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        <title>Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achtundzwanzigster Jahrgang. 1912.</title>
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        Schulthess“
Europäischer  Geschichtskalender.

Neue  Folge.

Achtundzwanzigster  Jahrgang  1912.
(Der  ganzen  Reihe  LIII.  Band.)

Ludwig  Rieß.

 

München  1913.
C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung
Oskar  Beck.
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        T.  O.  Beck´  sche  Buchdruckerei  in
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        Inhaltsverzeichnis.

Chronik  der  wichtigsten  Erelgnisse  des  Jahres  1912
Kalendarium
I.  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.
II.  Die  österreichisch-ungarische    Monarchie  
III.  Portugal  
IV.    Spanien
V.  Großbritannien
VI.  Frankreich
VII.  Italien
VIII.  Römische  Kurie

IX .  Schweiz    
X.  Belgien     

XI. Luxenburg  
XII. Niederlande                                                                                          XIII.Dänemark                                                                                               XIV.Schweden                                                                                             XV.Norwegen                                                                                                 XVI.Rußland                                                                                                XVII.Türkei und Egypten                                                                                      1.Die Türkei                                                                                                    2.Egypten                                                                                              XVIII. Bulgarien 
XIII  Rumänien
XX.  Serbien
XXI.  Montenegro
XXII.  Griechenland
XXIII.  Vereinigte  Staaten  von    Nordamerika  und  Kanada  
XXIV.  Mittel-  und  Südamerika  .
XXV.  Australien  und  Südsee
XXVI.  Afrika
XXVII.  Asien  .
Anhang:  Allgemeines.  Internationale  Kongresse.  Diplomatische
  und  sonstige  Enthüllungen
Übersicht  über  die  politische  Entwicklung  des  Jahres    1912
Alphabetisches  Register
        <pb n="4" />
        Chronik
der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1912.

_____

Januar

1.  China.  Einzug  Sunjatsens  als  provisorischen  Präsidenten  in  Nanking.
6. China  und  Vertragsmächte.  Besetzung  der  Bahn  von  Peking  zum
Meere durch Kontigente  aller  Mächte.

7.  Großbritanien.  Organisation  eines  Generalstabs  der  Marine.
10.  Frankreich.    Rücktritt  des  Ministeriums  Caillaur
12.  Deutsches Reich.  Wahlen  zum  Reichstag.
12.  Persien.  Amtsniederlegung  des  Generalschatzmeisters    Morgan  Schuster.
13.  Frankreich.  Bildung  des  Ministeriums  Boincare.
16.  China.  Bombenatentat  auf Jianshui
16.—19.  Italien  Frankreich.    Aufbringung      der  französischen  Postdampfer

  „Carthage“  und  „Manouba".
18.  Türkei.  Kammerauflösung
18.—21.  Tripolis.  Die  Italiener  erobern  die  Oase  Gargaresch.  

23.  Vereinigte  Staaten.  Roosevelt  erklärt  sich  zur  Annahme  der

Nomination  als  Kandidat  für  die  Präsidentenwahl  bereit.

24.  Ecuador.  Unterwerfung  der  Führer  der  Revolution,  die  aber  dennoch
  vom  Volke  3  Tage  darauf  gelyncht  werden.

27.  Oestreich - Ungarn.    Auflösung  des  neugewählten  kroatischen  Landtages

  noch  vor  seinem  Zusammentritt.

 




Februar.
2.  Niederlande.  Verstärkung  des  Heereskontingents  um  ein  Drittel.
4.  Großbritannien.  Rückkehr  des  Königspaares  von  der  Reise  nach

Indien.
4.  Schweiz  Annahme  des  Arbeiter-Versicherungsgesetzes  durch  das  Volk.
6.  Bayern.  Rücktritt  des  Ministeriums  Podewils
7.  Deutsches  Reich.  Eröffnung  des  Reichstages.
8.  Großbritannien.  Reise  des    Kriegsministers  Haldane  nach  Berlin.
9.  Deutsches  Reich.  Ins  Präsidium  des  Reichstages  werden  ein
Zentrumsmann,  ein  Sozialdemokrat  und  ein  Nationalliberaler  gewählt.




9.  Bayern.  Ernenunng  des  Frhrn.  v.  Hertling  zum  Ministerpräsidenten.

9.  Großbritannien  —  Deutsches  Reich.  Churchills  Rede  über  „die
deutsche  Flotte  mehr  eine  Art  Luxus“.

9.   Deutsches  Reich  —  Vereinigte  Staaten.  Bekanntgabe  des  Einverständnisses
  zu  gemeinsamen  Vorgehen  gegen  solche  Mächte,  die
eine  Teilung  Chinas  versuchen  würden.

9.  China  —  Japan.  Die  japanische      Regierung  hebt  ihren  Beschluß,
Truppenverstärkungen      nach  der  Mandschurei  zu  senden  auf.

10.  Frankreich  —  Deutsches  Reich.  Der  Senat  nimmt    das  Abkommen

  über  Marokko  und  das  Kongogebiet  an.
        <pb n="5" />
         Allgemeine  Chronik   

12.  China ."  Der  Thron“  erkennt  die  Republik  an  und  „tritt   von  der politischen Macht zurück" 
13.  Vereinigte Staaten.  Arizona als 48. Staat aufgenommen .    
            .
14.   Serbien.  Auflösung   der  Skupschtina.
15.     China.  Juanschikai  in  Ranking   zum  Präsidenten  der  Republik  erwählt.
16.Norwegen.  Ministerwechsel.
17.Deutsches   Reich.  Der  Kaiser  lehnt  den  Empfang  von  nur  2  Mitglieder des Reichstagspräsidiums ab
18.  Österreich-Ungarn .  Tod des Grafen   Aehrenthal.
            .
19.Vereinigte  Staaten.  —  Besitzergreifung der  Palmyrainsel   südlich der Hawaii - Inseln.
  
20.Österreich-  Ungarn.   Graf  Berchtold  wird  als  Nachfolger  Graf
Aehrenthals  zum  Minister  des  Auswärtigen  .ernannt
21.China.  Unabhängigkeitserklärung   der  Mongolei  —  der  Hauptstadt

Urga
22.  -  Luxenburg.  .  Tod  des  Großherzogs  Wilhelm.

                                                 März.

1.China.  Meuterei  der  Truppen  Juanschikais.

1.Paraguay.  Präsident  Rojas  gefangen  genommen  und  zur  
Abdankung  gezwungen.

3.Vereinigte  Staaten    —  Mexiko.  Neutralitätserklärung  des  Präsitenten 
  Tast  in  den  mexikanischen  Wirren.

7.Vereinigte  Staaten  —  Frankreich  —    Großbritannien.  Annahme der Schiedsgerichtsverträge in Stark reduzierter Form.


 


8.Deutsches  Reich.  Der Reichstag  wählt  ein  nur  aus  Liberalen  
bestehendes  Präsidium.
8.Italien  —  Frankreich     —  Großbritannien  —  Deutsches
Reich  —  Oesterreich - Ungarn .  Anfrage  wegen  einer  freundschaftlichen 

  Vermittlung   zur  Einstellung  der   Feindseligkeiten  gegen
die Türkei  
11Banern.  Jesuitenerlag 
12.Frankreich  —  Deutsches   Reich.  Austausch  der  -Ratifikationsurkunden
  der  über  Marokko  und  Acquatorial-Afrika   getroffenen
b
14.Italien.  Attentat  auf  König  Victor  Emanuel  III.
21.Deutsches  Reich.  Der  Kaiser  empfängt  das  Reichstagspräsidium.
21.Persien.  Annahme  der  englisch-rusischen  Forderungen.
22.Deutsches  Reich.  Bekanntgabe  der  Wehrvorlagen

23.  Deutsches  Reich  —  Oesterreich-  Ungarn.  Besuch  des  Deutschen

Kaisers  in  Wien.

25.Italien  —  Deutsches  Reich.  Begegnung  des  Königs  und  des
Kaisers  in  Venedig  an  Bord  der  „Hohenzollern"
25.Japan.  Auflösung  des  Parlaments  wegen  Scheiterns   der  Wahlvorlage

27.  Großbritannien.  Annahme  der  Mindestlohnbill.
29.  Großbritannien.  Ablehnung  des  Gesetzentwurfs,  betr.  Frauenstimmrecht.


30.Japan.  Aufslösung  des  Parlaments.                                                                                                        April

1.Marokko  —  Frankreich.  Sultan  Mulay  Hasid  unterzeichnet  den
Protektoratsvertrag  mit  Frankreich.
        <pb n="6" />
        VI                                          Allgemeine   Chronik .

3.  Kroatien.  Suspendierung  der  Verfassung 

11.  Großbritannien.  Einbringung  der  Goverment   of  Ireland  Bill“.

14.  Altantischer  Ozean.  Untergang ,  der  Titanic"

17.  Ungarn.  Demission  des  Kabinetts  Khuen- Bedervart.

26.  Großbritannien.  Einbringung  des  Gesetzes  zur  Entstaatlichung   der Kirche in Wales.


26.  Rußland.  Statonows  Friedensrede  in  der  Duma.

                                                     Mal.

7.  Siam.  Berurteilung  von  Verschwörern  gegen    das  Leben  des  Königs.

8.  Albanien.  Der  Aufstand  nimmt  gefährliche  Formen  an.

9.  Preußen.  Gewaltsame  Entfernung  eines  Sozialdemokratischen   Abgeordneten aus dem Abgeordnetenhaus.
  zter  den  5“  ——  enges

14.  Deutsches Reich.  en bloc Annahme  —i  Marinevorlage.

14.  Dänemark.  Plötzlicher   Tod des Königs    Friedrich  VIII.  in  Hamburg.

14.  Schweden    Norwegen  Rußland.  Bekanntgabe  der  Konvention
  über   .Spitzbergen

  
15.  China.  Genehmigung  der   Sechsmächte-Anleihe  durch  die  Regierung.
18.  Preußen.  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt  die  Einleitung    eines  Strafverfahrens
  gegen  zwei  seiner  Mitglieder  wegen  Hausfriedensbruchs.
20.  Deutsches  Reich.  Prinz  Georg  Wilhelm  von  Cumberland  verunglückt tötlich in 
unglückt   tötlich  in  Nafel  bei    Friesack

                                                     Juni.
1.Niederlande  —  Frankreich.  Besuch  der  Königin  Wilhelmine  in Prais.

1.  Bulgarien    —  Oesterreich-Ungarn.  Bulgarische  Königsfamilie
in Berlin .



1.—2..  Großbritannien.  Konferenz  des  Ministerpräsidenten  und   des
 Marineminister   mit  Lord  Kitchener  auf  Malta  über  das  Mittelmeergeschwader.


2.Belgien.  Sieg  der  Klerikalen  bei  den  Kammerwahlen.

3.Deutsches    Reich  —  Vereinigte       Staaten.    Besuch  amerikanischer
Häfen  durch  ein  deutsches  Geschader.

7.Ungarn.  Attentat  auf  den  Präsidenten   des  Abgeordnetenhauses  durch
einen  Abgeordneten.

8.Deutsches  Reich  —  Bulgarien.  Besuch  der  bulgarischen  Königsfamilie
  in  Potsdam.

8.  Öesterreich-  Ungarn  —  Montenegro.  Besuch  des  Königs  Nikolano
in Wien.

17.  Großbritannien.  Einbringung  der  Wahlrechtsreformvorlage.

19.  Deutsches  Reich  —  Großbritannien.  Amtsantritt  des  Botschafters

Marschall  v.  Bieberstein.

19.  Deutsches  Reich.  Eingreifen.  der  päpstlichen   Nuntiatur  in  den  Streit

der  katholischen  Arbeiterorganisation

24.  Türkei.  Beginn  des  Aufstandes  in  .Nordalbanien

28.  Oesterreich.  Ungarn.  Endgültige  Annahme  der  Wehrvorlagen.

                                                        Jull.
1.Frankreich.  Die  Kammer  nimmt  den  Protektoratsvertrag  mit  dem
Sultan  von  Marokko an.  
4.—6.  Deutsches Reich  —  Rußland.  Zusammenkunst  des  Deutschen 
Kaisers  und  des  Zaren  in  Baltischport
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                                           Allgemeine  Chronik.  VII

4  Vereinigte    Staaten.  Roosevelt  gibt  die  Grundzüge  des  Programms
der  von ihm  begründeten  "progressiven"  Partei  bekannt.

7.—9.  Portugal.  monarchistischer    Putsch.
11.  Großbritannien  —  Vereinigte    Staaten.  Protest  gegen  die
Begünstigung  amerikanischer  Schiffe  im  vorgeschlagenen  Zolltarif
für den Panamakanal
18.  Sachsen-  Weimar  .  Geburt  des  Thronfolgers
29.  Japan.  Tod  des  Kaisers  Mutsuhito  nach  45jähriger  Regierung.

 

                                                August
1.  Frankreich  —  Rußland.  Abkommen  Über  das  Zusammenwirken der Flotten

1.Türkei.  „Gemetzel“  in  Kotschana.
6. Türkei Auflösung  der Kammer.
.  13. Marokko  Proklamation  Mulan  Jussufs  zum  Nachfolger  seines Bruders Mulan Hasib

24. Österreich-Ungarn    --  Rumänien.  Besuch  des  Grafen  Berchthold
        
beim  Konig  Karol  auf  Schloß  Sinaja.    





                                      September.
3.—5.  Schweiz  —  Deutsches  Reich.  Der  Deutsche Kaiser  bei  den
Manövern  der  schweizerischen  Miliz.      

6·  Hamburg.  Tod  des  regierenden  Bürgermeisters  Dr.  Burchard.
7.  Oesterreich-  Ungarn  —  Deutsches  Reich.  Besuch  des  Reichskanzlers
  bei  Graf  Berchthold  auf  Schloß  Buchlon.
12.  Frankreich  Verlegung  der beiden  Geschvader  des  Atlantischen
Ozeans nach Toulan.
12.  Rußland.  Auflösung  der  Duma.
12.  Bulgarien.    Memorandum  an  die  Mächte  über  die  Mazedonische Krise.

14.  Portugal-  Spanien.  Abkommen  zur  Unterdrückung  von  Verschwörungen.


27.  Preußen.  Erleichterungen  der  Vieh-  und  Fleischeinfuhr  aus  dem
Auslande.
23.—28.  Rußland  —  Großbritannien.  Sassonon  in  Balmoral  zu
Besprechungen  an  denen außer den  englischen  Ministern  auch  der
Führer  der Opposition,  Ponar  Lam  teilnehmen.
28.  Korea.  Urteil    gegen  123  Verschwörer,  die  dem  Generalgouverneur
Terautschi  nach  dem  Leben  trachteten.
30.  Bulgarien.  Mobilmachung  und  Ankündigung  der  „Verständigung“
mit  Serbien,  Montenegro  und  Griechenland.
30.  Serbien.  Mobilmachung.  
30.  Montenegro  —  Türkei.  Beschießung  einer  mit  türkischen  Soldaten
besetzten  Barke auf  dem  Skutari-See.


  




                                             Oktober.
1.  Türkei.  Mobilmachung.
2  und  4.  Balkanbund    —  Türkei.  Kollektivnoten  mit  der  Forderung.
der  Autonomie  für  Altserbien,  Mazedonien,  Albanien  und  Kreta.
7.  Britisch-  Indien.  Sympathieerklärung  von  Mohammedanern  für die Türkei.

8.  Montenegro  —  Türkei.  Kriegserklärung  Montenegros.
11.  Preußen.  Erste  Anwendung  des  Enteignungsparagraphen  im    Polengesetz.
        <pb n="8" />
        VIII  Allgemeine  Chronik.

14.  Montenegro  —  Türkei.  Einnahme  von  Tusi.

14.  Griechenland  —  Kreta.  Aufnahme  kretischer  Deputierter  in  das

griechische Parlament.

15.  Italien  —  Türkei.    Unterzeichnung  des  Präliminarfriedens  in  Luchy.

15.  Vereinigte  Staaten.  Attentat  auf  Roosevelt.

17.  Türkei --  Serbien  —  Bulgarien.  Abbruch  der  diplomatischen

Beziehungen.

18.  Italien  —  Türkei.  Unterzeichnung  des  endgültigen  Friedensvertrages.


18.  Türkei  —  Bulgarien.  Besetzung  von  Mustafa  Pascha.

18.  Bulgarien.  Das  Manifest  des  Konigs    kündigt  den  „Kampf  des
Kreuzes  gegen  den  Halbmond“ an.

21.  Italien  —  Oesterreich-Ungarn    —  Deutsches  Reich.  Graf
Berchthold  und  der  deutsche  Gesandte  v.  Jagow  bei  König  Bitiore
Emanuele  in  San  Rossore

24.  Türkei  —  Bulgarien.  Eroberung.  von  Kirk-Kilisse  durch  die  Bulgaren
infolge  einer  Panik  im  türkischen  Heere.

26.  Türkei  —  Serbien.  Uesküb  von  den  Serben  besiegt.

26.  Frankreich  —  Spanien.  Abschluß  des  Marokkovertrages.

27.  Serbien  —Montenegro  Vereinigung  der  serbischen  und  montenegrinischen Truppen.

29.  Türkei.  Ernennung  Kiamil  Pachas  zum  Großwesier.

29.  Türkei  —  Bulgarien.  Beginn  der  Zernierung  von  Adrianopel.

29-30.   Türkei    —    Bulgarien.  Niederlage  der  türkischen  Ostarmee

bei  Lüle Burgas.

29.  China.  Wiedereinsetzung    des  Dalai  Lama  von  Tibet.

30.  Serbien  —  Türkei.  Ipel    von  General  Wusotitsch  eingenommen.

30.  Türkei  —  Montenegro.  Niederlage    der  montenegrinischen  Sũdarmee
  in  der  Bojana-Ebene.

31.  Griechenland  —  Türkei.  Besetzung    der  Inseln  Thasos  und  Imbros.

                      November.                                                                           2.  Türkei  —  Deutsches  Reich.  Ueberführung  des  Exsultans  Abdul
Hamid  durch  die  „Lorelen-  nach  dem  Palais  Benler  Bei  am  Bosporus.

2.  Türkei.  Banil  vor  schriftenmetzeleien  in  Konstantinopel.

3.  Deutsches  Reich.  Entsendung  eines  Kreuzergeschwaders  in  die
türkischen    Gewässer.

7.  Vereinigte  Staaten.  Bei  der  Präsidentenwahl  siegt  der  Kandidat
der  demokratlschen  Pariei  Wilson.

8.  Türkei    —  Bulgarien  --  Griechenland.  Kapitulation  von  Saloniki.

9.  Rußland.  Sieg  der  Rechten  bei  den  Dumawahlen.

11.  Großbritannien.  Niederlage  der  Regierung  bei  Beratung  der
irischen  Homerulebill.

11.  Griechenland  —  Bulgarien.  Einzug  des  griechischen  Kronprinzen
und  des  bulgarischen  Prinzen  Boris  und  Kyrill  in  Saloniki.

12.  Oesterreich-Ungarn.  Beginn  der  militärischen  Vorbereitungen  mit
Rücksicht  auf  die  Balkanlinie.

12.  Spanien.  Ermordung  des  Ministerpräsidenten  Canalejas.

13.  Bulgarien  —  Türkei.  Beginn  des  Kampfes  an  der  Tschataldscha-Linie.

  

13.  Türkei  —  Montenegro.  Rückzug  der  nach  Alessio  vorgedrungenen
Montenegriner.

18.  Türkei  —  Serbien.  Besetzung  von  Monastir.

21.  Griechenland  —  Türkei.  Besetzung  von  Mytilene.
        <pb n="9" />
        Allgemeine  Chronik  

28. Deutsches  Reich.  Der  Bundesrat  gibt  die  von  Bayern  erbetene
Interpretation  über  die  Ausführungsbestimmungen  zum  Jesuiten- Gesetz vom 4. Juli1872.


29. Griechenland  —  Türkei.  Proklamation  der  Vereinigung  der
Insel  Samos  mit  Griechenland.

Dezember.
3. Türkei  —  Bulgarien  —  Serbien  —  Montenegro.  Abschluß
des  Waffenstillstandes.  
4. Deutsches  Reich.  Mißtrauenserklärung  des  Zeutrums  wegen  der
Bekanntmachung    des  Bundesrats  über  die  Durchführung  des  Jesuitengesetzes.


4. Japan.  Rücktritt  des  Ministeriums  Saionji.
7. China  —  Rußland.  Abkommen  über  die  Mongolei.
7. Deutsches Reich --  Oesterreich.  —    Ungarn  —  Italien.    Erneuerung
  des  Dreibundes.  
9. Großbritannien  --  Vereinigte  Staaten.  Bekanntgabe  des
Protestes  gegen  die  vorgeschlagenen  Panamakanalzölle.
12.  Bayern.  Prinzregent  Luitpold  gestorben.
13. Finnland.  Verbannung  der  Mitglieder  der  Hofgerichte  von  Helsingfort und Wiborg.

14. Türkei  —  Bulgarien    —  Serbien  —  Montenegro.  Zusammentritt

  der  Friedensbevollmächtigten  in  London.
17. Großbritannien  —  Deutschland    —  Frankreich    —  Rußland
-- Oesterreich.  Ungarn  —  Italien.  Eröffnung  der  Botschafter
Reunion.
17. Türkei  —  Griechenland.  Abwehr  des  Versuches,  die  Einfahrt
in  die  Dardanellen  zu  erzwingen.




17. Japan.  Fürst  Katsura  zum  Ministerpräsidenten  ernannt.

18. Vereinigte  Staaten.  Ausschluß  von  Analphabeten  von  der  Einwanderung.

  

21. Dänemark  —  Schweden    —  Norwegen.  Deklaration  der  gemeinsamen
  Neutralität.

23. Britisch-  Indien.  Bombenattentat  auf  den  Vizekönig  Lord  Hardinge
beim  Einzuge  in  Delhi.
        <pb n="10" />
        <pb n="11" />
        I.
Das  Deutsche  Reich
und  seine  einzelnen  Glieder.

1.  Januar.  Wie  im  Vorjahre  tauscht  der  Reichskanzler  mit
den  auswärtigen  Ministern  Österreich-Ungarns  und  Italiens  telegraphische
  Glückwünsche  aus.

1.  Januar.  (Charlottenburg.)  Der  Drogist  Julius  Scharmach
  wird  wegen  unerlaubten  Vertriebs  des  giftigen  Methylalkohols
verhaftet,  durch  den  163  Personen  —  zumeist  Gäste  des  Berliner
Asyls  für  Obdachlose  —  (71  tödlich)  vergiflet  worden  sind.

2.  Januar.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  bringt
einen  Artikel  über  die  Wahlparole  der  Regierung.

Der  Schluß  lautet:  „Wir  brauchen  einen  Reichstag,  der  bereit  ist,
unsere  bisherige  Wirtschaftspolitik,  die  Politik  der  Handelsverträge  und  des
Schrunes  der  nationalen  Arbeit  weiterzuführen.  —  Wir  brauchen  einen
Reichstag,  der  bereit  ist,  unsere  Sozialpolitik,  die  Bürgerschaft  einer  friedlichen
  Entwicklung  im  Innern,  ruhig  und  besonnen  fortzusetzen  —  Wir
brauchen  einen  Reichstag,  der  bereit  ist,  Heer  und  Flotte  dauernd  im  
Zustand  höchster  Leistungsfähigkeit  zu  erhalten  und  Lücken  in  unserer  Rüstung
zu  schließen.

Bei der   Lösung  aller  dieser  Aufgaben  pflegt  die  Sozialdemokratie
ihre  Mitarbeit  zu  versagen.  Darum  ist  die  endliche  Ueberwindung  dieser
Partei,  deren  Bestehen  eine  Gefahr  bedeutet  für  die  nationale  Geschlossenheit
  unseres  Volkes  wie  für  die  Erhaltung  des  politischen,  geistigen  und
sittlichen  Erbes  unserer  Väter,  eine  Lebensfrage  für  unser  Valerland.  Wer
das  alles  vor  Augen  hält,  wird  sich  klar  darüber  sein,  daß  kein  pflichtbewußter
  deutscher  Mann  am  12.  Januar  an der   Wahlurne  fehlen  darf.
Er kann  auch  nicht  im  Zweifel  darüber sein,  gegen  wen  er  Front  zu
nehmen  hat."
3. Januar. (Breßlau.)Der Dichter und Rechtshistoriker
Felix  Dahn  gestorben  im  78.  Lebensjahre.

6.  Januar.  (Kiel.)  Auf  dem  kleinen  Kreuzer  „Stettin“  wird
ein  eisernes  Spind,  das  zur  Aufbewahrung  geheimer  Dienstvorschriften
bestimmt  ist.,  erbrochen  gefunden.

7.  Januar.  Deutsche  Emissionen  im  Jahre  1911.

Die  „Frankfurter  Zeitung“  veröffentlicht  die  folgenden  Vergleichsziffern:

Europäischer  Geschichtskakender.  LIII.
        <pb n="12" />
        2  Das  Deutsche   Reich  und  seine  einzelnen  Glier.  (Januar  8.—12.)

 

Emissionen    
 Kurswert  1905  1906  1907  1908  1909   1910  1911

 

(Millionen  Mark)
Deutsche Staats-Anl.. 454,68  668,97  541,06  1079,82  1066,68                        621,26  235,34
Ausland....    676,39  163,  49.13  98,51  178,56  244,25  315.92
Stadt-u.Brov....  418,45  429,79  5496,.  606,13  532,82  386,20
Deutsche  Hnv.Oblig....  513,02  330,36  287,24  537,49  523,31    523,31  512,24
Ausland Brov ....5,62  6,77   1,98  45,14   2,—                6,72
Sonst.Obligationen 331.31  257.29  172,96  402,15  329,19  424,64  391,56,
Bank-Aktien.. .203,41  289,77.  97,31    75,63  145,38  137,63  296,25
Eisenbahn- Aktien..11,0  42.46      4,70   28,34            18,60 
492,,52  624,28  240,50  326,68  322,18  268,40  329,.93
3106,49  2813,30    1899,96  3156,71  3222,41  2612,70    2467,52
Davon  in  festverz.
Obligation  2399,47  1856.79  1547,75    2726,08  2736,01  2201,86    1816,71  
707,02  956,11  352,21  430,63  486,10  409,34  650S,71

8.  Januar.  (Berlin.)  Der  Polizeipräsident  v.  Jagow  verbietet
  die  von  einigen  Zeitungen  geplante  Bekanntgabe  der  Wahlresultate
  am  Abend  des  12.  Januar  durch  Projektionsapparate.

8.  Januar.  (Preußen.)  Der  Minister  des  Innern  hebt  die
Bestimmung,  daß  bei  einer  Leichenschau  zwecks  Feuerbestattung  die
Virginität  festgestellt  werden  solle,  auf,  nachdem  die  Deputation  für
das  Medizinalwesen  kein  erhebliches  praktisches  Bedürfnits  dafür
anerkannt  hatle.

9.  Januar.  Im  Wahlkampfe  richtet  die  Münchner  Kraus-Gesellschaft
  einen  Aufruf  an  die  deutschen  Katholiken,  der  sich  gegen
den  Mißbrauch  der  katholischen  Religion  für  die  rein  politischen
Bestrebungen  des  Zentrums  wendet.

10.  Januar.  (Berlin.)  Ausreise  der  vom  deutschen  Roten
Kreuz  zusammengestellten  Expedition  zur  Behandlung  und  Pfllege
der  im  italienisch-Türkischen  Kriege  venwundeten  und  erkrankten  Türken
und  Araber

steht  unter  der  Leitung  von  Prof.  Dr.  Goebel,  Chefarzt  und
Chirurg  des  Augustaspitals   vom  Roten  Kreuz  in  Breslau,  und  dient  sich
weiter  zusammen  aus  Prof.  Dr.  Schutze  (Berlin)  und  Stabarzt  Dr.Fritz

10.  Januar.  (Memel.)  Der  Bäckergeselle  Prusseit  wird  wegen
versuchten  Landesverrats  verhaftet.

12.  Januar.  Allgemeine  Wahlen  zum  Reichstage.

Bei  den  gleich  entschiedenen  Wahien  erleiden  die  Mittelparteien  einen
starken  Rückschlag,  der  durch  die  großere  Beteitigung  an  den  Stichwahlen
nicht  völlig  ausgegilichen  wird.  Dagegen  erringen  die  Sozialdemotraien  in
jeder  Beziehung  einen  bedeuienden  Erfolg.  —  Das  Resultat  ist  aus  der  sogenden
  amtlichen  Tabelle  erlennbar:
        <pb n="13" />
        Des  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)  3
Bisherige Parteinstärke     In

Parteien  Bere.  gültig  darunter  Stichstärke

  gewählt    Gewinn  Verlust  wahl

Konservative  59    27  2  9  45
Reichspartei  .  25  5  2  9  19
Deutsche  Reformpartei  ...  3  —  —  —  3

Wirtschaftl.  Vereinigung,  u.  

Deutsch-sozial  5  —  —  2  4
Christlich-  sozial  2  1  1  –  3
Bund  der  Landwirte  4  2  —  —  2
Sonstige  7  —  —  5  3
Zentrum  103  81  1  7  29
Polen.  20  15  –  —  10
Nationalliberale  .  51  4  2  15  67
Fortschrittliche  Volkspartei    49  —  —  12  55
Demokratische  Vereinigung  —  —  —  —  1
Sozialdemokraten  53  64  25  2  121
Elsässer  5  5  2  1  2
Lothringer  3  1  —  —  2
Welfen  1  —  —  1  5
Dänen  1  1.  —  —  —
Unbestimmt  (Wilde)  6  1  1  4  9
Summe  397  2070  —  —  380

In  einer  Anzahl  von  Wahlbezirken,  wo  die  Konservativen  Aussicht

auf  Erfolg  hatten,  stellte  das  Zentrum  keine  Kandidaten  auf.

Die  Stimmen  verteilten  sich  auf  die  Parteien  folgendermaßen:
1912

Konservative
Reichspartei  ..
Deutsche  Reformpartei  .

Wirtschaftliche  Vereinigung,  und  zwar

Deutsch-sozial
Christlich-sozial  .
Bund  der  Landwirte
Sonstige

Bayerischer  Bauernbund

Zentrum  ..

Polen.

Rationalliberal

Deutscher  Bauernbund

Fortschrittliche  Volkspartei

Demokratische  Vereinigung

Sozialdemokraten  .

Eliässer.

Lothringer

Welfen

Litauer

Dänen

Gilde

Unbestimmt

Zersplittert

1149916
365087
46882

47287
85  371
61  412
123  171
48775
2012990
438807
1671297
28535
1556549
28557
4238919
84113
36390
76922
6228
17295
12376
38252
13206

1907
1060209
471863

2179743

453858
1  637048
1  233935

3259020

 

12188337
1•
        <pb n="14" />
        4  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14.  15.)

Die  Anzahl  der  Wahlberechtigten  betrug  (zum  Teil  geschätzt)
14236722  (1907: 13350698).    
Gültige  Stimmen  wurden  abgegeben:  12  188  337  (1907:  11262775).
Demnach  Wahlbeteiligung  85,6  Prozent  (gegenüber  84,7  Prozent
bei  der  Wahl  1907).
Es  entfielen  also  auf  die  Schwarzblauen  Blockparteien  4664480
Stimmen,  auf  ihre  Gegner  7523857  Stimmen.
14.  Januar.  Stichwahlparole  der  Regierung.
Sie  richtet  sich  gegen  die  Sozialdemokratie.  Der  Schlußpassus  lautet:
„Nicht  Mißmut  über  diesen  oder  jenen  mit  Recht  oder  Unrecht  als  Uebel
empfundenen  Zustand  in  Reich  und  Staat,  nicht  Rücksicht  auf  Parteivorteile
  durch  Paktieren  mit  der  Sozialdemokratie  lenke  den  Schritt  zur  Stichwahl.
  Nicht  auf  vergangenen  Hader  der  Parteien  —  auf  die  Zukunft  der
Nation  richte  sich  der Blick!"
15.  Januar  (Preußen.)  Eröffnung  der  Landtagssession.
Aus der  Thronrede,  die  der  Ministerpräsident  verliest:  Auf  dem
Gebiete  der  direkten  Besteuerung  wird  Ihnen  in  Erfüllung  der  gesetzlich
festgelegten  Verpflichtung  der  Entwurf  zu  einer  Einkommens-  und  Ergänzungssteuernovelle
  vorgelegt  werden.  Neben  einer  Reihe  von  Bestimmungen,  die
eine  noch  regelmäßigere  Erfassung  des  steuerbaren  Einkommens  und  Vermögens
  gewährleisten  sollen,  ist  eine  Neugestaltung  der  Steuertarife  in  der
Weise  vorgesehen,  daß  die  gegenwärtig  zur  Erhebung  gelangenden  Steuerzuschläge
  in  die  Tarife  eingeglliedert,  Mehreinnahmen  für  die  Staatekasse
gegenüber  dem  jetzigen  Steueraufkommen  aber  nicht  herbeigeführt  werden.  —
Die  Dürre  des  letzten  Sommers  war  die  Ursache  ernster  Besorgnisse.  Zum
Glück  haben  sich  die  anfänglichen  Befürchtungen  in  vieler  Hinsicht  als  übertrieben
  erwiesen.  Immerhin  bedeuten  die  tatsächlichen  Ernteausfälle  für
die  davon  betroffenen  Landwirte  einen  schweren  Verlust,  und  ebenso  haben
sich  durch  die  demnächst  eingetretenen  Preissteigerungen  bellangenswerte
Mißstände  für  die  Verbraucher,  namentlich  in  den  größeren  Städten  und
Industriezentren  ergeben.  Wenn  auch  tiefgreifenden  Wirkungen  elementarer
Ereignisse  gegenüber  die  Moglichkeit  der  Staatshilfe  nur  begrenzt  ist,  so
in  doch  das,  was  sie  in  diesem  Falle  zur  Linderung  der  Schäden  zu  leisten
vermochte,  durch  die  Ihnen  bekannten  Maßnahmen,  insbesondere  durch
weitgehende  Ermäßigungen  der  Eisenbahngütertarife  geschehen.  —  Ihren
Beratungen  wird  der  Entwurf  eine  Wassergebietes  umterbreitet  werden,
der  das  gesamte  Wasserrecht  für  das  Staatsgebiet  einheitlich  und  nach  den
gegenwärtigen  Anforderungen  einer  geordneten  Wasserwirtschaft  regelt.  Er
soll  unter  möglichster  Berücksichtigung  des  in  den  einzelnen  Landesteilen
geltenden.  Den  besonderen  örtlichen  Verhältnissen  angepassten  Rechtes  einen
billigen  Ausgleich  der  mannigfachen  in  Betracht  kommenden  Interessen
schaffen.  Auch  wird  Ihnen  zur  Neuregelung  des  sich  vielfach  mit  dem
Wasserrechte  berührenden  Fischereirechts  im  Laufe  der  Session  ein  besonderer
Gesetzenwurf  zugehen.  —  Die  Erhaltung  und  Stärkung  des  Deutschtums
in  den  Landesteilen  mit  gemischtsprachiger  Bevölkerung  sind  dauernd  der
Gegenstand  besonderer  Fürsorge.  In  einer  neuen  Gesetzesvorlage  werden
Geldmittel  zur  Ausdehnung  der  in  den  Provinzen  Westpreußen  und  Posen
bewährten  Festigung  und  Entschuldung  des  ländlichen  Grundbesitzes  auf
einige  andere  Landesteile  von  Ihnen  erbeten  werden.  Weitere  Maßnahmen,
die  vornehmlich  die  innere  Kolonisation  in  erhöhtem  Maße  zu  fördern
beltimnt  sind,  befinden  sich  in  Vorbereitung.  —  Als  ein  lästiger  Schaden
hat  sich  namentlich  in  größeren  Städten  das  immer  mehr  und  mehr  um
sich  greifende  Ausbeuten  der  Armenpflege  durch  Arbeitsicheue  und  säunmige
        <pb n="15" />
        Das  Deutsche  Reich   und  seine   einzelnen  Glieder.  (Januar  15.  -  17.)  5

Nährpflichtige  fühlbar  .gemacht  Dem  soll  ein  bereits  fertiggestellter  Gesetzentwurf
  durch  Einführung  des  Zwanges  zur  Arbeit  entgegenwirken.  —
Der  schulentlassenen  Jugend  wendet  die  Staatsregierung  unausgesetzt  ihre
Aufmerksamkeit  zu.  Das  unter  die  Leitung  des  Kultusministers  gestellte
Wert  der  Jungendpflege,  von  der  freudigen  Zustimmung  und  der  Unterstützung
  weitester  Volksreife  getragen,  schreitet  kräftig  fort:  zu  seiner  weiteren
Forderung  ist  eine  Verstärkung  der  Staatsfonds  im  Etat  vorgesehen.
Außerdem  wird  Ihnen  erneut  eine  Gesetzesvorlage    zur  Beschlußfassung  vorgelegt
  werden,  die  nach  dem  Vorbilde  der  für  Seifen  Rassau,  Hannover  und
Schlesien  erlassenen  Gesetze  die  Einführung    der  Pflicht  zum  Besuche  ländlicher
  Fortbildungsschulen  in  einer  Reihe  anderer  Provinzen  ermöglichen  soll.

15.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Frhr.
v.  Erffa  (K.)  wird  an  Stelle  des  die  Wiederwahl  ablehnenden
Frhrn.  v.  Kröcher  zum  Präsdenten  gewählt.

15.  Januar.  (Preußisches  Herrenhaus.)  An  Stelle  des
die  Wiederwahl  ablehnenden  Frhrn.  v.  Manteuffel  wird  v.  Wedel-Piesdorf
  zum  Präsidenten  gewählt.

16.  Januar.  (Berlin.)  Der  frühere  Botschafter  in  Madrid
und  Konstantinopel  Joseph  von  Radowiß  +  im  73.  Lebensjahre.

16.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Regierung
  stellt  einen  Gesetzentwurf  über  die  Ausübung  der  Armenpfege

  bei  Arbeitsscheuen  und  säumigen  Nährpflichtigen  zu.

Er  bedeutet  eine  Rückkehr  zu  den  Grundsätzen  des  Gesetzes  vom
21.  Mai  1855,  das  durch  das  Ausführungsgesetz  zum  Unterstützungswohnliegesetz
  vom  8.  März  1879  aufgehoben  worden  war,  und  sieht  Arbeitszwang
  in  einer  öffentlichen  Arbeitsanstalt  vor.

17.  Januar.  Der  Unterstaatssekretär  in  der  Reichskanzlei
Wahnschaffe  hatte  mit  den  Führern  der  Konservativen  (Dr.  v.  Heydebrand),
  der  Zentrumspartei  (Herold)  und  der  Nationalliberalen
(Schiffer)  über  die  Stichwahlen  eine  Besprechung,  an  der  die  Fortschrittler
  sich  weigerten  teilzunehmen.

Diese  Weigerung  erklärt  sich,  wie  sich  später  herausstellt,  aus  einem
Abkommen  zwischen  der  Zentralinstanz  der  Fortschrittlichen  Volkspartei
und  dem  sozialdemokratischen  Parteivorstand  vom  selben  Tage.
jagen  die  Fortschrittler  den  Sozialdemokraten  in  31  Wahlkreisen,  dagegen
die  Sozialdemokraten  den  Fortschrittlern  nur  in  16  Wahlkreisen  Unterstütung
  zu.

17.  Januar.  (Jena.)  Professor  der  Philosophie  Otto  v.  Liebmann
  +.  71  Jahre  alt.

Januar.  Stichwahlparole  des  Zentrums.

Der  Parteiausschuß  erläßt  folgende  Erklärung:  „Der  von  der  Regierung

  unterstützte  Versuch,  für  die  Stichwahlen  eine  Einigung  der  bürgerlichen
  Parteien  herbeizuführen,  scheiterte  an  der  Haltung  der  liberalen
so  welche  sich  vorbehalten  wollten,  je  nach  Lage  der  Dinge  einerseits
mit  den  beiden  konservativen  Parleien  und  dem  Zentrum,  andererseits  mit
den  Sozioldemokraten  Wahlgeschäfte  zu  machen.  unter  diesen  Umständen
        <pb n="16" />
        6  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.)

kann  den  Wählern  der  Zentrumspartei  nur  empfohlen  werden,  Überall  da,

wo  nicht  von  Seiten  der  örtlichen  Parteileitung  bindende  Abmachungen
über  gleichwertige  Gegenleistungen  getroffen  sind,  liberalen  Kandidaten
gegenüber  strikteste  Wahlenthaltung  zu  üben."

18.  Januar.  Stichwahlparole  der  Sozialdemokraten.

Die  politische  Situation  macht  es  zur  gebieterischen  Notwendigkeit,
bei  den    Stichwahlen  alles  daran  zu  setzen,  um  den  schwarz-blauen  Block  zu
zertrümmern.  Wir  sind  überzeugt,  daß  die  Parteigenossen  mit  derselben
Wucht,  mit  der  sie  bei  der  Hauptwahl  den  Kampf  mit  so  glänzendem  
Erfolge  geführt  haben,  auch  in  der  Stichwahl  die  Reaktion  siegreich  niederzuzwingen
  wissen  werden.  Soll  das    augenblickliche  politische  Ziel  erreicht
werden,  so  müssen  die  Parteigenossen  ferner  überall  da,  wo  sie  zwischen
gegnerischen  Kandidaten  zu  wählen  haben,  denjenigen  unterstützen,  der  die
Zenenser  Bedingungen  angenommen  hat.  In  erster  Linie  haben  sie  in
diesem  Fall  für  den  Forrschrittler    einzutreten.  Unter  keinen  Umständen  darf
eine  sozialdemokratische  Stimme  für  die  Konservativen  oder  das  Zentrum
für  die  Reichspartei  oder  die  Wirtschaftliche  Vereinigung  abgegeben  werden.
Nieder  mit  dem  schwarz-blauen  Block!"

18.  Januar.  (Sachsen.)  Erste  Kammer.  Finanzminister
v.  Seydewiß  teilt  mit,  daß  die  Regierung  25  Mill.  Mark  aufwenden
wolle,  um  die  im  Staate  gelegenen  Kohlenfelder,  besonders  für  Steinkohle,
  zu  erwerben.

18.  Januar.  Die  Taktik  der  früheren  Kartellparteien  für
die  Stichwahlen
Konservative  Korrespondenz“  bringt  folgende  parteioffizielle
Mitteilung:  „Der  Zentralvorstand  der  deutschkonservativen  Partei
ist  in  den  letzten  Tagen  unter  Mitwirkung  der  Riegierung  bemüht  gewesen,
unter  den  bürgerlichen  Parteien  eine  Verständigung  über  gemeinsames
Handeln  bei  den  bevorstehenden  Stichwahlen  gegenüber  der  Sozialdemokratie
auf  allgemeiner  und  breiter  Grundlage  zustande  zu  bringen.  Leider  ist
dieses  Vorhaben  trotz  dem  gewaltigen  Ernste  der  gegenwärtigen  Lage  an
dem  mangelnden  Entgegenkommen  der  Fortschrittspartei  gescheitert.  Wir
müssen  daher  unsere  Wahlkreisvorsitzenden  und  alle  Parteifreunde  im  Lande
auffordern,  in  der  Stichwahl  dort,  wo  nicht  Sonderabkommen  zwischen
einzelnen  Kreisen  auf  ausreichend  gesicherter  Grundlage  vollwertiger  Gegenleistung
  zustande  kommen  sollten,  gegenüber  den  liberalen  Kandidaten,  die
sich  nicht  ausdrücklich  zu  einem  Eintreten  gegen  jede  Schwächung  der  verfassungsmäßigen
  Rechte  der  Kaisergewalt,  für  völlige  Sicherung  eines  ausreichenden
  Zollschutzes  für  Landwirtschaft  und  Industrie  und  für  Sicherung
der  bürgerlichen  Gesellschaft  und  des  einzelnen  gegen  den  Terrorismus  der
Sozialdemokratie  verpflichten,  Stimmenthaltung  zu  empfehlen  und  auszuüben

Der  Bund  der  Landwirte  empfiehlt  seinen  Freunden,  „sich  der
Stellungnahme  der  rechtsstehenden  Parteien  anzuschließen  und  im  Interesse
der  Zukunft  überall  da  Wahlenthaltung  eintreten  zu  lassen,  wo  gleichwertige
  Kompensationen  nicht  erreicht  werden“
Die Fortschrittliche  Volkspartei  gibt  die  Parole  aus:  „Keine
Stimme  für  ein  Mitglied  des  Zentrums  oder  der  Rechtsparteien.“
Für  die  Nationalliberalen  wird  die  Ausgabe  einer  Stichwahlparole
  den  einzelnen  Landesorganisationen  anheimgestellt.  Auch  zwischen
        <pb n="17" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen   Glieder.  (Januar  18.—20.)  7

Nationalliberalen  und  Freikonservativen  kommt  es  zu  Vereinbarungen  über
gegenseitige  Stichwahlhilfe    nur  in  bestimmten  Wahlkreisen

Der Vorstand  der  Reichspartei  sieht  sich  infolge  der  Fortschrittlichen
  Stichwahlparole  zu  seinem  „lebhaften  Bedauern  genötigt,  alle  Parteigenossen
  dringend  zu  bitten,  in  keinem  der  Wahlkreise,  in  denen  die  Fortschrinliche
  Volkspartei  zur  engeren  Wahl  steht,  den  Kandidaten  derselben
zu  unterstützen“.

18.  Januar.  Begebung  neuer  Anleihen  des  Reichs  und  Preußens.

Preußen  gibt  420  Millionen  Mark  vierprozentige  Lonsols,  das  Reich
80  Millionen  Mark  vierprozentige  Schuldverschreibungen.

18.  Januar  (Leipzig.)  Spionageprozeß.

Der  russische  Offizier  Frhr.  v.  Winogradoff  wird  wegen  versuchten
Verrats  militärischer    Geheimnisse  betr.  die  Festungshäfen  von  Cuxhaven  zu
drei  Jahren  Festungshaft  verurteilt,  der  Ingenieur  v.  Cerno,  der  dem
russischen  Nachrichtenburean  Berichte  über  die  Marine  geschickt  hat,  wegen
Uebernahme  eines  Spionageauftrags  zu  drei  Jahren  Gefängnis  verurteilt.

13.  Januar.  (Essen.)  Beleidigungsprozeß  der  „Rheinischwestfälischen
  Zeitung“  gegen  die  „Grenzboten“.

Herausgeber  der  „Grenzboten“  George  Cleinow  wird  zu
300  Mark  Geldstrafe  verurteilt,  weil  er  der  Mannemann  Presse  den  verkappten
  Vorwurf  gemacht  hatte,  durch  verborgene  Fäden  mit  den  Gebrüdern
Mannesmann  verknüpft  zu  sein.

20.  Januar.  (Sachsen.)  Dem  Landtag  geht  der  Entwurf

eines  neuen  Volksschulgesetzes  zu.

Die    Hauptneuerungen  sind:  Zwang  zur  Errichtung  von  Fortbildungsschulen
  in  Mädchen,  Zwang  zur  Errichtung    von  Hilfsschulen  für
geistig  Schwächere  oder  wenigstens  Hilfschullklassen  von,  Herabsetzung  der  Schũlerzahl
  einer  Kasse  von  60  auf  50.  Schließlich  Durchführung  der  Fachmännischen
Schulaussicht,  so  daß  also  die  Aufsicht  durch  Geistliche  abgeschaft  wird.

26.  Januar.  (Leipzig.)  Wegen  versuchter  Spionage  wird
der  Kaufmann  Holst,  der  Zeichnungen  von  Festungsanlagen  an
Rußland,  England  und  Frankreich  zu  verkaufen  suchte,  zu  vier
Jahren  Zuchthaus  verurteilt.

29.  Januar.  Der  Vertrag  Über  die  Auslieferung  flüchtiger
Verbrecher  zwischen  Deutschland  und  einer  Anzahl  britischer  Protektorate,
  besonders  in  Afrika,  wird  ratifiziert,  so  daß  er  am
20.  März  1912  in  Kraft  treten  kann.
20.  Januar  Deutschlands  Außenhandel  1911.
Das kaiserliche  Statistische  Amt  veröffentlicht  folgende  Zahlen  ũber
die  Ausfur  und  Einfuhr  Deutschlands  in  dem  verflossenen  Jahre:  Die
Einfuhr  erreichte  eine  Höhe  von  683633256    dz  nebst  142655  Stück
Pferden  und  815  Wasserfahrzeugen.  Dem  Gewicht  nach  überragt  dieses  Ergebnis
  dasjenige  des  Vorjahres  um  38672669  dz,  was  handelüchlich  an
die  gesteigerte  Zufuhr  von  Erzeugnissen  des  Acker-,  Garten  und  Wiesenbaues
  und  von      Erzen,  Schlacken,  Aschen  zurückzuführen  ist  Ausgeführt!
wurden  591  105349  dz.  7340  Bierde  und  828  Wasserfahrzeuge  gegen
541725729  dz,  7116  Pferde  und  752    im  Voriahre.  Hier
        <pb n="18" />
        8

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  20.)

nach  beträgt  die  Zunahme  in  diesem  Jahre  49,38  Mill.  d-z,  woran  hervorragend

  beteiligt  sind:
Stoffe  ,

und  (+40,83 Mill .dz)  Erzeugnisse,  Farben  und  Farbwaren

sind:  Erzeugnisse  landwirtschaftlicher  Nebengewerbe  (+  1,53
Mill.dz)  Eisenlegierungen  (+5,09 Mill. dz )  
).  Erden  und  Steine  (+  0,  90  Mill.

dz),  fosiile  Brenn-
  (+  2,90  Mill.dz),

Maschinen,  elektrotechnische  Erzeugnisse,    Fahrzeuge  (+  1,04  Mill.  dz)  und
0,76  Mill.dz)

Die  Werte    des  Außenhandels  ohne  Edelmetalle  im  Jahre  1911
zeigt  bie  hachfolgende  Tabelle:

Tonwaren  ( +

 

Warengruppen

Einfuhr

Januar  Dezember
1911  1910  1909.
in  Millionen  Mark

Ausfuhr
Januar  /  Dezember
  1910  1909
in  Millionen  Mark

 

 

Erzeugnisse  d.  Landwirtschalt
  u.  andere  Naturerzeugnisse,
  Nahrungs

und  Genußmittel..

