gefordert  wird.  Der  Abg.  Naumann  (Fortschrittl.  Vp.)
suchte  aus  der  Geschichte  Elsaß-Lothringens  den  Nachweis  herzuleiten,  daß
es  notwendig  sei,  dem  Lande  die  oft  in  Aussicht  gestellte  Autonomie  endlich
  zu  gewähren.

Abg.  Hieber  (Nl.):  Die  franzosenfreundliche  Gesinnung  zeigt  sich
in  dem  Landesausschuß  gerade  bei  den  Notabeln,  die  ihm  durch  Ernennung
angehören.  Es  ist  auch  eine  geschichtliche  Tatsache,  daß  bis  in  die  jüngste
Gegenwart  hinein  auch  die  elsaß-lothringische  Regierung  manchmal  in  nur
zu  weitgehendem  Maße  gerade  den  Beifall  dieser  Kreise  zu  erringen  sich
bemüht.  Dies  hat  dazu  beigetragen,  daß  in  den  altdeutschen  Kreisen  ein
Gefühl  des  Zurückgesetztseins  Platz  gegriffen  hat.  Was  das  Wahlrecht  anbetrifft,
  so  haben  die  Elsaß-Loihringer  sich  auf  anderen  Gebieten  —  in  der
Kommunalverwaltung  usw.  —  bereits  an  das  allgemeine,  gleiche  Wahlrecht
längst  gewöhnt,  und  schon  die  Nachbarschaft  der  übrigen  süddeutschen
Staaten  weist  von  selbst  auf  das  allgemeine,  gleiche  Wahlrecht  hin.

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Ich  erachte  es  für  außerordentlich
  dankenswert,  daß  sich  heute  eine  so  eingehende  und  lebhafte  Debatte
  über  die  elsaß-lothringische  Verfassungsfrage  entwickelt  hat.  Der
Reichstag  beweist  damit  auch  seinerseits,  wie  ernst  es  ihm  darum  zu  tun
ist,  daß  die  staatsrechtliche  Stellung  der  Reichslande  in  Formen  gekleidet
werde,  die  nicht  nur  die  zweckmäßige  Besorgung  der  Landesgeschäfte  verbürgen,
  sondern  die  zugleich  die  Verschmelzung  der  Reichslande  mit  dem  Reiche
und  die  Kräftigung  des  Reichsgedankens  fördern.  Insonderheit  wollen
die  Herren  Vertreter  von  Elsaß-Lothringen  selbst,  die  heute  zum  Worte
gekommen  sind,  mir  gestatten,  auszusprechen,  daß  die  Art  und  Weise,  wie
sie  die  Angelegenheit  behandet  haben,  und  der  warme  Ton,  in  dem  ihre
Liebe  zu  ihrer  engeren  Heimat  zum  Ausdruck  gekommen  ist,  der  Lösung
der  Aufgabe  nur  förderlich  sein  können.  Der  Abg.  Vonderscheer  wird  nicht
erwarten,  daß  ich  den  Beschwerden,  die  er  über  die  elsaß-lothringische  Verwaltung
  vorgebracht  hat,  daß  ich  seinen  Betrachtungen  über  das  Verhältnis
der  verschiedenen  Parteien  im  Reichslande  im  einzelnen  nachgehe,  und
        <pb n="200" />
        192  os  Beuische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (März  14.)

wenn  er  am  Schluß  seiner  Rede  eine  Wendung  gebraucht  hat,  die  sich
gegen  die  reichsländische  Beamtenschaft  richtete,  so  will  ich  annehmen,  daß
er  dieser  Beamtenschaft  nicht,  wie  man  seine  Worte  vielleicht  deuten  könnte,
den  Vorwurf  der  Unlauterkeit  hat  machen  wollen.  Meine  Herren,  ich  habe
bereits  in  meiner  Rede  vom  13.  Dezember  vorigen  Jahres  meiner  Ansicht
dahin  Ausdruck  gegeben,  daß  die  Erweiterung  der  politischen  Selbständigkeit
  der  Reichslande  der  für  uns  gewiesene  Weg  ist,  und  dieser  Weg  ist
ja  auh  schon  vorgezeichnet  worden  durch  die  Gesetzgebung  von  1873,  74,
77  und  79,  und  mit  allen  den  Herren,  die  bisher  das  Wort  ergriffen
haben,  beklage  auch  ich,  daß  nun  seit  30  Jahren  ein  Stillstand  eingetreten
ist.  Ich  glaube  nicht,  daß  das  zum  Segen  des  Landes  gedient  hat.  Ich
habe  damals  in  meiner  Rede  ausgeführt,  daß  die  Gewährung  größerer
Selbständigkeit  an  die  Reichslande  im  Interesse  des  Reiches  Garantien
erfordere,  die  nur  die  Elsaß-Lothringer  selber  geben  können.  Wie  der  Herr
Abg.  Vonderscheer  zutreffend  ausgeführt  hat,  ist  an  diesem  Worte  „Garantien“
  eine  sehr  verschiedenartige  Kritik  geübt  worden.  Die  Bedeumng,
welche  der  Herr  Abg.  Vonderscheer  dieser  meiner  damaligen  Aeußerung.
heute  gegeben  hat,  ist  zutreffend.  Ich  gebe  nichts  auf  den  sogenannten
Hurrapatriotismus.  Aber  meine  Herren,  das,  was  der  Herr  Abg.  Vonderscheer
  auch  seinerseits  an  notwendigen  Garantien  gefordert  hat,  ist  auch
für  mich  die  erforderliche  Garantie.  Er  bezeichnete  den  Loyalismus  und
die  staatstreue  Gesinnung  als  solche  Garantien.  Darauf  allerdings  müssen
wir  im  Reiche  Anspruch  machen,  aber  ich  gebe  Ihnen  auch  weiter  zu,  daß
ich  mit  dem  Worte  „Garantien“  nicht  gemeint  habe,  es  müsse  sich,  bevor
wir  vorwärtsschreiten,  diejenige  Liebe  zum  Vaterlande  in  allen  einzelnen
Persönlichkeiten  entwickelt  haben,  die  wir  eben  erst  durch  die  Gewährung
der  Selbständigkeit  an  Elsaß--Lothringen  fördern  wollen.  Wenn  die  größere
Selbständigkeit  die  Verschmelzung  der  Reichslande  mit  dem  Reiche  fördern
soll,  so  kann  selbstverständlich  ihre  Gewährung  nicht  von  der  Voraussetzung
abhängig  gemacht  werden,  daß  sich  diese  Verschmelzung  schon  vorher  vollkommen
  vollzogen  habe.  Aber  wenn  dann  im  Gegensatz  dazu  direkt  deutschfeindliche
  Gesinnungen  immer  wieder  zum  Ausbruch  kommen,  so  wird  es
jeder  verstehen,  daß  dies  ein  Moment  ist,  welches  die  Gewährung  größerer
Selbständigkeit  nicht  gerade  erleichtert.  Die  loyal  gesinnten  Kreise  der
Bevölkerung  werden  wissen,  daß  gerade  derartige  Kundgebungen  einer  Entwicklung
  immer  aufs  neue  absichtlich  oder  unabsichtlich  Hindernisse  in  den
Weg  legen,  die  vom  Lande  und  auch  von  der  Reichsleitung,  die  ich  zu
vertreten  die  Ehre  habe,  gewünscht  wird.  Aber,  meine  Herren,  ich  stimme
auch  darin  mit  den  Vorrednern  überein,  man  solle  einzelne  Vorgänge
nicht  übertreiben,  und  wenn  diese  einzelnen  Vorgänge  in  einer  ganz  besonders
  drastischen  Weise  in  einzelnen  Reden  während  der  gegenwärtigen.
Tagung  des  Landesausschusses  hervorgetreten  sind,  so  haben  derartige  Kundgebungen
  und  andere  kleine  Episoden,  wie  sie  auch  heute  hier  berührt
worden  sind,  für  mich  nicht  die  Bedeutung,  daß  von  ihnen  die  Geschicke
eines  Landes  und  einer  Bevölkerung  abhängig  gemacht  werden  können,
deren  wahre  Gesinnung  in  diesen  einzelnen  Kundgebungen  sich  nicht  ausspricht.
  Meine  Herren,  ich  habe  infolgedessen  einen  Gesetzentwurf,  der  sich
mit  der  Fortbildung  der  elsaß-lothringischen  Verfassung  befaßt,  ausarbeiten
lassen,  und  dieser  Gesetzentwurf  ist  fertiggestellt.  (Lebh.  Beifall.  Zurufe:
Abwarten!  b.  d.  Sd.)  Ich  weiß  nicht,  was  Ihre  Rufe  sollen.  Dieser  Gesetzentwurf
  ist  fertiggestellt,  ich  werde  Ihnen  über  den  Inhalt  dieses  Entwurfs
  selbstverständlich  erst  im  einzelnen  Mitteilung  machen  können,  wenn
das  Stadium  des  Bundesrats  durchlaufen  sein  wird;  denn  ich  kann  über
eine  das  Leben  nicht  nur  der  Reichslande,  sondern  des  Reiches  selbst  be-
        <pb n="201" />
        Das  Vensche  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (März  14.)  193

treffende  Angelegenheit  erst  dann  Ihnen  nähere  Kenntnis  geben,  wenn  ich
der  Zustimmung  der  verbündeten  Regierungen  gewiß  bin.  Ich  will  hierbei
  nicht  erneut  von  den  staaterechtlichen  Schwierigkeiten  sprechen,  mit
denen  bei  einem  derartigen  Gesetzentwurf  zu  kämpfen  ist.  Derartige
Schwierigkeiten  sind  dazu  da,  um  überwunden  zu  werden.  Diese  Schwierigkeiten
  werden  überwunden  werden,  und  ich  kann  nur  der  Hoffnung  Ausdruck
  geben,  daß  das  Bestreben,  das  sowohl  von  dem  Kaiserlichen  Statthalter
  wie  von  der  Reichsleitung  auf  das  aufrichtigste  betätigt  wird,  bald
zum  Abschluß  zu  bringen,  auch  von  der  elsaß-lothringischen  Bevölkerung
in  gleich  nachhaltiger  Weise  gefördert  werden  möge,  wie  es  durch  die
heuligen  Verhandlungen  des  Reichstages  gefördert  worden  ist.

Abg.  Ricklin  (3.-Elsässer):  Die  partikularistische  Strömung  ist  bei
uns  in  letzier  Zeil  stärker  geworden.  Wie  die  Bayern,  die  Badenser,  die
Wurttemberger  die  Interessen  ihrer  Bundesstaaten  vertreten,  so  wollen
auch  wir  unsere  Interessen  wahren.  Wir  wollen  unsere  elsässische  Kultur,
die  etwas  ganz  Besonderes  ist  infolge  der  Einwirkungen  von  Frankreich
und  Deutschland,  hochhalten.  Ueber  unseren  Partikularismus  sollte  sich
gerade  die  Regierung  frruen,  hat  doch  schon  Bismarck  gesagt:  macht  die
Elsässer  zu  Partikularisten  und  sie  werden  gute  Deutsche  sein.  Wir  haben
es  schon  längst  abgelehnt,  Protestler  zu  sein.  Wir  wünschen  auch  keineswegs,
  daß  wir  wieder  durch  einen  Krieg  von  Deutschland  getrennt  werden.
Das  ist  die  Meinung  unserer  ganzen  Bevölkerung.

Nach  kurzen,  zustimmenden  Erklärungen  verschiedener  Parteiredner
schließt  die  Debaite  Abg.  Hauß  (3.1:2  Im  Namen  aller  Elsaß-Lothringer
herzlichen  Dank  allen  Parteien,  einschließlich  der  Sozialdemokratie,  die  heute
unsere  Sache  so  wesentlich  gefordert  haben.  Unseren  herzlichen  Dank  auch
dem  Reichskanzler,  der  uns  einen  Verfassungsentwurf  in  Aussicht  gestellt
hat.  Seine  Rede  wird  den  denkbar  besten  Eindruck  machen  und  den  ungünstigen
  Eindruck  seiner  Dezemberrede  verwischen.  Man  hat  bisher  uns
nicht  Deutsche  werden  lassen,  wir  konnten  uns  nicht  einrichten  im  Reich.
Wir  stehen  treu  zum  Reich.  Die  Aueführungen  des  Kollegen  Preiß  im
Landesausschuß  darf  man  nicht  so  tragisch  nehmen.  Wenn  er  sich  hat  hinreißen
  lassen,  der  Regierung  in  der  Weise  nahe  zu  treten,  so  geschah  es
aus  Unwillen  darüber,  daß  die  Verfassungsfrage  durchaus  nicht  vom  Fleck
kommen  konnte.  Hoffentlich  kommt  die  Vorlage  für  uns  recht  bald.

Es  folgt  eine  Aussprache  über  die  allgemeine  Politik.

Abg.  Haußmann  (Fortschr.  Vp.):  Es  darf  offen  auegesprochen  und
begrüßt  werden,  daß  auch  in  diesem  Jahre  infolge  der  Zurückhaltung  der
Krone  kein  Bedürfnis  vorliegt,  die  Verantwortung  des  Reichskanzlers  nach
dieser  Richiung  hin  anzurufen.  Was  den  auswärtigen  Dienst  anlangt,  so
ist  uns  von  dem  Staatssekretär  des  Auswärtigen  eine  Neuordnung  über
die  Zulassung  zum  Auswärtigen  Dienst  in  Aussicht  gestellt.  Das  Verhälinis
  zu  England  ist  in  den  Erklärungen  der  leitenden  Staatsmänner
verschieden  dargestellt  worden.  Fürst  Bülow  hat  noch  erklärt,  daß  er  eine
Politik  der  Zurückhaltung  für  richtig  halte.  Der  gegenwärtige  Herr  Reichskanzler
  hat  im  Dezember  v.  J.  sich  dahin  geäußert,  daß  er  die  Herstellung
guter  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  England  wünsche.  Vor  wenigen
Tagen  nun  ist  er  einen  kleinen  Schritt  weitergegangen,  indem  er  äußerte,
er  sei  überzeugt,  daß  die  vertrauenevollen  Beziehungen,  die  wir  zu  England
  unterhalten,  die  Volksstimmung  in  günstigem  Sinne  beeinflussen.
Damit  dies  geschehe,  wäre  es  zweckmäßig,  wenn  auch  aus  diesem  Hause
heraus  in  derselben  Richtung,  in  welcher  der  Reichskanzler  in  so  vorsichtiger
  Weise  sich  bewegt,  Stimmen  laut  würden.  Wir  können  feststellen,
daß  beide  Länder  ihre  Flotten  vermehrt  haben,  daß  ihnen  diese  Rüstungen

Europäischer  Geschichtskalender.  I.1.  13
        <pb n="202" />
        194  JHNas  PDentsqhhe  Reith  und  seine  einjelnen  Glieder.  (März  14.  15.)

schwer  geworden  sind,  daß  sie  Steuern  auferlegen  mußten,  welche  lebhafte
Mißstimmung  hervorriefen.  In  England  ist  der  Versuch  gemacht  worden,  die
Deckung  dieser  Mitiel  durch  den  Uebergang  zum  Schutzzoll  herbeizuführen.
Für  uns  ist  es  von  Wichtigkeit,  diese  Entwicklung  hervorzurufen,  um  festzustellen,
  daß  die  sogenannte  deutsche  Zurückhaltungspolitik  der  Vorspann
für  eine  englische  Schutzzollpolitik  zu  werden  droht.  Im  Zusammenhang
damit  muß  ausgesprochen  werden,  daß  die  englischen  Konservativen  Deunchland
  in  einer  Weise  als  Wau-Wau  mißbrauchen  und  demagogisch  auf  die
Bevölkerung  einzuwirken  suchen,  daß  eine  wesentliche  Erschürterung  der
politischen  Lage  in  England  und  Rückwirkungen  auf  die  äußere  Lage  eintreten
  könnten.

Abg.  Wommelsdorff  (NAl.)  bespricht  die  Verhältnisse  in  der  Nordmark.
  Die  Klagen  der  Dänen  sind  übertrieben.  Die  polezzeiliche  Ueberwachung
  von  dänischen  Versammlungen  entspringt  nicht  der  Willkür,  sondern
dringender  politischer  Notwendigkeit.  Unsere  Bestrebungen  richten  sich  nicht
gegen  die  Dänen  als  solche,  sondern  einzig  und  allein  gegen  die  dänische
Agitation  und  gegen  die  dänische  Presse,  die  dafür  sorgt,  daß  es  zu  keinem
Frieden  in  der  Nordmark  kommt.  Wir  müßten  Patrioten  zweiten  Grades
sein,  wenn  wir  die  Dinge  in  der  Nordmark  so  weiter  laufen  ließen.  Der
Deutsche  Verein  in  Schleswig  mit  seinem  viel  geschmähten  Amtsrichter
Dr.  Hahn  an  der  Spitze  will  keine  einseitige  Germanisierung  treiben.  Wir
wollen  keinen  Dänen  ausmerzen.  Wir  wollen  mit  den  Dänen  in  Ruhe
und  Frieden  leben.  Es  liegt  allein  an  den  DTänen.  Aber  die  dänische
Partei  will  keinen  Frieden.  Möge  die  Regierung  an  der  jetzigen  Politik
festhalten,  dann  wird  unsere  geliebte  deutsche  Nordmark  auch  endlich  wahrhaft
  deutsch  werden.

Abg.  Dr.  v.  Dgziembowski-Pomian  (P.)  klagt  über  die  Polenpolitik.
  Die  Regierung  möge  bedenken,  es  gibt  nicht  nur  eine  Revolution
von  unten,  sondern  auch  eine  von  oben.  Es  ist  eine  trübe  Erscheinung,
wenn  die  verfehlte  Polenpolitik  der  Regierung  bei  einzelnen  Parteien  noch
jubelnden  Beifall  findet.

Abg.  Hanssen  (D.):  Die  Behauptungen  des  Herrn  Wommelsdorfs,
als  ob  unsere  Klagen  übertrieben  sind,  weise  ich  entschieden  zurück.  Es  ist
bezeichnend  für  ihn,  daß  er  die  polizeilichen  Schikanen  noch  zu  beschönigen
und  zu  verteidigen  wagt.  Die  dänische  Bevölkerung  der  Nordmark  steht
auf  dem  Boden  der  Verfassung  und  der  Gesetze.  Um  ihre  nationalen  Rechte
wird  sie  aber  einen  energischen  Kampf  führen.

14.  März.  (Bremen.)  Ein  großer  Demonstrationszug  von
Sozialdemokraten  marschiert  vom  Marktplatz  zur  Wohnung  des
Senators  für  das  Schulwesen,  um  gegen  die  Behandlung  der  Lehrer,
die  Bebel  zum  70.  Geburtstag  beglückwünscht  hatten,  zu  protestieren.

15.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Budgetkommission
  billigt  die  Einführung  von  Bibliothekgebühren  in
Höhe  von  2.50  pro  Semester.

Die  Regierung  verteidigt  ihre  Stellungnahme  gegen  die  Vertreter
des  vaginalen  Kaiserschnitts  mit  dem  Bedenken  einer  großen  Anzahl
von  Gynäkologen.  —  Die  Errichtung  eines  Ordinariats  für  Anthropologie
  an  der  Universität  Berlin  wird  abgelehnt;  ebenso  ein  Antrag
des  Zentrums,  das  Extraordinariat  für  Kolonialrecht  in  ein  Ordinariat
zu  verwandeln.  —  Die  Frage  der  Privatdozenten  an  der  Universität
  Berlin  wird  den  Aufsichtsbehörden  mit  Hinweis  einer  etwaigen
        <pb n="203" />
        Das  Dentsqhe  Reit  und  seine  einjelnen  Slieder.  (März  16.)  195

Aenderung  der  Statuten  überlassen.  Es  handelt  sich  dabei  um  die  Ueberzahl
  der  medizinischen  Privatdozenten  (136),  mehr  als  bei  den  übrigen
drei  Fakultäten  zusammen.  —  Ueber  die  Zuweisung  von  Patienten  gegen
Entgelt  erklärte  der  Minister,  daß  gegen  fünf  Professoren  ein  Verfahren
eingeleitet  sei.  Die  vorläufigen  Erhebungen  hätten  bei  vieren  schon  zu
dem  Resultat  geführt,  daß  das  Verfahren  eingestellt  worden  sei.  In  einem
Fall  sei  das  Disziplinarverfahren  eingeleitet,  der  Betreffende  sei  jedoch  vom
Disziplinargerichtshof  freigesprochen  worden,  wenn  auch  zuzugeben  sei,  daß
in  einzelnen  Fällen  vielleicht  nicht  vorsichtig  gehandelt  sei.

15.  März.  Reichsversicherungsordnung.

Die  amtliche  „Berliner  Korrespondenz“  teilt  die  Grundzüge  des
dem  Reichstage  zugegangenen  Entwurfs  der  Reichsversicherungsordnung
mit.  Von  den  6  Büchern  behandelt  das  1.  gemeinsame  Vorschriften.
Die  Einführung  der  Versicherungsämter  für  die  1000  Bezirke  des  Reiches
wird  6¼  Millionen  Mark  Kosten  verursachen.  Die  Oberversicherungsämter
sollen  Verwaltungs=  und  Aufsichtsbefugnisse  haben  und  staatliche  Behörden
sein.  Das  2.  Buch  handelt  von  der  Krankenversicherung,  die  auch
auf  die  land=  und  forstwirtschaftlichen  Arbeiter,  die  Hausgewerbetreibenden,
  die  Dienstboten  u.  a.  ausgedehnt  werden  soll.  Die  Entscheidung,  ob
freie  Aerztewahl  oder  Kassenarzisystem,  wird  den  Krankenkassen  überlassen.
Im  3.  Buch  (Unfallversicherung)  wird  die  Versicherungepflicht  gegenüber
  den  Beschäftigten  in  Handelsbetrieben  erweitert  und  auf  das  nicht
gewerbsmäßige  Halten  von  Reittieren  und  von  solchen  Fahrzeugen,  welche
durch  elementare  oder  tierische  Kraft  bewegt  werden,  sowie  auf  einige
andere  Gruppen  erstreckt.  Das  4.  Buch  (Invaliden=  und  Hinterbliebenen-Versicherung)
  bringt  a)j  die  Einführung  einer  sogenannten
freiwilligen  Zusatzversicherung  vor.  Danach  kann  jeder  Versicherungsberechtigte
  und  jeder  Versicherungspflichtige  die  ihm  auf  Grund  des  Gesetzes
an  sich  zustehenden  Leistungen  dadurch  erhöhen,  daß  er  zu  jeder  Zeit  und
in  beliebiger  Zahl  Zusatzmarken  einer  beliebigen  Versicherungsanstalt  in
seine  Quittungskarte  einklebt;  b)  die  Einführung  der  Witwen-  und  Waisenversicherung.
  Sie  erstreckt  sich  auf  die  Hinterbliebenen  aller  gegen  Invalidität
  versicherten  Personen  und  gewährt  Witwen-,  in  Ausnahmefällen
auch  Witwerrenten  sowie  Waisenrenten,  Witwengeld  und  Waisenaussteuer.
Die  Hinterbliebenenbezüge  bestehen  wie  die  Invaliden-  und  Altersrenten
aus  gewissen  den  Beiträgen  der  Versicherten  und  der  Arbeitgeber  entsprechenden
  Leistungen  der  Versicherungsträger  und  aus  festen  Reichszuschüssen,
  die  für  jede  Witwen=  und  Witwerrente  50  Mark,  für  jede  Waisenrente
  25  Mark  jährlich  betragen.  Die  Renten  sind  so  bemessen,  daß  in
Lohnklasse  IV  (etwa  1000  Mark  Lohn  jährlich)  nach  1500  Beitragswochen,
also  zu  einer  Zeit,  in  der  der  Versicherte,  wenn  seit  Vollendung  des  fünfzehnten
  Lebensjahres  regelmäßig  Beiträge  für  ihn  entrichtet  worden  sind,
46  Jahre  alt  sein  wird,  betragen:

die  Invalidenrent  290  Mk.  40  Pf.
die  Witwenrentee  .1222  Mk.  40  Af.
die  Waisenrente  für  ein  Kind.  61  Mk.  20  Pf.

Der  Wert  der  dafür  gezahlten  Beiträge  ohne  Zinsen  beträgt  570  Mark.
Die  Beiträge  bedürfen,  damit  die  Hinterbliebenenbezüge  aufgebracht  werden
können,  einer  Erhöhung  um  durchschnittlich  ein  Viertel.  Buch  5  behandelt
die  Versicherungsträger  und  Buch  6  das  Verfahren.

15.  März.  (Reichstag.)  Ostmarkenzulage.  Internationale
Schiedsgerichtsbewegung.  Mannesmann-Affäre.
13“
        <pb n="204" />
        196  Das  Penisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  15.)

Die  Ostmarkenzulage  für  Postbeamte  wird  durch  Hammelsprung  mit
154  gegen  140  Stimmen  angenommen.  Eine  von  allen  bürgerlichen
Parteien  unterstützie  Resolution,  den  Reichskanzler  zu  ersuchen,  nach  dem
Beispiel  anderer  Staaten  zur  Unterstützung  der  Bestrebungen  für  die  internationale
  Schiedsgerichtsbewegung  (Union  interparlamentaire  pour  Tarbitrage
  international)  eine  Beihilfe  in  den  nächstjährigen  Etat  einzusetzen,
wird  angenommen.

Eine  sozialdemokratische  Resolution  auf  Ergänzung  des  Wahlgesetzes
dahin,  daß  Neuwahlen  zum  Reichstage  innerhalb  60  Tagen  nach  Erledigung
des  Mandates  vorgenommen  werden  müssen,  wird  mit  der  Modifikation
angenommen,  daß  die  Frist  auf  70  Tage  ausgedehnt  wird.  Bei  der  Beratung
  des  Etats  des  Auswärtigen  Amts  referiert  Berichterstatter  Frhr.
v.  Hertling  (Z.)  über  die  Verhandlungen  der  Budgetkommission  und  weist
dabei  u.  a.  auch  auf  die  Erledigung  hin,  die  die  Mannesmann-Affäre  gefunden
  hat.

Abg.  Graf  Kanitz  (K.):  Im  März  vorigen  Jahres  standen  wir
noch  unter  dem  Eindruck  der  Kriegsgefahr,  die  uns  ernstlich  bedroht  hat.
Damals  bestand  die  Gefahr,  es  würde  zu  einem  Krieg  zwischen  Oesterreich
und  Rußland  kommen,  und  es  ist  dem  Reichskanzler  Fürsten  Bülow  zu
danken,  daß  er  diese  Kriegsgefahr  durch  seine  entschiedene  Stellungnahme
abgewandt  und  Europa  damit  vor  dem  Kriegsbrand  behütet  hat.  Aber
eine  vollkommene  Beruhigung  des  Balkans  ist  noch  nicht  erzielt.  Das
Feuer  glimmt  unter  der  Asche  immer  noch  fort.  Dazu  trägt  namentlich
die  Kretafrage  bei.  Es  wird  in  Zukunft  die  wichtige  Aufgabe  unserer
Politik  sein,  den  Ausbruch  eines  Kriegsbrandes  zu  verhüten.  Die  Mannesmann-Frage
  ist  in  der  Budgetkommission  glücklich  erledigt  worden  und  ich
habe  nicht  die  Absicht,  noch  einmal  darauf  einzugehen.  Aber  es  wird  vielfach
  behauptet,  daß  Marokko  durch  die  Finanzvorkommnisse  wieder  in  die
Abhängigkeit  von  Frankreich  gekommen  ist.  Demgegenüber  möchte  ich  doch
bitten,  daran  zu  denken,  daß  sämtliche  Finanzoperationen  von  Marokko
von  der  marokkanischen  Staatsbank  ausgeführt  werden  müssen.  An
dieser  Staatsbank  haben  sämtliche  Mächte  einen  Anteil.  Frankreich  hat
extra  noch  zwei  Anteile  bekommen.  Frankreich  hat  allein  drei  Anteile
gegenüber  einem,  den  Deutschland  besitzt.  Daß  Frankreich  einen  Mißbrauch
damit  treiben  könnte,  ist  nicht  zu  befürchten.  Aber  wenn  jetzt  die  marokkanische
  Regierung  doch  weitgehende  Zugeständnisse  an  Frankreich  gemacht
hat,  so  darf  man  nicht  vergessen,  daß  unter  anderen  Umständen  Marokko  gar
keine  Anleihe  bekommen  hätte.  Es  ist  auch  versucht  worden,  in  Deutschland
  einen  Teil  der  Anleihen  unterzubringen.  Aber  überall  hat  Marokko
einen  Korb  bekommen,  und  deshalb  kann  man  der  deutschen  Regierung
keinen  Vorwurf  machen,  wenn  jetzt  Frankreich  die  Vorteile  bekommen  hat.
Ich  komme  nun  zu  England.  Bedauerlich  ist  immer  noch  die  Verstimmung
über  unsere  Flottenpolitik.  Unsere  Reichskanzler  haben  aber  immer  wieder
versichert,  daß  uns  alle  aggressiven  Absichten  fernliegen.  Das  hat  auch
Herr  v.  Bethmann  Hollweg  vor  kurzem  getan.  Diese  Rede  ist  auch  in  dem
englischen  Unterhaus  zur  Verhandlung  gekommen.  Daraus  war  zu  ersehen,
daß  wir  auf  dem  alten  Fleck  stehen.  Ich  möchte  deshalb  wiederholen,  daß
alle  Friedensversicherungen  von  uns  aus  keinen  Zweck  haben.  Wir  müssen
es  der  Zukunft  überlassen,  daß  die  englischen  Politiker  eine  bessere  Einsicht
bekommen.  Der  Ausfall  der  englischen  Wahlen  ist  in  einer  Weise  zustande
gekommen,  die  wir  nicht  erwartet  haben.  Für  mich  ist  es  nur  noch  eine
Frage  der  Zeit,  daß  England  zum  Schutzzoll  übergeht.  Es  ist  für  England
ganz  unmöglich,  alle  seine  Grenzen  für  alle  anderen  Länder  offenzuhalten,
während  alle  anderen  Länder  sich  mit  den  Schutzzollmauern  umgeben.
        <pb n="205" />
        Das  Veutsche  Reich  und  seinte  einzelnen  Glieder.  (März  15.)  197

Wenn  wieder  neue  Wahlen  in  England  vorgenommen  werden,  was  nicht
aus  dem  Bereich  der  Möglichkeit  zu  weisen  ist,  so  wird  wahrscheinlich  die
Schutzzollmehrheit  zustande  kommen.  Für  uns  wird  das  nicht  gerade  erfreulich
  sein.  Die  Fortdauer  des  jetzigen  Zustandes  würde  für  uns  das  beste
sein.  Wenn  England  zum  Schutzzoll  übergeht,  so  wird  das  für  unsere
Exportindustrie  ein  schwerer  Nachteil  sein.

Abg.  Stresemann  (Nl.):  Innerhalb  der  Presse  und  der  öffentlichen
  Meinung  begegnen  wir  der  Auffassung,  daß  deutsche  Interessen  im
Auslande  nicht  mit  der  Festigkeit  und  Energie  wahrgenommen  werden,
die  sie  verdienen.  Daß  diese  Stimmung  vorbanden  ist,  hat  das  Auswärtige
Amt  selbst  durch  die  Veröffentlichung  des  Weißbuches  über  die  Bergwerksinteressen
  in  Marokko  zugestanden.  Das  Auswärtige  Amt  versuchte  eine
Flucht  in  die  Oeffentlichkeit  gegenüber  den  viel  zu  weit  gehenden  Angriffen
in  Presse  und  Oeffentlichkeit.  Wir  haben  uns  gefragt,  ob  diese  scharfe
Kritik  den  Interessentenkreisen  entspringt,  oder  ob  sie  tiefere  allgemeine
Ursachen  habe.  Erfolg  kehrt  bei  uns  nicht  so  oft  mehr  wieder  als  in  der
Bismarckschen  Aera.  Aus  diesem  Gedanken  eine  Kritik  der  jetzt  führenden
Persönlichkeiten  herzuleiten,  halte  ich  nicht  für  richtig.  Aber  die  Schwierigkeiten
  für  Deutschland,  die  Reibungsflächen,  sind  außerordentlich  gewachsen,
seitdem  wir  in  die  Periode  der  Weltherrschaft  eingetreten  sind.  Solange
wir  nur  ein  Volk  der  Dichter  und  Denker  waren,  schlummerten  die  Antipathien,
  die  das  Volk  des  Handels,  das  wir  geworden  sind,  hervorrief.
Wir  können  nicht  ungerecht  sein  gegen  die  Staalsmänner,  die  heute  unsere
Vertretung  dem  Auslande  gegenüber  zu  führen  haben.  Im  Verhälltnis  zu
England  kommen  diese  besprochenen  Schwierigkeiten  am  meisten  zum  Ausdruck.
  Man  hat  sich  daran  gewöhnt,  hier  zwei  Mächte,  die  miteinander
um  den  Weltmarkt  ringen,  zu  sehen.  Es  gibt  auch  wohl  kaum  zwei
Nationen,  deren  wirtschaftliche  Struktur  so  verwandt  ist  wie  die  Englands
und  Deutschlands.  Es  gibt  kaum  einen  Stand,  der  ein  größeres  Interesse
hätte,  sich  gegen  die  Entwicklung  zu  wehren,  die  uns  zu  Englands  Zuständen
  führte,  als  die  deutsche  Industrie.  Wir  dürfen  nicht  alles  auf  die
eine  Karte  des  Exportes  setzen  und  dürfen  unsere  Landwirtschaft  nicht  vernachlässigen.
  England  hat  eine  große  Sicherung  in  seinem  großen  Kolonialbesitz.
  Das  haben  wir  nicht.  —  Eine  weitere  Verengerung  unseres  Exportmarktes
  muß  unter  allen  Umständen  vermieden  werden.  Ich  möchte  auf
unsere  Beziehungen  zu  den  Ländern  am  Persischen  Golf  hinweisen.  Auch
dort  müssen  wir  als  Kunden  auftreten,  wenn  wir  etwas  erreichen  wollen.
Wir  erheben  einen  zu  hohen  Zoll  auf  Datieln  und  schädigen  so  den  Import.
  Das  Reichsschatzamt  soll  nun  gegen  eine  Herabsetzung  dieses  Dattelzolles
  sein.  Die  Ausfuhr  Deutschlands  könnte  aber  erheblich  steigen,  wie
die  Einfuhr  bei  uns  gesteigert  werden  konnte.  Das  Reichsschatzamt  sollte
sich  die  Sache  einmal  überlegen.  Was  die  deutschen  Bergwerkeinteressen
in  Marokko  angeht,  so  sind  wir  politisch  dort  nicht  die  Maßgebenden.
Ich  muß  sagen,  daß  offizielle  Stellen  in  Deutschland  unseren  Beschlüssen
in  der  Kommission  in  der  Mannesmann-Angelegenheit  ganz  andere  Bedeutung
  zu  geben  versuchen,  als  wir  in  der  Kommission  beabsichtigt  haben.
Man  hat  vielfach  in  der  Angelegenheit  der  Mannesmann  nur  eine  geschickte
journalistische  Mache  für  ihre  Interessen  gesehen.  Die  öffentliche  Meinung
hätte  nicht  beeinflußt  werden  können,  das  glaube  ich  nicht.  Aber  wir
sollten  unsere  Frende  haben  an  dem  erfrischenden  Temperament  der  Gebrüder
  Mannesmann.  Wir  freuen  uns,  daß  wir  noch  Menschen  haben,
die  einen  Ueberschuß  von  Temperament  besitzen.  Bei  den  Mannesmann
hieß  es  von  Anfang  an:  Am  Anfang  war  die  Tat.  Sie  haben  rechtzeitig
erkannt,  was  nötig  war  für  Marokko.  Sie  haben  bei  allem,  was  sie  taten,
        <pb n="206" />
        198  Nes  Beuische  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (März  16.)

das  deutsche  Interesse  im  Auge  gehabt.  Sie  haben  uns  bei  dem  Umschwung
  der  Dinge  in  Marokko  auf  die  rechte  Spur  gewiesen.  Es  ist
wohl  richtig,  daß  sich  das  Auswärtige  Amt  auf  den  Standpunkt  der  größten
Obiektivität  gestellt  hat,  aber  ob  das  weltpolitisch  erträgnisreich  sein  würde,
ist  fraglich.  Und  es  ist  auch  mir  fraglich,  ob  die  anderen  Staaten  auch
diesen  Standpunkt  eingenommen  hätten,  wenn  es  sich  z.  B.  um  französische
Kolonialunternehmer  gehandelt  hätte.  Wir  können  nicht  daran  vorbeikommen,
  daß  bedeutende  Gelehrte  sich  für  die  Rechte  der  Gebrüder  Mannesmann
  eingesetzt  haben.  Das  zeigt  doch,  daß  nicht  der  Standpunkt  des
Auswärtigen  Amtes  der  einzig  mögliche  ist.  Andere  Mächte  haben  sich  ja
auch  bereit  erklärt,  an  unsere  Seite  zu  treten,  wenn  wir  für  die  Mannesmann
  eintreten.  Das  ist  doch  ein  großes  Argument,  was  uns  dazu  führen
sollte,  um  vor  dem  Schiedsgericht  die  deutschen  Bergwerksinteressen  gegen
Marokko  mit  Entschiedenheit  zu  wahren.

Abg.  Kämpff  (Fortsch  Vp.):  Rußland  gegenüber  muß  dafür  gesorgt
werden,  daß  die  Handlungsreisenden  Erleichterungen  erfahren.  Wir  wollen
uns  in  die  inneren  Verhältuisse  Rußlands  nicht  einmischen,  aber  die  Zusagen,
  die  im  Handelsvertrage  bezüglich  der  Handlungsreisenden  gegeben
worden  sind,  müssen  eingelöst  werden.

Abg.  Scheidemann  (Sd.):  Die  Ereignisse  haben  bewiesen,  daß
unsere  ganze  politische  Situation  sich  nicht  bewährt  hat.  Wir  haben  jetzt
weniger  Absolutismus,  aber  mehr  Bureaukratie.  Man  kann  nicht  allen
Leuten  zuliebe  Politik  treiben.  Wenn  wir  Sozialdemokraten  gegen  den
Staatssekretär  v.  Schön  agitiert  hätten,  wie  die  nationale  Presse  es  getan
hat,  die  Aufregung  hätte  ich  sehen  mögen.  Der  Staatssekretär  ist  darnach
als  ein  Agent  des  Auslandes,  ein  Muster  vaterlandsloser  Verräterei  zu
betrachten.  Das  war  noch  alles  vor  der  Mannesmann-Affäre.  Wenn  man
von  all  den  Dingen  hört,  wie  unsere  Handelswelt  sich  über  das  geringe
Entgegenkommen  des  Auswärtigen  Amtes  beklagt,  dann  läßt  sich  verstehen,
daß  man  ungehalten  ist.  Der  portugiesische  Handelsvertrag,  das  Abkommen
mit  der  amerikanischen  Regierung  kommen  dazu.  Nachdem  aber  die  Mannesmann-Affäre
  spielt,  kann  eigentlich  kein  Hund  mehr  von  dem  Staatssekretär
ein  Stück  Brot  nehmen.  Redner  geht  dann  auf  die  juristischen  Fragen
des  Berggesetzes  in  Marokko  ein,  die  er  ganz  im  Sinne  des  Auswärtigen
Amtes  beantwortet.  Was  würde  man  in  Deutschland  gesagt  haben,  wenn
z.  B.  die  Franzosen  den  Sultan  geschmiert  und  dann  unter  vier  Augen
mit  ihm  ein  solches  Berggesetz  gemacht  hätten?  Der  Privatvertrag,  den
die  Brüder  Mannesmann  erzielt  haben,  hat  keine  rechtsgültige  Unterlage.
Für  die  Gutachten  ist  es  bezeichnend,  wie  die  Mannesmann-Gegner  verdächtigt
  werden.  So  schreibt  Professor  Fischer  in  seinem  Gutachten,  Professor
Kampfmeyer,  der  gegen  die  Mannesmann  geschrieben  hat,  sei  Angestellter
des  Orientalischen  Seminars  und  darum  abhängig  vom  Auswärtigen  Amt.
Wenn  die  alldeutschen  Hanswurste  derartige  Dinge  behaupten,  dann  wird
sich  gegenüber  dem  kapitalistischen  Wahnwitz  der  proletarische  Mutterwitz
Geltung  verschaffen.

16.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Dritte
Lesung  der  Wahlrechtsvorlage.

Abg.  v.  Heydebrand  u.  d.  Lasa  (K.)  erklärt,  daß  fünf  Mitglieder
der  konservativen  Fraktion  gegen  die  Vorlage,  die  übrigen  für  die  Kommissionsbeschlüsse
  eintreten  werden.  Wir  tun  das  nicht  in  dem  Sinne,  als
wenn  wir  mit  allem  einverstanden  wären,  was  in  diesem  Gesetzentwurf
enthalten  ist.  Wir  tun  es  nicht  einmal  in  der  Meinung,  daß  die  Vorlage
im  ganzen  eine  unbedingte  Notwendigkeit  wäre.  Wir  sind  vielmehr  der
        <pb n="207" />
        Das  Venische  Reit  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  16.)  199

Meinung,  daß  unser  gegenwärtiges  preußisches  Wahlrecht,  das  wir  noch
besitzen,  sich  im  vollen  Maße  bewährt  hat.  Seine  Partei  habe  ihre  schweren
prinzipiellen  Bedenken  gegen  dieses  Kompromiß  nur  überwunden  durch  den
Entschluß:  1.  einen  von  dem  Träger  der  Krone  feierlich  ausgesprochenen
Wunsch  zu  erfüllen  und  2.  die  Staatsregierung,  die  ihr  Vertrauen  genieße,
zu  unterstützen.  Es  würde  uns  freuen,  wenn,  was  sich  ja  im  Augenblick
noch  nicht  definitiv  übersehen  läßt,  die  Vorlage  von  einer  großen  Mehrheit
angenommen  werden  würde.  Wir  sind  deshalb  auch  heute  bereit,  Anträge
in  Erwägung  zu  ziehen,  durch  die  erreicht  werden  könnte,  daß  auch  die
Mittelparteien  der  Vorlage  ihre  Zustimmung  geben.

Abg.  Herold  (3.):  Das  Zentrum  werde  trotz  weitergehender  Wünsche
die  Kommissionsberatungen  akzeptieren.

Abg.  Friedberg  (Nl.):  Die  nationalliberale  Fraktion  wird  den
Beschlüssen  der  zweiten  Lesung,  die  ja  voraussichtlich  unverändert  zur
Annahme  kommen  werden,  nicht  zustimmen.  Der  Redner  bezeichnet  die
Auswahl  der  Wahlmänner  aus  einem  größeren  Kreise  und  die  Drittelung
der  Wähler  in  einem  größeren  Kreise  als  die  Hauptpunkte,  in  denen  die
Majorität  keine  genügenden  Vorschläge  gemacht  habe,  wobei  er  es  dahingestellt
  sein  läßt,  ob  heute  noch  derartige  Anträge  gestellt  werden,  die
jedenfalls  unvoreingenommener  Prüfung  sicher  sein  könnten.

Abg.  v.  Zedlitz  (Frk.)  macht  die  Zustimmung  der  Freikonservativen
  davon  abhängig,  daß  bezüglich  der  Drittelung  und  Maximierung
noch  einiges  Entgegenkommen  gezeigt  werde.  In  erster  Linie  würde
die  freikonservative  Partei  aber  sich  darnach  richten,  ob  Konzessionen
gemacht  werden,  die  auch  den  Nationalliberalen  die  Zustimmung  ermöglichen.


Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Nachdem  die  Herren
Vorredner  nunmehr  die  Absichten  ihrer  Parteien  für  die  Abstimmung
klargelegt  haben,  gebe  ich  namens  der  Königlichen  Staatsregierung  folgende
Erklärung  ab:  Die  Königliche  Staatsregierung  ist  bei  Ausarbeitung  der
Vorlage  von  der  Auffassung  ausgegangen,  daß  an  dem  System  des  abgestuften
  Wahlrechts  grundjätzlich  festgehalten  werden  müsse  und  das
direkte  und  geheime  Wahlrecht  gleichzeitig  nicht  gegeben  werden  könne.
Sie  hat  sich  aus  den  Gründen,  die  ich  bei  Einführung  der  Vorlage  hier
vorzulegen  die  Ehre  hatte,  dahin  entschieden,  die  indirekte  durch  die  direkte
Wahl  zu  ersetzen,  die  Oeffentlichkeit  der  Wahlhandlung  aber  aufrecht  zu
erhalten.  Die  Königliche  Staatsregierung  hält  diese  Lösung  auch  heute
noch  für  die  zweckmäßigste.  Wenn  sich  indessen  eine  erhebliche  Mehrheit
dieses  hohen  Hauses  dahin  entscheidet,  die  indirekte  Wahl  aufrecht  zu  erhalten,
  und  die  geheime  Stimmabgabe  für  die  Wahl  der  Wahlmänner
vorzusehen,  so  wird  die  Königliche  Staatsregierung  diese  Lösung  annehmen,
ohne  sich  im  übrigen  an  alle  einzelnen  Bestimmungen  des  Entwurfes  in
seiner  jetzigen  Gestalt  zu  binden.

Abg.  Fischbeck  (Vp.):  Das  Volk  sieht  in  dieser  Vorlage  nicht  die
Erfüllung  der  in  seierlicher  Weise  in  der  Thronrede  angekündigten  Reform.
Den  Schaden  davon  hat  nicht  das  Volk,  den  Schaden  hat  die  Regierung.
Die  Erklärung  des  Ministerpräsidenten  hat  soeben  wieder  einmal  gezeigt,
wie  in  einer  wichtigen  Frage  durch  das  Verhalten  der  Konservativen  die
Autorität  der  Regierung  Schiffbruch  gelitten  hat.  Eine  Beruhigung  des
Volks  werden  Sie  durch  diese  Vorlage  nicht  erreichen.  Wenn  wir  es  auch
mit  Bedauern  sehen,  in  welcher  Weise  manchmal  die  Unzufriedenheit  zum
Ausdruck  kommt,  so  kann  uns  das  doch  nicht  abhalten,  von  dem  Wege  des
Rechts  abzugehen.  Wir  werden  weiter  gehen  auf  diesem  Wege,  wir  werden
Ihnen  im  nächsten  Jahre  einen  neuen  Antrag  in  dieser  Richtung  vorlegen,
        <pb n="208" />
        200  Das  Denisqhe  Reiqth  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  16.)

und  wir  werden  nicht  ruhen,  bis  das  Wahlrecht  zustande  kommt,  das
wirklich  unseren  Forderungen  entspricht.

Abg.  v.  Jazdzewski  (P.)  erklärt,  daß  seine  Freunde  als  Anhänger
der  geheimen  und  direkten  Wahl  die  Vorlage  ablehnen.

Abg.  Dr.  Liebknecht  (Sd.):  Das  jetzige  Wahlrecht  ist  nicht  zu
halten.  Die  Politik  der  Konservativen  ist  unsicher  geworden.  Dem  Abg.
Dr.  Friedberg  kann  ich  nur  bestätigen,  daß  die  Ausführungen  in  der  „Köln.
Volksztg.“  durchaus  unrichtig  sind.  Die  breite  Masse  hat  das  politische
Verantwortlichkeitsgefühl,  aber  nicht  die  Konservativen,  die  Triarier  Seiner
Masjestät,  die  eine  schwere  Krisis  durch  ihre  Halsstarrigkeit  heraufbeschwören.
Wo  ist  bei  der  Verhandlung  über  diese  Vorlage,  auf  die  die  ganze  Welt
sieht,  ein  einziger  großer  Zug  gewesen?  Das  Abgeordnetenhaus  hat  sich
vielmehr  als  eine  Trödler-  und  Schacherbude  gezeigt.  (Minutenlanger
Lärmr.  u.  i.  Z.  —  Laute  Zurufe:  Raus!  Raus!  Vizepräsident  Dr.  Porsch:
Für  diese  unerhörte  Beleidigung  des  Abgeordnetenhauses  rufe  ich  Sie  zur
Ordnung.  Rufe  r.:  Raus!  Unverschämtheit!  Erwiderungsrufe  b.  d.  Sd.:
Zur  Ordnung!  Abg.  Dr  Liebknecht:  Es  ist  mir  Unverschämtheit  vorgeworfen
  worden.  Vizepräsident  Dr.  Porsch:  Wenn  ich  das  gehört  hätte,
würde  ich  es  sicher  gerügt  haben.  Ich  bitte  dringend  um  Ruhe.  Ich
kann  vollständig  verstehen,  daß  die  Herren  sehr  erregt  sind.  Aber  ich  muß
bitten,  dem  Redner  Gehör  zu  verschaffen.  Zuruse  r.:  Wir  wollen  ihn
gar  nicht  hörenl)

Abg.  Dr.  Bell  (Z.):  An  der  Treue  und  Aufklärung  unserer  Wähler
werden  alle  Versuche  anderer  Parteien  scheitern,  sie  übers  Ohr  zu  hauen.
Uns  leiten  nur  ethische  Momente.  Wir  bestehen  unter  jedem  Wahlrecht.
Das  ganze  Geheimnis  der  Zentrumsiaktik  besteht  darin,  daß  wir  keine
Vogelstrauß-Politik  treiben.  Wir  rechnen  eben  mit  den  gegebenen  Verhältnissen.
  In  der  Kommission  hat  selbst  die  Sozialdemokratie  die  geheime
Wahl  für  wichtiger  als  die  direkte  Wahl  erklärt.  Wir  sind  stolz  darauf,
an  der  Erfüllung  eines  Königswortes  mitgewirkt  zu  haben.

Damit  schließt  die  Generaldebatte.  Die  Wahlrechtsvorlage  wird  mit
238  Stimmen  der  Konservativen  und  des  Zentrums  gegen  138  Stimmen
der  Freikonservativen,  Nationalliberalen,  Freisinnigen,  Sozialdemokraten
und  Polen  angenommen.  Bis  auf  fünf  Konservative,  die  gegen  und  zwei
Freikonservative,  die  für  die  Vorlage  stimmten,  stimmten  alle  Parteien  geschlossen.
  Da  es  sich  um  eine  Verfassungsänderung  handelt,  muß  die  Abstimmung
  nach  drei  Wochen  in  Form  einer  dritten  Beratung  wiederholt  werden.

16.  März.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Spezialberatung
über  den  Etat  des  Auswärtigen  Amts.

Abg.  v.  Dirksen  (Rp.):  Man  muß  feststellen,  wie  weit  die  Taten
der  Brüder  Mannesmann  in  Einklang  zu  bringen  sind  mit  den  Begriffen
von  Vertrags-  und  internationalem  Recht,  die  die  Regierung  zu  beobachten
hat.  Ich  glaube,  daß  die  Haltung  der  Budgetkommission  in  dieser  Beziehung
  die  richtige  war.  Man  hat  gesagt:  Right  or  wrong.  my  country.
Das  trifft  für  uns  zu,  aber  die  Regierung  kann  unmöglich  unberechtigten
Interessen  einen  nationalen  Schutz  gewähren.  Sie  ist  verpflichtet,  sich  an
die  internationalen  Rechtsgrundsätze  zu  halten  gegenüber  zu  weitgehenden
Ansprüchen.  Wir  bestreiten,  daß  eine  starke  Bevorzugung  des  Adels  stattfindet.
  Man  muß  Menschen  mit  Vermögen,  gutem  Namen,  mit  zahlreichen
Beziehungen,  guter  Kinderstube  und  tadellos  gesellschaftlichem  Benehmen
haben.  Solche  Herren  sind  schwer  zu  finden.  Melden  sich  beim  Auswärtigen
  Amt  bürgerliche  Personen  mit  diesen  Qualitäten,  so  werden  sie
sicher  genommen.  Es  gibt  gewisse  Verhältnisse,  die  sich  schwer  ändern  lassen,
        <pb n="209" />
        Das  Veeische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (März  16.)  201

aber  als  Uebergangsposten  soll  der  diplomatische  Dienst  nicht  gelten.  Es
soll  nicht  vorkommen,  daß  junge  Herren  nur  ein  paar  Jahre  ins  Ausland
auf  diese  Weise  gehen  wollen  und  dann  sich  zur  Ruhe  setzen.  Solche  Leute
sollen  sich  als  junge  Militärs  ins  Ausland  versetzen  lassen,  aber  nicht  als
Dmlomaten.  Die  Konsularbeamten  sollien  im  Durchschnitt  länger  auf  ihren
Posten  bleiben.  Vielleicht  könnte  man  sie  durch  Orden  und  Titel,  die
mehr  anreizen,  veranlassen,  auf  ihren  Posten  zu  bleiben,  wenn  wir  sie  nicht
besser  bezahlen  können.  Zum  Fonds  für  deutsche  Schulen  im  Auslande
ist  zu  sagen,  daß  der  Fonds  von  850  000  Mark  auf  9000000  Mark  erhöht
wurde.  Es  handelt  sich  hier  um  ideale  Güter.  Es  ist  eine  wichtige  Aufgabe,
  die  wir  hier  zu  leisten  haben.  Die  deutsche  Sprache  zu  verbreiten,
hieße  ein  gutes  Werk  für  alle  Zukunft  zu  tun.

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Nachdem  eine  ganze  Reihe
von  Rednern  aus  diesem  Hause  die  Mannesmann-Angelegenheit  ausführlich
  erörtert  hat,  sehe  ich  mich  genötigt,  auch  meinerseits  einige  Worte  dazu
zu  sagen.  Aus  freien  Stücken  hätte  ich  es  nicht  getan,  nachdem  die  Angelegenheit
  in  der  Kommission  sehr  eingehend  besprochen  worden  ist.  Ich
glaube  nicht,  daß  eine  breite  Erörterung  dieser  Frage  im  Plenum  die  Ziele
fördert,  in  die  der  Vorsitzende  der  Budgetkommission  alle  Wünsche  zusammengefaßt
  hat.  Dieses  rückhaltlose  Vertreten  der  Politik,  welche  wir  in  dieser
Angelegenheit  eingenommen  haben,  entspringt  den  Beschlüssen,  die  bereits
festgelegt  worden  waren,  lange  bevor  ich  die  Geschäfte  übernommen  habe.
Für  mich  lag  der  entscheidende  Moment  in  den  dem  Reichstage  im  Weißbuch
  mitgeteilten  Beschlüssen  des  diplomatischen  Korps  in  Tanger  vom
20.  August  1908.  Durch  diese  Beschlüsse  haben  sich  die  Mächte  darüber
geeinigt,  daß  sie  als  Berggesetz  im  Sinne  des  Artikels  112  der  Algecirasakte
  nur  ansehen  würden,  was  ihnen  der  Maghzen  vor  der  Formulierung
bekannt  gegeben  hätte,  damit  sich  das  diplomatische  Korps  davon  überzeugen
könne,  ob  es  den  Bestimmungen  des  Artikels  112  entspricht.  Diesen  Erfordernissen
  entspricht  das  Berggesetz  vom  7.  Oktober  1908  unzweifelhaft
nicht.  Sollte  Deutschland  dieses  Berggesetz,  auf  das  sich  die  Mannesmannschen
  Konzessionen  stützen,  als  gültig  anerkennen,  so  müßte  es  sich  in  direkten
Widerspruch  mit  dem  Beschluß  des  diplomatischen  Korps  vom  20.  August
1908  setzen.  Wir  müßten  sagen,  daß  dieser  Beschluß  nicht  bindend  sei.
Keine  tatsächlichen  Gründe,  kein  rechtlicher  Grund,  kein  politischer  Grund
gibt  uns  das  Recht,  von  diesem  Abkommen  vom  20.  August  einseitig  zurückzutreten.
  Aber  wir  können  einen  solchen  Grund  auch  nicht  darin  erblicken,
daß  der  August-Beschluß  dem  Geist  des  Artikels  112  der  Algecirasakte
nicht  entspräche,  denn  selbst  wenn  der  August-Beschluß  dem  Geiste  der
Algecirasakte  nicht  entspräche  —  ich  vertrete  diesen  Standpunkt  nicht,  ich
bin  der  gegenteiligen  Ansicht,  ich  bin  der  Meinung,  daß  dieser  Beschluß
durchaus  dem  Geiste  der  Algecirasakte  entspricht  und  aus  diesem  Geiste
entstanden  ist  —  aber  selbst  wenn  man  dieser  Auffassung  wäre,  so  bleibt
doch  der  August-Beschluß  immerhin  eine  einmütige  Vereinbarung,  die  von
Deutschland  extrahiert  worden  ist,  eine  Vereinbarung  der  Mächte  darüber,
welche  Stellung  sie  gegenüber  der  Ausführung  des  Artikels  112  einnehmen
wollten.  Wenn  wir  uns  davon  lossagen  wollten,  so  würde  das  nichts
anderes  bedeuten,  als  diesen  Vertrag  zu  brechen.  Zu  einer  Politik  des
Vertragsbruches  werde  ich  mich  nicht  hergeben.  Mögen  die  wirtschaftlichen
Werte  der  Mannesmann-Konzession  sehr  groß  sein,  mag  ich  es  noch  so
sehr  bedauern,  daß  sie  nicht  in  vollem  Umfang  realisiert  werden  können,
eine  Lebenefrage  für  Deutschland  sind  sie  nicht.  Darum  wird  mich  nichts
bestimmen  können,  das  Wort  zu  brechen,  das  unsere  Politik  am  20.  August
1908  in  Tanger  eingesetzt  hat.  Gegenüber  diesem  Gesichtspunkt  treten  für
        <pb n="210" />
        202  Nas  NVeuische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (März  16.)

mich  alle  übrigen  Erwägungen  in  den  Hintergrund  und  innerhalb  der
Grenze,  die  uns  durch  internationale  Verträge  und  Ermächtigungen  geogen
  ist,  sind  wir  bereit,  die  Interessen  der  Gebrüder  Mannesmann  zu
socpern.  Das  haben  wir  getan  und  werden  es  auch  in  Zukunft  tun.  Erleichtert
  worden  ist  uns  diese  Aufgabe  durch  das  Auftreten  der  Herren
Mannesmann  bisher  nicht.  Ich  habe  nur  den  dringenden  Wunsch,  daß
die  Herren  Mannesmann  für  die  Zukunft  in  dieser  Beziehung  eine  Aenderung
  eintreten  lassen  werden.  Der  Abg.  Stresemann  hat  gestern  die  Herausgabe
  des  Weißbuches  in  der  Marokkoangelegenheit  bemängelt,  er  hat
gesagt,  das  Auswärtige  Amt  habe  mit  seiuer  Veröffentlichung  eine  Flucht
in  die  Oeffentlichkeit  angetreten.  Dieser  Auffassung  muß  ich  entschieden
widersprechen.  Ich  hätte  sehr  gern  von  der  Veröffentlichung  des  Weißbuches
  abgesehen,  weil  die  öffentliche  Darstellung  des  ganzen  Fulls  dem
Auswärtigen  Amte  das  Eintreten  für  die  Interessen  der  Gebrüder  Mannesmann
  innerhalb  der  Grenzen,  die  ich  eben  skizziert  habe,  nicht  erleichtern
kann.  Nachdem  aber  die  enragiertesten  Vertreter  der  Mannesmann-Interessen
  in  einer  solchen  energisch  betriebenen  Campagne  die  Zurückhaltung
des  Auswärtigen  Amtes  als  Furcht  vor  der  Oeffentlichkeit  hingestellt  haiten,
blieb  uns  nichts  anderes  übrig,  als  der  Oeffentlichkeit  zu  zeigen,  daß  das
Auswärtige  Amt  nichts  zu  verbergen  hat.  Damit  verlasse  ich  diesen
Gegenstand.

Der  Abg.  Stresemann  hat  in  seiner  Rede  einen  Rückblick  auf  unsere
auswärtige  Politik  in  den  letzten  Jahren  geworfen,  und  hat  dabei  wie  der
Abg.  Graf  Kanitz  vorher  getan  hat,  insonderheit  der  von  der  Zustimmung
  von  ganz  Deutschland  getragenen  Politik  des  Fürsten  Bülow  bei
der  letzten  Orientkrisis  gedacht.  Im  Gegensatz  zu  dieser  Politik  der  Entschlossenheit
  und  der  Stärke  hat  der  Abg.  Stresemann  auf  die  Beunruhigung
  hingewiesen,  die  weite  Kreise  der  öffentlichen  Meinung  darüber
erfüllt,  ob  seit  dem  Abgang  des  Fürsten  Bülow  die  Interessen  Deutschlands
  in  der  auswärtigen  Politik  genügend  wahrgenommen  werden.  Der
Abg.  Stresemann  hat  damit,  wie  ich  gern  anerkenne,  in  vorsichtiger
Weise  angedeutet,  was  in  einem  großen  Teil  der  Presse  in  den  letzten
Monaten  wiederholt  und  mit  großer  Schärfe  unmittelbar  als  Schwäche
und  Nachgiebigkeit  unserer  auswärtigen  Politik  gebrandmarkt  worden  ist.
Gewiß  gerade  die  auswärtige  Politik  steht  mit  Recht  unter  der  Kritik  der
Oeffentlichkeit,  aber  ich  möchte  es  für  gefährlich  halten,  die  Leitung  der
auswärtigen  Politik  durch  den  Vorwurf  der  Schwäche  —  ich  kenne  keinen
schärferen  Vorwurf  —  vor  dem  In-  und  Auslande  zu  diskreditieren,  wenn
die  Vorwürfe  nicht  mit  ganz  bestimmten  Tatsachen  nachzuweisen  sind.  Es
handelt  sich  dabei  nicht  sowohl  um  die  Stellung  oder  die  Person  des  verantwortlichen
  Staatsmanns,  sondern  es  werden  dadurch  die  Grundlagen
gefährdet,  auf  denen  Deutschlands  Stellung  in  der  Welt  beruht.  Nun
möchte  ich  fragen:  Kann  mir  irgend  ein  Moment  gesagt  werden,  wo
Deutschland  in  neuerer  Zeit  in  seiner  Stellung  zu  den  Mächten  Schwäche
oder  Nachgiebigkeit  gezeigt  hal?  Wir  sind  in  der  Lage  gewesen,  auch  seitdem
  ich  zur  Erfüllung  meiner  Aufagabe  berufen  worden  bin,  unsere  Beziehungen
  zu  den  Mächten  freundschaftlich  zu  pflegen,  ohne  dabei  etwas
anderes  einzusetzen,  als  den  Willen,  Deutschlands  Stellung  in  der  Welt
nachhaltig,  aber  lonal,  zu  vertreten.  Ich  habe  den  Eindruck  gehabt,  daß
wir  dabei  nicht  schlecht  fahren.  Nun  will  ich  dem  Abg.  Stresemann  durchaus
  beipflichten.  Auch  ich  bin  der  Ansicht,  daß  es  von  Jahr  zu  Jahr  eine
größere  und  bedeutungsvollere  Aufgabe  unserer  auswärtigen  Politik  eigentlich
  kaum  gibt  als  die  wirtschaftlichen  Interessen  Deutschlands  im  Auslande
zu  fördern,  und  ich  bin  mit  ihm  der  Ansicht,  daß  unser  diplomatischer
        <pb n="211" />
        ILIIELEIIIIIIIIIIDIIIIIXIIIV  203

Dienst  gerade  auf  diese  Seite  unserer  Aufgabe  ganz  besonders  eingestellt
werden  muß.  Ich  begrüße  in  dieser  Beziehung  einen  großen  Teil  der
Ausführungen,  welche  soeben  der  Abg.  v.  Dircksen  bezüglich  der  Rekrutierung
  unserer  diplomatischen  Beamtenschaft  gemacht  hat.  Und  ich  bitte
den  Reichstag,  überzeugt  zu  sein,  daß  ich  mit  dem  vollen  Bewußtsein  ihrer
Größe  gerade  diesem  Teil  meiner  Aufgaben  hier  auch  alle  meine  Kräfte
widmen  werde.  Im  Zusammenhang  mit  dieser  Frage,  die  einen  Teil  der
Frage  des  Schutzes  der  Deutschen  im  Auslande  bildet,  möchte  ich  auf  die
Frage  des  Abg.  Stresemann  bezüglich  des  Staatsangehörigkeitsgesetzes
folgendes  bemerken:  Ich  habe  schon  in  meiner  früheren  Stellung  als
Staatssefretär  des  Innern  Gelegenheit  gehabt,  mich  dieser  Frage  in  besonderem
  Maße  zu  widmen.  Als  ich  mein  gegenwärtiges  Amt  übernommen
habe,  habe  ich  gefunden,  daß  eine,  für  die  Gestaltung  des  ganzen  Gesetzes
aber  besonders  wichtige  Frage  mir  durch  die  bisherigen  Vorarbeiten  nicht
genügend  aufgeklärt  zu  sein  schien.  Ich  bin  deshalb  genötigt  gewesen,
diese  Frage  noch  einmal  dadurch  zu  approfondieren,  daß  ich  unsere  auswärtige
  Mission  um  Mitteilungen  in  speziellen  Dingen  gebeten  habe.  Ich
habe  das  getan,  gerade  zu  dem  Zweck,  daß  bei  der  Resorm  des  Gesetzes
die  Bedingungen,  unter  denen  die  Deutschen  im  Auslande  leben,  in  möglichst
  praktischer  Weise  geregelt  werden.  Wenn  es  dadurch  unmöglich  geworden
  ist,  wie  ich  es  ursprünglich  gehofft  haite,  im  Laufe  der  gegenwärtigen
  Session  dem  Reichstage  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  so  werde
ich  doch  auch  persönlich  bestrebt  sein,  die  Frage  so  zu  fördern,  daß  nicht  mehr
zu  lange  Zeit  vergehen  wird,  bis  der  ja  vom  Reichstag  einmütig  gehegte
Wunsch  erfüllt  ist.

Zum  Schluß  lassen  Sie  mich  einige  Worte  über  das  Verhältnis  der
Parteikonstellation  zur  auswärtigen  Poliik  sagen.  Der  Abg.  Graf  Kanitz
hat  gestern  seine  Rede  mit  der  Aufforderung  geschlossen,  trotz  aller  Meinungsverschiedenheiten
  in  Fragen  der  inneren  Polink  möge  die  auswärtige  Politik
unseres  Landes  den  einmütigen  Willen  des  Reichstages  zutage  fördern.
Ich  weiß  nicht,  ob  Graf  Kanitz  dabei  an  Aeußerungen  in  einer  Versammlung
  gedacht  hat,  die  nach  einer  Wiedergabe,  die  unwidersprochen
geblieben  ist,  dahin  gelautet  haben  sollen,  ich  wäre  genötigt  worden,  eine
schwächliche  und  nachgiebige  auswärtige  Politik  zu  leiten,  weil  ich  keine
feste  Majorität  im  Reichstage  hinter  mir  habe,  und  insofern  hätten  sich
die  Zustände  im  Vergleich  zur  Zeit  des  Blockes  wesentlich  geändert.  Ich
möchte  jedenfalls  der  Ansicht  des  Grafen  Kanitz  beipflichten  und  meine,
auch  die  Parteien  sollten  es  alle,  von  der  Rechten  bis  zum  äußersten  linken.
Flügel,  von  sich  abweisen,  als  ob  sie  das  Maß  der  Unterstützung,  die  sie
der  Regierung  in  Fragen  der  auswärtigen  Politik  gewähren  wollen,  abhängig
  machten  von  der  größeren  und  geringeren  Zufriedenheit  mit  der
Leitung  der  inneren  Politik.  Mir  ist  es  wenigstens  noch  nie  in  den  Sinn
gekommen,  mich  durch  die  Angriffe,  die  mir  wegen  der  inneren  Politik
zuteil  werden,  auch  nur  um  ein  Geringes  in  der  auswärtigen  Polinu#k  von
derjenigen  Bahn  abbringen  zu  lassen,  die  ich  als  die  für  Deutschland  gewiesene
  halte,  und  ich  werde  das  auch  nicht  in  Zukunft  tun  und  hoffe,
daß  ich  dabei  von  dem  Vertrauen  des  Reichstages  getragen  werde,  und
daß  in  allen  Fragen,  die  Deutschlands  Stellung  in  der  Welt  angehen,  der
deutsche  Reichstag  einig  sein  wird.

Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg  (W.  V.):  Daß  der  Kanzler
in  acht  Monaten  schon  alle  Uebelstände  besritigen  kann,  wird  kein  Verständiger
  verlangen;  an  ihn  knüpft  sich  aber  die  Hoffnung,  daß  das  geschehen
  wird.  Ich  bitte  ihn  zunächst,  den  bundesfreundlichen  Einfluß
Deutschlands  in  geeigneter  Weise  zur  Unterstützung  des  bedrängten  Deutsch-
        <pb n="212" />
        204  Pas  Perisqhe  Reit  und  seine  einzelnen  Slieder.  (März  16.)

tums  in  Oesterreich  wirken  zu  lassen.  Die  Deutschen  drüben  kämpfen  einen
schweren  Kampf,  auch  fur  unsere  Interessen.  An  seinen  Takt,  seine  staatsmännischen
  Eigenschaften  stelle  ich  damit  große  Ansprüche;  aber  ich  glaube,
der  Kanzler  besitzt  diese.  Dann  sollte  auch  die  ängstliche  Rücksichtnahme
auf  das  Ausland  bei  der  Erwägung  unserer  gesetzlichen  Maßnahmen  endlich
  eingeschränkt  werden;  es  ist  ein  unerträglicher  Zustand.  Endlich  muß
er  dafür  sorgen,  daß  das  böse  Wort  „Wer  sich  auf  das  Auswärtige  Amt
verläßt,  ist  gewiß  verlassen“,  seine  Bedeutung  verliert.  Es  sind  ja  einzelne
Fälle  angeführt  worden;  ich  könnte  eine  Menge  weiterer  anführen,  so  den
Fall  Haß,  dessen  sich  der  Staatssekretär  aus  seiner  Petersburger  Zeit  erinnern
  wird.  Das  heutige  Gebaren  des  Auswärtigen  Amtes  in  der  Kommission
  muß  vielfach  beanstandet  werden.  Es  geht  durch  die  Handhabung
der  Politik  seitens  des  Auswärtigen  Amtes  ein  femininer  Zug;  man  könnte
sie  charakterisieren  mit  den  Zitaten  aus  „Kabale  und  Liebe“:  „Die
Limonade  ist  matt  wie  deine  Seele“,  und  „Ein  Bonmot  von  vorgestern,
die  Mode  vom  vorigen  Jahre“.

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Ich  bitte  Sie,  mir
noch  einige  Minuten  Gehör  zu  geben.  Der  Abg.  v.  Liebermann  hat  vorhin
  Angriffe  auf  das  Auswärtige  Amt  und  auf  dessen  verdienstvollen  Leiter
hier  in  die'em  Hause  gerichtet,  die  in  dieser  Allgemeinheit  das  Unerhörteste
sind,  was  ich  in  meinem  Leben  je  gehört  habe.  Er  hat  gesagt,  der  Deutsche
im  Ausland,  der  sich  auf  das  Auswärtige  Amt  verlassen  wollte,  sei  in  der
Welt  verlassen.  Eine  solche  Behauptung  weise  ich  mit  Entrüstung  zurück,
solange  nicht  Beweise  im  einzelnen  erbracht  werden,  daß  eine  solche  Behauptung
  berechtigt  ist.  Außerdem  hat  der  Abg.  v.  Liebermann  —  das
sollte  wohl  etwas  Angenehmes  für  mich  sein  —  geschieden  zwischen  der
Politik,  die  ich  führe,  und  der,  die  vom  Auswärtigen  Amte  geleitet  wird.
Derartige  Unterschiede  können  nicht  gemacht  werden.  Wenn  jemand  angegriffen
  werden  soll,  so  greifen  Sie  mich  an,  ich  bin  es,  der  die  Verantwortung
  zu  tragen  hat  und  der  sie  auch  trägt.  Derartige  Verunglimpfungen
eines  pflichttreuen  Beamten,  wie  sie  hier  vorgenommen  worden  sind,  kann
icch  nur  als  unerhört  bezeichnen.

Staatesekretär  v.  Schön:  Ich  kann  den  Darstellungen  des  Grafen
Kanitz  über  die  Marokko-Angelegenheit  nur  zustimmen.  Von  uns  kann
die  ganze  Anleihefrage  nur  so  behandelt  werden,  daß  die  allgemeine  Lage
in  Marokko  endlich  zu  einer  Konsolidierung  geführt  wird.  Die  deutschen
Finanzkreise,  welche  eine  Anleihe  in  Marokko  bewilligt  haben,  müssen  befriedigt
  werden;  die  deutschen  Kaufleute,  welche  Forderungen  haben,  die
deuischen  Firmen,  welche  größere  Aufträge  ausgeführt  haben,  alle  diese
Gläubiger  müssen  befriedigt  werden.  Allerdings  ist  die  jüngste  Anleihe
noch  nicht  abgeschlossen.  Die  Sache  ist  aber  im  Gange.  Wir  können  mit
Zuversicht  hoffen,  daß  neues  Leben  in  Marokko  erweckt  wird,  und  daß
dann  unsere  Handelebeziehungen  in  Marokko  auch  wachsen.  Der  Abg.
Kaempff  hat  über  die  Verhältuisse,  die  die  jüdischen  Reisenden  in  Rußland
vorfinden,  gesprochen.  Für  die  Pässe  nach  Rußland  wird  allerdings  verlangt,
  daß  eine  Eintragung  über  die  Religionsverhältnisse  erfolgt.  Wir
haben  wiederholt  Vorstellungen  bei  der  russischen  Regierung  gemacht,  auch
Frankreich  und  die  Vereinigten  Staaten  haben  dasselbe  getan  Auf  unsere
Bitte  hin,  die  Zulassung  von  jüdischen  Aerzten  in  Rußland  zu  ermöglichen,
hat  uns  die  russische  Regierung  geantwortet,  daß  eine  allgemeine  Reform
der  Paßbestimmungen  ins  Auge  gefaßt  sei,  daß  aber  vor  dem  Inkrafttreten
  der  neuen  Bestimmung  den  Wünschen  der  deutschen  jüdischen  Aerzte
nicht  Rechnung  getragen  werden  könnte.  Der  Abg.  v.  Liebermann  hat
heute  Angriffe  gegen  mich  gerichtet.  Er  hat  versucht,  meine  Person  zu
        <pb n="213" />
        Das  Denische  Reich  und  seine  einselnen  Slieder.  (März  16.)  205

diskreditieren.  Er  hat  sich  damit  auf  die  Seite  derjenigen  gestellt,  die  dem
Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amtes  unter  Zuhilfenahme  böswilligen
Klatsches  und  alberner  Erfindungen  den  Makel  undeutscher  Gesinnung  anzuheften
  versuchten,  die  den  Glauben  erwecken  wollten,  als  ob  gewisse
persönliche  Zukunftswünsche  in  einer  bestimmten  Richtung  auf  mich  beeinflussend
  einwirkten.  Ich  weise  jene  Verunglimpfung  mit  allem  Nachdruck
von  mir,  als  ob  mein  Sinnen  und  Tun  von  anderen  Rücksichten  bestimmt
sein  könnte  als  von  Rücksichten  auf  das  Wohl  des  deutichen  Vaterlandes.  —
Auf  eine  Anfrage  des  Abg.  Dr.  Arning  (Nl.)  spricht  sich  Staatssekretär
v.  Schön  über  das  Monopol  der  Euphrat-  und  Tigris-Schiffahrt  durch
eine  englische  Gesellschaft  und  die  darin  für  die  Bagdadbahn  liegende  Gefahr
  aus.  Die  Frage  liegt  aber  ganz  außerhalb  unserer  Machtgrenze.
Es  ist  eine  nur  türkische  Angelegenheit,  aber  die  Verhandlungen  über  die
Schiffahrtskonzessionen  sind  noch  nicht  zum  Abschluß  gekommen.  Es  ist
von  der  türkischen  Regierung  Widerspruch  erhoben  worden.  Es  sind  dann
in  der  Presse  Befürchtungen  über  die  Konferenzen  zwischen  einem  englischen
Finanzmanne  und  dem  Direktor  der  Deutschen  Bank  laut  geworden.  Ich
kann  dazu  erklären,  daß  solche  Besprechungen  stattgesunden  haben.  Die
Regierung  war  daran  nicht  beteiligt,  aber  die  Regierung  kann  diese
Fühlungnahme  des  englischen  Finanzmannes  mit  der  Deutschen  Bank  als
Mittel  zur  Verständigung  in  der  Bagdadfrage  nur  begrüßen.  Diese  Besprechungen
  der  Finanzmänner  waren  von  türkischer  Seite  gewünscht  und
sie  haben  sich  durchaus  in  den  gewünschten  Grenzen  bewegt.  Eine  definitive
Abmachung,  darüber  waren  sich  die  beteiligten  Finanzleute  von  vornherein
klor,  konnte  natürlich  nur  im  Einverständnis  mit  der  türkischen  Regierung,
stattfinden.  Wir  sind  uns  aber  bei  allen  Verhandlungen  bewußt,  daß  in
der  Bagdadfrage  Deutschland  die  führende  Rolle  gebührt  und  daß  Deutschland
  auch  diese  führende  Rolle  erhalten  muß.  Die  neue  Strecke,  deren
Bau  beschlossen  ist,  wird  etwa  sechs  Jahre  Bauzeit  in  Anspruch  nehmen.
Das  Kapital  wird  von  der  Deutschen  Bank  aufgebracht  und  die  Ausführung
liegt  ebenfalls  in  den  Händen  einer  deutschen  Firma.

Der  „Geheimfonds“  des  Auswärtigen  Amts  wird  dem  Antrag  der
Kommission  entsprechend  ohne  die  von  der  Regierung  geforderte  Erhöhung
um  300000  Mark.  also  nur  in  der  früheren  Höhe  von  1  Million  Mark,
bewilligt.  Der  Etat  des  Auswärtigen  Amts  wird  dann  debattelos  genehmigt.

16.  März.  (Elsaß-Lothringen.)  Landesausschuß.  Bei
der  zweiten  Lesung  des  Kultusetats  wird  auch  die  Friedhofsfrage
in  Lothringen  verhandelt.

Dem  Verlangen  des  Abg.  Fick  (Lothr.),  zur  Vermeidung  künftiger
Friedhofsfälle  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  antwortet  Unlerstaatssekrelär
Petri:  Eine  Simultanisierung  der  Friedhöfe  würde  wahrscheinlich  der
Lothringer  Gruppe  nicht  genehm  sein.  Die  andere  Möglichkeit  sei  die
völlige  Trennung  der  Friedhöfe  nach  Konfessionen.  Die  Regierung  glaube,
daß  man  mit  der  heutigen  Gesetzgebung,  die  schon  über  hundert  Jahre  bestehe,
gut  auskommen  könne,  vorausgesetzt,  daß  sie  richtig  angewandt  werde.  Er
habe  Verordnungen  an  die  Bürgermeister  zur  Verhütung  von  Friedhofsfällen
  erlassen.  Es  sei  fraglich,  ob  die  Friedhofefrage  aufgerollt  werden
könne,  ohne  die  konfessionellen  Leidenschaften  zu  erregen.  Eine  weitere
Trennung  einzuführen,  lehne  die  Regierung  jedenfalls  ab.  Abg.  Wolf
(lib.):  Er  sei  sehr  enttäuscht  über  die  Ratlosigkeit  der  Regierung.  Was
in  anderen  Staaten  möglich  sei,  könne  auch  in  Elsaß-Lothringen  geschehen.
Die  Regierung  hätte  einen  Entwurf  ausarbeiten  oder  in  Aussicht  stellen
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        206  Das  Dertisqhe  Reich  und  seine  rinjelnen  Glieder.  (März  16.  17.)

sollen.  Abg.  Ricklin  (Z.)  fordert  die  Lothringer  auf,  eine  Anregung  zu
geben,  wie  sie  sich  eine  neue  Regelung  denken.  Die  lothringischen  Abgg.
Labroise  und  Weber  wünschen,  daß  sich  zur  Ausarbeitung  eines  anderen
Kirchhofgesetzes  die  Regierung  mit  den  Kirchenbehörden  in  Verbindung  setze.
Unterstaatssekretär  Petri  verspricht  sich  von  einem  solchen  Vorgehen  nicht
viel,  da  sich  dabei  diametrale  Anschauungen  gegenüberstehen  würden.  Außerdem
  sei  die  Kirchhofsfrage  rein  der  bürgerlichen  Zuständigkeit  überlassen.
Abg.  Ricklin  (3.)  interpretiert  die  Wünsche  der  Lothringer  nach  der  Richtung
  der  vollständigen  konfessionellen  Trennung.  Abg.  Georg  Wolf  (lib.)
fordert  die  Regierung  nochmals  auf,  eine  Vorlage  auf  modernen  Voraussetzungen
  einzubringen.  Wenn  sie  dann  eine  Niederlage  im  Landesausschusse
erleiden  sollte,  so  könne  ihr  dies  nur  zur  Ehre  gereichen.

16.  März.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Ertrag  der  Eisenbahnen.


Beim  Bericht  über  die  Ergebnisse  des  Betriebes  der  vereinigten
preußischen  und  hessischen  Staatseisenbahnen  im  Rechnungsjahr  1908
schildert  Berichterstatter  Dr.  v.  Burgsdorff  die  gute  Entwicklung  der  Staatseisenbahnen
  und  gibt  dem  Wunsche  Ausdruck,  daß  der  Minister  allen  Vorstößen
  von  sozialdemokratischer  Seite  unter  den  Eisenbahnarbeitern  mit
allem  Nachdruck  entgegentrete.  In  ähnlichem  Sinn  äußert  sich  Graf  Mirbach.
  Eisenbahnminster  v.  Breitenbach:  Die  voraussichtliche  im  Etat
angesetzte  Mehreinnahme  für  1909  im  Betrage  von  83  Millionen  wird
um  65  Millionen  überschritten  werden.  Da  wir  mit  unserer  angesetzten
Mehreinnahme  auskommen,  so  werden  diese  65  Millionen  reiner  Ueberschuß
  sein.  Der  Sozialdemokratie  entgegenzutreten,  habe  ich  von  Anfang
an  als  meine  Ausgabe  betrachtet.  Die  Gehälter  der  Beamten  sind  seit
1899  um  22  Prozent,  die  Löhne  der  Arbeiter  um  24  Prozent  gestiegen.
Mit  den  Löhnen  dürfen  wir  nicht  der  Landwirtschaft,  Industrie  und  Handel
vorauseilen.  Wir  gewähren  den  Arbeitern  außer  dem  Lohn  große  Vorteile,
  wir  halten  sie  in  guten  wie  in  schlechten  Zeiten  und  bei  der  Pensionskasse
  zahlen  wir  die  meisten  Beiträge  über  die  gesetzliche  Grenze  hinaus.

17.  März.  (Berlin.)  Eröffnung  einer  amerikanischen  Kunstausstellung
  in  der  kgl.  Akademie  der  Künste  durch  den  Kronprinzen.

17.  März.  (Bayern.)  Die  Kammer  der  Reichsräte  nimmt
das  Kompromiß  über  das  Malzaufschlagsgesetz  mit  45  gegen  8
Stimmen  an.

17.  März.  (Reichstag.)  Die  Entgleisung  des  Abg.  v.  Oldenburg-Januschau.



Während  der  dritten  Lesung  des  Militäretats  kam  es  zu  heftigen
Zusammenstößen  der  Linken  mi  dem  Abg.  v.  Oldenburg  und  dem  Bizepräsidenten
  Spahn.  Bei  der  Beratung  des  Militäretats  wurde  u.  a.  auch
zurückgegriffen  auf  die  Aeußerungen  des  bayerischen  Kriegsministers  über
die  Ausführungen  des  Abg.  v.  Oldenburg  bei  der  zweiten  Lesung  des
Militäretats,  wo  dieser  etwas  wegwerfend  von  der  Reichsarmee  gesprochen
hatte.  Der  Abg.  v.  Oldenburg  verlangte  beute  eine  Stellungnahme  des
bayerischen  Militärbrvollmächtigten  zu  dieser  Erklärung  des  bayerischen
Kriegeministers.  Der  Militärbevollmächtigte  Frhr.  v.  Gebsattel  erklärte
nun  u.  a.,  daß  dem  bayerischen  Kriegeminister  eine  persönliche  Beleidigung
des  Herrn  v.  Oldenburg  ferngelegen  habe  und  er  nur  von  einer  Entgleisung
und  Geschmacksverirrung  gesprochen  habe.  Der  Abg.  v.  Oldenburg  war
        <pb n="215" />
        Das  Nenische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  18.))  207

mit  dieser  Darlegung  des  Sachverhalts  zufrieden.  Die  Abgg.  Müller-Meiningen,
  Haußmann  und  Noske  gingen  ebenfalls  darauf  ein  und  erklärten,
  daß  Herr  v.  Oldenburg  die  Abfuhr  verdient  habe.  Darauf  antwortete
  Herr  v.  Oldenburg,  die  Kritik  dieser  drei  Herren  könne  ihn  nur
heiter  stimmen,  da  diese  in  Personensachen  einen  Ehrenstandpunkt  überhaupt
  nicht  hätten.  Auf  der  Linken  entstand  ein  furchtbarer  Lärm,  und
fortgesetzte  Rufe  „Zur  Ordnung!“  wurden  laut.  Der  Präsident  Spahn
verstand  sich  aber  zunächst  nicht  zu  einem  Ordnungsruf,  so  daß  der  Lärm
lange  Zeit  auf  der  Linken  anhielt.  Abg.  Haußmann  erwiderte  Herrn
v.  Oldenburg  mit  großer  Schärfe  und  meinte  u.  a.,  der  Kampf,  der  hier
von  Herrn  v.  Oldenburg  in  so  gehässiger  Weise  geführt  werde,  werde  erst
aufhören,  wenn  Herr  v.  Oldenburg  als  Abgeordneter  erledigt  sei  und  damit
  aufhöre,  seine  eigene  Partei  fortgesetzt  zu  kompromittieren.  Die  Abgg.
Mugdan  und  Ledebour  verlangten  in  Aeußerungen  zur  Geschäftsordnung,
daß  der  Abg.  v.  Oldenburg  zur  Ordnung  gerufen  würde.  Auch  der  Abg.
Paasche  (Nl.)  bedauerte  es,  daß  Herr  v.  Oldenburg  nicht  zur  Ordnung  gerufen
  sei.  Jetzt  erst  verstand  sich  Vizepräsident  Spahn  dazu,  den  Herrn
v.  Oldenburg  zur  Ordnung  zu  rufen.

18.  März.  (Sachsen.)  Zweite  Kammer.  In  den  stenographischen
  Bericht  der  Sitzung  vom  9.  März  war  ein  Zwischenruf
„Pfui  Teufel!“  eingefügt  worden,  obwohl  ihn  niemand  gehört  hatte.

Die  Untersuchung  findet  die  Aufklärung  durch  ein  amtliches  Schreiben
des  Ministers  des  Innern  Grafen  Vitzthum  von  Eckstädt  an  das  Präsidium
der  Kammer.  Zum  Erstaunen  der  Kammermehrheit,  die  das  Resultat
mit  Entrüstungsrufen  aufnahm,  ist  festgestellt  worden,  daß  der  Ruf  „Pfui
Teufel!“  auf  Veranlassung  des  Finan  zministers  nachträglich  in  das  Stenogramm
  hineinkorrigiert  worden  ist  und  zwar  von  den  amtlichen  Berichterstattern
  des  Regierungsblattes.  Diese  haben  den  Ruf  auch  nicht
selbst  vernommen,  aber  es  ist  ihnen  mitgeteilt  worden,  daß  er  gefallen  sei.
Sie  haben  dann  beim  Finanzminister  telephonisch  angefragt,  ob  sie  den
Ruf  in  das  zu  ihrer  Verfügung  stehende  amtliche  Stenogramm  hineinkorrigieren
  sollten.  Diese  Ermächtigung  ist  ihnen  vom  Finanzminister  erteilt
  worden,  sie  sind  also  entlastet.  Aber  es  wird  nun  die  Frage  aufgeworfen:
  Wie  kommt  der  Finanzminister  dazu,  eine  derartige  Ermächtigung
  zu  erteilen,  zu  der  ihm  keinerlei  gesetzliches  Recht  zusteht?  Präsident
  Dr.  Vogel  hatte  die  Aenderung  des  Stenogramms  als  eine  tatiächliche
  Fälschung  bezeichnet.  Er  fügte  heute  dem  Schreiben  des  Ministers
des  Innern  zu,  daß  er  mit  jenem  Ausdruck  nur  sagen  wollte,  es  liege
eine  Abänderung  des  amtlichen  Stenogramms  vor;  im  übrigen  habe  er
keine  Veranlassung,  etwas  zurückzunehmen.

18.  März.  (Anhalt.)  Der  Landtag  nimmt  die  Regierungsvorlage
  betr.  Abänderung  der  Ausführungsbestimmungen  zum
Unterstützungswohnsitzgesetz  an.  Danach  wird  den  Frauen  das
Stimmrecht  in  der  kommunalen  Armenpflege  verliehen.

18.  März.  (Berlin.)  Der  Romanist  Professor  Adolf  Tobler  t,
75  Jahre  alt.

18.  März.  Generaloberst  Frhr.  v.  d.  Goltz  nimmt  mit  Ge—
nehmigung  des  Kaisers  einen  Auftrag  der  Argentinischen  Republik
zur  Reise  dorthin  an.
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        208  Das  Beuische  Reich  und  seine  einfelnen  Glieder.  (März  18—23.)

18.  März.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  gibt  bekannt,  daß  den
Kriegsveteranen  von  1870  zum  Besuch  der  Schlachtfelder  Fahrpreisermäßigungen
  auf  den  Strecken  der  Preußisch  Hessischen  Staatsund
  der  Reichseisenbahnen  während  der  Monate  Mai  bis  Dezember
1910  gewährt  werden  sollen.

18.  März.  (Stuttgart.)  Wahlrechtsdemonstration.

Mehrere  Versammlungen  erklären  sich  für  das  gleiche  und  geheime
Wahlrecht  in  Preußen  und  vereinigen  sich  dann  zu  einem  Demonstrationszuge
  vor  die  preußische  Gesandtschaft,  in  deren  Nähe  sie  ein  Hoch  auf  das.
von  ihnen  gewünschte  Wahlrecht  ausbringen.

19.  März.  (Berlin.)  Der  Reichstagsabgeordnete  Dr.  Otto
Hermes  f.  71  Jahre  alt.  Er  war  auch  Direktor  des  Aquariums.

19.  März.  Der  Reichskanzler  reist  nach  Rom,  um  dem  König
von  Italien  seine  Aufwartung  zu  machen.

20.  März.  (Regensburg.)  Delegiertentag  der  liberalen
bayerischen  Kreisvereine.  Die  nationalliberale  Landespartei  hatte
die  Teilnahme  abgelehnt.

20.  März.  (Posen.)  Durch  Verfügung  des  Kultusministers
ist  bestimmt  worden,  daß  bei  dem  Studium  der  neueren  Sprachen
zwei  Semester  an  der  Akademie  zu  Posen  auf  die  vorgeschriebene
Studiendauer  von  drei  Jahren  angerechnet  werden.

22.  März.  (Dresden.)  Der  Bildhauer  Johannes  Schilling,
Schöpfer  des  Niederwald-National-Denkmales  f,  81  Jahre  alt.

22.  März.  Eröffnung  des  deutschen  Kabels  Teneriffa-Monrovia.

Ende  März.  (Bayern.)  Der  10.  Jahrgang  des  Statistischen
Jahrbuches  ergibt,  daß  die  Bevölkerung  Bayerns  1871  gegen
5  Millionen,  1909  nicht  ganz  7  Millionen  Einwohner  betrug,  also
weniger  stark  gewachsen  sei  als  im  übrigen  Reich.

Der  verhältnismäßig  stark  agrarische  Charakter  Bayerns  ergibt  sich
daraus,  daß  in  Bayern  40  Prozent  der  Bevölkerung  in  der  Landwirtschaft
  beschäftigt  sind,  im  Gewerbe  und  Handel  44,9  Prozent.  Im  Reiche
treffen  auf  die  landwirtschaftliche  Bevölkerung  nur  28,7  Prozent  und  auf
die  in  Industrie,  Gewerbe  und  Handel  beschäftigte  Bevölkerung  56,2  Prozent.
Nach  dem  Religionsbekenntnis  wurden  1905  in  Bayern  4608000  Katholiken,
1815000  Protestanten  und  Resormierte,  55  300  Israeliten  und  15900  Angehörige
  anderer  Konfessionen  gezählt.  Von  Ausländern  wohnen  in  Bayern
in  runden  Ziffern  96000  Oesterreicher,  6500  Schweizer,  7000  Italiener,
900  Engländer,  beinahe  3000  Russen  und  2000  Amerikaner.

23.  März.  (Berlin.)  Die  Stadtverordnetenversammlung
beschloß  mit  großer  Mehrheit,  den  Magistrat  zu  ersuchen,  bei  den
Staatsbehörden  dahin  zu  wirken,  daß  Versammlungen  unter  freiem
Himmel  und  Umzüge,  von  denen  eine  Gefahr  für  die  öffentliche
        <pb n="217" />
        Das  Beeische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.)  209

Sicherheit  nicht  zu  befürchten  ist,  im  Rayon  Berlin  nicht  gehindert
werden.

23.  März.  Englisch-deutsche  Polemik  über  den  deutschen
Flottenausbau.

Herr  Mcstenna,  der  erste  Lord  der  Admiralität,  führte  nach  dem
Official  Report  am  14.  März  1910  —  unterbrochen  durch  Zwischenfragen
—  wörtlich  aus:  „Im  August  1907  wurden  4  deutsche  Dreadnoughts  auf
Stapel  gelegt,  „Nassau“,  „Westfalen“",  „Rheinland“,  „Posen“.  Von  diesen
vier  Schiffen  wurde  die  „Nassau“  gebaut,  fertig  und  in  Dienst  gestellt  in
2  Jahren  2  Monaten  (26  Monaten)  vom  August  1907,  dem  Datum  der
Kielstreckung,  ab  gerechnet.  „Westfalen“  wurde  fast  unmittelbar  danach  in
Dienst  gestellt.  „Rheinland“  und  „Posen“  sind  zwar  noch  nicht  in  Dienst
gestellt,  aber  sie  sind  dazu  bereit  und  hätten  schon  seit  einiger  Zeit  in
Dienst  gestellt  werden  können,  wenn  es  erforderlich  gewesen  wäre.  Dies
sind  die  4  „Dreadnoughts“,  von  denen  ich  weiß,  daß  sie  im  August  1907
auf  Stapel  gelegt  sind,  und  die  nach  26  Monaten  hätten  in  Dienst  gestellt
werden  können.“  „Die  vier  Schiffe  des  Etatsjahres  1910.11  können  am
1.  April  auf  Stapel  gelegt  werden,  und  ich  nehme  an,  daß  sie,  wenn  hierzu
  ein  Zwang  oder  eine  Notwendigkeit  vorliegt,  ebenso  schnell  wie  die
„Nassau“  und  die  „Westfalen“  fertiggestellt  werden  können.“  „Diese  vier
Schiffe  können  oder  werden  möglicherweise  am  1.  April  1910  auf  Stapel

elegt  werden  und  können,  wenn  man  die  früheren  Erfahrungen  berückichtigt,
  in  zwei  Jahren  zwei  Monaten,  von  diesem  Datum  an  gerechnet,
in  Dienst  gestellt  werden.“  Ferner  auf  die  Anfrage,  wann  diese  Schiffe
vergeben  sind:  „Das  Datum  der  Zusicherung  (order)  ist  nicht  von  Bedentung.
Das  Datum  der  Vergebung  (official  order)  ist  wichtiger,  weil  die  Mitteilung
an  die  Bauwerft,  daß  der  Auftrag  erfolgen  wird,  vor  dem  1.  April  erfolgen
  kann  und  in  der  Tat  vorher  erfolgt  ist.  Wir  müssen  das  Datum
der  Vergebung  (date  of  the  official  order)  berücksichtigen.  Wir  wissen,
daß  von  dem  Datum  der  Vergebung  oder  von  dem  Datum  der  Stapellegung
  (laying  down)  an  gerechnet  zwei  Jahre  und  zwei  Monate  für  die
Fertigstellung  erforderlich  sind.“  Hierauf  antwortet  die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“
halbamtlich:  Die  Auslassungen  enthalten  Irrtümer,  die  nicht  unwidersprochen
bleiben  dürfen.  Zunächst  sei  erwähnt,  daß  der  englische  Premierminister
sich  in  Uebereinstimmung  mit  maßgebenden  deutschen  Ausichten  über  die
Begriffe  „Datum  des  Bauauftrages“  und  „Kiellegung“  am  26.  Juli  1909
wie  folgt  geäußert  hat:  „Wir  verstehen  unter  Baubeginn  die  Erteilung
des  Bauauftrages  (effective  order#.“  „Der  genaue  Moment  der  Kielstreckung
  ist  praktisch  von  keiner  Bedeutung.“  In  Deutschland  ist  der  geitpunkt
  der  Vergebung  bezw.  der  Erteilung  des  Bauauf#trages  (date  of
official  order,  effective  order),  der  ja  auch  für  Herrn  Mefenna  den  Ausgangspunkt
  bildet,  abhängig  von  der  Bewilligung  der  ersten  Baurate
durch  die  gesetzgebenden  Körperschaften,  d.  h.  zeitlich  von  dem  Beginn  des
Etatsjahres,  für  das  die  Bewilligung  erfolgt.  Die  Vergebung  eines
Neubaues  vor  dem  1.  April  würde  gegen  gesetzliche  Bestimmungen  verstoßen
  und  ist  daher  nicht  möglich.  Wenn  daher  der  Bauauftrag  nicht
durch  äußere  Umstände  —  konstruktive  Erwägungen,  verspäteter  Abschluß
der  Reichsdebatten,  Verhandlungen  mit  den  Bauwerften  —  eine  Verzögerung
  erfährt,  wird  der  Bauauftrag  im  April  des  Bewilligungsjahres
erteilt  und  muß  mit  diesem  Datum  als  Beginn  des  Baues  gerechnet  werden.
Nach  den  im  vorigen  Jahre  vor  dem  Reichstage  amtlich  abgegebenen  Erklärungen
  des  Reichskanzlers  und  des  Staatssekretärs  des  Reichsmarineamts

Europäischer  Geschichtskalender.  LI.  14
        <pb n="218" />
        210  Des  Dentsqe  Reith  und  seine  einjelnen  Glieder.  (März  23.  —31.)

werden  bei  den  deutschen  Linienschiffen  die  für  den  Bau  erforderlichen
Summen  in  vier  Jahresraten  angefordert,  und  es  beträgt  demnach  die
Bauzeit  etwa  36—40  Monate.  Hiernach  ist  der  ungefähre  Zeitpunkt  der
Fertigstellung  für  jedes  Linienschiff  leicht  zu  errechnen.  Die  nachstehende
Zusammenstellung  zeigt,  daß  das  tatsächliche  Verfahren  bei  dem  Bau  der
vier  fertigen  oder  jetzt  nahezu  fertigen  Schiffe  der  Nassau-Klasse  in  voller
Uebereinstimmung  mit  den  vorstehenden  Erklärungen  steht.

Jahr  der  Tag  der  Ver-  Tag  der  In-  Hiernach

Bewilli-  gebung  dienststellung  zu  Bauzeit
Schiff  gung  der  an  die  zu  Probe-  in
1.  Rate  Bauwerft  fahrten  Monaten
„Nassau"  1906  31.  5.  06  1.  10.  1909  40
„Westfalen“"  1906  30.  10.06  16.  11.  1909  37
„Rheinland“  1907  2.  4.  07  Mai  1910  37
(in  Aussicht
genommen)
„Posen“  1907  2.  4.  07  April  1910  36
(in  Aussicht
genommen)
Durchschnitt  38.6
Monate.

Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  schließt  ihre  Ausführungen  wie  folgt:  Demnach
  ist  Herr  Me  Kenna  im  Irrtum,  wenn  er  für  die  Schiffe  der  Nassau-Klasse
  eine  Bauzeit  von  26  Monaten  annimmt.  Auch  die  auf  diese  Voraussetzung
  aufgebaute  Mutmaßung,  daß  die  1910  bewilligten  deutschen
Schiffe  eine  Baubeschleunigung  auf  26  Monate  erfahren  könnten  oder  würden,
entbehrt  jeder  Basis.  Deutschland  wird,  wie  mehrfach  amtlich  erklärt  ist,
im  Jahre  1912  —  und  zwar  im  Herbst  dieses  Jahres!  —  nur  „13“  große
Schiffe  —  nicht,  wie  Herr  Mchenna  als  möglich  bezeichnet  hat,  „17"  —
verwendungsbereit  haben.

23.  März.  (Hamburg.)  Antrag  auf  Erweiterung  des  Hafens.

Der  Bürgerschaft  ist  ein  Senatsantrag  auf  Erweiterung  des  Hamburger
  Hafens  mit  einem  Kostenaufwande  von  45  Millionen  zugegangen.
Diese  Erweiterungen  sollen  auf  dem  Gelände  angelegt  werden,  das  Preußen
im  Köhlbrandvertrag  an  Hamburg  abgetreten  hat.

26.  Märg.  Die  Denkschrift  über  das  Ansiedlungswesen  in
Posen  und  Westpreußen  geht  dem  Landtage  zu.

1909  wurden  17  Rittergüter,  12  andere  Güter  und  50  Bauernwirtschaften
  mit  einer  Gesamtfläche  von  21085  ha  für  27  Millionen  Mark
erworben.  Davon  aus  polnischer  Hand  5  Güter  und  23  Bauernwirtschaften
mit  3457  ha  Fläche.  Im  ganzen  hat  die  Kommission  bis  Ende  1909  für
Landerwerb  350  Millionen  Mark  ausgegeben  und  17051  Ansiedlerfamilien
(102300  Personen:  angesetzt.

30.  März.  (Mülheim  a.  Rh.)  Eisenbahnunglück.

Vor  dem  Bahnhof  Mülheim  bei  Köln  a.  Rhein  fährt  der  Expreßzug
  des  Norddeutschen  Lloyd  und  der  Hamburg-Amerika-Linie  auf  einen

Sonderzug  mit  heimkehrenden  Militärurlaubern.  21  Soldaten  werden  getötet
  und  100  verletzt.

31.  März.  (Anhalt.)  Der  Landtag  nahm  den  Gesetzentwurf
an,  der  die  Haftung  des  Staates  für  Amtspflichtverletzungen  seiner
        <pb n="219" />
        Das  Denische  Reith  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Maärz  Ende  —  April  7.)  211

Beamten  bei  Ausübung  der  öffentlichen  Gewalt  regelt.  Danach
haftet  der  Staat  ausschließlich  und  unmittelbar.

Ende  März.  Viel  besprochen  wird  in  der  deutschen  Presse
ein  Artikel  des  Prof.  v.  Schmoller  in  der  „Neuen  Freien  Presse".

Darin  wird  mit  Berufung  auf  den  Feldmarschall  Manteuffel  die
Bevorzugung  unfähiger  Adliger  im  Offizierkorps  von  1840—1857  und  die
dann  folgende  Reinigung  berührt  und  mit  Berufung  auf  den  Minister
von  Herfurth  die  Zurückdrängung  des  Junkertums  in  der  Zivilverwaltung
bei  den  Landräten  und  Regierungspräsidenten  als  Notwendigkeit  für  die
Zukunft  hingestellt.

1.  April.  Tannenberg-Spenden.

Der  Hauptvorstand  des  deutschen  Ostmarkenvereins  erläßt  einen  Aufruf
  zu  Beiträgen  für  den  Ostmarkenschatz  zum  Besten  des  Deutschtums  in
den  Grenzprovinzen.

1.  April.  (Lübeck.)  Die  Bürgerschaft  verabschiedete  das
Staatsbudget.

Dieses  schließt  bei  14033000  Mark  mit  einem  Defizit  von  598441  Mark
ab,  das  durch  Zuschläge  zur  Einkommensteuer  von  20  Prozent  gedeckt  werden
soll.  Die  Bürgerschaft  faßte  eine  Resolution,  worin  die  Notwendigkeit  der
Erschließung  neuer  Einnahmequellen  betont  wird.

1.  April.  (Düsseldorf.)  Der  Maler  Andreas  Achenbach  #,,
94  Jahre  alt.

1.  April.  Ein  angeblicher  „Zwischenfall“  an  der  Küste  der
Republik  Liberia.

Das  Wolffsche  Bureau  tritt  den  französischen  und  englischen  Meldungen
  entgegen,  daß  das  deutsche  Kanonenboot  „Sperber"“  in  Kap  Palmas
versucht  habe,  Truppen  zu  landen  und  von  den  liberianischen  Behörden
aufgefordert  worden  sei,  sich  zu  entfernen.  In  Wirklichkeit  sei  „Sperber“
am  23.  Februar  infolge  eines  Telegramms  von  deutschen  Firmen,  die  um
Schutz  der  Europäer  gegen  aufständische  Eingeborene  baten,  auf  der  Rückreise
  von  Lome  nach  Duala  in  Kap  Palmas  vor  Anker  gegangen.  Dort
sind  zwar  Schüsse  zwischen  den  aufständischen  Grebos  und  den  liberianischen
Truppen  gewechselt  worden;  da  aber  der  „Aufstand“  mehr  komisch  als
ernsthaft  war  und  ein  liberianisches  Kriegsschiff  vor  Anker  lag,  habe  das
Kanonenboot  seine  Reise  am  Tage  nach  der  Ankunft  fortgesetzt.

2.  April.  (Bielefeld.)  Der  durch  seine  soziale  Fürsorge
bekannte  Pastor  Friedrich  v.  Bodelschwingh,  Gründer  der  Anstalt
Bethel,  f,  79  Jahre  alt.

5.  April.  (Reuß  ä.  L.)  Infolge  dauernder  Verhinderung
des  Fürsten  übernimmt  der  Erbprinz  die  Regentschaft.

5.  April.  (Anhalt.)  Der  Landtag  nimmt  mit  19  gegen
17  Stimmen  die  direkte  Wahl  in  den  Städten  an,  lehnt  sie  aber
für  das  platte  Land  ab.

7.  April.  (Berlin.)  Der  Poligeipräsident  v.  Jagow  gibt
die  von  ihm  erst  verweigerte  Erlaubnis  zur  Abhaltung  einer  Ver-14*
        <pb n="220" />
        212  JNos  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (April  7.—8.)

sammlung  der  „Demokratischen  Vereinigung“  unter  freiem  Himmel
im  Humboldthain.

7.  April.  (Berlin.)  Die  Stadtverordnetenversammlung  genehmigt
  den  Kauf  des  an  das  Tempelhofer  Feld  angrenzenden

„Aufmarschgeländes“  vom  Militärfiskus  für  6,3  Millionen  Mark.
Zur  größeren  Hälfte  soll  dies  zur  Erweiterung  des  Viktoriaparkes  dienen.

7.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Schifffahrtsabgaben.


Bei  der  2.  Lesung  des  Etats  der  Bauverwaltung  sprechen  viele
Redner  auch  über  die  Schiffahrtsabgaben,  die  sie  besonders  für  die  Oder
recht  niedrig  wünschen.  Dazu  erklärt  Minister  v.  Breitenbach:

Wenn  Schiffahrtsabgaben  erhoben  werden,  so  werden  sie  sehr  geringfügig
  sein.  Es  wird  außerordentlich  sohwer  sein,  für  einen  Strom  noch
geringere  Abgaben  zu  erheben,  als  für  die  anderen  vorgesehen  ist.  Eine
Belastung  von  11  Pf.  pro  Tonne  für  eine  Strecke  von  mehr  als  100  Kmtr.
ist  außerordentlich  wenig.  Der  Verkehr  Stettins  hat  keinen  Rückgang  erfahren.
  Er  hat  von  1900  bis  1907  eine  Zunahme  von  40  v.  H.  Gütertonnen
  aufzuweisen.  Das  sind  pro  Jahr  etwa  5  v.  H.  Für  die  Erhaltung
der  Seeschiffahrtsstraße  trägt  der  Staat  schwere  Lasten.  Das  Anlagekapital
hat  sich  im  Jahre  1908  nur  mit  112  v.  H.  verzinst.  Es  fehlten  nicht  weniger
als  614000  Mark.  Es  ist  also  durchaus  berechtigt,  daß  die  Interessenten,
die  mit  der  Gesamtanordnung  einverstanden  waren,  zu  den  Lasten  beitragen.
Die  Straße  ist  für  Stettin  durchaus  segensreich  gewesen.  Die  Frage  der
Ermäßigung  der  oberschlesischen  Gaskohlentarife  hat  in  Interessentenkreisen.
eine  gewisse  Aufregung  verursacht.  Auch  aus  Stettiner  Kreisen  ist  eine
Eingabe  gegen  diese  Ermäßigung  eingelaufen.  Eine  Entschließung  meinerseits
  in  dieser  Frage  ist  noch  nicht  erfolgt.  Sie  wird  erst  im  Zusammenhang
  mit  einer  anderen  Entscheidung  über  weitere  Tarifermäßigungen
bezüglich  anderer  oberschlesischer  Erzeugnisse  bekannt  gegeben  werden.  Für
die  Entwicklung  des  Stettiner  Hasens  haben  wir  alles  getan,  was  möglich
war.  Der  Hinweis  auf  Lübeck  und  Hamburg  trifft  nicht  zu.  Das  sind
reine  Handelsstaaten,  die  ihr  ganzes  Interesse  auf  ihren  eigenen  Handelsplatz
  verwenden  können.  Der  preußische  Staat  hat  viel  weitergehende
Aufgaben  und  Pflichten.  Er  darf  nicht  in  vollem  Maße  eintreten  für
die  speziellen  Interessen  eines  einzelnen  Handelsplatzes.  Wenn  Sie  die
Aufwendungen  für  die  Ostseeplätze  vergleichen,  so  steht  Stettin  fast  an
erster  Stelle.

8.  April.  Erlaß  des  Kriegsministers  an  die  Generalkommandos

zur  Stärkung  des  Sinnes  für  das  Militärische  bei  der  Jugend.

Die  Schüler  sollen  bei  Paraden,  Manövern  und  in  interessanten
Uebungen  zugelassen  und  über  die  Vorgänge  unterrichtet  werden.  Die
Exerzierhäuser,  Turnhallen,  Schwimmanstalten  sollen  unentgeltlich  überlassen
  werden.  Bei  den  Spielen  und  turnerischen  Wettkämpfen  der  Jugend
sollen  Offiziere  und  Unteroffiziere  fördernd  teilnehmen.

8.  April.  Reichstagsersatzwahl.  In  Posen-Stadt  kommt  der
Oberbürgermeister  Dr.  Wilms  als  Kandidat  der  Deutschen  mit  dem
polnischen  Demokraten  Nowicki  in  die  Stichwahl.  Die  Polen  hatten
außerdem  noch  zwei  andere  Kandidaten  aufgestellt.
        <pb n="221" />
        Das  Denische  Reih  nad  seine  einzelnen  Glieder.  (April  8.—12.)  213

8.  April.  Da  die  Verhandlungen  über  den  neuen  Tarif  der
Bauarbeiter  trotz  der  Einwirkung  des  Reichsamtes  des  Innern  gescheitert
  find,  so  erklärt  der  Arbeitgeberbund  für  das  Baugewerbe
zum  15.  April  die  Aussperrung  aller  Bauarbeiter  außer  in  Berlin
und  Hamburg.

10.  April.  Wiederholung  der  Wahlrechtskundgebungen  in
Berlin,  Bochum,  Bremen,  Dortmund,  Elberfeld,  Hanau,  Köln,
Leipzig,  Magdeburg,  München-Gladbach  usw.  Überall  wird  musterhafte
  Ordnung  gehalten.

11.  April.  Der  Bundesrat  nimmt  einen  im  Reichsschatzamt
ausgearbeiteten  Entwurf  eines  Reichswertzuwachssteuergesetzes  an.

11.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  In  der
Budgetkommission  wird  der  Ankauf  der  Florabüste  von  allen  Seiten
gebilligt  und  der  bezahlte  Preis  von  160000  Mark  sehr  gering
befunden.  Der  Polemik  über  die  Echtheit  verdankt  das  Museum
Geschenke  im  Werte  von  120000  Mark,  die  von  Kunsthändlern  des
In=  und  Auslandes  dem  Geheimrat  Bode  aus  persönlicher  Hochachtung
  dargebracht  worden  find.

12.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Wiederholung
  der  Abstimmung  über  die  Wahlrechtsvorlage  (s.  ob.  S.  200).

Nach  zweistündiger  Verhandlung  wird  die  Generaldebatte  geschlossen.
In  der  Spezialberatung  wird  das  Resultat  der  dritten  Lesung  unverändert
angenommen.  Dagegen  stimmten  Freikonservative,  Nationalliberale,  Fortschrittliche
  Volkspartei,  Polen  und  Sozialdemokraten.  Dabei  schnitt  die
Majorität  jede  Beratung  durch  die  Taktik  ab,  sich  bei  jedem  Paragraphen
zum  Wort  zu  melden,  aber  sofort  zu  verzichten  und  einen  gleichzeitigen
Antrag  auf  Schluß  der  Debatte  anzunehmen.  Infolgedessen  kommt  es  zu
einer  erregten  Geschäftsordnungedebatte,  in  der  die  Sozialdemokraten  Ströbel
und  Liebknecht  über  schnöde  Vergewaltigung  klagen,  aber  auch  der  nationalliberale
  Dr.  Friedberg  und  der  fortschrittliche  Dr.  Müller  das  Verfahren
der  Majorität  mißbilligen.

12.  April.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Die  Nachtragsforderung
  von  400000  Mark  im  Postetat  zur  Ablösung  der  Portofreiheit
  des  Fürstlichen  Hauses  von  Thurn  und  Taxis  wird  mit
großer  Majorität  angenommen.

12.  April.  (Preußen.)  Landtagsersatzwahl.

Im  6.  Berliner  Wahlkreis  wird  der  Sozialdemokrat  Hoffmann  mit
416  gegen  68  Stimmen  gewählt.  Die  Fortschrittspartei  hatte  Wahlenthaltung
  proklamiert.

12.  April.  (Reichstag.)  Eine  Petition  der  Berliner  Fleischerinnung
  auf  Offnung  der  Grenzen  für  die  Einführung  von  lebendem
Schlachtvieh  und  auf  gänzliche  Aufhebung  oder  zeitweilige  Herab-
        <pb n="222" />
        214  Des  Vesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder  (April  13.)

setzung  der  Viehzölle  wird  auf  Antrag  der  Kommission  durch  Übergang
  zur  Tagesordnung  erledigt.

13.  April.  Angesichts  der  Nachgiebigkeit  der  Polizei  bei  der
Zulassung  der  Wahlrechtskundgebungen  schreibt  die  „Kons.  Korr.“:

„Soll  man  sich  auch  in  Preußen  wie  in  anderen  Ländern  daran
gewöhnen  lernen,  die  Rechte  des  Volkes  nicht  von  der  geordneten  parlamentarischen
  Vertretung,  sondern  von  der  ungeordneten  Masse  der  Straße  vertreten
  zu  sehen,  dann  wird  es  schlimm  um  die  Ruhe  des  Landes  bestellt  sein.“

13.  April.  (Hamburg.)  Die  Bürgerschaft  bewilligt  auf
Antrag  des  Senats  einstimmig  1339300  Mark  zur  Erbauung  eines
Instituts  für  Schiffs=  und  Tropenkrankheiten.

13.  April.  (Berlin.)  Bei  dem  Festmahl  des  deutschen  Handelstages

  hält  der  Reichskanzler  eine  Rede:

„Hand  in  Hand  mit  der  Entfaltung  unseres  inneren  Marktes  ist
eine  gewaltige  Erweiterung  unseres  Exportes  gegangen,  und  es  ist  damit,
wie  ich  es  schon  einmal  an  anderer  Stielle  ausgesprochen  habe,  die  Pflege
unserer  ausländischen  Wirtschafteinteressen  zu  einer  der  wichtigsten  Aufgaben
  unserer  auswärtigen  Politik  geworden.  Sie  selbst,  meine  Herren,
können  es  aber  auch  am  zuverlässigsten  beurteilen,  wie  diese  Aufgabe  mit
jedem  Tag  komplizierter  und  vielseitiger  geworden  ist,  je  mehr  für  alle
Völker  die  Wirtschaftsfragen  zu  Weltfragen  geworden  sind."“

13.  April.  (Saßnitz.)  Marineunfall.

Bei  einer  Nachtübung  des  Verbandes  der  Schul=  und  Versuchsschiffe
wird  das  Torpedoboot  „8  122“  von  dem  kleinen  Kreuzer  „München“  mitschiffs
  gerammt.  Zwei  Maschinisten  finden  ihren  Tod.

13.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Verschärfung

  der  Geschäftsordnung.

Entsprechend  dem  konservativen  Antrag  wird  die  Bestimmung  in
die  Geschäftsordnung  ausgenommen,  daß  im  Falle  besonders  grober,  die
Würde  des  Hauses  schädigender  Verletzung  der  Ordnung  der  Präsident
den  Abgeordneten  für  den  Rest  des  Tages  von  der  Sitzung  ausschließen
kann.  Weiter  kann  auf  Vorschlag  des  Präsidenten  das  Haus  einen  Abgeordneten
  aus  den  Sitzungsräumen  einschließlich  der  Tribüne  ausweisen
und  zwar  bis  zur  Dauer  von  6,  im  Wiederholungsfalle  während  derselben
Tagung  bis  zur  Dauer  von  12  Sißungstagen.  Der  Präsident  hat  die
erforderlichen  Maßnahmen  zu  treffen,  die  Ausschließung  oder  Ausweisung
durchzuführen.  Er  kann  hierzu  die  Sitzung  auf  bestimmte  Zeit  aussetzen
und  den  Sitzungssaal  sowie  die  Tribünen  räumen  und  das  ausgeschlossene
Mitglied  aus  den  betreffenden  Räumen  entfernen  lassen,  auch  seinen  Wiedereintritt
  verhindern.  Gegen  den  Ordnungsruf  oder  die  Ausschließung  durch
den  Präsidenten  kann  der  betreffende  Abgeordnete  spätestens  am  folgenden
Tage  schriftlich  Einspruch  erheben.  Das  Haus  entscheidet  frühestens  in  der
nächsten  Sitzung  ohne  Besprechung,  ob  der  Ordnungsruf  oder  die  Ausschließung
  gerechtfertigt  war.  Erfolgt  während  der  Dauer  der  Ausschließung
oder  Ausweisung  eine  Abstimmung  über  eine  Gesetzesvorlage,  bei  der  die
Stimme  des  abwesenden  Abgeordneten  hätte  ausschlaggebend  sein  können,
so  wird  die  Abstimmung  in  der  ersten  Sitzung  nach  Ablauf  der  Ausschließung
  oder  Ausweisung  wiederholt.
        <pb n="223" />
        Das  Veuische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  14.)  215

14.  April.  Reichstagsersatzwahl.
InOletzko-Lyck-Johannisburg,  dem  Wahlkreise  des  verstorbenen  Reichstagspräsidenten
  Grafen  Stolberg,  wird  der  nationalliberale  Gutsbesitzer

Kochan  mit  12829  Stimmen  gegen  den  konservativen  Landrat  Krämer
(10325)  und  den  sozialdemokratischen  Parteisekretär  Linde  (914)  gewählt.

14.  April.  (Berlin.)  Auf  Veranlassung  des  Handelstages
hält  Staatssekretär  Dernburg  im  Mozartsaal  einen  Vortrag  über
Baumwollfragen.

14.  April.  (Halle.)  Professor  Julius  Kühn,  Begründer
des  landwirtschaftlichen  Instituts,  f.  85  Jahre  alt.

14.  April.  (Reichstag.)  Der  deutsch-schwedische  Handelsvertrag

soll  bis  zum  1.  Dezember  1911  verlängert  werden.  Das  Haus  nimmt
die  Vorlage  in  erster  und  zweiter  Lesung  an.

14.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Zweite  Beratung
  des  Eisenbahnetats,  Kapitel  „Besoldungen“.

Abg.  Leinert  (Sd.)  eifert  gegen  die  ungenügenden  Löhne  der  Eisenbahnarbeiter,
  die  nur  85  bis  96  Mark  monatlich  verdienen,  während  zur
Renovierung  der  Wohnung  eines  Eisenbahndirektionspräsidenten  6000  bis
20000  Mark  aufgewendet  werden.  Das  Koalitionsrecht  sei  eine  zweifellos
gerechtfertigte  Forderung  der  Eisenbahner.

Minister  v.  Breitenbach:  Ich  habe  keine  Veranlassung,  dem  Vedrredner
  sachlich  zu  antworten.  Er  hat  offenbar  eine  Reihe  von  Wendungen
nur  gebraucht,  damit  sie  aus  diesem  Hause  ins  Land  hinausschallen  und
das  Vertrauen  zur  Verwaltung  und  ihrer  Autorität  untergraben.  Was
soll  man  zu  folgenden  Sätzen  sagen:  die  Regierung  sieht  mit  stoischer  Ruhe
zu,  wie  sich  die  Lage  der  Arbeiter  verschlechtert  ..  von  Wohlwollen  kann
der  Arbeiter  nicht  leben,  er  muß  hungern  .  was  wir  tun,  ist  unsittlich
wir  behandeln  die  Arbeiter  mit  Zuckerbrot  und  Peitsche.  .  Ich  freue  mich
über  diese  Zusammenstellung  von  Phrasen.  Glauben  Sie,  daß  die  Arbeiterschaft
  der  Staatseisenbahnverwaltung  auf  solche  Phrasen  reagiert?  (Zuruf
des  Abg.  Hoffmann  (Sd.):  Tagelohn  1.90  Mark  ist  keine  Phrasel)  Die
bürgerlichen  Parteien  des  Reichstags  haben  ja  immer  anerkannt,  daß  die
Regierung  Streiks  der  Eisenbahnarbeiter  entgegentreten  muß.  Auf  die
rechtlichen  Ausführungen  des  Abg.  Leinert  über  das  Koalitionsrecht  der
Arbeiter  gehe  ich  nicht  ein.  Die  Verwaltung  steht  nach  wie  vor  auf  dem
Standpunkt,  daß  Eisenbahnarbeiter,  die  sich  sozialdemokratischen  Verbänden
anschließen,  entlassen  werden.  (Zuruf  des  Abg.  Ströbel  (Sd.):  Das  sind
ja  auch  nur  Phrasen.  Präsident  v.  Kröcher:  Diese  Zwischenrufe  entsprechen
nicht  der  Ordnung  des  Hauses.  Abg.  Ströbel  spricht  vor  sich  hin:  Na
mit  der  Ordnung  weiß  ja  der  Präsident  selber  nicht  recht  Bescheid,  das
hat  sich  ja  vorgestern  gezeigt.  Ein  konservativer  Abgeordneter  berichtet
diese  Aeußerung  den  Mitgliedern  der  Rechten  und  dem  Präsidenten.  Auf
der  rechten  Seite  ertönen  laute  Rufe:  Unerhört!  Zur  Ordnung!)

Präsident  v.  Kröcher:  Ich  rufe  den  Herrn  nicht  zur  Ordnung.  Es
nützt  ja  nichts,  ich  habe  kein  Mittel.  Ich  kann  ihn  nur  ersuchen,  sich  zu
benehmen,  wie  es  unter  königstreuen  Leuten  Sitte  ist.  (Lachen  b.  d.  Sd.)
Her-  Abgeordneter,  Sie  sind  ja  auch  ein  königstreuer  Mann,  denn  Sie

aben  dem  Könige  Treue  und  Gehorsam  geschworen.  (Erneute  Zurufe  b.
d.  Sd.:  Den  Witz  haben  Sie  ja  schon  einmal  gemacht.  Entrüstete  Zurufe  r.:
Zur  Ordnung!)  Sie  können  nicht  verlangen,  daß  ich  den  Abgeordneten
        <pb n="224" />
        216  Jas  Verische  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (April  15.)

zur  Ordnung  rufe.  Ich  habe  kein  Mittel,  Ruhe  zu  schaffen.  Sie  müssen
mir  eine  Geschäftsordnung  schaffen,  mit  der  ich  es  kann.

15.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)

Bei  Beginn  der  Sitzung  kamen  Redner  der  Rechten  und  dann  aller
anderen  Parteien  auf  den  Zwischenfall  am  14.  April  zurück.  Der  Präsident
teilt  mit,  daß  er  seine  frühere  Anordnung.  Zwischenrufe  nicht  in  das  amtliche
  Stenogramm  aufzunehmen,  rückgängig  gemacht  habe;  es  sollen  die
Zwischenrufe  also  künftig  in  die  parlamentarischen  Berichte  wieder  aufgenommen
  werden.  Ferner  sollen  die  Berichte  über  die  gestrige  und  die
heutige  Sißung  der  Geschäftsordnungskommission  vorgelegt  werden,  damit
diese  untersuche,  ob  sie  an  ihren  Beschlüssen  über  die  Geschäftsordnung  des
Hauses  noch  etwas  zu  ändern  habe.

15.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Wahlrechtsvorlage.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  In  Erfüllung  der  in
der  Thronrede  gegebenen  Verheißung  einer  Reform  des  Wahlrechts  zum
Abgeordnetenhause  hat  die  Regierungsvorlage  unter  Festhaltung  an  der
Oeffentlichkeit  des  Wahlverfahrens  die  indirekte  Wahl  durch  die  direkte
ersetzt  und  für  die  Zuweisung  der  einzelnen  Wähler  zu  den  drei  Wahlabteilungen
  neben  den  Merkmalen  der  Steuerleistung,  denen  durch  die
Maximierung  des  anrechnungsfähigen  Steuerbetrages  eine  veränderte  Bedeutung
  gegeben  wurde,  aushilfsweise  neue  Merkmale  der  Bildung  und
und  Erfahrung  aufgestellt.  Das  Abgeordnetenhaus  hat  es  abgelehnt,  auf
den  Boden  des  Regierungsentwurfes  zu  treten  und  hat  in  geradem  Gegensatze
  zu  ihm  die  indirekte  Wahl  beibehalten,  für  die  Wahl  der  Wahlmänner
aber  das  geheime  Wahlverfahren  beschlossen.  Ich  habe  mich  im  Abgeordnetenhause
  ausführlich  über  die  Gründe  ausgesprochen,  aus  denen  die  Regierung
  Bedenken  getragen  hatte,  die  dem  bestehenden  Recht  begründete
Oeffentlichkeit  des  Wahlverfahrens  aufzugeben,  und  aus  denen  sie  den  Uebergang
  von  der  indirekten  zur  direkten  Wahl  anempfahl.  Die  Regierung
hält  auch  heute  noch  diese  Gründe  für  zutreffend  und  würde  an  ihren  Vorschlägen
  mit  der  größten  Entschiedenheit  festgehalten  haben,  wenn  sie  sich
irgend  einen  positiven  Erfolg  davon  hätte  versprechen  können.  Die  Möglichkeit
  dazu  aber  war  abgeschnitten,  nachdem  sich  aus  der  Stellung  der
Parteien  im  Abgeordnetenhause  klar  ergeben  hatte,  daß  seine  Mehrheit  die
Beibehaltung  der  öffentlichen  Wahl  ablehnt.  Die  Regierung  sah  sich  deshalb
  vor  die  Frage  gestellt,  ob  sie  beim  Festhalten  an  ihren  Vorschlägen
schon  dort  die  Vorlage  scheitern  lassen  und  damit  zugleich  dem  Herrenhause
die  Möglichkeit  nehmen  sollte,  sein  Votum,  auf  dessen  Abgabe  die  Staatsregierung
  das  größte  Gewicht  legt,  mit  in  die  Wagschale  zu  werfen,  oder
ob  sie  sich  dazu  entschließen  könne,  sich  den  Grundlagen  der  Beschlüsse  des
Abgeordnetenhauses  zu  fügen.  Eine  andere  Alternative  gab  es  nach  der
gesamten  Situation  nicht.  Die  Regierung  hat  sich  trotz  der  Vorwürfe,
denen  sie  sich  selbstverständlich  damit  aussetzen  mußte,  für  die  letztere  entschieden.
  Die  Tatsache,  daß  sie  in  Anerkennung  der  Reformbedürftigkeit
des  Wahlrechts  eine  Wahlvorlage  eingebracht  hatte,  schloß  für  sie  die  Verpflichtung
  in  sich,  keinen  Weg  unversucht  zu  lassen,  der  zu  einem  positiven,
mit  den  Staatsinteressen  vereinbaren  Ergebnis  führen  kann,  und  jedenfalls
von  ihrer  Seite  aus  alles  zu  tun,  das  dem  dringenden  Bedürfnis,  einem
Ruhepunkt  in  dieser  Frage  nahezukommen,  förderlich  sein  kann.  Von  diesem
Standpunkte  aus  richte  ich  auch  an  Sie,  meine  Herren,  die  Bitte,  das
Prinzip  der  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses  ebenso,  wie  es  die  Staatsregierung
  getan  hat,  nicht  zu  verwerfen.  Im  einzelnen  aber  enthalten
        <pb n="225" />
        Das  Denische  Reich  und  seine  ein#elnen  Slieder.  (April  15.)  217

diese  Beschlüsse,  wie  dies  bereits  von  der  Staatsregierung  im  anderen
Hause  betont  worden  ist,  nicht  überall  diejenige  Lösung,  welche  notwendig
ist,  um  die  Vorlage  im  ganzen  als  annehmbar  erscheinen  zu  lassen.  Denn
nachdem  das  Abgeordnetenhaus  die  Grundlagen  des  Regierungsentwurfes
umgestoßen  hatte,  war  es  nicht  angängig,  Bestimmungen  aus  diesem  Entwurfe
  einfach  zu  übernehmen,  welche  bei  der  direkten  und  öffentlichen  Wahl
wohl  begründet  waren,  bei  der  indirekten  und  geheimen  Wahl  aber  denjenigen
  Zwecken  nicht  mehr  gerecht  werden,  welche  nach  der  Auffassung  der
Regierung  das  Ergebnis  der  Reform  sein  müssen.  Die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses
  weisen  also  Lücken  auf,  die  ausgefüllt  werden  müssen.
Die  Regierung  hatte,  wie  ich  bereits  vorhin  gesagt  habe,  in  Verbindung
mit  der  Beseitigung  der  indirekten  Wahl  auch  das  System  in  einzelnen
Bestimmungen  als  reformbedürftig  bezeichnet,  nach  welchem  die  einzelnen
Wähler  den  Wahlabteilungen  zugewiesen  werden.  In  dieser  Beziehung
sollten  neben  der  Maximierung  der  Steuern  die  Vorschriften  über  die  Einreihung
  der  sogenannten  Kulturträger  und  die  Vergrößerung  der  Stimmbezirke
  Mängeln  abhelfen,  die  schon  lange  offenbaren  Anstoß  erregt  haben.
Nun  ist  es  klar,  daß  diese  Mängel  in  ihrer  Wirkung  ganz  wesentlich  schon
dadurch  abgeschwächt  wurden,  daß  die  Regierungsvorlage  das  indirekte
Wahlsystem  beseitigte.  Wenn  daher  jetzt  das  indirekte  Wahlrecht  beibehalten
werden  soll,  ist  es  doppelt  notwendig,  daß  das  Ziel  derjenigen  Reformen
verwirklicht  wird,  das  die  Regierung  mit  ihren  Vorschriften  über  die  Einreihung
  der  Kulturträger  und  die  Vergrößerung  der  Stimmbezirke  im
Auge  hatte.  Indem  das  Abgeordnetenhaus  den  ehemaligen  Schülern
höherer  Lehranstalten,  die  die  Berechtigung  zum  akademischen  Studium
erlangt  haben,  ein  bevorzugtes  Wahlrecht  zugestanden  hat,  hat  es  den  Gedanken
  einer  nicht  lediglich  steuerlichen  Abstufung  des  Wahlrechis  als
solchen  zur  Geltung  gebracht.  Die  einseitige  Hervorhebung  eines  einzelnen
Bildungsmerkmals,  wie  es  das  Abiturientenexamen  ist,  für  dessen  Heraushebung
  sich  durchschlagende  Gründe  wohl  kaum  werden  geltend  machen
lassen,  wird  aber  nicht  als  gerechtfertigt  anzusehen,  und  es  werden  die  Bestimmungen
  hierüber  zu  vervollständigen  sein.  Den  Vorschlag  der  Vergrößerung
  der  Stimmbezirke  hat  das  Abgeordnetenhaus  nicht  übernommen
und  konnte  ihn  auch  nicht  übernehmen,  weil  er  auf  die  direkte  Wahl  zugeschnitten
  war,  mit  der  indirekten  Wahl  aber  nicht  verträglich  ist.  Die
Wirkung  aber,  welche  die  Regierung  mit  diesem  Vorschlage  verfolgte,  kann
bei  der  indirekten  Wahl  dadurch  erreicht  werden,  daß  die  Bezirke,  in  denen
die  Steuerdrittelung  erfolgt,  auf  einer  breiteren  Grundlage  aufgebaut  werden.
Die  Regierung  hält  es  durchaus  für  notwendig,  doß  das  Gesetz  von  diesem
Gesichtspunkt  aus  vervollständigt  wird.  Dabei  muß  verlangt  werden,  daß
die  einzelnen  Teile,  die  gerade  hier  in  einer  besonders  starken  Wechselwirkung
  zueinander  stehen,  so  ineinandergreifen,  daß  die  das  Ganze  beherrschenden
  Grundgedanken  zur  Geltung  kommen.  Ueber  die  notwendigen
Ergänzungen  hat  im  Abgeordnetenhause  nach  der  Lage  der  Parteiverhältnisse
  ein  Einvernehmen  nicht  erzielt  werden  können.  Die  Regierung  hat
deshalb  dort  Zurückhaltung  in  der  Erwartung  geübt,  daß  es  möglich  sein
werde,  im  Herrenhaus  eine  Verständigung  leichter  zu  erzielen.  Ueber  die
allgemeinen  politischen  Fragen,  welche  sich  bei  einem  Gegenstande  wie  bei
der  vorliegenden  Verfassungsänderung  von  selbst  aufdrängen,  habe  ich  mich
im  Abgeordnetenhause  bei  Einbringung  der  Vorlage  ausführlich  ausesprochen.
  In  gegenwärtigem  Augenblick  und  noch  bevor  die  Herren  dieses
hohen  Hauses  ihre  Ansicht  kundgegeben  haben,  schien  es  mir  notwendig
u  sein,  vorweg,  wenn  auch  in  ganz  kurzen  Umrissen,  die  Stellung  zu
kizzieren,  welche  die  Staatsregierung  gegenüber  der  durch  die  Beschlüsse
        <pb n="226" />
        218  Hos  Besische  Reich  und  seine  rimelnen  Glieder.  (April  16.)

des  Abgeordnetenhauses  geschaffenen  Situation  einnimmt.  Darüber,  daß
bei  dem  Auseinandergehen  der  Anschauungen  über  Art  und  Umfang  der
Reform  die  Lösung  der  Frage  mit  außergewöhnlichen  Schwierigkeiten  verknüpft
  sein  werde,  hat  sich  von  vornherein  niemand  einer  Täuschung  hingeben
  können.  Aber,  meine  Herren,  wenn  die  begonnene  Arbeit  jetzt  ergebnislos
  verläuft  —  was  wird  die  Folge  sein?  Die  Schwierigkeiten
werden  sich  nicht  mindern,  sondern  sie  werden  sich  steigern,  nicht  nur  zum
Nachteil  der  Sache  selbst,  sondern  zum  Schaden  unserer  allgemeinen  politischen
  Verhältnisse.  Diese  Erkenntnis  hat  die  königliche  Staatsregierung
in  ihrer  Haltung  bestimmt.  In  dem  Bewußtsein,  damit  recht  gehandelt
zu  haben,  wird  1  von  der  Zuversicht  getragen,  daß  es  ihr  im  Zusammenwirken
  mit  Ihnen  möglich  sein  wird,  die  Vorlage  in  einer  Gestalt  zur
Annahme  zu  bringen,  die  den  Bedürfnissen  unseres  Landes  gerecht  wird.

Graf  v.  Wartensleben:  Ueber  die  Frage,  wie  weit  zu  reformieren
sei,  habe  ich  mich  im  vorigen  Jahre  in  einem  Brief  an  den  früheren
Ministerpräsidenten  ausgesprochen.  „Seit  meiner  Zugehörigkeit  zum  Herrenhaus
  habe  ich  es  mir  zur  Pflicht  gemacht,  die  Regierung  und  Seine  Majestät
  nach  Kräften  zu  unterstützen  auch  bei  Vorlagen,  die  mir  nicht  von
vornherein  einleuchten.  Nur  in  einer  Sache  muß  ich  nach  meiner  felsenfesten
  Ueberzeugung  versagen;  bei  dem  Versuch  einer  wesentlichen  Aenderung
des  preußischen  Landtagswahlrechts  in  der  Richtung  des  radikalen  Reichstagswahlrechts.
  Das  bedeutet  für  mich  ein  allmähliches  Absägen  des  noch
sicheren  Astes,  auf  dem  die  Krone  ruht.  Was  in  den  Kleinstaaten  allenfalls
  noch  unschädlich  bleiben  kann,  würde  in  Preußen  geradezu  verderblich
für  das  ganze  Reich  wirken.“  Ich  denke  auch  heute  noch  so  und  gebe  mich
der  Hoffnung  hin,  daß  diese  Vorlage  bei  ihrer  Verabschiedung  die  Grenze
nach  links  nicht  überschreitet.  Denn  es  ist  mein  aufrichtiger  Wunsch,  daß
etwas  zustande  kommt.  Freilich  muß  man  darauf  verzichten,  irgendwo
eine  wirkliche  Befriedigung  zu  erregen.  Die  Sozialdemokratie  wird  erst
dann  befriedigt  sein,  wenn  alle  unreifen  Knaben  und  Mädchen  zur  Mitregierung
  berufen  sind.  Aber  auch  bürgerliche  Parteien  stehen  grollend
abseits  und  eine  Verständigung  erscheint  vorläufig  aussichtslos.  Das  ist
sehr  traurig,  darf  aber  nicht  hoffnungslos  stimmen.  Möge  bald  die  Zeit
kommen,  wo  weder  von  einem  konservativ-liberalen,  noch  von  einem  schwarzblauen,
  noch  von  rosarotem  Block  die  Rede  ist,  sondern  wo  alle  staatserhaltenden
  und  wahrhaft  königstreuen  Parteien  bei  allem  Festhalten  an
ihrer  Eigenart  sich  zusammenfinden  im  gemeinsamen  gedeihlichen  Zusammenarbeiten
  zum  Wohle  unseres  geliebten  Vaterlandes.

Fürst  Hatzfeldt:  Die  Vorlage  bedeutet  die  Einlösung  des  in  der
Thronrede  vom  Oktober  1908  gegebenen  Versprechens.  Sowohl  für  die
öffentliche  wie  für  die  geheime  Wahl  läßt  sich  manches  anführen.  Die
geheime  Wahl  ist  heute  eine  Forderung  weiter  liberaler  Kreise.  Das  war
nicht  immer  so.  Die  Pariser  Kommune  beschloß  1792  unter  dem  Einfluß
Robespierres  die  öffentliche  Wahl,  weil  die  geheime  Wahl  eines  freien
Mannes  unwürdig  sei.  Im  alten  Rom  begann  mit  der  Einführung  der
geheimen  Wahl  der  Niedergang  des  Staates.  Auch  für  die  geheime  Wahl
läßt  sich  manches  sagen.  Die  Verhöltnisse  haben  sich  so  geändert,  daß  an
manchen  Orten  die  geheime  Wahl  gerade  im  Interesse  der  Wähler  notwendig
  erscheint,  die  nicht  der  Sozialdemokratie  verfallen  wollen.  In
Berlin  mußten  vier  Wahlen  vom  Abgeordnetenhaus  kassiert  werden  wegen
des  von  der  Sozialdemokratie  ausgeübten  Terrorismus.  Die  konservative
Partei  hat  auch  das  Prinzip  der  öffentlichen  Wahl  preisgegeben  gegen  die
Aufrechterhaltung  der  indirekten  Wahl.  Für  uns  entsteht  nun  die  Frage,
ob  wir  die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses  pure  akzeptieren,  oder  ob
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        Das  Venische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  16.)  219

wir  versuchen  sollen,  Verbesserungen  einzuführen.  Eine  Verständigung
muß  zustande  kommen,  denn  ein  Scheitern  der  Vorlage  würde  nur  der
Sozialdemokratie  zugute  kommen.  Aber  die  Vorlage  muß  auch  in  einer
Art  und  Weise  zustonde  kommen,  daß  eine  verhältnismäßige  Ruhe  eintritt.
Diese  Ruhe  wird  nicht  eintreten,  wenn  die  Fassung  des  Abgeordnetenhauses
bleibt.  Der  Sturm  wird  weiter  brausen  und  der  Riß  zwischen  den  bürgerlichen
  Parteien  wird  noch  verstärkt  werden.  Der  Schwerpunkt  des  Abeordnetenhauses
  wird  dann  nicht  mehr  wie  bisher  bei  der  konservativen
Porirl  liegen.  Das  Reichstagswahlrecht  freilich  ist  nicht  zu  haben.  Dafür
ist  weder  hier  noch  im  Abgeordnetenhause  eine  Majorität  vorhanden.  Das
Reichstagswahlrecht  in  Preußen  wäre  nur  durch  einen  Staatsstreich  möglich,
und  den  wird  niemand  wollen.  Ich  meine,  wir  sollten  an  den  im  Abgeordnetenhaus
  beschlossenen  Grundlagen  festhalten  und  einige  Aenderungen
vornehmen.  Ich  denke  dabei  in  erster  Linie  an  eine  anderweitige  Gestaltung
der  Drittelung.  Ich  will  gegenwärtig  noch  keine  Abänderungsanträge
stellen,  erkläre  aber  schon  jetzt:  die  neue  Fraktion  ist,  wenn  auch  die  Ansichten
  in  ihr  weit  auseinandergehen  mögen,  bis  auf  ganz  verschwindende
Ausnahmen  in  der  Ablehnung  der  Vorlage  einig,  wenn  nicht  Verbesserungen
beschlossen  werden  sollten.

v.  Wedel-Piesdorf:  Da  das  Reichstagswahlrecht  mit  solchen  Gefahren
  verbunden  ist,  sind  wir  alle  fest  entschlossen,  es  in  Preußen  nicht
einzuführen.  Nun  ist  es  ja  richtig,  daß  seit  1849  wesentliche  Aenderungen
in  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen  eingetreten  sind,  wodurch  das  preußische
Wahlrecht,  mehr  als  es  früher  beabsichtigt  war,  einen  plutokratischen  Charakter
angenommen  hat.  Dem  entgegenzuwirken,  sind  wir  mit  dem  anderen
Hause  und  der  Regierung  gern  bereit.  Wir  sind  einverstanden  damit,
daß  die  Maximierung  eingeführt  wird,  daß  bei  der  Einteilung  der  Wähler
nur  ein  gewisser  Höchstbetrag  der  Steuer  zur  Anrechnung  kommt,  und  daß
die  Nichtveranlagten  statt  mit  3  künftig  mit  4  oder  5  Mk.  angesetzt
werden.  Ein  anderer  Vorwurf  ist  der,  daß  das  preußische  Wahlrecht  nur
die  Verschiedenheit  des  Vermögens  berücksichtigt,  aber  nicht  die  Verschiedenheit
  an  Bildung  und  Verständnis  für  die  Bedürfnisse  des  Staates.  Der
Entwurf  hat  den  Versuch  gemacht,  durch  Einführung  der  sogenannten
Kulturträger  diesem  Mangel  abzuhelsen.  Nun  gebe  ich  es  zu,  es  ist  unendlich
  schwer,  die  Verhältnisse,  die  den  einen  mehr  oder  minder  geeignet
machen,  in  eine  höhere  Klasse  einzurücken,  in  bestimmte  Paragraphen  zu
fassen.  Die  bisherigen  Versuche  sind  fehlgeschlagen.  Der  Versuch  der
Regierung  hat  den  Beifall  des  Abgeordnetenhauses  nicht  gefunden,  aber
das,  was  das  Abgeordnetenhaus  beschloß,  findet  unseren  Beifall  auch  nicht.
Daß  bloß  die  Abiturienten  geeignet  sein  sollen,  in  eine  höhere  Klasse
aufzurücken,  das  ist  doch  nur  ein  kleines  bißchen  von  der  Aufgabe,  die
kir  gelöst  werden  soll.  Dann  täte  man  schon  besser,  die  Sache  überhaupt
allen  zu  lassen.  Es  wird  die  Aufgabe  unserer  Kommission  sein,  bessere
Vorschläge  zu  machen,  es  ist  mir  aber  zweifelhaft,  ob  es  möglich  sein  wird;
ich  selbst  bin  außerstande,  sie  zu  nennen.  Eine  weitere  Frage  ist  die
Drittelung.  Bekanntlich  hatten  wir  sie  bis  1893  nach  Gemeinden.  Damals
  wählte  man  die  Drittelung  nach  Stimmbezirken,  weil  man  glaubte,
dadurch  der  plutokratischen  Wirkung  der  neuen  Steuern  einigermaßen  die
Wage  zu  halten.  Dieses  Ziel  ist  nicht  erreicht  worden,  wohl  aber  hat  die
Drittelung  nach  Bezirken  sehr  bizarre  Verhältnisse  herbeigeführt.  1903  habe
ich  in  Gemeinschaft  mit  dem  Fürsten  Bülow  und  zwei  anderen  Ministern
von  ansehnlichem  Vermögen  in  der  dritten  Klasse  gewählt,  während  in
anderen  Bezirken  ein  ganz  kleines  Vermögen  genügte,  um  in  die  erste
Klasse  zu  kommen.  Ich  würde  am  liebsten  die  Drittelung  nach  Gemeinden
        <pb n="228" />
        220  H%  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)

vornehmen  oder,  in  solchen  Gemeinden,  wo  mehrere  Wahlbezirke  bestehen,
nach  letzteren.  Aber  wenn  sich  Schwierigkeiten  dagegen  erheben,  könnten
wir  wohl  auch  den  Mittelweg  gehen,  daß  nur  in  kleineren  Gemeinden  die
Drittelung  nach  dem  Gemeindebezirk  erfolgt,  und  daß  in  großen  Bezirken
Abgrenzungen  nach  der  Einwohnerzahl  vorgenommen  werden.  So  würde
es  wohl  möglich  sein,  zu  einem  Ergebnis  zu  kommen,  das  auch  im  anderen
Hause  eine  Mehrheit  findet.  Die  wichtigste  Aenderung  in  den  Regierungsvorschlägen
  besteht  in  der  Ersetzung  der  indirekten  Wahl  durch  die  direkte.
Ich  finde  in  der  Beibehaltung  der  indirekten  Wahl  durch  das  Abgeordnetenhaus
  eine  Verbesserung.  Es  liegt  kein  genügender  Grund  vor,  die
indirekte  Wahl  zu  verlassen.  Ich  zweifle  gar  nicht,  daß  die  direkte  Wahl
die  Wahlbeteiligung  steigert,  aber  das  scheint  mir  gar  nicht  erwünscht  zu
sein,  daß  eine  so  lebhafte  Wahlbeteiligung  stattfindet.  Wir  sehen  ja,  wie  dadurch
  bei  den  Reichstagswahlen  das  ganze  Land  aufgewühlt  wird.  Weshalb
sollten  wir  dann  dieselbe  Agitation  auch  noch  in  Preußen  einführen?  Ich
erachte  es  als  einen  Vorzug,  daß  vermöge  des  indirekten  Systems  sich  die
preußischen  Wahlen  in  viel  ruhigerer  Weise  vollziehen,  und  möchte  um
keinen  Preis  den  Sprung  wagen,  an  die  Stelle  der  bewährten  indirekten
Wahl  die  nach  keiner  Richtung  hin  bewährte  direkte  zu  setzen.  Sehr  schwere
Bedenken  haben  wir  aber  gegen  die  Ersetzung  der  bisherigen  öffentlichen
Wahl  durch  die  geheime.  Wir  stehen  in  der  Beurteilung  der  öffentlichen
und  geheimen  Wahl  genau  auf  demselben  Boden  wie  der  Ministerpräsident,
wir  sind  erfüllt  davon,  daß  die  öffentliche  Wahl  ganz  entschieden  den  Vorzug
verdient.

Graf  Mirbach:  Die  Genesis  des  Gedankens  der  Wahlrechtsreform
verdanken  wir  dem  früheren  Reichskanzler,  sie  sollte  der  Preis  an  die
Liberalen  sein  für  ihre  Mitarbeit  an  der  Reichsfinanzreform.  Mit  welchem
Erfolge  es  geschehen  ist,  haben  wir  alle  gesehen.  Bei  der  Delegiertenversammlung
  der  konservativen  Partei  im  Dezember  haben  wir  Stellung
genommen  zu  dem  Wahlrechtsreformgedanken.  Frhr.  v.  Manteuffel  und  ich
sprachen  sich  damals  gegen  jede  Reform  enischieden  aus,  am  entschiedensten
natürlich  gegen  die  Einführung  des  Reichstagswahlrechts.  Wenn  es  sich
lediglich  darum  handelte,  daß  konservative  Parteiinteressen  großen  allgemeinen
  Interessen  gegenüberständen,  so  würden  wir  sehr  gern  Oyfer
bringen.  Diese  Vorlage  ist  aber  entscheidend  für  den  preußischen  Staat
und  für  den  Bestand  des  Deutschen  Reiches.  Nur  auf  dem  festen  Fundament
  eines  starken  monarchischen  Preußen  konnte  das  Deutsche  Reich  errichtet
  werden,  und  nur,  wenn  dieses  Fundament  fest  und  intakt  gehalten
wird,  wird  das  Deutsche  Reich  bestehen.  Das  Herrenhaus  steht  vor  einer
sehr  ernsten  Aufgabe.  Hoffentlich  kommen  wir  zu  einer  Verständigung
auch  auf  diesem  Gebiete.

Minister  des  Innern  v.  Moltke:  Große  politische  Strömungen  im
preußischen  Volk  verlangen  die  Beseitigung  des  geltenden  Landtagswahlrechis
  und  seine  Ersetzung  durch  das  Reichstagswahlrecht.  Heute  ist  in
diesem  Hause  der  entgegengesetzte  Standpunkt  vertreten  worden,  es  empfehle
sich  nicht,  an  dem  geltenden  Wahlrecht  überhaupt  zu  rühren,  da  es  sich  in
jeder  Beziehung  bewährt  habe.  Von  anderer  Seite  wiederum  ist  bestritten
worden,  daß  die  Vorlage  in  der  Fassung  des  Abgeordnetenhauses  eine
Verbesserung  des  bestehenden  rechtlichen  Zustandes  bedeutet.  Graf  Mirbach
hat  soeben  erklärt,  daß  für  ihn  die  Vorlage  durch  die  Belastung  mit  einer
teilweise  geheimen  Wahl  unannehmbar  sei.  Ein  auf  Naturrecht  gegründetes
ideales  normales  Wahlrecht  gibt  es  überhaupt  nicht.  Das  vergleichsweise
beste  Wahlrecht  wird  immer  das  sein,  das  sich  den  besonderen  Verhältnissen
des  räumlichen  und  zeitlichen  Gebiets  seiner  Geltung  anschließt.  Das  tat
        <pb n="229" />
        Das  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)  221

im  staatserhaltenden  Sinn  von  Haus  aus  das  preußische  Wahlrecht,  indem
es  grundsätzlich  auf  dem  Boden  des  allgemeinen  Wahlrechts  das  Stimmrecht
  unterschiedlich  abstufte  und  bestrebt  war  und  auch  erreichte,  dem  Mittelstand
  dabei  ein  ausschlaggebendes  Gewicht  zu  geben  Ohne  an  diesen  Grundlagen
  des  preußischen  Wahlrechts  zu  rütteln,  ist  die  Gesetzgebung  wiederholt
  folgerichtig  bemüht  gewesen,  den  veränderten  Zeitumständen  Rechnung
zu  tragen.  Etwas  anderes  als  eine  zeitgemäße  Fortentwicklung  bedeutet
auch  die  gegenwärtige  Vorlage  nicht.  Veranlassung,  an  eine  Wahlreform
heranzugehen,  war  für  die  Regierung  zunächst  die  schwache  Beteiligung
der  Wahlberechtigten  an  der  Ausübung  des  höchsten  politischen  Rechtes.
Nur  durchschnittlich  30  v.  H.  der  Wähler  haben  sich  an  der  Wahl  beteiligt.
Veranlassung  bot  ferner  die  ungünstige  und  das  Gleichgewicht  störende
Einwirkung  höchster,  stark  privilegierter  Steuerleistungen  und  andere,  die
natürliche  Scheidung  in  Klassen  störende  Erscheinungen.  Diese  Erscheinungen
  müssen  beseitigt  werden,  denn  gerade  sie  werden  benutzt  zu  Angriffen
  auf  die  bewährten  Grundlagen  des  Systems.  Unser  Vorgehen  liegt
also  durchaus  in  der  Richtung  einer  staatserhaltenden  Politik.  Nun  ist
die  Vorlage  im  anderen  Hause  wesentlich  umgestaltet  worden.  Schon  der
Ministerpräsident  hat  darauf  hingewiesen,  daß  die  Fassung  des  anderen
Hauses  manches  zu  wünschen  übrig  läßt.  Die  Staatsregierung  hofft,  daß
aus  Ihren  Beratungen  diejenigen  Verbesserungen  hervorgehen  möchten,  die
eine  befriedigende  Lösung  der  Wahlreform  ermöglichen  und  den  Wahlrechtskampf
  zur  Ruhe  bringen.  Die  Regierungsvorlage  hatte  ursprünglich
bei  vorgesehener  direkter  Wahl  an  der  Drittelung  der  Steuern  und  an  der
Abteilungsbildung  innerhalb  der  Stimmbezirke  neben  der  in  Aussicht  genommenen
  Maximierung  festgehalten  und  auf  eine  Rückkehr  zur  Drittelung
in  den  Gemeinden  verzichtet,  dafür  aber  die  Stimm=  und  Drittelungsbezirke
  doppelt  so  groß  vorgesehen,  als  sie  jetzt  nach  den  Beschlüssen  des
Abgeordnetenhauses  sind.  Daß  die  Staatsregierung  dem  Gedanken  einer
Erweiterung  der  Wahlbezirke  an  und  für  sich  zugänglich  ist,  hat  sie  bereits
ausgesprochen.  Gegenüber  der  vom  Abgeordnetenhause  beschlossenen  geheimen
  Abstimmung  und  der  Erhöhung  des  fingierten  Steuersatzes  auf
4  Mk  können  Besorgnisse  über  unerwünschte  plutokratische  Wirkungen  ernstlich
  nicht  mehr  Platz  greifen.  Sicher  ist,  daß  mit  der  Beibehaltung  der
kleinen  Stimmbezirke  es  nicht  gelingen  wird,  die  vielfachen  Ungleichmäßigkeiten
  und  Unbilligkeiten  in  der  Zuweisung  der  Wähler  zu  den  Abteilungen
auszugleichen,  ein  Umstand,  der  schon  jetzt  schwer  empfunden  wird  und
Angriffsflächen  bietet.  Es  handelt  sich  hierbei  nicht  bloß  um  Neußerlichkeiten
  oder  um  eine  Etikettenfrage,  sondern  um  vom  reinen  Zufall  abhängige
Regelwidrigkeiten  und  Ungleichheiten  in  der  Abstufung  des  Stimmrechts.
Dadurch  werden  viele  Wähler  erbittert  und  bleiben  der  Wahl  fern.  Eine
Erweiterung  der  Drittelungsbezirke  über  die  Grenze  des  Stimmbezirks
hinaus  wird,  das  ist  die  Auffassung  der  königl.  Staatsregierung,  nicht  zu
vermeiden  sein.  Weiter  hatte  die  Regierung  neben  dem  Besitz,  der  an  sich
ja  unabhängig  ist  von  politischer  Befähigung,  gewisse  Merkmale  politischer
Einsicht  und  Betätigung  zum  Gradmesser  des  abgestuften  Stimmrechts  gemacht.
  Die  Ihnen  jetzt  vorliegende  Fassung  verkümmert  diesen  Gedanken,
obwohl  alle  Parteien  im  Grunde  mit  ihm  einverstanden  waren.  Sie  fanden
nur  nicht  die  richtige  Form  dafür.  Ich  hoffe,  daß  der  Versuch  dieses
Hauses,  hier  eine  Lösung  zu  finden,  von  Erfolg  gekrönt  sein  möge.  Das
Bestreben,  durch  Heranziehung  ethischer  Gesichtspunkte  neben  der  nackten
Steuer  die  Abteilungen  zu  bilden,  kann  auch  versöhnend  wirken  und  wird
vor  allem  zu  einer  verstärkten  Anteilnahme  dieser  Elemente  an  den  Interessen
  des  Staatslebens  und  zu  einer  Hebung  des  staatlichen  Verantwortlich-
        <pb n="230" />
        222  H0o##8  Ventsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (April  15.)

keitsgefühls  führen.  Ich  hoffe,  daß  es  Ihrer  bewährten,  hingebenden  und
treuen  Mitarbeit  gelingen  wird,  für  die  Vorlage  eine  Fassung  zu  finden,
die  auch  im  anderen  Hause  Befriedigung  hervorruft  und  unserem  geliebten
preußischen  Vaterlande  zum  Segen  gereicht.

Prof.  Loening-Halle:  Die  Thronrede  hat  nicht  nur  die  organische
Fortentwicklung  des  geltenden  Wahlrechts  als  eine  der  wichtigsten  Aufgaben
  der  Gegenwart  bezeichnet,  sondern  hat  auch  ausgesprochen,  daß  diese
Fortentwicklung  der  Ausbreitung  der  Bildung,  dem  politischen  Verständnis
und  der  Erstarkung  des  staatlichen  Verantwortlichkeitsgefühls  entsprechen.
muß.  Die  Fassung  des  Abgeordnetenhauses  entspricht  diesen  Anforderungen
in  keiner  Weise.  Der  Entwurf,  wie  er  aus  dem  Abgeordnetenhause  gekommen
  ist,  ist  ein  Wechselbalg  und  für  mich  unannehmbar.  Auch  ich  bin
gegen  die  Einführung  des  Reichstagswahlrechts  in  Preußen.  Aber  deshalb
braucht  doch  nicht  alles  so  zu  bleiben,  wie  es  1849  verordnet  worden  ist.
In  der  gegenwärtigen  Drittelung  kann  eine  Abschwächung  des  plutokratischen
  Charakters  liegen,  aber  auch  eine  Verstärkung.  Das  ist  ein  reines
Würfelspiel,  nur  daß  die  Würfel  immer  zugunsten  des  Zentrums  fallen.
Es  muß  unter  den  Wählern  Verbitterung  hervorrufen,  wenn  17  v.  H.  allein
über  die  Wahl  entscheiden  und  83  v.  H.  einfach  ausgeschaltet  werden  können.
Die  Masse  der  Wähler  geht  ja  deshalb  auch  nicht  zur  Wahl.  Wozu  ist
aber  ein  Wahlrecht  da?  Doch  damit  es  ausgeübt  wird.  Weiter  muß  Erbitterung
  und  Mißstimmung  unter  den  städtischen  Wählern  die  jetzige  Wahlkreiseinteilung
  hervorrufen.  Die  eine  Hälfte  der  Wähler  wählt  303,  die
andere  110  Abgeordnete.  Solche  Mißstände  bestehen  in  keinem  anderen
Staat.  Durch  Annahme  einer  Resolution  müssen  wir  erklären,  daß  eine
Neueinteilung  der  Waylkreise  notwendig  ist.  Wir  können  natürlich  nur
für  ein  Kompromiß  sein,  das  uns  auf  dem  Wege  zu  unserem  Ziel  einen
Schritt  vorwärts  bringt.  Einen  Rückschritt  wird  man  uns  doch  nicht  zumuten
  können.  Auf  eine  Zufriedenstellung  der  Sozialdemokraten  können
wir  nicht  rechnen,  selbst  wenn  wir  das  allgemeine  gleiche  Wahlrecht  einführen
  würden.  Den  Gedanken,  die  Sozialdemokratie  zu  befriedigen,  müssen
wir  von  vornherein  außer  acht  lassen.  Aber  etwas  anderes  ist  es,  wenn
große  Massen  des  Bürgertums  in  Stadt  und  Land  berechtigte  Beschwerden
haben.  Sorgen  wir  dafür,  daß  diese  berechtigten  Beschwerden  des  Bürgertums
  abgestellt  werden,  damit  bei  der  nächsten  Reichstagswahl  nicht  so
viele  aus  dem  Bürgertum  zur  Sozialdemokratie  übergehen.  Das  kann
geschehen,  wenn  zur  rechten  Zeit  notwendige  Reformen  gemacht  werden.

Fürst  Lichnowsky:  Im  großen  und  ganzen  können  wir  uns  wohl
auf  die  Grundzüge  der  Vorlage  stellen,  wie  sie  an  uns  gelangt  ist,  obwohl
das  geheime  Wahlrecht  für  unsere  Ostmarken  eine  starke  Einbuße  des
nationalen  Einflusses  bedeutet.  Aber  ein  Zugeständnis  in  demokratischer
Richtung  mußte  gemacht  werden.  Wenn  ich  mich  auch  im  wesentlichen
auf  die  Basis  der  Vorlage  stellen  kann,  so  bedürfen  doch  Einzelheiten  der
Abänderung.  Ich  denke  hier  daran,  die  Drittelung  für  die  Gemeinden
einzuführen.  Die  Drittelung  in  dieser  Weise  halte  ich  für  eine  notwendige
Voraussetzung,  für  eine  gesunde  Entwicklung  unseres  Wahlrechts,  namentlich
auch  in  Bezug  auf  unsere  OÖstmarken,  wo  sonst  der  deutsche  Einfluß  noch
mehr  zurückgehen  würde,  wie  es  schon  durch  die  geheime  Wahl  geschehen
wird.  Das  Hauptbedenken  gegen  die  Vorlage  habe  ich  aber  nicht  in
materieller  Beziehung,  sondern  im  allgemeinen  in  Bezug  auf  die  politischen
Imponderabilien.  Ich  würde  es  geradezu  für  ein  nationales  Unglück
halten,  wenn  eine  Vorlage  zum  Gesetz  erhoben  würde,  die  lediglich  die
Vaterschaft  des  schwarzblauen  Blockes  hat.  Die  Vorlage  mag  sein,  wie
sie  will,  wenn  die  Mittelparteien  des  Abgeordnetenhauses  sich  ablehnend
        <pb n="231" />
        Das  Dentsqhe  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (April  15.)  223

verhalten  und  lediglich  der  schwarzblaue  Block  dazu  seinen  Segen  gibt,  so
ist  die  Vorlage,  ganz  gleichgültig,  welchen  Inhalt  sie  auch  hat,  für  mich
unannehmbar  wegen  der  Wirkungen,  die  sie  nach  außen  hin  haben  muß.
Diese  Wirkungen  werden  in  einer  verhängnisvollen  Agitation  gegen  die
sogenannten  reaktionären  Parteien  bestehen.  Das  Herrenhaus  hat  darum
die  Aufgabe,  wie  schon  der  freikonservative  Führer  Frhr.  v.  Zedlitz  sagte,
die  Brücke  zu  schaffen  zu  einer  Verständigung  mit  den  Mittelparteien,  die
bei  allen  nationalen  Angelegenheiten  stets  eine  staatstreue  Gesinnung  an
den  Tag  gelegt  haben.  Im  übrigen  brauchen  wir  uns  nicht  einschüchtern
zu  lassen  durch  die  Befürchtung,  daß  das  Zentrum  nicht  zustimmen  wird.
Ich  hoffe,  daß  das  Zentrum  so  viel  Sinn  für  Staatsnotwendigkeiten  hat,
daß  es  die  Vorlage  nicht  scheitern  lassen  wird.  Käme  die  Vorlage  nicht
zustande,  würde  eine  große  Beunruhigung  weiterhin  unser  Volk  beherrschen.
Es  ist  unsere  Pflicht  und  Schuldigkeit,  die  Vorlage  in  einer  Form  zur
Berabschiedung  zu  bringen,  die  die  Mitwirkung  der  Mittelparteien  im  Abgeordnetenhause
  ermöglicht.

Prof.  Hillebrand-Breslau:  Wir  wollen  uns  darüber  nicht  täuschen,
daß  die  Vorlage  ein  Ergebnis  der  Blockpolitik  ist,  daß  sie  eine  Bewegung
auf  das  Reichstagswahlrecht  zu  darstellt.  Da  muß  es  bei  uns  heißen:
principüss  obstal  Es  ist  darauf  hingewiesen  worden,  daß  in  süddeutschen
Staaten  ein  viel  radikaleres  Wahlrecht  besteht.  Darin  liegt  eine  Einladung,
uns  um  die  süddeutschen  Verhältnisse  zu  kümmern;  das  tun  wir  nicht,  denn
wir  wünschen  es  auch  nicht,  daß  man  sich  dort  in  unsere  Verhältnisse  einmischt.
  Wir  wollen  Preußen  bleiben.  Wenn  die  Leute  sehen,  daß  sie  mit
ihren  Straßendemonstrationen,  die  doch  nur  Einschüchterungsversuche  sind,
Erfolg  haben,  warum  sollten  sie  damit  nicht  fortfahren?  Hinter  den  harmlosen
  Spaziergängen  verbirgt  sich  doch  der  Wunsch,  die  Freiheit  der  Entscheidung
  zu  unterdrücken  durch  den  Despotismus  der  Massen.  Wir  müssen
uns  hüten,  jenen  Schritt  zu  tun,  der  auf  das  direkte  Wahlrecht  hinzielt.
Das  Reichstagswahlrecht  ist  nicht  abzuändern,  es  ist  etwas  historisch  Gewordenes,
  gleiche  indirekte  Steuern  bedingen  auch  gleiche  Rechte.  Dem
Reiche,  was  des  Reiches  ist;  dort  weht  das  schwarz-weiß-  rote  Banner,  aber
wir  in  Preußen  haben  das  schwarz-weiße  Banner,  wir  sind  stolz  darauf
und  wollen  es  behalten.  Wir  sind  gewillt,  über  den  Entwurf  in  ernste
Erwägungen  einzutreten,  aber  einen  Sprung  ins  Dunkle  machen  wir  nicht
mit.  Wir  werden  nichts  annehmen,  wovon  wir  glauben,  daß  es  die  Eigenart
  Preußens  schädigt.

Oberlandesgerichtspräsident  a.  D.  Hamm:  Es  kommt  sehr  darauf
an,  aus  welchen  Händen  die  Wahlreform  angenommen  wird.  Jede  Partei
wird  natürlich  das  Wahlsystem  wünschen,  das  ihr  die  meisten  Sitze  verschafft
  und  das  ist  ihr  volles  Recht.  Es  gibt  nur  einige  wenige  auf  dem
linken  Flügel,  die  aus  Schwärmerei  für  das  Reichstagswahlrecht  eintreten.
Im  übrigen  sind  für  das  Reichstagswahlrecht  nur  Zentrum  und  Sozialdemokratie
  und  die  Konservativen  wollen  nun  aus  den  Händen  des  Zentrums
  die  Reform  annehmen.  Das  ist  das  Widerspruchsvolle  und  Gefährliche
  der  Situation.  Was  für  das  Reich  paßt,  paßt  noch  lange  nicht  für
die  Einzelstaaten  und  Gemeinden.  Führen  wir  hier  das  Reichstagswahlrecht
  ein,  so  werden  wir  bald  nur  noch  entweder  Zentrumsleute  oder  Sozialdemokraten
  haben  und  beides  wäre  für  uns  unerträglich.  Sie  kennen  die
Zentrumswirtschaft  nicht.  Die  größte  Gefahr  ist  doch  der  Riß,  der  durch
die  ganze  Bevölkerung  vom  Zentrum  aus  gezogen  wird  mit  der  Verquickung
von  Religion  und  Politik.  Ich  für  meine  Person  würde  das  direkte  Wahlrecht
  von  der  Regierung  nehmen  und  das  geheime  von  der  Volksvertretung.
Der  Terrorismus  des  Zentrums  ist  noch  viel  gefährlicher  als  der  der  Sozial-
        <pb n="232" />
        224  J786  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)

demokratie,  und  nun  gehen  Konservative  und  Zentrum  zusammen.  Das
Zentrum  vereinigt  sämtliche  Parteien  in  sich,  es  hat  Aristokraten,  Bund
der  Landwirte,  Mittelstand  und  Sozialdemokraten,  aber  alle  sind  sich  darin
einig,  daß  sie  immer  sagen:  es  handelt  sich  um  die  Religion;  auch  wenn
die  Sache  an  sich  gar  nichts  mit  der  Religion  zu  tun  hat,  die  Wähler
lauben  es.  Es  genügt  dem  Zentrum  nicht,  daß  jemand  ein  Katholik  ist,
12  er  muß  ein  politischer  Katholik  sein,  und  wenn  er  das  nicht  ist,
wie  der  Oberpräsident  v.  Schorlemer  dann  wird  er  vom  ganzen  Zentrum
boykottiert  und  mit  den  ärgsten  Schimpfworten  belegt.  Und  mit  einer
solchen  Partei  wollen  die  Konservativen  nun  zum  zweiten  Male  ein  Bündnis
  schließen.  Auf  diese  Weise  kann  keine  Politik  getrieben  werden;  wenn
die  Konservativen  das  nicht  einsehen,  dann  hoffe  ich,  wird  die  Regierung
es  doch  noch  einsehen.  Es  ist  ein  Ehrentitel  Preußens  gewesen,  die  konfessionellen
  Gegensätze  auszugleichen,  der  Katholizismus  hat  dadurch  gewonnen,
  er  ist  besser  und  edler  geworden  und  auch  der  Protestantismus
hat  gewonnen  an  lebensfroher  Anschauung,  da  er  dem  Puritanismus  und
Pietismus  zu  verfallen  drohte.  Weil  jetzt  das  Zentrum  den  Riß  aufs  neue
herzustellen  sucht,  darum  sage  ich:  Keine  Politik  auf  Grund  eines  Bündnisses
  mit  dem  Zentrum!

Oberbürgermeister  Kirschner-Berlin:  Ein  Wahlgesetz,  das  nicht  die
geheime  Wahl  enthält,  ist  erstens  in  sich  ein  innerer  Widerspruch  und
zweitens  eine  außerordentlich  große  Gefahr.  Ich  lege  also  auf  die  geheime
Wahl  das  größte  Gewicht.  Und  doch  muß  ich  sagen,  daß  eine  geheime
Wahl  bei  Beibehaltung  der  indirekten  Wahl  überhaupt  nicht  durchführbar
ist,  ja  daß  man  dann  von  einer  geheimen  Wahl  überhaupt  nicht  mehr  reden
kann.  Nun  hat  man  die  Frage  aufgeworfen,  ob  überhaupt  eine  Notwendigkeit
  vorliegt,  das  preußische  Wahlrecht  zu  ändern.  Nach  Herrn  v.  Wedel-Piesdorf
  hat  es  sich  ja  außerordentlich  bewährt.  Er  selbst  mußte  aber  zugeben,
  daß  nur  wenige  Wähler  sich  an  der  Wahl  beteiligen.  Das  ist  gerade
keine  besondere  Empfehlung  eines  Wahlrechts.

Die  Vorlage  wird  an  eine  Kommission  von  20  Mitgliedern  verwiesen.

15.  April.  (Reichstag.)  I.  Lesung  des  Reichswertzuwachssteuergesetzes.


Staatssekretär  Wermuth:  Bald  nachdem  die  Regierung  das  Mandat
  zur  Ausarbeitung  der  Vorlage  erhalten  hatte,  sind  wir  mit  den  lokalen
Behörden  in  Verbindung  getreten,  um  die  Unterlagen  zu  beschaffen.  Vollständig
  ist  das  Material  nicht,  denn  in  den  Gegenden,  wo  eine  solche  Steuer
nicht  besteht,  sebhlt  es  an  den  Voraussetzungen,  um  die  Bedeutung  einer
solchen  Steuer  zu  beurteilen.  Der  Gesetzgeber  ist  im  großen  und  ganzen
auf  eine  selbständige  Entschließung  angewiesen.  Wir  sind  aus  der  Theorie
längst  in  die  Praxis  einer  derartigen  Steuer  hineingekommen.  Die  Frucht
ist  reif  und  es  liegt  die  Gefahr  vor,  daß,  wenn  wir  sie  nicht  pflücken,  sie
uns  dann  überhaupt  nicht  mehr  genießbar  erscheint.  Die  Zahl  der  Gemeinden,
  die  die  Wertzuwachssteuer  einführen,  ist  ständig  im  Wachsen  begriffen.
  Auch  eine  Anzahl  von  Bundesstaaten  arbeiten  Gesetzentwürse
darüber  aus,  und  ihre  Landtage  warten  auf  die  Vorlagen.  Frankfurt  a.  M.
hat  19044  die  Bahn  gebrochen.  259  Gemeinden  sind  seinem  Beispiele  gefolgt
  mit  über  7  Millionen  Einwohnern.  In  Preußen  sind  es  138  Gemeinden.
  Seit  dem  1.  April  1909  ist  die  Bewegung  rapid  fortgeschritten.
Es  sind  zu  den  genannten  Zahlen  211  Gemeinden  mit  7½  Millionen  Einwohnern
  hinzugetreten.  Neben  dieser  Bewegung  in  den  Gemeinden  ist
eine  sehr  lebhafte  Bewegung  auf  dem  Grundstücksmarkte  bemerkbar,  die  es
sich  zum  Ziele  setzt,  möglichst  vorher  sich  noch  den  Bestimmungen  des  Ge-
        <pb n="233" />
        Das  Deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)  225

setzes  tatsächlich  anzupassen.  Wenn  es  jetzt  gelingen  sollte,  manchen  Wertzuwachs
  unter  Dach  und  Fach  zu  bringen,  so  würde  damit  der  Erfolg  der
Reichswertzuwachssteuer  natürlich  beeinträchtigt.  Obwohl  unser  Entwurf
bestrebt  gewesen  ist,  sich  alle  Erfahrungen  und  Ergebnisse  von  Praxis  und
Wissenschaft  anzueignen,  so  war  es  doch  recht  schwierig,  alles  zu  vereinigen.
Der  Entwurf  hält  sich,  soweit  möglich,  an  folgende  Punkte:  Als  Gegenstand
  der  Steuerpflicht  ist  anzusehen  der  Wertzuwachs,  d.  h.  der  Unterschied
zwischen  Ankauf  und  Verkauf.  Der  Träger  der  Steuerpflicht  ist  der  Veräußerer.
  Die  Stenerpflicht  tritt  ein  an  den  Zeitpunkten,  wo  der  Zuwachs
realisiert  wird.  Die  Höhe  der  Steuer  ist  bestimmt  nach  der  prozentualen
Höhe  des  Zuwachses.  Die  Steuersätze  des  Entwurfes  sind  nicht  wesentlich
höher  als  die  bisher  schon  in  der  gemeindlichen  Besteuerung  angesetzten
Sätze.  Der  Staatssekretär  gibt  eine  nähere  Erläuterung  zu  den  einzelnen
Punkten  der  Vorlage.  Es  fragt  sich,  wie  weit  man  die  bisherige  gemeindliche
  Regelung  mitberücksichtigen  durfte.  Dem  Ermessen  der  Gemeinden
wird  viel  Spielraum  gelassen.  Was  die  Verteilung  der  Steuerergebnisse
anlangt,  so  ist  nicht  zuzugeben,  daß  die  Steuer  nur  den  Gemeinden  überlassen
  werde.  Das  Reich  war  der  Ausgangspunkt  für  die  Entwicklung  der
einzelnen  Teile  und  der  Gemeinden.  Die  politische  Macht  hat  die  wirtschaftliche
  Macht  nach  sich  gezogen.  Es  ist  Ehrenpflicht  des  Reiches,  den
Gemeinden  einen  Anteil  an  den  Erträgnissen  der  Besteuerung  zu  sichern.
Die  Interessen  des  Reiches  und  der  Gemeinden  sind  unlöslich  und  eng  miteinander
  verbunden.  Das  Interesse  der  Gemeinden  ist  zwar  stärker  als
das  des  Reiches.  Es  ist  keine  Kleinigkeit,  wenn  nun  mit  einem  Male  sämtliche
  Gemeinden  in  den  Besitz  einer  unanfechtbaren  und  ständigen  festen
Steuer  gelangen.  Anders  liegt  es  für  das  Reich.  Wir  sollen  Einkünfte
aufgeben,  die  wir  zurzeit  schon  haben.  Eine  Statistik  über  die  Erträgnisse
der  Steuer  läßt  sich  zuverlässig  nicht  geben.  Der  Gesamtwert  der  Grundstückserwerbungen
  im  Reiche  ist  jährlich  etwa  7  Milliarden  Mark.  Der
jährliche  rohe  Wertzuwachs  beträgt  etwa  5  Prozent.  Das  wären  also
350  Millionen  im  da  Die  Erwerbskosten  und  die  Wert  erhöhenden
Maßnahmen  sollen  auf  5  Prozent  veranschlagt  sein,  so  daß  ein  jährlicher
steuerpflichtiger  Wertzuwachs  von  332  Millionen  Mark  verbliebe.  Für  die
ganze  durchschnittliche  Besitzdauer  soll  der  Zuwachs  etwa  75  v.  H.  betragen.
Ob  diese  Zahlen  stimmen,  steht  noch  dahin.  Das  Steuerergebnis  würde
sich  daher  auf  8,5  von  332  Millionen  belaufen,  das  sind  etwa  28  ½  Millionen
und  zuzüglich  der  15  Millionen,  zusammen  also  43  Millionen  Mark,  wovon
  nach  den  Abzügen  sich  39  Millionen  Mark  Reinertrag  ergeben  würden.
Eine  Garantie  für  diese  Zahlen  kann  ich,  wie  gesogt,  nicht  übernehmen.
Beschränkt  sich  das  Reich  auf  die  Hälfte  des  Ergebnisses  und  überläßt  die
andere  Gemeinden  und  Bundesstaaten,  so  ergibt  sich,  daß  das  Reich  für
das,  was  es  in  der  Grundstücksübertragungssteuer  aufgibt,  kaum  vollen
Ersatz  erhalten  wird.  Das  Reich  beweist  also  in  der  korrekten  Ausführung
des  Reichsstempelgesetzes  eine  Selbstlosigkeit,  die  mir  und  manchen  anderen
Leuten  manchen  Seufzer  entlockt.  Da  wir  auch  noch  eine  ganze  Anzahl
von  Gemeinden  entschädigen  müssen,  so  tauschen  wir  gegen  etwas  ganz
Sicheres  etwas  ganz  Unsicheres  ein.  Der  Abg.  Cuno  hat  in  der  Presse  die
Ansicht  vertreten,  daß  hier  eine  Art  von  Plusmacherei  vorliege.  Der
Bundesrat  steht  fest  auf  den  Grundsätzen  der  Reichsfinanzreform  vom  vorigen
Jahre  und  ist  entschlossen,  diese  Grundsätze  durchzuführen.  Es  muß  aber
mit  klaren  Ziffern  gerechnet  werden.  Das  herbeizuführen,  ist  der  Zweck
der  kleinen  Aenderungen  gegenüber  dem  Reichsfinanzgesetz.  Es  ist  keine
kleine  Zumutung  an  Sie,  jetzt  noch  die  Vorlage  zu  Ende  zu  bringen  in
dem  kurzen  Tagungsrest.  Die  baldige  Abfertigung  der  Vorlage  bedeutet

Europäischer  Geschichtskalender.  ILI.  15
        <pb n="234" />
        226  Jas  Denisthe  Reit  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)

Sein  oder  Nichtsein.  Kommt  jetzt  eine  Berzögerung,  so  wird  der  Grundtücksmarkt
  sich  einrichten,  und  dann  wird  die  Maßregel  wertlos.  Der

ugenblick  entscheidet  hier  über  das  Schicksal  der  ganzen  Frage.  Ich  stelle
Ihnen  dieses  Schicksal  anheim.

Abg.  Graf  Westarp  (K.u#  Wir  begrüßen  den  Entwurf  als  geeignete
Ergänzung  der  Reichsfinanzreform  vom  vorigen  Jahre.  Wir  sind  entschlossen,
  den  Entwurf  bald  zu  verabschieden.  Die  Zuwachssteuer  ist  besser
als  der  Grundstücksstempel.  Der  Entwurf  enthält  ja  eine  Aenderung  zugunsten
  des  Fiskus.  Wir  hatten  20  Millionen  als  Grenze  angenommen
für  den  Umsatzstempel,  jetzt  werden  25  Millionen  angenommen.  Ferner  ist
der  Termin  herabgesetzt  worden  und  der  Fortfall  des  Grundstücksstempels
ist  an  Bedingungen  geknüpft.  Ob  das  alles  gerechtfertigt  ist,  werden  wir
in  der  Kommissionsberatung  erfahren.  Wir  begrüßen  die  beschleunigte  Einbringung
  des  Gesetzes,  obgleich  die  Regierung  erst  gehalten  war,  bis  zum
1.  April  1912  das  Gesetz  zu  verabschieden.  Die  Gefahr  ist  in  der  Tat  groß,
daß,  wenn  wir  länger  warten,  uns  der  Erfolg  eines  solchen  Gesetzes  verloren
  geht.  Wir  sind  erfreut  darüber,  daß  der  Veräußerungspreis  die
Grundlage  der  Steuer  sein  soll  und  daß  der  Veräußerer  sie  tragen  soll.
Aus  diesem  Grunde  begrüßen  wir  auch  die  Tatsache,  daß  der  Erbgang  von
der  Steuer  befreit  bleiben  soll.  Es  ist  doch  zweifelhaft,  ob  man  nicht  zu
weit  gehen  kann  in  der  Verteilung  der  Steuer.  Dann  sollen  die  Bundesstaaten
  noch  10  Prozent  für  die  Erhebung  bekommen,  wo  doch  schon  die
Städte  40  Prozent  bekommen.  Die  Kommunen  könnten  überhaupt  für  den
Wertzuwachs,  den  sie  selbst  schaffen,  durch  besondere  Gebühren  sich  entschädigen.
  Ob  der  Staat  den  Kommunen  volle  40  Prozent  zuweisen  soll,
das  scheint  mir  doch  sehr  zweifelhaft.  Nur  der  unverdiente  Wertzuwachs
darf  versteuert  werden  und  es  ist  zu  prüfen,  ob  nicht  noch  mehr  Abzüge
für  verdienten  Wertzuwachs  gemacht  werden  können.  Nicht  nur  die  laufenden
  Unterhaltungskosten  und  andere  Anschaffungen,  sondern  auch  der  dadurch
  geschaffene  Wertzuwachs  muß  abziehbar  sein.  Das  persönliche  Interesse
muß  da  zurückstehen,  um  nicht  einen  Erfolg  herbeizuführen,  der  auf  die
wirtschaftliche  Lage  unseres  Grundstückmarktes  den  schwersten  Einfluß  haben
würde.  Im  allgemeinen  kann  man  mit  dem  Tarif  auch  einverstanden  sein.
Er  ist  hoch,  aber  nicht  zu  hoch.

Abg.  Südekum  (Sd.)e:  Die  Vorlage  führt  unmittelbar  in  die  Kämpfe
der  Reichsfinanzreform  zurück  und  läßt  die  Erinnerung  an  jenen  Raubzug
auf  die  Taschen  der  Steuerzahler  wieder  auftauchen.  Der  Gedanke  einer
Reichswertzuwachssteuer  ist  nicht  sehr  populär,  und  daß  der  Unwille  des
Volkes  über  die  Finanzwirtschaft  groß  ist,  das  hat  Ihnen  wohl  erst  gestern
der  Ausfall  der  Wahl  in  Ostpreußen  gezeigt.  Die  ganze  Wohnungsfrage
hängt  mit  dieser  Frage  zusammen.  Daß  der  Boden  immer  noch  als  Privatmonopol
  Gegenstand  einer  verhängnisvollen  Spekulation  werden  kann,  das
ist  fast  unbegreiflich.  Dies  kann  nur  einem  Mangel  an  Aufklärung  zugrunde
  liegen.  Jedes  von  der  schwarz-blauen  Mehrheit  zustande  gebrachte
Wertzuwachssteuergesetz  wird  agrarischen  Charakter  tragen  müssen.  Im
Prinzip  ist  aber  der  Gedanke  der  Wertzuwachsbesteuerung  auch  uns  sehr
sympathisch.  Die  reichsgesetzliche  Regelung  bietet  die  einzige  Möglichkeit,
die  Steuer  auch  den  Gemeinden  zu  oktroyieren,  die  sie  sonst  niemals  annehmen
  würden,  weil  die  Grundbesitzer  in  den  Gemeindeverwaltungen  dominieren.
  Man  wird  aufmerken  müssen,  daß  es  unmöglich  gemacht  wird,
daß  die  Einnahmen  aus  diesem  Gesetz  in  den  Gemeinden  zur  Ermäßigung
der  Grundsteuer  und  anderen  Dingen  benutzt  werden,  die  dann  doch  wieder
den  Grundbesitzern  zugute  kommen  würden.  Das  beste  Gesetz  kann  niemals
  eine  gute  Wirkung  ausüben,  wenn  wir  solche  Verwaltungszustände
        <pb n="235" />
        Das  Denisqhe  Reiq  and  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)  227

aben  wie  in  Preußen,  wo  die  Verwaltung  der  Gemeinden  nur  bei  einer
leinen  Minderheit  liegt.  Herr  Graf  Westarp  hat  mit  gedämpfter  Stimme
begründet,  daß  der  Erbfall  von  dieser  Steuer  freibleibe.  Ja,  aber  welche
Gründe  kann  man  denn  anführen,  daß  danach  auch  der  Gebäudebesitz,  das
Fideikommiß  freibleibt?  Nachdem  anerkannt  worden  ist,  daß  die  Fideikommisse
  eine  Abgabe  zu  bezahlen  haben,  daß  sie  niemals  im  Falle  einer
Veräußerung  den  Stempel  zu  tragen  haben,  muß  auch  ein  Ersatz  für  entgangene
  Zuwachssteuer  der  Fideikommisse  gefunden  werden.  Das  ist  nötig,
wo  immer  mehr  solch  gebundener  Besitz  in  Preußen  geschaffen  wird.  Daß
die  Fürsten  steuerfrei  bleiben  sollen,  ist  mir  unverständlich.  Die  Fürsten
sollten  endlich  doch  einmal  von  selbst  dieses  odiose  Steuerprivileg  ablehnen
und  darauf  verzichten.  Ihre  Latifundien  haben  Millionen  an  Wert  gewonnen.
  Auch  mit  der  Steuerfreiheit  der  offiziell  rechtlichen  Korporationen
können  wir  uns  nicht  unbedingt  befreunden.  Verkäufe  an  Private  sollten
steuerpflichtig  sein.  Das  preußische  Landwirtschaftsministerium  verkauft  andauernd
  Staatsgelände  an  Private  zu  Spekulationszwecken.  Das  muß  verhindert
  werden.  Das  preußische  Landwirtschaftsministerium  besitzt  Beamte,
die  sich  an  Geschäftsgerissenheit  mit  den  besten  Grundstücksspekulanten  messen
könnten.  Da  wird  Terrain  in  unmittelbarer  Nähe  der  Großstadt  verschleudert.
  Bekommen  die  Gemeinden  und  das  Reich  die  Wertzuwachssteuer
davon,  dann  kann  ein  geringer  Teil  des  Schadens  wenigstens  wieder  gutgemacht
  werden.  Auch  der  Tarif  wird  wohl  umgearbeitet  werden  müssen.
Der  Versuch  des  Reichsschatzamtes,  einen  kleinen  Privatvorteil  zu  machen
und  den  Entwurf  der  Wertzuwachssteuer  zu  einer  allgemeinen  Steuererhöhung
  zu  benutzen,  ist  energisch  zurückzuweisen.  Die  gesetzlich  festgelegte
Aufhebung  des  Umsatzstempels  soll  vertagt  werden,  und  anstatt  20  sollen
25  Millionen  gewonnen  werden.  Wenn  die  schwarz-blaue  Mehrheit  ihrer
Steuergesetzgebung  neue  Steuererhöhungen  folgen  lassen  will,  so  mag  sie
das  tun,  wir  folgen  ihr  darin  nicht.

Finan  zminister  Frhr.  v.  Rheinbaben  protestiert  gegen  den  Vorwurf
  des  Vorredners,  daß  im  Landwirtschaftsministerium  die  gerissensten
Grundstücksschieber  säßen.  (Zuruf  des  Abg.  Südekum:  Habe  ich  nicht  gesagt!)
  Es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  daß  die  Einzelstaaten  im  Grunde  einen
Anspruch  auf  die  Wertzuwachssteuer  haben,  wie  das  Reich  und  die  Gemeinden.
  Die  Grundsteuer  ist  ja  die  ursprünglichste  Steuerresorm.  Die
Einzelstaaten  tragen  doch  durch  ihre  Bahnbauten  wesentlich  zur  Wertsteigerung
bei.  Die  Einzelstaaten  verwenden  auch  alle  Mittel,  die  ihnen  zufließen,
wieder  für  öffentliche  Zwecke.  26  Millionen  hat  Preußen  allein  geopfert,
um  die  spekulative  Ausbeutung  der  an  den  Wasserstraßen  gelegenen  Grundstücke
  zu  verhindern.  Jetzt  soll  das  Reich  den  alleinigen  Vorteil  haben.
Es  ist  wirklich  ein  bescheidener  Anteil,  den  die  Einzelstaaten  für  sich  beanspruchen.
  Die  Erhebung  der  Zuwachssteuer  wird  ganz  besondere  Schwierigkeiten
  machen.  Die  Zahl  der  Beamten  wird  erhöht  werden  müssen  und
daraus  rechtfertigt  sich  auch  das  Verlangen  der  Einzelstaaten  nach  einer
Entschädigung  für  ihre  Aufwendungen.  In  Hessen  hat  sich  ergeben,  daß
die  Verwaltungskosten  10  bis  20  Prozent  betragen.  Wenn  wir  also  10
Prozent  an  der  Zuwachssteuer  verlangen,  so  glauben  wir  außerordentlich
bescheiden  zu  sein  und  ich  bitte,  daran  nichts  zu  ändern.

Abg.  Cuno  (Fortschr.  Vp.):  Wir  verdanken  diese  Steuer  der  Tatsache,
  daß  bei  der  Reichsfinanzreform  eine  einheitliche  Besteuerung  des
Besitzes  gescheitert  ist.  Es  ist  gefährlich,  solche  Gesetze  anzukündigen,  denn
solche  Ankündigungen  schaffen  eine  bedenkliche  Unsicherheit  im  wirtschaftlichen
  Leben.  Jetzt  soll  nun  der  Grundbesitz  durch  die  Beibehaltung  des
Umsatzstempels  doppelt  getroffen  werden.  Wir  sind  bereit,  den  §  90  des

157
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        228  JNas  NVeuische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (April  15.)

Steuergesetzes  einzuführen,  aber  wir  sehen  keine  Notwendigkeit,  darüber
hinauszugehen.  Wir  stehen  der  Reichswertzuwachssteuer  sehr  nüchtern  gegenüber.
  Die  Gemeinden,  die  immer  steigende  Lasten  auf  sich  zu  nehmen
haben,  haben  den  ersten  Anspruch  auf  diese  Steuer.  Wenn  die  Besteuerung
in  den  Gemeinden  so  geringe  Fortschritte  gemacht  hat,  so  ist  das  die  Folge
der  Privilegien,  deren  sich  der  Grundbesitz  durch  die  Gesetzgebung  erfreut.
Wird  sie  aber  einmal  vom  Reich  eingeführt,  so  muß  kräftig  zugegriffen
werden  und  die  Gemeinden  müssen  ihren  Anteil  erhalten.  Die  Abschwächungsversuche
  des  Grafen  Westarp  lehnen  wir  ab.  Für  die  Erleichterung  im
Erbfalle  liegt  kein  Grund  vor.

Staatssekretär  Wermuth:  Um  Plusmacherei  handelt  es  sich  beie
diesem  Gesetz  ganz  und  gar  nicht.  Zu  einer  Entschädigung  der  Gemeinden,
welche  noch  im  letzten  Augenblick  eine  Zuwachssteuer  eingeführt  haben  und
den  Etat  für  1910  danach  eingerichtet  haben,  liegt  keine  Veranlassung  vor,
denn  diese  Gemeinden  wußten  ja,  daß  die  Steuer  kommen  würde.

Abg.  Weber  (Nl.):  Wir  stehen  der  Vorlage  sympathisch  gegenüber
und  halten  auch  die  technische  Ausgestaltung  des  Gesetzes  für  recht  gut.
Die  Begünstigung  des  flachen  Landes  durch  die  Vorlage  ist  nicht  zu  verwerfen,
  dagegen  sehen  wir  nicht  ein,  warum  die  Einzelstaaten  an  den  Erträgnissen
  der  Steuer  teilnehmen  sollen.  Wir  halten  dafür,  daß  sich  das
Reich  und  die  Gemeinden  zu  gleichen  Teilen  in  die  Steuer  teilen  sollen.
Bedenken  haben  wir  gegen  die  Bestimmung,  daß  den  Gemeinden,  welche
am  1.  April  1909  die  Zuwachssteuer  bereits  hatten,  für  fünf  Jahre  ein
Anteil  an  der  Steuer  gesichert  sein  soll.  Dieser  Termin  ist  nicht  glücklich
gewählt,  denn  er  rechnet  nicht  mit  der  Tatsache,  daß  in  den  süddeutschen
Staaten  durch  die  Landesgesetzgebung  den  Gemeinden  die  Erhebung  der
Steuer  verschlossen  war.  Einen  etwaigen  Mehrertrag  der  Steuer  zur
Herabsetzung  oder  Beseitigung  anderer  indirekter  Steuern  zu  verwenden,
davon  kann  keine.  Rede  sein.  Da  ist  es  besser,  solche  Mehrerträge  zur
Schuldentilgung  zu  verwenden.  Zu  erwägen  ist,  ob  es  angezeigt  ist,  das.
Gesetz  zu  einer  Zeit  zu  erlassen,  wo  das  ganze  Baugewerbe  sich  in  einer
Krise  befindet.  Man  muß  auch  der  prekären  Lage  vieler  Grundbesitzer
Rechnung  tragen  und  vor  allem  verhüten,  daß  der  gesunde  Grundstückhandel
  durch  das  Gesetz  nicht  unterbunden  wird.

Abg.  Spahn  (3.):  Wir  begrüßen  die  Einbringung  dieses  Gesetzes.
Es  ist  eine  direkte  Folge  der  Finanzreform.  Ich  nehme  an,  daß  die  Mehrheit,
  die  jene  Finanzreform  verabschiedet  hat,  auch  diese  Steuer  annehmen
wird.  Was  die  Verteilung  zwischen  Reich,  Bundesstaaten  und  Gemeinden
angeht,  so  wird  man  ja  noch  darüber  reden  können.  Es  ist  nebensächlicher
Natur,  aber  daran  werden  wir  festhalten  müssen,  daß  die  ganze  Steuerreform
  nicht  dadurch  wieder  zunichte  gemacht  wird,  daß  das  Ansehen,  das
das  Reich  hat,  ihm  nicht  wieder  genommen  wird.  Die  Besitzsteuer  wollen
wir  auf  diesem  Wege  nicht  wieder  ins  Gesetz  hineinbringen.

Abg.  Arendt  (Rp.)  erklärt  sich  mit  der  Vorlage  im  allgemeinen
einverstanden,  hält  aber  Aenderungen  im  einzelnen  für  geboten.  Die  Behandlung
  derer,  die  an  ihrem  Besitz  jahrzehntelang  festgehalten  haben,
entspreche  in  dem  Entwurf  nicht  der  Billigkeit.  Zweifellos  werde  ourch
das  Gesetz  die  Zahl  der  Prozesse  unglaublich  vermehrt  werden.  Es  ist
auch  möglich,  daß  die  Durchführung  des  Gesetzes  mehr  kostet,  als  es  einbringt.
  Die  Finanzgebarung  des  Schausekretärs  soll  ganz  gewiß  nicht  erschwert
  werden.  Aber  der  Staatssekretär  geht  über  die  Beschlüsse  der
Finanzreform  hinaus,  und  wir  haben  doch  sehr  zu  überlegen,  ob  die  durch
die  Vorlage  beabsichtigte  Belastung  des  Grundbesitzes  wirtschaftlich  und
finanziell  gerechtfertigt  ist.  Es  wird  anscheinend  vergessen,  daß  die  jetzige
        <pb n="237" />
        Das  Veenische  Reich  und  seine  rinhelnen  Glieder.  (April  15.)  229

lebhafte  Entwicklung  auf  dem  Grundstücksmarkt  durch  die  besonderen  Umstände
  hervorgerufen  ist  und  nicht  so  fortgehen  wird.  Auf  dem  Papier
sieht  sich  alles  ganz  anders  an  als  in  Wirklichkeit.  Ich  erinnere  an  die
Fahrkartensteuer,  bei  der  man  namentlich  bei  der  exorbitanten  Belastung
der  ersten  Klasse  nicht  an  die  Abwanderung  in  die  unteren  Klassen  gedacht
hat,  und  durch  die  die  preußischen  Eisenbahnen  mehr  geschädigt  worden
sind,  als  das  Reich  erhalten  hat.  Aehnlich  soll  es  auch  mit  der  Zuwachssteuer
  gehen.  Wir  wollen  die  Schöneberger  Millionenbauern  treffen,  aber
wir  sollen  uns  hüten,  nun  alle  Bauern  im  Reich  zu  schlagen.  Es  handelt
sich  um  einen  Sprung  ins  Dunkle,  denn  die  Erfahrung  einiger  Großstädte
beweist  nichts  für  die  ländlichen  Bezirke.  Wenn  man  ein  Gesetz  machen  könnte,
das  nur  die  großen  Spekulanten  treffe,  so  wäre  alles  sehr  schön.  Aber
es  sind  nicht  alles  großstädtische  Spekulanten,  die  durch  dieses  Gesetz  betroffen
  werden.  Der  verstorbene  Abgeordnete  Schulz-Lupitz  hat  seinen  unfruchtbaren
  Saatboden  durch  die  künstliche  Düngung,  die  er  zuerst  eingeführt
  hat,  ertragreich  gemacht.  Die  dadurch  bestimmte  Wertsteigerung
war  nach  dem  uns  vorliegenden  Gesetz  als  unbedingter  Wertzuwachs  zu
versteuern.  Wäre  das  aber  nicht  eine  große  Ungerechtigkeit?  Ich  begrüße
die  Bestimmung  des  Gesetzentwurfes,  daß  man  die  Gemeinden,  die  vor
dem  1.  April  1909  schon  eine  Zuwachssteuer  hatten,  entschädigt  und  ihnen
der  Uebertritt  in  die  neuen  Verhältnisse  erleichtert  wird.  Die  Anregung,
etwaige  Ueberschüsse  zur  Schuldentilgung  zu  verwenden,  begrüßen  wir.
Das  schützt  uns  vor  fiskalischer  Ausnutzung  des  Gesetzes.  Es  wird  sich
fragen,  ob  nicht  die  Wirkung  des  Gesetzes  einzuschränken  ist,  denn  das
Gesetz  soll  doch  für  die  Großspekulation  gemacht  werden  und  nicht  die
kleinsten  Besitzer  treffen.  Eine  Grenze  von  20000  oder  50000  Mark  sollte
nach  unten  gezogen  werden.  Eine  gewisse  Summe  des  Mehrpreises  ist
wohl  auch  gar  keine  Wertsteigerung,  sondern  eine  Anpassung  an  die  immer
teurer  werdenden  Geldpreise.  Das  muß  doch  auch  abgezogen  werden.  Das
Ganze  ist  in  der  Kommission  eingehend  zu  prüfen.  Es  ist  bedauerlich,
daß  wir  das  Gesetz  so  spät  erhalten  haben.  Vielleicht  könnte  es  während
der  großen  Reichstagsvertagung  in  den  Kommissionen  mit  beraten  werden;
über  das  Knie  gebrochen  werden  darf  es  nicht.

Staatssekretär  Wermuth:  Die  Ausführungen  lassen  doch  eine  scharfe
Gegnerschaft  gegen  das  Gesetz  erkennen,  die  schärfste,  die  wir  heute  hier
gehört  haben.  Das,  was  hier  im  Gesetz  zum  Ausdruck  gebracht  werden
soll,  muß  aber  möglichst  rasch  gemacht  werden.  Die  Erörterungen  vom
vorigen  Jahre  haben  in  uns  Hoffnungen  erweckt  über  die  Stellung  des
Reichstages,  die  Sie  jetzt  hoffentlich  nicht  enttäuschen  werden.  Der  Redner
wendet  sich  sodann  im  einzelnen  gegen  die  Ausführungen  des  Vorredners.
Das  Gesetz  wird  durchaus  nicht  ungünstig  auf  die  kleinen  Städte  und  das
platte  Land  wirken.  Eine  ganze  Anzahl  von  kleinen  Landgemeinden  hat
ja  doch  freiwillig  die  Zuwachssteuer  akzeptiert.  Das  Gesetz  muß  rasch  erledigt
  werden.

Abg.  Raab  (W.  Vg.)  bezeichnet  sich  als  einen  der  ersten  Verfechter
des  Gedankens  einer  Reichswertzuwachssteuer  im  Reichstage.  Die  Vorlage
hätte  vor  Jahren  kommen  können.  Gegen  den  Umsatzstempel  haben  wir
immer  die  größten  Bedenken  gehabt.  Ein  sozialer  Gedanke  steckt  in  dieser
Aufgabe  nicht.  Daß  hier  Gründe  gegen  diese  Steuer  vorgebracht  werden,
hindert  doch  nicht,  daß  die  Steuer  ganz  zweckmäßig  ist.  Gegen  welche
Steuer  werden  denn  keine  Gründe  vorgebracht?  Jede  Verzögerung  wird
nur  der  Güterschlächterei  zugute  kommen.  Die  Auffassung  Dr.  Webers,
daß  durch  die  Wertzuwachssteuer  der  Preis  des  Bodens  steigen  würde,  ist
unhaltbar.  Die  bodenreformerische  Wissenschaft  lehrt  es  ganz  anders.  Wir
        <pb n="238" />
        230  NMa##Vesche  Reith  und  seine  einzelnen  Slieder.  (April  15.  16.)

haben  alles  zu  vermeiden,  was  den  Grund-  und  Bodenpreis,  abgesehen
von  den  natürlichen  Steigerungen,  verteuern  könnte.  Vor  dem  Freund
der  Vorlage,  Dr.  Arendt,  könnte  einem  in  der  Tat  ein  wenig  bange  werden.
Wir  mülssen  schnell  fertig  werden,  man  wartet  im  Lande  auf  das  Gesese
Die  Sätze  für  kleine  Güter  sind  so  klein,  daß  auch  die  kleinen  Leute
sehr  wohl  ertragen  können.

Abg.  Zietsch  (Sd.):  Die  Regierung  hat  diesmal  ihren  Auftrag,
der  ihr  von  der  Mehrheit  zuteil  geworden  ist,  rasch  ausgeführt.  Hoffentlich
  geht's  beim  nächsten  Arbeiterwunsch  auch  so  rasch.  Ich  verstehe  den
Willen  der  Regierung  nicht.  Es  kennzeichnet  die  Regierung,  daß  sie  erklärte:
  ohne  Erbschaftssteuer  keine  Finanzreform.  Sie  hatte  diesen  Standpunkt
  schon  früher  aufgegeben  und  jetzt  sind  die  Erbgänge  in  dieser  Steuer
ausdrücklich  ausgenommen.  Die  Wahl  von  gestern  wird  woyl  auch  den
Nationalliberalen  gezeigt  haben,  wie  richtig  ihre  Stellung  bei  der  letzten
Finanzreform  war.  Hoffentlich  hält  sie  also  nun  daran  auch  fest.  Zunächst
müssen  die  Gemeinden  Versuche  machen  mit  der  Wertzuwachssteuer,  und
jetzt  kommt  das  Reich  in  seinem  Dalles  und  steckt  die  Gelder  ein.  Mit
der  jetzigen  Regelung  können  die  Gemeinden  nicht  zufrieden  sein,  besonders
weil  die  Einnahmen  aus  der  Steuer  nicht  zu  Sonderzwecken  verwendet
werden  sollen,  sondern  zu  allgemeinen  finanziellen  Zwecken.

Die  Vorlage  geht  an  eine  Kommission  von  28  Mitgliedern.

15.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Umbau  des
Bühnenhauses  des  Opernhaufes  in  Berlin.

Ein  Nachtragsetat  für  diesen  Umbau,  der  in  der  Zeit  vom  1.  Mai
bis  1.  November  1910  zur  Ausführung  gelangen  soll,  fordert  854  500  Mark.
Die  Budgetkommission  genehmigt  die  Ausgabe  am  21.  April,  nachdem  der
Finanzminister  erklärt  hatte,  daß  die  Krone  1½  Millionen  Mark  Zuschuß
zu  den  Berliner  Theatern  leiste.

16.  April.  Die  Massenaussperrung  der  Bauarbeiter  tritt  in
sehr  vielen  deutschen  Städten  in  Kraft.  Im  ganzen  sind  davon
200000  Arbeiter  betroffen  worden  (s.  8.  April).

16.  April.  (Berlin.)  Abg.  Graf  Oriola  f.,  55  Jahre  alt,
infolge  eines  Straßenbahnunfalles.

16.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Novelle
zum  Staatsschuldbuchgesetz  wird  in  der  Fassung  des  Herrenhauses
angenommen.

16.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Kultusetat.
  Titel  „Ministergehalt“.

Abg.  Dittrich  (Z.):  Die  jetzige  Schule  hat  nicht  das  geleistet,  was
sie  hätte  leisten  sollen.  Wir  wollen  ja  gar  nicht  mit  der  geistlichen  Schulaussicht
  eine  absolute  Herrschaft  der  Kirche  über  die  Schule  etablieren.  Die
Behauptung  von  der  Herrschsucht  der  Kirche  ist  ein  falsches  Dogma.  Unsere
Grundsätze  sind  nicht  staatsgefährlich,  sie  sind  in  eminentem  Sinne  staatserhaltend;
  denn  es  gibt  kein  besseres  Fundament  für  die  Staatserhaltung
als  die  christliche  Weltanschanung.  Das  ist  nicht  meine  Privatmeinung,
sondern  ich  spreche  sie  aus  für  das  gesamte  Zentrum.  Was  soll  man  da
sagen  zu  den  Aeußerungen  gestern  im  Herrenhause  gegen  uns  von  seiten
eines  Kronsyndikus,  der  doch  unter  Umständen  der  Krone  Rat  zu  er-
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        Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  16.  17.)  231

teilen  hat?  Er  sagte,  im  Zentrum  säßen  neben  Aristokraten  und  dem
Mittelstand  auch  Sozialisten.  Das  ist  eine  völlige  Verkennung  des
Sozialismus.  Ich  protestiere  gegen  diese  Aeußerungen  des  Kronsyndikus
Dr.  Hamm  gegen  uns  im  Namen  des  ganzen  Zentrums.  (Ruf  b.  d.  Sd.:
Wir  auchl)

Frhr.  v.  Zedlitz  (Frk.):  Ich  stelle  fest,  daß  hinsichtlich  der  freien
Religionsübung  der  katholischen  Kirche  keine  irgendwie  begründeten  Beschwerden
  vorgebracht  werden  können.  Die  Regelung  der  Ordensniederlassungen
  beruht  auf  den  Bestimmungen,  mit  denen  der  Kulturkampf  zum
Abschluß  gebracht  wurde.  Diese  Bestimmungen  sind  abschließend.  (Lebhafter
  Widerspruch  i.  Z.)  Diejenigen,  die  daran  rütteln,  wollen  den  Frieden
nicht.  (Lebhafte  Unruhe  i.  Z.  Lärm.)  Mit  diesen  Bestimmungen  ist  —
ich  wiederhole  das  —  eine  Verständigung  zwischen  Staat  und  Kirche  geschaffen.
  Daran  zu  rütteln,  haben  wir  keinen  Anlaß.  Der  Abg.  Dittrich
hat  selbst  anerkannt,  daß  das  Ordenswesen  sich  in  ganz  ungewöhnlicher
Weise  entwickelt  hat,  daß  die  Zahl  der  Niederlassungen  von  Jahr  zu  Jahr
zunimmt  und  daß  von  einer  Hemmung  der  Ordenstätigkeit  nicht  im  mindesten
  die  Rede  sein  kann.  Ich  will  aber  auch  hervorheben,  daß  in  der
evangelischen  Bevölkerung  Preußens  vielfach  der  Eindruck  obwaltet,  als
ob  die  Ordensniederlassungen  nur  scheinbar  den  Zwecken  der  Orden,  in
Wirklichkeit  aber  der  katholischen  Propaganda  dienen  sollen.  (Lärm  i.  Z.)  Ich
meinesteils  eigne  mir  diese  Auffassung  nicht  an,  aber  ich  stelle  fest,  daß  sie
vorhanden  ist.  Diese  Gefühle  und  Stimmungen  bestehen  in  der  evangelischen
  Bevölkerung,  die  doch  keine  Quantité  negligeable  ist,  und  mit  der
doch  auch  die  Kirche  rechnen  muß.  Was  nun  die  Schule  anlangt,  so  ist
alles  Erforderliche  für  den  Religionsunterricht  gesetzlich  in  zufriedenstellender
  Weise  geregelt.  Der  Religionsunterricht  bleibt  hier  der  Mittelpunkt
des  Unterrichts.  Das  ist  in  der  preußischen  Schule  durchaus  in  der  Praxis
durchgeführt  worden.  In  Preußen  ist  die  Schule  von  jeher  nach  den  Grundsätzen
  geleitet  worden,  daß  sie  nicht  bloß  nützliche  Kenntnisse  verbreiten,
sondern  auch  die  Jugend  zu  gläubigen  Charakteren  und  Patrioten  erziehen
soll.  Und  diese  erziehliche  Wirkung  hat  auch  der  Religionsunterricht.  Also
auch  darüber  kann  die  katholische  Kirche  nicht  klagen.  Wenn  aber  das
richtig  ist,  sind  auch  die  Bestimmungen  über  die  Schulaufsicht  nicht  unvereinbar
  mit  den  katholischen  Prinzipien  und  den  Grundsätzen  einer  katholischen
  Erziehung.  Ohne  Einzelheiten  zu  berühren,  stelle  ich  fest,  daß  die
Maßnahmen  der  Staatsregierung,  um  allmählich  die  Schulaufsicht  durch
Fachleute,  Rektoren  usw.,  anstatt  durch  Geistliche  auszuüben,  die  volle  Zustimmung
  meiner  Freunde  haben,  und  daß  dieses  schwierige  Ziel  durchaus
im  Interesse  der  Schule  liegt.  Die  Forderung,  die  Geistlichen  wieder  in
dies  Amt  einzusetzen,  hat  selbst  der  Abg.  Dittrich  für  unerreichbar  erklärt.
In  der  Tat  würde  eine  solche  Maßregel  uns  mehr  als  ein  Menschenalter
in  der  Entwicklung  der  Schule  zurückschrauben,  und  sie  auf  einen  niedrigeren
Zustand  zurückbringen.

16.  April.  (Gotha.)  Zur  Frage  des  Religionsunterrichts.

Der  Thüringer  Kirchentag  nimmt  eine  Resolution  an,  wonach
die  kirchliche  Beaufsichtigung  des  Religionsunterrichts  aufzuheben  ist.  In
Sachsen-Gotha  ist  das  bereits  1863,  in  Sachsen-Meiningen  1909  geschehen.

17.  April.  (Berlin.)  Ein  außerordentlicher  deutscher  Arztetag
erklärt  sich  gegen  die  in  der  Reichsversicherungsordnung  vorgesehene
Regelung  des  Verhältnisses  der  Arzte  zu  den  Krankenkassen.
        <pb n="240" />
        232  as  Veutsche  Reich  und  seine  einselnen  SElieder.  (April  18.)

18.  April.  (Essen.)  60  englische  Arbeiter  treffen  zum  Studium
der  deutschen  Arbeiter-  und  Wohnungsverhältnisse  ein.

18.  April.  (Reichstag.)  Erste  Lesung  der  Reichsversicherungsordnung.


Abg.  Spahn  (3.):  In  Preußen  bestehen  zurzeit  etwa  24000  Krankenkassen.
  Der  Entwurf  hebt  die  Gemeindekrankenkassen  auf,  deren  Zahl  8200
beträgt,  er  läßt  die  Ortskrankenkassen  bestehen  und  stellt  daneben  Landkrankenkassen
  her.  Er  läßt  weiter  bestehen,  unter  etwas  beschränkten  Bestimmungen,
  die  Betriebs-  und  Berufskrankenkassen  und  die  Knappschaftskassen.
  Von  den  Betriebs-,  Berufs=  und  Hilfskassen  haben  allerdings  eine
große  Anzahl  eingehen  müssen,  weil  sie  die  Bedingungen  nicht  erfüllen,
die  für  ihr  Bestehen  aufgestellt  sind.  Es  erklärt  sich  auch  das  Bestreben,
daß  die  Organisation  der  Krankenkassen  im  allgemeinen  mehr  geregelt  wird.
Der  Entwurf  sieht  vor,  daß  die  Beitragszahlungen  zwischen  Arbeitgebern
und  Arbeitnehmern  geteilt  werden.  Dementsprechend  wird  auch  bestimmt,
daß  die  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  gleichviel  Personen  in  den  Vorstand
wählen.  Der  Vorsitzende  soll  dann  vom  Vorstande  gewählt  werden.  Diese
Neuregelung  bedeutet  eine  erhebliche  Aenderung  zugunsten  der  Arbeitgeber.
Ich  weiß  nicht,  nachdem  der  jetzige  Zustand  sich  so  lange  bewährt  hat,  ob
wirklich  dieser  Weg  zu  gehen  ist.  Der  Entwurf  berührt  die  Lage  der  Privatbeamten
  nicht.  Ich  möchte  aber  an  den  Staatssekretär  die  Anfrage  richten,
wie  weit  die  Vorarbeiten  für  die  Privatbeamtenversicherung  gediehen  sind.
Eine  einschneidende  Veränderung  erfahren  auch  die  Kassen  der  Berufsgenossenschaften.
  So  werden  die  Berufsgenossenschaften  verpflichtet,  mindestens
  ein  Viertel  ihres  Vermögens  in  Staatspapieren  anzulegen.  Bedauerlich
  ist  es,  daß  die  Witwen-  und  Waisenversicherung  nicht  bis  zum
1.  April  1910  durchgeführt  werden  konnte.  Die  Kommission  wird  nun  zu
prüfen  haben,  ob  der  Hinterbliebenenversicherung  nicht  rückwirkende  Kraft
bis  zum  1.  April  1910  gegeben  werden  soll.

Abg.  Schickert  (K.)  begrüßt  besonders  die  Einführung  der  Reliktenversicherung
  als  einen  Fortschritt,  wenn  auch  die  Leistungen  bescheiden.
seien.  Erfreulich  sei,  daß  der  Plan  einer  Verschmelzung  der  drei  Versicherungen
  aufgegeben  sei.  Der  Ausdehnung  der  Versicherung  auf  die  ländlichen
  Arbeiter  könnte  man  zustimmen,  wenn  auf  die  ländlichen  Verhältnisse
  Rücksicht  genommen  werde  und  der  Landesgesetzgebung  ein  gewisser
Spielraum  erhalten  bleibe.

Abg.  Horn  (Nl.):  Die  Forderung  der  Aerzte,  daß  alle  Personen
mit  über  2000  Mark  Gehalt  von  der  Versicherung  ausgeschlossen  seien,  sei
unsozial  und  daher  abzulehnen.  In  der  Zentralisation  der  Krankenkassen
solle  man  nicht  zu  weit  gehen.  Die  Betriebskrankenkassen  würden  von  der
Sozialdemokratie  hauptsächlich  deshalb  bekämpft,  weil  die  Sozialdemokraten
in  ihnen  nicht  festen  Fuß  fassen  könnten.  Der  Aerztestand  werde  durch  das
Kassenarztsystem  in  die  Abhängigkeit  von  den  Kassen  gedrängt.  Der  jetzigen
Regelung  der  Aerztefrage  in  dem  Gesetzentwurf  könne  die  Mehrzahl  der
Aerzte  nicht  beistimmen.  Die  Kassen  behaupten  nun  aber,  daß  die  freie
Aerztewahl  ihre  bisherigen  Leistungen  unmöglich  machen  werde,  weil  sie
durch  die  Erhöhung  des  Honorars  eine  starke  Belastung  erfahren  würden.
Vor  allem  sei  aber  die  Kontrolle  zu  schwierig.  Der  eine  oder  andere  Arzt
werde  bei  der  freien  Arztwahl  den  Patienten  mehr  entgegenkommen,  als
absolut  nötig  ist.  Der  Entwurf  hat  auf  beiden  Seiten  stürmischen  Widerspruch
  hervorgerufen.  Die  Aerzte  drohen  mit  scharfen  Maßnahmen,  wenn
der  Entwurf  mit  seinen  bisherigen  Bestimmungen  Gesetz  werden  sollte.  Der
        <pb n="241" />
        Das  Deeische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  18.)  233

Aerztestand  hat  sich  festgelegt  auf  seine  Lübecker  Beschlüsse  und  betrachtet
diese  als  ein  unteilbares  Ganzes.  Die  geplante  Form  der  Invalidenversicherung
  ist  eine  stärkere  Berücksichtigung  des  Mittelstandes  und  das
wird  von  uns  begrüßt.  Die  Hinterbliebenenversicherung  haben  wir  seit
langer  Zeit  gefördert,  und  wir  sind  auch  mit  den  Bestimmungen  des  Entwurfs
  im  allgemeinen  einverstanden.  Wir  bedauern  aber,  daß  es  nicht
Möglich  ist,  die  Bezüge  der  Hinterbliebenen  noch  höher  zu  gestalten,  infolge
der  wenig  günstigen  finanziellen  Lage  des  Reiches.

Abg.  Mugdan  (Fortschr.  Vp.):  Diese  Landkrankenkassen  sind  für
uns  unannehmbar.  Hoffentlich  gilt  das  für  das  ganze  Haus.  Diese  Landkrankenkossen
  nehmen  den  Landarbeitern  jede  Spur  von  Anteilnahme  an
der  Selbstverwaltung.  Durch  diese  Landkrankenkassen  sollen  die  Landarbeiter
  zur  Versicherten  zweiter  Klasse  werden  und  ich  bedaure  es,  daß
die  Konservativen  nicht  dagegen  protestiert  haben.  In  diesen  Landkrankenkassen
  macht  der  Kreisausschuß  das  Statut,  der  Kreisausschuß  bestellt  den
Vorstand  und  dieser  Vorstand  kann  aus  einer  Person  bestehen,  also  vielleicht
aus  dem  Kreissekretär.  Noch  schlimmer  ist  die  Beschränkung  der  Leistungen
der  Landkrankenkasse.  Für  die  Versicherung  wird  gestattet,  das  Krankengeld
  zu  bemessen  nach  dem  ortsüblichen  Tagelohn.  Es  wird  sogar  unter
gewissen  Bedingungen  das  Recht  gegeben,  den  landwirtschaftlichen  Arbeitern
das  Krankengeld  zu  verweigern  und  zur  Winterszeit  kann  man  das  Krankeneld

  gegen  den  Willen  des  Arbeiters  kürzen.  Man  kann  den  landwirtchaftlichen
  Arbeiter  gegen  seinen  Willen  in  das  Krankenhaus  bringen  und
dergleichen.  Ich  bedaure  es  auf  das  tiefste,  daß  die  Abfassung  des  Entwurfs
  so  wenig  die  Zeichen  der  Zeit  erkennt.  Ich  sage  selbst,  daß  es  der
Landwirtschaft  jetzt  gut  geht.  Aber  eine  berechtigte  Klage  ist  es,  daß  die
Landwirtschaft  Leutemangel  hat.  Was  würde  nun  näher  liegen,  als  daß
die  verbündeten  Regierungen  versuchen,  die  Lage  der  landwirtschaftlichen
Arbeiter  zu  verbessern.  Warum  gehen  die  Landarbeiter  in  die  Stadt?  Weil
sie  das  Gefühl  haben,  daß  es  ihnen  nicht  möglich  ist,  größere  Rechte  zu
bekommen,  daß  sie  nicht  dieselben  Rechte  haben,  die  die  städtischen  Arbeiter
seit  Jahren  schon  besitzen.  Hier  macht  man  aber  Bestimmungen,  die  den
landwirtschaftlichen  Arbeitern  direkt  zu  Gemüte  führen,  daß  sie  für  Arbeiter
zweiter  Klasse  gelten.  Diese  Regelung  wird  der  Landwirtschaft,  falls  sie
Gesetz  wird,  den  größten  Schaden  zusügen.  Das  ist  ein  Punkt,  wo  der
Fortschritt  ausgehoben  wird  durch  den  Rückschritt.  Meine  politischen  Freunde
können  nicht  den  Bestimmungen  über  die  freien  Hilfskassen  zustimmen.
Meine  Freunde  können  auch  nicht  der  Halbierung  der  Beiträge  zustimmen.
  Ich  habe  viel  Tadel  hier  vorbringen  müssen,  aber  in  einigen
Punkten  kann  man  auch  loben.  Ich  will  aber  nicht  verschweigen,
daß  in  der  Begründung  sich  Ausführungen  vorfinden  von  höchstem
sozialpolitischen  Inhalt,  daß  das  Werk  theorelisch  einen  bleibenden  Wert
hat,  und  daß  der  Verfasser  des  Entwurfes  einen  bleibenden  Ruhm  davontragen
  wird.

Abg.  Molkenbuhr  (Sd.):  Das  Gesetz  soll  eine  Vereinheitlichung
und  Vereinfachung  sein.  Es  ist  beides  nicht  vollkommen.  Die  einzelnen
Gesetze  sollten  der  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie  gelten;  aber  das  haben
Sie  ebensowenig  erreicht,  wie  das  Ursprungsgesetz,  das  Sozialistengesetz.
Später  hat  man  mehr  den  sozialen  Zweck  der  Gesetze  betont.  Den  hat
man  von  vornherein  durch  eine  allzugroße  Zersplitterung  der  Kassen  vereitelt.
  Das  Krankengeld  ist  viel  zu  wenig  differenziert  und  zu  gering.
Für  einen  Landarbeiter  ist  genügend,  was  für  einen  städtischen  Arbeiter
oft  absolut  ungenügend  ist.  Mit  der  Halbierung  der  Beiträge  wird  den
Arbeitern  nichts  geschenkt.  Die  Arbeitgeber  schenken  nichts.  Alle  Forde-
        <pb n="242" />
        234  Jos  Heutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Elieder.  (April  18.)

rungen  der  Aerzte  können  wir  wohl  nicht  erfüllen.  Wir  wünschen  auch  den
Aerzten  eine  anständige  Bezahlung,  aber  für  die  Kranken  ist  in  erster
Linie  schnelle  und  gute  Hilfe  nötig.  Die  Reliktenrenten  sind  ganz  unzureichend.
  Sie  sind  ein  Hohn  auf  eine  wirkliche  Witwen=  und  Waisenversorgung.
  Die  Witwen-=  und  Waisenversicherung,  verbunden  mit  einer
Mutterschafts=  und  Kinderversicherung,  muß  ganz  anders  gestaltet  werden.
Wir  müssen  mit  der  Zeit  auch  zu  einer  Arbeitslosenversicherung  kommen.
Man  sagt  immer,  wenn  noch  mehr  Lasten  kommen,  dann  wird  unsere
Industrie  bankerott.  Ja,  ist  sie  denn  unter  den  bisherigen  Lasten  zugrunde
gegangen  und  hat  man  nicht  schon  immer  dieselben  Klagen  erhoben?
Unsere  Industrie  hat  sich  glänzend  entwickelt.  Sie  bezahlt  ja  für  die
Versicherung  nur  einen  Teil  des  Arbeitslohnes,  den  sie  beim  Verkauf
wieder  herausschlägt.  Unsere  bisherigen  Versicherungen  haben  sowohl  segensreich
  für  die  Industrie  gewirkt,  als  auch  die  Sterblichkeitsziffer  in  Deutschland
  erheblich  zurückgehen  lassen.  Auch  in  England  ist  man  jetzt  dabei,
eine  wirkliche  Arbeitslosenversicherung  zu  schaffen  und  hier  wäre  ein
Wettlauf  zwischen  den  beiden  Völkern  am  Platze.  Hier  wäre  es  angebracht,
  einmal  an  Stelle  von  Brennholz  des  Krieges  Bauholz  des  Friedens
zusammenzutragen.  Das  wäre  mehr  wert  als  alles  volksfeindliche
Wettrüsten.

18.  April.  (Reichstag.)  Kalikommission.

Handelsminister  Sydow  legt  einen  neuen  Gesetzentwurf  über  den
Absatz  von  Kalisalzen  auf  Grund  der  Kompromißvorschläge  vor,  die  von  den
Zentrumsmitgliedern  der  Kalikommission  durchgesetzt  worden  sind.  Darin
wird  die  Vertriebsgemeinschaft  vollständig  fallen  gelassen  und  der  Zwischenhandel
  nach  dem  Ausland  dadurch  verhindert,  daß  ein  neuer  83  4  àa  bestimmt:
Der  Auslandsabsatz  darf  nur  durch  Kaliwerksbesitzer  oder  durch  Vereinigungen
  von  solchen  erfolgen.

18.  April.  (Baden.)  Zweite  Kammer.  Der  Zentrumsantrag

  auf  Herabsetzung  der  unteren  Einkommensteuersätze

wird  mit  37  Stimmen  des  Großblocks  gegen  34  des  Zentrums  und
der  Konservativen  abgelehnt.

18.  April.  (Posen.)  Für  die  Ostmarkenausstellung  1911
übernimmt  der  Reichskanzler  den  Vorsitz  im  Ehrenausschuß.
18.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung

  der  allgemeinen  Besprechung  des  Kultusetats.

Kultusminister  v.  Trott  zu  Solz:  Ich  möchte  den  Dank  aussprechen
  für  die  zustimmende  Beurteilung,  die  die  von  mir  geplanten
Maßnahmen  zur  notwendigen  Entlastung  des  Kultusministers  hier  gefunden
  haben,  insbesondere  die  von  mir  angeordnete  Veränderung  des
inneren  Dienstes  meines  Ministeriums,  die  freiere  Stellung  des  Unterstaatssekretärs
  und  die  Trennung  der  Medizinalabteilung  vom  Ministerium.
Wenn  diese  Maßnahme  als  erster  Schritt  zur  Begründung  eines  besonderen
Unterrichtsministeriums  angesehen  wird,  so  muß  ich  sagen,  daß  diese  Absicht
  mir  fern  liegt.  Ich  würde  eine  derartige  Entwicklung  auch  nicht  für
nützlich  halten,  denn  wenn  die  geistlichen  Angelegenheiten  von  dem  Ressort
des  Unterrichtsministers  getrennt  würden,  so  kann  ich  darin  nur  eine  erhebliche
  Erschwerung  für  den  Unterrichtsminister  bei  den  ihm  erwachsenden
Aufgaben  erblicken.  Die  überwiegende  Mehrheit  des  Hauses  ist  der  Ansicht,
  daß  die  religiöse  Erziehung  in  den  Mittelpunkt  unserer  Schule  ge-
        <pb n="243" />
        Das  Denisqe  Reiqh  und  seine  eintelnen  Glieder.  (April  18.)  235

stellt  werden  soll,  daß  der  Religionsunterricht  unter  allen  Umständen  der
Schule  erhalten  wird.  Wenn  aber  das  geschehen  soll,  dann  ist  der  Unterrichtsminister
  auf  die  Mithilfe  der  Kirche  angewiesen.  Ist  er  das  aber,  so  bedeutet
  es  für  ihn  eine  Erleichterung,  wenn  er  gleichzeitig  auch  die  höchste
Instanz  für  die  den  Staat  berührenden  Angelegenheiten  der  Kirche  ist.
Nun,  diese  Frage  steht  ja  heute  nicht  zur  Entischeidung.  Die  Rechtslage
der  Frage  der  Erteilung  des  Religionsunterrichts  an  Dissidentenkinder  ist
schon  verschiedentlich  hier  ausführlich  dargestellt  worden;  zweifellos  entspricht
  das  Vorgehen  der  Unterrichtsverwaltung  dem  bestehenden  Recht,
aber  es  läßt  sich  nicht  leugnen,  daß  es  sich  hier  um  eine  äußerst  zarte
Frage  handelt.  Wir  stellen  den  Religionsunterricht  in  den  Mittelpunkt
unserer  Schulen,  da  unsere  Schulen  nicht  nur  Unterrichts-,  sondern  auch  Erziehungsanstalten
  sein  sollten.  Da  kann  man  nicht  ein  der  Schule  anvertrautes
Kind  ohne  diesen  Unterricht  oder  wenigstens  einen  geeigneten  Ersatz  lassen.
Die  Frage  wird  schwieriger,  wenn  sie,  wie  es  leider  geschieht,  in  agitatorischpolitischem
  Sinne  ausgenutzt  wird.  Es  liegt  der  Unterrichtsverwaltung
gänzlich  sern,  den  der  Kirche  gebührenden  Einfluß  auf  die  Schule  zu  beseitigen.
  Kirche  wie  Schule  sind  berufen,  erzieherisch  auf  unsere  heranwachsende
  Jugend  einzuwirken.  Sie  sollen  dabei  Hand  in  Hand  gehen.
Hand  in  Hand  auch  mit  Gemeinde  und  Familie,  die  ebenfalls  von  der
Schule  nicht  getrennt  werden  sollen.  (Lebh.  Beifall  r.  und  im  Z.)

Abg.  Cassel  (Fortschr.  Vp.):  Was  die  Erteilung  des  Religionsunterrichts
  anlangt,  so  muß  ich  gegenüber  dem  Herrn  Kollegen  Maurer
erklären,  daß  ich  grundsätzlich  gegen  die  Erteilung  des  Religionsunterichts
außerhalb  der  Schule  durch  die  einzelnen  Religionsgesellschaften  bin.  Ich
stehe  ganz  auf  dem  Boden  der  Anschauungen  Eugen  Richters,  welcher  stets
die  Forderung  vertreten  hat,  daß  der  Religionsunterricht  der  Schule  erhalten
  bleiben  soll.  Der  übrige  Unterricht  außer  der  Religion  muß  gemeinsam
  erteilt  werden.  Die  Lehrer  müssen  die  in  den  Fächern  vorkommenden
Schwierigkeiten  ohne  Rücksicht  auf  irgend  ein  Bekenntnis  zu  überwinden
wissen.  Im  Geschichtsunterricht  müssen  doch  auch  in  der  Volksschule  die
Schwierigkeiten  der  Reformationsgeschichte  gelöst  werden  können.  Es  gibt
doch  auch  zahlreiche  Fächer,  bei  denen  konfessionelle  Unterschiede  nicht  vorhanden
  sind,  es  gibt  doch  keine  konfessionelle  Mathematik,  kein  konfessionelles
Zeichnen  usw.  Und  warum  sollen  wir  an  der  Zukunft  der  Simultanschule
verzweifeln,  wenn  wir  wissen,  welche  Blüten  sie  in  Preußen  in  der  Vergangenheit
  gezeitigt  hat.  Ich  hoffe  vielmehr,  daß  die  Simultanschule  bei
uns  in  Preußen  zu  neuer  Blüte  und  neuer  gedeihlicher  Wirksamkeit  kommen
wird.  Das  Vorgehen  der  Unterrichtsverwaltung  gegen  die  Dissidentenkinder
  halten  wir  für  einen  unerträglichen  Eingriff  in  die  verfassungsmäßig

ewährte  Glaubens=  und  Gewissensfreiheit.  Dieser  Zwang  ist  immer  beämpft
  worden  und  zwar,  wie  ich  dem  Minister  gegenüber  betonen  möchte,
nicht  nur  von  liberaler  Seite,  sondern  auch  von  Konservativen  und  dem
Zentrum.  Als  der  Schulgesetzentwurf  des  Ministers  Goßler  eingebracht
wurde,  und  er  die  Vorschrift  enthielt,  diesen  Zwang  auf  Dissidentenkinder
gänzlich  zu  beseitigen,  wurde  diese  Bestimmung  von  den  Liberalen  und
den  Zentrumsabgeordneten  als  sehr  berechtigt  anerkannt,  und  gerade
Zentrumsmänner  waren  es,  die  sich  gegen  diesen  Zwang  mit  aller  Energie
gewandt  haben.  Als  dann  der  Zedlitzsche  Entwurf  diesen  Zwang  brachte,
wandten  sich  Liberale  und  Zentrumsvertreter  gegen  diese  Verletzung  der
verfassungsmäßig  gewährleisteten  Glaubens-  und  Gewissensfreiheit.

Abg.  Stychel  (P.):  Jahraus,  jahrein  sind  wir  gezwungen,  die  Beschwerden
  der  polnischen  Katholiken  hier  vorzubringen.  Aber  jahraus,
jahrein  hat  der  Minister  für  uns  nur  ein  bündiges  Nein.  Wir  stehen
        <pb n="244" />
        236  Des  Neusche  Reich  und  seine  einlelnen  Glieder.  (April  19.)

als  wehrlose  Objekte  der  Germanisierung  und  Protestantisierung  des  Ostens
gegenüber.  Man  will  uns  nehmen,  was  uns  hoch  und  heilig  ist.  Politik
und  Religion  wird  bei  uns  andauernd  verquickt.  Der  Erzbischofsstuhl  in
Posen  ist  immer  noch  verwaist  —  alles  aus  Politik!  Die  wenigen  Lehrer,
die  polnisch  den  Religionsunterricht  erteilen  können,  versetzt  man  nach  dem
Westen.  Beamte  scheuen  nicht  vor  Unwahrheiten  zurück,  um  gegen  das
Polentum  vorzugehen.

Kultusminister  v.  Trott:  Daß  wir  in  Bezug  auf  die  Hebung  des
Schulwesens  in  den  polnisch  sprechenden  Landesteilen  Außerordentliches
geleistet  haben,  hat  im  Gegensatz  zum  Vorredner  der  Abg.  v.  Jazdzewski
bei  der  ersten  Etatslesung  anerkannt.  Wenn  die  polnische  Sprache  im
Religionsunterricht  nicht  überall  zur  Geltung  kommt,  so  liegt  das  eben  an
dem  Mangel  polnisch  sprechender  Lehrer.  Es  ist  durchaus  nicht  richtig,
daß  tendenziös  von  der  Regierung  polnisch  sprechende  Lehrer  nach  dem
Westen  versetzt  würden,  aber  die  Polen  warnen  überall  vor  dem  Lehrerwerden,
  und  dadurch  entsteht  der  Mangel.  Unterlassen  Sie  diese  Warnungen,
dann  werden  Sie  auch  dazu  beitragen,  daß  die  bestehenden  Bestimmungen
über  den  Religionsunterricht  in  der  polnischen  Sprache  durchgeführt  werden.
Aber  daß  in  der  Schule  deutscher  Geist  gelehrt,  in  deutscher  Sprache
unterrichtet  wird,  das  halte  ich  allerdings  für  eine  Vorbedingung,  um
im  Osten  den  Stand  des  Deutschtums  zu  wahren,  und  daran  werde  ich
festhalten.

Abg.  Hoffmann  (Sd.):  Von  der  Trennung  der  geistlichen  Angelegenheiten
  von  der  Unterrichtsverwaltung  wollen  die  Herren  von  rechts
und  vom  Zentrum  nichts  wissen,  denn  da  liegen  ja  die  Wurzeln  des
schwarzblauen  Blocks.  Religions=  und  Gewissensfreiheit  ist  in  Preußen
heute  ein  sonderbarer  Begriff!'  Ein  schöner  Traum  aus  dem  Fallschen
liberalen  Tausendundeinenacht!  Der  Minister  sagt  zur  Frage  der  Dissidentenkinder,
  diese  würde  auf  Grund  des  geltenden  Rechts  geregelt.  Was
ist  das  für  ein  Recht?  1890  wurde  ich  vom  Kammergericht  freigesprochen,
als  ich  meine  Kinder  nicht  am  Religionsunterricht  hatte  teilnehmen  lassen.
Zehn  Jahre  später  entdeckte  ein  Schulrat,  meine  Kinder  brauchten  doch
den  Religionsunterricht,  und  als  ich  weigerte,  verurteilte  mich  dasselbe
Kammergericht!  Ich  hatte  gemeint,  den  höchsten  Richtern  in  Preußen
glauben  zu  dürfen  —  nun,  das  soll  mir  sobald  nicht  wieder  vorkommen.
Der  Minister  sagt,  die  Dissidentenkinder  brauchen  am  Religionsunterricht
nicht  teilzunehmen,  wenn  sie  sonst  außerhalb  der  Schule  Religionsunterricht
genießen.  Aber  als  Dr.  Bruno  Wille  einen  Religionsunterricht  für  Dissidentenkinder
  einrichten  wollte,  da  wurde  das  nicht  genehmigt,  weil  er  an
keinen  persönlichen  Gott  glaube!  An  dieser  Praxis  wird  nichts  geändert
werden,  wer  auch  Kultusminister  sein  mag,  so  lange  hinter  dem  Minister
Herr  Schwartzkopff  sitzt.  Es  besteht  noch  eine  Ministerialverfügung  aus
dem  Jahre  1859  zu  recht,  die  den  zwangsweisen  Religionsunterricht  für
Dissidentenkinder  untersagt,  wenn  ein  Ersatzunterricht  vorhanden  ist,  und
die  zugleich  bestimmt,  daß  es  zur  Erteilung  eines  solchen  Ersatzunterrichts
der  Genehmigung  nicht  bedürfe!  Diese  Verfügung  trägt  die  Unterschrift
Bethmann  Hollweg!  Ich  glaube,  diese  Linie  ist  ausgestorben!  (Stürmische
Heiterkeit.)

19.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Kommissionsverhandlung
  der  Wahlrechtsvorlage.

Der  Ministerpräsident  erklärt,  daß  die  von  ihm  in  der  Plenarsitzung
des  Herrenhauses  bezeichneten  Aenderungen  in  der  Vorlage  vorgenommen
werden,  wenn  diese  für  die  Regierung  annehmbar  werden  solle.  Diese
        <pb n="245" />
        Das  Heische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (April  19.)  237

Aenderungen  beziehen  sich  auf  das  privilegierte  Wahlrecht  der  sogenannten
Kulturträger  und  auf  eine  der  jetzt  in  der  Vorlage  enthaltenen  indirekten
Wahl  entsprechende  Aenderung  der  Bestimmungen  über  die  Drittelung.
Der  Ministerpräsident  erklärt,  daß  er  das  nicht  im  Interesse  irgend  einer
Partei,  sondern  aus  sachlichen  Gründen  verlangen  müsse.

Trotzdem  wird  das  Gesetz  mit  10  gegen  9  Stimmen  in  veränderter
Gestalt  angenommen.  Die  Aenderungen  bestehen  in  einer  anderen,  sehr
komplizierten  Gestaltung  der  Drittelung,  in  dem  Zusatz,  daß  für  künftige
Aenderungen  des  Wahlgesetzes  eine  Zweidrittelmehrheit  erforderlich  sein
soll,  in  einer  Herabsetzung  der  Maximierung  und  in  der  gänzlichen  Beseitigung
  des  bevorzugten  Wahlrechts  der  sogenannten  Kulturträger.

19.  April.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Lesung  der
Reichsversficherungsordnung.

Abg.  Frhr.  v.  Gamp  (Rp.):  Beim  ganzen  Gesetz  wird  wohl  der
Blaustift  eine  große  Rolle  spielen  müssen.  Vielleicht  gilt  das  auch  bezüglich
der  Versicherungsämter.  Mit  den  Leistungen  der  Betriebskrankenkassen  bin
ich  durchaus  zufrieden  gewesen  und  ich  glaube,  wir  sollten  sie,  wie  sie  der
Entwurf  vorsieht,  aufrecht  erhalten.  Die  Halbierung  der  Lasten  und  auch
der  Rechte  bei  den  Krankenkassen  halten  wir  für  durchaus  nötig,  damit
der  sozialdemokratische  Terrorismus  beseitigt  wird.  Die  Frage  der  Landkrankenkassen
  müssen  wir  genau  prüfen.  Es  fragt  sich,  ob  die  Landkrankenkassen
  in  der  Lage  sein  werden,  alle  ihnen  aufgelegten  Pflichten  zu  erfüllen.
Vielleicht  müssen  Bestimmungen  dahin  getroffen  werden,  daß  die  Versicherten
zum  Teil  selbst  den  Arzt  bezahlen  müssen,  jedenfalls  muß  die  Aufnahme
in  das  Krankenhaus  erleichtert  werden.  In  der  Aerztefrage  stehen  wir
auf  dem  Standpunkte  des  Kollegen  Mugdan.  Ueberlassen  wir  den  Streit
den  beiden  Organisationen,  die  werden  selbst  sich  darüber  klar  werden,  ob
die  freie  Aerztewahl  oder  ein  anderes  Kassenarztsystem  das  beste  ist.  Wir
wollen  im  Gesetz  nur  bestimmen,  daß  die  Kassen,  die  keine  freie  ärztliche
Behandlung  gewähren,  ein  höheres  Krankengeld  zahlen  müssen.  Mit
den  Berufsgenossenschaften  können  wir  durchaus  zufrieden  sein.  Wir  sollten
uns  hüten,  die  berufsgenossenschaftliche  Arbeit  durch  weitere  gesetzliche
Bestimmungen  einzuschränken.  Berechtigt  ist  die  Klage  über  die  Ausdehnung
  der  ehrenamtlichen  Tätigkeit  durch  die  Einführung  der  Versicherungsämter.


In  Vertretung  des  erkrankten  Staatssekretärs  Delbrück  spricht  Ministerialdirektor
  Caspar:  Die  bisherigen  Ausführungen  der  Redner  aus  dem
Hause  lassen  in  den  meisten  Punkten  eine  erfreuliche  Zustimmung  zu  der
Vorlage  erkennen;  über  die  Differenzen  wird  sich  wohl  nicht  unschwer  eine
Verständigung  in  der  Kommission  erzielen  lassen.  Dem  Wunsch  auf  eine
Vereinfachung  der  Organisation  werden  wir  uns  nicht  widersetzen,  aber  die
Ausführung  wird  schwieriger  sein,  als  sie  aussieht.  An  dem  Entwurf  eines
Gesetzes  über  die  Versicherung  der  Privatbeamten  wird  gearbeitet  und  der
Minister  hofft,  ihn  bis  zum  Herbst  fertigstellen  zu  können.  Die  finanziellen
Grundlagen  sind  nach  allen  Richtungen  sorgfältig  geprüft  worden.  Wollte
man  die  Hinterbliebenenversicherung  vom  1.  April  d.  J.  rückwirkend  gestalten,
  so  würde  diese  Grundlage  ins  Wanken  geraten.  Es  würde  sich  um
Millionen  Mehrbelastung  handeln,  und  aus  diesem  Grunde  wird  die  Rückwirkung
  nicht  ausführbar  sein.  Die  weitere  Zentralisierung  der  Krankenkassen
  würde  sich  nicht  empfehlen,  denn  sie  würde  den  bureaukratischen  Betrieb
  nur  verstärken.  An  der  Aufrechterhaltung  des  Kassenärztesystems
neben  der  freien  Aerztewahl  werden  die  verbündeten  Regierungen  unbedingt

festhalten.
        <pb n="246" />
        238  Hos  Desisoe  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  19.)

Abg.  Kulerski  (P.):  In  unseren  Augen  üÜberwiegen  die  Mängel  der
Vorlage  ihre  Vorzüge.  Die  besondere  Einrichtung  der  Landkrankenkassen
ist  überflüssig.  Bedauerlich  ist,  daß  die  Altersrente  nicht  schon  im  65.  Jahre

ewährt  werden  soll.  Diese  Altersherabsetzung  soll  28  Millionen  kosten,
die  man  sich  zu  fordern  scheut,  während  man  für  Heer  und  Marine  immer
neue  Millionen  verlangt.  Die  Leistungen  der  Witwenpensionskasse  sind
sehr  beschämend  und  das  Schlimmste  ist,  daß  die  Renten  nur  an  die  Witwen
des  Invaliden  bezahlt  werden  sollen.  Ist  die  Witwe  eines  nichtinvaliden
Arbeiters  etwa  besser  daran?

Abg.  Behrenus  (W  Vg.):  Ich  persönlich  lehne  ebenso  wie  der  Verband
christlich-sozialer  Arbeiter  die  Halbierung  der  Beiträge  und  der  Rechte  bei
den  Krankenkassen  ab,  aber  meine  politischen  Freunde  wollen  der  im  Entwurfe
  vorgeschlagenen  Halbierung  nicht  widersprechen  und  zwar  wegen  der
vielfach  hervorgetretenen  Mißstände  infolge  der  Vorherrschaft  der  Sozialdemokratie
  in  den  Krankenkassen.  Die  Regelung  der  Aerztefrage  in  dem
Entwurf  scheint  uns  nicht  klar.  Wir  können  nicht  einer  Regelung  zustimmen,
  die  im  letzten  Ende  auf  die  gesetzte  Festlegung  der  freien  Aerztewahl
  hinausgeht.

Abg.  Gräfe  (W.  Vg.)  erklärt,  daß  seine  Freunde  (die  Reformpartei
besteht  aus  drei  Mitgliedern)  mit  der  Vorlage  in  der  jetzigen  Gestalt  nicht
einverstanden  sein  könnten.  Wenn  es  auch  wünschenswert  sei.  daß  der
Terrorismus  aus  den  Krankenkassen  verschwinde,  so  könne  er  doch  die  Halbierung
  der  Beiträge  nicht  billigen,  weil  der  Mittelstand  nicht  in  der  Lage
sei,  diese  neuen  Lasten  zu  tragen.

Abg.  Becker  (Z3.):  Wenn  man  aus  der  schlechten  Besetzung  des
Hauses  einen  Rückschluß  ziehen  wollte  auf  das  Interesse  für  den  Gesetzentwurf,
  so  könnte  man  auch  dem  Pessimismus,  der  von  vielen  Seiten
geäußert  worden  ist,  zustimmen.  Auch  die  Besetzung  der  Bundesratsestrade
macht  einen  deprimierenden  Eindruck.  Der  Staatssekretär  ist  krank  und
das  ist  entschuldbar;  aber  die  Frage  ist  doch  wohl  gestattet:  Wo  bleibt
denn  der  Herr  Reichskanzler?  Er  hat  sich  bei  der  Beratung  der  Wahlrechtsvorlage
  darüber  beschwert,  daß  man  hier  im  Hause  nur  dann  Interesse
  zeige,  wenn  es  sich  um  sensationelle  Dinge  handle.  Bei  sachlichen  Beratungen
  sei  aber  wenig  Interesse  vorhanden.  Heute  handelt  es  sich  um
wichtige  Interessen.  Aber  der  Herr  Reich-skanzler  ist  nicht  zu  sehen.  Auf
dem  deutschen  Handelstage  war  er,  aber  heute  fehlt  er,  und  der  Deutsche
Reichstag  sollte  doch  hinter  dem  deutschen  Handelstag  nicht  zurückstehen.
Einige  Geleitsworte  hätte  der  Reichskanzler  dem  Gesetzentwurf  doch  wohl
geben  können.  Aus  der  Debatte  ziehe  ich  die  Erkenntu's,  daß  der  Gedanke
der  Verschmelzung  ziemlich  preisgegeben  ist.

Abg.  Pauli  (R.):  Ich  freue  mich,  daß  unter  Mitwirkung  des
deutschen  Sprachvereins  das  Gesetz  auch  in  lesbarem  Deutsch  abgefaßt  ist.
Die  Versicherungsämter  verursachen  zu  große  Kosten.  Man  wird  in  der
Kommission  zu  prüfen  haben,  ob  sie  notwendig  sind.  Mit  der  Ausdehnung
  der  Krankenversicherungspflicht  auf  Landarbeiter,  Gesinde  und  Hausgewerbetreibende
  sind  wir  einverstanden.  Die  Bedenken,  die  gegen  die
Betriebskrankenkassen  von  der  Linken  vorgebracht  werden,  sind  alle  nicht
stichhaltig.  Gegen  die  Halbierung  der  Beiträge  haben  wir  schwere  Bedenken.
  Diese  Maßregel  muß  die  Handwerker  schwer  belasten.  Die  Angabe
  der  Sozialdemokraten,  daß  in  den  Ortskrankenkassen  keine  Sozialdemokraten
  säßen,  ist  natürlich  nur  eine  Maskierung  des  wirklichen  Zustandes.
  Wir  wissen  doch,  daß  es  in  diesen  Kassen  von  Genossen  wimmelt.

Abg.  Dr.  Arning  (Nl.):  Die  Aerzte  und  Zahnärzte  werden  durch
den  Entwurf  in  Mitleidenschaft  gezogen  und  beide  Gruppen  wehren  sich
        <pb n="247" />
        Das  Veische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (April  19.)  239

egen  die  Bestimmungen,  die  jetzt  getroffen  worden  sind.  Der  Versichertenreis
  wird  ganz  selbstverständlich  ausgedehnt.  Es  werden  wohl  ungefähr
18  Millionen  jetzt  in  die  Versicherung  aufgenommen  werden.  Vielfach
rechnet  man  sogar  mit  21  Millionen  Versicherten.  Diese  Volksschichten
werden  der  freien  Behandlung  entzogen.  Damit  ist  es  aber  noch  nicht
abgetan,  das  Bestreben  geht  jetzt  dahin,  die  Familienmitglieder  auch  in
die  Behandlung  mit  einzureihen.  Es  ist  daher  verständlich,  daß  die  Aerzte
über  die  Folgen,  die  entstehen  können,  in  eine  gewisse  Erregung  geraten
können.  Trotzdem  aber  haben  sich  die  Aerzte  den  sozialen  Forderungen
nicht  widersetzt.  Sie  haben  immer  tätig  gearbeitet.  Auch  die  Apotheker
sind  nicht  zufrieden,  desgleichen  die  Drogisten,  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade
verdienen  diese  Beschwerden  eine  gerechte  Würdigung.  Der  Zahnärztestand
muß  mehr  zu  seinem  Rechte  kommen  wie  bisher.  Es  liegt  mir  jede  Animosität
  gegen  die  Zahntechniker  fern.  Wenn  die  Aerztefrage  nicht  anders
eregelt  wird,  dann  wird  der  Aerztestand  noch  tiefer  ins  soziale  Elend
sinten,  sein  Ansehen,  seine  Freiheit  und  seine  Selbständigkeit  werden  leiden.
Eine  angemessene  Bezahlung  der  Aerzte  ist  notwendig,  ohne  daß  dadurch
die  Leistungsfähigkeit  der  Kassen  leidet.  Daß  der  Aerztestand  allmählich
Beamtencharakter  bekommt,  wäre  vielleicht  für  den  einzelnen  ganz  anenehm,
  aber  für  das  Publikum  wäre  es  eine  schwere  Gefahr.  Die  Aerzte
felber  befürchten  eine  Bureaukratisierung  des  Standes.  Es  ist  eine  Ehrenpflicht
  der  Kommission  und  des  Reichstags,  die  Unabhängigkeit  des  Aerzte--standes
  zu  erhalten.

Ministerialdirektor  Caspar:  Es  scheint,  als  ob  man  uns  vorwerfen
wollte,  wir  seien  in  einer  Animosität  gegen  den  Aerztestand  befangen;  das
ist  nicht  der  Fall.  Die  württembergischen  Verhältnisse  können  wir  ohne
schwere  Schädigung  mancher  Teile  gar  nicht  übernehmen.  Gerade  den
§  902  aber,  der  die  Aerzte  schützen  sollte,  beschlossen  die  Aerzte  in  ihrer
Tagung  zu  streichen.  Der  Gesetzentwurf  will  eine  Gleichstellung  und  gerechte
  Behandlung  der  beiden  Teile.

19.  April.  (Sachsen.)  Zweite  Kammer.  Staatsbeihilfe  zu
den  Volksschulen.

Der  sozialdemokratische  Antrag,  daß  künftig  die  Gemeinden  nur
25  Prozent  ihres  Staatssteuersolls  für  Volksschulen  verwenden,  das  übrige
der  Staat  zuschieße  und  daß  das  Volksschulgeld  künftig  beseitigt  werde,
wird  gegen  die  Stimmen  der  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten  abgelehnt.
Man  beschloß  aber,  im  wesentlichen  nach  den  Regierungsvorschlägen,  eine
Erhöhung  der  Staatsbeihilfe  zu  den  Volksschulen,  bei  der  die  ärmeren
kleineren  Gemeinden  mehr,  und  zwar  nach  der  Anzahl  der  Schüler  berücksichtigt
  werden  sollen.

19.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  allgemeinen  Besprechung  des  Kultusetats.

Abg.  Winkler  (K.):  Die  Frage  der  Dissidentenkinder  ist  mit  zarter
Hand  zu  behandeln.  Die  Teilnahme  der  Dissidentenkinder  am  Religionsunterricht
  kann  aber  gerade  im  Interesse  des  Unterrichts  liegen.  Meine
Freunde  stimmen  der  Abtrennung  der  Medizinalabteilung  vom  Unterrichtsministerium
  zu,  da  aber  der  Minister  erklärt  hat,  daß  dann  und  nach
Durchführung  der  beabsichtigten  Organisationsänderungen  das  Ministerium
seinen  Aufgaben  gewachsen  sein  wird,  so  können  wir  uns  weiteren  Abtrennungsbestrebungen
  nicht  anschließen.  Wir  sind  gegen  die  Abtrennung
der  geistlichen  Angelegenheiten.  Das  Gebäude  des  Kultusministeriums
Unter  den  Linden  hat  einen  schönen  Fries,  auf  dem  alle  Zweige  dargestellt
        <pb n="248" />
        240  Das  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  SElieder.  (April  19.)

sind,  die  in  dem  Hause  verwaltet  werden  sollen.  In  der  Mitte  als  Krönung
  des  Ganzen  befindet  sich  die  Religion.  Ich  hoffe,  sie  wird  dort
bleiben  und  es  wird  nie  so  weit  kommen,  daß  ein  späterer  Kultusminister
sie  ganz  herunternehmen  lassen  wird.  Die  Vereinfachung  der  Mitwirkung
des  Staates  an  der  Verwaltung  der  evangelischen  Kirche  muß  noch  weiter
ausgestaltet  werden.  Können  wir  nicht  einen  gemeinsamen  Bußtag  für
ganz  Deutschland  schaffen,  wie  es  mehrere  Synoden  wünschen?  Die
Schwierigkeiten,  die  sich  diesem  Plane  entgegenstellen,  muß  der  Minister
zu  überwinden  suchen.

Kultusminister  v.  Trott  zu  Solz:  Der  Fortschritt  des  Volksschulwesens
  im  letzten  Jahrzehnt  ergibt  60  auch  aus  folgenden  Zahlen:
wegen  Ueberfüllung  konnten  nicht  Aufnahme  finden  im  Jahre  1900  0,05  v.  H.,
im  Jahre  1906  0,01  v.  H.  Wenn  man  diesen  außerordentlich  geringen
Prozentsatz  nun  auch  noch  verbindet  mit  der  Schwierigkeit,  die  für  die
Schule  in  der  fluktuierenden  Bevölkerung  zu  finden  ist,  dann  ergibt  sich  in
der  Tat  hier  geradezu  ein  glänzendes  Bild.  Der  Prozentsatz  der  in  normalen
  Klassen  unterrichteten  Kinder  ist  von  73,45  v.  H.  im  Jahre  1896  auf
77,85  v.  H.  im  Jahre  1901  und  auf  83,29  v.  H.  im  Jahre  1906  gestiegen.
Auf  eine  voll  beschäftigte  Lehrkraft  entfielen  im  Durchschnitt  1896  66  Kinder,
im  Jahre  1901  63  Kinder,  im  Jahre  1906  60  Kinder.  In  den  Städten
war  das  Verhältnis  so,  daß  im  Jahre  1896  59  Kinder,  im  Jahre  1901
56  Kinder,  im  Jahre  1906  53  Kinder  entfielen,  auf  dem  Lande  im  Jahre
1896  70  Kinder,  im  Jahre  1901  68  Kinder  und  im  Jahre  1906  65  Kinder,
also  auch  hier  ein  Fortschritt.  Die  Zahl  der  Halbtagsschulen  ist  auch  wesentlich
  zurückgegangen.  Was  nun  die  Gesamtaufwendungen  im  Kultusetat
für  die  Schüler  anlangen,  so  betrugen  sie  1890  rund  55,82  Mlllionen,
im  Jahre  1900  82,07  Millionen  und  im  Jahre  1910  161,.58  Millionen.
Die  Steigerung  von  1890  bis  1910  beziffert  sich  auf  105,76  Millionen
gleich  190  v.  H.  Demgegenüber  wird  behauptet,  daß  der  preußische  Staat
für  sein  Volksschulwesen  nicht  seine  Pflicht  täte.  Das  tut  ein  Staat,  dessen
Steuersystem  nicht  auf  den  indirekten,  sondern  auf  den  direkten  Steuern
beruht,  zu  denen  diejenigen  Klassen,  die  hauptsächlich  ihre  Kinder  in  diese
Schulen  schicken,  nichts  oder  nur  wenig  beitragen.  Die  Trennung  des
Medizinalwesens  vom  Kultusministerium  ist  jetzt  ernstlich  in  Aussicht  genommen.
  Eingehende  Verhandlungen  haben  mit  dem  Minister  des  Innern
stattgefunden.  Dabei  hat  sich  gezeigt,  daß  wir  grundsätzlich  über  alle  wichtigen
  Punkte  übereinstimmen,  so  daß  ich  glaube,  jetzt  mit  aller  Bestimmtheit
  sagen  zu  können,  diese  Abtrennung  wird  erfolgen.  Wenn  es  jetzt  noch
nicht  sofort  geschieht,  so  liegt  es  an  räumlichen  Schwierigkeiten  im  Ministerium
  des  Innern.  Im  nächsten  Etat  wird  aber  diese  Aenderung  hervortreten.
  Selbstverständlich  bleibt  alles,  was  mit  der  wissenschaftlichen
Ausbildung  der  Aerzte  zu  tun  hat,  beim  Kultusministerium,  wie  das  auch
sonst  der  Fall  ist.  Es  wird  auch  sonst  kein  Mensch  daran  denken,  die
uristischen  Professoren  dem  Justizminister  zu  unterstellen.

Abg.  Nissen  (Däne)  klagt  über  das  Verbot,  den  Religionsunterricht
in  dänischer  Sprache  zu  erteilen.  In  der  dänischen  Bevölkerung  wurde
durch  eine  Reihe  von  Erlässen,  die  sich  gegen  den  Gebrauch  der  dänischen
Sprache  richten,  große  Unzufriedenheit  hervorgerufen.  Den  Geistlichen
habe  der  Kultusminister  durch  einen  Erlaß  verboten,  die  dänischen  Vereinshäuser
  zu  besuchen.

Kultusminister  v.  Trott  zu  Solz:  Die  Erteilung  des  Unterrichts
in  deutscher  Sprache  muß  aufrecht  erhalten  bleiben,  schon  im  Interesse  der
Kinder  selbst,  damit  sie  in  Deutschland  ihr  Fortkommen  finden  können.
Die  Geistlichen  in  Nordschleswig  müssen  sich  von  jeder  Agitation  fernhalten.
        <pb n="249" />
        Das  Denisqe  Reiqh  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  18.)  241

In  diesem  Sinne  ist  auch  mein  Erlaß  zu  verstehen,  der  den  Geistlichen  verbietet,
  die  dänischen  Vereinshäuser  zu  besuchen,  da  diese  erfahrungsgemäß
der  Hort  des  Dänentums  sind  und  der  Geistliche  auch  den  Schein  vermeiden
muß,  als  ob  er  sich  an  der  Agitation  beteiligt.

Abg.  Ernst  (Fortschr.  Vp.):  Die  Simultanschule  verdient  den  Vorzug
  vor  der  konfessionellen.  Sie  bahnt  das  friedliche  Nebeneinanderleben
der  Konfessionen  wirksam  an.  Den  Volksschullehrern  muß  auch  in  Preußen,
wie  in  anderen  deutschen  Staaten,  die  Universität  geöffnet  werden,  um  so
mehr,  als  man  den  Lehrerinnen  diese  Vergünstigung  bereits  gewährt  hat.
Die  Lehrerfortbildungskurse  können  den  Universitätsbesuch  nicht  ersetzen.
Die  Ausnahmestellung  der  Lehrer  in  kommunalpolitischer  Beziehung  muß
beseitigt  werden.  Nachdem  sie  durch  das  Lehrerbesoldungsgesetz  die  Kommunalsteuerfreiheit
  verloren  haben,  liegt  kein  Grund  vor,  ihnen  das  passive
Kommunalwahlrecht  vorzuenthalten.

Abg.  Heckenroth  (K.)  wiederholt  die  Beschwerden  über  die  am  1.  April
in  Kraft  getretene  neue  Polizeiverordnung  betreffend  die  obligatorische  Leichenschau.
  Den  Landärzten  und  der  Bevölkerung  mache  sie  große  Schwierigkeiten.

Abg.  Dr.  Kaufmann  (3.):  Nach  unserer  Meinung  soll  die  Religion
den  gesamten  Unterricht  durchdringen.  Gerade  von  dieser  Auffassung  aus
sind  wir  entschiedene  Gegner  der  Simultanschule.  Will  man  auch  alle
anderen  Unterrichtsstunden  mit  religiösem  Geiste  durchdringen,  was  wir
fordern,  so  ist  die  Simultanschule  eine  Unmöglichkeit.

Abg.  Viereck  (Frk.):  Wir  müssen  gewiß  auf  dem  Gebiete  der  Volksschule
  weiter  fortschreiten,  aber  wir  haben  unsere  Pflicht  durchaus  getan.
Der  Abzweigung  der  Medizinalabteilung  vom  Kultusministerium  stimmen
wir  zu:  die  Erkrankung  des  vorigen  Herrn  Ministers  hat  gezeigt,  daß  die
Arbeiten  dieses  Ressorts  in  ihrem  gegenwärtigen  Umfange  die  Kräfte  eines
Mannes  übersteigen.  Dem  Lehrermangel,  namentlich  im  Osten,  muß  entgegengearbeitet
  werden.

Abg.  Dr.  Hintzmann  (Nl.):  Man  hat  hier  von  der  Stellung  des
Religionsunterrichts  viel  gesprochen.  Aber  es  handelt  sich  doch  wohl  in
unserer  Schule  vor  allem  darum,  junge  Deutsche  zu  erziehen.  Im  Mittelpunkt
  des  eigentlichen  Unterrichts  muß,  wie  auch  von  autoritativer  Stelle
anerkannt  ist,  der  deutsche  Unterricht  sein.  Das  ist  kein  Gegensatz  zu  der
Religiosität.  Das  deutsche  Gemüt,  der  deutsche  Mensch  ist  seinem  innersten
Wesen  nach  von  jeber  religiös.  Ich  möchte  über  die  Simultanschule  hier
ein  persönliches  Bekenntnis  ablegen:  Die  Simultanschule  erscheint  mir  als
Ideal.  Aber  es  könnte  nichts  Verkehrteres  geben,  als  wenn  wir  heute,
unter  den  jetzigen  politischen  Verhältnissen,  auf  die  ich  nicht  näher  hinzuweisen
  brauche,  die  Simultanschule  allgemein  einführten.  Wenn  wir  das
tun,  dann  können  wir  unser  Ziel,  Deutsche  zu  erziehen,  nicht  erreichen.  Der
Religionsunterricht  muß  richtig  erteilt  werden.  Feststellen  möchte  ich,  daß
die  Lehrerschaft  mit  besonderer  Freudigkeit  gerade  den  Religionsunterricht
erteilt.  Der  bürgerkundliche  Unterricht,  der  natürlich  ein  politischer,  aber
kein  parteivolitischer  sein  muß,  ist  notwendig;  ob  er  in  besonderen  Unterrichtsstunden
  erteilt  oder  mit  dem  sonstigen  Unterricht  verbunden  werden
soll,  bleibt  dahingestellt.

Ministerialdirektor  Schwartzkopff:  Der  bürgerkundliche  Unterricht
  wird  nicht  an  den  höheren  Mädchenschulen,  sondern  in  der  Frauenschule
  erteilt.

19.  April.  Zu  den  Verhandlungen  der  Herrenhauskommission
über  die  Wahlrechtsvorlage  schreibt  die  „nationalliberale  Korrespondenz“:


Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.  16
        <pb n="250" />
        242  Noas  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  20.—22.)

„Die  Einführung  der  Zweidrittelmehrheit  für  künftige  Aenderungen
des  preußischen  Wahlgesetzes,  die  erneute  Ausmerzung  jeder  Privilegierung
der  „Kulturträger"  und  vor  allem  die  jetzt  gefaßten  Beschlüsse  zur  Drittelung
bedeuten  geradezu  eine  Brüskierung  und  Verhöhnung  der  Regierung  wie  der
nationalen  Mittelparteien,  der  Freikonservativen  ebenso  wie  der  Nationalliberalen."“


20.  April.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Lesung  der
Reichsversicherungsordnung.

Abg.  Linz  (Rp.):  Die  Vorlage  hat  namentlich  in  der  sozialdemokratischen
  Presse  eine  sehr  abfällige  Beurteilung  gefunden.  Demgegenüber
hat  Harnack  auf  dem  evangelisch-sozialen  Kongreß  die  Vorlage  als  ein
epochemachendes  Werk  sozialer  Arbeit  gepriesen.  Die  Kritik  im  Hause  gibt
keine  Hoffnung,  daß  der  Entwurf  in  der  vorliegenden  Gestalt  Gesetz

werden  wird.  Z  **
Die  Vorlage  geht  an  eine  Kommission  von  28  Mitgliedern.

21.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Zweite  Lesung

der  Wahlrechtsvorlage  in  der  Kommission.

Der  in  erster  Lesung  auf  Antrag  des  Grafen  Vork  beschlossene
Artikel  V,  wonach  bei  künftigen  Wahlrechtsänderungen  eine  Zweidrittelmajorität
  notwendig  sein  sollte,  wurde,  nachdem  sich  der  Minister  des
Innern  noch  einmal  lebhaft  dagegen  gewandt  hatte,  mit  14  gegen  6  Stimmen
abgelehnt.  Auch  der  Kulturträgerparagraph  wird  nach  dem  Antrag  einer
Subkommission  in  die  Vorlage  wiedereingefügt,  wobei  Ehrenbeamte  und
Studierte  der  Versetzung  in  eine  höhere  Klasse  für  wert  befunden  werden.

21.  April.  Abschluß  neuer  Verträge  zwischen  dem  Kolonial.
amt  und  der  deutschen  Kolonialgesellschaft  für  Südwestafrika.

21.  April.  Reichstagsstichwahl.

In  Posen-Stadt  wird  der  polnische  Demokrat  Noviski  (mit  20058
Stimmen)  gegen  den  Oberbürgermeister  Dr.  Wilms  (Nl.)  (14250  Stimmen)
gewählt.

21.  April.  Gesetzentwurf  über  die  Schiffahrtsabgaben.

Nachdem  die  preußische  Regierung  die  früher  widerstrebenden  Bundesstaaten
  Sachsen,  Hessen  und  Baden  durch  Zugeständnisse  für  ihren  Standpunkt
  gewonnen  hat,  wird  der  Inhalt  des  entsprechend  abgeänderten  Entwurfes
  in  der  Presse  bekannt  gemacht.  Für  Rhein,  Weser  und  Elbe  sollen
Stromverbände  gebildet  werden.  Der  des  Rheins  erstreckt  sich  auch  auf
den  Main  von  Aschaffenburg  und  den  Neckar  von  Heilbronn  aus  und  umfaßt
  die  Staaten  Baden,  Elsaß-Lothringen,  Württemberg,  Hessen,  Bayern
und  Preußen.

21.  April.  (Elsaß-Lothringen.)  Der  Landesausschuß  genehmigt
  den  Eintritt  Elsaß-Lothringens  in  die  preußische  Staats-Lotterie-Gemeinschaft
  gegen  eine  jährliche  Rente  von  550000  Mark.

22.  April.  (Berlin-Schöneberg.)  Die  Regierung  in  Potsdam
  versagt  die  Genehmigung  zu  dem  Beschluß  der  städtischen
Körperschaften,  welche  die  Ortszulage  der  Lehrer  auf  900  Mark

festgesetzt  hatten.
        <pb n="251" />
        Das  Veuische  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (April  22.)  243

22.  April.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  beantragt
die  Regierung,  die  durch  die  Reichshauptkasse  verauslagten  Mehrkosten
  des  südwestafrikanischen  Aufstandes  (81  Millionen  Mark)
mittels  Anleihe  zu  decken.

Dazu  beantragt  Abg.  Erzberger  (3.),  daß  diese  Aufstandskosten  gedeckt
  werden  sollen  durch  eine  hauptsächlich  auf  die  südafrikanischen  Gesellschaften
  gelegte  Vermögenssteuer,  deren  Ablösung  durch  die  Abtretung  von
Land-=  und  Bergwerksrechten  möglich  sein  soll.  Die  Fortschrittliche  Volkspartei
  will  die  Mehrkosten  als  Schuld  des  Schutzgebietes  betrachten
und  auf  andere  Weise  gedeckt  wissen.  Die  Bedenken,  daß  durch  die
Steuervorschläge  des  Antrages  Erzberger  eine  ganz  neue  Materie  in  das
Gesetz  komme,  die  erst  im  Plenum  des  Reichstags  behandelt  werden
müsse,  werden  von  der  Majorität  nicht  anerkannt,  obwohl  Staatssekretär
  Dernburg  die  Aeußerung  tat:  Der  Vorschlag  des  Abg.  Erzberger
  sei  der  schwerste  Schlag,  der  gegen  die  sich  kaum  entwickelnde
Kolonialfreudigkeit  des  deutschen  Volkes  und  insbesondere  der  Kapita  kreise
bisher  geführt  worden  sei.

Abg.  Erzberger  begründet  seinen  Antrag,  der  ohne  jede  Spitze

egen  das  Kolonialamt  sei.  Er  weist  darauf  hin,  daß  von  allen  deutschen
Kolonien  nur  noch  in  Südwestafrika  Hoheitsrechte  von  Gesellschaften  beständen.
  Die  Opfer  an  Geld  und  Blut  seien  in  Deutsch-Südwestafrika
nicht  zugunsten  von  2000  Anteilseignern  der  Kolonialgesellschaft  gebracht,
oder  damit  das  Reich  in  ewiger  Abhängigkeit  von  einer  mit  Hoheitsrechten
ausgestatteten  Gesellschaft  bleibe.

Ein  Redner  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  erklärte,  der
Grundgedanke.  die  Gesellschaften  zu  den  Kriegskosten  heranzuziehen,  sei  berechtigt.
  Der  Weg  des  Antrages  Erzberger  sei  aber  nicht  gangbar.  Nehme
man  den  Kapitalisten  ihre  Gewinne  einfach  ab,  dann  treibe  man  sie  aus
den  deutschen  Kolonien  in  andere  Kolonien  hinein.  Der  Grundgedanke  des
Antrags  habe  seine  Freunde  zu  einer  besonderen  Resolution  geführt,  wonach
  die  Kosten  für  den  Aufstand  als  Schulden  des  Schutzgebiets  betrachtet
werden  sollen,  und  wonach  als  Deckungsmittel  dafür  die  jetzt  für  den  Eisenbahnbau
  reservierten  Einnahmen,  sobald  sie  frei  werden,  unter  Zuhilfenahme
anderer  allgemeiner,  auf  das  Vermögen  oder  das  Einkommen  zu  legender
Steuern  verwendet  werden  sollen.

Staatssekretär  Dernburg  spricht  sich  ebenso  gegen  die  Resolution
der  Fortschrittlichen  Volkspartei  wie  gegen  den  Antrag  des  Abg.  Erzberger
aus.  Man  müsse  nicht  die  Kosten  eines  Aufstandes  dem  Schutzgebiete
auferlegen.  Die  Leute,  die  sich  dort  befinden,  seien  zum  großen  Teil  erst
später  gekommen,  nur  etwa  ein  Viertel  sei  früher  im  Lande  gewesen,  6000
seien  später  zugezogen.  Man  könne  von  diesen  nicht  verlangen,  daß  sie  die
Kriegskosten  oder  einen  Teil  derselben  bezahlen.  Es  sei  noch  nicht  lange
her,  daß  sich  das  Kapital  nach  Südwestafrika  gewandt  habe.  Der  Vorschlag
des  Abg.  Erzberger  habe  wie  ein  Feuerbrand  bei  diesen  Leuten  gewirkt.
Wer  soll  denn  mit  Kapital  in  ein  Land  hineingehen,  wenn  er  damit  rechnen
müßte,  daß  ein  Aufstand  entstünde  und  daß  vier  Jahre  später  der  Reichstag
  den  Ansiedlern  die  Kosten  auferlege?  Es  beständen  die  allerschwersten
Bedenken  gegen  das  Prinzip,  weil  es  geeignet  sei,  die  Pflanze  des  Vertrauens
  in  die  koloniale  Entwicklung,  die  von  der  Kolonialverwaltung  gehegt
  werde,  abzuschneiden.  Er  kommt  nun  auf  die  Rechtsbedenken  und
sagt,  daß  die  Einnahmen  und  Ausgaben  im  Etat  in  Ordnung  zu  bringen
seien.  Es  könne  aber  nichts  hineingesetzt  werden,  was  nicht  auf  gesetzlicher

16“
        <pb n="252" />
        IIILIEELITTIIIII—

Grundlage  beruhe.  Die  Grundlage  seien  das  Schutzgebietsgesetz  und  die
auf  Grund  desselben  ergangenen  kaiserlichen  Verordnungen.  Dem  Kaiser
stehe  die  Schutzgewalt  zu;  dazu  gehört  die  Gesetzgebung  über  die  Steuern
und  auch  die  Bergverordnung.  Die  vorliegenden  Vorschläge  bedeuten  also
einen  Eingriff  in  diese  Kompetenz.  Die  Kolonialgesellschaft  besitze  keine
Hoheitsrechte  mehr.  Die  kaiserliche  Behörde  führe  die  eingehenden  Gebühren
  an  die  Kolonialgesellschaft  ab.  Es  seien  dies  2  Prozent,  eine  Art
Grundzins,  ein  wohlerworbenes  Recht  der  Kolonialgesellschaft.  Bei  dem
Antrage  handelt  es  sich  übrigens  nicht  nur  um  deutsche  Gesellschaften,  sondern
auch  um  Gesellschaften  fremden  Rechts,  wodurch  erhebliche  Komplikationen
entstehen  könnten.  Auch  sei  die  Mißstimmung  zu  beachten,  die  unter  den
Ansiedlern  entstehe.  Was  nun  die  Vorschläge  im  einzelnen  anbetreffe,  so
würden  diese  tatsächlich  zu  einer  Vermögenskonfiskation  führen.  Für  den
Betrag  von  81  Millionen  Mark,  der  an  Steuern  erhoben  werden  soll,
könne  man  nach  dem  gegenwärtigen  Kurswert  alle  südwestafrikanischen  Gesellschaften
  aufkaufen.  Der  Besitz  der  deutschen  Kolonialgesellschaft  betrage
nach  dem  jetzigen  Kurswert  82  Millionen  Mark.  Er  werde  vom  Abg.  Erzberger
  auf  800  Millionen  Mark  veranschlagt.  Wenn  die  der  Kolonialgesellschaft
  zustehenden  Rechte  im  Schutzgebiet,  wie  es  in  den  Erzbergerschen
Vorschlägen  geschieht,  mit  800  Millionen  Mark  zu  bewerten  seien,  so  werde
der  Fiskus  nach  den  neuen  Verträgen,  die  jetzt  mit  der  Kolonialgesellschaft
abgeschlossen,  drei  Viertel  davon,  d.  h.  600  Millionen  Mark,  erhalten.  Der
neue  Vertrag  wäre  demnach  als  sehr  günstig  anzusehen.

22.  April.  (Mecklenburg-Schwerin.)  Die  Großherzogin
wird  von  einem  Knaben  entbunden,  der  somit  der  Thronfolger  wird.

Großherzog  Franz  Friedrich  IV.  ist  seit  1904  mit  Großherzogin
Alexandra,  einer  Tochter  des  Herzogs  von  Cumberland,  vermählt.

22.  April.  (Baden.)  Die  Budgetkommission  der  Zweiten
Kammer  lehnt  einstimmig  die  Forderung  von  150000  Mark  für
Umwandlung  von  Eisenbahnwagen  3.  Klasse  in  solche  4.  Klasse  ab.

22.  April.  (Reichstag.)  Ein  Gesetzentwurf  für  die  Errichtung
  eines  Kolonial=  und  Konsulargerichtshofes  geht  dem  Hause  zu.

23.  April.  (Baden.)  Erste  Kammer.  Minister  v.  Bodman
macht  Mitteilung  über  das  Entgegenkommen,  das  Preußen  in  der
Schiffahrtsabgabenfrage  bezeigt  habe.

Durch  die  neue  Staffelung  erhalte  Baden  Ermäßigungen  von  20
bis  24  oder  25  Prozent.  Im  Strombeirat  erhalte  es  8  statt  4  Stimmen.
Ueber  die  Oberrheinregulierung  von  Straßburg  bis  Konstanz  habe  man  in
Berlin  den  badischen  Wünschen  Rechnung  getragen.

WB.  April.  (Reichstag.)  Beihilfen  an  Kriegsteilnehmer.
Der  von  der  Wirtschaftlichen  Vereinigung  gestellte  Antrag  verlangt
eine  jährliche  Beihilfe  von  120  Mark  für  alle  unterstützungsbedürftigen
oder  60  Jahre  alten  Veteranen  aus  den  letzten  Feldzügen,  wenn  ihr  Einkommen
  weniger  als  900  Mark  beträgt.  Von  den  Nationalliberalen,  der
Reichspartei  und  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  wird  die  Unterstützung
an  die  Bedingung  eines  Einkommens  von  weniger  als  600  Mark  geknüpft.
Zur  Deckung  beantragen  die  Nationalliberalen  und  Reichspartei  eine  Wehrsteuer,

  die  Fortschrittliche  Volkspartei  einen  Abzug  von  der  Branntweinliebesgabe.
  Der  Staatssekretär  Wermuth  weist  auf  die  Leistungen  des
        <pb n="253" />
        Das  Denisqe  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  23.  —25.)  245

Reiches  für  die  Invaliden  hin.  Wir  zahlen  jährlich  etwa  60  Millionen
Mark,  werden  im  ganzen  den  Betrag  von  2  Milliarden  schon  überschritten
haben.  Der  Invalidenfonds  wird  im  Jahre  1911  vollkommen  ausgezehrt
sein,  weil  erstens  die  Lebensdauer  der  Berechtigten  länger  war  als  vorausgesetzt
  wurde  und  zweitens  im  Laufe  der  Zeit  die  Bezüge  der  Offiziere  und
Mannschaften  verdoppelt  wurden.  Der  neue  Antrag  bedeutet  selbst  bei  der
Begrenzung  auf  Invaliden  mit  weniger  als  600  Mark  Einkommen  einen
jährlichen  Aufwand  von  12—16  Millionen  Mark  oder  vielmehr  infolge  der
besonderen  Zuschüsse  von  17—23  Millionen  Mark.  Er  müsse  also  vom
Reichstag  die  Deckungsmittel  für  diese  neue  Ausgabe  erwarten.  Trotzdem
werden  die  Anträge  einstimmig  angenommen,  die  vorgeschlagenen  Deckungsmittel
  aber  abgelehnt.

23.  April.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  zu  den  Verhandlungen

der  Kommission  des  Herrenhauses  über  die  Wahlrechtsreform:

Ehe  das  Herrenhaus  selbst  Stellung  genommen  hat,  erscheint  uns
ein  Urteil  verfrüht.  Die  Staatsregierung  wird  sich  jedenfalls  noch  weiter
bemühen,  ein  annehmbares  Ergebnis  in  der  zweiten  Lesung  im  Herrenhause
  herbeizuführen.  Dabei  wird  sie,  wie  bisher,  sich  nur  vom  sachlichen
Interesse  leiten  lassen,  das  darin  besteht,  die  Reform  in  der  Gestalt  zu
verwirklichen,  die  offenbare  Mängel  der  Dreiklassenwahl  beseitigt  oder
mildert  und  daher  Dauer  verspricht.  Dieser  Gesichtspunkt  ist  in  allen
Ausführungen,  die  der  Ministerpräsident  im  Laufe  der  Beratungen  gemacht
hat,  so  deutlich  erkennbar,  daß  es  nicht  verständlich  ist,  wie  man  in  seinen
Erklärungen  vor  der  Kommission  des  Herrenhauses  Abneigung  oder  Vorliebe
  für  einzelne  Parteien  hat  erblicken  wollen.  Es  ist  auch  nicht  richtig,
daß,  wie  noch  ganz  neuerdings  in  einer  sonst  zutreffenden  Betrachtung
behauptet  worden  ist,  der  Ministerpräsident  bei  seinem  Vorgehen  im  Herrenhause
  Mehrheitsverhältnisse  des  Abgeordnetenhauses  oder  deren  Aenderung
im  Auge  gehabt  hätte;  vielmehr  war  und  ist  es  lediglich  auf  eine  ihm
sachlich  als  zweckmäßig  und  notwendig  erscheinende  Aenderung  der  Wahlrechtsvorlage
  selbst  gerichtet.  Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg  hat
die  Wahlreform  in  keinem  Stadium  als  Parteifrage  behandelt.  Zu  einem
guten  Ende  wird  sie  auch  nur  dann  geführt  werden  können,  wenn  es  noch
gelingt,  die  Parteiinteressen  hinter  sachlichen  Ueberlegungen  zurückzudrängen
und  Herrenhaus  und  Abgeordnetenhaus  auf  der  Grundlage  zusammenzuführen,
  die  der  Ministerpräsident  bezeichnet  hat.

23.  April.  Abschluß  des  Ertrages  der  hauptsächlichsten  Einnahmeaquellen

  des  Reiches  im  Etatsjahr  1909.

Die  Rechnung  ergibt  76  Millionen  Mark  mehr  als  der  Etat
einschliesllich  der  neuen  Steuern  voraussieht.  Die  Hauptüberschüsse  entfallen
  auf  die  Zölle,  die  Zuckersteuer,  den  Branntwein  und  besonders  die
Börsensteuer.

24.  April.  (Straßburg.)  Das  Kaiserpaar  und  die  Prinzessin
Viktoria  Luise  treffen  von  Homburg  über  Karlsruhe  reisend  im
Schloß  ein.

25.  April.  Zerstörung  des  „2  II“  am  Webersberg  bei  Weilburg
  in  Nassau.

25.  April.  (Reichstag.)  Fortsetzung  des  Streites  Dernburg-Erzberger
  in  der  Budgetkommission.  (Siehe  22.  Aprill)
        <pb n="254" />
        246  Hos  Veuische  Reich  und  seine  rinjelnen  Glieder.  (April  25.)

Staatssekretär  Dernburg:  Die  Hetze  gegen  die  Kolonialgesellschaft
für  Südwestafrika  sei  ungerechtfertigt.  Dieser  seien  nie  Hoheitsrechte  übertragen
  worden,  sie  habe  überhaupt  nur  einen  20  Meilen  breiten  Landstreifen
  erworben  Die  Gesellschaft  könne  nicht  für  die  Kosten  der  Verwaltung
  oder  Sicherung  des  ganzen  Schutzgebietes  haftbar  gemacht  werden.
Er  verweise  auf  die  Verhandlungen  der  Landkommission.  Der  Abg.  Erzberger
  habe  damals  als  Referent  dargelegt,  daß  die  Aufgaben  der  Kommission
  im  wesentlichen  erfüllt  seien.  Er  habe  jetzt  nach  den  Richtlinien,
die  die  Budgetkommission  bei  Vorlage  des  von  dieser  nicht  gebilligten.
Vertrages  mit  der  Kolonialgesellschaft  gegeben  habe,  mit  letzterer  einen
neuen  Vertrag  abgeschlossen.  Das  früher  nicht  gesperrte  Gebiet,  das  nach
dem  zuerst  vorgelegten  Vertrage  gleichfalls  gesperrt  werden  sollte,  bleibe
nach  dem  neuen  Vertrage  offen.  Es  werde  dort  eine  Gebühr  von  2  Prozent
  zugunsten  der  Kolonialgesellschaft  erhoben.  In  dem  bisher  gesperrt
gewesenen  Gebiet  bleibe  dagegen  die  Sperre  aufrecht  erhalten.  Die  Diamantengesellschaft
  gebe  nach  einer  Vorzugsdividende  von  6  Prozent  dem
Fiskus  eine  Gewinnbeteiligung  von  31½  Prozent.  Damit  steigere  sich  die
Nettobelastung  der  Diamantengesellschaft  auf  73¼  Prozent  gegenüber
55  Prozent  bei  den  anderen  Gesellschaften  und  911¼  Prozent  bei  der
Diamantpachtgesellschaft,  die  dem  Fiskus  zuflössen.  Dies  sei  sicher  ein
günstiges  Ergebnis,  mehr  sei  aber  auch  in  den  wochenlangen  Verhandlungen
  mit  der  Gesellschaft  nicht  zu  erzielen  gewesen  und  sei  nicht  zu  erreichen.
  Der  Staatssekretär  schließt  mit  dem  Ausdruck  der  Hoffnung,  daß
die  Budgeikommission  sich  auf  den  Boden  seiner  Darlegungen  stellen  und
eine  weitere  Beunruhigung  des  auf  das  schwerste  bedrohten  deutschen  Kapitals
  verhindern  werde.

Dr.  Semler  (Nl.)  spricht  gegen  den  Antrag  Erzberger  und  betont,
der  neue  Vertrag  des  Staatssekretärs  müsse  von  der  Kommission  gestützt
werden,  sonst  kompromittiere  man  den  Staatssekretär  und  mit  ihm  die
Kommission  selbst.

Abg.  Lattmann  (W.  V.):  Der  Grundgedanke  seines  und  des  Antrags
  Erzberger  sei  durchaus  berechtigt,  der  Antrag  der  fortschrittlichen
Volkspartei  dagegen,  der  die  Kriegskosten  als  Ganzes  als  eine  Schuld  dem
südwestafrikanischen  Schutzgebiet  auferlegen  wolle,  nicht.  England  habe
Hunderte  von  Millionen  den  Reichsten  auferlegt.  Der  Antrag  Erzberger
wolle  ihnen  nur  80  Millionen  auflasten  und  sein  eigener  Antrag  nur
36  Millionen.

Abg.  Erzberger  (3.):  Man  sage,  die  Kolonie  sei  für  das  Reich
erworben  worden.  Dabei  gehöre  der  größte  Teil  der  Rechte  nicht  dem
Fiskus,  sonden  den  Gesellschaften.  Das  Reich  habe  die  Wertsteigerung  in
der  Kolonie  verursacht  und  solle  davon  nicht  einmal  seinen  Teil  erheben
können.  England  habe  Transvaal  600  Millionen  Kriegskontribution  auferlegt,
  zahlbar  in  drei  Jahren,  und  die  Goldminen  mußten  die  Garantie
übernehmen.  Redner  nennt  noch  eine  Reihe  von  anderen  Präzedenzfällen.
Er  selbst  habe  am  13.  Dezember  1905  unter  Zustimmung  vom  Regierungstische
  beantragt,  „alle  Land-  und  Bergwerksrechte  von  Kolonialgesellschaften
in  den  Schutzgebieten  für  verwirkt  zu  erklären  und  sie  an  den  Fiskus  des
betreffenden  Schutzgebietes  zurückfallen  zu  lassen  ohne  jede  Gegenleistung“.
Das  sei  viel  weiter  gegangen  als  sein  jetziger  Antrag,  und  doch  habe  er
damals  nicht  nur  den  Beifall  des  Reichstages,  sondern  auch  der  Regierung
gesunden.  Nur  sei  der  damalige  Zeitpunkt  für  die  Durchführung  als
nicht  günstig  bezeichnet  worden.  Die  heutige  Berufung  auf  das  Kaiserliche
Verordnungsrecht  müsse  Verwunderung  erregen  angesichts  der  Beschlüsse
der  Kommission  zum  Etatsgesetz  der  letzten  Jahre.  Die  Kommission  habe
        <pb n="255" />
        Das  Beenische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (April  25.)  247

tatsächlich  das  materielle  Budgetrecht  und  habe  in  zahlreichen  Fällen  davon
  Gebrauch  gemacht,  ohne  daß  irgend  jemand  von  einem  Eingriff  in
kaiserliche  Rechte  geredet  habe.  In  dem  Antrage  Lattmann  sehe  er  tatsächlich
  Verbesserungen  seines  Antrages.  Die  klare  Auseinandersetzung
mit  den  Gesellschaften  habe,  wie  er  bestimmt  wisse,  viele  Freunde  in  allen
Fraktionen.  Wir  hätten  zu  rechnen  mit  dem  Novum  des  kostspieligen
Krieges  und  mit  dem  Novum  der  reichen  Schätze,  die  bei  weitem  nicht
erschöpft  und  noch  nicht  erschlossen  seien.  Das  gebe  uns  das  Recht,  an
die  unter  ganz  anderen  Verhältnissen  bewilligten  Rechte  die  prüfende  Hand
anzulegen,  denn  die  öffentlichen  Interessen  seien  ganz  andere  geworden.
Lehne  man  heute  die  Abrechnung  mit  den  Gesellschaften  ab,  so  werde  man
in  etwa  10  Jahren  mit  Schrecken  sehen,  welche  ungeheuren  Aufwendungen
bis  dahin  nötig  geworden  seien,  um  die  sich  als  unvermeidbar  erweisende
Ablösung  vorzunehmen.  Redner  hebt  das  tatkräftige  und  rasche  Eingreifen
der  Beamten  in  Südwestafrika  hervor,  die  dadurch  erreicht  hätten,  daß
überhaupt  für  das  Reich  etwas  an  Rechten  aus  den  Diamantenfunden
und  Bergwerksgerechtsamen  gerettet  wurde.  Redner  bespricht  das  Gutachten
  des  Reichsjustizamtes  und  geht  dann  zu  einer  Kritik  der  neuen
Verträge  über.  Er  schließt  mit  der  Hoffnung,  daß,  wenn  auch  nicht  sein  Antrag,
  so  doch  der  Antrag  Lattmann  angenommen  werde.  Er  streite  im
Gegensatz  zu  seinen  Gegnern  in  dieser  Sache  für  die  breiteste  Allgemeinheit,
  für  den  Fiskus,  das  möge  man  beachten.

Staatssekretär  Dernburg  erklärt:  Nach  den  neueren  Erklärungen
des  Abg.  Erzberger  habe  er  keinen  Anlaß,  den  Vorwurf  aufrechtzuerhalten,
daß  dieser  Konfiskation  herbeiführen  wolle.

Nach  ununterbrochen  fünfstündiger  Sitzung  vertagt  sich  hierauf  die
Kommission.

25.  April.  (Reichstag.)  Kolonialgesetzentwürfe.

Erste  Lesung  des  Gesetzentwurfes  betr.  die  Errichtung  eines  Kolonial-
  und  Konsular-Gerichtshofes.  (Der  Entwurf  wird  einer  Kommission
von  14  Mitgliedern  überwiesen.)  —  Erste  Beratung  des  Konsulatsgebührengesetzes
  (geht  an  die  Budgetkommission).  —  Gesetz  über  die  Ausgabe  kleiner
Aktien  (in  Höhe  von  200  Mark)  in  den  Konsulargerichtsbezirken  und  in
Kiautschou  wird  an  die  Budgetkommission  verwiesen.

25.  April.  (Berlin.)  Reichsversicherungsordnung.

Der  außerordentliche  deutsche  Gewerkschaftskongreß  fordert  in  Bezug
auf  die  Reichsversicherungsordnung:  Erhöhung  der  Einkommengrenze  für
die  Versicherungspflicht  auf  5000  Mark,  Ausgestaltung  der  Fürsorge  für
die  Versicherten  und  ihre  Angehörigen,  Gleichstellung  der  landwirtschaftlichen
  Arbeiter  mit  den  gewerblichen;  bei  der  Invalidenversicherung  Steigerung
  der  Rentensätze  und  Gewährung  der  Altersrente  bei  Vollendung
des  65.  Lebensjahres.

25.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Bei  der
Fortsetzung  der  zweiten  Lesung  des  Kultusetats  werden  Universitätsund
  Bibliotheksfragen  behandelt.

Der  Kultusminister  erklärt,  daß  die  Frage  der  Gründung  einer  Universität
  in  Frankfurt  a.  M.  in  amtlicher  Form  an  ihn  noch  nicht  herangetreten
  sei.  Er  beabsichtige,  den  etatsmäßig  angestellten,  außerordentlichen
Professoren,  die  ein  sonst  an  der  Universität  nicht  vertretenes  Fach  lehren,
Sitz  und  Stimme  in  der  Fakultät  zu  geben.  Auch  werde  er  erwägen,  ob
        <pb n="256" />
        248  Hs  Neutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  25.  26.)

man  nicht  den  Extraordinarien  das  Recht  der  Beteiligung  an  den  Rektorwahlen
  geben  könne.

25.  April.  (Mecklenburg-Schwerin.)  Amnestie.

Aus  Anlaß  der  Geburt  des  Erbgroßherzogs  werden  die  am  22.  April
noch  nicht  erledigten  Geldstrafen  bis  150  Mark  und  Freiheitsstrafen  bis
6  Wochen  erlassen.

26.  April.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Debatte  über  die
Kolonialfragen  in  der  Budgetkommission.

Eingegangen  ist  eine  konservative  Resolution,  die  den  Reichskanzler
um  die  Vorlage  eines  Gesetzes  ersucht,  durch  welches  die  in  dem  Schutzgebiet
  Südwestafrika  vor  Ausbruch  des  dortigen  Aufstandes  domizilierenden
  leistungsfähigen  Personen  und  Gesellschaften  zur  Entlastung  des
deutschen  Reichsfiskus  herangezogen  werden.  Ferner  haben  die  Konservativen
  einen  Antrag  eingebracht,  in  welchem  der  Reichskanzler  um  Erwägung
  ersucht  wird,  ob  und  in  welchem  Umfange  mit  Rücksicht  auf  die
neuere  Entwicklung  in  den  Kolonien  eine  Abänderung  des  Schutzgebietsgesetzes,
  insbesondere  auch  der  geltenden  bergrechtlichen  Bestimmungen  in
die  Wege  zu  leiten  ist.  Von  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  ist  eine
Resolution  eingegangen:  „Die  Regierung  zu  ersuchen,  1.  dem  Reichstag
eine  Denkschrift  über  die  Frage  vorzulegen,  unter  welchen  Voraussetzungen
und  in  welchem  Umfange  ein  Schutzgebiet  durch  direkte  Besteuerung  zur
Deckung  von  Kosten  heranzuziehen  ist,  die  aus  den  Reichszuschüssen  in
diesem  Schutzgebiet  erwachsen;  2.  in  den  Etat  für  das  südwestafrikanische
Schutzgebiet  für  1911  einen  der  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Leistungsfähigkeit
  des  Schutzgebiets  entsprechenden  Beitrag  zur  Verzinsung  und
Amortisation  der  aus  Anleihemitteln  gedeckten  Kosten  einzustellen;  3  im
Wege  der  Vereinbarung  mit  den  in  Frage  kommenden  Gesellschaften  dahin
zu  wirken,  daß  dem  Landesfiskus  in  Südwestafrika  die  Berghoheit  und
das  Recht  der  Festsetzung  und  Erhebung  von  Bergwerksabgaben,  gegebenenfalls
  unter  Gewährung  angemessener  Entschädigung  bei  Verzicht  auf  wohlerworbene
  Rechte,  gesichert  wird."“

Staatssekretär  Dernburg  sprach  sich  gegen  die  Heranziehung  von
Personen  und  Gesellschaften  in  Südwestafrika  zur  Deckung  der  Kriegskosten
aus.  Es  könne  sich  dabei  ja  auch  nur  um  große  Landgesellschaften  handeln,
denn  vor  dem  Aufuand  seien  außer  diesen  nur  Farmer  im  Lande  gewesen,
denen  das  Deutsche  Reich  noch  10  Millionen  nach  dem  Aufstand  habe  bewilligen
  müssen.  Außerdem  dürfe  man  nicht  vergessen,  daß  das  Schutzgebiet
  jetzt  52  Millionen  Eisenbahnanleihen  zu  verzinsen  und  auch  zu
amortisieren  habe.  Eine  Wertzuwachssteuer  könne  bei  den  Verhältnissen
im  Schutzgebiet  jetzt  nicht  in  Betracht  kommen.  Der  Staatssekretär  ging
sodann  noch  einmal  auf  die  neuen  Verträge  mit  der  Kolonialgesellschaft
ein  und  meinte,  daß  diese  bedeutende  Vorzüge  gegenüber  den  früher  vorgelegten
  enthalten,  namentlich  der  Teil  des  Vertrages,  wonach  dem  Fiskus
das  umfangreiche  Landgebiet  der  Kolonialgesellschaft  übertragen  werde.
Man  habe  früher  vergeblich  versucht,  diese  Landflächen  für  den  Fiskus  zu
erlangen.  Damals  seien  sie  allgemein  für  ein  erhebliches  Wertobjekt  gehalten
  worden.  Man  könne  sie  jetzt,  nachdem  es  gelungen  sei,  sie  für  den
Fiskus  zu  erhalten,  nicht  auf  einmal  für  wertloses  Land  halten,  das  ausschließlich
  in  der  Wüste  liege.  Der  konservative  Antrag  über  die  Kostendeckung
  sei  zu  unbestimmt,  dagegen  sei  die  konservative  Resolution  über
die  bergrechtlichen  Verhältnisse  erwägenswert.  Der  Antrag  der  Volkspartei
sei  in  den  Nummern  1  und  3  annehmbar,  aber,  so  fuhr  der  Staats-
        <pb n="257" />
        ILILIEEEIIIIIIIIILI

sekretär  fort,  ein  Antrag  der  Reichspartei  und  Nationalliberalen,  der  eben
eingegangen  sei,  sei  doch  noch  vorzuziehen.  In  diesem  Antrag  werden  die
verbündeten  Regierungen  ersucht,  für  das  südwestafrikanische  Schutzgebiet
im  Wege  des  Vertrages  bezw  der  Gesetzgebung  herbeizuführen,  daß  1.  die
früher  verliehenen,  etwa  noch  bei  Dritten  bestehenden  Hoheitsrechte,  nötigenfalls
  gegen  Entschädigungen,  aufgehoben  werden,  2.  eine  allgemeine  Besteuerung
  des  Einkommens  oder  des  Gewerbes  im  Schutzgebiete  unter
Schonung  des  kleineren  Besitzes  und  Erwerbes  eingeführt  wird;  3.  die
Verordnung  über  die  Ausübung  des  Bergrechts  nach  der  Richtung  einer
Revision  unterzogen  wird,  daß  die  Rechte  und  Pflichten  der  Schürfer  und
der  Grundeigentümer  abgegrenzt  und  sichergestellt  werden.  Weiter  sagt
Staatssekretär  Dernburg  die  Vorlage  einer  Denkschrift  über  die  Frage
der  Heranziehung  eines  Schutzgebietes  zu  den  Kosten,  die  aus  den  Reichszuschüssen
  in  diesem  Schutzgebiet  erwachsen,  zu.  Auch  an  der  vollständigen
Ablösung  etwa  noch  vorhandener  Hoheitsrechte  werde  sich  die  Kolonial-=verwaltung
  gern  beteiligen.  Der  Frage  auf  Schaffung  eines  Diamantengesetzes
  stehe  er  nicht  unsympathisch  gegenüber.  Die  Materie  sei  allerdings
außerordentlich  schwierig.

Abg.  Erzberger  erklärt,  daß  er  der  Resolution  der  Volkspartei
ustimmen  werde,  da  sein  Antrag  keine  Aussicht  auf  Annahme  habe.  Er
ei  aber  von  dem  Gang  der  Verhandlungen  befriedigt,  da  sie  ergeben
hätten,  daß  alle  Parteien  den  Grundgedanken  seines  Antrages  billigten.

In  der  Abstimmung  wurde  der  Antrag  Erzberger  gegen  die
Stimmen  des  Zentrums  und  der  Antrag  Lattmann  gegen  die  Stimmen
des  Zentrums  und  der  Wirtschaftlichen  Vereinigung,  sowie  der  Antrag  der
Sozialdemokraten  auf  Einführung  einer  Wertzuwachssteuer  abgelehnt.  Angenommen
  wurden  die  Teile  der  Resolution  der  Fortschrittlichen  Volkspartei,
  wonach  in  einer  Denkschrift  die  Voraussetzungen  festgestellt  werden
sollen,  in  welchem  Umfange  ein  Schutzgebiet  zur  Deckung  der  Kosten  durch
direkte  Besteuerung  herangezogen  werden  kann,  und  in  welcher  weiter  gefordert
  wird,  daß  im  Wege  der  Vereinbarung  mit  den  in  Betracht  kommenden
  Gesellschaften  dahin  gewirkt  werden  soll,  daß  dem  Landesfiskus  in
Südwestafrika  die  Berghoheit  und  das  Recht  der  Festsetzung  und  Erhebung
von  Bergwerksabgaben  gesichert  wird.  Außerdem  wurde  die  Resolution
der  Nationalliberalen  und  der  Reichspartei  angenommen.

26.  April.  (Sachsen.)  Zweite  Kammer.  Die  sozialdemokratische
  Fraktion  hat  eine  Interpellation  eingebracht,  ob  die  Regierung
bereit  sei,  bei  der  Aussperrung  der  Bauarbeiter  in  Sachsen  eine
Vermittlung  zu  übernehmen.

26.  April.  Reichswertzuwachssteuergesetz.

Der  Magistrat  von  Berlin-Wilmersdorf  beschließt  eine  Vorstellung
an  den  Reichstag,  der  Reichswertzuwachssteuerordnung,  so,  wie  sie  von  der
Reichsregierung  vorgelegt  worden  ist,  nicht  zuzustimmen,  da  hierdurch  die
städtischen  Finanzinteressen  auf  das  erheblichste  beeinträchtigt  würden,  da
ferner  durch  den  vorgelegten  Gesetzentwurf  der  städtische  Haus-  und  Grundbesitz
  schwer  geschädigt  und  die  Entwicklung  des  gesamten  Baugewerbes
ernduhr  gefährdet  werde.

27.  April.  (Reichstag.)  Dritte  Lesungen

der  Vereinbarung  über  die  Verlängerung  des  deutsch-schwedischen
Handelsvertrages  bis  1.  Dezember  1911,  des  Gesetzes  der  Haftung  des  Reiches
        <pb n="258" />
        250  Jos  Neuische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  28.)

für  seine  Beamten,  der  Novelle  zum  Reichsschuldbuch,  der  Uebersicht  der
Reichs-Einnahmen  und  Ausgaben  für  1906  und  des  Gesetzentwurfes  über
die  Gewährung  von  erhöhten  Beihilfen  an  die  Kriegsteilnehmer.  Die  Annahme
  erfolgt  in  allen  Fällen  mit  großer  Mehrheit  oder  einstimmig.

28.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Zweite  Lesung

der  Wahlrechtsvorlage.

An  den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses  hat  die  Herrenhauskommission
  die  Aenderung  vorgenommen,  daß  die  Drittelung  nach  Stimmbezirken
  nur  dort  beibehalten  wird,  wo  dieser  aus  mehreren  Gemeinden.
gebildet  wird.  Sonst  findet  Gemeindedrittelung  statt  in  Gemeinden  bis
zu  5000  Einwohnern.  In  größeren  Gemeinden  werden  besondere  Drittelungsbezirke
  gebildet  von  nicht  weniger  als  1749  und  nicht  mehr  als  5000
Einwohnern.  Weiter  hat  die  Herrenhauskommission  ganz  allgemein  die
Zulassung  der  Terminswahl  beschlossen.  Die  Maximierung  soll  bereits  beie
6000  Mark  und  bei  Gemeinden  unter  20000  Einwohnern  bei  3000  Mark
beginnen.  Ferner  hat  die  Kommission  die  beiden  Kulturträgerparagraphen.
in  modifizierter  Form  angenommen.  Für  das  Plenum  liegt  ein  Antrag
Graf  VNork  v.  Wartenburg  vor,  nach  dem  für  Abänderungen  dieses  Gesetzes
in  Zukunft  die  Zustimmung  von  zwei  Dritteln  der  beiden  Häuser  des  Landtags
  erforderlich  sein  soll.  Ein  Antrag  Frhr.  v.  Schorlemer  will  die  Gemeindedrittelung
  für  alle  Gemeinden  bis  zu  10000  Einwohnern,  für  Gemeinden
  von  10—30000  Einwohnern  zwei  Drittelungsbezirke,  für  größere
Gemeinden  einen  weiteren  Drittelungsbezirk  auf  jede  angefangenen  20000
Einwohner.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Meine  Herren!  Sie
wollen  zunächst  gestatten,  daß  die  Staatsregierung  Ihnen  für  die  Bereitwilligkeit
  Dank  sagt,  mit  der  Ihre  Kommission  daran  gearbeitet  hat,  der
Vorlage  eine  Gestalt  zu  geben,  die  auf  die  Erreichung  eines  positiven  Ergebnisses
  hinzielt.  Ich  bin  mir  voll  bewußt,  daß  diese  Arbeit  für  viele
von  Ihnen  mit  Kämpfen  um  Ueberzeugungen  verknüpft  gewesen  ist.  Ebenso
  ist  es  im  Abgeordnetenhause  gewesen,  denn  auch  dort  ist  den  Mehrheitsparteien
  die  Fassung  der  an  das  Herrenhaus  herübergegebenen  Beschlüsse
nur  möglich  geworden,  weil  sie  von  dem  Bestreben  getragen  gewesen,  die
Vorlage  nicht  von  vornherein  an  dem  Zwiespalt  der  Meinungen  scheitern
zu  lassen.  Aber  in  derselben  Lage  hat  sich  schließlich  auch  die  Staatsregierung
  selber  befunden.  Ich  habe  darüber  in  der  ersten  Beratung  in
diesem  hohen  Hause  gesprochen  und  will  heute  nicht  darauf  zurückkommen.
Um  so  mehr  überrascht  es  mich,  wenn  außerhalb  dieses  hohen  Hauses  der
Ansicht  Ausdruck  gegeben  worden  ist,  als  ob  die  Haltung  der  Regierung
beeinflußt  wurde  von  geringerer  oder  größerer  Vorliebe  für  eine  Partei,
als  ob  ich  das  Zentrum  von  der  Mitarbeit  ausschließen  wolle,  um  die
Mittelparteien  für  die  Vorlage  zu  gewinnen.  Das  liegt  mir  fern.  Ich
habe  den  bündigen  Gegenbeweis  geliefert,  indem  ich  die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses
  als  einen  gangbaren  Boden  bezeichnet  habe.  Gewiß  habe
ich  nachher  in  Ihrer  Kommission  Anträgen,  wie  dem  wegen  der  Verfassungsänderung
  widersprechen,  andere  Anträge  wiederum,  wie  den  über  die  Drittelungsbezirke,
  schon  dort  für  ungenügend  erklären  müssen.  Aber  so  liegt  die  Sache
doch  nicht,  daß  die  Bekundung  und  das  Festhalten  an  einer  eigenen  Ueberzeugung
  als  parteipolitische  Abneigung  auszulegen  wäre,  oder  daß  die
Maxime,  welche  die  Politik  als  die  Kunst  des  Erreichbaren  bezeichnet,  für
die  Staatsregierung  die  Konsequenz  in  sich  schließe,  in  der  Politik  des
Nachgebens  keinen  Endpunkt  mehr  zu  kennen.  Von  der  Politik  des  Ausschaltens
  einer  Partei  halte  ich  nichts,  und  ich  glaube,  es  in  meinem  amt-
        <pb n="259" />
        Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  28.)  251

lichen  Leben  nicht  nur  bei  dieser  Gelegenheit  ausreichend  bewiesen  zu  haben,
daß  ich  mit  allen  Parteien  sachlich  zu  arbeiten  pflege  und  gern  sachlich  zusammen
  arbeite.  Aber  man  verlange  von  mir  nicht  eine  Politik,  bei  der
ich  mich  selbst,  bei  der  ich  die  Staatsregierung  ausschalte.  Ein  großer
Teil  von  Ihnen  hat  ja  in  der  Kommission  für  notwendig  bezeichnet,  Verfassungsänderungen
  an  erschwerende  Bestimmungen  zu  knüpfen,  damit  die
Regierung  nicht  eines  Tages  Anträgen  auf  demokratische  Abänderung  des
Wahlrechts  gegenüber  sich  nachgiebig  zeige.  Nun,  in  eine  solche  Nachgiebigkeit
  verfällt  eine  Regierung,  welche  die  Wahrung  der  eigenen  Autorität
nicht  mehr  achtet.  Und  solange  ich  die  Ehre  haben  werde,  an  dieser  Stelle
zu  stehen,  werde  ich  in  dieser  Beziehung  nicht  mit  einem  schlechten  Beispiel
vorangehen.  Wenn  ich  in  der  Kommission  die  Grenzlinien  bezeichnet  habe,
bis  zu  denen  die  Staatsregierung  den  abgeänderten  Beschlüssen  folgen  kann,
so  ist  das  geschehen,  weil  Verfassungsänderungen  von  der  Bedeutung  und
dem  Ernste  der  vorliegenden  nicht  getragen  werden  können  von  Parteikonstellationen
  allein,  sondern  weil  sie  vertreten  werden  müssen  von  der
freien  Ueberzeugung,  auch  der  Staatsregierung.  Weil  die  Staatsregierung
so  denkt,  und  weil  sie  daran  festzuhalten  entschlossen  ist,  weil  es  für  sie
staatliche  Pflicht  ist,  der  durch  die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses  veränderten
  Grundlage  des  Gesetzes  ein  dauerhaftes  Gefüge  zu  geben,  darum
habe  ich,  um  noch  einmal  den  einen  Punkt  hervorzuheben,  der  in  den  letzten
Tagen  zu  einem  Kernpunkt  geworden  ist  —  darum  habe  ich  bezüglich  der
Bildung  der  Drittelungsbezirke  diejenigen  Grenzlinien  in  der  Kommission
bezeichnet,  deren  Innehaltung  für  die  Staatsregierung  mit  dem  Schicksal
des  Gesetzentwurfs  untrennbar  verbunden  ist.  Die  königliche  Staatsregierung
hat  dann  mit  Ihrer  Kommission  zusammen  daran  gearbeitet,  eine  jenen
Forderungen  entsprechende  Fassung  zu  finden.  Sie  erblickt  eine  solche
Fassung  in  dem  heute  eingebrachten  Antrag  Schorlemer.  Ich  hoffe,  die
Herren  werden  es  anerkennen,  daß  die  Formulierung  dieses  Antrages  ohne
jegliche  Uebertreibung  lediglich  daran  festhält,  für  das  Notwendige  einen
sachlich  zweckmäßigen  Ausdruck  zu  finden.  Und  wenn  Sie  geneigt  sein
sollten,  meine  Herren,  das  anzuerkennen,  dann  halte  ich  mich  für  berechtigt,
an  Sie  die  Bitte,  die  dringende  Bitte  zu  richten,  diesem  Antrag  beizutreten
und  damit  den  Kommissionsbeschlüssen  und  der  Vorlage  selbst  in  einem
wesentlichen  Punkte  eine  auch  für  die  Staatsregierung  annehmbare  Fassung
zu  geben.  Dann  komme  ich  zum  Schluß  von  einem  einzigen  Punkte  auf
das  Ganze  zurück.  Für  das  Ganze  wird  die  Stellung  wesentlich  entscheidend
  sein,  welche  Sie  zu  dem  gleichfalls  heute  eingebrachten  Antrage
Hillebrand  bezüglich  der  geheimen  Wahl  einnehmen.  Ich  will  nicht  alles
im  einzelnen  wiederholen,  was  ich  in  dieser  Beziehung  bei  der  ersten  Besprechung
  in  diesem  hohen  Hause  gesagt  habe.  Die  Annahme  der  von  dem
Abgeordnetenhause  beschlossenen  geheimen  indirekten  Wahl  bildete  für  das
Abgeordnetenhaus  und  dann  auch  für  die  Staatsregierung  die  Grundlage,
auf  der  es  ermöglicht  werden  kann,  die  eingeleitete  Aktion  nicht  fruchtlos
verlaufen  zu  lassen,  nicht  zu  einem  negativen  Ergebnis  zu  kommen.  Ich
kann  nur  wiederholen  und  darf  das  auf  das  ernsthafteste  betonen,  daß  die
königliche  Staatsregierung  in  einem  solchen  negativen  Ergebnis  eine  schwere
Schädigung  der  Interessen  des  Landes  erblicken  würde.  Auch  in  dieser
Frage  ist  für  mich  die  einzige  Richtschnur  meines  Handelns  das  Bewußtsein
  der  Verantwortlichkeit  für  eine  Verfassungsänderung,  die  auf  der  einen
Seite  als  ein  Nichts  mißachtet,  auf  der  anderen  als  ein  Zuviel  mit  ernsten
Besorgnissen  begleitet  wird.  Nur  nüchterne  realpolitische  Sachlichkeit  verbunden
  mit  persönlicher  Ueberzeugung  kann  dieser  Verantwortung  gerecht
werden,  und  von  beiden  kann  ich  nichts  preisgeben.
        <pb n="260" />
        252  JNaos  Veuische  Reich  uud  seine  einzelnen  Glieder.  (April  28.)

Fürst  Salm-Horstmar:  Trotz  vieler  Bedenken  werde  ich  für  die
vom  Abgeordnetenhaus  beschlossene  geheime  Wahl  stimmen.  Wir  wollen,
daß  etwas  zustande  kommt,  um  dem  anderen  Hause  die  Möglichkeit  zu
geben,  die  Vorlage  mit  einer  größeren  Mehrheit  anzunehmen.  Was  die
Drittelung  anlangt,  so  wäre  mir  die  Gemeindedrittelung  am  liebsten,  unter
der  Preußen  die  längste  Zeit  gewählt  hat.  Aber  auch  hier  wollen  wir
nachgeben  und  an  den  Kommissionsbeschlüssen  möglichst  wenig  rütteln.

Fürst  Lichnowsky:  Ohne  die  Annahme  des  Antrages  Schorlemer
ist  für  mich  das  Gesetz  unannehmbar.  Dabei  leiten  mich  nicht  gewisse  Rücksichten
  auf  die  Parteien  des  anderen  Hauses,  sondern  ich  würde  es  mit
dem  Zweck  und  Geist  dieses  Gesetzes,  auch  der  Bildung  neben  dem  Besitz
einen  erhöhten  Einfluß  zu  geben,  für  unvereinbar  halten,  wenn  man  durch
die  Drittelung  in  den  Stimmbezirken  es  dem  reinen  Zufall  überläßt,  in
welcher  Klasse  jemand  wählt.  Der  Antrag  Schorlemer  ist  auch  das  einzig
wirksame  Mittel,  um  dem  Ansturm  unserer  nationalen  und  sozialen  Gegner
die  Spitze  zu  bieten.  Gegen  den  Ansturm  der  Polen  und  Sozialdemokraten
bildet  die  Vergrößerung  der  Drittelungsbezirke  die  einzig  wirkliche  Handhabe.

v.  Burgsdorff:  Ich  beneide  den  Herrn  v.  Bethmann  nicht  um  die
Erbschaft,  die  ihm  Fürst  Bülow  hinterlassen  hat.  Fürst  Bülow  hat  in  einer
schweren  Stunde  sein  Amt  niedergelegt,  als  er  noch  in  dem  schönen  Glauben
lebte,  die  Liberalen  könnten  positive  Arbeit  leisten.  Daß  sie  das  nicht
können,  haben  sie  nachgewiesen  bei  der  Finanzreform.  Als  sie  damals
schweigend  das  Lokal  verließen,  ließen  sie  auf  dem  Tisch  nur  zurück  eine
Bankerotterklärung  und  das  Versprechen  des  Fürsten  Bülow.  Es  wird
viel  geredet  von  einer  organischen  Fortbildung  des  Wahlrechts.  Was  ist
darunter  nun  zu  verstehen?  Die  Menge  auf  der  Straße,  die  Straßenumzüge
  veranstaltet,  versteht  unter  organischer  Fortbildung  die  Einführung
des  Reichstagswahlrechts.  Dem  können  wir  keinen  Vorschub  leisten.  Wenn
wir  es  täten,  würden  wir  verdienen,  wegen  Hochverrats  angeklagt  zu  werden.
Ich  verstehe  eine  organische  Fortentwicklung  auf  der  Grundlage  des  öffentlichen
  Wahlrechts.  Auch  die  Staatsregierung  war  ursprünglich  derselben
Meinung.  Wenn  wir  diese  Grundlage  verlassen,  dann  ist  nicht  abzusehen,
wo  das  Ende  kommt.  Ich  bitte  daran  festzuhalten,  ohne  Rücksicht  auf  das
andere  Haus.