Mineralien  und  foslile

Rohsfoffe,  Mineralöle

Chemische  und  pharmaz.
Erzeugnisse,  

und  Farbwaren...  .
Tierische  und pflanzliche 
Spinnstoffe  und  Waren
Leber  und  Lederwaren
Kürschnerwaren

U.neble   Metalle  u.  Waren daraus

Maschinen    elektrotechn.
Erzeugnisse.  Fahrzeuge

Gesamter  reiner  Warenverkehr..........



20  Januar.  Die

6457,  57,  83  5  5950,98  5725,09
l

847,65  811,66  785,70 
-  l
"  l


338,77  334,03  305,14

  811,17  786,43

153,  43  151,23  143,89

5080  470,30  409,28

114,69  96,65  101,39
«

9544,78   8929,95  8860,45 

I421,121:178,em121ti,01

642,63  563,12  527,28 
l

752,A6  696,59l  612.22

i
1405,21   1335,71  1194,75

426,30  440,65   390,95 
1434,35  1229,63   1037,99
920,90·  814,30   682,77
8101,81  7474,63  6858,88

 

 

städtliche Bevölkerung Preusens.

Nach der Volkszählung vom 1.Dezember 1910 gab es in Preußen

1276 Städte mit 18963 785 Einwohner.
bevölkerung  der  Monarchie  auf  die  Städte,

und  Gutsbezirke.

Berlin
Köln
Breslau

Fraukfurt    a.  M.

Düsseldorf  .
Charlottenburg
Hannover                                                                                                       Essen

Städte,  53

Einwohnern.  Es.  entfallen  47%  der

Gesamt-  ·
die  Landgemeinden

Die  33  Städte  mit  über  100000  Einwohnern  zeigen
im  20.  Jahrhundert  folgende  Ermittlung:

 

364830  305163  239632  272335  245270 

358728  305978  302375  294653  

 

1910  1905  1900
257  2040148  1888848
516527  459019  372529
  470904  422  709
414576  364830  288  989
358  305  163  213711
189  305

305

 

235    649

118862
        <pb n="19" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jannar  20.—24.)  9

1910  1905  1900
Magdeburg  279629  263131  229667
Königsberg  245994  223770  189483
Nirdorf  237289  153572  90422
Stettin  236113  224119  210702
Duisburg  229483  192346  92730
Dortmund  214226  175577  142733
Kiel  211627  182438  121824
Halle  180843  169914  156609
Schöneberg  172823  141010  95998  
Altona  172628  168320  161501
Danzig  170337  160090  140563
Elberfeld  170195  162853    156966  
Gelsenkirchen  169513  147005  36935
Bremen  169214  156080  141944
Posen  156691  137211  117033
Aachen  156143  151971  135245
Kassel  153196  138670  106034
Bochum  136931  118464    65551
Krefeld  129406  123597  106893
Mühlheim  a,R.  112580  109912  38280
Erfurt  111463  98849  85202
Deutsch -Wilmersdorf    109716  63568  30671
Wiesbaden  100953  86  111

Saarbrücken  105089  89638  23237
Hamborn  101703  67453  32597

20.  Januar.  (Berlin.)  Der  Delegiertentag  der  „Demokratischen
  Vereinigung“  für  die  Provinz  Brandenburg  erwägt  die
Frage,  ob  bei  der  Verschärfung  des  Wahlkampfes  die  Partei  nicht
praktisch  Schlepperdienste  für  die  Sozialdemokratie  geleistet  habe
und  sich  daher  lieber  auflösen  solle.  Nach

Ablehnung  des  Vorschlages  erklärt  der  Vorsitzende,  Dr.  Breitscheid,
  daß  er  sich  der  sozialdemokratischen  Partei  anschließen  werde.

22.  Januar.  Durch  kaiserliche  Kabinettsordre  wird  der  Reichstag
  auf  Mitlwoch,  den  7.  Februar,  einberufen.

24.  Januar.  Die  zweihundertjährige  Wiederkehr  des  Geburtstages
  Friedrichs  des  Großen  wird  in  ganz  Preußen  glänzend  gefeiert.

Bei  der Feier  der  Akademie  der  Wissenschaften  hielt  der  Kaiser
eine  Ansprache  in  der  er  die  ihm  überwiesene  Sammlung  des  amtlichen
und  persönlichen  Schriftwechsel  zwischen  dem  großen  Könige  und
späteren  Generalfeldmarschall  v.  Möllendorff  der  Akademie  überwies  und
ihr  weitere  Mittel  zur  Erfüllung  bedeutsamer  Ausgaben,  insbesondere  auf
dem  Gebiet  der  deutschen  Sprachforschung,  in  Aussicht  stellte.

24.  Januar.  (Braunschweig.)  Eröffnung  der  Landesversammlung
    durch  den  Herzog-Regenten.

In  der  Thronrede  heißt  es:  Der  Landtag  trete  zu  einer  Zeit  zusammen,
  wo  die  treu  zu  Kaiser  und  Reich  stehende  Bevölkerung  Deutschlands
  mit  ernstem  Blick  in  die  Zukunft  sehe,  zu  einer  Zeit,
manche  Umstände  davon  zurückhalten  könnten,  an  bewährten  Einrichiungen
        <pb n="20" />
        10  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  25.)

Des  Staates  Aenderungen  vorzunehmen.  Dennoch  habe  dies  zu  geschehen,
und  unter  Zugrundelegung  der  direkten  und  geheimen  Wahl  nach  dem  Dreiklassenwahlsystem
  würden  dem  Landtag  sogleich  die  Entwürfe  eines  Gesetzes
über  die  Zusammensetzung  der  Landesversammlung  und  eines  Gesetzes
über  die  Wahlen  zur  Landesversammlung  zugehen.  Neben  dem  die  Landtagswahlen
  betreffenden  Gesetz  werden  dem  Landtage  die  Voranschläge  der
Einnahmen  und  Ausgaben  angekündigt.  Die  Finanzlage  des  Herzogtums
wird  bei  Beibehaltung  der  nur  für  die  laufende  Finanzperiode  bewilligten
Steuerzuschläge  als  nicht  ungünstig  bezeichnet.  Infolge  der  geplanten
Durchführung  der  Wahlreform  würden  dem  Landtage  neben  den  Etats  nur
noch  einzelne  Gesetzentwürfe  unterbreitet  werden,  die,  wie  z.  B.  das  Ausführungsgesetz
  zu  dem  mutmaßlich  am  1.  April  in  Kraft  tretenden  Reichsviehseuchengesetz,
  eine  baldige  Verabschiedung  erheischen.

25.  Januar.  Nach  Beendigung  der  Stichwahlen  ergibt  sich
folgendes  Resultat  für  den  Besitzstand  der  Parteien:

















Darunter
Parteien  bisherige Parteikarte   Im ganzen gewählt  Gewinn  Verlust
      
Konservative  ...  59  43  6  22
Reichspartei          25  14  5  16
Deutsche  Reformpartei            3  3  —  —
Wirtschaftliche  Vereinigung,  und  zwar:  
Deutsch-sozial      5  2  1  4
Christlich-sozial          2  3  1  —
Bund  der  Landwirte  4  3  —  1
Sonstige               7  2  1  6
Bayerischer  Bauernbund  —  2  2  —
Zentrum          103  93  5  15
Posen:              20  18  —  2
Nationalliberale      51  45  24  30
Deutscher  Bauernbund    —  2  2  —
Fortschrittliche  Vollkspartei            49  41  14  22
Sozialdemokraten:  53  110  69  12
Elsässer  5  5  2  2
Lothringer  3  2  —  1
Welfen  1  5.5  1
Dänen  1  1.  —  —
Unbestimmt  (Wilde)  6  3  2  5
397  397  139  139

 

In  zwei  Wahlkreisen  gewählt  ist  nur  der  Pole  Graf  v.  Mielzynski.
Die  „Vossische  Zeitung"  veranschaulicht  den  politischen  Umschlag  durch
folgende  Gegenüberstellung:  Bisher  gab  es  im  Reichstag  drei  Mehrheiten:
1.  den  Bülow--Block,  zusammengesetzt  aus  Konservativen  und  Liberalen,
2.  den  schwarz-blauen  Block,  gebildet  aus  Konservativen  und  Zentrum,
3.  eine  belanglose  Mehrheit  aus  Zentrum,  Liberalen  und  Sozialdemokraten.
Im  neuen  Reichstag  ist  der  Bülow-Block  wie  der  schwarz-blaue  Block
nicht  mehr  vorhanden.
Im  neuen  Reichstag  sind  folgende  Mehrheitsbildungen  möglich:
1.  eine  liberal-sozialdemokratische  Mehrheit,  bestehend  aus  90  Liberalen
und  110  Sozialdemokraten,
        <pb n="21" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Mitglieder  (Januar  26.—29.)  11

2.  eine  konservativ - lberilalen   nationalliberale   Mehrheit,  bestehend  aus  etwa
70  Konservativen,  93  Klerikalen  und  44  Nationalliberal
3.  eine  Mehrheit  aus  93  Klerikalen  und  110  Sozialdemokraten.

26.  Januar.  (Schwetz  a .D.)  Nach  Bekanntwerden  des  Wahlresultats
  veranstalten  die  Polen  einen  Tumult,  der  sich  namentlich
gegen  die  zur  Wahlhilfe  eingetroffenen  Danziger  Studenten  richtet,
von  denen  zwei  verwundet  werden.

27.  Januar.  An  seinem  Geburtstag  stiftet  der  Kaiser  ein
neues  „Verdienstkreuz“,  das  in  zwei  Klassen  (in  Gold  oder  in  Silber)
verliehen  wird.

Für  den  besten  deutschen  Flugzeugmotor  stiftet  er  einen  Preis
von  50 000  Mark,  der  am  27.  Januar  1913  zur  Auszahlung  kommen  wird.

Ins  Herrenha  us  werden  berufen:  Der  Staatssekretär  des  Reichspostamts
  Exzellenz  Kraelke,  Oberbürgermeister  Marx  (Düsseldorf),  Professor
Brunner  von  der  juristischen  Fakultät  der  Berliner  Universität,  General
v.  Beieler,  Geh.  Kommerzienrat  Zuckschwerdt  in  Magdeburg,  Rittergutsbesitzer
Freiherr  v.  Knigge,    Verlagsbuchhändler  Klasing  (Bielefeld)  und  Generaldirektor
  der  Waffen-  und  Munitionsfabriken  Dr.  v.  Gontard  (Berlin).

27.  Januar.  Der  Kaiser  genehmigt  die  Umwandlung  des
Namens  Rixdorf  in  Neukölln  auf  Grund  des  Beschlusses  der  städtischen
  Behörden.

23.  Januar.  (Berlin.)  Gründung  des  „Deutschen  Wehrvereins“
  unter  Vorsitz  des  Generalmajors  Keim  und  der  Abgg.
Paasche  und  v.  Dewitz.

23.  Januar.  (Berlin.)  Der  vierte  Sohn  des  Kronprinzenpaares
  erhält  bei  der  Taufe  den  Namen  Friedrich.

29.  Januar.  Dankerlaß  des  Kaisers.

„Bei  Meinem  Eintritt  in  ein  neues  Lebensjahr  und  zu  dem  vorauf
gegangenen  200 jährigen  Gedenktage  der  Geburt  König  Friedrichs  des
Großen  sind  Mir  aus  den  Deutschen  Landen  und  vom  Ausland  der  zahlreiche
  Glückwünsche  und    zugegangen  Diese  mannigfachen
Kundgebungen  treuer  Anhängkeit    haben  Mich  mit  ansrichtiger  Freude
und  Dankbarkeit  erfüllt.  Nationale  Gedenktage  sind  in  unserer  schnellebigen,
von  wirtschaftlichen  und  politischen  Interessen  und  Gegensäßen  beherrichten
Zeit  besonders  wohltuend,  denn  sie  nötigen  dazu,  in  dem  Hasten  des
vertäglichen  Lebens  einen  Augenblick  innezuhalten  und  einen  Blick  auf

die  Vergangenheit  zu  werfen.  Welche  ungeahnte  Entwicklung  ist  unserem
Vaterlande  beschieden  gewesen  und  wieviel  Dank  schulden  wir  den  großen
Männern,  die  sich  in  ernster  Zeit  als  wahre  Führer  des  Volkes  erwiesen und es zur 

Erfüllung  der  ihm  von  der  Vorsehung  gestellten  großen  Auf.
gaben  tüchtig  gemacht  haben!  Was  Mein  großer  Ahn  dem  preußischen
Staate  durch  sein  Lebenswerk  geleistet  und  welchen  Einfluß  sein  unerreichtes
Vorbild  in  Selbstzucht,  Arbeitsamkeit  Pflichttreue  und  Hingabe  an  das
Vaterland  auf  die  Charakterentwicktung  und  Erziehung  unteres  Volkes  ausgeubt
  hat,  das  ist  uns  in  diesen  Tagen  mit  leuchtenden  Farben  in  Wort,

Schrift  und  Bild  wieder  lebhaft  vor  Augen  getreten.  Die  herzliche  Teil

nahme  und  dankbare  Gesinnung,  welche  das  Gedächtnis  des  großen  Toten

—
        <pb n="22" />
        12  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  30.)

bei  jung  und  alt  im  Lande  ausgelöst  hat,  bürgt  trotz  mancher  unliebsamen
  Erscheinungen  der  Gegenwart  dafür,  daß  Friedrichs  Geist  immerdar
im  preußischen  Volke  fortleben  wird  und  daß,  wenn  es  jemals  nötig
werden  sollte,  das  von  ihm  überkommene  Erbe  an  ideellen  und  materiellen
Gütern  vor  Gefahr  zu  schützen,  die  deutichen  Stämme  sich  einmütig  um
ihre  Fürsten  scharen  und  über  allen  Parteihader  hinweg  sich  nur  von  dem einen fridericianischen    Gesanten leiten lassem werden: Alles
es  für  das  Vaterland!“
80  Januar.  (Baden.)  zweite  Kammer  Allgemeine  Finanzdebatte.
  Staatsminister  Frhr.  v.  Dusch  über  die  innerpolitische  Lage.
Im  Rückblick  auf  die  Reichsfinanzreform  erklärt  der  Minister,  daß
die  badische  Regierung  immer  für  die  Erbschaftssteuer  eingetreten  sei  und
auch  in  Zukunft  eintreten  werde.  Was  ein  patriolisches  Zusammenarbeilen
der  Sozioldemokratie  mit  den  andern  Parteien  im  Reichstage  anbelange,
so  seien  seine  Hoffnungen  auf  das  geringste  Maß  beschränkt.  Sich  über
die  Sammlungspolitik  lustig  zu  machen,  sei  die  heutige  Zeit  nicht  angetan.  
Diese  Sammnungspolitik  werde  aber  kommen,  da  die  Sozialdemokratie  wie
bisher  so  auch  künftig  in  vaterländischen  Fragen  versagen  werde.  Im
letzten  Sommer,  als  es  sich  um  die  Existenzfrage  des  Deutschen  Reichs
handelte,  habe  sich  die  Sozialdemokratie  geradezu  empörend  benommen,
und  wenn  sie  in  dieser  Beziehung  nicht  einlenke,  so  würden  die  Wogen,
die  jetzt  zurückgedrängt  seien,  wiederkommen.  Eine  solche  Haltung  könne,
das  deuische  Volk  nicht  auf  die  Dauer  ertragen.  Die  bürgerlichen  Parteien
würden  dann  zusammenstehen  müssen  gegen  die  Sozialdemokratie,  um  die
Interessen  des  Vaterlandes  zu  wahren.  Die  auswärtige  Politik  des  Reichskanzlers,
  erklärte  der  Minister,  habe  die  schwebenden  Fragen  in  glänzender
Weise  gelöst.  Gestützt  auf  unser  scharfes  Schwert,  sei  es  gelungen,  den
Frieden  zu  erhalten,  was  auch  im  Willen  der  Sozialdemokratie  gelegen
habe.  Aber  für  eine  Kolonialpolitik,  die  doch  auch  im  Interesse  der  Arbeiterschaft
  liege,  sei  diese  Partei  nicht  zu  haben.  Wenn  die  Sozialdemokratie
den  Ministern  empfehle,  ihren  Monarchen  vorzuschlagen,  einen  Modus
vivendi  mit  der  Sozialdemokratie  zu  treffen,  so  bedente  das  geradezu  eine
Herausforderung  und  Beleidigung  der  Regierung.  Die  Reichsversicherungsordnung,
  die  ja  mit  Hilfe  aller  bürgerlichen.  Parteien  zustande  gekommen
sei,  sei  in  der  sozialdemokratischen  Presse  als  ein  Schandwerk  bezeichnet
worden.  Unter  solchen  Umständen  könne  der  Friede  zwischen  der  Sozialdemokratie
  und  der  Regierung  nicht  hergestellt  werden
80.  Januar.  (Lübeck.)  Der  Entwurf  des  Staatsbudgets  für
1912  schließt  bei  rund  17  Millionen  Einnahmen  mit  einem  Fehlbetrag
  von  über  725000  Mark  ab.  Es  wird  eine  teilweise  Deckung
durch  10  Prozent  Zuschlag  zur  Einkommensteuer  vorgeschlagen.
30.  Januar.  (Berlin.)  Gründung  des  „Verbandes  für  internationale
  „Verständigung!?
Eine  Anzahl  bekannter  Persönlichkeiten  des  politischen  und  wirtschaftlichen
  Lan  und  aller  bürgerlichen  Parieien  unterzeichnen  einen  Aufruf
  zur  Forderung  Freundschaftlicher  inlernationaler  Bezichungen:  „Die
Ereigniiĩe  der  lebten  Monate  haben  mit  erschreckender  Deutlichkeit  gezeigt,
wie  unbefriedigend  der  gegenwärtige  Zustand  des  internationalen  Lebens
ist.  Es  ist  dringend  notwendig,  daß  alle  Besonnenen  sich  zusammentun
um  einer  Wiederholung  solcher  Vorfälle,  wie  sie  anläßlich  der  Marokko
verhandlungen  vorgekommen  sind,  nach  Möglichkeit  vorzubeugen.  Gewitz
        <pb n="23" />
        Das  Deusche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  30.  31.)  13

Kann  es  nötig  werden,  daß  unser  Vaterland  zur,  Verteidigung  seiner  Unabhängigkeit
  und  seiner  Ehre  zum  Schwerte  greift;  ob  aber  ein  solcher
Fall  vorliege,  sollte  von  den  Einsichtigen  stets  unter  Zurückweisung    
leichtsinniger  Kriegshetzereien  und  nur  mit  der  dem  Ernst  solcher  Entschließung
angemessenen  Ueberlegung  erwogen  werden.  Es  ist  hohe  Zeit,  daß  alle vernünftig Denkenden zusammentreten und einer internationalen Politik, die nicht durch solche Zwischenfälle getrübt werden kann, mit den Boden ebnen helfen. Der Verband sieht durchaus auf realpolitischem Boden, er  

verfolgt  nur  erreichbare  Ziele.  Er  ist  politisch  neutral,  jedermann,  gleichviel
  welcher  politischen  Richtung  er  angehört,  kann  sich  ihm  anschließen.
Der  Verband  verfolgt  sein  Ziel  in  der  Erkenntnis,  daß  seine  Bemühungen
nur  dann  Früchte  tragen  können,  wenn  das  Streben    nach  internationaler
Verständigung  zwischen  den  Völkern  ein  gegenseitiges    ist;  er  tritt  daher
auch  keineswegs  für  eine  Verständigung  um  jeden  Preis  ein,  da  zeitweise
einzelnen  Regierungen  gegenüber  Zurückhaltung  geboten  sein  kann."
30.  Januar.  (Berlin.)  Der  Publizist  Friedrich  Stephan.
seit  1870  Redakteur  der  „Vossischen  Zeitung“,  gestorben  81  Jahre  alt.
30.  Januar.  Der  „Hamburgische  Korrespondent“  veröffentlicht
  folgende  Danksagung  des  Fürsten  Bülow:

„Anläßlich  der  Wahl  sind  mir  aus  nationalgesinnten  Kreisen  zahlreiche
  Zuschriften  und  Telegramme  zugegangen,  in  denen  sich  nicht  nur
persönliche  Anhänglichkeit    ausspricht,  sondern  auch  die  Überzeugung,   daß
ich  in  meiner  politischen  Tätigkeit  das  angestrebt  habe,  was  für  eine
gesunde  Fortentwicklng  des  deutschen  Volks  und  somit  für  die  Macht  und
Ehre  des  Reichs,  für  die  wahren  und  dauernden  Interessen  von  Kaiser
und  Reich  förderlich  war.  Solche  Zeugnisse  erfüllen  mich  mit  Genugtuung
und  mit  dem  Gefühl  des  Dankes  für  alle  diejenigen,  die  mir  auf  dem
Boden  gemeinsamer  Liebe  zum  Vaterlande  ein  freundliches  Andenken  bewahren.
  Diese  Kundgebungen  einzeln  zu  beantworten,  ist  mir  nicht  möglich.
  So  bitte  ich  denn,  meinen  Dank  auf  diesem  Wege  entgegenzunehmen.“

30.  Januar.  (Nürnberg)  Bei  der  Explosion  eines  großen
für  einen  Dampfer  bestimmten  Diesel-Motors  in  den  Bauwerkstätten
der  Maschinenfabrik  Augsburg-Nürnberg  kommen  acht  Personen
ums  Leben.

31.  Januar  - 3.  Februar.  (Leipzig.)  Spionageprozeß.

Der  englische  Rechtsanwalt  Bertrand  Steward,  der  am  2.  Angust
1911  in  Bremen  verhaftet  worden  war,  wird  wegen  versuchten  Verrats
militärischer  Geheimnisse  zu  3  Jahren  6  Monaten  Festung.  verurteilt.

31.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Zweiter
Tag  der  Etatsberatung.  Erklärungen  des  Ministers  v.  Dallwitz
über  den  Stand  der  Wahlreform  und  über  die  Feuerbestattung,
des  Ministers  Dr.Lentze  über  die  Finanzlage,  des  Ministers  v.  Breitenbach
  über  die  Elektrifiizierung  der  Berliner  Stadtbahn  und  des  Ministers
  Dr.  Sydow  über  die  Verständigung  zwischen  dem  Bergfiskus
und  dem  rheinisch-  westfälischen  Kohlensynikat.

Minister  des  Innern  v.  Dalwitz  In  der  Erörterung  ist  der
Regierung  zum  Vorwurf  gemacht  worden,  daß  sie  den  Landtag  nicht  schon
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        14  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder  (Januar  31.)

vor  Weihnachten  einberufen  habe;  so  hätten  die  Vorarbeilen  des  Hauses
nicht  so  gefordern  werden  können,  wie  es  wohl  wünschenswert  gewesen  wäre.
Aber  der  einzige  Gegenentwurf,  der  vor  Weihnachten  hätte  eingebracht  werden
können,  wäre  das  Wassergesetz  gewesen.  Andererseits  ist  nicht  zu    übersehen,
daß  durch  die  Reichstagswahlen  das  Interesse  der  Mitglieder  des  Hauses
derartig  in  Anspruch  genommen  war,  daß  an  die  dauernde  Anwesendheit
der  Herren  und  an  die  regelmäßige .  Beschlußfähigkeit  des  Hauses  doch nicht 

zu  denken  gewesen  wäre.  Aus  diesem  Grunde  hat  es  die  Regierung  für
geboten  erachtet,  den  Landtag  nicht  vor  Abhaltung   der  Reichstagswahlen
einzuberufen.  Es  ist  ein  Gerücht  erwähnt,  daß  ein  Wechsel  in  der  Polenpolitik
  eingetreten  sei.  Ich  kann  dieses  Gerücht  nur  als  durchaus  unzutreffend
  bezeichnen.  Die  Staateregierung  ist  nach  wie  vor  entschlossen,
der  polnischen  Bevölkerung  die  nötige  Obiektivität  engegenzubringen.  andererseits
  aber  dem  Deutschtum  die  zu  seiner  Erhaltung  und  Förderung  nötige
Unterstützung  angedeihen  zu  lassen,  in  der  Erkenninis,  daß  wir  zu  dauernd

geordneten  Zuständen  in  der  Ostmark  erst  gelangen,  wenn  durch  Zurückweisung
  aller  Sonderbestrebungen  und  durch  Durchsetzung  des  seiten  deutschnationalen
  Willens  eine  Besserung  eingetreten  ist.  Auch  die  Anschauung,

unser  Beamtentum  habe  eine  Aenderung  in  seiner  Stellung  zu  den  Welfen
einteten  lassen,  muß  ich  zurückweisen.  Dann  ist  Reichs  werde  darũber  erhoben,
  daß  die  Regierung  über  die  preußische  Wahlreform  in  keiner
Weise  sich  geäußern  habe.  Nun  ist  vor  zwei  Jahren  der  Wahlreformentwurf
gescheitert,  und  im  Vorjahre  habe  ich  bei  der  Elatsberatung  die  Grün
dargelegt,  welche  die  Wiedereindringung  einer  Vorlage  als  untunlich  erscheinen
  ließen,  weil  bei  den  bestehenden  weitgehenden  Meinungsverschiedenheiten
  über  Art  und  Umfang  der  Wahlreform  keine  Möglichteit  gegeben  war,
die  vorhandenen  Gegensätze  zu  Uberbrücken.  Ich  kann  nicht  anerkennen,
daß  die  Verhältnisse  seit  dem  Vorjahr  in  dieser  Beziehung  sich  geändert
haben.  Vielmehr  haben  die  Verhandlungen  bei  Besprechung  des  freisinnigen
Wahlrechtsantrages  am  Schlusse  der  vorigen  Session  deutlich  bewiesen,  daß
eine  Annäherung  der  widerstreitenden  Meinungen  nicht  stattgefunden  hat,
und  daß  sogar  die  bestehenden  Gegensätze  sich  eher  noch  verschärft  haben,
was  ja  auch  die  Reichstagswahlen   bestätigt  haben.  Unter  diesen  Umständen
werden  wir  in  diesem  Jahre  von  der  Wiedereinbringung  einer  Vorlage
absehen.  Was  die  Ausführungsbestimmungen        zum  Feuerbestattungsgesetz
  angeht,  so  bestand  vordem  Einmütigkeit  bei  allen  Parteien,  die  überhaupt
  die  Feuerbestaltung  haben  wollten,  daß  diese  nicht  dazu  dienen  solle,
die  besichende  Sitte  der  Erdbestattung  zu  bekämpfen  oder  zurückzudrängen.
Ich  kann  aber  nicht  zugeben,  daß  die  Ausführungebestimmungen  geeignen
seien,  die  Feuerbestallung  unnütz  zu  erschweren.  Es  ist  dann  weiter  der
Wahlerlaß  erwähnt  worden,  durch  den  die  Regierungspräsidenen  aufgefordert
  worden  sind,  sich  über  eiwaige  Angrifie  gegen  die  Politik  der
Regierung  zu  äußern.  Der  Erlaß  ist  zuerst  in  der  Frankfurter  Zeitung
erwähnt  worden,  und  die  Regierung  hätte  der  Verdeutlichung  nicht  weiter
Beachtung  geschenkt,  wenn  nicht  andere   Blätter  unzutreffende  Bemerkungen
daran  geknüpft  hätten;  wurde  doch  der  Erlaß  geradezu  als  Mobilmachung
der  Landräte  zugunsten  der  Konservativen  und  des  Zentrums  bingestellt.
Ein  derartiges  Ersuchen  an  die  Regierungspräsidenten,  sich  über  schwer.
wiegende  Angriffe  gegen  die  Regierung  zu  außern,  ist  wahrlich  keine
einheilige  Teilnahme  zugusten  einzelner  Parteien,  oder  gar  eine  Anregung
zur  Korruption.  Andererseits  hat  die  Regierung  die  Pflicht,  sich  über  Angriffe
  zu  orientieren.  die  gegen  die  erhoben  worden  sind  um  sie  geeigneten·
falls  richtig  zu  stellen.  Wenn  nun  tagtäglich  in  den  liberalen  Blättern  zu
lesen  war,  daß  die  Beamten  durch  den  Erlaß  zu  Agenten  des  schwarz  blauen
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jannar  31.)  15

Blocks  werben  sollen,  so  ergibt  sich  von  selbst,  wie  unzutreffend  diese  Auffassung
  ist.  Gerade  daraus,  daß  in  dem  Erlaß  die  Berichterstattung  an
das  Zentralorgan  gefordert  wird,  geht  hervor,  daß  die  Zentralstelle  die  Enischeidung
  darüber,  ob  eine  Entgegnung  auf  die  Angriffe  erfolgen  soll  sich  
vorbehalten  und  den  Lokal-  und  Provinzstellen  entzogen  hat.  Daß solche 
Entgegnungen  gegenüber  den  Verdrehungen  und  Entellungen  der
Sozialdemokratie  bei  ihrem  Kampf  gegen  Staat  und  die  bestehende  Staatsordnung
vielfach  unbedingt  notwendig  sind  und  daß  es  notwendig  ist,  diese  
Entgegnungen  namentlich  denjenigen  Kreisen  zugänglich  zu  machen,  die  noch
jetzt  im  Banne  der  Sozialdemokratie  stehen,  brauche  ich  nicht  näher    
auseinanderzusetzen.  Darüber  kann  kein  Zweifel  bestehen,  daß  die  
Sozialdemokratie  früher  zu  Zeiten  des  Sozialistengeistes  die  Vorzüge  zu  rühmen
wusste.  Die  im  Falle  der  Aufhebung    des  Sozialistengesetzes  durch  den  dann
möglichen  Kampf  mit  geistigen  Waffen  sich  ergeben  würden,  und  daß
jetzt  diese  Stellungnahme  von  Grund  auf  revidiert  hat.  Sie  ist  jetzt  bestrebt,
alles  ihren  Anhängern  fernzuhalten,  was  sie  in  dem  Köhlerglauben  an  die
Wahrheit  der  sozialistischen  Lehren  zu  erschüttern  in  der  Lage  ist.  Es  muß
als  höchst  bedenklich  bezeichnet  werden,  daß  diese  geistigen  Waffen  in  Massen
dargeboten  werden,  in  Form  von  sozialdemokratischen  Volks-,  Flug-  und
Witzblättern,  die  man  ihnen  nicht  nur  zur  Verfügung  stellt,  sondern  nur
zu  oft  gegen  ihren  Willen  direkt  aufdrängt.  Der  Erlaß  der  Regierung  ist
veranlasst  worden  durch  die  zunehmende  Maßlosigkeit  der  Agitation  und
Angriffe,  die  die  Sozialdemotratie    in  ihrem  Kampfe  gegen  die  Staatsordnung.
betreibt  Abg.  Dr.  Liebknecht  (Sd.):  Unglaubliches  Zeug!  —  Große  Unruhe
  rechts.  Dieser  zersetzenden  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie  auf  diesem
Wege  soweit  als  möglich  entgegenzutreten.  ist  die  Pflicht  der  Regierung.
Darum  muß  die  Regierung  für  sich  das  Recht  in  Anspruch  nehmen,
die  gegen  sie  und  ihre  Politik  gerichteten      Angriffe  zurückzuweisen  und  zu
widerlegen,  woher  sie  auch  kommen  mögen.  Gestern  ist  hier  geäußtert  worden,
daß  die  Wahl  eines  Sozialdemokraten  mit  dem  Beamteneid  wohl  vereinbar
sei.  Ein  Beamter,  der  seinem  Landesherrn  den  Treueid  geleistet  hat,  bricht
diesen  Eid  in  dem  Augenblick,  in  dem  er  mittelbar  oder  unmittelbar  die
Bestrebungen  einer  antimonarchischen  Partei  zu  fördern  unternimmt.  Ein
Beamter  muß  in  dem  Augenblicke,  wo  er  glaubt,  sich  der  Sozialdemokratie
anschließen  zu  müssen,  daraus  die  Konsequenzen  ziehen  und  aus  seinem
Amte  ausscheiden.  Tut  er  das  nicht,  dann  wird  er  zum  Eidbrecher  und
Lügner.  Stürmisches  Bravo!  rechts.  Große  Unruhe  bei  den  Sd.  Zurnie;  
Terrorismus!)  Das  kann  nicht  geduldet  werden  im  Interesse  des  Staates,  der
eidvergessene  Beamte  nicht  brauchen  kann,  im  Interresse  des  Volkes,  das  noch
andere  Begriffe  von  Treu  und  Glauben  hat,  als  leider  nach  den  Ausschreitungen
  des  Abg.  Hirsch  bei  einem  Teil  der  ihm  Näherstehenden  vorhanden
  sein  mögen,  und  im  Interesse  der  Beamtenschaft,  die  mit  Lügnern
und  Heuchlern  nichts  zu  tun  haben  will.

Präsident  Frhr.  v.  Erffa:"  Wie  mir  mitgeteilt  wird,  hat  der  Abg.
Dr.  Liebknecht  dem  Minister  den  Zuruf  gemacht:  Unglaubliches  Zeug!

Der  Abg.  Dr.  Liebknecht,  ich  rufe  Sie  zur  Ordnung!

Finanzminister  Dr.  Lentze:  Die  Bedenken,  ob  sich  die  Einarbeitung
der  Einkommensteuerzuschläge  in  das  Gesetz  überhaupt  empfielt  sind  den
Zahlen  einer  Tabelle  entnommen.  die  man  dem  Finanzministerium  zuschreibt.
Das  Finanzministerium  hat  aber  damit  gar  nichts  zu  tun:  es  ist  der  
Vorschlag  eines  Dritten.  Mir  wurde  gerade  zu  der  Vorwurf  der  Oberflächlich.
  gemacht.  Es  wurde  beliebt,  den  Etat  so  außerordemtlich  günstig  hinzustellen,
  indem  man  dabei  auf  die  alte  Streitfrage  mit  den  2.10  Prozent
statistisches  Anlagekapital  zurückgriff.  Diese  Auffassung  teilt  das  Finanz-
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        16  Das  Deutsche   Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  „Jannar  31.)

Ministerium  nicht.  Die  Staatdreglerung  muß  darauf  rechnen  können,  daß
sie  die  2,10  Prozent  dauernd  bekommen  kann;  Herr  Friedberg  ist  der
Meinung,  daß  die  Regierung  sie  bekommt,  wir  aber  meinen,  das  ist  unmöglich,
  wenn  das  Extraordinarium  auch    aus  Anleihen  bestritten  wird.
Wenn  hier  gefordert  wird,  daß  die  Gegenwart  zugunsten  der  Zukunft  weniger
belastet  werde,  so  ist  die  Regierung  der  Meinung,  daß  die  Gegenwart  nur
so  belastet  wird,  wie  sie  belastet  werden  muß,  damit  nicht  später  ein  Bankerott
eintritt.  Der  Minister  erörtert  weiter  die  Frage,  ob  das  Extraordinarium
nur  zum  Teil  oder  ganz  werbend  ist  und  bestreitet,  daß  ein  Gegensatz  der
Anschauungen  zwischen  seiner  Verwaltung  und  der  des  Eisenbahnministeriums
  in  dieser  Beziehung  bestehe.  Bei  unsern  wirtschaftlichen  Verhältnissen
ist  es  unmöglich,  daß  das  Eisenbahnextraordinarium  allein  aus  Anleihen
bestritten  werden  kann,  ohne  Gefährdung  der  Staatseinnahmen.  Daß  die
Zukunft  auch  erhebliche  Lasten  hat,  ist  doch  gar  keine  Frage.  Ob  es  ratsam
gewesen  ist,  im  vorigen  Jahre  keine  Anleihe  aufzunehmen,  darüber  kann
man von  verschiedener  Meinung  sein,  und  die  Staatsregierung  hat  ihren  
Standpunkt  durchaus  nicht  als  den  allein  richtigen  hinstellen  wollen.  Aber  die
letzten  Staatsanleihen  lagen  in  den  Schränken  des  Konsortiums,  und  da
war  es  ratsam,  abzuwarten,  bis  der  Markt  wieder  aufnahmefähiger  war.
Der  Rückgang  des  Kurses  ist  darauf  nicht  zurückzuführen.  Eine  gesetzliche
Erhöhung  der  Bezüge  der  Altpensionäre  ist  nicht  durchführbar.  Die  
Staatsverwaltung  kann  bei  einer  etwaigen  Neuregelung  der  Pensionsbezüge  und
der  Besoldungen  für  die  im  Dienst  befindlichen  Beamten  nicht  auf  die  
bereits  pensionierten  Beamten  zurückgreifen.  Das  widerspricht  unseren  
bisherigen  Gepflogenheiten  und  würde  die  Besoldungsmahnahmen  der  Zukunft
außerordentlich  erschweren.  Ein  Gesetz  zugunsten  der  Altpensionäre  wäre
überflüssig  und  würde  den  Staat  außerordentlich  schwer  belasten.  Dazu
kommt,  daß  viele  Pensionäre  ihre  Bezüge  nicht  aus  der  Staatskasse  ziehen,
sondern  aus  Ruhegehaltskassen  z.  B.  die  Lehrer.  Diese  Ruhegehaltskassen
werden  durch  Beiträge  der  Kommunen  bereitet  die  wieder  selbst  Pensionäre
haben,  so  daß  nicht  nur  der  Staat,  sondern  auch  die  Kommunen  schwer  
belastet  würden.  Man  muß  also  den  Kopf  kühl  behalten  und  sich  die  Folgen
überlegen.  Etwaige  Unterstütungen  können  gewährt  werden,  aber  eine
Erhöhung  der  Pension  der  Altpensionäre  ist  nicht  möglich.
Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  v.  Breitenbach    Wir    verfolgen
von  jeher  den  Grundsatz,  daß  eine  vollwertige  Bereithaltung    des  Staatseisenbahnnetztes
  zu  einer  Herabsenkung  der  Betriebsausgaben  führt.  Unsere
weitgehenden  Anforderungen  gehen  von  diesem  Gesichtspunkt  aus.  Die  
Erfolge  sind  auch  nicht  ausgeblieben.  Der  Finanzminister  hat  bereits  in  seiner
Etatsrede  darauf  hingewiesen.  Mit  der  Möglichkeit  einer  Steigerung  des
Betriebskonfizienten  müssen  wir  rechnen.  Nun  ist  die  Frage  der  Deutschen
Eisenbahngemeinschaft  von  dem  früheren  Ministerialdirektor  Kirchhoff  angeschnitten
  worden.  Unsere  Abwehr  ist  hier  als  Unfreundlichkeit  und  
Undankbarkeit  gegenüber  einem  verdienten  Beamten  bezeichnet  worden.
Das Gefühl  der  Dankbarkeit  wird  erschüttert  oder  abgeschwächt,  wenn  ein  aus  dem
Dienste  geschiedener  Beamter  gegen  die  ihm  bekannte  Auflassung  der  
Staatsregierung  in  dieser  Weise  auftritt.  Als  die  aufsehenerregende  
Veroeffentlichung  erfolgte,  war  der  Landtag  nicht  versammelt:  es  war  daher  not.
notwendig,  in  anderer  Weise  rechtzeitig  dagegen  einzuschreiten.  Das  ist  
geschehen.  Die  Erörterung  der  Geméinschaftsfrage  halte  ich  für  so  erheblich
und  bedeutend,  daß  ich  mir  vorgenommen  habe,  diese  Frage  in  der  
Budgetkommission  mit  aller  Gründlichkeit  zu  erörtern  und  den  Nachweis  zu  liefern,
daß  die  preussische  Staatseisenbahnverwaliung  das  nationaldeutsche  Interesse
in  hervorragendem  Maße  gefördert  hat.  Dort  werde  ich  auch  die  Bedenken
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  31.)  17

gegen  die  kirchlichen  Vorschläge  vorbringen.  Ich  bitte,  sich  zu  vergegenwärtigen,
  daß  wir  im  Laufe  der  letzten  Jahre  auf  Anregungen  aus  diesem
Hause  über  neunzig  Millionen  Mark  für  Verkehrsverbesserungen  und  für
den  Umbau  von  Eisenbahnstrecken  mit  schweren  Schienen  aufgewendet  haben.
Diese  auserordentlichen  Aufgaben  müssen  sich  ja  ausgleichen  in  der  
Minderung  der  Ausgaben  für  die  folgenden  Jahre.  Wir  haben    im  Oklober
und  November  einen  Wagenmangel  gehabt,  wie  er  den  preussischen  
Staatsbahnen  noch  nicht  bekannt  war.  Es  sind  ganz  ungeheuerliche  Fehlziffern
mitgeteilt  worden.  Aber  wir  hatten  auch  ganz  außergewöhntiche  
Verkehrsverhaltnisse.  Die  preußische  Staatsbahnverwallung  hat  auf  dem  Gebiete  der
Wagenbeschaffung  nichts  versäumt.  Wir  hatten  im  Oktober  nur  eine  Hergestellung
  von  Wagen von  0,04  Prozent  gegen  den  Oktober  1910,  wir  haben
aber  in  demselben  Oktober  aus  dem  Güterverkehr  eine  Mehreinnahme  von
9,2  Prozent  gehabt.  Dabei  müssen  Sie  berücksichtigen  ,  daß  ganz  
ungewöhnliche  Tarifermäßigungen  aus  Anlaß  der  ungünstigen  Futtermittel  und  
Dachfruchternie  gewährt  worden  sind,  welche  sich  wieder  umgeben  in  
Tonnenkilometer  und  Achskilometer.  Die  Vorbereitungen  für  das  größte  Werk  der
Elektrisierung  der  Berliner  Stadtbahn    reichen  auf  Jahre  zurück.  Man  wurde
Ja  bereits  ungeduldig:  wir  wollten  aber  durchaus  sicher  gehen,  und  dazu
mußten  wir  Erfahrungen  sammeln,  nicht  nur  auf  der  Strecke  Mitterfelddessau,
  sondern  namentlich  auch  im  Hamburger  Vorortverkehr.  Nach  
denselben  Grundsätzen  wird  auch  der  Betrieb  hier  in  Berlin  geführt  werden.
Dem  Abg.  v.  Pappenheim  kann  ich  erwidern  daß,  wenn  die  Staatseisenbahnverwaltung
  sich  entschließt,  diese  außerordentlichen  Mittel      wesenntlich  im
Interesse  Grossberlins  aufzuwenden,  auch  eine  angemessene  Verzinsung  
gegeben  sein  muß.  (Bravo!  r.  Dieser  berechtigte  Wunsch  führt  dazu,  daß  wir
eine  Tariferhöhung  vorschlagen  müssen,  sie  wird  aber  so  vorsichtig  gehalten
sein,  daß  von  nennenswerten  schädlichen  Rückwirkungen  keine  Rede  sein  kann.
Handelsminister  Dr.  Sodow:  Bezüglich  des  Verlaufs  der  Verhandlungen
  zwischen  der  Bergverwaltung  und  dem  rheinisch-  westfälischen  
Kohleninnditat  erinnere  ich  an  die  vorjährigen  Verhandlungen  in  der  Kommision
und  im  Plenum  des  Abgeordnetenhauses  über  die  Rentabilitält  der  inländischen
Bergwerke  und  an  die  Revolution  des  Hauses,  die  der  Staatsregierung  die
Beteiligung an dem  rheinisch  -westfälischen    Kohlensyndikat  nahelegte.
Im allgemeinen  sah  man  darin  eine  Erleichterung  für  das  Wieder-  zustandekommen
des  Syndikats  im  Gesamtinteresse  unseres  Wiirtschaftslebens  wegen  der
größeren  Stabilität  der  Verhältnisse,  die  nicht  nur  dem  Unternehmer,  sondern
auch  dem  Arbeiter  wegen  der  größeren.  Gleichmäßigkeit  der  Löhne  zugute
kommen  wird.  Ich    habe  damals  in  einer  Erklärung  die  Ehrenwilligkeit
des königlichen  Staatsministeriums  zum  Ausdruck  gebracht,  in  Verhandlungen
  einzutreten.  Das  Kohlensyndikat  hatte  in  zwischen  Verhandlungen
mit  den  Arbeitern  geführt  ũber  die  Herbeiführung  eines  vorläufigen
Engagements:  es  hat  sich  ergeben,  daß  ein  solches  Engagement  nur  möglich war, 
wenn  auch  eine  Verständigung  mit  dem  Bergislus  erfolgte.  Ich
habe  freilich  die  Vereinbarung  nur  auf  die  Ruhrzechen  beschränken  konnen:
für  die  Saar  konnte  ich  sie  nur  treffen,  wenn  gleichzeitig  die  Vereinbarung
mit  den  Privatzechen  der  Saar  erfolgte:  Das  letztere  richten  aus  Gründen,
die  mit  der  Erneuerung  des  Stahlverbandes  zusammenhängen,  zurzeit  
unmoglich.  Für  die  Saar  ist  aber  die  staatlische  Kohlenforderung  zum  
überwiegenden  Teil  bereits  abgeschlossen,  es  hat  aktiv  für  die  Saarischen    wenig
Bedeuung.  Das  Abkommen  zwischen  dem  rheinisch  ·  westfälischen  
Kohleninndikat  und  den  staatlichen  Ruhrezechen  ist  getroffen,  zumindest für  nur
ein  Jahr.  Dem  Fiskus  ist  die  allerwünschenswerteste  Freiheit für das
Quamum  seines  Ruhrzechenbereichs  gelungenen.  Bei  dem  Verlaufsvertrag  ist
Europäischer  Reichskalender  l.iti.  2
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        18  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelne  Glieder.  (Februar  2.—5.)

alles  herausgelassen,  was  der  Bergfiskus  an  die  Betriebe  des  Reiches  und
des  preußischen  Staates  abgibt.  Verner  scheidet  alles  aus,  was  der  Fiskus
bereits  bis  zu  Anfang  Januar    d.  E  verkauft  hat.  Zum  Schutze  der  fiskalischen
  Händler  ist  vorgesehen,  daß  sie  vom  Kohlensyndikat  beim  Absatz
Kohle  im  selben  Maße  beteiligt  werden,  wie  sie  im  vorigen  Jahre  verkauft
  haben.  Ebenso.  sind  noch  andere  Verabredungen  zugunsten  der  allen
Handler  getrosien.  Ich  bin  der  Ueberzeugung.  daß  die  Intereisen  des  Fistus
in  jeder  Weise  gewahrt  sind.  Auf  jeden  Fall  beren  wir  dem  Fiskus  jederzeit
  auch  innerhalb  dieses  provisorischen  Jahres  ein  Rücktrittsrecht  vorbehalten.
  Auch  das  wird  die  Entwicklung  zur    Erneuerung  des  Kohlensyndikat
  fördern.  Ich  werde  bereit  sein,  die  Verhandlungen  mit  den  Privatan
  der  Saar  zu  führen  und  an  den  Beratungen  über  die  Erneuerung
des  Syndikat  teilzunehmen.  Die  Bedingung  für  einen  Beitritt  des  Fiskus
immer  sein,  da  die  öffentlichen  Interessen  gewahrt  werden.
Rücktrittsrecht  muß  dem  Fislus  vorbehalten  bleiben,

2.  Februar.  (Greifswald.)  Der  Student  der  Medizin  Mees
wird  im  Pistolenduell  vom  Leutnant  Gené  vom  Infanterie-Regiment
  142  erschossen.

5.  Februar.  (Bayern.)  Das  Gesamtministerium  reicht  ein
Demissionsgesuch  ein,  der  Prinzregent  behält  sich  die  Entscheidung
vor.  (Siehe  8.  Februar.)

5.  Februar.  (Bayern.)  Allgemeine  Zahlen  zum  Landtag.

Zentrum  87  (bisher  98),  Konservative  7  (bisher  18),  Liberale  31
(bisher  21),  Sozialdemokraten  30  (bisher  21),  Bauernbündler  8  (bisher  2).—
Allerdings  hat  das  geschwächte  Zentrum  noch  immer  für  sich  allein  die
absolute  Majorität  in  der  Kammer.

5.  Februar.  (Boden.)  Minister  des  Innern  Frhr.  v.  Bodmann
  beantwortet  die  Interpellationen  der  Sozialdemokraten  und
Nationalliberalen  über  die  Fleischteuerung.

in  Antrag  Badens,  die  Seequarantäne  für  dänisches  Vieh  zu  reduzieren.
  sei  im  Bundesrat  mit  Stmmengleichheit  gefallen  Es  sei  aber
zu  erwarten,  daß  für  die  gößeren  Städte  die  Einfuhr  gefrorenen  Kleinviehs
  gestattet  werden  würde.