Oberbürgermeister  Kirschner:  Die  historischen  Kenntnisse  des  Herrn
v.  Burgsdorff  scheinen  nicht  so  weit  zurückzureichen,  daß  er  weiß,  daß  die
Liberalen  an  der  Gründung  des  Reiches  einen  sehr  lebhaften  Anteil  gehabt
haben,  daß  sie  an  der  verfassungsmäßigen  Gestaliung  in  ganz  hervorragender
  Weise  mitgearbeitet  haben.  Wenn  die  verfassungsmäßige  Ausgestaltung
des  Reiches  den  Herren  allein  überlassen  worden  wäre,  die  der  Partei  des
Herrn  v.  Burgsdorff  angehören,  dann  stände  es  um  das  Deutsche  Reich
sehr  schlecht.  Die  liberale  Partei  hat  doch  in  ihrer  Geschichte  Tatsachen  zu
verzeichnen,  die  nicht  ausgelöscht  werden  können.  Ich  habe  bereits  bei  der
ersten  Beratung  im  Namen  eines  Teiles  meiner  Freunde  erklärt,  daß  es
uns  unmöglich  sein  würde,  einem  Gesetze  zuzustimmen,  bei  dem  die  indirekte
  Wahl  eingeführt  ist  und  bei  dem  das  geheime  Wahlrecht  nicht  gesichert
  ist.  Der  Gesetzentwurf,  wie  er  aus  der  Kommission  kommt,  hat  das
nicht  geändert.  Wir  können  dem  Gesetzentwurf  deshalb  auch  nicht  zustimmen.
  Der  Entwurf  ist  geradezu  ein  Musterbeispiel  von  Inkonsequenz
und  innerem  Widerspruch.  Das  Wahlgesetz  ist  aufgebaut  auf  den  Steuern.
Damit  wird  jetzt  gebrochen.  Es  werden  Widersprüche  ins  Gesetz  hineingetragen,
  die  unmöglich  sind.  Bei  den  Kommunaleinnahmesteuern  wird
der  Gedanke  des  Steueraufbaues  wieder  verlangt.  Die  Drittelung!  Das
Gesetz  war  aufgebaut  auf  der  Drittelung  in  Gemeinden.  Das  ist  geändert
        <pb n="261" />
        Das  Denisqhe  Reiqh  und  seine  einzeluen  GSlieder.  (April  28.)  253

worden  durch  die  Drittelung  im  Urwahlbezirke.  Beides  war  ein  Prinzip.
Jetzt  verläßt  man  beide  Wege  und  beschreitet  den  dritten,  bei  dem  besondere
Drittelungsbezirke  geschaffen  werden,  ohne  daß  ein  gesetzgeberischer  Gedanke
zugrunde  liegt.  Bei  der  Vorlage  der  Staatsregierung  war  eines  hervorgehoben:
  Die  indirekte  Wahl  hat  sich  überlebt.  Es  wurde  mit  Entschiedenheit
  Stellung  genommen  gegen  das  geheime  Wahlrecht.  Jetzt  haben  wir
einen  Entwurf  mit  indirekter  und  mit  geheimer  Wahl.  Das  geheime  Wahlrecht
wird  aber  wiederum  nicht  durchgeführt.  Das  Gesetz  wird  jetzt  getragen
von  zwei  Parteien:  die  eine  versichert  fortdauernd:  es  ist  gar  nicht  notwendig,
  das  bestehende  Gesetz  ist  so  gut,  daß  es  erhalten  werden  müßte,
und  die  andere  Partei,  die  das  geheime,  allgemeine,  gleiche  und  direkte
Wahlrecht  in  ihrem  Programm  hat,  die  läßt  in  ihrem  Programm  doch
keinen  Zweifel,  daß  sie  das  Gesetz  nur  als  Provisorium  empfindet.  Wir
lehnen  den  Gesetzentwurf  ab,  weil  wir  nicht  dabei  mitwirken  wollen,  statt
Brot  Steine  zu  geben.  Wir  warten  auf  bessere  Zeiten,  sie  werden  kommen,
unaufhaltsam.

Graf  Oppersdorf:  Es  ist  mit  Genugtuung  zu  begrüßen,  daß  der
Herr  Ministerpräsident  keine  Partei  ausschalten  will.  Eine  politische  Entspannung
  wäre,  meine  ich,  sehr  erfreulich  und  solche  Gedanken,  besonders
wenn  sie  zur  rechten  Zeit  in  die  Tat  umgesetzt,  würden  vielleicht  zu  einer
Entspannung  führen.  Die  jetzigen  Drittelungsvorschriften  bezeichnet  der
Ministerpräsident  als  unannehmbar.  Nun  bringen  die  heutigen  Anträge
eine  völlige  Veränderung  der  Situation.  Der  Antrag  Schorlemer  ist  die
Hauptsache.  Er  ist  eine  Aufforderung  der  Staatsregierung,  die  jetzt  im
Abgeordnetenhause  bestehende  Parteikonstellation  aufzuheben.

Prof  Hillebrandt-Breslau  begründet  seinen  Antrag  auf  Wiedereinführung
  der  öffentlichen  Wahl  in  der  Vorlage.  Die  Regierungsvorlage
war  viel  sympathischer  als  die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses.

Oberbürgermeister  Körte-Königsberg:  Ich  stehe  an  sich  auf  dem
Standpunkt,  auch  das  Reichstagswahlrecht  für  Preußen  für  richtig  zu  halten,
aber  man  könnte  sogar  in  dem  Dereiklassenwahlrecht  bei  direkter  und  geheimer
  Wahl  eine  Verbesserung  erblicken  und  trotz  der  unerfreulichen  Kulturträger
  dafür  stimmen.  Man  erklärte  heute,  daß  das  preußische  Wahlrecht,
wie  es  jetzt  besteht,  das  beste  und  vollkommenste  aller  Wahlsysteme  sei.  Der
Redner  wendet  sich  eingehend  gegen  diese  Ansicht  und  führt  eine  Reihe  von
Beispielen  dagegen  an.  Er  kommt  dann  auf  die  Angriffe  gegen  die  Liberalen
u  sprechen  und  verwahrt  die  Liberalen  gegen  die  Vorwürfe,  diese  hätten
in  der  Reichsfinanzreform  versagt.  Die  Liberalen  waren  dazu  bereit,  dem
Reiche  das  zu  geben,  was  es  braucht.

v.  Wedel=  Piesdorf:  Die  entscheidende  Frage  für  die  vorliegende
Wahlvorlage  ist  die:  Geheimes  oder  öffentliches  Wahlrecht.  Wir  sind  einig
darüber,  daß  wir  der  öffentlichen  vor  der  geheimen  Wahl  den  Vorzug  geben.
Aber  in  den  Folgerungen  sind  wir  verschiedener  Ansicht.  Ein  Teil  meiner
Freunde  ist  auch  von  der  Schädlichkeit  des  geheimen  Wahlrechts  überzeungt,
so  daß  er  der  geheimen  Wahl  nicht  zustimmen  wird.  Andere  wieder  werden
die  ganze  Vorlage  ablehnen,  wenn  das  geheime  Wahlrecht  nicht  beschlossen
werden  sollte.  Wieder  ein  anderer  Teil  wird  zunächst  dem  Antrag  Hillebrandt
  zustimmen,  er  wird  aber  der  Vorlage  zustimmen,  wenn  der  Antrag
Hillebrandt  fällt.  Ich  selbst  werde  mit  anderen  Freunden  für  die  geheime
Wahl  eintreten,  weil  ich  ein  Zustandekommen  der  Vorlage  für  nötig  halte.
Denn  fällt  die  Vorlage  jetzt,  so  wird  sie  im  nächsten  Jahre  wiederkommen
und  zwar  schlimmer.

Oberlandesgerichtspräsident  a.  D.  Hamm  polemisiert,  wie  in  der
ersten  Lesung,  gegen  das  Zentrum.  Das  Zentrum  ist  in  der  Lage,  heute
        <pb n="262" />
        254  Das  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (April  28.  29.)

nach  links  und  morgen  nach  rechts  zu  marschieren.  Es  hat  die  Massen  so
in  der  Hand,  daß  es  einfach  kommandieren  kann,  und  daß  sie  folgen.  Auf
Traditionen  nimmt  das  Zentrum  gar  keine  Rücksicht.

Graf  v.  York  begründet  seinen  Antrag  und  erklärt  auch,  daß  sich
seine  Partei  nicht  der  Ansicht  verschlösse,  die  Entwicklung  lasse  sich  nicht
aufhalten.  Aber  es  müssen  Kautelen  geschaffen  werden,  daß  nichts  übereilt
und  ab  irato  eine  Aenderung  des  Wahlrechts  erfolge.

Die  Rednerliste  ist  erschöpft  und  die  Generaldiskussion  schließt.  Es
beginnt  die  Spezialdiskussion.  Die  Paragraphen  1  bis  3  werden  ohne
Debatte  angenommen.  Zum  8§  4,  der  nach  den  von  der  Herrenhauskommission
  bestätigten  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses  die  geheime  und
direkte  Wahl  einführen  will,  liegt  ein  Antrag  Hillebrandt  auf  Beibehaltung
der  öffentlichen  Wahl  und  ein  Antrag  Reinke  auf  Einführung  der  geheimen
  und  direkten  Wahl  vor.  Prof.  Reinke-Kiel  erklärt,  daß  man  weit
über  die  Kreise  der  Liberalen  hinaus  der  Meinung  sei,  daß  neben  der  geheimen
  Wahl  auch  die  direkte  Wahl  eingeführt  werden  müsse.  In  der
Abstimmung  wird  der  Antrag  Reinke  abgelehnt  gegen  die  Stimmen  der
neuen  Fraktion  mit  Ausnahme  des  Grafen  Häseler  und  des  Admirals
v.  Tirpitz.  Der  Antrag  Hillebrandt  wird  abgelehnt  gegen  die  Stimmen
der  neuen  Fraktion  und  eines  Teiles  der  Konservativen.  Darauf  wird
die  Kommissionsfassung  unverändert  angenommen,  desgleichen  der  §  5.
Ein  Vertagungsantrag  wird  angenommen.

W.  April.  (Reichstag.)  Kolonialbeamtengesetz.

Die  Budgetkommission  beschließt  auf  Antrag  des  Zentrums  trotz  des
heftigsten  Widerspruches  des  Staatssekretärs:  Eintragungen  von  Tatsachen
in  die  Personalakten  der  Kolonialbeamten,  welche  diesen  nachteilig  sein
können,  sind  den  betreffenden  Beamten  zur  Kenntnisnahme  vorzulegen.
Eine  etwaige  Gegenerklärung  des  Kolonialbeamten  ist  den  Personalakten
beizulegen.

29.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Fortsetzung  der
zweiten  Beratung  der  Wahlrechtsvorlage.

Zu  §6  liegt  der  Antrag  Schorlemer  vor,  der  größere  Drittelungsbezirke
  schaffen  will.  Oberpräsident  Frhr.  v.  Schorlemer:  Mein  Antrag
verfolgt  wesentlich  den  Zweck,  teilweise  wenigstens  die  Mißstände  zu  beseitigen,
  die  die  durch  das  Gesetz  vom  Jahre  1891  angeordnete  Drittelung
in  den  Urwahlbezirken  in  den  größeren  Städten  und  Industriebezirken
herbeigeführt  hat.  Die  gewaltige  und  gewiß  erfreuliche  Entwicklung  des
wirtschaftlichen  Ausschwungs  unseres  Volkes  hat  nach  zwei  ganz  verschiedenen
  Richtungen  die  Wirkung  des  Dreiklassenwahlrechts  beeinflußt.  Auf
der  einen  Seite  sind  die  großen  Vermögen  entstanden,  deren  Inhaber
allein  die  erste  und  vielfach  die  zweite  Abteilung  besetzen.  Dem  hierdurch
  herbeigeführten  sogenannten  plutokratischen  Charakter  sollte  die  vorgeschlagene
  Maximierung  der  Steuerleistung  abhelfen.  Auf  der  anderen
Seite  hat  die  Entwicklung  in  den  Städten  und  Industriebezirken  sich
nahezu  überall  in  der  Weise  vollzogen,  daß  neben  den  verhältnismäßig
kleinen  Einwohnerbezirken,  in  denen  sich  die  wohlhabenderen  Schichten  der
Bevölkerung  niedergelassen  haben,  eine  Reihe  großer  Arbeiterviertel  entstanden
ist.  Die  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken  bringt  es  mit  sich,  daß  in
diesen  großen  Arbeiterzentren  eine  erhebliche  Anzahl  von  Urwahlbezirken
vorhanden  sind,  die  zwar  eigentlich  in  die  dritte  Klasse  gehörten,  aber  infolge
  dieser  Urwahlbezirksdrittelung  in  die  zweite  oder  erste  Abteilung
        <pb n="263" />
        Das  Veische  Reich  und  seine  einhelnen  Glieder.  (April  29.)  255

kommen.  Das  hat  sich  namentlich  in  Berlin  gezeigt.  Daß  wir  jetzt  schon
eine  große  Anzahl  sozialdemokratischer  Wähler  in  der  ersten  Klasse  haben,
ist  eine  Folge  der  Urwahlbezirksdrittelung.  In  dem  Augenblicke,  wo  wir
den  Einfluß  der  Plutokratie  durch  die  Maximierung  beschränken  wollen,
muß  auch  einer  stärkeren  Demokratisierung  entgegengetreten  werden.
Das  soll  durch  Schaffung  größerer  Drittelungsbezirke  erreicht  werden,  wie
Ihnen  mein  Antrag  vorschlägt.  Der  Geist  dieses  Antrags  ist  wesentlich
der,  er  will  dem  Einfluß  der  besitzenden  und  staatserhaltenden  Klassen  nicht
allein  auf  dem  Lande,  sondern  auch  in  den  städtischen  und  Industriebezirken
wieder  zu  seinem  Rechte  verhelfen.  Er  bedeutet  auch  ein  verständnisvolles
Entgegenkommen  gegenüber  den  Wünschen  der  Industrie  und  des  Handels
und  ich  hoffe,  daß  er  nicht  allein  auf  allen  Seiten  dieses  Hauses  Zustimmung,
  sondern  auch  draußen  im  Lande  Beifall  und  Anerkennung  finden
wird.  Ich  erkenne  dankbar  mit  so  vielen  im  Lande  die  Tätigkeit  der
Zentrumspartei  an,  die  in  mancher  ernsten  Stunde  zugunsten  der  Förderung
  der  Staatsregierung  nicht  versagt.  Aber  gerade  in  dieser  Vorlage
erscheint  mir  die  Zentrumspartei  als  einzige  Verbündete  für  die  konservative
Partei  und  für  die  konservative  Fraktion  des  Abgeordnetenhauses  doch
nicht  ganz  unbedenklich.  Es  ist  der  im  Abgeordnetenhaus  geschlossene  Pakt
eine  societas  leonina,  ein  Zusammenstimmen  zweier  Parteien,  von  denen
die  eine  mit  aller  Entschiedenheit  die  Einführung  des  gleichen  und  direkten
Wahlrechts  in  Preußen  ablehnt,  und  von  denen  die  andere  das  jetzt  Erreichte
  nur  als  Etappe  auf  dem  Wege  zur  Erlangung  des  Reichstagswahlrechts
  ansieht.  Wer  in  dieser  Ehe  den  kürzeren  ziehen  wird,  das  brauche
ich  nicht  näher  auszuführen.  Ich  gebe  die  Hoffnung  nicht  auf,  daß  die
Einsicht  in  die  zwingende  Macht  der  Verhältnisse,  der  Druck  der  Tatsachen,
die  hoffentlich  heute  durch  das  Herrenhaus  geschaffen  werden,  auch  im
anderen  Hause  zur  Annahme  von  Vorschlägen  führen  wird,  die  die  Zustimmung
  der  Staatsregierung  finden  können  und  werden.  Ich  erwarte  das
von  der  Einsicht  der  Mittelparteien,  ich  erwarte  es  auch  von  der  Zentrumspartei.
  Das  Herrenhaus  ist  so  oft  in  die  unangenehme  Lage  versetzt  worden,
bei  seinen  Entscheidungen  auf  die  Stimmung  im  anderen  Hause  und  darauf
Rücksicht  nehmen  zu  müssen,  daß  andere  Beschlußfassungen  im  Herrenhause
  das  Scheitern  der  Gesetzesvorlagen  zur  Folge  haben  müßten.  Bei
dieser  Vorlage,  deren  Wichtigkeit  und  Tragweite  wohl  niemand  unter
uns  verkennt,  ist  es  nahezu  als  ein  glückliches  Ereignis  zu  betrachten,
daß  die  gestrige  Erklärung  des  Ministerpräsidenten  uns  von  dem  Alp
befreite,  der  auf  unserer  Beschlußfassung  zu  lasten  pflegt,  und  die  uns  in
die  Lage  versetzt,  frei  und  offen  das  zu  beschließen,  was  wir  für  richtig
erkennen.

Prof.  Löning-Halle:  Ich  kann  an  das  hohe  Haus  nur  die  Bitte
richten,  den  Antrag  Schorlemer  anzunehmen.  Dem  Entwurf,  wie  er  aus
der  Kommission  kam,  hätte  ich  meine  Zustimmung  nicht  geben  können.
Ich  kann  im  großen  und  ganzen  den  Ausführungen  der  Oberbürgermeister
Kirschner  und  Körte  nur  zustimmen.  So  groß  die  Mängel  im  gegenwärtigen
  Gesetzentwurf  sind,  so  ist  er  doch  ein  kleiner  Ausfluß  des  liberalen
  Staatsgedankens.  Ich  stimme  für  dieses  Gesetz,  weil  ich  überzeugt
  bin,  daß  es  nur  von  kurzer  Dauer  sein  wird.  Die  indirekte  Wahl
ist  nicht  aufrecht  zu  erhalten.  Die  Durchführung  des  Gesetzes  bei  gemeinsamer
  indirekter  Wahl  wird  so  schwierig  sein,  daß  eine  Fülle  von  Wahlanfechtungen
  das  Resultat  sein  wird.  Ich  stimme  für  das  Gesetz,  weil  ich
darin  einen  Schritt  auf  dem  Wege  zum  direkten,  geheimen  Wahlrecht  sehe.
Der  Antrag  Schorlemer  will  einzelne  Mißstände  beseitigen,  deshalb  stimme

ich  für  ihn.
        <pb n="264" />
        256  Jas  Venische  Reich  und  seine  einjelnen  Slieder.  (April  29.)

Oberbürgermeister  Wilms-Posen:  Ich  stimme  dem  Antrag  Schorlemer
  zu.  Das  Reichstagswahlrecht  kann  für  Preußen  nicht  in  Betracht
kommen.  Nur  die  allergrößten  Kälber  wählen  ihren  Metzger  selber.  Ehe
wir  in  Preußen  das  Reichstagswahlrecht  einführen,  würde  ich  lieber  im
Reichstag  das  allgemeine  Wahlrecht  abschaffen.  Was  aus  der  Vorlage
wird,  ist  mir  ganz  egal.  Das  ist  Sache  der  Staatsregierung  und  des
anderen  Hauses.  Mir  wäre  es  ja  lieber,  wenn  die  Konservativen  mit
Nationalliberalen  und  Freikonservativen  das  Gesetz  machen  wollten.  Ich
möchte  sagen,  ich  befürchte,  daß  man  von  unserer  Arbeit  sagen  wird,  ein
großer  Aufwand  ist  unnütz  vertan.

Damit  schließt  die  Diskussion.  In  der  Abstimmung  wird  der
Antrag  Schorlemer  über  die  Drittelung  fast  einstimmig  angenommen.  Dagegen
  stimmten  u.  a.  Graf  Oppersdorf,  Oberbürgermeister  Kirschner,  Prinz
Arenberg,  Frhr.  v.  Landsberg-Steinfurt.  Danach  wird  der  §6  in  dieser
veränderten  Fassung  angenommen.  Im  weiteren  Verlaufe  der  Beratung
werden  auch  §  8  und  8  a  (Kulturträger)  angenommen,  nachdem  verschiedene
Anträge,  u.  a.  die  Aufnahme  der  Veteranen,  der  Volksschullehrer  und  der
Stadtverordneten  unter  die  Kulturträger,  abgelehnt  worden  waren.  In
der  Schlußabstimmung  wurde  die  Wahlrechtsvorlage  im  Herrenhause  in
namentlicher  Abstimmung  mit  140  Stimmen  gegen  94  Stimmen  angenommen.
  Der  größte  Teil  der  neuen  Fraktion  stimmte  für  die  Vorlage.

29.  April.  (Reichstag.)  Der  Kolonialantrag  Erzberger  vor
dem  Plenum.

Bei  der  zweiten  Lesung  des  Gesetzentwurfes  über  die  Aufstandsausgaoben
  für  Südwestafrika  wiederholt  sich  das  Duell  Erzberger-Dernburg.

Abg.  Erzberger  (83.):  Ich  will  den  Staatssekretär  durchaus  nicht
stürzen,  lehne  es  aber  andererseits  auch  ab,  mich  zum  parlamentarischen
Mamelucken  erniedrigen  zu  lassen.  Weiter  hat  der  Staatssekretär  in  der
Kommission  die  Person  des  Kaisers  nicht  weniger  als  acht  Mal  genannt
und  mir  vorgeworfen,  ich  wolle  in  das  kaiserliche  Recht  eingreisen.  Auch
dagegen  muß  ich  mit  allem  Nachdruck  protestieren.  Es  geht  nicht  an,  den
Kaiser  zum  Prügeljungen  für  alle  Torheiten  und  Fehler  der  Verwaltung
zu  machen,  und  es  ist  staatsrechtlich  unmöglich,  die  unverantwortliche  Person
des  Kaisers  verantwortlich  zu  machen  für  die  Maßnahmen,  die  die  Bureaukratie
  trifft.  Der  Gedanke,  auch  die  Gesellschaften  zu  den  Ausgaben  des
Aufstandes  heranzuziehen,  ist  nicht  neu  und  wurde  früher  allseitig  gutgeheißen.
  Niemand  hat  da  von  Konfiskation  und  Enteignung  gesprochen,
ja  ein  freisinniger  Abgeordneter  sagte,  diese  Frage  müsse  gesetzgeberisch
weiter  verfolgt  werden.  Es  scheint  ein  Unterschied  zu  sein,  ob  ein  freisinniger
  Redner  eine  Anregung  macht  oder  ein  Mitglied  des  Zentrums.
Der  Herzogregent  von  Braunschweig  hat  sogar  gesagt,  die  Gesellschaften
müßten  enteignet  werden,  wenn  sie  gewisse  Bedingungen  nicht  erfüllen.
Nachdem  wir  jetzt  wissen,  was  uns  der  Krieg  gekostet  hat,  und  nachdem
vor  allem  Südwest  ein  reiches  Land  geworden  ist,  ist  die  Zeit  gekommen,
die  Anregung  praktisch  durchzuführen.  Ein  Sturm  der  Entrüstung  ist
darüber  in  der  Oeffentlichkeit  entstanden.  Ich  glaube,  daß  nicht  5  v.  H.
der  Kritiker  den  Antrag  überhaupt  gelesen  haben.  Die  Gesellschaften  sind
durch  den  Krieg  erst  reich  geworden.  Wenn  es  in  Südwest  Millionäre
gibt,  dann  bezahlen  sie  dort  weder  Einkommen=  noch  Vermögenssteuer,
während  bei  uns  jedes  Dienstmädchen  Steuern  bezahlen  muß.  Was  von
dem  Gerede  der  Enteignung  zu  halten  ist,  mag  daraus  hervorgehen,  daß
ein  Mann  mit  300000  Mark  Vermögen  eine  einmalige  Ausgabe  von
3000  Mark  zu  zahlen  hätte.  Auch  die  „Freis.  Ztg.“  hat  mir  den  Vorwurf
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        Das  Denische  Reit  und  seint  einjelnen  Glieder.  (April  29.)  257

der  Konfiskation  gemacht,  sie,  die  noch  im  Vorjahr  das  Erbrecht  des  Staates
uneingeschränkt  durchführen  wollte.  Ist  denn  der  Gedanke,  die  Gesellschaften
  zu  den  Kriegskosten  heranzuziehen,  so  absurd?  Der  größte  englische
  Kolonialpolitiker  Chamberlain  hat  ihn  beim  Burenkrieg  durchgeführt.
Es  ist  keiner  englischen  Gesellschaft  eingefallen,  auch  nur  einen  Ton  darüber
zu  sagen.  Da  könnte  manches  Bedenken  in  Deutschland  wirklich  zurückgestellt
  werden.  Mit  ihrer  Wertzuwachssteuer  beanspruchen  die  verbündeten
Regierungen  36  v.  H.  des  Wertzuwachses  in  einem  Jahre  und  sprechen
auch  nicht  von  Konfiekation.  Ist  denn  die  Besteuerung  der  Wertzuwachses
nur  für  das  deutsche  Heimatland  da?  Soll  der  koloniale  Wertzuwachs
steuerfrei  bleiben?  Das  sind  doch  alles  erwägenswerte  Gedanken.  Nun
hat  man  gesagt,  die  Heranziehung  der  Gesellschaften  würde  das  Kapital
davon  abhalten,  in  die  Kolonien  hinauszugehen.  Man  hat  uns  auch  hier
die  kleinen  Leute  und  sogar  die  Witwe  mit  den  kolonialen  Anteilen  vorgeführt.
  Was  sind  denn  das  für  kleine  Leute?  Der  niedrigste  Anteil  der
Deutschen  Kolonialgesellschaft  beträgt  20000  Mark.  Die  Heranziehung  der
Gesellschaften  greift  auch  keineswegs  in  das  Steuerverordnungsrecht  des
Kaisers  ein.  Der  Reichstag  hat  das  Recht  und  die  Pflicht,  da  mitzureden.
Jeden  Versuch,  dieses  Recht  einzudämmen,  werden  wir  mit  Entschiedenheit
zurückweisen.  Ich  bedaure,  daß  mein  Antrag  in  der  Kommission  gefallen
ist,  da  er  durchaus  berechtigt  und  gesetzlich  zulässig  war.  Auch  die  Ablösung
  der  Hoheitsrechte  der  Gesellschaften  ist  uns  möglich  und  ist  ja  in
unserer  Kolonialpolitik  bereits  vorgenommen  worden.  Wenn  wir  diese
Hoheitsrechte  ablösen,  wird  Friede  und  Ruhe  in  den  Kolonien  eintreten.
Je  länger  wir  damit  warten,  desto  höher  wird  die  Ablösungssumme.  Der
Einwand,  solche  Hoheitsrechte  beständen  gar  nicht,  ist  falsch.  Ich  verweise
auf  die  Verordnung  von  1888,  worin  das  Hoheitsrecht  der  Kolonialgesellschaft
  ausdrücklich  eingeräumt  wird.  Infolgedessen  hat  die  Kolonialgesellschaft
  auch  ausdrücklich  im  §1  ihres  Statuts  die  Ausübung  staatlicher  Hoheitsrechte
  als  einen  der  Zwecke  der  Gesellschaft  angeführt.  Nun  glaubt  der
Staatssekretär  durch  den  Bergrezeß  vom  17.  Februar  1908  diese  Hoheitsrechte
  abgelöst  zu  haben.  Allein  dieser  Rezeß  ist  so  unklar,  daß  nicht  einmal
  seine  Gültigkeit  feststeht.  Der  Staatssekretär  erklärte  wörtlich,  die
Gesellschaft  habe  auf  alle  ihre  Rechte  verzichtet,  nur  ihre  pekuniären  Vorteile
  und  Rechte  habe  sie  behalten.  Er  weiß  also  selbst  nicht,  was  eigentlich
  durch  den  Rezeß  herbeigeführt  ist.  Er  hat  weiter  erklärt,  daß  der
Fiskus  nicht  das  Recht  hat,  den  Bergbau  in  eigener  Regie  zu  betreiben.
Ich  stehe  auf  dem  Standpunkt,  daß  der  Fiskus  dieses  Recht  durchaus  hat,
ja  daß  er  für  sich  Sondervorteile  beschließen  und  bestimmte  Gebiete  sperren
kann.  Das  hat  früher  auch  der  Staatssekretär  zugegeben.  (Der  Staatssekretär
  widerspricht.)  Ja,  der  Staatssekretär  wechselt  seine  Ansichten  so
rasch,  daß  man  nicht  immer  gleich  mitkommen  kann.  (Große  Heiterkeit.)
Ich  habe  bisher  die  Politik  des  Staatssekretärs  stets  unterstützt;  aber  eine
lediglich  großkapitalistische  Kolonialpolitik  mache  ich  nicht  mit.  Sie  liegt
weder  im  Interesse  des  deutschen  Volkes,  noch  im  Interesse  der  Bewohner
unserer  Schutzgebiete,  an  deren  Zufriedenheit  uns  sehr  viel  liegen  muß.
Wenn  es  nach  dem  Staatssekretär  gegangen  wäre,  hätten  wir  das  große
Diamantengebiet  weggegeben,  ohne  auch  nur  einen  Pfennig  dafür  zu  bekommen.
  Erst  das  Bezirksamt  und  das  Gouvernement  mußten  auf  die
guten  Aussichten  eines  Prozesses  aufmerksam  machen.  Es  ist  ein  Verdienst
der  Budgetkommission,  daß  der  erste  Vertrag  über  die  Diamantenfelder
nicht  zustande  gekommen  ist.  Der  Staatssekretär  beruft  sich  darauf,  daß
ja  große  Landstrecken  abgetreten  worden  seien  an  den  Fiskus.  Ja,  das
Land  triilt  die  Gesellschaft  ab,  aber  die  Berghoheit,  ohne  die  das  Land
Europäischer  Geschichtskalender.  L.I.  17
        <pb n="266" />
        258  JHNaos  Perisqhe  Reiqh  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  29.)

nichts  wert  ist,  behält  sie  für  sich.  Die  Landabtretung  geschieht  nur,  um
der  Steuerzahlung  zu  entgehen.  Die  Aufhebung  der  Sperre  am  1.  April“  1911
wird  von  den  Kolonisten  als  Schaumschlägerei  bezeichnet,  weil  bis  dahin
die  Diamanten-Kolonialgesellschaft  alle  Stellen,  wo  etwas  zu  finden  ist,
bereils  für  sich  reserviert  haben  wird.  Wir  meinen,  der  Abschluß  eines
neuen  Vertrages  pressiert  nicht,  im  Gegenteil,  je  länger  wir  warten,  desto
günstiger  für  den  Fiskus.  Es  müßte  unterschieden  werden  zwischen  dem
Aussuchen  von  Diamanten  und  dem  übrigen  Bergabbaurecht,  und  deshalb
brauchen  wir  ein  besonderes  Diamantenberggesetz  Eine  großzügige  Kolonialpolitik
  muß  vor  allem  die  Interessen  der  Allgemeinheit  im  Auge  haben.
Aus  den  Fehlern  der  Vergangenheit  müssen  wir  lernen  und  sagen.  daß
die  Hoheitsrechte  des  Staates  nicht  ohne  weiteres  verschenkt  werden  dürfen.
Die  Deutschen  in  den  Kolonien  dürfen  nie  vergessen,  welch  große  Opfer
das  Reich  für  seine  Kolonien  gebracht  hat.  Hoffentlich  sind  diese  Opfer
nicht  zwecklos  gebracht  worden.

Präsident  Graf  Schwerin-Löwitz:  Nach  dem  mir  vorliegenden
Stenogramm  hat  der  Abg.  Erzberger  im  Anfang  seiner  Rede  gesagt:  „Ich
habe  mit  allem  Nachdruck  dagegen  zu  protestieren,  daß  man  die  Person
des  Kaisers  zum  Prügeljungen  von  Verfehlungen  unserer  Verwaltung  zu
machen  sucht.“  Ich  muß  diesen  dem  Staatssekretär  gemachten  Vorwurf
als  mindestens  der  Form  nach  nicht  gehörig  rügen.

Staatssekretär  Dernburg:  Der  Abg.  Erzberger  hat  im  Laufe
seiner  2½  stündigen  Rede  viele  Angelegenheiten  berührt,  die  mit  der  zur
Behandlung  stehenden  Vorlage  eigentlich  gar  nichts  mehr  zu  tun  haben.
Trotzdem  wir  in  der  Kommission  schließlich  doch  zu  einer  gewissen  Einigung
gekommen  sind,  hat  der  Abg.  Erzberger  wiederum  die  Behauptung  aufgestellt,
  daß  alle  Personen,  die  mit  mir  nicht  einverstanden  wären,  deshalb
scharf  angegriffen  worden  wären,  auch  die  Beamten.  Ich  stelle  fest,  daß
dies  weder  hier  im  Plenum  noch  in  der  Budgetkommission  geschehen  ist.
Dann  hat  mir  Herr  Erzberger  daraus  einen  Vorwurf  gemacht,  daß  ich
seinen  Namen  mit  der  Denkschrift  der  Südwestafrikaner  in  Verbindung  gebracht
  hätte.  Ich  habe  aber  lediglich  gesagt,  daß  in  Südwestafrika  niemand
etwas  davon  wußte,  und  daß  nur  die  Unterzeichner  der  Denkschrift  von  ihr
Kenntnis  gehabt  haben.  Weiter  hat  Herr  Erzberger  gesagt,  man  sollte  doch
nicht  mit  Worten,  wie  Konfiskation  und  Enteignung  herumwerfen.  Was
hat  er  uns  denn  aber  als  Beispiel  vorgehalten?  Die  Behandlung  der  ostindischen
  Kompagnien,  denen  man  nach  dem  Kriege  einfach  ihre  Sachen
weggenommen  hat.  Das  sieht  doch  bedenklich  nach  Konfiskation  aus.  Was
wollte  denn  der  Antrag  Erzberger?  In  vier  Jahren  sollten  von  den  Gesellschaften
  81  Millionen  genommen  werden.  Der  Kurswert  der  Gesellschaften
  beträgt  aber  nur  ca.  80  Millionen.  Diese  beiden  Zahlen  habe  ich
einander  gegenübergestellt,  und  weiter  habe  ich  nichts  gesagt.  Es  ist  auch
gänzlich  verfehlt  zu  sagen,  daß  ich  die  Person  des  Kaisers  in  die  Debatte
gezogen  hätte.  Die  Person  des  Kaisers  ist  überhaupt  nur  einmal  in  die
Debatte  gezogen  worden  und  zwar  vom  Abg.  Erzberger.  Ich  habe  immer
nur  von  der  Institution  gesprochen,  und  da  die  Institution  hier  in  Frage
kam,  mußte  ich  sie  auch  nennen.  Wenn  der  Abg.  Erzberger  das  Verordnungsrecht
  des  Kaisers  fortgesetzt  identifiziert  mit  Bureankratie  und
Verwaltung,  so  unterschätzt  er  die  Regsamkeit  und  die  Interessen  des  Trägers
dieser  Rechte  vollkommen,  wie  ich  ihm  aus  eigener  Anschauung  erklären
kann.  Es  ist  natürlich  das  Recht  des  Reichtages,  Initiativanträge  zu
stellen.  Das  bestreite  ich  nicht,  sondern  ich  bestreite  nur,  daß  es  zweckmäßig
und  weise  war,  eine  derartige  weitgehende  Aenderung  unserer  Kolonialgesetzgebung
  in  der  Kommission  ohne  vorhergehende  Beratung  im  Plenum
        <pb n="267" />
        Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  29.)  259

zu  behandeln.  Ich  warne  im  übrigen  davor,  die  Werte,  die  im  Schutzgebiet
  in  Frage  kommen,  auf  Hunderte  von  Millionen  Mark  zu  taxieren.
Davon  weiß  der  Abg.  Erzberger  nichts,  und  davon  weiß  ich  auch  nichts.
Mit  solchen  hohen  Taxen  kommt  leider  nichts  heraus,  als  daß  das  hochgespannte
  Spekulationsfieber  noch  weiter  angefacht  wird.  Was  unter  der
Erde  liegt,  kann  niemand  wissen,  und  deshalb  soll  man  nicht,  um  eine
Rede  wirksamer  zu  gestalten,  mit  solchen  hohen  Zahlen  arbeiten.  Das  kommt
der  Sache  nicht  zugute.  Wir  haben  doch  schon  1906  einen  erheblichen  Feldzug
  gegen  die  Kolonialgesellschaft  gemacht.  Jetzt  soll  auf  einmal  das  Bergwerkshoheitsrecht
  alles  wert  sein  und  das  Land  nichis.  Wie  war  es  denn
früher?  Was  war  der  Gegenstand  des  jahrelangen  Streites  in  der  Landkommission?
  Das  Land.  Und  jetzt  soll  auf  einmal  das  Land  keinen  Wert
mehr  haben!  Es  ist  auch  nicht  richtig,  daß  die  Gesellschaften  keine  Steuern
zahlen.  Soweit  es  deutsche  Gesellschaften  sind,  bezahlen  sie  in  Deutschland
dieselben  Abgaben  wie  jeder  andere.  Darüber  hinaus  will  Herr  Erzberger
aber  diesen  Gesellschaften  noch  eine  erhebliche  Steuer  durch  das  Schutzgebiet
selbst  auferlegen.  Wenn  er  von  seiner  ursprünglichen  Forderung  schon  so
viel  zurückgezogen  hat,  ja  ich  kann  ihm  dabei  nicht  helfen,  ich  muß  mich
schon  an  das  halten,  was  er  einmal  als  Antrag  eingebracht  hat.  Den
Hereros  haben  wir  alles  weggenommen  nach  dem  Kriege.  Aber  daß  wir
nun  auch  unseren  Landsleuten  alles  wegnehmen  sollen,  das  halte  ich  für
vollkommen  verfehlt.  Der  Abg.  Erzberger  hat  auf  England  und  den  Burenkrieg
  hingewiesen.  In  Transvaal  beträgt  der  Kurswert  300  bis  400  Millionen
  Mark  und  hierzu  kommen  noch  die  wertvollen  Diamantenlager.
Wenn  Transvaal  mit  18  Millionen  Mark  belastet  wird,  so  macht  das
natürlich  gar  nichts  aus.  Man  darf  deshalb  dieses  Beispiel  nicht  zum
Vergleich  heranziehen.  Für  Südwestafrika  möchte  ich  übrigens  davor
warnen,  den  gegenwärtigen  Zustand  nun  auch  gleich  für  permanent  zu
erklären.  Wir  haben  die  Diamantenfunde  im  vorigen  Jahre  entdeckt.  Wir
wissen  von  ihrer  Ausdehnung  gar  nichts.  Es  kann  sehr  viel,  aber  es  kann
auch  sehr  wenig  sein.  Vermutlich  ist  es  ganz  viel.  Der  springende  Punkt
ist  aber  der,  können  wir  diese  Dinge  in  der  Welt  immer  verkausfen?  Wir
befinden  uns  gegenwärtig  in  der  Zeit  einer  Hochkonjunktur.  Wissen  wir,
daß  für  diese  kleinen  Dinger  immer  ein  Absatz  vorhanden  sein  wird?  Wir
haben  ja  die  Produktion  schon  um  25  v.  H.  in  die  Höhe  gedrückt.  Wie
lange  wird  die  Welt  aber  das  aushalten?  Es  sind  doch  nur  sehr  wenig
Leute  in  der  Lage,  Diamanten  zu  kaufen.  Und  dann  noch  eins.  Vor  zwei
Jahren  wurde  gegen  einen  gewissen  Lemoine  verhandelt,  der  vorgab,
Diamanten  machen  zu  können.  Wenn  das  nun  wirklich  einem  Menschen
gelingen  sollte,  dann  sitzen  wir  mit  unseren  Diamanten  da.  In  Neuguinea
und  in  Ostafrika  zahlt  man  den  Gesellschaften  Subventionen,  den  südwestafrikanischen
  Gesellschaften  aber  will  der  Abg.  Erzberger  das  Geld  wegnehmen.
  (Widerspruch  des  Abg.  Erzberger.)  Ja,  das  ist  nun  einmal  so.
Nun  behauptet  der  Abg.  Erzberger  weiter,  die  Kolonialgesellschaft  habe  sich
ihren  Verpflichtungen  entzogen.  Dafür  ist  ein  Beweis  nicht  erbracht  worden.
Ebenso  unrichtig  ist  es,  daß  die  Kolonialgesellschaft  in  Südwestafrika  Hoheitsrechte
  auszuüben  vermag.  Ich  habe  Dokumente  dafür  verlangt,  und  darauf
wurde  mir  entgegengehalten  die  Bergordnung  von  1888,  die  1889  wieder
aufgehoben  wurde.  Darin  waren  der  Kolonialgesellschaft  Bergrechte  verliehen
  worden.  Das  sind  aber  keine  staatlichen  Hoheitsrechte,  und  ich  stelle
fest,  daß  ihr  niemals  derartige  Hoheitsrechte  verliehen  worden  sind.  Der
Abg.  Erzberger  ist  auf  Grund  seiner  Ausführungen  zu  dem  Schluß  gekommen,
  daß  alles,  was  gemacht  wurde,  ein  großer  Fehler  gewesen  sei.
Er  behauptet,  der  Fiskus  hätte  die  ganze  Sache  für  sich  ausnutzen  können.
17°
        <pb n="268" />
        260  Has  Veuische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (April  29.)

Ich  bin  nicht  Jurist  und  habe  mir  deshalb  ein  Gutachten  des  Reichsjustizamts
  erbeten;  dieses  kommt  zu  dem  Ergebnis,  es  müsse  als  ausgeschlossen
gelten,  daß  die  Sperre  zugunsten  des  Fiskus  hätte  erfolgen  können.  Daran
muß  ich  mich  halten,  und  damit  fällt  das  so  mühsam  und  geistreich  ausgeführte
  Gebäude  des  Abg.  Erzberger  zusammen.  Hätte  der  Fiskus  die
Sperre  ausgesprochen,  so  hätte  er  nichts  weiter  als  die  üblichen  Schürfgebühren
  und  Zölle  erhalten.  Das  wäre  nicht  mehr,  sondern  viel  weniger
gewesen,  als  wir  so  bekommen.  Ich  muß  auch  der  Behauptung  widersprechen,
  daß  wir  das  Budgetrecht  zu  unseren  Gunsten  benutzen  konnten.
Das  Budgetrecht  für  die  Kolonien  ist  genau  so  wie  das  im  Deutschen  Reich.
Es  verpflichtet  alle  durch  Gesetz  festgesetzten  Einnahmen  in  den  Etat  einzustellen.
  Gesetz  ist  für  die  Kolonien  die  kaiserliche  Verordnung.  Wenn
also  der  Kaiser  oder  der  Reichskanzler  eine  Steuer  für  die  Kolonie  ausschreiben,
  so  besteht  sie  für  die  Kolonie  zu  Recht  und  wir  müssen  die  Einnahmen
  aus  dieser  Steuer  in  den  Etat  aufnehmen.  Es  geht  nicht  an,  das
Budgetrecht  einfach  zu  beseitigen.  Die  Frage,  ob  und  in  welchem  Umfange
der  Kolonialgesellschaft  die  Betätigung  als  Schürfer  verwehrt  werden  kann,
ist  eine  sehr  schwierige  Materie.  Mit  Recht  hat  deshalb  der  Abg.  Erzberger
  ein  Gutachten  der  Reichsbehörden  darüber  verlangt,  das  wir  auch
liefern  werden.  Den  Bergrezeß  halte  ich  für  einen  großen  Erfolg.  Ich
bin  der  Ansicht,  daß  wir  mit  der  Kolonialgesellschaft  auf  dem  Vertragswege
verhandeln  müssen.  Sonst  bleibt  uns  nichts  übrig  als  der  Prozeßweg,  der
uns  gefährlich  erscheint.  Nun  sagt  man  mir  immer,  wir  sollen  doch  ruhig
abwarten,  bis  die  Herren  aus  Südwestafrika  hier  sind  und  uns  mit  ihnen
beraten.  Meine  Herren,  am  8.  März  wurde  mir  erklärt,  daß  sie  am  10.  März
von  Südwestafrika  abreisen.  (Widerspruch  des  Abg.  Lattmann.)  Ich  konstatiere
  ausdrücklich,  daß  das  am  8.  März  gesagt  wurde.  Jetzt  heißt  es
wieder,  sie  werden  am  12.  Mai  kommen.  (In  großer  Erregung.)  Das
muß  endlich  einmal  aufhören,  daß  ich  von  den  Herren  aus  Südwestafrika
so  behandelt  werde  als  ob  ich  ein  Unternehmer  wäre.  Ich  lasse  nicht  mehr
mit  mir  herumspringen.  Ich  wünsche  und  muß  darauf  bestehen,  daß  ich
von  ihnen  als  Vertreter  der  Reichsregierung  angesehen  werde.  Ich  muß
die  Würde  des  Reiches  den  Herren  gegenüber  wahren  und  ich  werde  sie
zu  wahren  wissen.  (Stürmischer  andauernder  Beifall  r.  und  l.)  Ich  warne
auf  das  allerdringendste  davor,  alle  Wünsche  zu  erfüllen,  die  aus  der
Kolonie  laut  werden  und  insbesondere  ihnen  eine  schrankenlose  Selbstverwaltung
  einräumen.  Sind  denn  die  Herren  in  Deutschland  zufrieden?
Geben  Sie  diesen  doch  alles,  was  sie  haben  wollen,  werden  sie  dann  zufrieden
  sein?  (Zuruf:  Nein!  Stürmische  Heiterkeit.)  Wir  müssen  die  Verantwortlichkeit
  der  Leute  in  der  Kolonie  stärken  und  sie  nicht  nur  zur
Selbstverwaltung,  sondern  auch  zum  Gehorsam  gegenüber  den  Staatsgesetzen
  erziehen.  Die  Schiedsgerichtsklausel,  die  ich  in  die  Verträge  hineingesetzt
  habe,  wird  überflüssig  werden,  sobald  der  oberste  Kolonialgerichtshof
errichtet  ist.  Es  liegt  am  Reichstag,  den  bezüglichen  Entwurf  sobald  als
möglich  zu  verabschieden.  Die  Anträge  Erzberger  und  Laitmann  haben
eine  furchibar  tiefgebende  Beunruhigung  in  allen  Kolonialkreisen  hervorgerufen.
  Ich  betone  deshalb  von  dieser  Stelle,  daß  auch  für  die  Kolonien
kein  anderer  Grundsatz  gelten  darf  als  für  das  Reich,  wonach  das  Eigentum
ein  unverletzliches  Recht  ist  und  nur  aus  Gründen  des  öfsentlichen  Wohles
beschränkt  werden  kann  Ich  bin  der  Meinung,  daß  wir  den  Gesellschaften
nicht  zum  geringsten  Teile  unsere  Weltmachtstellung  verdanken  und  ich
glaube,  daß  wir  mit  dem  Sturm  auf  unsere  Gesellschaften  niemand  anderem
Vergnügen  bereiten  als  denen,  die  uns  um  unsere  Errungenschaften  auf
dem  Weltmarkt  so  scharf  beneiden.  Allerdings  halte  ich  es  für  meine  Pflicht,
        <pb n="269" />
        Das  Dertsqe  Reiqh  und  seine  rinteluen  Glieder.  (April  29.)  261

die  weitgehenden  Privilegien  der  Gesellschaften  möglichst  einzuschränken,  und
ich  glaube,  auch  nach  dieser  Richtung  hin  schon  Erfolge  aufweisen  zu
können.  Dabei  kann  ich  aber  nur  den  Weg  der  ordnungsmäßigen  Abfindung
  gehen.  Auch  ich  stehe  auf  dem  Standpunkt,  daß  die  Kosten  der
Kolonien  auch  von  dem  Reichtum  in  den  Kolonien  und  den  tragfähigen
Schultern  aufgebracht  werden  sollten.  Aber  jede  Kriegssteuer  lehne  ich
prinzipiell  ab.  (Lebhafter  Beifall  r.  und  l.)

Abg.  Dr.  Dröscher  (K.):  Meine  politischen  Freunde  halten  es  im
Gegensatz  zum  Staatssekretär  grundsätzlich  für  zulässig,  daß  die  leistungsfähigen
  Schultern  in  der  Kolonie,  sowohl  die  erwerbslätigen  Einzelpersonen
wie  die  Gesellschaften,  zu  einem  einmaligen  Beitrage  zu  den  Kriegskosten
herangezogen  werden.  Freilich  in  den  Grenzen  der  Leistungsfähigkeit.
Die  Forderung,  die  gesamten  Kriegskosten  —  400  Millionen  —  der  Kolonie
als  Last  aufzubürden,  lehnen  wir  ab.  Was  den  neuen  Vertrag  mit  der
Kolonialgesellschaft  anbelangt,  so  hat  der  Staatssekretär  viel  erreicht;  aber
hätte  er  die  Richtlinien  der  Kommission  noch  mehr  befolgt,  so  hätte  er
noch  mehr  Erfolge  erzielen  können.  Den  Wert  der  Landabtretung  schätzen
wir  nicht  so  niedrig  wie  Herr  Erzberger.  Aber  immerhin  ist  er  uns
zweifelhaft  und  genügt  uns  nicht,  um  die  Verantwortung  für  den  Vertrag
unsererseits  zu  übernehmen.  Ceterum  censeo!  Der  Staatssekretär  wird,
wenn  er  den  Vertrag  aufschiebt,  noch  mehr  erreichen.  So  sehr  wir  eine
Forderung  großkapitalistischer  Bergwerksunternehmungen  und  Baumwollenkultur
  billigen,  so  wünschen  wir,  daß  er  die  Sorge  für  die  kleinen  Siedlungen
  nicht  vergißt.  (Staatssekretär  Dernburg  stimmt  zu.)

Abg.  Dr.  Semler  (Nl.):  Man  will  im  Volk  eine  koloniale  Entwicklung,
  und  nun  kommt  aus  heiterem  Himmel  dieser  Antrag  Erzberger,
der  wie  ein  Explosivstoff  wirken  mußte.  Mir  ist  sehr  zweifelhaft,  ob  Abg.
Erzberger  den  Weg,  den  er  heute  empfohlen  hat,  selbst  gehen  würde,  wenn
er  Staatssekretär  wäre.  Die  Budgetkommission  hatte  dem  Staatssekretär
Direktiven  gegeben,  wie  der  Vertrag  verbessert  werden  soll.  Der  Antrag
Erzberger  ignorierte  und  beseitigte  die  ganzen  bisherigen  Vertragsverhandlungen,
  er  wollte  die  Klinke  der  Gesetzgebung  auf  den  Vertrag
drücken  in  dem  Moment,  wo  er  gerade  zustande  kommen  sollte.  Der  Staatssekretär
  wurde  desavouiert  und  den  kolonialen  Kreisen  gegenüber  kompromittiert.
  Mit  Recht  hat  der  Staatssekretär  in  der  Kommission  von
der  ethischen  Seite  gesprochen.  Eine  solche  Desavouierung  des  Staatssekretärs
  und  Kompromittierung  seiner  Kolonialpolitik  konnten  wir  unsererseits
  nicht  gutheißen.  Ich  verweise  nur  auf  die  Verdienste  des  Staatssekretärs
  in  der  Diamantenfrage,  aber,  was  mehr  ist,  es  ist  in  diesen  drei
Jahren  gewonnen,  was  während  zwanzig  Jahren  deutscher  Kolonialpolitik
nicht  vorhanden  war:  das  Vertrauen  in  unsere  Kolonialpolitik  und  in
unsere  Kolonien,  gewissermaßen  sogar  Freude  an  unseren  Kolonien.  In
jeder  Kolonie  regt  sich  der  Bahnbau,  wir  haben  Neuansiedlungen  geschaffen,
und  es  gibt  keine  Kolonialskandale  mehr.  Die  Mehrzahl  der  Felder  in
Südwestafrika  ist  in  deutschem  Besitz.  Das  Vertrauen  ist  so  gewachsen,
daß  selbst  der  Antrag  Erzberger  es  nicht  zerstören  konnte.  Auch  wir  wollen
das  an  sich  ganz  richtige  Prinzip  des  Antrags,  daß  man  die  großen  Kolonialgesellschaften
  zugunsten  des  Reiches  heranzieht,  das  große  Opfer  für  Südwestafrika
  gebracht  hat.  Aber  wir  wollen  es  nur  mit  zwei  Zusätzen:  das  Reich
muß  bona  side  bleiben,  jederzeit,  auch  gegenüber  diesen  Kolonialgesellschaften.
Auch  diesen  Gesellschaften  gegenüber  muß  unsere  Politik  eine  stetige  und
zielbewußte  sein.  Dem  Gedanken,  man  könne  die  Kolonie  Südwestafrika
bei  Gelegenheit  fortgeben,  hat  1906  auch  der  Abg.  Erzberger  das  Wort
geredet.  (Widerspruch  des  Abg.  Erzberger.)  Die  ganzen  Verhandlungen
        <pb n="270" />
        262  Daeas  Beutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  29.  30.)

hatten  keine  klare  juristische  Grundlage,  sondern  nur  eine  moralische,  indem
man  sich  darauf  berufen  konnte,  diese  Gesellschaften  haben  alles,  was  sie
besitzen,  nur  durch  die  Entschlußkraft  des  Deutschen  Reiches,  nur  dadurch,
daß  man  den  Krieg  durchgeführt  und  die  Kolonie  behauptet  hat.  Wir
wünschen  aber  auch  nicht,  daß  das  Auge  der  Verwaltung  und  der  gesetzgebenden
Körperschaften  durch  die  Diamanten  geblendet  wird,  und  daß  wir  die  großen
Ziele  der  Farmerinteressen  ganz  zurücktreten  lassen.  (Lebhafter  Beifall.)
Darauf  wird  Vertagung  beschlossen.

29.  April.  (Preuß.  Herrenhaus.)  Resolution  Wallraf  und

Petitionen  von  Stadtverordnetenversammlungen  zum  Wahlrecht.

Die  vom  Oberbürgermeister  Wallraf  beantragte  Resolution,  die  Regierung
  zu  ersuchen,  durch  ein  Gesetz  eine  Vermehrung  der  Zahl  der  Abgeordneten
  insoweit  herbeizuführen,  wie  dies  nach  Maßgabe  der  veränderten
  wirtschaftlichen  und  Bevölkerungsverhältnisse  angemessen  erscheint,
wird  abgelehnt.  Die  Petitionen  verschiedener  Stadtverordnetenversammlungen
  zur  Wahlrechtsvorlage  werden  nach  dem  Antrag  der  Kommission  teils
für  erledigt,  teils  für  nicht  geeignet  zur  Erörterung  im  Plenum  erklärt.

30.  April.  (Reichstag.)  Kalikommission.

Die  Gewinnbeteiligung  der  Arbeiter  wird  mit  Zweidrittelmehrheit
abgelehnt.  Die  Geltungedauer  des  Gesetzes  wird  bis  zum  31.  Dezember
1925  bemessen.  Damit  ist  die  erste  Lesung  abgeschlossen.

30.  April.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Debatte  über  die
Aufstandsausgaben  für  Südwestlafrika.

Abg.  Wiemer  (Vp.)  erklärt  es  für  einen  großen  Fehler,  daß  der
Antrag  Erzberger  nicht  zuerst  im  Plenum  beraten  worden  ist.  Die  Wirkung
des  Antrages  Erzberger  würde  die  Politik  des  Staatesekretärs  durchkrenzt
haben.  Meine  politischen  Freunde  werden  die  Politik  des  Staatssekretärs
solange  unterstützen,  wie  sie  die  Ueberzeugung  haben,  daß  diese  Politik  dem
Schutzgebiet  und  dem  Reich  nützlich  ist.

Abg.  Ledebour  (Sd.)  erklärt  die  Zustimmung  seiner  Partei  zu  der
sozialdemokratischen  Resolution  in  der  Budgetkommission.

Abg.  Lattmann  (W.  V.)  bringt  seinen  von  der  Budgetkommission
abgelehnten  Antrag  von  neuem  ein.

Abg.  Erzberger  (3.):  Den  momentanen  Kurswert  der  Gesellschaften
den  Berechnungen  aus  Anlaß  der  Anträge  Erzberger  und  Lattmann  zugrunde
zu  legen,  wie  es  der  Staatssekretär  getan  hat,  das  darf  man  nicht;  noch
falscher  ist  es,  diesen  Kurswert  mit  der  Zahl  der  Anteile  zu  multiplizieren,
dabei  kommen  ganz  verschiedene  Zahlen  für  dasselbe  Objekt  heraus.  Der
Staatssekretär  hat  den  Gesamtwert  der  Gesellschaften  angegeben  und  nicht
erklärt,  daß  er  nur  die  deutschen  Gesellschaften  meint.  Allein  das  Grundkapital
  von  acht  Gesellschaften  ergibt  schon  einen  Betrag  in  doppelter  Höhe
von  den  80  Millionen.  die  der  Staatssekretär  als  den  Gesamtwert  aller
Gesellschaften  bezeichnete.  Es  müssen  uns  hier  doch  absolut  zuverlässige
Zahlen  gegeben  werden,  das  können  wir  verlangen.  Nun  beschuldigt  man
mich,  daß  ich  mit  meinem  Antrag  das  Großkapital  aus  den  Kolonien  vertreibe.
  Gewiß  raucht  auch  in  den  Kolonien  ohne  Profite  kein  Schornstein;
aber  keine  Beschuldigung  ist  falscher  als  diese.  Das  eingezahlte  Kapital
der  Gesellschaften  ist  sehr  gering;  die  Kolonialgesellschaft  hat  ein  Aktienkapital
  von  ganzen  zwei  Millionen  Mark,  und  welche  Unternehmungen  hat
sie  denn  in  Südwestafrika  ausgeführt?  —  Die  Grundgedanken  meines  Antrages:
  die  Heranziehung  der  großen  Betriebe  zu  den  Kriegsausgaben  und
        <pb n="271" />
        Vas  Neuische  Reich  uad  seine  einzelnen  Glieder.  (April  30.)  263

die  Ablösung  der  Hoheitsrechte,  sind  so  gesund,  daß  dagegen  nicht  angekämpft
  werden  kann.  Herr  Semler  hat  gestern  von  politischen
Nebenabsichten  gesprochen.  Wenn  er  mir  nicht  glaubt,  so  bin  ich  dagegen
machtlos.  Ich  habe  den  Staatssekretär  Dernburg  unterstützt.  Jetzt  handelt
es  sich  darum,  ob  eine  auf  den  Mittelstand  sich  stützende  Kolonialpolitik
getrieben  wird  oder  eine  großkapitalistische  Kolonialpolitik.  Ich  bin  nicht
dagegen,  daß  das  Großkapital  sich  an  den  Kolonien  beteiligt.  Aber  es
kommt  darauf  an,  ob  dieses  Kapital  befruchtend  wirkt  oder  nicht.  Ich
bekämpfe  die  Sperre  nicht.  Aber  warum  keine  Gegenleistung?  Warum
nicht  Sperre  zugunsten  des  Fiskus?  Die  großkapitalistische  Politik  zeigt
sich  in  dem  Abschluß  des  ersten  und  auch  des  zweiten  Vertrages.  Die  Kommission
  hat  sich  ein  Verdienst  um  das  deutsche  Volk  erworben,  als  es  den
ersten  Vertrag  bekämpfte.  Aber  auch  der  zweite  Vertrag  ist  so  ungünstig,
daß  die  Kommission  dafür  jede  Verantwortung  abgelehnt  hat,  nicht  bloß
weil  wir  formell  nicht  zuständig  sind,  sondern  weil  wir  den  Inhalt  nicht
verantworten  können.  Die  Grundlage  einer  zweckentsprechenden  Kolonialpolitik
  ist,  daß  die  großen  Mineralschätze  in  unseren  Kolonien  nicht  für
einzelne  privilegierte  Gesellschaften  erworben  werden,  sondern  der  Allgemeinheit
  des  deutschen  Volkes  zugute  kommen  müssen.

Staatssekretär  Dernburg:  Der  Abg.  Erzberger  hat  mir  unter  Berufung
  auf  eine  Bankantorität  vorgerechnet,  daß  der  Kurswert  aller  südwestafrikanischen
  Papiere  sehr  viel  höher  sei,  als  ich  angegeben  habe.
Worüber  wir  uns  unterhalten,  ist  doch  nicht  die  Otavibahngesellschaft  oder
die  Südwestafrika-Kompagnie,  sondern  Sie  haben  für  das  Diamantengebiet
einen  Wert  von  800  Millionen  angesetzt  und  wollten  diese  Summe  mit
einer  steigenden  Staffel  besteuern,  wobei  Sätze  herauskamen,  die  die  Gesellschaften
  nie  leisten  können  und  nach  Ihrer  ausgesprochenen  Absicht
wollten  Sie  zur  Ablösung  dieser  nicht  erschwinglichen  Summen  die  Minenrechte
  zurückhaben.  Das  habe  ich  als  Expropriation  bezeichnet.  Wenn  Sie
sich  jetzt  darauf  berufen,  daß  Sie  dies  zurückgenommen  haben,  so  ist  es
gerade,  als  ob  jemand  sagt:  ich  habe  das  Feuer  angemacht,  aber  ich  habe
das  Streichhölzchen  wieder  zurückgebracht.  Ich  habe  erklärt,  wir  könnten
alle  Minengesellschaften,  die  Sie  expropriieren  wollen,  für  80  Millionen
kaufen.  Das  können  Sie  nachrechnen.  Das  Vermögen  außerbalb  des
Schutzgebietes  soll  ja  ausgeschlossen  sein  nach  dem  Antrage  Nacken.  Wie
wollten  Sie  denn  vorgehen?  Sie  wollten  das  Einkommen  eines  Jahres,
das  von  1909,  vervierzigfachen.  Wenn  also  jemand  in  diesem  Jahre  eine
Million  Einkommen  erzielt  hatte,  so  sollte  er  40  Millionen  verstenern.
Der  Gedanke,  daß  es  ganz  gut  wäre,  die  Leute  im  Schutzgebiet  nach  Maßgabe
  ihrer  Leistungsfähigkeit  heranzuziehen,  ist  durchaus  nicht  falsch  und
abwegig.  Ich  habe  mich  seit  vier  Jahren  bemüht,  das  zu  tun,  und  habe
auch  sehr  schöne  Erfolge  erzielt.  Aber  Ihr  Antrag  hat  tatsächlich  wie  ein
Feuerbrand  gewirkt.  Ich  habe  eine  Rechnung  aufgemacht,  die  jeder  nachprüfen
  kann.  Ich  habe  angenommen,  die  gegenwärtigen  guten  Verhältnisse
auf  dem  Diamantenmarkt  bleiben  bestehen  und  es  könnte  der  Karat  mit
30  Mark  verkauft  werden.  Ich  nehme  ferner  an,  daß  mindestens  die  bisherige
  Menge  oder  noch  etwas  mehr  auch  in  den  nächsten  sechs  Jahren
gefördert  wird.  Das  wären  70000  Karat  im  Werte  von  25  Millionen
Mark,  von  denen  5,9  Millionen  Unkosten  abgehen.  Der  Fiskus  erhält  nun
von  der  Gesellschaft  10  475000  Mark  Abgabe.  Der  Abg.  Lattmann  wird
einwenden,  er  wolle  nicht  die  Diamanten  allein  besteuern.  Aber  die  Leute,
die  die  Aktien  der  südwestafrikanischen  Gesellschaften  haben,  werden  nicht
so  patriotisch  sein,  daß  sie  ihre  Aktien  dort  behalten  und  versteuern,  sondern
sie  werden  sie  nach  Berlin  schicken,  wo  sie  sie  nicht  zu  versteuern  haben.
        <pb n="272" />
        264  Nas  Deische  Reich  und  seine  eimelnen  Glieder.  (April  30.—Mai  1.)

Die  Aktien  werden  nicht  im  Lande  bleiben  und  ebenso  auch  nicht  die  Forderungen.
  Es  bleibt  somit  schließlich  von  dem  ganzen  Vermögen  nichts
übrig  als  der  Grund  und  Boden,  und  die  darauf  errichteten  Minenunternehmungen,
  denn  das  ist  das  einzige,  was  man  nicht  wegbringen  kann.
Daraus  entstehen  meine  Bedenken,  weil  ich  mir  sagen  muß,  die  36  oder
81  Millionen  Steuern  müßten  wir  im  wesentlichen  davon  nehmen.  Es  ist
durchaus  unrichtig,  daß  wir  für  den  Fiskus  schlecht  gesorgt  hätten.  Durch
die  63  Prozent  vom  Netto,  die  wir  uns  in  dem  neuen  Vertrage  ausbedungen
  haben,  haben  wir  sehr  gut  gesorgt.

Wir  können  nicht  einfach  der  Kolonialgesellschaft  sagen,  du  hast  das
Gebiet  niemals  erworben,  nachdem  die  Unterschriften  bisher  immer  respektiert
  sind.  Da  kommen  die  paar  100000  Mark  gegenüber  dem  Mißkredit,
in  den  wir  Deutschland  bringen  würden,  gar  nicht  in  Frage.  Lüderitz  hat
1884  seine  Flagge  in  Angra  pequena  gehißt.  Es  zeigte  sich,  daß  die  Firma
bankerott  werden  mußte,  wenn  ihr  nicht  geholfen  wurde.  Ging  sie  bankerott,
so  konnte  die  deutsche  Flagge  doch  nicht  gehalten  werden,  und  das  Land
ging  verloren.  Deshalb  hat  Bismarck  sich  persönlich  eingesetzt  bei  Leuten,
die  kolonialfreundlich  und  reich  waren,  und  ihm  einen  Gefallen  tun  wollten.
Diese  gründeten  die  Kolonialgesellschaft.  Sie  hatten  nicht  den  Wunsch,
sich  dabei  zu  bereichern.  Nach  dem  Vertrage,  den  sie  mit  Lüderitz  am
5.  April  1885  in  Bremen  schlossen,  sollte  die  Uebergabe  der  verkauften
Objekte  als  vollzogen  angesehen  werden  mit  dem  Zeitpunkt,  wo  die  bisherigen
  Besitzungen  Lüderitz'  unter  den  Schutz  des  Reiches  gestellt  würden.
Dieser  Bedingung  ist  entsprochen  und  der  Kolonialgesellschaft  ist  die  Rechtsfähigkeit
  verliehen.  Der  Vertrag  ist  vollzogen  von  Kaiser  Wilhelm  1.  und
Bismarck.  Diese  Namen  stehen  mir  in  der  deutschen  Geschichte  viel  zu
hoch,  als  daß  ich  versuchen  könnte,  die  Gültigkeit  der  von  ihnen  unterzeichneten
  Schriftstücke  zu  bestreiten.  Was  die  Frage  des  Vertragsschlusses
anbelangt,  so  ist  dieser  Angelegenheit  der  Verwaltung,  die  allein  die  Verantwortung
  dafür  trägt  und  bereit  ist,  sie  zu  übernehmen.  Ich  habe  trotzdem
  dem  Hause  den  Vertrag  vorgelegt,  und  es  ist  anerkannt,  daß  in  ihm  die
bei  Ablehnung  des  ersten  Vertrages  gezogenen  Richtlinien  eingehalten  sind.
Ich  bin  auch  gern  erbötig,  den  Versuch  zu  machen,  was  an  Privilegien  und
Hoheitsrechten  noch  vorhanden  ist,  soweit  es  möglich  ist,  im  Wege  einer
einmaligen  Zahlung  abzulösen,  und  bin  ich  auch  gern  bereit,  ernsthaft  die
Möglichkeit  einer  anderen  Verteilung  der  Verordnungsgewalt  in  die  Hand
zu  nehmen,  und  ein  Diamantengesetz  ins  Auge  zu  fassen.  Ich  verhehle
mir  aber  nicht,  daß  die  Lösung  dieser  Aufgaben  für  die  Verwaltung  mit
Rücksicht  auf  die  wohlerworbenen  Rechte  Dritter  außerordentlich  schwierig
ist.  Wir  haben  aber  schon  viele  Fragen,  wie  die  Eisenbahnfrage,  gelöst,
und  ich  hoffe,  daß  uns  dies  auch  hier  gelingen  wird.  Am  herbsten  trifft
mich  der  Vorwurf,  weil  er  am  ungerechtesten  ist,  daß  ich  irgendeiner  Erwerbsgruppe
  nach  irgendeiner  Seite  hin  einen  besonderen  Vorteil  hätte
zuwenden  wollen.  Wenn  ich  etwas  getan  habe,  was  mir  selbst  gegen  den
Strich  war,  so  habe  ich  mich  dabei  von  meiner  Ueberzeugung  leiten  lassen,
von  der  Rechtslage  und  von  der  Rücksicht  auf  Treu  und  Glauben;  das
waren  meine  einzigen  Motive.  (Beifall.)

Nach  etwas  fortgesponnener  Diskussion  wird  die  von  der  Kommission
vorgeschlagene  Resolution  angenommen  und  der  Antrag  Lattmann  verworfen.

30.  April—1.  Mai.  (Nürnberg.)  Erster  Parteitag  der  Fortschrittlichen
  Volkspartei  in  Bayern.

Er  beschließt  einstimmig:  „Der  Parteitag  stellt  die  Verbesserung  des
Landtagswahlrechts  auf  der  Grundlage  des  allgemeinen  Wahlrechts  nach
        <pb n="273" />
        Das  Veische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  1.—3.)  265

Maßgabe  der  Berhältniswahl  an  die  Spitze  seiner  politischen  Aufgaben.
Das  jetzige  bayerische  Wahlrecht  ist  infolge  einer  auf  den  Vorteil  der
Zentrumspartei  künstlich  zugeschnittenen  Wahlkreiseinteilung  eine  Verhöhnung
  des  Prinzips  des  gleichen  Wahlrechts  und  eine  schroffe  Vergewaltigung
  der  Minderheit.  Der  Parteitag  erhebt  entschiedensten  Widerspruch
  gegen  diese  Fälschung  der  öffentlichen  Meinung  und  verlangt  eine
Resform  der  bayerischen  Wahlgesetzgebung,  die  den  gerechten  Forderungen
der  Minderheit  entspricht.“

1.  Mai.  (Berlin.)  Eröffnung  der  Städtebauausstellung.

3.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Debatte  über
die  Straßendemonstrationen  bei  der  dritten  Lesung  des  Etats  Artikel
„Ministerium  des  Innern".

Abg.  Hirsch  (Sd.):  Die  allgemeine  Verfügung,  Maiumzüge  zu  verbieten,
  bestätigt  die  Richtigkeit  unserer  Auffassung,  daß  mit  diesem  aneblich

  liberalen  Vereinsgesetz  die  Behörden  machen  können,  was  sie  wollen.
Far  Polen  und  Sozialdemokraten  bleibt  der  bisherige  Ausnahmezustand
weiter  bestehen.  Wir  haben  das  alles  vorausgesehen  und  das  Vereinsgesetz
  seinerzeit  abgelehnt.  Wir  wußtien,  daß  es  nicht  so  ausgelegt  werden
würde,  wie  man  es  sich  im  Reichstag  gedacht  hat.  Mit  seinem  Erlaß
bringt  der  Minister  auch  die  Polizeiverwaltungen  in  eine  sehr  üble  Lage,
die  einen  Umzug  bereits  gestattet  hatten  und  diese  Genehmigung  auf  höhere
Weisung  zurücknehmen  mußten.  Die  Regierung  folgt  auch  hier  einem  Wink
der  Reaktion.  Das  höchste  Gericht  wird  sich  mit  dem  Erlaß  des  Ministers
z  befassen  haben.  Im  Vorjahr  hat  der  Minister  bestritten,  daß  er  einen
rlaß  an  die  Gemeindevorsteher  habe  ergehen  lassen,  die  Genehmigung  zur
Abschrift  von  Wählerlisten  zu  versagen.  Ich  habe  für  die  Existenz  eines
solchen  Erlasses  Beweise  in  Händen.  Die  Praxis  bei  der  Ausweisung  von
Ausländern  verdient  auch  gebrandmarkt  zu  werden.  Arbeiter,  die  20  Jahre
in  Deutschland  waren,  sind  ausgewiesen  worden,  lediglich  aus  politischen
Gründen.  Der  Redner  bezeichnet  das  Verhalten  der  Berliner  Polizei  in
dieser  Hinsicht  unter  Anführung  einiger  Fälle  als  skandalös.  Das  russische
Ministerium  des  Innern  inspiriert  das  Berliner  Polizeipräsidium.  Wir
befinden  uns  in  russischen  Zuständen!

Abg.  v.  Brandenstein  (K.):  Bei  der  Genehmigung  der  Straßendemonstrationen
  ist  ein  Zickzackkurs  eingeschlagen  worden.  Man  gewinnt
den  Eindruck,  als  ob  der  Wille  verschiedener  Persönlichkeiten  maßgebend
gewesen  wäre.  Die  Rechtfertigung  des  verschiedenen  Verhaltens  in  der
„Nordd.  Allg.  Ztg.“  kann  man  nicht  als  richtig  ansehen.  Die  Sozialdemokraten
  wollten  eine  Heerschau  abhalten.  Der  Zweck  der  Veranstaltung
war  klar.  Es  ist  ein  rein  mechanischer  Maßstab  bei  der  Genehmigung  angewandt
  worden.  Es  kommt  nicht  auf  die  Zahl  an,  sondern  darauf,  aus
welchen  Elementen  diese  Versammlungen  bestehen,  welche  Zwecke  sie  verfolgen
  und  welcher  Geist  sie  erfüllt.  Bei  Schützen=  und  Sängerfesten  kommen
auch  Tausende  von  Menschen  zusammen,  und  es  besteht  auch  die  Möglichkeit,
  daß  im  Gedränge  einzelne  Unfälle  vorkommen.  Aber  himmelweit
davon  verschieden  ist  der  Fall,  daß  geschworene  Feinde  der  bestehenden
Staatsordnung  die  Massen  zusammentrommeln  und  diese  Massen  aufpeitschen,
  wie  es  neuerdings  heißt,  weil  sie  von  selber  nicht  gelügig  genug
sind,  dem  Willen  ihrer  Führer  zu  folgen  und  Sturm  zu  laufen  gegen  die
bestehende  Staats=  und  Gesellschaftsordnung.  In  einer  solchen  Versammlung
  von  Zehntausenden  von  Menschen  liegt  immer  eine  Gefährdung  der
öffentlichen  Sicherheit  und  zwar  im  eminentesten  Sinne  des  Wortes.  Das
        <pb n="274" />
        266  Daes  Deeusche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  3.)

wird  auch  nicht  durch  den  Hinweis  widerlegt,  daß  die  Versammlungen
ruhig  verlaufen  sind.  Diese  Ruhe  ist  im  wesentlichen  dadurch  erkauft
worden,  daß  die  geordneten  Organe  der  Staatsverwaltung  das  Feld  vor
der  Sozialdemokratie  geräumt  haben.  Die  Polizeibehörde  in  einem  Berliner
  Vorort  sagt  sogar,  die  Sozialdemokratie  habe  die  Garantie  für  die
öffentliche  Sicherheit  übernommen.  In  einem  solchen  Paktieren  mit  der
Sozialdemokratie  liegt  ein  Kapitulieren  vor  der  Sozialdemokratie.  Und
wenn  dies  fortdauert,  kann  sich  aus  dem  Paktieren  und  Kapitulieren  schließlich
  eine  Bankrotterklärung  der  Staatsregierung  ergeben.  Das  Verhalten
der  maßgebenden  Stellen  ist  um  so  mehr  zu  bedauern,  als  darin  die  Führer
der  Sozialdemokratie  einen  sehr  bedeutenden  Triumph  sehen  konnten.  Sie
konnten  sich  gewissermaßen  als  gleichberechtigt  mit  dem  Organ  der  Staatsverwaltung
  hinstellen.  Die  Sozialdemokratie  konnte  auch  stolz  darauf  sein,
den  Beweis  zu  führen,  wie  blind  ihr  die  von  ihr  verführten  Massen  gehorchen.
  Die  Agitatoren  und  Führer  haben  keineswegs  die  Absicht,  unter
allen  Umständen  die  Ruhe  aufrecht  zu  erhalten,  die  einen  reden  so,  die
anderen  so.  Wir  können  in  diesen  Veranstaltungen  nichts  weiter  erblicken,
als  die  Vorübung  zur  allgemeinen  Anwendung  der  rohen  Gewalt.  Wir
hoffen,  daß  von  jetzt  ab  die  Polizei  unbedingt  der  Sozialdemokratie  gegenüber
  festbleiben  wird.

Minister  des  Innern  Graf  Moltke:  Was  die  Frage  der  Umzüge
anlangt,  die  ja  die  öffentliche  Meinung  sehr  beschäftigen,  und  die  auch  hier
Gegenstand  der  Diskussion  gewesen  sind,  so  ist  es  mir  gar  nicht  unangenehm,
daß  mein  Erlaß  vom  16.  April  jetzt  —  ich  weiß  nicht  auf  welchem  Wege,
aber  es  wird  sich  das  ja  herausstellen  —  in  dem  „Vorwärts“  veröffentlicht
  worden  ist.  Das  Reichsvereinsgesetz  unterscheidet  die  öffentlichen  Versammlungen
  unter  freiem  Himmel  einerseits  und  die  öffemlichen  Umzüge
auf  Straßen  und  freien  Plätzen  andererseits.  Die  Form  dieser  Versammlungen
  ist  nicht  verboten,  aber  sie  ist  an  die  Genehmigung  der  Ortspolizeibehörden
  geknüpft  und  diese  darf  nur  dann  erteilt  werden,  wenn  keine
Gefahr  für  die  öffentliche  Sicherheit  zu  besorgen  ist.  Diesen  Boden  hat  die
Aussichtsbehörde  auch  selbstverständlich  nicht  verlassen.  Es  können  also  beispielsweise
  Anordnungen,  daß  derartige  Veranstaltungen  ohne  Prüfung  der
öffentlichen  Sicherheit  und  ohne  Rücksicht  auf  die  örtlichen  Verhältnisse  verboten
  werden  sollen,  nicht  erlassen  werden.  Dagegen  kann  ich  den  mir
unterstellten  Behörden  grundiätzliche  Direktiven  für  die  Beurteilung  der
Frage  der  öffentlichen  Sicherheit  geben.  Das  ist  nicht  nur  mein  Recht,
sondern  in  politisch  so  erregter  Zeit  wie  die  Gegenwart  meine  Pflicht  als
Polizeiminister  und  als  politischer  Minister.  Ich  habe  bei  den  sogenannten
Demonstrationsumzügen  der  Wahlrechtsdemonstrationen,  die  mir  unterstellten
Behörden  ernst  auf  das  hohe  Maß  ihrer  Verantwortung  gegenüber  solchen
Genehmigungsanträgen  hingewiesen  und  sie  in  einzelnen  Fällen  auch  zur
Verantwortung  gezogen,  wenn  ich  glaubte,  daß  sie  ihre  Pflicht  in  dieser
Beziehung  nicht  voll  erfüllt  hätten.  Im  übrigen  wird  man  im  Anschluß
an  das  Gesetz  in  der  sachlichen  Beurteilung  zwischen  Versammlung  unter
freiem  Himmel  und  öffentlichen  Umzügen  unterscheiden  müssen.  Bei  der
Zulassung  von  Versammlungen  unter  freiem  Himmel  sind  in  jedem  Falle
Vorfragen  der  verschiedensten  Art  in  Erwägung  zu  ziehen.  Es  ist  immer
eine  qunestio  facti,  ob  für  eine  solche  Versammlung  ein  geeigneter  Raum
vorhanden  ist,  wie  er  zugänglich  ist  usw.,  welche  Gewähr  sonst  für  das
Fernhalten  von  Gefahren  für  das  Gemeinwesen,  für  die  Gesellschaft  und
die  Beteiligten  gegeben  ist.  Es  kann  daher  sehr  wohl  vorkommen,  daß
ein  und  dieselbe  Polizeibehörde  heute  einem  Antrag  auf  Genehmigung  einer
solchen  Versammlung  unter  freiem  Himmel  entsprechen  kann  und  sie  morgen
        <pb n="275" />
        Das  NVeuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  3.)  267

versagen  muß.  Das  alles  kann  immer  nur  von  dem  freien  Ermessen  der
örtlichen  Behörden  abhängen,  welche  leicht  in  der  Lage  sind,  nach  allen
Richtungen  hin  das  Für  und  Wider  zu  beurteilen.  Im  Hinblick  auf  die
„Kapitulation“  bemerke  ich,  daß  die  Ortspolizei  sich  selbstverständlich  ihrer
Berantwortung  nicht  dadurch  entziehen  kann,  daß  etwa  die  Veranstalter
der  Versammlung  eine  Garantie  übernehmen  für  die  öffentliche  Sicherheit
und  Ordnung.  Dadurch  kann  keine  Ortspolizeibehörde  sich  für  entschuldigt
halten,  wenn  nachher  etwa  Exzesse  vorkommen.  Was  andererseits  die  weit
anspruchsvolleren  und  aufdringlicheren  Umzüge  anbetrifft,  so  können  sie
sachlich  betrachtet  nicht  auf  eine  Linie  gestellt  werden  mit  Versammlungen
unter  freiem  Himmel,  die  sich  wenigstens  den  Unbeteiligten  gegenüber  im
Grunde  nicht  anders  entwickeln,  wie  eine  andere  öffentliche  Versammlung
im  geschlossenen  Raum.  Für  die  Beurteilung  der  Aufzüge  kommen  neben.
den  besonderen  örtlichen  Bedingungen  Gesichtspunkte  allgemeiner  und  einheitlicher
  Natur  zur  Geltung.  Diese  Aufzüge  spielen  sich  eben  nicht  an
Stellen  ab,  die  dem  allgemeinen  Verkehr  entzogen  oder  leicht  zu  entziehen
sind,  es  sei  denn,  daß  sie  außerhalb  des  Verkehrs  stattfinden.  Solche  Aufzüge
  greifen  manchmal  in  engen  und  verkehrsreichen  Straßen  in  ganz
anderer  Weise  in  die  öffentlichen  Verhältnisse  und  die  berechtigten  Anforderungen
  zur  Sicherheit  des  Publikums  ein.  Erdrückende  große  Massen
auf  der  Straße  mit  den  unvermeidlichen  Zuläufern  bergen  schon  eine  Gefahr
  in  sich.  Sie  können  von  den  für  die  öffentliche  Ordnung  verantwortlichen
  Sicherheitsorganen  überhaupt  nicht  übersehen  werden.  Weit
bedenklicher  sind  solche  öffentlichen  Aufzüge,  wenn  sie  in  der  unverhüllt
ausgesprochenen  Absicht  und  lediglich  zu  dem  Zwecke  veranstaltet  werden,
um  Zwiespalt  und  Haß  in  die  Klassen  der  Bevölkerung  zu  tragen  und  den
ruhigen  Bürger  einzuschüchtern  oder  aufzureizen,  wenn  sie  veranstaltet
werden  von  einer  erregten,  verhetzten  oder,  wie  Sie  es  nennen,  ausfgepeitschten
Menge.  Wir  haben  nachgerade  Tatsachen  genug,  auf  die  wir  uns  bei  der
Beurteilung  der  Frage  der  öffentlichen  Sicherheit  stützen  können.  Die  Vorkommnisse
  in  Berlin,  Halle,  Frankfurt,  Breslau,  Neu-Münster,  Solingen,
Essen,  Brandenburg  usw.  sind  in  der  Beziehung  sehr  lehrreich  gewesen  und
müssen  für  gleichartige  Verhältnisse  berücksichtigt  werden.  Es  sind  an  vielen
anderen  Orten  blutige  Zusammenstöße  mit  den  Polizeiorganen,  wie  die
sozialdemokratische  und  demokratische  Presse  ausdrücklich  hervorhebt,  nur
dadurch  vermieden  worden,  daß  die  Polizeibeamten,  obgleich  sie  als  Bluthunde
  usw.  beschimpft  wurden,  sich  sehr  zurückgehalten,  d.  h.  aus  bestimmten
allgemeinen  Rücksichten  darauf  verzichtet  hatten,  ihrerseits  die  amtliche
Autorität  in  einer  Weise  zu  wahren,  wie  es  im  Interesse  des  Dienstes  erforderlich
  gewesen  wäre.  Die  ersten  sogenannten  Wahlrechtsdemonstrationen
waren  ja  angeblich  allerorten  spontane  Kundgebungen,  tatsächlich  natürlich
von  einer  einheitlichen  Zentrale  einheitlich  inszeniert.  Wie  jetzt  auch  die
Maifeier.  Das  ist  die  Bewegung,  welche  im  letzten  Grunde  die  Staatsordnung
  untergraben  will.  Ich  verweise  auf  den  Parteiaufruf  der  Sozialdemokratie
  zur  Maifeier.  Er  ist  unterschrieben  von  dem  Parteivorstande
der  Sozialdemokratie  Deutschlands,  von  dem  geschäftsführenden  Ausschuß
der  Landeskommission  der  Sozialdemokratie  Preußens  und  von  der  sozialdemokratischen
  Landtagsfraktion  des  preußischen  Abgeordnetenhauses.  Es
heißt  da:  „Parteigenossen  und  Genossinnen!  Wir  fordern  Euch  auf,  am
1.  Mai  zum  Kampf  zur  Eroberung  des  allgemeinen,  gleichen,  geheimen
und  direkten  Wahlrechts.“  Im  „Vorwärts“  hieß  es  am  30.  April:  „Morgen
ist  der  1.  Mai,  gebt  den  Volksfeinden  die  erste  Antwort,  kommt  in  Massen
zu  unseren  Versammlungen,  nicht  um  Feste  zu  feiern,  sondern  um  den  Kampf
zu  erneuern.“  Melche  Ziele  schließlich  dieser  Kampf  haben  soll,  plaudert
        <pb n="276" />
        268  Das  Derisqe  Reiqh  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Mai  3.)

die  „Schleswig  Holsteinische  Volksztg.“  aus,  indem  sie  folgende  Drohung
ausspricht  nach  den  Verhandlungen  im  Herrenhause:  „Und  da  das  preußische
Bolk  auf  die  Forderung  nicht  verzichten!  kann,  wird  es  eben  auf  den  Frieden
und  die  Gesetzlichkeit  verzichten  müssen.“  Man  würde  sich  an  die  um  die
Bürgerrechte  kämpfenden  Eisenbahnarbeiter  und  an  die  Soldaten  wenden,
um  durch  planmäßige  Aufklärung  dieser  Elemente  den  Tag  der  Befreiung
vorzubereiten.  Wer  auf  die  Gesetzlichkeit  verzichtet,  der  geht  doch  beinahe
dicht  an  den  Hochverrat  heran.  Es  heißt  dann  weirer:  „Wird  aber  in  Zukunft
  für  das  Zustandekommen  einer  Wahlreform  eine  Zweidrittelmehrheit
gefordert  und  die  Gestaltung  des  Wahlrechts  auf  solche  Weise  jetzt  und  für
alle  Zeit  in  das  Belieben  der  herrschenden  Junkerpartei  gestellt,  dann  bleibt
denen,  die  sich  nicht  unterwerfen  wollen,  nichts  anderes  übrig,  als  die  Vorbereitungen
  zu  treffen  zu  dem  unvermeidlichen  Kampf  auf  Tod  und
Leben.“  (Sehr  richtig!  b.  d.  Sd.)  Sie  bestätigen  das  also.  Ich  bin  immer
für  Klarheit!  Gegenüber  den  zielbewußten  Demonstrationen  ist  es  Pflicht  der
Zentralbehörde,  auch  für  eine  Abwehr  nach  einheitlichen  Grundsätzen  zu
sorgen.  Wenn  ich  daher  die  Regierungspräsidenten  auf  Grund  der  vorliegenden
  Erfahrungen  und  Tatsachen  allgemein  darauf  hingewiesen  habe,
daß  es  in  einer  Zeit  der  Massenerregung  wie  der  gegenwärtigen  mit  der
Wahrung  der  öffentlichen  Sicherheit  in  der  Regel  nicht  vereinbar  sei,  öffentliche
  Aufzüge  zu  genehmigen,  so  stehe  ich  damit  auf  gesetzlichem  Boden.
Der  Vorwurf  der  Rechtsverletzung  sollte  doch  aus  dem  Munde  der  Herren
Sozialdemokraten  etwas  vorsichtiger  erhoben  werden,  welche  gezeigt  haben,
daß  sie  sich  schlank  über  die  gesetzlichen  Bestimmungen  dieses  Gesetzes  hinwegbegeben
  können.  (Rufe  b.  d.  Sd.:  Wann  denn?)  Sie  haben  Ihre  Umzüge,
  die  nicht  genehmigt  waren,  abgehalten  und  mit  Stolz  darauf  hingewiesen,
  daß  Sie  das  Recht  auf  die  Straße  hätten.  Ein  so  großer  Staat
wie  Preußen  läßt  sich  das  Recht  auf  die  Straße,  von  wem  es  auch  sei,
nicht  aufdrängen  oder  abtrotzen.  Ich  wenigstens  werde  dies  nicht  dulden,
so  lange  ich  an  dieser  verantwortlichen  Stelle  stehe.  Der  Abg.  Ströbel
sprach  gestern  von  Kleinlichkeiten  der  preußischen  Polizeibehörden  in  diesen
Dingen  und  wies  wieder  einmal  auf  das  Ausland  hin.  Das  Ausland
geht  mich  dabei  gar  nichts  an.  Das  ist  eine  preußische  Angelegenheit  und
wir  wissen  in  Preußen  selber,  was  uns  nottut.  Wenn  der-Abg.  Ströbel
dabei  aber  gerade  auf  unseren  republikanischen  Nachbar  im  Westen  hingewiesen
  hat,  so  moöchte  ich  ihn  doch  auffordern,  sich  die  Zeitungen  und
die  Berichte  aus  Paris  bei  den  dortigen  Wahlen  anzusehen.  Ich  bin  mir
meiner  großen  Verantwortung  in  dieser  ernsten  Frage  voll  bewußt  und
werde  meine  Pflicht  tun  nach  meinem  besten  Wissen,  und  mich  nach  niemand
anders  richten  (Abg.  Hoffmann:  „als  nach  den  Junkern!“),  auch  nicht  nach
den  Ansichten  einer  einzelnen  Partei,  wie  das  vorhin  hier  von  der  Regierung
  behauptet  worden  ist.  (Lebhafter  Beifall  r.;  Zischen  b.  d.  Sd.)

Abg.  Friedberg  (Nl.):  Ich  verstehe  nicht  wie  man  aus  dem  Geist,
der  in  den  sozialdemokratischen  Massenversammlungen  zutage  treten  würde,
auf  eine  Gefährdung  der  öffentlichen  Sicherheit  schließen  will.  Ich  persönlich
sympathisiere  mit  diesen  Versammlungen  nicht,  aber  das  Vereinsgesetz  gestattet
  sie,  und  was  Recht  ist,  muß  Recht  bleiben.  Die  Rechte  sollte  auf
die  Saalabtreibungen  gegenüber  den  Sozialdemokraten  verzichten,  dann
sind  solche  Versammlungen  unter  freiem  Himmel  überflüssig.  In  dem
Britzer  Fall  der  Ablehnung  eines  jüdischen  Medizinalpraktikanten  hätte
von  Aufsichts  wegen  eingeschritten  werden  müssen.  Der  Minister  verschanzte
sich  hinter  dem  Recht  der  Selbstverwaltung,  nun,  unsere  Minister  sind  doch
sonst  nicht  so  zaghaft  mit  Eingriffen  in  die  Selbstverwaltung!  (Lebhafte
Zustimmung.)
        <pb n="277" />
        Das  Nesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  3.)  269

Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (Frk.):  Die  Sozialdemokraten  fordern  seit
Jahren  das  Recht  auf  die  Straße.  Man  will  eben  die  großen  Massen  für
künftige  Fälle  einexerzieren.  Es  ist  mehr  als  eine  Heerschau,  es  ist  ein
Mandver.  Das  geben  die  Sozialdemokraten  selbst  zu,  auch  ihre  Abgeordneten
  hier  im  Hause.  Die  Demonstrationen  werden  niemals  Erfolg  haben.
Darum  haben  die  Herren  auch  schon  mit  stärkeren  Mitteln  gedroht,  mit
dem  politischen  Massenstreik  zur  Erzwingung  der  politischen  Herrschaft.
Das  ist  zweifellos  die  Revolution  (Rufe  l.:  Huhul),  zurzeit  noch  in  gesetzlicher
  Form.  Ich  bedauere,  daß  der  Berliner  Polizeipräsident  nicht  immer
den  geraden  Strich  innegehalten  hat,  der  für  die  Wahrung  der  Autorität
der  Behörden  notwendig  ist.  Ein  Zickzackkurs  ist  tatsächlich  äußerlich  in
Erscheinung  getreten.  Ist  das  nicht  eine  Gefährdung  der  öffentlichen
Sicherheit,  wenn  mit  der  blanken  Waffe  eingeschritten  werden  muß?  Auch
die  Sozialdemokraten  müssen  sich  dem  Gesetze  fügen,  ob  sie  wollen  oder
nicht.  Gleiches  Recht  für  alle,  danach  muß  in  Ewigkeit  verfahren  werden.

Abg.  Dr.  Liebknecht  (Sd.)  erörtert  die  Auslieferung  russischer  Staatsangehöriger
  an  die  russischen  Behörden.  Selbst  im  Auslande  ist  man  empört
darüber.  Freilich  der  Minister  hat  ja  dem  Auslande  gegenüber  vorhin  ein
erhabenes  Gefühl  der  Wurstigkeit  betont.

Vizepräsident  Dr.  Krause:  Wählen  Sie,  bitte,  geschmackvollere  Ausdrücke
  gegenüber  dem  Minister.

Abg  Dr.  Liebknecht:  Also  sagen  wir  Gleichgültigkeit.  Das  Reichsvereinsgesetz
  wird  nicht  so  ausgeführt,  wie  es  Herr  v.  Bethmann  Hollweg
im  Reichstage  versprochen  hat.  Darum  werfen  wir  dem  Ministerpräsidenten
Illoyalität  und  Doppelzüngigkeit  vor.

Vizepräsident  Dr.  Krause  ruft  den  Redner  zur  Ordnung.

Abg.  Dr.  Liebknecht:  Wenn  wir  die  Demonstrationszüge  wirklich
als  Vorübungen  für  die  Revolution  benutzen  wollten,  so  würden  wir  unsere
Karten  nicht  aufdecken.  Wenn  Sie  von  der  Rechten  sich  als  Hüter  der
Ordnung  geberden  —  da  lachen  ja  die  Hühner!

Nach  kurzer  Auseinandersetzung  zwischen  den  Abgg.  Kuntze  (K.)  und
Müller  (Sagan,  Vp.)  wird  der  Etat  des  Ministeriums  des  Innern  erledigt.

3.  Mai.  (Mecklen  burg-Schwerin.)  Zur  Verfassungsfrage.

Bei  einer  Audienz  einiger  Ständemitglieder  erklärte  der  Großherzog:
Ich  habe  die  von  Ihnen  erbetene  Audienz  trotz  sachlicher  Bedenken  gewährt,
  um  Ihnen  und  den  von  Ihnen  vertretenen  Mitgliedern  beider  Landstände
  nochmals  kundzutun,  wie  sehr  mir  die  Reform  unserer  Landesverfassung
  am  Herzen  liegt.  Ich  erkenne  alle  darauf  hinzielenden  Bestrebungen
  dankbar  an  und  bin  erfreut  zu  hören,  daß  die  Erkenntnis  von
der  dringenden  Notwendigkeit  einer  solchen  Reform  sich  anscheinend  mehr
und  mehr  Bahn  bricht.  Zu  meinem  Bedauern  vermag  ich  aber  in  der  mir
bekannt  gegebenen  Resolution  und  in  den  Güstrower  Beschlüssen  keine  geeignete
  Grundlage  für  weitere  Verhandlungen  mit  den  Landständen,  geschweige
  denn  eine  Grundlage  für  einen  neuen  Verfassungsentwurf  zu  erblicken.
  Ich  vermisse  schmerzlich  jeden  Versuch,  diejenigen  ausführlich  begründeten
  Bedenken,  welche  von  den  beiderseitigen  Regierungen  gegen  die
Nützlichkeit  und  Durchführbarkeit  der  meisten  in  der  Resolution  enthaltenen
Punkte  erhoben  sind,  zu  widerlegen.  Ich  kann  nur  anheimgeben,  daß  Sie
in  eine  nochmalige  Prüfung  Ihrer  Beschlüsse  eintreten  in  der  Hoffnung,
daß  sich  alsdann  eine  geeignete  Grundlage  zur  Verständigung  finden  möge.

3.  Mai.  (Elsaß-Lothringen.)  Sprachendebatte  im  Landesausschuß.
        <pb n="278" />
        270  Jas  Beuische  Keich  und  seine  einlelnen  Glieder.  (Mai  3.—4.)

Auf  die  Beschwerde  einiger  Abgeordneten  erklärt  Unterstaatssekretär
Mandel,  daß  die  Regierung  in  der  Sprachenfrage  stets  konziliant  gewesen
sei,  wobei  er  sich  auf  die  Handhabung  der  Gemeindeordnung  und  des
Vereinsgesetzes  beruft.  Dies  benutzt  der  Abg.  Wetterlé  (Z.),  um  die  Regierung
  daran  zu  erinnern,  daß  sie  ihr  Versprechen,  die  Sprachenverordnung
des  Vereinsgesetzes  auf  gesetzliche  Grundlage  zu  stellen,  immer  noch  nicht
erfüllt  habe.  Nachdem  Abg.  Weber  (Lothr.)  nochmals  die  Zusicherung  vernünftiger
  Führung  der  Geburtsregister  verlangt  hat,  schlägt  Abg.  Georg  Wolf
(L.)  zur  Befriedigung  beider  Teile  vor,  dem  in  anderen  Ländern  mit  zweisprachiger
  Bevölkerung  bereits  herrschenden  Usus  zu  folgen  und  sämtliche
Regierungsäußerungen,  die  für  eine  mehrsprachige  Bevölkerung  in  Betracht
kämen,  auch  in  sämtlichen  am  Orte  gesprochenen  Sprachen  abzufassen  und

u  veröffentlichen.  Als  Beispiel  weist  der  Redner  auf  die  Verhältnisse  in

Peuerreich,  Italien  und  der  Schweiz  hin.  Unterstaatssekretär  Mandel  erwidert,
  daß  bereits  eine  dahingehende  Verfügung  an  die  Bezirkspräsidenten
ergangen  sei.  Uebrigens  müsse  er  betonen,  daß  auch  in  den  sogenannten
rein  französischen  Gemeinden  des  Landes  eine  beträchtliche  Anzahl  der  Bewohner
  die  deutsche  Sprache  gut  verstehe.  Wenn  man  die  Ausführungen
des  Abg.  Weber  gehört  habe,  so  gewänne  man  den  Eindruck,  als  sei  die
Regierung  mit  der  deutschen  Sprache  in  den  französischen  Gebieten  hausieren
gegangen.  Es  handle  sich  aber  im  großen  und  ganzen  nur  um  die  amtliche
  Geschäftssprache.  Im  übrigen  verwehre  man  niemandem,  Eingaben
in  der  ihm  geläufigen  Sprache  zu  machen.  Eine  unterschiedliche  Behandlung
greife  deswegen  nicht  Platz.

3.—  4.  Mai.  (Reichstag.)  Zweite  Lesung  des  Gesetzes  über  die
Entlastung  des  Reichsgerichts.  Dritte  Lesung  des  Stellenvermittlergesetzes
  und  des  Kostendeckungsgesetzes  für  das  südwestafrikanische
Aufstandsgebiet.

Nach  dem  Entwurf  eines  Gesetzes  über  die  Entlastung  des  Reichsgerichts,
  der  dem  Reichstag  unterm  3.  März  zuging  und  unterm  12.  und
14.  April  in  erster  Lesung  beraten  wurde,  sollte  eine  Revision  nur  noch
im  Fall  der  „Difformität“"  der  Urteile  erster  und  zweiter  Instanz  möglich
sein.  Die  Kommission  hat  diese  Bestimmung  abgelehnt  und  dafür  die  Revisionssumme
  von  2500  Mark  auf  1000  Mark  erhöht.  Art.  8  des  Gerichtskostengesetzes
  wird  dahin  abgeändert,  daß  die  Gebühren  in  der  Berufungsinstanz
  um  ein  Viertel,  in  der  Revisionsinstanz  um  das  Doppelte  erhöht
werden.  —  Das  Stellenvermittlergesetz  wird  in  dritter  Lesung  angenommen.

Bei  der  dritten  Lesung  des  Gesetzentwurfes  über  die  Kostendeckung
für  das  südwestafrikanische  Ausstandsgebiet  setzt  sich  das  Rededuell  Erzberger-Dernburg
  fort.  Abg.  Erzberger  (Z.):  Der  Herr  Staatssekretär  hat  sich  auf
eine  Urkunde  berufen,  die  von  dem  alten  Kaiser  Wilhelm  und  dem  Fürsten
Bismarck  unterzeichnet  worden  ist.  Uns  fällt  es  gar  nicht  ein,  gegen  die
Versprechungen  dieser  beiden  großen  Männer  vorzugehen.  Zunächst  muß
aber  festgestellt  werden,  daß  alle  Gesetze  aus  jener  Zeit  von  diesen  beiden
Männern  unterzeichnet  worden  sind.  Wir  dürften  dann  keines  dieser  Gesetze
  abändern  und  haben  es  doch  schon  so  oft  getan.  Aber  diese  beiden
großen  Männer  haben  etwas  ganz  anderes  unterzeichnet,  als  der  Herr
Staatssekretär  hier  angeführt  hat.  In  dem  angezogenen  Schriftstück  ist
nur  der  Kolonialverwaltung  zugesprochen  worden,  was  Lüderitz  wirklich
besessen  hat.  Was  Lüderitz  aber  nicht  besessen  hat,  hat  auch  nicht  verkauft
werden  können.  Kein  Mensch  will  das  anfechten,  was  Lüderitz  von  seinem
Besitze  der  Kolonialgesellschaft  abgetreten  hat.  Für  uns  handelt  es  sich
        <pb n="279" />
        Das  Veeische  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (Mai  4.)  271

nur  um  Besitzrechte,  die  Lüderitz  gar  nicht  gehabt  hat.  Es  steht  doch  fest,
daß  Lüderitz  das  Gebiet  vom  26.  Grad  bis  Kuiseb  nie  besessen  hat.  Also
hat  er  dieses  Gebiet  auch  nicht  auf  die  Kolonialgesellschaft  übertragen  können.
In  der  Presse  ist  behauptet  worden,  der  neue  Vertrag  sei  bereits  abgeschlossen.
Ich  weiß  nicht,  ob  das  zutreffend  ist  oder  nicht.  Es  würde  auf  mich  einen
sonderbaren  Eindruck  machen,  wenn  wirklich  der  Vertrag  abgeschlossen  sein
sollte.  Ich  habe  den  Vertrag  immer  wieder  bekämpft  als  die  größte  Schädigung
  der  allgemeinen  Interessen,  denn  ich  halte  den  Vertrag  für  das  größte
Unglück  für  Südwestafrika.  Der  Vertrag  ist  nach  verschiedenen  Gesichtspunkten
  verfehlt.  Er  ist  zwar  etwas  besser  als  der  frühere  Vertrag,  aber
er  ist  noch  nicht  das,  was  das  Reich  verlangen  muß.  Das  wirklich  eingezahlte
  Kapital  der  Kolonialgesellschaft  verzinst  sich  wenigstens  mit  800  Prozent.
  Das  dürfen  wir  nicht  außer  acht  lassen.  Die  Budgetkommission  hat
mit  Recht  jede  Verantwortung  für  den  Vertrag  abgelehnt,  auch  die  moralische
  Verantwortung.  Wenn  dieser  Vertrag  mit  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft
  abgeschlossen  werden  sollte,  dann  müßten  ganz  andere  Gegenleistungen
  von  der  Gesellschaft  gebracht  werden.  Die  Gesellschaft  bekommt
das  dauernde  Abbaurecht.  Dafür  muß  sie  den  Verzicht  aussprechen,  im
Rezeßgebiet  Gebühren  und  Abgaben  zu  erheben.  Von  dem  Kupfergewinn
im  Bergwerksgebiet  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  müssen  laut  Vertrag
fünf  Prozent  an  die  Kolonialgesellschaft  abgeliefert  werden.  Demgegenüber
müssen  wir  verlangen,  daß  die  Kolonialgesellschaft  auf  alle  Sonderrechte
verzichtet.  Weiter  müßte  die  Kolonialgesellschaft  zugestehen,  daß  die  Aenderung
  der  Bergordnung  ohne  Zustimmung  der  Gesellschaft  gemacht  werden
könne.  Ich  spreche  für  meine  Person  die  Ueberzeugung  aus,  der  Tag,  wo
dieser  Vertrag  abgeschlossen  wird,  wird  ein  schwarzer  Tag  für  Südwestafrika
  und  die  deutsche  Kolonialpolitik  sein.

Staatssekretär  Dernburg:  Nachdem  die  Verwaltung  bis  auf  den
heutigen  Tag  die  Rechte  der  Kolonialgesellschaft  anerkannt  hat,  kann  sie
nicht  jetzt  kommen  und  sagen,  ich  nehme  nun  alle  meine  Zugeständnisse
zurück.  Das  kann  ich  nicht,  das  geht  mir  gegen  den  Anstand.  Ich  muß
nach  wie  vor  darauf  bestehen,  daß  die  Sperre  dem  Reich  das  Geld  gebracht
hat  und  bringt,  während  der  Vorschlag  des  Herrn  Erzberger  dem  Reiche
dieses  Geld  nimmt.  Die  Budgetkommission  hat  abgelehnt,  die  Verantwortung
  für  den  Vertrag  zu  übernehmen.  Hat  die  Kommission  aber  die
Verantwortung  für  einen  etwaigen  Prozeß  übernommen?  Wenn  wir  mit
dem  Rechtswege  nicht  durchdringen,  ist  dann  jemand  hier,  der  mit  den
Mitteln  der  Macht  vorgehen  will?  Ich  kann  das  nach  wie  vor  nicht  tun.
Was  haben  die  Herren  in  Lüderitzbucht  mit  ihren  unzähligen  Depeschen
erreicht,  die  sich  in  parteipolitische  Dinge  mischten?  Zunächst  einmal,  daß
ihre  vermeintlichen  Freunde  hier  im  Reichstag  einen  Antrag  einbrachten,  der,
wenn  er  durchgegangen  wäre,  sie  um  Hab  und  Gut  gebracht  hätte.  Weiter
wäre  dem  Reiche  durch  die  Erfüllung  der  Wünsche  der  vermeintlichen  Freunde
der  Ansiedler  drüben  ein  Gewinn  entgangen,  der  andernfalls  wieder  in  letzter
Linie  durch  die  Diamanteninteressenten  hätte  aufgebracht  werden  müssen.
Ich  rufe  das  meinen  südwestafrikanischen  Landsleuten  zu,  indem  ich  sie
darauf  hinweise,  daß  vielleicht  doch  mit  einer  das  Allgemeine  berücksichtigenden
  Verwaltung  sie  sich  besser  stehen  als  mit  dem  deutschen  Parteigetriebe.
Ich  will  vom  Standpunkt  der  Regierung  sagen,  wofür  ich  hier  gestanden
habe:  für  die  Aufrechterhaltung  der  bestehenden  Verträge  gegenüber  einer
fiskalischen  Politik,  die  bestehende  Verträge  nicht  achtet;  für  den  Begriff
des  öffentlichen  Wohles  und  Anstandes;  für  die  Aufrechterhaltung  der  gesetzlichen
  Autorität  gegenüber  Anforderungen,  die  gar  keinen  Rechtsboden
hatten.  Für  die  berechtigten  Interessen  des  Schutzgebietes  bin  ich  auf-
        <pb n="280" />
        272  Haos  Veutsche  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Mai  4.—6.)

etreten,  für  nichts  anderes.  Ich  mußte  gegen  eine  wirtschaftliche  Aufsafung
  eintreten,  die,  wenn  sie  in  Deutschland  Boden  fassen  sollte,  Tausende
von  Arbeitern  brotlos  machen  müßte.  Und  damit  bin  ich  auch  dem  entgegengetreten,
  daß  fremdes  Kapital  in  deutschen  Kolonien  besser  gewertet
werden  sollte  als  deutsches  Kapital.  Ich  mußte  also  gegenüber  konfiskatorischen
  Versuchen  für  die  Unverletzlichkeit  des  Eigentums  mich  einseten.
Das  sind  die  Punkte,  die  ich  festhalten  wollte.  Die  Ehrlichkeit  des  kommerziellen
  Forischritts  und  die  Politik  eines  staatserhaltenden  Fortschritts
wird  das  deutsche  Volk  verstehen.  (Lebhafter  wiederholter  Beifall  I.  und
in  der  Mitte;  Huh-Rufe  i.  Z.)

Der  Gesetzentwurf  wird  endgültig  nach  den  Beschlüssen  der  Kommission
  und  mit  der  Resolution  angenommen.

4.  Mai.  (Baden.)  Zweite  Kammer.  Das  Elementarunterrichtsgesetz
  in  der  Kommission.

Die  Schulkommission  hat  das  Elementarunterrichtsgesetz  bei  der  Gesamtabstimmung
  mit  allen  gegen  die  Stimmen  des  Zentrums  angenommen.
Die  Aufrechterhaltung  des  §  114,  wonach  kirchlichen  Korporationen  usw.  die  Errichtung
  von  Lehr-  und  Erziehungsanstalten  nur  auf  Grund  eines  besonderen
Gesetzes  gestattet  ist,  wurde  gegen  die  Stimmen  des  Zentrums  und  der  Konservativen
  genebmigt.  Der  Absatz  2  wurde  dahin  geändert,  daß  die  Erteilung
von  Unterricht  durch  Mitglieder  eines  Ordens  oder  einer  ordensähnlichen
Kongregation  der  staatlichen  Genehmigung  bedarf.  Ferner  wurde  ein  Zusatz
angenommen,  der  jeden  Zwang  gegen  Dissidentenkinder  zum  Besuch  des
Religionsunterrichts  untersagt.

4.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
der  dritten  Lesung  des  Kultusetats.

Abg.  Cassel  (Fr.  Vp.)  richtet  mit  Bezugnahme  auf  den  Britzer  Fall  an
den  Minister  die  ausdrückliche  Frage,  ob  er  es  billigen  kann,  daß  Praktikanten
  lediglich  wegen  ihres  Religionsbekenntnisses  von  der  Zulassung  zum
praktischen  Jahr  zurückgewiesen  werden.

Kultusminister  v.  Trott  zu  Solz:  Nachdem  diese  Frage  direkt  an
mich  gerichtet  worden  ist,  antworte  ich,  daß  ich  es  für  nicht  richtig  halte
und  nicht  billigen  könnte,  wenn  die  Annahme  von  Medizinalpraktikanten
in  Krankenanstalten,  die  nicht  konfessionellen  Charakters  sind,  davon  abhängig
  gemacht  würde,  welcher  Religion  der  zuzulassende  Praktikant  angehört.
  Ich  glaube,  daß  durch  diese  klare  Erklärung  die  Mißverständnisse
beseitigt  sein  werden,  und  daß  der  Abg.  Cassel  die  Beruhigung  erhalten
hat,  die  er  wünscht.

6.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Antrag  auf
Abänderung  der  Geschäftsordnung.

Die  Geschäftsordnungskommission  hat  den  Antrag  dahin  abgeändert,
daß  im  Falle  besonders  grober,  die  Würde  des  Hauses  schädigender  Verletzung
  der  Ordnung  der  Präsident  das  Recht  erhält,  den  Abgeordneten
für  den  Rest  des  Tages  von  der  Sitzung  auszuschließen.  Auch  kann  auf
Vorschlag  des  Präsidenten  das  Haus  ohne  Besprechung  den  Abgeordneten
aus  dem  Sitzungssaale  und  von  den  Tribünen  ausweisen,  und  zwar  bis
zur  Dauer  von  sechs,  im  Wiederholungsfalle  während  derselben  Session
bis  zur  Dauer  von  zwölf  Sitzungstagen.  Dem  Präsidenten  wird  weiter  das
Recht  gegeben,  den  ausgeschlossenen  Abgeordneten  aus  dem  Sitzungssaal
und  von  den  Tribünen  entfernen  zu  lassen,  sowie  seinen  Wiedereintritt  zu
verhindern.  Erfolgt  während  der  Dauer  der  Ausschließung  eine  Ab-
        <pb n="281" />
        Das  Denisqe  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Mai  6.T9.)  273

stimmung,  bei  der  die  Stimme  des  abwesenden  Abgeordneten  den  Ausschlag
geben  kann,  so  wird  die  Abstimmung  in  der  ersten  Sitzung  nach  Ablauf
der  Ausschließung  wiederholt.  Der  Antrag  Ahrens  auf  Einschränkung
der  Reden  wurde  abgelehnt.  Die  Annahme  erfolgt  mit  der  Abschwächung
des  Antrages  Roeren  (3.),  wonach  die  Bestimmungen  gestrichen  werden
sollen,  durch  die  eine  Ausweisung  eines  Abgeordneten  bis  zu  zwölf  Sitzungstagen
  aus  dem  Hause  und  von  den  Tribünen  verfügt  werden  kann.  Die
Ausschließung  darf  nur  für  den  Rest  der  Sitzung  erfolgen.

6.  Mai.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Der  liberale
Antrag  auf  Einführung  der  Proportionalwahl  wird  mit  70  gegen
39  Stimmen  abgelehnt.

6.  Mai.  (Reichstag.)  Ablehnung  des  Gesetzentwurfes  über
die  Ausgabe  kleiner  Aktien  in  den  Konsulargerichtsbezirken  und
dem  Schutzgebiet  Kiautschou.  Zweite  Lesung  des  Kolonialbeamtengesetzes.
  Dritte  Lesung  des  Gesetzes  über  die  Entlastung  des  Reichsgerichts
  (s.  3.—4.  Mai).  Die  Vorlage  wird  angenommen.

7.  Mai.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Das  Gesetz  über  die
Güterzertrümmerung  wird  mit  96  gegen  10  Stimmen  angenommen.

7.  Mai.  (Berlin.)  In  der  Gesellschaft  für  Erdkunde  hält
Peary  einen  Vortrag  über  seine  Entdeckung  des  Nordpols  und  erhält
  die  goldene  Nachtigal-Medaille.

9.  Mai.  (Berlin.)  Der  Staatsminister  a.  D.  Karl  v.  Hofmann,
  1885  stellvertretender  Statthalter  von  Elsaß-Lothringen,  1.
83  Jahre  alt.

9.  Mai.  (Halle.)  Der  alttestamentliche  Bibelforscher  Professor
D.  Emil  Kautzsch  f.  69  Jahre  alt.

9.  Mai.  (Reichstag.)  Militärverwaltung.

Die  Petitionskommission  schlägt  vor,  aus  einer  Petition  des  Wirkl.
Geh.  Kriegsrats  Uhlenbrock  die  folgenden  Punkte  dem  Reichskanzler  zur
Berücksichtigung  zu  überweisen:  1.  Der  Reichstag  wolle  beschließen,  eine
mit  ausreichenden  Befugnissen  ausgestattete  Kommission  zu  ernennen,  welche
die  Aufgabe  hat,  eine  eingehende  Prüfung  der  Verhältnisse  in  der  Militärverwaltung
  vorzunehmen  und  Vorschläge  zu  machen,  wie  dieser  Teil  der
Staatsverwaltung  auf  eine  gesetzliche  Grundlage  zurückzuführen  sei,  wie
gesetzwidrige  Einwirkungen  unverantwortlicher  Offiziere  unmöglich  gemacht
  und  nutzlose  Ausgaben  von  Staatsgeldern  in  dieser  Verwaltung  vermieden
  werden  können;  2.  der  Reichstag  wolle  darauf  hinwirken,  daß  aus  dem
§  25  des  Reichsbeamtengesetzes  die  Militärintendanten  ausgeschieden  werden.

Abg.  Sommer  (Vp.):  Nach  der  Kabinettsorder  von  1820  wurde
die  Militärintendantur  als  verantwortliche  Kontroll-  und  Aufsichtsbehörde
für  die  gesamte  Militärökonomie  eingesetzt.  An  dieser  Zweckbestimmung
ist  nichts  geändert  worden;  da  aber  diese  Einrichtung  den  höheren  kommandierenden
  Offizieren  vielfach  unbequem  wurde,  ergingen  später  einschräukende
  Verordnungen.  Die  hohen  Offiziere  wissen  sich  der  mißliebig  gewordenen

  Intendanten,  die  etwa  gegen  verschwenderische  Ausstattung  eines
Offizierskasinos  oder  die  unnötige  Verausgabung  von  Etatsmitteln  Vor-Europäischer

  Geschichtskalender.  LI.  18
        <pb n="282" />
        274  Des  Veusche  Reich  und  seine  einjeluen  GSlieder.  (Mai  10.)

stellungen  erheben,  auf  diesem  Wege  schleunigst  zu  erledigen.  Ich  bedaure,
daß  bei  einer  so  wichtigen  Verhandlung  kein  Vertreter  des  Kriegsministeriums
  anwesend  ist.  Es  ist  gesagt  worden,  die  Herren  könnten  sich  ja  beschwerdeführend
  an  das  Kriegsministerium  wenden;  aber  man  denkt  hier
unwillkürlich  an  das  Sprichwort:  „Eine  Krähe  hackt  der  andern  die  Augen
nicht  aus.“  Ganz  einzig  dastehend  ist  auch  die  durch  Reglements  geschaffene,
geradezu  wie  eine  Umgehung  des  Gesetzes  aussehende  Einrichtung,  daß  die
Militärintendanten  über  alles  mögliche  dem  Korpskommandanten  oder  dem
Chef  des  Generalstabes  Vortrag  zu  halten  haben.  Wie  reimt  sich  solche
Unterordnung  mit  der  Bestimmung  des  Gesetzes  zusammen,  daß  die  Militärbeamten
  bei  Verletzung  ihrer  Dienstvorschriften  ausschließlich  der  vorgesetzten
  Verwaltungsbehörde  unterworfen  sind?  Was  soll  hier  der  Eingriff
  einer  völlig  unverantwortlichen  Stelle?  Die  Ausdehnbarkeit  des
8  25  des  Militärbeamtengesetzes  hat  es  ermöglicht,  daß  die  mißliebig  gewordenen
  Militärintendanten  von  den  Korpskommandanten  ausgebootet
werden,  sie  werden  in  den  einstweiligen  Ruhestand  versetzt.  Auf  Grund
welches  Gesetzes  haben  die  Kommandierenden  Generale  diese  Befugnis?
Dieses  Vorgehen  ist  ein  durchaus  gesetzwidriges.

Abg.  Erzberger  (3.):  Es  handelt  sich  um  eine  sehr  schwierige
staatsrechtliche.  finan  zrechtliche  und  politische  Frage.  Da  wäre  es  allerdings
  sehr  erwünscht  gewesen,  wenn  der  eine  oder  andere  Vertreter  des
Kriegsministeriums  hier  anwesend  wäre.  Eine  Vertretung  der  Regierung
in  der  Kommission  allein  genügt  nicht.  Es  wäre  auch  zu  überlegen,  ob
wir  angesichts  eines  völlig  leeren  Bundesratstisches  überhaupt  weiter  beraten
  sollen,  da  das  Petitionsrecht  des  deutschen  Bürgers  in  dieser  Weise
nicht  mißachtet  werden  darf.  Es  handelt  sich  hier  darum,  ob  die  vom
Reichstage  bewilligten  800  Millionen  Militärausgaben  von  unverantwortlichen
  Offizieren  oder  verantwortlichen  Beamten  ausgegeben  werden  sollen,
das  heißt,  soll  uns  eine  Kontrolle  hierüber  zustehen  oder  nicht.  Es  kann
kein  Zweifel  darüber  sein,  daß  die  Verwaltung  aller  dieser  Gelder  lediglich
dem  Kriegeministerium  zu  unterstehen  hat.  Wer  auf  dem  Boden  der
Reichsverfassung  steht,  muß  dafür  sorgen,  daß  diesem  Zustande  ein  Ende
gemacht  wird.  Soll  der  Intendant  außer  dem  Kriegsminister  auch  noch
dem  unverantwortlichen  Korpskommandanten  unterstehen?  Eine  Kabinettsorder
  von  1820,  die  auf  ganz  andere  Zustände  zugeschnitten  war,  paßt  doch
heute  nicht  mehr.  Jeder  Militärintendant  kann  einem  leid  tun,  der  unter  diesen
zwiespältigen  Verhältnissen  zu  arbeiten  hat.  Wir  haben  ein  Interesse  daran,
eine  vollkommen  freie,  unabhängige  Intendantur  zu  haben;  heute  aber  haben
wir  sie  nicht;  der  jetzige  Zustand  ist  geradezu  unerträglich  für  die  verantwortlichen
  Leiter  des  Intendanturwesens,  namentlich  in  Bezug  auf  Bauten
und  Dienstreisen.  Der  verabschiedete  Intendant  macht  nun  zum  ersten
Male  auf  diese  Verhältnisse  aufsmerksam,  und  da  wäre  es  in  der  Tat  am
Platze  gewesen,  wenn  die  Kriegsverwaltung  sich  hier  hätte  vertreten.

Nachdem  auch  der  Abg.  Dr.  Weber  (Nl.)  die  Abwesenheit  eines
Vertreters  des  Kriegsministeriums  als  befremdlich  hingestellt  hatte,  wird
die  Petition  einstimmig  bis  zum  Herbst  vertagt.

10.  Mai.  (Reichstag.)  Zweite  und  dritte  Lesung  des  Kaligesetzes.
  Vertagung  des  Reichstags  bis  zum  8.  November  1910.

Die  Kalikommission  hat  den  Entwurf  völlig  umgestaltet.  An  Stelle
der  Betriebsgemeinschaft,  des  Zwangssyndikats,  ist  in  der  Hauptsache  getreten
eine  Kontingentierung  des  Absatzes  mit  Abgabe  von  10  bis  17  Mark  pro
Doppelzentner  auf  das  Ueberkontingent  sowie  eine  Festsetzung  der  Preise.
Daneben  sind  Bestimmungen  getroffen  zur  Sicherung  der  bisherigen  Lohn-
        <pb n="283" />
        Das  Denisqhe  Reith  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  10.)  275

und  Arbeitsbedingungen  der  Kaliarbeiter  gegen  Verschlechterung,  Gleichstellung
  aller  Großabnehmer  hinsichtlich  der  Rabatte  usw.  An  den  §  1
„Kalisalze  dürfen  von  Kaliwerksbesitzern  nur  nach  Maßgabe  der  Bestimmungen
  dieses  Gesetzes  abgesetzt  werden“  knüpft  sich  eine  allgemeine  Besprechung.
  Kompromißanträge  aller  Parteien  mit  Ausnahme  der  Volkspartei
  ändern  die  Kommissionsbeschlüsse  in  einer  Reihe  von  Punkten  ab,
sie  betreffen  aber  nicht  die  wesentlichsten  Bestimmungen.  In  §  1  werden
die  zur  Zeit  des  Inkrafttretens  des  Gesetzes  bestehenden  Sonderfabriken
(Weiterverarbeitung  der  Rohsalze)  den  Kaliwerken  ausdrücklich  gleichgestellt.

Abg.  Dr.  Heim  (3.):  Was  Ihnen  vorliegt,  ist  etwas  anderes,  als
was  die  verbündeten  Regierungen  Ihnen  vorgelegt  haben.  Danach  sollte
es  lediglich  ein  Gesetz  sein  zum  Schutz  der  Industrie;  es  enthielt  keinerlei
Vorsichtsmaßregeln,  wenigstens  nicht  hinreichende,  zum  Schutze  der  Konsumenten,
  des  Handels  und  der  Arbeiter.  Dafür  hat  die  Kommission  gesorgt.
  Sie  wollte  kein  Dividendengesetz  machen,  sondern  im  Gegenteil  einer
rücksichtslosen  Ausbeutung  der  Konsumenten  und  der  Arbeiter  einen  Riegel
vorschieben.  Durch  die  degressive  Aussperrungsfrist  bei  der  Quotenbeteiligung
wird  die  Neugründung  von  Werken  erheblich  erschwert.  Der  Redner  wendet
sich  scharf  gegen  die  Preisberechnungen  des  Syndikats.  Die  Leute  müssen
uns  im  Reichstag  für  komplette  Idioten  gehalten  haben,  wenn  sie  glaubten,
daß  wir  auf  diesen  Schwindel  hereinfallen  würden.  Wenn  Schmidtmann
in  der  Lage  ist,  Kali  zu  89  Pfennig  nach  dem  Ausland  zu  liefern,  dann
wird  es  das  Syndikat  doch  hoffentlich  zu  1,24  Mark  können  und  zum
doppelten  Preise  für  das  Inland.  Eine  ungeschicktere  Vertretung  von
Interessen  wie  durch  das  Kalisyndikat  ist  mir  noch  nicht  vorgekommen.
Man  muß  ja  so  eigentlich  Gegner  dieser  Leute  werden;  aber  warum  soll
man  wegen  ihrer  Dummheit  andere  büßen  lassen!  Der  Redner  geht  auf
die  wesentlichsten  Punkte  der  Vorlage  ein:  die  neue  der  süddeutschen  Landwirtschaft
  große  Vorteile  bringende  Aenderung  der  Frachtbasis,  die  Beseitigung
  der  differentiellen  Behandlung  der  Händler,  die  Aufnahme  der
sozialpolitischen  Bestimmungen  in  das  Gesetz  usw.  Auch  diese  Arbeiterparagraphen
  sind  eine  Folge  der  ungeschickten  Vertretung  des  Syndikats,
dessen  Drohung,  die  Preisermäßigung  auf  die  Arbeiter  abwälzen  zu  wollen,
sofort  alle  Meinungsverschiedenheiten  in  der  Kommission  beseitigte.  Verkürzung
  des  Lohnes,  Verlängerung  der  Arbeitszeit  haben  eine  zehnprozentige
Kürzung  der  Beteiligungsquote  zur  Folge.  Die  Vorschrift,  daß  diese  Bestimmung
  nicht  gilt,  wo  zwischen  Werk  und  Arbeitern  Verträge  abgeschlossen
sind,  wird  den  Abschluß  von  Tarifverträgen  wesentlich  fördern.  Das  Gesetz
  ist  nach  allen  diesen  Richtungen  ein  vollständiges  Novum.  Der  Reichstag
  hat  noch  nie  ein  Gesetz  gemacht,  das  so  tief  eingreift  in  das  Wirtschaftsleben,
  in  die  ganzen  Verhältnisse  einer  Industrie.  Ob  die  Industrie  selbst
damit  zufrieden  sein  wird,  bezweifle  ich.  Die  „saueren  Zeiten“  sind  zu
Ende;  ich  glaube,  die  Leute,  die  nach  dem  Gesetz  gerufen  haben,  werden
jetzt  klagen:  Varus,  Varus,  gib  mir  meine  Quoten  wieder!  Aber  dazu
ist  es  zu  spät!  Gewiß  läßt  das  Gesetz  einen  großen  Prozentsatz  Unsicherheit
  über;  die  Industrie  wird  Hintertürchen  finden,  und  ihr  merkwürdig
ruhiges  Verhalten  trotz  der  Belastung  läßt  darauf  schließen,  daß  sie  schon
solche  gesunden  hat,  von  denen  wir  noch  nichts  wissen.  Aber  schließlich  sind
wir  ja  auch  noch  da  und  können  die  hohlen  Zähne  plombieren.  Das  Wichtigste
an  dem  Gesetz  ist:  der  Verschleuderung  von  Kali  in  das  Ausland  wird  ein
Riegel  vorgeschoben.  Wir  haben  das  Gute  genommen,  wo  wir  es  bekamen.

Abg.  Dove  (Vp.):  Der  Vorredner  bezeichnete  es  als  etwas  Neues,
daß  wir  hier  einen  Entwurf  bekommen  haben,  der  mit  dem,  den  die  Regierung
  vorgelegt  hat,  gar  nichts  mehr  zu  tun  hat.  Jetzt  ist  das  eigentlich

18“
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        276  Das  Denishe  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Mai  10.)

der  Typus  der  Gesetzentwürfe,  und  vielleicht  wird  es  gut  sein,  wenn  der
behördliche  Organismus  auf  seine  Verbesserungsfähigkeit  einmal  angesehen
wird.  Es  ist  wirklich  unnötig,  daß  eine  Anzahl  Geheimräte  vier-  und
fünfmal  Gesetzentwürfe  machen,  das  kostet  sehr  viel  Geld,  es  wäre  richtiger,
wenn  gleich  einige  Herren  aus  dem  Reichstage  die  Gesetze  ausarbeiten,
denen  man  vielleicht  einige  technische  Räte  zuordnen  könnte.  Das  weitestgehende
  war  ja  die  Verstaatlichung,  mit  der  wir  uns  auch  in  der  Kommission
  beschäftigt  haben.  Wir  haben  uns  aber  überzeugen  müssen,  daß
dieser  Weg  ungangbar  ist.  Zunächst  ist  es  nicht  über  allen  Zweifel  erhaben,
  daß  wir  ein  Monopol  auf  Kali  haben.  Zurzeit  allerdings  haben
wir  ein  Monopol.  Es  deuten  aber  einige  Momente  darauf  hin,  daß  auch
in  anderen  Ländern  Kalilager  vorhanden  sind,  und  es  fragt  sich  doch,  ob
nicht  auch  abbauwürdige  Lager  gefunden  werden,  wo  das  bisher  nicht  der
Fall  war,  ja  nach  den  naturwissenschaftlichen  Anschauungen  über  die  Entstehung
  der  Kalilager  dürfte  das  sogar  wahrscheinlich  sein.  Wir  sehen  ja
auch,  daß  in  Deutschland  sich  die  Lage  verschieden  gestaltet,  am  Niederrhein,
im  Elsaß  tauchen  neue  Werke  auf,  Dinge,  die  auch  für  die  innere  Regelung
die  Sache  anders  gestalten,  als  man  bei  der  Gründung  der  Syndikate
voraussehen  konnte.  Dazu  kommt,  daß  im  gegenwärtigen  Moment  erhebliche
  Kapitalien  zur  Verstaatlichung  der  Kaliwerke  nötig  wären  —  in
der  Kommission  setzte  man  die  Summe  auf  eine,  eine  andere  auf  zwei
Milliarden  Mark.  Und  es  ist  doch  zweifelhaft,  ob  die  Verzinsung  eines
solchen  Kapitals  möglich  wäre.  Dann  war  von  Ausfuhrzöllen  die  Rede,
aber  wir  haben  gehört,  daß  das  nur  ein  Bluff  gegen  das  Syndikat  war  —
auch  eine  neue  Erscheinung  in  unserem  politischen  Leben,  daß  mit  solchen
Bluffs  gearbeitet  wird.  Mit  der  Regelung  durch  die  Kontingentierung
will  man  die  Produzenten  sichern.  Wo  aber,  müßte  man  fragen,  bleiben
die  Konsumenten?  Nun,  die  Rücksicht  auf  sie  hat  zur  Festsetzung  der
Preise  geführt,  die  als  Maximalpreise  für  das  Inland  und  als  Minimalpreise
  für  das  Ausland  fungieren.  Hier  kommt  der  Patriotismus  zu  seinem
Recht,  indem  man  verbindert,  „daß  die  Schätze  der  Heimat  an  das  Ausland
  verschleudert  werden“.  Aber,  was  heißt  verschleudern?  Ist  etwa
eine  Gefahr  vorhanden,  daß  für  die  heimische  Landwirtschaft  kein  Kali
mehr  geliefert  werden  kann,  das  wird  kein  Mensch  behaupten.  Die  Unermeßlichkeit
  der  Kalilager  sichert  den  Bezug  von  Kali  auf  Jahrhunderte
hinaus,  wenn  nicht  auf  Jahrtausende.  „Aber  die  Preise  für  das  Ausland
sind  billiger.“  Das  kann  allerdings  ein  Geschenk  für  das  Ausland  sein
und  kann  eine  Verschleuderung  sein,  wenn  die  Preise  zu  niedrig  sind.  Das
ist  aber  keine  Verschleuderung,  wenn  die  Preise  im  Inland  zu  hoch  sind.
Und  gerade  das  Kartell  will  die  Preise  hochhalten,  und  wenn  nun  ein
Outsider  kommt,  der  das  Kali  billiger  abgeben  will,  dann  kommt  die  Staatsgewalt
  und  sagt:  das  darf  nicht  sein.  Wir  baben  hier  also  eigentlich  eine
Umkehrung  des  Gedankens  einer  Kartellgesetzgebung  gegen  früher.  Die  Produzenten
  behaupten,  sie  hätten  eigentlich  gar  kein  Vergnügen  an  diesem
Gesetz.  Ich  weiß  nicht,  ob  es  bloß  Mache  ist.  Man  sagt,  es  handle  sich
um  nationale  Interessen.  Machen  wir  uns  nichts  vor.  Das  Gesetz  wird
gemacht,  um  einer  Industrie,  welche  sich  in  einer  kritischen  Lage  befindet,
über  diese  kritische  Lage  hinwegzuhelsen.  Es  wird  gemacht  unter  Einwirken
  nach  allen  Richtungen  hin  in  wichtige  Interessen,  unter  Verleugnung
  der  Grundsätze,  die  bisher  unser  wirtschaftliches  Leben  beherrscht
  haben.

Preußischer  Handelsminister  Dr.  Sydow:  Der  Vorredner  ließ  die
Frage  offen,  auf  welche  Weise  wir  denn  den  Mißständen  abhelfen  können,
die  von  der  großen  Mehrheit  dieses  Hauses  anerkannt  werden.  Sein  Ge-
        <pb n="285" />
        Das  Penisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Elieder.  (Mai  10.)  277

dankengang  geht  dahin:  nichts  tun,  der  freien  Entwicklung  Spielraum  lassen.
Dadurch  würde  es  dahin  kommen,  daß  die  nichtexistenzfähigen  Werke  vernichtet
  würden  und  daß  wir  auf  die  Dauer  einen  möglichst  billigen  Preis
erhalten.  Diesen  Weg  hat  auch  der  Abg.  Gothein  im  Plenum  und  in  der
Kommission  wiederbolt  empfohlen.  Die  Folge  würde  aber  zunächst  die
sein,  daß  eine  Reihe  von  kleineren  Fabriken  eingehen  würde,  daß  eine
Reihe  von  großen  Fabriken  sich  des  Geschäfts  bemächtigen  würde,  daß  die
Preise  dem  Inlande  wie  auch  dem  Auslande  gegenüber  geworfen  würden
und  daß,  wenn  es  dem  Auslande  möglich  gemacht  würde,  bei  der  inländischen
  Produktion  Fuß  zu  fassen,  das  Ausland  in  den  Preisen  besser
gestellt  wäre  wie  das  Inland.  Diese  Entwicklung  hat  man  ja  anderen
Kartellen  zum  Vorwurf  gemacht;  aber  sie  ist  bisher,  sie  mögen  der  Politik
des  Kalisyndikats  Vorwürfe  machen,  soviel  sie  wollen,  vom  Kalisyndikat
nicht  eingeschlagen  worden.  Wenn  das  das  Ergebnis  sein  soll,  so  frage  ich:
was  hat  dann  Deutschland  davon,  daß  ihm  dieses  Naturmonopol  geworden
ist.  Während  andere  Länder  mit  Zucker,  mit  Baumwolle,  mit  Petroleum
in  der  Lage  sind,  die  Welt  zu  versorgen  und  dadurch  ein  Moment  wirtschaftlicher
  Stärke  bei  Verhandlungen  weltwirtschaftlicher  Fragen  besitzen,
so  ist  Deutschland,  abgesehen  von  dem  Kali,  mit  keinem  derartigen  Produkt
gesegnet  worden.  Haben  wir  nun  ein  solches,  so  sollten  wir  auch  dafür
sorgen,  daß  zunächst  davon  auch  die  deutsche  Volkswirtschaft  Vorteile  hat.
Das  war  der  maßgebende  Gesichtspunkt  bei  der  Ausarbeitung  des  Gesetzes,
und  ich  kann  dem  Vorredner  darin  nicht  zustimmen,  daß  es  sich  in  erster
Linie  darum  gehandelt  hat,  eine  notleidende  Industrie  zu  stützen.  Freilich
war  es  nur  möglich,  diese  Verwertung  der  deutschen  Naturschätze  im  deutschen
Interesse  aufrechtzuerhalten,  wenn  ein  gewisser  Einfluß  auf  die  Industriellen
gegeben  ist.  Dadurch  sind  wir  zur  Regierungsvorlage  gekommen.  Der
zweite  Gesichtspunkt  war,  dafür  zu  sorgen,  daß  das  Inland  mäßige  Preise
bekommt,  daß  die  Auslandspreise  nicht  billiger  werden  als  die  Inlandspreise.
  Und  nur  ein  Nebenzweck  war  dabei,  dann  dafür  zu  sorgen,  daß
die  schwachen  Existenzen  in  der  Kaliindustrie  nicht  über  Bord  geworfen
werden,  denn  es  handelt  sich  dabei  nicht  bloß  um  wohlhabende  Industrielle,
es  handelt  sich  auch  um  eine  Reihe  von  Arbeitsstätten  in  Deutschland,  an
die  sich  Arbeiterkolonien  angeschlossen  haben,  und  die  nicht  untergehen  zu
lassen  auch  ein  öffentliches  Interesse  ist.  Nun  ist  darauf  hingewiesen
worden,  daß  die  Regierungsvorlage  ganz  umgeändert  worden  ist.  Herr
Dove  betonte  mit  Humor,  es  scheine  jetzt  Mode  zu  werden,  daß  die  Regierungsvorlagen
  erst  im  Reichstage  zu  einem  brauchbaren  Gesetz  umgearbeitet
  werden.  Wem  sagen  Sie  das?  Damit  beweist  man  doch  nicht,
daß  die  Regierungsvorlagen  immer  in  Unrecht  gewesen  sind.  Allerdings
hat  man  manchmal  die  Empfindung,  daß  man  am  besten  tut,  abzuwarten,
was  der  Reichstag  aus  seiner  Vorlage  macht.  Ich  bin  auch  heute  noch
der  Meinung,  daß  die  Vertriebsgemeinschaft  der  beste  Weg  gewesen  wäre.
Die  Kommission  hat  einen  anderen  Weg  gewählt,  mit  dem  man  aber  dasselbe
  Ziel  erreichen  kann,  wie  mit  der  Regierungsvorlage.  Es  wird  im
wesentlichen  dahin  führen,  daß  die  Ausbentung  der  Kalischätze  Deutschlands
nach  dem  Gesichtspunkte  des  Interesses  der  deutschen  Volkswirtschaft  geschieht,
  daß  die  Inlandspreise  mäßig  gehalten  werden  und  die  Auslandspreise
  nicht  niedriger  sind  als  die  Inlandspreise.  Die  Regierung  stand
also  vor  der  Tatsache,  daß  ihr  Entwurf  nicht  auf  Annahme  rechnen  konnte,
daß  ihr  aber  ein  anderer  geboten  wurde,  mit  dem  man  dasselbe  erreichen
  kann.  Da  hat  doch  die  Regierung  keine  Veranlassung,  eine  ablehnende
  Stellung  einzunehmen.  Es  kommt  nicht  auf  die  Form,  sondern
auf  die  Sache  an,  und  in  der  Sache  sind  die  Entwürfe  gleich.  Der  Kom-
        <pb n="286" />
        278  Das  Vetsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  10.)

missionsentwurf  ist  nur  etwas  bureaukratischer  als  der  der  Regierung.
Nun  ist  von  den  Konsequenzen  gesprochen  worden,  die  sich  für  andere  Industrien
  ergeben  können.  Von  Konsequenzen  berechtigter  Art  kann  man
nur  bei  gleichen  Voraussetzungen  sprechen.  Wir  haben  in  Kali  ein  Naturmonopol.
  Nur  deshalb  sind  Festsetzungen  möglich,  die  auch  das  Ausland
berühren.  Die  ganze  Kette  von  Bestimmungen  hängt  miteinander  zusammen.
  Ich  hoffe,  daß  dadurch  eine  gewisse  Sicherheit  geschaffen  wird.
Die  Hoffnung  der  Zukunft  muß  auf  der  Vermehrung  des  Absatzes  beruhen.
Ich  würde  es  für  sehr  verkehrt  halten,  wenn  die  Industrie  für  die  Zukunft
darauf  rechnete,  daß  man  nach  einigen  Jahren  eine  Erhöhung  der  Preise
erreichen  kann.  Es  muß  das  Bestreben  der  Industrie  sein,  durch  Absatzvermehrung
  in  Zukunft  eine  Verbilligung  der  Preise  herbeizuführen.  Es
ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  sich  bei  der  Auslegung  des  neuen  Gesetzes  Unsicherheiten
  geltend  machen.  Aber  eins  ist  sicher,  daß  solche  Zustände,  wie
im  vorigen  Jahre,  nicht  mehr  vorkommen  werden,  daß  die  ganze  Kaliindustrie
  über  den  Haufen  geworfen  wird,  daß  die  ganze  Preispolitik  gestört
  wird.  Wenn  das  Gesetz  geschaffen  wird,  dann  werden  für  seine  Dauer
solche  Vorkommnisse  unmöglich  sein.  Stellen  sich  wirklich  Mißstände  heraus,
nun  es  dauert  ja  nur  15  Jahre,  dann  mögen  die  Herren,  die  nach  mir
an  dieser  Stelle  sich  befinden,  andere  Vorschläge  machen.  Herrn  Dove
möchte  ich  folgende  Erklärung  abgeben:  der  Absatz  von  Mischdünger  in  der
bisherigen  Art  soll  durch  das  Gesetz  in  keiner  Weise  erschwert  werden.
Die  Kommission  hat  einen  Parallelweg  beschritten.  Unter  diesen  Umständen
werden  die  verbündeten  Regierungen  nicht  die  Verantwortung  übernehmen,
wegen  der  Verschiebung  des  Weges  das  Gesetz  scheitern  zu  lassen,  und  dadurch
unsere  Herrschaft  über  den  Weltkalimarkt  einer  Gefährdung  zu  unterwerfen.

Abg.  v.  Brockhausen  (Dk.):  Die  Vorlage  will  uns  für  unsere
Kalisalzschätze  den  nationalen  und  den  Weltmarkt  erholten.  Die  gesetzliche
Festlegung  der  Verkaufspreise  im  vierten  Abschnitt  hat  bei  meinen  Freunden
manche  Bedenken  erzeugt;  wenn  sie  ihm  zustimmen,  geschieht  es  nur  deswegen,
  weil  es  sich  hier  um  ein  besonderes,  zeitlich  begrenztes  Gesetz  handelt,
  aus  dem  keine  Konsequenzen  für  andere  Industrien  gezogen  werden
können.  Wir  legen  auf  angemessene,  gleichmäßige  Preise  den  Hauptwert.
Die  Industrie  kann  mit  diesen  Preisen  wohl  auskommen;  Anträge  auf
weitere  Herabsetzung  der  Preise  werden  wir  ablehnen.  Die  Befugnis  der
Abnehmer,  sich  in  Vereinigungen  zusammenzuschließen,  ist  in  §  19  nicht
deutlich  genug;  ich  beantrage  daher  statt  der  Worte:  „Allen  Abnehmern
steht  es  frei,  sich  zur  Erlangung  vorstehender  Abzüge  zu  Vereinigungen
zusammenzuschließen“  folgende  Fassung:  „Verträge  zwischen  Kaliwerksbesitzern
und  Abnehmern  dürfen  keine  Bestimmungen  enthalten,  die  den  Zusammenschluß
  von  Abnehmern  zu  rechtsfähigen  Vereinigungen  verhindern  oder
verbieten.“  Die  Aufnahme  der  Tarifverträge  in  das  Gesetz  hätte  uns  zur
Ablehnung  des  ganzen  Gesetzes  führen  müssen;  wohl  aber  erscheint  es  uns
zulässig,  bei  den  Bestimmungen  des  Entwurfs  über  die  Festsetzung  der
Preise  eine  Vorkehrung  gegen  Lohndrückerei  aufzunehmen,  wie  sie  jetzt  dem
Plenum  vorgeschlagen  ist.  Die  große  Frage  der  Tarifverträge  können  wir
bei  diesem  Ausnahmegesetz  nicht  lösen.  Eine  Abgabe  für  das  Ueberkontingent
an  die  Reichskasse  zu  zahlen,  scheint  uns  notwendig,  ebenso  die  Abgabe  von
60  Pfennig  zu  Lasten  der  Industrie  für  die  Bestreitung  der  Unkosten  und
für  Propagandazwecke.  Die  Kontrolle  des  Bundesrats  sichert  uns  die  angemessene
  Verwendung  der  eingehenden  Abgaben.  Von  den  eingegangenen
Anträgen  werden  wir  die  redaktionellen  Anträge  annehmen  und  deejenigen,
die  den  prinzipiellen  Boden  des  Gesetzes  nicht  verlassen.  Durch  das  Gesetz
werden  dem  Bundesrat  große  Vollmachten  gegeben.  Wenn  wir  hierzu
        <pb n="287" />
        Das  Veische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Mai  10.)  279

unsere  Zustimmung  geben,  so  tun  wir  es  in  dem  Bertrauen,  daß  der
Bundesrat  nach  Recht  und  Gerechtigkeit  ohne  Ansehen  der  Person  von
ihnen  Gebrauch  machen  wird.  Das  Gesetz  bietet  so  viele  Vorteile,  daß  wir
ihm  zustimmen  können  im  Interesse  der  Industrie,  des  Handels  und  der
deutschen  Landwirtschaft.  Unsere  Bedenken  und  Wünsche  stellen  wir  zurück
in  der  Erwägung,  daß  es  sich  hier  um  einen  nationalen  Schatz  handelt,
den  wir  alle  bewahren  wollen.

Abg.  Bärwinkel  (Nl.):  Bei  der  Kaliindustrie  liegen  ganz  außergewöhnliche
  Verhälltnisse  vor,  die  eine  gesetzliche  Regelung  verlangen.  Diese
außergewöhnlichen  Verhältnisse  liegen  in  der  natürlichen  Monopolstellung
unserer  Kaliindustrie.  Daran  ist  nach  dem  vorzüglichen  Vortrage  des
Professors  Beyschlag  nicht  zu  zweifeln.  Diese  Monopolstellung  bedeutet  den
Besitz  eines  großen  Nationalvermögens,  das  zu  bewahren  eine  Notwendigkeit
ist.  Wir  müssen  es  verhindern,  daß  ein  so  kolossales  Vermögen  verschleudert
wird.  Eine  solche  Verschleuderung  liegt  schon  in  einem  verhältnismäßig
geringen  Preis.  Zu  diesem  Preise  gehören  auch  die  Schmidtmannpreise.
Wenn  dieser  trotz  der  niedrigen  Preise  große  Gewinne  erzielt  hat,  so  liegt
das  daran,  daß  er  mit  niedrigen  Gestehungskosten  arbeitet  und  seine  Produktion
  nicht  so  zurückhielt  wie  die  andern.  Man  sagt,  je  billiger  geliefert
  wird,  um  so  größer  der  Absatz.  Das  ist  richtig,  es  ist  aber  nicht
zu  übersehen,  daß  diese  Art  des  Absatzes  schließlich  zu  dem  rücksichtslosesten
Konkurrenzkampfe  und  zu  Raubbau  führt.  Dieser  ist  auch  nur  eine  Verschleuderung
  des  Nationalvermögens.  Schwache  Werke  müssen  unterliegen
und  Arbeiter  müssen  entlassen  werden.  Deshalb  haben  wir  uns  trotz
schwerer  Bedenken  entschlossen,  die  Frage  der  Notwendigkeit  einer  gesetzlichen
Regelung  zu  bejahen.  Der  Gedanke  eines  Produktions=  und  eines  Handelsmonopols
  müßte  schon  deshalb  fallen  gelassen  werden,  weil  die  Entschädigungssumme,
  die  das  Reich  zu  zahlen  hätte,  eine  enorm  hohe  und
ebenso  hoch  das  Risiko  wäre.  Wir  hatten  zu  wählen  zwischen  einer  Kontingentierung
  und  der  Zwangsvertriebsgemeinschaft.  Die  Lösung  des  Regierungsem
  wurfs  war  eine  glücklichere  als  die  vorliegende.  Es  ist  zu  beauern,

  daß  der  Antrag  auf  eine  Zwangsvertriebsgemeinschaft  für  das  Ausland

  zurückgezogen  worden  ist.  Nachdem  dies  aber  geschehen  ist,  müssen
wir  uns  mit  dem  Kontingentierungsgedanken  befreunden.  Wir  akzeptieren
das  Gesetz,  weil  nichts  Besseres  zu  erreichen  ist.

Nach  langer  Debatte,  bei  der  auch  der  sozialdemokratische  Abg.  Emmel
für  die  Vorlage  eintritt,  wird  §  1  in  der  Kommissionsfassung  angenommen.
Ebenso  werden  die  anderen  Paragraphen  mit  kleinen  Abänderungen  angenommen
  und  darauf  in  dritter  Lesung  das  Gesetz  sofort  en  bloc  ohne
Diskussion  verabschiedet.  Darauf  verliest  der  Reichskanzler  die  kaiserliche
Botschaft,  die  den  Reichstag  bis  zum  8.  November  vertagt.

10.  Mai.  (Berlin.)  Unterzeichnung  des  Vertrages  zwischen
dem  Reichskolonialamt  und  der  deutschen  Kolonialgesellschaft  für
Südwestafrika.

Seine  Grundzüge  enthalten  folgende  Bestimmungen:  „Der  Fiskus
empfängt  31  1½  Prozent  Beteiligung  an  den  von  der  Diamantengesellschaft
erzielten  Gewinnen  und  zwar  nach  einer  Vorzugsdividende  für  die  Anteilseigner
  von  6  Prozent.  Die  Sperre  wird  über  den  1.  April  1911  hinaus
verlängert.  Für  die  nach  diesem  Termin  gefundenen  Diamantenfelder  und
andere  Mineralgebiete  ist  die  Diamantengesellschaft  mit  50  Prozent  zu  beteiligen,
  während  der  Fiskus  oder  andere  etwa  entstehende  Gesellschaften
mit  den  anderen  50  Prozent  zu  beteiligen  sind.  Vertragsmäßig  ist  ge-
        <pb n="288" />
        280  JNoes  Veuische  Reich  vud  seine  einzeluen  Slieder.  (Mai  10.—12.)

sichert,  daß  die  Majorität  für  die  Anteile  der  Diamantengesellschaft  sowohl
wie  der  einer  neu  zu  bildenden  Bergbaugesellschaft  in  deutschen  Händen
bleibt.  Für  den  Fall,  daß  der  Kolonialgesellschaft  die  Pomonafelder  zufallen,
  tritt  sie  deren  Ausbeutung  der  neu  zu  bildenden  Gesellschaft  ab.
Gleiches  geschieht  mit  den  Bergrechten  auf  die  Farm  Marm  Marmora.
Die  Kolonialgesellschaft  tritt  ihren  gesamten  Landbesitz  mit  verschwindenden
Ausnahmen  an  den  Fiskus  ab.  Sie  behält  das  Weichbild  von  Swakopmund
  und  von  Lüderitbucht,  ferner  die  Umgebung  vom  Kap  Croß,  wo
Robben  geschlagen  und  Guano  ausgebeutet  wird,  die  nächste  Umgebung
der  Konzeptlion-  und  Snencerbucht,  ferner  im  Norden  die  Farm  Spitzkopie
und  endlich  im  Süden  die  Farm  Cannons.  Jede  dieser  Farmen  hat  eine
Ausdehnung  von  100000  Hektar.  Die  Kolonialgesellschaft  bleibt  vorläufig
im  Besitz  des  jetzigen  Sperrgebiets,  darf  aber  dort  keine  Veräußerungen
zu  Eigentum  vornehmen.  Es  ist  ihr  demnach  nur  erlaubt  zu  verpachten,
und  sie  ist  verpflichtet,  das  Gebiet  an  den  Fiskus  abzutreten,  sobald  der
Bergbau  in  dem  Sperrgebiet  im  größeren  Umfange  aufgehört  hat.“"  Was
die  Auffassung  dieses  Vertrages  in  den  kolonialen  Kreisen  betrifft,  so  ist
man  dort  der  Meinung,  daß  die  deutsche  Kolonialgesellschaft  zwar  erhebliche
Opfer  bringen  müßte;  sie  dürfte  es  aber  dennoch  begrüßen,  nunmehr  wieder
festen  Boden  zu  haben  und  ihre  Schwingen  entfalten  zu  können.  Sie  beabsichtigt
  denn  auch,  nachdem  sie  als  Landbesitzer  ihre  Stellung  so  gut  wie
verloren  hat,  durch  kommerzielle  und  industrielle  Unternehmungen  eine
neue  Aera  für  die  Kolonialgesellschaft  heraufzuführen.  Dernburgs  Verdienste
  um  das  Zustandekommen  des  Vertrages  werden  dabei  auch  vom
gegnerischen  Lager  rückhaltslos  anerkannt.

10.  Mai.  (Württemberg.)  Abgeordnelenhaus.  Aufnahme
der  Volksschullehrer  unter  die  Staatsbeamten.

Eine  Resolution,  die  die  Regierung  ersucht,  den  Ständen  spätestens
mit  dem  nächsten  Hauptfinanzetat  einen  Gesetzentwurf  über  die  Aufnahme
der  Volkeschullehrer  unter  die  Staatsbeamten  vorzulegen,  wird  durch  Stichentscheidung
  des  Präsidenten  angenommen.

10.  Mai.  (Bayern.)  Der  Lyhzealprofessor  Dr.  O.  Sickenberger

veröffentlicht  eine  Erklärung,  worin  er  die  Behauptung,  daß  der
Ministerialdirektor  im  Kultusministerium  das  von  ihm  abgeleugnete  Diktum
von  den  „suspekten  Persönlichkeiten“  gebraucht  habe,  aufrecht  erhält.  Der
Ministerioldirektor  habe  ihm,  als  er  sich  auf  sein  verfassungsmäßiges  Recht
berufen  habe,  geantworet:  „Das  Recht  ist  eine  Thcorie;  mit  andern  Beamten,
  z.  B.  mit  denen,  die  in  Mischehe  leben,  haben  wir  die  gleiche
Schwierigkeit;  nach  der  Verfassung  haben  ja  auch  die  Juden  gleiches  Recht,
aber  wir  stellen  sie  eben  nicht  an.“

11.  Mai.  (Regensburg.)  Enthüllung  der  Moltkebüste  in
der  Walhalla.

11.  Mai.  Der  Bundesrat  nimmt  den  Kalligesetzentwurf  in
der  vom  Reichstag  beschlossenen  Fassung  an.

12.  Mai.  (Berlin.)  Roosevelt  hält  in  der  Aula  der  Universität
  einen  Vortrag  über  die  Bewegung  der  Weltkultur  und
wird  zum  Ehrendoktor  der  philosophischen  Fakultät  kreiert.

12.  Mai.  (Köln.)  Der  Lehrerverband  verlangt,
        <pb n="289" />
        Das  Denisqhe  Reit  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Mai  12.—22.)  281

„daß  der  Volksschullehrerstand,  der  mehr  als  90  Prozent  des
Volkes  die  Kultur  übermittelt,  in  seiner  Gesamtheit  als  Kulturträger  angesehen
  wird."“

12.  Mai.  (Wilhelmshaven.)  Bei  den  Sprengübungen
der  Minensuchdivifion  ereignet  sich  ein  Unfall,  bei  dem  5  Mann
getötet  und  2  verwundet  werden.

13.  Mai.  (Elsaß-Lothringen.)  Die  Ausweisung  des
Agenten  Wegelin,

eines  Schweizers,  der  Ende  1909  in  einem  Hotel  in  Mühlhausen  die
Marseillaise  hatte  spielen  lassen,  wird  zurückgenommen  (s.  7.  November  1909).

14.  Mai.  (Hagen.)  Zur  Wahlrechtsvorlage.

Der  westfälische  Provinzialvorstand  der  nationalliberalen  Partei
fordert  die  nationalliberale  Fraktion  auf,  die  Wahlrechtsvorlage  nach  den
Beschlüssen  des  Herrenhauses  anzunehmen.

14.  Mai.  (Berlin.)  Beim  Besuche  des  Rooseveltzimmers
in  der  alten  Bauakademie  äußert  sich  Roosevelt:

„Was  mir  in  Deutschland  besonders  aufgefallen  ist,  ist  erstens  die
vortreffliche  Organisation  der  Armee,  zweitens  das  außerordentlich  hohe
eistige  Niveau  des  Volkes  und  drittens  die  industriellen  Erfolge,  die  man
in  Berlin  deutlich  vor  Augen  hat.“"

17.  Mai.  Der  Kaiser  reist  von  Station  Wildpark  ab,  um
den  Beisetzungsfeierlichkeiten  des  Königs  Eduard  VII.  beizuwohnen.

18.  Mai.  (Berlin.)  Der  Maler  Professor  Franz  Skarbina  f,
61  Jahre  alt.

21.  Mai.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Die  Gesamtabstimmung
  über  die  Wahlrechtsvorlage  wird  verfassungsgemäß  wiederholt
  (s.  29.  April).  Die  Annahme  erfolgt  mit  127  gegen  82
Stimmen.

21.  Mai.  (Berlin.)  Das  Landzericht  entscheidet  in  dem
Prozeß  von  Hellfeldt  gegen  Mendelssohn  &amp;amp;  Co.  wegen  der  Beschlagnahme
  der  russischen  Guthaben:  die  Klage  ist  wegen  Ruhens  des
Verfahrens  unwirksam  (s.  3.  Januar).

21.  Mai.  (Göttingen.)  Der  Schöpfer  des  neuen  Bürgerlichen
  Gesetzbuches,  Geheimrat  Gottlieb  Planck  f.  85  Jahre  alt.
Er  war  seit  36  Jahren  völlig  erblindet.

22.  Mai.  (Berlin.)  Zehnte  Hauptversammlung  des  Deutschen
Flottenvereins  im  Reichstagsgebäude.

Großadmiral  von  Köster  sagte  über  die  Abrüstungsfrage:  „So  lange
Seebeuterecht  und  Blockade  noch  nicht  abgeschafft  sind,  wird  man  sich  trotz
aller  möglichen  Abkommen,  Schiedsgerichtsverträge  und  internationaler  Konferenzen
  doch  nicht  in  absoluter  Sicherheit  wiegen  können,  wie  dies  auch
in  den  englischen  Parlamentsdebatten  klar  und  deutlich  zum  Ausdruck  gebracht
  ist.“  Den  Standpunkt  des  Flottenvereins  in  der  Unterseebootsfrage
        <pb n="290" />
        282  Has  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  22.—27.)

präzisierte  er  dahin:  „Wir  haben  dem  Unterseebot  für  die  lokale  Küstenverteidigung
  stets  einen  besonderen  Wert  beigemessen  und  hegen  den  Wunsch,
daß  derselbe  sich  auch  bei  uns  stetig  mehr  und  mehr  entwickeln  und  vervollkommnen
  möge.  Die  Hoffnung,  daß  dasselbe  das  Hochseetorpedoboot
ersetzen  könne,  scheint  mir  allerdings  noch  in  weiter  Ferne  zu  liegen  und
es  könnte  daher  zunächst  nichts  kurzsichtiger  und  verkehrter  sein,  als  wenn
man  die  Ausbildung  der  Torpedobootsflotillen  zugunsten  der  Unterseeboote
zurückstellen  wollte.“  An  den  drei  in  Dienst  gestellten  Schiffen  der  Nassau-Klasse
  und  dem  nahezu  vollendeten  vierten  „Posen“  lobte  er  ihre  vorzüglichen
  Manövriereigenschaften,  ihre  Geschwindigkeit  und  ihre  wirksamen
Offensivwaffen,  Geschütze  und  Torpedos.  Ebenso  sei  die  Stationierung
des  zweiten  deutschen  Geschwaders  in  Wilhelmshaven  von  großer  Beketung.
  Als  Ort  der  Hauptversammlung  im  Jahre  1911  wird  Nürnberg
bestimmt.

22.  Mai.  (Wiesbaden.)  Dritter  Friedenskongreß.

Es  wird  über  die  geringe  Zahl  der  Friedensfreunde  in  Norddeutschland
  und  Ostdeutschland  geklagt.  Stuttgart  wird  als  Zentralort
gewählt.

23.  Mai.  (Hannover.)  Zur  Wahlrechtsvorlage.

Der  Provinzialvorstand  der  nationalliberalen  Partei  in  Hannover
erklärte  sich  einstimmig  mit  aller  Entschiedenheit  gegen  die  Beschlüsse  des
Herrenhauses  in  der  Wahlrechtsvorlage  und  hält  an  der  Forderung  des
direkten  und  geheimen  Wahlrechtes  fest.  (Siehe  14.  Mai  Hagenl)

23.  Mai.  (Stuttgart.)  Zusammentritt  der  Reichsschulkommission
  unter  Vorsitz  des  Wirkl.  Geh.  Oberregierungsrats
Dr.  Kelch.

24.  Mai.  (Bayern.)  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt
einen  Antrag  auf  Erhebung  von  Eintrittsgeldern  in  den  bayerischen
Staatsgalerien.

25.  Mai.  (Potsdam.)  Der  Kaiser  trifft  von  den  Beisetzungsfeierlichkeiten
  Königs  Eduards  VII.  im  Neuen  Palais  ein.

25.  Mai.  Die  Unterredung  des  Kaisers  mit  Pichon.

Die  „Nordd.  Allg.  Zig.“  schreibt:  „Die  ausländische  Presse  beschäftigt
sich  mit  einem  Bericht  des  „Matin“,  nach  welchem  Seine  Majestät  der
Kaiser  in  einer  Unterredung  mit  dem  Vertreter  der  französischen  Regierung
Herrn  Minister  Pichon  in  London  von  der  Gründung  einer  europäischen
Konföderation  gesprochen  haben  soll.  Richtig  ist,  daß  Seine  Moajestät  dem
französischen  Minister  gegenüber  seine  Zuversicht  in  die  Aufrechterhallung
des  europäischen  Friedens  und  seinen  festen  Willen,  alles,  was  an  ihm
liegt,  dazu  beizutragen,  ausgesprochen  hat.  Der  Gedanke,  einen  europäischen
Staatenbund  zu  bilden,  ist  nicht  Gegenstand  des  Gespräches  gewesen  und
liegt  Seiner  Majestät  fern.“

26.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Ein  Zentrumsantrag
  Porsch  verlangt,  die  Wahlrechtsvorlage  in  allen  Punkten
nach  den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses  vom  16.  März  und
12.  April  d.  J.  wieder  herzustellen.

27.  Mai.  (Preuß.  Abg.-Haus.)  Die  Wahlrechtsvorlage
        <pb n="291" />
        Das  Ventsche  Reich  und  seine  eingelnen  Glieder.  (Mai  27.)  283

in  der  Fassung  des  Herrenhauses  wird,  nachdem  §  6  abgelehnt  ist,
von  der  Regierung  zurückgezogen.

Es  sind  von  der  konservativen  Partei  durch  den  Abg.  v.  Richthofen  und
von  der  nationalliberalen  Partei  durch  die  Abg.  Hobrecht  und  Gen.  Abänderungsanträge
  eingebracht.  Der  konservative  Antrag  will  die  Drittelung
nach  Gemeindebezirken  nur  bei  Orten  bis  zu  5000  Einwohner  zulassen,
und  die  Gemeindesteuerzuschläge  bei  Aufstellung  der  Listen  nicht  zurechnen.
Der  nationalliberale  Antrag  verlangt  direkte,  geheime  Wahl,  Vergrößerung
der  Stimmbezirke,  Festsetzung  einer  Minimalzahl  in  der  1.  und  2.  Abteilung
und  Fristwahl  statt  Terminswahl.  Ein  Zentrumsantrag  verlangt  Wiederherstellung
  der  Vorlage  nach  den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Es  mag  auffallend  erscheinen,
  daß  ich  zu  den  wichtigsten  der  dem  hohen  Hause  vorliegenden  Anträgen
  das  Wort  ergreife,  noch  ehe  die  Herren  Redner  der  Fraktionen
Gelegenheit  hatten,  ihre  Anträge  zu  begründen.  Nachdem  indessen  die
Materie  dieser  Anträge  hier  im  Abgeordnetenhause  und  im  Herrenhause
wiederholt  eingehend  und  vielfach  behandelt  worden  ist,  möchte  ich  glauben,
daß  es  einem  Wunsche  der  Parteien  entspricht,  wenn  ich  die  Stellungnahme
  der  kgl.  Staatsregierung  zu  diesen  Anträgen  ganz  kurz  präzisiere.

Was  zunächst  den  Antrag  Nr.  403  des  Frhr.  v.  Richthofen  anbetrifft,
der  die  Drittelung  der  Wahlbezirke  behandelt,  so  hat  die  kgl.  Staatsregierung
  die  darin  vorgeschlagene  Lösung  bereits  in  den  Verhandlungen  des
Herrenhauses  als  nicht  genügend  bezeichnet.  Dabei  bleibt  die  kgl.  Staatsregierung
  stehen.  Dasselbe  gilt  natürlich  auch  gegenüber  dem  Antrage  des
Herrn  Abg.  Dr.  Porsch  auf  Wiederherstellung  der  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses
  in  allen  ihren  Einzelheiten.  Ich  glaube  mich  einer  näheren
Ausführung  hierüber  enthalten  zu  können.  Zu  dem  Vorschlage,  die  direkte
und  geheime  Wahl  gleichzeitig  einzuführen,  den  der  nationalliberale  Antrag
Nr.  406  wieder  bringt,  habe  ich  mich  bereits  am  16.  März  namens  der
kgl.  Staatsregierung  in  diesem  hohen  Hause  ablehnend  geäußert.  Die  kgl.
Staatsregierung  kann  die  Stellung,  die  sie  in  diesen  Fragen  eingenommen
und  namentlich  auch  in  den  Verhandlungen  des  Herrenhauses  mit  Nachdruck
  vertreten  hat,  nicht  verlassen.  Wenn  daher  eine  Mehrheit  in  diesem
hohen  Hause  außerstande  sein  sollte,  die  Herrenhausbeschlüsse  zur  Grundlage
  ihrer  Entscheidungen  zu  machen,  so  sehe  ich  allerdings  keine  Aussicht,
mit  der  Vorlage  zu  einem  positiven  Ergebnis  zu  kommen.

Abg.  v.  Heydebrand  (K.):  Ich  habe  die  Aufgabe,  die  Stellungnahme
  meiner  politischen  Freunde  zu  den  eingebrachten  Anträgen  kundzugeben.
  Dem  Antrag  des  Zentrums,  die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses
  wiederherzustellen,  sind  wir  nicht  in  der  Lage  zuzustimmen.  Dasselbe
  gilt  auch  von  den  nationalliberalen  Anträgen.  Unsere  eigenen  Anträge
  sind  von  der  Absicht  geleitet,  dem  Wunsche  des  Herrenhauses  entgegenzukommen.
  Die  Anträge  beziehen  sich  auf  die  Drittelung  in  der
Gemeinde.  Die  Anträge  des  Herrenhauses  bringen  eine  andere  Organisation
  der  Stimmbezirke.  Wir  bedauern,  diesen  Anträgen  nicht  zustimmen
zu  können  und  zwar  deshalb,  weil  diese  Anträge  es  versäumen,  genügende
Rücksicht  auf  die  Entwickelung,  welche  die  Drittelungsfrage  seit  ihrer  Entstehung
  genommen  hat,  zu  nehmen.  Es  ist  bekannt,  daß,  als  wir  die
Miaquelsche  Steuerreform  beschlossen,  es  nicht  möglich  gewesen  wäre,  eine
Mehrheit  für  dieses  bedeutende  Werk  zu  erlangen,  wenn  nicht  damals  ausdrücklich
  eine  Bestimmung  eingefügt  worden  wäre,  welche  dahin  ging,  den
Einfluß  der  ganz  großen  Vermögen  in  gewissen  Gruppen  zu  lokalisieren.
Dann  ist  von  den  Vertretern  der  Staatsregierung  ausgesprochen  worden,
        <pb n="292" />
        284  Das  Veesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  27.)

daß  sie  eine  solche  Ordnung  nicht  wünschen  und  wollen,  wenn  dieses  Wahlrecht
  nicht  in  der  plutokratischen  Form  eingeschränkt  werde,  mindestens  in
gewissen  Urwahlbezirken.  Wenn  man  eine  solche  Entwickelung  vor  sich  sieht,
so  kann  man  diese  Frage  nicht  mit  einemmal  von  einem  andern  Gesichtspunkt
  behandeln,  sondern  es  muß  ein  Weg  gefunden  werden,  der  den  Tendenzen
  von  damals  wenigstens  in  einer  Weise  entgegenkommt,  die  mit  den
heutigen  Verhältnissen  vereinbar  ist.  Wir  glauben,  daß  das  Herrenhaus
zu  weit  geht.  Es  muß  der  Einfluß  der  großen  Vermögen  zugunsten  des
Mittelstandes  eingeschränkt  werden.  Denn  wenn  das  heutige  Wahlrecht
sich  so  ausgezeichnet  bewährt  hat,  so  verdanken  wir  dies  nur  der  Tatsache,
daß  es  ein  Mittelstandswahlrecht  ist  und  dieses  wird  durch  die  Beschlüsse
des  Herrenhauses  beeinträchtigt  oder  annulliert.  Das  kann  eine  Partei
wie  die  unfsrige,  die  die  Interessen  des  Mittelstandes  vertritt  (Zurufe  l.:
Mit  Worten  vertreten  Sie  den  Mittelstand,  wir  mit  der  Tat),  nicht  mitmachen.
  Diese  Frage  muß  in  einer  Weise  geregelt  werden,  die  im  großen
und  ganzen  die  fraglichen  Gesichtspunkte  aufrecht  erhält.  Die  Beschlüsse
des  Herrenhauses  können  überhaupt  nicht  durchgeführt  werden,  weil  sie
Lücken  enthalten,  die  durch  die  Verwaltungsbehörde  nicht  ausgefüllt  werden
können  und  sollen.  Es  ist  auch  nötig,  daß  die  vom  Herrenhaus  eingeführten
Stimmbezirke  von  einer  staatlichen  und  nicht  von  einer  Gemeindebehörde
eingerichtet  werden.  (Zurufe  I.:  Landrat!)  Wir  konnten  bisher  nicht  glauben,
daß  die  Staatsregierung  auf  die  Drittelungsvorschläge  des  Herrenhauses
solchen  Wert  legen  würde,  daß  sie  unserc  Vorschläge  als  unannehmbar  bezeichnet.
  Ich  muß  die  Verantwortung  für  ein  Scheitern  der  Vorlage  für
uns  ablehnen  und  muß  der  Staatsregierung  anheimgeben  zu  erwägen,
ob  nicht  die  Stellung,  welche  sie  eingenommen  hat,  die  Ursache  ist,  wenn
zu  unserem  großen  Bedauern  aus  der  Vorlage  nichts  werden  sollte.  Die
Behauptungen  der  Gegner  werden  uns  nicht  davon  abbringen,  daß  wir
bemüht  gewesen  sind,  unsere  eigenen  Wünsche  in  ganz  wesentlichen  Fragen
zurückzustellen,  und  zwar  aus  dem  Gesichtspunkt,  daß  wir  mit  den  bürgerlichen
  Parteien,  zwischen  denen  wir  keinen  Unterschied  machen,  gemeinsam
arbeiten  wollen  gegenüber  den  Tendenzen,  die  sich  gegen  den  preußischen
Staat  überhaupt  richten,  um  etwas  Positives  zustande  zu  bringen.  Im
Herrenhause  ist  gesagt  worden,  das  Prinzip  der  öffentlichen  Wahl  sei  von
uns  geopfert  worden.  Davon  kann  absolut  keine  Rede  sein.  Wir  stehen
auch  heute  noch  auf  dem  Standpunkte,  daß  die  öffentliche  Wahl  das  einzig
Richtige  ist.  Ich  konstatiere  hier  vor  dem  Lande,  daß  weder  vor  noch
hinter  den  Kulissen  etwas  von  meinen  politischen  Freunden  gesagt  wurde,
was  mit  dieser  Auffassung  nicht  vereinbar  ist.  Man  kann  uns  nicht  vorwerfen,
  daß  wir  die  öffentliche  Wahl  preisgegeben  haben.  Gewiß  haben
wir  für  einzelne  Anträge  gestimmt,  die  die  geheime  Wahl  enthalten.  Wir
haben  schließlich  auch  für  das  ganze  Gesetz  gestimmt,  das  die  geheime  Wahl
enthält,  aber  tun  Sie  nicht  alle  Tage  dasselbe,  daß  Sie  Gesetzen  zustimmen,
die  nicht  in  allen  Teilen  Ihren  Wünschen  entsprechen?  Wir  haben  ein
großes  Zugeständnis  gemacht,  als  wir  dem  Gesetze  zustimmten.  Aber  wir
haben  damit  keinesfalls  ein  Präjudiz  für  die  Zukunft  schaffen  wollen.
Wir  werden  auch  in  Zukunft  alle  unsere  Wünsche,  die  wir  jetzt  haben
zurückstellen  müssen,  mit  dem  Nachdruck  zur  Geltung  bringen,  der  uns  zur
Verfügung  steht.  Wir  sind  soweit  entgegengekommen,  als  es  ging.  Aber
wir  müssen  die  Grenzen  innehalten,  die  uns  durch  unsere  Ueberzeugung
geboten  sind,  und  wenn  darüber  als  Konsequenz  ein  Scheitern  der  Vorlage
erfolgen  sollte,  so  tragen  wir  nicht  die  Schuld.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Herr  v.  Heydebrand
hat  im  Laufe  seiner  Ausführungen  erklärt,  seine  Freunde  hätten  nicht
        <pb n="293" />
        Das  Dentshe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  27.)  285

wissen  können,  daß  die  kgl.  Staatsregierung  im  Herrenhause  auf  die  Drittelungsfrage
  ein  so  entscheidendes  Gewicht  legen  würde.  Er  hat  sich  zum
Beweise  dieser  Behauptung  auf  eine  Erklärung  berufen,  die  ich  bei  der
dritten  Lesung  hier  im  Hause  abgegeben  habe.  Ich  möchte,  damit  kein
Mißverständnis  für  die  Zukunft  entsteht,  hervorheben,  daß  ich  hier  im  hohen
Hause  in  der  dritten  Lesung  erklärt  habe,  die  kgl.  Staatsregierung  werde
sehen,  sich  mit  dem  Prinzip  der  indirekten  und  geheimen  Wahl  abzufinden,
wie  es  von  dem  Hause  beschlossen  worden  ist.  Dann  aber  habe  ich  ausdrücklich
  erklärt,  daß  die  kgl.  Staatsregierung  sich  an  die  Einzelheiten  des
Gesetzes  nicht  binden  könne.  Daß  bei  diesen  Einzelheiten  neben  der  Frage
der  Kulturträger  auch  die  Drittelungsfrage  die  erste  Rolle  spielen  würde,
das  konnte  doch  wohl  nach  den  Verhandlungen,  die  vor  und  hinter  den
Kulissen  gespielt  haben,  nicht  zweifelhaft  sein.  In  der  Sache  moöchte  ich
nur  einige  wenige  Bemerkungen  machen,  weshalb  die  kgl.  Staatsregierung
der  Drittelungsfrage  die  große  Bedeutung  beigelegt  hat.  In  der  Regierungsvorlage
  war  an  der  alten  Drittelung  nichts  geändert,  weil  die  Unstimmigkeiten
  und  Ungleichheiten  in  ihrer  Bedeutung  und  Wirkung  durch
die  direkte  Wahl  abgeschwächt  wurden.  Als  sich  nun  aber  aus  der  Stellung
dieses  Hauses  ergab,  daß  die  direkte  Wahl  nicht  durchzuführen  sei,  erklärte
sich  die  kgl.  Staatsregierung  damit  einverstanden,  auf  den  Boden  der  indirekten
  Wahl  zu  treten.  Sie  hat  dies  nur  mit  großem  Bedenken  getan.
Sie  ist  auch  heute  noch  der  Ansicht,  daß  die  Regierungsvorlage  das  Bessere
war.  Als  nun  aber  die  kgl.  Staatsregierung  auf  den  Boden  der  Beschlüsse
des  Abgeordnetenhauses  trat,  um  der  Vorlage  ein  Zustandekommen  zu
sichern,  da  war  für  die  kgl.  Staatsregierung  der  Zeitpunkt  gekommen  zu
überlegen,  ob  bei  der  indirekten  Wahl  die  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken
noch  eine  genügende  Stabilisierung  biete.  Die  kgl.  Staatsregierung  kam
zu  dem  Schlusse,  daß  zu  einer  genügenden  Stabilisierung  eine  andere
Drittelung  erwünscht  wäre,  um  etwas  Solides  zu  schaffen.  Dadurch  ist
die  kgl.  Staatsregierung  bewogen  worden,  ihren  jetzigen  Standpunkt  einzunehmen.
  Herr  v.  Heydebrand  hat  nun  zum  Schluß  seiner  Ausführungen
gesagt,  seine  Partei  könne  mit  gutem  Gewissen  auf  ihre  Haltung  zurückblicken,
  die  sie  in  der  ganzen  Frage  eingenommen  habe.  Ich  erkenne  oft
und  dankbar  an,  daß  die  Konservativen  —  in  gewissem  Sinne  auch  das
Zentrum,  das  haben  Sie  dem  Zentrum  ja  zum  Vorwurf  gemacht  —,  also
daß  die  konservative  Partei  und  auch  das  Zentrum  auf  eine  ganze  Reihe
Wünsche,  die  ihrer  Ueberzeugung  entsprangen,  verzichtet  haben,  um  es  der
kgl.  Staatsregierung  möglich  zu  machen,  zu  einem  positiven  Ergebnis  zu
kommen.  Ich  erkenne  das  oft  und  dankbar  in  jeder  Beziehung  an.  Herr
v.  Heydebrand  hat  nun  hinzugefügt,  es  gibt  für  eine  große  Partei,  die
etwas  auf  ihre  Autorität  und  ihr  Ansehen  hält,  eine  Grenze,  über  die
hinaus  ein  Nachgeben  nicht  mehr  möglich  ist.  In  derselben  Lage  befindet
sich  auch  die  kgl.  Staatsregierung.  Die  kgl.  Staatsregierung  hat  auch  ein
großes  Entgegenkommen  gezeigt,  als  sie  auf  den  Boden  der  Beschlüsse  des
Abgeordnetenhauses  bezüglich  der  geheimen  und  indirekten  Wahl  trat.
Wenn  nun  aber  die  kgl.  Staatsregierung  es  nach  ihrer  Ueberzeugung  für
nötig  hält,  um  das  Prinzip  des  preußischen  Wahlrechtes,  das  unter  allen
Umständen  ein  abgestuftes  Wahlrecht  sein  muß,  aufrecht  zu  erhalten,  daß
eine  andere  Drittelung  erfolgt,  und  diesen  Standpunkt  mit  allem  Nachdruck
im  Herrenhause  vertreten  hat,  so  wird  mir  auch  Herr  v.  Heydebrand  zustimmen
  müssen,  daß  es  für  die  kgl.  Staatsregierung  eine  Grenze  gibt,  wo
sie  sich  sagen  muß:  Von  dieser  Position  können  wir  nicht  mehr  herunter.
Wenn  das  Ergebnis  sein  sollte,  daß  wir  nicht  zu  einem  positiven  Ergebnis
kommen,  so  werde  ich  das  aus  den  allgemein-politischen  Gründen,  die  auch
        <pb n="294" />
        286  IIILIIIIIILLIEIIITII

Herr  v.  Heydebrand  hier  angeführt  hat,  ebenso  bedauern  wie  er.  Das
kann  aber  die  kgl.  Staatsregierung  nicht  davon  entbinden,  eine  Stellung,
die  sie  eingenommen  hat,  festzuhalten  und  auf  ihr  zu  bestehen,  selbst  auf
die  Gefahr  hin,  daß  eine  Majorität  für  ein  positives  Zustandekommen  des
5  sich  in  diesem  Hause  nicht  finden  sollte.  (Vereinzelter  Beifall  b.
.  Fr

Abg.  Herold  (3.):  Die  Vorzüge  der  geheimen  Wahl  stehen  außer
aller  Frage.  Wir  fordern  sie  nicht  aus  Parteitaktik.  Aber  sie  ist,  wie
auch  die  heutige  Erklärung  des  Ministerpräsidenten  dartut,  in  Verbindung
mit  der  direkten  Wahl  nicht  zu  erreichen.  Deshalb  darf  niemand,  der  die
geheime  Wahl  nicht  gefährden  will,  jetzt  die  direkte  Wahl  fordern.  Wer
das  tut,  dem  ist  es  nicht  Ernst  mit  der  geheimen  Wahl.  Die  Drittelung
in  den  Urwahlbezirken  hat  sich  seit  zwanzig  Jahren  bewährt,  da  ist  es  unbegreiflich,
  daß  die  Regierung  jetzt  unter  allen  Umständen  auf  ihrer  Beseitigung
  besteht.  Auch  Frhr.  v.  Zedlitz  hat  seinerzeit  den  Antrag  auf  Einführung
  der  Drittelung  nach  Urwahlbezirken  unterschrieben.  Von  der
Maximierung  ist  in  den  Herrenhausbeschlüssen  fast  nichts  mehr  übriggeblieben.
  Der  Kulturträgerparagraph  verschärft  nur  die  Klassenunterschiede.
Wenn  wir  trotzdem  der  Privilegierung  der  Abiturienten  seinerzeit  zustimmten,
  so  geschah  es,  weil  wir  den  anderen  Parteien  und  der  Regierung
entgegenkommen  wollten.  In  der  Fassung  des  Herrenhauses  müssen  wir
den  Kulturträgerparagraphen  ablehnen,  so  wertvoll  uns  die  geheime  Wahl
ist,  mit  der  Zustimmung  zu  dem  Kulturträgerparagraphen  wollen  wir  sie
nicht  erkaufen.  Der  Redner  wendet  sich  dann  gegen  die  das  Zentrum  bekämpfende
  Rede  des  Herrenhausmitgliedes  Dr.  Hamm  und  wirft  unter  dem
Beifall  des  Zentrums  diesem  Verschärfung  der  konfessionellen  Gegensätze
vor.  Solche  Angriffe  werden  uns  in  unserer  Arbeit  im  Interesse  des
Reiches,  des  Staatswohls  und  der  Monarchie  nicht  hindern.  Wir  beklagen
es,  daß  aus  der  Vorlage  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nichts  werden  wird.
Wir  hatten  die  Vorlage  als  eine  wesentliche  Verbesserung  des  Wahlrechts
betrachtet  und  versprachen  uns  von  ihr  auf  Jahre  hinaus  eine  beruhigende
Wirkung.  Wir  sind  nicht  schuld  an  dem  Scheitern  der  Vorlage.  Wir  vertrauen
  auf  die  Zukunft,  daß  dann  ein  besseres  Wahlrecht  kommen  wird.

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  Als  ich  das  letztemal  hier  über  die
Wahlrechtsvorlage  sprach,  ging  ich  davon  aus,  daß  wir  grundsätzlich  auf
dem  Standpunkt  stehen,  daß  nur  die  direkte  Wahl  in  Verbindung  mit  der
geheimen  Wahl  eine  befriedigende  Lösung  bringen  kann,  daß  wir  trotzdem
zu  einer  Verständigung  geneigt  seien,  wenn  man  uns  in  einer  Reihe  von
Punkten  entgegenkomme,  die  die  schwersten  Bedenken  gegen  das  Kompromiß
zwischen  Zentrum  und  Konservativen  beseitigt.  Wir  legten  schon  damals
ganz  besonderes  Gewicht  auf  die  Beseitigung  oder  wenigstens  Abschwächung
der  Drittelung  im  Urwahlbezirk.  Wir  gingen  von  der  Ueberzeugung  aus,
daß  diese  Drittelung  das  ganze  System,  die  ganze  Grundlage  unseres
Wahlrechts  geradezu  auf  den  Kopf  stellt.  Ich  hob  auch  hervor,  daß  diese
Bestimmung  namentlich  von  der  Industrie  des  Westens  als  eine  Entrechtung
  empfunden  werde,  ein  Ausdruck,  über  den  Herr  Herold  sich  mächtig
aufregte,  den  ich  aber  trotzdem  wiederholen  muß.  Wenn  Herr  Herold  demgegenüber
  darauf  hinwies,  daß  diese  Bestimmung  dem  Mittelstand  ein
höheres  Wahlrecht  gäbe,  so  habe  ich  doch  darauf  hinweisen  können,  daß
der  Mittelstand  nur  sehr  wenig  Fortschritte  in  die  höheren  Klassen  hat
machen  können.  Auch  darin  irrt  sich  Herr  Herold,  wenn  er  meint,  daß
damit  1893  ein  Kompromiß  geschlossen  sei,  wonach  eine  solche  Bestimmung
in  das  Gesetz  unbedingt  hineinkommen  müsse,  und  zwar  als  dauernde  Bestimmung.
  Gerade  der  Redner  des  Zentrums,  Frhr.  v.  Heeremann,  hat
        <pb n="295" />
        ILIIIEIEIIIIIII  27.)  287

ausdrücklich  hervorgehoben,  daß  die  Zentrumspartei  diese  Bestimmung  nur
als  ein  Notgesetz  betrachte  bis  zu  einer  besseren  Regelung  des  Wahlrechts.
Wir  verhehlen  uns  nicht  und  haben  uns  niemals  verbehlt,  daß,  wenn  wir
die  Drittelung  beseitigen,  damit  allerdings  in  unser  Wahlrecht  eine  plutokratische
  Tendenz  hineinkommt.  Wir  haben  uns  darauf  beschränkt,  eine
Vermehrung  der  Mandate  für  jene  Bezirke  zu  fordern,  die  besonders  benachteiligt
  sind.  Wir  haben  durch  diese  maßvollen  Forderungen,  die  uns
schon  ein  ganzes  Stück  von  unserer  prinzipiellen  Ansicht  abbringen,  gewiß
grofes  Entgegenkommen  gezeigt,  aber  wir  haben  auf  der  anderen  Seite
einen  Zweifel  gelassen,  daß  das  die  Mindestforderungen  sind,  unter  die  wir
auf  keinen  Fall  hinuntergehen  können.  Nun  hat  das  Herrenhaus  die  Hand
geboten  zu  einer  Abschwächung  der  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken  und
hat  weite  Kreise  zu  großem  Dank  verpflichtet.  Es  ist  dankbar  anzuerkennen,
daß  das  im  großen  und  ganzen  konservative  Herrenhaus  sich  durch  die
Kompromisse  in  diesem  Hause  nicht  hat  beirren  lassen.  Ich  bin  bei  dieser
Gelegenheit  auch  dem  Herren  Mininerpräsidenten  Anerkennung  schuldig
dafür,  daß  er  mit  seiner  Person  für  diese  Anträge  eingetreten  ist.  Ich
möchte  unseren  Dank  dafür  aussprechen,  daß  die  Regierung  bemüht  war,
etwas  Brauchbares  zustande  zu  bringen,  und  ich  kann  diesen  Dank  mit
derselben  Aufrichtigkeit  aussprechen,  wie  der  Abg.  v.  Heydebrand  seinen
Dank.  Wir  sind  weiter  entgegengekommen  als  die  Konservativen,  und
wenn  der  Abg.  v.  Heydebrand  sagt,  es  gibt  gewisse  Grenzen  für  die  Ueberzeugung
  der  Rechten,  so  muß  ich  sagen:  Ob  die  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken
  oder  in  größeren  Bezirken  erfolgt,  das  kann  doch  keine  Prinipienfrage
  sein.  Da  müssen  andere  Rücksichten  politischer  Natur  mitsorechen
  als  Prinzipienfragen.  Einem  größeren  Teil  meiner  politischen
Freunde  würde  aber  auch  die  Vorlage  des  Herrenhauses  noch  nicht  annehmbar
  erscheinen.  Wir  mußten  uns  die  Frage  vorlegen,  ob  das  vom
Herrenhaus  Beschlossene  als  eine  Abschlagszahlung  von  uns  betrachtet
werden  kann.  Nach  nochmaliger  fachkundiger  und  gewissenhafter  Prüfung
müssen  wir  diese  Frage  mit  einem  glatten  Nein  beantworten.  Wir  können
von  unseren  Mindestforderungen  nicht  abgehen,  wenn  das  Gesetzgebungswerk
  überhaupt  noch  unter  dem  Gesichtswinkel  einer  Reform  betrachtet
werden  soll.  Deshalb  haben  wir  in  letzter,  ernster  Stunde  uns  noch  einmal
  der  Pflicht  unterzogen,  eine  Reihe  von  Anträgen  einzubringen,  um
damit  aufs  neue  zu  dokumentieren,  daß  uns  an  positiver  Arbeit  bis  zum
letzten  Moment  gelegen  ist.  Wenn  wir  an  die  Spitzee  den  Antrag  über
die  Wiedereinführung  eines  direkten  Wahlrechts  gestellt  haben,  so  würden
wir  uns  ja  außerordentlich  freuen,  wenn  dieser  Antrag  Annahme  fände.
Aber  wir  geben  uns  selbstverständlich  in  der  Beziehung  keiner  Selbsttäuschung
  hin.  Dennoch  legen  wir  einen  sehr  großen  Wert  auf  diesen  Antrag.
  Wir  bekunden  damit  noch  einmal,  daß  die  direkte  und  geheime  Wahl
das  Endziel  ist,  dem  wir  unter  allen  Umständen  zustreben,  daß  wir  die
Wahlrechtsfrage  in  Preußen  solange  nicht  als  gelöst  ansehen  können,  bis
dieses  Ziel  erreicht  ist,  daß  alle  anderen  Lösungen,  die  eventuell  möglich
sein  sollen,  von  uns  nur  als  eine  Etappe  auf  diesem  Wege  betrachtet
werden.  Das  soll  auch  die  konservative  Partei  einsehen,  denn  wenn  diese
Wahlrechtsvorlage  nach  ihren  Wünschen  verabschiedet  worden  wäre,  so  würde
es  doch  nur  eine  Frage  sein,  ob  sich  die  indirekte  Wahl  aufrechterhalten
läßt.  Ein  technisch  so  verkehrtes  und  innerlich  unwahres  Prinzip  kann
sich  auf  die  Dauer  nicht  halten.  Für  den  Fall  der  Ablehnung  dieses
Prinzipialantrages  schlagen  wir  Vergrößerung  der  Urwahlbezirke  in  demselben
  Maße  vor,  wie  es  die  Regierungsvorlage  bereits  gebracht  hatte.
Wir  schlagen  Ihnen  die  Maximierung  vor,  um  den  plutokratischen  Charakter
        <pb n="296" />
        288  Da-  —  Beich  und  seine  eimelnen  Glieder.  (Mai  27.)

des  Wahlrechts  abzumindern.  Aus  demselben  Grunde  schlagen  wir  die
Minimierung  vor.  Wir  wünschen  weiter,  wenn  die  Bestimmungen  über
die  Kulturträger  überhaupt  angenommen  werden,  sie  dahin  abzuändern,
daß  vor  allen  Dingen  der  gewerbliche  Mittelstand  und  auch  die  städtische
Selbstverwaltung  besser  berücksichtigt  werden  als  nach  den  Beschlüssen  des
Herrenhauses.  Wir  wollen  auch  die  Vorschriften  über  die  Fristwahl  wieder
hergestellt  sehen.  Ich  muß  darin  dem  Abg.  Herold  vollkommen  zustimmen,
daß  nach  dieser  Richtung  hin  die  Beschlüsse  des  Herrenhauses  nur  Verschlechterungen
  bringen,  die  unter  Umständen  aus  dem  Wege  geräumt
werden  müssen.  Endlich  schlagen  wir  Ihnen  noch  eine  Resolution  auf
Vermehrung  der  Abgeordneten  vor.  Dadurch,  daß  wir  diese  Anträge  eingebracht
  haben,  nehmen  wir  konsequent  denselben  Standpunkt  ein,  den  wir
von  Anbeginn  in  diesen  Verhandlungen  angenommen  haben.  Die  konservativen
  Anträge  sind  kein  Entgegenkommen.  Ich  habe  das  Gefühl,  daß
der  Abg.  Richthofen,  unter  dessen  Namen  die  Anträge  segeln,  in  diesen
schweren  und  ernsten  Zeiten  den  Humor  noch  nicht  verloren  hat.  Ich  sehe
in  den  Anträgen  ein  gewisses  Sichlustigmachen  über  die  Mittelparteien.
Bereits  am  16.  März  hat  Frhr.  v.  Zedlitz  diese  Anträge  als  ein  Linsengericht
  bezeichnet,  durch  das  die  Zustimmung  der  Freikonservativen  nicht
erkauft  werden  könne.  Also  auch  dort  werden  diese  Anträge  nicht  als  ein
Entgegenkommen  angesehen.  Die  Anträge  werfen  den  Mittelparteien  einen
kleinen  Brocken  hin,  der  außerdem  die  vorzügliche  Eigenschaft  hat,  daß  er
dem  Zentrum  nicht  mißfällt.  Einer  der  konservativen  Anträge  besagt  eigentlich
  nichts  weiter,  als  daß  für  gewisse  Fälle  die  Rechte  der  ersten  Klasse
auf  die  zweite  und  dritte  Klasse  übertragen  werden.  Der  Antrag  ist  also
weit  radikaler  als  irgend  ein  anderer  Antrag.  Er  krönt  gewissermaßen
die  Rechtlosmachung  der  Industrie  des  Westens.  Das  macht  dieselbe  konservative
  Partei,  die  sich  immer  so  zärtlich  bemüht,  die  Vertreter  der  Industrie
  des  Westens  in  ihre  Arme  aufzunehmen!  Für  die  konservative
Partei  hat  freilich  dieser  Antrag  nicht  viel  zu  bedeuten,  und  man  kann
deshalb  im  Westen  schön  radikal  sein  auf  Kosten  anderer.  Der  konservative
Antrag  über  die  Maximierung  könnte  annehmbar  sein,  wenn  der  Antrag
Schorlemer  aufrecht  erhalten  worden  wäre.  Die  konservative  Partei  aber
will  ja  diesen  Antrag  zerstören.  Der  Mimsterpräsident  hat  bereits  hervorgehoben,
  daß  die  Annahme  des  Antrages  Schorlemer  im  Herrenhause  mit
einer  überraschenden  Einmütigkeit  erfolgt  ist.  Wenn  sich  die  konservative
Partei  diesem  Herrenhausbeschluß  entgegenstellt,  so  ist  das  ihre  Sache,  aber
was  würde  geschehen,  wenn  etwa  die  liberale  Seite  des  Hauses  es  so  machen
würde.  Wie  würde  man  sich  entrüsten  über  die  mangelnde  Rücksichtnahme
auf  die  anderen  gleichberechtigten  Faktoren  der  Gesetzgebung.  Vielleicht
wird  die  Stellungnahme  der  Konservativen  doch  etwas  Gutes  bewirken.
Vielleicht  wird  die  Wirkung  der  Stellung  der  Konservativen  die  sein,  daß
die  Wahlrechtsfrage  in  einem  späteren  Zeitpunkt  unter  besseren  Auspizien
an  dieses  Haus  herantreten  wird.  (Lebhafter  Beifall  l.)

Inzwischen  ist  eine  Resolution  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  eingegangen,
  die  eine  Neueinteilung  der  Wahlkreise  auf  Grund  der  Volkszählung
  fordert.

Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (Frk.):  Ich  glaube,  man  wird  auch  nach
dieser  Begründung  der  nationalliberalen  Partei  den  Vorwurf  nicht  ersparen
  können,  daß  sie  sich  den  Bismarckschen  Grundsatz  aller  Politik  nicht
vor  Augen  gehalten  hat:  das  im  Augenblick  Erreichbare  zu  erstreben.  Sie
hat  vielmehr  Forderungen  aufgestellt,  die  niemals  in  diesem  Hause,  im
Herrenhause  und  bei  der  Regierung  Zustimmung  gefunden  hätten.  Ich
fürchte,  die  nationalliberale  Partei  hat  auch  jetzt  wieder  den  richtigen
        <pb n="297" />
        ILIIIIIIIEIIIIIIIT  289

Moment  verpaßt,  bei  einer  wichtigen  Entscheidung  für  die  Entwicklung
unseres  Vaterlandes  mitzuwirken.  Sie  ist  wohl  allzu  nervös  geworden
gegenüber  dem  Geschrei  zahlreicher  Wähler,  die  nur  die  Parteiinteressen
für  die  nächsten  Reichstagswahlen  auf  sich  genommen  haben,  nicht  aber
die  dauernden  Bedürfnisse  des  Landes.  In  ähnlicher  Weise  ist  ja  auch
von  der  nationalliberalen  Partei  bei  der  Reichsfinanzreform  verfahren
worden.  Im  Lande  draußen  sieht  man  bereits  die  Nationalliberalen  als
die  Mitglieder  der  großen  liberalen  Partei  an.  Die  Nationalliberalen
werden  es,  wenn  sie  so  fortfahren,  Politik  zu  machen,  schwer  haben,  die
mittelparteiliche  Stellung,  die  ihrer  Geschichte  entspricht,  aufrecht  zu  erhalten,
und  in  ihre  Stellung  vor  1867  zurückfallen.  Nun  zur  Stellungnahme  meiner
Partei.  Der  Antrag  Schorlemer,  wie  er  im  Herrenhause  von  allen  Mitgliedern
  der  großen  konservativen  Fraktion  einstimmig  angenommen  worden
ist,  ist  durch  und  durch  konservativ.  Der  Antrag  war  dazu  bestimmt,  auf
der  einen  Seite  das  Dreiklassenwahlrecht  von  schweren  Mißständen  zu  befreien,
  auf  der  anderen  Seite  seine  Grundgedanken  wieder  voll  zur  Geltung
zu  bringen.  Die  Drittelung  in  Urwahlbezirken  wird  namentlich  in  Industrieorten,
  darüber  kann  kein  Zweifel  bestehen,  nach  der  einen  Seite  plutokratisch,
nach  der  andern  Seite  demokratisch  abschreckend  beurteilt.  Der  einzige  Leidtragende
  in  beiden  Fällen  ist  der  Mittelstand.  Wie  kommt  Herr  v.  Heydebrand
  zu  der  Behauptung,  daß  die  Drittelung  in  Urwahlbezirken  mittelstandsfreundlich
  gewirkt  hat?  Gerade  das  Gegenteil  ist  der  Fall!  Die
Konservativen  können  den  Vorwurf  nicht  zurückweisen,  die  öffentliche  Wahl
in  Preußen  dauernd  beseitigt  zu  haben.  Hätten  die  Konservativen  mit
uns  an  der  öffentlichen  Wahl  festgehalten,  statt  dem  Zentrum  zuliebe  umzufallen,
  so  wäre  auch  das  Herrenhaus  dabei  geblieben.  Damit  ist  es  nun
aber  für  alle  Zeiten  vorbei.  Diese  Schuld  kann  die  konservative  Partei
niemals  ganz  beseitigen.  Wer  etwa  glauben  sollte,  daß  mit  dem  Scheitern
dieses  Gesetzes  die  Wahlrechtsfrage  erledigt  ist,  daß  nun  die  ganze  Wahlreform
  ad  calendas  graecas  vertagt  ist,  der  wird  sich  gehörig  täuschen.
Eine  Wahlordnung,  bei  der  zwei  Hauptbestandteile  —  die  öffentliche  und
die  direkte  Wahl  —  so  im  Stich  gelassen  worden  sind,  trägt  nicht  mehr
die  Gewähr  der  Dauer  in  sich.  Im  nächsten  Herbst  wird  noch  keine  neue
Vorlage  kommen  wegen  der  in  Aussicht  stehenden  Reichstagswahlen.  Aber
es  kann  kein  Zweifel  bestehen,  daß  noch  vor  Ende  dieser  Legislaturperiode
die  Frage  dieser  Wahlreform  noch  einmal  an  uns  herantreten  wird  und
von  uns  entschieden  werden  wird.  Gerade  im  Interesse  einer  staatserhaltenden
  Politik  ist  es  notwendig,  daß  wir  von  rechts  und  links  uns
auf  das  Erreichbare  verständigen.  Sonst  wird  nur  Unheil  und  Verwirrung
  kommen.

Abg.  Fischbeck  (Fr.  Vp.):  Es  ist  eine  eigenartige  Leichenfeier,  die
wir  heute  begehen.  Am  offenen  Grabe  streiten  sich  die  Herren  darüber,
wem  das  Kind  gehört  und  wer  das  Kind  umgebracht  hat.  Meine  politischen
Freunde  können  diesem  Kind  keine  Träne  nachweinen.  Wir  haben  die  Vorlage
  abgelehnt  in  der  Fassung,  die  sie  im  Abgeordnetenhaus  gefunden  hat,
wir  werden  sie  auch  heute  ablehnen.  Sie  ist  für  uns  unannehmbar,  weil
sie  neben  der  geheimen  Wahl  nicht  die  direkte  Wahl  bringt.  Dr.  Friedberg
hat  uns  gefragt,  ob  man  es  nicht  für  richtiger  halten  sollte,  wenigstens
einen  Schritt  vorwärts  zu  gehen  und  etwas  zu  nehmen,  wenn  man  nicht
alles  bekommen  kann.  Nun  die  Ausführungen  des  Herrn  v.  Heydebrand
hätten  ihn  hinreichend  belehren  können;  der  hat  es  klar  und  deutlich  zum
Ausdruck  gebracht,  daß  mit  oder  ohne  diese  Vorlage  die  konservative  Partei
auf  dem  Standpunkt  der  öffentlichen  Wahl  steht.  Und  wir  sind  der  Meinung,
daß  die  konservative  Partei  ganz  genau  weiß,  daß  eine  solche  geheime  Ab-Europäischer

  Geschichtskalender.  UI.  19
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        290  ###  Neenische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Mai  27.)

stimmung,  wie  sie  hier  geschaffen  ist  in  Verbindung  mit  der  indirekten
Wahl,  den  Herren  Konservativen  ebensowenig  schadet,  wie  die  öffentliche
Wahl.  Weil  wir  nicht  wollen,  daß  dem  Volke  mit  dieser  Vorlage  Blendwerk
  gemacht  wird,  lehnen  wir  eine  solche  Kombination  zwischen  indirekter
und  geheimer  Wahl  ab.  Wir  lehnen  die  Vorlage  des  Herrenhauses  noch
darüber  hinaus  ab,  weil  sie  nach  verschiedenen  Richtungen  Verschlechterungen
gebracht  hat  hinsichtlich  der  Maximierung,  und  was  die  Kulturträger  anlangt,
  so  sind  wir  der  Meinung,  daß  alle  diese  Privilegierungen  nur  Spaltungen
  im  Bürgertum  hervorrufen  können.  Die  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken
  hat  gewiß  vielfach  die  unsinnigsten  Zustände  hervorgerufen.
Aber  auch  noch  manche  andere  Bestimmungen  sind  ein  Widersinn,  und
man  kann  die  eine  Frage  nicht  lösen,  außer  im  Zusammenhang  der  ganzen
prinzipiellen  Frage.  Wie  die  Dinge  nun  einmal  liegen,  hat  die  Drittelung
in  den  Urwahlbezirken  dem  plutokratischen  Charakter  des  Wahlrechts  entgegengewirkt.
  Das  ist  das  Traurige  in  unsern  Augen  an  der  ganzen  Geschichte
  des  Kampfes  der  verflossenen  Monate,  daß  eine  so  ernste  und  für
die  Entwicklung  unseres  Volkslebens  so  wichtige  Angelegenheit  wie  das
Wahlrecht  schließlich  ausgeartet  ist  in  einen  Kampf  um  die  Frage  der
Drittelung,  daß  diese  Frage  schließlich  den  Gipfelpunkt  des  Kampfes  gebildet
  hat.  Im  Grunde  genommen  ist  dieser  ganze  Kampf  nichts  weiter
geworden  als  ein  elender  Streit  um  ein  halbes  Dutzend  oder  ein  Dutzend
Mandate.  Das  ist  das  Traurige,  daß  das  Herrenhaus  sich  schließlich  dazu
hergegeben  hat,  diese  Frage  in  den  Mittelpunkt  des  ganzen  Kampfes  zu
stellen,  und  wir  bedauern  es,  daß  die  königliche  Staatsregierung  nach  alle-=dem,
  was  vorher  hier  in  diesem  Hause  vorgekommen  ist,  zum  ersten  Male
ein  energisches  Wort  hat  sagen  können,  um  eine  solche  Frage,  die  ohne
jede  prinzipielle  Bedentung  ist,  die  eine  Frage  des  politischen  Geschäfts
für  diese  oder  jene  Partei  ist.  Hier  in  diesem  Hause  hat  sich  die  Staatsregierung
  gefallen  lassen,  daß  an  die  Stelle  des  von  ihr  gewollten  öffentlichen
  Wahlrechts  das  geheime  gesetzt  wurde,  sie  hat  sich  gefallen  lassen
müssen,  daß  an  die  Stelle  der  direkten  Wahl  die  indirekte  trat,  daß  ihre
ganze  Vorlage  auf  den  Kopf  gestellt  ist.  Sie  hat  alles  eingesteckt,  niemals
ein  entscheidendes  Wort  dazu  gesagt.  Aber  im  Herrenhause,  da  stellt  sie
sich  mit  einem  Male  hin  und  sagt:  Das  Abgeordnetenhaus  hat  alles  auf
den  Kopf  gestellt;  ich  verlange,  daß  du  in  dem  Punkte,  wo  allein  das
Abgeordnetenhaus  der  Regierung  gesolgt  ist,  hinsichtlich  der  Drittelung,  es
auch  noch  auf  den  Kopf  stellst;  wenn  das  nicht  geschieht,  dann  ist  die  Vorlage
  für  uns  unannehmbar.  Ob  die  Drittelung  in  Gemeindebezirken  bei
10000  oder  5000  Einwohnern  erfolgen  soll,  ist  uns  ganz  gleichgültig,  das
eine  ist  für  uns  ebenso  unannehmbar  wie  das  andere.  Noch  ein  kurzes
Wort  über  die  Haltung  der  Regierung!  Ich  habe  vorhin  schon  gesagt.
wie  die  Regierung  in  diesem  ganzen  Kampfe  bei  allen  grundsätzlichen
Fragen  einmal  hierhin  und  dahin  geschwankt  hat,  nach  dem,  wie  die
Majorität  war.  Ich  kann  es  den  Konservativen  und  dem  Zentrum  eigentlich
gar  nicht  verdenken,  daß  sie  schließlich  selbst  vorgegangen  sind,  ohne  nach
der  Regierung  zu  fragen,  weil  sie  wußten,  die  Regierung  macht  ja  doch
in  jedem  Falle,  was  wir  wollen  und  fällt  schließlich  um.  Wenn  die  Regierung
  es  fertig  bekommt,  nachdem  sie  im  Herrenhause  auf  das  bestimmteste
  erklärt  hat,  daß  es  das  letzte  in  Bezug  auf  die  Drittelung  wäre,  wo
sie  nachgäbe,  und  wenn  dann  als  Antwort  darauf  der  Antrag  Richthofen
vorgelegt  wird,  und  dann  sich  der  Vertreter  der  Regierung  hinstellt  und
den  Konservativen  und  der  Zentrumspartei  für  ihre  patriotische  und  entgegenkommende
  Haltung  Dank  ausspricht,  dann  kann  man  nicht  erwarten,
daß  die  Regierung  von  den  Parteien  anders  behandelt  wird.  Die  direkte
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        Das  Nesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  27.)  291

Wahl  hat  die  gewaltige  Mehrheit  in  diesem  Hause  und  trotzdem  wird  sie
abgelehnt,  nicht  zum  geringsten  Teil,  weil  die  Regierung  die  Zügel  hat
am  Boden  schleifen  lassen.  Wenn  die  Regierung  es  ernst  meint,  im  Sinne
der  Thronrede  unserem  Volke  nach  seiner  kulturellen  und  wirtschaftlichen
Entwicklung  einen  größeren  Anteil  an  der  Mitbestimmung  über  die  Dinge
des  Staates  zu  verschaffen,  braucht  sie  nur  an  das  Volk  zu  appellieren.
Das  Volk  wird  der  Regierung  die  nötige  Mehrheit  schon  bringen.  Aber
so  sehen  wir,  daß  die  Regierung  zwischen  zwei  Stühlchen  sitzt  und  weder
rechts  noch  links  irgendeine  Stütze  hat.  Wir  glauben  nicht  nach  alledem,
was  wir  gesehen  haben,  daß  die  Regierung  eine  solche  starke  Hand  hat  —
zum  Schaden  der  Entwicklung  unseres  Volkslebens.  Aber  das  Volk  in
sich  ist  kulturell  und  wirtschaftlich  so  entwickelt,  daß  es  sich  schließlich  sein
Recht  verschaffen  wird.  Und  mögen  dann  die  Elemente  des  Rückschritts
folgen  oder  nicht,  mag  die  Regierung  wollen  oder  nicht,  es  wird  der  Tag
kommen,  an  welchem  unser  Volk  dieses  freiheitliche  Wahlrecht,  das  ihm
gebührt,  auch  erringen  wird.

Abg.  v.  Jaozdzewski  (P.):  Für  uns  war  nur  eine  Wahlreform
annehmbar,  die  mindestens  das  geheime  und  direkte  Wahlrecht  brachte.
Da  das  hier  nicht  der  Fall  ist,  lehnen  wir  die  Mitarbeit  an  dieser  Vorlage
  ab.

Abg.  Ströbel  (Sd.):  Der  Ministerpräsident  hat  selbst  durch  seine
Strategie  die  Vorlage  zum  Scheitern  gebracht.  Vorausgesetzt,  daß  seine
heutige  Erklärung  sein  letztes  Wort  war.  Die  Regierung  hat  ihren  Standpunkt
  dauernd  preisgegeben.  Wir  freuen  uns,  daß  diese  Vorlage  scheitert
und  so  die  Bahn  für  ein  freiheitliches  Wahlgesetz  frei  wird.  Wir  begreifen
ja,  daß  die  Regierung  hier  für  Beschlüsse  eintritt,  die  den  Wünschen  des
Geldsacks  entsprechen.  Denn  die  Regierung  ist  ja  eine  Klassenregierung.
Das  wissen  wir  ja.  Die  volksverräterische  Taktik  des  Zentrums  und  der
Konservativen  wird  nicht  vergessen  werden,  auch  wenn  die  Vorlage  scheitert.
Sie  werden  es  büßen  bei  den  nächsten  Wahlen.  Auch  die  Nationalliberalen,
die  diesmal  bei  ihrem  unglaublichen  Dusel  mit  einem  blauen  Auge  davonkommen,
  werden  Farbe  bekennen  müssen.  Sie  werden  auch  eine  Volksbewegung
  entfesseln  müssen,  wenn  eine  neue  Vorlage  kommt.  Das  Zentrum
wird  sich  dann  auch  an  demokratischem  Geiste  nicht  von  den  Nationalliberalen
  überflügeln  lassen  können,  und  die  nächste  Vorlage  wird  von  der
Linken  verabschiedet  werden.  Wenn  auch  die  nächste  Vorlage  scheitern
sollte  am  Widerstand  der  Regierung  und  des  Herrenhauses,  so  muß  eben
eine  dritte  kommen,  und  so  fort,  bis  Rechte,  Regierung  und  Herrenhaus
mürbe  werden.

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  (K.):  Der  Ministerpräsident  hat  recht,
wenn  er  sagt,  die  Regierung  müßte  eine  feste  Ansicht  vertreten.  Der
Redner  wendet  sich  hierauf  gegen  die  Aeußerungen  des  Ministerpräsidenten
bei  der  dritten  Lesung:  Ich  habe  sie  damals  so  verstanden,  daß  der  Regierung
  die  geheime,  indirekte  Wahl  die  Hauptsache  sei.  Ich  meine,  wenn
der  Ministerpräsident  am  16.  März  gesagt  hätte,  „ich  will  die  Drittelungsfrage
  zu  einer  Hauptfrage  machen“,  so  wäre  das  etwas  anderes  gewesen.
Die  Fassung  der  Vorlage,  wie  sie  das  Abgeordnetenhaus  angenommen  hat,
ist  nicht  demokratischer  als  die  Regierungsvorlage,  denn  dort  war  ein  Teil,
die  indirekte  Wahl,  preisgegeben.  Der  Redner  wendet  sich  hierauf  gegen
den  Vorwurf  des  Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz,  daß  die  Konservativen  die  Verantwortung
  für  die  Ablehnung  der  Vorlage  tragen  würden.  Er  weist  u.  a.
auch  auf  dessen  Aufsatz  im  „Tag“"  hin,  wo  Herr  v.  Zedlitz  das  geheime
Wahlrecht  nur  für  die  Städte  und  Industriebezirke  empfohlen  habe.  Der
Redner  geht  dann  nochmals  auf  die  Drittelungsfrage  ein.  Der  Antrag

197½
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        292  Das  Denisqe  Reiq  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Mai  27.)

Schorlemer  ist  konservativ  genannt  worden.  Hier  ist  Konservatismus  mit
Kapitalismus  verwechselt.  Gerade  die  Mittelstandsleute  sagen,  wir  sollten
den  Herrenhausbeschlüssen  gegenüber  nicht  zu  weit  gehen.

Abg.  Dr.  Schiffer  (Nl.)  polemisiert  gegen  den  Abg.  v.  Richthofen  und
ferner  gegen  den  Abg.  v.  Zedlitz  und  verteidigt  die  nationalliberalen  Anträge.

Damit  schließt  die  allgemeine  Besprechung.  Es  folgt  die  Einzelberatung.
  Die  Redner,  die  sich  zum  Wort  gemeldet  haben,  verzichten.
Die  §§  1  bis  5  werden  unverändert  angenommen  unter  Ablehnung  der
nationalliberalen  Anträge.  Zu  §6,  der  die  Drittelungsfrage  behandelt,
verteidigt  Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (Frk.)  seinen  Antrag  auf  Beseitigung
der  Drittelung  in  den  Urwahlbezirken  und  polemisiert  dann  gegen  die
Abg.  v.  Richthofen  und  Schiffer.  Seinerzeit,  als  er  für  diese  Drittelung
eingelreten  war,  habe  es  sich  nur  um  ein  Notgesetz  gehandelt,  heute
solle  aber  ein  dauerndes  Gesetz  gemacht  werden,  und  deshalb  mühssse  diese
Urwahldrittelung  beseitigt  werden.  Am  dringlichsten  sei,  die  Einheit
zwischen  den  bürgerlichen  Parteien  wieder  herzustellen,  und  leider  hätten
die  Nationalliberalen  hierbei  versagt.  Deshalb  muß  ich  die  Notionalliberalen
  warnen,  auf  diesem  Weg  fortzuschreiten  und  sie  bitten  wieder
umzukehren;  hoffentlich  ist  es  nicht  zu  spät.  Abg.  Friedberg  (Nl.)  weist
die  Ratschläge  des  Frhr.  v.  Zedlitz  zurück.  Abg.  Borgmann  (Sd.):  Herr
v.  Zedlitz  hat  weiter  nichts  getan  während  der  ganzen  Wahlrechtsperiode,
als  die  intensivste  Parteivolitik  zu  treiben.  Herr  v.  Zedlitz  ist  der  größte
Verwandlungskünstler.  Erst  hat  er  Sozialdemokraten  hier  haben  wollen
und  jetzt  will  er  uns  durch  die  Drittelung  wieder  beseitigen.  Frhr.  v.  Zedlitz
hat  einmal  gesagt,  wenn  er  nicht  mehr  entwicklungsfähig  sei,  wolle  er  aus
dem  politischen  Leben  ausscheiden.  Nun,  es  scheint  mir,  als  sei  jetzt  der
Zeitpunkt  gekommen,  wo  Herr  v.  Zedlitz  nicht  mehr  entwicklungsfähig  ist,
höchstens  nach  rückwärts  wie  ein  Krebs.  Deshalb  möchte  ich  ihm  zurufen:
Geh'  in  ein  Kloster,  Oktavio!  verlaß  die  fündige  Welt.

Es  folgt  die  Abstimmung  über  §  6  und  die  hierzu  vorliegenden
Abänderungsanträge.  Die  konservativen  Abänderungsanträge  zur  Drittelung
  werden  gegen  die  Stimmen  der  Konservativen  und  Sozialdemokraten
unter  großer  Heiterkeit  abgelehnt.  Auch  die  nationalliberalen  Abänderungsanträge,
  für  die  nur  die  Nationalliberalen  und  die  Fortschrittliche  Volkspartei
  stimmen,  finden  keine  Mehrheit.  Der  Zentrumsantrag  auf  Wiederherstellung
  der  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses  wird  gegen  die  Stimmen
des  Zentrums  abgelehnt.  Der  §6  in  der  Fassung  des  Herrenhauses  wird
gegen  die  Stimmen  der  Freikonservativen  und  der  rheinisch-westfälischen
nationalliberalen  Abgeordneten  abgelehnt,  so  daß  also  eine  Lücke  im  Gesetz
entstanden  ist.

Sofort  nach  dieser  Abstimmung  erhält  das  Wort  Ministerpräsident
v.  Bethmann  Hollweg:  Durch  die  Beschlüsse,  die  das  hohe  Haus  soeben
gefaßt  hat,  ist  eine  Lücke  im  Gesetz  entstanden.  Das  Gesetz  enthält  nach  diesen
Beschlüssen  keine  Bestimmung  darüber,  in  welcher  Weise  die  Abteilungsbildung
  erfolgen  soll.  Nach  der  Stellung,  die  die  verschiedenen  Parteien
dieses  hohen  Hauses  zu  der  Frage  eingenommen  und  durch  ihre  Beschlüsse
bekundet  haben,  ist  nach  Auffassung  der  Staatsregierung  die  Aussicht  auf
eine  Verständigung  über  diesen  Bestandteil  der  Vorlage  ausgeschlossen.  Ich
erkläre  infolgedessen  im  Namen  der  kgl.  Staatsregierung,  daß  sie  auf  die
Weiterberatung  des  Gesetzes  keinen  Wert  legt.  (Lebhafter  Beifall  bei  der
Fortschr.  Vp.  und  b.  d.  Sd.)

27.  Mai.  Der  Kaiser  muß  sich  wegen  eines  Furunkels  am
rechten  Handgelenk  einer  Operation  unterziehen.
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        Dae  Beische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  27.)  293

27.  Mai.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Etatsberatung.
„Falsches“  Defizit.

Bankdirektor  v.  Gminner:  Der  Etat  für  1910  schließt  mit  einem
Defizit  ab.  Es  fragt  sich,  ob  es  nötig  ist,  diese  Tatsache  so  stark,  wie  es
eschehen  ist,  vor  der  ganzen  Welt  in  den  Vordergrund  zu  stellen.  Der
Finanzminister  hat  in  der  Kommission  die  Zahl  von  152  Millionen  Eisenbahnüberschuß
  für  die  wichtigste  Zahl  des  ganzen  Etats  erklärt.  Ich  bin
überzeugt,  daß  diese  Zahl  falsch  gegriffen  ist;  wir  haben  es  nach  meiner
Meinung  nicht  nötig,  ein  Defizit  von  92  Millionen  zu  bekennen  und  eine
Defizitanleihe  aufzunehmen.  Diese  92  Millionen  müssen  wir  auf  alle
Fälle  borgen,  aber  für  werbende  Anlagen,  die  neue  Werte  schaffen.  Wir
geben  ohne  Not  der  Welt  ein  beschämendes  Schauspiel;  wir  hätten  sogar
27  Millionen  Ueberschuß  im  Etat,  die  zur  Tilgung  von  Staatsschulden
verwendet  werden  können.  Es  wäre  sehr  erwünscht,  daß  der  Staat  nicht
immer  nur  als  Verkäufer,  sondern  auch  als  Käufer  von  Anleihen  im  Markte
erschiene.  Das  ist  der  springende  Punkt,  denn,  tritt  der  Staat  nur  als
Verkäufer  auf,  so  müssen  natürlich  die  Werte  heruntergehen;  die  ganze
Nation  leidet  aufs  schwerste  durch  den  jammervollen  Zustand  unserer  Anleihen
  und  ihren  ständigen  Rückgang.  Durch  den  Kursrückgang  haben  wir
schon  mehr  verloren  als  die  ganze  französische  Kriegsentschädigung  betrug.
Es  fragt  sich  doch  sehr,  ob  es  gut  ist,  durch  das  Eingeständnis  eines  derartigen
  Defizits  die  Stimmung  des  Marktes  weiter  zu  verschlechtern.  Ueber
die  Mittel  zur  Verbesserung  des  Marktes  der  preußischen  Konsols  ließe
sich  sehr  viel  sagen;  ich  will  aber  angesichts  der  Bemerkung  des  Generalberichterstatters
  über  den  Mißbrauch  der  Redefreiheit  davon  abstehen.  Ich
beanstande  aber  auch  meinerseits  die  fünfjährige  Frist,  die  man  hinsichtlich
der  Stabilisierung  der  Eisenbahneinnahmen  gewählt  hat;  ich  erkenne  darin
auch  eine  Verkürzung  der  Rechte  des  Herrenhauses.  Die  Abgrenzung  des
Extraordinariums  der  Eisenbahnverwaltung  auf  120  Millionen  hat  ja  gar
nicht  die  Bedeutung,  die  man  dieser  Maßregel  beilegt,  wenn  gleichzeitig
Anleihen  ausgenommen  werden  müssen.  Es  kommt  hier  auch  auf  den
objektiven  Standpunkt  an,  auf  die  Wirkung  des  Defizits  auf  das  Ausland,
auf  den  Anleihemarkt,  auf  die  Besitzer  der  Papiere.  Dem  Publikum  muß
ja  der  Ankauf  von  Staatspapieren  verekelt  werden,  wenn  stets  nur  Angebot
  herrscht,  wenn  kein  Käufer  im  Markte  ist.  Die  Finanzleute  sollen
ach  der  Meinung  des  Finanzministers  die  Schuld  tragen.  Tatsächlich
sind  unsere  Ratschläge  in  den  allerseltensten  Fällen  befolgt  worden.  Ich
1#2#5  daß  diese  Ausführungen  wenigstens  teilweise  auf  fruchtbaren  Boden
allen  werden.

Finanzminister  v.  Rheinbaben:  Ich  kann  diese  Hoffnung  nicht
teilen,  und  wenigstens  bei  mir  werden  diese  Ausführungen  nicht  auf  fruchtbaren
  Boden  fallen.  Es  ist  Aufgabe  jedes  Staatsmannes,  die  volle  Wahrheit
  zu  sagen  und  nichts  zu  verschleiern.  Defizits  sind  bei  den  Schwankungen
des  Wirtschaftslebens  nicht  zu  vermeiden.  Ich  kann  die  Ausführungen
des  Vorredners  über  die  Anleihewirtschaft  in  keiner  Weise  teilen.  Das
Abgeordnetenhaus  und  das  Herrenhaus  sind  sich  darüber  einig,  daß  nur
werbende  Ausgaben  auf  Anleihen  übernommen  werden  können,  vorübergehende
  Ausgaben  müssen  aus  laufenden  Mitteln  bestritten  werden.  Wenn
man  grundsätzlich  das  Extraordinarium  auf  Anleihe  übernimmt,  so  ist  kein
Halten  mehr.  Wenn  der  Vorredner  mit  Recht  den  schlechten  Kursstand
der  Staatspapiere  beklagt  hat,  so  darf  er  ihn  doch  nicht  durch  größere  Anleihen
  noch  schlechter  gestalten.  Leider  hat  das  Publikum  die  Lust  an  den
Staatspapieren  verloren,  das  liegt  aber  wesentlich  daran,  daß  wir  so  star?
        <pb n="302" />
        294  Das  Denisqe  Reiqhh  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Mai  27.)

Anleihen  haben  machen  müssen.  Daß  immer  Käufer  im  Markte  sind,
wünschen  auch  wir.  Hoffentlich  trägt  der  Vorredner  dazu  bei,  daß  die
Banken  möglichst  viel  kaufen,  wie  es  in  England  der  Fall  ist.  Die  Uebernahme
  des  Extraordinariums  der  Eisenbahn  auf  Anleihen  widerspricht  auch
den  Interessen  der  Eisenbahn  selbst;  der  Eisenbahnminister  kann  anders
disponieren,  wenn  er  ein  festes  Extraordinarium  zur  Verfügung  hat.
Wollten  wir  so  verfahren,  wie  es  der  Vorredner  wünscht,  so  würde  die
Eisenbahnverwaltung  bald  in  ihrem  eigenen  Schuldendienst  ersticken;  bereits
nach  18  Jahren  würden  es  120  Millionen  sein.  Eine  solche  Politik  wäre
ruinös  für  die  Zukunft.  Unsere  Finanzen  hängen  aber  auch  ab  von  unserem
Verhältnis  zum  Reich.  Die  Einzelstaaten  haben  dahin  gestrebt,  die  Matrikularbeiträge
  gesetzlich  zu  fixieren.  Dies  ist  leider  nicht  erreicht  worden,
man  hat  sich  aber  davon  überzeugt,  daß  wenigstens  tatsächlich  feste  Matrikularbeiträge
  aufgestellt  werden  müssen.  In  den  nächsten  Jahren  ist
also  nur  mit  festen  Matrikularbeiträgen  zu  rechnen.  Ein  anderer  Grund
der  Schwankung  der  Finanzen  lag  in  den  schwankenden  Betriebseinnahmen
der  Staatsbahn.  Wir  haben  versucht,  diese  Schwankung  zu  beseitigen.
Wir  haben  schon  1903  den  Ausgleichsfonds  geschaffen.  Ich  kann  nun  nicht
anerkennen,  daß  das  Etatsrecht  des  Perrenhauses  durch  den  Etatsvermerk
des  Abgeordnetenhauses  angetastet  wird.  Wir  hoffen,  durch  die  neue  Regelung
  zu  einer  größeren  Regelmäßigkeit  zu  gelangen.  Ob  die  Ziffer  von
210  Millionen  völlig  richtig  gegriffen  ist,  ist  eine  Sache  der  Erfahrung.
Der  Satz  von  210  Millionen  als  Grenze  der  Ablieferung  der  Eisenbahnüberschüsse
  für  die  allgemeinen  Staatszwecke  ist  ein  Satz,  den  wir  schon
vor  zehn  Jahren  überschritten  haben;  wir  haben  schon  Ablieferungen  von
256  Millionen  gehabt.  Wir  bleiben  also  weit  hinter  den  früheren  Ablieferungen
  zurück.  Wir  schlagen  vor,  die  Grenze  festzusetzen  auf  2,10  v.  H.
des  statistischen  Anlagekapitals  von  zehn  Milliarden,  während  tatsächlich
2,27  v.  H.  abgeliefert  wurden.  Wir  verfahren  also  sehr  vorsichtig.  Wir
dürfen  hoffen,  in  absehbarer  Zeit  zu  den  210  Millionen  zu  gelangen.
Die  Ablieferung  von  1909  war  im  Etat  auf  83  Millionen  veranschlagt,
tatsächlich  hat  sie  aber  rund  80  Millionen  mehr  betragen,  das  sind  im
ganzen  163  Millionen.  210  Millionen  ist  die  Grenze,  so  daß  nur  noch
47  Millionen  fehlen.  Wir  hoffen,  bis  1911  diese  Spannung  auszufüllen.
Eine  Garantie  kann  natürlich  niemand  dafür  übernehmen:;  das  hängt  von
der  wirtschaftlichen  Entwicklung  ab.  Der  Ausgleichsfonds  wird  jedenfalls
in  absehbarer  Zeit  ausgefüllt  sein.  Wir  glauben,  mit  dieser  Maßregel  eine
größere  Stabilisierung  unserer.  Finanzgebarung  erreichen  zu  können,  und
ich  hoffe,  daß  das  hohe  Haus  im  Gegensatz  zu  meinem  Vorredner  sich  auf
meine  Seite  stellen  wird.

Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  v.  Breitenbach:  Der  voraussichtliche
  Abschluß  des  Etatsjahres  1909  in  Bezug  auf  die  Staatseisenbahnen
  liegt  jetzt  vor.  Wir  haben  1909  eine  Betriebseinnahme  von
2029  Millionen  erzielt,  gegen  1908  ein  Mehr  von  119,4  Millionen.  Unsere
wirtschaftliche  Lage  befindet  sich  danach  in  aufsteigender  Linie.  Die  Betriebsausgaben
  weisen  eine  Minderausgabe  von  25  Millionen  auf.  Der
Mehrbetriebsüberschuß  beträgt  14411/  Millionen  gegen  den  Voranschlag
97  Millionen.  Der  reine  Ueberschuß  übersteigt  den  Voranschlag  um  95
Millionen,  nicht  bloß  um  80  Millionen.  Ursache  dieser  günstigen  Entwicklung
  ist,  daß  die  Verwaltung  billiger  hat  bestritten  werden  können.
Aus  diesen  Ziffern  für  1909  ergibt  sich,  daß,  wenn  das  wirtschaftliche  Leben
sich  nur  in  derselben  Linie  weiter  entwickelt  wie  1909  auch  die  Aussichten
für  1910  nicht  ungünstig  sein  werden.  Das  Ergebnis  von  1909  ist  auch
deshalb  bemerkenswert,  weil  in  diesem  Jahre  ganz  erhebliche  Ausgaben
        <pb n="303" />
        Das  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  27.  28.)  295

noch  auf  dem  Etat  für  Beamtenbesoldung  lasten,  und  ein  hohes  Extraordinarium.
  Auch  ich  glaube,  daß  die  Bemessung  des  Extraordinariums,
wie  sie  in  der  Resolution  des  Abgeordnetenhauses  festgesetzt  worden  ist,
von  der  Eisenbahnverwaltung  sehr  wohl  getragen  werden  kann  und  daß
in  nicht  ferner  Zeit  der  Betrag  von  210  Millionen  für  den  Ausgleichssonds
  erreicht  sein  wird.

Damit  schließt  die  Generaldiskussion.

27.  Mai.  (Baden--Baden.)  Der  Bakteriologe  Professor
Robert  Koch  f#  im  67.  Lebensjahre.

27.  Mai  —1.  Juni.  Der  italienische  Minister  des  Außern
Marchese  di  San  Giuliano  in  Berlin.

27.  Mai.  (München.)  In  der  44.  Hauptversammlung  der
deutschen  Gesellschaft  zur  Rettung  Schiffbrüchiger  hielt  Prinz  Ludwig
von  Bayern  eine  Ansprache:

Alle  Bestrebungen,  die  das  Deutsche  Reich  angehen,  würden  von
Bayern  ebenso  gefördert  werden  wie  von  allen  anderen  Teilen  des  Reichs.
„Wir  dürfen  erwarten,  daß  auch  unsere  Bestrebungen  vom  Norden  des
Reiches  ebenso  gefördert  werden.“"  In  Bezug  auf  den  Ausbau  der  Wasserstraßen,
  auf  den  der  Vorsitzende  hingewiesen,  sei  zu  hoffen,  daß  bald  der
erste  Schritt  gemacht  werde,  wenn  die  leidige  Frage  der  Schiffahrtsabgaben
erledigt  sei.  Möge  sie  auf  eine  Art  erledigt  werden,  daß  niemand  berechtigte
Klagen  darüber  haben  kann.  „Ich  wünsche,  daß  auch  wir  im  Süden  an
die  See  angeschlossen  werden,  und  glaube,  wir  sind  auf  dem  Wege  dazu.“

28.  Mai.  Preßstimmen  zur  Zurückziehung  der  Wahlrechtsvorlage.


Die  „Germania"“  schreibt:  Wir  nehmen  diese  Niederlage  der  Regierung
  nicht  tragisch.  Herr  v.  Bethmann  Hollweg  hat  keinen  Anlaß,  deshalb
  zurückzutreten,  weil  das  Wahlrechts-Erbteil  des  Fürsten  Bülow  zum
Bankrott  gelangt  ist  ...  „Vossische  Zeitung“:  Das  Schicksal  der  Wahlrechtsvorlage
  wird  den  in  hohem  Grade  angesammelten  Groll  steigern,  der
sich  bei  den  nächsten  allgemeinen  Wahlen  entladen  und  das  Wort  des
Fürsten  Bülow  grell  beleuchten  wird:  „Bei  Philippi  sehen  wir  uns  wieder!“
Eine  vernünftige  Wahlreform  hätte  die  „rote  Flut“  eindämmen  können.
Bei  der  Schwäche  und  Energielosigkeit  der  Regierung  und  dem  Hochmut
des  schwarzblauen  Blocks  wird  sie  schwellen  und  steigen.  Die  Wahlvorlage
ist  tot,  der  Kampf  für  eine  bessere  Wahlreform  hat  begonnen.  Aehnlich
das  „Berliner  Tageblatt“:  Mit  Halbheiten  muß  ausgeräumt  und  die
Kompromißler  müssen  kaltgestellt  werden.  Die  Bethmannsche  Wahlreform
ist  tot,  der  Kampf  um  die  Wahlreform  aber  geht  weiter.  Die  nächste
Etappe  wird  durchgefochten  bei  den  Wahlen  im  Reich.  Der  „Vorwärts“
triumphiert,  daß  das  Hindernis  auf  dem  Wege  der  Wahlrechtskämpfer  fortgeräumt
  sei.  Eine  neue  Wahlreform  käme,  sie  müsse  kommen.  Wie  sie
gestaltet  werde,  hänge  nicht  von  dem  Willen  der  Herrschenden  ab,  das
hänge  von  der  Macht  ab,  die  das  Volk  selbst  hinter  sein  Recht  zu  setzen
gewillt  sei.  Die  „Berliner  Neuesten  Nachrichten“  geben  der  Meinung
Ausdruck,  daß  das  Schicksal  der  Wahlrechtsvorlage  durch  ihre  sachliche  Unzulänglichkeit
  wie  durch  ihre  unzulängliche  Vertretung  und  Verfechtung  von
vornherein  mit  unerbittlicher  Logik  begründet  und  verdient  gewesen  sei.
Der  Ernst  der  Lage  bestebe  vor  allem  darin,  daß  nicht  ein  Schimmer  von
Hoffnung  auf  baldige  Rettung  aus  der  gegenwärtigen  Zerfahrenheit  leuchte.
        <pb n="304" />
        296  Das  Vesche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  28.)

Die  „Post"  bedauert,  daß  eine  Verständigung  auf  der  Grundlage  der
Herrenhausbeschlüsse  nicht  zustande  gekommen  ist.  Dadurch  werde  der  Riß
zwischen  den  früheren  Blockparteien  nur  noch  vertieft,  und  die  Konservativen
  würden  nur  noch  in  eine  engere  Verbindung  mit  dem  Zentrum
und  die  Nationalliberalen  mehr  nach  links  gedrängt.  Der  tertius  gaudens
sei  die  Sozialdemokratie.  Die  ohnehin  schon  ungünstigen  Auesichten  für
die  Reichstagswahlen  seien  somit  noch  beträchtlich  verschlechtert  worden.
Die  „Deutsche  Tageszeitung"  mißt  die  Hauptschuld  an  dem  Ausgang
den  Nationalliberalen  zu.  Jeder  Versuch,  ein  Kompromiß  zwischen  der
Dreiklassenwahl  herzustellen,  müsse  an  seinen  eigenen  inneren  Widersprüchen
naturnotwendig  scheitern.  Die  „Kreuzzeitung“"  bringt  eine  Auslassung
der  „Konservativen  Korrespondenz“,  in  welcher  es  heißt:  Der  wechselvolle
Gang  dieser  Wahlrechtsverhandlungen  habe  so  recht  deutlich  gezeigt,  wie
weise  und  wohldurchdacht  die  bisherigen  Wahlgesetzbestimmungen  sind  und
wie  schwer  es  ist,  diese  durch  etwas  Besseres  zu  ersetzen.  Die  Korrespondenz
glaubt,  daß  endlich  in  den  besonnenen  Kreisen  der  Bevölkerung  wieder  eine
Beruhigung  eintrete,  und  sie  äußert  die  Ueberzeugung,  daß  dies  bis  weit
in  die  liberalen  Kreise  hinein  gelte.  Die  „Hamburger  Nachrichten“
schreiben:  Dieser  Fehler  kann  nur  dann  einigermaßen  repariert  werden,
wenn  die  Konservativen  wieder  auf  den  Standpunkt  des  Bekenntnisses  zur
öffentlichen  Wahl  zurückkehren  und  mit  unerschütterlicher  Treue  hierauf
beharren.  Festigkeit  und  Entschlossenheit,  das  Bollwerk  des  preußischen
Wahlrechts  in  seiner  antidemokratischen  Kraft  ungeschmälert  zu  wahren,
werden  nötig  sein,  um  die  Folgen  abzuwehren,  die  das  leichtsinnige  Wahlrechtsexperiment,
  das  zunächst  noch  fehlgeschlagen  ist,  bereits  angerichtet
hat.  Die  schiese  Ebene  der  Demokratisierung  des  preußischen  Wahlrechts  ist
mit  der  Bethmannschen  Vorlage  betreten  worden.  Ein  positives  Ergebnis,
wie  auch  immer  es  beschaffen  gewesen  wäre,  hätte  schon  ein  gutes  Stück
auf  dieser  Ebene  hinabgeführt.  Jetzt  gilt  es,  die  Position,  die  der  27.  Mai
wieder  gesichert  hat,  gegen  alle  weiteren  Anfechtungen  zu  halten.  Das
Urteil  der  „Nationalliberalen  Korrespondenz“  lautet:  Die  Wahlrechtsvorlage
  ist  durch  den  Uebermut  der  Konservativen,  die  noch  zuletzt
brüsker  denn  je  den  nackten  Machtstandpunkt  hervorkehrten  und  jedes  Entgegenkommen
  an  den  Standpunkt  der  nationalen  Mittelparteien  ablehnten,
vereitelt  worden.  Der  schwarzblaue  Block  hat  formell  einen  Sieg  erfochten,
indem  er  die  Einlösung  des  königlichen  Wortes  zuschanden  machte  und  den
Bestrebungen  der  Staatsregierung,  die  Entwicklung  Preußens  in  moderne
Bahnen  zu  leiten,  nichts  als  Hohn  und  Spott  entgegensetzte.  Die  nun
eintretende  Entwicklung  wird  die  Rechte  dieses  Pyrrhussieges  nicht  froh
werden  lassen.  Das  öffentliche  Wahlrecht  ist  tot;  tot  ist  auch  die  indirekte
Wahl  und  die  Drittelung  im  Urwahlbezirk.  Vor  allem  ist  das  vom  Könige
in  der  Thronrede  mit  feierlichem  Nachdrucke  gegebene,  persönliche  Wahlrechtsversprechen
  uneingelöst,  so  daß  das  heute  erzielte  „Ergebnis“  wohl
als  der  Abschluß  des  ersten  Aktes,  im  übrigen  aber  nur  als  die  Einleitung
der  nun  erst  eigentlich  beginnenden  Wahlrechtskampagne  angesehen  werden
kann.  Die  „Kölnische  Zeitung“"  hält  der  Regierung  vor,  daß  ihre
Vorlage  ohne  Saft  und  Kraft  gewesen  sei,  und  daß  daraus  die  Lehre  zu
ziehen  sei,  daß  mit  halben  Maßregeln  nichts  zu  erreichen  sei.  Auch  die
„Magdeburgische  Zeitung“  fordert,  daß  ein  zweiter  Versuch  auf  neuer
Grundlage  gemacht  werde.  Hinweg  und  Raum  für  etwas  Besseres,  so  sei
das  weitverbreitete  Gefühl  gewesen.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“"  schreibt:
Es  sei  im  Interesse  des  Landes  tief  bedauerlich,  daß  kein  positives  Resultat
erzielt  sei.  Sie  wirft  einen  geschichtlichen  Rückblick  auf  den  Werdegang
der  Vorlage,  führt  aus,  daß,  nachdem  die  Staatsregierung  den  Parteien
        <pb n="305" />
        Des  Denisqe  Reit  nub  seine  einjelnen  Glieder.  (Mai  28.  29.)  297

soweit  entgegengekommen  sei,  niemand  ihr  den  Vorwurf  machen  könne,  das
Scheitern  verursacht  zu  haben,  protestiert  gegen  die  demokratische  Behauptung,
  die  Regierung  hätte  aus  Rücksicht  auf  ihre  Autorität  zu  einer  gegen
die  Konservativen  gerichteten  Auflösung  des  Abgeordnetenhauses  schreiten
müssen  und  schließt:  Es  handelt  sich  um  eine  einschneidende  Aenderung
der  Verfassung.  Solche  Fragen  pflegen  nicht  auf  den  ersten  Antrieb  gelöst
zu  werden.  Die  sachliche  Haltbarkeit  der  Lösung  ist  für  Regierung  und
Land  wichtiger  als  Schnelligkeit.  Der  „Hamburgische  Korrespondent"
schreibt:  An  der  Situation  ist  nur  das  eine  befriedigend,  daß  die  Politik
der  Halbheit  gescheitert  ist.  Jetzt  sieht  alle  Welt  klar.  Die  Regierung
weiß  jetzt  aus  einer  demütigenden  Erfahrung,  daß  sie  dem  Volke  in
Wahlrechtfragen  keine  Scheinvorlagen  zu  bieten  wagen  kann.  Die  Konservativen
  aber  sind  —  und  das  ist  das  einzige  positive  Ergebnis  —  nicht
mehr  in  der  Lage,  die  geheime  Wahl  als  staatsgefährlich  hinzustellen,  nachdem
  sie  für  sie,  wenn  auch  bedingt,  eingetreten  sind.  Daran  muß  der
Staatsmann,  der  die  nächste  Wahlreform  zu  bringen  haben  wird,  anknüpfen.
Und  kommen  muß  die  Reform.  Der  dem  Abg.  Bassermann  nahestehende
„Mannheimer  Generalanzeiger“  führt  aus:  Die  Regierung  würde
es  vollkommen  in  der  Hand  haben,  die  augenblickliche  Niederlage  in  einen
dauerhaften  Sieg  zu  wandeln,  wenn  sie  sich  entschlossen  an  die  Spitze  der
Reformbewegung  stellte.  Wie  die  politische  Stimmung  heute  im  Volke  ist,
so  würde  die  Regierung  bei  solchem  Vorhaben  einen  außerordentlich  starken
Rückhalt  im  Volke  haben  und  mit  diesem  Rückhalt,  wenn  sie  selbst  Energie
besitzt,  den  Widerstand  der  reaktionären  Parteien  besser  in  Schach  halten
als  gegenwärtig.  Nur  wenn  die  Regierung  auf  konservatives  Geheiß  die
ganze  Wahlreformfrage  endgültig  begraben  sein  lassen  wollte,  könnte  man
von  einer  dauernden  Niederlage  sprechen.  Aber  das  wird  sie  nicht  wollen
aus  Rücksicht  auf  das  Ansehen  der  Krone  und  ihre  eigene  Autorität,  und
wird  sie  vor  allem  nicht  können,  selbst  wenn  sie  es  wollte.  Gerade  dadurch,
  daß  Herr  v.  Bethmann  Hollweg  noch  im  letzten  Augenblick  den
Konservativen  Festigkeit  entgegensetzte,  die  eine  Scheinreform  verhinderte,
ist  es  mißlungen,  die  Wahlrechtsaktion  auf  halbem  Wege  in  einen  Beharrungszustand
  zu  bringen,  der  allen  liberalen  Hoffnungen  auf  Jahre
und  Jahrzehnte  den  Garaus  gemacht  hätte.  Die  Bahn  ist  vollkommen  frei
für  eine  gründliche  Reform,  keine  elende  Kompromißarbeit  einer  „erheblichen“
  Mehrheit  gibt  den  Vorwand,  die  Aktion  stillzulegen.

28.  Mai.  Der  Kaiser  und  König  beauftragt  für  die  Dauer
seiner  Verhinderung  durch  das  erkrankte  Handgelenk  den  Kronprinzen,
diejenigen  Schriftstücke  unterschriftlich  zu  vollziehen,  die  ihm  der
Kaiser  zu  diesem  Zwecke  zugehen  lassen  wird.  —  Professor  Bier
schneidet  den  Furunkel  am  rechten  Handgelenk  des  Kaisers  auf.

28.  Mai.  (Berlin.)  Das  Kammergericht  stößt  die  Entscheidung
des  Landgerichts  I  auf  Abweisung  der  Klage  des  Exsultans  Abdul
Hamid  gegen  die  Reichsbank  wegen  Herausgabe  seines  Depots
von  12800000  Mark  um  und  verurteilt  die  Reichsbank  zur
Herausgabe.

29.  Mai.  (Potsdam.)  Prinz  Tsai  Tao  und  die  von  ihm
geleitete  chinesische  militärische  Studienkommission  wird  im  Auftrag
des  Kaisers  vom  Kronprinzen  in  Audienz  empfangen.
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        298  Das  Vesche  Reich  und  seine  einfelnen  Glieder.  (Mai  30.)

30.  Mai.  (Potsdam.)  Der  König  und  die  Königin  von
Belgien  machen  ihren  ersten  Besuch  im  Auslande  beim  Deutschen
Kaiserpaar  (siehe  Belgien).

30.  Mai.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Auseinandersetzung
zwischen  dem  Direktor  der  Deutschen  Bank,  v.  Gwinner,  und  dem
Finanzminister,  Frhrn.  v.  Rheinbaben,  über  Finanzverwaltung.

Direktor  v.  Gwinner:  Ich  bin  der  Ansicht,  daß  wir  weder  ein
Defizit  haben,  noch  eine  Defizitanleihe  nötig  haben,  und  deswegen  sehe  ich
keinen  Grund,  weswegen  wir  das  vor  der  Welt  so  darstellen.  Ich  habe
auch  nicht  empfohlen,  ein  wenig  mehr  Schulden  zu  machen.  Ich  habe  nur
empfohlen,  daß  wir  keine  Defizitanleihe  aufnehmen  möchten,  sondern  eine
Eisenbahnanleihe.  Unserer  Finanzverwaltung  fehlt  es  an  der  fachwissenschaftlichen
  Einsicht.  Vor  30  Jahren  waren  die  preußischen  Finanzen  eine
einfache  Verwaltung,  inzwischen  hat  sich  vieles  geändert,  namentlich  durch
die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen.  Durch  diese  Verstaatlichung  haben
wir  das  größte  Geschäft  der  Welt  übernommen  und  dieses  Geschäft  wird
technisch  gut  durchgeführt.  Die  Eisenbahnverwaltung  leistet  jetzt  Außerordentliches.
  Wir  sparen  jährlich  jetzt  80  Millionen  Mark.  Aber  die
Finanzverwaltung  ist  nicht  in  Ordnung,  hier  hapert  es  bedenklich,  das
muß  ich  offen  sagen.  Wir  haben  es  nicht  verstanden,  die  Finanzen  in  dem
Maße  weiter  zu  entwickeln,  wie  es  unter  Miquel  geschah.  Wir  haben  es
nicht  verstanden,  das  Anleihegeschäft  finanziell  ordentlich  zu  führen.  Das
Jahr  1907  hat  die  schwerste  Krisis  gesehen,  die  jemals  über  die  Welt  gegangen
  ist.  Wer  von  den  Geschäften  etwas  versteht,  der  hat  Anfang  Januar
die  Segel  eingezogen  und  sich  vorbereitet  auf  einen  schweren  Sturm.  Es
ist  im  März  eine  Krisis  gekommen,  wie  wir  sie  noch  nicht  erlebt  hatten.
Als  die  ganze  Welt  schwer  erschütlert  war,  kam  der  preußische  Staat  mit
seiner  großen  Anleihe  auf  den  Markt,  was  vollkommen  verkehrt  war.  Der
Finanzminister  hat  in  diesem  Jahre  gesagt,  die  Lage  sei  noch  immer  ernst.
Wir  befinden  uns  mitten  in  der  günstigen  Konjunktur  und  ich  fürchte,
wenn  das  die  preußische  Finanzverwaltung  einsehen  wird,  wird  die  gute
Konjunktur  wieder  vorüber  sein.  Wer  nicht  mit  dem  weitschauenden  Blick,
von  dem  der  Finanzminister  neulich  gesprochen  hat,  die  Verhältnisse  zu
beobachten  in  der  Lage  ist,  der  kann  nicht  richtig  disponieren.  Daher
kommt  es  auch,  daß  unsere  Industrie  nicht  beschäftigt  wird,  wo  es  nötig
ist.  Wir  belasten  die  Industrie  mit  Aufträgen,  die  sie  gar  nicht  liefern
kann.  Die  Schuld  der  Finanzverwaltung  ist  es,  daß  die  Aufträge  zu
gleicher  Zeit  gegeben  werden.  Es  gehört  Talent  zu  allem,  zum  Borgen
gehört  aber  Genie.  Das  hat  aber  bei  den  Anleihen  gefehlt.  Man  kann
nur  borgen,  wenn  die  andern  wollen,  und  das  richtig  zu  beurteilen,  ist
nicht  leicht.  Auf  die  Gefahr  hin,  mich  bei  allen  meinen  Standesgenossen
unbeliebt  zu  machen,  will  ich  offen  aussprechen,  wie  besser  geborgt  werden
könnte.  Wir  können  von  andern  Ländern  lernen.  Frankreich  hat  große
Eisenbahngesellschaften.  Diese  Gesellschaften  haben  1908  305  Millionen
Francs  neu  aufgenommen.  Ich  habe  in  keiner  Zeitung  eine  Ankündigung
dieser  Anleihe  gesehen,  das  ist  stillschweigend  geschehen,  aber  bei  den  Bahngesellschaften
  ist  die  Anzeige  ausgehängt.  Der  Staat  sollte  etwas  mehr
in  den  Markt  eingreifen  durch  die  Seehandlung.  Sämtliche  deutschen
Oypothekenbanken  verkauften  Pfandbriefe  an  vielen  Stellen,  aber  nur  in
Berlin  an  der  Börse  verkaufen  sie  nicht,  sondern  kaufen  sie.  Die  deutsche
Anleihe  hat  jetzt  ungefähr  den  schlechtesten  Kurs  aller  Anleihen  aller  Groß-
        <pb n="307" />
        Das  Dentsqhe  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Mai  30.)  299

mächte,  und  nicht  ohne  Schuld  unserer  Finanzverwaltung.  Diese  Verwaltung
  hat  den  besten  Willen,  aber  sie  versteht  die  Sache  nicht.  Die
dreieinhalbprozentige  italienische  Schuld  steht  volle  zehn  Prozent  höher.  Auch
die  spanische  Schuld  steht  höher  als  die  deutsche,  nicht  deshalb,  weil  ein
großer  Teil  der  spanischen  Schuld  in  Paris  gehandelt  wird,  sondern  das
liegt  an  anderen  Dingen.  Die  türkische  Schuld  steht  nicht  viel  schlechter
als  die  preußische.  Eine  Ausnahme  gibt  es  und  das  sind  die  englischen
Konsols,  das  hat  aber  besondere  Gründe.  Die  englischen  Konsols  sind
gefallen,  weil  sie  konvertiert  wurden,  sie  sind  weiter  gefallen  auf  Grund
des  Transvaalkrieges.  Der  letzte  Rückgang  liegt  in  dem  schweren  Verfassungskampf.
  Wer  unsern  Etat  ansieht,  der  staunt  über  die  Fülle  der
Arbeit,  aber  wenn  er  ein  Sachverständiger  ist,  so  staunt  er,  daß  die  feste
Hand  fehlt,  die  dieses  ungeheuere  Material  zu  sichten  imstande  ist.  Das
preußische  Volk  trägt  eine  Last  von  fast  vier  Milliarden,  d.  s.  110  Mark  auf
den  Kopf  der  Bevölkerung.  Diese  Zahl  geht  in  die  Statistik,  und  man
glaubt  nun,  das  preußische  Volk  sei  sehr  schwer  belastet.  In  Wirklichkeit
trägt  das  preußische  Volk  aber  nur  die  Last  von  einer  Milliarde,  also  etwa
30  Mark  pro  Kopf.  Das  liegt  an  der  falschen  Aufstellung  des  Etats.
Der  Berg=  und  Hüttenetat  ist  ein  Geschäft  mit  einem  Ueberschuß  von
22  Millionen  Mark.  Daß  nun  die  ganze  Ausgabe  auf  den  Staat  gebracht
wird,  das  ist  rein  willkürlich.  Der  alte  Hexenmeister  Miquel  wußte,  warum
er  den  Etat  so  unübersichtlich  machte.  Er  hat  es  mir  selbst  einmal  gesagt.
Den  preußischen  Etat  versteht  im  Abgeordnetenhaus  kein  Mensch  mehr.
Beim  Eisenbahnetat  wird  eine  Schuld  eingestellt,  die  gar  keine  Schuld  ist.
Es  gibt  im  Etat  Posten,  die  überhaupt  nicht  dahin  gehören.  Die  Einnahmen
  aus  Hinterlegungen  gehören  gar  nicht  zum  Etat;  auf  den  Etat
gehören  nur  die  Zinsen.  Ein  Kaufmann  darf  das  nicht:  er  würde  ein
Verbrechen  begehen,  wenn  er  das  täte.  Wir  machen  die  Sache  dadurch  viel
schlimmer,  als  sie  ist.  Bis  jetzt  haben  wir  aus  den  preußischen  Eisenbahnen
  eine  große  Summe  getilgt,  aber  das  ist  willkürlich  geschehen,  es
hat  eine  Regel  gesehlt.  Ich  versichere  Sie,  die  neue  Regel,  die  wir  in
diesem  Etat  aufstellen,  können  wir  nicht  halten,  sondern  sie  bleibt  sicher
ein  toter  Buchstabe,  wie  alle  Gesetze  tote  Buchstaben  gewesen  sind,  die  seit
dem  Garantiegesetz  von  1882  erlassen  worden  sind.  Ich  will  es  Ihnen
in  wenigen  Zahlen  beweisen  und  bitte  die  Herren  vom  Regierungstisch,
mich  zu  kontrollieren.  Es  ist  im  laufenden  Etat  gerechnet,  daß  wir
152  Millionen  an  den  Etat  abliefern  sollen.  Wenn  wir  nun,  wie  der
Finanzminister  gemeint  hat,  im  Jahre  1911  34  Millionen  an  den  Ausgleichsfonds
  von  200  Millionen  bringen  sollen,  dann  müßten  wir  eine
Million  Mark  täglich  bei  unseren  Staatsbahnen  Mehreinnahme  haben  und
das  ist  vollständig  ausgeschlossen.  Der  Redner  macht  die  Rechnung  auf.
Nach  dem  Gesetz  ist  künftig  auf  den  Etat  zu  bringen  1,2  Prozent  des
statistischen  Kapitals  unserer  Eisenbahnen.  Dieses  beträgt  nach  dem  Ausweis
  im  Etat  10  836  Millionen,  davon  2,1  Prozent  macht  227  Millionen,
die  wir  auf  den  Etat  im  nächsten  Jahre  als  Einnahme  bringen  müssen,
d.  h.  75  Millionen  mehr  als  in  diesem  Jahre.  Wenn  die  34  Millionen
außerdem  auf  den  Ausgleichsfonds  zu  bringen  sind,  so  sind  das  doch
109  Millionen  Mark  netto  oder  350  Millionen  brutto,  das  sind  täglich
eine  Million  Mark  und  die  werden  wir  nicht  einnehmen.  Der  Finanzminister
  hat  sich  einen  billigen  Beifall  damit  geholt,  daß  er  sich  über  mich
lustig  machte  und  sagte:  Ja,  die  Banken  sollten  nur  ordentlich  Konsols
kaufen,  dann  würden  sie  schon  in  die  Höhe  gehen.  Die  Deutsche  Bank,
deren  Direktor  ich  bin,  hat  mehr  als  die  Hälfte  ihres  ganzen  Kapitals  in
deutschen  Anleihen  und  Reichsschatzanweisungen  angelegt.  Leider,  denn  wir
        <pb n="308" />
        300  Das  Beutsche  Reich  uud  seine  eintelnen  Glieder.  (Mai  30.)

verlieren  dabei  ein  schweres  Geld.  Der  einzelne,  auch  der  Stärkste,  ist
außerstande,  diesem  Rückgang  der  deutschen  Anleihen  zu  widerstehen,  wenn
von  der  ersten  Stelle  aus  falsch  disponiert  wird.

Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben:  Ich  bin  jederzeit  bereit,  mir
eine  Kritik  gefallen  zu  lassen,  auch  eine  herbe,  ich  bin  sogar  dankbar  dafür.
Aber  ich  kann  es  nicht  mehr  als  berechtigt  anerkennen,  wenn  die  Kritik  in
einer  Form  erfolgt,  wie  dies  von  seiten  des  Vorredners  geschehen  ist.  Wir,
die  wir  tagaus  tagein  dem  sauren  Geschäfte  obliegen,  die  Finanzen  des
Staates  zu  verwalten,  die  wir  uns  einigermaßen  bemüht  haben,  alles  zum
besten  einzurichten,  müssen  es  als  eine  Kränkung  empfinden,  wenn  hier
behauptet  wird,  daß  uns  jede  finanzwirtschaftliche  Einsicht  fehle.  Das  muß
ich  weniger  für  meine  Person  als  vielmehr  für  meine  treuen  Mitarbeiter
als  ganz  unberechtigt  zurückweisen.  Mehr  noch  bedaure  ich  die  Angriffe
auf  meinen  verstorbenen  Vorgänger  Miquel.  Der  auf  ihn  angewandte
Ausdruck  „Hexenmeister“  paßt  durchaus  nicht  auf  einen  so  hochverdienten
Mann,  der  der  größte  Finanzminister  gewesen  ist,  den  wir  gehabt  haben.
Der  Vorredner  hat  dann  die  verschiedenen  Etats  bemängelt.  Wir  hätten
bei  dem  Etat  für  1907  nicht  die  genügende  Voraussicht  gehabt.  Ein  anderer
  sehr  hervorragender  Finanzmann  in  Berlin  klagte  mir  einmal  in
dieser  Beziehung:  „Ja,  wenn  ich  prophezeien  gelernt  hätte,  brauchte  ich
mich  nicht  so  zu  schinden.“  Das  trifft  auch  für  die  Aufstellung  der  Etats
zu.  Im  August  kommen  die  Aufstellungen  der  einzelnen  Verwaltungen
an  das  Finanzministerium.  Im  Spätherbst  werden  die  Etats  aufgestellt.
Wenn  dann  im  Anfang  des  nächsten  Jahres  ein  völliger  wirtschaftlicher
Umschwung  stattfindet,  so  weichen  dann  natürlich  die  einzelnen  Punkte  und
Ziffern  von  den  Voranschlägen  erheblich  ab.  So  war  es  1907.  Im
Sommer  bei  einer  durchaus  günstigen  Entwicklung  wurde  der  Etat  aufgestellt,
  dann  kam  plötzlich  eine  starke  wirtschaftliche  Depression  nach  unten,
so  daß  sich  der  Etat  als  nicht  richtig  erwies.  Wir  können  bei  der  Aufstellung
  wohl  die  bisherigen  Ergebnisse  berücksichtigen  und  nach  bestem
Wissen  und  Gewissen  berechnen,  wie  die  wirtschaftliche  Entwicklung  auf  den
Etat  wirkt,  tritt  dann  aber  plötzlich  ein  wirtschaftlicher  Umschwung  ein,  so
ändert  sich  die  ganze  Finanzlage.  Und  nun  ist  uns  vorgeworfen,  daß  wir
die  Industrie  nicht  gleichmäßig  beschäftigen.  Für  frühere  Jahre  mag  der
Vorwurf  berechtigt  sein,  aber  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  haben
wir  grundsätzlich  auch  in  den  mageren  Jahren  der  Industrie  Aufträge
erteilt.  Die  großen  Anleihen  sind  ja  der  beredte  Ausdruck  dafür,  daß  wir
uns  bemüht  haben,  die  Industrie,  namentlich  von  seiten  der  Eisenbahnverwaltung,
  mit  genügenden  Aufträgen  zu  unterstützen.  Der  Vorredner
hat  behauptet,  bisher  habe  eine  regellose  Wirtschaft  stattgefunden.  Ich
habe  schon  früher  nachgewiesen,  daß  das  unrichtig  ist.  Eine  regellose  Wirtschaft
  bestand  bis  1893,  d.  h.  es  war  kein  festes  Prinzip  vorhanden,  welche
Bedürfnisse  aus  den  laufenden  Mitteln  bestritten  werden  müssen  und  welche
aus  Anleihen.  1893  wurden  feste  Grundsätze  herbeigeführt.  Danach  dürfen
auf  Anleihen  nur  Ausgaben  genommen  werden,  die  einen  gewissen  werbenden
  Charakter  in  sich  tragen,  die  auch  der  Zukunft,  die  die  Anleihe
später  zu  tragen  hat,  zugute  kommen.  An  diesem  Prinzip  halten  wir  fest.
Würden  wir  dem  Vorschlage  folgen,  das  Extraordinarium  der  Eisenbahn
auf  Anleihe  zu  nehmen,  so  würden  wir  von  diesem  wohlerwogenen  Prinzip
vollkommen  abweichen.  Ich  würde  das  geradezu  für  eine  Verschleierung
ansehen.  Das  erste  Prinzip  einer  Finanzwirtschaft  ist,  die  Aufgaben,  die
der  Gegenwart  obliegen,  auch  von  der  Gegenwart  lösen  zu  lassen  und  nicht
einer  fernen  Zukunft  zuzuschieben,  die  an  den  eigenen  Aufgaben  genug  zu
tragen  haben  wird.  Unsere  Staatsschuld  wird  in  32  Jahren  erst  um
        <pb n="309" />
        Das  Vetsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  30.)  301

75  Prozent  getilgt  sein.  Wenn  wir  eine  so  geringe  Schuldentilgung  haben,
so  ist  es  Pflicht  einer  verständigen  Finanzwirtschaft,  durch  laufende  Mittel
werbende  Anlagen  zu  schaffen.  Ich  verstehe  nicht,  daß  gerade  der  Vorredner
  eine  Deckung  der  Kosten  durch  laufende  Mittel  bemängelt.  Ihm
sollte  doch  bekannt  sein,  in  welchem  Maße  große  industrielle  Anlagen  sich
Reservefonds  der  verschiedensten  Art  schaffen.  Im  preußischen  Etat  haben
wir  keine  solchen  Fonds,  die  uns  vor  den  Wechselfällen  der  Zukunft  schützen.
Wir  ersetzen  sie  aber  dadurch,  daß  wir  aus  laufenden  Mitteln  neue  Anlagen
  schaffen.  Ich  bin  dagegen,  das  ganze  Extraordinarium  als  werbende
Anlage  anzusehen.  Es  wird  z.  B.  ein  Eisenbahndienstgebäude  erweitert,
nach  30  Jahren  wieder  erweitert,  nach  50  Jahren  abgerissen,  das  ist  also
die  Beschäftigung  des  braven  alten  Saturns,  der  seine  eigenen  Kinder
auffrißt.  Wenn  wir  das  ganze  Extraordinarium  als  werbende  Anlage  ansehen,
  so  würden  wir  unsere  Schuld  erst  in  60  Jahren  getilgt  haben.  Im
Reiche  wird  in  viel  kürzerer  Frist  getilgt,  die  werbenden  Anlagen  in  30,
die  nichtwerbenden  in  22  Jahren.  Wir  sind  unausgesetzt  bemüht,  hinsichtlich
  des  schlechten  Standes  unserer  Konsols  Besserung  zu  schaffen.  Die
Banken  und  ähnliche  Einrichtungen  haben  lange  noch  nicht  so  viele  Staatspapiere,
  wie  es  wünschenswert  ist.  Die  englischen  Institute  sind  in  viel
höherem  Maße  bemüht,  Staatspapiere  zu  kaufen,  als  das  bei  uns  geschieht.
England  hat  16  Milliarden  Schulden,  davon  sind  11  Milliarden  in  festen

änden.  Wir  haben  etwa  ebensoviel  Schulden,  aber  13  Milliarden  davon
sind  in  Händen  des  Publikums  und  diese  Summen  strömen  sofort  zu
Markt,  wenn  sich  eine  Gelegenheit  zur  besseren  Verwertung  bietet.  Statt
fremde  exotische  Papiere  zu  empfehlen,  lege  ich  allen  Banken  dringend  ans
Herz,  ihre  Käufer  auf  die  Staatspapiere  hinzuweisen.  Nur  dann  wird
Besserung  erfolgen.  Der  Vorredner  hat  von  einer  exorbitanten  Belastung
der  Steuerzahler  gesprochen  und  berechnet,  wieviel  von  dem  Viermilliardenetat
  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  komme.  Wenn  wir  nur  einen  ganz
flüchtigen  Blick  auf  den  Etat  tun,  und  man  muß  doch  mit  Leuten  rechnen,
die  sich  ernstlich  bemühen,  der  Sache  gerecht  zu  werden,  so  sieht  man,  daß
diese  vier  Milliarden  noch  aus  den  Betriebsverwaltungen  vornehmlich  der
Eisenbahn  resultieren,  und  daß  man  daraus  noch  keine  Belastung  pro  Kopf
der  Bevölkerung  herleiten  kann.  Richtig  ist,  daß  einzelne  Positionen
doppelt  durchlaufen,  denn  der  Landtag  hat  dies  Recht  verlangt,  damit  man
die  finanziellen  Ergebnisse  der  einzelnen  Verwaltungen  übersehen  kann.
Schließlich  hat  der  Vorredner  behauptet,  daß  unsere  Regelung  lediglich
auf  dem  Papier  stehe.  Ich  bestreite  das.  Durch  das  Gesetz  von  1903
sind  die  bestehenden  Mängel  beseitigt  worden,  so  daß  die  finanziellen  Ergebnisse
  der  Eisenbahnverwaltung  dem  Zugreifen  der  anderen  Etats  entzogen
  werden  können.  Nun  hat  der  Vorredner  bestritten,  daß  wir  mit
der  Eisenbahnverwaltung  210  Millionen  erzielen  können;  vor  zehn  Jahren
haben  wir  215  Millionen  erzielt,  später  254.  Warum  sollen  wir  da  nicht
in  der  Zukunft  auf  210  gelangen?  1909  haben  wir  einen  Zuschuß  der
Eisenbahnverwaltung  zu  den  allgemeinen  Ausgaben  in  Höhe  von  179  Millionen
  erreicht,  während  nach  dem  Etat  nur  83  vorgesehen  waren.  Also
in  einem  Jahre  sind  96  Millionen  mehr  erzielt  worden.  Warum  sollen
wir  da  1910  und  1911  die  folgenden  31  Millionen  nicht  noch  erreichen?
Nun  hat  der  Vorredner  den  Ausdruck  gebraucht,  als  ob  der  Etat  wie  ein
Struwwelpeter  aussehe.  Mir  ist  ein  echter  Struwwelpeter  aber  lieber  als
ein  mit  künstlichem  Flittertand  aufgeputzter  Etat,  der  das  Extraordinarium
auf  Anleihen  verweist  und  den  Anschein  erweckt,  daß  wir  reicher  und
günstiger  dastehen,  als  es  der  Fall  ist.  (Lebhafter  Beifall.)
        <pb n="310" />
        302  Das  Denisqhe  Reich  und  seine  einjelnen  GSlieder.  (Mai  30.)

Bankdirektor  v.  Gwinner:  Aus  meinen  Worten  kann  unmöglich
geschlossen  werden,  als  ob  ich  Herrn  v.  Migquel,  dieses  große  Finanzgenie,
herabsetzen  wollte.  Ich  habe  ihm  im  Gegenteil  hohes  Lob  gezollt.  Die
heutigen  Ausführungen  des  Finanzministers  haben  mich  in  meiner  Auffassung
  gefestigt,  daß  wir  uns  nicht  verstehen.  Er  hat  die  Schuldentilgung
des  Reichs  mit  Preußen  verglichen,  aber  wenn  wir  im  Reiche  die  Schulden
getilgt  haben,  dann  ist  nichts  mehr  da,  haben  wir  in  Preußen  die  Schulden
getilgt,  dann  haben  wir  immer  noch  die  Eisenbahn,  die  dann  mehr  bringt
wie  heute.  Jetzt  bringt  sie  zwei  Milliarden,  in  15  Jahren  werden  es
drei  Milliarden  sein.  Wenn  wir  aber  dann  nicht  300  Millionen  jährlich
aufwenden  müssen  für  die  Erweiterungen  und  Verbesserungen,  sondern
statt  diesen  500  Millionen  aufzuwenden  haben,  dann  würden  die  gestiegenen
Einnahmen  selbst  bei  glänzender  Entwicklung  nicht  mehr  hinreichen,  um
auch  die  Eisenbahnschulden  zu  tilgen;  gerade  weil  die  Eisenbahn  dann  in
viel  höherem  Maße  werbend  wäre,  werden  wir  dann  immer  wieder  Schulden
aufzunehmen  haben.  Das  sind  aber  dann  keine  toten  Schulden,  sondern
Schulden,  die  mehr  einbringen,  als  sie  kosten  —  wenn  ich  vier  Mark
Schulden  mache  und  damit  sechs  Mark  einnehme,  habe  ich  mein  Vermögen
doch  verbessert  —,  während  im  Reich,  wo  keine  Einnahmen  zu  schaffen
sind,  durch  Aufnahme  von  Schulden  das  Vermögen  natürlich  sich  verschlechtert.
  Ich  bin  mit  dem  Finanzminister  der  Ansicht,  daß  wir  jetzt  in
einer  günstigen  Konjunktur  leben;  das  ist  gewiß  erfreulich,  beweist  aber
doch,  daß  der  vorjährige  Anschlag  falsch  war.  Um  diesem  Etat  zu  genügen,
  müßten  wir  75  Millionen  Mark  einnehmen.  Und  um  35  Millionen
Fonds  zu  hinterlegen,  müßten  wir  365  Millionen  Mark  Bruttoeinnahme,
also  täglich  eine  Million  Mark  haben.  Das  erkläre  ich  für  unmöglich.
Heute  über  ein  Jahr  werden  wir  das  bestätigt  sehen.  «

Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben:  Im  Etat  steht  doch  deutlich,
daß  das  ständige  Anlagekapital  nach  dem  abgelaufenen  Jahr  berechnet  wird,
also  jetzt  nach  1908.  Das  beträgt  210  und  nicht  227  Millionen.  Wenn
der  Herr  Vorredner  sagt,  in  Preußen  seien  ja,  wenn  die  Schulden  getilgt
wären,  die  Eisenbahnen  noch  übrig,  im  Reiche  aber  nicht,  so  vergißt  er,
daß  wir  im  Reich  ja  auch  Eisenbahnen  und  die  Post  haben  und  trotzdem
tilgt  das  Reich  seine  Schulden  in  30  Jahren.  Es  ist  mir  nicht  verständlich,
wie  man  predigen  kann,  bei  den  enormen  Schulden,  die  wir  aufnehmen
müssen  zu  den  Eisenbabnen  und  für  wasserwirtschaftliche  Bauten,  daß  wir
immer  noch  stärkere  Schulden  aufnehmen  sollen.  Wir  haben  seit  1906,
wo  die  Schulden  7330  Millionen  betlrugen,  bis  1910  die  Schuldenlast  auf
9421  Millionen  Mark  erhöht.  Das  ist  eine  ganz  erkleckliche  Zunahme,
die  unseren  Zinsendienst  von  297  auf  390  Millionen  Mark  gesteigert  hat.
Das  ist  eine  Tatsache,  die  den  Staat  immer  steigend  belastet.  Ich  habe
schon  darauf  hingewiesen,  daß  die  Eisenbahn  allein  mit  50  Millionen  Mark
jährlich  an  dieser  Belastung  beteiligt  ist.  Dadurch  werden  natürlich  die
staatlichen  Mittel  anderen  Zwecken  entzogen.  Wir  haben  also  wohl  allen
Anlaß,  dem  Schuldenmachen  Einhalt  zu  tun.  Wir  müssen  auch  schon  deshalb
  daran  festhalten,  daß  nicht  werbende  Anlagen  auf  das  Extraordinarium
übernommen  werden,  um  zu  verhindern,  daß  nicht  auch  die  anderen  Ressorts
  mit  fortwährend  neuen  Anforderungen  an  die  Finanzverwaltung
herantreten  und  so  das  Extraordinarium  in  immer  stärkerem  Maße  belastet
  werde.  Ich  meine,  der  Weg,  den  wir  eingeschlagen  haben,  verdient
in  hohem  Maße  Billigung.

Oberbürgermeister  Lenze-Magdeburg:  Wohin  sollte  es  führen,  wenn
wir  den  Vorschlägen  des  Herrn  v.  Gwinner  folgen  würden?  Wir  würden
dann  einfach  so  und  soviele  Mittel,  die  jetzt  für  laufende  Ausgaben  ver-
        <pb n="311" />
        Des  Denisqhe  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (Mai  30.)  303

wendet  werden,  frei  bekommen  und  diese  Ueberschüsse  werden  für  die
einzelnen  Ressorts  ein  Anreiz  sein,  neue  dauernde  Ausgaben  zu  fordern.
Mit  welchen  Argumenten  soll  dann  der  Finanzminister  diesen  Forderungen
entgegentreten?

v.  Gwinner:  Wenn  wir  willenlos  allen  Ressorts  ausgeliefert  sind
und  dann  Ausgaben  bewilligen  müssen,  nur  weil  wir  kein  Defizit  haben,
dann  wollen  wir  lieber  gleich  beschließen:  Das  Defizit  wird  in  Preußen
in  Permanenz  erklärt.  Aber  das  scheint  mir  nicht  der  richtige  Weg  zu
sein.  Man  kann  sehr  wohl  sparsam  wirtschaften  und  braucht  kein  Defizit
zu  haben.  Uebrigens  habe  ich  meine  Vorschläge  nicht  ein  für  allemal  gemacht,
  sondern  nur  für  den  jetzigen  Etat.  Im  übrigen  scheint  dem  Hause
nicht  genügend  bekannt  zu  sein,  daß  wir  ganz  bedeutende  Summen  tilgen,
die  nicht  als  Tilgung  bezeichnet  sind.  Wir  nehmen  z.  B.  auf  das  Ordinarium
  des  Eisenbahnetats  volle  70  bis  75  Millionen  Mark  jährlich  für
werbende  Neuanlagen.  Es  ist  nur  die  Frage,  ob  diese  Tilgung  genügt
oder  nicht.  Unsere  Tilgungsart  ist  eben  nicht  die  richtige.  Damit  wird
die  Tilgung  viel  leichter  gemacht,  als  es  bei  anderen  Ländern  der  Fall  ist.
Die  Anlagen  der  sechs  französischen  Eisenbahngesellschaften  stehen  z.  B.
mit  13¼  Milliarden  Francs  zu  Buch,  unsere,  die  noch  dazu  etwas  größer
sind,  mit  8¾/¾  Milliarden.  Das  ist  also  ein  ganz  bedeutender  Vorsprung.
Wir  arbeiten  in  Preußen  gewiß  solide,  wenn  wir  in  einem  Jahre  202  Millionen
  Mark  tilgen.  Aber  wir  tilgen  nicht  in  der  richtigen  Weise.

Oberbürgermeister  Lenze:  Auch  diese  Ausführungen  haben  mich
nicht  überzeugt.  Der  Vorredner  meinte,  seine  Art  der  Etatsaufstellung
solle  nicht  für  alle  Zeiten  gelten,  sondern  nur  für  dieses  Jahr.  Ich  hatte
ihn  verstanden,  daß  er  dem  Finanzministerium  gerade  deshalb  den  Vorwurf
  des  unwirtschaftlichen  Finanzgebarens  gemacht  habe,  weil  es  nicht
dauernd  die  von  ihm  aufgestellten  Grundsätze  befolgt  habe.  Wenn  das
Rezept  des  Vorredners  befolgt  würde,  dann  könnte  das  Finanzministerium
den  Etat  heute  nach  diesem  und  morgen  nach  jenem  Prinzip  aufstellen.
Ich  glaube  nicht,  daß  das  im  Interesse  einer  soliden  konsequenten  Finanzwirtschaft
  liegt.  Redner  hat  auf  die  privaten  Eisenbahngesellschaften  anderer
  Länder  hingewiesen.  Man  darf  ein  Staatsunternehmen  aber  nicht
ohne  weiteres  vergleichen  mit  einer  privaten  Erwerbsgesellschaft.  Wir  tun
entschieden  am  besten,  den  bisherigen  bewährten  Weg  nicht  zu  verlassen,
sonst  müßten  wir  ebenso  verfahren  wie  die  Privatindustrie  und  überall
Reservefonds  schaffen,  die  wir  heute  nicht  haben.  (Beifall.)

v.  Buch:  Aus  dem  bisherigen  Gang  der  Diskussion  war  zu  lernen,
daß  der  Staat  nicht  verwaltet  werden  kann  nach  den  Grundsätzen  einer
Großbank  oder  einer  Eisenbahngesellschaft.  Darum  möchte  ich  an  den
Finanzminister  die  dringende  Bitte  richten,  an  den  bewährten  Grundsätzen
für  die  Gesundung  der  preußischen  Finanzen  festzuhalten,  ja  sie  noch  zu
verschärfen.  (Beifall.)  Wir  stehen  auf  dem  Standpunkt,  daß  die  Grenze
bei  dem  werbenden  Kapital  schon  viel  zu  weit  gezogen  ist.  Bei  einer  Verwaltung
  wie  unsere  Eisenbahnverwaltung  es  ist,  kann  man  nicht  behaupten,
daß  jedes  neue  Bahnhofsgebände  ein  werbendes  Kapital  ist.  In  den
meisten  Fällen  ist  es  ein  fressendes  Kapital.  Wir  müssen  uns  darüber
klar  sein,  daß  an  den  Staat  immer  neue  Aufgaben  herantreten.  Es  ist
ein  ganz  bedenklicher  Zustand,  daß,  auch  wenn  wir  eine  Tilgung  der
Schulden  ausrechnen,  unsere  Schulden  dennoch  tatsächlich  dauernd  wachsen.
Wir  stehen  Aufgaben  gegenüber,  von  denen  sich  nach  den  heutigen  Ausführungen
  eine  Privatgesellschaft  oder  ein  Vertreter  einer  Bank  kaum  ein
Bild  machen  kann.  Darum  freue  ich  mich,  daß  mit  solcher  Energie  die
Angriffe  von  der  Regierung  zurückgewiesen  worden  sind.  Das  glaube  ich
        <pb n="312" />
        304  Das  Denisqe  Reih  und  seine  einelnen  Slieder.  (Mai  31.)

im  Namen  meiner  Fraktion  sagen  zu  dürfen.  Auf  eines  war  ich  besonders
begierig  bei  den  Ausführungen  des  Herrn  v.  Gwinner.  Ich  hatte  gehofft,
daß  er  uns  sagen  würde,  wie  wir  die  Kurse  unserer  Staatspapiere  heben
können.  Darüber  aber  hat  er  uns  sehr  wenig  gesagt.  Wenn  wir  auf  der
einen  Seite  ein  paar  Millionen  durch  die  Seehandlung  kaufen  lassen  und
auf  der  anderen  Seite  neue  Schulden  machen,  dann  werden  dadurch  unsere
Kurse  nicht  unserer  Sicherheit  entsprechend  steigen.  Herr  v.  Gwinner  hat
auf  das  Beispiel  der  Hypothekenbanken  verwiesen.  Ich  möchte  den  Finanzminister
  dringend  bitten,  solche  Mittel  zur  Steigerung  des  Kurses  unserer
Anleihen  nicht  anzuwenden.  Im  allgemeinen  haben  wir  von  Herrn
v.  Gwinner  nichts  gelernt.  Ich  hoffe,  daß  er  uns  bei  anderer  Gelegenheit
  Ratschläge  zur  Hebung  der  Kurse  unserer  Staatspapiere  geben  wird.
Dann  wird  er  dem  preußischen  Staate  mehr  dienen  als  durch  ungerechtbrtigte
  Angriss  gegen  unsere  ausgezeichnete  Finanzverwaltung.  (Lebhafter
Beifall

v.  Gwinner:  Ich  bedauere,  daß  die  Debatte  eine  so  persönliche
Zuspitzung  erfahren  hat.  Zunächst  müssen  wir  uns  doch  überhaupt  einmal
verstehen.  Ich  habe  vorgeschlagen,  im  lausenden  Etat  statt  einer  Defizitanleihe
  von  92  Millionen  Mark  diese  92  Millionen  Mark  als  Eisenbahnanleihe
  aufzunehmen.  Dadurch  würde  absolut  nichts  geändert.  Dann
wurde  gesagt,  wir  sollten  an  den  bewährten  Einrichtungen  und  Grundsätzen
  festhalten  und  es  weiter  so  machen.  Du  lieber  Gott,  wir  haben  ja
gar  keine  Grundsätze  gehabt.  Es  wird  ja  zum  ersten  Male  der  Versuch
gemacht,  solche  Grundsätze  aufzustellen.  Deshalb  habe  ich  das  Wort  ergriffen.
  Wir  haben  immer  soviel  bezahlt,  wie  wir  nur  bezahlen  konnten.
Aber  für  laufende  Ausgaben  mehr  zu  bezahlen,  als  wir  bezahlt  haben,
halte  ich  für  einen  Fehler.  Dann  hat  man  gesagt,  man  dürfe  ein  Staatsunternehmen
  nicht  vergleichen  mit  einem  Privatunternehmen.  Den  Vergleich
  halten  wir  immer  noch  aus.  Wenn  z.  B.  die  größte  Eisenbahngesellschaft
  der  Welt  nächst  der  preußischen  Eisenbahn,  die  Pennsylvania-Eisenbahn,
  so  verfahren  wäre  wie  wir,  ihre  Aktien  wären  das  größte
Spekulationspapier  der  Welt  gewesen.  Sie  hätte  in  einem  Jahre  zwei
Prozent,  im  nächsten  Jahre  sieben  Prozent,  während  ein  gut  geleitetes  Unternehmen
  darnach  trachten  muß,  daß  eine  gleiche  Abgabe  abzuliesern  ist.  Im
anderen  Hause  ist  zum  ersten  Male  der  Versuch  gemacht  worden,  bestimmte
Grundsätze  aufzustellen,  und  dabei  hat  man  nachweisbar  einen  Mißgriff
gemacht.  Man  hat  sich  einen  Ausgleichsfonds  konstruiert,  den  man  nie
erreichen  wird.  Wir  werden  uns  ja  in  zwei  Jahren  darüber  näher  unterhalten.
  Es  ist  einfach  unmöglich,  daß  etwas  Nennenswertes  in  diesen
Fonds  fließen  kann.  Die  Privatgesellschaften  haben  sich  im  Laufe  von
hundert  Jahren  entwickelt,  während  der  Staat  ein  so  großes  Unternehmen
erst  seit  kurzer  Zeit  übernommen  hat.  Der  Staat  muß  deshalb  von  den
Gesellschaften  lernen.  Er  weiß  es  nicht,  glauben  Sie's  mir,  er  weiß  es
nicht.  Er  versteht  die  Sache  nicht.  (Unruhe.)  Technisch  ist  die  Verwaltung
  ganz  vorzüglich,  aber  finanziell,  nein,  nein.  Die  Sache  ist  ihm
über  den  Kopf  gewachsen.  Glauben  Sie  es  mir.  Wir  sehen  es  ja,  wohin
wir  kommen.  Die  Einnahmen  gehen  herunter,  ein  großer  Teil  wird  absorbiert
  vom  Extraordinarium.  Wir  pumpen  nicht  zu  viel,  wir  pumpen
zu  wenig.  Wir  müssen  nur  richtig  pumpen.  Im  Reiche  sind  ja  jetzt  die
Verhältnisse  besser  geworden.  Hoffentlich  kommen  wir  unter  diesem  Eindruck
  in  Preußen  zu  einer  quten  Finanz.

31.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Koedukation.
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        Das  Deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  31.)  305

Beratung  des  Antrags  Eickhoff-Friedberg,  wonach  die  Regierung  in
besonderen  Ausnahmefällen,  in  denen  die  Errichtung  von  Studienanstalten
und  Lyzeen  aus  finanziellen  Gründen  erschwert  ist,  zur  Bestreitung  des
Bildungsbedürfnisses  der  weiblichen  Jugend  den  gemeinsamen  Unterricht
zu  gestatten  hat.

Abg.  Eickhoff  (Fortsch.  Vp.)  begründet  den  Antrag:  Wir  wünschen
nicht  die  allgemeine  Koedukation,  denn  dann  wäre  die  ganze  Mädchenschulreform
  überflüssig,  sondern  wir  wünschen  sie  nur  in  den  im  Antrage  bezeichneten
  Ausnahmefällen.  Wo  sie  besteht,  hat  sie  sich  durchaus  bewährt,
nicht  nur  hinsichtlich  der  moralischen  Einwirkung  auf  die  Knaben,  sondern
auch  als  Faktor  des  sozialen  Ausgleiches.  Die  Behauptung,  daß  in  Amerika
die  Koedukation  Rückschritte  mache,  wird  von  Kennern  bestritten.  In  Süddeutschland
  und  in  einigen  Staaten  Norddeutschlands  ist  übrigens  die
Koedukation  schon  eingeführt  und  man  hat  durchaus  gute  Erfahrungen  gemacht.
  Man  lese  nur  den  Bericht  der  badischen  Regierung.

Ministerialdirektor  Schwartzkopff:  Der  Minister  hat  seine  Auffassung
  über  diese  Frage  wiederholt  zum  Ausdruck  gebracht.  Man  darf
die  Frage  nicht  so  stellen,  ob  man  ausnahmsweise  die  Koedukation  zulassen
solle,  sondern  ob  man  die  Zulassung  der  Mädchen  zum  Knabenunterricht
überhaupt  für  zulässig  hält.  Lehnt  man  das  letztere  ab,  so  ist  die  ganze
Sache  damit  erledigt.  Wir  haben  uns  die  Frage  vorgelegt,  als  wir  an
die  Mädchenschulreform  herangingen.  Wir  haben  uns  gegen  die  Koedukation
entschieden.  Die  Aufgabe  der  höheren  Knabenschulen  besteht  darin,  eine
gewisse  Unterlage  zu  bieten,  um  bis  zum  27.  Jahre  selbständig  wissenschaftlich
  weiterarbeiten  zu  können  und  dann  erst  in  einen  Beruf  einzutreten;
die  Aufgabe  der  Schule  ist  aber  nicht,  auf  den  Beruf  vorzubereiten.  Ein
Mädchen  ist  aber,  wenn  man  den  Beruf  als  Mutter  und  Hausfrau  in  den
Vordergrund  stellt,  mit  16  bis  17  Jahren  im  allgemeinen  mit  dieser  Ausbildung
  fertig.  Sie  bedarf  aber  noch  einiger  Jahre  zur  Vorbereitung  für
das  Leben,  die  sie  auf  der  Schule  nicht  erwirbt.  Eine  Uebertragung  der
Knabenschuleinrichtungen  auf  die  Mädchen  ist  daher  nicht  möglich.  Wir
müssen  zufrieden  sein,  wenn  es  gelingt,  allmählich  die  Mädchenbildung
weiter  zu  erstrecken,  ohne  daß  ihre  natürliche  Entwicklung  beeinträchtigt
wird.  Die  Vorbildung  muß  infolgedessen  anders  eingerichtet  werden.  Es
bedarf  besonderer  Studienanstalten  für  Mädchen.  Fünf  Gründe  haben
uns  bestimmt  für  die  Errichtung  solcher  Anstalten.  Wir  wünschen  die
Entscheidung  der  Eltern,  ob  ein  Mädchen  zur  Universität  gehen  soll,  möglichst
  lange  hinauszuziehen.  Zweitens  erfordert  die  Mädchenerziehung  unter
allen  Umständen  auch  in  gewissem  Umfang  weibliche  Lehrkräfte,  die  wir
an  den  Knabenschulen  nicht  haben.  Drittens  müssen  wir  Rücksicht  nehmen
auf  die  körperliche  Entwicklung  der  Mädchen.  In  den  Jahren  der  Entwicklung
  müssen  wir  auf  die  Mädchen  mehr  Rücksicht  nehmen  als  auf  die
Knaben,  und  diese  Rücksicht  erfordert  viertens,  daß  man  nicht  mit  derselben
  Hast  und  demselben  Zwang  die  Mädchen  wie  die  Knaben  erzieht.
Die  Zahl  der  Unterrichtsstunden  muß  bei  den  Mädchen  geringer  sein,  und
sie  erreichen  erst  in  13  Jahren  das  12  jährige  Pensum  der  Knabenschulen.
Es  ist  fraglich,  ob  wir  mit  unseren  Anforderungen  an  die  Mädchen  nicht
heute  schon  zu  weit  gegangen  sind.  Endlich  haben  wir  Rücksicht  zu  nehmen
auf  das  Historischgewordene.  Das  alles  hat  zur  Errichtung  besonderer
Studienanstalten  für  die  Mädchen  geführt.  Erkennt  man  diese  Gründe
aber  an,  so  kann  auch  von  einer  ausnahmsweisen  Koedukation  keine  Rede
sein.  Die  Mädchen,  die  zugelassen  würden,  würden  ihr  Pensum  eher  erreichen
  als  die  andern  und  das  würde  zu  einer  Zurücksetzung  der  letzteren
führen.  Und  läßt  man  hier  Ausnahmen  zu,  so  werden  diese  auch  anderswo

Europäischer  Geschichtskalender.  II.  20
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        306  Nas  Veuische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Mai  31.)

verlangt  und  dann  sind  die  Studienanstalten  überhaupt  überflüssig.  (Lebhafter
  Beifall.)

Abg.  Kaufmann  (3.  schließt  sich  diesen  Ausführungen  an.  Wenn
in  Süddeutschland  die  Koedukation  in  gewissem  Umfange  zugelassen  ist,
so  erklärt  sich  das  daraus,  daß  dort  weniger  als  in  Preußen  rechtzeitig
etwas  für  die  besondere  Ausbildung  der  Mädchen  geschehen  ist.

Abg.  v.  Kessel  (K.)  spricht  seine  Zunimmung  zu  den  Ausführungen
des  Regierungskommissars  aus.  Es  ist  nötig,  daß  in  Bezug  auf  die
Mädchenschulreform  Ruhe  eintritt  und  die  weitere  Entwicklung  abgewartet
wird.  Man  wird  sagen,  daß,  weil  ich  mich  kurz  fasse,  die  Konservativen
dieser  Angelegenheit  kein  Interesse  entgegenbringen.  Das  ist  nicht  der  Fall.
Aber  ich  habe  die  Erfahrung  gemacht,  daß  die  Reden  hier  nicht  nur  zahlreicher,
  sondern  auch  länger  geworden  sind.  Nun  mögen  große  Reden  bei
großen  Anlässen  am  Platze  sein.  Aber  wir  sollten  uns  endlich  daran  gewöhnen,
  kleinere  Fragen,  zumal  wenn  sie  schon  öfters  erörtert  sind,  auch
klein  zu  behandeln.  Wir  würden  dadurch  dem  Lande  an  Diäten  und
Druckkosten  viel  Geld  sparen  und  so  den  Dank  der  Wähler  verdienen.
Den  Sturm  der  Entrüstung  darüber,  daß  wir  so  wenig  sprechen  und  den
Wählern  so  wenig  Redematerial  bieten,  sollten  wir  ruhig  an  uns  herankommen
  lassen..

Abg.  Vorster  (Frk.):  Eine  Minderheit  meiner  Fraktion  steht
dem  Antrag  Eickhoff  freundlich  gegenüber.  Wenn  eine  Gemeinde  in
Einzelfällen  Ausnahmen  zulassen  will,  so  mag  man  sie  doch  daran  nicht
hindern.

Abg.  Styczynski  (P.)  wendet  sich  gegen  den  Antrag.

Abg.  Hintzmann  (Nl.):  Wir  müssen  uns  hüten  vor  der  Heranziehung
  eines  gebildeten  Mädchenproletariats  und  müssen  daran  festhalten,
daß  das  Mädchen  einen  möglichst  langen  Aufenthalt  im  Elternhause  braucht.
Der  Antrag  Eickhoff  verfolgt  aber  rein  praktische  Zwecke,  um  Schwierigkeiten
  zu  überwinden,  die  sich  in  einzelnen  Fällen  ergeben  können.  Daher
sollte  man  ihn  annehmen.

Nach  einigen  weiteren  Bemerkungen  des  Abg.  Eickhoff  wird  der
Antrag  durch  die  Stimmen  der  Konservativen  und  des  Zentrums  abgelehnt.


31.  Mai.  Offiziöse  Mitteilung  über  das  Ergebnis  des  Besuches
  des  Marchese  di  San  Giuliano:

„Der  Besuch  des  italienischen  Ministers  des  Aeußern  hat  erwünschte
Gelegenheit  geboten,  die  zwischen  dem  Reichskanzler  und  dem  Marquis
di  San  Giuliano  in  Florenz  geführte  Aussprache  fortzusetzen.  Wie  schon
damals  beide  Staatsmänner  sich  in  dem  festen  Enischluß  begegneten,  die
Sicherung  und  Befestigung  des  gegenwärtigen  Zustandes  als  Ziel  ihrer
Politik  unverändert  festzuhalten,  so  hat  auch  der  jetzt  gepflogene,  eingehende
und  vertrauensvolle  Meinungsaustausch  erneut  ergeben,  daß  in  der  hierauf
begründeten  zuversichtlichen  Auffassung  der  politischen  Gesamtlage,  wie  sie
den  fortdauernd  befriedigenden  Beziehungen  unter  den  europäischen  Mächten
entspricht,  eine  Aenderung  nicht  eingetreten  ist.  Die  Besprechungen  bekräftigten
  den  Willen  der  beiden  verbündeten  Regierungen,  im  Einklang
mit  dem  Wiener  Kabinett  auch  fernerhin  die  auf  Erhaltung  des  Friedens
gerichteten  Grundsätze  zur  Geltung  zu  bringen,  von  denen  die  Politik  der
Dreibundmächte  getragen  ist.“

31.  Mai.  (Potsdam.)  Der  Kronprinz  nimmt  in  Begleitung
des  belgischen  Königspaares  die  Frühjahrsparade  ab.
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        Des  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  31.)  307

S1.  Mai.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Beginn  der  Plenarberatung
  über  den  in  einer  Kommission  vorberatenen  Entwurf  einer
Kirchengemeindeordnung.

Abg.  Frank-Dillingen  (Z.)  preist  als  Ausschußreferent  das  Christentum
  als  Fundament  des  Staatswesens.  Das  katholische  Kirchenvermögen
in  Bayern  beläuft  sich  auf  316  Millionen  Mark,  das  protestantische  auf
67  Millionen.  Die  christlichen  Konfessionen  bilden  in  Bayern  also  nach
dem  Staat  die  größte  Organisation  und  daher  ist  es  nur  recht  und  billig,
daß  die  bayerische  Verfassung  ihnen  eine  gesonderte  Stellung  einräumt
und  besonderen  Schutz  verspricht.  In  die  Verwaltung  des  Kirchenvermögens
haben  sich  Kirche  und  Staat  200  Jahre  lang  geteilt,  bis  im  Jahre  1807
der  Ministerpräsident  Graf  Montgelas  den  unheilvollen  Schritt  tat,  sie
einzig  dem  Staat  zu  übertragen.  Im  Jahre  1817  überwies  derselbe  Staatsmann,
  durch  üble  Erfahrungen  belehrt,  die  Verwaltung  des  Kirchenvermögens
den  Kommunen.  Auf  dieser  Grundlage  blieben  die  Dinge  bis  zum  Jahre  1831.
Von  dieser  Zeit  datiert  in  Bayern  das  Verwaltungsrecht  über  das  Kirchenvermögen,
  wie  es  heute  besteht.  Es  ist  eigentlich  ein  durch  die  Rechtsprechung
  weitergebildetes  Gewohnheitsrecht.  Außer  diesem  Mangel  der
Rechtssicherheit  zeigt  der  überkommene  Zustand  eine  Reihe  weiterer  großer
Mißstände.  So  kommt  den  kirchlichen  Oberbehörden  nur  wenig  Einfluß
auf  die  Verwaltung  des  Kirchenvermögens  zu.  Der  jetzt  vorliegende  Entwurf
  fußt  auf  dem  Paragraphen  75  der  zweiten  Verfassungsbeilage.  Der
Entwurf  stellt  auch  mit  den  Aenderungen,  die  er  in  den  zwei  Lesungen
des  Ausschusses  erfahren  hat,  noch  immer  kein  Idealgesetz  dar,  aber  wir
stimmen  dem  Gesetz  in  dieser  Fassung  zu,  da  vorläufig  nichts  Besseres  zu
erreichen  ist.  Wir  verwahren  uns  allerdings  gegen  die  Auffassung,  als  ob
wir  damit  die  von  uns  bisher  beanstandete  Bestimmung  der  zweiten  Verfassungsbeilage
  akzeptierten.  Nach  dem  Entwurf  ist  dem  Kirchenstiftungsvermögen
  und  dem  Kirchengemeindevermögen  ein  verfassungsmäßiger  Schutz
gewährleistet.  Sie  konnten  zu  keinem  anderen  Zweck  als  zu  dem  im  Gesetz
  vorgesehenen  verwendet  werden.  Wir  in  der  Mehrheit  des  Ausschusses
haben  den  Standpunkt  vertreten,  daß  das  Kirchenstiftungsvermögen  reines
Kirchenvermögen,  kein  Staatsvermögen  ist.  Die  Kirchengemeinden  sind
lediglich  Beitragsverbände.  Die  Kirchenstiftungen  und  Kirchenvermögen
sollen  daher  im  Sinne  der  betreffenden  Kirchen  verwaltet  werden,  und  ihre
Verwaltungsorgane  sollen  dementsprechend  funktionieren.  Daher  ist  der
Artikel  6  des  Entwurfes  für  uns  unannehmbar,  weil  wir  der  Kirchengemeinde
  kein  Recht  über  die  Verwaltung  des  katholischen  Kirchenvermögens
zuerkennen  können,  sondern  lediglich  der  Kirchenverwaltung.  Wir  erwarten
von  der  Regierung,  daß  sie  ihre  Auffassung  nach  dieser  Richtung  ändert.
Die  Kirchenstiftungen  und  Kirchengemeinden  leisten  für  Schulzwecke  heute
noch  über  eine  Million.  Die  juristischen  Personen  sollten  ebenfalls  zu  den
Kirchensteuern  wie  in  anderen  Staaten  herangezogen  werden.  Bei  uns
sind  sie  seither  nur  zu  Baulasten  beitragspflichtig.  Die  Kirchengemeinde
soll  in  fast  allen  ihren  Beschlüssen  vom  Staate  unabhängig  werden.  Wir
bitten  darum  die  Regierung,  die  Staatsaussichtsbehörde  in  Fragen  der
Kirchengemeindeordnung  zu  größter  Vorsicht  zu  ermahnen,  damit  jeder
Schein  einer  unnötigen  Einmischung  in  innerkirchliche  Dinge  vermieden
wird.  Die  Vorteile  des  neuen  Gesetzes  sind  in  der  Hauptsache:  die  gesetzliche
  Regelung  unsicherer  Rechtszustände,  ferner  daß  die  Kirchengemeinde
rechtsfähig  wird  und  das  Recht  der  Selbstbesteuerung  erhält,  daß  der
Einfluß  der  kirchlichen  Oberbehörde  auf  das  Kirchenvermögen  und  die
Kirchenstiftungen  verstärkt  und  die  Staatskuratel  durch  eine  gesetzlich

20“
        <pb n="316" />
        308  Das  Veesche  Reich  und  seine  einjeluen  Glieder.  (Mai  31.)

geregelte  Staatsaufsicht  ersetzt  wird.  Der  Redner  wendet  sich  zum  Schluß
an  die  kirchentreuen  Elemente,  das  Gesetzesprojekt  zu  unterstützen  mit  Rücksicht
  auf  die  gemeinsamen  Kämpfe,  die  dem  Christentum  überall  erstehen.

Abg.  Casselmann  (Nl.):  Es  kann  kein  Zweifel  darüber  bestehen,
daß  der  Staat  vermöge  seiner  Souveränität  auch  die  Vermögensverhältnisse
der  katholischen  Kirche  regeln  kann,  wie  es  ihm  beliebt,  aus  dem  einfachen
Grunde,  weil  die  Ausübung  der  Finanzgewalt  durch  die  Kirchengemeinde
eine  rein  weltliche  Angelegenheit  ist.  Daher  kann  es  in  dieser  Hinsicht
auch  keinen  Unterschied  in  der  Behandlung  der  katholischen  und  der  protestantischen
  Kirchenvermögen  geben.  Der  Staat  hat  von  seinem  Recht
Gebrauch  gemacht  und  im  vorliegenden  Entwurf  als  Verwalter  des  Kirchenvermögens,
  nämlich  des  Stiftungsvermögens  und  des  Gemeindevermögens,
die  Kirchengemeinde  aufgestellt.  Da  hat  nun  die  Mehrheit  des  Hauses
die  scharfe  Scheidung  zwischen  dem  Kirchenstiftungsvermögen  und  dem
Kirchengemeindevermögen  eintreten  lassen.  Diese  Frage  ist  um  so  wichtiger,
als  zur  Zeit  Kirchengemeindevermögen  so  gut  wie  gar  nicht  existieren,
während  beide  Hauptkonfessionen  über  ansehnliche  Stiftungsvermögen  verfügen.
  Die  Behauptung  des  Zentrums,  die  Verwaltung  des  Stiftungsvermögens
  durch  die  Kirchengemeinde  habe  nicht  zu  Recht  bestanden,  ist
unrichtig  und  durch  die  Kirchenrechtsgeschichte  widerlegt.  Schon  in  der
Gesetzgebung  vom  Jahre  1834  wurde  das  Selbstverwaltungsrecht  der
Kirchengemeinde,  insbesondere  auch  bezüglich  des  Stiftungsvermögens,  anerkannt.
  Wenn  man  aber  die  Bedürfnisse  der  heutigen  Zeit  den  historischen
Betrachtungen  überordnet,  so  muß,  wer  nicht  von  konfessionellen  Zwangsvorstellungen
  befangen  ist,  oder  wer  nicht  von  der  Angst  der  Geistlichkeit
gegenüber  dem  Laienelement  angesteckt  ist,  erst  recht  sagen,  daß  der  vom
Entwurf  festgelegte  Grundsatz  entgegen  der  Zentrumsauffassung  der  richtige
ist.  Sie  fürchten,  es  könnte  allmählich  dahin  kommen,  daß  die  Kirchengemeinden
  dieses  Stiftungsvermögen  für  sich  als  Eigentum  in  Anspruch
nehmen.  Wer  eiwas  Derartiges  befürchtet,  muß  doch  schon  Gespenster  am
hellen  Tage  sehen.  Denn  schon  Artikel  1  des  Entwurfes  besagt  ausdrücklich,
daß  an  den  Verhältnissen  des  ortskirchlichen  Stiftungsvermögens  nichts
geändert  werden  kann.  Der  Kirchengemeinde,  die  die  Umlagen  zahlen  muß,
wenn  die  Renten  der  Stiftung  nicht  ausreichen,  gebührt  aus  Gründen  der
Billigkeit  auch  ein  Mitwirkungsrecht  an  der  Verwaltung.  Sobald  der
Entwurf  Gesetz  wird,  wächst  die  Zahl  der  Gemeinden,  die  Umlagen  erheben.
  Bezahlen  soll  jedes  Mitglied  der  Kirchengemeinde,  aber  mitzureden
soll  niemand  das  Recht  haben.  Ich  bewundere  das  Laienelement  in  Ihren
Reihen,  wenn  es  dazu  seine  Zustimmung  erklärt.  Die  Herren  haben  sich
gegenüber  dem  Episkopat,  der  mit  dem  Regierungsentwurf  vollkommen
einverstanden  war,  päpstlicher  als  der  Papst  erwiesen.  Dabei  lehnt  das
Zentrum  immer  ab,  eine  konfessionelle  Partei  zu  sein.  Das  Zentrum  ist
noch  etwas  viel  Schlimmeres.  Es  ist  eine  hyperkonfessionelle  Partei.  Sie
(zum  Zentrum  gewendet)  gebärden  sich  als  die  Kronpächter  der  Religion,
Sie  fühlen  sich  berufen,  über  die  Anschauungen  des  Episkopats  hinaus  die
Träger  der  katholischen  Anschauungen  zu  sein.  Es  ergibt  sich  also,  daß
das  Zentrum  katholischer  sein  will  als  die  Bischöfe.  Sie  können  weder
uns,  noch  der  Regierung,  noch  der  anderen  Kammer  zumuten,  einen  solchen
Entwurf  anzunehmen.  (Lebhafter  Beifall.)

Abg.  Beckh  (Fr.  Vg.)  erklärt  die  Zustimmung  seiner  bauernbündlerischen
  Parteigenossen  zum  Gesetzentwurf,  dessen  Annahme  einen  großen
Fortschritt  bedeuten  würde.  Dr.  Süßheim  (Sd.):  Der  Gesetzentwurf  bedeutet
  eine  Stärkung  des  Einflusses  der  Geistlichkeit  und  eine  neue  Belastung
  der  Bevolkerung.  Ueber  beides  hält  der  Minister  seine  schützende
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        Das  Denisqhe  Reit  unb  seine  einjeluen  GSlieder.  (Mai  31.  —Juni  1.)  309

Hand.  Wir  Sozialdemokraten  lehnen  die  Kirchengemeindeordnung  gemäß
den  Prinzipien  unserer  Partei  in  kirchlichen  Fragen  ab.

31.  Mai.  (Potsdam.)  Galadiner  zu  Ehren  des  belgischen
Königspaares.

Der  Kronprinz  erwähnt  in  dem  Trinkspruch,  den  er  in  Vertretung
des  Kaisers  ausbringt,  „der  Genugtuung,  daß  es  dem  guten  Willen  auf
beiden  Seiten  gelungen  ist,  die  Schwierigkeiten,  die  der  Regelung  der  Grenze
zwischen  Deutsch-Ostafrika  und  dem  Kongo  entgegenstanden,  einer  Lösung
zuzuführen“.  In  seiner  Antwort,  die  König  Albert  in  deutscher  Sprache
hält,  sagt  er  u.  a.:  „Wir  werden  nicht  vergessen,  daß  erst  kürzlich  Deutschland
  durch  die  Kaiserliche  Regierung  als  eine  der  ersten  mit  freundschaftlichen
  Wünschen  die  Annexion  der  Kongokolonie  durch  Belgien  begrüßt  hat,
deren  Grenze  glücklicherweise  soeben  festgelegt  wird,  woran  Euere  Kaiserliche
  Hoheit  zu  erinnern  geruhten.“

31.  Mai.  (Preußen.)  Geheimrat  Schwarzkopff,  der  langjährige
  Leiter  des  Volksschulwesens,  wird  an  Stelle  des  zurücktretenden
  Dr.  Wever  Unterstaatssekretär  im  Kultusministerium.

1.  Juni.  (Breslau.)  Eine  sozialdemokratische  Massenversammlung
  unter  freiem  Himmel  beschließt,  die  Demonstrationen  fortzusetzen
  bis  zur  Erlangung  des  Reichstagswahlrechts  für  Preußen.

1.  Juni.  Die  „Kölnische  Ztg.“  bringt  über  die  päpstliche
Borromäus--Enzyklika  ein  Urteil  aus  Berlin:

„Man  ist  ja  gewöhnt,  daß  päpstliche  Hirtenbriefe  in  Anlehnung  an
biblische  Muster  manchmal  sich  großer  Derbheit  der  Sprache  erfreuen  und
auf  den  Druck  der  Schreibweise  einer  modern  fühlenden  Zeit  wenig  Rücksicht
  nehmen.  Man  hat  sich  im  allgemeinen  damit  ziemlich  abgefunden
und  stellt  an  vatikanische  Höflichkeit  keine  übertriebenen  Ansprüche,  obgleich
der  Heilige  Stuhl  an  Ansehen  nichts  verlieren  würde,  wenn  er  seine  Hirtenbriefe
  mehr  mit  den  heutigen  Gebräuchen  in  Einklang  brächte.  Empfindet
doch  Rom  und  die  katholische  Welt  es  als  Beschimpfung,  wenn  von  anderer
Seite  in  alten  Formeln  den  Katholiken  zu  nahe  getreten  wird,  wie  sich
bei  den  Erörterungen  über  die  beim  englischen  Thronwechsel  abzugebenden
Gelöbnisse  des  Königs  zeigte.  Katholischerseits  wurde  die  Beseitigung  beleidigender
  Sätze  verlangt,  unseres  Erachtens  mit  Recht;  wenn  aber  die
Katholiken  für  sich  selbst  so  empfindlich  sind,  so  sollte  die  Spitze  des
Katholizismus  auch  andere  schonen.  Das  ist  nur  eine  Forderung  der
Billigkeit.“

1.  Juni.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Fortsetzung  der
Generaldebatte  über  den  Entwurf  einer  Kirchengemeindeordnung.

Kultusminister  Dr.  v.  Wehner:  Das  Bedürfnis  des  vorliegenden
Gesetzes  ist  allgemein  anerkannt.  Die  Schwierigkeiten  beruhen  aber  darin,
daß  die  Rechtsverhältnisse  verschiedenartiger  Konfessionen  einheitliche  Regelung
  erfahren  sollen.  Die  Regierung  gibt  natürlich  ihrem  eigenen  Entwurf
  den  Vorzug  vor  der  Fassung  des  Ausschusses.  Die  Regierung  behält
auch  die  Regelung  der  israelitischen  Kirchenverhältnisse  im  Auge,  denn  das
Judenedikt  ist  unbedingt  veraltet.  Für  uns  in  Bayern  besteht  kein  Bedürfnis
  nach  einer  Trennung  von  Staat  und  Kirche.  Die  Beispiele  anderer
Länder  haben  wegen  der  Verschiedenheit  der  Grundbedingungen  hier  keine
        <pb n="318" />
        310  Das  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)

Geltung.  Die  großen  Religionsgesellschaften  sind  Kulturfaktoren,  die  der
Staat  nicht  übergehen  kann.  Die  Religion  darf  als  ein  bedeutsames  Gut
der  Kultiur  der  staatlichen  Fürsorge  nicht  entbehren.  Eine  Anzahl  von
Gelehrten  wie  Piloty,  Rehm  und  Meurer  haben  den  Entwurf  bekämpft.
Die  Regierung  hat  darauf  Bedacht  genommen,  daß  alle  verfassungsrechtlichen
Bedenken,  wie  sie  von  wissenschaftlicher  Seite  geäußert,  aber  seither  hier
im  Hause  nicht  aufrecht  erhalten  wurden,  von  vornherein  für  ausgeschlossen.
gelten  mußten.  Die  Bildung  von  Kirchengemeinden  und  die  Regelung
ihrer  finanziellen  Verhältnisse  ist  und  bleibt  Angelegenheit  des  Staates
und  nicht  eine  Sache  der  Kirchengemeinschaften.  Die  vom  Entwurf  geregelte
  Materie  betrifft  tatsächlich  eine  weltliche  Angelegenheit.  Mit  dem
Konkordat  hat  der  Entwurf  ebensowenig  zu  schaffen  wie  mit  dem  Religionsedikt.
  Der  Artikel  6  besitzt  besondere  Bedeutung.  Er  steht  im  Einklang
mit  den  Forderungen,  die  bereits  im  Jahre  1870  der  damalige  Zentrumsabgeordnete
  Dr.  Ruhland  aufgestellt  hat.  Die  Unterscheidung  von  Kirchenstiftungen
  und  Kirchengemeindevermögen  will  der  Entwurf  so  bestehen  lassen,
wie  sie  sich  seit  1834  herausgebildet  hat.  Zwischen  dem  Entwurf  und  den
Beschlüssen  des  Ausschusses  besteht,  was  den  Artikel  6  anlangt,  aber  eigentlich
gar  kein  so  wesentlicher  Unterschied.  Die  von  den  Liberalen  zu  Artikel  6
im  Ausschuß  gestellten  Anträge  gehen  weit  über  das  hinaus,  was  der  Entwurf
  will.  Sie  können  von  der  Regierung  aus  praktischen  Gründen  nicht
unterstützt  werden.  Die  Unabhängigkeit  der  Kirchenstiftungen  ist  durch  die
Verfassung  garantiert.  Die  Verfeossung  würde  selbst  im  Falle,  daß  eine
Kirchengemeinde  aufgelöst  oder  ganz  abfallen  würde,  das  Stiftungsvermögen
denjenigen  Konfessionen  erhalten,  denen  es  bisher  gehörte.  Daher  sollte
die  Regierungsfassung  des  Artikels  6  auch  vom  katholischen  Standpunkt
aus  annehmbar  sein.  Die  Ausschußfassung  enthält  aber  ebensowenig  eine
Verfassungswidrigkeit,  wie  solches  fälschlich  behauptet  worden  ist.  Der
Artikel  45,  der  von  den  Kirchenwahlen  handelt,  fordert  eine  besondere  kirchliche
  Qualisikation.  Das  ist  nur  in  der  Ordnung.  Bei  aller  Anerkennung
des  vom  Ausschuß  vertretenen  Standpunktes,  daß  den  Gewählten  die  Religion
  Herzenssache  sein  müsse,  halte  ich  doch  den  von  der  Mehrheit  beschlossenen
  Zusatz  für  verfehlt,  der  bestimmt,  daß  von  der  Kirchenverwaltung
Personen,  die  durch  offenkundigen  unsittlichen  Lebenswandel  oder  durch
unkirchliches  Verhalten  Aergernis  geben,  ausgeschlossen  sein  sollen.  Eine
derartige  Bestimmung  würde  auch  die  Wahl  ungeeigneter  Personen  kaum
verhindern,  dagegen  das  Odium  für  die  Ablehnung  gewählter  Personen
den  kirchlichen  Oberbehörden  aufladen.  Dies  aber  würde  mancherlei  üble
Konsequenzen  zeitigen.  Es  ist  übertrieben,  wenn  behauptet  wird,  der  Entwurf
  habe  im  Ausschuß  eine  grundsätzliche  Aenderung  erfahren,  das  staat--liche
  Oberaufsichtsrecht  sei  durch  die  Beschlüsse  der  Zentrumspartei  unwirksam
  geworden.  Ich  empfehle  dem  Hause  unter  allen  Umständen  die
Annahme  des  Entwurfes.  Viele  kirchliche  Interessen  würden  einen  schweren
Nachteil  erleiden,  wenn  er  abgelehnt  werden  sollte  und  auch  der  Staat
hat  allen  Anlaß,  im  Interesse  der  Kirche  gerade  in  gegenwärtiger  Zeit  das
Zustandekommen  des  Gesetzes  zu  wünschen.

Nach  langer  Spezialdebatte,  die  auch  die  Sitzung  vom  2.  Juni  ausfüllt,
  wird  nach  Ablehnung  aller  liberalen  Anträge  das  ganze  Gesetz  nach
den  Beschlüssen  der  Kommission  in  namentlicher  Abstimmung  mit  74  Stimmen
des  Zentrums  und  der  bauernbündlerischen  Freien  Vereinigung  gegen
26  Stimmen  der  Liberalen  und  Sozialdemokraten  angenommen.

1.  Juni.  Reichstagsersatzwahl  in  Jauer-Bolkenhain-Landeshut.
        <pb n="319" />
        Daes  Denisqhe  Reich  und  seine  rintelnen  Glieder.  (Juni  1.—4.)  311

Geheimrat  Büchtemann  (Fortschr.  Vp.)  kommt  mit  Arbeitersekretär
Proll  (Sd.)  in  die  Stichwahl.  1907  war  ein  Kandidat  der  Reichspartei
mit  dem  freisinnigen  Dr.  Hermes  in  die  Stichwahl  gekommen.

1.  Juni.  (Berlin.)  Bei  der  Rückkehr  des  Kronprinzen  von
der  Parade  auf  dem  Tempelhofer  Felde  warf  ein  geisteskranker  Russe
eine  mit  Perlbohnen  gefüllte  Konservenbüchse  gegen  ihn.

2.  Juni.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  In  den
Fraktionen  werden  vertrauliche  Besprechungen  über  die  Erhöhung
der  Zivilliste  des  Königs  wegen  des  Heranwachsens  seiner  Söhne
abgehalten.  Die  Regierung  verlangt  eine  Erhöhung  um  2  Millionen
  Mark  und  einen  Zuschuß  für  die  Königlichen  Theater  von
1½  Millionen  Mark.

3.  Juni.  Die  „Konservative  Korrespondenz“  über  die  Borromäus-Enzyklika:


„Wir  sind  geradezu  empört  über  eine  derartige  Kundgebung  und
es  soll  daher  auch  an  dieser  Stelle  betont  werden,  daß  solche  Worte  das
Empfinden  weitester  Kreise  der  evangelischen  Staatsbürger  auf  das  tiefste
verletzen,  sowie  den  konfessionellen  Frieden  direkt  gefährden  müssen  und
daß  keine  Zurückweisung  gegen  solche  Angriffe  scharf  und  nachdrücklich  genug
  sein  kann!“

3.  Juni.  (Charlottenburg.)  Der  Dichter  Julius  Wolff  3,
75  Jahre  alt.

3.  Juni.  (Detmold.)  Italienische  Arbeiter  bombardieren
das  Automobil  des  Fürsten  Leopold  zu  Lippe  auf  einer  Spazierfahrt
  mit  Steinen.  Der  mit  dem  Fürsten  fahrende  Prinz  Julius
wird  am  Kopfe  verletzt.

3.  Juni.  Zur  Borromäusenzyklika.

Das  Präsidium  des  Zentralvorstandes  des  Evangelischen  Bundes
erhebt  anläßlich  der  Enzyklika  „entrüsteten  Einspruch  gegen  die  rücksichtslose
päpstliche  Friedensstörung,  die  um  so  verletzender  wirkt,  weil  sie  ohne  jeden
Anlaß  und  ohne  jede  Beachtung  der  Proteste  wider  die  Canisiusenzyklika  vom
Jahre  1897  die  damaligen  Beschimpfungen  noch  zu  überbieten  wagt.“

3.  Juni.  (München.)  Die  Stadtkommandantur  fordert
diejenigen  katholischen  Offiziere,  die  dem  Befehl,  an  der  Fronleichnamsprozession
  teilzunehmen,  nicht  nachgekommen  waren,  zur  Rechtfertigung
  auf.