5.  Februar.  (  raunf  weig.)  Wahlrechtsvorlage.

Danach  soll  die  Landesversammlung  aus  54  Abgeordneten  bestehen
(bisher  48%  von  denen  36  (bisher  30  aus  allgemeinen  Wahlen  und  18
aus  besonderen  Wahlen  der  Berufsstände  hervorgehen.  Die  Wahl    der
Abgeordneten  ist  unmittelbar  und  geheim.  Wahlberechtigt  ist  derjenige,
der  die  braunschweigische  Staatsangehörigkeit  besitzt,  das  25.  Lebensjahr
vollendet  hat,  mindestens  drei  Jahre  im  Herzogtum  ansässig  ist  und  zu
mindestens  4  Mark  direkten  Staatssteuern  veranlagt  ist.  Wählbar  ist  derjenige,
  der  das  30.  Lebensjahr  vollendet  hat.  Die  von  den  Berufsständen
zu  wählenden  Abgeordneten  müssen  außerdem  dem  Berufsstande  angehören,
der  die  Wahl  vornimmt

5.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Novelle
zum  Einkommen-  und  Ergänzungssteuergesetz.

Finanzminister  Dr.  Leutze:  Die  Vorlage  entspricht  dem  im  Jahre  1909
bei  der  einstweiligen  Einführung  der  Steuerzuschläge  gemachten  Versprechen.
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        Das  Deutsche  Reich  uad  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  6.)  19

Jene  Zuschläge  können  wegen  ihres  sprunghaften  Charakters  nicht  beibehalten
  werden.  Es  hat  sich  aber  auch  gezeigt,  daß  auf  die  Mehrerträge
nicht  verzichtet  werden  kann.  Wir  haben    also  die  Steuerzuschläge  in  den
bestehenden  Tarif  eingearbeitet  und  im  übrigen  das  Wesen  geändert,  soweit
es  auch  als  reformbedürftig  herausgestellt  hat.  Höhere  Erträge    
herauszuwirtschaften  war  nicht  die  Absicht  der  Regierung.  Ueber  eine  Steigerung
des  Steuersatzes  von  fünf  Prozent  hinauszugehen  erscheint  nicht  angebracht,
um  nicht  das  Kapital  zur  Abwanderung  aus  Preußen  zu  veranlassen.
Wenn  die  Regierung  dabei  viele  Erleichterungen  zugesteht,  so  muß  sie  um
so  meht  darauf  achten,  daß  die  Steuern,  die  ihr  zustehen,  auch  eingehen.
Daher  die  Verpflichtung  der  Arbeitgeber  zur  Namhaftmachung  der  deklarationsplichtigen
  Personen  und  die  Zusammenfassung  der  Beweislast  bei
Beanstandungen  an  die  Sleuerpflichtigen.  Es  erscheint  auch  notwendig,
die  Steuerhinterziehung  anders  als  bisher  zu  bestrafen,  denn  wer  Steuern
hinterzieht    versünddigt  sich  an  der  Algemeinheit,  in  deren  Interessen  die
Steuern  verwandt  werden  Es  ist  ein  Generalpardon  beabsichtigt,  um
Härten  zu  vermeiden  die  diejenigen  treffen  würden,  die  früher  keine  
wahrheitsgemäßen  Angaben  gemacht  haben.
Abg. Dr. Keil  (NI.):  Die  Landräte  sind  ganz  ungeeignet  für  die
  Veranlagungsarbeiten  und  viele  von  ihnen  wünschen  auch  von  dieser  Arbeit
befreit  zu  werden:  sie  haben  ja  meist  gar  nicht  die  nötige  Vorbildung,.
um  die  Verhältnisse  richtig  zu  beurteilen.  Es  müssen  Sachverständige  für
die  Veranlagung  ernannt  werden  und  nur  ausnahmsweise  mag  man  den
Landrat  damit  betrauen.  Verbessert  man  das  Veranlagungsverfahren,  so
werden  daraus  so  viel  Mehreinnahmen  für  den  Staat  erwachsen,  daß  wir
in  drei  Jahren  auf  die  Zuschläge  verzichten  können!

Abg. v.  Dennigs  (.K):  Ob  die  Deklarationspflicht    für  die  Ergänzungeteuer
  notwendig  ist,  bleibe  dahingestellt.  Wird  sie  aber  eingeführt,
so  muß  auch  die  Garantie  für  die  richtige  Einschätzung,  namentlich  des
mobilen  Kapitals  gegeben  werden.

Abg. Graf Spee  (3.):  Die  Erhöhung  der  Ergänzungssteuer  lehnen
wir  ab.  denn  sie  würde  uns  auf  eine  schiefe  Bahn  führen,  die  nur  im
Interesse  der  Sozialdemokratie  liegt.  Wir  lehnen  auch  die  Einführung
der  Gefängnisstrafe  wegen  Steuerhinterziehung  ab.  Gegen  die  Ausdehnung
der  Anzeigepflicht  ist,  da  sie  einmal  besteht,  nichts  einzuwenden.  Notwendig
  ist  eine  Revision  des  Veranlagungsgeschäftes.  
Abg. Hirsch (Sd.):  Ganz  mangelhaft  ausgebildet  ist  die  Ergänzungs.
steuer.  Die  gegenwärtige  Finanzlage  rechtfertigt  nicht  die  Beibehaltung
der  Steuerzuschläge;  zumal  die  Einführung  der  Deklarationspflicht  auf  die
größeren  Vermögen  eine  erhebliche  Mehreinnahme  erwarten  läßt.  Millionen
gehen  dem  Staat  durch  Steuerhinterziehung  verloren.  Der  Landrat  ist  für
die  Leitung  des  Veranlagungsgeschäftes  auf  dem  Lande  nicht  geeignet.

6.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fort.
setzung  der  ersten  Lesung  der  Novelle  zum  Einkommen-  und  Ergänzungssteuergesetz.


Abg. Cassel  (Fortschr.  Vp.):  Wir  haben  die  Zuschläge  nur  eingeführt

  als  Provisorium,  und  nachdem    sich  unsere  Finanzen  so  gebessert
haben,  müßte  die  Regierung  selbst  die  Hand  zu  ihrer    Beseitigung  bieten.
Es  müßte  eine  gründliche  organische  Aenderung  unserer  Einkommensteuergesetze.
  vorgenommen  werden,  wir  müßten  die  Quotfizierung  der  Einkommenseuer
  bekommen,  damit  wir  von  Jahr    zu  Jahr  bemessen  können,  wie  viel der

Staat  Geld  braucht  und  nicht  eine  verhängnisvolle  Thesaurierungspolitik
  getrieben  werden  kann.  Um  eine  wirklich  dauernde  Gesundung

2°
        <pb n="30" />
        20  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  6.)

unserer  Finanzen  zu  bekommen,  brauchen  wir  einen  beweglichen  Faktor.
Wir  sind  auch  für  harte  Strafen  bei  Steuerhinterziehung.  Wer  den  Fiskus
betrügt,  soll  als  Betrüger  behandelt  werden.  Wer  Steuern  hinterzieht,
schädigt  ja  nicht  nur  den  Staat,  sondern  auch  seine  Mitbürger,  die  
infolgedessen  einen  höheren  Prozentsatz  an  Steuern  zahlen  müssen.  Es ist auch
eine  sittliche  Pflicht,  dem  Staat  gegenüber  die  Wahrheit  zu  sagen.  Wir
sind  deshalb  durchaus  einverstanden  mit  den  vorgeschlagenen  Strafen.
Vielleicht  wird  auch  die  eintretende  Strafe  dazu  beitragen,  Leute  von
falschen  Selbsteinschätzungen  abzuschrecken.  Einen  gründlichen  Wandel
wünschen  wir  in  der  Zusammensetzung  der  Veranlagungsbehörden.  Wir
wollen,  daß  nicht  der  Landrat  den  Vorsitz  führt,  sondern  ein  technisch
geschulter  Sieuerbeamter  der  richterliche  Unabhängigkeit hat
Abg.  v. Derwitz  (Frk.)  verteidigt  seinen  in  der  Regierungsniederschrift    
zurückgewiesenen  Vorschlag    auf  Besteuerung  von  Ersparnissen.
Bis zu einem  gewissen  Grade  kommt  der  Entwurf  der  Forderung  nach  Ausgleich
entgegen,  aber  das  genügt  nicht.  Einer  ist  vielleicht  vermöge  seiner  Stellung
und  seiner  Familienangehörigkeit  zu  großen  Ausgaben  gezwungen  während
ein  anderer  mit  kleinem  Einkommen  Geld  zurücklegen    kann.  Um  hier  einen
Ausgleich  zu  schaffen,  will  ich  eben  das  zur  Steuer  heranziehen,  was
jemand  an  Ersparnissen  zurücklegen  kann.
Finanzminister  Dr.  Lente:  Die  Regierung  kann  auf  die  Steuerzuschläge
  nicht  verzichten,  weil  wir  die  60  Millionen  Mark  mehr  brauchen.
Die  Verschärfung  der  Veranlagungsvorschriften  wird  ebenfalls  nicht  den
Ausfall  decken.  Die  meisten  Redner  haben  nun  empfohlen,  die  Betriebseinnahmen
  der  Eisenbahnverwallung  in  höherem  Umfang  zur  Deckung  der
allgemeinen  Staatsausgaben  heranzuziehen.  Diesen  Weg  können  wir  nicht
gehen,  weil  wir  nicht  die  Staatsfinanzen  in  Unordnung  bringen  lassen
wollen.  Mit  den  Anleihen  würden  wir  nur  die  Zukunft  belasten  auf  Kosten
der  Gegenwart.  Wäre  es  doch  ein  großer  Fehler,  nach  so  kurzer  Zeit  schon
wieder  die  Regelung  von  1910  über  den  Haufen  zu  werfen.  Wenn  wir
glauben,  besondere  Veranlagungskommiliäre  anstellen  zu  müssen,  so  würden
wir  dabei  aus  objektiven  Gründen  verfahren.
Abg. v.   Bodelberg  (n)  :  Für  die  Progressivität  der  Vermögenssteuer  
  können  wir  uns  nicht    ansprechen,  denn  diese  Vermögenssteuer  ist  die
letzte  Reserve  für  ernste  Zeiten,  die  wir  jetzt  noch  nicht  anvisieren  dürfen.
Wir wünschen  aber  eine  Verschärfung  der  Deklrationspflicht  und  der  
Strafbestimmungen.  Die  Zustammensetzung.  der  Veranlagungsbehörde  darf  nicht  von rein steuertechnischem Standpunkt aus beurteilt werden.
wir  haben  die  schwersten
Bedenken,  dem  Landrat  den  Vorsitz  der  Veranlagungskommission  zu  nehmen.
Der  Landrat  muß  in  stetem  Kontakt  mit  seinen  Kreisinsassen  stehen,  und  er
bedarf  dazu  der  Kenntnisse  der  Sleuereinschätzung.  Wenn  wir  diesen  
Standpunkt  vertreten,  so  handelt  es  sich  bei  uns  nicht  um  eine  Machtfrage.  Diesen
Vorwurf  muß  ich  entschieden  zurückweisen.  Der  Landrat  handelt  nur  nach
bestem  Wissen  und  Gewissen,  rein  objeltiv:  und  wenn  er  nach  anderen  
Grundsätzen  handeln  würde,  würde  er  unmöglich  sein
Der  Gesetzentwurf  wird  einer  Kommission  von  28  Mitgliedern
übergeben
6.  Februar.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeilung“  über
Reichstagsvorlagen.
Abgleichen  von  der  Hauptaufgabe  des  neuen  Reichstages  in  der
bevorstehenden  Session,  der  Verstärkung  der  Wehrfähigkeit  und  der  Deckung
der  Mehrkosten,  befinden  sich  mehrere  Emwürfe  in  Vorbereitung.    Vorbereitet
  werden  Gesetzentwürfe  über  die  Sonntagsruhe  im  Handelsgewerbe,
        <pb n="31" />
        Des  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  7.)  21

Versorgung  der  Personen,  die  in  gemeinnütziger  Tätigkeit  bei  dem  Relten

und  Bergen  von  durch  Feuers-  und  Wassersgefahr  bedrohten  Menschen
oder  in  der  Ausübung  eines  öffentlichen  Dienstes  von  Unfällen  betroffen
werden,  der  Nachtragsetat  für  das  Direktorium  zur  Ausführung  des  Versicherungsgesetzes
  und  für  Angestellte  der  erforderlichen  Reichsanstalt,  die
Vorlage  wegen  Schaffung  der  für  die  koloniale  Rechtsprechung  notwendigen
dritten  Instanz,  das  Schußtruppengesetz,  das  Postreichsgesetz,  die  
Rechtsbeziehungen  zu  Bulgarien    durch  einen  Konsularvertrag  über  den  Rechtsschutz,
  die  Reichsbeilhife  in  bürgerlichen  Angelegenheiten.  und  die  Neuregelung
des  Auslieferungevertrages.  Diese  Verträge  und  das  gleichzeitig  abgeschlossene
Abkommen  über  die  Verlängerung  des  Handelsvertrages  mit  Bulgarien
werden  dem  Bundesrat  und  Reichstag  zugehen.

7.  Februar.  (Reichstag.)  Eröffnung  der  ersten  Session  der
13.  Legislaturperiode  im  Weißen  Saal  des  Königlichen  Schlosses.
„Thronrede  des  Kaisers:

Geehrte  Herren!  Im  Namen  der  verbündeten  Regierungen  heiße
ich  den  neugewählten  Reichstag  willkommen.  Das  feste  Gefüge  des  Reichs
und  staatlicher  Ordnung  unversehrt  zu  erhalten,  die  Wohlfahrt    des  Volkes
in  allen  seinen  Schichten  und  Ständen  zu  mehren,  die  Stärke  und  das
Ansehen  der  Nation  zu  wahren  und  zu  erhöhen,  ist  das  Ziel  meines Handelns. In ihm weiß ich mich mit meinen hohen Verbündeten eins,

und  ich  lebe  der  Überzeugung  daß  auch  Sie  als  die  erwählten  Vertreter
der  Nation  Ihre  besten  Kräfte  an  die  gemeinsame  Arbeit  setzen  werden.
Seit  einem  Menschenalter  nimmt  die  soziale  Fürsorge    in  der  Reichsgesetzgebung
  einen  hervorragenden  Platz  ein.  Noch  in  der  letzten  Tagung
des  vorigen  Reichstages  sind  die  Wohltaten  der  Versicherung  auf  weite
Rechte  der  Bevolkerung  ausgedehnt  worden.  Derselbe  soziale  Geist,  aus
dem  dies  Werk  hervorgegangen  ist,  muß  auch  fernerhin  walten.  Denn
die  Entwicklung  steht  nicht  still.  Die  Finanzen  des  Reichs  haben  seinen
halt  gewonnen.  Auf  der  Grundlage    bestimmt  bemessener  Matrikularbeiträge
  ist  es  gelungen,  das  Gleichgewicht  des  Reichshaushalts  herzustellen und mit
Hilfe  der  Ueberschüsse,  die  sich  ergeben  haben,  den  außerordentlichen  
  Etat  zu  entlasten.  Durch  Festhalten  an  den  bisherigen  strengen
Grundsätzen  wird  das  Reich  binnen  kurzem  zu  einer  vollständigen  Gesundung
seiner  Finanzen  gelangen.  Mit  Befriedigung  erfüllt  mich  der  Gedanke,
welch  hohe  Leistungen  der  freie  Unternehmungsgeist  in  Industrie  und
Gewerbe,  Handel  und  Verkehr  vollbracht  hat  und  wie  bei  steigender
Vervolllommnung  ihrer  Technik  die  Landwirtschaft  allmählich  wieder empor  
geblüht  ist.  Angesichts  dieser  glücklichen  Fortschritte  werden  die  Verbündeten
Regierungen  die  Grundlagen  unserer  Zollpolitik  auch  künftig  bei  Vorbereitung
  und  Abschluß  neuer  Handelsverträge  nicht  verlassen.  Der  Stärkung
des  Deutschtums  im  Ausland  wird  ein  Ihnen  alsbald  zugehender
Entwurf  dienen,  der  die  Reichs-  und  Staatsangehörigkeit  neu  in  der  Weise
regelt,  daß  es  den  deutschen  Landsleuten  draußen  erleichtert  wird,  Reichsangehörige zu bleiben oder die verlorene Reichsangehörigkeit wieder zu erwerben·

Das  Gedeihen  unserer  Werte  des  Friedens  daheim  und  über  See  hängt
davon  ab,  daß  das  Reich  mächtig  genug  bleibt,  um  seine  nationale  Ehre,
seinen  Besitz  und  seine  berechtigten  Interessen  in  der  Welt  jederzeit  zu
wahren  und  zu  vertreten.  Deshalb  ist  meine  beständige  Pflcht  und  Sorge,
die  Wehrkraft  des  deutschen  Volkes,  dem  es  an  waffenfähiger  junger
Mannschaft  nicht  gebricht,  zu  Lande  und  zu  Wasser  zu  erhalten  und  zu
stärken.  Gesetzentwürfe,  die  diesen  Zweck  verfolgen,  sind  in  Vorberreitung
        <pb n="32" />
        22  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  7.—9.)

und  werden  Ihnen  mit  Vorschlägen  über  die  Deckung  der  Mehrkosten  
zugehen.  Helfen  Sie,  geehrte  Herren,  diese  hohe  Aufgabe  erfüllen,  so  werden

Sie  dem  Vaterlande  einen  großen  Dienst  erweisen.  Von  unserer  Bereitwilligkeit,
  internationale    Streitpunkte  gütlich  zu  erledigen,  wo  immer  es  der  Würde  und  den  Interessen  Deutschlands  entspricht, Den  Abschluß  der  Vereinbarungen   mit Frankreich  einen  neunen  Beweis  

gegeben.  Neben  der  Pflege  unserer  Bündnisse  mit  der  Oesterreichisch-      Ungarischen
  Monarchie  und  dem  Königreich  Italien  bleibt  meine  Politik  darauf
gerichtet,  mit  allen  Mächten  freundliche  Beziehungen  auf  der  Basis  
gegenseitiger  Achtung  und  guten  Willens  zu  unterhalten.
Im Vertrauen  auf  die  gesunde  Kraft  des  deutschen  Volkes  blicke  ich
mit  Zuversicht  und  auf  Gottes  gnädigen  Beistand  bauend,  über  die  Kämpfe
des  Tages  hinweg  in  die  Zukunft  des  Reichs.  —  So  entbiete  ich  Ihnen,
geehrte  Herren,  zum  Beginn  einer  neuen  Legislaturperiode  meinen  Gruß
in  der  Hoffnung,  daß  Ihre  Tätigkeit  dem  Volke  und  dem  Lande  zum  Heile
gereichen  werde!
7.  Februar.  Der  Kaiser  gibt  zu  Ehren  des  Admirals  Lord
Charles  Beresford  ein  Frühstück.

8.  Februar.  (Berlin.)  Generalfeldmarschall  Wilhelm  von
Hahnke  gestorben  78  Jahre  alt.

8.  Februar.  (Berlin.)  Eintreffen  des  englischen  Kriegsministers  
Haldane  nebst  seinem  Bruder  Oberst  Haldane  und  dem  Finanzmann
Sir  Ernest  Hassel.

Die  Abreise  erfolgt  am  Nachmittag  des  11.  Februar.  Die  Engländer
  bestreiten, daß    diese  Reise  des  Kriegsministers  politische  Ziele  verfolge.

8.  Februar.  (Bayern.)  Der  Prinzregent  beruft  den  Reichstagsabgeordneten
  Dr.  Frhrn.  v.  Hertling  und  betraut  ihn  tags  darauf
mit  der  Bildung  eines  neuen  Ministeriums.

8.  Februar.  (Oldenburg.)  Der  Landtag  nimmt  gegen  Regierung,
  Zentrum  und  Rechtsstehende  einen  volksparteilichen  Antrag
an,  der  das  aktive  Gemeindewahlrecht  verheirateten  oder  selbständig
steuerpflichtigen,  drei  Jahre  ansässigen,  mindestens  24  Jahre  alten
Frauen  verleiht.

9.  Februar.  (Reichstag.)  Wahl  des  Präsidiums.

Wahl des   Präsidenten.  Im  ersten  Wahlgang  erhielt  bei  Anwesenheit
  von  388   Abgeordneten  Prinz  Schönaich-  Carolath  „Nl.)  88  Stimmen,
Spahn.  (3.)  185  Slimmen,  Bebel  (Sd.)  110  Stimmen,  Paasche  1  Stimme,
keine  1  Stimme.  3  Stimmen  sind  ungültig.  385  gültig.  Da  keiner  die
absolute  Majorität  hat,  findet  eine  engere  Wahl  zwischen  den  fünf  Genannten
  statt.

Im  zweiten  Wahlgang  wurden  388  Stimmen  abgegeben,  davon
güllig  385.  Es  entfielen  auf  Prinz  Schönaich-Carolath  85  Stimmen,  Spahn
186  Stimmen.  Bebel  114  Stimmen.  Es  findet  Stichwahl  zwischen  Spahn
und  Bebel  statt.

Im  dritten  Wahlgang  erhielten:  Dr.  Spahn  (3.)  196  Stimmen.
Bebel  „Sd.,  175  Stimmen.  Ungültig  waren  13  Slimmen.  Dr.  Spahn  ist
also  zum  Präsidenten  gewählt.
        <pb n="33" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  9.)  23

Dr.  Spahn  nimmt  die  Wahl  an  und  übernimmt  zugleich  das  Präsidium.
  Er  erklärt:  Ich  spreche  unseren  Alterspräsidenten  (es  war  der
Dichter  Albert  Traeger)  den  Dank  und  auch  die  Freude  des  Hauses  darüber
aus,  daß  er  diese  nicht  ganz  mühelose  Geschäftsverwaltung  mit  solchem
Humor  und  mit  solcher  Ausdauer  geführt  hat.  (Lebhafter  Beifall.)  Indem  ich
mich  in  den  Dienst  des  Hauses  stelle,  darf  ich  an  jeden  einzelnen  von  Ihnen
die  Bitte  richten,  daß  Sie  mich  in  dem  Bestreben  unterstützen,  die  Würde
und  das  Ansehen  dieses  Hauses  zu  wahren  und  seine  Geschäfte  zu  fördern.

Beifall r. u. im 8.)
Bei der   Wahl    des  ersten  Vizepräsidenten  erhielten:  Scheide
mann  (Sd.)  188  Stimmen,  Dietrich  (K.)  174  Stimmen,  Paasche  (Nl.)
3  Stimmen.  Ungültig  waren  21  Stimmen.  Gewählt:       Scheidemann  (Sd.).
Der  Abg.  Scheidemann  nimmt  das Amt an.
Bei der  Wahl  zum  zweiten  Vizepräsidenten  erhielten:  Dr.  Paasche
(Nl.)  274  Stimmen,  Kaempf  (Fortschr.  Bp.)  12  Stimmen    Dietrich  (K.)
2 Stimme,    v.  Hendebrand  (k)    und  Stadthagen    je  eine  Stimme,  Ungültig
waren  95  Stimmen.  Die Polen  stimmten  für  Kaempf,  um  nicht  einen
Nationalliberalen  zu  wähen.  Gewählt:  Dr.  Paasche  (Nl.),  welcher  annimmt.
9.  Februor.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Besprechung
  des  Motu  proprio  des  Papstes  betreffend  das  Gerichitsverfahren
  gegen  Kleriker.
Zum  Etat  der  auswärtigen  Angelegenheiten  liegt  ein  nationalliberaler
  Antrag  (Dr.  v.  Campe,  Dr.  Friedberg  u.a.)  vor:  Die  Königliche
Staatsregierung  aufzufordern,  dem  Abgeordnetenhaus      moglichst  bald  
authentische  Mitteilungen  über  die  mit  der  Kurie  über  das  neueste  Motu  proprio
betreffend  das  Gerichtsverfahren  gegen  Kleriker  gepflogenen  Verhandlungen  zu
machen,  insbesondere den  darauf  bezüglichen amtlichen Schriftwechsel vorzulegen.
Nach  eingehender  Begründung  durch  den  Abg.  Dr.  v.  Campe  antwortet
Minister  des  Auswärtigen  v.  Kiderlen-Wächler:  Ueber  den  ersten  Teil
des  Antrages,  authentische  Mitteilungen  über  die  Verhandlungen  mit  der
Kurie  in  Sachen  des  Motu  proprio  zu  machen,  will  ich  mich  gern  äußern.
Das  Motu  proprio  ist  am  9.  Oktober  vorigen  Jahres  bekannt  gegeben  worden
und  wurde  om  12.  November  veröffentlicht.  In  der  Presse  hat  sich  daran
sofort  eine  große  Polemik  geknüpft,  in  der  gerade  von  katholischer  Seite,
und  zwar  von  wissenschaftlicher  katholischer  Seite  aus  bestritten  wurde,
daß  das  Motu  proprio  in  Deutschland  Gültigkeit  habe.  Natürlich  
interessierte  uns  daran  nur  die  Frage,  welchen  Einfluß  hat  es  in  Deurschland,
ist  es  dort  gültig  oder  nicht?  Unter  den  Kundgebungen,  die  dafür  eintraten,
  daß  es  Deutschland  nicht  gũltig  sei,  nahm  eine  hervorragende
Stelle  ein  Artikel  der  „Köln.  Volkszitg.“  vom  27.  November  ein,  auf  den
iväter  in  der  Hauptsache    immer  Bezug  genommen  wurde.  Dieser  Artikel
war  geschrieben  vom  Prälaten  Heiner  und  hatte  eine  besondere  Bedeutung.
einmal  wegen  der  Persönlichkeit  des  Schreibers,  der  eine  hohe  kirchliche  Würde
bekleidet.  Sein  Gutachten  hatte  aber  außerdem  noch  eine  besondere  Bedeutung
und  verdiente  besondere  Beachtung,  weil  Monsignore  Heiner  ausdrücklich  sagte:
Ich  schreibe  dies,  ohne  befürchten  zu  müssen.  von  irgendeiner  Seite  desavoniert
zu  werden.  Das  wies  aus  einen  offiziellen  Ursprung  des  Artilels  oder  
jedenfalls  auf  eine  offizielle Zustimmung zu ihm hin.
Das Ministerium  des  Auswärtigen  hat  daher  im  Einverständnis  mit
den  anderen  beteiligten  Ressorts  den  Gesandten  beim  Vatikan  angewiesen,
auf  diesen  Artikel  hinzuweisen  und  die  Frage  zu  stellen:  sind  keine  
Ausführungen  richtig  und  erkennt  Ihr  an  —  das  war  die  ausdrückliche  Frage  —
daß  dieses  Motu  proprio  derogiert  sei  und  auf  Deutschland  keine  Anwendung
        <pb n="34" />
        24  Das  Deutsche  Reich  und  seine  enzelnen  Glieder.  (Februar  9.)

finde?  Die  Verhandlungen  darüber  sind  lediglich  mündlich  geführt  worden,
Ihr  Ergebnis  ist  aber  schriftlich  niedergelegt    worden.  In  dieser  schriftlichen
Niederlegungung  heißt  es:  Es  berührt  das  Motu  prorio    Deutschland  nicht.
Es  ist  also  ausdrücklich  schriftlich  anerkannt,  daß  das  Motu  proprio  
Deutschland  nicht  berührt.  Deshalb  hat  die  Regierung  den  Gesandten  beim  Vatikan
angewiesen,  diese  Erklärung  entgegenzunehmen.  Dabei  ist  aber  der  Gesandte
ausdrücklich  noch  angewiesen  worden  —  er  hat  diesen  Auftrag  auch  
ausgeführt  —,  dem  Kardinalstaatsekretär  zu  erklären,  daß  ganz  abgesehen  vom
vorliegenden  Fall  die  Regierung  jeder  Verfügung  die  Wirksamkeit  für  unser
Land  versagen  müsste  welche  mit  den  Reichs-  oder  Landesgesetzen  in  Widerspruch
  stände.  Nach  dieser  Verwahrung  haben  wir  den  Zwischenfall  für
erledigt  halten  müssen.  Wir  konnten  nicht  darüber  nun  mit  der
Kurie rechnen,  ob  es  notwendig  war,  das  ganze  Motu  proprio  zu  erlassen  oder
nicht.  Es  war  für  uns  nicht  erlassen,  das  ist  ausdrücklich  anerkannt.  Ich
hoffe.  daß  die  Herren  diese  Auflklärung  für  ausreichend  halten.  Ich  bitte  
daher,  den  Antrag  auf  Vorlegung  der  Akten  nicht  anzunehmen.  Es  sind  keine
Noten  gewechselt    worden.  Es  ist  nichts  weiter  schriftlich  verhandelt  worden,
was  ich  Ihnen  hier  vorgelesen  habe.  Es  würde  ein  sehr  bedenkliches  Präjudiz sei, die Akten hier vorzulegen.
            Die  Gesandten  sprechen  sich  auch  weit
offener  aus,  wenn  sie  wissen,  daß  die  Akten  nachher  nicht  vorgelegt  werden.
Abg. v.  Pappenheim  (I.):  Wiederum  haben  weltfremde  Männer,
eine  weltfremde  Umgebung  den  Papst  nicht  davon  abhalten  können,  in  einem
Motu  proprio  Erklärungen  abzugeben,  die  geeignet  waren,  Zweifel  über  das
hinaus,  was  er  selbst  gewollt  hat,  und  Beunruhigung  in  der  Welt  
hervorzurufen.  (Lebhafte  Zustimmung).  Keiner  festen  Ueberzeugung  nach  ist  die
Absicht  des  Papstes  nicht  dahin  gegangen,  verletzend  und  beunruhigend  zu
wirken.  Aber  die  Fassung  und  Redaktion  dieses  Motu  proprio  gab  allerdings
berechtigte  Veranlassung  zur  Beunruhigung:  an  dieser  Tatsache  können  wir
nicht  vorübergehen.  Wenn  heute    noch  seitens  der  Kurie,  sei  es  wer  es  sei,
ein  Privilegium  dort  beansprucht  für  die  Diener  ihrer  Kirche,  wenn  sie  diese
Rechtsauffassung  als  eine  Grundlage  ihrer  kirchlichen  Anschaungen  hinstellt,
so  müssen  wir  das  als  unvereinbar  mit  der  heutigen  Auffassung  des  
Staatsrechts  erklären  (Zustimmung),  und  an  dieser  Tatsache  können  wir  auch  nicht
vorübergehen,  wenn  dieses  Privilegium  dort  auf  den  allerkleinsten  Teil  
beschränkt  wird.  Das  Motu  proprio  steht  in  Widerspruch  mit  der  modernen
Gesetzgebung,  mit  der  modernen  Auffassung  der  Staatsrechte,  und  wir  können
deshalb  trotz  der  Beschränkung,  die  jetzt  die  Kurie  dem  Motu  proprio  glbt,
auch  trotz  einer  Zurücknahme  des  Motu  proprio  die  Tatsache  nicht  aus  der
Welt  schaffen,  daß  ein  solches  Motu  proprio  noch  existiert.  Es  ist  nicht  aus
der  Welt  zu  schaffen,  daß,  wenn  die  Kurie  für  ihre  Gläubigen  es  als  eine
schwere,  todeswürdige    Sünde  an  irgendeiner  Stelle  des  Weltteils  erklärt,
wenn  dagegen  verstoßen  wird,  dies  auch  für  die  andern  Teile  Bedeutung
hat.  (Lebhafte  Zustimmung.,  Wir  bedauern  die  Demonstration  der  Kurie,
denn  wir  wollen  den  konfesessionellen  Frieden  aufrecht  erhalten  und  wir
müssen  befürchten,  daß  durch  solche  immer  wiederkehrenden  Kundgebungen
der  kirchliche  Frieden  bei  uns  gefährdet  wird.  Es  ist  nicht  nur  unsere  
Aufgabe,  die  wir  Vertreter  der  evangelischen  Kirche  sind,  in  dieser  Beziehung
eine  ernste  Mahnung  auszusprechen,  sondern  in  erster  Linie  gilt  auch  den
Herren  diese  Mahnung,  die  immer  sagen,  sie  seien  bereit,  den  konfessionellen
Frieden  aufecht  zu  erhalten.  Znstimmung.)  Es  ist  ganz  gewiß  nicht  nur
die  Aufgbe    des  Staates,  darüber  zu  wachen,  es  ist  die  Aufgabe  jedes
Christen  in  Deutschland,  der  der  ernsten  Willen  hat,  den  konfessionellen
Frieden  aufrecht  zu  erhalten,  darüber  zu  wachen,  daß  solche  Störungen  des
Friedens  vermieden  und  für  die  Zulunft  verhindert  werden.  Es  wird  in
        <pb n="35" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  9)  25

der  Hauptsache  die  Aufgabe  der  deutschen  Gesandtschaft  beim  päpstlichen  
Stuhl  sein,  diese  Aufgabe  immer  zielbewußt  im  Auge  behalten.  Wir
müssen  unsere  Mahnung  auch  an  die  Staatsregierung  richten.  Hoffen  wir,
daß  die  ruhige,  fachliche  Beratung  wie  bisher  auch  weiter  diesem  Antrage  
gerecht  wird,  dann  wird  er  am  besten  das  erreichen,  was  er  erreichen
will nach den   Erklärungen  des  Staatssekretärs    erkennt  auch  die  Staatsregierung
an,   daß es ihre   Pflicht  ist,  mit  aller  Sorgfalt  zu  versuchen,  solche  Erscheinungen,
die  den  konfessionellen  Frieden  stören,  hintanzuhalten.  Der  Staatssekretär
hat  auch  die  Schritte  mitgeteilt,  die  zu  diesem  Zwecke  getan  sind.  Ich  glaube, 
daß  weitere  Mitteilungen  einen  praktischen  Wert  für  uns  kaum  haben  werden.
Ich  bin  sehr  vorsichtig    in  dieser  Ausdrucksweise,  damit  ein  Antrag,  den  ich
jetzt  mitzuteilen  habe,  nicht  falsch  verstanden  wird.  Mein  Antrag  geht  dahin, daß
Abgeordnetenhaus  wolle  beschließen,  mit  Rücksicht  auf  die  Erklärung des 
Staatssekretärs  des  Auswärtigen  Amts  über  den  Antrag  v. Campe zur
Tagesordnung  überzugehen.   Ich    bin    vorsichtig,   damit  nicht  etwa  die  

Auffassung Platz greift, als ob mein Antrag  eine  Abschwächung    des  Antrages
Campe  und  seiner  Freunde  sein  soll.  Ich halte den Antrag    für  durchaus
berechtigt,  und  es  wird  auch  nicht  der  geringste  Zweifel  sein,  ob  wir  ihm
zustimmen  können,  wenn nicht nach der Rede des   Staatssekretärs  es klar 
wäre,  daß  die  Mitteilung  von  Schriftstücken  kaum  noch  einen  praktischen
Erfolg  für  die  Lösung  dieser  Frage hat.  Wir wollen  nur  dem  augenblicklichen,

  durch  die  Ausführungen    des  Staatssekretärs geschaffenen  Zustande

gerecht  werden.  Wir  wollen  nach  wie  vor  bei  dieser  GeIegenheit alles   

bekämpfen  und  allem  entgegentreten,  was  geeignet    ist,  eine  Beunruhigung    in

dem  Verhältnisse  zu  schaffen,     daß  zwischen  unseren  katholischen  Mitbürgern und uns besteht.



Abg. Dr. Borsch  8): Es ist so   dargestellt  worden,   als  ob  das

  Privilegium  fori,  daß  die  Kurie  beansprucht,    als  gemeines    Kirchenrecht  so

exorbitant sei.  Sie  finden  die  historische    Entwicklung  klar  dargestellt  in  einem
  erschöpfenden  Artikel  des  Professors  Schlers  (Münster)  in  der  Germania    vom
13. November.  Das Privilegium fori  ist  auf    Weisungen  der  Bibel  zurückzuführen.



  Apostel  Paulus  fordert  die  Christen  auf,  ihre  Streitigkeiten  ausschließlich
  unter  sich    auszumachen  und  der  Herr  und  Heiland    selbst  ermahnt
die  Brüder  zur  .Verständigung  Das  Privilegium  fori  ist  auch  staatlich  anerkannt, 
  ist  staatliches  Recht  geworden  und  hat  jahrhundertelang    als  gemeines

Recht  bestanden,     und  erst  in  der  neueren  Zeit  mit  der  Entwicklung  unseres
Staatswesens  ist  eine  Aenderung  eingetreten.   Das    Privilegium  besteht

aber an  sich  noch  mit  Ausnahme    der  Länder,  wo  es  derogiert  ist. Papst Pius IX. 
hat sich  nun  1869  veranlaßt  gesehen  eine  Zusammenstellung    der kirchlichen Rechte 
zu  machen,  und  in  diesen  Konstitutionen  von 1889 ist das Privilegium  fori
enthalten.   Das  Motu  proprio  ist  nun  nicht  eine  selbständige      kirchliche
Entscheidung,  sondern  nur  eine  authentische  Interpretation  dahin, daß auch
Privatpersonen  unter  das  Privilegium  fori  fallen.  Es gilt  nur  für  die
Länder,  für  welche  das  gemeine  Recht  von 1889 gilt.

Der Antrag Pappenheim  auf  Uebergang  zur  Tagesordnung  wird

gegen  die  Stimmen  der  Nationalliberalen,    Fortschrittler,  Sozialdemokraten
und  eines  Teils  der  Freikonservativen  angenommen.  

9.  Februar.  (Elberfeld.)  Der  Großindustrielle  v.  Böktinger,
Mitglied  des  Herrenhauses,  erklärt  seinen  Austritt  aus  der  Nationalliberalen
  Partei,  weil  bei  der  Präsdentenwahl  im  Reichstag  beim
dritten  Wahlgang  etwa  zwanzig  Nationalliberale  für  den  Sozialdemokraten
  gestimmt  hätten.
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        26  Das Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.—13.)

10.  Februar.  (Reichstag.)  Nach  Besprechung  mit  seinen  Fraktionsgenossen
  legt  Abg.  Dr.  Spahn  das  Reichstagspräsidium  nieder.
10.  Februar.  (Bayern.)  Zusammensetzung  des  Ministeriums
Hertling:
Fhr.  v.  Herkling  Präsidium  und  Aeußeres;  Präsident  des  Obersten
Landesgerichts  Ritter  v.  Thelemann  Justiz:  Reichsrat  Frhr.  v.  Soden  Inneres;
Ministerialdirektor  Ritter  v.  Kuilling  Kulius;  Staatsrat  Ritter  v.  Breunig
Finanzen:  Eisenbahndirektionspräsident  Ritter  v.  Seidlein  (Nürnberg)  Verkehr;
  Generaloberst  Graf  v.  Horn  behält  einstweilen  das  Kriegsministerium.

11. Februar.  (Wilhelmshaven.)  Die  gesamte  Schuhmannschaft
  wird,  wie  die  „Rheinisch-Westfälische  Zeitung“  mitteilt,  versetzt,
  nachdem  auch  gegen  den  flüchtigen  Schutzmann  Suur  Verdachtsmomente
  wegen  Spionage  ans  Licht  gekommen  waren.

12.  Februar.  (Berlin.)  Krisis  innerhalb  der  nationalliberalen
  Partei.

Eine  Versammlung  nationalliberaler  Vertrauensmänner  beschließt
einen  Aufruf  an  die  Parteifreunde:  „Ernste  Nachrichten  aus  verschiedenen
  Landesteilen  lassen  erkennen,  daß  dort  über  die  Haltung,  die  ein
Teil  unserer  Reichstagsfraktion  bei  der  Präsidentenwahl  eingenommen  hat,
harte  Verstimmung  herrscht  und  daß  zweifellos  mehrfach  die  Gefahr  
übereilter  Entschließungen  vorliegt.  Unter  dem  Ausdruck  unseres  vollen  
Verstandnisses  für  jene  Verstimmung  mochten  wir  die  dringende  Mahnung  an
alle  unsere  engeren  Freunde  richten,  gerade  im  gegenwärtigen  Augenblicke
unter  allen  Umständen  bei  der  alten  Fahne  zu  bleiben.  Nur  wenn
alle treuen  Verfechter  der  bedingungslos  nationalen  ruhmvollen  Ueberlieferungen
unnserer  Partei  geschlossen  in  der  Partei  ausharren,  können  wir  über
jetzige  Krisis  hinweg  zu  einer  Gesundung  auch  der  Verhältnisse  im  
Reichstage  zurückgelangen

12.  Februar.  (Reichstag.)  Austritt  des  zweiten  Vizepräsidenten
  aus  dem  Präsidium.

Die  nationalliberale  Reichstagsfraktion  erklärt,  daß  infolge  des  Ausscheidens
  Dr.  Spahns  die  Partei  außerstande  sei,  sich  an    diesem  Präsidium
weiterhin  zu  beteiligen.  Darum  hat  Prinz  Schönaich-Corolath  abgelehnt,
für  den  freigewordenen  Posten  des  ersten  Präsidenten  zu  kandidieren,  und
die  Fraktion  hat  Herrn  Dr.  Paasche  ersucht,  das  Amt  des  zweiten  Vize.
präsidenten  niederzulegen.

13.  Februar.  (Preußen.)  Bekanntgabe  eines  Ministerialerlasses
  über  die  kommunalen  Anleihen.

Die  Minister  des  Innern  und  der  Finanzen  übermitteln  durch  die
Oberpräsidenten  den  Städten  mit  mehr  als  10000  Einwohnern  die  Mahnung,
mehr  als  bisher  sich  die  Vermeidung  einer  Vermehrung  und  die  
Verminderung  der  bestehenden  kommunalen  Schuldenlast  angelegen  sein  zu  lassen.

13.  Febrnar.  (Reichstag.)  Der  Ruck  nach  links.

Visepräsident  Scheidemann  verliest  einen  Brief  des  Abg.  Dr.  Spahn:

"Dem  Reichstagspräsidium  teile  ich  ergebenst  mit.  daß  ich  das  Amt des .  
Präsidenten  des  Reichstages  hiermit  niederlege.  Dr.  Spahn.“  Darauf  wird  auf
Antrag  der  Abgg.  Bassermann  und  Dr.  Gröber  Vertagung  und  Ansehung
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  13.  14.)  27

Der  Präsidentenwahl  auf  die  Tagesordnung  der  nächsten  Sitzung  einstimmig
beschlossen.

Die  Fortschrittliche    Volkspartei  bringt  einen  Antrag  auf  Einführung
  der  Verhältniswahl  und  eine  diesem  Wahlverfahren  entsprechende
Gestaltung  der  Wahlkreise ein.

Mitte  Februar.  Viehschlachtungen  in  Preußen  im  Jahre  1911.

Sie  wollen  einen  starken  Rückgang  der  Schlachtungen  von  Rindvieh,

Kälbern  und  Schafen  auf,  während  die  von  Schweinen  gestiegen  ist.
Es  wurden  geschlachtet:

Rindvieh   Kälber  Schafe  Schweine
1911  2103126  Stück  2426447  Stück  1508733  Stück  14270871  Stück
1910  2233308        „     2496205      „      1628238     „       12604228       " 
1909  2338128        „     2724234                1658215              11934201

Die  Zahl  der  geschlachteten  Pferde  und  Ziegen  ist  dem  Durchschnitt
  der  Vorjahre  geblieben.

13.  Februar.  (München)  Das  Deutsche  Museum  erhält
1600  Porträts  der  berühmtesten  Botaniker  aller  Zeiten  als  Geschenk
des  Geheimrats  Prof.  Dr.  Kraus  in  Würzburg.

13.  Februar.  (Bayern.)  Aus  dem  Aufruf  der  Fortschrittlichen
  Volkspartei.

Begrüßenswert  erscheint  uns  der  Uebergang  zum  parlamentarischen
Regime,  für  das  sich  die  Krone  klar  und  deutlich  entschieden    hat.  Wir
begrüßen  auch  die  Schaffung  einer  klaren  politischen  Situation,   die  der  Partei, 
welche  die  Mehrheit  des  Landtags,  wenn  auch  zu  Unrecht,  so  doch  tatsächlich
  noch  besitzt,  die  volle  Staatsrechtliche  Verantwortung,  für  „ihr  Ministerium"
auferlegt,  an  dessen  klerikalem  politischen  Charakter  die  dekorative  Beiziehung
  einiger  sogenannten  „Geschäftsminister“  nicht  das  mindeste  ändert.

Freunde!  Seit  dem  Abgange  des  berüchtigten  Ministeriums  Abel  ist  (noch
dazu    nach  einer  harten  Schlappe  dieser  „Regierungspartei“)  dem  Kleritalismus
  zum  erstenmal  offiziell  die  Regierung  über  das  Land  Bauern  
übertragen:  ein  freies  Feld  erleichtert  uns  den  Kampf,  der  jetzt  mehr  als  je
das  ganze  antiultramontane  Volk  zu  vereinter  Arbeit  aufruft.  Jetzt  gilt`s,
die  brennende  Scham,  im  neuen  Deutschen  Reiche  zum  erstenmal  ein  
offizielles  ultramontanes  Regiment  zu  benutzen,  in  fruchtbringende  Kampfarbeit
zu übersetzen.  Auf  zum  Kampfe  für  Staatshoheit  und  Gewissensfreiheit

—  gegen  das  System  der  Intoleranz,  der  Konfessionstrennung  und  
mitterallerlicher  Knebelung  des  kulturellen  Fortschritts!

14.  Februar.  (Reichstag.)  Präsidentenwahlen.  Beginn  der
ersten  Beratung  des  Etats.  Die  Entwicklung  der  Reichsfinanzen
seit  1872.

Auf  Vorschlag  des  1.  Vizepräsidenten  Scheidemann  wird  widersruchslos
  genehmigt,  daß  nach  der  Wahl  des  Prasidenten  auch  die  Wahl  des
2.  Vizepräsidenten  infolge  der  Rücktrittserklärung  des  Abg.  Dr.  Paasche  
vorgenommen  wird.  Bei  der  Wahl  des  Prasidenten  werden  374  Stimm-.
zettel  abgegeben:  von  den  gültigen  201  —  lauten  193  auf  den
Abg.  Kaempf  (Forlichr.  Vp.).  Dieser  ist  somit  gewählt  und  erklärt  auf  die  Frage
des  amtierenden  Vizepräsidenten  Scheidemann:  „Ich  fühle  mich  verpflichtet, 
die  Wahl  anzunehmen.“  (Beifall.)  Er  übernimmt  das  Prasidium  und  leitet
nunmehr  die  folgende  Wahl  des  zweiten  Vizeprasidenten.  Dabei  werden  371
Stimmzettel  abgegeben,  von  denen  194  auf  den  Abg.  Dove  (Forisch.  Vv.)
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        28  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  14.)

lauten,  165  weiß  bleiben,  14  slch  auf  8  andere  Abgeordnete  zersplittern.
Abg.  Dove  nimmt  die  Wahl an.
Staatssekretär  Wermuth:  Beim  Beginn  der  Legislaturperiode.  ist
es  vielleicht  nützlich,  einen  Blick  auf  den  Weg  zu  werfen,  den  das  deutsche
Finanzwesen  bisher  zurückgelegt  hat.  Er  war  am  Anfang  eben,  nachher
ist  er  erheblich  steiler  geworden.  Das  Reich  hatte  1872  einen  Ausgabeetat
von  450  Millionen;  davon  entfielen  drei  Fünftel  auf  das  Heer,  ein  Achtzehntel
  auf  die  Marine    85  Millionen  beanspruchte  die  Post,  18  die  Reichseisenbahn,
  der  auswärtige  Dienst  erforderte  4,  das  damalige  Reichskanzleramt,
  der  ganze  gegenwärtige  Bereich  der  inneren  Reichsverwaltung  nur
2  Millionen.  Auf  der  Einnahmeseite  lieferte  die  Post  einen  Ueberschuß
von  5,  die  Eisenbahn  einen  solchen  von  9  Millionen,  Zölle  und  Steuern
ergaben    zusammen  91  Millionen,  aus  der  französischen  Kriegskostenentschädigung
  flossen  dem  Etat  45  Millionen  zu.  Die  Matrikularbeiträge
beliefen  sich  auf  ungefähr  ein  Fünftel  der  Roh-  und  etwa  ein  Viertel  der
Reineinfuhr.  Eine  Anleihe  hatte  der  Etat  von  1872  nicht,  vielmehr  setzte
er  noch  10½  Millionen  aus  zur  Tilgung  einer  früher  aufgenommenen
Anleihe.  Der  Etat,  den  ich  Ihnen  jetzt  vorzulegen  die  Ehre  habe,  schließt,
abgesehen  von  den  Ueberweisungen  und  den  durch  sie  gedeckten  Matrikularbeiträgen
  im  Betrage  von  183  Millionen,  ob  mit  einer  Gesamtausgabe
von  2819  Millionen.  Davon  entfallen  auf  die  fortdauernden  ordentlichen
Ausgaben  2275,  auf  die  ordentlichen,  einmaligen  Ausgaben  410,  auf  die
außerordentlichen  einmaligen  Ausgaben  134  Millionen  Mark.  Die  effektive
Anleihe  beläuft  sich  auf  44  Mlllionen  Mark.  Von  der  Schuldentilgung
abgesehen,  entfällt  von  der  Gesamtsumme  auf  das  Heer  ein  kleines  Drittel,
875  Millionen  Mark,  auf  die  Marine  450  Millionen,  also  etwa  ein  Sechstel,
auf  die  Post  714,  die  Eisenbahnen  124  Millionen    wieder  ein  kleines
Drittel;  dann  folgt  das  Reichsamt  des  Innern  mit  142,  das  Auswärtige
mit  90,  die  Schutzgebiete  mit  33,  die  kleinen  Verwaltungen  mil  32  Millionen
  schließlich  augurieren  die  Pensionsetats  mit  184,  die  Schuldenzinsen mit
185  Millionen  Mark.  Weitaus  an  der  Spitze  der  Einnahmen  stehen
die  Zölle  und  Steuern  mit  1594  Millionen:  die  Post  hat  eine  Gesamteinnahme
  von  781  Millionen  und  einen  Ueberschuß  von  67  oder  89  Millionen,
nachdem  man  die  Anleihe  mitrechnet  oder  nicht;  bei  den  Eisenbahnen
sind  dieselben  Zifiern  139  und  14  bezw.  24,  die  kleineren    Verwaltungseinnahmen
  sind,  110  Millionen,  die  Matrikularbeiträge  270  Millionen.
Danach zeigt der  Anfangs-    und  der  bisherige  Endpunkt  unserer  deutschen
Finanzwirtschaft      Unterschiede,  wie  sie  nur  bei  einem  jugendlich  ansstrebenden
Gemeinwesen  vorkommen  können.  Darauf  eingewirkt  hat  nicht  nur  die
Fülle  der  neuen  Ausgaben.  welche  mit  Aufwendungen  verbunden  sind,  wie
die  sozialpolitische  Fürsorge,  die  Schutzgebiete  usw.,  nicht  nur  der  Umstand,
  daß  wir  uns  in  diesen  40  Jahren  eine  Flotte  völlig  neu  geschaffen
haben,  in  hohem  Maße  wirkt  hier  mit  der  unerhörte  Aufschwung,  den  wir,
und  nicht  nur  wir  allein,  während  des  letzten  Menschenalters  genommen
haben.  Die  Ausgaben  des  Reiches  überscheiten  1887  die  erste  Milliarde.
Von  1877  ab  trat  eine  Periode  kleiner  Anleihen  ein,  von  1887  bis  1894
eine  Periode  sehr  beträchtlicher  Anleihen,  und  bereite  gegen  Ende  des  
Jahrhunderts  war  die  Gesamtschuld  über  2  Milliarden.  Dann  aber  begann
die  einzigartige  Aufwärtsbewegung  der  Anleihen.  Von  1900  bis  1909    haben
wir  nicht  weniger  als  2700  Millionen  Anleihe  angenommen  (hört,  hört!):
den  eigentlichen  Misststand  aber  sieht  man  vor  allem  in  den  Zwecken,  welchen
diese  Anleihen  gedient  haben.  Von  den  gesamten  von  1900  bis  1909  
aufgenommenen  Anleihebeträgen  entfallen  nur  14  Prozent  auf  werbende  
Ausgaben  „Hört,  hört  ,  die  übrigen  86  Prozen  sind  ein  mehr  oder  weniger
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  14.)  29

verhüllter  Zuschuß  des  außerordentlichen    Etats  zum  ordentlichen  Etat.  Ein
Teil  dabei  trägt  direkt  den  Charakter    der  Defizitanleihe.  Hier  sieht  man
deutlich  den  in  unserer  Entwicklung  gemachten  Fehler,   der  noch  klarer
hervortritt,  wenn  man  die  Finanzen  der  Bundesstaaten  heranzieht.  In
den  Bundestaaten  ist  das  Rückgrat  der  Einnahmen  in  den  Anlagen  zu
finden,  die  nicht  nur  sich  selbst  verzinsen,  sondern  auch  noch  dem  allgemeinen
  Haushalt  Zubußen,  zuführen.  Weitaus  an  der  Spitze  stehen  die
Eisenbahnen,  auf  die  z.  B.  in  Preußen    78  Prozent  der  gesamten  Staatsschuld
  entfallen,  in  Bayern  85  Prozent,  in  Sachsen  83  Prozent,  in  Württemberg
  96  Prozent,  in  Baden    100  Prozent,  in  Hessen  82  Prozent,  in  Mecklenburg
  69  Prozent  und  in  Oldenburg  88  Prozent.  Ganze  anders  im  Reich.
Hier  bilden  das  Haupteinnahmerückgrat  die  Zölle    und  Steuern  mit  1600
Millionen,  wogegen  die  Ueberschüsse  der  Betriebsverwaliungen,  auch  der
jenigen  der  Post,  ganz  erheblich  in  den  Hintergrund  treten.  Im  Reich
kann  sich  deshalb  ein   Anleihewesen   wie  in  den  Bundesstaaten  gar  nicht
entwickeln.  Unser  Irrtum  war  aber,  daß  wir  annahmen,  bei  jeder  sich
bietenden  Ge-  und  Verlegenheit  in  demselben    Maße  wie  in  den  Bundesstaaten
  Anleihen  machen  zu  können.  Die  gesamten  Reichs-  und  Staatsschulden
  betrugen  Anfang  1910:  19,3  Milliarden,  davon  nichtwerbender
Natur  7  bis  8    Milliarden  und  hiervon  wiederum  entfallen  auf  das  Reich
4500  Millionen.  Diese  Entwicklung  mußte  zu  Schwierigkeiten  führen:
nicht  ungestraft  verletzt  man  die  Gesetze  der  Volkswirtschaft.  Eine  
Uebersicht    darüber,  was  die  Bundesstaaten  in  diesem  40jährigen  Zeitraum
dem Reich  an  Matrikularbeiträgen  bar  bezahlt  haben,  und  was  sie  an    
Überweisungen  herauserhalten  haben,  ist  das  Bunteste,  was  die  Finanzgeschichte
des Reiches  aufzuweisen  hat.  In  der    ersten  Zeit,  bis  1879,  bewegten  sich
die  Matrikularbeiträge  der  Bundesstaaten  auf  der  Durchschnittshöhe  von
64  Millionen,  ein  an  sich  nicht  niedriger  und  im  Verhältnis  zu  den  damaligen
  Gesamtausgaben  des  Reiches  hoher  Betrag.  Dann  änderte  sich
das  Bild  infolge  der  Zolltarifgesezgebung  von  1879,  infolge  deren  der
Betrag  der  Matrikularbeiträge  herabsank.  Von  1883  ab  traten  Mehrüberweisungen,
  ein,  die  von  1880  bis  1900  mit  140  Millionen  ihren  Höhepunkt
hatten.  Leicht  muß  der  damaligen  Finanzverwaltung  diese  Auszahlung
nicht  gefallen  sein  (Heiterkeit),  und  zwar  besonders  deshalb,  weil  gerade
sie  in  den  Jahren    1887  bis  1889  eine  Gesamtanleihe  von  640  Minionen
anlegen  mußte.  Das kennzeichnet  überhaupt  die  ganze  Periode.
In der Zeit  von  1883  bis  1893  haben  die  Bundesstaaten  an  Ueberweisungen  von
dem  Reich  erhalten  612  Millionen,  während  gleichzeitig  das  Reich  eine
Anleihe  von  1915  Millionen  kontrahierte  Hört!  hört),  nicht  zu  bedenken
der  Fehlbeträge,  mit  denen  die  betreffenden  Etats  abschlossen.  Von  1898
ab  suchte  man  mit  der  sogenannten  Spannungstheorie  zu  erzielen,  daß  im
Verlauf  der  Jahre  die  Matrikularbeiträge  und  Ueberweisungen  sich  ausgleichen.
  Dann  bildeten  sich  allmählich  bestimmt  bemessene  Matrikularbeiträge.
  Es  war  aber  zunächst  den  Bundesstaaten  unmöglich,  mehr  als
40 Pfennig  pro“  Kopf  zu  zahlen,  und  man  versuchte  mit  diesen  Beträgen
so gut es ging  auszukommen.  Daraus  entstand  das  System  der  gestundeten
Matrikularbeiträge.  Es  war  dies  eine  Zeit  der  größten  Unsicherheit  für
das Reich und   brachte  auch  den  Bundesstaaten  keineswegs  die  von  ihnen
gewünschte    Sicherheit.  Die  Matrikularbeiträge  waren  also  eine  Quelle
steter  Unsicherheit  für  die  Finanzen  des  Reichs  und  der  Bundesstaaten,  und
viele  großen  Ueberweisungen  haben  auch  keineswegs  den  Bundesstaaten
notwendig  zum  Heile  gereicht.  Seit  1909  trat  ein  zwar  nicht  auf  Gesetz
beruhender  Beharrungszustand    des  Zuhalts  ein,  80  Pfennig  Matrikularbeiträge
  pro  Kopf  der  Bevölkerung  in  Ansatz  zu  bringen.  Infolgedessen
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        30  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  14.)

haben  die  Finanzen  des  Reiches  und  der  Bundesstaaten  eine  Sicherheit
gewonnen,  welche  ihnen  bisher  vollkommen  abging.  Soll  aber  der  Erfolg
  der  Wiedergesundung  uns  erhalten  bleiben,  so  müssen  wir  auch
weiter  die  Mittel  anwenden,  mit  denen  wir  so  weit  gekommen  sind.  
Entsteht  ein  neuer  zwingender  Mehrbedarf,  so  darf  das  nicht  der  Anlaß
sein,  diese  Grundsätze  wieder  über  Bord  zu  werfen  und  den  alten  Spruch:
„Keine  Ausgabe  ohne  Deckung“,  was  doch  wohl  heißen  soll  „ohne  Gelddeckung",
  in  den  Wahlspruch  zu  verwandeln:  „Keine  Ausgabe  ohne  Papierdeckung,
  ohne  Briefdeckung.  Wenn  das  Wohl  des    Vaterlandes  ein  Opfer
erheischt,  so  muß  es  gebracht  werden.  Die  Finanzen  sind  auch  ein  Teil
der  Wehrtüchtigkeit  des  Reiches,  auch  sie  müssen  gut  einexerziert  sein,  auch
sie  müssen  vor  dem  In-  und  Auslande  untadelhaft  dastehen,  auch  sie  dürfen
nicht  einmal  aus  Mißverständnis  als  morsch  und  gebrechlich  erscheinen.
Verdienen  sie  Vertrauen  und  wird  es  ihnen  zuteil,  dann  dienen  sie  dem
Ansehen  Deutschlands  und  damit  der  gedeihlichen  Entwicklung  unseres
gesamten  Staatslebens  (Beifall.)

14.  Februar.  (Bayern.)  Die  amtlichen  Ziffern  über  die
:Landtagswahl

Wahlberechtigt  waren  1187127  Personen.  Abgegeben  wurden  im  ganzen
969325    Stimmen  (gleich  81,7  Prozent  der  Wähler,  davon  waren  ungültig
4649  Stimmen,  gleich  0,48  Prozent).  Das  Zentrum,  der  Bund  der  Landwirte
  und  die  Konservativen  erhielten  463631    Stimmen  (gleich  48  Prozent
der  gültigen  Stimmen),  die  Liberalen,  der  deutsche  und  der  bayerische  Bauernbund
  und  die  Sozialdemokraten    erhielten  489746    Stimmen  (gleich  50,8  
Prozent),  ferner  waren  11299  Stimmen  (gleich  1,2  Prozent)  zersplittert.

14.  Februar.  (Bayern)  Kriegsminister  Graf  v.  Horn  nimmt
seine  Entlassung  und  wird  durch  den  kommandierenden  General
des  3.  Armeekorps  Frhrn.  Kreß  von  Kreisenstein  ersetzt.

14.  Februar.  (Berlin.)  Besprechung  der  „Geld-  und  Kreditverhältnisse
  unserer  Kolonien“  im  Deutschen  Landwirtschaftsrat.

Prof. Dr. Rathgen-Hamburg:  Die  Reichsmark  ist  in  unseren
Schutzgebieten  das  eigentliche  Zahlmittel  geworden,  Silbergeld  in  unbeichränkter
  Menge  wird  in  Zahlung  genommen.  17  bis  18  Millionen
Mark  Silber  laufen  in  unseren  Schutzgebieten  um  und  den  Vorteil  davon
hat  das  Reich.  Etwas  anders  liegen  die  Verhältnisse  in  Ostafrika.  Hier
herrschte  früher  die  indische  Rupie,  dann  erhielt  die  Ostafrikanische  Gesellschaft
  das  Recht,  Rupien  zu  prägen,  die  genau  der  indischen  Rupie  entsprachen.
  Es  traten  dabei  aber  ganz  eigenartige  Verhältnisse  ein,  die  Ostafrikanische
  Gesellschaft  war  eigentlich  nicht  gezwungen,  diese  Rupien  in    Zahlung
zu  nehmen.  Die  Rupien  waren  gewissermaßen  in  der  Luft.  Solange
die  indische  Rupie  tatiächlich  —  wenn  auch  durch  eine  nichtenglische  Gesellschaft
  geprägt  —  Zahlungsmittel  war,  neigte  der  ostafrikanische  Handel
allzusehr  nach  Sansibar.  Die  Ostafrikanische  Gesellschaft  verzichtete  zugunsten
des  ostafrikanischen  Fiskus  auf  ihr  Prägungerecht.  Dieser  verdient  jährlich
dabei  zwei  Millionen  Mark.  Gleichzeitig  hat  man  die  deutsche  Rupie  von
der  englischen  Rupie  losgelöst,  indem  man  jener  einen  etwas  geringeren
Wert  gab.  Während  fünfzehn  deutsche  Rupien  auf  ein  Zwanzigmarkstück
geben,  entsprechen  fünfzehn  englische  Rupien  einem  Pfund  Sterling.  Dieser
kleine  Unterschied  genügte,  um  das    wirtschaftliche  Hinneigen  Ostafrikas  nach
Sansibar  zu  mindern.  Daneben  gibt  es  in  Ostafrika  die  Ostafrikanische
Bank,  die  Noten  ausgibt,  —  die  Handelsbank,  die  eine  rein  kauf-
        <pb n="41" />
        Das  Deutsche  Reich  and  seine  einzelnen  Glieder.  Februar  14.)  31

männische  Bank  ist  und  Kredit  gewährt.  Die  deutschen  Schutzgebiete  sind
also  eine  Erweiterung  des  Umlaufgebiets  für  die  ausgedehnte  deutsche
  Scheidemünzprägung  und  für  deutsche  Banknoten,  während  ein  Goldumlauf
für  sie  nicht  erforderlich  ist.  Selbstverständlich  herrscht  in  solch  Neuländern
bei  der  Kapitalarmut  und  dem  großen  Kreditbedürfnis  ein  beträchtlicher
Zinsfuß.  Das  Kreditbedürfnis  wurde  anfänglich  von  den  großen  kaufmännischen
  Unternehmungen  befriedigt.  Verhältnismäßig  spät,  erst  1905,06, 
hat  für  die  afrikanischen  Schutzgebiete  dieser  kaufmännische  Kredit  eine  bankmäßige
  Organisation  erhalten  (Westafrikanische,  Ostafrikanische,  Deutschafrikanische
  Bank).  Darüber  hinaus  ist  in  den  Gebieten  dichterer  weißer
Besiedlung  in  Deutsch-  Südwestafrika.  und  den  Besatzungsgebieten  Ostafrikas
das  Bedürfnis  nach  einer  Organisation  des  Kredits  für  den  städtischen
Grundbesitz  und  für  den  Kapitalbedarf  der  Ansiedler  entstanden.  Kann
für  jenen  auf  dem  Wege  privater,  wenn  auch  unter  Staatsaufsicht  gesorgt
werden,  versagt  dieser  Weg  bei  der  Unfertigkeit  der  Verhältnisse  für  den
Pilanzer  und  Viehzüchter,  der  zu  wenig  Sicherheit  zu  bieten  hat.  Der
Ansiedler  ist  auf  den  Weg  des  Personalkredits  verwiesen,  für  den  
genossenschaftliche  Formen  zu  finden  sind.  Diesen  Genossenschaften  sollte  der  Staat
einen  verzinslich  zu  gewährenden  Rückhalt  geben.  Vor  allem  sollte  er  mit
seinem  Kredit  die  den  Bodenwert  steigernde  Melioration  fördern.  Zum
Schluß  empfiehlt  der  Berichterstatter  die  Annahme  folgenden  Antrages:

Der  Deutsche  Landwirtschaftsrat  hält  die  Organisation  des  landwirtschaftlichen
  Kredits  für  Deutsch-  Südwestafrika  für  notwendig  und  dringlich.
Fur  den  kommunalen  und  städtischen  Grundkredit  steht  die  Gründung  eines
Pfandbriefinstitutes  unter  staatlicher  Aufsicht  unmittelbar  bevor.  Auch  für
den  ländlichen  Besitz  ist  eine  gleichartige  Anstalt  anzustreben.  Das  Genossenschaftswesen
  mit  staatlicher  Unterstützung  ist  für  den  Personalkredit
—  eventuell  unter  Ausgestaltung  des  Viehkredits  —  weiter  zu  pflegen  und
zu  fördern,  kann  aber  allein  dem  Kreditbedürfnis  des  Ansiedlers  nicht  genügen.
  Außerdem  ist  mit  staatlicher  Hilfe  ein  Meliorationskreditinstitut
für  einzelne  Farmer  wie  für  Meliorationsgenossenschaften  —  letztere  eventuell
auch  mit  Zwangsbeitritt  —  zu  schaffen.  2.  Auch  für  Ostafrika  und  für
die  deutsche  Südsee  ist  eine  den  dortigen  Verhältnissen  entsprechende  landwirtschaftliche
  Kreditorganisation  anzustreben."

In der Diskussion  beantragt  Major  a.  D.  v.  Busse-Halle,  daß

das  Reichskolonialamt  zur  Gründung  einer    Genossenschaft  der  Farmer  in
Ostafrika  10000  Mark  beitrage  und  einen  genossenschaftlich  geschulten  Beamten
nach  Tanga  schicke.  Staatssekretär  des  Kolonialamts  Dr.  Solf:  Das  Geschick
der  südwestafrikanischen  Pflanzer  liegt  uns  sehr  am  Herzen.  Durch  Wassermangel,
  Viehseuchen,  ungünstiges  Klima  haben  sie  sehr  zu  leiden  gehabt.
Sie  haben  —  das  erkennt  die  Regierung  an  —  sich  schwer  durcharbeiten
müssen;  es  ist  nicht  zu  verwundern,  wenn  da  mancher  nicht  auf  einen  grünen
Zweig  gekommen  ist.  Die  Lage  dieser  Pflanzer  ist  sehr  ernst.  Wie  kann
man  ihnen  helfen?  Durch  Aufbesserung  des  Krreditbedürfnisses.  Das

 

 

ist  freilich  ein  schwieriges  Problem,  dessen  Lösung  noch  nicht  ganz  ge-  ·
funden  ist.  Aber  unzweifelhaft    ist,  daß  diesen  Farmern  dringende  Hilfe
nottut:  ebenso  unzweifelhaft,    daß  das  Privatkapital  nicht  geneigt  ist,  den
Farmern  die  Hilfe  zu  bringen.  Einen  Bodenkredit    wird  —  das  geht  aus  dem
Prokokoll  des  kolonialwirtschaftlichen  Komitees,  das  unserer  Verwaltung  
angegliedert  ist,  hervor --  das  Privatkapikal  kaum  gewähren,  da  die
Kapitalbelastung  schon  bis    50  v.  H.  vorgeschritten  ist.  Ein  mobiler
Kredit  wird  auch  kaum  zu  erreichen  sein:  er    würde    auf  die  Viehherden
  nur  gewährt  werden,  wenn  diese  versichert wären,   aber  dazu  sind

zu
die  Prämien  viel  zu  hoch.  Es  bleibt  also  nur  der  Personalkredit  übrig.
        <pb n="42" />
        32  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  14.  15.)

Die  verichiedenen  Kredite  auseinanderzuhalten  mag  für  die  Heimat  ganz
angebracht  sein;  will  man  Genossenschaften  in  den  Kolonien  gründen,  so
ist  ein  Auseinanderhalten  solcher  Kredite  für  die  erste  Zeit  nicht  angängig.
Da  Hilfe  dringend  nottut,  so  muß  die  Regierung,  der  Staat  einspringen.
Eine  Vorlage,  zugunsten  der  Farmer  in  Südwest  Gelder  flüssig  zu  machen,
vielleicht  in  Form  einer  Anleihe,  soll  demnächst  an  den  Reichstag  gehen.
Aber  die  Verwendung  der  Gelder    soll  nicht  in  Berlin  bestimmt  werden,
sondern  die  Interessenten  sollen  in  Gemeinschaft  mit  dem  Gonverneur  in
Windhuk  darüber  bestimmen.  Ich  fürchte,  daß  wir  die  Gelder  à  fonds
porda  geben.  Nun  zu  Deutsch -  Ostafrika.  Wenn  man  Herrn  v.  Rechenberg  
vorwirft,  er  stand  den  Wünschen  der  Farmer  kühl  gegenüber,  so  vergißt  man,
daß  er  es  nur  aus  grundsätzlichen  Bedenken  gegen  die  Tätigkeit  von  
Kleinsiedungen  in  Tropen  war,  nicht  aber  aus  Uebelwollen  gegen  die  Landwirtschaft.
  Ich  habe  den  Gonverneur  angewiesen,  15000—20000  Mark  aus
den  Selbitverwaltungsfonds  für  das  Genossenschaftswesen  flüssig  zu  machen.
Sollte  das  Geld  dort  nicht  zu  haben  sein,  so  will  ich  es    nötigenfalls    in  der
Budgetkomission  fordern.  Die  Entwicklung  der  Landwirtschaft    in  unseren
Schutzgebieten  liegt  der  Kolonialverwaltung  am Herzen.
Der Antrag  des  Berichterstallers  sowie  des  Majors  v.  Busse  werden
angenommen.
14.  Februarar.  (Sachsen-Koburg--Gotha.)  Das  Staatsministerium
  erklärt  sich  für  die  Einführung  des  geheimen  und  direkten
  Wahlrechts  unter  gleichzeitiger  zeitgemäßer  Einteilung  der
Wahlkreise.
15.  Februar.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Beratung
des  Etats.  Erklärung  des  Reichskanzlers
Abg. Dr. Front  (Sd.):  Wie  das  Präsidium  zusammengeint  ist,  ist
eine  Frage  der  Zweckmäßigkeit.  Unter  normalen  Verhältnissen  müßte  es
mit  Freude  begrüßt  werden,  wenn  eine  grosse  Fraktion  sich  bereit  erklärt,
bei  der  glatten  Erledigung  der  Geschäfte  mitzuwirken.  Im  Kaiserreich  hat
man  vor  einer  Reihe  von  Jahren  ausdrücklich  eine  neue  Geichaftsstelle  im
Präsidium  geschaffen,  damit  die  Sozialdemokratie  einen  Platz  bekommen
sollte.  Unser  Bernerstoriier,  der  dort  gewählt  wurde,  hat  über  das  Haus
Habsburg  viel  schärfer  geurteilt,  als  über  die  Hohenzollern  von  der  freikonservativen
  „Post“  geurteilt  worden  ist.  (Grosse  Heilerleit  und  sehr  richtig!)  
Ich  sehe  davon  ab,  mich  weiter  an  die  Konservativen  zu  wenden.  Ich  richte
aber  an  alle  übrigen  Fraktionen  des  Hauses  die  ehrliche  Bitte,  mitzuwirken
an  unseren  Vorschlägen.  Wenn  ich  Ihnen  unsere  Anträge  begründe,  weise
ich  zunächst  auf  diesen  Mittelweg  hin.  der  die  Parteien  in  zwei  Teile  teilt.
Hier  links  außen  die  Vertreter  von  7,5  Millionen  Stimmen,  da  drüben  rechts
und  im  Zemrum  die  Vertretung  von  4,5  Millionen  Wählern.  Herr
Herr Graf Oppendorff  ist  in  Fraustadt  gewähll  worden  mit  6700  Stimmen,  unser
Parteifreund  Zuteil  in  Charloltenburg  mit  163100  Stimmen.  Nun  glaube
ich,  und  das  wird  mir  das  Zentrum  bestätigen,  daß  die  Wähler  in  
Fraustadt  sehr  kluge  Wähler  sind.  Aber  so  viel  mal  klüger  wie  die  Charlottenburger
  sind  sie  doch  nicht.  (Große  Heiterkeit“).  Die  Liberalen  haben  trotz
ihrer  drei  Millionen  „Stimmnen  im  ersten  Wahlgang  nicht  mehr  als  vier
Mandate  errungen.  Das  ist  doch  ein  unglaublicher  Zustand,  und  hier  muß
Wandel  geschaffen  werden,  entweder  durch  das  Proportionalwahlsystem  oder
durch  eine  neue  Einteilung  der  Wahllkeise.  Unhaltbar  ist  die  Bevorzugung
gewisser  Klassen  im  Heer  und  Beamtentum.  Hier  wollen  wir  Wandel  schaffen
        <pb n="43" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  15.)  33

und  wir  wollen  dabei  das Bürgertum  unterstützen.  Der Reichstag   ist  auch nicht  machtlos.  Er braucht  nur  sein  Budgetrecht  anzuwenden,  und  diese  Anwendung   wollen  wir  erleichtern  durch  die  Reform  der Geschäftsordung  und  den  Ausbau  der  Gesetzgebung  über  die  Verantwortlichkeit  des Reichtkanzlers.  Gleich  wichtig  sind  unsere  Forderungen  auf  wirtschaftlichem  Gebiet.  Der  Kampf   gegen die Lebensmittelsteuerung  wird  nicht   erlahmen.  Jetzt müssen  wir  aber  vor allem Notstandsaktionen  einleiten.  Es darf  der Kartoffelzoll  jetzt  nicht eingeführt  werden.  Das würde nach  den  Zahlen  von  Bevölkerung  als   Lohn  einbringen werden. Weiterverlangen wir  eine  Beseitigung der Futtermittelzölle.                                          Abg.  Sped  ( 3.): Die Thronrede  kündigt Gesetzentwürfe  für Heer  und  Marine  an.  Das wirft  überraschend,  nachdem  man  erst  im  vorigen   Jahre erklärt  hat,  daß man  sich  in  absichbarer  Zeit mit  einer  Heeresvermehrung  und einer  Aenderung   des  Flottenprogramms  nicht beschäftigen  werde.  Ueber die Ordungsfrage   hüllt  sich  die Regierung  im Dunkel.  Es   sieht  aber  nach  der Thronrede  und  nach  den  gestrigen Erklärungen  des  Schatzsekretärs  fast   so  aus,  als  ob man  ohne  neue  Steuern  auf  dem   Wege  einer  anderen   Einnahneschätzung  die  Deckung  beschaffen  wolle.  Die   Wiedereinbringung  der  Erbanfallsteuer  im  jetzigen  Augenblick  würde  als  eine  Brüstierung  der  Parteien  betrachtet  werden,  die  das  große  Opfer  gebraucht  haben,  die  Reichsfinanzreform   zustande  zu  bringen.  Lebhafte  zustimmung  im  B,  Gelächter  L.)  Wenn  irgendwo  neue  Steuern  notwendig  sind,  so muß  an  anderen  Stellen   gespart  werden,  und   auch  der  Reichtskanzler  hat  1910  gefordet,  daß  mit  den  gewonnenen  Mitteln  Haus  gehalten  werd.  Jetzt   will  man  die  Notwendigkeit  neuer  Steuern  begreifen.  Aber  die  Regierung  selbst  rechnet ja  mit  erheblichen  Mehreinnahmen  aus  den  jetzigen Steuern. Der  Schatzsekrtär  hat  auch  früher  gesagt,  daß  die Ausgaben  für  den  Nordostseekanal  ,  für Telephonanlagen usw.  nicht sämtlich  auf  das  Ordinarium   gelegt  werden  dürfen.  Heute redet  der  Schatzsekretär  anders,  und  er   kennt   nur  das  Bestreben,  seine  Ueberschüsse  zustehen.  Es  fragt  sich,  ob  es  Widerspruch  mit  gesunden   Finanzgrundsätzen  ist,  wenn  man  die  82  Milliarden  an  das  Extraordinarium  (siehe original), die  der  Schatzsekrätär  im   Etat  auf   das  Ordinarium  verwiesen  hat  Jedenfalls   beseht  kein  Anlaß ,  Ausgaben   für  solche  Anlagen.  die  bereits  im   Bau  waren ,  wie der  Nordostseekanal ,  jetzt  mit  einemmal  in  das  Ordinarium  zu   stellen  .  Auch  in  bezug  auf  die   Schuldentilgung  zeigt  der  Schatzsekretär  einen  übergroßen  Eifer.  Er will   sogar  die  ungebedten  Matrikularbeiträge  aus  den   Jahren  1906  bis  1908   aus  den  laufenden  Mittel  nehmen ,  während  sie  doch  seinerzeit  der allgemeinen  Anleihe  einverleibt  worden  sind.  Man  erkennt  auch  hier  das   Bestreben ,  die Ueberschüsse  des  Etats   verschwinden  zu  lassen.  Rechnet  man  alles  zusammen,  so  ergibt  sich,  Daß  der   Schatzsekretär  mit  einem  Ueberschuss  von  jährlich  130  Millionen  Mark  rechnet.  Unter  diesen  Verhältnissen  muß   es  auch  möglich  sein , die Forderungen  für  die Wehrvorlage  aus den  laufenden   Einnahmen  zu  bestreiten  . Reichsschatzsekretär  Wermuth  :  Das ,  was  zu  den  Erwägungen  des   Vorredners   Anlaß  gegeben  hat ,  ist  das  Mehr  an  Einnahmen  im   Jahr  1911.  Wie  steht  es  damit ?  Wir  hatten  1910  jahr  ungünstige  Einnahmen  an  Zöllen  und  Steuern , weil  die  Vorversorung  zu  groß  war.  Im   Anfang  1911  traf  zunächst  zusammen, daß  die ersten Monate in Vergleich   zu  stellen  waren mit  1910  , wo  die  entsprechenden  Monate  sehr  schlecht  waren . So  erschienen  die  ersten  Monate  1911  ungewöhlich gut.  Wir   haben  1911  in  den  ersten  Monaten  ein  Durchschnittliches  Mehr  von  24   Millionen , in  den  folgenden  Monaten  aber   vermindert  sich  das  durchschnittliche  Mehr  gegen  die Monate  des Vorjahres   auf  5,6  Millionen.  Zu  der   Tat  treten  nunmehr  die  neunen  Zölle  und  Steuern  an  die  Grenze  des  

  Europärischer Geschichtskalender   I.111 . 

    
   
  




    
   
   
  
 
 


  




  

  
   
 
      
   
  
      
    
   




            

            
  
  


  
  
  
  
  
  
  
  


  
  
  
  
  
  
  I
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        34  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  15.)

harrungszustandes.  Wir  haben  also  1911  einen  sehr  beträchtlichen  Ueberschuß.
  Wenn  wir  1912  weniger  günstig  abschließen,  so  würde  die  Schuldentilgung
  wieder  in  Frage  gestellt.  Die  Konjunkturgewinne  von  1911  gehen
sowieso  verloren  und  die  Ausgaben  wachsen.  Das  Zentrum  will mich zu 
einer  Finanzpolitik  treiben,  wie  sie  einmal  Charles  Dickens  schildert,  wo  ein
Mann  einem  Ziegelarbeiter  fünf  Pfund  zahlen  wollte,  aber  dazu  nicht  kam
und  nun  eine  Vergnügungsreise  nach  London  machte,  die  ihm  vier  Pfund
kostete.  Dann  sagte  er:  Jetzt  habe  ich  noch  ein  Pfund  gespart.  Wir  haben
glücklich  keine  Anleihe  gebraucht,  nun  will  Herr  Spek    rasch  wieder  Anleihen
haben.  Die  günstigen  Verhältnisse  auch  des  gegenwärtigen  Reichshaushalts
zu  benutzen,  sind  wir  gern  bereit.  So  weit  die  Verhälnisse  aber  nicht  gut
sind,  dürfen  wir  in  das  frühere  Vorgehen  nicht  wieder  verfallen.

Abg. Graf Bestarp  (K.):  Trotz  der  Finanzreform  haben  wir  einen
großen  Aufschwung  erlebt.  Nur  eine  Erschütterung  des  politischen  Lebens
und  eine  Parteizersplitterung  ist  eingetreten.  Der  Grund  war  nicht  eine
Steuerablehnung.  Wäre  die  Erbschaftsteuer  angenommen  worden,  dann  

wäre die Finanzreform noch viel unpopulärer geworden, als sie jetzt ist.  Die Größe der  Steuerlast  war  es,  die  die  Unruhe  brachte.  Zu  den  Ausführungen
die  Herrn  Frank  über  die  Präsidentenwahl  habe  ich  zu  sagen,  der  positiven
Mitarbeit  der  Sozialdemokraten  legen  wir  nichts  in  die  Wege,  wenn  sie
sich  auf  die  Grundlage  der  bürgerlichen  Gesellschaftsordnung  stellen.  Eine
Vertretung  des  Reichstages  glauben  wir  ihnen  aber  nicht  zuerkennen  zu
können.  Wie  die  Dinge  liegen,  und  da  die  Sozialdemokraten  dazu  ohne
unser  Zutun  berufen  worden  sind,  glauben  wir  in  diesem  Präsidium  nicht
vertreten  sein  zu  können.  Auch  der  Reichstag  ist  eine  Iustitution  des
Reiches;  und  einer  Partei,  die  grundsätzlich  Gegner  der  Staats-  und

Gesellschaftsordnung  ist,  können  wir  das  Recht  der  Vertretung  dieses  
Reichstages  nicht  zuerkennen.  (Sehr  richtig"  r.)  Was  die  auswärtige  Lage  
angeht,  so  hege  ich  nicht  die  Hofnung  des  Herrn  Frank,  daß  das  Wachstum
der  Sozialdemokratie  den  Frieden  mit  England  bestärke.  Wir  müssen  uns
stark  und  mächtig  halten  und  unsere  Stellung  und  wirtschaftliche  Kraft  stets
auf  der  Höhe  halten.  Unsere  Flotte  ist  kein  Luxus  und  wir  behalten  uns
vor,  darüber,  was  wir  auf  dem  Gebiet  der  Rüstungen  als  Luxus  oder  als
Notwendigkeit  anzusehen    haben,  uns  unser  eigenes  Urteil  ohne  fremdes
Dreinsprechen  zu  bilden.  Wir  sind  bereit,  an der   Rüstungen  alles  zu  billigen,

wenn  die  Rüstungen  beschlossen  werden.  Den  Kopf  werden  wir  uns  jetzt  
nicht  darũber  zerbrechen,  das  können  wir  später  sehen.  (Ahal!  I.)  Unsere  ablehnende
  Haltung  zur  Erbschaftssteuer  ist  bekannt  und  ist  unverändert  dieselbe.
Reichskanzler  Dr.  v.  Bethmann  Hollweg:  Meine  Herren,  ich  will
mich  jetzt  nicht  zu  den  Fragen  der  inneren  Politik  äußern.  Die  Herren
Dr.  Frank  und  Speck  haben  Bezug  genommen  auf  die  Aeußerungen,  die
der  englische  Premierminister  gestern  im  Unterhause  über  die  wechselseitigen
  Beziehungen  von  England  und  Deutschland  gemacht  hat.
In  Uebereinstimmung  mit  diesen  Aeußerungen  will  ich  meinerseits
folgendes  erklären:  Der  englische  Kriegsminister  Lord  Haldane  hat  bei  seiner
hiesigen  Anwesenheit,  wenn  auch  ohne  Ermächtigung  zu  bindenden  Abmachungen,
  so  doch  im  Auftrage  des  englischen  Kabinetts  die  Punkte,  an
denen  sich  die  Interessen  der  beiden  Länder  berühren,  mit  uns  durchgesprochen, um eine Grundlage für vertrauensvolle Beziehungen herzustellen. (Bravo!) Die Ansprache, die von uns lebhaft begrüßt worden ist, hat in mehrfachen eingehenden und offenen Unterhaltungen stattgefunden und wird fortgesetzt werden. (Bravo!) Ich hoffe, das hohe Haus wird mir darin beipflichten,
        <pb n="45" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  16.)  35

Daß  ich  in  diesem  Stadium  der  Angelegenheit  Weiteres  nicht  erklären  kann.
(Sehr  richtig!)  Ich  habe  aber  nicht  zögern  wollen,  dem  Reichstage  Mitteilung
  zu  machen  von  der  Tatsache  der  Besprechungen  und  von  ihrem  Ziel.
(lebhafter  Beifall.  )
Abg. Dr.  Junck  (Kl.):  Wir  halten  an  dem  Grundsatz  fest:  keine
Ausgaben  ohne  Deckung.  Sollte  es  zu  neuen  großen  Ausgaben  kommen,
so  würde  Ihnen  (rechts)  der  Adler  der  Erbanfallsteuer  nicht  geschenkt  bleiben.
(Unruhe  r.  und  im  3.)  Für  Heer  und  Marine  gibt  es  keine  andere  Steuer
als  eine  direkte  Reichssteuer.  Es  sollte  ein  Ehrenpunkt  der  Besitzenden  sein.
das  Zoll  nicht  mit  indirekten  Steuern  für  slolche  Zwecke  zu  belasten.  
Zuruf  im  3.:  Börsensteuer)  Hierbei  möchle  ich  auf  meinen  Lieblingsgedanken
einer  Reichsbesteuerung  der  entfernteren  Verwandten  zurückkommen.  Wie
oft  komme  es  vor,  daß  man  förmlich  nach  Erben    sucht.  Derartige  Erbschaften
  müßten  an  das  „gemeine  Wesen“,  wie  man  sagt,  zurückfallen.  Was
die  angekündigten  Forderungen  für  Heer  und  Marine  anlangt,  so  liegt  es
uns  fern,  mit  übertriebenem  Chauvinismus  die  Einbringung  dieser  Vorlagen
  zu  fordern.  Die  Verantwortung  dafür  trägt  der  Reichskanzler.  Kommen
die  Vorlagen,  so  werden  wir  sie  eingehend  prüfen,  und  wir  werden  bewilligen,
  was  im  Interesse  des  Heeres  und  des  Ansehens  des  Reichs    
notwendig  ist.  Daß  diese  Entschließung  wesentlich  beeinflußt  wird  durch  unser
Verhältnis  zum  Ausland,  ist  klar.  Ein  besseres  und  herzlicheres  Verhältnis
Zu  England  wünschen  auch  wir,  wenn  wir  auch  die  Erinnerung  an  Marokko
nicht  so  leicht  verwinden  können.  Das  deutsche  Volk  will  in  der  Sozialpolitik
  nicht  mitgehen  das  ist  die  Forderung  des  Tages.  Die  furchtbare
Tatsache,  daß  sich  mehr  als  vier  Millionen  unserer  Volksgenossen  zu  einer
Partei  bekannt  haben,  deren  Endziel,  ohne  mich  verletzend  ausdrücken  zu
wollen.  Mit  unseren  Grundsätzen  nicht  vereinbar  ist,  legt  uns  den  Zwang
auf,  auf  dem  Wege  der  Sozialpolitik  nicht  stillzustehen.  Meine  Partei  steht
nahezu  einmütig  auf  dem  Standpunkt,  daß  die  Wahl  eines  sozlaldemokratischen
  Vizepräsidenten  notwendig  war.  Eine  Partei,  die  über  vier
Millionen  Stimmen  hinter  sich  hat,  muß  gezwungen  werden,  milzuwirken
an  der  ordnungsmäßigen  Führung  der  Reichstagsgeschäfte.  Unsere  Entscheidung
  ist  uns  um so  leichter  gewesen,  als  nach  der  Wahl  des  Abg.  Spahn.
Die  Gefahr  bestand,  daß  sich  ein  Präsidium  bilden  würde,  das  wir  grundsätzlich
  nicht  haben  wollten.  (Lachen  im  3.)  Uns  war  versichert  worden,
daß  der  sozialdemokratische  Vizepräsident  die  Anforderungen  erfüllen  werde,
die  an  ihn  gestellt  werden  müssen. (Aha!)
16.  Februar.  (Reichstag)  Fortsetzung  der  ersten  Beratung  
des  Etats.  Rede  des  Reichskanzlers  über  innere  Politik.

Abg. v. Bader  (Fortschr.  Br.):  „Keine  Ausgabe  ohne  Deckung.“
Diesen    satz  sollte man  mit  goldenen  Buchstaben  auf  diese  Wand  malen.
mit  den  Namen  derjenigen    Abgeordneten  und  Staatssekretäre,  die  gewohnheitsmäßig
  gegen  diesen  Satz  gesündigt  haben  (Heiterkeit).  Mit  der

agrarischen  Hochflut  ist  es vorbei,  und  der  schwarzblaue  Block  wird  niemals
mehr  so  geleimt  werden,  wie  er  gewesen  ist.  Ebenso  ist  es  mit  Ihrer
priviligierten  Stellung  im  Reichstage  vorbei.  Ist sie  einmal  verloren
gegangen,  so  ist  auch  der  Glaube  an  Sie  verloren.  Mit  der  Zunahme
der  sozialdemokratischen  Mandate  verstärkt  sich  die  Erscheinung  die  nicht
zu unterschätzen  ist,  daß  die  Herren  sich  jetzt  mehr  dem  Ganzen  fügen

müssen.    Vieileicht  wäre  es  Ihnen  angenehmer  gewesen,  etwas  weniger
Mandate  zu  bekommen,  um  dieser  unangenehmen  Notwendigkeit  enthoben
zu  sein.  Wir  sind  das  letzte  Bollwerk  gegen  die  Sozialdemokratie.  (Leb
hafter  Beifall  bei  den  Liberalen,  Gelächter  r.  und  im  3.)  Nicht  wir  haben

3*
        <pb n="46" />
        36  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  16.)

den  roten  Hahn  auf  dieses  Haus  gesetzt!  Aber  die  Rechte  ist  nicht  nur
der  Schrittmacher  der  Sozialdemokratie.  Sie  hat  die  Sozialdemokratie
mit  ihrer  egoistischen  Politik  gezüchtet.  (Lebhafte  Zustimmung  I.,  Gelächter  r.)
Wir  sind  slolz  auf  unsere  Stichwahlparole.  Sie  war  ganz  konsequent,  weil
es  gegen  den  schwarzblauen  Block  ging.  Vorwürfe  darũber  könnte  uns
nur  eine  Partei  in  diesem  Hause  machen,  die  noch  nie  mit  den  Sozialdemokraten
  verhandelt  hat.  Es  meldert  sich  niemand!  (Große  Heiterkeit.)
Sie  alle  haben  schon  das  getan,  was  Sie  uns  vorwerfen.  
Reichskanzler  Dr.  v.  Bethmann  Hollweg:  Es  scheint  mir  angebracht.

  einiges  über  die  Stellung  der  Verbündeten  Regierungen  zu  den

Wahlen  und  den  Wahlergebnissen  zu  sagen.  Ich  mochte  vor  allem
die  Vorwürfe  zurückweisen,  die  gestern  vom  Abg.  Sped    und  auch  sonst
wohl  ausgesprochen  worden  sind,  daß  wir  für  die  Steuergesetzgebung
nicht  genügend  eingetreten  seien.  Meine  Herren,  das  ist  eine  Legende.
Vergleichen  Sie  meine  erste  Rede  aus  dem  Winter 1909,
dort habe ich bereits  die  Notwendigkeit  der  Finanzreform      zur  Wiederherstellung  unserer
Finanzen  und  die  Notwendigkeit  der    Anahme  der  Finanzgesetze  scharf
betont.  Damals  und  auch  später  habe  ich  ausgeführt,  daß  nur  so  eine
Gesundung  der  Finanzen  herbeigeführt      werden  kann,  daß  die  Reform
eine  notwendige  Voraussetzung  sel.  In  einer  großen  Anzahl  von  Pressemitleilungen
  ist  ferner  Front  gemacht  worden  gegen  die  Art  und  Weise,
wie  die  verschiedenen  Steuern  gegeneinander  abgewogen  wurden.  Allerdings
  eines,  meine  Herren,  habe  ich  nicht  getan,  die  Ablehnung  der  
Erbschaftssteuer  habe  ich  nicht  verteidigt,  oder  genauer  gesagt:  die  Art,
das  Zentrum  und  die  Konservativen  sich  gegen  die  Erbschaftesteuer  
festgelegt  haben.  (Lebhafter  Beifall  I)  Das  hätte  ich  auch  nicht  tun  können
angesichts  der  Stellung  der  Verbündeten  Regierungen,  die  die  Erbschaftssteuer
  für  notwendig  gehalten  haben.  Der  Abgeordnete  Sped  hat  gestern
von  einer  Brüstierung  der  Parteien  gesprochen,  die  die  Finanzreform  gemacht haben. Das  ist  ein  sehr  hartes  Wort .Der  Reichskanzler  fährt  

 

 

dann  fort  mit  der  Bemerkung,  daß  die  Erbschaftssteuer  weit  über  ihre
wirkliche  Bedeutung  hinaus  zu  einer  hochpolitischen  Frage  gemacht  worden ist. Was ist das Ergebnis?
  Dort  auf    der  linken  sitzen  die  lachenden
Erben!  (Allgemeine  Heiterkeit.)  Daß  es  so  kommen  mußte,  war  von
vornherein  zu  erkennen.  Die  Zeit  wird  kommen,  wo  der  Sammelruf
bloß  von  den  Regierungsbänken  aus,  sondem  auch  aus  ber  Mitte
des  Volkes  kommen  wird.  Warten  wir  nur  die  Zeit  ab,  sie  wird  noch
kommen!  Deshalb  habe  ich  auch  während  der  Wahlen  bis  zum  letzten
Augenblick  die  gemeinsamen  Interessen  des  Bürgertums  gegenüber  der
Sozialdemokratie  zur  Geltung  zu  bringen  versucht.  Erfolg  habe  ich
damit  nicht  gehabt  (Lachen  aus  der  Linken),  aber  ich  habe.  meine  Pficht
getan.  Meine  Pflicht  gegenüber  der  Monarchie  und  gegenüber  dem  Lande
war  es,  darauf  hinzuweisen,  welche  Verwirrung  im  Volke  enistehen  muß,
wenn  die  Scheidelinie  über  die  Grundanschauungen  von  Staat  und  Gesellschaft
  von  den  bürgerlichen  Parteien  ins  Nebelhafte  verwischt  wird.  Wir
haben  merkwürdige  Wandlungen  erlebt.  Der  Feind  von  vor  fünf  Jahren
hat 110  Mandate  erworben.  Vor  fünf  Jahren  hat  der  Liberalismus
gejubelt  und  heute  jubelt  er  wieder.  Ich  begreife  es  ja  (zur  Linken
gewendet),  daß  Sie  vom  liberalen  Standpunkt  aus  eine  Genugtuung
darüber  empfinden,  daß  Sie  die  Konservativen  und  das  Zentrum  geschwächt
haben.  Aber  der  Schaden  des  politiichen  Gegners  ist  noch  lange  nicht  der
Nutzen  des  Landes.  Was  hat  sich  denn  geändert?  (Häufiges  Unterbrechen
bei  den  Sd.,  so  daß  der  Reichskanzler  längere  Zeit  nicht  verständlich  ist.
Eitwa  die  Sozialdemokratie:  Nein!  Sie  sind  nicht  fähig,  ouch  nur
        <pb n="47" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  16.)  37

ein  Titelchen  von  den  Dogmen  nachzulassen,  was  Klassenkampf  und  Kampf
gegen  den  monarchischen  Staat  betrifft.  Aber  selbst  wenn  unter  den  110
Sozialdemokraten  eine  große  Zahl  von  Revisionisten  vorhanden  ist,  welche
nicht  den  monarchischen  Staat  mit  Gewalt  durch  die  Republik  ersetzen
wollen,  so  konnen  doch  auch  die  Herren  Revisionisten  es  nicht  lassen,  den
monarchischen  Sinn  des  Volkes  zu  untergraben.  Auch  sie  predigen  den
erbitterten  Kampf  und  diskreditieren  so  die  Nation.  Ich  entsinne  mich,
vor  einigen  Jahren  variierte  der  Abg.  Heine,  der  ja  wohl  auch  zu

Revisionisten  gehört,  dem  Abg. Junck  gegenüber    das  Wort  aus  der  
Antizone“:  „Nicht  zu  lieben,  zu  hoffen  sind  wir  da.“  Was  durch  einen  solchen
Terrorismus  in  den  Köpfen  angerichtet  wird,  das  brauche  ich  nicht  zu
schildern.  Sie,  die  eben  aus  dem    Wahlkampf  zurückgekehrt  sind,  werden
das  besser  wissen    als  ich.  Ich  kann  den  Entschluß  der  Fortchrittspartei
und  die  Vorgänge  in  der  nationalliberalen  Partei,  deren  Zeugen  wir

gewesen  sind,  nicht  darauf  zurückführen,  sich  die  Sozialdemokratie
gewandelt  hat.  (Mit  starker  Betonung):  Was sich  gewandelt  hat,  das

ist der  Liberalismus.  Er  ist  weitert  nach  links  gerückt.  (Starker  Beifall
im  3.  und  bei  den  K.,  starker  Widerspruch  auf  der  linken  Seite  des
Hauses:  Ich leile  ja  den  Eindnuck,  den  der  Abgeordnete  Payer  soeben
zum  Ausdruck  gebracht  hat,  daß  gestern  und  heute  hier  im  Hause  alles
ruhig  zugegangen  ist.  Ich  habe  den  dringenden  Wunsch,  daß  auch  in
Zukunit  sich alles  ruhig  abwickeln  wird.  Aber  hier  im  Hause  sitzen  viele
alte  und  erfahrene  Parlamentarier  —  keinen  gibt  es  unter  ihnen,  der

schon einer derartigen unsicheren politischen Lage genübergestanden hätte, wie sie unter den Augen dieses Reichstages geschaffen worden ist. Wir haben es eben erlebt, daß der Liberalismus, der einst von Bennißlen und Richter geführt wurde, bereit war, dem Abgeordneten Nebel, der das Wort von der Todfeindschaft gegen den Staat geprägt hat,das höchste 