4.  Juni.  (Baden.)  Die  Landtagskommission  für  Justiz
und  Verwaltung  nimmt  den  sozialdemokratischen  Antrag  auf  Einführung
  der  Proportionalwahl  mit  8  gegen  7  Stimmen  an.

4.  Juni.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fakultative
Feuerbestattung.

Der  freisinnige  Antrag,  die  Regierung  zu  ersuchen,  die  Einführung
der  fakultativen  Feuerbestattung  durch  politische  Gemeinden  oder  sonstige
        <pb n="320" />
        312  HNas  Nenuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  6.  7.)

Vereine  zu  ermöglichen,  wird  gegen  das  Zentrum,  die  Polen  und  die
meisten  Konservativen  angenommen.  Damit  ist  zugleich  die  Petition  des
Vereins  für  Feuerbestattung  in  Hagen  erledigt,  die  das  Herrenhaus  der
Regierung  als  Material  überwiesen  hatte.

6.  Juni.  Die  „Münch.  N.  N.“  bringen  die  aus  Rheinischen
Kolonialkreisen  stammende  Nachricht,  daß  der  Staatssekretär  Dernburg
  sein  Abschiedsgesuch  eingereicht  habe.  Es  stellt  sich  heraus,
daß  er  dieses  Gesuch  schon  Mitte  Mai  eingereicht  hat.

6.  Juni.  Nach  langen  Verhandlungen  einigen  sich  die  Vertreter
  der  Organisationen  der  Bauarbeiter  und  der  Arbeitgeberbund
für  das  Baugewerbe  über  neue  Tarifverträge,  die  auf  drei  Jahre
Gültigkeit  haben.

7.  Juni.  Der  preußische  Etat  für  die  Zeit  vom  1.  April
1910  bis  zum  81.  März  1911  wird  endlich  veröffentlicht.

7.  Juni.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Allgemeine
Besprechung  über  die  Gesetzentwürfe  betr.  die  Erhöhung  der  Krondotation
  und  der  Subventionen  für  die  königlichen  Theater  um
1½  Millionen  Mark.

Während  alle  Parteien  einverstanden  sind,  benutzt  der  Sozialdemokrat
Hoffmann  die  Gelegenheit,  sich  wiederholt  Ordnungsrufe  zuzuziehen.  Wir
geben  einen  Teil  seiner  Rede  mit  den  Unterbrechungen  des  Präsidenten.
Abg.  Hoffmann  (Sd.):  Die  Hälfte  der  Krondotation  würde  reichlich
genug  sein.  Herr  v.  Bethmann  Hollweg  hat  auf  dem  „nationalen“  Arbeiterkongreß
  den  deutschen  Arbeitern  Fleiß,  Gottesfurcht,  Nüchternheit  und  Zufriedenheit
  empfohlen;  das  letztere,  ganz  besonders  das  letztere  möchte  ich
doch  Herrn  Bethmann  Hollweg  bitten,  einmal  nach  obenhin  etwas  stärker
zu  empfehlen.  Wir  und  das  Volk  hatten  um  so  mehr  Anlaß,  anzunehmen,
daß  die  Zivilliste  ausreicht,  da  wir  ja  sehen,  daß  der  Onkel  unseres
Monarchen,  der  König  von  England  (Präsident  v.  Kröcher  ersucht,  die
Person  des  Königs  nicht  in  die  Debatte  zu  ziehen  und  verbittet  sich  —
auf  die  Zurufe  der  Sozialdemokraten  —  jede  Bemerkung  über  seine
geschäftsordnungsmäßigen  Erklärungen).  Wir  verlangen  grundsätzlich
Saht  aller  Staatsdiener  durch  das  Volk,  auch  des  ersten  Dieners  des

taates.

Präsident  v.  Kröcher:  Herr  Abgeordneter,  diese  Bemerkung  ist
Hochverrat.  Ich  rufe  Sie  zur  Ordnung.  (Lebhafter  Beifall  r.  Unruhe
bei  den  Sd.)

Abg.  Hoffmann:  Friedrich,  der  Große  genannt,  hat  doch  einmal,
wie  ich  in  der  Schule  gelernt  habe,  gesagt,  der  erste  Diener  im  Staate
bin  ich.  Wie  kann  das  also  Hochverrat  sein?

Präsident  v.  Kröcher:  Ich  habe  Sie  zur  Ordnung  gerufen,  weil
Sie  die  Wahl  des  ersten  Staatsdieners,  des  Königs  durch  das  Volk  verlangt
  haben.  Das  ist  Hochverrat.

Abg.  Hoffmann:  Das  sind  doch  aber  Grundsätze,  die  in  unserem
Programm  zu  finden  sind.

Präsident  v.  Kröcher:  Sie  können  Grundsätze  in  Ihrem  Programm
haben  wie  Sie  wollen,  ich  bitte  aber,  die  hochverräterischen  Grundsätze  hier
nicht  öffentlich  von  der  Tribüne  des  Hauses  kundzugeben.  (Lebhafter  Beifall.
        <pb n="321" />
        Das  Veische  Reich  und  seine  einfelnen  Glieder.  (Juni  8.)  313

Große  Unruhe  d.  Sd.  Diese  rufen  nach  den  Bänken  d.  Vp.:  Und  das
lassen  Sie  sich  gefallen!)

Abg.  Hoffmann:  Auch  der  erste  Staatsdiener  soll  nobel  besoldet
werden.  Aber  im  Rahmen  der  allgemeinen  Besoldung.  Im  Volke  aber
nennt  man  die  Ziovilliste  schon  jetzt  die  „Zuvielliste“.  Unglaublich  ist  die
famose  Begründung,  daß  der  Wert  der  seinerzeit  abgelösten  Domänen  gestiegen
  sei.  Die  Regierung  hat  aber  einen  horrenden  Preis  dafür  bekommen.
Und  hat  nicht  das  Volk  auch  schwere  Opfer  bringen  müssen  für  die  Befreiung
  aus  dem  Sumpfe  und  dem  Moraste,  in  den  es  durch  unfähige
Regierungen  und  das  vaterlandslose  Junkertum  hineingebracht  wurde?
Der  preußische  König  hat  pro  Tag  eine  Einnahme  von  43065  Mark,  das
macht  pro  Stunde  5383  Mark,  pro  Minute  89  Mark  und  pro  Sekunde
1,50  Mark.  Ist  das  nicht  eine  hochanständige  Bezahlung?  Ein  Arbeiter
verdient  nicht  in  42  Jahren  so  viel,  wie  die  Krone  an  einem  Tage  bekommt.
  Was  haben  auch  die  königlichen  Theater  für  das  Volk  getan?
Das  Schillertheater  tut  mehr  für  das  Volk  als  alle  königlichen  Theater
zusammen.  und  ohne  Staatszuschüsse.  Wer  will  auch  behaupten,  daß  gewisse
  Hohenzollernausstattungsstücke  oder  die  Indianeropern  zur  Förderung
der  Kunst  gehören?  Aus  den  Schlössern  sollte  man  Museen  oder  Wohnungsstätten
  machen.  Wie  viel  überflüssiger  Luxus  zeigt  sich  in  den  Theatern,
im  Marstall  bei  den  Automobilen.  Als  besonders  notwendig  wird  in  der
Begründung  die  Erhöhung  bezeichnet,  weil  die  Zahl  der  Prinzen  sich  seit
1889  mehr  als  verdoppelt  habe.  Herr  Röchling,  würden  Sie  Ihre  Arbeiter
  auch  im  Lohne  erhöhen,  wenn  die  Arbeiterfrauen  auf  ihre  große
Familie  hinweisen  würden?  In  Sulzbach  antwortete  auf  eine  solche  Forderung
  einer  Arbeiterfrau  mit  14  Kindern,  eine  Frau  v.  Vopelius,  deren
Mann  Mitglied  des  Hauses  da  drüben  ist,  daß  der  Vaterländische  Frauenverein
  keine  Unterstützung  geben  könnte,  er  könnte  ja  nicht  dafür,  daß  die
Frau  soviel  Kinder  habe,  die  Arbeiter  müssen  sich  hüten,  so  viel  Kinder
in  die  Welt  zu  setzen.  Das  Volk  ist  doch  mindestens  ebenso  unschuldig  an
den  vielen  Kindern  der  Krone.  (Heiterkeit  und  Unruhe.)  Vielleicht  vermittelt
  das  Herrenhaus  auch  einmal  nach  oben  hin  gute  Ratschläge.  Der
Kronprinz  hat  die  reiche  Herrschaft  Oels.  die  auch  für  einen  noblen  Haushalt
  ausreicht.  In  bürgerlichen  Kreisen  ist  es  Sitte,  daß  der  Sohn,  wenn
er  dazu  reif  ist,  in  das  Unternehmen  des  Vaters  eingeführt  wird,  damit
er  die  Fehler  vermeidet,  die  der  Vater  vielleicht  gemacht  hat.  Warum
nimmt  man  sich  nicht  daran  ein  Beispiel?  Wie  oft  ist  nicht  der  Träger
der  Krone  von  der  Regierung  abwesend.  (Unruhe.)

8.  Juni.  (Potsdam.)  Vermählung  des  Prinzen  Friedrich
Wilhelm  v.  Preußen,  des  jüngsten  Sohnes  des  verstorbenen  Prinzen
Albrecht  v.  Preußen,  mit  der  Prinzessin  Agathe  v.  Ratibor  und
Corvey.

8.  Juni.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Budgetkommission
  nimmt  die  Vorlage  über  die  Erhöhung  der  Krondotation
und  des  Nachtragsetats  für  die  königlichen  Theater  einstimmig  an.
Die  Polen  geben  aber  eine  Erklärung  gegen  das  Ansiedlungsgesetz
zu  Protokoll.

8.  Juni.  (Braunschweig.)  Gegen  die  Borromäus-Enzyklika.

Die  Landesversammlung  nimmt  einstimmig  eine  Resolution  an,  die
entschieden  Verwahrung  einlegt  gegen  die  unerhörte  Herabwürdigung  unserer
        <pb n="322" />
        314  J%%  Penishe  Reith  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  8.  9.)

deutschen  Reformatoren  sowie  gegen  die  den  Frieden  der  Konfessionen  in
unserem  Volle  schwer  störende  Auslassung  der  römischen  Kurie.

8.  Juni.  (Bayern.)  Der  Ausschuß  des  Reichsrats  beschließt
einstimmig,  die  Beratung  der  Kirchengemeindeordnung  bis  zur
nächsten  Session  zu  verschieben.

9.  Juni.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Drei  Interpellationen
  über  die  Borromäus-Enzyklika.

Die  Interpellation  der  Konservativen  (Ahrens  und  Genossen):
Was  gedenkt  die  königliche  Staatsregierung  zu  tun,  um  durch  die  preußische
Gesandtschaft  beim  Vatikan  oder  auf  anderem  Wege  solchen  Beschimpfungen
der  evangelischen  Kirche,  wie  sie  in  der  Enzyklika  des  Papstes  vom  26.  Mai
enthalten  sind  und  die  den  konfessionellen  Frieden  ernstlich  gefährden,  wirksam
  entgegenzutreten?

Die  Interpellation  der  Nationalliberalen  (Hackenberg  und  Genossen):
  Die  in  dem  „Osservatore  Romano“  Nr.  146  dieses  Jahres  veröffentlichte
  Borromäus-Enzyklika  enthält  Schmähungen  der  evangelischen
Kirche,  ihrer  Reformatoren  und  der  der  Reformation  zugetanen  deutschen
Fürsten  und  Völker.  Welche  Maßregeln  gedenkt  die  königliche  Staatsregierung
  zu  ergreifen,  um  den  durch  die  Veröffentlichung  dieser  Enzyklika
bedrohten  konfessionellen  Frieden  in  Preußen  zu  sichern?

Die  Interpellation  der  Freikonservativen  (Graf  Moltke  und
Genossen):  In  der  päpstlichen  Enzyklika  vom  26.  Mai  1910  sind  unerhörte
Beschimpfungen  der  Reformation,  der  Reformatoren  und  der  evangelischen
Kirche  enthalten.  Ist  es  der  königlichen  Staatsregierung  bekannt,  daß  ein
Teil  der  katholischen  Presse  Preußens  diese  Enzyklika  im  Wortlaut  abgedruckt
  und  daß  sie  zweifellos  bestimmt  ist,  allen  Katholiken  bekannt  gemacht
  zu  werden?  Welche  Schritte  gedenkt  die  königliche  Staatsregierung
zu  tun,  um  diesem  öffentlichen  Aergernis  zu  steuern  und  um  für  die  Zukunft
  derartigen  Störungen  des  konfessionellen  Friedens  innerhalb  der
preußischen  Machtgrenzen  vorzubeugen?

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg  erklärt  sich  bereit,  die  Interpellation
  sofort  zu  beantworten.

Zur  Begründung  der  konservativen  Interpellation  erhält  Frhr.
v.  Pappenheim  (K.)  das  Wort.  In  keinem  Reiche  haben  die  inneren
Kämpfe  so  nachhaltige  Wunden  geschlagen,  wie  in  Deutschland.  Wunden
sind  uns  geschlagen  worden,  die  Hunderte  von  Jahren  zur  Heilung  bedurften.
  Deshalb  ist  bei  uns  der  MWunsch  nach  Frieden  besonders  stark.
In  Preußen  haben  wir  neben  zahlreichen  Katholiken  eine  Majorität  von
Protestanten.  Gerade  deshalb  ist  die  Eintracht  nötig.  In  den  großen
Kriegen  haben  beide  Konfessionen  zusammengestanden.  Das  konfessionelle
Friedensbedürfnis  ist  lebhaft  in  Deutschland,  aber  der  konfessionelle  Friede
bedarf  auch  nirgends  so  sehr  der  Pflege  wie  in  Deutschland.  Wir  haben
alles  getan,  um  den  Frieden  aufrecht  zu  erhalten.  Der  Friede  darf  aber
kein  schwächlicher  Friede  sein,  er  muß  begründet  sein  auf  gegenseitiger
Achtung.  Alles,  was  diese  gegenseitige  Achtung  außer  Acht  läßt,  gefährdet
den  Frieden  und  muß  zurückgewiesen  werden.  Wir  verlangen  nun  von
der  königlichen  Staatsregierung  zu  wissen,  was  sie  zu  tun  gedenkt  durch
ihren  Gesandten  gegenüber  der  En  zyklika,  die  eine  Beschimpfung  der  Resormation
  und  der  protestantischen  Fürsten  enthält.  Es  wird  jetzt  behauptet,
es  habe  nicht  die  Absicht  vorgelegen,  die  Reformation  zu  beschimpfen  und
den  inneren  Frieden  zu  stören.  Diese  Behauptung  steht  mit  den  Tatsachen
in  Widerspruch.  Ueberall  in  Deutschland  ist  eine  tiefe  Erregung  infolge
        <pb n="323" />
        IILIIIIIIITIIIIILIVWL—  315

dieser  Enzyklika  entstanden.  Wir  müssen  auf  diese  Erregung  Rücksicht
nehmen,  umsomehr,  da  wir  sie  für  durchaus  berechtigt  halten.  Keine
Deutelung  und  Entschuldigung  kann  die  Tatsache  aus  der  Welt  schaffen,
daß  es  sich  um  eine  Beschimpfung  der  Reformation  gehandelt  hat.  Und
das  alles  nach  den  Vorgängen  der  letzten  Zeit,  wo  unser  Königshaus  bestrebt
  gewesen  ist,  den  konfessionellen  Frieden  zu  fördern!  Ich  freue  mich,
feststellen  zu  können,  daß  auch  zahlreiche  Katholiken  das  Gefühl  des  Bedauerns
  über  diese  Enzyklika  haben.  Ich  hoffe,  daß  die  königliche  Staatsregierung
  alles  tun  wird,  um  solche  schwere  Gefährdung  des  konfessionellen
Friedens  für  die  Zukunft  zu  verhindern.  Wir  sind  keine  konfessionelle
Partei,  aber  wir  haben  immer  den  Protestantismus  geschützt  und  wir
werden  auch  in  Zukunft  auf  dem  Posten  sein,  um  zu  verhüten,  daß  unserer
heiligen  evangelischen  Kirche  irgendwelcher  Schaden  erwächst.

Abg.  D.  Hackenberg  (Nl.):  Der  größte  und  deutscheste  unter  den
Dichtern  des  Mittelalters  hat  in  einem  ergreifenden  Klageliede  also  gesungen:
  „Uns  ist  ein  unsanfter  Brief  her  von  Rom  gekommen,  uns  ist
erlaubt  zu  trauern,  und  der  Frohsinn  ist  uns  genommen.“  Im  Laufe
der  deutschen  Geschichte  ist  diese  Klage  Walthers  von  der  Vogelweide  in
immer  wieder  neuer  Form  wach  geworden,  immer  wieder  sind  in  Bullen
und  Enzykliken,  besonders  seit  dem  Zeitalter  der  Reformation,  unsanfte
Briefe  von  Rom  gekommen,  die  uns  den  Frohsinn  genommen  und  die
deutsche  Gutmütiakeit  auf  eine  harte  Probe  gestellt  haben.  Um  von  allem
anderen  zu  schweigen,  uns  ist  noch  in  unerfreulicher  Erinnerung  die
Canisius-Enzyklika  Leos  XIII.  vom  18.  August  1897,  die  Luther  als  den
Mann  des  Aufruhrs  brandmarkte  und  seine  Lehre  als  ein  unheilvolles
Gift  bezeichnete.  Aber  die  neueste  Enzyklika  vom  26.  Mai  dieses  Jahres
überbietet  alles  Voraufgegangene.  In  dieser  uns  im  lateinischen  und
italienischen  Text  vorliegenden  Enzyklika  werden  die  Reformatoren  als  hochmütige
  und  widerspenstige  Menschen  geschildert,  die  nicht  das  Recht  hätten,
sich  auch  restitutores  zu  nennen,  sondern  corruptores  genannt  werden
müßten.  Von  ihrem  Werk  wird  gesagt,  daß  sie  alles  in  Unordnung
brachten,  daß  sie  sich  und  anderen  einen  Weg  der  Zügellosigkeit  bereiteten
oder  daß  sie  wenigstens  die  Lehre,  die  Verfassung  und  die  Disziplin  der
Kirche  antasteten,  indem  sie  die  Autorität  und  die  Leitung  der  Kirche  verachteten
  und  indem  sie  das  Böse  gut  und  das  Gute  böse  sein  ließen.  Ihre
Gefolgschaft  wird  bezeichnet  als  die  „verdorbenen  Fürsten  und  Völker“,
ihr  Werk,  die  Reformation,  wird  als  Pest  bezeichnet,  mit  einem  Ausdruck,
den  einst  Fürst  Bismarck  im  Jahre  1870  durch  Vorstellungen  des  Gesandten
  am  Päpstlichen  Stuhl  hintanhielt,  der  also  damals  schon  gebraucht
werden  sollte.  Zerrüttung  von  Glauben  und  Sitte  soll  eine  Folge  der  Resormation
  sein.  Die  Reformatoren  hätten  unter  dem  Schein  der  Freiheit
jene  Seuche  der  Laster  und  jene  Zerstörung  aller  Ordnung  herbeigeführt,
zu  der  vielleicht  nicht  einmal  das  Mittelalter  gelangt  wäre.  Es  ist,  denke
ich,  begreiflich,  daß  dieser  Angriff  auf  die  Reformatoren,  die  Resormation,
auf  die  ihr  anhängenden  Fürsten  und  Völker  in  ganz  hervorragendem
Maße  Befremden,  Unbehagen  und  Entrüstung  hervorgerufen  hat.  Man
muß  sich  doch  fragen,  ob  es  denn  wirklich,  um  die  Verdienste  des  Heiligen
Carl  Borromäus  zu  schildern,  notwendig  gewesen  wäre,  auf  Urteile  über
die  Katholiken  jenes  Zeitalters  zurückzugehen,  was  angeblich  in  der  Enzyklika
geschehen  ist.  Wenn  man  nun  schon  ein  historisches  Urteil  über  die  Zeit
des  Carl  Borromäus  anführen  wollte,  dann  müßte  es  gerade  von  jener
Stelle  aus  ganz  anders  lauten.  Jene  Männer,  denen  wir  die  Reformation
vom  Standpunkt  der  Evangelischen  aus  als  elwas  Großes  verdanken,
haben  damals  in  denkbar  schwerstem  Kampfe  gestanden  und  auch  das
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        316  Das  Veeische  Reich  und  seine  einjeluen  Slieder.  (Juni  9.)

tragische  Geschick  der  Verkennung  in  reichstem  Maße  erlebt.  Es  ist  begreiflich,
  daß  die  Liebe,  welche  die  Männer,  wie  Luther,  Melanchthon,
Zwingli  und  Calvin  hervorriefen,  dem  denkbar  größten  Haß  begegnet
ist.  Aber  400  Jahre  trennen  uns  nun  bald  schon  von  jener  Zeit,  da
diese  Männer  ihren  Kampf  kämpften.  Der  leidenschaftliche  Streit,  der
damals  tobte  und  toben  mußte,  hat  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  doch
ungemein  gemildert.  Deshalb  ist  es  tief  zu  bedauern,  daß  gerade  von
der  obersten  Stelle  der  katholischen  Kirche  der  Kampf  in  einer  Weise  geführt
  wird,  der  an  die  schlechteste  Art  der  Verteidigung  in  der  alten  Kirche
gegen  die  Reformationskirche,  an  die  Zeiten  des  Borromäus  erinnert.  Es
ist  namentlich  bedauerlich  und  schmerzlich,  daß  dieser  Kampf,  der  aus
Gewissensernst  geführt  worden  ist,  nicht  bekämpft  wird  als  ein  Kampf  des
irrenden  Gewissens,  sondern  als  ein  Kampf  des  freventlichen  Uebermutes
und  der  sündigsten  Lasterhaftigkeit.  Es  ist  schmerzlich  und  unbegreiflich,
daß  man  den  Fürsten  und  Männern,  die  einst  jenen  Persönlichkeiten  gefolgt
  sind,  heute  den  Vorwurf  der  Korruption  nicht  ersparen  kann;  daß
man  sagt,  daß  sie  aus  fündiger  Leidenschaft  diesen  Kampf  geführt  hätten.
Wenn  ein  Volk  wie  das  deutsche  in  jenen  Kämpfen  seine  Existenz  aufs
Spiel  gesetzt  hat,  dann  tut  es  das  nicht  um  fündiger  Leidenschaften
willen.  Die  evangelische  Kirche  hat  keine  Heiligen.  Wir  kennen  die
Schwächen  der  Resormatoren,  ihre  Schwächen  ganz  genau,  wissen,  daß
auch  sie  Menschen  waren.  Ich  halte  es  für  ein  irreführendes  Phantom,
von  einer  gemeinsamen  christlichen  Weltanschauung  zu  reden;  wer  die
Enzyklika  liest,  dem  ist  dieser  Glaube  grausam  zerstört  worden.  Ich  erinnere
  an  das  Wort,  das  der  Kaiser  über  den  konfessionellen  Frieden  sprach
und  das  lebhaftesten  Widerhall  gefunden  hat.  Ist  das  die  richtige  Antwort
auf  dieses  Kaiserwort,  wenn  man  die  Anhänger  der  Reformation  als
Feinde  des  Kreuzes  bezeichnet?  Wir  werden  es  ruhig  über  uns  ergehen
lassen,  wenn  man  unsere  Auffassung  als  Irrtum  bezeichnet,  wenn  man
uns  als  Ketzer  hinstellt,  das  liegt  eben  in  der  Trennung  der  Konfessionen,
aber  eins  dürfen  wir  fordern,  daß  wir  nicht  beschimpft  werden  in  unseren
Anschauungen,  in  jener  Weise,  wie  es  in  der  Enzyklika  geschehen  ist.  Nun
hat  man  im  Verfolg  dieser  Gedankenreihe  gesagt,  die  katholische  Kirche
müsse  doch  in  dogmatischer  Beziehung  frei  sein.  Wer  aber  die  Enzyklika
liest,  der  findet  darin  nichts  von  dogmatischen  Auseinandersetzungen.  Gerade
das  Festhalten  an  der  Glaubensüberzeugung  erfordert  die  Tolerierung  der
Ueberzeugung  anderer.  Das  Reformationszeitalter  hat  diesen  Begriff  der
Toleranz  noch  nicht  gehabt  und  ihn  nicht  haben  können,  aber  mittelbar
oder  unmittelbar  ist  doch  dieser  Gedanke  groß  geworden,  und  ihn  hoch  zu
halten,  ist  allseitige  Pflicht.  Bei  dem  jetzigen  Angriff  handelt  es  sich  um
eine  Sache,  die  uns  alle  angeht,  die  wir  unser  Volk  vertreten,  denn  uns
allen  mitsamt  der  Regierung  muß  daran  gelegen  sein,  den  konfessionellen
Frieden  zu  fördern  und  jeder  Gefährdung  desselben,  namentlich,  wenn  sie
von  außen  hereingetragen  wird,  ernstlich  entgegenzutreten.  Ist  es  nicht
eine  Gefährdung  des  konfessionellen  Friedens,  wenn  im  Gegensatz  zu  zahlreichen
  rühmlichen  Ausnahmen  in  der  katholischen  Presse  ein  führendes
Blatt  der  Zentrumspartei  sich  auf  den  Boden  dieses  historischen  Urteils
der  Kurie  stellt  und  dies  Urteil  als  Wahrheit  hinstellt?  All  das  würde
schließlich  dahin  führen,  daß  wir  die  Geister  der  Vergangenheit,  die  längst
Verstorbenen  über  uns  in  den  Lüften  ihre  Kämpfe  erneuern  und  uns
schließlich  in  diese  Kämpfe  hineinziehen,  die  wir  auf  der  Erde  wandeln
und  auf  der  Erde  ehrlich  miteinander  arbeiten  wollen.  Ich  freue  mich
auch  über  die  Zeugnisse,  die  aus  dem  katholischen  Lager  in  diesen  Tagen
an  unser  Ohr  geklungen  sind.  Wir  wollen  mit  diesen  Männern  uns  die
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        Das  Beeische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  9.)  317

Hand  reichen  und  wir  wollen,  jeder  für  sich,  für  seine  Glaubensüberzeugung
stehen,  aber  die  Glaubensüberzeugung  anderer  ehren  und  nicht  beschimpfen,
sie  als  etwas  Zartes  ansehen,  das  nicht  berührt  werden  darf.  Nun  erhebt
sich  allerdings  die  Frage,  ob  nicht  solcher  Gefährdung  des  konfessionellen
Friedens  gegenüber,  ob  nicht  zu  einer  Festigung  des  konfessionellen  Friedens
die  Regierung  eine  Aufgabe  hat.  Wir  hörten  aber  bisher  nichts  von  einem
Vorgehen  des  Gesandten  am  Päpstlichen  Stuhle.  Ja,  wenn  der  Gesandte
—  das  erlaube  ich  mir  doch  zu  sagen  —  in  diesem  Falle  nicht  vorstellig
werden  würde,  dann  würde  doch  die  Existenzberechtigung  dieser  Gesandtschaft
  sehr  zweifelhaft  erscheinen.  (Stürmische  Zustimmung.)  Man  kann
sich  ja  fragen,  was  kann  der  Gesandte  ausrichten?  Er  wird  keine  Zurücknahme
  der  Enzyklika  herbeiführen  können,  man  müßte  denn  nicht  die
jahrhundertlange  Geschichte  der  Kurialpolitik  kennen.  Er  wird  nicht  einmal
eine  wirkliche  Entschuldigung  herbeiführen;  von  anderen  will  ich  ganz
schweigen.  Der  Gesandte  ist  nicht  beim  Papst  als  dem  Oberhaupt  der
katholischen  Kirche,  sondern  wegen  der  angestammten  weltlichen  Souveränität
des  Papstes.  Wenn  aber  der  Pavst  als  weltlicher  Souverän  behandelt
werden  will,  muß  er  auch  die  Umgangsformen  annehmen,  die  unter
Souveränen  sonst  üblich  sind.  (Stürmische  Zustimmung.)  Wir  sind  der
einzige  evangelische  Staat,  der  am  Päpstlichen  Stuhl  einen  Gesandten
unterhält.  Wir  lassen  es  überhaupt  an  Freundlichkeiten  und  an  Entgegenkommen
  der  Päpnlichen  Kurie  gegenüber  niemals  fehlen.  Bunsen,  der
in  Rom  den  Gesoandtschaftsposten  lange  innegehabt  hat,  äußerte  sich  zu
einem  englischen  Staatsmann  folgendermaßen:  „Tut  für  eure  Katholiken
zu  Hause  was  ihr  wollt,  aber  haltet  keinen  Gesandten  beim  Vatikan.“

Abg.  Graf  Moltke  (Frk.)  betont  bei  Begründung  der  freikonservativen
  Interpellation,  daß  die  Frage  nicht  nur  eine  prolestantische,  sondern
auch  eine  deutsche  sei.  Er  verlangt  u.  a.  die  Abberufung  des  Gesandten
beim  Vatikan.

Ministerpräsident  Dr.  v.  Bethmann  Hollweg:  Die  Enzyklika,  welche
den  Gegenstand  der  heutigen  Interpellation  bildet,  enthält,  ohne  sich  auf
den  dogmatischen  und  kirchenrechtlichen  Gegensatz  der  Konfessionen  zu  beschränken,
  Urteile  über  die  Reformatoren,  die  Reformation  und  die  zugetretenen
  Fürsten  und  Völker,  welche  unsere  evangelische  Bevölkerung  sowohl
  in  ihren  religiösen  als  auch  in  ihren  staatlichen  und  sittlichen  Empfindungen
  schwer  verletzen.  Diese,  auch  in  ihrer  Form  verletzenden  Urteile
erklären  die  tiefgehende  Erregung  weiter  Kreise  des  Volkes  und  schließen
in  ihrer  Wirkung  eine  ernste  Gefährdung  des  konfessionellen  Friedens  in
sich.  (Lebhafte  Zustimmung  r.  u.  I.)  Ich  habe  deshalb  unmittelbar  nachdem
  mir  der  offizielle  lateinische  Wortlaut  der  Enzyklika  zugegangen  war,
unseren  Gesandten  beim  Vatikan  beauftragt,  in  amtlicher  Form  bei  der
Päpstlichen  Kurie  Verwahrung  einzulegen  und  der  Erwartung  Ausdruck  zu
geben,  daß  die  Kurie  Mittel  und  Wege  finden  werde,  die  geeignet  sind,
die  aus  der  Veröffentlichung  der  Enzyklika  sich  ergebenden  Schäden  zu  beseitigen.
  Diese  Erwartung  ist  um  so  berechtigter,  als  die  Kurie  nach  der
gestern  im  „Osservatore  Romano“  veröffentlichten  Mitteilung  nicht  im  entferntesten
  die  Absicht  gehabt  hat,  die  Nichtkatholiken  sowie  ihre  Fürsten  zu
kränken.  Der  Gesandte  hat  seinen  Auftrag  gestern  ausgeführt.  Eine  abschließende
  Antwort  der  Kurie  ist  noch  nicht  erfolgt,  hat  bei  der  Kürze  der
Zeit  auch  noch  nicht  erfolgen  können.  Bei  diesem  Stande  der  Angelegenheit
  muß  ich  mich  heute  weiterer  Erklärungen  enthalten.  Es  schien  mir
aber  notwendig,  die  Interpellation  schon  jetzt  zu  beantworten,  weil  angesichts
  der  Beunruhigung,  die  sich  im  ganzen  Lande  bemerkbar  macht,  das
Verlangen  berechtigt  ist,  ohne  Verzug  über  die  Stellung  der  königlichen
        <pb n="326" />
        318  Dae  NVeuische  Reich  und  seine  einzelnen  GElieder.  (Juni  9.)

Staatsregierung  unterrichtet  zu  werden.  Das  hohe  Haus  wolle  aus  meiner
Erklärung  eninehmen,  daß  die  königliche  Staatsregierung  im  allgemeinen
staatlichen  Interesse  entschlossen  ist,  das  Erforderliche  zu  tun,  um  den  konfessionellen
  Frieden  im  Lande  zu  wahren  und  zu  schützen.  (Lebhafte  Zustimmung.)


Gegen  die  Stimmen  des  Zentrums  und  der  Polen  wird  die  Besprechung
  der  Interpellation  beschlossen.

Abg.  Herold  (3.):  Die  Zentrumsfraktion  lehnt  es  ab,  über  eine
Kundgebung  des  Oberhauptes  der  katholischen  Kirche,  welche  kirchliche  Angelegenheiten
  behandelt,  ein  Urteil  abzugeben  und  auf  dem  politischen  Boden
des  Hauses  der  Abgeordneten  in  eine  Diskussion  einzutreten.  Indem  wir
also  auf  die  Sache  hier  nicht  eingehen,  sprechen  wir  zugleich  die  Hoffnung
aus,  daß  die  Beziehungen  der  katholischen  Kirche  zu  unseren  evangelischen
Mitbürgern  nicht  leiden  werden.  Wir  unsererseits  werden  treu  unserer
Tradition  und  unserer  bisherigen  Haltung  nach  besten  Kräften  bemüht
sein,  den  konfessionellen  Frieden  zu  wahren  und  in  jeder  Weise  zu  fördern.
Wir  werden  uns  daher  an  der  Debatte  auch  nicht  beteiligen.  Abg.  v.
Jadzewski  (P.)  schließt  sich  namens  der  Polen  dieser  Erklärung  an.

Abg.  Gyßling  (Fortschr.  Vp.):  Wir  gehen  ganz  einig  mit  den  Interpellanten.
  Die  Enzyklika  des  Papstes  enthält  Beschimpfungen  der  Reformation,
  der  Reformatoren,  der  protestantischen  Kirche,  Fürsten  und  Völker
und  vor  allem  unseres  Königs.  Wir  sind  der  Ueberzeugung,  daß  die
Enzyklika,  die  allen  Katholiken  bekannt  gemacht  wird  und  werden  muß,
geeignet  ist,  den  konfessionellen  Frieden  zu  stören  und  zu  gefährden.  Der
gleichen  Anschauung  ist  die  Regierung,  wie  sich  heute  gezeigt  hat.  Herr
v.  Pappenheim  hat  mit  erfreulicher  Deutlichkeit  gegen  die  Enzyklika  gesprochen.
  Auch  Abgeordneter  Hackenberg  hat  vollkommen  richtig  unsere
Empfindungen  geschildert.  Auch  wir  bedauern,  daß  die  höchste  autoritative
Stelle  der  katholischen  Kirche  derartige  Erklärungen  abgeben  kann.  Der
Kampf  der  Religion  wird  bestehen  bleiben  und  nur  mit  christlicher  Nächstenliebe
  geführt  werden.  Nur  das  entspricht  der  Kultur  aller  Völker  und
aller  Religionen.  Das  ist  unsere  Aufgabe  in  den  Parlamenten.  Wenn
der  Zentrumsredner  heute  ablehnt,  darüber  zu  sprechen,  so  verstehe  ich
das  nicht.  Es  kann  keine  Rede  davon  sein,  daß  die  Enzyklika  nur  kirchliche
  Dinge  betrifft.  (Lebhafter  Beifall.)  Die  Enzyklika  enthält  schwere
Beschimpfungen,  die  mit  kirchlichen  Dingen  gar  nichts  zu  tun  haben.  Wenn
der  „Osservatore  Romano“  heute  sagt,  der  Papst  habe  nicht  beleidigen
wollen,  so  überrascht  uns  das.  Will  man  dem  Papste  zutrauen,  daß  er
das,  was  er  sagen  wollte,  nicht  klar  zum  Ausdruck  bringen  könne?  Da
habe  ich  viel  zu  große  Achtung  vor  der  Klugheit  des  Vatikans.  In  innerkirchliche
  Angelegenheiten  mischen  wir  uns  nicht  ein.  Wir  müssen  aber
Verwahrung  dagegen  einlegen,  daß  der  Papst  in  dieser  Weise  den  Protestantismus
  und  die  ihm  anhängigen  Fürsten  und  Völker  beschimpft.  Die
ganze  Enzyklika  ist  auf  Beleidigung  geradezu  angelegt  und  gerade  das  ist
das  Bedenkliche,  daß  der  Papst  es  ist,  der  das  sagt.  Hat  unser  König
vielleicht  es  je  an  Rücksichtnahme  gegen  die  katholische  Kirche  fehlen  lassen?
Ganz  gewiß  nicht.  (Präsident  v.  Kröcher  ersucht  den  Redner,  die  Person
des  Königs  aus  der  Debatte  zu  lassen.)  Ich  spreche  hier  von  dem  Träger
der  Krone  als  dem  summus  episcopus  der  evangelischen  Kirche.  Leider
kann  man  zur  Regierung  kaum  das  Vertrauen  haben,  daß  sie  eine  gerechte
  Sühne  für  die  Beschimpfung  der  Enzyklika  herbeiführen  wird,  nachdem
  sie  alle  Kraft  auf  dem  Gebiete  der  allgemeinen  Politik  vermissen  läßt.
Von  konservativer  Seite  ist  oft  gesagt  worden,  daß  nicht  nur  wirtschaftliche
Interessen,  sondern  daß  die  christliche  Weltanschauung  sie  mit  dem  Zentrum
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        IIEILEIIIEIIIIIIII  9.)  319

verbindet  und  vom  Liberalismus  trennt.  Jetzt  zeigt  sich  bei  der  Enzyklika,
wie  diese  gemeinsame  Weltanschauung  von  dem  Oberhaupt  der  katholischen
Kirche  aufgefaßt  wird.  Und  nun  frage  ich  Herrn  v.  Heydebrand:  Worin
besteht  nun  die  gemeinsame  christliche  Weltanschauung  zwischen  Konservativen
und  Zentrum?  Nein,  Sie  bringen  diese  Interpellation  nur  ein,  weil  Sie
merken,  daß  Ihre  Wähler  von  Ihnen  abrücken,  aus  Mißmut  über  die
zentrumsfreundliche  Polirik  der  konservativen  Partei.  (Lebhafter  Widerspruch
bei  den  Konservativen,  lebhafte  Zustimmung  l.)  Jedenfalls  können  Sie  sich
nicht  wundern,  wenn  die  Sache  draußen  so  aufgefaßt  wird.  (Lebhafte  Zurufe
  der  Konservativen  und  des  Zentrums.  Es  ertönen  Rufe:  Wahlrede!
Wahlrede!  und  die  Unruhe  legt  sich  erst,  als  eine  Stimme  ruft:  Der  Leutnant
kommtl)  Als  die  Canisius-Enzyklika  erging,  haben  die  Konservativen
kein  Wort  des  Protestes  gehabt,  warum  jetzt  die  Entrüstung?  Das  Zentrum
ist  nun  einmal  die  herrschende  politische  Partei  geworden  und  da  können
Sie  sich  nicht  wundern,  wenn  es  seinen  Einfluß  auch  in  kirchlichen  Dingen
geltend  macht.

Von  der  Rechten  wird  ein  Schlußantrag  eingebracht.  (Das  Zentrum
hat  inzwischen  den  Saal  verlassen.)  Der  Schlußantrag  wird  mit  den
Stimmen  der  beiden  konservativen  Parteien  gegen  die  Stimmen  der  gesamten
  Linken  angenommen.

Abg.  Hoffmann  (Sd.)  stellt  fest,  daß  ihm  durch  den  Schlußantrag
die  Möglichkeit  genommen  worden  ist,  zu  dieser  Angelegenheit  das  Wort
zu  nehmen.  Er  verspreche  dafür  hundert  Austrittsversammlungen  abzuhalten.

Abg.  Winckler  (K.):  Wir  wollen,  daß,  wenn  in  diesem  Hause  über
religiöse  Dinge  geredet  wird,  es  in  würdiger  Form  geschieht.  Nach  früheren
Erfahrungen  mußten  wir  gewärtig  sein,  daß  die  Ausführungen  des  sozialdemokratischen
  Redners  dieser  Würde  nicht  entsprechen  würden.  Wir  wollen
nicht,  daß  diese  Debatte  durch  einen  Mißklang  gestört  werde.  Dazu  ist  die
Sache  zu  ernst.  (Lebhafter  Beifall  rechts.  Das  Zentrum  ist  inzwischen
wieder  im  Saal  erschienen.)

Abg.  Hoffmann  (Sd.):  Diese  Einleitung  des  Vorredners  sagt  genug.
Daß  er  auch  Prophet  ist  und  im  voraus  weiß,  was  ich  zu  sagen  hatte,  ist
eine  neue  Endeckung.  Ich  habe  schon  früher  erklärt,  daß  wir  nichts  weniger
als  einen  Kulturkampf  wollen,  und  es  ist  daher  nur  eine  faule  Ausrede,
was  der  Vorredner  sagt.  Er  fürchtet,  daß  das  Konservativ-Zentrums-Techtelmechtel
  hier  klargestellt  wird.  (Unruhe  und  Lärm.  Präsident:  Das
war  etwas  unfreundlich  gegen  die  Mehrheit.  Heiterkeit.)

Abg.  Fischbeck  (Fortschr.  Bp.):  Es  hat  hier  offenbar  eine  Abmachung
zwischen  Konservativen  und  Zentrum  stattgesunden,  denn  daß  das  Zentrum
vor  dieser  Abstimmung  über  den  Schlußantrag  den  Saal  verlassen  hat,
spricht  Bände.

Abg.  Friedberg  (Nl.)  konstatiert,  daß  durch  den  Schlußantrag  seine
Partei  verhindert  worden  ist,  zur  Erklärung  des  Reichskanzlers  Stellung
zu  nehmen.

Abg.  Graf  Praschma  (3.):  Wir  haben  erklärt,  daß  wir  uns  an
der  Debatte  nicht  beteiligen.  Wir  haben  daher  nicht  für  die  Besprechung
der  Interpellartionen  gestimmt  und  konnten  uns  daher  auch  nicht  an  der
Abstimmung  über  den  Schlußantrag  beteiligen.

Damit  ist  die  Angelegenheit  erledigt.

Zweite  Lesung  der  beiden  Gesetzentwürfe  über  die  Erhöhung
der  Zivilliste  und  den  Zuschuß  zu  den  königlichen  Theatern.

Abg.  v.  Jadzewski  (P.)  polemisiert  gegen  die  preußische  Polenpolitik,
  erklärt  sich  aber  mit  dem  Gesetzentwurfe  einverstanden,  seine  Freunde
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        320  Das  Veuische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Juni  9.)

wollten  dem  Kaiser  geben,  was  des  Kaisers  ist,  und  sie  hätten  nur  den
berechtigten  Wunsch,  daß  die  Rechte  der  polnischen  Bevölkerung  berücksichtigt
werden.

Abg.  Friedberg  (Nl.)  erklärt  seine  Zustimmung  zu  den  beiden  Gesetzentwürfen.


Abg.  Hoffmann  (Sd.)  polemisiert  gegen  die  Ausführungen  des
Finanzministers  bei  der  ersten  Lesung.  Es  hätten  vertrauliche  Besprechungen
stattgefunden  und  das  müsse  den  Anschein  erwecken,  als  haben  die  Regierung
und  die  bürgerlichen  Parteien  Grund,  das  Licht  der  Oeffentlichkeit  zu
scheuen.  Leider  sei  er  heute  um  eine  Illusion  ärmer.  Er  hätte  bestimmt
angenommen,  daß  die  Dänen  und  die  Polen  gegen  die  Vorlage  stimmen
würden.  Nun  wären  die  Dänen  ganz  fern  geblieben  und  die  Polen
stimmten  sogar  dafür.  Redner  geht  dann  auf  die  Ausführungen  des  Finanzministers
  in  erster  Lesung  näher  ein.  Wenn  aus  dem  Grundebesitz  der  Krone
nur  1,7  Millionen  herauskommen,  so  wäre  es  Zeit,  daß  die  Krone  ihren
beschäftigungslosen  Mitgliedern  Unterricht  in  der  Bewirtschaftung  von
Gütern  gäbe.  Sind  Sie  (rechts)  vielleicht  mit  17  Mark  Ertrag  pro  Hektar  zufrieden?
  Von  dritter  Seite  wird  dann  auch  der  Ertrag  der  Krongüter
auf  8  Millionen  Mark  geschätzt,  allein  die  Mehreinnahmen  aus  der  letzten
Getreidezollerhöhung  werden  auf  mehr  als  100000  Mark  beziffert.  Allein
aus  dem  Waldbesitz  der  Krone  müßten  1,4  Millionen  sich  ergeben.  Wenn
die  Krone  durch  Ausgaben  für  die  Theater  belastet  wird,  soll  sie  diese  doch
den  Gemeinden  überlassen  und  wenn  die  Schlösser,  die  der  Minister  alte
Kasten  nennt,  der  Krone  zur  Last  sind,  so  soll  sie  sie  doch  den  Gemeinden
und  Provinzen  schenken.  Sie  muß  dann  doch  froh  sein,  wenn  sie  sie  los
wird.  Die  soziale  Fürsorge  ist  nicht  auf  die  Krone  zurückzuführen.  Drei
Jahre  vor  der  kaiserlichen  Botschaft  hat  der  Freiherr  v.  Stumm  im  Zentralverband
  der  Industriellen  eine  Resolution  zugunsten  der  sozialen  Reform
eingebracht  und  dieser  Verband  hat  eine  ähnliche  Resolution  aus  Furcht
vor  der  Sozialdemokratie  auch  angenommen.  Die  Kosten  trägt  der  Arbeiter
teils  direkt,  teils  indirekt,  und  er  trägt  auch  die  Kosten  zur  Erhaltung
zahlreicher  Ihrer  Söhne.  Der  freikonservative  Abgeordnete  Schmidt-Altenburg
hat  zugegeben,  daß  die  Beiträge  zur  sozialen  Gesetzgebung  einen  Teil  der
Löhne  und  nur  ein  halb  Prozent  des  Gesamtumsatzes  ausmachen.  (Der
Vizepräsident  ersucht  den  Redner,  sich  in  diese  Materie  nicht  zu  weit  zu
vertiefen.)  Also  die  soziale  Fürsorge  der  Krone  ist  ein  Märchen.  Das
habe  ich  bewiesen.  (Widerspruch  r.)  Vielleicht  kommt  man  uns  jetzt  mit
den  Sozialistischen  Monatsheften.  Aber  denen  stehen  wir  so  skeptisch  gegenüber,
  daß  wir  fast  glauben,  es  werde,  wenn  auch  nicht  direkt  und  mit
ihrem  Wissen,  das  Material  hineinlanciert,  das  Sie  hier  gebrauchen  können.
Daß  19  Millionen  Preußen  nicht  zur  Steuer  herangezogen  werden,  rühmt
der  Finanzminister,  statt  es  als  beschämend  zu  empfinden.  Der  Finanzminister
  bestreitet  uns  das  Recht,  im  Namen  des  Volkes  und  der  Arbeiter
zu  sprechen  und  er  stellt  unseren  1,8  Millionen  gewerkschaftlich  organisierten
19  Millionen  Arbeiter  gegenüber.  Tatsächlich  handelt  es  sich  im  ganzen
um  sechs  bis  sieben  Millionen,  von  denen  die  Unwissenden  und  Furchtsamen
  abzuziehen  sind.  Die  Krone  kann  einem  um  solche  Verteidiger  fast
leid  tun.  Die  bürgerlichen  Parteien  stimmen  für  die  Erhöhung  der  Zivilliste,
  um  sich  den  Platz  an  der  Sonne  nicht  zu  verderben.  Ihre  Anhänger
draußen  im  Lande  denken  darüber  anders.  Das  wird  sich  bei  den  Wahlen
zeigen.

Finanzminister  v.  Rheinbaben  stellt  einzelne  Behauptungen  des
Vorredners  richtig.  Er  bleibt  dabei,  daß  die  Domänen  durch  einen  Akt
der  Selbstlosigkeit  der  Krone  dem  Staate  überlassen  worden  sind.  Das
        <pb n="329" />
        Das  Denische  Reih  unb  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  9.)  321

Justizministerium  komme  zu  derselben  Auffassung.  Wie  man  aber  die
Sache  auffasse,  fest  steht,  daß  der  Krone  die  Gesamteinnahmen  aus  den
Domänen  zuständen  und  es  war  ein  Akt  der  Selbstlosigkeit,  daß  die  Krone
sich  mit  einer  bestimmten  Rente  begnügte.  Meine  Angaben  über  die  Erträge
  der  Krongüter  beruhen  auf  zuverlässigen  Angaben  der  Hofverwaltung.
1889  betrug  der  Ertrag  0,9  Millionen.  Von  einer  Mißwirtschaft  kann
man  also  nicht  reden.  Die  Unterhaltung  der  Schlösser,  die  die  Krone  vielfach
  hat  übernehmen  müssen,  weil  sie  sonst  niemand  übernehmen  wollte,
verursacht  ganz  gewaltige  Lasten.  Dasselbe  gilt  von  den  Theatern.  Wer
die  Autorschaft  der  Krone  an  der  sozialen  Gesetzgebung  bezweifelt,  kennt
die  Geschichte  nicht.  Kaiser  Wilhelm  und  Fürst  Bismarck  haben  mit  vollem
Einsetzen  ihrer  Persönlichkeit  diese  Gesetzgebung  zur  Tat  gemacht,  was  nicht
hindert,  daß  auch  andere  Personen  und  Kreise  sich  dafür  bemüht  haben.
Eigentümlich  ist  es,  daß  der  Vorredner  in  diesem  Zusammenhange  den
Zentralverband  der  Industriellen  rühmend  hier  nennt.  Den  Aufschwung
der  Industrie  mit  ihren  hohen  Löhnen  verdanken  wir  einzig  und  allein
dem  Schutz  der  nationalen  Arbeit.  Dieser  kommt  also  den  Arbeitern
in  erster  Linie  zugute.  Die  Steigerung  der  Löhne  ist  auch  größer  gewesen,
  als  die  der  Getreidepreise.  Natürlich  ist  es  der  Sozialdemokratie
unbequem,  wenn  ihr  dergleichen  aus  ihren  eigenen  Reihen  gesagt  wird.
Redner  geht  dann  auf  die  Entwicklung  der  Arbeitslöhne  ein.  Wenn  die
Löhne  so  erbärmlich  sind,  wie  Sie  (zu  den  Sozialdemokraten)  sagen,  so
muß  man  sich  wundern,  daß  Sie  so  hohe  Beiträge  zu  den  sozialdemokratischen
Gewerkschaften  zahlen.  Die  Beiträge  pro  Kopf  sind  seit  1884  um  das
Vierfache  gestiegen  und  betragen  jetzt  27  Mark.  (Liebknecht  ruft:  Was  geschieht
  mit  dem  Geld?  Das  ist  eine  unverschämte  Beweisführung!  Liebknecht
  ruft  wiederholt:  Unverschämtheit!  Präsident  v.  Kröcher  erklärt,  daß
er  zwar  das  Wort  „Unverschämtheit“  höre,  aber  nicht  wissen  könne,  wer  es
sage.  Zurufe:  Liebknecht!l)  Redner  geht  dann  auf  die  Wahlstatistik  ein
und  schließt  mit  den  Worten:  Die  Sozialdemokratie  hat  nicht  das  Recht,
sich  die  Vertretung  der  deutschen  Arbeiterschaft  zu  nennen.  (Lebhafter
Beifall  r.)

Abg.  v.  Zedlitz  (Frk.)  erklärt,  daß  seine  Fraktion  für  die  Vorlage
stimmen  wird.

Abg.  Fischbeck  (Fortsch.  Vp.):  Die  Regierung  ist  diesmal  anders
verfahren  als  1889  und  hat  in  der  Kommission  ausgiebiges  Material  geboten
  zur  Beurteilung  der  Notwendigkeit  der  Erhöhung  der  Dotation.  Wir
sind  zu  dem  Schluß  gelangt,  daß  wir  für  die  Vorlage  stimmen  werden.
Der  Abg.  Hoffmann  spötielt  über  uns  und  beruft  sich  auf  den  Abg.  Richter.
Er  irrt  sich  aber,  wenn  er  sich  auf  diesen  verstorbenen  Führer  berufen  zu
können  glaubt.  Richter  hat  damals  die  Berechtigung  einer  einmaligen
Kapitalsdotation  angeregt.  Heute  handelt  es  sich  um  Ausgaben  für  Kind
und  Kindeskinder,  und  wir  halten  diese  Ausgaben  für  dauernde.  Dazu
kommen  die  vermehrten  Ausgaben  für  die  Beamten.  Zur  Uebernahme  der
Theaterkosten  auf  den  Etat  hat  sich  der  Abg.  Virchow  schon  1889  bereit  erklärt.
  Es  liegt  kein  Grund  vor,  heute  nicht  für  dauernd  zu  bewilligen,  was
meine  Freunde  schon  1889  einmalig  zu  bewilligen  bereit  waren.  Aber  auch
wenn  wir  zu  einem  ablehnenden  Standpunkt  kämen,  würden  wir  ihre  Begründung
  von  uns  ablehnen.  Wir  machen  mit  den  übrigen  monarchischen
Parteien  gemeinsame  Sache  und  würden  es  für  eine  Beeinträchtigung  unseres
monarchischen  Gefühls  betrachten,  wenn  wir  uns  durch  die  Drohung  mit  den
Wahlen  beeinflussen  ließen.  Wir  treten  aber  auch  als  konstitutionelle  Partei
für  die  Dotation  ein.  Wir  vertrauen,  daß  unser  Standpunkt  im  Volke  verstanden
  sein  wird.

Europäischer  Geschichtskalender.  I.l.  21
        <pb n="330" />
        322  Das  Denisqhe  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Juni  9.)

Abg.  Herold  (3.)  erklärt,  daß  die  „Westfälische  Rundschau“,  auf
die  sich  der  Abg.  Hoffmann  berufen  hatte,  kein  Zentrumsblatt  sei.

Damit  schließt  die  Debatte  und  die  Vorlage  wird  gegen  die  sechs
sozialdemokratischen  Stimmen  angenommen.

Es  folgt  die  dritte  Lesung.

Abg.  Hirsch  (Sd.)  polemisiert  gegen  die  Ausführungen  des  Finanzministers,
  über  die  Beiträge  der  Gewerkschaften  und  die  Höhe  der  Löhne.
Der  Finanzminister  habe  von  der  Tätigkeit  der  Gewerkschaften  und  ihrer
Bedeutung  für  das  Wirtschaftsleben  keine  Ahnung.  Im  Baugewerbe  sei
der  Kampf  von  den  Arbeitgebern  heraufbeschworen  worden  und  die  Arbeiter
hätten  zum  Frieden  gemahnt.

Die  beiden  Gesetzentwürfe  werden  hierauf  endgültig  gegen  die
Stimmen  der  Sozialdemokraten  angenommen.

9.  Juni.  Zum  Staatssekretär  des  Reichskolonialamts  wird
der  bisherige  Unterstaatssekretär  von  Lindequist  ernannt,  der  von
1894  bis  1900  und  von  1905  bis  1906  in  Südwestafrika  tätig  war.

Dem  Staatssekretär  Dernburg  ging  anläßlich  seines  Ausscheidens
folgendes  allerhöchstes  Handschreiben  zu:  „Da  Sie  zu  meinem  Bedauern
auf  dem  Wunsche  bestanden  haben,  aus  Ihrem  Amte  als  Staatssekretär
des  Reichskolonialamts  entlassen  zu  werden,  habe  ich  mich  entschlossen,
Ihnen  durch  Order  vom  heutigen  Tage  den  erbetenen  Abschied  in  Gnaden
zu  bewilligen.  Ich  spreche  Ihnen  hierbei  meine  vollste  Anerkennung  für
die  hervorragenden  Dienste  aus,  die  Sie  sich  in  vierjähriger,  an  Erfolgen
reicher  Arbeit  um  die  Entwicklung  des  deutschen  Schutzgebiets  erworben
haben.  Als  Zeichen  dieser  meiner  Anerkennung  habe  ich  Ihnen  die  Brillanten
  zum  Roten  Adlerorden  erster  Klasse  verliehen.“

Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  teilt  mit,  daß  die  Rücktrittsabsichten  Dernburgs
  nicht  aus  jüngster  Zeit  stammen.  Der  Staatssekretär  kündigte  sie
bereits  vor  Jahresfrist  dem  damaligen  Reichskanzler  an  und  wiederholte
sie  dann  dem  jetzigen  Reichskanzler  bei  dessen  Amtsantritt.

9.  Juni.  Reichstagsstichwahl  in  Jauer-Bolkenhain-Landeshut.

Geheimrat  Büchtemann  (Fortschr.  Vp.)  erhält  9410  Stimmen,
Arbeitersekretär  Proll  (Sd.)  7916  Stimmen.

9.  Juni.  Die  Beratungen  der  Regierungsvertreter  über  die
Vereinheitlichung  der  deutschen  Stenographie,  an  denen  sich  auch
Oesterreich  beteiligt,  finden  einen  ergebnislosen  Abschluß,  weil  Bayern
das  seit  langen  Jahren  in  den  Schulen  eingeführte  System  Gabelsberger
  nicht  aufgeben  will.

9.  Juni.  Reichstagsersatzwahl  in  Uckermünde-Usedom-Wollin.

Es  erhielten  v.  Böhlendorff-Kölpin  (K.)  6065  Stimmen,  Parteisekretär
Kuntze  (Sd.)  7787,  Justizrat  Herrendörffer  (Fortschr.  Vp.)  4299.  Es  hat

also  Stichwahl  zwischen  dem  Konservativen  und  dem  Sozialdemokraten
stattzufinden.

9.  Juni.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Die  Gesetzesvorlage
  über  die  Steuerreform  wird  mit  89  gegen  20  Stimmen
angenommen  (s.  a.  1.  August).

Dagegen  stimmten  außer  den  Sozialdemokraten  auch  6  Liberale.
        <pb n="331" />
        Das  Denisqe  Reiqh  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Juni  9.  -  13.)  323

9.  Juni.  (Thorn.)  54  süddeutsche  Parlamentarier  und
Journalisten  beschließen  ihre  Studienreise  in  den  Ansiedlungsbezirken
durch  eine  Zusammenkunft  mit  dem  Ostmarkenverein.

10.  Juni.  (Berlin.)  Einweihung  des  neuen  Gebäudes  der
Kaiser  Wilhelms-Akademie  für  das  militärärztliche  Bildungswesen
durch  den  Kaiser.

10.  Juni.  500jähriger  Gedenktag  der  Schlacht  bei  Tannenberg.

11.  Juni.  (Schwerin.)  Der  Erbgroßherzog  wird  im  Beisein
  des  Kaisers  und  vieler  Fürstlichkeiten  getauft.  Die  ebenfalls
eingetroffenen  Großeltern  des  Täuflings,  der  Herzog  und  die
Herzogin  von  Cumberland,  hatten  vor  Ankunft  des  Kaisers  die
Stadt  verlassen.

12.  Juni.  (Berlin.)  Riesenversammlung  im  Zirkus  Busch
als  Kundgebung  gegen  die  Borromäus-Enzyklika.

13.  Juni.  (Sachsen.)  Der  König  eröffnet  den  Staatsministern,
  daß  er  die  Durchkreuzung  seiner  Bestrebungen  für  den
konfessionellen  Frieden  im  Lande  durch  die  schweren  Angriffe  des
Papstes  auf  die  Angehörigen  der  evangelisch-lutherischen  Kirche  bedauere
  und  deshalb  aus  eigenem  Antriebe  beschlossen  habe,  ein
Handschreiben  an  den  Papst  zu  richten.

13.  Juni.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Kommunale
Zweckverbände.  Rechtsstellung  für  Studierende.

Abg.  Linz  (Z.)  begründet  seinen  Antrag,  daß  die  Bestimmungen
der  Landgemeindeordnung,  die  für  die  sieben  östlichen  Provinzen  die  Bildung
  von  Zweckverbänden  regeln,  auf  alle,  insbesondere  die  westlichen  Provinzen,
  ausgedehnt  werden.

Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (Frk.)  weist  die  Notwendigkeit  seines  Antrages
nach,  der  von  der  Regierung  verlangt,  dem  Landtage  in  der  nächsten  Tagung
einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  durch  welchen  zum  Zwecke  einheitlicher
Regelung  des  Verkehrs,  des  Bebauungsplanes,  der  baupolizeilichen  Vorschriften
  und  der  Waldfrage  ein  Zweckverband  Groß-Berlin  und  aus  diesem
ein  besonderer  Verwaltungsbezirk  nach  Art  der  Regierungsbezirke  gebildet  wird.

Geheimrat  Freund:  Wir  haben  im  Sinne  der  Anträge  bereits
einen  Gesetzentwurf  fertiggestellt,  der  noch  heute  an  die  Oberpräsidenten
der  verschiedenen  Provinzen  herausgehen  soll.  Er  ist  aufgebaut  auf  dem
Prinzip  der  Freiwilligkeit.  Ein  Zwang  soll  nach  Möglichkeit  nicht  ausgeübt
  werden.  Berlin  ist  schon  heute  in  der  Lage,  Zweckverbände  zu  bilden,
aber  die  Eigenart  der  Berliner  Verhältnisse  wird  wahrscheinlich  zu  einer
ganz  anderen  Entwicklung  führen.  Berlin  und  Umgegend  wird  sich  wohl
von  den  im  Rahmen  des  Gesetzentwurfs  gegebenen  Bestimmungen  emanzipieren
  und  zu  anderen  Formen  der  Zweckverbände  gelangen.  Ich  sehe  die
Zukunft  in  einem  ruhigen  Zusammenarbeiten  der  beteiligten  Gemeinden
mit  dem  Staat.  Der  Antrag  Zedlitz  scheint  mir  die  Schwierigkeiten  nicht
zu  lösen.  Die  Bildung  eines  Verwaltungsbezirks  wird  sich  nicht  durchführen
  lassen.

21“
        <pb n="332" />
        EEEIEIIIIIIIIttx  IItæTII  (Juni  13.  14.)

Abg.  Cassel  (Fortschr.  Vp.)  bricht  eine  Lanze  für  die  Berliner  Stadtverwaltung.
  Die  Eingemeindung  scheiterte  lediglich  an  den  wechselnden
Anschauungen  innerhalb  der  Regierung.  Es  fragt  sich  freilich,  ob  ein  Großberlin
  mit  4½  Millionen  Einwohnern  sich  noch  nach  der  Städteordnung
verwalten  ließe.  In  London  hat  jede  Gemeinde  ihre  Selbstverwaltung,
aber  das  Ganze  umspannt  die  Grafschaft  London.  Für  die  kleineren  und
kleinsten  Gemeinden  frägt  es  sich  allerdings  immer,  ob  ihre  Aufwendungen
für  einen  Zweckverband  ein  geeignetes  Aequivalent  durch  Erleichterung  in
ihren  übrigen  Lasten  finden.  Die  Stadt  Berlin  hat  niemals  das  Recht
der  Staatsaufsicht  verkannt.  Die  Selbstverwaltungsbehörden  von  Berlin
sind  nie  bewußt  über  ihre  Rechte  hinausgegangen.  Herr  v.  Zedlitz  meint,
die  Stadt  Berlin  würde  die  Vorortgemeinden  majorisieren.  Berlin  hat
aber  z.  B.  einem  Zweckverband  zugestimmt,  in  welchem  es  nur  ein  Drittel
der  Stimmen  hat.  Berlin  hat  nicht  so  großes  Interesse  an  dem  Verkehr
von  außen  nach  innen,  wie  es  die  Vororte  haben,  auch  nicht  dasselbe  Interesse
  an  der  Billigkeit  des  Verkehrs,  wie  die  Vororte.  Es  war  eine  große
Opferwilligkeit  von  Berlin,  daß  es  den  Zehnpfennig-Tarif  bewilligt  hat,
denn  es  war  vorauszusehen,  daß  die  Abwanderung  aus  Berlin  dadurch
erleichtert  würde.  Die  Verwirrung  im  Verkehrswesen  ist  durch  die  Schuld
der  Regierung  erfolgt,  nämlich  durch  die  Verlängerung  der  Konzession
der  Großen  Berliner  Straßenbahn  von  1919  bis  1949,  die  erfolgt  ist  ohne
Wissen,  ohne  Hinzuziehung  der  Stadtgemeinde  Berlin  und  der  anderen
Interessenten.  Das  war  ein  Eingreifen  in  die  Selbstverwaltung,  das  bis
in  die  Reihen  der  Konservativen  hinein  auf  das  schärfste  moniert  worden  ist.

Nach  weiterer  Debatte  wird  der  Antrag  Linz  angenommen,  der  Antrag
  Zedlitz  der  um  sieben  Mitglieder  zu  verstärkenden  Gemeindekommission
überwiesen.

Ein  Antrag  Aronsohn  (Fortschr.  Vp.)  wird  in  der  Fassung  fast
einstimmig  genehmigt,  „die  Staatsregierung  zu  ersuchen,  einen  Gesetzentwurf
  vorzulegen,  der  die  Rechtsstellung  der  Studierenden  der  Universitäten
  und  der  diesen  gleichstehenden  Lehranstalten  unter  Aufhebung  der
Vorschriften  für  die  Studierenden  der  Landesuniversitäten  neu  regelt.“

13.  Juni.  Die  „Köln.  Volkszeitung“  und  Abg.  Erzberger.

Auf  die  Einwendungen  des  Abg.  Erzberger  gegen  ihre  Darstellung
des  Verhaltens  der  Zentrumsfraktion  zu  seinem  Kolonialantrag  bringt  die
„Köln.  Volkszeitung“"  eine  Erklärung,  deren  Schluß  lautet:  „Entschieden
lehnen  wir  jede  Zensur  für  uns  ab  vom  Abg.  Erzberger,  der  sich  in  wenigen
Jahren  so  oft  und  so  schwer  bloßgestellt  und  der  Partei  durch  sein  Vorgehen
und  Verhalten  soviel  Ungelegenheiten  bereitet  hat,  allerdings,  ohne  es  einzusehen.
  Und  das  ist  eben  das  Schlimmste"

14.  Juni.  Über  die  diplomatische  Aktion  der  preußischen  Regierung
  wegen  der  Borromäus-Enzyklika  berichtet  die  „Nordd.  Allg.  Z.“:

Am  6.  Juni  war  dem  preußischen  Gesandten  beim  Vatikan  telegraphisch
die  Weisung  erteilt  worden,  dem  Kardinal-Staatssekretär  eine  Note  zu
übergeben,  worin  die  preußische  Staatsregierung  aus  den  in  der  Erklärung
des  Ministerpräsidenten  namhaft  gemachten  Gründen  gegen  die  auch  an
das  preußische  Episkopat  gerichteten  Kundgebungen  der  Enzyklika  Verwahrung
  einlegt.  Zugleich  weist  die  Staatsregierung  darauf  hin,  daß  die  Verantwortung
  für  die  Störungen  des  konfessionellen  Friedens,  welche  die
Folge  des  Rundschreibens  sind,  allein  diejenige  Stelle  trifft,  von  der  es
ausgegangen  ist.  Dies  glaubt  die  preußische  Regierung,  die  beim  apostolischen
  Stuhl  im  Interesse  guter  Beziehungen  zwischen  Staat  und  Kirche
        <pb n="333" />
        Das  Denische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  14.  15.)  325

eine  diplomatische  Vertretung  unterhält,  durch  ihren  Vertreter  mit  um  so
größerer  Berechtigung  aussprechen  zu  können,  als  sie  ihrerseits,  treu  ihren
verfassungsmäßigen  Aufgaben,  bestrebt  ist,  mit  allem  Ernst  und  allen  Mitteln
die  Wahrung  und  Festigung  des  Friedens  zwischen  der  evangelischen  und
katholischen  Bevölkerung  des  Staates  zu  fördern.  Der  Gesandte  führte
den  Auftrag  am  8.  Juni  aus.  Er  sprach  dabei,  der  ihm  erteilten  Instruktion
  gemäß,  die  bestimmte  Erwartung  aus,  daß  die  päpstliche  Kurie
Mittel  und  Wege  finden  werde,  die  geeignet  wären,  die  aus  der  Veröffentlichung
  der  Enzyklika  sich  ergebenden  Schäden  nach  Möglichkeit  zu  beseitigen.
Insbesondere  müßten  wir  erwarten,  daß  die  Enzyklika  in  den  deutschen
Diözesen  weder  von  der  Kanzel  verkündet  noch  durch  die  bischöflichen  Verordnungsblätter
  veröffentlicht  würde.  Am  11.  ds.  Mts.  ist  dem  Gesandten
amtlich  erklärt  worden,  daß  der  Papst  bereits  den  deutschen  Bischöfen  den
Befehl  gegeben  habe,  eine  solche  Verkündigung  oder  Veröffentlichung  zu
unterlassen.  Am  13.  ds.  Mts.  hat  die  Kurie  dem  Gesandten  eine  vom
Kardinal-Staatssekretär  unterzeichnete  Note  behändigt,  in  der  es  im  Hinblick
  auf  die  Erregung  der  preußischen  Bevölkerung  heißt:  Der  heilige  Stuhl
glaubt,  daß  der  Ursprung  dieser  Erregung  darauf  zurückzuführen  ist,  daß
der  Zweck  nicht  richtig  erkannt  wurde,  worauf  die  Enzyklika  gerichtet  war,
daß  daher  einige  ihrer  Sätze  in  einem  Sinne  ausgelegt  worden  sind,  der
den  Absichten  des  Heiligen  Vaters  völlig  fremd  ist.  Es  liegt  daher  dem
unterzeichneten  Kardinal  daran  zu  erklären,  daß  seine  Heiligkeit  mit  wahrem
Bedauern  die  Nachricht  von  einer  solchen  Erregung  vernommen  hat,  da,
wie  schon  öffentlich  formell  erklärt  ist,  irgendwelche  Absicht,  die  Nichtkatholiken
  Deutschlands  oder  deren  Fürsten  zu  kränken,  seiner  Seele  ganz  und
gar  fern  lag.  Der  Heilige  Vater  hat  übrigens  niemals  die  Gelegenheit
vorbeigehen  lassen,  um  seine  aufrichtige  Achtung  und  Sympathie  für
die  deutsche  Nation  und  ihre  Fürsten  zu  bekunden;  er  hat  noch  bei
einer  kürzlichen  Gelegenheit  die  Freude  gehabt,  diese  seine  Gefühle  zu
wiederholen.

14.  Juni.  Reichstagsersatzwahl  in  Friedberg-Büdingen.

Es  erhielten:  Schreinermeister  Busold-Friedberg  (Sd.)  9551,  Rechtsanwalt
  v.  Helmolt-Friedberg  (Bund  d.  Landw.)  6395  und  Professor  van  Calker-Straßburg

  i.  E.  (Nl.)  4397  Stimmen.  Es  findet  somit  Stichwahl  statt
zwischen  v.  Helmolt  und  Busfold.

14.  Juni.  Ergebnis  des  Notenwechsels  über  die  Borromäus=Enzyklika:


1.  Die  Kurie  spricht  ihr  Bedauern  über  den  ganzen  Vorgang  aus.
2.  Sie  gibt  die  wiederholte  Versicherung  ab,  daß  sie  das  deutsche  Volk  oder
seine  Protestanten  nicht  beleidigen  und  verletzen  wollte,  wobei  indessen  die
im  „Osservatore  Romano“  enthaltene  Erklärung,  daß  die  Auslegung,  die
eine  Beleidigung  annahm,  nur  auf  Irrtum  oder  Mißverständnis  beruht,
weggelassen  wird.  3.  Die  Bischöfe  Deutschlands,  nicht  bloß  Preußens,
werden  vom  Papst  angewiesen,  die  Enzyklika  nicht  bekannt  zu  machen,  sei
es  von  der  Kanzel,  sei  es  durch  Hirtenschreiben,  eine  Anordnung,  die  für
Deutschland  einer  Zurücknahme  gleichkommt.  1.  Die  Kurie  erteilt  ihre  Ermächtigung
  zur  amtlichen  Veröffentlichung  dieses  Notenwechsels.

14.  Juni.  Überschwemmung  im  oberen  Ahrtal.

15.  Juni.  Erste  Delegiertenversammlung  des  Hansabundes.
Die  Mitgliederzahl  umfaßt  900000  Selbständige  und  135000  Angestellte.
        <pb n="334" />
        EEIIEIILIIIIIIITIIIIQIL

15.  Juni.  (Bayern.)  Die  Abgeordnetenkammer  und  die
Borromäus-Enzyklika.

Kultusminister  v.  Wehner  erklärt  gelegentlich  einer  liberalen  Interpellation:
  Die  Staatsregierung  war,  sobald  sie  von  der  jüngsten  Enzyklika
Kenntnis  erhalten  hatte,  darüber  nicht  im  Zweifel,  welchen  Eindruck  der
mit  den  Worten  „admirabilis  hic“  beginnende  Absatz  der  päpstlichen  Kundgebung
  im  Lande  und  insbesondere  in  der  protestantischen  Bevölkerung
hervorrufen  werde.  Bayern  ist  ein  paritätischer  Staat  und  das  Verhältnis
der  Konfessionen  zueinander  ist  verfassungsmäßig  geregelt.  Der  Staatsregierung
  muß  die  Erhaltung  des  konfessionellen  Friedens  im  Lande  eine
ihrer  ersten  und  wichtigsten  Aufgaben  sein.  Die  Enzyklika  ist  wegen  der
Art  und  Form,  in  der  darin  über  die  Reformation,  ihre  Urheber  und  Anhänger
  geurteilt  wird,  in  protestantischen  Kreisen  als  schwere  Kränkung
empfunden  worden  und  sie  hat  in  weiten  Kreisen  große  Verstimmung  hervorgerufen.
  Es  besteht  die  Gefahr,  daß  die  Folge  der  Kundgebung  das
einträchtige  Zusammenleben  der  Konfessionen  nachteilig  beeinflussen  wird.
Die  Staatsregierung  darf  aber  nicht  außer  acht  lassen,  daß  die  katholische
Kirche  innerhalb  ihres  eigenen  Wirkungskreises  in  der  Leitung  ihrer  inneren
kirchlichen  Angelegenheiten  in  Bayern  verfassungsmäßig  selbständig  ist,  soweit
dies  das  Hoheitsrecht  des  Staales  gestattet.  Die  neueste  Enzyklika  nun
liegt  auf  innerkirchlichem  Gebiet.  Innerhalb  der  Grenzen,  die  bei  solchen
inneren  Angelegenheiten  gezogen  sind,  hat  die  Staatsregierung  im  vorliegenden
  Falle  getan,  was  nach  Lage  der  Verhältnisse  geschehen  konnte.
Sie  hat  insbesondere  hier,  wie  an  den  zuständigen  Stellen  in  Rom  mit
ihrer  Ansicht  darüber  nicht  zurückgehalten,  wie  verletzend  und  tief  verstimmend
  die  Enzyklika  auf  die  protestantische  Bevölkerung  wirken  müsse
und  welche  Besorgnisse  hieran  allenthalben  geknüpft  werden  und  wie  die
Staatsregierung  den  betreffenden  Teil  der  Enzyklika  vom  Standpunkt  des
paritätischen  Staates  aus  wegen  der  Rückwirkung  auf  den  konfessionellen
Frieden  im  Lande  beurteilt.  Die  Staatsregierung  hat  einen  abschließenden
  Bericht  des  Gesandten  beim  Vatikan  über  das  Ergebnis  der  ihm  am
7.  Juni  erteilten  Instruktion  noch  nicht  erhalten.  Der  Kardinal-Staatssekretär
  hat  aber  schon  vor  mehreren  Tagen  dem  bayerischen  Gesandten
gegenüber  ausdrücklich  betont,  daß  nicht  die  entfernteste  Absicht  bestanden
hat,  die  Protestanten  irgendwie  zu  beleidigen,  und  nach  einem  heute  nacht
eingegangenen  Telegramm  des  bayerischen  Gesandten  ist  ihm  von  seiten
der  Kurie  eine  offizielle  Antwort  dahin  zugegangen  daß  der  Herr  Nuntius
schon  proprio  motu  den  bayerischen  Episkopat  angewiesen  hat,  die  Enzyklika
  weder  in  den  Kirchen  noch  in  den  Diözesanblättern  zu  veröffentlichen.
Man  ersieht  hieraus,  mit  welch  großem  Entgegenkommen  die  Kurie  bestrebt
war,  den  Zwischenfal  in  befriedigender  Weise  zu  erledigen.  In  Bamberg
allerdings  hat  die  Veröffentlichung  der  Enzyklika  bereits  begonnen.  Ich
habe  mich  über  diese,  mich  auch  nicht  angenehm  berührende  Tatsache  auf
telegraphischem  und  telephonischem  Wege  zu  informieren  gesucht,  habe  im
Laufe  des  gestrigen  Tages  von  dem  Redakteur  des  Diözesanblattes  ein
Telegramm  erhalten,  das  im  wesentlichen  besagt:  „Die  Herausgabe  der
letzten  Nummer  des  Diözesanblattes,  die  einen  Teil  der  Enzyklika  enthält,  geschah
  ohne  Wissen  des  Herrn  Erzbischofs.  Der  Herr  Erzbischof  ist  auf
einer  Firmungsreise.  Ich  bedaure  selbst  lebhaft  dieses  übereilte  Vorgehen.“
  Der  Staatsregierung  wird  nach  wie  vor  die  sorgfältigste  und
strengste  Wahrung  der  Parität  ein  besonderes  s  Anliegen  sein.  Sie  wird
es  auch  jetzt  und  in  Zukunft  an  der  Erfüllung  dieser  verfassungsmäßigen
Pflicht  in  keiner  Weise  fehlen  lassen.  Noch  weit  wichtiger  aber  ist  es,  daß
        <pb n="335" />
        Das  Denisqe  Rei  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  15.  -17.)  327

die  christlichen  Konfessionen,  welche  nun  einmal  untereinander  leben  müssen,
sich  gegenseitig  in  Friede  und  Eintracht  vertragen.  Die  Regierung  hege
den  dringenden  Wunsch,  aber  auch  das  volle  Vertrauen,  daß  bei  den
Konfessionen  namentlich  in  jetziger  Zeit  alles  ferngehalten  werde,  was
den  konfessionellen  Frieden  stören  könne,  und  daß  sie  alles  aufbieten
kersen.  um  den  konfessionellen  Frieden  im  Lande  zu  wahren  und  mehr  zu
befestigen.

15.  Juni.  Zur  Borromäus-Enzyklika.

Die  „Bonifatiusstimmen“,  herausgegeben  von  Beuroner  Benediktinern,
halten  unter  der  Ueberschrift  „Quod  scripsi,  scripsi“  jedes  Wort  des  Papstes
als  vollberechtigt  aufrecht  und  erklären  es  für  eine  „Unverfrorenheit“,  daß
sich  die  deutschen  Protestanten  der  Jetztzeit  durch  eine  Charakteristik  der
Reformatoren  des  16.  Jahrhunderts  beleidigt  fühlen  wollen.

15.  Juni.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Debattelos  werden
die  beiden  Gesetzentwürfe  über  die  Erhöhung  der  Zivilliste  und  über
die  Zuschüsse  zu  den  königlichen  Theatern  einstimmig  angenommen.

15.  Juni.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Ahrtal--Unglück.

Ein  Antrag  Engelsmann  (Nl.),  „die  Königliche  Staatsregierung
zu  ersuchen,  schleunigst  Maßregeln  in  Aussicht  zu  nehmen,  durch  welche  den
durch  schwere  Naturereignisse  geschädigten  Bewohnern  des  Ahrtales  staatliche
  Unterstützung  zuteil  wird“,  wird  einstimmig  angenommen.

16.  Juni.  (Potsdam.)  Der  Kaeiser  zieht  sich  durch  Reiten
einen  Flüssigkeitserguß  in  das  rechte  Kniegelenk  zu  und  muß  sich
von  neuem  Schonung  auferlegen.

16.  Juni.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Finanzdebatte.

Graf  Mirbach--Sorquitten  nimmt  den  Finanzminister  gegen  den  ins
Ausland  gereisten  Herrn  v.  Gwinner  in  Schutz.  Er  sucht  an  der  Hand
des  Ausweises  der  Deutschen  Bank  die  Unrichtigkeit  der  Behauptung  ihres
Leiters  nachzuweisen,  daß  die  Hälfte  ihres  Vermögens  in  Staatspapieren
  angelegt  sei.  Es  ist  nur  ein  Viertel  bis  ein  Drittel,  so  sagte
Graf  Mirbach.  Herr  Delbrück  behandelte  das  leidige  Thema  von  dem  niedrigen
  Kursstand  unserer  Staatspapiere.  Er  hielt  den  in  dem  vorliegenden
Feuerversicherungsgesetz  beschrittenen  Weg  für  den  richtigen,  wodurch  die
öffentlichen  Feuerversicherungsgesellschaften  gezwungen  werden,  einen  gewissen
Prozentsatz  ihres  Vermögens  in  Staatspapieren  anzulegen,  und  gab  der
Befürchtung  Ausdruck,  daß  diese  gesetzgeberische  Maßnahme  noch  weiter
ausgedehnt  werden  müßte,  wenn  sich  das  Publikum  nach  wie  vor  gegen
den  Ankauf  von  Konsols  ablehnend  verhalte.  Einen  Teil  der  Schuld  an
dem  schlechten  Stand  der  Staatspapiere  gab  er  auch  den  Banken,  die  nur
200  Millionen  in  diesen  angelegt  hätten.  Schließlich  empfahl  er  eine  Abänderung
  des  §  261  des  Handelsgesetzbuches  dahingehend,  daß  in  den  Bilanzen
  nicht  der  Börsenpreis,  sondern  der  Anschaffungspreis  eines  Papieres
zugrunde  gelegt  werden  solle.  Finanzminister  v.  Rheinbaben  dankte  Herrn
Delbrück  für  seine  Ausführungen,  die  lebhaften  Beifall  im  Hause  gesunden
hatten.  Auch  er  behandelte  die  Frage  des  Kursstandes.

16.  Juni.  Der  preußische  Landtag  wird  durch  den  Ministerpräsidenten
  v.  Bethmann  Hollweg  geschlossen.
17.  Juni.  Reichstagsersatzwahl  in  Uckermünde--Usedom-Wollin.
        <pb n="336" />
        328  Das  Penisqhe  Reih  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Juni  18.—28.)

Bei  der  Stichwahl  erhält  Kuntze  (Sd.)  10  158  Stimmen;  v.  Böhlendorff-Kölpin
  unterliegt  mit  9457  Stimmen.

18.  Juni.  (Preußen.)  Der  Landwirtschaftsminister  v.  Arnim
und  der  Minister  des  Innern  v.  Moltke  erhalten  ihre  Entlassung.
An  ihrer  Stelle  werden  der  Oberpräsident  der  Rheinprovinz  Freiherr
v.  Schorlemer  und  der  Oberpräsident  von  Schlesien  v.  Dallwitz
zu  Ministern  ernannt.

21.  Juni.  (Karlsruhe.)  Prinzessin  Feodora  zu  Schleswig-Holstein,
  die  jüngste  Schwester  der  Kaiserin,  f  an  Herzschwäche  im
36.  Lebensjahr.  Die  Beisetzung  erfolgt  in  Primkenau  am  27.  Juni.

21.  Juni.  Die  „Nationalliberale  Korrespondenz“  schließt
aus  dem  Ministerwechsel  in  Preußen,  „daß  sich  der  Reichskanzler
entschlossen  hat,  der  Machtstellung  des  schwarzblauen  Blocks  Rechnung
  zu  tragen  und  einen  einseitig-konservativen  Kurs  zu  steuern“.

23.  Juni.  Der  „Staatsanzeiger“  veröffentlicht  die  Gesetze
über  die  Krondotation.

24.  Juni.  Reichstagsersatzwahl  in  Friedberg-Büdingen.

Der  Schreinermeister  Busold  (Sd.)  siegt  in  der  Stichwahl  mit  11543
Stimmen  gegen  Dr.  v.  Helmolt  (Bund  d.  Landw.),  der  9414  Stimmen  erhält.

25.  Juni.  (Berlin.)  Der  Kompetenzgerichtshof  erklärt  in
Sachen  Hellfeld  in  dem  Zwangsvollstreckungsverfahren  gegen  den
russischen  Fiskus  den  Rechtsweg  als  unzulässig  und  hebt  den
Pfändungs=  und  Überweisungsbeschluß  des  Landgerichts  1  vom
15.  Dezember  1909  auf  (vgl.  3.  Januar  und  21.  Mai).

28.  Juni.  Der  „Nauticus“  bringt  statistische  Angaben  und
Vergleiche  über  den  Wettbewerb  der  Seemächte:

Bei  den  Marinebudgets  der  großen  Seemächte  für  das  Rechnungsjahr
  1910  11  steht  wiederum  England  an  der  Spitze  mit  828315  480  Mark
(gegen  730968  720  Mark  im  Jahre  1909  10).  An  zweiter  Stelle  folgen
die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  deren  Ausgabenetat  1910,11  auf
549  237924,10  Mark  (von  575127836  Mark  im  Vorjahr)  zurückgeht.  Alsdann
  schließen  sich  an:  Deutschland  mit  433883567  Mark  (gegenüber
402  566902  Mark  für  1909/10),  Frankreich  300  160  381,60  Mark  (267076502,40
Mark),  Rußland  197674540,56  Mark  (1955.33995,68  Mark),  Japan
159769717,80  Mark  (151309231,50  Mark),  Italien  139019766,64  Mark
(135  70882“4,89  Mark).  Das  deutsche  Marinebudget  1910  11  setzt  sich  aus
folgenden  Etatstiteln  zusammen:  Reichsmarineamt  und  Marinekabinett
2238910  Mark  (1909/10  2311752  Mark),  Admiralstab  326998  Mark
(331  450  Mark),  Seewarte  und  Observatorien  103  470  Mark  (102008  Mark),
Stationsintendanturen  318  353  Mark  (821342  Mark,,  Rechtspflege  219975
Mark  (206.6600  Mark),  Seelsorge  und  Garnisonschulwesen  194115  Mark
(185  808  Mark,  Geldverpflegung  der  Marineteile  36384  314  Mark  (39141206
Mark),  Indiensthaltungen  43273426  Mark  (39141206  Mark),  Naturalverpflegung
  3005  168  Mark  (3320424  Mark),  Bekleidung  454622  Mark
(439815  Mark),  Garnisonverwaltung  1310675  Mark  (1210198  Mark),
        <pb n="337" />
        Das  Derisqe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Juni  28.)  329

Garnisonbauwesen  877883  Mark  (748704  Mark),  Servis-  und  Wohnungsgeldzuschuß
  4079721  Mark  (3933121  Mark),  Sanitätswesen  3072598  Mark
(2800739  Marks,  Reise-,  Marsch=  und  Frachtkosten  3570780  Mark  (3562780
Mark,  Bildungswesen  585038  Mark  (558953  Mark),  Instandhaltung  der
Flotte  und  der  Werften  36  467274  Mark  (35060210  Mark),  Waffenwesen
und  Befestigungen  16  125082  Mark  (14151  341  Mark),  Kassen-  und  Rechnungswesen
  1171563  Mark  (1111521  Mark).  Küsten=  und  Vermessungswesen
  816  738  Mark  (817472  Markh),  verschiedene  Ausgaben  1745755  Mark
(1666565  Mark),  Schiffsbauten  157620000  Mark  (144540000  Mark),
artilleristische  Armierungen  75850000  Mark  (65  450000  Mark),  Torpedoarmierungen
  9080000  Mark  (8270000  Mark),  Minenarmierungen  1000000
Mark  (1500000  Mark),  Ausbau  der  Werften,  Garnisonanstalten  usw.
13018280  Mark  (11095363  Mark),  Hafen=  und  Hochbauten  20142469
Mark  (24806545  Mark).  In  diesen  Ausgaben  sind  enthalten  für  Neubauten
  233870000  Mark  (1909  10:  207810000  Mark).  Die  Ausgaben
der  Großmächte  für  die  Landesverteidigung  (Armee  und  Marine)  belaufen
sich  gegenwärtig  in  England  auf  1394619000  Mark,  auf  den  Kopf  der
Vevölkerung  12,58  Mark  für  die  Armee,  18,411  Mark  für  die  Marine,  in
den  Vereinigten  Staaten  1375  614000  Mark  (8,61  Mark  bezw.  6,47  Mark),
in  Deutschland  1241268000  Mark  (12,40  Mark  bezw.  6,67  Mark),  in
Rußland  1221  407000  Mark  (6,67  Mark  bezw.  1,30  Mark),  in  Frankreich
998180000  Mark  (17,66  Mark  bezw.  7.61  Mark),  in  Oesterreich-Ungarn
459091000  Mark  (7,94  Mark  bezw.  1,06  Mark),  in  Italien  424577000
Mark  (8,28  Mark  bezw.  4,03  Mark),  in  Japan  337826000  Mark  (3,51  Mark
bezw.  3,50  Mark).  Der  Personalbestand  der  größeren  Seemächte  beträgt
seiner  Stärke  nach  geordnet  zurzeit:  England  131  600  Mann,  Vereinigte
Staaten  60500,  Deutschland  57353,  Frankreich  57000,  Japan  47500,  Rußland
  45  165,  Italien  31000,  Oesterreich-Ungarn  15  124.  Eine  vergleichende
Zusammenstellung  der  Kriegsflotten  ergibt  folgenden  Besitzstand  an  Linienschiffen:
  England  56  fertig  und  11  im  Bau,  Deutschland  26  und  11,
Vereinigte  Staaten  25  und  6,  Frankreich  17  und  8,  Japan  12  und  3,
Rußland  8  und  6.  Italien  9  und  4,  Oesterreich-Ungarn  10  und  2;  an
Küstenpanzerschiffen:  Deutschland  6,  Vereinigte  Staaten  5,  Japan  2;
Panzerkanonenboote:  Frankreich  1,  Rußland  1;  Panzerkreuzer:  England  38
fertig  und  6  im  Bau,  Frankreich  20  und  2,  Vereinigte  Staaten  15,  Japan
12  und  2,  Deutschland  9  und  4,  Italien  9  und  1,  Rußland  5  und  1,
Oesterreich-Ungarn  3;  Geschützte  Kreuzer:  England  69  fertig  und  23  im
Bau,  Deutschland  32,  Japan  14  und  3,  Vereinigte  Staaten  16,  Frankreich
  11,  Rußland  8,  Italien  5  und  3,  Oesterreich--Ungarn  3  und  1;
Torpedofahrzeuge:  Frankreich  290  fertig  und  20  im  Bau,  England  211
und  53,  Deutschland  175  und  15,  Rußland  147  und  6,  Italien  108  und
12,  Japan  110  und  2,  Oesterreich-Ungarn  85,  Vereinigte  Staaten  44  und
15;  Unterseeboote:  England  66  fertig  und  21  im  Bau,  Frankreich  59  und
22,  Vereinigte  Staaten  19  und  21,  Rußland  30  und  4,  Itlalien  7  und  6,
Deutschland  12  (im  Herbst  1910  fertig),  Japan  9  und  2,  Oesterreich-Ungarn  7.

W.  Juni.  (Preußen.)  Der  Finanzminister  Freiherr  v.  Rheinbaben
  nimmt  seine  Entlassung  und  wird  zum  Oberpräsidenten  der
Rheinprovinz  ernannt.  Sein  Nachfolger  wird  der  Oberbürgermeister
von  Magdeburg  Dr.  Lentze  (geb.  21.  Okt.  1860  in  Hamm).

28.  Juni.  (Deutsches  Reich).  Der  Staatssekretär  des  Auswärtigen
  Amts  Freiherr  v.  Schoen  wird  durch  den  Gesandten  in
        <pb n="338" />
        EIIIEIIy„I„IIIIIVIIVIIIIILL

Bukarest  v.  Kiderlen  -Waechter  (geb.  am  10.  Juli  1852  in  Stuttgart)
  ersetzt.  Freiherr  v.  Schoen  wird  zum  Nachfolger  des  Botschafters
  in  Paris,  Fürsten  Hugo  Radolin  (geb.  am  1.  April  1841
in  Posen)  ernannt.

28.  Juni.  Das  Passagierluftschiff  der  Zeppelin-Gesellschaft
strandet  auf  der  von  Düsseldorf  aus  angetretenen  Probefahrt  mit
Vertretern  der  Presse  im  Teutoburger  Walde  in  der  Nähe  von
Osnabrück  bei  Iburg.

W—.  Juni.  (München.)  Die  Direktion  des  Münchener  Glaspalastes
  verfügt  infolge  eines  russischen  diplomatischen  Einspruchs
die  Entfernung  des  seit  dem  1.  Juni  in  der  Ausstellung  hängenden
großen  Gemäldes  des  polnischen  Malers  Fabianski  „Aus  dem  Reiche
der  Zaren“".  Das  Bild  stellt  das  Pogrom  in  Kiew  i.  J.  1905  dar.

29.  Juni.  Der  Bundesrat  nimmt  den  abgeänderten  Gesetzentwurf
  über  den  Ausbau  der  deutschen  Wasserstraßen  und  die  Erhebung
  von  Schiffahrtsabgaben  einstimmig  an.

30.  Juni.  (Allenstein.)  In  dem  Prozeß  gegen  Frau  v.  Schönebeck-Weber
  wegen  Gattenmordes  erfolgt  Vertagung  und  am  2.  Juli
Einstellung,  weil  die  Angeklagte,  die  sich  eine  Anzahl  Schnitte  am
linken  Handgelenk  beigebracht  hatte,  geisteskrank  erscheint.

1.  Juli.  (Hessen.)  Zweite  Kammer.  Der  gesetzgebende
Ausschuß  lehnt  die  Regierungsvorlage  über  die  Wahlkreiseinteilung
ab  und  nimmt  das  Kompromiß  der  Nationalliberalen,  des  Zentrums
und  des  Bauernbundes  an.

1.  Juli.  (Kiel.)  Vizeadmiral  v.  Usedom  wird  seiner  Stellung
als  Oberwerftdirektor  enthoben  und  durch  Kapitän  z.  S.  Henkel  ersetzt.

1.  Juli.  (Bayern.)  Die  Kammer  der  Reichsräte  nimmt
die  Steuerreform  nach  den  Beschlüssen  ihres  Ausschusses  fast  einstimmig
  en  bloc  an.  (S.  a.  1.  August.)

1.  Juli.  (Erkelenz.)  Kardinal  Fischer  hielt  bei  einem  ihm
zu  Ehren  gegebenen  Festmahl  eine  Rede,  worin  er  ausführte,  die
Zurückhaltung  auf  katholischer  Seite  angesichts  der  Besprechung  der
Enzyklika  stehe  im  wohltuenden  Gegensatz  zu  der  bedauerlichen
Gefährdung  des  religiösen  Friedens  durch  einzelne  Elemente  auf
der  anderen  Seite.

1.  Juli.  (Preußen.)  Die  Regierung  versagte  dem  Deutschen
Bund  für  weltliche  Schule  und  Moralunterricht  die  Bestätigung
des  ihm  zugefallenen  Fellingerschen  Legats  von  30000  Mark  ohne
Angabe  von  Gründen.
        <pb n="339" />
        Das  Derische  Reiqh  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Juli  1.—15.)  331

1.  Juli.  (Karlsruhe.)  Der  Finanzminister  Honsell  f,  nach
dreijähriger  Amtsführung.

2.  Juli.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  schreibt  und  das  Wolffsche
Telegraphenbureau  verbreitet:

„Der  Rücktritt  Rheinbabens  von  der  Leitung  des  Finanzministeriums
wird  allgemein  als  ein  Ereignis  von  starker  politischer  Bedeutung  empfunden.
Auf  allen  Seiten  kommt  zum  Ausdruck,  daß  mit  dem  Nachfolger  Miquels
eine  Persönlichkeit  von  eigenartigem  Gepräge,  staatsmännischer  Begabung
und  unermüdlicher  Schaffenslust  aus  dem  Amte  scheidet.  Auch  die  politischen
  Gegner  Rheinbabens  werden  jetzt  seinen  bedeutenden  Eigenschaften
und  seinen  Leistungen  für  den  preußischen  Staat  gerecht.  Rheinbaben  ließ
es  niemals  an  sich  sehlen,  wo  es  um  große  Entscheidungen  ging:  in  der
finanziellen  Vertretung  der  Flotteninteressen  wie  bei  der  Reichsfinanzreform,
  in  der  Polenpolitik  wie  der  Bekämpfung  der  staatsfeindlichen  Bestrebungen
  der  Sozialdemokratie  hat  er  große  staatsmännische  Kraft  auch
über  den  Rahmen  seines  Ressorts  hinaus  in  den  Dienst  des  Staates  gestellt.“

4.  Juli.  Zum  Oberpräsidenten  von  Schlesien  wird  der  Unterstaatssekretär
  des  Staatsministeriums  Dr.  v.  Günther  (geb.  13864
in  Berlin)  ernannt.  Sein  Nachfolger  wird  der  Regierungspräsident
von  Merseburg  v.  Eisenhart-Rothe.

4.  Juli.  (Kiel.)  Der  Kaiser  tritt  an  Bord  der  „Hohenzollern“
  seine  Nordlandreise  an.

5.  Juli.  (Gnesen-Posen.)  Domherr  Jasinski  wird  zum
Weihbischof  ernannt.

Das  Erzbistum,  das  seit  3¼  Jahren  unbesetzt  war,  erhält  damit
bereits  seinen  dritten  provisorischen  Verwalter.

8.  Juli.  (Reichstag.)  Der  Erbprinz  v.  Hohenlohe-Langenburg
  legt  sein  Amt  als  zweiter  Vizepräsident  durch  einen  Brief
an  den  Präsidenten  Grafen  v.  Schwerin-Löwitz  nieder.

Als  Grund  gibt  er  die  durch  den  Inhalt  und  die  Wirkungen  der
Borromäus-Enzyklika  veränderte  politische  Lage  an.

11.  Juli.  (Potsdam.)  Der  Astronom  Gottfried  Galle  f,
98  Jahre  alt.

14.  Juli.  (Reichstag.)  Die  Kommission  für  die  Reichsversicherungsordnung
  vertagt  sich  bis  zum  20.  September.

15.  Juli.  (Hessen.)  Zweite  Kammer.  Die  Wahlkreiseinteilung
  und  das  gesamte  Wahlgesetz  werden  nach  Ablehnung
der  Regierungsvorlage  im  Sinne  der  Kompromißparteien  angenommen.


15.  Juli.  (Baden.)  Der  sozialdemokratische  „Volksfreund“
stellt  fest,  daß  bei  der  Abstimmung  über  das  Budget  nur  drei
Sozialdemokraten  sich  der  Stimme  enthalten,  die  übrigen  aber  das
Budget  bewilligt  haben.
        <pb n="340" />
        332  Jos  Derisqhe  Rei  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Juli  15.  -  26.)

Auch  beim  Schluß  des  Landtages  am  16.  stimmen  neun  sozialdemokratische
  Abgeordnete  in  das  Hoch  auf  den  Großherzog  ein.

15.  Juli.  Der  Reichskanzler  antwortet  auf  ein  Begrüßungstelegramm
  aus  Osterode  (Ostpreußen)  am  500  jährigen  Gedenktage
der  Schlacht  bei  Tannenberg:

Die  Regierung  müsse  an  der  nationalen  Konsolidierung  und  der
kulturellen  Hebung  der  Ostmark  festhalten.  Der  Reichskanzler  hofft  auf
die  einmütige  Unterstützung  aller  Ostmärker.

16.  Juli.  Durch  eine  Note  der  japanischen  Botschaft  wird
der  deutsch-japanische  Handels=  und  Schiffahrtsvertrag  und  der
Konsularvertrag  vom  4.  April  1896  nebst  Nachtragskonventionen
vom  26.  Dezember  1898  zum  17.  Juli  1911  gekündigt.

16.  Juli.  Durch  eine  Anderung  im  Warenverzeichnis  zum
deutschen  Zolltarif  wird  die  mandschurische  Soyabohne  als  Rohmaterial
  zur  Oelbereitung  klassifsiziert  und  dadurch  zollfrei.

20.  Juli.  Landtagsersatzwahl  im  Wahlbezirk  Oppeln  8.

Justizrat  Ritta  (Z.)  wird  mit  356  von  357  Stimmen  gewählt.

21.  Juli.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Der  Finanzausschuß
  billigt  für  die  laufende  Finanzperiode  einen  Steuerzuschlag
von  22  Prozent.

22.  Juli.  (Berlin.)  Der  neugewählte  Präsident  von  Brafilien
Marschall  Hermes  da  Fonseca  trifft  zu  einer  Informationsreise  ein.

22.  Juli.  (Berlin.)  Der  Magistrat  beschließt,  entsprechend
einem  Wunsch  der  Stadtverordnetenversammlung,  beim  Kultusminister
  noch  einmal  die  zur  Einführung  der  fakultativen  Feuerbestattung
  erforderlichen  Maßregeln  zu  erbitten.

25.  Juli.  (Straßburg.)  Gegen  Professor  Eloetta,  einen  geborenen
  Italiener,  veranstalten  Studenten  der  romanischen  Philologie
  eine  Demonstration,  weil  er  einem  aus  Elsaß--Lothringen
stammenden  Examinanden  die  Fähigkeit,  das  Französische  richtig
auszusprechen,  abgesprochen  hatte.

25.  Juli.  „Ständige  wirtschaftliche  Kommission  der  Kolonial-=verwaltung.“



Der  Kolonialsekretär  wendet  sich  an  die  Handelskammern  in  Berlin,
Köln,  Chemnitz,  Nürnberg,  Mannheim,  Bremen  und  Hamburg,  Vertreter
für  die  „ständige  wirtschaftliche  Kommission  der  Kolonialverwaltung“  zu
ernennen.  Im  ganzen  werden  neun  kaufmännische  Vertreter  berufen.

26.  Juli.  (Berlin.)  Wahl  der  Delegierten  für  den  sozialdemokratischen
  Parteitag  in  Magdeburg.

In  zehn  Versammlungen,  die  aus  diesem  Anlaß  stattfinden,  erfolgen
Erklärungen  zugunsten  der  Aufrechterhaltung  vollster  Disziplin  in  der
Partei  und  gegen  jeden  Kompromiß  mit  den  Liberalen.
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        Dee  Denisqͥe  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  30.—August  11.)  333

30.  Juli.  Reichstagsersatzwahl  in  Cannstatt-Ludwigsburg.

Der  Sozialdemokrat  Keil  wird  mit  17705  Stimmen  gewählt.  Der
liberale  Kandidat,  Ziegeleibesitzer  Oettinger,  erhielt  nur  9528  Stimmen,
der  Kandidat  des  Bauernbundes,  Redakteur  Dr.  Wolff,  4930  Stimmen.
Von  1898  bis  1910  war  der  nationalliberale  Dr.  Hieber  Vertreter  dieses
Wahlkreises.

31.  Juli.  (Berlin.)  Der  Vorsitzende  des  Deutschen  Kriegerbundes
  General  Alexander  v.  Spitz  f.  77  Jahre  alt.

1.  August.  Professor  Schmoller  schreibt  in  seinem  „Jahrbuch
für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft“  über  die  Notwendigkeit
  einer  Wahlreform  in  Preußen:

Das  Dreiklassenwahlrecht  setzt  82,3  v.  H.  der  Wähler  in  die  dritte
Klasse  und  erklärt  sie  so  für  eine  quantité  négligeable.  Die  politische
Bildung  bleibt  damit  zurück.  Ein  Teil  der  Bürger  verfällt  in  politischen
Stumpfsinn,  ein  anderer  hält  sich  für  verletzt,  wird  extremen  Parteien  zugetrieben.
  Das  preußische  Klassenwahlrecht  steht  nicht  so  sehr  weit  von
dem  französischen  Wahlrecht  ab,  das  1830  und  1810  zu  Revolutionen
führte,  und  ebensowenig  vom  englischen,  das  1832,  1867  erst  zu  den  großen
Wahlreformen  führte.  Wer  diese  große  historische  politische  Tatsache  verkennt,
  ist  blind.  Wer  an  verantwortlicher  Stelle  verkündet,  das  heutige
preußische  Wahlrecht  sei  sehr  gut,  macht  sich  mitverantwortlich  für  künftige
grofe  Katastrophen...  Die  neue  Wahlreform  wird  aber  schon  etwas  mehr

ringen  müssen  als  geheime  und  direkte  Wahl;  vor  allem  darf  sie  auch  an
der  Frage  der  Wahlkreiseinteilung  nicht  vorbeigehen.

1.  August.  (Berlin.)  Begründung  des  Kanzleibeamtenbundes

mit  2054  Mitgliedern.

1.  August.  (Bayern.)  Die  Kammer  der  Reichsräte  stimmt  den
letzten  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses  über  die  Steuerreform  zu
und  führt  dadurch  Gesamtbeschluß  herbei.

2.  August.  (Wilhelmshaven.)  Unter  dem  Befehl  des
Vizeadmirals  Rollmann  wird  das  aus  sechs  Linienschiffen  der  Reservedivision
  bestehende  dritte  Geschwader  gebildet.

3.  August.  (Berlin.)  Rückkehr  des  Kaisers  von  der  Nordlandreise.

5.  August.  (Hamburg.)  Streik  von  10000  Werftarbeilern.

5.  August.  Verkauf  der  Panzerschiffe  „Kurfürst  Friedrich
Wilhelm“  und  „Weißenburg“  an  die  Türkei.

6.  August.  Die  §,  Berliner  Klinische  Wochenschrift“  veröffentlicht
  die  ersten  Vorträge  über  das  Syphilismittel  Ehrlich-Hata  606.

6.—11.  August.  (Berlin.)  5.  Tagung  des  Weltkongresses  für
freies  Christentum  und  religiösen  Fortschritt.

Durch  die  überaus  zahlreiche  Teilnahme  angesehener  Theologen  des
Auslandes,  besonders  der  Amerikaner,  dienen  seine  Verhandlungen  zur
Stärkung  des  Selbstgefühls  der  Religiös-Liberalen.  Zugleich  bezeugen  die
Ausländer  den  starken  Einfluß  der  deutschen  Theologie  des  vorigen  Jahrhunderts
  auf  das  geistige  Leben  in  den  Vereinigten  Staaten,  England,
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        334  Jos  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  9.—20.)

Frankreich  und  Holland.  Es  kommen  auch  Juden  und  Freidenker,  Mohammedaner
  und  Buddhisten  zu  Worte.

9.  August.  (Bayern.)  Kammer  der  Reichsräte.  Das  Walchensee-Projekt
  wird  mit  allen  gegen  fünf  Stimmen  angenommen.

11.  August.  (Bremen.)  Wegen  des  sich  ausbreitenden  Streiks  der
Werftarbeiter  in  Hamburg  erfolgt  die  Aussperrung  von  2400  Arbeitern.

12.  August.  (Straßburg.)  Der  Archäologe  Prof.  Adolf
Michaelis  f.  75  Jahre  alt.

17.  August.  (Bremen.)  Der  Präsident  der  chilenischen  Republik
Pedro  Montt  f,  wenige  Stunden  nach  der  Ankunft  mit  dem  Dampfer
„Kaiser  Wilhelm  der  Große“,  an  Herzschwäche,  61  Jahre  alt.

18.  August.  Landtagsersatzwahl  in  Allenstein-Rössel.

An  Stelle  des  verstorbenen  Zentrumsabgeordneten  Griehl  wird  der
Erzpriester  Romahn  mit  375  gegen  2  Stimmen  gewählt.  Legttere  fielen
auf  den  Privatdozenten  Dr.  Gigalski  (3.).

14.—18.  August.  (Elsaß-Lothringen.)  Gedenkfeiern  auf
den  Schlachtfeldern  um  Metz.

Den  Kriegsteilnehmern  von  1870  sind  Fahrtermäßigungen  zum  Besuch
  des  ehemaligen  Kriegsschauplatzes  gewährt.

18.  August.  Die  „Köln.  Volksztg.“  über  den  konfessionellen
Charakter  des  Zentrums.

Ein  Artikel  der  „Köln.  Volksztg“  mit  der  Ueberschrift  „Gibt  es
konfessionelle  Parteien?“  kommt  zu  folgendem  Ergebnis:  „Entweder  sind
alle  Parteien  konsessionell,  oder  es  gibt  überhaupt  keine  konfessionellen  Parteien;

  das  Zentrum  aber  ist  jedenfalls  am  wenigsten  konfessionell  voreingenommen
  von  allen.“

19.  August.  (Mainz.)  Explosion  bei  einem  Festungsmanöver.

Bei  einem  Festungsmanöver  im  Nahkampf  am  Hechtsheimer  Berg
in  der  Nähe  von  Mainz  explodierte  bei  Sprengarbeiten  im  Fort  Heiligkreuz
  eine  Mine,  ohne  durchzuschlagen.  Durch  die  in  den  Minengang
zurückschlagenden  Gase  wurden  ein  Hauptmann,  drei  Leutnants,  sechs  Unteroffiziere
  und  2  Pioniere  vom  2.  Nassauischen  Pionierbataillon  Nr.  25  bewußtlos
  und  der  Gefreite  Michelmann,  der  mit  einer  Rauchmaske  versehen
vorgeschickt  worden  war,  konnte  nicht  mehr  ins  Leben  zurückgerufen  werden.

19.  August.  (Bayern.)  Der  Vorkämpfer  des  Reformkatholizismus
  Dr.  Otto  Sickenberger  wird  exkommuniziert,  weil  er  nach  seinem
Austritt  aus  dem  Priesterstande  vor  neun  Jahren  jetzt  eine  Ehe
eingegangen  ist.

20.  August.  (Posen.)  Schloßeinweihung  in  Gegenwart  des
Kaisers.  Die  Stadt  wird  zur  Residenzstadt  erhoben.

Beim  Einzug  des  Kaiserpaares  haben  auch  viele  Polen,  besonders
Geschäftsleute,  geflaggt.  Bei  Entgegennahme  des  Ehrentrunkes  hält  der
Kaiser  folgende  Rede:  „Mein  lieber  Oberbürgermeister!  Im  Namen  Ihrer
Mojestät  der  Kaiserin  und  Königin  wie  in  Meinem  Namen  danke  Ich
Ihnen  von  Herzen  für  die  freundlichen  und  tiefempfundenen  Worte,  mit
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        Des  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  20.—26.)  335

denen  Sie  Uns  begrüßt  und  die  treue  Anhänglichkeit  der  Posener  Bürgerschaft
  zum  Ausdruck  gebracht  haben.  Wir  freuen  Uns,  daß  es  durch  Gottes
Gnade  Uns  vergönnt  ist,  heute  Unsern  Einzug  in  die  Mauern  Ihrer  Stadt
und  die  von  Meisterhand  errichtete  Pfalz  zu  halten.  Wir  freuen  Uns  in
Unserer  jüngsten  Residenzstadt,  zu  der  Ich  die  Stadt  Posen  hiermit  erhebe,
Aufenthalt  zu  nehmen  und  fortan  zu  ihren  Bewohnern  in  nähere  Beziehung
zu  treten.  Möge  die  Bürgerschaft  Posens  sich  beim  Anblick  dieser  machtvollen
  Pfalz  stets  des  landesväterlichen  Schutzes  bewußt  sein,  mit  dem  Ich
und  Meine  Nachfolger  in  der  Krone  jede  ehrliche  Arbeit  und  Hantierung
geleiten  werden.  Möge  die  Residenz  mit  ihren  Schwestern  im  Lande  in
Treue  zu  Kaiser  und  Reich,  in  Liebe  zu  König  und  Vaterland  alle  Zeiten
wetteifern  und  sein  und  bleiben  ein  Hort  und  eine  Pflanzstätte  deutscher
Kultur  und  Sitte.  Ich  trinke  auf  das  Wohl  der  Residenzstadt  Posen  und
ihrer  treuen  Bürgerschaft.“

Bei  der  Festtafel  im  Residenzschloß  dankt  der  Kaiser  der  Volksvertretung
  für  die  Bewilligung  der  Bausumme,  dem  früheren  Finanzminister
  Frhr.  v.  Rheinbaben  „für  seine  vortreffliche  Vertretung  dieser
Sache  im  Landtage“"  und  dem  „genialen  Architekten“  Geheimrat  Schwechten
nebst  seinen  Mitarbeitern.  Dann  fährt  er  fort:  „Und  Sie,  meine  Herren
von  der  Provinz  und  von  der  Garnison,  seien  Sie  hier  herzlich  willkommen.
  Mögen  Sie  bei  dem  Anblick  dieser  Pfalz  sich  vor  Augen  halten,
daß  sie  ein  Wahrzeichen  sein  soll  für  mein  landesväterliches  Interesse  für
diese  schöne  deutsche  Provinz,  die  unter  dem  Szepter  Meines  Hauses  zu
hoher  Blüte  emporgewachsen  ist  und  auf  deren  Mitarbeit  zur  Hebung  und
weiteren  Förderung  der  Provinz  Ich  auch  fernerhin  rechne.  Sie  soll  zu
gleicher  Zeit  eine  Ermunterung  sein  für  einen  jeden  in  dieser  Provinz,  der
Lust  hat,  mit  Leib  und  Seele  und  allen  Sinnen  mitzuarbeiten  an  der
Entwicklung  und  Förderung  dieses  schönen  Landes.  Möge  Gott  seinen
Segen  zu  diesem  Werke  geben  und  möge  die  Provinz  Posen  grünen,  blühen
und  sich  entwickeln,  ein  Edelstein  in  Meiner  Krone.  Darauf  wollen  wir
unsere  Gläser  erheben.  Die  Provinz  Posen  Hurra,  Hurra,  Hurra!"

Alle  geladenen  Polen  waren  erschienen.  Von  der  Illumination
schlossen  sich  nur  der  polnische  Stadtteil  Wallischei  und  das  polnische  Magnatenhotel
  „Bazar  Poznanski“  aus.  Der  Kaiser  spendete  zu  den  Baukosten
des  Diakonissenheims  150000  Mark.

20.  August.  (Baden.)  Auf  dem  Offenburger  Parteitag  der
Sozialdemokraten  wird  die  Budgetbewilligung  im  Landtage  mit
134  gegen  36  Stimmen  gebilligt.

21.—26.  August.  (Augsburg.)  57.  Generalversammlung
der  Katholiken  Deutschlands.

An  dem  üblichen  Massenumzug  der  katholischen  Arbeitervereine  beteiligen
  sich  480  Vereine  mit  28—30000  Teilnehmern,  die  nachher  in
zwölf  Versammlungen  Ansprachen  entgegennehmen.  In  einer  derselben  verkündet
  Arbeitersekretär  Giesberts  M.  d.  R.:  Die  Zahl  der  Lohnarbeiter  in
Industrie  und  Landwirtschaft  werde  gegenwärtig  auf  40  Millionen  geschätzt.
Die  Zahl  der  katholischen  Arbeitervereine  betrage  heute  2900  mit  390000
Mitgliedern.  Die  sozialdemokratischen  Organisationen  haben  2400  freigestellte
  Beamte.  Demgegenüber  nehme  sich  die  kleine  Zahl  der  christlichen
Arbeitersekretäre  kläglich  aus.“  —  In  dem  Huldigungstelegramm  an
den  Kaiser  findet  sich  der  folgende  Satz:  „Mit  ganz  besonderem  Danke
sind  wir  dabei  eingedenk  allezeit  der  von  Eurer  Kaiserlichen  und  Königlichen
Majestät  hervorgehobenen  Bedeutung  und  Wertschätzung  des  christlichen
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        336  HDes  Veuische  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (August  22.  23.)

Glaubens  und  kirchlicher  Gesinnung,  sowie  des  gleichmäßigen  Wohlwollens
gegenüber  allen  Angehörigen  des  Deutschen  Reiches.“

In  einem  Vortrag  des  Präsidenten,  Reichstagsabgeordneten  Dr.  Marx,
über  die  religiös-siltliche  Hebung  des  erwerbstätigen  Volkes  wird  in  den
Fortbildungsschulen  obligatorischer  Religionsunterricht  verlangt.  Wenn  die
liberalen  Blätter  den  Konfessionalismus  bekämpfen,  so  beweisen  sie  damit,
daß  sie  von  den  Bedürfnissen  der  modernen  Zeit  keinen  Begriff  haben.
Diese  Presse  müsse  erst  einmal  beweisen,  welchen  Einfluß  sie  selbst  auf  die
religiös-sittliche  Hebung  des  Volkes  ausgeübt  hat.  Die  Wirkung  ihres  Einflusses
  wäre  jedenfalls  gleich  Null,  eher  sogar  noch  gegenteiliger  Natur.
Sie  habe  daher  den  Mund  zu  halten.  Wir  verbitten  uns  überhaupt,  daß
sie  uns  in  unsere  Angelegenheit  hineinredet.  (Tosender  Beifall.)  Der  Staat
aber  muß  unsere  Bestrebungen  unterstützen,  die  jungen  Leute  in  staatstreuer
Gesinnung  zu  erhalten.

Professor  Mausbach  aus  Münster  hielt  einen  begeisternden  Vortrag
  über  Frauenbildung:  „Sie  gehen  jept  hier  in  Bayern  daran,  die
ruhende  Kraft  der  tiefen  Alpenseen,  die  so  lange  im  Schoße  der  Berge  und
Matten  geträumt  und  erschöpften  Menschenkindern  Ruhe  und  Erquickung
zugelächelt  haben,  durch  elektrische  Verwertung  in  die  Weite  zu  führen  und
allen  Bedürfnissen  entwickelter  moderner  Technik  dienstbar  zu  machen.  Sie
haben  sich  aber  zugleich  vorgenommen,  die  poetische  Schönheit  jener  Seen,
den  erhabenen  Frieden  ihrer  Naturumgebung  nach  Kräften  zu  erhalten.
Eine  unermeßliche  Fülle  geistiger  Schönheit  und  belebender  Kraft  liegt  im
Gemüte  der  deutschen  Frauenwelt,  zumal  da,  wo  es  durch  den  Glauben
dem  Himmel  nahegerückt  ist.  Wenn  dieser  tiefe  stille  See  durch  die  heutige
Frauenbewegung  erregt,  wenn  seine  Kraft  aus  dem  friedlichen  Bezirk  des
Hauses  auf  weite  Gebiete  modernster  Arbeit  übergeleitet  wird,  so  fassen  wir
diese  Umwälzung  als  eine  Notwendigkeit  gottgewollter  Entwicklung  auf.
Sorgen  wir  aber  nach  Kräften,  daß  das  alte  Ideal  der  deutschen  Frau
mit  seiner  Glaubenstiefe  und  friedlichen  Anmut,  mit  seiner  reinigenden
und  beruhigenden  Wirkung  für  alles  Menschheitsleben  nicht  Schaden  leidet!“

Das  Antworttelegramm  des  Kardinals  Merry  del  Val  auf  das
übliche  Ergebenheitstelegramm  lautet:  „Der  heilige  Vater  hofft,  daß  eure
dortige  Zusammenkunft  in  allen  Stücken  den  päpstlichen  Weisungen  entsprechend
  verlaufe.“

22.  August.  (Essen.)  Bei  einem  Brande  des  Kruppschen
Laboratoriums  kommen  drei  Personen  in  den  Flammen  um  und
viele  werden  verletzt.

22.  August.  Abschluß  der  Reichshauptkasse  für  1909.

Er  ergibt  eine  Verbesserung  gegenüber  dem  Voranschlage  von
113297581  Mark,  wovon  40618803  Mark  auf  Minderausgaben  fallen.
Dadurch  sinkt  der  Anleihebedarf  auf  etwas  mehr  als  die  Hälfte  der  angesetzten
  Summe,  nämlich  auf  126  ½  Millionen  Mark  herab.

23.  August.  (Königsberg.)  Rede  des  Kronprinzen.

Der  Kronprinz  hält  bei  seiner  Investitur  zum  Rektor  Magnificentissimus
  eine  Rede,  in  der  er  sich  zum  Dolmetsch  der  Gedanken  macht,  die
mit  ihm  die  deutsche  Jugend  „aus  gelehrtem  Munde  vor  allem  hören
möchte“.  „Weisen  Sie  uns  Wege,  auf  denen  unser  deutsches  Volk  wandeln
soll,  um  eine  Stellung  unter  den  Völkern  einnehmen  zu  können,  die  ihm,
seinen  geistigen  und  physischen  Kräften  entsprechend,  zu  Recht  zukommt.
Dabei  ist  uns  nicht  damit  allein  gedient,  die  Schwächen  und  Mängel  unseres
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        Das  Denisqe  Reiq  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  24.)  337

Landes  zu  kennen,  denn  diese  Erkenntnis  führt  leicht  zu  Verdrossenheit  und
unfruchtbarer  Kritik,  vielmehr  sehnen  wir  uns  nach  der  Betonung  unseres
deutschnationalen  Volkstums  im  Gegensatz  zu  internationalisierenden  Bestrebungen,
  welche  unsere  gesunde  völkische  Eigenart  zu  verwischen  drohen.“
—  Die  Alldeutschen  suchen  aus  der  Rede  des  Kronprinzen,  besonders  aus
dem  Wort  „völkische“,  ein  Bekenntnis  zu  ihren  Idealen  herauszulesen.

Am  Nachmittag  trifft  das  Kaiserpaar  mit  der  Prinzessin  Biktoria
Luise  und  dem  Prinzen  Oskar  ein.

24.  August.  Reichstagser  satzwahl  in  Zschopau-Marienberg.
Für  den  verstorbenen  Reformparteiler  Zimmermann  wird  der  sozialdemokratische
  Pastor  a.  D.  Göhre  mit  14831  Stimmen  gewählt.  Der

Kandidat  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  Brotauf  erhielt  4706  Stimmen,
der  Antisemit  Fritzsche  4641  Stimmen.

24.  August.  Polenblätter  über  die  Posener  Kaisertage:

„Kurier  Lwowski“  (387,  22.  Aug.):  „Posen  wird  wirklich  eine
Hauptstadt  bleiben,  aber  nicht  die  einer  deutschen  Provinz,  es  wird  eine
Zufluchtsstätte  der  Kultur,  jedoch  nicht  der  deutschen  sein.  Posen  war  und
bleibt  eine  polnische  Residenz,  eine  Residenz  des  durch  List,  Heuchelei  und
die  preußische  Faust  geschlagenen  Polens.  Es  wird  eine  Zufluchtsstätte  der
polnischen,  durch  das  kreuzritterliche  Schwert  bedrückten  Kultur  bleiben.
Das  Kaiserschloß  und  die  Würde  einer  Residenzstadt  werden  nur  Symbole
der  Gewalt,  der  Vernichtung  der  Kultur  einer  anderen  Nation  bilden.  Und
wenn  Kaiser  Wilhelm  zu  diesem  Vernichtungswerke  den  Segen  Gottes  herabgefleht
  hat,  so  wird  das  kein  Gott  der  Kultur  und  Gerechtigkeit,  sondern
ein  Gott  des  Raubmordes  sein,  derselbe  Gott,  unter  dessen  Zeichen  die
Kreuzritter  einst  ganze  Nationen  vernichteten.“  —  „Dziennik  Kujawski“
(191,  23.  Aug.):  „Diejenigen  (Polen),  welche  aus  amtlichem  Beweggrunde
nach  dem  Schlosse  gegangen  sind,  spielen  keine  ansehnliche  Rolle;  hinter
denen,  die  in  höfischer  Demut  dahin  geeilt  sind,  steht  nicht  die  polnische
Gemeinschaft,  ihre  Worte  und  Versicherungen  verpflichten  uns  nicht,  man
rechnet  nicht  mit  ihnen.  Sie  spielen  die  Rolle  politischer  Marionetten,  deren
sich  die  amtlichen  Kreise  wegen  ihrer  Loyalität  zur  Dekoration  bedienen."
Zur  Teilnahme  des  Fürsten  Radziwill  bemerkt  dasselbe  Blatt:  „Wir  nehmen
an,  daß  die  Anwesenheit  des  Fürsten  im  Schlosse  in  der  polnischen  Fraktion
nicht  nur  ein  Staunen  hervorrufen,  sondern  zu  den  entsprechenden  Konsequenzen
  führen  wird.“  —  „Dziennik  Lydgoskié"  (189,  23.  Aug.):  „Bei
der  Rede  des  Kaisers  fällt  uns  vor  allem  das  auf,  daß  er  einen  so  großen
Nachdruck  darauf  legte,  die  Provinz  Posen  sei  eine  deutsche  Provinz.  Das
ist  nur  eine  preußische  Provinz,  deren  Bevölkerung  zum  überwiegenden  Teile
polnisch  ist.  Diejenigen,  welche  für  die  Polen  freundliche  Worte  erwarteten,
haben  sich  grob  getäuscht.“  —  „Nowa  Reforma“  (380,  22.  Aug.):  „Die
Tatsache,  daß  man  sich  bei  der  Einweihung  des  Schlosses  empfindlicherer  Provokationen
  und  Verletzungen  der  Rechte  und  Gefühle  der  Polen,  wie  dies
bisher  geschehen,  enthielt,  verpflichtet  die  polnische  Gemeinschaft  des  Königreichs
  Polen  zu  nichts.  Wenn  der  Kaiser  ernstlich  danach  strebt,  mit  der  Bevölkerung
  des  Herzogtums  (Posen)  in  besseren  Kontakt  zu  treten,  so  muß  er
hierzu,  soweit  es  sich  um  den  polnischen  Teil  der  Bevölkerung  handelt,  andere
Minel  als  bisher  wählen.  Es  ist  zu  erhoffen,  daß  die  polnische  Gemeinschaft
Preußens  dies  gut  verstehen  und  neue  Versöhnungsproben  eines  Häufleins
unverbesserlicher  politischer  Träumer  nicht  zulassen  werde,  Proben,  die  jeder
realen  Unterlage  entbehren  und  der  polnisch-nationalen  Würde  nur  Abbruch
tun.“  —  Von  den  eingeladenen  Polen  bemerkt  der  „Dziennik  Berlinski“

Europaischer  Geschichtskalender.  L.1.  22
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        338  Jos  NVeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  25.)

(190,  23.  Aug.),  daß  der  größte  Teil  von  ihnen  sich  zuletzt  doch  gedemütigt
und  die  Rolle  des  fünften  Rades  am  Wagen  gespielt  habe.  Herr  v.  Jazdzewski
sei  nur  deshalb  abwesend  gewesen,  weil  er  wußte,  daß  er  sich  nach  den
letzten  Berliner  Machenschaften  durch  ein  Erscheinen  politisch  totmachen
würde.  —  Der  „Kuryer  Sloski“  (193,  24.  Aug.)  fordert,  daß  die  Namen
der  Polen,  welche  an  der  Feier  teilgenommen  haben,  in  allen  Polenblättern
„verewigt“  werden  mögen.

W.  August.  (Königsberg.)  Bei  der  Abendtafel  für  die
Provinz  im  Moskowiter  Saal  des  Schlosses  bringt  der  Kaiser  folgenden
  Trinkspruch  aus:

„Es  liegt  Mir  am  Herzen,  den  Herren  der  Provinz  der  Freude
Ihrer  Majestät  und  Meiner  Ausdruck  zu  geben,  daß  Wir  wiederum  in
den  Grenzen  dieses  schönen  Landes  Uns  besinden  und  daß  Wir  von  seiten
der  Bürgerschaft  Unserer  treuen  Königsstadt  und  der  Provinz  in  so  begeisterter
Weise  empfangen  worden  sind.  Die  Stimmung,  die  in  diesen  Tagen  in
Königsberg  zum  Ausdruck  kommt,  ist  der  beste  Beweis  dafür,  daß  ganz
besonders  innige  Bande  Stadt  und  Provinz  mit  Unserem  Hause  verbinden.
Und  in  der  Tat,  wenn  man  zurückblickt  auf  die  Geschichte  des  Landes  und
des  Hauses,  so  ergibt  sich  daraus,  daß  große  und  bedeutende  Abschnitte
beiden  gemeinsam  sind.  Hier  war  es,  wo  der  Große  Kurfürst  aus  eigenem
Recht  zum  souveränen  Herzog  in  Preußen  sich  machte,  hier  setzte  sich  sein
Sohn  die  Königskrone  auf  das  Haupt  und  das  souveräne  Haus  Brandenburg
trat  damit  in  die  Reihe  der  europäischen  Mächte  ein.  Friedrich  Wilhelm  I.
stabilierte  hier  seine  Autorität  „wie  einen  rocher  de  bronze“.  Unter  Friedrich
dem  Großen  hat  die  Provinz  Freud  und  Leid  seiner  Regierung  geteilt.
Dann  kam  die  schwere  Zeit  der  Prüfung.  Der  große  Soldatenkaiser  der
Franzosen  residierte  hier  im  Schloß  und  ließ,  nachdem  Preußens  Macht
zusammengebrochen  war,  seine  erbarmungslose  Hand  Stadt  und  Land
fühlen.  Hier  wurde  aber  auch  der  Gedanke  der  Erhebung  und  der  Befreiung
des  Vaterlandes  am  ersten  zur  Tat.  Auf  Tauroggen  folgte  der  begeisterte
Beschluß  des  preußischen  Provinziallandtages,  als  der  alte  eiserne  Yorck
die  Herren  mit  flammender  Rede  begeisterte,  das  Werk  der  Befreiung
zu  beginnen.  Und  hier  setzte  sich  Mein  Großvater  wiederum  aus  eigenem
Recht  die  preußische  Königskrone  aufs  Haupt  noch  einmal  bestimmt  hervorhebend,
  daß  sie  von  Gottes  Gnaden  allein  ihm  verliehen  sei  und  nicht
von  Parlamenten,  Volksversammlungen  und  Volksbeschlüssen  und  daß  er
sich  so  als  auserwähltes  Instrument  des  Himmels  ansehe  und  als  solches
seine  Regenten=  und  Herrscherpflichten  versehe.  Und  mit  dieser  Krone
geschmückt,  zog  er,  vor  vierzig  Jahren,  ins  Feld,  um  zu  ihr  noch  die
Kaiserkrone  zu  erringen.  Fürwahr,  was  für  ein  Weg  bis  zu  dem  berühmten
Telegramm  des  Kaisers  an  Meine  selige  Großmutter:  „Welche  Wendung
durch  Gottes  Führung!"  Dieses  Bild  würde  jedoch  unvollkommen  sein,
wenn  ich  nicht  einer  Figur  gedächte,  die  besonders  in  diesem  Jahre  das
preußische,  und  Ich  kann  wohl  sagen,  das  deutsche  Volk  beschäftigt  und  von
neuem  gepackt  hat,  es  ist  die  Zeit  unseres  Zusammenbruches  und  unserer
Erhebung  gar  nicht  denkbar,  ohne  die  Gestalt  der  Königin  Luise!  Auch  die
Stadt  Königsberg  und  die  Provinz  Ostpreußen  hat  diesen  Engel  in  Menschengestalt
  unter  sich  wandeln  gesehen,  ist  von  ihr  beeinflußt  worden  und  hat
auch  mit  ihr  so  schweres  Leid  getragen.  Die  hohe  Königin  ist  von  vielen
Seiten  eingehend  geschildert  worden  und  Unser  Volk  hat  sich  in  dankbarer
Erinnerung  mit  ihr  beschäftigt.  Aber  Ich  meine,  das  eine  kann  nicht
genug  hervorgehoben  werden,  daß  in  dem  allgemeinen  Zusammenbruch
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        Das  Denisqhe  Reiq  und  seinte  einjelnen  Glieder.  (August  26.)  339

Unseres  Vaterlandes,  wo  selbst  Staatsmänner  und  Heerführer  alles  für
verloren  gaben,  die  Königin  die  einzige  gewesen  ist,  die  nie  einen  Augenblick
  an  der  Zukunft  des  Vaterlandes  gezweifelt  hat.  Sie  hat  durch  ihr
Beispiel,  durch  ihre  Briefe,  durch  ihr  Zureden  und  durch  die  Erziehung
ihrer  Kinder  dem  Volke  den  Weg  gewiesen,  auf  dem  es  sich  wiederfinden
konnte.  Sie  hat  die  Umkehr  zur  Religion  und  damit  die  Umkehr  zur
Selbsterkenntnis  und  zum  Selbstvertrauen  bewiesen.  Sie  hat  unser  Volk
angefeuert  zu  dem  Gedanken,  sich  wieder  um  den  König  zu  scharen  und
die  Freiheit  zurückzugewinnen.  Und  als  sie  —  eine  hohe  Märtyrerin  —
verblichen  war,  und  die  Begeisterung  im  Lande  aufflammte  und  Alt  und
Jung  zu  den  Waffen  griff,  um  die  Unterdrücker  aus  dem  Lande  zu  treiben,
da  ist  sie  im  Geiste  vor  den  Fahnen  hergeschritten  und  hat  den  Mut  der
Krieger  belebt,  daß  das  große  Werk  vollbracht  werden  konnte.  Was  lehrt
uns  die  hohe  Figur  der  Königin  Luise?  Sie  lehrt  uns,  daß,  wie  sie  einst
ihre  Söhne  vor  allen  Dingen  mit  dem  einen  Gedanken  erfüllt,  die  Ehre
wiederherzustellen,  das  Vaterland  zu  verteidigen,  wir  Männer  alle  kriegerischen
  Tugenden  pflegen  sollen;  wie  in  der  Zeit  der  Erhebung  Jung  und
Alt  herbeiströmte  und  das  Letzte  hergab,  wie  selbst  Frauen  und  Mädchen
ihr  Haar  nicht  schonten,  so  sollen  auch  wir  stets  bereit  sein,  um  vor  allem
unsere  Rüstung  lückenlos  zu  erhalten,  im  Hinblick  darauf,  daß  unsere
Nachbarmächte  so  gewaltige  Fortschritte  gemacht  haben.  Denn  nur  auf
unserer  Rüstung  beruht  unser  Friede.  Und  was  sollen  unsere  Frauen
von  der  Königin  lernen?  Sie  sollen  lernen,  daß  die  Hauptaufgabe  der
deutschen  Frau  nicht  auf  dem  Gebiet  des  Versammlungs-  und  Vereinswesens
liegt,  nicht  in  dem  Erreichen  von  vermeintlichen  Rechten,  in  denen  sie  es
den  Männern  gleichtun  können,  sondern  in  der  stillen  Arbeit  im  Hause
und  in  der  Familie.  Sie  sollen  die  junge  Generation  erziehen,  vor  allen
Dingen  zum  Gehorsam  und  zum  Respekt  vor  dem  Alter!  Sie  sollen  den
Kindern  und  Kindeskindern  klar  machen,  daß  es  heute  nicht  darauf  ankommt,
sich  auszuleben  auf  Kosten  anderer,  seine  Ziele  zu  erreichen  auf  Kosten
des  Vaterlandes,  sondern  einzig  und  allein  das  Vaterland  im  Auge  zu
haben,  einzig  und  allein  alle  Kräfte  und  Sinne  für  das  Wohl  des  Vaterlandes
  einzusetzen.  Das  ist  die  Lehre,  die  die  hohe  Gestalt  uns  überliefert
hat,  die  unser  Vaterland  und  die  Bürgerschaft  dieser  Stadt  auf  ihrem
schlichten  Denkmal  so  schön  „den  guten  Genius  Preußens"  genannt  hat.
Ich  hege  die  feste  Hoffnung,  daß  alle  hier  versammelten  Ostpreußen  Mich
verstehen  und  daß,  wenn  Sie  wieder  heimgehen  zu  Ihrem  Werk  und  Ihrer
Hantierung,  Sie  sich  von  diesem  Gedanken  erfüllen  lassen.  Alles  soll  mitarbeiten
  am  Wohle  des  Vaterlandes,  gleichgültig,  wer  und  wo  er  sei.  Und
ebenso  wird  für  Mich  der  Weg  dieser  hohen  Verblichenen  vorbildlich  sein,
wie  er  Meinem  Großvater  vorbildlich  war.  Als  Instrument  des  Herrn
Mich  betrachtend,  ohne  Rücksicht  auf  Tagesansichten  und  --Meinungen  gehe
Ich  Meinen  Weg,  der  einzig  und  allein  der  Wohlfahrt  und  friedlichen  Entwickelung
  unseres  Vaterlandes  gewidmet  ist.  Aber  Ich  bedarf  hierbei  der  Mitarbeit
  eines  jeden  im  Lande,  und  zu  dieser  Mitarbeit  möchte  Ich  auch  Sie  jetzt
aufgefordert  haben,  daß  diese  Gesinnung  in  der  Provinz  Ostpreußen  stets
herrsche  und  Mir  Ihre  Hilfe  in  Meinem  Streben  zuteil  werden  möge,  darauf
leere  ich  Mein  Glas.  Es  lebe  die  Provinz  Ostpreußen!  Hoch!  Hoch!  Hoch!“

26.  August.  (Nürnberg.)  Die  Regierung  verweigert  die
Genehmigung  zum  Betrieb  des  von  den  städtischen  Behörden  beschlossenen
  Krematoriums.

26.  August.  (Dresden.)  Der  Kinderarzt  Prof.  Dr.  Henoch  f,

90  Jahre  alt.
227
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        340  JNas  NVeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  27.—29.)

26.  August.  Preßstimmen  zur  Königsberger  Kaiserrede.

Nur  einige  konservative  Blätter  sind  mit  der  Rede  zufrieden  und
rühmen,  wie  z.  B.  das  christlich-soziale  „Reich“",  den  stolzen  Kurs,  oder
meinen,  wie  die  „Rheinisch-Westfälische  Zeitung“,  daß  die  Rede  der  freudigen
Zustimmung  in  weiten  Kreisen  sicher  sein  dürfe.  Dabei  hat  aber  doch  auch
dieses  Blatt  leise  Bedenken  gegen  die  Nichtachtung  der  „Tagesansichten  und
Meinungen“.  Von  der  übrigen  Presse  steht  die  „Kölnische  Zeitung“
ganz  allein  mit  der  Auffassung,  die  Worte  des  Kaisers  stellten  eine  Mahnung
  an  die  jetzige  Regierung  dar,  sich  unabhängig  von  Tagesansichten
und  „Meinungen  zu  halten  und  die  Gegensätze  zwischen  Links  und  Rechts
nicht  durch  eine  allzu  weitgehende  Orientierung  nach  einer  Seite  zu  verschärfen.
  Ueberall  sonst  werden  die  Worte  des  Kaisers  viel  ernster  und  in
ihrer  Tendenz  schwer  bedenklich  aufgefaßt.  —  Die  „Liberale  Korrespondenz“
  führt  aus:  Wir  sehen  den  Kaiser  wieder  in  der  Art  seiner  ersten
Jahre,  aber  noch  in  verschärfterer  vertiefterer  Form.  Wir  erkennen  seine
romantisch-unhistorische  Gottesgnadentum-Auffassung,  seine  Schwärmerei  für
seine  Vorfahren,  seine  überstarke  Betonung  des  Charakters  des  deutschen
Volkes  als  einer  waffen=  und  wehrhaften  Nation,  seine  royalistisch-absolutistischen
  Neigungen.  —  Aus  der  „Nationalliberalen  Korrespondenz“:
Es  in  bedauerlich,  daß  diese  Königsberger  Rede  Wendungen  enthält,  welche
nur  so  gedeutet  werden  können,  daß  der  Kaiser  selbst  die  in  den  verfassungsmäßigen
  Institutionen  zum  Ausdruck  kommende  Meinung  der  Nation  der
Berücksichtigung  nicht  für  wert  erachtet.  —  Der  sozialdemokratische  „Vorwärts“
  meint,  daß  der  Kaiser  in  jener  Rede  die  Auffassung  asiatischen
Despotismus  dem  deutschen  Volke  als  die  seine  biete.  Unbeirrt  durch  die
Erklärung  vom  17.  November  versuche  er  sein  persönliches  Regiment  als
rocher  de  bronze  zu  stabilisieren  und  habe  den  Pakt,  mit  dem  die  herrschenden
  Klassen  den  Gegensatz  zwischen  Absolutismus  und  Verfassung  zu
beseitigen  gehofft  hatten,  nun  selbst  vernichtet.  Die  Rede  greife  auch  in  die
auswärtige  Politik  störend  ein.  Sie  müsse  in  England  den  denkbar  ungünstigsten
  Eindruck  machen,  denn  sie  bedeute  nichts  anderes,  als  die  Ankündigung
  neuer  Heeresvorlagen  und  neuer  Flottenvorlagen.  Die  ganze
Rede  klingt  fast  wie  die  Drohung  mit  einem  Militärkonflikt.  Sofort  müsse
der  deutsche  Reichstag  einberufen  werden,  damit  er  der  Krone  die  verfassungsmäßigen
  Grenzen  anweise.

27.  August.  (Berlin-Grunewald.)  Geh.  Kommerzienrat
Dr.  ing.  Isidor  Löwe  #f#  im  62.  Lebensjahre.

27.  August.  (Bremen.)  Der  wegen  seiner  sozialdemokratischen
Gesinnung  gemaßregelte  Lehrer  Wilhelm  Holzmeier  wird  mit  402
gegen  141  Stimmen  in  die  Bürgerschaft  gewählt.

27.  August.  (Danzig.)  Der  Kaiser  nimmt  die  Parade  des
17.  Armeekorps  und  des  Landungskorps  der  Flotte  ab.

27.—29.  August.  (Marienburg.)  Neue  Rede  des  Kaisers.

Der  Kaiser  hält  bei  dem  Diner  für  die  Provinz  Westpreußen  eine
Rede,  die  als  eine  Abschwächung  der  so  viel  Aufsehen  machenden  Königsberger
  Ansprache  ausgefaßt  wird.  Sie  lautet  nach  einer  Einleitung:

Die  Provinz  Westpreußen  bietet  in  ganz  besonderem  Maße  das  Bild
des  Zusammenwirkens  der  verschiedenen  Elemente,  die  dazu  beitragen,  die
Stärke  und  die  Größe  des  Vaterlandes  auszumachen.  Wir  sehen  die  Seestadt
  mit  ihrem  Handel,  wir  sehen  den  Schiffbau  und  die  Industrie  mit
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        Das  Denisqhe  Reich  und  seine  rinzelnen  Glieder.  (August  26.)  341

ihrer  großen  Schule.  Wir  sehen  die  Zuckerfabriken  auf  dem  Lande  und
auch  die  elektrische  Industrie,  die  immer  mehr  der  Landwirtschaft  untertan
wird.  Das  Zusammenwirken  dieser  Elemente  in  dieser  schönen  Provinz
hat  dieselbe  in  den  letzten  zehn  Jahren  gefördert  und  emporgebracht.  Wodurch
  ist  solches  aber  möglich  gewesen?  Dadurch,  daß  der  Friede  dem
Lande  erhalten  wurde,  der  Friede,  der  die  Folge  der  großen  Ruhmestage
war,  die  nunmehr  vor  40  Jahren  unter  unserem  großen  Kaiser  erkämpft
wurden,  und  von  denen  hier  noch  so  viele  Kriegskameraden  im  bürgerlichen
Kleide,  den  Orden  auf  der  Brust,  vor  Mir  in  Parade  gestanden  haben,  um
noch  einmal  ihrem  König  ins  Auge  zu  sehen.  Also  die  gemeinsame  Arbeit
aller  Stände  und  Berufsklassen  fördert  das  Land  und  die  Provinz,  und
diese  gemeinsame  Arbeit  möchte  Ich  auch  auf  das  große  Vaterland  übertragen
  sehen.

Sie  sind  hier  versammelt  in  der  alten  Marienburg.  Dieses  gewaltige
Bauwerk,  ein  äußeres  Zeichen  der  Macht  und  Fülle,  die  in  dem  deutschen
Orden  sich  ausdrückte,  die  große  Quelle,  von  der  aus  die  deutsche  Kultur
über  die  Ostlande  sich  ergoß,  fürwahr,  eine  staunenswerte  Arbeit  unter  unendlichen
  Schwierigkeiten.  Was  lehrt  uns  die  Marienburg  und  der  deutsche
Orden,  der  unserem  Königreich  das  ragende  Panier  mit  dem  schwarzen
Adler  auf  silbernem  Felde  gab?  Durch  feierliches  Gelöbnis  waren  sich  die
Ordensbrüder  zugetan  und  stellten  ihr  Werk  unter  die  Obmacht  eines  Höheren.
Durch  diese  einheitliche  Geschlossenheit  hat  der  Orden  diese  unerhörte  Leistung
zu  Wege  gebracht.  Das  soll  für  uns  ein  Vorbild  sein.  Das  Kreuz  auf
seinem  Gewande  bedeutet  die  Unterordnung  unter  des  Himmels  Willen.
Es  bedeutet,  daß  Deutschtum  und  Christentum  untrennbar  voneinander
sind.  Was  sollen  wir  daraus  lernen?  Daß  dies  eine  Illustration  für  das
Wort  ist,  was  Ich  neulich  in  Königsberg  gesprochen  habe:  So  wie  Mein
seliger  Großvater  und  wie  Ich  uns  unter  der  höchsten  Obhut  und
dem  höchsten  Auftrage  unseres  Herrn  und  Gottes  arbeitend  dargestellt
**  so  nehme  Ich  das  von  einem  jeden  ehrlichen  Christen  an,  wer  es
auch  sei.

v  Wer  in  dieser  Gesinnung  arbeitet,  dem  wird  es  aber  klar,  daß  das
Kreuz  auch  verpflichtet!  Wir  sollen  in  brüderlicher  Liebe  zusammenhalten,
die  Konfessionen  und  die  Stämme.  Wir  sollen  einem  jeden  Stamm  seine
Eigenheit  und  Eigenart  lassen.  Es  sollen  die  Stämme  und  die  Berufsgenossenschaften
  die  Hände  ineinander  schlagen  zu  gemeinsamer  Arbeit,  zur
Erfüllung  der  staatlichen  Notwendigkeiten.  Der  Landwirt  schlage  in  die
Hand  des  Kaufmanns  ein,  dieser  in  die  Hand  des  Industriellen.  Der  Zugehörige
  einer  Partei  ergreife  die  Hand  des  anders  Gesinnten,  wenn  es
darauf  ankommt,  Großes  für  unser  Vaterland  zu  leisten;  und  eine  Konfession
  trage  die  andere  mit  Liebe,  dann  werden  wir  dem  Vorbild  der
großen  deutschen  Männer,  die  hier  einst  gestanden  und  gearbeitet  haben,
nachkommen.  Dann  werden  wir  die  Schwierigkeiten,  die  sich  uns  entgegentürmen
  —  und  wo  werden  sich  die  nicht  finden  —  überwinden.  Leben
heißt  arbeiten,  arbeiten  heißt  kämpfen,  kämpfen  heißt  Schwierigkeiten  überwinden
  und  die  werden  mit  gegenseitiger  Achtung  und  mit  gegenseitiger
Hilfe  überwunden,  wenn  man  sie  als  von  oben  uns  in  den  Weg  gelegte
Prüfsteine  ansieht.

Daß  Ich  hier  von  Ihnen  verstanden  werde,  das  verbürgt  Mir  die  Gesinnung
  der  Provinz,  und  von  Ihr  hoffe  ich,  daß  mir  Ihre  Mitarbeit  zuteil
wird.  Das  Gelöbnis  nehme  Ich  von  Ihnen  mit,  genau  in  demselben  Wortlaut
  wie  einst  das  alte  Leib-Grenadier-Regiment,  als  es  in  die  Freiheitskriege
  ausrückte:  „Das  soll  ein  Wort  sein!“  Die  Provinz  Westpreußen
hurra,  hurra,  hurra!“
        <pb n="350" />
        342  Jos  DBesiscte  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (August  29.—Sept.  1.)

29.  August.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  schreibt  zur  Königsberger
  Rede  des  Kaisers,  sie  sei  kein  Regierungsakt,  sondern  ein

persönliches  Bekenntnis  des  Monarchen.

„Der  Reichskanzler  weiß,  wie  fern  es  dem  Kaiser  gelegen  hat,  sich
in  den  aktuellen  Streit  der  Parteien  zu  stellen,  und  kann  nicht  der  Rede
einen  absolutistischen  Sinn  geben,  der  zu  Agitationszwecken  künstlich  hineingelegt
  und  herausgelesen  wird.  Er  wird  daher  den  Kaiser  gegen  willkürliche
  Auslegungen  und  bösartige  Verdrehungen  verteidigen  und  die
Geschäfte  wie  bisher  in  voller  Uebereinstimmung  mit  der  Krone  unter
Wahrung  aller  verfassungsmäßigen  Rechte  führen."

30.  August.  Ankunft  des  Zarenpaares  in  Friedberg  (Hessen).

31.  August.  Reichstagsersatzwahl  Warburg-Höxter.

Prof.  Martin  Spahn  (3.)  wird  mit  11301  Stimmen  gegen  Schäfer-Meyer
  (Sd.)  (579  Stimmen)  und  Pfarrer  Dr.  Hille  (Z.)  (101  Stimmen)  gewählt.
  Die  „Augsburger  Abendztg.“  veröffentlicht  einen  Brief  von  14  Mitgliedern
  der  Zentrumsfraktion,  die  den  Prof.  Spahn  am  22.  August  um
Zurückziehung  seiner  Kandidatur  gebeten  haben.

Ende  August.  Ausweisung  des  dänischen  Historikers  Clausen.

Der  Herausgeber  der  „Christl.  Welt“  Prof.  Martin  Rade  (Marburg)  befürwortet
  aus  Empörung  über  die  ungerechtfertigte  Ausweisung  die  Gründung
eines  „Vereins  zum  Schutze  der  deutschen  Ehre  in  der  deutschen  Nordmark“.

Ende  August.  In  Emden  und  Borkum  werden  zwei  englische
Seeoffiziere  Trench  und  Brandon  wegen  Spionage  verhaftet.

In  ihren  Bettmatratzen  werden  neunzehn  Zettel  mit  Festungsplänen
und  Geschützstandbezeichnungen  des  Wilhelmskanals,  Cuxhavens,  Helgolands,
  Wangeroogs  und  Borkums  gesunden  und  beschlagnahmt.

1.  September.  (Berlin.)  Neubau  des  Opernhauses.

Die  Ministerien  der  öffentlichen  Arbeiten,  der  Finanzen  und  des
königlichen  Hauses  erlassen  ein  Preisausschreiben  zur  Erlangung  von  Entwürfen
  hierfür.

1.  September.  Preußen  und  die  thüringischen  Staaten.

Einer  alten  Beschwerde,  daß  die  thüringischen  Bahnen  an  die  von  ihnen
berührten  preußischen  Gemeinden  Einkommensteuer  zahlen  müssen,  während  die
preußischen  auf  Grund  alter  Verträge  in  Thüringen  Steuerfreiheit  genießen,
macht  der  preußische  Staat  durch  Verzicht  auf  sein  Privilegium  ein  Ende.

1.  September.  (Berlin.)  Die  evangelisch-lutherische  Konferenz
  innerhalb  der  preußischen  Landeskirche  gegen  den  Weltkongreß
für  freies  Christentum.

Die  Konferenz  erhebt  „entschiedenen  Einspruch  wider  den  Versuch
des  Weltkongresses  für  freies  Christentum  und  religiösen  Fortschritt,  im
religiösen  Leben  den  Rückschritt  zu  einem  unchristlichen  Gottesglauben,  in
der  Theologie  den  Rückschritt  zum  Rationalismus  zu  vollziehen.  Wir  erachten
  es  als  eine  heilige  Pflicht  aller  evangelischen  Christen,  bei  diesem
alten  und  ewig  belebenden  Bekenntnis  zu  bleiben  und  sich  immer  enger  zu
seiner  Verteidigung  zusammenzuschließen.  Die  Aufgabe  der  berufenen  Organe
  der  evangelischen  Kirche  sehen  wir  darin,  daß  sie  pflichtgemäß  und
aus  Liebe  zu  den  christlichen  Gemeinden  über  die  Erhaltung  dieses  Bekenninisses
  in  Kirche  und  Schule  wachen.“
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        Des  Denisqhe  Reit  und  seine  einjeluen  Glieder.  (September  1.  -4.)  343

1.  September.  Volksversammlungen  gegen  die  Königsberger
Kaiserrede.

Eine  Volksversammlung  in  Fürth  erhebt  schärfsten  Protest  gegen  die
Königsberger  Kaiserrede  und  die  Anwesenheit  des  Zaren  in  Deutschland
und  forderte  sofortige  Maßnahmen  zur  Beseitigung  der  unerträglichen
Fleischteuerung.  Aehnliche  Versammlungen  finden  in  Dessau,  Kassel,
Hannover,  Wiesbaden,  Mannheim,  Karlsruhe  usw.  statt.

2.  September.  (Essen.)  Die  Bergarbeiter  wählen  als  Sicherheitsmänner:
  53  Altverbändler,  436  Gewerkvereinler,  104  Zechenkandidaten
  und  Unorganisierte.  115  Polen  und  13  Hirsch-Dunckersche.

4.  September.  (Berlin.)  Audienz  der  englischen  Sondergesandtschaft
  unter  Lord  Roberts.

Lord  Roberts,  der  als  Sondergesandter  die  Thronbesteigung  König
Georgs  anzeigen  soll,  wurde  schon  am  3.  September  vergeblich  auf  dem
Bahnsteig  mit  der  üblichen  militärischen  Prachtentfaltung  erwartet.  Es
war  verabsäumt  worden,  von  Wien  aus  zu  telegraphieren,  daß  der  Feldmarschall
  „wegen  Unpäßlichkeit“  seine  Reise  verschoben  habe.

4.  September.  (Stettin.)  Die  letzten  1800  Arbeiter  der
Bulkanwerft  legen  die  Arbeit  nieder,  obwohl  sie  von  der  Aussperrung
  nicht  betroffen  wurden.

4.  September.  (München.)  Rede  des  Prinzen  Ludwig  von
Bayern  in  Altötting.

Das  „Neue  Münchener  Tagblatt“"  veröffentlicht  eine  Rede,  die  Prinz
Ludwig  von  Bayern  bei  der  Grundsteinlegung  der  St.  Anna-Kirche  in  Altötting
  am  28.  August  gehalten  hat.  Darin  finden  sich  folgende  Sätze:
„Ich  danke  dem  lieben  Goit,  daß  ich  von  katholischen  Eltern  abstamme  und
in  der  katholischen  Religion  erzogen  bin.  Ich  bin  stets  für  unsere  katholische
Religion  eingetreten,  weil  ich  überzeugt  bin,  daß  sie  die  einzig  wahre  und
echte  Religion  ist.  Diese  meine  innerste  Ueberzeugung  habe  ich  jederzeit
kund  getan,  nicht  um  äußere  Ehren  und  Anerkennung  zu  finden,  sondern
weil  es  meine  tiesste  religiöse  Ueberzeugung  ist.“  Weiter  fuhr  der  Prinz
fort:  „Die  katholische  Religion  gestattet  jedem  Katholiken,  Toleranz  gegen
Andersgläubige  zu  üben.  Es  ist  falsch,  anzunehmen,  daß  die  Ueberzeugung
Andersgläunbiger  von  uns  Katholiken  nicht  hochgehalten  werden  dürfe.
Deshalb  verlangen  aber  auch  wir,  daß  gegen  unsere  Ueberzeugung  Toleranz
geübt  werde.  Wir  wissen  wohl,  daß  nicht  die  Mutter  Gottes,  sondern  Gott
im  Himmel  allein  es  ist,  der  unsere  Bitten  erfüllt  oder  abschlägt,  weil  er
am  besten  weiß,  ob  die  Erfüllung  unserer  Wünsche  von  Vorteil  ist  oder
nicht.  Trotzdem  eilen  wir  zur  seligen  Jungfrau  Maria  hin  und  wenden
uns  an  sie  im  Vertrauen  auf  ihre  Macht  bei  Gott.  Auch  ich  habe  Sorgen
und  Kummer,  und  ich  habe  sie  niedergelegt  vor  dem  Altar  der  heiligen
Kapelle.  Wir  alle  sind  ja  Zeugen,  was  hier  im  Laufe  der  Jahrhunderte
durch  die  Fürbitte  der  allerhöchsten  Jungfrau,  der  Mutter  Gottes,  erreicht
worden  ist  und  sie  wie  die  Wünsche  vieler  schwer  beladener  Seelen  erfüllte."

Die  „Germania“  schreibt  dazu:  „Dieses  Bekenntnis  des  Prinzen
Ludwig  möge  überall  in  katholischen  Herzen  Widerhall  finden  und  zur
Nachahmung  aneifern.  Wie  das  Bekenntnis  des  Kaisers  Wilhelm  zur
christlichen  Weltanschauung,  so  wird  auch  das  katholische  Glaubensbekenntnis
des  Prinzen  Ludwig  die  freudige  Zustimmung  aller  treuen  Katholiken  finden."“
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        344  HNas  Beuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  5.—11.)

5.  September.  (Stolp  i.  Pommern.)  Das  Kaiserpaar  wohnt
der  Enthüllung  des  Denkmals  Wilhelms  I.  zur  Feier  des  600jährigen
  Bestehens  der  Stadt  bei.

Beim  Festmahl  äußert  Oberpräsident  v.  Maltzahn-Gültz:  „Wenn  nun
in  den  leßten  Tagen  das  Gros  unserer  deutschen  Zeitungen,  die  gerade  jetzt
während  der  Ferien  in  der  Mehrzahl  von  jungen  Leuten  redigiert  werden,
die  nicht  einmal  hinter  den  Ohren  trocken  sind,  sich  herausnimmt,  unserem

Herrn  den  Mund  zu  verbieten,  so  weiß  ich,  daß  in  diesem  Kreise  derartige
Worte  keinen  Widerhall  finden.“

7.  September.  Die  Berliner  Großbanken  bewilligen  Entschädigungen
  für  die  nicht  dem  Bankfache  angehörigen  Gläubiger
der  zusammengebrochenen  „Niederdeutschen  Bank“  in  Dortmund.

8.  September.  (Leipzig.)  Der  Kirchenrechtslehrer  Professor
Dr.  Friedberg  f.  74  Jahre  alt.

10.  September.  Die  „Frankfurter  Ztg.“  berichtet,  „von  besonderer
  Seite",  daß  der  Reichskanzler  „alle  positiv  schaffenden
Stände“  unter  dem  Kampfruf:  „unsere  Schutzgollpolitik  ist  bedroht"“,
zu  sammeln  beabsichtige.  Die  Nachricht  erweist  sich  als  unbegründet.

9.—10.  September.  Kaisermanöver  an  der  Grenze  von  Westund
  Ostpreußen  südlich  vom  Frischen  Haff.

Es  nehmen  nur  teil  das  1.  Korps  unter  General  v.  Kluck  und  das
durch  eine  Kavalleriedivision  verstärkte  17.  Korps  unter  General  v.  Mackensen.
Der  Kampf  dreht  sich  um  eine  mit  allen  technischen  Hilfsmitteln  ausgebaute

Feldstellung.  Der  Angriff  des  17.  Armeekorps  scheiterte.  Jeder  der  kämpfenden
  Parteien  stand  ein  Luftschiff  zur  Verfügung.

11.  September.  (Frankfurt  a.  M.)  Sozialdemokratische  Versammlungen.


In  diesen  Versammlungen  sprechen  der  belgische  Abgeordnete  Vandervelde,
  der  Franzose  Jaurbs  und  der  Wiener  Glöckl  in  deutscher  Sprache,
Keir  Hardie  aber  trotz  des  Verbotes  der  Wiesbadener  Regierung  in  englischer
  Sprache  über  die  allgemeine  Lage.  Die  Uebersetzerin  der  englischen
Rede,  Frau  Zetkin,  übertrumpfte  alle  Kraftworte  und  schloß  mit  der  Losung:
Es  lebe  die  Republik!  Zusammen  hatten  die  verschiedenen  Redner  etwa
30000  Zuhörer.

11.  September.  (Frankfurt  a.  Main.)  12.  Delegiertentag
der  deutschen  Zionisten.

Professor  Warburg-Berlin  spricht  über  „Palästina  als  jüdisches
Arbeitsgebiet“.  Es  gibt  dort  32  jüdische  Siedlungsdörfer.  In  Jerusalem
sind  von  80000  Einwohnern  56000  Juden,  in  Tiberias  von  8600  Einwohnern
  7000.  In  Haifa,  wo  es  früher  gar  keine  Juden  gab,  wohnen
jetzt  2000.  Der  Redner  behauptet,  daß  von  den  Konservativen  und  dem
Zentrum  in  Deutschland  die  zionistischen  Bestrebungen  besser  gewürdigt
werden  als  von  den  Liberalen.  Dr.  Franz  Oppenheimer  verlangt  100000  Mark
für  eine  zionistische  Siedlungsgenossenschaft.  Dr.  Heinrich  Löwe-Berlin  teilt
mit,  daß  in  Rußland  das  Hebräische  neu  auflebe,  und  daß  viele  Kinder
        <pb n="353" />
        Das  Penisqe  Reiq  und  seine  einselnen  Glieder.  (September  10.—17.)  345

von  jüdisch-deutschen  Eltern  nicht  mehr  jüdisch-deutsch,  sondern  nur  noch
hebräisch  sprächen.

10.—11.  September.  (Karlsruhe.)  Alldeutscher  Verbandstag.

Resolutionen  protestieren  auf  das  entschiedenste  gegen  jede  Erweiterung
  der  politischen  Rechte  Elsaß-Lothringens,  insbesondere  gegen  die
Schaffung  eines  neuen  Kleinstaates.  Auf  Professor  Samassas  Vorschlag
über  Polenpolitik  wird  einstimmig  ein  neues  Gesetz  gefordert,  welches  die
Grundstückszerstückelung  in  den  Ansiedlungsprovinzen  von  der  behördlichen
Genehmigung  abhängig  machen  soll.  Liebermann  v.  Sonnenberg  widerruft
seine  Erklärung,  daß  die  „Zeitungsschreiber  in  Frankreich  genau  so  niederträchtig
  sind  wie  bei  uns“,  als  die  Pressevertreter  daraufhin  die  Berichterstattung
  einstellen.

12.  September.  (Preußen.)  Die  tierärztlichen  Hochschulen
erhalten  das  Promotionsrecht.

12.  September.  (Dresden.)  Hauptversammlung  des  deutschen
Monistenbundes.

Die  Versammlung  faßt  zu  der  Königsberger  Rede  des  Kaisers  und
zum  Altöttinger  Glaubensbekenntnis  des  Prinzen  Ludwig  von  Bayern  eine
Resolution,  in  der  beklagt  wird,  daß  derartige  überlebte,  der  religiösen  und
sittlichen  Kultur  unserer  Zeit  nicht  mehr  entsprechende  Anschauungen  an
so  einflußreichen,  für  die  Geschicke  unseres  Bolkes  maßgebenden  Stellen
noch  immer  herrschen.

13.  September.  (Sachsen.)  Nachfolger  des  zurücktretenden
Finanzministers  Dr.  v.  Rüger  wird  der  Ministerialdirektor  v.  Seydewitz
  (geb.  1852  in  Leipzig).

13.  September.  (Danzig.)  Die  Strafrechtsabteilung  des
deutschen  Juristentages  lehnt  einen  Antrag,  die  Todesstrafe  aus
dem  Strafgesetzbuch  auszuscheiden,  mit  50  gegen  24  Stimmen  ab.

14.  September.  (Baden-Baden.)  Das  Luftschiff  „L2  VI“
wird  in  7  Minuten  durch  Feuer  vollständig  vernichtet.

14.  September.  (Mannheim.)  Der  Verband  süddeutscher
Industrieller  über  das  deutsch-amerikanische  Patentabkommen.

Der  Verband  beklagt  sich  darüber,  daß  durch  das  Abkommen  vom
23.  Februar  1909  die  amerikanischen  Erfinder  in  Deutschland  auch  ohne
Ausübung  ihrer  Patente  Schutz  genießen,  während  die  eigenen  Staatsangehörigen
  dem  Ausübungszwang  unterliegen.

15.  September.  Reichstagsersatzwahl  in  FrankfurtOder)-Lebus.

Dr.  Winter  (Vereinigte  L.)  erhält  7754  Stimmen,  Dunkel  (K.  und
Bund  d.  Landw.)  6595  Stimmen,  Faber  (Sd.)  14319  Stimmen.  128  Stimmen
sind  zersplittert.  Es  ist  Stichwahl  zwischen  Winter  und  Faber  erforderlich.

16.  September.  Zum  Unterstaatssekretär  im  Reichskolonial-=amt
  wird  Dr.  Paul  Böhmer,  Bürgermeister  von  Metz  (geb.  1864
zu  Gammertingen  in  Hohenzollern),  ernannt.

17.  September.  Zu  den  Erörterungen  der  Presse  über  die
angebliche  Wahlparole  schreibt  die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“:
        <pb n="354" />
        346  Des  Derisqhe  Reiq  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  17.  —  24.)

„Wir  können  aber  versichern,  daß  an  der  obersten  verantwortlichen
Stelle  nicht  nach  Schlagworten  gesucht  noch  heute  schon  entschieden  wird,
welche  einzelne  Frage  bei  den  nächsten  allgemeinen  Wahlen  zum  Reichstag
in  den  Vordergrund  zu  rücken  wäre.  Mit  Wahlparolen,  die  sich  nicht  aus
der  Natur  der  Dinge  ergeben,  mit  künstlichen  Schlagworten  läßt  sich  dem
Uebel,  das  wir  beklagen,  überhaupt  nicht  beikommen.  Leistet  das  deutsche
Volk  in  der  prakuschen  Arbeit  fortwährend  so  Großes,  so  wird  es  sich  auch
in  seiner  politischen  Betätigung  und  Kultur  der  Herrschaft  der  Phrase  entwöhnen
  und  seine  Geschicke  so  wenig  nach  übler  Laune  wie  nach  einseitigen
Klassen=  oder  Interessentenwünschen  mitbestimmen  müssen.  Der  Reichskanzler
  hält  es  für  seine  Hauptaufgabe,  die  Reichsgeschäfte  so  zu  führen,
daß  das  der  Nation  zum  Gedeihen  ihres  Erwerbslebens  ebenso  wie  zu
ihrem  militärischen  Schutze  Nötige  gesichert  und  ihre  stetige  kulturelle  Entwicklung
  gewahrt  werde.  Es  ist  daher  ein  im  einseitigsten  radikalen  Parteiinteresse
  genährter  Aberglaube,  daß  irgendetwas  einer  geistigen  oder  wirtschaftlichen
  Reaktion  Aehnliches  im  Werke  sei.  Eine  solche  Absicht  liegt
allen  maßgebenden  Faktoren  des  Reiches  fern.“

17.  September.  (Bochum.)  Allgem.  Knappschaftsältestenwahlen.

Es  werden  gewählt:  298  Altverbändler,  90  Kandidaten  des  christlichen
  Gewerkvereins  und  der  Zechenpartei,  29  Polen  und  2  Unorganisierte.

—24.  Seplember.  (Magdeburg.)  Sozialdemokratischer
Parteitag.

Unter  den  Teilnehmern  werden  die  Ausländer  (Deutsch-Oesterreicher,
Tschechen,  Holländer,  Engländer,  Amerikaner  und  Dänen)  besonders  begrüßt.
Auch  Vahlteich,  der  vor  46  Jahren  Sekretär  des  Lassalleschen  Allgemeinen
Deutschen  Arbeitervereins  war,  hält  eine  Ansprache.  Von  Delegierten  werden
380  als  bevollmächtigt  anerkannt.  Ueber  die  Frage  der  Budgetbewilligung
liegen  32  Anträge  vor.

In  langer  Rede  legt  Bebel  dar,  daß  hier  nicht  bloß  einfacher  Disziplinbruch
  vorliege,  sondern  ein  Bruch  grundsätzlicher  Festlegungen,  die
die  Partei  auf  drei  Parteitagen  (in  Nürnberg,  Lübeck  und  Dresden)  beschlossen
  hat.  „Wer  in  der  Minorität  ist,  muß  sich  sfügen,  sonst  ist  ein
Parteileben  unmöglich.“  In  Baden  habe  man  sich  mit  den  Nationalliberalen
verbündet,  „unsern  Todfeinden“.  „Wer  sind  denn  die  Nationalliberalen?
Die  nationalliberale  Partei  ist  die  Partei  der  Scharfmacher  par  excellence,
sie  ist  die  erste  Kapitalistenpartei  Die  Nationalliberalen  haben  im  Reichstage
für  alle  Ausnahmegesetze  gestimmt,  und  jetzt  erscheint  in  der  nationalliberalen
Partei  ein  Artikel,  der  Kasseler  Parteitag  solle  sich  auf  die  Heidelberger
Erklärung  zurückziehen,  die  Ausnahmegesetze  gegen  die  Sozialdemokratie
fordert.  Das  sind  die  Freunde  unserer  Genossen  in  Baden.  Die  Genossen
in  Baden  haben  gesagt,  sie  hätten  es  nicht  dem  Zentrum  möglich  machen
können,  das  Budget  abzulehnen.  Sie  hätten  das  ruhig  dem  Zentrum  überlassen
  können.  So  lange  das  neue  Deutschland  besteht,  ist  kein  einziges
Beispiel  dafür  da,  daß  eine  bürgerliche  Partei  gegen  das  Budget  gestimmt
hat.  Selbst  beim  Kulturkampf  hat  das  Zentrum  die  Hand  geküßt,  die  es
geprügelt  hat,  und  hat  für  das  Budget  gestimmt.  Wenn  es  eine  Partei
in  Deutschland  gibt,  die  die  fürchterlichsten  Verfolgungen  über  sich  ergehen
ließ,  sind  es  die  Polen.  Auch  die  Polen  haben  bisher  immer  die  Hand
geküßt,  die  sie  gezüchtigt  hat,  und  sie  haben  in  Preußen  und  im  Reich  für
das  Budget  gestimmt.  Daß  die  Fürsten  unsere  Gegner  sind,  versteht  sich
von  selbst.  Der  Großherzog  von  Baden  aber  war  unser  bewußter  Feind.
Das  hat  die  Genossen  Frank  und  Kolb  nicht  abgehalten,  ihn  zu  Grabe  zu
        <pb n="355" />
        Das  Neeische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  18.—24.)  347

geleiten.  Ich  glaube  der  Großherzog  würde  sich  umgekehrt  sehr  gehütet
haben,  bei  Kolb  und  Frank  mitzugehen,  denen  ich  im  übrigen  wünsche,
daß  sie  noch  lange  leben.  Die  Nationalliberalen  sind  die  größten  Feinde
des  allgemeinen  Wahlrechts.  Ihr  in  Baden,  die  Ihr  heute  Euch  so  mit
den  Nationalliberalen  verbündet  habt,  hättet  das  allgemeine  Wahlrecht
nicht,  wenn  das  Zentrum  nicht  gewesen  wäre.  Als  das  Zentrum  das  allgemeine
  Wahlrecht  verlangte,  da  haben  sich  natürlich  auch  die  National-=liberalen
  angeschlossen,  wenn  sie  nicht  unter  den  Schlitten  kommen  wollten.
Ich  denke,  wir  sind  Sozialdemokraten,  und  wenn  Nationalliberale  in  unserer
Partei  sind,  so  müssen  sie  heraus.  Wir  haben  mehrere  solche  Nationalliberalen,
  die  ganz  nationalliberale  Politik  machen  und  die  Partei  in  das
nationalliberale  Lager  führen  wollen.  Wenn  die  bürgerlichen  Parteien
mit  der  Sozialdemokratie  zusammengehen,  dann  ist  tausend  gegen  eins  zu
wetten,  daß  nicht  die  bürgerlichen  Parteien,  sondern  wir  verlieren.  Es  ist
ein  altes  Gesetz:  Wenn  rechts  und  links  zusammenmarschiert,  gewinnt  rechts
und  links  verliert.  Das  Beispiel  dafür  war  der  Bülow-Block.  Wären
unsere  Minister  bis  ganz  oben  hinauf  nicht  so  furchtbar  dumme  Hiesel,  dann
könnten  sie  gute  Geschäfte  machen.  Es  gibt  sehr  viele  sozialdemokratische
Kämpfer,  die  sich  gern  fangen  lassen.  Bossermann  sagte  ja,  von  dem  Block
Bassermann  bis  Bebel  wolle  er  nichts  wissen.  Ich  kann  Ihnen  sagen,  daß
nicht  nur  der  Bassermann,  sondern  auch  der  Bebel  von  dem  Block  nichts
wissen  will.  Nun  wird  gesagt,  was  ein  Badenser  gemacht,  geschah  schon
früher,  ich  selbst  sei  der  Sündenbock.  David  hat  ausgegraben,  daß  1887
in  St.  Gallen  beschlossen  wurde,  für  keinen  Freisinnigen  zu  stimmen.  Trotzdem
gab  das  Zentralwahlkomitee  nachher  die  Parole  für  den  Freisinn  aus.  Ganz
richtig.  Es  war  1890,  wo  es  sich  um  die  Verewigung  des  Sozialistengesetzes
  handelte  und  auf  eine  Stimme  ankommen  konnte.  Da  war  es
keine  Frage  des  Prinzips,  sondern  der  Taktik.  Aber  jetzt  handelt  es  sich
um  das  Prinzip.  Ich  erkläre  daher,  im  Namen  meiner  Vorstandskollegen
und  der  Kontrollkommission,  daß  wir  gegen  den  verschärfenden  Antrag
von  200  Genossen  stimmen  werden  und  bitte  die  Genossen  dringend,  den
Antrag  zurückzuziehen.  Aber  ich  erkläre  weiter,  und  das  ist  in  unserer
Resolution  auch  ganz  klar  ausgesprochen:  wenn  so  etwas  noch  einmal
passiert,  dann  hinaus,  dann  mag  passieren,  was  will.“  (Stürm.  Beifall.)

Frank-Mannheim  legt  weniger  Wert  auf  die  disziplinarrechtliche,
als  auf  die  politische  Frage.  Es  gibt  Umstände,  unter  denen  der  Disziplinbruch
  zur  Pflicht  wird.  Die  Partei  will  keinen  automatischen  Gehorsam.
Die  ausführenden  Genossen  sollen  nicht  als  Maschine  handeln,  sondern  als
vernünftige  Leute.  Nach  dem  Parteitag  in  St.  Gallen  hat  der  Parteivorstand,
  wie  Bebel  eben  erwähnt  hat,  selbst  nach  diesen  Gesichtspunkten
gehandelt.  Bebel  meint,  damals  sei  eine  taktische,  heute  eine  prinzipielle
Frage  in  Betracht  gekommen.  Ja,  was  ist  das  für  ein  Unterschied?  Wenn
man  beschließt,  eine  Dummheit  nur  einmal  zu  machen,  dann  ist  es  eine
taktische  Frage,  wenn  man  sie  aber  dauernd  machen  will,  dann  ist  es  eine
prinzipielle  Frage.  Ein  Prinzip  läßt  keine  Durchlöcherung  zu.  Der  Nürnberger
  Beschluß  sieht  aber  Ausnahmen  vor,  für  den  Fall,  daß  die  Budgetverweigerung
  die  Annahme  eines  schlechteren  Budgets  zur  Folge  haben
würde.  Wenn  aber  ein  Beschluß  solche  Ausnahmen  zuläßt,  so  ist  es  kein
prinzipieller  Beschluß.  Wir  glaubten,  daß  dem  Geiste  der  Resolution  nach
diese  Ausnahme  auch  für  den  Fall  gelten  müsse,  daß  wir  Einfluß  auf  ein
Budget  üben  konnten  und  deshalb  wollten  wir  das  Budget  nicht  ablehnen.
Da  hielt  der  Minister  v.  Bodman  die  Rede,  in  der  er  den  Sozialdemokraten
  die  Gleichberechtigung  versagte.  Dadurch  wurden  wir  gezwungen,
gegen  diese  Aeußerung  durch  Verweigerung  des  Budgets  zu  demonstrieren.
        <pb n="356" />
        348  Nas  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  18.—24.)

Aber,  Parteigenossen,  wir  wollten  dabei  die  folgende  Erklärung  abgeben:
Wir  bedauern,  daß  wir  das  Budget  ablehnen  müssen.  (Großer  Lärm  b.  d.
Mehrheit.)  Jawohl,  wir  bedauern,  daß  wir  gezwungen  sind,  das  Budget
mit  Rücksicht  auf  die  Worte  des  Ministers  abzulehnen.  Später  hat  dann

err  v.  Bodman  jene  zweite  Rede  gehalten,  in  der  wir  eine  materielle
Lerüchobetn  der  ersten  Aeußerung  sahen.  Bebel  meint,  diese  Rede  sei
inhaltslos  gewesen.  Aber  warum  haben  sich  denn  die  Schwarzen  und  die
Gelben  über  die  Rede  so  ausgeregt?  Gegen  Herrn  v.  Bodman  sind  fast
ebensoviele  Resolutionen  gefaßt  worden  wie  gegen  uns.  Ueber  die  Verbreitung
  monarchistischer  Gelüste  in  Baden  herrschen  die  abenteuerlichsten
Vorstellungen.  Wir  müssen  uns  den  Verpflichtungen  unterwerfen,  die  uns
die  Geschäftsordnung  auferlegt,  mehr  nicht.  Es  gibt  Grenzfälle  und  da
können  wir  uns  kameradschaftlich  auseinandersetzen.  Diese  Frage  der  Monarchie
  steht  im  übrigen  für  uns  nicht  im  Vordergrund."“

Er  empfiehlt  die  Annahme  folgender,  von  113  Delegierten  (meist
Süddeutschen)  unterstützten  Resolution:  Um  die  Wiederholung  der  Konflikte
zwischen  einzelnen  Landtagsfraktionen  und  der  Gesamtpartei  zu  verhindern,
beschließt  der  Parteitag,  eine  Kommission  zum  Studium  der  budgetrechtlichen
Verhältnisse  des  Reichs  und  der  Bundesstaaten  einzusetzen.  Dieser  Kommission
  sollen  außer  einem  Delegierten  des  Parteivorstandes  Vertreter  der
Parteiorganisationen  aller  Bundesstaaten  angehören.  Das  von  der  Kommission
  gesammelte  und  durchberatene  Material  ist  rechtzeitig  vor  dem
nächsten  Parteitage  zu  veröffentlichen.

Zubeil  begründet  den  Verschärfungsantrag.  „Nach  unten  nimmt
man  keine  Rücksicht,  da  gilt  der  Satz:  Wer  sich  nicht  fügt,  der  fliegt.  Nach
oben  aber  drückt  man  ein  Auge  zu.  Gegen  dieses  Messen  mit  zweierlei
Maß  protestieren  wir.  Wer  nicht  bei  uns  bleiben  will,  der  mag  hinausgehen.
  Die  Türen  stehen  ihm  weit  offen.  (Beif.  b.  d.  Mehrheit.)  Wir
zwingen  niemanden.  Wäre  es  nach  den  Berliner  Parteigenossen  gegangen,
dann  wären  die  Resolutionen  noch  viel  schärfer  ausgefallen.  Ohne  die
Munition  der  Berliner  und  Hamburger  könnten  die  Süddeutschen  keinen
einzigen  Wahlkampf  führen.“

Arbeitersekretär  Engler-Freiburg:  „Von  Zubeil  habe  ich  keine
andere  Tonart  erwartet.  Wenn  die  Berliner  kein  anderes  Mittel  haben,
mit  ihren  Geldmitteln  schrecken  sie  uns  nicht.  (Lärm  b.  d.  Mehrheit,  stürm.
Beif.  b.  d.  Minderheit.)  Wir  sind  imstande,  unseren  Kampf  selbst  zu  bezahlen.
  Wir  sind  ebenso  opferwillig  wie  die  Berliner.“

Im  Auftrage  des  Parteivorstandes  erklärt  Bebel  im  Schlußwort
den  Antrag  Zubeil  für  unannehmbar.  Frank  reizt  die  Opposition  durch
die  Konstatierung,  daß  der  Antrag  Zubeil  unterschrieben  und  eingereicht
war,  bevor  der  Angeklagte  gehört  war.  Er  schließt:  „Der  Parteivorstand
hat  durch  seine  Erklärung  die  Partei  vor  einer  Blamage  bewahrt.  Wir
bitten  hier  nicht  um  Gnade,  sondern  wollen  unser  Recht.  Ueber  unsere
Haltung  in  der  Zukunft  erkläre  ich:  Wir  haben  selbstverständlich  das  allergrößte
  Interesse  daran,  daß  die  Partei  einig  und  geschlossen  bleibt,  und
wir  werden  in  jeder  Richtung  das  Unfrige  tun,  um  dafür  zu  sorgen,  daß
das  geschieht.  Aber  keiner  von  uns  kann  Ihnen  heute  sagen,  was  in  den
Budgetabstimmungen  der  nächsten  Jahre  geschehen  wird.  Das  wird  von
den  Verhältnissen  abhängen.“  (Lebhafter  Beifall  b.  d.  Südd.)

Nach  einer  Pause  wird  der  erste  Teil  der  Resolurion  Bebel  mit  266
gegen  106,  der  zweite  Teil  mit  301  gegen  71,  die  ganze  Resolution  mit
289  gegen  80  Stimmen  angenommen.  Der  süddeutsche  Antrag  betreffend
die  Studienkommission  wird  mit  großer  Mehrheit  abgelehnt.  Zubeil  und
Genossen  beantragen  nunmehr,  den  Satz  des  Parteivorstandes,  daß  im
        <pb n="357" />
        Das  Dentsqhe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  18.)  349

Wiederholungsfall  die  Voraussetzungen  des  Ausschlusses  gegeben  wären,
zum  Beschluß  des  Parteitages  zu  erheben.  Darüber  herrscht  große  Erregung.
  Die  Süddeutschen  verlangen  Vertagung  und  verlassen,  als  das
abgelehnt  wird,  den  Saal.  Nach  erregter  Debatte  wird  in  Abwesenheit  der
Süddeutschen  der  Antrag  mit  228  gegen  64  Stimmen  angenommen.

Es  folgen  zwei  Resolutionen  über  die  Fleischnot,  eine  Resolution
über  die  elsässische  Verfassungsfrage  und  eine  über  die  preußische  Wahlrechtsvorlage.
  Letztere  wird  mit  knapper  Mehrheit  angenommen,  nachdem
die  Antragstellerin  Rosa  Luxemburg  den  zweiten  Teil,  der  mit  politischem
Massenstreik  drohte,  zurückgezogen  hatte.  Dabei  verliest  Simbert-Essen
einen  Auszug  aus  einem  Zirkular  des  1908  verabschiedeten,  kommandierenden
  Generals  Frhr.  v.  Bissing:  „Die  ersten  Maßregeln,  die  gleichzeitig  mit
der  Bekanntmachung  des  Belagerungszustandes  ergriffen  werden  müssen,
sind  die  Unterdrückung  aller  aufrührerische  Tendenzen  verfolgenden  Blätter
und  die  Verhaftung  der  Redakteure,  sowie  überhaupt  aller  als  Führer  und
Agitatoren  bekannten  Personen  ohne  Rücksicht  auf  die  Immunität  der
Reichstagsabgeordneten.  Die  Festnahme  dieser  Personen  wird  vielleicht
noch  von  der  Polizei  durchgeführt  werden  können,  wahrscheinlich  wird  sie
#um  mindesten  durch  Militär  gedeckt  werden  müssen.  Jedenfalls  müssen

te  Festgenommenen  der  Militärbehörde  übergeben  und  von  dieser  sobald
als  möglich  in  Sicherheit  gebracht  werden.  Alle  Versammlungen  werden
verboten.  Gerade  beim  Beginn  aufrührerischer  Bewegungen  müssen  alle
Versuche  zur  Widersetzlichkeit  im  Keime  erstickt  werden.  Nichts  ist  gefährlicher
  wie  zögernde  Maßnahmen.  Abwarten  bringt  auch  den  Geist  der
besten  Truppe  ins  Wanken,  während  Angriff  und  Kampf  ihre  Gesinnung
befestigt.“  Es  folgen  weitere  Vorschriften  zur  Sicherung  der  Truppentransporte.
  Es  heißt  da:  „Für  den  Fall  eines  Eisenbahnerausstandes  sind
Vorkehrungen  bereits  getroffen.“  Für  die  Verwendung  der  Truppen  im
Straßenkampf  gelten  folgende  Bestimmungen:  „Infanterie  soll  zusammen
mit  Kavallerie  vorgehen.  Ein  frontaler  Sturm  auf  Barrikaden  ohne  nachdrückliche
  Vorbereitung  durch  Artillerie  soll  vermieden  werden,  weil  er  sehr
oft  fehlschlägt.  Infanterie  soll  schrittweise  vordringen,  und  zwar  durch
die  Häuser  nach  Einschlagen  der  Wände,  durch  Höfe,  Gärten  und  über  die
Dächer.  Beim  Marsch  in  den  Straßen  ist  es  zweckmäßig,  in  Kolonnen
auf  beiden  Seiten  der  Straße  zu  marschieren.  Gewandte  Schützen  sind
vorzunehmen,  um  nötigenfalls  das  Feuer  aus  den  Fenstern  wirksam  erwidern
  zu  können.  Maschinengewehr  und  Artillerie  sind  stets  zugweise,
etwa  jedem  Bataillon  ein  Zug,  zuzuteilen.“  Ferner  folgen  Vorschriften
über  die  Ausrüstung  der  Pioniere  mit  Sprengstoffen.

Am  letzten  Verhandlungstage  waren  die  süddeutschen  Genossen  wieder
erschienen,  und  der  Vorsitzende  Dietz  konnte  seine  „Freude  über  die  wirklich
vollzogene  Einigung  von  Nord  und  Süd  unseres  Vaterlandes“  konstatieren.

Zu  den  Anweisungen  für  den  Belagerungszustand  des  Generals  a.  D.
v.  Bissing  bringt  der  „Vorwärts"“  nachträglich  als  Ergänzung  den  Schlußpassus:
  „Unter  keinen  Umständen  dürfen  höhere  oder  niedere  Befehlshaber
auf  Unterhandlungen  mit  Ausständischen  eingehen,  es  gibt  nur  eine  Bedingung:
  Unterwerfung  auf  Gnade  oder  Ungnade.  Eroberte  Stadtteile
sind  genau  abzusuchen,  Gefangene  sofort  nach  auswärts  abzuschieben,  falls  sie
nicht  sofort  an  Ort  und  Stelle  vor  die  Kriegsgerichte  gestellt  werden.  Alle
Rädelsführer  oder  wer  mit  den  Waffen  in  der  Hand  gefangen  wird,  sind  dem
Tode  verfallen.  Die  volle  Strenge  des  Gesetzes  ist  unbarmherzig  anzuwenden.“

18.  September.  Der  Bund  deutscher  Redakteure  erhebt  Beschwerde
  beim  Minister  des  Innern  wegen  der  in  der  Stolper
        <pb n="358" />
        350  Nas  Neutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  19.—22.)

Rede  des  Oberpräsidenten  von  Pommern  enthaltenen  Beleidigung
des  Journalistenstandes  (s.  5.  September).

19.  September.  Streik  der  Seeleute.

Die  deutschen  Reedereien  lassen  englische  Matrosen  und  Heizer  nach
Hamburg,  Bremen  und  Stettin  bringen.

20.  September.  (Karlsruhe.)  Verhalten  der  Sozialdemokraten
bei  der  Feier  der  silbernen  Hochzeit  des  Großherzogs  Friedrichs  II.
und  der  Großherzogin  Hilda.

Die  sozialdemokratischen  Abgeordneten,  die  Einladungen  erhalten
hatten,  sagten  ab,  weil  ihre  Anwesenheit  auf  dem  Magdeburger  Parteitag
unumgänglich  notwendig  sei.  Nur  der  sozialdemokratische  Bürgermeister
von  Hagsfeld  Wurm  stellt  sich  ein  und  wird  dafür  vom  „Vorwärts“  an
den  Pranger  gestellt.

22.  September.  (Sigmaringen.)  Enthüllung  des  Denk.
mals  des  Fürsten  Leopold,  spanischen  Thronkandidaten  von  1870.

22.  September.  (Elsaß-Lothringen.)  Ansprache  des  Statthalters
  Graf  v.  Wedel  bei  der  Eröffnung  der  Bezirkspflegeanstalt
in  Mörchingen.

„Zu  meinem  lebhaften  Bedauern  haben  sich  im  Laufe  der  letzten
Zeit  Mißverständnisse  und  Gegensätze  gezeigt,  die  schon  an  sich  geeignet
sind,  den  Frieden  und  die  ruhige  Entwicklung  des  Landes  zu  gefährden,
deren  Vertiefung  aber  unfehlbar  schwere  Schäden  für  das  Land  nach  sich
ziehen  muß.  Lassen  Sie  uns  in  der  ernsten  und  redlichen  Arbeit  für  das
Wohl  des  Landes  und  die  Interessen  des  Reiches  das  Einigende  suchen
und  finden;  dann  wird  auch  das  die  einzelnen  Bevölkerungsteile  heute  noch
Trennende  im  Laufe  der  Jahre  von  selbst  verschwinden.  Kein  verständiger
Mensch  denkt  daran,  den  Eingeborenen  ihre  berechtigte  Eigenart  zu  rauben,
sie  in  der  Pflege  ihrer  Erinnerungen  oder  gar  in  der  pietätvollen  Ehrung
der  Toten  zu  hindern,  vorausgesetzt  indessen,  daß  dieser  Kultus,  wenn  ich
den  Namen  so  gebrauchen  darf,  sich  in  denjenigen  Grenzen  hält,  die  ihm
durch  den  Ernst  seines  Charakters,  ganz  besonders  aber  durch  die  Stellung
des  Landes  als  Gliedes  des  Deutschen  Reiches  gezogen  sind.  Denn  wo
dieser  Kultus  äußerlich  in  agitatorischen  und  demonstrativen  Formen  sich
betätigt,  wo  er  in  die  Speichen  des  Rades  der  geschichtlichen  Entwicklung
  einzugreifen  sucht,  da  vergeht  er  sich,  indem  er  das  Begriffsvermögen
  des  Volkes  verwirrt,  an  den  lebendigen  Interessen  des  Landes
und  des  Reiches.  Und  die  Regierung  wird  in  Erfüllung  ihrer  unverrückbaren
  Pflicht  solchen  Bestrebungen,  wo  immer  sie  sich  zeigen,  mit  unbeugsamer
  Energie  entgegentreten.“  Im  weiteren  Verlauf  seiner  Rede  erklärte
der  Statthalter  es  als  eine  Versündigung  an  der  jungen  Generation,  wenn
sie  an  manchen  Orten  durch  die  Erziehung  im  Geiste  einer  politischen  Vergangenheit,
  die  sie  nicht  gekannt  habe,  mit  Empfindungen  durchtränkt  werde,
unter  denen  einst  ihre  Bäter  und  Großväter  schmerzlich  litten.  Es  sei
entschieden  eine  Versündigung  an  der  eigenen  Heimat,  wenn  man  da  und
dort  die  Wunden,  die  ihr  einst  geschlagen  wurden,  anstatt  heilen  zu  helfen,
künstlich  offen  zu  halten  suche.  Wer  die  geschichtlichen  Tatsachen  negiert
oder  ihnen  gar  entgegenarbeitet,  der  jagt  einem  unerreichbaren  Phantom
nach  und  dient  nicht  dem  Wohle  seines  Vaterlandes,  dessen  Geschicke  nun
einmal  durch  unantastbare  Verträge  gestaltet  worden  sind.  Nur  wer  den
        <pb n="359" />
        D  Neische  Keich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  22.—24.)  351

Blick  nach  vorwärts  richtet,  hat  eine  Zukunft.  „Lassen  Sie  uns  alle,  meine
Herren,  ob  Eingeborene  oder  Eingewanderte,  unter  gegenseitiger  Achtung  der
besonderen  Stammesart  in  gemeinsamer  Arbeit  die  Wohlfahrt  des  Landes  und
des  Reiches  fördern,  indem  wir  gleichzeitig  aufreizende,  die  friedliche  Entwicklung
  störende  Bestrebungen  ernst  und  sachlich  zurückweisen.  Stellen
Sie,  meine  Herren  Einheimische,  sich  stets  auf  den  Boden  der  gegebenen
nationalen  Verhältnisse;  denn  auf  diesem  Boden  allein  kann  sich  die  Ausgleichung
  noch  vorhandener  Gegensätze  nach  und  nach  vollziehen.  Auf  ihm
allein  gedeiht  der  gesunde  Fortschritt  und  der  innere  Friede.  Auf  ihm
allein  kann  einst  das  von  Ihnen  ersehnte  Endziel  erreicht  werden.“

2.  September.  (Elsaß-Lothringen.)  Taktlosigkeiten  des
Vereins  „Souvenir  français“.

Die  „Straßburger  Post“  gibt  eine  Uebersicht  der  Taktlosigkeiten,  die
der  Verein  „Souvenir  français“,  der  die  Pflege  der  Kriegergräber  von  1870
zur  Aufgabe  hat,  sich  in  diesem  Jahr  erlaubte.  U.  a.  bedient  er  sich  eines
von  Ort  zu  Ort  geschleppten  Katafalks;  dieser  wird  mit  dem  von  Metzer
Damen  gestifteten  blau-weiß-roten  Bahriuch  ausgeschlagen,  oben  darauf
liegen  französische  Kriegswaffen,  Säbel  und  Pistolen,  und  zu  beiden  Seiten
die  Galauniform  eines  französischen  Infanteristen  und  eines  französischen
Kürassiers.

22.  September.  (Berlin.)  Aussperrungsbeschluß  der  Metallindustriellen.



Der  Gesamtvorstand  deutscher  Metallindustrieller  beschließt,  am
8.  Oktober  60  Prozent  der  Arbeiter  auszusperren,  wenn  bis  dahin  die
Streitigkeit  in  der  Werftindustrie  nicht  beigelegt  ist.  Davon  werden  250000
Arbeiter  betroffen.  Die  Kündigung  richtet  sich  in  erster  Linie  gegen  die
sozialdemokratisch-organisierten  Arbeiter  und  die  Mitglieder  der  Hirsch-Dunckerschen
  Gewerkschaften.

23.  September.  (Hannover  und  Leipzig.)  Streikbeschluß

der  Metallarbeiter.

Die  Metallarbeiter  beschließen,  falls  die  Aussperrung  von  60  Prozent
durchgeführt  werden  sollte,  allgemeine  Arbeitseinstellung  in  den  ausgesperrten
Betrieben.

23.  September.  Der  „Reichsanzeiger“  macht  bekannt,  daß
der  Kaiser  den  Botschafter  Fürsten  Radolin  abberufen  und  „seinem
Antrage  gemäß  in  den  Ruhestand  versetzt“  habe.  (Vgl.  Frankreich
12.  Sept.)

24.  September.  (Berlin.)  Eingabe  des  Magistrats  an  den
Reichskanzler  um  Maßnahmen  zur  Linderung  der  Fleischnot.

Die  Eingabe  hebt  hervor:  Namentlich  müsse  frisches  gekühltes  Fleisch
aus  Argentinien  eingeführt  werden.  Da  statistisch  bewiesen  sei,  daß  der
mittlere  und  kleinere  ländliche  Besitz  in  weit  höherem  Maße  als  der  Großgrundbesitz
  an  der  Viehzucht  beteiligt  sei,  müsse  eine  Wirtschaftspolitik  im
Interesse  dieser  kleineren  und  mittleren  Besitzer  eingeschlagen  werden,  damit
dieser  Besitz  dem  Großgrundbesitz  gegenüber  konkurrenzfähig  werde.

24.  September.  (Homburg  v.  d.  H.)  Der  Wiedererbauer  der
Saalburg  Geh.  Baurat  Louis  Jacobi  f  im  75.  Lebens  jahr.
        <pb n="360" />
        352  Jaos  Venutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (September  24.—30.)

24.—28.  September.  (Berlin.)  Krawalle  in  Moabit.

Infolge  von  Ausschreitungen  der  streikenden  Kohlenarbeiter  gegen
die  Arbeitswilligen  der  Firma  Ernst  Kupfer  &amp;amp;  Co.  kommt  es  in  Moabit
zu  schweren  Zusammenstähen  der  Menge  mit  Schutzleuten  und  Kriminalbeamten.
  Auch  einige  ausländische  Journalisten,  die  sich  zur  Beobachtung
einfanden,  werden  von  der  Polizei  mißhandelt.

25.  September.  Abbehr  der  kons.  Partei  vom  Antisemitismus.

Die  „Kreuz-Ztg.“"  schreibt  in  ihrer  Uebersicht  über  die  innere  Politik
der  Woche:  „Soweit  der  Evangelische  Bund  sich  zum  Schutz  des  evangelischen
Glaubensinhaltes  unfrer  Kirche  auf  unsere  Seite  stellt,  werden  wir  ihn  als
Bundesgenossen  schätzen  und  ehren;  aber  die  Erregung  konfessioneller  Leidenschaften
  mißbilligen  wir  überall.  Die  konservative  Partei  hat  sich  in  ihrer
großen  Mehrheit  ja  auch  davon  überzeugt,  daß  sich  der  antisemitische  Passus
ihres  Programms  praktisch  nicht  mehr  rechtfertigen  läßt.  Sind  doch  auch
im  Judentume  konservative  Kräfte  lebendig  und  wirksam,  wie  uns  die  erfreuliche
  Tätigkeit  zahlreicher  jüdischer  Männer  im  praktischen  Leben,  in
Wissenschaft  und  Kunst  täglich  zeigt,  während  die  im  Judentume  so  auffallenden
  destruktiven  Kräfte  sich  leider  in  reichem  Maße  auch  bei  rassereinen
Deutschen  entwickelt  haben.  So  soll  uns  vollends  der  Katholik  als  Staatsbürger,
  als  Mensch  und  als  Christ  nicht  von  vornherein  Gegenstand  des
Mißtrauens  sein,  sondern  wir  wollen  seine  Mitarbeit  „in  echt  nationalem
Geiste  zum  Segen  des  Vaterlandes“  willkommen  heißen,  wo  wir  sie  finden.“
Der  hierin  zitierte  „antisemitische  Passus“  findet  sich  im  sogenannten  Tivoliprogramm
  der  konservativen  Partei  vom  Dezember  1892  und  lautet:  „Wir
bekämpfen  den  vielfach  sich  vordrängenden  und  zersetzenden  jüdischen  Einfluß
  auf  unser  Volksleben.  Wir  verlangen  für  das  christliche  Volk  eine
christliche  Obrigkeit  und  christliche  Lehrer  für  christliche  Schüler.“

26.  September.  (Berlin.)  Der  Teltower  Kreistag  übernimmt
  die  Zahlungsgarantie,  die  der  Militärfiskus  für  den  von

Tempelhof  für  das  Tempelhofer  Feld  zu  zahlenden  Kaufpreis  fordert.

Nur  der  sozialdemokratische  Stadtverordnete  von  Cöpenick  Herbst
stimmt  dagegen.  Die  Gemeinde  Tempelhof  hat  mit  der  Deutschen  Bank
einen  Vertrag  abgeschlossen,  durch  die  sie  alle  Leistungen  von  sich  abwälzt,
dagegen  eine  Gewinnbeteiligung  an  dem  Verkauf  des  Geländes  in  Höhe  von
15  Prozent,  mindestens  2  Millionen  Mark,  erhält.

26.  September.  Reichstagsstichwahl  in  Frankfurt-Lebus.

Faber  (Sd.)  wird  mit  15797  gegen  Winter  (Nl.)  mit  15625  Stimmen
  gewählt.

27.  September.  (Reichstag.)  Die  Justizkommission  beendet
die  erste  Lesung  des  Entwurfs  einer  neuen  Strafprozeßordnung.

30.  September.  (Posen.)  Einweihung  des  Stadttheaters.

30.  September.  Abg.  Bassermann  veröffentlicht  in  der  „National--Ztg.“
  einen  Aufsatz  „Unser  Programm“.

Darin  heißt  es:  „Die  Lage  ist  nicht  unbedenklich.  Die  verfehlte
und  unsoziale  Reichsfinanzreform  hat  unsagbare  Verwirrung  über  Deutschland
  gebracht,  das  Volk  zahlt  in  seinem  verletzten  Gerechtigkeitsgefühl  bei
den  Wahlen  heim,  und  die  Zahl  der  sozialdemokratischen  Siege  bei  den
allgemeinen  Neuwahlen  ist  nicht  zu  berechnen.  Die  Gärung  ergreift  auch
        <pb n="361" />
        Das  Veutsche  Reich  und  seine  einfelnen  Glieder.  (Sept.  30.—Okt.  2.)  353

unsere  Reihen;  wir  verlieren  Stimmen  nach  links,  nicht  aus  der  Zahl
unserer  organisierten  Parteifreunde,  wohl  aber  aus  den  Reihen  derer,  die
in  ruhigen  Zeiten  mit  uns  marschieren.  Wer  als  Mittel  hiergegen“  von
uns  ein  Bündnis  mit  dem  schwarz-blauen  Block  fordert,  empfiehlt  eine
Kur  nach  Doktor  Eisenbarts  Rezepten.  Dies  Mittel  würde  nicht  Heilung,
sondern  die  Schwindsucht  der  Partei  auf  den  Hals  bringen.  Kalt  Blut  und
Frieden  halten  in  den  eigenen  Reihen:  sei  die  Parole.  Die  allzu  eifrigen
Kritiker  mögen  Ruhe  halten.  Bis  1879  war  die  nationalliberale  Partei
eine  der  großen  Parteien  des  Reichstags.  Da  kam  1879  die  erste  Sezession
der  süddeutschen  Schutzzöllner:  Völk—  Schauß,  15  an  der  Zahl;  ihr  folgte
der  Austritt  derer  um  Rickert.  Der  große  ideale  Gedanke  eines  starken
Liberalismus  als  Gegengewicht  den  starken  konservativen  Mächten,  dem
durch  konfessionelles  Band  geeinten  Zentrum  und  dem  Radikalismus  der
Sozialdemokraten  gegenüber  vermochte  nicht  Herr  zu  werden  über  wirtschaftliche
  Meinungsverschiedenheiten,  und  ungehört  verhallten  die  Worte
des  großen  Führers  v.  Bennigsen,  der  die  große  Zeit  der  Partei  dahinschwinden
  sah.  Diese  Tage  stehen  warnend  vor  uns.  Liegt  heute  Anlaß
zu  neuer  Spaltung  vor?  Unser  Programm  bedarf  keiner  Revision;  fest
steht  die  nationalliberale  Partei  zu  Kaiser  und  Reich  und  tritt  ein  für
starke  Wehr  zu  Wasser  und  zu  Land,  für  Stärkung  des  Deutschtums  in
der  Ostmark  und  in  den  Reichslanden.“

30.  September.  (Berlin.)  Beschwerden  wegen  der  Mißhandlung
  englischer  und  amerikanischer  Journalisten  durch  Polizeibeamte
  in  Moabit.

Die  Botschaften  Großbritanniens  und  der  Vereinigten  Staaten
wandten  sich  beschwerdeführend  an  das  Auswärtige  Amt,  während  sich  die
Journalisten  wiederholt  beim  Polizeipräsidenten  beschwerten.  Dieser  lehnt
die  verlangte  Bestrafung  der  Beamten  mit  folgendem  Schreiben  ab:  „Sie
und  Ihre  journalistischen  Kollegen  begaben  sich  mutig,  aber  ordnungswidrig
  in  eine  zusammengerottete  Menschenmenge  (gemäß  §  125  RSt.).
Ich  bedauere  die  Ihnen  dadurch  zugestoßene  Unannehmlichkeit  außerordentlich
  und  hoffe,  daß  der  verletzte  Herr  Lawrence  bald  wiederhergestellt  sein
wird.  Die  Arbeit  der  Polizei  war  diese  Woche  von  außergewöhnlich
schwieriger  Art.  Wie  ich  mich  überzeugt  habe,  hat  die  gesamte  Polizeimannschaft
  mit  höchst  lobenswerter  Energie  und  Kaltblütigkeit  ihre  Pflicht
getan.  In  dem  fraglichen  Augenblick  war  das  schnellste  Vorgehen  geboten.
Das  dadurch  verursachte  Versehen  ist  nach  alledem  sowohl  aus  diesem  Grunde
wie  in  Anbetracht  der  gesamten  Lage  begreiflich,  so  daß  ich  es  ablehnen
muß,  gegen  die  in  Frage  kommenden  Beamten  Schritte  zu  ergreifen."

Darauf  veranstaltet  der  „Verein  der  ausländischen  Presse  in  Berlin“
eine  Generalversammlung,  die  dagegen  Verwahrung  einlegt,  daß  sich  die
Journalisten,  die  sich  in  Ausübung  ihrer  Berufspflicht  in  Moabit  aufgehalten
  haben,  einer  ordnungswidrigen  Handlung  schuldig  gemacht  hätten,
die  nach  §  125  RStGB.  als  Landfriedensbruch  zu  charakterisieren  sei.

30.  September.  General  v.  Verdy  du  Vernois,  ehemaliger
Kriegsminister  und  hervorragender  Militärschriftsteller  f.  78  Jahre
alt,  in  Stockholm  auf  einer  Besuchsreise  zu  seinem  Sohne.

1.  und  2.  Oktober.  (Kassel.)  Nationalliberaler  Parteitag.

Bassermann  gibt  in  einem  Referat  über  „die  innerpolitische  Entwicklung
  des  Reiches  seit  der  Verabschiedung  der  Reichsfinanzreform“  einen

Europäischer  Geschichtslalender.  LI.  23
        <pb n="362" />
        354  JHo  NVeutsche  Reich  und  seine  einselnen  Glieder.  (Oktober  1.2.)

Rückblick  auf  die  Geschichte  der  Partei  seit  1879.  Der  Rückgang
setzte  1880  mit  der  Sezession  der  norddeutschen  Freihändler,  der  Gruppe
um  Rickert,  ein.  1881  konnte  die  Partei,  die  früher  weit  über  100  Sitze
gehabt  hatte,  nur  noch  45  Mandate  für  den  Reichstag  erringen.  1883  trat
Rudolf  v.  Bennigsen  von  seinen  Aemtern  und  1887  vom  parlamentarischen
Leben  zurück.  Der  Kampf  um  die  Tarifreform  und  um  die  damit  verbundene
  Finanzreform  hatte  die  Auflösungsbestrebungen  in  die  Partei
hineingebracht.  Freihändler  und  Schutzzöllner  stießen  hart  aufeinander,
der  große  leitende  Gedanke,  daß  eine  mächtige  liberale  Mittelpartei  da  sein
und  daß  diese  das  oberste  Band  bilden  muß,  das  über  die  wirtschaftlichen
Meinungsverschiedenheiten  hinaus  alles  einigen  soll,  hatte  sein  Antlitz  verhüllt
  und  die  materiellen  Interessen  waren  stark  in  den  Vordergrund  getreten.
  Rudolf  v.  Bennigsen  mußte  sehen,  wie  die  große  Zeit  der  Partei
dahin  ging.  Dann  kam  die  Periode  des  Heidelberger  Programms  und
der  Heidelberger  Erklärungen,  die  später  auf  dem  Berliner  Delegiertentage
bestätigt  wurden.  Was  war  das  Heidelberger  Programm?  Es  war  das
Bekenntnis  zu  Bismarck!  So  steht  die  Sache  in  meinem  Denken  aus
jener  Zeit.  Wir  wollten  herauskommen  aus  einer  überkritischen  Periode,
wollten  Anerkennung  für  den  großen  leitenden  Staatsmann.  Wir  wollten
das  Bekenntnis  zu  den  großen  nationalen  Aufgaben  unseres  Staates,  der
Aufrechterhaltung  der  Wehrkraft  in  vollem  Umfange,  und  wir  wollten  mit
einem  Worte  die  Unterstützung  dieser  Verkörperung  unserer  nationalen
Ideen.  Wir  wollten  auch  das  freudige  Bekenntnis  zu  Bismarcks  Sozialpolitik.
  Wir  wollten,  daß  der  Streit  ein  Ende  finden  möge,  der  damals
den  Reichstag  durchtobte.  Es  sollte  der  Streit  endlich  beendet  werden  um
die  Frage  des  Schutzzolles  und  Freihandels.  Wir  drückten  das  mit  den
Worten  aus,  daß  vorerst  die  Schutzzollpolitik  des  Deutschen  Reiches  in
ihren  wesentlichen  Grundlagen  als  abgeschlossen  zu  gelten  habe  und  daß
wir  die  Anfechtung  dieser  Grundlagen  in  nationalem  Sinne  für  nachteilig
und  gefährlich  hielten.  Das  waren  die  Zeiten  von  1884.  Ein  Protest
gegen  das  Manchestertum  lag  in  diesen  Heidelberger  Erklärungen.  Eine
übermäßige  Zugkraft  bei  den  Wahlen  von  1884  trat  nicht  in  die  Erscheinung.
  Die  ganze  Periode  von  1884  bis  1887  war  eine  Periode  der
politischen  Verelendung  in  Deutschland.  Es  war  eine  Periode,  in  der  man
so  viel  sprach  von  der  Oppositionspolitik  Windthorst-Richter-Grillenberger.
Dann  kam  das  Jahre  1887  mit  seinem  großen  nationalen  Aufschwung.
Da  schoben  sich  mit  einem  Male  mächtig  die  nationalen  Fragen  in  den
Vordergrund.  Es  waren  jene  hochgespannten  Zeiten,  in  denen  die  große
Differenz  mit  Frankreich  sich  aufwarf  und  in  denen  Bismarck  jene  starke
Heeresvermehrung  verlangte.  Damals  erfüllte  das  deutsche  Volk  große
Begeisterung.  Man  stritt  sich  nicht  mehr  um  finanzielle  Fragen  oder  um
Wirtichaftspolitik,  sondern  übermächtig  trat  das  patriotische  Empfinden  des
dentschen  Volkes  in  den  Vordergrund,  und  es  brachte  uns  jenen  Kartellreichstag.
  an  den  wir  uns  heute  noch  mit  Stolz  erinnern.  Es  wurde
damals  die  Heeresvorlage  bewilligt  und  die  Kriegsgefahr  abgewendet.  Es
war  die  Zeit  der  Kartellperiode,  in  der  wir  mit  100  Mandaten  in  den
Reichstag  eintraten.  Ein  dauernder  Erfolg  ist  nicht  eingetreten  und  Rudolf
v.  Bennigsen,  der  damals  schon  die  großen  Schwierigkeiten  empfand,  mit
der  konservativen  Partei  Politik  zu  machen,  hat  das  ausgedrückt  mit  den
Worten:  „Mit  der  Kreuzzeitungspartei,  welche  nichts  als  die  wüsteste
Reaktion  in  Staat  und  Kirche  will,  sich  verbinden,  ist  sehr  schwer,  da  sie
leider  keinen  Frieden  zu  halten  vermag.“  Das  Jahr  1890  hat  den  Aufschwung
  von  1887  nicht  bestätigt.  Die  Kartellpolitik  hat  vielfach  Mißtrauen
im  deutschen  Volke  erweckt,  man  hat  unsere  liberale  Gesinnung  vielfach  in
        <pb n="363" />
        Das  Venische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Oktober  1.2.)  355

Zweifel  gezogen  und  wir  hatten  1890  einen  Mandatsverlust  von  60  Mandaten.
Seitdem  sehen  wir  den  mühsamen  Kampf,  wie  ihn  eben  die  Mittelparteien
kämpfen  müssen,  die  sich  wehren  müssen  nach  rechts  und  links.  Und  doch
war  die  Periode  dieser  letzten  20  Jahre  eine  Periode,  in  der  wir  ehrlich
und  treu  festgehalten  haben  an  unserem  alten  Programm.  Wir  wollten
sein  eine  nationale  Partei  und  eine  liberale  Partei,  die  versuchte,  auch  in
wirtschaftlichen  Fragen  zu  einer  stärkeren  Einigkeit  zu  kommen,  und  wir
wollten  sein  eine  Partei  des  sozialen  Fortschritts  und  in  den  immer  neu
auftauchenden  Fragen  auch  eine  Partei  des  warmen  Empfindens  für  die
Beschwerden  des  Mittelstandes  und  eine  Partei,  erfüllt  von  dem  Kampf
um  die  Besserstellung  unseres  Bauernstandes.  (Lebhafter  Beifall.)  So
haben  wir  auch  in  den  Jahren  1903  und  1907  bei  den  Reichstagswahlen
Anerkennung  gefunden,  daß  sich  unsere  Stimmen  um  Hunderttausende
vermehrten.

Das  Jahr  1906  hat  uns  die  Reichstagsauflösung  gebracht.
Der  Unwille  des  deutschen  Volkes  über  die  Zunahme  des  Einflusses  der
Zentrumspartei  war  gestiegen  und  war  die  Signatur  jener  Periode.  Als
im  heißen  Redekampf  Dernburg  mit  Roeren  zusammenstieß,  ging  ein  Aufatmen
  durch  die  deutsche  Nation,  es  war  wie  die  Befreiung  von  einem
Druck,  daß  endlich  ein  Mann  sich  gefunden  hatte,  der  in  mutiger  tapferer
Rede  gegen  diesen  Zentrumseinfluß  sprach,  der  davon  sprach,  daß  er  nicht
ruhen  würde,  bis  diese  Eiterbeule  aufgestochen  wäre  (Stürm.  Beifall).  Als
das  so  war,  da  trat  Fürst  Bülow  auf  den  Plan,  der  ein  guter  Volkspsychologe
  war.  Und  in  diesem  Augenblick  entstand  bei  ihm  der  Gedanke,
daß  nunmehr  der  richtige  Moment  gekommen  sei,  an  das  deutsche  Volk  zu
appellieren.  Man  hat  gesagt,  dieser  Feldzug  des  Fürsten  Bülow  sei  nicht
gelungen,  denn  er  habe  ja  nicht  die  Ultramontanen  geschlagen,  sondern  die
Sozialdemokratie  getroffen.  Ich  habe  in  jenen  Zeiten  viele  Gespräche  mit
dem  Fürsten  Bülow  gehabt,  und  ich  kann  Ihnen  sagen,  ein  solcher  Verkenner
  der  Machtverhältnisse  war  Fürst  Bülow  nicht.  Er  wußte  sehr  gut,
daß  das  Zentrum  nur  in  einer  verhältnismäßig  geringen  Zahl  von  Mandaten
bedroht  ist.  Sein  Kalkül  war  von  Anfang  an  darauf  gerichtet,  der  Sozialdemokratie
  Schläge  zu  versetzen,  indem  er  in  dem  Bundesgenossen  des
Zentrums  das  Zentrum  selbst  traf.  Und  das  ist  glänzend  gelungen.  Es
läßt  sich  iene  Bülowperiode  in  den  Satz  zusammenfassen:  dem  Liberalismus
ist  sein  Platz  an  der  Sonne  zu  gönnen.  Zum  erstenmal  wurde  der  Versuch
  gemacht,  den  Liberalismus  in  allen  seinen  Schattierungen  einschließlich
der  süddeutschen  Demokratie,  verkörpert  in  Herrn  von  Payer,  zusammen
mit  den  konservativen  Richtungen  und  Weltanschauungen  in  den  Fragen  der
deutschen  nationalen  Politik  zusammenzufassen  und  mit  diesen  konservativen
und  liberalen  Mächten  den  Kampf  aufzunehmen  gegen  Zentrum  und  Sozialdemokratie.
  Wir  wollen  uns  doch  erinnern  an  jene  hochgemuten  Zeiten,
wie  jubelnd  diese  Politik  begrüßt  wurde  bis  tief  hinein  in  das  konservative
Lager  und  in  das  Lager  der  links  von  uns  stehenden  Freisinnigen.  Ich
erinnere  mich  sehr  wohl,  wie  man  damit  rechnete,  der  Sozialdemokratie
auch  das  letzte  Mandat  in  dem  früher  so  ganz  roten  Königreich  Sachsen
abzunehmen.  Wie  freudig  begrüßten  wir  es,  daß  es  in  dieser  Periode
gelang,  den  Freisinn,  der  solange  abseits  stand  als  ausgesprochene  Oppositionspartei,
  einzureihen  in  diese  positiv  arbeitenden  Mächte  an  unserem  Staatsleben.
  Und  heute!  Versäumt,  vergangen,  vertan,  ein  großer  Aufwand
schmählich  vertan  und  die  alte  Misere  in  Deutschland  wieder!  Wir  stehen
heute  unter  dem  Eindruck  einer  tiefgehenden  Unzufriedenheit,  die  über  ganz
Deutschland  lagert  und  die  in  einer  Weise  Tausende  und  Abertausende  der
Sozialdemokratie  zuführt,  daß  eine  große  Gefahr  für  unser  Staatsleben

23
        <pb n="364" />
        356  JNos  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Oltober  1./2.)

besteht.  Die  Grundlage  für  diese  tiefgehende  Unzufriedenheit  im  deutschen
Lande  ist  zweifellos  in  erster  Reihe  die  vollständig  verunglückte  antisoziale
Finanzreform,  die  die  Gebote  der  Gerechtigkeit  und  des  sozialen  Ausgleichs
  verletzt.

Sie  ist  zustande  gekommen  unter  starker  Preisgabe  der  Autorität
der  Regierung.  Als  ich  damals  die  Auflösung  des  Reichstags  verlangte,
stieß  ich  vielfach  auf  Widerstand  und  begegnete  einem  mitleidigen  Lächeln.
Ich  glaube  aber,  manchem,  der  damals  gelächelt  hat,  ist  es  klar  geworden,
daß  wir  in  dieses  politische  Elend  nicht  geraten  wären,  wenn  damals  die
Regierung  sich  entschlossen  hätte,  den  Reichstag  aufzulösen  und  mit  der
Parole  nach  einer  gerechten  Steuerverteilung  in  den  Wahlkampf  gezogen
wäre.  (Stürm.  Beif.)  Ich  habe  es  für  politisch  falsch  gehalten,  daß  die
Regierung  sich  gebeugt  hat  und  daß  sie  damit  sich  teilhaftig  gemacht  hat
an  der  Schuld  der  Konservativen  und  des  Zentrums  und  daß  sie  mitschuldig
  geworden  ist  an  den  Folgen,  die  vielleicht  heute  noch  nicht  ganz
erfüllt  sind.  Dann  kam  auch  hinzu  der  Kampf  um  die  preußische  Wahlrechtsreform,
  der  weit  über  Preußen  hinaus  Interesse  erregt  hat.  Auch
hier  hat  man  sich  gebeugt,  obwohl  man  sich  auch  klar  werden  mußte,  daß
die  gescheiterte  Vorlage  nicht  die  Massen  beruhigen,  sondern  deren  Unzufriedenheit
  steigern  würde.  Hat  doch  der  Abg.  Zedlitz  gesagt,  daß  man
damit  nur  die  Wahlen  der  Sozialdemokratie  besorge.  Das  sind  die  Quellen
der  Unzufriedenheit.  Heute  lebt  das  Volk  unter  dem  Eindruck,  daß  der
schwarzblaue  Block  dominiert.  Und  es  besteht  der  Eindruck,  auch  bei
unseren  Wählern,  daß  die  Regierung  nur  das  ausführende  Organ  ist,  so
daß  wir  in  gewissem,  aber  in  schlechtem  Sinne  uns  in  einem  parlamentarischen
  Regierungssystem  befinden.  Unser  Freund  Friedberg  hat  bei  der
Etatsberatung  im  preußischen  Landtage  betont,  daß  unter  dem  Deckmantel
objektiver  Verwaltung  die  Geschäfte  der  Konservativen  ausgeführt  werden.
Unser  Freund  Schmieding  hat  auf  den  eigentümlichen  Umstand  hingewiesen,
daß  seit  geraumer  Zeit  der  liebe  Gott  die  Begabung  immer  nur  nach  der
konservativen  Seite  zu  verteilen  scheine.  (Heiterkeit.)  Stresemann  hat  ja
auch  im  Reichstag  Klage  geführt  über  die  Zustände  in  unseren  auswärtigen
Vertretungen  und  darüber,  wie  wenig  der  wirtschaftlichen  Bedeutung  des
Reichstags  Rechnung  getragen  wird.  Man  darf  sich  doch  nicht  verhehlen,
daß  die  höfischen  Traditionen  heute  nicht  mehr  die  Bedeutung  im  Leben
der  Völker  haben,  wie  dereinst,  und  man  muß  fordern,  daß  die  Schichten,
denen  wir  die  heutige  Stellung  Deutschlands  mitverdanken,  in  die  politische
Vertretung  mit  einrücken:  Industrie  und  Handel.

Ich  bin  überzeugt,  daß  die  Wahlen  1911  einen  Zusammenbruch
des  schwarzblauen  Blockes  und  der  derzeitigen  Methode  bringen  werden.
In  konservativen  Kreisen  sollte  man  zu  der  Erkenntnis  gelangen,  daß,
wenn  man  den  Staat  vor  einer  schweren  Krise  retten  will,  der  Liberalismus
die  Stellung,  die  ihm  gebührt,  eingeräumt  erhalten  muß.  Heute  über  den
Aufmarsch  für  die  Wahlen  von  1911  zu  sprechen,  würde  müßig  sein.  Wir
werden  in  jedem  Wahlkreis  auf  sozialdemokratische  Gegner  stoßen.  Wie
wir  auch  damit  rechnen,  daß  wir  überall  rechtsstehende  Gegner  haben
werden.  Wenn  es  vermieden  werden  sollte,  daß  uns  konservative  Gegner
gegenüberstehen,  so  wird  die  antisemitische  und  extrem-ograrische  Richtung
schon  dafür  sorgen,  daß  dieser  Gegner  da  ist.  Wir  werden  auch  in  vielen
Kreisen  freisinnige  Gegner  haben.  Ich  möchte  warnen,  heute  hier  über
die  Stellung  zu  den  Stichwahlen  zu  sprechen.  Wir  wollen  das  Resultat
der  Hauptwahlen  abwarten  und  dann  nach  dem  Grundsatz  von  Leistung
und  Gegenleistung  über  die  Stichwahlparole  entscheiden.  Ich  glaube,  über
unsere  Stellung  zur  Sozialdemokratie  dürfte  es  nicht  nötig  sein,  hier  noch
        <pb n="365" />
        Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Oltober  1.  -8.)  357

ein  Wort  zu  verlieren.  Niemals  hat  die  nationalliberale  Partei  davon
abgelassen,  die  Sozialdemokratie  als  ihren  Feind  zu  betrachten.  (Zuruf:
Todfeind!  Stürmischer  Beifall.)  Wir  sind  eine  monarchische  Partei,  wir
stehen  fest  auf  nationalem  Boden,  wir  sind  eine  Partei  der  ruhigen  Weiterentwicklung,
  die  die  Harmonie  der  Erwerbsstände  anstrebt  und  die  keine
Harmonie  haben  kann  mit  einer  Partei,  die  international  ist  und  den
Umsturz  haben  will.  Ich  glaube,  daß  keiner  hier  im  Saale  ist,  der  die
Großblockpolitik  im  Reiche  empfehlen  würde.  (Stürmischer  Beifall.)  Ich
weiß,  welcher  Unfug  mit  dem  Wort  von  Naumann  getrieben  worden  ist.
Der  alte  Bebel  sprach  ja  schon  in  Magdeburg  davon,  er  hat  unser  Gespräch
ziemlich  richtig  wiedergegeben.  Als  das  Schlagwort  von  Naumann  ausgegeben
  war  und  wir  uns  begegneten,  sagte  einer  von  uns  zum  andern:
„Na,  Herr  Blockbruder,  wie  stehen  wir?"  (Heiterkeit.)  Und  von  beiden  Seiten
wurde  kein  Zweifel  über  unsere  Auffassung  über  dieses  Phantasiegebilde
von  Naumann  gelassen.  Den  scharfen  Gegensatz  unserer  Partei  zur  Sozialdemokratie
  hat  mir  der  Parteitag  von  Magdeburg  von  neuem  enthüllt,
wo  wir  Gelegenheit  hatten,  die  Sozialdemokratie  in  ihrer  ganzen  Rauhbeinigkeit
  kennen  zu  lernen.

1.  Oktober.  (Jena.)  Professor  Lehmann-Hohenberg.

Professor  Binswanger  lehnt  trotz  der  gerichtlichen  Verfügun  die
zwangsweise  Internierung  des  Professors  Lehmann-Hohenberg  in  seiner
psychiatrischen  Klinik  ab.  Es  handelte  sich  um  einen  Beleidigungsprozeß,
in  dem  der  Gerichtshof  in  Weimar  aus  den  Akten  den  Eindruck  gewann,
daß  der  angeklagte  Professor  Lehmann-Hohenberg  an  Querulantenwahnsinn
leidet  und  deshalb  straflos  bleiben  müsse.  Der  Protest  des  Angeklagten
gegen  ein  solches  vermeintliches  Wohlwollen  blieb  unbeachtet.

1.  Oktober.  (Berlin.)  Der  Kriegsminister  erläßt  eine  Erklärung
über  den  Verkauf  des  Truppenübungsplatzes  an  die  Gemeinde  Tempelhof:
  Berlin  habe  sich  sehr  viel  Zeit  gelassen;  die  militärischen  Interessen
  hätten  aber  eine  Verzögerung  nicht  vertragen.

1.  Oktober.  (Dresden.)  Das  von  Breter  und  Roth  erbaute
Rathaus,  das  über  16  Millionen  Mark  kostet,  wird  in  Gegenwart
des  Königs  eröffnet.

2.  Oktober.  Heinrich  XXIV.,  Fürst  Reuß-Köstritz  j.  L.,  Bruder
der  Königin  von  Bulgarien,  f,  55  Jahre  alt,  in  Schloß  Ernstbrunn
  in  Österreich.

2.  Oktober.  (Spannegeln.)  Reichstagsabgeordneter  Arendt-Labiau
  (kons.)  f.  73  Jahre  alt.

5.  Oktober.  (Berlin.)  Der  Kliniker  Professor  Ernst  v.  Leyden  f,,
78  Jahre  alt.

6.  Oktober.  (Gamburg.)  Die  bei  den  Seeschiffswerften  beschäftigten
  Gewerkschaften  schließen  einen  Akkord  mit  den  Arbeitgebern
  unter  Erhöhung  ihrer  Löhne.

6.—  8.  Oktober.  (Berlin.)  Dritter  deutscher  Kolonialkongreß
unter  Vorsitz  des  Herzogs  Johann  Albrecht  von  Mecklenburg,  Regenten
  von  Braunschweig.
        <pb n="366" />
        358  Nas  NVenische  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Oktober  6.—15.)

Die  Sektion  IV  nimmt  folgende  Resolution  an:  „Da  von  der  Ausbreitung
  des  Islam  der  Entwicklung  unserer  Kolonien  ernste  Gefahren
drohen,  rät  der  Kolonialkongreß  zu  sorgsamer  Beachtung  und  gründlichem
Studium  dieser  Bewegung.  Er  hält  es  bei  grundsäslicher  religiöser  Unparteilichkeit
  für  geboten,  daß  alle  an  der  Erschließung  der  Kolonien  Beteiligten
  gewissenhaft  vermeiden,  was  zur  Beförderung  der  Ausbreitung
des  Islam  und  zur  Benachteiligung  des  Christentums  dienen  könnte  und
empfiehlt  missionarische  Kulturarbeiten,  insbesondere  auf  den  Gebieten  des
Schulwesens  und  der  Gesundheitsfürsorge,  der  tatkräftigen  Unterstützung,
auch  der  Kolonialregierung.  Er  erkennt  auch  in  der  islamischen  Gefahr
eine  dringliche  Aufforderung  an  die  deutsche  Christenheit,  die  vom  Islam
noch  nicht  ergriffenen  Gebiete  unserer  Kolonien  ohne  Verzug  in  missionarische
  Pflege  zu  nehmen.“

6.  Oktober.  (Berlin.)  Erneuerung  der  Streikausschreitungen
in  Moabit.

Durch  acht  Verhaftungen  erhöht  sich  die  Zahl  der  im  Untersuchungsgefängnis
  befindlichen  Angeschuldigten  auf  64.
10.—  12.  Oktober.  (Berlin.)  Hundertjahrfeier  der  Universität.

Der  Kaiser  gibt  bekannt,  daß  unter  seinem  Protektorat  eine  „Gesellschaft
  zur  Gründung  und  Unterhaltung  von  Forschungsinstituten“  ins  Leben
gerufen  sei,  für  die  bereits  9—10  Millionen  Mark  zusammengebracht
worden  seien.  Der  Universität  werden  gestiftet  von  der  Stadt  Berlin
200000  Mark,  von  der  Witwe  des  Dichters  Wildenbruch  100000  Mark,
von  Professor  Hans  Meyer  als  Fonds  zur  Errichtung  eines  Lehrstuhls  für
Kolonial-Geographie  500000  Mark.

Unter  den  Ehrenpromotionen  sind  die  des  ehemaligen  Kolonialsekretärs
  Dernburg  in  der  juristischen,  des  ehemaligen  Finanzministers
v.  Rheinbaben  in  der  medizinischen,  des  Reichskanzlers  v.  Bethmann  Hollweg
  und  des  Staatssekretärs  Delbrück  in  der  philosophischen  Fakultät  erwähnenswert.
  Als  einzige  Frau  wurde  Cosima  Wagner  Dr.  phil.  h.  c.

12.  Oktober.  Die  Ausnahmetarife  für  frisches  Fleisch  werden
bis  31.  Dezember  1912  verlängert.

12.  Oktober.  (Aachen.)  Im  Münster  wird  bei  Ausgrabungsarbeiten
  der  Sarg  mit  den  Gebeinen  Ottos  lII.  gefunden;  daneben
lagen  viele  Münzen,  meist  französischen  Ursprungs.

14.  Oktober.  (Gamburg.)  Die  Sozialdemokraten  protestieren
in  25  Massenversammlungen  wegen  der  Vorgänge  in  Moabit  gegen
das  Scharfmachertum  in  Preußen.

15.  Oktober.  (Berlin.)  Jahrhundertfeier  der  Kriegsakademie.

15.  Oktober.  (Charlottenburg.)  Dr.  Richard  Koch,  ehemaliger
  Präsident  der  Reichsbank,  f  76  Jahre  alt.

15.  Oktober.  (Berlin.)  Generalversammlung  des  Gesamtverbandes
  preußisch-deutscher  Vororte.

Stadtrat  Berg-Breslau  sagt  in  einem  Vortrag  „über  städtebauliche
Beziehungen  von  Großstädten  und  Vororten“:  Der  Verständnislosigkeit  der
weitesten  Kreise  unseres  Volkes,  vor  allem  der  gebildeten  Kreise.  ist  es  zu
danken,  daß  ein  Geschäft  wie  der  Tempelhofer  Handel  überhaupt  möglich  war.
        <pb n="367" />
        Ses  Penisqche  Reihh  und  seine  einjelnen  SElieder.  (Oktober  18.—22.)  359

18.  Oktober.  (Sachsen.)  Königtum  und  katholische  Kirche.

Die  Broschüre  des  päpstlichen  Barons  Paul  Matthies  „Wir  Katholiken
  und  die  —  anderen“  (Herdersche  Verlagsbuchhdilg.)  enthält  folgende
Verspottung  des  Königs  von  Sachsen  wegen  seines  aus  Anlaß  der  Borromäusenzyklika
  an  den  Papst  gerichteten  Protestbriefes:  „Für  die  Geschichtschreiber
  zur  Zeit  Pius  XX.  oder  Leos  XXIII.  muß  es  dereinst  zum  Totlachen
  sein,  daß  ein  Duodezkönig,  der  über  noch  nicht  15000  Kilometerquadrate
  Kulturboden  „regiert,  dem  Papste  einen  Protestbrief  schreibt,  dem
Papste,  welcher  Gläubige  in  fast  2000  Bistümern,  Vikariaten,  Präfekturen
und  Delegationen  leitet.“

19.  Oktober.  (Münster.)  Elf  vertriebene  Ordensschwestern
aus  Lissabon  (darunter  Frl.  v.  Schorlemer,  Gräfin  Kersfsenbrock  u.  a.)
finden  im  Kloster  zum  guten  Hirten  Unterkunft.

20.  Oktober.  (Reichstag.)  Die  Justizkommission  lehnt  die
von  der  Regierung  vorgeschlagene  Einschränkung  des  Wahrheitsbeweises
  in  Beleidigungsprozessen  (§  172)  mit  13  gegen  13  Stimmen  ab.

20.  Oktober.  (Frankfurt  a.  M.)  Erster  deutscher  Soziologentag.


Professor  Tönnies-Kiel  empfiehlt  die  von  Comte  herrührende  Erläuterung:
  „Soziologie  =  positive  Politik“.  Ihr  Stoff  seien  die  verschiedensten

  Kollektivitäten  des  Lebens,  wobei  Werturteile  unbedingt  verboten
  seien.

20.  Oktober.  (München.)  Theateraufführungen  für  die  Massen.

Das  Gemeindekollegium  nimmt  gegen  die  Stimmen  der  Ultramontanen
  den  Antrag  an,  in  den  nächsten  Etat  120000  Mark  als  Kosten  von
Volksvorstellungen  in  den  besten  Theatern  aufzunehmen.

20.  Oktober.  (Berlin.)  Die  Stadtverordnetenversammlung
genehmigt  den  Antrag  des  Magistrats,  den  Platz  am  Opernhaus
von  jetzt  ab  Kaiser  Franz  Joseph-Platz  zu  benennen.

22.  Oktober.  (Köln.)  Parteitag  der  Jungliberalen.

Einstimmig  wird  folgende  Resolution  angenommen:  „Der  Vertretertag
  begrüßt  die  von  der  nationalliberalen  Partei  eingenommene  Kampfesstellung
  gegenüber  dem  schwarzblauen  Block  und  fordert  seinerseits  eine
energische  grundsätzliche  Durchführung  derselben  bei  den  bevorstehenden
Wahlen.  Er  ist  ferner  einstimmig  der  Ansicht,  daß  die  Regierung  den
dringenden  Wunsch  des  deutschen  Bürgertums  nach  einer  seiner  volkswirtschaftlichen
  und  kulturellen  Bedeutung  entsprechenden  gleichberechtigten  Anteilnahme
  an  der  Staatsregierung  und  Verwaltung  ohne  Verzug  und  ohne
Rücksicht  auf  einseitig  überkommene  Standesvorurteile  insbesondere  in
Preußen  zugesteht.  Der  Vertretertag  ist  der  festen  Ueberzeugung,  daß  nur
auf  diesem  Wege,  nicht  durch  in  sich  unmögliche  Sammlungswahlparolen,
die  vom  nationalen  Standpunkt  aus  unbedingt  erforderliche  Anteilnahme
und  freudige  Mitwirkung  wertester  Kreise  an  den  Vorgängen  unseres  öffentlichen
  Lebens  gewonnen  werden  kann.“

22.  Oktober.  (Berlin.)  Zur  Reichswertzuwachssteuer.

Die  Delegiertenversammlung  des  Verbandes  mittlerer  und  kleinerer
Städte  bittet  den  Reichstag:  1.  den  Entwurf  einer  Reichswertzuwachssteuer
        <pb n="368" />
        360  Nas  Vesische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Oktober  24.—27.)

abzulehnen,  2.  eventuell  den  Ertrag  der  Reichswertzuwachssteuer  derart  zu
verteilen,  daß  dem  Reich  ein  Drittel,  den  Gemeinden  und  Gemeindeverbänden
zwei  Drittel  zufallen,  3.  die  Vorschrift  des  Entwurfs,  wonach  die  Landesregierung
  eine  andere  Verteilung  des  gemeindlichen  Anteils  bestimmen  kann,
abzulehnen.“

24.  Oktober.  (Oldenburg.)  Der  Etat  des  Herzogtums  für
1911  wird  dem  Landtage  vorgelegt.  Er  beläuft  sich,  ohne  den  der
Fürstentümer,  auf  11,7  Millionen  Mark.

24.  Oktober.  Übersiedelung  des  Zarenpaares  von  Friedberg
nach  Schloß  Wolfsgarten  bei  Darmstadt.

25.  Oktober.  Einigkeit  in  der  Zentrumspartei.

Die  „Kölnische  Volksztg.“  veröffentlicht  folgendes  Protokoll:  „Der
Landesausschuß  der  preußischen  Zentrumspartei,  verstärkt  durch  die  nichtpreußischen
  Mitglieder  des  Vorstandes  der  Reichstagsfraktion,  sowie  durch
mehrere  Vertreter  der  Zentrumspresse,  hielt  am  24.  Oktober  im  Reichstagsgebäude
  eine  Sitzung  ab.  In  dieser  wurden  eine  Anzahl  schwebender
Fragen  erörtert.  Dabei  gab  der  Abg.  Roeren  nach  eingehender  Beratung
folgende  Erklärung  ab,  deren  Veröffentlichung  beschlossen  wurde:  1.  Ich
trete  nunmehr  unzweideutig  und  vorbehaltlos  auf  den  Boden  des  Beschlusses
  des  Landesausschusses  vom  28.  November  1909  und  werde  alle
weitere  direkte  oder  indirekte  Vertretung  einer  anderen  Formulierung  unterlassen.
  2.  Nachdem  sich  gezeigt  hat,  daß  die  Schopensche  Broschüre
„Köln  eine  innere  Gefahr  für  den  deutschen  Katholizismus“  die  Einigkeit
in  der  Zentrumspartei  gefährden  kann,  will  ich  die  frühere  Empfehlung
derselben  nicht  mehr  aufrecht  erhalten.  3.  Ich  hoffe  und  wünsche,  daß  der
ganze  Streit,  der  sich  an  die  sogenannte  Osterdienstags-Konferenz  geknüpft
hat,  sowohl  auf  seiten  der  Teilnehmer  der  Konferenz  wie  ihrer  Gegner
weder  in  der  Presse,  noch  in  Versammlungen  fortgesetzt  wird."“

Die  Versammlung  beschloß  ferner,  die  Zentrumspresse  zu  ersuchen,
die  Polemik  über  alle  an  die  Osterdienstags-Konferenz  sich  anknüpfenden
Streitfragen  von  jetzt  ab  gänzlich  einzustellen.

26.  Oktober.  Moabiter  Zwischenfälle.

Die  Regierung  beantwortet  das  Gesuch  der  englischen  und  amerikanischen
  Botschafter  wegen  der  Mißhandlung  der  Journalisten  am  28.  September
  in  Moabit  ablehnend.  Nach  dem  Ergebnis  der  Untersuchung  der
Angelegenheit  sollen  die  betreffenden  englischen  und  amerikanischen  Journalisten
  sich  so  benommen  haben,  daß  die  Schutzleute  der  Ueberzeugung  waren,
es  mit  den  Führern  des  Janhagels  zu  tun  zu  haben.  Auch  behaupten
die  beteiligten  Schutzleute,  daß  sie  die  vier  Journalisten  mehrfach  aufgefordert
  hätten,  den  Platz  zu  räumen.  Die  Mitteilung  des  Auswärtigen
Amtes  bezeichnet  die  Angelegenheit  als  einen  bedauerlichen  Zwischenfall,
der  wesentlich  durch  ein  Mißverständnis  hervorgerufen  worden  ist,  sieht
aber  keinen  Grund,  den  beteiligten  Schutzlenten  einen  Vorwurf  zu
machen.  Die  beteiligten  ausländischen  Korrespondenten  bestreiten  die
Richtigkeit  der  Behauptungen  der  Polizeibeamten,  auf  die  sich  die  Regierung
  beruft.

27.  Oktober.  (Reichstag.)  Der  Gesetzentwurf  über  den  Ausbau
  der  deutschen  Wasserstraßen  und  die  Erhebung  von  Schiffahrtsabgaben
  wird  von  der  Regierung  zugestellt.
        <pb n="369" />
        Das  Ventsche  Reich  und  seine  einfelnen  Glieder.  (Oktober  27.—Ende.)  361

27.  Oktober.  Beschwerde  der  deutschen  Redakteure.

Der  Minister  des  Innern  v.  Dallwitz  erläßt  an  den  Verein  deutscher
Redakteure  auf  dessen  Beschwerde  vom  5.  September  über  die  Rede  des
Oberpräsidenten  v.  Maltzahn  in  Stolp  i.  P.  einen  Bescheid,  der  die  geäußerten
Ansichten  als  tatsächlich  nicht  zutreffend  erklärt,  andererseits  die  scharfe
Form,  die  der  Oberpräsident  wählte,  auf  die  Erregung  zurückführt,  die
einzelne  Preßorgane  durch  die  unrichtige  Auslegung  kaiserlicher  Worte  in
weiten  Kreisen  kurz  zuvor  verursacht  hatten.

29.  Oktober.  (Berlin.)  Straßentumulte  am  Wedding  infolge

  des  Streiks  der  Fleischergesellen  bei  einem  unbeliebt  gewordenen
Meister.

30.  Oktober.  (Berlin.)  Legatsentziehung  im  Interesse  der
preußischen  Schulpolitik.

Der  „Deutsche  Bund  für  weltliche  Schule  und  Moralunterricht"“
veranstaltet  unter  Vorsitz  des  Stadtrats  Dr.  Penzig  eine  Versammlung,  die
folgende  Resolution  annimmt:  „Die  Versammlung  bedauert  aufs  lebhafteste
den  Willkürakt,  dessen  sich  das  preußische  Ministerium  des  Innern  schuldig
gemacht  hat,  indem  es  dem  Deutschen  Bund  für  weltliche  Schule  und  Moralunterricht
  die  Auszahlung  des  diesem  zugefallenen  Legats  des  Herrn  Otto
Fellinger  in  Höhe  von  30000  Mark  verweigerte.  Sie  erblickt  in  diesem
Verfahren  (das  auch  gegen  Freireligiöse  und  Freidenkervereine  an  der
Tagesordnung  ist)  eine  schwere  Gefährdung  des  Vertrauens  in  die  Unparteilichkeit,
  Pietät  und  Gerechtigkeit  der  Staatsregierung  und  erklärt  das
Vorgehen  des  Ministeriums  für  ein  Symptom  der  Rückständigkeit  unseres
gesamten  öffentlichen  Lebens.“

30.  Oktober.  (Sonderburg.)  Der  einzige  Däne  im  Deutschen
Reichstag  Hanssen  erklärt  seinen  Wählern,  daß  er  auf  ein  neues
Mandat  verzichte,  weil  die  Dänenpresse  und  die  radikalen  Jungdänen
  gegen  ihn  wegen  seiner  tatkräftigen  Förderung  der  Interessen
der  schleswigschen  Optanten  hetzen.

30.  Oktober.  (Elbing.)  Konservative  gegen  den  Bund  der
Landwirte.

Der  konservative  Verein  erklärt  auf  eine  Anfrage  des  „Hauptvereins
der  Konservativen“,  daß  er  in  dem  Auftreten  des  Bundes  der  Landwirte
mit  seinem  rücksichtslos  eigennützigen,  demagogischen  Charakter  eine  Gefahr
für  die  konservative  Partei  erblickt.  Er  hält  es  vielmehr  für  seine  Pflicht,
einen  Kandidaten  dieses  Bundes,  der  als  Mitglieder  Angehörige  aller
Parteien  aufnimmt,  um  der  konservativen  Grundsätze  willen  und  im  Interesse
  des  inneren  Friedens  zu  bekämpfen.

Diese  Erklärung  richtet  sich  gegen  den  parlamentarischen  Vertreter
Elbings  Herrn  v.  Oldenburg-Januschau,  der  sich  zu  einer  Aussprache  mit
den  städtischen  Wählern  bereit  erklärt  hatte  und  durch  den  Hauptverein
in  Berlin  von  neuem  empfohlen  war.

Ende  Oktober.  Die  Kurie  und  die  katholischen  Arbeitervereine.
Als  Abgesandter  des  Papstes  erscheint  Msgr.  Pardini  in  Köln,  um
über  die  sozialpolitische  Tätigkeit  des  Kardinal-Erzbischofs  Fischer  Erhebungen
  anzustellen.  Fürstbischof  Kopp,  der  durch  einen  Brief  an  Frl.
v.  Salscha,  eine  für  das  Wohl  der  Arbeiterinnen  tältige  Dame,  auf  die  Ver-
        <pb n="370" />
        362  Nas  Veuische  Reich  und  seine  einselnen  Glieder.  (November  2.—4.)

seuchung  des  Westens  angespielt  hatte,  hatte  sich  mit  Gesundheitsrücksichten
einem  ähnlichen  Auftrage  des  Papstes  entzogen.  Am  6.  November  tritt
Kardinal  Fischer  seine  Romreise  an  und  nimmt  200000  Fr.  Peterspfennige  mit.

2.  November.  Der  Kronprinz  tritt  in  Begleitung  der  Kronprinzessin
  seine  große  Reise  nach  Afien  an.

Die  Einschiffung  an  Bord  des  Lloyddampfers  „Prinz  Ludwig“  erfolgt
  in  Genua.  Als  politischer  Berater  ist  ihm  der  Gesandte  für  Nordee
  v.  Treutler  beigegeben,  der  früher  Geschäftsträger  in  Tokio  gewesen
  war.

3.  November.  (Hamburg.)  Unter  den  Zeichnungen  für  die
„wissenschaftliche  Stiftung“  befindet  sich  eine  in  Höhe  von  500000  Mark
von  Otto  Beit  in  London,  dem  Bruder  des  Begründers.

3.  November.  Der  Zar  reist  abends  10  Uhr  von  Station
Langen  nach  Potsdam  ab.

Der  russische  Hofzug  brachte  aus  Darmstadt  den  auswärtigen  Minister
Sassanow,  der  wegen  der  bevorstehenden  Zusammenkunft  der  beiden  Kaiser
aus  Petersburg  gekommen  war.

4.  November.  (Potsdam.)  Der  Zar  trifft  um  10  Uhr  morgens
auf  der  Station  Wildpark  ein.

Bei  der  Galatafel  werden  nach  Vereinbarung  die  üblichen  feierlichen

Anreden  unterlassen,  um  den  familiären  Charakter  der  Zusammenkunft  zu
betonen.

4.  November.  (Sachsen.)  Königtum  und  katholische  Kirche.

Der  apostolische  Vikar  Bischof  Dr.  Alois  Schäfer  führt  in  einem
Schreiben  an  den  Papst  darüber  Klage,  daß  eine  vom  sächsischen  König
nur  im  Interesse  des  Friedens  getroffene  Maßnahme  von  einer  Persönlichkeit,
die  sich  einer  päpstlichen  Auszeichnung  erfreue  (gemeint  ist  Baron  Dr.  Matthies),
in  so  verletzender  und  hämischer  Weise  lächerlich  gemacht  worden  sei.  (Siehe
oben  18.  Oktober  und  Römische  Kurie  Mitte  November!)

4.  November.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Neutomischel-Grätz-Kosten=
  Schmiegel  wird  v.  Morawski  (Pole)  mit  16476  Stimmen
  gegen  Schwartzkopff  (dkons.)  (5648  Stimmen]  und  Sremski  (Sd.)
143  Stimmen)]  gewählt.

4.  November.  (Bayern.)  Zur  Feier  des  90.  Geburtstags
des  Prinzregenten.

Der  Prinzregent  erklärt  in  einem  Handschreiben  an  den  Minister
des  Innern  v.  Brettreich,  es  widerstreite  seinem  Gefühl,  wenn  die  Feier
seines  90.  Geburtstages,  zu  der  bereits  umfangreiche  Vorbereitungen  eingeleitet
  waren,  mit  besonderem  Gepränge  begangen  werde.  Sein  dringender
Wunsch  sei,  daß  die  in  Aussicht  genommene  Landesfeier  sich  in  schlichter
Weise,  ohne  prunkvolle  Feste,  vollziehe,  und  daß  eine  gesonderte  Feier
seines  25jährigen  Regentschaftsjubiläums  nicht  stattfinde.  Gleichzeitig
erteilt  der  Prinzregent  jedoch  die  von  dem  vorbereitenden  Festausschusse
erbetene  Genehmigung  zur  Veranstaltung  einer  Landessammlung  für
gemeinnützige  Zwecke.
        <pb n="371" />
        IILLIIIIII  einzelsen  Slieder.  (November  4.—8.)  363

4.  November.  (Berlin.)  Zur  Regelung  des  Studentenrechts.

Studierende  von  siebzehn  deutschen  Hochschulen  nehmen  in  einer
Lersammlung  eine  Resolution  an,  daß  die  Disziplinarvorschriften  für
Studierende  einer  grundlegenden  Reform  bedürfen.  Sie  sprechen  die
Hoffnung  aus,  daß  die  preußische  Regierung  der  einmütigen  Stimme  aller
Parteien,  die  in  der  Sitzung  des  preußischen  Abgeordnetenhauses  vom
13.  Juni  zum  Ausdruck  kam,  in  vollem  Umfange  Rechnung  tragen  wird.
Sie  erwarten,  daß  insbesondere  die  Bestimmungen  über  das  studentische
Vereins--  und  Versammlungsrecht  eine  Neugestaltung  nach  Maßgabe  der
allgemeinen  Reichsgesetzgebung  erfahren  werde.  Die  Versammlung  wünscht
endlich  eine  im  Geiste  einheitliche  Regelung  des  Studentenrechts  in  allen
deutschen  Staaten.

Gleiche  Beschlüsse  werden  in  den  Versammlungen  der  Akademiker
in  Stuttgart,  Leipzig,  Darmstadt  und  Kiel  gefaßt.

5.  November.  Der  Zar  und  Kaiser  Wilhelm  begeben  sich  zur

Hofjagd  nach  Oranienburg.
Abends  11  ¼  Uhr  reist  der  Zar  von  Station  Wildpark  nach  Wolfsgarten
  zurück.

8.  November.  (Berlin.)  Ende  des  Preßprozesses  Bruhn  und

Genossen.

Der  Prozeß  gegen  den  Herausgeber  der  „Wahrheit“  Wilhelm  Bruhn
und  zwei  mitangeklagte  Redakteure  wegen  Erpressung  endet  nach  zwölftägiger
  Verhandlung  mit  Freisprechung.  Der  „Verein  deutscher  Zeitungsverleger“
  legt  Verwahrung  ein  gegen  die  in  diesem  Prozeß  gemachten  Versuche,
  die  Unterschiede  zu  verwischen,  die  zwischen  den  journalistischen  und
geschäftlichen  Gepflogenheiten  der  „Wahrheit“  und  denjenigen  Grundsätzen
bestehen,  nach  denen  die  anständige  Presse  Deutschlands  geleitet  wird,  Versuche,
  die  in  den  Verhandlungen  des  Prozesses  immer  wieder  hervorgetreten
  sind.

8.  Norember.  (Göttingen.)  7.  Kongreß  der  welfischen  deutschen

Rechtspartei.

Den  Hauptvortrag  hielt  Kabinettsrat  v.  Schimmelpfeng-Berlin
über  „Die  Verwirklichung  des  deutschen  Reichsgedankens"“.  Er  warf  den
Konservativen  vor,  daß  sie  an  der  Entthronung  deutscher  Fürsten  teilgenommen,
  daß  sie  ferner  nicht  das  Ansehen  der  Krone  in  den  Novembertagen
  gewahrt  hätten,  wo  Fürst  Bülow  die  Welfen  weggefegt  und  mit
den  Allüren  des  starken  Mannes  seinen  kaiserlichen  Herrn  auf  seine  Fußbank
  gezwungen  habe.  Auch  den  Liberalismus  griff  der  Redner  an.  Weiterhin
beklagte  er  die  Abhängigkeit  des  Reiches  von  Preußen.  Der  Kaiser  habe
ihm  zu  wenig  Macht,  dazu  keinen  Reichebesitz,  kein  „Kaiser“"-Schloß,
keine  „kaiserliche“  Zivilliste  usw.  Preußen  müsse  in  Deutschland  aufgehen,
nicht  umgekehrt.  Heil  liege  bei  der  Zentrumspartei.  Frhr.  v.  Hodenberg
warnte  vor  allzugroßer  Begeisterung  für  das  Zentrum,  das  immer  mehr
eine  rein  konfessionelle  Partei  werde.  Er  sei  der  Meinung,  daß  wir  auch
jetzt  am  Vorabend  der  Revolution  stehen.  Frhr.  v.  Scheele  betonte  unter
stürmischem  Beifall:  Zwischen  den  Nationalliberalen  und  uns  kann  es
keinen  Frieden  geben.

Es  wurde  schließlich  eine  ausführliche  Resolution  gefaßt,  die  an
erster  Stelle  betont,  daß  das  Uebergewicht  Preußens  das  Gesamtleben  des
deutschen  Volkes  trübe  und  belaste.  Die  Sozialpolitik  des  Reiches  habe
        <pb n="372" />
        364  Des  Neuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  8.)

in  ihrer  Ausführung  mehr  und  mehr  dahin  geführt,  alle  Volksschichten
von  der  Staatsallmacht  abhängig  zu  machen  und  damit  die  Verwirklichung
des  sozialistischen  Staates  vorzubereiten.  Die  Verhetzung  der  Erwerbsstände
gegeneinander  widerspreche  dem  Grundgedanken  eines  gesunden  Volkslebens
und  vergifte,  gemeinsam  mit  der  religiösen  Hetze,  den  politischen  Kampf
schlimmer  denn  je.  Die  Finanzpolitik  wird  als  verfehlt  bezeichnet.  Bedauert
  wird,  daß  die  deutschen  Fürsten  und  freien  Städte  sich  über  das
Fürsten=  und  Landesrecht  in  der  braunschweigischen  Angelegenheit  im
Jahre  1907  abermals  hinweggesetzt  hätten.  Die  Leugnung  und  Verhöhnung
jeglicher  Autorität  habe  sich  verstärkt.  So  reiften  die  Früchte  des  großen
Unrechts  von  1866  auf  allen  Gebieten  und  trieben  unaufhaltsam  einer
für  das  Reich  wie  für  das  gesamte  deutsche  Volk  verderblichen  Krisis  zu,
während  der  Rüstungswettstreit  immer  bedenklichere  Formen  annehme  und
schließlich  zu  einem  Zusammenbruch  führen  müsse.  Dem  gegenüber  erstrebe
die  Deutsche  Rechtspartei  eine  das  gesamte  Volksleben  umfassende  Einkehr
und  Umkehr,  erhebe  die  Forderung  der  Widerherstellung  der  für  alles
Völkerleben  unentbehrlichen  Rechtsgrundlage  durch  Sühne  des  Unrechts
von  1866.  Sie  fordere  eine  freiere  Entwicklung  aller  deutschen  Stämme
und  Staaten,  eine  Widervereinigung  mit  Oesterreich,  die  zu  einem  europäischen
  Bunde  auszubauen  sei,  ferner  volkstümliche  Selbstverwaltung  in  allen
Bundesstaaten,  endlich  berufsständische  Ordnungen,  die  geeignet  seien,  die
wirtschaftlichen  und  sozialen  Aufgaben  zu  erfüllen  und  allen  erwerbstätigen
Ständen  die  ihnen  zukommende  Bedeutung  in  Reich  und  Staat  zu  verschaffen.

8.  November.  (Preuß.  Landtagsersatzwahl.)

Im  4.  Berliner  Wahlkreis  wird  Kreitling  (Fortschr.  Vp.)  mit
269  Stimmen  gegen  Grunwald  (Sd.)  mit  193  Stimmen  gewählt.

8.  November.  (Breslau.)  Polen  und  Zentrum.

Der  Verleger  des  „Katholik“  Reichtagsabg.  Napieralski  kauft  den
gesamten  „Polak“-Verlag  des  Abg.  Korfanty  und  engagiert  diesen  ehemaligen
Gegner  mit  einem  Monatsgehalt  von  500  Mark.  Damit  ist  Korfanty  für
das  Zentrum  gewonnen.

8.  November.  Aus  dem  „vorläufigen  Uberblick  über  den  Entwurf
  des  Reichshaushaltsetats  für  1911“.:

A.  Der  ordentliche  Etat  schließt  in  Einnahme  und  Ausgabe  mit
2707819913  Mark  ab.

Die  Mehrerträge  aus  den  bestehenden  Zöllen  und  Steuern  sind  auf
32670845  Mark  angenommen.  Darüber  hinaus  ist  in  den  Etat  der  Zölle
und  Steuern  neu  eingesetzt  der  Ertrag  aus  der  Grundstückswertzuwachssteuer
  in  Höhe  von  13  Millionen  Mark  in  der  Voraussetzung,
daß  das  dem  Reichstage  vorliegende  Gesetz  die  verfassungsmäßige  Zustimmung
  erhält.

Die  Einnahmen  und  Ausgaben  aus  dem  Kaligesetz  erscheinen  mit
4800000  Mark  im  Etat  des  Innern.

Die  Ueberschüsse  im  ordentlichen  Etat  sind  veranschlagt:  .

a)  bei  der  Post  auf  71599349  Mark,  d.  i.  gegenüber  1910  mehr

18648101  Mark,

b)  bei  der  Reichsdruckerei  auf  3688  191  Mark,  d.  i.  weniger  866  980  Mark,
c)  bei  der  Eisenbahnverwaltung  auf  18767495  Mark,  d.  i.  mehr

2659775  Mark.

Aus  dem  Bankwesen  werden  erwartet  15590000  Mark,  d.  i.  gegen
1910  weniger  892000  Mark.
        <pb n="373" />
        Das  Beische  Reich  und  seine  einelnen  Glieder.  (November  8.)  365

Der  Reichsinvalidenfonds  wird  voraussichtlich  Ende  Juni  1911
aufgezehrt  sein.  Aus  ihm  werden  nur  noch  Einnahmen  in  Höhe  von
7479812  Mark  eingehen.  Ein  besonderer  Etat  ist  für  ihn  nicht  mehr
aufgestellt,  die  bisher  hier  verrechneten  Ausgaben  sind  unter  den  bisherigen
Kapitelbezeichnungen  den  Ausgaben  im  Spezialetat  über  den  allgemeinen
Pensionsfonds  mit  32479812  Mark  hinzugetreten.

Die  ungedeckten  Matrikularbeiträge  sind  wie  im  Vorjahr  nach  dem
FSen  80  Pfennig  für  den  Kopf  der  Bevölkerung  auf  48512000  Mark
emessen.

Unter  die  Ausgaben  sind  in  einem  eigenen  Sonderetat  die  im
Jahre  1911  durch  die  Heeresverstärkung  entstehenden  Kosten  in  Höhe
von  7903717  Mark  ausgenommen,  welche  Deckung  aus  dem  Ertrage  der
Wertzuwachssteuer  finden  sollen.

Eine  erweiterte  Fürsorge  für  die  Veteranen  ist  für  den  Fall  in
Aussicht  genommen,  daß  die  dazu  erforderlichen  Kosten  bereitgestellt  werden.
5000000  Mark  sind  beim  Reichsschatzamt  hierfür  etatisiert.  Für  sie  wird
ebenso  wie  für  die  Kosten  der  Heeresverstärkung  die  Deckung  aus  dem  Ertrage
  der  Grundwertzuwachssteuer  erwartet.

Zur  Abbürdung  des  Fehlbetrages  des  Rechnungsjahres  1909  sind
39671205  Mark  vorgesehen,  die  aus  den  ordentlichen  Mitteln  dem  Extraordinarium
  zugute  kommen.

Zur  sonstigen  Schuldentilgung  werden  bereitgestellt:

a)  von  der  Postverwaltung  2593179  Mark
b)  von  der  Eisenbahnverwaltung  613496  „
c)  von  Togo  48767

d)  aus  allgemeinen  Reichsmitteln  49913994  „

B.  Zum  Ausgleich  des  außerordentlichen  Etats  ist  eine  Anleihe  von
97755930  Mark  nötig  gegen  171849162  Mark  im  Vorjahre.

C.  Erhebliche  dauernde  Mehrausgaben  sind  im  ordentlichen
Etat  eingestellt:  Für  das  Reichsamt  des  Innern  +  6418  495  Mark;  für
die  Verwaltung  des  Reichsheeres  +J  3285396  Mark;  für  die  Heeresverstärkung
  #.  3727441  Mark;  für  die  Verwaltung  der  Reichsmarine
+  9878000  Mark;  für  die  Verzinsung  der  Reichsschuld  +  6869920  Mark;
für  die  Tilgung  der  Reichsschuld  +.  54158  476  Mark;  für  den  allgemeinen
Pensionsfonds  +  1774568  Mark;  für  die  Post-  und  Telegraphenverwaltung
+  19372459  Mark;  für  Besoldungen  und  sonstige  Fonds  +  5618  819  Mark.

D.  Erhebliche  dauernde  Minderausgaben  im  ordentlichen
Etat:  Ueberweisung  an  die  Bundesstaaten  aus  der  Branntweinsteuer
—  16507300  Mark;  Erbschaftssteuerrückzahlungen  —  13750000  Mark.

E.  Erhebliche  Vermehrungen  der  einmaligen  Ausgaben  im
ordentlichen  Etat:  Heeresverstärkung  F+  4177056  Mark;  Verwaltung  der
Reichsmarine  +  10308545  Mark;  Post=  und  Telegraphenverwaltung
+  2913715  Mark.

F.  Erhebliche  Minderungen  der  einmaligen  Ausgaben  im
ordentlichen  Etat:  Verwaltung  des  Reichsheeres  —  2447027  Mark;  Reichsjustizamt
  —  18197169  Mark;  Reichskolonialamt  —  3177259  Mark;  Steuertilgungsbeihilfen
  für  1908  —  27006463  Mark.

G.  Zusammenfassung  aller  Ausgaben:  Summe  der  einmaligen  Ausgaben
  318021006  Mark  (—  33860505  Mark);  dazu  Summe  der  fortdauernden
  Ausgaben  2389795907  (+  83067137),  Summe  sämtlicher  Ausgaben
  im  ordentlichen  Etat:  2707819913  Mark  (+  49206632  Mark).

.  Einnahmen  aus  Zöllen,  Steuern  und  Gebühren:
Zölle  638291000  Mark  (+  6391000  Mark),  Tabaksteuer  14519000  Mark
(+  136000  Mark),  Zigarettensteuer  25  814000  Mark  (+  4741000  Mark),
        <pb n="374" />
        366  Jos  Deutsche  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (November  8.)

Salzsteuer  58  250000  Mark  (+  202000  Mark),  Branntweinsteuer  163476000
Mark  (—  16524000  Mark),  Essigsäureverbrauchsabgabe  641000  Mark
(+  137060  Mark),  Schaumweinsteuer  10876000  Mark  (+  666000  Mark),
Leuchtmittelsteuer  8963000  Mark  (—  6050000  Mark),  Zündwarensteuer
15776000  Mark  (+  766000  Mark),  Brausteuer  und  Uebergangsabgabe  von
Bier  123462000  Mark  (+  11962000  Mark),  Spielkartenstempel  1852450
Mark  (+F  33250  Mark),  Wechselstempelsteuer  17190000  Mark  (—  1909955
Mark),  Reichsstempelabgaben  von:  Wertpapieren  49000000  Mark,  Kaufusw.
  Geschäften  15430000  Mark  (+  1910000  Mark),  Lotterielose  a#'  für
Staatelotterie  und  b)  für  Privatlotterien  44935  500)0  Mark  (+  6260000  Mark),
Frachturkunden  14991000  Mark  (+  294000  Mark),  Personenfahrkarten
19600000  Mark  (+  980000  Mark),  Erlaubniskarten  für  Kraftfahrzeuge
2352000  Mark  (++  392000  Mark),  Vergütungen  an  Mittglieder  von  Aufsichtsräten
  4410000  Mark  (+  490000  Mark),  Schecks  3724000  Mark
(—3626000  Mark),  Grundstücksübertragungen  43700000  Mark(+18220000
Mark!,  Wertzuwachssteuer  13000000  Mark  (+  13000000  Mark),  Erbichaftssteuer
  39000000  Mark  (+  5000000  Markh,  statistische  Gebühr  1  536950  Mark
(+  97490  Mark),  Abfindung  131  400  Mark  (+  20000  Mark),  Reichspostund
  Telegraphenverwaltung  734  161  600  Mark  (+  40935275  Mark,,  Reichsdruckerei
  12588000  Mark  (—  788000  Mark),  Reichseisenbahnverwaltung
128893000  Mark  (+.  6574000  Mark),  Bankwesen  15590000  Mark
(—  892000  Marki.

J.  Verschiedene  Verwaltungseinnahmen:  Reichstag  17416
Mark,  Reichskanzler  1313  Mark.  Auswärtiges  Amt  1294610  Mark  (—300710
Mark),  Reichsamt  des  Innern  20  205036  Mark  (+  5922629  Mark),  Reichsheer
  (für  Rechnung  der  Bundesstaaten  ohne  Bayern  12294247  Mark
(12973042  Mark),  Reichsheer  (für  Rechnung  der  Gesamtheit  der  Bundesstaaten
  ohne  Bayern)  12294247  Mark  (+  2973042  Mark,  Reichsheer  (für
Rechnung  der  Gesamtheit  der  Bundesstaaten)3491  828  Mark(+  936  494  Mark),
Reichsmilitärgericht  382  Mark  (+  116  Mark),  Verwaltung  der  keaiserlichen
Marine  1305067  Mark  (—  289660  Mark),  Reichsjustizverwaltung  1204796
Mark  (+  238460  Mark!,  Reichsschatzamt  1  75  828  Mark(—  17469542  Mark),
Reichskolonialamt  1553010  Mark  (  +  1485  760  Mark),  Reichseisenbahnamt
4270  Mark,  Reichsschuld  21401  709  Mark  (+  1614  235  Mark),  Rechnungshof
  389  Mark,  allgemeiner  Pensionsfonds  10  776  Mark,  Beiträge  Elsaß-Lothringens
  62831  Mark,  aus  der  Prüsung  der  Rechnungen  489000  Mark
(—  86000  Mark),  Reichsinvalidenfonds  7479812  Mark  (—  26519  185  Mark),
aus  Reichsbeiträgen  46  231  743  Mark  (+  6688913  Mark:t,  Matrikularbeiträge
  Etatssoll  der  Ueberweisungen  +  48512  000  Mark),  212004700  Mark
(—  16507300  Mark).

K.  Ausgaben  im  außerordentlichen  Etat:  Reichsamt  des
Innern  50000000  Mark  (—  27000000  Mark).  Verwaltung  des  Reichsheeres:
  Festungen  18689  100  Mark  (71.1259700  Mark),  strategische  Eisenbahnen
  5000000  Mark  (+  245000(0  Marks,  Verwaltung  der  Kaiserlichen
Marine  109059917  Mark  (—  3672552  Mark!,  Post-  und  Telegraphenverwaltung
  22000000  Mark  (—  3000000  Marki,  Reichseisenbahnverwaltung
12376500  Mark  (+  4877800  Mark),  Deckung  der  Heeresausgaben  bei  den
aus  Anlaß  des  Eingeborenenausstandes  in  Südwestafrika  bewilligten  Fonds
gemäß  §6  des  Gesetzes  vom  15.  Juni  1910  0(—  23700000  Mark!  Summe
der  Ausgaben  des  Erxtraordinariums  217125817  Mark  (+M  3695518  Mark).

l..  Einnahmen  des  Extraordinariums:  Wohnungsfürsorge  0
(—297000  Mark),  Erlöse  für  Festungsgrundstücke  2  183  152  Mark  (—1320501
Marki.  Aus  Anlaß  der  Expedition  nach  Ostasien  2076094  Mark  (+  13817927
Mark)h,  Rückerstattung  auf  die  aus  den  Reichsfestungsbaufonds  geleisteten
        <pb n="375" />
        Das  Beuische  Reich  und  seine  rintelnen  Glieder.  (November  8.)  367

Vorschüsse  270000  Mark  (+  270000  Mark),  Tilgungsrate  von  Togo  48767
Mark  (+  16419  Mark),  Tilgungsrate  der  Reichseisenbahnen  613496  Mark
(+  75816  Mark),  Tilgungsrate  der  Post--  und  Telegraphenverwaltung
2593179  Mark  (+  518  416  Mark),  Tilgungsrate  der  Reichsschuld  89  585  199
Mark  (+  54  158  476  Mark),  Ueberschuß  aus  dem  Münzwesen  22000000  Mark
(*  22000000  Mark),  Summa  der  Einnahmen  des  Extraordinariums
119369887  Mark  (+  76788  780  Mark).

8.  November.  Aus  dem  Haushaltsetat  für  die  Schutzgebiete:

1.  Beim  ordentlichen  Etat  für  Ostafrika  14604  835  Mark
(+  558315  Mark),  Kamerun  9281013  Mark  (+  1733018  Mark),  Togo
3216  Mark  (+  764815  Mark),  Südwestafrika  34998022  Mark  (+.2723294
Mark),  Neu--Guinea  einschließlich  der  Inselbezirke  der  Südsee  2183  421
Mark  (—  118444  Mark),  Samoa  932155  Mark  (-F  166932  Mark),
Kiautschou  13542834  Mark  (+  826  950  Mark),  zusammen  78758  480  Mark
(+  5654145  Markk).

2.  Beim  außerordentlichen  Etat  für  Ostafrika  17615000  Mark
(+  15000  Mark),  Kamerun  12400000  Mark  (+  19200000  Mark),  Togo
127500  Mark  (—  3177500  Mark),  Südafrika  9000000  Mark  (T+  1400000
Mark),  zusammen  39142500  Mark  (+  7437500  Mark).  Mithin  Summe
der  Einnahmen  und  Ausgaben  des  ordentlichen  und  außerordentlichen  Etats
117900  980  Mark  (+  13092445  Mark.

3.  Die  Höhe  der  Reichszuschüsse  beträgt:  Ostafrika  3542  790  Mark
(—  42  110  Mark),  Kamerun  2321  566  Mark  (—  61650  Mark),  Togo  keine
Zuschüsse,  Südwestafrika  11415858  Mark  (—  3009947  Mark),  Neu-  Guinea
einschließlich  der  Inselbezirke  der  Südsee  759597  Mark  (—  163015  Mark),
Samoa  keine  Zuschüsse,  Kiautschon  7708160  Mark  (—  422  856  Mark);  zusammen
  25747971  Mark  (-—  3699578  Mark).

8.  November.  Weitere  Einzelheiten  aus  dem  Etat.

a)  Das  Auswärtige  Amt  fordert  u.  a.  eine  Erhöhung  des  Geheimfonds
  um  300000  Mark.

b)  Das  Reichsamt  des  Innern  setzt  für  die  Erweiterung  des
Kaiser  Wilhelm-Kanals  wieder  48  Millionen  Mark  ein  (zu  den  bereits  bewilligten
  66  Millionen  Mark).

c)  Der  Heeresetat  fordert  zum  Ansbau  der  Landesbefestigungen
16300000  Mark,  zu  Ersatzbauten  in  Köln  2689  100  Mark,  für  Bauten  in
Königeberg  3  Millionen  Mark,  die  aber  aus  dem  Auflassungevertrage  mit
der  Stadt  Königsberg  eingehen.  —  Aus  Anlaß  der  Heeresverstärkung  soll
im  Rechnungsjahre  1911  neu  errichtet  werden  eine  Generalinspektion  des
Militärverkehrswesens,  eine  Inspektion  des  Luftschiff=  und  Kraftfahrwesens,
107  Maschinengewehrkompagnien,  ein  Fußartillerieregiment,  ein  Kraftfahrbataillon,
  zwei  Luftschifferbataillone.  Die  hierzu  erforderlichen  Mannschaften
  werden  zu  einem  großen  Teile  aus  den  bestehenden  Truppenteilen
und  Formationen  ergänzt  werden.

d)  Marineetat.  Im  einmaligen  Etat  werden  gefordert:  Erste  Raten
für  den  Ersatz  bezw.  Neubau  von  drei  Linienschiffen,  eines  großen  Kreuzers,
zwei  kleinen  Kreuzern,  einer  Torpedobootesioitilie  und  drei  Peilbooten.
Zweite  Raten  für  die  Linienschiffe  Ersatz  Hagen,  Ersatz  Aegir  und  Ersatz
Odin,  für  den  großen  Kreuzer  J,  für  den  kleinen  Kreuzer  Ersatz  Kormoran
und  Ersatz  Kondor.  Dritte  Raten  für  die  Linienschiffe  „Oldenburg“,  Ersatz
Frithjof,  Ersatz  Hildebrand  und  Ersotz  Heimdall,  sowie  für  den  großen
Kreuzer  H.  Schlußraten  für  die  Linienschiffe  „Ostfriesland“,  „Helgoland“  und
„Thüringen“,  für  den  großen  Kreuzer  „Moltke“  und  für  die  kleinen  Kreuzer
        <pb n="376" />
        368  JNos  NBeuische  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (November  9.—13.)

Ersatz  Bussard  und  Ersatz  Falke,  sowie  für  eine  Torpedobootsflottille.  Für  Unterseeboote
  ist  der  gleiche  Betrag,  wie  1910,  mit  15  Millionen  Mark  eingesetzt.

e)  Etat  des  Reichsschatzamts.  Für  eine  Erweiterung  der  Veteranenbeihilfe
  ist  der  vorjährige  Betrag  (23620770  Mark)  um  5  Millionen
unter  der  Voraussetzung  erhöht,  daß  die  Mittel  hierzu  aus  der  Wertzuwachssteuer
  bereitgestellt  werden.

f)  Etat  des  Kolonialamts.  In  den  Einnahmen  erscheint  der
Rest  des  Kamerun  seinerzeit  gewährten  Vorschusses.  Togo  und  Samoa
bedürfen  keines  Reichszuschusses.  Die  Reichszuschüsse  für  die  übrigen  Schutzgebiete
  belaufen  sich  zusammen  auf  25747971  Mark,  das  sind  3699578  Mark
weniger  als  im  Vorjahre.  Außerdem  tragen  die  Schutzgebiete  zur  Verzinsung
der  Reichsanleihe  1420  121  Mark  mehr  als  im  Rechnungsjahre  1910  bei.

8)  Postetat.  Für  Versuche  zur  drahtlosen  Uebermittelung  von
der  Versuchsstation  in  Nauen  nach  einer  in  Kamerun  zu  errichtenden
transportablen  Empfangsstation  werden  200000  Mark,  zur  Einrichtung  je
einer  Funkentelegraphenstation  in  Duala,  Swakopmund  und  Lüderitzbucht
420000  Mark  bereitgestellt.  —  Mit  dem  neuen  Rechnungsjahre  soll  die
deutsche  Kabelverbindung  von  Emden  über  Teneriffa-Monrovia  nach  Pernambuco
  in  Betrieb  genommen  werden.

9.  November.  (Hamburg.)  Das  vom  Senat  der  Bürgerschaft
überreichte  Budget  für  1911  schließt  ohne  Mehrausgaben  für  Beamtengehälter
  mit  einem  Fehlbetrag  von  16,8  Millionen  Mark  ab.

10.  November.  (Braunschweig.)  Dem  Landtag  geht  eine
Vorlage  auf  Einführung  der  fakultativen  Feuerbestattung  und  Errichtung
  von  Krematorien  zu.

10.  November.  (Weimar.)  Das  Staatsministerium  gestattet
den  Bau  eines  Krematoriums.

10.  November.  (Lissa.)  Deutsche  gegen  den  Ostmarkenverein.

Eine  Versammlung  deutscher  Kaufleute  protestiert  gegen  die  Herausgabe
  eines  Adreßbuches  der  deutschen  Geschäfte  Lissas  durch  die  Ortsgruppe
des  Ostmarkenvereins.  Man  müsse  die  alte  Eintracht  zwischen  Deutschen
und  Polen,  die  vor  20  bis  30  Jahren  bestanden  habe,  in  dieser  überwiegend
deutschen  Stadt  wiederherstellen.

10.  November.  (Elsaß-Lothringen.)  Antimodernisteneid.

Die  amtliche  „Revue  Ecclésiastique“  des  Metzer  Bistums  beruft
die  lothringischen  Geistlichen  für  den  31.  November  ins  bischöfliche  Seminar
zur  Ableistung  des  vom  Papst  vorgeschriebenen  Antimodernisteneides.

11.  November.  (Schloß  Wolfsgarten.)  Gegenbesuch  des
Kaisers  beim  Zaren  auf  der  Durchreise  nach  Baden-Baden  und
Donaueschingen.

13.  November.  Der  Kaiser  besucht  die  Benediktiner-Abtei
Beuron  und  hält  daselbst  eine  Rede,  worin  er  sagt,  daß  „Thron
und  Altar  zusammengehören",  und  daß  die  Bekämpfung  gewisser
gefährlicher  Bestrebungen  des  20.  Jahrhunderts  nur  mit  Hilfe  der
Religion  und  mit  Unterstützung  des  Himmels  siegreich  durchgeführt
werden  könne.
        <pb n="377" />
        Das  eetsche  Reich  und  seine  einselnen  Slieder.  (November  13.  -17.)  369

13.  November.  (Berlin.)  Hauptversammlung  des  Deutschen
Ostmarkenvereins.

Eine  Resolution  auf  schleunige  Anwendung  des  Enteignungsgesetzes
vom  20.  März  1908  wird  einstimmig  angenommen.

Für  die  Reichsversicherungsordnung  werden  folgende  Maßregeln
empfohlen:  1.  In  der  Krankenversicherung  den  Arbeitgebern  gleiche  Stimmrechte
  mit  den  Arbeitern  zu  geben.  2.  Für  die  Landkrankenkassen  eine  den
Vorschlägen  des  Bundesratsentwurfs  entsprechende  innere  Verfassung  vorzusehen.
  3.  Zu  bestimmen,  daß  die  Wahlen  zu  den  Organen  der  Versicherungsträger
  öffentlich  zu  erfolgen  haben,  wenn  die  oberste  Verwaltungsbehörde
  dies  anordnet.  4.  Die  deutsche  Sprache  als  ausschließliche  Geschäfts=
  und  Verhandlungssprache  der  Kassenverwaltungen  festzusetzen.
5.  Bei  der  Regelung  der  Arztfrage  das  System  der  freien  Arztwahl  weder
gesetzlich  vorzuschreiben  noch  überhaupt  zu  fördern  und  Maßnahmen  vorzusehen,
  die  gewährleisten,  daß  die  Krankenkassen  dieses  Arztsystem  nicht
gegen  ihren  Willen  einführen  müssen.  6.  Die  Bestimmungen  der  Reichsversicherungsordnung,
  durch  welche  die  Einwanderung  und  der  Aufenthalt
von  Ausländern  im  Reiche  begünstigt  wird,  sollen  abgeändert  werden.

14.  November.  (Hessen.)  Heimreise  der  Zarenfamilie  nach
Zarskoje  Selo.

15.  November.  (Braunschweig.)  Der  Dichter  Wilhelm
Raabe  f.  80  Jahre  alt.

17.  November.  Der  Klerikalismus  als  Stütze  des  Staats.

Die  Beuroner  Rede  des  Kaisers  (s.  13.  Nov.)  bringt  den  konservativen
„Reichsboten“  in  Harnisch.  Er  schreibt:  „Bekanntlich  war  der  Bischof
Benzler  von  Metz  früher  der  Abt  eines  Benediktinerklosters.  Sein  Verhalten
  in  Elsaß-Lothringen  zu  den  deutschfeindlichen  Bestrebungen  bezeugt,
daß  es  doch  ratsam  wäre,  wenn  der  Kaiser  der  Staatstreue  der  Benediktiner
wie  überhaupt  der  römischen  Hierarchie  gegenüber  etwas  mehr  Zurückhaltung
übte,  da  dieselbe  stets  ihre  eigenen  Herrschaftsinteressen  im  Auge  hat  und
den  Staat,  dessen  Souveränität  sie  bekanntlich  nur  mit  Vorbehalt  anerkennt,
  nur  soweit  unterstützt,  als  er  sich  ihr  dienstbar  erweist.  Das  lehrt
die  Geschichte  der  römischen  Hierarchie  insbesondere  dem  deutschen  wie  dem
preußischen  Staate  im  Mittelalter  wie  in  der  Neuzeit  gegenüber,  wo  wir
sie  auf  der  Seite  aller  deutschfeindlichen  Bestrebungen  finden.  Auch  die
Verfluchung  der  Reformation  und  der  Fürsten  der  Reformation  durch  die
neuliche  Borromäusenzyklika  des  Papstes  beweist  die  Notwendigkeit  der
Zurückhaltung  gegenüber  der  Staatstreue  der  römischen  Hierarchie  in  Bezug
auf  evangelische  Fürsten  und  Staaten.  Das  Christentum  ist  allerdings
staatstreu,  aber  das  Christentum  und  die  römische  Hierarchie  sind  nicht
identisch.  Sie  benutzt  auch  dieses  zur  Begründung  und  Erhaltung  ihrer
Herrschaft.  Der  römische  Klerikalismus  hat  den  Fürsten  und  Völkern,
um  sie  willig  zu  erhaiten,  geschmeichelt,  vor  den  dunklen  Schatten  des
Hoflebens  die  Augen  zugedrückt,  und  so  hat  er  teil  an  dem  Untergang
des  Königtums  in  Frankreich,  in  den  italienischen  Staaten,  in  Portugal:
und  auch  Spanien  und  Oesterreich  wissen  zu  erzählen  von  dem  schlimmen
Einfluß  der  römischen  Hierarchie."“

Die  „Germania“  bemerkt  dazu  u.  a.:  „Wir  haben  das  Vertrauen
zu  den  leitenden  Männern,  daß  sie  sich  durch  Hetzer  nicht  beirren  lassen
und  der  katholischen  Kirche  ihre  Eigenart  nicht  zu  verkürzen  suchen  werden,
zumal  da  diese  dem  Staat  zum  Vorteil  gereicht.“"

Europäischer  Geschichtskalender.  I.I.  24
        <pb n="378" />
        370  Has  Veuische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (November  17.  18.)

17.  November.  (Speyer.)  Wahl  des  Professors  Dr.  Faulhaber
von  der  Universität  Straßburg  zum  Bischof.

Dr.  Michael  Faulhaber  ist  erst  41  Jahre  alt  und  ist  auf  dem  Katholikentag
  in  Breslau  1909  durch  eine  Rede  über  die  Frauenfrage  hervorgetreten.


17.—18.  November.  (Berlin.)  Hauptversammlung  der  Schiffsbautechnischen
  Gesellschaft.

Professor  J.  Stumpf  berichtet  über  die  Verbreitung  und  die  Vorteile
  der  von  ihm  erfundenen  Gleichstrom-Dampfmaschine,  die  in  Rußland
und  Oesterreich  früher  gewürdigt  wurde  als  im  Heimatland.  —  Fregattenkapitän
  Thorbecke-Berlin  weist  die  überwiegenden  Vorteile  der  Drillingstürme
  auf  Dreadnoughts  nach;  bisher  seien  sie  allerdings  nur  auf  italienischen,
  russischen  und  österreichischen  Schiffen  vorgesehen.

17.  November.  (Bayern.)  Die  Regierung  gestattet  die  Einfuhr
  von  1270  Schlachtrindern  und  1600  Schweinen  aus  Frankreich.

18.  November.  (Württemberg.)  Verständigung  der  Volkspartei
  mit  den  Nationalliberalen,  sich  gegenseitig  bei  den  Reichstagswahlen
  zu  unterstützen.

Von  den  17  Wahlkreisen  des  Königreichs  sollen  in  10  volksparteiliche
  und  in  7  nationalliberale  Kandidaten  aufgestellt  werden.

18.  November.  (Berlin.)  Der  Kaiser  in  der  „Schiffsbautechnischen
  Gesellschaft".

Er  erörtert  nach  einem  Vortrag  des  Geheimrats  Professor  Cranz
„über  die  Bewegungserscheinungen  beim  Schuß"“  seine  eigenen  Beobachtungen
  über  Schießwirkungen  auf  das  Wild.  Darauf  spricht  Direktor
H.  Frahm  über  die  von  ihm  erfundenen  Schlingertanks  zur  Abdämpfung
der  Schiffsrollbewegungen.

18.  November.  (Berlin.)  Zum  Verkauf  des  Tempelhofer
Feldes.

Der  Architektenverein  richtet  an  den  Reichskanzler  eine  Eingabe
wegen  des  Verkaufs  des  Tempelhofer  Feldes  an  eine  kleine  Gemeinde,  die
es  an  eine  Terraingesellschaft  weitergibt.  Er  fürchtet,  daß  wieder  nur
eine  Anhäufung  fünfstöckiger  Mietskasernen  und,  bei  nutzlos  breiten  Straßen,
hinter  prunkvollen  Vordergebäuden  enge  Hof=  und  Hinterwohnungen  entstehen
  werden.

18.  November.  (Mecklenburg.)  Eröffnung  des  Landtages  in

Malchin.

Ein  Reskript  der  Schweriner  Regierung  kündigt  an,  daß  die  Verfassungsvorlage
  vom  19.  November  1909  wiederum  zu  kommissarischer  Beratung
  vorgelegt  werden  wird.  Ferner  soll  eine  progressive  Einkommensteuer
  und  eine  Ergänzungssteuer  eingeführt  werden.

18.  November.  (Preußen  u.  Württemberg.)  Nr.  37  der
preußischen  Gesetzsammlung  veröffentlicht  das  Gesetz  vom  24.  September
  1910  über  die  Verlegung  der  Landesgrenze  bei  der  preußischen
  Gemarkung  Steinhofen,  Oberamt  Hechingen.
        <pb n="379" />
        Das  Veensche  Reich  uad  seine  eintelnen  GElieder.  (November  19.—22.)  371

19.  November.  (Kiel.)  Vereidigung  der  Marinerekruten,  an
die  der  Kaiser  eine  Ansprache  hält.

20.  November.  (Berlin.)  Gründung  des  Reichsverbandes  der
deutschen  Presse  für  die  Wahrung  der  Berufs-  und  Standesinteressen
der  Redakteure  und  Journalisten,  die  im  Hauptberuf  an  den  im
Deutschen  Reich  erscheinenden  Zeitungen  mitarbeiten.

21.  November.  (Flensburg-Mürwick.)  Einweihung  der
neuen  Marineschule.

Der  Kaiser  hielt  eine  Ansprache  an  die  Seekadetten,  in  der  er
ihnen  anriet,  den  Alkoholgenuß  zu  vermeiden  und  dem  Guttempler-Verein
beizutreten.  Diejenige  Nation  würde  im  Kriegshandwerk  an  der  Spitze
marschieren,  die  den  geringsten  Alkoholkonsum  zu  verzeichnen  habe.

21.  November.  Die  „Kölnische  Ztg.“  teilt  aus  zuverlässiger
Quelle  mit,  daß  der  Antimodernisteneid  von  den  theologischen
Professoren  an  den  deutschen  Staatsuniversitäten  nicht  verlangt
werden  wird.

21.  November.  (Berlin.)  Der  Reichskanzler  macht  dem  Ausschuß
  des  Bundesrats  für  die  auswärtigen  Angelegenheiten  sehr
eingehende  und  umfassende  Mitteilungen  über  alle  wichtigen
schwebenden  Fragen.

21.  November.  (Bayern.)  Übereinkommen  der  Nationalliberalen
  und  der  Fortschrittlichen  Volkspartei,  sich  bei  den  künftigen
Reichstagswahlen  in  den  48  bayerischen  Kreisen  gegenseitig  zu
unterstützen.

Zurzeit  wird  Bayern  im  Reichstag  durch  34  Mitglieder  des
Zentrums,  5  Nationalliberale  und  Volksparteiler,  4  Sozialdemokraten  und
5  Bündler  und  Konservative  vertreten.

22.  November.  (Reichstag.)  Wiederaufnahme  der  Sitzungen.

Es  werden  die  Novelle  zum  Gerichtskostengesetz  ohne  wesentliche
Erörterung  der  Justizkommission  überwiesen  und  die  erste  Lesung  des
Gesetzes  betr.  den  Schutz  des  zur  Anfertigung  von  Reichsbanknoten  verwendeten
  Papiers  gegen  unbefugte  Nachahmung  erledigt.  Danach  begründet
der  Staatssekretär  des  Innern  Delbrück  eingehend  den  Gesetzenwurf  betr.
die  Beseitigung  von  Tierkadavern.

Interpellationen:  1.  der  Sozialdemokraten  über  die  Kaiserreden:
  „Was  gedenkt  der  Herr  Reichskanzler  zu  tun  in  Ausführung  der
im  November  1908  vom  Fürsten  Bülow  als  verantwortlichem  Reichskanzler
und  zugleich  im  Namen  des  Kaisers  dem  Reichstage  abgegebenen  Erklärungen,
  die  durchbrochen  worden  sind  durch  die  in  diesem  Jahre  in  Königsberg
  in  Preußen  und  in  andern  Orten  vom  Kaiser  über  seine  staatsrechtliche
  Stellung  abgegebenen  Erklärungen?“

2.  der  Sozialdemokraten  über  die  Fleischnot:  „Was  gedenkt  der
Herr  Reichskanzler  zu  kun,  um  der  die  Volksgesundheit  gefährdenden  Lebensmittelteuerung
  zu  begegnen?“

24*
        <pb n="380" />
        EEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIZTIII

3.  der  Konservativen  über  Vieheinfuhr  und  Fleischhandel:
„Es  ist  in  den  letzten  Monaten  eine  bemerkenswerte  bedauerliche  Verteuerung
  des  Fleisches  in  vielen  Städten  eingetreten.  Ist  der  Herr  Reichskanzler
  bereit:  1.  Gegenüber  dem  im  Zusammenhange  damit  in  letzter  Zeit
vielfach  hervorgetretenen  Verlangen  nach  Oeffnung  unserer  Grenzen  für
eine  vermehrte  Vieheinfuhr  die  schweren  Gefahren  darzulegen,  welche  die
Erfüllung  dieses  Verlangens  a)  für  die  deutsche  Viehzucht  im  allgemeinen,
b)  für  Aufrechterhaltung  des  Veterinärschutzes,  c)  für  eine  nachhaltige  ausreichende
  Fleischversorgung  des  deutschen  Volkes  mit  sich  bringen  müßte?
2.  Welche  Maßnahmen  hält  der  Herr  Reichskanzler  für  möglich,  um  der
bedauernswerten  Teuerung  der  Kleinhandelspreise  für  Fleisch  in  den  Städten
zu  begegnen?  3.  Ist  der  Herr  Reichskanzler  in  der  Lage,  eine  vergleichbare
  Uebersicht  über  die  Kleinhandelspreise  von  Fleisch  in  den  wichtigsten
Ländern  Europas  vorzulegen?“

22.  November.  Die  Jesuiten  als  Retter  vor  dem  Umsturz.

Die  „Germania“  fragt  die  konservative  Partei,  die  nach  der  „Kreuz-Ztg.“
  an  eine  Aufhebung  des  Jezfuitengesetzes  nicht  denkt:  „Will  sie  etwa
abwarten,  bis  wir  diese  Hüter  der  Autorität  (die  Jesuiten),  wie  sie  von
Friedrich  dem  Großen  und  von  Katharina  II.  von  Rußland  bezeichnet  wurden,
gegen  die  Umsturzbestrebungen  in  unserem  Vaterlande  noch  nötiger  haben?“

23.  November.  (Reichstag.)  Debatte  über  die  Interpellationen

zur  Fleischnot  (s.  22.  Nov.).

Staatssekretär  Dr.  Delbrück  erklärt  sich  zur  sofortigen  Beantwortung
  bereit.

Abg.  Emmel  (Sd.)  begründet  die  sozialdemokratische  Interpellation.
Die  Folgen  der  Krise  sind  noch  nicht  überwunden.  Die  Arbeitslosigkeit
ist  noch  groß,  während  die  Kapitalisten  große  Gewinne  einstreichen.  Ueberschwemmungen
  und  die  Mißernte  in  den  Winzergebieten  steigern  den
Notstand  bei  Arbeiterstand  und  Mittelstand.  Und  dazu  die  Lebensmittelteuerung?
  Regierung  und  Reichstag  haben  sie  durch  die  Erhöhung  der
Beamtengehälter  anerkannt.  Auch  der  König  von  Preußen  ist  in  eine  Lohnbewegung
  eingetreten,  obwohl  er  pro  Tag,  das  Jahr  zu  dreihundert  Arbeitstagen
  gerechnet,  52000  Mark  Zivilliste  bezog.  Die  Arbeiter  sind  bei
ihren  Lohnbewegungen  nicht  so  glücklich.  Da  versucht  man  durch  Mobilisierung
  von  allerhand  Lumpengesindel  den  Kampf  um  Verbesserung  ihrer
Lage  ihnen  zu  erschweren.  Der  Redner  geht  auf  Getreidezoll  und  Viehsperre
  ein.  Nur  281  Millionen  hat  das  Reich  nach  Brentano  aus  dem
Getreidezoll  gezogen,  während  2½  Milliarden  in  die  Taschen  der  Großgrundbesitzer
  geflossen  sind.  Die  Verschlechterung  der  Lebensweise  degeneriert
  das  Volk.  Die  Fleischverteuerung  ergibt  zwischen  Berlin  und  London
ganz  ungeheure  Preisdifferenzen.  Der  Redner  gibt  hier  wie  beim  Getreidepreis
  eine  Reihe  von  Einzelziffern.  An  der  französischen  Grenze
laufen  die  Arbeiter  stundenweit  um  die  2  Kg.,  die  zollfrei  sind,  zu  holen.
(Ruf  r.:  leider!)  Der  Redner  gibt  eine  Berechnung  der  „Berliner  Volkszeitung",
  daß  ein  Arbeiter  mit  1052  Mark  Einkommen  ½/12  davon  an
indirekten  Steuern  abliefern  muß,  ein  Fabrikbesitzer  und  Großgrundbesitzer
aber,  der  2070  Mark  an  Steuern  aller  Art  zahlt,  nur  den  147.  Teil.
In  Dresden  ist  der  Fleischkonsum  um  19  v.  H.  pro  Kopf  zurückgegangen.
Dafür  steigt  der  Konsum  an  Pferde=  und  Hundefleisch.  Blutarmut  und
Unterernährung,  schon  im  Mutterleibe,  sind  die  Folge.  Da  brauchte  die
Frau  v.  Vopelius  wahrhaft  nicht  jenen  Rat  zu  geben.  Wer  da  von  Fleischnotrummel
  spricht,  macht  sich  einer  Roheit  schuldig.
        <pb n="381" />
        Das  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  23.)  373

Abg.  Rupp  (K.)  begründet  die  konservative  Interpellation  und
führt  aus:  Es  handelt  sich  hier  um  eine  Mache  des  Großkapitals,  das
die  Welt  durch  die  Presse  regiert.  Großkapital  und  Auslandshandel  gehen
zusammen,  und  die  sogenannte  unparteiische  Presse  hilft  ihnen  bei  der
Vertretung  ihrer  Interessen.  Von  einer  wirklichen  Fleischnot  kann  keine
Rede  sein,  das  beweist  die  Statistik,  denn  der  Konsum  pro  Kopf  ist  gestiegen.
  Auch  der  Auftrieb  an  Rindern  ist  ständig  gestiegen.  Die  Fleischnot
  ist  eine  Fata  Morgana,  der  man  jetzt  geradezu  nachlechzt.  Das  ist
alles  nur  eine  Mache  des  Großkapitals.  Der  Fleischpreis  ist  gestiegen,
daran  ist  aber  die  Landwirtschaft  nicht  schuld.  Die  Landwirtschaft  hat
ihre  Schuldigkeit  getan  und  wird  sie  weiter  tun,  wenn  ihr  der  Freihandel
nicht  die  Hände  bindet.  Unsere  Interpellation  erkennt  an,  daß  eine  Fleischteuerung
  in  einigen  Städten  eingetreien  ist.  Der  Reichskanzler  soll  sich
äußern,  was  er  als  Grund  der  Steigerung  ansieht,  und  was  er  dagegen
zu  tun  gedenkt.  Gegen  die  Landwirtschaft  wird  eine  gewissenlose  Hetze
getrieben.  Es  handelt  sich  hier  um  eine  ernste  Frage.  Nicht  bei  den
Viehzüchtern  sitzen  die  wirklichen  Fleischverteurer,  die  sitzen  an  anderer
Stelle.  Die  Metzger  habe  ich  dabei  nicht  im  Auge.  Es  gibt  zwischen
Metzgern  und  Produzenten  viele  Stellen.  Im  allgemeinen  machen  die
Metzger  ja  auch  ihr  Schnittchen.  Dann  wirkt  preissteigernd,  daß  die
Städte  für  das  Oktroi  Ersatz  suchen  und  die  Schlachthausgebühren  erhöhen.
  Dem  sollte  man  eine  Grenze  ziehen.  Auch  die  Viehhofsgebühren
sind  über  Gebühr  erhöht  worden.  Sie  sind  um  40  bis  165  Prozent  höher
als  früber.  (Zwischenrufe:  Wie  hoch  sind  sie  denn  jetzt?)  Ich  kann  mich
auf  einzelne  Zahlen  nicht  einlassen.  (Stürmisches  Gelächter  und  Ahal-Rufe.)
  Ueber  40  Prozent  der  Viehproduktion  sind  in  den  Händen  des
kleinen  Grundbesitzers.  Werden  ihm  die  Einnahmen  aus  dem  Bestand
verdorben,  kommen  die  Seuchen,  die  seinen  Viehstand  vernichten,  so  hat
er  den  größten  Schaden  und  nicht  der  Großgrundeesitzer.  Die  Viehhaltung
ist  auch  nicht  so  einfach,  sie  verlangt  eine  große  Pflege.  Jedermann  hat
seinen  Sonntag,  der  Landwirt  hat  ihn  nicht.  Er  hat  eine  außerordentlich
schwere  Arbeit.  Uebrigens  ist  alles  teurer  geworden.  Die  Gehälter  sind
erhöht  worden,  die  Steuern  auch.  Die  sozialpolitischen  Lasten  sind  in  die
Höhe  gegangen,  da  muß  auch  die  Landwirtschaft  mit  ihren  Preisen  in  die
Höhe  geben.  Sie  ist  aber  nicht  vorangegangen,  sondern  sie  mußte  einfach
folgen.  Der  Landwirt  muß  sehr  oft  dabei  noch  zusetzen.  Die  Landwirtschaft
  will  keine  abnorm  hohen  Preise,  weder  für  Fleisch,  noch  für  Getreide.
  Dabei  macht  sie  schlechte  Geschäfte,  denn  ein  Preissturz  würde  ihr
nur  um  so  mehr  schaden.  Die  Landwirtschaft  will  nur  stetige  gute  Preise.
Der  Oeffnung  der  Grenzen  stimmen  wir  nicht  zu,  weil  die  Preise  dadurch
nicht  zurückgehen  werden.  Die  badische  Regierung  hat  ein  Kontingent  aus
Frankreich  zur  Einfuhr  durchgesetzt.  Auf  dem  Mannheimer  Markt  aber
war  wenig  Vieh,  weil  die  einheimischen  Händler  sich  zurückhielten;  infolgedessen
  waren  die  Preise  höher.  Dabei  haben  die  Händler  in  Frankreich
nur  aus  Hochmut  gekauft  und  zwar  aus  berechtigtem  Hochmut,  weil  sie
das  Verlangte  auch  durchsetzen  wollten.  Im  Großhandel  ist  man  mit
diesem  Vorgehen  der  badischen  Regierung  sehr  unzufrieden.  Andererseits
erhalten  das  Kontingent  zur  Einfuhr  nur  die  Großhändler  und  nicht  die
Kleinen  und  deshalb  ist  auch  der  Kleinhandel  unzufrieden.  Im  Namen
der  gesamten  Landwirtschaft  spreche  ich  mein  Bedauern  darüber  aus,  daß
die  badische  Regierung  die  Grenzen  geöffnet  hat  und  dadurch  die  Seuchengefahr
  außerordentlich  vermehrt  ist.  Die  Regierung  soll  Klarheit  schaffen
und  wir  verlangen,  daß  sie  am  Seuchenschutz  festhält  und  die  Grenzen
geschlossen  läßt.  Das  Gegenteil  ist  eine  Gefährdung  des  deutschen  Volkes.
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        374  Das  Veutsche  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (November  23.)

Der  deutsche  Bauernstand  wird  diejenigen  Parteien  sich  merken,  die  eine
ihm  so  feindselige  Haltung  einnehmen.

Staatssekretär  Delbrück:  Der  Reichskanzler  hat  die  Bewegung  der
Fleischpreise  mit  Aufmerksamkeit  verfolgt  und  hat  Maßnahmen  erwogen,
welche  geeignet  sind,  genügend  Fleisch  zu  angemessenen  Preisen  für  den
heimischen  Markt  zu  schaffen.  Zwischen  dem  Reichskanzler  und  den  Bundesregierungen
  hat  aber  stets  darin  Uebereinstimmung  bestanden,  daß  Art
und  Maß  unserer  Sanitätsgrenzschutzmaßregeln  jederzeit  derartig
sein  müssen,  daß  keine  Einschleppung  von  Seuchen  eintreten  kann.  Sie
dürfen  aber  auch  nicht  lediglich  deswegen  abgeschwächt  werden,  um  den
einheimischen  Markt  zu  füllen.  Gegenüber  allen  Ländern,  bei  denen  eine
Abschwächung  des  Schutzes  nicht  völlig  unbedenklich  ist,  ist  natürlich  eine
Abschwächung  in  keiner  Form  zulässig.  Aus  Rußland  dürfen  bereits
Schweine  in  beschränkter  Zahl  nach  Oberschlesien  eingeführt  werden.  Weiter
zu  gehen  dürfte  sich  nicht  empfehlen,  zumal  das  Kontingent  in  den  letzten
Jahren  nicht  ganz  erreicht  wurde.  Aus  Oesterreich  darf  Schlachtvieh  in
begrenzter  Zahl  jährlich  nach  Bayern  gebracht  werden.  Den  von  verschiedenen
  Seiten  gegebenen  Anregungen,  für  die  Schweineeinfuhr  Erweiterungen
  zuzulassen,  glaubt  der  Reichskanzler  keine  Folge  geben  zu
können.  Es  würde  eine  solche  Erweiterung  eine  Abänderung  des  Viehseuchenübereinkommens
  mit  Oesterreich  bedeuten.  Das  hohe  Haus  würde
wohl  nicht  damit  einverstanden  sein,  weil  jetzt  eine  große  Ausbreitung  der
Maul=  und  Klauenseuche  in  Oesterreich  vorhanden  ist.  In  Oesterreich  ist
übrigens  mindestens  eine  ebenso  große  Fleischteuerung  wie  bei  uns.  Aus
der  Schweiz  war  die  Einfuhr  von  Vieh  wegen  der  Maul--  und  Klauenseuche
  zeitweilig  ganz  verboten.  Dieses  Verbot  ist  jetzt  zum  Teil  wieder
aufgehoben,  namentlich  aus  dem  Simmental  ist  die  Einfuhr  gestattet,  weil
keine  Maul-  und  Klauenseuche  mehr  vorhanden  ist.  Gegen  Frankreich  bestand
  bis  vor  kurzem  ein  völliges  Vieheinfuhrverbot,  weil  dort  ebenfalls
die  Maul-  und  Klauenseuche  herrschte.  Nachdem  die  Seuche  seit  anderthalb
  Jahren  erloschen  ist,  hat  sich  der  Reichskanzler  auf  den  Antrag  der
süddeutschen  Staaten  Bayern,  Württemberg,  Baden,  Hessen  und  Elsaß-Lothringen
  damit  einverstanden  erklärt,  daß  ein  gewisses  Kontingent  französischen
  Rindviehs  und  Schweine  in  die  Schlachthäuser  eingeführt  werden
könne,  natürlich  unter  besonderen  Vorsichtsmaßregeln.  Die  Einführung
wird  aber  wieder  verboten  werden,  sobald  sich  die  Seuchenverhältnisse  in
Frankreich  verschlechtern  sollten.  Unter  den  bezeichneten  Voraussetzungen
glaubt  die  Regierung  jetzt  keine  Gefahr  der  Seucheneinschleppung  als  vorhanden
  ansehen  zu  brauchen.  Aus  Holland  und  Belgien  ist  die  Einfuhr
nicht  gestattet,  weil  die  Maul=  und  Klauenseuche  dort  weit  verbreitet  ist.
Es  ist  beantragt  worden,  das  Einfuhrverbot  aus  Holland  zu  beseitigen.
Der  Reichskanzler  und  der  preußische  Landwirtschaftsminister  haben  Bedenken
  getragen,  diesem  Antrag  stattzugeben.  Holland  hat  noch  immer
Seuchenherde.  Der  Krankheitestoff  ist  im  Lande  vorhanden  und  bei  geeigneter
  Gelegenheit  kann  er  wieder  neu  sich  ausbreiten.  Die  Einlassung
des  holländischen  Viehs  schien  also  um  so  weniger  geeignet,  als  frisches
Fleisch  eingeführt  werden  kann  und  eingeführt  wird.  1909  sind  für  11
Millionen  Mark  frisches  Fleisch  eingeführt  worden.  Aus  Dänemark  ist  die
Einfuhr  von  Wiederkäuern  auf  dem  Seeweg  mit  Quarantäne  gestattet.
Außerdem  müssen  die  Rinder  mit  Tuberkulin  geimpft  werden.  Diese  Bestimmungen
  waren  nötig,  weil  unter  dem  eingeführten  Vieh  viel  Tuberkulose
  herrschte.  Inzwischen  hat  man  sich  überzeugen  müssen,  daß  die
Tuberkulinprüfung  als  Schutzmaßregel  nicht  geeignet  ist.  Es  schweben  Erwägungen,
  die  Tuberkulinprüfung  durch  ein  anderes  vollkommeneres  Ver-
        <pb n="383" />
        Das  Denisqhe  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (November  23.)  375

fahren  zu  ersetzen.  Die  angeregte  Verkürzung  der  Quarantäne  wird  sich
auch  bei  einer  besseren  Tuberkulinprüfung  nicht  ermöglichen  lassen.  Sie
beträgt  ja  jetzt  auch  nur  noch  einige  Tage.  Die  Einfuhr  aus  Amerika
für  Rindvieh  ist  verboten,  für  andere  Wiederkäuer  mit  vierwöchentlicher
Quarantäne  gestattet.  Die  Einfuhr  von  frischem  Schweinefleisch  kann  aus
allen  Ländern,  von  Rindfleisch  auch  aus  allen  Ländern  mit  wenigen  Ausnahmen
  gestattet  werden.  Eine  Erleichterung  könnte  nur  darin  bestehen,
daß  die  Schweinefleischeinfuhr  aus  Rußland  und  die  Rindfleischeinfuhr  aus
Amerika  gestattet  werden  könnte.  Ich  glaube,  daß  kaum  eine  starke  Einfuhr  von
Rindfleisch  aus  Amerika  erfolgen  würde,  wenn  das  Einfuhrverbot  aufgehoben
werden  würde,  denn  nach  §  12  des  Fleischbeschaugesetzes  ist  es  nötig,  daß
nur  ganze  oder  halbe  geschlachtete  Tiere  im  Zusammenhang  mit  den  inneren
Organen  eingeführt  werden  dürfen.  Das  sind  doch  erhebliche  Hindernisse
für  die  Einfuhr.  Eine  Aenderung  wäre  nur  möglich,  wenn  der  §  12  des
Fleischbeschaugesetzes  ausgehoben  würde.  In  Uebereinstimmung  mit  dem
Landwirtschaftsminister  hält  aber  der  Reichskanzler  eine  Aufhebung  dieses
Paragraphen  für  sehr  bedenklich.  Bei  uns  wird  das  Vieh  zweimal  untersucht,
  einmal  vor  der  Schlachtung  und  einmal  nach  der  Schlachtung.  Das
ist  im  Ausland  nicht  der  Fall,  und  deshalb  ist  es  nötig,  daß  bei  der  Einfuhr
  noch  einmal  eine  genaue  Untersuchung  stattfindet.  Das  ist  aber  nur
möglich,  wenn  die  inneren  Organe  noch  vorhanden  sind,  weil  diese  häufig
erst  eine  genaue  Feststellung  möglich  machen,  ob  eine  Erkrankung  vorliegt.
Würden  diese  inneren  Organe  nicht  mehr  in  dem  Stück  sich  befinden,  so
wäre  eine  Feststellung  von  Erkrankungen  teilweise  ganz  unmöglich,  teilweise
aber  wenigstens  sehr  erschwert.  Würde  gestattet,  daß  die  inneren  Organe  getrennt
  von  dem  Fleischteil  ausgeführt  würden,  so  bestände  keine  Gewähr  dafür,
daß  es  sich  um  die  inneren  Organe  zu  dem  entsprechenden  Fleischstück  handelte.
Auch  eine  Stempelung  würde  nicht  genügend  Gewähr  dafür  bieten.

Es  ist  weiter  verlangt  worden,  daß  eine  Ermäßigung  der  Zölle
auf  Fleisch  und  Futtermittel  erfolge.  Die  verbündeten  Regierungen
nehmen  bezüglich  dieser  Frage  denselben  grundsäglichen  Standpunkt  ein,  den
sie  bei  früheren  Gelegenheiten  vertreten  haben.  Nach  Auffassung  des  Herrn
Reichskanzlers  darf  an  den  einzelnen  Sätzen  unseres  wohldurchdachten
Zolltarifs,  in  dem  alle  in  Betracht  kommenden  Interessen  aufs  sorgföltigste
nachgeprüft  sind,  nicht  gerüttelt  werden.  (Beifall  r.)  Die  meisten  Futtermittel
  sind  zollfrei.  Ein  Zoll  liegt  nur  auf  Futtergerste,  und  zwar  in
Höhe  von  1,30  Mark  pro  Dz.,  und  auf  Mais.  Diese  Futtermittelzölle
sind  eingeführt  worden  mit  Rücksicht  auf  eine  Stärkung  unserer  heimischen
Produktion.  Der  Maiszoll  wurde  für  nötig  gehalten  im  Interesse  unseres
heimischen  Kartoffelbaues.  Trotz  dieser  Zölle  ist  aber  die  Einfuhr  von  Futtermitteln
  ganz  erheblich  gestiegen.  Nun  hat  man  eine  Revision  der
Eisenbahnfrachttarife  verlangt.  Da  ist  zunächst  zu  sagen,  daß  die
Frachtsätze  für  Vieh  sehr  niedrig  sind.  Mit  zunehmender  Entfernung  ermäßigen
  sich  diese  Zahlen  nach  den  Tarifen  außerordentlich.  Wie  alles
überhaupt,  so  würde  eine  Ermäßigung  der  Tarife  nur  von  äußerst  geringer
Wirkung  sein.  Seit  der  Fleischteuerung  von  1906  haben  die  preußischen
Staatsbahnen  auch  dem  Tarif  besondere  Aufmerksamkeit  gewidmet.  Der  Ausnahmetarif
  für  Fleischfrachten  ist  verlängert  worden  bis  1912.  Die  Verfrachtung
  von  Futtermitteln  erfolgt  bereits  jetzt  zu  den  niedrigsten  Tarifen,
wenigstens  die  der  allerwichtigsten  Futtermittel.  Der  Preis  der  Futtermittel  ist
nach  der  Statistik  seit  1905  stets  herabgegangen.  Ich  beschränke  mich  auf  diese
Erklärung;  der  preußische  Minister  für  Landwirtschaft  wird  noch  weiteres
dazu  zu  sagen  haben.  Was  den  Einfluß  der  Fleischteuerung  auf  die  Volksernährung
  angeht,  so  werden  wir  dieser  Frage  weitere  Aufmerksamkeit  widmen.
        <pb n="384" />
        376  HNas  NVeuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  23.)

Landwirtschaftsminister  Frhr.  v.  Schorlemer:  Ich  kann
auch  vom  Standpunkt  der  preußischen  Landwirtschaft  nur  mit  Dank  begrüßen,
  daß  die  an  die  jetzt  eingebrachten  Interpellationen  wegen  der
Fleischteuerung  sich  anknüpfende  Besprechung  auch  mir  Gelegenheit  gibt,
im  Anschluß  an  die  Ausführungen  des  Herrn  Vertreters  des  Reichskanzlers
noch  näher  auf  die  Gründe  einzugehen,  die  die  Stellungnahme  des  Herrn
Reichskanzlers  und  auch  die  der  preußischen  Staatsregierung  gegenüber
den  Vorschlägen  auf  Milderung  der  Fleischpreise  bestimmt  hat.  In  der
Presse  ist  man  nicht  immer  von  Leidenschaftlichkeit  und  Uebertreibungen
frei  geblieben.  Ich  fühle  mich  demgegenüber  verpflichtet,  mich  rein  auf
das  amtliche  Zahlenmaterial  zu  stützen  und  rein  sachlich  und  gewissenhaft
die  tatsächlichen  Verhältnisse  darzustellen,  auf  welche  die  Behauptungen  vom
sierennenenn  einer  Fleischnot  und  einer  Gefährdung  der  Volksernährung
sich  stützen.  Ich  will  hier  nicht  auf  die  Frage  eingehen,  ob  das  Fleisch
die  einzige  Nahrung  ist.  Die  Bevölkerung  Deutschlands  hat  sich  einmal
an  den  Fleischkonsum  gewöhnt  und  man  kann  ihr  nicht  zumuten,  auf
dieses  ihr  liebgewordene  Nahrungsmittel  zu  verzichten.  Ich  gebe  zu,  daß
die  Fleischpreise  eine  bedauerliche  Höhe  erreicht  haben.  Die  Fleischnot
beruht  im  wesentlichen  auf  dem  Mangel  an  Viehzucht  in  Deutschland.  Es
ist,  wenn  man  allgemeine  Maßnahmen  treffen  will,  verfehlt,  von  einem
einzelnen  Jahre  auszugehen.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Dinge,  daß  die
Viehproduktion  unter  der  Einwirkung  der  allgemeinen  wirtschaftlichen  Ursachen
  nicht  immer  die  gleiche  sein  kann.  Im  Anschluß  daran  erhöhen
oder  verringern  sich  die  Preise  wechselnd.  1904  und  1908  waren  besonders
futterarme  Jahre  und  dieser  Futtermangel  hat  die  Landwirte  dazu  geführt,
soviel  wie  möglich  Vieh  abzustoßen,  um  den  Rest  durchzubringen.  Die
Folge  dieses  verstärkten  Viehauftriebes  war  eine  Zunahme  des  Fleischangebots
  und  diese  Zunahme  hat  natürlich  im  darauffolgenden  Jahre  zu
einer  verhältnismäßigen  Zunahme  des  Fleischkonsums  auf  den  Kopf  der
Bevölkerung  geführt.  Wenn  es  trotzdem  gelungen  ist,  den  Fleischkonsum
auf  einer  Höhe  zu  erhalten,  die  selbst  sogar  im  Jahre  1905  und  1909
nicht  vorhanden  war,  so  ist  der  Beweis  geliefert,  daß  auch  die  gegenwärtige
Fleischteuerung  nicht  dazu  berechtigt,  zu  glauben,  daß  wir  es  mit  einer
dauernden  Fleischnot  zu  tun  haben.  Wenn  wir  die  Statistik  verfolgen,
so  steht  im  Fleischkonsum  das  Jahr  1910  immer  an  der  Spitze,  nur  1909
und  1905  sind  die  Zahlen  ein  weniges  höher.  Dabei  sind  aber  noch  nicht
einmal  die  Hausschlachtungen  berechnet.  Der  Fleischkonsum  im  Jahre  1910
ist  jedenfalls  im  dritten  Quartale  wiederum  nicht  zurückgegangen.  In
ihren  Eingaben  haben  verschiedene  Stadtverwaltungen  darauf  aufmerksam
gemacht,  daß  in  ihren  Bezirken  der  Konsum  wesentlich  vermindert  sei.  Ich
bin  dem  nachgegangen  und  es  hat  sich  dabei  in  den  meisten  Fällen  herausgestellt,
  daß  diese  Berechnungen  auf  durchaus  unsicherer  Grundlage  beruhten.
  In  Kassel  z.  B.  war  nicht  erwähnt,  daß  dort  eine  große  Fleischkonservenfabrik
  eingegangen  war  und  infolgedessen  die  Schlachtungen  zurückgingen.
  Düsseldorf  hatte  anzugeben  vergessen,  daß  ländliche  Gemeinden
zahlreich  eingemeindet  und  daß  bierdurch  der  Fleischkonsum  zurückgegangen
ist.  Der  gesündere  und  stärkere  Teil  der  Bevölkerung  lebt  auf  dem  Lande
und  gerade  der  lebt  weniger  vom  Fleischkonsum  als  der  Teil  in  den  Städten.
In  Preußen  ist  die  Schlachtung  der  Pferde  ebenso  zurückgegangen  wie  in
Deutschland  überhaupt.  Der  Rückgang  des  Fleischkonsums  hat  also  nicht,
wie  es  doch  eigentlich  zu  vermuten  gewesen  wäre,  wenn  er  eingetreten
wäre,  zu  einer  Verminderung  der  Pferdeschlachtungen  geführt.  Ich  bleibe
also  bei  meinem  Standpunkt  gegenüber  der  Deputation  des  Fleischerverbandes,
  den  ich  in  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung“  z.  B.  noch
        <pb n="385" />
        Das  NVentsche  Reich  nad  seine  einzelnen  Glieder.  (November  23.)  377

durch  Zahlen  belegt  habe.  Es  ist  durchaus  kein  Grund  zu  der  Annahme,
daß  in  den  folgenden  Jahren  ein  Rückgang  des  Viehbestandes  eintreten
sollte.  Der  Viehbestand  ist  auch  überhaupt  nicht  zurückgegangen,  sondern
kräftig  fortgeschritten.  Die  Zählung  dieses  Jahres  wird  auch  ein
ünstiges  Resultat  ergeben.  Wenn  die  Zählung  in  Bayern  ein  schlechtes

esultat  ergeben  hat,  so  ist  dabei  nicht  außer  acht  zu  lassen,  daß  dieses
Land  einen  nicht  geringen  Teil  des  Fleischbedarfs,  was  Ochsen  angeht,
aus  Oesterreich  deckt,  und  daß  die  Fleischverhältnisse,  ganz  abgesehen  von
den  auch  dort  vorhandenen  schlechten  Futterernten,  durch  die  Versorgung
aus  Oesterreich  bedingt  sind.  Für  unsere  heimische  Vieherzeugung  ist  also
eine  vermehrte  Einfuhr  von  fremdem  Vieh  sehr  störend  und  schädlich,  weil
der  Anreiz  zur  eigenen  Erzeugung  zurückgeht.  Die  Fleischernährung  ist
keineswegs  in  Frage  gestellt,  nachdem  feststeht,  daß  die  Zahl  der  Schweine
in  ganz  erheblicher  Zunahme  sich  befindet.  Wenn  Sie  das  erwägen  und
auch  bedenken,  daß  die  Fleischeinfuhr  aus  Frankreich,  Dänemark  und
Holland  auch  im  letzten  Jahre  eine  große  Zunahme  erfahren  hat,  dann
glaube  ich  nochmals  sagen  zu  müssen,  daß  ein  Grund  zu  einem  besorgten
Ausblick  in  die  Zukunft,  was  das  Vieh-  und  Fleischangebot  angeht,  nicht
vorhanden  ist.  Was  speziell  Berlin  angeht,  so  nehme  ich  Bezug  auf  einen
Bericht  des  hiesigen  Polizeipräsidenten  aus  jüngster  Zeit,  der  auf  die  vermehrte
  Zufuhr  von  frischem  Rind-  und  Kaldbfleisch  aus  Schweden  und
Dänemark  im  letzten  Oktober  hinweist.  Wenn  auch  dieses  Fleisch  einen
geringeren  Preis  erzielt  hatte  als  das  inländische,  so  ist  doch  zu  berücksichtigen,
  daß  die  Marktlage  für  Fleisch  für  den  Großhandel  im  letzten
Monat  sehr  schlecht  war.  Es  seien  Preisrückgänge  eingetreten,  heißt  es  in
dem  Bericht.  Daraus  geht  doch  auch  hervor,  daß  der  Auftrieb  an  Schlachtvieh,
  trotzdem  er  in  den  letzten  Monaten  seit  September  unter  der
herrschenden  Seuche  hat  leiden  müssen,  im  großen  Ganzen  befriedigend  war.
Für  die  Verteuerung  des  Fleisches  können  also  diese  Viehmarktverhälktnisse
nicht  die  alleinige  Ursache  sein.