Amt  zu  übertragen,  das  der  Reichstag  zu  vergeben  hat  (Beifall  r.), und tatsächlich ist ja auch dann zum Vizepräsident ein Sozialdemokrat

  gewählt  worden,  der  die  bekannten  Worte  gegen  das  Kaiserhaus  gebraucht
  hat.  Meine  Herren,  ist das  die  Antwort  auf  die  ruhige  und
vertrauensvolle  Sprache  der  Thronrede  sein?  (Zustimmung  r.)  Nun  wird
wegen  des  Ausfalls  der  Wahlen  eine  neue  Orientierung  unserer  Politik
als  nolwendig  bezeichnet.  Der  Abgeordnete  Payer  hat  gemeint,  die
Wahlen  seien  ein  Verdikt  über  die  Gesetzgebung  der  letzten  beiden  Jahre.
Sehr  richtig  I.)  Meine  Herren,  nennen  Sie  mir  ein  großes  Gesetz,  das
während  der  letzten  beiden  Jahre  zustandegekommen  ist,  ohne  daß  die
Freunde  des  Abgeordneten  Payer  daran  mitgearbeitet  haben.  Waren  die
Wahlen  also  ein  Verdikt,  so  waren  sie  auch  ein  Verdikt  über  ihn  und  seine
Freunde.  Nicht  die  Gesetze  der  letzten  Jahre,  der  Zwiespalt  der  bürgerlichen
  Parteien  hat  die  Sozialdemokratie  so  stark  gemacht.  Der  große
Haufe  der  sozialdemokratischen  Stimmzeitel  dankt  seine  Entstehung  dem
Glauben  an  die  Ungefährlichkeit  der  Sozialdemokratie.  Sobald  sie  von
großen  Worten  zu  gefährlichen  Taten  schreiten  würde,  dann  würde  es
anders  werden.  Das  wissen  die  Sozialdemokraten  auch,  und  deshalb
haben  sie  auf    ihrem  letzten  Parteitage  große  Vorsicht  beobachtet.  Die  4,25
Millionen,  die  sozialdemokratische  Stimmzettel  abgegeben  haben,  sind  keinesweges
  Todfeinde  des  Staates.  Die  Regierung  muß  fest  auf  eigenen  Füßen
stehen.  Die  unsichere    allgemeine  Lage  soll  dazu  herhalten,  der  weiteren
Demokratisierung  unseres  demokratischen  Wahlrechts  den  Boden  zu  ebnen.
Konstitutionelle  Garantien  werden  gefordert,  um  die  Grundlagen  unserer
Verfassung  zu  verschieben.    Zur  Erfüllung  beider  Forderungen  können  wir
die  Hand  nicht  bieten.  (Lebhafter  Beifall  r.)  Meine  Herren,  es  ist  zu-
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        38  Das    Deutsche Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  16.)

zugestehen,  daß  unser  Wahlrecht  Mängel  hat.  Die  Riesenwahlkreise  mögen
dahin  gehören,  ober  auch  andere  Dinge  kommen  in  Betracht,  vor  allent
die  Moral  oder  Unmoral  des  Stichwahlwesens.  Es  ist    vorgekommen,
daß  eine  bürgerliche  Partei  allgemeine  Abmachungen  mit  der  Sozioldemokratie
  über  die  Stichwahlen  getroffen  hat  und  in  einem  bestimmten  Wahlkreise
  doch  das  Zusammengehen  mit  ihr  als  Verrat  gebrandmarkt  hat.
(Lebhafter  Beifall  r.,  Widerspruch  I.)  Ich  selbst  habe  Flugblätter  dieser
Art  vor  der  Stichwahl  im  ersten  Berliner  Wahlkreise  täglich  erhalten.  Ein
weiterer  Fehler  unseres  Wahlrechte  ist  die  mangelnde  Vertretung  der  Minoritäten.
  Ueberhaupt  muß  ich  vor  einer  Uebertreibung  des  nackten  Prinzips
  der  Zahl  warnen.  (Aha!  I.)  Wer  das  nicht  will,  der  wird  versetzt,
und  nur  wer  dem  Götzen  der  Wahl  huldigt,  wird  anerkannt.  Und  dann
wird  eine  schärfere  Kontrolle  des  Reichstages  über  die  Regierung,  ein
Gesetz  über  die  Verantwortlichkeit  des  Reichskanzlers  gefordert.  Das  ist
doktrinär,  praktischen  Wert  hätte  es  nur,  wenn  es  eine  Etappe  zur  parlamentarischen
  Regierung  sein  soll.  Ein  Kanzler,  der  nur  vom  Kaiser  und
König  von  Preußen  abhängig  ist,  ist  das  notwendige  Gegengewicht  gegen
das  freieste  Wahlrecht,  das  Fürst  Bismarck  seinerzeit  dem  deutschen  Volke
unter  ganz  bestimmten  Voraussetzungen  gegeben  hat.  Das  Anwachsen  der
Sozialdemokratie  ist  nicht  ein  Grund  für,  sondern  nur  noch  ein  Grund
mehr  gegen  die  Verschiebung  des  Verhältnisses  der  Gewalten  im  Staate
zueinander.  Politische  Schäden  würden  durch  solche  Maßnahmen  nicht
gebessert  werden.  Im  Volke  lebt  eine  förmliche  Sehnsucht  nach  großen
Aufgaben,  nach  Zielen,  die  zu  erreichen  es  lohnt.  Aber  sie  sind  nur  zu
erreichen,  wenn  wir  den  Blick  von  den  widerwärtigen  Zänkereien  der  letzten
Zeit  wieder  vorwärts  richten.  Die  großen  Aufgaben  liegen  nicht  in  der
Richtung  der  Demokratisierung  des  Reichs.  (Lebhafter  Beifall  r.,  Wider-
  spruch  I.)  Der  Friede  Europas  ist  niemals  mehr  gefährdet  gewesen,  als  wenn
in  Deutschland  die  Straffheit  der  Organisation  nachließ.  Stetigkeit  und  
Fertigkeit  der  Politik    ohne  Extravaganzen  nach  rechts  oder  links  tut  uns not.
Wir haben  vor  uns  das  weite  Gebiet  der  Sozialpolitik.  Nicht
alle  sozialpolitischen  Aufgaben  gehören  zur  Kompetenz  des  Reiches.  Aber
alle  sind  wichtig  für  die  Zukunft  des  Volkes.  Noch  nicht  alle  sind  zur
Lösung  reif,  aber  wenn  Sie  daran  denken.  dann  kann  die  Befürchtung  nicht
aufkommen,  daß  der  Reichstag  zur  Arbeitslosigkeit  oder  Stagnation  verurteilt
  sein  könnte.  Aber  wenn  wir  vorwärts  kommen  wollen,  dann  muß
das  Bürgertum  des  allen  Haders  vergessen.  Es  muß  zu  gemeinsamer
Arbeit  bereit  sein  und  sich  bewußt  bleiben,  daß  es  zugleich  die  Interessen
von  Millionen  von  Arbeitern  wahrzunehmen  hat.  Das  Reich  darf  weder
reaktionär  noch  radikal  regiert  werden.  sonst  müßten  wir  *die  beiden  Teile
des  Volkes  von  der  Mitarbeit  ausschließen.  Der  Gegensatz  zwischen  konservativ
  und  liberal  kann  nie  ganz  ausgeichaltet  werden,  beide  Elemente
sind  für  das  Staatsleben  notwendig.  Mit  Entschiedenheit  aber  wende  ich
mich  dagegen,  daß  die  Frage  gestellt  wird  zwischen  reaktionär  und  
sozialdemokratisch.  Der  Reichskanzler  schließt  mit  folgenden  Worten:  Das  wirtschafts-
  und  geistige  Leben  Deutschlands  erfordert  die  Anspannung  aller
Kräfte  der  Nation,  in  der  querelles  allemandes  keinen  Platz  haben.  Ein
Staat  der  seine  Tüchtigkeit  durch  Uneinigkeit  lähm,  den  wird  die  Weltgeschichte
  erbarmungslos  zu  Boden  treten.
Abg. Fürst  Radtziwill  bekennt  sich  für  die  polnische  Fraktion
zu  dem  Programm      der  Verteidigung  der  vitalen  Interessen  derienigen
Teile  der  Bevölkerung  Deutschlands,  die  die  polnischen  Abgeordneten  
vertreten.  Auch  die  polnische  Fraktion  werde  fest  auf  eigenen  Füßen  stehen bleiben.
        <pb n="49" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  16.)  39

Abg.  Dr.  Arendt  (Kp.):  Die  Mahnungen  des  Reichskanzlers  zur
Sammlung  sollten  wir  nicht  in  den  Wind  schlagen.  Die  bisherige  Etatsdebatte
  hat  allerding  diese  Hoffnungen  nicht  bestärkt;  hoffentlich  geschieht
das  nach  der  Rede  des  Reichskanzlers.  Meine  Partei  wird  sich  den  einhelligen
  Mahnungen  von  rechts  und  links  entgegenstellen.  Allein  an  der
gabl  sind  wir  doch  überzeugt,  daß  die  Zukunft  uns  recht  geben  wird.
Die  Entwicklung  steht  nicht  still;  wir  sind  eine  Partei  des  Fortschritts
auf  konservativer  Grundlage.  (Lachen  l.)  Wir  wollen  den  Anforderungen
der  Gegenwart  Rechnung  tragen,  aber  an  dem  Guten  nicht  rütteln.  Für
die  nationale  Arbeit  werden  wir  auch  im  neuen  Reichstag  unsere  Kraft
einsetzen.  Wir  haben  gezeigt,  daß  wir  oft  des  Zünglein  an  der  Wage
bilden,  anders  als  andere  Parteien,  die  zerklüftet waren.

Abg. Kumm  (W.  V.):  Es  gilt  in  den  Kampf  gegen  die  Sozialdemotie,
  und  zwar  derart,  daß  sie  von  innen  heraus  entwurzelt  wird:  Darum
begrüße  ich,  daß  auch  die  Wohnungsfrage  heute  vom  Reichskanzler  erwähnt
worden  ist.  Jede  zu  diesem  Zwecke  aufgewendete  Milliarde  (große  Heiterkeit l.)
    wird  reichen  Segen  bringen.  Leider  „schweben“  die  Erwägungen
der  Regierung  noch  über  sehr  wichtige  sozialpolitische  Fragen;  hier  muß  das
Tempo  der  Erwägungen  beschleunigt  werden.

Frhr.  v.  Scheele  (Welfe):  Wir  Deutsch-Hannoveraner  lassen
uns  von  keiner  Partei  und  von  keinem  Volksstamm  an  treudeutscher    
Gesinnung  übertreffen.  Den  Elsaß-Lothringern  wünschen  wir  von  Herzen,

daß  sie  ein  wirklicher  Bundesstaat  werden,  aber  auch  wir  Hannoveraner
haben  eine  Geschichte  hinter  uns,  die  sich  der  Geschichte  eines  jeden  Volkskammes
  würdig  an  die  Seite  stellt,  und  wir  sind  immer  ein  selbständiges Glied des Deutschen Reiches gewesen.

Abg. Graf  Posadowstky  (b.  l.  Fr.):  Durch  die  Rede  des  Schatzsekretärs.
  klang  es  durch:  „Wir  brauchen  neue  Steuern“  und  zwar  für  die
Erhöhung  und  Verstärkung  unserer  Wehrkraft.  Im  übrigen  ist  meine  Ansicht,
  das  Rückgrat  unserer  Landesverteidigung  ist  doch  die  Landarmee,  und
sie  wird  an  den  Grenzen  des  Ostens  und  Westens  entscheiden.  In  England
  fiel  das  Wort,  wenn  es  das  Wohl  des  englischen  Volkes  gelte,  würden
alle  zahlen,  selbst  die  Reichen.  (Große  Heiterteit.)  Ich  nehme  an,  die
Deutschen  werden  in  diesem  Punkte  hinter  den  Engländern  an  Patriotiomus
nicht  zurückstehen.  Auch  auf  unseren  diplomatischen  Posten  dürfen  nur
Männer  stehen,  die  sich  unzweifelhaft  auf  der  Höhe  ihrer  Aufgabe  befinden.
Alle  Fragen,  die  unsere  Nation  bewegen,  selbst  die  politischen,  sind  im
letzten  Grunde    wirtschaftliche  Fragen.  Es  ist  sehr  wichtig,  daß  kein  Mann
einen  hohen  diplomatischen  Posten  bekommt,  der  nicht  auch  ein  gründlicher
Kenner  der  Volkswirtschaft  ist.  Nun  noch  ein  Wort  über  die  Sozialdemokratie.
  Ihr  Wachsen  ist  nicht  das  Werk  ihrer  Führer,  das  würde  eine  Ueberschätzung
  ihrer  Führer  bein.  (Abg.  Bebel:  Sehr  richtig!)  Sie  ist  in  langen
Zeiträumen  allmählich  unter  der  Oberfläche  der  bürgerlichen  Gesellschaft
emporgewachsen,  und  wenn  sie  diese  Bedeutung  erhielt,  so  tragen  Regierung
  und  bürgerliche  Gesellschaft  gleichzeitig  einen  erheblichen  Teil  der
Schuld.  Man  hat  zu  lange  Zeit  vergehen  lassen,  ehe  man  sich  um  das
Los  der  Massen  gründlich  bekümmerte.  Unzweifelhaft  ist  es  unbedingte Aufgabe des Staates, Ordnung und Ruhe des Staates zu schützen, auch die Rechtssphäre jeden einzelnen Arbeiters zu schützen. Auf diesem Standpunkt stand auch Briand. Aber darüber darf sich die bürgerliche Gesell- 

 

schaft  nicht  täuschen.  Einer  Partei,  die  4½  Millionen  Wähler  hat,  auch
wenn  viele  Mitläufer  dabei  sind,  kann  man  mit  Gewalt  nicht  beikommen.
Gedanken  sperrt  man  nicht  ein  und  nicht  aus.  Die  Gewaltpolitiker  sind
in  einem  großen  Irrtum,  wenn  sie  diese  ganze  Richtung  töten  zu  können
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        40  Des  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  17.)

glauben  durch  Repressionen.  Solche  Richtungen  heilt  man  nicht  mit  Solinger
  Klingen,  sondern  nur  mit  solonischer  Weisheit.  (Heiterkeit!  Rufe:  Au!!
Ich halte  es  für  unrecht,  daß  sich  die  Sozioldemokratie  noch  immer  die
Zeremonie  erlaubt,  gegen  den  Etat  zu  stimmen.  Die  Sozialdemokratie  muß
durch  den  Revisionismus  hindurch,  um  sich  wieder  in  der  bürgerlichen  
Gesellschaft  zurechtzufinden.  Die  Hoffnung  der  Gewaltpolitiker,  daß  die  Sozialdemokratie
  ausspannen  oder  Buße  tun  werde,  ist  irrig,  das  gibt  es  nicht:
Die  Sozialdemokratie  ist  eine  Entwicklung,  eine  phantastische  Entwicklung
mit  einem  phantastischen  Programm.  Es  ist  eine  Ausgeburt  phantastischer
Bureaukratie,  den  Staat  als  Generalunternehmer  aller  Unternehmungen  zu
denken.  Aber  die  Rückentwicklung  in  die  bürgerliche  Gesellschaft,  die  stattfinden
  wird  und  muß,  wird  eine  sehr  langwierige  sein.  Es  ist  die  Aufgabe,
  der  bürgerlichen  Parteien,  die  Sozialdemokratie  von  der  Unerfüllbarkeit
  ihrer  Forderungen  zu  überzeugen;  es  nützt  nichts,  daß  man  immer
auf  sie  loshämmert,  da  macht  man  aus  Eisen  nur  Stahl.  Die  liberalen
Parteien  scheinen  ganz  aus  taktischen  Gründen  eine  gewisse  Fühlung  mit
der  Sozialdemokratie  genommen  zu  haben:  es  hieß:  „Die  Front  gegen
rechts!"  Damit hat die  radikale  Partei  Oberwasser  bekommen,    denn  sie
überwindet  Immer  die  weniger  radikale.  Die  Liberalen  verlieren  damit
den  Boden,  auf  dem  sie  bisher  segensreich  im  Interesse  des  Reiches  gewirkt
haben.  Nicht  rechts  ist  ihr  gefährlicherer  Gegner,  ihr  gefährlichster  Gegner
sitzt  links.  Der  liberale  Gedanke  in  Deutichland  hat  an  Schwerkraft  verloren,
  weil  sie  an  liberalen  Forderungen  auf  dem  politischen  Markte  überboten
  sind.  (Große  Unruhe 1.)
17.  Februar.  Kiel.)  Das  Linienschiff  „Ersatz  Odin“  wird
im  Beisein  des  Kaisers  von  Prinzessin  Therese  von  Bayern  nach
einer  Rede  des  Prinzen  Ludwig  von  Bayern  auf  den  Namen  „Prinzregent
  Luitpold-“  getauft.
Bei  dem  Festmahl  hält  der  Kaiser  eine  Rede  vom  „Mosaikbild
des  Reiches“:  Wer  in  seinem  Leben  sich  mit  Kunst  beschäftig  hat,  kennt
das    herrliche  Material  der  Mosaik  und  lernt  die  wunderbaren  Bilder,  welche
aus  ihr  geformt  werden,  schätzen  und  bewundern.  Von  ferne  betrachtet,
sieht  er  ein  farbenprächtiges  Gesamtbild  vor  sich,  tritt  er  heran,  so  wird
er  gewahr,  daß  das  Kunstwerk  aus  lauter  einzelnen  Steinchen  zusammengesetzt
  ist,  welche  von  verschiedener  Form  und  Farbe  individuell  in  sich
gesteinige  kleine  Gebilde  sind.  So  ist  es  mit  unserem  Reich,  von  ferne
als  mächtiges  Ganzes  wirkend,  ist  es  zusammengesetzt  aus  einzelnen  Stämmen,
stolz  auf  ihre  Eigenart  und  treu  anhängend  ihren  angestammen  Fürstenhäusern
    deren  buntfarbigen  Fähnlein  sie  Jahrhunderte  lang  gefolgt  sind.
Festgeschart  sind  alle  zum  Schutze  des  deutschen  Reichspaniers.

17.  Februar.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Beratung
des  Etats.

 

 

Abg.  Ledebour  'Sd.):  Der  Herr  Reichskanzler  war  am  ersten  Tage
der  Staatsdebatte  hier  nicht  anwesend,  am  zweiten  Tage  huschte  er  wie  ein
trübseliges  Irrlicht  auf  fünf  Minuten  durch  den  Saal,  am  dritten  Tage
hielt  er  jene  Bußpredigt,  und  heute  ist  er  wieder  nicht  da,  trotzdem  er
genau  weiß,  daß  auf  die  heutigen  Angriffe,  die  er  gegen  meine  Partei  
geschleudert  hat,  sofort  eine  Antwort  erfolgen  wird.  Unsere  Forderungen  an
die  Finanverwaltung  gehen  erheblich  über  den  Grundatz:  „Keine  Ausgaben
ohne  Deckung“  hinaus.  Wir  verlangen  Gesundung  der  Finanzen  durch
ganz  erhebliche  Reduzierung  der  Militär--  und  Flolttenausgaben;  wir  for-
        <pb n="51" />
        I%  Beufschr  Reich  und  srinr  etntelurn  Elieder.  (Februar  17.)  41

dern  das  Sustem  der  allgemeinen  Vollzbewasfnung  etwa  nach  dem  Vorbilde
der  Schweiz  in  der  Ueberzeugung,  doß  damit  die  Verleidigung  des  Vaterlondes
  auch  gegen  eine  Kombination  aller  möglichen  Feinde  weit  besser
gewödrleistet  wird  als  heute.  Die  indirek#ten  Abgaben  auf  Lebensmittel
und  (Gebrauchsartikel,  die  die  breiten  Massen  des  Volics  bedrücken  und  die
die  Reichen  und  Wohlgabe  nden  concn  und  deshalb  von  diefen  mit  Klauen
und  Zähnen  verteidigt  werden,  müssen  abgebaut  und  allmählich  beseitigt
werden.  vor  allem  auch  die  Zündholzsteuer,  die  wir  der  Finanzreiorm  des
schwor#blauen  Blocks  verdanken.  Darin  stimmen  wir  mit  dem  Grafen
Poiadowstn  überein,  daßn  unsere  Diplomatie  unzulänglich  ist.  Wir  wollen
keine  #Ausiandspoliti  mit  Drohungen  und  Einschüchterungen,  sondern  Frieden
und  Freundichaft  mit  allen  Völkern.  Deshalb  sollten  wir  auch  den  Hafen
Kiamschou  an  die  chinesische  Regierung  wieder  zurückgeben.  Staatssekretär
Riderlen,  der  leider  auch,  nicht  hier  ist  —  sollte  er  sich  eiwa  auf  den  Reichslanzlervosten
  vorbreitene  .,  hat  über  *  Aeziehungen  zu  den  Alldeuischen
Verichiedencs  erzählt.  Er  hat  bestritten,  daß  wir  Ländererwerb  in  Marokko
beaduichtigt  hätten.  Dem  steht  die  Behauptung  des  Rechlsanwalns  Cioß
gegenüber.  Es  ist  nun  im  Prozeß  durch  Zeugen  festgestellt,  daß  Herr
v.  Niderlen  alldeutich  oder,  um  mit  dem  Kronprinzen  zu  ibrechen,  „völtijich“
sich  geäußert  habe.  Die  Mannesmannblätter  haben  gegen  die  Grenzboten
geklagt,  und  in  diesem  Prozeß  ist  durch  Zeugen  estheseen  worden,  9  der
Staalsielretär  Agemte  provocateum  nach  Marolko  geschickt  habe,  daß  Besherden.
  deusscher  Kaufleute  provoziert  seien,  und  daß  die  Wrnnt  die

cht  habe,  die  Hand  auf  jenes  Gebiet  zu  legen.  Ich  sordere  die  Ver-#
  der  Regierung  *  die  onwesenden  und  die  abwesenden,  hierher  zu
treten  und  zu  erklären,  wie  es  sich  damit  verhält.  Der  Kanzler  hat  uns
an  die  Bewegung  des  vergangenen  Sommers  erinnert.  Diese  Bewegung
war  entweder  sinnlos  oder  sie  war  künstlich  erzeugt  durch  verbrecherische
Vmtrebe  der  deutschen  Regierungen.  (Präsident  Kaempf  rügt  diesen
Ausd

 

 

 

Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amts  v.  Kiderlen-Waechter:  Der
Abgcordnete  hat  Angriffe  gegen  die  Regierung  des  großen  Nachbarreiches
(Rußland),  mit  dem  wir  in  Frieden  und  Kreundichaft  leben,  gerichtet.  Diese
Angriife  waren  solche,  wie  sie  in  diesem  Hause  wohl  noch  nicht  gebort  worden
sind.  Hört,  hört!  .  Er  hat  der  Regierung  verbrechtoische  Absichten  und
Taten  vor  der  ganzen  Welt  vorgeworfen.  Ich  konn  dicie  Angril#e#  n#ur
auf  das  Hcbbasiet  südenen  und  muß  sie  auf  das  Allrenshciidcil  zurückweisen.

  (Beijfall  r.)  Ich  bin  auch  überzengt,  daß  die  groit,  Mehrkah  in
diesem  m  Hause  mein  Bedauern  teilt.  (Beifall  r.  Rus  bei  den  Sd.:  Nee!)
Der  Herr  Abgeordnete  hat  auch  mir  Verbrechen  vorgeworfen.  Daran  glanbe
ich  mich  nicht  weiter  verteidigen  zu  sollen.  Er  hat  mir  aber  in  seiner  Rede
wo  er  über  die  Marokkoangelegenheiten  sprach,  die  erwilnichte  Gelegenheit
  gegeben,  einmal  mit  einem  ncen  auszuräumen,  das  sich  ch  schon
lange  in  der  Presse  herumtreibt.  Das  ist  das,  daß  ich  gewisse  Kreise  aufgchet
  hätte,  indem  ich  gesagt  hälte,  wir  soher  Teile  von  Maroklo  nuehmen.
Da  möchte  ich  historisch  zuühgroisen  auf  die  Zeit,  ehe  wir  den  „Panther“
nach  Agadir  geschickt  hatte  war  von  mir  ein  ausführliches  Programm
ausgearbeitet  worden,  di  —  —8  habe  ich  dem  Herrn  Reichslanzler
vorgelegt,  der  es  gebilligt  und  die  Genehmigung  Seiner  Maicuät  dazm  erhalten
  hat.  Wir  hatten  schon  lange  mit  Frankreich  verhandeln  wollen,  weil
die  Sache  so  nicht  weiterging,  wie  sie  sich  durch  den  Zug  nach  Fez  gestaltet
harte.  Wir  haben  das  Schiff  nach  Agadir  geschickl,  um  die  Sache  in  Fluß
zu  bringen;  wir  haben  dadurch  feslstellen  wollen,  daß  die  Franzoien  nicht
das  Recht,  namentlich  kein  Mandat  für  gonz  Europa  halien,  in  Marokto
        <pb n="52" />
        42  Des  Neaisch  Nich  und  frinee  ristelurs  Glikder.  (Februar  17.)

vorzugehen,  und  daß  wir,  wenn  unsere  Untertanen  in  Marokko  gefährdet
lind,  dasselbe  Recht  haben,  lie  zu  ichützen.  Einige  Tage  ehe  das  Schiff
nach  Agadir  ging.  habe  ich  Herrn  Dr.  Claß  geiprochen.  Ich  mochte  hier
wiiee  Oerr  Dr.  Claß  ist  in  dem  Prozen  nicht  gehört  worden.  Ich
habe  ihm  damale  geiagt:  „Wir  werden  demnächst  etwas  kun,  um  die  Maroklohabethm
  van  in  luß  zu  bringen.  Es  sind  aber  erst  Einseitungen  zu  Verhandmungen.“
  Das  ungefähr  war  die  Sbrach  die  ich  mit  ihm  geführ  hade.
ich  nach  Rissingen  gegangen.  Ich  habe  in  Kissingen  mit  dem
französischen  Honschafine  bereits  die  arie  Aussprache  über  Kompenjsationen
gehabt,  und  zwar  ausdrücklich  über  Komensotionen  auerhalb  Marollos.

Ich  habe  ihm  zugeschoben,  daß  er  mir  das  nennen  wolle,  was  er  berausfinden
  könne.  Es  war  nach  Dieier  Lereh  im  Juni,  da  wollte  Herr
Claß  mich  Horcahm.  Ich  w  t  hier.  und  siatt  meiner  hat  der

Unterstantefetrcui.  mit  ihm  Neor  igh  hat  ihm  ausdrũdlich  auseinanderir
  nicht  Teile  von  Marollo  haben  wollen.  Er  hat  ihm
het  Gründe  ongegeben,  daß  wir  in  Morolko  keine  Siediungskolonie

fänden,  keinen  Kriegshafen  us.  Da  hat  Herr  Dr.  Clas
Unterredung  selber  geingt:  „Ach,  das  ist  chodedr  Allerdinge  hat  dann  der
Herr  seine  Schrift  geschri  rieben:  „Westmarokko  deulsch.“  Soweit  ich  weiß
hat  Herr  Dr.  Claß  mir  immer  nur  den  Voronk  gemacht,  daß  ich  schlechte
Politik  gemacht  häte.  Der  Fehler  wäre,  nicht  einen  Teil  von  Maroklo
Zu  nehmen.  Daß  ich  ihm  aber  gesagt  hätte,  wir  wollien  das  tun,  dafür
liegt  von  Dr.  Cla  selbst  keine  authentische  Aeußerung  vor,  und  sie  wäre
auch  nicht  berechtigt.  Es  ist  darüber  viel  beivrochen  und  behauptet  worden,
ich  hälle  einmal  einem  Abgcordnesen,  der  dem  Hauie  jetzt  nicht  mehr  angehört,
  ausdrücklich  gejant,  daß  wir  Marokko  nehmen  wollen,  und  er  hätte
üch  sofort  Auizeichnungen  über  diese  Unterredung  cemacht.  Mit  diesem
irchen  ist  man  viel  herumgegangen.  Ich  war  mir  bewustt,  daß  ich  in
dieier  Unterredung  die  Gründe,  warum  wir  nicht  einen  Teil  von  Marokko
haben  wollen,  auseinandergesetn  habe.  Es  hat  sich  nachher  herausgestellt,
daß  ein  leines  Versehen  vorlag:  es  waren  zwei  Uenographische  Auizeichnungen
  verwechselt  worden.  Diese  Umerredung,  in  der  davon  die  Rede
war,  das  man  einen  Teil  von  Marollo  nehmen  sollte,  war  mit  einem
Journalisten  gefühm  worden.  Nachher  wird  dann  aber  behauptet,  ich  hatte
.Ich  hatte  eine  dritte  Umerredung  mit  Dr.  Claß,  auf  die  in
diesem  Prozeß  Bezug  genommen  wurde.  Es  war  im  September,  wo  i
giemlich  ũber  das  reine  Marolloablonimen  mit  dem  Botjchaiter  einig  war
und  eine  Heine  Panie  mochte,  um  nachher  über  den  Kongo  zu  verhandeln.
Wie  soll  ich  dazu  -  in  veier  A#neerredung  zu  sagen:  „Wir  wollen
Teile  von  Maroklo  nehmen??  Es  war  damals  eine  ziemlich  chauvinistische
Stimmung  in  der  ures  o  aund  cs  war  ganz  erwünscht,
wenn  man  ienĩeits  der  Greuze  ioh,  d  auch  bei  uns  eine  patrionssche
Stimmug  war.  zr  unier  Recht  iesen  (Anie:  Aha!  l.)  Da  sagte
Claß  zu  mir,  wolle  in  einer  großen  Wer  P  en  ldeni4hen
sprechen,  was  nt  ronrt  lagen  solle.  (Aha!  bei  den  Sd.:  er.)  Ja,  er
fragie.  was  er  da  sagen  jolle.  (Nochmals:  Aha#d  Ja,  *  men“  trn,  wenn
Sie  gelommen  wären  und  mich  in  solchem  Falle  fragten,  so  würde  ich
daeielbe  geton  haben.  Er  hat  mich  ausdrücklich  gefragt,  Ameches  die  Absicht
der  Regierung  sei,  und  ich  habe  es  ihm  geiagt,  re  soll  man  ihm  keinen
Vorwuri  machen,  mir  aber  auch  nicht.  Ich  habe  ihm  dann  gesagt,  die
kansrcde  seien  noch  nicht  in  einem  2  b  daß  man  sagen  könne,
die  Sache  sei  serlig.  Es  ist  ganz  gut,  wenn  wir  bei  uns  eine  patriolische
Stimmung  habent  Aber  wenn  man  sich  eiwas  Reierve  auferlegt,  so  lann
das  nichts  schaden.  Ich  glaube,  das  int  doch  kein  Verbrechen!  GMufe  r.
        <pb n="53" />
        D  Bul  he  Reich  u#d  seint  einfrinen  Glieder.  Februar  17.)  43

Nein.  neind  Ich  glaube,  die  Herren  werden  aus  meinen  Ausführungen
emnommen  haben,.  daß  es  unwahr  ist,  daß  ich  irgendiemand  damit  ——
sein  jollte,  wir  wollien  Teile  von  Marokko  nehmen  und  seien  deohalb  n
Aaadir  gegangen,  und  die  Herren  sollten  dafür  Propaganda  Merbes.  d#½n
in  geichehen  ohue  unser  Zutun,  wie  Sie  schon  daraus  ersehen  können,  dast
ich  gerade  von  jener  Seite  so  heftig  angegriffen  worden  bin.  Ich  bemerke
noch,  daß  die  Acußerungen,  wir  hätten  da  Spivel  hingesandt  oder  irgend
dergieichen,  nichr  von  dem  Herrn,  mit  den,  säch  gesprochen  habe,  sondern
von  dritter  Seite  gekommen  sind.  Ich  bin  nicht  gehört  worden,  und
die  Herren,  mit  denen  ich  hptowen  habe,  #rd  ja  bedauerlicherweise  auch
nicht  r—  ocden,  (Beisall
4m.  Gröber  (Z.):  Der  Neichstengler  hat  vor  den  Stichwahlen  eine

Smmun  der  e  #  Parteien  versucht.  Wenn  er  aber  je#t  eine

Wehrvorlage  mit  der  Deckung  durch  die  Erbanfallstener  vorschlägt,  so  wirft

r.  obwohl  er  uns  die  Moralpredigt  zur  Einigkeit  hält,  doch  wieder  diesen
Eieanian  unter  die  bürgerlichen  Parteien.  Die  Regierung  hat  damals  diese
Steuer  ielbst  wiihenone.  wir  brauchten  das  tote  Rind  nicht  loter  zu  schlagen.
Freilich  hat  man  im  Wahllampf  gesagt,  die  Erbansallstener  mache,  einen
aroßen  Teil  ven  indirekten  *  embehrlich,  aber  daran  ist  nicht  zu
denken.  Gegen  das  Erbrecht  des  Reiches  an  Seelle  gewisser  Intritaterben
sorechen  ethische  Momente:  der  ure  lann  nickt  das  fremde  Weld  in  die
Tasche  stecken.  Auch  praktische  Bedenken  machen  sich  geliend.  Als  ieinerzeit
bier  das  Erbrecht  des  Reiches  vorgeschlagen  und  beraten  wurde,  ereiguele
sich  ein  plonlicher  Chnmachtsanfall  eines  Miitgeirdes,,  einer  hochangcichenen
adenen,  #amie  und  da  sagie  man  sich,  daß,  wenn  damals  schon  das
Erbrecht  Reiches  bestanden  hättc,  dessen  ganzes  Namillenzus  dem  Reich
hlte  rraeich  können.  Dieijer  Fall  soll  im  Bundesrat  mit  einem  Male
einen  Umichlag  der  Stimmung  herbeigeführt  haben.  Ferner  soll  dieie  Steuer

och  Geld  einbringen;  aber  der  Verlreier  eines  Arosicren  Bandetaa  hat
geiagt.  mit  den  herrenlosen  hrerrbichaiten  habe  sein  Stoat  bisher  schlechte
Eriahrungen  gemacht.  Bei  der  mangelnden  siurnzieen  arl  dieies
Erbrechtes  des  Reiches  treien  die  prinziviellen  Bedenlen  um  so
deroor.  und  ist  erst  einmol  das  Erbrecht  des  „  Kescher  innezonne  wer
will  dann  haltmachen  und  verhindern,  daß  die  DHerren  von  der  Gustersten
Linken  ihre  Gedanken  auf  dieiem  Gebiet  immer  mehr  zur  Geliung
bringen?  Man  schließt  vielleicht  erst  die  sechste  oder  achte  Reihe  der
Erben  aus,  iväter  die  vierte  oder  fünfte  Reihe,  und  schliestlich  das  ganze
Erbrecht.  t96  55  den  Wünschen  der  Sozialdemokraten  enlsprechen  würde.
Prioci  —

"  uenr  des  Reichskolonialamis  Solf:  Der  Abg.  Ledebour
bat  meine  tgreit  als  Gouverneur  von  Samva  einer  freundlichen  Kritik
unterzogen  und  bedauert,  daß  ich  als  Staatssekretär  diese  Politik  dadurch
unterbrochen  hälte,  daß  ich  einen  Erlaß  nach  Samoa  gerichtet  habe,  nach
dem  Weibe  eingeborene  Frauen  nicht  heiraten  dürien.  Der  Abg.  Ledebour
bat  sich  auf  christlich-moraliiche  Momenie  bezogen  und  die  Herren  vom
Nentrum  gebeten,  ihm  in  seinem  Kampfe  **  das  Verbot  der  Misch
lingsehen  zu  DHilfe  zu  kommen.  Der  Abg.  Gröber  hat  dies  auch  gelan,
er  dat  das  Verbot  der  Mischlingsehen  als  einen  Eingriff  in  die  Menichenrechte
  bezeichnet.  Ich  bine,  es  nicht  für  ungm  zu  nehmen,  wenn  ich  die
Ausijührungen  der  beiden  Herren  doch  jür  weiemlich  #hrorelische  Erörterungen

*rie  Iunstimmung.  Ein  Urteil  über  diese  koloniawvolitiich  ansterordemlich
wichtige  FKrage  kann  nur  derienige  haben,  der  jahrelang  in  sonchen  La
##lebt  hat  und  der  die  Schäden  sundiert  und  beobackuet  hat,  die  e  Rasie
von  iolchen  Mischlingsehen  haben.  Ich  bin  gern  bereit,  *  ude
        <pb n="54" />
        44  Das  Deulsche  Rrich  und  seint  einzelnen  Glirder.  (Februar  17.)

und  den  meisten  von  ihnen  vielleicht  nicht  gelnfige  Thema  in  der  Budgetkommission
  weiter  zu  erörlern.  Jedenfalls  mochte  ich  der  Meinung  widersprechen,
  als  seien  etwa  die  Araumente  der  Regierung  nicht  hochethischer
Natur.  Der  Inhalt  des  Erkasses  ist  kurz  der:  Die  bieher  zwischen  Weißen
und  Samoanecgerinnen  geschloisenen  Ehen  besiehen  zu  Sens  Die  aus  diesen
Ehen  enstammenden  Kinder  sind  Weiße  oder  ihnen  gleich  zu  achten.  In
Rukunft  werden  Ehen  zwischen  Weisen  und  Eingeborenen  nicht  mehr  geschlossen.
  Kinder  aus  nichtlegitimen  Verbindungen  gehören  der  Mutier  zu.
Um  Härien  zu  vermeiden,  jollen  illegitime  Minder,  die  von  ihren  Bätern
nach  Europa  geichicn  werden,  um  ein  Handwerk  zu  erlernen  usw.,  die  Rechte
der  Weißen  haben.  Die  Eingeborenen  werden  dieses  Verbot  mit  Freude
begrüßen,  denn  gerade  unter  den  Samoanern  ist  die  Zahl  der  Weiber  leider
eine  erheblich  geringere  als  die  der  Männer,  und  wenn  die  Weißen  eingeborene
  Frauen  nur  aus  Häupilingskreisen  heiraten,  so  ensstehen  leicht
Unstimmigkeiten.  Von  christlichen  Gesichtspunkten  ist  hierbei  nicht  die  Rede.
Die  Weissen  heiraten  die  Samoanerinnen  entweder  aus  #Wichurchichen
Gründen  oder,  und  zwar  in  den  meisen  Fällen,  um  eine  dillige  Haoushälterin
  zu  bekommen  oder  um  durch  d  h  Heirai  einer  Häuptlingstochter
Landbesitz  zu  bekommen.  Alles  Weitere  werde  ich  in  der  Budgelkommission
auerinondersetzen.  —ç[s  sn’xmn-3
muh  eine  ichnelle  und  4wnh  *Prf*à  Nun  kommen  beim  JZentrum  Bedenken,
  weil  ein  Mehrbedari  in  Aussicht  ist  und  dafür  neue  Stenern  kommen
bennten,  und  dar  eine,  die  „aeen  nicht  pant.  (Seir  richtig  l.  Striei.
e  werden  wi  als  die  Sanierungsarbeit  ins  Werr

Nun  hat  mant  4  Finonuurfern  besanidne  ihren  Hauptzweck  versennk  5n
haben.  Sie  hat  eine  kräftige  Bereinigung  der  Finonzen  schaffen  wollen.
Dieje  habe  aber  eigemlich  die  Lonjunkiur  geichaffen.  Das  ist  nicht  richtig.
sie  hal  ihren  guten  Eriolg  gehabt,  und  mit  ihr  haben  wir  die  wirkliche
Schuldemilgung  beginnen  können,  wie  sich  die  Bäter  der  Finanzreform  das
vorgei#emnt  haben.  Früher  gianbte  man  überhaupt  nicht,  daß  wir  zu  einer
wirklichen  Schuldenulgung  lommen  würden.  Und  nun  bekommt  man  einen
förmlichen  Schrecken  vor  dieser  Schuremilgung  und  will  zu  dem  auen
Sbitem  rücklehren,  das  uns  nur  neue  Schmden  bringen  muß.  Man  hat
gejagt,  die  Steuerzahler  dürien  nicht  demurnhin  werden.  Aber  der  Mehrgrane
  kommt.  Und  sollen  wir,  um  ihn  Zu  decken,  wieder  leihen  müssen?
Und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  die  Erbichaftsstener  zurzeit  oder
überhaupt  verborreiziert  wird?  Man  hat,  ehe  noch  d  Regicrung  überbaupt
  den  Mund  geosfuet  halte,  die  Einbringung  einer  1½  Eteuer  als
eine  Brüskierung  bezeichnet.  Damit  verieben  Sie  uns  in  eine  höchst  Figen.
artige  Lage.  Wir  können  wohl  mit  einiger  Sicherheit  vorausieten,  daß  ma
1  diesem  hohen  Hanie  keine  neuen  indirekten  Steuern  wünscht.  Ander#  errushahcuiorrqcuortdauiqmtltchevrrbuudkteRegieruugculichem-zelqu

undtut-Isch-qgcudeuNuwruchIuruvrushueudrecrulrnsuesvuud
Vermögenssteuer  zu  nehmen.  Und  da  setzt  man  uns  eine  Tafel  vor  mitl
der  Ausichrift:  Brũolieren  Lerbeeue  verboten.  Beifall  I.  und  Heiterleit.)
Nun  kommt  die  Frage,  soll  denn  wirklich  die  Erbichaitsstener  immer  als
tiefer  Schaten  über  unierem  ol#entlichen  Leben  liegen,  und  soll  die  Klust
noch  weiler  verlieft  werden,  indem  Sie  die  Grundiabe  wieder  abbauen,  die
Sie  selbst  hoben  schaffen  heljen?  Sollen  wir,  und  es  muß  jonst  dahin
kommen,  die  ganze  Auleihewir#ichaft  wieder  neu  eröffnen?  Es  ist  geiogt
worden,  daß  eine  Nation  alles  an  ihre  Ehre  seben  muj,  machen  Sie  dies
„alles“  nicht  von  der  geiculichen  Form  abhängig,  in  der  diese  notwendigen
Oufer  gebracht  werden  müssen.  Brisall.)
        <pb n="55" />
        Dae  Mische  Rrich  und  srint  rinzeluern  Glieder.  (Februar  17.—19.)  45

17.  Februar.  Der  Kaiser  lehnt  den  Empfang  des  unvollständigen
  Reichstagspräfidiums  ab.

Es  hatten  nur  Präsiden  Koempf  und  Bigepräsident  Dove,  aber  nicht
Vizepäsident  Scheidemonn  um  eine  Audienz  nachgesucht.  Wie  Wolfis
Lelcgraphenbureau  als  ofüzielles  Communiqus  mitteilt,  erfolgte  die  Antwort,
  „daß  Seine  Mojestät  bestens  danken  lasse  und  verhindert  sei,  die
Herren  zu  empfangen“,  auf  den  Vorschlag  des  Aeichstankers,  um  nicht
eine  Abweichung  von  der  Regel  gutzuheißen,  nach  der  bieher  das
Fräsidium  des  Reichstages,  nachdem  die  Konstituierung  -  fidchintßs
durch  den  Präsidenten  dem  Kaiser  gemeldet  war,  eine  Andienz  bei  Seiner
Magcstät  nachzusuchen  pflegte.

17.  Februar.  (Reichstag.)  Initiativanträge.

Nach  Ablouf  der  zehnlägigen  Frist  sac  die  Einbringung  von  Initiatioanträgen
  beträgt  deren  Gesamtzahl  136.  von  fallen  auf  die  Sozialdemokraten
  32,  das  Zentrum  30,  die  Se  f  25,  die  Wirtschaftliche
  Vereinigung  20,  die  Fortschrintliche  Kollspantei  14,  die  Deutsch-Konjervativen
  11  und  die  Freikonserwativen

17.  Febrnar.  (Berlin.)  Die  jurinische  Fakultät  der  Universilät
  ernennt  den  Reichstagspräsidenten  Kaempf  aus  Anlaß  seines
70.  Geburtstages  zum  Ehrendoktor.

183.  Februar.  (Reichstag.)  Die  Neichspartei  nimmt  den  an
Stelle  des  Abg.  v.  Oldenburg  in  Elbing  gewählten  Abg.  Schröder
in  ihre  Fraktion  auf,  so  daß  sie  Üüber  fünfzehn  Mitglieder  verfügt
und  im  Sinne  der  Geschäftsordnung  des  Reichslags  nunmehr  eine
Fraktion  bildet,  der  eine  Vertretung  in  den  Kommissionen  und  im
Seniorenkonvent  zusteht.

19.  Februar.  (BVerlin.)  Eröffnung  der  Tagung  des  Bundes
der  Landwirte  im  Sportpalast.

In  der  gedruckten  Erklärung,  die  zur  Verteilung  kommt,  heistt  cs:

„Der  Bund  der  Landwirte  trik  in  ungebrochener  urast  für  den  gleichmäßigen
Schut  ieder  nationalen  Arbeit  ein.  Er  erachtet  es  gerade  jedt  für  besonders
wichtig,  das  deutsche  Volk  in  seiner  Versorgung  mit  Fleisch  und  Brot  vom
Auslaude  immer  unabhängiger  zu  machen  und  zu  erhalten.  Für  die  Erreichung
  dieses  Zieles  ist  aber  die  Erhaltung  des  bieherigen  Systems  des
Schuges  der  landwirtschaftlichen  Produktion  unbedingt  gerboten,  und  zwar
FAnichliehich  der  Erzeugnisse  des  deutschen  Futterbaues  und  der  deutschen

Garine

e  s  dem  Geschäftsbericht:  „Leider  ist  es  ja  auch  bei  den  Hauptwahlen
  der  verbündelen  Linken  von  Vasiermann  bis  Vebel  gelungen,  die
Wiederwahl  einiger  unserer  hervorragendsien  Führer  zu  verhin  dern.  So
ichmerslich  das  für  unsere  Sache  ist,  trägt  doch  das  Vorgehen  unserer  Gegner
wesennich  #ur  Rlärung  der  Lage  bei  und  wir  werden  danach  in  Zulunit
unsere  Maßnahmen  zu  treffen  haben.“

19.  Februar.  Erwiderung  des  geschäftsführenden  Ausschusses
des  Alldeutschen  Verbandes  auf  die  Ausführungen  des  Staalesekretärs
  v.  Kiderlen-Wächter  im  Reichslag  (I.  17.  Februarg:
        <pb n="56" />
        46  N  Dealse  Reiq  und  seint  einfelurn  Glieder.  (Februar  19.)

ie  Unterredung  zwischen  dem  Staatssekretär  und  dem  Vorsitenden
des  ung  nn  Verbandes  hat  nicht  wenige  Tage  vor  Agadir  stallgefunden,
sondern  am  19.  April  1911.  Am  1.  Juli  solgte  eine  Unterredung  zwischen
Rechtsonwall  Cioß  und  dem  Untersiaatssekrelär  Dr.  Zimmermann,  da  Herr
v.  Riderlen-Wächter  auf  Urlaub  Legangen  war.  Eine  weitere  Unterredung
zwischen  Hertn  Claß  und  dem  Staatsjekrel  hat  nicht  stattgesunden,  also
auch  nicht  einc  solche  um  September  vorigen  Jahres,  von  der  Hert  v.  Miderlen-Wächter
  im  Reichstag  gesprochen  hat.  Nach  dem  1.  Juli  ist  leine  Unterredung
  zwischen  dem  Rechisanwalt  Elaß  und  dem  Auswärtigen  Amt  mehr
gewesen.  Gegenüber  den  jachlichen  Ausführungen  des  Slaalssekretärs  er-UHärt
  der  Selchastesühre  sschut  daß  sie  in  den  entscheidenden  Punkten
den  Tatsachen  nicht  entip#  “"
19.  Februar.  (Preugzisches  Abgeordnetenhaus.)  Erste
Veratun  d  Eniwurfs  eines  „Wassergesetzes“.
dwirtschaftsminister  Frhr.  v.  Schorlemer:  Der  vorgelegte  Eniwurf
  eints  Wassergesetzes  ist  das  A  Ergebnis  langjähriger  Beralungen  und
will  die  Ungleichheiten  des  bieher  gelienden  Rechies  beseitigen,  welche  ni
allein  innerhalb  dieses  hohen  Hauies,  sondern  auch  außzerhalb  voinban
Gegenstond  vieljacher  Klagen  und  monnigiattiger  Beichwerden  gewesen  sind.
Die  letzte  allgemein  geltende  Regelung  bes  Waiserrechts  enihielt  das  Alugemeine
  Landrecht  vom  Jahre  l  «  im  den  Umjang  der  seinerzeitigen
preußiichen  Monarchie.  #  erjolgte  eine  weilere  Vergrösterung  der
preußischen  Gebictsteile,  und  damit  irat  von  neuem  der  Wunich  hervor,
auch  das  Wasserrecht  einer  neuen  gesetzlichen  Regelung  gu  unterziehen.
Aber  danials,  insbeiondere  nach  dem  Jahre  1870,  rechnete  man  auf  eine
reichsgeirvliche  Regelung  des  Wasserrechus  und  beschräulie  sich  daranf,  durch
das  Gesenz  von  1879  die  Rechte  der  Waisergruossenschasten  gesetzlich  feizulegen.
  Das  Bürgerliche  Gese#buch  hat  in  bezug  auf  das  Wasserrecht
die  damals  gehegten  Erwarlungen  nicht  erfüllt:  es  hat  die  Regelung  des
Lasserrechis  den  Landesgeietzgrbungen  überlassen  und  die  bestehenden
lanergeievlichen  Vorichriten  aufrechterhallen.  Neben  dem  preuctischen
adrechi,  dem  allgemeinen  Recht  und  dem  Coce  civile  sind  die  wasserrechussson
  Bestimmungen  in  75  verschiedenen  Gesetzen  enthalten.  Die
Forderung  nach  Erlaß  eines  Reichswassergeietes.  die  sich  anläßlich  der
Verunreinigung  der  Wasserläuse  jetzt  wicder  erhoben  hatte,  kann  ich  nicht
autheisien  denn  nach  der  Reichsverfaflung  ist  mit  Ansnahme  der  Schiffahrt
und  Flosscrei  die  Wassergrieugebung  der  Zuständigkeil  des  Aeche,  Senuzsgen.
Ohne  Aenderung  der  Reichsverjassung  wäre  also  ein  solches  Geict  gar
nicht  möglich  gewesen.  Der  gemeinsame  Fecv  aller  Vorschrifien  für  die
Vasserlänfe  ist  ein  doppeller,  einmal  die  möglichste  Ausschaltung  aller
Schädigungen  und  dann  die  weitgehendsse  Ausnutung  aller  Vorkeile.  Zu
diesem  Ende  teilt  der  Entwurf  sämiliche  Wasserläufe  in  drei  Kategorien.
An  den  Wasserläufen  erster  Ordnung  dehält  sich  der  Siaat  das  Eigenlumsrecht
  vor,  während  die  übrigen  als  Eigentum  zugewiesen  werden.  In
seinen  weiteren  Abschnineen  regelt  der  Emwurf  die  Frage  der  Benutzung
der  Waiserläufe;  er  strebt  hierbei  den  möglichsten  Anogleich  der  öffentlichen
und  privaten  Imercii#en  an,  und  er  iucht  das  zu  erreichen,  indem  er  an
allen  natürlicho  n  Wanstlmncn  den  Gemeingebrauch  in  den  gesedlichen  Grenzen
selegt,  dabei  ober  zugleich  durch  eine  abermalige  Neuerung,  das  sogenannte
Verleitzungsversahren,  Vorjorge  triffl,  daß  Rechte  an  den  Woiserläufen  erworben
  werden,  welche  dem  Betreifenden  bieher  nicht  zustanden.  Die
ost  bellagte  Verunreinigung  der  Gewässer  bezw.  die  Reinhaltung  der  Flußläuie
  fsindelt  in  dem  Emwurf  einc  besondere  Regelung.  Behzüglich  der  Stau-
        <pb n="57" />
        Das  Druisqe  Rtiq  und  sriur  rinteluen  Gli  (Februar  19.)

anlagen  sind  Erstimmungen  getroffen,  um  schädliche  Stauanlagen  zu  beseitigen,
  zu  beschränken  oder  deren  Umgestaltung  herbeizuführen.  Auch  be-Auglich
  der  Flußläufe  schafft  der  Entwurf  neues  Recht.  Bisher  waren  die
Anlieger  zur  Unterhaltung  der  Flußlönse  verpflichtet,  künftig  soll  der  Eigenmmer
  nur  bei  den  Strömen  Keiter  und  dritter  Ordnung  diese  Verpilichtung
daben.  Der  Entwurf  schreibt  vor,  die  Unterhaltungspflicht  auf  die  Wassergenossenschaften
  zu  übertragen,  Ie.  über  den  Kreis  der  Finelurn  Gemeinde
binausgehen.  Diesen  Wassergenossenschaften  gehören  nicht  allein  die

licger  an,  sondern  es  können  dazu  auch  alle  diejenigen  herangezogen  werden,
die  irgendeinen.  Verrelt  von  den  Flußläufen  haben,  so  z.  B.  Fabriken  und
Bergwerke.  Die  Frage  der  Beitragsleistung  soll  geregelt  werden  nach  der
Hohe  des  orteils,  den  der  einzelne  an  dem  Wasserlauf  hot.  Soweit  es
lich  um  Widerwillige  handelt,  die  sich  weigern,  einer  Genossenschaft  beizutreten,
  kann  der  eteitwe  eintreten.  Den  örtlichen  Verhältnissen
ist  insoiern  Rechnung  zu  tragen,  als  da,  wo  bisher  die  Gemeinden  die
Umierhollung  hauen,  die  Möglichkeit  besteht,  es  dabei  zu  belassen.  Der
häufig  heroortretenden  Klage,  daß  die  Rechie  an  Wasser  ni  ##  genügend
ieĩtgeitellt  eien,  sucht  der  Entwurf  dadurch  zu  begegnen,  daß  er  die  Einrichtung
  beionderer  Wasserbücher  vorsieht.  Die  Wagerbuchrr.  sollen  bei  Wasserläujen
  erster  Ordnung  vom  Regierungeprösidenten  und  bei  jolchen  zweiter
und  dritter  Ordnung  vom  Landrat  geführt  werden.  Was.  hit  Organisation
der  Behorden  aubetrifft,  so  ist  vorgesehen,  daß  die  bisherige  Strombauverwaltung
  bestehen  bleibt,  es  treten  dazu  er,  Negierungsbräsident,  der  Land- 



rat,  die  Gemeindebehörden  usw.  Außerdem  ist  die  Errichtung  von  Strom  ·
bauausschüssen  und  von  asserbaurãten  vorgeiehen-  Wenn  ich  nach  meinen
kurzen  Ausführungen  die  einung  vert  daß  in  dieiem  Emwurf  die

landwirkschaftlichen  *  ausrichen  weraher  sind,  so  möchte  ich  dorauf
binweisen,  daß  das  gleiche  auch  bezüglich  des  Handels  und  der  DI#dsteie
der  Fall  ist.  d40  darf  kurz  binwezen  auf  die  Bestimmungen,  welche  di
Sonderrechte  des  Bergwerkseigentümers  aufrechterhallen,  welche  sich  auf  de
Anlage  neuer  Wasierstraßen  beziehen,  auf  die  Erleichterung  der  böglichkeit
zur  Ausnutzung  der  Wasserkraft  für  Betriebszwecke,  besonders  für  Elrurinitane
zwecke,  auf  die  Erleichterungen  bei  der  Einleitung  von  Abwässern,  auf  d
weitergehende  Benuyung  der  Woasserläufe  seitens  der  Industric.  Mir  #ar
einige  Rejolutionen  des  wasserwirtschastlichen  Verbandes  zugegangen,  die
eine  Reihe  von  Wünschen  enthalten,  über  welche  eine  Veritchigung  bei
den  weiteren  Beralungen  nicht  ganz  aussichtslos  ericheint.  Aber  d
iomtbeurteilung,  welche  in  dieser  Druckichrift  ausgesprochen  ist,  aen  mir
die  Hoffnung,  daß  dieler  Selhem-un  in  den  Kreisen  der  Interessenten  i
allgemeinen  eine  wohlwollende  Aufnahme  gefunden  hat.

NAach  einer  die  ko0ln  Kodifikation  im  ganzen  anerkennenden  Di
kujiion  wird  der  Entwurf,  der  365  Paragraphen  enthölt,  einer  Kommission
  von  28  Mitgliedern  überwiesen.

19.  Februar.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Beratung
des  Etals.  Streit  über  die  Finangpolitik,  besonders  die  Erbschaftesteuerfrage.


Abg.  Bansn  Edler  u  Putliz  K.):  Ich  bin  von  meiner  Fraktion
beauftragt  zu  erklären,  oaobnn  wir  auf  der  Ablehnung  der  Erbanjallsteuer
mit  bragt  da  #nl  d%  (Beifall  r.)  Die  Sozialdemokratie  hat  bei
den  letzen  Wahlen  4¼  Millionen  Stimmen  ausgebraucht.  Die  Gefahr
liegt  nicht  in  den  4¼  Millionen,  sondern  darin,  daß  die  Führer  der
Sozialdemokratie  zielbewußt  auf  ihr  Ziel  lossteuern,  und  einen  Teil  dieser
        <pb n="58" />
        48  Das  Beuilcte  Neich  und  seinr  rinfelnen  Glicher.  „Februar  19.)

Stimmen  ouch  hinter  sich  haben.  Sie  predigen  hier  und  anderswo  den  direkten
Umsturz  der  Staats-  und  Ges  ——.  ½  in  eine  Existenzirage
des  Staates,  sich  dagegen  zu  wehren,  er  hat  dazu  die  Pilicht  und  das
Necht  und  alle,  die  auf  dem  Boden  des  kusd  Sloates  niehen,  müssen
n  darin  unterstützen.  (Reichekanzler  v.  Bethmann  Hollweg  erichein  am
Vundrormelschr)  Die  wirtichaftliche  Lage  unjerer  Arbeiterllassen  hat  sich
im  Lauie  der  letten  Jahrzehnte  ganz  weiemlich  gebeiiert.  Man  spricht  auf
seilen  der  bürgertichen  Linlen  immer  von  der  Minstimmung  über  politiiche
Ferhuntnisse  und  dergleichen.  Wer  Wa  ahlkämpfe  durchgemacht  hat,  weiß,  daß
nicht  das  Aneichlag  gibt,  sondern  im  Gegenteil  bei  der  Mehrzahl  der
Wähler  glatt  zu  Boden  fällt.  Bei  uns  in  Deutchland  spielen  die  großen
wirlcchaftlichen  Organisationen,  die  von  Anfang  an  auch  politiiche  Crganisationen
  geweien  sind,  eine  große  Nolle.  Im  öbrigen  wird  eine  große
Masse  von  Milläuiern  eben  durch  solche  Schlagworte  für  die  Sozialdemokratie
gewonnen.  Durch  dos  Gerede  von  der  ungejahrucchten  der  Sozialdemokratic,
durch  das  Heten  gegen  die  „Scharimacher“,  hat  man  das  Bewußtiein  der
sozialdemokralischen  Gejahr  leider  nicht  geichünike  L  abgedämpik.
Das  Problem  der  Mittelstandspolitik,  des  Schutzes  der  selbstandigen  Existenzen,
  hat  erfreulicherweise  jet  auch  auf  der  Linken  Eingang  geiunden,
ei  den  Nationalliberalen.  Die  Sozialpolitik  wird  weitergeführt  werden:
wir  treiben  sie  nicn  um  der  Soziatdemokratie  willen,  gennen  weil  wir
ohl  der  arbritenden  nlassen  im  Augen  haben.  Was  die  Zolle  anlangt,
“7  lann  in  gegenũber  den  Behaupiungen  der  Ziulen  bestinum  erllaren,
daß  weder  von  den  Noniervativen  noch  vom  Bund  der  Landwirte  eine  Erbohnnn
  der  Geicier  zölle  verlangt  worden  ist.  ustimmmungg  und  Pört  Hört  .
Die  Liebesgabe  ist  leine  agrarische  Forderung.  (achen  I.)  Erkundigen  Sie
sich,  ihre  Aeseiligung  scheitert  an  dem  Widerspruch  der  süddeulichen  Regierungen.
  Venn  die  liberalen  Forderungen:  Ministerveran#wortlichteit,
Eartanenteriicht  Regierung,  neue  Wahlkreiseinteilung  durchgeführt  würden,
so  würde  die  Macht  der  Sozialdemokran  gewaltig  gestärlt  werden.  In
ego  voande  der  Welt  hat  der  Parlamentariomus  günstig  —o
(Lachen  l.,  Zuruf:  England!)  In  England  war  er  bis  jent  in  den  Händen
Aweier  großer  aristotratiicher  Parleien:  sehen  Sie  aber  die  anderen  Lander!
Am  leuten  Ende  wird  die  Sozialdemokratie  an  ihrem  eigenen  Programm  zu.
Krunde  behen.  (Lachen  der  Sd.  )  Die  muehmende  volitiiche  Reise  und  die  christlichen
  und  die  nalionalen  Stimmungen  werden  im  Volle  sich  ichließlich  gelrend
machen.  Da  ist  es  aber  notwendig,  daß  der  Staat  der  Agitation  der  Sozialveennottanse
  eiue  Autorilät  euigegenste  llt,  und  daß  auch  die  bũrgerliche  Geiellichait
  ihre  Haltung  ändere.  Der  Rausch  an  der  grossen  Stimmenzahl  wird  dann
anihören.  Auf  monarchistüchem  Standvunkt  müisen  unter  Himansebung  der
trennenden  Gichhuamt  *  burgerlichen.  Parteien  änsammenarbeilen.
lr.  kaaiche  (Nl.:  Von  polilischer  Aedentung  war  wohl  die
Erklärung  des  Vortednens.  dee  sie  die  Erbichaitestener  unter  allen  Um
ständen  ablehnen  und  sich  von  diesem  Skandpuntt  nicht  abbringen  lasien.
Das  erkllärt  er  namens  jeiner  Partei,  obwohl  er  noch  nicht  weiß,  welch  ein
Ausiehen  die  Vorlage  haben  wird.  Auch  das  Zentrum  hat  ein  Niemals
geiprochen:  nun,  diese  Parlei  hat  bioher  noch  immer  verstanden.  sich  eine
Tür  osien  4tn  hauen.  MHeiterseil.  Ich  nehme  au,  da  zur  rechlen  Zeit
Jhr  patriotiicher  Geist  erwachen  und  sich  über  doktrinäre  Erwögungen  und
MWitg  innegieutn  wird.  Unruhe  r.  Ruse  I.:  Abwarten!)  Das  Wort
vom  luckenlofen  Zollmrif  ist  wieder  lard  geworden.  Mit  diejem  Schlagwort
haben  vor  neun  Jahren  die  Agrarier,  die  Führer  des  Bundes  der  Landwirle,
  auch  gegen  die  Loniervativen  gebetzt.  Herr  v.  Urocher  Sog  damals
gegen  Dr.  HDahn  und  Rorücke  los.  Auch  uns  warf  man  vor,  wir  wären
        <pb n="59" />
        Des  Neschr  Krich  und  seinn  rinpelnen  Glich#r.  (Februar  1.)  49

nicht  landwirtschaftefreundlich,  weil  wir  diese  Lückenlosigkeit  nicht  mitmachten.
Jet  ist  mon  auch  auf  der  anderen  Seite  bescheidener  geworde  en.  n

NReiden  der  dußersten  Linken  stärken.  Nun  erklären  sich  die  Agrarier  bereit,
auf  Liedesgaben  zu  verzichten.  Natürlich,  sie  haben  ja  die  Spirinuentna
Die  Liebesgaben  würden  eben  auf  andere  Weise  bezahlt  werden.  Der
jumen  muse  weiter  zahlen.  Gegen  Herrn  Wermueh  sind  ziemlich  *
daile  Angrifie  richer  worden.  Ich  muß  mich  ohne  weileres  auf  seine
Srite  ilellen.  tsieht:  Es  steht  ein  Mann  an  der  Svpite  der  Finanz--verwalung.
  *  -  der  Vergangenheit  gelerut  hat  und  die  bisherige
Bamtottwirschaft  nicht  mehr  mitmacht.  Er  ist  auf  dem  richtigen  Wege.  Der
Redner  gibt  eine  drastische  Schilderung  von  der  Entwicklung  der  Schuldenwirii
  chaft.  Wenn  wir  jetzt  einen  Staatssekreiär  am  Ruder  haben,  der  fest
anf  dem  Stondpunkt  ücht  und  den  Mut  hat,  zu  sagen:  so  kann  es  nicht
weiter  gehen  —  ich  meine,  die  Herren  vom  Incn  können  unmöglich  ihn
im  Sliche  baien-  wieder  abgehen  von  der  Erfüllung  des  uldenngs,
geietes.  Gerade  das  Zemrum  hat  mit  uns  damals  dos  3.  v.  H.  Til

ai  ein  volles  Prozenk  erhöht.  Viereinhald  Milliarden  Schulden  für  du4n
werbende  Zwecke  —  und  wos  damit  beschafft  wurde,  ist  zum  grotzen  Teil
vergangen.  verkamuen.  verdorrt,  verrottet,  vrtren.  weriae  Da  fangen
Zu  wenigstens  mit  der  zahmen  Tilaung  o  n  1  u.  H.,  Die  Matrikularbelträge
  sollten  une  bewegliche  Ginnahe  sein.  bene  2  sie  eine  seste  Rente.
Die  Einzelstaaten  haben  jent  deshalb  gar  lein  )  daran,  wie  der
Reichsetat  auigeslellt  wird.  einzige  Bewegliche  bei  uns  ist  noch
die  Schuldemilgung.  Wenn  wir  in  der  Takik  Fen  bisherigen  ne
anders  geiuhrt  haben  als  früher,  dann  haben  wir  nur  das  gekan,  was  Sie
von  der  Rechten  auch  getan  haben.  Wenn  Graf  Westarp  sagte,  daß  derjenige
  ein  Schriktmacher  der  Sofialdemokralie  sei,  der  in  der  Slichwahl
einem  Sozialdemokraten  zum  Siege  verholfen  habe,  dann  sind  Sie  von  der
Rechien  dreimal  so  viel  Schritlmacher  als  wir.  (Lebhaile  Zustimmung  [*+!˙
Sie  konnen  uns  nur  nachweifen,  daß  in  vier  Wahlkreisen  der  Sozial.
demokcat  mit  nationalliberoler  Oilse  gewähl  worden  ist.  Die  Kouservaliven
aber  haben  12  Mandate  den  bürgerlichen  Parteien  emtrissen  und  den  Sozialdemokraten
  seichan.  (Lebhaftes  Hört!  Hörk!  bei  den  L.)  Füns  Mandate
haben  die  Agrarier  den  Weljen  ausgeliejert.  ört!  Höri!  bei  den  L.)
Sind  die  Welien  -  ee  treue  Jrrund  der  preuniischen  Monorchie?  ?
Die  Konservativen  sind  nicht  mehr  das,  was  sie  1NX7  waren.  Sie  sind  auch
abgerückt,  aber  ins  Reaktionäre.  Lea  verstattdtqee,usauoollekKomm-aussaudeedasseneheadeanddemqhkteeehqlteaIvtkdtnvöllsgbekechttqtAde

wir  hauen  nicht  mit  diesem  Konseroatismus  zu  kämpfen,  sondern  mit  dem
des  Herrn  v.  Heudebrand,  des  Dr.  Hahn.  Das  war  eine  ganz  andere
Nummer.  Deiterkeit.)  Die  Bündler  riefen  beie  ihrer  Gründung  den  christ
lichen  Segen  auf  sich  #ee  um  zu  kämpfen  gegen  eine  materialistiiche  Zurrl.
cüenvertretung,  und  jetzt  sind  Sie  eine  christliche  Organisation  gegen  den
Materialismus  der  volisnen  Partei.  Ich  habe  einmal  geleien,  der  Materialis
mus  ist  der  Freihandel  im  Gegenjat  zum  —  Chrislenium?  (Deilerkeit  I.)

ie  haben  nun  die  Herren  umer  dem  Banner  des  Christentums  gegen  den
Materialismus  gekämpft?  Bei  einer  Wablverammtunge  n  meinem  Kreuznacher
  Wahlkreise  sagie  der  Zentrumorcbner:  Ich  glaube  an  den  Allmächlügen
  Gott  und  seinen  a  Sohn  Jefus  Christus  —  das  *  „  mein  volilisches
GAnensbelranente,  Bei  einer  solchen  Lonwpsesweihe  bei  einer  solchen  Verwendung
  der  Zeligion  ul  polilischen  Zwecken  muß  einem  anständigen
Menschen  der  Ekel  .
III-Mild-  tlelslålslelender.  1.lll.  1
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        50  Dat  NBische  Neich  und  srine  rinzeinun  Elicher.  (Februar  19.)

Ich  #nsipse  an  an  die  Worte,  die  der  Reichskonzler  —  wir  haben
uns  gewiß  alle  darüber  gefreut  —  Über  die  —  besserer  Be-Kiehungen
  zu  England  gesagt  hat.  Aber  man  sollie  doch  nicht  c  große
Hoffnungen  auf  diesen  Hean  des  englischen  Kriegeministers  setzen.  (Sehr
richug!)  Ich  gloube,  wir  hoe  ein  gules  Recht  zu  galmischted  efühien
denn  4%  uns  4½  ion  —  ich  wil  das  übliche  Epitethon  hier  nicht  anwenden  —
Wohltoten  anbietet  ohne  Hintergedanken,  daran  glauben  wir  nicht.  (Se
richtig!)  Wir  sind  verpflichtet  zur  Erhaltung  unjerer  Wehrkrast  zu  Wasser
und  —E  mnde  alles  zu  zun,  asn  nolwendig  il

Abg.  Gothein  (Fortschr.  Vv.):  Die  Erklärung  des  Herre  ieichslanzlers,
  daß  Lihten  Gorch  onn  England  im  Gange  seien,  und  daß  diese
Verhandlungen  wahrscheinlich  von  Erfolg  gekrönt  sein  werdenn  cher  uns  mit
Genuginung  erfüllt.  Wir  sind  allerdings  der  Meinung,  daß  es  für  beide
Völker  von  großem  Wert  wäre,  wenn  die  Alchverstärdnie  zwischen  den
beiden  großen  Völlern  beseitigt  würden.  .s55  den  aber  etwaige  Abmachungen
  mit  England  nur  dann  begrüßen,  wenn  Fit  unter  voller  Wahrung
der  berechtigten  Interessen  Deuischlands  Faustbchilelenken.  (Beifall  bei  den
Liberalen.)  Wir  sind  dadei  nicht  im  geringsten  von  sentimentalen,  sondern
von  sehr  realen  eiühten  beseelt.  Denn  wir  sehen  darin,  daß  ein  englischer
Minister  mal  bech  Berlin  kommt,  noch  nicht  eiwas  so  besonders  Erfreuliches.
  (Sehr  richtig"  I.)  Aber  wir  wollen  hoffen,  daß  die  Verhandlungen
zu  positiven  Sgrbnien  führen  werden.  Die  Rede  des  Reichsschatzielreir.
war  insofern  doch  recht  einieitig.  daß  er  uns  erzählt  hat,  daß  die  Schulden
dadurch  emstanden  sind,  daß  man  mehr  ausgegeben  hat,  als  eingenommen.
Das  wußten  wir  lcieh  lich  auch  schon  so.  Heiterleit.)  Aber  die  ursamen
anzugeben,  hat  er  in  der  Hauptjache  vergeisen;  nur  einen  Punkt  hat  er
erwähnt,  nämlich  ern  Höhe  der  Ueberweisungen  in  den  achtziger  nIier
zu  einer  Zeit,  als  das  Neich  besonders  viel  Schulden  machte.  Auf  die
Mlaujula  Franckenstein  einzugehen,  hat  der  Reichsschotziekretör  wohl  mit
jarter  Rücksicht  auf  die  Herren  vom  Zentrum  unterlassen.  Donn  he
Siaatssjelretar  vergessen,  die  grosten  Geschenke  des  Reichs  an  die  Interessentenkreiie
  zu  erwähnen,  z.  B.  die  Zuckerexportprämie.  Diese  hal  dem  Reich  in
der  Zeit,  während  sie  bestand,  mit  Zins  und  Jinjeszins  2250  Millionen
Mark  gekostet.  Wort!  Hört!  1)  Dan  n  die  großartigen  Geschenke  an  die
Getreidebaner,  die  in  den  Einfuhrscheinen  liegen,  und  das  drine  große  Geschenk,
  die  Branmtweinliebesgabe,  die  dem  Reich  schon  k  bber.  1500  Millionen
Mark  kostet.  Rechnet  man  diese  Geschenke  zusammen,  so  ergibt  es  sich,  daß
vier  Fünstel  der  heutigen  Reichsschuld  durch  dieie  Grichentochiut  entstanden
sind.  Die  Sozialdemokratie  lebt  von  den  Fehlein  ihrer  Gegner,  von  der
Teuerungspolitik,  von  der  staatlichenn  Emreching  und  Zurücksetzung,  die
ihren  Vertretern  zuteil  wird  usw.  Dieie  Ummände  und  die  schlechte  Gesetzgebung
  bicien  der  sozialdemokratischen  Agitotion  immer  wirksomen  Zündstois;
  auf  diesem  Nährboden  erwachsen  ihre  Erfolge.

Reichskonzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Ich  will  nur  einige  wenige
Bemerkungen  machen,  Der  Abg.  Gothein  hal  eben  geiagt,  er  wünsche  nicht,
daß  ich  mich  in  die  Geschäfte  des  Reichstages  bei  der  Wahl  des  Präsidiums
  ninnlche,  Denjelben  Gedanken  hat  der  Abg.  Ledebour  am  vorigen
Samsiag  in  der  von  ihm  nicht  ungewohnten  eiwas  schärferen  Sprache  zum
Auedruck  gebracht.  Er  hat  es  eine  unerhörte  Anmaßung  von  mir  genannt,
was  ich  über  die  Vorgänge  bei  der  ledten  Präsidentenwahl  gelsagt  habe.
(Sehr  richtig!  I.)  Ich  habe  nicht  daran  gedacht,  mich  in  die  Wahl  des
Präsidiums  einzumischen:  ich  habe  nicht  daran  gedacht,  eine  Bemerkung
darüber  zu  machen,  daß  dem  Reichstag  nicht  die  volle  Freiheit  zustehe,  sich
dasjenige  Präsidium  zu  wählen,  das  er  will.  Ich  habe  nur  die  Hallung
        <pb n="61" />
        D#  Beusschr  Rrich  und  sriur  einzelnen  Glirder.  (Iebruar  1.)  51

der  beiden  liberalen  Fraktionen  zum  Gegenstand  meiner  Bemerkungen  gemocht
  und  ausgeführt,  daß  nach  meiner  Ueberzeugung  sich  die  liberalen
Parteien  nach  links  entwickelt  haben.  Es  ist  keine  Aumaßung,  das  zu
iagen,  und  es  ist  kein  Uebergriff.  Es  handelt  sich  dabei  um  Alie,  die  in
unse  geiomtvolitischen  Oefsentklichkeit  das  größete  Aussehen  erregt  haben,
und  daran  soll  der  Reichskanzler  Killichweigend  vorübergehen?  Nein,  meine
Herren,  ich  deme  gar  nicht  dara  Ich,  verde  darüber  dieienigen  Bemerlungen
  machen,  die  ich  von  m  eren  Standpunkte  aus  für  richtig  halie.
iutimmung  r.,  Lachen  I.)  Wern  ich  katächich  der  eingebildere  Bureankrat
wäre,  als  den  n  mich  die  radilalen  Redner  und  die  Presse  immer  hinsiellen,

geaen  mich,  geifört  hat,  bin  ch  in  keiner  Weise  ärgerlich  gewesen.  Der
Abg.  Lededour  hat  im  Verlauf  seiner  Rede  festhünemn  Fwicchen  dem  rechten
und  dem  linten  Fubet  seiner  Partei  herrsche  völlige  Einigkeit.  Nun,  wenn

mon  die  Re  den.  iiv-bgcordneten  Frank  und  Ledebour  vergleicht,  wenn
man  sich,  wic  es  de  Abg.  Ledebour  t  geian  hat.  auf  denielten  Siond
itelt,  dann  ist  doch  wohl  die  Besorgnis  gerechtfertigt,  ob  sich  der  Sieg  des

Reoisionismus  über  den  Nobiteliomus  io  schnell  vollziehen  welde  wie  es
der  Abg.  Golhein  gemeint
Meine  Herren,  es  har  dann  weiter  in  der  bieherigen  Debaue  die
Frage  der  Erbschaftssteuer  einen  sehr  breiten  Raum  eingenommen.  Ich
konn  ja  nichts  dagegen  einwenden,  wenn  sich  dice  Herren  über  die  Erbichafts.
struerirage.  was  die  Vergangenheit  angeht,  unterbalten,  obwohl  ich  mir
einen  großen  Nuten,  wie  ich  neulich  gesogt  habe,  nicht  davon  versprechen  kann.
Eiwas  auderes  aber  ist  es,  über  die  Erbschaftsstenerfrage  zu  sprechen  pro
luroro  in  Zusammenhang  mit  den  Weyrvorlagen  der  verbündeten  Regierungen,
  die  ja  noch  gar  nicht  eingebracht  sind.  Ich  meine,  man  sollie  den
JZeupunkt  der  Eimter##n  dieser  neuen  Vorlagen  doch  zunächst  einmal
abwarten.  Sonit  kriegen  wir  ja  immer  von  dem  Parlamem  zu  hören,
Deckung  zu  suchen  sei  Aufgabe  der  Regierung  und  nicht  des  Reichstagre.
Ich  bin  ia  derielben  Meinung  und  darum  sollie  man  auch  in  diriem  Falle
nicht  über  Deckungen  sprechen,  bevor  nicht  die  Vorlagen,  die  Vorschläge  der
rrrbndenen  Regierungen,  Ihnen  vorliegen.  Aber  der  Slaatoiekretär  und
haben  nicht  ———  von  der  Erbschaftssteuer  zu  sprechen,  ioudern
t  haben  nur  erwidert  auf  Bemerkungen,  die  ans  dem  Hause  gefaulen
—  und  wir  haben  das  tun  müisen,  um  zu  zeigen,  daß  den  verbündeien
Regierungen  volle  Freiheit  in  der  Deckungsfrage  olien  bleiben  muß.  Amizwierte
  Erörterungen  über  diese  Frage  können  dice  schwierige  Simation
nicht  erleichtern  und  ich  moöchte  deshalb  die  dringende  Vitte  an  das  hohe
Haus  richten,  seine  Kritik  bis  zu  dem  Zeiwunkste  aniszuschieben,  wo  die
Pest  Regierungen  mit  ihren  Vorschlägen  hervorgetreten  sind.
chließlich,  meine  Herren,  ich  will  mich  ani  diese  leute  Bemerkung
beichräzssen,  hat  der  Abg.  Paasche  gemeint,  ich  jei  den  Beweis  für  die
Linkeentwicklung  des  Liberaliem  un  und  namentlich  der  nalionalliberalen
Latiei  schuldig  geblieben.  Wir  wollen  doch  nicht  Versteck  #virlen.  Die
Frage  der  Enlwicklung  der  Nerioneleberaben  ist  aui  Ihren  Parieitagen
und  in  Ihrer  Parteipresse  seit  drei  Johren  eine  Tagesjrage.  Die  Jungliberalen
  haben  sich  zusammengeton,  um  die  Partei  weiter  nach  Lnks  zu
ziehen.  (Zustimmung  r.)  Diese  animose  Fromstellung  (gegen  r.  —  ich
will  die  Gründe  und  die  Frage  der  Berecnigung  dieser  Slellung  nicht
umersuchen,  hier  kommt  es  nur  darauf  an,  die  Tatsachen  seutunneuen  —,
diese  Sicllung  gegen  rechts  ist  doch  die  Signazurfrage  des  Besteheus  diejer
Bewegung  in  Ihren  Reihen.  0  haben  schließlich  in  den  letzten  Tagen
151“
        <pb n="62" />
        52  Hes  Beuische  Keich  und  seint  ristelurs  Elieder.  (Februar  19.  20.)

—  auch  das  wird  J  Krt  entgangen  sein  —  mit  der  Parlei  selbst
Gnade  vor  den  Augen  „Berliner  Goreblante-  gesunden.  (Stürmische
Lesen)  Aber  ich  “  von  der  hauptstädtischen  Presse  nicht  sprechen.
Abg.  Dr.  Paasche  hat  ihr  mit  vollem  Recht  eine  ganz  besondere  Stellung
*t  Aus  den  Aensierungen  der  Provinzwpresse,  speziell  auch  Ihrer
Provinzpresse,  aus  den  Beschlüssen  und  den  Bejsorgnissen  zahlreicher  Parteivorstände,
  aus  all  diesen  Tatjachen  glaube  i  ich  als  unparteiischer  Beobachter
nur  den  Schluß  ziehen  zu  können,  den  ich  gezogen  habe.  Belehren  Sie
mich  eines  beiseren,  ich  werde  der  erste  sein,  der  das  freudig  begrüßt  und
ich  nehme  schon  heute  dankbar  von  der  Erklärung  des  Herrn  Abg.  Dr.  Paasche
Akt,  daß  seine  Partei  nicht  doran  denke,  sich  weiter  nach  links  zu  entwickeln.
(Stürmische  Heiterkeit.)  Der  Abg.  Dr.  Paoiche  hat  versichert,  die  Partei
wolle  an  ihren  allen  Tradilloneg  geittaen.  Meine  Herren,  Sie  haben
“  mit  Heiterkeit  begrünt.  Ich  hade  das  meiner  Meinung  nach  ohne  iede
Spur  —  wie  soll  ich  sagen  —  von  Jronie  geiangt,  sondern  es  ist  meine  positive
lenrsc  Ich  werde  Ihnen  nur  dankbar  sein,  wenn  Sie  dicie  Ihre
Absicht  verwirklichen;:  denn  wenn  Sie  das  kun.  kann  ich  hollien,  daß  die
Zeit  wiederkehrt,  wo  sich  tros  aller  Gegeniäue  zwiichen  konservativ  und
liberal  die  Narteien  nicht  mehr  auseinanderentwickein,  daß  die  Tendenzen
zu  einer  solchen  Auseinanderentwicklung  auf  der  rechten  Seile  anihoren
und  daß  damit  der  Boden  wiedergejunden  wird,  auf  dem  sich  schlieülich
im  grofen  und  ganzen  die  Polirik  der  mitueren  Linie  bewegt,  von  der
umier  Reich  während  seines  ghanzen  Bestehens  gelebt  hat.  Daß  dieie  Zeir
bald  wieder  ktommen  möge,  das  ist  allerdings  mein  ernster  Wunsch.  (Beifall  r.)
19.  Februar.  Aus  dem  Nachruf  der  „Norddeutschen  Allgemeinen
Zeitung“  auf  den  Grafen  Aehrenthal.

s  der  nun  versterbche  3  Slaatomann,  damals  noch  Frhr.  v.  Nehrenthal,
  gegen  2#  O#ber  1|s  seinen  Bolschafterposten  in  Petersburg  verlich,
  um  als  Nachfolger  des  Grasen  Goluchowsli  an  die  Spitze  des  österreichisch-ungarischen
  Ministeriums  des  Auswärtigen  zu  teeien,  ging  ihm

er  Ruf  einer  durch  Begabung.  inisse  und  Eriahrung  ausgezeichnerten
Periönlichleit  voraus.  Ze#t,  da  jein  Lebenslauf  einen  leider  borkeitigen
Abschiust  jand,  liegt  der  Mitestreitbare  geschichtliche  Beweis  vor,  daß  die
ihm  schon  damals  nochgriagten.  hervorragenden  ü#atsmännischen  Eigenschaften
  ihm  in  hohem  Mase  eigen  waren.  Seine  Täugkeit  in  leitender
Siellung  hat  aber  darüber  hinans  gezeigt,  daßß  Graf  Aehrenthal  bei  der
Verfolgung  klar  erkanmer  und  bestimmt  ine  Aune  geiaßter  Zicie  auch  über
Enlichlustkrail,  Feitigkeit  und  Zähigkeit  veriügte  ..  Der  Siondort,  von  dem
aus  er  dic  österreichesch  ungarische  Stantskunst  oriemierte,  war  und  blieb  der
Treibundgedanke.  In  den  Beziehungen  zwiichen  Deulichland  und  Centerreich
Ungarn,  die  wahrend  der  Annexionskrisis  die  Belastungsprobe  glängend  betanden,
  hal  es  auch  im  letzten  Jahrfünit  kein  Moment  gegeben,  desien  Behandlung
  hätte  Schwierigkeiten  bereiten  können.  Dingegen  fehlie  es  in  dem
Verhälinis  Oesterreich-  Ungarns  und  J#aliene  zZueinander  nicht  völlig  an  widerstrebe
  nden  Sirömunge  n,  die  die  maßgebenden  Areiie  nicht  berührten,  wohl  aber
jenseile  der  Alpen  einen  Teil  der  Bevölkerung  erfahten.  Ein  hohes  Verdienst
des  Grafen  Aehrenthal  ist  es,  daß  er  die  Bemühungen  der  italienischen  Regierung.
  die  ösicutliche  Meinung  des  Landes  mit  den  groseen.  wirklichen  Intereisen
  des  Königreichs  in  Einklang  zu  halten,  durch  eine  behmsame  Pflege  der
Bezichungen  zu  der  südlichen  Nachbarmacht  umierstühte.“

26.  Februar.  (Berlin.)  Landschaftsmaler  Prof.  Alberk  Hertel  #6
69  Jahre  alt.
        <pb n="63" />
        Des  Derisqͥte  Nrich  und  seine  rintelnen  Glirder.  (Februar  20.)  53

20.  Februar.  (Berl  in.)  Auktion  der  Gemäldesammlung  des
verstorbenen  Konsuls  Weber  in  Hamburg.

Ein  1Halbsigurenbil  von  Andrea  Mantegna  „Maria  mit  dem  Kinde“
160—  48  cem)  wird  von  einem  Poriser  Kunsthändler  für  590000  Mark  erstanden,
  an  rend  es  im  Johre  1903  nur  50000  Mark  erbracht  haue.

20.  Februar.  (Reichstag.)  Beendigung  der  ersten  Lesung
des  Reichshaushaltsetats.  Zur  Präfidentenwahl.  Die  englische  Kriegsgefahr.
  Anderung  der  Geschäftsordnung.

Seyler  (P.)  bespricht  die  Borgänge,  die  zur  Niederlage  des
volnischen  Tonwikoten  v.  Saß-Jaoworsli  im  Wahlkreis  Schweß  geführt  haben,
und  meint,  daß  nur  der  dortige  guanssnppnet  den  Sieg  de  ½es  Reichsparteilers
zustande  gebracht  habe.  Polnische  Stimmzettel  seien  für  ungültig  erklärt
worden,  weil  der  Name  des  polnischen  Randidaten  falsch  geschrieben  und
weil  der  polnische  nandidat  auf  den  Stimmzetteln  entsprechend  seiner  Eigenschaft
  als  preußischer  Abgeordneter  als  —  bezeichnet  worden  sei.
Das  sei  nichts  weiter  als  amtlicher  Wahlsch  l.

r.  Dadid  (Sbd.):  Was  unsere  Grelnn.  zur  Monarchie  betrifft,
so  hat  der  Reichskangler  seine  Stellungnahme  gegen  unseren  Vizepräsidenten
zu  rechtfertigen  gesucht.  cahne  Erfolg.  Er  nahm  Bezug  auf  eine  Aeußerung
Scheidemonns  gegen  das  Hohenzollernhaus.  Man  hat  diese  Aeußerun
ausgegraben  als  ein  Freslen.  Die  harte  Aeußerung  beruhte  doch
auf  Gegenseirigkeit.  6.  war  durch  scharse  Acußerungen  von  anderer  Seite
bervorgeruien.  Die  Aeußerung  selbst  ist  noch  lange  n  nicht  jo  schlimm  als
das  Bestreben,  das  diese  Aeußerung  hervorgernsen  hat.  Viel  schlimmer  als
diese  Aeunerung  ißt  die  konservative  Preßhetze  gegen  Bülow  und  den  König
von  Preusßen,  die  darauf  hinging,  das  Versprechen  der  Thronrede  nicht  zu
halten,  Wortbruch  zu  begehen.  Die  Herren,  die  das  betreiben,  erlauben
sich  nuns  viel  Gesährlicheres  gegen  die  Monarchie.  Auch  Herr  Mumm  hat
sich  zum  Sprachrohr  der  Senstung  gemacht.  Er  wird  schon  wissen,  wie
Sockr  ernen  königlichen  Herrn  zu  informieren  wußte.  Ich  erinnere  Sie

an  den  Scheleerhaihenkee  Stbaes  Das  hieß,  den  Monarchen  hinter  das
Licht  führen,  was  hundertwaal  schärier  war  als  jene  Fape  die  in  der
Leidenichaft  gesallen  war.  Der  Reichskanzler  hat  noch  einmal  in  uniere
internen  Nuslearaheilen  eingegrissen.  Dem  jenigen  Präsidium  wurde  die
Audienz  beim  RNaiser  verweigerl.  Es  hieß  erst,  es  sei  ein  privaler  All  des
Kaisers  gewesen.  Dann  kam  aber  die  Richtinstellung.  Herr  v.  Beihmann
läßt  schreiden,  er  sei  dafür  verantwortlich.  Das  sollte  eine  Fression  gegen
den  Reichstag  sein.  Entspricht  das  der  Ehre  und  Unabhängigkeit  des  Reichstoges,
  daß  der  Nrichsfangse  öorartige,  Periflomenrrüthe  wagt?  Republikauisuns
  vor,  alle  Mitkarbeit  mit  uns  scheitere  daran.  Nun,  bei  der

eliaß.  keinuchen  Hiasleneken  und  bei  den  DHandelsverträgen  hat  die
Regierung  uniere  Mitarbeit  gesucht  und  geisunden.  Das  kthroreliiche  Besenmnis
zur  Revublik  muß  gestattet  sein,  und  das  schreiben  wir  nicht  nur,  auch  andere
eute  haben  sich  dazu  bekannt,  selbst  Bismarck  hat  eine  solche  Zeit  gehabt,
wie  seine  „Gedanken  und  Erinnerungen“  bezeugen.  (Redner  verliest  den  belüglichen
  Vasius  auf  Seite  1  des  ersten  Bandes.)  Und  dann  gab  es  einen
Kommunisten  und  Tyrannenhasser,  der  den  politischen  Mord  aui  ieine  Fahne
ichrieb.  das  war  Johannes  Miquel,  der  als  preufjischer  Staatsminister  und
Riner  des  Schwarzen.  Adlers  starb.  Das  theorctische  Bekenntnis  zur  Republik
it  unverwehrt;  und  im  übrigen  haben  wir  erklärt,  praktisch.  milarbeiten  zu

ollen.  „Wir  würden  uns  sehr  freuen,  wenn  wir  endlich  ein  wirkliches
        <pb n="64" />
        54  °B#s  Betsche  Krich  und  sriur  eintelurn  Glieder.  (Februar  20.)

soziales  Kin  hätten;  wir  zwerden  es  eifrigst  unterstützen“,  hat  schon
vor  Ja  e  Hebel  im  Reichstog
Schiffer  G#u)#  .  habe  nur  e  das  Wort  erbelen,  um  Zeugnis
abzilenen  —  gewisse  Volgenne  ei  der  Präsidentenwahl  essauic  der  Verpflichtung
  des  sozialdemokratischen  #dide  zu  Hofe  zu  gehen.  Ich  kann
nur  bezeugen,  daß  die  Darslellung,  die  der  au#ens  wuleen  übder  diese
Vorgänge  gegeben  hat,  richtig  wor.  Herr  e  muß  sich  geirrt  haben.
Bei  der  letzten  Besprechung  mit  dem  Zentrum,  den  Freisinnigen  und  uns
aben  die  Aeußerungen  des  Abg.  Bebel  keinen  onderen  Siun  haben  können
als  den,  daß  der  lostbemefraulee  Vizepräsident  im  Falle  der  Berhinderung
des  Präsidenten  bereit  den  Besuch  beim  Hofe  zu  machen  und  das  Kaiserhoch
  auszubrin  Ich  in  der  Lage,  diese  Acußerung  festzustellen.
Lhbs.  Bebel  v.  rse  )  Bor  Ihnen  selbst  und  den  anderen  Herren.
weiten  *  ran  bei  den  Verhandlungen  zugegen.  Herr
N#bil  Vit  in  jeiner  scherzhajlen  Bemerlung  erinnern,  er  lönne  nicht  dafũr
garontieren,  daß  der  sozialdemokratische  Bieeprsident  an  dem  gtsssienten
Tee  an  veiner  Darmverschlinang  leide.  (Oeiterkeit  r.)  Es  ist  nun  gestern
il  seiten  des  Abg.  Bebel  eine  Erklärung  Liotet#s  di  unsere  vothanas  Entsalehnn
  l  die  Suers  bedeutend  erleichtern
):  Ich  bin  starr  über  diese  Cruatuns:  es  ist  daran
lein  warg  —  (Herr  Schiffer  sagte,  daß  er  am  zweiten  Tage  bei  den
Verhaudlungen  dabei  war.  In  der  Verhandlung  mit  den  Nationalliberalen
am  Tage  der  Eröfinung  des  Reichslages  erklärten  wir  Ihnen,  wir  seien
bereil,  auf  den  ersien  Präsidenten  zu  verzichte.  aber  wir  seien  entschlossen,
den  ersten  Vizepräsidenten  zu  stellen.  Auf  die  Frage,  ob  wir  die  staatsrechtlichen
  Verpflichiungen  übernehmen  wollten,  erklärten  wir:  Selbstverständlich.
Darauf  amtworteten  die  Herren,  mehr  zu  fordern,  häiten  rl  leinen  Anlaß.
Die  freilinnigen  Herren  waren  dabei  und  haben  zu  dieser  Erklärung  ihre
IZustimmung  gegeben.  Am  Mitwoch  und  Donnerstag  fanden  dann  verschiedene
  Verbandlungen  llatt,  und  am  Mittwoch  abend  gaben  uns  die
Notionalliberolen  und  Freisinnigen  den  Nat,  uns  mit  dem  Zentrum  ins
Benehmen  zu  setzen.  Das  haben  wir  getan.  Wir  haben  nach  dem  Bericht
des  Vorwäris  mitl  Freiherrn  v.  Wonicg  verhandelt.  r  sagte,  einen  Präsidenten
  der  Nationalliberalen  würde  seine  Pariei  une  keinen  Umständen
wählen.  Auf  seine  Frage,  wie  wir  uns  in  bezug  auf  das  Hoch  verhalten
würden,  erwiderten  wir,  es  würde  in  diejer  Beziehung  eine  Aenderung
unserer  Hallung  nicht  eintreten.  Davon,  daß  ich  dies  später  zurückgenommen
und  alles  widerrufen  habe,  ist  nichs  wabr.  Es  sand  nun  was  ünnusch  der
Liberalen  eine  Verhondlung  stalt,  bei  der  Herr  Schiffer  nicht  dabei  war.
Die  Nationalliberalen  und  Freisinnigen  Heer  uns  auf,  an  der  Besprechung
leilznuehmen,  wozu  man  die  Derren  des  Zeutrums  eingeloden  hatte.  Als
-Eamen,  war  das  Zeutrum  nicht  da.  and  nun  eine  zwang  ·
lose  Unterhaltung  statt,  keineswegs  eine  feierliche  Besprechung,  es  ging  dabei
sehr  unieierlich  zu,  es  wurde  sehr  viel  geicherzt  über  Wadenstrümpiler  ulw.
(Deieerkeit).  Da  wurde  unn  aufs  neue  wieder  die  Frage  an  unes  gerichtet,
ob  wir  zu  Hofe  gehen  wollten.  Wir  sagten,  davon  könne  keine  Rede  sein.
Derr  Schiffer  sagt  nun,  ich  hãtie  gesagt,  unser  Nandidat  würde,  wenn  der
Präsidem  verhindert  sei,  zu  Hofe  gehen.  Ich  habe  nur  besagt.  wenn  der
Präsidem  verhindert  ist,  dann  wird  unier  Wizepräsident  die  ah  obliegenden
Pflichten  ersüllen.  Von  dem  Zuhofegehen  und  vem  Hoch  auf  den  Roiser
war  nicht  die  Rede.  Diese  Umierhallung  fand  stalt,  ehe  die  Herren  vom
Zentrum  tamen.  Als  die  Herren  des  Zentrums  erschienen,  wurden  sie  von
une  gefragt,  welche  Stellung  die  Zentrumsfraktion  nun  ein  uf
wurde  nus  erwidert,  die  Fraktion  hälle  beschlossen,  keinem  Nattonaniber#gen.
        <pb n="65" />
        D#  Beuich-r  Reic  und  frins  rinelses  Glicher.  (Jebrugr  20)  55

die  Stimme  zu  geben  und  auch  keinem  Sozialdemokraten,  weil  sie  fordern
müric,  daß  dern  -¾

einen  Zweck.  ant  erklärte  das  Sabenndt  Wir  sind  eige  entlich  nur  Fdlen
um  mil  den  bürgerlichen  Parteien  zu  verhandeln.  Darauf  sagten  wir:
Dann  haben  wir  hier  nichts  mehr  zu  tun,  und  entfernten  uns.  Darauf
ichlosien  sich  uns  die  Vertreier  der  krchinign  Volkspartei  und  der  Nann#nl.
liberalen  ohne  weiteres  an.  (Grosße  eiterseit.  Jetzt  klom  die  enischeidende
Siunde.  Wir  traten  zusommen  und  bericten,  was  zu  ktun  war.  In  unsern
b  mit  den  Freisinnigen  und  Wa  ν  war  von  Hofgängerei
  überhaut  keine  Rede  gewesen.  Wir  erklärten  uns  bereit,  den  Kandidulen
  der  ireisinnigen  Partei  als  zweiten  Bizepräsidemten  zu  wählen  und
verlangten  den  ersten  Mizepräsidenten  für  uns,  und  dafür  eine  schriftliche
Erklarung.  daß  die  Nationalliberalen  für  unsern  K#nbaren  stimmen  würden.
Doraus  stränbie  sich  Herr  Schisfer  ganz  gewallig,  diese  Erklärung  wollte
er  nicht  geben.  Wir  wollien  uns  nicht  darauf  einlassen,  denn  wir  wußten,
daß  der  rechtschende  Klügel  unsern  Kandidaten  nicht  wählen  würde,  trotzdem
  die  Fraktion  es  beischlossen  hatle.  Auf  die  Einwendungen  des  Abgcorduneien
  Schifier  erwiderten  wir,  wir  würden  am  folgenden  Tagye  eine
Frattions  inung  abhalten  und  den  Naionlliberate  darüber  berichten.
cingen  wir  auseinander.  Wir  uniererseits  kamen  nun  einstimmig
überein,  da  wahrscheinlich  aus  der  ganzen  Sache  nicht's  werden  würde,  einen
eigenen  Peältdelen  durch  alle  Wahlgänge  auszustellen.  Nun  kamen  die
Oerren  Nationalliberalen  Iu  uns  und  erklärten,  sie  hällten  beschlossen,  den
Prinzen  Schonaich  Carolath  als  Präsidemen  vorzuschlagen,  und  sie  seien
beren,  der  Sozialdemokratie  den  zweiten  Bizepräsidenten  zu  ũberlajsen.
Avber  ale  ehrliche  Männer  mäüßiten  die  Ationatliveralen.  uns  sagen,  eine
Garantic  dafür,  daß  unjer  Kondidat  gewöhlt  würde,  könmen  sie  nicht  übernehmen.
  Darauf  on  en  wir:  Gut,  baun  b  es  beie  unjerem  BSeichind.
Zu  aller  Ueberraschung  erhielt  ich  bei  dem  dritten  Wahlgange  175  Stimmen,
es  muten  also  auch  zahlreiche  nationalliberale  Stimmen  dabei  sein.  (Großze
Deilerle:  Ebenso  mußie  für  den  Wizepräsidenten  Scheidemann  eine
großere  Anzahl  nationalliberaler  Stimmen  abgegeben  sein.  Die  Aieer.