Wenige  Worte  über  die  Vieh=  und  Fleischpreise.  Die  Preise
sind  in  diesem  Jahre  geringer  als  im  vorigen  Jahre,  das  doch  nicht  als
Teuerungsjahr  betrachtet  worden  ist.  Das  bezieht  sich  auf  Schweinefleisch,
eine  so  wichtige  Fleischsorte.  Die  Preise  für  Wild,  Geflügel  und  Fische
weisen  ebenfalls  keine  Steigerung  auf.  Auch  hieraus  geht  hervor,  daß  kein
erheblicher  Fleischmangel  vorhanden  sein  kann.  Die  Fleischpreise  sind  zwar
hoch,  aber  doch  nicht  außergewöhnlich.  Auch  hier  gilt  das  Sprichwort:
Alles  schon  einmal  dagewesen!  In  anderen  Jahren  waren  die  Preise  schon
ebenso  hoch  oder  noch  höher.  Es  ist  unter  keinen  Umständen  in  Aussicht
zu  nehmen,  daß  bei  der  Steigerung  aller  anderen  Preise  für  Lebens=  und
Nahrungsmittel  allein  die  Viehpreise  denselben  Stand  bchalten  könnten.
Ich  glaube  auch,  die  fleischverzehrende  Bevölkerung  in  den  besser  und
weniger  bemittelten  Kreisen  wird  sich  wit  der  Tatsache  abgefunden  haben,
daß  im  Laufe  der  Jahre  auch  die  Fleisch=  und  Viehpreise  naturgemäß  die
Steigerung  mitmachen,  die  bei  anderen  Lebens-  und  Nahrungsmitteln  und
überhaupt  im  ganzen  Leben  der  Menschen  sich  bemerkbar  macht.  Es  ist
auch  ganz  erklärlich,  da  auch  dem  Landwirt  die  Viehproduktion  verteuert
wird,  nicht  allein  durch  die  höheren  Steuern  und  höheren  Löhne,  sondern
auch  durch  die  Ansprüche,  die  sich  bezüglich  der  Einrichtung  der  Siälle,
der  Qualität  und  der  veterinären  Maßregeln  bemerkbar  machen.  Man  darf
auch  nicht  vergessen,  wie  viele  Zwischenstellen  an  dem  Vieh  verdienen,  bevor
es  zum  Schlachten  kommt.  Die  Ausstattung  der  Läden  ist  teurer  geworden
  und  auch  das  wirkt  verteuernd  auf  das  Fleisch.  Es  wird  sich  nun
fragen,  ob  es  nicht  möglich  ist,  das  Fleisch  besser  vom  Produzenten  zum
        <pb n="386" />
        378  H%s  Veunische  Reich  und  seine  eintelnen  Slieder.  (November  23.)

Konsumenten  zu  bringen.  Ich  kann  nur  den  Landwirten  den  Rat  geben,  soweit
als  möglich  durch  Bildung  von  Genossenschaften  selbst  die  Märkte  zu  beschicken
und  sich  nicht  auf  die  Kommissionäre  zu  verlassen.  Dann  wird  es  vielleicht
möglich  sein,  festere  Preise  zu  erzielen.  Ein  Anlaß  zu  besonderen  Maßnahmen
  liegt  bei  dem  heutigen  Stande  der  Dinge  nicht  vor.  Das  ist  auch
die  Meinung  des  Vereins  der  deutschen  Viehhändler.  Die  Hauptsoche  ist  die
Vermehrung  und  der  Schutz  der  heimischen  Viehproduktion.  Es  ist  nötig,  daß
Deutschland  sich  auch  in  der  Viehproduktion  unabhängig  vom  Auslande
macht.  Dadurch  wird  auch  unsere  Stellung  gegenüber  dem  Auslande  gestärkt.
  Wir  handeln,  wenn  wir  dieses  Ziel  verfolgen,  nicht  im  Interesse  des
Großgrundbesitzers,  sondern  namentlich  im  Interesse  des  Bauernstandes.
Abg.  Herold  (83)  setzt  auseinander,  daß  man  über  hohe  Getreidepreise
  heute  wirklich  nicht  klagen  könne.  Die  Preise  decken  gerade  die
Produktionskosten.  Es  liegt  also  gar  kein  Anlaß  vor,  in  diesem  Zusammenhange
  auf  die  ganze  Zollpolitik  zurückjukommen.  Das  Zentrum  rechnet
es  sich  jedenfalls  zum  Verdienst  an,  daß  es  bei  dieser  verständigen  Wirtschaftspolitik
  mitgeholfen  hat.  Nur  einige  Parteien  der  Linken  sind  so
rückständig,  sich  ihr  zu  widersetzen.  Zu  unterscheiden  sind  von  den  Getreidepreisen
  die  Brotpreise.  Die  Spannung  zwischen  beiden  wird  in  der  Tat
immer  größer.  Das  hat  aber  seine  natürliche  Ursache.  Schwieriger  liegen
die  Verhältnisse  auf  dem  Gebiete  der  Vieh=  und  Fleischpreise.  Die  Preise
sind  hier  und  da  hoch,  aber  es  liegen  auch  Angebote  von  sehr  billigem
Fleisch  vor.  Man  darf  aber  im  ollgemeinen  nicht  vergessen,  daß  die  Ansprüche
  an  die  Qualität  des  Fleisches  erheblich  gestiegen  sind.
Wieviel  Fleisch  wird  jetzt  nicht  verworfen  und  dem  Konsum  gegen  früher
entzogen?  Die  Landwirtschaft  beansprucht  auch  jetzt  keine  höheren  Preise
als  solche,  die  die  Produktionskosten  decken.  Tatsächlich  ist  die  Produktion
an  Vieh  stärker  gewachsen  als  die  Zunahme  der  Bevölkerung.  Von  Mangel  an
Vieh  und  Fleisch  kann  also  keine  Rede  sein.  Wir  haben  einen  sehr  viel  größeren
Schweinebestand  als  die  meisten  anderen  Länder,  obwohl  sie  uns  an  Bevölkerungszahl
  im  ganzen  nicht  überlegen  sind.  Wie  kann  man  da  von  Fleischnot
  reden?  Eine  weitere  Abschwächung  unserer  Seuchenmaßregeln  ist  energisch
zu  widerraten.  Die  Grenzen  dürfen  nicht  geöffnet  werden.  Die  eigene  Produktion
  zu  heben,  darin  liege  der  Schwerpunkt,  darin  liege  die  größte
Sicherheit,  um  beim  Fleisch  und  beim  Getreide  einer  Not  vorzubeungen.
Darin  liegt  alles;  aber  das  ist  nur  möglich,  wenn  Rentabilität  besteht.
In  Worten  sind  auch  die  Sozialdemokraten  unserer  Ansicht.  aber  in  Taten,
in  welchen  die  Zentrumspartei  unangefochen  dasteht,  da  versagt  gerade  die
Sozialdemokratie.  Alle  wirklich  von  der  Produktion  lebenden  Leute  müssen  hier
zusammenhalten.  Die  Zentrumspartei  wird  hier  immer  ihren  Mann  stellen.
Abg.  Stauffer  (Wirtsch.  Ver.)z:  Von  der  Unterernährung  des
deutschen  Volkes  mit  Fleisch  kann  keine  Rede  sein,  sondern  wir  haben  pro
Kopf  der  Bevölkerung  fast  den  höchsten  Fleischkonsum.  Der  Fleischkonsum
ist  auch  trotz  der  sogenannten  Fleischnot  kaum  zurückgegangen  gegenüber
der  gleichen  Zeit  des  Vorjahres.  Nach  meiner  Auffassung  genügt  unser
Fleisch  vollkommen,  um  unser  Volk  zu  ernähren.  Unter  keinen  Umständen
darf  die  deutsche  Grenze  geöffnet  werden,  nur  dann  sind  Seuchen  zu  vermeiden.
  Allerdings  ist  es  richtig,  daß  zeitweise  die  Fleischpreise  zu  hoch
waren.  Die  deutsche  Landwirtschaft  hat  gar  kein  Interesse  am  Schwanken
der  Fleischpreise.  Dieses  Schwanken  hat  andere  Ursache  Den  Nutzen  davon
hat  einzig  und  allein  der  Handel,  der  kapitalistische  Großhandel;  dieser
zieht  den  Profit  heraus,  und  er  ist  es,  der  das  Schwanken  herbeiführt.
Ich  kann  dem  Landwirtschaftsminister  im  allgemeinen  nur  zustimmen.
Darauf  wird  die  Weiterberatung  vertagt.
        <pb n="387" />
        Das  Denisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  24.)  379

24.  November.  (Reichstag.)  Wahl  des  zweiten  Vizepräfidenten.
Fortsetzung  der  Besprechung  der  Interpellationen  über  die  Fleischnot.

Von  311  abgegebenen  Stimmzetteln  sind  68  unbeschrieben.  Von
den  übrigen  213  entfallen  186  auf  Schulz  (Rp.),  52  auf  Singer  (Sd.);
5  Stimmen  sind  zersplittert.  Schulz  nimmt  die  Wahl  an.

Abg.  Dr.  Wiemer  (FVp.):  Was  den  Herren  Agrariern  nicht  in
den  Kram  paßt,  das  nennen  sie  einfach  Rummel.  Das  ist  ein  Ausdruck,
der  nur  die  Schwäche  und  Unhaltbarkeit  der  eigenen  Position  verdecken  soll.
Immerhin  ist  auch  die  Interpellation  der  Konservativen  bemerkenswert,
denn  auch  sie  spricht  von  bedauerlicher  Höhe  der  Fleischpreise.  Daß  in
der  Wirtschaftspolitik  etwas  Bedauerliches  vorgekommen  sei,  das  haben
bisher  die  Herren  von  der  Rechten  überhaupt  nicht  zugegeben  und  die
Nahrungsmittelteuerung  ist  ja  nur  eine  Folge  der  Wirtschaftspolitik,  die
Sie  (nach  r.)  getrieben  haben.  Sogar  in  königlichen  Hofhaltungen  macht
sich  die  wirtschaftliche  Tenerung  geltend.  Der  König  von  Sachsen  hat  auch
in  einer  Rede  gesagt,  es  sei  eben  alles  teurer  geworden  und  er  merke  das
auch.  Auch  in  den  Haushaltungen  der  Minister  wird  es  teurer  geworden
sein,  das  gebe  ich  zu.  Aber  die  können  es  leichter  ertragen  als  der  kleine
Mann  und  der  Arbeiter.  Mittelstandspolitik  ist  nötig,  gewiß,  aber  die
beste  Politik  wäre  doch,  wenn  wir  brechen  mit  den  Bestimmungen,  die  die
Lebenshaltung  verteuren.  In  das  gestern  vom  Zentrum  gesungene  Lob
der  Wirtschaftspolitik  können  wir  unsererseits  nicht  einstimmen.  Reich  und
Staat  spüren  ja  die  Teuerung  am  allerersten.  Die  Löhne  steigen,  die
Materialien  werden  teurer;  auch  für  die  finanzielle  Misere,  in  der  wir
uns  befinden,  liegt  eben  der  heimliche  Grund  in  unserer  verfehlten  Wirtschaftspolitik.
  Der  Herr  Landwirtschaftsminister  hat  gestern  gesagt,  der  gesündere
  und  stärkere  Teil  der  Bevölkerung  lebe  auf  dem  Lande.  Das  unterschreibe
  ich  noch  nicht  so  ganz.  Die  Erfahrungen  haben  gezeigt,  daß  auf
vielen  Orten  des  flachen  Landes  eine  bedauerliche  Unterernährung
herrscht.  Die  Wirkung  auf  die  Kinderzahl  ist  auch  schon  zu  spüren.
Die  Kinderzahl  geht  zurück  und  das  ist  ein  gewiß  ernstes  Problem.  Einstweilen
  haben  wir  noch  einen  Ueberschuß  von  900000  Seelen,  aber  unsere
Wirischaftspolitik  ist  nur  zu  geeignet,  diese  Zahl  immer  mehr  herunterzudrücken.
  Eine  plötzliche  Aufhebung  der  Zölle  einseitig  von  Deutschland
aus  ist  gewiß  nicht  möglich.  Wenn  es  immer  so  hingestellt  wird,  als  sei
unsere  Partei  so  freihändlerisch,  daß  sie  mit  einem  Schlage  nun  die  Zölle
aufgeben  wolle,  so  ist  das  natürlich  eine  falsche  Behauptung.  Industrie
und  Landwirtschaft  und  alle  Erwerbszweige  sind  auf  diesem  System  aufgebaut
  und  auf  diese  Dinge  hin  entwickelt.  Die  internationalen  Beziehungen
sind  darnach  geregelt.  Es  kann  also  nur  eine  schrittweise  und  allmähliche
Herabsetzung  der  Zölle,  der  landwirtschaftlichen  und  Industriezölle,  eintreten.
  Das  besagt  unser  Programm  auch  ganz  deutlich.  Eine  Aenderung
der  Wirtschaftsverhältnisse  und  der  Zollpolitik  ist  aber  die  Vorbedingung
für  die  Gesundung  in  Deutschland,  die  Voraussetzung  für  die  Entwicklung
des  Vaterlandes.  Aber  sind  nicht  auch  ohne  diese  Aenderungen  der  Wirtschaftspolitik,
  die  wohl  nicht  von  heute  auf  morgen  möglich  sind,  schon  heute
Maßnahmen  zu  treffen,  die  die  bestehenden  Schäden  mildern  können?  Ich
stimme  dem  Staatssekretär  zu,  daß  die  Einfuhrerlaubnis  von  Fleisch  aus
Amerika  nicht  viel  Nutzen  hat,  solange  §  12  des  Fleischbeschaugesetzes  besteht.
  Aber  wir  müssen  diesen  §  12,  der  im  Interesse  der  Agrarier  gemacht
  wurde,  aufheben.  Ebenso  müssen  die  Futtermittelzölle  beseitigt
werden  im  Interesse  unserer  Bauern.  Gerade  die  hohen  Futtermittelzölle
machen  heute  vielfach  die  Viehzucht  noch  wenig  rentabel.  Die  Preis-
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        380  Das  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  24.)

steigerung  von  Grund  und  Boden  und  unsere  Wirtschaftspolitik  hat  mit
dazu  beigetragen,  die  Viehzucht  wenig  rentabel  zu  machen.  Wir  würden
ja  politische  Kinder  sein,  wenn  wir  die  Bedeutung  der  Landwirtschaft  für
unser  Vaterland  nicht  anerkennen  wollten.  Wir  wollen  gerne  alles  tun,
um  unsere  Landwirtschaft  zu  fördern.  Aber  wir  haben  kein  Interesse  daran,
die  Interessen  der  Großgrundbesitzer  wahrzunehmen.  Die  Interessen  der
mittleren  und  kleinen  Bauern  werden  nicht  wahrgenommen  durch  die  Großgrundbesitzer.
  Auch  wir  wollen  unsere  Viehzucht  steigern,  wir  wollen,  daß
möglichst  viel  Vieh  bei  uns  produziert  wird.  Wir  können  auch  dafür
sorgen,  daß  in  unseren  Kolonien  die  Viehzucht  mehr  gefördert  wird.  Wenn
aber  auch  Sie  auf  der  rechten  Seite  ein  Interesse  daran  haben,  daß  die
Viehzucht  gesteigert  wird,  so  müssen  Sie  mit  uns  dafür  eintreten,  daß  der
kleine  und  mittlere  Grundbesit  auf  Kosten  des  Großgrundbesitzes  vermehrt
wird.  Denn  der  kleine  und  mittlere  Grundbesitzer  ist  der  Viehzüchter.  Der
Großgrundbesitzer  wendet  sich  fast  ausschließlich  dem  Körnerbau  zu.

Abg.  Paasche  (Nl.):  Es  ist  nicht  zu  bestreiten,  daß  die  Lebensmittel
  in  neuerer  Zeit  ungewöhnlich  hoch  gestiegen  sind.  Aber  im  Interesse
  des  Ansehens  der  deutschen  Nation  muß  doch  dagegen  Widerspruch  erhoben
  werden,  wenn  es  so  dargestellt  wird,  daß  ein  förmliches  Elend
herrsche  und  wir  vor  einer  Gefahr  der  Unterernährung  ständen.  Wir
glauben  im  Gegenteil,  daß  die  Lebensverhältnisse  sich  im  allgemeinen  trotz
allem  gebessert  haben,  während  gerade  im  Lande  des  Freihandels,  in  England,
  über  die  zunehmende  Verschlechterung  der  Lebenshaltung  der  Bevölkerung
  geklagt  wird.  Fünf  Prozent  der  Preissteigerung  sind  sicher  auf
die  Verbilligung  des  Geldes  zurückzuführen  und  hier  handelt  es  sich  nicht
um  eine  vorübergehende  Erscheinung.  Daß  die  deutsche  Landwirtschaft
nicht  in  der  Lage  sei,  das  deutsche  Volk  zu  ernähren,  ist  ein  Vorwurf,  den
ich  zurückweisen  muß.  Gerade  unter  dem  Schutze  der  deutschen  Wirtschaftspolitik
  hat  sich  die  deutsche  Viehproduktion  so  erfreulich  entwickelt.  Anders
würden  die  Verhältnisse  allerdings  liegen,  wenn  wir  englische  Verhältnisse
hätten,  und  dabei  hat  die  Viehproduktion  mit  immer  steigenden  Schwierigkeiten
  zu  kämpfen.  Die  Leutenot  nimmt  zu,  weil  die  Knechte  und  Mägde
die  schwere  Landarbeit  scheuen  und  es  vorziehen,  nach  Berlin  zu  ziehen,
wo  es  keine  Schweineställe  gibt.  Unser  Verdienst  ist  es,  daß  wir  die  billigen
Futtermittelzölle  seinerzeit  erlangt  haben.  Dadurch  ist  der  deutschen  Landwirtschaft
  ein  großer  Dienst  erwiesen  worden.  Die  Herren  vom  Freisinn
mögen  sich  nur  einmal  auf  dem  Lande  näher  umseben.  Man  soll  auch
nicht  vergessen,  daß  die  Ernteverhältnisse  von  Einfluß  auf  die  Preisbewegungen
  des  Fleisches  sind.  Wären  die  Grenzen  geöffnet,  so  hätten  wir
noch  größere  Schwankungen  als  schon  jetzt  und  die  Gefahr  der  Seucheneinschleppung
  würde  erheblich  vermehrt  werden.  Das  wünschen  wir  nicht
und  daher  billigen  wir  die  Maßregeln  der  Regierung.  Die  Frage  der
Getreidezölle  aufzuwerfen,  wie  es  der  sozialdemokratische  Redner  getan  hat,
lag  heute  wohl  weniger  Veranlassung  denn  je  vor.  Bei  den  jetzigen  Preisen
hat  die  Landwirtschaft  gerade  ihr  Auskommen  und  ist  nicht  in  der  Lage,
Schätze  zu  sammeln.  Wir  haben  jetzt  einen  Ueberschuß  an  Brotfrucht  und
exvortieren  mehr  als  wir  importieren.  (Zurufe:  Einfuhrscheinel)  Die  Einfuhrscheine
  allein  sind  daran  nicht  schuld.

Abg.  v.  Gamp  (Rp.)  volemisiert  gegen  die  Ausführungen  des  sozialdemokratischen
  Redners,  daß  die  Lebe  #ushaltung  der  Arbeiter  gesunken  sei.
Es  gibt  keinen  Stand,  der  sich  in  seinen  wirtschaftlichen  Verhälinissen  so
sehr  gebessert  hat  in  den  letzten  Jahren  wie  die  Arbeiter.  Besonders  muß
ich  es  zurückweisen,  daß  die  Landwirtschaft  ihre  Arbeiter  schlecht  bezahlt.
Die  das  behaupten,  haben  ja  keine  Ahnung  von  den  Verhältnissen.  In
        <pb n="389" />
        D##  Veenische  Reich  nud  seine  eintelnen  Glieder.  (November  24.)  381

der  vorliegenden  Frage  dürfen  nicht  einseitige  agrarische  Rücksichten  maßgebend
  sein,  sondern  es  muß  auf  die  Bedürfnisse  der  Konsumenten  Rücksicht
  genommen  werden.  Die  Landwirtschaft  hat  gar  kein  Interesse  an
hohen,  sondern  an  stabilen  Preisen,  und  um  die  zu  sichern,  hat  die  Landwirtschaft
  ein  dringendes  Interesse  daran,  daß  die  Kaufkraft  der  industriellen
  Bevölkerung  sich  hebt.  Die  Schwankungen  der  Vieh=  und  Fleischpreise
  sind  natürlich  wirtschaftliche  Erscheinungen.  Die  Aufhebung  der
Futtermittelzölle,  die  auch  von  dem  Abg.  Paasche  teilweise  empfohlen
wurde,  kann  ich  nicht  billigen,  und  ich  bedauere,  daß  er  sich  hier  seinem
neuen  Bundesgenossen,  Herrn  Wiemer,  angeschlossen  hat.  Die  Ausführungen
des  Herrn  Wiemer  über  die  Fideikommisse  kann  ich  nicht  billigen.  Aber
auch  ich  wünsche  ein  Fideikommißgesetz,  weil  ich  zugebe,  daß  in  einigen
Kreisen  die  Fideikommisse  Auswüchse  gezeitigt  haben.  Aber  die  Fideikommisse
  haben  auch  viel  Gutes  getan.  Die  Vermehrung  der  Ansiedlung
von  Bauern  billige  ich  durchaus.  Zu  einer  Aenderung  der  Zollpolitik
haben  wir  durchaus  keinen  Anlaß,  denn  sie  hat  sich  herrlich  bewährt.
Unter  dieser  Zollpolitik  hat  sich  unser  Vaterland  glänzend  entwickelt.  Die
bäuerlichen  Besitzer  werden  auf  diesem  Wege  der  Volkspartei  nicht  folgen.
Wenn  sie  augenblickliche  Erfolge  erzielt,  und  das  halte  ich  nicht  für  ausgeschlossen,
  so  muß  ich  doch  sagen:  unsere  Bauern  sind  viel  zu  klug,  als
daß  sie  nicht  bald  ihre  wahren  Freunde  erkennen  würden.

Abg.  Fürst  Radziwill  (P.):  Es  läßt  sich  nicht  leugnen,  daß  in
Deutschland  eine  Preissteigerung  für  Fleisch  besteht  und  davon  wird  die
von  uns  vertretene  polnische  Bevölkerung  schwer  betroffen.  Nicht  bloß  die
Arbeiterbevölkerung  leidet  darunter,  sondern  auch  breite  Schichten  des
Mittelstandes  und  es  ist  deshalb  auch  unsere  Pflicht,  dafür  zu  sorgen,  daß
die  Not  gelindert  wird.  Allerdings  dürfen  dabei  keine  Maßregeln  ergriffen
werden,  die  die  Einschleppung  von  Seuchen  ermöglichen  könnten.  Ich
glaube,  es  würde  sich  empfehlen,  für  Oberschlesien  das  Kontingent  der  einzuführenden
  Schweine  etwas  zu  erhöhen.

Abg.  Trimborn  (3.):  Ich  möchte  nicht  das  Wort  zur  Wahrheit
machen,  daß  dieses  Haus,  wie  ein  geistreiches  Mitglied  es  einmal  genannt
hat,  eine  Halle  der  Wiederholungen  sei.  Wir  halten  an  der  bestehenden
gemäßigten  Schutzzollpolmik  fest,  weil  das  deutsche  Volk  unter  ihr  einen
glänzenden  Ausschwung  genommen  hat.  Das  erkläre  ich  als  Vertreter  einer
Großstadt.  Die  Sozialdemokratie  dürfte  mit  Rücksicht  auf  die  Landarbeiter
auch  nicht  eine  Beseitigung  der  Schutzzollpolitik  verlangen.  Viele  sozialdemokratische
  Schriftsteller  sind  ja  auch  anderer  Meinung  als  die  Fraktionsredner.
  Die  Fleischteuerung  erkenne  auch  ich  an,  aber  von  einer  wirklichen
Fleischnot  hat  man  noch  nicht  allzuviel  gemerkt.  Allerdings  in  einzelnen
Vieharten,  wie  Kälbern,  besteht  in  der  Tat  auch  eine  Fleischnot.  Eine
große  Schuld  an  der  Fleischteuerung  trägt  der  verstärkte  Fleisch--genuß.
  Wer  ins  Wirtshaus  geht,  der  ißt  Fleisch,  das  bißchen  Gemüse
kommt  gar  nicht  in  Betracht.  Nun  darf  man  auch  nicht  vergessen,  daß  in
den  letzten  Jahren  olles  teurer  geworden  ist.  Dabei  ist  aber  nicht  zu  leugnen,
daß  jetzt  eine  Kalamität  herrscht,  die  aber  zu  Angriffen  gegen  die  Agrarier
und  Landwirte  keinen  Anlaß  bietet.  Es  wäre  nötig,  einmal  Material
darüber  zu  beschaffen,  welchen  Einfluß  die  Zwischenhändler  auf  die
Preisbildung  haben.  Auch  hier  darf  man  nicht  alles  über  einen  Kamm
scheren.  Ich  kenne  Kommissionäre,  die  sich  ihre  Gebühren  nach  Stück  und
nicht  nach  der  Höhe  der  Preise  bezahlen  lassen.  Diese  Leute  sagen  uns,
man  möge  doch  einmal,  wie  es  auch  Calwer  verlangt,  der  ein  sehr  aufgeklärter
  Sozialpolitiker  ist,  eine  Enquete  über  die  Einwirkung  des  Zwischenhandels
  veranstalten.  Was  aber  auch  die  Ursache  sein  möge,  jedenfalls
        <pb n="390" />
        382  %86  Pernisthe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  24.)

besteht  heute  ein  Notstand,  unter  dem  die  armen  Leute  schwer  leiden,  zumal
im  Ruhrrevier,  in  Rheinland  und  Westfalen,  wo  die  Löhne  seit  1907  erheblich
  heruntergegangen  sind.  Eine  Beseitigung  der  Viehzölle  ist  nicht
möglich,  weil  der  Zolltarif  ein  Ganzes  ist.  Bei  der  Zollermäßigung  für
Futtermittel  gehen  die  Meinungen  auseinander.  Ich  kann  es  verstehen,
daß  man  auf  den  Gedanken  kommt,  diese  Zölle  zu  ermäßigen.  Bei  einer
Ermäßigung  der  Zolliarife  würde  aber  so  gut  wie  gar  nichts  herauskommen.
Der  Konsument  würde  wahrscheinlich  gar  nichts  davon  haben.  Die  meisten
Städte  haben  nun  die  Oeffnung  der  Grenzen  verlangt.  Hier  ist  nun
der  Punkt,  wo  ich  mit  meinem  Parteifreunde  Herold  auseinandergehe.  Ich
kann  nicht  einsehen,  weswegen  wir  die  Grenzen  nicht  öffnen  wollen  nach
Holland  hin.  Sanitäre  Vorsichtsmaßregeln  sind  da  zur  Zeit  nicht  angebracht.
  Die  Verhältnisse  liegen  zurzeit  in  Holland  nicht  schlechter  als
in  Oesterreich,  von  wo  aus  die  Einfuhr  möglich  ist.  Oesterreich  ist  stark
verseucht,  von  Holland  habe  ich  von  solcher  Verseuchung  nichts  gehört.
Vom  Oktober  1907  ab  soll  Holland  nach  dem  amtlichen  Bericht  seuchenfrei
sein.  Holland  hat  auch  gute  sanitäre  Maßregeln,  das  weiß  ich  ganz  genau,
und  deshalb  verstehe  ich  nicht,  warum  wir  aus  Holland  kein  Vieh  hereinlassen
  wollen.  Wie  herrlich  schön  ist  das  holländische  Vieh.  Dieses  Vieh
ist  der  Stolz  des  Holländers.  Dem  einfachen  Bürger  fällt  es  auch  schwer,
an  die  reale  Existenz  der  Gefahren,  die  uns  geschildert  werden,  zu  glauben.
Sie  werden  auch  verstehen,  daß  sich  das  Gefühl  verbreitet,  es  muß  doch
etwas  anderes  da  mitsprechen.  Ganz  Süddeutschland  führt  aus  Frankreich
Vieh  ein,  die  Süddeutschen  fürchten  also  die  Gefahr  nicht.  Sie  erkennen
auch  die  Notwendigkeit  einer  solchen  Einfuhr  an.  Warum  folgt  hier  die
preußische  Regierung  nicht  nach.  Die  französischen  Ochsen  dürfen  nach
Mannheim  kommen,  nach  Saarbrücken  dürfen  sie  aber  nicht  gelangen.
Wenn  die  Einfuhr  aus  Frankreich  aber  möglich  ist,  dann  ist  sie  auch  möglich
  aus  Holland.  Vielleicht  könnte  man  auch  eine  Erleichterung  der  Fleischeinfuhr
  durchführen.  Könnte  man  nicht  nach  Amerika  in  die  Schlachtorte
  einen  deutschen  Tierarzt  schicken,  der  an  Ort  und  Stelle  das  Fleisch
prüft,  das  nach  Deutschland  ginge?  Dadurch  wäre  eine  Erleichterung  der
Fleischeinfuhr  leicht  möglich.  Gewiß  ist  es  richtig,  daß  wir  das  Hauptaugenmerk
  auf  die  Stärkung  der  heimischen  Produktion  richten  müssen.
Ein  Mittel  zur  Stärkung  der  Produktion  ist  die  Kultivierung  der
Moore.  Hier  kann  noch  viel  Boden  nutzbar  gemacht  werden.  Auch  sind
für  die  Viehzucht  gerade  auf  dem  Moorboden  gute  Bedingungen  vorhanden.
  Es  können  dort  Wiesen  und  Weiden  hergestellt  werden.  Für
unsere  Industriebevölkerung  ist  dann  eine  gute  billige  Ernährung  möglich
und  darauf  muß  unser  Hauptaugenmerk  gerichtet  sein.  Erreichen  wir
dieses  Ziel  nicht,  dann  degeneriert  unsere  Arbeiterschaft  zum  Schaden
unseres  Vaterlandes.  Wir  haben  hier  eine  nationale  Aufgabe,  die  nur
erschwert  wird  durch  eine  verhetzende  Agitation.  Alle  müssen  zusammenarbeiten,
  dann  werden  wir  schließlich  doch  zum  Ziele  kommen.
Landwirtschaftsminister  Frhr.  v.  Schorlemer:  Ich  muß  die  Farben
etwas  mildern,  mit  denen  uns  Herr  Trimborn  das  holländische  Vieh  geschildert
  hat.  Zum  Lobe  unserer  heimischen  Viehzucht  darf  ich  doch  darauf
aufmerksam  machen,  daß  in  Hannover  und  Schleswig-Holstein  und  in  Ostund
  Westpreußen  ein  Vieh  vorhanden  ist,  das  sich  mit  dem  holländischen
in  jeder  Weise  messen  kann.  Ich  bedaure,  dem  Rufe  nach  Oeffnung  der
holländischen  Grenze  in  absehbarer  Zeit  keine  Folge  leisten  zu  können.  Es
muß  an  der  Auffassung  festgehalten  werden,  daß  infolge  der  noch  immer
an  einzelnen  Stiellen  in  Holland  auftretenden  Maul=  und  Klauenseuche
Holland  als  seuchenfrei  nicht  angesehen  werden  könne  und  deshalb  keine
        <pb n="391" />
        Das  Denische  Reithh  und  seine  eintelnen  Glieder.  (November  24.)  383

Einfuhr  zuzugestehen  ist.  Wenn  man  auch  die  holländische  Grenze  öffnen
wollte,  würde  Holland  voraussichtlich  oder  vielmehr  sicherlich  gar  nicht  in
der  Lage  sein,  uns  so  viel  Vieh  zu  liefern,  daß  dadurch  eine  erhebliche
und  ins  Gewicht  fallende  Ermäßigung  der  Fleischpreise  eintreten  würde.
Die  Viehproduktion  ist  bei  uns  pro  Kopf  der  Bevölkerung  viel  höher  als
in  Holland.  Ich  glaube  daher,  daß  die  Einfuhr  aus  Holland  wenig  nützen
würde,  denn  an  dem  Tage,  wo  man  die  Grenze  öffnete,  könnte  unter  Umständen
  der  Markt  in  Köln  einen  Ueberschuß  an  Vieh  aufweisen.  Aber
vielleicht  würde  man  auch  dann  dort  dieselben  Erfahrungen  machen,  wie
gestern  schon  von  Mannheim  hervorgehoben  wurde.  Die  übrigen  Händler
würden  von  Köln  fernbleiben  und  das  holländische  Vieh  würde  nicht  genügen.
  Die  Einfuhr  von  Fleisch  aus  Holland  hat  in  den  letzten  Jahren
ganz  erheblich  zugenommen.  Eine  Bereicherung  kann  in  dieser  Hinsicht
kaum  noch  geschaffen  werden.  Wir  sind  gewiß  gern  bereit,  die  Fleischteuerung
  zu  mildern,  falls  uns  nur  Wege  und  Mittel  gewiesen  würden,
die  gangbar  und  brauchbar  sind.  Das  ist  aber  leider  nicht  der  Fall.  Die
Notstandstarife  würden  uns  wenig  nüten.  Eine  Ermäßigung  der  Futtermittelzölle
  würde  auch  nichts  nützen,  denn  es  sind  genügend  Futtermittel
vorhanden.  Eine  Beeinflussung  der  Fleischpreise  würde  nicht  eintreten.
Außerdem  sind  die  Zölle  mit  Ausnahme  vielleicht  von  Mais  so  niedrig,
daß  eine  weitere  Ermäßigung  nicht  angängig  ist.  Die  Aufhebung  des
Oktrois  hat  nirgends  eine  Ermäßigung  der  Preise  zur  Folge  gehabt.  Und
so  würde  es  auch  mit  anderen  Maßnahmen  gehen.  England  hat  die  Einfuhr,
  das  möchte  ich  noch  hervorheben,  von  Vieh  aus  Holland  gestattet.
Wenn  aber  weiter  auf  England  hingewiesen  wird,  so  möchte  ich  sagen,  daß
England  sich  in  der  wenig  erfreulichen  Lage  befindet,  50  Prozent  seines
Fleischbedarfs  aus  dem  Ausland  beziehen  zu  müssen.  Eine  Enquete  über
die  Zwischenhändler  wäre  nur  möglich,  wenn  man  einen  Einblick  in  die
Bücher  der  Fleischer  bekäme.  Das  würde  wohl  bestätigen,  was  man  schon
weiß,  daß  ein  großer  Teil  der  Metzger  sich  in  den  Händen  der  Kommissionäre
befindet.  Die  Probeschlachtungen,  die  angeführt  werden,  kann  ich  nicht
als  Beweismittel  anerkennen,  denn  wenn  sie  zutreffen,  dann  müßte  eine
ganze  Menge  von  Metzgern  über  Bord  gegangen  sein  und  das  trifft  doch
nicht  zu.  Es  wird  behauptet,  daß  die  Volksvermehrung  unter  der  Fleischnot
  zu  leiden  hätte.  Ich  glaube,  wegen  der  Fleischteuerung  ist  noch  kein
Kind  weniger  gezeugt  worden.  Gewiß  ist  es  wahr  und  es  ist  ein  ernstes
Wort,  was  ich  ausspreche,  daß  jetzt  von  Jahr  zu  Jahr  in  Deutschland
weniger  Kinder  gezeugt  werden.  Das  ist  aber  darauf  zurückzuführen,  daß
die  Kinderzahl  nicht  mehr  als  ein  Glück  und  Gottes  Segen,  sondern  als
eine  Last  empfunden  wird.  (Stürmische  Zurufe:  Warum!  Warum!  und
Zurufe:  Weil  der  Ernährer  nicht  genügend  Geld  hat.)  Glücklicherweise
stehen  diese  Kreise,  in  denen  diese  Anschauungen  herrschen,  Gott  sei  Dank,
der  deutschen  Landwirtschaft  immer  noch  fern.  Es  werden  von  der  Sozialdemokratie
  Flugblätter  in  aufhetzerischem  Tone  verbreitet,  die  zu  widerlegen
  ich  wohl  eigentlich  nicht  notwendig  habe.  Aber  im  übrigen  möchte
ich  sagen,  daß  ich  eine  Besserung  der  gegenwärtigen  Fleischtenerung  nur
in  der  Verstärkung  der  heimischen  Produktion  und  VBiehhaltung
sehen  kann  und  deshalb  muß  der  deutsche  Viehbestand  vor  Seuchengefahr
beschützt  werden.  Wenn  aber  fernerhin  sich  in  einzelnen  Industrieorten
noch  eine  besondere  Fleischteuerung  bemerkbar  machen  sollte,  kann  man
den  Weg  beschreiten,  den  die  Stadtverwaltungen  Coburg,  Gotha  und
Charlottenburg  eingeschlagen  haben,  die  sich  aus  Holland  und  Dänemark
Fleisch  in  größeren  Mengen  haben  kommen  lassen,  es  den  Fleischern  mit
geringem  Verdienst  zum  Verkauf  anbieten,  oder,  wenn  das  abgelehnt  wird,
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        384  JNas  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  21.)

selbst  Verkaufsstellen  errichten.  Auch  größere  Industriewerke  haben  das
mit  Erfolg  getan.  Im  übrigen  spreche  ich  die  Hoffnung  aus,  daß  die
gegenwärtige  Teuerung  nur  vorübergehend  ist,  und  daß  wir  keinen  Anlaß
haben,  für  die  Zukunft  nach  irgend  einer  Richtung  besondere  Besorgnis  zu
hegen.  (Beifall  r.  und  Zurufe  I.:  Es  bleibt  also  alles  beim  Altenl)
Abg.  Werner  (Refp.):  Eine  Klärung  der  wirklichen  Verhälknisse  ist
um  so  notwendiger,  als  gerade  auf  diesem  Gebiete  große  Uebertreibungen
und  Unwahrheiten  in  der  liberalen  Presse  vorgekommen  sind.  Herr  Trimborn
ist  gewiß  ein  guter  Anwalt,  aber  als  Anwalt  des  holländischen  Rindviehs
findet  er  meinen  Beifall  nicht.  Herr  Wiemer  hat  uns  keinen  Weg  gezeigt,
wie  der  Fleischteuerung  zu  begegnen  ist.  Er  sollte  doch  mit  seinen  Freunden
in  Berlin  anfangen  und  für  eine  Ermäßigung  der  Schlachthofgebühren  sich
bemühen.  Die  Fleischteuerung  in  Deutschland  wird  wohl  nur  eine  vorübergebende
  sein.  Ein  Seuchenschutz  ist  aber  um  so  notwendiger,  als  der  deutsche
lein-  und  Futierbauer  an  der  Viehzucht  am  meisten  interessiert  ist,  und
es  ist  nur  eine  demagogische  Verhetzung,  hier  von  agrarischen  Interessen
zu  sprechen.  Man  darf  den  Bauern  angemessene  Viehpreise  gönnen.  Läßt
man  sie  darben,  so  versündigt  man  sich  an  dem  ganzen  deutschen  Volke.
Abg.  Dr.  Rösicke  (dks.):  Ich  möchte  die  Regierung  dringend  warnen,
weiter  zu  schreiten  auf  dem  Wege,  die  Kette  unseres  deutschen  Viehschutzes
zu  durchbrechen.  Die  Erfahrungen,  die  wir  seinerzeit  mit  der  Schweiz
bezüglich  der  Maul=  und  Klauenseuche  gemacht  haben,  sollten  die  Reichsregierung
  zur  Vorsicht  mahnen.  In  Oesterreich-Ungarn  sind  50-  bis  60000
Gehöfte  verseucht.  Der  Abg.  Trimborn  hat  die  Interessen  Kölns  vertreten,
ich  hoffe  aber,  daß  seine  Wünsche  weder  jetzt  noch  nach  Weihnachten  in
Erfüllung  gehen.  Die  Herren  links  möchten  die  kleinen  Grundbesitzer  von
den  großen  trennen,  während  Herr  Dr.  Paasche  nach  beiden  Seiten  etwas
Freundliches  gesagt  hat,  der  Landwirtschaft  auf  der  einen  Seite  und  Herrn
Rießer  auf  der  anderen.  Nachdem  die  süddeutschen  Staaten  vorangegangen
sind,  wollen  jetzt  die  Städte  eine  Oeffnung  auch  der  übrigen  Grenzen,  der
holländischen  8  Da  ist  gar  kein  Ende  abzusehen.  Die  Ermäßigung  der
Futterzölle  würde  den  beabsichtigten  Zweck  nicht  erreichen  und  nur  einen
Keil  zwischen  die  Landwirte  treiben.  Es  würden  weder  die  Futtermittelnoch
  die  Fleischpreise  billiger  werden,  dagegen  die  Viehzucht  von  der  Landwirtschaft
  getrennt  werden.  Eine  weitere  Folge  wäre  die  Entwertung  des
Grund  und  Bodens,  der  die  Futtermittel  erzeugt.  Wir  kommen  damit  in
Abhängigkeit  vom  Auslande.  Was  denken  Sie  denn,  welche  Werte  der
heutige  Futterbau  repräsentiert?  Wollen  Sie  die  Futtermittel  so  weit  im
Preise  herabdrücken,  daß  der  Futtermittelbau  sich  nicht  mehr  rentiert?  Der
Heuwert  beträgt  in  Deutschland  2.2  Milliarden,  mehr  als  der  Kohlenwert.
Es  steht  wissenschaftlich  fest,  daß  Getreidebau  die  Grundlage  der  deutschen
Landwirtschaft  ist.  Sobald  der  Getreidepreis  fällt,  fällt  auch  der  Grundund
  Bodenpreis  sowohl  der  Getreide=  wie  der  Viehproduzenten.  Wir
wollen  weder  der  Bodenspekulation  Vorschub  leisten  noch  einer  künstlichen
Entwertung  des  Grund  und  Bodens.  Daran  liegt  auch  den  Arbeitern
nichts.  Nur  die  Sozialdemokraten  haben  im  oberelsässischen  Bezirkstag
eine  Notstandsbeisteuer  von  100000  Mark  für  die  Winzer  beantragt.  Daraus
ergibt  sich,  daß  die  Sozialdemokraten  den  Bedrängten  keine  wirkliche  Hilfe
gewähren,  den  Boden,  das  Eigentum  schützen,  sondern  ihnen  nur  ein
Almosen  geben  wollen.  Die  Fleischpreise  sind  nicht  überall  hoch,  es  gibt
Städte,  wo  es  billig  ist.  Und  dann  möchte  ich  Sie  auf  die  Warenhäuser
von  Tietz,  Wertheim  und  das  Kaufhaus  des  Westens  hinweisen,  wo  man
sehr  billiges  Fleisch  kaufen  kann.  Die  Spannung  zwischen  den  Viehpreisen
im  Lande  und  den  Schlachthospreisen  ist  sehr  groß.  Die  Einfuhr  französischen
        <pb n="393" />
        Das  Veutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (November  25.)  385

Viehs  nach  Mannheim  hat  tatsächlich  gar  keinen  Erfolg  gehabt.  Die
Regierung  sollte  bei  dieser  ganzen  Frage  im  Auge  behalten,  welche  enormen
Werte  in  der  Viehproduktion  stecken  und  auf  dem  Spiele  stehen.  Die
landwirtschaftliche  Produktion  im  ganzen  repräsentiert  den  Wert  der
Kohlenproduktion  der  ganzen  Welt.  Will  man  diese  Produktion  preisgeben?
Deshalb  möchte  ich  die  Regierung  bitten,  jeden  Versuch,  den  Seuchenschutz
zu  vermindern,  zurückzuweisen.  Bei  der  Beurteilung  der  Frage  der  Fleischpreise
  ist  nicht  zu  übersehen,  daß  auf  der  einen  Seite  die  Löhne  in  der
Landwirtschaft,  auf  der  anderen  Seite  in  der  Industrie  seit  den  70er
Jahren  ganz  enorm  gestiegen  sind,  und  zwar  viel  mehr  als  die  Fleischpreise.
  Wenn  die  Sozialdemokraten  von  1899  bis  1900  für  die  russischen
Revolutionäre  usw.  2¼  Millionen  ins  Ausland  haben  gehen  lassen,  so  ist
das  ein  Beweis,  daß  es  den  Arbeitern  nicht  schlecht  gehen  kann.  Die
etwaige  Lücke  in  der  Viehproduktion  kann  Deutschland  bei  einer  entsprechenden
  Hebung  der  Moorkultur  überreichlich  ausfüllen.

25.  November.  (Reichstag.)  Dritter  Tag  der  Besprechung
der  Interpellationen  über  die  Fleischnot.

Abg.  Hildenbrand  (Sd.):  Uns  wird  vorgeworfen,  wir  trieben  mit
der  Interpellation  Agitationspolitik.  Das  haben  wir  nicht  nötig.  Sie
(zur  Rechten)  besorgen  während  des  ganzen  Jahres  die  Agitation  für  uns,
unterstützt  von  dem  Instrument  des  Himmels.  Für  den  Reichskanzler
sollte  das  Wohl  des  ganzen  Volkes  entscheidend  sein.  Er  sollte  nicht  mehr
ein  Instrument  der  Junker  sein  wie  der  Landwirtschaftsminister.  Er  sollte
auch  kein  Instrument  der  Monarchie  sein,  sondern  ein  Instrument  des
Volkes.  Aber  diese  Aufgabe  hat  er  nicht  erfüllt.  Er  hat  wohl  anerkannt,
daß  eine  Fleischteuerung  besteht,  aber  er  tut  nichts  dagegen.  Die  Verteuerung
  der  Lebenshaltung  ist  kein  Wunder,  wenn  4  bis  500  Millionen  Steuern
mit  einem  Male  auf  Verbrauchsgegenstände  gelegt  werden.  Wenn  der
Reichskanzler  daran  nichts  ändern  will,  so  muß  das  Volk  sich  der  Sache
annehmen  und  die  Grundlage  für  eine  vernünftige  Steuerreform  schaffen.

Staatssekretär  Delbrück:  Mir  ist  vorgeworfen  worden,  ich  hätte
als  Staatssekretär  verleugnet,  was  ich  als  Oberbürgermeister  vertreten
habe.  Auch  Minister  Miquel  hat  eine  solche  Erfahrung  machen  müssen.
Ein  Minister,  in  dessen  Hand  die  Sorge  um  das  ganze  Land  gelegt  ist,
will  eben  anders  beurteilt  sein  als  ein  Mann,  der  an  der  Spitze  einer
Gemeinde  steht.  Der  Staatssekretär  verliest  die  Aeußerungen,  die  er  als
Oberbürgermeister  getan  hat.  Ich  glaube,  daß  der  Grundgedanke  der
damals  von  mir  vorgeschlagenen  Resolution  und  meine  Ausführungen  dazu
sich  im  wesentlichen  decken  mit  meinen  Ausführungen  in  diesem  Hause.
Wir  haben  uns  in  erster  Linie  bemüht  festzustellen,  in  welchem  Umfange
eine  bedrohliche  Teuerung  vorhanden  ist.  Mit  welcher  Sorgfalt  das  geschehen
  ist,  beweist  die  Denkschrift  des  Reichsgesundheitsamtes  und  ich  wünschte
nur,  daß  sie  mit  derselben  Sorgfalt  gewürdigt  würde,  wie  sie  aufsgestellt
worden  ist.  Das  Reichsgesundheitsamt  bestreitet,  daß  von  einer  Unterernährung
  im  allgemeinen  die  Rede  sein  kann.  Ich  gebe  zu,  daß  in  einigen
Orten  eine  Notlage  vorhanden  ist  und  daß  ein  dauernder  Rückgang  der
Ernährung  nicht  stattfinden  darf.  Wir  müssen  aber  bedenken,  ob  die  Mittel
zur  Abhilfe  nicht  im  Mißverhältnis  zum  Erfolge  stehen.  Der  Reichskanzler
steht  auf  dem  Standpunkt,  daß  die  veterinärpolizeilichen  Maßnahmen,  soweit
sie  nötig  sind,  zum  Schutze  vor  Seuchen  aufrechtzuerhalten  sind.  Und  diese
Ansicht  stützt  sich  auf  Gutachten  sachverständiger  Männer  und  auf  sorgfältige
Untersuchung.  Auch  das  Reichsgesundheitsamt  verwirft  im  Interesse  der
Viehhaltung  eine  bedingungslose  Oeffnung  der  Grenzen.  Auch  aus  sanitären

Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.  25
        <pb n="394" />
        386  JNas  Venische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (November  25.)

Gründen  widersetzt  sich  das  Reichsgesundheitsamt  einer  Aufhebung  des  §  12  des
Fleischbeschaugesetzes.  Von  allen  Ländern  hat  auch  allein  Deutschland
  einekonstante  Steigerung  seiner  Viehbestände  aufzuweisen.
Nur  diese  Steigerung  hat  es  möglich  gemacht,  dem  steigenden  Fleischbedarf
zu  entsprechen.  Wir  sind  also  nur  in  der  Lage,  unsere  heimische  Fleischversorgung
  sicher  zu  stellen,  wenn  wir  die  heimische  Fleischproduktion  sicher
stellen.  Auch  von  Amerika  ist  nicht  zu  sagen,  ob  es  uns  dauernd  mit
Fleisch  wird  versorgen  können.  Es  würde  zwar  möglich  sein,  unter  Hintansetzung
  der  ernsten  Bedenken  des  Reichsgesundheitsamtes  nus  Südamerika
Fleisch  einzuführen,  aber  wir  müßten  mit  der  Möglichkeit  rechnen,  daß  eine
solche  vorübergehende  Oeffnung  der  Grenzen  zu  Rückschlägen  führen  könnte,
die  es  mit  sich  brächten,  daß  wir  dann  noch  weniger  unsern  eigenen  Bedarf
  decken  könnten.  Nach  den  zurzeit  bestehenden  Bedenken  ist  die  Oeffnung
  der  Grenzen  unmöglich,  weil  der  Schaden  größer  wäre  als  der  Nutzen.
Die  Preise  für  Fleisch  sind  gewiß  in  den  letzten  25  Jahren  gestiegen,  aber  in
den  letzten  Tagen  sind  doch  unendlich  viele  Gründe  angeführt  worden,  die
mit  unserer  Agrarpolitik  gar  nichts  zu  tun  haben.  Gesteigerte  Anforderungen
  an  die  hygienische  und  äußere  Aufmachung  der  Schlächterläden,
Steigerung  der  Löhne  u.  a.  ist  hier  zur  Genüge  angeführt.  Die  Fleischund
  Viehpreise  sind  nicht  stärker  gestiegen  als  die  ganze  Lebenshaltung.
  Unsere  ganze  goll-  und  Wirtschaftspolitik  ist  es,  die  das  Volk
schwer  belastet,  aber  der  Ausgangspunkt  für  die  Schutzzollpolitik  war  nicht
die  Landwirtschaft,  sondern  die  Industrie.  Unsere  Zölle  haben  sich  unserer
ganzen  Wirtschaftspolitik  angepaßt.  Sie  sind  im  Laufe  der  Jahre  höher
geworden,  gewiß,  aber  auch  das  lag  in  den  allgemeinen  Verhältnissen  begründet.
  Die  Richtigkeit  einer  Wirtschaftspolitik  ist  am  besten  nach  ihren
Erfolgen  zu  berechnen.  Kann  man  nun  annehmen,  daß  ein  Land  30  Jahre
lang  eine  falsche  Wirtschaftspolitik  getrieben  habe,  dessen  Volksvermögen
sich  in  den  letzten  10  Jahren  um  durchschnittlich  10  Milliarden  vermehrt
hat?  Um  880000  Köpfe  wächst  unser  Volk  jährlich,  die  Auswanderung
  hat  fast  aufgehört.  Sie  aber  sagen,  gewiß,  der  Nutzen
sei  nur  den  Besitzenden,  nicht  den  Arbeitern  zugute  gekommen.  Auch  das
ist  nicht  richtig.  Die  Zollpolitik  hat  uns  in  die  Lage  versetzt,  über  8  Milliarden
  bis  zum  Jahre  1907  für  soziale  Versicherungen  auszugeben.  Sind  denn
die  allgemeinen  Verhältnisse  im  Laufe  der  Jahre  schlechter  geworden?  Die
Löhne  sind  35  Prozent  in  die  Höhe  gegangen  und  die  allgemeinen  Lebensaufwendungen
  nur  um  22  Prozent.  Das  ist  doch  gewiß  kein  schlechtes
Zeichen.  Das  Wort  von  der  Verelendung  der  Massen  ist  vollkommen  unrichtig.
  Das  hat  auch  ein  für  die  Linke  so  maßgebender  Zeuge  wie  Sombart
anerkannt.  Von  einem  Massenelend  wie  in  anderen  Ländern  kann  bei  uns
gar  nicht  gesprochen  werden.  Arbeiterfeindlich  war  unsere  Wirtschaftspolitik
nicht;  das  hat  auch  Adolf  Wagner  wiederholt  betont.  Aus  dem  vorübergehenden
  Anlaß,  über  den  wir  hier  gesprochen  haben  in  diesen  Tagen,
darf  man  nicht  zu  dem  Entschluß  kommen,  an  unserer  Zollpolitik  zu  rütteln.
Ich  sage  das  nicht,  weil  ich  in  Abhängigkeit  von  irgendwelchen  Klassen
stehe,  sondern  weil  ich  das  Gesamtinteresse  des  deutschen  Volkes  vertrete.
Ich  kann  nur  dem  Wunsche  Ausdruck  geben,  daß  das  deutsche  Volk  uns
einen  Reichstag  auch  später  hierherschicken  wird,  der  diese  Dinge  erkennt
und  an  unserer  Wirtschaftspolitik  festhalten  wird.  (Lebhafter  Beifall  r.
Zuruf  d.  Sd.:  Schneiden  Sie  sich  nur  nicht!)

Abg.  Wachhorst  de  Wente  (Nl.):  Die  Denufkschrift  des  kaiserlichen
Gesundheitsamtes  war  außerordentlich  dankenswert.  Ich  bin  mit  den  Ausführungen
  des  preußischen  Landwirtschaftsministers  und  des  Staatssekretärs
Delbrück  vollkommen  einverstanden.  Beide  haben  sich  damit  die  Sympathien
        <pb n="395" />
        ILIIIIIEIIIITIITIIIIE—

der  Bauern  erneut  erworben  und  werden  sie  auch  behalten.  Aber  ich  erkenne
  auch  das  Bestehen  einer  Fleischteuerung  an.  Es  ist  schwer  für  die
kleinen  Leute,  sich  ihren  Lebensunterhalt  zu  erwerben.  Aber  das  darf  noch
nicht  zur  Oeffnung  der  Grenze  führen.  Daß  es  den  kleinen  und  mittleren
Bauern  heute  einigermaßen  gut  geht,  das  verdanken  sie  nicht  dem  Bund
der  Landwirte,  sondern  den  Nationalliberalen,  die  den  jetzigen  Zolltarif
geschaffen  haben.  Die  Hauptsache  für  eine  weitere  Förderung  der  Viehzucht
ist  die  innere  Kolonisation.  Wir  sind  durchaus  bereit,  die  innere  Kolonisation
  zu  unterstützen.  Im  Osten  unseres  Vaterlandes  haben  wir  eine
glänzende  innere  Kolonisation.  Der  Bund  der  Landwirte  hat  aber  indirekt
darauf  eingewirkt,  diese  innere  Kolonisation  hintanzuhalten.

Abg.  Kobelt  (Wildl.):  Sie  sprechen  so  viel  von  der  Unterstützung
des  Mittelstandes.  Ja,  wenn  der  Handwerker  nicht  mitgeht  mit  den  Forderungen
  der  Zeit,  dann  kommt  er  unter  die  Räder.  (Sehr  richtig!  l.)
Ich  glaube,  Sie  alle,  wie  Sie  sich  hier  versammelt  haben,  gehen  nicht  zum
Fleischer  und  nehmen  sich  Ihr  Fleisch  mit,  sondern  lassen  es  sich  zuschicken.
Das  kostet  Geld.  Dann  brauchen  wir  Telephon,  das  kostet  auch  Geld.
(Sehr  richtig!  I.)  Der  Minister  v.  Schorlemer  hat  gesagt,  bei  einer  Enquéête
über  die  Preisbildung  müsse  in  die  Bücher  der  Fleischer  Einsicht  gestattet
werden.  Meine  Bücher  können  Sie  sehen  und  Sie  werden  finden,  daß  ich
während  der  letzten  zwei  Jahre  mit  Verlust  gearbeitet  habe.  Es  ist  gesagt
worden,  das  Schweinefleisch  sei  im  Ueberfluß  da.  Ich  habe  noch  nichts
davon  gemerkt.  Dadurch,  daß  die  Rinder  so  teuer  sind,  gehen  auch  die
Schweinepreise  nicht  zurück.  Heute  wird  alles,  was  man  einigermaßen  aus
Schweinefleisch  machen  kann,  von  den  Schlächtern  auch  aus  diesem  gemacht.
Der  Fehler  ist,  daß  die  königlichen  Domänen  kein  Vieh  mehr  halten.  Den
Pächtern  müßte  es  aber  auch  zur  Bedingung  gemacht  werden,  daß  Vieh
gehalten  wird.  Dann  ist  es  nötig,  daß  wir  in  unseren  Kolonien  mehr
Vieh  züchten.

Abg.  Linz  (Rp.):  Die  Fleischteuerung  ist  nicht  zu  bestreiten  und  sie
ist  in  Verbindung  mit  der  allgemeinen  Steigerung  der  Kosten  der  Lebenshaltung
  zu  einer  wahren  Volkskalamität  geworden,  unter  der  die  Arbeiter
und  kleinen  Beamten  schwer  zu  leiden  haben.  Von  einer  bedingungslosen
Oeffnung  der  Grenze  kann  natürlich  keine  Rede  sein,  aber  in  manchen
Fällen  steht  man  dieser  Frage  doch  zu  ängstlich  gegenüber.  Einseitige
agrarische  Interessen  dürfen  nicht  maßgebend  sein  und  wenn  man  rechtzeitig
  mit  mehreren  kleinen  Mitteln  zur  Linderung  der  Fleischnot  eingegriffen
  hätte,  so  hätte  das  mindestens  seine  moralische  Wirkung  nicht
verfehlt.  Es  wäre  gut,  wenn  die  Regierung  eine  eingehende  Enquete  zur
Feststellung  der  Ursachen  der  großen  Spannung  zwischen  den  Produktionsund
  Verkaufskosten  des  Fleisches  veranstaltete.  Dann  würden  sich  auch  die
Wege  zur  Abhilfe  ergeben.

Abg.  Wölzl  (Nl.):  Selbstverständlich  müsse  die  heimische  Viehproduktion
  geschützt  werden,  denn  sie  sei  die  Grundlage  für  die  Volksernährung,
  aber  die  jetzige  Lage  sei  so,  daß  die  Regierung  unbedingt  eingreifen
  müsse.

Abg.  Hahn  (K.):  Die  ausländischen  Futtermittel  können  wir  nur
aus  großen  nationalen  Rücksichten  zulassen,  denn  wenn  sie  bedingungslos
zugelassen  werden,  so  würde  die  entsprechende  Produktion  der  heimischen
Landwirtschaft  vollständig  entwertet  werden.

Abg.  Fegter  (Fortschr.  Vp.):  Bei  der  Abstimmung  über  den  letzten
Zolltarif  wollte  der  Bund  der  Landwirte  für  sämtliche  Getreidesorten  den
Zoll  von  7.50  Mark,  auch  für  Futtergerste.  Im  Herzen  sind  diese  Herren
die  ärgsten  Feinde  der  inneren  Kolonisation.  Am  wichtigsten  in  der  Rede

257
        <pb n="396" />
        388  Jos  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  25.)

des  Herrn  Dr.  Hahn  ist  das,  was  er  nicht  gesagt  hat.  Warum  hat  er  denn
nicht  auf  die  Fideikommisse  hingewiesen,  die  doch  besseres  Land  aufweisen
als  Heide  und  Moor.  Warum  will  er  denn  nicht  da  seine  inneren  Kolonisationswünsche
  betätigen,  wo  fast  drei  Millionen  Hektar  Land  an  Tausende
von  kleinen  und  mittleren  Bauern  aufgeteilt  werden  könnten.  Daran
rühren  freilich  die  Herren  vom  Bund  der  Landwirte  nicht,  im  Gegenteil,
das  Bauernlegen  nimmt  immer  mehr  zu.  Von  den  heute  bestehenden  Fideikommissen
  existieren  drei  Fünftel  erst  seit  1850,  und  namentlich  in  den
letzten  Jahren  sind  sehr  viel  neue  gebildet  worden.  In  den  Jahren  1906
und  1907  je  18.  Man  kann  die  Beobachtung  machen,  daß  immer  in  den
Jahren,  wo  die  Getreidepreise  hoch  waren,  besonders  viele  Fideikommisse
gebildet  wurden.  Hohe  Getreidepreise  stärken  also  den  Großgrundbesitz  und
schwächen  den  kleinen.  Durch  das  Anerbenrecht  suchte  man  weiterhin  einen
privilegierten  Kreis  von  Grundbesitzern  zu  schaffen,  lediglich  in  der  Absicht,
daß  sie  immer  dem  Großgrundbesitz  nachfolgen.  Es  wäre  leicht  möglich,
genügend  Fleisch  in  Deutschland  zu  produzieren,  wenn  man  die  Vorbedingungen
  dazu  schaffte  und  die  Hindernisse  beseitigte.  Man  brauchte
nur  die  Axt  an  den  längst  zum  Fällen  reifen  Baum  aus  der  Feudalzeit
zu  legen  und  an  Stelle  der  Fideikommisse  kleinen  und  mittleren  Grundbesitz

zu  schaffen.
25.  November.  (Reichszuwachssteuer-Kommission.)

Bei  Beginn  der  dritten  Lesung  gibt  der  Schatzsekretär  Wermuth
folgende  Erklärung  ab:  Alle  Parteien  haben  sich  im  Laufe  der  Beratung
der  Reichsfinanzreform  dem  Gedanken  einer  Wertzuwachssteuer  sympathisch
gegenüber  gestellt,  während  die  Finanzverwaltung  selbst  anfangs  sich  zögernd
verhielt.  Der  §  19  des  Reichsstempelgesetzes  habe  dann  ein  gesetzliches
Mandat  zum  Erlaß  eines  solchen  Gesetzes  gegeben  und  auch  die  verbündeten
Regierungen  zur  Einbringung  des  Gesetzes  in  bestimmter  Frist  angehalten,
dessen  Formulierung  der  Zukunft  vorbehalten  blieb.  Nachdem  bei  der  Vertagung
  die  in  zweiter  Lesung  von  der  Kommission  durchberatene  Vorlage
nicht  habe  zum  Abschluß  gebracht  werden  können,  habe  die  Finanzverwaltung
versucht,  in  Erörterungen  mit  Sachverständigen  und  Interessenten  einzutreten.
  Man  habe  Angehörige  der  Bank--  und  Börsenkreise,  der  Industrie
und  des  Bergbaues,  des  Grundstückhandels,  des  Hausbesitzes,  der  Kommunen,
der  Handels-  und  Handwerkskammern  und  naturgemäß  auch  Sachverständige
aus  landwirtschaftlichen  Kreisen  gehört.  Wenn  auch  vielfach  Bedenken  und
teilweise  direkte  Ablehnung  der  Interessenten  hervorgetreten  seien,  so  habe
sich  doch  schließlich  eine  Abschwächung  des  prinzipiellen  Widerstandes  ergeben.
  Wenn  hier  in  Berlin  morgen  eine  große  Protestversammlung  der
Haus=  und  Grundbesitzervereine  stattfinde,  um  einen  tausendstimmigen
Protest  zum  Ausdruck  zu  bringen,  so  sei  es  ihm  doch  ganz  interessant  gewesen,
  daß  aus  den  Kreisen  des  Terrainhandels  sowohl  wie  aus  einzelnen
großen  Verbänden  der  Haus=  und  Grundbesitzer  ihm  Stimmen  entgegengetreten
  seien,  die  sich  nicht  so  auf  eine  grundsätzliche  Bekämpfung  des
Gesetzes  richten,  sondern  nur  auf  Aenderung  von  Einzelheiten.  Namentlich
in  der  Landwirtschaft  habe  der  Grundgedanke  des  Gesetzes  Verständnis  gefunden.
  In  Aeußerungen  hervorragender  Sachverständiger  komme  zum
Ausdruck,  daß  in  Perioden  allgemeiner  Wertsteigerung  sehr  leicht  der  gewerbsmäßige
  und  gelegentliche  Güterhandel  die  Güterpreise  ungesund
steigere,  daß  vielfach  mittlere  und  kleinere  Güter  überzahlt  würden  und
die  kaufenden  Landwirte  dann  in  eine  wirtschaftliche  Lage  kommen,  die  sich
beim  Rückgang  der  landwirtschaftlichen  Rente  zur  Krise  gestalten  müsse.
Eine  Wertzuwachssteuer  könne  dem  unreellen  Grundstückshandel  vorbengen.
        <pb n="397" />
        Das  NVeenische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  25.)  389

So  spreche  sich  auch  der  Vorsitzende  der  ostpreußischen  Landwirtschaftskammer
  aus.

Jüngst  habe  die  Reichsfinanzverwaltung  Erhebungen  angestellt,  ob
in  den  Gemeinden  besonders  schädigende  Erscheinungen  hervorgetreten
seien.  Ueber  300  Gemeinden  hätten  auf  Grund  von  14000  Veranlagungen
berichtet.  Die  befürchteten  wirtschaftlichen  Nachteile  seien  nicht  hervorgetreten,
  nur  ganz  vereinzelte  Gemeinden  glaubten  infolge  der  Wertzuwachssteuer
  eine  Einschränkung  der  Bautätigkeit  oder  einen  Uebergang  der
Terraingesellschaften  zum  eigenen  Bau  festgestellt  zu  haben.  Verschiedentlich
werde  allerdings  der  Versuch  einer  Abwälzung  auf  den  Käufer  festgestellt.
Eine  Wirkung  im  Sinne  einer  Steigerung  der  Grundpreise  hätten  aber
nur  sieben  Gemeinden  beobachten  zu  können  geglaubt.

Der  Schatzsekretär  bemühte  sich  sodann,  die  Berechtigung  der  Wertzuwachssteuer
  als  Besitzsteuer  darzulegen  und  den  Nachweis  zu  führen,
daß  das  Reich  ein  Recht  auf  einen  Anteil  an  der  Steuer  hat.  Es  sei  ja
anzuerkennen,  was  die  Gemeinden  durch  Straßenanlagen,  Kanalisation,
Elektrizitäts=  und  Gaswerke,  Straßenbahnen  usw.  geschaffen  hätten,  aber
das  seien  doch  nur  kleine  oberflächliche  Steigerungen  im  Verhältnis  zu  dem
gewaltigen  Einfluß,  den  der  mächtige  Ausschwung  des  Reiches  seit  1870
gebracht  habe.  Auch  die  Gesetzgebung  habe  mitgewirkt,  die  Freizügigkeit
in  den  Städten,  die  Zollgesetzgebung  auf  dem  Lande.  Wenn  der  Einwand
gemacht  werde,  die  Gemeinden  könnten  die  lokalen  Verhältnisse  besser  berücksichtigen
  als  das  Reich,  so  brauchte  man  nur  die  verschiedenen  Steuerordnungen
  zu  vergleichen.  Sie  seien  nach  bestimmter  Schablone  ausgearbeitet.
Eine  Verschiedenheit  trete  nur  hervor,  in  welchem  Maße  sich  lokale  Interessen
gegenüber  dem  Steuergedanken  geltend  gemacht  haben.  Wenn  Köln  bis  1905,
Magdeburg  bis  1904,  Breslau  und  Berlin  bis  1895  zurückgreifen,  die  viel
kleineren  und  in  langsamerer  Entwicklung  begriffenen  Städte  Hildesheim
bis  1876,  Liegnitz  bis  1870,  so  habe  das  nicht  in  den  lokalen  Verhältnissen
den  Grund,  sondern  lediglich  in  der  Stärke  der  Gruppe,  die  den  Ausschlag
gibt.  Man  könne  im  Gegenteil  sagen,  und  das  trete  auch  in  den  Aeußerungen
  der  Grundstücksinteressenten  hervor,  es  sei  nicht  wünschenswert,  den
lokalen  Machtverhältnissen  einen  zu  großen  Spielraum  einzuräumen  Jedenfalls
  sei  es  nicht  richtig  zu  sagen,  lokale  Ordnung  sei  zur  Handhabung
des  Gesetzes  nötig,  um  den  besonderen  Verhältnissen  bei  der  Schätzung
Rechnung  tragen  zu  können.  Die  Reichssteuerverwaltung  habe  schon
schwierigere  Aufgaben  gelöst.  Auch  sie  sei  in  der  Lage,  zur  Verhütung
von  Prozessen  einen  Ausgleich  zwischen  Zensiten  und  Steuerbehörde  stattfinden
  zu  lassen.

Entscheidend  sei  aber  für  das  Reich  der  Steuerbedarf.  Man
wird  sich  des  näheren  darüber  beim  Etat  unterhalten  müssen.  Der  Etat
1911  balanziere  nur,  wenn  zur  Deckung  der  neuen  Anforderungen  der
Heeresvorlage  8  Millionen  und  für  die  Veteranenbeihilfe  5  Millionen  aus
den  Erträgnissen  der  Zuwachssteuer  bereitgestellt  würden.  Der  Bedarf  der
Heeresverwaltung  sei  für  ein  neues  Quingquennat  festgestellt  und  ergäbe
einen  allmählich  steigenden  Bedarf,  der  sich  auf  durchschnittlich  20  Millionen
stellt.  Die  Wertzuwachssteuer  müsse  also  zu  einer  Höhe  kommen,  die  diesen
steigenden  Bedarf  decken  könne.  Das  Reichsschatzamt  habe  auf  Grund  der
in  der  Zwischenzeit  bei  den  Bundesregierungen  und  Gemeinden  angestellten
Erhebungen  eine  neue  Schätzung  versucht.  Früher  habe  man  mit  15  bis
20  Millionen  gerechnet,  so  daß  sich  für  das  Reich  7  bis  10  Millionen  ergeben
  würden  unter  Berücksichtigung  der  an  die  Gemeinden,  die  die  Steuer
schon  früher  eingeführt  hattlen,  zuzuwendenden  Entschädigung.  Jetzt  sei
berechnet  worden,  daß  die  Erträgnisse  der  Wertzuwachssteuer  sich  auf  30  Mil-
        <pb n="398" />
        390  HNos  Veutsche  Reich  und  seine  einfelnen  Glieder.  (November  26.)

lionen  belaufen  würden.  Es  würden  also  dem  Reich  1911  15  Millionen
zur  Verfügung  stehen.  Wir  hoffen,  so  fuhr  der  Staatssekretär  fort,  daß
die  weiteren  Verhandlungen  der  Kommission  den  Ertrag  noch  etwas  steigern
werden.  Wir  haben  18  Millionen  eingesetzt.  Hiervon  gehen  4  bis  5
Millionen  für  die  Gemeinden  ab.  Berücksichtigt  ist  hierbei  die  rückwirkende
Kraft  für  1910,  während  andererseits  1911  nach  den  Erfahrungen,  die  wir
früher  gemacht  haben,  noch  nicht  die  vollen  Erträge  eingehen  werden.  Für
shtere  Jahre  ist  mit  einem  Ertrage  für  das  Reich  von  20  bis  22  Millionen
gerechnet.

Die  Kommission  ist  in  der  Abschwächung  des  Ganzen  sehr  weit
gegangen.  Der  Schatzsekretär  nannte  dabei  die  §§  10,  15  und  20  und  legte
an  ein  paar  Beispielen  dar,  was  diese  Abschwächung  bedeute;  es  würden
darnach  erhebliche  Wertsteigerungen  gar  keine  Steuer  zu  zahlen  haben,
weil  ein  fiktiver  Verlust  errechnet  werde.  In  diesem  Sinne  äußerten  sich
auch  verschiedene  der  Verbündeten  Regierungen,  bei  denen  die  Steuer  eingeführt
  ist.  Es  kommt  hier  in  Betracht:

1.  die  Kombination  der  jährlichen  Ermäßigung  des  Steuerbetrages
um  1  Prozent  mit  der  Steuerfreiheit  einer  Quote  des  Zuwachses,  wodurch
die  Urbesitzer  bevorzugt  werden;

2.  der  Abzug  von  5  Prozent  für  eigene  Tätigkeit,  selbst  wo  solche
gar  nicht  stattgefunden  hat,  ein  Abzug,  der  vom  Architektenhonorar  des
Baumeisters  ausgegangen  war;

3.  die  erheblichen  Herabsetzungen  der  Steuersätze  für  kurzfristigen
Zuwachs,  obwohl  gerade  hier  die  großen  Gewinne  der  Spekulation  liegen;

4.  die  allgemeine  Zulassung  einer  3prozentigen  Verzinsung  für  den
Grundbesitz,  obwohl  gerade  dadurch  die  bauliche  Erschließung  zurückgehalten
werden  könne.

Die  dritte  Lesung  der  Kommission  lasse  ja  die  Möglichkeit  zu,  die
Frage  nochmals  ernstlich  zu  prüfen,  ob  nicht  ohne  Schädigung  berechtigter
Interessen  durch  schärfere  Anziehung  der  Steuersätze  möglich  sei,  die  von
den  Verbündeten  Regierungen  erwarteten,  für  die  Balance  des  Etats  unbedingt
  notwendigen  Erträgnisse  zu  erreichen.

26.  November.  (Reichstag.)  Besprechung  der  Interpellation
über  die  Kaiserreden  (s.  22.  Nov.).

Abg.  Ledebour  (Sd.)  (von  der  Rechten  mit  Huh-Rufen  empfangen):
Der  Kaiser  hat  es  für  geraten  gehalten,  sich  wiederum  zu  dem  persönlichen
Regiment  zu  bekennen  und  sich  darnach  zu  betätigen.  Er  hat  auch  gesagt,
wir  müßten  unsere  Rüstung  lückenlos  erhalten,  denn  nur  auf  unserer
Rüstung  beruhe  der  Frieden.  Diese  Behauptung  ist  zunächst  falsch,  der
Friede  der  Welt  beruht  in  der  Hauptsache  darauf,  daß  alle  Kulturvölker
sich  immer  mehr  dem  Gedanken  des  Friedens  zuwenden  und  die  Möglichkeit
des  Krieges  verabscheuen.  Besonders  die  sozialdemokratische  Bewegung  tut
das,  deren  Gewicht  außerordentlich  in  die  Wagschale  fällt.  Auch  bürgerliche
  Kreise  treten  mit  Entschiedenheit  für  den  Frieden  ein.  Ich  will  nur
den  Dichter  Tolstoi  nennen,  der  den  Krieg  kennen  gelernt  hat  als  Soldat.
Er  kennt  ihn  nicht  von  Paraden  auf  dem  Tempelhofer  Feld  und  vom
Kaisermanöver  her.  Auch  die  Vertreter  des  Deutschen  Reiches  wollen  den
Frieden.  Diese  Bestrebungen  durchkreuzt  der  Kaiser.  Er  betätigt  sich  also
wiederum  politisch.  (Die  Konservativen  verlassen  zum  größten  Teil  den
Saal.)  Es  ist  also  eine  bewußte  Durchkreuzung  seines  Versprechens.  Ueber
unsere  sozialdemokratischen  Ziele  herrscht  kein  Zweifel.  Wir  sind  eine
republikanische  Partei.  Auch  in  Deutschland  wird  der  Geist  der  Zeit  siegen.
Auch  bei  uns  wird  es  dazu  kommen,  daß  das  parlamentarische  Regierungs-
        <pb n="399" />
        Das  Dentsche  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  26.  3091

system  erscheint.  Wollen  wir,  so  können  wir  etwas  erreichen.  Und  wenn
in  diesen  Kämpfen,  die  uns  bevorstehen,  „die  Welt  voll  Teufel  wäre,  es
wird  uns  doch  gelingen!“

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Die  Interpellation  geht
von  der  Annahme  aus,  der  Kaiser  habe  im  November  1908  dem  Reichstag
durch  den  Reichskanzler  Fürsten  Bülow  Erklärungen  gegeben,  mit  denen
er  sich  durch  die  jetzige  Rede  in  Widerspruch  gesetzt  habe.  Diese  Annahme
ist  falsch.  (Gelächter  l.)  Im  Anschluß  an  die  Debatten,  die  hier  im  Reichstage
  geführt  worden  sind,  ist,  wie  der  Abg.  Ledebour  es  auch  ausgeführt
hat,  durch  den  „Reichsanzeiger“  mitgeteilt  worden,  daß  der  Kaiser  dem
Fürsten  Bülow  unter  Billigung  seiner  Ausführungen  im  Reichstage  und
unter  Bekundung  seines  andauernden  Vertrauens  seinen  Willen  dahin  kundgegeben
  hat,  daß  er  unbeirrt  durch  die  als  ungerecht  empfundene  Uebertreibung
  der  öffentlichen  Kritik  seine  vornehmste  Aufgabe  darin  erblicke,
die  Stetigkeit  der  Politik  des  Reiches  unter  Wahrung  der  verfassungsmäßigen
  Verantwortlichkeiten  zu  sichern.  (Lebhafte  Zustimmung  r.)  Mit
dieser  Erklärung  im  „Reichsanzeiger"  ist  der  Oeffentlichkeit  gegenüber  eine
Mitteilung  darüber  erfolgt,  wie  der  Kaiser  seine  staatsrechtliche  Stellung
und  die  Pflichten  seines  Herrscherberufes  auffaßt.  Mit  dieser  Auffassung
hat  sich  der  Kaiser  und  König  nicht  in  Widerspruch  gesetzt  und  er  hat  es
insonderheit  nicht  getan  —  das  stelle  ich  weiter  fest  —  durch  die  Aeußerungen,
  die  er  seitdem  getan  hat.  Trotz  der  sehr  eingehenden  Darlegungen
ist  der  Abg.  Ledebour  den  Gegenbeweis  schuldig  geblieben.  Es  ist  mir
völlig  unerfindlich,  wie  man  aus  der  Beuroner  Ansprache,  aus  einer  Ansprache
  an  die  Rekruten,  aus  den  Aeußerungen,  die  der  Kaiser  in  Königsberg
  über  den  Beruf  der  Frau,  über  die  Friedensbürgschaften,  die  eine
starke  Wehr  liefert,  ich  sage,  es  ist  mir  unerfindlich,  wie  man  aus  diesen
Aeußerungen  folgern  will,  daß  der  Kaiser  die  Grenze  seines  konstitutionellen
Herrscheramtes  überschritten  oder  die  Stetigkeit  der  Politik  und  die  Autorität
  der  Krone  gefährdet  habe.  (Lebhaftes  Sehr  richtig!  r.  und  i.  Z.)
Die  Königsberger  Rede,  die  der  König  von  Preußen  vor  Angehörigen
einer  preußischen  Provinz  gehalten  hat,  enthält  nicht,  wie  man  gesagt  hat,
eine  Betätigung  absolutistischer,  mit  unserem  Verfassungsrecht  unvereinbarer
Anschauungen,  wohl  allerdings  eine  starke  Betonung  desjenigen  monarchischen
Prinzips,  auf  dem  das  preußische  Staatsrecht  beruht  (Erneutes  Sehr
richtig!  r.),  verbunden  mit  dem  Ausdruck  tiefer  religiöser  Ueberzeugung,
die  in  weiten  Schichten  des  Volkes  verstanden  und  geteilt  wird.  (Sehr
wahrl)  Die  Könige  von  Preußen  sind  in  einer  jahrhundertelangen  Entwicklung
  mit  ihrem  Volke  verwachsen.  Diese  Entwicklung  hat  sich  nicht  so
vollzogen,  daß  das  Volk  es  gewesen  wäre,  das  sich  ein  Königtum  gestattet
hätte.  Nein,  in  einer  fast  beispiellosen  historischen  Arbeit  großer  Herrscher
aus  dem  Hause  Hohenzollern,  die  in  der  Tüchtigkeit  und  Zähigkeit  der  Bevölkerung
  eine  lebendige  Stütze  fanden,  ist  das  preußische  Staatswesen  zusammengeschmiedet
  worden  und  auf  der  Grundlage  dieser  Entwicklung  sind
die  Preußenkönige  ihrem  Volke  gegenüber  Könige  aus  eigenem  Rechte.  (Heiterkeit.)
  Ihr  Gelächter  stört  mich  nicht,  und  wenn  in  heutiger  Zeit  sich  das
Bestreben  geltend  macht,  auch  in  Preußen  den  König  wie  einen  vom  Volke
gestellten  Würdenträger  zu  behandeln,  so  darf  man  sich  nicht  wundern,
wenn  der  König  das  Bewußtsein,  kein  Volkssouverän  zu  sein,  entschieden
betont.  Persönliche  Unverantwortlichkeit  des  Königs,  Selbständigkeit  und
Ursprünglichkeit  des  monarchischen  Rechts,  das  sind  die  Grundgedanken
des  preußischen  Staatswesens,  die  auch  in  der  Periode  konstitutioneller
Entwicklung  lebendig  geblieben  sind.  Gibt  ihnen  der  König  von  Preußen
in  der  altpreußischen  Krönungsstadt  in  der  durch  die  alte  Tradition  ge-
        <pb n="400" />
        392  Jaes  Fenische  Reich  uar  seine  einjelnen  Glieder.  (November  26.)

heiligten  Form  vom  Gottesgnadentum  Ausdruck,  beruft  er  sich  auf  sein
Christentum  als  die  Richtschnur  seines  Handelns,  so  geschieht  es  im  Bewußtsein
  von  der  Fülle  seines  Rechts  und  (mit  starker  Betonung)  seiner
Pflichten.  (Sehr  wahr!)  In  dieser  Auffassung  von  der  Stellung  des  Kaisers
und  Königs  stehe  ich  aber  auf  verfassungsmäßigem  Boden.  Diesen  Boden
werde  ich  festhalten  und  ich  werde  ihn  verteidigen  getreu  der  mir  obliegenden
  Verantwortung,  wie  sie  mir  durch  mein  Amt  und  meine  Ueberzeugung
bestimmt  werden.  (Lebhaftes  Bravo  r.)

Abg.  v.  Hertling  (3.):  Es  fehle  zu  der  Interpellation  jeder  Anlaß.
  Der  Kaiser  habe  durch  seine  Rede  nichts  verletzt,  was  er  früher  versprochen
  hatte.  Der  Redner  polemisierte  weiter  unter  starker  Betonung
monarchistisch-christlicher  Anschauungen  gegen  Ledebour.

Abg.  v.  Heydebrand  erklärt  namens  der  Konservativen  kurz  und
bestimmt,  es  sei  keinerlei  Anlaß  zu  einer  Interpellation  vorhanden.  Die
Art,  wie  bei  dieser  Gelegenheit  und  dauernd  die  Umsturzpartei  den  Kaiser
beleidige  und  gegen  alles  wühle,  was  dem  Volke  hoch  und  heilig  sei,  lege
der  Reichsregierung  die  Pflicht  auf,  zum  Schutze  der  Staatsordnung  und
der  Freiheit  der  Bürger  an  Abwehrmaßregeln  zu  denken.  Er  stellte  dies
Verlangen  mit  besonderem  Nachdruck  und  direkt  (nach  dem  Reichskanzler
gerichtet,  der  aber  zunächst  nicht  antwortete).

Abg.  Bassermann  wollte  den  Wert  der  Erklärungen  vom  November
1908  nicht  vermindert  wissen.  Die  Sache  liege  aber  jetzt  anders.  Die  letzten
Reden  und  Aeußerungen  des  Kaisers  verletzten  jedenfalls  nicht  die  Verfassung.
(Wiewährend  Ledebours  Rede  verließen  die  Konservativen  fast  sämtlich  den  Saal.)

Abg.  v.  Payer  (Fortschr.  Vp.)  prüfte,  1.  ob  die  Aeußerungen  des
Kaisers  den  verfassungsmäßigen  Zuständen  im  Reich  entsprechen,  2.  ob  sie
mit  den  Bürgschaften  vom  November  1908  vereinbar  sind.  In  erster
Hinsicht  erinnerte  er  daran,  daß  der  Kaiser  selbst  das  Wort  vom  Instrument
des  Herrn  doch  in  Marienburg  erheblich  abzuschwächen  für  angebracht
gehalten  habe.  Die  Verfassung  sei  notwendig  auch  gegenüber  einem  Fürsten,
der  sein  Recht  von  Gott  ableite.  Auch  habe  MWilhelm  I.  die  deutsche  Kaiserkrone
  nicht  kraft  eigenen  Rechts,  sondern  durch  den  Willen  des  deutschen
Volkes  und  der  deutschen  Fürsten  erhalten.  Pflicht  des  Reichstags  sei  es,
gegen  staatsrechtliche  Auffassungen,  die  geschichtlich  überwunden  sind,  Protest
zu  erheben.  Im  November  1908  seien  die  Abmachungen  mit  dem  Kaiser
wie  dem  Reichstag  auch  dem  preußischen  Staatsministerium  mitgeteilt
worden.  Sie  sprachen  von  der  Wahrung  der  „verfassungsmäßigen  Verantwortlichkeiten“.
  Die  allgemeine  Meinung  sei  über  den  Sinn  der  damaligen
  Zusagen  nicht  zweifelhaft  gewesen.  Wer  könne  bestreiten,  daß  die
in  der  Königsberger  Rede  enthaltene  Theorie  vom  persönlichen  Regiment
jenem  Sinn  zuwiderzulaufen  scheine?  Und  liegt  die  Beuroner  Rede  in  der
Richtung  der  herrschenden  Politik  und  ihrer  Tätigkeit?  Oder  soll  das
Jesuitengesetz  jetzt  ausgehoben  werden?  Wenn  man  die  Erklärungen  von
1908  nicht  als  Abkommen  gelten  lassen  will  —  sind  denn  Erklärungen
der  Krone  ein  annahmepflichtiges  Geschäft?  Mit  der  steigenden  Zahl  der
Reden  nimmt  die  Bedeutung  der  Reden  mindestens  für  die  Außenwelt  ab.
Das  gilt  für  Abgeordnete  wie  den  Kaiser.  Und  Sache  des  Reichskanzlers
wäre  es,  dafür  zu  sorgen,  daß  man  die  Reden  des  Kaisers  nicht  als  etwas
Alltägliches  aufnimmt.

Abg.  David  (Sd.):  Kein  Gottesgnadentum,  sondern  eine  Vertragskrone
besteht  in  Deutschland.  Auch  der  Reichstag  ist,  wenn  man  so  will,  von  Gottesgnaden
  da  und  dann  auch  wir  Sozialdemokraten.  (Heiterkeit  und  Beifall.)

Abg.  Dirksen  (Rp.):  Diese  Interpellation  ist  eine  überflüssige  Zeitvergendung.
        <pb n="401" />
        Das  Beesche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (November  26.—28.)  393

Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg  (W.  V.)  liest  eine  Erklärung
seiner  Parteifreunde  vor,  in  der  es  heißt:  1.  Wir  wünschen  weder  für
Preußen  noch  für  das  Reich  ein  parlamentarisches  System,  sondern  ein
freies  und  starkes  Königtum.  2.  Wir  bekämpfen  die  ganz  unzulässigen
Versuche,  dem  Kaiser  andere  Grenzen  zu  ziehen  als  diejenigen,  die  sich  aus
diesen  ersten  Sätzen  ergeben.  3.  Wir  verurteilen  jede  internationale  Hetze,
die  sich  an  die  Reden  des  Kaisers  anzuschließen  pflegt  und  verurteilen
ebenso  schroff  alle  Versuche  im  Sommer  dieses  Jahres,  die  dem  Kronprinzen
erwehren  wollten,  daß  er  zu  der  deutschen  Jugend  spreche  und  ihr  gute
Lehren  gebe.  4.  Die  Mehrheit  des  preußischen  Volkes  hat  ihren  Kaiser
gut  verstanden.  Wir  glauben  nach  wie  vor,  daß  ein  starkes  Preußen  die
unentbehrliche  Stütze  des  Deutschen  Reiches  war,  ist  und  bleiben  muß.

Auf  eine  Interpellation  der  Fortschrittlichen  Volkspartei
über  die  Privatbeamtenversicherung  antwortet  Staatssekretär
Dr.  Delbrück,  daß  der  Gesetzentwurf  bereits  dem  preußischen  Staatsministerium
  zur  Beschlußfassung  vorliege.

26.  November.  (Reichstag.)  Gesetzentwurf  über  die  Friedenspräsenzstärke.


Er  sieht  eine  allmähliche  Vermehrung  der  durchschnittlichen  Jahresstärke
  des  Heeres  vom  1.  April  1911  bis  1915  vor.  Bis  zum  Ende  des
Quinquennats  (1.  April  1916)  sollen  515  321  Gemeine,  Gefreite  und  Obergefreite
  vorhanden  sein.  Die  Zahl  der  Formationen  soll  vermehrt  werden
und  betragen:  bei  der  Infanterie  634  Bataillone,  bei  der  Kavallerie  510

Eskadrons,  bei  der  Feldartillerie  592  und  Fußartillerie  49  Bataillone,
Pioniere  29,  Verkehrstruppen  17  und  Train  23  Bataillone.

26.  November.  (Berlin.)  Zur  Reichswertzuwachssteuer.

Eine  Protestversammlung  des  Zentralverbandes  der  Hausund
  Grundbesitzervereine  Deutschlands  im  Zirkus  Schumann  legt
„entschiedenen  Protest  ein  gegen  die  Einführung  einer  Reichswertzuwachssteuer
  als  einer  weiteren  Sondersteuer  auf  den  deutschen  Haus-  und  Grundbesitz.
  Sie  erwartet,  daß  der  Reichstag  sie  ablehnt.  Abgesehen  von  allen
den  Hausbesitz  treffenden  Schädigungen  vermindert  sie  die  Bautätigkeit,
verteuert  die  Mieten,  trifft  nicht  das  Großkapital,  ist  mittelstandsfeindlich
und  wirkt  unsozial.  Ihr  Ertrag  wird  in  Rücksicht  auf  ihre  Erhebungskosten
  und  die  Verminderung  der  Umsatzsteuer  so  gut  wie  Null  sein.“

26.  November.  (Reichstag.)  Nachtragsetat  für  Südwestafrika.

Das  Jahr  1910  wird  an  Einnahmen  3544000  Mark  mehr  bringen,
als  veranschlagt  war,  da  die  Ausfuhrzölle  auf  Diamanten  nur  mit
4800000  Mark  vorgesehen  waren,  aber  7537000  Mark  bringen  werden,
die  Schürfgebühren  352000  Mark  mehr  einbringen  und  die  Diamantregie-Gesellschaft
  zu  den  Zoll=  und  Polizeikosten  110000  Mark  beitragen  wird.
Die  gesamten  Mehreinnahmen  sollen  aber  im  Interesse  der  Kolonie  verwandt
  werden.

26.  November.  (Beuthen,  O.S.)  Der  Kaiser  wohnt  der  Enthüllung
  eines  Denkmals  Friedrichs  des  Großen  bei.

28.  November.  (Elbing.)  Der  Landtagsabgeordnete  v.  Oldenburg-Januschau
  legt  sein  Mandat  nieder.
        <pb n="402" />
        EIEIIIIITIIIITIIIIIIIIII

28.  November.  (Reichstag.)  Erste  Lesung  des  Schiffahrtsabgabengesetzes.


Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Der  vorliegende  Gesetzentwurf
  bezweckt  die  Lösung  einer  Frage,  die  seit  langem  die  öffentliche
Meinung  beschäftigt.  Es  handelt  sich  um  die  Frage,  ob  die  Kosten  des
Ausbaus  der  natürlichen  Wasserstraßen  auf  den  Steuerzahlern  lasten  bleiben
sollen,  oder  inwieweit  die  Schiffahrtsbeteiligten  in  der  Form  von  Schiffahrtsabgaben
  daran  teilnehmen  sollen.  Mitten  im  vorigen  Jahrhundert  hat
bekanntlich  die  Ansicht  vorgeherrscht,  daß  es  keine  Benachteiligung  der
Steuerzahler  bedeute  und  auch  keine  Bevorzugung  der  Schiffahrtsbeteiligten,
wenn  die  Kosten  des  Ausbaus  der  natürlichen  Wasserstraßen  lediglich  von
den  Steuerzahlern  getragen  werden.  Man  vertrat  die  Ansicht,  daß  die
natürlichen  Wasserstraßen  grundsätzlich  schiffahrtsabgabenfrei  gelassen  werden
sollten.  In  der  Zwischenzeit  hat  diese  Ansicht  vielfach  anderen  Anschauungen
Platz  gemacht  und  zwar  ist  der  Wechsel  der  Ansichten  Hand  in  Hand  gegangen
  mit  der  gewaltigen  Ausdehnung  unseres  Binnenschiffahrtsverkehres
einerseits  und  andererseits  mit  der  großen  Steigerung  der  Kosten,  welche
durch  den  Ausbau  der  Schiffahrtsstraßen  verursacht  werden.  In  weiten
Kreisen  hat  sich  die  Ueberzeugung  festgesetzt,  daß  es  nicht  nur  zweckmäßig,
sondern  auch  gerecht  sei,  die  Benutzung  der  Ströme  an  den  Kosten  für
ihren  Ausbau  durch  Erhebung  von  Schiffahrtsabgaben  zu  beteiligen,  und
daß  ein  wirtschaftlicher  Anlaß,  die  Schiffahrtsstraßen  bald  als  abgabenfrei,
bald  als  abgabenpflichtig  zu  behandeln,  je  nach  der  Verschiedenheit  der
technischen  Meliorationen,  welche  bei  ihrem  Ausbau  angewendet  sind,  vorliegt.
  Diese  schiffahrtsabgabenfreundliche  Strömung  hat  sich  nicht  nur  in
Preußen,  sondern  auch  anderwärts  gezeigt.  Ich  brauche  den  Reichstag
nicht  daran  zu  erinnern,  daß  im  Jahre  1886  ein  Reichsgesetz  erlassen
worden  ist,  in  welchem  die  Erhebung  von  Schiffahrtsabgaben  auf  der  Weser
vorgesehen  wurde,  und  in  den  neunziger  Jahren  haben  sich  dann  die  deutschen
Elbuferstaaten  über  die  Einführung  von  Schiffahrtsabgaben  auf  der  Elbe
verständigt,  dieselbe  Strömung,  die  schließlich  zum  Ausdruck  gekommen  ist
in  dem  preußischen  Wasserstraßengesetz  vom  1.  April  1905,  nachdem  auch
in  anderen  Ländern  im  Interesse  der  für  die  Schiffahrt  verbesserten  Wasserstraßen
  Schiffahrtsabgaben  erhoben  werden.  Bekanntlich  hat  sich  über  dieses
preußische  Gesetz  ein  Streit  der  Meinungen  entsponnen.  Staatsrechtlich
hat  man  aus  dem  Artikel  54  der  Reichsverfassung  abgeleitet,  daß  die  Erhebung
  der  Schiffahrtsabgaben  ungerechtfertigt  sei.  Preußen  war  die  Aufgabe
  gestellt,  um  diese  Schwierigkeiten  zu  mildern,  einen  Gesetzentwurf
einzubringen,  welcher  den  Vorschriften  des  Artikels  78  der  Reichsverfassung
genügte,  also  auch  ohne  Verfassungsänderung  ausreichte.  Damit  war  die
Frage,  ob  das  preußische  Wasserstraßengesetz  sich  innerhalb  des  Rahmens
der  Reichsverfassung  hält,  praktisch  gegenstandslos.  Wirtschaftlich  wurde
die  Lösung  der  Frage  versucht  durch  eine  neue  staatsrechtliche  Form  des
genossenschaftlichen  Gedankens,  durch  die  Gründung  von  zwischenstaatlichen
Verbänden.  Dieser  Gedanke,  der  mit  vereinten  Kräften  das  erreichen  will,
was  über  die  Kraft  des  einzelnen  hinausgeht,  schließt  hier,  wie  überall  den
Verzicht  auf  das  bloße  Verhältnis  von  Vorteil  und  Lasten  im  einzelnen
Falle  in  sich  und  wird  gerechtfertigt  durch  die  Ueberzeugung,  daß  auf  die
Dauer  das  Reich  über  die  Verschiedenheit  der  Ansichten  und  der  Einzelheiten
  hinaus,  mit  dem  großen,  gemeinsamen  Interesse  an  dem  weiteren
Ausbau  des  deutschen  Wasserstraßennetzes  auf  einer  gesicherten  und  gerechten
finanziellen  Basis  auch  die  Einzelinteressen  am  besten  fördert.  Der  Ihnen
jetzt  vorgelegte  Gesetzentwurf  beruht  auf  einem  einstimmigen  Beschluß  des
        <pb n="403" />
        Das  Denisqhe  Reith  und  seine  eintelnen  Glieder.  (November  28.)  395

Bundesrates.  Diese  Einstimmigkeit  hat  erzielt  werden  können,  dank  allseitiger
  Betägigung  desjenigen  Geistes,  der  das  wechselseitige  Verhältnis
zwischen  den  Regierungen  beseelt,  und  der  bereit  gewesen  ist,  durch  Opfer
an  ursprünglichen  Meinungen  und  Zielen  dem  Interesse  der  Allgemeinheit
zu  dienen.  Ich  hoffe,  daß  nunmehr  auch  der  Reichstag  den  Grundlagen
zustimmen  wird,  auf  denen  sich  der  weitere  Ausbau  des  deutschen  Wasserstraßennetzes
  vollziehen  soll.  Erst  nach  Verabschiedung  des  Gesetzes  wird
die  Möglichkeit  gegeben  und  der  Zeitpunkt  gekommen  sein,  um  mit  denjenigen
  auswärtigen  Staaten  in  Verhandlung  zu  treten,  welche  an  den
öffentlichen  deutschen  Wasserstraßen  beteiligt  sind  und  Vertragsrechte  an
den  Wasserstraßen  haben.  Wir  werden  auf  der  Basis  der  Wahrung  des
gemeinsamen  Interesses  und  derjenigen  freundlichen  Beziehungen,  in  denen
wir  mit  unseren  Nachbarstaaten  verbunden  sind,  verhandeln.  Wir  werden
suchen,  diese  Staaten  davon  zu  überzeugen,  daß  die  von  uns  verfolgten
verkehrspolitischen  Ziele  und  die  dafür  in  Anwendung  gebrachten  Mittel
auch  ihren  Interessen  nützlich  sind,  und  hoffen,  daß  wir  mit  einer  solchen
gegenseitigen  Verständigung  dem  Allgemeininteresse  am  besten  dienen.

Preuß.  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  v.  Breiten  bach  ergänzte
die  Ausführungen  des  Kanzlers  durch  einige  Darlegungen  über  das  preußische
Wasserstraßengesetz.

Abg.  Am  Zehnhoff  (Z.)  erklärte  sich  mit  der  Vorlage  einverstanden.

Ebenso  Abg.  Kreth  (K.).

Abg.  Dr.  Frank  (Sd.)  erklärt  den  Entschluß  seiner  Partei,  die  Vorlage
  abzulehnen,  weil  sie  keine  Förderung,  sondern  eine  Hemmung  des
Verkehrs  bedeute.

Abg.  Wölzl  (Nl.)  begrüßt  die  Vorlage  als  ein  Produkt  bundesnachbarlichen
  Entgegenkommens  Preußens  gegenüber  den  Wünschen  der
anderen  Staaten.

Abg.  Kämpf  (Fort.  Vp.):  Ob  die  süddeutschen  Bundesstaaten  so
ganz  freiwillig  dem  Gesetzentwurf  zugestimmt  haben,  erscheint  mir  sehr
zweifelhaft.  Zunächst  waren  die  süddeutschen  Staaten  energisch  dagegen,
aber  Preußen  hat  nach  dem  Grundsatz  gehandelt:  divide  et  imperal
Württemberg  und  Bayern  wurden  auf  Preußens  Seite  gezogen.  Daß  die
süddeutschen  Staaten  geschädigt  würden  durch  die  Schiffahrtsabgaben,  das
wird  niemand  bestreiten  wollen,  denn  im  Oberlauf  der  Ströme  haben  sich
hier  Industrien  entwickelt,  denen  man  Rohmaterial  und  Absatzmöglichkeiten
erschwert.

Abg.  Frhr.  v.  Gamp  (Rp.)  spricht  für  die  Vorlage:  In  der  privilegierten
  Stellung  der  Wasserstraßen  erblicke  er  eine  ungerechtfertigte  Begünstigung.


Minister  v.  Breitenbach:  Ich  glaube,  auch  ohne  Benehmen  mit
der  sächsischen  Regierung  feststellen  zu  können,  daß  irgend  welche  Verhandlungen
  zwischen  Preußen  und  Sachsen  über  ein  Eisenbahnabkommen
nicht  geschwebt  haben  und  nicht  schweben.  Das  alles  ist  Fabel.  Mit  den
Grundzügen  des  Gesetzes  ist  die  größere  Mehrheit  des  Hauses  einverstanden.
Auf  einzelne  Einwendungen  gehe  ich  heute  nicht  ein,  weil  die  Frage  in
der  Oeffentlichkeit  ja  gründlich  behandelt  worden  ist  und  weil  wir  ja  in
der  Kommission  noch  Gelegenheit  zu  Verhandlungen  genug  haben  werden.
Es  ist  gesagt  worden,  die  preußische  Regierung  babe  durch  den  §  19  des
preußischen  Gesetzes  einen  Druck  zur  Aenderung  der  Reichsverfassung  ausüben
  wollen.  Ich  muß  das  entschieden  zurückweisen.  Der  Vorwurf  richtet
sich  auch  gegen  die  preußische  Legislative,  gegen  die  ganze  Gesetzgebung,
und  es  scheint  mir,  daß  diejenigen,  die  die  Vorwürfe  erhoben  haben,  sich
nicht  darüber  orientiert  haben,  mit  welchen  Majoritäten  dieses  Gesetz  in
        <pb n="404" />
        396  JNas  Veuische  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (November  28.)

Preußen  angenommen  worden  ist.  Preußen  war  sich  seiner  Handlung  vollkommen
  bewußt.  Der  §  19  will  nicht  eine  Abänderung  der  Reichsverfassung
erzwingen.  Alle  Autoritäten,  die  gegen  die  Schiffahrtsabgaben  sind,  haben
ausgesprochen,  daß  die  Bestimmungen  des  Artikels  54  der  Reichsverfassung
außerordentlich  zweifelhaft  sind.  Immer  wieder  ist  in  den  Parlamenten
festgestellt  worden,  daß  Gebühren  zur  Deckung  von  Selbstkosten  angezeigt,
ja  notwendig  wären,  und  daß  auch  Schiffahrtssteuern  und  Schiffahrtszölle
das  Richtige  seien.  Man  hat  wiederholt  auch  im  norddeutschen  Reichstage
ausgesprochen  und  gewünscht,  daß  Gebühren  zur  Deckung  der  Kosten  erhoben
  werden  sollten.  Dasselbe  geschah  im  Reichstag  nach  1870.  Die
Einigkeit  im  Bundesrat  ist  dadurch  herbeigeführt  worden,  daß  sich  die
widerstrebenden  Staaten  aus  dem  nationalen  Gedanken  heraus  zu  Konzessionen
  bereit  erklärten.

Abg.  Vogt-Hall  (Wirtsch.  Ver.)  tritt  für  die  Schiffahrtsabgaben  ein.

Abg.  Ricklin  (Elsässer)  spricht  sich  dagegen  aus.

Abg.  Gregorie  (Lothringer):  Es  ist  verwunderlich,  daß  in  dieser
Vorlage  die  Kanalisierung  von  Mosel  und  Saar  nicht  einbezogen  worden
ist.  Dieser  Kanal  würde  viele  Gegenden  erschließen,  die  heute  in  den  Weltverkehr
  nicht  einbezogen  sind.  Es  ist  merkwürdig,  daß  der  Verkehr  heute
durch  einen  zum  Teil  französischen  Kanal,  den  Rhein-Marne-Kanal,  geleitet
  wird.  Das  ist  im  nationalen  Sinne  und  auch  für  den  Kriegsfall
gefährlich.  Von  Lothringen  gehen  kolossale  Gütermengen  an  Kohle,  Wein
und  Getreide  nach  dem  Rheingebiet.  Der  Verkehr  ist  außerordentlich  groß.
Um  so  verwunderlicher  ist  die  Nichtberücksichtigung  von  Kanälen.  Das  ist
eine  Konsequenz  der  schlechten  staatsrechtlichen  Stellung  Elsaß-Lothringens,
das  im  Bundesrate  keine  Vertreter  seiner  Interessen  hat.  Es  ist  aber  eine
Lebensfrage  für  das  Land,  daß  der  Mosel-Saar-Kanal  geschaffen  wird.
Der  Landesausschuß  von  Elsaß-Lothringen  hat  sich  energisch  für  die
Kanalisierung  der  Strecke  Metz-Diedenhofen  ausgesprochen.  Die  Handelskammern
  von  Straßburg  und  Metz  haben  sich  dem  einstimmig  angeschlossen.

Minister  v.  Breitenbach:  Dem  Vorredner  gegenüber  möchte  ich
bemerken,  daß  wir  uns  wohl  bewußt  sind,  daß  ganze  Stromstrecken,  die
der  Regulierung  bedurften,  nicht  ins  Gesetz  ausgenommen  sind.  Das  gilt
namentlich  bei  Flüssen,  die  in  das  Ausland  hineinreichen.  Diese  Strecken
sind  nicht  aufgenommen  worden  mit  Rücksicht  auf  die  Verhandlungen  mit
dem  Ausland,  weil  sonst  die  Verhandlungen  erschwert  würden.  Nun  hat
der  Vorredner  die  Ablehnung  der  Mosel=  und  Saarkanalisierung  durch
das  preußische  Staatsministerium  bedauert  und  gesagt,  daß  fiskalische  Gründe
maßgebend  gewesen  seien.  Das  ist  nicht  der  Fall,  sondern  wir  haben  Rücksicht
  genommen  auf  die  Meinung  des  rheinisch-westfälischen  Industriegebiets,
das  bei  einer  Kanalisierung  der  Mosel  und  Saar  eine  große  Abwanderung
befürchtete.  Ebenso  hat  sich  auch  das  oberschlesische  Industriegebiet  gegen
die  Mosel-  und  Saar-Kanalisierung  ausgesprochen,  und  nur  die  Rücksicht
auf  diese  wirtschaftlichen  Interessen  war  maßgebend,  daß  wir  seinerzeit  die
angeforderte  Kanalisation  ablehnten.

28.  November.  Aus  dem  Reichshaushaltsetat  für  1911.

Aufwendungen  für  gemeinnützige  und  wissenschaftliche
Unternehmungen.  In  den  Etat  des  Reichsamtes  des  Innern  ist
eine  Summe  von  120214  Mark  als  Beitrag  für  das  Germanische  Museum
in  Nürnberg  eingestellt.  Als  Beitrag  zu  den  Kosten  der  weiteren  Bearbeitung
  und  Herausgabe  der  Monumenta  Germaniae  und  gleichzeitig
für  die  Verwaltung  der  in  das  Eigentum  des  Reiches  übergegangenen
Bibliothek  Ludwig  Traubes  sind  71000  Mark  ausgeworfen.  Die  Ein-
        <pb n="405" />
        Das  Venische  Reich  nud  seine  einfelnen  Glieder.  (November  28.)  397

richtung  eines  wettertelegraphischen  Dienstes  wird  520000  Mark  kosten.
Zur  Fortführung  und  Vollendung  des  Grimmschen  deutschen  Wörterbuches
werden  35000  Mark  angefordert,  für  die  Beteiligung  des  Reiches  an  der
internationalen  Bibliographie  der  Naturwissenschaften  35000  Mark.  Das
Reich  beteiligt  sich  an  der  internationalen  Erforschung  der  nordischen  Meere
im  Interesse  der  Seefischerei  mit  100000  Mark,  für  die  wissenschaftliche
Bearbeitung  und  Veröffentlichung  der  Ergebnisse  der  Tiefseexpedition  wird
die  12.  Rate  von  20000  Mark  gefordert,  für  die  Südpolarexpedition  als
8.  Rate  26500  Mark,  zur  Unterstützung  der  Protozoen-Forschung  sind
10000  Mark  angefordert.

Der  Beitrag  für  das  Deutsche  Museum  in  München  beträgt
350000  Mark.  Ferner  sollen  angefordert  werden  100000  Mark  zur
Förderung  der  Erforschung  und  Bekämpfung  der  Tuberkulose,  200000  Mark
für  die  Beteiligung  des  Reiches  an  der  internationalen  Kunstausstellung
in  Rom  1911,  6000  Mark  für  das  deutsche  Fachgewerbemuseum  in  Leipzig,
150000  Mark  zur  Bekämpfung  des  Typhus,  60000  Mark  für  die  Ausbildung
  von  Schiffsjungen,  30000  Mark  für  die  wissenschaftliche  Erforschung
der  Brustseuche,  12000  Mark  zur  Veranstaltung  von  Materialprüfungen,
15000  Mark  für  das  internationale  Institut  für  soziale  Bibliographie,
30000  Mark  für  die  Gesellschaft  für  deutsche  Erziehungs-  und  Schulgeschichte,
10000  Mark  für  die  Drachenstation  am  Bodensee,  für  die  Herausgabe  des
Deutschen  Handwerkerblattes  6000  Mark,  für  die  Vorarbeiten  und  Versuche
  für  die  Umgestaltung  des  technischen  Betriebes  im  statistischen  Amt
10000  Mark,  für  die  Erhaltung  des  Kunsthistorischen  Instituts  in  Florenz
15000  Mark,  für  eine  Anstalt  zur  Bekämpfung  der  Säuglingssterblichkeit
in  Deutschland  60000  Mark,  für  den  Verband  der  deutschen  gemeinnützigen
und  unparteiischen  Reichsauskunftsstellen  1000  Mark,  für  die  Bekämpfung
von  Pflanzenschädlingen  30000  Mark,  für  die  Turiner  Industrie=  und
Gewerbeausstellung  120000  Mark,  für  die  Volkszählung  am  1.  Dezember
65000  Mark.  Zwei  Denkschriften  über  die  geplante  Umgestaltung  des
technischen  Betriebes  des  statistischen  Amtes  und  über  den  Stand  der
Arbeiten  am  Nordostseekanal  sind  dem  Etat  beigegeben.

Im  Etat  des  Kolonialamtes  finden  sich  150000  Mark  zur
Förderung  der  auf  Erschließung  Zentralafrikas  und  anderer  Ländergebiete
gerichteten  wissenschaftlichen  Bestrebungen,  25000  Mark  zum  Studium  ausländischer
  Kolonial-  und  Rechtsverhältnisse,  sowie  des  Eingeborenenrechts
der  deutschen  Schutzgebiete,  100000  Mark  zu  Vorarbeiten  für  die  Erschließung
  der  Schutzgebiete.  Im  Etat  des  Reichsjustizamtes  finden  sich
120000  Mark  zur  Ausarbeitung  des  Entwurfes  eines  neuen  Strafgesetzbuches.

28.  November.  Aus  der  Denkschrift  über  die  Organisation
des  Militärbekleidungswesens.

Der  gesamte  Aufwand  für  Bekleidung  und  Ausrüstung,  zuzüglich
des  Wohnungsgeldzuschusses  der  Bekleidungsamts-Offiziere  und  -Beamten,
der  Löhnung  usw.  der  Unteroffiziere  und  Oekonomiehandwerker,  der  Unterhaltungskosten
  der  Gebäude  usw.  beträgt  auf  den  Kopf  der  Etatsstärke  des
preußischen  Heeres  rund  75  Mark.  Daraus  entfallen  auf  die  Bekleidung
rund  66  Mark,  auf  die  Ausrüstung  9  Mark.  Für  diese  geringen  Beträge
wird  nicht  nur  die  gesamte  Bekleidung  usw.  des  Soldaten  im  Frieden
unterhalten,  sondern  auch  die  Bekleidung  und  Ausrüstung  der  Kriegsstärke
des  Heeres,  im  kriegsbrauchbaren,  größtenteils  ungebrauchten  Zustande
bereitgehalten.

Das  Kriegsministerium  trat  zur  Beurteilung  der  Frage,  ob  und
inwieweit  im  Geschäftsbetrieb  der  Bekleidungsämter  kaufmännische  Gesichts-
        <pb n="406" />
        398  Jos  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  GElieder.  (November  29.)

punkte  mehr  als  bisher  Platz  greifen  können,  mit  namhaften  Kaufleuten,
sowie  mit  der  Handels-  und  der  Handwerkskammer  zu  Berlin  in  Verbindung.
  Die  Handelskammer  gab  über  den  Geschäftsbetrieb  ein  längeres
Urteil  ab,  in  dem  sie  zu  dem  Schlusse  kam,  daß  innerhalb  der  jetzt  vorgeschriebenen
  Grenzen  des  Geschäftsbetriebes  der  Bekleidungsämter  es  kaum
möglich  sein  dürfte,  wesentliche  Verbesserungen  in  Vorschlag  zu  bringen.
Doch  hat  die  Handelskammer  beachtenswerte,  auf  das  Beschaffungsverfahren,
das  Buchführungs-,  Rechnungs-  und  Kontrollwesen  gerichtete  Anregungen
gegeben,  welche  zum  Gegenstand  der  Prüfung  und  Erprobung  gemacht
werden.  Ob  sich  hierbei  nennenswerte  Ersparnisse  erzielen  lassen,  bleibt
noch  abzuwarten.

29.  November.  (Breslau.)  Einweihung  der  technischen  Hochschule
  durch  den  Kaiser.

29.  November.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Generaldiskussion
des  Gesetzentwurfes  über  den  Ausbau  der  deutschen  Wasserstraßen
und  die  Erhebung  der  Schiffahrtsabgaben.

Abg.  Zehnter  (3Z.)  betont,  daß  Baden  wegen  der  weiten  Entfernung
von  Rotterdam  durch  die  Schiffahrtsabgaben  besonders  schwer  betroffen
werde.  Für  Mannheim  allein  stelle  sich  die  Rechnung  auf  1200000  Mark.
Außerdem  werde  Baden  durch  die  Kanalisierung  des  Maines  und  des
Neckars  geschädigt,  da  der  Umschlagsverkehr  von  Mannheim  abgezogen  und
erhebliche  Frachteinnahmen  den  badischen  Eisenbahnen  entzogen  würden.

Abg.  Dr.  Wagner  (Dk.):  Wir  sächsischen  Abgeordneten  halten  an
dem  Prinzip  der  Abgabenfreiheit  auf  der  Elbe  fest  und  werden  gegen  die
Vorlage  stimmen.

n  habs.  Korfanty  (P.)  weist  auf  die  Benachteiligung  Oberschleiens
  hin.

Abg.  Stolle  (Sd.):  Die  Angabe  der  Begründung,  daß  durch  die
Vertiefung  der  Ströme  und  die  Vergrößerung  der  Schiffsgefäße  Vorteil
erwachsen  wird,  ist  nicht  richtig.

Abg.  Dr.  Junck  (Nl.)  spricht  gegen  die  Vorlage,  weil  sie  viel  zu
kompliziert  sei,  und  weil  der  Moment  der  Einführung  von  Schiffahrtsabgaben
  vom  Standpunkt  der  Mittelstandspolitik  nicht  richtig  gewählt  sei.

Abg.  Haußmann  (Vp.)  ist  für  die  Vorlage  vorbehaltlich  nötiger
Verbesserungen.

Preuß.  Minister  für  öffentliche  Arbeiten  von  Breitenbach:  Der
Abg.  Zehnter  zog  eine  Bilanz  für  Baden  aus  der  Vorlage,  aus  der  sich
ergeben  sollte,  daß  Baden  überlastet  werde,  erwähnte  aber  nicht  die  Vorteile,
die  jedem  Lande  aus  der  Kanalisation  eines  Stromes  erwachsen.  Dies  gilt
auch  vom  Neckar.  Die  wirtschaftlichen  Vorteile,  welche  Baden  dadurch  erwachsen,
  sind  sehr  groß.  Besonders  ist  auch  hervorzuheben,  daß  das  kostspielige
  Leichtern  durch  die  Regulierung  vermieden  wird.  Der  Abg.  Dr.  Wagner
  beschäftigte  sich  mit  der  Frage,  ob  die  Abgaben  zu  einer  Erhöhung
der  Schiffsfrachten  führen  müssen.  Nach  unseren  Erfahrungen  führt  die
Erhebung  von  Schiffahrtsabgaben  nicht  zur  Erhöhung  der  Frachten.  Ich
habe  darüber  ein  reiches  Material,  das  ich  der  Kommission  unterbreiten
werde.  Daraus  wird  sich  insbesondere  ergeben,  daß  auf  dem  bedeutenden
Netz  der  märkischen  Wasserstraßen,  dessen  außerordentliche  Bedeutung  meist
unterschätzt  wird,  trotz  steigender  Abgaben  die  Frachten  gesunken  sind.
Diese  Tatsache  kann  nicht  weggeleugnet  werden.  Es  hat  sich  gezeigt,  daß
der  Verkehr  auf  den  Wasserstraßen  mit  Abgaben  höher  gestiegen  ist  als  auf
        <pb n="407" />
        Das  Denisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  29.)  399

den  abgabefreien.  Daß  aus  der  ablehnenden  Stellung  einzelner  Parteien
nicht  geschlossen  werden  kann,  daß  diese  Parteien  grundsätzlich  das  Gesetz
bekämpfen,  beweist  die  Tatsache,  daß  in  Bezug  auf  die  sozialdemokratische
Partei  der  bekannie  Schriftsteller  Max  Schippel  in  den  „Sozialistischen
Monatsheften“  in  dieser  Frage  einen  ganz  anderen  Standpunkt  vertreten
hat  als  der  Abg.  Stolle.  Ich  bin  in  der  Lage,  seine  Ausführungen  mit
meiner  Unterschrift  zu  decken.  Wenn  dann  der  Abg.  Junck  gemeint  hat,
daß  das  Gesetz  einen  Kampf  gegen  Handel  und  Industrie  bedeute,  so  möchte
ich  die  Frage  stellen,  wie  es  kommt,  daß  die  bedeutendsten,  in  vielfältiger
Beziehung  maßgebenden  Handelskammern  sich  auf  den  Standpunkt  dieses
Gesetzes  gestellt  haben,  und  zwar  solche,  die  zum  Teil  an  großen  schiffbaren
Strömen  liegen.  Es  sind  dies  die  Handelskammern  Berlin,  Hamburg,  Cöln,
Bremen,  Essen,  Hannover,  München,  Stuttgart  und  Coblenz.  Daraus  ergibt
sich,  daß  Handel  und  Industrie  zu  dieser  Vorlage  in  keinem  Gegensatz  stehen.
Der  Ausbau  der  Wasserstraßen  erhöht  ihre  Leistungsfähigkeit,  ohne  den
Eisenbahnen  Konkurrenz  zu  machen.  Die  Baulast  liegt  nicht  beim  Reiche,
sondern  bei  den  Einzelstaaten,  und  weil  diese  nicht  in  der  Lage  sind,  diese
Lasten  auf  die  Steuerzahler  abzuwälzen,  so  soll  eben  die  Interessentenbaulast
festgesetzt  werden.  Der  Abg.  Junck  hat  an  die  Spitze  seiner  Ausführungen
gestellt:  Vorsicht!  und  mehrfach  Vorsicht!  Ich  wünschte,  er  hätte  im  Interesse
derer,  die  der  Gesetzentwurf  stark  angeht,  nämlich  der  Leipziger,  den  Ruf  erschallen
  lassen:  Fest!  fest!  sest!  Denn  die  wollen  eben  den  Kanal.  Der
Abg.  Junck  hat  gefragt,  was  sollen  denn  diese  eigenartigen  Gebilde  der
Strombauverbände.  Ich  kann  darauf  nur  erwidern:  sie  sollen  das  Werk
finanzieren,  das  der  Einzelstaat  nicht  finanzieren  kann.  Auch  der  Kanal
von  Leipzig  nach  Kreypau  würde  in  der  Luft  schweben,  wenn  nicht  durch
den  Zweckverband  die  Möglichkeit  bestände,  ihn  bis  zur  Saale  zu  führen.
Ich  weiß  nicht,  was  bei  diesem  Gedanken  so  eigenartig  sein  soll.  Auch  bei
den  Nebenbahnen  verlangen  wir  seit  Jahrzehnten  von  den  Interessenten,
daß  sie  mindestens  den  Grunderwerb  stellen,  dann  können  wir  auch  überzeugt
  sein,  daß  ein  wirkliches  Verkehrsinteresse  vorhanden  ist.  Der  Abg.
Junck  hat  ein  großes  Zahlenmaterial  vorgetragen,  dessen  größter  Teil  von
mir  angefochten  werden  muß.  Ich  lege  entscheidenden  Wert  darauf,  in  der
Kommission  darauf  näher  einzugehen.  Wenn  er  gemeint  hat,  Preußen
hätte  den  Strombeirat  in  der  Hand,  so  frage  ich:  sind  es  nicht  freie  Vertreter,
  die  ihre  freie  Meinung  äußern  und  die  Interessen  der  betreffenden
Landesteile  wahrnehmen  können?  Unklar  ist  mir  geblieben,  nach  welchen
Richtungen  sich  eine  absolutistische  Neigung  in  der  Vorlage  geltend  machen
soll.  Die  Entwicklung  beweist  im  Gegenteil,  daß  wir  durchaus  auf  dem
Boden  des  föderativen  Prinzip  des  Reichs  stehen.  Der  Abg.  Junck  hat
den  ganzen  Gesetzentwurf,  wenn  ich  so  sagen  darf,  mit  beißender  Ironie
überschüttet.  Ich  hoffe,  die  Kommissionsberatungen  werden  ergeben,  daß
dies  ein  sehr  ernstes  Werk  ist,  das  eine  solche  Ironie  nicht  verträgt.  (Zustimmung
  r.)  Der  Abg.  Junck  hat  weiter  unsere  Ertragsberechnungen  für
die  einzelnen  Stromgebiete  angefeindet.  Wir  haben  nicht  anders  prozedieren
können,  als  daß  wir  die  Erträge  der  früheren  Jahre  zugrunde  legten  und
annahmen,  daß  auch  in  Zukunft  ein  solches  Aufsteigen  der  Erträge  stattfinden
  werde  wie  früher.  Wir  haben  dabei  eher  zu  niedrig  als  zu  hoch
gegriffen.  Der  Verkehr  bei  Emmerich  hat  sich  in  den  ersten  Monaten  um
24  Prozent  gesteigert,  während  er  nach  unserer  Ertragsberechnung  nur
6  Prozent  ergab.  Dasselbe  gilt  auch  von  anderen  Orten.  Fiskalische  Gesichtspunkte
  sind,  wie  ich  wiederhole,  nicht  ausschlaggebend  gewesen,  wenngleich
  freilich  die  wirtschaftlichen  Interessen  mit  erwogen  werden  mußten.
Daß  wir  nicht  fiskalisch  vorgegangen  sind,  wird  dadurch  bewiesen,  daß  wir
        <pb n="408" />
        400  Das  Perntisthe  Reith  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Nov.  28.—Dez.  1.)

Bayern  die  Mainkanalisierung  zugestanden  haben,  aus  der  sich  für  uns  ein
Verlust  von  mehr  als  10  Millionen  ergibt.

Nachdem  noch  Abgg.  Gerstenberger  (Z.),  Dr.  Hahn  (Dk.)  und
Wetzel  (Nl.)  dafür,  Abgg.  Lehmann  (Sd.)  und  Günther-Plauen  (Vp.)  dagegen
  gesprochen  hatten,  wird  die  Vorlage  einer  Kommission  von  28  Mitgliedern
  überwiesen.

28.—30.  November.  (Wiesbaden.)  Europäische  Fahrplankonferenz.


Es  sind  die  Verkehrsministerien  von  Frankreich,  Rußland,  Italien,
Oesterreich-Ungarn,  den  Niederlanden,  der  Schweiz,  Luxemburg  und  Bayern
vertreten,  sowie  das  Reichseisenbahnamt  in  Berlin  und  das  preußische
Ministerium  für  öffentliche  Arbeiten.  Unter  den  270  Konferenzmitgliedern
befinden  sich  auch  Vertreter  der  Eisenbahnverwaltungen  aus  Belgien,  Bulgarien,
Dänemark,  Norwegen,  Rumänien,  Schweden,  Serbien  und  der  Türkei.

30.  November.  Die  Schulden  des  Deutschen  Reiches:

4prozentige  Schuldverschreibungen  752219000  Mark
3¼½  „  „  2020745000  „
3  „  »  17836695()0»
4  „  Schatzanweisungen  340000000  „
unverzinsliche  „  100000000  „

zusammen  4996633500  Mark

1.  Dezember.  Zur  Frage  der  Dänenpolitik.

Unter  Oberleitung  des  Professors  D.  Rade  in  Marburg  wird  die
„Grenzmarken-Korrespondenz“  begründet,  die  der  Irreführung  der  öffentlichen
Meinung  und  der  nationalistischen  Verhetzung  in  Bezug  auf  die  Vorgänge
in  der  deutschen  Nordmark  entgegentreten  will.

1.  Dezember.  (Sachsen.)  Der  König  beauftragt  den  Staatsminister
  Dr.  v.  Otto  mit  dem  Vorsitz  im  Gesamtministerium  sowie
bei  den  in  evangelicis  beauftragten  Staatsministern.

1.  Dezember.  (Berlin.)  Graf  Götzen,  preußischer  Gesandter
bei  den  Hansestädten,  f.  44  Jahre  alt.  Von  1901—1907  war  er
Gouverneur  von  Ostafrika.

1.  Dezember.  (Berlin.)  Die  Stadtverordnetenversammlung
genehmigt  einstimmig  den  Bau  der  Nordsüdbahn  als  Untergrundbahn
  vom  Belle-Alliance-Platz  nach  der  Seestraße.

Im  Ministerium  des  Innern  wird  ein  Gesetzentwurf,  betreffend  die
Vereinigung  der  Stadt  Berlin  und  der  benachbarten  Kommunalverbände
zur  gemeinschaftlichen  Wahrnehmung  kommunaler  Angelegenheiten,  ausgearbeitet.


1.  Dezember.  (Bayern.)  Ein  von  den  Erzbischöfen  und
Bischöfen  unterzeichneter  Erlaß  schließt  mit  den  Worten:

„Verwehret  den  Eingang  in  Euer  Haus  allen  Blättern,  allen  Zeitschriften,
  Kalendern,  Büchern,  Broschüren  usw.,  die  es  darauf  abgesehen
haben,  Glauben  und  Sitte,  Achtung  vor  katholischer  und  staatlicher  Autorität
zu  untergraben!“
        <pb n="409" />
        Das  Denisqhe  Reich  und  seine  einzelnen  GElieder.  (Dezember  1.  2.)  401

1.  Dezember.  Volkszählung.
Ergebnis  im  Vergleich  zu  1905:

 

 

Staaten.  Einwohnerzahl  Zunahme  von

1910  905  1905—1910

Preußen  40156791  3710030,  2863  467
Bayern  6876497  6524372  352126
Sachsen  48024851  4608601  293884
Württemberg  2435611  2302179  +  133432
Badrn  2141832  2010728.  X  131104
Hessen  ...  1282219  1209175  J.  73044
Mecklenburg-Schwerin  .  639879  6256046  4  14834
Großherzogtum  Sachsen.  417166  388095  +  29071
Mäenburg  Strelig  .  106347  103461  4  2896
Oldenburg  482430  438856.  J+  43574
Braunschweig  494387  485958  8429
Sachsen-Meiningen  278792.  268916  4  9876
Sachsen-Altenbunrg  216313  206508  1—  9805
Sachsen--Koburg-Gotha  257208  242432  +  14776
Anhalt  331047  328029  1f  3018
Schwa  rzburg=  Sondersh.  89984  85152  +  4832
Schwarzburg-Rudolstadt.  100712  96835  +  3877
Waldeck  .  61723  59127  +  2596
Reuß  ältere  Linie  72616  70603  +  2013
Reuß  jüngere  Linie  152765  144584  +  8181
Schaumburg-Lipp-e  46650  4992  f  1658
Lippe  150749  145577  1  6172
Lübeck  116533  106857  160676
Bremen  298736  263440  J  3565296
Hamburg  1015707  874878  K  140829
Elsaß-Lothringen  1871202  1814564  J  51138
Deutsches  Reich  648968811  60641  499  K  4255  392

Die  Ueberzahl  der  weiblichen  Personen  ist  weiter  im  Rückgang,  da
sich  die  männliche  Bevölkerung  um  2,145  Millionen,  die  weibliche  nur  um
2,110  Millionen  vermehrt  hat.  1890  gab  es  966806  mehr  weibliche  als
männliche  Personen;  1910  nur  noch  837101  mehr,  trotz  der  Bevölkerungszunahme.


2.  Dezember.  Reichstagsersatzwahl  in  Labiau-Wehlau.

Rittergutsbesitzer  Burchardt  (Austinehlen,  K.)  erhält  7215,  Bürgermeister
  Wagner  (Tapiau,  Fortschr.  Vp.)  5527  und  Parteisekretär  Linde
(Sd.)  3708  Stimmen.

Also  Stichwahl  zwischen  Burchardt  und  Wagner.

2.  Dezember.  (Bonn.)  Die  achttägige  Gefängnisstrafe  der
Borussen  v.  Finckenstein  und  v.  Ouistorp  wegen  Hausfriedensbruchs
wird  durch  Gnadenakt  des  Kaisers  in  Festungshaft  umgewandelt.

2.  Dezember.  (Berlin.)  Der  Benzinbrand  auf  dem  Nobelshof
  wird  nach  5½tägiger  Dauer  gelöscht.
2.  Dezember.  (Gamburg.)  Die  Erdgasquelle  in  Neuengamme

wird  abgeschlossen.  Das  Gas  soll  industriell  verwertet  werden.
Europäischer  Geschichtskalender.  U.  26
        <pb n="410" />
        402  Des  NVeuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  2.  3.)

2.  Dezember.  (Stettin.)  Förderung  der  inneren  Kolonisation.

Die  pommersche  Landgesellschaft  m.  b.  H.  wird  mit  einem  vorläufigen
Stammkapital  von  4800000  Mark  gegründet.  Als  Gesellschafter  gehören
ihr  der  preußische  Staat,  der  Provinzialverband  für  Pommern,  die  pommersche
  Landesgenossenschaftskasse  an.  Der  Beitritt  der  pommerschen  Landkreise
  soll  erst  im  Frühjahre  1911  erfolgen.

3.  Dezember.  (Köln.)  Erzbischof  Fischer  erläßt  einen  Hirtenbrief
  über  die  Frage  des  konfessionellen  Charakters  der  christlichen
Gewerkschaften.  Der  Papst  stehe  beiden  Richtungen  gleichmäßig
neutral  gegenüber.  Für  die  Zukunft  sollen  aber  die  spezifisch
katholischen  Arbeiterorganisationen  weiter  ausgebaut  werden.

3.  Dezember.  (Reichstag.)  Beratung  über  den  konservativen
Mittelstandsantrag.

Der  Antrag  lautet:  „Der  Reichstag  wolle  beschließen,  den  Herrn
Reichskanzler  zu  ersuchen,  auf  gesetzliche  Maßregeln  Bedacht  zu  nehmen,
welche  geeignet  sind,  dem  fortschreitenden  Niedergang  des  Handwerks  und
der  weiteren  Abnahme  der  Zahl  der  selbständigen  Gewerbetreibenden  vorzubeugen.“


Abg.  Pauli-Potsdam  (K.):  Eine  große  Gefahr  für  das  Handwerk
seien  die  Konsumvereine,  die  einen  jährlichen  Umsatz  von  270  Millionen
Mark  hätten.  Das  Handwerk  findet  bei  den  Behörden  im  allgemeinen
nicht  allzu  viel  Verständnis  und  hat  in  vielen  Orten  schwer  zu  leiden  unter
polizeilichen  Verordnungen,  die  vom  grünen  Tisch  aus  gemacht  werden.
Die  Gefangenenarbeit  macht  den  Handwerkern  zu  viel  Konkurrenz.  Darin
muß  eine  Besserung  eintreten.

Abg.  Euler  (3.):  Die  Lehrlinge  müßten  zu  guten  Christen  in  die
Lehre  kommen,  damit  sie  gute  gottesfürchtige  Menschen  würden,  gute
Staatsbürger  und  gute  Patrioten.  Solange  das  deutsche  Handwerk  auf
christlicher  Grundlage  mit  patriotischen  Tendenzen  sich  bewegt,  wird  es  den
Mut  nicht  verlieren.  Die  Handwerker  müssen  in  die  Organisation  gehen.
Die  Innungen  sollten  bei  Vergebungen  mehr  berücksichtigt  werden.

Abg.  Pachnicke  (Fort.  Vp.):  Konservative  Politiker  waren  es,  die
das  Warenhaus  für  Marine  und  Armee  gegründet  haben,  und  der  Bund
der  Landwirte  selber  ist  ein  großes  Warenhaus.  Was  die  Konservativen
positiv  für  das  Handwerk  gearbeitet  haben,  das  zeigt  sich  beim  Zolltarif
und  bei  der  Reichsfinanzreform.  Die  Handwerkerfrage  ist  in  erster  Linie
eine  Frage  der  Bildung  und  daher  bedürfen  wir  eine  Förderung  des  gewerblichen
  Unterrichtswesens,  vor  allem  der  Fachschulen.

Abg.  Findel  (Nl.):  Große  Schwierigkeiten  machen  dem  Handwerk
die  Konsumvereine.  Weiter  bitte  ich  darum,  daß  endlich  das  Osterfest  im
Interesse  des  Handwerks  festgelegt  wird.

Abg.  Linz  (Rp.):  Wir  sollten  alle  zusammenstehen,  um  dem  schwerbedrohten
  Handwerk  zu  helfen.  Zweifellos  ist  in  der  letzten  Zeit  schon
viel  für  das  Handwerk  getan  worden,  aber  trotzdem  genügt  es  nicht.  Wir
verlangen  eine  mittelstandsfreundliche  Regelung  des  Submissionswesens
und  eine  Festsetzung  der  Altersgrenze  zum  selbständigen  Betrieb  eines  Handwerks.
  Wir  wünschen,  daß  die  Pfändbarkeit  bei  den  Beamten  auf  eine
höhere  Grenze  festgelegt  wird.  Die  Eröffnung  eines  Wanderlagers  muß
von  dem  Bedürfnis  abhängig  gemacht  werden,  und  es  darf  nicht  vorkommen,
daß  ungelernte  Handwerker  unter  der  Flagge  von  Handwerkern  segeln.
        <pb n="411" />
        Das  Venische  Reich  uad  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  3.—7.)  403

Ferner  muß  eine  Einheitlichkeit  in  der  Frage  der  Zugehörigkeit  zur  Zwangsinnung
  herbeigeführt  werden.  Auch  die  Frage  der  Konsumvereine  bedarf
einer  anderen  Regelung,  denn  durch  die  Konsumvereine  werden  die  Handwerker
  schwer  geschädigt.  Die  Konsumvereine  müssen  stärker  belastet  werden
und  man  muß  zur  Einschränkung  der  Konsumvereine  gelangen.

Abg.  Raab  (W.  V.):  Wir  verlangen  für  das  Handwerk  eine  Beseitigung
  des  §  100,  unter  dem  das  Handwerk  schwer  zu  leiden  hat  und
den  es  dem  Liberalismus  verdankt.

3.  Dezember.  (Berlin.)  Professorenstreit.

Zwischen  dem  Professor  der  Nationalökonomie  Ludwig  Bernhard,
der  1908  gegen  den  Wunsch  der  Fakultät  berufen  wurde,  und  den  Professoren
  Exz.  Wagner,  Exz.  v.  Schmoller  und  Sering  kommt  es  zu
einem  Konflikt,  in  welchem  eine  Pistolenforderung  Bernhards  von  Sering
angenommen,  dann  aber  mit  Ansprachen  an  die  Studenten  und  Erklärungen
  in  der  Presse  und  am  Schwarzen  Brett  weitergefochten  wird,
bis  durch  eine  vom  akademischen  Senat  eingesetzte  Kommission  und  die
Einwirkung  des  Kultusministeriums  ein  Ausgleich  herbeigeführt  wird.

30.  November—3.Dezember.  (Elberfeld.)  Hauptversammlung
der  deutschen  Kolonialgesellschaft  unter  Vorsitz  des  Herzogregenten

von  Braunschweig  Johann  Albrecht.

Der  Vorsitzende  berichtete  von  der  erfreulichen  Entwicklung  des
Pachtgebietes  Kiautschou,  das  er  auf  seiner  Weltreise  besucht  hatte  und  hob
als  das  Verdienst  des  Staatssekretärs  Dernburg  den  klugen  kaufmännischen
Blick  und  die  rastlos  schaffensfreudige  und  alle  Volkskreise  zur  Einsicht
kolonialer  Notwendigkeiten  emporreißende  Ueberzeugungskraft  hervor.

Es  wird  ein  Gesuch  an  den  Reichstag  beschlossen,  daß  an  Stelle  von
Berlin  als  Sitz  des  Kolonial=  und  Konsulargerichishofes  Hamburg  bestimmt
  wird.  —  Ueber  die  Frage  der  Ausweisung  von  Reichsangehörigen
aus  den  Kolonien  wird  beschlossen:  1.  Es  ist  anzuerkennen,  daß  in  den
Schutzgebieten  eine  Ausweisung  auch  von  Reichsangehörigen  zurzeit  noch
nicht  entbehrt  werden  kann.  2.  Die  bisher  unbeschränkte  Befugnis  der
Verwaltungsbehörden  erscheint  grundsätzlich  wegen  der  schwerwiegenden
Folgen  einer  Ausweisung  mit  der  Notwendigkeit  ausreichenden  Rechtsschutzes
  unvereinbar.  3.  Die  Kolonialgesellschaft  bittet  die  Reichsregierung,
auf  gesetzlichem  Wege  festzustellen,  auf  Grund  welcher  Voraussetzungen  die
Ausweisung  zulässig  und  welche  Rechtsmittel  dagegen  ergriffen  werden
können.  —  Als  Ort  der  nächsten  Tagung  wurde  Stuttgart  gewählt,  als
Termin  die  Pfingstwoche  bestimmt.

Ferner  wird  beschlossen,  einen  Kolonialwirtschaftsatlas  herauszugeben.


5.  Dezember.  (Preuß.  Landtagsersatzwahlen.)

In  Breslau  erhielt  Kaufmann  Vogel  (Z.)  820,  Handelskammersyndikus
  Dr.  Ehlers  (Fortschr.  Vp.)  470,  Redakteur  Loebe  (Sd.)  355  Stimmen.
In  der  Stichwahl  siegt  Ehlers  über  Vogel  mit  839  gegen  824  Stimmen.
Bei  der  Hauptwahl  im  Jahre  1908  halte  der  Zentrumsmann  im  ersten
Wahlgang  mit  44  Stimmen  Mehrheit  gesiegt.

In  Hirschberg-Schönau  wurde  Wenke  (Fortschr.  Vp.)  mit  202
gegen  187  Stimmen  gewählt.

5.—  7.  Dezember.  (Reichstag.)  Zweite  Lesung  des  Arbeitskammergesetzes.


26“
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        404  JNas  Heutsche  Reich  und  seine  einzelnen  GElieder.  (Dezember  5.—7.)

Die  wichtigsten  Aenderungen  der  Kommission  sind:  1.  Die  Ausdehnung
  der  Arbeitskammern  auf  die  staatlichen  Eisenbahnwerkstätten  und
auf  die  Regelung  und  Vereinbarung  der  Lohnsätze  in  der  Hausindustrie.
2.  Statt  der  Landeszentralbehörden  soll  der  Bundesrat  die  Errichtung  von
Arbeitskammern  beschließen.  3.  Beginn  der  Wahlberechtigung  mit  21  statt
mit  25  Jahren  und  der  Wählbarkeit  mit  25  statt  30  Jahren.  4.  Ausschluß
der  Arbeitersekretäre  von  der  Wählbarkeit  durch  Beschränkung  auf  Arbeitgeber
  oder  Arbeitnehmer.  5.  Einfügung  einer  Abteilung  für  Angestellte
mit  Ausnahme  der  kaufmännischen  Angestellten.

Die  Abgg.  Albrecht  und  Gen.  (Sd.)  haben  gegenüber  der  Vorlage
ihren  Antrag  auf  Annahme  eines  Gesetzentwurfs,  durch  den  ein  Reichsarbeitsamt,
  Arbeitsämter  und  Arbeiterkammern  errichtet  werden  sollen,
wieder  eingebracht.

Berichterstatter  Dr.  Will  (Straßburg,  Z.):  Endlich  können  wir  in
die  zweite  Beratung  dieses  Gesetzentwurfs  eintreten.  Schon  am  25.  November
  1908  wurde  dem  Hause  der  Entwurf  eines  Arbeitskammergesetzes
vorgelegt,  und  die  Kommission  beriet  ihn  Anfang  1909  in  16  Sitzungen.
Da  aber  der  Reichstag  geschlossen  wurde,  fiel  die  ganze  Arbeit  der  Kommission
  hinweg.  In  der  Thronrede  von  1909  wurde  eine  ganze  Reihe
von  sozialpolitischen  Gesetzen  angekündigt,  der  Entwurf  eines  Arbeitskammergesetzes
  wurde  darunter  aber  mit  keiner  Silbe  erwähnt.  Doch  am
1.  Februar  1910  wurde  die  Vorlage  wieder  eingebracht,  die  Kommission
trat  alsbald  wieder  in  Tätigkeit  und  beendete  die  Arbeit  am  10.  Mai  1910.
Die  Kommission  nahm  die  Beschlüsse  der  früheren  Kommission  wieder  auf
und  dehnte  namentlich  das  Gesetz  auf  die  Eisenbahnarbeiter  und  die  technischen
  Angestellten  aus.  Als  Berichterstatter  empfehle  ich  die  Annahme
der  Kommissionsfassung.

§  1  lautet:  „Für  die  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  eines  Gewerbszweiges
  oder  mehrerer  verwandter  Gewerbszweige  sind  auf  fachlicher
Grundlage,  soweit  nach  dem  Stande  der  gewerblichen  Entwicklung  ein
Bedürfnis  besteht,  Arbeitskammern  zu  errichten.  Die  Arbeitskammern  sind
rechtsfähig.“

Abg.  Wiedeberg  (3.):  Die  Arbeitskammern  sollen  nach  unserer
Meinung  beratende  Institutionen  für  das  Reichsamt  des  Innern  sein,
während  die  Sozialdemokraten  die  Arbeiterkammern  vollständig  selbständig
machen  wollen  und  ihnen  auch  das  Recht  von  Erlassen  und  Verordnungen
und  dergleichen  geben  wollen.  Für  uns  kommt  es  darauf  an,  daß  in  den
Kammern  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  zusammensitzen  und  gemeinsam
arbeiten.  Heute  sind  die  Arbeiterkammern,  die  von  manchen  Seiten  gefordert
  werden,  nicht  mehr  nötig,  sie  werden  ersetzt  durch  die  Gewerkschaften,
die  eine  Standesvertretung  der  Arbeiter  darstellen.  Wir  halten  es  auch
für  richtig,  daß  die  Arbeitskammern  auf  beruflicher  Grundlage  aufgebaut
werden,  wir  werden  also  den  Kommissionsbeschlüssen  zustimmen.

Abg.  Legien  (Sd.):  Wenn  wir  ein  Gesetz  für  die  Arbeiter  schaffen
wollen,  dann  muß  es  auch  so  sein,  daß  es  für  die  Arbeiter  Wert  hat.
Diesen  Zweck  erfüllt  die  Vorlage  aber  auch  in  der  Fassung  der  Kommission
nicht.  Wir  wollen  eine  Arbeiterkammer  schaffen,  eine  Interessenvertretung
der  Arbeiter  allein.  Dafür  wollen  wir  aber  als  weitere  Instanz  das
Arbeitsamt  als  obere  Verwaltungsbehörde  schaffen.  Wir  wollen  damit  die
Tätigkeit  des  Reichsamtes  des  Innern  nicht  in  den  Schatten  stellen,  aber
es  steht  doch  fest,  daß  das  Reichsamt  des  Innern  sehr  überlastet  ist,  und
daß  es  daher  nicht  die  nötige  Zeit  hat,  um  die  sozialpolitischen  Aufgaben
richtig  zu  erfüllen.  Wir  wollen  ferner  nicht  die  berufliche  Organisation,
sondern  wir  wollen  eine  territoriale  Organisation.  Die  berufliche  Gliede-
        <pb n="413" />
        #s  Ventsche  Reich  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Dezember  5.—7.)  405

rung  wird  die  Arbeitskammern  zur  Bedeutungslosigkeit  herabdrücken,  weil
eine  allzu  große  Zersplitterung  eintritt.

Abg.  Graf  Westarp  (K.):  Die  Sozialdemokraten  werden  diese
Kammern  nur  dazu  ausnutzen,  den  revolutionären  Geist  zu  vertreten.
(Lebhafte  Zustimmung  r.  Huhn-Rufe  l.)  Die  Sozialdemokratie  wird  die
Einrichtung  dazu  benützen,  ihre  Interessen  zu  vertreten  und  dazu  geben
die  Wahlen  zu  den  Kammern  und  dergleichen  Gelegenheit.  Was  wir  bei
den  Krankenkassen  erlebt  haben,  wird  auch  bei  den  Arbeitskammern  eintreten.
  Sie  werden  nicht  zum  Frieden  dienen,  weil  es  die  Sozialdemokratie
nicht  dazu  kommen  lassen  wird.  Die  Sozialdemokratie  wird  die  Arbeitskammern
  lediglich  zur  Verstärkung  ihrer  Gewaltherrschaft  benutzen  und  zur
Erweiterung  ihrer  Agitation.  Diese  Gesichtspunkte  erfüllen  uns  mit  lebhaften
  Bedenken.  Schon  gegenüber  der  Regierungsvorlage.  Die  Kommission
  hat  nach  unserer  Meinung  wesentliche  Verschlechterungen  beschlossen.
Von  vornherein  war  ein  Teil  meiner  Freunde  entschlossen,  gegen  die  Regierungsvorlage
  zu  stimmen,  aber  durch  mancherlei  Mißstände  sind  unsere
Bedenken  noch  wesentlich  verstärkt  worden,  namentlich  auch  durch  die
Kommissionsbeschlüsse  und  wir  werden  daher  gegen  das  Gesetz  stimmen.

Abg.  Manz  (Fortschr.  Vp.):  Wir  teilen  nicht  die  Bedenken  bezüglich
der  revolutionären  Bestrebungen  der  Sozialdemokratie,  die  der  Vorredner
gehabt  hat.  Es  wird  so  kommen,  wie  bei  den  Stadtverwaltungen.  Wenn
man  die  größten  Schreier  in  die  Kollegien  schickt,  werden  sie  still  und
ruhig.  Wir  werden  in  der  Hauptsache  den  Kommissionsbeschlüssen  zustimmen,
  wenn  wir  auch  versuchen  werden,  manche  Verbesserungen  zu  erzielen.

Abg.  v.  Dirksen  (Rp.):  Das  Ziel,  das  die  Vorlage  verfolgen  soll,
ist  gut,  aber  wir  glauben  nicht,  daß  es  erreicht  werden  wird.  Das  Gesetz
wird  den  Machtkampf  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  nur  stärken
und  ein  Ausgleich  zwischen  den  beiden  beteiligten  Kontrahenten  wird  nicht
erfolgen.  Die  Sozialdemokratie  lehnt  ja  auch  eine  Versöhnung  ab.  Im
Gesetz  ist  meist  nur  von  Arbeitnehmern  die  Rede.  Wir  finden  den  für  die
Arbeitskammer  ausgesetzten  Arbeitskreis  viel  zu  weit  und  unbestimmt.  Es
wird  sich  eine  Belästigung  der  Industrie  ins  Unermessene  ergeben.  Die
Parität  ist  wirklich  bei  der  Zusammensetzung  der  Arbeitskammern  nicht
vorhanden.  Die  Sozialdemokratie  mißbraucht  ja  alle  Parität.  Die  Sicherheitsmännerwahlen
  bei  den  Knappschaftswahlen  zeigen,  wohin  die  Parität
führt.  Dort  sind  lauter  Sozialdemokraten  gewählt  worden.

Staatsminister  Delbrück:  Der  sozialdemokratische  Antrag  hat  keine
Aussicht  auf  Annahme  im  Plenum.  Ich  weise  nur  darauf  hin,  daß  er
für  uns  unannehmbar  ist,  weil  er  tatsächlich  die  Organisation  des  Reichs
auf  grundsätzlich  andere  Grundlagen  stellt,  indem  er  für  besondere  Interessenten
  eine  andere  Behördenorganisation  einführt,  die  zum  Teil  über,
zum  Teil  unter  diesen  stehen  soll.  Das  ist  in  einem  geordneten  Staatswesen
  nicht  zulässig,  bei  keiner  Interessenvertretung.  Es  ist  auch  bedenklich,
die  Sozialpolitik  vom  Reichsamt  des  Innern  loszulösen  und  einem  besonderen
Amt  zu  übertragen.  Sie  ist  ein  Teil  unserer  ganzen  Wirtschaftspolitik
und  so  lange  wir  eine  verständige  Sozialpolitik  betreiben  wollen,  muß
sie  auch  in  der  Hand  des  Amtes  bleiben,  das  die  Verfolgung  aller  wirtschaftlichen
  Interessen  des  Reichs  zum  Ziele  hat.  Der  Gesetzentwurf  hat
dem  Reichstag  zweimal  vorgelegen.  Der  erste  Entwurf  ist  von  der  Kommission
  so  abgeändert  worden,  daß  er  für  die  Regierung  nicht  annehmbar
war.  Die  Regierung  hat  ihn  von  neuem  vorgelegt  unter  billiger  Berücksichtigung
  der  Beschlüsse  der  ersten  Kommission.  Ich  habe  schon  bei  der
Einbringung  keinen  Zweifel  gehabt,  daß  die  Regierung  einigen  Beschlüssen
zur  ersten  Vorlage  unter  keinen  Umständen  ihre  Zustimmung  erteilen  würde.
        <pb n="414" />
        406  Des  Veutsche  Reic  und  seine  einjelnen  GSlieder.  (Dezember  5.  —7.)

Seitdem  ist  nichts  passiert,  was  die  Regierung  zu  einer  anderen  Haltung
bestimmen  konnte.  Im  Gegenteil,  es  ist  mancherlei  passiert,  um  die  damals
geäußerten  Bedenken  zu  steigern.  (Zurufe:  Moabit!)  Ich  würde  es  beklagen,
  wenn  infolgedessen  der  Entwurf  scheitern  sollte.  Gewiß  ist  die
Tätigkeit  der  Sozialdemokratie,  ihre  Betätigung  auf  den  vielen  Gebieten,
wo  wir  eine  Art  Selbstverwaltung  zum  Ausgleich  der  Interessen  der  Arbeiter
  und  Arbeitgeber  geschaffen  haben,  wenig  geeignet.  Wir  haben  aber
auch  andere,  nicht  sozialdemokratische  Organisationen  und  es  wäre  ein  Unrecht,
  wenn  wir  diesem  Teil  der  Arbeiter  die  Möglichkeit  einer  sachlichen
Vertretung  ihrer  Interessen  nehmen  wollten,  bloß  weil  zurzeit  die  Sozialdemokratie
  die  Majorität  hat.  Man  müßte  am  Deutschen  Reich  verzweifeln,
  wenn  man  glauben  wollte,  daß  das  so  bleiben  sollte.  Die  Zeiten
werden  sich  gewiß  ändern.  (Zurufe  b.  d.  Sd.)  Darum  wünsche  ich  die  Verabschiedung
  des  Gesetzentwurfs,  aber  mit  einer  Einschränkung.

Ich  teile  die  Bedenken  des  Abg.  Dirksen  gegen  die  Bestimmung,
daß  die  Kammern  errichtet  werden  sollen  auf  Beschluß  des  Bundesrates.
  Das  würde  ein  unzweckmäßiger  Eingriff  sein  in  die  Kompetenz
der  Bundesstaaten.  Die  Entscheidung  des  Bundesrates  würde  nur  dort
in  Frage  kommen,  wo  es  sich  um  Arbeitskammern  handelt,  die  sich  auf
mehrere  Landesteile  erstrecken.  Der  Bundesrat  hat  gar  nicht  die  Organe,
um  über  solche  Dinge  zu  verhandeln.  Ich  würde  mich,  um  einen  solchen
Beschluß  des  Bundesrats  vorzubereiten,  erst  hier  mit  den  Landeszentralbehörden
  in  Verbindung  setzen  müssen  und  es  erscheint  zweifelhaft,  daß  der
Bundesrat  bereit  sein  sollte,  einem  Bundesstaat  oder  einem  Teil  desselben
eine  Arbeitskammer  zu  oktroyieren,  wenn  die  Landeszentralbehörde  sich
dagegen  ausspricht.  Bedenklicher  sind  die  Bestimmungen  über  das  Wahlverfahren.
  Das  passive  Wahlrecht  muß  jedenfalls  bei  dem  30.  Lebensjahr
  belassen  werden,  schon  weil  wir  es  in  anderen  Organisationen  ähnlicher
  Art  ebenfalls  haben.

Mit  aller  Entschiedenheit  muß  ich  dagegen  Verwahrung  einlegen
gegen  die  Einbeziehung  der  Eisenbahnarbeiter.  Eisenbahnbetriebe
verfolgen  keine  Erwerbsinteressen  und  müssen  daher  auch  anders  behandelt
werden  als  Erwerbsunternehmungen.  In  dem  Augenblick,  wo  Frankreich
unter  der  Führung  eines  Ihnen  (zu  d.  Sd.)  nahestehenden  Ministers  die
Eisenbahnarbeiter  aus  der  allgemeinen  Arbeiterschaft  herausnimmt,  verlangen
  Sie  von  uns  die  Einbeziehung  in  die  allgemeine  Kategorie  der
Arbeiter.  Das  ist  für  die  Regierung  unannehmbar.  (Bravo  r.)  Ich  kann
auch  nur  wünschen,  daß  die  Bestimmungen  über  die  Zulassung  der
Arbeitersekretäre  nicht  in  das  Gesetz  hineinkommen.  Die  Notizen,  welche
darüber  in  der  Presse  erschienen  sind,  sind  nicht  von  mir  ausgegangen.
Ich  habe  eher  Grund  anzunehmen,  daß  sie  von  einer  Seite  ausgegangen
sind,  die  den  Zweck  verfolgt,  zu  verhindern,  daß  das  Gesetz  zustande  kommt.

Abg.  Behrens  (W.  V.):  Man  darf  nicht  von  dem  Gesichtspunkt.
ausgehen,  als  wollte  man  den  Arbeitern  einen  Gefallen  tun,  sondern  die
soziale  Gesetzgebung  ist  eine  Notwendigkeit  im  Interesse  unseres  ganzen
Volkes.  Man  darf  nur  bei  sozialen  Gesetzen  nicht  von  dem  Standpunkte
ausgehen,  daß  man  damit  die  Sozialdemokratie  bekämpfen  könne.  Die
soziale  Gesetzgebung  ist  dazu  am  allerungeeignetsten.  Da  mag  man  andere
Mittel  zur  Aufklärung  und  dergleichen  ergreifen.  Es  ist  auch  nicht  zutreffend,
  daß  alle  Arbeitgeber  gegen  dieses  Gesetz  seien,  wie  der  Abg.  Dirksen
gesagt  hat;  zahlreiche  Arbeitgeberverbände  seien  für  die  Kommissionsbeschlüsse,
also  auch  für  die  Wählbarkeit  der  Arbeitersekretäre  eingetreten.  Auch  in
Handwerkerkreisen  ist  man  für  die  Mählbarkeit  der  Arbeitersekretäre  und
damit  in  Verbindung  für  die  Wählbarkeit  der  Handwerksmeister.  Der  §  13
        <pb n="415" />
        Das  Vetsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  5.—7.)  407

ist  also  nicht  nur  für  die  Arbeitersekretäre  wertvoll,  sondern  auch  für  die
Innungsmeister  und  Arbeitgebersekretäre,  und  deshalb  sollten  auch  die  Mitglieder
  von  der  Rechten  dafür  stimmen.

Abg.  Kulerski  (P.):  Wir  haben  dem  Gesetzentwurfe  keine  große
Sympathie  entgegengebracht.  Der  Entwurf  ist  zwar  etwas  besser  geworden,
aber  besondere  Freude  kann  man  nicht  daran  haben.  Schließlich  sind  wir
aber  gewillt,  auch  dann  für  die  Vorlage  zu  stimmen,  wenn  unsere  Verbesserungsvorschläge
  abgelehnt  werden.  Wir  stimmen  dann  zu  in  der  Hoffnung,
  daß  bald  eine  Verbesserung  nachfolgt.

Abg.  Naumann  (Vp.):  Sonst  wird  immer  den  Sozialdemokraten
vorgeworfen,  daß  sie  in  sachliche  Debatten  die  parteipolitische  Note  hineintragen;
  heute  haben  das  die  Herren  Vertreter  der  Rechten  getan.  Wie
Herr  v.  Heydebrand  hier  vor  einigen  Tagen  mit  ausgestreckten  Armen
dem  Reichskanzler  seine  Parole  mitteilte,  so  und  so  habe  er  sich  zu  verhalten,
  so  haben  heute  Graf  Westarp  und  Herr  v.  Dirksen  der  Regierung
ihre  Parole  diktiert,  sie  habe  hart  zu  bleiben.  Also  schon  die  Vertretung
der  Frauen  in  den  Vertretungskörpern  der  Arbeiter  soll  nicht  statthaft
sein;  dann  lassen  Sie  nur  die  Frauen  überhaupt  aus  der  Arbeit  heraus.
Aber  solange  Sie  ohne  billige  weibliche  Arbeitskräfte  in  Industrie  und
Landwirtschaft  nicht  auskommen  können,  muß  es  einen  mehr  als  eigentümlichen
  Eindruck  machen,  daß  diese  Vertretung  ausgeschlossen  sein  soll.
Schaffen  Sie  den  Klassenstaat  aus  der  Welt  und  Sie  werden  leichter  mit
der  Sozialdemokratie  fertig.  Warum  ist  es  denn  in  Süddeutschland  besser?
Weil  die  süddeutschen  Staaten  verständiger  eingerichtet  sind  als  der  erste
deutsche  Staat.  Wenn  Herrn  v.  Dirksen  und  seinen  Freunden  das  allgemeine
Wahlrecht  zu  weit  geht,  so  mögen  sie  es  doch  offen  aussprechen,  daß  er  und
seine  Freunde  es  nicht  wollen.  Herr  v.  Dirksen  berief  sich  auf  den  Abg.
Hue,  der  gesagt  hat:  „Einen  Ausgleich  gibt  es  nicht.“  Es  gibt  keinen
endgültigen  Ausgleich  über  Lohn,  Arbeitspreis  und  Arbeitsbedingung,  wie
es  keinen  endgültigen  Ausgleich  der  Getreidepreise  gibt.  Die  Arbeitskammern
  sollen  ja  eben  verhindern,  daß  der  Kampf  ruckweise  vor  sich  geht:
die  Gesetze  sollen  auf  dem  Wege  der  Aussprache  ausgeglichen  werden.  Sie
sagen,  die  Industrie  lehne  das  Gesetz  ab.  Zur  Industrie  gehören  doch  auch
die  Arbeiter  und  Angestellten,  das  ganze  industrielle  Volk  schafft  die  Werte.
Den  Handelstag  geht  dies  Gesetz  gar  nichts  an.  Nun  beweist  ja  der  Verlauf
  der  Spannung  in  der  Metallindustrie,  daß  auch  ohne  Arbeitskammern
die  Beilegung  an  sich  möglich  ist,  aber  die  Arbeitskammern  werden  die
Möglichkeit  erhöhen  und  das  Gefühl  der  Sicherheit  für  die  nationale  Industrie
  vermehren.  Was  nun  im  einzelnen  die  Bestimmungen  über  die
Eisenbahnen  anbelangt,  so  spricht  es  sehr  gegen  weitere  Verstaatlichungsgedanken,
  wenn  bei  jeder  Verstaatlichung  zugleich  die  betreffenden  Arbeiter
herausgenommen  werden  aus  dem  System  der  Gewerbeordnung.  Wenn
der  Staat  immer  stärker  als  Arbeitgeber  auftritt,  dann  darf  er  auch  seine
Arbeiter  nicht  anders  stellen  als  die  Arbeiter  in  den  Privatbetrieben.  Die
Arbeitersekretäre  sind  die  einzigen  unkündbaren  Elemente  in  der  Vertretung
der  Arbeiterschaft  in  den  Arbeitskammern.  Was  wäre  das  für  eine  Vertretung
  der  Arbeiter,  die  alle  vierzehn  Tage  ohne  Angabe  von  Gründen
gekündigt  und  damit  zum  Austritt  aus  den  Kammern  genötigt  werden
kann!  Eine  größere  Unbilligkeit  wäre  kaum  denkbar;  hier  muß  absolute
Parität  durchgeführt  werden.  Wir  wünschen  das  Zustandekommen  des
Gesetzes,  aber  ohne  diejenigen  Opfer  von  Exaktheit  und  Parität,  die  uns
zugemutet  werden.

Staatssekretär  Delbrück:  Der  Abg.  Naumann  meinte,  meine  Ausführungen
  über  die  Stellung  der  Eisenbahnarbeiter  müßten  doch  sehr  be-
        <pb n="416" />
        408  JNos  Veutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Dezember  5.—7.)

denklich  machen  gegenüber  neuen  Verstaatlichungen.  Er  geht  dabei,  wie  ich
Naude,  von  der  Auffassung  aus,  daß  der  Grundsatz,  daß  die  Eisenbahnetriebe
  nicht  unter  die  Gewerbeordnung  fallen,  sich  lediglich  auf  Staatsbetriebe
  beziehe.  Er  bezieht  sich  nicht  nur  auf  Staats--  und  Kommunalbetriebe,
  sondern  auf  alle  Eisenbahnen,  sie  mögen  betrieben  werden,  von
wem  sie  wollen.  Insoferne  ist  also  die  Konsequenz  nicht  ganz  berechtigt,
die  er  gezogen  hat.  Der  Abg.  Naumann  erklärte  ferner,  selbst  wenn  er
anerkennen  wollte,  daß  man  die  in  den  Eisenbahnbetrieben  beschäftigten
Arbeiter  einer  gesonderten  Behandlung  unterwerfen  könne,  könne  er  das
bezüglich  der  Werkstättenarbeiter  nicht  zugeben,  weil  diese  völlig  gleichständen
  mit  Arbeitern  einer  Eisengießerei  oder  eines  ähnlichen  Unternehmens.
  Die  Tätigkeit  in  den  Eisenbahnwerkstätten  und  den  damit  zusammenhängenden
  Betrieben  ist  nicht  gerichtet  auf  den  Absatz  an  Dritte,
die  Arbeiter  in  diesen  Betrieben  dienen  vielmehr  der  dauernden  Betriebsfertigkeit
  und  Leistungsfähigkeit  der  Eisenbahnen.  Wenn  eine  Betriebswerkstätte
  nicht  funktioniert,  so  kann  dies  genau  so  den  ganzen  Betrieb
lahmlegen,  als  wenn  eine  Arbeiterkolonne  auf  einem  Bahnhofe  oder  auf
der  Strecke  versagt.  Deshalb  ist  es  absolut  unmöglich,  die  Arbeiter  in  den
Werkstätten  und  in  den  Eisenbahnbetrieben  unterschiedlich  zu  behandeln.
Wenn  Abg.  Naumann  am  Schlusse  gemeint  hat,  es  sei  eine  Verletzung  der
Parität,  wenn  man  die  Wahl  von  Arbeitersekretären  in  die  Arbeitskammern
nicht  zulassen  wolle,  den  industriellen  Betrieben  aber  die  Möglichkeit  gebe,
sich  durch  Betriebsleiter,  Direktoren  usw.  vertreten  zu  lassen,  so  übersieht
er  nach  meiner  Ansicht  eines:  die  zugelassenen  Vertreter  der  Arbeitgeber
stehen  unmittelbar  in  den  Betrieben  und  in  der  praktischen  Arbeit,  sind
also  die  gegebenen  und  gebotenen  Vertreter  derjenigen  Interessen,  die  in
den  Arbeitskammern  vertreten  werden  sollen.  Die  Personen  aber,  die  wir
fernhalten  wollen,  sind  jene,  die  nicht  in  der  praktischen  Arbeit,  nicht  in
den  Betrieben  stehen  und  sie  sind  dementsprechend  nicht  geeignet,  die  Interessen
  der  Arbeiter  zu  vertreten.

Abg.  Ledebour  (Sd.)  ruft:  Das  können  die  Arbeiter  selbst  entscheiden,
  wer  geeignet  ist,  ihre  Interessen  zu  vertreten.

Abg.  Legien  (Sd.):  Die  Eisenbahnverwaltung  übt  einen  ungeheuren
Terrorismus  aus.  Sind  denn  die  Eisenbahnarbeiter  Staatsbürger  minderen
Rechts?  Gewiß,  die  Zeiten  werden  sich  ändern,  aber  so,  daß  dem  Staatssekretär
  die  Augen  übergehen  werden.  Auf  ein  wertloses  Gesetz  verzichten
wir,  dann  soll  man  es  lieber  begraben.  Unsere  Forderungen  werden  doch
immer  wieder  kommen.  Was  geht  uns  denn  der  Unternehmerstandpunkt
an?  Es  soll  doch  ein  Gesetz  für  die  Arbeiter  sein.  Man  nennt  uns  Agitatoren
  und  Hetzer.  Wir  mußten  aber  unseren  früheren  Beruf  aufgeben
wegen  des  Terrorismus  der  Unternehmer,  die  uns  aufs  Pflaster  warfen.
Graf  Westarp  schrie  nach  Ausnahmegesetzen  gegen  die  Arbeiter,  Herr
v.  Dirksen  stimmte  ein.  Und  Sie  wollen  Arbeiterinteressen  vertreten?

Abg.  Dr.  Fleischer  (3.):;  Die  Ausführungen  des  Staatssekretärs
klangen  tröstlicher  als  die  Warnungen  und  Mahnungen  nach  dem  Regierungstische
  hin.  Meine  Herren  von  der  Rechten!  Ihre  Argumentationen
waren  nicht  stichhaltig!  Im  Gesetze  selbst  ist  die  Bürgschaft  gegeben,  daß
es  den  Absichten  des  Gesetzgebers  entsprechend  ausgeführt  wird.  Hat  nicht
der  Reichskanzler  selbst  die  Notwendigkeit  dieses  Gesetzes  anerkannt?  Hat
nicht  auch  der  Führer  einer  hervorragenden  Unternehmerorganisation  für  das
Gesetz  gesprochen,  der  Abg.  Manz?  Die  äußerste  Linke  sollte  aber  die  Forderung
nach  Arbeiterkammern  fallen  lassen.  Ist  es  kein  Fingerzeig  für  sie,  daß  Herr
v.  Dirksen  prinzipiell  auch  dafür  ist?  Auf  Briandsche  Sozialpolitik  verzichten
wir,  Herr  v.  Dirksen.  Der  Redner  wendet  sich  gegen  die  Sozialdemokraten.
        <pb n="417" />
        Das  Beutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  5.—7.)  409

§§  1—6  werden  in  der  Kommissionsfassung  angenommen.  Eine
lebhaftere  Debatte  knüpft  sich  an  &amp;amp;  7,  der  bestimmt,  daß  als  Arbeitnehmer
die  gewerblichen  Arbeiter  einschließlich  der  für  bestimmte  Gewerbetreibende
in  der  Hauptindustrie  beschäftigten  Arbeiter  in  Betracht  kommen  und  zwar
die  letzteren  auch  dann,  wenn  sie  ihre  Rohstoffe  selbst  beschaffen.  Abg.  Irl
beantragt  für  das  Zentrum,  daß  für  die  hausindustriellen  Arbeiter  eine
Einschränkung  dahin  eintrete,  daß  nur  Hausarbeiter,  die  nur  vorübergehend
und  gelegentlich  für  andere  Gewerbe  außerhalb  der  Arbeitsstätten  der
letzteren  arbeiten,  nicht  einbezogen  werden.

Abg.  Dr.  Potthoff  (Fortschr.  Vp.)  begründet  den  Antrag  der  Fortschrittlichen
  Volkspartei  zum  letzten  Absatz  des  Paragraphen,  wonach  Betriebsbeamte,
  Werkmeister,  Techniker,  Handlungsgehilfen,  Handlungslehrlinge
  und  sonstige  gewerbliche  Arbeiter  in  Handlungsgeschäften  ausgeschlossen
bleiben  sollten.  Der  Antrag  will  nur  Betriebsbeamte,  Werkmeister,  Techniker,
  Handlungsgehilfen  und  Handlungslehrlinge  ausschließen.  Die  Eisenbahnarbeiter
  insbesondere  vom  Gesetz  auszuschließen,  gehe  nicht  an.  Sie
unterliegen  zweifellos  nicht  dem  Arbeitskammergesetze,  wenn  der  Paragraph
so  bestehen  bleibt,  wie  er  jetzt  lautet.  Die  Werkstätten  der  Staatseisenbahnen
  und  ihre  Arbeiter  müssen  in  das  Gesetz  einbezogen  werden.  Die
Eisenbahnwerkstätten  sollten  nach  unserer  Auslegung  der  Gewerbeordnung
allerdings  schon  jetzt  unter  das  Gesetz  fallen.  Der  Antrag  Irl  wird  von
uns  auch  jetzt  abgelehnt,  weil  die  Fassung  des  Antrages  eine  Verschlechterung
  des  Gesetzes  bedeutet  und  die  Hausindustriellen  schlechter  gestellt  sein
würden.

Staatssekretär  Delbrück:  Der  Ausdehnung  auf  die  Werkmeister
und  Techniker  können  wir  zustimmen.  Einem  weitergehenden  Antrage  der
Volkspartei  zuzustimmen,  ist  uns  unmöglich.

Abg.  v.  Bolko  (K.)  wendet  sich  gegen  jeden  Versuch,  die  Eisenbahnarbeiter
  in  das  Gesetz  aufzunehmen.  Das  bringe  Gefahren  für  die  ganze
Bevölkerung  und  außerdem  haben  diese  Arbeiter  eine  Behörde,  die  ihren
Wünschen  Verständnis  entgegenbringt.  Uns  wird  vorgeworfen,  daß  wir
politische  Gesichtspunkte  in  die  Debatte  bringen,  während  das  gerade  vom
Zentrum  und  der  Linken  geschieht.

Abg.  Schwabach  (Nl.)  erklärt  sich  gegen  die  Einbeziehung  der  Eisenbahnarbeiter.
  Die  Eisenbahnarbeiter  gehörten  zu  keinem  Erwerbs-  oder
industriellen  Unternehmen  und  die  Werkstätten  seien  für  Reparaturen  da,
so  daß  die  Werkstätten  anders  zu  beurteilen  seien  als  die  Fabrikbetriebe.
Dann  befürwortete  der  Redner  die  Resolution  der  Kommission,  daß  die
Ausschüsse  der  in  staatlichen  Betrieben  beschäftigten  Arbeiter  und  Handwerker
  organisiert  würden.

Nach  längerer  Debatte  wird  §7  mit  132  gegen  115  Stimmen  angenommen.
  Ohne  Diskussion  erfolgt  die  Annahme  von  88  8—10.

Bei  §11,  der  das  aktive  Wahlrecht  von  der  Vollendung  des  21.
Lebensjahres  abhängig  macht  und  nur  „Deutschen“  zugesteht,  beantragt
Abg.  v.  Bolko  (K.)  die  Wiederherstellung  der  Regierungsvorlage,  die  25  Jahre
festsetzte  und  Abg.  Kulerski  (P.),  auch  „nichtdeutschen  Personen“  das  Wahlrecht
  zu  geben.

Staatssekretär  Dr.  Delbrück:  Ich  bitte  Sie  dringend,  den  Antrag
der  Polen  abzulehnen.  Wenn  er  lediglich  dazu  dienen  soll,  den  Deutschen
polnischer  Zunge  das  Wahlrecht  zu  sichern,  so  ist  jede  Besorgnis  unbegründet.
  Deutsch  ist  ein  staatsrechtlicher  Begriff.  Er  umfaßt  alle  Personen,
  die  das  deutsche  Indigenat  haben  und  berechtigt  sind,  die  deutschen
staatsbürgerlichen  Rechte  auszuüben.  Alle  deutschen  Staatsangehörigen,
also  auch  polnischer  Zunge,  haben  Sitz  und  Stimme.  Sollte  aber  mit  dem
        <pb n="418" />
        IEIILIIIITIIIIIITIIIIII

Antrag  beabsichtigt  werden,  Ausländern  das  Wahlrecht  zu  verschaffen,  so
sind  wir  entschieden  dagegen.  Nur  Angehörige  des  Deutschen  Reichs  sollen
wahlberechtigt  sein.  Die  Annahme  des  Antrags  werde  das  Gesetz  für  die
Verbündeten  Regierungen  unannehmbar  machen.  Bezüglich  des  Wahlalters
  sind  wir  der  Ansicht,  daß  das  passive  Wahlalter  unter  allen  Umständen
nicht  geringer  sein  darf  als  30  Jahre,  das  aktive  nicht  geringer  als  25.

Abg.  Kulerski  (P.):  Nach  der  Auskunft  des  Staatssekretärs  beantragen
  wir.  für  das  Wort  „Deutsche“  zu  setzen:  „Reichsangehörige“.

Staatssekretär  Delbrück:  Ich  bitte,  auch  diesen  Antrag  abzulehnen.
Im  Vereinsgesetz  wird  allerdings  von  Reichsangehörigen  gesprochen,  sonst
aber  ist  gesetzestechnisch  der  Ausdruch  „Deutsche“  üblich.  Es  ist  nicht  zweckmäßig,
  für  denselben  Begriff  zwei  verschiedene  Bezeichnungen  zu  wählen.
Wenn  wir  von  einem  Deutschen  sprechen,  so  sind  alle  Deutschen  gemeint
ohne  Rücksicht  auf  ihre  Abstammung.  Der  Begriff  „Reichsangehörige“  ist
unklar,  denn  wir  haben  eigentlich  keine  Reichsangehörigen  als  solche,  da
die  Reichsangehörigkeit  hergeleitet  ist  aus  der  Zugehörigkeit  zu  den  einzelnen
  Bundesstaaten.  In  dem  maßgebenden  Gesetz  über  die  Staatsangehörigkeit
  ist  auch  der  Begriff  „Deutsche“  angewendet.  Es  handelt  sich
also  um  einen  feststehenden  staatsrechtlichen  Begriff,  der  nicht  durch  Erklärungen
  von  Regierungsvertretern  ausgelegt  werden  kann.

Sämtliche  Abänderungsanträge  werden  abgelehnt,  §  11  wird  unverändert
  angenommen.

§  12  wird  nach  der  Vorlage  angenommen.

Das  Hauptinteresse  dreht  sich  um  §  13,  der  das  passive  Wahlrecht
  regelt.  Dieses  Wahlrecht  sollen  haben  diejenigen  Wahlberechtigten:
1.  die  das  25.  Lebensjahr  vollendet  haben,  2.  die  seit  mindestens  einem
Jahre  demjenigen  Gewerbezweig  als  Arbeitgeber  oder  Arbeitnehmer  angehören,
  für  welche  die  Arbeitskammern  errichtet  sind;  3.  die  Armenunterstützungen
  im  vorausgegangenen  Jahre  nicht  empfangen  haben.  Außerdem
sollen  wählbar  sein:  1.  solche  Personen,  die  wenigstens  drei  Jahre  hindurch
einem  Gewerbezweige,  für  den  die  Arbeitskammern  errichtet  sind,  als  Arbeitgeber
  oder  Arbeitnehmer  angehört  haben  und  seit  mindestens  einem  Jahre
im  Bezirk  der  zuständigen  Arbeitskammer  wohnen;  ferner  als  Arbeitgeber
auch  solche  Personen,  die  mindestens  ein  Jahr  als  Vorsitzende  oder  Beamte
beruflicher  Organisationen  der  Arbeitskammer  derjenigen  Gewerbezweige
tätig  sind,  für  welche  die  Arbeitskammern  errichtet  sind  und  in  Bezirken
der  zuständigen  Arbeitskammern  wohnen.  Diese  Bestimmung  erklärt  es
also  für  zulässig,  daß  auch  Arbeitersekretäre  wählbar  sein  können.

Ab.  Bömelburg  (Sd.)  begründet  den  sozialdemokratischen  Antrag,
die  Bestimmung  zu  streichen,  daß  die  Personen  das  passive  Wahlrecht  nicht
haben  sollen,  die  Armenunterstützung  aus  öffentlichen  Mitteln  im  vorausgegangenen
  Jahre  bekommen  haben.

Abg.  Irl  (3)  bittet,  den  §  13  unverändert  nach  den  Beschlüssen  der
Kommission  anzunehmen.  Seine  Partei  lege  auf  die  Zulassung  der  Arbeitersekretäre
  den  größten  Wert.

Abg.  v.  Bolko  (k.):  Wir  werden  gegen  den  §  13  stimmen.  Die
Leute  sind  noch  nicht  fähig,  gewählt  zu  werden,  ehe  sie  das  30.  Lebensjahr
vollendet  haben.  Wir  sind  auch  gegen  die  Zulassung  der  Arbeitersekretäre
und  werden,  wenn  diese  Bestimmungen  aufrecht  erhalten  bleiben,  gegen  das
Gesetz  stimmen.

Abg.  Horn  (ul.)  führt  aus,  daß  die  Arbeitersekretäre  die  gegebenen
Vertreter  der  Arbeiterinteressen  seien  und  sich  als  solche  bei  den  Gewerbegerichten
  bewährt  haben.  Aber  in  die  Arbeitskammern  gehören  diese
Sekretäre  nicht.
        <pb n="419" />
        Das  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  5.—7.)  411

Abg.  Naumann  (Fortschr.  BVp.):  In  der  Kommission  hat  ein  hervorragender
  Großindustrieller  den  Standpunkt  vertreten,  daß  man  gerade  die
Arbeitersekretäre  nicht  in  der  Arbeitskammer  haben  wolle.  Diese  Herren
wollen  eben  Herren  im  eigenen  Hause  sein.  Aber  die  Unternehmer  haben
doch  längst  aufgehört,  Herren  im  eigenen  Hause  zu  sein.  Sie  sind  mehr
oder  weniger  abhängig  vom  Syndikat  und  wie  lange  wird  es  dauern,  daß
die  Unternehmer  genau  so  organisiert  sind  wie  die  Arbeiter.

Staatssekretär  Delbrück:  Es  ist  nicht  richtig,  daß  das  Gesetz  nichts
wert  sei,  wenn  die  Arbeitersekretäre  für  die  Kammern  nicht  wählbar  sind.
Ich  gehöre  nicht  zu  denjenigen,  die  eine  unrichtige  Vorstellung  von  der
Tätigkeit  der  Arbeitersekretäre  haben.  Sie  sind  eine  unentbehrliche  Institution
geworden.  Aber  nun  ist  die  Frage  zu  stellen:  sind  die  Arbeitersekretäre,
die  alle  diese  Aufgaben  haben  und  mit  Erfolg  ausüben,  geeignet  für  die
Arbeiterkammern.  Diese  Frage  verneine  ich  wiederholt.  Niemand  wird  die
Tätigkeit  der  Staatsanwälte  oder  Rechtsanwälte  nicht  zu  schätzen  wissen,
ohne  daß  er  sie  deshalb  in  die  das  Urteil  fällenden  Gerichte  hineinversetzen
möchte.  Der  Arbeitersekretär  erhebt  in  der  Oeffentlichkeit  Anklage  und
darüber,  ob  diese  Anklage  berechtigt  ist,  sollen  die  Arbeitskammern  dann
durch  Rundfragen  nach  Recht  und  Billigkeit  befinden.  Selbst  wenn  der
Arbeitersekretär  nun  einsehen  sollte,  daß  er  sich  geirrt  hat  oder  zu  weit
gegangen  ist,  so  käme  er  in  die  schwierigste  Lage,  weil  es  schwer  ist,  einen
begangenen  Fehler  öffentlich  einzugestehen.  Es  besteht  in  den  Unternehmerkreisen
  eine  Abneigung,  mit  den  Arbeitersekretären  zusammen  zu  arbeiten.
Wir  brauchen  die  Arbeitersekretäre  sicherlich  nicht,  um  das  Gesetz  zur
Wirksamkeit  zu  bringen.  Die  Arbeitersekretäre  sind  nicht  unabhängig  von
den  Arbeitgebern,  sondern  von  den  Arbeitern  sind  sie  abhängig.  (Zurufe:
Sie  sind  ja  die  Vertreter  der  Arbeiter.)  Die  Arbeitgeber  werden  sich  hüten,
einen  Arbeiter,  der  Mitglied  einer  Arbeitskammer  ist,  zu  entlassen,  weil
er  sachgemäß  und  ruhig  seine  Angaben  gemacht  hat,  die  er  machen  mußte.
(Unruhe  l.  und  Zurufe.)  Nun  solle  eine  neutrale  Stelle  auf  gesetzlicher
Grundlage  geschaffen  werden,  wo  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  an  einen
Tisch  gesetzt  werden  sollen  zur  gemeinsamen  Beratung  ihrer  Interessen.
Glauben  Sie,  daß  dieses  Ziel  erreicht  würde,  wenn  Sie  gerade  die  Rufer
im  Streite  in  den  Arbeitskammern  arbeiten  lassen?  Lassen  Sie  die  Arbeitskammern
  so  werden,  wie  die  Verbündeten  Regierungen  sie  empfohlen  haben.
Sorgen  Sie  dafür,  daß  das  Gesetz  so  ausgeführt  wird,  wie  wir  es  gegeben
haben  und  dann  warten  Sie  ab.  Dient  das  Gesetz  dem  Dienste  des
Friedens,  so  wie  wir  es  hoffen,  dann  wird  vielleicht  in  einiger  Zeit  die
Berufung  der  Arbeitersekretäre  in  die  Arbeitskammern  nicht  mehr  notwendig
  sein,  aber  auch  nicht  mehr  den  Widerstand  finden,  den  sie  heute
noch  an  so  vielen  Stellen  finden  muß.  Nehmen  Sie  also  das  Gesetz  so  an,
wie  die  Reichsregierung  es  will.  (Beifall  r.  und  b.  d.  Nl.)

Abg.  Schmidt  (Sd.):  Der  Radboder  Prozeß  hat  uns  doch  bewiesen,
daß  die  Leute  wegen  der  Feststellung  der  Mißstände  entlassen  und  gemaßregelt
  worden  sind.  Im  rheinisch-westfälischen  Gebiet  werden  die  Steiger
fortgesetzt  gemaßregelt,  wenn  sie  auf  Mißstände  hinweisen.  In  Württemberg
  und  Bayern  sind  Arbeiterbaukontrolleure  eingeführt  worden,  und  zwar
sind  diese  Kontrolleure  aus  unseren  sozialdemokratischen  Arbeiterkreisen  genommen
  worden.  In  Preußen  ist  man  aber  bureaukratischer.  Da  sträubt
man  sich  gegen  eine  sachgemäße  Vertretung  der  Arbeiterschaft  in  den
Arbeitskammern  und  wenn  das  heute  nicht  erreicht  wird,  so  wird  es  in
einigen  Jahren  kommen.  Wir  müssen,  wenn  das  Gesetz  überhaupt  einen
Wert  haben  soll,  unbedingt  daran  festhalten,  daß  die  Arbeitersekretäre
wählbar  sind.
        <pb n="420" />
        412  Nas  Neutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Dezember  5.—9.)

Nachdem  noch  Abg.  Behrens  (Wirtsch.  Vgg.)  und  Abg.  Giesberts
(Z.)  für  das  passive  Wahlrecht  der  Arbeitersekretäre  als  der  berufenen
Vertreter  der  Arbeiter  eingetreten  waren,  wird  §  13  in  der  Fassung  der
Kommission,  also  auch  die  Wählbarkeit  der  Arbeitersekretäre,  mit  193  gegen
die  111  Stimmen  der  Nationalliberalen,  Konservativen  und  Reichspartei
angenommen.  Ebenso  der  Rest  des  Gesetzes  ohne  wesentliche  Debatte.

5.  Dezember.  (Hamburg.)  Für  1911  wählt  der  Senat
Dr.  Bredöhl  zum  ersten,  Dr.  Burchard  zum  zweiten  Bürgermeister.

Anfang  Dezember.  (Leipzig.)  Zur  Förderung  der  deutschen
Interessen  in  der  Türkei  und  in  Persien  bildet  sich  das  „deutsche
Vorderasien-Komitee“.

6.  Dezember.  (Reichstag.)  Die  Budgetkommission  berät  die
Fernsprechgebührenordnung.

6.  Dezember.  Der  „Kölnischen  Zig.“  wird  über  den  Zwischenfall
  von  Agadir  aus  Berlin  berichtet:

Es  sei  nicht  klar,  ob  der  Besuch  der  französischen  Kriegsschiffe  der
Vorläufer  zur  Eröffnung  dieses  Hafens  sei;  sollte  solche  beabsichtigt  sein,
so  darf  selbstverständlich  vorausgesetzt  werden,  daß  der  Sultan,  dem  allein
die  Eröffnung  zusteht,  sämtlichen  Signatarmächten  von  Algeciras,  die  nach
den  bekannten  Verträgen  Anspruch  darauf  haben,  gleichzeitig  Mitteilung
davon  machen  und  außerdem  die  Maßregeln  für  die  Eröffnung  unter
Bekanntgabe  des  Termins  so  treffen  werde,  daß  Bevorzugungen  unter  den
Interessenten  der  verschiedenen  Länder  ausgeschlossen  sind.

7.  Dezember.  (Lübeck.)  Der  Senat  wählt  zum  regierenden
Bürgermeister  für  die  nächsten  zwei  Jahre  den  Senator  Hermann
Eschenburg.

7.  Dezember.  (Preußen.)  Ein  Erlaß  des  Ministers  der
öffentlichen  Arbeiten  verkündet  eine  Verlängerung  des  den  unteren
und  mittleren  Beamten,  die  das  50.  Lebensjahr  zurückgelegt  haben,
zustehenden  Urlaubs.  #

7.  Dezember.  (Bochum.)  Der  Zechenverband  lehnt  die  Forderungen
  der  Bergarbeiterverbände  auf  Lohnerhöhung  um  15  Prozent
und  Umwandlung  des  Arbeitsnachweises  im  Ruhrgebiet  ab.

7.  Dezember.  (Leipzig.)  Die  Reichsbank  wird  vom  Reichsgericht
  mit  dem  Revisionseinspruch  gegen  das  Urteil  des  Kammergerichts
  abgewiesen  und  zur  Herausgabe  der  bei  ihr  im  Jahre  1888
hinterlegten  Million  des  Exsultans  Abdul  Hamid  an  die  türkische
Regierung  verurteilt.

7.  Dezember.  (Berlin.)  Der  Maler  Ludwig  Knaus  f,  81
Jahre  alt.

9.  Dezember.  Reichstagsabgeordneter  Professor  Spahn.

Gegen  die  Aufnahme  des  Professors  Spahn-Warburg  in  die  Zentrumsfraktion
  des  Reichstages  richtete  das  Herrenhausmitglied  Graf  Oppersdorf
        <pb n="421" />
        Das  Benische  Reich  und  seine  eingelnen  Glieder.  (Dezember  9.)  413

die  Broschüre:  „Eine  Gewissensfrage:  Ist  Martin  Spahn  Zentrumsmann?“
Der  Verfasser  kennzeichnet  das  Streben  des  Professors  Spahn  als  einen
Versuch,  die  Katholiken  zu  entklerikalisieren.  Trotzdem  wird  Professor
Martin  Spahn  am  Schluß  einer  vierstündigen  Sitzung  in  die  Zentrumsfraktion
  ausgenommen.

9.  Dezember.  (Reichstag.)  Erste  Lesung  des  Etats.  Militärvorlage.


Reichsschatzsekretär  Wermuth:  Der  Etat  für  1911  erfordert
von  uns  die  Probe  auf  unsere  Finanzen.  Die  Finanzen  des  Reiches
befinden  sich  in  fortschreitender  Genesung.  Doppelte  Vorsicht  ist
aber  geboten.  Vor  einem  Jahre  haben  Sie  eine  schwere  Vergangenheit
hoffentlich  dauernd  verabschiedet.  Die  Rückstände  von  1906  bis  1908
haben  wir  durch  Anleihen  dauernd  beiseite  geschoben,  aber  den  Fehlbetrag
  von  1909  nur  provisorisch.  Diesen  zu  tilgen  ist  die  Aufgabe  des
kommenden  Jahres  1911.  Die  vermehrte  Schuldentilgung,  die  Erschöpfung
des  Reichsinvalidenfonds  und  die  bereits  festgelegte  Verpflichtung  der  Anleihen
  stellen  harte  Anforderungen,  zu  deren  Leistung  die  Mittel  eng  begrenzt
  sind.  An  die  Matrikularbeiträge  von  80  Pfennig  Pflichthöhe  müssen
wir  uns  unbedingt  festklammern,  sonst  verlieren  wir  den  Boden.  Vermöge
der  vermehrten  Steuern  und  Zölle  sind  wir  in  der  Lage,  das  gänzlich
verlorene  Gleichgewicht  zwischen  Einnahme  und  Ausgaben  wiederherzustellen.
Das  natürliche  Anwachsen  der  Ausgaben  wird  sich  vielleicht  aus  dem
decken,  was  uns  in  Zukunft  zuwächst.  Aber  auch  die  Zukunft  fordert  ihre
Rechte.  Die  Friedenspräsenzstärke  des  Heeres  ist  neu  festzulegen  und  entsprechend
  der  Wirtschaftslage  zu  ordnen.  Danach  werde  ich  mir  gestatten,
Ihnen  die  gegenwärtige  Finanzlage  und  unsere  darauf  gebauten  Vorschläge
vorzutragen.

Das  Jahr  1909  war  ein  Jahr  der  Wirrnisse,  war  der  Brennpunkt
für  unsere  Finanznot,  und  doch  hat  es  schließlich  mit  einem  versöhnenden
Lichtblick  geendet.  (Na!  Nal-Rufe  l.)  Es  hatte  ein  eigenes  Defizit  von
243  Millionen  Mark  in  Gestalt  ungedeckter  Matrikularbeiträge.  Es  traten
hierzu  die  Besoldungsvermehrungen  von  80  Millionen  Mark,  die  annähernd
  gedeckt  wurden  durch  die  neuen  Zölle  und  Steuern  in  Höhe  von
85  Millionen  Mark,  so  daß  ein  Fehlbetrag  von  239  Millionen  Mark  sich
ergab.  Ueberschüsse,  wenn  man  sie  so  nennen  darf.  hat  das  Jahr  1909
tatsächlich  ergeben,  es  hat  sich  um  113  Millionen  Mark  besser  gestellt,  als
Erat  und  Nachtragsetat  vermuten  ließen.  Der  Etat  hatte  sich  in  engen
Grenzen  gehalten  und  wurde  vorsichtig  geschätzt.  So  kam  ein  Mehr  an
Branntweinsteuer,  Brausteuer,  an  Grundstücks=  und  Umsatzstempel  usw.
zustande.  Ohne  Zusammenhang  mit  den  neuen  Zöllen  und  Steuern  gab
die  Erbschaftssteuer  Mehrerträge,  mit  den  Zöllen  liegt  die  Sache  kompliziert.
Die  Voreinfuhr  von  Kaffee,  Tabak  usw.  brachte  erhebliche  Gelder,  nämlich
23  Millionen  Mark,  so  daß  die  Zölle  ein  erhebliches  Mehr  ergaben.  Daß
wir  überhaupt  einen  Ausfall  hatten,  kommt  nur  daher,  daß  auch  diesmal
die  Zölle  auf  Rohgetreide  einen  Ausfall  von  50  Millionen  ergaben.  Für
1909  ergibt  sich:  Wir  hatten  ein  Mehr  von  72  Millionen  Mark  an
Steuern  und  eine  Minderausgabe  von  40  Millionen  Mark  beim  Witwenund
  Waisenfonds,  macht  112  Millionen  Mark.  Ein  kleines  Mehr  haben
Post  und  Eisenbahn.  Kleine  Mehrausgaben  werden  reichlich  ausgeglichen
durch  die  Mehreinnahmen  bei  den  Bahneinnahmen.  Einen  unerwarteten
Erfolg  hatten  wir  durch  den  Verkauf  der  zwei  Kriegsschiffe  an  die  Türkei.
Die  Einnahmen  von  16  Millionen  fließen  hier  als  Ueberschuß  dem  Etat
zu.  Ich  komme  zu  den  Abschlüssen  für  1910.  Das  Jahr  hat  keine  an-
        <pb n="422" />
        414  Des  Vesche  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Dezember  9.)

genehmen  Ueberraschungen,  aber  auch  keine  unangenehmen  Enttäuschungen
bereitet.  Es  ist  bemerkenswert,  daß  sämtliche  Ressorts  ihre  Etats  innegehalten
  haben.  Wohl  können  Ueberschreitungen  von  einzelnen  noch  vorkommen,
  aber  bei  keiner  einzigen  Verwaltung  ist  eine  Ueberschreitung  des
Gesamtabschlusses  zu  gewärtigen,  die  nicht  entsprechend  in  Mehreinnahmen
ihre  Erklärung  und  Deckung  fände.  Ich  glaube,  Sie  können  daraus  ersehen,
  daß  der  Geist  des  Haushaltens  nicht  nur  in  der  Finanzverwaltung,
sondern  in  allen  Ressorts  des  Reichsbetriebes  herrscht.

Bei  den  Zöllen  und  Steuern  sind  kleine  Mehreinnahmen  angenehm,
  aber  nicht  überraschend  gewesen.  Immerhin  ist  vor  Optimismus
u  warnen,  die  Zukunft  verlangt  ihre  Rechte.  Jetzt  haben  wir  den  Ansatz
sat  mathematisch  genau  erreicht.  An  Zöllen  und  Steuern  hatten  wir  für
1910  angesetzt  den  Betrag  von  290  Millionen  Mark  oder  fünf  Siebentel
des  geschätzten  Gesamtbetrages.  Nach  Abzug  der  bekannten  Größen:  Zucker-,
Fahrkartensteuer=  und  Ortsporto  für  1911  setzen  wir  an  30  bis  35
Millionen  mehr  und  gelangen  so  zu  vier  Fünfteln  des  geschätzten  Gesamtbetrages
  oder  zu  fünf  Sechsteln  der  Endsumme  von  500  Millionen  Mark.
Wir  dürfen  erwarten,  daß  dieser  Ansatz  erreicht  werden  wird,  nachdem  die
neuen  Steuern  sich  inzwischen  eingelebt  haben.  Die  Tabaksteuer  hat
sich  so  entwickelt,  wie  man  nach  der  großen  Voreinfuhr  erwarten  konnte.
Die  Einfuhrziffern  der  letzten  drei  Monate  sind  nahezu  normal.  Die  Zollerhöhung
  hat  durchaus  die  erwarteten  Erträge  gebracht.  Die  Zigarettensteuer
  hat  den  Ansatz  überschritten.  Auch  beim  Kaffee  beginnen  die  Folgen
der  Voreinfuhr  sich  auszugleichen.  Schwierigkeiten  macht  eine  nicht  vorgesehene
  Erhöhung  des  Weltmarktpreises.  Von  dem  erwarteten  Mehr  an
Brausteuern  sind  wir  nur  noch  um  15  Millionen  entfernt.  Aber  auch
hier  ist  eine  Besserung  zu  erwarten.  Die  Brauereien  blicken  jedenfalls
nicht  auf  ein  ungünstiges  Jahr  zurück.

Die  Erwartungen  sind  nicht  erfüllt  worden  von  der  Leuchtmittelsteuer.
  Hier  wird  die  verlängerte  Lebensdauer  der  Metallfadenlampen
von  Einfluß  gewesen  sein.  Der  Effektenstempel  entwickelt  sich  günstig,
wird  aber  etwas  zurückgehalten  durch  die  Talonsteuer.  Die  Zündwarensteuer
  hat  gelitten  unter  einer  außerordentlich  großen  Voreinfuhr  und
einer  großen  Verbitterung.  Ich  lasse  dahingestellt,  ob  die  Ersatzmittel
nicht  teurer  zu  stehen  kommen  als  die  Steuer  selbst,  doch  sind  die  Folgen
der  Vorversorgung  und  die  Schwierigkeiten  des  Ueberganges  in  der  Rückbildung
  begriffen,  und  wir  können  erwarten,  daß  1912  der  Beharrungszustand
  erreicht  werden  wird.  Die  Schwierigkeiten,  die  in  der  Industrie
herrschen  und  mit  der  Steuer  nichts  zu  tun  haben,  kann  ich  hier  übergehen.
Die  Branntweinsteuer  ist  immer  Schwankungen  unterworfen  gewesen.
Wir  konnten  die  Folgen  der  Vorversorgung  und  der  Steuererhöhung  nicht
sicher  übersehen  und  haben  daher  für  1909  auch  keine  Mehreinnahme  berechnet.
  Nachdem  eine  solche  gekommen  ist,  wird  das  Jahr  1910  einen
Ausfall  bringen.  Auch  das  wird  sich  in  der  Zukunft  ausgleichen.  Man
muß  auch  beachten,  daß  das  Kontingent  dem  verwendeten  Gebrauch  nicht
schnell  genug  folgen  konnte.  Das  ist  inzwischen  geschehen,  und  so  wird
für  1911  eine  Mehreinnahme  zu  erwarten  sein.  Es  ergibt  sich,  daß  uns
durch  die  neuen  Stenern  ein  großer  und  sicherer  Besitzstand  erwachsen  ist.
Wenn  einige  Steuern  die  erwarteten  Erträge  nicht  gebracht  haben,  so
ist  das  keine  Eigentümlichkeit  der  letzten  Steuern,  sondern  Beispiele  dafür
ließen  sich  aus  früheren  Jahren  leicht  beibringen.  Auch  alte  Einnahmequellen
  haben  Mindereinnahmen  gezeigt.  Die  Erbschaftssteuer  und  die
Börsensteuer  versprechen  Mehrerträge.  Ein  Abkommen  mit  Elsaß-Lothringen
sichert  uns  erhöhte  Erträge  aus  dem  Tabak.  Man  muß  sich  vergegen-
        <pb n="423" />
        Das  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  9.)  415

wärtigen,  daß  die  Entwicklung  der  Weltkonjunktur  immer  von  Einfluß
auf  die  Zolleinnahme  ist.  Das  gilt  namentlich  für  Halbfabrikate.  Einen
Haupteinfluß  auf  die  Zolleinnahmen  üben  aber  die  Getreidezölle  aus.

Redner  geht  nunmehr  auf  die  Gestaltung  der  Etats  der  einzelnen
Verwaltungen  ein.  Die  Reichspost  hat  immer  schwankende  Ergebnisse
gehabt,  befindet  sich  aber  jetzt  wieder  in  aufsteigender  Entwicklung.  Eine
längere  Zeit  zurückgehaltene  Personalvermehrung  wird  jetzt  nachgeholt
werden  müssen.  Das  Reichsamt  des  Innern  wird  1910  eine  Minderausgabe
  von  1  Million  Mark  haben.  Es  wird  im  neuen  Jähre  beherrscht
von  den  Ausgaben  für  die  Invalidenversicherung.  Bei  den  Kolonien  sind
die  Reichszuschüsse  im  Sinken.  Im  ganzen  verbessert  sich  dieser  Etat
gegen  das  laufende  Jahr  um  5½  Millionen.  Die  Marine  hat  ihren  Etat
dem  Flottengesetze  entsprechend  entwickelt,  und  dieser  erreicht  im  neuen
Jahre  den  Höhepunkt.  Von  da  ab  werden  die  Forderungen  für  Vermehrungsbauten
  bis  auf  kleine  fortfallen,  so  daß  der  außerordentliche  Etat
fällt,  während  der  ordentliche  Etat  steigt.  Der  Heeresetat  hatte  bis  1904
eine  ziemlich  gleichbleibende  Höhe  und  ist  dann  infolge  der  Heeresverstärkung
gestiegen.  Der  Etat  wird  außerordentlich  beeinflußt  durch  die  Verkäufe
des  Festungsgeländes  in  Königsberg  und  durch  den  Verkauf  des  Tempelhofer
  Feldes.  Es  handelt  sich  aber  nur  um  umlaufende  Posten,  da  die
Einnahmen  für  die  Beschaffung  von  Truppenübungsplätzen  verwendet
werden  sollen.

Wenige  Striche  zum  Gebäude  des  ordentlichen  Etats  selbst.
Die  Mehrzahl  der  Verwaltungen  hat  eine  Mehrausgabe  für  1911  gegen
1910  überhaupt  nicht  zu  verzeichnen,  oder  gleicht  sie  mit  Mehreinnahmen
oder  Minderausgaben  aus.  Die  27  Millionen,  mit  denen  uns  der  Reichsinvalidenfonds
  von  1911,  später  mit  höheren  Summen,  zu  Lasten  fällt,
finden  einen  Ausgleich,  und  so  bleibt  nur  der  Mehranspruch  der  Marine
mit  20  Millionen  Mark  zu  bestreiten  und  die  erhöhte  Tilgung  und  Verzinsung
  für  die  Reichsschuld  durch  Ueberschüsse  bei  Reichspost  und  Reichseisenbahnen
  und  durch  Mehreinnahmen  bei  den  Zöllen.  Wo  nicht  ein
Zwang  zu  Ausgaben  vorlag,  begnügte  sich  der  Etat  mit  bescheidener  Fortbildung
  des  bestehenden.  Er  sucht  sich  bestmöglich  einzurichten,  vergißt
aber  nicht,  daß  dieses  Jahr  nur  der  Anteil  einer  Finanzperiode  ist.  Er
blickt  auch  in  die  Zukunft,  wo  diese  durch  die  Gegenwart  beeinflußt  ist.
Bei  Feststellung  der  Friedenspräsenzstärke  kann  für  die  nächsten  fünf
Jahre  nicht  einfach  das  gelten,  was  für  die  zurückliegenden  Jahre  gegolten
hat.  Das  Fortschreiten  der  militärischen  Technik  bedingt  ein  Fortschreiten
des  Bedarfes.  Das  ist  für  unser  Heer  fast  unerläßlich.  Der  Mehrbedarf
hält  sich  in  den  Grenzen  wohlerwogener  Sparsamkeit.  Für  das  erste  Jahr
werden  nur  8  Millionen  angefordert.  Die  Verteilung  der  neuen  Lasten
ist  dem  Ergebnis  der  einzelnen  Jahre  anzupassen.  Durchschnittlich  werden
es  etwas  über  20  Millionen  Mark  im  Jahre  sein.  Für  entsprechende
Einnahmen  muß  aber  gleichzeitig  gesorgt  werden.  Wir  dürfen  nichts  auf
die  Zukunft  abladen,  was  uns  angeht.  Der  Bedarf  soll  aus  den  Erträgnissen
  der  Zuwachssteuer  gedeckt  werden.  Den  Gedanken  hat  der
Reichstag  zuerst  angeregt  und  einmütig  vertreten.  Er  gründet  sich  darauf,
daß  die  Steigerung  aus  den  Boden-=  und  Gewerbeerzengnissen  unseres
Handels  und  Verkehrs  in  erster  Linie  dem  Streben  und  Wirken  des  Reiches
zu  danken  ist,  daß  diese  Werte  also  zum  Wohlergehen  des  Ganzen  beizutragen
  haben.  Auch  den  Veteranen  muß  das  Reich  seine  Dankesschuld
in  vermehrter  Weise  abstatten.  Daß  nach  der  letzten  Prüfung  noch  starke
Hoffnungen  auf  eine  Wehrsteuer  gesetzt  werden  können,  glauben  wir  nicht.
Der  Entwurf  der  Zuwachssteuer  bringt  also  das  einzige  Mittel,  um  den
        <pb n="424" />
        416  JNas  Beuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  9.)

Wünschen  weiter  Volkskreise  über  die  Veteranenunterstützung  entgegenzukommen.
  Es  ist  eine  kleine  und  leichte  Probe  auf  ein  großes  Exempel,
die  uns  jetzt  zugemutet  wird.

Was  ich  über  die  Anleihen  zu  sagen  habe,  ist  im  wesentlichen  die
Bestätigung  alles  Vorhergesagten.  Das  Geburtsjahr  unserer  Anleihe  ist
1877.  Seit  der  Zeit  sind  die  Anleihen  rapide  gestiegen.  Der  Etat  von
1911  bringt  eine  Anleihe  von  97  Millionen,  das  sind  50  Millionen  weniger
als  1910.  Das  klingt  erfreulich  und  ist  es  auch;  aber  wir  dürfen  nicht
vergessen,  daß  die  Ausgabeposten  des  außerordentlichen  Etats  ihre  Höhe
noch  nicht  verlassen  haben.  Neue  Ausgaben  nicht  werbender  Art  sind  für
die  beiden  nächsten  Jahre  nicht  in  die  Anleihe  aufsgenommen.  Aber  ehe
nicht  die  bereits  eingegangenen  Verpflichtungen  erfüllt  sind,  dürfen  wir
keine  neue  Anleihe  aufnehmen.  Wir  dürfen  inzwischen  damit  zufrieden
sein,  daß  aus  dem  ordentlichen  Etat  uns  93  Millionen  Mark  an  Schuldentilgungsbeiträgen
  zufließen,  und  daß  auch  aus  dem  Münzgewinn  uns
22  Millionen  zufließen.  Wir  dürfen  aber  nicht  die  Schuldentilgungsbeiträge
  der  eigentlichen  Aufgabe  entziehen,  nämlich  Käufer  unserer  alten
Schuldenbestände  auf  dem  Markte  aufzutreiben  und  dadurch  das  Ansehen
unserer  Anleihe  zu  heben.  Obwohl  der  Kurs  unserer  Reichsanleihe  in
letzter  Zeit  etwas  beständiger  geworden  ist,  so  zeigt  sich  doch  der  Geldmarkt
gegenüber  unseren  wie  gegenüber  allen  fremden  Werten  in  erheblichem
Maße  abgeneigt.  Die  Stärkung  unserer  Reichsfinanzen  muß  uns  da  von
Vorteil  sein.  Wir  sind  auch  durchaus  in  der  Lage,  den  Anleihebedarf
von  1911  noch  durchzuhalten,  ohne  tatsächlich  zu  einer  Anleihe  schreiten
zu  müssen.  Wir  haben  die  feste  Absicht,  eine  derartige  Karenz  zu  üben.
Obwohl  der  Fonds  der  Schatzanweisungen  belastet  ist  mit  Resten  der  Anleihe
  von  1909  und  1910,  beträgt  seine  tatsächliche  Inanspruchnahme
augenblicklich  nur  150  bis  160  Millionen  Mark.  Im  Jahre  1909  betrug
die  Inanspruchnahme  639  Millionen  Mark,  und  deren  Vergleich  ergibt
ein  gewisses  Gefühl  der  Erleichterung.  Die  Belastung  des  Reichsschatzanweisungsfonds
  ist  erheblich  niedriger  geworden,  und  die  Zahlen,  die  ich
hier  genannt  habe,  zeigen  eine  Besserung  unserer  finanziellen  Verhältnisse.
Es  bedarf  unablässiger  Kleinarbeit,  und  man  darf  nicht  ungeduldig  werden,
wenn  der  Erfolg  auf  sich  warten  läßt.  Die  Eintragungen  in  das  Reichsschuldbuch
  sind  erheblich  gewachsen,  auf  Summen,  die  weit  über  die
Vorjahre  hinausgehen.  In  den  nächsten  Wochen  werden  wir  hoffentlich
die  erste  Milliarde  überschreiten,  und  ich  hoffe  auf  weiteres  Fortschreiten
dieser  wohltätigen  Institution.  Wohltätig  ist  auch  die  Bestimmung,  daß
die  Versicherungsordnung  die  Anstalten  festlegt,  einen  Teil  ihrer  Werte
in  Reichspapieren  zu  halten.  Aber  eisern  müssen  die  Grundsätze  des  Gleichgewichtes
  im  ordentlichen  Etat  festgehalten  werden.  Die  Demarkationslinie
  zwischen  ordentlichen  und  außerordentlichem  Etat  ist  schwach  gezogen,
aber  noch  ist  nicht  alles  richtig  geregelt.  In  den  Abgrund  unwirtschaftlicher
Anleihen  dürfen  wir  nicht  mehr  hineingleiten.  Ich  lebe  der  festen  Ueberzeugung,
  daß  die  Zeit  nicht  fern  ist,  wo  unsere  Finanzen  ihren  sicheren
Ruhepunkt  finden  werden.  Wirken  wir  zusammen,  daß  der  Felsblock,  den
wir  aufrichten  wollen,  nicht  nahe  dem  Gipfelpunkte  unsern  Händen  entrollt.
(Lebhafter  Beifall  r.  und  im  Z.)

Kriegsminister  v.  Heeringen:  Die  angesehene  Stellung  Deutschlands
  beruht  wesentlich  auf  seiner  starken  Armee,  und  sie  zu  erhalten,  muß
unsere  heilige  Pflicht  sein.  Das  neue  Friedenspräsensgesetz  entspricht
dem  bewährten  Verfahren  der  früheren  Militärvorlagen  und  sieht  eine
allmähliche  Entwicklung  vor,  wie  sie  am  Platze  ist,  wenn  keine  aktuellen
Schwierigkeiten  vorliegen.  Ein  solches  Verfahren  ist  auch  wirtschaftlich
        <pb n="425" />
        Das  Veuische  Reich  und  stine  einjelnen  Glieder.  (Dezember  9.)  417

billiger.  Unsere  Hauptwaffe,  die  Infanterie,  kann  der  Maschinengewehre
nicht  mehr  entraten.  Im  Vergleich  zu  fremden  Armeen  ist  unsere  Forderung
bescheiden.  Die  Entwicklung  ist  zurzeit  dadurch  gehemmt,  daß  zahlreiche
Abkommandierungen  bei  den  Verkehrstruppen  notwendig  sind.  Nur  ein
Infanteriebataillon  soll  neu  formiert  werden.  Bei  der  Feldartillerie
handelt  es  sich  ebenfalls  um  die  Ausfüllung  einiger  Lücken,  die  namentlich
in  Bezug  auf  unseren  westlichen  Nachbar  notwendig  sind.  Um  die  Kosten
der  Vermehrung  zu  vermindern,  hat  die  Militärverwaltung  trotz  schwerer
Bedenken  20  reitende  Batterien  in  fahrende  umgewandelt.  Unbedingt
wäre  ein  Ausbau  der  Fußartillerie  nötig.  Die  Fußartillerie  ist  weiter
nötig  im  Feldkampfe.  Die  Fortschritte  der  Technik  ermöglichen  es,  schnell
eine  Befestigung  des  Geländes  durchzuführen  und  dadurch  ist  es  nötig,
daß  man  auch  die  Fußartillerie  hat  Deshalb  haben  wir  einige  neue
Regimenter  geschaffen.  Diese  Vermehrung  wird  es  ermöglichen,  daß  jedes
Armeekorps  eine  Zuteilung  von  Fußartillerie  bekommt.  Bei  jeder  Feldübung
  bedarf  unser  Heer  der  Mitwirkung  der  Fußartillerie.  Dazu  ist  aber
eine  Vermehrung  der  Bespannungsabtleilung  nöng.

Einer  besonderen  Berücksichtigung  bedürfen  unsere  Verkehrstruppen.
Es  sollen  neu  geschaffen  werden  ein  Eisenbahnbataillon  und  ein
Telegraphenbataillon.  Weiter  soll  ein  Verkehrsbataillon  geschaffen
  werden.  Die  Entwicklung  unserer  Luf'schiffahrt  läßt  es  geboren
  erscheinen,  drei  Kompagnien  neu  zu  schaffen.  Es  wären  dann  drei
Bataillone  und  zwei  Kompagnien  zu  errichten.  Das  wird  auch  ermöglichen,
  daß  im  Falle  eines  Krieges  sofort  diese  Truppenteile  an  die  Grenze
geschafft  werden  können  Bei  den  Verkehrstruppen  wird  infolgedessen  auch
die  Neubeschaffung  einiger  höherer  Stellen  nötig.  Endlich  ist  dem  Train
eine  Vermehrung  zugedacht.  Nachdem  die  im  Kriege  besonders  wichtige
Waffe  bisher  wenig  berücksichtigt  worden  ist,  scheint  es  nicht  mehr  angängig,
  eine  Vermehrung  jetzt  aufzuschieben.  Allzuweit  sind  wir  nicht
gegangen,  weil  wir  glauben,  daß  die  Entwicklung  des  Kraftfahrwesens  eine
Entlastung  möglich  machen  wird.  Aber  ich  glaube,  daß  wir  eines  ausreichenden
  Fuhrparks  niemals  werden  entbehren  können.  Ueber  Einzelheiten
  werde  ich  in  der  Kommission  noch  Mitteilungen  machen.  195
führte  mein  Amtsvorgänger  das  in  Geltung  befindliche  Gesetz  mit  dem
Hinweis  ein,  eine  Lücke  sollte  ausgefüllt  werden.  Das  gilt  auch  von  dem
jetzigen  Entwurf.  Er  hält  sich  im  Rahmen  der  Erklämung  der  Regierung
und  nimmt  Räücksicht  auf  unsere  Finanzen.  Andererseits  trägt  er  auch
den  Forderungen  unserer  Armee  Rechnung.  Er  setzt  uns  aber  auch  in  die
Lage,  dem  Feind  die  Stirne  zu  bieten,  wenn  Deutschland  nicht  vor  ernsten
Zeiten  bewahrt  bleiben  sollte.

Abg.  Speck  (3.):  Wir  dürfen  es  nicht  durchgehen  lassen,  daß  Abstriche
  des  Reichstages  wieder  durch  außeretlatsmäßige  Ausgaben  illusoriich
gemacht  werden.  Weiter  müssen  wir  dafür  sorgen,  daß  keine  Ausgaben
ohne  Deckungsmittel  gemacht  werden.  Wir  können  erfreulicherweise  dem
Schatzsekretär  zustimmen,  daß  die  Ausgaben  sehr  sorgsältig  abgewogen
sind.  Zur  besseren  Aufstellung  des  Etats,  wie  wir  es  jetzt  haben,  hat
wesentlich  die  Finanzreform  beigetragen.  Daß  der  Etat  für  1911  ein  besonders
  günstiges  Gesicht  zeigt,  haben  wir  neben  der  Finanzreform  auch
dem  Schatzsekretär  zu  verdanken,  der  sich  erfolgreich  gewehrt  hat  gegen
allzugroße  Ausgaben  für  Heer  und  Flotte.  Der  Militäretat  erscheint  in
diesem  Jahre  in  zwei  Abschnitten,  nach  dem  bisherigen  Stand  und  nach
den  neuen  Anordnungen.  Das  Gesetz  über  die  Friedenspräsenzslärke  bringt
hier  ein  Quinquennat  und  es  hat  fast  den  Anschein,  als  sollte  das  immer
so  bleiben.  Wir  sind  keine  grundsätzlichen  Gegner  der  Festlegung  auf  fünf

Europäischer  Geschichtskalender.  UI.  27
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        418  Jos  NVenuische  Reich  und  seine  einselnen  Glieder.  (Dezember  9.)

Jahre,  aber  es  könnten  doch  Bedenken  geäußert  werden,  ob  gerade  im
gegenwärtigen  Zeitpunkt  eine  solche  Festlegung  auf  fünf  Jahre  angebracht
sei.  Dafür  wird  in  der  Kommission  noch  der  Beweis  erbracht  werden
müssen.  Die  eigentlichen  neuen  Forderungen  werden  wohl  erst  1915  oder
1916  kommen.  Ist  es  nun  notwendig,  daß  man  jetzt  schon  die  neuen
Formationen  gesetzlich  festlegt,  die  erst  1915  ins  Leben  gerufen  werden  sollen?
Das  einzig  Erfreuliche  an  der  Vorlage  ist  die  Verminderung  der  Musikkorps.
  freilich  ist  man  auf  halbem  Wege  stehen  geblieben.  Bei  der  Bildung
der  Maschinengewehrabteilung  wird  man  berücksichtigen  müssen,  daß  diese
Maschinengewehre  komplizierte  Instrumente  sind,  die  sehr  leicht  unbrauchbar
werden  können.

Die  Frage  des  Tempelhofer  Feldes  wird  lediglich  danach  zu
beurteilen  sein,  ob  Tempelhof  in  ästhetischer  Hinsicht  den  zu  stellenden  Anforderungen
  entspricht.  In  dieser  Beziehung  gibt  der  Verkauf  an  Tempelhof
zu  Bedenken  keinen  Anlaß.  Anders  liegt  die  Sache  in  etatsrechtlicher
Hinsicht.  Hier  stehen  sich  die  Gelehrten  direkt  gegenüber,  auf  der  einen
Seite  Kohler,  auf  der  andern  Laband.  Ich  moöchte  mich  letzterem  anschließen,
  ohne  alle  seine  Folgerungen  als  berechtigt  anzuerkennen.  Die
Hauptsache  ist,  ob  der  Forderung  des  Artikels  69  der  Verfassung  genügt
ist.  Die  Militärverwaltung  scheint  auch  auf  diesem  Standpunkt  zu  stehen,
denn  in  der  Budgetkommission  ist  erklärt  worden,  daß  es  nicht  beabsichtigt
sei,  Verkäufe  des  Tempelhofer  Feldes  ohne  Genehmigung  des  Reichstages
vorzunehmen.  Es  wäre  also  an  dem  Verhalten  der  Militärverwaltung
nichts  auszusetzen,  wenn  der  Kaufvertrag  nicht  inzwischen  ohne  Vorbehalt
abgeschlossen  und  die  Auflassung  des  Terrains  erfolgt  wäre.  Das  Kriegsministerium
  beruft  sich  auf  den  Nachtragsetat,  der  aber  nicht  zur  Verabschiedung
  gelangt  ist.  Wenn  auch  die  Budgetkommission  sich  grundsätzlich
  mit  dem  Verkaufe  einverstanden  erklärt  vat,  so  ist  doch  das  Plenum
die  entscheidende  Instanz.  Aber  die  Militärverwaltung  mag  sich  gesagt
haben,  daß  diese  Entscheidung  nicht  anders  ausfallen  werde.  Die  Resolution
  der  Kommission  hat  verlangt,  daß  die  öffentlichen  Interessen  gewahrt
werden.  Diese  Resolution  ist  aber  keine  Genehmigung  zum  Verkauf  und
auf  sie  darf  sich  die  Heeresverwaltung  nicht  berufen.  Diese  Sache  beweist
aber,  wie  nötig  ein  Gesetz  über  die  Kontrolle  des  Reichshaushalts  ist.
Für  1911  sind  etwas  mehr  als  fünf  Millionen  von  den  Einnahmen  des
Tempelhofer  Feldes  in  den  Etat  eingestellt  für  eine  Reihe  von  Gesamtausgaben.
  Das  ist  nicht  zulässig.  Wir  müssen  eine  Spezialisierung  der
Gesamtausgaben  verlangen,  denn  sonst  geht  die  Uebersicht  verloren.  Redner
erörtert  dann  den  Fall  des  Reserveoffiziers  Rechisanwalt  Dammann,
der  mit  schlichtem  Abschied  entlassen  worden  ist.  weil  er  einen  anderen
Reserveoffizier  nicht  gefordert  hat,  der  ihm  20000  Mark  unterschlagen  und
auch  sonst  viel  betrogen  und  sich  vor  der  Bestätigung  des  gerichtlichen
Urteils  erschossen  hat.  Ein  Disziplinarverfahren  gegen  Dammann,  von
dem  behauptet  wurde,  daß  er  in  nicht  einwandefreier  Geschäftsverbindung
mit  seinem  Untergebenen  gestanden  habe,  ist  ausdrücklich  abgelehnt  worden.
Um  so  unbegreiflicher  ist  der  Spruch  des  Ehrengerichts.  Ich  ersuche  den
Minister,  daß  er  später  diesen  Fall  einwandsfrei  klarlegt  und  uns  über
das  Ergebnis  Mitteilung  macht.  Verhalten  sich  die  Dinge,  wie  sie  in  der
Zeitung  mitgeteilt  worden  sind,  so  haben  wir  einen  krassen  Fall  vor  uns,
wie  ein  Mann,  der  sich  nichts  zuschulden  kommen  ließ,  in  gesellschaftliche
  Mißachtung  verfallen  kann.  Hier  ist  auch  zu  erwähnen,  daß  kürzlich
zwei  Männer,  die  vom  Gericht  wegen  eines  Ueberfalles  auf  einen  Vorgesetzten
  zu  8  Tagen  Gefangnis  verurteilt  worden  sind,  nachher  begnadigt
worden  sind.  Ich  will  hier  nur  sagen,  daß,  wenn  die  Missetäter  Arbeiter
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        Das  Veensche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Dezember  9.)  419

gewesen  wären,  die  Dinge  anders  verlaufen  wären.  Die  Regelung  der
Tischgelderfrage  beweist,  daß  auch  in  der  Marine  gespart  werden  kann.

Kriegsminister  v.  Heeringen:  Auf  die  allgemeinen  Aueführungen
des  Vorredners  werde  ich  nicht  eingehen,  das  wird  von  andern  Herren
geschehen.  Soweit  es  mein  Ressort  betrifft,  werde  ich  in  der  Budgetkommission
  Aufklärung  geben  können.  Ich  will  nur  kurz  einige  Ausführungen
  zum  Fall  des  Oberleutnants  Dammann  machen.  Die  Akten
liegen  mir  zurzeit  noch  nicht  vor,  trotzdem  ich  gestern,  als  ich  erfuhr,  daß
der  Fall  zur  Sprache  gebracht  werden  würde,  sofort  danach  telegraphiert
habe.  Soweit  es  aber  das  mir  zur  Verfügung  stehende  Material  erlaubt,
werde  ich  schon  heute  Auskunft  geben;  im  übrigen  werde  ich  das  später
ausführlicher  tun.  Der  ehrengerichtliche  Spruch,  wie  er  auch  von  allerhöchster
  Stelle  bestätigt  worden  ist,  lautet,  daß  er  entlassen  worden  ist,
weil  er  von  einem  Kameraden,  mit  dem  er  in  nicht  einwandfreien  geschäftlichen
  Beziehungen  stand,  schwer  beleidigt  wurde  und  seine  verletzie  Ehre
nicht  hinreichend  gewahrt  hat.  (Schallendes  Gelächter  l.  u.  i.  Z.)  Er
wurde  also  der  Verletzung  der  Standesehre  für  schuldig  erklärt  und  deshalb
  mit  schlichtem  Abschied  entlassen.  Es  ist  kein  Wort  darin  enthalten,
daß  er  entlassen  worden  sei,  weil  er  sich  nicht  geschossen  habe,  sondern  weil
er  seine  Ehre  nicht  hinreichend  gewahrt  hatte.  (Erneutes  schallendes  Gelächter
  I.)  Daß  er  sich  hätte  schießen  sollen,  ist  in  dem  allerhöchn  bestätigten.
Spruch  nicht  gesagt.  (Zurufe  l.:  Was  hätte  er  dann  tun  sollen?)  Nun,
er  hätte  einmal  den  Mann  fordern  können,  das  war  seine  Privatsache.
Dann  hätte  er  —  inwieweit  er  das  getan  hat,  kann  ich  nicht  sagen,  weil
die  Akten  noch  nicht  vorliegen  —  den  Ehrenrat  davon  benachrichtigen  können.
Und  weiter  hätte  er  den  Klageweg  beschreiten  sollen.  Das  ist  aber  nicht
der  Fall.  Es  wird  ihm  eben  der  Vorwurf  gemacht,  daß  er  seine  Ehre
nicht  genügend  gewahrt  hat.  Im  Ehrenkodex  kommt  das  Wort  Durllzwang
  oder  Zwang  zum  Zweikampf  nicht  vor,  sondern  es  wird  nur  verlangt,
  daß  jemand  seine  Ehre  wahrt.  Nähere  Aufklärungen  werde  ich
geben,  wenn  das  Aktenmaterial  vorliegt.  Jedenfalls  stimmt  es  aber  nicht,
wenn  gesagt  wird,  Herr  Dammann  sei  entlassen  worden,  weil  er  sich  mit
einem  Betrüger  nicht  habe  schießen  wollen.  (Gelächter  l.  u.  i.  Z.)

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  (K.):  Augenbleicklich  sind  unsere  Finanzen
gut.  Wir  müssen  aber  trotzdem  auf  arößte  Spatsamkeit  bedacht  sein.  Vor
wenigen  Tagen  hat  der  Generaloberst  v.  d.  Goltz  einen  Vortrag  über  die
junge  Türkei  gehalten  und  hat  dabei  die  Hoffnung  ausgesprochen,  daß  die
Türkei  sich  gut  entwickeln  werde.  Hoffentlich  trifft  das  ein,  denn  wir
haben  ja  sehr  großes  Interesse  an  einer  solchen  guten  Entwicklung.  Soweit
man  die  Verhälluisse  der  auswärtigen  Politik  übersieht,  kann  man  wohl
sagen,  daß  Grund  zu  Besorgnissen  nicht  vorliegt.  Wir  können  dem  Reichskanzler
  volle  Anerkennung  zollen.

Abg.  Scheidemann  (Sd.):  Es  wäre  eigentlich  selbstverständlich
gewesen,  daß  der  Reichskanzler  heute  seinen  Stuhl  nicht  leer  gelassen
hätte,  denn  er  ist  die  einzige  verantwortliche  Person.  Von  der  „Germania“
ist  nun  versucht  worden  zu  rechtfertigen,  daß  der  Reichskanzler  heute  an
der  Jagd  teilnehmen  müsse.  Wir  sind  es  ja  gewöhnt,  daß  solche  politische
Aktionen  aus  irgendwelchen  politischen  Jagdgründen  kommen.  Aber  trotzdem
halten  wir  es  für  eine  Vernachlässigung  des  Reichstages,  daß  der  Herr
Reichskanzler  nicht  hier  ist.  —  Für  die  Schnapssteuer  ist  ja  erfreulicherweise
  eine  Mindereinnahme  von  16½  Millionen  in  den  Etat  eingestellt.
Das  ist  der  Beweis  dafür,  wie  hier  die  Sozialdemokratie  große  Kulturarbeit
  geleistet  hat.  Diese  Mindereinnahme  ist  lediglich  durch  den  sozialdemokratischen
  Schnapsboykott  erfolgt.  In  den  Volksschulen  ist  seit  vielen

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        420  Daes  Verische  KReich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Dezember  9.)

Jahren  den  Kindern  gesagt  worden,  daß  der  Schnapsgenuß  schädlich  sei.
Da  nun  an  vielen  Orten  auf  dem  Lande  vor  kurzem  Fortbildungsschulen
gegründet  worden  sind,  wird  die  Mitteilung  gemacht,  daß  den  Leitern  dieser
Schulen  von  dem  Landwirtschaftsministerium  in  Berlin  eine  Monateschrift
für  das  ländliche  Fortbildungsschulwesen  empfohlen  würde.  In  deeser
Schrift  ist  ein  Artikel  über  die  Gefahren  des  Schnapses,  worin  es  heißt:  „In
Maßen  genossen  ist  der  Branntwein  nicht  nur  nicht  schädlich,  sondern  ein
durchaus  bekömmliches  Getränk.“  (Schallendes  Gelächter  l.)  Demgegenüber
muß  in  das  Land  hineingerufen  werden,  man  möge  den  Schnapsgenuß
meiden,  weil  er  durchaus  schädlich  ist.  (Sehr  richtig!  lI.)  Deutischland  konn
Europa  den  Frieden  geben,  wenn  es  will.  Es  kann  die  Macht  der  Rüstungen
nicht  nur  für  sich,  sondern  auch  für  alle  Mächte  Europas  herabdrücken.
Die  wirtschaftlichen  Vorteile,  die  daraus  hervorgingen,  sind  größer  als  alle
Vorteile,  die  jemals  ein  Staat  für  die  Welt  geschaffen  hat.  Der  Kampf
ist  schwer,  aber  dem  deutsch-französisch-englischen  Friedensbunde  gehört  die
Welt  doch,  und  daran  setzen  wir  alle  unsere  Kraft.  Wir  verlangen,  daß
unter  diesem  Gesichtswinkel  die  neue  Militärvorlage  betrachtet  wird,  ebenso
die  Verfassungsvorlage  für  Elsaß-Lothringen.  Sorgen  Sie  nun  aber  auch
endlich  für  die  Veteranen  und  die  Soldaten.  Die  Veteranen  hat  man
längst  an  der  Nase  herumgeführt.  Die  Soldaten  besoldet  man  noch  immer
kärglich  mit  22½  Pfennigen.  Wie  kläglich  muß  das  wirken,  wenn  Sie
dem  notleidenden  König  von  Preußen  eine  Erhöhung  der  Zivilliste  gewähren,
und  wenn  dann  die  betrogenen  Veteranen,  die  den  Kaiser  erst  zum  Kaiser
gemacht  haben,  so  schlecht  behandelt  werden.  Behandeln  wir  das  Kapitel
von  der  deutschen  Treue,  so  ist  das  ein  sehr  trübes  Kapitel.  Die  Versprechungen,
  die  in  Preußen-Deutschland  gemacht  worden  sind,  gleichen
feinstem  Porzellan.  Die  ganze  Politik,  die  Sie  da  getrieben  haben,  ist  eine
einzige  große  Scherbenkiste,  eine  Scherbenkiste  voll  von  gebrochenen  Versprechungen
  und  gebrochenen  Ehrenworten.  Denken  Sie  an  die  Witwenund
  Waisenversicherung.  Von  da  bis  zum  Tempelhofer  Felde  führt
eine  unzählige  Reihe  nichtgehaltener  Versprechen.  Die  November-Versprechung
vom  Jahre  1908  gehört  in  diese  Kiste,  jene  Versprechung,  von  der  es  jetzt
heißt,  daß  sie  keine  sei.  Alle  die  Porzellanscherben  aus  der  königlichen
Porzellanmanufaktur  sind  geschaffen  worden  durch  die  preußische  Kralle  und
durch  den  preußischen  Schnabel.  Was  ist  aus  der  großen  Wahlkomödie
geworden?  Was  ist  geworden  aus  der  Vorlage  des  Herrn  Reichskanzlers,
die  die  preußischen  Konservativen  in  ihren  Fäusten  zertrümmert  haben?
(Als  der  Redner  den  Ausdruck  gebraucht,  die  Wahlrechtsvorlage  sei
eine  Perfidie  gewesen,  rügt  Vizepräsident  Schultz  diesen  Ausdruck.  Er
könne  nicht  zulossen,  daß  von  einer  Wahlvorlage  eines  Bundesstaates  als
von  einer  Perfidie  gesprochen  werde.)  Was  Zentrum  und  die  Konservativen
am  Wahlrecht  gesündigt  haben,  das  soll  ihnen  ebenso  unvergessen  bleiben
wie  das,  was  sie  hier  in  der  Finanzreform  geleistet  haben.  Heute  sind
wir  Sozialdemokraten  und  der  gesamte  Liberalismus  vollkommen  ausgeschieden.
  Sie  rufen  immer  nach  dem  Schutzmann.  Bei  anderen  Völkern
ist  der  Schutzmann  ein  Mann,  der  altersschwache  Personen  geleitet,  und
bei  uns  soll  er  altersschwachen  Parteien  beistehen.  Bei  uns  soll  der  Schutzmann
  das  Mädchen  für  alles  gegen  die  Sozialdemokratie  sein.  Da  soll  er
mit  dem  Säbel  sogar  die  Wahlen  machen.  Der  Redner  erinnert  daran,
daß  im  Wahlkampfe  Friedberg-Büdingen  ein  zufällig  gefundenes  Kuvert
an  den  Reichstagsabgeordneten  Dr.  David  zu  Hetzereien  gegen  die  Sozialdemokraten
  benutzt  worden  sei.  Das  Vorgehen  sei  schamlos  gewesen.  Aber
was  war  die  Folge?  Das  Resultat  sitzt  in  Gestalt  meines  Freundes  Busold
vor  Ihnen.  (Langandauernde  Heiterkeit.)  Hätte  man  den  David  wirklich
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        Das  Penisqe  Reiq  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Dezember  9.  10.)  421

mit  dem  Friedberger  Bankräuber  in  engere  BVerbindung  bringen  können,
so  wäre  der  David  jetzt  eine  tote  Leiche.  (Große  Heiterkeit.)  Ebenso  mißlungen
  ist  das  Polizeistückchen  von  Moabit,  wo  sich  jetzt  schon  herausgestellt
  hat,  daß  neun  Zehntel  dieser  sogenannten  Revolution  auf  das  Konto
der  berüchtigten  Hinzeschen  Siebenmonatskinder  kommen,  auf  das  Konto
von  Achtgroschenleuten.  Selbst  bürgerliche  Schriftsteller  wie  Prof.  Delbrück
haben  gegen  die  Ausbeutung  der  Moabiter  Vorgänge  Front  gemacht,  und
was  ist  nun  alles  bei  diesem  Prozeß  zutage  gekommen?  Denken  Sie  nur
an  den  Fall  Weidemann,  der  sich  für  25  Mark  von  der  Anklage  freikaufen
konnte.  Demgegenüber  muß  man  die  beiden  Bonner  Borussen  stellen,
die  begnadigt  worden  sind.  Wir  werden  sie  wohl  bald  an  der  Ministerbank
  sehen.  Wie  wird  überhaupt  von  den  Herren  auf  der  Rechten  gegen
uns  agitiert?  Herr  v.  Heydebrand  ruft  nach  Ausnahmegesetzen,  nach
einer  Verschärfung  des  gemeinen  Rechts,  und  die  „Kreuzzeitung"  führt  das
noch  näher  aus.  Die  „Deutsche  Tageszeitung“  richtet  einen  direkten  Appell
an  den  Kaiser  zum  Staatsstreich.  Die  treibt  die  Politik  der  Scharfmacherei
  in  der  beftigsten  Form,  aber  sie  imponiert  uns  nicht  mit  der
Scharfmacherei.  Sie  beweist  uns  nur,  wie  gefährlich  Sie  wären,  wenn
Sie  noch  könnten.  Diese  Klique,  die  hinter  der  „Kreuzzeitung“  steht,  diese
gemeingefährliche  Sippe  bellt  noch  genau  so  wie  vor  60  Jahren,  aber  Sie
(nach  r.)  können  nicht  mehr  so  beißen:  die  Zähne  sind  Ihnen  locker  geworden
oder  ausgefallen.  Mit  Fälschung,  mit  Lug  und  Trug  und  mit  der  Aufforderung
  zum  Staatsstreich  kämpfen  Sie  gegen  uns,  genau  wie  die  „Kreuzzeitung“
  schon  vor  Jahrzehnten  gekämpft  hat.  Vorgänge,  wie  der  Prozeß
gegen  Waldeck  oder  gegen  den  späteren  Oberbürgermeister  Becker  von
Köln,  können  wir  jetzt  wieder  erleben.  Sie  werfen  uns  vor,  daß  Ausnahmegesetze
  nötig  seien,  weil  wir  terrorisierten,  weil  wir  Boykott  trieben.
(Ruse:  Das  tun  Sie  auch!)  Das  sagen  uns  die  Leute,  die  in  ihrer  ganzen
politischen  Existenz  angewiesen  sind  auf  den  rücksichtslosen  Terrorismus  und
Boykott.  Gegenüber  den  preußischen  Junkern  sage  ich  offen,  aus  dem  Haß
heraus,  den  ich  gegen  diese  rücksichtslose  Gesellschaft  habe,  gegenüber  denen,
die  hinter  der  „Kreuzzeitung“  stehen,  daß  sie  menschgewordene  Frechheit
und  Brutalität  sind.  Und  wie  steht  es  mit  Ihrer  Königstreue  auf  der
rechten  Seite?  Haben  Sie  nicht  bei  den  Kornzöllen  gedroht,  daß  Sie  in
das  Lager  der  Sozialdemokratie  übergingen?  Ist  nicht  bei  Ihnen  gesagt
worden,  daß  man  die  monarchische  Gesinnung  revidieren  werde?  Ist  nicht
in  Ihren  Reihen  das  Wort  gerufen  worden:  „Jochimke,  Jochimke,  hüte  di!“
und  ich  glaube,  Sie  würden  auch  fertig  bringen  das  Wort  zu  rufen:
„Willi,  Willi  ...“  und  wie  ist  von  Ihnen  Kaiser  Friedrich  behandelt
worden

9.  Dezember.  (Bremen.)  Senator  Marcus  wird  für  1911
bis  1915  zum  Bürgermeister  und  Bundesbevollmächtigten  gewählt.
  Präsidierender  Bürgermeister  wird  für  diese  Periode
Barkhausen.

9.  Dezember.  (Jagdschloß  Springe.)  Der  österreichische
Thronfolger  Erzherzog  Franz  Ferdinand  ist  Gast  des  Kaisers.  Der
Reichskanzler  ist  gegenwärtig.

10.  Dezember.  Reichstagsstichwahl  in  Labiau-Wehlau.

Wagner  (Fortschr.  Vp.)  wird  mit  9844  Stimmen  gegen  Burchardt
(K.)  mit  7223  Stimmen  gewählt.
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        422  Daes  Dernisqhe  Reihh  und  seine  einjelnen  GSlieder.  (Dezember  10.)

10.  Dezember.  (Reichstag.)  Die  Kommission  für  die  Wertzuwachssteuer
  beschließt  die  Steuerpflicht  der  Landesherren  mit
13  gegen  12  Stimmen.

10.  Dezember.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  1.  Lesung  des  Etats.

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Meine  Herren!  Es  ist  mir
unmöglich  gewesen,  an  Ihrer  gestrigen  Sitzung  teilzunehmen,  und  ich  bedauere
  lebhaft,  nur  den  Eindruck  des  gelesenen,  nicht  des  gesprochenen
Wortes  zu  haben.  Ueber  die  auswärtige  Politik  werde  ich  erst  in  einem
späteren  Stadium  der  Debatte  sprechen  und  wende  mich  gegenwärtig  nur
einigen  Fragen  der  inneren  Politik  zu.  Die  Herren,  die  gestern  geredet
haben,  haben  auch  den  Zusammenhang  betont,  der  zwischen  der  Reichsfinanzreform
  und  dem  Etat  für  1911  besteht  Dieser  Zusammenhang  liegt
auf  der  Hand.  denn  gleichviel  wie  man  sich  zu  den  neuen  Steuern  in  ihrer
Gesamtheit  oder  im  einzelnen  stellt,  für  die  praktische  Politik  ist  entscheidend,
wie  wir  uns  hätten  einrichten  sollen,  wenn  die  Reichsfinanzreform
nicht  gemacht  worden  wäre.  So  annäbernd  eine  Milliarde  mehr  Reichsschuld
  in  wenigen  Jahren,  das  wäre  ziffernmäßig  ausgedrückt  das  Ergebnis
gewesen,  ver  bunden  mit  all  den  Einbußen,  die  bei  Fortsetzung  der  Anleihewirtschaft
  Deutschland  nach  innen  und  nach  außen  erlitten  haben  würde.
(Sehr  richtig!  r.)  Ueber  der  Polemik  um  die  Besitzsteuern  hat  man  ganz
vergessen,  was  die  Nation  bewegte,  als  wir  vor  zwei  Jahren  die  Steuergesetze
  einbrachten.  Das  war  nicht  der  Streit  um  einzelne  Steuerarten,
sondern  die  Ueberzeugung,  daß  es  mit  der  Finanzwirtschaft,  die  wir  lange
Jahre  getrieben  hatien,  nicht  weiterging.  Deshalb  hat  auch  Fürst  Bülow,
ich  erwähne  das,  weil  sich  darüber  falsche  Ansichten  zu  bilden  beginnen,
aus  der  Ablehnung  der  Erbschaftssteuer  nicht  die  Konsequenz  gezoaen,  daß
der  Reichslag  aufzulösen  sei,  sondern  er  hat  den  sofortigen  Abschluß  der
Reichsfinanzreform  auch  ohne  Erbschaftssteuer  für  eine  Lebensforderung
des  Reichs  angesehen  und  hat  dieser  Forderung  seine  Person  untergeordnet.
  So  ist  der  Hergang  gewesen,  der  jetzt  zum  Zweck  parteipolitischer
Fruktifizierung  vielfach  verschleiert  worden  ist.  (Sehr  richtig!  r.)  Der  Etat,
den  Ihnen  der  Reichsschatzsekretär  vorgelegt  hat.  ist  die  beste  und  bündigste
Rechtfertigung  darauf,  daß  die  Verbündeten  Regierungen  den  Beschlüssen
der  Reichstagsmehrheit  beigetreten  sind,  trotz  ihrer  Bedenken,  die  sie  im
einzelnen  zu  erheben  hatien.  Allerdings  kann  das  ganze  Volk  fordern,
daß  die  Regierungen  nunmehr  mit  den  ihnen  bewilligten  Mitteln  haushalten
  und  den  Grund  zu  einer  dauerhaften  Sanierung  unserer  Finanzlage
legen.  Wir  haben  damit  —  diese  Ueberzeugung  werden  Sie  aus  der
gestrigen  Rede  meines  verehrten  Herrn  Nachbars,  des  Reichsschatzsekretärs,
entnommen  haben  —  bereits  im  laufenden  Etat  den  Anfang  gemacht  und
fahren  in  dem  jetzt  vorgelegten  Etat  in  verstärktem  Maße  darin  fort.
Gewiß  haben  sich  alle  Ressorts  nach  der  Decke  strecken  müssen,  aber  das
wird  immer  der  Fall  sein,  wenn  wir  nicht  zu  dem  System  der  ungedeckten
Ausgaben  zurückkehren  wollen,  zum  System  der  Schuldenwirtschaft,  zum
System  der  andauernden  Beunruhigung  der  Finanzen  der  Einzelstaaten.
Soll  die  Sparsomkeit  des  Etats  durchaus  dazu  benutzt  werden,  um  ein
angebliches  Fiasko  der  neuen  Reichssteuergesetzgebung  zu  beweisen  —  in
der  Presse  ist  das  geschehen  —,  so  soll  damit  wohl  kein  Vorwurf  gegen
Sparsamkeit  erhoben  werden.  Der  Grundsatz  strengster  Sparsamkeit  stand
ja  schon  an  der  Spitze  des  Reformprogramms.  das  Fürst  Bülow  beim
Beginn  der  Blockära  aufstellte  und  das  damals  ungeteilten  Beifall  hier
im  Reichstag  und  im  ganzen  Volke  fand.
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        Das  Veenische  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  423

Die  Klage  über  ungenügende  Erträge  der  neuen  Steuern
soll  wohl  andeuten,  daß  die  Gegner  der  Finanzreform  nicht  nur  die  Steuern
anders  umgelegt,  sondern  auch  dem  Reich  mehr  Mittel  bewilligt  hätten.
Ich  nehme  das  dankbar  für  den  Fall  ad  notam,  wo  wir  einmal  mehr
Geld  brauchen.  Uebrigens  bietet  aber  schon  das  noch  nicht  erledigte  Wertzuwachssteuergesetz
  vollauf  Gelegenheit,  das  Reich  besser  zu  dotieren.  In
seiner  Arbeit  am  Etat  wird  der  Reichstag,  wie  ich  hoffe,  weiter  erkennen,
daß  die  hier  und  da  geäußerten  Besorgnisse  einer  Vernachlässigung  unserer
Wehrmacht  unbegründet  sind.  Die  intakte  Aufrechterhaltung  der  Stärke
und  Schlagfertigkeit  unseres  Heeres,  der  durch  das  Gesetz  festgelegte  Ausbau
unserer  Flotte  sind  Forderungen  in  dem  Programm  aller  Parteien,  die
sich  nicht  auf  den  Standpunkt  grundsätzlicher  Negation  stellen.  Diese  Forderungen
  wurzeln  fest  in  dem  Empfinden  der  Nation,  weil  es  nur  einem
wehrhaften  Deutschland  möglich  ist,  diejenige  Politik  ruhiger  Entschlossenheit
zu  führen,  auf  die  die  Leistungsfähigkeit  unseres  Volkes  ein  Anrecht  hat.
(Beif.  r)  In  das  Gebiet  der  Fabel  gehören  alle  Erzählungen  von  Krisen
zwischen  der  Heeres-  und  Marineverwaltung  und  der  Reichsleitung.  Der
Armee-  und  der  Marineetat  ist  auf  der  Grundlage  völliger  Verständigung
zwischen  den  beteiligten  Ressorts  aufgestellt  worden.  Speziell  die  Heeresverstärkung
  ist  genau  so  in  den  Etat  eingesetzt,  wie  sie  die  Heeresverwaltung
von  Anfang  an  gefordert  hat.  Die  Persönlichkeiten  meiner  Nachbarn,  des
Admirals  v.  Tirpitz  und  des  Kriegsministers  v.  Heeringen,  sollien  doch  auch
genugsam  dafür  bürgen,  daß  sie  niemals  eine  Politik  machen  würden,  die
das  ihnen  anvertraute  Gut  der  Nation  verkümmern  ließen,  und  ich  für
meine  Person  würde  noch  heute  dem  Bundesrat  und  dem  Reichstag  neue
Steuern  vorlegen,  wenn  ich  zu  der  Ueberzeugung  käme,  daß  die  Wehrhaftigkeit
  Deutschlands,  diese  Grundlage  seiner  Macht  und  Stärke,  neue
Aufwendungen  erheischte.  Das  deutsche  Volk  wird  für  solche  Forderungen
immer  eine  Mehrheit  stellen.  Aber  auch  die  anderen  Aufgaben,  die  das
Leben  des  deutschen  Volkes  an  uns  stellt,  würden  nicht  erleichtert  werden,
wenn  die  Parteien  dauernd  von  der  Vergangenheit  leben  wollten.  Ich
verweise  zunächst  auf  das  große  sozialpolitische  Gesetz,  auf  die  Reichsversicherungsordnung,
  die  ihrer  abschließenden  Beratung  harrt.  Hier
hat  die  Haltung  der  Parteien  selbst  gezeigt,  wie  wenig  sich  die  sozialpolitischen
  Fragen  dazu  eignen,  unter  dem  Gesichtswinkel  bestimmter  Parteikombinationen
  behandelt  zu  werden.  Ebenso,  wie  sich  der  Aufbau  unserer
ganzen  sozialpolitischen  Gesetzgebung  auf  die  Arbeit  und  die  Verdienste  der
Liberalen  so  gut  wie  des  Zentrums  und  der  Konservativen  gründet,  ebenso
hat  auch  diesen  Sommer  das  gemeinschaftliche  Wirken  der  Parteien  die
vorliegenden  Arbeiten  gefördert.  Mit  dem  Danke  für  die  opferwillige  und
ausdauernde  Arbeit  der  Kommission  kann  ich  nur  die  Hoffnung  verbinden,
daß  es  gelingen  möge,  die  Arbeit  noch  in  dieser  Session  zum  Ziele  zu
führen.  Gewiß  werden  auch  bei  diesem  Gesetz  manche  Wünsche  unerfüllt
bleiben,  manche  Bedenken  zu  überwinden  sein.  Manche  Fragen  werden
auch  zwischen  den  Parteien  im  Wege  des  Kompromisses  gelöst  werden
müssen.  Aber  die  Einführung  der  Hinterbliebenenversicherung  und  die  Ausdehnung
  der  Krankenversicherung  auf  große  bisher  nicht  versicherungspflichtige
  Kategorien  sind  an  sich  ein  bedeutungsvolles  und  einschneidendes
Werk  und  bedeuten  jedenfalls  die  Erfüllung  von  Forderungen,  die  lange
vor  dem  Ausbruch  der  Blockstreitigkeiten  mit  der  größten  Dringlichkeit
immer  und  immer  wieder  erhoben  wurden.  Aehnlich  liegt  es  mit  dem
von  mir  im  vorigen  Frühjahr  angekündigten  Gesetze  über  die  Fortbildung
der  elsaß--lothringischen  Verfassung.  Die  Stellung,  die  die  Parteien
damals  zu  dieser  ernsten  Frage  eingenommen  haben,  berechtigt  mich  zu  der
        <pb n="432" />
        424  N  PDentsqhe  Reich  und  seine  einjeluen  Glieder.  (Dezember  10.)

Erwartung,  daß  es  uns  gelingen  werde,  zu  einer  im  Interesse  des  Reichslandes
  wie  des  Reiches  dienlichen  Verständigung  zu  gelangen.  Dieselbe
Hoffnung  hege  ich  in  Bezug  auf  den  Entwurf  zu  einer  Revision  des
Staatsangehörigkeitsgesetzes,  das,  wie  ich  bestimmt  annehme,  Ihnen
noch  im  Laufe  der  Session  vorgelegt  werden  kann.  Es  baut  sich  auf  den
Grundlagen  auf,  die  bereits  under  meinem  Amtsvorgänger  festgelegt  wurden.

Der  Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  und,  wenn  ich  recht  berichtet  bin,  auch
der  Abg.  Speck  haben  gestern  die  Frage  an  mich  gerichtet,  wie  ich  mich  zur
Wirtschaftspolitik  stelle.  Jch  beantworte  diese  Frage  damit,  daß  ich
an  den  bewährten  Grundlagen  unserer  Wirtschaftspolitik  mit  allem  Nachdruck
  festhalte.  Das  werde  ich  insonderheit  auch  tun  bei  den  bereits  eingeleiteten
  Verhandlungen  mit  Schweden  und  Japan  über  den  Abschluß
eines  neuen  Handelsvertrages.  Indem  ich  das  tue,  halte  ich  mich  im  Einklang
  mit  den  Ansichten  der  Mehrheit  dieses  Reichstages.  Und  die  Parteien,
  die  dieser  Mehrheit  angehören,  haben  in  gewissermaßen  programmatischen
  Erklärungen  bei  den  Wahlvorbereitungen  dieses  Sommers  bekundet,
  daß  sie  auch  für  die  Zukunft  an  dieser  Wirtschaftspolitik  festhalten
wollen.  Das  ist  von  größter  Bedeutung  für  die  Arbeiten,  welche  dem  neu
zu  wählenden  Reichstage  bevorstehen  werden.  Man  hat  zwar  in  diesem
Sommer  in  Preßpolemiken,  die  sich  an  die  von  mir  angeblich  herausgegebene
  Wahlparole  des  Schutzes  der  nationalliberalen  Arbeit  knüpften
(Stürmische  Heiterkeit)  —  nun  auch  die  Nationalliberalen  wollen  die
nationale  Arbeit  schützen  —  des  Schutzes  der  nationalen  Arbeit  behauptet,
eine  solche  Parole  sei  abgebraucht  und  gegenstandslos.  Aber  diese  Auffassung
  leidet  denn  doch  an  einem  recht  kurzen  Gedächinis.  Jahraus,
jahrein  ist  unsere  Wirtschaftspolitik  bei  zahllofen  Interpellationen  hier  im
Reichstag  auf  das  heftigste  umstritten  worden.  Jahraus,  jahrein  haben
die  Herren  Sozialdemokraten  —  und  ihre  Behauptungen  finden  bei  einem
Teile  der  fortschrittlichen  Presse  ein  dankbares  Echo  —  behauptet,  daß
unsere  Wirtschaftspolitik  der  Vater  alles  Uebels  sei.  So  ganz  quantité
negligeable  ist  diese  Wirtschaftspolitik  aber  doch  wohl  nicht.  Fragen  Sie
einmal  in  unseren  erwerbstätigen  Kreisen,  fragen  sie  in  der  Landwirtschaft,
in  der  Industrie,  fragen  Sie  auch  im  Handel  darnach,  ob  diese  Kreise
wünschen,  daß  wir  die  Grundlagen  preisgeben,  auf  denen  sich  unser  wirtschaftliches
  Leben  aufgebaut  und  eingerichtet  hat;  daß  wir  einmal  experimentieren
  möchten,  ob  es  nicht  auch  anders  ginge.  Käme  es  zum  Biegen
oder  Brechen,  so  würde  sich  das  Volk  für  solche  Experimente  bedanken,
weil  sie  ihm  den  Boden  unter  den  Füßen  wegziehen  würden.  (Zustimmung.)
Meine  Herren!  Von  allen  diesen  praktischen  Aufgaben  der  Politik  ist  in
der  bisherigen  Wahlagiration  verhältuismäßig  wenig  die  Rede  gewesen.
Vielfach  ist  die  Situation  fast  ausschließlich  von  der  taktischen  Frage  beherrscht
  gewesen,  wie  sich  die  Parteien  bei  den  Wahlen  im  Hinblick  auf
die  Vorgänge  der  Vergangenheit  zueinander  stellen  sollen,  und  welche
Stellung  die  Regierung  zu  den  Parteikonstellationen  einnehmen  will.  Ich
mächte  dabei  nur  auf  eines  hinweisen:  Auch  der  Rausch  der  bevorstehenden
Wahlen  wird  verfliegen  und,  wie  sie  auch  ausfallen  mögen,  eine  Götterdämmerung
  wird  nach  ihnen  nicht  anbrechen.  Wenn  die  Leidenschaften
ausgetobt  haben,  wird  sich  das  nüchterne  Leben  mit  seinen  prakltischen
Forderungen  wieder  einstellen.  (Sehr  richtig!  rechts)  Dann  werden  die
Schlagworte  wieder  im  Hintergrunde  verschwinden.  Aber  die  Nation  wird
in  ihrer  großen,  in  ihrer  überwältigenden  Mehrbeit  dem  Reichstage  die
Frage  vorlegen,  ob  er  unsere  Wehrmacht  zu  Wasser  und  zu  Lande,  ob  er
unsere  staatliche  Ordnung,  ob  er  die  Grundlagen  schützen  will,  auf  denen
sich  unser  wirtschaftliches  Leben  in  Landwirtschaft,  Handel  und  Industrie
        <pb n="433" />
        Das  Denishe  Reiq  und  seinte  einjelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  425

entwickelt  hat.  Dann  wird  sich  herausstellen,  ob  es  klug  gehandelt  war,
daß  die  Parteien  untereinander  sich  so  bitter  befehdeten,  die  trotz  aller
Abweichungen  im  einzelnen  in  den  großen  Lebensfragen  der  Nation  demselben
  Ziele  zusteuern.  Ich  muß  auf  das  Einigende  hinweisen;  das  Trennende
  wird  schon  von  den  Parteien  genugsam  betont.  Auch  aus  diesem
Grund  kann  ich  mich,  ganz  abgesehen  von  den  Parteiverhältnissen  und
unseren  staatsrechtlichen  Ordnungen  mit  einer  einzelnen  Partei  oder  einer
bestimmten  Parteigruppe  nicht  identifizieren.  Ich  weiß,  namentlich  auf
demokratischer  Seite  wünscht  man  das,  und  das  stürmische  Verlangen
radikaler  Blätter  nach  einer  Wahlparole  hängt  vielleicht  damit  zusammen.
Es  würde  ja  auch  die  Wahlagitation  und  Wahltaktik  erleichtern,  wenn  ich
mich  in  Anlehnung  an  das  parlamentarische  System  auf  eine  bestimmte
Partei  oder  Parteikombination  festlege.  Den  Gefallen  werde  ich  den  Herren
nicht  tun.  Das  Gerede  vom  schwarzblauen  Kanzler  hat  zwar  die  Witzblätter
reichlich  mit  Skoff  versorgt,  läßt  mich  aber  persönlich  gänzlich  kalt.  (Lebhafter
Berifall.)  Ich  mache  mich  nicht  zum  Werkzeug  der  Machtpolitik  irgendeiner
  Partei,  welcher  Seite  sie  auch  angehören  möge.  Der  Abg.  Dr.  David
hat  uns  zwar  neulich  auseinandergesetzt,  die  Beamten  seien  Funktionäre
der  Volkesvertretung,  und  der  Reichstag  gebe  die  Direktiven,  die  Gesetze,
nach  denen  das  Reich  regiert  und  verwaltet  werde.  Die  Herren  Sozialdemokraten
  scheinen  darnach  ihrer  Sache  schon  so  sicher  zu  sein,  daß  sie  die
Zukunft,  die  sie  sich  erträumen,  von  der  wirklichen  Gegenwart  nicht  mehr
unterscheiden  können.  Ich  diene  nicht  dem  Parlamente,  auch  nicht  den
Junkern,  so  wenig  wie  Ihnen,  meine  Herren,  ich  führe  die  Politik,  ich
schlage  Ihnen  die  Gesetze  vor,  die  nach  meiner  sachlichen  Ueberzeugung
zum  Wohle  des  Vaterlandes  dienen,  solange  ich  dazu  die  Zustimmung  des
kassers  und  der  Verbündeten  Regierungen  finde.  Auf  dieser  Grundlage
suche  ich  eine  sachliche  Verständigung  mit  Ihnen,  mit  dem  Reichstage.  Gewähren
  mir  bei  dieser  Politik  Zentrum  und  Konservative  ihre  Hilfe,
so  nehme  ich  ihre  Unterstützung  genau  so  gern  und  genau  so  dankbar  an,
wie  die  Hilfe  irgend  einer  anderen  Partei.  Begebe  ich  mich  wirklich  in
die  mir  nachgesagte  Abhängigkeit  von  einer  Parteigruppe,  von  einer  einzelnen
  Partei,  nehme  ich  von  ihr  Direktiven  entgegen,  so  wäre  ich  allerdings
  nur  der  Funktionär,  zu  dem  der  Reichskanzler  nach  den  Wünschen
der  radikalen  Linken  gemacht  werden  soll.

Ich  komme  jetzt  zum  wichtigsten  Punkt,  der  als  solcher  wohl  auch
von  der  großen  Mehrheit  des  Hauses  anerkannt  wird.  Das  ist  das  Verhältnis
  zur  Sozialdemokratie.  Als  vor  14  Tagen  hier  über  die  sozialdemokratische
  Interpellation  verhandelt  wurde,  legte  der  Abg.  v.  Heydebrand
  die  Gefährlichkeit  der  revolutionären  Umtriebe  dar  und  richtete
an  mich  die  Aufforderung,  nicht  untätig  zu  sein  und  Gegenmaßregeln  vorzuschlagen.
  Ich  habe  damals  verzichtet,  Herrn  v.  Heydebrand  sofort  zu
antworten,  weil  wir  mit  einer  Interpellation  Albrecht  und  Genossen  beschäftigt
  waren.  Ich  stelle  mich  durchaus  nicht  auf  den  Standpunkt,  daß
die  Parteien,  die  den  gegenwärtigen  gesetzlichen  Zustand  für  lückenbaft  und
unzulänglich  erachten,  wenn  sie  dies  hier  erklären,  was  ihren  Wählern
gegenüber  ihre  Pflicht  und  der  Regierung  gegenüber  ihr  gutes  Recht  ist,

leichzeitig  bestimmte  Gesetzesvorschläge  machen  sollten.  Im  Gegenteil,  es
ist  absolut  Pflicht  der  Regierung,  ihrerseits  mit  Vorschlägen  hervorzutreten,
wenn  sie  die  Ueberzeugung  gewonnen  hat,  daß  die  vorhandenen  Machtmittel
  nicht  ausreichen.  Ich  kann  aber  nicht  den  Eindruck  im  Lande  aufkommen
  lassen,  als  bedürfe  die  Regierung  eines  besonderen  Ansporns,  um
sich  ihrer  Ausgaben  beim  Schutze  der  Staatsordnung  bewußt  zu  bleiben.
Dieser  Eindruck  wird  aber  gerade  erweckt,  wenn  der  Regierung  in  all-
        <pb n="434" />
        426  Daes  NVeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

gemeinen  Wendungen  Vorhaltungen  über  ihre  Pflichten  gemacht  werden.
Dagegen  verwahre  ich  mich.  (Bravo!  bei  den  Nationalliberalen.)  Was
nun  die  Frage  der  Zulänglichkeit  unserer  staatlichen  Machitmittel  betrifft,
so  ist  unzweifelhaft  in  anderen  Ländern  die  Staatsautorität  in  der  einen
oder  anderen  Beziehung  besser  gestellt  und  hat  leichteres  Spiel  als  bei  uns.
Ich  denke  da  namentlich  an  das  beschleunigte  Verfahren  insonderheit
bei  Aburteilung  von  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Ordnung.
Wir  haben  es  jüngst  bei  dem  französischen  Eisenbahneraufstand  erlebt.  Wir
sehen  es,  wenn  wir  die  Vorgänge  in  Frankreich  und  England  verfolgen.
Diesen  Ländern  können  Sie  wahrscheinlich  reaktionäre  Tendenzen  nicht
nachsagen,  wo  am  ersten,  am  zweiten  Tage  die  Strafe  verhängt  wird  und
zwar  häufig  eine  sehr  derbe  Strafe.  Bei  uns  dauert  es  Wochen  und
Monate,  um  womöglich  in  einem  Monstreprozeß  zu  endigen,  der  selber
kein  Ende  findet.  Graf  Posadowski  hat  unlängst  ein  überaus  scharfes,
aber  wie  ich  glaube,  zutreffendes  Wort  über  unser  Strafverfahren  gesprochen.
Er  sagte:  „Das  jetzige  Verfahren  entspricht  nicht  dem  Rechtsbedürfnis  des
Volkes,  verfehlt  durch  seine  Weitläufigkeit  und  Langsamkeit  seinen  Zweck
und  wirkt  durch  Veröffentlichung  seines  Inhaltes  nicht  bessernd,  sondern
vielfach  geradezu  sittlich  verheerend.“  Graf  Posadowski  hat  damit  den
Finger  in  eine  Wunde  gelegt,  die  weit  über  die  sozialdemokratischen  Umtriebe
  hinaus  unser  gesamtes  Rechtsleben  und  damit  unser  gesamtes  Volksleben
  bedroht.  (Sehr  wahrl  rechts.)  In  der  dem  Reichstage  bereits  vor
einem  Jahre  vorgelegten  Strafprozeßordnung  haben  die  Verbündeten
Regierungen  Vorschläge  gemacht,  die  geeignet  scheinen,  solchen  Mißständen
zu  steuern.  Ich  hoffe  dringend,  daß  der  Reichstag  bereit  sein  wird,  die
Regierung  dabei  mit  aller  Energie  zu  unterstützen.  Dasselbe  gilt  bezüglich
eines  anderen  Gesetzes.  Wie  Ihnen  bekannt,  verfolgen  die  Verbündeten  Regierungen
  mit  Nachdruck  das  Bestreben,  unsere  sozialpolitischen  Einrichtungen
davor  zu  sichern,  daß  sie  zu  Werkzeugen  sozialpolitischer  Machtpolitik  mißbraucht
  werden.  Auch  in  dieser  Beziehung  haben  wir  in  der  Versicherungsordnung
  Ihnen  Vorschläge  gemacht  und  richte  ich  an  den  Reichstag  die
Bitte,  daß  er  uns  bei  diesen  Vorschlägen  nicht  im  Stich  lassen  wird.

Ich  komme  zu  einem  Weiteren.  Die  Reform  unseres  materiellen
Strafrechts  ist,  wie  bekannt,  soweit  gediehen,  daß  der  Vorentwurf  zu
einem  neuen  Strafgesetzbuch  von  einer  Sachverständigenkommission  ausgearbeitet
  und  veröffentlicht  worden  ist.  Die  Kommission  ist  der  Ansicht
gewesen,  daß  das  geltende  Recht  in  dem  Kampfe  gegen  die  aufhetzende  und
aufreizende  Tätigkeit  fanatischer  Agitatoren  keine  genügende  Hilfe  bietet
und  hat  deshalb  neue  Bestimmungen  gegen  Aufwiegelung  und  gegen  die
Verherrlichung  begangener  Verbrechen  vorgesehen.  Bei  den  weiteren
Arbeiten  wird  geprüft  werden,  inwieweit  es  notwendig  und  möglich  ist,
das  Strafgesetzbuch  zu  ergänzen,  auch  in  der  Richtung,  daß  die  persönliche
Freiheit  und  das  persönliche  Selbstbestimmungsrecht  nachdrücklicher  geschützt
wird  als  bisher.  (Lebhafter  Beifall  rechts.  Lärmen  der  Sozialdemokraten.)
Diese  Erwägungen  reichen  in  die  Zeit  zurück,  wo  sich  die  Verbündeten  Regierungen
  mit  der  Reform  unseres  Strafrechts  zu  beschäftigen  begonnen
haben.  Man  soll  sich  überhaupt  nicht  der  Vorstellung  hingeben,  als  handle
es  sich  bei  allen  diesen  Dingen  um  Erscheinungen  neuesten  Datums.  Mit
Recht  ist  in  der  Presse  in  letzter  Zeit  daran  erinnert  worden,  daß  schon
im  Jahre  1895  Bennigsen  hier  im  Reichstag  erklärt  hat,  daß  gegen  die
unterwühlende  Arbeit  der  Sozialdemokratie  Front  gemacht  werden
müsse.  (Hört!  Hört!  rechis)  Er  hat  daran  die  Bemerkung  geknüpft,  daß,
so  wichtig  auch  alle  anderen  Gegensätze  der  bürgerlichen  Parteien  seien,
und  so  berechtigte  Wünsche  und  Beschwerden  sie  auch  gegenüber  den  Re-
        <pb n="435" />
        Das  Denisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  427

Verungen  hätten,  das  alles  doch  von  verschwindender  oder  untergeordneter
edeutung  sei  gegenüber  dem  großen  Kampf,  den  sie  gemeinschaftlich  zu
führen  hätten,  die  Parteien  mit  der  Regierung  verbunden  gegen  revoluionäre
Agitation.  (Hörl!  Hörtl  rechts.)  Das  war  vor  15  Jahren.  Sind  die
Verhältnisse  in  der  Zwischenzeit  andere  geworden?  Meine  Herren,  ich  sage
nicht,  daß  die  Sozialdemokratie  in  der  Zwischenzeit  revolutionärer  geworden
sei  —  revolutionär  ist  sie  immer  gewesen  (Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten)
  —  aber  der  revolutionäre  Ausdruck  tritt  mit  brutalerer  Deutlichkeit
  hervor.  (Sehr  richtig!)  Der  Abg.  Bassermann  gab  neulich  der
Sozialdemokratie  den  Rat,  wenn  sie  sich  an  bürgerliche  Parteien  annähern
wolle,  dann  solle  sie  sich  offsen  und  ehrlich  zur  Monarchie  bekennen.  Ich
fürchte,  meine  Herren,  die  Sozialdemokraten  werden  diesen  Rat  ablehnen.
(Sehr  richtig!  rechts.  Sehr  wahr!  bei  den  Sozialdemokraten.)  Sie  sehen,
ich  habe  recht.  (Heiterkeit.)  Die  Sozialdemokraten,  meine  Herren,  würden
mit  einem  solchen  Bekenninis  nie  ihren  Charakter,  der  von  Grund  aus
antimonarchisch  ist,  verleugnen.  (Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten)
Sie  geben  das  wieder  zu  —  da  Ihnen  denn  überhaupt  niemand  —  ich
jedenfalls  nicht,  den  Vorwurf  machen  wird,  daß  Sie  aus  Ihrem  Herzen
eine  Mördergrube  machen.  Meine  Herren,  es  ist  doch  wirklich  bezeichnend,
daß  gerade  in  dem  Augenblick,  wo  die  am  meisten  links  stehende  bürgerliche
  Partei  die  Kooperation  mit  der  Sozialdemokratie  nicht  bloß  theoretisch,
sondern  auch  praktisch  erörtert  (hört,  hört!  rechts),  daß  gerade  in  diesem
Augenblick  die  Herren  Sozialdemokraten  sich  vor  die  Herren  von  der  Fortschrittlichen
  Volkspartei  hinstellen  und  es  ihnen  ins  Gesicht  sagen:  Von
eurer  Monarchie  wollen  wir  nichts  wissen,  wir  verlangen  die  Republik!
Dem  Abg.  Noske,  der  in  Magdeburg  urbi  et  orbi  verkündet  hat,  daß  die
Sozialdemokratie  unter  der  Parole  der  Republik  in  den  nächsten  Wahlkampf
  marschieren  würde,  hat  der  preußische  Abg.  Liebknecht  auf  seiner
Rundreise  in  Amerika  sekundiert,  indem  er  sagte:  Jedermann  in  Deutschland
wisse  es,  daß  die  Entwicklung  es  sehr  bald  dahin  bringen  würde,  daß  vielleicht
  ebenso  über  Nacht  wie  in  Portugal  die  deutsche  Krone  weggeblasen
würde.  (Hört!  Hört!  rechts.)  Nach  anderen  Aeußerungen  ist  ja  dann
wieder  allerdings  der  Herr  Liebknecht  von  seinen  Illusionen  über  Amerika
etwas  zurückgegangen  und  hat  sogar  Heimweh  empfunden.  (Heiterkeit.)
Aber  ich  fürchte,  wenn  Herr  Liebknecht  zurückgekehrt  sein  wird,  wird  er
sehr  bald  die  Magdeburgische  Sprache  wieder  sprechen.  (Sehr  richtig!
rechts.)  Es  ist  notwendig,  daß  unser  Volk  über  die  Ansichten  und  Absichten
  der  Sozialdemokratie  klipp  und  klar  Bescheid  weiß.  (Sehr  richtig!
bei  den  Sozialdemokraten.)  Darin  werden  mir  auch  diejenigen  zustimmen,
welche  der  Ansicht  sind,  daß  man  den  Kampf  gegen  die  Sozialdemokratie
nur  auf  geistigem  Boden  führen  dürfe.  Denn  gerade  den  Verfechtern  dieser
Ansicht  muß  daran  gelegen  sein,  daß  diejenigen  Volksklassen,  die  sich  vor
der  Sozialdemokratie  bewahren  wollen,  nicht  im  unklaren  darüber  bleiben,
wo  hinaus  die  Sozialdemokratie  eigentlich  will,  und  was  sie  lieber  heute
als  morgen  verwirklichen  würde,  wenn  sie  nur  die  Macht  hätte.  (Sehr
richtig!  rechts.)  In  Magdeburg  hat  die  Sozialdemokratie  das  Selbstbestimmungsrecht
  der  Massen  da  draußen  an  die  Spitze  ihrer  Taklik  und
Politik  gestellt.  Diese  Massen  werden  von  Jugend  auf  darüber  belehrt,
in  allen  Einrichtungen  unseres  Staates  und  unserer  Gesellschaft  nur  Veranstaltungen
  zu  erblicken  zur  Entrechtung  und  Knechtung  des  Arbeiters.
Wundert  man  sich  da,  daß  die  Köpfe  dieser  Massen  da  draußen,  deren  Instinkte
  ihnen  souveränes  Prinzip  sind,  heiß  werden,  wenn  Sie  sie  so  bearbeiten?
  (Sehr  gutl  rechts.)  Die  Taten  des  Menschen  sind  eine  Folge
der  in  ihm  lebenden  Ideen.  (Heiterkeit  links.)  Wer  den  Massen  predigt,
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        428  Daes  Penisqhe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

daß  es  erst  dann  gut  werden  kann,  wenn  das  Bestehende  zertrümmert  und
zerstört  wird,  der  ist  mit  Schuld  und  trägt  an  der  Schuld  mit  (große  Unruhe
  links),  wenn  die  Massen  die  Koniequenzen  ziehen.  (Zustimmung  rechts.)
Deshalb  bin  ich  auch  der  Ansicht,  daß  die  Sozialdemokratie  moralisch  mit
verantwortlich  ist  an  den  Exzessen  von  Moabit.  (Stürmisches  Sehr
richtig!  rechts.  Unruhe  links,  ein  Zuruf:  Der  Reichskanzler  greift  in  ein
schwebendes  Verfahren  ein?)  Wenn  Ihnen  (nach  links)  das  unangenehm
ist,  dann  hätten  Sie  nicht  selber  die  Angelegenheit  berühren  müssen.  (Unruhe
  links.  Abg.  Hue:  Sprechen  Sie  doch  von  Ihren  Kriminalbeamten!)
Der  Abg.  Scheidemann  war  es,  der  gestern  die  Sprache  auf  Moabit  gebracht
  hat,  und  zwar  in  einer  Weise,  die  mich  nötigt,  darauf  einzugehen.  Der
Abg.  Scheidemann  hat  gesagt,  daß  er  gewissermaßen  die  Moabiter  Vorgänge

neun  Zehnteln  auf  das  Konto  der  Polizeispitzel  und  Arbeitswilligen
etze.  Die  Moabiter  Vorgänge  haben  sich  ebenso  wie  nachher  die  Unruhen
in  Bremen  und  anderen  Orten  aus  Reibereien  zwischen  Streikenden  und
Arbeitswilligen  entwickelt.  Gegen  den  polizeilichen  Schutz  der  Arbeilswilligen
  haben  sich  in  Moabit  große  Menschenmassen  angesammelt,  die  mit
Geschrei,  Steinwürfen,  Toben,  Revolverschüssen  und  Zertrümmerungen  die
öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  angriffen.  Zuerst  hieß  es  in  der  sozialdemokratischen
  Presse,  daß  es  lediglich  niedriger  Pöbel,  lichtscheues  Gesindel
gewesen  sei,  das  da  hingelaufen  wäre  und  Roheitsdelikte  verübt  habe.  Aber
unter  den  Verhafteten  befanden  sich  einige  vierzig  Personen,  die  politisch
oder  gewerkschaftlich  organisiert  waren.  (Zuruf  der  Sozialdemokraten:  Was
ist  das  gegenüber  der  großen  Masse?)  Aber  selbst  wenn  die  große  Mehrheit
  als  Janhagel,  als  Pöôbel  gelten  könnte,  dann  würde  damit  doch  bloß
erwiesen  sein,  daß  die  Sozialdemokratie  nicht,  wie  sie  sich  so  häufig  rühmt,
sobald  sie  will,  diese  Gesellschaftsklassen  im  Zaume  halten  kann.  (Lärm
der  Sozialdemokraten.)  Es  ist  doch  auch  nur  natürlich,  daß,  wer  Wind
sät,  Sturm  erntet.  Der  Sozialdemokratie  gilt  die  Macht  der  brutalen
Zahl.  Ihre  Versammlungen,  ihr  Magdeburgischer  Parteitag  ist  von  diesem
Kultus  erfüllt.  Damit  wird  in  den  großen  Massen  ein  Dünkel  groß  gezogen,
  der  sich  bei  ihren  schlechten  und  schlechtesten  Elementen  in  einer
wilden  Auflehnung  gegen  die  Staatsordnung  umsetzt.  Mit  der  Janhageltbeorie
  ist  es  also  nichts.  Der  „Vorwärts"“  hat  sie  deshalb  auch  bald  verlassen
  und  an  ihre  Stelle  die  Provokationstheorie  gesetzt,  genau  so,
wie  gestern  der  Abg.  Scheidemann.  Danach  sollen  die  Moabiter  Unruhen
künstlich  von  der  Polizei,  womöglich  nach  einem  allgemeinen  Plane  und
auf  höhere  Weisung  angeregt  worden  sein.  Das  ist  eine  willkürliche,  unbewiesene,
  unwahre  und  unsinnige  Behauptung.  Großer  Lärm  und  Ohol-Rufe
  der  Sozialdemokraten.  Abg.  Stücklen  ruft:  Wollen  Sie  die  Zeugen
beeinflussen?  Lärm  rechts.)  Ich  hätte  nicht  über  die  Moabiter  Vorgänge
gesprochen.  Ich  tue  es  nur,  weil  der  Abg.  Scheidemann  die  Sache  angeregt
  hat.  (Lärm  und  Zurufe  der  Sozialdemokraten.  Präsident  Graf
Schwerin-Löwitz:  Ich  bitte,  den  Reichskanzler  ruhig  anzuhören  und  ihn
nicht  fortwährend  zu  unterbrechen.)  Wenn  Sie  glauben,  daß  die  Polizei
Freude  an  der  Sache  hat,  so  ist  das  unsinnig,  verzeihen  Sie  das  harte
Wort,  da  der  Dienst  in  Moabit  an  die  Geduld  der  Beamten  die  allergrößten
  Anforderungen  stellt.  Dieser  Behauptung  setze  ich  die  öffentliche
Anerkennung  entgegen,  daß  die  Polizei  in  Moabit  ihre  Pflicht  getan  hat.
(Stürmische  Bravorufe  rechts  und  im  Zentrum,  große  Unruhe  bei  den
Sozialdemokraten.  Rufe  rechts:  Ruhe!  Ruhe  da  drüben!  Erneuter  Widerspruch
  bei  den  Sozialdemokraten,  Unruhe  im  ganzen  Hause.  Zurufe  bei
den  Sozialdemokraten:  Sie  haben  ja  die  Polizei  beeinflußt!)  Ich  beeinflusse
  weder  irgend  jemanden  noch  lasse  ich  mich  beeinflussen.  Hinter
        <pb n="437" />
        Das  Desche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  429

der  Provokationstheorie  wollen  Sie  bloß  Ihre  moralische  Mitschuld
verbergen.  Das  wird  ihnen  aber  nicht  gelingen,  Sie  werden  diese  Mitschuld
  nicht  von  sich  abwälzen  können.  Der  Versuch  dazu  wird  höchstens
eine  Ermunterung  zu  neuen  Straßenkämpfen  sein.  Sie  sind  ein  Teil  der
Kraft,  welche  die  Massen  in  immer  größere  Verbitterung  hineinhetzen  will.
Diese  Haltung  gegenüber  den  Moabiter  Exzessen  stimmt  überein  mit  den
taktischen  Lehren,  welche  die  Führer  der  Sozialdemokratie  seit  Jahren  ins
Land  hinausgehen  lassen,  die  dahin  zielen.,  immer  größere  Erbitterung  bei
den  Besitzenden  hervorzurufen,  die  Konflikte  mit  der  bürgerlichen  Gesellschaft
  immer  mehr  und  mehr  zuzuspitzen  und  so  den  großen  Entscheidungskampf
  um  die  politische  Macht  vorzubereiten.  Die  Stimmung,  die  in
Moabit  durchgebrochen  ist,  haben  Sie  gewollt,  auf  die  arbeiten  Sie  planmäßig
  hin.  Daß  Ihnen  der  Anlaß,  der  Zeitpunkt  und  auch  die  Verwüstungen
  des  Moabiter  Zauberlehrlings  nicht  passen,  ändert  am  Kern  der
Sache  gar  nichts.

Sollen  wir  —  damit  komme  ich  auf  die  ursprünglichen  Ausführungen
zurück  —  um  deswillen  unsere  Zuflucht  zur  Ausnahmemaßregel
nehmen?  Liegt  die  Suche  wirklich  so,  daß  wir  eingestehen  müßten,  die
staatliche  Macht  könne  sich  mit  Hilfe  des  gemeinen  Rechts  und  des  gemeinen
  Gesetzes  der  in  ihren  Zielen  gesetzwidrigen  Machtpolitik  der  Sozialdemokratie
  nicht  mehr  erwehren?  Fürst  Bülow  hat  mehrfach  vor  diesem
ho#yen  Hause  erklärt,  daß  Reich  und  Staat,  daß  Monarchie  und  Gesellschaft
bei  furchtloser  Anwendung  der  vorhandenen  gesetzlichen  Mittel  in  der  Lage
seien,  jeden  Versuch  des  Umsturzes  niederzuhalten.  Derselben  Ansicht  bin
auch  ich.  Vorschläge  zu  Ausnahmegesetzen  mache  ich  Ihnen  nicht.

Der  Abg.  Bebel  hat  in  Magdeburg  seinen  süddeutschen  Genossen
sehr  mit  Recht  auseinandergesetzt,  daß  es  mit  dem  preußischen  Staat  so
eine  eigene  Sache  sei.  Dieser  preußische  Staat  läßt  sich  weder  durch
Demonstrationen,  noch  durch  Zeitungen,  noch  durch  sonst  etwas  erobern.
Was  die  Sozialdemokratie  mit  ihrer  revolutionären  Politik  höchstens  erreichen
  kann,  das  ist  das,  daß  viele  Menschen  aus  den  von  ihr  byzantinisch
umschmeichelten  und  aufgereizten  Massen  ins  Unglück  gebracht  werden.  Das
deutsche  Volk  ist  in  seinem  Kern  gesund.  Es  kann  von  der  Sozialdemokratie
wohl  verführt  und  erregt  werden,  aber  ihre  politischen  Endziele  und  ihre
wirtschaftlichen  Utopien  lebnt  das  deutsche  Volk  in  seinem  Herzen  ab.
Unbekümmert  um  alle  Agitationen  und  stets  im  Gegensatz  zur  Sozialdemokratie
  haben  die  Regierungen  mit  dem  Reichstage  eine  soziale  Gesetzgebung
  geschaffen,  die  sehr  viel  weiter  geht  als  die  irgendeines  anderen
Landes  der  Welt.  Wir  werden  uns  darin  auch  in  Zukunft  nicht  irre
machen  lassen,  aber  die  soziale  Fürsorge  im  Interesse  der  wirtschaftlich
Schwächeren,  zu  ihrem  Schutz  und  ihrem  Wohle  hat  mit  der  Stellung  des
Staates  zur  Sozialdemokratie  nicht  das  Geringste  zu  schaffen.  Ebenso  wie
der  Staat  es  als  seine  Pflicht  erkannt  hat,  diese  Fürsorge  zu  treiben,
ebenso  ist  es  seine  Pflicht,  alle  gesetzwidrigen  und  gewaltsamen
Angriffe  auf  seine  Ordnung  unter  Anwendung  aller  ihm  zur  Verfügung
stehenden  gesetzlichen  Mittel  mit  nachdrücklicher  Energie  niederzuschlagen,
  und  diese  Energie  wird  wachsen  mit  der  Heftigkeit  der  Angriffe.

Ich  habe  in  meinen  Ausführungen  auf  die  Arbeiten  hingewiesen,
die  uns  für  die  Gegenwart  und  für  die  nähere  Zukunft  bevorsteben.  Diese
Arbeiten,  die  doch  schließlich  dem  Leben  der  Nation  seine  Richtung  geben,
tragen  nichts  in  sich,  was  sich  als  Tendenz  zu  einer  rückschrittlichen  Bewegung
  charakterisieren  müßte.  Wenn  Sie  diese  Aufgaben  durchaus  nach
dem  Schema  rückschrittlich  oder  freiheitlich  registrieren  wollen,  so  wird  das
erstere  jedenfalls  nicht  zutreffen.  Die  Einheit  unseres  Rechts,  die
        <pb n="438" />
        430  Das  Veutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Slirder.  (Dezember  10.)

Stärke  des  Heeres,  die  Schaffung  der  deutschen  Flotte,  die
Sozialpolitik  und  die  wirtschaftliche  Gesetzgebung  —  Konservative
und  Zentrum  und  Liberalismus,  ihrer  aller  Arbeit  und  ihrer  aller  Verdienste
  stecken  darin.  Nur  durch  gemeinsame  Arbeit  kann  gesund  und  stark
erhalten  werden,  was  durch  gemeinsame  Arbeit  geschaffen  worden  ist.
Schalten  Sie  dauernd  einen  Bestandteil  aus,  dem  Wohle  des  Vaterlandes
wird  damit  nicht  gedient  sein,  und  nur  diesem  Wohle  zu  dienen,  haben
wir  alle  ein  Recht,  aber  auch  die  Pflicht.  (Lebhafter  Beifall  b.  d.  K.  und
im  Z.,  Zischen  b.  d.  Sd.)

Abg.  Bassermann  (Nl.):  Bei  der  Beurteilung  der  Reichsfinanzreform
  kommt  es  vor  allen  Dingen  darauf  an,  ob  die  neuen  Steuern  dem
sozialen  Gedanken  entsprechen.  Das  ist  bei  der  Reichsfinanzreform
nicht  der  Fall.  Ich  bin  überzeugt,  daß  die  Aufwärtsbewegung  der  Sozialdemokratie
  nicht  erfolgt  wäre,  wenn  Fürst  Bülow  damals  zu  neuen  Wahlen
geschritten  wäre.  Ich  hoffe  mit  dem  Reichskanzler,  daß  sowohl  über  die
Reichsversicherungsordnung  wie  auch  über  die  anderen  großen  gesetzgeberischen
Werke  eine  Einigung  zustande  kommen  wird.  Das  gilt  auch  für  die  Pensionsversicherung
  der  Privatbeamten.  In  der  elsaß-lothringischen  Verfassungsfrage
  sind  wir  mit  dem  Reichskanzler  einig.  Wir  wünschen  eine  Umgestaltung
  der  Verfassung  des  Reichslandes  in  liberaler  Weise.  Die
Aeußerungen  des  Reichskanzlers  über  die  Wirtschaftspolitik  kann  meine
Partei  in  allen  Teilen  unterschreiben.  Wir  halten  an  den  jetzt  bestehenden
Prinzipien  fest.  Der  Kanzler  hat  darin  unseren  Beifall,  daß  die  bestehenden
Gesetze  gegen  revolutionäre  Bestrebungen  mit  voller  Energie  und  ganzer
Kraft  zur  Anwendung  gebracht  werden  sollen.  Die  Einschränkung  des
sozialdemokratischen  Einflusses  auf  die  Krankenkassen  wünschen  auch  wir.
Die  Moabiter  Vorfälle  sind  in  ihrer  Bedeutung  allerdings  nicht  zu
unterschätzen.  Die  sozialdemokratischen  Verhetzungen  gegen  Arbeitgeber  und
Arbeitswillige  müssen  solche  Resultate  zeitigen,  namentlich  wenn  man  in
Rechnung  stellt,  daß  der  Janhagel  dann  auch  immer  gleich  zur  Stelle  ist
und  Oel  ins  Feuer  gießt.  Von  einer  Provokation  der  Polizei  kann  keine
Rede  sein.  Man  kann  sich  des  Eindrucks  nicht  erwehren,  daß  bei  den
Moabiter  Exzessen  nicht  die  entsprechenden  Maßnahmen  angewendet  wurden.
Die  Feuerspritze  wäre  das  wirksamste  Mittel  gewesen.  Aber  die  konnte
nicht  angewendet  werden,  weil  sie  —  sladtlich  ist.  —  Wir  müssen  dem
Schatzsekretär  das  Lob  zollen,  daß  er  sich  mit  Energie  der  Aufgabe  unterzogen
  hat,  den  Etat  zu  balancieren.  Wir  haben  die  Notwendigkeit  der
500000000  Mark  neuer  Steuern  immer  anerkannt.  Aber  wir  haben  verlangt,
  daß  neben  den  Konsumsteuern  in  Höhe  von  400000000  Mark  auch
100000000  Mark  durch  Besitzsteuern  aufgebracht  werden,  und  damit
standen  wir  auf  dem  Boden  der  Regierungsvorlage.  Jetzt  sucht  man  es
so  darzustellen,  als  ob  wir  keine  positiven  Vorschläge  gemacht  hätten.  Aber
das  Volk  täuschen  Sie  damit  nicht,  und  selbst  in  gut  konservativen  Kreisen
hat  man  das  Verhalten  des  schwarz-blauen  Blocks  scharf  verurteilt.  Die
schärfste  Kritik  aber  bilden  die  Wahlresultate  in  Lyuck.  Oletzko  und  in  Labiau-Wehlau.
  Diese  Wahl  zeigt  ganz  deutlich,  daß  ein  Zufluß  von  bisher
konservativen  Wählern  zum  Liberalismus  erfolgt,  der  nur  auf  das  Konto
der  Finanzreform  zu  setzen  ist.  Die  großen  Gesellschaften  überwinden  jede
Steuer  kraft  ihres  Kapitals  und  ihres  Kredits;  da  aber,  wo  Steuern  auferlegt
  werden,  die  Schwierigkeiten  in  der  Berechnung  und  Erhebung  hervorrufen,
  leiden  die  kleinen  und  mittleren  Betriebe  besonders  schwer.  —  In
Sachen  des  Tempelhofer  Feldes  nimmt  der  Kriegsminister  in  staatsrechtlicher
  und  finanzieller  Hinsicht  einen  richtigen  Standpunkt  ein.  Was
aber  der  Frage  die  große  Bedeutung  gegeben  hat,  das  ist  auch  der  soziale
        <pb n="439" />
        Das  Beuische  Reich  uud  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezemiber  10.)  431

Gesichtspunkt,  die  moderne  Wohnungshygiene.  —  Redner  geht  dann
auf  Fragen  der  auswärtigen  Politik  ein.  Mit  Befriedigung  sehen
wir  die  Leitung  des  Auswärtigen  Amis  in  den  Händen  eines  erfahrenen
Diplomaten,  der  das  Ausland  und  besonders  den  Osten  kennt.  Die  deutsche
Bündnistreue  hat  sich  in  der  österreichischen  Balkanpolitik  bewährt  und
wird  anerkannt.  Der  Deutsche  Kaiser  hat  sich  seit  Antritt  seiner  Regierung
als  Friedensfürst  erwiesen,  aber  nicht  gezögert,  sich  in  der  Frage  der
Annexion  von  Bosnien  und  der  Herzegowina  sofort  an  die  Seite  Oesterreichs
zu  stellen.  Die  Beziehungen  zu  Rußland  sind  durch  die  Sozialdemokratie
nicht  verbessert  worden.  Die  Ungebärdigkeit,  mit  der  die  Sozialdemokratie
den  Zaren,  der  mit  seiner  kranken  Frau  als  Gast  des  deutschen  Volkes  in
Friedberg  weilte,  angriff,  übersteigt  an  Pöbelhaftigkeit  alles.  Ich  weise  darauf
hin,  wie  sehr  das  republikanische  Frankreich  und  das  parlamentarische  England
auf  die  ruisischen  Beziehungen  Wert  legen,  nicht  um  der  blauen  Augen  der
Russen  willen,  sondern  wegen  der  Erhaltung  des  Weltfriedens  und  wirtschaftlicher
  Vorteile.  Die  Besserung  der  Verhältnisse  im  Orient  begrüßen
wir  und  sind  unserem  Botschafter  in  Konstantinopel  dankbar,  daß  es  ihm
gelungen  ist,  zu  dem  jungtürkischen  Regime  die  guten  Beziehungen  aufrecht
u  erhalten,  die  er  zu  dem  früheren  Regime  gehabt  hat.  Die  deutsche
Poiein  in  Marokko  hat  keine  glänzenden  Resultate  gezeitigt,  jedenfalls  ist
die  Souveränität  von  Marokko  nicht  festgehalten  worden.

Dem  Abg.  Speck  danken  wir  dafür,  daß  er  zur  Sammlung  geblasen
hat,  aber  der  Zeitpunkt  dazu  war  nicht  sehr  richtig  gewählt.  In  der  Zeit
der  Antimodernistenbewegung  und  der  Borromäus-Enzyklika,
die  ja  so  große  Aufregung  hervorgerufen  hat,  kann  uns  ein  Bündnis  mit
dem  Zentrum  nicht  erwünicht  erscheinen.  Nicht  nur  die  Reichsfinanzreform
ist  es,  die  Unmut  im  Volke  hervorruft.  Auch  mit  unserer  Bureaukratie
ist  man  im  Volke  nicht  zufrieden,  weil  man  das  Gefühl  hat,  daß  sie  nicht
in  allen  Teilen  der  großen  Entwicklung  des  Deutschen  Reiches  gefolgt  ist.
Die  Verwaltung  durch  unsere  Beamtenschaft  steht  nicht  auf  der  Höhe,  und
wenn  die  Konservativen  in  Labiau-Wehlau  nicht  nur  keinen  Zuwachs,
sondern  sogar  eine  Abnahme  erlitten  haben,  so  ist  ganz  gewiß  die  Veranlassung
  darin  zu  finden,  daß  es  der  Bevölkerung  über  ist,  daß  sich  die
Landräte  und  andere  Beamte  auf  einen  einseitigen  politischen  Standpunkt
stellen.  Ich  bin  aus  Ostpreußen  ausdrücklich  gebeten  worden,  das  hier
festzustellen.  Der  Reichskanzler  wird  sich  ein  hohes  Verdienst  erwerben,
wenn  er  dafür  sorgt,  daß  die  politischen  Beamten  bei  den  Wahlen  ihre
Hand  aus  dem  Spiele  lassen.  Wir  leben  in  einer  Zeit,  in  der  die  Gegensätze
  aufeinanderplatzen.  Die  Städte  wachsen  heran,  es  gibt  Kampf  und
Streit  zwischen  den  widerstrebenden  sozialen  Schichten,  zwischen  den  großen
Organisationen  der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer.  Man  wird  diese  Gegensätze
  allerdings  durch  Gesetz  auch  nicht  aus  der  Welt  schaffen.  Wir  haben
ein  tüchtiges  Volk,  das  vorwärts  strebt.  Wir  müssen  danach  trachten,  seinen
Unmut  über  die  Fehler,  die  gemacht  worden  sind,  zu  mildern.  Ich  erinnere
  an  das  Wort  des  Rektors  Erich  Schmidt,  das  er  bei  der  Universitätsfeier
  aussprach  und  worin  er  die  Notwendigkeit  einer  freiheitlichen  Entwicklung
  betonte.  Wir  werden  nur  erreichen,  was  wir  erstreben,  wenn
Thron  und  Volk  treu  zusammenstehen.

Reichskanzler  von  Bethmann  Hollweg:  Der  Abg.  Bassermann
hat  soeben  seine  Rede  mit  einem  optimistischen  Ausblick  geschlossen.  Ich
will  es  im  gegenwärtigen  Augenblick  unterlassen,  ihm  auf  seine  Ausführungen
  zur  inneren  Politik  zu  antworten.  Es  wird  im  Laufe  der
nächsten  Tage  noch  Gelegenheit  sein,  darauf  zurückzukommen.  Nachdem
aber  der  Abg.  Bassermann  im  zweiten  Teile  seiner  Rede  ausführlich  über
        <pb n="440" />
        EIIILIIIIIIIIIIIIIIIII  10.)

Fragen  der  auswärtigen  Politik  gesprochen  hat,  möchte  ich  nicht
zögern,  auch  meinerseits  einige  Ausführungen  hierzu  zu  machen.  Ich  werde
nicht  ein  allgemeines  Exposé  über  unsere  auswärtigen  Beziehungen  geben,
ich  werde  mich  darauf  beschränken  zu  antworten  auf  Anregungen,  die  aus  der
Mitte  des  Hauses  kommen.  Ich  will  aber  nicht  unterlassen,  meiner  Antwort
auf  diese  Fragen  meinen  Dank  an  die  Staatsmänner  der  beiden  verbündeten
  Mächte  vorauszuschicken  für  die  warmen  Worte,  die  sie  unseren
Beziehungen  in  ihren  Parlamenten  gewidmet  haben,  in  denen  ich  das
bestätigt  finde,  was  mir  diese  Herren  bei  ihren  freundschaftlichen  Begegnungen
im  Sommer  in  Florenz  und  hier  gesagt  haben.  Der  Abg.  Bassermann  ist
soeben  auch  auf  die  marokkanische  Frage  zu  sprechen  gekommen.  Ich  will
darauf  im  gegenwärtigen  Moment  nicht  eingehen.  weil  das  Vorgehen  eines
französischen  Schiffes  nach  Agadir  bisher  noch  keine  amtliche  Aufklärung
gefunden  hat.  Sie  werden  nicht  daran  zweifeln,  daß  wir  unsere  Rechte
und  die  Interessen  der  deutschen  Untertanen  mit  Nachdruck  schützen  werden.
Auf  die  übrigen  Einzelheiten  der  marokkanischen  Fragen  wird  der  Staatssekretär
  des  Auswärtigen  noch  eingehen.  Ich  habe  die  Antwort  auf  eine
Frage  nachzuholen,  die  der  Abg.  Frhr.  v.  Richthofen  gestern  bezüglich  der
türkischen  Anleihe  an  mich  gestellt  hat.  Die  Türkei  hatte  sich  wie
bekannt  zur  Deckung  ihrer  finanziellen  Bedürfnisse  zunächst  nach  Paris  gewandt.
  Nachdem  die  von  uns  mit  wohlwollender  Neutralität  begleiteten
Verhandlungen  im  letzten  Augenblick  wegen  Schwierigkeiten  gescheitert
waren,  die  zum  Teil  wohl  auf  politischem  Gebiete  lagen,  wegen  Bedingungen,
die  die  Pforte  nicht  für  annehmbar  hielt,  hat  sich  die  Türkei  nach  Wien
und  nach  Berlin  gewandt.  Es  hat  sich  alsbald  aus  deutschen,  österreichischen
und  ungarischen  Banken  ein  Finanzkonsortium  gebildet,  mit  dem  die  Türkei
binnen  kurzer  Frist  ein  Vorschußgeschäft  über  5.5  Millionen  Pfund  und
ein  Anleihegeschäft  über  11  Millionen  Pfund  abgeschlossen  hat.  Ich  bedaure,
  auf  Einzelheiten  über  diese  Finanzoperation  hier  nicht  eingehen  zu
können.  betone  jedoch,  daß  die  kaiserliche  Regierung  diese  Finanzverhandlungen
  mit  ihrer  Sympathie  begleitet.  Sie  hat  dies  aus  der  politischen
Erwägung  heraus  getan,  daß  Deutschland  durch  ein  Entgegenkommen  gegenüber
  dringlichen  finanziellen  Bedürfnissen  der  Türkei  gleichzeitig  seiner
bewährten,  auf  die  Aufrechterhaltung  des  Friedens  und  des  status  quo
im  Orient  gerichteten  Politik  einen  wesentlichen  Dienst  leistet.  Zur
Pflege  dieser  Politik  gehört  in  erster  Linie  eine  kräftige  türkische  Regierung,
stark  genug,  um  die  Ordnung  im  Innern  zu  gewährleisten  und  nach
außen  Achtung  einzuflößen.  Die  türkische  Regierung  hat  sich  dieser  Aufgabe
  bisher  mit  großer  Hingebung  und  erfreulichem  Erfolg  gewidmet.  Es
erschien  daher  gerecht  und  billig,  aus  wirtschaftlichen  und  aus  politischen
Gründen,  daß  wir  der  türkischen  Regierung  bei  der  Ueberwindung  der  sich
aus  ihrer  finanziellen  Situation  ergebenden  Schwierigkeiten  zur  Seite
standen  und  ihr  damit  die  Möglichkeit  boten,  das  Werk  der  Konsolidierung
weiter  zu  pflegen.  Der  Abg.  Bassermann  hat  sodann  unser  Verhältnis  zu
England  berührt.  Ich  halte  es  für  zweckmäßig,  hierzu  die  folgende  Erklärung
  abzugeben.  Ueber  unsere  Beziehungen  zu  England  und  angebliche
Verhandlungen  mit  diesem  über  vertragliche  Beschränkungen  der  Rüstungen
zur  See  muß  ich  zunächst  hervorheben,  daß  es  wohl  publici  juris  ist,  daß
die  großbritannische  Regierung  wiederholt  dem  Gedanken  Auedruck  gegeben
hat,  eine  vertragsmäßige  Festlegung  der  Flottenstärken  der
einzelnen  Mächte  würde  zu  einer  wesentlichen  Beruhigung  in  den  internationalen
  Beziehungen  beitragen.  Diesen  Gedanken  hat  England  bekanntlich
bereits  auf  der  Konferenz  im  Haag  geäußert.  Seitdem  hat  England  diesen
Gedanken  wiederholt  angeregt,  ohne  jedoch  Anträge  zu  stellen,  die  für  uns
        <pb n="441" />
        IIILIIIIIIZIIII  Glieder.  (Dezember  10.)  433

den  Anlaß  zu  einer  positiven  Annahme  oder  zu  einer  positiven  Ablehnung
  hätten  geben  können.  Auch  wir  begegnen  uns  mit  England  in
dem  Wunsche,  Rivalitäten  in  Beziehung  auf  Rüstungen  zu  vermeiden,
haben  aber  in  den  ab  und  zu  stattgehabten  unverbindlichen,  von  gegenseitigem,
  freundschaftlichem  Geiste  getragenen  Pourparlers  stets  den  Gedanken
  vorangestellt,  daß  eine  offene  und  vertrauensvolle  Aussprache
und  darauf  folgende  Verständigung  über  die  gegenseitigen  wirtschastlichen
und  politischen  Interessen  der  beiden  Länder  das  sicherste  Mittel  zur
Beseitigung  jeglichen  Mißtrauens  wegen  des  gegenseitigen  Kräfteverhältnisses
  zu  Wasser  und  zu  Lande  sei.  Schon  die  Fortdauer  eines  zwanglosen
  und  vertrauensvollen  Gedankenaustausches  über  alle  mit  diesen
Dingen  zusammenhängenden  Fragen  ist  eine  Garantie  für  die  freundschaftliche
  Absicht  auf  beiden  Seiten  und  dürfte  allmählich  zur  Beseitigung
des  Mißtrauens  führen,  das  nicht  bei  den  Regierungen,  wohl  aber  in  der
öffentlichen  Meinung  sich  leider  vielfach  geltend  gemacht  hat.  Der  Herr
Abg.  Bassermann  hat  sodann  auch  unsere  Beziehungen  zu  Rußland  erwähnt.
  Die  Entrevue  S.  M.  des  Kaisers  mit  S.  M.  dem  Kaiser  von
Rußland  hat,  wie  Ihnen  aus  Aeußerungen  der  Presse  bereits  bekannt,
einen  durchaus  befriedigenden  und  harmonischen  Verlauf  genommen.  Dasselbe
  gilt  von  den  Besprechungen  der  beiderseitigen  Regierungsvertreter.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  aus  derartigen  Besprechungen  sensationelle
politische  Umwälzungen  zwar  in  der  Presse,  aber  nicht  in  der  Wirklichkeit
hervorgehen.  Auch  in  der  Zeit,  in  der  keine  direkten  Besprechungen  der
leitenden  Minister  stattfinden,  ist  durch  die  beiderseitigen  Vertreter  der
Kabinette  reichlich  Gelegenheit  zu  fortlaufendem  Gedankenaustausch  gegeben.
Der  Wert  solcher  Entrevuen,  und  speziell  der  letzten  in  Potsdam,  liegt
darin,  daß  sich  die  Leiter  der  Politik  persönlich  kennen  lernen  und  dem
bereits  auf  dem  Wege  durch  die  Vertreter  vorbereiteten  Gedankenaustausch
eine  präzise  und  zusammenfassende  Form  geben.  Das  Resfultat  der  letzten
Entrevue  möchte  ich  dahin  zusammenfassen,  daß  von  neuem  festgestellt
wurde,  daß  sich  beide  Regierungen  in  keinerlei  Kombination
einlassen,  die  eine  aggressive  Spitze  gegen  den  anderen  Teil
haben  könnte.  In  diesem  Sinne  haben  wir  insbesondere  Gelegenheit
gehabt  zu  konstatieren,  daß  Deutschland  und  Rußland  ein  gleichmäßiges
Interesse  an  der  Aufrechterhaltung  des  status  quo  am  Balkan  und  überhaupt
  im  nahen  Orient  haben  und  daher  keinerlei  Politik  unterstützen
werden,  von  welcher  Seite  sie  auch  kommen  könnte,  welche  auf  Störung
jenes  status  quo  gerichtet  wäre.  Wir  haben  offen  und  freundschaftlich  über
unsere  Interessen  in  Persien  gesprochen.  Wir  sind  uns  in  dem  Gedanken
begegnet,  daß  unser  gemeinsames  Interesse  Aufrechterhaltung  bezw.  Wiederherstellung
  von  Ruhe  und  Ordnung  in  jenem  Lande  erheische.  Wir  müssen
wünschen,  daß  unser  Handel  mit  Persien  nicht  gestört  werde  und  sich  weiterhin
entwickele.  Rußland  hat  denselben  Wunsch  für  seinen  Handel,  daneben
aber  als  Grenznachbar  Persiens  noch  besondere  berechtigte  Interessen  an
der  Sicherheit  der  Zustände  in  dem  seinen  Grenzen  nächstgelegenen  persischen
Gebietsteile.  Wir  haben  gern  zugegeben,  daß  Rußland  zu  diesem  Zweck
eines  besonderen  Einflusses  in  Nordpersien  bedarf,  und  haben  daher  seinem
Anspruch  auf  alle  Konzessionen  für  Eisenbahnen,  Wege  und  Telegraphen
in  jenem  Bereich  zugestimmt,  um  ihm  eben  damit  die  Möglichkeit  zu
gewährleisten,  den  als  Grenznachbar  besonders  interessierenden  Aufgaben
gerecht  zu  werden.  Rußland  wird  seinerseits  nicht  nur  unserem  Handel
keine  Hindernisse  in  den  Weg  legen,  sondern  auch  die  Herstellung  eines
Anschlusses  für  seine  Zufuhr  nach  Persien,  soweit  sie  über  Bagdad  nach
Hanekin  führt,  erleichtern.  Wir  glauben,  daß  diese  Aussprache  und  Ver-Europäischer
  Geschichtskalender.  LI.  28
        <pb n="442" />
        434  JN##s  Veische  Reiqh  und  seine  einjelnen  Slieder.  (Dezember  10.)

einbarung  mit  Rußland,  bei  der  noch  eine  Reihe  von  Detailfragen  in
freundschaftlicher  Weise  erörtert  worden  ist,  es  beiden  Regierungen  leicht
machen  werden,  sich  ohne  Aenderung  in  der  bisherigen  allgemeinen  Orientierung
  ihrer  Politik  über  alle  etwa  neu  auftauchenden  Fragen  zu  einigen.
Die  Unterredungen,  die  während  der  Potsdamer  Entreoue  stattgefunden
haben,  so  kann  ich  mich  zusammenfassen,  haben  da  und  dort  scheinbare
Mißverständnisse  beseitigt  und  das  alte  vertrauensvolle  Verhältnis  zwischen
uns  und  Rußland  bestätigt  und  bekräftigt.  (Anhaltender  Beifall.)

Abg.  Dr.  Wiemer  (Fort.  Vp.):  Seine  Freunde  wollen  mitarbeiten
an  den  praktischen  Aufgaben,  aber  die  Sünden  und  Fehler  der  Vergangenheit
könnten  nicht  vergessen  werden.  Die  Gegensätze  zwischen  den  Parteien
müßten  zum  Austrag  kommen.  Was  bisher  über  die  elsaß-lothringische
Verfassung  verlautete,  befriedige  seine  Freunde  nicht.  Wo  bleibe  die
preußische  Wahlreform?  Wie  denke  der  Kanzler  über  den  konstitutionellen
Ausbau  im  Reich,  über  die  tatsächliche  Durchführung  der  Gleichheit  aller
Staatsbürger?  Er  wolle  gewiß  kein  Parteikanzler  sein,  man  dürfe  es  ihm
glauben;  aber  die  politischen  Beamten  und  Landräte  führten  ein  konservatives
  Regiment.  Es  sei  ein  Fehler,  daß  der  Kanzler  die  Aenderung  des
Strafprozesses  und  des  Strafrechts  nur  als  Mittel  gegen  die  Sozialdemokratie
  empfehle;  die  Beschleunigung  des  Verfaohrens  sei  überhaupt
notwendig.  Der  Kanzler  hätte  über  Moabit  noch  nicht  sprechen  sollen;
das  Urteil  stehe  noch  nicht  fest.  Nicht  mit  Reden,  sondern  durch  Verstopfen
  der  Quellen  der  Unzufriedenheit  sei  die  Sozialdemokratie  zu  bekämpfen.
  Wiemer  sprach  dann  eingehend  über  den  Etat,  kritisierte  scharf
die  Fehler  der  Finanzreform,  die  Verquickung  der  Veteranenbeihilfe  mit
der  Zuwachssteuer.  Er  warf  die  Frage  auf,  ob  Verbesserungen  im  Heere
nicht  ohne  Erhöhung  der  Friedenspräsenz  möglich  seien.  Er  berührte  so
ziemlich  sämtliche  schwebende  Fragen,  auch  den  Modernisteneid,  der  einen
Vorstoß  gegen  die  Staatsgewalt  bedeute,  und  verwahrte  sich  schließlich  auf
Zurufe  von  rechts  her  sehr  lebhaft  gegen  die  Behauptung,  daß  die  Fortschrittliche
  Volkepartei  mit  der  Sozialdemokratie  Hand  in  Hand  gehe.  Sie
sei  nach  wie  vor  eine  grundsätzliche  Gegnerin  derselben.

Abg.  Frhr.  v.  Gamp  (Rp.):  Unserem  Einfluß  war  es  zu  verdanken,
daß  die  Finanzreform  doch  noch  eine  brauchbare  Form  erhielt.  Wären
die  Nationalliberalen  auch  mitgegangen,  dann  hätten  manche  ihrer  Wünsche
noch  Berücksichtigung  gefunden.  Sie  haben  also  keine  Ursache,  uns  anzugreisen.
  Was  wäre  denn  ohne  uns  geworden?  Eine  endlose  Finanzmisere.
  In  welch  kümmerlicher  Lage  würde  sich  der  Geldmarkt  befinden.
Nun  renommieren  die  Sozialdemokraten  mit  dem  Schnapsboykott.  Der
Schnapskonsum  wäre  auch  ohne  ihn  gesunken,  wie  1887.  Ich  gehe  nicht
so  weit  zu  erklären,  daß  jeder  Tropfen  Branntwein  Gift  ist.  Wir  haben
bei  der  neuen  Militärvorlage  uns  ernstlich  gefragt,  ob  man  nicht  zu
sparsam  gewesen  ist.  Nach  den  Erklärungen  des  Kriegsministers  verzichten
wir  aber  auf  Mehrforderungen.  In  der  elsaß-lothringischen  Verfassungsfrage,
  besonders  hinsichtlich  des  Wahlrechts,  haben  wir  ernste  Bedenken.
Ich  warne  vor  allzuviel  neuen  Gesetzen.  Schon  jetzt  sitzen  zwölf  Kommissionen,
  neun  haben  28  Mitglieder.  Im  ganzen  sind  also  280  Mitglieder
  des  Reichstags  beschäftigt.  Neulich  ist  sogar  schon  ein  Zentrumsabgeordneter
  zusammengebrochen.  Wir  müssen  Maß  halten  mit  neuen
Gesetzen.  Das  Volk  will  gar  nicht  jedes  Jahr  ein  Dutzend  neuer  Gesetze
haben,  es  will  Ruhe  haben.  Manche  von  den  eingebrachten  Vorlagen
werden  daher  wohl  auch  gar  nicht  verabschiedet  werden,  wie  das  Kurpfuschergesetz
  und  die  Vorlage  über  die  Schiffahrtsabgaben.  Resolutionen,
die  oft  mit  knapper  Mehrheit  gefaßt  sind,  sollten  nicht  immer  Anlaß  zu
        <pb n="443" />
        Das  Denishe  Reiq  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Dezember  12.)  435

Gesetzen  geben.  Die  sozialdemokratische  Gefahr  dürfen  wir  nicht  zu  gering
einschätzen.  Die  Sozialdemokratie  geht  ganz  systematisch  vor.  Sie  verhetzt
die  Jugend  und  dringt  auch  ins  Militär,  allerdings  bis  jetzt  mit  geringem
Erfolge.  Aber  die  so  angelernten  sozialdemokratischen  Achtgroschenjungen
treiben  dann  ihr  Wesen  in  Moabit.  Das  republikanische  Ziel  wird  gar
nicht  mehr  geleugnet.  Das  hat  auch  Herr  Ledebour  ausgesprochen,  den
ich  zu  den  ruhigeren  Leuten  rechne.  Aber  draußen  sind  Sie  offenherziger.
Wir  wollen  unter  allen  Umständen  den  sozialdemokratischen  Terror  brechen.
(Sehr  gutk  r.)  Alle  Angriffe  müssen  zurückgeschlagen  werden.  Die  Gesetzgebung
  muß  die  Möglichkeit  dazu  bieten.  Der  Reichskanzler  sollte  sich
einmal  mit  dem  preußischen  Ministerpräsidenten  darüber  in  Verbindung
setzen,  damit  die  bestehenden  Gesetze  auch  energisch  ausgeführt  werden,
damit  der  Staatsanwalt  energisch  eingreift.  (Unruhe  l.  Zurufe  bei  den
Sd.:  Pfui  Teufell)  Es  ist  ein  Mangel  an  Pflichtgefühl,  wenn  der  Staatsanwalt
  den  „Kopf  ab“-Artikel  erst  nach  drei  Monaten  beschlagnahmt.  Die
Moabiter  Vorgänge  sind  sehr  betrübend.  Betrüblich  ist  auch,  daß  die
Akteure  nicht  gefaßt  wurden,  sondern  unschuldige  Leute,  die  von  der
Sozialdemokratie  verführt  sind.  Wir  danken  dem  Reichskanzler  für  sein
Versprechen  des  Schutzes  der  nationalen  Arbeit.  Loyal  wäre  es  gewesen,
über  das  gestrige  Fernbleiben  des  Kanzlers  nicht  zu  reden,  nachdem  vereinbart
  war,  das  nicht  als  Unfreundlichkeit  aufzufassen.  Ein  Unfug  ist
es,  beim  Etat  über  Dinge  zu  reden,  die  gar  nicht  dahin  gehören.  (Ledebour:
  Wie  Siel  Heiterkeit.)  Die  Begnadigung  der  Bonner  Preußen  ist
ein  Gnadenakt  des  Königs  von  Preußen,  der  den  Reichstag  nichts  angeht.
(Oho-Rufe  l.  und  im  Z.  Hue:  Arbeiter  hätte  man  nicht  begnadigt!)
Natürlich  ebenso,  kommen  Sie  nicht  mit  Beschuldigungen  ohne  jeden  Halt.
(Unruhe  l.)  Nun  hat  Scheidemann  erklärt,  seine  Freunde  wollten  jeden
Krieg  mit  England  und  Frankreich  unter  allen  Umständen  verhindern.
Das  ist  eine  Ueberhebung  und  ein  Mangel  an  Bescheidenheit.  (Ledebour:
Daran  leiden  Sie  auch!  Heiterkeit.)  Das  konstatiere  ich  auch.  (Große
Heiterkeit.)  Gehen  Sie  doch  nach  England,  wo  die  Arbeiterpartei  ausschlaggebend
  ist  —  Sie  brauchen  nicht  dort  zu  bleiben  —,  und  fordern  Sie  zur
Ablehnung  der  Flottenrüstungen  auf.  Da  werden  Sie  Ihr  Wunder  erleben.
  Die  Herabsetzung  der  Messegelder  usw.  ist  auf  unsere  Anregung
zurückzuführen.  Wir  sind  mit  den  Maßnahmen  des  Schatzsekretärs  durchaus
einverstanden  Er  ist  der  tüchtigste  Schatzsekretär,  den  ich  seit  26  Jahren
kennen  gelernt  habe.  Gute  Finanzen  dienen  ebenso  dem  Frieden  wie  ein
tüchtiges  Heer.

12.  Dezember.  (Berlin.)  Bei  der  Vierteljahrhundertfeier  der
Deutschen  Landwirtschaftsgesellschaft  halten  der  Kaiser  und  der
Reichskanzler  kurze  Ansprachen.

12.  Dezember.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Lesung
des  Etats.  Auswärtige  Angelegenheiten.  Entwicklung  der  Schutzgebiete.