Aniiehen  gemocht,  und  dicies  wurde  noch  vermehrt,  als  der  Aeiod
Weite  Rizepräsident  Paasche  unter  einem  moroliichen  Zwange  auf  seinen
Sis  verzichtete.  Es  wurden  die  Proteste  im  Lande  bekannt,  die  Parzei
war  in  einer  unangenehmen  und  peinlichen  Lage.  Das  war  nichi  uniere
Schuld.  Nun  scheint  man  nach  einem  Ausgleich  u  suchen,  nach  irgendiimem
  Sündenbock,  und  der  joll  ich  geweien  sein.  (Große  Heiterkeit.)  Eine
Eur  Nolle  hat  mir  mein  Lebiag  nicht  gevaßt.  Die  Schilderung  des
Abg.  Schiffer  muß  ich  als  vollstandig  unrichtig  emtichieden  zurückweiien.
Abg.  Haase  (Sd.):  Der  Abg.  Schifier  hat  an  den  grundiegenden
Verdondiulgen  gar  nicht  teilgenommen.  Ich  kann  nur  konstalirren,  daß
teine  eigenen  Parteifreunde  aus  eigenem  Antricbe  die  Erllarung  abgeneben
hoben,  sie  erkennten  den  Anipruch  der  sozialdemokratischen  Fraktion  auf
den  Posten  des  ersten  Vizepräüdenten  an,  da  sich  ia  die  Sozialdemokratie
bereit  erklärt  habe,  die  staaksrechtlichen  Verpnichunen  die  mit  dem  Posten
verbunden  seien,  zu  erfüllen:  mehr  zu  sordern  häiten  sie  keinen  Anla.
Erit  als  der  Abg.  Schisser  auf  der  Bildfläche  erichien,  wurde  diese  Grundkn
  wieder  verschoben.  Er  brachte  die  an  sich  ichon  erledigte  Frage  wieder
uis  Tadet,  und  ich  habe  ihm  jilbst  bei  dieser  Gelegenheit  erllärt,  die
Aerce  der  höfischen  Verpflichiungen  sei  längst  erledige,  da  seine  eigenen
        <pb n="66" />
        Des  Derhsqe  Neich  und  feint  rintriurs  Glicder.  (Februar  21..)

Freunde  erklärt  hälten,  nch  sie  solche  Bedingungen  der  sozioldemokratischen
riei  nicht  stellten.  Aus  den  nreisen  der  nationalliberalen  Fraklion  ist
r*d  erklärt  worden,  es  könne  doch  ouch  miemand  der

or
wie  sich  die  Dinge  nun  einmal  entwickelt  hätten,  auch  Rücksicht  nehmen
auf  die  Anschanungen  und  Gefühle  der  Sozialdemokratie.  Ich  erinnere
ich,  daß  dann  zum  Schluß  mein  rennd  Bebel,  als  er  gesrogt  wurde,
was  denn  geschehen  würde,  wenn  der  Präsident  btrank  sei,  auf  den  §8.12
der  Geschäftsordnung  hingewiesen  hat.  Es  ist  bei  diejer  elegenheit  an
nebenher  vom  Naiserhoch  geiprochen  worden,  aber  es  konnte  kein  Zweiiel
darüber  sein,  daß  kein  Sozialdemokrat  ein  Kaiserhoch  ausbringen  werde.
Selbstverständlich  wäre  es  eine  Taktlosigkeit,  wenn  ein  sozialdemokratiicher
Vizepräsident  es  auf  irgendeine  Weise  vereileim  würde,  daß  die  ehrhrit
des  Hauses,  wenn  sie  ein  Bedũrfnis  dagzu  fũhlt,  ein  Kaiserhoch  ausbringt:
er  würde  aber  in  einem  solchen  Falle  das  Präsidium  an  den  zweiten  BVizepräsidenten
  abgeben.  Im  übrigen  halte  ich  es  für  eine  starke  .
wenn  irgendeiue  öbertel  einer  anderen  solche  Bedingeungen  auferlei
z  (Z.3:  Unter  den  zahlreichen  Beivrechungen,  *-  vor
der  *3  zwischen  den  Parleien  slaltgesunden  haben,
nur  der  vorhin  erwähnien  Verhandlung  beigewohnt.  Bei  den  worangiegannenn
war  ich  ehchiewenig  anwesend  wie  bei  den  nachjolgenden.  Meine  Aussage,
  auf  die  sich  die  Herren  berusen  haben,  kann  sich  also  nur  auf  die
Verhondlung  besiehen,  die  auf  Einladung  des  Prinzen  Schönaich  zwischen
Vertretern  der  Nationalliberalen,  der  Volksvartei,  der  Sozioldemokraten
und  uns  stattgefunden  haben.  Bei  dieser  Berakung  hatte  sich  herausgei#tellt,
an  die  Sozioldemokralen  noch  keine  Minteilung  halten  über  die  Beichlülfe
meiner  Fraktion.  Herr  v.  Hertling  hatte  die  Benachrichtigung  darüber
übernommen,  hatie  es  aber  wohl  in  dem  Durcheinander  von  Fraktionssihungen
  und  Beiprechungen  und  insolge  der  Vorbereitung  ieiner  Abreise
vergessen,  Wir  haben  darauihin  die  Herren  Sozialdemolroten  in  Kenntnis
gesetzt,  daß  wir  nicht  in  der  Lage  seien,  für  einen  sozialdemokratischen
Präsidenten  oder  WMigepräsidenten  ohne  vollständige  Uebernahme  der  Verpfli
  tungen  zu  stimmen.  Die  Herren  waren  dadurch  elwas  erregt  und
darauf  fiel  die  Bemerkung  des  Abg.  Ha#ie  von  der  starken  Zumutung.
Ich  habe  darauf  erklärt,  daß  wir  diejelbe  Bedingung  bei  jeder.  anderen
Parei  siellen  müstten  wie  bei  der  Sozialdemokralie,  wenn  wir  auch  bei
den  bürgerlichen  Parteien  keinen  Anlaß  hätten  zu  der  Vermmung,  daß  sie
nicht  alle  Verpilicnungen  zu  erjüllen  bereit  seien.  Im  Zusammenhaun
damit  wurde  nochmal,  und  darin  läuicht  sich  Herr  tt  vebel,  denn  es  ging
nicht  so  turz  zu,  wie  er  es  darstellte,  jondern  es  wurde  viel  hin  und  her
geredet,  im  Zuiammenhang  damit  wurde  gesagt.  wir  müßien  die  gleichen
Bedingungen  ausütellen,  und  wir  kamen  dabei  zur  Feüntellung,  wie  weit
die  Herren  Sozialdemokraten  zu  gehen  bereit  wären.  Es  ist  mnächst  geiagt
worden:  Erjüllung  der  staatsrechtlichen  Verpstichtungen.  Wir  sonten  daraui,
daß  uns  das  nicht  genügen  könne.  Wir  verlangen  von  jedem  Prasidenten
ohne  Unlerichied,  daß  er  sämtliche  Verpflichtungen,  mogen  sie  geichrieben
oder  ungeichrieben  jein,  eriũllen  werde.  (Hörl!  Hört!r.)  Daranhin  kam
nun  die  Erklärung  *  Lerra  Bebel.  Nach  meiner  Erisinerung  decken  sich
die  Worie,  die  ich  g  t  habe,  im  wesentli  en  mit  denen,  die  Herr
Schiiier  gehört  hat.  Wnn  Bewegung  im  Hause.)  Jo,  ich  bin  verpili
  nei  zu  sagen,  was  ich  weis.  Darauf  kam  die  Erklärung:  „Wir  würden
brreil  jein,  wenn  der  erste  Präsidem  verhindert  jein  jollte,  in  seine  Funkttonen
cinzmreten,  un  wenun  der  erste  Präsidem  verhindert  wärc,  den  Besuch  bei
        <pb n="67" />
        Des  Beilh  Neich  und  seine  rintelnin  Glirdrr.  (Februar  20.)  57

Lofe  8t  ainachen,  dann  auch  zu  Hose  zu  gehen.  (Stürmische  Rufe  bei  den

:  Ne  in!)  Und  ebenso,  wenn  der  erste  Präsident  verhindert  sein
sollte.  dn  Leiserhoch  !  guszubringen.  diese  Vertretung  des  Präsidenten
zu  übernehmen.  (Lebhaftes  Hört,  hört!  r.)  Dagegen  haben  die  Herren
Sozialdemokrate#n  bhusdrcurg  erklärt,  sie  Wie  könnten  nie  damit  einverstanden
iein,  daß  ohne  eine  solche  Zwongslage  ihr  Vertreler  mit  den  beiden  anderen
Prasidenten  den  Hofsbesuch  mache;  ebenso  könne  man  von  der  Partei  nicht
verlangen,  daß  sie  beim  Kaiserhoch  mitmache.  (Hört,  hört!)  Das  ist  meine
Erinnerung.  Was  später  folgte,  ist  dann  von  zunergtorhneler  Bedeuung.
Ich  habe  dann  erklärt,  nachdem  biese  Aeußerung  geia  war:  „Dieie
Erklärung  kann  uns  nicht  genügen,  wir  verlangen  an  scalnen.  Verpflichtun
des  Prcsidenten,  alle  Kunktionen  seines  Amtes  zu  vollzichen.“  a
üel  die  Bemerkung.  daß  das  weitere  Zusammensein  keinen  Zweck  mehr
dode.  Die  Herren  Sozialdemokraten  haden  dorauf  den  Saal,  berlassen,  die
Nationatliberoten  und  die  Volkspartei  sind  ihnen  gesolgt,  die  Sache  war
zu  Ende.  Was  ipöter  geschah,  darüber  kann  ich  t  Auskunft  geben.  Dos
ist  es,  was  ig  bezeugen  kann.

Abg.  Dr.  Schiffer  (Nl.):  Nach  den  blusbneaen  des  Abg.  Gröber
hütte  ich  r  brrmiche  nicht  nötig.  noch  zu  sprechen;  deun  dieser  hat  Wort
jür  Wort  beitaligt,  was  ich  gejagt  habe.  5r  “  Abg.  Vebel.  der  ja  hier  eine
lange  Rede  achallen  hat,  hat  zu  neun  Zehntel  von  Dingen  gesbrocben,  die
entweder  vor  der  in  Frage  stehemern  nnterrconn  oder  nach  ihr  geschehen
nind.  Ich  hobe  auedrücklich  erklärt,  daß  ich  ur  einer  Verhandiung  bei-#woh
  habe.  Von  dieser  aber  8  der  Abg.  Bebel  fost  gar  nichts  gesagt.
Der  Abg.  Bebel  wird  jetzt  nach  der  Bestätigung  meiner  Erklärungen  durch
den  #en.  Gröber  noch  starrer  sein.  (Deiterleit.)  Was
geiogt  hat,  wor  im  wesentlichen  eine  Metegung  von  Tatiachen,  die  er
an  sich  nicht  bestrin.  Aber  in  UAnbetracht  seiner  Worie  muß  man  an  das
Wort  denten:  „Legt  Ihr's  nicht  aus,  jo  legt  Ihr's  unter.“  Wenn  die
Sosialdemokraten  letzt  sagen,  der  Vizepräsidene  würde,  wenn  repräsenlotive
  Pilichten  an  ihn  herauträten,  krank  werden,  jo  heifn  das  doch
nich'#s  anders  als:  Wir  drücken  uns,  wenn  sosche  Verpyflichtungen  an
uns  heramreten.  Wenn  aber  schliesllich  Abg.  Haase  empiohl,  über  die
ganie  Krage  Schluß  zu  machen,  so  kann  ich  jedt  dieien  Wunich  vollkommen
teilen.  Denn  die  Sache  ist  vollständig  geklärt.  Sollie  aber  über  die  Stellung
der  Sozialdemokraten  bei  jenen  Verhandiungen  noch  irgendeine  Unklarhrit
dberrichen,  so  wissen  wir  jedenjalls  für  alle  zukunin  tn  genau,  was  wir
von  den  Herren  eeedane  zu  halien  haben.  Srmüscher  Veifall.  I

.Jchflellelklldafsssllsqklomm-merkstinnerung.
  die  mich  rll  trügt,  uns  die  Mincitnnn  bebenn  hat,  ein  sogiak.
demokratischer  Vizepräsident  werde  sich  der  Verpilichtung,  das  Nai#erhoch
ans  zubringen.  nicht  entziehen,  wenn  das  bei  Vehinderung  does  ersten  Präũbenten
  urchdine  riemn  bei  den  Sd.:  Anweiend  jind  belbenser  Gelegenbwi
geweien:  der  Abg.  Gröber  vom  Zemrum  und  von  der  Forlichriktlichen  Vollsbartei
  Heckicher  und  on  Mallee  Wieiniugen.  Stürmiches  Höürl,  hört  r.  und
im  3Z.,  große  Bewegung.)  Ich  bestarigr.  daß  der  Abg.  Fi#cher,  nachdem  Bebel
dieic  Mineikong  gemacht  hante.  nochmals  jesestellic,  daß  zwischen  den  Forderungen
  der  nationalliberalen  Parkei  und  des  zemrums  nur  ein  anantilaliver
Unterichied  bestehe.  Ich  bin  alio  der  Meinung  und  ichliesie  mit  der  Erllarung,
daß  ich  den  Eindruck  halte,  daß  von  seiten  eines  sozialdemokraliichen  Mizebraüden#ten
  eine  Brüskierung  der  monarchischen  Geinhle  nicht  zut  beĩũrchlen
gewesen  wäre.  rotz  Bewegung  im  ganzen  Hauie.  Unrnhe  l.1

bg.  1  (Sd.)  beüreitet  in  groster  Erregung  nochmals  diese
Darstellung  uns  —  den  Abg.  Junc,  ob  er  nicht  selbst  zugegen  war,  wie
        <pb n="68" />
        58  Das  Beuische  Neich  and  seine  einzeluen  Glicder.  (Februar  20.)

seine  Freunde  sich  damit  einverstanden  erklärten,  daß  die  Sozialdemokralen
sich  lediglich  zur  Uebernahme  der  sserschlichen  Berpflichtungen  bereit
erklärten,  und  zu  nichts  mehr.  Haben  Sie  dies  erklärt  oder  nicht?

frage  nochmals!  gerhhae  Widerspruch  bei  den  Nl.,  große  VBewegung  und
Unruhe.)  Wie  sollte  ich  dazu  knnhen  Erllärungen,  wie  die  Herren  dort
behaupten,  abzugeben.  Ich  hatue  W#  bei  den  ersten  Verhandlungen  auf
Grund  unserer  Fraktionèdeschlüsse  Gen  genommen,  und  wie  hälie  ich
an  dem  Abend  desselben  Tages  eine  seierliche  rilärung.  berartig,  abanden
können,  um  eine  so  weitgehende  Erklärung  abzugeben?  Es  ist  n  t  zu
bedauern,  daß  Freiherr  v.  Hertling  nicht  hier  ist:  er  müßte  meine  4
stellung  bestäligen  und  hat  ganz  Farcß  auch  in  diesem  Sinne  an  seine
Fraklion  berichtel.  Seine  Fraktion  hat  ja  darauf  beschlosfen,  keinen  sozialdemokratischen
  Vizepräsidenten  zu  wählen.  Ich  frage,  od  ein  solches  Verhalten
  meinerseils  überhaupt  möglich  ist,  nämlich,  daß  ich  später  geradezu
das  Gegenteil  behauptet  haben  soll.  (Fordauernde  große  Unruhe  und

Bewegung).

Abg.  Müller-Meiningen  (Fortschr.  Vv.):  Für  uns  ist  die  Sache
bedanerlich  doß  das  Varlament  im  gegenwärtigen  Momem  dieies  Schauspiel
  gibt.  (Sehr  richtig!  Sehr  wahr!  und  Beisall.)  Wenn  vertrauliche
Beiprechungen  Woiichen.  Parlamemoriern  berN  herausgestellt  und  bestritten
werden,  so  ist  das  nicht  in  Ordnung.  (Beisall.)  Dadurch  wird  das  Ver  -
trauen  zwischen  den  einzelnen  Parkeien  nicht  gebesiert.  Derbole  muß  ich
es  bedauern,  hier  zitiert  und  #um  Jeuus  hufgerufen  worden  zu  sein.
Ich  bedaure  das  um  so  mehr,  es  sich  um  ein  so  hoch  angesehenes
Mitglied,  wie  Herrn  Bebel,  —n  s  zr.),  einem  Mitglicd,  von
dem  Auer  und  der  Bedemung  dee  Herrn  Bebel  auen,  zu  müssen:  Du  bist
gelänscht  worden  und  dn  hast  dich  geirrt.  Das  ist  doch  unangenchm.
(Gelächter  r.  und  Deiterkeit.)  Es  handellt  sich  um  die  Konstatierung  von
Tatjachen.  Ich  kann  nach  meiner  Erinnerung  nur  das  bestätigen,  was
Herr  Gröber  F  celin  hat.  (Hört,  hört!  r.)  Es  emtipricht  dem,  was
ich  auch  gehür

P#or  bav⅜l  liegen  nicht  mehr  vor.  Die  Rübate  wird  geschlossen.
Vra  *rl*r5v  Etat  geht  an  die  Budgeikommissi

iönlich  bemerkt  Abg.  Erzberger  3.ö:  ½  bon  e  wohl  in  einer
II  in  Mainz  eilchre  daß  Deulichland  knd  England  in
ciner  gewissen  Zeit  vor  einem  Ariege  standen,  der  durch  eine  englische
Provolation  hervorgerufen  scheine.  Er  habe  diese  Bemerkung  allerdings
gemacht  auf  Grund  von  anulschen  Mittritunngen.  die  nicht  nur  ihm,  sondern
auch  Mitglirdern  anderer  Parieien  des  letzten  Reichsiages,  auch  Parteigenossen
  des  Herrn  I#.  David  gemacht  worden  sind.  „Hort.  hört!!)  Allerdings
  widrrivricht  die  Milleilung  den  Erllärungen  zweier  engliicher  Minister.
Für  mich  umerliegt  es  keinem  Zweifel,  wem  ich  da  glauben  soll,  den
Emariunen  demscher  oder  englischer  Minisler.  (Beijall  im  3.)

Die  Anträge  zur  Aeuderung  der  Geschältsordnung  werden  auf
Autag  Müller-Meiningen  ohne  Debaue  an  die  um  sieben  Mitglieder  verstärlie
  Geschäftsordnungskommission  überwiesen.

20.  Febrnar.  (Württemberg.)  Abgeordnetenkammer.  Die
Frage  der  Außhebung  der  Kreieregierungen.

Im  Finanzausschuß  brachten  Volkspartei,  Deutiche  Partei  und  Sozialdemokratie
  einen  Antrag  ein,  der  dahin  geht:  1.  Die  Zweite  Kammer  stimmt
dem  Vorichlag  der  Deukschrift  u,  der  die  Amihebun  7  vier  Areisregierungen
  und  eine  Verleilung  ihrer  Geschäile,  teis  t  Bezirkebehörden.
teile  an  das  Ministerinm  oder  au  M  u  iitinn  d  2  Fachbehörden
        <pb n="69" />
        has  Lexisqe  eich  und  n  riefelers  Gliedn.  (Februar  21)  59

voriicht.  2.  Sie  hält  bei  der  Neuordnung  eine  Einschränkung  der  Aussichtsund
  Genehmigungsbefugnisse.  eine  Ausdehnung  der  Zuständigkeit  des  Oberamtsbekirksrats
  und  eine  Zuziehung  von  Laien  in  die  Verwaltung  in
weiterem  Umjong  für  möglich  und  geboten.  3.  Die  Kammer  erkenn  es
als  ein  Gebot  der  Billigkeit  an,  den  Kreisstädten,  ioweit  dies  ohne  Erschwerung
  staatlicher  Ausgaben  und  ohne  unverhältnismäsiige  Mehrbelastung
der  Staatstasie  moglich  i  ist.  ander  Staotsanstasten  und  Behörden  zuguweiien.
Zumer  1  wurde  mit  9  gegen  6  Stimmen  -i  und  Bauernbund)  angenommen,
  die  Zifjern  2  und  3  einstimmi

21.  Februar.  (Preußen.)  ronsch  königlichen  Erlaß  wird
den  nach  den  Bestimmungen  Über  die  Neuordnung  des  höheren
Mädchenschulwesens  vom  18.  August  1908  eingerichteten,  als  höhere
Lehranslalten  anerkannten  Höheren  Mädchenschulen  die  Bezeichnung
„Lyzeum“  und  den  in  diesen  Bestimmungen  als  Lyjeum  bezeichneten
weiterführenden  Bildungsanstalten  für  die  weibliche  Jugend  die
Bezeichnung  „Oberlyzeum“  beigelegt.

ebruar.  Der  Reichskanzler  beantwortet  ein  Telegramm
des  neuen  österreichisch-ungarischen  Ministers  des  Außern  Grafen
Berchkold  mit  der  Versicherung,  daß  ich  in  fester  Bundestrene  bestrebt
  sein  werde,  Eurer  Exzellenz  Politik,  wo  ich  kann,  mit  allen
Kräften  zu  unterstützen“.
*-  2½4  Telegramm  des  Grafen  Berchtold  siehe  Oesterreich-Ungarn
21.  Febru

hebruor.  (Hamburg.)  Günfliges  Ergebnis  der  Rechnung
des  Staatshaushalts  von  1911.

Es  zeigt  anstatt  eines  im  Budget  vorgesehenen  Fehlbetrages  von
163750.0  MVert,  trotzdem  im  Laufe  des  Jahres  Anegaben  von  10  #aOMnR:
Mark  nachbewilligt  worden  waren,  nur  einen  Fehlbetrag  von  5  727  100  Mark.

21.  Februar.  (Berlin.)  Die  „Post“  schreibt  gegen  den  Reichslriem
  Wermuth:

Es  ist  uns  bekannt,  daß  Herr  Reichsicha#sekretör  MWermmh  von
Aniang'  an  ein  Gegner  der  Wehrvorlagen  gewesen  ist  und  eine  ganze
Reihe  von  Anzeichen  darauf  schließen  läst,  daß  nicht  nur  die  Deckungsfrage,
  sondern  die  Wehrvorlage  selber  im  Schoße  der  Regierung  mit  starken
Schwwierigseiten  zu  kämpfen  haben,  deren  Auegangspunkt  unschwer  zu  erraten
  E  und  auf  deren  Charakter  zurückzukommen  wir  uns  vorbehalten.
Sollte  Herr  Wermuth  tatsächlich  mit  seinem  Rücktritt  drohen,  falls  die
Wehrdorlagen  ohne  Deckungsvorschlag  an  den  Reicheiag  gebracht  werden.
sollen,  io  würde  er  damit  nicht  nur  eine  nationale  Auigabe  wichtigsrer  und
dringlichster  Art  gefährden,  sondern  er  würde  damit  direlt  die  Geschäite
der  engluschen  und  frangösischen  Politik  besorgen  helfen,  und  de#m.  sio  glauben
wir,  wird  elich  in  deutscher  Etaatsselretãr  bereit  sinden  lasse
fbezieht  sich  dabei  auf  einen  angeblich  vom  Reichsschatz
trctt.  serer  A  re  Artikel  der  „Neuen  prensiichen  Nnorrekvondenz“,
  in  dem  behauptet  wurde,  daß  lediglich  die  gleichzeitige  Einwesnaeen
  der  ueden  den  Staatsiekretär  vom  Rücktritt  abhasten  lonne
d  daß  „die  einzige  Lösung  der  Schwierigkeit,  wie  angedentet,  in  der  Rich
        <pb n="70" />
        60  Has  Bs  Neich  u#d  seine  rintelarn  Glisber.  (Februar  21.)

tung  einer  Bertagung  nicht  nur,  der  Erbanfallsteuer,  sondern  auch  der
Militär,  und  Ftoilenvortage  liege.

intralbureau  8  chss  schatamtes  teilt  mit,  daß  die
„Neue  rrusnhe  Korrespondenz“  eich  Beziehungen  zum  Neichs  schatz
amt  hat,  und  daß  der  Reichsschatzsekretär  im  besonderen  dem  von  der  „Post“
erwähnten  Arlilel  der  „Neuen  preußischen  Korrespondenz“  völlig  fern  steht.

21.  Februar.  (Reichstag.)  Interpellationen  über  die  Suspendierung
  der  Fultermittelzölle  und  Aufhebung  des  Katoftelsoles.

ie  Interpellation  Ablaß  und  Genossen  Vp.)  lau  „Ih  der
Herr  Reichskangler  bereit,  mit  Rüsicht  auf  die  herrschende  und
den  vorhandenen  Fmermangel  sowie  in  Rücksicht  auf  die  schweren  Schädiungen
  die  ohnehin  den  Viehhallern  aus  der  andauernden  Verbreikung  der
nlauenseuche  erwachsen,  a#  die  sofortige  zeilweilige  #usbebung
des  Zol  #46  auf  Mais  und  Futtergerste:  b.)  die  Suspendierug  des
15.  gtrter  eintretenden  Karloficlzolls  bis  1.  Mai  d.  J.  golelgikhrean
e  Interpellation  Albrecht  und  Genossen  (Sd.  lautct:  „Ist  der
Herr  Feicheiamnter  bereit,  im  Hinblick  auf  den  zgeworhnlch  Sobre.  Preis
der  Kartofjieln  und  die  in  weiten  Kreiien  der  deutichen  Landwirtschaft  herrschende
  Notlage,  die  durch  den  Mangel  an  Funermitteln  hervorgerufen
wurde,  1.  die  Anfhebung  des  am  15.  *i  M.  wieder  zur  Geltung  kommenden
Narkofie  aisole,  2.  die  #gohn  des  Zous  auf  nstrthrste  und  Mais  herbeizuführen


r  rs  die  Frage  des  Präsidenten  erklärt  sich  der  Stellvertreter  des
Reichskanzlers,  Staalesekretär  des  Reichsomis  des  Innern  Dr.  Delbrück,
bereit,  die  Interpellation  alsbald  in.  beantworten

Stoalsiekretär  Dr.  Delbrück:  Beide  Juktrpellalionen  nehmen  einen
Faden  wieder  auf,  den  wir  im  auspiebig  gesponnen  haben.
Frage,  ob  eine  Ermäßigung  der  golle  auj  Futtermitiel  angängig  und  geeignet
  sei,  die  Folgen  der  Türre  des  Sommers  in  etwas  auszugleichen,  hat
damals  in  unseren  Erörkerungen  einen  breiten  Raum  eingenommen.  Sie
wissen  aber  auch,  daß  die  Regierungen  alle  Maßregeln  ergriifen  haben,  die
ihnen  durchiührbar  und  zweckdienlich  erschienen.  Auf  Grund  eingehender
Erwägungen  sind  aber  die  verbündeten  Regierungen  zu  dem  Ergebnis  gelommen,
  daß  eine  geilwetlige  Auihebung  der  Futlermiticlzölle  die  Schwierigkeiten
  nicht  behrben  würde.

Ich  möane  aber  W  leststellen,  daß  seit  dem  Herbst  nichts  geschehen
ist,  wos  die  Silmalion  wesentlich  verschoben  hat.  Die  Schsngen,  die  wir
damots  ausgeiprochen  haben,  haben  sich  als  zurreffend  erwieien.  Ich  wi
nicht  eingrhen  auf  die  Darlegungen,  die  domals  vom  Paönretnsg,  ge·
macht  wurden.  Nur  eines  will  ich  berühren:  wir  haben  im  Herbst  auf
Grund  von  Sliaiistiken  festgestelt,  daß  in  Deutschland  die  Vleme  an  Brotgetreide
  in  der  Menge  gut,  in  der  Lualiläl  vorzüglich  ansgesallen  ist,  und
daß  ein  Mangel  an  Brotgetrei  ide  nicht  zu  erwarten  sei.  Wir
iesunestellt,  das  die  Ernic  in  Funergerste  bei  uns  besier  als  in  den  vorigen
Jahren  ousneiallen.  daß  die  Haferern#te  ungünstig  war.  Auch  in  Amerika
ist  diese  Ernte  schiecht  geweien.  Schlecht  bei  uns  und  unseren  Nocbbern
ist  die  Erme  in  Düliensüchten  und  Gemüse  gewesen,  und  vor  allem  in
Hackirchten.  Wir  haben  deshalb  schon  geiogt  daß  der  Ausfall  an  Kartosjeln
  deshalb  so  bedenklich  sei,  weil  wir  den  Ausiall  schwer  aus  anderen
Ländern  ergänzen  könnrn.  Dazu  kommt  die  Unzulänglichteit  der  Maisernic,
  die  keinen  neunes  weren  Ersatz  für  den  Narkoffelausjall  erworten

Wir  haben  anerka  daß  in  verichiedener  Nichtung  diese  schlechte
Furierernte  sehr  unduting  zmiten  könnie  im  Hinblick  auf  die  Verwüstungen
        <pb n="71" />
        #  Masllihe  Rrich  und  seinz  sinfelem  Glicder.  „Nebruor  21.)  61

der  Maul-  und  Klauenseuche.  In  dieser  Beziehung  ist  aber  eine  wesentliche
  Besserung  zu  konstatieren.

Daß  die  verbündeten  Regierungen  im  Herbst  richtige  Schätuungen
gegeben  daben,  läst  sich  zahlenmäßig  beweisen.  1910  verfügten  wir  im
Zuland  über  10  Millionen  Tonnen  Brotgetreide,  für  1911  über  16.9  Mil
lionen.  Bei  Gerste  waren  1910  5,9  Millionen  Tonnen  gegen  6.7  Millionen
Tounen  1911  verjügbor.  Für  Hajer  stellt  sich  ein  Mehr  von  1  Million
Tonnen  dank  der  grosßen  Einfuhr.  An  Mois  wurden  0.17  Minionen  mehr
eingejuhrt  und  öhnlich  sind  die  Jiffern  für  andere  Futtermittel.  Die  größte
Siegerung  in  der  Einfuhr  hat  die  nleie  austweisen,  namentlich  die  aus
Ameriko.  In  Kartoffelnm  waren  1911  9  Millionen  Tonnen  weniger  vordanden.
  Davon  w  auf  Ehlartoffeln  etwa  ee  emfallen.  Dazu
kommt  ein  Ausfall  an  Grünfutter,  der  auf  1  §s  14  Millionen  Tonnen
geichävzt  wird.  Aehnlich  liegen  aber  die  nls:  auch  in  anderen
-  und  daraus  geht  hervor,  ddo  unser  Haudel  herbeigrichafit  hat,
was  nach  Lage  der  Dinge  überhaupt  möglich  war.  Die.  Preiso  für  Weizen
und  ngen  find  nicht  höher  als  in  früheren  Jahren,  Hai##e#r#ha  eine  abnorme
  Dohe  erreicht.  Die  Karloffelpreise  sind  dühergewohuich  hoch.  er
dirie  steigende  Tendenz  ist  eine  allgemeine.  In  bezug  auf  Fleiich  und
Vieb  haben  sich  die  Schodungen!  der  Regierung  ebenialls  ale  richzig  erwiesen.
Die  Fleicchpreise  haben  gegen  den  Herbst  eine  weientliche  Aeuderung  nicht
eriabren.  Dagegen  ist  ein  goe#  Auftricb  von  Schweinen  zu  verzeichnen.  Auch
der  Flriichverbrauch  that  sich  auf  den  Kopf  im  Jahr  1911  geneigert.  Man
kann  also  von  einer  Feitchoon  zurzeit  nicht  reden.  Damit  erledigen  sich
die  Klaen  über  gewisse  Folgen  der  Zöuc.  Es  frant  sich,  ob  es  unter  gewii#en
  Umständen  zweckmäßig  ist,  einige  Zölle  zu  suspendieren.  Mais  käme
dabei  allerdings  zunächst  in  Frage.  Aber  der  Reichskansler  hat  bereiks
darauf  hingewiesen,  daß  eine  Ws  Aushebung  eine  Aenderung  des  sorgsöllig
  obgestimmten  Jolltarifs  bedeuten  würde,  und  daß  die  Wirlungen  nur
jehr  fraglich  wären.  Vermutlich  würde  lein  Zentner  mehr  eingejührt  werden,
nur  dic  übrigen  Kuttermittel  würden  im  Preise  gesteigert  und  den  Voreeil
würde  auch  nur  der  Handel  haben.  Die  Entwicklung  hat  der  Regierung
recht  gegeben.  Bom  argentinischen  Mais  ist  im  zweiten  Halbjahr  1911
leum  ceiwas  gemerkt  worden.  Wir  haben  allerdings  1911  eine  Mehreinfuhr

170000  Tonnen  gehabt,  aber  der  weitaus  grösie  Teil  is  in  der  ersten

be  des  Jahres  eingeführ  worden  und  auf  die  Ernie  von  1910  zurückzuführen.
  In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  ist  die  Einfuhr  gegen  das
Vorjfahr  erheblich  zurückgegangen.  Inzwischen  macht  sich  die  Wirkung  der
neuen  argentinischen  Ernte  bereits  bemerkbar,  denn  die  Maispreise  find
allmäablich  zurückgegangen.  D  dieser  Zeit  eines  Mangels  an  War  würde
eine  Susvendierung  des  Zolles  jedoch  nur  preissteigernd  wirken.  Die  Zolltariäkommission
  der  Kon  Giiscnen  Kammer  hat  edenfalls  eine  Suspendierung
des  Maisgolles  bbpelehmt.  Wir  haben  also  keine  Veranlassung,  von  unserer
Haltrung  im  Herbst  abzuweichen.  Der  Zoll  für  Funergerste  ist  niedrig  und
hat  nicht  eine  erhebliche  Steigerung  der  Einjuhr  gehindert.  Wollien  wir
8  in  einem  Augenblick,  wo  die  Nachfrage  steigt  und  der  Vorrat  2—
wird,  den  Joll  ausheben,  so  müßte  das  preissteigernd  wirken.  Die  n
toffelzollfrage  ist  anders  zu  beurteilen.  Dieser  Zoll  ist  ein  Saisonzol:  denm
er  soll  nur  die  Frühkartoffeln,  die  als  ssergstel  üibbrigen  von  mäigem
Vea  rte,  anzusehen  sind,  belasten.  Der  XL  wiist  aber  nicht  die  Karkofieln,
die  wirklich  als  Speisekartoffeln  für  die  Ker.  *  der  Beoölkerung  in
Sge  lommen,  und  hier  kann  man  wirklich  fragen,  ob  man  unbeschadet
mdsätzlichen  Stellung  zum  Zolltarif  noch  eine  Suspendierung  bee
  kann.  Wir  wissen  für  dieses  Jahr,  daß  zahlreiche  Mengen  Kar-
        <pb n="72" />
        62  Vas  Dealsqe  Rtiq  inb  stiut  einjelita  GSlicder.  (Februat  21.  22.)

toffeln,  die  vor  dem  15.  Februar  hier  eintreffen  sollien,  infolge  der  un-——
  Wirerung  nicht  haben  eintreffen  können.  Für  alle  diese  Sendungen
der  Bundcerat  ohne  weiteres  aus  Billigkeitsgründen  den  Zoll  vernue
  n  Die  beteiligten  Rrichoreen  haben  auch  den  verbündeten  Regierungen
  vorgeschlagen,  daß  der  Zoll  für  alle  Narkoffeln  vorsähriger  Ernte,
die  bis  zum  30.  Avril  e  geben.  zu  erlassen  ist.  (Bravo!l)  E
Beschluß  wird  vom  Bundesrat  wahricheintich  morgen  getroffen  werden.  Die
Wirkung  dieser  Maßnohme  läßt  sich  jedt  nicht  übersehen.  Jedensalls  ist
aber  eine  erhebliche  Einjuhr  von  Kam#offeln  zu  erwarten,  die  dicht  nur  für
den  menschlichen  Genuß,  sondern  auch  als  Furtermittel  vorgesehen  sind.
Bei  der  Fortsehung  der  Tr  am  Donnerstag  den  22.  Februar
erklärt  Schatselrelär  Wermuth:  „Der  Bundesrat  hat  beschlossen,  aus
Villigkeitegründen  die  Einfuhr  vorjährig  her  Kartoffeln  in  der  Zeit  vom
14.  Februar  bis  zum  Ablauf  des  April  zollfrei  einzulossen.“"  (Beifall.)
21.  Februar.  (Elsaß-Lothringen.)  Debatte  über  die  Teuerung
  der  Lebensmittel  in  der  Zweiten  Kammer.
enrum  und  der  Lothringer  Block  haben  eine  #emziusame
Nesolution  eaigernoch,  in  der  die  beiden  Parteien  sich  mit  den  Ausführungen
  der  Regierung  in  dieser  Frage  für  beiricdigt  ercinen  5  biuen,
auch  iernerhin  die  astc  durch  den  erjorderlichen  Nollichut  zu  unter-#tü#en.
  Sie  bramtragen  aber  Suependierung  der  Kartoffelzolle,  inung
der  Fntterminelzolle,  Oefinung  der  Grenzen  für  französischeo  Schlachtvi
unter  Wahrung  der  ganitchepoligeilice.  Maßnahmen,  sowie  Eiichrnte
von  argeminischem  Gefriersteisch.  —  Die  Resolmion  wird  in  ihrem  ersten
Teil  mit  den  Stimmen  des  Jeutrums,  des  Lothringer  Vlocke  und  einiger
Vertreter  der  Landwirlschaft  aus  den  andern  Parleicn,  im  zweiten  Teil
einstimmig  angenommen.
km  Februar.  (Reichstag.)  Verteilung  der  Fraktionen  auf
die  —
ate  der  Seniorenkonvent  folgende  Stärkezaohlen  zugrunde:
Die  Lean  len  en  zählen  15  Milglieder,  denen  11  andere  Abgcordurie
ugelähll  werden  (Mitglieder  der  Wirtichaftlichen  Vereinigung  und  der
Resormvarlei,  also  zusammen  56.  Das  Zeutrum  umsasst  ##  Mitglieder,
wo#n  11  Elinser  und  Lothringer  gerrchuet  merden.  alio  im  ganzen  979.
Die  Nalionalliberalen  haden  44  Milglieder  und  2  Wilde  (Hestermann  und
Dr.  Becer  DOr#en..  also  insn6cian  46,  die  Vollsparlei  12  Mimlieder,  dazu
der  Dane  Hanjen,  miammen  13,  die  Sozialdemotraten  110  und  die  Polen  18.
Unberücksichtigt  #und  grblieben  13  Milmlieder  der  Reichsparlei,  die  somit
nicht  als  Fraktion  auerkanm  wird  und  daher  auch  keine  Verireiung  in  den
nommissionen  und  im  Seniorenkonvent  erhalt,  jerner  die  5  Welien  und
7  Wilde  -u.  u.  Graf  Pojadowsky,  Graf  DOupersdori,  Frhr.  zu  Henl,  Schröder).
D.  Aang  wählen  die  Fraktionen  in  eine  Lommitsion  von  28  Mitglierue
  K  Minnlieder  vom  Zentrum,  B  von  den  S'zioldemaalsane,  je  4
Koniervative  und  Notionalliberale,  3  Volksparkeiler  und  1  Polen.  Dem.
ennprechend  ist  dann  auch  die  Verteilung  anf  Lommissionen  von  2
oder  7  Milgliedern.  Der  Ture  in  den  füni  fländigen  Kommissionen  wurde
solgendermaru  verteill:  In  t  Vudgeilouimiijion  stelen  den  Vorsi  benden
das  Zemrum,  den  u  e  er  die  Sozialdemokraten,  in  der
Geschuitsordnungskommiiston  den  Voriibenden  die  Sozialdemotraten,  desien
Slellvertreter  die  Loniervativen,  in  der  Wahlprüsungolommision  den  Vorsibenden
  die  Noniervatwen.  dessen  Stelvertreier  die  Vollsvartei,  in  der
Petitionskommission  den  Vorünenden  die  Nationalliberalen,  deisen  Siell-
        <pb n="73" />
        Has  NVeifr  Neich  und  seint  rinkelars  Glieder.  (Februar  22.  23.)  63.

vertreter  das  Zentrum  und  in  der  Rechnungskommission  den,  „Vorsivenden
die  3  und  dessen  Stellverireter  die  Nationallibera

22.  Februar.  (Bayern.)  Dem  ““.y“  Frhrn.
v.  Hertling  wird  der  Verdienstorden  vom  Heiligen  Michael  1.  Klasse
verliehen.

In  dem  Begleitschreiben  aus  der  Geheimen  Ranzlei  heißt  es:  „Seine
Königliche  r*n  wollen  mit  dieser  Ordensverleihung  Allerhöchstihr  Vertraucn
  zu  Euer  Exzellenz  und  insbesondere  den  dafür  zum  Ausdruck
bringen,  dab  Euer  Exzellenz  die  Mühen  des  neuen  Amtes  übernommen
hab

22.  Februar.  (Schwarzburg=  Rudolstadt.)  Eröffnung  des

Landtages.

ierung  bringt  eine  Steuerreform  ein  mit  einer  Wahlrechteodrung
  Augilnsen  der  Höchstbesteuerten.  Diese  wurde  schon  einmal  obgelehnt.


23.  Februar.  (Bayern.)  Der  liberale  Landtagsabgeordnele
und  katholische  Pfarrer  Grandinger  verzichtet  auf  seine  Anwartschaft
  auf  die  Pfarrei  Pullach,  für  die  ihn  der  Münchener  Magistrat
als  iu.  präsentiert  hatte.

gen  die  Weigerung  des  Münchener  Erzbischofs  hatte  der  Magistrat
Feschwero  ein  gelegt.  Das  als  kirchliche  Prüfungsinstan)  sungierende
biichofliche  Ordinarsat  Augsburg  hat  aber  den  Entscheid  des  Münchener
Erzbiichofs  gulgeheißen  und  die  Beschwerde  des  Münchener  Magistrats
wegen  Verweigerung  der  Investitur  ie  dem  nun  nur  noch  der  Weg
an  das  päpstliche  Synodalgericht  in  Rom  o#

23.  Februar.  (Reichstag.)  Einbringung  des  Reichs-  und
Staalsongehörigkeitsgesetzes.

Statssetret.  Dr.  Delbrück:  Das  Starttangehorigoeitegeses  soll

vom  1.  Juni  1870  bag  Es  ist  aber  nicht  die  Absicht,  die
Vmmahneen  über  Erwerb  und  Verlust  der  Stioals-  und  Reichsangehörigkeit
  von  Grund  aus  zu  öndern,  sondern  nur  einzelne  Besimmungen  iu
ändern  und  zu  ergänzen,  entsprechend  der  Lhatwichng  der  wcen  und
wirtichaftlichen  Verhällnisse  des  Deutschen  Reiches.  Das  Gesetz  von  1870
gehort  noch  zu  den  guunbhegnenden  Gesetzen  dee  Norddeutichen  Inden.  Er
hone  die  Aufgabe,  die  Bundesvertäge  in  ein  staaterechtliches  Band  zu
loijen  und  allen  Bundesangehdrigen  ein  gemeinsames  Indigenat  dem  Auslande
  gegenüber  zu  ver  schaffen.  Das  Gesen  hat  dieje  Aufgaben  emiprechend
der  Geichichte  und  staatsrechtlichen  nonebe  des  Demichen  Reiches  und
den  damaligen  slaale--  und  völkerrechtlichen  Anschauungen  7*2  un  wenn
mon  ehrlich  sein  will,  muß  man  behaupten,  es  hat  an,  s  heute  im
großen  und  gn  allen  Anforderungen  genügt.  Das  alle  rrons.  WI  an
die  Spite  den  Grundsotz,  daß  die  Reichsangehörigkeit  durch  die  Staatsongehorigkeit
  zu  —W  Bundesstaat  erworben  wird  und  mit  ihrem  Verlnit
erliicht.  Das  ist  E*s  “=  und  muß  noch  heute  als  richtig  angesehen

.  t  dem  Fooerontue  Charakter  des  Reiches,  wenn  die
Net  gehbr#glenn  r*m  setbltendig.  als  solche  erworben  werden  kann,  jondern
  —  sie  ledigl  ich  als  die  Rechtsjolge  der  atugenerigtet.  zu  einrm
Lundesstoat  erscheint.  Lats  Aniechtung  hat  das  alle  Gesetz  eigemlich  nur
duch  vnr  Paragraphen  über  den  Verlust  der  Er,  rgeG  er-
        <pb n="74" />
        61  DHes  Berilsche  Reich  und  seint  einzelurn  Glieder.  (Februar  23.  21.)

fahren,  wonach  derjenige  seine  Staatsangehörigkeit  verliert,  der  sich  zehn
Jahre  im  Auslande  aufgehalten  hat.  Man  ist  der  Meinung.  daß  durch
diese  Bestimmung  dem  Deutschen  Reiche  ein  gut  Teil  jeiner  besten  Bolkskräste
  ohne  ###genden  Grund  verloren  geht.  Heme  stelt  der  Anslands--deunsche
  bei  den  Verkehreverhältnissen,  bei  der  Ennoicklung  unserer  Presse
in  dauerndem  und  lebhaitem  Verkehr  mit  dem  wirtschanlichen  und  geistigen
Leben  seines  Heimatlandes  und  mit  denen,  die  ihm  dort  noch  nahe  stehen.
Das  Bewuinsein,  ein  Deulsicher  zu  sein,  aibt  gleichienig  das  Gejühl  der
Sicherheit,  das  alle  dieienigen  haben,  die  sich  uner  dem  Schu#  einer
starlen  Flagge  beiinden.  Und  auch  das  Deutiche  Reich  hat  ein  anderes
Imiereise  als  damols,  diejenigen  an  üich  zu  sfeifeln,  die  über  das  Meer  hinausgegangen
  sind,  denn  auch  die  Gründe  der  Auswanderung  lüund  zum  größten
Teil  andere  geworden.  Wer  heute  geht.  geht  nicht,  um  sich  wirtichaftlich
und  polilisch  vom  Vaterlande  zu  treunen,  jondern  zum  großen  Teil,  um
im  Dienste  des  Vaterlandes  zu  arbeiten:  und  daonk  unserer  entwickelten
—  und  unierer  starken  Flagge  sind  wir  in  der  Lage,  deuen,  die
auf  den  Schun  des  Deuichen  Reiches  verlassen,  dieien  Schutz  zu  ge  ·
nahren  Dies  führt  zur  Beieitigung  des  &amp;amp;  21.  Es  fragt  sich  nur,  wie
man  den  Münschen,  die  in  dieier  Bestimmung  zwar  ——  aber  sehr
wenig  genau  sormuliert  lind,  gerecht  werden  kann.  Man  hat  geiagt,  man
musse  von  dem  Grundsatz  ausgehen,  daß  die  Eigenichaft  als  Teunicher,  die
man  durch  die  Geburt  erwvorbenG  hat,  wo  immer  auch  die  Wiege  gestanden
hot,  niemals  erteren  gehen  kann.  Semel  Germanns.  Semper  Germanus!
Der  §21  des  Veseuen#wuries  lautel:  Ein  Deuticher,  der  im  Inland
weder  seinen  Wohnsib  noch  seinen  daueruden  Aufenthalt  hat,  verliert  seine
Staatsangehörigkeit  mit  dem  Erwerb  einer  ausländischen  Siaatsangehörigkeit,
  wenn  dieier  Erwerb  auf  seinen  Antrag  oder  auf  den  Antrag  des  Ehemannes
  oder  des  heseblichen  Vertretere  erfolgt,  die  Ehefrau  und  der  Vertretene
  jedoch  nur,  wenn  die  Voraussetzungen  vorliegen,  unter  denen
die  —  beantragt  werden  könnle-  aals  ·
ongehörigkeit  verliert  nicht,  wer  vor  dem  Erwerbe  der  auslän  diichen  Staatsangehörigkeit
  auf  seinen  Dn  die  schriftliche  Genehmigung  der  zuständigen
eehörde  seines  Heimatsstaates  zur  Beibehaltung  jeiner  S  tantsangehorigkeit
erhalten  hat.  Vor  der  Erteilung  der  Genehmigung  ist  der  deutiche  Konjul
hören.  Unter  Zustimmung  des  Bundesrais  kann  von  dem  Neichskanzler
angrorduet  werden,  daß  Personen,  welche  die  Stoatsangehörigkeit  in  einem
beitimmten  ausländi#chen  Staate  erwerben  wollen,  die  im  Abs.  2  vorgejehene
Genrhmigung  nicht  erleilt  werden  dar

23.  Februar.  (Berlin.)

Polizeipräsident  v.  Jagow  hat  als  Aussichtsbehörde  den  Magistrat
von  Berlin  angewiesen,  den  Bau  der  städtischen  Untergrundtahn  Nord.  Süd
bis  1916  ferligeustellen,  und  bei  einer  Verspätung  des  Baues  eine  Strafgebühr
  von  201000/X)  Mark  für  jedes  Jahr  ni

23.  Februar.  Die  „Breslauer  Zeitung“  bringt  eine  Erklärung
des  Kardinals  Kopp:

fie  in  Breslau  neubegründelen  Zeitung  (mit  gegen  die
nNolner  Richiung  gewandter  Tendenz)  „Das  katholische  Deutschland“  völlig
jern  und  vertrete  keine  Politik,  die  sich  gegen  das  Zentrum  richte.