Nach  einer  Rede  des  Abg.  Lattmann  (W.  V.),  die  sich  auch  über
die  Agadir-Angelegenheit,  die  Bekämpfung  der  Schmusliteratur  und  die
Ueberschätzung  Dernburgs  verbreitet,  spricht  Staatssekretär  des  Auswärtigen
Amtes  v.  Kiderlen-Wächter:  Der  Abgeordnete  Lattmann  hat  soeben
Auskunft  verlangt  über  die  Frage  einer  internationalen  Vereinigung  zur
Bekämpfung  der  Schmutzliteratur.  Diese  Frage  bitte  ich  in  der  Kommission
beantworten  zu  dürfen,  wie  das  ja  der  Herr  Abgeordnete  selbst  nahegelegt

28°
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        436  JNos  Venuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  12.)

hat.  Der  Herr  Abgeordnete  Lattmann  hat  dann  ebenso,  wie  schon  der  Abeordnete
  Bassermann,  am  Samstag  gefragt  nach  der  Angelegenheit  des
Hafens  von  Agadir.  Am  Samstag  hat  der  Herr  Reichskanzler  auf
eine  Antwort  meinerseits  verwiesen,  weil  wir  am  Samstag  noch  keinen
amtlichen  Bericht  auch  über  die  äußeren  Umstände  der  Frage  haitten.  Inzwischen
  liegen  diese  Berichte  vor.  Wie  Ihnen  bekannt  ist,  steht  Frankreich
und  Spanien  die  Ausübung  der  Seepolizei  an  der  südafrikanischen  Küste
zu,  auf  Grund  eines  Mandates  des  Sultans  von  Marokko,  dem  sämtliche
Vertragsmächte  zugestimmt  haben  und  das  von  Zeit  zu  Zeit  erneuert  wird.
Dieses  Mandat  der  Ausübung  der  Seepolizei  schließt  an  sich  noch  kein
Mandat  zum  Anlaufen  der  sogenannten  geschlossenen  Häfen  in  sich.  Im
vorliegenden  Falle  ist  ein  französisches  Schiff  in  der  Ausübung  der  Seepolizei,
  insbesondere  der  Verfolgung  des  Waffenschmuggels,  begriffen  gewesen.
  Nur  aus  diesem  Anlaß  ist  dieses  Kriegsschiff  in  den  Hafen  eingelaufen,
  und  die  französische  Regierung  hat  uns  ausdrücklich  in  loyalster
Weise  erklärt,  daß  mit  diesem  Anlaufen  ein  anderer  Zweck  nicht  verbunden
gewesen  sei.  So  kann  wenigstens  von  einer  Eröffnung  des  Hafens  nicht
die  Rede  sein.  Nachdem  die  französische  Regierung  uns  diese  loyale  Erklärung
  gegeben  hatte,  haben  wir  die  Gelegenheit  benutzt,  erneut  unser
Einverständnis  mit  der  französischen  Regierung  darüber  festzustellen,  daß
die  Eröffnung  eines  der  geschlossenen  Häfen  nur  durch  den  Sultan  mit
Zustimmung  sämtlicher  Vertragsmächte  erfolgen  kann.  Dabei  halten  wir
es  für  eine  selbstverständliche  Voraussetzung,  daß  alle  Maßnahmen,  ganz
besonders  aber  die  Festsetzung  des  Termins  für  eine  solche  Eröffnung,  so
rechtzeitig  veröffentlicht  werden  müssen,  daß  die  Bevorzugung  der  Interessenten
  des  einen  Staates  gegenüber  den  Interessenten  einer  anderen
Macht  ausgeschlossen  bleibt.  Ich  glaube  also,  wir  können  den  Spezialfall
von  Agadir  vollständig  beiseite  legen  und  haben  keinen  Anlaß  zur  Beunruhigung.
  Der  Abgeordnete  Bassermann  und  auch  der  Abgeordnete
Freiherr  v.  Gamp  haben  dann  noch  die  Frage  der  Gebrüder  Mannesmann
  wieder  berührt.  Ich  kann  in  dieser  Beziehung  nur  wiederholt  betonen,
  daß  wir  es  auch  heute  noch  als  das  Wünschenswerteste  betrachten,
daß  die  Gebrüder  Mannesmann  sich  mit  den  anderen  Interessenten,  speziell
mit  der  Union  des  Mines,  in  der  ja  auch  bedeutende  Firmen  beteiligt
sind,  einigen.  Unter  welchen  Voraussetzungen  wir  auch  heute  noch  eine
solche  Einigung  für  möglich  halten  und  bereit  sind,  dahingehende  neue
Versuche  zu  unterstützen,  habe  ich  noch  vor  kurzem  die  Herren  Gebrüder
Mannesmann  wissen  lassen.  Auf  Details  der  Sache  hier  einzugehen,  verbietet
  sich,  denn  ich  würde  dadurch  die  Interessen  schädigen  können,  die
wir  eben  schützen  und  fördern  wollen.  Kommt  eine  Einigung  nicht  zustande,
  so  wird  in  letzter  Linie  das  Forum  für  alle  diese  streitigen  Fragen
die  internationale  Schiedsinstanz  sein,  die  in  dem  Entwurf  des  marokkanischen
  Berggesetzes  vorgesehen  ist  und  die  so  gewählt  werden  wird,  daß
sie  jegliche  Garantie  für  eine  unparteiische  Entscheidung  bietet.  Ich  kann
Ihnen  noch  keine  amtliche  Mitteilung  über  das  Berggesetz  machen,  ehe  es
vom  Sultan  und  von  den  Mächten  angenommen  ist.  Das  beruht  auf
einer  internationalen  Verhandlung.  Ich  muß  aber  leider  konstatieren,  daß
von  anderen  Stellen  Indiskretionen  begangen  worden  sind  zugunsten  von
Interessenten.  Infolgedessen  erachten  wir  es  nicht  nur  für  unser  Recht,
sondern  auch  für  unsere  Pflicht,  auch  unseren  Interessenten  die  wichtigsten
Bestimmungen  aus  diesem  Entwurfe  mitzuteilen.  Wir  wollen  es  nicht  zulassen,
  daß  unsere  Interessenten  ins  Hintertreffen  kommen.  (Allseitiger  Beifall.)
Der  Abgeordnete  Wiemer  hat  die  Frage  der  Reorganisaton  des
Auswärtigen  Amtes  berührt.  Ich  habe  vor  zwei  Jahren  schon  die
        <pb n="445" />
        Bas  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  12.)  437

Ehre  gehabt,  hier  zu  sagen,  daß  das  Auswärtige  Amt  gut  und  fleißig  arbeitet,
  besonders  begeisterte  Aufnahme  haben  aber  damals  meine  Worte
nicht  gefunden.  Trotzdem  kann  ich  heute  nur  wiederholen,  nachdem  ich
jetzt  mehrere  Monate  an  der  Spitze  stehe,  daß  mit  Fleiß,  mit  Gewissenhaftigkeit,
  mit  Treue  und  auch  mit  Erfolg  überall  in  diesem  Amt  gearbeitet
  wird,  nicht  nur  an  den  oberen  Stellen,  sondern  auch  in  den
unteren,  in  sämtlichen  Bureaus.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  sich  in  einer
solchen  Behörde  da  und  dort  Reformbedürfnisse  herausstellen.  Diesen
Reformbedürfnissen  ist  Rechnung  getragen  worden  und  wir  werden  ihnen
auch  künftig  Rechnung  tragen.  Aber  die  Organisation  im  ganzen,  die
große  Organisation,  die  aus  einer  großen  Zeit  stammt,  vom  Fürsten  Bismarck,
  daran  wollen  wir  nicht  rütteln  lassen.  Wenn  ich  Ihnen  jetzt  gesagt
habe,  daß  diese  Behörde  Vertrauen  verdient,  so  müßte  ich  noch  hinzufügen,
daß  gerade  dieses  Amt  auch  Vertrauen  braucht.  Aber  gerade  deswegen,
weil  es  Vertrauen  braucht,  richte  ich  an  Sie  die  Bitte,  Wünsche,  Anträge
und  auch  Beschwerden  nicht  hier  im  Plenum,  sondern  in  der  Kommission
vorzubringen.  Ich  verspreche  Ihnen,  daß  ich  in  der  Kommission  mich
immer  gern  und  oft  mit  Ihnen  darüber  aussprechen  werde.
Staatssekretär  v.  Lindequist:  Ich  möchte  über  den  Stand  der
finanziellen  und  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  Schutzgebiete  einige
Mitteilungen  machen.  Das  ist  um  so  notwendiger  nach  den  Angriffen  des
Vorredners  auf  meinen  Amtsvorgänger.  Es  geht  auf  allen  Gebieten
vorwärts.  Ich  hoffe,  daß  das  nicht  vorübergehend,  sondern  andauernd  ist
und  ich  hoffe  das  deshalb,  weil  das  deutsche  Volk  neuerdings  unserer  Kolonialpolitik
  erhebliches  Interesse  entgegenbringt.  Die  überwiegende  Mehrheit
  des  Volkes  ist  von  der  Notwendigkeit  der  Kolonien  durchdrungen.
Die  koloniale  Lauheit  ist  ein  für  allemal  verschwunden.  Kritik  ist  keine
Kolonialmüdigkeit,  sondern  ein  erfreuliches  Symptom.  Wenn  in  dieser
Beziehung  ein  so  großer  Umschwung  eingetreten  ist.  so  ist  das  ganz  zweifellos
dem  ersten  Staatssekretär  des  Reiches  zu  verdanken  (lebhafter  Beifall),  der
es  verstanden  hat,  das  deutsche  Volk  aufzuklären,  daß  unsere  Kolonien
kein  wertloses  Objekt  sind.  Er  hat  Kapital  für  die  Kolonien  herangezogen,
er  hat  sie  gefördert.  Die  Kolonien  sind  für  unseren  Handel  Absatzgebiete
und  Bezugsquellen.  Es  ist  eine  Lebensfrage  für  unsere  Textilindustrie,
für  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  daß  sie  unsere  Rohmaterialien  von  den
Kolonien  beziehen  und  uns  unabhängig  machen  von  ausländischen  Spekulationen.
  Wir  können  einen  großen  Teil  unseres  Rohbedarfs  aus  den
Kolonien  decken.  Ich  betrachte  es  als  meine  große  Aufgabe,  auf  dem  beschrittenen
  Wege  energisch  weiterzugehen  und  Hand  in  Hand  mit  den
Interessen  der  Heimat  und  mit  den  Interessen  der  Siedler  drüben  zu  arbeiten.
  Das  Bahnprogramm  meines  Vorgängers  muß  weiter  fortgeführt
werden.  Die  Landwirtschaft  ist  weiter  zu  fördern.  Es  wird  Ihnen  eine
umfangreiche  Baumwollendenkschrift  vorgelegt  werden,  wie  dem  augenblicklichen
  Uebelstande  mit  der  Baumwolle  abgebolfen  werden  kann.  Die  Entwicklung
  der  Schutzgebiete  wird  sich  widerspiegeln  in  dem  Stande  der
Finanzen.  Die  Finanzlage  der  Schutzgebiete  hat  sich  gebessert.  Diese  ruht
auf  einer  guten  und  soliden  Basis.  Bis  zum  Jahre  1907  sind  die  Ausgaben
  für  den  Verwaltungsetat  der  südwestafrikanischen  Schutzgebiete  noch
auf  Anleihe  genommen  worden.  Inzwischen  haben  sich  die  Finanzen
saniert,  auch  infolge  der  Diamantenfunde  und  wir  haben  eine  bessere
und  gesündere  Finanzwirtschaft  aufmachen  können.  Die  Einnahmen  sind
gewachsen,  natürlich  auch  die  fortdauernden  Ausgaben.  Aber  es  war  doch
möglich,  den  Etat  besser  zu  gestalten  und  ohne  allzu  große  Anleihen  auszukommen.
  Im  ganzen  ist  die  Belastung  des  Reiches  aus  den  Kolonien
        <pb n="446" />
        438  Deas  Penisqhe  Reiq  und  seine  einjeluen  Glieder.  (Dezember  12.)

um  5  Millionen  zurückgegangen,  wobei  ich  allerdings  darauf  hinweise,  daß
die  Diamantenfunde  uns  Einnahmen  gebracht  haben,  deren  Regelmäßigkeit
in  den  nächsten  Jahren  noch  lange  nicht  feststeht.  Ich  halte  es  für  meine
Pflicht,  das  schon  jetzt  zu  betonen.  Vorsicht  wird  allerdings  nölig  sein,
wenn  die  Finanzlage  gut  bleiben  soll.  Es  werden  erhebliche  Lasten  entstehen
  dadurch,  daß  die  Eisenbahnen  zu  finanzieren  und  zu  verzinsen  sind.
Die  Ausfuhr  der  Schutzgebiete  ist  1903  bis  1906  um  11,3  von  1906  bis
1909  um  16,3  Millionen  gestiegen.  Sie  wird  sich  weiter  günstig  entwickeln.
Auch  die  Einfuhr  hat  sich  verbessert  und  erfreulich  dabei  ist,  daß  die
Einfuhr  des  Alkohols  abgenommen  hat.  Im  Etat  für  1911  werden
wiederum,  um  keinen  Stillstand  eintreten  zu  lassen,  neue  Anleihen  gefordert
  werden.  Zugangswege  zu  den  neuen  Bahnen  müssen  in  großer
Menge  gebaut  werden.  Es  ist  zu  hoffen,  daß  das  den  Bahnen  neue  Absatzmöglichkeiten
  eröffnet.

Im  Hinblick  auf  die  Reform  des  Kongostaates  und  die  Bekämpfung
der  Schlafkrankheit  werden  neue  Maßnahmen  nötig,  die  alle  Geld  erfordern.
Die  Usambarabahn  hat  über  die  Betriebskosten  und  die  Rücklagen  hinweg
eine  einprozentige  Verzinsung  gebracht.  In  Kamerun  ist  die  Bahn  fast
fertiggestellt  und  wird  auch  voraussichtlich  die  Betriebskosten  gleich  decken.
Die  Mittellandbahn  schreitet  nicht  allzu  schnell  vorwärts  infolge  der
großen  Geländeschwierigkeiten,  dagegen  geht  der  Ausbau  des  wichtigen
Hafens  in  Duala  stetig  voran.  Wenn  die  Bauunternehmungen  in  Kamerun
auch  alle  Kräfte  in  Anspruch  nehmen,  so  müssen  doch  auch  andere  Bahnvorschläge
  im  Süden  der  Kolonien  geprüft  werden.  In  Togo  wird  die
Bahn  bald  Atakpame  erreicht  haben.  Eine  Verzinsung  des  Anlagekapitals
von  1,8  Prozent  ist  schon  erreicht  worden.  In  Südwestafrika  wird  die
Bahn  über  Windhuk  hinaus  jetzt  gebaut,  nachdem  der  Landesrat  die  Trace
festgelegt  hat.  Die  Südbahn  hat  nicht  soviel  Zuschüsse  erfordert.  Für
das  Jahr  1911  werden  wir  mit  dem  geringen  Zuschuß  von  142000  Mark
zu  rechnen  haben.  Der  Bau  einer  Landungsbrücke  in  Swakopmund  ist
geplant.  Es  wird  schwer  werden,  für  die  Schutzgebiete  die  großen  Anforderungen
  zu  erfüllen,  die  ihnen  durch  Anleihen  auferlegt  worden  sind.
Um  so  schwieriger  ist  es,  für  die  Bahn  und  ihre  Rentabilität  zu  sorgen;
Zufuhrstraßen  und  Hebung  der  Landwirtschaft  sind  nötig.  Eine  Reihe
von  landwirtschaftlichen  Assistenten  ist  eingestellt  worden.  Eine  Kautschukinspektion
  ist  eingerichtet  worden,  um  auch  dieser  Frage  Aufmerksamkeit  zu
widmen.  Neue  Krankenstationen  sollen  angelegt  und  die  Mittel  aus  der
Lotterie  gewonnen  werden.  Die  aussichtsreichen  Versuche  mit  der  Tabakanpflan
  zung  sollen  fortgesetzt  werden.  Auch  der  Plantagenwirtschaft  in
Neuguinea  soll  Aufmerksamkeit  gewidmet  werden.  Das  umfangreiche
landwirtschaftliche  Programm  soll  durchgeführt  werden  mit  Hilfe  aller  landwirtschaftlichen
  Organisationen,  auch  in  Deutschland,  die  uns  bisher  unterstützt
  haben.  Auch  mit  Bezug  auf  die  übrigen  wirtschaftlichen  Gebiete  erhoffe
  ich  Anregung  von  dem  neugegründeten  wirtschaftlichen  Komitee.

Wir  müssen  den  Eingeborenen  die  Arbeit  lieb  und  lohnend  machen
und  sie  dazu  erziehen,  getreu  den  Grundsätzen,  denen  mein  Vorgänger  in
ganz  besonderer  und  beredter  Weise  Ausdruck  verliehen  hat.  In  einer
gerechten  Eingeborenenbehandlung  soll  das  Menschenmaterial  unserer  Kolonien
  gut  nutzbar  gemacht  werden  und  ich  wünsche,  daß  auch  von  dem
höheren  ethischen  Gesichtspunkte  aus  die  Würde  einer  kulturell  so  hochstehenden
  Nation  wie  der  deutschen  gewahrt  wird.  Damit  ist  nicht  gesagt,
daß  wir  allen  Wünschen  der  Eingeborenen  nachgeben  müssen,  aber  Grausamkeiten
  und  Ausschreitungen  gegen  die  Eingeborenen  werden  mit  aller
Schärfe  bestrast  werden.  (Lebhafter  Beifall.)  Das  System  der  Eingeborenen-
        <pb n="447" />
        ILILIIIIITIIIEItTIIIIIIIE

und  Arbeiterkommissäre  soll  weiter  ausgearbeitet  werden.  Wir  haben  Aussicht,
  zwei  besonders  tüchtige  Herren  dazu  zu  gewinnen.  Die  Eingeborenen
auf  einen  möglichst  guten  Gesundheitszustand  zu  bringen,  ist  unsere  erste
Aufgabe.  Die  Schlafkrankheit  und  die  Pocken  zu  bekämpfen,  dürfen  wir
uns  in  erster  Linie  angelegen  sein  lassen.  Zum  Wohle  der  Kolonien  erwarten
  wir  ein  Zusammenarbeiten  der  Missionare  mit  der  Verwaltung.
Die  Missionare  können  namentlich  bei  der  Erziehung  der  Arbeiter  zur
Arbeit  sehr  viel  Gutes  leisten.  (Während  der  Rede  des  Staatssekretärs
verlassen  die  Konservativen  nach  und  nach  den  Saal  bis  auf  wenige  Abgeordnete.)
  In  Deutsch-Südwestafrika  werden  wir  Land  zur  Errichtung
von  öffentlichen  Anlagen  an  die  Gemeinden  überweisen.  Es  sind  darüber
Verhandlungen  mit  den  Gemeinden  eingeleitet,  und  ich  glaube,  sie  werden
zu  einem  guten  Erfolge  führen.  Erfreulich  ist  die  Beteiligung  des  deutschen
Kapitals  an  der  Erschließung  unserer  Schutzgebiete,  und  hier  gebührt
namentlich  meinem  Vorgänger  ein  großes  Verdienst.  (Zustimmung  l.)  Wir
können  das  Kapital  nicht  entbehren.  Ich  begrüße  es,  daß  in  letzter  Zeit
auch  die  Industrie  und  die  Landwirtschaft  sich  in  den  Kolonien  betätigt.
Es  wird  ganz  allgemein  anerkannt,  daß  die  Liebig-Kompagnie,  die  sich
größere  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete  der  Viehzucht  erworben  hat,  geradezu
Musterbetriebe  in  Deutsch-Südwestafrika  errichtet  hat.  Auch  große  Kammgarnspinnereien
  haben  sich  mit  Landwirten  zusammengetan,  um  die  Wollschafzucht
  in  Süd-Westafrika  zu  fördern.  Das  begrüße  ich  sehr,  und  ich  hoffe,
daß  auch  die  Farmer  sich  der  Wollschafzucht  mehr  als  bisher  widmen.
Neben  den  Plantagen  brauchen  wir  tüchtige  Einzelfarmer,  die  das  Rückgrat
der  Kolonie  in  vielen  Fällen  bilden  werden.  Bezüglich  der  abgeschlossenen
Landverträge  stehe  ich  auf  dem  Standpunkte  meines  Vorgängers  und  kann
nur  sagen,  daß  der  Vertrag  mit  der  Deutschen  Kolonial-Gesellschaft  nicht
so  ungünstig  für  das  Reich  ist,  wie  es  der  Abgeordnete  Lattmann  hingestellt
hat.  In  der  Kommission  werde  ich  über  diese  Frage  gern  weiter  Auskunft
geben.  Ich  bin  bemüht  gewesen,  Ihnen  ein  möglichst  objektives  Bild  von
der  Entwicklung  unserer  Kolonien  zu  geben,  und  ich  glaube,  Sie  haben
herausgehört,  daß  die  Verhältnisse  nicht  ungünstig  liegen.

Nun  sind  Wünsche  laut  geworden,  es  möchten  die  Reichszuschüsse
vermindert  werden.  Das  ist  auch  mein  ernstliches  Bestreben.  Ich  möchte
bitten,  nicht  zu  sehr  zu  drängen,  damit  unsere  Kolonien  nicht  wieder
Schaden  leiden.  Die  Kolonien  haben  große  Lasten  bereits  für  Bahnbauten
aufzubringen,  und  wir  dürsen  nicht  weitere  Lasten  auf  sie  abwälzen.  Es
wird  wohl  nötig  sein,  neue  Steuerquellen  zu  erschließen,  und  da  werden
auch  die  Eingeborenen  mit  herangezogen  werden  müssen.  Aber  da  müssen
wir  mit  der  allergrößten  Vorsicht  vorgehen,  damit  wir  nicht  einen  neuen
Eingeborenenaufstand  entfesseln  und  damit  gefährden,  was  jetzt  geschaffen
ist.  (Zustimmung  b.  d.  Vp.)  Die  Reichszuschüsse  bitte  ich  als  Kapitalanlage
  zu  betrachten,  die  ihre  Früchte  bringen  wird  und  auch  bereits  bringt.
Unser  überseeischer  Besitz  ist  eine  zarte  Pflanze  und  muß  vorsichtig  behandelt
werden.  Aber  man  kann  schon  beute  sagen,  daß  wir  keine  übermäßigen
Zuschüsse  leisten.  Andere  Kolonialstaaten  leisten  in  dieser  Hinsicht  noch
mehr.  Daß  das  deutsche  Volk  und  der  Reichstag  in  den  schweren  und
trüben  Tagen,  die  über  unsere  Kolonialpolitik  hereingebrochen  waren,  nicht
an  unseren  Kolonie  verzweifelten,  ist  ein  hohes  Verdienst.  Ich  hoffe,  daß
sich  unseren  Kolonien  die  Sympathien  unseres  Volkes  bewahren,  denn  sie
sind  nicht  Sache  einzelner  Parteien,  sondern  des  ganzen  Volkes.  (Lebhafter
Beifall  b.  d.  L.)

Im  weiteren  Verlaufe  der  Debatte  spricht  Abg.  Erzberger  (3.)
über  die  Kolonialverwaltung:  Dem  früheren  Staatssekretär  Dernburg
        <pb n="448" />
        440  Das  Pernisthe  Reith  und  seine  einselnen  Glieder.  (Dezember  13.)

hat  der  Abgeordnete  Wiemer  großes  Lob  gespendet,  und  ich  will  gern  anerkennen,
  daß  der  Staatssekretär  auf  einer  Reihe  von  Gebieten  große  Verdienste
  hat.  Ich  habe  ihn  auch  dabei  unterstützt.  Aber  in  das  generelle
Lob  kann  ich  nicht  einstimmen,  und  ich  empfehle  Ihnen  das  Buch  des
Dr.  Paul  Rohrbach.  Da  wird  in  der  Einleitung  gesagt,  daß  Dernburg
schwerwiegende  Fehler  gemacht  habe,  die  nicht  wieder  gut  zu  machen  wären,
daß  Dernburg  seine  Politik  in  einer  Art  und  Weise  vertreten  habe,  die
eine  faktische  Täuschung  des  Reichstags  bedeute.  Er  habe  bestehende  Tatsachen
  verschleiert,  so  daß  der  Rücktritt  von  verantwortlicher  Stelle  eine
Notwendigkeit  wurde.  Ich  glaube,  wenn  ein  Mann  wie  Dr.  Rohrbach  das
sagt,  dann  haben  wir  allen  Anlaß,  die  Verträge  Dernburgs  gründlich  nachzuprüfen.
  Ich  halte  meine  früheren  Vorwürfe  in  vollem  Umfange  aufrecht.
  Schlimmer  als  die  Tippelskirch-Verträge  sind  die  Maiverträge  von
1910,  wo  Ewigkeitsmonopole  an  Gesellschaften  verliehen  worden  sind.
Millionen  sind  dem  Deutschen  Reiche  dadurch  verloren  gegangen,  und  ich
spreche  meine  Verwunderung  darüber  aus,  daß  Herr  Dernburg  nach  Einreichung
  seines  Abschiedsgesuchs  noch  einen  solchen  Vertrag  von  so  weitehender
  Bedeutung  abgeschlossen  hat.  Ich  bedauere  den  neuen  Staatsekretär,
  der  diese  Erbschaft  antreten  muß.  Beim  Tempelhofer  Feld  soll
das  Budgetrecht  verletzt  sein,  bei  dem  eigenmächtigen  Abschluß  dieser  Verträge
  aber  nicht.  In  Zukunft  muß  der  Schatzsekretär  bei  solchen  Verträgen
mitwirken.  Wenn  das  kaufmännischer  Geist  gewesen  sein  soll,  so  danke  ich
dafür!  (Lebhafte  Zustimmung  r.  und  i.  Z.)  Das  Programm  des  neuen
Staatssekretärs  befriedigt  mich,  und  wir  können  ihm  auch  nach  seiner  ganzen
Vergangenheit  Vertrauen  entgegenbringen.  Wir  sind  entschlossen,  eine
nationale  christliche  Kolonialpolitik,  die  den  Finanzen  der  Heimat  Rechnung
  trägt,  mit  aller  Energie  zu  unterstützen.
Darauf  antwortet  Staatssekretär  v.  Lindequist:  Das  Rohrbachsche
Buch  war  mir  bisher  unbekannt,  aber  ich  habe  aus  der  Zirtierung  des
Herrn  Erzberger  gehört,  daß  Herr  Rohrbach  dem  früheren  Staatssekretär
eine  Täuschung  des  Reichstages  vorwirft.  Ich  muß  hiergegen  auf  das
allerenergischste  protestieren.  Die  Verträge  werden  ja  in  der  Budgetkommission
  noch  der  Erörterung  unterzogen  werden.  Ich  muß  aber  hier
noch  einmal  hervorheben,  daß  Sie  überzeugt  sein  dürfen  von  der  Pflichttreue
  und  der  Absicht  des  Herrn  Staatssekretärs  Dernburg,  die  Interessen
des  Reiches  auch  in  diesem  Vertrage  nach  jeder  Richtung  hin  aufs  beste
zu  wahren.  (Lebhafter  Beifall  b.  d.  L.)

13.  Dezember.  Der  Staatssekretär  a.  D.  Dernburg  veröffentlicht
  eine  Erklärung  gegen  den  Vorwurf  des  Abg.  Erzberger,  daß
er  unmittelbar  nach  dem  Abschluß  der  Diamantenverträge  seinen

Abschied  genommen  hätte.

Die  Verträge  sind  monatelang  in  der  Budgetkommission  und  dem
Plenum  des  Reichstages  Gegenstand  der  Erörterung  gewesen,  ehe  sie  formell
perfekt  wurden.

13.  Dezember.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Lesung

des  Etats.  Deutschnationale  Kolonialpolitik.  Die  Moabiter  Krawalle.

Staatssekretär  des  Reichskolonialamtes  v.  Lindequist:  Herr  Erzberger
  hat  gestern  gesagt,  es  werde  in  meinen  Ausführungen  eine  Stellungnahme
  zu  den  Deutschen  in  den  Kolonien  vermißt.  Ich  habe  das  unterlassen,
  weil  ich  angenommen  habe,  daß  meine  frühere  Tätigkeit  in  Deutsch-Ostafrika
  und  Britisch-Afrika  eine  Gewähr  dafür  bietet,  daß  ich  unbedingt
        <pb n="449" />
        Das  Veutsche  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Dezember  13.)  441

nur  eine  deutschnationale  Kolonialpolitik  treiben  werde.  Wenn  ich  auf
etwas  in  meiner  amtlichen  Tätigkeit  stolz  bin,  so  ist  es  besonders  das  Vertrauen,
  das  ich  bei  den  Deutschen  in  Britisch-Afrika  während  des  Burenkrieges
  gehabt  habe.  Diese  alte  Anhänglichkeit  wird  mir  auch  heute  noch
entgegengebracht  und  das  würde  wohl  nicht  geschehen,  wenn  sie  nicht  davon
überzeugt  wären,  daß  ich  seinerzeit  ihre  Interessen  so  gut  als  möglich  vertreten
  habe.  Mein  Standpunkt  hat  sich  seit  jener  Zeit  nicht  geändert.
Das  hindert  aber  nicht,  daß  wir  die  Ausländer  in  unseren  Kolonien
freundlich  behandeln,  genau  so,  wie  wir  erwarten,  daß  unsere  Deutschen
im  Auslande  freundlich  behandelt  werden.  Die  Kolonialpolitik  wird  sich
nicht  loslösen  lassen  von  unserer  gesamten  deutschen  auswärtigen  Politik.
Ich  meine  auch  heute,  daß  wir  vom  Ausland  lernen  können,  und  ich  bin
dem  Grafen  Caprivi  dankbar  dafür,  daß  er  mich  als  jungen  Assessor,  als
ich  hinausreiste  in  unsere  Kolonien,  über  Südafrika  reisen  ließ.  Sie  dürfen
überzeugt  sein,  daß  ich,  so  lange  ich  hier  an  der  Spitze  des  Kolonialamtes
stehe,  nur  eine  deutschnationale  Kolonialpolitik  treiben  werde.  Dann  hat
Herr  Erzberger  gestern  ausgeführt,  in  Samoa  würden  die  deutschen  Interessen
  nicht  genügend  gewahrt.  In  Samoa  liegen  die  Verhältnisse  ganz
besonders  eigenartig.  Ursprünglich  waren  die  Verhältnisse  fast  ganz  englisch,
  die  Verwaltungssprache,  die  Gerichtssprache  usw.  waren  englisch.
Alles  das  ist  in  den  letzten  Jahren  deutscher  geworden.  Die  deutsche
Sprache  ist  eingeführt  worden.  Der  Gouverneur  hat  die  deutschen  Schulen
auf  das  energischste  unterstützt,  und  wenn  wir  noch  nicht  weiter  gekommen
sind,  so  liegt  das  wesentlich  an  den  Mitteln,  die  dafür  zur  Verfügung
stehen.  Von  den  Eingeborenen  wird  auch  heute  noch  viel  englisch  gesprochen.
Aber  neuerdings  wird  das  Deutsche  bereits  bevorzugt.  Nun  hat  bei  einer
Abschiedsfeier  die  englische  Sprache  Anwendung  gefunden.  Die  Festrede
ist  von  einem  Deutschen  dabei  gehalten  worden.  Der  Gouverneur  hat  in
deutscher  Sprache  geantwortet.  Er  hat  einige  englische  Worte  einfließen
lassen,  die  speziell  an  die  englischen  und  amerikanischen  Vertreter  gerichtet
waren,  die  nur  englisch  verstanden.  Die  beiden  englischen  und  amerikanischen
Vertreter  haben  dann  englisch  geantwortet,  weil  sie  nicht  deutsch  konnten.
Das  ist  der  Hergang  der  Sache  gewesen.  Ich  glaube,  dagegen  kann  man
nichts  einwenden,  und  der  Gouverneur  erfreut  sich  bei  den  deutschen  Ansiedlern
  geer  Hochachtung.  (Beifall  1.)

Edler  zu  Putlitz  (K.):  Durch  das  Zustandekommen  der
Finanzussn  ist  ein  schwerer  Druck  von  uns  genommen  worden.  Wir
können  ohne  Sorge  in  die  Zukunft  blicken,  wenn  weiter  so  sparsam  gewirtschaftet
  wird  wie  in  diesem  Jahr.  Nach  der  Finanzreform  hat  eine
große  Erregung  im  Lande  eingesetzt  und  das  hat  zum  großen  Teil  an  der
Agitation  aller  Liberalen  gelegen.  Es  ist  das  von  uns  als  Steuerhetze
bezeichnet  worden  und  die  Ausführungen  des  Abg.  Bassermann  haben  bewiesen,
  daß  dieser  Ausdruck  berechtigt  war.  Eine  Legende  ist  auch  die  Behauptung,
  es  bestehe  ein  schwarz-blauer  Block.  Wir  haben  während  der
Zwischenzeit  viel  häufiger  mit  den  Nationalliberalen  zusammengestimmt  als
mit  dem  Zentrum.

Abg.  Dr.  David  (Sd.):  Wer  trägt  denn  die  Verantwortung  für  die
frühere  unsolide  Schuldenwirtschaft,  über  die  Sie  jetzt  immer  klagen?  Die
Herren  von  der  Regierung  und  die  Herren  Konservativen.  Wer  glaubt,
wir  seien  über  diese  Schuldenwirtschaft  hinaus,  der  muß  ein  ganz  unverbesserlicher
  Optimist  sein.  Wenn  der  Herr  Schatzsekretär  glaubt,  den  Felsblock
den  Berg  hinauf  auf  die  sichere  Plattform  ziehen  zu  können,  so  irrt  er  sich,
denn  droben  stehen  zwei  Männer,  die  sind  stärker  als  er  und  die  drücken
den  Felsblock  stets  von  neuem  wieder  herab.  Das  sind  der  Herr  Kriegs-
        <pb n="450" />
        442  Jas  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Dezember  13.)

minister  und  der  Herr  Marinemister.  Der  Reichskanzler  hat  wieder  einmal
das  alte  Lied  gesungen,  wir  seien  nur  negierend,  wir  leisteten  keine  positive
Mitarbeit.  Es  gibt  kein  Gesetz,  an  dem  die  Sozialdemokratie  nicht  positiv
mitarbeitete.  Die  Angriffe  auf  die  sozialdemokratische  Wirksamkeit  in  den
Krankenkassen  sind  zurückzuweisen,  weil  dort  die  Sozialdemokraten  hervorragend
  gute  Arbeit  geleistet  haben.  Gerade  die  von  uns  geleiteten  Kassen
haben  am  meisten  geleistet,  und  nun  sagen  Sie,  wir  negierten  nur  und
arbeiteten  nicht  mit,  und  nun  wollen  Sie  zu  gleicher  Zeit  die  Sozialdemokraten
  aus  den  Stellen  entfernen,  wo  sie  am  besten  arbeiten  konnten.
Unseren  Verdiensten  gegenüber  wiegen  die  Verdienste  des  Reichskanzlers
federleichtl  Die  Moabiter  Vorgänge  werden  uns  ganz  zu  Unrecht  an  die
Rockschöße  gehängt.  Sie  werfen  uns  ganz  unerhörterweise  vor,  daß  wir
Abgeordneten  und  Parteisekretäre  vom  Gelde  des  Volkes  lebten.  Das  ist
ein  oft  widerlegter  Unsinn.

Der  Herr  Reichskanzler  sagt,  er  stünde  über  den  Parteien.  Ich
glaube,  er  glaubt  das  selbst,  aber  sonst  glaubt  es  kein  Mensch  in  diesem
Saale.  In  Wirklichkeit  ist  er  dem  Block  der  Ritter  und  der  Heiligen
rettungslos  verfallen.  Das  tut  Ihnen  (zum  Zentrum)  gewiß  recht  weh,
daß  er  noch  nicht  alles  erfüllt,  was  Sie  wünschen.

Was  Moabit  angeht,  so  hat  der  Polizeipräsident  seinen  Beamten
darüber  auszusagen  verweigert,  ob  und  an  welche  Zeitungen  sie  Berichte
und  was  für  Berichte  gegeben  hätten.  (Hört,  hört!  Zuruf:  Er  weiß
waruml)  Nun,  schließlich  ist  der  Vorgang,  daß  ein  Mann,  der  als  Staatsmann
  ernst  genommen  werden  will,  immer  noch  an  seiner  ursprünglichen
Vorstellung  festhält  und  hier  ein  fertiges  Urteil  über  einen  Prozeß,  der
seit  Wochen  ganz  anders  läuft,  abgibt,  ganz  unerhört.  Er  meint,  wir
hätten  die  Macht,  den  Janhagel  im  Zaun  zu  halten.  Da  überschätzt  uns
der  Herr  Reichskanzler.  Wir  haben  keinen  Einfluß  auf  die  preußische
Polizei,  die  das  zu  besorgen  hat.  Wir  haben  nicht  einmal  den  Versuch
dazu  gemacht.  Uns  kann  der  Reichskanzler  nicht  den  Vorwurf  machen,
daß  wir  den  Janhagel  nicht  im  Zaume  hielten.  Uns  fehlt  die  Macht
dazu.  Daß  aber  solcher  Janhagel  besteht,  ist  die  Folge  der  verkehrten
Wirtschaftsordnung.  Diesen  Janhagel  lehnen  wir  ab,  uns  an  die  Rockschöße
  hängen  zu  lassen.  Den  behalten  Sie  gefälligst,  die  Sie  die  Verantwortung
  für  die  Wirtschaftspolitik  haben.  Unter  diesen  Elemten  befinden
  sich  auch  viele,  die,  wenn  sie  reiche  Eltern  hätten,  vielleicht  zum
Korps  Borussia  gehörten,  denn  im  Radaumachen  und  Saufen  leisten  sie
ganz  vorzügliches.  Dann  hat  uns  der  Reichskanzler  die  Provokationstheorie
vorgeworfen.  Es  steht  aber  doch  fest,  daß  von  der  Polizei  schon  manchmal
ein  großes  Feuer  aus  einem  kleinen  gemacht  wurde.  Das  beweisen  mehrere
Prozesse.  Es  sind  in  Demonstrationszügen  Beamte  der  Polizei  mitgegangen,
die  besonders  aufreizend  mitgewirkt  haben.  Durch  einen  solchen  Prozeß
ist  im  Urteil  festgestellt  worden,  daß  manches  in  der  Beweisaufnahme  beiebracht
  worden  ist,  das  dafür  sprach,  daß  Lockspitzel  in  den  Zügen  gewesen
geien.  Ein  schlüssiger  Beweis  hätte  aber  nicht  geliefert  werden  können,
weil  den  Kriminalbeamten  die  Aussageberechtigung  verweigert  worden
wäre.  Hat  der  Reichskanzler  die  Berichte  über  die  Zeugenaussagen  im
jetzigen  Krawallprozeß  gelesen?  Hat  er  nicht  gelesen,  daß  die  Polizei  streng
absperrte,  wo  kein  Anlaß  war,  und  dadurch  Volksanstauungen  künstlich
hervorrief?  Redner  verliest  sodann  eine  Reihe  Zeugenaussagen  aus  dem
Moabiter  Krawallprozeß.  Ist  dem  Reichskanzler  nicht  bekannt,  daß  die
Lohnkämpfe  sich  in  Deutschland,  wo  die  stärkste  Sozialdemokratie  existiert,
am  ruhigsten  abspielen  im  Vergleiche  zu  allen  übrigen  Ländern?  Auch  in
Moabit  wäre  die  Sache  ruhig  verlaufen,  wenn  sich  die  Polizei  nicht  ein-
        <pb n="451" />
        Das  Penisqe  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  13.)  443

gemischt  hätte.  Wem  war  denn  Moabit  ein  gefundenes  Fressen,  um
politische  Geschäfte  zu  machen?  Der  schwarz-blaue  Block,  der  bedurfte  ein
solches  Moabit.  Sie  wollten  Stimmungsmache  haben.  Sie  wollten  etwas
gegen  die  bösen  Sozialdemokraten.  Und  nun  müssen  Sie  eine  solche  Enttäuschung
  erleben.  Die  Sache  ist  Ihnen  gründlich  vorbeigeglückt.  Und  nun
haben  die  Polizeibeamten  sogar  noch  Orden  bekommen,  und  die  Richter
sehen  sich  in  der  Zwangslage,  die  Dekorierten  zu  verurteilen.  Feststeht:
entweder  hat  der  Reichskanzler  den  Bericht  nicht  gelesen,  oder  er  war  nicht
informiert,  das  ist  der  mildere  Fall.

Ein  soziales  Königtum  werden  wir  unterstützen.  Der  Reichskanzler
wird  uns  dann  zu  Bundesgenossen  haben,  während  die  Herren  von  der
Rechten  in  der  Opposition  sein  werden.  Das  ist  der  einzige  Weg,  die
Monarchie  in  Deutschland  zu  festigen.  Eine  Monarchie  kann  sich  nicht  auf
eine  kleine  Kaste  stützen.  Eine  Monarchie  kann  auf  die  Dauer  nur  bestehen,
wenn  sie  sich  auf  die  Mehrheit  des  Volkes  stützt.  In  Portugal  ist  die
Monarchie  zusammengebrochen,  weil  sie  sich  in  den  Mantel  der  Ritter  und
Mäönche  hüllte.  Wenn  es  in  Deutschland  Republikaner  gibt  und  wenn
diese  zunehmen,  so  ist  das  eine  Folge  Ihrer  (zur  Rechten)  Politik.  Sie
machen  Republikaner,  Tausende  und  Abertausende,  und  der  Reichskanzler
hilft  Ihnen  dabei  mit.  Ich  glaube  zwar  nicht,  daß  Sie  belehrbar  sind.
Ich  glaube  auch  nicht,  daß  eine  höhere  Stelle  belehrbar  ist;  die  Hohenzollern
  sind  nicht  belehrbar.  Aber  Sie  wollen  keinen  solchen  Frieden.  Wir
wollen  nicht  mit  den  Waffen  kämpfen,  die  Sie  gegen  uns  anwenden  wollen,
aber  wir  werden  dafür  sorgen,  daß  unser  Ziel  erreicht  wird,  und  zwar
durch  Aufklärung.  Wir  wollen  die  Köpfe  nicht  abschlagen,  sondern  wir
wollen  die  Köpfe  revolutionieren  durch  geistige  Wasfen.  Sie  wollen  uns
mit  Ausnahmegesetzen  niederschlagen.  Der  Reichskanzler  Fürst  Bismarck
war  wahrhaftig  aus  anderem  Holz  geschnitzt  als  der  Reichskanzler,  der
gegenwärtig  auf  seinem  Sessel  sitzt.  (Große  Heiterkeit.)  Er  versuchte,  die
Sozialdemokratie  mit  Ausnahmemitteln  niederzuschlagen,  als  die  Sozialdemokratie
  noch  schwach  war,  und  der  Effekt  war,  daß  die  Sozialdemokratie
heute  die  stärkste  Partei  ist.  Glauben  Sie,  daß  Bethmann  das  gegenüber
der  Riesensozialdemokratie  erreichen  werde,  was  Bismarck  nicht  der  kleinen
Sozialdemokratie  gegenüber  gelungen  ist?  Sie  werden  unsere  Macht  nicht
brechen.  Die  Sozialdemokratie  ist  unbezwingbar,  sie  könnte  nur  vernichtet
werden  um  den  Preis  der  Vernichtung  der  deutschen  Nation,  der  deutschen
Kultur.  Um  was  wir  jetzt  kämpfen,  ist  nicht  eine  Parteifrage  im  engeren
Sinne,  sondern  es  handelt  sich  um  eine  Schicksalsfrage  des  gesamten  Volkes.
Es  handelt  sich  darum,  ob  das  Volk  weiter  die  Herrschaft  der  Minderheit
ertragen  kann.  Diese  Minderheit  muß  beseitigt  werden,  denn  sie  treibt
eine  Politik  auf  eigene  Vorteile.  Die  große  Mehrheit  des  Volkes  will  sich
nicht  mehr  die  Herrschaft  einer  kleinen  Kaste  gefallen  lassen.  Wenn  sie
dann  nicht  mehr  den  Einfluß  haben,  wollen  wir  Ihnen  gern  die  Gleichberechtigung
  lassen  und  wir  wollen  keine  Ausnahmegesetze  gegen  Sie  haben,
aber  unser  Ruf  soll  sein:  Unser  das  Volk  und  unser  der  Sieg!

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Von  dem  Abg.  Dr.  David
will  ich  nur  ein  paar  Worte  hervorheben,  in  denen  er  sich  mit  meinen
Ausführungen  beschäftigt  hat,  die  ich  auf  die  Ausführungen  des  Abg.  Scheidemann
  gemacht  habe.  Die  Herren  Sozialdemokraten  meinen  doch  nicht  etwa,
daß  sie  ein  Vorrecht  zur  Besprechung  der  Moabiter  Dinge  in  Anspruch
nehmen  können.  Nachdem  von  sozialdemokratischer  Seite  hier  der  Verdacht
ausgesprochen  worden  ist,  wie  es  eben  der  Abg.  David  getan  hat,  die  Moabiter
Krawalle  seien  durch  die  Polizeispitzel  hervorgerufen,  und  nachdem  hier
von  sozialdemokratischer  Seite  ausdrücklich  erklärt  worden  ist,  die  Moabiter
        <pb n="452" />
        444  Jas  Neische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  14.)

Exzesse,  das  sei  bereits  festgestellt,  seien  zu  neun  Zehnteln  auf  das  Konto
von  Polizeispitzeln  zu  setzen,  nachdem  diese  Behauptung  in  die  Welt  hinausgegangen
  ist,  da  waren  wir  nicht  nur  berechtigt,  sondern  verpflichtet,  das
richtig  zu  stellen  und  die  Polizei  gegenüber  derartigen  Angriffen  in  Schutz
zu  nehmen.  Das  hat  mit  dem  schwebenden  Gerichtsverfahren  gar  nichts
zu  tun.  Den  Vorwurf  der  Prozeßbeeinflussung  Ihnen  zurückzugeben,  die
Sie  hier  heute  gegen  einzelne  Zeugenaussagen  aus  dem  noch  nicht  abgeschlossenen
  Verfahren  mitgeteilt  haben,  das  verbietet  mir  die  Achtung  vor
der  Unabhängigkeit  der  Richter.  Im  übrigen  ist  es  ganz  gleichgültig,  ob
die  Angeklagten  verurteilt  oder  freigesprochen  werden.  Die  moralische  Mitschuld
  der  Sozialdemokratie  an  den  Moabiter  Vorgängen  steht  fest.  (Stürmische
  Unterbrechung  bei  den  Sozialdemokraten.  Erst  nach  längerer  Zeit
kann  sich  der  Reichskanzler  wieder  Gehör  verschaffen.)  Er  fährt  fort:  Ueber
die  Mitschuld  der  Sozialdemokratie  wird  nicht  von  dem  Moabiter  Gericht
das  Urteil  gesprochen,  sondern  darüber  richtet  die  Oeffentlichkeit  und  sie
hat  es  bereits  getan.  (Lebhafte  Zustimmung  r.  und  Lärm  b.  d.  Sd.)  Und
das  Urteil  steht  so  fest  und  sicher,  daß  es  weder  durch  dialektische  Kunstfertigkeiten,
  noch  durch  Zeugenaussagen  über  vereinzelte  Mißgriffe  von  einzelnen
  Polizeibeamten  über  unschuldige  Opfer,  noch  durch  die  Zwischenrufe,
ie  Sie  uns  hier  immer  wieder  an  den  Kopf  geworfen  haben,  irgendwie
beeinträchtigt  wird.  (Stürmischer  wiederholter  Beifall  rechts  und  ebenso
stürmische  Unterbrechung  b.  d.  Sd.,  Zurufe  wie:  Schamlosigkeit,  Frechheit,
ertönen  und  der  Vizepräsident  Schultz  erteilt  dafür  Ordnungsrufe  an  d.
Sd.  Der  Lärm  hält  längere  Zeit  an.)

14.  Dezember.  (Reichstag.)  Die  Wertzuwachssteuer  wird  in
der  Kommission  mit  15  Stimmen  gegen  1  (Rp.)  angenommen.
7  Mitglieder  (Sd.  und  Fortschr.  Vp.)  enthalten  sich  der  Abstimmung.

14.  Dezember.  (Reichstag.)  Schluß  der  ersten  Lesung  des  Etats.

Abg.  Dr.  Heinze  (Nl.):  Warum  ist  die  Erbschaftssteuer  abgelehnt
worden?  Die  Haltung  des  Zentrums  erklärt  sich  durch  politisch-taktische
Momente;  das  geht  aus  der  ganzen  Haltung  des  Zentrums  hervor.  Das
Zentrum  wollte  den  Reichskanzler  stürzen,  weil  es  ihm  daran  lag,  den
Block  auseinanderzusprengen  und  einen  Keil  zwischen  Rechte  und  Linke  zu
treiben.  Auch  die  Konservativen  sind  in  ihrer  Haltung  bei  der  Finanzreform
  durch  politische  Gründe  bestimmt  worden,  nicht  durch  wirtschaftspolitische.
  Ihr  politisches  Motiv  war:  Sie  fürchteten  Liberalisierung
durch  den  Block  und  den  Fürsten  Bülow.  Diese  Liberalisierung  Deutschlands
  läßt  sich  nicht  aufhalten.  (Sehr  richtig!  links.)  Wie  wollen  Sie
das  aufhalten  in  einem  Lande,  das  das  allgemeine  Wahlrecht  und  die  allgemeine
  Wehrpflicht  besitzt?  Wie  wollen  Sie  das  aufhalten  bei  der  Freizügigkeit
  und  bei  dem  Anwachsen  der  Industrie?  Alle  diese  Dinge  lassen
es  als  unbedingt  notwendig  erscheinen,  daß  Deutschland  auf  dem  Wege  der
Liberalisierung  fortschreitet.  Was  Sie  aber  durch  Ihr  Verhalten  gelan
haben,  was  wir  nicht  wollten,  und  was  auch  Sie  nicht  wollten,  das  ist  die
Radikalisierung  des  Volkes.  Die  breiten  Massen  des  Volkes  sind  durch
indirekte  Steuern  belastet  worden,  ohne  daß  das  gleiche  beim  Millionenbesitz
  geschähe.  Das  hat  die  Verbitterung  herbeigeführt  und  das  wollten
wir  nicht,  sondern  wir  wollten  einen  gerechten  Ausgleich.  Daß  die  allgemeine
  Radikalisierung  fortgeschritten  ist,  können  Sie  nicht  bestreiten.  Wir
haben  keinen  Vorteil  davon  gehabt,  sondern  die  Sozialdemokratie  hat  allein
den  Nutzen  davon.  Unser  Unglück  war  es  nur,  daß  wir  so  häufig  an  den
Nachwahlen  beteiligt  waren.  Wären  Sie  daran  beteiligt  gewesen,  so  hätten
        <pb n="453" />
        Das  Denisqe  Rei  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Dezember  14.)  445

Sie  Ihre  Mandate  auch  verloren.  Sie  werden  es  ja  bei  den  nächsten
Wahlen  erleben.  Wenn  wir  die  Reichspolitik  fördern  wollen,  müssen  wir
uns  auch  mit  den  innerpreußischen  Verhältnissen  befassen.  Deshalb  können
wir  auch  nicht  darauf  verzichten,  daß  sich  Preußen  in  liberalem  Sinne  entwickelt.
  Wir  können  auch  nicht  verzichten,  daß  das  Wahlrecht  in  Preußen
in  liberalem  Sinne  ausgebaut  wird.  Wir  fordern  eine  über  den  Parteien
stehende,  unabhängige  Regierung.  Wir  fordern  eine  Fortführung  unserer
bewährten  Schutzpolitik  und  eine  solche  der  sozialen  Politik  und  dabei  Schutz
der  persönlichen  Freiheit.  Wir  fordern  eine  energische  Anwendung  der  bestehenden
  Gesetze.  Wir  lehnen  aber  Ausnahmegesetze  ab.  (Zustimmung
links.)  Wir  wollen  keine  Partei  ausschalten,  aber  wir  wollen  auch  nicht
dulden,  daß  eine  Partei  allein  ausschlaggebend  wird,  wie  es  beim  Zentrum
vor  1906  der  Fall  war.

Abg.  Fürst  Hatzfeldt  (Rp.):  Der  Reichskanzler  hat  auch  der  Hoffnung
  Ausdruck  gegeben,  daß  der  Verfassungsentwurf  für  Elsaß--Lothringen
  seine  Erledigung  finden  möge.  Wir  können  darüber  heute  schwer
etwas  sagen,  weil  selbst  im  Bundesrat  darüber  noch  starke  Meinungsverschiedenheiten
  bestehen.  Wir  können  also  heute  nicht  sagen,  wir  nehmen
die  Verträge  an  oder  lehnen  sie  ab.  Die  elsaß-lothringischen  Verhältnisse
können  aber  nicht  lediglich  von  preußischen  Gesichtspunkten  aus  betrachtet
werden.  Wir  müssen  die  Vorlage  in  erster  Linie  für  die  Verhältnisse  des
Landes  zuschneiden,  für  die  sie  bestimmt  ist.  Ueber  die  Borromäus-Enzyklika
  bitte  ich  nun  die  Akten  zu  schließen,  nachdem  von  maßgebender
Stelle  selbst  gesagt  worden  ist,  es  solle  ihr  ein  anderer  Sinn  innewohnen,
als  man  herausgelesen  hat.  Wir  wollen  doch  nicht  den  alten  Kampf
zwischen  den  Konfessionen  wieder  heraufbeschwören.  Ueber  den  früheren
Staatssekretär  Dernburg  mag  man  denken  wie  man  will.  Er  hat  wie
wohl  jeder  seine  Fehler,  aber  das  muß  man  bestehen  lassen,  daß  mit  ihm
eine  neue  Aera  für  unsere  Kolonien  eingetreten  ist.  Er  hat  es  verstanden,
weite  Kreise  für  unsere  Kolonien  zu  interessieren  und  er  hat  es  verstanden,
daß  deutsches  Kapital  in  unsere  Kolonien  gegangen  ist,  ohne  das  eine  Entwicklung
  nicht  möglich  ist.  Der  Kolonialetat  gibt  den  vollen  Beweis,  daß
die  Aera  Dernburg  keine  ungünstige  war.  Cebhafte  Zustimmung  rechts
und  links.)  Wir  wünschen,  daß  sein  Nachfolger  ebensolche  Erfolge  haben
möge,  wie  sie  Herr  Dernburg  erzielt  hat.

Abg.  Raab  (W.  V.):  Nicht  wir  haben  den  Block  zertrümmert,  sondern
  er  ist  von  den  Freisinnigen  in  demselben  Augenblick  zertrümmert
worden,  als  sie  die  Mitarbeit  an  der  Branntweinsteuer  ablehnten.  Jede,
auch  die  beste  Steuer,  läßt  sich  abfällig  kritisieren.  Wer  aber  Steuern  in
schwerer  Stunde  ablehnt,  hat  auch  die  Verpflichtung,  Ersatzvorschläge  zu
machen.  Was  soll  das  Geschrei  über  das  Zusammengehen  mit  den  Zentrum?
Was  soll  denn  das  Gerede  vom  schwarzblauen  Block,  der  nicht  existiert?
Haben  nicht  die  Freisinnigeu  für  die  Aufhebung  des  Jesuitengesetzes  gestimmt,
  während  wir  dagegen  eintraten?  In  denselben  Wahlkreisen  hat
der  liberale  Gegenkandidat  dem  katholischen  Kaplan  alles  versprochen,  nur
um  die  Zentrumsstimmen  zu  gewinnen.  Ich  habe  das  nicht  getan.  Der
Schutz  der  Börse,  der  lag  den  Freisinnigen  bei  der  Finanzreform  am  Herzen.
Der  Fehler  der  Blockpolitik  lag  darin,  daß  der  Reichskanzler  vergessen  hat,
daß  man  mit  diesen  Herren  Geschäfte  nur  vor  Zeugen  machen  darf.  Die
Haltung  nach  der  Ablehnung  der  Erbschaftssteuer  ist  der  schlimmste  Differenzeinwand,
  der  je  dagewesen  ist.  Wir  hätten  fraglos  ein  Recht,  das  alte
Börsengesetz  zurückzufordern.  Bei  ihren  Wahlgeschäften  mit  den  Sozialdemokraten
  werden  die  Freisinnigen  immer  überlistet  werden,  vielleicht  weil
sie  jetzt  mehr  Juden  unter  ihren  Führern  haben.  Redner  geht  weiter  auf
        <pb n="454" />
        446  Jos  Deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  15.)

die  sozialdemokratischen  Presseäußerungen  ein,  um  nachzuweisen,  daß  die
Sozialdemokratie  politische  Verbrecher  verherrliche.  Herr  Noske  meint,  daß
es  andern  Monarchen  ebenso  ergehen  könne  wie  dem  König  von  Portugal.
Ich  bin  überzeugt,  daß  das  nicht  der  Fall  sein  wird  und  daß  die  deutschen
Fürsten  und  vor  allem  der  Kaiser  sich  anders  benehmen  werden  als  der
König  Manuel.  Ich  rate  Ihnen  (zu  den  Sozialdemokraten),  wenn  Sie
jemand  zum  Kaiser  mit  einer  Abdankungsurkunde  schicken,  dazu  keine
Familienväter  auszuwählen,  denn  dieses  Amt  dürfte  lebensgefährlich  sein.

Nachdem  ein  lebhaft  bekämpfter  Antrag  auf  Schluß  der  Debaite  mit
118  gegen  112  Stimmen  abgelehnt  war,  verteidigt  Abg.  Böhme  (Wildlib.)
den  Bauernbund  als  Förderer  der  Getreidezölle  und  verlangt  die  Ausführung
  des  Enteignungsgesetzes  in  der  Ostmark.

Abg.  Müller-Meiningen  (Fortschr.  Vp.):  Nicht  nur  die  Reichsfinanzreform
  hat  die  Verbitterung  hervorgerufen  im  ganzen  Volk.  (Zuruf:
Vereinsgesetz.)  Nein,  meine  Herren,  aber  die  preußische  Wahlrechtsvorlage.
Die  ganze  Farce,  die  Sie  mit  den  Konservativen  im  preußischen  Abgeordnetenhaus
  vorgenommen  haben,  das  sind  die  Dinge,  vor  allem  auch
die  Besprechung  der  Kaiserrede  jüngst  hier.  Bei  allen  diesen  Dingen  tritt
das  konservativ-klerikale  Wahlgeschäft  hervor.  Das  Zentrum  ist  die  Partei
abgegrenzter  politischer  Möglichkeiten.  In  der  Borromäus--Enzyklika  ist  die
Regierung  mit  einem  Lorber  hausieren  gegangen,  der  gar  keiner  war.  Es
war  eher  eine  Niederlage.  Die  Regierung  bekam  nur  Selbstverständlichkeiten
  zur  Antwort.  Die  Enzyklika  sollte  nicht  in  deutschen  Blättern  veröffentlicht
  werden.  Das  war  auch  gar  nicht  nötig,  die  Enzyklika  war
veröffentlicht  worden,  das  konnte  vom  Papste  gar  nicht  mehr  redressiert
werden.

Abg.  Gröber  (3.):  Der  Freisinn  und  der  Fortschritt  haben  immer
versagt,  wenn  es  galt,  Steuern  zu  bewilligen.  Es  ist  der  Beweis  für  die
politische  Unzulänglichkeit  des  Vorgängers  des  Herrn  Reichskanzlers,  daß
er  mit  einer  solchen  Partei  in  einen  Block  sich  einlassen  konnte.  (Sehr
richtig!  im  Zentrum.)

Abg.  Dr.  Frank  (Sd.):  Die  Sabotage  hat  bei  uns  in  Deutschland
keinen  Eingang  gefunden.  Die  Vergehen  bei  Streiks  sind  zurückgegangen.
Das  ist  nicht  das  Verdienst  der  Regierung,  sondern  der  deutschen  Arbeiter.
Eine  Arbeiterschaft,  die  gegen  den  Schnaps  mit  Erfolg  angekämpft  hat,
verdient  nicht,  daß  man  sie  unter  Ausnahmegesetze  stellt.  Moabit,  das  der
Beweis  sein  sollie,  hat  versagt,  und  gestern  hat  der  Reichskanzler  einen
Rückzug  antreten  müssen.  Die  „moralische  Schuld“"  sollen  wir  jetzt  haben.
Das  Wort  moralische  Schuld  in  diesem  Zusammenhange  gebraucht  ist  unmoralisch
  und  zeugt  von  keinem  Verantwortungsgefühl.

Nach  einigen  weiteren  Reden  über  parteipolitische  Streitpunkte  wird
der  Etat  einer  Kommission  überwiesen.  Das  Haus  vertagt  sich  bis  zum
10.  Januar  1911.

15.  Dezember.  (Eltville.)  Der  Zusammenbruch  der  Zentralverkaufsgesellschaft
  m.  b.  H.  deutscher  Winzervereine  führt  zur  Auflösung
  der  Nassauischen  Landwirtschaftlichen  Genossenschaftskasse,
einer  Raiffeisenorganisation.

15.  Dezember.  (Oldenburg.)  Landtag.  Die  Lehrerpetition
um  Abänderung  der  Dienstanweisung  zum  Schulgesetz  wird  mit
den  Stimmen  der  Liberalen  und  Sozialdemokraten  gegen  die  des
Zentrums  und  der  Agrarier  angenommen.
        <pb n="455" />
        Das  Denisthe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  15.  16.)  447

15.  Dezember.  (Magdeburg.)  Landtagsersatzwahl.
Einstimmige  Wiederwahl  des  Abg.  Schiffer  (Nl.).

15.  Dezember.  (Preußen.)  Landtagsersatzwahl.

In  Posen  7  wird  Rechtsanwalt  Trampozynski  (P.)  gegen  Landschaftsrat
  Günther  (Rp.)  mit  372  gegen  101  Stimmen  gewählt.

15.  Dezember.  Das  „Deutsche  Kolonialblatt“  widmet  dem  am
9.  November  in  Wadai  gefallenen  französischen  Oberstleutnant
Moll  einen  warmen  Nachruf.

15.  Dezember.  (Berlin.)  In  der  Stadtverordnetenversammlung
  wird  der  Etat  der  Heim-,  Heil-  und  Erholungsstätten  für
Kinder  nach  scharfer  Debatte  angenommen,  nachdem  eine  Schiebung
von  72800  Mark  durch  den  Stadtrat  für  das  Armenwesen  bemängelt
worden  war.

16.  Dezember.  (Berlin.)  Politik  in  Studentenversammlungen.

In  einer  von  16  Reichstagsabgeordneten  einberufenen  Akademikerversammlung,
  in  der  über  die  Sitellungnahme  der  Berliner  Studentenschaft
zur  Sozialdemokratie  diskutiert  werden  sollte,  kommt  es  zu  großem  Lärm,
als  Dr.  Henrici  aus  Leipzig  seine  Behandlung  in  einer  Versammlung  der
Leipziger  Freien  Studentenschaft  zum  Gegenstand  eines  Protestes  machen
wollte.  Er  sei  dort  aus  dem  Saale  gewiesen  worden,  weil  er  nach  einem
Vortrag  des  sozialdemokratischen  Parteiführers  Bernstein  plötzlich  ein  Kaiserhoch
  ausgebracht  hatte.  In  Halle  wird  eine  bereits  genehmigte  Versammlung
  der  Freien  Siudentenschaft,  in  der  Abg.  Südekum  über  das  sozialdemokratische
  Programm  sprechen  wollte,  vom  Rektor  untersagt.

16.  Dezember.  (Mecklenburg-Schwerin.)  Landesausschuß

in  Malchin.

Die  Bürgermeister  lehnen  den  geforderten  Beitrag  von  1800000.4
aus  der  Landessteuerkasse  zu  den  Verwaltungekosten  ab,  während  die  Ritter
sich  bercit  erklärten,  1200000  „K  zu  zahlen.

16.  Dezember.  Der  Verfassungsentwurf  für  Elsaß-Lothringen

wird  vom  Bundesrat  einstimmig  genehmigt.

Folgende  Veränderungen  sind  vorgesehen:

1.  Die  Ernennung  des  Statthalters  durch  den  Kaiser  bedarf
als  ein  Akt  der  Reichsgewalt  der  Gegenzeichnung  des  Reichskanzlers.  Sobald
  der  Statthalter  ernannt  ist,  sind  alle  weiteren  Akte,  insbesondere  die
Uebertragung  landesherrlicher  Befugnisse  des  Kaisers  auf  ihn,  Akte  der
dem  Kaiser  zustehenden  landesherrlichen  Hoheit  und  werden  als  solche  nicht
vom  Reichskanzler,  sondern  vom  Statthalter  selbst  gegengezeichnet,  der  damit
die  Verantwortlichkeit  übernimmt.  Der  Statthalter  wird,  soweit  es  sich
nicht  um  die  Ausübung  landesherrlicher  Befugnisse  handelt,  durch  den
Staatssekretär  vertreten,  der  in  dieser  Eigenschaft  die  Rechte  und  Verantwortlichkeit
  in  dem  Umfange  hat,  wie  ein  dem  Reichskanzler  nach  Maßgabe
  des  Stellvertretungsgesetzes  vom  17.  März  1878  substituierter  Stellvertreter
  sie  besitzt.

2.  Landesgesetze  für  Elsaß-Lothringen  werden  künftighin  nur  vom
Kaiser  mit  Zustimmung  des  aus  zwei  Kammern  bestehenden  Landtags
        <pb n="456" />
        448  Das  Veuische  Reich  und  seine  einzelnen  GSlieder.  (Dezember  16.)

erlassen;  sowohl  der  Reichstag  wie  der  Bundesrat  scheiden  als  Faktoren
der  Landesgesetzgebung  aus.

3.  Der  Ersten  Kammer  werden  als  Mitglieder  angehören:  die
Bischöfe  zu  Straßburg  und  Metz,  die  Präsidenten  des  Oberkonsistoriums
der  Kirche  Augsburgischer  Konfession  und  des  Synodalvorstandes  der
reformierten  Kirche,  der  Präsident  des  Oberlandesgerichts,  ein  ordentlicher
Professor  der  Universität  Straßburg,  ein  Vertreter  der  israelitischen  Konsistorien,
  sowie  ferner  ein  Vertreter  der  vier  großen  Städte  Straßburg,
Metz,  Kolmar  und  Mühlhausen,  den  die  Gemeinderäte  dieser  Städte  aus
ihrer  Mitte  wählen,  drei  Vertreter  der  Handelskammern  zu  Straßburg  und
Metz,  sowie  zu  Kolmar  und  Mühlhausen,  drei  vom  Landwirtschaftsrat  und
ein  von  der  Handwerkskammer  zu  Straßburg  gewählter  Vertreter,  im  ganzen
achtzehn  Personen,  zu  denen  die  gleiche  Zahl  vom  Kaiser  auf  Vorschlag
des  Bundesrats  Ernannter  hinzutritt.  Die  Mitgliedschaft  der  gewählten
und  ernannten  Mitglieder  dauert  fünf  Jahre.  Vor  dem  Ablauf  dieser
Frist  erlischt  sie  mit  dem  Fortfall  der  gesetzlichen  Voraussetzungen  für  die
Berufung.  sowie  durch  die  Auflösung  der  Ersten  Kammer.  Wählbar  sind
nur  Reichsangehörige,  die  in  Elsaß-Lothringen  ihren  Wohnsitz  haben  und
mindestens  30  Jahre  alt  sind.

4.  Die  Zweite  Kammer  soll  aus  allgemeinen  und  direkten
Wahlen  mit  geheimer  Abstimmung  nach  Maßgabe  des  gleichzeitig  zur
Vorlage  gelangenden  Wahlgesetzes  hervorgehen.  Wahlberechtigt  sind  die
männlichen  Einwohner  Elsaß-Lothringens,  sofern  sie  im  Besitze  der  Reichsangehörigkeit
  sind,  das  25.  Lebensjahr  zurückgelegt  haben  und  in  der  Gemeinde
  oder  in  dem  Wahlkreise,  zu  dem  die  Gemeinde  gehört,  entweder
drei  Jahre  wohnen,  oder  bei  einjährigem  Wohnsitz  entweder  ein  Grundstück
besitzen,  oder  ein  ständiges  Gewerbe  oder  die  Landwirtschaft  selbständig
betreiben,  oder  im  Schul=  oder  Kirchendienste  tätig  sind.  Wahlberechtigten
im  Alter  von  mindestens  35  Jahren  stehen  zwei,  im  Alter  von  mindestens
45  Jahren  drei  Stimmen  zu.  Die  Zahl  der  Abgeordneten  wird  von
58  auf  60  erhöht.

5.  §  25.  Zur  Vertretung  der  Interessen  Elsaß-Lothringens  im
Bundesrat  ernennt  der  Statthalter  Kommissare,  die  an  den  Beratungen
des  Bundesrats  teilnehmen.

16.  Dezember.  (München.)  Vier  Professoren  der  Theologie
legen  ihre  seelsorgerischen  Funktionen  nieder,  weil  sie  den  Modernisteneid
  nicht  leisten  wollen.

Die  übrigen  Professoren  und  Privatdozenten  der  Universität  haben
den  Eid  freiwillig  geleistet.

16.  Dezember.  Abänderung  des  Patentgesetzes.

Wie  verlautet,  ist  seitens  des  Reichsamts  des  Innern  eine  Abänderung
  des  §  11  des  Patentgesetzes  in  folgender  Fassung  geplant:  „Verweigert
der  Patentinhaber  einem  andern  die  Erlaubnis  zur  Benutzung  der  Erfindung
auch  bei  Angebot  einer  angemessenen  Vergütung  oder  Sicherheitsleistung,
so  kann,  wenn  die  Erteilung  der  Erlaubnis  im  öffentlichen  Interesse  geboten
  ist,  das  Patent  zurückgenommen  oder  dem  anderen  die  Berechtigung
zur  Benutzung  der  Erfindung  zugesprochen  werden  (Zwangslizenz).  Die
Berechtigung  kann  eingeschränkt,  erteilt  und  von  Bedingungen  abhängig
gemacht  werden.  Das  Patent  kann  ferner,  soweit  nicht  Staatsverträge
entgegenstehen,  zurückgenommen  werden,  wenn  die  Erfindung  ausschließlich
oder  hauptsächlich  außerhalb  des  Deutschen  Reichs  oder  der  Schutzgebiete
ausgeführt  wird.  Vor  Ablauf  von  drei  Jahren  seit  der  Bekanntmachung
        <pb n="457" />
        IIIILIIIIITIIIILI—

der  Erteilung  des  Patents  kann  eine  Entscheidung  gegen  den  Patentinhaber
nicht  getroffen  werden.  Auf  das  Verfahren  und  die  Entscheidung  über  die
Erteilung  der  Zwangslizenz  finden  die  Vorschriften  des  Patentgesetzes  über
die  Zurücknahme  des  Patents  Anwendung.“

17.  Dezember.  (Elsaß-Lothringen.)  Preßstimmen  zum
Verfassungsentwurf.

Während  im  allgemeinen  die  Vorlage  als  eine  annehmbare  Abschlagszahlung
  anerkannt  wird,  betonen  einzelne  Zentrumsblätter,  daß  von
einer  Gleichstellung  Elsaß-Lothringens  mit  den  Bundesstaaten  erst  die  Rede
sein  könne,  wenn  das  Reichsland  drei  Vertreter  zum  Bundesrat  sende.
Die  demokratische  „Neue  Zeitung“  sieht  darin  eine  Steigerung  der  Macht
Preußens  und  nennt  die  vorgesehene  Zusammensetung  der  Ersten  Kammer
die  reaktionärste,  welche  unter  den  bestehenden,  Ersten  Kammern  anzutreffen
sei.  Den  Sozialdemokraten  und  Demokraten  gefallen  auch  die  Zusatzstimmen
für  bejahrte  Wähler  nicht.

19.  Dezember.  Die  deutschen  Schadenersatzansprüche  aus  dem
Burenkriege.

Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  meldet  halbamtlich:  „Die  britische  Regierung
hat  sich  nunmehr  in  der  Frage  der  deutschen  Schadenersatzansprüche  aus
dem  britisch-südafrikanischen  Kriege  geäußert.  Sie  lehnt  ein  Eingehen  auf
alle  Reklamationen,  die  seinerzeit  den  in  Britisch-Südafrika  eingesetzten
britischen  Kommissionen  unterbreitet  worden  sind,  ab  und  ist  hinsichtlich
dieser  Reklamationen  auch  nicht  bereit,  dem  deutschen  Antrag  auf  Ueberweisung
  der  Angelegenheit  an  den  Ständigen  Schiedshof  im  Haag  zu
entsprechen.  Nur  für  einige  Fälle,  welche  den  Kommissionen  in  Britisch-Südafrika
  nicht  vorgelegen  haben,  erkennt  sie  an,  daß  es  sich  dabei  um
eine  Rechtsfrage  handelt,  und  will  diese  dem  Haager  Schiedshof  unterbreiten.
  Das  Auswärtige  Amt  hat  die  beteiligten  Deutschen  mit  Nachricht
versehen.  Es  gedenkt  die  Angelegenheit  bei  der  britischen  Regierung  weiter
zu  verfolgen  und  wird  Näheres  darüber  mitteilen,  sobald  die  englische
Regierung  von  den  beabsichtigten  Schritten  unterrichtet  sein  wird."

19.  Dezember.  (Mecklenburg-Schwerin.)  Restkript  der  Regierung
  an  die  Landtagskommissarien  in  Malchin.

Darin  wird  ausgeführt:  Die  Ablehnung  jeglichen  Zuschusses  aus  der
Landessteuerkasse,  also  auch  die  Ablehnung  der  Mittel,  welche  von  den
Ständen  selbst  durch  die  bisherigen  Bewilligungen  als  notwendig  anerkannt
wurde,  offenbart  den  ganzen  Ernst  der  Situation  und  legt  klar  vor  Augen,
daß  eine  Reform  der  Landesverfassung  unter  Gewährung  des  Budgetrechtes
unabweisbar  notwendig  geworden,  die  Erteilung  des  Budgetrechts  aber
mit  einer  ständischen  Verfassung  unvereinbar  ist.  Es  muß  dringend  verlangt
  werden,  daß  die  Stände  durch  weiteres  Entgegenkommen  eine  Verständigung
  über  die  Verfassungsreform  herbeiführen.

20.  Dezember.  (Greifswald.)  Politischer  Prozeß.

Der  Rittergutsbesitzer  Becker  wird  wegen  Beleidigung  des  Landrats
  v.  Maltzahn  in  Grimmen  zu  einem  Jahre  Gefängnis  und  zu  sämtlichen
  Kosten,  auch  denen  des  Nebenklägers  (zusammen  zirka  50000  Mark),
verurteilt.  Der  Staatsanwalt  hatte  neun  Monate  Gefängnis  beantragt.
Die  Verhandlungen  hatten  vier  Wochen  in  Anspruch  genommen.

20.  Dezember.  (Hessen.)  Zweite  Kammer.  Der  Staatsvertrag

Europäischer  Geschichtskalender.  LI.  29
        <pb n="458" />
        450  Das  Peristhe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  21.—23.)

mit  Baden  über  die  Verlegung  der  Landesgrenze  bei  Neckarbischofsheim
  wird  einstimmig  angenommen.

21.  Dezember.  (Leipzig.)  Spionageprozeß  gegen  die  englischen
Offiziere  Trench  und  Brandon.

Die  Angeklagten  geben  zu,  daß  sie  im  Auftrag  der  Zentralstelle  des
englischen  Nachrichtendienstes  vom  4.—25.  August  1910  in  Kiel  und
Wilhelmshaven  und  dann  in  Cuxhaven,  Bremen,  auf  Helgoland,  Sylt,
Wangeroog  und  Borkum  militärische  Beobachtungen  gemacht  und  darüber
berichtet  haben.  Der  Reichsanwalt  beantragte  sechs  Jahre  Festung.  Das

Urteil  lautete  auf  vier  Jahre  Festung,  wovon  zwei  Monate  auf  die  erlittene
  Untersuchungshaft  angerechnet  werden.

21.  Dezember.  (Berlin.)  Aus  dem  Jahresbericht  der  Altesten
der  Kaufmannschaft.

Bei  der  Erörterung  der  bevorstehenden  Erneuerung  der  Handelsverträge
  kommt  der  Bericht  zu  dem  Schluß:  „Vorsichtige  Zollermäßigungen
werden  die  Industrien  nicht,  wie  es  heißt,  der  ausländischen  Konkurrenz
preisgeben,  sondern  sie  im  Gegenteil  konkurrenzfähiger  machen,  besonders
da  durch  solches  Vorgehen  auch  andere  Staaten  zur  Abtragung  ihrer  Zollmauern
  veranlaßt  werden  würden.  Das  Bestreben  der  Handelsvertretungen
muß  sein,  auf  diesen  Weg  zu  verweisen  und  eine  neue  Aera  handels-politischer
Annäherung  gegenüber  der  jetzigen  allgemeinen  Absperrung  zu  fordern.“

21.  Dezember.  (Bayern.)  Prinzregent  Luitpold  stiftet
200000  Mark  für  die  bayerische  Armee.

In  seinem  Handschreiben  an  den  Kriegsminister  Frhrn.  v.  Horn
heißt  es:  „Vierzig  Jahre  sind  verflossen,  seit  die  bayerische  Armee  in
schweren  ruhmreichen  Kämpfen  unvergängliche  Beweise  ihrer  Kriegstüchtigkeit
und  hingebenden  Opferwilligkeit  erbracht  und  sich  hierdurch  stete  Dankbarkeit
  des  Vaterlandes  gesichert  hat.  Wenn  ich  jetzt  in  meinem  neunzigsten
Lebensjahre  auf  jene  große  Zeit  zurückblicke,  drängt  sich  meinem  Herzen
das  Bedürfnis  auf,  auch  meinerseits  dem  Gefühle  der  Dankbarkeit  sowie
meiner  vollen  Anerkennung  für  die  im  Kriege  und  im  Frieden  bewährte
Pflichttreue  der  Offiziere  und  Mannschaften  der  Armee  erneuten  sichtbaren
Ausdruck  zu  geben.  Darum  stelle  ich  hiermit  den  Betrag  von  200000  Mark
zur  Verfügung  und  bestimme,  daß  100000  Mark  zur  Unterstützung  hilfsbedürftiger
  Kriegsveteranen  aus  dem  Feldzuge  1870/71  sowie  aus  den
Feldzügen  und  Kämpfen  früherer  und  späterer  Jahre  und  100000  Mark
als  Grundstock  einer  Stiftung  zur  Errichtung  eines  Erholungsheims  für
Offiziere,  Unteroffiziere  und  Mannschaften  Verwendung  finden  sollen.“

23.  Dezember.  (Barby  a./E.)  Amtsrat  Adolf  v.  Dietze,  bekannt
  durch  seine  Freundschaft  mit  Bismarck  und  seinen  früheren
Einfluß  bei  Hofe,  f,  85  Jahre  alt.

23.  Dezember.  (Sachsen.)  Baron  de  Matthies  bittet  auf
Betreiben  des  Papstes  den  König  um  Entschuldigung  und  verspricht,
in  einem  zweiten  Buche  eine  gerechte  Würdigung  der  Sachlage  zu
veröffentlichen  (s.  18.  Okt.  und  4.  Nov.).

23.  Dezember.  (Preußen.)  Einführung  der  Bürger=  und
Lebenskunde  in  den  ländlichen  Fortbildungsschulen.
        <pb n="459" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.  (Dezember  24.  25.)  451

In  der  Verfügung  des  Kultusministers  heißt  es:  Die  Bürgerkunde
hat  den  Schüler  an  der  Hand  der  Erscheinungen  in  der  Heimat  aufzuklären
über  die  Verhältnisse  und  Bedingungen  des  kirchlichen,  kommunalen  und
staatlichen  Verwaltungslebens.  (Familie,  Gemeinde,  Kreis,  Provinz,  Staat,
Reich  usw.).  Dabei  ist  darauf  zu  achten,  daß  der  angehende  Staatsbürger
seine  wichtigsten  Pflichten  und  Rechte  kennen  lerne,  mehr  aber  noch  darauf,
daß  er  die  bestehenden  Einrichtungen  und  Organisationen  als  solche  erkennt,
die  die  menschliche  Gesellschaft  sich  zum  Wohle  ihrer  einzelnen  Glieder
geschaffen  hat,  so  daß  der  junge  Mensch  innerlich  in  die  Gemeinschaft
hineinwächst.  Es  ist  deshalb  dringend  zu  empfehlen,  den  Unterricht  in
der  Bürgerkunde  mit  geschichtlichen  Rückblicken  zu  durchsetzen.  Auch
selbständige  Geschichtsbetrachtungen  im  Anschluß  an  vaterländische  Gedenktage
  können  sehr  gut  in  diesen  Unterricht  aufgenommen  werden.  Ferner
wird  darauf  hingewiesen,  daß  der  Schüler  die  Vorgänge  auf  wirtschaftlichem
  Gebiet,  im  Verkehrswesen  im  weitesten  Sinne,  im  Vereinsund
  Genossenschaftswesen  kennen  lernt.  Bei  allem  ist  die  ideale  und  ethische
Seite  zu  berücksichtigen,  da  dieser  Unterricht  sich  besonders  dazu  eignet,
erzieherisch  wirkende  Betrachtungen  einzuflechten.  Speziell  bezüglich  der
Lebenskunde  wird  betont,  daß  besonders  sittlich-religiöse,  bürgerlich-vaterländische,
  wirtschaftliche  und  andere  Momente  zu  berücksichtigen  sind.  Alle
verschiedenartigen  Belehrungen  sollen  eine  stark  hervortretende  erziehliche
Bedeutung  haben.  Wo  man  besondere  Stunden  außerhalb  des  eigentlichen
Unterrichts  für  die  sittlich  religiöse  Förderung  der  Schüler  einrichtet,  sind
auch  dann  weitere  Erziehungsziele  sich  zu  stecken,  wenn  die  Bezeichnung
„Religionsunterricht“  gewählt  wird.

24.  Dezember.  (Schloß  Plawniowitz.)  Graf  v.  Ballestrem,
1898—1906  Präsident  des  Reichstages,  t.  76  Jahre  alt.

24.  Dezember.  (Sachsen.)  Das  amtliche  „Dresdener  Journal“
meldet  die  aus  Opportunitätsgründen  erfolgte  Zurückziehung  des
von  Prinz  Max  in  der  Zeitschrift  „Roma  el'Oriente“  veröffentlichten
Aussatzes  über  die  griechische  Kirche  (s.  Röm.  Kurie).

25.  Dezember.  Aus  einem  Aufsatz  des  Wirkl.  Geh.Rats  Prof.
Dr.  v.  Schmoller  in  der  Wiener  „N.  Fr.  Pr.“  über  die  gegenwärtige
innerpolitische  Lage  Deutschlands  und  die  Demokratisierungstendenzen

der  Gegenwart.

„Die  Moabiter  Straßenunruhen  wurden  von  den  Angstmeiern  als
Vorboten  der  Revolution  angesehen.  Sie  waren  in  Wirklichkeit  ein  Pöbelauflauf,
  wie  er  überall  einmal  vorkommen  kann....  Die  Sozialdemokraten
werden  bei  den  Neuwahlen  erheblich  gewinnen,  das  Zentrum  wird  sich  in
alter  Zahl  erhalten,  die  Konservativen  werden  ihre  Abneigung  gegen  die
Erbschaftssteuer  und  ihre  ganze  Finanzpolitik  mit  dem  Verlust  einer  Anzahl
Sitze  bezahlen  und  daraus  die  Lehre  ziehen,  daß  Herr  v.  Heydebrand  etwas
vorsichtiger  und  versöhnlicher  gegen  die  Nationalliberalen  auftreten  muß.
Diese  werden  ungeschwächt,  aber  auch  ohne  große  Verstärkung  aus  den
Wahlen  hervorgehen.  Die  Linksliberalen  werden  zunehmen.  Groß  und
durchschlagend  wird  die  Verschiebung  der  Parteien  nicht  sein.  .  Eine
sozialdemokratische  Minorität  im  Parlament,  in  Stadt-  und  Kreisvertretungskörpern
  ist  heute  heilsam.  Schon  als  Ventil  der  Leidenschaft,  vor  allem
aber  als  politische  Erziehungsschule.  Alle  unsere  deutschen  großen  Oberbürgermeister
  sind  einig,  daß  einige  Sozialdemokraten  in  der  Stadt-29

  *
        <pb n="460" />
        452  Das  Venische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  28.  —  Ende.)

verordnetenversammlung  heilsam  für  die  Beschlüsse  seien  und  noch  heilsamer
für  die  innere  Umbildung  der  sozialdemokratischen  Führer  selbst.  Es  war
sehr  falsch  von  der  preußischen  Verwaltung,  daß  sie  lange  die  Sozialdemokraten
  möglichst  von  den  Selbstverwaltungsämtern  fernhalten  wollte.
Zum  mindesten  da,  wo  sie  die  Selbstverwaltung  nicht  einseitig  beherrschen,
wie  in  den  Krankenkassen,  ist  ihre  Mitwirkung  nur  erwünscht.  Die  Selbstverwaltung
  muß  überall  die  Vorschule  für  politischen  Einfluß  sein.“

28.  Dezember.  (Berlin.)  Beilegung  des  Professorenstreites.

Ein  Anschlag  am  Schwarzen  Brett  in  der  Universität  gibt  bekannt,
daß  Prof.  Dr.  Bernhard  die  im  Kolleg  von  ihm  getanen  Aeußerungen,
soweit  sie  Vorwürfe  gegen  seine  Fachgenossen  enthalten,  zurücknimmt,  auch
versichert,  daß  er  den  in  der  Presse  anonym  erschienenen  ehrverletzenden
Angriffen  gegen  seine  Fachgenossen  fernsteht,  während  die  Herren  Exzellenz
Wagner,  Exzellenz  v.  Schmoller  und  Prof.  Sering  die  in  ihrem  Schreiben
vom  23.  Juli  d.  J.  gegen  Herrn  Prof.  Bernhard  erhobenen  Beleidigungen
zurücknehmen  und  erklären,  daß  sie  etwaigen  in  der  Presse  erschienenen
ehrverletzenden  Angriffen  fernstehen.

29.  Dezember.  (Augsburg.)  Episkopat  und  Lehrerzeitung.

Der  Hauptausschuß  des  „Bayerischen  Lehrervereins  beschließt  eine
Erklärung  gegen  einen  Erlaß  des  bayerischen  Episkopats  wegen  der  „katholikenfeindlichen
  Haltung“  der  „Bayerischen  Lehrerzeitung“.  Die  Erklärung
schließt:  „Der  bayerische  Lehrerverein  will  bleiben  ein  paritätischer  Vereinund
  für  seine  Mitglieder  die  Stätte  für  Wahrheit,  Freiheit  und  Recht.“

30.  Dezember.  (Berlin.)  Sensationelle  Veröffentlichung.

Die  „Germania“  veröffentlicht  eine  Aussage  des  verstorbenen  Reichstagspräsidenten
  Ballestrem,  wonach  Reichskanzler  Fürst  Bülow  ihm  in  der
berühmten  Sitzung  vom  13.  Dezember  1906  eine  Täuschung  bereitet  habe,
die  er  nie  vergessen  konnte.  Auf  seine  Frage,  unmittelbar  vor  Beginn  der
Verhandlungen,  ob  es  wahr  sei,  daß  der  Reichstag  ausgelöst  werde,  wenn
er  die  Kolonialvorlage  in  der  zweiten  Lesung  wieder  ablehnte,  habe  Fürst
Bülow  erklärt:  „Ich  denke  nicht  daran,  es  ist  kein  Wort  davon  wahr.“
Dennoch  erfolgte  noch  in  derselben  Sitzung  die  Auflösung.

31.  Dezember.  (Berlin.)  Der  Kaiser  übernimmt  das  Protektorat
  der  „Carnegie-Stiftung  für  Lebensretter“,  die  der  bekannte
schottisch-amerikanische  Milliardär  mit  einem  Kapital  von  1¼  Millionen
  Dollars  begründet  hat.

Der  Zweck  der  Stiftung  ist  die  Linderung  der  finanziellen  Notstände,
welche  sich  aus  heldenmütigen  Anstrengungen  zur  Rettung  von  Menschenleben
  im  Gebiete  des  Deutschen  Reiches  und  seiner  Gewässer  ergeben,  sei
es  für  die  Lebensretter  selbst  durch  deren  vorübergehende  oder  dauernde

Erwerbsunfähigkeit,  sei  es,  im  Falle  des  Todes  derselben,  für  ihre  Hinterbliebenen.


Ende  Dezember.  (Berlin.)  Die  Strafkammer  in  Moabit
nimmt  den  Prozeß  wegen  der  Moabiler  Krawalle  nach  36  Sitzungen
ins  neue  Jahr  hinüber.
        <pb n="461" />
        II.
Die  österreichisch-ungarische  Monarchie.

1.  Januar.  (Ungarn.)  Da  ein  Budget  nicht  zustande  gekommen
  ist,  tritt  der  sogenannte  Ex-lex-Zustand  ein,  in  dem  keine
direkten  Steuern  eingetrieben  werden  können.

Die  Diäten  und  Quartiergelder  der  453  Abgeordneten,  die  an  diesem
Zustande  schuld  sind,  werden  aber  in  Höhe  von  720000  Kronen  ebenso  wie
die  Beamtengelder  weitergezahlt.

2.  Januar.  (Ungarn.)  Krone  und  Unabhängigkeitspartei.

In  Erwiderung  der  von  Mitgliedern  der  Kossuth-Partei  zum  Jahreswechsel
  dargebrachten  Glückwünsche  erklärte  Handelsminister  Kossuth,  daß  der
Gründung  einer  selbständigen  Bank  derzeit  unüberwindliche  Hindernisse  im
Wege  stehen.  Die  Krone  hege  Mißtrauen  gegen  die  Bestrebungen  der  Unabhängigkeitspartei
  und  habe  sie  daher  nach  dem  Zerfalle  der  Koalition  nicht
mit  der  Führung  der  Regierungsgeschäfte  betraut.

4.  Januar.  (Wien.)  Zur  Leitung  des  Preßbureaus  im  Auswärtigen
  Amt  wird  an  Stelle  des  Sektionschefs  v.  Jettel  der  Sektionsrat

  v.  Hauya,  ebenfalls  ein  Ungar,  berufen.

Die  tschechische  Presse  knüpft  daran  Vermutungen,  als  ob  diese
Veränderung  mit  den  gefälschten  Dokumenten  des  Friedjung-Prozesses
zusammenhinge.

4.  Januar.  (Ungarn.)  Herr  v.  Lukasc  wird  vom  Kaiser  in
Wien  zum  Ministerpräsidenten  ernannt  und  beauftragt,  unter  allen
Umständen  ein  Kabinett  zu  bilden.

Er  tritt  mit  dem  Programm  auf,  das  allgemeine  Wahlrecht  durchzuführen
  und  die  gemeinsame  österreichisch-ungarische  Bank  provisorisch  fortbestehen
  zu  lassen.

5.  Januar.  (Wien.)  Zur  Erinnerung  des  Besuches  des  deutschen
Kaiserpaares  am  14.  Mai  vorigen  Jahres  wird  von  der  Bezirksvertretung
  Wieden  die  Alleegasse  in  „Kaiser  Wilhelmstraße“  umgewandelt.


8.  Januar.  (Prag.)  Zur  Sprachenvorlage.

Der  deutsche  Abgeordneten=  und  Vertrauensmännertag  erklärte  es
für  die  vornehmste  Aufgabe  der  deutschen  Abgeordneten  Böhmens,  durch
geschlossenes,  einmütiges  Auftreten  die  sofortige  Beratung  der  Sprachenvorlage
  der  Regierung  zu  erzwingen  und  zu  diesem  Zweck  die  stärksten
Mittel,  wenn  nötig  die  Obstruktion,  anzuwenden.
        <pb n="462" />
        454  Bie  SKerreichisch-ungarische  Monarchie.  (Januar  8.—25.)

8.  Jannar.  (Kärnten.)  Bergwerksunglücksfall.

Infolge  des  Bruches  eines  Verbaues  in  dem  Gräflich-Henckelschen
Grubenfelde  versank  in  Raibl  das  Bergwerkshospital.  Der  Arzt  mit  seiner
Hamilie  und  einigen  Hilfspersonen  (im  ganzen  sieben  Personen)  fanden
ihren  Tod.

18.  Januar.  (Wien.)  Kabinettswechsel  in  Ungarn.

Das  Kabinett  Wekerle  erhält  in  einer  Abschiedsaudienz  die  Anerkennung
  des  Kaisers  und  seine  Entlassung.  Das  neue  Ministerium  des
Grafen  Khuen-Hedervary,  das  darauf  vereidigt  wird,  verdankt  sein
Zustandekommen  der  Einwirkung  des  Kaisers  auf  die  Parteiführer  Tisza
und  Andrassy,  ihre  prinzipielle  Opposition  in  Personalfragen  aufzugeben.

18.  Januar.  (Niederösterreich.)  Sprachenfrage.

Im  Landtage  brachten  die  Deutsch-Nationalen  einen  Antrag,  betr.  die
deutsche  Unterrichtssprache  an  den  öffentlichen  Volks=  und  Bürgerschulen
ein  (Lex  Kolisko).  Die  Christlich--Sozialen  störten  die  Verlesung  mit  Rufen:
„Pfui,  das  ist  ein  deutsches  Wort  und  deutsche  Treue“,  weil  sie  den  Antrag
mit  einer  Abmachung  der  Parteien  vom  vorhergehenden  Tage  angeblich  im
Widerspruche  fanden.

21.  Januar.  Der  russische  Militärattaché  Oberst  Martschenko
wird  abberufen.

Er  hatte  nachweislich  den  Versuch  gemacht,  einem  Beamten  am  Wiener
Arsenal  die  Konstruktionsgeheimnisse  des  neuen  österreichischen  Artillerie-Sprenggeschosses
  abzukaufen.

24.  Januar.  (Ungarn.)  übler  Empfang  des  Kabinetts
Khuen-Hedervary  im  Abgeordnetenhaus.

Nach  der  Verlesung  des  kaiserlichen  Handschreibens,  betr.  die  Ernennung
  der  neuen  Regierung,  das  der  Minister  dem  Prasidenten  Gall
überreichte,  kommt  es  zu  einer  erregten  Debatte,  in  der  Bannffy,  Hollo
und  Polonyi  gegen  die  unbedingte  Promulgierung,  Graf  Andrassy  dafür
sprechen.  Die  Wut  der  Justh-Partei  richtet  sich  gegen  den  Präsidenten,
dem  die  Verfassungs-,  die  Volks=  und  die  Kossuth-Parteien,  sowie  die  Kroaten
zustimmen.  Wegen  des  Geschreies  und  einiger  Handgreiflichkeiten  muß  die
Sitzung  suspendiert  werden.  Im  Magnatenhause  erkannte  Graf  Tisza  die
Verdienste  Khuens  an,  sprach  sich  aber  gegen  die  Wahlreform  aus,  die  weder
der  Nation  noch  der  Dynastie  Vorteile  bringen  könne.

24.  Januar.  (Lemberg.)  Antipreußische  Demonstration.

Vor  der  Filiale  einer  Berliner  Schuhfabrik  veranstalteten  Studenten
eine  stürmische  Demonstration.  Sie  schlugen  unter  den  Rufen:  „Weg  mit
den  preußischen  Lakaien“  die  großen  Spiegelscheiben  ein  und  erzwangen  die
Sperrung  des  Lokales.  Die  Demonstranten,  die  unausgesetzt  in  Schmährufe
  gegen  das  preußische  Enteignungsgesetz  und  Hochrufe  auf  den  Boykott
preußischer  Waren  ausbrachen,  wurden  schließlich  von  der  Polizei  zerstreut.

25.  Januar.  Der  Generaldirektor  der  Prager  Eisenindustrie-Gesellschaft
  Kestranek  beschuldigt  in  einem  offenen  Brief  den  Finanzminister
  v.  Bilinski,  seine  Gesellschaft  schikaniert  und  mit  großen
Steuerausschreibungen  belegt  zu  haben,  weil  der  inzwischen  ver-
        <pb n="463" />
        Die  ãserreitisnngarische  Monearchie.  (Januar  26.—Februar  11.)  455

storbene  Schwager  des  Ministers  nicht  in  den  Verwaltungsrat  aufgenommen
  wurde.

26.  Januar.  Der  Arsenaldirektor  General  Schwab  tritt  in
den  Ruhestand  (s.  21.  Januar).

28.  Januar.  (Ungarn.)  Das  Abgeordnetenhaus,  das  mit
großer  Mehrheit  ein  Mißtrauensvotum  gegen  das  Kabinett  Khuen-Hedervary
  annahm,  wird  bis  zum  24.  März  vertagt.

29.  Januar.  (Ungarn.)  Das  Magnatenhaus  protestiert  gegen
die  Vertagung  des  Reichstages.

29.  Januar.  Das  Schnurrbartprivilegium.

Seit  der  Schlacht  bei  Kolin  haben  die  Offiziere  des  4.  Dragonerregiments
  Fürst  Windisch-Graetz  das  Vorrecht,  sich  den  Schnurrbart  rasieren
zu  lassen.  Da  nun,  der  neuen  Mode  entsprechend,  viele  andere  Offiziere
dasselbe  taten,  beschwerte  sich  das  4.  Dragonerregiment  mit  dem  Erfolge,
daß  ein  Geheimerlaß  allen  andern  Offizieren  der  k.  und  k.  Armee  verbietet,
sich  künftig  den  Schnurrbart  rasieren  zu  lassen.

29.  Januar.  (Böhmen.)  Der  Führer  der  Deutschen  lehnte
die  tschechischen  Kompromißvorschläge  ab,  weil  die  tschechische  Landtagsmehrheit
  als  neue  Forderung  die  Ausschaltung  der  Obstruktion
für  das  Budgetprovisorium  aufstellte.

1.  Februar.  (Budapest.)  Gegen  die  nationale  Opposition
des  Parlaments.

Der  Magistrat  hat  beschlossen,  die  Zuschrift  der  Regierung  über  ihren
Amtsantritt  zur  Kenntnis  zu  nehmen.  Die  Stadtverordneten-Versammlung
ist  diesem  Magistratsbeschlusse  beigetreten  mit  dem  Zusatze,  daß  dem  Beschlusse
des  Abgeordnetenhauses,  die  Steuern  zu  verweigern  und  den  nationalen
Widerstand  zu  organisieren,  keine  Folge  geleistet  werden  soll.

3.  Februar.  (Böhmen.)  Gegen  den  Ausgleich  mit  den  Deutschen.

Sämtliche  tschechischen  Landtagsabgeordneten  beschlossen,  eine  gemeinsame
  Kundgebung  zu  erlassen,  in  welcher  die  Unteilbarkeit  des  Königreichs
  Böhmen  neuerlich  betont  und  die  von  der  Regierung  vorgelegten
nationalen  Ausgleichsvorlagen  für  unannehmbar  erklärt  werden.

4.  Februar.  (Böhmen.)  Odbstruktion.

Gleich  nach  Eröffnung  des  Landtages  beginnen  die  Deutschen  mit
der  Obstruktion,  indem  sie  eine  große  Anzahl  dringlicher  Anträge  stellen
und  dadurch  die  Erledigung  der  Tagesordnung  verhindern.

8.  Februar.  (Böhmen.)  Der  Landtag  wird  vertagt,  weil  er
infolge  der  Obstruktion  der  Deutschen  arbeitsunfähig  ist.

8.  Februar.  (Wien.)  Der  Präsident  der  statistischen  Zentralkommission
  Dr.  Franz  v.  Juraschek  f.  60  Jahre  alt.

Er  gab  seit  vielen  Jahren  „Otto  Hübners  geographisch'statistische
Tabellen  aller  Länder  der  Erde“  heraus.

11.  Februar.  (Innsbruck.)  Prühgelei  zwischen  freiheitlichen
und  klerikalen  Studenten.
        <pb n="464" />
        456  IEITIITIIIIIIEEI

In  einem  Gasthaus  werden  durch  das  Eingreifen  der  Polizei  drei
klerikale  Studenten  schwer  durch  Säbelhiebe,  viele  andere  leicht  verletzt.
An  der  Prügelei  waren  300  Studierende  beteiligt.

12.  Februar.  (Wien.)  Herzog  Adolf  Friedrich  von  Mecklenburg-Schwerin
  hält  im  Festsaal  des  Rathauses  einen  Vortrag  über
seine  Zentralafrika-Expedition  i.  J.  1907/08.

14.  Februar.  (Ungarn.)  Neue  Parteibildung.

Das  Organisationskomitee  der  Regierungspartei  erläßt  einen  Aufruf
an  die  Nation,  in  dem  darauf  hingewiesen  wird,  daß  die  Parteiunterscheidung
zwischen  den  Gegnern  und  Anhängern  des  67er  Ausgleichs,  zwischen  der
Unabhängigkeitspartei  und  der  Ausgleichspartei,  vollkommen  in  haltlos
geworden  sei,  da  die  Unabhängigkeitspartei,  als  sie  die  Majorität  erlangte
und  zur  Regierung  gelangte,  genötigt  gewesen  sei,  ihre  Gegnerschaft  gegen
das  Ausgleichsgesetz  aufzugeben  und  den  Dualismus  anzuerkennen.  Das
Regime  der  Koalition  habe  in  einem  Zwiespalt  zwischen  der  Nation  und
der  Krone  geendet,  welcher  das  Land  den  größten  Erschütterungen  aussetze.
In  dieser  schwierigen  Lage  ergehe  ein  Appell  an  die  Nation  zur  Bildung
einer  Partei,  die  die  Harmonie  zwischen  König  und  Nation  herstelle  und
eine  Politik  der  produktiven  Arbeit  und  der  reellen  Ziele  im  Auge  behalte.
An  die  neue  Partei  könnten  sich  alle  ohne  Rücksicht  auf  ihre  frühere  Zugehörigkeit
  zu  einer  alten  Partei  anschließen.  Die  Konstituierung  finde  am
19.  d.  M.  statt.  Der  Aufruf  trägt  die  Unterschriften  aller  Minister,  der
Grafen  Tisza  und  Csaky,  zahlreicher  Notabilitäten  und  Mitglieder  der
Hütiern  liberalen  Partei.  Die  Verfassungspartei  beschloß  darauf  sich  aufzulösen.


17.  Februar.  (Bosnien  u.  Herzegowina.)  Der  Kaiser
sanktioniert  die  bosnische  Verfassung.

Sie  umfaßt  das  Landesstatut  für  Bosnien  und  die  Herzegowina,
die  Wahlordnung  und  Geschäftsordnung  des  bosnischen  Landtages,  das
Vereins=  und  Versammlungsrecht,  endlich  das  Gesetz  über  die  Bezirksräte.
Beide  Länder  bilden  ein  Verwaltungsgebiet  unter  der  Leitung  und  Oberaufsicht
  des  gemeinsamen  Ministeriums.  Der  Landtag  hat  sich  nur  mit
den  inneren  Angelegenheiten  dieser  Verwaltungseinheit  zu  befassen.  Der
Kaiser  ernennt  aus  den  Mitgliedern  den  Präsidenten  und  2  Vizepräsidenten;
doch  muß  jede  der  3  Hauptkonfessionen  im  Präsidium  vertreten  sein.  Die
Abgeordneten  beziehen  Tagegelder  von  15  Kronen.  —  Der  Landtag  erwählt
aus  seiner  Mitte  einen  Landesrat  von  9  Mitgliedern  als  Beratungskörper
für  das  gemeinsame  Ministerium.  Der  Landtag  besteht:  1.  aus  20  Virilisten,
  darunter  den  Chefs  sämtlicher  Konfessionen;  2.  72  Abgeordneten  und
zwar  16  Katholiken,  24  Islamiten,  31  serbischen  Orthodoxen  und  1  Jsraeliten,
die  von  ihren  Glaubensgenossen  gewählt  werden.  Auch  in  den  Bezirken
werden  die  Mitglieder  des  Bezirksrats,  obwohl  sie  von  allen  Wahlberechtigten
gewählt  werden,  nach  der  Stärke  der  Konfessionen  verteilt.

19.  Februar.  (Budapest.)  Unter  Führung  des  Grafen  Tisza
bildet  sich  eine  „Nationale  Arbeitspartei“",  die  den  Grafen  Khuen
im  Kampfe  gegen  die  48er  Kossuthpartei  unterstützen  und  den  Kampf
mit  der  Krone  um  eine  selbständige  ungarische  Bank  und  ungarische
Kommandosprache  aufgeben  will.
        <pb n="465" />
        Die  ãsterreithhisq  ·  nugarise  Monarchie.  (Februar  21.—März  2.)  457

21.  Februar.  (Cisleithanien.)  Der  deutsche  Landsmannminister
  Dr.  Schreiner  erhält  seine  Entlassung.

Angriffe  der  Christlich-Sozialen  auf  ihn  und  eigene  Taktlosigkeit  gegenüber
  dem  Erzherzog-Thronfolger  werden  als  Grund  angegeben.  Der  Posten
des  deutschen  Landsmannsministers  bleibt  unbesetzt.

23.  Februar.  (Prag.)  Bei  dem  25jährigen  Stiftungsfeste
des  Hilfsvereins  Deutscher  Reichsangehöriger  werden  Glückwunschtelegramme
  des  Deutschen  Kaisers,  des  Reichskanzlers  und  des  Staatssekretärs
  v.  Schön  verlesen.

26.  Februar.  (Wien.)  Der  Konzipist  der  niederösterreichischen
Statthalterei  Freiherr  Hermann  v.  Widerhofer  wird  im  Pistolenduell
  getötet.

28.  Februar.  (Wien.)  Graf  Ahrenthal  äußert  bei  der  Berichterstattung
  über  seine  Berliner  Reise  in  der  Ministerkonferenz:  Er
habe  den  Eindruck  empfangen,  daß  sich  die  Beziehungen  Deutschlands
  zu  Frankreich  und  England  freundlicher  gestaltet
hätten.

2.  März.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Ministerpräsident
  Bienerth  spricht  über  die  innere  Lage  in  der  Budgetdebatte.


Er  betont  die  Notwendigkeit  des  Ausgleichs  der  nationalen  Gegensätze.
  Wiewohl  kein  unmittelbarer  Zusammenhang  zwischen  Reichsrat  und
Landtag  bestehe  und  sich  die  Hoffnungen  im  böhmischen  Landtag  nicht  erfüllt
  haben  (Heiterkeit),  mache  es  den  Eindruck,  daß  eine  Aushellung  der
Situation  erfolgt  sei.  Eine  erneute  Auseinandersetzung  in  Böhmen  sei
notwendig.  Eine  friedliche  Wendung  in  Böhmen  wäre  eine  Aneiferung
für  andere  Länder.  Auf  verschiedene  Zwischenrufe  bemerkt  Bienerth,  einen
gewissen  Optimismus  müsse  man  sich  im  politischen  Leben  bewahren.
Redner  betont  dann  die  Notwendigkeit  der  Alters-  und  Invaliditätsversicherung.


2.  März.  (Böhmen.)  Landesausschuß.

Wegen  der  Nichterledigung  des  Budgets  werden  Streichungen  an
kulturellen  Ausgaben  in  Höhe  von  18  Millionen  Kronen  beschlossen.  Zu
diesen  Streichungen  gehört  auch  der  Beschluß,  280  Irre  aus  den  Landesirrenanstalten
  zu  entlassen.

2.  März.  (Cisleithanien.)  Herrenhaus.  Besprechung  der
auswärtigen  Lage.

Graf  Latour  begrüßt  die  Anbahnung  freundschaftlicher  Beziehungen
zu  Rußland,  mit  dem  Oesterreich-Ungarn  durch  dynastische  Beziehungen,
Erinnerungen  an  alte  Bündnisse  und  Waffenbrüderschaft  verbunden  sei.

Plehner  betonte,  jeder  Oesterreicher  müsse  ernstlich  wünschen,  mit
Rußland  auf  gutem  Fuße  zu  stehen,  nicht  nur  aus  allgemeinem  Friedensbedürfnis,
  sondern  auch  wegen  der  großen  Interessen  auf  dem  Balkan,
denn  es  gäbe  keine  gefährliche  orientalische  Frage,  wenn  die  Mächte  einig
seien.  Die  Voraussetzung  für  ein  wünschenswertes  festes  und  reelles  Ein-
        <pb n="466" />
        458  Die  öserreichischungarische  Moenarchie.  (März  2.)

vernehmen  mit  Rußland  sei  jedoch,  daß  Rußland  bei  jeder  Gelegenheit
und  in  bestimmtester  Weise  der  anläßlich  der  Annexion  Bosniens  abgegebenen
  Erklärung,  daß  Oesterreich-Ungarn  keine  territoriale  Ausdehnung
auf  dem  Balkan  anstrebe,  vollen  Glauben  schenke.  Das  deutschösterreichische
  Bündnis  entspreche  dem  Herzensbedürfnis  aller  Deutschen
Oesterreichs  (Bravo),  aber  auch  dem  legitimen  Interesse  aller  Nichtdeutschen.
Zerstören  Sie  das  Bündnis  mit  Deutschland,  so  gefährden  Sie  nicht  bloß
die  Deutschen  Oesterreichs,  sondern  auch  die  Existenz  aller  anderen  kleineren
Nationalitäten  in  Oesterreich,  darum  ist  das  Bündnis  mit  Deutschland
trotz  aller  Ränke  gewisser  diplomatischer  Kanzleien  Europas  der  beste  Kern
im  Mittelpunkt  des  mitteleuropäischen  Staatensystems,  an  dem  festzuhalten
unsere  patriotische  Pflicht  ist.  Seit  30  Jahren  besteht  dieses  Bündnis;  es
hat  niemandem  geschadet,  es  hat  beiden  Teilen  wesentlich  genützt.  Wenn
in  Italien  eine  ruhigere  Auffassung  der  Dinge  Platz  greifen  wird,  wird
auch  die  öffentliche  Meinung  in  Italien  dahin  kommen,  der  korrekten
Haltung  seiner  eigenen  offiziellen  Welt  zuzustimmen,  daß  das  Festhalten
am  Dreibunde  im  wohlberstandenen  Interesse  Italiens  liegt.  (Beifall.)

Graf  Pininski  erklärt  gleichfalls,  die  Besserung  des  Verhältnisses
zu  Rußland,  sowie  freundschaftliche  Annäherung  an  England  wären
wünschenswert,  jedoch  nicht  aus  Herzensbedürfnis,  sondern  aus  politischen
Gründen  im  Interesse  der  Friedenshaltung  und  ruhigen  Entwicklung  der
Verhältnisse  auf  dem  Balkan.

2.  März.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Regierungsprogramm
  und  Slaven.

In  der  ersten  Lesung  des  Budgets  betonte  Ministerpräsident
Freiherr  v.  Bienerth  zunächst  die  dringende  Notwendigkeit,  die  staatliche
Finanzgebarung  auf  die  Grundlage  eines  endgültigen  Votanschlages  zu
stellen.  Hinsichtlich  der  Absichten  und  der  Ziele  der  Regierung  für  die
nächste  Zukunft  betonte  der  Ministerpräsident,  die  Regierung  werde,  festhaltend
  an  den  wiederholt  dargelegten  Grundsätzen,  weiterhin  angelegentlich
bemüht  sein,  die  nationalen  Gegensätze  abzuschwächen  durch  positive
gesetzgeberische  Maßnahmen  sowie  durch  eine  unparteiische,  die  berechtigten
Ansprüche  aller  Volksstämme  achtende  und  jedem  einseitigen  Parteieinfluß
entzogene  Verwaltung.  Sie  werde  ihr  Bestes  tun,  um  die  freundlicheren
Aussichten  zu  erhalten  und  vermehren,  die  sich  in  dem  nationalen
Widerstreite  in  Böhmen  gezeigt  hätten,  wo  sachliche  Gesichtspunkte  in
den  Vordergrund  zu  treten  begännen,  und  sie  erachte  auch  den  mit  seltener
Einmütigkeit  eingesetzten  nationalen  Ausschuß  des  Abgeordnetenhauses  für
geeignet,  durch  nutzbringende  Verwertung  des  ihm  vorliegenden  reichlichen
Arbeitsmaterials  und  insbesondere  der  keineswegs  unabänderlichen  nationalen
Regierungsvorlagen  die  Voraussetzungen  für  eine  dauernde  und  ungestörte
Tätigkeit  in  den  parlamentarischen  Körperschaften  zu  schaffen.  In  Bezug
auf  die  organisatorischen  Aufgaben  des  Hauses  wies  der  Ministerpräsident
hin  auf  das  Problem  der  Alters=  und  Invaliditätsversicherung
sowie  auf  die  Notwendigkeit,  die  Budgetkrise  durch  Vermehrung  der  Einnahmen
  und  durch  Ersparungen  dauernd  zu  beseitigen.  Insbesondere
werde  eine  entsprechende  Umgestaltung  der  Staatsbahnverwaltung  durchgeführt
  werden  müssen.  Hierbei  behalte  sich  die  Regierung  vor,  auf  die
wiederholt  aufgetauchte  Idee  der  Einsetzung  einer  kaiserlichen  Kommission
zurückzukommen.  Der  Ministerpräsident  hob  weiter  die  Vorlage  über  die
italienische  Rechtsfakultät  hervor,  durch  die  ein  unerquicklicher  Schwebezustand
  beseitigt  werden  solle,  ferner  die  Vorlage  über  den  dalmatinischen
und  südamerikanischen  Schiffahrtsdienst,  sowie  die  Notwendigkeit  der
        <pb n="467" />
        Hie  St#rreichischungerische  Monarchie.  (März  4.)  459

Schaffung  einer  endgültigen  neuen  Geschäftsordnung.  Für  die  Bewältigung
einer  derartigen  Fülle  von  Arbeiten  sei  die  Aufstellung  eines  in  sich  geschlossenen
  Arbeitsprogramms,  die  Schaffung  des  Beharrungszustandes
in  nationalen  Fragen  und  der  von  einer  festgefügten  Mehrheit  bekundete
Wille  zur  Arbeit  unbedingt  notwendig,  womit  die  sicherste  Bürgschaft  für
eine  bessere  Zukunft  geschaffen  werden  würde.  Der  Ministerpräsident  schloß
mit  der  Versicherung,  daß  das  Haus  bei  allen  auf  positive  Arbeit  gerichteten
Bestrebungen  auf  die  wärmste  Unterstützung  der  Regierung  zählen  könne,
die  keinen  anderen  Wunsch  habe,  als  daß  das  österreichische  Bolkshaus  zu  einer
Stätte  werde,  die  die  Vertreter  aller  Völker  zu  gemeinsamer  Arbeit  vereinige
  zum  Wohle  und  Gedeihen  des  Staates.

Abg.  Dr.  Kramarz  (Jungtscheche)  erklärte:  Die  parlamentarische
Kommission  der  Slavischen  Union  hat  mich  beauftragt,  hier  zu  erklären,
daß  sie  keinen  Grund  findet,  ihre  Stellung  zur  Regierung  zu  ändern,  weil
sich  das  System  der  Regierung  nicht  geändert  hat.  Auch  die  heutigen  Erklärungen
  des  Ministerpräsidenten  für  die  Zukunft  hätten  keine  Ausblicke
eröffnet,  die  auf  die  Stellung  der  Slavischen  Union  zur  Regierung  einwirken
  würden.  Die  Vorlage  der  Regierung  über  den  Sprachengebrauch
sehe  er,  Redner,  als  die  größte  Störung  der  Möglichkeit  einer  friedlichen
Auseinandersetzung  an,  da  seine  Partei  nicht  imstande  sei,  diese  Vorlage
als  Grundlage  der  Verhandlungen  anzunehmen.  Das  bedeute  aber  durchaus
nicht,  daß  die  Tschechen  einer  nationalen  Auseinandersetzung  aus  dem  Wege
gehen  wollten.  Bei  den  Verhandlungen  über  die  Möglichkeit  einer  Landtagssession
  in  Böhmen  wäre  beiderseits,  und  namentlich  in  tschechischen
Kreisen,  der  ernste  Wille  vorhanden  gewesen,  über  das  Problem  des  nationalen
  Streites  zu  verhandeln.  Was  habe  aber  die  Regierung  getan?  Sie
habe  den  bisherigen  deutschen  Landsmannminister  Dr.  Schreiner  nach
Böhmen  geschickt  (Heiterkeit),  was  sicher  nicht  das  allerbeste  Mittel  gewesen
sei,  die  Arbeitsfähigkeit  des  Landtages  zu  fördern.  Redner  verwahrt  sich
gegen  die  in  seinen  Patriotismus  gesetzten  Zweifel  und  gegen  die  an  seiner
Petersburger  Rede  geübte  Kritik  und  erklärte,  die  Tschechen  seien  bereit,
mit  den  Deutschen  ernstlich  zu  verhandeln.  Die  Deutschen  würden  aber
von  ihnen  nie  etwas  erzwingen.  Oesterreich  dürfe  nicht  slavisch,  aber  auch
nicht  deutsch  sein.  Die  slavischen  Völker  seien  nicht  dazu  da,  als  „Wacht
am  Rhein“  zu  stehen.  Die  Tschechen  seien  bereit,  dieses  Staatswesen,
wenn  es  nicht  eine  wahnsinnige  deutsche  und  magyarische  Politik
mache,  mit  allen  ihren  Kräften  zu  unterstützen,  aber  auch  nur  dieses  Staatswesen
  und  nicht  fremde  Interessen.  Nur  der  unerhörten  österreichischen
Politik  gegenüber  den  Südslaven  sei  es  zuzuschreiben,  daß  die  Annexion
Bosniens  zu  einer  Kriegsgefahr  wurde.  Hoffentlich  werde  es  der  Slavischen
  Union  gelingen,  dem  gegenwärtigen  Regierungssystem  ein  Ende
zu  machen.

Abg.  Stölzel  bekämpfte  die  Ausführungen  des  Abg.  Kramarz  und
bemerkte,  der  von  Kramarz  als  Kulturidee  verfolgte  Neoslavismus  laufe
in  Wirklichkeit  auf  den  Panslavismus  hinaus.  Die  Deutschen  Oesterreichs
hätten  vom  deutschen  und  staatlichen  Standpunkt  zu  besorgen,  daß  sie  vom
Panslavismus  umklammert  würden.  Der  tue  Unrecht,  der  gegen  das
Bündnis  streite,  das  durch  mehr  als  30  Jahre  nicht  nur  Böhmen,  sondern
Europa  den  Frieden  bewahrt  habe.

4.  März.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Debatte
über  die  Elbschiffahrtsabgaben.

Abg.  Smrcek  beantragt:  Die  Regierung  wird  aufgefordert,  mit
allem  Nachdruck  dahin  zu  wirken,  daß  unter  keiner  Bedingung  die  Auf-
        <pb n="468" />
        460  IEXIITIIIIIIII

lassung  der  freien,  durch  internationale  Verträge  verbürgten  Elbschiffahrt
zugelassen  und  unter  keinem  Vorwande  die  Erhebung  von  Abgaben  auf
der  Elbe  gebilligt  werde,  deren  Einführung  Deutschland  zum  Schaden  des
Handels,  der  Industrie  und  der  Landwirtschaft  Oesterreichs  plant.
Handelsminister  Weiskirchner:  Es  handelt  sich  dabei  um  eine
wirtschaftliche  und  verkehrspolitische  Angelegenheit  allerersten  Ranges.  Die
Zukunft  unseres  bedeutungsvollsten  Industriegebietes  in  Nordböhmen  kommt
ins  Spiel.  Gleiche  Interessen  wie  die  Industrie  hat  auch  die  Landwirtschaft
  an  der  Freiheit  des  Elbeweges.  (Zustimmung.)  Auch  ihr  dient  der
Strom  als  billige  Zufahrtsstraße  und  gewährt  ihr  andererseits  eine  Erleichterung
  des  Absatzes  ihrer  Erzeugnisse.  Die  Regierung  hat  jede  Phase
der  im  Deutschen  Reiche  um  die  Schiffahrtsabgaben  geführten  Kämpfe  verfolgt
  und  keinen  Anlaß  vorübergehen  lassen,  um  —  soweit  überhaupt
möglich  —  über  unsere  rein  sachliche  Gegnerschaft  keinen  Zweifel  aufkommen
  zu  lassen.  Ich  möchte  nur  in  Parenthese  bemerken,  daß  es  sich
hier  um  keine  politische,  sondern  um  eine  rein  wirtschaftliche  Angelegenheit
handelt.  (Zustimmung.)  Der  Minister  verwies  auf  seine  Interpellationsbeantwortung
  im  Vorjahre,  sowie  auf  die  vom  Statthalter  von  Niederösterreich
  in  dieser  Frage  abgegebene  Erklärung  und  führte  aus:  Ich  muß
mit  aller  Entschiedenheit  erklären,  daß  seitens  der  deutschen  Regierung  in
dieser  Frage  überhaupt  noch  nicht  an  Oesterreich  herangetreten  wurde.
(Hört!  Hört!)  Es  haben  daher  weder  öffentliche  noch  geheime  Vorverhandlungen
  stattgefunden.  Ich  weiß  auch  gar  nichts  von  beabsichtigten  Vorverhandlungen,
  bezüglich  deren  einige  Blätter  schon  Düsseldorf  als  Zusammenkunftsort
  bezeichnet  haben.  Ich  kann  natürlich  keinen  Vertragskontrahenten
  hindern,  daß  er  intern  erwäge,  ob  eine  Aenderung  des  Vertrages
  ihm  zweckmäßig  erscheine,  aber  aus  der  Tatsache,  daß  Preußen  beie
den  anderen  Bundesstaaten  eine  Abänderung  der  Reichsverfassung  zu  erreichen
  sucht,  schließen  zu  wollen,  daß  geheime  Abmachungen  bestehen,  und
daß  Preußen  das  nicht  tun  würde,  wenn  nicht  schon  Holland  oder  Oesterreich
im  geheimen  Ja  gesagt  hätten  —  gegen  einen  solchen  Versuch  muß  ich  mich
auf  das  entschiedenste  verwahren.  (Beifall.)  Die  österreichische  Regierung
hat  in  dieser  Angelegenheit  stets  offen  und  ehrlich  ihre  Meinung  bekannt
nicht  nur  in  diesem  Hause,  sondern  auch  in  der  breiten  Oeffentlichkeit.

10.  März.  (Wien.)  Bürgermeister  Dr.  Karl  Lueger  f  im
66.  Lebensjahr.
10.  März.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.

Der  Antrag  zugunsten  der  Anleihevorlage  die  Tagesordnung  umzustellen,
  wird  mit  9  Stimmen  Mehrheit  abgelehnt.  Gegen  die  Regierung
stimmten  geschlossen  die  slavische  Union,  Sozialdemokraten  und  die  Ruthenen.

11.  März.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.

Es  kommt  zu  einem  Skandal,  weil  der  deutschradikale  Abg.  Malik
dem  Präsidenten  Pattai  mitteilt,  daß  der  sozialdemokratische  Abg.  Permerstorfer
  seinen  Nachbarn  gesagt  habe,  er  pfeife  auf  die  Hohenzollern  und
pfeise  auf  die  Habsburger.

15.  März.  (Ungarn.)  Der  König  genehmigt  die  Auflösung
des  ungarischen  Parlaments  zum  22.  März.

16.  März.  (Wien.)  Der  Historiker  und  Politiker  Freiherr
Joseph  Alexander  v.  Helfert  f##im  90.  Lebensjahre.
        <pb n="469" />
        Die  ãsterreitisq  ·  nngarishe  Menarhie.  (Mãrʒ  21.  -  April  18.)  461

21.  März.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Skandalszenen.

Die  Mitglieder  der  Justh=  und  Kossuthpartei  stürmten  plötzlich  wie
auf  Kommando  auf  den  Ministerpräsidenten  Grafen  Khuen  los,  gegen
den  vorher  Bücher  und  Tintenfässer  geschleudert  worden  waren.  Alle
Minister  schaarten  sich  um  den  Ministerpräsidenten,  konnten  jedoch  dem
Andrang  der  Menge  nicht  standhalten.  Mehrere  Abgeordnete  wie  Zacharias,
Zboray,  Pozsgay  und  Endrey  bearbeiteten  den  Grafen  mit  Büchern,
Tafeln  2c.,  so  daß  das  Gesicht  des  Grafen  Khuen  blutig  geschlagen  wurde,
während  außerdem  ununterbrochen  allerlei  Wurfgeschosse  gegen  seinen  Kopf
slogen.  Ackerbauminister  Graf  Serenyi  warf  sich  plötzlich  vor  Khuen  und
erhielt  gleichfalls  mehrere  Wunden  im  Gesicht.  Unter  ungeheurer  Aufregung
  suspendierte  der  Präsident  die  Sitzung.  —  Die  Sozialisten  veranstalten
  in  Budapest  abends  Straßendemonstrationen,  bei  denen  Raketen
mit  Petarden  geworfen  und  mehrere  Personen  schwer  verwundet  wurden.

22.  März.  (Ungarn.)  Auflösung  des  Reichstags.

Die  Thronrede  erklärt,  daß  die  Tätigkeit  des  Reichstags  nach  vierjähriger
  Dauer  sowie  das  notwendige  harmonische  Zusammenwirken  der
verfassungsmäßigen  Faktoren  ins  Stocken  geraten  sei.  In  dieser  für  das
Land  schädlichen  Lage  sei  beschlossen  worden,  den  Reichstag  vor  Ablauf
seines  Mandates  aufzulösen.  Die  Thronrede  gibt  der  Hoffnung  Ausdruck,
daß  das  Einverständnis  und  das  gegenseitige  Vertrauen  zwischen  dem
König  und  der  Nation  den  ungestörten  Gang  des  verfassungsmäßigen  Lebens
sichern  werde.

31.  März.  (Krain.)  Gegen  die  Schulen  des  deutschen
Schulvereins.

Der  klerikale  Landesschulrat  verfügte  die  Schließung  von  drei  neu
errichteten  Filialschulen  in  dem  gemischtsprachigen  Bezirke  von  Tschernembl,
da  das  Reichsvolksschulgesetz  „Exposituren“  (Filialklassen)  von  Privatvolksschulen
  nicht  kennt.  Der  Landesschulrat  verfügte,  daß  einer  Beschwerde
gegen  seine  Verfügung  an  das  Reichsgericht  keine  aufschiebende  Wirkung
zukomme,  und  daß  daher  die  Exposituren  sofort  zu  schließen  seien.

2.  April.  (Agram.)  Der  oberste  Gerichtshof  hebt  das  Urteil
im  Hochverratsprozeß  (s.  3.  März  1909)  wieder  auf.

Die  beiden  zu  12  Jahren  verurteilten  Hauptbeschuldigten  Adam  und
Valerian  Prebitschewitsch  werden  demnach  auf  freien  Fuß  gesetzt.

15.  April.  (Wien.)  Theodor  Roosevelt  wird  vom  Kaiser  in
Privataudienz  empfangen.

16.  April.  (Wien.)  Der  päpstliche  Nuntius  hat  mit  Roosevelt,
  den  er  im  Hotel  aufsucht,  eine  #stündige  Unterredung  über
die  Vorgänge  in  Rom.  (S.  Römische  Kurie,  4.  April.)

Mitte  April.  (Prag.)  Zur  Sprachenfrage.

Der  Gemeinderat  beschließt,  die  Veröffentlichungen  des  Prager
Statistischen  Amts  nicht  mehr  in  deutscher,  sondern  nur  noch  in  tschechischer
und  französischer  Ausgabe  erscheinen  zu  lassen.

18.  April.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.

Z  Der  Budgetausschuß  beschloß  mit  25  gegen  21  Stimmen  gemäß
einem  Antrag  Steinwender,  die  Regierung  zu  ermächtigen,  zur  Deckung
        <pb n="470" />
        462  Die  Fterreichisch  ungerische  Menarchie.  (April  20.—  Mai  17.)

der  außerordentlichen  Militärausgaben  eine  Anleihe  von  220  Millionen  statt
der  von  der  Regierung  beantragten  182  Millionen  aufzunehmen.

20.  April.  (Cisleithanien.)  Zündholzmonopol.

Der  Ministerpräsident  lud  alle  Klubobmänner  des  Abgeordnetenhauses
  zu  einer  Besprechung  über  die  Frage  des  Zündholzmonopols  ein
und  erhielt  die  Zusage  der  Führer  der  Mehrheitsparteien,  daß  sie  für  das
Monopol  unter  eigener  Regie  des  Staates  seien.

20.  April.  (Böhmen.)  Los-von-Rom-Bewegung.

Eine  in  Johannesberg  bei  Gablonz  abgehaltene  Volksversammlung
sprach  sich  für  die  Wiederaufnahme  der  Los-von-Rom-Bewegung  in  Nordböhmen
  aus  und  bestimmte  den  15.  Mai  als  Tag  des  Massenaustritts.

22.  April.  (Wien.)  Vizebürgermeister  Dr.  Neumayer  wird

mit  129  Stimmen  zum  Bürgermeister  gewählt.
11  Stimmen  erhielt  der  Liberale  Dr.  Dorn  und  5  Stimmen  der
Sozialdemokrat  Reumann.

22.  April.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Rüstungsanleihe.



In  der  Anleihedebatte  rechtfertigte  Landesverteidigungsminister
Georgi  die  Notwendigkeit  der  seinerzeitigen  Rüstungsauslagen.  Niemand
könne  leugnen,  daß  in  Anbetracht  der  damals  so  kritischen  Konstellationen
bei  dem  eventuellen  Ausbruch  eines  Krieges  ein  Eingreifen  neuer  und  viel
mächtigerer  Gegner  nicht  ausgeschlossen  schien.  Der  Krieg  wurde  vermieden,
weil  unser  maßgebendster  Faktor  keinen  Krieg  haben  wollte  und  wir  uns
Frieden  durch  unser  achtunggebietendes  Auftreten  mit  der  Hand  am  Schwerte
erzwungen  haben.

Das  Haus  nimmt  in  zweiter  Lesung  die  Anleihe  mit  allen  Stimmen
gegen  die  der  slavischen  Union,  Sozialdemokraten  und  Ruthenen  an.

W6.  April.  (Cisleithanien.)  Auf  Antrag  der  Tschechen  beschließt
  der  Budgetausschuß  des  Reichsrats,  daß  als  Beamte  des
Reichsrats  nur  Personen  angestellt  werden  können,  die  außer  dem
Deutschen  noch  eine  zweite  Landessprache  beherrschen.

6.  Mai.  (Cisleithanien.)  Los-von-Rom-Bewegung.

Vor  dem  Parlamentsgebäude  demonstrierten  mehrere  hundert  katholische,
  geschiedene  Männer  und  Frauen  für  die  Aufhebung  der  Bestimmung
im  Bürgerlichen  Gesetzbuch,  die  den  katholisch  Geschiedenen  die  Wiederverheiratung

  verbietet.  Der  Sprecher  ihrer  Deputation  droht  mit  der  Losvon--Rom-Bewegung,
  wenn  ihnen  nicht  nachgegeben  würde.

14.  Mai.  (Wien.)  Vor  dem  Parlament  demonstrieren
200  italienische  Studenten  unter  Absingung  des  Danteliedes  für
die  Errichtung  einer  italienischen  Rechtsfakultät  in  Triest.

17.  Mai.  (Ungarn.)  Zur  Finanzlage.

Der  Staatskassenausweis  beziffert  die  gesamten  Einnahmen  für  1909
mit  22,2  Millionen  Kronen,  die  Ausgaben  mit  911.4  Millionen  höher  als
1908,  wodurch  sich  ein  Fehlbetrag  von  72,2  Millionen  ergibt,  welcher
Betrag  sich  durch  die  noch  nicht  verrechneten  Mobilisierungskosten  um  etwa
die  Hälfte  noch  erhöhen  dürfte.  Besondere  Ausfälle  zeigten  die  Konsumund
  Getränkesteuer  mit  4,2  Millionen,  die  staatlichen  Eisenwerke  mit  6,2
        <pb n="471" />
        Die  erreichisch-anseriseze  Menarc#ie.  (Mai  22.—31.)  463

Millionen.  Die  Staatsbahnen  erforderten  Mehrausgaben  25,2,  die  Kosten
für  den  Bedarf  der  Armee  43,5  Millionen.  Die  Mehreinnahmen  ergaben
Tabakgefälle  7,7  Millionen,  Eisenbahnen  12,7  Millionen,  Post  4,6  Millionen,
  Kohlenwerke  2,1  Millionen.

22.  Mai.  Aus  der  Wahlbewegung  in  Ungarn.

Ministerpräsident  Graf  Khuen-Hedervary  hielt  vor  der  Wählerschaft
  des  vierten  Budapester  Bezirks  eine  Programmrede,  in  der  er
sagte,  die  günstige  Stimmung,  mit  der  das  gegenwärtige  Kabinett  bei
seinem  Amtsantritt  in  weiten  Kreisen  ausgenommen  worden  sei,  könne  alsein
  Beweis  dafür  angesehen  werden,  daß  das  Land  einer  Politik  der
Mäßigung  und  der  friedlichen  Entwicklung  zuneige.  Das  Kabinett  genieße
das  Vertrauen,  daß  es  zu  der  bewährten  Tradition  der  dualistischen  Politik
zurückkehren  werde.  Diese  Politik  werde  überall  als  eine  Garantie  für  die
Grohmachtsstellung  der  Monarchie  anerkannt.  Die  Stellung  der  austroungarischen
  Monarchie  in  Europa  werde  demnächst  bedeutende  finanzielle
Opfer  für  diejenigen  militärischen  Zwecke  erfordern,  welche  schon  seit  längerer
Zeit  als  unerläßlich  bezeichnet  würden.  Die  Schlagfertigkeit  der  Armee  sei
das  oberste  Interesse  des  Vaterlandes,  für  ihre  Erhaltung  dürfe  man  kein
Opfer  scheuen;  es  sei  daher  nicht  angemessen,  die  Bewilligung  dieser  Kredite
an  gewisse  belanglose  Konzessionen  seitens  der  Krone  knüpfen  zu  wollen.
Er  verurteile  entschieden  die  Obstruktion,  welche  die  Revolution  zu  herabgesetzten
  Preisen  sei;  hoffentlich  werde  das  Land  in  imposanter  Weise  bei
den  Wahlen  seinem  Willen  Ausdruck  geben,  daß  die  gesetzgeberische  Tätigkeit
des  Abgeordnetenhauses  nicht  durch  die  Obstruktion  lahmgelegt  werde,  welche
dem  Geiste  des  Parlamentarismus  widerspreche.

28.  Mai.  (Wien.)  Oberleutnant  Hofrichter  wird  wegen
Meuchelmordes  (s.  15.  Nov.  1909)  zum  Tode  durch  den  Strang
verurteilt.  Er  hatte  seine  Schuld  gestanden.

30.  Mai.  (Bosnien).  Kaiser  Franz  Joseph  wird  bei  seiner
Reise  durch  Bosnien  enthusiastisch  empfangen.

31.  Mai.  (Wien.)  Der  deutsche  Nationalverband  sendet  an
die  russische  Duma  eine  Adresse  für  die  konstitutionelle  Freiheit

Finnlands.

Darin  heißt  es:  „Es  liegt  uns  fern,  uns  in  die  Angelegenheiten
Ihres  Landes  einmischen  zu  wollen,  aber  es  handelt  sich  um  den  Schutz
der  Völkerfreiheit,  die  alle  freiheitlichen  Menschen  berührt.  Das  Volk,  das
soeben  selbst  die  Verfassung  und  konstitutionelle  Vertretung  erhalten  hat,
wird  gewiß  die  Verfassung  und  Autonomie  eines  mit  ihm  verbundenen
lohalen  Volkes  aufrecht  erhalten  wollen.“

31.  Mai.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Finanzielle
Bedürfnisse.

Im  Finanzausschuß  macht  der  Finanzminister  Ritter  v.  Bilinski
Mitteilungen  über  die  voraussichtlichen  künftigen  Bedürfnisse  des  Staatshaushalts.
  Die  soziale  Versicherung  werde  80—90  Millionen  erfordern,
die  Verkürzung  der  Dienstzeit  infolge  der  Erhöhung  des  Rekrutenkontingents
eine  dauernde  Mehrausgabe  von  mindestens  90  Millionen  bedingen,  die  auf
4—5  Jahre  gestaffelt  werden  können,  daneben  bedentende  einmalige  Forderungen
  für  neue  Kasernen,  Uniformen  und  Vorräte  sowie  für  Vervollständigung
  der  Befestigungen.  Die  Flottenausgaben  werden  bedingt  teils
        <pb n="472" />
        464  Die  Serreichisch-ungerische  Mesarchie.  (Juni  1.—24.)

durch  den  Ersatz  der  abgebrauchten  Schiffe,  teils  durch  den  Bau  von  Dreadnoughts
  und  damit  zusammenhängenden  sonstigen  Schiffseinheiten.  Hierfür
werden  mehr  als  300  Millionen  erforderlich  sein,  die  allerdings  durch  Anleihen
  aufzubringen  sind  und  nicht  auf  eine  größere  Reihe  von  Jahren
verteilt  werden  können.  Bei  rechtzeitiger  Vorsorge  für  den  jetzigen  Fehlbetrag
  werde  das  Budget  genügend  elastisch  sein,  um  künftigen  Militärauslagen
  ohne  Einführung  neuer  Steuern  gerecht  werden  zu  können.

1.  Juni.  (Ungarn.)  Wahlen  zum  neuen  Reichstag.

Es  kommt  in  einigen  Städten  zu  Unruhen.  Das  Resultat  des  ersten
Tages  ist  für  die  Regierung  überraschend  günstig.  Von  313  gewählten
Abgeordneten  gehören  201  der  Regierungspartei,  14  der  Andrassyfraktion,
39  der  Kossuthpartei,  26  der  Justhpartei  und  7  der  klerikalen  Volkspartei
an.  Die  übrigen  verteilen  sich  auf  die  sonstigen  Fraktionen.

3.  Juni.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.

Der  Gesetzentwurf  über  das  Verbot  der  Frauennachtarbeit  in  industriellen
  Unternehmungen  gemäß  der  Berner  Konvention  wird  angenommen.

5.  Juni.  (Wien.)  Der  von  der  bosnischen  Reise  zurückgekehrte
  Kaiser  empfängt  den  türkischen  Thronfolger  in  besonderer
Audienz.

10.  Juni.  (Wien.)  Rosegger-Fonds.

Der  Präsident  des  deutschen  Schulvereins,  Dr.  Groß,  macht  bekannt,
daß  der  Rosegger-Fonds  fast  2½  Millionen  Kronen  erreicht  habe.

15.  Juni.  (Cisleithanien.)  Baron  Bienerth  erklärt,  daß
er  vom  deutschen  Nationalverbande  unbedingte  Gefolgschaft  in  der
Frage  der  italienischen  Rechtsfakultät  fordern  müsse,  widrigenfalls
er  die  Konsequenzen  ziehe.

15.  Juni.  (Bosnien.)  Attentat.

Als  der  Landeschef  General  Baron  Vareschanin  von  der  Eröffnung
des  Landtages  in  den  Konak  zurückkehrte,  feuerte  auf  der  Kaiserbrücke  ein
Attentäter  gegen  ihn  fünf  Revolverschüsse  ab,  ohne  ihn  zu  treffen.  Mit
dem  sechsten  Schuß  entleibte  sich  der  Attentäter  selbst.  Er  wird  als  der
24  jährige  Student  der  Rechte  Bogdan  Zerajitsch  von  der  Agramer  Universität,
aus  der  Herzegowina  gebürtig,  rekognosziert.  Als  Mitglied  des  „Slovenski
Ing“"  schrieb  er  für  das  anarchistische  Blatt  „Borba“  („Der  Kampf“).

15.  Juni.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.

In  namentlicher  Abstimmung  wird  das  Kapitel  „Dispositionsfonds“
mit  239  gegen  212  Stimmen  angenommen.  Die  anderen  Kapitel,  Hofstaat,
Kabinettskanzlei,  Reichsrat,  Reichsgericht  und  Verwaltungsgerichtshof  wurden
mit  überwiegender  Mehrheit  angenommen.

24.  Juni.  (Lemberg.)  Feier  der  Schlacht  von  Tannenberg.

Im  Gemeinderate  kommt  es  wegen  der  Beschränkung  des  500jährigen
Jubiläums  der  Schlacht  bei  Tannenberg  auf  eine  große  kirchliche  Feier  zu
stürmischen  Demonstrationen,  besonders  der  Galerien.  Die  Polen  wollen  diese
von  ihnen  sogenannte  Grunwald-Feier  (nach  dem  Oertchen  Grünfelde,  bei
dem  sich  das  Lager  des  Ordensheeres  1410  befand)  zu  einer  Haupt-  und
Staatsaktion  ausgestalten.
        <pb n="473" />
        Lie  Ssterreichisch-ungerische  Monarchie.  (Juni  24.—Juli  1.)  465

24.  Juni.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  nimmt
das  Budget  für  1910  in  dritter  Lesung  an.

25.  Juni.  (Ungarn.)  Der  König  eröffnet  den  Reichstag  in
der  Ofener  Königsburg  mit  einer  Thronrede.

„Unser  väterliches,  um  das  Schicksal  unserer  Völker  besorgtes  Herz
erfüllt  es  mit  Beruhigung,  wenn  wir  das  Ergebnis  der  jüngsten  Wahlen
betrachten.  Wir  erblicken  darin  eine  Gewähr  der  friedlichen  Fortentwickelung,
der  allgemeinen  Erstarkung  unseres  geliebten  Ungarn.  Die  erste  Aufgabe
der  Regierung  wird  sein,  behufs  Wiederherstellung  des  gesetzmäßigen  Zustandes
  auf  dem  Gebiete  des  Staatshaushalts-Etats  entsprechende  Vorlagen
zu  unterbreiten.“  Die  Thronrede  zählt  sodann  die  Reformen  in  den  verschiedenen
  Zweigen  der  Verwaltung  auf  und  betont  als  dringende  Notwendigkeit
  die  Regelung  der  Bankangelegenheit.  Die  Regierung  werde  Sorge
tragen,  daß  die  Frage  der  Barzahlungen  der  Bank  geregelt  werde.  Sodann
heißt  es:  „Die  dringendste,  unaufschiebbarste  Aufgabe  ist  die  Neuregelung
des  Wahlrechts.  Die  Regierung  wird  auf  Grund  des  allgemeinen  Wahlrechts
  einen  Gesetzentwurf  unterbreiten,  der  bei  voller  Wahrung  des  einheitlichen
  nationalen  Charakters  des  ungarischen  Staates  den  Ansprüchen
der  demokratischen  Entwicklung  entsprechen  wird.“  Weiter  sagt  die  Thronrede,
  daß  die  Entwicklung  der  Wehrmacht  erforderlich  ist,  und  zwar  in
dem  Maße  und  in  der  Richtung,  daß  die  zur  Wahrung  der  Sicherheit  und
Stellung  der  Monarchie  berufene  bewaffnete  Macht  in  der  Lage  ist,  ihrer
Aufgabe  unter  allen  Umständen  gerecht  zu  werden.  Dabei  solle  auf  die
finanzielle  Leistungsfähigkeit  des  Landes  entsprechende  Rücksicht  genommen
werden.  Schließlich  heißt  es:  „Mit  aufrichtiger  Genugtuung  weisen
wir  auf  das  unveränderte  Fortbestehen  unserer  bewährten  Bündnisse
und  auf  unsere  durchaus  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  allen  Mächten
hin.  Die  sich  stets  steigernde  Friedensliebe  der  europäischen  Staaten
Küllt  uns  mit  Vertrauen  auf  die  Beständigkeit  der  Segnungen  des

riedens.“

25.  Juni.  (Wien.)  Das  Kriegsgerichtsurteil  über  Oberleutnant
  Hofrichter  lautet  auf  Kassation  von  der  Offizierscharge
und  verschärften  schweren  Kerker  von  20  Jahren  (val.  28.  Maig).

29.  Juni.  (Wien.)  Christine  Hebbel,  geb.  Engehaus,  ehemalige
  Hofschauspielerin  und  Witwe  Friedrich  Hebbels,  f#im
93.  Lebensjahre.

1.  Juli.  (Lemberg.)  Kampf  zwischen  polnischen  und  ruthenischen
  Studenten  in  der  Universität.

Ueber  300  mit  dicken  Stöcken  versehene  ruthenische  Studenten  besetzen
  den  Saal  der  Universität  und  bekämpfen  die  sich  später  versammelnden
  polnischen  Studenten  mit  Prügeln  und  Revolverschüssen,  wobei  7  Akademiker
  und  3  Amtsdiener  erheblich  verwundet  wurden.  Der  Kampf  setzte
sich  auf  die  Straße  fort,  so  daß  die  Polizei  einschreiten  mußte.  Ein  vorübergehender
  Geistlicher  und  ein  Ruthene  erlagen  ihren  Wunden.  127  Ruthenen
wurden  verhaftet.

1.  Juli.  Das  Auswärtige  Amt  erklärt,  daß  der  in  Petersburg
  verhaftete  Baron  v.  Ungern-Sternberg  mit  dem  österreichischen

Militärattaché  Grafen  Spannochi  in  keiner  Verbindung  stand.
Europäischer  Geschichtskalender.  UI.  30
        <pb n="474" />
        466  Die  ãsterreiisq  ·  nngarishe  Menarqhie.  (Juli  5.—15.)

5.  Juli.  (Cisleithanien.)  Vertagung  des  Reichsrats  wegen
der  Obstruktion  der  Slovenen  und  des  Polenklubs  im  Budgetausschuß.



Die  Opposition  ist  zum  Teil  persönlich  an  dem  Bau  der  galizischen
Wasserstraßen  interessiert,  weil  sie  Aktien  der  österreichischen  Zementfabriken
ekauft  hatte,  und  will  den  Ministerpräsidenten  von  Bienerth  zwingen,
feine  ablehnende  Haltung  in  dieser  Frage  aufzugeben.

9.  Juli.  (Wien.)  Der  gerichtliche  Senat  des  Oberhofmarschallamts
  erklärt  auf  Antrag  des  Erzherzogs  Joseph  Ferdinand  den
seit  1890  verschollenen  Johann  Orth,  ehemaligen  Erzherzog  Johann

Salvator,  für  tot.

Da  ein  Originalbrief  vorgelegt  werden  kann,  der  beweist,  daß  Johann
Orth  im  Juli  1890  mit  seinem  Schiff  „Santa  Margarete“  die  Reise  von
Buenos  Aires  nach  Kap  Horn  angetreten  hat,  so  wird  angenommen,  daß
Johann  Orth  in  der  Nacht  vom  20.  auf  den  21.  Juli  1890  bei  Gelegenheit
eines  großen  und  unerwartet  hereinbrechenden  heftigen  Sturmes  mit  seiner
Gattin  und  der  gesamten  Schiffsmannschaft  zugrunde  gegangen  ist.  Das
hinterlassene  Vermögen  beträgt  jetzt  32  Millionen  Kronen.  Erbberechtigt
sind  außer  dem  Antragsteller  auch  Leopold  Wölfling  (früherer  Erzherzog
Leopold  Saloator)  und  3  Schwestern,  darunter  Frau  Toselli  (frühere  Kronprinzessin
  Luise  von  Sachsen).

12.  Juli.  (Böhmen.)  Los  von  Rom.

Nach  den  in  Röchlitz  und  Reichenberg  abgehaltenen  Protestversammlungen
  gegen  die  Enzyklika  traten  40  Katholiken  zum  Protestantismus  über.

13.  Juli.  (Ungarn.)  Borromäus-Enzyklika.

Im  Abgeordnetenhause  erklärte  auf  eine  Anfrage  des  Abg.  Thuroczy
(Regierungspartei)  über  die  Veröffentlichung  der  Borromäus-Enzyklika  durch
den  Erzbischof  Varosy  der  Ministerpräsident  Graf  Khuen-Hedervary,
die  Regierung  werde  sich  zunächst  amtliche  Kenntnis  der  tatsächlichen  Vorgänge
  verschaffen,  er  glaube  aber  schon  jetzt  sagen  zu  können,  daß  Vorsätzlichkeit
  ausgeschlossen  sei.  Auf  jeden  Fall  werde  die  Regierung  es  für  ihre
Pflicht  erachten,  eine  Störung  des  konfessionellen  Friedens  hintanzuhalten
und  im  Falle  des  Zuwiderhandelns  den  Frieden  wiederherzustellen.  Diese
Antwort  wurde  zur  Kenntnis  genommen.

15.  Juli.  (Rrakau.)  Polenfeier.

Die  Grunwaldfeier  zur  Erinnerung  an  die  Schlacht  bei  Tannenberg
  1410  nimmt  unter  Teilnahme  von  30000  Personen,  auch  einiger
Sokolvereine  aus  Preußen,  einen  glänzenden  Verlauf.  Das  von  Paderewsky
gestiftete  Jagello-Denkmal  wird  durch  Landmarschall  Badeni  enthüllt.  Er
sagt  u.  a.:  „Wir  wollen  heute  geloben,  auf  dem  klaren  Wege  der  alltäglichen,
  ausopfernden  und  mühsamen  Arbeit  weiterzuschreiten,  nicht  aber  auf
Irrwegen  dem  Wiederaufleben  der  Nation  entgegenstreben.  Nur  in  diesem
Teile  des  ehemaligen  Polen  ist  es  uns  möglich,  an  der  Entwicklung  unserer
Nation  zu  arbeiten,  und  desto  eifriger  müssen  wir  die  Pflichten,  welche  uns
die  Geschichte  und  die  Tradition  auferlegen,  erfüllen.“"  Bei  dem  Bankett
sprachen  37  Redner,  darunter  Engländer,  Russen,  Slovenen,  Tschechen  und
Franzosen.  Der  deutsche  Reichstagsabgeordnete  Korfanty  sagte:
„Vor  500  Jahren  besiegten  uns  unsere  Feinde.  Nach  500  Jahren  ist  dieser
Feind  abermals  bestrebt,  unserem  Volk  den  Boden  und  die  Seele  zu  nehmen.
        <pb n="475" />
        Die  ãsterreitisch·nugarishe  Menarqie.  (Juli  21.)  467

Angesichts  der  erhebenden  Tage,  die  von  der  polnischen  Nation  jetzt  in  Krakau
gefeiert  werden,  sind  wir  aber  gewiß,  daß  ihm  dies  nicht  gelingen  wird."“
Der  Redakteur  Brenczaninow  der  Petersburger  „Retsch“  und  mehrere  freisinnige
  russische  Dumaabgeordnete  forderten,  daß  das  gegenwärtige
Verhältnis  zwischen  Russen  und  Polen  gebessert  werde.  Polen  und  Russen
sollten  deshalb  viele  Blätter  ihrer  Geschichte  zerreißen  und  vergessen.  Die
Politik  der  gegenwärtigen  Duma  und  der  gegenwärtigen  russischen  Regierung
finde  nicht  den  Beifall  der  überwiegenden  Mehrheit  des  freisinnig  gesinnten
russischen  Bolkes.  Dagegen  erklärte  ein  polnischer  sozialdemokratischer
Redakteur,  Polen  könne  nicht  früher  aufatmen,  als  bis  es  ganz  von  Rußland
losgerissen  sein  werde.  Mehrere  russische  Dumaabgeordnete  freisinniger  Gesinnung
  beeilten  sich  nach  dieser  Rede  sofort,  einen  offenen  Brief  an  die
Presse  zu  richten,  worin  sie  erklären,  daß  sie  die  Rede  des  polnischen
Sozialdemokraten  entschieden  mißbilligen;  die  freisinnigen  Russen  wollten
Polen  wohl  eine  Autonomie  gewähren,  gegen  eine  Losreißung  der  zu  Rußland
gehörigen  Landesteile  aber  müßten  sie  entschieden  Front  machen.

21.  Juli.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Am  Schluß  der
Adreßdebatte  verteidigt  Ministerpräsident  Graf  Khuen-Hedervary
die  Adresse  gegen  die  Angriffe  der  Opposition.

Der  Ministerpräsident  bemerkte  gegenüber  dem  Vorwurfs,  eine  Politik
der  Entsagung  zu  betreiben  und  ein  Einvernehmen  zwischen  Krone  und
Nation  durch  Verzicht  auf  alle  nationalen  Bestrebungen  herzustellen,  daß
die  Grundlage  dieses  Einvernehmens  die  aufrichtige  und  rückhaltlose  Anerkennung
  des  Ausgleichsgesetzes  sei,  während  die  Kossuthpartei,  als  sie  an
der  Spitze  der  Regierung  gewesen  sei,  sich  nur  mit  allerlei  Vorbehalten
zum  Dualismus  bequemt  habe.  Die  Regierungspartei  habe  niemals  den
Wählern  eine  Zusicherung  bezüglich  irgendwelcher  nationaler  Errungenschaften
  gemacht.  Auf  eine  Bemerkung,  daß  die  gegenwärtige  Regierungspartei
  nur  die  wiedererstandene  frühere  liberale  Partei  sei,  erwiderte  der
Ministerpräsident,  dies  sei  eher  ein  Lob  als  ein  Tadel.  Die  Regelung  der
Bankfrage,  erklärte  der  Ministerpräsident  weiter,  verfolge  den  Zweck,  dem
öffentlichen  Kredit  zu  dienen.  Die  gemeinsame  Notenbank  habe  sich  in
schwierigen  Zeiten  sehr  bewährt.  Es  sei  ein  charakteristischer  Fingerzeig,
daß  das  Ausland,  als  die  Fortdauer  der  Bankgemeinschaft  zweifelhaft  gewesen
  sei,  gegen  Ungarn  mißtrauisch  geworden  sei  und  dessen  beste  Papiere
zurückgeschickt  habe;  das  Vertrauen  in  den  Kredit  Ungarns  habe  sich  aber
merklich  erhöht,  als  die  Unsicherheit  bezüglich  der  Bankgemeinsamkeit  aufhörte.
  Da  habe  das  Ausland  die  früher  zu  billigem  Kurse  zurückgesandten
Papiere  zu  höherem  Kurse  zurückerworben.  —  Was  die  Erhöhung  der
Armeelasten  betreffe,  so  müsse  Ungarn  seine  Wehrmacht  im  Verhältnis  zu
der  der  anderen  Großmächte  entwickeln.  Das  ganze  Land,  das  ganze  Abgeordnetenhaus
  und  die  Presse  blickten  mit  Stolz  und  Befriedigung  auf
jene  ernste  Stunde  zurück,  in  der  Ungarn  durch  die  Schlagfertigkeit  seiner
Armee  zuverlässig  dem  Kampf  hätte  entgegengehen  können,  mit  dem  es  die
Verwicklung  anläßlich  der  Annexion  bedroht  habe.  Ueber  die  Wahlreform
sagte  der  Ministerpräsident,  er  selbst  vertrete  eine  sehr  liberale  Auffassung
und  halte  eine  weitergehende  Lösung  für  das  Land  nicht  für  gefährlich.
Andererseits  müsse  man  auch  jener  gutgläubigen  pessimistischen  Auffassung
Rechnung  tragen,  die  üble  Folgen  von  einer  zu  ausgedehnten  Wahlreform
befürchte.  Man  müsse  jetzt  einen  größeren  Schritt  machen,  da  man  versäumt
  habe,  von  Stufe  zu  Stufe  fortzuschreiten.  Er  hosse,  daß  die  Lösung
der  Wahlreform  durch  Ausgleichung  der  einander  entgegenstehenden  An-30“
        <pb n="476" />
        468  Tie  Serreichisch-ungerische  Monarchie.  (Juli  25.—August  18.)

sichten  erfolgen  werde.  Zu  den  Beschwerden  über  Wahlmißbräuche  bemerkte
der  Ministerpräsident,  die  geschlagene  Partei  sollte  Einkehr  halten  und  zugeben,
  daß  die  öffentliche  Meinung  sich  von  ihr  abgewendet  habe,  so  wie
er  selbst  bescheiden  eingestehe,  daß  der  Sieg  der  Regierungspartei  nicht  so
sehr  der  Begeisterung  für  sein  Programm  zu  danken,  sondern  auf  die  große
Unzufriedenheit  und  Enttäuschung  zurückzuführen  sei,  die  das  Koalitionsregime
  erweckt  habe.  (Stürmischer  Beifall.)

25.  Juli.  (Böhmen.)  Ein  in  Zwodau  abgehaltener  deutscher
Volkstag  beschließt  einmütig,  mit  allen  Mitteln  den  deutschen
Charakter  des  Egerlandes  aufrecht  zu  erhalten.

26.  Juli.  Abschluß  des  österreichisch-serbischen  Handelsvertrages.

27.  Juli.  (Marienbad.)  Zusammenkunft  des  Grafen
Ahrenthal  mit  dem  Staatssekretär  des  Deutschen  Reichs  v.  Kiderlen-Wächter.



Das  „Fremdenblatt"  schreibt  dazu  u.  a.:  „Die  allgemeine  politische
Lage  hat  sich  in  erfreulicher  Weise  geklärt  und  beruhigt,  und  namentlich
Deutschlands  Beziehungen  zu  den  Weststaaten  sind  in  der  günstigsten  Entwicklung,
  von  der  soeben  erst  die  bedeutsame  Rede  des  Ministerpräsidenten
Asquith  über  die  Flottenrüstungen  Zeugnis  gegeben  hat.  Ein  günstiges
Prognostikon  darf  man  auch  für  die  Balkansituation  stellen,  und  die  gemeinsame
  Auffassung  der  deutschen  und  der  österreichisch-ungarischen  Politik,
welche  zu  Ende  des  vorigen  Sommers  bei  Herrn  v.  Bethmann  Hollwegs
Antrittsbesuch  in  Wien  festgestellt  wurde,  hat  keine  Veränderung  erfahren
weder  bezüglich  der  Türkei  noch  bezüglich  Kretas.  Es  liegt  demnach  für
die  verbündeten  Kaisermächte  kein  Grund  zu  einer  neuerlichen  Stellungnahme
  vor.  Die  Lage  in  der  Türkei  ist  allerdings  nicht  frei  von  Schwierigkeiten.
  Das  Werk  der  inneren  Konsolidierung  setzt  sich  aber  ungeachtet
solcher  Schwierigkeiten,  wie  sie  sich  einerseits  neuerdings  in  Albanien  und
Makedonien  durch  Nationalitätenfragen,  andererseits  durch  einen  bisweilen
zu  stark  betonten  türkischen  Nationalismus  ergaben,  doch  stetig  durch.
Oesterreich-Ungarn  und  das  Deutsche  Reich  verfolgen  diese  Entwicklung  mit
vollen  Sympathien  für  den  türkischen  Verfassungsstaat.“

28.  Juli.  (Nieder-Osterreich.)  Die  tschechische  Gemeindevertretung
  Themenau  wird  wegen  deutsch-feindlicher  Ausschreitungen
aufgelöst  und  durch  einen  Regierungskommissar  ersetzt.

2.  August.  (Böhmen.)  In  Tannwald  bei  Gablonz  werden
mehrere  Deutsche  aus  Nationalhaß  von  Tschechen  überfallen  und
durch  Messerstiche  schwer  verletzt.

8.  August.  (Krakau.)  Attentat.

Ein  Mann,  namens  Trubnowski,  erschießt  auf  offener  Straße  den
Beamten  des  polnischen  Schulvereins  Rybak,  weil  durch  diesen  russischen
Spion  und  agent  provocateur  viele  Unschuldige  nach  Sibirien  gekommen
seien.  Der  Mörder  gibt  an,  im  Auftrage  der  polnischen  Arbeiterpartei
gehandelt  zu  haben.

18.  August.  Kaiser  Franz  Joseph  wird  80  Jahre  alt.

Er  begnadigt  20  wegen  politischer  Aufreizung  und  Majestätsbeleidigungen
  verurteilte  Personen.
        <pb n="477" />
        Bie  Merreichisch-unsarische  Menarchie.  (August  20.—  September  13.)  469

20.  August.  (Triest.)  Vier  italienische  Jugendvereine  werden
aufgelöst,  weil  sie  unter  dem  Deckmantel  des  Sports  eine  hochverräterische
  Tätigkeit  entfaltet  hatten.

20.  August.  (Cisleithanien.)  Fleischnot.

Der  Ministerrat  beschließt,  zur  Linderung  der  Fleischnot  die  Einfuhr
  von  lebenden  Rindern  aus  Italien,  Holland  und  Frankreich  zu
gestatten.

23.  August.  (Ischl.)  Enthüllung  eines  Standbildes  des
Kaisers  Franz  Joseph  als  Weidmann.

31.  August.  (Salzburg.)  Besprechung  des  Grafen  Ahrenthal
mit  dem  italienischen  Minister  des  Auswärtigen  Marchese  di  San

Giuliano.

Als  Ergebnis  wird  von  Wien  aus  mitgeteilt:  In  Angelegenheit
der  Verhütung  von  Grenzzwischen  fällen  ist  festgesetzt,  daß  Italien  eine
aus  Vertretern  politischer  und  militärischer  Ressorts  zusammengesetzte  Kommission
  nach  Wien  sendet,  die  im  Oktober  zusammentritt  und  ein  gleichlautendes
  Reglement  ausarbeitet  für  die  den  Grenzsicherungs=  und  Ueberwachungsdienst
  versehenden  Organe  und  eine  besondere  Instruktion  für  die
an  der  Grenze  stehenden  Truppen.

1.  September.  (Ischl.)  Der  Kaiser  empfängt  Marchese  di
San  Ginliano.

Das  „k.  k.  Telegr.  Korr.-Bur.“  veröffentlicht  ein  Communiqué,  wonach
  Oesterreich  und  Italien  „von  dem  neuen  Regime  in  der  Türkei  eine
Konsolidierung  dieser  letzteren  erhoffen  und  auch  weiterhin  dos  Gedeihen
der  Balkanstaaten  mit  ihren  Sympathien  begleiten“.

9.—  13.  September.  (Innsbruck.)  Allgemeiner  österreichischer

Katholikentag.

Außer  einigen  Welschtirolern  sind  nur  Deutsche  vertreten.  Der
Fürsterzbischof  v.  Salzburg  Dr.  Katschthaler  beklagt  in  seinem  Hirtenbriefe,
daß  es  infolge  der  Los-von-Rom-Bewegung  im  ersten  Halbjahr  1910  schon
200  „Apostasien“  (gegen  154  i.  V.)  gegeben  habe.

11.  September.  (Wien.)  Eine  Tagung  alldeutscher  Hochschüler
drückt  durch  eine  Depesche  an  den  deutschen  Botschafter  dem  deutschen
Kronprinzen  ihre  Verehrung  aus:

„Mit  aufrichtiger  Begeisterung  lasen  wir  die  Königsberger  deutschnationalen
  Mahnworte  des  Kronprinzen  an  die  Professoren,  die  ebenso

wahr  als  berechtigt  sind  und  auch  in  unserer  Heimat  Beherzigung  finden
mögen!“

13.  September.  Die  Regierung  sendet  eine  Kommission  nach
Argentinien,  um  die  Möglichkeit  der  Einfuhr  frischen  Fleisches  zu
prüfen.

13.  September.  (Ungarn.)  Das  Projekt  einer  Anleihe  von
560  Millionen  Kronen  in  Paris  scheitert  an  den  aus  politischen
Gründen  übertriebenen  Forderungen.
        <pb n="478" />
        470  Jue  Mereeichisch-ungarische  Menarchie.  (September  13.—30.)

13.  September.  (Innsbruck.)  Als  Gegenkundgebung  gegen
den  Katholikentag  findet  eine  von  1000  Personen  besuchte  Volksversammlung
  statt.

Sie  legt  Verwahrung  ein  gegen  den  Mißbrauch  der  Religion  zu
politischen  Zwecken  und  verlangt  Trennung  von  Staat  und  Kirche,  Freiheit
der  Wissenschaft  und  Befreiung  der  Schule  von  klerikalen  Einflüssen.

15.  September.  (Tirol.)  Die  Beamten  der  Südbahn  beginnen
die  „passive  Resistenz“.  Die  Sozialdemokraten  nehmen  daran  nichtteil.

16.—17.  September.  (Ungarn.)  Der  Deutsche  Kaiser  nimmt
als  Gast  des  Erzherzogs  Friedrich  an  der  Jagd  in  Bellye  und
Karapancsa  teil.

20.  September.  (Schönbrunn.)  Der  Deutsche  Kaiser  zu  Besuch
  bei  Kaiser  Franz  Joseph.

20.  September.  (Wien.)  Der  Schauspieler  Joseph  Kainz  #,
52  Jahre  alt.

20.  September.  (Böhmen.)  In  den  Verständigungskonferenzen
zu  Prag  machen  die  Tschechen  den  Deutschen  das  Zugeständnis,
daß  sie  ihr  Prinzip  der  „Unteilbarkeit“  des  Landes  ausfgeben  und
über  die  nationalpolitischen  Vorlagen  der  Regierung  verhandeln
wollen.

21.  September.  Nach  einem  Besuche  der  Stadt  Wien  und
der  dortigen  Jagdausstellung  reist  der  Deutsche  Kaiser  nach  Sigmaringen
  ab.

Beim  Empfang  im  Rathaus  antwortet  der  Kaiser  auf  die  Begrüßung
  des  Bürgermeisters,  daß  Deutschland  seinem  Bundesgenossen  „mit
schimmernder  Wehr“  zur  Seite  gestanden  habe.

22.  September.  (Böhmen.)  Einberufung  des  Landtages  auf
den  30.  September.

23.  September.  (Bosnien.)  Fünf  Eisenbahnervereine  werden
aufgelöst,  weil  sie  die  passive  Resistenz  beschlossen  hatten.

26.  September.  Türkische  Anleihe.

In  offiziös-inspirierten  Blättern  wird  die  Zeitungsente  über  eine
Militärkonvention  der  Türkei  mit  Rumänien  auf  den  russischen  Botschafter
in  Konstantinopel  zurückgeführt,  der  dadurch  das  Zustandekommen  der
türkischen  Anleihe  in  Paris  verhindern  wollte.

29.  September.  Türkische  Anleihe.

Der  Abschluß  der  türkischen  Anleihe,  der  in  Paris  Schwierigkeiten
begegnete,  kommt  mit  einem  Syndikat  deutscher,  österreichischer  und  einer
Schweizer  Bank  zustande.

30.  September.  (Mähren.)  Nationalitätenstreit.

Im  Landtag  wird  ein  Antrag  Müller  und  Genossen,  die  Regierung
aufzufordern,  bei  der  Untersuchung  der  am  31.  Juli  gelegentlich  eines
        <pb n="479" />
        Bie  Ierreichischungrische  Mesearchie.  (Oktober  4.—13.)  471

Sokolfestes  in  Iglau  gegen  die  Deutschen  vorgekommenen  Ausschreitungen
objektiv  vorzugehen  und  dem  Boykott  gegen  deutsche  Geschäftsleute  ein  Ende
zu  machen,  debattelos  abgelehnt.  Darauf  verlassen  sämtliche  deutsche  Abgeordnete
  den  Saal,  so  daß  der  Vorsitzende  die  Sitzung  wegen  Beschlußunfähigkeit
  schließen  muß.

4.  Oktober.  (Wien.)  Besuch  des  belgischen  Königspaares
bei  Kaiser  Franz  Joseph.
12.  Oktober.  Zusammentritt  der  Delegationen.

Das  gemeinsame  Budget  für  1910  weist  insgesamt  ein  Nettoerfordernis
  von  423459600  Kronen  auf.  Nach  Abzug  des  Zollgefällüberschusses
  von  160911929  Kronen  verbleibt  ein  Gesamterfordernis  von
262547671  Kronen,  das  von  beiden  Reichshälften  gedeckt  wird.  Den  Delegationen
  wurde  auch  das  bosnische  Landesgesetz,  betreffend  den  Voranschlag
der  Verwaltung  der  Länder  Bosnien  und  der  Herzegowina  für  1910,  vorgelegt.
  Die  Gesamtausgaben  betragen  74251  960  Kronen,  die  Einnahmen
aus  den  direkten  Steuern,  die  indirekten  Einnahmen  und  sonstige  Einnahmszweige
  sind  mit  74376409  Kronen  eingestellt.

Die  Thronrede  enthält  u.  a.  einen  Passus,  „daß  die  Bündnisse
mit  dem  Deutschen  Reich  und  dem  Königreich  Italien  womöglich  noch  fester
und  inniger  geworden  sind“.  Die  Tagung  dauert  bis  zum  18.  November.

4"  13.  Oktober.  (Delegationen.)  Rede  des  Ministers  des
Außern  Grafen  Ahrenthal:

„Die  letzte  Delegationstagung  fiel  in  eine  Zeit,  in  der  die  Aktion
zur  Erstreckung  der  Souveränitätsrechte  Sr.  Majestät  auf  Bosnien  und  die
Herzegowina  eben  eingeleitet  war.  Das  der  hohen  Delegation  vorliegende
Rotbuch  gibt  Aufschluß  über  die  wichtigsten,  im  Herbst  und  Winter  1908/09
mit  den  Kabinetten  geführten  Verhandlungen.

Der  Standpunkt  der  k.  und  k.  Regierung  war  immer  der,  daß  die
Annexionsfrage  als  eine  in  erster  Linie  zwischen  uns  und  der  Türkei  zu
regelnde  Angelegenheit  anzusehen  ist.  Nach  Ueberwindung  zahlloser
Schwierigkeiten  ist  es  gelungen,  das  Einvernehmen  herzustellen.  Nachdem
wir  auf  diese  Weise  die  materielle  Seite  der  Angelegenheit  geregelt  hatten,
erübrigte  es  noch,  derselben  mit  Rücksicht  auf  den  Artikel  XXV  des  Berliner
Vertrages  formell  gerecht  zu  werden,  was  dadurch  geschah,  daß  wir  die
Zustimmung  der  Mächte  zur  Aufhebung  des  zitierten  Artikels  angesucht
und  erhalten  haben.  Gelegentlich  der  Verhandlungen  in  der  vorigen  Session
habe  ich  betont,  daß  durch  die  Klarstellung  des  staatsrechtlichen  Verhältnisses
zu  Bosnien  und  der  Herzegowina  unsere  Beziehungen  mit  der  Türkei  nur
gewinnen  könnten.  Verwicklungen  entspringen  sehr  leicht  aus  unklaren  Zuständen.
  Die  große  Auseinandersetzung  vom  Jahre  1866  hätte  vermieden
oder  hinausgeschoben  werden  können,  wenn  nicht  durch  den  Zankapfel
Schleswig-Holstein  der  Konfliktsfall  geradezu  künstlich  geschaffen  worden
wäre.  Der  zweijährige  Krieg  zwischen  Rußland  und  Japan  war  ebenfalls
eine  Konsequenz  der  nicht  klaren  Verhältnisse,  welche  durch  die  Okkupation
der  mandschurischen  Provinzen  seitens  Rußlands  sich  ergaben.  Wir  wollten
aber  ausdrücklich  jede  kriegerische  Verwickelung,  speziell  mit  der  Türkei,
vermeiden.  Diese  Erwartung  ist  voll  eingetroffen.  Wir  können  dem  neuen
Regime  in  der  Türkei  unsere  freundschaftliche  Unterstützung  mit  voller
Objektivität  angedeihen  lassen,  und  hierfür  besteht  in  Konstantinopel  volles
Verständnis.  Gleich  den  anderen  Mächten  haben  wir  ein  lebhaftes  Interesse
  an  der  Konsolidierung  der  Türkei.  Wir  begleiten  die  Bestrebungen
        <pb n="480" />
        472  Bie  Serreichisch-ungerische  Menarchie.  (Oktober  13.)

des  neuen  Regimes  mit  aufrichtigem  Wohlwollen  und  erwarten  von  ihnen
die  Schaffung  einer  guten  Verwaltung  und  die  Befestigung  der  Machtstellung
  des  Reiches  nach  innen  und  nach  außen.

Unter  den  Angelegenheiten,  welche  den  nahen  Orient  betreffen,  steht
in  letzter  Zeit  wieder  die  Kretafrage  im  Vordergrunde,  seit  Jahren  ein
Sorgenkind  der  europäischen  Diplomatie.  Wir  stehen  in  dieser  Angelegenheit
nicht  in  erster  Linie,  da  wir  uns  im  Jahre  1898  von  der  provisorischen
Besetzung  und  Verwaltung  der  Insel  zurückgezogen  haben  mit  der  einzigen
Reserve,  daß  eine  Aenderung  in  der  staatsrechtlichen  Stellung  der  Insel
nicht  ohne  unsere  Zustimmung  Platz  greifen  könnte.  Wir  gedenken  diese
Zurückhaltung  auch  fernerhin  zu  beobachten,  wobei  wir  stets  bereit  sein
werden,  jede  Lösung,  welche  die  Aufrechterhaltung  der  Souveränitätsrechte
der  Türkei  zum  Ausgangspunkte  nimmt  und  im  gegenseitigen  Einvernehmen
der  vier  Mächte  und  der  Pforte  erfolgt,  gleichviel,  ob  sie  einen  provisorischen
oder  definitiven  Charakter  an  sich  trägt,  auch  unsererseits  ohne  weiteres  zu
akzeptieren.

Mit  Befriedigung  kann  ich  mitteilen,  daß  die  Monarchie  mit  allen
Mächten  gute  Beziehungen  unterhält.  Die  letzten  Ereignisse  haben  dargetan,
  daß  in  unseren  Bündnissen  ein  realer  Wert  liegt.  Meine  diesjährigen
Begegnungen  mit  dem  deutschen  Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg  und
dem  italienischen  Minister  des  Aeußeren  Marquis  di  San  Giuliano  boten
mir  den  erwünschten  Anlaß,  mit  diesen  beiden  Staatsmännern  einen  intimen
Gedankenaustausch  zu  pflegen,  um  die  völlige  Uebereinstimmung  unserer
Ansichten  neuerlich  zu  konstatieren.  Die  Erhaltung  dieser  Bündnisse  wird,
ich  brauche  es  wohl  nicht  ausdrücklich  zu  betonen,  die  unverrückbare  Grundlage
  unserer  Politik  bilden.  Wir  werden  aber  darüber  die  Beziehungen
zu  den  anderen  Mächten  nicht  vergessen,  vielmehr  dieselben,  so  viel  dies
von  uns  abhängt,  auf  das  sorgfältigste  pflegen.  Der  Dreibund  richtet
gegen  niemand  eine  Spitze;  wir  beurteilen  die  Gruppierung  der  anderen
Mächte  mit  derjenigen  Unbefangenheit,  von  welcher  wir  wünschen,  daß  sie
auch  uns  gegenüber  zur  Anwendung  gelange.  Wir  wollen  durch  eine  ruhige,
konsequente  Politik,  die  sich  um  fremde  Angelegenheiten  nicht  kümmert,  die
Harmonie  zwischen  den  Kabinetten  befestigen.  Wenn  auch  derzeit  keine
Fragen  von  ernster  Bedeutung  vorliegen  oder  Spannungen  zwischen  den
Mächten  bestehen,  so  können  solche  in  unserer  rasch  lebenden  Zeit  und  im
Hinblick  auf  die  leichte  Erregbarkeit  der  öffentlichen  Meinung  in  allen
Staaten  doch  immerhin  eintreten.  Unsere  Politik  verfolgt  gleiche  Ziele,
sowohl  in  den  Beziehungen  zwischen  den  großen  Mächten  wie  auch  rücksichtlich
  der  Gestaltung  der  Dinge  im  nahen  Orient.  Wir  wollen  den
Frieden,  die  Erhaltung  des  Gleichgewichts.  Das  war  und  bleibt  auch
fürderhin  die  Aufgabe  der  Donaumonarchie,  welche  seit  Jahrhunderten  in
den  Beziehungen  zwischen  dem  Okzident  und  dem  Orient  eine  wichtige  Rolle
spielt.  Dieser  Aufgabe  werden  wir  aber  nur  dann  gerecht  werden  können,
wenn  es  uns  gelingt,  innige  wirtschaftliche  Wechselbeziehungen  mit  unseren
südöstlichen  Nachbarn  zu  pflegen.  Meines  Erachtens  sind  die  Voraussetzungen
  für  solche,  ungeachtet  so  mancher  sich  dagegen  meldender  Stimmen,
reichlich  vorhanden.  Ich  habe  meine  Bemühungen  in  dieser  Richtung  unverdrossen
  fortgesetzt  und  werde  hierin  auch  in  Zukunft  nicht  erlahmen,  da
die  Hauptaufgabe  der  Monarchie  in  ihren  Beziehungen  zum  Orient  in
einer  richtigen  Handelspolitik  gelegen  ist.  Erfolgversprechende  Anfänge
scheinen  mir  in  jenen  Abkommen  vorzuliegen,  die  im  April  des  Vorjahres
und  im  Juli  dieses  Jahres  nach  längeren  Verhandlungen  mit  den  Königreichen
  Rumänien  und  Serbien  zustande  gekommen  sind.  Auch  die  Verhandlungen
  mit  dem  Königreich  Montenegro  sind  eingeleitet.
        <pb n="481" />
        Bie  Serreichisch-ungarische  Menarthie.  (Oltober  13.—14.)  473

Mit  dem  Königreich  Bulgarien  wird  eine  Revision  des  gegenwärtig
auf  der  Meistbegünstigung  beruhenden  Verhältnisses  in  wohl  nicht  allzu
ferner  Zeit  erfolgen.  Der  Rahmen  für  definitive  kommerzielle  Vereinbarung
mit  der  Pforte  wurde  im  Ententeprotokoll  vom  Februar  1909  festgelegt,
und  die  Arbeiten  wegen  Abschlusses  eines  neuen  Handelsvertrages  werden
nach  Beendigung  der  von  der  ottomanischen  Regierung  mit  anderen  Kabinetten
  geführten  Pourparlers  ohne  Verzug  beginnen  können.  In  dem  Zustandekommen
  von  Handelsverträgen  mit  unsern  Nachbarn  im  Südosten
erblicke  ich  auch  vom  rein  politischen  Gesichtspunkt  aus  ein  willkommenes
Mittel  für  eine  glückliche  Förderung  der  so  entwicklungsfähigen  Beziehungen
zu  diesen  Staaten.

Wie  seinerzeit  die  Erhebung  Bulgariens  zum  Königreiche,  so  haben
wir  auch  die  Erhöhung  Montenegros,  welche  kürzlich  anläßlich  des  fünfzigjährigen
  Regierungsjubiläums  seines  verdienstvollen  Herrschers  erfolgte,  mit
Sympathie  begrüßt  und  gerne  gleich  den  anderen  Mächten  anerkannt.“

Der  Minister  äußerte  nochmals  seine  Freude  über  die  friedliche
Lösung  des  wichtigen  bosnischen  Problems,  erinnerte  aber  auch  an  das  Wort
Guizots,  wonach  es  in  der  Welt  nichts  Fertiges  gibt,  wir  vielmehr  jeden
Tag  von  vorne  anfangen  müssen  und  unser  Leben  eine  unabläßliche  Anstrengung
  für  einen  immer  unvollständigen  und  unsicheren  Erfolg  ist,  und
schloß:  „Wir  wollen  diesen  Ausspruch  uns  zu  eigen  machen,  indem  wir
unverdrossen  an  unserer  inneren  Erstarkung  und  an  der  Erhaltung  unserer
Machtstellung  nach  außen  weiter  arbeiten.  Dieses  Ziel  wird  aber  nur  dann
als  sichergestellt  betrachtet  werden  können,  wenn  wir  über  eine  schlagfertige
  Armee  und  Flotte  verfügen.  Eine  äußere  Politik,  will  sie  erfolgreich
sein,  kann  diese  beiden  Faktoren  nicht  missen.  Ich  gestatte  mir  also,  die
zuversichtliche  Erwartung  auszudrücken,  daß  auch  den  Voranschlägen  der
Kriegs-  und  Marineverwaltung  die  Genehmigung  erteilt  werden  wird."“

13.  Oktober.  Da  den  italienischen  23  Bataillonen  der  alten
Truppen  an  der  Grenze  nur  13  österreichische  gegenüber  stehen,  so“
wird  die  Errichtung  eines  weiteren  Kaiserschützen-Regiments  mit
3  Maschinengewehr-Abteilungen  am  Isonzo  verfügt.

14.  Oktober.  Ausschuß  für  Außeres  der  österreichischen  Delegation.


Kramarz  vertritt  die  Anschauung,  daß  Oesterreich  die  Annexionsfrage
  vor  eine  europäische  Konferenz  hätte  bringen  sollen  und  von  dieser
nichts  zu  fürchten  gehabt  hätte.  Er  fragt,  ob  in  Buchlau  auch  über  die
Form  der  Durchführung  der  Annexion  gesprochen  wurde  und  diesbezüglich
irgendwelche  Abmachungen  getroffen  wurden.  Die  Slaven  wünschen  ein
inniges  Verhältnis  zwischen  Oesterreich  und  Rußland,  weil  sie  darin  ein
Gegengewicht  gegen  das  deutsche  Bündnis  und  die  innere  österreichische
Politik  erblicken.  Oesterreich  ist  für  absehbare  Zukunft  an  Deutschland
geradezu  gekettet  und  hat  jede  Bewegungsfreiheit  verloren.  Umsonst,  ohne
das  geringste  Opfer  und  für  uns  ziemlich  überflüssigerweise,  hat  sich
Deutschland  unsere  ewige  Dankbarkeit  gesichert.  Im  Wiener  Rathause
wurde  von  „schimmernder  Wehr“  gesprochen.  Der  Byzantinismus  des
Wiener  Rathauses  hat  allerdings  schon  schöne  Phrasen  verdient.  Es  muß
offen  und  laut  vor  aller  Welt  gesagt  werden,  daß  wir  Slaven  mit  all
diesem  Byzantinismus  gar  nichts  zu  tun  haben  wollen.  Wir  protestieren,
daß  das  Wiener  Rathaus,  die  Wiener  Straße  und  die  Wiener  Zeitungen
für  Oesterreich  gehalten  werden.  Oesterreich  muß  auch  in  der  auswärtigen
        <pb n="482" />
        474  Bie  Uerrrichisch-#ungerische  Menarchie.  (Oktober  15.)

Politik  auf  seine  Slaven  Rücksicht  nehmen.  In  der  Annexionskrise  hat
Deutschland  das  beste  Geschäft  gemacht.  Deutschland  nimmt  bundestreu
die  von  uns  verlorenen  wirtschaftlichen  Positionen  auf  dem  Balkan  ein,
namentlich  in  Serbien.  Die  frühere  Politik  Aehrentals  haben  die  Slaven
begrüßt  und  sie  wurde  auch  von  Deutschland  gebilligt,  weil  sie  eine  konservative
  Friedenspolitik  war,  wogegen  wir  jetzt  kühl  bis  ans  Herz  beiseite
stehen  müssen.

Bärnreither  polemisiert  gegen  Kramarz  und  erklärt  sich  mit  dem
Grafen  Aehrenthal  einverstanden,  daß  er  bei  der  Annexion  den  Weg  der
Konferenz  nicht  betreten  hat.  Ganz  falsch  sei  es,  von  einem  Abhängigkeitsverhältnis
  Oesterreichs  zu  Deutschland  zu  reden.  Es  hat  sich  das  natürliche
Verhältnis  zwischen  den  beiden  Reichen  und  die  natürliche  Zusammengehörigkeit
  in  glänzendster  Weise  bewährt.  Aus  der  Kriegsbereitschaft
haben  wir  einen  großen  moralischen  Nutzen  gezogen.  Die  Throurede  erklärt,
  daß  das  Bündnis  mit  Deutschland  und  Italien  wenn  möglich  noch
fester  und  inniger  geworden  sei.  Dieser  Passus  wird  von  allen  Freunden
des  Friedens  mit  lebhafter  Freude  und  Dankbarkeit  vernommen.  Es  scheint,
daß  sich  ein  gewisses  Einverständnis  zwischen  Deutschland,  Oesterreich-Ungarn
  und  der  Türkei  vorbereitet,  das  eine  sehr  große  militärische  Bedeutung
  haben  und  vom  Belt  bis  zum  Bosporus  eine  starke  Friedensaufstellung
  bedeuten  würde.  Der  Redner  bespricht,  wie  in  Deutschland  für
eine  Handelsverbindung  mit  Serbien  agitiert  werde,  während  die  Beziehungen
  Serbiens  zu  Oesterreich  schwächer  werden.

Baron  Schwegel  zollt  der  Leitung  der  äußeren  Politik  seine  vollste
Anerkennung.  Er  könne  sich  jedoch  mit  der  wirtschaftlichen  Politik  nicht
einverstanden  erklären,  die  den  Balkanstaaten  gegenüber  brobachtet  wird.

Der  Sozialdemokrat  Renner  verurteilt  die  Annexionspolitik.  Ueber
Serbien  wurden  Lügen  bewußt  in  die  Welt  gesetzt,  um  größere  Kriegsrüstungen
  zu  ermöglichen.  Die  Lügenmache  brach  schmählich  im  Prozeß
Friedjung  zusammen.  In  der  Handelspolitik  erweist  sich  das  gemeinsame
Ministerium  als  bloßes  Vollzugsorgan  der  Agrarier.

15.  Oktober.  Österreichische  Delegation.  Fortsetzung  der  Debatte
  über  äußere  Politik.

Graf  Latour  erkennt  die  Bündnistreue  des  Deutschen  Reiches  an
und  warnt  vor  einer  Politik  der  Undankbarkeit.

Der  Pole  Graf  Wodziecki  polemisiert  gegen  Kramarz,  der  in
einem  Bündnis  mit  Rußland  das  Heil  der  Monarchie  erblicke.  Die  Polen
werden  sich  mit  diesem  Gedanken  niemals  befreunden  können.  Er  erhebt
Protest,  daß  Oesterreich-Ungarn  Portugal  als  Republik  anerkenne.

Der  tschechische  Sozialdemokrat  Nemetsch  meint,  die  Kraft  der
nationalen  Idee  sei  heute  so  stark,  daß  sie  sogar  den  Sozialismus  zurückdränge.
  Zwischen  uns  und  den  deutschen  Sozialdemokraten  gibt  es  nur
Streit  über  innere  Organisationsfragen,  sonst  gehen  wir  immer  einig  vor
und  werden  auch  in  Zukunft  einig  vorgehen.

Lecher  erklärt,  Graf  Aehrental  habe  durch  seine  erfolgreiche  Politik
und  sein  treues  Festhalten  an  dem  Bündnis  mit  dem  Deutschen  Reiche  das
Vertrauen  der  Deutschen  erworben.

Jendrzejowitsch  sagt:  Wir  sind  in  erster  Linie  Polen  und  erst
in  zweiter  Linie  Slaven.  Deshalb  können  wir  die  großen  Sympathien
Kramarzs  für  Rußland  nicht  teilen.  Wir  wollen  ein  starkes  Oesterreich
und  wünschen,  daß  alle  Völker  dieser  Monarchie  hier  ihr  Glück  finden  können.

Der  Minister  des  Aeußern  Graf  Aehrenthal  bemerkt,  er  seie
Dr.  Lecher  sehr  dankbar  für  seine  Erklärungen  betreffs  der  Unterstützung,
        <pb n="483" />
        Die  ãserreithisq·nugarishe  Menarqchie.  (Oltober  15.)  475

die  er  und  seine  politischen  Gesinnungsgenossen  seiner  Politik  entgegengebracht
  hätten.  Er  habe  die  Unterstützung  durch  die  Parlamente  nicht
vergessen.  Als  er  von  der  öffentlichen  Meinung  sprach,  hatte  er  die  Absicht,
die  konstituierten  Vertreter  der  öffentlichen  Meinung  zu  erwähnen.  Im
Frühjahre  1909  konnten  die  Delegationen  nicht  einberufen  werden,  weil
die  Anforderung  größerer  Kredite  in  Europa  eine  größere  Beunruhigung
hervorgerufen  hätte.  Nach  dem  Abschluß  der  Annexion  war  die  Einberufung
wegen  der  ungarischen  Krise  nicht  möglich.

Der  Ruthene  Ceglinski  wendet  sich  gegen  den  von  Kramarz  angeregten
  Neoslavismus,  der  nur  Rußland  politische  Vorteile,  aber  den
anderen  slavischen  Stämmen,  insbesondere  dem  ruthenischen  Volke,  immer
Verderben  bringen  könnte.  Kramarz  beklagt,  daß  alle  Redner,  auch  die
slavischen,  gegen  ihn  polemisiert  hätten.  Er  habe  nicht  vom  Vasallenverhältnis
  zu  Deutschland  gesprochen.  Aber  es  sei  begreiflich,  daß  der
Slave  ein  allzu  enges  Verhältnis  zu  Deutschland  fürchtet.  Im  Verhältnis
u  Deutschland  werden  wir  immer  die  Schwächeren  sein.  Wir  wollen  gute

schechen  bleiben,  was  uns  nicht  hindert,  gute  Slaven  zu  sein.  Wir  wollen
kein  slavisches  Oesterreich,  ebenso  wie  es  unmöglich  ist,  ein  deutsches  Oesterreich
  zu  haben.  Es  ist  leicht,  sehr  patriotisch  zu  sein,  wenn  alles  vom  Staate
gemacht  wird,  was  man  will  und  braucht.

Minister  Graf  Aehrenthal:  Ich  glaube,  die  Schöpfer  der  Allianz
zwischen  Oesterreich-Ungarn  und  Deutschland  haben  von  Anfang  an  die
große  Bedeutung  dieses  festen  Zusammenstehens  der  beiden  mitteleuropäischen
Kaisermächte  richtig  eingeschätzt  und  die  Wichtigkeit  dieses  Bündnisses  für
die  Interessen  der  beiden  Mächte  und  für  den  europäischen  Frieden  erkannt.
Die  Zuspitzung  der  Ereignisse  brachte  eben  die  Richtigkeit  dieser  vor  dreißig
Jahren  eingeleiteten  Politik  in  das  allgemeine  Bewußtsein  und  das  ist  der
große  Vorteil  für  jetzt  und  für  alle  Zukunft.  Gegenüber  der  Behauptung,
daß  die  Durchführung  der  Annexion  die  Isolierung  der  Monarchie  zur
Folge  gehabt  habe,  verweist  der  Minister  mit  Befriedigung  auf  das  Verhältnis
  zu  Italien,  das  sich  herzlich  und  vertrauensvoll  gestaltet  hat.  Die
Besprechungen  in  Salzburg  und  Turin  haben  nur  abermals  ergeben
können,  daß  die  Interessen  Oesterreich--Ungarns  und  Italiens  sowohl  in
den  Fragen  der  europäischen  Politik  wie  in  denen  des  naden  Orient  sich
in  voller  Uebereinstimmung  befinden.  Diese  Harmonie  wird  auch  wohl  in
Zukunft  erhalten  bleiben.  Bezüglich  des  Verhältnisses  zu  Rußland
wie  der  Vorbesprechungen  vor  der  Annexion  verweist  der  Minister  auf  die
von  ihm  im  Jahre  1908  abgegebenen  vertraulichen  Erklärungen  sowie
darauf,  daß  zwischen  dem  Wiener  und  dem  Petersburger  Kabinett  vor
Jahresfrist  eine  Vereinbarung  zustande  gekommen  ist,  nach  der  über  diese
glücklicherweise  vergangenen  Differenzen  nichts  veröffentlicht  werde.  Der
Minister  wiederholt,  daß  die  Beziehungen  Oesterreich-Ungarns  zu  allen
Mächten  gut  seien  und  daß  sie  auch  weiterhin  auf  das  sorgfältigste  gepflegt
  werden  sollen;  dies  gilt  selbstverständlich  auch  von  dem  Verhältnis
zu  Rußland.  Der  Minister  gibt  der  Ueberzeugung  Ausdruck,  daß  die  durch
die  Annexion  krise  hinterlassenen  Verstimmungen  nunmehr  der  Vergangenheit
angehören.  Hinsichtlich  des  angeblichen  Mißtrauens,  das  die  Aktion  Oesterreich-Ungarns
  bei  den  anderen  Mächten  hervorgerufen  haben  solle,  wobei  England
und  Frankreich  wohl  in  erster  Linie  in  Betracht  kämen,  erklärte  er,  als
Minister  sagen  zu  können,  daß  er  in  fortwährendem  Verkehr  mit  den  Regierungen
  dieser  Staaten  stehe  und  die  pessimistische  Auffassung  von
Dr.  Kramarz  nicht  teilen  könne.  Es  sei  richtig,  daß  betreffs  der  Annexion
mit  den  Westmächten  mehr  mit  England  als  mit  Frankreich  divergierende
Anschauungen  bestanden  hätten,  seither  seien  aber  die  Beziehungen  durchaus
        <pb n="484" />
        476  Bie  Serreichisch#gerische  Maesarchie.  (Oktober  20.—24.)

befriedigend  geworden.  Obwohl  wir  einer  verschiedenen  Mächtegruppierung
angehören,  schätzt  man  in  London  und  Paris  die  ruhige,  auf  friedliche  Ziele
erichtete  Politik  der  Monarchie  richtig  ein  und  legt  großen  Wert  auf  gute
eziehungen  mit  der  Monarchie,  was  hier  selbstverständlich  aufrichtig  erwidert
  wird.  Die  Vorkämpfer  für  die  neoflavische  Idee  scheinen  zu  vergessen,
daß  der  egoistische  Zug  in  jedem  Volke  stärker  ist  als  sentimentale  Aspirationen
  auf  dem  Gebiet  der  Annäherung  der  Nationen,  welche  derselben
Völkerfamilie  angehören.  Das  völkerrechtliche  Grundprinzip,  sich  nicht  in
fremde  Angelegenheiten  einzumischen,  hat  er  selbst  zu  bestimmen.  Es  scheint
daher  ebenso  unangebracht,  dem  russischen  Monarchismus  Anweisungen  zu
erteilen,  wie  es  unangebracht  und  von  uns  zurückzuweisen  wäre,  wenn
Belehrungen  über  unsere  innere  Politik  an  unsere  Adresse  gerichtet  würden.
Seit  dem  Abschluß  der  vorjährigen  Krise  sind  unsere  Beziehungen
zu  Serbien  befriedigend.  Die  Haltung  der  serbischen  Regierung  ist  korrekt
und  entgegenkommend,  und  bei  uns  ist  dasselbe  Entgegenkommen  vorhanden.
  An  den  abgeschlossenen  serbischen  Handelsvertrag  werden  sich  vier
Konventionen,  betreffend  Konfsularwesen,  die  Rechtshilfe,  die  Schiffahrt  und
die  Auslieferung,  anschließen,  welche  eine  Erleichterung  des  gegenseitigen
Verkehrs  bezwecken.  In  gleicher  Richtung  gedenkt  der  Minister  auch  mit
Bulgarien  Verhandlungen  zu  pflegen,  wobei  er  erinnern  möchte,  daß
Oesterreich-Ungarn  als  erste  europäische  Macht  ihre  Bereitwilligkeit  zur
Modifikation  des  Kapitulationsregimes  in  Bulgarien  ausgesprochen  hat.
Was  die  mehrfach  gestreifte  Handelspolitik  anbelangt,  so  betonte  der  Minister,
daß  er  beim  Abschluß  der  Handelsverträge  nur  als  ausführendes  Organ
fungiert  habe,  indem  er  auf  Grund  der  Beschlüsse  der  beiden  Regierungen
Verhandlungen  führt.  Er  könne  nur  sagen,  daß  auch  er  mit  den  erreichten
Resultaten  nicht  zufrieden  sei  und  daß  er  andere  Ergebnisse  gewünscht
hätte.  Er  könne  nur  versichern,  daß  er  in  den  Bestrebungen,  die  handelspolitischen
  Beziehungen  mit  den  Balkanstaaten  auszubilden,  nicht  erlahmen
werde.  (Beifall.)

20.  Oktober.  (Wien.)  Der  Botschafter  in  Paris  Graf
Khevenhüller-Metsch  f.  66  Jahre  alt.

20.  Oklober.  (Prag.)  Deutsch-tschechische  Verhandlungen.

Sie  führen  zu  dem  vorläufigen  Beschluß,  daß  die  autonomen  Gemeinden
  die  Amtssprache  beliebig  wählen,  Prag  aber  alle  Kundmachungen
in  beiden  Sprachen  veröffentlichen  und  auf  deutsche  Eingaben  etwaigen
tschechischen  Antworten  eine  amtliche  deutsche  Uebersetzung  beifügen  muß.
Dagegen  bleibt  das  Stadtsiegel  und  die  Aufschrift  der  Straßentafeln  rein
tschechisch.

21.  Oktober.  (Wien.)  Ehrung  des  deutschen  Kaisers.

Der  Wiener  Stadtrat  hat  beschlossen,  an  beiden  Enden  des  Kaiser
Wilhelm-Rings  Marmortafeln  anzubringen  mit  der  Inschrift:  Dieser  Teil
der  Ringstraße,  ursprünglich  Parkring,  erhielt  seinen  Namen  zur  bleibenden
Erinnerung  an  den  Besuch  Seiner  Majestät  des  Deutschen  Kaisers  Wilhelm  II.
im  Wiener  Rathause  am  21.  September  1910.

24.  Oktober.  Das  Reichsgericht  hält  die  Entscheidung  des
Unterrichtsministeriums  aufrecht,  daß  Privatvolksschulen  nicht  in
Privatlehranstalten  ohne  Religionsunterricht  umgewandelt  werden

dürfen.
        <pb n="485" />
        Bie  ##hisch-ungerische  Monarchir.  (Oktober  25.—November  9.)  477

25.  Oktober.  Der  Heeresausschuß  der  österreichischen  Delegation
nimmt  für  die  Marine  eine  Personalerhöhung  von  10%  und  einen
außerordentlichen  Kredit  von  54  Millionen  Kronen  an.

29.  Oktober.  (Kroatien.)  Ergebnis  der  Landtagswahlen:

13  Anhänger  der  Regierungspartei,  33  der  Koalition,  16  Christlich-Soziale,
  9  Anhänger  der  Starcevitschpartei,  7  der  Bauernpartei,  je  1
radikaler  Serbe,  Sozialist,  Deutschnationaler  und  Wilder.  Sieben  Stichwahlen
  sind  erforderlich.

3.  November.  (Niederösterreich.)  Abgeordnetenwahl.

An  Stelle  des  verstorbenen  Bürgermeisters  Dr.  Lueger  wird  unter
großer  Aufregung  der  Sd.  Franz  Schuhmeier  mit  12761  Stimmen  gegen
den  Christlich-sozialen  Preyer  (11625  Simmen)  als  Landtagsabgeordneter
für  den  II.  Wiener  Gemeindebezirk  (Leopoldstadt)  gewählt.

4.  November.  (Kärnten.)  Fürstweihbischof  Dr.  Kaan  in  Gurk.

Dr.  Kaan  verzichtet  auf  seinen  Bischofssitz  infolge  des  Zusammenbruchs
  des  Verbandes  der  landwirtschaftlichen  Sparkassen,  an  dem  er  durch
übergroße  Vertrauensseligkeit  beteiligt  ist.  Der  Kardinal-Fürsterzbischof
Dr.  Katschthaler  von  Salzburg  macht  von  seinem  Recht  als  Primas  Germaniae
Gebrauch  und  ernennt  zum  Nachfolger  den  Salzburger  Weihbischof  Dr.  Kaltner.
Das  Haus  Habsburg  hat  1535  vertragsmäßig  dem  Salzburger  Erzbischof
d  Sesetung  des  Bischofsstuhles  von  Kärnten  bei  jeder  dritten  Vakanz  zugestanden.


7.  November.  (Tirol.)  Der  „Alldeutsche  Verein“  beschließt,
gegen  die  Einwanderung  portugiesischer  Jesuiten  zu  demonstrieren.

9.  November.  (OÖsterreichische  Delegation.)  Auswärtige
Politik.

Zwei  tschechische  und  ein  sozialdemokratischer  Redner  ergingen  sich
bei  Besprechung  der  Dreibundpolitik  in  persönlichen  und  gehässigen  Bemerkungen
  gegen  Kaiser  Wilhelm  und  die  Habsburger,  auf  welche  Graf
Aehrenthal  in  ungewöhnlich  scharfer  Weise  antwortete.  Er  erklärte,  daß
er  die  Angriffe  gegen  Kaiser  Wilhelm  und  Kaiser  Franz  Joseph  mit  Entrüstung
  zurückweisen  müsse.  Der  Deutsche  Kaiser,  der  in  ernster  Stunde
treu  Kaiser  Franz  Joseph  zur  Seite  gestanden  sei,  habe  sich  auch  bei  einem
Sozialdemokraten  besseren  Dank  verdient,  und  Kaiser  Franz  Joseph,  der
von  demselben  Redner  zum  Gegenstand  persönlicher  Ausfälle  gemacht  würde,
habe  den  Völkern  Oesterreichs  das  allgemeine  Wahlrecht  gegeben.  Die  Gesamtheit
  der  Delegierten  war  mit  dieser  energischen  Zurückweisung  des
Ministers  des  Aeußeren  eines  Sinnes  und  gab  ihrer  Meinung  durch  demonstrativen
  Beifall  Auedruck.  Bezüglich  der  Ausweisungen  aus  Preußen  erklärt
  Graf  Aehrenthal,  daß  in  allen  eines  Protestes  würdigen  Fällen  beie
der  deutschen  Regierung  interveniert  wurde.  In  mehr  als  der  Hälfte  der
Fälle  sei  ein  Erfolg  erzielt  worden.  Uebrigens  dürfte  nicht  aus  dem  Auge
gelassen  werden,  daß  in  den  preußischen  Grenzprovinzen  ebenso  wie  in
anderen  Ländern  hinsichtlich  des  Aufenthaltes  und  der  Niederlassung  der
Fremden  spezielle,  rigorose  Vorschriften  bestehen.  Der  Minister  erklärt
weiter,  daß  die  Informationsstücke,  die  Dr.  Friedjung  vorgelesen  habe,  weder  vor
noch  nach  der  Annexion  auf  die  Entschlüsse  des  Ministers,  also  auf  die  Politik
der  österreichisch-ungarischen  Regierung  irgend  einen  Einfluß  gehabt  hätten.
        <pb n="486" />
        478  HNie  Sterreichisch-ungarische  Menarchie.  (November  10.—22.)

10.  November.  Die  ungarische  Delegation  nimmt  das  gesamte
Heeresbudget  sowie  einen  außerordentlichen  Kredit  von  180  Millionen

  Kronen  an.
11.  November.  In  der  österreichischen  Delegation  erklärt  Prof.

Masaryk,  Graf  Forgatsch  sei  ein  Fälscher.

Auf  seine  Frage,  ob  Graf  Aehrenthal  gewußt  habe,  daß  der  Gesandte
mit  dem  Fälscher  Vasitsch  verkehrt  habe,  erklärt  der  Minister,  Forgatsch
habe  nie  mit  Vasitsch  verkehrt.

15.  November.  (Niederösterreich.)  Klerikale  und  Alldeutsche.

Bei  einem  Gründungsfest  der  klerikalen  Studenten  in  Stockerau
kommt  es  infolge  der  Störungen  durch  alldeutsche  Studenten  zu  einer
Schlägerei,  an  der  die  Stadtbevölkerung  auf  beiden  Seiten,  die  Bauern  der
Umgegend  auf  seiten  der  Klerikalen  teilnahmen.  Das  Militär  und  die
Gendarmerie  schafften  Ruhe,  nachdem  20  Personen,  darunter  10  schwer,  verwundet
  waren.

17.  November.  Nachdem  sich  die  Regierungen  Österreichs  und
Ungarns  über  die  Bank-  und  Barzahlungsfrage  geeinigt  haben,  wird
der  österreichische  Reichsrat  für  den  24.  November  einberufen.

17.  November.  (Wien.)  Fälschungsfrage.

Das  klerikale  „Vaterland“  bringt  die  Enthüllung,  daß  die  gefälschten
Dokumente,  die  im  Friedjung-Prozeß  Verwendung  gefunden  haben,  vom
Ministerium  des  Aeußern  für  60000  Kronen  angekauft  worden  seien,  obwohl
  der  Preßleiter  Baron  Jettel  die  Fälschung  erkannt  und  den  Kauf
beanstandet  hatte.  Das  Haupt  der  Fälscherbande  ist  ein  früherer  serbischer
Diplomat,  der  von  der  österreichischen  Gesandtschaft  in  Belgrad  ein  Jahrgeld
  bezieht.

17.  November.  (Böhmen.)  Ausgleichsverhandlungen.

Die  deutschen  Parteien  veröffentlichen  eine  Kundgebung,  in  der
festgestellt  wird,  daß  die  Ausgleichsverhandlungen  erfolglos  geblieben  sind.
Es  wird  jedoch  die  Hoffnung  ausgesprochen,  daß  die  Ausgleichskommission
später  die  Arbeit  fortsetzen  werde.

18.  November.  Elbschiffahrtsabgaben.

In  der  österreichischen  Delegation  antwortet  Graf  Aehrenthal  auf
eine  Interpellation  Exner,  daß  die  Abgabenfreiheit  der  Elbschiffahrt  durch
internationale  Verträge  garantiert  ist.

21.  November.  Marinebauten.

Die  „Neue  Freie  Presse“  meldet  über  das  Flottenbauprogramm
der  österreichisch-ungarischen  Kriegsmarine  folgendes:  4  Schlachtschiffe,  davon
2  zu  20000  und  2  zu  23000  Tonnen  Deplacement,  3  Schnellkreuzer,  10
Torpedofahrzeuge,  12  Hochseetorpedoboote  und  6  Unterseebote.  Die  Gesamtkosten
  betragen  310  Millionen  Kronen.  In  das  Marinebudget  für  1911
sind  eingestellt:  47  Millionen  für  Marinebedürfnisse,  ausschließlich  Schiffsbau,
20  Millionen  als  restliche  Verbindlichkeiten  für  die  bereits  fertiggestellten
Schiffe  der  Radetzkydivision  und  22  Millionen  als  erste  Rate  für  Dreadnougths.
Zusammen  beträgt  daher  das  Marineerfordernis  pro  1911  gegen  90  Millionen.

22.  November.  (Agram.)  Das  Amtsblatt  verkündet  eine
kaiserliche  Verordnung  über  die  Aufhebung  des  serbischen  Hoch-
        <pb n="487" />
        Die  #erreichisch-  ungarische  Monarchie.  (November  23.—Dezember  11.)  479

verratsprozesses,  dessen  Schlußverhandlung  am  3.  März  1909  begonnen
  hatte.
23.  November.  (Cisleithanien.)  Staatsfinanzen.

Das  Budget  für  1911  weist  ein  Gesamterfordernis  von  2818199736
Kronen  auf;  die  Gesamtdeckung  beträgt  2818  407772,  mithin  der  Ueberschuß
  311036  Kronen.  Der  Finanzminister  beansprucht  die  Ermächtigung
für  die  Beschaffung  von  135  Mitllionen  Kronen  effektiv,  wovon  25,8  Millionen
auf  die  Tilgungsrente,  der  Rest  auf  Eisenbahninvestitionen  entfällt.

26.  November.  (Cisleithanien.)  Dr.  Kramarz  wird  gezwungen,
  die  Führerschaft  der  Tschechen  niederzulegen.  Sein  Nachfolger
  wird  der  ehemalige  Handelsminister  Dr.  Fiedler.

28.  November.  (Prag).  Die  medizinische  Fakultät  der  deutschen
Universität  ernennt  Kaiser  Wilhelm  II.  zum  Ehrendoktor.

29.  November.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.

Die  Resolution  Moraszewski,  die  von  der  Regierung  die  beschleunigte
Vorarbeit  für  Wasserstraßenbau  verlangt,  wird  mit  257  gegen  128  Stimmen
angenommen.  Ein  Mißtrauensvotum  wegen  der  späten  Einberufung  des
Reichsrates  und  wegen  der  Erhöhung  der  Post=  und  Telegraphengebühren
sowie  der  Tabakabgaben  wird  abgelehnt.

1.  Dezember.  (Ungarn.)  Parlament.

Der  Finanzminister  überreicht  das  Uebereinkommen  über  die  Verlängerung
  des  Bankprivilegs  und  die  Aufnahme  der  Barzahlungen.
Punkt  5  verfügt,  daß,  falls  über  den  Vorschlag  auf  Aufnahme  der  Barzahlungen
  von  beiden  Parlamenten  nicht  binnen  vier  Wochen  entschieden
wird,  dieser  auch  ohne  Zustimmung  des  Parlaments  Rechtskraft  erlange.

1.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Fleischnot.

Nach  13stündiger  stürmischer  Sitzung  wird  eine  Resolution  angenommen,
  welche  für  die  Zeit  des  Bedarfs  zur  Behebung  der  Fleischnot
die  Einfuhr  überseeischen  Fleisches  nach  Oesterreich  verlangt.

9.  Dezember.  (Ungarn.)  Im  Justizausschuß  des  Magnatenhauses
  wird  der  Beschluß  des  Abgeordnetenhauses,  daß  Zeugen  in
Zivilprozessen  nicht  nach  ihrer  Religion  zu  befragen  sind,  bei  Stimmengleichheit
  durch  den  Vorsitzenden  genehmigt.

11.  Dezember.  Zu  den  Reden  des  deutschen  Reichskanzlers.

Das  „Fremdenblatt"“  schreibt  zu  den  beiden  Reden  des  deutschen
Reichskanzlers  vom  10.  Dezember:  „Von  den  knappen,  streng  sachlichen
Reden,  in  welchen  Herr  von  Bethmann  Hollweg  unter  Verzicht  auf  allgemeine
  Darlegungen  die  wichtigsten  Fragen  der  äußeren  Politik  zu  behandeln
  liebt,  ist  die  letzte  unbestreitbar  die  inhalts=  und  aufschlußreichste
gewesen.  In  ihrer  bündigen  Kürze  hat  sie  hochbedeutsame  Mitteilungen
namentlich  über  die  Gestaltung  der  Beziehungen  des  Deutschen  Reiches  zu
Großbritannien  und  Rußland  geboten.  Durch  die  Ausführungen  des  Reichskanzlers
  sind  in  bestimmtester  Form  die  friedlichen  Tendenzen  gekennzeichnet
worden,  welche  einerseits  der  Dreibund  und  andrerseits  die  Tripelentente
verfolgen.  So  kann  Deutschlands  äußere  Politik  unter  von  Bethmann
Hollwegs  Führung  in  allen  ihren  Hauptgebieten  auf  Erfolge  hinweisen.  Aber
von  den  beiden  Reden  hat  dem  Reichskanzler  die  erste,  in  der  er  sich  mit
        <pb n="488" />
        480  Jaue  äserreichis-ungerische  Moenarctie.  (Dezember  12.—31.)

der  inneren  Politik  beschäftigte,  keinen  geringeren  Erfolg  gebracht  als  die  andere;
niemals  hat  der  Reichskanzler  wirksamer  und  in  seiner  Offenheit  überzeugender
  gesprochen.  Für  die  Einigung  der  Ordnungsparteien  ist  die  Kanzlerrede
  ein  glückliches  Plaidoyer  gewesen,  dessen  Eindruck  nachwirken  wird.“

12.  Dezember.  (Cisleithanien).  Das  Kabinett  Bienerth
überreicht  seine  Entlassung,  weil  der  Polenklub  auf  der  Durchführung
des  Wasserstraßengesetzes  beharrt.  (S.  29.  November.)

Auch  die  Unlösbarkeit  der  deutsch-tschechischen  Frage  wirkt  hierbei  mit.

13.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Erklärung
  des  Ministerpräsidenten  Frhrn.  v.  Bienerth  über  die  Demission
des  Kabinetts.

Der  Kaiser  habe  das  Kabinett  mit  der  Fortführung  der  Geschäfte
bis  zur  Bildung  eines  neuen  Kabinetts  betraut.  Der  Ministerpräsident
forderte  das  Haus  auf,  das  Budgetprovisorium,  den  Handelsvertrag  mit
Serbien,  die  Verlängerung  der  provisorischen  Geschäftsordnung  und  die
Wahlen  zu  den  Delegationen  schnellstens  zu  erledigen.

13.  Dezember.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Das  Budgetprovisorium
  bis  zum  1.  April  wird  mit  großer  Mehrheit  angenommen.
14.  Dezember.  (Böhmen.)  Landtag.

Wegen  Nichterledigung  des  Budgets  und  der  Stenervorlage  infolge
der  fortdauernden  deutschen  Obstruktion  schließt  der  Landesvoranschlag
Böhmens  1911  mit  einem  Defizit  von  rund  fünfzig  Millionen  Kronen  ab,
welches  durch  Erhöhung  verschiedener  Landesumlagen  gedeckt  werden  soll.

16.  Dezember.  (Cisleithanien).  Abgeordnetenhaus.  Annahme
  des  dreimonatigen  Budgetprovisoriums  in  allen  drei  Lesungen.

Für  Eisenbahnanlagen  wird  die  Regierung  ermächtigt,  Anleihen  bis
zu  109  Millionen  Kronen  aufzunehmen.  Ferner  wird  der  bestehende  Rechtszustand
  bezüglich  des  Privilegiums  der  österreichisch-ungarischen  Bank  bis
zum  15.  Februar  des  nächsten  Jahres  provisorisch  verlängert  unter  der
Voraussetzung,  daß  ein  ebensolches  Provisorium  in  Ungarn  zustande  kommt.

20.  Dezember.  (Prag.)  Theaterdirektor  Angelo  Neumann  f,
72  Jahre  alt.

23.  Dezember.  (Siebenbürgen.)  Die  mathematisch-naturwissenschaftliche
  Fakultät  der  Universität  Klausenburg  ernennt  Kaiser
Wilhelm  II.  zum  Ehrendoktor.

Im  Diplom  heißt  es  u.  a.:  „Es  ist  allbekannt,  daß  Kaiser  Wilhelm
ein  wohlwollender  Freund  Ungarns  ist.“

29.  Dezember.  (Budapest.)  Eröffnung  der  Delegationen.  Erzherzog
  Franz  Ferdinand  verliest  die  Thronrede  in  der  ungarischen
Delegation.  Das  Budgetprovisorium  wird  in  beiden  Delegationen
angenommen.

31.  Dezember.  (Cisleithanien.).  Der  Kaiser  beauftragt
Frhrn.  v.  Bienerth  mit  der  Bildung  eines  neuen  Ministeriums  für
die  im  Reichsrate  vertretenen  Königreiche  und  Länder.
        <pb n="489" />
        II.
Portugal.

2.  Januar.  Thronrede.

Bei  der  Eröffnung  des  Parlaments  fällt  die  Abwesenheit  sämtlicher
Abgeordneter  des  liberal-monarchischen  Blocks  und  das  Ausbleiben  der
üblichen  Huldigungen  auf  den  Straßen  auf.  Der  König  erwähnt  seine
Auslandsreise,  verspricht  eine  Finanzreform  und  eine  Revision  der  Verfassungsurkunde

  und  drückt  die  Hoffnung  aus,  daß  weitere  Handelsverträge
zustande  kommen.

2.  Januar.  Der  Antrag  Portugals,  die  Frage  der  Abgrenzung
Macaos  einem  Schiedsgericht  zu  unterbreiten,  wird  von  China  abgelehnt.


3.  Januar.  Vertagung  der  Kammern  auf  zwei  Monate.

11.  Januar.  Das  halbamtliche  Blatt  „Diario  de  Noticas"“
meldet  die  Entdeckung  einer  geheimen  Verschwörung  zur  Anderung
der  Regierung.

Es  wurden  größere  Mengen  von  Waffen  und  Sprengstoffen  beschlagnahmt,
  die  für  republikanische  Vereinigungen  bestimmt  sind.

11.  Januar.  Der  liberal-monarchische  Block  wird  aufgelöst.
Man  sieht  darin  einen  Erfolg  des  mit  dem  Hofe  verbündeten
Politikers  José  Luciana  de  Castro.

14.  Februar.  Die  Sanatorien  auf  Madeira  werden  von  der
portugiesischen  Regierung  gegen  Zahlung  von  1159  Kontos  (zirka
5½  Millionen  Mark)  übernommen.

3.  März.  Zusammentritt  des  Parlaments.

gubun  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses  wird  Graf  Penha  Garcia
gewählt.

11.  März.  Differenzen  der  Regierung  mit  beiden  Kammern.

Im  Senat  verweigerte  die  Regierung  die  Antwort  auf  eine  Interpellation
  Arroyo  über  die  Heirat  des  Königs,  da  eine  Diskussion  nicht
opportun  sei.  In  der  Kammer  wird  die  klerikale  Frage,  besonders  die
Angelegenheit  des  Bischofs  von  Beja  behandelt.  (Siehe  24.  Oktober  19091)

16.  März.  (Kammer)  Budget.  Durchstechereien.

Die  Budgetvorlage  des  Finanzministers  gibt  die  Einnahmen  mit

70  804  Kontos,  die  Ausgaben  mit  73500  Kontos  an,  so  daß  also  ein  Defizit

von  2700  Kontos  verbleibt.  Durch  die  Neuordnung  im  Zuckeranbau  und

bezüglich  der  Alkoholgewinnung  auf  Madeira  geschädigt,  verlangt  der
Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.  31
        <pb n="490" />
        482  Verinsal.  (März  18.—Juni  1.)

englische  Unternehmer  Hinton  mit  Unterstützung  seiner  Regierung  eine  Entschädigung
  von  600000  Pfund  Sterling.  Der  Republikaner  Costa  beantragt
  die  dringliche  Diskussion  der  Angelegenheit.  Die  Mehrheit  verwirft
  die  Dringlichkeit.  Unter  betäubendem  Lärm  der  Opposition  erklärt
der  Ministerpräsident,  die  Regierung  halte  die  Diskussion  für  inopportun.
Das  Kabinett  habe  bei  seinem  Amtsantritt  die  Frage  bereits  schwebend
gefunden,  habe  somit  nur  die  Verantwortung  für  die  Lösung,  die  sie  völlig
übernehme.

18.  März.  Entsprechend  dem  Artikel  79  der  Verfassung  legte
Dom  Affonso,  Herzog  von  Porto,  der  Onkel  des  Königs,  den  Eid
auf  die  Verfassung  ab,  wodurch  er  offiziell  als  Kronprinz  anerkannt
  wird.

Da  das  Rathaus  nicht  festlich  erleuchtet  war,  ließ  es  die  Regierung
durch  Feuerwehrleute  illuminieren.

1.  April  (Pairskammer.)  Bei  einer  Interpellation  über  die
erzwungene  Erleuchtung  des  Rathauses  führte  der  Minister  des
Innern  zur  Verteidigung  das  Beispiel  Preußens  an,  das  sogar
Kundgebungen  für  das  allgemeine  Wahlrecht  gewaltsam  unterdrückt
  habe.

3.  April.  Wahlgesetzentwurf.

Außer  einer  Neueinteilung  der  Wahlkreise  werden  für  Vernachlässigung
  der  Stimmpflicht  hohe  Geldstrafen  und  Entziehung  der  bürgerlichen
Ehrenrechte  vorgeschlagen.

19.  April.  Kammerskandal.

Der  Republikaner  Alfonso  Costa  spricht  von  den  Bestechungsgeldern,
die  Hinton  nach  den  von  ihm  veröffentlichten  Briefen  ausgegeben  habe.
Der  Entrüstungssturm  darüber  macht  eine  Schließung  der  Sitzung  notwendig.
  (Der  Engländer  Hinton  hatte  es  durch  die  Bestechung  von  Beamten
  verstanden,  sich  von  der  portugiesischen  Regierung  das  Zuckermonopol
auf  der  Insel  Madeira  erteilen  zu  lassen.)

WB.  April.  Vertagung  des  Parlaments  bis  zum  1.  Juni.

25.  April.  Der  durch  Bestechungen  des  Engländers  Hinton
bloßgestellte  Flügeladjutant  des  Königs,  Serpa  Pimentel,  wird
abgesetzt.

28.  April.  Die  englische  Regierung  desavouiert  ihren  Gesandten
  Villiers,  der  aus  eigener  Initiative  die  Ansprüche  des  mit
ihm  verwandten  Hinton  amtlich  unterstützt  hatte.

3.  Mai.  Beim  Credito  Predial,  der  die  hervorragendsten
Regierungsmitglieder  in  seinem  Verwaltungsrat  hat,  kommen  sehr
schlimme  betrügerische  Manipulationen  ans  Licht.  Der  Justizminister
  Montanegro  nimmt  deshalb  seine  Entlassung.

1.  Juni.  Die  Cortes  treten  wieder  zusammen.  Beide  Häuser
widmen  ihre  erste  Sitzung  dem  Andenken  König  Eduards  VII.
        <pb n="491" />
        Vortusal.  (Juni  8.—UAugust  24.)  483

8.  Juni.  In  Almaida  wird  eine  Agitation  entdeckt,  die  die
Unteroffiziere  und  Soldaten  der  Garnison  zu  einer  Revolte  zu  verleiten
  versucht.  Ihr  Leiter  ist  der  Republikaner  Cordeiro.

8.  Juni.  Die  Kammer  mußte  wegen  der  Tumulte  gegen  die
Regierung  bei  der  Fortsetzung  der  Diskussion  über  den  Credito
Predial  ihre  Sitzung  aufheben.

17.  Juni.  Das  Ministerium  reicht  seine  Entlassung  ein,  die
aber  vom  König  nicht  angenommen  wird.

26.  Juni.  Bildung  eines  neuen  Ministeriums  unter  Vorsitz
des  Regeneradorenführers  Teixeira  de  Souza.

Verteilung  der  Portefeuilles:  Inneres:  Teixeira  de  Souza;  Finanzen:
Inselmo  de  Andrade;  Krieg:  Raposo  Botelho;  Marine:  Marnoco  e  Souza;
Aeußeres:  Jose  Azevedo;  Justiz:  Manuel  Fratel;  öffentliche  Arbeiten:
Pereira  dos  Santos.

27.  Juni.  Der  Staatsrat  bewilligt  die  Auflösung  des  Parlaments.


Der  König  vollzieht  sie  und  beruft  die  neuen  Cortes  zum  23.  September.
  Die  Neuwahlen  sollen  am  28.  August  stattfinden.

7.  Juli.  Die  Zeitung  „Mundo“  (republikanisch)  veröffentlicht
  den  faksimilierten  Zahlungsbefehl  gegen  die  Königin-Großmutter
  Maria  Pia,  einer  Pariser  Juwelierfirma  26000  Franken
zu  zahlen.

Das  Aktenstück  war  aus  dem  Geheimarchiv  des  Justizministeriums
gestohlen  worden.

Mitte  August.  Monarchisten,  Nationalisten  und  Miguelisten.

Ueber  das  Parteigetriebe  in  Lissabon  bringen  die  Korrespondenten
ausländischer  Blätter  alarmierende  Berichte.  Die  in  sich  gespaltenen  „Monarchisten"“
  suchen  Anschluß  an  die  klerikalen  „Nationalisten“",  denen  der
päpstliche  Nuntius  zu  Hilfe  kommt,  weil  die  Regierung  sich  den  kirchlichen
Forderungen  zu  widersetzen  sucht.  Die  Republikaner  machen  gar  kein  Hehl
daraus,  daß  sie  alles  vorbereiten,  um  ohne  Blutvergießen  eine  Revolution
durchzuführen  und  daß  sie  zu  diesem  Zweck  Teile  der  Armee  gewinnen
müssen.  Die  junge  Generation,  selbst  die  monarchistische,  hat  von  der
Majestät,  wie  die  Nationalisten  klagen,  „eine  sehr  demokratische  Meinung“;
sie  hält  den  Theoretikern  des  Gottesgnadentums  den  Satz  entgegen:  „Der
König  ist  König,  weil  das  Volk  es  will.“  Dieser  Flut  radikaler  Gedanken
wollen  die  nach  der  Regierung  strebenden  Nationalisten  und  Miguclisten
ein  energisches  Regiment  entgegensetzen  und  verlangen  vom  König,  daß  er
abdanke,  wenn  er  den  Mut  zu  solchem  Entschluß  nicht  finden  könne.

20.  August.  Ein  Putsch  der  Klerikalen  zu  dem  Zwecke,  die  Vornahme
  der  Neuwahlen  am  28.  August  zu  verhindern,  wird  vereitelt.
24.  August.  Prinz  Friedrich  Leopold  von  Preußen  überreicht
an  der  Spitze  einer  Sondermission  dem  König  Manuel  die  Insignien

  des  Schwarzen  Adler-Ordens.
317
        <pb n="492" />
        484  Jeringal.  (August  27.  —Oltober  6.)

27.  August.  Die  Chefs  aller  monarchistischen  Gruppen  werden
vom  König  in  Audienz  empfangen.

Der  König  wollte  wissen,  welche  Wahlmanöver  die  Republikaner  für
die  letzten  24  Stunden  vor  dem  Wahltage  aufgespart  haben.  Man  zeigte
ihm  Plakate,  in  denen  die  Mißwirtschaft  während  der  Regierungszeit  seines
Vaters  zum  Ausdruck  gebracht  und  auch  die  gegenwärtige  Regierung
schwächlich  und  keiner  heilsamen  Entschließung  fähig  bezeichnet  wird.  Ferner
benachrichtigte  man  den  Monarchen,  daß  im  Lissaboner  Gemeinderat  und
der  ihm  unterstehenden  munizipalen  Polizei  die  republikanische  Sache  zahlreiche
  Anhänger  finde.

28.  August.  Die  Wahlen  finden  in  großer  Ruhe  und  ohne
die  üblichen  Durchstechereien  statt.

13.  September.  Das  Jesuitenkolleg  von  Aldea  da  Ponte  im
Distrikt  Guarda  wird  auf  Grund  eines  Gesetzes  aus  dem  18.  Jahrhundert
  geschlossen.  Als  der  Prior  am  17.  September  in  das  versiegelte
  Kolleggebäude  einzudringen  versucht,  wird  er  verhaftet.

17.  September.  Der  König  ernennt  15  Senatoren  aus  Mitgliedern
  der  Regierungspartei  und  gewährt  eine  Amnestie  für  politische
  Verbrecher.

23.  September.  Eröffnung  der  Cortes.  Thronrede.

Sie  behandelt  auch  die  Verleihung  des  Schwarzen  Adlerordens  an
den  König,  die  als  Beweis  besonderer  Sympathien  Deutschlands  hingestellt
wird,  ferner  die  Bekanntmachung,  daß  die  Regierung  gewillt  sei,  die  Oberherrschaft
  der  Krone  über  die  Kirche  zu  verteidigen,  ohne  die  religiösen
Gefühle  des  Volkes  zu  verletzen.  Unter  Betonung  der  Besserung  der  Finanzlage
  verkündet  die  Thronrede  einen  ausgedehnten  finanziellen  Reformplan
mit  Goldzahlung,  eine  Zoll-  und  Steuerreform,  sowie  auch  die  Reform
gewisser  Verfassungsartikel,  eine  Wahlgesetzreform,  ein  Preßgesetz  und  die
Schaffung  von  Jugendgerichten,  die  Rekonstruktion  der  Flotte,  die  Schaffung
  einer  direkten  regelmäßigen  Dampferlinie  unter  portugiesischer  Flagge
nach  Brasilien,  die  Reform  der  Kolonialverwaltung  usw.  Sämtliche  Angehörige
  des  Oppositionsblockes  waren  der  Sitzung  demonstrativ  ferngeblieben.
  Auf  den  Straßen  war  wenig  Volk;  kein  Zwischenfall  hat  sich
ereignet.

4.—6.  Oktober.  Revolution  in  Lissabon.

Die  Ermordung  des  Irrenarztes  und  antiklerikalen  Abgeordneten
Prof.  Bombarda  veranlaßt  den  vorzeitigen  Ausbruch  einer  in  der  Marine
und  einem  Teil  des  Landheeres  für  den  20.  November  vorbereiteten  republikanischen
  Revolution.  Das  Zeichen  dazu  gaben  20  Kanonenschüsse  am
4.  Oktober  2  Uhr  morgens.  Die  Polizei  wurde  auf  der  Straße  mit  Revolverschüssen
  empfangen:  das  zu  ihrer  Verstärkung  herbeigezogene  Infanterieregiment
  16  nahm  Partei  für  die  Aufständischen  und  umzingelte  den  Palast,
nachdem  der  Oberst  und  einige  Offiziere  von  den  eigenen  Mannschaften
niedergestreckt  waren.  Die  herbeigezogenen  treugebliebenen  Regimenter
wurden  mit  Handgranaten  empfangen  und  in  der  Umgebung  Lissabons  alle
Telegraphen-  und  Telephondrähte  und  Eisenbahngeleise  zerstört.  Am  königlichen
  Palais  wichen  die  Munizipalgarden  nach  tapferer  Gegenwehr.  Die
Kreuzer  „Adamastor“  und  „Rafael“  hißten  die  republikanische  grün-rote
        <pb n="493" />
        Vertugal.  (Oktober  7.—17.)  485

Flagge  und  nahmen  den  Palast  unter  Feuer.  Um  2  Uhr  mittagts  flüchtet
sich  König  Manuel  II.  und  die  Königin-Mutter  Marie  Amalie  nach  dem
nahen  Cintra  und  von  dort  an  die  Küste  nach  Mafra,  während  der
Kampf  in  den  Straßen  nach  dem  Eintreffen  von  Provinztruppen  immer
heftiger  wird.  Auch  der  Herzog  von  Oporto,  der  Onkel  des  Königs,
wird  nach  tapferer  Gegenwehr  an  der  Spitze  der  königstreuen  Gebirgsartillerie
  zum  Rückzuge  gezwungen.  Die  siegreichen  Meuterer  rufen  die
Republik  aus.  Die  provisorische  Regierung  setzt  sich  zusammen:  Präsidium
Theophilo  Braga,  Inneres  Antonio  José  Almeida,  Justiz  Alfonso  Costa,
Auswärtiges  Bernardino  Machado,  Finanzen  Basilio  Telles,  öffentliche
Arbeiten  Antonio  Luiz  Gomez,  Krieg  Oberst  Barreto,  Marine  und  Kolonien
Azevedo  Gomez.  .

Am  Morgen  des  5.  Oktober  vereinigen  sich  die  königstreuen  Truppen
mit  ihren  Kameraden,  nachdem  in  31stündigem  Kampfe  100  Mann  getötet
  waren.

Die  königliche  Familie  begab  sich  auf  Fischerbooten  um  3  Uhr  nachmittags
  an  Bord  der  auf  hoher  See  liegenden  Jacht  „Amelia“.  In  der
Proklamation  der  provisorischen  Regierung  heißt  es:  „Das  Volk,  die  Armee
und  die  Marine  haben  die  Republik  proklamiert.  Die  Dynastie  der  Braganza,
  die  üblen  Wollens  und  mit  Absicht  den  sozialen  Frieden  des  Landes
gestört  hat,  ist  für  immer  aus  Portugal  verbannt.“

Am  6.  Oktober  um  11  Uhr  abends  trifft  die  „Amelia“  mit  der
königlichen  Familie  in  Gibraltar  ein.

7.  Oktober.  Durch  Dekret  fordert  die  provisorische  Regierung
den  Klerus  auf,  die  Straßen  nicht  in  Amtskleidung  zu  betreten,
damit  Ausschreitungen  verhütet  werden.  Ein  weiteres  Dekret  verfügt
  die  Auflösung  sämtlicher  Kongregationen,  deren  Mitglieder

das  Land  binnen  24  Stunden  verlassen  haben  müssen.

Die  Provinzialstädte  erklären  sich  für  die  Republick.  England  und
Spanien  erkennen  die  Republik  an.  Die  radikalen  Dissidenten  lösen  ihre
Partei  auf;  ihr  Führer  Alpoim  wird  Republikaner.

9.  Oktober.  (Lissabon.)  Erstürmung  mehrerer  Klöster.

Die  Mönche  und  Nonnen  werden  vertrieben,  ein  Pater  wird  getötet
und  mehrere  Mönche  und  Nonnen  verwundet.

9.  Oktober.  (Lissabon.)  Offizielle  Feier  der  Gründung  der
Republik.

14.  Oktober.  Das  persönliche  Eigentum  des  Königs  Manuel
wird  dem  englischen  Gesandten  ausgehändigt.

16.  Oktober.  König  Manuel,  seine  Mutter  und  der  Infant
Alfonso  schiffen  sich  auf  der  englischen  Königsjacht  „Victoria  and
Albert“  von  Gibraltar  nach  Plymouth  ein.  Die  Königin  Maria
Pia  reist  auf  der  „Regina  Elena“  nach  JItalien.

17.  Oktober.  Durch  Dekrete  der  provisorischen  Regierung  wird
der  Adel  und  die  Erste  Kammer  für  abgeschafft  erklärt.  Die  Dynastie
Braganza  wird  verbannt  und  für  die  kirchlichen  Wohltätigkeitsanstalten
  die  Verweltlichung  verfügt.
        <pb n="494" />
        486  VPerinzal.  (Oktober  20.—November  9.)

20.  Oktober.  Münzskandal.

Der  Direktor  der  staatlichen  Münze  J.  de  Lima  erschießt  sich,  als
er  vor  den  Untersuchungsrichter  zitiert  wird,  um  über  die  Anklage  vernommen
  zu  werden,  daß  die  Beamten  der  Münze  viele  Jahre  lang  Silbergeld
  für  sich  haben  prägen  lassen,  um  den  Schlagschatz  von  35%  in  die
eigene  Tasche  zu  stecken.

21.  Oktober.  Auf  englischen  Vorschlag  einigen  sich  die  Mächte,
bei  der  Anerkennung  der  neuen  Regierung  pari  passu  vorzugehen.
Der  Nuntius  verläßt  Portugal.  Die  Prälaten  haben  sich  sämtlich

der  Republik  angeschlossen.

24.  Oktober.  Die  Botschaft  beim  päpstlichen  Stuhl  wird  in
eine  Gesandtschaft  umgewandelt.

27.  Oktober.  Die  provisorische  Regierung  erklärt,  daß  die
Kämpfe  vom  3.—5.  Oktober  als  Heldentaten  betrachtet  werden
sollen  und  begnadigt  die  wegen  Disziplinlosigkeit  bestraften  Soldaten.

Die  gerichtliche  Untersuchung  ergibt,  daß  Admiral  Reis  sich  aus
Schmerz  über  die  Meuterei  der  Matrosen  erschossen  habe.

31.  Oktober.  Der  ehemalige  Diktator  Franco  wird  gegen  eine
Kaution  von  1  Million  Franken  aus  der  Untersuchungshaft  entlassen.

Er  ist  angeklagt,  durch  seine  Dekrete  die  Ausübung  von  Landesgeseden
  verhindert  und  die  Schulden  des  Königs  Carlos  mit  Krongütern
eglichen  zu  haben.

1.  November.  Der  frühere  Justizminister  unter  Franco,
Teixeira  de  Souza,  wird  auf  seinem  Schloß  Cavairas  bei  Coimbra
wegen  ähnlicher  Beschuldigungen  wie  früher  der  Diktator  Franco
verhaftet.

3.  November.  Die  letzten  50  Jesuiten  flüchten  nach  den
Niederlanden.

4.  November.  Veröffentlichung  des  Ehescheidungsgesetzes,  das,
über  das  deutsche  und  französische  Recht  hinausgehend,  den  übereinstimmenden
  Wunsch  beider  Gatten  als  genügenden  Scheidungsgrund
  gelten  läßt.  Das  Gesetz  tritt  sofort  in  Kraft.

9.  November.  Nachdem  Deutschland  schon  am  31.  Oktober
in  geschäftliche  Beziehungen  zur  provisorischen  Regierung  getreten
war,  ohne  damit  die  Republik  anzuerkennen,  überreichen  die  Gesandtschaften
  Englands,  Spaniens,  Frankreichs,  Rußlands,  Belgiens
und  Norwegens  Noten  im  gleichen  Sinne.  Der  deutsche  Gesandte
überreicht  tags  darauf  eine  gleiche  Note.  Die  Lissaboner  Bevölkerung
  bringt  dem  diplomatischen  Korps  am  Abend  des  10.  November
einen  Fackelzug.
        <pb n="495" />
        Vertusal.  (November  9.—Dezember  Mitte.)  487

9.  November.  Vier  Admirale,  darunter  der  frühere  Ministerpräsident
  und  Parteichef  Ferreira  Amaral,  werden  verabschiedet.

19.  November.  Der  Ministerrat  bestimmt  die  offizielle  Einführung
  der  grün-roten  Flagge  für  die  Republik.

24.  November.  Im  Offizierkorps  macht  sich  Unzufriedenheit
über  die  Neubesetzung  hoher  Kommandostellen  geltend.

1.  Dezember.  (Lissabon.)  Pomphafte  Feier  des  Jahrestages
der  Befreiung  Portugals  von  der  spanischen  Herrschaft  und  zugleich
eines  Festes  für  die  neue  Landesflagge.

!11.  Dezember.  Das  Appellationsgericht  entscheidet,  daß  Franco
und  seine  ehemaligen  Ministerkollegen  in  die  Amnestie  eingeschlossen
und  daher  straffrei  seien.

Mitte  Dezember.  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  legen
Verwahrung  ein  gegen  die  Ausweisung  der  deutschen  und  österreichischen
  Missionare  aus  den  portugiesischen  Kolonien.

Der  Protest  stützt  sich  auf  die  Kongoakte  von  1884  und  das  Brüsseler
Antisklaverei-Abkommen  von  1890.  In  Betracht  kommen  deutsche  Jesuiten
in  Mozambique  und  Angola  und  die  Bäter  vom  heiligen  Geist  (die
„schwarzen  Väter“)  in  anderen  Kolonien.

Mitte  Dezember.  (Madeira.)  Unruhen  infolge  der  Choleramaßregeln

  der  Regierung  werden  schnell  unterdrückt.
        <pb n="496" />
        IV.

Spanien.

2.  Januar.  In  Saragossa  platzten  vor  der  Kirche  Santa
Madona  del  Pilar  und  der  Kathedrale  zwei  Bomben,  richteten  aber
wenig  Schaden  an.  Eine  dritte  wurde  in  der  Nähe  mit  erloschener
Zündschnur  gefunden.

7.  Januar.  In  Santander  wird  ein  englischer  Dampfer,  der
Waffen  und  Munition  an  Bord  hatte,  aus  dem  Hafen  ausgewiesen,
weil  diese  Waffen  für  die  Carlistenpartei  bestimmt  seien.

12.  Januar.  Demonstration  unzufriedener  Offiziere.

Einige  hohe  Offiziere,  die  vor  dem  Redaktionslokal  eines  militärischen
Fachblattes  eine  Demonstration  veranstaltet  hatten,  um  die  Auszeichnungen
für  die  Teilnehmer  an  den  Kämpfen  in  Marokko  als  ungerecht  hinzustellen,
werden  entlassen  und  unter  Anklage  gestellt.  Von  den  80  Beteiligten  werden
schließlich  5  bestraft.

22.  Januar.  Feierlicher  Einzug  der  aus  Marokko  heimgekehrten
Truppen  in  Madrid.

Der  König  erklärte,  es  erfülle  ihn  mit  Stolz,  daß  die  Tapferkeit  des
spanischen  Heeres  neue  Gegenden  der  Zivilisation  und  dem  freien  Wettbewerb
  der  Wellt  erschlossen  habe.

27.  Januar.  Programm  des  „katholischen  Verbandes“:

1.  Einschränkung  der  Kultusfreiheit  und  Untersagung  aller  nichtkatholischen
  Kulte.  2.  Staatliche  Unterstützung  der  Prälaten  behufs  Abstellung
  aller  nichtkatholischen  Lehrbücher  und  Schriften.  3.  Vollständige
Lehrfreiheit  für  die  Ordensgenossenschaften  und  Abschaffung  der  staatlichen
Kontrolle.  4.  Unterstellung  aller  Lehranstalten  und  Universitäten  unter
geistliche  Oberaufsicht.  5.  Wiederherstellung  der  geistlichen  Gerichtsbarkeit
für  den  Klerus  und  Befreiung  desselben  von  der  Verpflichtung,  vor  weltlichen
  Gerichtshöfen  Zeugnis  abzulegen  oder  Verhör  zu  bestehen.  6.  Befreiung
  vom  Waffendienst  für  alle  Seminaristen  bis  zum  27.  Lebensjahr
und  vollständige  Befreiung  vom  Waffendienst  für  alle  zu  Priestern  Geweihten
und  Ordensbrüder,  die  die  Klostergelübde  abgelegt  haben.  7.  Anerkennung
aller  der  kirchlichen  Trauung  entspringenden  Rechte  durch  die  weltlichen
Gerichte.  Vorrang  der  kirchlichen  vor  der  standesamtlichen  Trauung.  Verbot
für  Andersgläubige,  letztere  einzugehen,  ohne  mindestens  ein  Jahr  im  voraus
das  Bekenntnis  der  Andersgläubigkeit  abgelegt  zu  haben.  8.  Berechtigung
aller  Großjährigen  beiderlei  Geschlechts,  unbehindert  ins  Kloster  einzutreten.
9.  Berechtigung  der  Bischöfe,  aus  eigener  Machtvollkommenheit  und  ohne
Einmischung  der  weltlichen  Gerichte  die  Ueberweisung  der  frommen  Stiftungen
  und  Testamente  zugunsten  der  Kirche  zu  veranlassen.  10.  Unter-
        <pb n="497" />
        Spanien.  (Januar  29.  —  März  9.)  489

sagung  aller  nicht  katholischen  Vereine  und  Verbände.  11.  Wiederherstellung
der  früheren  Begräbnisliturgie.  12.  Der  „Katholische  Verband“  verlangt
dann  noch  zum  Schluß,  daß  die  Kirchengüter  von  der  Grundsteuer  befreit
und  den  Ordensgenossenschaften  und  überhaupt  allen  kirchlichen  Personen
eine  Ermäßigung  der  Konsumsteuer  bewilligt  werden  möge.

Der  „Liberal“  fordert  die  Regierung  auf,  das  Gesuch  nicht  etwa
mit  Schweigen  zu  übergehen,  sondern  ihm  eine  gehörige  Antwort  zuteil
werden  zu  lassen,  und  spricht  die  Zuversicht  aus,  daß  die  neuzuwählenden
Cortes  im  geeigneten  Augenblicke  Maßnahmen  treffen  werden,  um  die  Fragen
der  Zivilehe,  der  Kultusfreiheit,  des  Waffendienstes,  der  Besteuerung  der
Kirchengüter,  des  Unterrichtswesens  und  der  Gerichtsbarkeit  derart  zu  regeln,
daß  nicht  mehr  an  ihnen  gerüttelt  werden  könne.

29.  Januar.  Staatsfinanzen.

Die  „Gaceta“  veröffentlicht  die  Ergebnisse  des  Budgets  für  1909.  Danach
  betrugen  die  Einnahmen  1065  Millionen  Pesetas  gegen  den  Voranschlag
von  1000  Millionen,  die  Ausgaben  1100  Millionen  gegen  1062  Millionen.

9.  Februar.  Das  liberale  Ministerium  Moret,  das  seit  dem
22.  Oktober  1909  im  Amte  war,  tritt  zurück.  Der  König  betraut
den  Demokraten  Canalejas  mit  der  Bildung  eines  neuen  Kabinetts.

Der  Grund  der  Ministerkrisis  waren  Streitigkeiten  über  die  Verteilung
  der  Mandate  bei  den  nächsten  Wahlen  zwischen  den  Liberalen  und
Demokraten.  Den  äußeren  Anlaß,  dem  Ministerpräsidenten  die  Unzufriedenheit
  der  Demokraten  bemerkbar  zu  machen,  bot  die  Beschränkung  der  Befugnisse
  des  Bürgermeisters  bei  der  Ernennung  von  Beamten.  Für  die

Berufung  des  rücksichtslosen  Canalejas  sprach  auch  die  Weigerung  des
Vatikans,  über  die  Revision  des  Konkordats  Verhandlungen  zuzulassen.

10.  Februar.  Kabinett  Canalejas.

Das  neue  Ministerium  setzt  sich,  wie  folgt,  zusammen:  Canalejas
Vorsitz,  Aeußeres  Garcia  Prieto,  Inneres  Graf  Sagasta,  Krieg  General
Azuar,  Marine  Arias  Miranda,  Finanzen  Cobian,  Justiz  Ruiz  Valarino,
Oeffentliche  Arbeiten  Calbeton,  Unterricht  Graf  Romanones.

10.  Februar.  (Madrid.)  Der  deutsche  Botschafter,  Graf
Tattenbach,  f  an  Lungenentzündung,  64  Jahre  alt.

22.  Februar.  (Sevilla.)  Der  König  erläßt  eine  allgemeine
Amnestie  für  politische  Verbrechen.

Die  Begnadigung  durch  Dekret  kommt  in  Barcelona  172  Gefangenen,
die  vor  ein  Kriegsgericht,  90,  die  vor  das  Zivilgericht  gehören,  zugute.
Im  übrigen  Katalonien  werden  446  Angeklagte  dadurch  frei.  Auch  Reservisten,
  die  Fahnenflucht  begingen,  sollen  der  Begnadigung  teilhaftig  werden.

8.  März.  Defizit.

Das  Amtsblatt  veröffentlicht  den  vorläufigen  Abschluß  des  Haushalts
von  1909.  Darnach  ergibt  sich  ein  Ausfall  von  35  Millionen  Pesetas.
Der  Riffeldzug  verschlang  54  Millionen.  Sonst  hätte  sich  ein  Ueberschuß
von  18  Millionen  ergeben.  (Siehe  29.  Januar.)

9.  März.  Frauenstudium.

Der  König  unterzeichnete  einen  Erlaß,  der  den  Erlaß  vom
11.  Juni  1888  aufhebt  und  die  Zulassung  der  Frauen  zu  den  Universitätsstudien
  gestattet.
        <pb n="498" />
        490  Spanien.  (März  10.—Mai  9.)

10.  März.  (Madrid.)  Gegen  die  Klerikalen.

Bei  einem  Bankett,  das  zu  Ehren  Sagastas  veranstaltet  wurde,  hielt
Ministerpräsident  Canalejas  eine  Rede,  in  welcher  er  an  die  Union  aller
linken  Parteien  den  Appell  richtete,  dem  massiven  Block  der  Rechten  die
Stirn  zu  bieten,  damit  die  Regierung  die  wachsende  Invasion  des  Klerikalismus
  bekämpfen  könne.

Mitte  März.  Der  Kampf  um  die  Schule.

Zahlreiche  Versammlungen  für  und  gegen  die  Laienschulen  spalten
die  Bevölkerung  der  Städte  in  eine  katholische  und  eine  antiklerikale  Partei.
Für  die  Laienschulen  sind  große  Massen  der  Bevölkerung  in  Madrid,  Gandia,
Granada,  Jerez,  gegen  sie  in  Saragossa,  Tarragona,  Liria,  San  Sebastian,
Oviedo  und  Granollers.

22.  März.  Prinz  von  Ratibor  und  Corvey  überreicht  dem
König  sein  Beglaubigungsschreiben  als  deutscher  Botschafter.

2.  April.  Der  Unterrichtsminister  beantragt  im  Ministerrat
zunächst  die  Begründung  von  500  neuen  Volksschulen,  denen  dann
allmählich  weitere  folgen  sollen.

6.  April.  Friedensvermittelung  in  Südamerika.

Da  der  König  von  Spanien  zum  Schiedsrichter  in  dem  zwischen
Ecuador  und  Peru  schwebenden  Konflikt  gewählt  war,  bot  die  Regierung
beiden  Republiken  ihre  guten  Dienste  für  die  Schlichtung  des  Streites  an.

10.  April.  (Valencia.)  Für  religiöse  Freiheit.

Im  überfüllten  Theater  Pizarro  fand  eine  Kundgebung  für  die
Gewissens=  und  Kultusfreiheit  statt.  Den  Vertretern  der  spanisch-evangelischen
Kirchen  und  der  fortschrittlichen  Parteien  wurde  begeisterter  Beifall  gespendet.

14.  April.  Der  König  unterzeichnet  das  Auflösungsdekret

für  die  Cortes.

Die  Kammerwahlen  finden  am  8.,  die  Senatswahlen  am  22.  Mai
statt.  Die  Eröffnung  der  neuen  Cortes  erfolgt  am  15.  Juni.

16.  April.  Ministerpräsident  Canalejas  erklärt,  daß  die  Verhandlungen
  mit  dem  Vatikan  über  die  Abänderung  des  Konkordats
wieder  aufgenommen  werden  sollen.

9.  Mai.  Corteswahlen.

Im  allgemeinen  wird  das  übliche  Verfahren  befolgt,  wonach  die
Regierung  und  die  Opposition  sich  im  Vorwege  in  die  Wahlsitze  so  einteilen,
  daß  die  Regierungspartei  zwei  Drittel  und  die  Opposition  ein  Drittel
der  Mandate  erhält.  Gestört  wurde  diesmal  die  bisherige  Gewohnheit  durch
den  Erfolg  der  Republikaner  im  Bunde  mit  den  Radikalen  und  Sozialisten
in  den  großen  Städten.  Nach  Auffassung  der  Regierung  sind  die  Gewählten
in  folgender  Weise  zu  gruppieren:  230  Liberale,  104  Konservative,  45  Republikaner
  und  ein  Sozialist.  Der  Rest  verteilt  sich  auf  Katholiken,  Carlisten,
Regionalisten  und  Integristen.  Die  ministerielle  Majorität  soll  die  vereinigten
  Oppositionsparteien  um  60  Stimmen  übertreffen.  Der  Ministerpräsident
  erklärte,  er  sei  erfreut  über  die  Ruhe,  mit  der  sich  die  Wahlen
vollzogen  hätten.  Das  Bemerkenswerte  ist  der  Zuwachs  der  Republikaner
um  15  Mandate.
        <pb n="499" />
        Spanien.  (Mai  23.  —  Juni  16.)  491

23.  Mai.  Der  König  begnadigt  den  Marineauditeur  Macias,
der  wegen  seiner  Kritik  der  spanischen  Marineverwaltung  zu  mehrjähriger
  Gefängnisstrafe  verurteilt  worden  war.  (Siehe  1909  April  27.)

23.  Mai.  Attentat.

Bei  der  Rückkehr  des  Königs  aus  London  erfolgte  auf  der  Calle
Mayor  eine  Bombenexplosion,  bei  der  aber  nur  der  Attentäter,  ein  27  jähriger
Anarchist,  verletzt  wurde.

31.  Mai.  Gegen  die  renitenten  Klöster.

Ein  königliches  Dekret  verfügt,  daß  die  Klöster,  die  sich  der  Verordnung
  vom  April  1902  nicht  unterwarfen,  also  nicht  die  Zahl  und  die
Herkunft  ihrer  Mitglieder,  ihre  Einnahmen  usw.  amtlich  mitteilten,  als  gesetzlich
  nicht  existierend  zu  betrachten  seien.  Die  Kongregationen,  die  industriell
tätig  sind,  sollen  Gewerbescheine  lösen.

11.  Juni.  Der  „Staatsanzeiger“  veröffentlicht  ein  Dekret
des  Königs,  wonach  alle  religiösen  Kulte  nach  Artikel  11  der  Verfassung
  volle  Freiheit  genießen.

15.  Juni.  Eröffnung  des  Parlaments  durch  den  König.

In  der  Thronrede  wird  erklärt,  daß  die  Beziehungen  Spaniens
u  allen  anderen  Mächten  andauernd  freundschaftliche  seien.  Die  hohe
ürsorge  des  Papstes  und  die  Empfindungen  kindlicher  Hochachtung,  welche
man  dem  Payste  schulde,  ließen  hoffen,  daß  unter  voller  Wahrung  der
wechselseitigen  Achtung  vor  den  beiderseitigen  Prärogativen  die  glückliche
Entente  zwischen  Spanien  und  dem  Heiligen  Stuhle  keine  Unterbrechung
erleiden  werde.  Die  Thronrede  bespricht  sodann  den  Riffeldzug,  der
notwendig  geworden  sei,  weil  es  an  Mitteln  gefehlt  habe,  die  Ausschreitungen
der  Eingeborenen  um  Melilla  zu  unterdrücken.  Die  weiteren  Verhandlungen
mit  dem  Maghzen  bezwecken  die  Erlangung  der  Entschädigungen,  auf  die
Spanien  Anspruch  habe,  sowie  die  Schaffung  einer  wirksamen  Garantie
gegen  neue  Gewalttätigkeiten  und  Unruhen  im  übrigen  Teile  Marokkos.
Mit  Frankreich  durch  die  Bande  loyalen  Zusammenwirkens  verbunden,
fahre  Spanien  fort,  innerhalb  der  durch  das  internationale  Abkommen  gezogenen
  Grenzen  an  der  Reformarbeit  sich  zu  beteiligen.  Die  Aufmerksamkeit,
  welche  die  Regierung  dem  afrikanischen  Kolonialbesitz  zuwende,  werde
in  entsprechenden  Gesetzvorlagen  ihren  Ausdruck  finden.  Die  Regierung
werde  darauf  hinwirken,  daß  die  Kongregationen  dem  bürgerlichen  Vereinsgesetz
  unterworfen  werden,  ohne  daß  dadurch  ihre  geistige  Unabhängigkeit
berührt  würde.  Die  Verhandlungen  mit  dem  Heiligen  Stuhl  wegen  Aufhebung
  der  nicht  unbedingt  nötigen  Klöster  würden  fortgesetzt.  Das  Vereinsgesetz
  vom  30.  Juni  1887  solle  einer  Revision  unterzogen  werden.  Die
Regierung  werde  ferner  eintreten  für  allgemeine  Wehrpflicht  und  für  ein
starkes,  über  alle  modernen  Errungenschaften  verfügendes  Heer,  auch  die
Marine  solle  reorganisiert  werden.  In  der  Thronrede  wird  dann  eine
Steuerreform  angekündigt,  nach  der  die  Verteilung  der  Lasten  in  gerechterer
  Weise  erfolgt.  Ebenso  solle  die  Erbschaftssteuer  in  dem  Sinne
abgeändert  werden,  daß  sie  eine  mäßige,  aber  entschiedene  Progression  zeige.
Ferner  sollen  Vorlagen  eingebracht  werden  betreffend  das  Wahlrecht,  die
Fürsorge  für  die  Arbeiter,  den  öffentlichen  Unterricht  usw.

15.  Juni.  Die  Forderung  des  Vatikans,  daß  vor  weiterer
Verhandlung  über  die  Abänderung  des  Konkordats  das  Dekret  vom
        <pb n="500" />
        492  Spanien.  (Juni  22.  —Juli  23.)

11.  Juni  zurückgenommen  werde,  wird  von  der  spanischen  Regierung
schroff  abgelehnt.

22.  Juni.  Die  Regierung  läßt  sieben  Schulen  der  „Brüder
der  christlichen  Lehre“  schließen.

1.  Juli.  Der  König  unterzeichnete  das  Dekret,  das  den

religiösen  Eid  bei  allen  bürgerlichen  Handlungen  abschafft.

Dagegen  protestieren  unter  Führung  der  Marquise  del  Valle  200000
spanische  Frauen  durch  ein  Manifest,  in  dem  es  heißt:  „Die  spanische  Frau
sieht  unter  den  gegenwärtigen  Umständen  den  Glauben  bekämpft  und  die
Rechte  des  Heiligen  Stuhles  und  der  Kirche  bedroht  durch  diejenigen,  die
sich  weder  um  Gott  noch  um  den  Kultus,  sondern  allein  um  die  Rechte
der  dissidenten  Kirchen  bekümmern;  sie  sieht  auch,  daß  man  durch  eine
weltliche  Erziehung  den  Glauben  aus  dem  Herzen  ihrer  Kinder  reißen  will.
Tief  katholisch,  erhebt  die  spanische  Frau  Protest.“

2.  Juli.  (Senat.)  Kirchenpolitik.

Ministerpräsident  Canalejas  führte  aus:  Die  Regierung  hätte  die
religiöse  Frage  nicht  angeschnitten,  wenn  sie  nicht  geglaubt  hätte,  sie  auch
lösen  zu  können.  Das  Vorgehen  der  Regierung  sei  nicht  gegen  die  religiösen
Gefühle  des  Volkes,  sondern  lediglich  gegen  den  Klerikalismus  gerichtet.
Er  bedauere  die  öffentliche  Einmischung  des  spanischen  Episkopats,  nachdem
Verhandlungen  mit  dem  päpstlichen  Stuhle  eingeleitet  worden  seien.  Gleicherweise
  bedauere  er  die  von  spanischen  Damen,  die  in  ihrem  Katholizismus
sehr  schlecht  beraten  seien,  eingeleitete  Bewegung  gegen  die  Regierung.  Der
Ministerpräsident  schloß  mit  der  Erklärung,  er  verlange  Zurückhaltung  von
allen,  namentlich  vom  Episkopat.

2.  Juli.  Staatshaushaltsvorlage.

Der  Budgetentwurf  für  1911  sieht  an  Ausgaben  1,04  Milliarden
Pesetas,  an  Einnahmen  1,13  Milliarden  vor.  Die  Mehrausgaben  betragen
51  ½"  Millionen,  die  Mehreinnahmen  82  Millionen.  Der  Gesamtüberschuß
des  Budgets  beläuft  sich  auf  85  ½/  Millionen.  Sensation  erregt  der  Steuerentwurf
  auf  Erbschaften,  der  ½  bis  3½  Prozent  vorsieht.  Entfernteste
Verwandtschaften  werden  weit  mehr  getroffen.  Die  Steuerreform  berührt
ferner  den  Grundbesitz,  die  Dividenden,  Minen,  persönliche  Abgaben  auf
Zucker  und  Tabak.  Die  Transportsteuer  wird  wiedereingeführt.  Die  Verbrauchssteuern
  werden  wesentlich  erleichtert.  Bemerkenswert  ist  eine  dreiprozentige
  Steuer  auf  Kontokorrente.

3.  Juli.  Antiklerikale  Volksstimmung.

Kundgebungen  der  Freude  über  Canalejas  antiklerikale  Politik  finden
in  der  Hauptstadt,  in  Barcelona,  Sevilla,  Bilbao,  Santander,  Valladolid,
Alicante,  Bajadoz,  Linares,  San  Sebastian,  Vigo,  Malaga,  Oviedo,  Toledo
und  anderen  Plätzen  statt.

19.  Juli.  Den  politischen  Flüchtlingen,  die  sich  nach  den
Unruhen  in  Barcelona  nach  Frankreich  retteten,  wird  die  Rückkehr
in  die  Heimat  gestattet.

23.  Juli.  (Barcelona.)  Der  frühere  Ministerpräsident
Maura  wird  bei  der  Ankunft  aus  Madrid  von  einem  jungen  Mann
durch  Schüsse  an  Armen  und  Beinen  verwundet.
        <pb n="501" />
        Imien.  (Juli  23.—Oktober  27.)  493

23.  Juli.  Vertagung  der  Cortes.
26.  Juli.  Carlisten  und  Republikaner.

Die  Carlisten  feiern  den  Geburtstag  des  Don  Jaimes.  In  Portugalete
  bei  Bilbao  werden  bei  einem  Zusammenstoß  mit  Republikanern  sieben
Personen  verletzt.

29.  Juli.  Abberufung  des  Botschafters  beim  Heiligen  Stuhl
Ojeda.  Es  bleibt  dort  nur  ein  Geschäftsträger  zurück.

5.  August.  Die  Regierung  beschließt  wegen  des  Manifestes,
das  der  Prätendent  Don  Jaime  de  Bourbon  an  die  Carlisten,
aus  dem  Schlosse  Frohsdorf  aus  Österreich  hatte  ergehen  lassen,
keine  diplomatischen  Schritte  zu  unternehmen.

7.  August.  (San  Sebastian.)  Die  beabsichtigte  Massenkundgebung
  der  Klerikalen  unterblieb,  weil  der  Papst  davon  abriet
und  weil  die  Regierung  alle  Transportmittel  für  Truppenbeförderungen
  in  Anspruch  genommen  hatte.

23.  August.  In  einem  Flugblatt  erklären  die  Carlisten,  sie
seien  entschlossen,  ihre  Religion  mit  Dolch  und  Revolver  zu  verteidigen.
  Die  Opfer  dieses  Kampfes  würden  geradewegs  in  den
Himmel  eingehen.

1.  September.  (Bilbao.)  Der  langandauernde  General-=streik
  führt  zu  Ausschreitungen,  bei  denen  das  Militär  viele
Streikende  verwundet  und  verhaftet.

6.  September.  Der  Allgemeinausstand  der  Arbeiter  in  Bilbao
und  Saragossa  endet  mit  vollständigem  Mißerfolg.

15.  September.  Der  Justizminister  Ruiz  Valarino  kündigt
einen  Gesetzentwurf  zwecks  Abschaffung  der  Todesstrafe  an.

22.  September.  (Bilbao.)  Der  Streik  der  Bergarbeiter
endet  mit  einem  völligen  Sieg  der  Arbeiter.

2.  Oktober.  Die  im  ganzen  Lande  organisierte,  klerikale
Kundgebung  kommt  nur  in  wenigen  Städten  und  unter  schwacher
Beteiligung  zustande.

26.  Oktober.  Die  Friedensverhandlungen  mit  Marokko,  zu
denen  El  Mokri  in  Madrid  erschienen  ist,  führen  zu  einer  Verständigung
  bis  auf  die  Frage  der  Entschädigung.

Die  französische  Presse  ereifert  sich  gegen  die  Zumutung,  daß  Marokko
den  Spaniern  ihre  Kriegskosten  ersetzen  soll.

27.  Oktober.  (Madrid.)  Internationaler  Kongreß  gegen

den  Mädchenhandel.

Der  österreichische  Vorschlag,  eine  internationale  Kommission  zu  ernennen,
  die  mit  Hilfe  der  Regierungen  neue  Nationalkomitees  begründen
soll,  wird  angenommen,  der  nächste  Kongreß  wird  1918  in  London  tagen.
        <pb n="502" />
        494  Spanien.  (Oktober  29.—Dezember  31.)

29.  Oktober.  (Kammer.)  Der  Gesetzentwurf  zur  Abschaffung
des  religiösen  Eides  wird  mit  großer  Majorität  angenommen.

4.  November.  Der  Senat  nimmt  das  Sperrgesetz  mit  149
gegen  85  Stimmen  an.

5.  November.  (Madrid.)  Einweihung  des  neuen  deutschen
Schulgebäudes  in  Gegenwart  des  Prinzen  Louis  Ferdinand  von
Bayern.

16.  November.  Marokkanische  Kriegskostenentschädigung.

Die  Entschädigungssumme,  die  Marokko  an  Spanien  für  den  Riffeldzug
  zu  zahlen  hat,  wird  durch  Zugeständnis  des  Bevollmächtigten
El  Mokri  auf  65  Millionen  Franks  festgesetzt  und  mit  83  Prozent  verzinst.
Die  Abzahlung  soll  in  75  Jahren  erfolgen.  Das  Gebiet  von  Melilla  wird
um  30  qkm  erweitert.  Ceuta  und  Melilla  erhalten  spanische  Zollstationen.

19.  November.  (Cortes.)  Kirchliche  Politik  der  Regierung.

Ministerpräsident  Canalejas  führt  aus,  daß  das  Sperrgesetz  die  Einleitung
  zu  einem  Vereinsgesetz  und  zur  Schulreform  sei.  Er  legte  von  neuem
das  unverbrüchliche  Bekenntnis  ab  zur  Glaubens=  und  Kultusfreiheit
und  zu  dem  Recht  Spaniens  auf  ein  modernes,  von  kirchlichem  Druck  unabhängiges
  Volksdasein,  was  stürmischen  Beifall  auf  der  Linken  hervorrief.

5.  Dezember.  Das  Kriegsministerium  gibt  seine  Bedenken
gegen  die  Einführung  der  Normal-  Spurweite  auf  den  spanischen
Eisenbahnen  auf.

16.  Dezember.  (Kammer.)  Erhöhung  der  Friedenspräsenzstärke
  des  Heeres  um  25.000  Mann  auf  135000  Mann.

23.  Dezember.  Das  Sperrgesetz  gegen  die  religiösen  Orden
wird  mit  174  gegen  54  Stimmen  angenommen.

31.  Dezember.  Erneuerung  des  Kabinetts  Canalejas.

Die  langerwartete  Erneuerung  des  Kabinetts  Canalejas  wird  dadurch
geregelt,  daß  das  ganze  Kabinett  seine  Demission  nimmt  und  dann  Canalejas
vom  König  beauftragt  wird,  ein  neues  Kabinett  zu  bilden.  Er  nimmt  darin
seine  bisherigen  Kollegen  bis  auf  drei  wieder  auf.  Nur  Merino  (Inneres),
Calbeton  (Oeffentliche  Arbeiten)  und  Burell  (Unterricht)  werden  durch
Castrillo,  Gasset  und  Salvador  ersetzt,  damit  sämtliche  liberalen  Gruppen
im  Ministerium  vereinigt  sind.
        <pb n="503" />
        V.

Großbritannien.

1.  Januar.  Deutschenfurcht.

In  Reading  verspottete  der  Schatzkanzler  Lloyd  George  in  einer
Wahlrede  die  Furcht  vor  den  Deutschen  und  sagte,  England  solle  Deutschland
  lieber  nachahmen  in  seiner  Sorge  für  den  Schutz  der  Arbeiter  gegen
Krankheit  und  Invalidität,  wozu  das  Budget  sehr  wohl  die  Mittel  bewilligen
  könne.

2.  Januar.  Deutschenhetze.

Die  internationale  Schiedsgerichtsliga  erläßt  durch  ein  Rundschreiben
einen  Protest  gegen  die  zehn  antideutschen  Hetzartikel  des  radikalen  Sozialisten
  Robert  Blatchford  in  der  „Daily  Mail“  (S.  1909.  Mitte  Dezember
u.  15.  Dezember).  Dagegen  schenkt  der  Quäker  Daniel  Hanbury  500  Pfund
zur  unentgeltlichen  Verteilung  der  Flugschrift.

3.  Januar.  (London.)  Der  Notenaustausch  zwischen  England
und  Deutschland  über  die  Verlängerung  des  Schiedsgerichtsvertrages
vom  12.  Juli  1904  auf  weitere  vier  Jahre  wird  veröffentlicht.

3.  Januar.  Kundgebungen  der  Regierung  gegen  die

Deutschenhetze.

Bei  den  Wahlreden  erklärten  sich  der  Staatssekretär  Grey  in  Craster
(Northumberland),  der  Staatssekretär  für  Irland  Birrell  in  Bristol  und
der  Sekretär  der  Landesverteidigung  Pease  in  Saffron-Walden  gegen  den
Versuch  eines  Teils  der  Presse,  den  Geist  der  Feindseligkeit  wider  Deutschland
  zu  entflammen.  Pease  legte  dar,  daß  in  2¼  Jahren,  wenn  Deutschlands
  Schiffsbauprogramm  ausgeführt  sei,  England  94  Schlachtschiffe  gegen
41  der  Deutschen  haben  werde.

3.  Januar.  Beginn  des  großen  Streiks  der  Bergarbeiter
wegen  des  Achtstundentages.

4.  Januar.  Angebliche  Einmischung  Deutscher  in  englische
Tariffragen.

Balfour  führt  in  seiner  Wahlrede  in  Hanley  aus:  „So  weit  ist
die  geringschätzige  Anschauung  von  der  Kraft  und  Mannhaftigkeit  Englands
gegangen,  daß  ich  Deutsche  —  nicht  Männer  der  Regierung,  aber  Leute
an  der  Spitze  bedeutender  Unternehmungen  —  kennen  gelernt  habe,  die
tatsächlich  sagten:  Glaubt  Ihr,  daß  wir  je  zulassen  werden,  daß  England
eine  Tarifreform  annimmt?  Ich  glaube,  daß  alle  diese  Propheten  erkennen
werden,  daß  sie  sich  im  Irrtum  befinden.  Aber  während  ich  Ihnen  ein
Warnungszeichen  in  Form  auswärtiger  Kritiken  gebe,  lassen  Sie  mich  darauf
hinweisen,  daß  innerhalb  von  vier  Jahren,  wenn  wir  uns  nicht  eifrig
rühren,  England  in  eine  so  gefahrvolle  Lage  geraten  wird,  wie  sie  seit
        <pb n="504" />
        496  Greßjbriliannien.  (Januar  10.  —27.)

Generationen  nicht  dagewesen  ist.  Ich  glaube  nicht,  daß  es  zum  Kriege
zwischen  England  und  irgendeiner  großen  fremden  Macht  kommen  wird,
aber  ich  bitte  Sie,  sich  daran  zu  erinnern,  daß  der  absolut  einzige  Weg,
den  Frieden  zu  sichern,  Sicherung  für  den  Kriegsfall  ist.“

10.  Januar.  Die  allgemeinen  Wahlen  werden  für  ein  am
15.  Februar  einzuberufendes  Parlament  ausgeschrieben.
10.  Januar.  Die  „Brotfrage“  in  Deutschland.

Bei  den  Agitationen  des  Wahlfeldzuges  stritten  sich  die  Parteien
auch  um  die  Frage,  ob  die  Deutschen  wegen  des  Schutzzolles  gezwungen
seien,  Schwarzbrot  zu  essen,  oder  ob  sie  wegen  ihres  Wohlstandes  das
wohlschmeckendste,  nahrhafteste  und  nachhaltigste  aller  Brote,  das  es  in
London  leider  nur  im  „Gambrinus“  gebe,  sich  jeden  Tag  leisten  könnten.

12.  Januar.  Ein  Blaubuch  gibt  statistische  Angaben  für  die
verschiedenen  britischen  Kolonien,  Besitzungen  und  Protektorate.

Die  Bevölkerung  betrug  Ende  1908  in  Ceylon  4038  456;  Australien
4275306;  Neu-Seeland  972982;  Natal  (inkl.  Zululand)  1206386;
Orange-Kolonie  466  880;  südliches  Rhodesia  697600;  nordöstliches  Rhodesia
406625;  nordwestliches  Rhodesia  500650;  Nyassaland-Protektorat  997217;
Uganda-Protektorat  2764086;  Britisch-Ostafrika  (Protektorat)  4000000.
Für  Indien  ist  nur  die  Zählung  von  1901  erhältlich.  Die  Totalbevölkerung
  von  Britisch-Indien  betrug  2318155533  und  die  der  tributpflichtigen
  Eingeborenen-Staaten  62461549.

14.  Januar.  Unbestrittene  Wahlen.

Unter  den  wenigen  vorgeschlagenen  (nominierten)  Kandidaten,  die
keinen  Gegenkandidaten  haben  und  deshalb  ohne  Abstimmung  als  gewählt

gelten,  befindet  sich  auch  Joseph  Chamberlain  als  Vertreter  von  West-Birmingham.


19.  Januar.  Lord  Charles  Beresford  macht  durch  eine
Zeitungskorrespondenz  bekannt,  daß  er  die  Einbringung  eines
Flottengesetzes  und  die  Aufnahme  einer  Anleihe  von  1200  Millionen
Mark  fordere,  um  die  englische  Flotte  auf  die  nötige  Höhe  zu  bringen.

26.  Januar.  Auf  ärztlichen  Rat  wird  die  Reise  des  Königs
nach  Biarritz  möglichst  früh,  auf  den  3.  März,  festgesetzt.

27.  Januar.  Rede  des  deutschen  Botschafters  Grafen  Wolff-Metternich
  beim  Festmahl  der  deutschen  Vereine  im  Cecil  Hotel.

Z  Deutschland  hat  Kriege  geführt,  um  seine  nationalen  Ziele  zu  erreichen.
  Seit  nunmehr  vierzig  Jahren  hat  Deutschland,  seit  seiner  mehr
als  zwanzigjährigen  Regierungszeit  hat  der  Kaiser  den  Frieden  gewahrt.
Wir  verlangen  nicht  neue  Länderstrecken;  unsere  Eroberungspolitik  ist  auf
Erschließung  fremder  Märkte  gerichtet  und  wird  geführt  mit  den  Waffen
des  Geistes,  des  Fleißes  und  der  Geschicklichkeit,  nicht  mit  roher  Gewalt.
Sie  darf  nicht  ausschließend  wirken.  Es  handelt  sich  nicht  um  die  Vernichtung,
  sondern  um  die  Förderung  des  Rivalen  im  gegenseitigen  Interesse.
Das  gegenseitige  Vertrauen  der  Völker  macht  den  Schutz  der  Interessen
nicht  entbehrlich;  dafür  sind  Heer  und  Flotte  da.  Wir  bauen  unsere  Flotte

nach  einem  lange  festgelegten  Plan  und  beanspruchen  nicht,  die  Stärksten
auf  dem  Meer  zu  sein.  Das  Meer  ist  frei  und  gehört  niemand  allein;
        <pb n="505" />
        Greßbritaunien.  (Januar  27.  —  Februar  7.)  497

aber  wir  wollen  im  Einklang  mit  unseren  überseeischen  Interessen  eine
achtunggebietende  Stellung  einnehmen  und  nicht  allein  von  dem  guten
Willen  anderer  Seemächte  abhängen.

27.  Januar.  Der  neue  Marineetat  enthält  Kredite  für
4  Schlachtschiffe,  2  Panzerkreuzer,  8  kleine  Kreuzer,  24  Zerstörer,
10  Unterseeboote  und  5000  weitere  Mannschaften.
2w8.  Januar.  Der  König  beruft  das  Parlament  zum  21.  Februar.

28.  Januar.  Die  „Official  Gazette“  veröffentlicht  die  Verleihung
  des  Ranges  eines  Admiral  of  the  Fleet  (Großadmiral)  an
den  Prinzen  Heinrich  von  Preußen.

28.  Januar.  Die  Gefahren  der  Deutschenhetze.

Die  ministerielle  „Westminster  Gazette“  faßt  ihren  Rückblick  über
die  beendeten  Wahlkämpfe  in  die  Mahnung  zusammen,  daß  alle
ernsten  Politiker  aller  Parteischattierungen  in  England  dahin  zusammenwirkten,
  daß  bei  eventuellen  neuen  Generalwahlen  in  England  der  Frieden
zwischen  England  und  Deutschland  nicht  durch  eine  Wiederholung  der  antideutschen
  Wahlagitation  ernstlich  gefährdet  werde.  Eine  neue  Khakiwahl,
bei  welcher  Deutschland  die  Rolle  der  Buren  spielen  müßte,  würde  das
denkbar  größte  Unheil  anrichten.  Die  unheilvollste  Episode  bei  den  gegenwärtigen
  Wahlen  sei  Balfours  Rede  gewesen,  in  welcher  er  aus  der  Blatch--fordschen
  Flugschrift  Vorteil  zu  ziehen  suchte.  Von  den  Indiskretionen
Lord  Cawdors  und  anderer  Unionisten  ganz  zu  schweigen,  sei  doch  Balfour
als  Führer  der  Opposition  nächst  dem  Premierminister  für  die  nationale
Politik  verantwortlich.  Die  wahre  Politik  Englands  sei  eine  höfliche  Sprache
und  eine  überlegene  Flotte.  Die  Regierung  werde  für  die  letztere  in  solcher
Weise  sorgen,  daß  Panik  und  Schmähungen  überflüssig  würden.  Sie  hoffe,
die  Opposition  werde  ihr  helfen,  mit  Deutschland  wenigstens  auf  höflichem
Fuße  zu  verbleiben,  selbst  wenn  sie  ihre  Ansichten  über  Flottenüberlegenheit
  äußerte.  Aber  auch  den  hitzköpfigen  Freihändlern  gebühre  eine  Mahnung,
den  Pferdefleisch=  und  Schwarzbrotbeweis  nicht  über  das  notwendige  Erfordernis
  hinaus  zu  führen.  Man  möge  schließlich  bedenken,  daß  die  Interessen
  auch  anderer  Mächte  hierbei  in  Betracht  kämen.  Es  sei  ein  Trugschluß,
  wenn  man  allgemein  annehme,  daß  die  europäische  Politik  sich  in
ein  Duell  zwischen  England  und  Deutschland  auflösen  könne.  Durch  solch
eine  Khakiwahl  könne  England  eine  kritische  Situation  in  Europa  hervorrufen,
  welche  sich  den  Freunden  Englands  in  Europa  zuerst  fühlbar  machen
würde,  und  zwar  in  einer  für  sie  höchst  unangenehmen  und  gefährlichen
Art.  England  schulde  es  seinen  Nachbarn,  daß  solche  Angelegenheiten  nicht
zum  Gegenstande  einer  hitzigen  Wahlkampagne  gemacht  würden.

7.  Februar.  Joseph  Chamberlain  über  die  Lage.

Bei  Abschluß  der  Wahlen,  die  für  die  Liberalen  eine  kleine  Majorität
ergeben,  äußert  sich  Chamberlain  gegenüber  einem  Interviewer  der  „Morning
Post“:  Gefreut  hat  ihn  die  ungeheure  Zunahme  der  für  die  Tarifreform
abgegebenen  Stimmen,  so  daß  im  Unterhaus  die  Tarifreformer  mächtiger
sein  werden  als  je  zuvor.  Freilich  haben  sie  in  London,  in  Lancashire
und  in  Norkshire  schlecht  abgeschnitten,  und  in  Schottland  hat  die  Schutzzollpolitik
  gar  an  Boden  eingebüßt.  Dagegen  hat  Birmingham  und  die
unter  dem  Einfluß  der  großen  von  Chamberlain  beherrschten  Fabrikstadt
stehende  Landschaft  treuer  zu  ihm  gehalten  als  zuvor.

Europäischer  Geschichtskalender.  I.1.  32
        <pb n="506" />
        498  Erofbritennien.  (Februar  12.—  21.)

Um  in  den  nächsten  Allgemeinwahlen,  die  jeden  Augenblick  stattfinden
  können,  den  Sieg  zu  erringen,  spricht  sich  Herr  Chamberlain  noch
dafür  aus,  die  Bodengesetze  abzuändern  und  so  die  Zahl  der  grundbesitzenden.
Bauern  zu  vermehren.  Trotzdem  besteht  er  darauf,  die  Tarifreform  im
Vordergrund  des  politischen  Interesses  zu  behalten.  Diejenigen  Wahlorte
hätten  sich  am  besten  bewährt,  wo  man  Tarifreform  am  kecksten  und  am
längsten  gepredigt  habe.  Die  Arbeiter  seien  in  manchen  Landesteilen  ihren
Wortführern  weit  voran  und  forderten  Tarifreform.

12.  Februar.  Wahlresultate.

Da  sich  nach  dem  englischen  System  die  Wahltage  über  einige  Wochen
verteilen,  so  schwanken  die  Erwartungen  über  das  Endergebnis  lange  hin
und  her.  Anfangs  schien  den  Unionisten  die  Majorität  zuzufallen.  Da
aber  die  spät  angesetzten  Wahlen  in  Schottland  wie  immer  der  liberalen
Partei  günstig  waren,  so  ergab  sich  schließlich  für  die  670  Abgeordneten
die  folgende  Parteistellung:  274  Liberale,  273  Unionisten,  82  irische  Nationalisten
  und  41  Mitglieder  der  Arbeiterpartei.  Da  beim  Anfang  der
Budgetberatungen  i.  J.  1909  die  Liberalen  383,  die  Unionisten  167,  die
irischen  Nationalisten  87  und  die  Arbeiterparteien  32  Sitze  innehatten,  so
haben  die  Unionisten  106  und  die  Arbeiterpartei  9  Sitze  gewonnen,  während
die  Liberalen  109  und  die  irischen  Nationalisten  5  Sitze  verloren  haben.
Das  Kabinett  des  Herrn  Asquith  hat  also,  auch  bei  Hinzurechnung  der
Arbeitervertreter,  keine  „working  majority“.  Durch  stillschweigendes  Uebereinkommen
  galt  es  schon  vor  den  Wahlen  als  Regel,  daß  eine  Regierung,
die  nur  mit  Zuhilfenahme  der  irischen  Nationalisten  eine  Majorität  zustande
  bringen  kann,  zu  grundlegenden  Formen  des  englischen  Staatsrechts
nicht  befugt  sei.  Das  ungefähre  Gleichgewicht  der  Liberalen  und  Unionisten
im  Parlament  bietet  also  für  schwerwiegende  Majorilätsentscheidungen  ein
ernstes  Hindernis.

15.  Februar.  Eröffnung  des  Parlaments  und  einstimmige
Wiederwahl  des  Sprechers  Lowther.

16.  Februar.  Besuch  des  Prinzen  und  der  Prinzessin  Heinrich
von  Preußen  beim  Königspaare.

21.  Februar.  (Unterhaus.)  Besprechung  der  durch  die
Wahlen  herbeigeführten  Situation.

Zunächst  führte  der  Führer  der  Opposition  Balfour  aus,  das  Land
habe  sich  in  der  Budgetfrage  ausgesprochen;  er  sei  nicht  ganz  sicher,  was
es  zum  Ausdruck  gebracht  habe.  (Gelächter.)  Aber  in  jedem  Falle  habe
es  seine  Ansicht  ausgesprochen,  und  wenn  das  Budget  eingebracht  würde
und  die  wenn  auch  nicht  begeisterte,  so  doch  numerisch  genügende  Unterstützung
  des  Hauses  erhielte,  so  würde  es  Gesetz  werden.  Er  wünsche,  daß
jemand  nach  der  Wahl  sagen  könne,  was  die  Meinung  des  Landes,  sowohl
in  Bezug  auf  Homerule,  das  Oberhaus  wie  das  Budget  sei.  Er  frage
daher,  ob  es  möglich  sei,  eine  einzige  Versammlung  mit  der  Macht  zu  betrauen,
  die  Verfassung  von  Grund  aus  abzuändern.

Premierminister  Asquith  wies  darauf  hin,  daß  die  Thronrede
wohl  die  kürzeste  sei,  die  es  jemals  gegeben,  da  sie  sich  in  der  Hauptsache
nur  mit  den  Beziehungen  der  beiden  Häuser  zueinander  befasse.  Abgesehen
von  der  nötigen  Vorsorge  für  die  Finanzen  sei  dies  die  einzige  Frage,  an
die  die  Regierung  heranzutreten  beabsichtige.  Jedenfalls  würde  sie,  wenn
auch  vielleicht  einige  Vorlagen  von  geringerer  Bedeutung  eingebracht  werden
        <pb n="507" />
        Groftbritannien.  (Februar  21.)  499

sollten,  keine  Vorlage  einbringen,  über  die  es  Streit  geben  könne.  Es  sei
dies  zwar  ein  ungewöhnliches  Vorgehen,  aber  es  sei  auch  ein  ungewöhnliches
Vorgehen,  das  die  allgemeinen  Neuwahlen  veranlaßt  habe.  Was  die  Frage
der  sogenannten  Garantien  von  der  Krone  anlange,  so  habe  er  keine  solchen
Garantien  erhalten  oder  sie  zu  erhalten  gewünscht.  Denn  es  sei  Pflicht
des  verantwortlichen  Staatsmannes,  den  Namen  des  Monarchen  und  die
Prärogative  der  Krone  bei  der  Politik  möglichst  aus  dem  Spiele  zu  lassen.
(Beifall  bei  den  Oppositionellen.)  Wenn  sich  Veranlassung  bieten  sollte,
so  würde  er  nicht  zögern,  der  Krone  zu  raten,  wie  es  die  Umstände  im
öffentlichen  Interesse  angemessen  erscheinen  ließen.  (Beifall  bei  den  Ministeriellen.)
  Aber  plein  pouvoir  für  eine  unbeschränkte  Ausübung  der
königlichen  Prärogative  für  eine  Maßnahme,  die  dem  Unterhause  noch  gar
nicht  unterbreitet  sei,  zu  verlangen,  würde  eine  Forderung  sein,  die  kein
konstitutioneller  Staatsmann  aufstellen  (Beifall  bei  den  Oppositionellen)
und  deren  Gewährung  man  von  keinem  konstitutionellen  Monarchen  erwarten
  könne.

Er  fuhr  dann  fort:  Niemand  könne  bestreiten,  daß  im  gegenwärtigen
Unterhaus  eine  überwältigende  Mehrheit  sich  dafür  verbürgt  habe,  die  Frage
des  Oberhausvetos  zu  regeln.  Die  Regierung  schlage  zunächst  vor,  mit
Resolutionen  bezüglich  des  Vetos  vorzugehen,  die  später  nach  ihrer  Annahme
  der  Bill  einverleibt  werden  sollten.  Die  Regierung  sei  der  Meinung,
daß  dieses  Verfahren  sich  rechtfertige  durch  die  Wichtigkeit  der  Vorschläge,
die  eine  Umformung  des  konstitutionellen  Systems  Englands  bedeuteten.
Dieses  Verfahren  würde  das  Haus  instand  setzen,  möglichst  früh  seine  Billigung
oder  Mißbilligung  der  Vorschläge  der  Regierung  auszusprechen,  und  der  Regierung
  es  ermöglichen,  zu  sehen,  ob  sie  die  Billigung  des  Hauses  habe.

Asquith  wies  dann  auf  die  zahlreichen  Ausgaben  hin,  für  die  vor
Schluß  des  Finanzjahres  am  31.  März  gesorgt  werden  müßte,  wenn  die
Regierungsmaschinerie  nicht  zum  Stillstand  kommen  sollte.  Dazu  gehörten
die  Ausgaben  für  Heer,  Flotte,  Zivildienst  und  Alterspensionen.  Die  Regierung
  schlage  daher  nur  eine  kurze  Vertagung  zu  Ostern  vor.  Das  Haus
würde  dann  weiter  sitzen,  bis  es  das  alte  Budget  und  die  Resolutionen
über  die  Lords  erledigt  hätte.  Diese  Periode  würde  sich  vermutlich  bis
Mitte  April  ausdehnen,  worauf  das  Haus  große  Ferien  machen  würde.
Nach  den  Ferien  würde  man  zu  der  Bill  übergehen,  die  auf  den  Resolutionen
  über  das  Vetorecht  der  Lords  fußt.  Das  Budget  würde  den  Lords
indessen  nicht  eher  übersandt  werden,  als  bis  das  Unterhaus  Gelegenheit
gehabt  hätte,  seine  Meinung  über  die  Lordsresolutionen  auszusprechen.
Asquith  fuhr  fort,  das  frühere  Budget  sollte  nur  in  einigen  verhältnismäßig
  unwesentlichen  Punkten  abgeändert  und  das  Haus  solle  ersucht
werden,  das  Geschehene  nachträglich  zu  genehmigen,  die  vom  letzten
Unterhause  genehmigten  Steuern  wieder  zu  erheben  und  den  Bestimmungen
des  früheren  Budgets  bezüglich  der  Landabschätzung  rc.  die  Genehmigung
zu  erteilen.  (Beifall  bei  den  Ministeriellen.)  Hierfür  würde  es  notwendig
sein,  ein  summarisches  Verfahren  in  Anwendung  zu  bringen;  aber  es  sei
nicht  notwendig  oder  wünschenswert,  gegenwärtig  die  Methode  anzugeben.

Der  Premierminister  schloß,  die  Regierung  wünsche  es  klar  zum
Ausdruck  zu  bringen,  daß  sie  mit  dem  Budget  und  den  Resolutionen  betreffend
  das  Oberhaus  stehe  oder  falle,  da  sie  beide  Punkte  als  einen  integrierenden
  Bestandteil  ihrer  Politik  ansehe  und  ihre  Existenz  daran  setzen
müsse,  um  diese  im  Unterhause  durchzubringen.  Wenn  das  Haus  mit  den
Vorschlägen  der  Regierung  nicht  einverstanden  sei,  müsse  diese  sich  der  Entscheidung
  beugen.  Obwohl  die  Lage  reichlich  Versuchung  biete,  irgendeinen
leichten  Ausweg  zu  finden,  sei  es  Pflicht  der  Regierung,  jede  Anstrengung

32“
        <pb n="508" />
        500  Ersbritemnien.  (Februar  21.)

zu  machen,  um  diese  große  fundamentale  vorläufige  Reform  zustande  zu
bringen.

s  Dann  sprach  der  Führer  der  Mehrheit  der  irischen  Nationalisten,
Redmond.  Er  betonte  zunächst  die  Unabhängigkeit  der  Nationalistenpartei
  und  erklärte  sodann,  wenn  die  Regierung  ihnen  Sicherheit  gäbe,
daß  eine  Vetovorlage  noch  in  diesem  Jahre  zum  Gesetz  erhoben  würde,
würden  die  Nationalisten  für  das  Budget  stimmen.  Sie  seien  bereit,  diesen
Preis  zu  zahlen,  aber  nicht  umsonst  oder  für  etwas  ganz  Ungewisses.  Sie
hätten  nicht  den  Wunsch,  eine  Krise  herbeizuführen,  aber  in  dieser  Angelegenheit
  könnten  sie  nicht  mit  verbundenen  Augen  vorgehen.

21.  Februar.  Eröffnung  des  Parlaments  durch  den  König.

Die  Thronrede  besagt,  die  Beziehungen  Englands  zu  allen  auswärtigen
  Mächten  seien  andauernd  freundschaftlich,  erwähnt  sodann  die
Entsendung  des  Fürsten  von  Wales  nach  den  afrikanischen  Besitzungen  zur
Eröffnung  des  neuen  Unionsparlaments  in  Kapstadt  im  Namen  des  Königs
und  führt  aus,  der  König  betrachte  mit  besonderem  Interesse  und  Vergnügen
  diesen  Besuch,  auf  dem  sein  Sohn  das  Vorrecht  habe,  das  parlamentarische
  Leben  eines  großen  geeinigten  Dominions  zu  eröffnen,  der  Fürst
werde  seine  (des  Königs)  und  des  Reiches  heiße  Gebete  für  die  Wohlfahrt
und  den  künftigen  Fortschritt  seines  Volkes  überbringen.  Nach  Hinweis
auf  die  jüngst  erfolgte  Begründung  erweiterter  legislativer  Räte  in  Indien
fährt  die  Thronrede  fort:  Der  Etat  des  folgenden  Jahres  wird  Ihnen  in
gebührender  Zeit  vorgelegt  werden.  Er  ist  mit  dem  innigsten  Wunsch  nach
Sparsamkeit  aufgestellt  worden,  aber  die  Erfordernisse  der  Verteidigung
zur  See  haben  es  nötig  gemacht,  eine  wesentliche  Erhöhung  der  Marineausgaben
  vorzuschlagen.  Da  für  die  vom  letzten  Parlament  genehmigten
Ausgaben  die  Einnahmen  nicht  durch  Steuern  beschafft  worden  sind,  hat
man  unter  Zustimmung  des  Parlaments  zu  einer  zeitweiligen  Anleihe
jeine  Zuflucht  nehmen  müssen.  Es  müssen  aber  Anordnungen  getroffen
werden,  um  so  bald  wie  möglich  der  so  geschaffenen  finanziellen  Lage  zu
begegnen.  Die  Thronrede  erwähnt  dann  die  ernsten,  auf  wiederholte
schwere  Meinungsverschiedenheiten  zwischen  dem  Unter-  und
dem  Oberhause  zurückzusühenden  Schwierigkeiten  und  sagt,  es  würden
Vorschläge  unterbreitet  werden,  um  die  Beziehungen  zwischen  den  beiden
Häusern  in  der  Richtung  festzusetzen,  daß  dem  Unterhause  ungeteilter  Einfluß
  auf  die  Finanzen  und  das  Uebergewicht  in  Bezug  auf  die  Gesetzgebung
  zustehe.

Die  Thronrede  schließt  mit  den  Worten:  Diese  Maßregeln  sollten
nach  der  Meinung  seiner,  des  Königs,  Ratgeber  dafür  sorgen,  daß  das
Oberhaus  so  zusammengesetzt  werde  und  solche  Vollmachten  erhalte,  daß
es  bezüglich  der  vorgeschlagenen  Gesetzgebung  unparteiisch  die  Funktionen
der  Initiative,  der  Revision  und  —  unter  gewissen  Sicherheiten  —  des
Aufschubs  ausüben  könne.

Bei  der  Adreßdebatte  im  Oberhause  erklärte  der  erste  Redner,
Lord  Lansdowne,  wenn  das  Budget  vom  Unterhause  angenommen
würde,  so  würde  dies  auch  vom  Oberhause  geschehen.  Er  frage  die  Regierung,
  ob  sie  das  Mandat  zu  haben  glaube,  die  Verfassung  des  Landes
in  Stücke  zu  brechen,  das  Zweikammersustem  aufzuheben  und  nur  eine
einzige  Kammer  einzuführen.  Die  Gegner  des  Oberhauses  wollten  ein
Oberhaus  einführen,  das  nur  ein  unwirksames  Schattenbild  von  dem  sein
sollte,  was  das  Zweikammersystem  eigentlich  sein  müßte.  zur  Erwägung
einer  Reform,  die  das  Oberhaus  wirksamer  machen,  aber  ein  Stillstehen  der
Gesetzgebung  verhüten  würde,  seien  er  und  seine  Freunde  bereit.
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        Greßbritannien.  (Februar  23.  —  28.)  501

Lord  Rosebery  machte  sodann  den  Vorschlag,  daß  die  Lords,
die  mit  einer  Reform  einverstanden  seien,  einen  Reformplan  einbringen
möchten,  ohne  die  Vorschläge  der  Regierung  abzuwarten,  so  daß  dem  Lande
zwei  Pläne  unterbreitet  würden.  Die  Pairs  müßten  anerkennen,  daß  das
Land  sich  gegen  das  Prinzip  der  Erblichkeit  ausgesprochen  habe,  und  das
Oberhaus  habe  jetzt  eine  gute  Gelegenheit,  sein  eigenes  Haus  in  Ordnung
zu  bringen.

Nachdem  Earl  of  Crewe  noch  darauf  hingewiesen  hatte,  daß
Lansdowne  der  auswärtigen  Politik  keine  Erwähnung  getan  habe,  und
seine  Freude  darüber  ausgedrückt,  daß  die  Verhältnisse  in  Europa  dies
nicht  als  notwendig  hätten  erscheinen  lassen,  wurde  die  Adresse  angenommen.


23.  Februar.  Eine  Abordnung  von  30  radikalen  Abgeordneten
  unter  Führung  von  Sir  Charles  Dilke  bittet  den  Premierminister
  Asquith  um  kräftigeres  Vorgehen  gegen  das  Oberhaus,
dessen  Vetorecht  abgeschafft  werden  müsse.

24.  Februar.  Oberhaus.  Lord  Rosebery  kündigt  an,  daß
er  am  14.  März  beantragen  werde,  daß  das  Haus  sich  als  Komitee
konstituiere,  um  die  besten  Mittel  einer  Reform  seiner  gegenwärtigen
  Organisation  zu  erwägen,  damit  eine  starke  und  wirksame
zweite  Kammer  begründet  werde.

25.  Februar.  Das  Unterhaus  lehnt  einen  Zusatz  zur  Adresse
über  die  Einführung  von  Schutzzöllen  zur  Förderung  der  heimischen
Industrie  mit  228  gegen  185  Stimmen  ab.

W.  Februar.  (Unterhaus.)  Programm  der  Regierung.

Premierminister  Asquith  beantragt,  alle  Sitzungen  bis  zum  24.  März
ausschließlich  den  Regierungsgeschäften  und  besonders  dem  Budget  zu
widmen.  Vom  24.—29.  März  würde  sich  das  Haus  vertagen.  Bei  seinem
Wiederzusammentritt  werde  die  Regierung  Vorschläge  über  die  Beziehungen
zwischen  beiden  Kammern  machen.  Diese  Vorschläge  würden  zunächst  in
Form  von  Resolutionen  eingebracht  werden,  in  denen  ganz  allgemein  die
Notwendigkeit  ausgesprochen  sein  werde,  die  Lords  von  den  Finanzangelegenheiten
  auszuschließen,  und  in  denen  ferner  das  Unterhaus  zu  der
Erklärung  aufgefordert  werden  solle,  daß  das  Vetorecht  des  Oberhauses
mit  Bezug  auf  die  Gesetzgebung  so  eingeschränkt  werden  müsse,  daß  die
Vorherrschaft  des  Willens  des  Unterhauses  innerhalb  der  Lebensdauer  eines
und  desselben  Parlaments  als  gesichert  erscheine.  Asquith  schloß,  es  werde
klargelegt  werden,  daß  diese  Verfassungsänderungen  kein  Präjudiz  für  die
endgültige  Lösung  der  Frage  bildeten.  Er  fasse  für  eines  der  nächsten
Jahre  die  Schaffung  eines  Oberhauses  auf  demokratischer  Grundlage  ins
Auge.  Wenn  die  Resolutionen  zur  Annahme  gelangt  seien,  werde  ein
Gesetzentwurf  vorgelegt  werden,  der  die  betreifenden  Teile  der  Resolutionen
in  Kraft  setze.  Ob  das  Oberhaus  den  Resolutionen  zustimme  oder  nicht,
die  Regierung  sehe  die  Einführung  von  Bestimmungen,  die  das  Unterhaus
von  dem  Veto  des  Oberhauses  befreien,  nicht  nur  als  erste  wesentlichste
Voraussetzung  für  die  gesetzgeberische  Würde  und  eine  nutbringende  Wirksamkeit
  des  Unterhauses  an,  sondern  auch  als  ihre  eigene  höchste  Pflicht.
Im  Verfolge  dieser  Aufgabe  werde  die  Regierung  alle  Maßregeln  ergreifen,
        <pb n="510" />
        502  Großbritannien.  (März  2.)

die  nach  der  Verfassung  zulässig  seien,  und  für  ihre  erfolgreiche  Durchführung
  setze  sie  ihre  Existenz  ein.  (Beifall;  Ruf  auf  den  Bänken  der
Unionisten:  Wo  bleibt  das  Budget?)

Balfour  erklärte,  das  abgeänderte  Programm  der  Regierung  beweise
  einen  absoluten  Mangel  an  folgerichtiger  Staatskunst.  In  jedem
Satz  desselben  trete  eine  dominierende  Erwägung  hervor,  nämlich  wie  das
Kabinett  zusammengehalten  werden  könne,  wie  die  von  allen  Seiten  drohenden
  Stürme  abgewendet  werden  könnten.  Er  glaube  nicht,  daß  dies  Staatskunst
  sei,  aber  er  leugne  nicht,  daß  es  eine  geschickte  parlamentarische  Leitung
sei  und  wahrscheinlich  geeignet,  alle  Gruppen  der  Koalition  zufriedenzustellen.
  Aber  wie  sehr  auch  die  Erklärung  von  Asquith  geeignet  erscheine,
eine  Aera  des  Friedens  für  die  Regierung  zu  sichern,  sei  sie  wenig  geeignet,
  im  Lande  den  Eindruck  von  der  Staatskunst  der  Regierung  zu  verstärken.
  (Beifall  bei  der  Opposition.)  Redmond  sagte,  seine  Absicht  sei
es  nicht,  einen  Streit  mit  den  Liberalen  vom  Zaune  zu  brechen,  sondern
Asquith  zu  verhindern,  daß  er  von  der  kühnen,  staatsmännischen  Politik,
welche  er  in  seiner  Rede  in  der  Albert  Hall  dargelegt  habe,  zurückweiche.
Er  (Redmond)  beklage,  daß  Asquith  nicht  angedeutet  habe,  was  die  Regierung
  tun  werde,  wenn  die  Lords  die  Resolutionen  ablehnen  sollten,
und  er  erklärte,  daß  er  und  seine  Partei  gegen  die  Resolution  bezüglich
der  Verteilung  der  Sitzungen  stimmen  würden,  wenn  er  nicht  die  Zusicherung
  erhalte,  daß  Asquith,  wenn  die  Lords  die  Resolution  ablehnen
sollten,  zum  König  gehen  und  um  Garantien  bitten,  und  falls  die  Garantien
verweigert  werden  sollten,  zurücktreten  würde.  Das  Mitglied  Austen
Chamberlain  beklagte,  daß  die  Regierung  die  Budgetberatung  zurückstelle
  und  dadurch  die  finanziellen  und  die  wirtschaftlichen  Interessen  des
Landes  schädige.  Die  Opposition  sei  nicht  gesinnt,  der  Regierung  des
Königs  nur  deswegen  zu  opponieren,  weil  sie  dadurch  ein  wenig  früher
aus  dem  Amte  gehen  müsse,  als  es  auch  ohnedies  der  Fall  wäre.  Die
Opposition  werde  sich  der  Abstimmung  enthalten.

Schatzmeister  Lioyd  George  erklärte,  es  wäre  wünschenswert,  daß
die  Regierung  die  von  ihr  vorgelegten  allgemeinen  Grundzüge  einer  Vetobill
so  bald  wie  möglich  vom  Unterhause  entweder  angenommen  oder  abgelehnt
haben  müßte,  und  daß  sie  ferner  in  Erfahrung  brächte,  ob  die  Lords  gewillt
  seien,  auf  Grund  des  Regierungsentwurfs  in  Beratungen  einzutreten.
„Wenn  die  Lords  nicht  dazu  bereit  sein  sollten“,  fuhr  Lloyd  George  fort,
„so  kann  ich  allen  unseren  Freunden  innerhalb  und  außerhalb  des  Hauses
die  Versicherung  geben,  daß  wir  nicht  beabsichtigen,  „Sand  zu  pflügen“.
Wenn  wir  uns  nicht  in  der  Lage  befinden  sollten,  sicherzustellen,  daß  unsere
Vorschläge  nicht  nur  vom  Unterhause  angenommen,  sondern  auch  zum
Gesetz  erhoben  werden  können,  so  werden  wir  nicht  im  Amte  bleiben.“
(Beifall.)

Nach  weiterer  Diskussion  wurde  die  Resolution  des  Premierministers
bezüglich  der  Sitzungen  des  Hauses  einstimmig  angenommen.  Die  Nationalisten
  und  Radikalen  waren  augenscheinlich  von  den  Erklärungen  der
Minister  befriedigt.  Das  Haus  nahm  im  weiteren  Verlaufe  der  Sitzung
einstimmig  die  Resolutionen  an,  durch  die  die  Regierung  ermächtigt  wird,
fernerhin  zur  Zurückzahlung  der  Schatzwechsel  Geld  zu  leihen  und  zum
Rückkauf  des  Restes  der  Kriegsanleihe  von  1900,  von  der  9  Millionen
bereits  zurückgezahlt  sind,  für  21  Millionen  Schatzbonds  auszugeben.

2.  März.  (Unterhaus.)  Marinenachtragsetat.

Der  erste  Lord  der  Admiralität  erklärte,  daß  die  vier  Kontingent-Dreadnoughts
  vor  dem  31.  März  1912  in  Dienst  gestellt  werden  würden
        <pb n="511" />
        Greßbriiannien.  (März  3.  4.)  503

und  daß  die  Regierung  alle  Schritte  getan  habe,  um  ihr  Wort  einzulösen.
  Bei  den  jüngsten  Schiffsbauten  sei  die  Admiralität  imstande
ewesen,  in  weniger  als  24  Monaten  nach  dem  Tage  der  Kiellegung  die
Schiffe  zu  vollenden.  Diese  Periode  umfasse  jedoch  nicht  die  Schiffsmaschinen
  usw.,  die  z.  B.  für  die  Kontingent-Dreadnoughts  schon  im  verflossenen
  Dezember  und  Januar  in  Auftrag  gegeben  wurden,  obwohl  die  Kiellegung
  dieser  vier  Schiffe  nicht  vor  dem  1.  April  1910  stattfinden  werde.

Lough  (liberal)  stellte  den  Antrag  auf  Reduzierung  des  Etats  und
sagte:  Alle  alarmierenden  Behauptungen  des  verflossenen  Jahres  seien
zerstreut;  Premierminister  Asquith  habe  im  März  vorigen  Jahres  erklärt,
Deutschland  werde  im  April  1912  17  Dreadnoughts  besitzen.  Balfour  habe
diese  Zahl  für  den  Monat  August  1912  auf  25  beziffert  und  dabei  einen
heftigen  Angriff  auf  eine  befreundete  Großmacht  gerichtet.  Nur  um  dem
deutschen  Flottenprogramm  zu  begegnen,  habe  die  englische  Regierung  die
in  ihrem  jetzigen  Etat  enthaltenen  Schiffe  vorgesehen.  Deutschland  habe
sich  Mühe  gegeben,  um  England  nicht  nur  durch  den  Mund  des  Chefs  der
Admiralität,  sondern  auch  durch  seinen  Botschafter  selbst  zu  versichern,  daß
die  Absichten  gänzlich  mißverstanden  worden  seien.  Dies  war,  so  sagte
Lough  weiter,  ein  höfliches  und  freundliches  Wort.  Wir  hatten  kein  Recht,
es  gering  zu  schätzen.  Wir  haben  es  nicht  nötig,  Millionen  gedankenlos
wegzuwerfen.  Deutschland  könnte  seine  Dreadnoughts  nicht  so  schnell  bauen
wie  wir.  Wir  hätten  es  1912  wohl  nur  mit  13  Dreadnoughts  zu  tun
gehabt.  Schließlich  tadelte  der  Redner  die  Regierung,  daß  sie  nicht  langsamer
  vorgehe;  er  hätte  gern  eine  höfliche  Antwort  auf  die  Erklärung
Deutschlands  gesehen.

Admiral  Beresford  erklärte,  es  sei  die  Wahrheit  gesagt  worden,  als
man  im  März  vorigen  Jahres  erklärte,  daß  für  das  Land  eine  Krise  in
der  Geschichte  seiner  Marine  gekommen  sei.  Man  sollte  von  den  Deutschen
immer  nur  mit  großer  Hochachtung  sprechen  und  nichts  sagen,  was  Erregung
  hervorrufen  könne,  denn  Deutschland  tue  nur,  was  zu  tun  es  vollkommen
  berechtigt  sei.  Beresford  bedauerte  dann,  daß  die  Etatsansätze  zu
gering  seien,  daß  England  zu  langsam  vorgehe  mit  dem  Bau  von  Torpedobootszerstörern,
  und  daß  diese  Schiffe  für  die  Nordsee  nicht  geeignet  gebaut
  würden.

Barnes  (Arbeiterpartei)  erklärte,  er  werde  für  den  Antrag  Lough
stimmen,  da  er  der  Ansicht  sei,  daß  die  alarmierenden  Erklärungen  des
Ministers  und  der  Mitglieder  der  Opposition  im  vergangenen  März  unwahr
  und  ungerechtfertigt  gewesen  seien.

Im  weiteren  Verlaufe  der  Debatte  erklärte  Parlamentssekretär  Mac
Namara,  die  Regierung  habe  nicht  den  Wunsch,  Dreadnoughts  zu  bauen
aus  rein  krankhaftem  Vergnügen  daran,  aber  sie  müsse  für  die  Sicherheit
der  Nation  im  weitesten  Umfange  Sorge  tragen.  Schließlich  zog  Lough
seinen  Antrag  zurück;  der  Etat  wurde  angenommen.

3.  März.  (Unterhaus.)  Vetobill  vor  Budget.

Premierminister  Asquith  erklärt,  es  sei  die  Absicht  der  Regierung,
das  Budget  zu  erledigen,  sobald  das  Haus  die  Resolutionen  gegen  das
Oberhaus  angenommen  habe;  beides  solle  noch  vor  der  Frühjahrsvertagung
stattfinden.  Herr  Asquith  wiederholte  ferner,  daß  die  Regierung,  fsalls  sie
nicht  imstande  sei,  die  Vetobill  zum  Gesetz  zu  erheben,  resignieren  werde.

4.  März.  (Unterhaus.)  Die  Vorschläge  des  Schatzamtes
über  die  Aufnahme  der  erforderlichen  Mittel  und  über  die  Rückzahlung
  der  Kriegsanleihe  werden  angenommen.
        <pb n="512" />
        504  Grssbritannien.  (März  5.—12.)

5.  März.  (London.)  Grafsschaftswahlen.

Bei  den  Wahlen  für  den  Grasschaftsrat  werden  58  Mitglieder  der
kommunalen  Reformpartei,  56  Fortschrittliche  und  3  Arbeiterparteiler  gewählt.
Die  Fortschrittlichen,  die  im  Gegensatz  zu  den  Reformisten  im  allgemeinen
den  Grundsatz  des  kommunalen  Eigentums  an  den  öffentlichen  Verkehrs-,
Beleuchtungseinrichtungen  usw.  vertreten,  haben  31  Sitze  gewonnen.

9.  März.  (Oberhaus.)  Reform  des  Oberhauses.

Lord  Rosebery  gibt  die  Erklärung  ab,  wenn  das  Haus  seinen  am
24.  Februar  angekündigten  Vorschlag,  sich  als  Komitee  zu  konstituieren,  um
die  besten  Mittel  einer  Reform  seiner  gegenwärtigen  Organisation  zu  erwägen,
  annehme,  würde  er  folgenden  Antrag  einbringen:  Erstens,  eine
starke  aktionsfähige  zweite  Kammer  ist  nicht  nur  ein  wesentlicher  Bestandteil
  der  Verfassung,  sondern  für  das  Wohl  des  Staates  und  das  parlamentarische
  Gleichgewicht  ein  nolwendiges  Erfordernis;  zweitens,  eine  solche
Kammer  kann  am  besten  durch  eine  Reform  und  Neukonstituierung  des
Oberhauses  gewonnen  werden.  Drittens,  die  notwendige  Vorbedingung  für
eine  solche  Reform  und  Neukonstituierung  ist  die  Annahme  des  Grundsatzes,
  daß  der  Besitz  der  Pairswürde  an  sich  nicht  länger  das
Recht  gibt,  dem  Oberhause  als  stimmberechtigtes  Mitglied  anzugehören.


9.  März.  Marinebudget.

Die  Erfordernisse  für  1910/11  beziffern  sich  auf  40603  700  Pfund
gegen  35142700  Pfund  Sterling  im  Jahre  1909/10.  Der  Mehrbetrag  ist
hauptsächlich  verursacht  durch  die  Erhöhung  des  Schiffbauprogramms,  die
das  Parlament  im  letzten  Jahre  bewilligte.  Für  Neubauten  werden
13279830  Pfund  gegen  8885  194  Pfund  im  Jahre  1909/10  verlangt,  von
diesen  sind  11850  790  für  den  Weiterbau  der  bereits  in  Angriff  genommenen
Schiffe  bestimmt  und  1429040  Pfund  als  erste  Raten  für  den  Bau  von
Schiffen  nach  dem  neuen  Programm,  nämlich:  5  Linienschiffen,  ö  geschützten
Krenzern,  20  Torpedobootszerstörern  und  einer  Anzahl  Unterseebooten,  die

750000  Pfund  kosten  sollen  und  von  zwei  Schwimmdocks,  welche  jedes  ein
Kriegsschiff  aufzunehmen  vermögen,  die  bis  zum  Jahre  1911  fertiggestellt
werden  sollen.  Das  eine  dieser  Docks  ist  für  Portsmouth,  das  andere  für
Medway  bestimmt.

Der  Personalbestand  wird  um  3000  Mann  erhöht.  Es  ist  Vorsorge
für  ein  neues  Trockendock  in  Portsmouth  getroffen.

10.  März.  (Unterhaus.)  Das  Provisorium,  das  die  Regierung
  für  den  Zivildienst  fordert,  beträgt  nur  8  Millionen  Pfund
und  deckt  nur  die  Unkosten  für  6  Wochen  vom  1.  April  ab.

Chamberlain  wirft  ein,  das  einzige  Ziel,  das  die  Regierung  beharrlich
  verfolgt,  sei,  daß  sie  die  finanziellen  Verhältnisse  ihren  Nachfolgern
in  der  größten  Verwirrung  hinterlasse.

11.  März.  (Manchester.)  Der  amerikanische  Weizenspekulant
Patten  wird  bei  einem  heimlichen  Besuch  der  Börse  erkannt  und
mißhandelt.

12.  März.  (London.)  Agrarierbund.

Zur  Abwehr  der  Bodenpolitik  des  liberalen  Programms,  von  welcher

sich  der  Großgrundbesitz  bedroht  fühlt,  wurde  eine  Land  Union  gegründet,
an  deren  Spitze  der  Abgeordnete  Pretyman,  der  Führer  der  agrarischen  Partei
        <pb n="513" />
        Grofßbritannien.  (März  14.)  505

im  Unterhause,  steht.  Vermutlich  nimmt  die  Gründung  den  deutschen  Bund
der  Landwirte  zum  Muster.  Der  neue  Verein  erklärt,  auf  demokratischer
Grundlage  konservative  Politik  treiben  zu  wollen.  Er  hat  die  Vermehrung
der  Zahl  der  kleinen  Landwirte  in  sein  Programm  aufgenommen  und
fordert  alle  direkt  oder  indirekt  an  der  Landwirtschaft  Interessierten  zum
Beitritt  auf.

14.  März.  (Unterhaus.)  Marinebudget.

Der  erste  Lord  der  Admiralität  MeKenna:  „Die  tatsächliche  Stärke
unserer  Flotte  in  den  Heimatgewässern  an  Dreadnoughts  und  Kreuzern
wird  folgende  sein:  Wir  werden  im  März  1910  zwanzig  von  diesen
Schiffen  besitzen,  im  Sommer  1912  zwei  weitere  Schiffe  der  Kolonien,
und  bevor  diese  unsere  Gewässer  verlassen  haben,  werden  fünf  Schiffe  des
neuen  Programms  sich  ihrer  Vollendung  nähern.  Wir  können  daher  gewiß
  sein,  daß  während  des  ganzen  Jahres  1912  bis  zum  31.  März  1913
unsere  unbedingte  Ueberlegenheit  an  Schiffen  des  neuen  Typs  gesichert  ist.
Hinter  diesen  Schiffen  befindet  sich  eine  unvergleichliche  Flotte  ältern  Typs.“
Er  behaupte  daher,  daß  die  britische  Flotte  im  strengen  Sinne  des  Wortes
den  Zwei-Mächte-Standard  behaupte,  wie  er  von  Asquith  aufgestellt  worden
sei.  Er  bedauere,  daß  er  nicht  die  geringste  Hoffnung  auf  irgendeine  künftige
in  Betracht  kommende  Minderung  des  Budgets  machen  könne.

Mernsagte  weiter,  bei  der  Aufstellung  des  Budgets  habe  sich
die  Admiralität  von  der  Rücksichtnahme  auf  die  bestehenden  Flottenprogramme
  der  anderen  Länder  leiten  lassen.  Er  hoffe  nicht,  daß  das
Haus  von  ihm  ein  Eingehen  auf  diese  Programme  im  einzelnen  erwarte.
Im  vergangenen  Jahre  habe  er  es  mit  Bezug  auf  das  Programm  eines
Landes  getan  und  er  habe  sich  damit  Schwierigkeiten  geschaffen.  Wenn
er  auch  noch  so  gemäßigt  und  mit  noch  so  sorgsamer  Vermeidung  jeder  Art
von  Uebertreibung  der  Admiralität  bekannte  Tatsachen  anführte,  so  würde
sich  eine  gewisse  Presse  sofort  dieser  bemächtigen  und  eine  Panik  schaffen.
Wenn  er  aber  Tatsachen  nicht  anführe,  so  werde  er  sicher  von  der  Opposition
beschuldigt  werden,  daß  er  Geld  ohne  hinreichende  Begründung  verlange.
Er  ersuche  daher  das  Haus,  sich  mit  der  Erklärung  zu  begnügen,  daß
während  des  letzten  Jahres  keine  Verminderung  fremder  Flottenbauprogramme
  stattgefunden  habe.

Mestenna  sagte,  er  habe  im  vergangenen  Jahre  angeführt,  was  er
als  Tatsachen  gekannt  habe  und  was  seiner  Annahme  nach  sich  im  Laufe
der  nächsten  beiden  Jahre  ereignen  würde.  Er  habe  von  den  Erklärungen
des  letzten  Jahres  nichts  zurückzunehmen,  und  das  Programm  dieses
Jahres  sei  auf  der  tatsächlichen  Kenntnis  aufgebaut  worden  von  dem,  was
vollendet  sei  und  sich  im  Bau  befinde,  und  auf  der  Kenntnis  der  anderen
Bauprogramme  für  die  nächsten  beiden  Jahre.

14.  März.  (Oberhaus.)  Lord  RNosebery  begründet  seinen
Antrag  zur  Neform  des  Oberhauses.

Es  gäbe  zwei  Grundprinzipien,  ohne  welche  die  Arbeit  einer  Reorganisation
  nutzlos  sein  würde,  nämlich  die  Abschaffung  des  erblichen
Rechts,  im  Oberhause  zu  sitzen,  und  die  Einführung  der  Wählbarkeit.
Das  Prinzip  der  Wählbarkeit  sei  neu  für  England,  aber  es  sei  fast  überall
sonst  in  der  Anwendung.  In  Preußen  ergänze  sich  das  Oberhaus  in  ausgedehnter
  Weise  aus  den  repräsentativen  Elementen  und  es  besitze  größere
Stärke  und  mehr  konstitutionelle  Macht  als  das  Haus  der  Lords.  Er
habe  keine  Wahl  durch  das  Volk  im  Auge,  denn  diese  würde  nur  ein
schwächliches  Abbild  vom  Unterhause  schaffen,  aber  er  glaube,  das  Haus
        <pb n="514" />
        506  Gr#srilannien.  (März  16.—22.)

würde  an  Stärke  wie  Würde  von  einer  Vereinigung  mit  den  Grasschaftsräten
  und  Stadtkorporationen  gewinnen.

16.  März.  (Newcastle.)  Stellung  der  Iren.

Der  Führer  der  irischen  Nationalisten,  Redmond,  hielt  eine  Rede,
in  welcher  er  die  Regierung  wegen  ihrer  Politik  des  Schwankens  und  der
Zaghaftigkeit,  indem  sie  das  Budget  vor  der  Regelung  der  Frage  des
Vetorechts  der  Lords  erledige,  tadelte.  Er  sei  überzeugt,  daß  in  wenigen
Wochen  allgemeine  Wahlen  stattfinden  würden.

17.  März.  (Oberhaus.)  Die  Resolution  des  Lord  Rosebery
über  die  Reform  des  Oberhauses  wird  in  erster  Lesung  ohne  Abstimmung
  angenommen.

21.  März.  Aufgabe  des  Somalilandes.

Ein  über  Somaliland  veröffentlichtes  Blaubuch  besagt,  daß
sich  die  Regierung  entschlossen  hat,  das  Innere  zu  räumen  und  fortan
nur  Berbera  und  möglicherweise  zwei  andere  Punkte  an  der  Küste  besetzt
zu  halten,  um  Englands  Anspruch  an  das  Land  zu  behaupten.  Die  befreundeten
  Stämme  sind  bewaffnet  worden,  um  sie  in  den  Stand  zu  setzen,
sich  selber  gegen  den  Mullah  zu  verteidigen.  Sie  werden  von  der  Zurückziehung
  der  Truppen  benachrichtigt  werden,  und  die  Zurückziehung  wird
unmittelbar  darauf  ihren  Anfang  nehmen.

21.  März.  (Oberhaus.)  Reformpläne.

Annahme  der  ersten  beiden  der  drei  Resolutionen,  welche  Lord
Rosebery  am  9.  März  beantragt  hatte  und  nach  denen  eine  starke  aktionsfähige
  zweite  Kammer  nicht  nur  ein  integrierender  Bestandteil  der  Verfassung,
  sondern  für  das  Wohl  des  Staates  und  das  parlamentarische
Gleichgewicht  ein  notwendiges  Erfordernis  ist  und  am  besten  durch  eine
Resorm  und  Neukonstituierung  des  Oberhauses  gewonnen  werden  kann.
Die  Regierung  erklürte,  obschon  sie  den  Resolutionen  nicht  opponieren
würde,  würde  sie  doch  keinem  Plane  zustimmen,  welcher  die  Macht  des
Oberhaufes  über  das  Unterhaus  verstärken  würde.

22.  März.  (Unterhaus.)  Die  Vetoresolutionen  der  Regierung.


Sie  erklärte  erstens,  daß  das  Oberhaus  gesetzlich  für  unfähig
erklärt  wird,  Geldbills  zu  verwerfen  oder  zu  amendieren  und  daß  der
Sprecher  des  Hauses  der  Gemeinen  bestimmt,  was  Geldbills  sind;  zweitens
in  der  übrigen  Gesetzgebung,  daß  Bills,  die  in  drei  aufeinander  folgenden
  Sessionen  vom  Unterhause  angenommen  wurden,  wenn  zwei  Jahre
zwischen  der  ersten  Einbringung  und  der  dritten  Annahme  verflossen  sind,
trotz  Ablehnung  im  Oberhause  mit  königlicher  Genehmigung  Gesetz  werden;
drittens,  daß  die  Dauer  der  Parlamente  auf  fünf  Jahre  herabgesetzt
wird.  Diese  Resolutionen  unterscheiden  sich  von  denen,  welche  Campbell
Bannerman  vor  drei  Jahren  im  Unterhause  annehmen  ließ,  durch  ihre
viel  größere  Schärfe.  In  den  letzteren  war  im  Falle  von  Differenzen
zwischen  den  beiden  Häusern  ein  Instanzengang  von  Konferenzen  vorgesehen,
  der  jetzt  ganz  wegfällt.

22.  März.  (Unterhaus.)  Zur  Kongofrage.

Sir  Edward  Grey  erklärt,  die  belgische  Regierung  habe  die  Vertragsrechte
  Englands  nicht  in  Frage  gestellt.  Sie  habe  die  Versicherung
abgegeben,  daß  sie  in  der  Verwaltung  des  Kongostaats  Aenderungen  ein-
        <pb n="515" />
        Großbritannien.  (März  22.—29.)  507

treten  lassen  werde,  welche  die  Situation  mit  der  englischen  Ansicht  von
den  Vertragsrechten  in  Einklang  bringen  werden.  Für  die  Zukunft  beständen
  bessere  Hoffnungen.  Es  werde  auch  fernerhin  ein  diplomatischer
Druck  ausgeübt,  um  für  die  Eingeborenen  und  den  Handel  im  Kongogebiet
Zustände  zu  sichern,  welche  sich  im  Einklang  mit  den  britischen  Vertragsrechten
  befänden;  er  glaube  nicht,  daß  die  Zeit  gekommen  sei,  die  Anwendung
der  diplomatischen  Mittel  aufzugeben.

22.  März.  (Oberhaus.)  Die  dritte  Resolution  Roseberys,
daß  der  Besitz  der  Pairswürde  an  sich  nicht  ohne  weiteres  die  Mitgliedschaft
  des  Oberhauses  mit  sich  bringt,  wurde  mit  170  gegen
17  Stimmen  angenommen.

Die  Abstimmung  ist  bedeutungslos,  weil  Rosebery  betonte,  er  beabsichtige
  nicht,  ein  darauf  begründetes  Gesetz  vorzulegen.

29.  März.  (Unterhaus.)  Allgemeine  Beratung  über  die
Resolutionen  betreffend  das  Oberhaus  und  die  Dauer  der  Parlamentssession.


Premierminister  Asquith  beantragte,  daß  das  Haus  sich  als  Kommission
  konstituiere,  um  die  Resolutionen  zu  beraten,  und  gab  eine  ausführliche
Erklärung  ab,  in  der  er  die  Politik  der  Regierung  und  ihre  Haltung  gegenüber
  der  Reformfrage  auseinandersetzte.  Während  er  zugab,  daß  ein  Bedürfnis
  für  eine  zweite  Kammer  in  England  vorliege,  stellte  er  in  Abrede,
daß  Großbritannien  gegenwärtig  ein  Zweikammersystem  habe.  Das  gegenwärtige
  System  sei  eine  Karikatur  und  eine  Travestie  des  Zweikammersystems.
  Die  Regierung  wünsche  die  zweite  Kammer  dem  Unterhause
koordiniert  zu  sehen,  sie  wünsche  aber  das  Unterhaus  in  seiner  Machtvollkommenheit
  und  seiner  Vorherrschaft  in  der  Gesetzgebung  erhalten  zu  sehen.
Es  gebe  indessen  Funktionen  der  Beratung,  der  Revision  und  des  Aufschubs,
die  in  nützlicher  Weise  von  der  Zweiten  Kammer  ausgeübt  werden  könnten,
was  mit  der  Vorherrschaft  des  Unterhauses  vereinbar  sei.  Das  Oberhaus
müßte  aus  einer  verhältnismäßig  kleinen  Zahl  von  Mitgliedern  bestehen
und  nicht  auf  der  Erblichkeit,  sondern  auf  demokratischer  Grundlage  beruhen;
es  müßte  eine  Körperschaft  sein,  die  den  Willen  der  Nation  repräsentiere
und  von  ihm  abhängig  sei.  Die  Resolutionen  würden  nicht  als  eine  endgültige
  und  erschöpfende  Lösung  des  Problems  eingebracht.  Es  wäre  aber
vor  allen  Dingen  nötig,  daß  man  sich  mit  dem  Oberhause  so,  wie  es  jetzt
sei,  beschäftige.

Asquith  verteidigt  sodann  die  vorliegenden  Anträge  der  Regierung
und  führte  aus:  Die  notwendige  Vorbedingung  für  die  Ausführung  der
Politik  der  Regierung  sei  die  Verhinderung  von  verfassungswidrigen  Uebergrisfen
  in  der  Finanzgebarung.  Die  zweite  Resolution  sei  dazu  bestimmt,
der  heillosen  Verwirrung  zwischen  den  beiden  Häusern  ein  Ziel  zu  setzen.
Gegenwärtig  sei  der  einzige  verfassungsmäßige  Weg,  der  Verwirrung  ein  Ende
zu  bereiten,  der,  daß  das  Parlament  aufgelöst  werde  oder  daß  neue  Pairs
von  der  Krone  ernannt  werden.  Das  Vorrecht  der  Krone  sei,  obwohl  es
selten  ausgeübt  werde,  ein  wesentlicher  Bestandteil  der  Verfassung.  Die
Resolution  Lord  Roseberys  führe  einen  direkten  tödlichen  Schlag  gegen  die
Prärogative,  und  wenn  sie  Gesetz  werden  sollte,  so  würden  die  Lords  eine
autonome  Körperschaft  ohne  Kontrolle  werden.  Sowohl  die  Auflösung,  wie
die  Ernennung  neuer  Pairs  wäre  ein  ernstes  Ausnahmemittel,  das  aber
im  Falle  der  Not  furchtlos  angewendet  werden  müsse.  (Beifall  bei  den
Ministeriellen.)
        <pb n="516" />
        508  Großbritannien.  (März  30.)

Nachdem  Premierminister  Asquith  sodann  betont  hatte,  daß  andere
Anregungen  unausführbar  seien  und  daß  die  Vorschläge  der  Regierung
den  ersten  Schritt  bildeten  zu  einer  Emanzipation  des  Unterhauses,  erklärte
er,  der  Meinung  zu  sein,  daß  dem  absoluten  Veto  der  Lords  das  absolute
Veto  der  Krone  folgen  müsse,  bevor  der  Weg  freigemacht  werden  könnte
für  eine  ungefesselte  Demokratie.

Balfour  (Unionist)  spottete  über  den  Plan  der  Regierung  und
erklärte,  es  sei  nur  natürlich,  daß  das  Oberhaus  von  seiner  Macht  Gebrauch
  mache,  wenn  eine  Regierung  am  Ruder  sei,  die  in  ihren  Hauptelementen
  revolutionär  sei.  Die  Regierung  verhöhne  die  Meinung  aller
großen  und  freien  Regierungskörperschaften  der  Welt  durch  die  Einschränkung
  der  Vollmachten  des  Oberhauses  und  das  ganze  Programm
der  Regierung  sei  grotesk.  Redmond  (Ire)  erklärte,  seine  Partei  würde
die  Resolutionen  bereitwillig  unterstützen.  Er  begrüße  es  mit  Freuden,
daß  sie  keinen  Hinweis  auf  die  Reform  des  Oberhauses  enthielten.  Premierminister
  Asquith  möge  auf  der  Annahme  der  Resolutionen  bestehen,  eine
Mehrheit  von  120  Stimmen  sei  ihm  sicher.  Wenn  das  Oberhaus  die  Resolutionen
  ablehne,  möge  er  sich  an  die  Krone  wenden  und  den  König
um  das  Versprechen  bitten,  von  seiner  Prärogative  Gebrauch  zu  machen.
Sollte  er  einen  abschlägigen  Bescheid  erhalten,  so  möge  er  unverzüglich  an
das  Land  appellieren.  Wenn  Asquith  in  dieser  Richtung  vorgehen  würde,
würde  er  die  Unterstützung  des  ganzen  Landes  finden.  Barnes  (Arbeiterpartei)
  erklärte,  die  Resolutionen  unterstützen  zu  wollen,  sie  aber  in  keiner
Weise  als  ein  ausreichendes  Mittel  zu  betrachten  gegen  die  Uebelstände,
gegen  welche  die  Resolutionen  sich  richteten.

30.  März.  (Unterhaus.)  Die  Erklärungen  der  „Nordd.
Allg.  Ztg.“  über  deutsche  Schiffsbauten.

Der  Abgeordnete  Bowles  (konservativ)  fragte  Mac  Kenna  erstens,
ob  seine  Aufmerksamkeit  auf  die  offizielle  deutsche  Erklärung  gelenkt  worden
sei,  daß  vom  Datum  des  offiziellen  Bauauftrages  bis  zum  Datum  der
Indienststellung  der  Bau  der  „Nassau“,  „Westfalen“  und  „Rheinland“,
sowie  der  „Posen“  40,  37,  37  resp.  36  Monate  erforderte;  zweitens:  ob
irgendein  Grund  vorliege  zu  der  Annahme,  daß  irgendein  deutscher
Dreadnought  in  weniger  als  36  Monaten  gebaut  worden  sei  oder  hätte
gebaut  werden  können,  und  drittens:  ob  er  noch  an  der  Erklärung  festhalte,
  daß  britische  Dreadnoughts  vom  ersten  Auftrage  bis  zur  Zeit  der
Indienststellung  in  24  Monaten  gebaut  werden  könnten,  sowie  schließlich:
ob  ein  Dreadnought  sogar  in  18  Monaten  gebaut  worden  sei.  Mac
Kenna  erwiderte,  ein  Auszug  aus  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung"“
  in  dem  in  der  Frage  angegebenen  Sinne  sei  in  der  „Times“  vom
24.  März  erschienen.  Den  zweiten  Teil  der  Frage  bejahe  er.  Er  hege
keinen  Zweifel,  daß  ein  deutsches  Schiff  vom  Dreadnought-Typ  auf  Wunsch
in  weniger  als  36  Monaten  gebaut  werden  könne.  Seine  Ansichten  über
den  im  dritten  Teil  berührten  Punkt  seien  in  seinen  erläuternden  Bemerkungen
  zum  Flottenbudget  1909/10  unter  dem  Titel  „Schiffsbauten
und  Reparaturen“  enthalten.  Was  den  letzten  Teil  der  Frage  angehe,
so  sei  der  Dreadnought  am  2.  Oktober  1905  auf  Kiel  gelegt  und  am
11.  Dezember  1906  in  Dienst  gestellt  worden,  aber  der  Bauaufstrag  sei
erhebliche  Zeit  vor  dem  2.  Oktober  1905  gegeben  worden.

Bowles  fragte:  Habe  ich  Mac  Kenna  dahin  zu  verstehen,  daß  er
nicht  an  die  von  dem  deutschen  Blatte  veröffentlichte  Erklärung  glaube?
Nein,  erwiderte  Mac  Kenna,  ich  möchte  nicht  vor  die  Alternative  gestellt
werden,  sagen  zu  müssen,  ob  ich  irgend  eine  Erklärung  in  der  Zeitung
        <pb n="517" />
        Grofbritannien.  (März  31.—Dpril  19.)  509

geglaubt  oder  nicht  geglaubt  habe.  Die  Erklärung  war  keine  offizielle;
ich  akzeptiere  nicht  ihre  völlige  Genauigkeit.  -

31.  März.  Die  Staatseinnahmen  in  dem  am  31.  März  ablaufenden
  Finanzjahre  betragen  15  881839  Pfund  Sterling  weniger
als  im  vorangegangenen  Jahre.

5.  April.  (Unterhaus.)  Die  Vetoresolution  wird  bei  der
ersten  Lesung  mit  357  gegen  251  Stimmen  angenommen.

7.  April.  (Unterhaus.)  Persische  Frage.  Vetobill.

Auf  einige  Anfragen  über  Anleihen  der  persischen  Regierung  verweigert
  Grey  die  Antwort  darauf,  ob  Rußland  als  Bedingung  für  eine
Anleihe  die  Organisation  einer  Polizeitruppe  in  Nordpersien  unter  dem
Befehl  russischer  Ofsiziere  stelle.

In  zweiter  Lesung  wird  die  erste  Resolution  betr.  das  Vetorecht
des  Oberhauses  mit  339  gegen  237  Stimmen  angenommen.

11.  April.  (Unterhaus.)  Die  zweite  Vetoresolution,  die
das  legislative  Vetorecht  des  Oberhauses  auf  zwei  Sessionen  einschränkt,
  wird  mit  129  Stimmen  Majorität  angenommen.

12.  April.  (Fort  Augustus  in  Schottland.)  Der  Statistiker
  Sir  Robert  Giffen  f.  73  Jahre  alt.

14.  April.  (Unterhaus.)  Fünfjährige  Legislaturperiode.
Taktik  der  Regierung.

Die  Resolution,  welche  die  Dauer  eines  Parlaments  auf  fünf  Jahre
beschränkt,  wurde  mit  334  Stimmen  gegen  236  Stimmen  angenommen.

Hierauf  gab  der  Premier  eine  hochwichtige  Erklärung  ab,  die  in
den  Resolutionen  ausgedrückte  Politik  sei  eine  Lebensfrage  für  die  Regierung:
  falls  die  Lords  sie  ablehnen  oder  verschieben,  werde  die  Regierung
unverzüglich  der  Krone  Schritte  anraten,  um  die  Annahme  der  Bill
zu  sichern.  Hiermit  ist  natürlich  Pairschub  gemeint.  Falls  die  Regierung
diese  Maßregel  bei  der  Krone  nicht  durchsetzen  könne,  würde  sie  entweder
resignieren  oder  die  Auflösung  vorschlagen,  in  keinem  Falle  aber  das
letztere,  wenn  es  nicht  gesichert  sei,  daß  der  Wille  des  Volkes,  wie  er
in  Neuwahlen  zum  Ausdruck  kommt,  in  dem  nächsten  Parlamente  ausgeführt
  wird.

15.  April.  Da  das  Oberhaus  beschlossen  hat,  die  Vetorechtsbill
  zugleich  mit  Roseberys  Reformresolution  erst  nach  den  Pfingstferien
  zu  beraten,  so  ist  damit  die  Krisis  bis  Mitte  Juni  verschoben.

18.  April.  (London.)  Die  Versammlung  der  irischen  Partei
beschließt,  die  Budgetvorlage  der  Regierung  in  allen  Lesungen  zu
unterstützen.

18.  April.  (Unterhaus.)  Die  von  Aquith  beantragte
Guillotineresolution  zur  Beschränkung  der  Debatten  über  das
Budget  wird  mit  345  gegen  252  Stimmen  angenommen.

19.  April.  (Unterhaus.)  Einbringung  des  Budgets  für
1909  10.
        <pb n="518" />
        510  Großbrilannien.  (April  22.—Mai  7.)

Lloyd  George  erklärte,  obschon  ein  tatsächliches  Defizit  von
26218000  Pfund  Sterling  vorhanden  sei,  würde  dies  durch  Erhebung  der
noch  rückständigen  Staatseinnahmen  mehr  als  ausgeglichen  werden  und
sogar  ein  Ueberschuß  von  2960000  Pfund  Sterling  vorhanden  sein.  Wenn
die  Lords  das  Budget  nicht  verworfen  hätten,  was  zu  einem  Verlust  des
Schatzamtes  durch  Nichtbezahlung  von  Einkommensteuern,  Stempelsteuern,
Zöllen  und  anderen  Beträgen  geführt  habe,  so  würde  der  Ueberschuß  für
das  Jahr  1909  4200000  Pfund  Sterling  betragen  haben.  Er  glaube,
wenn  die  Ungewißheit  für  die  Industrie  nicht  existiert  hätte,  so  hätte  die
Whiskysteuer  den  Ueberschuß  um  weitere  1250000  Pfund  Sterling  gesteigert.
Während  der  Dauer  von  vier  Monaten  hätten  sich  die  Finanzen  des
Landes  in  einem  Zustande  der  Verwirrung  befunden,  doch  habe  die  Regierung
  drei  Millionen  Pfund  aus  den  Staatseinkünften  des  Jahres  zur
Verminderung  der  öffentlichen  Schuld  verwendet  und  einen  Ueberschuß
von  2900000  Pfund  Sterling  erzielt,  der  ebenfalls  für  die  Verminderung
der  Schulden  oder  zu  jedem  anderen  Zwecke,  den  das  Haus  wählen  möge,
verwendet  werden  könne.  Er  glaube  nicht,  daß  irgendein  anderes  Land
dies  fertig  bekommen  hätte.  Es  sei  lächerlich,  wenn  behauptet  würde,  daß
die  Finanzwirtschaft  des  Freihandelssystems  versagt  habe  und  das  gesamte
fiskalische  System  zusammengebrochen  sei.  Es  gebe  kein  anderes  fiskalisches
System,  das  aus  einer  so  starken  Anspannung,  wie  sie  dem  Lande  auferlegt
  worden  sei,  so  triumphierend  hätte  hervorgehen  können.  (Beifall  beie
den  Ministeriellen.)

22.  April.  (Unterhaus.)  Streit  um  den  Parnellprozeß.

Wegen  des  Parnellprozesses  im  Jahre  1889  kommt  es  zu  erregten
Szenen.  Die  Iren  hatten  beantragt,  dem  ehemaligen  Beamten  Andersen,
der  seine  geheime  Mitarbeit  an  der  damaligen  Agitation  der  Times  selbst
aufdeckte,  seine  Pension  von  900  Pfund  zu  entziehen.  Dagegen  wandte
der  konservative  Irländer  Campbell  ein,  daß  Parnells  volle  Unschuld  an
den  Morden  im  Dubliner  Phönixpark  nicht  bewiesen  sei.  Dies  erklärten
die  Iren  unter  furchtbarem  Lärm  für  eine  Beleidigung,  für  die  Campbell
aus  dem  Hause  auszuweisen  sei.

22.  April.  (London.)  Die  Handelskammer  bildet  eine  englisch-deutsche
  Abteilung.

Der  Hauptsitz  der  deutschen  Sektion  wird  Hamburg  werden.

25.  April.  Das  englische  lenkbare  Militärluftschiff  Nr.  „Ila“
wird  durch  einen  Sturmwind  bei  Farnborough  zerstört.

27.  April.  (London.)  Rückkehr  des  Königs  Eduard  aus
Biarritz.

27.  April.  (Unterhaus.)  Das  Finanzgesetz  wird  in  dritter
Lesung  mit  324  gegen  231  Stimmen  angenommen.

Am  Tage  darauf  nimmt  das  Oberhaus  das  Finanzgesetz  in  allen
drei  Lesungen  an.

7.  Mai.  (London.)  König  Eduard  VII.  ##einer  asthmatischen
  Herzaffektion  nach  fünftägiger  Krankheit  im  69.  Lebensjahr.
Sein  Nachfolger  Georg  V.  ist  am  17.  Januar  1864  geboren  und
wurde  nach  dem  Tode  seines  älteren  Bruders  (1  14.  Januar  1892)
        <pb n="519" />
        Grofbritannien.  (Mai  10.  11.)  511

Thronfolger.  Er  ist  vermählt  mit  der  als  Prinzessin  von  Teck  am
26.  Mai  1867  geborenen  Königin  Mary.  Ihre  sechs  Kinder  sind
die  fünf  Prinzen  Eduard,  16  Jahre  alt,  Albert,  15  Jahre  alt,
Henry,  10  Jahre  alt,  Georg,  8  Jahre  alt,  Johann,  5  Jahre  alt,
und  die  13jährige  Prinzessin  Viktoria  Alexandra.

10.  Mai.  Proklamation  des  Königs,  die  Landestrauer  während

der  Pfingsttage  zu  unterbrechen.

„Da  ich  die  Anschauungen  meines  in  Gott  ruhenden  Vaters  wohl
kenne,  bin  ich  sicher,  daß  es  seinen  persönlichen  Wünschen  nicht  entsprechen
würde,  wenn  die  allgemeinen  Festlichkeiten  der  Pfingstfeiertage  irgendwelche
Unterbrechungen  erleiden  sollten.  Ich  hoffe  daher,  daß  die  allgemeine
Landestrauer  meine  Engländer  nicht  davon  abhalten  wird,  die  sich  ihnen
mit  den  Pfingstfeiertagen  bietende  Gelegenheit  zu  benutzen,  sich  von  der
Anstrengung  ihrer  Arbeit  auszuruhen  sowie  der  Erholung  und  dem  Vergnügen
  sich  hinzugeben.“

11.  Mai.  (Unterhaus.)  Würdigung  der  politischen  Tätigkeit
  des  verstorbenen  Königs.

Premierminister  Asguith:  Die  Regierungsjahre  des  verewigten
Königs  wiesen  eine  Fülle  großer  Ereignisse  sowohl  im  Mutterlande  wie
außerhalb  auf.  In  unseren  Beziehungen  zum  Auslande  sind  sie  Jahre
wachsender  Freundschaften,  neuer  Einverständnisse  und  sicherlich  auch  festerer
Bürgschaften  für  den  Frieden  der  Menschheit  gewesen.  Innerhalb  des
Reichs  hat  sich  der  Sinn  für  die  Abhängigkeit  der  einzelnen  Reichsteile
voneinander,  das  Bewußtsein  gemeinsamer  Interessen  und  Gefahren,  die
immer  fester  werdenden  Bande  korporativer  Einheit  in  einer  Weise  entwickelt,
  wie  dies  nie  zuvor  der  Fall  gewesen  ist.  Hier  im  Heimatlande
gelangen  Fragen  ernstester  Art,  Fragen  wirtschaftlicher,  sozialer  und  konstitutioneller
  Natur  zu  schnellster  Lösung.  In  allen  diesen  vielgestaltigen  Ereignissen
  im  Lande  und  im  Reiche  wird  die  Geschichte  dem  großen  Herrscher,
den  wir  verloren  haben,  den  Einfluß  besonderer  Würde  und  besonderen
Ansehens  zuerkennen.  In  den  äußeren  Angelegenheiten  war  sein  mächtiger
persönlicher  Einfluß  fest  und  unaufhörlich  darauf  gerichtet,  nicht  bloß  jeden
Anlaß,  sondern  auch  jeden  Vorwand  zum  Kriege  aus  der  Welt  zu  schaffen.
Er  hat  den  Namen  eines  Friedensstifters  der  Welt,  unter  dem  er
für  immer  bekannt  sein  wird,  wohl  verdient.  Im  Inneren  hat  er,  erhaben
über  Staub  und  Dunst  des  Kampfes  der  Meinungen,  losgelöst  von  den
Parteien,  einzig  nach  dem  allgemeinen  Interesse  gestrebt,  das  erkennen  wir
alle  an.  Wir  besaßen  in  ihm  einen  Schiedsrichter  von  reifer  Erfahrung
und  scharfem  Urteil,  einen  ergebenen  Verehrer  unserer  Ueberlieferungen.
und  wachsamen  Hüter  unserer  konstitutionellen  Freiheiten.  Asquith  pries
dann  des  verewigten  Königs  starkes  Gefühl  für  öffentliche  Pflichten,  seinen
unvergleichlichen  Takt  im  Verkehr  mit  Menschen,  seinen  Scharfsinn,  um
aus  verwickelten  Lagen  den  besten  Ausweg  zu  finden,  seine  Menschenliebe,
seine  Loyalität  und  Güte  gegenüber  seinen  Ratgebern  und  seinen  Dienern.
In  seinem  Volke  habe  er  eine  Erinnerung  an  große,  günstige  Gelegenheiten,
  die  in  großartiger  Weise  verwertet  wurden,  hinterlassen.  Mit  offensichtlicher
  Bewegung  sprach  der  Premierminister  dann  von  der  Königin
Mutter  und  brachte  ihr  das  aufrichtigste  Mitgefühl  des  Hauses  dar.
Dann  wandte  Asquith  sich  zu  dem  neuen  Souverän  und  führte  aus:
Er  nimmt  zu  einer  heiklen  und  schwierigen  Zeit  eine  Bürde  auf  sich,  so
        <pb n="520" />
        512  Großbritannien.  (Mai  11.)

schwer,  wie  sie  einem  Manne  nur  beschieden  sein  kann.  Lassen  Sie  uns
ihm  die  Versicherung  geben,  daß  es  nicht  nur  unsere  feste  Hoffnung,  sondern
unsere  vertrauensvolle  Ueberzeugung  ist,  daß  er  sich  als  würdiger  Nachfolger
des  großen  Königs,  den  wir  betrauern,  zeigen  wird.

Balfour  führte  aus:  Es  sei  jedem,  der  die  Angelegenheiten  des
britischen  Reiches  der  Betrachtung  unterziehe,  klar  und  klarer  geworden,
daß  die  Monarchie  zu  dessen  wertvollsten  Besitztümern  gehöre.  Das  erbliche
  britische  Königtum  sei  die  Verkörperung,  die  einzige  Verkörperung
der  Reichseinheit.  Eduard  VII.  königliche  Eigenschaften  hätten  ihren  Einfluß
  auf  die  anderen  Völker,  auf  Englands  Nachbarn,  die  glücklicherweise
seine  Freunde  seien,  ausgeübt.  Ueber  das  Verhältnis  des  Königs  zur  Verwaltung
  der  auswärtigen  Angelegenheiten  habe  es  seltsame  Mißverständnisse
  gegeben;  es  seien  Leute  vorhanden,  welche  darunter  litten,  daß  der
König  selbst  Pflichten  auf  sich  genommen  habe,  die  für  gewöhnlich  den
Dienern  eines  Königs  überlassen  werden.  Man  darf  an  den  verstorbenen
König  nicht  als  an  den  geschickten  Diplomaten  denken,  er  war  ein  großer
Monarch,  er  war  in  natürlicher  einfacher  Weise  infolge  von  nicht  übertragbaren
  Gaben  der  Persönlichkeit  im  stande,  die  allen  Menschen  freundliche
Politik  Großbritanniens  fühlbar  zu  machen,  er  konnte  sein  Werk,  Nationen
zusammenzubringen,  vollführen,  wie  es  nur  wenigen  beschieden.  Durch
seine  Persönlichkeit  und  nur  durch  seine  Persönlichkeit  brachte  er  den
Millionen  auf  dem  Kontinent  die  freundlichen  Gefühle  des  Landes,  über
das  er  herrschte,  zum  Bewußtsein,  wie  es  nichts,  was  wir  hätten  tun
können,  vermocht  hätte.

11.  Mai.  (Oberhaus.)  Aus  der  Ansprache  des  Kolonialsekretärs
  Earl  of  Crewe:

Die  Stellung  des  Königs  in  der  internationalen  Politik  sei  zuweilen
  mißverstanden  worden.  Britische  Herrscher  lassen  sich  nicht  in  dirette
diplomatische  Verhandlungen  und  Geschäfte  ein;  der  Einfluß  des  Königs
Eduard  aber  war  nichtsdestoweniger  ein  realer  und  erfolgreicher.  Seine
genaue  Kenntnis  des  Kontinents,  sein  Freisein  von  insularem  Vorurteil,
seine  absolute  Aufrichtigkeit  in  Verbindung  mit  seiner  Stellung  als  Verwandter
  so  vieler  Herrscher  und  fürstlicher  Häuser,  all  das  gab  ihm  häufige
und  günstige  Gelegenheiten,  die  er,  was  eigentlich  zu  sagen  unnötig,  zum
Wohle  Großbritanniens,  niemals  zum  Schaden  irgend  eines  anderen
Landes  und  mit  dem  ständig  zunehmenden  Wunsche,  den  Frieden  zu  erhalten,
  verwertete.  Ich  glaube,  wir  sind  von  der  offensichtlichen  Aufrichtigkeit,
  die  die  Trauerkundgebungen  in  ganz  Europa  inspirierte,  alle
tief  gerührt.

Lord  Lansdowne  erklärte  im  Laufe  seiner  Rede:  König  Eduard
hat  mit  den  Oberhäuptern  anderer  Staaten  und  mit  den  Staatsmännern
anderer  Staaten  Beziehungen  angeknüpft,  die  ihn  in  den  Stand  gesetzt
haben,  bescheiden  und  streng  innerhalb  der  Grenzen  der  Verfassung,  einen
hervorragenden,  ungewöhnlichen  Anteil  an  den  nationalen  Angelegenheiten
zu  nehmen.  Unter  den  vielen  bemerkenswerten  Eigenschaften  sei  keine  bemerkenswerter
  als  sein  Vermögen,  eine  Atmosphäre  internationalen  guten
Willens  und  guten  Fühlens  zu  schaffen,  die  Härten  milderte,  wenn  es
welche  gab,  Schwierigkeiten  leichter  löste  und  gewaltig  zur  Befestigung  von
Frieden  und  Eintracht  in  der  Welt  beitrug.  Lansdowne  schloß:  Ich  bin
überzeugt,  daß  es  keine  Regierung  in  Europa  gibt,  die  nicht  anerkennt,
daß  mit  dem  Tode  König  Eduards  den  öffentlichen  Angelegenheiten
Europas  eine  große,  internationale  Kraft  entzogen  worden  ist.  eine  Kraft,
die  jederzeit  für  das  öffentliche  Wohl  arbeitete,  von  der  wir  glauben  be-
        <pb n="521" />
        Ertritennien.  (Mai  14.—31.)  513

rechtigt  zu  sein,  daß  sie  auch  jetzt,  da  sie  uns  verlassen  hat,  nicht  ganz
aufhören  wird,  zu  wirken.

14.  Mai.  (London.)  Eröffnung  der  japanisch-britischen  Ausstellung
  in  Shepherds  Bufh.
17.  Mai.  Flottenvergleiche.

Das  „Naval  Annual“  gibt  die  in  den  einzelnen  Staaten  fertigen
und  im  Bau  befindlichen  Dreadnoughts  wie  folgt  an:  England  neun  fertig,
sieben  im  Bau,  also  sechzehn,  die  Vereinigten  Staaten  vier  fertig,  vier
im  Bau,  also  acht,  Deutschland  zwei  fertig,  elf  im  Bau,  also  dreizehn,
Frankreich  sechs  im  Bau,  Japan  einen  fertig,  drei  im  Bau,  also  vier,  Rußland
  sechs  im  Bau,  Italien  einen  im  Bau.  In  dieser  Liste  sind  die  sogenannten
  Dreadnoughtkreuzer  nicht  mit  aufgeführt,  deren  England  sechs
und  Deutschland  vier  besitzt.

20.  Mai.  Beisetzung  Königs  Eduards  VII.  in  Windsor.

In  London  bewegte  sich  der  Leichenzug  vom  Buckingham-Palast
nach  der  Westminster-Halle  und  von  dort  zum  Paddington-Bahnhof.  Zur
Rechten  des  Königs  Georg  ritt  der  Deutsche  Kaiser,  zu  seiner  Linken  der
Herzog  von  Connaught.  Dann  folgten  die  Könige  von  Norwegen,  Griechenland,
  Spanien,  Bulgarien,  Dänemark,  Portugal  und  Belgien  und  dann
die  übrigen  Fürstlichkeiten.  Von  den  Menschenmassen  auf  der  Straße  erlitten
  wegen  der  großen  Hitze  über  6000  Personen  Anfälle  von  Ohnmacht
und  Hitzschlag.

22.  Mai.  Botschaft  des  Königs.

„An  mein  Volk!l  Die  Stimme  der  Zuneigung  und  liebevoller  Ergebenheit,
  die  zum  Gedächtnis  meines  lieben  Vaters  in  allen  Teilen  des
Reiches  laut  geworden  ist,  sowie  die  öffentlichen  Kundgebungen,  besonders
in  der  Hauptstadt  während  der  beiden  Etappen  auf  seinem  Wege  zur
letzten  Ruhestätte  und  die  rührende  Art,  in  der  eine  ungeheure  Menge
liebevoller  Untertanen  geduldig  und  ehrfürchtig  die  Gelegenheit  erwartete,
seinem  Andenken  einen  letzten  Tribut  darzubringen,  hat  mich  und  meine
Familie  tief  gerührt.  Dieser  so  plötzliche  und  unerwartete  Schmerz,  so
überwältigend  er  sein  mag,  hat  durch  die  Gefühle,  die  er  hervorgerufen,
mich  erkennen  lassen,  daß  es  sich  um  einen  Verlust  handelt,  der  mich  und
mein  Volk  gemeinsam  betroffen  hat.  Ich  stehe  nicht  allein!  Mit  solchen
Gedanken  habe  ich  den  Mut,  hoffnungsvoll  in  die  Zukunft  zu  blicken,  stark
im  Glauben  an  Gott,  voll  Vertrauen  zu  meinem  Volk  und  in  treuer
Wahrung  der  Gesetze  und  der  Konstitution  meines  geliebten  Landes.“  Ein
Gnadenerlaß  des  Königs  verkürzt  die  Haft  aller  Strafgefangenen  je  nach
Länge  ihrer  Strafe  von  einer  Woche  bis  zu  drei  Monaten.  Die  Admiralität
und  das  Kriegsministerium  erlassen  allen  Militärpersonen,  die  bis  zu
3  Monaten  Gefängnisstrafe  verurteilt  sind,  den  Rest  der  Haftzeit.

31.  Mai.  (London.)  Roosevelts  Rede  über  England  in
Egypten.

Beim  Empfang  des  Ehrenbürgerdiploms  hält  Expräsident  Roosevelt
eine  Rede,  in  der  er  der  englischen  Verwaltung  in  Uganda  und  im  Sudan
hohe  Anerkennung  zollte  und  erklärte,  England  habe  Egypten  die  beste
Regierung  gegeben,  die  es  seit  2000  Jahren  gehabt  habe:  aber  die  englische
Regierung  habe  in  gewissen  vitalen  Fragen  zuviel  Aengstlichkeit  gezeigt.
Sentimentalität  könne  mehr  Unheil  verursachen  als  Gewalt  und  Ungerechtigkeit.
  Die  Nationalisten  in  Egypten  hätten  weder  den  Wunsch  noch  die

Europäischer  Geschichtskalender.  Ll.  33
        <pb n="522" />
        514  Greßbriiannien.  (Juni  7.—15.)

Fähigkeit,  die  ersten  Anforderungen  der  Gerechtigkeit  sicherzustellen,  und  versuchten
  ein  mörderisches  Chaos  im  Lande  zu  schaffen.  Die  Anwesenheit
Englands  in  Egypten  sei  entweder  berechtigt  oder  unberechtigt.  Wenn  sie
unberechtigt  sei,  möge  England  sich  zurückziehen.  Aber  irgendeine  Nation
müsse  dort  herrschen.  Er  hoffe,  daß  England  sich  dafür  entscheiden  werde,
daß  es  seine  Pflicht  sei,  diese  Nation  zu  sein.  Die  Presse  tadelt  die  Rede
als  eine  Verletzung  der  offiziellen  internationalen  Schicklichkeit.

7.  Juni.  Die  Prinzessin  Patricia  von  Connaught  weigert
sich,  den  Wunsch  des  Königspaares  zu  erfüllen,  und  sich  mit  dem
König  von  Portugal  zu  verloben.

9.  Juni.  (Unterhaus.)  Deutschenhetze  in  der  Flotte.

Lord  Charles  Beresford  verlas  einige  Stellen  aus  einer  Broschüre,
die  mit  Bewilligung  der  Admiralität  an  alle  Kriegsschiffe  verteilt  worden
sei.  Die  Broschüre  bespreche  die  deutsche  Flottenpolitik  in  einer  Weise,  die
geeignet  sei,  böses  Blut  zwischen  den  beiden  Nationen  zu  machen.  Es  sei
ihm  mitgeteilt  worden,  daß  die  Broschüre  aus  den  für  die  Marine  bewilligten
  Geldern  bezahlt  worden  sei,  was  er  für  einen  Skandal  halte.
Lord  Winterton  erklärte,  die  „aufreizende“  Broschüre  sei  „Die  Wahrheit
über  die  Flotte“  betitelt,  Lord  Fisher  habe  sie  geschrieben,  und  ihre  Veröffentlichung
  sei  von  der  Admiralität  bezahlt  worden.  Deshalb  sei  das  Marineministerium
  verantwortlich  dafür.  Minister  Macnamara  erklärte,  die
Admiralität  habe  nichts  mit  der  Veröffentlichung  der  Broschüre  zu  tun,
die  übrigens  bereits  im  Jahre  1906  erschienen  sei.  Lord  Winterton  mußte
zugeben,  daß  dem  allerdings  so  war.  Aber  er  behauptete,  die  Broschüre
werde  heute  noch  sehr  viel  auf  den  Kriegsschiffen  gelesen.  Er  verlange,  zu
wissen,  wer  für  die  Veröffentlichung  bezahlt  habe,  und  aus  wessen  Feder
sie  stamme.  Der  Marineminister  erklärte,  nicht  zu  wissen,  wer  dafür  bezahlt
  habe,  noch  wer  der  Autor  der  Broschüre  sei.

13.  Juni.  (Unterhaus.)  Der  Kriegsminister  Haldane  teilt
mit,  daß  Feldmarschall  Kitchener  die  ihm  übertragene  Generalinspektion
  für  die  Streitkräfte  im  Mittelmeer  nicht  annehmen  wolle
und  deshalb  zeitweilig  aus  dem  Dienst  ausscheidet.

14.  Juni.  (Unterhaus.)  Zivdilliste  und  Regentschaft.

Schatzkanzler  Lloyd  George  legte  dem  Hause  eine  Botschaft  des
Königs  vor,  in  der  auf  die  Notwendigkeit  einer  Revision  der  Zivilliste
hingewiesen  und  verlangt  wird,  daß  eine  besondere  Vorsorge  getroffen
werden  soll  für  die  Königin  Mary  in  dem  Falle,  daß  sie  den  König  überlebt,
  und  für  die  jüngeren  Kinder  des  Königs  bei  ihrer  Großjährigkeit
oder  Heirat.  Die  Botschaft  teilt  ferner  mit,  daß  der  König  nicht  beabsichtigte,
  von  dem  Hause  eine  Apanage  für  den  Prinzen  Eduard  zu  verlangen,
  da  die  Einkünfte  des  Herzogtums  Cornwall  ausreichend  seien  für
seinen  Unterhalt.  Aber  im  Fall  der  Verheiratung  des  Prinzen  wünscht
der  König,  daß  für  seine  Gemahlin  entsprechend  gesorgt  werde.  Asquith
legte  gleichfalls  eine  Botschaft  des  Königs  vor,  die  eine  Bestimmung  für
eine  eventuelle  Regentschaft  empfiehlt.

15.  Juni.  (London.)  Deutsch-englisches  Versöhnungskomitee.

Eine  Versammlung  der  verschiedenen  englisch-deutschen  Friedensgesellschaften
  unter  dem  Vorsitz  des  Lord  Avebury  beschließt,  ein  gemeinsames
  Komitee  zur  Werbetätigkeit  einzusetzen.  Zu  gleichem  Zweck  bildet
        <pb n="523" />
        Graßbrilannien.  (Juni  17.  —Juli  7.)  515

sich  ein  ständiges  kirchliches  Komitee  unter  Vorsitz  des  Erzbischofs  von
Canterbury.

17.  Juni.  Eröffnung  der  Konferenz  über  die  konstitutionelle
Frage.
Als  Delegierte  sind  bevollmächtigt:  von  der  Regierung  Asquith,

Lloyd  George  und  Birrell,  von  der  Opposition  Balfour,  Lord  Lansdowne,
Lord  Cawdor  und  Austen  Chamberlain.  (Siehe  10.  November!)

27.  Juni.  Eine  Denkschrift,  die  von  43  Admiralen  und
150  Generalen  unterzeichnet  ist,  verlangt  vom  Premierminister  die
Aufnahme  einer  Anleihe  von  100  Millionen  Pfund  Sterling  für
die  Landesverteidigung.

27.  Juni.  Sir  Arthur  Nicolson,  Botschafter  in  Konstantinopel,
  wird  zum  permanenten  Unterstaatssekretär  des  Auswärtigen
Amts  an  Stelle  des  zum  Vizekönig  von  Indien  beförderten  Sir
Charles  Hardinge  ernannt.

28.  Juni.  (Unterhaus.)  Beratung  und  Annahme  einer
Gesetzesvorlage,  betr.  Anderung  der  antikatholischen  Fassung  der
königlichen  Erklärung  bei  der  Thronbesteigung.

Nach  der  Vorschrift  dieser  Gesetzesvorlage  bekennt  sich  der  König  als
treues  Mitglied  der  protestantischen  reformierten  Kirche  und  verspricht,  nach
besten  Kräften  und  dem  Gesetze  entsprechend  für  die  protestantische  Thronfolge
  Sorge  zu  tragen.  Der  Premierminister  erklärte,  die  Regierung  glaube,
in  dem  Gesetz  alle  Bürgschaften  vorgesehen  zu  haben,  die  nach  menschlichem
Ermessen  gesordert  werden  könnten.  Asquith  wies  ferner  auf  das  starke
Anwachsen  der  Zahl  der  katholischen  Untertanen  hin,  deren  unzweifelhafte
Loyalität  nicht  besonderer  Vorsichtsmaßregeln  bedürfe.  Der  Wortlaut  der
alten  Erklärung  enthalte  eine  unnötige  Beleidigung  der  Katholiken;  sie
müsse  auch  für  den  König  unangenehm  sein.  Balfour  schloß  sich  den  Ausführungen
  des  Premierministers  an.  Redmond  erklärte  die  Vorlage  für
einen  Akt  später  Gerechtigkeit  gegenüber  den  Millionen  Untertanen  des
Königs.

Darauf  wurde  der  Gesetzentwurf  in  erster  Lesung  mit  383  gegen
12  Stimmen  angenommen.

29.  Juni.  (Wimbledon.)  Der  Herzog  von  Alencon,  Sohn
des  Herzogs  von  Nemours  und  Enkel  Louis  Philipps  1.  66  Jahre  alt.

30.  Juni.  (Unterhaus.)  Lloyd  George  bringt  ein  Budget
ein,  das  eine  fast  genaue  Wiederholung  des  vorjährigen  ist.

7.  Juli.  Zivilliste.

Bei  der  Feststellung  der  Zivilliste  beschloß  der  Ausschuß,  daß  künftig
der  König  die  Kosten  seiner  Auslandsreisen  zum  Staatsbesuch  fremder
Monarchen  selbst  bestreiten  müsse.  Der  König  erhält  470000  Pfund.  Der
Prinz  von  Wales  erhält  keine  Bezüge  außer  den  Einkünften  des  Herzogtums
  Cornwall.  Für  die  andern  Prinzen  werden  Jahresgelder  von  je
10000  Pfund,  nach  ihrer  Verehelichung  15000  Pfund,  für  die  Prinzessinnen
je  6000  Pfund  ausgesetzt.

337
        <pb n="524" />
        516  Großbritannien.  (Juli  12.  14.)

12.  Juli.  Die  deutsche  Absicht  aufeine  Kohlenstation  in  Nicaragua.

Die  englische  Presse  bringt  folgenden  ganz  harmlosen  Brief  des
Deutschen  Kaisers  an  den  Präsidenten  Senior  Madriz  von  Nicaragua,  um
zu  beweisen,  daß  sich  Deutschland  eine  Insel  als  Kohlenstation  habe  anbieten
  lassen:  „Straßburg,  26.  April.  Großer  und  guter  Freund!  In
Ihrem  Briefe  vom  27.  Dezember  vergangenen  Jahres  wird  mir  die  Mitteilung,
  daß  Eure  Exzellenz  zum  Präsidenten  der  Republik  gewählt  worden
ist  durch  das  wohlverdiente  Vertrauen  Ihrer  Mitbürger  und  daß  Eure
Exzellenz  Ihr  ehrenvolles  Amt  am  21.  desselben  Monats  übernommen
haben.  Ich  bitte  Sie,  Herr  Präsident,  meine  Glückwünsche  entgegenzunehmen.
Seien  Sie  versichert,  daß  meine  Regierung  sich  bemühen  wird,  die  besten
Beziehungen  zu  erhalten  und  zu  pflegen,  die  glücklicherweise  zwischen  dem
Deutschen  Reiche  und  der  Republik  Nicaragua  schon  jetzt  bestehen.  Indem
ich  Ihnen  meinen  Dank  für  Ihre  wohlwollenden  Worte  ausspreche,  versichere
  ich  Sie  meiner  besten  Wünsche  für  Ihr  persönliches  Wohlergehen  und
das  der  Republik  von  Nicaragna  und  meiner  größten  Hochachtung  vor
beiden.  gez.  Wilhelm  I.  R."“

12.  Juli.  (Unterhaus.)  Zweite  Lesung  der  Vorlage  für
Frauenstimmrecht.

Die  Vorlage  wird  zwar  mit  299  gegen  190  Stimmen  angenommen,
dagegen  wurde  schließlich  ein  Antrag,  sie  einer  Kommission  zur  Beratung
zu  überweisen,  mit  320  gegen  175  Stimmen  abgelehnt.

14.  Juli.  (Unterhaus.)  Deutschland  und  das  englische
Flottenprogramm.

Premierminister  Asquith:  „Es  ist  die  Frage  ausgeworfen  worden,
ob  es  nicht  möglich  ist,  zu  einer  Art  von  Verständigung  zwischen  den
Nationen  der  Welt  zu  kommen,  im  besonderen  zu  einer  Verständigung
zwischen  uns  und  der  großen  befreundeten  deutschen  Nation,  durch  welche
dieser  Situation  ein  Ende  bereitet  werden  könnte.  Ich  wünschte,  daß  dies
möglich  wäre.  Die  deutsche  Regierung  hat  uns  mitgeteilt,  ich  habe  mich
darüber  nicht  zu  beklagen  und  nichts  zu  erwidern,  daß  ihr  Vorgehen  in
der  Angelegenheit  durch  einen  Akt  des  Reichstages,  durch  das  Flottengesetz,
geleitet  wird,  welches  Jahr  für  Jahr  automatisch  weitergeht.  Ich  freue
mich,  sagen  zu  können,  daß  das  Jahr  1911/12  das  letzte  unter  diesem  Geser
ist,  in  welchem  vier  Schiffe  gebaut  werden  sollen.  Die  Zahl  sinkt  in  den
folgenden  Jahren  auf  zwei.  Wir  hoffen  daher,  wir  befinden  uns  auf  dem
Gipfel  der  Welle.  Wenn  es  möglich  wäre,  durch  eine  Verständigung  zwischen
den  beiden  Ländern  selbst  jetzt  das  Baumaß  zu  verringern,  so  würde  niemand
  darüber  mehr  erfreut  sein  als  die  britische  Regierung.  Wie  das
Haus  weiß,  haben  wir  uns  der  deutschen  Regierung  in  dieser  Angelegenheit
genähert,  aber  sie  hat  sich  außerstande  gesehen,  irgend  etwas  zu  tun,  und
sie  würde  nichts  tun  ohne  einen  Akt  des  Parlaments,  der  das  Flottengesetz
widerrufe.  Sie  erklärt  uns  —  ohne  Zweifel  vollständig  der  Wahrheit  gemäß
  —  das  sie  nicht  die  Unterstützung  der  öffentlichen  Meinung  in  Deutschland
  haben  würde.  Es  würde  die  britische  Regierung  mit  aufrichtiger
Befriedigung  erfüllen,  wenn  sie  das  Maß  des  Baues  dieser  notwendigen,
aber  höchst  kostspieligen  Kriegsmittel  verringern  und  das  Geld  für  die
Wohlfahrt  und  den  Fortschritt  des  Volkes  verwenden  könnte.“  Asquith
schloß:  „Wir  würden  eifrig  jede  Gelegenheit  in  dieser  Richtung  benutzen.
Einstweilen  bitten  wir  das  Haus,  uns  die  notwendigen  Mittel  für  die
Sicherheit  des  Landes  zu  gewähren.“  (Beifall.)
        <pb n="525" />
        Erofbritannien.  (Juli  22.  —  August  13.)  517

22.  Juli.  (Unterhaus.)  Die  Beschlüsse  der  Kommission
über  die  königliche  Zivilliste  (s.  7.  Juli)  werden  mit  197  gegen
19  Stimmen  angenommen.

25.  Juli.  (Unterhaus.)  Bahnen  in  Persien.

Anfrage  des  Abgeordneten  Rees  (liberal),  ob  die  zwischen  England,
Rußland  und  Persien  bestehenden  Verträge  andere  fremde  Staaten  davon
ausschlössen,  Eisenbahnkonzessionen  in  Persien  zu  erlangen,  und  ob  die
Regierung  dem  Hause  eine  Mitteilung  über  den  Fortschritt  der  Bagdadeisenbahn
  machen  könne  und  schließlich,  ob  die  Regierung  die  Notwendigkeit
für  den  Bau  des  Golfteiles  der  Eisenbahn  unter  englischer  Beteiligung  in
Erwägung  zöge.  Parlamentsuntersekretär  Mc.  Kinon  Wood  erwiderte:  Was
die  erste  Frage  anbetrifft,  so  bin  ich  nicht  in  der  Lage,  eine  Erklärung  abzugeben
  mit  Rücksicht  auf  die  vertraulichen  Mitteilungen,  die  über  die
Eisenbahnkonzessionen  in  Persien  kürzlich  zwischen  der  englischen,  russischen
und  persischen  Regierung  ausgetauscht  worden  sind.  Auf  der  Bagdadbahn
werden  an  verschiedenen  Punkten  zwischen  Bulgurlu  und  Misis  Vorarbeiten
ausgeführt,  und,  wie  man  glaubt,  ist  für  die  Weiterführung  der  Linie  bis
Ell  Halif  finanzielle  Vorsorge  getroffen.  Mit  Bezug  auf  die  letzte  Frage
kann  ich  keine  weitere  Mitteilung  machen.

26.  Juli.  (Unterhaus.)  Die  innere  Lage  Indiens.

Der  neue  Unterstaatssekretär  für  Indien,  Montagu,  erklärt,  es
hätten  kürzlich  politische  Unruhen  stattgefunden,  mit  denen  niemand  sympathisieren
  könne.  Es  sei  zu  Morden,  zu  Mordanschlägen  und  Aufreizungen,
zu  Gewalttaten  gekommen.  Wenn  man  gestatte,  daß  sich  diese  verderblichen
Bewegungen  ausbreiteten,  so  würde  ein  Zustand  geschaffen  werden,  welcher
jedem  Fortschritt  feindseliger  wäre  als  die  schärfsten  Zwangsmaßregeln.
Die  Mehrheit  der  Indier  erkenne  die  Gefahr  und  bemühe  sich,  die  radikalen
Elemente  zu  unterdrücken,  welche  die  berechtigten  Bestrebungen  nur  gefährdeten.
  Während  der  letzten  sechs  Monate  habe  sich  ein  wesentlicher
Umschwung  zugunsten  der  Regierung  vollzogen.  Die  Regierung  werde
gegen  jede  Aufwiegelei  unnachgiebig  Krieg  führen,  zu  gleicher  Zeit  aber
berechtigten  Bestrebungen  vermehrte  Förderung  zuteil  werden  lassen.  Montagn
betonte,  daß  die  im  vorigen  Jahre  erlassene  Akte  betreffend  die  Erweiterung
der  legislativen  Räte  und  die  Einführung  eines  Wahlsystems  zu  befriedigenden
  Erfolgen  geführt  hätten.  Der  Emir  von  Asghanistan  habe  Vertreter
  zu  einer  Kommission  ernannt,  welche  in  Simla  zusammengetreten
sei,  um  verschiedene  Grenzfragen  in  Erwägung  zu  ziehen.  Die  Haltung
der  afghanischen  Vertreter  verspreche  eine  schnelle  Erledigung  der  Fragen.

27.  Juli.  Bei  einem  Flottenmanöver  in  der  Nähe  von  Torquay,
  an  dem  über  300  Schiffe  teilnehmen,  werden  als  einzige
Gäste  zwei  japanische  Seeoffiziere  zugelassen.

Wegen  dichten  Nebels  konnte  die  Flottenschau  nicht  stattfinden.

29.  Juli.  (Unterhaus.)  Vertagung  bis  zum  15.  November.

5.  August.  24  schottische  Abgeordnete  unterzeichnen  ein  Manifest,
  das  für  Schottland  Selbstverwaltung  mit  eigenem  Landtage
verlangt.

13.  August.  (Isle  of  Wight.)  Der  Panzerkreuzer  „Duke  of
Edinbourgh“  strandet  vor  St.  Catharina  Point.
        <pb n="526" />
        518  Greßbritannien.  (August  19.  —  September  24.)

19.  August.  Die  Regierung  tritt,  nachdem  Rußland  der  Annexion
  Koreas  durch  Japan  bedingungslos  zugestimmt  hat,  wegen
des  Schutzes  der  britischen  Interessen  in  Korea  mit  Japan  in  Verhandlungen
  ein,  die  eine  kleine  Verzögerung  des  sich  vollziehenden
Ereignisses  herbeiführen.

19.  August.  (London.)  Die  Philanthropin  Florence  Nightingale
  f,  90  Jahre  alt.

22.  August.  Die  Admiralität  teilt  mit,  daß  die  Bergung
des  bei  der  Insel  Ouelpart  in  der  koreanischen  Meerenge  gestrandeten
Kreuzers  „Belfort“  aussichtslos  sei,  und  daß  14  Heizer  und
4  Matrosen  ertrunken  seien.

3.  September.  Lohnkampf  der  Werfstarbeiter.

Die  Werftleitungen  beantworten  die  Ausstandserklärung  mit  der
Aussperrung  von  14000  Kesselschmieden  und  26000  anderen  Arbeitern.

Darauf  beginnen  im  Kohlenrevier  von  Wales  10000  Bergarbeiter
einen  Sympathiestreik.

6.  September.  (Portsmouth.)  Auf  Anzeige  einer  Dame
wird  ein  deutscher  Offizier,  Oberleutnant  Siegfried  Helm,  verhaftet,
weil  sich  in  seinem  Notizbuch  Zeichnungen  von  englischen  Fortifikationen
  finden.

7.  September.  Ein  englischer  Arbeiterführer  über  die  deutsche
Sozialdemokratie.

Im  „Daily  Chronicle“  gibt  der  Abgeordnete  Ramsay  Macdonald
seine  Eindrücke  von  dem  internationalen  Sozialistenkongreß  in  Kopenhagen
und  sagt  dabei  über  die  deutschen  Sozialdemokraten:  „Diese  alte  Schule
liebt  mit  Zärtlichkeit  die  Wörter  „Kapitalist“,  „Proletariat“,  „Bourgeois“,
„klassenbewußt“  und  ähnliche  Phrasen,  aber  bei  der  praktischen  Arbeit  ist
sie  nutzlos.“

9.  September.  Der  König  bestimmt,  daß  sein  ältester  Sohn
1911  in  Carnarvon  feierlich  zum  Fürsten  von  Wales  gekrönt  werden
soll  wie  einst  der  älteste  Sohn  Eduards  I.  i.  J.  1282.

20.  September.  Das  Polizeigericht  in  Fareham  (London)
beschließt  gegen  Leutnant  Helm  das  Hauptverfahren  wegen  groben
Unfugs  und  lehnt  seine  Haftentlassung  ab.

23.  September.  Das  Auswärtige  Amt  erklärt,  daß  nur  mit
seiner  Kenntnis  und  Billigung  die  türkische  Anleihe  in  London  zustande
  kommen  könne.

Infolgedessen  unterbleibt  die  beabsichtigte  Reise  des  Großwesirs
Hakki  Pascha  von  Paris  nach  London.

24.  September.  Die  „Times“  erhebt  Einspruch  gegen  die
Fortdauer  der  russischen  Besetzung  persischen  Gebietes,  nachdem  England
  seine  Truppen  aus  Südpersien  zurückgezogen  hatte.
        <pb n="527" />
        Greßbrilannien.  (September  28.  —  November  4.)  519

28.  September.  Der  Fall  des  deutschen  „Spions“  Leutnants
Helm  wird  vor  das  Schwurgericht  in  Winchester  verwiesen  und
seine  Haftentlassung  gegen  eine  Kaution  von  2000  Pfund  beschlossen.


30.  September.  Die  Wirkung  der  verspäteten  Annahme  des
Budgets  für  1909)10,  die  erst  Ende  April  1910  erfolgte,  zeigt  sich
darin,  daß  die  Einnahmen  des  Halbjahres  (zirka  99  Millionen
Pfund)  fast  dreimal  so  hoch  sind  wie  im  gleichen  Zeitraum  des
Vorjahres.

1.  Oktober.  In  Lancasshire  werden  durch  Aussperrung
700  Spinnereien  geschlossen  und  150000  Arbeiter  beschäftigungslos.

6.  Oktober.  Die  Regierung  kündigt  an,  daß  eine  Streitigkeit
mit  Frankreich  wegen  der  Wiederergreifung  des  flüchtigen,  indischen
Revolutionärs  Savarkar  im  Hafen  Marseille  einem  Schiedsgericht
unterbreitet  werden  wird.

6.  Oktober.  Die  Aussperrung  in  den  Spinnereien  von  Lancasshire
  wird  aufgehoben.

22.  Oktober.  (London.)  Fürst  Franz  von  Teck,  Bruder  der
Königin  von  England,  x  im  41.  Lebensjahre.

27.  Oktober.  Staatssekretär  Grey  und  der  französische  Botschafter
  Cambon  unterzeichnen  ein  Abkommen,  das  die  Angelegenheit
  des  indischen  Revolutionärs  Savarkar  vor  das  Haager  Schiedsgericht
  verweist.  Die  von  den  beiden  Regierungen  bereits  vorgeschlagenen
  Schiedsrichter  sollen  am  15.  Februar  1911  zusammentreten.

2.  November.  (London.)  Persische  Frage.

Eine  stark  besuchte  Versammlung  von  Mohammedanern  nimmt  eine
Resolution  an,  die  gegen  die  englische  Aktion  in  Persien  protestiert  und
England  auffordert,  seinen  Einfluß  geltend  zu  machen,  um  die  Zurückziehung
  der  russischen  Truppen  aus  Persien  zu  erreichen.

3.  November.  Veränderung  in  den  Reichsämtern.

Der  Staatssekretär  des  Indischen  Amts  Viscount  Morley  tritt  von
seinem  Posten  zurück  und  wird  Lordpräsident  des  Geheimen  Rates.  Der
Staatssekretär  für  die  Kolonien  Earl  of  Crewe  wird  als  Nachfolger  Morleys
Staatssekretär  des  Indischen  Amts.  An  die  Stelle  Crewes  tritt  der  erste
Kommissar  für  Arbeiten  und  öffentliche  Bauten  Lewis  Harcourt,  dessen
Posten  der  Earl  of  Beauchamp  übernimmt.  Die  Kolonien  mit  Seldstverwaltung
  werden  vom  Kolonialamt  abgetrennt  und  dem  Ressort  des
Premierministers  unterstellt.

4.  November.  Antideutsche  Preßmanöver.

Die  „Daily  Mail“  benutzt  die  belgischen  Bedenken  gegen  die  Befestigung
  Vlissingens,  um  den  Ursprung  dieses  Planes  auf  den  von
allen  Seiten  ins  Reich  der  Fabel  verwiesenen  Brief  des  Kaisers  an  die
Königin  Wilhelmine  zurückzuführen.
        <pb n="528" />
        520  Grofbritannien.  (November  6.—9.)

6.  November.  (Dover.)  Der  deutsche  Fünfmaster  „Preußen“
(5081  t)  scheitert  nach  einer  Kollision  mit  dem  englischen  Passagierdampfer
  „Brighton“,  der  die  Post  von  New  Haven  nach  Dieppe
bringen  sollte.

Nach  langen  Anstrengungen  der  Bemannung,  unter  eigener  Gefahr
das  Schiff  zu  retten,  müssen  alle  Bergungsarbeiten  aufgegeben  werden.

7.  November.  Durch  Proklamation  wird  die  Krönung  des
Königs  Georg  auf  den  22.  Juni  1911  festgesetzt.
7.  November.  (Süd-Wales.)  Kohlenarbeiterstreik.

Bei  den  Kohlengruben  von  Glamorgan  kommt  es  zu  einem  Kampfe
zwischen  den  5000  Ausständigen  und  der  Polizei.  Auch  Frauen  und
Kinder  werfen  Steine.  Die  Polizei  muß  flüchten  und  die  Streiker  feiern
ihren  Sieg  durch  einen  Triumphzug.

9.  November.  Premierminister  Asquith  über  Persien.  General
Freuch  über  Oberst  Gaedke.

Auf  dem  Lord-Mayors-Bankett  erklärt  Asquith,  es  habe  einige
Erregungen  und  Bewegungen  an  einigen  Teilen  des  internationalen  Horizonts
gegeben,  aber  keine,  die  den  Frieden  unter  den  Großmächten  zu  stören  drohe:
„Wir  sind  stets  bereit,  uns  anderen  zur  Erzielung  der  Beruhigung  anzuschließen.
  Wir  haben  keine  Beweggründe,  abenteuerliche  Pläne  zu  fördern.
Wir  brauchen  kein  Abenteuer,  sondern  Beständigkeit  und  Frieden.  Es  ist
eine  gewisse  Beunruhigung  durch  den  so  sensationellen  wie  unbegründeten
Bericht  verursacht  worden,  daß  wir  im  Begriff  seien,  eine  Politik  aktiver
Einmischung  in  die  inneren  Angelegenheiten  Persiens  zu  beginnen.
Die  Tatsachen  sind  folgende:  Seit  einiger  Zeit  haben  sich  die  Handelsstraßen
  in  Südpersien  im  Zustande  größter  Unsicherheit  befunden.  Die
britischen  Firmen  forderten  naturgemäß  von  uns,  zu  tun,  was  wir  vermöchten,
  um  dem  abzuhelsen.  Wir  stellten  daher  an  die  persische  Regierung
das  dringende  Ansuchen,  daß,  wenn  sie  nicht  imstande  sei,  mit  den  eigenen
Truppen  diese  Wege  zu  überwachen,  sie  ihre  Zustimmung  dazu  erteilen
sollte,  daß  eine  persische  Truppe  unter  dem  Befehl  von  britischen  Offizieren
aufgestellt  werde,  die  zu  diesem  Zweck  von  der  indischen  Regierung  gestellt
werden  sollten.  Für  den  Fall,  daß  ein  Mangel  an  Geldmitteln  die
persische  Regierung  daran  hindern  sollte,  die  Ordnung  wiederherzustellen,
wie  ich  fast  vermute,  haben  wir  der  persischen  Regierung  mitgeteilt,  daß
wir  gern  die  Beschaffung  von  Geldmitteln  auf  irgendeine  vernünftige
Methode  erleichtern  würden,  wenn  der  Betrag  dazu  verwendet  werden
würde,  die  Handelsstraßen  zu  überwachen  und  die  Sicherheit  aufrecht  zu
erhalten.  Es  ist  unmöglich  für  ein  Land,  das  in  einen  solchen  Zustand
der  Schwäche  und  Verwirrung  geraten  ist,  wie  er  in  Persien  nach  der
Absetzung  des  Schah  bestand,  sich  selber  ohne  Unterstützung  von  außen
wieder  hinaufzubringen.  Persien  kann  nicht  wieder  zur  Stärke  und
Stabilität  gelangen,  wenn  es  eine  Politik  des  Mißbrauchs  und  der  Feindseligkeit
  gegen  seine  unmittelbaren  Nachbarn  oder  einen  von  ihnen  verfolgt."“
  (Siehe  Persien  9.  November.)

Für  die  Armee  sprach  General  French,  der  sich  über  die  Artikel
des  Manöverberichterstatters  Gaedke  im  „Berliner  Tageblatt“  ereifert,
die  als  verleumderische  Beleidigungen  der  englischen  Armee  bezeichnet  und
die  vom  deutschen  Offizierkorps  gewiß  nicht  gebilligt  werden.
        <pb n="529" />
        Greßbriiannien.  (November  10.—17.)  521

10.  November.  Die  sogenannten  Vetokonferenzen  zwischen  den
Führern  der  Regierungspartei  und  der  Opposition  werden  nach
mehrmonatiger  Dauer  ergebnislos  abgeschlossen.  (Siehe  17.  Junil)

14.  November.  (Winchester.)  Leutnant  Helm  wird  durch
gerichtliches  Erkenntnis  gegen  übernahme  einer  Bürgschaft  von
5000  Mark  freigelassen.

14.  November.  Beendigung  des  Bergarbeiterstreiks  in  Süd-Wales
  durch  Bewilligung  der  Lohnerhöhung  seitens  der  Bergwerksbesitzer.


15.  November.  Wiederzusammentritt  des  Parlaments.

Die  Regierung  beschließt  die  sofortige  Auflösung  des  Parlaments.
Auf  ihren  Wunsch  vertagt  sich  das  Haus  bis  zum  18.

16.  November.  (Oberhaus.)  Taktik  der  Opposition.

Der  Führer  der  Konservativen  Lord  Lansdowne  beantragt  eine
Resolution,  die  Regierung  au  unverzüglicher  Vorlage  ihrer  Parlamentsbill
aufzufordern.  In  seiner  Begründung  wandte  sich  der  Lord  gegen  die
Auflösung  des  Unterhauses  und  vertrat  die  Ansicht,  erstens,  daß  eine
Verminderung  der  Anzahl  der  Pairs  wünschenswert  sei,  zweitens,  daß
kein  Pair  im  Oberhaus  lediglich  aus  erblichem  Recht  sitzen  und  abstimmen
solle,  drittens,  daß  das  Oberhaus  von  außen  entweder  durch  Ernennung
oder  durch  Wahl  verstärkt  werden  müsse.  Seine  Partei  sei  ferner  bereit,
wenn  möglich,  Mittel  zu  erwägen,  durch  welche  die  Meinungsverschiedenheiten
  zwischen  dem  Oberhause  und  dem  Unterhause  in  vernünftiger  und
wenn  möglich  freundschaftlicher  Weise  ausgeglichen  werden  könnten.  Man
habe  kein  Recht  zu  der  Annahme,  daß,  weil  acht  Mitglieder  beider  Parteien
nicht  zur  Uebereinstimmung  gelangen  konnten,  das  Parlament  der  Gelegenheit
  beraubt  werden  solle,  sich  mit  diesen  so  wichtigen  Problemen  zu
beschäftigen.  Der  Vertreter  der  Regierung  Earl  of  Crewe  brachte
darauf  die  Parlamentsbill  ein  und  bemerkte  in  seiner  Rede,  das  Oberhaus
  sei  berechtigt,  seiner  Ansicht  über  die  Vetobill  Ausdruck  zu  geben,
aber  die  Regierung  könne  keine  Amendements  diskutieren.  Die  Regierung
sei  bereit,  die  Bill  dem  Hause  vorzulegen,  damit  es  dieselbe  annehme  oder
ablehne,  aber  es  würde  ein  vollständiges  Possenspiel  sein,  zu  versuchen,  im
Hause  alle  die  Punkte  zu  diskutieren,  die  in  der  Konferenz  diskutiert
worden  seien.

17.  November.  (Oberhaus.)  Zur  Reform  des  Oberhauses.

Lord  Roseberys  Resolutionen  verlangen  jetzt  drei  Klassen  von
Pairs:  1.  Die  von  allen  erblichen  Pairs  aus  ihrer  Mitte  erwählt  und
durch  Ernennung  seitens  der  Krone  bestimmt  seien,  2.  die  kraft  ihrer
Aemter  im  Oberhause  säßen,  3.  die  von  außerhalb  des  Hauses  gewählt
  seien.

Es  erfolgt  einstimmige  Annahme.

17.  November.  Programm  der  Unionisten.

In  Notingham  erklärt  Balfour  bezüglich  der  Vetokonferenze:
Wenn  die  unionistischen  Mitglieder  den  Bedingungen  zugestimmt  haben
würden,  unter  denen  allein  eine  Einigung  möglich  gewesen  sei,  so  würden
sie  ihre  Sache  verraten  haben.  Die  Tarifreform  sei  nach  wie  vor  die
vornehmste  schöpferische  Politik  der  Unionisten.  Wenn  sie  eine  Belastung
        <pb n="530" />
        522  Großbritannien.  (November  18.)

der  lohnerhaltenden  Klassen  bedeute,  so  würde  er  sie  nicht  anrühren;  wenn
sie  zu  einer  Erhöhung  der  Brotpreise  führe,  so  müsse  eine  Entschädigung
durch  Ermäßigung  der  Zölle  auf  Tee,  Zucker  und  dergleichen  gewährt
werden.

18.  November.  (Unterhaus.)  Rede  des  Premierministers.

Krawall  der  Suffragettes.

Asquith  führt  aus,  daß  die  Regierung  sich  niemals  mit  dem  Gedanken
  befaßt  habe,  die  Budgetvorlage  fallen  zu  lassen;  sie  schlage  vor,
daß  das  Haus  die  wesentlichen  Teile  des  Budgets  erledige,  nämlich  den
Teezoll,  die  Einkommensteuer  und  den  Amortisationsfonds.  Nachdem  der
Premierminister  noch  zwei  andere  minder  wichtige  Maßnahmen  erwähnt
hatte,  die  noch  in  diesem  Jahre  erledigt  werden  müßten,  und  mitgeteilt
hatte,  daß  die  Regierung  beabsichtige,  im  nächsten  Parlament  eine  Entschädigung
  für  die  Mitglieder  des  Hauses  in  Vorschlag  zu  bringen,  teilte
er  mit,  daß  die  Regierung  dem  König  geraten  habe,  nach  Erledigung  der
erwähnten  parlamentarischen  Arbeiten  die  gegenwärtige  Session  und
das  jetzige  Parlament  zu  schließen.  (Lebhafter  Beifall  bei  den  Ministeriellen.)
  Der  Minister  erinnert  an  die  Annahme  der  von  der  Regierung
  beantragten  Veto-Resolutionen,  die  im  April  durch  starke  Mehrheiten
  im  Hause  erfolgte,  und  an  den  präzedenzlosen  Vorgang,  daß  bei
dem  Tode  des  geliebten  Königs  Eduard  die  beiden  bereits  in  Schlachtordnung
  stehenden  Parteien  die  Waffen  niedergelegt  und  die  Führer  sich
zu  einer  geheimen  Konferenz  zurückgezogen  hätten.  Was  die  Konferenz
  angehe,  so  schäme  er  sich  nicht,  zu  gestehen,  daß  er  fast  bis  zum
letzten  Augenblick  auf  die  Möglichkeit  einer  Verständigung  gehofft  habe.
Er  glaube,  diese  Hoffnung  sei  von  allen  Mitgliedern  der  Konferenz  geteilt
worden.  Obschon  die  Hoffnung  nicht  in  Erfüllung  gegangen,  war  der
Versuch  doch  der  Mühe  wert.  Er  sei  entschieden  der  Ansicht,  daß  niemals
ein  ehrlicherer  Versuch  von  Männern  starker  Meinungsverschiedenheiten  gemacht
  worden  sei,  die  beiderseitigen  Ansichten  zu  verstehen,  wenn  möglich
eine  gemeinschaftliche  Basis  für  eine  Verständigung  zu  finden  und  auf
dieser  Basis  einen  Bau  zu  errichten,  der  wenigstens  Aussicht  auf  Stabilität
und  Dauer  gewähre;  sie  hätten  sämtlich  die  Lösung  dieser  Aufgabe  nur
mit  Widerstreben  aufgegeben,  aber  hätten  sie  doch  aufgegeben,  weil  sie  die
Ueberzeugung  gewannen,  daß  es  für  den  Angenblick  nutzlos  sei,  die  Lösung
weiter  zu  versuchen.  Es  sei  müßig,  anzunehmen,  daß  eine  Verständigung,
die  selbst  unter  so  günstigen  Verhältnissen  sich  als  unerreichbar  erwiesen
habe,  in  diesem  Parlament  in  dem  Lärm  und  dem  Ungestüm  des  Parteikampfes
  ausgearbeitet  werden  könnte.  Das  Resultat  ist,  fuhr  Asquith
sort,  daß  wir  wieder  zum  Kriegszustand  gelangen.  Die  Regierung  weiß,
daß,  wenn  die  Lords  eine  Gelegenheit  wünschen,  um  vor  der  allgemeinen
Wahl  zu  der  vom  Unterhaus  gebilligten  Politik  ja  oder  nein  zu  sagen,
diese  Gelegenheit  in  der  nächsten  Woche  geboten  werden  wird;  es  würde
aber  die  reinste  Fiktion  sein,  wenn  man  irgendwelchen  Zweifel  äußern
würde,  welche  die  wirkliche  Entscheidung  der  Lords  über  die  Vetobill
sein  wird.  Im  jetzigen  Stadium  der  Angelegenheit  handle  es  sich  nicht
um  Amendements  oder  Umwandlungen,  sondern  um  die  Annahme  oder
Ablehnung  des  Ganzen.  Wir  haben  es  daher  für  unsere  Pflicht  gehalten,
der  Krone  die  Auflösung  zu  einem  möglichst  frühen  Zeitpunkt,  nämlich  zu
Anfang  der  übernächsten  Woche  anzuraten;  wir  sehen  keinen  Grund,  warum
dieser  Tag  nicht  Montag  der  28.  November  sein  sollte.  Die  allgemeine
Wahl  kann  zeitig  vor  Weihnachten  beendet  sein  und  wird  daher  nur  eine
ganz  geringe  Störung  in  den  Interessen  des  Geschäftslebens  und  der  all-
        <pb n="531" />
        Grsfbrilannien.  (November  21.  22.)  523

gemeinen  Bequemlichkeit  der  Nation  verursachen.  Nachdem  zwei  aufeinanderfolgende
  Unterhäuser  dasselbe  Urteil  gefällt  haben,  ist  die  Zeit  gekommen,
diese  Streitfrage,  die  einer  fortschrittlichen  Gesetzgebung  den  Weg  völlig
sperrt,  dem  Schiedsspruch  der  Nation  zur  endgültigen  Entscheidung  zu
unterbreiten.

Nach  der  Rede  des  Premierministers  ergriff  Balfour  das  Wort
und  spottete  über  die  Entscheidung  der  Regierung,  nur  einen  Teil  des
Budgets  zur  Debatte  zu  bringen.  Die  Regierung  fürchte  anscheinend,
Zeit  zur  Erwägung  der  Sachlage  zu  geben;  sie  habe  eine  sehr  schwere
Verantwortlichkeit  auf  sich  genommen  durch  den  Rat,  den  sie  dem  König
erteilt  habe.  Als  ein  Mann,  der  die  Traditionen  der  Konstitution  von
Königen  und  Ministern  respektiert  zu  sehen  wünsche,  gebe  er  seinem  tiefen
Bedauern  über  die  Politik  der  Regierung  Ausdruck.  Abgeordneter  Belloe
(liberal)  lenkte  die  Aufmerksamkeit  des  Hauses  auf  die  Tatsache,  daß  Asquith
nichts  über  die  von  der  Krone  zu  gewährenden  Garantien  sagte.

Nach  weiterer  Debatte  wurde  die  anfangs  beantragte  Resolution,
den  Rest  der  Session  für  die  Regierurgsvorlagen  zu  verwenden,  angenommen.


Währenddessen  fanden  vor  dem  Parlamentsgebäude  wieder  Angriffe
der  Suffragettes  auf  die  Polizisten  statt,  die  zum  Teil  durch  Messerstiche
verletzt  wurden.  80  Damen  werden  verhaftet,  aber  auf  Anordnung  des
Ministers  des  Innern  straflos  freigegeben.

21.  November.  (Oberhaus.)  Vorschlag  des  Referendums.

Lord  Lansdowne  kündigt  für  den  23.  November  Resolutionen  an,
durch  die  das  Referendum  eingeführt  werden  soll:  1.  Es  sei  wünschenswert,
Vorkehrungen  zu  treffen  zur  Beilegung  der  Meinungsverschiedenheiten
zwischen  dem  Unterhause  und  dem  Oberhause,  das  nach  den  Reformvorschlägen
  von  Lord  Rosebery  umzubilden  sei.  2.  Wenn  man  über
Gesetzesvorlagen,  die  keine  finanziellen  seien,  sich  nicht  einigen  könne,  so
soll  eine  gemeinsame  Sitzung  beider  Häuser  zur  Entscheidung  der  Frage
stattfinden  mit  Ausnahme  des  Falles,  wenn  es  sich  um  Uneinigkeiten  über
eine  Frage  von  großer  Wichtigkeit  handelt,  die  dem  Urteil  der  Bevölkerung
nicht  unterbreitet  worden  sei.  In  einem  solchen  Falle  solle  die  Angelegenheit
  der  Wählerschaft  zur  Entscheidung  unterbreitet  werden  und  nicht  einer
gemeinsamen  Sitzung  beider  Häuser.  Die  Pairs  seien  damit  einverstanden,
bei  Gewährung  gemeinsamer  Sicherheiten  auf  ihre  verfassungsmäßigen
Rechte  der  Rückweisung  von  Finanzvorschlägen  zu  verzichten.

22.  November.  Gegen  den  aristokratischen  Charakter  der  Verfassung.

  .

In  Mile  End  (Essex)  hält  Schatzkanzler  Lloyd  George  eine  heftige
Rede  gegen  die  Aristokratie.  Man  müsse  darauf  bestehen,  daß,  wenn  das
Volk  beschlossen  habe,  daß  gewisse  Maßnahmen  Gesetz  werden  sollen,  niemand,
  weder  ein  Großer  noch  ein  Kleiner,  das  Recht  haben  solle,  das  zu
verhindern.  Wenige  französische  Freibeuter  aus  der  Normandie  hätten
seinerzeit  die  Besitzer  des  Grunds  und  Bodens  in  England  getötet  und  eine
Totensteuer  von  100  Prozent  erhoben.  Auf  diese  Weise  sei  die  britische
Aristokratie  entstanden.  Der  Schatzkanzler  schloß  mit  der  Mahnung,  den
Weg  dafür  zu  ebnen,  daß  die  Gerechtigkeit  ebenso  leichten  Zugang  habe
zu  den  grauen  Häusern  des  Volkes  wie  zu  den  Palästen.

22.  November.  (Unterhaus.)  Revolte  der  Suffragettes.

Auf  die  Anfrage  des  Abg.  Keir  Hardie  über  die  Absichten  der  Regierung
  hinsichtlich  des  Frauenstimmrechts  gibt  Asquith  eine  ausweichende
        <pb n="532" />
        524  Großbritennien.  (November  22.)

Antwort.  Die  in  Caxton  Hall  versammelten  Frauenrechtlerinnen  ziehen
darauf  unter  Führung  von  Mrs.  Pankhurst  nach  Downing  Street,  um  die
Amtswohnung  des  Premierministers  zu  zerstören.  Mit  dem  Polizeiaufgebot
  beginnen  die  Damen  eine  regelrechte  Keilerei.  Der  vom  Parlament
heimkehrende  Asquith  wird  von  einer  Suffragette  tätlich  angegriffen  und
durch  die  Polizei  nur  mit  Mühe  in  einer  Motordroschke  gerettet.  Auch
der  Unterrichtsminister  Birrell  wird  durch  Fußtritte  und  Huteintreiben
verletzt.  Den  Ministern  Grey,  Churchill,  Harcourt  und  Burns  werden  die
Fenster  eingeworfen.  156  Ruhestörerinnen  werden  verhaftet.

22.  November.  Die  persische  Frage  im  Parlament.

Im  Unterhaus  fragt  Dillon  den  Staatssekretär  des  Auswärtigen
Sir  Edward  Grey,  ob  er  wisse,  wann  die  russischen  Truppen  von  Nordpersien
  zurückgezogen  werden  würden  und  welches  die  Gründe  dafür  seien,
die  russischen  Truppen  dort  zu  belassen.  Sir  Edward  Grey  erwiderte,  die
erste  Frage  müsse  er  verneinen.  Was  die  zweite  anlange,  so  wisse  man,
daß  die  russische  Regierung  zwar  beabsichtige,  die  Truppen  zurückzuziehen,
aber  nicht  der  Ansicht  sei,  daß  die  gegenwärtigen  Zustände  des  Landes
schon  jetzt  diesen  Schritt  rechtfertigen.  Weiter  fragte  Dillon,  welche  Haltung
die  englische  Regierung  für  den  Fall  einzunehmen  beabsichtige,  daß  die
persische  Regierung  es  ablehnen  sollte,  ihre  Einwilligung  dazu  zu  geben,
daß  die  Straßen  im  Süden  von  Truppen  unter  dem  Befehl  von  englischen
Offizieren  bewacht  würden.  Grey  erwiderte:  Was  bisher  von  der  persischen
Regierung  verlangt  worden  sei,  das  sei,  daß  die  Ordnung  auf  den  Straßen
von  Buschir-Schiras-Ispahan  wiederhergestellt  werde  und  daß,  wenn  die
persische  Regierung  nicht  binnen  drei  Monaten  imstande  sei,  persische
Truppen  für  die  Wiederherstellung  der  Ordnung  zu  organisieren,  die  acht
oder  zehn  britischen  Offiziere,  die  ihr  von  der  britischen  Regierung  zur  Verfügung
  gestellt,  aber  in  persischen  Diensten  stehen  würden,  dafür  verwende.
„Wir  haben“,  fuhr  Grey  fort,  „kein  anderes  Ziel,  als  daß  die  Ordnung
von  der  persischen  Regierung  wiederhergestellt  und  aufrecht  erhalten  wird.“
Ich  kann  nicht  glauben,  daß  die  persische  Regierung  es  auf  unbeschränkte
Zeit  ablehnen  wird,  irgendwelche  Maßregeln  zu  diesem  Zweck  zu  treffen.
Es  wird  verfrüht  sein,  schon  jetzt  zu  sagen,  welche  Haltung  die  englische
Regierung  einnehmen  wird,  wenn  die  persische  Regierung  dies  doch  tun
sollte.  Wir  haben  der  persischen  Regierung  im  Sinne  vorstehender  Erklärungen
  dringende  Vorstellungen  gemacht,  aber  darüber  hinaus  keinen
Druck  auf  sie  ausgeübt.

Im  Oberhaus  fragt  Lord  Lamington,  wie  die  Angelegenheit  der
persischen  Anleihe  von  privaten  Firmen  stehe  und  ob  Persien  Anfang  1910
daran  verhindert  worden  sei,  irgendwelche  finanzielle  Unterstützung  dieser
Art  zu  erhalten.  Lord  Herschell  erwiderte  namens  des  Auswärtigen
Amts,  die  britische  Regierung  habe  nicht  den  Wunsch,  und  wenn  sie  den
Wunsch  hegte,  würde  sie  gar  nicht  dazu  in  der  Lage  sein,  Persien  an  der
Erlangung  eines  Darlehens  von  privaten  Quellen  zu  hindern,  wenn  Persien
dies  anstrebe,  immer  vorausgesetzt,  daß  irgendeine  solche  Anleihe  in  keiner
Weise  die  Sicherheiten  nachteilig  berühre,  die  für  den  Dienst  der  britischrussischen
  Darlehen  bereits  vorbehalten  seien.  Was  die  Frage  anlange,  ob
Persien  darin  gehindert  worden  sei,  eine  Anleihe  von  privaten  Quellen
im  Anfang  des  Jahres  zu  erlangen,  so  habe  ein  gewisses  Syndikat  in  London
im  März  Vorschläge  bezüglich  einer  Anleihe  an  Persien  gemacht;  aber  zu
der  Zeit  seien  Verhandlungen  im  Gange  gewesen  betreffs  eines  gemeinschaftlichen
  Darlehens  von  der  britischen  und  russischen  Regierung  an  Persien.
Die  Zahlung  von  Zinsen  auf  englische  Darlehen  sei  bedeutend  im  Verzuge.
        <pb n="533" />
        Großbritannien.  (November  23.)  525

Unter  diesen  Umständen  habe  die  britische  Regierung  keine  Möglichkeit  zu
einem  anderen  Vorgehen  sehen  können  als  der  persischen  Regierung  mitzuteilen,
  daß,  solange  die  Verhandlungen  schwebten  und  solange  nicht  die
Rückstände  an  Zinsen  bezahlt  worden  seien,  die  britische  Regierung  nicht
bereit  sei,  der  Verpfändung  irgendeines  Teils  der  öffentlichen  Einkünfte
seitens  Persiens  zuzustimmen.  Als  dann  die  Verhandlungen  bezüglich  des
gemeinsamen  Darlehens  gescheitert  seien,  sei  am  7.  April  der  persischen
Regierung  durch  die  Gesandten  Rußlands  und  Großbritanniens  in  Teheran
eine  Note  überreicht  worden,  in  der  der  persischen  Regierung  mitgeteilt
worden  sei,  daß  keine  von  den  beiden  Regierungen  gegen  ein  Darlehen
von  dritten  Parteien  opponieren  würde,  vorausgesetzt,  daß  die  dargelegten
Bedingungen  beobachtet  würden.  Seit  diesem  Zeitpunkt  sei  Persien  keine
Mitteilung  über  Anleihen  von  privaten  Quellen  gemacht  worden.  Mehrere
Firmen  und  Persönlichkeiten  seien  jedoch  an  das  Auswärtige  Amt  herangetreten,
  um  die  Ansichten  der  Regierung  über  diesen  Gegenstand  zu  erfahren.
  In  jedem  Falle  seien  ihnen  die  in  der  Note  vom  7.  April  niedergelegten
  Bedingungen  mitgeteilt  und  ihnen  zugleich  gesagt  worden,  daß
die  Regierung  an  dieser  Stellungnahme  festhalten  werde.  Was  die
augenblickliche  Lage  angehe,  so  habe  die  Regierung  keine  Schritte  getan,
um  irgendeiner  speziellen  Anleihe  entgegenzutreten.  In  einem  Fall  lehnte
die  Regierung  es  ab,  eine  Unterstützung  zu  gewähren.  Es  sei  völlig  klar,
daß  sie  sich  die  Befugnis  vorbehalten  müsse  mit  Rücksicht  auf  die  Sicherung
der  britischen  Interessen,  Unterstützung  zu  gewähren  oder  zu  versagen.
Herschell  schloß:  Es  sei  bekannt,  daß  jetzt  die  Verhandlungen  zwischen  der
persischen  Regierung  und  der  Imperial  Bank  of  Persia  zwecks  Aufnahme
einer  Anleihe  im  Gange  seien.  In  jedem  Falle  hieße  es,  eine  vielleicht
wenig  übertriebene  Ansicht  von  der  Sache  zu  hegen,  wenn  man  den  gesamten
  Zustand  der  Unruhe  in  Südpersien  auf  die  Tatsache  zurückführe,
daß  sich  die  persische  Regierung  kein  Geld  verschaffen  könne.  Persien  könne
Geld  erhalten,  wenn  es  gewillt  sei,  es  unter  vernünftigen  Bedingungen  zu
erlangen,  ohne  daß  politische  Bedingungen  daran  geknüpft  seien.

Earl  of  Crewe  erklärte:  Die  Regierung  sei  sich  völlig  der  Schwierigkeit
  bewußt,  die  stets  mit  der  scheinbaren  Einmischung  in  die  inneren  Angelegenheiten
  eines  solchen  Staates  wie  Persien  verbunden  sein  müßten.

23.  November.  (London.)  Dr.  Crippen,  der  wegen  Gattenmordes
  angeklagt  war  und  nach  einer  abenteuerlichen  Flucht  mit
seiner  Geliebten  durch  den  Scharfblick  des  Kapitäns  des  Dampfers
„Montrose“  am  31.  Juli  gefaßt  wurde,  wird,  entsprechend  dem
Todesurteil  vom  21.  Oktober  1910,  durch  den  Strang  hingerichtet.

23.  November.  (Unterhaus.)  Die  Finanzöbill  wird  in  dritter
Lesung  angenommen.

23.  November.  Vorbereitung  des  Wahlkampfes.

Lloyd  George  hielt  in  St.  Pancras  eine  Rede,  beständig  von
Anhängerinnen  des  Frauenstimmrechts  unterbrochen,  die  auf  das  Dach  geklettert
  waren.  Der  Minister  berührte  die  Tatsache,  daß  der  auswärtige
Handel  um  90  Millionen  Pfund  während  des  Jahres  gestiegen  sei  und
erklärte,  es  sei  eine  bemerkenswerte  Tatsache,  daß  Großbritannien  mehr
wie  je  zuvor  an  Deutschland  verkaufe.  Ich  wundere  mich,  fuhr  der
Minister  fort,  warum  der  böse  Deutsche  unsere  Waren  kauft.  Sie  können
überzeugt  sein,  daß  die  gelbe  Presse  irgendwelche  unheilvollen  Beweggründe
        <pb n="534" />
        526  Großbritannien.  (November  24.—29.)

entdecken  wird.  Wir  haben  in  diesem  Jahre  mehr  Messerschmiedewaren
nach  Deutschland  verkauft  als  je  zuvor.  Was  wollen  die  Deutschen  damit?
Natürlich  uns  den  Hals  damit  abschneiden!  (Lautes  Gelächter.)  Lord
Lansdownes  Plan  bedeute,  daß  die  Demokratie  durch  eine  lange  Stange
abgehalten  werden  solle,  so  daß  sie  nicht  beißen  könne.  Das  Referendum
bedeute,  daß  die  Wählerschaft  aufgefordert  werden  solle,  über  jede  liberale  Vorlage
  ihr  Urteil  abzugeben  und  im  weiteren  Verlauf  bedeute  es,  daß  die  Partei
der  reichen  Demokratie  durch  das  Gewicht  ihres  Goldes  alle  erdrücken  werde.
Diese  Vorschläge  seien  lediglich  ausgesonnen,  um  das  Unterhaus  zu  beschimpfen
  und  herabzuwürdigen  dadurch,  daß  man  seine  Autorität  verringere.

24.  November.  Ein  Blaubuch  stellt  fest,  daß  bei  den  letzten
Wahlen  1311  Kandidaten  aufgestellt  worden  sind  und  daß  sie  zusammen
  an  direkten  und  legalen  Kosten  über  26  Millionen  Mark
bezahlt  haben.  Jede  Wählerstimme  kostete  etwa  vier  Mark.

24.  November.  (Oberhaus.)  Die  Resolutionen  Roseberys
und  Lansdownes  werden  angenommen  und  auf  Beschluß  des  Hauses
dem  Unterhaus  mitgeteilt.

25.  November.  (London.)  Im  Bow  Street-Polizeigericht
werden  20  Suffragettes  zu  Strafen  bis  zu  zwei  Monaten  schwerer
Zwangsarbeit  verurteilt.

28.  November.  Auflösung  des  Parlaments  durch  eine  Rede
des  Königs:

„Ich  spreche  zu  Ihnen  zum  ersten  Male  unter  dem  Schatten  des
großen  Unglücks,  welches  das  Dahinscheiden  meines  geliebten  Vaters  verursacht
  hat.  Ich  erhielt  aus  allen  Teilen  meiner  Besitzungen  überreiche
Beweise  dafür,  daß  der  unersetzliche  Verlust,  der  mich  und  meine  Familie
getroffen,  von  meinen  Untertanen  tief  beklagt  wird.  Ich  habe  mich  den.
Pflichten,  zu  denen  ich  berufen  wurde,  mit  dem  ernsten  Wunsche  gewidmet,
den  Fußtapfen  meines  lieben  Vaters  zu  folgen.  Die  Beziehungen  zu  den
fremden  Mächten  waren  andauernd  freundliche.“  Der  König  sprach  seine
zuversichtliche  Hofflnung  aus,  daß  die  Fischereifrage  zwischen  Kanada,
Newfoundland  und  den  Vereinigten  Staaten  durch  das  Schiedsgericht  im
Haag  endgültig  beigelegt  sei  und  gab  hierauf  seiner  besondern  Befriedigung
darüber  Ausdruck,  daß  es  möglich  gewesen  sei,  so  verwickelte  und  schwierige
Probleme  durch  schiedsgerichtlichen  Spruch  zu  erledigen,  daß  die  Entscheidung
  von  beiden  Parteien  in  einem  Geiste  angenommen  sei,  der  dahin
wirken  müsse,  den  guten  Willen  zu  vermehren.  Der  König  berührte  sodann
die  Mission  des  Herzogs  von  Connaught,  das  erste  Parlament  der  Union
von  Südafrika  zu  eröffnen  und  sprach  die  zuversichtliche  Hoffnung  aus,
daß  Südafrikas  Fortschritt,  Glück  und  Wohlfahrt  andauern  mögen.  Er
nahm  hierauf  Bezug  auf  die  Verwaltungsreform  Indiens  und  dankte
dem  Unterhause,  daß  es  für  die  Erfordernisse  des  Jahres  in  freigiebiger
Weise  Fürsorge  getroffen  habe,  einschließlich  der  vermehrten  Zuwendungen
für  die  Flotte  und  der  weiteren  Ausgaben  für  die  Alterspensionen.  Der
König  gab  schließlich  seinem  Bedauern  Ausdruck,  daß  die  Konferenz  zur
Beilegung  der  Meinungsverschiedenheiten  zwischen  den  beiden  Häusern  des
Parlaments  gescheitert  sei.

29.  November.  Spaltung  der  Iren.
        <pb n="535" />
        Greßbritannien.  (November  29.  —  Dezember  11./12.)  527

Der  Wahlaufruf  der  irischen  Partei  erwartet  von  einer  Niederlage
der  Lords  freie  Bahn  für  Homerule.  Zugleich  wird  der  Versuch  der  Konservativen,
  durch  Unterstützung  O'Briens  mit  Geld  eine  Spaltung  der  irischen
Nationalisten  herbeizuführen,  gebrandmarkt  und  die  Forderung  einer  vollständigen
  nationalen  Selbstregierung  als  das  Programm  der  unter  Redmond
  vereinigten  Iren  bezeichnet.

Zwischen  den  beiden  Gruppen  hatte  es  bereits  in  Cork  eine  Schlägerei
gegeben,  bei  der  die  Polizei  eingreifen  mußte.

29.  November.  (London.)  Die  Konservativen  eröffnen  den
Wahlkampf  mit  einer  Frontstellung  gegen  die  Iren  und  Sozialisten

als  Verbündete  der  Liberalen.

In  einer  großen  Versammlung  in  Albert  Hall  überbringt  der  frühere
Minister  Long  aus  Irland  folgende  Botschaft  der  dortigen  Unionisten:
„Wir  erklären  feierlich,  daß  Homerule  Irland  nicht  den  Frieden,  sondern
das  Schwert  bringen  wird.  Wenn  ein  irisches  Parlament  geschaffen  wird,
so  werden  die  Unionisten  im  Süden  im  Verein  mit  den  Leuten  von  Ulster
seine  Autorität  nicht  anerkennen,  an  seine  Verordnungen  sich  nicht  knüpfen
und  seine  Steuern  nicht  bezahlen.“  Hierauf  sprach  Balfour  und  erklärte:
Jedermann  wisse,  die  konstitutionelle  Umwälzung  basiere  auf  den  Bedürfnissen
  und  den  Wünschen  der  irischen  Homeruler  und  der  Sozialisten.  Die
Interessen  der  gesetztreuen  Bürger  würden  dabei  gänzlich  außer  acht  gelassen.

29.  November.  Der  Wahlaufruf  Sir  Edward  Greys  empfiehlt
Homerule  für  die  verschiedenen  Teile  des  vereinigten  Königreichs
nach  dem  Muster  des  kanadischen  Systems.

3.  Dezember.  (London.)  Empfang  der  Mannschaften  des

atlantischen  Geschwaders  der  Vereinigten  Staaten  in  Guild  Hall.

Auf  eine  Ansprache  des  Lord  Mayor  erwidert  Kommandant  Sims,
es  sei  seine  persönliche  Meinung,  daß,  wenn  je  eine  Zeit  käme,  wo  das
Britische  Reich  von  einem  äußeren  Feinde  bedroht  werde,  es  auf  jeden
Mann,  jeden  Dollar,  jeden  Blutstropfen  der  Stammesverwandten  jenseits
des  Ozeans  rechnen  könne.

11.—12.  Dezember.  Preßstimmen  zu  der  Rede  des  deutschen
Reichskanzlers  über  auswärtige  Politik.

Der  „Standard“  sieht  in  den  wiederholten  Eröffnungen  der  englischen
  Regierung  eine  Demütigung,  die  das  radikale  Ministerium  dem
Lande  zugefügt  habe.

„Daily  News“:  „Seine  Erklärung  über  Rußland  bedeutet,  daß
unsere  Verständigungen  mit  Frankreich  und  Rußland  im  Begriff  sind,  zu
ihrer  ursprünglichen  und  allein  zu  rechtfertigenden  Form  zurückzukehren,
daß  sie  ein  Bollwerk  des  Friedens  und  des  internationalen  Wohlwollens
sein  sollen  und  keine  Entschuldigung  für  ein  Anfachen  von  Argwohn  und
für  ein  Suchen  nach  Zank  mit  Deutschland.  Alles  dies  zeigt,  wie  leicht
eine  Aenderung  in  der  Atmosphäre  herbeigeführt  werden  könnte  und  tatsächlich
  herbeigeführt  wird.  Der  Zeitpunkt  für  eine  solche  Aenderung  könnte
nicht  günstiger  sein.  Das  nächste  Jahr  ist  das  letzte,  in  dem  Deutschland
nach  den  Bestimmungen  seines  Flottengesetzes  4  Schlachtschiffe  bauen  wird."“

Die  „Morning  Post"“  sieht  nicht  viel  Nutzen  in  gegenseitigen  Eröffnungen
  über  die  Rüstungen,  solange  England  über  den  Zweck  der  deutschen
  Flotte  nicht  beruhigt  ist.
        <pb n="536" />
        528  Greßbriiannien.  (Dezember  20.  —  28.)

Die  „Times“  bespricht  die  Ausführungen  des  Reichskanzlers,  daß
England  nur  im  allgemeinen,  aber  nicht  spezifizierte  Vorschläge  für  die
Einschränkung  der  Rüstungen  gemacht  habe.  Es  sei  nicht  üblich,  daß  eine
Partei  mit  ganz  bestimmt  formulierten  Anträgen  komme,  solange  die  andere
nicht  einmal  im  Prinzip  zu  erkennen  gegeben,  daß  sie  zum  Vertrage  bereit
sei.  Deutschland  habe  eine  solche  Absicht  niemals  im  entferntesten  bekundet
und  auch  in  Bethmanns  neuer  Rede  sei  sie  nicht  enthalten.  Alle  Diskussionen
  über  Nebenfragen  könnten  darum  die  Hauptsache  nicht  erschüttern,
ärellc  ern  Entschluß  des  britischen  Volkes,  seine  absolute  Seehoheit  intakt
zu  erhalten.

20.  Dezember.  Resultat  der  Wahlen.

Konservative  272  (273),  Liberale  271  (275),  Arbeiterpartei  43  (10),
Irische  Nationalisten  74  (72),  Unabhängige  Nationalisten  15  (10).  Die
abgegebenen  Stimmen  für  die  Vetobill  belaufen  sich  auf  2300  169  (114647
weniger  als  im  Januar),  die  der  Konservativen  auf  2424513  (115  753
weniger  als  im  Jannar).

21.  Dezember.  Reorganisation  der  Heimflotte.

An  Stelle  des  Admirals  Prinzen  Louis  von  Battenberg  erhält
Vizeadmiral  Sir  John  R.  Jellicoe  das  Kommando  des  atlantischen  Geschwaders.
  Gleichzeitig  erfolgt  die  Verschmelzung  der  Ozeanflotte  mit  der
Heimslotte.  Diese  enthält  jetzt:  23  Panzer  mit  voller  Besatzung,  13  Panzerkreuzer,
  11  geschützte  Kreuzer  mit  teilweiser  Bemannung,  23  Panzer,  8  Panzerkreuzer,
  24  geschützte  Kreuzer.  Alle  kleineren  Einheiten  dazu  gerechnet  hat
die  Heimflotte  jetzt  170  vollbemannte  Schiffe  und  250  nicht  vollbemannte.

23.  Dezember.  Die  Preßstimmen  zum  Leipziger  Spionageprozeß
  sind  sehr  anerkennend  für  das  Reichsgericht.

Nur  die  „Morning  Post“  bedauert,  daß  ein  großer  Teil  des  Verfahrens
  öffentlich  vor  sich  ging.

28.  Dezember.  (London.)  Die  Polizei  entdeckt  bei  Verfolgung
  der  Mörder  von  Houndsditch  eine  Bombenfabrik  und  ein
Waffenarsenal  russischer  Anarchisten.

28.  Dezember.  Rückkehr  des  Herzogs  und  der  Herzogin  von

Connaught  und  der  Prinzessin  Patricia  aus  Südafrika.
        <pb n="537" />
        VI.
Frankreich.

4.  Januar.  (Das  Sultanat  Wadai.)  Von  der  300  Mann
starken  Besatzung,  die  die  Franzosen  nach  der  Einnahme  von  Abescher,
der  Hauptstadt  des  Sultanats  Wadai  im  Osten  des  Tschadsees
(2.  Juni  1909),  zurückgelassen  hatten,  wird  ein  Drittel  unter  dem
aus  dem  Elsaß  stammenden  Hauptmann  Fiegenschuh  bei  Bir  Tuil
von  den  Eingeborenen  niedergemetzelt.

5.  Januar.  Apachen  in  der  Armee.

Anläßlich  der  von  den  Soldaten  Michel  und  Graby  verübten  Mordtaten
  verlangen  viele  Blätter  die  Säuberung  der  Armee  von  den  Apachen
und  eine  Aenderung  des  Rekrutierungsgesetzes  in  dem  Sinne,  daß  vorbestrafte
  Verbrecher  nur  noch  den  afrikanischen  Strafkompagnien  zugeteilt
werden  können.

8.  Januar.  (Paris.)  Im  Kampfe  mit  den  Apachen  werden
vier  Geheimpolizisten  getötet.

11.  Januar.  (Paris.)  Studentenkundgebungen.

Bei  den  Vorlesungen  des  Dekans  der  juristischen  Fakultät,  Professor
Lyon-Caen,  kommt  es  fortgesetzt  zu  nationalistisch-monarchistischen  Störungen
und  Schlägereien  mit  den  republikanischen  Studenten.  Den  unbeliebten
Professor  der  Anatomie  Nicolas  bewerfen  die  Mediziner  im  Seziersaal  mit
faulen  Eiern,  Leichenteilen  und  Papierdüten  voll  Mehl.

!11.  Januar.  Die  Kammer  wählt  mit  300  Stimmen  Brisson
wieder  zum  Präsidenten.

Clementel,  Etienne,  Bertheaux  und  Dubief  werden  zu  Vizepräsidenten
  wiedergewählt.

18.  Januar.  Verhandlungen  der  Kammer  über  die  Schule.

Unterrichtsminister  Doumergue  betont  die  Beantwortung  der  Angriffe
  einiger  Redner,  daß  der  Feldzug,  der  gegenwärtig  gegen  die
Laienschule  geführt  werde,  mehr  politischer  als  religiöser  Natur  sei.
Der  Kampf  richte  sich  in  Wirklichkeit  gegen  die  Republik,  die  Gegner  hätten
an  der  Laienschule  besonders  das  auszusetzen,  daß  sie  die  republikanischen
Wähler  vermehrt  und  die  Trennung  von  Staat  und  Kirche  ermöglicht  habe,
in  die  die  französischen  Katholiken  eingewilligt  haben  würden,  wenn  Rom
nicht  sein  „non  licet“  dazu  ausgesprochen  hätte.  Die  Lehrerschaft  verdiene
die  gegen  sie  gerichtete  Kritik  nicht.  Die  neueingeführten  geschichtlichen
Lehrbücher,  die  von  den  Bischöfen  verurteilt  worden  seien,  zeichneten  sich
durch  ihre  unparteiische  und  aufrichtige  Darstellung  aus.  Nicht  die  Laienschule,
  sondern  der  freie  Unterricht  sei  tendenziös.  Der  Familienvater  müsse

Europäischer  Geschichtskalender.  ILII.  34
        <pb n="538" />
        530  Frankreich.  (Januar  18.—  Februar  2.)

den  freien  Unterricht  wählen,  wolle  er  nicht,  so  bedrohe  ihn  der  Pfarrer
mit  ewiger  Verdammnis,  und  leide  sein  guter  Ruf  in  den  Kreisen  der
Klerikalgesinnten.  Der  Staat  müsse  sich  mit  dem  Unterrichte  der  Kinder,
der  zukünftigen  Bürger,  befassen.  Die  Republik  müsse  sich  verteidigen.  Zu
dieser  Verteidigung  werden  wir  neue  Waffen  fordern.  Alle  Republikaner,
die  sonst  in  mancher  Beziehung  geteilte  Anschauungen  hätten,  seien  in  der
Verteidigung  der  Laienschule  einig.  Die  republikanische  Regierung  werde
fortfahren,  den  Frieden  im  Junern  des  Landes  und  die  Sicherheit  der
Republik  zu  schützen.

Mitte  Januar.  Fortgesetzte  Unwetter  verursachen  große  Uberschwemmungen,

  besonders  auch  in  Paris.

Am  24.  Januar  erreicht  der  Pegel  der  Seine  am  Pont  Royal
7,4  Meter,  eine  noch  nie  beobachtete  Höhe.  Die  Kammer  bewilligt  einen
Kredit  von  2  Millionen  Franken  für  die  erste  Hilfe  bei  Unglücksfällen.
(Siehe  26.  u.  27.  Jannar,  7.  Februar.)

21.  Januar.  Der  Senat  nimmt  den  auf  der  Berliner  Konferenz
  beschlossenen  Entwurf  einer  internationalen  Konvention  über
die  drahtlose  Telegraphie  an.

24.  Januar.  (Kammer.)  Fortsetzung  der  Schuldebatte.  (Siehe

18.  Januar.)

Nach  überaus  umfangreicher  Debatte  wird  eine  Tagesordnung  aufgenommen,
  die  der  Regierung  das  Vertrauen  ausspricht,  daß  sie  die  weltliche
  Schule  und  deren  Lehrer  verteidigen  werde.  Die  von  den  Bischöfen
geleitete  Agitation  gegen  das  vor  25  Jahren  begründete  weltliche  Schulsystem
  konnte  nur  100  Gemeinden  von  den  36000  Frankreichs  anführen,
in  denen  die  von  ihnen  verbotenen  Lehrbücher  von  den  Kindern  oder  ihren
Bätern  beiseite  geschafft  wurden.  Dieses  Verbot  richtete  sich  auch  nur  auf
14  von  den  200  eingeführten  Lehrbüchern.

26.  Januar.  Der  Wasserstand  der  Seine  am  Pont  Royal,
der  normal  zwischen  2  und  2,4  m  schwankt,  erreicht  die  noch  nie
dagewesene  Höhe  von  8,60  m.

27.  Januar.  Wegen  des  eingedrungenen  Wassers  muß  das
untere  Stockwerk  der  deutschen  Botschaft  geräumt  werden.

28.  Januar.  Das  Torpedoboot  „192“  strandete  bei  der  Insel
„St.  Marguerite“  bei  Cannes.

2.  Februar.  (Kammer.)  Eisenbahnbudget.

Bei  der  Fortsetzung  der  Verhandlungen  über  das  Budget  der  Eisenbahnen
  ging  der  Deputierte  Schmidt  von  St.  Die  auf  die  Frage  des
Vogesendurchstiches  ein.  Er  betont,  daß  es  zwischen  den  Linien  Paris-Straßburg
  und  Paris-Mülhausen  eine  Grenze  von  150  Kilometer  gebe,
welche  die  Bevölkerung  auf  beiden  Seiten  ohne  jedes  Verkehrsmittel  lasse.
Reisende  und  Waren  müssen  enorme  Umwege  machen,  und  das  sei  um  so
empfindlicher,  als  das  Verkehrsbedürfnis  der  Bevölkerung  auf  beiden  Seiten
der  Grenze  stets  anwachse.  Der  Krieg  von  1870  habe  zur  Folge  gehabt,
daß  die  Eisenbahnprojekte  jahrzehntelang  begraben  blieben.  Die  Lage  habe
sich  aber  allmählich  geändert.  Die  elsässische  Industrie  wanderte  zum  Teil
über  die  Grenze,  habe  aber  die  nämlichen  Bedingungen  auf  beiden  Seiten
        <pb n="539" />
        Frankreich.  (Februar  4.—7.)  531

der  Grenze  und  die  Bevölkerung  leide  unter  dem  Mangel  an  Eisenbahnverbindungen
  immer  empfindlicher.  Handel  und  Industrie  würden  von
besseren  Verbindungen  große  Vorteile  haben,  insbesondere  würde  auch  die
elsässische  Industrie  durch  Erleichterung  der  Kohlen  zufuhr  gewinnen.  Aber
die  neuen  Vogesenlinien  würden  auch  den  internationalen  Verkehr  zwischen
Frankreich,  Süddeutschland  und  der  Schweiz  verbessern.  Der  Redner  gibt
zu,  daß  die  neuen  Projekte  auf  Schwierigkeiten  stoßen  können,  weil  sie  die
französisch-deutschen  Beziehungen  berühren  und  strategische  Bedenken  haben
könnten.  Aber  die  französische  und  auch  die  deutsche  Regierung  hätten
bereits  erkennen  lassen,  daß  kein  prinzipielles  Hindernis  gegen  alle  Projekte
bestehe  und  es  sei  deshalb  notwendig,  daß  die  Regierung  Vorbesprechungen
mit  Deutschland  einleite.  Sie  dürfe  sich  nicht  gleichgültig  diesen  Projekten
gegenüber  verhalten,  deren  Ausführung  der  Grenzbevölkerung  zum  Vorteil
  gereichen  und  im  allgemeinen  der  Zivilisation  und  dem  Frieden
dienen  würde.

Der  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten,  Millerand,  antwortet:
Ich  brauche  nicht  zu  sagen,  welche  Gefühle  die  von  dem  Abgeordneten
Schmidt  besprochenen  Projekte  in  mir  hervorrufen.  In  dieser  Angelegenheit
  kann  ich  nur  eine  zweite  Rolle  spielen.  Gewiß  würde  uns  der  Mangel
von  Eisenbahnlinien  auf  einer  Grenzstrecke  von  150  Kilomeler  zu  dringender
  Abhilfe  nötigen,  wenn  wir  nicht  auf  Bedenken  stoßen  würden,  die
dem  Patriotismus  des  Abg.  Schmidt  gewiß  nicht  entgehen.  Ich  kann  also
nur  versprechen,  das  Material  an  den  Minister  des  Aeußeren  und  den
Kriegsminister  zu  übermitteln  und  abzuwarten,  bis  dieselben  mir  anzeigen
wollen,  welche  Folge  den  Projekten  gegeben  werden  soll.

Der  Berichterstatter  der  Budgetkommission  Doumer  äußert  seine
Ueberraschung  darüber,  daß  der  Kriegsminister  überhaupt  über  die  Vogesenprojekte
  gefragt  werden  soll.  Die  französische  Grenzverteidigung  würde  durch
jeden  neuen  Vogesendurchstich  gefährdet.

4.  Februar.  (Kammer.)  über  die  Konvention  für  die  Ausbeutung
  des  Erzlagers  von  Uenza  in  Nordafrika  wird  ausführlich
debattiert.  Die  Beteiligung  der  Firma  Krupp  in  dem  Konsortium
wird  von  Sozialisten  und  Kolonialpolitikern  als  eine  Befestigung
des  deutsch-französischen  Einvernehmens  freudig  begrüßt.

6.  Februar.  (Paris.)  Chantecler-Sensation.

Rostands  „Chantecler“  wird  im  Theater  Porte  St.  Martin  mit
riesigem  Erfolg  aufgeführt.  Die  Vogelrollen  geben  die  Veranlassung  für
eine  Modelaune  mit  überladenem  Federschmuck.

7.  Februar.  Der  Ministerrat  verlangt  von  der  Kammer  zur
Unterstützung  der  durch  das  Hochwasser  Geschädigten  einen  Kredit
von  20  Millionen  Franken.

7.  Februar.  Marinevorlage.

Im  Ministerrat  werden  für  die  Schlachtflotte  28  Panzerschiffe,  10  Aufklärungsschiffe
  und  52  Hochseetorpedoboote,  für  die  RKüstenverteidigung
91  Unterwasserboote  und  für  ausländische  Stationen  10  Schiffe  bestimmt.  Die
Schlachtflotte  besteht  aus  4  Geschwadern  zu  je  6  Panzern  und  4  Reserveschiffen,
  2  Aufklärungsschiffen  und  2  Reserve-Aufklärungsschiffen,  12  Torpedobooten
  für  jedes  Geschwader  und  4  Ersatzbooten.  Für  die  ausländischen
Stationen  finden  je  nach  Bedarf  Avisos  oder  Kanonenboote  Verwendung.  Unter

347
        <pb n="540" />
        532  Frautreich.  (Februar  10.—15.)

den  submarinen  Streitkräften  befinden  sich  4  Minenschiffe  und  eine  Anzahl
Minensuchboote.  Für  besondere  Zwecke  sieht  die  Vorlage  vor  3  Vermessungsfahrzeuge,
  3  Transportschiffe,  ferner  Schulschiffe  sowie  Fahrzeuge
zum  Schutz  der  Fischerei  je  nach  Bedarf.  Für  die  Auslandschiffe  und  die
Panzer,  die  vor  1909  auf  Stapel  gelegt  sind,  wird  die  höchste  Lebensdauer
auf  25  Jahre,  für  die  später  auf  Stapel  gelegten  auf  20  Jahre  festgesetzt.
20  Jahre  gelten  auch  für  die  Aufklärungsschiffe,  dagegen  17  für  die  Torpedound
  Unterseeboote.  Für  die  Kreuzer  sowie  die  Auslandsschiffe  im  aktiven
Dienst  sind  volle  Besatzungen  vorgesehen,  ebenso  für  die  Hälfte  der  Fahrzeuge
  der  submarinen  Verteidigung.

10.  Februar.  (Kammer.)  Mehrlasten  für  Kriegsausrüstung.

Bei  der  fortgesetzten  Beratung  des  Kriegsbudgets  führte  der  Berichterstatter
  Clémentel  aus:  Die  Vermehrung  der  Ausgaben  des  Kriegsbudgets
  habe  ihre  Gründe  in  der  Reorganisation  der  Artillerie,  in  den
Prämien  der  Kapitulanten,  in  der  Aufbesserung  der  Kost,  in  der  Erhöhung
der  Gehälter  der  subalternen  Offiziere  usw.  Eine  neue,  in  dem  Budget
für  1910  erscheinende  Ausgabe  von  500000  Franken  betreffe  die  Luftschifffahrt.
  Man  brauche  sich,  so  führte  der  Berichterstatter  weiter  aus,  wegen
der  zurzeit  bestehenden  unleugbaren  Ueberlegenheit  der  deutschen  Luftflotte
nicht  übermäßig  zu  beunruhigen.  Diese  Ueberlegenheit  würde  rasch  vorbei  sein,
wenn  Frankreich  es  verstehe,  sich  an  die  Arbeit  zu  machen  und  dabei  die  zweisache
  Klippe  der  Trägheit  und  des  voreiligen  Baues  vermeide,  und  seine
Bestrebungen  sowohl  auf  Lustschiffe  wie  auf  Flugmaschinen  erstrecke.  Der
Berichterstatter  Clementel  schloß:  „Der  bewaffnete  Friede  ist  teuer,  aber
notwendig.  Die  Abrüstung  ist  nicht  ein  Mittel,  sondern  ein  Resultat.  Die
Nation,  die  allein  abrüsten  wollte,  würde  in  ihr  Verderben  rennen.  Tragen
wir  freudig  die  schweren  Lasten,  wenn  wir  nicht  wie  ein  entmutigtes  Volk
erscheinen  wollen“.

11.  Februar.  Der  Dampfer  „General  Chanzy"“  (Kapitän
Cayol)  der  Compagnie  Transatlantique  scheitert  an  der  Nordküste
der  Insel  Minorca  mit  87  Passagieren  und  68  Köpfen  Bemannung.
Nur  ein  Passagier  wird  gerettet.

12.  Februar.  Der  Senat  nimmt  die  Altersversicherungsvorlage
  für  Arbeiter  in  erster  Lesung  einstimmig  an.

14.  Februar.  (Frankreich  und  die  Türkei.)  Der  durch
den  Zusammenstoß  türkischer  und  französischer  Soldaten  an  der
tunesisch-tripolitanischen  Grenze  entstandene  Zwischenfall  wird  dadurch
  beigelegt,  daß  Frankreich  verspricht,  zur  Festlegung  der  Grenzlinie
  nur  tunesische  Beamte  und  Offiziere  zu  entsenden,  die  mit  den
türkischen  Delegierten  verhandeln  sollen.  Dadurch  wird  der  Schein
gewahrt,  als  sei  trotz  des  Marsa-Vertrages  von  1883  Tunis  noch

ein  türkischer  Vasallenstaat  unter  französischer  Protektion.

15.  Februar.  (Kammer.)  Moratorien  für  die  überschwemmten.

Die  Bank  von  Frankreich  soll  100  Millionen  Franken  unverzinslich  an
die  Opfer  des  Hochwassers  ausleihen.  75  Millionen  Franken  sind  für  die  kleinen
Geschäftsleute  und  Gewerbetreibenden  in  Beträgen  von  höchstens  3000  Franken,
25  Millionen  Franken  an  die  Hausbesitzer  in  Beträgen  von  10000  Franken
        <pb n="541" />
        Krantreich.  (Februar  18.—23.)  533

auszuleihen.  Die  Rückzahlung  beginnt  bei  den  Geschäftsleuten  nach  2  Jahren
und  soll  in  5  Jahren  beendet  sein.

18.  Februgar.  (Kammer.)  Verwendung  von  Negertruppen.

Der  Abgeordnete  für  Senegal  Carnot  verlangt  Streichung  des
Postens  für  die  Verwendung  schwarzer  Truppen  in  Algier,  da  es  gefährlich
  sei,  solche  Truppen  mit  einer  noch  nicht  völlig  friedlich  gesinnten  Bevölkerung
  zusammenzubringen.  Man  wolle  auf  diese  Weise  die  numerische
Ueberlegenheit  Deutschlands  über  Frankreich  ausgleichen,  aber  diese  Ueberlegenheit
  werde  um  so  geringer  werden,  je  tatkräftiger  Frankreich  den
Kampf  gegen  Tuberkulose  und  Alkoholismus  führen  werde.  Der  Generalberichterstatter
  für  das  Budget,  Doumer,  erklärt,  es  sei  nicht  dieser  Gedanke,
  der  zu  dem  Entschluß  geführt  habe,  schwarze  Truppen  in  Algier
zu  verwenden.  Die  Kolonien  nähmen  20000  Mann  in  Anspruch,  und
dafür  habe  man  naturgemäß  Ersatz  fordern  wollen.  Messimy,  der  Abgeordnete
  für  Oran,  rechtfertigt  darauf  die  Berufung  schwarzer  Truppen
mit  der  Notwendigkeit,  der  Truppenzahl  von  Frankreichs  östlichem  Nachbar
auf  andere  Weise  die  Stirn  zu  bieten  als  durch  die  Einstellung  Untauglicher
  in  die  Armee.

A.  Februar.  (Paris.)  Herzog  Bosou  von  Sagan,  Senior
des  Hauses  Talleyrand-Périgord  f  in  Paris,  77  Jahre  alt.  Vor
1897  war  er  der  Modekönig  von  Paris.

21.  Februar.  (Kammer.)  Finanzkompromiß.

Die  Budgetkommission  hat  sich  mit  der  Regierung  wegen  des  Gleichgewichts
  im  Budget  für  1910  geeinigt.  Zur  Herstellung  des  Gleichgewichts
sollen  111  Millionen  durch  Ausgaben  kurzfristiger  Obligationen,  89  Millionen
durch  Steuern  und  zwar  durch  Erhöhung  der  Erbschaftssteuern,  der  Steuer
auf  besseren  Tabak  und  der  Bergwerkssteuern,  und  10  Millionen  durch  Abänderungen
  des  Zolltarifs  aufgebracht  werden.  Die  ursprünglich  in  Aussicht
  genommene  Erhöhung  der  Steuern  auf  gewöhnlichen  Tabak,  auf
Alkohol  und  Getränke  ist  ausgegeben  worden.

23.  Februar.  (Kammer.)  Verbesserung  der  Flotte.

Bei  den  Verhandlungen  über  das  Marinebudget  äußert  sich  der
Minister  Admiral  Bouê  de  Lapeyrere  über  seine  Bemühungen  zur  Verbesserung
  der  Flotte.  Im  nächsten  Mai  würden  die  großen  Geschwader
über  ihre  volle  Besatzung  verfügen  können,  in  zwei  Jahren  werde  Biserta
die  Basis  eines  großen  Geschwaders  mit  7  Panzerschiffen  und  5  Panzerkreuzern
  werden.  Um  das  zu  erreichen,  würden  die  alten  Fahrzeuge  vom
Geschwaderdienst  zurückgezogen  und  zum  Teil  ganz  ausgeschieden.  Was
die  Neubauten  anlangte,  so  werde  an  den  vom  Parlament  einmal  genehmigten
  Plänen  nichts  mehr  geändert  werden  und  keine  Aenderung
während  des  Baus  werde  diesen  mehr  verzögern.  Die  Artillerie  befinde  sich
besser,  weil  es  gelungen  sei,  die  Fabrikation  der  Munition  um  50  Prozent
zu  erhöhen.  Die  letzten  Schießversuche  hätten  das  beste  Resultat  ergeben,
ohne  Unfälle  herbeizuführen.  Die  Dienstzeit  der  Offiziere  sei  neu  geregelt
worden,  damit  alle  Offiziere  mehr  als  bisher  zum  Dienst  auf  offenem
Meer  gelangen.  In  der  zentralen  Verwaltung  der  Marine  sei  vieles  gebessert
  worden  durch  Einführung  von  regelmäßigen  Konferenzen  der  Direktoren
  und  bessere  Organisation  der  Generalinspektoren.  Die  Marine  sei
noch  nicht  vollkommen,  aber  sie  werde  es  werden,  sobald  der  neue  Flottenplan
  durchgeführt  sei.
        <pb n="542" />
        534  FKrankreich.  (Februar  23.—März  8.)

23.  Februar.  (Paris.)  Das  Schwurgericht  verurteilte  den
Sozialisten  Gustave  Hervé  wegen  Aufreizung  gegen  die  öffentlichen
Gewalten  durch  seine  Schrift  „Guerre  soeiale“  zu  vier  Jahren
Gefängnis  und  1000  Franken  Geldstrafe.  (Siehe  2.  März.)

24.  Februar.  (Chalons.)  Das  Kriegsgericht  verurteilt  den
Husarenunteroffizier  Faraco  der  Garnison  Verdun,  der,  um  sich
eines  Gläubigers  unter  den  Husaren  zu  entledigen,  Zyankali  in
den  Suppentopf  der  Mannschaften  gestreut  hatte,  zu  öffentlicher
Degradation  und  zwanzigjähriger  Zwangsarbeit.

24.  Februar.  (Paris.)  In  einem  Duell  wegen  eines  Zwischenfalls
  in  der  Wahlrechtskommission  des  Senats  verwundete  der
frühere  Minister  Lacroix  den  Senator  Lentilhac  durch  einen  Stich
in  den  rechten  Unterarm.

2.  März.  (Paris.)  Gustave  Hervé  erklärt  in  einer  Versammlung
  der  geeinigten  Sozialisten,  daß  er  aus  der  Partei  austrete,
um  eine  besondere  Fraktion  von  Umsturzsozialisten  zu  gründen.

2.  März.  (Kammer.)  Kostspieligkeit  des  Verwaltungsapparats.


Der  Ausgabenvoranschlag  von  4183¼  Millionen  Franken  wird
mit  446  gegen  67  Stimmen  angenommen.  Um  die  Kostspieligkeit  des
Regierungsapparates  der  französischen  Republik  zu  veranschaulichen,
bringt  der  Abgeordnete  Dschanel  folgende  Vergleichszahlen:  Frankreich  hat
68  Verwaltungseinheiten  (Departements),  Deutschland  nur  26,  Spanien  bei
gleicher  Größe  49,  Oesterreich-Ungarn  bei  größerem  Umfang  21,  die  Vereinigten
  Staaten  trotz  ihres  ungeheuren  Gebiets  nur  48.  Von  den  Kosten
der  öffentlichen  Dienstzweige  fallen  auf  den  einzelnen  Bürger:  in  der
Schweiz  6.06  Franken,  in  den  Vereinigten  Staaten  8.08  Franken,  in  England
  10.33  Franken,  Holland  11.61  Franken,  in  Oesterreich  14.03  Franken.,
in  Preußen  15.07  Franken,  in  Italien  19.75  Franken,  in  Frankreich
24.07  Franken.

4.  März.  (Toulon.)  Eine  große  Anzahl  von  Marinelieferanten
  werden  wegen  Betruges  der  Marineverwaltung  verhaftet.

7.  März.  (Paris.)  Ankunft  des  Königs  von  England.

7.  März.  (Paris.)  Abbé  Wetterlé  empfängt  im  Hotel
eine  Abordnung  der  Pariser  Studentenschaft,  die  im  Namen  der
studierenden  Jugend  „dem  Verteidiger  der  altüberlieferten  französischen
  Kultur  auf  elsässischem  Boden“  eine  wertvolle  Bronze
überreicht.

8.  März.  (Paris.)  König  Eduard  hat  mit  dem  Präsidenten
Fallieres  eine  dreiviertelstündige  Unterredung.

8.  März.  (Paris.)  Der  gerichtliche  Liquidator  für  die
Vermögensbestände  der  aufgelösten  Religionsgemeinschaften  Duez
        <pb n="543" />
        Frankreich.  (März  10.—23.)  535

wird  wegen  Unterschlagung  von  fünf  Millionen  Franken  verhaftet.


10.  März.  (Ajaccio.)  Nach  einer  Truppenparade  kommt
es  am  Abend  zu  einer  Demonstration  gegen  den  Kommandanten
Gouvelot  und  zu  einem  Feuergefecht,  bei  dem  einige  Gendarmen
verletzt  werden.

14.  März.  (Kammer.)  Regierungsvorlage  zur  Neueinteilung
der  Wahlkreise.

Entsprechend  den  Ergebnissen  der  letzten  Volkszählung  sollen  acht
Arrondissements,  die  mehr  als  100000  Einwohner  haben,  geteilt  werden,
während  zwei  im  Zentrum  von  Paris  gelegene  wegen  Abnahme  der  Bevölkerung
  verschwinden  werden.  Die  neue  Kammer  wird  statt  591  also
597  Deputierte  haben.

15.  März.  Zum  Eindruck  der  Verfassungsvorlage  für  Elsaß=Lothringen.


Das  „Echo  de  Paris"“  schreibt  über  Frankreichs  Hoffnungen  bei
den  Elsaß-Lothringern:  „Falls  der  Regierungsentwurf  ihnen  Autonomie
und  allgemeines  Stimmrecht  gewährt,  ist  es  wahrscheinlich,  daß  sich  in
Elsaß-Lothringen  eine  günstigere  Strömung  für  Deutschland  geltend  macht.
Allein  die  gehässigen  Alldeutschen  sind  noch  da,  um  die  Liebe  zu  Frankreich
  wach  zu  erhalten.  Jedenfalls  soll  man  niemals  verzweifeln.“

16.  März.  (Kammer.)  Nach  Schluß  der  Debatte  über  die
Liquidationsunterschleife  erhält  das  Ministerium  Briand  ein  Vertrauensvotum
  mit  einer  Majorität  von  264  Stimmen.

18.  März.  Der  Papst  und  die  französischen  Wahlen.

Die  französischen  Bischöfe  hatten  sich  an  den  Vatikan  mit  der  Anfrage
  gewandt,  ob  es  angezeigt  wäre,  in  ihren  Osterhirtenbriefen  die  bevorstehenden
  Kammerwahlen  zu  behandeln.  Der  Papst  antwortete  in  einem
Rundschreiben,  das  den  Bischöfen  Mäßigung  rät  und  die  Vermeidung
politischer  Erörterungen  empfiehlt,  damit  die  Bischöfe  nicht  aus  einem
neuen  Anlaß  vor  das  Strafgericht  geschleift  werden.

21.  März.  Eine  Erklärung  des  Herzogs  von  Orleans,  die
nach  einer  Kritik  der  verworrenen  Verhältnisse  in  Frankreich  die
royalistischen  Offiziere  und  Mannschaften  davor  warnt,  im  Dienst
Politik  zu  treiben,  wird  selbst  von  seinen  eigenen  Anhängern  als
mattherzig  und  verfehlt  bedauert.

22.  März.  Der  Senat  nimmt  die  Vorlage  über  die  Altersversicherung
  der  industriellen  und  ländlichen  Arbeiter  mit  280  gegen
3  Stimmen  an.

23.  März.  (Kammer.)  Die  Kosten  der  Marokkoerpedition.

In  einem  Bericht  der  Budgetkommission  wird  festgestellt,  daß  bis
zum  31.  Dezember  des  vergangenen  Jahres  die  Kosten  der  Marokkoexpedition
sich  auf  73668000  Franken  belaufen.  Darin  sind  die  Ausgaben  für  den
Udschda=  und  Casablanca-Feldzug  einbegriffen.  Gefallen  sind  bei  den  mili-
        <pb n="544" />
        536  Krantkreich.  (März  29.—  April  10.)

tärischen  Operationen  bis  jetzt  177  Soldaten  und  Offiziere,  verwundet
wurden  605  Soldaten.  Am  15.  März  standen  in  der  Gegend  von  Casablanca
  263  Offiziere  und  5647  Soldaten,  bei  Udschda  112  Offiziere  und
3711  Soldaten,  am  oberen  Girfluß  45  Offiziere  und  1668  Mann.  Im
ganzen  420  Offiziere  und  11026  Mann.

W.  März.  (Monte  Carlo.)  Einweihung  des  ozeanographischen
Museums.

In  seiner  Festrede  gedachte  Fürst  Albert  zunächst  des  deutschen
Kaisers,  des  hohen  Protektors  des  neuen  Museums,  der,  ein  Förderer  der
Wissenschaft  und  aller  Institutionen  zum  Wohle  der  Menschheit,  speziell
der  Wissenschaft  des  Meeres  ein  so  großes  Interesse  entgegenbringe,  und
sodann  des  verstorbenen  Königs  von  Portugal,  der  ebenfalls  seine  besten
Mußestunden  der  Ozeanographie  gewidmet  habe.  Im  Namen  der  französischen
  Regierung  sprach  Minister  Pichon  und  als  Vertreter  Kaiser
Wilhelms,  unter  dessen  Protektorat  der  Fürst  das  Museum  gestellt  hat,
Großadmiral  v.  Köster.

31.  März.  (Kammer.)  Das  Alterversorgungsgesetz  wird
definitiv  mit  560  gegen  4  Stimmen  angenommen.
31.  März.  (Senat.)  Lenkbare  Luftschiffe  für  Kriegszwecke.

Bei  der  Debatte  über  das  Heeresbudget  interpelliert  der  Senator
Reymond  bezüglich  der  Organisation  der  militärischen  Luftschiffahrt;  er
sagte,  Frankreich  befinde  sich  gegenüber  Deutschland,  was  die  Luftschiffahrt
angehe,  sehr  im  Nachteil.  Wenn  die  lenkbaren  Luftschiffe  keinen  wirklichen
Vorteil  brächten,  solle  der  Minister  dies  sagen,  damit  man  die  beträchtlichen
  Ausgaben  für  die  militärische  Luftschiffahrt  spare;  wenn  sie  aber
einem  dringenden  Bedürfnis  entsprächen,  dürfe  man  nicht  länger  zögern,
die  unerläßlichen  Opfer  zu  bringen.  Der  Redner  wies  darauf  hin,  daß
die  lenkbaren  Luftschiffe  imstande  seien,  die  Operationen  von  Truppen  und
Geschwadern  beträchtlich  zu  erleichtern.  Reymond  führte  als  Beispiel  die
Organisation  Deutschlands  an,  dessen  ganze  militärische  Front  von  Metz
bis  Aachen  und  Koblenz  mit  Organisationen  für  lenkbare  Luftschiffe  versehen
  seien.  Man  ermutige  in  Frankreich  weder  zur  Fabrikation  von
Wasserstoff  noch  von  Ballonhüllen,  welche  das  Kriegsdepartement  von
Deutschland  kommen  lasse.

10.  April.  (St.  Chamond.)  Wahlprogramm  Briands.

In  der  sehr  lebhaften  Agitation  für  die  Neuwahlen  entwickelt  Briand
das  Programm  der  Regierungsparteien.  In  erster  Reihe  steht  die  Reform
des  Wahlrechts.  Damit  nicht  alle  vier  Jahre  die  Existenz  der  Republik,
die  keine  Gegner  mehr  besitzt,  neu  in  Frage  gestellt  werden  kann  durch
die  Zwischenfälle  eines  Tages,  empfiehlt  er  die  Verlängerung  des
Deputiertenmandats  und  die  Erneuerung  eines  Drittels  der  Kammer
bei  jeder  Wahl  nach  dem  Beispiel  der  Senatswahl.

Als  zweites  Problem  bezeichnet  Briand  das  Koalitionsrecht  der
Staatsdiener.  Es  sei  nötig,  daß  dieses  Recht  gesetzlich  geregelt  werde,
aber  das  neue  Gesetz  müsse  sowohl  die  Rechte  wie  die  Pflichten  der  Beamten
  unzweideutig  festlegen.  Briand  vergleicht  die  Stellung  des  Beamten
mit  derjenigen  des  Arbeiters  und  spricht  sich  energisch  gegen  das  Streikrecht
  der  Beamten  aus.  Die  Regierung  kann  nicht  dulden,  daß  Beamte
sich  ihrer  Pflicht  gegen  die  Gesamtheit  entledigen  und  das  Land  der
Anarchie  entgegenführen.
        <pb n="545" />
        Fra#ntreich.  (April  11.—23.)  537

Auch  gegen  die  Auswüchse  der  Arbeiterstreiks  wendet  er  sich  sehr
energisch.  Die  politische  und  die  Koalitionsfreiheit  bestehen,  aber
es  müsse  viel  geschehen,  um  sie  mit  gesetzlichen  Mitteln  fortzuentwickeln.
Die  Arbeiter  müssen  sich  überzeugen,  daß  sie  mit  gewaltsamen  Kundebungen
  sich  selbst  am  meisten  schaden,  denn  sie  gefährden  mit  ihrer
arikatur  der  Freiheit  die  Republik  selbst,  und  sobald  eine  Bewegung
entsteht,  die  einer  anderen  Kategorie  von  Bürgern  gefährlich  ist,  so  wird
die  Regierung  ihre  volle  Pflicht  tun.

Bei  der  Abfahrt  pfiffen  die  mißvergnügten  Sozialisten  den  Ministerpräsidenten
  aus.  Es  kam  zu  Prühgeleien,  wobei  Revolverschüsse  fielen  und
zehn  Personen,  darunter  zwei  Polizisten,  verwundet  wurden.

11.  April.  Der  lange  Streik  der  eingeschriebenen  Seeleute  ist
gescheitert.

Trotz  eines  Aufrufes  der  vereinigten  Syndikatskammern  der  Ar.
beiter  zum  Generalausstande  arbeiten  sämtliche  Kaiarbeiter  weiter.  Nur
in  Marseille  verzögert  sich  der  Friedensschluß.  (Siehe  12.  u.  13.  April.)

11.  April.  Deputierte  aller  Parteien  veröffentlichen  ein  Manifest
  zugunsten  der  Verhältniswahl.
12.  April.  Streiktumulte  in  Marseille.

Beim  Angriff  auf  einen  Straßenbahnwagen  kommt  es  zu  einem
Straßenkampf  zwischen  Arbeitern  und  Soldaten,  wobei  zahlreiche  Personen
verwundet  werden.

13.  April.  (Marseille.)  Einengung  des  Streiks.

Infolge  der  Freilassung  von  sieben  Seeleuten,  die  wegen  Gehorsamsverweigerung
  zu  acht  Tagen  Gefängnis  verurteilt  waren,  erklärt  die  Arbeitsbörse
  den  Solidaritätsstreik  für  beendet  und  überläßt  es  den  eingeschriebenen
Seeleuten  allein  den  Kampf  fortzusetzen.

18.  April.  Im  Ministerium  des  Auswärtigen  wird  unter
dem  Vorsitz  des  Ministers  Pichon  die  Internationale  Konferenz
zur  Unterdrückung  des  Mädchenhandels  und  gegen  die  Verbreitung
der  Schmutzliteratur  eröffnet.

19.  April.  Urteil  über  Iswolski  als  Staatsmann.

Dem  aus  Italien  in  Paris  eingetroffenen  Minister  Iswolski  widmet
der  „Eclair“  folgende  seltsame  Begrüßung:  „Seit  er  Minister  des  Auswärtigen
  ist,  hat  dieser  Wirrkopf,  den  der  Ehrgeiz  verzehrt,  nicht  aufgehört,
sich  wichtig  zu  machen,  überall  Schwierigkeiten  zu  schaffen,  alle  Streitfragen
  zu  vergiften,  seine  Verbündeten  in  unangenehme  Angelegenheiten  zu
verwickeln.  Nichts  ist  so  schrecklich  wie  die  Unfähigen,  die  große  Politik
machen  wollen.  Die  Anwesenheit  Iswolskis  in  Paris  erweckt  den  Verdacht,
daß  er  fortfährt,  an  irgendeinem  großen  Plan  zu  arbeiten.  Hoffen  wir,
daß  er  uns  nicht  zu  Teilnehmern  an  der  neuen  Niederlage  machen  will,
die  er  sich  vorbereitet.“

21.  April.  Roosevelt  trifft  in  Paris  ein.

21.  April.  Der  ehemalige  italienische  auswärtige  Minister
Tittoni  tritt  sein  Amt  als  Botschafter  an.

3.  April.  Der  fahnenflüchtige  Artillerieunteroffizier  Deschamps

gesteht  ein,  das  verschwundene  Maschinengeschütz  des  106.  Infanterie-
        <pb n="546" />
        538  Kr#mreich.  (April  23.—Mai  30.)

regiments  in  Chalons  gestohlen,  nach  Deutschland  geschleppt  und  für
2000  Franken  verkauft  zu  haben.

23.  April.  (Paris.)  In  der  Sorbonne  hält  Roosevelt  vor
den  Studierenden  eine  Vorlesung  über  „Bürgerpflichten  in  der
Republik“.

24.  April.  Wahltag.

Bei  den  allgemeinen  Wahlen  ergeben  in  597  Wahlkreisen  nur  357

ein  endgültiges  Resultat;  in  230  Wahlkreisen  muß  Stichwahl  stattfinden,
in  10  anderen  ist  das  Resultat  noch  ungewiß.

8.  Mai.  Wahlergebnis.

Reaktionäre,  Monarchisten  und  Klerikale  71  (bisher  80);  Nationalisten
17  (bisher  16);  Gemäßigte  59  (bisher  60);  Linksrepublikaner  93  (bisher
82);  Radikale  und  Radikal-Sozialisten  248  (bisher  269);  Unabhängige
Sozialisten  29  (wie  bisher);  orthodoxe  Sozialisten  74  (bisher  55).  Die
Regierungsmehrheit,  die  außer  den  Radikalen  die  Linksrepublikaner  und
die  unabhängigen  Sozialisten  umfaßt,  ist  demnach  von  380  auf  370  Stimmen
zurückgegangen,  aber  immer  noch  so  stark,  daß  sie  eine  von  den  Gemäßigten
wie  von  den  Sozialisten  unabhängige  Politik  ermöglicht,  solange  ihre
einzelnen  Parteigruppen  sich  untereinander  nur  mit  der  Regierung  solidarisch
  fühlen.

23.  Mai.  Der  Kaiser  und  Pichon  in  London.

Der  „Temps“  über  die  Besprechung  des  Kaisers  mit  Pichon  in
London:  „Man  verrate  kein  Geheimnis,  wenn  man  sage,  daß  beide  ihr
Vertrauen  auf  die  Zukunft  des  Friedens  und  der  Eintracht  ausgedrückt
haben,  welche  sich  auf  ehrenvolle  Ausgleiche  stütze  überall,  wo  solche  Ausgleiche
  möglich  seien.  Frankreich  und  Deutschland  verwirklichten  seit  einigen
Monaten  diese  Eintracht  auf  gewissen  Punkten,  ohne  ihrer  Würde  oder
ihrem  Interesse  etwas  zu  vergeben.  Um  in  gutem  Einvernehmen  zu  leben,
genüge  es,  wenn  sie  auf  diesem  Wege  ausharren.“

23.  Mai.  (Massillan.)  Meuterei  von  Reservisten.

Im  Schießübungslager  meuterten  die  Reservisten  des  240.  Infanterieregiments,
  weil  sie  mit  den  für  sie  errichteten  Zelten  und  ihrer  Ausrüstung
nicht  zufrieden  waren.  Viele  marschierten  nach  dem  6  km  entfernten  Nimes.
Die  Rädelsführer  wurden  am  8.  Juli  vom  Militärgericht  in  Marseille  zu
6,  3  und  2  Monaten  Gefängnis  verurteilt.

26.  Mai.  Die  französischen  Torpedobootsjäger  „Tromblon“
und  „Mortier“  kollidieren  an  der  Küste  von  Korsika  und  werden
schwer  beschädigt.

27.  Mai.  Das  Unterseeboot  „Pluviôse“  wird  bei  Calais  von
dem  Postdampfer  „Pas  de  Calais“  überrannt  und  geht  mit  28  Mann
Besatzung  unter.

30.  Mai.  Wahlreformplan.

Aus  dem  Programm  der  Regierung  ist  die  Reform  des  Wahlsystems
Hauptgegenstand  der  politischen  Diskussion.  Die  Regierung  will  die  Departements
  zu  Wahlkreisen  machen  und  mit  der  Maßgabe,  daß  für  je  70000  Einwohner
  ein  Deputierter  gewährt  wird,  auf  einer  gemeinsamen  Liste  ohne
Stichwahl  wählen  lassen.  Departements  mit  Großstädten  sollen  in  mehrere
        <pb n="547" />
        krankrrich.  (Juni  1.—9.)  539

Wahlkreise  geteilt  werden.  Vor  den  Wahlen  findet  eine  Nomination  der
Kandidaten  statt.  Die  Regierung  schlägt  vor,  das  Mandat  der  Deputierten
auf  6  Jahre  zu  verlängern,  dagegen  alle  2  Jahre  die  Kammer  zu  einem
Drittel  zu  erneuern.

1.  Juni.  Eröffnung  der  neuen  Kammer.

1.  Juni.  (Paris.)  Besuch  des  Königs  von  Griechenland
beim  Präsidenten  Fallieres.

8.  Juni.  (Monako.)  Der  Fürst  löst  sein  Verfassungsversprechen
  ein,  indem  er  für  den  19.  Juni  die  Wahlen  von  19  Gemeinderäten,
  die  das  künftige  Parlament  bilden  sollen,  ausschreibt.

9.  Juni.  (Kammer.)  Vorlage  des  Regierungsprogramms.

Ministerpräsident  Briand  verheißt  in  seiner  ungewöhnlich  langen
Darlegung  eine  umfassende  Reformarbeit,  durch  die  das  Ministerium  zeigen
will,  daß  es  von  seiner  anfänglichen  „politique  de  détente  et  de  liquidation“
der  neuen  Kammer  gegenüber  zu  einer  „politique  d'action  et  de  réformes“
fortgeschritten  ist.

In  der  Erklärung  heißt  es:  Die  Kammer  wird  mit  uns  der  Meinung
sein,  daß  es  ihre  dringendste  Pflicht  ist,  ihre  Bestrebungen  unter  Disziplin
zu  stellen,  ein  wohlüberlegtes  Arbeitsprogramm  festzustellen  und  einzuhalten
und  sich  nicht  wie  frühere  Parlamentsversammlungen  auf  Abwege  bringen
zu  lassen.  Die  Regierung  steht  zur  Verfügung  des  Parlamentes  für  eine
enge  Mitarbeit  in  der  gleichen  Sorge  um  das  öffentliche  Wohl.  Die  Regierung
  kennt  ihre  Pflicht  und  ist  entschlossen,  sie  zu  erfüllen.  Sie  will,
daß  ihre  Verwaltung  und  ihre  Beamten  immer  mehr  im  Lande  den  Eindruck
  verbreiten,  daß  keinerlei  selbst  noch  so  leidenschaftliche  politische  Betätigung
  zu  Repressalien  und  zu  einer  Verkürzung  der  persönlichen  Freiheit
führen  könne.  Aber  die  Grundaufgabe  der  Regierung  ist  zu  regieren,  und
sie  wird  diese  Funktion  nicht  in  Verfall  geraten  lassen.  Die  Regierung
hat  die  Absicht,  die  ausübende  Staatsgewalt  in  jeder  Richtung  und  mit
allen  Folgen  anzuwenden,  ohne  sie  durch  die  Einmischung  unberechtigter
Einflüsse  schwächen  zu  lassen.  Die  Regierung  wird  keine  Einflüsse,  welche
den  Keim  der  Disziplinlosigkeit  in  den  Beamtenstand  tragen  und  das
parlamentarische  Regime  hemmen  müssen,  dulden.

Wenn  das  Parlament  und  die  Regierung  in  dieser  Weise  ihre
gegenseitige  Rolle  verstehen,  so  können  die  Bedingungen  des  öffentlichen
Lebens  nur  gewinnen.  Es  ist  aber  nötig,  daß  die  bestehenden  Einrichtungen
sich  dem  allgemein  anerkannten  Bedürfnis  entsprechend  umformen.  Wir
denken  dabei  an  die  Reform  der  Verwaltung  und  an  die  Reform
des  Wahlsystems,  welche  die  unerläßliche  Voraussetzung  der  ersteren  darstellt.
  Die  Wahlreform  soll  durch  eine  Erweiterung  des  Stimmrechts  die
Vorherrschaft  der  allgemeinen  Interessen  über  die  bisweilen  überwuchernden
lokalen  Interessen  sichern.  Es  handelt  sich  dabei  nicht  um  eine  Verurteilung
des  bisherigen  Systems,  welches  hervorragende  Dienste  geleistet  hat,  indem
es  die  republikanischen  Ideen  bis  in  die  widerstrebendsten  Landesteile  verbreitete.
  Aber  das  System  hat  im  Laufe  der  Zeit  das  Feld  der  Wähler
und  der  Kandidaten  immer  enger  begrenzt.  Es  ist  berechtigt,  daß  die
Volksvertreter  die  besonderen  Interessen  ihrer  Wahlkreise  wahrnehmen.
Aber  diese  Interessen  sollen  immer  mehr  hinter  die  allgemeinen  Interessen
Frankreichs  gestellt  werden.  Die  Reform  des  Wahlsystems  muß  sich  vor
allem  unseren  republikanischen  Einrichtungen  anpassen.  In  der  Demokratie
wird  die  gesamte  Staatsgewalt  aus  dem  allgemeinen  Stimmrecht  abgeleitet
        <pb n="548" />
        540  Frankreich.  (Juni  9.)

und  dieses  kann  seinen  Ausdruck  nur  in  der  Mehrheit  finden.  Das  Prinzip
der  Mehrheit  schafft  die  Gewalt  und  erlaubt  zu  regieren.  Es  muß  bis  in
die  kleinsten  Wahlbezirke  zur  Geltung  kommen.  Jeder  noch  so  verführerische
und  genial  ausgedachte  Wahlmodus,  welcher  unter  der  Vortäuschung  arithmetisch
  gerecht  erscheinender  Stimmenverteilung  der  Minderheit  das  Mittel
gibt,  die  Staatsgewalt  zu  hemmen  und  zum  Stillstand  zu  bringen,  wird
zu  einer  Zerstörung  des  Regimes  und  durch  die  Anarchie  zum  Untergang
der  Republik  führen.  Unter  diesem  Vorbehalt  ist  es  nützlich  und  gerecht
und  für  die  Zukunft  des  parlamentarischen  Regimes  sogar  notwendig,  daß
die  Meinungen  der  Minderheit,  sobald  sie  eine  wirkliche  Bedeutung  beanspruchen
  dürfen,  nicht  erstickt  werden,  sondern  in  den  Beratungen  der
Volksvertretung  zum  Ausdruck  kommen.  Die  Regierung  gedenkt  binnen
kurzem  eine  Wahlvorlage  einzubringen,  welche  die  Wahl  einer  nach  Drittteilen
  zu  erneuernden  Kammer  vorschlägt  unter  Zugrundelegung  der  Listenwahl
  mit  einer  der  Stimmenzahl  ihrer  Kandidaten  entsprechenden  Vertretung
  der  Minderheiten.  Die  Regierung  hat  die  Absicht,  ohne  jede
Intransigenz  an  der  Diskussion  der  Einzelheiten  teilzunehmen.  Das
Problem  ist  schwierig  und  kompliziert  und  bei  seiner  Lösung  muß  man
sich  vor  Experimenten  hüten.  Das  Werk  setzt  eine  politische  Ehrlichkeit
voraus  und  ist  nur  durchführbar,  wenn  die  Mitarbeiter  lediglich  das  Wohl
des  Landes  und  das  Interesse  der  Republik  im  Auge  behalten.  Es  ist
aber  jetzt  schon  angezeigt  vor  gewissen  Hintergedanken  zu  warnen  und  sich
sofort  klar  zu  machen,  daß  die  Annahme  der  Wahlreform  dem  gegenwärtigen
Parlament  kein  voreiliges  Ende  bereiten  darf.  Im  Gegenteil,  die  Kammer
bedarf  weiterhin  ihrer  ganzen  Arbeitskraft  für  die  Reform  der  Verwaltung.


Die  Erklärung  der  Regierung  äußert  sich  weiterhin  ausführlich
über  die  von  der  Regierung  beabsichtigte  Reform  der  Verwaltung,  über
die  Reform  des  Gerichtswesens  und  über  den  Ausbau  der  Arbeitergesetzgebung.
  Sie  fährt  dann  fort:  Die  Republik  bedarf  zur  Durchführung
  ihres  Werkes  mehr  als  jede  andere  Regierung  des  Friedens  im
Aeußeren  und  im  Inneren.  So  aufrichtig  wir  aber  dem  internationalen
Frieden  ergeben  sind,  so  müssen  wir  uns  doch  bedacht  zeigen,  unsere
materielle  Gewalt  zu  erhalten,  denn  sie  ist  die  sicherste  Garantie  unserer
Unabhängigkeit  und  unserer  Würde.  Die  Republik  hat  eine  Allianz  und
Freundschaftsverhältnisse  eingegangen,  welche  sie  erhalten  und  stärken
sollen.  Aber  diese  Abmachungen  setzen  voraus,  daß  wir  unseren  Rang  in
der  Welt  behalten.  Der  Wert  unserer  Mitarbeit  wird  nach  unserer  Stärke
bemessen  und  wir  handeln  nur  loyal  gegenüber  unseren  Verbündeten  und
Freunden,  wenn  wir  unsere  Streitmacht  erhalten  und  niemals  erlahmen,
sie  auszubauen.  Zu  diesem  Zweck  ist  die  Regierung  entschlossen,  von  dem
Lande  die  unerläßlichen  Opfer  zu  verlangen.  Sie  hat  die  Absicht,  insbesondere
  von  dem  Parlament  in  kürzester  Frist  die  Verhandlung  über  die
der  Kammer  vor  einigen  Monaten  gemachte  Flottenvorlage  zu  verlangen.
Es  ist  dringend,  daß  dieses  Gesetz  zur  Annahme  gelangt  im  höheren
Interesse  der  Nation.

Die  Erklärung  betont  dann  das  Bedürfnis  einer  Finanzreform.
Die  Regierung  erklärt  sich  bereit,  im  Senat  an  der  Durchführung  der
Einkommensteuer  mitzuarbeiten  auf  Grund  des  von  Caillaux  ausgearbeiteten
Entwurfes,  dessen  Prinzipien  mit  Unrecht  als  vexatorisch  kritisiert  worden
seien.  Die  Regierung,  so  fährt  die  Erklärung  fort,  muß  auf  eine  dauernde
Mehrheit  rechnen  können,  eine  Mehrheit,  deren  Mitglieder  sich  nicht  nach
Zufall  oder  nach  Umständen  oder  nach  persönlichem  Belieben  um  die
Regierung  gruppieren,  sondern  weil  sie  die  gleichen  Ideen  verfolgen  und
        <pb n="549" />
        Frankreich.  (Juni  9.  24.)  541

entschlossen  sind,  im  Geiste  der  Solidarität  und  des  gegenseitigen  Vertrauens
an  ihrer  gemeinsamen  Durchführung  zu  arbeiten.  Die  Regierung  wendet
sich  ohne  Ostrazismus  und  ohne  persönliche  Erregungen  und  Gefühl  an
alle  Männer,  welche  ehrlich  und  der  Republik  treu  ergeben,  ihr  ohne  Hintergedanken
  und  ohne  Verleugnung  ihrer  Vergangenheit  dienen  wollen,  in
Hinsicht  auf  eine  gemeinsame  ersprießliche  zukünftige  Tätigkeit.  Die  Regierung
  wird  von  ihrer  Mehrheit  im  Interesse  des  inneren  Friedens  des
Landes  verlangen,  die  weltlichen  Schulen  zu  erhalten  und  zu  kräftigen  und
gegen  jeden  Angriff  der  Reaktion  zu  schützen.  Wir  werden  ohne  irgendeinen
  Glauben  zu  gefährden  und  ohne  irgendein  Gewissen  zu  verletzen,
die  unerläßlichen  Vorschläge  machen  zur  Lösung  des  gesamten  Schulproblems
lund  zur  Erhaltung  der  weltlichen  Schulen,  welche  den  Eckstein  der  Republik
edeuten.

9.  Juni.  Im  Senat  verlas  der  Justizminister  Barthou  das
Regierungsprogramm.

24.  Juni.  (Paris.)  Bei  dem  Prunkmahl  des  Präsidenten  zu
Ehren  des  Königs  Ferdinand  von  Bulgarien  werden  überschwengliche
  Trinksprüche  gewechselt.

Präsident  Fallières  sagte  „Eure  Majestät  haben  bei  der  Erhöhung
Bulgariens  zum  Königreich  wieder  einmal  gezeigt,  was  man  von  Ihrer
hohen  Weisheit,  Ihrem  politischen  Geiste  und  Ihrer  Friedensliebe  erwarten
kann.  Sie  haben  auf  diese  Weise  das  Werk  gekrönt,  dem  Sie  Ihr  Leben
geweiht  haben,  das  schönste  Werk,  das  den  Ehrgeiz  eines  Menschen  locken
kann,  da  es  sich  in  der  Bejahung  eines  Volksbewußtseins  zusammenfassen
läßt.  Die  bekannten  Gefühle  Eurer  Majestät  für  Frankreich  und  die
Bande,  die  Sie  an  die  geschichtliche  Vergangenheit  unseres  Vaterlandes
knüpfen,  haben  Ihnen  bei  uns  immer  einen  herzlichen  Empfang  gesichert.
Eure  Majestät  haben  heute  ein  neues  Zeugnis  dieser  Gesinnung  empfangen.
Sie  haben  sehen  können,  welche  Achtung  und  Zuneigung  Frankreich  für
die  junge  Nation  empfindet,  die  Ihnen  ihr  Geschick  anvertraut  hat,  und
die,  ich  zweisle  nicht  daran,  unter  Ihrer  kostbaren  Obhut  fortfahren  wird,
sich  auf  den  Wegen  der  Gerechtigkeit,  des  gesellschaftlichen  Fortschritts  und
der  friedlichen  Entwicklung  zu  erheben."

In  seiner  Antwort  sagte  König  Ferdinand:  „Nach  Petersburg
und  Konstantinopel  habe  ich  Frankreich  meinen  ersten  Besuch  vorbehalten,
dem  Frankreich,  das  immer  der  selbstlose  Vorkämpfer  der  edelsten  Sachen
gewesen  ist.  Ich  und  mein  Volk  erinnern  uns  nämlich,  daß  es  unter
schwierigen  Verhältnissen  dem  jungen  Bulgarien  seine  ausgiebige  moralische
Unterstützung  gewährt  und  im  Morgenlande  den  Gedanken  des  Friedens
und  Gleichgewichts,  die  seine  Kraft  in  der  Welt  ausmachen,  auf  das  glücklichste
  gedient  hat.  Die  Zuvorkommenheit,  mit  der  es  die  bulgarische  Unabhängigkeit
  anerkannte,  hat  mächtig  dazu  beigetragen,  uns  Europas
Sympathien  zuzuziehen.  Frankreich  und  Bulgarien  sind  übrigens  durch
dieselbe  Hinneigung  zu  einem  und  demselben  Ideal  geeinigt.  Wie  Frankreich
ist  auch  das  bulgarische  Volk  von  tiefer  Liebe  zur  Freiheit  durchdrungen,
für  deren  Eroberung  es  lange  gelitten  und  gekämpft  hat.  Es  ist  ein
leidenschaftlicher  Bewunderer  des  Ruhmes  Frankreichs,  seines  vielhundert!-jährigen
  Kampfes  für  den  Fortschritt  der  Menschlichkeitsgedanken  und  den
Triumph  der  Freiheit  und  des  Rechts.  Durch  sein  Schriftium,  seine  Künste,
die  großen  Entdeckungen  seiner  Gelehrten  übt  Frankreich  in  der  Welt  einen
hohen  Einfluß  aus,  und  es  hat  dem  an  Gesittung  noch  jungen  bulgarischen
Volke  großherzig  den  Schatz  seiner  Erfahrungen  und  seiner  Gesittung  ge-
        <pb n="550" />
        542  Krankreich.  (Juni  27.—Juli  1.)

öffnet.  Diese  Gedanken  der  Freiheit,  der  Gerechtigkeit  und  des  sozialen
Fortschritts  sind  es,  die  ich  bei  meinem  Volke  immer  rege  halten  wollte,
da  ich  überzeugt  bin,  daß  das  Gedeihen  eines  Landes  vor  allem  von  seiner
geistigen  und  politischen  Gesittung  abhängt.“

27.  Juni.  (Kammer.)  Fortsetzung  der  Diskussion  über  die
allgemeine  politische  Lage.

«  In  Beantwortung  der  Ausführungen  verschiedener  Redner  erklärte
Ministerpräsident  Briand,  die  Regierung  wolle  sich  bei  der  Ausübung
der  öffentlichen  Gewalt  auf  die  republikanische  Mehrheit  stützen.  Bei  den
Kämpfen,  die  die  Republik  zu  bestehen  gehabt  habe,  habe  sie  bisweilen,
um  sich  den  Sieg  zu  sichern,  bis  zum  äußersten  gehen  müssen.  Wenn
aber  die  Schlacht  gewonnen  sei,  sei  es  die  Pflicht  eines  Führers,  der  seine
Armee  achte,  sie  anzuhalten,  damit  sie  ihren  Sieg  nicht  beschmutze.  Die
republikanische  Partei  habe  die  Macht,  und  sie  habe,  um  die  Regierung
für  alle  führen  zu  können,  gewisse  Verpflichtungen,  ohne  deshalb  ihre  Ansichten
  aufzugeben.  Er  fordere  die  Majorität  auf,  ihm  volles  Vertrauen
zu  schenken  und  nicht  nur  Vertrauen  für  die  nächste  Zukunft,  das  der
Regierung  nur  zu  vegetieren  gestatte  und  ihre  Schwäche  dem  Land  und
ihrer  Partei  mitteile.  Die  Wahlreform  müsse  von  der  Majorität  eingeführt
  werden,  um  lebensfähig  zu  sein.  Im  Unterricht  sei  die  Kontrolle
des  Staates  notwendig.  Briand  versicherte,  er  werde  das  Gesetz,  betreffend
die  Altersversicherung  der  Arbeiter,  zur  Ausführung  bringen.  Bezüglich
  der  Monopole  brauche  die  Regierung  nicht  Partei  zu  ergreifen,
denn  dies  sei  eine  Frage  der  Opportunität.  Das  Programm,  das  seine
Erklärung  enthalte,  müsse  den  Ansprüchen  der  Majorität  genügen.  Für
die  Regierung  bestehe  die  Notwendigkeit,  für  Ordnung  und  Sicherheit  in
den  Straßen  zu  sorgen.  Was  die  Zwischenfälle  bei  dem  gestrigen  Leichenbegängnis
  des  Tischlers  anlange,  so  habe  die  Polizei  erst  eingegriffen  nach
unerträglichen  Herausforderungen.  Zum  Schluß  erklärte  Briand,  er  verlange
  Vertrauen  ohne  Einschränkung  oder  Hintergedanken,  selbst  von  denen,
die  dem  Ministerium  nicht  günstig  gesinnt  seien  und  die  einen  entscheidenden
Angriff,  der  ihnen  heute  nicht  am  Platze  schiene,  auf  eine  spätere  Zeit  verschieben
  möchten.  „Alles  oder  nichts!“

W.  Juni.  (Kammer.)  Briand  und  der  Sozialismus.

Da  die  Rede  Briands  als  eine  Absage  an  die  Radikalsozialisten  aufgefasßt
  wurde,  so  forderte  Abg.  Berteaux  eine  deutliche  Erklärung.  Briand
beruft  sich  auf  die  nicht  am  Parteikampf  interessierten  Wähler,  die  guten
Franzosen  und  guten  Republikaner,  die  die  weitaus  größte  Mehrheit  des
Volkes  bilden  und  die  den  Frieden  und  die  Sicherheit  wollen,  um  arbeiten
zu  können.  Der  erste  Teil  des  Vertrauensvotums  wurde  deshalb  gegen
120  Stimmen  angenommen,  weil  nicht  nur  die  74  geeinigten  Sozialisten
und  die  29  Monarchisten,  sondern  auch  8  hervorragende  Radikalsozialisten
und  4  sozialistische  Republikaner  dagegen  stimmten.  Die  schließliche  Abstimmung
  der  ganzen  Tagesordnung  wurde  mit  403  gegen  110  Stimmen
angenommen.

1.  Juli.  (Paris.)  Krawall  gegen  die  Polizei.

Am  frühen  Morgen  erfolgt  die  Guillotinierung  des  Schuhmachergehilfen
  Liabeuf,  der  am  8.  Januar  einen  Polizisten  ermordet  hatte.  Infolge
  der  eifrigen  Agitation  für  seine  Begnadigung  beschimpfte  die  versammelte
  Volksmenge  auf  dem  Boulevard  Arago  die  zur  Absperrung
aufgebotenen  Schutzleute,  wobei  es  zu  Revolverschüssen,  Säbelhieben  und
Verletzungen  der  Schutzleute  und  Ruhestörer  kam.
        <pb n="551" />
        Frankreich.  (Juli  1.—12.)  543

1.  Juli.  (Paris.)  Ein  revolutionärer  Aufruf.

Aus  Anlaß  eines  Krawalls,  der  am  26.  Juni  beim  Leichenbegängnis
eines  Tischlers  vorgefallen  war,  und  der  Straßenunruhen  in  der  Frühe
des  1.  Juli  erläßt  der  allgemeine  Arbeiterbund  Maueranschläge  folgenden
Wortlauts:  „Blut  ist  geflossen.  Schädel  wurden  gespalten.  Arme  wurden
abgehauen.  Rippen  wurden  gebrochen.  Männer,  Weiber,  Kinder  rannten
in  kopfloser  Angst  davon  und  wurden  von  den  Banden  des  Herrn  Lepine
verfolgt,  die  ihre  Arbeit  mit  Faustschlägen,  Fußtritten  und  Säbelhieben
fortsetzten.  Neugierige  Spaziergänger  eilten  entsetzt  davon  und  verbargen
sich  in  Häufern  und  Läden.  Die  Polizisten  verfolgten  sie  mit  der  blinden
Wut  von  Alkoholikern.  Harmlose  Leute,  bis  in  ihre  Wohnungen  verfolgt,
wissen  jetzt,  was  die  bewaffneten  Banden  taugen  und  wozu  sie  in  einer
Republik  dienen,  an  deren  Spitze  nur  Feiglinge  und  Verräter  stehen.  Das
sei  Euch  eine  heilsame  Lehre.  Die  blutigen  Lorbeeren  Clémenceaus  verhindern
  den  Abtrünnigen,  der  ihm  gefolgt  ist,  am  Schlafe.  Briand  mußte
dem  Bürgertum  ein  erstes  Unterpfand  seiner  Bekehrung  und  treuen  Unterwerfung
  gewähren.  Das  ist  nunmehr  geschehen.  Die  Republik  kann  eine
neue  Maffentat  nach  so  vielen  anderen  in  ihr  goldenes  Buch  schreiben.
Laßt  Euch  von  den  Apachen  nicht  schmählich  abschlachten!  Verteidigt  Euch!
Arbeiter!  Wehrt  Euch  mit  allen  Mitteln!"“

2.  Juli.  (Kammer.)  Antrag  auf  Abschaffung  der  Todesstrafe.

Der  sozialistische  Abgeordnete  Déjeante  bringt  im  Namen  seiner
Partei  einen  Gesetzentwurf  ein,  durch  den  die  Todesstrafe  außer  für  militärische
  Verbrechen  in  Kriegszeiten  abgeschafft  wird.

5.  Juli.  Prozeß  gegen  die  Unterzeichner  der  Maueranschläge,
die  die  Soldaten  der  afrikanischen  Strafkompagnien  zur  Ermordung
ihrer  Peiniger,  der  Offiziere  und  Unteroffiziere,  aufforderten.

Ein  Soldat,  Arnold  Rousset,  soll  nach  den  Zeugenaussagen  zu  Tode
gequält  worden  sein.

6.  Juli.  (Paris.)  Einweihung  des  Denkmals  für  Waldeck-Rousseau
  im  Beisein  des  Präsidenten  Fallières,  des  Expräsidenten
Loubet  und  aller  Minister.

Vierzehn  junge  Leute,  die  gegen  Fallieres  unehrerbietige  Zurufe  ausgestoßen
  hatten,  werden  verhaftet.

11.  Juli.  (Kammer.)  Eine  Interpellation  über  die  Verhaftung
  des  Bankiers  Rochette  endet  mit  einem  Vertrauensvotum
für  die  Regierung  (395  gegen  85  Stimmen).

Man  sucht  die  Regierung  dafür  verantwortlich  zu  machen,  daß  ein
vom  Untersuchungsrichter  beauftragter  Sachverständiger  die  Bücher  der
Börsenmakler  nicht  genügend  geprüft  hat,  um  die  Schwindler  herauszubekommen,
  die  sich  durch  die  Massenabgabe  von  Rochettepapieren  am
20.  und  21.  März  1908  bereichert  haben.  Am  27.  Juli  wird  Rochette  zu
2  Jahren  Gefängnis  und  3000  Franken  Geldstrafe  verurteilt.

12.  Juli.  (Paris.)  König  Albert  von  Belgien  beim  Präsidenten.

Beim  Festmahl  zu  Ehren  König  Alberts  feiert  Präsident  Fallières
die  „immer  größere,  gegenseitige  Durchdringung  gewerblicher  und  finanzieller
  Unternehmungen,  die  enge  geistige  Wahlverwandtschaft“  der  beiden
benachbarten  Nationen.  König  Albert  geht  auch  auf  die  RKolonialpolitik
        <pb n="552" />
        544  Fr###treitz.  (Juli  13.—August  30.)

ein:  „Frankreichs  Freundschaft  hat  sich  auch  auf  das  neue  afrikanische
Belgien  erstreckt,  das  gleichfalls  an  seine  Besitzungen  grenzt.  Das  belgische
Volk  freut  sich  über  die  gut  nachbarlichen  Beziehungen,  die  es  unter  den
Tropen  wiedergefunden  hat,  ebenso  wie  über  die  Sympathie,  der  die  Angliederung
  des  Kongo  in  Paris  begegnete.“  Auch  versäumt  er  nicht,  die
Eigenart  belgischer  Kultur  hervorzuheben:  „Unsere  Denker,  unsere  Künstler,
unsere  Schriftsteller  in  französischer  Sprache,  so  sehr  sie  auch  an  der  Eigenart
  ihrer  Rasse  hängen,  verkennen  nicht,  was  sie  Frankreich,  der  Klarheit
seines  Genies,  der  Vollkommenheit  seines  Geschmackes,  den  künstlerischen
Neigungen  verdanken,  die  jede  ihrer  Hervorbringungen  verschönern.“

13.  Juli.  Die  Agentur  „Fournier“  veröffentlicht  Einzelheiten
über  die  Begegnung  des  französischen  Geschäftsträgers  in  Christiania
De  la  Voud,  mit  dem  Deutschen  Kaiser  an  Bord  der  „Hohenzollern“
  im  Hafen  von  Bergen.

22.  Juli.  (Paris.)  Leopold  Deslisle,  von  1874—1905
Generaldirektor  der  National-Bibliothek  f.  84  Jahre  alt.

29.  Juli.  Elsässer  für  die  Fremdenlegion.  .

In  der  Presse  wird  vorgeschlagen,  ein  nur  aus  Elsaß-Lothringern
bestehendes  Fremdenregiment  für  Afrika  und  Tonking  einzurichten,  um
die  jungen  Reichsländler  anzulocken.  1885  waren  45  Prozent,  1897  noch
22  Prozent  der  Fremdenlegionäre  aus  Elsaß-Lothringen  gebürtig.  Zetzt
sind  es  etwa  10  Prozent,  d.  h.  nicht  mehr  als  die  Belgier.

2.  August.  (Paris.)  Ergebnisse  der  Generalratswahlen:

Konservative  und  Nationalisten  210  (gegen  bisher  weniger  49);
Progressisten  139  (gegen  bisher  weniger  24);  Republikaner  der  Linken  351
(gegen  bisher  mehr  19);  Radikale  und  Sozialistisch-Radikale  658  (gegen
bisher  mehr  23);  Sozialistische  Republikaner  28  (gegen  bisher  mehr  11);
Garinigl  Sozialisten  56  (gegen  bisher  mehr  21)  und  Revolutionäre  1  (gegen

isher  0).

2.  August.  Besuch  des  Königs  und  der  Königin  von  Spanien
beim  Präsidenten  auf  der  Durchreise  nach  England.

5.  August.  (Paris.)  Internationaler  Kongreß  für  Schulhygienie.


Nach  lebhafter  Diskussion  wird  folgende  Resolution  angenommen:

#  Es  ist  zu  wünschen:  1.  Daß  ein  vorbereitender  sexueller  Unterricht  den
Kindern  in  der  Naturgeschichte  gegeben  werde,  und  daß  die  reiferen  Schüler
vollständige  Belehrung  erhalten.  2.  Daß  die  Lehramtskandidaten  durch
Schulärzte  und  Pädagogen  über  alle  Einzelheiten  der  Geschlechtsprobleme
belehrt  werden.  3.  Daß  die  Eltern  die  notwendigen  Instruktionen  erhalten,

  sei  es  durch  gut  ausgebildete  Lehrer  oder  durch  pädagogische  Vorträge
  von  Schulärzten.

7.  August.  Die  Zeitung  „Matin“  veranstaltet  einen  Überlandflug-Wettbewerb
  durch  Ost-Frankreich  und  entlang  der  deutschen
Grenze.

30.  August.  Unterwerfung  der  „Katholischen  Revublikaner"“
unter  das  Gebot  des  Papstes.
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        Frankreitz.  (September  1.—Oktober  10.118.)  545

Die  Vereinigung  der  katholischen  Republikaner  „Le  Sillon“  („die
Furche"),  der  viele  französische  Bischöfe  freundlich  gegenüberstehen,  erklärt
durch  einen  offenen  Brief  ihres  Oberhauptes  Marc  Saugnier  an  den  Papst
ihre  sormelle  Unterwerfung  unter  das  kirchliche  Verbot  und  damit  ihre  Auflösung.
  Die  für  Vertiefung  des  religiösen  Lebens  agitierende  Vereinigung
bestand  seit  1895  und  erfreute  sich  der  besonderen  Gunst  Leos  XIII.  Sie
verfiel  dem  päpstlichen  Zorn,  weil  sie  für  die  Annahme  der  Kultusverbände
einzutreten  begann.

1.  September.  (Paris.)  Eifersucht  auf  Deutschland.

Das  für  den  brasilianischen  Präsidenten  Marschall  da  Fonseca
vorbereitete  Bankett  wird  aufgegeben,  weil  die  zur  Teilnahme  gemeldeten
  französischen  Notabilitäten  Absagen  senden,  nachdem  die  Werbung
deutscher  **“*  als  Instrukteure  für  das  brasilianische  Heer  bekannt  geworden
  ist.

6.  September.  Präsident  Fallieres  wohnt  den  Festlichkeiten
zur  50jährigen  Zugehörigkeit  Savoyens  zu  Frankreich  bei.
12.  September.  (Paris.)  Fürst  Radolins  Abschiedsrede.

Bei  der  Feier  der  deutschen  Kolonie  für  den  scheidenden  Botschafter
Fürsten  Radolin  macht  ein  Passus  seiner  Rede  Aufsehen:  „da  meine  Ersetzung
  auf  dem  Pariser  Posten  in  einem  Augenblick  erfolgte,  da  ich  ihn
noch  nicht  erwartete.  Mit  ungebrochener  Kraft  verlasse  ich  das  schöne
Paris.“  Er  erwähnt,  daß  der  Kaiser  ihn  anderweitig  für  den  Reichsdienst
verwerten  werde.

12.—  14.  September.  Militärische  Leistungen.

Bei  den  Manövern  in  Grand  Villiers  und  Umgegend  (Picardie)
werden  außerordentliche  Marschleistungen  erreicht.  Von  den  Flugmaschinen
erledigte  ein  Farman-Zweidecker  einen  Rundflug  von  etwa  80  Kilometer
in  65  Minuten.

16.  September.  (Paris.)  Die  Regierung  verbietet  die  Abhaltung
  des  geplanten  national-egyptischen  Kongresses.

18.  September.  (Paris.)  Der  russische  Botschafter  Nelidow  f,
65  Jahre  alt.

19.  September.  (Paris.)  Kongreß  zur  Bekämpfung  der
Arbeitslosigkeit.

30.  September.  Kapitän  Engelhardt  landet  auf  einer  Luftschiffahrt,
  die  von  Trier  nach  Metz  gehen  sollte,  in  Pompey  bei
Nancy.

.  Oktober.  Der  Kreuzer  2.  Klasse  „Foudre“  wird  als  Flugmaschinenstation
  für  Geschwader  eingerichtet.

8.  Oktober.  (Rouen.)  Der  Kongreß  der  Radikalen  sagt
sich  von  der  Beschwichtigungspolitik  des  Ministeriums  Briand  los.

10.—  18.  Oktober.  Streik  der  Angestellten  der  Nordbahn,  der
sich  am  12.  Oktober  auf  die  dem  Staat  gehörige  Westbahn,  die
Ostbahn,  die  Mittelmeerbahn  und  die  Orleansbahn  ausdehnt,  so
daß  in  ganz  Frankreich  der  Verkehr  stillsteht.

Europäischer  Geschichtskalender.  LI.  35
        <pb n="554" />
        546  Srankrei.  (Oltober  13.—29.)

Das  Ministerium  ordnet  an,  daß  alle  Eisenbahner,  die  wehrpflichtigen
Alters  sind,  auf  21  Tage  zu  Kriegsübungen  einberufen  werden  können.

13.  Oktober.  Der  Polizeipräfekt  Lépine  begibt  sich  persönlich
in  das  Redaktionslokal  der  „Humanité“,  um  fünf  Streikführer  zu

verhaften.
Durch  eine  besondere  Bekanntmachung  hatte  das  Streikkomitee  die
dortige  Anwesenheit  der  leitenden  Personen  des  Ausstandes  verfügt.

14.  Oktober.  (Paris.)  Der  deutsche  Novellist,  Geh.  Legationsrat
  a.  D.  Rudolf  Lindau  f,  81  Jahre  alt.

14.  Oktober.  (Paris.)  Zwischen  Demonstranten  und  der  Munizipalgarde
  kommt  es  zu  einem  Straßenkampf,  wobei  viele  Gardisten
verletzt  wurden.

15.  Oktober.  (Monte  Carlo.)  Der  Fürst  von  Monaco
bewilligt  einen  Gemeinderat  und  eine  Schatzverwaltung.  Sein
Generalgouverneur  verläßt  das  Land.

18.  Oktober.  Infolge  der  Festigkeit  der  Regierung  und  der
allgemeinen  Entrüstung  über  die  Grundlosigkeit  des  Ausstandes
fordert  das  Streikkomitee  alle  Eisenbahner  auf,  die  Arbeit  wieder

aufzunehmen.

Etwa  100,  die  der  militärischen  Einberufung  auf  21  Tage  nicht
gefolgt  sind,  werden  ins  Gefängnis  abgeführt.

25.—30.  Oktober.  (Kammer.)  Debatte  über  die  Interpellationen

  wegen  des  Eisenbahnerstreiks.

Unter  Führung  von  Camille  Pelletan  verlangen  die  Radikal-Sozialisten
  die  Einbringung  einer  Tagesordnung  gegen  Briand.  Sie  können
sich  aber  nicht  einigen,  ob  sie  nur  die  Wiederanstellung  der  entlassenen
Eisenbahner  fordern  oder  der  Regierung  ein  allgemeines  Tadelsvotum  erteilen
  oder  endlich  nur  erklären  sollen,  daß  Herr  Briand  „kein  genügend
sittliches  Ansehen  besitze,  um  den  Schwierigkeiten  der  Lage  gerecht  zu  werden“.
Andererseits  kommt  es  zu  Massenaustritten  der  Eisenbahner  aus  den  Gewerkschaften,
  weil  der  Streik  so  schlecht  vorbereitet  und  organisiert  war.

Minister  Millerand  führt  an  der  Hand  ziffernmäßigen  Materials
aus,  daß  die  den  Arbeitern  gemachten  Zugeständnisse  nicht  zur  Verhütung
des  Ausstandes  beigetragen  haben.  Der  Ausstand  sei  gerade  auf  den  Netzen
der  Staatsbahn  und  der  Nordbahn  ausgebrochen,  wo  bereits  wesentliche
Zugeständnisse  gemacht  worden  seien.  Es  könne  daher  kein  Zweifel  bestehen,
daß  der  Streik  einen  revolutionären  Charakter  hatte.

Der  Sozialist  Bouveri  verteidigt  die  Arbeiter  gegen  die  Anklage
der  Sabotage.  Die  meiste  Schuld  treffe  in  Wirklichkeit  die  Eisenbahngesellschaften,
  die  einen  wahren  Terrorismus  auf  die  Arbeiter  und  ihre
Familien  ausgeübt  hätten.  Der  Redner  greift  Briand  persönlich  an  und
wirft  ihm  vor,  daß  er  sich,  als  er  noch  Sozialist  war,  für  seine  Vorträge  zugunsten
  des  Generalstreiks  bezahlen  ließ.  Briand  protestiert  mit  großer
Entrüstung.

29.  Oktober.  (Kammer.)  Der  fünfte  Tag  der  Interpellationsdebatte

  wegen  der  Streiks  brachte  erregte  Zwischenfälle  und  Tumulte.
        <pb n="555" />
        frankreich.  (Oktober  30.)  547

Jaures  wirft  dem  Ministerpräsidenten  vor,  daß  er  vor  3  Jahren
selber  Propaganda  für  die  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter  gemacht  habe.
Die  Erklärung  des  Ministeriums,  daß  es  sich  solidarisch  fühle,  bezeichvet
Jaures  als  unwahr,  da  Viviani  seit  dem  6.  Oktober  seine  Demission  angeboten
  habe.  Briand  erkennt  das  Recht  der  Eisenbahner  auf  den  Streik
an;  aber  es  müsse  in  legaler  Form  ausgeübt  werden.  Es  habe  kein  Zweifel
bestehen  können,  daß  der  Ausstand  gegen  die  Sicherheit  der  Nation  gerichtet
  war,  und  daß  er  schon  in  seiner  Vorbereitung  auf  eine  gewaltsame
Ausführung  geplant  war.  „Das  Land  kann  nicht  seine  Grenzen  offenstehen
  lassen,  und  wenn  die  Regierung  kein  gesetzliches  Mittel  gefunden
hätte,  Herr  der  Eisenbahnen  bis  an  die  Grenze  zu  bleiben,  so  hätte  sie
bis  zu  ungesetzlichen  Mitteln  gehen  müssen.“  (Stürmische  Rufe  bei  den
Sozialisten  und  einzelnen  Radikalen:  „Warum  haben  Sie  das  Parlament
nicht  gerufen?")  Briand:  „Es  kann  Fälle  geben,  wo  man  im
höheren  Interesse  selbst  zur  Ungesetzlichkeit  greifen  muß."“  Der
Redner  will  diesen  Satz  erklären,  aber  alle  Sozialisten  schreien:  „Demission,
Demission“,  und  begleiten  diesen  rhythmischen  Ruf  mit  einem  lauten
Klappen  der  Pultdeckel.

Briand  spricht  weiter.  Die  Abgeordneten  aus  der  Mitte  steigen  in
das  Rondell  herab  und  scharen  sich  um  die  Tribüne.  Briand  fährt  fort,  zu
ihnen  zu  sprechen.  Man  sieht  seinen  Mund  und  seine  Hände  sich  bewegen,
man  sieht  seine  Zuhörer  klatschen,  aber  man  hört  von  allem  nichts.

Die  Sozialisten,  denen  sich  der  Radikale  Ceccaldi  zugesellt,  fahren
mit  ihrem  Höllenlärm  fort,  selbst  Jaures  und  Jules  Guesde  klappen  beständig
  ihre  Pultdeckel  auf  und  zu.

Endlich  hat  Briand  geschlossen,  seine  Freunde  umringen  ihn  und
führen  ihn  durch  das  Gedränge  zu  seinem  Platz.

Präsident  Brisson  gibt  seinem  Bedauern  Ausdruck,  daß  die  Erklärungen
  Briands  nicht  angehört  wurden.

Die  Debatte  wird  geschlossen.

30.  Oktober.  (Kammer.)  Sechster  Tag  der  Debatte  über
die  Streikinterpellation.

Der  Deputierte  Benazet,  ein  Freund  Briands,  machte  die  Kammer
stutzig,  indem  er  auf  die  miltitärische  Gefahr  des  Streiks  hinwies.  Er
verstieg  sich  dabei  zu  der  Behauptung:  „Wenn  Herr  Briand  alles  sagen
wollte,  was  er  weiß,  so  würden  Sie  Augen  und  Ohren  öffnen.  Herr
Briand  weiß,  daß  der  Deutsche  Kaiser  sich  höchst  wegwerfend  über  jeden
französischen  Mobilisierungsversuch  geäußert  hat,  daß  es  ihm,  dem  Keiser,
doch  nur  ein  Wort  koste,  um  die  französischen  Eisenbahner  in  den  allgemeinen
  Ausstand  zu  treiben  und  damit  jede  Kriegführung  unmöglich  zu
machen.“  .
Briand  rettete  die  Situation  durch  seine  Schlußrede:  „Heute,
nachdem  ich  ernsten  Ereignissen  gegenübergestanden,  die  ich  nicht  voraussehen
  konnte  und  angesichts  deren  die  Regierung  nicht  aufgehört  hat,  ihren
Willen  zur  Gerechtigkeit  für  alle  zu  bekunden,  ohne  gewaltsame  Unterdrückung
  mit  Mäßigung  und  Zurückhaltung,  trete  ich,  nachdem  die  Ordnung
auf  der  Straße  wiederhergestellt,  vor  Sie,  ohne  die  Grenze  der  Gesetzlichkeit
  überschritten  zu  haben,  ohne  einen  Tropfen  Blut  an  den  Händen
und  bitte  Sie  um  dasselbe  Vertrauen.  Verweigern  Sie  es,  so  wird  der
„Diktator“  sich  beugen,  wollen  Sie  ihn  aber  stürzen,  so  tun  sie  es  am
hellen  Tage!“  (Beifall.)  Nachdem  Briand  bemerkt  hatte,  Frankreich  sei
in  den  Augen  der  Welt  groß  aus  den  bedrohlichen  Ereignissen  hervorgegangen,
  die  es  hinter  sich  habe,  schloß  er:  „Meine  Herren  von  der

35“
        <pb n="556" />
        548  Krankreich.  (November  2.—8.)

Mehrheit,  ich  habe  das  Recht,  Klarheit  und  Offenheit  zu  verlangen,  die
Regierung  kann  dieses  Haus  nicht  verlassen  mit  einem  zweideutigen  Vertrauensvotum,
  das  ihr  nicht  gestatten  würde,  gewissen  Ereignissen  die  Stirn
zu  bieten.  Sie  sagen,  die  Regierung  sei  reaktionär;  gut,  Sie  haben  sie  in
der  Hand,  zerbrechen  Sie  sie!  Aber  ich  bitte  Sie,  es  am  hellen  Tage  und
nicht  im  Finstern  zu  tun!“  (Alle  Minister  beglückwünschen  Briand  und
nehmen  dann  ihre  Sitze  auf  der  Ministerbank  wieder  ein.  —  Wiederholter
lebhafter  Beifall  im  Zentrum  und  bei  einem  Teil  der  Linken.)  Hierauf
wurde  die  von  der  Regierung  bekämpfte  einfache  Tagesordnung  mit
384  gegen  155  Stimmen  abgelehnt.  Guesde  (geeinigter  Sozialist)
forderte  sodann  die  Kammer  auf,  das  Werk  heilsamer  Gerechtigkeit  zu
vollenden  und  den  Ministerpräsidenten  in  den  Anklagezustand  zu  versetzen.
Seine  in  diesem  Sinne  gehaltene  Tagesordnung  wurde  mit  503  gegen
75  Stimmen  abgelehnt.  Hierauf  bat  Briand,  über  die  Tagesordnung
Raynaud  abzustimmen,  und  stellte  die  Vertrauensfrage  hinsichtlich  ihrer
Priorität.  Der  Gegenantrag  zugunsten  einer  Tagesordnung  Ernest  Roche,
worin  die  Regierung  ausgefordert  wird,  sich  mit  der  Wiederanstellung  der
abgesetzten  Eisenbahner  zu  beschäftigen,  wurde  mit  373  gegen  103  Stimmen
abgelehnt.  Am  Schlusse  der  Sitzung  wurde  die  gesamte  Tagesordnung,
welche  der  Regierung  das  Vertrauen  ausspricht,  mit  388  gegen  94  Stimmen
  angenommen.

2.  November.  Das  Ministerium  nimmt  seine  Demission,
die  der  Präsident  Fallieres  genehmigt,  um  Briand  völlig  freie
Hand  bei  der  Berufung  neuer  Kollegen  zu  verschaffen.

3.  November.  Briand  bildet  ein  neues  Ministerium  ohne
den  sozialistischen  Millerand,  der  für  das  Streikrecht  der  Staatsbeamten
  eingetreten  war,  und  ohne  Viviani.

Nachfolger  des  letzteren  wird  der  Deputierte  Lafferre,  der  die  übermäßige
  Propaganda  der  „Action  française“  in  Elsaß-Lothringen  als  inopportun
  bekämpft  hatte.  Das  neue  Ministerium  setzt  sich  folgendermaßen
zusammen:  Präsidium  und  Inneres:  Briand;  Justiz:  Girard:  Aeußeres:
Pichon:  Finanzen:  Klotz;  Krieg:  General  Brun;  Marine:  Admiral  Boné
de  Lapeyrere:  Unterricht  und  Künste:  Faure;  Oeffentliche  Arbeiten:  Lafferre;
  Handel:  Dupuy:  Ackerbau:  Raynaud;  Verkehrsministerium:  Puech
(Radikal-Sozialist,;  Kolonien:  Jean  Morel;  das  Unterstaatssekretariat  der
Marine  erhielt  der  Briand  befreundete  Deputierte  Guist  haut.  Sie  sind
sämtlich  Radikale  oder  Radikal-Sozialisten.

Paul  Deschanel  nahm  das  ihm  angebotene  Unterrichteministerium
nicht  an.

8.  November.  (Kammern.)  Regierungsprogramm.

Im  Senat  verliest  Justizminister  Girard  und  bei  den  Deputierten
Ministerpräsident  Briand  die  folgende  Erklärung:  Die  Regierung,  die  an
der  Trennung  der  staatlichen  von  der  kirchlichen  Gewalt,  an  der  Gerechtigkeit
  und  der  Freiheit  festhält,  wird  sich  ausschließlich  auf  eine  republikanische
  Mehrheit  stütgen,  welche  aus  Männern  besteht,  die  entschlossen  sind,
die  Eroberungen  der  Republik  gegenüber  der  Kirche  gegen  die  Reaktion  zu
verteidigen  und  weiter  auszudehnen.  Die  Regierung  wird  ein  Gesetz  zur
Verteidigung  der  Laienschule  einbringen  und  auf  gesetzlichem  Wege  die
Wahl-,  die  Verwaltungs-  und  die  Zustizreform  sowie  das  Beamten=  und
das  Einkommensteuergesetz  ins  Leben  rufen.
        <pb n="557" />
        Frankreich.  (November  9.—21.)  549

Die  Erklärung  erinnert  sodann  an  die  zugunsten  der  Arbeiter  ins
Werk  gesetzten  Reformen,  namentlich  an  die  Altersversorgung.  Die  Arbeiter
  dürfen  einzig  vom  Gesetz,  nicht  aber  von  Unordnung  und  Gewalttat
ihre  wirtschaftliche  Befreiung  erwarten.  Es  wird  sich  empfehlen,  den  gesetzlichen
  Maßnahmen  zur  Vermeidung  der  unerträglichen  Fälle  von  Sabotage
und  Anarchie,  wie  sie  beim  Eisenbahnerausstand  zutage  getreten  sind,  dadurch
  größeren  Nachdruck  zu  verleihen,  daß  man  durch  sie  die  Urheber
solcher  Handlungen  und  die,  die  zu  ihnen  aufreizen,  trifft.  Die  Freiheiten
der  Syndikate  werden  dadurch  nicht  berührt,  sie  sind  unverletzlich  wie  die
Freiheit  der  Arbeit.

Die  Regierungserklärung  weist  ferner  auf  die  Notwendigkeit  hin,
die  Berufssyndikate  in  ihren  nützlichen  Bestrebungen  zu  fördern  und  die
Beteiligung  der  Arbeiter  am  Gewinn  unter  den  bereits  angegebenen  Bedingungen
  zu  sichern.  Die  Regierung  werde  aber  nicht  dulden,  daß  die
Syndikate  eine  gesellschaftsfeindliche  politische  Aktion  organisierten.  Es
werde  auch  notwendig  sein,  die  Syndikatsverbände  derart  auszugestalten,
daß  sie  eine  richtige  Vertretung  der  Arbeiter  darstellten,  und  die  Frage
des  Ausstands  der  Angestellten  der  öffentlichen  Betriebe  unzweideutig  zu
regeln.  Ein  Schiedsgericht  sei  zwar  ein  vorzügliches  Vorbeugungsmittel,
könnte  aber  unwirksam  sein.  Es  wäre  unzulässig,  daß  Angestellte,  die
Sondervorteile  genießen,  durch  Lähmung  des  öffentlichen  Lebens  das  Vaterland
  in  Gefahr  brächten.  Die  Regierung  werde  eine  Abstimmung  über
die  Maßregeln  fordern,  die  nötig  seien,  um  den  oöffentlichen  Dienst  im
Falle  eines  Ausstandes  der  Angestellten  der  öffentlichen  Betriebe  sicherzustellen.


Dank  dieser  Maßnahmen  werde  die  Republik,  stark  auch  durch  ihre
Allianz  und  ihre  freundschaftlichen  Beziehungen,  denen  sie  unabänderlich
treu  zu  bleiben  beabsichtige,  inmitten  der  Nationen  den  Rang  bewahren
können,  der  ihr  zukomme,  werde  ihrer  Stimme  nach  außen  Geltung  verschaffen
  und  in  den  Beziehungen  zu  den  anderen  Staaten  die  traditionelle
Politik  üben  können,  die  die  Größe  Frankreichs  geschaffen  habe.

Die  Regierung  sei  entschlossen,  die  militärische  Macht,  die  sichere
Garantie  des  internationalen  Friedens  und  das  Unterpfand  der  nationalen
Würde,  zu  stärken.  Die  Regierung  rechne  schließlich  darauf,  daß  das
Parlament  das  Marineprogramm  annehmen  werde.

9.  November.  (Kammer.)  Nach  stürmischer  Debatte  wird

ein  Vertrauensvotum  für  Briand  mit  296  gegen  209  Stimmen
angenommen.

10.  November.  (Senat.)  Der  Ausschuß  für  die  Anderung
des  Militärstrafgesetzes  beschließt  die  Abschaffung  der  Todesstrafe
für  militärische  Verbrechen  im  Frieden.

20.  November.  (Paris.)  Attentat  auf  Briand.

Bei  der  Enthüllung  des  Denkmals  für  Jules  Ferry  im  Tuileriengarten
  wird  Ministerpräsident  Briand,  der  die  Gedächtnisrede  gehalten
hatte,  von  dem  Tischler  Lacour,  einem  „Camelot  du  Roi“,  tätlich  angegriffen.
  Die  Strafkammer  verurteilt  am  6.  Dezember  Lacour  zu  drei
Jahren  Gefängnis.

21.  November.  (Dijon.)  Das  Kriegerdenkmal  für  die
pommerschen  Offiziere  und  Soldaten,  die  in  den  blutigen  Kämpfen
        <pb n="558" />
        —

550  Frankreich.  (November  25.—Dezember  7.)

vom  21.—23.  Januar  1871  gefallen  waren,  wird  von  ruchloser
Hand  beschädigt,  und  die  Erinnerungstafel  an  der  Stelle,  wo  die
Fahne  des  61.  Regiments  den  sterbenden  Verteidigern  durch  den
Franctireur  Curat  entrissen  wurde,  durch  Revolverkugeln  durchlöchert.


25.  November.  (Kammer.)  Für  die  Besatzungstruppe  in
Marokko  fordert  ein  Nachtragsetat  8680  970  Franken  für  die  letzten
vier  Monate  des  Jahres  1910.

29.  November.  (Kammer.)  Der  Fall  Weisrock.

Der  Sozialist  Willm  verlangt  vom  Kriegsminister  Rechenschaft  für
das  gräßliche  Ende  des  Fremdenlegionärs  Weisrock,  eines  Elsässers,  der
auf  dem  Marsche  wegen  Krankheit  zurückblieb  und  den  Hyänen  und  Schakalen
zum  Fraße  überlassen  wurde.  Der  Kriegsminister  General  Brun  verspricht
eine  Untersuchung  des  Falles.  Am  16.  Dezember  geht  die  Kammer  mit
264  gegen  221  Stimmen  darüber  zur  Tagesordnung  über.

5.  Dezember.  (Chantilly.)  Robert  Philipp,  Prinz  von
Orléans,  Herzog  von  Chartres  f.  70  Jahre  alt,  auf  Schloß  Saint
Firmin.

6.  Dezember.  (Kammer.)  Debatte  über  das  Handelsbudget.

Minister  Dupuy  bestreitet,  daß  der  Auslandshandel  Frankreichs
  hinter  demjenigen  Deutschlands  zurückbleibe.  Er  habe  in  den
letzten  Jahren  um  sieben  Milliarden  zugenommen  und  komme,  wenn  man
die  Einwohnerzahl  als  Maßstab  nehme,  der  deutschen  Durchschnittsziffer
gleich.  Frankreich  führe  zudem  jährlich  für  drei  Milliarden  Gold  ein,
was  der  beste  Beweis  zunehmenden  Reichtums  sei.

6.  Dezember.  Die  Eisenbahner  führen  die  tropfenweise  Resistenz
  (La  greve  perle)  ein,  d.  h.  sie  verbringen  die  Dienststunden
mit  Nichtstun  oder  führen  die  laufenden  Arbeiten  absichtlich  verkehrt
  aus.

6.  Dezember.  Ein  geheimer  Kredit  des  Auswärtigen  Amts
„zur  friedlichen  Durchdringung  Marokkos“  wird  von  710000  auf
910000  Franken  erhöht,  nachdem  der  „Temps“  die  bereits  erfolgte
Ablehnung  der  geforderten  Erhöhung  um  nur  90000  Franken  als
ein  Symptom  zaghafter  Politik  der  Kammer  bezeichnet  hatte.

6.  Dezember.  (Cherbourg.)  Anmerikanischer  Flottenbesuch.

Von  der  Mannschaft  des  zu  Besuch  eingetroffenen  amerikanischen
Geschwaders  waren  bei  einem  Landurlaub  so  schwere  Ruhestörungen  begangen
  worden,  daß  u.  a.  ein  Heizer,  der  einen  schwarzen  Matrosen  getötet
hatte,  zu  6  Jahren  Gefängnis  verurteilt  wird.

7.  Dezember.  (Toulon.)  Im  Auftrage  des  Deutschen  Kaisers
überreicht  die  Polizeibehörde  dem  Seesoldaten  Lavault  in  Anerkennung
seiner  vor  zwei  Jahren  bei  Gelegenheit  der  Bekämpfung  des  Brandes
der  deutschen  Kaserne  in  Peking  bewiesenen  Aufopferung  4000  Mark.
        <pb n="559" />
        Frankreich.  (Dezember  8.—12.)  551

8.  Dezember.  Der  Senat  stimmt  dem  von  der  Kammer  einstimmig
  bewilligten  Kredit  von  5800000  Franken  für  die  vom
Hochwasser  Geschädigten  zu.

9.  Dezember.  (Kammer.)  Gegen  die  künstlichen  Preistreibereien
  für  Zucker  und  Spiritus.

In  Beantwortung  von  Anfragen  der  Abgeordneten  Girod  und
de  Monzire  führte  der  Handelsminister  Dupuy  aus:  Die  Preisschwankungen
des  Spiritus  würden  durch  eine  Anzahl  Börsenspieler  und  Spekulanten
hervorgerufen,  zu  deren  Verteidiger  er  sich  nicht  aufwerfen  wolle.  Die
im  vorigen  Jahre  angestellte  Untersuchung  habe  schlimme  Börsenmanöver
  aufgedeckt,  denen  aber  mit  dem  Gesetz  nicht  beizukommen  sei.
Der  übermäßig  hohe  Preis  für  Zucker  und  Spiritus  sei  im  vorigen  Jahre
allgemein  gewesen,  allerdings  in  Frankreich  noch  höher  als  im  Auslande.
Er  sei  hervorgerusen  worden  sowohl  durch  die  ungünstigen  Witterungsverhältnisse
  des  Jahres  als  auch  durch  spekulative  und  wucherische  Aufkäufe.
  Bevor  man  in  Verhandlungen  über  die  Regelung  des  ausländischen
Marktes  trete,  sei  es  praktischer,  zuerst  den  einheimischen  Markt  zu  regeln
und  die  französische  Gesetzgebung  zu  ergänzen.  Eine  Kommission  studiere
augenblicklich  die  Frage  der  Reform  der  Produktenbörse  und  der  Märkte.
Es  sei  angebracht,  die  strafgesetzlichen  Bestimmungen  zu  ergänzen.

11.—12.  Dezember.  Preßstimmen  zu  den  Ausführungen  des
deutschen  Reichskanzlers  über  die  Potsdamer  Begegnung  und  über
die  Agadir-Angelegenheit.  (S.  432—33.)

Die  der  Regierung  nahestehenden  Zeitungen  führen  mit  bitterfüßer
Miene  aus,  daß  das  Vertrauen  auf  die  Fortdauer  der  Allianz  mit  Rußland
  durch  die  Besserung  des  Verhältnisses  zwischen  Deutschland  und  Rußland
nicht  erschüttert  werde,  daß  man  sich  aber  keinem  Optimismus  hingeben  dürfe.

Der  „Temps“  findet,  daß  die  jüngsten  Erfolge  Deutschlands  in
der  Türkei  zum  Teil  auf  Rechnung  der  keineswegs  einwandfreien  Politik
Frankreichs  und  Englands  am  Goldenen  Horn  zu  schreiben  seien.  Der
Besuch  von  Agadir  durch  den  Kreuzer  „Du  Chaylla“  diente  zur  Verhinderung
  des  Waffenschmuggels  und  gehöre  zu  den  durch  den  Algeciras=Vertrag
  Frankreich  ausdrücklich  zugestandenen  Rechten.

Die  „Action“  schreibt:  „Das  französisch-russische  Bündnis  ist  durch
gewisse  militärische  Anordnungen  in  Polen  ohnehin  bereits  sehr  geschwächt.
Wird  es  künftig  noch  in  Europas  Gleichgewicht  dasselbe  Gewicht  darstellen
wie  früher?  Mehr  als  je  ist  denn  auch  die  Stunde  für  die  Franzosen
gekommen,  sich  nicht  von  ihrem  inneren  Hader  hypnotisieren  zu  lassen  und
für  die  Vorzeichen  von  außen  blind  und  taub  zu  bleiben.“

Die  „Lanterne“  fragt  Herrn  Pichon,  „wie  es  mit  dem  französischrussischen
  Bündnis  steht,  und  ob  wir  etwa  20  Milliarden  nach  Petersburg
ausgeführt  haben,  um  zu  einem  auf  unsere  Kosten  abgeschlossenen  Einvernehmen
  zwischen  Rußland  und  Deutschland  zu  gelangen“.

„Rappel“  sagt:  „Wunsch  und  Ziel  der  Berliner  Regierung  scheint
die  Rückkehr  zum  alten  Dreibund  der  drei  Kaiserhöfe  zu  sein.  Der  Gedanke,
  daß  Petersburg  dem  deutichen  Drängen  nachgibt,  ist  uns  fern.  Es
ist  aber  unmöglich,  nicht  zu  fühlen,  daß  die  deutsche  und  österreichische
Diplomatie  auf  eine  Erneuerung  des  Zustandes  vor  1879  hinarbeiten.
Wenn  Rußland  alten  Ueberlieferungen  und  neuem  Entgegenkommen  nachgeben
  würde,  dann  würde  angesichts  der  österreichisch-italienischen  Feindseligkeit
  der  Dreibund  mit  Petersburg  und  ohne  Rom  wiedererstehen.“
        <pb n="560" />
        552  Frantreich.  (Dezember  13.—24.)

13.  Dezember.  Als  Nachfolger  des  Oberstleutnants  Moll.
wird  Oberst  Largeau  zum  Kommandeur  der  zu  verstärkenden  Streitkräfte
  im  Tschadseegebiet  ernannt.

15.  Dezember.  Die  Kammer  belegt  automatische  Feuerzeuge,
die  als  Ersatz  für  Zündhölzer  dienen  können,  mit  einer  Steuer  von
2—40  Franken  pro  Stück.

16.  Dezember.  (Kammer.)  Die  englischen  und  französischen
Interessensphären  in  Nordostafrika.

Minister  Pichon  erklärt,  daß  die  Abgrenzung  des  französischen  und
des  anglo-ägyptischen  Gebietes  im  Sudan  auf  Schwierigkeiten  stoße,  weil
England  Bedenken  trage,  eine  schwierige,  gefahrvolle  Expedition  in  jenem
Gebiet  zu  unternehmen.  England  habe  aber  dadurch,  daß  es  die  französische

Militärbehörde  ermächtigt  habe,  die  Wadaistämme  bis  ins  englische  Gebiet  von
Dar--Fur  zu  verfolgen,  Frankreich  den  Beweis  großer  Freundschaft  gegeben.

17.  Dezember.  Der  russische  Botschafter  Iswolski  überreicht
dem  Präsidenten  sein  Beglaubigungsschreiben.

20.  Dezember.  (Kammer.)  Nach  einer  Debatte  über  die
bedingungslose  Wiederanstellung  von  etwa  3000  entlassenen  Eisenbahnarbeitern
  erhält  Briand,  der  sich  dagegen  ausspricht,  ein  Vertrauensvotum
  mit  einer  Moajorität  von  250  Stimmen.

21.  Dezember.  Die  Kammer  bewilligt  ein  provisorisches
Budgetzwölftel.

22.  Dezember.  (Kammer.)  Die  Briandschen  Gesetzesvorlagen
über  die  Rechtsverhältnisse  der  Eisenbahnarbeiter.

Die  Regierung  legt  4  Gesetzentwürfe  vor:

I.  „Zur  Abänderung  des  Artikels  20  vom  15.  Juli  1845  über  die
Polizei  auf  den  Eisenbahnen.“"  Darin  wird  die  unentschuldigte  Dienstversäumnis
  der  Zug=  und  Maschinenführer,  der  Bremser,  Weichensteller
und  Signalwärter  mit  Gefängnis  von  6  Monaten  bis  zu  2  Jahren  bedroht.

II.  „Betreffend  die  Verfolgung  von  Handlungen,  die  als  Sabotage
bezeichnet  zu  werden  pflegen.“  Darin  wird  die  absichtliche  Zerstörung  von
Instrumenten,  die  dem  öffentlichen  Dienst  oder  einem  industriellen  Unternehmen
  unentbehrlich  sind,  mit  Gefängnis  von  1  Monat  bis  zu  2  Jahren
und  Geldstrafe  von  50—1000  Franken  bedroht.  Für  Angestellte  erhöht  sich  die
Gefängnisstrafe  auf  2  bis  5  Jahre  und  die  Geldstrafe  auf  200  bis  1000  Franken.
Der  Versuch  wird  mit  den  gleichen  Strafen  bedroht,  ebenso  die  tätliche  Hilfe
oder  die  durch  die  Presse  erfolgte  Aufforderung  zur  Sabotage.

III.  „Ueber  die  friedliche  Regelung  der  Arbeitskonflikte  und  die
Einschränkung  des  Streikrechtes.“  Von  den  24  Artikeln  ist  am  einschneidendsten
  Art.  22:  Es  ist  jedem  anerkannten  oder  nicht  anerkannten  Verein
oder  Syndikat  und  jedem  Vereins=  oder  Syndikatsverbande  verboten,  Angestellte
  und  Arbeiter  der  Eisenbahnnetze  zum  Ausstand  aufzufordern,  den
Ausstand  vorzubereiten  und  zu  organisieren.

IV.  „Ueber  die  rückwirkende  Kraft  der  1909  neu  geregelten  Pensionsverhältnisse
  der  Angestellten  und  Arbeiter  der  Eisenbahn.“

24.  Dezember.  Der  Senat  setzt  einen  Ausschuß  ein,  um  die
        <pb n="561" />
        Frankreich.  (Dezember  31.)  553

Rechtsansprüche  der  Nachkommen  des  Spandauer  Uhrmachers  Nauendorf
  (des  falschen  Ludwigs  XVII.)  auf  die  Führung  des  Familiennamens
  Bourbon  zu  prüfen.

Ende  Dezember.  Die  Erbschaftssteuer  um  Jahre  1909  ergab
fast  2702  Millionen  Franken  aus  393305  Erbschaften,  deren
Nettoertrag  die  Gesamthöhe  von  fast  5¾  Milliarden  erreichte.

31.  Dezember.  Präsident  Fallières  begnadigt  den  Gewerkschaftler
  Durand  aus  Havre,  der  vom  Schwurgericht  in  Rouen  zum
Tode  verurteilt  war,  zu  sieben  Jahren  Einzelhaft.

An  der  Agitation  für  diese  Begnadigung  hatten  sich  auch  110  sozialistische
  Abgeordnete  beteiligt.
        <pb n="562" />
        VII.

Italien.

3.  Januar.  Die  Militärverwaltung  errichtet  auf  dem  Schießplatz
  des  Bosco  Mantico  bei  Verona  eine  Luftschiffsstation.

W.  Januar.  Der  Herzog  Franceso  von  Campobello,  ein
Neffe  des  Kardinals  Rampolla,  flüchtete,  nachdem  er  große  Wechsel
auf  den  Namen  seines  Onkels  gefälscht  hatte.

30.  Januar.  (Brescia.)  Die  „deutsche  Eroberung“  des
Gardasees.

Der  nationalistisch-italienische  Verband  für  den  Gardasee  schließt
seine  Tagung  mit  einer  großen  Enttäuschung.  Man  wollte  gegen  die  angebliche
  Eroberung  des  Gardasees  durch  die  Deutschen  opponieren,  und
das  römische  „Giornale  d'Italia“,  der  Irredentistische  Verband  Trento  e
Trieste,  sowie  einige  Advokaten  aus  Verona  und  Mantua  hatten  den  „Feldzug“"
  gegen  die  Deutschen  wegen  ihrer  Ueberzahl  unter  den  Kurgästen  am
Gardasee  unter  ihr  Patronat  genommen.  Da  aber  die  Bevölkerung  dieser
Gegend  gegen  die  Propaganda  als  eine  schwere  Schädigung  ihrer  Interessen
  opponierte,  so  mußten  die  Abgesandten  vom  Gardasee  in  Brescia
erklären,  daß  die  Germanisationsgefahr  trotz  des  deutschen  Wochenblattes
„Der  Bote  vom  Gardasee“  und  der  deutschen  Geschäftsfirmen  in  Gardone
ein  Popanz  sei.

11.  Februar.  (Kammer.)  Sonninos  Regierungsprogramm.

Der  Ministerpräsident  kündigte  vor  allem  die  Vorlage  über  die
Schiffahrtssubventionen  an.  Die  nationalen  Werften  sollen  unterstützt
  und  die  freie  Schiffahrt  gefördert  werden  durch  Frachtvergütungen
einerseits  für  die  Einfuhr  von  Rohstoffen  in  italienische  Häfen,  wofern  diese
Stoffe  in  Italien  verarbeitet  werden,  andererseits  für  die  Ausfuhr  von
Erzeugnissen  des  Ackerbaus  und  der  Industrie.  Feste  Subventionen  sollen
nur  Linien  erhalten,  die  postalischen  oder  politischen  Charakter  haben.  Die
vorgeschlagenen  Maßnahmen  werden  das  Budget  zusammen  mit  30  Millionen
  Lire  jährlich  belasten,  wovon  15  Millionen  auf  feste  Subventionen
entfallen.  Die  Regierung  hofft,  daß  infolge  dieser  Maßnahmen  die  italienische
  Flagge  ein  mächtiges  Werkzeug  wirtschaftlicher  Expansion  sein  werde.

Herr  Sonnino  brachte  weiter  das  Gesetz  über  die  Errichtung
eines  Eisenbahnministeriums  ein  und  erklärte,  wenn  auch  die  bestehende
  Organisation  in  allgemeinen  Umrissen  gewahrt  bleiben  solle,  so
werde  der  neue  Minister  doch  nach  entsprechender  Erfahrung  in  der  Lage
sein,  Verbesserungen  vorzuschlagen,  damit  der  Betrieb  der  Bahnen  nach
Ueberwindung  der  ersten  Schwierigkeiten  immer  mehr  den  Anforderungen
des  Landes  entsprechen  könne.

Ferner  brachte  Sonnino  einen  Gesetzentwurf  über  die  Abtrennung
des  Ministeriums  für  Ackerbau  und  Forsten  von  dem  für  Arbeit,  Industrie
        <pb n="563" />
        Ilalien.  (Februar  11.)  555

und  Handel  ein.  Diesem  soll  auch  das  Bureau  für  die  Behandlung  der
Zollangelegenheiten  angegliedert  werden,  das  bisher  vom  Finanzministerium
abhing.

Eine  umfassende  Vorlage  beschäftigt  sich  mit  der  Beseitigung  der
Erdbebenschäden  vom  Jahre  1908.  Insbesondere  sollen  eigene  Bureaus
geschaffen  werden,  die  darüber  wachen  sollen,  daß  alle  Regeln  der  Technik
und  der  Hygiene  bei  Ausführung  der  Neubauten  strenge  beachtet  werden.

Der  Entwurf  sieht  auch  Steuererleichterungen  vor  und  einen  Zusatzkredit
  von  36  Millionen  zu  den  dem  Arbeitsministerium  früher  bewilligten
50  Millionen  für  außerordentliche  Ausgaben  aus  Anlaß  der  Erdbebenkatastrophe.


Ein  anderer  Entwurf  betrifft  die  Gründung  einer  Genossenschaftsbank
  nach  preußischem  Muster.  Das  Anfangskapital  ist  auf
15  Millionen  Lire  festgesetzt,  zu  denen  der  Staat  10  Millionen  beisteuert.
Im  Einvernehmen  mit  Frankreich  sollen  Maßnahmen  zugunsten  der
jugendlichen  Arbeiter  insbesondere  in  den  Glasbläsereien  getroffen
werden.  Auch  die  Wiederaufforstung  soll  nach  Kräften  gefördert  werden.

Der  Ministerpräsident  ging  sodann  zur  Frage  der  Zollgesetzgebung
über  und  betonte,  die  billige  Bemessung  der  italienischen  Zölle  trete  immer
mehr  in  die  Erscheinung  angesichts  der  wachsenden  Härte  der  Zollgesetze
anderer  viel  reicherer  Länder.  Daher  sei  der  Zeitpunkt  gekommen,  wo
Italien  bei  aller  Geneigtheit,  mit  allen  Ländern  in  wirtschaftlichem  Frieden
zu  leben,  zur  Verteidigung  seiner  großen  berechtigten  Interessen  sich  rüsten
müsse  für  den  Fall,  daß  seine  friedliche  Haltung  keine  Erwiderung  finden
sollte.  Die  Regierung  werde  daher  eine  Untersuchung  bei  allen  Interessenten
  veranstalten,  um  sich  für  den  Fall,  daß  zollpolitische  Sperrmaßregeln
  anderer  Länder  dazu  zwingen  sollten,  die  Aufstellung  eines  Maximal-
  und  Minimaltarifs  mit  Vermehrung  der  spezifischen  Zölle  vorzubereiten.


Des  weiteren  kündigte  Herr  Sonnino  an:  Die  Veranstaltung  einer
Volkszählung  und  zum  ersten  Male  einer  Betriebszählung,  die  Organisation
  des  statistischen  Dienstes,  ein  Gesetz  über  das  Staatsbürgerrecht,
das  die  Interessen  der  Italiener  im  Auslande,  die  schon  den  fünften  Teil
des  italienischen  Volkes  ausmachen,  schützen  soll;  Gesetze  über  die  Feststellung
  der  Vaterschaft,  über  Handelsgesellschaften,  kleine  Konkurse  und
Versicherungsgesellschaften.

Der  Rriegsminister  wird  Gesetze  einbringen,  die  unter  anderem  die
Ausbildung  bei  allen  Waffengattungen  auf  zwei  Jahre  festsetzen,  jedoch
den  Anforderungen  des  Dienstes  der  berittenen  Waffen,  sowie  der  Notwendigkeit
  der  körperlichen  Ausbildung  der  Jugend  und  ihrer  Uebung  im
Schießen  Rechnung  tragen;  weitere  militärische  Gesetze  betreffen  Organisationsänderungen,
  die  Einrichtung  des  technischen  und  Artilleriedienstes,
wobei  zugleich  die  Avancementsverhältnisse  eine  Besserung  erfahren  sollen,
sowie  die  Durchführung  der  schon  früher  in  der  Kommission  erörterten
Verwaltungsreformen  für  die  Armee.

Auf  dem  Gebiet  der  Kriegsflotte  will  der  Minister  das  vom  Parlament
  bereits  genehmigte  Flottenprogramm  bis  zum  Jahre  1913  oder
1914  zur  Durchführung  bringen.  Die  Entwicklung  der  Werften  lasse  auf
eine  rasche  Durchführung  dieser  Arbeiten  hoffen.

Die  von  Sonnino  angekündigte  Reform  der  örtlichen  Steuern
bezweckt  eine  rationellere  Verteilung  verschiedener  wichtiger  Steuern  zwischen
Staat  und  Gemeinden;  alle  Verbrauchssteuern  werden  den  Gemeinden  zugewiesen
  und  demgemäß  vollständig  aus  dem  Staatsbudget  verschwinden.
Dagegen  soll  die  Vermögenssteuer  völlig  an  den  Staat  übergehen  und  in
        <pb n="564" />
        556  Stalien.  (Februar  12.  14.)

gerechter  Weise  nach  einem  Tarif  mit  mäßiger  Progression  auf  das  ganze
Land  ausgedehnt  werden.  Die  Steuerreform  soll  womöglich  eine  Besserstellung
  der  Gemeinden,  unter  keinen  Umständen  deren  Schädigung  zur
Folge  haben.

Die  Vorschläge  zur  Reform  der  Elementarschulen  beachsichtigen
  eine  nachdrückliche  Bekämpfung  des  Analphabetentums,  die  als  eine
nationale  Aufgabe  ersten  Ranges  bezeichnet  wird.  Zu  diesem  Zweck  wird
eine  mit  weitgehender  Selbständigkeit  ausgestattete,  aber  unter  staatlicher
Aussicht  stehende  Provinzialverwaltung  für  das  Elementarschulwesen  geschaffen.
  Diese  Provinzialbehörden  verwalten  das  Elementarschulwesen  in
kleineren  Orten  unmittelbar,  während  sie  in  größeren  die  Oberausfsicht
führen.  Die  Kosten  der  Elementarschulen  in  den  kleinen  Gemeinden
werden  vom  Staat  übernommen.  Die  Gemeinden  sollen  lediglich  die  persönlichen
  Kosten  tragen,  die  sie  schon  bisher  getragen  haben,  sowie  die
Kosten  für  Schullokale  und  Schulgeräte.  Um  den  Gemeinden  die  Lösung
dieser  Aufgabe  zu  erleichtern,  soll  ihnen  ein  Kredit  von  240  Millionen
Lire  überwiesen  werden,  dessen  Verzinsung  der  Staat  übernehmen  wird
und  der  in  fünfzig  Jahren  amortisiert  werden  soll.  Der  Entwurf  verbessert
  auch  die  Lage  der  Lehrer  und  bezweckt  eine  Vermehrung  der  Abendund
  Feiertagsschulen.  Die  zur  Hebung  des  Elementarunterrichtes  getroffenen
  Maßnahmen  werden  das  Budget  im  nächsten  Rechnungsjahre
mit  einer  Mehrausgabe  von  7  Millionen  belasten,  1911/1912  20  Millionen
erfordern  und  im  Verlaufe  von  sieben  Jahren  allmählich  eine  Mehrausgabe
von  40  Millionen  herbeiführen.  Um  diese  Ausgaben  decken  zu  können,
schlägt  Sonnino  eine  leichte  Erhöhung  der  Zigarettenstener  und  eine  leichte
und  allmählich  wachsende  Vermehrung  der  Besteuerung  des  im  Inlande
erzeugten  Zuckers  vor,  eine  Besteuerung,  die  übrigens  nur  den  erstklassigen
Zucker  treffen  soll  und  den  Zuckerzoll  ganz  unberührt  lassen  wird.

Weiter  beantragt  Sonnino,  aus  Anlaß  der  Fünfzigjahrfeier
der  nationalen  Wiedergeburt  Pensionen  für  die  Ueberlebenden  der  Tausend
von  Marsala,  die  Ausschreibung  von  öffentlichen  Festen  in  Palermo  im
kommenden  Frühjahr  und  einen  Staatsbeitrag  von  50000  Lire  für  das
Denkmal  zum  Andenken  an  den  Sieg  über  die  päpstlichen  Truppen  bei
Castel  Fidarde.  Sonnino  schloß:  Wenn  Sie  die  Vorschläge  der  Regierung
billigen,  werden  Sie  im  Jahre  1910  den  ersten  wichtigen  Schritt  auf  dem
Wege  zur  Erfüllung  eines  reichhaltigen  Programms  tun,  das  dem  wirtschaftlichen
  Fortschritt  und  dem  sozialen  Frieden  dienen  will.  -

12.  Februar.  (Kammer.)  Mit  193  Stimmen,  darunter
130  Giolittianern,  erhält  das  Ministerium  ein  Vertrauensvotum,
während  die  Hälfte  der  äußersten  Linken  den  Saal  verließ.

14.  Februar.  (Kammer.)  Das  Hinterland  von  Tripolis.

Auf  eine  Frage  des  Abgeordneten  Fürsten  Colonna  über  den  Schutz
der  italienischen  Interessen  im  Hinterlande  von  Tripolis  angesichts  der
Haltung  einiger  europäischen  Mächte  erklärte  der  Minister  des  Auswärtigen
Guicciardini:  „Die  ottomanischen  Provinzen  in  Nordafrika  bedeuten  für
uns  einen  Faktor  ersten  Ranges  für  die  Aufrechterhaltung  des  Gleichgewichts
  am  Mittelmeer.  Demgemäß  ist  es  ein  unabänderlicher  Grundsatz
der  italienischen  Politik,  daß  auch  in  Afrika  die  Integrität  des  Ottomanischen
  Reiches  gewahrt  werden  muß.  Wenn  der  Abgeordnete  fürchten
sollte,  daß  dieser  Grundsatz  unserer  Politik  verletzt  werden  sollte,  kann  ich
ihn  bernhigen.  Die  Integrität  des  ottomanischen  Besitzes  in  Afrika  ist
niemals  besser  geschützt  gewesen  als  heute;  verbürgt  durch  allgemeine  Ver-
        <pb n="565" />
        Italien.  (Februar  15.  20.)  557

träge  und  besondere  Abmachungen,  wird  sie  heute  überdies  noch  geschützt
durch  das  neue  Regime  im  Ottomanischen  Reiche,  das  keine  Abmachungen
dulden  würde,  die  sich  irgendwie  gegen  seine  afrikanischen  Besitzungen
richten.  Es  steht  also  fest,  daß,  wie  an  der  Westgrenze  die  Oasen  Gadames
und  Ghat,  so  an  der  Ostgrenze  der  Golf  von  Sollum  und  die  Oasen  Kufra
zum  ottomanischen  Gebiet  gehören.  Und  es  unterliegt  weiter  keinem  Zweifel,
daß  Tripolis,  Cyrenaika  und  Fessan  in  ihren  gegenwärtigen  Grenzen  gegen
jede  Veränderung  ihrer  staatsrechtlichen  Lage  geschützt  sind.  Ich  weiß  nicht,
ob  Colonna  auf  die  Ereignisse  anspielen  will,  die  sich  kürzlich  in  dem  Gebiet
  zwischen  Fessan,  Egypten  und  dem  Tschadsee  abgespielt  haben.
Es  ist  wahr,  daß  vergangenen  Sommer  auf  diesem  Gebiet  wichtige  Veränderungen
  eingetreten  sind.  Die  Franzosen  haben  den  Sultan  von  Wadai
bei  Abescher  geschlagen  und  tatsächlich  das  ganze  Wadai  von  der  egyptischen
  bis  zur  Fessan-Grenze  besetzt.  Aber  die  territorialen  Veränderungen,
  die  sich  daraus  ergeben  haben,  sind  ein  Ergebnis  des  englischfranzösischen
  Abkommens  von  1899,  sowie  der  stillschweigenden  Zustimmung
der  Pforte  und,  wie  man  sie  auch  werten  möge,  die  letzten  Folgen  der
Ereignisse  vor  elf  Jahren,  über  die  das  Parlament  damals  verhandelt  hat.
Heute  ist  nur  wichtig,  daß  die  Integrität  der  ottomanischen  Provinzen  in
Afrika  keinem  Zweifel  und  keiner  Erörterung  unterliegt.  Hierüber  kann
ich  die  weitgehendsten  Zusicherungen  geben.

15.  Februar.  (Kammer.)  Guicciardini  über  die  kretische  Frage:

Unsere  Haltung  bestand  darin,  in  Uebereinstimmung  mit  Frankreich,
Großbritannien  und  Rußland  vorzugehen.  Man  weiß,  daß  Oesterreich-Ungarn
  und  Deutschland  sich  seit  mehreren  Jahren  von  den  Verhandlungen
  über  die  Kretafrage  fernhalten,  wenn  sie  auch  von  denselben
  Gesühlen  beseelt  werden  wie  die  anderen  Mächte.  Unsere  Gefühle
und  unsere  Interessen  rieten  uns  aber  zu  diesem  einträchtigen  Vorgehen.
Unsere  Gefühle  führen  uns  dazu,  das  neue  liberale  Regime  in  der
Türkei  und  die  schrittweise  Besserung  in  Griechenland  mit  gleicher  Sympathie
  zu  betrachten.  Unsere  Interessen  rieten  uns  noch  mehr,  in  Uebereinstimmung
  mit  den  anderen  Mächten  vorzugehen.  Die  Meinung  ist
hinfort  in  dem  Gewissen  Italiens  festbegründet,  daß  der  höchste  Zweck
unserer  Politik,  nämlich  die  Aufrechterhaltung  des  internationalen  Friedens,
im  gegenwärtigen  Augenblick  nur  durch  Wahrung  der  Lage  im  enropäschen
Orient  erreicht  werden  kann.  Jedes  Vorgehen,  das  dahin  zielt,  diese  Lage
zu  befestigen,  muß  unsere  diplomatische  Unterstützung  finden,  wie  wir  jedem
Vorgehen  entgegentreten  werden,  das  die  Lage  außerhalb  des  Konzerts  der
Mächte  ändern  will.  Ich  bin  fest  davon  überzeugt,  daß  wir  durch  unser
gemeinsames  Vorgehen  mit  Frankreich,  Großbritannien  und  Rußland  zu
gleicher  Zeit  unseren  Gefühlen  und  unseren  Interessen  gehorcht  und  an  der
Aufgabe  des  Friedens  und  der  Zivilisation  mitgearbeitet  haben.  (Beifall.)

15.  Februar.  (Mailand.)  Irredentisten  und  Sozialdemokraten.

Im  Teatro  Lirico  veranstaltet  die  „futurische“  Dichterschule  einen
internationalen  Vortragsabend,  bei  dem  es  zu  heftigen  Ausfällen  gegen
Oesterreich  kommt.  Da  die  sozialdemokratischen  Zuhörer  gegen  diesen  Unsug
  opponieren,  muß  die  Polizei  einschreiten  und  den  Dichter  Marinetti
abführen.

20.  Februar.  (Rom.)  Giordano  Bruno-Feier.

Es  finden  Festzüge  und  antipäpstliche  Reden  statt.  Im  Hause  des
Giordano  Bruno-Vereins  werden  Medaillonbildnisse  Giordano  Brunos
und  Francesco  Ferrers  enthüllt.
        <pb n="566" />
        558  Slalien.  (März  2.—30.)

2.  März.  (Kammer.)  Schatzminister  Salandra  über  die

finanzielle  Lage.

Aus  dem  Budget  von  1908/09  habe  sich  ein  tatsächlicher  Ueberschuß
von  24  Millionen  ergeben  und  für  das  Budget  von  1909/10  sei  ein  Ueberschuß
  von  30  Millionen  zu  erwarten,  obwohl  es  notwendig  gewesen  sei,
im  Laufe  des  Jahres  einen  Nachtragsetat  von  91  Millionen  einzubringen.
Mit  diesen  Ueberschüssen  und  mit  denen,  die  man  für  die  nächsten  Finanzjahre
  erhofft,  werde  man  die  schweren  Ausgaben,  die  das  Erdbeben  im
Jahre  1908  verursacht  habe,  decken  können,  Ausgaben,  die  die  Regierung
gemacht  habe,  ohne  zu  neuen  Kreditforderungen  ihre  Zuflucht  zu  nehmen.
Für  das  Finanzjahr  1910/11  werde  man  neue  wichtige  Kredite  für  öffentliche
  Arbeiten,  für  das  Heer  —  hierfür  15  Millionen  —  und  für  die  von
der  Regierung  vorgesehenen  Ausgaben  für  Volksschullehrer  und  Volksschulunterricht
  zu  bewilligen  haben.  Dennoch  könne  man  auf  einen  Ueberschuß
von  6½  Millionen  rechnen.  Die  finanzielle  Lage  Italiens  sei  demnach
sehr  günstig.  Es  gelte  nun,  diese  Finanzlage  zu  erhalten  und  zu  verteidigen.
  Ein  ernstes  Problem  biete  der  Fälligkeitstermin  der  3,65prozentigen
  Eisenbahnzertifikate  am  1.  Juli  1911.  Es  müsse  dafür  eine
Deckung  im  Betrage  von  330  Millionen  vorgesehen  werden.  Die  Regierung
  sei  zu  dem  Entschluß  gelangt,  dreiprozentige  amortisierbare  Schuldtitel
  mit  kleinen  Stücken  bis  zu  100  Frank  auszugeben,  und  zwar  in  den
durch  das  Gesetz  von  1908  vorgesehenen  Fällen  und  in  den  dort  festgelegten
Grenzen.

4.  März.  (Kammer.)  Die  „hochverräterischen“  Absichten
der  Frau  v.  Siemens.

Der  sozialistische  Abgeordnete  Chiesa  fragte  den  Kriegsminister
Prudente  nach  den  angeblich  staatsgefährlichen  Begegnungen  des  Generals
Fecia  di  Cossato  mit  Frau  v.  Siemens  in  Mailand  nach  den  Manövern
im  Jahre  1909.  Da  der  Minister  die  Antwort  verweigerte,  kam  es  zu
Schmähungen  und  Duellforderungen  Prudentes  gegen  Chiesa  und  Chiesas
gegen  den  Abg.  Morandi,  einen  Neffen  der  Dame.

13.—17.  März.  (Rom.)  Der  gesamte  Straßenbahnverkehr  ruht
fünf  Tage  lang  wegen  eines  Ausstandes  der  Angestellten.
21.  März.  Ministerkrifis.

Infolge  der  sich  lange  hinspinnenden  Angriffe  betr.  das  Gesetz  über
die  Subvention  der  Handelsmarine  gibt  das  Ministerium  Sonnino  seine
Entlassung,  ohne  erst  die  Abstimmung  abzuwarten.  Der  König  behält
sich  die  Entscheidung  vor,  und  die  Minister  führen  die  laufenden  Geschäfte
vorläufig  weiter.

21.  März—1.  April.  Der  deutsche  Reichskanzler  in  Rom.

23.  März.  Der  Atna  bildet  in  der  Höhe  von  2300  m  einen
neuen  Krater  und  später  noch  vier  andere,  aus  denen  feurige
Lava  fließt.

25.  März.  Der  König  beauftragt  Luzzatti  mit  der  Bildung
eines  neuen  Kabinetts.

30.  März.  Neues  Ministerium:

Luszatti  Ministerpräsident  und  Inneres,  Di  San  Giuliano  Aeußeres,
Fani  Justiz,  Tedesco  Schatz,  Facta  Finanzen,  General  Spingardi  Krieg,
        <pb n="567" />
        Ilalien.  (April  2.  28.)  559

Kontreadmiral  Leonardi  Marine,  Credaro  Unterricht,  Sacchi  öffentliche
Arbeiten,  Ciuffelli  Post,  Raineri  Landwirtschaft.

2.  April.  (Florenz.)  Zusammenkunft  des  Reichskanzlers
v.  Bethmann  Hollweg  mit  dem  Minister  des  Außeren  Marchese  di
San  Giuliano.

W.  April.  (Kammer.)  Programmrede  des  Ministerpräsidenten

Luzzatti.

Die  neue  Regierung  werde  an  einer  Reihe  von  Plänen  und  Maßregeln
  des  früheren  Kabinetts  festhalten,  so  an  der  Schaffung  eines  Verkehrsministeriums,
  dem  außer  den  Eisenbahnen  auch  das  Seewesen  unterstellt
  werden  soll,  ferner  an  den  finanziellen  Maßregeln  zugunsten  der
Gemeinden  und  Provinzen  sowie  zur  Verbesserung  des  Volksschulunterrichts.
Die  Mittel  zur  Besserstellung  der  ärmeren  Gemeinden,  der  Lehrer  usw.
sollen  durch  eine  Abänderung  der  Tabaksteuer  gewonnen  werden.  Die
Vorschläge  über  die  Zuckergesetzgebung  sollen  eine  Milderung  hauptsächlich
zugunsten  der  Landwirtschaft  erfahren.  Die  Dringlichkeit  einer  wirtschaftlichen
  Reform  des  Steueriystems  bedinge  eine  stufenweise  Revision  der
Finanzgesetze,  damit  Italien  durch  die  Kraft  seiner  Initiative  auf  dem
Gebiet  der  landwirtschaftlichen  wie  der  industriellen  Produktion  zu  einem
Freihafen  für  das  einheimische  und  das  auswärtige  Kapital  werde,  das  in
Italien  sichere  Gastfreundschaft  finden  soll.  Man  werde  versuchen,  ohne
staatliche  Hilfe  eine  Industriebank  und  eine  Exportbank  zu  schaffen,  die
zwischen  den  alten  Kreditinstituten  und  der  neuen  Arbeits-  und  Genossenschaftsbank
  stehen  würden.  Den  größeren  und  kleineren  sozialen  Einrichtungen,
  die  den  Wucher  mit  Geld  und  Produktionsmitteln,  mit
Wohnungsmieten  und  Lebensmitteln  bekämpfen,  solle  jede  Ermutigung
zuteil  werden.  Nachdem  Luzzatti  sodann  einen  Gesetzentwurf  angekündigt
hatte,  der  den  Bau  und  den  Betrieb  von  Sekundärbahnen  in  der  Basilicata
und  Calabrien  der  Privatindustrie  überläßt,  führte  er  aus,  die  Staatsmänner
  der  verschiedenen  Kammerparteien,  aus  denen  das  Kabinett  gebildet
sei,  hätten  sich  über  das  Ziel  verständigt,  und  das  gegenseitige  Vertrauen
schaffe  eine  starke  liberale  Mehrheit.  Die  Regierung  sei  sich  der  historischen
Mission  Italiens  auf  dem  Gebiete  der  Gerechtigkeit,  Freiheit  und  Kultur
bewußt.  Von  der  Verteidigung  des  Vaterlandes  zu  Lande  wie  zur  See
zu  sprechen,  sei  nicht  notwendig;  sie  sei  jedermann  heilig  und  werde  von
dem  Wechsel  der  Ministerien  nicht  beeinflußt.  Ebenso  werde  die  Regierung
einen  Beweis  der  Stetigkeit  geben,  die,  unbeirrt  durch  den  Wechsel  der
Minister  und  der  Kammern,  das  Ansehen  und  die  Geltung  der  auswärtigen
Politik  Italiens  sichere.  Die  Festigkeit  des  Dreibunds,  die  soeben  sowohl
bei  dem  freudig  begrüßten  Besuch  des  deutschen  Reichskanzlers,  unseres
willkommenen  Gastes,  in  Rom,  wie  durch  den  herzlichen  Austausch  der
gemeinsamen  Anschauungen  zwischen  den  auswärtigen  Ministern  Ztaliens
und  Oesterreich-Ungarns  neu  bekräftigt  wurde,  die  aufrichtige  Freundschaft
mit  Frankreich,  Großbritannien  und  Rußland  und  die  ausgezeichneten  Beziehungen
  zu  allen  anderen  Staaten  lassen  Italien  immer  deutlicher  als
einen  tätigen  Faktor  der  Eintracht  erscheinen,  der  unter  allen  Umständen
bemüht  ist,  Lösungen  vorzuschlagen  oder  zu  unterstützen,  die  geeignet  sind,
die  Regierungen  einander  immer  näher  zu  bringen  und  die  Völker  zu  verbrüdern.
  Der  Ministerpräsident  gab  dann  der  Hoffnung  Ausdruck,  daß
Italien  im  Jahre  1911  gelegentlich  der  Jubelfeier  seiner  nationalen  Wiedergeburt
  in  Rom  eine  Konserenz  sehen  werde  zur  Vorbereitung  von  allgemeinen
und  festen  Leitsätzen  für  Arbeitsverträge,  Auswanderung  und  Verlust  oder
        <pb n="568" />
        560  Italien.  (April  30.—Juni  7.)

Erhaltung  der  Staatsangehörigkeit.  Die  Kirchenpolitik  des  Kabinetts,  so
fuhr  der  Ministerpräsident  sort,  werde  darin  bestehen,  allen  Religionen  die
Freiheit  der  Entwicklung  innerhalb  der  staatlichen  Hoheitsgrenzen  zu  sichern.
Was  die  politischen  Reformen  betreffe,  so  solle  vor  allem  die  politische
Energie  der  beiden  Häuser  des  Parlaments  gestärkt  werden.  So  solle  von
der  nächsten  Tagung  ab  der  Senat  seine  Präsidenten  und  seine  Vizepräsidenten
  selbst  ernennen.  Für  die  Wahlen  zur  Kammer  solle  eine
Aenderung  der  Wahlkreiseinteilung  in  den  großen  Städten  angestrebt
werden,  die  den  Versuch  gestatten  würde,  ob  das  Proportionalsystem  den
sozialen  und  politischen  Verhältnissen  Italiens  entspreche;  später  solle  dann
die  Frage  untersucht  werden,  ob  es  möglich  ist,  die  Teilnahme  des  Volkes
am  Staatsleben  dadurch  auf  eine  breitere  Basis  zu  stellen,  daß  allen  großjährigen
  Bürgern,  die  lesen  oder  schreiben  können,  das  Wahlrecht  bewilligt
wird.  Der  Ministerpräsident  berührte  dann  die  Frage  der  Schiffahrtssubventionen
  und  schlug  vor,  daß  durch  ein  Gesetz  eine  parlamentarische
Kommission  geschaffen  werde  mit  dem  Auftrage,  die  Frage  zu  prüfen  und
möglichst  bald  endgültige  Maßregeln  vorzuschlagen.  Schließlich  ersuchte
der  Ministerpräsident  die  Kammer  um  ein  klares  und  offenes  Urteil,  da
die  Wichtigkeit  der  der  Lösung  harrenden  Probleme  eine  schwache  oder  nur
geduldete  Regierung  nicht  gestatte.  (Langanhaltender  Beifall.)

30.  April.  Nach  langer  Debatte  über  das  Regierungsprogramm,
speziell  die  Wahlreform,  die  Schiffahrtssubvention  und  die  religiöse
Frage  erteilt  die  Kammer  der  Regierung  mit  393  gegen  17  Stimmen
(bei  6  Stimmenthaltungen)  ein  Vertrauensvotum.

15.  Mai.  (Mailand.)  Frredentistische  Österreicher.

700  Besucher  aus  Triest  werden  im  Hofe  des  Sforzaschlosses  durch
den  Bürgermeister  Gabba  begrüßt.  Durch  die  Regierung  werden  aber
die  beabsichtigten  irredentistischen  Kundgebungen  verhindert.

27.  Mai.  Garibaldi-Feier.

Der  Tag,  an  dem  vor  50  Jahren  Garibaldi  durch  einen  Handstreich
das  Königreich  beider  Sizilien  für  die  nationale  Sache  gewann,  wird  festlich
begangen.  In  Palermo  wird  ein  Freiheitsdenkmal  enthüllt.  Der  König
und  die  Königin  empfingen  101  Ueberlebende  der  Tausend  von  Marsala
im  Garten  des  dortigen  Königlichen  Palastes.

W.  Mai.  Die  Kammer  nimmt  in  geheimer  Abstimmung  mit
188  gegen  58  Stimmen  den  Gesetzentwurf  über  die  Schiffahrtskonventionen
  an.

29.  Mai.  Prozessionsfrage.

Da  die  Behörden  die  früher  untersagten  kirchlichen  Prozessionen
auf  öffentlicher  Straße  seit  einigen  Jahren  dulden,  so  richtet  sich  nach  dem
Bekanntwerden  der  Borromaeus-Enzyklika  (s  Römische  Kurie,  26.  Mai)  die
Agitation  der  Antiklerikalen  mit  erhöhter  Schärfe  gegen  diese  Toleranz.
Bei  einer  Störung  einer  Prozession  muß  die  Polizei  einschreiten,  wobei
6  Personen  verwundet  werden.

7.  Juni.  In  den  Provinzen  Salerno  und  Avellino  in  Süditalien
  finden  heftige  Erdbeben  statt,  denen  auch  Menschen  zum
Opfer  fallen.
        <pb n="569" />
        N#lien.  (Juni  25.—November  7.)  561

Das  Zentrum  des  Erdbebens  liegt  zwischen  dem  erloschenen  Vulkan
Lolture  und  dem  Städtchen  Calitri.  Der  König  spendete  für  die  Opfer
ire.

25.  Juni.  Die  Kammer  bewilligt  mit  allen  gegen  24  sozialistische
  Stimmen  zehn  Millionen  Lire  zur  Schaffung  einer  Luftschiffflotte.


2.  Juli.  (Kammer.)  Ein  Vertrauensvotum  für  den  Ministerpräfidenten
  ermutigt  die  Regierung,  die  Schulvorlage,  welche  die
Staatsaufsicht  verschärfen  und  die  Lehrergehälter  erhöhen  soll,  aufrecht
  zu  erhalten.

Es  stimmten  374  Abgeordnete  dafür  und  21  dagegen.

4.  Juli.  (Mailand.)  Der  Astronom  Giovanni  Schiaparelli  f,
75  Jahre  alt.

10.  August.  Cavourfeier.

Der  hundertste  Geburtstag  Cavours  wird  in  allen  Städten  festlich
begangen,  besonders  in  seiner  Geburtsstadt  Turin,  wohin  sich  auch  der
Herzog  von  Aosta  und  Ministerpräsident  Luzzatti  begeben  haben.  Letzterer
hielt  die  Gedächtnisrede  und  verglich  darin  Cavour  mit  Bismarck.

28.  August.  (San  Terenzo  bei  Genua.)  Der  Physiologe
Professor  Mantegazza  f.  79  Jahre  alt.

10.  September.  Nach  den  Flottenmanövern  werden  fünf
Vizeadmirale  und  zwölf  Kontreadmirale  pensioniert.

20.  September.  (Rom.)  Feier  der  Besetzung  Roms  im
Jahre  1870.

Bei  dem  Bereschefest  hielt  Bürgermeister  Nathan  eine  Festrede,  in
der  er  an  den  letzten  großen  Pilgerzug  zum  Papstkönig  erinnerte,  der
diesem  die  allein  von  Döllinger  bekämpfte  Infallibilität  brachte.  Diese
traditionell  vererbte  Infallibilität  sei  in  die  Volkssitten  übergegangen  und
zeige  sich  heute  in  der  Unbildung  der  Bevölkerung,  die  bei  Auftreten  der
Epidemie  in  Apulien  der  Madonna  Gelübde  ablege  und  Aerzte  erdolche.
Die  Rede  ruft  flammende  Einsprüche  auf  katholischer  Seite  hervor  und  erregt
wegen  dieser  Hineinziehung  religiöser  Fragen  große  Entrüstung  im  Vatikan.

29.  September.  Zusammenkunft  des  Grafen  Ahrenthal  und
des  Marquis  di  San  Giuliano  in  Turin.  Das  Königspaar  gibt  im
Anschluß  an  eine  geheime  Audienz  zu  Ehren  des  Grafen  Ahrenthal
in  Racconigi  ein  Frühstück.

25.  Oktober.  Im  Golf  von  Neapel  entsteht  durch  Erdrutsch,
Sturm  und  Wolkenbruch  eine  Katastrophe,  die  mehreren  hundert
Menschen  das  Leben  kostete  und  schwere  Verwüstungen  anrichtete.

27.  Oktober.  Die  Regierung  verfügt  ein  dreimonatiges  Moratorium
  für  Wechsel  unter  500  Lire,  die  in  Neapel  zahlbar  sind.

7.  November.  (Siena.)  Erste  antimodernistische  Eidesleistung

vor  dem  Erzbischof  durch  die  Professoren  des  Seminars.
Europäischer  Geschichtskalender.  ILI.  36
        <pb n="570" />
        562  Ilalien.  (November  14.—Dezember  2.)

14.  November.  Vermählung  des  Prinzen  Viktor  Napoleon
mit  Prinzessin  Clementine  von  Belgien  im  Schloß  der  Prinzessin
Clotilde,  der  Mutter  des  Prinzen,  in  Morncalieri.

Den  geladenen  französischen  Journalisten  erklärt  der  Prinz,  daß  er
im  Herzen  immer  französischer  Bürger  bleiben  werde.  Als  Mann  des
Fortschritts  und  als  Liberaler  halte  er  es  für  eine  Ehrensache,  anzuerkennen,
daß  besonders  in  der  gegenwärtigen  Regierung  sehr  hervorragende  und  für
Frankreich  wertvolle  Männer  seien.  Er  habe  nichts  von  seinen  Hoffnungen
und  Plänen  aufgegeben,  aber  er  sei  der  Ansicht,  daß  der  Augenblick  ihrer
Verwirklichung  noch  nicht  gekommen  sei.  Man  könne  nichts  ohne  die  Zustimmung
  des  Volkes  tun.  Er  wolle  durch  das  Volk  und  für  das  Volk
triumphieren.  Er  hoffe,  daß  ein  Tag  kommen  werde,  wo  man  das  Bedürfnis
  nach  einer  mehr  autoritären  Republik  empfinden  werde,  die,  ohne
die  Errungenschaften  der  Vergangenheit  aufzugeben,  sich  werde  angelegen
sein  lassen,  denselben  Geltung  zu  verschaffen.  An  diesem  Tage  werde  er
sehen,  was  er  zu  tun  habe,  bis  dahin  wolle  er  im  Schatten  bleiben.

2.  Dezember.  (Kammer.)  Aus  der  Rede  des  Ministers
San  Giuliano  über  auswärtige  Politik:

Die  herzliche  Freundschaft  Italiens  gegenüber  Frankreich,  England
und  Rußland  stehe  in  vollkommenem  Einklang  mit  dem  Geiste  des  Dreibundes,
  und  Italiens  Aufrichtigkeit  und  Loyalität  allen  Mächten  gegenüber
sichere  ihm  das  allgemeine  Vertrauen.  Er  erwidere  von  ganzem  Herzen
die  freundschaftlichen  und  herzlichen  Aeußerungen  des  Grafen  Aehrenthal
und  sei  sicher,  der  Dolmetscher  entsprechender  Gefühle  des  Parlaments  und
Landes  zu  sein.  In  der  orientalischen  Frage  habe  Graf  Aehrenthal  gar
keine  deutlicheren  Erklärungen  abgeben  können.  Er  sehe  am  Horizont  keine
Frage,  die  zu  einer  Meinungsverschiedenheit  zwischen  Italien  und  Oesterreich-Ungarn
  führen  könne.  In  Bezug  auf  untergeordnete  Fragen,  nämlich  Grenzzwistigkeiten,
  hätten  die  beiden  Regierungen  sich  bereits  auf  gewisse  allgemeine
  Grundsätze  zu  ihrer  Beseitigung  geeinigt.  Mit  den  Deputierten
Bissolati  und  Brunialti  sei  er  der  Meinung,  daß  der  Irredentismus  kaum
noch  bestehe  und  in  Oesterreich  keine  Besorgnis  erwecken  sollte.  Auf  den
Abrüstungsvorschlag  Bissolatis,  demgegenüber  die  Deputierten  Brunialti
und  Valli  immer  stärkere  Rüstungen  forderten,  antwortete  der  Minister,
die  österreichisch--ungarische  Regierung  habe  vollständig  recht  gehabt,  als  sie
in  den  Delegationen  wiederholt  darauf  hinwies,  daß  die  Rüstungen  Italiens
und  Oesterreich-Ungarns  nicht  gegeneinander  gerichtet  seien,  daß  vielmehr
ein  starkes  Italien  im  Interesse  Oesterreich--Ungarns  liege  und  umgekehrt.
Jedesmal,  wenn  man  versucht  habe,  sich  über  die  Abrüstung  zu  verständigen,
hätten  die  Beziehungen  zwischen  den  Mächten  eine  Abkühlung  erfahren.
Es  sei  besser,  den  umgekehrten  Weg  zu  gehen,  nämlich,  wie  es  heute  alle
Großmächte  und  insbesondere  Italien  und  seine  Verbündeten  täten,  gemeinsam
  dahin  zu  streben,  alle  Ursachen  zu  Streitigkeiten  abzuschwächen
und  zu  beseitigen.  Die  Rede  des  Bürgermeisters  von  Rom  sei  ein  inneritalienisches
  Ereignis,  über  das  sich  Italien  mit  keiner  fremden  Regierung
in  eine  Diskussion  hätte  einlassen  können.  Uebrigens  habe  auch  keine  Macht
einen  solchen  Versuch  unternommen.  Es  sei  überflüssig,  immer  wieder  zu
betonen,  daß  Rom  unantastbar  sei;  das  sei  in  der  ganzen  Welt,  in
Italien  wie  im  Ausland  bekannt.  Nicht  minder  unantastbar  seien  die
freiheitlichen  Grundsätze  des  öffentlichen  Rechts  in  Italien.  Der  Minister
kam  dann  auf  die  Beziehungen  Italiens  zur  Türkei  zu  sprechen  und  be-
        <pb n="571" />
        Ilalien.  (Dezember  3.  21.)  Kömische  Hurir.  (Januar  8.)  563

zeichnete  sie  als  freundschaftlich.  Die  Politik  der  vier  Schutzmächte  habe
den  Frieden  aufrechterhalten  und  dadurch  Griechenland  und  Europa  einen
großen  Dienst  erwiesen.  Das  jüngste  Botum  der  kretischen  Nationalversammlung
  zugunsten  der  Annexion  könne  keinerlei  Wirkung  haben  und
ändere  nichts  an  der  Absicht  der  vier  Mächte,  den  Statusquo  und  die
Souveränitätsrechte  des  Sultans  aufrechtzuerhalten.  In  Sachen  des  Zwischenfalls
  von  Hodeidah  müßten  noch  einige  tatsächliche  Umstände  festgestellt
werden.  Einige  Deputierte  hätten  von  einem  Mißtrauen  der  Türkei  gegen
die  wirtschaftliche  Tätigkeit  Italiens  in  Tripolis  gesprochen.  Die  türkische
Regierung  bestreite,  daß  ein  solches  Mißtrauen  vorhanden  sei,  aber  seine
Wirkungen  träten  vielfach  zutage.  „Wir  wünschen,  daß  das  Ottomanische
Reich  in  vollem  Umfang  erhalten  und  daß  Tripolis  für  immer  türkisch
bleibe.  Bei  dessen  geographischer  Lage  müssen  wir  nur  Gewicht  darauf
legen,  daß  dort  kein  anderer  fremder  Einfluß  vorherrschend  wird.“  Das
türkische  Mißtrauen  gegen  Italiens  Politik  und  gegen  seine  archäologischen
Forschungsexpeditionen  sei  unbegründet.  Zum  Schluß  erklärte  der  Minister,
man  sei  auf  dem  besten  Wege  zu  einem  Abkommen  über  die  Frage  der
Versicherung  der  italienischen  Arbeiter  in  Deutschland.

3.  Dezember.  (Kammer.)  Staatshaushalt  und  Volkswirtschaft.


Das  Finanzexposé  des  Ministers  Tedesco  legt  dar,  daß  man  für
die  nächsten  Jahre  voraussichtlich  noch  mit  Ueberschüssen  rechnen  kann  trotz
der  gesteigerten  Aufwendungen  für  Rüstungen,  für  öffentliche  Arbeiten
(darunter  Messina)  und  für  die  unumgänglich  höhere  Besoldung  zahlreicher
ungenügend  bezahlter  Beamtenklassen.  Das  verdankt  Italien  der  schnellen
Entwicklung  seiner  Volkswirtschaft.  Ungünstig  liegen  nur  die  Seiden-  und
die  Baumwollindustrie.  Die  Regierung  will  der  ersteren  durch  Verbreitung
der  Coconszucht  im  Süden  und  finanzielle  Unterstützung  aufhelfen,  zur
Gesundung  der  Baumwollindustrie  aber  besondere  Maßregeln  für  die  Einschränkung
  der  Produktion  und  die  Hebung  des  Exports  von  Fabrikaten  sorgen.

Anfang  Dezember.  Crispis  Memoiren.

In  der  Presse  erscheinen  Vordrucke  aus  den  Denkwürdigkeiten  Crispis,
herausgegeben  von  seiner  Tochter  und  dem  Advokaten  Palamenghi-Crispi.
Unter  anderem  wird  der  Zug  der  Tausend  und  die  Besitznahme  Siziliens
und  Unteritaliens  durch  Garibaldi  als  ein  wohlvorbereiteter  Plan  Crispis
hingestellt,  ohne  daß  Cavour  aktiven  Anteil  daran  nahm.  Garibaldi  zauderte
bis  zum  letzten  Augenblick.

21.  Dezember.  (Kammer.)  Einbringung  eines  Gesetzentwurfes
zur  Wahlreform  durch  den  Ministerpräsidenten.  Die  Kammer  vertagt
  sich  bis  zum  24.  Januar.

VIII.
Römische  Kurie.

8.  Januar.  Kardinal  Francesco  Sartolli  f,  70  Jahre  alt.

Er  wurde  von  Leo  XIII.  nach  Amerika  geschickt,  um  den  Amerikanismus
  unter  Führung  des  Kardinals  Gibbons  zu  versöhnen.

367
        <pb n="572" />
        564  Rämische  Hurie.  (März  23.—Mai  26.)

23.  März.  Audienz  des  deutschen  Reichskanzlers  v.  Bethmann
Hollweg  beim  Papste.

27.  März.  Der  „Osservatore  Romano“  verbffentlicht  die
Dienstentlassung  des  Grafen  Edoardo  Soderini,  der  als  Geheimkämmerer
  und  offiziöser  Historiker  hohes  Ansehen  genoß.

4.  April.  Roosevelt  in  Rom,  ohne  den  Papfst  zu  sehen.

Präsident  Roosevelt  verzichtet  nach  seiner  Ankunft  in  Rom  auf  die
erbetene  Audienz  beim  Papste,  weil  die  Bedingung  daran  geknünpft  war,
daß  nichts  Anstößiges  von  der  Art  geschehe,  wie  es  jüngst  der  nordamerikanische
  Vizepräsident  Fairbank  begangen  hatte.  Dieser  hatte  nämlich  einen
Vortrag  in  einer  Methodistenkirche  gehalten.

6.  April.  Dem  Kölner  Männer-Gesangverein  wird  eine  ihm
vom  Kardinal-Erzbischof  Fischer  versprochene  Audienz  beim  Paypste
verweigert,  weil  er  vor  dem  König  gesungen  habe.

18.  April.  Keine  Annäherung  an  Roosevelt  gestattet.

Der  Papst  befiehlt  die  Maßregelung  des  Pater  Janssens,  eines
Benediktiners,  der  Roosevelt  in  Rom  aufgesucht  und  ihm  schriftlich  seine
Zustimmung  ausgedrückt  hat.  Ebenso  wird  erklärt,  daß  der  Wiener  Nuntius
keinen  ftrag  hatte,  Roosevelt  zu  besuchen.  (Siehe  Oesterreich-Ungarn

.April!

27.  April.  Die  Staatskanzlei  versendet  an  alle  Nuntien
einen  Protest  des  Heiligen  Stuhles  gegen  die  Reise  des  Fürsten
von  Monaco  nach  Rom.

26.  Mai.  Borromäus-Enzyklika.

Anläßlich  des  300  jährigen  Gedenktages  der  Heiligsprechung  des
Karl  Borromäus,  eines  Nepoten  des  Papstes  Pius  IV.  und  Hauptförderers
der  Gegenreformation,  erläßt  der  Papst  eine  Enzyklika  Editae  saepe,  die
in  ihrem  historischen  Rückblick  auf  die  Reformation  die  folgende  Stelle  enthält:
  „Inmitten  dieser  Uebel  erstanden  hochmütige  und  rebellische  Männer;
Feinde  des  Kreuzes  Christi;  Männer  irdischen  Sinnes,  deren  Gott  der
Bauch  ist.  Diese  suchten  nicht  die  Sitten  zu  verbessern,  sondern  leugneten
die  Dogmen,  vermehrten  die  Unordnung  und  lockerten  zu  ihrem  und  anderer
Nutzen  die  Zügel  der  Freiheit.  Sie  verachteten,  indem  sie  den  Leidenschaften
  der  am  meisten  korrumpierten  Fürsten  und  Völker  folgten,  die
Autorität  und  Führung  der  Kirche  und  zerstörten  fast  tyrannisch  ihre  Lehre,
Verfassung  und  Disziplin.  Alsdann  ahmten  sie  jenen  Bösen  nach,  denen
die  Drohung  gilt:  „Wehe  euch,  die  ihr  das  Böse  gut  nennt  und  das
Gute  böse!“  Diesen  Tumult  der  Rebellion  und  diese  Perversion  des
Glaubens  und  der  Sitten  nannten  sie  Reformation  und  sich  die  Reformatoren,
  aber  in  Wahrheit  waren  sie  Verderber,  entnervt  durch  Uneinigkeit
  und  Krieg.  Sie  bereiteten  die  Rebellion  und  Apostasie  moderner  Zeit
vor  und  entfachten  die  dreifache  Verfolgung,  gegen  welche  die  Kirche  bisher
einzeln  siegreich  zu  kämpfen  hatte,  nämlich  erstens  die  blutige  Verfolgung
der  ersten  Jahrhunderte,  zweitens  die  häusliche  endemische  Pest  der  Häresien
und  drittens  unter  dem  Namen  evangelischer  Freiheit  jene  Korruption
  der  Laster  und  Perversion  der  Disziplin,  die  das  Mittelalter  so
nicht  kannte."“
        <pb n="573" />
        Rämische  Hurie.  (Juni  8.  —  August  30.)  565

8.  Juni.  Zur  Borromäus-Enzyklika.

Der  „Osservatore  Romano“  veröffentlicht  folgende  Beschwichtigungsnote:
  „Angesichts  der  in  Deutschland  auf  Grund  irrtümlicher  Auslegungen
und  wenig  genauer  Uebersetzungen  der  letzten  Enzyklika  des  Papstes  zutage
getretenen  Erregung  sind  wir  ermächtigt,  sufnendrn  zu  erklären:  Der  heilige
Vater  hat  in  der  Enzyklika  Editae  saepe  dei,  die  aus  Anlaß  des  Gedächtnistages
  des  heiligen  Borromäus  veröffentlicht  wurde  und  die  darauf  abzielte,
  die  Irrtümer  der  Modernisten  zu  bekämpfen,  wie  sich  auch  augenscheinlich
  aus  dem  Wortlaut  ergibt,  auch  nicht  im  entferntesten  die  Absicht
gehabt,  die  Nichtkatholiken  in  Deutschland,  sowie  ihre  Fürsten  zu  beleidigen.
In  der  Enzyklika  befinden  sich  einzig  und  allein  einige  historische  Urteile
über  die  Epoche  des  heiligen  Borromäus,  in  denen  weder  Völker  noch
Fürsten  eines  bestimmten  Landes  genannt  sind.  Im  übrigen  ist  zu  bemerken,
  daß  es  sich  darin  um  Katholiken  jener  Zeit  handelt,  die  sich  gegen
die  Lehren  und  die  Autorität  des  apostolischen  Stuhles  auflehnten.  Wie
wohlwollend  im  übrigen  die  Gefühle  des  Papstes  gegen  Deutschland  und
seine  Fürsten  sind,  ist  auch  in  jüngster  Zeit  sehr  deutlich  zutage  getreten.“

12.  Juni.  Der  Papst  protestiert  gegen  das  Dekret  des
Königs  von  Spanien  über  Gewissensfreiheit.  (Siehe  Spanien
11.  Junil)

16.  Juni.  Als  Verfasser  der  Borromäus-Enzyklika  wird  der
Kardinal.  Erzbischof  Ferrari  von  Mailand  genannt.

29.  Juni.  Motu  proprio  über  den  Doktoreid.

Der  „Osservatore  Romano“  veröffentlicht  einen  Motu  proprio  des
Papstes  betreffend  den  Eid,  der  von  denjenigen  zu  leisten  ist,  die  zu  Doktoren
der  Heiligen  Schrift  ernannt  werden  wollen.  Die  Formel  enthält  das
Versprechen,  die  Grundlehren  und  die  von  dem  Apostolischen  Stuhle  und
der  päpstlichen  Bibelkommission  erlassenen  oder  noch  zu  erlassenden  Dekrete
als  oberste  Richtschnur  und  Regel  für  ihre  Studien  getreulich  und  vollständig
  unverfälscht  zu  bewahren,  als  unantastbar  zu  achten  und  diese
Grundlehren  und  Dekrete  niemals  zu  widerlegen,  weder  im  Unterricht  noch
auf  irgendeine  andere  Weise  in  Wort  oder  Schrift.

13.  Juli.  Auch  Holland  gegenüber  sucht  der  Papst  die  Wirkung
der  Borromäus--Enzyklika  abzuschwächen.

Die  liberale  italienische  Presse  spottet  über  „das  dritte  Canossa
des  Vatikans“.

19.  August.  Der  portugiesische  Geschäftsträger  erklärt  dem
Papst  das  Mißfallen  seiner  Regierung  über  das  Verhalten  des
Nuntius  in  Lissabon.  (Siehe  Portugal  Mitte  August)

20.  August.  Ein  Dekret  des  Papstes  erweitert  die  bischöflichen
Machtbefugnisse  über  den  niederen  Klerus.

Die  „administrative  Absetzung“  kann  erfolgen,  wenn  der  Bischof
und  zwei  von  ihm  ernannte  „Examinatoren“  mit  Majorität  dafür  sind.
Die  dagegen  eingelegte  Berufung  wird  entschieden  durch  denselben  Bischof
mit  zwei,  ebenfalls  von  ihm  ernannten  „Konsultoren“.

30.  August.  Auflösung  der  französischen  religiösen  Vereinigung
„Le  Sillon“.  (Siehe  Frankreich  30.  Augustl)
        <pb n="574" />
        566  Rönische  Harie.  (September  1.—Oktober  12.)

1.  September.  Das  Priesterseminar  in  Perugia  wird  wegen
Verdachts  des  Modernismus  unter  dem  Vorwand  baulicher  Veränderungen
  geschlossen.

2.  September.  „Ecclesia  militans“.

Aus  Anlaß  der  feierlichen  Uebertragung  der  Reliquien  des  heiligen
Karl  Borromäus  in  den  Mailänder  Dom  richtet  der  Papst  an  den  Kardinal
Agliardi  eine  Botschaft,  worin  er  ausführt,  es  sei  keineswegs  wünschenswert,
  daß  der  den  Ehrennamen  „Ecclesia  militans“  führenden  Kirche
Kämpfe  und  Nöte  erspart  bleiben.  Zu  wünschen,  zu  hoffen  und  zweifellos
"l.  irt  schließliches  Obsiegen  und  ihre  triumphierende  Erhöhung  über
alle  Feinde.

8.  September.  Antimodernisteneid.

Ein  Motu  proprio  des  Papstes  gegen  die  modernistische  Bewegung
verlangt  von  den  Anchofen  und  Ordensoberen  eine  sorgfältige  Ueberwachung
der  Geistlichen  und  Zensur  der  Schriften.  Ein  Eid,  der  lauteren  Lehre
und  der  katholischen  Disziplin  treu  anzuhängen,  soll  geleistet  werden:  von
jedeem  Professor  vor  Beginn  der  Vorlesungen,  von  den  Geistlichen,  bevor
sie  zu  höheren  Weihen  aufrücken,  von  den  neuen  Beichtvätern,  Pfarrern,
Chorherren  und  Benefizianten,  bevor  sie  in  den  Besitz  ihrer  Benefizien
treten,  von  den  Beamten  der  bischöflichen  Verwaltungen  und  der  kirchlichen
Gerichtshöfe,  eingerechnet  Generalvikare  und  Richter,  von  den  Fastenpredigern,
  den  Mitgliedern  der  Kongregationen  und  Gerichtshöfe  des
Heiligen  Stuhles.  Das  Motu  proprio  enthält  ferner  die  Eidesformel  hierfür,
  gibt  schließlich  dem  Klerus  Anweisungen  über  die  nutzbringendste  Art
zu  predigen  und  zitiert  eine  Stelle  aus  dem  entsprechenden  Erlaß  des
Papstes  Leo  XIII.

Ueber  die  Pflege  der  Wissenschaft  äußert  sich  der  Papst:  „Es  gilt,
gegen  Feinde  zu  kämpfen,  die  wohlerfahren  sind  und  mit  sehr  gründlichen
Forschungen  eine  mit  Trug  verwobene  Wissenschaft  darbieten,  deren  blendende
und  einschmeichelnde  Sätze  in  vielfältigen  und  hochtönenden  Aussprüchen
formuliert  werden,  so  daß  anscheinend  dabei  etwas  ganz  Besonderes  herauskommt.
  Deshalb  bedarf  es  wohlgeschliffener  Waffen,  d.  h.  eines  umfassenden
Wissens,  bei  allen  denjenigen,  die  sich  der  heiligsten  und  schwierigsten  Aufgabe
  widmen,  wobei  aber  auch  dem  Wissensdrange  geeignete  Grenzen  zu
setzen  sind,  denn  St.  Paul  sagt:  „Non  plus  sapere  qduam  oportet  sapere“.

Den  Wortlaut  des  Modernisteneides  siehe  Römische  Kurie  Anhang!

23.  September.  Protest  gegen  die  Brescherede.

Der  Papst  richtet  an  den  Generalvikar  ein  Schreiben,  in  dem  er
gegen  die  Rede  des  Bürgermeisters  Nathan  bei  der  Feier  des  20.  September
(s.  Italien  20.  Sept.)  Protest  erhebt  und  die  Aufmerksamkeit  der  Katholiken
von  Rom  und  der  ganzen  Welt  auf  die  dort  verübten,  sich  immer  mehr
steigernden  Beleidigungen  der  katholischen  Religion  auch  seitens  der  öffentlichen
  Autoritäten  am  Sitze  des  römischen  Pontifikats  lenkt.

Dieses  Schreiben  wird  an  alle  katholischen  Bischöfe  gesandt.

12.  Oktober.  Verschärfung  des  Modernisteneides.

Die  Konsistorial--Kongregation  verfügte,  daß  der  theologische  Doktortitel
  nur  denjenigen  Kandidaten  verliehen  werden  soll,  die  nachweisen  können,
daß  sie  den  Kursus  in  der  scholastischen  Philosophie  durchgemacht  haben.
Weiter  bestimmte  sie,  daß  die  Versammlungen  der  Ueberwachungsräte,  welche
die  Enzyklika  „Puscendi“  für  alle  Diözesen  eingesetzt  hatte,  alle  halbe  Jahre
        <pb n="575" />
        Rämische  Anrie.  (November  Mitte  —  Dezember  23.)  567

stattfinden  und  diejenigen,  die  nicht  teilnehmen  können,  schriftlichen  Bericht
erstatten  müssen.  Die  Vorlesungen,  welche  die  Professoren  in  den  Seminaren
halten,  müssen  vorher  zur  Genehmigung  vorgelegt  werden.  Der  Modernisteneid
  muß  alljährlich  erneuert  werden  und  zu  ihm  sind  alle  verpflichtet,  die
ein  geistliches  Amt  bekleiden.  Alle,  die  den  Eid  verletzen  oder  mit  seiner
Ablegung  zögern,  werden  der  Inquisition  angezeigt.  Weiter  dürfen  Prediger,
denen  die  Ausübung  ihres  Amtes  in  einer  Diöbzese  verboten  ist,  in  keiner
andern  mehr  zum  Predigen  zugelassen  werden.

Mitte  November.  Gegen  den  Baron  de  Mathies.

Der  Papst  antwortet  auf  die  Beschwerde  des  Bischofs  Dr.  Alois
Schäfer  (siehe  Deutsches  Reich  (Sachsen)  4.  November!)  in  einem  eigenhändigen
  Schreiben,  daß  er  mit  dem  Bischof  über  die  schwere  Ungerechtigkeit,
  die  dem  König  zugefügt  worden  ist,  tief  betrübt  sei  und  daß  er  sobald
als  möglich  einen  öffentlichen  Widerruf  und  eine  Entschuldigung  seitens
des  Monsignore  de  Mathies  herbeiführen  werde.

8.  Dezember.  Das  Trauerjahr  1911.

Der  Papst  sagt  für  das  Jahr  1911  alle  Empfänge  größerer  Gruppen
von  Pilgern  ab  und  wird  auch  Einzelaudienzen  auf  das  Allernotwendigste
beschränken,  weil  das  Jahr,  für  welches  die  Italiener  großartige  Festlichkeiten
  zur  Erinnerung  an  den  Sturz  der  weltlichen  Macht  des  Papsttums
vorbereiten,  ein  Trauerjahr  für  die  Kirche  sei.

15.  Dezember.  Verfahren  gegen  Prinz  Max  von  Sachsen,
Professor  für  kanonisches  Recht  und  Liturgie  in  Freiburg  (Schweiz).

Er  hatte  in  der  Zeitschrift  „Roma  e  l’Oriente"  einen  Artikel  veröffentlicht:
  „Gedanken  über  die  Frage  einer  Vereinigung  der  christlichen
Kirchen“".  Darin  stellt  der  Prinz  die  katholische  Kirche  in  ihren  auf  Vereinigung
  der  verschiedenen  katholischen  Bekenntnisse  gerichteten  Bestrebungen
als  gewalttätig  und  herrschsüchtig  hin.  Die  kirchliche  Union  im  Orient,
wie  sie  von  Rom  durchgeführt  würde,  käme  einer  vollen  Unterjochung  gleich.

Der  Papst  befahl  dem  Herausgeber  der  Zeitschrift,  diesen  Artikel  zu
vernichten,  und  zitierte  den  Prinzen  nach  Rom.

20.  Dezember.  Zum  Aufsatz  des  Prinzen  Max.

Die  „Kölnische  Volkszeitung“  erfährt  aus  Rom:  In  eingeweihten
vatikanischen  Kreisen  verlautet,  Prinz  Max  sei  bei  seinem  Artikel  beinahe
wörtlich  den  Ausführungen  des  ehemaligen  Münchener  Kirchenhistorikers
Alois  Pichler  in  seiner  zweibändigen,  1864  erschienenen  und  auf  dem  Index
stehenden  Geschichte  der  Kirchentrennung  zwischen  Orient  und  Okzident  gefolgt.
  (Das  Privatsekretariat  des  Prinzen  tritt  aber  dieser  Behauptung
energisch  entgegen.)  Obwohl  die  Angelegenheit  auf  Pius  X.  einen  betrübenden
  Eindruck  gemacht  habe,  wisse  man  doch  im  Vatikan  die  sonstigen
ausgezeichneten  Priestereigenschaften  des  Prinzen  zu  schätzen  und  suche  den
Vorfall  zu  vergessen  in  der  Annahme,  daß  der  Verfasser  von  guter  Absicht
geleitet  gewesen  und  bei  umfassender  Kenntnis  der  ganzen  Materie  eine
andere  Darstellung  geboten  hätte.  Im  übrigen  übermittelte  Prinz  Max
dem  Heiligen  Vater  ein  Ergebenheitsschreiben  mit  dem  Ausdruck  des  Bedauerns,
  daß  er  mit  seinen  Ausführungen  falsch  verstanden  worden  sei.

23.  Dezember.  Die  vom  Payst  befohlene  Widerlegung  des
Artikels  des  Prinzen  Max  in  der  Zeitschrift  „Roma  e  l'’Oriente“.

Die  Kritik  besagt:  Der  Unionsvorschlag  weise  dem  Papst  nicht  die
Stellung  des  Vaters  und  Meisters  aller  Gläubigen  im  Orient  und  Okzident,
        <pb n="576" />
        568  Rãmisqe  Kurie.  (Dezember  26.|27.  Anhang.)

sondern  den  Orientalen  gegenüber  die  der  auswärtigen  Souveräne  an.
St.  Peter  habe  der  Herr  alle  Hirtenmacht  übertragen  und  den  Schülern
die  Vorschrift  zur  Liebe.  Deshalb  müßten  alle  dem  Papst  bedingungslos
in  unterwürfiger  Liebe  dienen.  Wenn  der  hohe  Autor  von  dem  lateinischen
Dogma  spreche,  so  handle  es  sich  wohl  um  eine  reine  Vergeßlichkeit,  er
wolle  wohl  von  einer  noch  nicht  definierten  Doktrin  sprechen.  Diese  dürfe
diskutiert  werden,  ein  Dogma  diskutiere  man  nicht.  Der  Artikel  schließt:
„Diese  Kriterien  würden  eine  Union  in  dem  vom  Prinzen  gewollten  Sinne
mehr  als  je  erschweren.  Wir  geben  sie  weinend  ab,  müssen  aber  den
Brüdern  im  Okzident  und  Orient  die  Wahrheit  sagen."

26.—27.  Dezember.  Prinz  Max  von  Sachsen  in  Rom.

Er  unterschreibt  eine  ihm  vorgelegte  Erklärung,  die  den  Vatikan  befriedigt,
  „aus  freier  Entschließung“.  Darauf  wurde  er  vom  Payst  in  einer
zweiten  Audienz  „liebevollst“  empfangen.

—  —  —

Anhang.
Der  Modernisteneid.

Ich  .  bekenne  mich  unerschütterlich  zu  allen  und  jeden  Wahrheiten,
  die  die  Kirche  durch  ihr  unfehlbares  Lehramt  definiert,  aufgestellt
und  erklärt  hat,  hauptsächlich  zu  jenen  Grundpfeilern  der  Doktrin,  die  sich
direkt  gegen  die  Irrtümer  dieser  Zeit  richten.  Vor  allem  bekenne  ich,  daß
Gott,  der  Anfang  und  das  Ende  aller  Dinge,  erkannt  und  daher  auf  sichere
Weise  durch  das  natürliche  Licht  der  Vernunft,  durch  das  Mittel  der
Dinge,  die  geschaffen  wurden,  d.  h.  durch  ihre  sichtbaren  Werke  der
Schöpfung,  wie  die  Ursache  durch  ihre  Wirkung  dargetan  werden  kann.
In  zweiter  Linie  gebe  ich  zu  und  erkenne  ich  die  äußeren  Argumente  der
Offenbarung,  d.  h.  die  göttlichen  Tatsachen,  unter  ihnen  in  erster  Linie  die
Wunder  und  Prophezeiungen,  wie  die  sehr  sicheren  Zeichen  des  göttlichen
Ursprungs  der  christlichen  Religion.  Die  gleichen  Argumente  erachte  ich
als  hervorragend  der  Intelligenz  aller  Zeiten  und  aller  Menschen,  auch
der  gegenwärtigen  Zeit,  angepaßt.  Drittens:  Ich  glaube  fest:  daß  die
Kirche  Hüterin  und  Lehrerin  des  geoffenbarten  Wortes,  auf  direkteste  Weise
von  dem  wahren  und  historischen  Christus  in  Person  während  seines  Lebens
unter  uns  gestiftet  wurde,  und  ich  glaube,  daß  diese  Kirche  auf  Petrus,
das  Oberhaupt  der  apostolischen  Hierarchie,  und  auf  seine  Nachfolger  bis
ans  Ende  der  Zeiten  gebaut  ist.  Viertens:  Ich  nehme  aufrichtig  die
Doktrin  des  Glaubens  auf,  wie  sie  uns  die  Apostel  und  die  rechtgläubigen
Väter  überliefert  haben,  ich  nehme  sie  in  dem  gleichen  Sinne  und  in  der
gleichen  Auslegung  auf  wie  sie.  Deshalb  verwerfe  ich  absolut  die  häretische
Annahme  von  der  Evolution  der  Dogmen,  nach  der  diese  Dogmen  den
Sinn  wechselten,  um  einen  anderen  zu  erhalten,  der  verschieden  von  jenem
ist,  den  ihnen  zuerst  die  Kirche  gegeben.  Gleichzeitig  verwerfe  ich  jenen
Irrtum,  der  darin  besteht,  an  Stelle  des  göttlichen  Glaubensschatzes,  der
der  Braut  Christi  und  ihrem  wachsamen  Hüter  anvertraut  ist,  eine  philosophische
  Fiktion  oder  eine  Schöpfung  des  menschlichen  Gewissens  zu  setzen,
die,  nach  und  nach  durch  die  Bemühungen  der  Menschen  gebildet,  in  der
Zukunft  einem  unbeschränkten  Fortschritt  ausgesetzt  wäre.  Fünftens:  Ich
halte  mit  aller  Sicherheit  fest  und  ich  bekenne  aufrichtig,  daß  der  Glaube
kein  blinder  religiöser  Sinn  ist,  der  aus  den  dunklen  Tiefen  des  menschlichen
  „Uebergewissen“  aufsteigt,  moralisch  informiert  unter  dem  Druck  des
Herzens  und  dem  Drange  des  Willens,  sondern  daß  er  eine  wahrhaftige
        <pb n="577" />
        Nönische  urie.  (Anhang.)  569

Zustimmung  der  Intelligenz  zu  der  Wahrheit  ist,  die  durch  die  empfangene
Unterweisung  erworben  wurde  (ex  auditu),  eine  Zustimmung,  durch  die
wir  wegen  der  Autorität  Gottes,  dessen  Wahrhaftigkeit  absolut  ist,  alles
für  wahr  halten,  was  gesagt,  bezeugt  und  geoffenbart  wurde  durch  Gott
persönlich,  unseren  Schöpfer  und  Meister.  Ich  unterwerfe  mich  noch  mit
all  der  gewollten  Reverenz  und  pflichte  aus  aller  Seele  allen  Verurteilungen,
Erklärungen  und  Vorschriften  bei,  die  in  der  Enzyklika  Pascendi  und  im
Dekret  Lamentabili  enthalten  sind,  besonders  jenen,  die  die  sogenannte
Geschichte  der  Dogmen  betreffen.  Gleichzeitig  verwerfe  ich  den  Irrtum
jener,  die  behaupten,  daß  der  von  der  Kirche  vorgetragene  Glaube  der
Geschichte  zuwider  sei  und  daß  die  katholischen  Dogmen,  wie  sie  heute  verstanden
  werden,  mit  den  authentischen  Ursprüngen  der  christlichen  Religion
nicht  in  Enklang  zu  bringen  sind.  Ich  verurteile  auch  und  verwerfe
die  Anschauung  jener,  die  vorgeben,  die  Persönlichkeit  des  christlichen
Kritikers  in  jene  des  Gläubigen  und  jene  des  Historikers  verdoppeln  zu
können,  als  ob  der  Historiker  das  Recht  habe,  das  aufrechtzuerhalten,  was
dem  Glauben  widerspricht,  oder  ob  es  ihm  gestattet  sei,  unter  der  einzigen
Bedingung,  nicht  direkt  ein  Dogma  zu  leugnen,  Prämissen  aufzustellen,
aus  denen  sich  die  Schlußfolgerung  ergeben  würde,  daß  die  Dogmen  falsch
oder  zweifelhaft  sind.  Gleicherweise  verwerfe  ich  die  Methode,.  die  Heilige
Schrift  so  zu  beurteilen  und  auszulegen,  jene  Methode,  die,  im  Gegensatz
zu  der  Tradition  der  Kirche,  der  Analogie  des  Glaubens  und  der  Regeln
des  Apostolischen  Stuhles,  sich  auf  die  Arbeitsmethode  der  Rationalisten
gründet  und  mit  ebensoviel  Kühnheit  als  Verwegenheit  als  höchste  und
einzige  Regel  nur  die  Textkritik  annimmt.  Außerdem  verwerfe  ich  den
Irrtum  jener,  die  behaupten,  daß  der  Gelehrte,  der  die  historischen  oder
theologischen  Fragen  erörtert  oder  irgendjemand,  der  sich  damit  befaßt,
sich  zuerst  jeder  vorgefaßten  Meinung  entledigen  muß,  sei  es  hinsichtlich
des  übernatürlichen  Ursprungs  der  katholischen  Tradition,  sei  es  hinsichtlich
des  göttlichen  Beistandes,  der  für  die  ständige  Bewahrung  jeden  Punktes
geoffenbarter  Wahrheit  versprochen  wurde,  und  die  dann  behaupten,  die
Schriften  jedes  Rirchenvaters  müßten  außerhalb  jeder  geheiligten  Autorität
nach  den  Prinzipien  der  Wissenschaft  allein  und  mit  jener  Unabhängigkeit
des  Urteils  ausgelegt  werden,  die  man  beim  Studium  irgendeines  profanen
  Dokumentes  anzuwenden  gewohnt  ist.  Endlich  bekenne  ich,  vollständig
  frei  von  diesem  Irrtum  der  Modernisten  zu  sein,  der  behauptet,
daß  es  in  der  geheiligten  Tradition  nichts  Göttliches  gibt  oder,  was  noch
schlimmer  ist,  daß  es  Göttliches  in  pantheistischem  Sinne  gibt,  so  daß  es
nur  noch  reine  und  nackte  Tatsachen  gibt,  vergleichbar  den  gewöhnlichen
Tatsachen  der  Geschichte,  d.  h.  die  Tatsache,  daß  die  Menschen  durch  ihre
Arbeit,  durch  ihre  Geschicklichkeit,  durch  ihr  Talent  durch  die  späteren
Jahre  hindurch  die  von  Christus  und  seinen  Aposteln  begonnene  Schule
fortgesetzt  haben.  Um  zu  schließen,  halte  ich  mit  der  größten  Festigkeit
und  bis  zum  letzten  Atemzuge  den  Glauben  der  Kirchenväter  über  das
sichere  Kriterium  der  Wahrheit  fest,  das  ist  und  immer  sein  wird,  „im
Episkopat  überliefert  durch  die  Nachfolgerschaft  der  Apostel“  (IJren.  II.
C.  26),  nicht  derart,  daß  nur  das  behalten  werden  soll,  was  am  besten
dem  Kulturgrade  und  dem  Alter  eines  einzelnen  entspricht,  sondern  so,
daß  die  absolute  Wahrheit,  von  Anfang  an  durch  die  Apostel  gepredigt,
weder  gewachsen,  noch  auf  einen  anderen  Sinn  ausgedehnt  wurde.  Alle
diese  Dinge  verpflichte  ich  mich  treu,  unverkürzt  und  aufrichtig  zu  beobachten,
  sie  unverletzlich  zu  bewahren  und  mich  weder  im  Unterricht,  noch
auf  andere  Weise  durch  Wort  oder  Schrift  davon  zu  entfernen.
        <pb n="578" />
        ILX.
Schweiz.

18.  Februar.  Der  Gotthardbahnvertrag.

Der  am  13.  Oktober  1909  in  Bern  zwischen  dem  Deutschen  Reich,
Italien  und  der  Schweiz  abgeschlossene  neue  Vertrag  soll  die  Verträge  von
1869,  1871,  1878  und  1879  ersetzen  und  wurde  nötig  durch  die  mit
Wirkung  vom  1.  Mai1909  Platz  gegriffene  Verstaatlichung  der  Gotthardbahn.

Die  Linien,  auf  die  er  sich  bezieht,  sind  im  einzelnen  die  Strecken:
1.  Luzern-Immensee-Arth-Goldau-Giubiasco-Chiasso.  2.  Zug-Arth-Goldau.
3.  Giubiasco-Cadenazzo-Pino-Grenze.  4.  Cadenazzo-Locarno.  Nach  dem
neuen  Vertrag  wird  die  Schweiz  den  Betrieb  der  Gotthardbahn  in  allen
Beziehungen  so  erhalten,  daß  er  den  Anforderungen  entspricht,  die  man
an  eine  große  internationale  Linie  stellen  kann.  Der  Verkehr  über  die
Gotthardbahn  soll  stets  die  gleichen  Grundtaxen  und  die  gleichen  Vorteile
genießen,  die  von  den  schweizerischen  Bundesbahnen  irgend  einer  anderen
bereits  bestehenden  oder  künftig  zu  bauenden  Alpenbahn  bewilligt  sind  oder
noch  bewilligt  werden.  Die  Schweiz  hat  dafür  zu  sorgen,  daß  die  Bundesbahnen
  den  deutschen  und  den  italienischen  Eisenbahnen  mindestens  die
gleichen  Vorteile  und  Erleichterungen  zuteil  werden  lassen,  die  sie,  sei  es
anderen  Eisenbahnen  außerhalb  der  Schweiz,  sei  es  irgendwelchen  Strecken
und  Stationen  dieser  Bahn,  sei  es  schließlich  den  schweizerischen  Grenzstationen
  gewähren  soll.

Für  den  im  Durchgang  über  die  Gotthardbahn  sich  bewegenden
Personenverkehr  werden  folgende  Höchstsätze  festgesetzt:  für  die  erste  Klasse
10.416  Centimes  für  den  Kilometer,  zweite  Klasse  7.291  Centimes,  dritte
Klasse  5.208  Centimes.  Die  Bundesbahnen  dürfen  einen  Zuschlag  von
50  Prozent  für  solche  Teilstrecken  erheben,  die  eine  Steigung  von  15  pro
Mille  und  mehr  haben,  jedoch  wird  auf  der  Monte  Cenere-Linie  der
Personenverkehr  auch  in  Zukunft  von  einem  Zuschlag  befreit  bleiben.  Die
Schweiz  verpflichtet  sich,  für  die  schweizerischen  Bundesbahnen  die  gegenwärtig
  für  den  deutschen  und  italienischen  Güterverkehr  im  Durchgang
über  die  Gotthardbahn  bestehenden  Transittaxen  in  Zukunft  solange  nicht
zu  erheben,  als  die  deutschen  oder  italienischen  Eisenbahnen  ihre  gegenwärtig
  für  diese  Verkehre  bestehenden  Taxen  nicht  erhöhen.  Vorbehalten
bleibt  jedoch  infolge  der  Herabsetzung  der  Bergzuschläge  eine  Neuregelung
der  ausnahmsweise  ermäßigten  durch  den  ausländischen  Wettbewerb  bedingten
  Transittaxen.

Für  den  Güterverkehr,  der  sich  im  Durchgang  über  die  Gotthardbahn
  bewegt,  bewilligt  die  Schweiz  eine  Herabsetzung  der  zurzeit  gellenden
Bergzuschläge  in  der  Weise,  daß  die  gegenwärtig  bestehenden  Zuschläge
von  64  km  für  Erstfeld-Chiasso  und  von  50  km  für  Erstfeld-Pino  ermäßigt
  werden:  um  35  Prozent  vom  1.  Mai  1910  an,  d.  h.:  auf  42  km
für  die  Strecke  Erstfeld-Chiasso,  auf  33  km  für  die  Strecke  Erstfeld--Pino;
um  50  Prozent  vom  1.  Mai1920  an,  d.  h.  auf  32  km  für  die  Strecke  Erstfeld-Chiasso,
  auf  25  km  für  die  Strecke  Erstfeld-Pino.  Wenn  infolge  gegen-
        <pb n="579" />
        Schneit  (Februar  21.—Mpril  11.)  571

wärtig  nicht  vorauszusehender  Ereignisse  (z.  B.  infolge  eines  Ausfuhrverbotes
  für  Brennstoffe  durch  einen  Kohlen  erzeugenden  Staat  oder  infolge
  einer  außergewöhnlichen  Steigerung  der  Kohlenpreise)  die  vorstehend
vereinbarte  Herabsetzung  der  Bergzuschläge  zur  Folge  haben  sollte,  daß  das
gegenwärtige  Netz  der  Gotthardbahn  nicht  mehr  die  Betriebskosten  einschließlich
  der  Verzinsung  und  Amortisation  des  in  diesem  Netze  angelegten
Anlagekapitals  und  der  Rücklagen  an  den  Erneuerungsfonds  aufbringt,
so  wird  die  Schweiz  berechtigt  sein,  eine  Abänderung  der  Vereinbarungen
über  die  Herabsetzung  der  Bergzuschläge  zu  verlangen.  Für  den  Fall,  daß
aus  Anlaß  einer  späteren  Elektrisierung  der  Gotthardbahn  Materialbestellungen
  notwendig  werden,  erklärt  die  Schweiz,  daß  die  Bundesbahnen
an  ihrer  bisherigen  Uebung  festhalten  und  einen  allgemeinen  der  Industrie
aller  Länder  zugänglichen  Wettbewerb  eröffnen  werden.  Um  die  Frachtverbilligung
  für  die  einzelne  Sendung  zu  illustrieren,  führt  eine  dem  Reichstage
  jetzt  überreichte  Denkschrift  an,  daß  am  1.  Mai  1910  die  Frachten
nach  Italien  für  die  Wagenladung  zu  zehn  Tonnen  sich  bei  den  meisten
deutschen  Stationen,  beispielsweise  für  Güter  der  allgemeinen  Wagenklasse
um  16  Franken,  für  Güter  des  Spezialtarifs  1  um  13  Franken  und  für
solche  des  Spezialtarifs  3  um  7  Franken  ermäßigen  werden,  nach  Eingriff
der  dauernden  Herabsetzung  des  Bergzuschlages  um  50  Prozent,  also  im
Jahre  1920  werde  die  Ermäßigung  steigen  für  die  allgemeine  Wagenladungsklasse
  auf  23  Franken,  für  den  Spezialtarif  1  auf  19  Franken  und
für  den  Spezialtarif  3  auf  10  Franken.

Der  Vertrag  soll  am  1.  Mai  1910  in  Kraft  treten  mit  Rückwirkung
vom  1.  Mai  1909.

21.  Februar.  (Zürich.)  Gaoethefund.

Ein  aus  dem  Nachlaß  von  Goethes  Freundin  Bäbe  Schultheß
stammendes  Manufskript  wird  zufällig  entdeckt,  das  die  ersten  sechs  Bücher
des  1777—1785  verfaßten  Goetheschen  Romans  „Wilhelm  Meisters  theatralische
  Sendung“  enthält  und  sehr  erhebliche  Abweichnungen  von  der
allein  bekannten  Fassung  aufweist,  die  Goethe  später  den  entsprechenden
Teilen  von  Wilhelm  Meisters  Lehrjahren  gegeben  hat.

27.  Februar.  (Genf.)  Der  Kanton  hat  durch  Volksabstimmung
  den  Gesetzentwurf  über  die  Wählbarkeit  der  Frauen  in  die
Gewerbegerichte  mit  2470  gegen  1780  Stimmen  und  ebenso  die
Vorlage  über  Errichtung  von  Kindergerichtshöfen  mit  4552  gegen
347  Stimmen  angenommen.

27.  Februar.  (Schwyz.)  Die  Abschaffung  der  öffentlichen
Landsgemeinde,  um  eine  Volksvertretung  mit  geheimer  Wahl  an
ihre  Stelle  zu  setzen,  wird  mit  2914  gegen  1803  Stimmen  abgelehnt.

6.  März.  (Basel.)  Die  Volksabstimmung  im  Kanton  Basel-Stadt
  nimmt  mit  7413  gegen  1036  Stimmen  die  Trennung  von
Kirche  und  Staat  an.  Das  Gesetz  tritt  am  1.  April  1911  in  Kraft.

11.  April.  Gegen  Verhältniswahlen.

Der  Nationalrat  beschloß  nach  fünftägiger  Verhandlung  mit  100
gegen  45  Stimmen,  das  Initiativbegehren  auf  Einführung  der  Verhältniswahl
  für  den  Nationalrat  dem  Schweizervolk  zur  Verwerfung  zu  empfehlen.
        <pb n="580" />
        572  Schweit  (April  30.—September  14.)

Das  gleiche  Initiativbegehren  wurde  schon  vor  zehn  Jahren  von  Räten
und  Volk  verworfen.

30.  April.  Ein  deutsch-schweizerischer  Zwischenfall.

Der  preußische  Staatsuntertan  Gönsch,  der  sich  in  Basel  niedergelassen
  hat,  von  Beruf  Restaurateur,  war  auf  badisches  Gebiet  gelockt
und  dort  wegen  vermeintlicher  Spionage  verhaftet  und  vier  Wochen  später
in  Kolmar  als  unschuldig  aus  der  Haft  entlassen  worden,  wobei  man  ihm
eine  beträchtliche  Geldentschädigung  anbot,  die  er  aber  nicht  annahm.  Ein
badischer  Polizeikommissär  aus  St.  Ludwig  hatte  in  Basel  wegen  dieser
Affäre  Untersuchungshandlungen  vorgenommen.  Auf  Beschwerde  des
Bundesrats  gab  die  deutsche  Regierung  die  Inkorrektheit  der  Handlung
des  genannten  Polizeikommissärs  zu  und  entschuldigte  sich.  Der  Polizeibeamte
  selbst  erhielt  einen  Verweis.  Der  Bundesrat  gibt  sich  indes  mit
der  deutschen  Note  nicht  zufrieden,  weil  Gönsch  unter  folgenden  Umständen
von  der  badischen  Polizei  auf  deutsches  Gebiet  gelockt  worden  sei:  Beie
Gönsch  erschien  eines  Tages  ein  angeblicher  Familienvater  mit  der  Mitteilung,
  sein  Sohn  sei  ihm  nach  der  deutschen  Grenze  entlaufen;  er  bat
Gönsch,  ihn  seinen  Sohn  suchen  zu  helfen,  was  Gönsch,  der  mit  der
deutschen  Grenze  nicht  vertraut  war,  auch  tat.  Gönsch  hatte  keine  Ahnung,
daß  man  ihn  unter  dem  Verdacht  der  Spionage  verfolgte.  Als  Gönsch
mit  dem  angeblichen  Familienvater  auf  badischem  Gebiet  war,  tauchte
plötzlich  ein  badischer  Gendarm  aus  dem  Gebüsch  auf,  der  Gönsch  verhaftete.
  Bei  seiner  Entlassung  aus  dem  Gefängnis  in  Kolmar  machte
Gönsch  die  Entdeckung,  daß  der  vermeintliche  Familienvater  ein  badischer
Polizist  in  Zivil  war.

24.  Mai.  (Graubündten.)  Der  Große  Rat  des  Kantons  bewilligt
  die  von  der  Regierung  beantragte  Aufhebung  des  Automobilverbotes,
  indem  er  die  nördlichen  Zufahrtstraßen  bis  Chur  freigibt,
in  den  Alpenstraßen  aber  weiter  den  Automobilverkehr  verbietet.

8.  Juni.  (Bern.)  Borromäus-Enzyklika.

Im  Konsistorium  erhob  ein  Mitglied  energischen  Protest  gegen  die

beleidigenden  Ausdrücke,  deren  sich  der  Papst  in  seiner  letzten  Enzyklika
mit  Bezug  auf  die  Reformation  und  die  Reformatoren  bedient  habe.

10.  Juni.  Mehlkonflikt  mit  Deutschland.

Im  Nationalrat  kommt  der  Mehlzollkonflikt  mit  Deutschland  noch
einmal  zur  Sprache.  Als  Gegenmaßregel  werden  statt  der  vom  Bundesrat
  abgelehnten  Erhöhung  des  Mehlzolles  Frachtermäßigungen  für  Getreide
  oder  gar  die  Einführung  des  Getreidemonopols  vorgeschlagen.

24.  Juni.  Nationalrat  und  Ständerat  nehmen  das  Gesetz
an,  wonach  vom  7.  Oktober  ab  die  Fabrikation,  die  Einfuhr  und
der  Verkauf  des  Absinths  und  seiner  Nachahmungen  in  der  ganzen
Schweiz  verboten  werden.

16.  August.  Präsident  Fallibres  besucht  den  Bundespräsidenten
Comtesse  in  Bern.

14.  September.  (Genf.)  Die  Versammlung  der  Jungegypter,
in  der  auch  Keir  Hardie  eine  Rede  hält,  protestiert  durch  ein  Telegramm
  an  den  englischen  Premierminister  gegen  die  Zustände  in
        <pb n="581" />
        Schweiz.  (September  23.—Dezember  24.)  Pelgzien.  (Januar  3.  17.)  573

Egypten  und  fordert  vom  Khedive  die  Wiederherstellung  der  Verfassung.


23.  September.  Der  Aviatiker  Chavez  überfliegt  den  Simplon
und  landet  bei  Mailand.

Er  stirbt  aber  am  27.  September  an  den  Folgen  der  Erschütterung
bei  dem  zu  hastigen  Niedergehen.

24.  Oktober.  Referendum.

Die  Verhältniswahl  für  die  Vertreter  im  Nationalrat  wird  mit

zirka  260000  Stimmen  gegen  zirka  235000  Stimmen  abgelehnt.  (Siehe
11.  April.)

30.  Oktober.  (Heiden.)  Henri  Dunant,  Begründer  des  Roten
Kreuzes,  f,  82  Jahre  alt.

4.  November.  (Basel.)  Die  Synode  der  evangelisch-reformierten
Landeskirche  nimmt  die  neue  Verfassung  für  die  vom  Staat  getrennte
Kirche  mit  den  Stimmen  aller  Parteien  an.

24.  Dezember.  Die  neuen  Präsidenten.

Bundespräsident  wird  Marc  Ruchet,  geboren  1853  als  Sohn  eines
Lehrers  im  Kanton  Waadt,  der  freisinnigen  Partei  angehörig.  —  Vizepräsident

  des  Bundesrats  wird  Louis  Forrer  (Zürich),  1845  geboren,  zur
radikalen  Partei  gehörig.

X.
Belgien.

3.  Januar.  Die  Ehe  Leopolds  I.

In  einem  Rundschreiben  des  belgischen  Episkopats  an  die  katholische
Geistlichkeit  behufs  Anordnung  eines  Tedeums  wird  die  religiöse  Eheschließung
  König  Leopolds  auf  dem  Totenbette  bestätigt.  Die  Ehe  ist
unter  dem  vom  Gesetze  zugelassenen  Ausnahmefalle  „in  extremis“"  vor  Empfang
der  Sterbesakramente  gültig  vollzogen  worden.

17.  Januar.  Die  „Gazette“  veröffentlicht  den  Wortlaut  der
Koburger  Stiftung  (Niederfüllbacher  Stiftung).

Es  erhellt  daraus,  daß  Leopold  II.  tatsächlich  vier  Tage  vor  seinem
Tode  noch  seine  sämtlichen  Ordensbrillanten,  sein  Silber,  sein  Porzellan
und  seine  Wagen  usw.  der  Niederfüllbacher  Stiftung  zugewandt  hat,  nur
um  diese  Gegenstände  nicht  in  die  Hände  seiner  Töchter  fallen  zu  lassen.
Der  König  hatte  sich  in  der  Stiftung,  die  schon  von  1907  herrührt,  jedes
Verfügungsrecht  freigehalten.  Er  konnte  nach  Belieben  Geld  zuweisen,  die
Stiftung  verwenden,  wie  er  wollte,  und  die  Verwaltungsräte  hatten  lediglich
seine  Befehle  auszuführen.  Auch  konnte  der  König  der  Stiftung  Geldsummen
  oder  Werte  lediglich  in  der  Form  eines  Depots  zuweisen.  Die
gesamte  Gründung  ist  vor  dem  belgischen  Gesetz  hinfällig.
        <pb n="582" />
        574  Gelsien.  (Januar  20.—März  11.)

20.  Januar.  Der  Generalrat  der  sozialistischen  Partei  beschließt
  unter  Führung  Vanderveldes  eine  Abordnung  nach  Paris
zu  senden,  um  dort  in  Massenversammlungen  gegen  den  franzößischen
Zolltarif  zu  demonstrieren.

6.  Februar.  Die  Sozialisten  beschließen  auf  einem  außerordentlichen
  Kongreß  auf  Antrag  Vanderveldes  mit  202  gegen
74  Stimmen,  grundsätzlich  mit  liberalen  Ministern  zusammenzuarbeiten,
  wenn  die  Neuwahlen  den  Liberalen  das  Übergewicht

verschaffen.
8.  Februar.  In  Brüssel  tritt  die  internationale  Konferenz

der  Delegierten  Deutschlands,  Englands  und  Belgiens  zur  Feststellung
  der  Grenze  zwischen  dem  Kongostaat,  Britisch  Uganda  und

Deutsch-Ostafrika  zusammen.

Da  nach  neueren  Observationen  der  30.  Meridian  durch  andere
Oertlichkeiten  geht  als  auf  den  Karten,  die  der  Grenzbestimmung  zugrunde
lagen,  so  bedarf  es  einer  Verständigung  über  das  Rufisital  und  den  Kiwusee,
die  von  Deutschland  beansprucht  werden.

16.  Februar.  (Kammer.)  Kongokolonie.

Die  Kammer  nahm  nach  fast  vierzehntägiger  Debatte  über  die  Kolonisationsgrundsätze
  das  Budget  der  Kongokolonie  mit  allen  gegen  die  sozialdemokratischen
  Stimmen  an.  Damit  hat  das  Parlament  auch  die  Reformvorschläge
  des  Kolonialministers  gutgeheißen,  und  es  kann  nunmehr  am
1.  Juli  etappenweise  die  Handelsfreiheit  in  der  Kongokolonie  eingeführt  werden.

28.  Februar.  Kongokolonie.

Ueber  die  Enklave  Lado  des  Kongostaates,  die  nach  dem  Tode  des
Königs  Leopold  an  England  zurückfallen  sollte,  waren  Streitigkeiten  über
die  von  Belgien  verlangte  Entschädigung  entstanden.  Es  wird  eine  Kommission
  eingesetzt,  um  die  Frage  zu  regeln.

3.  März.  (Deputiertenkammer.)  Staatseigentum  in  König

Leopolds  Nachlaß.

In  Beantwortung  einer  Interpellation  des  Abg.  Vandervelde  erklärt
  der  Justizminister,  daß  in  der  Tat  in  der  Hinterlassenschaft  des  Königs
Vermögensstücke  gefunden  wären,  auf  die  der  belgische  Staat  ein  Anrecht
habe,  und  daß  eine  Klärung  der  Verhältnisse  erfolgen  werde.

4.  März.  (Kammer.)  Kongowerte  der  Koburger  Stiftung.

Bei  der  Besprechung  der  Anfrage  über  die  Koburger  Gründung,
König  Leopolds  und  die  aufgefundenen  Kongowerte  gab  Ministerpräsident
Schollaert  die  Erklärung  ab,  daß  alle  Aktiva  der  Krondomäne  der  Regierung
  zufallen  müßten.  Es  handelt  sich  besonders  um  23  Millionen
Franken  Kongowerte,  die  zur  Koburger  Gründung  des  Königs  gehören
und  über  deren  Ursprung  infolge  des  Brandes  des  Archivs  des  Kongostaates
  genaue  Angaben  nicht  gemacht  werden  können.

11.  März.  Stiftung  des  Königs  für  die  Kongokolonie.

König  Albert  bestimmt,  daß  aus  der  Jahresrente,  die  er  für  die
Abtretung  der  Krondomäne  des  Kongostaates  an  Belgien  erhält,  jährlich
        <pb n="583" />
        Selsies.  (März  16.—Mai  30.)  575

1  Million  Franken  für  die  Pensionskasse  der  invaliden  Beamten  der
Kongokolonie,  1  Million  Franken  zur  Bekämpfung  der  Schlafkrankheit
und  /  Million  Franken  zum  Bau  von  Hospitälern  für  die  Eingeborenen
verwandt  werden  sollen.

16.  März.  (Kammer.)  Kampfzölle  gegen  Frankreich.

Die  Regierung  beantragt  im  Hinblick  auf  den  drohenden  französischen
Zolltarif  bei  der  Kammer  eine  Erhöhung  der  Zölle.  Der  Zoll  für  Schaumweine
  wird  auf  200  Franken,  für  andere  Weine  auf  80,  für  Liköre  auf
500  Franken  für  den  Hektoliter,  für  Parfümerien  auf  25  vom  Hundert  und
für  Seide  auf  20  vom  Hundert  des  Fakturenwerts  erhöht.

23.  April.  Eröffnung  der  Brüsseler  Weltausstellung.

Fertig  sind  nur  die  deutsche  und  die  japanische  Abteilung.  Letztere
ist  aber  nicht  zugänglich,  weil  die  sie  umschließende  französische  Abteilung
noch  weit  im  Rückstande  ist.

27.  April.  (ammer.)  Gegen  das  allgemeine  gleiche  Wahlrecht.

Zur  Beratung  stand  ein  Antrag  der  Sozialisten  auf  Einführung
des  allgemeinen  gleichen  Wahlrechts  als  Ersatz  des  Pluralwahlsystems.  Das

Plenum  beschloß  mit  72  gegen  58  Stimmen  über  den  Antrag  nicht  zu
verhandeln.

30.  April.  Eröffnung  des  von  Leopold  II.  errichteten  Kolonialmuseums
  in  Tervueren  durch  König  Albert.

9.  Mai.  (Brüssel.)  Weltkongreß  der  internationalen  Vereinigungen.


14.  Mai.  Die  deutsch-englisch-belgische  Konferenz  zur  Regulierung
  der  Grenze  im  Osten  des  Kongo  unterzeichnet  einen

Grenzvertrag.

Die  Grenze  zwischen  Deutsch-Ostafrika  und  der  Kongokolonie  bildet
der  Rufisifluß  und  der  Kiwusee.  Die  Insel  Kwidjiri  fällt  an  Belgien.
Dann  geht  die  Grenzlinie  östlich  von  Goma  über  den  Karissimbigipfel  bis
zum  Sabiniogipfel,  wo  die  deutsche,  die  englische  und  die  belgische  Grenze
zusammentreffen.  Von  dort  läuft  die  Grenze  zwischen  dem  Kongoterritorium
  und  Uganda  in  gerader  Linie  über  den  Ugabuagipfel  und  den
Isasafluß  entlang  bis  zum  Eduardsee,  folgt  dem  Fluß  durch  das  Lubilital
bis  Pit  Marguerite,  läuft  wieder  abwärts  mit  dem  Lamiafluß  und  dem
Semliki  bis  zum  Albertsee  und  durchschneidet  diesen  bis  Mahagi,  das  Belgien
  in  Pacht  hat.  Belgien  erhält  das  ganze  Territorium  nördlich  des
Samliki  und  das  Ostufer  des  Albertsees.

22.  Mai.  Wahlen  der  Hälfte  der  Abgeordneten.

Von  den  85  Mandaten  hatten  die  Klerikalen  50,  die  Liberalen  23
und  die  Sozialdemokraten  12  inne.  Bis  auf  einen  Sitz,  den  die  Sozialisten
den  Klerikalen  abgewinnen,  bleibt  das  Resultat  das  gleiche,  obwohl  die
Stimmen  der  Liberalen  und  Sozialisten  sich  stark  vermehrt  haben.  Die
klerikale  Majorität  sinkt  damit  von  8  auf  6  Stimmen.

30.  Mai.  Hofklatsch  in  der  Presse.

Die  oppositionelle  Presse  ist  unzufrieden,  daß  der  erste  offizielle
Besuch  des  Königspaares  in  Berlin  erfolgt.  Die  liberale  „Gazette"“  enthüllt
  dabei,  daß  die  deutsche  Kaiserin  durch  ihre  Frömmigkeit  verhindert
worden  sei,  mit  dem  alten  König  Leopold,  dessen  Lebenswandel  nicht  ganz
        <pb n="584" />
        576  FSelsien.  (Juni  26.—Oktober  6.)

einwandfrei  war,  den  früheren  freundschaftlichen  Verkehr  aufrechtzuerhalten.
Es  sei  deshalb  eine  Entfremdung  des  belgischen  und  deutschen  Hofes  eingetreten,
  die  nunmehr  beendet  sei.

26.  Juni.  (Brüssel.)  Brand  des  großen  Restaurant  Metropol
in  der  Weltausstellung.

27.  Juni.  (Brüssel.)  Die  Kommission  für  die  holländischbelgische
  Annäherung  beginnt  unter  Vorsitz  des  Staatsministers

Beernaerth  ihre  Beratungen.

Es  handelt  sich  um  eine  Postübereinkunft,  gegenseitige  Ausführung
der  Gerichtsurteile,  Schutz  des  literarischen  Eigentums,  einheitliches  Seehypothekenrecht
  und  um  die  landwirtschaftlichen  Beziehungen  der  beiden
Nachbarländer.

14.  August.  Zweiter  Brand  der  Brüsseler  Weltausstellung.

Die  belgische,  englische  und  französische  Abteilung  werden  ein  Raub
per  Flammen.  Die  abgesondert  gelegene  deutsche  Abteilung  bleibt  unversehrt.


Mitte  September.  An  Stelle  von  Delbike  und  Baron  Descamps
  David  werden  die  Altklerikalen  Berryer  und  Baron  de  Broqueville
  Minister  des  Innern  und  Finanzminister.

12.—23.  September.  (Brüssel.)  Internationale  diplomatische
Seerechtskonferenz.

Die  Konferenz  beschloß  auf  Grund  des  Berichtes  des  Deputierten
Franck-Antwerpen  einstimmig,  als  gleichförmiges  internationales  Gesetz
zwei  Kodifizierungen  vorzunehmen,  von  denen  eine  sich  auf  Kollisionen
zwischen  Seeschisfen  und  Seeschiffen,  sowie  zwischen  Seeschiffen  und  Binnenbooten
  bezieht,  die  andere  auf  das  Rettungswesen  und  die  gegenseitige
seemännische  Hilfe  (Bergelohn).

23.  September.  (Brüssel.)  National--egyptischer  Kongreß.

Der  in  Paris  verbotene  national-egyptische  Kongreß  beteiligt  sich
an  der  belgischen  Nationalfeier  zur  Erinnerung  an  1830  mit  belgischen
und  türkischen  Fahnen.  Bürgermeister  Max  bittet  aber  höflich  um  Abzug.
Keir  Hardie  wird  zum  Ehrenpräsidenten  gewählt.  Aus  Deutschland  beleiligen
  sich  Professor  Hauptmann,  Abg.  Neumann-Hofer  und  Schriftsteller
Frhr.  v.  Wendlandt.  Eine  in  Nationaltracht  erschienene  Egypterin  wendet
sich  gegen  die  Invasion  ausländischer  Frauen,  die  von  Eguptern  geheiratet
werden.  Durch  Mischheiraten  werde  die  Nation  von  fremdem  Einfluß
bedroht.

6.  Oktober.  (Brüssel.)  Vorbereitungen  der  Sozialisten  zum
Empfang  des  Deutschen  Kaisers.

Der  Generalrat  der  sozialistischen  Partei  von  Brüssel  und  Umgegend
  beschließt,  am  Vorabend  der  Ankunst  des  Deutschen  Kaisers  eine
große  Versammlung  zu  veranstalten.  (Dieselbe  kommt  nicht  zustande,  wohl
aber  erschien  am  20.  Oktober  ein  sozialistisches  Plakat,  von  zwei  Deputierten
  unterzeichnet,  das  dem  Kaiser  Vorenthaltung  der  Volksrechte  durch
die  Verweigerung  des  allgemeinen  Wahlrechts  in  Preußen  vorwirft  und
die  Genossen  auffordert,  ihn  mit  Hochrufen  auf  das  deutsche  Volk  zu
empfangen.)]
        <pb n="585" />
        Selsien.  (Oktober  25.—November  22.)  577

25.  Oktober.  (Brüssel.)  Besuch  des  deutschen  Kaiserpaares.
Der  Jubel  der  Bevölkerung  ist  überraschend  herzlich.

26.  Oktober.  (Brüssel.)  Kaiser  Wilhelm  empfängt  den
Prinzen  Viktor  Napoleon,  den  Bräutigam  der  Prinzeffin  Clementine.

30.  Oktober.  Die  frangösisch  geschriebenen  Blätter  übernehmen
aus  dem  Pariser  „Temps“  die  von  seinem  Korrespondenten  aus
Wien  besorgten  Meldungen  über  das  „erstaunliche  Ereignis“,
daß  der  Kaiser  seinen  Trinkspruch  in  deutscher  Sprache  ausgebracht
  hat.

4.  November.  Zur  Befestigung  VBlisfingens.

Die  „Indépendance  belge"“  betont  die  Gefahr,  daß  nach  Vollendung
  der  geplanten  Befestigungen  bei  Vlissingen  die  Unabhängigkeit
Belgiens  und  die  Neutralität  des  Hafens  von  Antwerpen  in  unruhigen
Zeiten  durch  eine  in  die  Schelde  einlaufende  englische  Flotte  nicht  mehr
erzwungen  werden  können.  Angeblich  soll  Deutschland  den  Holländern  den
Rat  zur  Befestigung  Vlissingens  gegeben  haben.  Da  Antwerpen  oberhalb
Vlissingens  an  der  Scheldemündung  liege,  so  sei  die  Absperrungsgefahr
mit  der  1839  von  den  Großmächten  garantierten  Neutralität  unvereinbar.

7.  November.  (Brüssel.)  Schluß  der  Weltausstellung.

8.  November.  (Kammereröffnung.)  Ausschreitungen  gegen
den  König.

Als  König  Albert  zum  Parlament  fuhr,  um  die  Session  persönlich
mit  einer  Thronrede  zu  eröffnen  (was  in  den  letzten  30  Jahren  nicht  geschehen
  war),  riefen  ihm  Demonstranten,  die  mit  Bannern  „Das  allgemeine
Stimmrecht“  und  „Kammerauflösung“  erschienen  waren,  allerlei  Schlagworte
  zu.  In  der  Kammer  rufen  die  Sozialisten  nach  dem  Hoch  auf  den
König:  Es  lebe  das  allgemeine  Stimmrecht!  Auflösung  der  Kammer!  Auf
dem  Rückwege  wiederholen  sich  die  Demonstrationen.

Die  Thronrede  ersucht,  die  Sprachenkämpfe  mit  Mäßigung  zu
führen,  den  Mittelstand  durch  Förderung  des  Fachunterrichts  zu  heben
und  dem  Familienvater  das  Recht  zu  gewährleisten,  den  ihm  genehmen
Unterricht  für  sein  Kind  auszusuchen.  Das  Ergebnis  des  neuen  Militärgesetzes
  sei  günstig  und  die  Finanzlage  gut.  Die  Reformen  in  der  Kongokolonie
  sollen  im  laufenden  Jahr  vervollständigt  werden.

Man  entnimmt  aus  der  Thronrede  ein  Bekenntnis  des  Königs
zu  dem  Programm  der  Altklerikalen  unter  Führung  des  Herrn  Weeste.

22.  November.  (Kammer.)  Diskussion  über  die  Antwort  auf
die  Thronrede.

Abg.  Franck  bemängelt,  daß  die  Thronrede  über  die  beiden  wichtigsten
  liberalen  Forderungen,  nämlich  Schulzwang  und  gleiches,  direktes,
allgemeines  Stimmrecht,  nichts  sage,  obwohl  selbst  klerikale  Abgeordnete
sich  vor  ihren  Wählern  verpflichtet  haben,  für  diese  Forderungen  der  Zeit
einzutreten.  Der  Führer  der  Klerikalen  Woeste  bekämpft  jede  Art  von
Reform  und  erklärt:  „Es  gibt  keine  Verpflichtungen  vor  den  Wählern,
und  wenn  solche  Verpflichtungen  eingegangen  worden  sind,  so  haben  sie
keinen  Wert.“  Dagegen  tritt  der  Führer  der  „demokratischen  Christen“
Daens  für  die  liberalen  Reformen  ein.

Europäischer  Geschichtskalender.  II.  37
        <pb n="586" />
        578  Selsien.  (Dezember  1.—10.)  surenburz.  (Januar  25.  —  August  13.)

1.  Dezember.  (Brüssel.)  200  Wallonen,  die  in  einem  Saal
eine  kleine  Feier  veranstalten,  werden  von  600  eindringenden
Flamländern  überfallen  und  verprügelt.

7.  Dezember.  (Kammer.)  Mit  65  gegen  39  Stimmen  wird
eine  die  Thronrede  billigende  Adresse  angenommen.

Alle  Zusatzanträge,  namentlich  die,  welche  den  obligatorischen
Schulunterricht  und  eine  Wahlreform  verlangen,  werden,  wenn
auch  mit  sehr  schwacher  Mehrheit,  abgelehnt.

9.  Dezember.  (Brüssel.)  Prinzessin  Luise  von  Koburg  läßt
dem  belgischen  Staate  und  dem  Testamentsvollstrecker  des  Königs
Leopold  eine  Klage  zustellen,  in  der  sie  40  Millionen  Franken  von
der  Hinterlassenschaft  ihres  Vaters  beansprucht.

10.  Dezember.  über  die  holländischen  Küstenbefestigungen
ereifert  sich  der  Staatsrechtslehrer  Ernest  Nys  und  stellt  in  einer

Broschüre  folgende  Theorie  auf:

Als  ein  neutrales  Land  hat  Holland  die  Pflicht,  alle  notwendigen
Maßregeln  zu  ergreifen,  um  feindliche  Parteien  zu  verhindern,  ihre  Kriegsschiffe
  in  die  Schelde  zu  legen.  Aber  Holland  kann  auf  keinen  Fall  die
Garantiemächte  der  Verträge  von  1839  und  1907  verhindern,  daß  sie
Streitkräfte  schicken,  um  die  belgische  Neutralität,  für  die  sie  sich  erklärt
haben,  zu  beschützen.  Holland  kann  ferner  nicht  verhindern,  daß  belgische

riegsschiffe  die  Schelde  entlang  nach  dem  offenen  Meere  fahren.

XI

Luxzemburg.

25.  Januar.  Bei  der  Verlesung  eines  bischöflichen  Hirtenbriefes,
  der  viele  namentlich  aufgeführte  „glaubenslose  Bücher,  Zeitschriften“
  verurteilt,  kommt  es  in  der  Echternacher  Kirche  zu  einem
Tumult.

3.  Februar.  Mit  dem  Deutschen  Reiche  wird  ein  Abkommen
über  die  Einführung  einer  Gemeinschaft  der  Leuchtmittelsteuer
getroffen.

14.  April.  Das  Jesuitenkloster,  das  1897  als  Anfang  einer
zu  begründenden  Universität  erbaut  worden  war,  soll  nach  Beschluß
der  Kammer  für  600000  Mark  vom  Staat  angekauft  werden.  Die
Jesuiten  wandern  nach  Holland  aus.

13.  August.  Abschluß  eines  Vertrages  mit  dem  Deutschen
Reich  über  eine  Gemeinschaft  der  Zündwarensteuer  für  die  Dauer
des  Anschlusses  Luxemburgs  an  das  deutsche  Zollsystem.
        <pb n="587" />
        Niederlande.  (Januar  24.—März  24.)  579

XII.

Niederlande.

24.  Januar.  (Erste  Kammer.)  Holland  und  das  Nordseeabkommen.


In  dem  Bericht  der  Kommission  heißt  es:  „Man  hat  daran  gezweiselt
  ob  Holland  Vorteil  aus  dem  Abkommen  ziehen  könne,  das  seine
eutralität  nicht  verbürgt.“  In  einem  Anhang  zum  Bericht  drückt  Senator
van  Heeckeren,  der  frühere  Gesandte  in  Stockholm,  den  Wunsch  aus,  es  möge
in  einer  Zusatzerklärung  zu  dem  Nordsee-Abkommen  eine  Bürgschaft  dafür
gegeben  werden,  daß  Deutschland  und  England  im  Fall  eines  Krieges  die
Neutralität  Hollands  achten  würden.

2.  Februar.  (Erste  Kammer.)  Das  Nordseeabkommen  und
Hollands  Integrität.

Auf  eine  Anfrage  des  Senators  van  Heekeren  erklärte  der  Minister
des  Aeußeren,  er  lehne  es  entschieden  ab,  den  Versuch  zur  Erlangung  einer
Zusatzbestimmung  zu  dem  Abkommen  zu  machen,  die  die  Erklärung  enthalten
  solle,  England  und  Deutschland  würden  im  Falle  eines  Krieges
die  Integrität  der  Niederlande  achten.  Die  Integrität  der  Niederlande
sei  durch  das  Abkommen  selbst  hinreichend  geschützt.

9.  Februar.  (Erste  Kammer.)  Ein  Brief  des  deutschen
Kaisers.

Ein  Antrag  des  ehemaligen  Gesandten  in  Stockholm  van  Heeckeren:
„Schritte  zu  tun,  um  die  Integrität  der  Niederlande  gegen  Deutschland
und  England  zu  sichern,“  wird  in  geheimer  Sitzung  beraten.  Der  Antragsteller
  beruft  sich  auf  einen  Brief,  in  dem  der  deutsche  Kaiser  1904  der
Königin  Wilhelmina  geschrieben  hätte,  daß  er  gezwungen  wäre,  niederländisches
  Gebiet  zu  besetzen,  wenn  die  Niederlande  ihre  Verteidigungsmittel
gegen  England  nicht  instand  setzten.  Der  Minister  des  Aeußern  erklärt
mit  aller  Entschiedenheit  und  unter  Berufung  auf  seine  ministerielle  Verantwortlichkeit,
  die  Königin  habe  niemals  einen  solchen  Brief,  noch  ein
Telegramm,  noch  eine  Note,  noch  irgendein  anderes  Schriftstück  über  die
Verteidigungsmittel  gegen  England  erhalten,  sie  habe  niemals  eine  Unterredung
  über  diesen  Gegenstand  mit  dem  deutschen  Kaiser  gehabt,  und  niemals
  sei  jemand  im  Auftrage  des  deutschen  Kaisers  an  die  Königin  herangetreten,
  um  hierüber  zu  sprechen.

28.  Februar.  Verstimmung  im  diplomatischen  Verkehr  mit
der  römischen  Kurie.

Der  päpstliche  Geschäftsträger  Giovannini  nimmt  auf  Rat  des
Ministeriums  einen  längeren  Urlaub  „aus  Gesundheitsrücksichten“,  weil
der  Verkehr  mit  dem  auswärtigen  Minister  zu  scharfe  Formen  angenommen
habe.  Seitdem  die  holländische  Regierung  den  heiligen  Stuhl  nicht  zur
Abordnung  eines  Vertreters  bei  der  zweiten  Friedenskonferenz  im  Haag
aufgefordert  hatte,  war  Rom  in  Holland  nur  durch  einen  Internuntius
vertreten.

24.  März.  Vorbereitung  einer  Verfassungsänderung.

Die  Königin  setzte  eine  Staatskommission  zur  Beratung  der  Aenderungen
  der  Verfassung  ein.  Präsident  der  Kommission  ist  der  Minister  des

377
        <pb n="588" />
        580  Niederlande.  (Mai  25.—November  29.)

Innern  Heemskerk,  Vizepräsident  Senatsmitglied  Rooll.  Der  Kommission
gehören  Mitglieder  der  Ersten  und  Zweiten  Kammer  verschiedener  Parteirichtung
  und  drei  höhere  Staatsbeamte  an.

25.  Mai.  (Kammer.)  Die  Ordensverleihungen  des  Ministeriums
  Kuyper.

Mit  49  Stimmen  gegen  31  Stimmen  wird  der  Antrag  Troelstra
abgelehnt,  gegen  den  früheren  Minister  Kuyper  eine  Untersuchung  in  der
Angelegenheit  der  Ordensverleihungen  einzuleiten  (s.  23.  August).

12.  Juli.  Von  den  Generalstaaten  werden  in  die  Erste  Kammer
32  Klerikale  und  18  Liberale  gewählt.

4.  August.  Der  Prinzgemahl  Heinrich  zieht  sich  bei  einem
Sturz  mit  dem  Fahrrad  einen  Schlüsselbeinbruch  zu.

W.  August.  Der  Ehrenrat  entscheidet  in  Bezug  auf  die  Anschuldigungen
  gegen  den  früheren  Minister  Kuyper  bei  Ordensverleihungen,
daß  von  Bestechlichkeit  keine  Rede  sein  könne  und  daß  die  Fürsprache
bei  einem  Ministerkollegen  zugunsten  eines  Schützlings  keine  dienstliche
  Handlung  darstelle.

8.  September.  Haager  Schiedsspruch  über  die  neufundländische
Fischerei.

Da  England  und  die  Vereinigten  Staaten  1907  die  alte  Streitfrage
dem  Haager  Schiedsgericht  übergeben  hatten,  so  erfolgt  jetzt  die  endgültige
Entscheidung.  Danach  hat  England  das  Recht,  gesetzliche  Bestimmungen
über  die  Fischerei  bei  Neufundland  zu  erlassen,  ohne  vorher  die  Vereinigten
Staaten  zu  befragen.  Die  Amerikaner  dürfen  nur  in  einer  Entfernung
von  6  Meilen  und  darüber  vom  Lande  aus  fischen,  nicht,  wie  sie  forderten,
von  3  Meilen.

15.—17.  September.  Besuch  des  belgischen  Königspaares.

In  Amsterdam  begrüßt  der  Bürgermeister  das  Königspaar  in  holländischer
  Sprache  und  König  Albert  antwortet  flämisch.

20.  September.  Eröffnung  der  Generalstaaten.

Die  Thronrede  kündigt  ein  Gesetz  für  Revision  des  Zolltarifes  an.
Das  Defizit  im  Staatshaushalt  soll  wie  im  Vorjahre  durch  provisorische
Steuererhöhungen  von  10%%  auf  Vermögens-  und  Betriebssteuer  beseitigt
werden.  Die  Schiffahrt  der  oberen  Merwedes,  d.  h.  des  Zugangs  des
Rheins  nach  Amsterdam,  soll  verbessert  werden.  Für  die  Küstenverteidigung
wird  ein  Kredit  von  40  Mill.  Gulden  verlangt.  Darunter  ist  auch  ein
Posten  für  Festungswerke  bei  Vlissingen.

Mitte  November.  Das  Haager  Schiedsgericht  entscheidet
endgültig  einen  Streit  zwischen  den  Vereinigten  Staaten  und  Venezuela
  über  die  Entschädigung  amerikanischer  Bürger  während  der
Revolution  von  1899/1900.

Der  Oberrichter  Barge  hatte  von  den  geforderten  1400000  Dollar
nur  350000  anerkannt.  Jetzt  erhalten  die  Amerikaner  noch  54000  Dollar.

29.  November.  (Zweite  Kammer.)  Bei  der  Budgetberatung
weist  der  Minister  des  Innern  Heemskerk  die  Verdächtigung  zurück,
        <pb n="589" />
        Niederlande.  (Dezember  6.  17.)  ãnemark.  (Januar  19.  29.)  581

daß  die  Vorlage  über  die  Küstenverteidigung  unter  dem  Drucke  des
Auslandes  ausgearbeitet  worden  sei.

6.  Dezember.  (Zweite  Kammer.)  Der  Minister  des  Außern
über  die  politische  Lage.

Die  diplomatischen  Beziehungen  zu  Venezuela  seien  zwar  noch  nicht
vollständig  wiederhergestellt,  aber  es  liege  kein  Grund  für  eine  Beunruhigung
vor.  Die  Beziehungen  zu  Frankreich  und  England  seien  ausgezeichnet,  und
bald  werde  man  hierfür  einen  sichtbaren  Beweis  haben  in  der  Art,  wie
ihn  der  König  und  die  Königin  der  Belgier  den  Niederlanden  gegeben
hätten.  Zu  der  Frage  der  Rheinschiffahrtsabgaben  erklärte  der
Minister,  die  Regierung  sei  keinen  Zoll  breit  von  ihrem  Standpunkt,  daß
ein  freier  Rhein  ein  vitales  Interesse  der  Niederlande  bilde,  abgewichen.
Die  Angelegenheit  van  Heeckeren  betreffend  versicherte  der  Minister,  es
finde  sich  in  der  Hinterlassenschaft  des  Kabinetts  vom  Jahre  1901  kein
Schriftstück,  das  beweise,  daß  der  Minister  des  Aeußeren  gegenüber  irgend
jemand  in  seiner  Freiheit  gehemmt  gewesen  wäre.  Die  Regierung  bringe
keinen  Gesetzentwurf  ein,  dem  andere  Beweggründe  zugrunde  lägen  als
rein  nationale  Interessen.  Die  Küstenverteidigungsvorlage  sei  lediglich
aus  dem  Gefühle  der  nationalen  Pflicht  heraus  entstanden;  England  habe
amtlich  keine  Vorstellung  wegen  dieser  Vorlage  gemacht;  es  wisse  sehr  wohl,
daß  hierbei  die  Niederlande  keineswegs  feindselige  Absichten  verfolgten.
Keine  Macht  könne  aus  der  Verstärkung  der  Befestigung  der  Flußmündungen
einen  Vorwurf  herleiten.  Die  Küstenverteidigungsvorlage  sei  nicht  gegen
irgendeine  einzelne  Macht  gerichtet,  sondern  gegen  eine  etwaige  Bedrohung
der  Unabhängigkeit  der  Niederlande.  Die  Bestimmungen  über  die  Arbeiter  im
Deutschen  Reiche  beeinträchtigten  die  holländischen  Interessen  in  keiner  Weise.

17.  Dezember.  (Zweite  Kammer.)  Auf  Antrag  des  orthodoxen
  Protestanten  Duymaer  wird  mit  36  gegen  31  Stimmen  die
Aufbesserung  der  Offiziersgehälter  bis  nach  Vermehrung  der  Pensionsbeträge
  verschoben.  Darauf  erklärt  der  Kriegsminister  General  Cool
den  Rücktritt  von  seinem  Posten.

XIII.

Dänemark.

19.  Januar.  Das  Universitätskonsistorium  in  Kopenhagen
kommt  zu  dem  Resultat,  daß  Cooks  Notizbücher  nicht  den  geringsten
Beweis  dafür  erbringen,  daß  er  den  Nordpol  erreicht  habe.

29.  Januar.  Der  Umfang  der  Betrügereien  des  Exjustizministers
  Alberti.

Die  Voruntersuchung  gegen  Alberti,  der  sich  am  8.  September  1908
unter  der  Selbstbeschuldigung,  Betrügereien  und  Urkundenfälschungen  verübt
zu  haben,  der  Polizei  gestellt  hatte,  ergibt,  daß  die  Betrügereien  Albertis
sich  auf  fünfzehn  Millionen  Kronen  belaufen  (s.  17.  Dez.).
        <pb n="590" />
        582  Läsemart.  (Februar  2.—Juli  4.)

2.  Februar.  Der  Verkehrsminister  Jensen,  der  infolge  seiner
beleidigenden  Außerungen  über  das  Heer  einen  Zusammenstoß  mit
dem  höchstkommandierenden  General  Görtz  hatte,  erhält  seine  Entlassung.


17.  Februar.  Untersuchung  gegen  den  Landwirtschaftsminister
Christensen.

Um  den  Beschuldigungen  der  Presse  auf  den  Grund  zu  gehen,  beauftragt
  die  Regierung  den  Untersuchungsrichter  in  der  Alberti-Affäre,
eine  Untersuchung  darüber  anzustellen,  ob  Christensen  etwa  von  den  Betrügereien

  Albertis  gewußt  hat  und  ob  er  überhaupt  Gelegenheit  gehabt
hat,  etwas  darüber  zu  erfahren.

8.  April.  Das  Folkething  verwirft  mit  49  gegen  49  Stimmen
bei  9  Stimmenthaltungen  den  Entwurf  betr.  Anlage  einer  Eisenbahnbrücke
  zwischen  Seeland  und  Falster.

18.  April.  Durch  königliches  Dekret  wird  die  Auflösung  des
Folkething  für  den  19.  Mai  verfügt.  Die  Neuwahlen  find  auf  den
20.  Mai  festgesetzt.

20.  Mai.  Die  Wahlen  der  114  Wahlkreisfe  bringen  der  vereinigten
  linken  Gruppe  wiederum  die  Majorität.

23.  Mai.  Das  Ministerium  Zahle  reicht  wegen  des  Wahlausfalles
  seine  Entlassung  ein.

17.  Juni.  Prozeß  Christensen  und  Berg.

Das  Reichsgericht  verkündet  das  Urteil  in  dem  Prozeß,  der  auf
den  Beschluß  des  Folkethings  gegen  den  früheren  Ministerpräsidenten
Christensen  und  den  früheren  Minister  des  Innern  Berg  wegen  Nachlässigkeit
  im  Amte,  begangen  durch  ihr  Nichteinschreiten  gegen  den  früheren
Justizminister  Alberti,  angestrengt  wurde.  Christensen  wurde  freigesprochen.
Berg  wurde  zur  Zahlung  von  1000  Kronen  an  die  Staatskasse  verurteilt,
oder  zu  60  Tagen  Haft.  Die  Kosten  des  Verfahrens  im  Betrage  von

10000  Kronen  wurden  der  Staatskasse  auferlegt,  jedoch  bezahlt  Berg  ein
Fünftel  dieser  Summe.

1.  Juli.  Der  König  nimmt  die  Demission  des  Gesamtkabinetts
Zahle  an.

2.  Juli.  Der  König  beauftragte  den  früheren  Minister  des
Innern  Klaus  Berntsen  mit  der  Bildung  des  neuen  Kabinetts.

4.  Juli.  Zusammensetzung  des  neuen  Ministeriums.

Folkethingsabgeordneter  Klaus  Berntsen,  Ministerpräsident,  Verteidigungsminister
  und  interimistischer  Kultusminister;  Graf  Ahlefeldt-Laurvig,
  Minister  des  Auswärtigen;  Folkethingsabgeordneter  Niels
Neergaard,  Finanzminister;  Folkethingsabgeordneter  Anders  Nielsen,
Landwirtschaftsminister;  Folkethingsabgeordneter  Thomas  Larsen,  Minister
  der  öffentlichen  Arbeiten;  der  Direktor  der  Hypothekenbank  des  Königreichs
  Dänemark  Jensen-Sönderup,  Minister  des  Innern;  der  Advokat

beim  höchsten  Gericht  und  Verteidiger  der  Minister  Christensen  und  Berg
im  Reichsgerichtsprozeß  Bülow,  Justizminister;  Großkaufmann  Muus,
        <pb n="591" />
        Dãnemark.  (Juli  19.—Dezember  17.)  583

Minister  für  Handel  und  Schiffahrt;  Hochschulvorsteher  Jakob  Appel,
Kultusminister.

19.  Juli.  (Folkething.)  Die  Regierung  beantragt  eine
interimistische  Staatsanleihe  von  36  Millionen  Kronen.

28.  August—3.  September.  (Kopenhagen.)  Achter  internationaler
  Sozialistenkongreß.

Das  Internationale  Bureau  verhandelte  über  einen  scharfen  Konflikt
innerhalb  der  österreichischen  Delegation.  Die  Tschechen  verlangen
tschechische  Gewerkschaften  und  wollen  national-neutrale,  die  Adler  im  Namen
der  übrigen  Oesterreicher  fordert,  nicht  zugestehen.  Sie  weigern  sich,  diejenigen
  böhmischen  Delegierten,  die  für  national-gemischte  Gewerkschaften
eintreten,  in  ihre  Delegation  aufzunehmen.

Die  Independent  Labour  Party  beantragt  die  Ausschließung  Hyndmans,
  des  Führers  der  marxistischen  Sozialdemokratie,  aus  dem  internationalen
  Bureau  wegen  seines  Eintretens  für  die  Flottenvermehrung,
und  seine  Ersetzung  durch  Macdonald.

Weitere  Resolutionen  protestieren  gegen  die  Zustände  in  Argentinien,
  dessen  oligarchische  Bourgeoisie  brutal  das  Proletariat  unterdrücke;
gegen  die  Verfolgungen  der  Sozialdemokraten  in  Japan  von  seiten  der
dortigen  Regierung  und  der  Behörden.  Ueber  die  inneren  Angelegenheiten
der  Türkei  urteilt  der  Kongreß  durch  einen  Protest  gegen  die  reaktionäre
Politik  der  jungtürkischen  Regierung,  besonders  gegen  die  wider  die  wirtschaftlichen
  Organisationen  und  den  Streik  gerichteten  Gesetze  und  begrüßt
aufs  freudigste  die  in  der  Türkei  entstandene  sozialdemokratische  Bewegung.

Keir  Hardie  und  Vaillant  beantragen  folgende  Resolution,  die  einstimmig
  angenommen  wird:  Unter  allen  Mitteln,  welche  angewendet  werden
sollen,  um  einem  Krieg  vorzubeugen  und  ihn  zu  verhindern,  betrachtet  der
Kongreß  als  besonders  zweckmäßig  den  allgemeinen  Streik  der  Arbeiter,
hauptsächlich  in  den  Industrien,  welche  für  den  Krieg  die  Materialien
liefern,  z.  B.  Waffen,  Munition  und  Transportgewerbe,  also  ein  aktives
Vorgehen  des  Volkes,  und  zwar  mit  den  äußersten  Mitteln.

3.  September.  Der  Verein  der  dänischen  Polizeirichter  beschloß,
gemeinsam  mit  den  Kriminalrichtern  die  Regierung  um  Abschaffung
der  von  Alberti  eingeführten  Prügelstrafe  zu  ersuchen.

20.  September.  Bei  den  Wahlen  für  die  ausscheidende  Hälfte
der  Mitglieder  des  Landesthings  wurden  gewählt:  12  Rechte,  10  Linke,
4  Freikonservative  und  2  Radikale.

Die  Parteistellung  war  früher  13  Linke,  9  Rechte  und  6  Freikonservative.


3.  Oktober.  Eröffnung  des  Parlaments.

17.  Dezember.  Der  frühere  Justizminister  Alberti  wird  zu
8  Jahren  Zuchthaus  verurteilt.  (Siehe  29.  Januar.)
        <pb n="592" />
        584  Schweden.  (Januar  17.—  August  2.)

XIV
Schweden.

17.  Januar.  Eröffnung  des  Reichstages.

In  der  Thronrede  werden  die  Beziehungen  zu  den  auswärtigen
Mächten  als  gute  bezeichnet.  Der  alte  schwedisch-norwegische  Grenzstreit
sei  endlich  durch  Schiedsgericht  geregelt.  Der  vorjährige  ernste  Arbeiterausstand
  habe  den  Anlaß  gegeben  zur  Ausarbeitung  von  Gesetzentwürfen,
um  Arbeitseinstellungen  zu  verhüten.  Ein  Gesetzentwurf  betreffend  die
Revision  des  Zolltarifs  soll  demnächst  vorgelegt  werden.  Ungeachtet  der
roßen  Ersparnisse  für  1911,  in  welchem  Jahre  die  Gesamtsumme  der  Ersordernise
  geringer  ist  als  diejenige  für  1910,  würden  neue  Steuern  notwendig
  sein,  unter  anderem  die  Erhöhung  des  Eingangszolles  auf  Kaffee,
der  Erbschaftssteuer  und  ebenso  der  Einkommen=  und  Vermögenssteuer.
Das  Budget  für  1911  balanziere  mit  2291411000  Kronen.  Unter  den
bedeutendsten  Erfordernissen  befinde  sich  dasjenige  für  Verkehrswege  in
Höhe  von  13313000  Kronen.  Die  außerordentlichen  Anforderungen  für
Armee  und  Marine  sind  im  Vergleich  zu  1910  infolge  der  Finanzlage  bedeutend
  verringert  worden.  Bei  der  Marine  belaufe  sich  die  Herabminderung
auf  2½  Millionen  Kronen.  Für  die  Fonds  der  Arbeiterversicherung  wurden
1400000  Kronen  zurückgestellt.

22.  Januar.  Staatshaushaltetat.

Der  Entwurf  sieht  Ausgaben  für  1911  in  Höhe  von  229  /8  Millionen
Kronen  vor.  Dabei  sind  die  Kosten  für  die  Armee  (55  ¼  Millionen)  und
die  Marine  (24  /  Millionen)  gegen  das  Vorjahr  etwas  vermindert.  Für
Arbeiterversicherungen  werden  1  Ri8  Millionen  ausgeworfen.  Bei  den  Einnahmen
  erscheinen  die  Zolleinnahmen  beinahe  doppelt  so  hoch  wie  die
Einkommen=  und  Vermögenssteuer  und  wenig  mehr  als  doppelt  so  hoch
wie  die  Steuern  auf  geistige  Getränke.  Trotz  der  gesteigerten  Ausgaben
hat  Schweden  seit  Jahrzehnten  keine  Staatsanleihe  zu  Etatszwecken  aufgenommen.


8.  Februar.  König  Gustav  unterzieht  sich  einer  glücklich  verlaufenen
  Blinddarmoperation.

15.  Februar.  (Stockholm.)  Zahlreiche  Mitglieder  der
schwedischen  Aristokratie  erkranken  an  schweren  Vergiftungserscheinungen
  nach  einem  Diner  bei  dem  Oberstatthalter  a.  D.  Frhrn.  Gustav
Tamm.

W—.  April.  Durch  Beschluß  beider  Kammern  des  Reichstages
wird  die  Erbschaftssteuer  um  200%  erhöht.

Sie  ist  progressiv,  steigt  aber  nur  bis  zu  4%  für  Erbschaften  von
450000  Kronen  und  darüber.

2.  August.  (Stockholm.)  Achtzehnter  internationaler  Friedenskongreß.


Er  nimmt  folgende  Resolution  an:  „Der  Kongreß  ist  glücklich,  daß
die  Periode  der  aktiven  militärischen  Operationen  Frankreichs  und  Spaniens

in  Marokko  aufgehört  hat.  Er  erinnert  daran,  daß  die  Algeciras-Konferenz
eine  Einschränkung  der  effektiven  Ueberwachungstruppen  beschloß  und  hofft,
        <pb n="593" />
        Scweden.  (September  22.)  Norwezen.  (Januar  11.—Februar  1.)  585

daß  die  Entwicklung  friedlicher,  normaler  Beziehungen  zwischen  den  Europäern
  und  der  marokkanischen  Bevölkerung  eine  progressive,  baldige
Zurückziehung  der  Truppen  ermöglicht.“

Der  französische  Notar  Emile  Arnaud  legt  einen  „Code  international
public“  vor  mit  folgenden  acht  allgemeinen  Grundsätzen:  Art.  1.  Die  Beziehungen
  unter  den  Völkern  werden  durch  dieselben  Grundsätze  des  Rechts
und  der  Sittlichkeit  geregelt,  wie  die  Beziehungen  unter  den  einzelnen
Menschen.  Art.  2.  Wie  keiner  sich  selbst  Recht  schaffen  darf,  so  soll  kein
Volk  einem  andern  Volk  den  Krieg  erklären  dürfen.  Art.  3.  Jeder  Völkerstreit
  muß  durch  Schiedsgerichte  geschlichtet  werden.  Art.  4.  Die  Selbständigkeit
  eines  jeden  Volkes  ist  unverletzlich.  Art.  5.  Es  gibt  kein  Recht,
das  sich  auf  Eroberung  gründet.  Art.  6.  Die  Völker  haben  das  Recht  der
legitimen  Verteidigung.  Art.  7.  Die  Völker  haben  das  unveräußerliche
und  unverjährbare  Recht  der  freien  Selbstbestimmung.  Art.  8.  Die  Völker
sind  unter  sich  solidarisch.

22.  September.  Bei  den  Wahlen  zu  einem  Fünftel  der  Ersten
Kammer  (33  Mandate)  gewinnen  die  Linke  11  und  die  Sozialisten
3  Sitze.

XV.
Norwegen.

11.  Januar.  Staatsfinanzen.

Der  von  der  Regierung  eingebrachte  Budgetvoranschlag  für  das  Jahr
1910/1911  sieht  ordentliche  Ausgaben  im  Betrage  von  111  150000  Kronen,
außerordentliche  Ausgaben  im  Betrage  von  5922000  Kronen  vor.  Die
letzteren  sind  für  Eisenbahnbauten  bestimmt.  Die  Einnahmen  balanzieren
mit  den  Ausgaben,  ohne  daß  neue  Steuern  eingeführt  zu  werden  brauchen.

26.  Januar.  Eröffnung  des  Storthing.

Die  Thronrede  erklärt  die  Beziehungen  Norwegens  zu  den  fremden
Mächten  für  befriedigend.  Die  Regelung  der  Verhältnisse  in  Spitzbergen
sei  der  Gegenstand  von  Auseinandersetzungen  mit  den  übrigen  interessierten
Mächten.  Es  werden  ferner  u.  a.  Gesetzentwürfe  über  die  Rechtspflege,
über  eine  Produktionssteuer  auf  Bier  und  über  Schiedsgerichte  bei  Streitigkeiten
  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  angekündigt.

27.  Januar.  Das  Ministerium  Knudsen  erbittet  seine  Entlassung.


Der  König  betraut  den  Präsidenten  des  Storthing  Konow  mit  der
Bildung  eines  neuen  Kabinetts.  Dieser  empfahl  aber  den  Liberalen
Michelsen  als  dafür  besser  geeignet.

1.  Februgr.  Das  neu  ernannte  Ministerium:

Ministerpräsident:  Präsident  des  Storthings  Konow,  Minister  des
Aeußern:  norwegischer  Gesandter  in  London  Irgens,  Finanzminister:  Amtmann
  Berge,  Handelsminister:  Erster  Bürgermeister  von  Christiania  Arctander,
  Arbeitsminister:  Fabrikbesitzer  Braenner,  Kultusminister:  Rektor  am
        <pb n="594" />
        586  RHermegen.  (März  9.  —  Mai  183.)

Seminarium  in  Tromsoe  Kvigstadt,  Justizminister:  Assessor  am  obersten
Gerichtshofe  Scheel,  Verteidigungsminister:  Oberstleutnant  Bull,  Landwirtschaftsminister:
  Landwirtschaftsschuldirektor  Holtsmark.

9.  März.  (Storthing.)  Mit  97  gegen  24  Stimmen  wird
beschlossen,  den  Abgeordneten  für  die  Tagung  eine  Entschädigung
von  3000  Kronen  sowie  eine  Reisevergütung  während  der  Ferien
zu  bewilligen.

26.  April.  Der  Dichter  Björnsterne  Björnson  f,  77  Jahre
alt,  in  Paris.  -

4.  Mai.  (Christiania.)  Roosevelt  hält  als  Preisträger  der
Nobel-Stiftung  den  pflichtmäßigen  Vortrag  im  Nationaltheater.

Das  Geld  habe  er  zur  Begründung  eines  Fonds  zur  Förderung
des  industriellen  Friedens  in  den  Vereinigten  Staaten  verwendet,  denn  es
sei  ebenso  nötig,  die  grausame  Gier  und  Anmaßung  des  Kapitalismus  und
die  grausame  Gier  und  Gewalttätigkeit  der  Arbeiterwelt  wie  den  grausamen
und  ungesunden  Militarismus  in  den  internationalen  Beziehungen  zu  beugen.
Der  Friede  sei  gut  an  sich  selbst,  aber  er  sei  nicht  das  höchste  der  Güter,
wenn  er  nicht  mit  dem  Recht  vereinigt  sei.

Es  sollte,  sobald  als  möglich,  etwas  geschehen,  um  dem  Anwachsen
der  Rüstungen,  besonders  der  Flottenrüstungen,  durch  ein  internationales
Abkommen  Einhalt  zu  tun.  Keine  Macht  könne  natürlich  für  sich  allein
vorgehen,  denn  es  müsse  vom  Standpunkt  des  Friedens  und  des  Rechts
aus  absolut  vermieden  werden,  daß  eine  Macht,  die  wirklich  an  den  Frieden
glaube,  sich  der  Gnade  eines  Rivalen  aussetze,  der  im  Grunde  keinen  solchen
Glauben  und  keine  solche  Absicht  hege.  Aber,  die  Aufrichtigkeit  der  Absichten
  vorausgesetzt,  sollten  die  großen  Weltmächte  keine  unüberwindliche
Schwierigkeit  finden,  ein  Abkommen  zu  schließen,  das  dem  übertriebenen
Wachstum  der  Flottenrüstungen  ein  Ende  mache.

Roosevelt  schloß:  „Es  würde  endlich  ein  Meisterzug  sein,  wenn  die
Großmächte,  die  ehrlich  zum  Frieden  neigen,  eine  Friedensliga  bildeten,
nicht  nur  um  den  Frieden  untereinander  zu  erhalten,  sondern  auch  um,
wenn  nötig,  mit  Gewalt  zu  verhüten,  daß  er  von  anderen  gebrochen  werde.
Die  größte  Schwierigkeit  bei  der  Förderung  des  Friedenswerkes  im  Haag
entsprang  aus  dem  Fehlen  einer  Exekutivmacht,  einer  Polizeimacht,  um  die
Entscheidungen  des  Gerichtshofes  durchzusetzen.  Wie  die  Dinge  jetzt  liegen,
könnte  eine  solche  Macht,  die  der  ganzen  Welt  den  Frieden  diktieren  würde,
am  besten  durch  eine  Kombination  der  großen  Nationen  hergestellt  werden,
die  aufrichtig  den  Frieden  wünschen  und  selber  nicht  an  Angriffe  denken.
Die  Kombination  könnte  sich  vielleicht  zunächst  nur  darauf  beschränken,  den
Frieden  innerhalb  gewisser  Grenzen  und  unter  gewissen  Bedingungen  zu
sichern.  Aber  der  Herrscher  oder  Staatsmann,  der  eine  solche  Kombination
zustande  brächte,  würde  sich  seinen  Platz  in  der  Geschichte  für  alle  Beiten
und  sein  Anrecht  auf  die  Dankbarkeit  der  gesamten  Menschheit  verdient  haben.“
Die  Universität  ernennt  Roosevelt  zum  Ehrendoktor.

13.  Mai.  (Storthing.)  Frauenstimmrecht.

Die  gesetzgebende  Abteilung  des  Storthing  stimmt  mit  71  gegen  10
Stimmen  für  die  Erteilung  des  kommunalen  Wahlrechts  an  alle  über
24  Jahre  alten  Frauen,  die  seit  5  Jahren  im  Lande  weilen  und  die
bürgerlichen  Ehrenrechte  genießen.
        <pb n="595" />
        No#rmegzen.  (Juni  1.—September  15.)  587

1.  Juni.  (Odelsthing.)  Staatskontrolle  für  Aktiengesellschaften.


Eine  große  Majorität  nimmt  die  Bestimmungen  des  neuen  Gesetzes
für  die  Aktiengesellschaften  an,  die  eine  strenge  Staatskontrolle  bringen  und
die  Vorschiebung  norwegischer  Strohmänner  für  ausländische  Kapitalisten
äußerst  erschweren.

16.  Juli.  König  Haakon  nimmt  das  Angebot  des  Deutschen
Kaisers,  dem  norwegischen  Volk  eine  Frithjofstatue  für  eine  Anhöhe
im  Sogne  Fjord  bei  Framnes  zu  schenken,  an.

23.  Juli.  (Storthing.)  Die  Regierungsvorlage  betr.  einen
außerordentlichen  Kredit  von  4  Millionen  Kronen  zu  Zwecken  der
Landesverteidigung  wird  mit  90  gegen  30  Stimmen  angenommen.

26.  Juli.  Vertagung  des  Storthing.

15.  September.  In  Drontheim  wird  die  erste  technische  Hochschule
  des  Landes  eröffnet.
        <pb n="596" />
        XVI.
Rußland.

3.  Januar.  (Petersburg.)  Die  feierliche  Beisetzung  des
Großfürsten  Michael  Nikolajewitsch  in  der  Festungskirche  in  Petersburg
  findet  unter  Beteiligung  des  Zaren  und  der  Zarin,  der  Großherzogin
  Anastasia  von  Mecklenburg  und  des  Prinzen  Heinrich  von
Preußen  statt.

Der  Leichenzug  bewegte  sich  vom  Nikolaibahnhofe  über  den  Newskiprospekt,
  das  Marsfeld  und  die  Troitzkibrücke.  Zur  Sicherheit  waren  vorher
  von  der  politischen  Polizei  1136  Verhaftungen  vorgenommen.  400
Studenten  erhielten  vom  Stadthauptmann  unentgeltlich  Fahrkarten  nach
verschiedenen  Städten  unter  der  Bedingung,  daß  sie  zur  Zeit  der  Beerdigung
des  Großfürsten  Michael  Nikolajewitsch  Petersburg  verlassen.

4.  Januar.  Die  Untersuchung  gegen  den  Revolutionär  Michael
Woskresensky,  der  am  22.  Dezember  den  Chef  der  politischen  Polizei,
Oberst  Karpow,  durch  eine  Bombenexplosion  ermordet  hatte,  ergibt,
  daß  er  das  Verbrechen  im  Auftrage  des  Revolutionskomitees
begangen  habe.

7.  Januar.  Zur  Vorgeschichte  des  russisch-japanischen  Krieges.

In  der  „Monde  illustré“  veröffentlicht  der  russische  Nihilist  Brutzew
geheime  Schriftstücke  des  russischen  auswärtigen  Amts,  die  beweisen  sollen,
daß  der  Zar  über  den  Kopf  des  Ministers  Lamsdorff  und  des  Gesandten
in  Tokio  hinweg  mit  der  japanischen  Regierung  verhandelte  und  im  Januar
1904  entschlossen  war,  die  Japaner  eventuell  auch  ohne  Kriegserklärung
angreifen  zu  lassen.  Am  14.  Januar  1904  drahtete  Nikolaus  an  seinen
Statthalter  in  Ostasien,  Generaladjutanten  Alexejew:  „Nehmen  Sie  es  zu
Ihrer  persönlichen  Richtschnur,  daß,  wenn  die  Japaner  an  der  Süd=  oder
Ostküste  von  Korea  südlich  vom  Breitengrade  von  Söul  landen,  Rußland
durch  die  Finger  sehen  und  dies  nicht  als  Kriegsgrund  betrachten  würde.
Man  kann  die  japanische  Besitzergreifung  von  Korea  bis  zu  den  Bergen
dulden,  die  die  Wasserscheide  zwischen  dem  Flußgebiet  des  Jalu  und  des
Tumen  bilden.“  Am  26.  Januar  1904  drahtete  der  Zar  an  Alexejew:
„Es  ist  zu  wünschen,  daß  die  Japaner  und  nicht  wir  die  Feindseligkeiten
eröffnen.  Wenn  sie  also  nicht  anfangen,  dürfen  Sie  ihre  Ausschiffung  im
Süden  oder  an  der  Ostküste  von  Korea  bis  Gensan  einschließlich  nicht
stören.  Wenn  jedoch  ihre  Flotte  mit  oder  ohne  Landungstruppen  an  der
Westküste  Koreas  den  38.  Breitengrad  in  nördlicher  Richtung  überschreitet,
ist  Ihnen  gestattet,  sie  anzugreifen,  ohne  ihren  ersten  Schuß  abzuwarten.
Ich  verlasse  mich  auf  Sie.  Gott  beschütze  Sie.“
        <pb n="597" />
        Rusland.  (Januar  8.—21.)  589

»  8.  Januar.  Graf  Witte  dementiert  die  ihm  zugeschriebene
Außerung,  daß  die  Beschlagnahme  der  rusfischen  Staatsguthaben
in  Berlin  geeignet  sei,  die  russisch-deutschen  Beziehungen  zu  stören.

8.  Januar.  (Finnland.)  Da  die  Rechtsanwälte  das  Reichsstempelsteuergesetz
  als  ungesetzlich  nicht  beachten,  so  nehmen  das
Hofgericht  in  Helfingfors  und  andere  finnische  Behörden  die  Dokumente
  auch  ohne  Stempelmarken  an.

11.  Januar.  Begnadigung.

Der  Justizminister  Schtscheglowitow  erwirkte  vom  Zaren  die  Benadigung
  der  wegen  Teilnahme  an  der  Ermordung  Herzensteins  vom
sinnischen  Gericht  zu  sechsjähriger  Zwangsarbeit  verurteilten  Juskewitsch,
Kraskowski  und  Polownew.  Ihr  Mitschuldiger  Laritschkin,  der  vor  dem
Gericht  für  beide  schwer  belastende  Aussagen  machte,  wird  dagegen  nicht
begnadigt.  Die  Begnadigung  erfolgte  durch  die  gesetzlich  vorgeschriebene
Vermittlung  des  finnländischen  Staatssekretariats.

16.  Januar.  Der  Gesundheitszustand  der  Zarin  wird  als
schwer  erschüttert  erkannt  und  eine  gründliche  Kur  in  Deutschland
in  der  Nähe  von  Nauheim  vorgeschrieben.

21.  Januar.  Antwort  auf  den  amerikanischen  Vorschlag  einer
Neutralisierung  der  mandschurischen  Eisenbahnen.

Die  russische  Regierung  versichert  ihre  Ergebenheit  für  die  Grundsätze
der  Integrität  und  der  Souveränität  Chinas,  sowie  der  Politik  der  offenen
Türe  und  der  gleichen  Handelsbegünstigungen  in  der  Mandschurei,  spricht
jedoch  die  Ueberzeugung  aus,  daß  diese  Grundsätze  in  nichts  gefährdet
seien,  und  daß  es  daher  durch  die  Sachlage  in  der  Mandschurei  nicht  begründet
  sei,  daß  ols  wirksamstes  Mittel  zum  Schutze  dieser  Grundsätze  die
von  den  Vereinigten  Staaten  aufgeworfenen  Fragen  auf  die  Tagesordnung
gesetzt  werden.  Bezugnehmend  auf  das  Vorhandensein  der  mit  außergewöhnlichen
  materiellen  Opfern  und  moralischen  Anstrengungen  erworbenen,
hervorragenden  Staats=  und  privaten  Interessen  in  der  Mandschurei,  auf
welche  die  internationale  Kontrolle  und  Verwaltung  der  mandschurischen
Bahnen  ungünstig  einwirken  müsse,  geht  das  Memorandum  zur  Aufzählung
der  Bedenken  gegenüber  dem  amerikanischen  Vorschlage  über.  Insoweit
dieser  die  Internationalisierung  der  in  der  Mandschurei  jetzt  bestehenden
Bahnen  betrifft,  wird  vor  allem  darauf  hingewiesen,  daß  die  ostchinesische
Bahngesellschaft  bei  der  Ausführung  ihrer  großen  Unternehmungen  sich  bestimmte
  Rechte  und  Vorrechte  für  die  ganze  30  Jahre  laufende  Konzessionszeit
  verschafft  habe.  Es  sei  daher  der  chinesischen  Regierung  nur  die  Möglichkeit
  gelassen  worden,  das  Unternehmen  nach  Ablauf  von  30  Jahren  zu
erwerben.  Nur  diese  lange  Frist  gestatte  der  Gesellschaft,  bedeutendes  Kapital
für  das  Unternehmen  aufzuwenden.  Sie  zu  veranlassen,  gegenwärtig  ihre
Rechte  aufzugeben,  wäre  eine  ungerechte  Verletzung  ihrer  Interessen;  außerdem
  rief  die  ostchinesische  Bahn  eine  große  Reihe  von  Einrichtungen  hervor
und  organisierte  sie,  die  zu  ihr  in  irgendwelchen  Beziehungen  stehen.  Auch
fördert  sie  das  Entstehen  vieler  privater  Unternehmungen,  deren  Schicksal
mit  der  Existenz  der  Gesellschaft  verbunden  ist.  Z

Noch  größere  Bedeutung  hat  die  ostchinesische  Bahn  vom  staatlichen
Standpunkte  aus;  diese  Linie  dient  als  Hauptweg  für  die  russischen  Ver-
        <pb n="598" />
        590  Kußland.  (Januar  24.  29.)

bindungen  mit  den  Besitzungen  im  fernen  Osten  und  bildet  ein  untrennbares
  Glied  der  großen  sibirischen  Bahn.  Diese  Erwägung  bewog  seinerzeit
die  russische  Regierung  zu  sehr  bedeutenden  Ausgaben  hinsichtlich  der  Garantie
für  das  Baukapital  der  Bahn  und  die  Deckung  der  Betriebsdefizite.  Für
die  Regierung  ist  es  daher  außerordentlich  wichtig,  sich  die  unmittelbare
Kontrolle  über  die  Bahn  und  die  Möglichkeit  zu  wahren,  ihre  Tarife  zu
regulieren,  was  naturgemäß  bei  Uebergabe  der  Bahn  in  die  Hände  eines
internationalen  Syndikates  unmöglich  wäre.  Endlich  bietet  das  Projekt
auch  vom  rein  finanziellen  Standpunkte  aus  nicht  die  dauernde  Garantie,
daß  bei  einer  neuen  Sachlage  voll  befriedigende  Resultate  erreicht  werden,
da  der  in  Vorschlag  gebrachte  Plan  den  Charakter  eines  in  großem  Maßstabe
  vorgenommenen,  aber  noch  nirgends  praktisch  erprobten  Versuches
  trägt.

Die  russische  Regierung  wendet  sich  dann  der  Alternative  des  amerikanischen
  Vorschlages  zu,  der  die  Heranziehung  russischen  Kapitals  zur  Teilnahme
  an  der  Finanzierung  der  projektierten  Linie  Tschin-Tschou-Fu-Aigun
und  anderer  Walünsiger  Eisenbahnunternehmungen  des  internationalen
Syndikates  in  der  Mandschurei  betrifft;  sie  erkennt  hierbei  die  ernste  Bedeutung
  der  erwähnten  Linien  für  die  russischen  Interessen  in  politischer
und  strategischer  Hinsicht  an,  weil  die  Bahn  von  Süden  her  nicht  nur  zu
der  Ostchinabahn,  sondern  auch  zu  den  russischen  Besitzungen  bei  Aigun
den  Zugang  eröffne.  Die  russische  Regierung  willigt  prinzipiell  ein,  den
Vorschlag  in  Beratung  zu  ziehen,  sobald  sie  von  den  Grundzügen  des  Unternehmens
  in  Kenntnis  gesetzt  ist;  auch  behält  sich  die  russische  Regierung
vor,  ihr  Verhalten  zu  künftigen  Unternehmungen  dieser  Art  in  Unabhängigkeit
  von  der  Bedeutung  jeder  einzelnen  vom  Standpunkte  der  russischen
Interessen  aus  zu  bestimmen.

24.  Januar.  (Finnland.)  Erklärung  zahlreicher  deutscher
Universitätsprofessoren  über  die  zwischen  Rußland  und  Finnland
schwebende  Differenz:

1.  Nach  fast  einmütigem  Urteil  der  angesehensten  Rechtsgelehrten
aller  Kulturvölker  erkannte  Kaiser  Alexander  I.  im  Jahre  1809  bei  der
Vereinigung  Finnlands  mit  Rußland  Finnland  die  Stellung  eines  vom
russischen  Staat  sich  unterscheidenden  Staates  zu.  Die  Zerstörung  oder
auch  nur  Beeinträchtigung  dieser  politischen  Selbständigkeit  Finnlands
würde  einen  Bruch  feierlich  gegebener  Versicherungen  und  die  Aufhebung
der  durch  mehrere  Menschenalter  als  unantastbar  anerkannten  Rechtsordnung
  bedeuten.

2.  Wir  würden  den  bei  dem  Verlust  der  politischen  Selbständigkeit
unvermeidlichen  Zusammenbruch  der  eigentümlich  finnländischen  Kultur  tief
beklagen,  da  diese  unter  harten  Mühen  und  aus  eigener  Kraft  errungene
Kultur  ein  sehr  schätzbares  Glied  des  gesamten  modernen  Kulturlebens  bildet.

3.  Wir  können  nicht  denken,  daß  die  russische  Gesellschaft,  und  daß
namentlich  die  gesetzlichen  Vertreter  des  russischen  Volkes  den  inneren  Aufbau
  des  politischen  Lebens  ihres  Vaterlandes  damit  beginnen  werden,  daß
sie  zu  einem  offenkundigen  Verfassungsbruch  und  damit  zugleich  zur  politischen
  und  geistigen  Vernichtung  eines  tüchtigen  und  stets  loyalen  Volkes
ihre  Hand  bieten.

29.  Januar.  Die  Revision  des  Generals  Jakubowsky  im
Amurgebiet  ergab,  daß  beim  Bau  von  Kasernen  und  Befestigungen
Millionen  unterschlagen  worden  sind.
        <pb n="599" />
        Rußland.  (Februar  2.—16.)  591

Unter  den  Schuldigen  befindet  sich  der  Stabschef  des  Amurgebiets
General  Debesch.

2.  Februar.  (Reichsdumahy  fordert  die  Vorlage  eines  Gesetzentwurfs,
  der  der  administrativen  Verschickung  von  Personen,  die
die  Sicherheit  des  Staates  und  der  Gesellschaft  gefährden,  ein  Ende
machen  soll.

2.  Februar.  Der  Reichsrat  und  die  Erklärung  der  deutschen
Professoren.

In  der  ausschlaggebenden  Zentrumsgruppe  des  Reichsrats  wird
darüber  diskutiert,  ob  gegen  den  Einmischungsversuch  deutscher  Gelehrter
in  die  Beziehungen  Rußlands  zu  Finnland  Einspruch  erhoben  werden  soll.
Es  siegt  die  Ansicht,  daß  sich  der  Reichsrat  in  diesen  Streit  nicht  einmischen
  darf.

4.  Februar.  (Petersburg.)  Gegen  die  deutschen  Professoren.

Der  Nationalklub  erläßt  eine  Erklärung,  daß  die  Einmischung
deutscher  Gelehrter  die  freund-nachbarlichen  Beziehungen  beider  Mächte
gefährde  und  die  Regeln  des  internationalen  Anstandes  verletzte;  Finnland
  bilde  nur  eine  russische  Provinz  mit  lokaler  Autonomie.

7.  Februar.  (Duma.)  Beleidigung  der  Duma.

Bei  der  Debatte  über  die  ordentlichen  Gerichte  kritisierte  das  Mitglied
  der  äußersten  Rechten,  Markow,  die  Zulassung  der  Juden  zur  richterlichen
  Tätigkeit  und  beschuldigte  die  Duma  und  ihren  Vorsitzenden  „jüdischer
Gesinnung“.  Er  wird  deshalb  für  15  Sitzungen  ausgeschlossen.

7.  Februar.  (Polen.)  Attentat.

In  Czenstochau  geben  sieben  unbekannte  Männer  Pistolenschüsse  auf
den  Warschauer  politischen  Geheimpolizeiagenten  Felig  Strawinski  ab  und
verletzen  ihn  tödlich.

9.  Februar.  (Finnland.)  Ergebnis  der  Wahlen  für  den
Landtag:

Sozialdemokraten  86,  Altfinnen  42,  Jungfinnen  28,  schwedische  Volkspartei
  26,  Agrarier  17,  christlich-soziale  Arbeiterpartei  1.

Unter  den  Gewählten  befinden  sich  15  Frauen.

9.  Februar.  Wegen  Indiskretion  wird  der  Journalist
Komkow,  der  vor  einigen  Monaten  im  Auslande  den  Chef  der
russischen  politischen  Polizei  zu  einer  Unterredung  genötigt  hatte,
auf  fünf  Jahre  nach  Sibirien  verschickt.

15.  Februar.  Die  Beratungen  des  Organisationsausschusses
für  einen  slavischen  Kongreß  in  Petersburg  enden  mit  völligem
Mißerfolge,  weil  die  polnischen  Delegierten  es  wegen  der  schlechten
polnisch-russischen  Beziehungen  für  unmöglich  erklären,  an  dem
Kongreß  teilzunehmen.

16.  Februar.  (Duma.)  Kein  Defizit.

Entgegen  dem  Voranschlage  des  Finanzministers,  der  das  Budgetdefizit
  auf  84  Millionen  Rubel  berechnet,  hat  die  Budgetkommission  der
        <pb n="600" />
        592  Außland.  (Februar  28.  26.)

Reichsduma  die  Bilanz  des  Reichsbudgets  ohne  Defizit  mit  2578927362
Rubel  festgestellt.

28.  Februar  —3.  März.  Besuch  des  bulgarischen  Königspaares
  am  russischen  Hofe.

Bei  dem  Galadiner  im  Großen  Palais  zu  Zarskoje  Selo  brachte
der  russische  Zar  folgenden  Trinkspruch  aus:  „Mit  dem  Gefühle  ganz
besonderer  Freude  begrüße  ich  die  Ankunft  Euerer  Majestäten  nach  Vollendung
  des  meinem  Herzen  und  dem  Herzen  von  ganz  Rußland  so
teuren  Werkes  der  Unabhängigkeit  Bulgariens.  Dieses  denkwürdige  Ereignis
  hat  die  großen  Taten  meines  Großvaters  unvergeßlichen  Anedenkens
  gekrönt,  der  den  jungen  slavischen  Staat  zu  einem  unabhängigen
eben  berufen  hat.  Ich  bin  sicher,  daß  das  unabhängige  Bulgarien  unter
der  weisen  Aegide  Eurer  Moajestät  ein  neues  festes  Pfand  des  Friedens,
der  Eintracht  und  der  Ordnung  in  den  Balkanländern  sein  wird,  und  daß
unsere  beiden  Regierungen  bestrebt  sein  werden,  die  historischen  Bande  der
Brüderlichkeit  und  der  Einigkeit,  die  unsere  Völker  schon  seit  langem  verbinden,
  noch  mehr  zu  festigen.  Ich  erhebe  mein  Glas  auf  das  Wohl  Eurer
Majestät,  Ihrer  Majestät  der  Königin,  meines  vielgeliebten  Patenkindes
des  Prinzen  Boris  und  Ihrer  ganzen  Familie  und  trinke  auf  das  Blühen
und  Gedeihen  Bulgariens."“

Der  König  der  Bulgaren  erwiderte  mit  folgendem  Toast:  „Nach
Erklärung  der  Unabhängigkeit  Bulgariens,  eines  der  Ideale,  die  der  vergötterte
  Zar  der  Befreier,  der  erlauchte  Großvater  Euerer  Majestät,  dem
bulgarischen  Volke  vermacht  hal,  habe  ich  als  unabhängiger  Herrscher  des
unabhängigen  Bulgarien  es  für  meine  angenehmste  Pflicht  gehalten,  mit
Ihrer  Majestät  der  Königin  vor  allem  die  Residenz  Eurer  Majestät  zu
besuchen  und  gerade  hier  in  meinem  Namen  und  im  Namen  des  bulgarischen
Volkes  Eurer  Majestät  herzlichsten  Dank  auszusprechen  für  alles,  was  das
brüderliche  Rußland  und  sein  Kaiser  für  die  Anerkennung  der  Unabhängigkeit
  Bulgariens  getan  haben.  Ich  habe  immer  Wert  gelegt  auf  die
kulturelle  und  wirtschaftliche  Wohlfahrt  meines  Volkes.  Dazu  können  Friede,
Eintracht  und  Ordnung  in  den  Balkanländern  beitragen.  Träger  dieser
Prinzipien  ist  das  bulgarische  Volk,  dem  seine  allseitige  Entwicklung  teuer
ist.  Ich  bin  überzeugt,  daß  unsere  beiden  Regierungen  alles  tun  werden
zu  einer  noch  größeren  Festigung  der  brüderlichen  flavischen  Bande,  die
unsere  Völker  eng  verbinden.  Indem  ich  von  ganzem  Herzen  Dank  ausspreche
  für  den  glänzenden  Empfang.  den  Eure  Majestäten  uns  bereitet
haben,  erhebe  ich  mein  Glas  und  trinke  auf  die  Gesundheit  Eurer  Majestät,
Ihrer  Majestäten  der  Kaiserinnen,  des  Großfürst-Thronfolgers  Alexej
Nikolajewitsch  und  auf  das  Wohlergehen  und  eine  ruhmreiche  Zukunft  des
großen  brüderlichen  Rußlands."“

25.  Februar.  (St.  Petersburg.)  Der  das  Königspaar
begleitende  bulgarische  Minister  des  Außern  General  Paprikow
äußert  sich  über  die  Lage  auf  der  Balkanhalbinsel  dahin,  daß  sie
beunruhigend  sei  und  daß  nur  entschiedene  Maßnahmen  der  Mächte
den  Frieden  erhalten  können.

Außer  der  Kretafrage  sei  auch  die  Lage  in  Mazedonien  ein
Moment,  das  zu  kriegerischen  Verwickelungen  führen  könne.  Die  türkischbulgarischen
  Beziehungen  hingen  von  den  Ereignissen  in  Mazedonien  ab.
Die  Bevölkerung  Bulgariens  sei  gegen  die  Türkei  ausgebracht.  Diese  pessi-
        <pb n="601" />
        Rußland.  (Februar  25.—März  20.)  593

mistischen  Aeußerungen  erscheinen  um  so  bemerkenswerter,  da  der  türkische
Botschafter  in  Petersburg  zu  den  politischen  Besprechungen  zwischen  dem
bulgarischen  Minister  und  Iswolski  hinzugezogen  wurde.

25.  Februar.  (Duma.)  Der  Finanzetat  der  Budgetkommission
  schließt  mit  einem  Uberschuß  von  3¾  Millionen
Nubel  ab.

Seit  22  Jahren  ist  es  der  erste  Etat,  der  ohne  eine  Anleihe  balanziert
  wurde.

3.  März.  (Finnland.)  Der  Landtag  wird  durch  den  Generalgouverneur
  Seyn  eröffnet.

7.  März.  (Duma.)  Der  Etat  des  Ministeriums  des  Innern
wird  gegen  die  Stimmen  der  Kadetten,  der  Sozialdemokraten,  der
Arbeitergruppe  und  der  Muselmannen  angenommen.

9.  März.  (Petersburg.)  Progeß  gegen  die  Revolutionäre

Tschaikowski  und  Frau  Breschkowskja.

Tschaikowski  wurde  freigesprochen  und  Frau  Breschkowskja  zur  Deportation
  nach  Sibirien  verurteilt.  Die  revolutionäre  Tätigkeit  beider  fällt
in  die  sechziger  Jahre.  Tschaikowski  hielt  sich  bis  1907  außerhalb  Rußlands
  auf.

14.  März.  Die  Zugehörigkeit  zur  interparlamentarischen
Union  nicht  straffällig.

Der  Justizminister  hat  die  Dumaabgeordneten,  welche  in  einem
Gesuch  um  strafrechtliche  Verfolgung  der  russischen  Gruppe  der  interparlamentarischen
  Union  gebeten  hatten,  schriftlich  benachrichtigt,  daß  in
der  Bildung  einer  besonderen  Dumagruppe  der  genannten  Union  keine

kriminell  strafbare  Handlung  zu  erblicken  sei.  Deshalb  könne  ihrem  Gesuch
auch  keine  Folge  gegeben  werden.

17.  März.  (Duma.)  Präsident  Chomjakow  legt  sein  Amt
wegen  verschiedener  Zwischenfälle  nieder.

19.  März.  (Duma.)  Skandalszenen.

Infolge  der  Erklärung  des  Abg.  Prof.  Purischkewitsch,  auf  den
russischen  Hochschulen  gebe  es  nichts  als  Sittenverderbnis,  erhebt  sich  ein  furchtbarer
  Lärm,  infolgedessen  eine  ganze  Reihe  von  Abgeordneten  verschiedener
Parteien  für  1,  2  oder  15  Sitzungen  ausgeschlossen  wurden.

20.  März.  (Petersburg.)  Verständigung  mit  Österreich-Ungarn.


Die  Petersburger  Telegraphenagentur  macht  bekannt,  daß  zwischen
beiden  Regierungen  wieder  normale  diplomatische  Beziehungen  hergestellt
seien,  und  daß  in  Balkan-Angelegenheiten  volle  Uebereinstimmung  der
politischen  Grundsätze  bestehe.  Von  den  sieben  Dokumenten,  die  der  Mitteilung
  an  die  andern  Mächte  beigefügt  sind,  ist  am  wichtigsten  ein  von
Iswolski  dem  Grafen  Berchtold  am  9.  Februar  1910  übergebenes  Memoire
mit  sfolgenden  Punkten:  a!  Wahrung  des  status  quo  auf  der  Balkanhalbinsel;
  b#  da  dem  neuen  Regime  in  der  Türkei  die  Gleichberechtigung  aller
Nationalitäten  zugrunde  gelegt  sei,  die  Wahrung  und  gFestigung  dieser

Europäischer  Geschichtskalender.  LI.  38
        <pb n="602" />
        594  Nubland.  (März  21.—  April  11.)

Neuordnung;  c)  Unabhängigkeit,  Festigung  und  friedliche  Entwicklung  der
kleinen  Balkanstaaten.

21.  März.  (Duma.)  Der  Oktobristenführer  Gutschkow  wird
mit  221  gegen  68  Stimmen  zum  Präsidenten  gewählt.

22.  März.  König  Peter  der  Serben  trifft  in  Zarskoje
Sselo  ein.

Aus  dem  Trinkspruch  des  Zaren:  „Die  engen  Bande,  die  unsere
stammverwandten  Völker  verbinden,  sind  schon  oftmals  in  ihrer  ruhmvollen
Geschichte  zutage  getreten.  Der  Besuch  Eurer  Majestät  ist  eine  neue
Bestätigung  der  Festigkeit  der  Freundschaft  zwischen  Rußland  und  Serbien.
Diese  Freundschaft  wird  zweifellos  zur  Festigung  des  allgemeinen  Friedens
und  der  Ordnung  beitragen,  was  für  eine  ruhige  Entwickelung  des  serbischen
Königreichs  inmitten  der  anderen  selbständigen  Staaten  der  Balkanhalbinsel
  so  notwendig  ist."

24.  März.  Die  Finanzkommission  des  Reichsrates  stellt  die
im  Budget  geforderten  Kredite  von  14674000  Rubel  für  den  Bau
neuer  Kriegsschiffe  wieder  her,  die  die  Budgetkommission  der  Duma
um  elf  Millionen  reduziert  hatte.

27.  März.  (Finnland.)  Durch  ein  Manifest  des  Zaren
wird  zur  Festigung  der  Einheit  und  Integrität  des  russischen
Reiches  eine  Gesetzesvorlage  über  das  Ende  der  finnischen  Autonomie
der  Reichsduma  und  dem  Reichsrat  empfohlen.

Danach  werden  Gesetze,  die  nicht  nur  Finnland  allein  betreffen,
sondern  allgemein  staatliche  Bedeutung  haben,  durch  die  reichsgesetzgebenden
Körperschaften  bestätigt.  Nur  die  Gesetze,  die  die  inneren  finnländischen
Angelegenheiten  betreffen,  unterliegen  der  Bestätigung  der  gesetzgebenden
Körperschaften  Finnlands.  Die  Grundlagen  der  inneren  Verwaltung  Finnlands
  werden  festgestellt  und  verändert  im  Wege  der  allgemeinen  Gesetzgebung
  auf  Initiative  des  Kaisers.

5.  April.  (Finnland.)  Der  Landtag  überweist  nach  fünfstündiger
  Diskussion  den  Gesetzentwurf  des  russischen  Ministerrats
über  die  Eingliederung  Finnlands  in  das  russische  Reich  der  Grundgesetztommission.


5.  April.  (Duma.)  Die  Kommission  stellt  das  Rekrutenkontingent
  für  1910  auf  456535  Mann  fest.

9.  April.  (Kiew.)  Auf  Regierungsbefehl  werden  651  jüdische
Familien,  insgesamt  2700  Personen,  aus  der  Stadt  ausgewiesen.

11.  April.  (Duma.)  Die  Regierung  legt  einen  vertraulichen
  Gesetzentwurf  über  die  Reorganisation  des  Heeres  und
der  Marine  vor.

Die  Durchführung  des  Planes  ist  auf  10  Jahre  berechnet  und  soll
ohne  Anleihen  erfolgen.

April.  (Sibirien.)  Im  Jahre  1909  sind  150000  Ansiedler
in  Westsibirien  angekommen.
        <pb n="603" />
        Kußland.  (April  15.—Mai  12.)  595

Davon  entfallen  auf  das  Gouvernement  Tomsk  232070  Menschen,
auf  das  Gebiet  Akmolinsk  101323,  auf  Semidpalatinsk  35167  und  das
Gouvernement  Tobolsk  29454  Seelen.  Der  zweigleisige  Umbau  der  Eisenbahn
  von  Atschinsk  bis  Irkutsk  geht  seiner  Vollendung  entgegen.  Eine
südsibirische  Eisenbahngesellschaft  unternimmt  den  Bau  der  Altaibahn  von
Tomsk  nach  Farnaul  und  weiter  bis  zur  Stadt  Biisk.

15.  April.  (Duma.)  In  geheimer  Sitzung  werden  36  Millionen
  Rubel  für  Festungsbauten  an  der  Westgrenze  bewilligt.
ebenso  das  Rekrutenkontigent  in  der  vorjährigen  Höhe.  Der  Antrag
der  Rechten  auf  Nichtzulassung  der  Juden  zum  Militärdienst  wurde
abgelehnt.  Abgelehnt  wurde  auch  ein  Antrag  auf  Herabsetzung  des
Matrosenkontingents.  Die  Sozialdemokraten  und  die  Angehörigen
der  Arbeitsgruppe  enthielten  sich  der  Abstimmung.

Mitte  April.  Verwaltungsrevision  in  Turkistan.

Der  Bericht  über  die  durch  die  Revision  des  Senators  von  der  Pahlen
aufgedeckten  Mißbräuche  bietet  eine  wahrhaft  erschütternde  Charakteristik
eines  unter  brutaler  Beamtenwillkür  seufzenden  Landesteiles.  Verschleuderung
  von  Staatseigentum,  Beseitigung  von  Staatsgeldern  und  Schriftstücken,
  willkürliche  Verhaftungen,  Bestechlichkeit,  Vernachlässigung  amtlicher
  Pflichten  und  Kompetenzüberschreitungen  werden  nur  an  den  allerschlimmsten
  Beispielen  illustriert.  Gegen  40  Beamte  ist  eine  Untersuchung
eingeleitet.

22.  April.  (Moskau.)  Großfürstin  Sergius  von  Rußland,
geborene  Prinzessin  von  Hessen  und  seit  April  1905  Witwe  des
ermordeten  Großfürsten  Sergius,  legt  das  Gelübde  zum  Dienste  der
Nächstenliebe  ab.

Sie  steht  im  46.  Lebensjahre.  Gleichzeitig  nehmen  18  Damen  der
Aristokratie  den  Schleier.  Die  Großfürstin  wird  zur  Aebtissin  des  von  ihr
gegründeten  Martha-Maria-Klosters  der  Barmherzigen  Schwestern  geweiht.
  Als  Hauptsache  bezweckt  das  Kloster  die  Ausbildung  von  Krankenpflegerinnen.


27.  April.  Budget  für  1910.

Der  Kaiser  bestätigte  das  Budget  für  1910,  nach  welchem  die  Einnahmen
  2591687  880  Rubel,  die  Ausgaben  2591259  151  Rubel,  der  Ueberschuß
  an  Einnahmen  428709  Rubel  betragen.

11.  Mai.  Durch  eine  Dynamitpatrone  wird  auf  den  Eisenbahnzug,
  in  dem  der  Dumapräsident  Gutschkow  nach  Petersburg
zurückkehrte,  ein  Attentat  unternommen.

12.  Mai.  Vom  Auswärtigen  Amt  wird  zugegeben,  daß  Rußland
  ein  freundschaftliches  Einvernehmen  mit  Japan  über  das
gemeinsame  Vorgehen  im  Osten  getroffen  habe.

Rußland  werde  der  bevorstehenden  Annektion  Koreas  durch  Japan
nicht  widersprechen;  denn  im  Hinblick  auf  die  amerikanischen  Pläne
hinsichtlich  der  Neutralisierung  der  Mandschurei  und  auf  die  herausfordernde
  Haltung  Chinas  sei  ein  Einvernehmen  mit  Japan  von  eminentem
  Wert.

38“
        <pb n="604" />
        596  Nußland.  (Mai  17.—Juni  2.)

17.  Mai.  (Duma.)  Der  Präsident  beschloß,  die  zahlreichen
aus  dem  Auslande  einlaufenden  Proteste  gegen  die  Finnlandvorlage
weder  zu  veröffentlichen  noch  im  Plenum  verlesen  zu  lassen.

19.  Mai.  Rußland  und  England  in  Persien.

Die  „Rossija“  veröffentlicht  einen  Artikel  über  die  englisch-russischen
Vorrechte  in  Persien:  Da  Persien  gegen  russische  und  englische  Banken  bedeutende
  Schuldverpflichtungen  eingegangen  sei,  stehe  beiden  Mächten  unbestreitbar
  das  Recht  zu,  darauf  zu  bestehen,  daß  Einnahmeposten,  durch
welche  diese  Schulden  sichergestellt  sind,  nicht  als  Garantien  für  neue  Verpflichtungen
  dienen,  und  daß  die  von  diesen  Banken  der  persischen  Regierung
  zu  verschiedenen  Zeiten  gewährten  kleinen  Darlehen  vorher  in  gebührender
  Weise  formuliert  und  sichergestellt  werden.  Ebensowenig  sei  die
Rede  davon  gewesen,  die  Handelsinteressen  des  Dreibundes  oder  überhaupt
irgendeines  Staats  zu  beengen.  Das  englisch-russische  Abkommen  von  1907
setze  klar  das  Prinzip  gleicher  Rechte  für  Handel  und  Industrie  aller
Völker  in  Persien  fest,  und  die  Handlungsweise  Rußlands  wie  Englands
habe  niemals  in  Widerspruch  mit  diesen  Prinzipien  gestanden.  Beide
Staaten,  besonders  Rußland,  das  gegen  hundert  Millionen  für  Persien
aufgewandt,  hätten  ein  unbezweifelbares  Recht  auf  die  politische  Vorherrschaft
  in  Persien  und  ebenso  das  Recht,  zu  fordern,  daß  ihre  strategischen
  Interessen  in  den  ihren  Grenzen  benachbarten  Rayons  vollkommen
gesichert  werden.  Diese  Ansicht  teile  offenbar  die  deutsche  Regierung;
wenigstens  berechtige  zu  dieser  Annahme  die  vom  Reichskanzler  Fürsten
v.  Bülow  im  Jahre  1909  im  Reichstage  abgegebene  Erklärung,  wonach
die  deutschen  Interessen  in  Persien  ausschließlich  wirtschaftlicher  Natur
seien.  Demzufolge  habe  Deutschland  schwerlich  Grund,  in  dem  Umstande,
daß  die  beiden  Mächte  das  Recht  des  Eisenbahnbaus  und  einige  andere
Konzessionen  von  gleichfalls  politischer  und  strategischer  Bedeutung  für  sich
beanspruchen,  eine  Verletzung  deutscher  Rechte  zu  erblicken.  Wenn  Deutschland
  geneigt  sei,  Rußlands  Vorrechte  in  Persien  und  seine  volle  Bereitwilligkeit
  anzuerkennen,  den  deutschen  Wünschen  hinsichtlich  der  Handelsinteressen
  entgegenzukommen,  dann  sei  für  eine  beide  Teile  vollkommen
befriedigende  Verständigung  über  die  persischen  Angelegenheiten  zweifellos
ein  günstiger  Boden  vorhanden.

25.  Mai.  (Moskau.)  Der  Inspektor  der  Detektivpolizei
Muratow  wird  von  einem  Anarchisten  ermordet.

27.  Mai.  (Moskau.)  Fünszig  reiche  jüdische  Kaufleute
werden  mit  ihren  Familien  ausgewiesen.

30.  Mai.  (Duma.)  Mit  182  gegen  165  Stimmen  wird  in
der  Gesetzesvorlage  auf  Einführung  von  Semstwos  für  die  sechs
westlichen  Gouvernements  der  Artikel  3  aufgenommen,  der  das  überwiegen
  der  Abgeordneten  russischer  Herkunft  sichert.

2.  Juni.  (Duma.)  Die  Finnlandvorlage  der  Regierung
wird  mit  196  gegen  105  Stimmen  in  erster  Lesung  angenommen.


Alle  Balten  stimmten  dagegen.  Da  die  Mehrhbeit  sich  weigerte,  über
die  Vorlage  nach  einzelnen  Artikeln  zu  debattieren,  so  verließ  die  ganze
Opposition  den  Saal.
        <pb n="605" />
        Rußland.  (Juni  10.—September  14.)  597

10.  Juni.  Der  Unterrichtsminister  Schwarz  nimmt  seinen
Abschied  und  wird  durch  den  Rigaischen  Kurator  Prusch-Archuko
ersetzt.

27.  Juni.  (Petersburg.)  Wegen  Spionageverdachts  wird
Baron  Ungern-Sternberg,  der  Vertreter  der  Wiener  „Politischen
Korrespondenz“,  verhaftet.

Es  handelt  sich  um  den  Verkauf  der  Mobilisationspläne  an  die
österreichische  Regierung.  (Siehe  10.  Novemberl)

27.  Juni.  Der  Reichsrat  nahm  den  Gesetzentwurf  betreffend
Finnland  in  der  von  der  Reichsduma  genehmigten  Fassung  an.

30.  Juni.  Vertagung  der  Duma  und  des  Reichsrats  bis
zum  28.  Oktober.

4.  Juli.  Der  Zar  sanktioniert  das  Finnlandgesetz.

4.  Juli.  Das  russisch-japanische  Abkommen  als  Defensivbündnis
  gegen  die  Politik  der  Vereinigten  Staaten  in  Bezug  auf
die  Mandschurei.

Ueber  den  Inhalt  wird  auf  dem  Umwege  über  Paris  bekannt,  daß
Rußland  sich  verpflichtet,  in  die  japanische  Einflußsphäre  (also  auch  Korea)
nicht  einzugreisen,  während  Japan  das  russische  Vorgehen  in  anderen
Teilen  Nordchinas  (also  wohl  in  der  Mongolei)  nicht  zu  stören  verspricht.
Um  den  status  in  der  Mandschurei  aufrecht  zu  erhalten,  versprechen  sich
beide  Vertragsteile  gegenseitige  Hilfe  mit  ihrer  Gesamtmacht.

Auf  russischer  Seite  wird  das  Hauptverdienst  an  dem  Zustandekommen
  dieses  Abkommens  dem  Finanzminister  Kokowzew  zugeschrieben.
(Den  Wortlaut  siehe  Asien  (Japan)  10.  Juli.)

9.  Juli.  (Warschau.)  Der  Revisor  Senator  Neidhardt  hat
75  Personen,  darunter  elf  Stabsoffiziere,  wegen  Erpressung  und
Bestechlichkeit  dem  Gericht  übergeben.

22.  Juli.  Durch  einen  Brand  auf  dem  Gute  Tatjana  an
der  Pola  verliert  Graf  Tolstoi  wertvolle  Manufkripte  seiner  neuesten
Arbeiten.

1.  August.  (Przelaika.)  Grenzverletzungen  auf  deutschem  Boden.

Die  neue  kriegsgerichtliche  Untersuchung  ergibt  wie  die  des  Vorjahres,
  daß  der  deutsche  Ballon  „Tschudi“  durch  russische  Grenzsoldaten
beschossen  wurde,  als  er  noch  auf  preußischem  Gebiete  war.

2.  August.  (Warschau.)  Auf  Verordnung  des  Ministers
des  Innern  wird  der  Verband  polnischer  ärzte  aufgelöst.

28.  August.  Der  Zar  ernennt  den  König  Nikolaus  von
Montenegro  zum  Generalfeldmarschall  der  russischen  Armee.

14.  September.  (Kiew.)  Die  Revision  ergibt,  daß  die
Intendanturbeamten  in  den  letzten  fünf  Jahren  an  Bestechungsgeldern
  acht  Millionen  Rubel  eingenommen  haben.
        <pb n="606" />
        598  Rußland.  (September  16.—Oktober  29.)

16.  September.  Die  Presse  bezeichnel  es  als  eine  Blamage
der  Flotte,  daß  das  Schlachtschiff  „Slawa“",  das  am  29.  August
an  der  Jubiläumsfeier  in  Montenegro  teilnehmen  sollte,  wegen
Versagens  der  Maschinen  nur  bis  Gibraltar  gekommen  ist.

16.  September.  (Finnland.)  Eröffnung  des  außerordentlichen
  Landtags.

23.  September.  (Finnland.)  Landtagserklärung.

Der  Präsident  Swinhufoud  legte  zunächst  die  Gründe  der  Einberufung
  des  Landtages  dar  und  gab  einen  Ueberblick  über  die  wesentlichsten,
  ihm  zur  Beratung  übergebenen  Vorlagen.  Er  führte  aus,  das
Gesetz  vom  30.  Juni,  betreffend  die  für  das  russische  Reich  und  Finnland
gemeinsamen  Gesetze,  widerspreche  den  Grundgesetzen  Finnlands
und  sei  deshalb  weder  für  die  finnländischen  Bürger,  noch  für  Amtspersonen
  und  Landtagsmitglieder  gültig;  da  der  Ministerrat  nicht  berechtigt
sei,  dem  finnländischen  Landtage  Gesetzentwürfe  vorzulegen,  so  halte  er,
Swinhufond,  es  nicht  für  möglich,  die  gegenwärtig  eingebrachten  Gesetzentwürfe
  dem  Landtage  zur  Verhandlung  vorzulegen.  Der  Landtag  sctteßt
sich  dieser  Erklärung  an.

28.  September.  Der  Minister  des  Auswärtigen  Iswolski
wird  zum  Botschafter  in  Paris  ernannt.  Sein  Nachfolger  wird
sein  bisheriger  Gehilfe  Sassonow.

8.  Oktober.  (Finnland.)  Die  vom  Landtag  nicht  in  Beratung
  gezogenen  Gesetzvorlagen  über  die  Gleichberechtigung  aller
russischen  Untertanen  in  Finnland  und  über  die  Ablösung  der
Wehrpflicht  der  Finnländer  durch  Zahlung  einer  Summe  an  die
Staatskasse  werden  vom  Kaiser  auf  Grund  des  Gesetzes  vom  30.  Juli
1910  der  Duma  zur  Beschlußfassung  überwiesen.

Der  Landtag  wird  aufgelöst  und  Neuwahlen  für  den  am  1.  Februar
zusammentretenden  Landtag  auf  den  2.  Jannuar  festgesetzt.

11.  Oktober.  Als  Nachfolger  des  Ministers  für  Volksaufklärung
Schwarz  wird  der  Lyzeumsdirektor  Kasso  aus  Moskau  berufen.

13.  Oktober.  Zum  Botschafter  in  Wien  wird  als  Nachfolger
des  Fürsten  Urussow  der  Gesandte  in  Brüssel  v.  Giers,  Sohn  des
ehemaligen  Ministers  des  Außern,  ernannt.

27.  Oktober.  Unterzeichnung  eines  Schiedsgerichtsvertrages
mit  Italien.

28.  Oktober.  Zusammentritt  der  Duma.

Der  Vizepräsident  Fürst  Wolkonsky  weigert  sich,  zu  Ehren  des  verstorbenen
  ersten  Dumapräsidenten  Muromtzew  ein  Erheben  von  den  Sitzen
zuzulassen.  Als  Protest  verläßt  die  Linke  den  Saal  und  wohnt  in  der  Dumakirche
  einer  Totenmesse  für  Muromtzew  bei.

29.  Oktober.  Die  Landesverteidigungskommission  beschließt,
innerhalb  von  drei  Jahren  zum  Schutz  von  Petersburg  bei  Neval
        <pb n="607" />
        Kußland.  (November  1.—8.)  599

und  auf  einer  Insel  in  den  finnischen  Schären  zwei  Festungen  zu
bauen.  Die  Kosten  betragen  250  Millionen  Rubel.

1.  November.  (Duma.)  Die  Finanzkommission  bestimmt
gegen  die  Stimmen  der  Fabrikanten,  die  zollfreie  Einfuhr  landwirtschaftlicher
  Maschinen  auf  weitere  zwei  Jahre  beizubehalten.

8.  November.  Sassonow  über  die  Ergebnisse  der  Potsdamer
Begegnung.

Einem  Mitarbeiter  der  „Nowoje  Wremja“  gegenüber  äußert  sich
Sassonow:  „Alle  schwebenden  Fragen  wurden  erörtert,  und  das  Resultat
befriedigt  vollauf  die  russischen  ebenso  wie  die  deutschen  Interessen.  Mithin
kann  von  einem  Bestreben,  uns  zu  anderen  politischen  Kombinationen
hinüberzuziehen,  keine  Rede  sein.  Die  deutschen  politischen  Leiter  wissen,
daß  Rußland  stets  ein  guter  Nachbar  war,  seine  Pflicht  erfüllte  und  deshalb
niemals  Veranlassung  hatte,  sich  von  dem  engen  Bündnisse  mit  Frankreich
  loszusagen,  noch  von  dem  herzlichen  Einvernehmen  mit  England.
  Unter  solchen  Bedingungen  können  alle  Unterhandlungen  mit  Deutschland
  nur  auf  der  Basis  der  gegenwärtigen  Verteilung  der  politischen  Kräfte
stattsinden.  Der  deutsche  Kanzler  wie  der  deutsche  Staatssekretär  verneinen
in  ganz  bestimmter  Weise  jede  Beeinflussung  der  türkischen  Politik.  Um
den  Frieden  auf  dem  Balkan  zu  sichern,  hat  Rußland  für  den  drohenden
türkisch-bulgarischen  Konflikt  bekanntlich  eine  große  Summe  geopfert,
Deutschland  schätzt  das  und  wird  niemals  die  Türkei  unterstützen,  wo  immer
sie  den  allgemeinen  Frieden  stören  sollte.  Die  Berliner  Begegnung  hat
auch  die  persische  Frage  klargelegt,  die  von  einem  Teile  der  Presse
furchtbar  aufgebauscht  wird.  Deutschland  erkennt  Rußlands  Sonderinteressen
in  Nordpersien  an  und  wird  dort  keine  Konzessionen  anstreben.  Es  wünscht
aber,  wenn  Rußland  in  Nordpersien  Eisenbahnen  baut,  daß  die  deutschen
Interessen,  die  mit  der  Bagdadbahn  verbunden  sind,  gewahrt  werden.“

8.  November.  (Duma.)  Vorlage  eines  Gesetzes  zur  Bekämpfung

  der  deutschen  Kolonisten  im  Südwesten  von  Rußland.

Stolypin  führte  aus,  es  sei  erforderlich,  in  den  Grenzbezirken  die
russische  Staatsidee  aufrecht  zu  erhalten  und  die  dieser  Idee  feindlichen
Elemente  zu  bekämpfen.  Das  Gouvernement  Wolhynien  sei  durchsetzt
von  preußischen  Emigranten,  in  deren  Händen  sich  neun  Prozent  der
Ländereien  befänden.  Wenngleich  die  Kolonisten  russische  Untertanen  seien,
so  bedeuteten  sie  doch  eine  große  Gefahr  für  den  Staat.  Diese  Kolonisten
seien  nur  formell  russische  Untertanen,  nach  ihrer  politischen  Ueberzeugung,
Sprache,  Religion  und  Sitte  neigten  sie  zu  Deutschland.  Sie  eigneten  sich
daher  nicht  zur  Besiedelung  der  Grenzgebiete;  auch  deshalb  nicht,  weil  sie
nach  dem  deutschen  Gesetz  nicht  aufhören,  deutsche  Reichsangehörige  zu  sein.
Der  germanischen  Rasse  hafte  das  eigentümliche  Bestreben  zu  friedlicher
Eroberung  durch  die  Kolonisation  an.  Die  Kolonisten  verdrängten  infolge
ihrer  wirtschaftlichen  und  kulturellen  Ueberlegenheit  nicht  nur  die  Russen,
sondern  auch  die  sehr  wünschenswerten  Tschechen  und  Galizier.  Die  Zahl
der  deutschen  Kolonisten  in  Wolhynien  betrage  146000,  die  immer  mehr
Land  erwerben.  Daher  sei  die  Bekämpfung  der  deutschen  Kolonisten
absolut  notwendig.  Zu  diesem  Zwecke  sei  das  Verbot  des  Ankaufes
und  der  Pachtung  von  Ländereien  in  den  Gouvernements  Wolhynien,  Kiew
und  Podolien  erforderlich.  Die  entsprechenden  Maßnahmen  sollten  mit
größter  Beschleunigung  durchgeführt  werden.
        <pb n="608" />
        600  Kußland.  (November  10.—  Dezember  3.)

10.  November.  Der  Appellhof  verurteilt  den  Journalisten  Baron
Ungern-Sternberg  wegen  Mitteilung  eines  Staatsgeheimnisses  an  eine
fremde  Macht  zu  vier  Jahren  Zwangsarbeit.  (Siehe  27.  Juni.)

10.  November.  (Finnland.)  Eine  Adresse  des  französischen
Parlaments  an  die  Duma  „zugunsten  der  unverjährbaren  Rechte
Finnlands“  wird  im  Wortlaut  bekannt  gemacht.

Sie  ist  von  120  Senatoren  und  292  Deputierten  unterzeichnet.
Eine  grobe  Antwort  des  Abg.  Krupenski  ist  der  Rücksendung  beigefügt.

11.  November.  (Duma.)  Der  frühere  Präsident  Gutschkow,
der  im  Sommer  sein  Amt  niedergelegt  hatte,  wird  mit  201  gegen
137  Stimmen  zum  ersten  Präsidenten  wiedergewählt.

15.  November.  (Duma.)  Beschimpfung  Frankreichs.

Abg.  Purischkewitsch  sagte,  Frankreich  sei  ein  gottloses  Land,  das
von  Gesindel  regiert  werde.  Die  Opposition  beschwert  sich,  daß  Präsident
Gutschkow  ihren  Einspruch  gegen  diese  Beschimpfung  einer  befreundeten
Nation  nicht  zugelassen  habe.

16.  November.  (Duma.)  Der  Antrag  des  Abgeordneten
Tschelyschow,  daß  die  Lehre  über  die  Schädlichkeit  des  Alkohol-=genusses
  in  das  Unterrichtsprogramm  aufgenommen  werde,  wird
angenommen.

16.  November.  (Zarskoje  Selo.)  Rückkehr  der  kaiserlichen
Familie  aus  Deutschland.

20.  November.  (Astapowo.)  Leo  Tolstoi  f,  82  Jahre  alt.

Erhatte  sicham  10.  November  heimlich  von  seinem  Gute  Jaßnaja  Poljana
entfernt,  um  den  Rest  seines  Lebens  in  Armut  und  Einsamkeit  zu  verbringen.

21.  November.  (Duma.)  Tolstois  Andenken  wird  durch  Erheben
  von  den  Sitzen  und  Unterbrechung  der  Verhandlungen  auf
einen  Tag  geehrt.

22.  November.  (Petersburg.)  Prozessionen  zu  Ehren  des  Begräbnisses
  Leo  Tolstois  werden  von  der  Polizei  auseinandergetrieben.

25.  November.  (Duma.)  Ehrung  Tolstois.

Die  Kadettenpartei  beantragt  den  Ankauf  des  Gutes  Jaßnaja  Poljana
  mit  dem  Grabhügel  Tolstois  sowie  des  Sterbehauses  in  Astapowo
durch  den  Staat  und  die  Eröffnung  einer  nationalen  Sammlung  für  ein
in  Moskau  zu  errichtendes  Tolstoi-Denkmal.

1.  Dezember.  Zum  Gehilfen  des  Ministers  des  Auswärtigen
wird  der  Departementschef  Neratow  ernannt.

3.  Dezember.  (Petersburg.)  Prozeß  Leo  Tolstois  wegen
Gotteslästerung.

Tolstois  Sohn  Leo,  der  wegen  Herausgabe  der  Werke  seines  Vaters
„Gott  ist  nicht  in  der  Kraft,  sondern  in  der  Wahrheit“  und  „Wiederherstellung
  der  Hölle“  der  Gotteslästerung  angeklagt  war,  ist  vom  Bezirksgerichte
  freigesprochen  worden.
        <pb n="609" />
        Rußland.  (Dezember  8.  —Ende.)  601

8.  Dezemder.  (Duma.)  Die  Budgetkommission  beschließt,
für  die  Volksschulen  im  nächsten  Jahr  10  Millionen  Rubel  festzulegen,
  und  diese  Summe  jedes  folgende  Jahr  um  10  Millionen
Rubel  zu  steigern,  bis  100  Millionen  erreicht  sind.

13.  Dezember.  Preßstimmen  zur  Rede  des  deutschen  Reichskanzlers.


„Nowoje  Wremja“:  Deutschland  entsagt  bezüglich  des  nahen
Ostens  seiner  Rußland  schädlichen  Politik,  Rußland  sagte  dafür  die  Verbindung
  zwischen  Persien  und  der  Bagdadbahn  zu.  Wir  erkennen  die  vollzogene
  Tatsache  von  Deutschlands  Entgegenkommen  an.  Es  haben  nicht
nur  Deutschland  und  Rußland,  sondern  auch  die  Türkei  und  Persien  davon
Vorteil.  Die  Rede  habe  sich  durch  eine  in  der  Diplomatie  seltene  Aufrichtigkeit
  ausgezeichnet.  Entgegen  der  Auffassung  der  französischen  Presse
bemerkt  das  Blatt,  die  Kanzlerrede  „und  ein  Interview  Ssasonows  mit
dem  Vertreter  der  „Nowoje  Wremja“  ließen  in  genügender  Deutlichkeit
erkennen,  was  der  Sinn  der  Potsdamer  Unterredungen  gewesen  sei.

13.  Dezember.  (Petersburg.)  Studentenkrawall.

Wegen  der  im  amtlichen  Bericht  zugegebenen  Prügelstrafen,  die
über  die  politischen  Gefangenen  im  ostsibirischen  Gebiet  Nertschinsk  verhängt
  worden  sind  und  einige  von  ihnen  zum  Selbstmord  getrieben  haben,
findet  in  der  Universität  eine  Studentenversammlung  statt.  Die  Polizei
verwundet  mehrere  Teilnehmer  im  Handgemenge.

21.  Degember.  (Odessa.)  Studentenkrawall.

Eine  unerlaubte  Versammlung  von  300  Studenten  empfing  die
Polizei,  die  sie  auseinandertreiben  sollte,  mit  Revolverschüssen,  worauf  eine
Salve  der  Polizisten  folgte.  Ein  Student  wurde  tödlich,  8  schwer  verletzt;
auch  7  Polizisten  und  ein  Universitätsdiener  trugen  Wunden  davon.  Die
Polizei  nahm  2140  Studenten  in  Haft.

30.  Dezember.  (Duma.)  Die  Dringlichkeit  der  Interpellation
über  die  Studentenunruhen  in  Odessa  wird  nach  heftiger  Debatte
abgelehnt.

Darauf  folgt  Vertagung  bis  zum  30.  Januar.

Ende  Dezember.  Die  Vorgeschichte  der  Potsdamer  Punktationen.

Uber  das  Potsdamer  Abkommen  mit  Deutschland  in  bezug  auf
Persien  bringt  die  „Nowoje  Wremja“  einige  Mitteilungen.  Als  Ausgangspunkt
  sei  eine  deutsche  Note  aus  dem  Jahre  1907  zu  betrachten,  die
eine  Folge  des  russisch-englischen  Abkommens  über  die  Reibungsmöglichkeiten
  in  Tibet,  Beludschistan,  Afghanistan  und  Persien  war.  Damals
leilten  sich  bekanntlich  die  beiden  früheren  Rivalen  gegenseitig  wirtschaftliche
  Interessensphären  in  Persien  zu,  so  daß  nur  das  Mittelstück  dieses
Reiches  als  unabhängig  und  neutral  gelten  konnte.  In  Petersburg  wurde
die  deutsche  Anfrage,  wie  sich  Rußland  zu  den  vorhandenen  deutschen
Interessen  stelle,  damals  nicht  beantwortet.  Durch  den  englischen  Vorstoß
am  17.  Oktober  1910  sei  Rußland  veranlaßt  worden,  den  deutschen  Wünschen
über  den  zukünftigen  Anschluß  der  Bagdadbahn  an  das  kontinentale
russisch-japanische  Bahnnetz  näher  zu  treten.  Es  sei  in  Potsdam  zu  Punktationen
  gekommen,  die  durch  weitere  Besprechungen  näher  bestimmt  und
dann  auch  völkerrechtlich  auf  eine  sicherere  Basis  gestellt  werden  sollen.
        <pb n="610" />
        XVII.
Türkei.

1.  Januar.  (Kreta.)  Das  kretische  Parlament  ermächtigte
unmittelbar  vor  seiner  Schließung  die  Regierung,  alle  ihr  zweckmäßig
  erscheinenden  Gesetze  Griechenlands  durch  bloße  Verfügung
in  Kreta  einzuführen.

3.  Januar.  Flottenspenden.

Die  Offiziere  und  Mannschaften  der  ganzen  Armee  beschlossen,  ihr
Gehalt  von  2  Monaten  ratenweise  für  Flottenzwecke  zu  stiften.  Der  Flottenverein
  sammelt  in  den  Provinzen,  um  150000  Pfund  zum  Ankauf  eines
Kriegsschisses  dem  Staatsschatze  zu  überweisen.

7.  Januar.  Französisch-türkischer  Konflikt.

Eine  Grenzfrage  über  ein  zwischen  Tunis  und  Tripolis  strittiges
Gebiet  wird  von  der  französischen  Botschaft  in  Konstantinopel  dazu  benutzt,
die  Zurückziehung  der  türkischen  Truppen  aus  dem  strittigen  Gebiet  zu
verlangen.

8.  Januar.  Eine  Note  der  Pforte  an  die  Schutzmächte  Kretas
protestiert  gegen  die  Eidesleistung  der  neuen  Kreta-Regierung  und
gegen  den  Beschluß  der  kretischen  Kammern,  daß  die  Gesetze  Griechenlands
  auf  der  Insel  angewandt  werden  sollen.

Ein  Antrag  der  türkischen  Postverwaltung  bei  dem  internationalen
Bureau  des  Weltpostvereins  in  Bern,  daß  die  kretensischen  Briefmarken  verboten
  werden,  wird  als  nicht  rechtzeitig  eingelaufen  abgelehnt,  da  Kreta
bereits  seit  1902  eigene  Briefmarken  besitzt  (s.  20.  Jan.).

10.  Januar.  Neues  Kabinett.

Hakki  Pascha  Großwesir,  Rifaat  Aeußeres,  Mahmud  Schefket  Krieg,
Talaat  Inneres,  Dschawid  Finanzen  und  Marine,  Halil  Pascha  Oeffentliche
Arbeiten,  Mavrocordato  Minen  und  Landwirtschaft,  Kopaszis,  Prinz  von
Samos,  der  auf  Samos  durch  den  bisherigen  Minenminister  Aristaki  ersetzt
  wird,  Fromme  Stiftungen.  Der  bisherige  Minister  Hamada  Pascha
wurde  durch  den  Senator  Scherif  Haidar  Bey  ersetzt,  an  die  Stelle  des
bisherigen  Scheik  ül  Islam  tritt  der  Ulema  Husni.  Justizminister  wird
Nedjmeddin  Molla,  unterrichtsminister  Emrullah.  8  von  den  12  Ministern
sind  Jungtürken.

11.  Januar.  Türkisch-französischer  Konflikt.

Die  Türkei  beruft  sich  Frankreich  gegenüber  auf  den  Vertrag  von
Wardo  und  den  Firman  von  1871,  welcher  Tunis  als  türkische  Provinz
erklärt,  und  verlangt  den  Ausschluß  jeder  französischen  Einmischung  bei
Zusammensetzung  der  Grenzkommissionen.  Dagegen  verlangte  der  frau-
        <pb n="611" />
        Türkei.  (Januar  18.—Februar  8.)  603

zösische  Botschafter  i  in  Konstantinopel  die  Respektierung  des  französischen  Protektorats

  in  Tunis  und  erklärte  den  Firman  von  1871  als  rechtlich  nicht  vorhanden,

  weil  er  der  französischen  Regierung  niemals  amtlich  vorgelegt  wurde.
18.  Januar.  Panislamismus.

Ein  Fetwa  des  Scheik  ül  Islam,  das  alle  Mohammedaner,  die
das  Kalifat  des  Konstantinopeler  Sultans  anerkennen,  zu  Geldsammlungen
für  die  Verstärkung  der  türkischen  Flotte  auffordert,  wird  auch  in  den
Moscheen  Indiens,  Egyptens,  Afghanistans  und  Beludschistans  verlesen.

19.  Januar.  Brand  des  Parlamentsgebäudes.

Durch  eine  Explosion  des  Heizapparates  brennt  der  Prachtpalast
von  Tschiragan,  der  dem  Parlament  als  Heim  diente,  vollständig  nieder.

20.  Januar.  Kretische  Frage.

Die  Pforte  richtet  an  alle  Großmächte  durch  Vermittelung  der  türkischen
  Botschaften  eine  Note,  worin  sie  gegen  den  Gebrauch  der  neu  bestellten
  kretischen  Briefmarken  mit  dem  Aufdruck  „Hellas“  sowie  dagegen
  Einspruch  erhebt,  daß  fortgesetzt  Gerichtsentscheidungen  im  Namen
des  Königs  der  Hellenen  gefällt  werden.

24.  Januar.  Die  Kammer  billigt  mit  187  Stimmen  gegen
34  das  Programm  des  neuen  Großwesirs  Hakki  Pascha:

Nach  der  Verlesung  des  Programms,  welches  in  der  Erklärung
gipfelt,  daß  sich  die  Türkei  bemühen  werde,  im  Konzert  der  Mächte  ein
wichtiges  Element  des  Friedens  zu  bilden,  besprach  der  Großwesir  einige
Hauptpunkte,  besonders  die  Wiederherstellung  normaler  Verhältnisse  und
wies  auf  die  Notwendigkeit  hin,  Reformen  im  YDemen  einzuführen,  wo
eine  regelrechte  Verwaltung  ganz  fehle.  Bezüglich  der  Kretafrage  hob
der  Großwesir  hervor,  die  Türkei  befolge  eine  gerechtere  Politik  und  werde
Kreta  eine  weitgehende  Autonomie  gewähren;  aber  die  türkischen  Rechte
würden  es  nicht  erlauben,  daß  sich  ein  anderer  Staat  einmische.  Unsere
Freunde,  erklärte  der  Großwesir,  verstehen  unsere  Wünsche;  wir  dürfen  sie
nicht  allzusehr  belästigen.  Die  Regierung  werde  auch  die  Kretafrage  mit
Umsicht  behandeln.  (Beifall.)

29.  Januar.  Trotz  Beilegung  des  Grenzzwischenfalles  mit
Bulgarien  werden  das  2.  und  3.  Korps  in  Kriegsbereitschaft  gesetzt
und  Pferdeeinkäufe  im  In=  und  Auslande  angeordnet.  Das  gilt
als  Warnungssignal  für  Griechenland.

2.  Februar.  (Saloniki.)  Die  Redifjahrgänge  1904/06  in
Stärke  von  20  bis  25000  Mann  find  einberufen  worden.

4.  Februar.  (Kreta.)  Dem  Exekutivkomitee  werden  Vorschläge
  der  vier  Schutzmächte  mitgeteilt,  um  griechisch-türkische  Verwicklungen
  zu  verhindern.

6.  Februar.  Der  Sultan  stiftet  dem  Flottenverein  ein  Zwölftel
seiner  Zivilliste,  etwa  475000  Mark.

8.  Febrnar.  Das  Schriftsystem  der  Albanesen.

Die  Versammlung  in  Pristina  fordert  einstimmig  das  arabische
Alphabet  für  die  Schulen.  Das  albanesische  Volk  schloß  die  neuen  Schulen
in  Gillan  und  verbrannte  die  Schulbücher  in  lateinischer  Schrift.
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        604  Türkei.  (Februar  13.—März  8.)

13.  Februar.  Unruhe  in  Mazedonien.

Bei  der  Suche  nach  Waffen  in  der  bulgarischen  Ortschaft  Krodschelovo
  werden  1  Gendarmeriehauptmann  und  3  Gendarmen  von  den
Dorfbewohnern  erschossen.

14.  Februar.  Erledigung  des  Zwischenfalls  an  der  tunefischtripolitanischen
  Grenze  (s.  Frankreich  14.  Febr.).

14.  Februgar.  (Kammer.)  Das  Flottenprogramm  der  Regierung,
  das  5  Millionen  Pfund  für  Neubauten  vorfieht,  wird
debattelos  genehmigt.

16.  Februar.  Verfassungsfragen.

Senator  Ferid  Pascha,  der  Schwager  des  Sultans,  hat  dem  Ausschusse
  des  Senats  einen  Bericht  über  eine  Verfassungsrevision  unterbreitet,
der  sich  gegen  den  Grundsatz  der  Volkssouveränität  wendet,  da  die  Türkei
aus  verschiedenen  Völkern  mit  verschiedenen  Tendenzen  bestehe.  Der  Bericht
  empfiehlt  die  Beibehaltung  der  Verfassung  von  1876  mit  Ausschluß
des  Verbannungsrechtes  des  Sultans.

16.  Februar.  (Saloniki.)  Unruhe  in  Mazedonien.

Der  zum  Tode  verurteilte  bulgarische  Bandenführer  Dinga  ist  in
Seres  öffentlich  durch  den  Strang  hingerichtet  worden,  zwölf  zu  lebenslänglicher
  Strafarbeit  verurteilte  Bulgaren  wurden  nach  Kleinasien  verschickt.

18.  Februar.  Die  Heraklea-Gesellschaft.

Der  Staatsrat  lehnt  die  Anerkennung  der  acht  Millionen  Franks
ab,  welche  in  der  kürzlich  veröffentlichten  Bilanz  der  französischen  Heraklea-Kohlenminen-Gesellschaft
  als  Schuld  des  türkischen  Staates  figurieren.

19.  Februar.  Aus  der  Villa  Alatini  bei  Saloniki  reisen  drei
Töchter  des  Exsultans  Abdul  Hamid  in  Begleitung  seines  Sohnes
des  Prinzen  Abdul  Rahmin  nach  Konstantinopel,  um  dort  verheiratet
  zu  werden.

19.  Febrnar.  Zum  Ankauf  von  4  Torpedobootszerstörern  bewilligt
  der  Ministerat  angesichts  der  griechischen  Krise  410,000
Pfund  (8  Millionen  Mark).

22.  Februar.  (Kammer.)  43  Deputierte  treten  zu  einer
neuen  „Volkspartei“  zusammen.

24.  Februar.  Der  Kriegsminister  fordert  alle  Offiziere  von
neuem  auf,  sich  nicht  mit  Politik  zu  befassen.

8.  März.  2000  Meuterer,  die  nach  den  Unruhen  in  Konstantinopel
  nach  Saloniki  gesandt  und  zu  Straßenarbeiten  verurteilt
  worden  waren  (s.  Mitte  Mai  1909.),  werden  begnadigt.

8.  März.  (Konstantinopel.)  Araber  und  Türken.

Die  Zeitung  „Ikdam“  wurde  suspendiert  wegen  gehässiger  Artikel
gegen  die  arabische  Rasse.  Einige  30  Rechtshörer  zogen  vor  das  Redaktionslokal
  des  „Ikdam“,  zertrümmerten  alle  Feuster  und  bedrohten  die  Redakteure.
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        Türkei.  (März  13.—Mai  2.)  605

13.  März.  Die  Folgen  eines  dienstlichen  Verweises.

Der  deutsche  Militärattache  Major  v.  Strempel  hat  als  Schiedsrichter
  in  der  sogenannten  Ehrenangelegenheit  des  Generaldirektors  Kautz
entschieden,  daß  eine  Beleidigung  des  Forderers  Reschid  Bey  durch  Kautz
nicht  vorliege,  weshalb  der  Duellweg  nicht  zu  betreten  sei.

16.  März.  Die  nach  Adrianopel  einberufenen  Redifs  werden
wieder  entlassen.

16.  März.  Der  Geburtstag  des  Propheten  wird  als  staatlicher
  Feiertag  gesetzlich  festgesetzt.

17.  März.  Revision  eines  Strafprozesses  gegen  einen  Deutschen.

Der  Kassationshof  kassierte  das  gegen  den  Deutschen  Rospert  gefällte,
auf  drei  Jahre  Gefängnis  lautende  Urteil,  gegen  das  der  deutsche  Botschafter
  Protest  erhob.  Die  Kassation  erfolgte,  weil  das  Gericht  die  durch
die  Kariiulation  bedingte  Hinzuziehung  eines  deutschen  Konsularvertreters
unterließ.

21.  März.  (Kreta.)  Die  Wahlen  ergeben:  45  Anhänger
Beniselos  und  45  aller  übrigen  politischen  Gruppen  zusammen.

3.  April.  König  Peter  von  Serbien  wird  vom  Sultan
empfangen.

Anfang  April.  In  Albanien  bricht  ein  Aufstand  aus,  bei
dem  15000  Mann  die  Waffen  ergreifen.

9.  April.  (Jerusalem.)  Die  Himmelfahrtskirche  wird  im
Beisein  des  Prinzenpaares  Eitel  Friedrich  von  Preußen  und  der
Prinzen  Georg  und  Konrad  von  Bayern  eingeweiht.

Tags  darauf  wird  die  katholische  Zionskirche  ebenso  feierlich  eingeweiht.


9.  April.  König  Peter  von  Serbien  reist  auf  der  Nacht  des
Sultans  nach  dem  Berge  Athos.

18.  April.  Die  Kammer  beschließt  mit  146  gegen  43  Stimmen
eine  Dienstzeit  im  Heere  von  25  und  in  der  Flotte  von  18  Jahren.

20.  April.  Der  türkische  Flottenverein  schließt  mit  der
Schichauwerft  einen  Vertrag  über  die  Lieferung  von  4  Torpedobootszerstörern.


25.  April.  Wegen  der  immer  größeren  Verbreitung  des  Aufstandes
  in  Oberalbanien  beschließt  der  Ministerrat  die  Redifbrigaden
in  Saloniki  und  Smyrna  zu  mobilisieren  und  dorthin  zu  senden.

2.  Mai.  Die  Klage  der  türkischen  Regierung  gegen  die  deutsche
Reichsbank  auf  Herausgabe  von  12  Millionen  Mark,  die  der  Exsultan
  Abdul  Hamid  in  Verwahrung  gegeben  hatte,  wird  vom
Landgericht  Berlin  abgewiesen,  weil  die  Herausgabe  durch  den  Exsultan
  nicht  aus  freien  Stücken  sondern  unter  Zwang  gefordert  werde.
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        606  Türkei.  (Mai  4.  11.)

4.  Mai.  Der  Oberkommandant  in  Albanien  erhält  das  Recht,
überall  wo  er  es  für  notwendig  findet,  den  Belagerungszustand
zu  verhängen.

9.  Mai.  (Kammer.)  Der  Antrag  auf  Veröffentlichung
sämtlicher  Geheimberichte  des  Arabers  Schefik,  der  dem  Exsultan
als  Spitzel  gedient  hatte,  verursacht  Tumultszenen.  Der  Kammerpräsident
  mußte  Militär  requirieren.

9.  Mai.  (Kreta.)  Eröffnung  der  Nationalversammlung.

Sie  erfolgt  im  Namen  des  Königs  der  Hellenen  durch  den  Präsidenten
der  provisorischen  Regierung  Sculudis.  Bei  Nennung  des  Königs  von
Griechenland  brachen  die  christlichen  Mitglieder  der  Versammlung  und  die
Zuschauer  in  stürmische  Beifalls=  und  Hochrufe  auf  die  Vereinigung  Kretas
mit  Griechenland  aus,  während  die  mohammedanischen  Mitglieder  einen
schriftlichen  Protest  einbrachten.  Nachdem  sodann  der  Präsident  der  Nationalversammlung
  Michelidakis  die  Versammlung  aufgefordert  hatte,  durch  ihren
Eid  auf  den  König  der  Hellenen  ihren  früheren  Beschluß  über  die  Einverleibung
  Kretas  von  neuem  zu  bekräftigen,  erfolgte  unter  neuen  stürmischen
  Beifallskundgebungen  die  Eidesleistung.

10.  Mai.  Die  Kammer  bewilligt  ein  einmonatiges  Budgetprovisorium.


10.  Mai.  Die  Pforte  protestiert  bei  den  Schutzmächten  gegen
die  Verletzung  ihrer  Hoheitsrechte  durch  die  Vereidigung  der
kretischen  Nationalversammlung  im  Namen  des  Hellenenkönigs.

11.  Mai.  Der  Aufstand  in  Oberalbanien.

Aus  Feressowitsch,  dem  Hauptquartier  der  Operationsarmee  erhält
die  „Vossische  Ztg.“  folgenden  Bericht  über  den  Verlauf  des  Feldzuges:
Die  Aufruhrbewegung  begann  mit  einem  Ueberfall  der  Albanesen  des  Labgebiets
  auf  die  schwache  Truppenbesatzung  von  Prischtina,  der  damals  von
der  etwa  zehnfachen  albanesischen  Uebermacht  zwei  Kanonen  abgenommen
wurden;  eine  dieser  Kanonen  ließen  die  Aufständischen  dann  stehen,  die
andere  brachten  sie  nach  mehrtägigen  Verhandlungen  zurück  und  lieferten
auch  neun  Artilleristen  aus,  die  sie  gefangen  genommen  hatten.  Nach
diesem  Vorfall  rückte  Schefket  Torgut  Pascha  mit  38  Bataillonen  in  das
Ausstandsgebiet  ein.  In  den  ersten  Tagen  stieß  er  nirgends  auf  Widerstand.
  Sein  Hauptquartier  schlug  er  in  Feressowitsch  auf,  wo  er  seinen
Aufruf  an  die  Albanesen  in  dem  schönen  Glauben  erließ,  daß  diese  seiner
Pazisizierungsabsicht  keinen  bewaffneten  Widerstand  mehr  entgegensetzen
würden.  Er  sollte  bald  das  Gegenteil  erfahren.  Während  die  Hälfte  seiner
Truppen  Prischtina  besetzte,  mehrere  Bataillone  für  Ipek  nach  Mitrowitza
abgingen  und  eine  größere  Abteilung  nach  Lipljan  verlegt  wurde,  um  das
Drenitzagebiet  aufs  Korn  zu  nehmen,  wurde  ein  nach  Prisrend  marschierendes
  Regiment  im  Passe  von  Stimnia  von  Aufständischen  hart  angegriffen;
da  sich  die  Albanesen  in  überwiegender  Mehrheit  befanden  und  ausgezeichnete
  Stellungen  innehatten,  mußte  sich  das  Regiment  nach  Feressowitsch
  zurückziehen.

Während  man  sich  noch  mit  den  Vorbereitungen  zur  Vertreibung
der  Albanesen  aus  dem  Stimniapasse  beschäftigte,  traf  die  Nachricht  von
der  Besetzung  des  Engpasses  vor  Ketschanik  durch  die  Gilaner  Albanesen  ein.
        <pb n="615" />
        Tũrkti.  (Mai  15.  16.)  607

Man  war  darauf  um  so  weniger  vorbereitet  gewesen,  als  sich  die  Gilaner  äußerst
selten  an  den  fast  jeden  Frühling  wiederkehrenden  Revolten  der  anderen
Stämme  beteiligt  hatten.

Nun  galt  es  vor  allem,  alle  Aufmerksamkeit  auf  die  Räumung  des
Katschaniker  Passes  zu  wenden.  Schefket  Torgut  Pascha  sammelte  seine
Truppen  und  bildete  aus  ihnen  drei  Kolonnen,  deren  schwächste  den  Bahnweg
  nach  Katschanik  verfolgte,  während  eine  zweite  in  westlicher  Richtung,
und  die  dritte  und  stärkste  gegen  Gilan  zu  vorging.  Nur  die  letztere
Kolonne  kam  ins  Gefecht.  Da  sie  von  den  am  Wege  liegenden  Dörfern
aus  beschossen  wurde,  begann  sie  mit  dem  Bombardement  dieser  Ortschaften.
Die  im  Engpaß  liegenden  Albanesen  verließen,  als  sie  den  Kanonendonner
vernahmen,  ihre  Position  und  eilten  den  Dörfern  zu  Hilfe.  Die  beiden
ersten  Kolonnen,  die  unmittelbar  danach  im  Engpaß  von  Katschanik  eintrafen,
  konnten  diesen  ohne  Flintenschuß  besetzen  und  machten  sich  dann
auf  die  Verfolgung  der  Rebellen  und  an  die  Räumung  der  Höhen  zwischen
Gilan  und  Katschanik.  Bei  dieser  Gelegenheit  wurden  die  Dörfer  Kabasch,
Nikoftze,  Kobitza,  Durna,  Glawa  durch  Bombardement  zerstört.  Die  Orte
Smyra,  Goschitza  und  Verbane  waren,  als  die  Truppen  eintrafen,  von  der
Einwohnerschaft  bereits  verlassen.

Nun  begann  das  Kesseltreiben  gegen  die  Flüchtlinge,  wobei  es  zu
heftigen  Kämpfen  und  auf  beiden  Seiten  zu  größeren  Verlusten  kam.  Nach
der  Befestigung  der  Katschaniker  Einfahrt  kehrte  das  Hauptaquartier  nach
Feressowitsch  zurück,  um  sich  nunmehr  mitl  der  Prisrender  Straße  zu  beschäftigen,
  da  die  Stadt  Prisrend  vom  Ljuma--Stamm  bedroht  war.

Im  Morawatal  bringt  die  glücklich  zu  Ende  geführte  Aktion  täglich
Gefangene  ein,  die  vom  Oberbefehlshaber  persönlich  verhört  und  dann  dem
Kriegsgericht  vorgeführt  werden.

Auch  bei  Stimnia  bewährte  sich  das  kolonnenweise  Vorgehen  der
Truppen.  Während  14  Bataillone  den  Albanesen  entgegengingen,  die  in
sehr  großer,  wegen  der  verdeckenden  Wälder  aber  genauer  nicht  feststellbarer
Zahl  im  Passe  lagen,  umgingen  vier  Bataillone  das  Rebellenlager  von  der
einen  und  eine  zweite  Abteilung  von  der  anderen  Seite.  Eine  weitere
Abteilung  rückte  von  Lipljan  gegen  den  Drenitzafluß  vor,  fiel  dem  von  dort
gegen  Stimnia  ziehenden  Führer  Boletinatz  in  die  Flanke  und  warf  ihn
zurück.  Bei  dieser  Aktion  wurden  die  Dörfer  Tschernoljewa,  Budakowo  und
Jesertze  zerstört.  Viele  Albanesen  fanden  in  verzweifelter  Gegenwehr  den
Tod,  während  die  Truppen  wenig  Verluste  hatten.  Nachdem  die  größte
Mehrzahl  der  Aufständischen  zerstreut  war,  zogen  sich  die  beiden  Führer,
Hassan  Hussein  und  Issa  Boletinatz,  mit  dem  Rest  ihrer  Leute,  etwa
3000  Mann,  in  das  Drenitzatal  zurück.

15.  Mai.  (Kreta.)  Mohammedaner  in  der  Nationalversammlung.


Die  Konsuln  erklärten  den  Führern  der  beiden  Parteien  und  den
Notabeln  mündlich,  daß,  wenn  den  Mohammedanern  nicht  gestattet  würde,
Sitze  in  der  Nationalversammlung  einzunehmen,  die  Folgen  für  die  Kreler
sehr  ernste  sein  würden.  (Siehe  20.  Mai.)

16.  Mai.  (Senat.)  Verfassung  des  Senats.

Die  Mehrheit  hat  die  von  der  Kammer  beschlossene  Abänderung  der
Verfassung,  wonach  zwei  Drittel  der  Senatoren  gewählt  werden  sollen,
verworfen  und  sich  grundsätzlich  dafür  ausgesprochen,  daß  die  Ernennung
aller  Senatoren  durch  den  Sultan  zu  erfolgen  habe.
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        608  Tũrkei.  (Mai  16.—Juni  28.)

16.  Mai.  (Kammer.)  Anrufung  des  Haager  Schiedsgerichts.

Die  Kammer  stimmte  dem  zwischen  der  Pforte  und  der  russischen
Regierung  abgeschlossenen  Kompromiß  zu,  nach  dem  der  alte  Streitfall
wegen  Zahlung  der  Verzugszinsen  für  die  an  russische  Privatleute  aus  dem
Kriege  von  1877  verspätet  entrichteten  Indemnitäten  dem  Haager  Schiedsgericht
  unterbreitet  werden  soll.  Die  von  den  Russen  verlangten  Zinsen
betragen  950,000  Franken.

19.  Mai.  Die  französisch-türkische  Kommission  unterzeichnet
ein  Abkommen  über  die  tunesisch-tripolitanische  Grenze.

20.  Mai.  (Kreta.)  Auf  Antrag  des  Regierungschefs  Veniselos
beschließt  die  Nationalversammlung,  ihre  mohammedanischen  Mitglieder
  nicht  mehr  in  den  Sitzungen  zuzulassen.  (S.  15.  Mai.)

1.  Juni.  (Kreta.)  Die  kretische  Regierung  antwortet  auf
die  Note  der  Konsuln,  daß  sie  die  moralische  Unterstützung  der
Schutzmächte  zur  Lösung  der  kretischen  Frage  erwarten  müsse.

Kreta  könne  außerhalb  der  griechischen  Staatseinrichtungen  nicht
bestehen,  ein  hellenisches  Regime  sei  das  allein  mögliche.

2.  Juni.  (Kammer.)  Monopol  in  Kleinasien.

Infolge  der  Proteste  mehrerer  Mächte  gegen  das  amerikanische
Projekt  des  Admiral  Chester,  das  u.  a.  das  Minenmonopol  in  Kleinasien
enthält,  wird  die  ganze  Angelegenheit  an  eine  Spezialkommission  verwiesen,
obgleich  die  Kammer  schon  die  Genehmigung  erteilt  hatte.

6.  Juni.  (Konstantinopel.)  Besuch  des  Khediven  von
Egypten  beim  Sultan.

7.  Juni.  Der  griechische  Gesandte  beschwert  sich  beim  Großwesir
  über  den  Boykott  gegen  den  griechischen  Handel.

8.  Juni.  Auf  Befehl  aus  Konstantinopel  weigern  sich  die
Postämter  in  Mazedonien,  Briefe  oder  andere  Postsendungen  aus
Griechenland  entgegenzunehmen  oder  dorthin  zu  expedieren.

10.  Juni.  Achmed  Samim-Bei,  Chefredaktenr  des  oppositionellen
  Blattes  „Sadai  Milet“,  wird  ermordet  und  auf  Befehl  der
Regierung  in  aller  Stille  beerdigt.

Als  Mörder  wird  der  Hauptmann  Halil  Bei  verhaftet.

27.  Juni.  In  Albanien  wird  die  Bevölkerung  aufgefordert,
sämtliche  Waffen  binnen  3  Tagen  abzuliefern.

W.  Juni.  (Konstantinopel.)  Patriarch  und  Sultan.

Der  ökumenische  Patriarch,  begleitet  von  drei  Bischöfen,  begab  sich
in  den  Palast,  um  gegen  das  Gesetz  über  die  Kirchen  in  Mazedonien
Protest  zu  erheben.  Der  Sultan  lehnte  den  Empfang  des  Patriarchen  ab
und  ließ  ihm  sein  Bedauern  ausdrücken,  an  dem  Votum  des  Parlaments
keine  Aenderung  vornehmen  zu  können.  Der  Patriarch  kündigte  im  Falle
der  Veröffentlichung  des  Gesetzes  seine  Demission  an,  weil  dasselbe  der
griechischen  Nation  die  durch  Mohammed  den  Eroberer  sowie  den  Khalifen
Omar  el  Katab  verliehenen  Privilegien  aufhebt.
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        Tũrkei.  (Juni  28.—NJuli  290.)  609

28.  Juni.  Schluß  der  Parlamentstagung.

Der  Großwesir  hob  in  längerer  Rede  hervor,  daß  die  politische
Lage  sich  sehr  gebessert  habe.  Vor  sechs  Monaten  sei  die  Haltung  Europas
gegenüber  der  Türkei  noch  schwankend  gewesen,  man  habe  von  einem  Balkanbund
  gegen  die  Türkei  gesprochen.  Doch  der  Besuch  des  Königs  der  Bulgaren
  und  des  Königs  von  Serbien  habe  die  öffentliche  Meinung  Europas
über  die  Lage  auf  dem  Balkan  beruhigt.

1.  Juli.  Die  gesamte  türkische  Presse  fordert  die  Bevölkerung
auf,  den  Boykott  zu  beendigen,  weil  sonst  die  Türkei  die  Sympathie
Europas  verlieren  könne.

7.  Juli.  Entdeckung  des  Geheimbundes  Islahat,  der  durch
Ermordung  der  Minister  und  Parteiführer  das  jungtürkische  Regime
beseitigen  will.  63  Personen  werden  verhaftet.

9.  Juli.  (Kreta.)  Zusammentritt  der  Nationalversammlung.

Ultimatum.

Abends  vorher  (Freitags)  überreichten  die  Konsuln  der  Schutzmächte
dem  Exekutivkomitee  folgendes  Ultimatum:  Wenn  die  kretische  Nationalversammlung
  bei  der  nächsten  Wiederaufnahme  ihrer  Arbeiten  die  muselmanischen
  Abgeordneten  nicht  ohne  Eidesleistung  zuläßt  und  wenn  kretische
Beamte  muselmanischer  Religion  an  der  Ausübung  ihrer  Amtspflichten
gehindert  werden  oder  ihrer  Besoldung  verlustig  gehen  sollten,  weil  sie  sich
weigern,  den  von  der  kretischen  Nationalversammlung  vorgeschriebenen  Eid
zu  leisten,  so  werden  Truppen  der  vier  Schutzmächte  in  den  Haupthafenplätzen
  der  Insel  gelandet  und  die  Zollämter  besetzt  werden.  Diese  Maßregeln
  werden  ausgeführt  werden,  wenn  nicht  bis  Montag  mittag  über
diesen  Gegenstand  eine  Entschließung  der  kretischen  Regierung  erfolgt.

9.  Juli.  (Kreta.)  Die  Nationalversammlung  nimmt  einstimmig
  den  von  Veniselos  ausführlich  begründeten  Antrag  an,

die  Muselmanen  ohne  Eid  zuzulassen.

Darauf  vertagte  sich  die  Versammlung  auf  vier  Monate.  Von  den
114  Mitgliedern  hielten  sich  55  der  Abstimmung  fern.  (Siehe  15.  und
20.  Mai.)

12.  Juli.  Es  wird  amtlich  verkündet,  daß  der  Scheik  ül
Islam,  Husni,  seine  Entlassung  genommen  hat  und  durch  den
Senator  Mussa  Kiasim  ersetzt  worden  ist.

17.  Juli.  Patriarchat  und  Griechentum.

Die  Pforte  hat  das  ökumenische  Patriarchat  aufgefordert,  fremde
Staatsbürger  nicht  mehr  als  Lehrer  an  den  griechischen  Schulen  anzustellen
und  die  Entlassung  aller  im  Dienste  befindlichen  Lehrer  griechischer  Staatsbürgerschaft
  herbeizuführen.

20.  Juli.  Ein  Deutscher  namens  Fritz  Unger  wird  in  dem

Fellachendorfe  Hreh  bei  Haifa  meuchlings  von  einem  Eingeborenen
erschossen.
Er  hatte  sich  als  Sachverständiger  auf  Ersuchen  des  türkischen
Richters  von  seinem  Wohnort  Haifa  zu  dem  Weinberg  begeben,  wo  die
Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.  39
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        610  Tũrkei.  (Juli  23.  —  September  2.)

Lokaluntersuchung  stattfinden  sollte  und  fand  seinen  Tod  vor  den  Augen
des  deutschen  Konsuls  und  der  türkischen  Behörden.

23.  Juli.  (Kreta.)  Der  Präsident  des  kretischen  Exekutivkomitees
  überreicht  den  Konsuln  eine  Denkschrift:  „Souveränitätsrechte
  der  Türkei  auf  Kreta".

25.  Juli.  Der  Sultan  stiftet  anläßlich  des  Verfassungsfestes
den  Tugendorden  und  begnadigt  300  kriegsgerichtlich  Verurteilte,
darunter  Würdenträger  des  alten  Regimes.

25.  Juli.  (Haifa.)  Wegen  Verdachts,  an  der  Ermordung
des  Deutschen  Unger  beteiligt  zu  sein,  werden  14  Personen  verhaftet.

29.  Juli.  Der  Ministerrat  genehmigt,  die  Bagdadbahn  an
der  Küste  entlang  über  Aleppo  zu  führen,  was  früher  trotz  großer
Nachteile  aus  militärischen  Rücksichten  ausgeschlossen  schien.

3.  August.  Neueinteilung  der  Armee  in  14  Armeekorps  zu
je  2  oder  3  Divisionen.

Die  Division  besteht  aus  3  Regimentern  (zu  je  3  Bataillonen)  und
1  Jägerbataillon,  Kavallerie,  Artillerie  und  Maschinengewehrkompagnien.
Die  Brigadeformation  wird  abgeschafft.

3.  August.  Amtlich  wird  die  Niedermetzelung  der  Bewohner
dreier  Dörfer  in  der  Nähe  von  Damaskus  durch  Drusen  bestätigt
und  eine  Expedition  unter  General  Sami  Pascha  dorthin  befohlen.

Als  ermordet  werden  59  Personen  festgestellt,  darunter  6  Nichtmohammedaner
  und  12  Frauen.

4.  August.  Ansiedelungen  auf  Chalkidike.

Die  Regierung  beschließt,  die  Landgüter  auf  der  Halbinsel  Chalkidike,
  deren  Besitz  zwischen  den  Athosklöstern  und  den  Bauern  strittig  ist,
als  staatliche  Güter  einzuziehen  und  dort  mohammedanische  Auswanderer
aus  Bosnien  anzusiedeln.

5.  August.  (Konstantinopel.)  Eine  Meuterei  einiger  mit
der  Verschickung  ins  Haurangebiet  unzufriedener  Kompagnien  der
Garnison  wird  leicht  unterdrückt.

7.  August.  Waffenauslieferung  in  Mazedonien.

Der  bulgarische  Bischofvikar  von  Istip  in  Mazedonien  beging  Selbstmord,
  weil  er  wegen  eines  früheren  dem  bulgarischen  Komitee  geleisteten
  Eides  sein  der  türkischen  Regierung  gegebenes  Versprechen,  die  ihm
bekannten  Waffenverstecke  anzugeben,  nicht  halten  wollte.

25.  August.  (Kreta.)  An  Stelle  von  Veniselos,  der  das
Mandat  zur  griechischen  Nationalversammlung  annimmt,  wird  Fumis
zum  Leiter  der  Regierung  bestellt.

1.  September.  Die  Regierung  beschließt,  die  Reserven  der
3  europäischen  Armeekorps  einzuberufen.

2.  September.  Fehlschlag  einer  Anleihe  in  Paris.
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        Türkei.  (September  15.—Oktober  27.)  611

Der  in  Paris  abzuschließenden  Anleihe  über  150  Millionen  Franken
verweigert  die  französische  Regierung  die  Zulassung  zum  Börsenhandel,
weil  der  Finanzminister  Dschavid  Bei  die  daran  geknüpften  politischen
Bedingungen,  die  den  französischen  Vertretern  im  Finanzamt  und  bei  der
„Banque  ottomane“  eine  Kontrolle  über  das  türkische  Budget  verschaffen
würden,  nicht  annehmen  will.

15.  September.  Die  Regierung  schließt  einen  Vertrag  mit
dem  Generaldirektor  der  anatolischen  Eisenbahnen  Kautz  über  die

Vorarbeiten  zur  Bewässerung  der  Ebene  Adana.

Mitte  September.  Eine  angebliche  Militärkonvention  mit
Rumänien  wird  von  der  Regierung  auf  das  entschiedenste  in  Abrede
  gestellt.

Nach  Pariser  und  Londoner  Preßstimmen  soll  sie  die  beiden  Balkanstaaten
  zum  Anhängsel  des  Dreibundes  machen.

22.  September.  Englische  Intervention  gegen  eine  Anleihe
in  London.

Die  türkischen  Unterhändler  begeben  sich  von  Paris  nach  London,
um  die  geplante  Anleihe  mit  einem  englischen  Syndikat  unter  Führung
von  Sir  Ernest  Cassel  und  seiner  „National  Bank  of  Turkey“  durchzuführen.
  Aus  Rücksicht  auf  die  französische  Politik  bestimmt  die  Regierung
  die  englischen  Finanzleute,  von  den  aussichtsvollen  Unterhandlungen
zurückzutreten.  Nur  die  „Daily  Mail“"  und  ähnliche  chauvinistische  Blätter
billigen  die  Intervention.

W.  September.  Die  deutsche  Bank  bietet  der  Regierung  einen
Vorschuß  von  120  Millionen  Mark  bis  zum  Zustandekommen  der

Anleihe  an.

1.  Oktober.  Generaloberst  Frhr.  v.  d.  Goltz  trifft  zur  Teilnahme
  an  den  Manövern  bei  Adrianopel  ein.

8.  Oktober.  über  Saloniki  wird  zur  Durchführung  der  Entwaffnung
  der  Belagerungszustand  verhängt.

9.  Oktober.  Aus  Anlaß  des  Bairamfestes  begnadigt  der  Sultan
etwa  70  der  wegen  der  Gemetzel  in  Adana  Verurteilten.

WB.  Oktober.  (Konstantinopel.)  Panislamismus.

Eine  türkisch-persische  Protestversammlung  gegen  das  Vorgehen  Rußlands
  und  Englands  in  Persien  beschließt  ein  Danktelegramm  an  den
Deutschen  Kaiser  als  den  treuesten  Beschützer  des  Islam,  der  gebeten
werden  soll,  seine  Hand  auch  über  Persien  zu  halten.  Das  Telegramm
erinnert  auch  an  die  Dankbarkeit  der  Islamwelt  für  die  Handlungen  des
Kaisers  in  den  mazedonischen  und  marokkanischen  Fragen.

27.  Oktober.  Der  Finanzminister  Dschavid  Bey  beginnt  Verhandlungen
  mit  der  Deutschen  Bank  über  eine  Anleihe  von
11  Millionen  Pfund.

27.  Oktober.  Die  Behörden  werden  angewiesen,  die  in  der

39*
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        612  Türkei.  (Oktober  28.—November  26.)

Türkei  lebenden  Algerier  und  Tunefier  wie  franzöfische  Schutzgenossen
  zu  behandeln.

..  Oktober.  Die  englische  Botschaft  protestiert  dagegen,  daß
die  türkischen  Behörden  die  Versammlung  vom  23.  duldeten,  in
der  die  englische  Politik  gegenüber  Perfien  öffentlich  einer  beleidigend
scharfen  Kritik  unterzogen  wurde.

9.  November.  Anleihe  in  Deutschland  und  Osterreich.

Die  Regierung  schließt  mit  einem  Konsortium  ab,  das  die  gesamte
deutsche  und  österreichische  Hautefinance  umfaßt.  Der  Kurs  der  4prozentigen
Anleihe  beträgt  84  Prozent.  Als  Unterpfand  dienen  die  Zolleinnahmen  von
Konstantinopel.  Die  Banken  übernehmen  7  Millionen  Pfund  und  haben  die
Option  auf  weitere  4  Millionen.  Der  Ausgabetermin  kann  von  den  Banken
bis  zum  14.  März  1912  hinausgeschoben  werden.  Doch  müssen  sie  bis  dahin
  der  Türkei  einen  Vorschuß  bis  zu  6  Millionen  Pfund  gewähren.

14.  November.  (Kammer  und  Senat.)  Eröffnung  der  Session

durch  den  Großwesir.

Das  Budget  weist  bei  28,6  Millionen  Pfund  Einnahmen  und
35  Millionen  Ausgaben  ein  Defizit  von  beinahe  6⅛  Millionen  Pfund  auf,
das  durch  Anleihe  gedeckt  wird.

17.  November.  Neue  Einnahmegquellen.

Der  Finanzminister  forderte  die  Pforte  auf,  mit  den  Mächten  in
Verhandlungen  einzutreten  wegen  Einführung  des  Monopols  auf  Petroleum
sowie  wegen  Ausdehnung  der  Patentsteuer  auf  die  fremden  Untertanen  in
der  Türkei.

17.  November.  Zur  Anleihefrage.

Die  „Banque  Ottomane“  protestiert  beim  Finanzministerium  gegen
die  Ausgabe  von  Schatzanweisungen  an  das  deutsch-österreichische  Konsortium,
  weil  angeblich  ein  Ferman  ihr  das  Monopol  sichere.  Der  Finanzminister
  bescheidet  die  Beschwerde  am  24.  November  abschlägig.

22.  November.  (Parlament.)  Die  Aufhebung  des  Paßzwanges
  wird  mit  85  gegen  78  Stimmen  beschlossen.
23.  November.  (Kreta.)  Die  Nationalversammlung  wird

im  Namen  des  Königs  Georg  eröffnet.

Kein  muselmanischer  Abgeordneter  ist  gegenwärtig.  Die  Versammlung
  erklärt  durch  einstimmigen  Beschluß  ihr  unabänderliches  Festhalten
an  der  Vereinigung  Kretas  mit  Griechenland.  Der  Parteiführer  Kunduros
und  seine  Anhänger  widerriefen  durch  Protokoll  ihre  letzthin  verfochtene
Meinung  der  Rückkehr  Kretas  zum  autonomen  Oberkommissariat.  Präsident
wird  der  Regierungskandidat  Kriaris.  Die  muselmanischen  Abgeordneten
protestieren  bei  den  Konsuln  und  dem  Präsidium  der  Kammer  gegen  ihren
Ausschluß.

26.  November.  (Yemen.)  Neuer  Araberaufstand  unter  Mahdi
Idris.

Ein  italienischer  Schooner,  der  den  Aufständischen  Waffen  bringen
sollte,  wird  in  Hodeida  sequestriert.
        <pb n="621" />
        Türkei.  (November  27.—Dezember  10.)  613

27.  November.  (Kreta.)  Die  Schutzmächte  versichern,  daß
sie  entschlossen  seien,  die  Souveränität  der  Pforte  über  Kreta  aufrechtzuerhalten,
  und  daß  den  christlichen  Deputierten  der  Insel
ernstliche  Verwarnungen  gemacht  werden  sollen.

28.  November.  Die  Grenzkämpfe  mit  kurdischen  und  perfischen
Horden  zwischen  Urmia  und  Selmas  enden  mit  Herstellung  des
statuts  duo  ante.

30.  November.  (Parlament.)  Ankauf  zweier  deutscher

Kriegsschiffe.

Auf  den  Vorwurf  des  früheren  Marineministers  Risa,  die  Regierung
habe  zwei  alte  deutsche  Kriegsschiffe  gekauft,  die  im  Aegäischen  und  Schwarzen
Meer  nutzlos  seien,  erwidert  der  Großwesir  Hakki  Pascha:  Wir  suchen  den
Frieden  mit  Würde  aufrecht  zu  erhalten.  Deshalb  müssen  wir  für  jede
Eventualität  gerüstet  sein,  und  deshalb  haben  wir  zwei  schon  fertige  Schiffe
gekauft.  Diese  beiden  Kriegsschiffe  haben  bei  billigem  Preise  einen  großen
Schlachtwert.  Alle  Marineoffiziere  bezeugen  es;  ich  rühme  mich,  sie  gekauft
zu  haben,  und  übernehme  jede  Verantwortlichkeit.  Für  ihren  dringenden
Ankauf  habe  ich  Gründe,  die  ich  hier  nicht  sagen  kann.  Für  unsere  Marine
sind  die  Schiffe  sehr  gut.

5.  Dezember.  (Parlament.)  Fortsetzung  der  Adreßdebatte.

Die  Opposition  häuft  eine  Reihe  von  Vorwürfen  gegen  das  vom
jungtürkischen  Komitee  abhängige  Kabinett.  Wehbi  behauptet,  es  herrsche
eine  planlose  Projektenmacherei,  die  dem  Volke  das  Geld  aus  der  Tasche
stehle.  Ferid  sprach  über  die  äußere  Politik,  der  die  bulgarischen  Bomben
und  Griechenlands  vernünftige  Haltung  ein  Ziel  weisen  müßten,  während
der  Balkanbund,  eine  Erfindung  Iswolskis,  darauf  berechnet  sei,  die  Türkeie
aus  Europa  zu  verdrängen.  Bei  seinen  heftigen  Ausfällen  gegen  England
und  besonders  gegen  Frankreich  widersprach  die  Kammer,  während  Ubeid
Ullah,  der  seinerzeit  in  dem  Meeting  der  Perser  das  Hoch  auf  Kaiser
Wilhelm  ausbrachte,  den  Redner  unterstützte.  Zorab  sagte:  Während  das
alte  Regime  nur  die  ottomanischen  Christen  gegeneinander  aufsgehetzt  habe,
hetze  die  jetzige  Regierung  auch  Mohammedaner  gegen  Mohammedaner.
Tumultartige  Proteste  riefen  Zorabs  Schilderungen  der  angeblich  von
türkischen  Offizieren  gegen  Bulgaren  begangenen  Greuel  hervor.  Schefik
erklärte,  der  Finanzminister  Dschavid--Bei  habe  es  verstanden,  dem  türkischen
  Geldbedarf  die  Schalter  der  größten  europäischen  Finanzinstitute
zu  schließen.

8.  Dezember.  (Parlament.)  Ostanatolische  Eisenbahnfrage.

Bei  der  Debatte  über  das  Exposé  besprach  der  Großwesir  auch
das  Projekt  des  Amerikaners  Chester,  betreffend  einen  2000kilometrigen
Bahnbau  in  Ostanatolien  und  teilte  mit,  daß  außer  der  Monopolfrage
für  den  Minenabbau  an  der  Linie  noch  Schwierigkeiten  wegen  des  Ausgangspunktes
  beständen,  was  mit  dem  Vertrag  der  Bagdadbahn  zusammenhänge.


10.  Dezember.  Arabischer  Aufstand.

Beduinen  überfallen  und  zerstören  die  Station  Katrane  der  Hedschasbahn.
  Außerdem  griffen  sie  die  Stadt  Kerak  im  Osten  des  Toten  Meeres
an  und  töteten  40  Einwohner  und  Soldaten.  Etwa  63  Kilometer  der
Bahn  sind  in  den  Händen  der  Aufständischen.
        <pb n="622" />
        614  TJürtei.  (Dezember  11.—22.)  Egupten.  (Januar  Anfang—Februar  11.)

11.  Dezember.  (Kreta.)  Die  Generalkonsuln  geben  der
kretischen  Regierung  Kenntnis,  daß  die  Eröffnung  des  kretischen
Parlaments  im  Namen  des  Königs  von  Griechenland  von  den
Schutzmächten  als  null  und  nichtig  betrachtet  werde.  Die  Regierung
verzögert  die  Veröffentlichung  aus  Furcht  vor  Unruhen.

16.  Dezember.  Arabischer  Aufstand.

Die  von  Sami  Pascha  aufgebotenen  Truppen  nehmen  die  Stadt
Kerak  wieder  und  verfolgen  die  Beduinen.

19.  Dezember.  (Kreta.)  Die  Nationalversammlung  protestiert
gegen  den  Ausdruck  „türkische  Souveränität“  in  der  Note  der  Schutzmächte
  und  wünscht  die  Anerkennung  des  einer  Annexion  an  Griechenland
  ähnlichen,  tatsächlichen  Zustandes.

22.  Dezember.  Die  italienische  Regierung  akzeptiert  den  Vorschlag,
  den  Zwischenfall  von  Hodeida  (siehe  26.  Novemberl)  durch
ein  Schiedsgericht  austragen  zu  lassen.

Egypten.

Anfang  Januar.  Zur  Finanzlage.

Der  Budgetentwurf  für  1910  sieht  Einnahmen  in  Höhe  von
15  350000  Pfund  und  Ausgaben  von  15150000  Pfund  vor.  Dabei  wird
für  den  Sudan  ein  Kredit  von  2540000  Pfund  eröffnet.  Der  gesetzgebende
  Rat  beanstandete  aber  alle  Aufwendungen  für  den  Sudan  und
lehnte  den  Kredit  ab.

25.  Januar.  Der  Khedive  wird  bei  der  Rückkehr  von  seiner
Pilgerfahrt  nach  Mekka  von  der  Bevölkerung  der  Hauptstadt  stürmisch
empfangen.

9.  Februar.  Im  Gesetzgebenden  Rat  empfiehlt  der  Khedive
die  Erneuerung  der  Konzession  der  Suez-Kanal-Gesellschaft  mit
einigen  Modifikationen.  (Siehe  31.  Okt.  19091)

Die  Interessen  Egyptens  seien  in  genügender  Weise  sichergestellt.
Die  Regierung  sei  nicht  verpflichtet,  in  dieser  Frage  die  Meinung  des
Gesetzgebenden  Rates  einzuholen.  Der  Ministerrat  halte  die  Angelegenheit
aber  für  so  wichtig,  daß  er  keine  endgültige  Entscheidung  treffen  wolle,
ehe  er  den  Gesetzgebenden  Rat  gehört  habe.

Von  dem  geschäftsführenden  Ausschuß  der  Jungegypter  in  Gent
(Belgien)  erhält  die  egyptische  Nationalversammlung  in  Kairo  ein  Telegramm,
  in  dem  gegen  die  Erneuerung  der  Konzession  Protest  eingelegt  wird.

11.  Februar.  Nationalistische  Feier.

Für  den  verstorbenen  Führer  der  egyptischen  Nationalpartei
Mustapha  Kamel  Pascha  fand  eine  imposante  Trauerkundgebung  statt.
Mehr  als  2000  Eingeborene,  darunter  Studenten  der  Medizinschule,
Rechtsschule  und  Handwerkerschule,  durchzogen  in  würdiger  Haltung  die
Straßen  Kairos  und  besuchten  das  Grab  des  egyptischen  Nationalheros.
        <pb n="623" />
        Esoplen.  (Februar  20.—Dezember  24.)  615

20.  Februar.  Auf  den  Ministerpräsidenten  Butros  Pascha
Gali  gab  der  Angehörige  der  Nationalpartei  Ibrahim  Wardani,
ein  22  Jahre  alter  Apotheker,  aus  einer  Browningpistole  5  Schüsse
ab.  Der  Ministerpräsident  erlag  tags  darauf  seinen  Wunden.

14.  März.  (Alexandrien.)  Prinz  und  Prinzessin  Eitel
Friedrich  von  Preußen  reisen  nach  Kairo.

28.  März.  Roosevelt  hielt  in  der  Universität  in  Kairo  eine
scharfe  Strafpredigt  über  die  Ermordung  von  Butros  Pascha  und
warnte  die  Nationalisten  nachdrücklich  vor  den  papiernen  europäischen
Konstitutionen.

7.  April.  Der  Gesetzgebende  Rat  sprach  sich  nach  längerer
Debatte  mit  66  gegen  1  Stimme  gegen  eine  Erneuerung  der  Konzession
  der  Suez-Kanal-Gesellschaft  aus.

Die  Entscheidung  wurde  von  der  draußen  stehenden  Volksmenge
mit  großer  Begeisterung  aufgenommen.

11.  April.  (Kairo.)  Die  gesamte  britische  Garnison  patrouilliert
  durch  alle  Straßen  der  Stadt,  um  die  Fanatiker  einzuschüchtern.


26.  April.  Die  Handelsangestellten  in  Kairo  und  Alexandrien
verlangen,  unterstützt  von  einer  neu  gegründeten  Käuferliga,  die
Einführung  der  Sonntagsruhe.

28.  Juni.  (Kairo.)  Wardani,  der  Mörder  des  Ministerpräsidenten

  Butros  Pascha,  wird  durch  den  Strang  hingerichtet.

Sein  Grab  wird  zum  Nationalheiligtum  und  Wallfahrtsort  der
Jungegypter.

14.  September.  Versammlung  der  Jungegypter  (siehe  Schweiz
14.  Sept.).

8.  Dezember.  (Kairo.)  Die  Konsuln  helfen  den  Engländern
im  Kampf  gegen  die  nationalistische  Hetze.

Das  französische  Konsulat  hat  den  Redakteur  der  Zeitung  „Dépéêche
Egyptienne“,  die  wegen  seiner  Parteinahme  für  die  Nationalisten  wirkt,
auf  Grund  einer  Verordnung  aus  dem  18.  Jahrhundert  aus  Egypten
ausgewiesen.  Sein  Nachfolger  in  der  Redaktion,  der  Spanier  Argila,
wird  vom  spanischen  Konsul  gleichfalls  ausgewiesen.

A.  Dezember.  Die  deutsche  Kronprinzessin  reist  von  Kairo
nach  Assuan.
        <pb n="624" />
        616  Balgarien.  (Januar  17.  —  März  16.)

XVIII.

Bulgarien.

17.  Januar.  Die  Regierung  verschiebt  die  Kündigung  der
Handelsverträge  von  1905  um  2  Jahre,  so  daß  sie  bis  zum  1.  Januar
1913  in  Geltung  bleiben.

24.  Januar.  Besuch  des  serbischen  Kronprinzen  Alexander
am  Hofe  des  Königs  Ferdinand.

Die  oppositionelle  Presse  erblickt  in  dem  Besuche  ein  mißlungenes
Manöver  des  Königs  Ferdinand  gegenüber  der  Türkei.  Die  Regierungspresse
  sucht  Hoffnungen  auf  einen  politischen  Ertrag  des  Besuches  zu  erwecken
  und  ihn  als  ein  Unterpfand  für  den  Balkanfrieden  und  als  Beweis
dafür  hinzustellen,  daß  Bulgarien  seine  Mißhelligkeiten  mit  Serbien  der
Vergessenheit  anheimgibt.

Gleichzeitig  sind  in  den  meist  von  Türken  bewohnten  Gebieten
Nordostbulgariens  jungtürkische  Sendlinge  eingetroffen,  die  die  türkische
Bevölkerung  zur  Auswanderung  nach  Mazedonien  zu  bewegen  suchen.

30.  Januar.  Die  bulgarische  Regierung  bittet  bei  der  Pforte
um  eine  Erklärung  für  die  plötzliche  Mobilisierung  der  Reserven
in  Mazedonien.

17.  Februar.  Neue  Ordensdekoration.

Zur  Erinnerung  an  die  Unabhängigkeitserklärung  schlägt  die  Regierung
  der  Sobranje  die  Stiftung  eines  Ordens  vom  heiligen  Cyrillus
und  Methodius  für  fremde  christliche  Souveräne  und  Prinzen  und  solche
In=  und  Ausländer  vor,  die  sich  um  Bulgarien  oder  die  Menschheit  verdient
  gemacht  haben.  Die  Zahl  der  Ritter  soll  15  betragen.

21.  Februar.  In  Sosia  bildet  sich  ein  Verein  „Autonomes
Mazedonien“.

23./26.  Februar.  (Türkei  und  Bulgarien.)  Zwischen  den
türkischen  und  bulgarischen  Grenztruppen  finden  täglich  Plänkeleien
und  Schußwechsel  statt.

Die  Reise  des  Königs  nach  Petersburg  erhält  dadurch  eine  scharfe
Beleuchtung.  (Siehe  Rußland  23.  Februar!)

13.  März.  (Nustschuk.)  Nationale  Gegensätze.

Infolge  des  Versuches  eines  Bulgaren,  eine  minderjährige  Türkin
trotz  eines  Gerichtsbeschlusses  ihren  Eltern  zu  entziehen,  kommt  es  zu
einem  Kampf  zwischen  den  Truppen  und  einer  bulgarischen  Menge,  während
sich  die  türkische  Bevölkerung  ganz  korrekt  verhielt.  17  Personen  werden
getötet,  32  verwundet.  Die  Regierung  läßt  die  Toten,  die  aus  den  ärmsten
Kreisen  stammen,  auf  Staatskosten  begraben  und  sagt  dem  türkischen  Gesandten
  Assim  Bey  in  Sofia  Schutzmaßregeln  für  die  türkische  Bevölkerung
Rustschuks  zu.

16.  März.  (Sofia.)  Studenten  als  Demagogen.

Als  Protest  gegen  das  Rustschuker  Blutbad  veranstalteten  die
Hochschüler  eine  sehr  zahlreich  besuchte  Volksversammlung,  in  der
        <pb n="625" />
        Balgarien.  (März  20.  —Juli  16.)  617

die  Studenten  scharfe  Reden  gegen  die  Regierung  hielten.  Nach  dem
Meeting  versuchte  die  Menge  zum  Palais  vorzudringen,  wurde  aber  durch
Gendarmerie  und  Kavallerie  zurückgeworfen.

20.  März.  Der  König  und  die  Königin  reisen  nach  Konstantinopel.



Das  Regierungsorgan  Preporetz  schreibt:  Der  Besuch  des  Königs
und  der  Königin  der  Bulgaren  und  ihrer  Minister  in  Konstantinopel  bezwecke
  die  Lösung  aller  Fragen,  die  der  Herstellung  eines  gutnachbarlichen
Verhältnisses  zwischen  der  Türkei  und  Bulgarien  im  Wege  stehen,  so  der
Grenzfrage,  der  Frage  der  Anschlußbahn  Kumanowo-Kuestendil  und  des
neuen  Handelsvertrages.

3.  April.  (Philippopel.)  Auf  der  Durchreise  nach  Konstantinopel
  hat  König  Peter  von  Serbien  mit  König  Ferdinand
eine  kurze  Besprechung.

31.  Mai.  Großbulgarische  Bewegung.

Die  nationalistische  „Wetscherna  Poschta“  feiert  den  König  anläßlich
seines  Namenstages,  erinnert  ihn  aber  daran,  daß  die  Geschichte  ihn  als
feigen  Herrscher  erwähnen  werde,  wenn  er  nicht  nun,  da  sein  persönlicher
Ehrgeiz  durch  die  Erlangung  der  Königskrone  gestillt  sei,  alles  dransetze,
um  die  Errichtung  eines  Großbulgariens  zu  verwirklichen.

28.  Juni.  (Sofia.)  Großbulgarien  und  der  Panflavismus.

Die  Studentenschaft  beschließt,  an  dem  bevorstehenden  allslavischen
Kongreß  nicht  teilzunehmen,  weil  sie  das  Ziel  der  Balkanföderation  im
Auge  behalten  müsse,  dieses  Ziel  aber  nicht  in  derselben  Richtung  zu  suchen
ist,  wie  das  Ziel  des  Panslavismus.

14.  Juli.  (Sofia.)  Russische  Vorbehalte  bei  der  panfslavistischen
  Verbrüderung.

Als  Teilnehmer  des  panflavischen  Kongresses  äußerte  sich  der  Dumapräsident
  Gutschkow  in  einem  Interview  über  die  innere  Politik  Rußlands:
Die  Existenz  der  Duma  ist  gesichert;  sie  kann  vielleicht  wieder  einmal  aufgelöst,
  nicht  aber  mehr  beseitigt  werden.  Sie  hat  durch  die  Opfer,  welche
sie  für  die  Armee  bewilligt  hat,  sowohl  das  Vertrauen  der  letzteren  wie
des  Zaren  gewonnen.  Für  ein  parlamentarisches  Regime  ist  freilich  die
Zeit  bei  uns  noch  nicht  gekommen;  wir  können  noch  die  Leitung  des  Reiches
nicht  einzelnen  Parteien  ausliefern.  Für  uns  empfiehlt  sich  die  Teilung
der  Gewalten  in  ähnlicher  Weise  wie  sie  im  Deutschen  Reiche  in  die  Erscheinung
  getreten  ist.  Die  friedliche  Entwicklung  Neurußlands  ist  gesichert,
solange  Stolypin  an  der  Spitze  der  Regierung  steht,  der  nicht  nur  ein
Mann  großzügiger  Gedanken,  sondern  ein  rechtschaffener  Charakter,  ein
Ritter  ohne  Furcht  und  Tadel  ist.  Ueber  das  Verhältnis  zu  den  Polen
äußerte  Gutschkow:  Den  zehn  reinpolnischen  Gouvernements  werden  wir
die  Selbstverwaltung  durch  die  Semstwos  ohne  Einschränkung,  vielleicht
nur  mit  einigen  Begrenzungen  für  die  Juden  erteilen.  In  Weißrußland
und  der  Ukraine,  wo  die  Polen  an  Besitz,  die  Russen  aber  an  Zahl  überragen,
  mußten  wir  freilich  zu  dem  gemischten  System  der  Kurien  greifen,
um  unsere  nationalen  Interessen  vor  dem  polnischen  Uebergewicht  zu  sichern.

16.  Juli.  Panslavismus  und  Krone.

Wegen  der  Reise  des  Königs  Ferdinand  und  seiner  Familie  nach
Brüssel  gerade  während  des  Slavenkongresses  schreibt  der  „Den“:  Als
        <pb n="626" />
        618  Balzarien.  (August  20.—November  24.)

Deutscher,  dem  wir  fremd  sind,  gerade  wie  er  uns  fremd  ist,  war  König
Ferdinand  im  Rechte,  vor  dem  Slavenkongresse  auszukneifen.  Daß  er
aber  auch  seine  Kinder  aus  Sofia  entfernte,  müssen  wir  ihm  sehr  verübeln.
Es  sind  nicht  nur  seine  Kinder,  sondern  auch  Kinder  Bulgariens,  von
denen  wir  wollen,  daß  sie  im  bulgarischen,  im  slavischen  Geiste  erzogen
werden,  falls  König  Ferdinand  eben  ihnen  ihre  Rechte  auf  den  bulgarischen
Thron  wahren  will.  Die  Bulgaren  müssen  den  deutschen  König  Ferdinand
dulden  als  Strafe  für  ihre  dermalige  Kurzsichtigkeit.  Sie  werden  aber
nicht  dulden,  daß  die  Fortpflanzung  der  Dynastie  im  slavenfeindlichen
Geiste  erfolgen  werde.
20.  August.  Abkommen  mit  der  Türkei.

Ueber  die  Rückkehr  der  mazedonischen  Flüchtlinge  ist  folgendes  Abkommen
  getroffen:  1.  Die  ottomanische  Regierung  erklärt,  daß  sie  die  strenge
Untersuchung  angeordnet  habe  zur  Ausfindung  und  Bestrafung  jener  Organe,
  die  sich  bei  der  Entwaffnung  der  Mazedobulgaren  Uebergriffe  haben
zu  Schulden  kommen  lassen.  2.  Den  Flüchtlingen,  die  in  Bulgarien  Asyl
suchten,  wird  die  Heimkehr  gestattet.  3.  Kein  Flüchtling  wird  wegen  der
Flucht  nach  Bulgarien  verfolgt  oder  bestraft  werden.  4.  Eine  Abordnung
der  Flüchtlinge  wird  sich  dem  ottomanischen  Gesandten  in  Sofia  vorstellen
und  von  ihm  Versicherungen  im  Sinne  des  dritten  Punktes  erhalten.
5.  An  den  Grenzpunkten,  die  zwischen  den  beiden  Regierungen  noch  näher
wieder  bestimmt  werden,  liefern  die  Flüchtlinge  ihre  Waffen,  wenn  solche
vorhanden  sein  sollten,  an  die  türkischen  Grenzbehörden  ab.

14.  September.  Das  Ministerium  Malinow  fordert  seine
Entlassung  wegen  Meinungsverschiedenheiten  mit  dem  König  über
die  Regelung  der  Streitfragen  mit  der  Türkei.

23.  September.  Der  Panslavismus  gegen  Zar  Ferdinand.

Das  angebliche  türkisch-rumänische  Abkommen  veranlaßt  den  russophilen
  „Den“  und  die  sozialistische  „Kambana“  zu  heftigen  Ausfällen  gegen
die  persönliche  Politik  König  Ferdinands,  „der  nach  so  vielen  geheimnisvollen
  Fahrten,  nach  so  viel  Lärm  und  Beunruhigung  uns  allseits  durch
die  Gegner  einkreisen  ließ“.

17.  Oktober.  Eröffnung  der  100  km  langen  Bahnstrecke
Philippopel-Tschirpan-Stara-Zagora.

Dadurch  wird  die  Bahnverbindung  der  beiden  Hauptstädte  mit  dem
Meereshafen  Burgas  um  96  km  gekürzt.

25.  Oktober.  Die  Ermäßigung  des  Zolles  auf  französische
Weine  (12,80  statt  30—50  Franken  für  100  1)  wird  auf  die  deutschen
Weine  bis  zu  14%  Alkoholgehalt  ausgedehnt.

28.  Oktober.  Eröffnung  der  Sobranje  durch  den  König.

Die  Thronrede  betont  die  Aufgabe  der  Regierung,  „die  Interessen
der  Nation  zu  wahren“.

24.  November.  (Sobranje.)  Ministerbestrafung.

Die  Kommission  zur  Untersuchung  der  Amtsführung  der  stambulowistischen
  Minister  (1903—1908)  berichtet:  am  schwersten  belastet  seien
wegen  Gesetzverletzungen  und  Mißbrauch  sowie  Entstellung  zu  perfönlichem
  Vorteil  die  gewesenen  Minister  Gudew  (Vorsitz  und  Inneres),
General  Sawow  (Krieg),  Pajakow  (Finanzen),  Chalatschew  (Eisenbahnen).
        <pb n="627" />
        Halsarien.  (Dezember  6.)  Rumäsien.  (Februar  13.—Juni  16.)  619

In  zweiter  Linie  werden  angeschuldigt  Panajotow  (Justiz)  und  Genadiew
(Handel).

6.  Dezember.  Enthüllungen  über  bulgarische  Unterstützung
der  Aufständischen  in  Mazedonien.

In  der  türkischen  Presse  waren  Briefe  des  Kabinettssekretärs  des
Fürsten  Ferdinand  aus  dem  Jahre  1903  veröffentlicht  worden,  worin  den
aufrührerischen  Mazedoniern  im  Namen  des  Fürsten  Verhaltungsmaßregeln
gegeben  werden.  Die  bulgarische  Regierung  bezweifelt  die  Echtheit  und
droht  mit  ähnlichen  Enthüllungen  gegen  die  Türkei.

XIX.

Rumänien.

13.  Februar.  Ein  Kongreß  für  die  Gründung  einer  sozialdemokratischen
  Partei  Rumäniens  wird  eröffnet.

3.  März.  In  Berlin  wird  durch  den  Gesandten  der  erste
Handelsvertrag  mit  Schweden  abgeschlossen.

14.  März.  Der  Finanzminister  Emil  Kostenecu  legt  für  das
Finanzjahr  1910/11  ein  Staatsbudget  vor,  das  461  Millionen  Lei
Einnahmen  und  456,8  Millionen  Ausgaben  vorsieht.

2.  April.  Die  Regierung  legt  ein  „Industrieförderungsgesetz“
  vor.

Als  Mittel  der  Ermutigung  sollen  dienen:  Zollfreie  Einfuhr  der
für  die  erste  Einrichtung  notwendigen  Maschinen  und  Maschinenbestandteile;
  Tarifermäßigungen  auf  den  rumänischen  Eisenbahnen;  unentgeltliche
Verwendung  der  Wasserkraft  und  Abtretung  von  Grundstücken  durch  den
Staat,  die  Gemeinden  und  die  Distrikte.  Dabei  wird  aber  vorausgesetzt,
daß  in  jedem  Betriebe,  der  so  gefördert  wird,  75  vom  Hundert  des  darin
beschäftigten  Personals  aller  Kategorien  Rumänen  sein  müssen,  und  daß
diese  Rumänen  75  vom  Hundert  der  Gesamtsumme  der  zur  Auszahlung

gelangenden  Gehälter  und  Löhne  zu  bekommen  haben.  Die  eingeborenen
Juden  werden  dabei  als  Fremde  angesehen.

18.  April.  Die  Kammer  genehmigt  den  Handelsvertrag  mit
Dänemark  und  die  Aufnahme  einer  Heeresanleihe  im  Betrage  von
15  Millionen  Franken.

23.  April.  Das  Parlament  wird  geschlossen,  ohne  daß  das
neue  Gesetz  zur  Förderung  der  Industrie  zur  Annahme  gelangt  wäre.

16.  Juni.  Konflikt  mit  Griechenland.

Durch  Vermittlung  der  italienischen  Regierung  wird  an  Griechenland
  eine  Note  gesandt,  worin  sofortige  vollständige  Genugtuung  für  die
im  Hafen  Piräus  erfolgte  Beleidigung  der  rumänischen  Flagge  und  die
Verwüstungen  auf  dem  Dampfer  „Imparatul  Trajan“  gefordert  wird.
        <pb n="628" />
        620  Rumãnien.  (Juni  20.—November  28.)

Auf  dem  genannten  rumänischen  Postdampfer  war  in  Alexandrien
ein  rumänischer  Deserteur  eingeschifft  worden,  der  in  Athen  als  Grieche
gilt.  Um  ihn  zu  befreien  und  angeblich  zwei  andere  Griechen,  die  an  die
türkischen  Behörden  ausgeliefert  werden  sollten,  zu  retten,  erschienen  im
Piräus  mehrere  hundert  Griechen,  plünderten  das  Schiff,  mißhandelten
türkische  Passagiere  und  verhafteten  3  egyptische  Prinzen  als  Spione  der
türkischen  Regierung.

20.  Juni.  (Bukarest.)  Bei  einer  großen  anteigriechischen
Volksversammlung  protestieren  Redner  aller  Parteien  gegen  die
Vorgänge  im  Piräus.

24.  Juni.  Konflikt  mit  Griechenland.

Die  Antwort  Griechenlands  auf  die  rumänische  Note  befriedigt  die
Regierung  und  die  öffentliche  Meinung  nicht.

20.  August.  Konflikt  mit  Griechenland.

Die  Regierung  übermittelt  dem  diplomatlischen  Korps  ein  Grünbuch
über  den  griechisch-rumänischen  Zwischenfall  im  Piräus.

Mitte  September.  Die  angebliche  Militärkonvention  mit

der  Türkei.

Die  Regierung  dementiert  die  von  London  und  Paris  aus  verkündete
  geheime  Militärkonvention  mit  der  Türkei.  Rumänien  soll  angeblich
  nur  als  Brücke  zur  Türkei  in  die  hohe  Politik  hineingezogen  worden
sein,  weil  Italien  gegen  die  direkte  Angliederung  der  Türkei  an  den  Dreibund
  Widerspruch  erhoben  habe.

Die  offiziöse  „Indépendance  Roumaine“  schreibt:  Infolge  der  vom
„Matin“  lanzierten  unrichtigen  Meldungen  hätten  gewisse  internationale
Organe  Behauptungen  aufgestellt,  in  denen  die  rumänische  Politik  vollständig
  entstellt  ist.  Diese  gab  schon  so  viele  Beweise  ihrer  Aufrichtigkeit,
daß  die  Phantasien  eines  Journalisten  ihre  Loyalität  in  den  internationalen
  Beziehungen  nicht  in  Verdacht  bringen  könnten.

28.  November.  Eröffnung  der  vierten  und  letzten  Session  des
Parlaments  durch  eine  Thronrede  des  Königs.

Die  Gesetze  betreffend  die  Gemeindeverwaltung,  die  Gendarmerie,
die  Maßnahmen  gegen  den  Alkoholismus  und  die  Förderung  des  Volksschulunterrichts
  hätten  den  Landgemeinden  eine  gedeihliche  Entwicklung
gesichert.  Die  Hebung  des  Eisenbahnwesens,  die  Ausgestaltung  des  Hafens
Konstanza,  die  Errichtung  eines  eigenen  Ministeriums  für  Handel  und
Industrie,  die  Förderung  der  Volksbanken  und  der  ländlichen  Wirtschaftsgenossenschaften,
  der  Handelsvertrag  mit  Oesterreich-Ungarn  hätten  zur
Vergrößerung  des  nationalen  Wohlstandes  beigetragen.  Dieser  habe  sich
in  den  letzten  Jahren  derart  gehoben,  daß  die  finanzielle  Lage  heute  günstiger
  sei  als  je  zuvor.  Die  Thronrede  weist  auf  eine  Reihe  von  Gesetzen,
welche  im  Interesse  der  städtischen  Bevölkerung  geschaffen  seien  und  erwähnt
die  Ausdehnung  des  konstitutionellen  Regimes  auf  die  Dobrudscha,  wodurch
  diese  Landstriche  mit  dem  Mutterlande  endgültig  verbunden  worden
seien.  Die  Thronrede  verweist  darauf,  daß  Rumänien  dank  den  getroffenen
Maßnahmen  von  der  Cholera  verschont  geblieben  sei.  Die  Herbstmanöver
hätten  Gelegenheit  gegeben,  festzustellen,  daß  die  rumänische  Armee  jederzeit
  in  der  Lage  sei,  den  Erwartungen  der  Nation  zu  entsprechen.  Mit
der  ruhigen  Entschlossenheit,  die  es  sich  durch  seine  stets  wachsenden  Kräfte
        <pb n="629" />
        Kumänien.  (November  Ende—Dezember  22.)  Serbien.  (Januar  2.  21.)  621

esichert  habe,  betone  Rumänien  ohne  Zögern  die  Wichtigkeit  seiner  Stelung
  inmitten  der  großen  europäischen  Interessen.  So  habe  sich  Rumänien
das  Vertrauen  und  die  Freundschaft  aller  Staaten  gesichert,  die  ebenso
Euspuannäiien  in  dem  Frieden  eine  feste  Bürgschaft  für  ihre  Entwicklung
änden.

Ende  November.  Neue  Parteibildung.

In  dem  liberalen  Ministerium  Bratianu  ist  der  Finanzminister
Emil  Kostinesku  der  Befürworter  einer  progressiven  Einkommensteuer,  wie
sie  auch  von  einem  Teil  der  Opposition  verlangt  wird,  denn  von  der
konservativen  Partei  hat  sich  unter  Führung  von  Take  Jonesku  eine  konservativ-demokratische
  Gruppe  abgespalten,  die  bei  den  Nachwahlen  bessere
Erfolge  erzielte  als  die  konservative  Hauptpartei  unter  Carp.

22.  Dezember.  Durch  Zahlung  von  13/4  Millionen  Franken
an  die  Pforte  beseitigt  die  Regierung  den  Streit  über  die  „mohammedanischen
  Ländereien“  in  der  Dobrudscha.

XX.

Serbien.

2.  Januar.  Waffenbestellungen  im  fiktiven  Submissionsverfahren.


In  einer  unter  Vorsitz  des  Ministerpräsidenten  Paschitsch  abgehaltenen
  gemeinsamen  Sitzung  des  Ministerrats  und  einer  fünfgliedrigen
Kommission  der  Skupschtina  erstattete  der  Kriegsminister  Bericht  über  die
am  15.  November  veranstaltete  Offertverhandlung  betreffend  die  Heereslieferungen.
  Die  Aufteilung  der  letzteren  stößt  wegen  des  sehr  großen
Preisunterschiedes  zwischen  den  niederen  deutschen  und  den  hohen  französischen
  Angeboten  auf  ernste  Schwierigkeiten,  zumal  die  Regierung  durch
den  künsechevertrag  zur  Berücksichtigung  der  sranzöfischen  Industrie  genötigt
  ist.

12.  Januar.  Der  deutsche  Gesandte  protestiert  gegen  die  von
der  serbischen  Regierung  begangene  krasse  Verletzung  der  Lieferungsausschreiben.


Zwischen  den  von  Schneider  und  von  Krupp  verlangten  Preisen  für
Kriegsmaterial  bestand  auch  nach  der  Herabsetzung  der  französischen  Forderungen
  noch  immer  eine  Differenz  von  6000  Franken.  Trotdem  hielt
sich  die  serbische  Regierung  an  die  Franzosen.  Der  deutsche  Gesandte
drohte,  daß  Deutschland  wegen  solcher  Benachteiligungen  die  Kotierung
der  serbischen  Anleihe  an  den  Börsen  des  Reiches  verweigern  würde.

21.  Januar.  Wegen  eines  Ausfalles  des  Prinzen  Georg  gegen
einen  serbischen  Konsul  in  einer  Gesellschaft  wird  der  Prinz  als
Kompagniechef  des  10.  Infanterieregiments  nach  Gornji  Milanowatz
  versetzt.
        <pb n="630" />
        622  Lerbien.  (Januar  26.—Juni  12.)

26.  Januar.  Die  Direktion  des  Salzmonopols  schließt  für
den  Bezug  von  70  bis  100000  Doppelzentnern  Salz  pro  Jahr
Verträge  ab,  wonach  die  eine  Hälfte  aus  Ungarn,  die  andere  aus
Italien  bezogen  werden  soll.

4.  Februar.  Waffenbestellungen.

Bei  der  Verteilung  der  serbischen  Heereslieferungen  erhielten  die
französischen  Fabriken  die  Lieferung  von  40  neuen  Schnellfeuerbatterien
zu  24  Geschützen,  10  Haubitzenbatterien,  150000  Schrapnells  und  35  Mill.
Gewehrpatronen,  sowie  die  Bespannung  der  Geschütze  für  15  Batterien.
Die  deutschen  Firmen  erhielten  die  Lieferung  von  30000  Repetiergewehren
und  30  Mill.  Gewehrpatronen.  Der  serbischen  militär-technischen  Anstalt
in  Kragujewatz  wurde  die  Verbesserung  der  Ladeeinrichtungen  der  alten
Einladergeschütze  und  der  alten  Infanteriegewehre  vorbehalten.  ·

23.  Februar.  (Montenegro  und  Serbien.)  Dem  Wunsch
der  montenegrischen  Regierung  entsprechend,  werden  die  in  Serbien
lebenden  montenegrischen  Emigranten  ausgewiesen.

9.  März.  Der  Paßzwang  für  die  aus  dem  Ausland  kommenden
  Reisenden  wird  aufgehoben.

20.  März.  Für  die  Dauer  der  Abwesenheit  des  Königs  wird
Kronprinz  Alexander  die  Vertretung  übertragen.

König  Peter  reist  über  Budapest  nach  Petersburg.  Ministerpräsident
Paschitsch  und  Minister  des  Aeußern  Milowanowitsch  begleiten  ihn.

31.  März.  Russische  Zugeständnisse.

Wie  in  Belgrad  verlautet,  erwirkten  Paschitsch  und  Milowanowitsch
gelegentlich  ihres  Petersburger  Aufenthaltes  von  dem  russischen  Finanzminister
  Kokowzow  einen  Zinsennachlaß  von  600000  Dinars  für  die  serbische
  Anleihe  in  Rußland  vom  Jahre  1876.  Ferner  sei  in  Petersburg
der  Abschluß  einer  größeren  Anleihe  des  serbischen  Offiziersvereins  zur
Konversion  der  Schuld  des  Offiziersvereins  gesichert  worden.  (Siehe
13.  April!)

5.  April.  Kronprinz  Alexander  begnadigt  als  Regent  alle
in  den  Gefängnissen  befindlichen  mohammedanischen  Serben.

13.  April.  Eine  russische  Bankgruppe  hat  durch  Vermittlung
des  russischen  Gesandten  Hartwig  dem  serbischen  Offiziersverein
eine  Anleihe  von  vier  Millionen  Dinars  zur  Tilgung  von  Schulden
der  serbischen  Offiziere  gewährt.  (Siehe  31.  Märzl)

18.  Mai.  Die  russische  Regierung  hat  Serbien  verständigt,
daß  sie  die  Hälfte  der  Kosten  für  die  Anlage  eines  serbischen  Donauhafens
  unterhalb  des  Eisernen  Tores  als  Beisteuer  leisten  wolle.

12.  Juni.  Demission  des  Ministeriums  wegen  einer  Niederlage
  bei  der  Abstimmung  über  Artikel  18  der  Wahlgesetznovelle.
Der  König  nimmt  die  Demission  nicht  an.
        <pb n="631" />
        Serbien.  (Juni  29.  —  Dezember  29.)  623

29.  Juni.  Strafversetzung  des  Gesandten  in  Petersburg  Michael
Poppowitsch  nach  Athen.

Die  Ursache  wird  darin  gefunden,  daß  der  Zar  beim  Festmahl  zu
Ehren  König  Peters  den  ihm  vom  König  Alexander  verliehenen  serbischen
Orden  vom  „Weißen  Adler“  getragen  hat  und  nicht  den  von  König  Peter
gestifteten  Stern  Kara  Georgs,  der  auch  den  Mördern  des  Königs  Alexander
verliehen  worden  war.

12.  September.  (Belgrad.)  Dem  von  einer  zweimonatigen
Kur  in  Vichy  und  Ostende  zurückkehrenden  Prinzen  Georg  bereiten
seine  Anhänger  vor  dem  Bahnhof  lebhafte  Ovationen.

“  19.  September.  Unterzeichnung  des  Handelsvertrages  mit
Osterreich-Ungarn.

30.  September.  Um  Zwischenfälle  an  der  serbisch-bosnischen
Drinagrenze  zu  vermeiden,  beschließt  die  Regierung,  die  Entscheidung
eines  internationalen  Schiedsgerichtes  anzurufen.

3.  November.  Das  Ministerium  macht  bekannt,  daß  auch

die  ungarische  Regierung  den  Paßzwang  für  Reisende  nach  Serbien
aufgehoben  habe.

9.  November.  (Belgrad.)  Der  Fälscher  der  im  Friedjung-Prozeß
  vorgelegten  Dokumente.

Wladimir  Vasitsch  stellt  sich  der  Polizei  mit  der  Selbstanklage,  der
österreichisch-ungarischen  Gesandtschaft  gefälschte  Dokumente  für  den  Friedjung-Prozeß
  geliefert  zu  haben.  (Siehe  Oesterreich-Ungarn  18.  und  22.  Dezember
  1909!)  Er  habe  auf  Wunsch  des  Gesandten  Grafen  Forgatsch,
sowie  des  Hauptmanns  v.  Swientochowski  und  der  Gesandtschaftssekretäre
Gautsch  und  Franz  falsche  Dokumente  hergestellt.  Der  Text  der  Schriftstücke
  sei  ihm  von  Swientochowski,  der  von  allen  Beamten  der  Gesandtschaft
  die  serbische  Sprache  am  besten  beherrsche,  in  die  Feder  diktiert
worden.  Einzelne  Dokumente  habe  er  im  Auftrage  der  Herren  von  der
österreichisch  ungarischen  Gesandtschaft  in  mehreren  Exemplaren  herstellen
müssen,  die  dann  zur  Versendung  gelangten.

6.  Dezember.  Vasitsch  wird  vom  Gericht  als  Betrüger  bestraft.

Er  ist  mit  dem  ehemaligen  Sitzredakteur  des  antidynastischen
„Narodni  List“  identisch  und  heißt  in  Wirklichkeit  Seremanin.  Außerdem
wird  eine  Untersuchung  wegen  Hochverrats  gegen  ihn  eingeleitet.  Am
23.  Dezember  erfolgt  seine  Verurteilung  zu  fünf  Jahren  Zuchthaus,  weil
er  Beziehungen  zu  einer  fremden  Mission  unterhielt  und  an  der  Fälschung
von  Dokumenten  teilnahm,  die  den  serbischen  Staat  schädigen  sollten.

29.  Dezember.  Die  Skupschtina  nimmt  den  Handelsvertrag
mit  Osterreich--Ungarn  an.
        <pb n="632" />
        624  NMosienegro.  (Januar  1.—August  29.)  Griechenland.  (Januar  1.—3.)

XXlI.

Montenegro.

1.  Januar.  In  dem  seit  dem  23.  Oktober  1909  eröffneten

Freihafen  von  Antivari  erscheint  ein  französisches  Geschwader.

Dies  geschah  nach  einer  Ausführung  des  „Temps“  infolge  einer
Vereinbarung  zwischen  Frankreich,  Rußland  und  Italien,  indem  die  letzteren
  beiden  Mächte,  um  jede  Mißdeutung  in  Wien  zu  verhindern,  die
französische  Flagge  als  die  erste  wünschten,  die  nach  dem  Verzicht  Oesterreichs
  auf  die  Kontrolle  des  Hafens  von  den  montenegrinischen  Behörden
zu  begrüßen  war.

An  den  Chef  des  französischen  Geschwaders,  Admiral  Piret,  richtete
Fürst  Nikita  folgende  Ansprache:  Durch  Ihre  Einfahrt  in  den  freien  Hafen
von  Antivari  haben  Sie  die  Ausübung  der  Freiheit  dieses  Hafens  eingeweiht,
  der  auf  Grund  der  letzten  Verträge  mit  den  Mächten  den  Kriegsschisfen
  aller  Völker  geöffnet  ist.  Montenegro  wird  die  Zuvorkommenheit
Ihres  Vaterlandes  ebensowenig  vergessen  wie  die  große  Liebenswürdigkeit,
mit  der  Sie  Ihre  Sendung  erfüllt  haben.

Auch  an  den  Präsidenten  Fallières  richtete  Fürst  Nikita  ein  Dankestelegramm.


22.  August.  „Gott  und  Rußland.“

Bei  der  Feier  zum  50jährigen  Regierungsjubiläum  bringt  Fürst
Nikita  zu  Ehren  seines  Gastes  Königs  Ferdinand  von  Bulgarien  einen
Toast  aus,  in  welchem  er  „Gott  und  Rußland,  unsern  großen  Beschützern,“
*  sagte.  Auch  der  König  und  die  Königin  von  Italien  treffen  zu  dem

este  ein.

29.  August.  Durch  Genehmigung  des  einstimmigen  Beschlusses
der  Skupschtina  nimmt  der  Fürst  den  Titel  Nikolaus  I.,  König
von  Montenegro  an.

XXII.
Eriechenland.

1.  und  2.  Januar.  Offiziersbund  und  Parlament.

Die  Regierung  bewilligte  die  vom  Offiziersbund  verlangte  Einschränkung
  der  parlamentarischen  Tagesordnung  auf  40  Vorlagen.  Weil
der  Minister  des  Innern  Triantaphyllakos  die  vom  Offiziersbunde  geforderte
  Ueberweisung  eines  Eisenbergwerkes  auf  der  Insel  Feriphos  an
das  Staatseigentum  nicht  sofort  verfügt  hatte,  erzwingt  der  Offiziersbund
seine  Entlassung,  ebenso  sagt  die  Regierung  die  baldige  Erfüllung  der  Forderung
  zu,  die  griechischen  Gesandten  in  Berlin,  Rom,  Paris  und  London
abzuberufen.

3.  Januar.  In  der  Provinzpresse  beginnt  eine  heftige  Opposition
  gegen  den  Offiziersbund.
        <pb n="633" />
        Griechenland.  (Januar  6.—27.)  625

Die  Sozialisten  von  Volo  beantworten  das  Erscheinen  einer  Offiziersabordnung
  in  der  Redaktion  des  Arbeiterblattes,  dem  verboten
wurde,  etwas  gegen  den  Militärbund  zu  schreiben,  mit  dem  Hinweis,  daß
eine  Revolution  durch  die  bewafsnete  Macht  bloß  eine  neue  Tyrannei  einführen
  würde.

6.  Januar.  (Athen.)  Eine  Feuersbrunst  zerstörte  den  Mittelbau
  des  Königlichen  Schlosses.

Es  ist  ein  1834—1838  nach  den  Plänen  des  Münchner  Architekten
Gärtner  aus  pentelischem  Marmor  und  Kalkstein  errichteter  Prachtbau,  der
aber  von  der  königlichen  Familie  seit  langem  nicht  bewohnt  wurde.

9.  Januar.  Der  kretische  Politiker  Veniselos  erscheint  auf
Einladung  des  Militärbundes  in  Athen.

13.  Januar.  Der  König  ernennt  auf  Wunsch  der  Armee
sechs  Obersten,  darunter  auch  Zorbas  und  den  Kriegsminister  Konstantinides
  zu  Brigadegeneralen.

22.  Januar.  Da  es  nicht  gelingt,  in  Paris,  London  und
Berlin  eine  Anleihe  aufzunehmen,  ehe  nicht  der  Offiziersbund  aus
dem  politischen  Leben  ausgeschaltet  sei,  wird  der  Vorschlag,  durch
eine  Nationalversammlung  eine  neue  Wendung  herbeizuführen,
wiederaufgenommen.

25.  Januar.  Die  Gesandten  der  Großmächte  machten  der
Regierung  freundschaftliche  Vorstellungen  in  der  Frage  der  neu  zu
ernennenden  Gesandten  und  wiesen  darauf  hin,  daß  die  Erteilung
des  Exequatur  durch  die  Mächte  die  Anerkennung  des  revolutionären
Zustandes  in  Griechenland  bedeuten  würde.  Die  neuen  Gesandten
müssen  Personen  des  königlichen  Vertrauens  sein.

26.  Januar.  Unter  Vorsitz  des  Admirals  Miaulis  versammeln
sich  alle  Schiffskommandanten  und  höhere  Marineoffiziere  und  erklären
  ihren  Austritt  aus  dem  Militärbunde  mit  der  Begründung,
daß  dieser  seinen  Zweck  erfüllt  habe  und  es  Zeit  sei,  daß  Armee
und  Flotte  zu  ihrem  eigentlichen  Beruf  zurückkehren.

27.  Januar.  Das  Ministerium  Mavromichalis  erbittet  seine
Entlassung,  weil  der  Militärbund  ihm  wegen  des  Mißerfolgs  seiner
Finanzpolitik  und  aus  anderen  Gründen  sein  Vertrauen  entzogen
hat  und  von  einem  neuen  Ministerium  die  Einberufung  der  Nationalversammlung
  erwarte.

Die  Führer  des  Militärbundes  hatten  auf  Drängen  des  kretischen
Politikers  Veniselos  und  des  Obersten  Zorbas  folgende  Beschlüsse  gefaßt:
1.  das  Kabinett  Mavromichalis  hat  abzudanken;  2.  das  neue  Rabinett  soll
aus  Männern  gebildet  werden,  die  nicht  in  engen  Beziehungen  zu  den
Kammerparteien  stehen;  3.  wenn  dieses  neue  Kabinett  bei  der  Vorbereitung
der  Nationalversammlung  auf  reaktionäre  Schwierigkeiten  stößt,  ist  eine
Diktatur  einzusetzen.

Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.  10
        <pb n="634" />
        626  Griechenland.  (Januar  28.—Februar  17.)

W—.  Januar.  (Athen.)  Die  gesamte  Garnison  ist  wieder
konsigniert,  und  Zorbas  hat  mit  dem  Generalstab  und  dem  Geschäftskomitee
  des  Offiziersbundes  im  Barackenlager  vor  Athen  Quartier
genommen.

30.  Januar.  Der  König  willigt  auf  Drängen  aller  Parteien
in  die  Einberufung  einer  Nationalversammlung  und  beauftragt
Dragoumis  mit  der  Bildung  eines  außerparlamentarischen  Kabinetts.

31.  Januar.  Neues  Ministerium.

Ministerpräsident  und  Minister  des  Innern  Dragumis,  Minister
des  Aeußern  Kallergis,  Justizminister  Fikioris,  Kriegsminister  Zorbas,
Marineminister  Miaulis,  Unterrichtsminister  Panujotopoulos,  Finanzminister
  Vallaoritis,  der  aber  ablehnt.

Da  Kallergis  kretischer  Abkunft  ist  und  das  Programm  den  Forderungen
  des  kretischen  Politikers  Veniselos  und  des  Militärbundes  entspricht,
  so  wird  dadurch  die  kretische  Krisis  verschärft.

2.  Februar.  Die  Tagung  der  Kammer  wird  geschlossen  und
eine  außerordentliche  Tagung  auf  den  14.  Februar  anberaumt.

3.  Februar.  Der  griechische  Gesandte  in  Konstantinopel  gibt
auf  der  Pforte  Erklärungen  ab,  die  den  Willen  Griechenlands  zur
Fortsetzung  freundnachbarlicher  Beziehungen  bekunden.

7.  Februar.  (Piräus.)  Das  Erscheinen  von  vier  russischen.
und  drei  englischen  Kriegsschiffen,  sowie  die  Ankündigung  des  Eintreffens
  eines  italienischen  Geschwaders  erregen  großes  Aufsehen,
weil  man  sie  mit  der  Erklärung  der  Schutzmächte,  daß  sie  die  Entsendung
  von  kretischen  Deputierten  nach  Athen  nicht  zulassen  werden,
in  Verbindung  bringt.

7.  Februar.  Typaldos  und  seine  an  der  Marinerevolte  beteiligten
  Kameraden  werden  begnadigt  und  erhalten  einen  dreijährigen
  Urlaub  ins  Ausland.

12.  Februar.  Zwiespalt  in  der  Militärliga.

Die  Blätter  veröffentlichen  ein  Rundschreiben  der  Militärliga  an
die  Offiziere,  in  dem  diesen  empfohlen  wird,  ihren  militärischen  Pflichten
streug  nachzukommen  und  sich  politischer  Erörterungen  zu  enthalten.

15.  Februar.  Die  Militärliga  mißbraucht  ihre  Herrschaft
zur  Knebelung  der  Presse  und  wird  deshalb  von  den  Marineoffizieren
heftig  angegriffen.

Typaldos  kehrt  unvermutet  von  Chalkis  nach  Athen  zurück.

16.  Februar.  Der  König  unterzeichnet  das  Dekret  betr.  der
Abberufung  aller  Gesandten  Griechenlands  außer  denen  in  Konstantinopel
  und  Washington.

17.  Febrnar.  Die  Gesandten  der  Kretaschutzmächte  machen
dem  Minister  des  Außern  offiziell  davon  Mitteilung,  daß  die
        <pb n="635" />
        Griechenland.  (Februar  22.—März  12.)  627

Note  der  Schutzmächte  dem  kretischen  Exekutivkomitee  überreicht
worden  ist.
22.  Februar.  Familienrat  des  Königshauses.

Der  König  hatte  alle  seine  Söhne  zu  einer  Beratung  nach  Athen
berufen,  veranlaßte  aber  den  bereits  bis  Brindisi  gelangten  Kronprinzen,
die  Weiterfahrt  aufzuschieben.  Dort  hatte  der  Kronprinz  eine  Besprechung
mit  dem  zu  ihm  gesandten  Prinzen  Andreas  und  fuhr  dann  nach  Paris.

23.  Februar.  General  Smolenski  betreibt  die  Auflösung  der
Militärliga,  die  ihre  Hauptaufgabe,  die  Reform  der  Armee  und
Marine,  nur  hemme.

2.  März.  Der  Militärbund  beschließt  einen  Reinigungsausschuß
  von  elf  Mitgliedern  einzusetzen,  der  über  die  militärischen
Fähigkeiten  und  moralischen  Eigenschaften  der  Offiziere  der  Landarmee
  befinden  soll.

3.  März.  Die  Kammer  beschließt  mit  150  gegen  11  Stimmen
die  Einberufung  der  Nationalversammlung  zum  1.  September.

4.  März.  Die  Militärliga  als  Kontrolle  der  Parteien.

Der  General  und  frühere  Kriegsminister  Konstantinides  erklärt,
daß  der  Militärbund  nach  der  jetzt  beschlossenen  Einberufung  der  Nationalversammlung
  sich  nicht  auflösen,  sondern  weiter  bestehen  bleiben  sollte  und
zwar  nach  vollständiger  Reformierung  auf  streng  disziplinarischer  Grundlage,
  damit  er  eine  scharfe  Kontrolle  über  die  Personenparteien  in  der
Kammer  ausüben  kann.

7.  März.  Finanzvorlage.

Premierminister  Dragumis  legt  dem  Parlament  einen  neuen  Gesetzentwurf
  zum  Abschluß  einer  Anleihe  bis  zu  240  Millionen  Franken  vor,
von  denen  90  Millionen  zur  Aufhebung  des  Zwangskurses  und  Durchführung
  der  Pläne  der  Münzverbesserung  dienen  sollen.

10.  März.  Die  thessalischen  Bauern  verlangen  den  Ankauf
von  249  großen  Landgütern  durch  den  Staat  und  ihre  Parzellierung
an  die  Bauern.

12.  März.  Verständigung  zwischen  Regierung  und  Militärbund.



Auf  Rat  von  Veniselos  wurde  die  thessalische  Agrarfrage  und  die
Abänderung  des  Wahlgesetzes  auf  geeignetere  Zeit  verschoben.  Zur  Lösung
der  thessalischen  Landfrage  wurde  bei  verschiedenen  Banken  ein  erfolgloser
Versuch  gemacht,  eine  innere  Anleihe  von  50  Millionen  aufzunehmen.
Die  Wahlen  zur  Nationalversammlung  finden  nach  dem  bisherigen  System
der  weiten  Wahlbezirke  statt,  da  die  Parteiführer  befürchten,  daß  bei
engen  Wahlbezirken  Radikale  und  republikanische  Elemente  in  die  Nationalversammlung
  gewählt  werden  können,  die  darauf  ausgehen  würden,  grundlegende
  Bestimmungen  der  Verfassung  anzutasten.

Die  Veranlassung  dieser  Verständigung  ist  das  Erscheinen  einer
Deputation  der  Bauern  aus  Marathon  und  die  Ausbreitung  der  agrarischen
Bewegung  auf  andere  Provinzen.

40  *
        <pb n="636" />
        628  Griechenland.  (März  17.—30.)

17.  März.  Die  Türkei  und  die  thessalische  Bauernbewegung.

Wegen  der  unter  den  Bauern  Thessaliens  herrschenden  Bewegung
gegen  die  mohammedanischen  Grundbesitzer  hat  die  Pforte  unter  Berufung
auf  die  durch  den  Vertrag  vom  Jahre  1881  von  der  griechischen  Regierung
  übernommene  Pflicht,  die  Rechte  der  Mohammedaner  Thessaliens
zu  schützen,  sowie  unter  Berufung  auf  die  gute  Behandlung  der  in  der
Türkei  lebenden  hellenischen  Staatsangehörigen  das  griechische  Kabinett
aufgefordert,  Maßregeln  zum  Schutz  der  Grundbesitzer  zu  treffen,  widrigenfalls
  die  Pforte  genötigt  wäre,  alle  bestehenden  türkisch-griechischen  Verträge
  zu  kündigen.

19.  März.  Die  thessalischen  Bauern  versuchen,  einen  Zug  auf
der  Station  Larissa  gewaltsam  festzuhalten.

Sie  werden  vom  Militär  zurückgedrängt,  wobei  6  Bauern  getötet
und  30  verwundet  werden.  Auch  gegen  die  Besitzergreifung  von  Gütern
muß  Militär  einschreiten,  wobei  20  Bauern  getötet  und  100  Bauern  verwundet
  werden.

25.  März.  Das  griechische  Budget.

In  Abänderung  der  Budgetvorlage  der  früheren  Regierung  legt
der  Premierminister  den  Voranschlag  für  das  laufende  Jahr  vor,  der  bei
rund  142  Millionen  Drachmen  Einnahmen  und  Ausgaben  mit  einem  Ueberschuß
  von  100000  Drachmen  abschließt.  Der  Premierminister  gab  zu,  daß
tatsächlich  ein  Defizit  resultiert.  Gegenüber  den  Abschlüssen  der  Vorjahre
steigen  die  Einnahmen  und  Ausgaben  um  18  Millionen,  während  das
Erträgnis  der  neuen  Steuern  höchstens  6  Millionen  ausmacht.  Zum
Dienst  der  projektierten  Anleihe  sind  nur  4  Millionen  angesetzt.  Die
ordentlichen  Ausgaben  für  dieses  Jahr  wachsen  um  3½  Millionen,  für
die  militärische  Gendarmerie  um  2  Millionen.  Ueber  die  Höhe  der  außerordentlichen
  Heeresausgaben  machte  der  Premierminister  keine  Angaben.
Die  angekündigten  Ersparnisse  treten  in  keinem  Ressort  ein,  nur  im  Ministerium
  des  Aeußern  werden  die  Ausgaben,  namentlich  die  mazedonischen,
eingeschränkt.

30.  März.  Eröffnung  der  außerordentlichen  Tagung  der
Kammer  durch  folgende  Thronrede:

Meine  Herren  Abgeordneten!  Die  Umstände,  unter  welchen  Sie
zu  einer  außerordentlichen  Tagung  einberufen  worden  sind,  sind  Ihnen
wohlbekannt,  Sie  sind  gerufen  worden,  um  entsprechend  dem  Geist  der
Verfassung  an  einem  Reformwerk  zu  arbeiten,  das  die  konstitutionellen
Bestimmungen  sowohl  nach  innen  wie  nach  außen  wirksam  machen  soll.
Seit  Mitte  August  vorigen  Jahres  hat  die  durch  ein  peinliches  nationales
Hindernis  hervorgerufene  Agitation  angedauert;  die  schwere  politische  Krisis
drohte  in  einer  Sackgasse  zu  enden,  denn  eine  regellose  Aktion  kennzeichnete
den  überreizten  Willen  der  öffentlichen  Meinung,  zum  Zwecke  der  Wiederaufrichtung
  des  Landes  und  zur  Befestigung  des  Regimes,  mit  dem  die
nationalen  Bestrebungen  unlöslich  verbunden  sind,  eine  Aenderung  der
politischen  Methoden  durchzusetzen.  Ein  einziger  Ausweg  schien  sich  zu
bieten;  er  wurde  mir  bei  Gelegenheit  des  Rücktritts  meiner  Minister  und
weiterhin  von  allen  um  meinen  Thron  vereinigten  politischen  Autoritäten
des  Landes  bezeichnet.  Meine  Herren  Abgeordneten!  Ich  bin  glücklich,
feststellen  zu  können,  daß  sich  das  Parlament  beinahe  einmütig  dieser  Anschauunngsweise
  angeschlossen  hat,  wie  das  aus  der  Abstimmung  vom
18.  Februar  a.  St.  hervorgeht,  durch  die  die  Kammer  den  Vorschlag  an-
        <pb n="637" />
        Eriechenland.  (März  30.—Juni  17.)  629

genommen  hat,  der  ihr  hinsichtlich  der  Revision  der  nicht  grundlegenden
Bestimmungen  der  Verfassung  unterbreitet  wurde.  Ich  verspreche,  daß
dieser  Beschluß  zur  Ausführung  gelangen  wird.  Ein  königliches  Dekret,
erlassen  auf  die  Vorschläge  meiner  verantwortlichen  Ratgeber,  wird  die  in
Artikel  107  der  Verfassung  erwähnte  revisionistische  Kammer  zusammenberufen,
  die  über  die  zu  reformierenden  Bestimmungen  beschließen  wird.
Ich  bringe  Ihnen  meinen  königlichen  Dank  zum  Ausdruck  für  den  edlen
Eifer  und  die  Hingebung  an  das  Vaterland  und  die  Dynastie,  von  denen
Sie  bei  der  Erfüllung  ihrer  Aufgabe  im  Laufe  dieser  außerordentlichen
Tagung  erfüllt  gewesen  sind.  Sie  haben  hierdurch  meine  Regierung  in
ihren  Bemühungen  um  die  endgültige  Wiederaufrichtung  des  Landes  und
um  die  Wiederherbeiführung  der  für  das  Wohl  des  Vaterlandes  notwendigen
  Ruhe  unterstützt.

30.  März.  Der  Militärbund  löst  sich  auf.

Der  leitende  Ausschuß  veröffentlicht  folgendes  Protokoll:  Im  Hinblick
  darauf,  daß  die  Regierung  die  vom  Aufstande  übernommene  Verpflichtung
  erfüllt  hat,  sieht  der  leitende  Ausschuß  des  Militärbundes  seine
Aufgabe  als  beendet  an  und  vertraut  der  Regierung  die  Vollendung  und
Ergänzung  des  begonnenen  Werkes  an,  bis  das  griechische  Volk  seine  Vertreter
  in  die  revidierende  Kammer  entsendet.  Der  Militärbund  hegt  die
Zuversicht,  daß  die  Regierung  bis  zum  Zusammentritt  der  Nationalversammlung
  unverändert  bleiben  wird,  und  entbindet  seine  Mitglieder
ihres  am  15.  August  geleisteten  Eides.

Unterzeichnet  ist  das  Protokoll  von  Zorbas,  Admiral  Miaulis  und
sämtlichen  Mitgliedern  des  Ausschusses.

3.  April.  General  Smolenski  wird  für  den  Fall  eines  Krieges
zum  Generalissimus  ernannt.  Im  Frieden  bleibt  er  Präsident  des
Militärgerichts.

26.  April.  Zusammenkunft  des  Königspaares  mit  dem  Kronprinzen
  Konstantin,  der  Kronprinzessin  und  Prinzen  Georg  nebst
Familie  in  Korfu.

4.  Mai.  Der  König  bestätigt  von  Korfu  aus  den  Spruch
des  obersten  Militärrates,  wonach  73  höhere  und  niedere  Offiziere
aus  der  Armee  entfernt  werden.

W.  Mai.  Angesichts  des  Ernstes  der  Lage  ersucht  der  Premierminister
  den  zur  Beisetzung  Eduards  VII.  nach  London  gereisten
König,  seine  Rückkehr  zu  beschleunigen.

27.  Mai.  In  der  Redaktion  der  Zeitung  „Abwehr“,  die  von
den  aus  dem  Heere  gestoßenen  Offizieren  begründet  ist,  richteten
zahlreiche  Offiziere  der  Armee  Verwüstungen  an.  Der  Kampf  übertrug
  sich  dann  ins  Freie  auf  den  Verfassungsplatz.

16.  Juni.  Rückkehr  des  Königs.

17.  Juni.  Der  Minister  des  Auswärtigen  hat  dem  türkischen
Gesandten  in  Athen  wegen  des  Zwischenfalls  im  Piräus  seine  Ent-
        <pb n="638" />
        630  EGriechenland.  (Juni  28.—September  14.)

schuldigung  ausgedrückt  und  strenge  Bestrafung  der  Schuldigen
versprochen.

28.  Juni.  Die  Anstifter  des  Angriffs  auf  den  rumänischen
Dampfer  „Imperatul  Trajan“  werden  dem  Zuchtpolizeigericht
überwiesen.

11.  Juli.  (Athen.)  Um  den  rumänisch-griechischen  Zwischenfall
  beizulegen,  läuft  der  Dampfer  „Imperatul  Trajan“  im  Piräus
ein  und  empfängt  den  amtlichen  Besuch  des  Hafenkapitäns.

Die  Frage  des  Schadensersatzes  war  schon  vorher  in  Bukarest
durch  die  dortigen  russischen  und  italienischen  Gesandten  erledigt  worden.

15.  Juli.  Ein  königliches  Dekret  schreibt  die  Wahlen  für
die  revidierende  Kammer  mit  der  doppelten  Zahl  der  Abgeordneten
auf  den  21.  August,  die  Eröffnung  auf  den  14.  September  aus.

26.  Juli.  (Athen.)  Entlassung  von  17  Professoren,  darunter
7  in  der  medizinischen,  5  in  der  mathematisch-physikalischen  Fakultät.

Sie  werden  durch  Griechen,  die  im  Auslande  studiert  haben,  ersetzt.

27.  Juli.  Kriegsgefahr  infolge  der  kretischen  Wirren.

Im  „Tanin“  erscheint  ein  Interview  des  türkischen  Gesandten,  er
habe  die  griechische  Regierung  wiederholt  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß
die  Türkei  im  Falle  der  Aufnahme  von  kretischen  Delegierten  in  die
griechische  Nationalversammlung  der  Kriegserklärung  nicht  ausweichen  könne.

A.  August.  Wahlen  für  die  Nationalversammlung.

Die  Mandate  verteilen  sich  auf  die  verschiedenen,  meist  nach  ihren
Führern  benannten  Parteien  wie  folgt:  Theotokis  94,  Rallis  64,  Mavromichalis
  34,  Zaimis  13,  Unabhängige  146  und  4  Kreter.

24.  Angust.  (Athen.)  Rückkehr  des  Kronprinzen  Konstantin
nach  fast  einjährigem  Exil.

14.  September.  Eröffnung  der  Nationalversammlung  durch
eine  Rede  des  Königs:

Die  Bedingungen,  unter  welchen  die  Nation  den  Kammerbeschluß
vom  18.  Februar  annahm,  haben  bewiesen,  daß  unser  ganzes  Volk  die
Verfassung,  die  Kraft  unseres  Landes,  unversehrt  aufrecht  erhalten  will.
Auf  derselben  Grundlage  ist  der  allgemeine  Wunsch  ausgesprochen  worden,
daß  nur  die  nicht  grundlegenden  Bestimmungen  der  Verfassung  revidiert
werden  sollen.  So  ist  das  Volk  dazu  berufen  worden,  die  doppelte  Zahl
von  Abgeordneten  zu  dieser  Verfassungsrevision  zu  erwählen.  Ich  freue
mich,  Sie  hier  begrüßen  zu  können,  und  ich  freue  mich  um  so  mehr,  als
die  überaus  friedliche  Weise,  in  der  die  Wähler  von  ihrem  höchsten  politischen
  Recht  Gebrauch  gemacht  haben,  von  neuem  unter  ungewöhnlichen
Umständen  die  Reife  des  griechischen  Volkes  bewiesen  hat.  Ihre  Aufgabe
  wird  eine  sehr  arbeitsreiche  sein,  aber  ich  bin  überzeugt,  wenn  Sie
diese  mit  der  Sorgsalt  auf  sich  nehmen,  die  durch  die  schwierige  Lage  bedingt
  ist,  und  wenn  Sie  Ihr  Mandat  mit  Patriotismus,  politischer  Erfahrung
  und  mit  Rücksicht  auf  die  Bedürfnisse,  Anschauungen,  Charaktereigenschaften
  und  den  Willen  des  hellenischen  Volkes  ausüben,  daß  Sie
        <pb n="639" />
        Griechenland.  (September  16.—November  22.)  631

dann  alle  Schwierigkeiten  überwinden  und  das  Ihnen  auferlegte  Werk  zu
einem  guten  Ende  führen  werden.  Sie  werden  auf  diese  Weise  für  die
im  Anschluß  an  Ihre  Tagung  stattfindenden  regelmäßigen  Sitzungen  der
Kammer  eine  Grundlage  finden,  die  der  Tätigkeit  der  staatlichen  Organe
und  der  Wiederherstellung  der  politischen  Ordnung  zuträglicher  und  der
Verwirklichung  der  nationalen  Ideale  günstiger  sein  wird.

16.  September.  (Nationalversammlung.)  Bei  der  Vereidigung
  der  Mitglieder  kommt  es  zu  einer  Prügelei,  weil  viele
Abgeordnete  die  Umwandlung  des  Parlaments  in  eine  Konstituante
erzwingen  wollen.

Am  19.  September  wird  die  Debatte  mit  148  gegen  121  Stimmen
bis  nach  der  Präsidentenwahl  vertagt.

20.  September.  Veniselos  erklärt  dem  König  und  den  Führern
der  bürgerlichen  Parteien,  daß  er  die  Bildung  eines  Ministeriums
nur  dann  übernehmen  würde,  wenn  ihm  der  König  das  Recht  der
Auflösung  der  Nationalversammlung  geben  würde,  falls  diese  durch
Tumulte  die  Umwandlung  in  eine  Konstituante  erzwingen  sollte.

9.  Oktober.  Wiedereröffnung  der  Nationalversammlung.

12.  Oktober.  Das  Ministerium  Dragumis  reicht  seine  Entlassung
  ein.  Die  Sitzungen  der  Nationalversammlung  werden  vertagt.

18.  Oktober.  Bildung  eines  neuen  Ministeriums  unter  Veniselos.
  Minister  des  Auswärtigen  wird  der  Gesandte  in  Konstantinopel
  Gryparis.

23.  Oktober.  (Nationalversammlung.)  Da  Veniselos  die
Frage,  ob  der  König  das  Recht  habe,  die  Nationalversammlung
aufzulösen,  nicht  glatt  verneint,  entfernen  sich  bei  der  Abstimmung
über  die  Vertrauensfrage  so  viele  Abgeordnete,  daß  das  Haus  beschlußunfähig
  wird.  Das  Ministerium  verlangt  deshalb  seine
Demission.

W..  Oktober.  Auflösung  der  Nationalversammlung  und  Wiederberufung
  einer  neuen  auf  den  8.  Januar.  Die  Wahlen  sollen  am
11.  Dezember  stattfinden.

Das  Auflösungsdekret  beruft  sich  auf  Art.  37  der  Verfassung,  der
aber  nur  vom  gewöhnlichen  Parlament  spricht.  Die  Gegner  des  Premierministers
  Veniselos  protestieren  daher  gegen  den  angeblichen  Verfassungsbruch
  und  Staatsstreich  des  Königs.

22.  November.  Politische  Spaltungen.

Während  das  Hofblatt  „Hestia“  verlangt,  daß  die  Regierungzkreise
sich  jeder  Aeußerung  über  die  kretische  Frage  enthalten  sollten,  erklärt  die
Zeitung  „Athenai“,  das  Organ  der  Veniselospartei,  daß  die  Regierung
die  Kretafrage  als  eine  national-griechische  Angelegenheit  betrachte,  für
die  Angliederung  der  Insel  eintrete  und  die  volle  Verantwortung  für  die
Kretapolitik  gegenüber  dem  Volke  übernehme.
        <pb n="640" />
        632  Griechenland.  (November  27.—Dezember  12.)

Die  Regierung  erhielt  ein  von  180  Intendanturoffizieren  unterschriebenes
  Gesuch,  daß  die  gerichtliche  Verfolgung  der  ungetreuen  Intendanturoffiziere
  eingestellt  werden  möge,  da  das  Ansehen  des  ganzen  Intendanturkorps
  schwer  dadurch  geschädigt  werde;  eine  andere  Gruppe  dieser
Offiziere  wünscht  im  Gegenteil  die  rücksichtslose  Entfernung  der  Schuldigen
aus  ihren  Reihen.

Veniselos  wiederholt  sein  Verbot  der  Wahlbeteiligung  von  Offizieren.

27.  November.  (Larissa.)  Ministerpräsident  Veniselos  entwickelt
  sein  Programm.

Er  versprach  namentlich  Steuer=  und  Zollreformen  zur  Entlastung
der  ärmeren  Klassen,  erhöhte  Fürsorge  für  die  Landwirtschaft,  Neuregelung
der  Gemeindegesetzgebung  und  Zusammenlegung  der  kleineren  Gemeinden,
ferner  ein  Gesetz  zugunsten  der  Arbeiter  und  der  Unabsetzbarkeit  der  Beamten,
  vielseitige  Reformen  in  der  Justiz  und  im  Unterrichtswesen.  In
Heer  und  Marine  strebt  Veniselos  eine  schnelle  Reorganisation  und  Beseitigung
  bestehender  überflüssiger  Ausgaben  an  und  sagte  ohne  übermäßige
Budgetbelastung  in  der  thessalischen  Agrarfrage  Unterstützung  der  Kleinbauern
  und  Landarbeiter  gegenüber  dem  Großgrundbesitz  zu;  er  lehnte
jedoch  dessen  vielfach  geforderte  zwangsweise  Enteignung  ab.

Schließlich  versicherte  er  Griechenlands  Wunsch  nach  Frieden  und
nach  guten  Beziehungen  zur  Türkei  und  allen  Balkanstaaten.

29.  November.  (Griechen  und  Bulgaren.)  Als  Mittel
zur  Herbeiführung  einer  Versöhnung  der  sich  in  Mazedonien  bekämpfenden
  Griechen  und  Bulgaren  empfiehlt  das  Hofblatt  „Hestia“
die  Aufhebung  des  Schismas  zwischen  ökumenischem  Patriarchat  und
bulgarischem  Exarchat.

Dem  widersprechen  aber  die  Panhellenisten.

Die  Bulgaren  machen  Schwierigkeiten,  indem  sie  verlangen,  daß
die  bisher  von  Serben  verwalteten  Bischofssitze  von  Uesküb,  Prizrend  und
Dibre  in  bulgarische  Hände  übergehen.

7.  Dezember.  Der  Sektionschef  im  Kultusministerium  Besandinos
  erschießt  sich,  als  ihn  der  Untersuchungsrichter  wegen  erwiesener
Mitwirkung  bei  der  Ausstellung  gefälschter  Universitätsabgangszeugnisse
  verhaften  läßt.  Die  Kugel  trifft  auch  den  Untersuchungsrichter
  in  den  Mund  und  verwundet  ihn  schwer.

12.  Dezember.  Die  Wahlen  zur  Nationalversammlung  ergeben
einen  glänzenden  Sieg  des  Ministerpräsidenten  Veniselos.

277  der  Gewählten  gehören  zur  Regierungspartei,  85  sind  Unabhängige,
  20  Anhänger  von  Zaimis,  6  Sozialisten.
        <pb n="641" />
        XXIII.

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika  und
Kanada.

1.  Januar.  (Kanada.)  Im  Jahre  1909  wanderten  über
180000  Personen  ein;  davon  waren  mehr  als  die  Hälfte  aus  den
Vereinigten  Staaten  mit  einem  Durchschnittskapital  von  1000  Dollars
  pro  Kopf.

5.  Januar.“")  Staatssekretär  Knox  schlägt  in  einem  Rundschreiben
  an  die  Mächte  vor,  den  geplanten  internationalen  Prisengerichtshof
  als  Schiedsgericht  für  alle  im  Krieg  oder  Frieden  entstehenden
  Streitfragen  auszugestalten.

6.  Januar.  Mandschurische  Eisenbahnen.

Staatssekretär  Knox  erklärt,  daß  er  den  Antrag  gestellt  habe,  die
mandschurischen  Eisenbahnen  durch  die  Vertragsmächte  neutralisieren  zu
lassen,  um  die  Politik  der  offenen  Tür  zu  fördern  und  der  chinesischen  Regierung
  ihre  politischen  Rechte  in  der  Mandschurei  zu  sichern.

7.  Januar.  Botschaft  des  Präsidenten  Taft.

In  einer  Sonderbotschaft  des  Präsidenten  Taft  an  den  Kongreß
wird  die  Frage  der  zwischenstaatlichen  Handelsregelung  und  des  Eisenbahnverkehrs
  behandelt.  Es  wird  vorgeschlagen,  daß  Gesellschaften,  welche
zwischenstaatlichen  Handel  treiben,  die  Rechte  von  juristischen  Personen  nur
vom  Bund  und  nicht  von  Einzelstaaten  erhalten  sollen.  Für  die  Eisenbahnen
  verlangt  Taft  eine  schärfere  Beaufsichtigung  der  Finanzgebarung,
die  Verhinderung  des  Ankaufs  von  Konkurrenzlinien  und  die  Entscheidung
aller  Eisenbahnstreitsachen,  die  sich  aus  Verfügungen  der  zwischenstaatlichen
Handelskommission  ergeben,  durch  einen  neu  zu  schaffenden  Handelsgerichtshof
  für  die  Vereinigten  Staaten,  der  aus  fünf  NRichtern  bestehen  soll.

8.  Januar.  Konflikt  zwischen  Regierung  und  Kongreß.

Gegen  den  Sekretär  des  Innern  Ballinger  war  von  dem  Chef  des
Bundesforstwesens  Pinchot,  einem  intimen  Freunde  Roosevelts,  der  Vorwurf
  erhoben  worden,  daß  die  Trusts  bei  der  Ueberlassung  von  Bundeswaldungen
  und  Wasserkräften  ungebührlich  begünstigt  werden.  Diese  Agitation
  suchte  Präsident  Taft  durch  Entlassung  Pinchots  als  ungerechtfertigt
zu  kennzeichnen.  Aber  das  Repräsentantenhaus  setzte  eine  Untersuchungskommission
  für  diese  Affäre  ein  und  entzog  dem  Sprecher  die  übliche  Ernennung
  der  Kommissionsmitglieder.  Die  Majorität  kam  durch  den  Uebertritt
der  sortichrittlichen  Republikaner  zu  der  Opposition  der  Demokraten  zustande.

*)  Wo  beim  Datum  ein  Zusatz  sehlt,  bezieht  es  sich  auf  die  Vereinigten  Staaten.
        <pb n="642" />
        634  Pereiniste  Staaten  von  Nerdemerike  und  Kauads.  (Jan.  11.—Ende.)

11.  Januar.  Der  spanische  Gesandte  Marquis  de  Villalobar
wird  abberufen,  weil  durch  eine  Neuerung  des  Zeremoniells  im
Weißen  Hause  bei  der  Neujahrsgratulation  sämtliche  Botschafter
den  Vortritt  vor  ihm  erhielten.

12.  Januar.  Das  Repräsentantenhaus  nimmt  die  Bill  zur
Unterdrückung  des  Mädchenhandels  an.

18.  Januar.  Durch  eine  Proklamation  des  Präsidenten  Taft
erhalten  Großbritannien,  Rußland,  Italien,  Spanien,  die  Schweig
und  die  Türkei  Anspruch  auf  die  Minimalsätze  des  Paynetarifs.

19.  Januar.  Kalifrage.

Das  Staatsdepartement  teilt  mit,  es  habe  aus  Deutschland  die  Nachricht
  empfangen,  daß  das  Kaligesetz  voraussichtlich  amendiert  werden  würde
durch  Aufhebung  des  Ausfuhrzolls  und  Beschränkung  der  Produktion.  In
Washington  erwartet  man,  daß  die  Zollfrage  in  einer  für  Amerika  ziemlich
zufriedenstellenden  Weise  erledigt  werden  würde.

21.  Januar.  Annexion  Spitzbergens.

Nachdem  der  Senat  die  Bill  betreffend  die  Annexion  Spitzbergens
angenommen  hat,  überwies  das  Auslandskomitee  des  Repräsentantenhauses
die  Frage  dem  Unterausschuß.  Die  Annexion  ist  dringlich,  weil  mehrere
Amerikaner  dort  eine  Arctic  Coal  Companie  betreiben,  in  deren  Gruben
hundert  Arbeiter  beschäftigt  sind.  Früher  gehörten  die  Kohlengruben  Norwegen.
  Die  Bill  stützt  sich  auf  das  Bundesgesetz,  demzufolge  herrenloses
Land  annektiert  werden  kann,  sofern  Amerikaner  dort  Bergwerke  besitzen.

22.  Januar.  Fleischnot.

Um  die  Fleischteuerung  zu  bekämpfen  wird  in  vielen  Städten  eine
Boykottbewegung  eingeleitet,  infolge  derer  über  eine  Million  Menschen  sich
verpflichteten,  10  Tage  lang  kein  Fleisch  zu  essen.

22.  Januar.  (Kanada.)  Auf  der  kanadischen  Pazifikbahn
stürzte  ein  Eisenbahnzug  von  der  Brücke  des  spanischen  Flusses  bei
Northbay  (Ontario),  wobei  70  Personen  getötet  werden.

25.  Januar.  Fleischtruste.

Bei  der  Untersuchung  gegen  den  Fleischtrust  stellte  sich  heraus,  daß
die  gesamte  Fleischindustrie  sich  in  den  Händen  von  15  Personen  befindet.
Die  Aktien  der  National  Packing  Company,  in  der  sich  der  Fleischtrust
darstellt,  gehören  zu  10%  Armours,  zu  37%  Swifts  und  zu  23%  Morris.

27.  Januar.  Präsident  Tafttelegraphiert  an  den  Deutschen  Kaiser:

„Am  heutigen  Geburtstagsseste  Eurer  Majestät  bringe  ich  Ihnen  meine
herzlichen  Glückwünsche  dar  und  übermittele  Eurer  Majestät  zugleich  den
Ausdruck  der  guten  Gesinnung,  von  welcher  die  Regierung  und  das  Volk
der  Vereinigten  Staaten  für  Ihr  Land  erfüllt  sind,  und  die  Wünsche,  die
sie  für  dessen  Gedeihen  hegen.“

Ende  Januar.  (Kanada.)  Die  Niesenernte  von  1909.

Der  amtliche  Bericht  stellt  fest:  Unter  Kultur  befanden  sich  1909  in
ganz  Kanada  30065  556  Acker  (1  Acker  —  40  ½  Ar),  gegen  27  505  6r#3
Acker  im  Jahre  1908,  die  Gesamternte  hatte  einen  Wert  von  533  Millionen
Dollars  gegen  432  Millionen  Dollars  in  1908.  Die  Weizenernte  stellte
        <pb n="643" />
        Vereinigte  Slaslen  ven  Merdamerihe  und  Ranada.  (Jan.  28.  —  Febr.  23.)  635

sich  auf  rund  168  Millionen  Bushel  (=  etwa  36  Liter)  von  denen  147½
Millionen  Bushel  auf  die  drei  Prärieprovinzen  Manitoba,  Saskatchewan
und  Alberta  fallen,  56  Millionen  Bushel  mehr  als  1908.  Der  Wert  der
Weizenernte  1909  wird  amtlich  mit  141  Millionen  Dollars  angegeben,  statt
91  Millionen  im  Vorjahre.  Weizen  ergab  im  Durchschnitt  per  Acker
21,51  Bushel,  Hafer  38  Bushel,  Gerste  29,71  Bushel,  Roggen  18,78  Bushel,
Flachs  15,98  Bushel,  Kartoffeln  192,6  Bushel,  Heu  1,44  Tonne.

28.  Januar.  Fleischbeschau.

Die  Berliner  Botschaft  macht  bekannt:  Um  gewisse  irrige  Schlüsse
zu  berichtigen,  die  aus  dem  Bericht  des  Chefs  des  VBiehzuchtdepartements
der  Vereinigten  Staatenregierung,  Dr.  Melvin,  bezüglich  der  Feischbeschau
in  den  Vereinigten  Staaten  gezogen  worden  sind,  erläßt  das  Landwirtschaftsministerium
  folgende  Erklärung:  Alles  Fleisch  und  Nahrungsmittel,
  die  in  Etablissements  hergestellt  werden,  welche  zwischenstaatlichen
oder  Exporthandel  betreiben,  sind  durch  Gesetz  der  Untersuchung  unterworfen.
Die  Untersuchung  wird  sorgsam  in  wissenschaftlicher  Weise  ausgeführt,  die
den  Vergleich  mit  jedem  anderen  Lande  leicht  aushält.  Manche  kleine
Städte  haben  noch  keine  Untersuchung  des  zum  lokalen  Verbrauch  bestimmten
Fleisches;  aber  dieses  Fleisch  kommt  nicht  zur  Versendung  in  andere  Staaten
oder  nach  dem  Auslande.  Nur  auf  dieses  nicht  untersuchte  Fleisch  bezog
sich  der  Chef  des  Viehzuchtdepartements.

W.  Januar.  Die  Tarifbehörde  empfahl  dem  Präßiddenten,
Dänemark,  Holland,  Norwegen,  Schweden,  Belgien,  Egypten  und
Persien  die  Mindestsätze  einzuräumen,  da  sie  Amerika  keineswegs
unterschiedlich  behandelten.

2.  Februar.  Das  Staatsdepartement  gelangt  in  einer  Konserenz
  mit  dem  deutschen  Botschafter  zu  einer  völligen  Verständigung
über  die  deutsch-amerikanischen  Handelsbeziehungen.

7.  Februar.  Präsident  Taft  veröffentlicht  eine  Proklamation,
die  Deutschland  den  Minimaltarif  zugesteht.

10.  Februar.  Antitrustbewegung.

Der  Lageraufseher  der  American  Sugar  Refining  Company.  Spitzer,
wird  wegen  Zollunterschlagungen  mittelst  Gewichtsfälschung  zu  zwei  Jahren
Gefängnis  verurteilt.

10.  Februar.  Der  Einwanderungsausschuß  des  Repräsentantenhauses
  befürwortet  die  Bill  betr.  Ausschluß  japanischer
Arbeiter.

13.  Februgar.  (New  York.)  Rede  des  Präsidenten  Taft.

Er  erklärte,  die  Lebensverteuerung  sei  der  stärkeren  Goldproduktion
zuzuschreiben.  Der  Tarif  halte,  was  die  republikanische  Partei  versprochen
habe.  Die  Partei  wolle  nicht  unnötigerweise  das  Geschäftsleben  beunruhigen.
Indessen  müßten  die  Trustgesetze  durchgeführt  werden.  Nur  solche  Aenderungen
  in  denselben  seien  zu  befürworten,  die  sie  wirksamer  machen  könnten.
Falls  die  gegenwärtige  Geschäftsgebarung  großer  Korporationen  damit  in
Konflikt  käme,  seien  deren  Methoden  zu  ändern.

22.  23.  Februar.  (Philadelphia.)  Straßenkämpfe  zwischen
den  streikenden  Straßenbahnangestellten  und  der  Staatspoligzei.
        <pb n="644" />
        636  Pereinigie  Slaalen  ren  Nordemerike  und  Kausde.  (Febr.  23.—März  21.)

23.  Februar.  (Kanada.)  Die  Zuschlagszölle  für  deutsche
Einfuhrwaren  werden  durch  Verordnung  des  Generalgouverneurs
vom  1.  März  ab  aufgehoben.  (Siehe  Deutsches  Reich  15.  Februar!)

22.—25.  Februar.  Antijapanische  Demonstrationen  in  San

Franzisko.
25.  Februar.  (Kanada.)  Flottenbau.

Die  Regierung  macht  ihre  Absicht  bekannt,  englische  Firmen  zur
Anlage  einer  Werft  und  ausreichender  Docks  zu  veranlassen,  um  auch  in
Kanada  die  größten  Kriegsschiffe  bauen  zu  können.

1.  März.  Das  amerikanische  Exekutivkomitee  verschiebt  die
geplante  deutsch-amerikanische  Ausstellung  in  Berlin  auf  den

Sommer  1911.
2.  März.  Durch  Proklamation  des  Präsidenten  werden

36  weiteren  Ländern  und  Kolonien,  darunter  auch  sämtlichen  deutschen,
die  Mindestzölle  eingeräumt.

3.  März.  (Philadelphia.)  Streikunruhen.

5000  Streikende  zünden  die  Kraftstation  der  Straßenbahn  an  und
reißen  Geleise  auf.  Die  Arbeiterführer  Murphy  und  Pratt  werden  wegen
Anstiftung  zum  Aufruhr  von  der  Jury  angeklagt.

3.  März.  Rockefeller  stiftet  1200  Millionen  Mark  für  die
Ausbreitung  der  Zivilisation  des  amerikanischen  Volkes  und  zur
Förderung  und  Verbreitung  der  Wissenschaften.

7.  März.  (New  Nork.)  Antijapanische  Hetze.

In  einer  Aufsehen  machenden  Rede  weist  der  Großbankier  Jakob
Schiff  auf  die  Annäherung  Rußlands  an  Japan  hin  und  erklärte,
Japans  Interesse  für  den  Feind  des  Menschengeschlechts  werde  in  einem
oder  zwei  Jahrzehnten  eine  Weltgefahr  bilden.  Schiff  deutete  ferner  an,
England  suche  im  Trüben  zu  fischen.

9.  März.  (New  Jork.)  Streikbewegung.

Der  Staatsverband  der  Gewerkschaften  beschloß  die  Ausdehnung  des
Streiks  im  ganzen  Lande,  falls  in  Philadelphia  die  Straßenbahn  die  Annahme
  des  Schiedsgerichts  verweigert.  4000  Handwerker  der  Baldwin
Locomotive  Works  sind  in  den  Sympathiestreik  getreten.

17.—19.  März.  (Kongreß.)  Gegen  den  Sprecher.

Eine  Dauersitzung  des  Repräsentantenhauses  beschäftigt  sich  mit  dem
Antrag  der  Demokraten  und  einer  großen  Zahl  von  Republikanern,  eine
Geschäftsordnungskommission  zu  wählen,  um  die  Macht  des  Sprechers  zu
beschränken.  Der  Kampf  endet  mit  einer  Vertagung  der  Frage,  wofür
164  Stimmen  gegen  150  gezählt  werden.  Der  Antrag  auf  Einsetzung  der
Kommission  wird  mit  193  gegen  153  Stimmen  angenommen.

19.  März.  Präsident  Taft  proklamiert  die  Einräumung  des
Minimaltarifes  an  Frankreich  und  Algerien.

21.  März.  Roosevelts  Pension.

Die  Senatskommission  für  Pensionen  hat  sich  geweigert,  die  Vor-
        <pb n="645" />
        Vereinigie  Staalen  ven  Rerdamerilia  und  Kauêda.  (März  21.—April  21.)  637

lage  anzunehmen,  durch  die  Roosevelt  als  Chef  des  Heeres  und  der  Marine
mit  einem  jährlichen  Ruhegehalt  von  10000  Dollars  auf  die  Liste  der
Pensionierten  gesetzt  werden  soll.

21.  März.  (New  Hawen.)  Professorenaustausch.

In  der  Jahresversammlung  der  Corporation  der  Yale-Universität
wurde  beschlossen,  das  Abkommen  aufrecht  zu  erhalten,  nach  welchem  die
Universität  jährlich  einen  deutschen  Dozenten  von  der  preußischen  Regierung
  erhält.

25.  März.  Sonderbotschaft  des  Präsidenten  über  die  Republik
  Liberia.

Danach  sollen  die  Vereinigten  Staaten  zu  einer  schnellen  Beilegung
der  Grenzstreitigkeiten  beitragen  und  Liberia  in  den  Stand  setzen,  mit  Hilfe
einer  Anleihe  bei  den  Vereinigten  Staaten  seine  Gläubiger  zu  befriedigen.
Als  Garantie  dafür  sollen  die  Vereinigten  Staaten  die  Kontrolle  über  die
liberischen  Zölle,  Mitwirkung  bei  der  Regelung  der  Finanzverhältnisse  und
bei  der  Einrichtung  einer  ausreichenden  Polizei  und  endlich  die  Wiederaufnahme
  der  Verhandlungen  wegen  Anlage  einer  Kohlenstation  in  Liberia
verlangen.

29.  März.  (New  Nork.)  Briefe  des  deutschen  Kronprinzen.

In  einem  Prozesse  gegen  den  Finanzier  Barnes  wegen  Unterschlagung
  von  30.000  Dollar  legte  dieser  einige  Briefe  des  deutschen  Kronprinzen
  an  den  Hauptzeugen,  seinen  Adoptivsohn,  früheren  Grafen  Ferdinand
v.  Hochberg  aus  dem  Jahre  1907  vor.  Es  sind  sehr  erfreuliche  Zeugnisse
treuer  Freundschaft  und  deutscher  Gesinnung.

2.  April.  Im  Staate  Maryland  wird  den  Negern  das  Wahlrecht
  für  Staat  und  Gemeinde  gesetzlich  entzogen.

Anfang  April.  Fleischnot.

Die  Fleischverteuerung,  die  gegen  das  Jahr  1901  50—80%  beträgt,
führt  zu  lebhaften  Diskussionen,  die  für  das  Zensusbureau  Material  liefern.
Die  Bevölkerung  der  Vereinigten  Staaten  ist  seit  1901  von  77  auf  89
Millionen,  also  um  16  %  gewachsen,  der  Schlachtviehbestand  aber  von  179
auf  174  Millionen,  also  um  3  %,  zurückgegangen.

9.  April.  Das  Repräsentantenhaus  genehmigt  Tafts  Marineprogramm,
  das  zwei  Schlachtschiffe  für  je  elf  Millionen  Dollars
vorsieht.

15.  April.  Volkszählung.  Es  werden  91972266  Einw.
(12  pro  Quadratkilometer)  und  einer  Zunahme  seit  1900  um  21,1%
festgestellt.  Die  Territorien  Alaska,  Hawai  und  Porto  Rico  haben
außerdem  1374277  Einw.  (0,9  pro  Ouadratkilometer).  New  York
hat  4¾,  Chicago  2½,  Philadelphia  1½  Millionen  Einw.

20.  April.  (Kanada.)  Das  Unterhaus  nimmt  das  Flottengesetz
  in  dritter  Lesung  mit  111  gegen  70  Stimmen  an.

21.  April.  In  Redding  (Connecticut)  #  der  Humorist  Mark
Twain  (Samuel  Langhorne  Clemens)],  75  Jahre  alt.
        <pb n="646" />
        638  Pereinigte  Stasten  von  Mordemerika  und  Kauada.  (April  23.—  Juni  Ende.)

23.  April.  (Kuba.)  Einem  Negeraufstande  macht  die  Regierung
  durch  Verhaftung  des  Führers  Estinoz  und  69  anderer
Neger  ein  Ende.

2.  Mai.  (Pittsburg.)  Rede  des  Präfidenten  Taft.

Er  verteidigt  die  auswärtige  Politik  des  Staatsseketärs  Knox,  namentlich
  Nicaragua  gegenüber,  und  u.  a.  auch  gegen  den  Vorwurf  der  „Dollardiplomatie“.
  Die  Beziehungen  der  Vereinigten  Staaten  in  Süd=  und
Zentral-Amerika  seien  nie  freundlicher  gewesen.  Von  Nicaragua  würden
die  Vereinigten  Staaten,  sobald  die  dortige  Regierung  anerkannt  sei,  Genugtuung
  für  die  Verletzung  amerikanischer  Rechte  fordern.

11.  Mai.  (Washington.)  Enthüllung  der  Denkmäler  der
Freiheitshelden  Kosciuszko  und  Pulaski.

Roosevelt  kabelt  aus  Berlin  dem  polnischen  Nationalbund  seine
Glückwünsche.

1.  Juni.  Politik  der  Vereinigten  Staaten  in  Bezug  auf  den

Aufstand  in  Nicaragua.

Die  Regierung  lehnt  es  ab,  die  Anhänger  des  Präsidenten  Madriz
und  des  Generals  Estrada  für  etwas  anderes  anzusehen,  als  einfach  für
Parteien,  deren  jede  sich  im  Besitze  der  tatsächlichen  Herrschaft  über  bestimmte
  Teile  von  Nikaragua  befindet.  Die  Einnahme  von  Bluefields  durch
Madriz  berühre  die  Rechte  Estradas,  die  Zolleinnahmen  von  Bluefields  zu
verwalten,  in  keiner  Weise.  Die  Regierung  erklärt  offiziell,  daß  sie  gegenwärtig
  nicht  beabsichtige,  das  Protektorat  in  Nicaragua  zu  übernehmen  oder
sonstwie  einzugreifen.

12.  Juni.  In  St.  Paul  (Minnesota)  wird  die  Bildung  einer
neuen  Partei  beschlossen,  um  die  Interessen  des  Volkes  gegen  die
Bestrebungen,  die  die  natürlichen  Hilfsquellen  des  Landes  monopolisieren
  wollen,  zu  schützen.

15.  Juni.  (Providence,  Rhode  Island.)  Botschafter
Graf  Bernstorff  wird  von  der  Brown-Universität  zum  Ehrendoktor
der  Rechte  ernannt,  nachdem  er  einen  Vortrag  über  die  Wechselbeziehungen
  zwischen  deutschen  und  amerikanischen  Universitäten
gehalten  hatte.

16.  Juni.  Der  Senat  sanktioniert  das  Gesetz,  durch  das  die
Territorien  von  Arizona  und  New  Mexiko  als  Staaten  anerkannt
werden.

27.  Juni.  Der  Kongreß  genehmigt  den  Antrag  Bartholds,
Deutschland  als  Gegengabe  für  das  Denkmal  Friedrichs  des  Großen
eine  Steuben-Statue  zu  übersenden.

Ende  Juni.  (Washington.)  Amerikanischer  Polenkongreß.

Auf  Antrag  des  Nationaldemokraten  Studnicki  werden  folgende  Beschlüsse
  gefaßt:  1.  Die  politische  Unabhängigkeit  einer  Nation  bildet  die
unentbehrliche  Bedingung  ihrer  Entwicklung  und  ihres  Daseins;  die  polnische
Nation  wird  insolge  Mangels  der  politischen  Unabhängigkeit  zum  fünften
        <pb n="647" />
        Vereinigte  Staalen  von  Moerdamerihe  und  Kauads.  (Juli  1.—  Mitte.)  639

Stande  Europas  und  Amerikas,  d.  h.  zu  einem  am  schlechtesten  entlohnten
Proletariat  herabgewürdigt.  2.  Rußland  verfügt  über  vier  Fünftel  des
geschichtlichen  und  zwei  Drittel  des  ethnographischen  Territoriums  des  Polentums:
  Rußland  ist  daher  der  hauptsächlichste  Antagonist  der  Polen.  3.  Die
Wiedererrichtung  eines  polnischen  Reiches  kann  daher  nur  erfolgen  durch
Abtrennung  der  Gesamtheit  oder  eines  Teiles  der  polnischen  Lande.  4.  Ein
selbständiger  Aufstand  der  Polen  gegen  Rußland  würde  unter  gewöhnlichen
Umständen  die  polnischen  Kräfte  überschreiten.  Aber  ein  Aufstand  gegen
das  durch  einen  auswärtigen  Krieg  oder  durch  eine  innere  schwere  Krisis
erschütterte  Rußland  könnte  Polen  eine  Erlösung  bringen.  5.  Um  einen
Aufstand  im  gegebenen  Augenblick  erfolgreich  in  Szene  setzen  zu  können,
müßte  das  polnische  Volk  hierzu  psychisch  und  physisch  vorbereitet  sein.
Unter  der  psychischen  Vorbereitung  ist  das  Bewußtsein  und  die  allgemeine
Kenntnis  der  Aufstandsidee  und  unter  physischer  Vorbereitung  die  allgemeine
Kenntnis  der  militärischen  Disziplin  und  der  Kriegskunst  im  Volke  zu  verstehen.
  Die  Antagonisten  der  polnischen  Antagonisten  sind  die  natürlichen
Verbündeten  der  Polen.  Angesichts  dessen  müßten  die  Polen  eine  Annäherung
  an  Japan  und  Oesterreich  und  an  die  von  Rußland  unterdrückten
Volksstämme  suchen.  6.  Der  Anschluß  selbst  eines  Teiles  des  polnischen
Gebietes  Rußlands  an  Oesterreich  würde  die  Bedingungen  einer  realen
Union  schaffen:  die  Umwandlung  Galiziens  mit  den  angeschlossenen  russischen
Gebietsteilen  in  ein  polnisches  Reich.

1.  Juli.  (New  ork.)  Expräsident  Roosevelt.

Nach  seiner  glänzend  gefeierten  Rückkehr  (18.  Juni)  erleidet  Roosevelt
die  erste  Niederlage,  indem  die  Republikaner  der  New  Norker  Staatslegislatur
  entgegen  seinem  dringenden  Ersuchen  eine  Bill  ablehnten,  welche  die
Macht  der  politischen  Parteileitungen  verringern  sollte.

4.  Juli.  (Reno  in  Nevada.)  Der  Neger  Johnson  besiegt
den  Boxer  Geffries  und  gewinnt  die  Weltmeisterschaft.

Aus  Wut  über  den  Sieg  des  Negers  und  die  Freude  seiner  Rassegenossen
  greifen  die  Weißen  in  New  Vork,  Pittsburg,  Philadelphia,  St.  Louis
und  vielen  anderen  Städten  ihre  schwarzen  Mitbürger  an  und  töten  eine
Anzahl  von  ihnen.

4.  Juli.  (Dayton,  Ohio.)  Bei  dem  Zusammenstoß  eines
Schnellzuges  mit  einem  Güterzuge  werden  viele  Personen  getötet.

4.  Juli.  (New  York.)  Beim  Abschießen  von  Feuerwerk  zur
Feier  des  Unabhängigkeitstages  werden  28  Personen  getölet  und
758  verletzt.

Mitte  Juli.  Eine  Charakteristik  des  Deutschen  Kaisers.

Der  englische  Publizist  Sidney  Brooks  veröffentlicht  in  „Mc.  Clures
Magazine"“  einen  Aussatz  „The  real  Kaiser".  Brooks  betont,  daß  der  Kaiser
in  erster  Linie  Soldat  ist  und  auch  in  mancher  Hinsicht  die  Ansichten  seiner
Offiziere  teilt.  Hierzu  rechnet  Brooks  die  Beibehaltung  des  Duells  und
den  Ausschluß  der  Israeliten  vom  aktiven  Offizierkorps.  Brooks  kommt
dann  auf  den  Umschwung  der  öffentlichen  Meinung  über  die  Persönlichkeit
des  Kaisers  zu  sprechen.  Er  erinnert  an  die  Befürchtungen,  die  beim
Regierungsantritt  des  Kaisers  über  dessen  damals  lebhaftes  Temperament
gehegt  wurden,  und  weist  darauf  hin,  daß  gerade  das  Gegenteil  eingetreten
ist:  Kaiser  Wilhelm  sei  ein  Friedenskaiser  geworden,  der  sich  um  die
Erhaltung  des  Friedens  unschätzbare  Verdienste  erworben  habe.  Brooks
        <pb n="648" />
        640  Pereinige  Siasten  von  Nerdamerike  und  Kanad#.  (Juli  31.—  Aug.  18.)

geht  bei  dieser  Gelegenheit  die  zahlreichen  Aussprüche  des  Kaisers  durch
und  kommt  zu  dem  Schluß,  daß  Wilhelm  II.  früher  stets  nur  impulsiv
gehandelt  habe.  „He  seized  the  spirit  of  the  moment.“  „Aber“,  urteilt
Brooks  weiter,  „der  Kaiser  ist  immer  bemüht,  das  Richtige  zu  tun.  Er
gehört  nicht  zu  den  furchtsamen  konstitutionellen  Herrschern.  Er  ist  auch
kein  müßiger  Monarch,  der  sich  nur  mit  Allgemeinheiten  befaßt,  und  seine
Aufgabe  in  der  Eröffnung  von  Wohltätigkeitsbasaren  erblickt.  Nein,  der
Kaiser  ist  eine  Persönlichkeit,  die  sich  zum  Führer  ausersehen  glaubt  und
die  Monarchie  für  eine  unerschöpfliche,  allgegenwärtige,  väterliche  und  unfehlbare
  Macht  hält.  Sein  Geist  ist  von  einer  wundervollen  Regsamkeit.
Ein  leichtes  und  bewegliches  Werkzeug,  das  blitzartig  arbeitet  und  Eindrücke
schnell  erfaßt.“  Ganz  besonders  hat  es  Brooks  die  „internationale
Höflichkeit  des  Kaisers“  angetan.  Er  erinnert  an  das  Kondolenzschreiben
  an  die  Witwe  Mac  Mahons  und  Canroberts,  an  die  Begnadigung
der  französischen  Spione  am  Begräbnistage  Carnots  und  vor  allem  an
das  Verhalten  des  Kaisers  während  der  letzten  Krankheit  der  Königin
Viktoria.  Am  Schlusse  seines  umfangreichen  Artikels  läßt  Brooks  die  Verdienste
  des  Kaisers  noch  einmal  Revue  passieren  und  schreibt:  „Der  Kaiser
nimmt  in  der  Weltgeschichte  heute  eine  Stellung  ein,  die  etwas  Napoleonhaftes
  an  sich  hat.  Er  ist  heute  mehr  als  der  brillanteste,  unternehmendste
und  tatkräftigste  Herrscher  Europas.  Ihm  verdankt  Deutschland  die  Ausgestaltung
  seiner  Armee  und  Flotte.  Man  kann  den  Kaiser  sogar  als  den
Schöpfer  der  deutschen  Flotte  betrachten,  desgleichen  als  den  von  Groß-Deutschland.
  Er  hat  sein  Volk  für  die  Weltpolitik  begeistert,  ihre  Besitzungen
  und  Interessenkreise  vergrößert  und  den  Provinzialismus  und
Partikularismus  verbannt.  Er  hat  verstanden,  sie  für  die  Welt  außerhalb
Berlins  zu  interessieren  und  dem  alten  eingewurzelten  Lokalpatriotismus
eine  neue  und  moderne  Richtung  zu  geben.“

31.  Juli.  In  Texas  erschießen  Weiße  viele  wehrlose  Neger,
zum  Teil  nach  Abhaltung  von  Lynchgerichten.

9.  August.  (New  Nork.)  Ein  Syndikat  mit  600  Millionen
Mark  Kapital  will  in  Kleinasien  Eisenbahnen  bauen  und  in  Turkestan
  und  den  oberen  Euphrat=  und  Tigristälern  die  dort  vermuteten
  Mineral=  und  Olschätze  erschließen.

9.  August.  (New  VNork.)  Ein  entlassener  städtischer  Hafenarbeiter
  verwundet  an  Bord  des  Lloyddampfers  „Kaiser  Wilhelm
der  Große“  den  Major  von  New  York  William  J.  Gaynor  durch
einen  Schuß  in  den  Kopf.

18.  August.  (Kanada.)  Programmrede  des  Premierministers.

Der  durch  den  Westen  der  Dominion  reisende  Premierminister  Sir
Wilfred  Laurier  erwidert  in  Vancouver  auf  die  Forderungen  der
Arbeitervereinigungen,  daß  die  Regierung  zwar  die  Kopftaxe  für  chinesische
  Einwanderer  von  500  auf  1000  Dollar  erhöhen  könne,  daß  es  aber
die  britische  Reichspolitik  nicht  zulasse,  „diese  entwürdigende  Abgabe“  auch
auf  japanische  Einwanderer  auszudehnen.

In  einer  Versammlung  von  10000  Farmern  aus  Alberta,  die  gegen
das  Schutzzollsystem  protestierten,  erklärte  der  Minister,  daß  es  unmöglich
  sei,  in  einem  jungen  Lande  wie  Kanada  den  Freihandel  einzuführen,
  weil  man  die  neuen  Ansiedler  nicht  besteuern  dürfe  und  deshalb
        <pb n="649" />
        Pereinigte  Slasten  von  Nordamerihe  und  Kauada.  (Aug.  Mitte—Sept.  5.)  641

den  Hauptteil  der  Staatseinnahmen  nur  durch  Zölle  aufbringen  könne.
Er  sprach  aber  die  Erwartung  aus,  daß  die  „Reziprozitäts-Handelsbeziehungen“"
  mit  den  Vereinigten  Staaten  in  kurzer  Zeit  hergestellt  würden.

Mitte  August.  Furchtbare  Waldbrände,  bei  denen  Hunderte
von  Personen  ihr  Leben  verlieren,  wüten  in  Kalifornien,  Idaho,
Montana,  Walhington  und  Origon.

27.  August.  Der  Professor  der  Philosophie  William  James,
Psychologe  und  Begründer  der  Lehre  vom  Pragmatismus  1,
68  Jahre  alt.

2.  September.  Das  Staatsdepartement  befiehlt  die  Zurückziehung
  der  amerikanischen  Marinetruppen  aus  Bluefields,  weil
sich  in  Nicaragua  die  Ordnung  befestige.

2.  September.  (New  York.)  Ein  langer  Streik  von  70000
Mäntelschneidern  endet  mit  einem  Siege  der  Arbeiter.

5.  September.  Roosevelts  politisches  Programm.

Vollständige  Publizität  in  den  Angelegenheiten  aller  Aktiengesellschaften.


Bundesaufsicht  bei  allen  Gesellschaften,  welche  ihren  Geschäftsbetrieb
  nicht  auf  einen  einzigen  Staat  beschränken.

Scharfe  Beausfsichtigung  der  Eisenbahn-Finanzgebarung,  besonders
  soweit  die  Festsetzung  von  Passagier-  und  Gütertarifen  in  Frage
kommt.  Dabei  soll  die  Bewertung  des  physischen  Eigentums  der  Transportlinien
  maßgebend  sein.

Unternehmen,  welche  die  Erzeugung  von  oder  den  Handel  in  Lebensnotwendigkeiten
  in  größerem  Maße  betreiben,  sollen  der  Bundesaussicht
unterstellt  werden.

Aufsichtsräte  und  sonstige  leitende  Beamte  in  Aktiengesellschaften
sollen  für  Gesetzesverletzungen  der  letzteren  persönlich  haften.

Erweiterung  der  Befugnisse  der  Interstate  Commerce  Commission
und  des  Bureau  of  Corporation.

Einsetzung  einer  aus  Sachverständigen  zusammengesetzten  Tarifkommission,
  welche  von  Zeit  zu  Zeit  Vorschläge  für  die  Aenderung  des
Zolltarifs  machen  soll.  Letzterer  soll  nur  auf  Grund  dieser  Vorschläge,  die
stets  nur  einen  Abschnitt  betreffen  dürfen,  revidiert  werden.

Umfassende  Enqucte  über  die  Wirkungen  der  amerikanischen  Finanzgesetze
  und  Erlaß  von  Gesetzen  zur  Verhinderung  von  Wirtschaftskrisen.

Eine  starke  Armee  und  Marine,  um  Amerika  beim  Ausland  in
Respekt  zu  setzen.

Schutz  der  natürlichen  Hilfsquellen  des  Landes,  der  aber  so
einzurichten  ist,  daß  der  rationellen  Ausbeutung  keine  Hindernisse  bereitet
werden.

Erweiterung  des  Wirkungskreises  des  Ackerbauamts;  auch  sind
neue  landwirtschaftliche  Hochschulen  und  Versuchsstationen  zu  gründen.

Neue  Arbeiterschutzgesetze,  bessere  Beaufsichtigung  der  Frauenund
  Kinderarbeit,  Verhütung  von  Industrieunfällen.

Direkte  Auswahl  von  politischen  Kandidaten  durch  die  Parteimitglieder
  (unter  Ausschaltung  bezw.  Beschränkung  des  jetzt  bestehenden
Konvents=  und  Delegiertensystems).

Europäischer  Geschichtskalender.  L..  41
        <pb n="650" />
        642  Pereinizte  Staalen  von  Merdemerike  und  Kauad#.  (Sept.  5./7.—Okt.  24.)

Veröffentlichung  der  Beiträge  zu  den  Wahlfonds  der  Parteien
mit  genauer  Bezeichnung  der  Beisteuernden  und  der  Einzelsummen,  und
nicht,  wie  bisher,  nach,  sondern  vor  der  Wahl.

Weitere  Maßregeln  zur  Bekämpfung  des  Trusteinflusses  in
den  gesetzgebenden  Körperschaften.

Vorkehrungen,  welche  dem  Volke  einen  unmittelbaren  Einfluß  auf
die  Gesetzgebung  bezw.  auf  die  Aenderung  in  der  Besetzung  öffentlicher
Aemter  gewähren.

5.—7.  September.  (Kanada.)  Eucharistischer  Kongreß  in
Montreal.

Kardinal  Vannutelli  feiert  die  in  Kanada  herrschende  Religionsfreiheit.

13.  September.  (Chicago.)  Antitrustbewegung.

Die  zehn  angesehensten  Mitglieder  des  Fleischtrusts,  darunter  auch
Ogden  Armour,  werden  auf  Grund  der  Antitrustgesetze  verhaftet.

Mitte  September.  Bei  den  Gouverneurs=  und  Legislaturwahlen
  im  Staate  Maine,  bisher  einer  Hochburg  der  Republikaner,
siegen  die  Demokraten.

13.  September.  Im  Staate  Arizona  erringen  die  Demokraten
28  von  den  52  Sitzen  der  gesetzgebenden  Versammlung.

14.  September.  (Kanada.)  Protestantisches  Bewußtsein.

Zahlreiche  Proteste  richten  sich  gegen  die  Verunglimpfung  der
protestantischen  Kirche  durch  den  Jesuitenpater  Vaughan.  Er  hatte  auf
dem  eucharistischen  Kongreß  die  protestantische  Kirche  als  seelenlos  bezeichnet.

15.  September.  Versöhnung  der  „Insurgenten“  der  republikanischen
  Partei.

Präsident  Taft  läßt  durch  seinen  Privatsekretär  den  republikanischen
Parteiführern  mitteilen,  er  werde  bei  der  Besetzung  von  Bundesämtern
jetzt  wieder  die  fortschrittlichen  Republikaner  berücksichtigen,  die  seit  ihrer
Auflehnung  gegen  den  Sprecher  Canon  davon  ausgeschlossen  waren.

20.  September.  Italiener  gelyncht.

In  Tampa  (Florida)  werden  angesehene  Italiener,  die  wegen  des
Verdachtes,  an  der  Erschießung  des  Buchhalters  einer  Zigarrenfabrik  mitschuldig
  zu  sein,  verhaftet  wurden,  von  der  Volksmenge  den  Beamten  entrissen,
  in  den  Wald  geschleppt  und  aufgehängt.

27.  September.  Roosevelts  Niederlage.

In  Saratoga  wählt  das  republikanische  Komitee  zum  Vorsitzenden
des  Staatskonvents  nicht  Roosevelt,  sondern  Sherman,  den  Vizepräsidenten
der  Vereinigten  Staaten.

30.  September.  Demokratisches  Programm.

Der  demokratische  Staatskonvent  nahm  eine  Platform  an,  welche
Roosenvelts  neuen  Nationalismus  entschieden  verurteilt,  da  derselbe  zur
Zentralisierung  der  Regierungsgewalt  in  den  Händen  der  Exekutive  führen
werde.  Die  Platform  verlangt  direkte  Kandidatenauswahl  durch  das  Volk,
wie  auch  direkte  Erwählung  der  Bundessenatoren.

24.  Oktober.  (Kentucky.)  Der  „deutsch-amerikanische  Nationalbund“"
  und  die  irische  Vereinigung  („Ancient  order  of  Hibpernians“")
        <pb n="651" />
        Vereinigte  Slaaten  von  Merdamerike  und  Kansda.  (Nov.  2.—Dez.  4.)  643

schließen  ein  Bündnis,  um  eine  systematische  Erforschung  der  Mitwirkung
  aller  Rassen  an  der  Geschichte  der  Vereinigten  Staaten
vorzubereiten.

2.  November.  (New  Nork.)  Streik.

Durch  den  Beitritt  von  40000  Frachtverladern  zu  dem  Streik  der
Speditionsarbeiter  kommt  der  ganze  Wagenverkehr  zum  Stillstand.  Mayor
Gaynor  ordnet  an,  daß  keine  Polizisten  mehr  zum  Schutz  der  Arbeitswilligen
  auf  den  Wagen  der  Expreßgesellschaften  fahren  dürfen.

4.  November.  (New  Nork.)  Streik.

Der  Mayor  verhindert  die  Expreßgesellschaften,  Ersatz  für  ihre
streikenden  Kutscher  zu  finden,  indem  er  von  der  städtischen  Verordnung,
die  eine  Lizenz  vorschreibt,  keine  Ausnahme  gestattet.  Durch  seine  Verhandlung
  mit  den  Führern  der  Arbeiter  wird  der  Streik  am  10.  November
beigelegt.

8.  November.  Demokratische  Siege  bei  den  Wahlen  zum
Kongreß,  zu  den  state  assemblies  und  zu  den  Gouverneursposten
in  zahlreichen  Staaten  der  Union.

Durch  den  Gewinn  von  37  neuen  Kongreßsitzen  erlangen  die  Demokraten
  zum  erstenmal  seit  16  Jahren  die  Majorität.  Vom  4.  März  ab
werden  sie  227,  die  Republikaner  163,  die  Sozialisten  1  Vertreter  im
Repräsentantenhaus  haben.  Sie  verdanken  das  einem  Umschwung  der

öffentlichen  Meinung  und  der  Spaltung  der  Republikaner  in  die  „Korrekten“
und  die  „Insurgenten“  oder  „Progressisten“.

Anfang  November.  Einwanderungsstatistik  für  1909.

Sie  ergibt  für  fast  alle  Länder  Europas  einen  noch  weiteren  Rückgang
  als  den  Tiesstand  von  1908.  Eine  erhebliche  Vermehrung  der  Einwanderung
  hat  nur  aus  Italien,  eine  schwache  aus  Oesterreich-Ungarn,
Norwegen  und  Schweden  stattgefunden.  Deutschland  sandte  nur  25500  Einwanderer
  gegen  32300  im  Vorjahre;  Großbritannien  70000  gegen  92000
im  Vorjahre.

11.  November.  (Kanada.)  Reziprozität  mit  den  Vereinigten
Staaten.

Eine  in  Ottawa  abgehaltene  Konferenz  zur  Verbesserung  der  Handelsbeziehungen
  mit  den  Vereinigten  Staaten  wird  geschlossen,  ohne  einen  Beschluß
  gefaßt  zu  haben.  Man  einigt  sich  nur,  daß  eine  zweite  Konferenz
in  Washington  die  Verhandlungen  im  Januar  1911  aufnehmen  soll.

14.  November.  Bei  den  Reibungen  zwischen  Merikanern  und
Amerikanern  wird  in  Oklahoma  der  Polizeichef  einer  kleinen  Stadt

von  einem  Mexikaner  ermordet.

3.  Dezember.  (Kanada.)  Parlament.  Flottenbau.

Nach  neuntägiger  Debatte  wird  die  Marinevorlage  der  Regierung
angenommen.  Den  Anfang  sollen  elf  Kriegsschiffe  bilden.  Um  einen  Teil
davon,  sowie  künftige  Schiffe  in  Kanada  bauen  zu  können,  sollen  Docks
und  Werften  angelegt  werden.

4.  Dezember.  (Boston.)  Die  Begründerin  der  „Christian
Seience"  Mary  Baker  Eddy  fF.
417
        <pb n="652" />
        644  Vereinigle  Staaten  von  Nordamerike  und  Kauada.  (Dezember  5.  6.)

5.  Dezember.  Eröffnung  der  zweiten  Session  des  Kongresses.

6.  Dezember.  Botschaft  des  Präsidenten  Taft:

Durch  die  Entscheidung  des  Haager  Schiedsgerichts  über  die  Frage
der  Neufundlandfischerei  wurde  zwischen  den  Vereinigten  Staaten  und
England  eine  Streitfrage  erledigt,  der  gegenüber  jedes  Hilfsmittel  der
Diplomatie  versagt  hatte,  die  seit  fast  90  Jahren  eine  ständige  Quelle  von
Reibungen  war  und  deren  gemeinsames  Interesse  ist,  die  freundschaftlichen
und  herzlichsten  Beziehungen  zueinander  zu  erhalten.

Die  Entscheidung  des  Schiedsgerichts  über  die  Venezuelafrage
wird  als  zufriedenstellend  bezeichnet,  da  sie  eine  Reihe  wichtiger  Beziehungen
anerkenne.  Ueber  die  von  den  Niederlanden  auf  Anregung  der  Vereinigten
Staaten  unternommenen  Schritte,  den  Haager  Schiedsgerichtshof  zu  dem
obersten  Prisengericht  zu  machen,  sei  von  den  Signatarmächten  der  ursprünglichen
  Konvention  ohne  Widerspruch  ein  Protokoll  unterzeichnet
worden.  Auch  die  Vorschläge,  dem  Schiedsgerichtshof  die  Funktionen  eines
unumschränkten  Gerichtshofes  zu  übertragen,  hätten  Erwiderungen  der
Mächte  veranlaßt,  die  hoffen  ließen,  daß  das  Ziel  in  vernünftigen  Grenzen
in  naher  Zukunft  erreicht  werde.  Bezüglich  der  vorgeschlagenen  Friedenskommission
  hat  der  Präsident  den  Kongreß  ermächtigt,  die  Beschränkung
der  Rüstungen  in  Erwägung  zu  ziehen.  Die  Antworten  der  fremden
Regierungen  stehen  noch  aus.

Die  Botschaft  erwähnt  ferner  die  Verträge,  die  mit  England  über
die  schiedsgerichtliche  Erledigung  finanzieller  Ansprüche  geschlossen  wurden,
die  Abmachungen  mit  Kanada  und  den  Plan  einer  internationalen  Anleihe
  für  den  Bau  der  Tschingan-Aigun-Bahn  in  der  Mandschurei,  den
Rußland  und  Japan  zunächst  wegen  der  Schwierigkeit  der  Ausführung  abgelehnt
  haben,  der  aber  noch  Gegenstand  freundschaftlicher  Erörterungen
zwischen  den  interessierten  Mächten  sei.  Die  Politik  der  Regierung  in
diesen  Fragen  sei  von  dem  Wunsche  geleitet,  amerikanisches  Kapital  für  die
Entwicklung  Chinas  zu  verwenden,  als  Mittel  der  Förderung  der  materiellen
Wohlfahrt  Chinas  ohne  Benachteiligung  seiner  legitimen  Rechte  als  unabhängige
  politische  Macht.  Die  von  amerikanischen  Bankiers  an  China
geliehenen  fünfzig  Millionen  Dollars  sollten  der  Währungsresorm  dienen,
für  deren  Durchführung  China  die  amerikanischen  Experten  als  Ratgeber
verwenden  wolle.

Die  Botschaft  hebt  sodann  die  herzlichen  Beziehungen  hervor,  die
mit  dem  lateinischen  Amerika  bestehen,  weist  auf  die  Schritte  hin,  die
eine  Gruppe  von  amerikanischen  Bankiers  zur  Sanierung  der  Finanzen
Honduras,  unternommen  hat.  Der  Sturz  der  Regierung  Madriz'  und  der
gemäßigte  versöhnliche  Geist  der  Parteien  werde  hoffentlich  Nicaragua  bald
den  ihm  gebührenden  Platz  unter  den  geordneten  fortschrittlichen  Ländern
der  Welt  wiedergeben.

Ueber  die  Tariffrage  heißt  es:  die  gesamte  Geschäftswelt  habe
den  Proklamationen  des  Präsidenten  über  die  Gewährung  der  Minimalsätze
  zugestimmt  und  damit  Zeugnis  abgelegt  für  den  befriedigenden  Stand
der  Handelsbeziehungen.  Die  Verhandlungen  mit  Kanada  würden  im
Januar  in  Washington  wieder  eröffnet  werden.  Es  stehe  zu  hoffen,  daß
das  Streben  beider  Regierungen  nach  einem  für  beide  Teile  vorteilhaften
Maß  von  Reziprozität  dann  zum  Ziele  gelange.  Dringend  notwendig
sei  die  Stabilisierung  von  amerikanischen  Banken  und  von  Filialen  solcher
in  fremden  Ländern;  ebenso  die  Gewährung  von  Subsidien  oder  Postsubventionen
  an  die  amerikanische  Handelsschiffahrt.

Der  Ausgabenetat  für  das  mit  dem  30.  Juni  1912  abschließende
        <pb n="653" />
        VPereinigte  Staalen  von  Nordamerike  uad  Kauada.  (Dezember  6.  7.)  645

Jahr  beträgt  630  Millionen  Dollars,  etwa  53  Millionen  weniger  als  im
laufenden  Jahr.  Dabei  seien  aber  die  Ausgaben  für  den  Panamakanal
nicht  mit  einbegriffen,  der  so  rasch  vollendet  werden  soll,  als  es  die  Verhältnisse
  gestatten.  Diese  Ausgaben  sind  um  20  Millionen  höher  als  im
Jahre  1911,  von  denen  19  Millionen  auf  die  Befestigungen  entfallen.  Die
Einnahmen  belaufen  sich  auf  680  Millionen  Dollars.  Der  Ueberschuß
von  50  Millionen  Dollars  wird  jedoch  durch  die  Ausgaben  für  den  Panamakanal
  in  Höhe  von  57  Millionen  in  ein  Defizit  von  7  Millionen  verwandelt.
  Werden  die  Befestigungen  abgelehnt,  so  bleibt  ein  Ueberschuß
von  12  Millionen.

Die  Botschaft  erklärt,  das  neue  Tarifgesetz  sei  eine  Einnahmequelle,
  wie  sie  in  der  Geschichte  des  Landes  noch  nicht  dagewesen  sei.  Die
Regierung  werde  den  Tarifausschuß  permanent  machen  und  die  Mitgliederzahl
  vielleicht  auf  fünf  erhöhen.  In  der  gegenwärtigen  Session  die  Tarifreform
  vorzusetzen,  werde  nicht  möglich  sein,  weil  die  Prüfung  ein  enormes
Maß  sorgfältigster  Einzelarbeit  erfordere.  Die  Regierung  hoffe  jedoch,  die
Reform  mit  dem  neuen  Kongreß  fortsetzen  zu  können.

Unter  Hinweis  auf  seinen  eigenen  Besuch  des  Panamakanals
versichert  der  Präsident,  daß  der  Kanal  zur  festgesetzten  Zeit,  nämlich  am
1.  Januar  1915,  innerhalb  des  Kostenanschlages  von  375  Millionen  Dollars
vollendet  sein  werde.  Er  empfiehlt  die  Anlage  von  Befestigungen  und
die  Erhebung  eines  Zolles  von  einem  Dollar  für  die  Nettotonne  auf  alle
Handelsgüter.  Die  Regierung  werde  für  Docks  und  Reparaturwerkstätten
sorgen  und  Erleichterungen  für  den  Verkauf  von  Oel,  Kohlen  und  Schiffsproviant
  zu  schaffen  haben.  Den  zwischenstaatlichen  Bahnen  soll  verboten
werden,  Schiffe  durch  den  Kanal  gehen  zu  lassen.

Die  Botschaft  enthält  ferner  verschiedene  Reformen  des  Gerichtsverfahrens
  nach  englischem  Muster,  sowie  die  teilweise  Erhöhung  des
Buchportos  zwecks  anderweitiger  Erleichterungen  und  bekämpft  die  weitere
Begünstigung  der  Einwanderung  nach  New  Nork.  Es  liege  im  Interesse
des  Landes,  die  Einwanderer  in  die  landwirtschaftlichen  Gegenden  des
Westens  und  des  Südens  zu  bringen.

Die  Botschaft  empfiehlt  zum  Schluß,  die  zwischenstaatliche  Handelskommission
  in  die  Lage  zu  setzen,  die  wirkliche  Wertaufnahme  des  Besitzes
der  Eisenbahnen  durchzuführen,  und  die  Annahme  des  Gesetzes,  das  den
Bahnen  gestattet,  etwas  höhere  Tarife  zu  fordern  für  Güter,  bei  denen
sie  selbst  für  die  Richtigkeit  der  Ladescheine  haften.  Diese  Bestimmung
soll  dem  Verlangen  fremder  Käufer  amerikanischer  Produkte  nach  einem
garantierten  Konnossement  entgegenkommen.  Der  Präsident  selbst  ist  der
Ansicht,  daß  die  Eisenbahngarantie  ausreiche.

6.  Dezember.  Einwanderungsfrage.

Die  1907  eingesetzte  Einwanderungskommission  legt  dem  Kongreß
einen  vierzigbändigen  Bericht  vor.  Sie  erklärt,  die  Einwanderung  sei
nicht  mehr  eine  wirtschaftliche  Notwendigkeit  und  trage  eher  zur  Benachteiligung
  des  amerikanischen  Arbeiters  bei.  Die  Kommission  verlangt  einstimmig
  den  Ausschluß  unverheirateter  ungelernter  Arbeiter,  ferner  den
Ausschluß  von  Analphabeten,  auch  die  direkte  Beschränkung  der  Kopfzahl
der  Einwanderer  aus  gewissen  Ländern.  Auch  soll  jeder  Einwanderer  ein
Heimatzeugnis  vorweisen.

7.  Dezember.  (Waschington.)  Enthüllung  des  Denkmals
für  den  Organisator  der  Armee  George  Washingtons  General
v.  Steuben  durch  die  Tochter  des  Präsidenten  Fräulein  Helen  Taft.
        <pb n="654" />
        646  Pereiniste  Slasten  von  Mordamerike  und  Kauada.  (Dezember  7.—17.)

Der  deutsche  Botschafter  Graf  Bernstorff  und  Präsident  Taft  hielten
Reden.

7.  Dezember.  (Kalifornien.)  Antijapanische  Stimmung.

Ein  Ball  zu  Ehren  der  Offiziere  des  japanischen  Uebungsgeschwaders
  in  Pasadena  mußte  abgesagt  werden,  weil  die  Damen  sich
weigerten,  mit  den  Japanern  zu  tanzen.

18.  Dezember.  (Kongreß.)  Reform  der  Bankgesetzgebung.

Der  Sekretär  des  Schatzamts,  Mac  Veagh,  befürwortet  in  seinem
Bericht  eine  Reform  des  Geldumlaufs.  Falls  es  dazu  nicht  sofort
kommen  sollte,  empfiehlt  er,  den  Nationalbanken  die  Errichtung  auswärtiger
  Filialen  und  den  Eintritt  in  die  sicheren  Gebiete  des  inländischen
Geschäfts  zu  gestatten,  die  bisher  den  Sparbanken  der  Trustkompanien  vorbehalten
  waren.  Unser  System,  heißt  es  in  dem  Bericht,  kann  füglicherweise
  ein  eine  Panik  erzeugendes  System  genannt  werden,  während  jedes
andere  große  nationale  Bankumlaufssystem  auf  eine  Panik  verhindernd
wirkt.  Wir  haben  kein  System  von  Reserven.  Wir  konzentrieren  unsere
sogenannten  Reserven  in  New  Nork  und  dann  zwingen  wir  die  New  VYorker
Banken,  Darlehen  zu  gewähren  und  heben  so  die  Reserven  wieder  auf.
Der  Bericht  berührt  sodann  die  künftigen  Emissionen  der  Panamabonds,
die  im  Werte  von  290  Millionen  Dollars  zu  einem  Zinsfuß  von  höchstens
drei  Prozent  im  Tarisgesetz  vorigen  Jahres  genehmigt  wurden.  Der  Schatzamtssekretär
  empfiehlt,  wie  im  vorigen  Jahre,  die  neuen  Bonds  mit  eineinhalb
  Prozent  zu  besteuern,  wenn  sie  von  den  Nationalbanken  in  Umlauf
  gesetzt  würden.  Eine  Steuer  von  zwei  Prozent  würde  genügen,  um
die  Banken  als  Käufer  der  Bonds  für  Zirkulationszwecke  auszuschalten.

14.  Dezember.  Mangelhafte  Kriegsrüstung.

Der  Generalstabschef  hat  dem  Komitee  für  Militärangelegenheiten
  im  Repräsentantenhause  eine  Denkschrift  unterbreitet,  in  welcher
darauf  hingewiesen  wird,  daß  die  Vereinigten  Staaten  gegen  einen  Angriff  des
Auslandes  nicht  gerüstet  seien.  Es  wird  weiter  darin  hervorgehoben,  daß
mehr  Artillerie,  mehr  Feldgeschütze  und  ein  größerer  Vorrat  von  Kriegsmunition
  nötig  seien,  und  die  Vermehrung  des  stehenden  Heeres  von  80  000
auf  100000  Mann  verlangt.  General  Wood  verlangt  eine  Erhöhung  der
Friedensstärke  der  Armee  auf  450000  Mann.  Kalifornische  Kongreßmitglieder
  erklären,  die  ganze  Pacificküste,  an  der  binnen  30  Tagen  200000
Mann  landen  könnten,  sei  nur  durch  8000  Mann  Milizen  geschützt.  —
Präsident  Taft  ordnet  die  Zurückziehung  des  Berichts  an,  um  im  Landesinteresse
  das  Geheimnis  zu  wahren.

17.  Dezember.  Der  Staatssekretär  der  Marine  zieht  den
Kommandanten  Sims  wegen  seiner  am  3.  Dezember  in  Guild  Hall
in  London  gehaltenen  Rede  zur  Verantwortung.  (Siehe  Großbritannien
  3.  Dezember.)

17.  Dezember.  Gegen  ein  stehendes  Heer.

Auf  einem  Bankett  der  Gesellschaft  für  schiedsgerichtliche  Erledigung
internationaler  Streitfragen  erklärte  Taft,  die  amerikanischen  Verteidigungsmaßregeln
  seien  vollständig  ausreichend,  da  das  Land  sich  vornehmlich  auf
die  Marine  verlassen  müsse,  deren  Aufgabe  durch  die  Anlegung  des  Panama-=kanals
  erleichtert  werde.  Das  amerikanische  Volk  werde  nie  seine  Zustimmung
  zur  Unterhaltung  eines  großen  stehenden  Heeres  geben.
        <pb n="655" />
        Mittel=  und  SLädameriks.  (Januar  4.—März  1.)  647

31.  Dezember.  (Kanada.)  Die  Zahl  der  Einwanderer  im
Jahre  1910  betrug  rund  350000,  davon  150000  aus  den  Vereinigten
  Staaten.

XXT.  .
Mittel-  und  Südamerika.

4.  Januar.  (Brasilien.)  Das  zwischen  den  Staaten  Parana
und  Santa  Catarina  streitige  Gebiet,  das  nach  dem  Spruch  des
obersten  Gerichtshofs  zu  Santa  Catarina  gehören  sollte,  proklamiert
sich  als  besonderer  Staat  Brasiliens  unter  dem  Namen  Missoes.

4.  Januar.  (Brasilien.)  Die  Regierung  beschließt,  die
Amortisationen  der  äußeren  Anleihe,  die  etwa  76  Millionen  Pfund
Sterling  beträgt,  wieder  einzuführen.

21.  Januar.  (Uruguay.)  Zur  Unterdrückung  eines  Aufstandes
  wird  über  die  ganze  Küste  der  Belagerungszustand  verhängt.

22.  Januar.  (Nicaragua.)  Präsident  Madriz  verfügt  die
Verhaftung  aller  Führer  der  Konservativen  in  Managua  und
Granada,  um  einer  Verschwörung  zuvorzukommen.

4.  Februar.  (Nicaragua.)  Revolution.

Das  Kanonenboot  der  Aufständischen  „Ometepe“  beschießt  Greytown,
muß  sich  aber  vor  dem  Feuer  der  Küstenbatterien  bald  zurückziehen.
Bei  Las  Garitas  werden  die  Aufständischen  in  einen  Hinterhalt  gelockt,
wo  sie  100  Mann  verlieren.  —  Der  frühere  Präsident  Zelaya  reist  mit
dem  Hamburger  Dampfer  „Alemannia“  von  Veracruz  nach  Vigo.

10.  Februar.  (Nicaragua.)  Die  Revolutionäre  nehmen
Matagala.

13.  Februar.  (Magelhaensstraße.)  Der  Passagierdampfer
„Lima“  der  britischen  Pacific  Steam  Navigation  Company  erleidet
in  der  Huamlinenge  Schiffbruch,  wobei  51  Passagiere  ertrinken.

14.  Februar.  (Uruguay.)  Eröffnung  des  Kongresses.

Die  Botschaft  des  Präsidenten  erinnert  an  die  revolutionären  Umtriebe
  und  verheißt,  jeden  derartigen  Verrat  gegen  das  Vaterland  streng
zu  unterdrücken.  Uruguay  werde  sich,  so  heißt  es  weiter,  an  dem  panamerikanischen
  Kongreß  in  Buenos  Aires  und  an  den  Ausstellungen  in
Brüssel,  Turin  und  Rom  beteiligen.  Zum  Schlusse  zählt  die  Botschaft
eine  Reihe  finanzieller  Gesetzentwürfe  auf.

22.25.  Februgar.  (Guadeloupe.)  Die  Ausständigen  zerstören
  die  Zuckerraffinerien.

1.  März.  (Panama.)  Der  Präsident  Domingo  de  Obaldiat;

sein  Nachfolger  ist  der  bisherige  Vizepräsident  Dr.  C.  A.  Mendoza.
        <pb n="656" />
        648  Mittel·  und  Südamerika.  (März  1.—Mai  3.)

1.  März.  (Brasilien.)  Präsidentschaftswahl.

Zum  Bundespräsidenten  für  den  am  15.  November  beginnenden
Präsidentsschaftstermin  wird  der  Marschall  Hermes  da  Fonseca  gewählt,  der
1908  den  deutschen  Manövern  beigewohnt  hatte.  Er  erhält  365918  Stimmen.
sein  Gegenkandidat  Dr.  Carlos  Barbosa  174  300.

3.  März.  (Argentinien.)  José  Galvez  wurde  zum  Minister
des  Innern  und  General  Racedo  zum  Kriegsminister  ernannt.

5.  März.  (Peru.)  Aus  den  Territorien  Tacna  und  Arica
werden  die  Priester  wegen  Ungehorsams  gegen  die  Verfassung  ausgewiesen.


7.  März.  (Columbien.)  Revolte.

In  Bogota  kommt  es  infolge  eines  Streites  eines  Polizeibeamten
mit  dem  Direktor  der  amerikanischen  Straßenbahn  zu  Unruhen,  bei  denen
auch  die  amerikanische  Gesandtschaft  mit  Steinen  beworfen  wird.

21.  März.  (Chile  und  Peru.)  Die  peruanische  Regierung
hat  der  chilenischen  mitgeteilt,  daß  sie  ihren  Gesandten  wegen  der
Ausweisung  peruanischer  Priester  aus  den  chilenischen  Provinzen
Tacna  und  Arica  abberufe.  (Siehe  Peru  5.  März.)

22.  März.  (Columbien.)  Revolte.

Bei  neuen  antiamerikanischen  Demonstrationen  werden  zwei  Engländerinnen,
  die  für  Amerikanerinnen  gehalten  werden,  tätlich  angegriffen.

27.  März.  (Brasilien.)  Die  Deputiertenkammer  nimmt
einstimmig  den  Grenzvertrag  mit  Peru  an,  der  vom  Flusse  Javary
bis  zum  Acre  das  strittige  Gebiet  verteilt.  Durch  einen  Grenzvertrag
  mit  Uruguay  tritt  Brasilien  das  ihm  1851  zugesprochene
Gebiet  am  Mirinsee  und  am  Juaguarofluß  ohne  jede  Gegenleistung

an  Uruguay  ab.

28.  April.  (Venezuela.)  Zum  Präsidenten  wird  der  bisherige
  Vizepräsident  Juan  Vicente  Gomez  gewählt.  Er  erläßt
eine  Anmestie  für  alle  politischen  Gefangenen.

3.  Mai.  (Brasilien.)  Staatsfinanzen.

Nach  einem  von  der  Regierung  veröffentlichten  Finanzexposé  beliefen
  sich  im  Jahre  1909  die  Staatseinnahmen  auf  32069000,  die  Ausgaben
  auf  30875524  Pfund  Sterling.  Die  Einnahmen  des  ersten  Quartals
  dieses  Jahres  waren  etwa  1½  Millionen  Dollars  höher  als  im
entsprechenden  Zeitraum  des  Vorjahres.  Die  äußere  Schuld  beläuft  sich
zurzeit  auf  78320000  Pfund  Sterling  und  240  Millionen  Franken.  Im
Laufe  des  letzten  Finanzjahres,  in  dem  die  durch  die  Fundierungsanleihe  von
1892  unterbrochene  Schuldentilgung  wieder  aufgenommen  wurde,  sind  für
892  700  Pfund  Sterling  Titel  der  äußeren  Schuld  getilgt  worden,  im
Laufe  des  gegenwärtigen  Finanzjahres  481  680  Pfund  Sterling.  Der  Wert
der  Ausfuhr  betrug  63  724440  Pfund  Sterling,  der  der  Einfuhr  73139354;
die  Ausfuhr  erfuhr  eine  Zunahme,  die  hauptsächlich  auf  die  Steigerung
des  Kautschunk=  und  des  Kaffeepreises  zurückzuführen  ist.  Im  ersten  Quartal
dieses  Jahres  betrug  der  Wert  der  Ausfuhr  14095879,  der  der  Einfuhr
        <pb n="657" />
        Miltel-  und  Sädamerika.  (Mai  6.—20.)  649

11635000  Pfund  Sterling.  Die  Dampfer  der  Handelsflotte  weisen  einen
Gehalt  von  93594  Tonnen  auf;  die  Gesamtstrecke  der  Eisenbahnneubauten
beträgt  600  Kilometer.

6.  Mai.  (Argentinien.)  Kongreßeröffnung.

Die  Botschaft  des  Präsidenten  stellt  fest,  daß  Argentinien  zu  allen
Mächten,  mit  Ausnahme  Boliviens,  in  guten  Beziehungen  stehe,  und
betont  die  Notwendigkeit,  das  dem  Kongreß  vorliegende  Gesetz  über  die
Auswahl  unter  den  Einwanderern  zur  Verabschiedung  zu  bringen.  Mit
England  sei  ein  Schiedsgerichtsvertrag  abgeschlossen,  der  dem  Kongreß  demnächst
  zur  Beschlußfassung  vorgelegt  werden  soll.  Handelsverträge  mit
Portugal,  Dänemark,  Holland  und  Chile  seien  in  Vorbereitung,  ebenso  ein
Abkommen  mit  der  Türkei  über  die  Ernennung  argentinischer  Konsuln  in
der  Türkei  und  Aegypten.  Der  Goldvorrat  der  Konversionskasse  beträgt
201  653000  Pesos  Gold;  der  Wert  der  Einfuhr  belief  sich  auf  302756095
Pesos  Gold,  der  Wert  der  Ausfuhr  auf  397350528  Pesos  Gold,  die
innere  Schuld  am  31.  Dezember  auf  87734000  Pesos  Gold  und  115345000
Pesos  Papier  und  die  äußere  Schuld  auf  310000000  Pesos  Gold.

6.  Mai.  (Costarica.)  Die  Stadt  Cartago  wird  durch  ein
Erdbeben  zerstört.  500  Personen  kommen  dabei  um.

7.  Mai.  Brasilien  und  Chile  sind  übereingekommen,  im
Konflikt  zwischen  Peru  und  Ecuador  zu  vermitteln.

13.  Mai.  (Chile.)  Eisenbahnbau.

Die  Regierung  konzessioniert  einer  englischen  Firma  den  Bau  einer
500  Kilometer  langen  Eisenbahn  nach  der  Salpeterwüste.  Die  Kosten
werden  auf  4  Millionen  Pfund  Sterling  veranschlagt.

15.  Mai.  (Argentinien.)  Generaloberst  Freiherr  v.  d.  Goltz,
der  als  Bevollmächtigter  des  Kaisers  an  der  Zentenarfeier  und  der
Weltausstellung  teilnehmen  soll,  wird  mit  großer  Begeisterung
empfangen.

15.  Mai.  (Argentinien.)  Belagerungszustand.

Da  die  Anarchisten  beschlossen  haben,  bei  Gelegenheit  der  Hundertjahrfeier
  einen  revolutionären  Generalstreik  in  Szene  zu  setzen,  hat  die
Regierung  unter  Zustimmung  von  Kammer  und  Senat  unverzüglich  über
die  ganze  Republik  den  Belagerungszustand  auf  unbestimmte  Dauer  verhängt.

In  Buenos  Aires  dringen  Studenten  in  die  Geschäftsräume  eines
anarchistischen  und  eines  sozialdemokratischen  Blattes,  zerstören  die  Maschinen
und  richten  auch  sonstige  Beschädigungen  an.  Vor  dem  Hause  der  sozialistischen
  Syndikate  und  an  anderen  Punkten  der  Stadt  kam  es  zu  Krawallen,
bei  denen  mehrere  Personen  verletzt  werden.

18.  Mai.  (Kuba.)  Pulverexplosion.

Wegen  der  Negeragitation  hatte  die  Regierung  das  von  den  Straßenbauunternehmern
  vorrätig  gehaltene  Dynamit  eingesammelt  und  zur  vorläufsigen
  Aufbewahrung  in  die  Gendarmeriekaserne  von  Pinar  del  Nio
bringen  lassen.  Dort  explodierten  300  Pfund,  wobei  über  hundert  Menschen
getötet  wurden.

20.  Mai.  (Nicaragua.)  Intervention.

Die  Vereinigten  Staaten  sandten  zwei  amerikanische  Kanonenboote
nach  Bluefields.  160  Mann  der  Besatzung  wurden  gelandet.
        <pb n="658" />
        650  Milttel-  und  Südamerika.  (Mai  21.—Juli  16.)

21.  Mai.  (Peru  und  Ecuador.)  Beide  Staaten  nehmen
den  Vorschlag  Argentiniens,  Brasiliens  und  der  Vereinigten  Staaten,
die  Grenzstreitigkeiten  friedlich  zu  schlichten,  an.

22.  Mai.  (Nicaragua.)  Das  Kanonenboot  „Venus“  der
Regierung  bohrte  das  Kanonenboot  „Omotepe“  der  Rebellen  bei
Punta  Gorda  in  den  Grund.

27.  Mai.  (Nicaragug.)  Die  Truppen  des  Präsidenten  Madriz
haben  Bluefields  vollständig  eingeschlossen.

28.  Mai.  (Nicaraguga.)  Der  Regierungsgeneral  Lara  greift
die  Insurgenten  an,  wird  aber  mit  einem  Verlust  von  250  Mann
zurückgeschlagen.

6.  Juni.  (Mexiko.)  Wegen  eines  Aufstandes  der  Mayaindianer,
  die  40  Personen  massakrierten  und  die  Stadt  Valladolid
plünderten,  sendet  die  Regierung  zwei  Kanonenboote  und  1600  Mann
nach  der  Halbinsel  Bucatan.

21.  Juni.  (Mexiko.)  Wahlunruhen.

In  der  nördlichen  Provinz  Sonova  werden  Hunderte  von  Verhaftungen
  vorgenommen  und  einige  Rädelsführer  deportiert,  um  einen  Aufstand
  zugunsten  des  verhafteten  Präsidentschaftskandidaten  Madero  im
Keime  zu  ersticken.

26.  Juni.  (Mexiko.)  Wahlergebnis.

Präsident  Diaz  und  Vizepräsident  Corral  werden  mit  großer
Majorität  wiedergewählt.  Das  Wahlkollegium  tritt  am  10.  Juli  zusammen.

27.  Juni.  (Chile.)  Ministerwechsel.

Das  Kabinett  ist  neugebildet  und  setzt  sich  wie  folgt  zusammen:
Inneres:  Augustin  Edwards,  Aeußeres:  Luis  Izquierdo,  Finanzen:  Carlos
Balmaceda,  Justiz  und  Unterricht:  Emiliano  Figueroa,  Krieg  und  Marine
Carlos  Larrain  Claro  und  öffentliche  Arbeiten:  Fidel  Nunoz  Rodriguez.

9.  Juli.  (Chile.)  Präsident  Montt  übergibt  die  Leitung
der  Regierungsgeschäfte  dem  Vizepräsidenten,  weil  er  zur  Herstellung
seiner  Gesundheit  eine  sechsmonatige  Reise  nach  Europa  unternehmen
  will.

12.  Juli  —  30.  August.  (Buenos  Aires.)  Panamerikanischer
Kongreß.

Der  Vertreter  der  Vereinigten  Staaten  White  erklärt,  die  Freundschaft
  und  die  Solidarität  der  amerikanischen  Republiken  bedeute  für  die
Interessen  der  alten  Welt  keine  Gesahr.  Angenommen  wird  eine  Konvention,
  wonach  die  Republiken  Streitigkeiten  über  Geldansprüche  einem
Schiedsgericht  unterbreiten  müssen.  Dagegen  scheitern  alle  Versuche,  die
Monroe-Doktrin  bestimmter  zu  fassen  oder  zu  erweitern.

16.  Juli.  (Columbia.)  Zum  Präsidenten  der  Republik  wird
Carlos  Restrepo  gewählt.
        <pb n="659" />
        Mittel-  und  Südamerika.  (Juli  21.—  27.)  651

21.  Juli.  (Brasilien.)  Einweihung  des  neuen  Hafens  von
Rio  de  Janeiro  durch  den  Präsidenten  Nilo  Pecanha.
21.  Juli.  (Honduras.)  Ausbruch  einer  Revolution.

Sie  geht  von  dem  früheren  Präsidenten  Bonilla  aus,  der  in  Britisch-Honduras
  lebt.  Präsident  Davila  ist  ein  Verbündeter  des  Generals  Zelaya
in  Nicaragua.

21.  Juli.  (Nicaragua.)  Bei  Acoyapa  werden  die  Truppen
des  Präsidenten  Madriz  von  den  Anhängern  des  Generals  Estrada

geschlagen.
22.  Juli.  (Nicaragua.)  Das  Staatsdepartement  der  Vereinigten

  Staaten  erklärt  Bluefields  für  einen  offenen  Hafen,  obwohl
der  Präsident  von  Nicaraguna  die  Blockade  verhängt  und  Norwegen

sie  anerkannt  hatte.

Die  Vereinigten  Staaten  drohen,  nötigenfalls  gewaltsam  die  Blockade
zu  verhindern.

27.  Juli.  (Nicaragua.)  Protest  gegen  die  Intervention

der  Vereinigten  Staaten.

Die  Regierung  des  Präsidenten  Madriz  wendet  sich  in  einer  Zirkulardepesche
  an  die  Regierungen  Deutschlands,  Englands,  Frankreichs,  Italiens
und  Spaniens  sowie  die  der  mittelamerikanischen  Republiken,  worin  auf
die  Einmischung  der  Vereinigten  Staaten  in  die  inneren  Angelegenheiten
des  Landes  hingewiesen  und  um  freundschaftliche  Intervention  in  Washington
gebeten  wird.

In  dem  Schreiben  des  Generalministers  Baca  heißt  es:  Unser
Bürgerkrieg  wäre  mit  der  Einnahme  Bluefields  durch  unsere  Truppen
beendet  gewesen.  Der  Kommandant  des  amerikanischen  Kreuzers  „Paducah“
landete  Truppen  in  Bluefields  und  verkündete,  daß  er  unserer  Regierung
  widersetzen  würde,  trotzdem  in  dem  Orte  sich  das  Zentrum  der
Revolutionspartei  war  und  sich  dort  ihre  Truppen  befanden.  Wir  hatten
Bluff  (das  Zollamt  Bluefields)  besetzt,  den  Schlüssel  Bluefields,  indem  wir
den  bewaffneten  Widerstand  gebrochen  hatten,  und  wollten  letztere  Stadt
blockieren.  Die  amerikanische  Regierung  verhindert  dies  mit  Rücksicht  auf
amerikanische  Schiffe  und  erklärt,  daß  die  Zollabgaben  der  Revolutionspartei
  zu  entrichten  sind,  die  ein  neues  Zollamt  in  Schooner  Key  (gegenüber
  von  Bluff)  errichtet  hat,  und  verlangt  außerdem,  daß  die  amerikanischen
  Schiffe  abgabenfrei  einlaufen  dürfen  vor  den  Augen  unserer
Befestigungen,  und  obwohl  sie  Munition  für  die  Revolutionäre  mitführen.
Diese  letzteren,  obwohl  in  Bluefields  eingeschlossen,  bereiten  sich  ungestört
darauf  vor,  uns  anzugreifen.  Der  Präsident  Madriz  hat  diese  Tatsachen
dem  Präsidenten  Taft  mitgeteilt  und  Neutralität  verlangt.

Indem  ich  Vorstehendes  zur  Kenntnis  der  Regierung  Ew.  Exzellenz
bringe,  bitte  ich  ergebenst  um  gütige  Vorstellung  bei  dem  Kabinett  in
Washington,  um  zu  veranlassen,  daß  meiner  Regierung  freie  Hand  gelassen
werde,  dem  Land  zum  Frieden  zu  verhelfen,  ohne  oben  erwähnte  Behinderungen,
  die  der  eigentliche  Grund  sind,  daß  die  Revolution  andauert
und  unermeßliche  Schäden  und  eine  schwere  Gefahr  für  das  Fortbestehen
der  Republik  bedeutet.

27.  Juli.  (Mexiko.)  Präsident  Porfirio  Diaz  bittet  tele-
        <pb n="660" />
        652  Mitiel  ·  und  Sũdamerika.  (Juli  30.—  August  30.)

graphisch  den  Präsidenten  Taft.  „nochmals  die  Verfügungen  in  Erwägung
  zu  ziehen,  über  die  Nicaragua  sich  beklagt“.

30.  Juli.  (Brasilien.)  Die  Proklamation  des  Marschalls
Hermes  da  Fonseca  erfolgt  im  Nationalkongreß  mit  174  gegen  54
Stimmen.

31.  Juli  —  1.  August.  (SHonduras.)  Zusammenstöße  zwischen
Aufständischen  und  Regierungstruppen.

5.  August.  (Brasilien.)  Die  Polizei  verhindert  den  Prinzen
Ludwig  von  Braganza,  einen  Enkel  des  Kaisers  Don  Pedro  II.,
an  der  Landung.

9.  August.  (Argentinien.)  Vorlage  des  Budgets  für  1910
und  1911.

Die  Ausgaben  sind  auf  265  483000,  die  Einnahmen  auf  267  083.000
Piaster  Papier  festgesetzt.  Die  dem  Gesetzentwurf  beigefügte  Botschaft  zeigt,
daß  der  Import  im  Jahre  1908  sich  auf  272972  736,  im  Jahre  1909  auf
302756095,  der  Export  in  1908  sich  auf  366  005  341,  im  Jahre  1909  auf
397  350  528  Piaster  Gold  belief.  Die  Zolleinnahmen  zeigen  eine  fortgesetzt
steigende  Tendenz;  sie  betrugen  im  Jahre  1908  60  180  068,  im  Jahre  1909
66  290  437  Piaster  Gold;  für  das  Jahr  1910  wird  eine  noch  höhere  Summe
veranschlagt.  Der  Wert  des  gesamten  Handelsexports  und  Imports  im
Jahre  1909  überstieg  3  ½  Milliarden  Franken.

17.  August.  (Chile.)  Präsident  Montt  f  in  Bremen.

19.  August.  Vom  Panamakanal  werden  auf  der  atlantischen
Seite  5½  Meilen  für  den  Verkehr  eröffnet.

19.  August.  (Brasilien.)  Besuch  des  Präsidenten  der  Argentinischen
  Republik  Sasnz  Penna  in  Rio  de  Janeiro.

Mitte  August.  (Brasilien.)  Die  Bundesregierung  beschließt
die  Berufung  einer  deutschen  Militärmission,  bestehend  aus  einem
General  und  dreißig  anderen  Offizieren.

Ein  Teil  der  Presse  findet  die  Klagen  der  Franzosen  berechtigt,  daß
man  die  lateinische  Brudernation  nicht  vorgezogen  habe  und  fürchtet,  daß
das  französische  Kapital  sich  in  Zukunft  brasilianischen  Anleihen  gegenüber
spröde  verhalten  werde.  (Siehe  Brasilien  4.  November)

20.  August.  (Nicaragua.)  Präsident  Madriz  flüchtet  mit
seinen  höchsten  Offizieren  nach  Corinto  und  von  dort  nach  Honduras.

In  Managua  wird  bis  zur  Ankunft  Estradas  General  Chamorro
zum  provisorischen  Präsidenten  ernannt.

30.  August.  (Panama.)  Da  Präsident  Mendoza,  der  an
die  Stelle  des  verstorbenen  Präsidenten  Obaldia  getreten  war,  gegen
die  Bestimmung  der  Verfassung  seine  Wiederwahl  betreibt,  so
appellieren  seine  Gegner  an  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten
um  Schutz  der  Verfassung.
        <pb n="661" />
        Mittel=  und  Sädamerika.  (September  6.—Oktober  Mitte.)  653

6.  September.  (Chile.)  Der  Vizepräsident  Albano  f  plötzlich
  am  Herzschlag.

Da  die  Republik  unmittelbar  hintereinander  ihre  beiden  Präsidenten
verloren  hat,  wird  als  dienstältestes  Mitglied  des  Kabinetts  der  Justizund
  Unterrichtsminister  Emiliano  Figueroa  Träger  der  Regierungsgewalt.

8.  September.  (Panama.)  Anmerikanische  Drohung.

Der  amerikanische  Geschäftsträger  in  Panama  erklärte,  falls  die
Legislative  einen  antiamerikanischen  Kandidaten  zum  Präsidenten  wähle,
werde  die  Okkupation  durch  amerikanische  Truppen  oder  die  Annexion  folgen.
Er  wird  aber  von  Washington  aus  desavouiert  und  abberufen.

13.  September.  (Mexiko.)  Bei  der  Jahrhundertfeier  übernimmt
  Präsident  Diaz  die  vom  deutschen  Kaiser  geschenkte  Humboldtstatue.


14.  September.  (Argentinien.)  Münzvorlage.

Die  Regierung  unterbreitet  dem  Kongreß  einen  Gesetzentwurf,  der
als  Münzeinheit  den  Goldpiaster  im  Werte  von  2,20  Franken  einführen
  soll.

15.  September.  (Panama.)  Präsßidentenwahl.

Die  Nationalversammlung  wählt  Pablo  Arosemena  zum  provisorischen

  Präsidenten  für  die  noch  nicht  abgelaufene  Amtszeit  des  verstorbenen
Obaldia.

17.  September.  (Argentinien.)  Der  Senat  nimmt  ein

Gesetz  über  den  Schutz  des  Eigentums  an  Werken  der  Kunst  und
Literatur  an.

18.  September.  (Nicaragua.)  Regierungsprogramm.

Die  Regierung  veröffentlicht  die  Grundlinien  ihres  Programms  bis
zur  Herstellung  der  neuen  Verfassung.

In  Managua  wird  ein  oberster  Gerichtsbof  eingesetzt;  ferner  werden
drei  Appellationsgerichtshöfe  geschaffen.  Das  Dekret  garantiert  die  Sicherheit
  des  Eigentums,  die  Unverletzlichkeit  des  Briefgeheimnisses,  die  Institution
  der  Schwurgerichte  und  die  Abschaffung  der  Todesstrafe.

21.  September.  (Chile.)  Idee  eines  südamerikanischen  Bundes.

Bei  der  Jahrhundertfeier  der  Unabhängigkeit  spricht  in  La  Paz  der
argentinische  Minister  des  Aeußeren  über  die  Verbrüderung  Chiles,  Argentiniens

  und  Brasiliens.  Die  Presse  deutet  das  als  Vorzeichen  der  kommenden
politischen  Union  der  drei  Länder.

4.  Oktober.  (Venezuela  und  Columbien.)  Wiederherstellung
  der  gegenseitigen  diplomatischen  Beziehungen.
9.  Oktober.  (Brasilien.)  Revolte.

Im  Staat  Amazonas  jagt  eine  regierungsfeindliche  Partei,  von
Bundestruppen  unterstützt,  den  Gouverneur  aus  dem  Amte  und  läßt  die
Hauptstadt  Manaos  von  der  Bundesflottille  beschießen.

Mitte  Oktober.  (Brasilien.)  In  Blumenau  (St.  Catarina)
finden  Ausschreitungen  der  Garnison  gegen  die  Bevölkerung  statt,
die  meist  aus  Deutschen  besteht.
        <pb n="662" />
        654  Mittel=  und  Sädamerika.  (Oktober  30.—  November  17.)

30.  Oktober.  (Brasilien.)  Das  Ministerium  des  neuen
Präsidenten  Hermes  da  Fonseca:

Aeußeres  Baron  do  Rio  Branco,  Inneres  und  Justiz  Rivardia
Correa,  Oeffentliche  Arbeilen  Deputierter  Seabra,  Ackerbau  Pedro  Toledo,
Finanzen  Francesco  Salles,  Krieg  Dantas  Barrito,  Marine  Marques  Leao,
Industrie  und  Verkehr  Lacerda.

3.  November.  (Honduras.)  Wegen  der  Revolte  des  Generals
Valadares  wird  der  Hafen  Amapala  (Insel  Tigre)  geschlossen  und
in  dem  ganzen  Staat  das  Kriegsrecht  erklärt.

4.  November.  (Brasilien.)  Deutische  Militärmission.

Durch  Uebereinkunft  mit  der  deutschen  Regierung  wird  die  Berufung
  militärischer  Instrukteure  nach  Rio  de  Janeiro  und  Rio  Grande  do
Sul  festgesetzt.  Unter  Ausschluß  fremdländischer  Offiziere  engagiert  Brasilien
  in  Deutschland  zunächst  einen  Stabsoffizier,  sieben  Hauptleute  und
zwölf  Leutnants.  (Siehe  Brasilien,  Mitte  August.)

9.  November.  (Mexiko.)  Kundgebungen  gegen  die  Vereinigten
  Staaten.

Weil  ein  Mexikaner  in  Rock  Springs  (Texas)  wegen  eines  Attentats
auf  eine  Amerikanerin  auf  dem  Scheiterhaufen  verbrannt  worden  war,
finden  in  der  Hauptstadt  Demonstrationen  gegen  die  Amerikaner  statt.
Die  Anstifter  waren  Studenten.  Die  berittene  Polizei  schaffte  erst  Ruhe,
nachdem  ein  Exzedent  getötet  war.

16.  November.  (Brasilien.)  Präsident  Hermes  da  Fonseca
tritt  sein  Amt  mit  der  Erklärung  an,  er  werde  sich  bemühen,  die
Ausfuhr  zu  heben  und  durch  Stärkung  des  Garantiefonds  zur
Metallwährung  zu  gelangen.

16.  November.  (Kuba.)  Ursprung  des  spanisch-amerikanischen
  Krieges.

Bei  Bergungsarbeiten  im  Hafen  von  Havanna  wird  festgestellt,  daß
am  Kiel  des  am  15.  Februar  1898  in  die  Luft  geflogenen  amerikanischen
Kriegsschiffes  „Maine“  Kupferdrähte  angebracht  waren,  so  daß  man  schließen
kann,  daß  eine  Sprengmine  durch  Taucher  befestigt  und  dann  vom  Lande
aus  zur  Explosion  gebracht  worden  ist.

16.  November.  (Panama.)  Rede  Tafts.

Bei  einem  Bankett,  das  der  Präsident  von  Panama  gibt,  hält
Präsident  Taft  als  Ehrengast  eine  Rede:  die  Vereinigten  Staaten  hätten
die  Integrität  der  Republik  Panama  garantiert  und  nichts  könne  die
Bundesregierung  zur  Annexion  veranlassen,  wenn  nicht  Panama  eine  grobe
Vertragsverletzung  begehe.

17.  November.  (Kuba.)  Ein  Auftrag  an  den  Stettiner
„Vulkan“,  zwei  Kreuzer  und  einige  kleinere  Schiffe  zu  bauen,  wird
auf  den  Protest  der  Regierung  in  Washington  annulliert.

17.  November.  (Mexiko.)  Aufdeckung  eines  Verschwörungskomplotts
  für  den  20.  November.

Es  werden  viele  Personen  verhaftet  und  1000  Gewehre  beschlagnahmt.
        <pb n="663" />
        Mittel-  und  Südemeriks.  (November  18.—  Dezember  10.  11.)  655

18.  November.  (Mexiko.)  Revolte.

Bei  der  Auflösung  einer  Protestversammlung  gegen  die  Wiederwahl
des  Präsidenten  Porfirio  Diaz  tötet  eine  Frau  den  Polizeichef  durch  einen
Revolverschuß.  Nachdem  eine  Bombe  viele  Polizisten  getötet  und  verwundet
hatte,  kommt  es  zu  einem  Straßenkampf,  in  welchem  die  Bundestruppen
einen  blutigen  Sieg  erringen.  Die  Angaben  über  die  Anzahl  der  Toten
schwanken  zwischen  100  und  170.

21.  November.  (Mexiko.)  Ausbreitung  des  Aufstandes  über
die  Orte  Durango,  Torreon,  Barral.  Gomez  Palacio  u.  a.

Der  Führer  der  Revolutionäre  ist  Francisco  Madero  in  Coahmila.
In  Orizaba  werden  die  Revolutionäre  beim  Sturm  auf  die  Kasernen
zurückgeschlagen.

24.  November.  (Brasilien.)  Meuterei  der  im  Hafen  von
Rio  de  Janeiro  liegenden  neuen  Schlachtschiffe  „Sao  Paulo“  und
„Minas  Gereas“  und  der  Kreuzer  „Bahia“  und  „Floriano“.

Die  Mannschaften  ermordeten  drei  Offiziere  und  fuhren  aufs  Meer.
Sie  verlangen  höhere  Löhnung  und  Abschaffung  der  Prügelstrafe.

25.  November.  (Mexiko.)  Vorläufiges  Ende  der  Revolution
dank  der  Energie  der  Regierung  und  infolge  der  schweren  Verwundung
Maderos,  der  sich  zum  provisorischen  Präsidenten  proklamiert  hatte.

25.  November.  (Brasilien.)  Amnestie  für  die  Aufständischen.



Die  Kammer  vertagt  die  Beschlußfassung  über  die  Amnestie  der
Meuterer,  die  Abschaffung  der  körperlichen  Züchtigung,  Erhöhung  des  Soldes
und  Verminderung  der  Arbeit.  Infolgedessen  feuern  die  in  den  Hafen
zurückgekehrten  Schiffe  auf  die  Festung.  Vereinzelte  Schüsse  erreichen  die
Stadt,  wobei  eine  Frau  und  zwei  Kinder  getötet  werden.  Durch  Funkenspruch
  erbitten  die  Meuterer  vom  Präsidenten  Amnestie.  Die  Kammer
nimmt  die  Amnestie  mit  114  gegen  23  Stimmen  an.  Die  Meuterer  ergeben
  sich  abends  7  Uhr.

26.  November.  (Paraguay.)  Der  neue  Präsident  der  Republik

  Gondrad  tritt  sein  Amt  an.

Ende  November.  (Honduras.)  Revolutionäre  unter  Führung
des  früheren  Präsidenten  Bonilla  besetzen  die  atlantischen  Häfen
im  Departement  Comayagua.

1.  Dezember.  (Meriko.)  Präsident  Diaz  und  Vizepräsident
Corral  leisten  den  Amtseid  für  eine  weitere  Amtsdauer  von  sechs
Jahren.

Für  Diaz  ist  es  bereits  die  achte  Präsidentenperiode.  Er  ernennt
eine  Friedenskommission,  die  in  San  Isidoro  mit  den  Aufständischen  verhandeln
  soll.

10.—11.  Dezember.  (Brasilien.)  Neue  Meutereien.

Auf  der  Insel  Das  Cobras  in  der  Bai  von  Rio  de  Janeiro  meutert
ein  Seebataillon,  das  sich  erst  nach  sechsstündigem  Geschützfeuer  der  abgesandten
  Kriegsschiffe  ergibt.  Einige  Stunden  lang  wurde  die  Stadt  Rio
        <pb n="664" />
        656  Mittel=  und  Sädameriks.  (Dez.)  Instralien  und  Jüdfer.  (Febr.  April.)

de  Janeiro  von  dem  meuternden  Kreuzer  „Rio  Grande  do  Suls“  beschossen.
Am  12.  verhängt  die  Kammer  einstimmig  über  Rio  de  Janeiro  den  Belagerungszustand.


13.  Dezember.  (Mexiko.)  Gefecht  bei  Cierroprieto  (Chihuahua).


70  Revolutionäre  werden  getötet,  viele  verwundet  und  gefangen.
Die  Regierungstruppen  verloren  150  Mann.

26.  Dezember.  (Chile.)  Der  Nationalkongreß  wählt  Ramon
Barros  Luis  einstimmig  zum  Präsidenten  auf  fünf  Jahre.

26.  Dezember.  (St.  Domingo  und  Haiti.)  Infolge  eines
Grenzstreites  findet  ein  Scharmützel  zwischen  Truppenteilen  beider
Mächte  statt.

29.  Dezember.  (Mexiko.)  Die  Regierungstruppen  entreißen
den  Revolutionären  den  festen  Stützpunkt  Malwpaso.

31.  Dezember.  (Nicaragua.)  Der  Kongreß  in  Managua
wählt  Estrada  einstimmig  für  die  nächsten  zwei  Jahre  zum  Präsidenten.


XXV.
Australien  und  Südsee.

18.  Februar.  Australiens  Wehrtüchtigkeit.

Der  Bericht  Lord  Kitcheners  über  die  militärische  Verteidigung
Australiens  nennt  das  junge  Menschenmaterial,  aus  dem  die  Verteidiger
Australiens  genommen  werden  müssen,  ausgezeichnet,  fügt  aber  hinzu,  daß
die  gegenwärtigen  Truppen  bei  dem  größten  Eifer  nicht  genügen,  um
gründlich  geübten  regulären  Truppen  Widerstand  zu  leisten.  Die  gegenwärtigen
  Streitkräfte  seien  hinsichtlich  ihrer  Zahl,  Organisation  und  Bewaffnung
  nicht  imstande,  Australien  zu  schützen,  zumal  dessen  Eisenbahnen
für  einen  feindlichen  Einfall  günstiger  seien  als  für  die  Verteidigung.  Lord
Kitchener  empfiehlt  eine  Armee  von  80000  Mann  gut  ausgebildeter  Soldaten,
  von  denen  die  Hälfte  Städte  und  Häfen  verteidigen,  die  andere
Hälfte  als  bewegliche  Truppe  verwendet  werden  müßte.  Die  Offiziere
müßten  nur  nach  dem  Grade  ihrer  Tüchtigkeit  ohne  Rücksicht  auf  politische
oder  gesellschaftliche  Erwägungen  ausgewählt  und  befördert  werden.  Schließlich
  empfiehlt  der  Bericht  die  Gründung  eines  australischen  militärischen
Instituts  und  die  Entsendung  der  Kadetten  zu  einer  halbjährigen  Ausbildung
  in  ein  indisches  oder  englisches  Regiment.

13.  April.  Wahlen  zum  Bundesparlament.

Die  Generalwahlen  bringen  der  Arbeiterpartei  den  Sieg  über  die
liberal-konservative  Fusion  unter  Leitung  von  Deakin.  Die  Arbeiter  vermehrten
  ihre  Sitze  im  Abgeordnetenhause  von  31  auf  47;  die  Fusion  sank
von  44  auf  28  herab.  Der  Gegensatz  dreht  sich  weniger  um  auswärtige
        <pb n="665" />
        Instralien  und  HLüdser.  (April  19.  —  August  18.)  657

Fragen  als  um  den  Ausbau  der  Bundeseinrichtungen.  Die  Fusion  will
die  Leitung  des  Commonwealth  den  Konferenzen  der  Premierminister  der

Einzelstaaten  überlassen,  während  die  Arbeiter  ein  parlamentarisches  Regiment
  erstreben.  «  «

19.  April.  Wegen  des  Ausfalls  der  Wahlen  tritt  das  Bundeskabinett
  zurück.

29.  April.  Bildung  des  neuen  Arbeiterministeriums.

Der  Premierminister  Andrew  Fischer  übernimmt  das  Finanzministerium.
  Sonst  werden  Hughes:  Generalanwalt,  Pearce:  Minister  für
Landesverteidigung,  Batchelor:  Minister  des  Auswärtigen,  O'Malley:
Minister  des  Innern,  Tudor:  Minister  für  Handel  und  Zölle,  Thomas:
Generalpostmeister,  Me  Gregor:  Vizepräsident  des  Exekutivrates,  ohne  Portefeuille:
  Fraser  und  Findley.

A.  Juni.  (Melbourne.)  Programm  der  Arbeiterpartei.

Eine  Konferenz  der  Arbeiterpartei,  an  der  sämtliche  Bundesminister
teilnahmen,  hat  sich  nach  siebentägiger  Verhandlung  auf  folgendes  Programm
der  am  1.  Juli  beginnenden  Tagung  des  Bundesparlaments  geeinigt:  Zurückziehung
  der  von  der  letzten  Regierung  beschlossenen  Marincanleihe  in  Höhe
von  3  ½  Millionen  Pfund  Sterling,  Einführung  einer  progressiven  Bodensteuer
  auf  unkultivierte  Ländereien,  Ausgabe  von  Commonwealthbanknoten
mit  25  prozentiger  Goldreserve,  Ausdehnung  der  Alterspension  durch  Herabsetzung
  des  Alters  der  Pensionsberechtigten  auf  60  und  für  Arbeitsunfähige
auf  55  Jahre.  Eine  Revision  des  Zolltarifs  im  Sinne  höherer  Schutzzölle
wurde  auf  nächstes  Jahr  verschoben.

1.  Juli.  (Melbourne.)  Eröffnung  der  ersten  Session  des
neugewählten  Bundesparlaments  durch  den  Generalgouverneur  Earl
of  Dudley.

Er  kündigt  folgende  Vorlagen  an:  das  Finanzabkommen  für  die
Dauer  von  zehn  Jahren  zwischen  der  Bundesregierung  und  den  Einzelstaaten
  auf  der  Grundlage  einer  an  diese  jährlich  zu  leistenden  Zahlung  von
25  Schilling  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung,  Ausgabe  von  Bundeskassenscheinen,
  Einführung  einer  progressiven  Bodensteuer  auf  unkultivierte  Ländereien,
  Zurückziehung  der  Marineanleihe,  Uebertragung  des  Nordterritoriums
  an  das  Commonwealth,  Einführung  eines  gleichförmigen  Posttarifs
für  ganz  Australien,  Abänderung  der  Verfassung,  um  eine  Bundezsgesetzgebung
  gegen  Monopole  auf  den  Gebieten  des  Handels,  der  Industrie  und
der  Schiffahrt  zu  ermöglichen,  Ausdehnung  der  Alterspension  sowie  Beseitigung
  gewisser  Zollanomalien.  Das  Defizit  gegen  die  vom  letzten
Bundesschatzmeister  veranschlagte  Summe  von  1¼  Millionen  Pfund  Sterling
  beträgt  4500000  Pfund  Sterling.

18.  August.  (Bundessenat.)  Das  Landesverteidigungsgesetz
wird  in  zweiter  Lesung  angenommen.

Es  verpflichtet  zur  militärischen  Ausbildung  vom  12.  bis  zum
25.  Lebensjahre,  und  zwar  in  den  ersten  zwei  Jahren  zum  Dienst  als
Juniorkadett  mit  120  Stunden  Dienst  jährlich,  vom  14.  bis  zum  18.  Lebensjahr
  als  Seniorkadett  mit  vier  ganzen  Tagen,  zwölf  halben  Tagen  und
24  Abenden  Jahresdienst,  vom  18.  bis  zum  25.  Jahr  zum  Dienst  in  der
Bürgermiliz,  der  sechzehn  ganze  Tage  jährlich  umfaßt,  von  denen  die  halbe
Zeit  im  fortlaufenden  Lagerverbande  zu  verbringen  ist.

Curopäischer  Geschichtskalender.  I.  I.  42
        <pb n="666" />
        658  Anstralien  und  Sädser.  (Oktober  15.  18.)  Isriks.  (Januar  Anfang.)

Für  die  Marine,  für  die  Artillerie  und  das  Geniekorps  dauert  die
Ausbildung  jährlich  25  Tage,  von  denen  17  Tage  im  Lagerverband  zu

üben  ist.
Das  Gesetz  sieht  ferner  die  Errichtung  von  Unteroffiziers-  und

Offiziersschulen  vor.  Außer  den  Untauglichen  sind  die  Bewohner  spärlich
bevölkerter  Bezirke  vom  Militärdienst  befreit,  ebenso  die  Mitglieder  und
die  Beamten  der  Parlamente,  die  Richter,  Polizei=  und  Gefängnisbeamten,
Aerzte,  Krankenpfleger  und  ähnliche  gemeinnützige  Berufe.

Der  Bundesminister  Pearce  schägt  die  Zahl  der  jährlich  Eintretenden
auf  18000—19000,  so  daß  im  Jahr  1919  ein  Effektivbestand  von  114000
Mann  erreicht  sein  kann.  Die  Kosten  belaufen  sich  auf  2  Millionen  Pfund
jährlich.  Der  Minister  begründet  die  Vorlage  damit,  daß  die  britische
Flotte  im  Stillen  Ozean  jetzt  nur  noch  den  vierten  Rang  einnehme  und
daß  Australien  um  jeden  Preis  das  Verbot  der  Einwanderung  aus  Japan
und  China  durchsetzen  müsse.

15.  Oktober.  (Neusüdwales.)  Bei  den  Wahlen  werden
44  Liberale  und  46  Angehörige  der  Arbeiterpartei  gewählt.

18.  Oktober.  (Karolinen.)  In  einem  Aufstand  werden
auf  Ponape  der  Bezirksamtmann,  Regierungsrat  Boeder,  drei  andere
deutsche  Beamte  und  fünf  eingeborene  Bootsjungen  von  Dschokadschleuten
  ermordet.

Anfang  Dezember  erschien  der  stellvertretende  Gouverneur  mit  Polizeisoldaten,
  um  Ruhe  zu  schaffen.  Am  19.  Dezember  trifft  der  Kreuzer

„Cormoran“  und  bald  darauf  das  Vermessungsschiff  „Planet“  ein,  so  daß
der  Aufruhr  schnell  unterdrückt  wird.

XXVI.
Afrika.

3.  Januar.  (Spanien  in  Marokko.)  Militärische  Maßregeln.

König  Alfons  unterzeichnete  ein  Dekret,  wonach  im  Bezirk  Melilla
und  Guelaya  drei  Kompagnien  Eingeborener  stehen  sollen,  die  eingeborenen
Truppen  in  Cabadeagun,  Restinga  und  Kebdana  beibehalten  werden,  von
spanischen  Offizieren  unter  General  Larrea  befehligt;  auch  die  einheimischen
Freiwilligen  in  Ceuta  werden  reorganisiert.

4.  Januar.  (Marokko.)  Der  Sultan  läßt  durch  seinen  Vertreter
  in  Paris  El  Mokri  aus  dem  Erlös  der  neuen  Anleihe  die
verpfändeten  Kronjuwelen  des  Ersultans  Abdul  Afis  einlösen.

Anfang  Januar.  Französische  Tschadsee-Unternehmung.

Französische  Kolonnen  nehmen  den  Vorstoß  von  Zentral-Afrika  nach
Tripolis  östlich  und  nördlich  vom  Tschadsee  wieder  auf,  um  für  die  Niederlagen
  bei  Biski  nördlich  der  Oase  Bilma  und  bei  Medeli  östlich  vom  Tschadsee
im  November  1909  Rache  zu  nehmen.
        <pb n="667" />
        Afriia.  (Januar  7.  —27.)  659

7.  Januar.  (Marokko.)  Die  internationale  Entschädigungskommission
  in  Casablanca  beendigt  ihre  Arbeiten  durch  Unterzeichnung
  des  Protokolls.

10.  Januar.  Denkschriften  über  die  deutschen  Kolonien  (siehe
Deutschland  10.  Januar).

Ueber  das  deutsch-südwestafrikanische  Diamantengebiet  teilt  das  Reichskolonialamt
  mit,  daß  die  ersten  zwölf  Sendungen  an  die  Diamantenregie
ein  Ergebnis  von  468  933  Karat  mit  einem  Verkaufswert  von  13  893  992  Mark
ergaben.  Die  Preise  schwankten  zwischen  22  und  33  Mark.  Der  Fiskus
hatte  bis  Ende  November  1909  aus  der  Diamantförderung  eine  Einnahme
von  über  4  ½  Millionen  Mark.

25.  Januar.  (Marokko.)  Entschädigungen  für  Casablanca.

Eingereicht  waren  im  ganzen  3506  Entschädigungsforderungen  im
Betrage  von  26  473366  Franken.  Bewilligt  wurden  13069642  Franken.
Auf  deutscher  Seite  wurden  gefordert  2  469  491  Franken,  bewilligt  1  297  502
Franken,  auf  spanischer  Seite  gefordert  4850  193,  bewilligt  2  538  106  Franken;
die  Vereinigten  Staaten  forderten  3781995  und  erhielten  140  525  Franken,
die  Franzosen  forderten  4601  789  Franken  und  erhielten  1  877  854  Franken;
die  Engländer  forderten  2  135039  und  erhielten  1  748  937;  die  Italiener
forderten  901  827  und  erhielten  419  633,  die  Marokkaner  forderten  8  447045
und  erhielten  3  701.082,  die  Portugiesen  forderten  1  302  367  und  erhielten
503  451  Franken.  Für  61  vorliegende  Entschädigungsforderungen  wegen
Besitznahme  von  Grundstücken  durch  die  französischen  und  spanischen  Truppen
wurden  im  ganzen  195710  Franken  bewilligt,  von  denen  53  171  auf
Deutschland,  99  309  auf  Frankreich,  14  990  auf  England  und  10  563  auf
Spanien  entfallen.

27.  Januar.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Rücktritt  des
Gouverneurs  v.  Schuckmann,  dem  die  Bürger  von  Lüderitzbucht  eine
demonstrative  Ovation  gebracht  hatten.

Ende  Januar.  (Abessinien.)  Der  deutschen  übersee-Handelsgesellschaft
  wird  die  Konzession  erteilt,  eine  Automobillinie
  zur  Verbindung  von  Addis  Abeba  mit  Dire  Dhaua  einzurichten.


27.  Januar.  (Casablanca.)  Optimistische  Auffassung  über
die  Lage  der  Deutschen.

Vizekonful  Nains  zeichnet  in  der  Kaisergeburtstagsrede  die  Lage  der
deutschen  Interessen  in  Marokko:  „Die  deutsche  Kolonie  hat  bei  Beginn
der  Okkupation  des  Schauja  fürchten  können,  daß  ihre  Interessen  den  französischen
  Interessen  untergeordnet  würden.  Sie  haben  aber  alle  sehen
können,  meine  Herren,  daß  nichts  davon  eingetroffen  ist.  Im  Gegenteil,
die  Sicherheit,  welche  die  französischen  Truppen  im  Schauja-Gebiet  hergestellt
  haben,  der  Respekt,  den  die  französischen  Zivil-  und  Militärbehörden
den  Eingeborenen  gegenüber  den  Europäern  eingeflößt  haben,  hat  nur  in
nützlicher  Weise  dem  Interesse  der  deutschen  Händler  gedient.  Diese  Konstatierung
  gestattet  uns,  optimistisch  in  die  Zukunft  zu  blicken  und  zu  hoffen,
daß  die  Beziehungen  zwischen  Frankreich  und  Deutschland  immer  freundlichere
  werden,  nicht  allein  im  Schauja-Gebiet,  sondern  auch  noch  in  ganz
Marokko.“  4.
        <pb n="668" />
        660  Ifrika.  (Februar  Mitte—März  Ende.)

Mitte  Februar.  (Abessinien.)  Die  Regierung  der  Kaiserin.

Es  bestätigt  sich,  daß  die  Kaiserin  Taitu  die  vollständige  Alleinherrschaft
  ausübt,  da  das  geistige  Leben  des  Kaisers  erloschen  ist.  Sein
Körperzustand  ist  allerdings  so,  daß  er  noch  längere  Zeit  am  Leben  bleiben
kann.  Die  Gesandten  werden  von  der  Kaiserin  unfreundlich  behandelt.
Dem  deutschen  Arzt  Dr.  Steinkühler  ist  der  Aufenthalt  in  der  Stadt  verboten
  worden.

17.  Februar.  (Marokko.)  In  Paris  wird  eine  Marokkogesellschaft
  für  öffentliche  Arbeiten  mit  2  Millionen  Franken  Kapital
begründet.

Hiervon  entfallen  50  Prozent  auf  die  Franzosen,  30  auf  die  Deutschen
und  20  auf  andere  Nationalitäten.  Der  Verwaltungsrat  der  Gesellschaft,
zu  dessen  Präsidenten  der  ehemalige  Minister  und  Leiter  des  „Credit  foncier
d'Algerie“  Lebon  und  zu  dessen  Vizepräsidenten  Dr.  Lauter  von  der  Frankfurter
  Firma  „Philipp  Holzmann  &amp;amp;  Co."  gewählt  wurden,  besteht  aus
zwölf  Mitgliedern,  sechs  Franzosen,  vier  Deutschen,  einem  Engländer  und
einem  Spanier.

22.  Februar.  (Marokko.)  Durch  die  Bedrohung  mit  einem
Ultimatum  erreicht  Frankreich  die  Ratifikation  seiner  Entschädigungsund
  Anleihevorschläge  durch  den  Sultan  Mulai  Hafid.

5.  März.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Der  Kapitän  des
Bondelstammes,  Johannes  Christian,  f  in  Warmbad.

An  die  Spitze  des  Stammes  treten  sein  Onkel  Jakobus  Christian
und  Abraham  Kaffer.

12.  März.  (Kongostaat.)  Das  Spezialkomitee  für  Katanga
wird  vom  Kolonialrat  zum  1.  September  seiner  weitgehenden  Vorrechte
  beraubt.

Davon  werden  besonders  die  englischen  Kapitalisten  betroffen,  die
in  diesem  erzreichen  Gebiet  von  dem  alten  Kongostaat  Abbaurechte  erhalten
  haben.

21.  März.  (Marokko.)  Das  Abkommen  über  die  Anleihe
wird  in  Paris  vom  auswärtigen  Minister  Pichon  und  von  dem
marokkanischen  Gesandten  unterzeichnet.

22.  März.  (Marokko.)  Agitation  gegen  die  deutsche  Reichsregierung.


Um  zu  beweisen,  daß  die  deutsche  Regierung  und  Presse  gegen
Mannesmann  zusammenstehen,  veröffentlicht  die  „Dépeche  marocaine“  in
Tanger  eine  Uebersetzung  des  vom  Berliner  Auswärtigen  Amtes  veröffentlichten
  Weißbuches  über  die  Mannesmann-Angelegenheit.

27.  März.  (Abessinien.)  Ende  der  Regierung  der  Kaiserin.

Die  Provinzfürsten  zwingen  die  Kaiserin  Taitu,  ihre  politische  Macht
aufzugeben  und  sich  auf  die  Pflege  des  gelähmten  Negus  Menelik  zu  beschränken.
  Die  Nachfolge  des  Thronfolgers  Jassu  wird  allgemein  anerkannt.

Ende  März.  (Britisch-Somaliland.)  In  dem  von  England
  aufgegebenen  Hinterlande  werden  von  den  Leuten  des  Mullah
        <pb n="669" />
        Ifriks.  (April  7.—Juli  17.)  661

mehrere  hundert  Angehörige  der  England  befreundeten  Stämme
getötet  und  ihr  Vieh  geraubt.

7.  April.  (Abessinien.)  Die  Kaiserin  Taitu  sucht  vergeblich
den  Schutz  der  fremden  Gesandtschaften  nach  und  verletzt  dadurch
das  Nationalgefühl  der  Abesfinier.

10.  Mai.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Vertrag  zwischen
dem  Reichskolonialamt  und  der  deutschen  Kolonialgesellschaft.  (Siehe
Deutschland  10.  Mai.)

12.  Mai.  (Algerien.)  Als  Besatzung  von  Südoran  werden
800  Senegalschützen  mit  400  Weibern  und  100  Kindern  zu  Schiff
nach  Mers-el-Kebir  transportiert.

25.  Mai.  (Marokko.)  Der  Sultan  erklärt  in  einem  Schreiben
an  den  Doyen  des  diplomatischen  Korps,  daß  er  aus  eigenem  Antriebe
  beschlossen  habe,  die  Leibesstrafe  aufzuheben.

Ende  Mai.  Die  Franzosen  im  Südosten  von  Marokko.

Oberst  Alix,  der  am  15.  Mai  mit  2000  Mann  Matarka,  die  Hauptstadt
  der  marokkanischen  Provinz  Ed  Dahra,  besetzt  hatte,  unternimmt
Vorstöße  nach  Debdu  im  Norden  und  Annal  im  Süden,  so  daß  die  Linie
von  Udschda  nach  dem  schon  im  Dezember  1908  genommenen,  aber  wieder
aufgegebenen  Bu  Denib  militärisch  besetzt  ist.

31.  Mai.  (Kapland.)  Proklamierung  der  Union  von  Südafrika.

Der  Generalgouverneur  Lord  Gladstone  und  die  Mitglieder  des
Kabinetts  werden  in  Pretoria  vereidigt.  Die  Bestallung  des  Generalgouverneurs
  wird  in  englischer  und  holländischer  Sprache  verlesen.  Der
ehemalige  Zuluhäuptling  Dinizulu,  der  1908  wegen  Beschützung  aufständischer
  Neger  zu  vier  Jahren  Gefängnis  verurteilt  worden  war,  erhält
die  Freiheit  und  ein  Jahresgehalt  von  500  Pfund  Sterling.

5.  Juli.  (Marokko.)  In  Tanger  beginnt  die  marokkanische
Staatsbank  mit  der  Bezahlung  der  Gläubiger,  darunter  auch  der
deutschen  Firma  Renschhausen,  die  den  Hafen  gebaut  hat.

9.  Juli.  (Abessinien.)  Unruhen.

Da  in  Tigri  zwischen  Ras  Micael,  dem  Vater  des  Kronprinzen,
und  Ras  Wolje,  dem  Bruder  der  Kaiserin  Taitu,  Streitigkeiten  ausbrachen,
sandte  der  Reichsverweser  Ras  Tassama  15000  Soldaten  unter  Führung
Bitodat  Lullsagads  und  Wolde  Gabriels  dahin,  um  die  Streitigkeiten  beizulegen
und  eventuell  den  sich  Widersetzenden  in  Ketten  gelegt  zu  ihm  zu  bringen.

11.—15.  Juli.  (Marokko.)  Unter  heftigen  Kämpfen  dringen

die  Franzosen  in  das  Gebiet  der  Beduinenstämme  um  Taurirt  ein.

Nach  den  amtlichen  Meldungen  sind  11  Mann  getötet  und  43
verwundet.

17.  Juli.  (Marokko.)  Bei  einem  Zusammenstoß  spanischer
Reiter  mit  den  Beni  bu  Yahi  und  den  Ben  Said  verlieren  die
Spanier  30  Tote,  die  Marokkaner  mehr  als  das  Doppelte.
        <pb n="670" />
        662  Ifribs.  (Juli  27.—Oktober  Ende.)

27.  Juli.  (Marokko.)  Der  franzosenfreundliche  Finanzminister
  Mokri  wird  zum  auswärtigen  Minister  ernannt.

21.  August.  (Abessinien.)  Am  Geburtstag  des  Negus  findet
eine  Defiliercour  des  diplomatischen  Korps  und  der  höchsten  Beamten
  vor  dem  Thronfolger  statt.

30.  August.  (Deutsch-Südwestafrika.)  An  die  Stelle  des
in  den  Ruhestand  getretenen  Gouverneurs  v.  Schuckmann  tritt
Dr.  Seitz,  bisher  Gouverneur  von  Kamerun.

30.  August.  (Kamerun.)  Der  Geh.  Oberregierungsrat  im
Reichskolonialamt  Dr.  Gleim  wird  zum  Gouverneur  ernannt.

3.  September.  (Abessinien.)  Negus  Menelik  erleidet  einen
neuen  Schlaganfall.

12.  September.  (Abessinien.)  Der  Negus  Menelik  empfängt
die  Würdenträger  zum  Neujahrstage.

15.  September.  (Marokko.)  Rückgang  des  deutschen  Handels.

Die  Jahresübersichten  des  Handels  von  Bremen  und  Hamburg  ergeben,
  daß  der  deutsche  Marokkohandel  im  Jahre  1909  gegen  das  Vorjahr
noch  stärker  abgenommen  hat  als  1907.  Er  beträgt  in  Ein=  und  Ausfuhr
etwas  über  13¾  Millionen  Mark.

15.  September.  (Südafrikanische  Union.)  Wahlen  zum

ersten  Parlament.

Von  den  121  Sitzen  erobern  die  Nationalisten  (Afrikander  des  Kaplandes,
  Buren  des  Oranjestaates  und  Anhänger  Bothas  im  Transval)  67,
die  Arbeiterpartei  4,  Unionisten  (unter  Dr.  Jameson)  37.  13  der  Gewählten
bezeichnen  sich  als  unabhängig.

30.  September.  (Marokko.)  Schädigung  deutscher  Interessen.

Verschiedene  deutsche  Firmen  erbitten  Abhilfe  von  der  deutschen  Regierung
  gegen  den  Schaden,  den  ihnen  die  französischen  Behörden  in  Casablanca
  durch  den  Erlaß  zufügen,  daß  kein  Eingeborener  im  Schauja-Gebiet
fernerhin  Grundbesitz  verkaufen  darf,  ohne  die  betreffenden  Papiere  vorher
den  französischen  Behörden  vorzulegen.

4.  Oktober.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Die  Transkay-Kaffern,
  die  beim  Umbau  der  Bahnstrecke  Karibib-Windhuk  beschäftigt
sind,  revoltieren.

Durch  militärische  Hilfe  wird  die  Ruhe  hergestellt,  nachdem  zwölf
Eingeborene  getötet  und  zehn  verwundet  waren.

26.  Oktober.  (Marokko.)  Der  Exsultan  Abdul  Asis  erscheint
in  Gibraltar  und  fährt  über  Sevilla  nach  Lissabon.

Ende  Oktober.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Der  englische
Konsul  in  Lüderitzbucht  begibt  sich  in  das  Gebiet  der  Eisenbahnarbeiterrevolte
  (siehe  4.  Oktober),  damit  der  englische  Staatssekretär
ein  Schreiben  der  Gesellschaft  zum  Schutz  der  Eingeborenen  wahrheitsgemäß
  beantworten  kann.
        <pb n="671" />
        Iftriks.  (November  1.—Dezember  6.)  663

1.  November.  (Südafrikanische  Union.)  Der  Senat  wählt
den  ehemaligen  Präsidenten  des  Oranje-Freistaates  Reitz  zu  seinem
Präsidenten.

1.  November.  (Südafrikanische  Union.)  Imnperialistische
  Idee.

Auf  dem  Festbankett  im  Parlamentsgebäude  weist  Dr.  Jameson  auf
die  Möglichkeit  hin,  die  Krisis  in  Großbritannien  durch  Verleihung  von
Homerule  an  Schottland  und  Irland  beizulegen.  Nach  der  dadurch  erreichten
  inneren  Konsolidation  könne  sich  Großbritannien  mit  den  vier
Schwesterstaaten  Kanada,  Australien,  Neuseeland  und  Südafrika  zu  einer
weiteren  Union  verbinden.

4.  November.  (Deutsch-Ostafrika.)  Wegen  Beleidigung
des  Gouverneurs  Frhrn.  v.  Rechenberg  und  des  Regierungsrats
Frhrn.  v.  Wächter  durch  die  „Deutsch-Ostafrikan.  Ztg.“  werden  Redakteur
  v.  Roy  und  Verleger  Klein  zu  4  bezw.  5  Monaten  Gefängnis
verurteilt.  (Siehe  6.  Dezember.)

4.  November.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Der  Landesfiskus
erhält  durch  kaiserliche  Verordnung  das  ausschließliche  Recht  auf
Diamantensuche  im  Meeresgrunde.

7.  November.  (Abessinien.)  Der  Bruder  der  Kaiserin  Ras
Wolje  hält,  nachdem  er  der  Regierung  Treue  gelobt  hat,  seinen
Einzug  in  die  Hauptstadt  Adis  Abeba.

9.  November.  (Sultanat  Wadai.)  Eine  1600  Mann  starke
französische  Hilfskolonne,  die  unter  Oberstleutnant  Moll  von  Abescher
nach  dem  Wadaigebiet  geführt  werden  sollte,  wird  im  Massalitgebiet
bei  Trigele  überfallen.

Die  Verluste  an  Toten,  Verwundeten  und  Vermißten  sind  3  Offiziere,

8  Unteroffiziere  und  109  algerische  Schützen.  Zu  den  Gefallenen  gehört
auch  Oberstleutnant  Moll.

Ende  November.  (Deutsch-Ostafrika.)  Für  die  Festsetzung
der  deutsch-englisch-belgischen  Grenze  im  Gebiet  des  Kiwusees  wird
eine  gemeinsame  Kommission  eingesetzt.

Die  Kosten  der  deutschen  Mitglieder  werden  auf  109  500  Mark
veranschlagt.

3.  Dezember.  (Marokko.)  Der  Hafen  Agadir  in  Süd-Marokko
  wird  von  den  Franzosen  besetzt.  (Siehe  Deutsches  Reich
6.  Dezember.)

6.  Dezember.  (Deutsch-Ostafrika.)  Als  Berufungsinstanz
verwandelt  das  kaiserliche  Obergericht  in  Dar-es-Salam  das  Urteil
gegen  den  Redakteur  v.  Roy  zu  6  Monaten  und  1  Woche  Gefängnis
und  gegen  den  Verleger  Klein  zu  4  Wochen  Haft  und  100  Mark
Geldstrafe.  (Siehe  4.  November.)
        <pb n="672" />
        664  Ifrika.  (Dezember  14.—Ende.)  Isten.  (Januar  2.—14.)

14.  Dezember.  (Deutsch-Ostafrika.)  Die  verurteilten  Redakteur
  v.  Roy  und  Buchdruckereibesitzer  Klein  in  Dar-es-Salam
werden  aus  dem  Schutzgebiet  ausgewiesen.

16.  Dezember.  (Kamerun.)  Major  Dominik,  Kommandierender
  der  Kaiserlichen  Schutztruppe,  ##  auf  der  Heimreise  an  Bord
des  Dampfers  „Eleonore  Woermann“,  40  Jahre  alt.

28.  Dezember.  (Marokko.)  Die  Abschätzungskommission  zur
Regelung  der  deutschen  Ansprüche  beendet  ihre  mehrmonatigen  Arbeiten.

Ende  Dezember.  (Abessinien.)  über  Dschibuti  werden  aus
Japan  60000  Flinten  und  6  Millionen  Patronen,  ein  Teil  der
Kriegsbeute  aus  dem  russisch-japanischen  Kriege,  nach  Abessinien
eingeführt.

——  —–  —  —

XXVII.
Asien.

2.  Januar.  (China.)  Die  chinesische  Regierung  lehnt  durch
eine  Note  an  den  portugiesischen  Gesandten  das  beantragte  Schiedsgericht
  über  die  Abgrenzung  Macaos  ab.

5.  Januar.  (Tonkin.)  150  Deserteure  chinesischer  regulärer
  Truppen,  die  sich  nach  Lao-Kay  auf  französisches  Gebiet  geflüchtet
  hatten,  konnten  nur  nach  heftigem  Kampfe  entwaffnet  werden.

Ein  französischer  Hauptmann  wurde  getötet,  ein  Leutnant,  ein  Unteroffizier
  und  zwei  Mann  verwundet.

5.—8.  Januar.  (Persien.)  Erfolg  der  Aufständischen.

Die  Expedition  von  Regierungstruppen  unter  Ephrem  wird  in  Ahar
von  Rahim  Khan  mit  Umzingelung  bedroht,  obwohl  sie  in  zwei  Ausfallsgefechten
  siegte.  Dabei  wurde  am  8.  Ephrem  selbst  und  der  deutsche
Instrukteur  Haase  leicht  verwundet.

6.  Januar.  (Britisch-Indien.)  In  Puna  (Provinz  Dekkan)
werden  drei  Brahminen,  Beamte  im  Departement  für  öffentliche
Arbeiten,  wegen  Teilnahme  an  der  Verschwörung  zur  Ermordung
des  Richters  Jackson  verhaftet.

6.  Januar.  (China.)  Die  Zolleinnahmen  für  1909  weisen
trotz  des  Ausfalles  der  Opiumzölle  einen  Gesamtbetrag  von  35½
Millionen  Taels,  den  höchsten  mit  Ausnahme  von  1906,  auf.

14.  Januar.  (Britisch-Indien.)  Das  Aufstandsgesetz  wird
auf  ganz  Indien  ausgedehnt.

#  Die  revolutionäre  Agitation  der  Brahminen  konzentriert  sich  aber
in  Bombay  und  im  Gebiet  der  Maharatten.
        <pb n="673" />
        Isien.  (Januar  21.—27.)  665

21.  Januar.  (Japan.)  Gegen  den  Vorschlag  des  Staatssekretärs
  Knox.  (Siehe  Vereinigte  Staaten  6.  Januar.)

Die  japanische  Regierung  erklärt  ihre  Weigerung,  die  von  Amerika
vorgeschlagene  Neutralisation  der  mandschurischen  Bahnen  anzunehmen,
besonders  weil  sie  weder  für  Japan  noch  für  China  einen  Vorteil  bedeuten
und  die  kommerzielle  Lage  in  der  Mandschurei  nicht  ändern  würde,  wo
Japan  an  seinen  Versprechungen  betreffend  die  offene  Tür  und  die  gleiche
Gelegenheit  für  den  Handel  aller  Mächte  streng  festhalte.

21.  Januar.  (China.)  Amerikanische  Bahnbaupläne  in  der
Mandschurei.

Ein  kaiserliches  Edikt  wurde  veröffentlicht,  das  die  formelle  Genehmigung
  des  Thrones  zu  dem  Abkommen  betreffend  die  amerikanische  Anleihe
  für  den  Bau  der  Eisenbahn  von  Tschin-Tschou-Fu  über  Zizikar  nach
Aigun  enthält.  In  dem  Abkommen  wird  die  Höhe  der  Anleihe  mit
50  Millionen  Dollars  angegeben.  Die  Bauausführung  soll  an  die  englische
Firma  Paullings  vergeben  werden.  Amerika  wird  einen  großen  Teil  der
Ingenieure  stellen  und  die  Hälfte  des  Materials,  das  im  Auslande  gekauft
wird,  liefern.  Das  Abkommen  sieht  schließlich  vor,  daß  andere  Nationen
einen  kleinen  Anteil  an  der  Anleihe  erhalten  dürfen.

22.  Januar.  (Japan.)  Durch  kaiserliches  Edikt  erhält  die
südmandschurische  Eisenbahngesellschaft,  deren  eingezahltes  Kapital
125  Millionen  Yen  beträgt,  die  Ermächtigung,  eine  Anleihe  von
200  Millionen  Yen  (420  Millionen  Mark)  aufzunehmen.

Mitte  Januar.  (Buchara.)  Religiöse  Fehden.

Wegen  blutiger  Zusammenstöße  zwischen  den  Sunniten  und  den
Schiitten  entsendet  die  russische  Regierung  Truppen  nach  Neu-Buchara.
Nach  Angabe  der  Flüchtigen  sind  100  Personen  getötet  worden.

24.  Januar.  (Britisch-Indien.)  Anarchistisches  Attentat.

In  Kalkutta  tötete  ein  junger  Bengale  während  der  Verhandlungen
gegen  die  Verschwörer  von  Alipur  den  Polizeibeamten  Shams  ul  Alum,
den  Hauptdetektiv  gegen  die  Anarchisten,  durch  einen  Pistolenschuß  und
entkam  durch  die  Flucht,  wurde  aber  später  verhaftet  und  am  21.  Februar
in  Kalkutta  gehängt.

2.  Januar.  (Kiautschou-Pachtgebiet.)  Die  Denkschrift
über  die  Entwicklung  des  Kiautschougebiets  konstatiert  für  1909  eine
entschiedene  Besserung.

Der  Gesamtwert  des  Handels  ist  von  49  7/16  auf  65  Millionen
Dollars,  also  um  36.80%  gestiegen.  Die  Ausfuhr  hob  sich  von  181½  auf
26  1½  Millionen  Dollars.  Durch  die  eigenen  Einnahmen  (2  ½  Millionen
Mark)  werden  die  dauernden  Ausgaben  der  Zivilverwaltung  bereits  gedeckt.
An  der  deutsch-chinesischen  Hochschule  studieren  110  Schüler.

27.  Januar.  (Persien.)  Mufaher  es  Saltaneh,  Kammerherr
des  früheren  Schahs,  wird  wegen  Hochverrats  öffentlich  hingerichtet.

27.  Januar.  (Japan.)  Auswärtige  Politik.

Der  Minister  des  Aeußern,  Graf  Komura,  führte  in  einer  Rede  der
Kammer  aus,  die  Beziehungen  Japans  zum  Auslande  ließen  nichts
        <pb n="674" />
        666  Asien.  (Januar  29.—31.)

zu  wünschen  übrig.  Was  Rußland  angehe,  sei  hier  entgegen  den  verbreiteten
  ungünstigen  Gerüchten  eine  Besserung  der  Beziehungen  und  eine
Festigung  der  Freundschaft  zwischen  den  beiden  Ländern  zu  konstatieren.
Beide  Staaten  hätten  das  Bestreben  nach  bestem  Einvernehmen  bekundet
und  würden  es  weiterhin  bekunden.  Der  Vorschlag  Amerikas  sei  abgelehnt
  worden,  da  er  den  Verträgen  widerspräche  und  unter  den  gegenwärtigen
  Verhältnissen  die  Interessen  Japans  in  der  Mandschurei  gefährden
würde.  Die  Freundschaft  Japans  mit  den  Vereinigten  Staaten  werde  auch
ferner  auf  dauerhafter  Grundlage  fest  bestehen  bleiben.  Die  schwebenden
Differenzen  mit  China  seien  gütlich  beigelegt  worden.  In  Uebereinstimmung
  mit  der  Politik  der  offenen  Tür  hätte  Japan  beschlossen,  Port
Arthur  zu  öffnen,  um  zur  Erschließung  der  Mandschurei  beizutragen
und  den  Handel  mit  allen  Nationen  zu  erleichtern.  Er  hoffe  zuversichtlich,
daß  diese  Politik  die  Anerkennung  der  Mächte  finden  und  Amerika  wie  die
anderen  Mächte  die  Billigkeit  der  Ablehnung  der  amerikanischen  Vorschläge
durch  Japan  zugestehen  würden.

Ueber  Deutschland  enthält  die  Rede  den  Passus:

Deutschland  fährt  fort,  eine  gerechte  und  freundschaftliche  Haltung
gegenüber  Japan  zu  beobachten  und  die  kaiserliche  (japanische)  Regierung
kann  mit  hoher  Befriedigung  feststellen,  daß  die  Politik  Deutschlands  im
fernen  Osten  in  keiner  Weise  zu  der  Politik  Japans  im  Gegensatz  steht.

29.  Januar.  (Persien.)  Englische  Intervention.

Eine  bei  Tschask  gelandete  englische  Truppenabteilung  marschierte
sieben  Stunden  ins  Innere  bis  zu  dem  Dorfe  Lascar  am  Flusse  Dschagin
und  konfiszierte  das  dort  gefundene  Waffenlager  von  760  Gewehren  und
anderem  Kriegsmaterial.  Dabei  wurden  drei  Afghanen  getötet.

29.  Januar.  (Persien.)  Antirussische  Gefühle.

Auf  gemeinsame  Verabredung  verweigerten  28  persische  Offiziere  der
Kosakenbrigade  den  Dienst,  solange  die  Brigade  unter  russischem  Kommando
stehe.  Der  russische  Oberst  suspendierte  sie  darauf  vom  Dienst  und  stieß
vier  von  der  Brigade  aus.  Diese  mußten  auf  Befehl  des  Kriegsministers
wieder  eingestellt  werden.

30.  Januar.  (Britisch-Indien.)  Loyale  Mohammedaner.

Die  Jahresversammlung  der  indischen  Mohammedaner-Liga  in  Delhi
nimmt  auf  Antrag  des  Präsidenten  Aga  Khan  eine  Resolution  an,  die  der
Regierung  den  Dank  für  die  durchgeführten  Reformen  und  zugleich  den
Abscheu  der  Liga  vor  allen  anarchistischen  Bestrebungen  ausspricht.

30.  Januar.  (China.)  Ein  kaiserlicher  Erlaß  schlägt  die
Bitte  der  Provinzial-Landtage,  das  Parlament  vor  der  festgesetzten
Frist  einzuberufen,  mit  der  Begründung  ab,  daß  die  Bevölkerung
noch  nicht  genügend  vorbereitet  sei.  (Siehe  9.  Mai.)

30.  Januar.  (Persien.)  Russisch-englische  Einwirkung.

Auf  den  Protest  der  russischen  und  englischen  Gesandten  gegen  die
barbarische  Hinrichtung  Mufaher  es  Saltanehs  ließ  die  Regierung  die  an
der  Hinrichtung  Schuldigen  ins  Gefängnis  werfen  und  durch  den  auswärtigen
  Minister  auf  der  russischen  Gesandtschaft  ihr  Bedauern  aussprechen.

31.  Januar.  (Japan.)  Die  Regierung  beschließt  die  Ausgabe
  einer  vierprozentigen  inneren  Anleihe  im  Betrage  von  100
Millionen  Jen  (210  Millonen  Mark)  zur  Tilgung  der  fünf-
        <pb n="675" />
        Asien.  (Januar  31.  —  Februar  8.)  667

prozentigen  Obligationen  in  demselben  Betrage.  Der  Kurs  ist
95  Prozent.

31.  Januar.  (Persien.)  Innere  Wirren.

Der  Chef  des  Kaschgaistammes  Sol  ed  Dauleh  hat  die  Straße  von
Ispahan  nach  Schiras  gesperrt  und  dadurch  den  Verkehr  auf  dieser  Straße
vollständig  lahmgelegt.  Er  verlangt  von  der  Regierung  Erweiterung  seiner
Befugnisse.  —  Ein  zweiter  Sendbote,  den  der  in  Odessa  in  der  Verbannung
lebende  frühere  Schah  nach  Persien  geschickt  hatte,  ist  mit  sechs  anderen
bloßgestellten  Personen  als  Unruhestifter  verhaftet  worden.  (Der  erste
Sendbote  des  früheren  Schahs  ist  in  Teheran  hingerichtet  worden.)

1.  Februar.  (Japan.)  Wirtschaftliche  Lage.

Der  auswärtige  Handel  für  1909  ergibt  eine  Ausfuhr  von  412  ½
und  eine  Einfuhr  von  392⅜⅞  Millionen  MYen,  also  einen  Ueberschuß  der
Ausfuhr  um  fast  191/  Millionen  YVen.  Eine  so  günstige  Handelsbilanz
hat  Japan  noch  niemals  aufgewiesen.

1.  Februar.  (Siam.)  Der  König  bringt  auf  den  Herzogregenten
  von  Braunschweig,  der  als  erster  unter  allen  regierenden
Fürsten  dem  Lande  Siam  und  einem  alten  guten  Freunde  einen
Besuch  abstatte,  einen  Trinkspruch  aus.

2.  Februar.  (YMandschurei.)  Gegen  das  Verbot  der  Kornausfuhr
  aus  den  Provinzen  Kirin  und  Heilungkiang  erhoben  die
fremden  Kaufleute  und  Konsuln  einen  Protest.

4.  Februar.  (Persien.)  Flucht  eines  Rebellenführers.

Rakhim  Khan  flüchtet  sich  mit  seiner  Familie  und  den  Resten  seiner
Reiterei  auf  russisches  Gebiet.  Er  erhält  die  Erlaubnis  in  Jekaterinodar
im  Kubangebiete  Aufenthalt  zu  nehmen.

5.  Februar.  (China.)  Bericht  der  Marinestudienkommission.

Bei  einem  Besuche  beim  Prinzen  Tsching  sprach  sie  sich  dahin  aus,
daß  Deutschland  die  besten  Kriegsschiffe  baue  und  das  beste  Kriegsmaterial
  herstelle.

5.  Februar.  (Persien.)  Amnestie.

Die  Regierung  begnadigt  die  abgefallenen  Anhänger  Rakhim  Khans.
Damit  ist  der  Aharfeldzug  beendet.

7.  Februar.  (Persien.)  Nativistische  Haltung  des  Parlaments.


Der  Minister  des  Auswärtigen  Allah  es  Saltaneh  erhält  seinen
Abschied  infolge  eines  Mißtrauensvotums  des  Parlaments  wegen  seiner
matten  Auskunft  auf  die  Frage,  aus  welchen  Gründen  das  Verweilen  der
russischen  Truppen  in  Persien  fortdauere  und  welche  Maßregeln  seitens
des  Ministers  des  Aeußern  zu  ihrer  schleunigen  Entfernung  getroffen  seien.

8.  Februar.  (Britisch-Indien.)  Zur  Unterdrückung  der
Agitation.

Der  gesetzgebende  Rat  hat  nach  siebenstündiger  Sitzung  das  Preßgesetz
  angenommen,  wonach  die  Bezirksregierungen  gefährliche  Zeitungen
ohne  gerichtliches  Verfahren  unterdrücken  können.  Vizekönig  Earl  of  Minto
macht  darauf  die  Freilassung  einer  Anzahl  politischer  Gefangener  bekannt.
        <pb n="676" />
        668  Asien.  (Februar  9.  —  25.)

9.  Februar.  (China.)  Ein  kaiserliches  Edikt  verfügt  die
Trennung  der  Justiz  von  der  Verwaltung  und  die  Einteilung  des
Landes  in  Gerichtssprengel.

11.  Februar.  (Persien.)  Russische  Okkupationsfrage.

Die  russische  Gesandtschaft  erklärt  in  einer  Verbalnote,  sie  beabsichtige
nicht,  sich  in  eine  Erörterung  der  Frage  des  Verbleibens  der  russischen
Truppen  in  Persien  einzulassen.

13.  Februar.  (Persien.)  Beunruhigung  türkischen  Gebiets.

An  der  türkischen  Grenze  bei  Bassora  überfallen  die  persischen  Stämme
Seunt  und  Schaghir  das  Gebiet  der  Binelam,  werden  aber  mit  Verlust
von  100  Toten  zurückgeworfen.  Die  türkische  Regierung  beschwert  sich  bei
der  persischen  über  Grenzverletzung.

13.—15.  Februar.  (China.)  Soldatenrevolte.

In  Kanton  verweigerten  6000  von  ausländischen  Instrukteuren  nach
europäischer  Art  ausgebildete  Soldaten  den  Gehorsam  und  plünderten  die
Stadt.  Durch  treugebliebene  Soldaten  werden  im  Straßenkampf  500
Meuterer  getötet.

15.  Februar.  (Korea.)  Verschwörung.

Bei  der  Untersuchung  gegen  den  Mörder  des  Premierministers  VYi
(22.  September  1909)  kommt  man  einer  Verschwörung  auf  die  Spur,
sämtliche  Minister  und  führenden  Japaner  umzubringen.  Fünfzehn  Koreaner
werden  deshalb  verhaftet.

15.  Februar.  (Japan.)  Die  Revision  der  Handelsverträge.

Der  Minister  des  Auswärtigen  Graf  Komura  erklärte  in  der
parlamentarischen  Tarifkommission,  Japan  wolle  neue  Verträge  tunlichst
bis  zum  Ablauf  der  bestehenden  Verträge  vereinbaren  oder  einen  modus
vivendi  suchen.  Ein  besonderes  Zollabkommen  zwischen  Japan  und  Korea
sei  wegen  der  Meistbegünstigungsklausel  anderer  Mächte  jetzt  unmöglich.
Abhilfe  werde  bei  der  Vertragsrevision  geschaffen  werden.  Für  einen
Tarifvertrag  kämen  nur  eine  oder  zwei  europäische  Festlandsmächte  in
Betracht,  da  England  und  Belgien  als  Freihandelsmächte  wegfallen  und
die  amerikanische  Regierung  zum  Abschluß  von  Taifverträgen  gesetzlich  nicht
ermächtigt  sei.  Japan  sei  jetzt  außerstande,  die  Spekulationseinfuhr  vor
dem  Eintritt  der  Zollerhöhungen  zu  verhindern,  und  werde  sich  bei  der
Vertragsrevision  dieses  Recht  sichern.

16.  Februar.  (China.)  Eisenbahnfragen.

Die  japanische  Regierung  hat  die  chinesische  davon  in  Kenntnis  gesetzt,
  daß  sie  gegen  den  Bau  der  Eisenbahn  von  ITschintschu  nach
Aigun  nichts  ein  zuwenden  habe,  falls  Japan  am  Bau,  an  der  Finanzierung

und  der  Materiallieferung  für  die  Bahn  beteiligt  werde  und  das  Recht
erhalte,  japanische  Ingenieure  für  den  Bahnbau  zu  ernennen.

17.—25.  Februar.  (China  und  Tibet.)  Wegen  des  Vorrückens
  einer  chinesischen  Besatzungsarmee  nach  Lhassa  flieht  der
Dalai-Lama  nach  Indien.

Die  chinesische  Regierung  erklärt  ihn  für  abgesetzt  und  befiehlt  die
Wahl  eines  Nachfolgers.
        <pb n="677" />
        Asien.  (Februar  28.  —März  17.)  669

28.  Februar.  (Persien.)  Parlament  und  Minister.

Ministerpräsident  Sepehdar  und  der  Minister  des  Innern  Serdar
Assadzid  sind  in  Anbetracht  der  unentwirrbaren  Lage  zurückgetreten;  das
Parlament  versucht,  sie  zum  Bleiben  zu  bewegen.

1.  März.  (Japan.)  In  Tschinhai  (Südkorea)  wird  mit  dem
Ausbau  eines  befestigten  Kriegshafens  begonnen,  der  als  Ersatz  für
Port  Arthur  dienen  soll.

2.  März.  (China.)  Rußland  für  den  Dalai-Lama.

Der  russische  Gesandte  erklärte  im  Waiwupu,  die  russische  Regierung
könne  sich  nicht  teilnahmslos  dazu  verhalten,  daß  der  Dalai-Lama,  das
geistliche  Oberhaupt  zahlreicher  russischer  Buddhisten,  abgesetzt  worden  sei.
Die  chinesischen  Minister  erwiderten,  die  erwähnte  Maßregel  werde  die
innere  Ordnung  Tibeis  und  die  Lama-Religion  nicht  berühren.

2.  März.  (Persien.)  Kaukasische  Fidais  dringen  bewaffnet
ins  Parlament  ein  und  fordern  Auszahlung  des  Soldes.

7.  März.  (Persien.)  Der  Ministerrat  lehnt  die  englischrussische
  Vorschußanleihe  ab  und  beschließt  eine  innere  Anleihe  von
1  Million  Tomans.

10.  März.  (China.)  Aufhebung  der  eklaverei.

Die  Vorlage  des  Komitees  zur  Ausarbeitung  konstitutioneller  Gesetze
über  die  Abschaffung  der  Sklaverei  ist  von  der  Regierung  genehmigt  worden.
Von  nun  an  ist  der  Verkauf  wie  der  Kauf  von  Menschen  bei  strenger
Strafe  verboten.

11.  März.  (Persien.)  Täbris.

In  einer  bei  Sattar  Khan  abgehaltenen  Beratung,  an  der  auch
kankasische  Fidai  teilnahmen,  wurde  beschlossen,  die  Bazare  gewaltsam  zu
schließen,  um  den  russischen  Truppen  die  Möglichkeit  zu  rauben,  Lebensmittel
  zu  erhalten,  und  dadurch  den  Abmarsch  zu  erzwingen.

11.  März.  (Niederländisch-Indien.)  In  Atchin  (Sumatra)
wird  die  Militärverwaltung  durch  eine  Zivilverwaltung  ersetzt.

13.  Märgz.  (Britisch-Indien.)  Der  Dalai-Lama  trifft  in
Kalkutta  ein  und  tauscht  mit  dem  Vizekönig  Besuche  aus.

13.  März.  Bildung  der  neuen  Partei  Kokuminto  (Nationalisten).

Mitte  März.  (China.)  Chinesische  Kolonisationspläne.

Eine  neubegründete  Gesellschaft  zur  Kolonisierung  der  Reichsgrenzländer
  beschließt,  noch  in  diesem  Jahre  210000  Familien  von  Reservesoldaten
  in  Gebieten  an  der  russischen  Grenze  anzusiedeln.  Jede  Ansiedlerfamilie
  bekommt  eine  Landparzelle  und  Inventar.  Die  Kaufmannschaft
Kantons  spendete  zu  diesem  Zwecke  neun  Millionen  Yen.

17.  März.  (China.)  Wechsel  im  Kriegsministerium.

Ein  Edikt  verabschiedet  den  Präsidenten  des  Kriegsministeriums
Tiehliang  wegen  Krankheit;  zu  seinem  Nachfolger  ist  der  Gesandte  in  Berlin
Nintschang  ausersehen.

17.  März.  (Persien.)  Streik  der  Beamten  als  patriotische

Demonstration.
        <pb n="678" />
        670  Asien.  (März  18.  —  April  15.)

Das  Auswärtige  Amt  ist  geschlossen,  da  sämtliche  Beamte
streiken.  Der  „Iraneno“  veröffentlicht  einen  Aufruf,  in  dem  gefordert
wird,  das  Volk  solle  die  sonst  zum  21.  März,  dem  Neujahrsfest,  üblichen
Feiern  unterlassen,  als  Protest  und  Zeichen  der  Trauer  über  die  Anwesenheit
  fremder  Truppen  auf  dem  geheiligten  Boden  des  Vaterlandes.
  Das  sonst  für  das  Fest  ausgegebene  Geld  ist  der  demnächst  sich
eröffnenden  Nationalkasse  zu  überweisen.

18.  März.  (Japan.)  Landerwerb  durch  Fremde.

Das  Unterhaus  hat  das  Gesetz  betreffend  den  Landerwerb  durch
Ausländer  angenommen,  nach  dem  nur  Angehörige  solcher  Staaten  in  Japan
Länder  erwerben  können,  die  den  Japanern  gleichfalls  den  Landerwerb  gestatten.

21.  März.  (China.)  Liang  Tscheng  wird  zum  chinesischen
Gesandten  in  Berlin  ernannt.

23.  März.  (Britisch-Indien.)  Religiöse  Unruhen.

In  Peschawar  kommt  es  infolge  des  Zusammentreffens  eines
Hindufestes  mit  dem  Geburtstag  des  Propheten  zu  einem  Zusammenstoß

zwischen  Hindus  und  Mohammedanern.  Drei  Mohammedaner  und  vier  Hindus
wurden  getötet  und  auf  beiden  Seiten  etwa  vierzig  Personen  verwundet.

24.  März.  (Japan.)  Schluß  der  Parlamentstagung.  Zolltarif.

Der  Zolltarif  ist  in  der  vom  Unterhause  beschlossenen  Fassung  endgültig
  angenommen  worden.  Abweichend  von  diesen  Beschlüssen  bleiben
nur  Chlorkali  und  ätherische  Oele  zollfrei.

31.  März.  (Japan.)  Der  Minister  des  kaiserlichen  Haushaltes
  Iwakura  f.  Sein  Nachfolger  ist  Vicomte  Watanabe.

Ende  März.  (China.)  Opiumbekämpfung.

In  der  Provinz  Shansi  werden  bei  einem  Kampfe  zwischen  Soldaten
  und  Opiumpflanzern,  die  das  Verbot  der  Opiumkultur  nicht  befolgen,
  sechzig  Menschen  getötet  und  viele  verwundet.  In  der  Provinz

Yünnan  wurden  einigen  Bauern,  die  trotz  wiederholten  Verbotes  wieder
Mohn  bauten,  die  Köpfe  abgeschlagen.

4.  April.  (China.)  Im  kaiserlichen  Palast  werden  mit
Sprengstoff  gefüllte  Bomben  gefunden.

13.  April.  (Japan.)  Das  Gesetz  über  Landerwerb  durch
Ausländer  wird  veröffentlicht.  (Siehe  18.  März.)

14.  April.  (China.)  Unruhen.

Infolge  der  Unruhen  in  Tschangscha  (Provinz  Hunan)  verlassen  die
Ausländer  und  die  Zollbeamten  die  Stadt.  Drei  spanische  Augustinermönche

  ertrinken  auf  der  Flucht  infolge  des  Zusammenstoßes  ihrer  Dschunke
mit  dem  englischen  Kanonenbot  „Thistle“.

14.  April.  (Persien.)  Das  Ministerium  Sepahdar  tritt
wegen  seiner  Uneinigkeit  in  der  Frage  der  englisch-russischen  Anleihe
zurück.  (Siehe  23.  April.)

15.  April.  (Japan.)  Rücktritt  des  Generalresidenten  in
Soeul  WVicomte  Sone  wegen  Meinungsverschiedenheilen  über  die  in
Korea  zu  verfolgende  Politik.
        <pb n="679" />
        #Asien.  (April  Mitte—Mai  16.)  671

Mitte  April.  (Persien.)  Der  frühere  englische  Konsul  Bill
wird  auf  dem  Wege  von  Schiras  nach  Ispahan  überfallen.

Zwei  Inder  der  Begleitmannschaft  wurden  getötet.

21.  April.  (China.)  Der  Generalkontrolleur  der  Seezölle
Sir  Robert  Bredon  legt  sein  Amt  wegen  der  inneren  Konflikte  in
der  Verwaltung  nieder.

23.  April.  (Persien.)  Sepahdar  und  Serdar  Asad  nehmen
ihre  Demission  zurück  und  ergänzen  das  Kabinett  durch  neue
Männer,  zum  Teil  aus  dem  Kreise  der  Abgeordneten.

25.  April.  (China.)  Zum  ersten  Kriegshafen  ist  der  an
der  Küste  von  Tschekiang  gelegene,  50  Meilen  lange,  gutgeschützte
Nimrod-Sund  ausersehen.

28.  April.  (Japan.)  Eine  vierprozentige  Anleihe  von
45  Millionen  Franken  wird  in  Paris  ausgegeben.

3.  Mai.  (Japan.)  Auf  Anordnung  des  Kriegsministers
müssen  sich  einige  Divisionen  im  Westen  Japans  ständig  bereithalten,
  nach  Korea  transportiert  zu  werden,  falls  ein  allgemeiner
Aufstand  dort  ausbricht.

5.  Mai.  (Japan.)  Die  Stadt  Aomori  in  Nordjapan  wird
durch  eine  Feuersbrunst  zerstört.

8.  Mai.  (Japan.)  Die  Regierung  läßt  das  Zeitungsgerücht
von  der  Unterzeichnung  eines  russisch-japanischen  politischen  Abkommens
  dementieren.

9.  Mai.  (China.)  Ein  kaiserliches  Dekret  beruft  zum  1.  des
neunten  Monats  eine  aus  90  Mitgliedern  bestehende  Notabelnversammlung
  zur  Vorberatung  für  Ausgestaltung  des  späteren
Parlaments.

10.  Mai.  (Korea.)  Wegen  der  bevorstehenden  Annektierung
durch  Japan  kommen  alle  russischen  Konsuln  in  der  Hauptstadt  Soeul
zusammen,  um  einen  Bericht  über  die  Lage  des  Landes  abzufassen.

14.  Mai.  (Persien.)  Die  Frage  der  auswärtigen  Anleihe.

Da  Rußland  und  England  darauf  bestehen,  daß  Persien  keine
strategisch  wichtige  Bahn  durch  Nichtengländer  oder  Nichtrussen  bauen  lassen
dürfe  daß  es  ferner  nur  solche  Anleihen  aufnehmen  dürfe,  über  welche
England  und  Rußland  die  Kontrolle  zustände,  und  da  der  deutsche  Botschafter
  in  London  es  als  den  Grundsätzen  des  nationalen  Rechts  widersprechend
  erklärt  hatte,  wenn  zwei  Mächte  durch  Verträge  die  Rechte  eines
dritten  Staates  einengen,  so  nimmt  die  Anleihefrage  die  Form  einer
politischen  Gefahr  an.

16.  Mai.  (Persien.)  Ferien  wegen  Langsamkeit  der  Rechtsprechung.
        <pb n="680" />
        672  I#en.  (Mai  25.—Juni  17.)

Der  Regent  verfügt  die  Schließung  des  Justizministeriums  auf
fünfzehn  Tage,  weil  viele  Beschwerden  über  die  Langsamkeit  und  Ungerechtigkeit
  der  Justizbehörden  eingegangen  sind.  Der  Justizminister  reicht
seine  Entlassung  ein.

25.  Mai.  (Manila.)  Das  Schwimmdock  „Dewey“,  das  ein
Kriegsschiff  von  20000  Tonnen  aufnehmen  kann,  versinkt  plötzlich
im  Hafen.

28.  Mai.  (Japan.)  Der  Kriegsminister  Vicomte  Teraucht
übernimmt  die  Generalresidentur  in  Korea  im  Nebenamt.

28.  Mai.  (Persien.)  Attentat.

Der  ehemalige  Postminister  Emin  el  Mulk  wird  von  einem  zu  den
Mudje  Heddins  gehörigen  Fanatiker  durch  einen  Schuß  aus  einem  Mausergewehr
  getötet.

30.  Mai.  (Persien.)  Innere  Anleihe.

Das  Parlament  genehmigt  eine  innere  Anleihe  von  fünf  Millionen
Tomans;  an  der  Subssription  dürfen  sich  auch  Ausländer  beteiligen.

30.  Mai.  (Britisch  -Indien.)  In  Lahore  wird  der  Polizeiinspektor
  nachts  auf  dem  Dache  seines  Hauses  ermordet,  indem  ihm
der  Schädel  gespalten  wird.

1.  Juni.  (China.)  Ende  der  Revolte.

Wegen  der  Revolte  in  Tschangscha  werden  der  Gouverneur  und  der
Schatzmeister  mit  Dienstentlassung  bestraft  und  fünf  andere  Beamte  degradiert.

5.  Juni.  (China.)  Eröffnung  einer  internationalen  Industrieausstellung
  in  Nanking.

9.  Juni.  (Persien.)  Russische  Forderungen.

Weil  in  Astrabad  zwei  russische  Untertanen,  von  denen  einer  des
Mordes  beschuldigt  war,  von  der  Volksmenge  durch  Stockschläge  und  Steinwürfe
  getötet  worden  waren,  fordert  der  russische  Gesandte  in  Teheran
von  der  persischen  Regierung  die  sofortige  Entlassung  und  Bestrafung  des
persischen  Gouverneurs  und  aller  Personen,  deren  Schuld  durch  die  Untersuchung

  erwiesen  war,  sowie  eine  Entschädigung  für  die  Hinterbliebenen
des  einen  der  Getöteten.

9.  Juni.  (Japan.)  In  Tokio  wird  der  Abschluß  eines
Einvernehmens  mit  Rußland  über  alle  ostasiatischen  Fragen  bekannt
gemacht.

10.  Juni.  (Britisch-Indien.)  Der  permanente  Unterstaatssekretär
  des  Auswärtigen  Amtes  Sir  Charles  Hardinge  wird  zum
Vizekönig  von  Indien  ernannt.

16.  Juni.  (Persien.)  Schuldenregulierung.

Die  schwebende  Schuld  bei  der  Englischen  Bank  im  Betrage  von

vier  Millionen  Toman  ist  konsolidiert.  Die  Regierung  zahlt  7  v.  H.  Zinsen
und  amortisiert  die  Schuld  in  fünfzehn  jährlichen  Raten  von  560000  Toman.

17.  Juni.  (Persien.)  Selbsthilfe  der  Russen  gegen  Polizisten.
Die  russischen  Kosaken  in  Täbris  entwaffnen  die  dortige  persische
        <pb n="681" />
        Isien.  (Juni  18.—Juli  10.)  673

Polizei  und  schleppen  sie  ins  russische  Lager.  Veranlassung  dazu  bot  die
Mißhandlung  eines  russischen  Untertanen.  (Siehe  27.  Juni.)

18.  Juni.  (Japan.)  Bei  dem  feierlichen  Empfange  des
Herzogregenten  Johann  Albrecht  von  Mecklenburg  und  seiner  Gemahlin
  am  kaiserlichen  Hofe  wird  betont,  daß  zum  erstenmal  Japan
von  einem  regierenden  Fürsten  besucht  werde.

A.  Juni.  (Japan.)  Gründung  eines  Kolonialamts  für  die

Verwaltung  von  Formosa,  Sachalin  und  Korea.

Präsident  wird  der  Premierminister  Marquis  Katsura,  Vizepräsident
der  Verkehrsminister  Baron  Goto.

24.  Juni.  (Japan.)  Durch  Übereinkommen  mit  Korea  übernimmt
  Japan  die  gesamte  Polizeigewalt  auf  der  Halbinsel.

27.  Juni.  (Persien.)  Rußland  verzichtet  auf  das  Sühnegeld
  für  die  Mißhandlung  eines  russischen  Untertanen,  gibt  die
persischen  Gendarmen  frei  und  bittet  den  Obergeistlichen  um  Entschuldigung.
  Dafür  entläßt  Persien  den  beteiligten  Gouverneur.
(Siehe  17.  Juni.)

27.  Juni.  (China.)  Keine  Einberufung  des  Parlaments

vor  1917.

Auf  eine  Denkschrift  zahlreicher  Delegierter  der  Provinzen  und  überseeischer
  chinesischer  Ansiedler  erfolgt  die  Antwort  der  Regierung,  es  sei
unmöglich,  den  von  dem  verstorbenen  Kaiser  festgesetzten  Zeitraum  von
neun  Jahren  abzukürzen,  da  die  Bevölkerung  für  die  Erlangung  konstitutioneller
  Rechte  noch  nicht  reif  sei.

30.  Juni.  (Japan.)  Staatsschulden.

Die  fundierte  Staatsschuld  beträgt  2761  216  295  Den  gegen
2553202586  Yen  im  Vorjahr.  Etwa  die  Hälfte  davon  fällt  auf  die  inländische
  Schuld,  deren  geringe  Abnahme  durch  die  neue  in  Paris  herausgebrachte
  vierprozentige  Anleihe  mehr  als  wettgemacht  wird.

1.  Juli.  (Japan.)  Eröffnung  des  Hafens  von  Port  Arthur
für  fremde,  Kriegs=  und  Handelsschiffe.

10.  Juli.  (Japan.)  Aus  dem  russisch-japanischen  Abkommen.

Es  wurde  am  3.  Juli  in  Petersburg  unterzeichnet  und  enthält
folgende  Bestimmungen:  Die  kaiserlichen  Regierungen  von  Rußland  und
Japan  sind,  aufrichtig  den  Grundsätzen  ergeben,  die  durch  die  zwischen
ihnen  am  30.  Juli  1907  geschlossene  Konvention  ausgestellt  worden  sind,
und  von  dem  Wunsche  beseelt,  die  Wirkungen  dieser  Konvention  hinsichtlich
der  Festigung  des  Friedens  im  fernsten  Osten  zu  erweitern,  übereingekommen,
  das  erwähnte  Abkommen  durch  folgende  Bestimmungen  zu  vervollkommnen:
  1.  Um  den  Verkehr  zu  erleichtern  und  den  Handel  der  Völker
zu  entwickeln,  verpflichten  sich  die  beiden  vertragschließenden  Parteien,  sich
gegenseitig  freundschaftliche  Mitwirkung  zu  leihen  für  eine  Verbesserung
ihrer  beiderseitigen  Eisenbahnlinien  in  der  Mandschurei  und  für  Vervollkommnung
  des  Verbindungsdienstes  der  erwähnten  Eisenbahnlinien  und
sich  jeder  Konkurrenz  zu  enthalten,  die  der  Verwirklichung  dieses  Zieles

Curopäischer  Geschichtskalender.  UI.  43
        <pb n="682" />
        674  Isien.  (Juli  12.—15.)

schädlich  wäre.  2.  Jede  der  beiden  vertragschließenden  Parteien  verpflichtet
sich,  den  status  quo  in  der  Mandschurei,  wie  er  sich  aus  allen  Verträgen,
Konventionen  und  anderen  Abkommen  ergibt,  die  bis  heute,  sei  es  zwischen
Rußland  und  Japan  oder  zwischen  diesen  beiden  Mächten  und  China  geschlossen
  sind,  aufrecht  zu  erhalten  und  zu  achten.  Kopien  der  erwähnten
Abkommen  sind  zwischen  Rußland  und  Japan  ausgetauscht  worden.  3.  Im
Falle,  daß  ein  Ereignis  eintreten  sollte,  das  geeignet  wäre,  den  status  quo
zu  gefährden,  werden  die  beiden  vertragschließenden  Parteien  jedesmal  miteinander
  in  Verbindung  treten,  um  sich  über  Maßnahmen  zu  verständigen,
die  sie  für  richtig  und  notwendig  erachten,  um  den  status  quo  aufrecht
zu  erhalten.

12.  Juli.  (Japan.)  Attentat  auf  den  Kaiser.

Ein  Arbeiter  des  Marinearsenals  namens  Saitoku  wird  mit  mehreren
anarchistischen  Komplizen  verhaftet,  weil  er  ein  Komplott  zur  Ermordung
des  Kaisers  und  der  Kaiserlichen  Familie  geschmiedet  haben  soll.  (Siehe
9.  November.)

13.  Juli.  (China.)  Zusammenstoß  mit  portugiesischen  Truppen.
Ein  portugiesisch-chinesischer  Konflikt  entsteht  infolge  eines  Angriffs
portugiesischer  Truppen  aus  Macao  auf  angebliche  Seeräuber  der  Insel
Colowan.  Die  Portugiesen  hatten  zunächst  mit  einem  Verlust  von  3  Toten

und  4  Verwundeten  den  Rückzug  angetreten,  bombardierten  dann  aber
die  Insel.
14.  Juli.  (China.)  Drängen  auf  Abschluß  von  Anleihen.
Die  Gesandten  Großbritanniens,  Frankreichs,  Deutschlands  und  der
Vereinigten  Staaten  haben  in  besonderen  aber  identischen  Noten  die
chinesische  Regierung  ersucht,  das  Gesetz  über  den  Abschluß  der  Hankou-Szetschuan-Bahnanleihe
  nunmehr  zu  veröffentlichen.

15.  Juli.  (China.)  Gute  Miene  zum  russisch-japanischen
Mandschurei-Abkommen.

Der  Große  Rat  beschloß,  über  das  in  der  russisch-japanischen  Konvention
  ausgesprochene  Festhalten  an  dem  status  quo  in  der  Mandschurei
seine  Befriedigung  auszusprechen.  Ein  Mitglied  des  Rates  schlug  vor,
weitere  Erklärungen  über  die  Konvention  zu  verlangen;  dies  wurde  jedoch
abgelehnt.

15.  Juli.  (Japan.)  Programm  für  Korea.

Kriegsminister  Terautschi  erklärt  vor  seiner  Abreise  nach  Soeul:
Japan  werde  in  Korea  nicht  eine  gepanzerte  Faust  gebrauchen,  noch  sonst
irgend  etwas  tun,  was  die  Eifersucht  der  fremden  Mächte  wachrufen  würde.
Er  glaube  indessen,  daß  eine  gründliche  Aenderung  des  Regierungssystems
in  Korea  nötig  werde.

15.  Juli.  (China.)  Zum  russisch--japanischen  Abkommen.

Aeußerungen  chinesischer  Gesandter  über  das  russisch-japanische  Abkommen:
  Der  Gesandte  in  Petersburg  findet  es  bedauerlich,  daß  das
Zarenreich,  ohne  Chinas  künftiger  Macht  zu  gedenken,  so  eilig  eine  Annäherung
  an  das  Land  des  Mikado  gesucht  habe.  Der  zum  Kriegsminister
ausersehene  Gesandte  Mingtschang  in  Berlin  drückt  sich  resigniert  aus:  Der
Schwache  hat  kein  Recht  über  Konstellationen  zu  klagen,  die  ihm  nicht
genehm  sind..  Er  braucht  sich  nicht  erst  dem  Teufel  zu  verschreiben  —
er  wird  vom  Toeufel  schon  selber  geholt.
        <pb n="683" />
        Asien.  (Juli  22.—August  6.)  675

22.  Juli.  (China.)  Reorganisation  der  Postverwaltung.

Die  Zentralregierung  ordnet  die  Trennung  der  Postverwaltung  vom
Seezolldienste  an  und  bestimmt,  daß  in  jeder  Provinz  ein  bisheriger  Seezollbeamter
  zum  Postdirektor  ernannt  werde.

22.  Juli.  (China.)  Note  an  die  russischen  und  japanischen
Gesandtschaften  in  Peking.

„Nach  genauer  Kenntnisnahme  des  Vertragstextes  ist  das  uns  anvertraute
  Ministerium  fest  überzeugt,  daß  dieses  Abkommen  Rußland  und
Japan  zu  gebührender  Achtung  der  verschiedenen  Verträge  zwischen  China
und  Japan,  China  und  Rußland,  Rußland  und  Japan  verpflichtet,  dasselbe
folglich  als  eine  neue  ernste  Bestätigung  der  von  Rußland  und  Japan
durch  den  Vertrag  von  1905  anerkannten  Souveränitätsrechte  Chinas  in
der  Mandschurei  und  des  Prinzips  der  Gleichberechtigung  der  fremden
Mächte  sowie  der  Unterstützung  Chinas  bei  der  Entwicklung  seines  Handels
und  seiner  Industrie  in  der  Mandschurei  erscheint,  ebenso  auch  der  Durchführung
  des  Prinzips  der  offenen  Tür  in  der  Mandschurei,  das  der
chinesisch-japanische  Vertrag  von  1905  vorgesehen  hat.  Geleitet  von  dem
im  russisch-japanischen  Vertrag  aufgestellten  Prinzip,  hält  es  China  für
nötig,  für  sich  das  dem  chinesisch-japanischen  Vertrage  zugrunde  liegende
Prinzip  zu  verwirklichen  und  seine  ganze  Aufmerksamkeit  zu  richten  auf
die  Unterstützung  und  den  Schutz  seiner  Maßnahmen  in  den  Grenzen  seiner
Souveränitätsrechte,  auf  die  Gleichberechtigung  aller  fremden  Staaten  und
die  Entwicklung  des  Handels  und  der  Industrie  in  der  Mandschurei  zum
allgemeinen  Nutzen.“

Die  chinesische  Presse  gibt  diese  Antwortnote  Chinas  auf  den  russischjapanischen
  Vertrag  bekannt  und  zeigt  sich  ernstlich  besorgt  um  das  Schicksal
der  Mongolei,  Turkestans  und  der  Mandschurei.

26.  Juli.  (China.)  Die  Portugiesen  nehmen  14  Piraten
gefangen  und  befreien  5  Frauen  und  3  Kinder  auf  der  Jusel  Colowan.

29.  Juli.  (China.)  Unhaltbare  Lage  in  der  Mandschurei.

Der  Generalgouverneur  der  Mandschurei  sowie  die  Gouverneure  von
Holungkiang  und  Kirin  bitten  um  Enthebung  von  ihren  Aemtern,  da  sie
sich  den  Schwierigkeiten  nicht  gewachsen  fühlen,  die  durch  den  russischjapanischen
  Vertrag  entstanden  sind.

1.  August.  (Persien.)  Attentat.

Im  Europäerviertel  von  Teheran  werden  auf  offener  Hauptstraße
zwei  persische  Revolutionäre  (Mudje  Heddin)  und  der  Neffe  eines  radikalen
Abgeordneten  erschossen.

2.  August.  (China.)  Entschädigung  für  Fremde  wegen  des
Aufstandes  in  Tschangscha.

Die  Regierung  setzt  die  Entschädigung  für  die  Verluste  fest,  die  der
Aufstand  in  Tschangscha  den  Fremden  gebracht  hatte.  Deutschland  erhält
150  000  Mark,  Frankreich  120  000  Mark,  Japan  350  000  Mark.

3.  August.  (Persien.)  Die  Regierung  beginnt  mit  der  Entwaffnung
  der  Mudje  Heddin.

5.  August.  (Persien.)  Angebliche  Versöhnung.

Die  Regierung  läßt  durch  öffentlichen  Anschlag  bekannt  machen,  daß
eine  völlige  Einigung  zwischen  der  Regierung  und  den  Nationalisten  erzielt

437
        <pb n="684" />
        676  Isten.  (August  6.—September  9.)

sei,  daß  der  Sipahdar  und  die  drei  Bachtiarenchefs  Sattarkhan,  Baghirkhan
und  Moises  Sultan  auf  den  Koran  geschworen  und  unterschrieben  hätten,
daß  alles  bisher  geschehene  Unrecht  gegenseitig  verziehen  und  vergessen  sei,
daß  sie  das  konstitutionelle  Regime  stützen,  den  erlassenen  Gesetzen  gehorchen
und  sie  verteidigen  werden.

6.  August.  (Persien.)  Straßenkämpfe  in  Teheran.

Sattar  Khan  und  Baghir  Khan  werden  mit  300  Anhängern  gefangen
  genommen,  nachdem  sie  sich  geweigert  hatten,  die  Waffen  auszuliesern.
  Die  Regierungstruppen  hatten  5  Tote  und  11  Verwundete,
ihre  Gegner  30  Tote.  Moises  Sultan  mit  50  Flüchtigen  findet  ein  Asyl
auf  der  türkischen  Botschaft.

9.  August.  (China.)  Unterzeichnung  des  russisch-chinesischen
Abkommens  über  die  Regelung  der  Schiffahrt  auf  dem  Sungarifluß.

Mitte  August.  (Japan.)  Durch  überschwemmungen  infolge
eines  Taifuns  verlieren  800  Personen  ihr  Leben.  398000  Häuser
standen  unter  Wasser.

19.  August.  (Japan.)  Stellung  Rußlands  und  Englands
zur  Annexion  Koreas.  (Siehe  Großbritannien  19.  August.)

22.  August.  (Japan.)  Annexion  des  Kaiserreiches  Korea.

Seit  1897  nannte  sich  der  König  von  Korea  Kaiser  von  Tai  Han.
Jetzt  wurde  sein  Reich  zur  „Kolonie  Tschosen“  degradiert.  Dem  Kaiser
wird  eine  japanische  Rente  in  der  Höhe  seiner  bisherigen  Zivilliste  zugesichert.
  Er  und  sein  Vater,  der  am  18.  Juli  1907  zur  Abdankung  gezwungene
  Exkaiser,  werden  als  kaiserliche  Prinzen  von  Japan  anerkannt
und  führen  den  Titel  nach  ihren  Lieblingsschlössern.  Die  führenden
Familien  des  koreanischen  Adels  werden  in  die  japanische  Adelsliste  eingetragen
  und  erhalten  Vermögensvorteile.  Den  koreanischen  Zolltarif  und
die  Verträge  mit  den  fremden  Mächten  will  Japan  nur  noch  5  Jahre  bestehen
  lassen.

30.  August.  (Britisch-Indien.)  Bekämpfung  der  Unruhestifter.


In  Kalkutta  werden  11  Bengalen  der  höheren  Klassen  wegen  Hochverrats
  zur  Deportation  auf  3—7  Jahre  verurteilt.  Sie  hatten  insbesondere
  Vorbereitungen  zur  Zerstörung  der  Eisenbahnen  und  Tunnels
getroffen.

31.  August.  (Persien.)  Angebliche  deutsche  Intervention.

Die  persische  Presse  tritt  den  Behauptungen  der  „Nowoje  Wremja“"
über  eine  angebliche  Intervention  des  deutschen  Gesandten  Grafen  Quadt
bei  den  Wirren  in  Teheran  entgegen.  Der  Gesandte  habe  sich  nur  bemüht,
Mordtaten  zu  verhüten  und  das  persische  Volk  niemals  verletzt.

Anfang  September.  (Japan.)  Staatssekretär  a.  D.  Dernburg
  wird  glänzend  empfangen.

Er  äußert  sich  in  Interviews  und  Ansprachen  sehr  freimütig  über
seine  Auffassung  der  industriellen  und  kaufmännischen  Verhältnisse  in  Japan.

9.  September.  (Persien.)  Das  Parlament  beschließt,  für
        <pb n="685" />
        Isten.  (September  12.—Oktober  22.)  677

das  Ministerium  des  Innern  französische  und  für  das  Finanzministerium
  amerikanische  Ratgeber  anzustellen.

12.  September.  (China.)  Die  geplante  Opiumkonferenz  im
Haag  wird  um  ein  Jahr  vertagt.

14.  September.  (Japan.)  Vicomte  Sone,  früherer  Generalresident
  von  Korea,  1.  61  Jahre  alt,  in  Katase.

22.  September.  (Persien.)  Der  Regent  Azid  el  Mulk  i,
64  Jahre  alt.

23.  September.  (Persien.)  Das  Parlament  wählt  mit  40
gegen  29  Stimmen  Nasr  el  Mulk  zum  Regenten.

Er  war  seit  dem  19.  Juli  1909  vorübergehend  auswärtiger  und

Premierminister  und  befindet  sich  bei  seiner  Ernennung  auf  einer  Reise
in  Europa.  Die  Minorität  stimmt  für  Premierminister  Mostofi  el  Memalek.

30.  September.  (Japan.)  Korea  als  Kolonie.

Der  Generalgouverneur  von  Tschosen  (Korea)  erhält  Vollmacht,
Verordnungen  zu  erlassen,  vorbehaltlich  der  Genehmigung  durch  den  Kaiser
und  den  Geheimen  Rat.  Vicomte  Terautschi  wird  Generalgouverneur.

3.  Oktober.  (China.)  Eröffnung  des  Vorparlaments  (Tsucheng
Yuan)  durch  den  Prinzregenten.

Das  Finanzministerium  hat  für  ganz  China  das  nächstjährige  Staatsbudget
  mit  einem  Fehlbetrag  von  36  Millionen  Taels  aufgestellt.  Die
Einnahmen  belaufen  sich  auf  297  Millionen,  die  Ausgaben  auf  333  Millionen,

  darunter  für  das  Kriegswesen  97,  das  Verkehrswesen  11½/  und
die  Schuldentilgung  56  ½  Millionen  Taels.

13.  Oktober.  (Japan.)  Schenkungen  an  die  Koreaner.

Die  in  den  japanischen  Adel  ausgenommenen  70  Koreaner  erhalten
unveräußerliche  und  unverpfändbare  5  prozentige  Schatzscheine,  die  auf  den
Erben  des  Titels  übergehen,  als  Geschenk  von  der  japanischen  Regierung.
Diese  Dotationen  sind  abgestuft  von  50  000  bis  400  000  Mark,  je  nach  dem
verliehenen  Range.  Auf  die  13  Provinzen  werden  zur  Verstärkung  ihrer
Unterstützungsfonds  36  Millionen  Mark  verteilt.

17.  Oktober.  (Persien.)  Englische  Intervention.

.  Der  englische  Gesandte  kündigt  der  Regierung  an,  daß  seine  Regierung
  Maßregeln  zur  Sicherung  des  Handels  in  Südpersien  durch  eigene
Machtmittel  ergreifen  werde,  falls  dort  nicht  innerhalb  dreier  Monate
vollkommene  Ruhe  hergestellt  sei.  Es  werde  dann  eine  Lokalgewalt  unter
dem  Kommando  englisch-indischer  Offiziere  eingerichtet  und  der  Kostenersatz
durch  Zuschlag  auf  die  Zölle  im  Persischen  Golf  gedeckt  werden.  Die  zu
schützenden  Straßen  gehen  in  nordsüdlicher  Richtung  von  Teheran  über
Isfahan  nach  Schiras  und  westlich  von  Teheran  nach  Bagdad,  von
Isfahan  nach  Mohammere,  von  Schiras  nach  Buschir.

22.  Oktober.  (Persien.)  Ursache  der  Unordnung.

Die  Antwortnote  der  Regierung  auf  die  englische  Drohung  führt
die  Unordnung  im  Lande  hauptsächlich  auf  die  Anwesenheit  fremder  Truppen
zurück;  denn  diese  habe  die  unbeabsichtigte  Wirkung,  die  Reaktionäre  zu
falschen  Hoffnungen  auf  eine  Wiedereinsetzung  des  früheren  Schahs  zu
ermutigen.
        <pb n="686" />
        678  Asien.  (Oltober  22.  —  November  9.)

22.  Oktober.  (China.)  Das  Vorparlament  beschließt  einstimmig,
  den  Thron  um  die  Beschleunigung  der  Einberufung  des
Parlaments  zu  bitten.  (Siehe  4.  November.)

W.  Oktober.  (Siam.)  König  Chulalongkorn  F  nach  kurzer
Krankheit  im  57.  Lebensjahre.

Ihm  folgt  sein  ältester  Sohn,  der  29jährige  Kronprinz,  Maha
Wajiraurudh.

24.  Oktober.  (China.)  Durch  Intervention  der  Regierung
wird  die  Finanzkrifis,  der  zahlreiche  einheimische  Banken  zum
Opfer  gefallen  waren,  gehoben.

27.  Oktober.  (Persien.)  Landung  englischer  Truppen.

160  Mann  und  4  Geschütze  vom  britischen  Kreuzer  „Fox“  landen
bewaffnet  in  der  Hafenstadt  Lingeh  am  persischen  Golf,  weil  angeblich  von
rebellischen  Stämmen  aus  dem  Innern  eine  Gefahr  für  die  Europäer
drohe.  Die  persische  Regierung  protestiert  dagegen,  erlangt  aber  nur  die
Zusicherung  des  englischen  Gesandten,  daß  die  Streitmacht  zurückgezogen
werden  würde,  sobald  die  Umstände  es  gestatteten.

30.  Oktober.  (Persien.)  Nasr  el  Mulk,  der  gewählte  Regent
von  Persien,  verläßt  plötzlich  London.

31.  Oktober.  (Persien.)  Schjitische  Geistlichkeit  für  Perfiens
Unabhängigkeit.

Die  persische  Geistlichkeit  von  Nedschef,  dem  Zentrum  der  schiitischen
Konfession  im  Wilajet  Bagdad,  hat  den  Vertretern  der  Großmächte  in
Teheran  eine  Protestdepesche  gegen  das  Ultimatum  Englands  übersandt
und  alle  Perser  aufgefordert,  sich  den  gegen  die  Einheit  und  Unabhängigkeit
  Persiens  gerichteten  Angriffen  zu  widersetzen.

Ende  Oktober.  (Pachtgebiet  Kiautschou.)  Die  Reichspostdampfer
  des  „Norddeutschen  Lloyd“  legen  auf  jeder  zweiten  Fahrt,
also  alle  vier  Wochen  einmal,  im  Hafen  Tsingtau  an.

4.  November.  (China.)  Ein  kaiserliches  Edikt  bestimmt,  daß
die  Eröffnung  des  Parlaments,  das  für  1916  zugesagt  war,  schon
innerhalb  dreier  Jahre  zu  erfolgen  hat,  und  daß  es  aus  zwei
Kammern  bestehen  soll.  (Siehe  22.  Oktober.)

7.  November.  (China.)  Das  Vorparlament  debattiert  über
den  kaiserlichen  Erlaß  vom  4.  November  und  erklärt  sich  für  eine  neue
Eingabe  an  den  Thron  wegen  sofortiger  Einberufung  des  Parlaments.

8.  November.  (Persien.)  über  Schiras  wird  der  Belagerungszustand
  verhängt.

9.  November.  (Japan.)  26  Japaner  werden  für  schuldig
befunden,  eine  Verschwörung  zur  Ermordung  des  Kaisers  bei  Gelegenheit
  seines  Besuchs  der  Militärschule  geschmiedet  zu  haben.
Das  Urteil  lautet  für  alle  auf  Todesstrafe.  (Siehe  12.  Juli.)
        <pb n="687" />
        Is#ien.  (November  9.—21.)  679

9.  November.  (Persien.)  Die  englischen  Landungstruppen
im  Hafen  Lingeh  werden  zurückgezogen.

10.  November.  (Persien.)  Die  Gepäckkarawane  des  russischen
Konsuls  Petrow  nebst  Familie  und  russischer  Eskorte  wurde  unweit

Kerman  von  Räubern  überfallen  und  entführt.

Der  Konsul  und  seine  Eskorte  holten  aber  die  Räuber  ein  und  entrissen
  ihnen  ihren  Raub.

15.  November.  (Japan.)  Premierminister  Marquis  Katsura
entwickelt  in  Osaka  vor  der  „Volkswirtschaftlichen  Gesellschaft“  sein

Finanzprogramm:

Japan  halte  an  dem  Prinzip  fest,  keine  Anleihe  aufzunehmen,  sondern
jährlich  seine  Schuld  von  50  Millionen  abzuzahlen.  Das  nächste  Budget
weise  an  ordentlichen  Einnahmen  491  Millionen  auf,  an  außerordentlichen
  Einnahmen  51  Millionen,  an  ordentlichen  Ausgaben  408  Millionen,
  an  außerordentlichen  Ausgaben  134  Millionen.  Trotz  der  friedlichen
  Lage  sei  eine  Mehraufwendung  von  82  Millionen  für  die  Marine
in  den  nächsten  sechs  Jahren  unvermeidlich.  Die  Annexion  Koreas  bedeute
keine  Mehrbelastung  des  japanischen  Budgets.  Die  Regulierung  der  Flüsse
zur  Verhütung  von  Ueberschwemmungen  erfordere  180  Millionen  in  zwanzig
Jahren,  der  Umbau  der  Bahn  Tokio—Shimonoseki  zur  Normalspurbahn
außer  den  vorgesehenen  100  noch  weitere  130  Millionen  in  13  Jahren.
Alle  Mehrausgaben  sollen  ohne  Anleihe  aus  den  laufenden  Einnahmen
und  der  staatlichen  Depositenkasse  gedeckt  werden.

Die  Presse  beurteilt  das  Bahnprogramm  zumeist  sympathisch,  befürwortet
  dafür  aber  ein  offenes  Aufgeben  des  Prinzips,  keine  Anleihe  aufzunehmen.


17.  November.  (Persien.)  Große  Volksversammlung.

Fünf  Redner  weisen  nach,  daß  Rußland  von  jeher  ein  Gegner
jeglichen  Fortschritts  Persiens  gewesen  sei  und  daß  nun  auch  England
Persiens  Selbständigkeit  bedrohe.  Das  persische  Volk  protestiere  gegen  die
Vergewaltigung  durch  die  russische  und  die  englische  Regierung.  Die  Redner
befürworteten  eine  Anlehnung  Persiens  an  die  Türkei,  die  gewiß  bereit
wäre,  den  Persern  in  ihrer  Not  beizustehen.  Im  äußersten  Falle  müsse
man  sich  an  den  deutschen  Kaiser  als  den  wahren  Beschützer  des  Islams
wenden.  Schließlich  wurde  eine  Resolution  angenommen,  wonach  man  sich
mit  einer  Eingabe  (deren  Text  verlesen  wurde)  an  alle  Parlamente  und
Höfe  wenden  solle,  damit  sie  gegen  das  russisch-englische  Verfahren  Einspruch
erheben  und  dem  in  seiner  Selbständigkeit  bedrohten  Persien  Hilfe  leisten
mögen.

19.  November.  (Persien.)  Englands  Haltung.

Der  englische  Gesandte  lehnt  den  Wunsch  der  Regierung  ab,  über
die  Anwesenheit  von  fremden  Truppen  in  Erörterungen  einzutreten  und
bestreitet,  daß  seine  Vorschläge  die  Souveränitätsrechte  Persiens  verletzen.

England  könne  der  Erhöhung  der  Zölle  nur  zustimmen,  wenn  der
Zuschlag  zur  Bestreitung  der  Kosten  für  die  Aufrechterhaltung  der  Ordnung
auf  den  südlichen  Handelsstraßen  verwandt  würde.

21.  November.  (Macao.)  Ausweisung  der  Jesuiten  aus  der
portugiesischen  Kolonie.
        <pb n="688" />
        680  AIsien.  (November  22.  —  Dezember  9.)

22.  November.  (Ceylon.)  Der  deutsche  Kronprinz  und  die
Kronprinzesfin  besichtigen  in  Kandy  die  buddhistischen  Heiligtümer
und  Reliquien.

22.  November.  (China.)  Heftige  Szene  im  Vorparlament.

Der  Staatsrat  hatte  die  Denkschriften  des  Reichsausschusses  über
die  Salzfrage  und  die  Unterrichtsfrage  den  betreffenden  Departements
überwiesen.  Ein  Mitglied  erklärte,  der  Staatsrat  stoße  die  Vorschläge  der
nationalen  Körperschaft  willkürlich  um  und  erlaube  sich  Eingriffe  in  ihre
Privilegien.  Solche  Beamte  hätten  den  Sturz  der  Ming-Dynastie  verursacht.
  Mehrere  Mitglieder  erklärten,  entweder  müsse  der  Staatsrat
zurücktreten  oder  der  Reichsausschuß  gehen.  Schließlich  wurde  ein  Ausschuß
ernannt,  um  eine  unzweideutige  Protesterklärung  zur  Einreichung  an  den
Thron  zu  entwerfen.

25.  November.  (China.)  Gegen  Opiumgenuß.

Das  Vorparlament  fordert  durch  eine  einstimmig  angenommene
Resolution  die  sofortige  Anwendung  durchgreifender  Maßnahmen  gegen
den  Opiumgenuß  und  mißbilligt  die  Erneuerung  des  Abkommens  mit
Großbritannien  über  den  Opiumhandel.

29.  November.  (Macao.)  Meuterei  der  Land=  und  Seetruppen.

Von  den  drei  Forderungen:  Erhöhung  des  Soldes,  Vertreibung  der
Nonnen  und  Unterdrückung  der  Zeitung  „Vita  Nova“  bewilligt  der  Gouverneur
  die  beiden  letzteren.

4.  Dezember.  (China.)  Als  Vorbereitung  konstitutioneller
Verwaltungsformen  werden  die  Departements  für  Heer  und  Flotte
in  selbständige  Ministerien  umgewandelt.

Der  frühere  Gesandte  in  Berlin,  General  Din  Tschang  erhält  das
resormierte  Kriegsministerium.  Marineminister  wird  Prinz  Tsai  Hfün,
der  Führer  der  Marinestudienkommission  nach  Europa.

Anfang  Dezember.  (China.)  Die  russische  Regierung  schlägt
eine  direkte  Bahn  vom  Baikal-See  durch  die  Wüste  Gobi  nach
Peking  vor.

Dadurch  würde  die  Strecke  Berlin—Peking  um  1000  Kilometer
(auf  9085  Kilometer)  verkürzt  werden,  die  bei  der  jetzigen  russischen  Fahrgelegenheit
  in  8  1½  Tagen  zurückgelegt  werden  könnte.

Von  der  Kanton-Kawloon-Eisenbahn  werden  die  ersten  50  Kilometer
  eröffnet.

7.  Dezember.  (Mandschurei  und  Mongolei.)  Die  Pest
verbreitet  sich  plötzlich  in  ihrer  gefährlichsten  Form,  der  Lungenaffektion.


9.  Dezember.  (China.)  Um  den  Markt  in  Schanghai  zu
stützen,  stellen  die  fremden  Banken  dem  Bizekönig  in  Nanking  einen
Vorschuß  von  420  000  Pfund  zur  Verfügung.

9.  Dezember.  (Britisch  Ost-Indien.)  In  Kalkutta  werden
150  Hindus  verwundet,  als  sie  die  Mohammedaner  an  der  Opferung
von  Kühen  am  Bakridfeste  verhindern  wollten.
        <pb n="689" />
        Isten.  (Dezember  14.—31.)  681

Mit  der  allindischen  Liga  hängt  diese  religiöse  Zwistigkeit  insofern
zusammen,  als  Agitatoren  aus  Mirzapur  die  Marwarikaufleute  schon  lange
vorher  gegen  diesen  alljährlichen  Opferbrauch  aufgehetzt  hatten.

14.  Dezember.  (Britisch  Ost-Indien.)  Der  deutsche  Kronprinz
  landet  in  Bombay.

14.  Dezember.  (China.)  Auf  Prinz  Ching,  das  älteste  Mitglied
  des  Großen  Rates,  schießt  beim  Verlassen  des  Vorparlaments
ein  Unbekannter  einen  Revolver  ab,  ohne  zu  treffen.

15.  Dezember.  (China.)  Das  Vorparlament  beschließt  in
namentlicher  Abstimmung  eine  Petition  an  den  Thron  um  Ablegung
des  Zopfes  und  europäische  Uniform  für  Beamte.

21.  Dezember.  (China.)  Gegen  das  Opiumrauchen  empfiehlt
eine  Denkschrift  des  Vorparlaments  die  härtesten  Strafen  mit  Ausnahme
  der  Todesstrafe  und  die  Aussetzung  von  Belohnungen  für
Anzeige  der  Schuldigen.

W.  Dezember.  (Japan.)  Eröffnung  des  Parlaments  durch
eine  Thronrede,  die  von  dem  Premierminister  Marquis  Katsura
verlesen  wird.

25.  Dezember.  (China.)  Ein  kaiserliches  Edikt  befiehlt,  daß
ein  konstitutionelles  Programm  einschließlich  der  Bildung  eines  verantwortlichen
  Kabinetts  schleunigst  ausgearbeitet  und  dem  Throne
vorgelegt  werden  soll.  »

28.  Dezember.  (Persien.)  Minister  des  Außern  Kuli  Khan
demissionierte  infolge  heftiger  Angriffe  im  Parlament.

30.  Dezember.  (China.)  Das  Vorparlament  beschließt  wegen
des  Fernbleibens  des  Prinzen  Ching  von  seinen  Sitzungen  eine
Beschwerde  an  den  Thron  und  verlangt  entweder  ein  verantwortliches
  Kabinett  oder  die  Auflösung  des  Vorparlaments.

30.  Dezember.  (Britisch-Ostindien.)  Vizekönig  Sir  Charles
Hardinge  bewilligt  einer  Abordnung  des  indischen  Nationalistenkongresses
  unter  Führung  seines  Präsidenten  Sir  William  Wedderburn
  die  nachgesuchte  Audienz.

Sein  Vorgänger  Lord  Curzon  hatte  sie  regelmäßig  abgeschlagen.

31.  Dezember.  (China.)  Ein  kaiserliches  Edikt  lehnt  das
Gesuch  des  Vorparlaments  um  Beseitigung  des  Zopfes  und  Abänderung
  des  Kleiderschnitts  energisch  ab.
        <pb n="690" />
        Uebersicht
über  die  politische  Entwickelung  des  Jahres  1910.

Der  Anstoß  zu  den  Verschiebungen  auf  dem  Gebiete  der
hohen  Politit  im  Jahre  1910  ging  von  dem  Staatssekretär  der
Vereinigten  Staalen  Knox  aus.

Der  von  ihm  am  6.  Januar  bekannt  gegebene  Vorstoß  gegen
das  Übergewicht  Rußlands  und  Japans  in  der  Mandschurei  bezweckte
  die  Vereinigung  aller  Mächte,  die  mit  China  im  Vertragsverhältnis
  stehen,  um  die  mandschurischen  Eisenbahnen  zu
„neutralisieren"“,  d.  h.  unter  die  gemeinsame  Verwaltung  der  Vertragsmächte
  zu  stellen.  Das  war  ein  Versuch,  die  von  ihm  am
31.  Juli  1909  angekündigte  Handelspolitik  („systematische  Förderung
  des  amerikanischen  Handels,  namentlich  mit  China  und  Südamerika“)
  zu  einer  allgemeinen  Angelegenheit  der  Industriestaaten
zu  machen.  Einen  besonderen  Beigeschmack  bekam  dieses  Vorgehen
durch  die  Bestrebungen  amerikanischer  Unternehmer,  sich  in  Peking
die  Konzession  zu  einem  Bahnbau  von  Aigun  durch  die  Mandschurei
nach  Tsitsikar  und  dann  weiter  mit  Anschluß  an  die  chinesischen
Bahnen  zu  verschaffen,  wodurch  zugleich  der  Weg  vom  Baikalsee
über  Charbin  nach  Tientsin  abgeschnitten  worden  wäre.  Der  amerikanische
  Vorschlag  fand  in  England  und  Deutschland  eine  kühle
Höflichkeitsaufnahme,  in  Rußland  und  Japan  aber  bereits  am
21.  Januar  die  entschiedenste  Ablehnung.  Gegen  diesen  Mißerfolg
kam  die  neue  Freundschaft  der  Vereinigten  Staaten  mit  China
kaum  in  Betracht.  Für  die  Weltlage  wurde  es  aber  wichtig,  daß
die  russischen  und  japanischen  Staatsmänner  einen  gründlichen
Ausgleich  ihrer  Interessensphären  in  der  Mandschurei  und  Nordchina
  erzielten,  wie  ihn  schon  Fürst  Ito  bei  seiner  so  unglücklich
        <pb n="691" />
        Nebersicht  über  die  politische  Entwichelnag  des  Jahres  1910.  683

endenden  Reise  nach  Charbin  erstrebt  hatte.  Schon  im  Mai  war
völlige  Einigkeit  erzielt,  und  für  die  Zukunft  ein  Abkommen  entworfen,
  das  den  Japanern  Korea  zu  beliebiger  Behandlung  überließ,
  während  Japan  das  russische  Vorgehen  in  anderen  Teilen
Nordchinas  nicht  zu  stören  versprach  (S.  597  u.  673).  Damit  verschwand
  der  russisch-japanische  Gegensatz  zunächst  aus  allen  politischen
  Kalkülen.  Für  die  russische  Diplomatie  verlor  zugleich  die
von  Iswolski  so  stark  betonte  Freundschaft  mit  England  einen
ihrer  Hauptzwecke,  nämlich  auf  den  englischen  Bundesgenossen  Japan
im  versöhnlichen  Sinne  einzuwirken.

Diese  Verschiebung  machte  sich  um  so  stärker  geltend,  da  am
7.  Mai  König  Eduard  VII.,  der  Hauptförderer  der  Entente,  die
1908  mit  der  Revaler  Zusammenkunft  ihren  Anfang  genommen
hatte,  aus  dem  Leben  geschieden  war.  Die  Annexion  Koreas  durch
die  Japaner  folgte  dem  definitiven  Abschluß  des  Bündnisses  mit
Rußland  (3.  Juli)  sehr  schnell.  Seit  dem  22.  August  hörte  das
Kaiserreich  Korea  auf  zu  existieren;  es  wurde  die  japanische  Kolonie
Chosen  (spr.  Tschofen)  daraus.  Dabei  wurde  auf  die  englischen
Interessen  in  Ostasien  kaum  noch  Rücksicht  genommen.  Das  Aufflackern
  des  chinesischen  Patriotismus  gegen  die  japanisch-russischen
Verfügungen  über  Interessensphären  in  Nordchina  trieb  die  neuen
Verbündeten  nur  noch  enger  aneinander.  Eine  weitere  Folge  der
in  Ostasien  eingetretenen  Veränderung  war  der  Rücktritt  Iswolskis
von  der  Leitung  der  russischen  auswärtigen  Politik  und  seine  Ersetzung
  durch  den  von  englischen  Sympathien  nicht  geblendeten
Ssassonow.

In  Persien  erhielt  sich  das  rusfisch-englische  Zusammengehen
auch  nicht  mehr  lange.  Am  17.  Oktober  unternahmen  die  Engländer
  eigenmächtig  einen  Vorstoß,  der  ihnen  mittels  der  Beherrschung
  der  Straßen  und  zu  bauenden  Eisenbahnen  auch  in  der
früher  als  neutral  bezeichneten  Zone  das  Übergewicht  sichern  sollte.
Da  trennte  sich  Rußland  bei  Gelegenheit  der  Potsdamer  Begegnung
der  beiden  Kaiser  ostentativ  von  der  durch  latente  Abneigung
gegen  Deutschland  charakterisierten  Triple-Entente.  Die  Potsdamer
Punktationen  über  den  zukünftigen  Anschluß  der  Bagdadbahn
an  das  russische  Bahnnetz  (S.  433/434  u.  601)  beseitigten  die  in
        <pb n="692" />
        684  Hedersicht  über  die  politische  Eutwichelnus  des  Jahres  1910.

der  englischen  Publizistik  so  eifrig  behandelte  Reibungsfläche  der
beiden  Nachbarreiche  im  Zusammenhange  mit  dem  Ausbau  der
Bagdadbahn.

Ebensowenig  wie  den  Chinesen  hat  die  Förderung  der  Expansionslust
  des  amerikanischen  Handels  durch  den  Staatssekretär
Knox  den  Südamerikanern  Vorteil  gebracht.  In  Nicaragua  verbat
  sich  die  Regierung  eine  Intervention  der  großen  Republik  in
ihre  inneren  Streitigkeiten  durch  eine  Zirkulardepesche  an  die  Regierungen
  Deutschlands,  Englands,  Frankreichs,  Italiens,  Spaniens
und  der  mittelamerikanischen  Republiken.  In  Mexiko  bereiteten
die  amerikanischen  Konzessionsjäger  der  Wiederwahl  des  Präsidenten
Porfirio  Diaz  Schwierigkeiten,  indem  sie  den  Gegenkandidaten  unterstützten.
  In  der  Republik  Panama  war  die  Einmischung  in  die
Präsidentenwahlen  seitens  des  amerikanischen  Geschäftsträgers  eine
so  offenkundige  Bedrohung,  daß  dann  doch  von  Washington  aus
eine  Desavouierung  erfolgte  (S.  653),  wie  ja  auch  das  voreilige
Kundgeben  der  Interventionspolitik  in  der  Mandschurei  durch  den
Gesandten  Crane  im  Oktober  1909  zunächst  aufs  schärfste  desavouiert
  wurde.  Daß  Mittel-  und  Südamerika  eine  ernste  Sorge
vor  rücksichtsloser  Bevormundung  durch  die  Vereinigten  Staaten
hegen,  bewies  auch  der  Verlauf  des  Panamerikanischen  Kongresses
in  Buenos  Aires.  Auch  in  Spitzbergen  hatten  die  Vereinigten
Staaten  Annexionsgelüste  (S.  634),  und  die  Republik  Liberia  sollte
unter  amerikanisches  Protektorat  gestellt  werden  (S.  637).

Für  die  europäischen  Großmächte  treten  während  des  ganzen
Jahres  1910  die  auswärtigen  Verwickelungen  in  den  Hintergrund
vor  Fragen  der  inneren  Politik.  In  der  Schwebe  blieb  am  Schluß
des  Jahres  die  Schwierigkeit,  die  das  Einlaufen  französischer  Kriegsschiffe
  in  den  nicht  geöffneten  marokkanischen  Hafen  Agadir  hervorrief
  (S.  412,  432,  136,  551)  und  die  Unmöglichkeit,  die  englische
Regierung  zu  einer  ordnungsmäßigen  Erledigung  der  deutschen
Schadenersatzansprüche  aus  dem  Burenkriege  zu  bewegen  (S.  449).
Rußland  und  Österreich-Ungarn  kehrten  schon  im  März  zur  Wiederherstellung
  normaler  diplomatischer  Beziehungen  zurück  (S.  593).
Die  Friedensliebe  der  großen  Mächte  offenbarte  sich  auch  in  den
übereinstimmenden  Bemühungen,  in  Kreta  den  bestehenden  Zustand
        <pb n="693" />
        Nebersicht  über  die  pelilische  Eutwickelung  des  Jahres  1910.  685

zu  erhalten  und  dem  Toben  der  hellenistischen  Agitation  in  Griechenland,
  die  zuweilen  eine  antidynastische  Tendenz  verriet,  warnend
zuzusehen.  Die  Revolution  in  Portugal  fand  die  europäischen
Mächte  einig  in  dem  Entschlusse,  jede  Einmischung  zu  vermeiden.
Die  Hoffnung  der  mohammedanischen  Welt,  sich  nach  den  neu  belebten
  eigenen  Antrieben  ungestört  zu  entwickeln,  verknüpft  sich
leicht  mit  besonderen  Sympathien  für  das  Deutsche  Reich,  weil  von
dorther  auch  früher  niemals  eine  Gefahr  drohte.  Um  Militärmissionen
  oder  Instrukteure  zu  erhalten,  wandten  sich  außer  der
Türkei  auch  Brasilien  und  Argentinien  nach  Berlin,  während
Serbien  in  der  Behandlung  der  rein  geschäftlichen  Angelegenheit
von  Submissionslieferungen  der  Abneigung  gegen  den  Unterstützer
von  Österreichs  erfolgreicher  Politik  die  Zügel  schießen  ließ.  Auch
die  Behandlung  der  türkischen  Anleihe  in  Paris  und  London,
Wien  und  Berlin  nahm  eine  politische  Färbung  an,  weil  die
beiden  Westmächte  der  Pforte  ihre  Unzufriedenheit  fühlbar  machen
wollten.

Für  die  innere  Politik  des  Deutschen  Reichs  ergaben
die  Nachwirkungen  der  Finanzreform  vom  Sommer  1909  auf  das
Parteileben  einen  neuen  Ausgangspunkt.  Die  öffentliche  Meinung
rechnete  mit  dem  politischen  übergewicht  derjenigen  Parteien,  denen
gegenüber  die  verbündeten  Regierungen  beim  Abschluß  der  Finanzgesetze
  trotz  der  vorangegangenen  entschiedenen  Erklärungen  eine
überraschende  Nachgiebigkeit  bewiesen  hatten.  Der  „schwarz-blaue
Block“  erschien  den  nicht  an  ihm  Beteiligten  nicht  nur  als  Nachfolger
  des  während  der  Finanzreformkämpfe  in  die  Brüche  gegangenen
  liberal-konservativen  Blocks,  den  Fürst  Bülow  im  Dezember
  1906  geschaffen  hatte,  sondern  als  der  gebietende  Faktor
im  Reich  und  in  Preußen.  Die  Zurückhaltung  des  Reichskanzlers
im  ersten  Halbjahr  seiner  Staatsleitung  wurde  als  Mangel  an
Entschlußkraft  gedeutet,  den  namentlich  der  Führer  der  Konservativen
  in  der  Finanzkampagne,  von  Heydebrand,  wohl  auszunutzen
verstehen  würde.  Es  sollte  sich  aber  zeigen,  daß  die  Prognose  falsch
gestellt  war.  Was  Fürst  Bülow  als  Folge  der  veränderten  Situation
  vorausgesagt  hatte:  Schwäche  in  der  Polenpolitik  und  Wieder-
        <pb n="694" />
        686  Aebersicht  ũber  die  politische  Entwichelung  des  Jahres  1910.

einsetzung  des  Zentrums  als  ausschlaggebender  Partei,  ist  im
Jahre  1910  nicht  eingetroffen.

Das  erste  Kennzeichen  der  politischen  Haltung  des  Reichskanzlers
  von  Bethmann  Hollweg  war  das  energische  Vorgehen  gegen
die  Beamten,  die  in  Kattowitz  bei  den  Stadtverordnetenwahlen
polnischen  Kandidaten  den  Sieg  verschafft  hatten.  Der  Interpellation
  des  Zentrums  über  diese  Maßregelungen  trat  er  im
preußischen  Abgeordnetenhaus  mit  einer  Entschiedenheit  gegenüber
(S.  51—56),  die  derjenigen  Bülows  und  Bismarcks  nicht  nachstand.
  Am  Schlusse  der  weit  ausgesponnenen  Debatte  sicherte  er
aber  durch  eine  Erklärung  die  Beamten  gegen  jede  irgend  vermeidliche
  Einmischung  der  Regierung  in  die  Ausübung  ihrer  politischen
Rechte  (S.  62).  Die  in  der  kaiserlichen  Thronrede  1908  angekündigte
  Wahlrechtsvorlage  besprach  er  bei  ihrem  Erscheinen  am
3.  Februar  mit  den  Vertretern  der  vier  bürgerlichen  Parteien  des
Abgeordnetenhauses.  Der  Entwurf  (S.  99—102)  hielt  die  Wahlkreiseinteilung,
  deren  Grundlage  eine  fünfzig  Jahre  alte  Volkszählung
  bildete,  das  Dreiklassensystem  und  die  öffentliche  Abstimmung
  bei  den  Urwahlen  fest,  ermäßigte  aber  den  plutokratischen
Charakter  des  ursprünglichen  preußischen  Wahlsystems  durch  die
„Maximierung“  und  eine  Erhöhung  der  Stellung  gewisser  „Kulturträger“
  in  der  Wählerliste  (S.96—99).  Das  Interesse  an  den
Wahlen  sollte  durch  Einführung  des  direkten  Verfahrens  gesteigert
werden.  Die  allgemeine  Erwartung  ging  dahin,  daß  dem  Verlangen
  aller  Parteien  außer  den  Konservativen  im  Laufe  der  Verhandlungen
  die  Offentlichkeit  der  Abstimmung  geopfert  werden
würde,  um  das  Gesetz  zustande  zu  bringen.  In  der  Presse  fand
diese  Vorlage  nichts  als  Ablehnung  (S.  104—106),  die  um  so
entschiedener  war,  je  weiter  links  die  Parteirichtung  des  betreffenden
Blattes  lag.  Die  Erregung  machte  sich  in  vielen  Städten  Preußens
  und  der  Bundesstaaten  in  oft  wiederholten  Demonstrationen
(s.  Index:  Parteiwesen)  Luft,  die  sich  bis  Anfang  Juni  hinzogen.
Namentlich  die  Sozialdemokraten  der  Bebelschen  Richtung  sahen
in  der  Vorlage  eine  „brutale  und  höhnische  Kriegserklärung“,  weil
die  Dreiklassenschmach  noch  verschärft  wurde  durch  die  Bevorzugung
selbst  niederer  Beamten.  Vor  der  allgemeinen  Entrüstung  ver-
        <pb n="695" />
        Nebersicht  über  die  pelitishe  Eutwichelung  des  Jahres  1910.  687

schwand  der  Vorschlag  der  Revisionisten,  die  ganze  Linke  von  Liebknecht
  bis  Friedberg  zur  Erlangung  eines  zeitgemäßen  Wahlrechts
mit  neuer  Wahlkreiseinteilung  zu  vereinigen.  Bei  der  Einführung
des  Entwurfes  im  Abgeordnetenhaus  bemühte  sich  der  von  den
Sozialdemokraten  mit  Pfuirufen  empfangene  Ministerpräsident,  die
überschätzung  der  formalen  Wahlrechtsbestimmungen  ausführlich
und  tiefgründig  nachzuweisen  (S.  110  —120).  Der  etwas  entsagungsvolle
  Ton  seiner  Argumente  ließ  ihn  auch  das  Leitmotiv  von
„gottgewollten  Abhängigkeiten“  herbeiziehen  und  das  Geständnis
einflechten:  „Wir  befinden  uns  kulturell  in  einer  Periode  der
Stagnation“,  so  daß  die  Wahlrechtsvorlage  die  Formel  werden
konnte,  in  der  sich  alles,  was  an  politischer  Mißstimmung  besteht,
zusammenfaßt.  Je  höher  die  Unzufriedenheit  über  den  Gang  der
Wahlrechtsverhandlungen  bei  den  Liberalen  stieg,  um  so  mehr
gefiel  sich  die  Presse  darin,  dem  Reichskanzler  auf  Grund  seines
parlamentarischen  Debuts  den  Philosophenmantel  umzuhängen,
worüber  er  sich  selbst  lustig  machte  (S.  137).  Es  kam  allerdings
in  der  Debatte  des  preußischen  Abgeordnetenhauses  am  12.  Februar
zu  einer  Situation,  in  der  der  Ministerpräsident  erklärte:  „Ich
habe  Anspruch  darauf,  daß  das  für  ernst  genommen  wird,  was  ich
hier  im  Namen  der  Staatsregierung  erklärte“  (S.  126).  Aus  der
Erregung  der  Debatte  bei  der  ersten  Lesung  der  Wahlrechtsvorlage
gingen  die  Bestrebungen  hervor,  die  Geschäftsordnung  des  Abgeordnetenhauses
  zu  verschärfen.  In  der  Kommission  wurden  die
Wahlrechtsprivilegien  der  Regierungsvorlage  einstimmig  abgelehnt.
Der  „kombinierte“  Antrag  des  Zentrums  und  der  Konservativen
verlangte  im  geraden  Gegensatz  zu  den  wichtigsten  Bestimmungen
des  Regierungsentwurfs  Beibehaltung  des  indirekten  Wahlverfahrens
und  Einführung  der  geheimen  Abstimmung  bei  den  Urwahlen.
Inzwischen  wurden  die  Außerungen  des  Reichskanzlers  bei  Einführung
  der  Wahlrechtsvorlage  im  Reichstage  zum  Gegenstand  einer
sozialdemokratischen  Interpellation  gemacht  (S.  142—146),  denn
man  wollte  aus  ihnen  eine  Herabsetzung  oder  Bedrohung  des  allgemeinen,
  gleichen,  geheimen  Wahlrechts  ableiten,  das  für  den
Reichstag  gilt.  Bei  der  Beantwortung  zeigte  der  Reichskanzler
eine  robustere,  die  Streitlust  und  den  unverwüstlichen  Idealismus
        <pb n="696" />
        688  Nebersicht  über  die  yolitiscze  Entwichelung  des  Jahres  1910.

im  deutschen  Volksleben  würdigende  Haltung.  Überhaupt  trat  mit
immer  größerer  Deutlichkeit  ein  gewisser  Zwiespalt  hervor  zwischen
der  weitgehenden  Nachgiebigkeit  des  leitenden  Staatsmannes  bei
der  Abwicklung  der  preußischen  Wahlrechtsvorlage  und  dem  moralischen
  Schwunge,  der  sich  sonst  bei  seiner  Amtsführung  bemerkbar
machte.

Wir  heben  zunächst  den  Gang  der  Verhandlungen  über  die
Wahlrechtsvorlage  heraus.  Die  Mehrheitsbeschlüsse  der  Kommission
wurden  zwar  auch  im  Plenum  angenommen;  aber  die  Parteien
behielten  sich  ihre  Stellungnahme  bis  zu  dem  Moment  vor,  wo
sich  das  Ganze  der  beschlossenen  Verfassungsänderungen  übersehen
ließe.  Auf  diesen  Standpunkt,  die  Annahme  oder  Ablehnung  der
einzelnen  Bestimmungen  hinauszuschieben,  stellte  sich  am  12.  März
auch  die  Regierung.  So  erklärt  sich  die  Ablenkung  des  Kampfes
auf  scheinbar  kleinliche  Einzelheiten.  Eine  große  Erbitterung  zwischen
  Konservativen  und  Nationalliberalen  wurde  dadurch  hervorgerufen,
  daß  der  Abgeordnete  Friedberg  ein  Scheinmanöver  der
Konservativen,  die  durch  einen  Antrag  auf  öffentliche  Wahl  ihr
Paktum  mit  dem  Zentrum  kaschieren  wollten,  durch  Antrag  auf
namentliche  Abstimmung  und  Stimmenthaltung  seiner  eigenen  Partei
unmöglich  machte.  Herr  v.  Heydebrand  und  zur  Lasa  sah  sich  genötigt,
  um  die  Annahme  des  konservativen  Parteiantrages  zu  verhindern,
  die  Mehrheit  seiner  Parteigenossen  zur  Stimmenthaltung
zu  veranlassen  (S.  180—182,  188—  189).  Auch  in  der  Frage,  wie
weit  Terminswahl  und  Fristwahl  zuzulassen  seien,  überließ  die
Regierung,  die  hierbei  von  dem  eigentlichen  Verfasser  der  Wahlrechtsvorlage,
  Geheimrat  v.  Falkenhayn,  vertreten  wurde,  die  Entscheidung
  dem  Abgeordnetenhause.  Bei  der  dritten  Lesung  der
Wahlrechtsvorlage  erklärte  der  Ministerpräsident,  daß  die  Staatsregierung
  die  geheime  Stimmabgabe  bei  den  Urwahlen  und  das
indirekte  Wahlverfahren  annehmen  werde,  wenn  „eine  erhebliche
Mehrheit  dieses  hohen  Hauses  sich  dahin  entscheidet“  (S.  199).
Darauf  erfolgte  die  Annahme  mit  238  gegen  138  Stimmen.  Bis
auf  fünf  Konservative  stimmten  Zentrum  und  Konservative  geschlossen
  dafür,  bis  auf  zwei  Freikonservative  alle  andern  Parteien
(Freikonservative,  Nationalliberale,  Freisinnige,  Sozialdemokraten
        <pb n="697" />
        NMebersicht  üher  die  politische  Entwickelnus  des  Jahres  1910.  689

und  Polen)  dagegen.  Bei  der  verfassungsmäßig  vorgeschriebenen
Wiederholung  der  Abstimmung  nach  drei  Wochen  (11.  April)  schnitt
die  Majorität  jede  Debatte  durch  die  Taktik  ab,  einen  Redner  anzumelden,
  der  dann  bloß  seinen  Verzicht  aufs  Wort  erklärte,  während
gleichzeitig  ein  Antrag  auf  Schluß  der  Debatte  gestellt  wurde,  den
die  Majorität  möglichst  schnell  annahm.  Die  nun  einsetzenden
Verhandlungen  im  Herrenhaus  benutzte  die  Regierung,  um  „die
notwendigen  Ergänzungen“  zu  beschaffen,  die  den  Beitritt  der  Freikonservativen
  und  Nationalliberalen  herbeiführen  könnten.  Der
Ministerpräsident  leitete  deshalb  die  neue  Verhandlung  mit  dem
Hinweise  ein,  daß  die  Erweiterung  des  Kreises  der  Wahlrechtsprivilegierten
  über  die  (vom  Abgeordnetenhaus  allein  zugelassenen)
zum  akademischen  Studium  Berechtigten  hinaus  und  die  Drittelung
der  Wähler  in  größeren  Bezirken  als  den  1893  dafür  festgesetzten
Urwahleinheiten  wahrscheinlich  geeignete  Maßregeln  zur  Gewinnung
der  bisher  ablehnenden  Parteien  sein  würden.  Das  Herrenhaus
bot  bei  diesen  Verhandlungen  das  Schauspiel,  daß  der  Gegensatz
der  politischen  Auffassung  noch  unmittelbarer  zum  Ausdruck  kam,
als  bei  den  Verhandlungen  des  Abgeordnetenhauses.  Für  die  Intentionen
  der  Regierung  setzte  sich  am  entschiedensten  die  „neue
Fraktion“  ein.  Es  fielen  ebenso  scharfe  Ausdrücke  gegen  den  schwarzblauen
  Block  und  gegen  ein  Bündnis  mit  dem  Zentrum  wie  entschiedene
  Forderungen  für  geheime  und  direkte  Wahl,  ja  selbst  für
das  Reichstagswahlrecht,  während  andrerseits  die  öffentliche  Abstimmung
  auch  ihre  Verteidiger  fand.  Um  nach  Zustandekommen
einer  Reform  neue  Wahlgesetzveränderungen  zu  erschweren,  verlangte
Graf  Vork  v.  Wartenberg  für  künftige  Wahlrechtsvorlagen  eine
Zweidrittelmajorität  in  beiden  Häusern.  Der  Ministerpräsident
hatte  die  Kommissionsverhandlungen  des  Herrenhauses  dazu  benutzt,
um  als  den  Kernpunkt  weiterer  Kompromißversuche  eine  andere
Drittelung  der  Wähler  herauszuarbeiten.  Er  akzeptierte  die  Fassung
des  Antrages  Freiherr  v.  Schorlemer,  wonach  Gemeinden  bis  zu
10000  Einwohnern  einen  Drittelungsbezirk,  größere  bis  zu  20000
Einwohnern  zwei  Drittelungsbezirke  und  noch  größere  weitere  Drittelungsbezirke
  auf  jede  angefangenen  20000  Einwohner  bilden  sollten.
Am  29.  April  erfolgte  die  fast  einstimmige  Annahme  des  Antrages
Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.  44
        <pb n="698" />
        690  Aebersicht  ũber  die  pelitische  Entwickeln#s  des  Jasres  1910.

Schorlemer  und  am  21.  Mai  die  Wiederholung  der  Abstimmung
über  die  so  amendierte  Wahlrechtsvorlage  mit  127  gegen  82  Stimmen.
Als  nun  die  neue  Beratung  im  Abgeordnetenhaus  einsetzte,  erklärte
der  Ministerpräsident,  daß  die  Nichtannahme  der  Herrenhausbeschlüsse
  ein  Scheitern  der  ganzen  Vorlage  zur  Folge  haben  werde,
und,  als  dennoch  der  entscheidende  §  6  mit  großer  Moajorität  abgelehnt
  wurde,  zog  er  am  27.  Mai  die  Vorlage  zurück.  Mit  dem
Bestehenbleiben  des  preußischen  Wahlsystems  ist  die  konservative
Presse  sehr  zufrieden;  die  „Germania“  nimmt  „die  Niederlage  der
Regierung  nicht  tragisch“,  „weil  das  Wahlrechtserbteil  des  Fürsten
Bülow  zum  Bankerott  gelangt  ist“;  die  liberale  Presse  sieht  einen
Trost  darin,  daß  die  Bahn  zu  einem  neuen,  höheren  Anlauf  wieder
frei  geworden  ist.

Den  Bundesrat  und  Reichstag  beschäftigte  die  Regierung
mit  einer  großen  Reihe  wichtiger  politischer,  finanzieller,  sozialer
und  juristischer  Vorlagen.  Die  Ankündigung  der  Verfassungsfortbildung
  für  Elsaß-Lothringen  durch  den  Reichskanzler  klang  sehr
hoffnungsvoll;  nach  Erwähnung  der  dabei  zutage  tretenden,  staatsrechtlichen
  Bedenken  prägte  er  das  schöne  Diktum:  „Derartige
Schwierigkeiten  sind  dazu  da,  überwunden  zu  werden.“  Wenigstens
im  Bundesrate  gelang  es  noch  vor  Schluß  des  Jahres,  die  einstimmige
  Annahme  des  neuen  Verfassungsentwurfes  für  die  Reichslande
  durchzusetzen  (S.  447—448).  über  die  Frage  der  Schiffahrtsabgaben
  vereinigte  Preußen  zunächst  alle  Bundesratsstimmen  bis
auf  zwölf.  Obwohl  damit  verfassungsmäßig  der  im  Wege  stehende
Artikel  54  der  Reichsverfassung  abgeändert  werden  konnte,  zog  es
die  preußische  Regierung  doch  vor,  durch  weiteres  Entgegenkommen
gegenüber  den  Wünschen  Badens.  Sachsens  und  Hessens  eine  erfreuliche
  Einstimmigkeit  des  Bundesrats  für  den  abgeänderten  Gesetzentwurf
  zu  erzielen.  Die  Einbringung  eines  Reichswertzuwachssteuergesetzes
  erfolgte  bereits  im  Frühjahr  1910,  obwohl  der  Reichstag,
  als  er  die  Finanzreform  beschloß,  den  1.  April  1912  als  Frist
für  die  Regierungsvorlage  festgesetzt  hatte.  Das  Arbeitskammergesetz
  und  die  Reichsversicherungsordnung  bedeuteten  eine  wesentliche
  Fortführung  der  Sozialpolitik.  Von  sehr  weittragenden,
politischen  Folgen  könnte  auch  die  von  der  Regierung  vorgeschlagene
        <pb n="699" />
        Nebersicht  über  die  politische  Gutwichelung  des  Jahres  1910.  691

Neuordnung  der  Strafrechtspflege  werden,  die  den  Reichstag  schon
im  Januar  beschäftigte.  Dazu  kam  noch  ein  Reichsgesetzentwurf
über  den  Vertrieb  der  Kalisalze,  durch  den  ein  Deutschland  zugefallenes
  natürliches  Monopol  gegen  falsche  Ausbeutung  und  nutzlose
  Vergeudung  gesichert  werden  sollte.  Mit  diesen  weitschichtigen
Regierungsvorlagen  war  dem  Reichstag  für  den  Rest  seiner  Legislaturperiode
  ein  reichhaltiges  Arbeitsprogramm  gegeben.  Um  es
bewältigen  zu  können,  arbeiteten  zwei  Kommissionen,  die  über  die
Reichsversicherungsordnung  und  über  die  Strafprozeßordnung,  auch
in  der  Zwischenzeit  der  beiden  Sessionen  während  der  Monate
Mai  bis  November.  Auch  der  Gesetzentwurf  über  die  Schiffahrtsabgaben
  ging  nach  einer  lebhaften  Debatte,  bei  der  namentlich
die  badischen  und  elsaß-lothringischen  Abgeordneten  die  Interessen
ihrer  Landesteile  geltend  machten,  an  eine  Kommission  von  28  Mitgliedern.


Keine  von  diesen  Aufgaben,  mit  denen  sich  das  Parlament
und  die  Presse  sehr  eingehend  beschäftigten,  war  geeignet,  den  Gegensatz
  der  Parteigruppen,  wie  er  sich  bei  der  Finanzreform  herausgebildet
  hatte,  zu  verschärfen.  Der  Reichskanzler  hatte  also  ein
gewisses  Recht,  eine  Sammlung  und  versöhnliche  Detailarbeit  als
die  Forderung  der  innerpolitischen  Lage  von  den  Parteien  zu  verlangen.
  Er  hütete  sich  wohl,  den  Termin  der  neuen  Reichstagswahlen,
  die  man  vielfach  schon  für  den  Herbst  1911  erwartete,
anzudeuten,  oder  gar  eine  Wahlparole  auszugeben,  an  die  der
Parteikampf  um  die  Zukunft  anknüpfen  konnte  (S.  344,  346).
Es  war  deshalb  eine  Überraschung,  daß  im  Juni  einige  der  wichtigsten
  Staatsämter  in  Preußen  und  dem  Reich  mit  neuen  Männern
besetzt  wurden.  Als  der  Minister  des  Innern  v.  Moltke  und  der
Landwirtschaftsminister  v.  Arnim  gingen,  legte  die  „Nationalliberale
Korrespondenz“  dies  als  ein  Symptom  aus,  daß  der  Reichskanzler
nunmehr  gewillt  sei,  „einen  einseitig-konservativen  Kurs  zu  steuern“
(S.  328).  Aber  da  wenige  Tage  darauf  auch  der  Finanzminister
Freiherr  v.  Rheinbaben,  der  die  engste  Fühlung  mit  den  Konservativen
  hatte,  seinen  Posten  mit  dem  eines  Oberpräsidenten  der  Rheinprovinz
  vertauschte  und  der  Oberbürgermeister  von  Magdeburg
Dr.  Leutze  an  seine  Stelle  trat,  erwies  sich  diese  Diagnose  als  un-447
        <pb n="700" />
        692  Mebersicht  über  die  politische  Eutwickelnus  des  Jabres  1910.

haltbar.  Ebensowenig  konnte  der  Rücktritt  Dernburgs  und  seine
Ersetzung  durch  den  bisherigen  Unterstaatssekretär  v.  Lindequist  als
ein  Systemwechsel  ausgelegt  werden,  und  von  der  Ernennung  des
früheren  Gesandten  in  Bukarest  v.  Kiderlen-Wächter  zum  Staatssekretär
  des  Auswärtigen,  während  Freiherr  v.  Schön  als  Botschafter
nach  Paris  ging,  wurde  nur  eine  schärfere  Betonung  der  im  Auswärtigen
  Amte  traditionellen  Grundsätze  erwartet.  Wahrscheinlich
erschien  der  umfangreiche  Personenwechsel  nach  Schluß  der  Reichstagssession
  wünschenswert,  um  dem  leitenden  Staatsmann  die  Durchführung
  seiner  Intentionen  zu  erleichtern.  Wollte  man  für  das
Programm,  das  unausgesprochen  dem  Reichskanzler  vorschwebte,
eine  Devise  suchen,  so  könnte  man  sie  vielleicht  in  seinem  Ausspruch
  vom  10.  Februar  finden:  „Preußen  muß  sich  im  Zusammenhang
  mit  der  ganzen  deutschen  Entwicklung  halten“  (S.  120),  wozu
sich  ein  anderes  Diktum,  fünf  Tage  darauf:  „Bureaukratisches
Regiment  würde  uns  zur  Versteinerung  führen“  (S.  145),  als  Ergänzung
  denken  ließe.  Die  schon  erwähnte  Hoffnungsfreudigkeit
in  Bezug  auf  Elsaß-Lothringen  und  die  veränderte  Haltung  der
preußischen  Regierung  in  der  Frage  der  fakultativen  Feuerbestattung
illustrieren  die  nicht  gerade  sehr  entschiedene  Kursänderung  der
inneren  Politik.  Dazu  paßte  auch  das  starke  Hervortreten  des
Staatssekretärs  des  Innern  Delbrück,  der  seine  liberale  Vergangenheit
  als  Oberbürgermeister  von  Danzig  (S.  385)  nicht  ganz  verleugnen
  konnte.

Der  öffentlichen  Meinung  wurde  es  nicht  leicht  gemacht,  die
Intentionen  der  Regierung  richtig  zu  erfassen,  da  die  Sozialdemokraten,
die  Liberalen  schärferer  Tonart  und  die  Witzblätter  nicht  müde
wurden,  den  Kanzler  als  gefügiges  Werkzeug  der  schwarz-blauen
Mehrheit  darzustellen.  Der  Entrüstung  über  die  vermeintliche
politische  Verschiebung  infolge  der  Reichsfinanzreform  gaben  zwei
Vorfälle  Nahrung,  die  sich  als  Zeichen  der  Reaktion  auslegen  ließen.
Am  25.  August  hielt  der  Kaiser  in  Königsberg  eine  Rede,  in  der
er  auf  die  Krönungefeierlichkeit  von  1861  hinwies,  die  er  als  eine
Bekräftigung  des  Gottesgnadentums  auslegte  und  die  ihn  selbst
darin  bestärkte,  „als  Instrument  des  Herrn  sich  betrachtend,  ohne
Rücksicht  auf  Tagesansichten  und  -Meinungen  seinen  Weg  zu  gehen“
        <pb n="701" />
        Nebersicht  über  die  politische  Enlwickeluns  des  Jahres  1910.  693

(S.  338—339).  Während  einzelne  konservative  Blätter  diesen  Kaiserworten
  zustimmten,  sahen  die  liberalen  darin  einen  Rückfall  in
die  Art  persönlicher  Kundgebungen,  die  seit  den  ernsten  Novembertagen
  1908  nicht  mehr  zu  befürchten  war.  Der  Kaiser  selbst  kam
wenige  Tage  darauf  in  seiner  Marienburger  Rede  auf  sein  Königsberger
  „Wort“  zurück  und  erläuterte  es  dahin,  daß  er  wie  sein
Großvater  unter  der  höchsten  Obhut  und  dem  höchsten  Auftrage
arbeitete;  er  knüpfte  es  an  eine  Erörterung  über  das  Kreuz  auf
dem  Gewande  des  Deutschritterordens,  welches  „bedeutet,  daß
Deutschtum  und  Christentum  untrennbar  voneinander  sind“  (S.341).
Wegen  der  Wirkung  auf  die  Süddeutschen  sehr  bedauerlich  war
die  „Entgleisung“  des  Abgeordneten  von  Oldenburg-Januschau,
der  am  29.  Januar  seine  „werten  Bundesbrüder“  an  einen  Spottvers
  auf  die  Reichsarmee  aus  Friedrichs  des  Großen  Zeit  erinnerte
und  dem  Kaiser  das  Kommando  an  jeden  Leutnant  offen  halten
wollte:  „Nehmen  Sie  zehn  Mann  und  schließen  Sie  den  Reichstag“.
  Da  ein  Ordnungsruf  nicht  erfolgte,  knüpften  sich  an  dieses
eigentlich  doch  nur  komische  Intermezzo  unliebsame  Erörterungen
im  Reichstag,  in  der  bayerischen  Abgeordnetenkammer  und  innerhalb
  der  konservativen  Partei  (s.  Index:  von  Oldenburg-Januschau).
Der  Führer  der  Konservativen  v.  Heydebrand  benutzte  aber  die
Debatte  über  die  sozialdemokratische  Interpellation  wegen  der
Kaiserreden  zu  der  nachdrücklichen  Forderung  von  Abwehrmaßregeln
gegen  die  Umsturzpartei  (S.  392).

Auf  die  ungehaltene  Stimmung  des  deutschen  Volkes  infolge
der  Aufpeitschung  gegen  den  schwarz-blauen  Block  wirkte  auch  die
Borromäus-Enzyklika.  Im  preußischen  Abgeordnetenhaus  brachten
die  Konservativen,  die  Freikonservativen  und  die  Nationalliberalen
drei  Interpellationen  ein,  die  gegen  die  Stimmen  des  Zentrums  und
der  Polen  zur  Besprechung  gelangten.  Die  Liberalen  benutzten
die  Gelegenheit,  um  die  bei  den  Finanzreform-Debatten  im  Sommer
1909  von  Herrn  v.  Heydebrand  so  stark  betonte  „gemeinsame  christliche
  Weltanschauung"“  zwischen  Konservativen  und  Zentrum  „als
irreführendes  Phantom“  darzutun  (S.  316,  319).  Die  Abwehr
erfolgte  nicht  nur  durch  diplomatische  Aktionen  der  preußischen  Regierung
  (S.  324,  325),  sondern  auch  durch  ein  Handschreiben  des
        <pb n="702" />
        694  Mebe#sicht  über  die  volitische  Entwickelung  des  Jahres  1910.

Königs  von  Sachsen  an  den  Papst,  das  von  Baron  Matthies  dann
zum  Gegenstand  einer  publizistischen  Taktlofigkeit  gemacht  wurde,
durch  Besprechungen  in  den  Kammern  von  Bayern,  Braunschweig
usw.,  durch  Verwahrungen  kirchlicher  Versammlungen  und  durch
die  einstimmige  Verurteilung  der  nicht  ultramontanen  Blätter.
Volle  Zustimmung  fand  das  päpstliche  Urteil  nur  in  den  „Bonifatius-Stimmen“
  der  Beuroner  Benediktiner.  Dazu  kam  dann  gegen
Schluß  des  Jahres  die  Erregung  über  den  Antimodernisteneid,  defsen
übersetzung  als  Anhang  (S.  658.59)  zu  finden  ist.

Unter  diesen  Verhältnissen  konnte  die  Annäherung  von  Konservativen
  und  Ultramontanen  keine  weiteren  Fortschritte  machen.
Aber  auch  die  Entfremdung  zwischen  der  konservaliven  und  der
nationalliberalen  Partei  verschärfte  sich  infolge  der  parlamentarischen
Taktik  bei  der  Wahlrechtsvorlage  und  der  gegenseitigen  Rekriminationen
  bei  den  häufigen  Anspielungen  auf  die  Finanzreform  des
Vorjahres.  Um  so  leichter  war  daher  eine  Verständigung  als  Vorbereitung
  der  künftigen  Reichstagswahlen  zwischen  Nationalliberalen
und  der  neu  zusammengeschlossenen  deutschen  fortschrittlichen  Volkspartei,
  namentlich  in  Süddeutschland  (S.  370,  371).  Am  vorteilhaftesten
  war  aber  die  Situation  den  Sozialdemokraten,  die  trotz
heftiger  Auseinandersetzungen  über  den  „Disziplinbruch“  der  süddeutschen
  Budgetbewilliger  und  Hofgänger  auf  dem  Magdeburger
Parteitag  ihre  einheitliche  Organisation  aufrecht  erhielten.  In  den
Parlamenten  nahmen  sie  durch  häufige  Interpellationen,  Reden  zum
Fenster  hinaus  und  rhetorische  Wutausbrüche  viel  wertvolle  Arbeitszeit
  in  Anspruch  und  vermehrten  dadurch  bei  ihren  Anhängern  und
Gegnern  die  vorhandene  Erregung.  Bei  den  dreizehn  Ersatzwahlen  des
Jahres  fielen  ihnen  sechs  Reichstagsmandate  zu,  so  daß  ihre  Aussichten
  bei  den  nächsten  allgemeinen  Wahlen  um  so  günstiger  schienen,
je  früher  der  Zeitpunkt  für  diese  angesetzt  würde.  Auch  die  polizeilichen
  Maßregeln  bei  vielen  Wahlrechtsdemonstrationen  steigerten
das  Selbstgefühl  der  sozialistischen  Parteigänger,  besonders  in  Berlin,
wo  der  Verlauf  des  Wahlrechtsspazierganges  den  Respekt  vor  der
Polizei  nur  beeinträchtigen  konnte.  Aus  der  lokalen  Verbitterung
der  Polizeiorgane  erklärt  sich  auch  der  unnötige  Kampf  um  die
Straße  bei  Gelegenheit  eines  unbedeutenden  Streikkrawalles  in
        <pb n="703" />
        Nebersicht  iber  die  politische  Entwichelnns  des  Jahres  1910.  695

Moabit.“)  Daher  brach  im  Reichstage  auf  sozialdemokratischer  Seite
ein  Sturm  der  Entrüstung  los,  als  der  Reichskanzler  wiederholt
die  moralische  Mitschuld  der  Sozialdemokratie  an  diesen  Vorgängen
  feststellte  (S.  427—428,  443—444).  Aber  auch  die  andern
Parteien  gaben  ihrer  Unzufriedenheit  mit  der  Führung  der  Geschäfte
  im  Reich  und  in  Preußen  einen  ungewöhnlich  scharfen  Ausdruck.
  Der  „Alldeutsche  Verband“  erfuhr  vom  Reichskanzler  und
von  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung“  die  verdiente  Zurückweisung
  der  leichtfertigen  Angriffe,  die  aus  seinen  Reihen  gegen  die
angeblich  schwächliche  Vertretung  der  berechtigten  Interessen  Deutscher
im  Auslande  durch  das  Auswärtige  Amt  gerichtet  wurden  (S.  95—96,
102—  103).  In  den  Parlamentsdebatten  füllten  die  Erörterungen
über  die  Mannesmann-Angelegenheit  einen  breiteren  Raum  aus,
als  ihnen  zukam.  Auch  die  Behandlung  der  Stadt  Berlin  beim
Verkauf  des  Tempelhofer  Feldes  schürte  die  Unzufriedenheit.  Eine
beinahe  persönliche  Zuspitzung  nahmen  die  Meinungsdifferenzen
zwischen  dem  Herrenhausmitglied  von  Gwinner,  Direktor  der  Deutschen
  Bank,  und  dem  preußischen  Finanzminister  Freiherrn  von  Rheinbaben
  an.  Am  weitesten  ging  aber  der  Zentrumsabgeordnete  Erzberger
  in  seinem  Vorstoß  gegen  die  Kolonialverwallung  des  Staatssekretärs
  Dernburg,  wobei  jedoch  der  Sieg  auch  nach  Dernburgs
Rücktritt  auf  seiten  des  Kolonialamts  blieb.  Für  die  nervöse
Stimmung  im  deutschen  öffentlichen  Leben  zeugen  auch  die  Drohungen
liberaler  Zeitungen,  für  den  Versuch,  die  Pauschalgebühren  im  Fernsprechverkehr
  zu  erhöhen,  bei  den  nächsten  Reichstagswahlen  mit
der  Regierung  Abrechnung  zu  halten.  Die  Wiederholung  der  alten
Klagen  über  die  Bevorzugung  der  Adligen  im  Offizierkorps  und
über  die  Zurücksetzung  der  jüdischen  Einjährigen  bei  der  Zulassung  zur
Offiziersprüfung  blieb  zunächst  ohne  praktisches  Resultat  (S.78—79,
81,  85,  122  —123,  154).

Da  der  Ablauf  des  Ouinquennats  über  die  Friedenspräsenzstärke
  am  1.  April  1911  bevorstand,  so  legte  die  Reichsregierung
einen  neuen  Gesetzentwurf  vor,  der  bei  einer  verhältnismäßig  sehr

—.

*)  Über  die  Beschwerden  der  mißhandelten  englischen  und  amerikanischen
  Journalisten  s.  S.  353,  360.  Warum  keine  Wasserspritzen  zur  Vertreibung
  der  Menge  benützt  wurden,  ist  eine  offene  Frage.
        <pb n="704" />
        696  NMebersicht  über  die  politische  Entwichelnns  des  Jahres  1910.

geringen  Erhöhung  der  Dienstpflichtigen  durch  Vermehrung  der  Cadres
und  durch  technische  Verbesserungen  (Vermehrung  der  Maschinengewehre
  und  der  Fußartillerie)  für  die  nächsten  fünf  Jahre  die
Sicherung  Deutschlands  erreichen  will.  Daß  bei  dieser  Mäßigung
der  Anforderungen  die  Sorge  für  die  Erhaltung  des  mühsam  erreichten
  Gleichgewichts  der  Reichsfinanzen  entscheidend  ins  Gewicht
fiel,  ging  aus  den  Etatsdebatten  und  den  Erörterungen  in  der
Presse  deutlich  hervor.  Dieselbe  Rücksicht  veranlaßte  auch  den
Reichsschatzsekretär  Wermuth  darauf  zu  dringen,  daß  der  Reichstag,
der  den  Kriegsveteranen  Beihilfen  zugebilligt  hatte,  auch  die  Deckungsmittel
  für  die  17  bis  23  Millionen  Mark  finden  sollte,  die  dafür
nötig  würden  (S.  244  —245).  Da  der  Reichstag  das  ablehnte,  so
fielen  die  Reichsunterstützungen  fort;  eine  Anzahl  von  Städten  gewährte
  aber  den  alten  Kriegsteilnehmern  unter  ihren  Mitbürgern
einen  Ehrensold.  Daß  in  der  Kolonialverwaltung  in  den  letzten
Jahren  erfreuliche  Fortschritte  gemacht  sind,  und  daß  sich  die  Kolonialfreudigkeit
  wieder  sehr  gehoben  hat,  wurde  von  allen  Seiten  anerkannt.
  Als  neue  Aufgaben  wurde  die  Schaffung  einer  „ständigen
wirtschaftlichen  Kommission  der  Kolonialverwaltung“  (S.  332)  und
ein  Gesetz  über  einen  Kolonial-  und  Konsulargerichtshof  (S.  244,  247)
in  Angriff  genommen.

Die  verbesserte  Konjunktur  des  Wirtschaftslebens  zeigte  sich
in  Deutschland  in  Rekordziffern  der  Eisen=  und  Kohlenproduktion,
der  Eisenbahneinnahmen,  der  Erträgnisse  des  Börsenstempels  und
der  hohen  Kurse  für  Dividendenpapiere.  Der  Umfang  des  Außenhandels
  stieg  auf  16  Milliarden,  blieb  damit  allerdings  noch  hinter
dem  ebenfalls  emporgeschnellten  englischen  von  20  Milliarden  zurück,
übertraf  aber  den  amerikanischen  von  13,  und  den  franzöfischen
von  10  Milliarden.  Besonders  zeichnete  sich  der  deutsche  Handelsaufschwung
  durch  die  starke  Erhöhung  des  Wertes  des  Exportes
aus,  woran  Steinkohlen,  Eisenfabrikate  und  Maschinen  einen
hervorragenden  Anteil  hatten.  Die  Ernte  war  bis  auf  Wein  sehr
zufriedenstellend,  obwohl  sie  von  der  vorjährigen  noch  etwas  übertroffen
  wurde.  .

Das  Resultat  der  Volkszählung  (S.  401)  ergab  zwar  für  den
fünfjährigen  Zeitraum  1905  —10  ein  um  170000  Seelen  stärkeres
        <pb n="705" />
        Nebersict  über  die  politische  Entwichelung  des  Jahres  1910.  697

Anwachsen  als  in  dem  vorangegangenen  Lustrum,  stellte  sich  aber
prozentualiter  berechnet  nur  auf  7,02%  gegen  7,8  %  in  der  Vorperiode.
  Da  die  Auswanderung  in  dem  ganzen  Jahrzehnt  eine
sehr  niedrige  war  (jährlich  etwa  28000  im  Durchschnitt),  die  Sterblichkeit
  aber  sich  eher  verringert  hat,  so  ist  die  Differenz  in  der
verhältnismäßigen  Vermehrung  der  Bevölkerung  auf  einen  entsprechenden
  Rückgang  der  Geburtenziffer  pro  10000  der  Bevölkerung
zurückzuführen.  Die  wirtschaftliche  Erstarkung  Deutschlands  seit
1895  zeigt  sich  auch  darin,  daß  die  Zahl  der  Auswanderer  in  den
letzten  15  Jahren  nur  130000  betrug,  während  in  dem  einen
Jahrfünft  1880  —85  nicht  weniger  als  900000  Reichsangehörige
die  Heimat  verließen.  Überraschend  war  das  Ergebnis,  daß  die
Zunahme  in  Preußen  mit  7.7%  über  der  des  Reichsganzen  stand,
obwohl  die  agrarischen  östlichen  Provinzen  an  Geringfügigkeit  der
Volksvermehrung  mit  Mecklenburg,  Oldenburg,  Braunschweig  und  Anhalt
  wetteiferten.  Auf  den  Quadratkilometer  kommen  jetzt  in  Deutschland
  120,  in  Preußen  115,  in  Bayern  90  Einwohner.  Bei  der  Begründung
  des  Deutschen  Reichs  war  der  Durchschnitt  76.  Preußen
allein  hat  jetzt  mit  über  40  Millionen  Einwohnern  fast  die  gleiche
Volkszahl  wie  die  gesamten  Bundesstaaten  bei  Ausbruch  des  deutschfranzösischen
  Krieges,  also  mehr  als  Frankreich  damals  und  selbst
heute.  Daß  die  bessere  Ausnutzung  der  Moore  und  Odländereien
und  die  Hebung  der  Hochseefischerei  (S.  84)  für  die  Ernährung
der  deutschen  Bevölkerung  wichtige  Aufgaben  geworden  sind,  und
daß  eine  den  Ernteertrag  steigernde  Ansiedlungsweise  wünschenswert
ist,  wurde  besonders  in  den  langen  Parlamentsverhandlungen  über
die  „Fleischnot“  (S.  371—388)  betont.

In  den  einzelnen  Bundesstaaten  kamen  große  Gesetzgebungsakte
  nicht  zur  Verabschiedung.  Von  allgemeinerem  Interesse  waren
die  Verhandlungen  über  die  Kirchengemeindeordnung  in  Bayern,
(S.  307—313),  die  Zulassung  von  Frauen  bei  Kommunalwahlen  in
Anhalt,  die  Anregungen  zur  Fortbildung  der  Verfassung  in  Elsaß-Lothringen,
  der  sich  fortspinnende  Verfassungskonflikt  in  Mecklenburg
und  die  Haltung  der  Sozialdemokraten  in  Baden.  In  der  Einführung
der  fakultativen  Feuerbestattung  kamen  einige  norddeutsche  Kleinstaaten
  dem  Königreich  Preußen  zuvor.  Die  Borromäus-Enzyklika
        <pb n="706" />
        698  Nebersicht  über  die  velitische  Entwickelnns  des  Jahres  1910.

kam  auch  in  Braunschweig  und  in  Bayern  zur  parlamentarischen  Verhandlung
  und  veranlaßte  den  König  von  Sachsen  zu  einem  Handschreiben
  an  den  Papst,  das  ein  publizistisches  Nachspiel  hatte.

Das  ruhigere  Fahrwasser,  in  das  die  auswärtige  Politik
Osterreich-Ungarns  gekommen  war,  erleichterte  es  den  Partikularitäten,
  aus  denen  sich  die  dualistische  Monarchie  zusammensetzt,
ihre  Ansprüche  wieder  mit  größerer  Schärfe  hervorzukehren.  Da
der  Kaiser  Festigkeit  bewahrte  und  die  Erstarkung  des  Staatsgedankens
  in  weiten  Volkskreisen  durch  die  achtzigjährige  Geburtstagsfeier
  des  verehrten  Herrschers  gefördert  wurde,  so  wurde  die
Regierung  dieser  Bestrebungen  in  beiden  Reichshälften  leicht  Herr.
Ihre  Hauptaufgaben,  die  Vermehrung  des  Heeres  und  der  Flotte,
der  Abschluß  von  Handelsverträgen  mit  den  Balkanstaaten,  die
Einführung  einer  Verfassung  in  Bosnien  und  der  Herzegowina,
wurden  glatt  erledigt,  und  die  Ministerien  in  Cisleithanien  wie
in  Ungarn  erwiesen  sich  stärker  als  die  gegen  sie  kämpfenden  Parlamentsgruppen.


In  Cisleithanien  nahmen  die  Nationalitäts-Streitigkeiten
mehr  Aufmerksamkeit  in  Anspruch  als  alles  andere.  Der  Reichsrat
  wurde  am  5.  Juli  vertagt,  weil  die  Polen  und  Slovenen  das
Ministerium  zwingen  wollten,  die  Wasserstraßenbauten  durchzuführen,
an  denen  sie  ein  besonderes  Interesse  hatten.  Eine  zuverlässige
Majorität  zu  schaffen,  konnte  aber  der  Regierung  nicht  gelingen,
solange  Tschechen  und  Deutsche  in  Bezug  auf  die  Sprachenfrage
nicht  befriedigt  waren.  Der  Versuch,  durch  direkte  Verhandlungen
der  beiden  streitenden  Teile  eine  Verständigung  herbeizuführen,
um  durch  ihre  Einigkeit  im  Reichsrat  dem  Polenklub  das  Heft
aus  der  Hand  zu  winden,  schlug  nach  einigen  hoffnungsvollen
Etappen  doch  noch  fehl.  Weil  auch  der  Polenklub  nicht  nachgab,
reichte  das  Ministerium  Bienerth  am  12.  Dezember  seine  Entlassung
ein.  Das  Abgeordnetenhaus  bewilligte  ein  Budgetprovisorium  auf
drei  Monate  und  verlängerte  das  Privilegium  der  österreichisch-ungarischen
  Bank  bis  zum  15.  Februar.  Darauf  betraute  der  Kaiser
am  letzten  Tage  des  Jahres  den  Freiherrn  von  Bienerth  wiederum
mit  der  Bildung  eines  Ministeriums.
        <pb n="707" />
        Hebersicht  über  die  politische  Entwickelung  des  Jahres  1910.  699

Etwas  dramatischer  gestaltete  sich  der  politische  Kampf  in
Ungarn.  Es  beruhte  auf  dem  persönlichen  Eingreifen  des  Königs
auf  die  Parteiführer  unter  den  Magnaten,  daß  nach  der  verfehlten
Kabinettsbildung  des  Herrn  von  Lukasc  am  18.  Januar  das  Ministerium
  des  Grafen  Khuen-Hedervary  zustande  kam  und  sich  trotz
aller  Anfeindungen  im  Sattel  hielt.  Das  Mißtrauensvotum  des
Abgeordnetenhauses  gegen  das  neue  Kabinett  wurde  am  28.  Januar
mit  einer  achtwöchigen  Vertagung  beantwortet  und  die  so  gewonnene
Zeit  dazu  benutzt,  unter  Führung  der  Minister,  des  Grafen  Tisza
und  des  Grafen  Csaky  die  „nationale  Arbeitspartei“  zu  begründen.
Ihr  Programm  geht  davon  aus,  daß  die  Forderungen  der  Unabhängigkeitspartei
  und  der  sogenannten  48er-Kossuthpartei  undurchführbar
  seien,  weil  die  Krone  eine  besondere  Kommandosprache  für
die  ungarische  Armee  niemals  zugeben  werde  und  weil  eine  für
sich  stehende  ungarische  Bank  nicht  den  genügenden  Kredit  in  der
Welt  habe.  Deshalb  sei  ja  auch  das  eben  abgetretene  Koalitionsministerium
  Wekerle  zur  Unfruchtbarkeit  verurteilt  gewesen.  Der
Wiederzusammentritt  des  Parlaments  am  21.  März  brachte  tätliche
Angriffe  der  Mitglieder  der  Justh--  und  Kossuth-Parteien  auf  den
Ministerpräsidenten  und  Straßenkrawalle  seitens  der  Sozialdemokraten.
  Tags  darauf  erfolgte  die  Auflösung  des  Parlaments.  Bei
den  Neuwahlen  erlangte  die  Regierungspartei  eine  überraschend
große  Majorität,  sodaß  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  das  ungarische
  Parlament  erfolgreich  arbeitete  und  in  der  ungarischen  Delegation
  das  Gesamtinteresse  des  dualistischen  Staates  zur  Geltung  kam.
Eine  unerwartete  Schwierigkeit,  die  bei  einer  neuen  Anleihe  durch  die  ablehnende
  Haltung  der  mit  dieser  Entwicklung  unzufriedenen  französischen
  Kapitalisten  zu  drohen  schien,  wurde  durch  das  prompte
Eintreten  eines  Syndikats  österreichischer  und  deutscher  Banken
schnell  überwunden.  Dadurch  gewann  auch  die  bewährte  deutschösterreichische
  Freundschaft  neue  Popularität.  Die  österreichischungarische
  Bankgemeinschaft  blieb  durch  provisorische  Verlängerung
des  Privilegs  bestehen.

Weniger  erfreulich  waren  die  Tagesereignisse  in  den  einzelnen
Kronländern.  In  Böhmen  machte  die  Obstruktion  der  Deutschen
den  Landtag  arbeitsunfähig.  Das  Motiv  zu  dieser  Gebarung  der
        <pb n="708" />
        700  Vebersicht  über  die  volitische  Eutwichelung  des  Jahree  1910.

Deutsch-Böhmen  lag  in  ihrer  Erwartung,  daß  die  Tschechen  für
billige  Ausgleichsverhandlungen  in  der  Sprachenfrage  nicht  zu  haben
sein  würden,  wenn  die  Gesetzgebungsmaschine  des  Königreichs  wieder
regelrecht  arbeitete.  Vom  8.  Februar  bis  30.  September  blieb  deshalb
  der  böhmische  Landtag  vertagt,  und  der  Landesausschuß  mußte
sich  zu  sehr  bedenklichen  Streichungen  kultureller  Ausgaben  entschließen
  (S.  457).  Der  Sprachenkampf  und  die  Los-  von--Nom-Bewegung
  verschärfte  sich  in  dieser  Situation,  so  daß  schließlich  die
Verständigungsversuche  zwischen  tschechischen  und  deutschen  Vertrauensmännern
  vertagt  werden  mußten.  Für  die  Tschechen  war
die  weitgetriebene  Russenfreundlichkeit  ihres  Führers  Kramarz  eine
Quelle  der  Verlegenheit,  zumal  die  Polen  von  dem  Neoflavismus
der  jungtschechischen  Heißsporne  nichts  wissen  wollen.  In  Galizien
und  Mähren  wirkte  die  Erinnerungsfeier  an  die  Schlacht  bei  Tannenberg
  aufreizend,  so  daß  die  Deutschen  und  die  Ruthenen  darunter
zu  leiden  hatten.  Aber  auch  die  Italiener  wurden  wegen  der  immer
noch  nicht  erfolgten  Errichtung  einer  italienischen  juristischen  Fakultät
in  Triest  ungeduldig  und  versuchten  ihr  Glück  mit  Demonstrationen.
Infolge  der  Borromäus-Enzyklika  kehrten  die  alldeutschen  und  freisinnigen
  Studenten  ihren  Gegensatz  zu  ihren  klerikalen  Kommilitonen
stärker  hervor  (S.  455  —456,  478).  In  den  Zeiten  schleichender
parlamentarischer  Krisen  erscheinen  solche  lokalen  Katzbalgereien
regelmäßig  auf  der  Oberfläche  des  politischen  Lebens  in  Osterreich.

Die  wichtigste  Neuerung  im  Staatsleben  der  österreichischungarischen
  Monarchie  war  das  Flottenbauprogramm  (S.  478),
das  in  der  englischen  und  französischen  Presse  weidlich  zur  erneuerten
Deutschenhetze  ausgenutzt  wurde,  als  ob  eine  im  adriatischen  Meer
ausgerüstete  kleine  Zahl  von  Dreadnoughts  sich  mit  dem  deutschen
Geschwader  in  der  Nordsee  vereinigen  und  es  verstärken  könnte.
Warum  OÖsterreich-Ungarn  über  eine  schlagfertige  Armee  und  Flotte
verfügen  muß,  setzte  Ahrenthal  vor  den  Delegationen  (S.  473)  und
Graf  Khuen-Hedervary  während  des  Wahlkampfes  in  Ungarn
(S.  463)  auseinander.

Schon  von  Anfang  des  Jahres  an  zeigten  sich  in  Portugal
bedenkliche  Symptome  des  inneren  Verfalls.  Der  liberal-mon-
        <pb n="709" />
        Nebersicht  über  die  velitische  Eutwichelung  des  Jahres  1910.  701

archische  Block  nahm  eine  frondierende  Haltung  an,  weil  der  klerikale
Einfluß  bei  Hofe  und  betrügerische  Durchstechereien  von  Beamten
eine  weitverbreitete  Gärung  in  der  Hauptstadt  erzeugt  hatten.  Verschärft
  wurde  die  Unzufriedenheit  durch  die  Intriguen  des  bei  Hofe
einflußreichen  Politikers  José  Luciana  de  Castro  und  der  mit  ihm
verbündeten  klerikalen  Nationalisten.  Diese  Kreise  malten  schon
im  Anfang  des  Jahres  den  Teufel  republikanischer  Verschwörungen
an  die  Wand,  um  die  liberalen  Monarchisten  regierungsunfähig  zu
machen.  Um  die  Dynastie  zu  stärken,  ließ  die  Regierung  den  Oheim
des  Königs  zum  Kronprinzen  bestellen;  daß  sie  zur  Feier  des  Tages
das  dunkelgebliebene  Rathaus  zwangsweise  illuminieren  ließ,  beleuchtete
  aber  nur  die  Unpopularität  des  Königs  bei  der  hauptstädtischen
  Bevölkerung,  wie  sie  bereits  bei  der  Parlamentseröffnung
am  2.  Januar  hervorgetreten  war.  In  beiden  Kammern  wurde
die  Kritik  über  die  neuesten  Regierungsmaßregeln  so  unbequem,
daß  der  König  das  Parlament  vom  23.  April  bis  1.  Juni  vertagte.
  Dann  wurden  die  Kammerskandale  nur  um  so  schlimmer,
und  ein  Ministerwechsel  brachte  keine  Besserung.  Es  blieb  nichts  übrig
als  eine  Kammerauflösung  (27.  Juni)  und  Neuwahlen  (28.  August),
sowie  ein  Pairsschub  (17.  September).  Die  Unzufriedenheit  der
liberalen  Elemente  wurde  während  der  Wahlvorbereitungen  durch
ein  geheimes  Aktenstück,  das  sich  auf  die  unsinnigen  Verschwendungen
der  Königin  Großmutter  Maria  Pia  bezog,  und  durch  den  Versuch
der  Klerikalen,  die  Neuwahlen  zu  verhindern,  bedeutend  verstärkt.
Die  schönen  Versprechungen  vernünftiger  Reformen  in  der  Thronrede
  vom  22.  September  wurden  umsoweniger  beachtet,  als  eine
ähnliche  Ankündigung  im  März  des  Vorjahres  ohne  Praktische
Folgen  geblieben  war.  Auch  mit  dem  Hinweis  auf  die  Verleihung
des  Schwarzen  Adler-Ordens  und  die  Sondermission  des  Prinzen
Heinrich  von  Preußen  (24.  August)  wurde  kein  bedeutender  Eindruck
  erzielt.  Es  war  eine  von  den  Republikanern  angezettelte
Militärrevolte,  die  vom  4.  bis  6.  Oktober  die  Hauptstadt  überrumpelte
  und  mit  der  Flucht  des  Königs  das  Schicksal  der  Dynastie
Braganza  entschied.  Der  Charakter  der  Revolution  war  zugleich
antiklerikal,  wie  sich  aus  dem  radikalen  Ehescheidungsgesetz  und
aus  der  Vertreibung  der  Jesuiten,  der  Mönche  und  Nonnen  sowohl
        <pb n="710" />
        702  Aebersicht  über  die  politiser  Entwickelnns  des  Jahres  1910.

aus  dem  Hauptlande  als  auch  aus  den  Kolonien  ergab.  Die
Schwierigkeit  der  neuen  Republik  besteht  in  der  Zufriedenstellung
der  Offiziere,  denen  die  zur  Herrschaft  gelangten  Politiker  ihren
schnellen  Triumph  verdanken.

Spanien  verdankt  die  Unterdrückung  republikanischer  Regungen
den  schließlichen  Erfolgen  seiner  marokkanischen  Republik  und  der
Energie  des  am  9.  Februar  berufenen  Ministeriums  Canalejas
gegenüber  dem  Vatikan  und  dem  Klerus.  Die  Manifestationen  der
spanischen  Frauen  (1.  Juli),  die  Massenkundgebungen  der  Klerikalen
  (7.  August  und  2.  Oktober)  und  der  Versuch  eines  karlistischen
Vorstoßes  (5.  August)  bleiben  dagegen  erfolglos.  Es  scheint,  als
besinne  sich  Spanien  seit  1904  aus  Feindschaft  gegen  den  Klerikalismus
  der  Forderungen  des  gesunden  Fortschritts  auf  dem  Gebiete
  der  Hygiene,  des  Volksschulunterrichtes,  der  Verkehrspolitik
und  der  Heeresorganisation.  Der  Geist  Philipps  II  ist  wohl  endgültig
  aus  dem  Lande  gewichen.

Amn  tiefsten  durch  innere  Fragen  erregt  war  unzweifelhaft  Großbritannien,
  das  im  Jahre  1910  zwei  allgemeine  Wahlen  durchzumachen
  hatte.  Dazu  kam  der  Thronwechsel  im  Mai,  dessen  Bedeutung
  für  die  hohe  Politik  schon  berührt  worden  ist.

Bei  dem  sich  so  lange  hinziehenden  Kampfe  über  das  Vetorecht
  des  Oberhauses  in  Finanz=  und  Gesetzgebungsfragen  handelt
es  sich  nicht  um  eine  prinzipiell  erwünschte  Fortbildung  des  Verfassungsrechts.
  An  sich  wäre  der  altgewohnte  Zustand  zweier  selbständiger
  Kammern,  einer  erblichen  und  einer  wählbaren,  auch  der
liberalen  Partei  einwandfrei.  Dazu  hätte  aber  gehört,  daß  die
Majoritätspartei  im  Unterhause,  aus  der  das  Ministerium  gebildet
wird,  im  Oberhause  keiner  geschlossenen  Phalanx  entgegenstünde,  die
ihre  Zustimmung  oder  Ablehnung  nach  den  Wünschen  der  Opposition
  im  Unterhause  bemißt.  Zu  diesem  unerträglichen  Zustande
ist  aber  das  englische  Parlament  gekommen,  seitdem  die  Spaltung
der  liberalen  Partei  in  Gladstonianer  und  Unionisten  im  Jahre
1886  die  weitere  Entwicklung  gezeitigt  hat,  daß  unter  der  imperialistischen
  Flagge  und  von  Chamberlains  Tarifpolitik  beeinflußt,  Konservative
  und  Unionisten  zusammenstehen  gegen  jede  radikale  oder
        <pb n="711" />
        Hebersicht  über  die  volitische  Eutwiceluns  des  Jahres  1910.  703

radikal  scheinende  Fortbildung  der  Reformen,  die  durch  den  hygienischen
  und  sozialen  Zug  der  Zeit  gefordert  werden.  Sie  haben  es
dabei  leicht,  als  Bollwerk  der  vested  interests  gegen  die  Begehrlichkeit
  der  Nichtbesitzenden  aufzutreten,  und  find  klug  genug,  den  Schein
eines  bloßen  Klassen=  oder  Standesegoismus,  den  ihnen  die  Gegner
gern  vorwerfen  möchten,  zu  vermeiden;  denn  Gladstones  Methode,
die  masses  gegen  die  classes  aufzurufen,  dient  ihnen  zur  Lehre.
Das  Oberhaus  enthält  nun  nicht  nur  in  seiner  jetzigen  Zusammensetzung
  überwiegend  Elemente,  die  instinktiv  den  historischen  Interessen
  zuneigen,  also  „unionistisch“  oder  „konservativ“  fühlen,  sondern
es  sieht  auch  seine  Existenzberechtigung  im  Widerstande  gegen  die
vom  Radikalismus  durchseuchte  liberale  Partei,  solange  der  von
Gladstone  über  England  heraufbeschworene  Klaffengegensatz  innerhalb
  der  bürgerlichen  Parteien  Vorspanndienste  im  Wahlkampfe
leistet.  Deshalb  haben  sie  die  Kraftprobe  nicht  gescheut,  als  sie
am  30.  November  1909  das  sehr  populär  gehaltene  Budget  en
bloc  verwarfen.  Das  Unterhaus,  in  dem  die  Liberalen  allein  383,  die
Unionisten  167  Sitze  hatten,  nahm  den  Fehdehandschuh  auf  und
erklärte  mit  349  gegen  134  Stimmen  die  Ablehnung  des  Budgets
durch  das  Oberhaus  als  „einen  Verfassungsbruch  und  eine  Ursurpation
  der  Rechte  der  Gemeinen“.  Das  Land  müßte  durch  allgemeine
  Wahlen  entscheiden,  ob  die  Beschränkung  der  Rechte  des
Oberhauses,  mit  der  die  Liberalen  wiederholt  gedroht  hatten,  vorgenommen
  werden  sollte.  Das  Resultat  war  für  eine  so  wichtige
Frage  nicht  genügend  entschieden  (S.  498),  obwohl  die  Oppositions--partei
  alle  Register  der  Deutschenhetze  aufgezogen  hatte.  Die  Regierung
  benutzte  die  Bereitschaft  der  beiden  Häuser,  dem  Budget
zuzustimmen,  nicht,  sondern  legte,  nachdem  ein  Provisorium  auf
sechs  Wochen  bewilligt  war,  die  „Vetoresolutionen“  (S.  506)  vor,
die  zusammen  mit  der  Verkürzung  der  Legislaturperiode  von  sieben
auf  fünf  Jahre  vom  Unterhause  im  April  angenommen  wurden.
Das  Oberhaus,  das  sich  zugleich  mit  Vorschlägen  über  seine  anderweitige
  Zusammensetzung  beschäftigte,  verschob  aber  die  Beratung
bis  nach  Pfingsten.  Inzwischen  starb  aber  am  7.  Mai  König
Eduard  VII,  auf  dessen  vermittelndes  Eingreifen  die  Lords  gerechnet
  hatten.
        <pb n="712" />
        704  Aebersit  über  die  politische  Entwichelnns  des  Jahres  1910.

Nach  Erledigung  der  Gesetzesvorlagen  über  die  Zidvilliste  und
die  Abänderung  der  den  Katholiken  anstößigen  Worte  im  Krönungseide
  des  neuen  Königs  verlegte  sich  die  Verhandlung  über  die
Vetobill  in  die  Beratungen  einer  aus  beiden  Parteien  konstituierten
Konferenz,  die  am  17.  Juni  eröffnet  wurde,  aber  sich  am
10.  November  resultatlos  auflöste.  Die  Budgetfrage  war  aber  im
Sinne  der  Regierung  erledigt.  Das  Unterhaus  blieb  vom  29.  Juli
bis  15.  November  vertagt.  Im  Oberhause  wurde  von  dem  Führer
der  Konservativen  Lord  Lansdowne  als  höhere  Instanz  bei  einer
Meinungsdifferenz  beider  Häuser  das  Referendum  vorgeschlagen.
Aber  die  Regierung  war  bereits  entschlossen,  nochmals  an  das  Land
durch  allgemeine  Wahlen  zu  appellieren.  Auch  diesmal  war  das
Resultat  ungefähr  das  gleiche,  unentschiedene  (S.  528).  Es  ließ
sich  also  voraussehen,  daß  nochmals  eine  Reihe  von  Ausgleichsversuchen
  hinter  den  Kulissen  kommen  würde.

Die  beiden  Wahlperioden  wurden  von  den  Suffragettes  eifrig
benutzt,  für  ihre  Sache  Propaganda  zu  machen  und  ein  Martyrium
zu  übernehmen.  Auch  die  Fragen  des  Home  Rule  für  Schottland
und  Irland  traten  wieder  in  den  Vordergrund  (S.  527).

Auch  in  Frankreich  brachte  das  Jahr  1910  Neuwahlen,  durch
die  aber  die  Regierungsmehrheit  des  Kabinetts  Briand  ihr  starkes
übergewicht  nur  unerheblich  beeinträchtigt  fand.  Das  Ministerium
fühlte  sich  daher  stark  genug,  ein  umfassendes  Reformprogramm
vorgulegen  (S.  538  ff.).  Außer  dem  Gesetz  für  die  Altersversicherung
der  Arbeiter  kam  aber  nichts  zustande,  weil  die  sich  mehrenden
Zeichen  der  inneren  Desorganisation  infolge  sozialistischer  und
legitimistischer  Kundgebungen  die  Aufmerksamkeit  der  Regierung
erheischten.  Der  Eisenbahnarbeiterstreik  vom  10.  bis  18.  Oktober,
der  den  Verkehr  fast  völlig  lahmlegte,  erforderte  energische  Maßregeln,
  die  dann  wiederum  das  Verhältnis  der  beiden  koalierten
Parteien  (radikale  Republikaner  und  Sozialisten)  störten.  Nach
einer  sechstägigen  Debatte  über  die  Ausdehnung  der  Regierungsgewalt
  gegenüber  den  Streikenden  bildete  Briand  am  3.  November
sein  Ministerium  um.  Er  legte  der  Kammer  am  22.  September
        <pb n="713" />
        Aebersiht  ũber  die  pelitische  Entwichelung  des  Jahres  1910.  705

vier  Gesetzentwürfe  vor,  um  die  Wiederholung  eines  Generalstreiks
der  Eisenbahner  zu  verhindern.  So  kam  das  Reformwerk  ins
Stocken.

Mit  den  Verschiebungen  der  auswärtigen  Beziehungen  infolge
des  Todes  Eduards  VII.  und  der  Kaiserzusammenkunft  in  Potsdam
waren  für  die  französische  Auslandspolitik  nur  Nachteile  verbunden
  (S.  551).  Die  Kammer  gab  dem  Gefühle  der  Unzufriedenheit
  Ausdruck,  indem  sie  die  Erhöhung  des  geheimen  Kredites  für
die  „friedliche  Durchdringung  Marokkos“  von  710000  auf  800000
Franken  ablehnte.  Da  setzte  aber  die  Agitation  der  Kolonialschwärmer
  ein  und  hatte  den  Erfolg,  daß  sogar  eine  Erhöhung
dieses  Fonds  auf  910000  Franken  erfolgte.  Die  Landung  französischer
  Kriegsschiffe  in  Agadir  (am  3.  Dezember)  gehört  wohl
mit  in  die  neue  Phase  der  Aktionslust  in  Marokko,  ohne  die  das
Ministerium  Briand  fürchten  mußte,  sein  Ansehen  im  eigenen
Lande  zu  verlieren.

In  Italien  legte  der  Ministerpräsident  Sonnino  am  11.  Februar
ein  sehr  reichhaltiges  Regierungsprogramm  vor  (S.  554).  Aber
schon  bei  der  Beratung  des  ersten  Punktes  desselben,  der  die  Subventionierung
  von  italienischen  Handelsdampfern  zur  Beförderung
der  Auswanderer  betraf,  gab  das  Ministerium  seine  Entlassung.
Auch  das  neue  Kabinett  Luzzatti  war  von  der  Unterstützung  der
Partei  Giolitti  abhängig  und  hielt  sich  an  die  Devise,  die  Festigkeit
des  Dreibundes  zu  vereinen  mit  aufrichtiger  Freundschaft  zu  Frankreich,
  England  und  Rußland.  Eine  Reihe  nationaler  Erinnerungstage
  (das  Jubiläum  des  Garibaldischen  Handstreiches  auf  Sizilien
[27.  Mail,  die  Jahrhundertfeier  des  Geburtstages  Cavoursl/10.  August!
und  die  dreißigste  Wiederkehr  der  Besetzung  Roms  (10.  September!)
gaben  Gelegenheit  zu  patriotischen  Kundgebungen,  meist  mit  antipäpstlicher
  Tendenz.  Andererseits  hatte  Italien  wiederum  durch
Erdbeben  und  Stürme  schwer  zu  leiden.  Besonders  die  Seidenzucht
  geriet  infolge  der  Naturereignisse  in  eine  prekäre  Lage,  so  daß
die  Regierung  ihr  Staatsunterstützung  zuwenden  wollte.

Am  meisten  von  allen  Souveränen  machte  der  Papst  Pius  X.
von  sich  reden.  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  für  die
Römische  Kurie  das  Jahr  1910  einen  Markstein  bilden  wird.  Mit

Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.  45
        <pb n="714" />
        706  Nebersicht  über  die  politische  Eutwichelung  des  Jahres  1910.

Spanien,  Italien  und  Portugal  kam  es  zu  neuen  Reibungen,
während  in  Frankreich  der  latente  Kriegszustand  zwischen  Staat
und  Kirche  erhalten  blieb.  Um  so  bedeutungsvoller  war  es,  daß
der  Papst  durch  die  Borromäus-Enzyklika  (26.  Mai)  die  Reformation
als  das  Werk  „der  am  meisten  korrumpierten  Fürsten  und  Völker“
bezeichnete  und  auf  die  Reformatoren  das  Urteil  prägte:  „Männer
irdischen  Sinnes,  deren  Gott  der  Bauch  ist“.  Die  Proteste  und
Verwahrungen  der  verschiedenen  Mächte  (S.  314  ff.,  324,  325)
führten  zu  Beschwichtigungsversuchen  (S.  565  u.  567,  s.  auch  Sachsen
im  Register),  die  der  römischen  Kurie  keinen  Vorteil  brachten.  Dann
trat  der  Papst  mit  seinen  Maßregeln  gegen  den  Modernismus
hervor:  dem  Motu  propio  über  den  Doktoreid,  dem  Dekret  über
die  administrative  Absetzbarkeit  der  niederen  Geistlichen,  der  Verfügung
  über  den  Antimodernisteneid.  Den  Prinzen  Max  von
Sachsen  bewog  der  Papst,  seinen  Irrtum  einzugestehen  (S.  567).

In  der  Schweiz  wurde  die  beantragte  Einführung  der  Verhältniswahl
  abgelehnt.  Belgien  hatte  mit  der  Brüsseler  Weltausstellung,
  dem  Handelsvertrag  mit  Frankreich  und  den  Sprachkämpfen
  wenig  Glück.  Dagegen  fand  die  belgische  Besorgnis  wegen
der  Gefahren,  die  die  Befestigung  des  Hafens  von  Blissingen  für
die  Neutralität  von  Antwerpen  bringen  könnte,  die  Unterstützung
der  öffentlichen  Meinung.  Die  Herrschaft  der  Klerikalen  blieb
unter  dem  neuen  König  unerschüttert.  Die  Niederlande  kamen
mit  den  Maßregeln  für  eine  bessere  Landesverteidigung  und  für
die  Erhöhung  der  Offiziersgehälter  nicht  vorwärts.  In  Dänemark
  nahm  das  radikale  Ministerium  Zahle  nach  den  Wahlen
des  Frühjahrs  ein  Ende.  Die  Erklärung  der  Polizei=  und  Kriminalrichter
  für  die  Wiederabschaffung  der  von  dem  verbrecherischen
Justizminister  Alberti  eingeführten  Prügelstrafe  hat  ein  allgemeines
soziologisches  Interesse.

In  Rußland  erfolgte  am  30.  Juli  die  Aufhebung  der  finnischen
Autonomie  durch  ein  von  der  Duma  und  dem  Reichsrat  gebilligtes,
vom  Zaren  genehmigtes  Gesetz.  Der  finnische  Landtag  beharrte
aber  bei  seiner  Weigerung,  die  dem  Grundgesetz  Finnlands  widersprechende
  Amalgamierung  anzuerkennen.  Viele  Sympathiekundgebungen
  (u.  a.  der  französischen  Parlamentarier,  der  deutschen
        <pb n="715" />
        Mebersicht  über  die  pelitische  Entwichelung  des  Jahres  1910.  707

Professoren)  standen  ihm  zur  Seite.  Aber  der  Zar  überwies  die
Gesetzesvorlagen  über  die  Gleichberechtigung  aller  russischen  Untertanen
  in  Finnland  und  über  die  Ablösung  der  Wehrpflicht  der
Finnländer  durch  Zahlung  einer  Geldsumme  an  die  russische  Duma.
Das  bedeutet  wohl  definitiv  das  Ende  der  Sonderstellung  Finnlands.
  Wie  vorauszusehen  war,  ist  die  Berufung  einer  Landesvertretung
  für  das  Zarenreich  den  kleineren  Nationalitäten  sehr
nachteilig  geworden.  Stolypin  findet  mit  seinen  Vorlagen,  die  der
russischen  Nationalität  im  Westen  des  Reichs  die  Vorherrschaft  in
der  Lokalverwaltung  sichern  sollen  (S.  596)  und  die  alteingesessenen
deutschen  Kolonisten  wegen  „ihrer  wirtschaftlichen  und  kulturellen
überlegenheit“  (S.599)  bekämpfen,  leicht  die  Zustimmung  der  Dumamajorität.
  Auch  ein  umfassender  Plan  zur  Wiederherstellung  der
Flotte  und  des  Heeres  innerhalb  der  nächsten  zehn  Jahre  wurde
der  Duma  vorgelegt.  Um  mit  der  alten  Mißwirtschaft  zu  räumen,
erfolgen  in  den  verschiedenen  Gouvernements  die  „Revisionen“
durch  Senatoren  und  Generale;  die  Berichte  ergeben  ein  erschreckendes
Bild  von  Korruption  und  Amtsmißbrauch  und  führen  viele  schwer
kompromittierte  Beamte  ins  Gefängnis  (S.  595,  597).  Die  Auswanderung
  nach  Sibirien  geht  in  großen  Dimensionen  fort.  Die
innere  Gärung  macht  sich  aber  noch  immer  in  Attentaten  und
Studentenkrawallen  Luft.  Noch  ist  Rußland  nicht  zur  Ruhe  gekommen.


über  die  auswärtige  Politik  Rußlands  s.  oben  „Hohe  Politik“
und  unten  „Persien“.

Die  Türkei  hatte  neben  ihren  alten  Sorgen,  die  mit  den
griechischen  Aspirationen  in  Kreta  und  den  bulgarischen  in  Mazedonien
  zusammenhängen,  noch  gefährliche  Aufstände  in  Oberalbanien
und  Arabien  zu  bekämpfen.  Auch  hier  sind  die  parlamentarischen
Einrichtungen  den  nationalen  und  religiösen  Wünschen  der  vorherrschenden
  Bevölkerungsmasse,  der  Osmanen,  förderlich.  Als
Symbol  der  Sinnesart  des  jungtürkischen  Regiments  kann  die  Festsetzung
  des  Geburtstages  des  Propheten  als  staatlichen  Feiertages
gelten.  Diesem  religiös  orientierten  Patriotismus  entspricht  in  Kreta
das  Gegenspiel,  das  auf  Ausschließung  der  Mohammedaner  aus
der  Nationalversammlung  zielt.  Weil  aber  im  Orient  die  religiösen

145
        <pb n="716" />
        708  Nebersicht  über  die  volitische  Entwichelnns  des  Jahres  1910.

Interessen  den  Ausschlag  geben,  greift  die  von  Konstantinopel  angeregte
  Bewegung  auch  nach  Egypten  und  Perfien  hinüber.  Für
England,  Rußland  und  Frankreich  ist  diese  Färbung  der  türkischen
Neugeburt  unbequemer  als  für  Deutschland.  Das  kommt  den
Mohammedanern  unbewußt  zur  Empfindung  und  offenbart  sich  auch
in  den  Tagesereignissen.  Zwar  wurde  der  tripolitanisch-tunesische
Grenzstreit  im  französischen  Sinne  beigelegt  (S.  532  u.  608),  aber
die  französische  Regierung  suchte  das  Anleihebedürfnis  der  Türkei
politisch  auszunutzen,  und  als  die  Pforte  sich  die  weitgehende  Finanzkontrolle
  nicht  gefallen  ließ,  trat  doch  auch  die  englische  Regierung
der  Aufnahme  einer  Anleihe  in  London  entgegen,  obwohl  dort  früher
eine  solche  Intervention  unerhört  war.  Daß  deutsche  und  österreichische
  Banken  der  türkischen  Regierung  aus  der  Verlegenheit
halfen,  ist  auch  wohl  durch  politische  Rücksichten  zu  erklären.  Von
Deutschland  kaufte  die  Pforte  zwei  Kriegsschiffe,  die  fie  angesichts
der  Verwickelungen  auf  Kreta  dringend  nötig  hatte.  In  London
und  Paris  erfand  man  zur  Beschönigung  der  fehlgeschlagenen  Unfreundlichkeit
  die  Intrige,  daß  die  Türkei  über  die  um  Italiens
willen  notwendige  Brücke  einer  türkisch-rumänischen  Militärkonvention
  (S.  620)  an  den  Dreibund  angeschlossen  werden  sollte.

Der  König  von  Bulgarien  verlor  an  Volkstümlichkeit  bei
den  großbulgarischen  Patrioten,  weil  er,  der  Situation  Rechnung
tragend,  ein  Abkommen  mit  der  Türkei  über  Mazedonien  traf  und
dem  panslavistischen  Kongreß  in  Sofia,  der  übrigens  wegen  der  russischen
  Vorbehalte  nicht  zustande  kam,  aus  dem  Wege  ging.

Der  Erhebung  Montenegros  zum  Königreich  wohnten  die
Könige  von  Italien  und  Bulgarien  bei.  Das  dazu  entsandte  russische
Kriegsschiff  „Slava“  kam  wegen  Maschinendefekts  nur  bis  Gibraltar.
In  Griechenland  gelang  es  endlich  Ende  März,  den  Militärbund
aufzulösen.  Dadurch  trat  auch  die  Dynastie  wieder  etwas  mehr  in
den  Vordergrund.  Der  Kronprinz  konnte  aus  der  Verbannung
zurückkehren.  Die  Versuche,  aus  der  Nationalversammlung  ein
Constituante  zu  machen,  schlugen  fehl.  Die  Angliederung  Kretas
mußte  noch  immer  ein  frommer  Wunsch  bleiben.
        <pb n="717" />
        NMebersicht  über  die  volitische  Gutwichelnns  des  Jahres  1910.  709

In  der  Parteigeschichte  der  Vereinigten  Staaten  vollzog
sich  bei  Beginn  des  Jahres  eine  Spaltung  der  Republikaner  in
die  „Korrekten“,  die  mit  der  Parteileitung  zufrieden  sind,  und  die
„Insurgenten“,  die  sich  selbst  „Progressisten“  nennen.  Die  Überzeugung,
  daß  der  von  Taft  aus  Parteirücksichten  entlassene  Chef
des  Bundesforstwesens  mit  seiner  Anschuldigung,  daß  die  Regierung
die  Trusts  bei  der  überlassung  von  Waldungen  und  Wasserkräften
begünstige,  doch  Recht  gehabt  habe,  gibt  die  Gelegenheit  zur  Neugruppierung
  im  Kongreß.  In  dem  Versuche,  die  großen  Machtbefugnisse
  des  Sprechers  zu  beschränken,  vereinigen  sich  die  Demokraten
  und  die  republikanischen  „Insurgenten“".  Roosevelt,  der  in
Europa  und  Egypten  durch  Taktlosigkeiten  seine  Bewunderer  stutzig
gemacht  hatte,  neigt  zu  den  „Insurgenten“.  Aber  sein  selbständiges
politisches  Vorgehen  nach  seiner  Rückkehr  fand  nicht  den  erhofften
Anklang  bei  den  Parteileitern.  Präsident  Taft  suchte  durch  scharfes
gerichtliches  Vorgehen  gegen  die  Auswüchse  des  Trustwesens  den
Frieden  in  der  Partei  wiederherzustellen  (S.  634,  635,  642).  Die
Kongreßwahlen  im  November  brachten  aber  den  Demokraten  im
Repräsentantenhause  die  Mehrheit  (zum  erstenmal  seit  16  Jahren).
Ob  das  auch  mit  den  Enttäuschungen  im  wirtschaftlichen  Leben  zusammenhängt,
  die  seit  der  neuesten  Verstärkung  der  Zollschranken
erlebt  wurden,  steht  dahin.

Die  Gewährung  der  Mindestzölle  für  die  meisten  europäischen
Länder  und  ihre  Kolonien  war  Anfang  März  bereits  entschieden.
Der  Präsident  und  die  Tarifkommission  liehen  den  Wünschen  der
Interessenten  kein  Ohr,  die  aus  der  Frage,  ob  eine  unterschiedliche
Behandlung  der  amerikanischen  Einfuhrwaren  stattfindet,  ein  Mittel
zur  Erzwingung  ihrer  besonderen  Wünsche  machen  wollten.  Aber
den  amerikanischen  Kaliimporteuren  gewährte  die  Regierung  der
Vereinigten  Staaten  eine  sehr  energische  diplomatische  Unterstützung
ihrer  Forderungen  aus  Anlaß  der  neuen  Regelung  der  deutschen
Kaliproduktion.

Der  Rückgang  der  Einwanderung  aus  den  europäischen  Industriestaaten
  (S.  643)  und  eine  sehr  starke  Vermehrung  der  Auswanderung
  aus  den  Vereinigten  Staaten  nach  Europa  und  Kanada
hängt  vielleicht  mit  der  noch  immer  nicht  überwundenen  Krisis
        <pb n="718" />
        710  Iebersicht  über  die  politische  Entwichelnug  des  Jahres  1910.

zusammen,  die  im  Oktober  1907  über  Amerika  hereinbrach.  Nach
dem  Berichte  der  Einwanderungskommission  (S.  645)  kann  man
sich  aber  dem  Eindruck  nicht  verschließen,  daß  die  Vereinigten
Staaten  mit  ihrer  auf  fast  92  Millionen  gestiegenen  Bevölkerung
überhaupt  für  die  bessere  Klasse  der  europäischen  Auswanderungslustigen
  nicht  mehr  die  alte  Anziehungskraft  auszuüben  vermögen.
Durch  den  Stillstand  des  Nachschubes  aus  Europa  wird  auch  den
hervorragend  in  den  Vereinigten  Staaten  angefiedelten  nationalen
Gruppen  aus  der  alten  Welt  (den  Deutschen,  Iren  und  Polen)  die
Geltendmachung  ihres  Anteils  an  dem  Aufbau  der  amerikanischen
Volksgemeinschaft  erleichtert  (S.  638  u.  642).  In  der  Tatsache,
daß  die  Amerikaner  selbst  aufgehört  haben,  an  die  „unbegrenzten
Mobglichkeiten“  der  Ausnutzung  der  Bodenschätze  im  eigenen  Lande
zu  glauben,  erklärt  sich  auch  der  Drang  nach  kommerzieller  Expanfion
mit  politischer  Unterstützung.  Als  auffallende  Vorstöße  in  dieser
Richtung  sind  die  Maßregeln  zur  Annexion  Spitzbergens  (S.  634),
zur  Bevormundung  der  Republik  Liberia  (S.  637)  und  zur  Intervention
  in  Südamerika  beachtenswert.

über  die  Entwickelung  Kanadas  in  wirtschaftlicher  Hinsicht
verbreiten  die  Angaben  über  die  riesige  Steigerung  der  Einwanderung
  von  180000  auf  350000  Personen  (S.  633  u.  647),  sowie
über  die  Ernteergebnisse  von  1909  (S.  634)  überraschendes  Licht.
Die  Beendigung  des  Zollkrieges  mit  Deutschland  (S.  636),  der
Bauplan  einer  eigenen  Flotte  (S.  636  f.),  besonders  aber  die  Verhandlungen
  mit  den  Vereinigten  Staaten  über  „Reziprozitäts-Handelsbeziehungen“
  (S.  640  f.,  643)  beweisen  das  Umsichgreifen
von  Tendenzen,  die  von  den  früheren  imperialistischen  Anregungen,
durch  die  sich  Kanada  die  besondere  Vorliebe  der  Engländer  erwarb,
weit  abliegen.

Wie  sehr  Mittel-  und  Südamerika  von  politischen
Gärungen  und  Zuckungen  zu  leiden  hatte,  beweist  fast  jede
Zeile  der  zehn  Seiten,  die  wir  diesen  Weltgegenden  widmen
(S.  647—656).

In  Australien  hat  die  Arbeiterpartei  im  Bundesparlament
und  in  Neusüdwales  die  Majorität  gewonnen.  Damit  steigt  die
Feindseligkeit  gegen  die  Einwanderung  aus  Japan  (S.  658)  zu
        <pb n="719" />
        Nebersicht  über  die  politische  Eutwichelung  des  Jahres  1910.  711

einem  Grade,  der  für  die  englische  Politik,  solange  das  englischjapanische
  Bündnis  dauert,  Unbequemlichkeiten  mit  sich  bringt.

Von  allen  Ländern  Afrikas  nimmt  im  Kalendarium
Marokko  den  weitaus  größten  Raum  ein.  Das  allmähliche  Vordringen
  des  französischen  Einflusses  und  die  Zurückdrängung  der
deutschen  Handelsinteressen  nehmen  das  Hauptinteresse  in  Anspruch.
Der  zweite  unabhängige  Staat  des  dunklen  Weltteils,  Abessinien,
leidet  unter  ungeordneten  Regierungsverhältnissen,  da  der  Negus
Menelik  zwar  am  Leben  bleibt,  aber  nicht  mehr  verfügungsfähig
ist.  Die  Proklamierung  der  südafrikanischen  Union  (S.  661)
bietet  der  Betonung  des  Standpunktes  der  Afrikander  genügenden
Spielraum  (S.  663).

In  Persien  machte  die  ruffisch-englische  Allianz  bis  in  den
Sommer  hinein  weitere  Fortschritte,  da  die  Anarchie  im  Innern
durch  die  Regierung  und  das  Parlament  nicht  beseitigt  werden
konnte.  Aber  der  neuen  Fessel,  die  durch  eine  englisch-russfische
Vorschußanleihe  dem  Lande  aufgelegt  werden  soll,  widersetzte  sich,der
Ministerrat  noch  im  letzten  Augenblick  (S.  669).  Der  Anspruch,
daß  diesen  beiden  Mächten  die  Kontrolle  über  alle  persischen  Anleihen
  zustehe,  fand  auf  Grund  des  Völkerrechts  Widerspruch  von
deutscher  Seite  (S.  671).  Damit  bereitet  sich  auch  eine  Trennung
der  russischen  von  der  englischen  Politik  in  Persien  vor,  zumal  der
Abschluß  des  russisch-zmapanischen  Vertrages  die  Rücksicht  auf  England
  den  Russen  weniger  wichtig  erscheinen  ließ.  Das  persische
Parlament  bemühte  sich,  auch  französische  und  amerikanische  Sympathien
  für  die  Abhängigkeit  des  Landes  zu  erwecken  (S.  676  f.).
Der  englische  Gegenzug  gegen  die  Isolierung  in  Persien  war
die  eigenmächtige  Intervention  vom  17.  Oktober,  die  nun  erst
das  offenkundige  Abrücken  Rußlands  von  England  zur  Folge
hatte,  das  der  Potsdamer  Kaiserzusammenkunft  ihr  Gepräge
gab.  Einstweilen  wurden  die  englischen  Landungstruppen  am
9.  November  wieder  zurückgezogen.  Daß  mit  den  konstitutionellen
  Formen,  die  im  Jahre  1909  in  Persien  eingeführt  wurden,
auch  die  nationalen  Tendenzen  emporgekommen  sind,  ist  unverkennbar,
  obwohl  die  Verwirrung  dadurch  nur  um  so  größer

scheint.
        <pb n="720" />
        712  Nebersicht  über  die  politische  Gutwicheluns  des  Jahres  1910.

Chinas  Konsolidierung  machte  langsame  Fortschritte.  Die
Trennung  der  Justiz  von  der  Verwaltung,  die  Aufhebung  der
Sklaverei,  die  Begründung  einer  Kolonisationsgesellschaft,  die  Berufung
  einer  Notabelnversammlung,  der  in  drei  Jahren  das  erste
Parlament  folgen  soll,  die  Fortführung  des  Kampfes  gegen  den
Opiumgenuß  und  einige  Verwaltungsreformen  äußerlicher  Art  find
die  Anzeichen  dafür.  Auch  verstand  die  Regierung  in  Tibet  ihre
Oberhoheit  so  fühlbar  zu  machen,  daß  der  widerstrebende  Dalai
Lama  nach  Indien  floh.  Aber  in  der  auswärtigen  Politik  blieb
ein  Konflikt  mit  Portugal  wegen  der  Grenzen  von  Makao  für  China
kein  Ruhmestitel.  Das  russisch-japanische  Abkommen  war  ein  offenkundiger
  Nachteil  für  das  Reich  der  Mitte.  Die  Einwirkungen  der
Mächte  auf  die  Bahnbauten  in  China  spiegeln  die  Schwäche  der
Zentralregierung  wieder.  Die  Hauptfrage  bleibt,  ob  es  den  Chinesen
gelingen  wird,  sich  eine  achtunggebietende  Armee  und  Flotte  zu
beschaffen.

Japan  hatte  den  großen  Erfolg,  die  Annexion  Koreas  vollziehen
  zu  können,  ohne  daß  ihm  eine  der  in  Korea  interessierten
Mächte  ein  Hindernis  bereitete.  Das  verdankte  es  dem  Abkommen
mit  Rußland  (S.  673f.).  Dadurch  steigerten  sich  die  Staatsschulden
und  die  schon  ohnehin  schweren  Steuerlasten  des  Volkes  (S.  673).
Die  neugebildete  Koalition  der  Oppositionsfraktionen  im  Parlament
zur  Kokuminto  (S.  669)  erhielt  dadurch  eine  zugkräftige  Devise.
Sozialistische  Verzweiflungspläne  wie  das  Attentat  auf  den  Kaiser
(S.  674)  beweisen,  daß  mit  dem  Aufstieg  zur  Großmacht  Gefahren
verbunden  sind,  die  man  früher  für  das  moderne  Japan  als  ausgeschlossen
  betrachten  konnte.

Von  Enthüllungen  über  vergangene  Ereignisse  der
letzten  Jahre  verdienen  besonderer  Erwähnung  die  Telegramme  des
Zaren  an  den  Statthalter  in  Ostasien  Alexejew  unmittelbar  vor
Ausbruch  des  russisch-japanischen  Krieges  (S.  588)  und  der  Befund
am  Kiel  des  am  15.  Februar  1898  im  Hafen  von  Havanna  in
die  Luft  geflogenen  amerikanischen  Kriegsschiffes  „Maine“,  der  auf
absichtliche  Sprengung  schließen  läßt  (S.  654).  über  den  Fälscher
        <pb n="721" />
        Aebersicht  über  die  pelitische  Eutwickelnns  des  Jahres  1910.  713

der  im  Friedjung-Prozefse  1909  benützten  Dokumente  s.  S.  623.
Für  den  König  von  Bulgarien  peinlich  war  die  Veröffentlichung
von  Briefen  seines  Kabinettssekretärs  aus  dem  Jahre  1903  mit
Anweisungen  des  Fürsten  an  die  aufrührerischen  Mazedonier  (S.  619).
Crispis  Memoiren  bestreiten  die  Mitwisserschaft  Cavours  um  den
Zug  der  Tausend  nach  Sizilien  und  Neapel  und  betonen  das  Zaudern
Garibaldis  (S.  563).  Daß  Fürst  Bülow  in  der  Auflösungssitzung
am  13.  Dezember  1906  dem  Präsidenten  Graf  Ballestrem  auf  Anfrage
  direkt  gesagt  habe,  es  sei  an  keine  Auflösung  zu  denken,  ist
unwidersprochen  geblieben.
        <pb n="722" />
        Alphabetisches  Register.

(Die  Ziffern  bedeuten  die  Seitenzahlen.)

Afrika  658—664.
Uebers.  711.

Asien  664—681.
Uebers.  712—713.

Anstralien  und  Südsee
656—658.
Uebers.  710.

Belgien  573—578.

Answirtiges  und  Koloniales.

Grenzregulierung  des  Kongolandes
  574,  575  —  Enklev.  Lado
im  Kongolande  574  —  Kongoland-Verwaltung
  574  —  Kolonial-Museum
  575  —  Kongowerte  der
Koburger  Stiftung  574  —  Kampfzölle
  gegen  Frankreich  574,  575  —
Weltkongreß  der  internationalen
Vereinigungen  575  —  Leopold  II.
und  die  deutsche  Kaiserin  575  —
Annäherung  an  Holland  576  —
National-egyptischer  Kongreß  576
—  Deutscher  Kaiser  in  Brüssel  576
bis  577  —  Befestigung  Vlissingens
577,  578.

Juneres.

Ehe  Leopolds  lI.  573  —  Koburger
  Stiftung  573  —  Sozialisten
im  Wahlbund  mit  Liberalen  574
—  Brüsseler  Ausstellung  575,  576,
577  —  Wahlen  zur  Kammer  575
—  Klerikale  Minister  576  —  Ausschreitungen
  gegen  den  König  577
—  Sprachenkampfe  577,  578  —
Klage  der  Prinzessin  Luise  von
Koburg  578.

Bulgarien  616—619.
Uebers.  708.

Dänemark  581—583.
Uebers.  706.

Deutsches  Reich  1—452.
Uebers.  685—697.

Ilsemeises.

.  Roosevelts  Urteil  über  Deutschland
  281  —  Friedenskongreß  282
—  Reichsschulkommission  282  —
Vereinheitlichung  der  Stenographie
scheitert  an  Bayerns  Widerspruch
322  —  Studienreise  süddeutscher
Parlamentarier  und  Journalisten
in  den  Ostmarken  322  —  Gedenktag
  der  Schlacht  bei  Tannenberg
323  —  Riesenversammlung  gegen
Borromäus-Enzyklika  323—  Weltkongreß
  für  freies  Christentum
und  religiösen  Fortschritt  333—334
—  Volkszählung  401  —  Der  Begriff
  „Deutsche“  409—  410  —  Politik
  in  Studentenversammlungen
47.

Anhalt.

Frauenstimmrecht  in  der  kommunalen
  Armenpflege  207  —  Haftung
  für  Amtspflichtverletzungen
der  Beamten  210  —  Wahllrechtsvorlage
  211.

Answärtiges.

Audienz  deschinesischen  Prinzen
Tsai  Hfün  2  —  Frage  des  Ankaufs
  der  mandschurischen  Eisenbahnen
  3  —  Weißbuch  über  die
marokkanischen  Minenfragen  34—
Handelsvertrag  mit  Bolivien  43
—  Handelsvertrag  mit  Portugal
73,  92,  103  —  Ergebnisse  der
2.  internationalen  Friedenskonferenz
  80  —  Audienz  des  japanischen
  Prinzenpaares  Higashi

 

Fushimi  91  —  Schiedsabkommen
        <pb n="723" />
        Alxhabelisqes  Register.  715

mit  England  95  —  Der  Fall
Dammann  102—103  —  Handelsbeziehungen
  zu  den  Vereinigten
Staaten  94—95,  106—108  —
Handelsprovisorium  mit  Kanada
134  —  Staatssekretär  Delbrück
über  die  Handelsverträge  146—148
—  Graf  Aehrenthal  in  Berlin
148—149  —  Gotthardbahnvertrag
163  —  Die  Mannesmann---Angelegenheit
  169—171,  173,  196
bis  198,  200—205,  436  —  Berner
Uebereinkunft  zum  Schutze  von
Werken  der  Literatur  und  Kunst
13  —  Union  interparlamentaire
pour  l’arbitrage  international  196
—  Lage  in  Marokko  204  —  Russische
  Pässe  204  —  Bagdadfrage
205  —  Geheimfonds  des  Auswärtigen
  Amts  205  —  Englischdeutsche
  Polemik  über  Flottenbau
209  —210  —  „Zwischenfall“  an
der  Küste  von  Liberia  211  —
—  Handelsvertrag  mit  Schweden
215,  249  —  Marchese  di  San
Giuliano  in  Berlin  295,  306  —
Belgisches  Königspaar  in  Berlin
298,  306,  309  —  Diplomatische
Aktionen  betr.  Borromäus-Enzyklika

  324—325  —  Japan  kündigt

den  Handelsvertrag  332  —  Zarenpaar
  in  Hessen  342,  360,  369
—  Lord  Roberts  in  Berlin  343
—  Beschwerden  wegen  Mißhandlung
  englischer  und  amerikanischer
Journalisten  353,  360  —  Der
Zar  in  Potsdam  362,  363—
„Deutsches  Vorderasien-Komitee“
412  —  Zwischenfall  von  Agadir
412,  436  —  Der  österreichische
Thronfolger  im  Jagdschloß  Springe
421  —  Der  Reichskanzler  über
Fragen  der  auswärtigen  Politik
131—434  —  Rede  des  Staatssekretärs

  435—437  —  Schadenersatzansprüche
  aus  dem  Burenkrieg
49.

HPades.  #
Finanzielle  Kalamität  160—17

—  Frage  der  Neckarkanalisation
84  —  Zwischenfall  bei  der  Kaiserfeier
  91  —  Aufswandentschädigungen
  für  Abgeordnete  93  —

 

 

Demonstrationen  gegen  die  preuß.
Wahlrechtsvorlage  128  —  Niederlage
  des  Ministeriums  betr.  den
Simultancharakter  der  Lehrerseminare
  169  —  Fehlbetrag  des  Eisenbahnbudgets
  173  —  Frage  der
Herabsetzung  der  Einkommensteuersätze
  234  —  Umwandlung  von
Eisenbahnwagen  3.  Klasse  in  solche
4.  Klasseabgelehnt  244—Preußische
Zugeständnisse  in  der  Schiffahrtsabgabenfrage
  244  —  Elementarunterrichtsgesetz
  272  —  Proportionalwahl
  311  —  Die  Sozialdemokraten
  bewilligen  das  Budget
331  —  Sozialdemokratischer  Parteitag
  billigt  die  Budgetbewilligung
335  —  Sozialdemokrat  bei  der
silbernen  Hochzeit  des  Großherzogs
350  —  Staatsvertrag  mit  Hessen
über  Landesgrenze  449—450.

HPser##

Erklärung  über  Schiffahrtsabgaben
  4  —  Interpellation  über
die  Entnahme  von  Gemälden  aus
der  Augsburger  Bildergalerie  für
die  Pinakothek  16  —  Die  Meinungsfreiheit
  der  Beamten  und
Disziplinarweg  27—28  —  Ueber
die  industriellen  Entwicklungschancen
  61  —  Wasserbautenvorlage
  90  —  Demonstrationen  gegen
die  preuß.  Wahlrechtsvorlage  108,
133  —  Malzaufschlag  und  Uebergangsabgabe
  136,  206  —  Finan--zielle
  Lage  141—142  —  Graf
Aehrenthal  beim  Prinzregenten
149  —  Die  „Dreier-Juristen“  163
—  Erklärung  über  die  Aeußerungen
des  Abg.  von  Oldenburg-Januschau
  178—179  —  Gegen  Güterzertrümmerung
  189,  273.—  Delegiertentag
  der  liberalen  Kreisvereine
  208  —  Bevölkerungsstatistik
208  —  Ablösung  der  Portofreiheit
des  Hauses  von  Thurn  und  Taxis
213  —  Parteitag  der  Fortschrittlichen
  Volkspartei  264—265
Ablehnung  der  Proportionalwahl
273  —  „Suspekte  Persönlichkeiten“
280  —  Eintrittsgelder  in  den
Staatsgalerien  282  —  Rede  des
Prinzen  Ludwig  über  den  An-
        <pb n="724" />
        716

schluß  des  deutschen  Südens  an
die  See  295  —  Kirchengemeindeordnung
  307—309,  309—310,  313
—  Offiziere  bei  der  Fronleichnamsprozession
  311  —  Verhindert  Vereinheitlichung
  der  deutschen  Stenographie
  322  —  Steuerreform  322,
330,  333  —  Interpellation  über
Borromäus-Enzyklika  326—327
—  Entfernung  eines  Bildes  auf
russischen  Einspruch  330  —  Steuerzuschlag
  332  —  Walchenseeprojekt
334—  Betrieb  eines  Krematoriums
verboten  339  —  Theateraufführungen
  für  die  Massen  359  —
90.  Geburtstag  des  Prinzregenten
362  —  Schlachtvieheinfuhr  aus
Frankreich  370  —  Verständigung
der  Liberalen  über  Reichstagswahlen
  371  —  Erlaß  der  Bischöfe
400  —  Stiftung  des  Prinzregenten
450  —  Erklärung  des  „bayer.
Lehrervereins“  452.

Pransschweig.

Landesversammlung  73—  Wahlrechtsdemonstrationen
  80,  108  —
Rückblick  auf  seine  Stellungnahme
zur  Finanzreform  des  Reichs  80
bis  81  —  Gegen  Borromäus=Enzyklika
  313  —  Fakultative  Feuerbestattung
  368.

r

 

Bremen.

Staatshaushalt  150  —  Lehrerversammlung
  154  —  Demonstrationszug
  gegen  die  Behandlung
  sozialdemokratischer  Lehrer
194  —  Wahl  eines  gemaßregelten
Lehrers  in  die  Bürgerschaft  340
—  Bürgermeisterwahl  421.
Sundesrat.

Schiffahrtsabgaben  94,  330  —
Reichsversicherungsordnung  150,
168  —  Annahme  des  Reichswertzuwachssteuergesetzes
  13—  Nimmt
das  Kaligesetz  an  280  —  Ausschuß
  für  auswärtige  Angelegenheiten
  371  —  Verfassungsentwurf
für  Elsaß-Lothringen  447—448.

Deulschtun  in  Auslanbe.

Auswanderung  3  —  Fonds  für
deutsche  Schulen  im  Auslande

 

Ilyhobetisches  Rezister.

201  —  Reform  des  Staatsangehörigkeitsgesetzes
  203.

Elsaß  ·  Iethrinugen.

Briefwechsel  des  Staatssekretärs
mit  den  Bischöfen  2  —  Briefwechsel
  des  Statthalters  mit  dem
Bischof  von  Straßburg  3  —  Ansprache
  des  Statthalters  an  den
Landesausschuß  83—84  —  Anträge
  auf  Verfassungsänderung
93  —  Abg.  Blumenthal  aus  der
liberalen  Landespartei  ausgewiesen
  108  —  Dr.  Wetterlé  und
Preiß  gegen  den  Staatssekretär
und  Unterstaatssekretär  146  —
Brief  der  Gräfin  Wedel  an  den
Abg.  Wetterlé  151  —  Kirchhofsfrage
  in  Lothringen  205—206  —
Lotteriegemeinschaft  mit  Preußen
242  —  Sprachenfrage  269—270
—  Rücknahme  der  Ausweisung
des  Schweizers  Wegelin  281  —
Demonstration  gegen  Prof.  Cloetta
332  —  Gedenkfeiern  auf  den
Schlachtfeldern  334  —  Ansprache
des  Statthalters  350—351  —
Taktlosigkeiten  des  „Souvenir
français“  351  —  Fortbildung  der
Verfassung  423,  447—448  —
Preßstimmen  zum  Verfassungsentwurf
  449.

Evangelische  Kirche.

Protestantenverein  66  —  Thüringer
  Kirchentag  gegen  kirchliche
Beaufsichtigung  des  Religionsunterrichts
  231  —  Epvangelischer
Bund  gegen  die  päpstliche  Friedensstörung
  311  —  Epvangelischlutherische
  Konferenz  gegen  Weltbongreß
  für  freies  Christentum

4.

Finanzen.

Subskription  auf  eine  Reichsanleihe
  und  preußische  Staatsanleihe
  91,  108  —  Wertzuwachsstener
  für  Berlin  156  —  Reichsinvalidenfonds
  156  —  Reisekosten
für  preußische  Beamte  156  —
Ertrag  der  preußischen  Eisenbahnen
  206  —  Staatsschuldbuchgesetz
  230—231,  250  —  Ein-
        <pb n="725" />
        Ilphahbetisches  Regiser.  717

nahmen  des  Reiches  1909  245  —
Abschluß  der  Reichshauptkasse  für
1909  336  —  Reichshaushaltsetat
364—368,  396—397  —  Schulden
des  Deutschen  Reiches  400.

HK#nurs.

Bürgerschaftswahlen  93  —  Defizit
  für  1909  137  —  Notabelnwahl
  151  —  Hafenerweiterung
210  .  .  Institut  für  Schiffs=  und
Tropenkrankheiten  214  —  Massenversammlungen
  wegen  der  Vorgänge
  in  Moabit  358  —  „Wissenschaftliche
  Stiftung“  362  —  Budget
  368  —  Erdgasquelle  in  Neuengamme
  401  —  Bürgermeisterwahl
412.

Hmdel,  Perkehr  und  Wirtschaft.
Auswandererverkehr  über  Bremen
  und  Hamburg  3  —  Wert
des  deutschen  auswärtigen  Handels
  i.  J.  1909  43  —  Ausstellung
von  Erfindungen  91  —  Förderung
  der  Luftschiffahrt  154  —
Förderung  der  Seefischerei  154  —
Kabel  Teneriffa--Monrovia  208  —
Eisenbahnunglück  bei  Mülheim
am  Rhein  210  —  Aussperrung
der  Bauarbeiter  213,  230,  neuer
Tarif  312  —  Rede  des  Reichskanzlers
  beim  Deutschen  Handelstag
  214  —  Dernburgs  Rede  beim
Deutschen  Handelstag  215  —
Gesetzentwurf  über  Schiffahrtsabgaben
  94,  242  —  Zerstörung
des  „2  II“  245  —  Gründe  für
den  niedrigen  Kursstand  der
Staatspapiere  327  (s.  a.  Gwinner)
—  Strandung  des  Passagierluftschiffs
  der  Zeppelingesellschaft  330
—  Zollfreiheit  der  Soyabohne  332
—  Zusammenbruch  der  „Niederdeutschen
  Bank“  344  —  Luftschiff
  „L2  VI“  zerstört  345  —
Deutsch-amerikanisches  Patentabkommen
  345  —  Schiffsbautechnische
  Gesellschaft  370  —  Europäische
  Fahrplankonferenz  400  —
Nordsüdbahn  in  Berlin  400  —
Fernsprechgebührenordnung  412
—  Abänderung  des  Patentgesetzes
448—449  —  Jahresbericht  der
Berliner  Kaufmannschaft  450.

 

Heer  und  Flotte.

Kritik  der  Heeresorganisation
und  Verwaltung  77—79  —  „Die
Kriegervereine  sollen  keine  Politik
treiben“"  82  —  Reform  des  Militärstrafrechts
  78,  841—87  —  Die
adeligen  Offiziere  78—79,  81—82
85—86,  122,  211  —  Fortschritte
in  der  Aviatik  92  —  Militärbekleidungswesen
  108  —  Indische
Offiziere  122—123  —  Ueber  Tafelund
  Messegelder  bei  der  Marine
135  —  Bürgerliche  Offiziere  für
die  Garde  154  —  Kosten  der
Panzerplatten  157—163  —  Zulagenwesen
  und  Tafelgelder  bei
der  Marine  163—164  —  Fahrpreisermäßigungen
  für  Kriegsveteranen
  208,  334  —  Englischdeutsche
  Polemik  über  deutsche
Dreadnoughts  209—210  —  Kanonenboot
  „Sperber“  in  Kap  Palmas
  211  —  Zur  Stärkung  des
Sinnes  für  das  Militärische  bei
der  Jugend  212  —  Rammung
des  Torpedoboots  „S  122“  214
—  Petition  Uhlenbrock  273—274
—  Unfall  der  Minensuchdivision
281  —  Flottenverein  281—282
—  Abnahme  der  Frühjahrsparade
durch  den  Kronprinzen  3066  —
Der  „Nauticus“  über  den  Wettbewerb
  der  Seemächte  328—329
—  Wechsel  in  der  Oberwerftdirektion
  zu  Kiel  330  —  Verkauf  von
zwei  Panzerschiffen  an  die  Türkei
333  —  Explosion  beim  Festungsmanöver
  334  —  Kaiserparade  des
17.  Korps  340  —  Englische  Spione
342,  450  —  Kaisermanöver  in
West=  und  Ostpreußen  344  —
Jahrhundertfeier  der  Kriegsakademie
  3058  —  Marineschule  in
Flensburg-Mürwick  371  —  Friedenspräsenzstärke
  393,  416—417
—  Denkschrift  über  das  Militärbekleidungswesen
  397—398  —
Fall  Rechtsanwalt  Dammann  418
bis  419.

Bessen.

Vorschläge  zur  Tilgung  der
Staatsschulden  50  —  Vereinfachung
  der  Staatsverwaltung?
        <pb n="726" />
        718

62  —  Beibehaltung  einjähriger
Budgetperioden  132  —  Exposs
zur  Sanierung  der  Finanzen  134
—  Ablehnung  des  Amortisationsgesetzes
  149  —  Ministerwechsel
150  —  Stempel  für  Kommerzienrattitel
  154  —  Uebertriebener
Denkmalschutz  173  —  Wahlgesetz
330,  331  —  Staatsvertrag  mit
Baden  über  Landesgrenze  449
bis  450.

Sobenzeler#
Denkmal  des  Fürsten  Leopold
350.

Infij.

Kompetenzkonflikt  wegen  der
Beschlagnahme  russischer  Guthaben
1,  281,  328  —  Urteil  im  Mansfelder
  Aufruhrprozeß  109  —  Gesetzentwurf
  über  einen  Kolonialund
  Konsulargerichtshof  244,  247
—  Haftung  des  Reichs  für  seine
Beamten  249—250  —  Entlastung
des  Reichsgerichts  270,  273  —
Stellenvermittlergesetz  200  —
Kammergerichtsentscheidung  zur
Herausgabe  des  Guthabens  Abdul
Hamids  durch  die  Reichsbank  297,
412  —  Prozeß  gegen  Frau  von
Schönebeck-Weber  330  —  Juristentag
  lehnt  Abschaffung  der  Todesstrafe
  ab  345  —  Strafprozeßordnung
  352,  359  —  Studentenrecht
  363  —  Preßprozeß  Bruhn
363  —  Begnadigung  der  verurteilten
  Borussen  4101  —  Prozeß
Becker  449  —  Prozeß  wegen  der
Moabiter  Krawalle  452.

Kathsolische  Kircze.

Brief  des  Bischofs  von  Straßburg
  über  Eingriffe  in  staatliche
Befugnisse  2  —  Erzbischof  Fischer
erläßt  einen  Hirtenbrief  für  die
stärkere  Betonung  des  Konfessionalismus
  der  Katholiken  im  öffentlichen
  Leben  64—65  —  Sieg  der
Polen  über  die  Zentrumskandidaten
  bei  Kirchenwahlen  in  Westfalen
  141  —  Bayerische  Kirchengemeindeordnung
  307—309  —
Die  „Bonifatius-Stimmen“  über

 

Slohabetisches  Reziser.

die  Erregung  der  Protestanten
wegen  der  Borromäus-Enzyklika
327  —  Kardinal  Fischer  rühmt
die  „Zurückhaltung“  auf  katholischer
  Seite  330  —  Weitere  provisorische
  Verwaltung  des  Erzbistums
  Gnesen-Posen  331  —
Fall  Sickenberger  334  —  Augsburger
  Katholikentag  335—336
—  Aus  Portugal  vertriebene
Ordensschwestern  3599  —  Der
Streit  Kopp-Fischer  361—362  —
Bischofswahl  in  Speyer  370  —
Antimodernisteneid  von  Universitätsprofessoren
  nicht  verlangt  371,
448  —  Spezifisch  katholische  Arbeiterorganisationen
  402.

Rebiurz-Geiha.

eleniales.

Denkschriften  über  die  Entwicklung
  der  Schutzgebiete  1908/9
4—7  —  Die  Forderung  der  Bürger
von  Lüderitzbucht  24,  28,  60,  69,
72  —  Selbstverwaltung  in  Südwestafrika
  61  —  Fortführung  der
Usambarabahn  und  Ausbau  des
Hafens  in  Tanger  62  —  Landund
  Bergwerksgesellschaften  in
Südwestafrika  und  Kamerun  66  bis
67  —  Diamantenpolitik  67—72—
Otavibahn  67,  74—76  —  Vertrag
über  Bergbaurechte  und  Landeigentum
  in  Südwestafrika  72—73,  242,
279—280  —  Erklärung  der  Deutschen
  Kolonialgesellschaft  91  —
Baumwollbau  148,  215  —  Der
Hafen  in  Tsingtau  172  —  Kolonialbeamtengesetz
  254,  273  —
Keine  kleinen  Aktien  in  Kiautschon
und  den  Konsulargerichtsbezirken
247,  273  —  „Ständige  wirtschaftliche
  Kommission  der  Kolonialverwaltung“
  332  —  Kolonialkon-=greß
  357—358  —  Hauptversammlung
  der  Kolonialgesellschaft  in
Elberfeld  403—  Nachruf  für  Oberstleutnant
  Moll  447.

“ee  Siteratur  und  Mnterricht.

Südpolarforscher  Sir  Ernest
Shackleton  erhält  die  Nachtigall-Medaille
  der  Gesellschaft  für  Erd-
        <pb n="727" />
        Ilyhebetisches  Rezister.  719

kunde  2  —  Otto  Heinrichsbau  des
Heidelberger  Schlosses  3  —  Gemäldeentnahme
  für  die  Pinakothek
16  —  Entdeckung  von  Text  und
Noten  mittelalterlicher  deutscher
Lieder  28  —  Antrag  Roeren  gegen
Schundliteratur  28  —  Bekämpfung
der  Schmutzliteratur  149  —  Ausstellung
  französischer  Kunst  des
18.  Jahrhunderts  66  —  Diskussion.
über  das  Thema  „Hat  Jesus  gelebt?“
  91  —  Die  medizinische
Fakultät  in  Berlin  für  vorläufige
Zulassung  zur  Dozentur  128  —
Pariser  Akademie  der  Wissenschaften
  lehnt  die  Einladung  zur
Berliner  Universitätsfeier  ab  151—
Reichsbeitrag  für  das  deutsche
Museum  in  München  157  —
Zwang  zur  Errichtung  von  Fortbildungsschulen
  169—  Bibliotheksgebühren
  194  —  Anmerikanische
Kunstausstellung  in  Berlin  206  —
Studium  neuerer  Sprachen  an  der
Akademie  Posen  angerechnet  208  —
Florabüste  213  —  Umbau  des
Bühnenhauses  des  Opernhauses
230  —  Trennung  des  Medizinalwesens
  vom  Kultusministerium
240  —  Universitätsfrage  für  Frankfurt
  a.  M.  217  —  Stellung  der
Extraordinarien  247  —218  —
Städtebauausstellung  265  —  Peary
in  der  Gesellschaft  für  Erdkunde
273  —  Moltkebüste  in  der  Walhalla
  280  —  Roosevelts  Vortrag
über  „Die  Bewegung  der  Weltkultur"
  280  —  Koedukation  auch
in  Ausnahmefällen  abgelehnt  305
bis  306  —  Zuschuß  zu  den  Königlichen
  Theatern  311  —  Kaiser
Wilhelms-Akademie  für  Militärärzte
  323  —  „Ehrlich-Hata  606“
333  —  Neubau  des  Opernhauses
3142  —  Promotionsrecht  der  Tierärztlichen
  Hochschulen  345  —
Posener  Stadttheater  352  —  Hundertjahrfeier
  der  Universität  Berlin
358  —  Der  Sarg  Raiser  Otto  III.
358  —  Soziologentag  359—SDenkmal
  Friedrichs  d.  Gr.  in  Beuthen
393  —  Aufwendungen  des  Reichs
für  wissenschaftliche  Unternehmungen
  396—  397  —  Technische

 

Hochschule  in  Breslau  398  —
Professorenstreit  403,  452.

sandwirtscheft  und  Biehinct.

Erfahrungen  mit  der  Eosingerste
82  —  Staatszuschuß  zu  den  Pferderennen
  83  —  Fischerei  und  Moorkultur
  84  —  Der  Reichskanzler  im
Landwirtschaftsrat  136—137  —
Ansiedlungswesen  210  —  Petition
für  Einführung  von  Schlachtvieh
und  Aufhebung  der  Viehzölle  213—
In  der  Fleischnotdebatte  372  —374,
376—378,  379—388  —  Pommer-=sche
  Landgesellschaft  402  —  Deutsche
  Landwirtschaftsgesellschaft  435.

Sübe.

Staatsbudget  211  —  Bürgermeisterwahl
  412.

Mehleahurs.

Verfassungsfrage  12—16,  269,
370  —  Geburt  eines  Thronfolgers
in  Schwerin  244  —  Amnestie  in
Mecklenburg  =  Schwerin  248  —
Taufe  des  Erbgroßherzogs  von
Schwerin  323  —  Landesausschuß
in  Malchin  447,  449.

Meininges.

Einkommensteuer  des  Herzogs
91  —  Keine  Zulage  der  Beamten
auf  den  Schieferbrüchen  149—150.

GEldesbursz.

Zurückziehung  der  Gehaltsvorlage
  für  Beamte  und  Lehrer  149  —
Etat  360  —  Lehrerpetition  446.

Jarieinesen.

Preußische  Wahlrechtsfrage  3,
31,  33  —  Interpellation  über  die
Anwendung  des  Reichsvereinsgesetzes
  43—50  —  Zu  8  12  des
Reichsvereinsgesetzes  66  —  Zu  8  10
des  Reichsvereinsgesetzes  83  —
Wahlrechtsdemonstrationen  31,  80,
108,  128,  133,  137,  151,  189,  208,
213,  309  —  Tannenbergspenden
211  —  Volksversammlungen  gegen
Königsberger  Kaiserrede  343  —
Krawalle  in  Moabit  352,  358  —
Straßentumultam  Wedding  361—
        <pb n="728" />
        720

Deutsche  gegen  den  Ostmarkenverein
  368.

Alldeutsche.  „Unverantwortliches“
  Schreiben  an  den  Reichskanzler
  95—96  —  Verbandstag
in  Karlsruhe  345.

Antiultramontaner  Reichsverband.


Bund  der  Festbesoldeten.
Petition  an  den  preußischen  Landtag
  2.

Bund  der  Industriellen
gegen  die  Zurücksetzung  der  Landwirtschaft
  65.

Bund  der  Landwirte  soll  die
Bündnisfähigkeit  verloren  haben
65.

Deutscher  Bauernbund.
„Abteilung  Bayern“  150.

Deutsch--Freisinnige  Volkspartei.
  Fusion  der  Württemberger
  2,  146  —  Interpellation
über  die  Handhabung  des  Reichsvereinsgesetzes
  43—45  —  Antrag
auf  Neueinteilung  der  Wahlkreise
nach  Maßgabe  der  Volkszählung

288  —  Antrag  auf  fakultative

Feuerbestattung  311—312.

Freikonservative  Partei.

Drittelung  und  Maximierung  als
Kriterien  der  Wahlrechtsvorlage
199  —  Interpellation  über  Borromäus-Enzuklika
  314,  317.

Hansabund.
325.

Kanzleibeamtenbund.  Begründung
  333.

Konservative  Partei.  Parteitag
  in  Hildesheim  106  —  Motive
  für  Annahme  der  Wahlrechtsvorlage
  199  —  Interpellation  über
Borromäus-Enzyklika  314—315

—  Abkehr  vom  Antisemitismus

352  —  Elbinger  Verein  361  —
Interpellation  über  Vieheinfuhr
und  Fleischhandel  372  —  Mittelstandsantrag
  402—403.
Monistenbund.  Hauptversammlung
  in  Dresden  345.
Nationalliberale  Partei.
Bayerische  Parteileitung  gegen  die
Jungliberalen  2  —  Interpellation
über  die  Pensionsversicherung  der
Privatbeamten  33  —  Interpella- 



Mitgliederzahl

 

 

Ilphabetisches  Rezister.

tion  wegen  Beamtenmaßregelung
66,  128  —  Bedingungen  der  Zustimmung
  zur  Wahlrechtsvorlage
199  —  Westfälischer  Provinzialvorstand
  billigt  die  Beschlüsse  des
Herrenhauses  betr.  Wahlrechtsvorlage
  281  —  Hannoverscher
Provinzialvorstand  gegen  die  Beschlüsse
  des  Herrenhauses  282  —
Interpellation  über  Borromäus-Enzyklika
  314,  315—317  —  „Programm“
  352—353  —  Parteitag
in  Kassel  353—357  —  Rückblick
auf  die  Geschichte  der  Partei  seit
1879  354—356  —  Parteitag  der
Jungliberalen  359.

Ostmarkenverein.  Hauptversammlung
  369  (s.  368).

Partei  der  Polen.  Der  Verlag
  des  „Polak“  an  den  „Katholik“
  verkauft  364.

Reichspartei.

Sozialdemokratische  Partei.
  Parteitag  der  Sozialdemokraten
  Preußens  1  —  Resolution
von  61  Wahlrechtsversammlungen
in  Berlin  31  —  Interpellation
wegen  der  Entschädigung  der  brotlos
  gewordenen  Tabakarbeiter
33  —  Interpellation  über  den
Bergarbeiterstreik  im  Mansfelder
Revier  36  —  Wahlrechtsdemonstrationen
  in  Braunschweig  80  —
Revisionismus  und  Wahlrecht  108
—  Interpellation  wegen  der  Rede
des  Reichskanzlers  über  die  Wahlrechtsvorlage
  142—146  —  Wahlrechtsspaziergang
  163  —  Antrag
auf  allgemeines,  gleiches  Wahlrecht
für  beiderlei  Geschlechter  179  —
Parteitag  in  Magdeburg  332,
316—349  —  Versammlungen  in
Frankfurt  a.  M.  344  —  Proteft
wegen  der  Vorgänge  in  Moabit
358  —  Interpellationen  über  die
Kaiserreden  und  die  Fleischnot
371  —  Gesetzentwurf  über  ein
Reichsarbeitsamt  2c.  404.

„Welfische  deutsche  Rechtspartei.“
  Kongreß  in  Göttingen
363—364.

Zentralverbandder  Hausund
  Grundbesitzervereine.
        <pb n="729" />
        Ilphobelisches  Rezister.

Gegen  die  Reichswertzuwachssteuer
393.

Zentrum.  Interpellation  über
die  Pensionsversicherung  der  Privatbeamten
  33  —  Antrag  auf
Wiederherstellung  der  Beschlüsse
des  Abgeordnetenhauses  betr.
Wahlrechtsvorlage  282—283  —
Lehnt  Diskussion  über  Borromäus-Enzyklika
  ab  318.

Zionisten.  Delegiertentag  in
Frankfurt  a.  M.  344—345.
Versonslien.

Kaiser  Wilhelm  II.  Neujahrstelegramm
  an  Präsident  Taft  1
—  Thronrede  an  den  Landtag  7
—  Vereidigung  der  Marinerekruten
  in  Wilhelmshaven  168  —  In
Straßburg  245  —  Bei  den  Beisetzungsfeierlichkeiten
  Eduards  VII.
281,  282  —  Unterredung  mit
Pichon  282  —  Operation  am
rechten  Handgelenk  292,  297  —
Beauftragt  den  Kronprinzen  mit
Vollziehung  von  Unterschriften  297
—  Bei  der  Taufe  des  Erbgroßherzogs
  in  Schwerin  323  —  Flüssigkeitserguß
  ins  Kniegelenk  327—
Nordlandsreise  331,  333  —  Bei
der  Einweihung  des  Schlosses  in
Posen  331—335  —  Königeberger
Rede  333—339  —  Marienburger
Rede  310—341  —  In  Stolp  344
—  Gegenbesuch  beim  Zaren  368
—  Rede  in  Beuron  368,  369  —
In  der  „Schiffsbautechnischen  Gesellschaft"
  370  —  Bei  der  Vereidigung
  der  Marinerekruten  371
—  Ansprache  bei  der  Einweihung
der  Marineschule  371  —  In  Ungarn
  und  Wien  470  —  Ehrung
durch  Straßenbezeichnung  in  Wien
453,  476  —  Wird  medizinischer
Ehrendoktor  der  deutichen  Universität
  Prag  179  —  Wird  Ehrendoktor
  der  mathematisch-  naturwissenschaftlichen
  Fakultät  der  Universität
  Rlausenburg  180  —  Charakteristik
  633—610.

Kronprinz  des  Deutschen  Reiches
und  von  Preußen  Wilhelm  eröffnet
  die  amerikanische  Kunstausstellung
  206  —  Wird  mit  der

Europäischer  Geschichtskalender.  Ul.

 

721

Vollziehung  von  Unterschriften
beauftragt  297  —  Empfängt  die
chinesische  militärische  Studienkommission
  297  —  Nimmt  die
Frühjahrsparade  ab  306  —  Trinkspruch
  auf  das  belgische  Königspaar
  309  —  Attentat  eines  Geisteskranken
  311  —  Königsberger  Rede
336—337,  469  —  Reise  nach
Asien  362  —  Briefe  637.

Prinz  Adalbert  von  Preußen
erhält  den  japanischen  Sonnenorden
  91.

Prinz  Friedrich  Wilhelm
von  Preußen,  Sohn  des  f  Prinzen
Albrecht.  Verlobung  1  —  Vermählung
  313.

Prinzregent  Luitpold  von
Bayern  empfängt  Graf  Aehrenthal
  149  —  90.  Geburtstag  362
—  Etiftung  für  die  bayer.  Armee
450

 

Prinz  Ludwig  von  Bayern.
Rede  über  Hebung  der  Fluß=  und
Kanalschiffahrt  74  —  Rede  in  der
„Deutschen  Gesellschaft  zur  Rettung
  Schiffbrüchiger“  295  —  Altöttinger
  Rede  343.

Prinz  Georg  von  Bayern  als
Anhänger  des  Duells  133.

König  Friedrich  August  III.
von  Sachsen.  Schreiben  an  den
Papst  323.

Prinz  Max  von  Sachsen.  Zurückziehung
  seines  Aussatzes  451.

Großherzog  Wilhelm  Ernst
von  Sachsen-Weimar-Eisenach.
Vermählung  2.

Prinzessin  Carola  Feodora
von  Sachsen-Meiningen  wird
Großherzogin  von  Sachsen-Weimar-Eisenach
  2.

Herzog  Adolf  Friedrich  von
Mecklenburg-Schwerin.  Vortrag
im  Wiener  Rathause  456.

Fürst  Leopold  zu
Attentat  311.

Fürstin-Mutter  Hermine  zu
Schaumburg-Lippe  +  135.

Fürst  Heinrich  XXIV.
Reuß  -Köstritz  j.  L.  7  357.

Prinz  Erust  Augustus  Georg
von  Cumberlan  dverläßt  Schwerin
  vor  der  Taufe  seines  Enkels  323.

16

Lippe.

von
        <pb n="730" />
        722

Maler  Andreas  Achenbach  #
11.

Abg.  Arendt.  Der  Streik  der
Minderheit  im  Mansfelder  Revier
39—40  —  Beurteilung  der  Kolonialpolitik
  74  —  Die  Wertzuwachssteuer
  ein  Sprung  ins
Dunkle  228—229.

Abg.  Arendt-Labiau  f  357.

Landwirtschaftsmin.  v.  Arnim
zur  Grunewaldfrage  94  —  Entlassung
  328.

Abg.  Arning  über  das  Verdienst
  Dernburgs  71—72  —
Reichsversicherungsordnung  238.

Abg.  Dr.  Arons  für  Kompro-=miß
  betr.  Wahlrechtsvorlage  108.

Abg.  Aronsohn.  Antrag  betr.
Rechtsstellung  für  Studierende
324.

Graf  v.  Ballestrem  7  451  —
Ueber  Fürst  Bülows  Verhalten
am  13.  Dezember  1906  452.

Abg.  Bärwinkel  für  das  Kaligesetz
  279.

Abg.  Bassermann  zum  Oldenburg-
  Januschau-Zwischenfall
89  —  Kein  Abrüstungsvertrag  auf
Kosten  des  Selbstbestimmungsrechtes
  164  —  Aufsatz  „Unser
Programm“  352—353  —  Rede
auf  dem  Kasseler  Parteitag  353
bis  357  —  Die  Kaiserreden  verletzten
  nicht  die  Verfassung  392  —
Etatsrede  130—431.

Abg.  Bebel.  Rede  auf  dem
Parteitag  346—347.

Abg.  Becker.  Reichsversicherungsordnung
  238.

Abg.  Behrens.  Reichsversicherungsordnung
  238  —  Für  Wählbarkeit
  der  Arbeitersekretäre  106.

Abg.  Dr.  Bell.  „Ethische  Momente
  der  Zentrumstaktik“  200.

Reichskanzler  und  Ministerpräsident
  v.  Bethmann  Pollweg.
Vorstellung  im  Abgeordnetenhause
8,  im  Herrenhause  17  —  Polenpolitik
  und  die  Maßregelungen  in
Kattowitz  51—56  —  Versicherung,
sich  möglichst  in  die  Ausübung
der  politischen  Rechte  der  Beamten
nicht  einzumischen  61—62  —
Schreiben  an  den  Alldeutschen

 

—  .-Jlsscitiisiktstsistrr.



Verband  95  —  Konferenz  mit
Parteivertretern  über  die  Wahlrechtsvorlage
  966  —  Einführung
der  preuß.  Wahlrechtsvorlage  110
bis  120  —  „Wir  befinden  uns
kulturell  in  einer  Periode  der
Stagnation"  116—  „Gottgegebene
Abhängigkeit“  118  —  „Preußen
muß  sich  im  Zusammenhang  mit
der  ganzen  deutschen  Entwicklung
halten“  120  —  Die  Wahlvorlage:
kein  Rückzugsgefecht  126  —  Rede
im  Landwirtschaftsrat  136—137
—  Beantwortung  der  sozialdemokratischen
  Interpellation  im  Reichstag
  über  seine  Rede  im  Abgeordnetenhaus
  113—145  —  „Bureaukratisches
  Regiment  würde  uns
zur  Versteinerung  führen“  145  —
„Vertrauensvolle  Beziehungen  zu
England“  162  —  Behält  sich  die
Stellungnahme  zu  den  Wahlrechtsbeschlüssen
  des  Landtages  vor  187
—  „Derartige  Schwierigkeiten  (wie
die  staatsrechtlichen  in  der  elsaßlothringischen
  Frage)  sind  dazu  da,
um  überwunden  zu  werden“  191
bis  193  —  „Eine  erhebliche  Mehrheit“"
  als  Bedingung  der  Zustimmung
  zu  den  Kommissionsbeschlüssen
  betr.  Wahlrechtsvorlage
199  —  Zur  Mannesmann-Angelegenheit
  201—202  —  Fragen
der  inneren  Politik  ohne  Einfluß
auf  Deutschlands  auswärtige  Politik
  203  -  Gegen  die  Angriffe  des
Abg.  v.  Liebermann  204  —  Reise
nach  Rom  208  —  Rede  beim
Handelstag:  „Wirtschaftsfragen  zu
Weltfragen  geworden“  214  (vgl.
202)  —  Die  notwendigen  Ergänzungen
  des  vom  Abgeordnetenhaus
  beschlossenen  Wahlrechtsgesetzes
  216-—218  —  Im  Ehrenausschuß
  der  Ostmarkenausstellung
234  —  Für  den  Antrag  Schorlemer
  im  Herrenhaus  250—251
.Gegen  Antrag  Porsch  283  —
Die  Drittelungsfrage  conditio  sine
qua  non  281—286  —  Zurückziehung
  der  Wahlrechtsvorlage  292
—  Erklärung  zur  Borromäus-Enzyklika
  317—318  —  Schließt
den  preuß.  Landtag  327  —  Ost-
        <pb n="731" />
        Ilphabetisches  Rezister.

markenpolitik  332  —  Verteidigt
die  Königsberger  Kaiserrede  391
bis  392  —  Schiffahrtsabgaben
394—395  —  Etatsrede  422—430
—  Zu  v.  Heydebrands  Scharfmacherei
  425—426  —  Die  moralische
  Schuld  an  den  Moabiter
Exzessen  428—429,  443—444  —
Rede  über  auswärtige  Politik  431
bis  434.

Otto  Julius  Bierbaum  7  92.

General  a.  D.  Frhr.  v.  Bissing.
Maßregeln  bei  Volksaufläufen  349.

Schriftsteller  Dr.  Hans  Blum#
93.

Geheimrat  Bode.
schenke  213.
a1  astor  v.  Bodelschwingh

l  iba  Böhme.  Politik  des
Bauernstandes  151—152.

Unterstaatssekretär  im  Reichskolonialamt
  Dr.  Böhmer.  Ernennung
  345.

Abg.  Borgmann  zur  Grunewaldfrage
  94.

Mecklenb.  Gesandter  u.  Bundesbevollmächtigter
  Frhr.  v.  Brandenstein.
  Erklärung  über  die
mecklenb.  Verfassungsreform  13.

Abg.  v.  Brandenstein  zur
Grunewaldfrage  93—  94  —  Die
Polizei  müsse  fest  bleiben  gegenüber
  der  Sozialdemokratie  265
bis  266.

Hess.  Minister  des  Innern
Dr  Braun  wird  Finanzminister
150.

Minister  der  öffentl.  Arbeiten
v.  Breitenbach  über  Schiffahrtsabgaben
  212,  395—396,  398—400
—  Eisenbahnarbeiter  215  —  Betriebseinnahmen
  der  Eisenbahnen
1909  294—295.

Vizeadmiral  Breusing  wird
zur  Disposition  gestellt  2.

Abg.  v.  Brockhausen  für  das
naligeses  278—279.

v.  Buch  gegen  Gwinner  303
bis  304.

Fürst  Bülow.  Die  Broschüre
„Fürst  Bülow  und  seine  Zeit“
von  „Germanicus“  148  —  Verhalten
  am  13.  November  1906  452.

Ehrenge- 



 

1
1
1
1
I
I
I

723

Abg.  v.  Bülow  zur  Grunewaldfrage
  93—94.

v.  Burgsdorff.  Die  Liberalen
lönnen  keine  positive  Arbeit  leisten

Ministerialdirektor  Caspar.
Reichspersicherungsordnung  237,

39.

Abg.  Cassel  für  Religionsunterricht
  in  der  Schule  235  —
Der  Britzer  Fall  272  —  Das  Unrecht
  gegen  Berlin  324.

Bayer.  Abg.  Casselmann.  Das
Zentrum  als  Kronpächter  der  Religion
  308.

Oberpräsident  der  Prov.  Brandenburg
  v.  Conrad.  Ernennung
132.

Abg.  Cuno  zur  Wertzuwachssteuer
  227—228.

Oberpräsident  von  Schlesien
v.  Dallwitz  wird  Minister  des
Innern  328.

Abg.  v.  Damn  für  Kaliausfuhrzoll
  135.

Abg.  v.  Dannenberg.  Die
„Gerissenheit  im  Kaliwesen“  135.

Abg.  David.  „Auch  der  Reichstag
  ist  von  Gottes  Gnaden“  392  —
Die  Verdienste  der  Sozialdemokratie
  441—443.

Staatssekretär  des  Innern  Delbrück.
  Erklärung  über  die  mecklenburgische
  Verfassungsfrage  13,  14
—  Zur  Versetzung  von  Reichsbeamten
  in  Kattowitz  19—20  —
Preußische  Kultur  und  großpolnische
  Agitation  21—24  —
„Ausnahmsweise  Behandlung  des
Kattowitzer  Falles“  25  —  Polizei
und  Militär  bei  den  Streikunruhen
im  Mansfelder  Revier  36—37  —
Die  Ausführung  des  Reichsvereinsgesetzes
  durch  die  Bundesstaaten
145—46  —  Handelsabkommen  mit
den  Vereinigten  Staaten  106—108
—  Wirtschaftliche  und  soziale  Entwicklung
  Deutschlands  139—141
—  Ueber  Handelspolitik  146—148
Die  Tatsachen  beim  Wahlrechtsspaziergang
  174—176  —  Die  vorgeschlagenen
  Maßregeln  gegen  die
Fleischnot  nicht  empfehlenswert
374—375  —  In  Deutschland  kein

46
        <pb n="732" />
        724

Massenelend  wie  in  anderen  Ländern

  385—386  —  Zum  Arbeitskammergesetz

  405—406,  407—408,

409—411  —  „Deutsch  ist  ein

siostsrechtlicher  Begriff“  409  bis
1

Prof.  Hans  Delbrück,  Herausgeber
  der  „Preuß.  Jahrbücher“,
beim  Bunde  der  Festbesoldeten  2.

Staatssekretär  der  Kolonien
Dernburg  gegen  die  Forderung
der  Lüderitzbuchter  24,  28,  60,  69
—  Diamantenpolitik  649—71  —
Kolonialbahnen  74—76  —  Vortrag
  über  Baumwollfragen  215  —
Erzbergers  Schlag  gegen  die  Kolonialfreudigkeit
  243—  244  —
Streit  mit  Erzberger  213—244,
246—247,  248—249,  258—261,
263—264,  271—272  —  Abschiedsgesuch
  312  —  Entlassung  322  —
Erklärung  gegen  Erzberger  440.

Abg.  Dietrich.  Keine  Einmischung
  der  Süddeutschen  in
preuß.  Angelegenheiten  146.

Abg.  Diettrich.  Protest  gegen
die  Aeußerungen  des  Kronsyndikus
  Dr.  Hamm  231.

Amtsrat  v.  Dietze  J  450.

Abg.  v.  Dirksen.  „Für  einen
Spaziergang  sind  die  Zeiten  zu
ernst“  177  —  Persönliche  Qualifikationen
  für  den  diplomatischen
Dienst  200—201  —  „Die  Sozialdemokratie
  mißbraucht  ja  alle  Parität“
  405.

Abg.  Dr.  Doormann.  Die
Kattowitzer  Maßregelung:  neues
Wasser  auf  die  Mühlen  der  polnischen
  Agitation  26.

Abg.  Dove  gegen  das  Kaligesetz
  275—276.

Abg.  Dröscher  für  Heranziehung
  der  Kolonien  zu  den  Kriegskosten
  261.

Abg.  v.  Dziembowski.  Politische
  Träume:  kein  Hochverrat  26
—  Die  Polenpolitik  als  Revolution
  von  oben  191.

Abg.  Eickhoff  für  Koedukation
in  Ausnahmefällen  305.

Abg.  Emmel  für  das  Kaligesetz
279  —  „Blutarmut  und  Unter- 



 

Ilybebelisches  Register.

ernöhrung,  schon  im  Mutterleibe“

Abg.Ernst.  Passivessommunalwahlrecht
  für  Lehrer  241.

Abg.  Erzberger.  Diamantenpolitik
  und  Bahnbauten  in  den
Kolonien  67—69  —  Verträge  mit
der  deutschen  Kolonialgesellschaft
76  —  Kritik  der  Militärverwaltung
  82  —  Die  Gewinne  der
Firma  Krupp  162—163  —  Abwälzung
  der  Aufstandskosten  in
Südwestafrika  auf  die  Kolonialgesellschaften
  243  —  Streit  mit
Dernburg  243—244,  246—247,
249,  256—258,  262—263,  270  bis
271  —  Militärintendantur  274  —
Streit  mit  der  „Kölnischen  Volkszeitung“
  324  —  Empfiehlt  das
Buch  des  Dr.  Rohrbach  440.

Abg.  Euler.  „Lehrlinge  zu
guten  Christen“  402.

Geh.  Rat  v.  Falkenhayn.  Fristoder
  Terminswahlen  190.

Abg.  Fegter.  Fideikommisse
387—388.

Prinzessin  Feodora  zu
Schleswig-Holstein  J  328.

Abg.  Findel.  Festlegung  des
Osterfestes  im  Interesse  des  Handwerks
  402.

Abg.  Fischbeck.  Am  dringendsten
  ist  Abschaffung  der  öffentlichen
Wahl  126,  181  —  Gegen  allgemeines,
  gleiches  Wahlrecht  für
beiderlei  Geschlechter  180  —  Für
gleiches,  geheimes,  direktes  und
allgemeines  Wahlrecht  183—184
—  Stellt  neue  Anträge  betr.  Wahlrecht
  für  1911  in  Aussicht  199  —
„Eigenartige  Leichenfeier“  für  die
Wahlrechtsvorlage  289—291  —
Für  Erhöhung  der  Zivilliste  321.

Erzbischof  Kardinal  Fischer.
Fastenhirtenbrief  für  die  Konfessionalität
  des  politischen  Lebens
der  Katholiken  61—65  —  Rede
in  Erkelenz  330.

Abg.  Dr.  Fleischer.  „Auf
Briandsche  Sozialpolitik  verzichten
wir“  408.

Abg.  Dr.  Frank  gegen  die  Meinung
  des  Reichskanzlers  über  das
Sinken  der  Rultur  und  die  gott-
        <pb n="733" />
        Alphabetisches  Rezister.

gewollte  Abhängigkeit  112—143—
Reden  auf  dem  Magydeburger
Parteitag  347—348  —  Die  moralische
  Haltung  der  deutschen  Arbeiter
  446.

Bayer.  Abg.  Frank.  Referat
über  Kirchengemeindeordnung  307
bis  308.

Bayer.  Verkehrsminister  v.
Frauendorffer  über  Schifffahrtsabgaben
  4  —  Der  Fall  Geith

Geh.  Reg.-Rat  Freund.  Zweckverband
  Berlin  323.

Abg.  Dr.  Friedberg  zur  Wahlrechtsvorlage
  179  —  Beantragt
namentliche  Abstimmung,  um  das
Verhalten  der  Konservativen  festzustellen
  180,  181  —  Die  Wahlrechtsvorlage
  eine  „veformatio  in
peius“  182—  183  —  Bedingungen
einer  Zustimmung  zur  Wahlrechtsvorlage
  199  —  Die  Wahlrechtsdemonstrationen
  keine  Gefährdung
der  öffentlichen  Sicherheit  268  —
Der  Britzer  Fall  268  —  Die
Herrenhausbeschlüsse  betr.  Wahlrechtsvorlage
  unannehmbar  286
bis  288.

Kirchenrechtslehrer  Prof.  Dr.
Friedberg  314.

Bischof  Dr.  Fritzen  von  Straßburg
  2,  3.

Abg.  Fuhrmann  gegen  den
Bund  der  Landwirte  152  —153.

Astronom  Galle  f331.

Vizepräsident  der  Reichsbank
a.  D.  Dr.  Gallenkamp  7  60.

Abg.  Frhr.  v.  Gamp  zum  Kaligesetzentwurf
  131—  Flottenausbau
ohne  neue  Steuern  164  —  Zur
Reichsversicherungsordnung237—
Fideikommisse  und  Fleischnot  380
bis  381  —  Etatsrede  134  435.

Bayer.  Generalmajor  Frhr.  v.
Gebsattel  über  Soldatenmißhandlungen
  78.

Der  Dichter  Dagobert  v.  Gerhardt
  t  149.

Hess.  Finanzminister  Dr.  Gnauth
über  seine  Stellung  zur  beantragten
  Vereinfachung  der  Staatsverwaltung
  62  —  Entlassungsgesuch
  149.

 

 

725

Generaloberst  Frhr.  von  der
Goltz.  Reise  nach  Argentinien  207.

Abg.  Gothein.  Jüdische  Offiziere
  122  —  Gegen  den  Kaligesetzentwurf
  131.

Abg.  Gräfe.
rungsordnung  238.

Abg.  Gregorie  verlangt  Mosel-Saar-Kanal
  396.

Abg.  Gröber.  Mecklenburgische
Verfassungsfrage  15  —  Zur  Versetzung
  von  Reichsbeamten  in  Kattowitz
  20  —  Zum  Oldenburg-Januschau=
  Zwischenfall  89  —
Das  Zentrum  wird  am  Reichstagswahlrecht
  nicht  rütteln  lassen
146.

Reichsversiche-Unterstaatssekretär

  Dr.  v.  Günther
  wird  Oberpräsident  von
Schlesien  331.

Bankdirektor  v.  Gwinner.  Das
falsche  Defizit  293  —  „Es  gehört
Talent  zu  allem,  zum  Borgen  gehört
  aber  Genie“  298—300  —
Werbende  Schulden  302  —  „Unfre
Tilgungsart  ist  nicht  die  richtige“"
303  —  „Wir  pumpen  nicht  zuviel,
wir  pumpen  zu  wenig“  304.

Abg.  Gyßling.  Das  Motiv
der  Konservativen  bei  ihrer  Interpellation
  betr.  Borromäus-Enzyklika
  318  —319.

Abg.  Dr.  Hackenberg.  Phantom
einer  gemeinsamenchristlichen  Weltanschauung
  315—317.

Oberlandesgerichtspräsident  a.  D.
Hamm.  „Keine  Politik  auf
Grund  eines  Bündnisses  mit  dem
Zentrum!"“  223  —224,  231  —  „Auf
Traditionen  nimmt  das  Zentrum
keine  Rücksicht“  254.

Ab.  Hauß.  Dank  der  Elsaß-Lothringer
  193.

Abg.  Häußler  zum  Militäretat
  77.

Abg.  Dr.  Dietrich  Hahn  gegen
den  Bauernbund  66  —  Gegen  die
nationalliberale  Partei  153—154.

Sächs.  Bundesratsbevollmächtigter
  Dr.  Hallbauer.  Verteidigung
der  sächsischen  Regierung  betr.  ihre
Handhabung  des  Reichsvereinsgesetzes
  46.
        <pb n="734" />
        726

Abg.  Hanssen.  Kampf  um  die
nationalen  Rechte  der  Dänen  194
—  Verzicht  auf  ein  neues  Mandat
  361.

Fürst  Hatzfeldt.  Stellung  der
neuen  Fraktion  zur  Wahlrechtsvorlage
  218  —219  —  „Die  Aera
Dernburg  keine  ungünstige“  445.

Abg.  Haußmann  zum  Kaligesetzentwurf
  132  —  Deutschland
von  den  englischen  Konservativen
als  „Wau-Wau“  mißbraucht  193
bis  194.

Abg.  Heckenroth  gegen  obligatorische
  Leichenschau  241.

Preuß.  Kriegsminister  General
v.  Heeringen.  Das  Militär  bei
den  Streikunruhen  im  Mansfelder
Revier  37—39  —  Kriegsministerium
  und  Militärkabinett  79
—  Das  Offizierkorps:  eine

 

Familie  für  sich  79,  81  —  Duellunfug

  und  Bevorzugung  des  Adels
81—82,  85—86,  122  —  „Die
Kriegervereine  sollen  keine  Politik
treiben“  82  —  Jüdische  Offiziere
123  —  Das  Friedenspräsenzgesetz
mit  Rücksicht  auf  die  Finanzen
416—417.

Romanschriftsteller
Heiberg  7  136.

Abg.  Heim  zum  Kaligesetzentwurf
  131,  275  —  Gegen  den
„Deutschen  Bauernbund“  153.

Abg.  Heine.  Die  Schutzleute
sollten  sich  über  das  verkehrte
System  ärgern“  178.

Abg.  Dr.  Heinze  über  die  großpolnische
  Gefahr  20  —  Forderungen
  der  Nationalliberalen  444
bis  445.

Abg.  Henning.  Die  Polonisierung
  in  Schlesien  21.

Prof.  Dr.  Henoch  F  339

Abg.  Dr.  Hermes  208.

Abg.Herold.  „Wir  befinden  uns
mitten  im  Kulturkampf“  35  —
Zur  Wahlrechtsvorlage  123—121,
185  —  Rulturträgerparagraph
unannehmbar  286  —  Keine  Fleisch--not
  vorhanden  378.

Hermann

 

Abg.  Frhr.  v.  Hertling  gegen
die  Resolution  betr.  den  Wahlrechtsspaziergang
  176—  177  —  Die

Ilybebetisctes  Resgister.

Kaiserrede  monarchistisch-christlich
392.

Abg.  v.  Heydebrand  und  der
Lasa.  Parole  der  Stimmenthaltung
bei  einem  Antrag  seiner  Partei
180—181  —  „Entgegenkommen"“
gegenüber  den  Nationalliberalen
188  —  Motive  für  Annahme  der
Wahlrechtsvorlage  199  —  Gegen
die  Drittelungsbestimmungen  des
Herrenhauses  283—284  —  Verlangt
  Abwehrmaßregeln  gegen  die
Umsturzpartei  392.

Abg.  Hieber.  Die  franzosenfreundliche
  Gesinnung  der  Notabeln
in  Elsaß--Lothringen  191.

Abg.  Hildenbrand.  Die  Fleischnotinterpellation
  kein  Agitations-=mittel
  385.

Prof.  Hillebrand  die  Wahlrechtsvorlage
  schädigt  die  Eigenart
Preußens  222  —  Antrag  auf
öffentliche  Wahl  253.

Abg.Dr.  Hintzmannfürbürgerkundlichen
  Unterricht  241  —  Gefahr
  eines  gebildeten  Mädchenproletariats
  306.

Abg.  Hirschfordert  allgemeines,
gleiches  und  geheimes  Wahlrecht
bei  den  Stadtverordnetenwahlen  1
—  Ueber  die  preußische  Wahlreform
  33,  179  —  „Wir  befinden
uns  in  russischen  Zuständen“  265.

Abg.  Hoffmann.  Dissidentenkinder
  und  Religionsunterricht  236
—  Für  die  Wahl  des  ersten  Staatsdieners
  mit  „89  Mark  Gehalt
pro  Minute“  312—313  —  „Konservativ-Zentrums-Techtelmechtel“

319  „Die  soziale  Fürsorge  der
Krone  ist  ein  Märchen“  320.

Staatsminister  a.  D.  v.  Hofmann
  .273.

Vizepräsident  des  Reichstages
Erbprinz  zu  Hohenlohe  beim
Oldenburg-Januschau-  Zwischenfall
89—90  —  Legt  sein  Amt  nieder
331.

Hess.  Minister  des  Innern  Hombergk
  zu  Vach.  Ernennung  151.

Bad.  Finanzminister  Dr.  Honsell
  über  die  finanzielle  Kalamität
  16—  17  —  J  331.
        <pb n="735" />
        Ilyhabetisches  Regziser.

Bayer.  Kriegsminister  Frhr.
v.  Horn  über  die  „Entgleisung“
des  Abg.  v.  Oldenburg-Januschau
178—179.

Abg.  Horn.  Unsoziale  Haltung
der  Aerzte  gegenüber  der  Reichsversicherungsordnung
  232—233.

Abg.  Hue  für  Verstaatlichung
der  Kaliindustrie  132.

Geh.  Baurat  Jacobi  f  351.

Polizeipräsident  v.  Jagow.
„Ich  warne  Neugierige“  127  —
Nimmt  das  Verbot  einer  Versammlung
  unter  freiem  Himmel  zurück
211.

Abg.  v.  Jazd  zewski.  „Mindestens
  das  geheime  und  direkte
Wahlrecht“  291  —  Zur  Erhöhung
der  Zivilliste  319—320.

Abg.  Dr.  Junck.  Interpellation
wegen  Wahlrechtsspazierganges
unbegründet  177.

Abg.  Kämpff.  Deutsche  Handlungsreisende
  in  Rußland  198  —
Schädigung  der  sdddeutschen
Staaten  durch  die  Schiffahrtsabgaben
  395.

Abg.  Graf  Kanitz  über  auswärtige
  Politik  196—197.

Abg.  Dr.  Kaufmann
Simultanschule  211
Koedukation  306.

Prof.  Kautzsch  7.273.

Abg.  v.  Kessel  gegen  die  vielen
und  langen  Reden  bei  kleinen  Anlässen
  306.

Gesandterv.  Kiderlen  -Waechter
  wird  Staatssekretär  des  Auswärtigen
  330  —  Ueber  auswärtige
Angelegenheiten  135—437.

Oberbürgermeister  Kirschner.
Geheime  Wahl  bei  indirektem  Verfahren
  undurchführbar  221—  Die
Wahlrechtsvorlage  gibt  Steine  statt
Brot  252—253.

Geh.  Legationsrat  Dr.  Knappe
104.

gegen
—  Gegen

 

Maler  Ludwig  Knaus  //112.

Abg.  Kobelt  verlangt  Viehzüchtung
  auf  den  Kgl.  Domänen
und  in  unsern  Kolonien  387.

Präsident  der  Reichsbank  a.  D.
Dr.  Koch  F  358.

Prof.  Robert  Koch  1295.

l

727

Abg.  Kolbe.  Bedauern  über  die
haltung  der  Kattowitzer  Beamten

5#0t.  Korfanty  zur  Versetzung
von  Reichsbeamten  in  Kattowitz
18—19  —  Generale  als  Gönner
des  Ostmarkenvereins  82  —  Für
gleiches  Wahlrecht  125  —  Ausbau
der  Wasserstraßen  im  Osten  168
—  Verkauft  den  „Polak“  364.

Oberbürgermeister  Körte  für
Reichstagswahlrecht  in  Preußen
253.

Staatssekretär  des  Reichspostamts
  Krätke  über  die  Versetzung
von  Postbeamten  in  Kattowitz  21.

Abg.  Krause.  Bevorzugung  der
Konservativen  126.

Präsident  des  Abgeordnetenhauses
  v.  Kröcher  zur  Geschäftsordnung
  215—216.

Prof.  Kühn  7  215.

Abg.  Kulerski.  Reichsversicherungsordnung
  238  —  Für  Arbeitskammergesetz
  407  —  Nicht
„Deutsche“,  sondern  „Reichsangehörige“
  409—410.

Abg.  Lattmann,  Sozialdemokratische
  Behandlung  widerstrebender
  Beamter  26  —  Die  Verträge
  mit  der  Kolonialgesellschaft
76  —  Zum  Antrag  Erzberger
2406,  262.

Abg.  Ledebour.  Ordnungsruf
90,  92  —  Die  Regierung  unfähig,
  Deutschlands  Ansehen  im
Auslande  zu  wahren  164—  165
—  Der  Hauptschuldige  an  diesem
System  polizeilicher  Uebergriffe:
Herr  v.  Jagow  174  —  Das  persönliche
  Regiment  in  der  Kaiserrede
  390  —  391.

Abg.  Legien.  Arbeiterkammer
als  Interessenvertretung  der  Ar.
beiter  101—405,  108.

Prof.  Lehmann-Hohenberg.
Internierung  in  einer  pfsfychiatrischen
  Klinik?  357.

Abg.  Leinert.  Ungenügende
Löhne  der  Eisenbahnarbeiter  215.

Oberbürgermeister  Leutze  für
konsequente  Finanzwirtschaft  302,
303  —  Wird  Finanzminister
329.
        <pb n="736" />
        728

Abg.  Dr.  Leonhard.  Vernachlässigung

  der  Küstenverteidigung
im  Flottenprogramm  160—161.

Prof.  v.  Leyden  J  357.

Fürst  Lichnowsky.  Die  Wahlrechtsvorlage
  zeigt  die  „Vaterschaft
des  schwarz-blauen  Blockes“  222
bis  223  —  Für  Antrag  Schorlemer
  252.

Abg.  Liebermann  von  Sonnenberg.
  „Femininer  Zug“  in
der  auswärtigen  Politik  204  —
„Die  Mehrheit  des  preuß.  Volkes
hat  ihren  Kaiser  gut  verstanden“
393.

Abg.  v.  Liebert.  „Der  Kriegsminister
  als  rettender  Engel  der
Friedensfreunde"“  79.

Abg.  Dr.  Liebknecht  Preuß.
Abgeordnetenhaus  „eine  Trödlerund
  Schacherbude“  200  —  Illoyali-=tät
  der  Ausführung  des  Reichsvereinsgesetzes
  269.

Abg.  Lincküber  mecklenburgische
Verfassungsfragen  12.

Unterstaatssekretär  v.  Lindequist
  Ernennung  zum  Staatssekretär
  des  Reichskolonialamts
322  —  Ueber  die  Entwicklung  der
Schutzgebiete  437—439  —  Verteidigung
  Dernburgs  440  —
Deutschnationale  Kolonialpolitik
440  -  441.

Abg.  Linz  Die  Reichsversicherungsordnung
  ein  epochemachendes
Werk  242  —  Verlangt  auch  Zweckverbände
  für  die  westlichen  Provinzen
  323  —  Kleine  Mittel  zur
Linderung  der  Fleischnot  387  —
Schutz  des  Handwerks  402—403.

Staatssekretär  des  Reichsjustizamts
  Dr.  Lisco  über  die  vorgeschlagenen
  Aenderungen  des  Gerichtsverfassungsgesetzes
  und  der
Strafprozeßordnung  26—27.

Oberpräsident  der  Provinz
Brandenburg  v.  Lvebell  nimmt
seinen  Abschied  65.

Prof.  Löning.  „SolcheUngleichheiten
  beim  Wahlrecht  erxistieren
in  keinem  andern  Staate"  222  —
Für  Antrag  Schorlemer  255.

Geh.  Kommerzienrat  Löwe  f
310.

 

Alxhabetisqes  Regiser.

Abg.  Malkewitz  gegen  Wahlrechtsexperimente
  126.

Oberpräsident  v.  Maltzahn-Gülttz.
  Rede  in  Stolp  344.

Abg.  Manz.  „In  den  Arbeitskammern
  werden  die  größten
Schreier  still“  405.

Abg.  Mayer-Kaufbeuren.
Witschoftliche  Lage  Deutschlands

Fer  Statistiker  August  Meitzen

naeler  Prof.  Michaelis

Graf  Mirbach  gegen  die  Wahlrechtsvorlage
  220.

Abg.  Molkenbuhr  zur  Reichsversicherungsordnung
  233—234.

Minister  des  Innern  v.  Moltke
zur  Wahlrechtsvorlage  120—124
—  Im  Herrenhaus  220—222  —
Ueber  die  Wahlrechtsdemonstrationen
  266—268—Entlassung328.

Abg.  Graf  v.  Moltke  für  Abberufung
  des  Gesandten  beim
Vatikan  317.

Abg.  Dr.  Mugdan.  Jöüdische
Offiziere  123  —  Die  Landkrankenkassen
  nehmen  den  Arbeitern  Selbstverwaltung
  232.

Abg.Dr.  Müller-Meiningen.
Begründung  der  Interpellation
über  die  Handhabung  des  Reichsvereinsgesetzes
  44—45  —  Adlige
und  Bürgerliche  im  Offizierkorps
85  —  Zum  Oldenburg-Januschau-Zwischenfall
  89  —  Die  Polizeischikane
  des  Herrn  v.  Jagow  177
—  Gründe  der  Verbitterung  446.

Abg.  Naumann.  „Zur  Industrie
  gehören  doch  auch  die  Arbeiter
  und  Angestellten“  407,  411.

Abg.  Nissen.  Religionsunterricht
  in  dänischer  Sprache  240.

Abg.  v.  Oldenburg-Januschau.
  „Und  wenn  der  alte  Fritze
kommt“  87  —  „Nehmen  Sie  zehn
Mannund  schließen  Sie  den  Reichstag“
  88,  106  —  Beurteilung  in
Bayern  178—179  —  Zur  Ordnung
  gerufen  207  —  Elbinger
konservativer  Verein  gegen  ihn
361  —  Legt  sein  Landtagsmandat
nieder  393.
        <pb n="737" />
        Ilph#betisches  Reziser.  729

Abg.  Graf  Oppersdorf  zur
Versetzung  von  Reichsbeamten  in
Kattowitz  17—  18  —  Das  Panzerplattenmonopol
  157  —  Für  Antrag
  Schorlemer  253  —  Gegen
Dr.  Spahn  412—413.

Graf  Oriola  f  230.

Abg.  v.  Oertzen.  Mecklenburgische
  Verfassungsfrage  15.

Abg.  Dr.  Osann.  Militärmißhandlungen
  78.

Sächs.  Staatsminister  v.  Otto
erhält  Vorsitz  im  Gesamtministerium
  400.

Braunschw.  Min.--Präs.  v.  Otto.
Kaisergeburtstagsrede  80—81.

Abg.  Dr.  Paasche.  Eine  halbe
Million  Mark  für  Beamtengehälter
in  Kiautschou  172  —  Keine  Gefahr
der  Unterernährung  380.

Abg.  Dr.  Pachnicke  über  die
mecklenburgische  Verfassungsfrage
14  -  „Die  Wahlrechtsforderung
wird  den  nächsten  Wahlkampf  beherrschen“"
  126  —  Konservative
Warenhäuser  402.

Abg.  v.  Pappenheim  gegen
Borromäus-Enzyklika  314—315.

Abg.  Pauli.  Reichsversicherungsordnung
  238  —  Konsumvereine
  und  Gefangenenarbeit  sowie
  Polizeiverordnungen  schädigen
das  Handwerk  402.

Abg.  v.  Payer.
steigenden  Anzahl  der  Kaiserreden
nimmt  ihre  Bedeutung  ab“  393.

Geh.  Rat  Planck  1.281.

Bayer.  Ministerpräsident  Frhr.
v.  Podewils.  Keine  Nebenregierung
  in  Bayern  27.

Abg.  Dr.  Porsch.  Begründung
der  Interpellation  wegen  der  Maßregelung
  von  Beamten  und  Lehrern
in  Kattowitz  50—51  —  Antrag  auf
Wiederherstellung  der  Beschlüsse  des
Abgeordnetenhauses  betr.  Wahlrechtsvorlage
  282—283.

Abg.  Dr.  Potthoff  für  Einbeziehung
  der  Eisenbahnwerkstätten
ins  Arbeitskammergesetz  409.

Abg.  Gans  Edler  Herr  zu  Put-  "

litz.  Lob  der  Marineverwaltung

159—  1/60  —  Die  „Legende“  vom

schwarz-blauen  Block  441.

 

„Mit  der

 

Abg.  Raab  für  Wertzuwachssteuer
  229—230  —  „Mit  den  Freisinnigen
  darf  man  Geschäfte  nur
vor  Zeugen  machen“  445—446.

Wilhelm  Raabe  7  369.

Botschafter  Fürst  Radolin.
Entlassung  330,  351.

Abg.  Fürst  Radziwill.  Erhöhung
  des  Kontingents  der  einzuführenden
  Schweine  für  Oberschlesien
  381.

Abg.  Rahardt.  „Arbeitgeber
als  Packesel“  der  Sozialpolitik  167.

Prinzessin  Agathe  von  Ratibor
  und  Corvey.  Verlobung
1  —  Vermählung  313.

Preuß.  Finanzminister  v.  Rheinbaben.
  Etatsrede  8—12  —  Bescheidenheit
  der  Einzelstaaten  bei
der  Wertzuwachssteuer  227  —
Gründe  des  schlechten  Kursstandes
der  Staatsanleihen  293—294  —
Gegen  Gwinner  300—301  —
Anwachsen  der  Staatsschulden  302
—  Die  Selbstlosigkeit  der  Krone
320—321  —  Entlassung  329  —
Wird  Oberpräsident  der  Rheinprovinz
  329.

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen.
Diamantenpolitik  72  —  Der  Wahlrechtsspaziergang
  ein  Revolutionieren
  der  Masse  177.

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen-Mertschütz
  zur  Wahlrechtsvorlage
120  —121,  179  —  Antrag  auf
öffentliche  Abstimmung  180  —
Gegen  die  Taktik  der  Nationalliberalen
  182  —  Der  Antrag
Schorlemer  ist  kapitalistisch,  nicht
konservativ  291—292.

Abg.  Dr.  Ricklin.  Kalüinteressen
  im  Elsaß  135  —  „Unsere
elsässische  Kultur“  193.

Abg.  Ruoeren.  Antrag  zur
Unterdrückung  der  Pornographie
und  Schundliteratur  28.

Abg.  Dr.  Roesicke  über  das
Kalisyndikat  132  —  Der  Heuwert
größer  als  der  Kohlenwert  38.  bis
385.

Sächs.  Staatminister  Dr.  v.
Rüger  gegen  „Ungezogenheiten“
in  der  Zweiten  Kammer  172  —
Korrigiert  „Pfui  Teufel!“  ins
        <pb n="738" />
        730

Stenogramm  der  Zweiten  Kammer
207  —  Entlassung  345.

Abg.  Rupp.  „Die  Fleischnot
ist  eine  Fata  Morgana,  der  man
jetzt  geradezu  nachlechzt“  373.

Fürst  Salm-Horstmar.  Die
Gemeindedrittelung  dasliebste  252.

Abg.  Scheidemann  über  die
Agitation  der  nationalen  Presse
gegen  den  Staatssekretär  v.  Schoen
198  —  Rede  zum  Etat  419—421.

Abg.  Schickert  zur  Reichsversicherungsordnung
  232.

Abg.  Schiffer.  Beamtenrecht
und  Maßregelungen  wegen  oppositioneller
  Haltung  59—.60  —  Zur
Wahlrechtsvorlage  121  —  Für
größere  Stimmbezirke  187—188.

Bildhauer  Schilling  208.

Prof.  v.  Schmoller.  Notwendigkeit
  der  Zurückdrängung  des
Junkertums  211  —  Notwendigkeit
einer  Wahlreform  333  —  Sozialdemokraten
  in  der  Selbstverwaltung
  451—452.

Staatssekretär  des  Auswärtigen
v.  Schoen.  Schreiben  an  das
Amtsgericht  Berlin-Mitte  1  —
Zur  Mannesmann-Angelegenheit
169—170  —  Zur  Lage  in  Marokko,
zur  russischen  Paßfrage  und  zur
Bagdadfrage  204—205  —  Wird
Botschafter  in  Paris  329.

Frhr.  v.  Schorlemer-Lieser.
Antrag  auf  Gemeindedrittelung
250,  254—255  —  Wird  Landwirtschaftsminister
  328  —  Gründe  der
Fleischteuerung  376—378  —  Verstärkung
  der  Viehhaltung  und
städtische  Verkaufsstellen  für  Fleisch
382  381.

Abg.  Schrader  gegen  die  Versetzung
  der  Reichsbeamten  in  Kattowitz
  21.

Abg.  Dr.  Schröder  für  Berücksichtigung
  der  Handwerker  bei
Staatsaufträgen  166  167.

Abg.  Schulz.  Wahl  zum  zweiben
  Vizepräsidenten  des  Reichstags
379.

Abg.  Schwabach  für  Ausschüsse
der  in  staatlichen  Betrieben  beschäftigten
  Arbeiter  409.

 

Alyhabetisches  Rezister.

Ministerialdirektor  Schwart-=kopff.
  Bürgerkundlicher  Unterricht
  in  der  Frauenschule  241  —
Verschiedene  Aufgaben  der  Knabenund
  Mädchenschulen  305—306  —
Wird  Unterstaatssekrekär  309.

Abg.  Graf  Schwerin-Löwiz.
Wahl  zum  Präsidenten  151.

Graf  v.  Seckendorff  164.

Abg.  Semler.  Nachtragsetat
für  die  Schutzgebiete  67  —  Die
deutschen  Flottenpläne  in  der  englischen
  Presse  160  —  Gegen  Antrag
  Erzberger  246,  261  —262.

Abg.  Severing.  Materialienversenkung
  bei  Danzig  138.

Sächs.  Finanzminister  v.  Seydewitz.
  Ernennung  345.

Abg.  Singer  zum  Oldenburg-Januschau=
  Zwischenfall  88—90.

Prof.  Skarbina  fF  281.

Abg.  Sommer.  Militärintendantur
  273—274.

Vizepräsident  des  Reichstages
Spahn.  Wertzuwachssteuer  228.
—  Zur  Reichsversicherungsordnung
  232.

Abg.  Prof.  Spahn.  Aufnahme
in  gie  Zentrumsfraktion  412  bis
413.

Abg.  Speck.  Rede  zum  Etat
417—419.

Abg.  Stauffer.  Der  Handel
verursacht  die  hohen  Fleischpreise
378.

Unterstaatssekretär  des  Aeußern
Stemrich  zur  Mannesmann-Angelegenheit
  170—171.

Reichstagspräsident  Graf  zu
Stolberg-Wernigerode'!142.

Abg.  Storz.  Otavibahngesellschaft
  74.

Abg.  Dr.  Stresemann  fspricht
im  Bunde  der  Industriellen  für
landwirtschaftliche  Interessen  65  —
Ueber  auswärtige  Politik  197  bis
198.

Abg.  Ströbel.  „6  Millionen
Wahlreformer“  125  —  Mit  den
Sozialdemokraten  hätte  das  Zentrum
  den  Sieg  errungen  186  —
Zwischenruf  215  —  Die  nächste
Wahlrechtsvorlage  wird  von  der
Linken  verabschiedet  werden  291.
        <pb n="739" />
        Alxhebetisqhes  Rezister.

Abg.  Dr.  Struve  für  die  Deckoffiziere
  164.

Abg.  Stücklen.
78.

Abg.  Stychel.
Polen  235—236.

Abg.  Dr.  Südekum.  Die  „Wahlfälschung“"
  in  Kattowitz  25  —  Die
Marine  ist  wieder  zum  Range  einer
Spezialwasse  herunterzudrücken
161—162  —  Gegen  Wertzuwachssteuer
  226—227.

Preuß.  Handelsminister  Sydow.
Paritätische  und  einseitige  Arbeitsnachweise
  62—64  —  Zum  Kaligesetz
  129—131,  132,  276—278—
Durchführung  der  Bäckereiverordnung
  168.

Staatssekretär  des  Reichsmarineamts
  Admiral  v.  Tirpitz  für
Resolution  über  Denkschrift  betr.
Zulagenwesen  135  —  Ueber  Materialienversenkung
  bei  Danzig  138
—  Erfahrungen  mit  den  Fabrikanten
  Ehrhard,  Kruppund  Thyssen
157—159,  163  —  Ueber  Tafelgelder,
  Küstenverteidigung  und
Flottenprogramm  164—165.

Prof.  Adolf  Tobler  1.207.

Abg.  Träger  gegen  die  „Maximierung“
  121.

Abg.  v.  Treuenfels  über  die
mecklenburgische  Verfassungsfrage
13.

Militärjustiz
Klagen  der

Abg.  Trimborn.  Der  Reichstag
  „eine  Halle  der  Wiederholungen“
  381  —  Mittel  zur
Linderung  der  Fleischnot  381—382.

Preuß.  Kuliusminister  v.  Trott
zu  Solz  über  die  großpolnische
Bewegung  in  Kattowitz  56—58  —
Religionsunterricht  im  Mittelpunkt
der  Schulen  231—235  —  Deutscher
  Geist  in  der  Schule  236  —
Fortschritt  des  Volksschulwesens
240  —  Dänische  Agitation  210  —
Der  Britzer  Fall  272

Vizeadmiral  v.  Usedom  wird
seiner  Stellung  als  Oberwerftdirektor
  in  Kiel  enthoben  330.

General  v.  Verdy  du  Vernois
  f  353.

Abg.  Viereck.  Lehrermangel
im  Osten  211.

 

731

Sächs.  Ministerpräsident  Graf
Vitzthum  v.  Eckstädt  über  die
Frage  der  Schiffahrtsabgaben  26.

Abg.  Vonderscheer  für  Gleichstellung
  Elsaß-  Lothringens  mit
den  Bundesstaaten  190—191.

Abg.  Vorster.  Gemeindefreiheit
in  Bezug  auf  Koedukation  306.

Abg.  Wachhorst  de  Wente.
Der  Bund  der  Landwirte  gegen
die  innere  Kolonisation  386—387.

Oberbürgermeister  Wallraf.
Resolution  zur  Wahlrechtsvorlage
262.

Abg.  Wamhoffgegen  den  Bund
der  Landwirte  66.

Graf  v.  Wartensleben.  Die
Wahlrechtsvorlage  sollte  die  Grenze
nach  links  nicht  überschreiten  218.

Abg.  Weber.  Wertzuwachssteuer
  228.

Statthalter  von  Elsaß-Lothringen
  Graf  v.  Wedel.  Briefwechsel
  mit  den  Bischöfen  3  —
Ansprachen  83—84,  350—351.

v.  Wedel-Piesdorf  für  indirekte
  und  öffentliche  Wahl  219
bis  220  —  Für  geheime  Wahl  253.

Bayer.  Kultusminister  Dr.
v.  Wehner.  Entnahme  von  Gemälden
  aus  der  Augsburger  Bildergalerie
  16  —  „Für  uns  in  Bayern
besteht  kein  Bedürfnis  nach  Trennung
  von  Staat  und  Kirche“  309
bis  310  —  Erklärung  betr.  Borromäus-Enzyklika
  326—327.

Staatssekretär  des  Reichsschatzamts
  Wermuth  zur  Wertzuwachssteuer
  224—226,  228  bis
229,  383—390  —  Etatsrede  413
bis  416  —  Leistungen  des  Reichs
für  die  Invaliden  241—245.

Abg.  Werner.  Die  Fleisch;
teuerung  nur  vorübergehend  381.

Abg.  Graf  Westarp.  Wertzuwachssteuer
  226  —  Gegen  Arbeitskammergesetz
  405.

Abg.  Wetterlé  erhält  im  Gefängnis
  die  Kotillongeschenke  der
Gräfin  Wedel  151  —  Läßt  sich  in
Paris  feiern  534.

Abg.  Wiedeberg.  Arbeitskammern
  beratende  Institutionen
für  das  Reichsamt  des  Innern  101.
        <pb n="740" />
        732

Abg.  Wiemer.  Erwähnung  der
Wahlrechsreform  in  der  Thronrede
  31  —  Für  Dernburg  262  —
Maßregeln  zur  Linderung  der
Fleischnot  379—380  —  Etatsrede
434.

Abg.  Dr.  Will.  Bericht  über
das  Arbeitskammergesetz  404.

Oberbürgermeister  Wilms  für
Antrag  Schorlemer  256.

Abg.  Winkler.  Mitwirkung
des  Shaats  an  der  Verwaltung  der
evangelischen  Kirche  239—240.

Dichter  Julius  Wolff  f  311.

Abg.  Wommelsdorff.  Die
dänische  Agitation  der  Störenfried
in  der  Nordmark  194.

Abg.  v.  Woyna.  Hannoveraner
kennen  nur  das  öffentliche  Wahlrecht
  126.

Prof.  Dr.  Wülker  108.

Graf  York  v.  Wartenberg.
Antrag  zur  Wahlrechtsvorlage  242,
250,  254.

Abg.  v.  Zedlitz.  Drittelung  in
den  Gemeindebezirken  124,  184  bis
185,  199  —  Ordensniederlassungen
dienen  der  katholischen  Propaganda
231  —  Einexerzieren  der  Massen
durch  Wahlrechtsdemonstrationen
269  —  Für  Annahme  der  Herrenhausbeschlüsse
  betr.  Wahlrechtsvorlage
  288—289  —  WMünscht
Verwaltungsbezirk  Groß-Berlin
2:  ·

Abg.  Zehnter.  Schädigung
Badens  durch  die  Schiffahrtsabgaben
  398.

Abg.  Zietsch.  „Das  Reich  in
seinem  Dalles  steckt  die  Gelder
ein“  230.

Staatssekretär  Zorn  v.  Bulach.
  Einspruch  gegen  die  bischöfliche
  Warnung  vor  dem  Anschluß
an  den  Allgemeinen  Deutschen“
Lehrerverein  2.

Presse.

Stellung  der  Presse  im
allgemeinen.  Arbeitseinstellung
der  Journalisten  in  der  bayer.
Kammer  103  —  Kritik  der  Wahlrechtsvorlage
  101—106  —  Preßstimmen
  zur  Zurückziehung  der

 

A#habetisches  Nezister.

Wahlrechtsvorlage  295—297  —
Polnische  Blätter  über  die  Posener
  Kaisertage  337—338  —
Preßstimmen  zur  Königsberger
Kaiserrede  340  —  Einstellung  der
Berichterstattung  beim  Alldeutschen
Verbandstag  345  —  Beschwerde
wegen  der  Rede  des  Oberpräsidenten
  v.  Maltzan-Gültz  349—350,
361  —  Protest  des  „Vereins  der
ausländischen  Presse“  353.

„Berliner  Korrespondenz“.  Inhalt
  und  Zweck  der  preuß.  Wahlrechtsvorlage
  97—99  —  Empfehlung
  der  Broschüre  „Fürst  Bülow
und  seine  Zeit“  148.

„Deutsche  Tageszeitung"  gegen
Dernburg  3.

„Frankfurter  Zeitung“.  Angebliche
  Wahlparole  344.

„Germania“.  Zur  Altöttinger
Rede  des  Prinzen  Ludwig  von
Bayern  343  —  Ueber  die  Beuroner
  Kaiserrede  369  —  Die  Jesuiten
  als  Retter  vor  dem  Umsturz
  372.

„Grenzmarken--Korrespondenz“.
Begründung  400.

„Kölnische  Volkszeitung“  gegen
Abg.  Erzberger  324  —  „Das
Zentrum  ist  jedenfalls  am  wenigsten
  konfessionell  voreingenommen
von  allen  Parteien“  334.

„Kölnische  Zeitung“,  Mandschurische
  Frage  3  —  Ueber  die
Derbheit  der  Sprache  in  der  Borromäus-Enzyklika
  309.

„Konservative  Korrespondenz“.
Die  ungeordnete  Masse  der  Straße
214  —  Empörung  über  die  Borromäus-Enzyklika
  311.

„Kreuzzeitung“".  Berechnung  der
Wirkung  der  vorgeschlagenen  Aenderungen
  des  Landtagswahlrechts
122.

„Münchener  Neueste  Nachrich--ten“.
  Ueber  die  preuß.  Wahlrechtsreform
  125  —  Acbschiedsgesuch
  Dernburgs  312.

„Nationalliberale  Korrespondenz“
  greift  den  „Bund  der  Landwirte“
  heftig  an  65  —  „Brüskierung“
  der  Regierung  und  der
Mittelparteien  durch  die  Wahl-
        <pb n="741" />
        Alxhabelisqes  Register.

rechtskommission  des  Herrenhauses
242  —  Der  konservative  Kurs  des
preuß.  Ministerwechsels  328.
„Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung"“.
  Inhalt  und  Zweck  der
preuß.  Wahlrechtsvorlage  96—97
—  Zu  den  Verhandlungen  in  der
Wahlrechtskommission  des  Herrenhauses
  245  —  Zur  Unterredung
des  Kaisers  mit  Pichon  282  —
Dernburgs  Entlassungsgesuch  322
—  Der  Gang  der  diplomatischen
Verhandlungen  über  die  Borromäus-Enzyklika
  324—325  —  Zum
Rücktritt  Rheinbabens  331  —
Zur  Königsberger  Kaiserrede  342

 

—  Ueber  die  angebliche  Wahlparole

  345—346  —
ersatzansprüche  aus  dem  Burenkrieg
  449.

„Reichsbote"  über  die  Beuroner
Kaiserrede  369.

„Sozialpolitische  Monatshefte“.
Kompromißvorschlag  zum  preuß.
Wahlrecht  108.

Preufeen.

Eröffnung  des  Landtags  7  —
Etat  12  —  Staatsschuld  15—16
—  Stand  der  Vorarbeiten  zur
Verwaltungsreform  30  —  Steuerveranlagungen
  32  —  Versetzung
und  Maßregelung  in  Kattowitz  61,
128  —  Versicherung  des  Ministerpräsidenten,
  sich  möglichst  in  die
Ausübung  der  politischen  Rechte
der  Beamten  nicht  einzumischen
61—62  —  Interpellation  über
Beamtenmaßregelung  66  —  Einkommensteuer
  91—92  —  Wahlrechtsvorlage
  93  —  Osfizielle  Darlegungen
  über  das  Ziel  der  Wahlrechtsvorlage
  96—99  —  Wahlrechtsentwurf
  99—102  —  Vor—
aussichtliche  Wirkung  der  Wahlrechtsvorlage
  122  —  Berliner
Petition  gegen  die  Wahlrechtsvorlage
  137  —  Berliner  Stadtverordnetenversammlung
  gegen
die  Verhinderung  von  Umzügen
und  Versammtungen  unter  freiem
Himmel  208—209  —  Ansiedlungswesen
  in  Posen  und  Westpreußen
  210  —  Berlin  kauft  das

Schaden- 



—  —  —  —  —  —

733

Aufmarschgelände  212  —  Fortschritt
  des  Volksschulwesens  1900
bis  1910  240  —  Vertrag  mit  Elsaß-Lothringen
  über  Lotteriegemeinschaft
  242  —  „Bremserlaß"“
242  —  Lehrerverband  für  die
wahren  Kulturträger  280—281
—  Die  Wahlrechtsvorlage  zurückgezogen
  292  —  Erhöhung  der  Zivilliste
  des  Königs  311,  312—313,
319—322  —  Späte  Veröffentlichung
  des  Etats  312  —  Ministerwechsel
  328—329  —  Die  Regierung
  versagt  die  Bestätigung  eines
Legats  für  den  deutschen  Bund
für  weltliche  Schule  und  Moralunterricht
  330,  361  —  Ausweisung
  des  dänischen  Historikers
Clausen  342—  Verzicht  auf  Steuerfreiheit
  der  Bahnen  in  Thüringen
342  —  Verkauf  des  Tempelhofer
Feldes  352,  357,  358,  370  —
Verlegung  der  Landesgrenze  mit
Württemberg  370  —  Bürger-  und
Lebenskunde  in  ländlichen  Fortbildungsschulen
  450—451.
Abgeordnetenhaus.  Etatsrede
  des  Finanzministers  8
Etatsdebatte  28—31,  31—33,
34—36  —  Interpellationen  wegen
der  Maßregelung  von  Beamten
und  Lehrern  in  Kattowitz  50—62.)
—  Zur  Grunewaldfrage  74,93—94
—  Gesetz  betr.  Abänderung  der
Gerichtskosten  und  der  Gebühren
für  Notare  103  —  Stärke  der
Parteien  108—  Erste  Lesung  der
Wahlrechtsvorlage  109—121,  123
bis  125,  125  127  —  Seniorenkonvent
  gegen  Aenderung  der  Geschäftsordnung
  128’  —  Wahlrechtskommission
  132—133,  133—134,
137,  1.46,  154—156.  168  —  Verschärfung
  der  Geschäftsordnung
136,  214,  215  216,  272—273
—  „Mißgriff“  amtliche  Empfehlung
  der  Broschüre  „Fürst  Bülow
und  seine  Zeit“  118  —  Zweite  Beratung
  des  Etats  der  Handelsund
  Gewerbeverwallung  166—168
—  Die  Wahlrechte  in  den  wichtigsten
  Staaten  169  —  Zmeite
Lesung  der  Wahlrechtsvorlage  179
bis  189,  189—190  —  Frist=  oder
        <pb n="742" />
        734

Terminswahl  189—190  —  Dritte
Lesung  der  Wahlrechtsvorlage  198
bis  200  —  Wiederholung  der  Abstimmung
  213  —  Wiederaufnahme
der  Zwischenrufe  ins  amtliche
Stenogramm  216  —  Besoldung
der  Eisenbahnbeamten  215  —
Debatte  über  die  Straßendemonstrationen
  265—269  —  Medizinalpraktikanten
  nicht  wegen  Konfessionalität
  zurückzuweisen  268,
272  —  Ablehnung  des  §  6  der
Wahlrechtsvorlage  in  der  Fassung
des  Herrenhauses  282—292  —
Die  Frage  der  Koedukation  304
bis  306  —  Fakultative  Feuerbestattung
  311—312,  332  —  Interpellationen
  über  die  Borromäus-Enzyklika
  314—319—  Kommunale
  Zweckverbände  323—324
—  Verlangt  Neuregelung  der
Rechtsstellung  der  Studierenden
324  —  Entschädigung  der  Ueberschwemmten
  im  Ahrtal  325,  327.

Herrenhaus.  Erste  Lesung
der  Wahlrechtsvorlage  216—224
—  Neue  Fraktion  219  —  Kommissionsverhandlungen
  über  die
Wahlrechtsvorlage  236—237,  242
—  Zweite  Lesung  der  Wahlrechtsvorlage
  250—254,  254—256  —
Resolution  Wallraf  262  —  Wiederholung
  der  Abstimmungbetr.  Wahlrechtsvorlage
  281  —  Debatten  über
richtige  Etatsaufstellung  293—295
—  Erhöhung  der  Zivilliste  327  —
Kursstand  der  Staatspapiere  327.

Ersatzwahlen.  Herford  Halle-Bim-elefeld
  169  —  Berlin  VI  213
—.  Oppeln  VIII  332  —  Allenstein-Rössel
  334  —  Berlin  IV  364
—  Breslau  403  —  Hirschberg-Schönau
  103  —  Magdeburg  447
—  Posen  VII  447.

Reichstag.

Mecklenburgische  Verfassungsfrage
  12—15  —  Interpellation
wegen  der  Kattowitzer  Versetzung
von  Reichsbeamten  17—.24,24—26
—  Aenderungen  des  Gerichtsverfassungsgesetzes
  und  der  Strafprozeßordnung
  26—27  —  Kommission
  über  die  Land=  und  Berg- 



Ilphabetisches  Rezister.

werksgesellschaften  in  Südafwestrika
und  Kamerun  66  —  Nachtragsetat
  für  die  Schutzgebiete  67—72,
74—77,  393  —  Zmweite  Lesung
des  Militäretats  77—79,  122—123
—  Zwischenfall  Oldenburg-Januschau
  88—90,  206—207  —  Zollbehandlung
  amerikanischer  Einfuhrwaren
  94—95,  106—108  —
Kaligesetz  103,  234,  274—279  —
Ueber  den  Verkauf  des  Tempelhofer
  Feldes  109,  127  —  Erste
Lesung  des  Kaligesetzes  128—132,
135,  262  —  Stellenvermittlergesetzentwurf
  134  —  Denkschrift
über  das  gesamte  Zulagenwesen
der  Marine,  für  1911  verlangt
135  —  Arbeitskammergesetzentwurf
  136  —  Toleranzanträge  abgelehnt
  138  —  Beratung  des  Etats
des  Reichsamts  des  Innern  138
bis  141  —  Interpellation  über
die  Aeußerungen  des  Reichskanzlers
  im  preuß.  Abgeordnetenhaus
bei  Einführung  der  Wahlrechtsvorlage
  142—  146  —  Handelspolitik
  146—148  —  Ausnahmegesetzüber
  die  Aufstandsausgaben  in
Südwestafrika  150,  243—244,  248
—  Präsidentenwahl  151  —  Debatte
über  Bauernbund  und  Bund  der
Landwirte  151—154  —  Ueber  die
Verwendung  des  Marineetats  157
bis  163,  163—166  —  Zur  Mannesmann-Angelegenheit
  169—171,
173,  196—198,  200—205  —  Interpellation
  über  das  Verbot  des
Wahlrechtsspaziergangs  173—  178
—  Elsaß-Lothringische  Verfassungsfrage
  190—194  —  Ostmarkenzulage
  für  Postbeamte  196  —  Resolution
  über  siebzigtägige  Frist  bei
Ersatzwahlen  196  —  Erste  Lesung
des  Reichswertzuwachssteuergesetzes
224—230,  359—360  —  Erste
Lesung  der  Reichsversicherungsordnung
  232—234,  237—239,
242  —  Beihilfen  an  Kriegsteilnehmer
  244—245,  250  —  Streit
Dernburg-Erzberger  243—244,
215—247,  218—249,  256—262,
262—264,  270—272  —  Petition
der  Stadt  Wilmersdorf  gegen
Reichswertzuwachssteuer  249  —
        <pb n="743" />
        Alpheobetisches  Rezister.  735

Petition  Uhlenbrock  273—274
—  Vertagung  279  —  Kommission
für  die  Reichsversicherungsordnung
331  —  Gesetzentwurf  über  Schifffahrtsabgaben
  360  —  Interpellation
  über  Fleischnot  371—388
—  Interpellation  über  die  Kaiserreden
  371,  390—393  —  Wahl  des
zweiten  Vizepräsidenten  379  —
Reichszuwachssteuerkommission388
bis  390,  422,  444  —  Erste  Lesung
des  Schiffahrtsabgabengesetzes  394
bis  396,  398—400  —  Mittelstandsantrag
  402—403  —  Zweite
Lesung  des  Arbeitskammergesetzes
403—412  —  Erste  Lesung  des
Etats  413—421,  422—435,  435
bis  440,  440—444,  444—446.
Ersatzwahlen.  Eisenach-Dermbach
  84  —  Mühlheim-Wipperfürth-Gummersbach
  150  —
Posen--Stadt  212,  242  —  Oletzko=Lyck-Johannisburg
  215  —  Jauer-Bolkenhain-Landeshut
  310—311,
322  —  Urckermünde-Usedom-Wollin
  322,  327—328  —  Friedberg-Büdingen
  325,  328  —  Cannstatt-Ludwigsburg
  333  —  Zschopau-Marienberg
  337  —  Warburg—Höxter
  342  —  Frankfurt
(Oder)  —Lebus  345,  352  —  Neutomischel-Grätz-Kosten-Schmiegel


3602  —  Labian-Wehlau  401,
421.
Reuf  i.  s.
Regentschaft  211.
Sacses.

Ablehnung  der  Schiffahrtsabgaben
  26  —  Die  Regierung  gegen
eine  Leipziger  Tendenz-Professur
43  —  Konflikt  mit  der  Zweiten
Kammer  wegen  der  Pensionierung
der  Lehrerinnen  79  —  Wirkung
des  Mehrstimmenrechts  93  —  Anträge
  auf  Reform  oder  Aufhebung
der  Ersten  Kammer  137  —  Beleidigung
  der  Zweiten  Kammer
durch  Minister  Dr.  v.  Rüger  172—
Tatsächliche  Fälschung  des  Stenogramms
  der  Zweiten  Kammer  auf
Veranlassung  des  Finanzministers

 

207  —  Staatsbeihilfe  zu  den  Volksschulen
  2399  —  Sozialdemokratische
  Anregung,  die  Regierung  solle
bei  der  Aussperrung  der  Bauarbeiter
  vermitteln  249  —  Eröffnung
  des  Dresdener  Rathauses
357  —  Baron  Paul  Matthies
über  den  Protestbrief  eines  Duodezkönigs
  359,  362,  450  —  Dr.  v.
Otto  erhält  den  Vorsitz  im  Gesamtministerium
  400.

———

Arbeitsnachweis  im  Ruhrgebiet?2
—  Frage  der  Pensionsversicherung
der  Privatbeamten  33  —  Entschädigung
  der  brotlos  gewordenen
Tabakarbeiter  33,  156  —  Interpellation
  über  den  Bergarbeiterstreik
  im  Mansfelder  Revier  36
bis  43  —  Interpellation  betr.  den
Arbeitsnachweis  im  Ruhrkohlenrevier
  62—64  —  Kleinwohnungen
für  niedere  Reichsbeamte  157  —
„Arbeitgeber  als  Packesel“  167  —
Bäckereiverordnung  167—168  —
Reichsversicherungsordnung  195
—  Aerztetag  gegen  gewisse  Bestimmungen
  der  Reichsversicherungsordnung
  231  —  Englische  Arbeiter
studieren  deutsche  Verhältnisse  232
—  Forderungen  des  Gewerkschaftskongressesbetr.
  Reichsversicherungsordnung
  247  —  Streik  der  Werftarbeiter
  333,  334,  343,  357  —.
Wahl  der  Sicherheitsmänner  313
—  Wahlen  von  Knappschaftsältesten
  346  —  Streik  der  Seeleute
  350  —  Aussperrung  und
Streik  in  der  Metallindustrie  351
—  Eingabe  des  Berliner  Magistrats
  wegen  Fleischnot  351,  358
—  Privatbeamtenversicherung  393
—  Mittelstandsantrag  102—403
—  Arbeitskammergesetz  103—412
—  Verlängerter  Urlaub  für  ältere
preuß.  Beamte  412  —  Zechenverband
  lehnt  die  Forderungen
der  Bergarbeiter  ab  112  —  Auflösung
  der  nassauischen  landwirtschaftlichen
  Genossenschaftskasse
  446  —  Kinderfürsorge  in
Berlin  447.
        <pb n="744" />
        736

Weimer.
Staatshaushaltsetat  60.

Pirtienbers.

Ausstellung  von  Erfindungen  91
„Deutsch-freisinnige  Volkspartei"“
begründet  146  —  Aufnahme  der
Volksschullehrer  unter  die  Staatsbeamten
  280  —  Liberale  Verständigung
  über  Reichstagswahlen
370  —  Verlegung  der  Landesgrenze
  mit  Preußen  370.

Egypten  614—615.
Uebers.  708.

Frankreich  529—533.
Uebers.  704—705.

Iuswirliges.

Niederlage  im  Sultanat  Wadai
529  —  Konvention  über  die  Ausbeutung
  des  Erzlagers  von  Uenza
531  —  Tripolitanisch-tunesischer
Zwischenfall  5332  König  Eduard
  VII  in  Frankreich  534  —  Zur
Verfassungsfrage  in  Elsaß-Lothringen
  535  —  Papst  empfiehlt
Mäßigung  bei  Wahlen  535  —
Ozeanographisches  Museum  in
Monte  Carlo  536  —  Internationale
  Konferenz  zur  Unterdrückung
des  Mädchenhandels  537  —  Urteil
über  Iswolski  als  Staatsmann
537  —  Roosevelt  in  Paris  537,
538  —  Tittoni  in  Paris  537  —
Der  Kaiser  und  Pichon  in  London
538  —  Trinksprüche  des  Präsidenten
  und  König  Ferdinands  von
Bulgarien  541—542  —  König
Alberl  von  Belgien  in  Paris  543  bis
544  —  Begegnung  des  Kaisers  mit
dem  französischen  Geschäftsträger
in  Christiania  544  —  Königspaar
von  Spanien  in  Paris  544  —
Internationaler  Kongreß  für
Schulhygiene  544  —  Eifersucht  auf
deutsche  Militärmission  in  Brasilien
  515  —  National-egyptischer
Kongreß  verboten  545  —  Kongreß
zur  Bekämpfung  der  Arbeitslosigkeit
  515  —  Beschädigung  des
deutschen  Kriegerdenkmals  in  Dijon

 

Iph#belisches  Rezister.

549—550  —  Amerikanischer  Flottenbesuch
  550  —  Zur  Potsdamer
Begegnung  und  Agadir--Angelegenheit
  551—552  —  Englisch-französische
  Interessengrenzen  in  Afrika-552
  —  Iswolski  in  Paris  552.

Heer  und  Flotte.

Apachen  in  der  Armee  529  —
Strandung  des  Torpedoboots,  12“
530  —  Marinevorlage  531  —
Mehrlasten  für  Heer  und  Flotte
532  —  Verwendung  von  Negertruppen
  533  —  Berbesserung  der
Flotte  533  —  Vergiftung  durch
einen  Unteroffizier  534  —  Betrügereien
  in  der  Marineverwaltung
  534  —  Meuterei  in  Ajaccio
535  —  Kosten  der  Marokko--Expedition
  535—536,  550  —  Lenkbare
Luftschiffe  536  —  Diebstahl  eines
Maschinengeschützes  537—538  —
Meuterei  von  Reservisten  538  —
Kollision  von  Torpedobootsjägern
538  —  Untergang  eines  Unterseeboots
  538  —  Elsässer  für  die
Fremdenlegion  541  —  Wettflug
an  der  deutschen  Grenze  544  —
Leistungen  im  Manöver  545  —
Fall  Weisrock  550  —  Belohnung
des  Seesoldaten  Lavault  durch  den

Kaiser  550  —  Verstärkung  der
Streitkräfte  am  Tschadsee  552.
Inneres.

Ruhestörungen  durch  Apachen
529  —  Studentenkundgebungen
529  —  Ueberschwemmungen  530,
531,  532,  551  —  Chantecler-Sensation
  531  —  Untergang  des  „Général
  Chanzy“  532  —  Verurteilung
  des  Sozialisten  Gustave  Hervé
534  —  Feier  zu  Ehren  des  Abbs
Wetterlé  534  —  Unterschlagung
des  Liquidators  Duez  534  f.  —
Orleanistische  Erklärung  535  —
Streik  der  Seeleute  537  —  Verhältniswahl
  537—  Wahlen  538  —
Wahlreformpland38—539  —  Verfassung
  für  Monaco  539,  546  —
Kravalle  in  Paris  542—543,546  —
Ruhestörung  bei  Einweihung  des
Denkmals  für  Waldeck-Rousseau
543  —  Generalratswahlen  544  —
        <pb n="745" />
        ILIIIIIT  737

Die  „Katholischen  Republikaner"
unterwerfen  sich  dem  Papst  544—
545  —  Feier  der  50jährigen  Zugehörigkeit
  Savoyens  545  —  Lossagung
  der  Radikalen  von  der  Beschwichtigungspolitik
  545  —  Streik
der  Eisenbahner  545,  546,  550  —
Umgestaltung  des  Ministeriums
Briand  548  —  „Camelot  du  Roi“
549  —  Briands  Gesetzesvorlage
über  die  Rechtsverhältnisse  der
Eisenbahner  552  —  Erbbschaftssteuerertrag
  553  —  Begnadigung
des  Gewerkschaftlers  Durand  553.

HLeuat.

Nimmt  die  internationale  Konvention
  über  drahtlose  Telegraphie
an  530  —  Altersversicherung  angenommen
  532,  535  —  Abschaffung
der  Todesstrafe  für  militärische
Verbrechen  im  Frieden  549  —
Untersuchungskommission  über  die
Rechtsansprüche  der  Nachkommen
des  Uhrmachers  Nauendorf  553.

Beputiertenkemmer.

Brisson  zum  Präsidenten  gewählt
  529  —  Verhandlungen  über
die  Schule  529,  530  —  Eisenbahnbudgetverhandlungen
  530  —  Finanzkompromißb33
  —  Kostspieligkeit
  der  Verwaltung  534  —  Vertrauensvotum
  für  Briand  535  —
Altersversorgungsgesetz  536  —  Eröffnung
  der  neuen  Kammer  539  —
Diskussion  über  die  politische  Lage
542  —  Abschaffung  der  Todesstrafe
  513  —  Fall  Rochette  543  —
Debatte  über  Eisenbahnerstreik  546
—548  —  Vertrauensvotum  für
Briand  549  —  Handelsbudget  550
—  „Kredit  zur  friedlichen  Durchdringung
  Marokkos"  550  —  Gegen
Preistreibereien  für  Zucker  und
Spiritus  551  —  Steuer  auf  automatische
  Feuerzeuge  552  —  Nichtwiederanstellung
  der  streikenden
Eisenbahner  ohne  Bedingungen
552  —  Provisorisches  Budgetzwölftel
  552.

Personalien.
Benazet,  radikaler  Abgeord-Europäischer
  Geschichtskalender.  UI.

 

neter,  militärische  Gefahr  des  Eisenbahnerstreiks
  547.

Barthou,  Justizminister,  Regierungsprogramm
  541.

Bouveéri,  sozialistischer  Abgeordneter
  für  Eisenbahner  546.

Briand  erhält  Vertrauensvotum
  535  —  Wahlprogramm  536
—  Regierungsprogramm  539  —
Ueber  Sozialismus  542  —  Gegen
Eisenbahnerstreike  546—548  —
„Diktator"547—  Demission  548  —
Neues  Ministerium  548  —  Neues
Regierungsprogramm  548—549
—  Abttentat  549  —  Vertrauensvotum
  552  —  Eisenbahnvorlage
552.

B  ris  son,  Präsident  derKammer
529,

Belisle,  Leopold  544.

Desch  anel  nimmt  Unterrichtsministerium
  nicht  an  548.

Gustave  Herv  verurteilt  534—
Austritt  aus  der  Partei  534.

Jaures  für  Koalitionsfreiheit
der  Eisenbahner  547.

Millerand  überrevolutionären
Charakter  des  Eisenbahnerstreiks
546  —  Austritt  aus  dem  Ministerium
  548.

O  Orrl  leans,  Herzog  von  Chartres

Pelletan  gegen  Briand  546.
Viviani,  Minister  für  öffentliche
  Arbeiten,  Rücktritt  548.

Eriechenland  624—632.
Uebers.  708.

Großbritannien  495  528.
Uebers.  683—684,  703  -  705.

Auswärtiges  und  Koloniales.

Deutschenfurcht  und  Deutschenhetze
  495,  496,  497,  514,  519  —
Schiedsgerichtsvertrag  mit  Deutschland
  verlängert  495  —  Statistische
Angaben  über  Kolonien  496  —
Rede  des  deutschen  Botschafters
über  Heer  und  Flotte  496  —  Prinz
und  Prinzessin  Heinrich  von  Preußen
  beim  Königspaar  498  —  Aufgabe
  des  Somalilandes  506  —  Zur

17
        <pb n="746" />
        738

Kongofrage  506—507  —  Streit
der  „Norddeutschen  Allg.  Ztg.“  mit
Mac  Kenna  über  deutsche  Schiffsbauten
  508—509  —  Persische  Frage
509,521—525  —Englisch-deutsche
Abteilung  der  Londoner  Handelskammer
  510  —  Japanisch  britische
Ausstellung  513—  Roosevelts  Rede
über  England  in  Egypten  513  —
Deutsch-englisches  Versöhnungskomitee
  514—515  —  Das  Märchen
von  der  deutschen  Kohlenstation  in
Nicaragua  516  —  Bahnen  in  Persien
  517  —  Innere  Lage  Indiens
517  —  Zustimmung  zur  Annexion
Koreas  durch  Japan  518  —  Der
„Spion“  Siegfried  Helm  518,  521
—  Ein  englischer  Arbeiterführer
über  die  deutsche  Sozialdemokratie
518  —  Verhinderung  der  türkischen
Anleihe  in  London  518  —  Einspruch
  gegen  russische  Besetzung  persischen
  Gebiets  518,  519  —  Schiedsgericht
  über  Streit  mit  Frankreich
519  —  Zur  Rede  des  Reichskanzlers527—528
  —  Preßstimmen
zum  Leipziger  Spionageprozeß  528.

Heer  und  Flotte.

Plan  einer  Flottenanleihe  196—
Marineetat  497  —  Prinz  Heinrich
von  Preußen  zum  Admiral  of  the
Fleet  ernannt  497  —  Marineetat
  502—503,  505  —  Zerstörung
des  Militärluftschiffes  Ia  510  —
Ritcheners  Austritt  aus  dem  Heere
514  —  Flottenmanöver  ohne  Gäste
außer  Japanern  517  —  Strandung
  des  Panzerkrenzers  Duke  of
Elinburgh  517  —  Strandung  des
Kreuzers  „Belfort“  518  —  Reorganisation
  der  Heimflotte  528.

Inneres.

Streik  der  Bergarbeiter  495  —
Ausschreibung  der  Wahlen  495  —
Unbestrittene  Wahlen  496—  Wahlrefultate
  198  —  Londoner  Kommunalwahlen
  504  —  Staatseinnahmen
  509—510,  519  —  Zivilliste
  und  Regentschaft  514,  515,
517  —  Konferenz  über  die  Verfassungsfrage
  515,  521  —  Krönungseid
  abgeändert  515  —  Mani- 



Ilyhebelisches  Rezister.

fest  für  schottisches  Home  rule  517
—  Lohnkampf  der  Werftarbeiter
518  —  Lohnkampf  der  Spinner
519  —  Veränderung  in  den  Reichsämtern
  519  —  Kohlenarbeiterstreik
  520,  521  —  Suffragettes
als  Ruhestörerinnen  523,  526  —
Vorbereitung  des  Wahlkampfes
525—526  —  Wahlkosten  526,  527
—  Spaltung  der  Iren  526—527—
Anarchisten  in  Houndsditch  528.

Varlament.
Thronrede  500  —  Auflösung
526.

Gberhaus.

Adreßdebatteb00—501  —  Roseberys
  Reformplan  504,  505—506,
507,  521,  526  —  Vertagung  der
Beratung  der  Betoresolutionen
50  —  Vorschlag  des  Referendums

Msterhaus.

Wiederwahl  Lowthers  zum  Sprecher
  498  —  Debatte  über  das  Ergebnis
  der  Wahlen  4968—500  —
Ablehnung  von  Schutzzöllen  501  —
Debatte  über  deutsche  und  englische
Dreadnoughts  502—503,  516  —
Vetobill  vor  Budget  503  —  Vetoresolutionen
  506  —  Beratung  über
Vetoresolutionen  507—508  —  Annahme
  der  Vetoresolutionen  509  —
Fünfjährige  Legislaturperiode  509
—  Einschränkung  der  Debatte  über
das  Budget  509  —  Streit  um  den
Parnellprozeß  510  —  Finanzgesetz
angenommen  510,  525  —  Budgetvorlage
  515  —  Ablehnung  des
Frauenstimmrechts  516  —  Vertagung
  517  —  Wiederzusammentritt
  521  —  Wahlresultat  528.

Personalien.

Premierminister  Asquith  erklärt
  Budget  und  Oberhausfrage
für  untrennbar  198—  500  —  Feldzugsplan
  der  Regierung  501—502,
50)3,  5000  —  Ueber  Vetoresolutionen
507—508  —  Ueber  Persien  520  —
Ankündigung  des  Entschlusses,  das
Parlament  aufzulösen  522.
        <pb n="747" />
        Ilyb#betisches  Rezister.

Oppositionsführer  Balfour.
Angebliche  Einmischung  Deutscher
in  englische  Tariffragen  495—496
—  Ueber  die  Entscheidung  des  Landes
  498  —  Ueber  Vetoresolutionen
508—  Programm  der  Tarifreform
521—522  —  Bedauern  über  Politik
der  Regierung  523.

Admiral  Lord  Charles  Beresford
  verlangt  Flottenanleihe  von
1200  Millionen  Mark  496.

Imperialist  Joseph  Chamberlain
  über  die  Mehrung  der  Tarifreformer
  497—498.

Herzog  und  Herzogin  von  Connaught,
  Rückkehr  aus  Südafrika
528.

Dr.  Crippen  hingerichtet  525.

Sir  Charles  Dilke  verlangt
kräftigeres  Vorgehen  gegen  das
Oberhaus  501.

König  Eduard  VII.  Abreise
nach  Biarritz  496  —  Ankunft  in
Paris  534  —  Rückkehr  nach  England
  510  —  Tod  510  —  Beisetzung
  513  —  Würdigung  511—
512.

General  French  über  Oberst
Gaedke  520.

König  Georg  V.  Thronfolge
511  —  Proklamation  511  —  Botschaft
  513  —  Krönung  des  Prinzen
von  Wales  518  —  Festsetzung  der
Krönung  520.

Schatzmeister  Lloyd  George.
„Wir  wollen  nicht  Sand  pflügen“
502  —  Gegen  den  aristokratischen
Charakter  der  Verfassung  523.
Sir  Robert  Giffen#
509.

Sir  Edward  Grey  empfiehlt
Home  rule  527.

Lord  Lansdowne  stellt  Annahme
  des  Budgets  in  Aussicht  500.

Sir  Arthur  Nicholson  wird
Unterstaatssekretär  im  Auswärtigen
  Amt  515  Florence
Nightingale  518.

Prinzessin  Patricia  von  Connaught
  weigert  sich,  mit  dem  König
von  Portugal  verlobt  zu  werden
514.

Irischer  Parteiführer  Red—
mond  für  das  Budget  500  —

 

739

Sagt  die  Notwendigkeit  neuer
Wahlen  voraus  506  —  Für  Vetoresolutionen
  508.
Lord  Roberts  in  Berlin  343.
Lord  Rosebery  schlägt  Reformplan
  vor  501,  504,  505—506,
50

7.
Fürst  Franz  von  Teck  #  519.

Italien  554—563.
Uebers.  706.

Answirtiges  und  Koloniales.

Deutsche  „Eroberung“  des  Gardasees
  554  —  Hinterland  von  Tripolis
  556—557  —  Kretische  Frage
557  —  Hochverratspläne  der  Frau
v.  Siemens  558  —  Bethmann  Hollweg
  in  Rom  558,  559  —  Frredentistische
  Oesterreicher  560—  Aehrenthal
  in  Turin  561  —  Verheiratung
des  Prinzen  Viktor  Napoleon  mit
Clementine  von  Belgien  562.

Heer  und  Flotie.

Luftschiffstation  554  —  Militärisches
  Programm  555  —  Luftschiffflotte
  561  —  Pensionierungen.
nach  den  Flottenmanövern  561  —
Crispis  Memoiren  563.

Inneres.

Sonninos  Regierungsprogramm
554—556  —  Fünfzigjahrfeier  556
—  Frredentisten  557  —  Giordano
Bruno-Feier  557  —  Finanzielle
Lage  558  —  Straßenbahnstreik  in
Rom  558  —  Garibaldi-Feier  560
—  Schiffahrtssubventionen  560  —
Prozessionsfrage  560  —  Erdbeben
560—561  —  Schulvorlage  561  —
Cavour-Feier  561  —  Moratorium
infolge  des  Unwetters  in  Neapel
561  —  Antimodernistische  Eidesleistung
  561  —  Staatshaushalt
und  Volkswirtschaft  563  —  Wahlreformplan
  563.

Personalies.
Herzog  Fr.  v.  Campobello
flüchtet  554.

Minister  des  Auswärtigen  Guicciardini
  über  kretische  Frage
557.

47  *
        <pb n="748" />
        740

Premierminister  Luzzatti.  Ernennung
  558  —  Ministerium  558
—559  —  Programm  559—560
—  Vertrauensvotum  560.

Professor  Mantegazza  f  561.

Bürgermeister  Nathan.  Breschefestrede
  561.

Schatzminister  Salandra  über
Staatsfinanzen  558.

Minister  des  Auswärtigen  Marchese
  San  Giuliano  in  Berlin
295,  306  —  In  Turin  561  —
Rede  562—563.

Sonnino.  Regierungsprogranm
  554  —  Vertrauensvotum
556.

Kanada  633,  634,  636,  637,
640,  642,  643,  647.
Uebers.  711.

Luxremburg  578.

Mittel-  und  Südamerika
647—656.
Uebers.  710.

Montenegro  624.
Uebers.  708.

Niederlande  579—581.
Uebers.  706.

Norwegen  585—587.

Oesterreich-Ungarn
453—480.
Uebers.  698—700.

Answärtiges.

Graf  Aehrenthal  in  Berlin  118
—  149  —  Graf  Aehrenthal  in  München
  119  —  Reisebericht  457  —
Roosevelt  in  Wien  461  —  Türkischer
  Thronfolger  in  Wien  464
—  Oesterreichischer  Militärattaché
in  Petersburg  ohne  Verbindung
mit  Baron  Ungern-Sternberg  465
—  Handelsvertrag  mit  Serbien
468  —  Marienbader  Zusammenkunft
  des  Grafen  Aehrenthal  mit

 

Ilybebetisches  Register.

v.  Kiderlen-Wächter  468  —  Salzburger
  Besprechung  Aehrenthals
mit  dem  italienischen  Minister  des
Auswärtigen  469  —  Der  Deutsche
Kaiser  als  Gast  des  Erzherzogs
Friedrich  und  des  Kaisers  Franz
Joseph  470  —  Aufdeckung  einer
russischen  Zeitungsente  betr.  türkisch-rumänische
  Militärkonvention
470  —  Das  belgische  Königspaar
in  Wien  474  —  Aehrenthals  Erklärung
  über  die  Elbschiffahrtsabgaben
  478.

Bähmen.

Sprachenkampf  453,  455,  461
—  Obstruktion  der  Deutschen  455
—  Vertagung  des  Landtags  455
—  Telegramm  des  Deutschen  Kaisers
  an  den  Deutschen  Hilfsverein
457  —  Streichungen  kultureller
Ausgaben  457  —  Los--von-Rom-Bewegung
  462,  266  —  Das  deutsche
  Egerland  468  —  Deutschfeindliche
  Ausschreitungen  468  —  Verständigungsversuche
  der  Deutschen
und  Tschechen  470,  476,  478  —
Einberufung  des  Landtages  470.

Vernien  nnd  Herzetewins.

Verfassung  456  —  Keiserreise
463  —  Attentat  auf  den  Landeschef
  464  —  Auflösung  von  Eisenbahnervereinen
  470.

Eisleithenien.

Entlassung  des  deutschen  Landsmannministers
  457  —  Innere  Lage
457  —  Herrenhausdebatte  über
die  auswärtige  Lage  457—458  —
Regierungsprogramm  458—459

Debatte  über  die  Elbschiffahrtsabgaben
  459—460  —  Erhöhte
Anleihe  461—  462  —  Zündholzmonopol
  469  —  Zweisprachige
Beamte  für  Cisleithanien  462  —.
Frage  der  Wiederverheiratung
katholischer  Geschiedener  462  —
Adresse  an  die  russische  Duma  für
Finnland  463  —  Finanzielle  Bedürfnisse
  463—464  —  Verbot  der
Frauennachtarbeit  464  —  Italienische
  Rechisfakultät  462,  464  —
Dispositionsfonds  464  —  An-
        <pb n="749" />
        Ilphobetisches  Regiser.

nahme  des  Budgets  465  —  Vertagung
  des  Reichsrats  466  —
Fleischnot  469  —  Katholikentag
469,  479  —  Gegen  den  Katholikentag
  470  —  Einberufung  des  Reichsrats
  478  —  Budget  für  1911
479  —  Die  Forderung  für  Wasserstraßenbau
  479  —  Demissionsgesuch
  des  Kabinetts  Bienerth  480
Budgetprovisorium  480
Freiherr  v.  Bienerth  mit  der  Bildung
  eines  neuen  Kabinetts  beauftragt
  480.

Valmatien.

Auflösung  italienischer  Jugendvereine
  469.

Belegatienen.

Gemeinsames  Budget  471  —
Thronrede  471  —  Reden  Aehrenthals
  über  auswärtige  Politik  471
—473,  475—476  —  Annahme
des  Heeresbudgets  und  eines
außerordentlichen  Kredits  478  —
Die  Frage  der  Fälschungen  im
Friedjung-Prozeß  478.

Galizien.

Antipreußische  Demonstrationen
454  —  Grunwaldfeier  464,  466,
467  —  Kampf  zwischen  polnischen
und  ruthenischen  Studenten  465
—  Attentat  468.

Heer  und  Flotte.

Spionageversuch  im  Wiener
Arsenal  454,  455  —  Schnurrbartprivilegium
  455  —  Militäranleihe
461—462  —  Heeresverstärkungen
am  Isonzo  473  Personalerhöhung
  und  außerordenklicher
Kredit  für  die  Marine  477  —
Schiffsbaulen  478.

Justiz.

Aufhebung  des  Urteils  im  Hochverratsprozeß
  gegen  die  großserbischen
  Agitatoren  461  —  Verurteilung
  Hofrichters  463,  465  —
Reichsgerichtsentscheidung  über
Privatvolksschulen  476.

 

741

Käru#en.

Bergwerksunglück  in  Raibl  454
—  Bischof  Dr.  Kaan  verzichtet  auf
sein  Amt  477.

Krain.
Gegen  deutsche  Schulen  461.

Krostien.  Slavonien.

Landtagswahlen  477  —  Ende
des  serbischen  Hochverratsprozesses
478—479.

Mäßhres.
Nationalitätenstreit  470—471.

Niederösterreic.

„Kaiser  Wilhelmring“  453,  476
—  Sprachenfrage  454  —  Demonstration
  italienischer  Studenten
463  —  Roseggerfonds  464  —
Deutschfeindliche  Ausschreitungen
468  —  Adresse  alldeutscher  Hochschüler
  an  den  Deutschen  Kronprinzen
  469  —  Luegers  Wahlkreis
an  die  Sozialdemokratie  verloren
477  —  Schlägerei  der  Alldeutschen
und  Klerikalen  478.

Personalien:

Minister  des  Auswärtigen  Graf
Aehrenthal  in  Berlin  und
München  148,  149  —  Ueber  die
Beziehungen  Deutschlands  zu
Frankreich  und  England  457  —
Marienbader  Zusammenkunft  mit
v.  Kiderlen.  Wächter  468  —  Salzburger
  Besprechung  mit  dem  italienischen
  Minister  des  Auswärtigen
469  —  Reden  über  auswärtige
Politik  471—473,  475—476.

Delegierter  Bärnreithe  r.  Einverständnis
  zwischen  Deutschland,
Oesterreich--Ungarn  und  der  Türkei
471.

Oesterr.  Ministerpräsident  Freiherr
  v.  Bienerth  über  die  innere
  Lage  457  —  Regierungsprogramm
  458—459  —  Italienische
  Rechtsfakultät  464  —  Entlassungsgesuch
  480  —  Mit  der
Bildung  eines  neuen  Kabinetts
beauftragt  480.
        <pb n="750" />
        742

Oesterr.  Finanzminister  Ritter

v.  Bilinski  wegen  Mißbrauchs
der  Amtsgewalt  angegriffen  454
—455  —  Bedürfnisse  des  Staatshaushalts
  463—464.

Delegierter  Ceglinski  gegen
Neoslavismus  475.

Erzherzog  Franz  Ferdinand
zröffner  die  ungarische  Delegation

Kaiser  Franz  Joseph.  Ehrung
durch  den  Berliner  Magistrat  359
—  In  Bosnien  463  —  Ofener
Thronrede  465  —  80.  Geburtstag
  468  —  Denkmal  469  —  Em
pfängt  Marchese  di  San  Giuliano
469.

Christine  Hebbel  465.

Sektionschef  v.  Jettel  wird
Leiter  des  Preßbureaus  im  Auswärtigen
  Amt  453.

Erzherzog  Johann  Salvator
(Johann  Orth)  für  tot  erklärt  466.

Dr.  v.  Juraschek  455.

Joseph  Kainz  1.470.

Botschafter  Graf  Khevenhüller-Metsch
  F  476.

Ungar.  Ministerpräsident  Graf
Khuen-Hedervary.  Ernennung
454  —  Wahlrede  463  —  Bei  der
Adreßdebatte  467—468.

Abg.  Dr.  Kramarz.  Oesterreich
dürfe  nicht  slavisch,  aber  auch  nicht
deutsch  sein  4599  —  Oesterreich
muß  auch  in  der  auswärtigen
Politik  auf  seine  Slaven  Rücksicht
nehmen  473—474  —  Legt  Führerschaft
  der  Tschechen  nieder  479.

Oesterr.  Herrenhausmitglied
Graf  Latour.  Freundschaftliche
Beziehungen  zu  Rußland  157.

Bürgermeister  Lucger  460.

Ungar.  Ministerpräsident  v.  Lukasc.
  Ernennung  453.

Delegierter  Nemetsch.  Die  nationale
  Idee  drängt  sogar  den
Sozialismus  zurück  474.

Angelo  Neumann  J  480.

Bürgermeister  Dr.  Neumayer
in  Wien  gewählt  462.

Freiherr  v.  Niderhofer-)  457.

 

Tlphabetisczes  Rezister.

Herrenhausmitglied  Plehner.
Festhalten  am  Dreibunde  457—

 

19  gerr.  deutscher  Landsmann-ä
minister  Dr.  Schreiner.  Entlassung
  457.

General  Schwab  tritt  in  den
Ruhestand  455.

Delegierter  Baron  Schwegel.
Handelspolitik  gegenüber  den  Balkanstaaten
  474.

Abg.  Stölzel.  Neoslavismus
führt  zum  Panslavismus  459.

Oesterr.  Handelsminister  Weiskirchner
  über  Elbschiffahrtsabgaben
  460.

Delegierter  Graf  Wodziecki
gegen  Bündnis  mit  Rußland  474.

Tirel.

Studentenunruhen  455—456—
Passive  Resistenz  der  Südbahnbeamten
  470  —  Alldeutscher  Verein
gegen  die  Einwanderung  portugiesischer
  Jesuiten  477.

Uugarn.

Ex-lex-Zustand  453  —  Unabhängigkeitspartei
  453  —  Programm
  des  Herrn  v.  Lukasc  453
—  Kabinettswechsel  454  —  Magnaten
  protestieren  gegen  die  Vertagung
  des  Reichstages  455  —
Gegen  die  Steuerverweigerungsbeschlüsse
  des  abgeordnetenhauses
455  —  „Nationale  Arbeitspartei“
456  —  Ekandalszenen  im  Abgeordnetenhaus
  461  —  Auflösung
des  Parlaments  460,  461  —  Finanzlage
  462—463  —  Wahlbewegung
  463  —  Parlamentswahlen
  464  —  Thronrede  465
—  Zur  Borromäusenzyklika  466
—  Stellung  der  Regierung  467
—468  —  Scheitern  einer  Anleihe
  in  Paris  40609  —  Verlängerung
  des  Bankprivilegs  479  —
Zeugen  in  Zivilprozessen  nicht
nach  ihrer  Religion  zu  fragen  479
—  Budgetprovisorium  480.

lUngars.  Abgeordnelenhaus.

Herrenhausmitglied  Graf  Pi-  3

ninski.
land  458.

Annäherung  an  Eng-|



Schlechter  Empfang  des  Kabinetts
Khuen-Hedervary  454  —  Mißtrauensvotum
  und  Vertagung  455.
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        Ilphobetisches  Reziser.

Portugal  481—487.
Uebers.  700—701.

Römische  Kurie  563—569.
Uebers.  706.

Numänien  619—621.
Rußland  588—601.

Uebers.  682—683.  706—707.  711.

Inswirtiges.

Ablehnung  der  amerikanischen
Vorschläge  zur  Neutralisierung  der
mandschurischen  Bahnen  589—590
—  Gegen  die  Erklärung  deutscher
Professoren  für  Finnland  591  —
Slavenkongreß  unmöglich  591  —
Bulgarisches  Königspaar  in  Petersburg
  592  —  Paprikows  Kriegsbefürchtungen
  592—593  —  Verständigung
  mit  Oesterreich-Ungarn
593—594  —  König  Peter  von
Serbien  in  Petersburg  5494  —
Abkommen  mit  Japan  595,  597  —
Persische  Politik  596  —  Grenzverletzungen
  auf  deutschem  Boden
596  —  Schiedsgerichtsvertrag  mit
Italien  593  —  Potsdamer  Begegnung
  599  (s.  auch  Deutschland,
Auswärtiges)  —  Verurteilung  des
Barons  Ungern-Sternberg  600
—  Zur  Rede  des  deutschen  Reichskanzlers
  601.

Dnmna

fordert  Aufhören  administrativer
Verschickungen  591  —  Beleidigung
durch  Markow  591  —  Beseitigung
des  Defizits  591,  593  —  Etat
des  Ministeriums  des  Innern  angenommen
  593  —  Chomjakow  legt
Präsidentenwürde  nieder  593  —
Skandalszenen  593  —  Gutschkow
wird  Präsident  5494  —  Budget
595  —  Petitionen  für  Finnland
nicht  verlesen  596  —  Semstwos
im  Westen  596  —  Finnland-Vorlage
  596  —  Vertagung  597  —
Totenmesse  für  Muromtzew  598
—  Beschimpfung  Frankreichs  600
—  Fonds  für  Volksschulen  beschlossen
  601.

.

 

743

FSinanzen,  Haudel,  Wirischaft.

Ansiedler  in  Westsibirien  594
—595  —  Zollfreie  Einfuhr  landwirtschaftlicher
  Maschinen  599  —
Schädlichkeit  des  Alkohol  in  den
Schulen  gelehrt  600.

Finsland.

Hofgericht  in  Helsingfors  589
—  Erklärung  deutscher  Professoren
590,  591  —  Wahlergebnis  591  —
Landtag  593  —  Manifest  des
Zaren  594  —  Eingliederung  abgelehnt
  594  —  Zar  sanktioniert
Finnland-Gesetz  597  —  Außerordentlicher
  Landtag  5498  —  Gesetze
  der  Duma  überwiesen  598
—  Adresse  der  französischen  Kammer
  für  Finnland  600.

heer  und  Flotte.

Unterschlagungen  im  Amurgebiet
  590—591  —  Bau  von
Kriegsschiffen  5994  —  Rekrutenkontingent
  594,  595  —  Reorganisationsplan
  594  —  Festungsbauten
  595,  598  —  König  Nikolaus
  von  Montenegro  wird  Generalfeldmarschall
  597  Die
3Slawa“  bleibt  in  Gibraltar  liegen
98.

Inneres.

Revolutionskomitee  588
Attentate  591,  595,  596  —  Verschickung
  Komkows  591  —  Prozesse
  gegen  Revolutionäre  593  —
Jüdische  Familien  aus  Kiew  ausgewiesen
  594  —  aus  Moskau  ausgewiesen
  596  —  Verwaltungsrevision
  in  Turkistan  595  —  Erpressungen
  in  Polen  597  —  Verband
  polnischer  Aerzte  aufgelöst
597  —  Bestechungen  in  Kiew  597
—  Bekämpfung  deutscher  Kolonisten
  599  —  Prozessionen  zu
Ehren  Tolstois  verboten  600  —
Studentenkrawalle  601.

Versonalien:

Zarin  Alexandra  Feodorowna,
  Gesundheitszustand  589.
        <pb n="752" />
        744

Dumapräsident  Gutschkow
594  —  Attentat  595  Wiedergewählt
  600.

Minister  Iswolski  wird  Botschafter
  in  Paris  598.

Lyzeumsdirektor  Kasso  wird
Unterrichtsminister  598.

Dumamitglied  Markow  wird
ausgeschlossen  591.

Großfürst  Michael  Nikolajewitsch.
  Beisetzung  588.

Zar  Nikolaus  ll.  Depeschen
vor  Ausbruch  des  Krieges  mit
Japan  588  —  Begnadigung  der
Mörder  Herzensteins  589  —  Manisest
  über  Finnland  594  —  Sanktioniert
  Finnlandgesetz  597  —
Rückkehr  aus  Deutschland  600.

Unterrichtsminister  Schwarz
verabschiedet  597.

Großfürstin  Sergius  geht  ins
Kloster  595.

Minister  des  Auswärtigen
Ssassonow  über  die  Ergebnisse
der  Potsdamer  Bewegung  599.

Graf  Tolstoi.  Brand  von
Manuskripten  597  —  f  600.

Graf  Witte  dementiert  deutschfeindliche
  Aeußerungen  589.

Schweden  584—585.

Schweiz  570—573.
Uebers.  706.

Serbien  621—623.

Spanien  488—494.
Uebers.  702.

Die  Türkei  602—614.
Uebers.  707—708.

Vereinigte  Staaten  von

Nordamerika  633—647.
Uebers.  682  —  685.  709—711.

Auswirliges.

Vorschlag  der  Neutralisierung
mandschurischer  Bahnen  1#33  —
Spanische  Gesandte  abberufen  634
—  Minimalsätze  des  Zolltarifs  zugestanden
  634,  635  —  Kalifrage
631  —  Annexion  Spitzbergens  63T1

Geburtstagstelegramm  Tafts
an  den  Kaiser  634  —  Gegen  japa- 



 

Ilpbabetisches  Regziser.

nische  Einwanderer  636,  636  —
Deutsch-amerikanische  Ausstellung
verschoben  636  —  Professorenaustausch
  637  —  Protektorat  über
Liberia  637  —  Negeraufstand  auf
Kuba  638  —  Intervention  in
Nicaragua  638,  641  —  Polenkongreß
  638—639  —  Sgyndikat
für  Eisenbahnbauten  in  Kleinasien
  610  —  Reziprozitätsverhandlungen
  mit  Kanada  643  —  Reibereien
  mit  Mexiko  643  —  Antijapanische
  Stimmung  646  —  Admiral
  Sims  zur  Rechenschaft  gezogen
  646.

Inneres.

Konflikt  zwischen  Regierung  und
Kongreß  633,  636  —  Fleischnot
Fleischtruste  634,  635,  637—  Antitrustbewegung
  635,  642  —  Taft
über  die  Ursachen  der  Teuerung
631  —  Straßenkämpfe  in  Philadelphia
  635,  636  —  Rockefellers
Stiftung  636  —  Roosevelts  Pension
  abgelehnt  636—637  —  Zwei
Schlachtschiffe  genehmigt  637  —
Volkszählung  637  —  Mark  Twaint
637  —  Enthüllung  der  Denkmäler
für  Kosciuszko  und  Pulaski  638
—  Neue  Parteibildung  638  —
Arizona  und  New  Mexiko  als  neue
Staaten  ausgenommen  638  —
Roosevelts  Niederlage  639,  642  —
Sieg  des  Negers  Johnson  als  Boxer
639  —  Lynchexzesse  610  —  Attentat
auf  den  Mayor  von  New  Nork  640
—  Professor  William  James?#  641
—  Roosevelts  Programm  641—
642  —  Versöhnung  der  „Infurgenten"
  der  republikanischen  Partei
642  —  Sieg  der  Demokraten  642,
643  —  Demokratisches  Programm
642  —  Verbindung  des  „deutschamerikanischen
  Nationalbundes“
u.  das  Ancient  order  of  Hibermians
612—643  —  Streik  in  New--Vork
613  —  Einwanderungsstatistik  643
—  Einwanderungsfrage  645  —
Zweite  Session  des  Kongresses  644
—  Botschaft  des  Präsidenten  644
—645  —  Steuben-Denkmal  645  —
Bankgesetzgebung  646  —  Mangelhafte
  Kriegsrüstung  646  —  Gegen
stehendes  Heer  646.
        <pb n="753" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