24.  Februar.  (Berlin.)  In  Gegenwart  der  Kaiserin  wird
die  Ausstellung  „Die  Frau  in  Haus  und  Beruf“  feierlich  eröffnet.
        <pb n="75" />
        Das  Merische  Rich  und  seinr  kintelurn  Glirder.  „Februar  27.  28.)  65

27.  Februar.  (Berlin.)  Zum  Verbandsdirekkor  von  Groß-Berlin
  wird  der  Berliner  Stadtkämmerer  Dr.  Steiniger  gewählt.

Sein  Gegenkandidat  Voigt  (Barmen),  der  vom  Berliner  Oberbrgeruurster
  empiohlen  war,  wird  spöter  Soetbürgeweiste-  von  Frank-V


27.  Februar.  (Bayern.)  Eröffnung  des  Landtages  durch  den
Pringregenten.

Der  Miniterorssidem,  l  die  Thronrede.  in  der  es  hei#t:

.„Nach  den  erregten  Zeiten  des  Wahlkampfes  heißt  es  nunmehr,  auf
Beden  der  staatlichen  4.  sich  enn  zu  enaussan
Acbeit,  die  den  Blick  auf  das  Ganze  richiek,  auf  das  Veu,  d  gelieblen
Baterlaudes.  Moge  re  allmächtige  (hon,  dies  ist  heises  #  Vanern

und  dem  Deulschen  Neich  auch  iernerhin  das  Glück  einer  kbei  Enlwitweg
  im  Innern  wie  nach  aus#en  gewähren  und  die  Arbeit,  an  die  Sie
nunmehr  berantreien,  mit  jeinem  Segen  begleiten.“

27.  Februar.  (Mörs  bei  Duisburg.)  Verhaftung  des  engliichen
  Sprachlehrers  Aller  wegen  Spionageverdachtes.

27.  Februar.  (Landtagsersatzwahl.)  Im  Wahlkreise  Arnswalde-Friedeberg--
  Frankfurt  a.  O.  erhielt  alle  237  Stimmen  der  Gouverneur
  a.  D.  v.  Schuckmann  (Dk.).

W.  Februar.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Wahl  eines
Frafdinn  von  Zentrumsmitgliedern.  Staatsbudget.

in  Präsidenten  wird  Dr.  v.  Orterer  wiedergewählt.  GWuenr  Vize-Nie

  fwid  v.  Fuchs,  zweiter  eri  wird  Frank  Weid

us  s  Finangministers  v.  BVre  aiden  Das
Undget  für  die  laufende  wodender  balanziert  mit  rR#n  Mark
im  Ordinarium  und  mit  62  403000  Mark  im  Extraordinorium.  Seil  der
Vorlage  des  Budgets  im  Septembrr  v.  J.  haben  üich  verschiedene  Aenderungen
  ergeben,  die  jene  Vudgauistellung  leils  ungünstig,  leils  günstig
beeinfluien.  So  erhöhen  sich  die  Malrikularbeilräge  nach  dem  Reichsetol
oulW  23454/700  Mark,  also  jährlich  um  2  314x/  Mark,  woraus  für  132  Jahre
eine  Mehrausgabe  von  jäöhrlich  20510000  Mark  erwöchs.  Der  Minister
fuhrte  hierzu  des  näheren  aus:  Wie  ganz  anders  müsite  der  Abschluß  der
Ausgaben  und  Einnahmen  für  Won  zum  Nachteile  des  bauerischen
Budgets  aussehen,  wenn  es  nicht  geglückt  wärc,  durch  die  Marcheiinnrejorm
  das  Reich  mehr  auf  eigene  Füße  au  stellen,  insbesondere  die
üungen  an  Motrikularbeiträgen  auf  eine  Reihe  von  Jahren  zu  bern
und  die  eigenen  Einnahme  n  des  Reiches  in  einem  Maße  zu  stärken,  daß
nicht  nur  der  weientlich  höhere  Bedari  des  Reiches  gedeckt,  sondern  auch
die  Schulden#ilgung  energisch  in  Angriff  genommen  werden  konnte.  Es
ergibt  ih  sche  acber  Foee  n  dem  Ste  ein  ungedeckter  Fehlbeirag
  v  nn  damit  gerechnet,  daß  der  Febtbetrag.
der  Jos  -rtn  *  1909  zu  d  17  Millionen  Mark  nach  dem  Vor
ichlage  der  nn  505,  bdet'n  und  dadurch  eine  weitere  Belastung  des
Etats  cer  allgemeinen  Staatsschuld  hintangehalten  wird,  ferner  daß  der
Vorschlag  der  Staatsregierung  auf  Einführung  der  niassenlonzerie  an  ·
genommen  wird  u  nd  die  hieraus  veranschlagte  Einnahme  zu  jährlich

2215000  Mark  im  Hoge  verbleibt.

Europälicher  Geschlchtskolender.  L.  11.  5
        <pb n="76" />
        Das  Piisqᷣt  Neich  und  seine  rintelnns  Glirder.  (

1.  März.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Siegkreis-Waldbröl
wird  an  Stelle  des  zurückgetretenen  Landgerichtsrats  Becker  (3.)
Justizrat  Trimborn  (3.)  mit  fast  allen  Stimmen  gewählt.

Er  war  bei  der  allgemeinen  Wahl  im  Siadtkreis  Köln  gegen  den
Sozialdemokraten  Hofrichter  unierlegen.

2.  März.  (Köln.)  Das  erzbischöfliche  Generalvikariat  veröffentlicht
  im  „Kirchlichen  Anzeiger  für  die  Erzdiözese  Köln“  eine  Bekanntmachung.
  in  der  es  heißt,  daß  das  Motu  proprio  des  Papstes
für  die  Kölner  Erzdiözese  keine  Gültigkeit  habe.

Für  die  Erzdiö5zese  Breslau  hatte  Kardinal  Kopp  diese  Bekannimachung
  schon  am  10.  Februar  erlassen.

2.  März.  (Elsaß-Lothringen.)  Landlag.  In  der  Kommission
  wird  bei  der  Beratung  des  Etats  der  Forstverwaltung  mitgekeilt,
  daß  der  Kaiser  auf  Vortrag  des  Statthalters  sich  dahin
entschieden  habe,  auf  die  ihm  seinerzeit  vom  Landesausschuß  frei
angebotene  und  zur  Verfügung  gestellte  Kaiferjagd  bei  Haslach  zu
verzichten,  so  daß  dem  Lande  für  die  Verpachtung  7000  Mark
jährlich  zugehen.

4.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Der  sozialdemokratische
  Abgeordnete  Hoffmann  reicht  beim  Bureau  des  Abgeordnetenhauses
  gegen  den  ihm  vom  Freiherrn  v.  Erffa  am  Freitag,
  den  #.n  ärz.  erteilten  Ordnungsruf  Beschwerde  ein.

Sie  hat  folgenden  Wortlaut:  „Gegen  den  mir  in  der  Sitzung  vom

1.  März  we  *  Zctuiche  rchiofin  des  Krieges  erteilten  O#dnngeraf
erhebe  ich  auf  Grund  d  s  §  der  Ge  eschaͤftorbnung  Einspruch,  da  d
Krieg  weder  ein  Mitglie  es  Hauses  noch  der  Regierung,  chensewenig  aer
eine  abwesende  tt  ist,  die  sich  nicht  verleidigen  kann-4.

  ärz.  (Reichstag.)  Fortsehung  der  Spezialberatung  des
Neichsamts  des  Innern.  Staatssekretär  Dr.  Delbrilck  über  die  Entwicklung
  des  Organisationsgedankens,  besonders  die  Frage  der
Syndikate.

Staatssekreltär  Dr.  Delbrück:  Es  gibt  zwar  Sidikate  in  allen
Ländern,  aber  sie  entwickeln  sich  zweisellos  bejonders  leicht  in  Ländern  mil
Schutzzoilvolitik.  (Dört,  hört!  links.)  Es  ist  wiederholt  darauf  hingewiesen
worden,  daß  in  den  Syndikaten  erhebliche  Gefahren  politischer  und  wirtschaftlicher
  Natur  lägen.  Das  ist  in  gewiisen  Grenzen  zuzugeben.  Mit
dem  Sundikat  hot  die  Monopolfrage  ein  völlig  neues  Gesicht  bekommen.
Man  hat  früher  zum  Teil  aus  Gründen  wirtichnitspolitischer  Doktrin,  zum
Teil  aus  Gründen  politischer  Nalur  die  Staatomonopole  auf  das  dußerste
perhorresziert.  Je#t  erwachsen  uns  in  den  Sudilaten  zweisellos  Organisationen,
  die  den  Charakter  eines  Privarmonopols  annehmen  können,  und
persönlich  bin  ich  der  Meinung,  daß  ein  solches  Privatmonopol  erhedlich
gefährlicher  werden  kann  als  ein  Slaatemonopol  in  einem  konstitutionell
regierten  Landc,  in  dem  der  Landlag  in  der  Lage  ist,  die  Geschäftsgebarung
        <pb n="77" />
        Des  Derisqe  Reich  und  srint  intelarn  Glieder.  (März  41.  5.)  67
solcher  Monovole  zu  kontrollieren.  Ich  halte  es  nicht  für  lauspeschtossen,
daß  wir  allmählich  gezwungen  sein  kore.  die  Privatmonopole  in  Staats-(Hört,

  h5  über  auf  der  andern  Seite  habe

die  Sondikate  in  unserer  modernen  wirtschaftlichen
Emwicklung  etwas  Notwendiges  und  zu  einem  gewissen  Teile  Nüzliches
lind.  Die  Assoziation  des  Angebots,  die  schließlich  die  Grundlage  der
Sondikate  ist.  führt  zu  einer  vollkommeneren  Ausnußung  der  varbenbenen
Guͤter  und  zu  einer  Stobilisierung  der  Preise,  und  dadurch  auch  zu  einer
Staobilisierung  der  Löhne.  Solange  also  die  Syndikate  nicht  ihre  Monopolstelung
  in  einer  wirtschaftlich  und  politisch  unzulässigen  Weise  t
haben  wir  beine  „Beromtassung,  gegen  sie  Gingaschreiken.  ganz  abge  lehen
davon,  daß  uns  das  nicht  sehr  viel  helsen  würde.  Ich  gebe  zu,  daß  unjere
vorhandenen  Londsta  nicht  in  allem,  was  sie  #un,  ganz  einwondsfrei  sind,
aber  im  großen  und  ganzen  haben  li  Funktionen  erfüllt,  die  den  Syndikaten
  in  unserem  modernen  Mirbichaltereten  obliegen.  Wenn  sich  die  Nolwendigkeit
  herausstellen  sollte,  gegen  die  Syndikate  .-  so  müßte
as  im  Wege  eines  Spezialgese  Das  Raligesetz  konn  uns

28

eigentlich  nicht  zu  weiteren  Exp
Dieses  Gesetz  hat  nicht  meinen  x
wir  haben  es  aber  au-„DHeiterkeit.)
  Andererseits  habe:  ich
sich  die  Erkenntnis  von  den  Fehler

erimenten  auf  reen  eR  verleiten.
oartunge  n  und  Hoffnungen  entiprochen,

vorgelegt,  wie  eieß  geworden  ist.
een  ersreulichen  Eindruck  gewonnen,  daß
#ern,  die  bei  dem  Kaligesenz  gemacht  worden

ünd.  mit  einer  solchen  Heschwindigteit  verbreitet,  daß  es  uns  doch  wohl
no  moglich  ist,  auf  einem  anderen  Wege  erfolgreich  vorzugehen.  Aus
dem  Hauie  heraus  sind  reue  von  einzelnen  Sp#dilaten,  beionder  das  Eisenssniten
  und  0  Kohlensyndikat  erörkert  worden  e  beiden  Syndikate

d.  selbst  wenn  man  in  einzelnen  Punkten  ihre  ##neie  nicht  billigt,  doch
ben  Glied  untnh  wirtschastlichen  Organismus,  das  man  nicht  ohne  weiteres
sortfallen  lassen  kann.  Ich  halte  es  für  richtig,  wenn  der  preußische  Fiskus
leinerzeit  bestrebt  gewesen  ist,  durch  seinen  vorläufigen  Beitrint  zum  nohleninndikat
  die  Chancen  einer  Fortdauer  und  sachgemaßen  Neugestaltung  dieies
Sundikats  zu  heben.  Man  wird  dem  Staat  das  Recht  nicht  nehmen  können,
einem  Syndikat  beizutreten,  wenn  ihm  das  aus  uutuis  Grüänden
als  zweckmäßig  erscheint,  immer  vorausgesetzt,  die  Richtlinien  des
Smidikats,  dem  er  z  derartig  sind,  daß  sie  *  den  Fiskus  in  Konaut
  bringen  mit  den  wirtschaftlichen  und  entüchen  Auigot  en  des  Stoaes.

es  wird  unter  Umständen  auch  eine  t  des  Siaates  sein,  in
emmilar  einzukreten,  wenn  er  das  aus  aai  wirischaftlichen  Grhn#en
für  zweckmäßig  hält.

4.  Märg.  (Schwarzburg.  Rudolstadt.)  Auflösung  des  Land.-tages
  wegen  Ablehnung  jedes  Kompromisses  zur  Abänderung  des
Landlagswahlrechts  durch  die  sozialdemokratische  Mehrheit.

Die  Regierung  schlug  vor,  als  privilegierte  Höchstbesteuerte  nicht
mehr  die  Zahler  von  mehr  als  120  Mark  Staalssteuern,  sonder  die
37)  meistzahlenden  Zensiten  gelten  zu  lassen.  Die  Rammer  bestand  aber
auf  rlehe  Aushebung  der  Privilegien.

März.  (Bayern.)  Abkeordnetenkammer,
des  n  Frhrn.  v.  Hert
Ministerpräsident  verweist  Seeen  ans  senieeisseiielirsoiid
das  rr*n  doch  einmal  seinen  Namen  trage  und  nach  jeinen  Vor-5“


 

Programmrede
        <pb n="78" />
        68  Das  Derisqt  Reiq  und  seint  rinzelurn  Glieder.  (März  5.5

schlä#  en  gebildet  sei.  Daher  mũsse  er  erklären,  wie  er  seine  jetzige  Stlung
mit  seiner  bisherigen  Täligkeit  in  Einklang  zu  bringen  gedenke.  Das
um  so  notwendiger,  als  in  der  letzlen  Zeit  geschäftige  Federn  daran  woren
nicht  nur  Mißtrauen  gegen  die  neue  Negierung  zu  söen,  sondern  auch  gegen
die  Krone,  deren  Willen  allein  vor  dem  Landiag  zu  vertreten  die  Aufgabe
der  Minister  nach  der  Verfassung  sei.  Damit  diese  Stellung  nun  nicht
verwischt  werde,  verweise  er  alle  die  Märchen  über  den  Sturz  der  vorigen
Regierung  und  die  Enuscheidung  Oeer  Nrone  bei  der  Bildung  des  neuen
Ministeriums  ausdrücklich  i  ch  der  Fabel.  Beionders  erregt  weist
#hr.  v.  Herkling  die  bachen  50  als  sei  das  neue  Ministerium  ein
Uebergang  zum  parlamentarischen  Regime.  Nur  den  Herrscherwillen  habe
das  Ministerium  zu  vertreien.  „An  dem  Tage,  da  der  Regent  mich  berief,
gehörte  ich  keiner  Porlel  mehr  an  troß  der  früheren  engen  erbindung.
mit  dem  Zeutrum  im  Reichstag.  Die  Veriassung  schließt  es  nicht  aus,
daß  eine  5uegierung  auch  einmal  gegen  die  Mehrheit  des  Parlamenis  regiert.
Aber  das  ist  nichts  Praktisches,  2  gehen  dann  die  besien  Kräfte  nutzlos
in  den  Kämpfen  verloren.  Die  Rcgierung  muß  sich,  das  erkannte  auch
Bismarck  an,  auf  eine  Me  ehrheit  im  Vonlconem  —  und  je  breiter  die
Basis  der  E—2  ist,  desto  besier.  Natürlich  wirkt  die  Erbinerung
des  Wahlkampfes  noch  nach,  aber  es  muß  doch  moglich  sein,  daß  sich  jetzt
die  bürgerlichen  Parteien  zur  gemeinsamen  Arbeit  zusammensinden,  wie
dies  in  der  Thronrede  schon  augedeutet  ist.  Die  Regierung  steht  den  Parteien
  homogen  gegenüber.  Nicht  ein  einziger  Wille  ist  bei  ihr  maßgebend.
da  versasfungsgemäß  jeder  Minister  allein  für  sein  Resiort  verantwortlich  .
Aber  ein  gemeiniomer  Wille  wird  immer  zum  Ausdruck  kommen,  und
Autorität  der  Regierung  ist  unser  höchstes  Ziel  dabei.  Auerdings  208
Parieien  berechtigt,  und  sie  sind  auch  eine  bewegende  Nrast.
eine  Grenze  geben  gegenüber  den  Rüctüchten  auf  das  Ganze.  Es  ma
einer  Republit  Parteien  geben.  die  auf  eine  Monarchie  hinstreben,  7
gelehrt  dürste  es  in  Bayern  nicht  gehen.  Hier  musste  die  Regierung  Widerstand
  leisten.  Die  Autorität  des  Staates  stültl  sich  zum  größten  Teil  auf
die  Beamtenschaft.  „An  sie  brauche  ich“.  fuhr  der  Ministerpräsident  sort,
„nach  der  Richtung:  (Gehorsam  dem  Geien  und  Treue  dem  König,  keinen
wel  zu  richten.  Was  wir  wollen,  ist  eine  konservative  Regierung.  Es
den  gesunden  nern  unseres  Voites  zu  erhalten  und  zu  pflegen.  Die
#higrr  Heiedungen  sind  in  sorlwährender  Wandlung  begriffen,  es  gibt
aber  auch  ewige  Wahrheiten,  und  dazu  gehort  die  Lehre  des  Christentums,
zu  dem  sich  unjer  Volk  in  der  grosen  Mehrheit  belenm.  Die  Religion
zu  siünen  und  zur  Grundlage  aller  Erzichung  und  Bildung  zu  machen,
ist  die  Hauptauigabe  der  Regierung.  Eine  andere  Aufgabe  ist  die  Wahrung
einer  starken  Stellung  Baverus  im  Reich  und  guter  Beziehungen  Bayerns
zum  Reich.  Da  werden  wir  an  allen  Dingen  lonnl  mitarbeiten,  nicht  aber
darf  die  Fiuanzhoheit  der  Einzelstaaten  auigegeben  werden,  und  fruchtlos
wäre  es.  Dinge  onzustreben,  für  die  der  Reichtiag  und  das  Reich  nicht
zu  habru  wären.  Im  Lande  selbst  wird  die  Regierung  paritätiich  versahren
  im  besten  Sinne  des  Wortes  und  gemöß  den  Traditionen  der  Krone.“
Der  Ministerpräsident  verspricht  dann  Förderung  der  Landwirtschaft,
Kunst  in  Bauern,  des  Unterrichtswesjens  wie  des  Handels  und  der  n
beionders  auch  Förderung  des  Mintelstandes.  Für  dieses  ideneprogramm
appelliert  der  Minister  an  die  Mitarbeit  des  ganzen  H

5.  März.  (Berlin.)  Ausstellung  der  Euwrnse  für  das  neue
Opernhaus.
5.  März.  (Reichslag.)  Fortsetzung  der  Spezialberatung  des
        <pb n="79" />
        Des  Beuische  Neich  und  srine  ristelurn  Glieder.  (März  ö.)  67)

Etats  des  Reichsamts  des  Innern.  Zigeuner.  Arbeikswilligenschutz
und  Miuelliondeolit.

Dr.  Oertel  (K.)  behandelt  zunächst  die  Zigeun  erplage.  „Für
den  Lense  find  die  Zigeuner  äußerst  gefährlich.  Sie  sind  für  ihn  eine
ichwere  Bedrohung.  Der  Polizei  ist  die  Frrsalaun  der  Zigenner  namentlich
  da  erichwert,  wo  die  Grenzen  der  einzelnen  Staaten  aneinandersloßen.
Wir  verlangen  eine  reichsgrietzliche  Regelung  der  Eache,  eine  grundsätliche
Veriagung  des  Bandergewerbescheines  für  die  Zigenner,  die  Stellung  ihrer
Kinder  unter  Fürsergerrziehnng.  und  gemeinsame  ner  über  polizeiliche
  Abwehr.“  —  Daun  behandelt  er  den  Schut  1  Urdeitowitligen
und  verteidigt  die  Kan  voliegende  Rezturian,  *  Partei.  „

Sie,  davon  überzeugt  sein  zu  wollen,  daß  w  6eVeschrönkun  des  n
stehenden  Loalitionsrechtes  -.  Ui  wellen  bics  keine  bestimmten  Vorschläge
  machen,  die  sind  immer  bedenklich,  wenn  sie  aus  dem  Parlament
bervorge  ehen:  wir  wollen  auch  kein  Ausnahmegeses,  sondern  haben  nur  die
Frage  angeregt,  ob  es  nicht  zweckmäßig  sei,  einen  Enmwurs  vorzulegen,  durch
den  verhindert  wird,  daß  Arbeiben.  durch  andere  Arbeiler  an  der  Arbeit
verhindert  werden.  Dem  könnten  doch  alle  Parleien  zustimmen:  niemand
wünicht  Bedrohung  oder  Gewolnzneseil  Ich  habe  also  nicht  verstanden,
warum  sich  der  Widerstand  gegen  den  Anirag  so  schari  geäußert  hat,  auch
nicht  verstanden,  weshalb  der  Staatejelretãr  eine  solche  Aenderung  für  überstüstig
  hält.  Der  Siaatsfekretär  hat  sich  in  diesem  Falle  in  einen  gewissen
de  axniag  geĩstellt  zu  dem  iãchjiichen  LEEIIIII  Eckstädt,  der  sich
sächsüschen  Landtoge  dahin  äusferte,  daß  die  Regierung  in  Erwägungen
W#en  Aeuderung  und  Ergänzung  der  in  Betracht  kommenden  Beslimmungen
einzutreten  gewiult  sei,  und  d"ot  sie  auch  im  Bundesrat  ihre  Notwendigkeit
belonen  werde.=Slassekretär
  Dr.  Delbrück:  Vor  allem  sind,  während  früher  &amp;amp;  153
der  Gewerdeordnung  äußeerst  eng  interpretiert  wurde,  die  Gerichte  durchweg
  zu  einer  erheblich  weiteren  Interpretation  übergegangen  und  ebenso
von  Aberoreentlich  milden  zu  höheren  Strasen  (Hort,  hrt!  I.I.  Aus  dieser
Tatsache  hobe  ich  gesolgert,  daß  man  mit  dem  &amp;amp;  153  auskommen  kan
wenn  die  zuständigen  rgane  des  Staates  ihre  Pilicht  iun.  An  diese
Aufio#sung  minũ  ich  auch  henle  noch  jeimalten.  Ich  habe  daun  nsgesum.
daß,  wenn  ich  auch  ein  Geienz  gegen  Aueschreiungen  der  Streikvosten,  ein
(teietz,  welches  dus  Steilvostenstehen  generell  verbictet,  ein  Gesetz  zum
Schun  der  Arbeitewilligen  im  engeren  Sinne  ablehnen  mssse.  doch  annm
werden  muß,  daß  wir  gelegentklich  Exzessen  der  Organisationen  negenüber.
ü#chen,  die  die  Ausmerlsamleit  der  vrbindeen  Regierungen  in  der  Ta
berausfordern  müßten,  daß  es  sich  aber  dabei  nicht  allein  um  Vornäe:
don  Arbeitseinstellungen  und  Aussperrungen  handelt,  sondern  um  Vorgänge,
die  unser  geiamies  wirklichaftliches  Leben  betresien,  nicht  ollein  das  Verhalten
  und  Gebaren  der  Angehorigen  einzelner  Parteien.  Ich  habe  daraus
geschloisen,  daß  wohl  zu  hwi  sein  werde,  ob  unjer  Straisgesetzbuch  mit
jeinen  Bestimmungen  zum  Schune  der  versönlichen  Freiheit  heurc  noch  ausreicht
  und  ob  hier  nicht  eine  Umgestaltung  des  gemeinen  Rechis  mit  Rücksicht
aui  die  grosen  Bekänderungen  im  visentlichen  und  wirlichaftlichen  Leben  notig
lein  könnte.  (Dôrt!  hört  l.).  Der  Staatsjekretär  verliest  hirrani  die  entiprechen.
den  sih  des  Re  ichskanslers,  vom  10.  Dezember  I#10  [Jaurg#  110
2#,  sodann  dieienigen,  mil  welchen  er  jelbst  om  14.  Dezember  1910
die  Nide  des  Nanzlers  nochmals  umichrieben,  und  endlich  dir  Rede,  die  m
dem  gleichen  Gegenstande  am  11.  Deiember  1911  der  Minister  Grai  Uin#-lbhum
  von  Eckstädt  in  der  zweiten  sächsiichen  Kammer  gehalten  hat,  und  fährt
        <pb n="80" />
        70  Das  Derisqt  Rriq  und  lrine  rintelsen  Glieder.  (März  5.)

sort::  Zwischen  allen  diesen  Erklärungen  wird  ein  Widerspruch  nicht  konstrniert
  werden  können,  jedenfalls  nicht  in  der  prinzivicllen  Aussofjung.  Ich
lomme  nun  zu  dem  eigenmichen  Gegenstande  meiner  hemigen  Erörkerung.
zu  den  viellachen  Anregungen  zuguniken  des  Mittelstondes,  die  mit  einer
gewissen  Einhelligkeit  und  mit  einer  großen  üebereinitimmung  i  in  den  Zielen
und  vorgeichlagenen  Mittein  beinahe  ans  allen  Teilen  des  Hauses  laut
geworden  sind.  Wenn  man  über  diese  Fragen  sprechen  will,  muß  zunächst
klar  sein,  welcher  Mineland  eigentlich  gemeint  ist.  Ich  bin  der  Meinung,
sich  der  ländliche  Minelstand  nicht  so  zu  klagen  hat  wie
werbliche  Mitlelstand.  Der  Bauernüand  hat  sich  unler  dem  Einfluß  der
Wirtschaftspolitik  gehoben.  Der  Bauer  ist  in  der  ganzen  Technik  seiner
Wirtichaft  durch  die  Moßnahmen  der  Regierung,  wie  durch  ieine  eigene
zunehmende  Intelligenz  erheblich  vorwäris  gelommen  und  ich  glaube  laum,
aß  es  meines  Amts  sein  würde,  von  Reichs  wegen  in  die  Emwicktung
des  ländlichen  Mittelstandes  in  den  einzelnen  Bundesstaaten  einzugreifen.
Die  Dsebmen  sind  zum  Teil  Verwaltungemasnahmen  und  gehören  schon
deshalb  in  das  Bereich  der  Einzelstaaten.  Aus  meiner  genauen  Kenninis
der  Verga  bin  ich  aber  auch  der  Meinung,  daß  die  Vorstellung  falsch  ist,
daß  im  Osien  die  Tendenz  der  Entwicklung  und  des  Großtgrundbriitzes  au
das  Vaneimegen  gehl:  im  Begenteil,  in  den  öllichen  Provinzen  ist  die
Erleumnis  von  der  Notwendigkeit  der  Verkleinerung  des  Grundbesies,  von
der  Notwendigkeit,  geeigneten  Boden  aus  den  Großvbetrieben  in  den  wirtschat#lichen
  Rleinbetrich  überzuführen,  weit  verbreitel.  Ich  komme  zum  gewerblichen
  Mittelstande.  Wenn  man  früher  von  Mittelstandspolitik  iprach,
dachte  man  dabei  an  den  selaständigen  Gewerbebetrieb.  Der  neue  gewerbliche
  Miuelstand  muß  aber  mit  ganz  auderem  Maßstabe  gemesien  werden
als  der  alie  selbständige  Geerther  trieb.  Dieser  neue  Mittelstand  2
zweifellos  zu  den  Stieskindern  unserer  gesamten  Entwicklun
große  un  gorien.  woß  Existenzen.  die  zwischen  Unnernehmern  und  Folsei
ftehen,  en,  die  wir  zulezt  mit  dem  Geset  über  die  Bersicherung
der  Priochesegellen  bedacht  haben.  Allein  dieies  Geietz  jollte  beweisen,
welche  Fürjorge  die  verbündeten  Regierungen  und  der  Reichstag  den  Privat-—’“
  erwiesen  haben.  Man  sollie  in  diesen  nreisen  nicht  vergessen,
ee  Lasten,  die  dieses  Gesetz  unserer  Produktion  aufjerlegt  hal,  nich!
gelng  Si  Dieie  Herren  wünschen,  daß  ihnen  dieselbe  rechtliche  Stellung
gewährt  werde,  wie  den  Angeitellten  i  im  Handelsgewerbe.  Daß  es  wünschenswert
  ist,  diese  beiden  großen  Kategorien  von  Angeü#elllen  in  Handel  uf
Industric  gleichzunellen,  ist  von  den  verbünderrn  Regierungen  niemals  verkannt
  worden.  Jüre  Versuche  sind  aber  an  den  Schwieriglciten  auf  diesem
Gebiete  gricheitert.  Es  ist  zble  ibern  7  sich  die  großen  Verbände
der  Privatangeitellten  auf  die  und  auf  anderen  Gebiclen  zu  Kompromiissen
  bereit  erllären,  damit  der  „  Neelerune  in  die  Lage  verseßt  werde,  ihre
Wüniche,  soweit  sie  zurzeit  erfülbar  sind,  zu  ersüllen.  Wir  sind  bercit,
diese  Wüniche  zu  erfüllen,  soweit  es  irgend  geht.  Zu  den  Wönschen
der  Herren  gehört  auch  die  Regelung  der  Nonkurrengklausel.  Auch  in
dieser  Beziehung  haben  ja  die  verbündeten  Regierungen  bereits  versucht,
bei  Gelegenheil  der  letzten  größeren  Gewerbeordnungsnovelle  eine  Regelung
  herbeizuführen.  Unier  Vorschlag  hat  die  Biligung  des  Reichstages
  nicht  gefunden.  Die  damaligen  Wt  haben  im  Lande  eine
solche  Menge  von  Erörterungen  und  „Vorschlägen  entiesielt,  daß  die  Ueberzeugung
  verstärkt  wurde,  daß  die  Frage  tatsachlich  zur  Lösung  nicht  rei
war.  Zurzeit  ist  die  Frage.  der  Konkurrenzslausel  für  die  Handlungsgehilfen
Gegenstand  der  Erwägun  im  Reichejustigamt  und  wir  müssen  abwarten.
welches  Schicksal  dieser  Versuch  einer  geseugeberischen  Lösung  der  Frage
        <pb n="81" />
        Les  Perict  Reiq  aud  seine  risfelsn  Glitder.  (März  5.)  71

haben  wird.  Am  lebhaftesten  —  die  Ir-  e  des  Erfinderrechts  von  den
Privatangestellten  diskutiert.  Gera  find  ertecht  lann  nut  zwecken'prechend
  geregelt  werden  im  Sre  hang  mit  einer  sanderweit  igen
Regelung  des  Palentrechts.  Diese  Beelung  ist  in  Vorbereilung,  und  ich
lane,  alle  Weteinigten  nur  biten,  adren  sch  so  uange  herichin  bis
ich,  wie  ich  hosse,  demnächst  in  der  Lage  bin,  einen  Goeledent  hurftu  ur  a
ier  unsere  stssd  vor  ee  Damit  komme  ich  zum
stöndigen  gewerblichen  MWiuelhand.  eit  geraumer  Beil  wird  vielfach  ber
die  Lage  dieses  Standes  gellagt,  u  d  niemand  wird  cbestreiten,  daß  diese
Klagen  zum  erheblichen.  Teile  ihre  (Vercchligung  hab  (Hört,  hört  r.)
Man  dari  dobei  nicht  überiehen,  daß  ein  Teil  des  Nieshankee  in  die
Großbetriebe  hineindringt,  wodurch  dem  Mittelstande  seine  krästigsten  und
zum  Teil  besten  Kräste  verloren.  gehen.  Auf  der  anderen  Seite  gehen  wieder
Teile  des  Mittelstandes  an  den  vierten  Stand  verloren;  diese  Landwerter
verlicren  damit  zwar  ihre  Selbständigkeit,  *  ei  erlangen  amit  eine
ü#cherte  Existenz.  Wir  werden  vor  allem  destrebt  sein  müssen  zu  ver-Ke,
  dem  Handwerk  soweit  moglich  alle  Reueheet  Mäfsmeine  zugänglich
Au  machen,  die  die  Erfolge  der,  —  sicherm,  die  auf  dem  Gebiete
des  Kreditwesens  und  der  Mor  n  liegen.  fube  ve  Dinge,  die  nur
von  seiten  der  Bundesftaaten  in  elna  riff  genommen  und  du  achefühe  werden
können  und  die  von  der  Mehrzahl  der  #aaosene  auch  mit  Erfolg  in
Angrif  genommen  sind.  Nach  der  Statistik  des  deutschen  Banborrch
gab  es  im  Deutschen  Reich  1905  1301290  Ha  dan  rtschene  1907  1378838;
das  zeigt  eine  Zunahme  um  rund  70000.  Die  Zahl  der  Zwergbetriebe  in.
um  5  Prozent  Arüse  en.
in  #in  Allerdings  ist  Arbeit  reichlich  vorhanden  und
die  stdr  sind  gestiegen.  Das  rührt  aber  nur  von  der  Teuerung
ber.  Die  Arbeiter  masen  höhere  Löhne  fordern,  wenn  sie  ihre  Familien
crnähren  wollen.  Der  ongeblich  günstigen  Konjunktur  steht  gegenüber  eine
wesentlich  geringere  Rentabilität  unserer  Industrie.  Man  müßte  annehmen.
*ise  unsere  #tiengeseulchaften  sleigende  ividenden  aufweisen,  da  ia  r
serte  immer  niedriger  zu  Buch  stehen.  Davon  merkt  man  aber  nichis.
#usoige  der  geringen  MWa#t  wird  auch  die  Seen  urs.
giomt.  Dos  ist  aber  um  so  bedauerlicher,  weil  wir  bei  unserer  großen
Vetooterungsginahme  7  immer  neue  Produktionestätten  brauchen.  Die  teuren
Kohlenpreise  sind  gewiß  sehr  bedentlich,  aber  da  die  Lebensmittel  teurer
geworde  sind,  müssen  auch  die  Löhne  steigen,  das  sehen  wir  ia  auch  jetzt
der  Bergarbeiterbewegung.  Den  Bergarbeitern  ist  ja  für  den  1.  April
Frne  Erhohn  der  Löhne  in  Aussicht  geslellt  worden.  Hoff  entlich  werden
sie  damit  t  in  den  April  ge  eschi  ekt.  Eine  nalurgemäse  Folgerung  der
n  ist  aber  dann  eine  Steigerung  der  Nohlenpreise.  Diese
bo  sich  ohnehin  allmählich  aus  der  Erhöhung  der  Produktionskosten,  die
on  selbst  steigen,  je  mehr  man  in  die  Tiejfe  gehen  und  je  liefer
e  Schächte  aniegen  muß.  Sicherlich  haben  unsere  Sundikate  auch
*  en  der  Treissteigerung.  Sie  denken,  wenn  alles  teurer  wird,  wollen
doch  auch  einen  Preisaufichlag  machen.  Aber  man  darf  doch  nichl
W—ti-  daß  ben  Fiskus  die  gleiche  Schn  trifst.  Noch  ehe  der  Fiskus
dem  Kohlensyndikat  beitrat,  ist  er  mit  der  Erhöhung  der  Kobienureie
vorangegangen.  Der  Staatsselretär  meint,  der  Fiskus  treie  in  die  Sndilate
  ein,  um  regulierend  7  wirken,  ober  —  ersolgt  vieie
Neamierung  der  Preise  immer  nach  oben,  s  ist  doch  nicht  der  Zweck  der
Uebung.  Im  Kalisyndikat  war  der  hae  ietts  durchaus  in  der  Lage,
eine  gesunde  Preispolitik  zu  machen,  er  konnte  mit  seinem  Auotritt  drohen,
wenn  die  Preise  zu  hoch  hinaus  gingen  usw.  Er  hat  es  aber  nicht  getan,
        <pb n="82" />
        72  D#  Bsische  Keich  und  seiur  rintelurn  Glieder.  (März  5.—8.)

er  hat  daher  die  Hauptschuld  an  dieser  Ueberproduktion  an  neuen  Gruben.
Wir  haben  ießzt  bereits  100  Kaligruben,  die  in  Förderung  stehen,  und  weitere
100,  die  schon  im  Bau  begriffen  sind.

5.  März.  Geschwaderverlegung.

Nach  der  „Täglichen  Rundschau“  besteht  die  Absicht,  die  aus  vier
großen  und  sechs  kleinen  Kreuzern  bestehende  Aufklärungsslotte  von  niel
nach  Wilhelmshaven  zu  verlegen  und  danernd  in  der  Nordsee  zu  siationieren,
weil  vor  Vollendung  des  Ausbaus  der  Nordostieekanal  für  die  vier  großen
Kreuzer  „Roon“,  „Moltke“",  „Von  der  Tann“  und  „Vork"  nur  ichwer
passierbar  ist.

5.  März.  (Koblenz.)  Frhr.  Rochus  v.  Liliencron,  Herausgeber
  der  „Historischen  Volkslieder“  und  der  „Allgemeinen  Deutschen
Biographie“,  k,  91  Jahre  alt.

ã  (Bundesrat.)  Beratung  der  Wehrvorlagen.

„Kölnische  Bolkszeitung  teilt  dazu  (in  Klammern)  am  8.  März
die  —  des  Flottengesetzes  mit,  die  sich  aus  den  Neuforderungen
  ergeben:

Gs  soll  beiiehen  1.  die  Schlachtslone  aus  2  Flottenslaggschiffen
  (1  Floutenslaggschifi),  4  (5)  Geschwadern  zu  je  8  Linienichisien.
8  (10)  groben  #renzern  und  24  (30)  leinen  Kreuzern  als  Aufklärungs.
schiffen:  2.  die  Auslandsflotte  aus  8  (10)  großen  Krenzern  und  0  kleinen
Kreuzern;  3.  die  Materialrefervec  aus  4  Linienschiffen,  4  großen  Kreuzern
und  4  kleinen  MNrenzern  (sällt  weg).

0  Bezüglch  der  Indiensthaltung  der  Schlachtslotte  gelten  solgende
Grundsätze:  1.  Das  erste  und  zweite  (erste,  zweite  und  dritte)  Geschwader
bilden  die  aktive  Schlachtilotte,  das  drille  und  vierte  svierte  und  sünfte)
Geschwader  die  Reserveschlachsstorte:  2.  von  der  aktriven  Schlachtflotte  jollen
lämniche,  von  der  Reserveschlachtflolte  die  Hälite  der  Linienschiffe  und
Krenzer  dauernd  in  Dienst  gehalten  werden.  Auf  diese  Weise  wird  das
vorhanden  Material  so  vollständig  als  möglich  ausgenußt.

7.  März.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Nachtrag  zur
Programmrede  des  Ministerpräsidenten.

Ministerpräsident  Irhr.  v.  Hertling  erklärte  im  Finanzausichuß,  es
sei  keine  boie  Ablicht  geweien,  wenn  *6rn  an  seiner  Programmrede  die  Arbeiterfürforge
  nnerwahm  gelassen  habe.  fz  habe  seine  arbeiterfreundliche  Geliunung
  schon  so  oft  dokumenmtiert,  Fort  man  nicht  an  ihr  zweiseln  dürsfe.

e  Wille  aber  sinde  seine  Grenze  in  der  finanziellen  Lage  des

8.  März.  (Reichstag.)  Endgültige  Wahl  des  Präsidiumns.
Zum  ersten  Prädenten  wird  Dr.  Kaempf  (Dp.)  mit  192  Stimmen
gewäbt,  —  Dr.  Svohn  13.  u#4,  Graf  Eian  #on  In.  )2.  Dr.  v.  Hemeerster

  Alzepräsiden#  wird  Prof.  Dr.  TLaasche  (Nl.)  mit  765
von  35  güftigen  Stimmen  gewähn.  wabrend  aus  Abg.  Scheidemann  (Sd.)
155  Stimmen  jallen  und  6  sich  zeriplitte

Nach  einer  halbstündigen  Letagang  eriolgi  die  Wahl  des  zen
Nizevrösidemen.  Dabei  erhalt  von  Zul.  gulligen  Stimmen  Abg.  Dove  (Vo.)
2##),  Scheidrmann  147,  wahrend  4  sich  zerivlinern.  Dove  kenlnle  unter
Mie  Bewegung  und  Heiterleit,  daß  er  die  Wahl  annehme;  man  hatte
eine  Ablehnung  erwartei,  weil  er  vorher  sich  geweigert  haite,  das  Am  aus
        <pb n="83" />
        Dee  Mesifr  Reich  unb  sriut  elnelnen  Glieder.  (Maͤrz  8.  —  12.)  73

den  Händen  der  Rechten  esgegensumehmen  Tatsächlich  ist  er  mit  den
Stimmen  der  Rechten,  des  Zend  d  der  Notionalliberalen  gewählt
worden,  während  seine  eigenen  nd  im  drikten  wie  im  zweiten
Wahlgange  für  den  Sozialdemokraten  Scheidemann  gestimmt  haben.

8.  März.  (Hamburg.)  Bildung  der  „Hamburgischen  Konservativen
  Vereinigung“,  um  im  Anschluß  an  die  deutsch-konservative
  und  die  Reichspartei  die  Hamburgischen  Interefsen  zu  fördern.

8.  März.  (Bayern.)  Die  Abgeordnetenkammer  nimmt  einstimmig
  einen  sozialdemokratischen  Antrag  an,  der  mit  Rücksicht
auf  die  zurzeit  noch  bestehende  Arbeilslosigkeit  die  schleunigste  Inangriffnahme
  der  für  Staatsrechnung  in  Ausficht  genommenen  Arbeiten
  wünscht.

Ein  zweiter  sozialdemokratischer  Antrag,  der  die  Förderung  der

munalen  Arbeitslo  senversi  icherung  durch  Einstellung  von  2000  #D
Mark  in  den  Eiat  fordert,  wird  abgelehnt,  degecen,  ein  liberaler  Antrag  auf
staatliche  Förderung  solcher  Gemeinden  angeno

9.  März.  (Berlin.)  0berbrermeiger  Kirschner  teilt  dem
Magistrat  und  den  Stadtverordneten  schriftlich  mit,  daß  er  behee.
  1.  Juli  von  seinem  Amte  zurückzutreten.

unsch  aller  Fraktionen  der  Stadwerordnelenversammlung  zieht
er  sein  tlr  Ausöcht  zurück,  behält  sich  aber  die  definitive  Enticheidung
  bis  zum  1.  Ollober  vor.

11.  Märg.  —im'*  Ein  Erlaß  des  Ministers  v.  Soden
gibt  dem  Jesuitengesetz  des  Reichs  vom  4.  Juli  1672  eine  Auslegung,
  wonach  Konferenzvorträge,  auch  wenn  fie  in  kirchlichen
Räumen  staktfinden  und  sich  die  Gelegenheit  zum  Empfang  der
Sterbesakramente  damit  verbindet,  sowie  priesterliche  Handlungen
zwecks  vorübergehender  Aushilfe  in  der  Seelsorge  unter  Abhängigkeit
  vom  zuständigen  Pfarramie  den  Jeluiten  gestattet  seien.

Die  liberale  Presse  bekämpfst  diesen  Erlaß  als  einen  Bruch  eines
Rcichsgesetzes.

11.—12.  März.  Höhepunkt  des  Kohlenarbeiterstreiks  im
Ruhrgebiet.

Bon  10  ,  Arbeitern  fuhren  nur  46971  ein;  es  streiken  alio
571  4%%.  i  Wechsel  der  Nachtichicht  aui  Zeche  „Gew  erlschaft  Demscher
nNaiser“  bon  es  zwischen  Streilenden  und  Schutzenten  zu  einem  Zuiammenstoß.
  wobei  fünf  Schutzleute  und  viele  Arbeiter  verwundet  werden.  In  der
Frühiche  cetug  die  Zahl  .  Streikenden  bei  einer  Veirgschaft  von
26  em  156000,  ollso  ö

.  Mar-  Greichstan.  Interpellation  des  Zentrums  wegen
des  Streiks  im  Ruhrgebiet.

„Ist  der  Herr  Reichskanzler  bereit,  über  den  Stond  des  Stireiles
im  rbeinssch,  westfälischen  Nohlenrevier  Auslunit  zu  geben?  Aas  gedenkt
der  Herr  Reichskonzler  zu  tun,  um  unter  Verücksichtigung  der  berechigten
        <pb n="84" />
        74  D  Neische  Meich  und  seine  elnteluen  Glieder.  (März  12.)

Wünsche  der  Bergarbeiter  ein  rasches  Ende  dieses  den  deutschen  Volkswohlstand
  *  schãbigenden  Ausstandes  herbeizufũühren
2.  März.  Antwort  des  Staatssekretärs  Wermuth  auf  einen
gegen  *  „Tätigkeitsdrang“  gerichteten  Arlikel  in  der  „Germania“:
Die  Redaktion  der  „Germania“  beehre  ich  mich  um  die  Aufnahme
solgender  Berichtigung  zu  bitten:  8  Ihrer  heutigen  Nummer  58,  zweites
Bla,  teilen  Sie  mit,  ich  häite  bei  Vera  alung  des  Juochesteuergeiedes
mnrbeeen  nationalliberalen  —2  rnn  Zusage  gemocht,  daß  mei
erster  Steueworschlag  nach  den  Neuwahlen  die  Wiedereinbringung  bn
Lindserbschaftssteuer“  sein  würde.  Diese  Angabe  entfpricht  nicht  den
Tatsachen.  Bei  meinen  Verhandlungen  und  Besprechungen  über  die  Zuwachesteuer
  ist  von  der  Einführung  der  Erbschaitsstener  niemals  die  Rede
wesen.  Ferner  gestalle  ich  mir  festtuntellen,  daß  ich  einer  politischen
orin  nicht  angehore  oder  angehört  hab
12.  März.  (##.  Lot  hringen)  Bei  der  zweiten  Lesung
des  Etals  setzt  die  Zweite  Kammer  das  Gehalt  des  Staatssekretärs
von  34000  auf  22000  Mark  herab  und  streicht  den  sog.  Polizeifonds
der  Regierung  (44000  Mark)  zur  Uberwachung  der  Anarchisten,  zur
Sicherheit  der  Person  des  Kaisers,  zur  Uberwachung  der  Spionage  usw.
12.  Märg.  Der  Direktor  des  Hansabundes  Oberbürgermeister
a.  D.  Knobloch  gibt  seine  Stellung  auf.
12.  März.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  zweiten  Lesung  des
Etats  des  Reichsamts  des  Innern.  Privatstellungen  pensionierter
Offiziere  und  Beamten.  Kanzleidienst.  Seemannsheime  im  Ausland.
  Siatinte
m  Titel  „Besoldung  der  Direktoren  des  Reichsomis
des  5  hat  die  Kommission  eine  Resolution  beschlossen,  im  Hinblick
  auf  das  Ausscheiden  des  Präsidenten  des  Neichestatiftischen  Amies  van
der  Borght,  in  der  der  Reichskanzler  ersucht  wird,  eine  Novelle  zum  Beamien-
  und  Osüszierspensionsgeset  vorzulegen,  durch  wesche  Einkommen  aus
einer  im  Ruhestande  erfolgten  privaten  Anstellung  unter  bestimmen  Voraussebungen
  auf-  das  Ruhegehalt  uggeng  werden  en.
ies  sching  (Forkichr.  Vv.):  Der  Prasidem  des  Reichsstatistischen
Amtes  hat  #ei  vensionieren  lassen  und  zu  gleicher  Zeit  hat  er  ein  anderes
Amt  angenommen,  in  dem  er  ein  Gehalt  von  100000  Mark  erhält.  Dieser
Dienstvertrag  zwischen  dem  auescheidenden  Beamten  und  der  Privatgesellschaft
  ist  zustande  gekommen,  ehe  die  Penüonicrung  ausgesprochen  war.
Ein  Geheimer  Legationsrat  des  Nolonialamies  ist  ebenfolls  vor  kurzem  in
eine  Schiffahrtogesellichaft,  die  kurz  vorher  mit  der  Regierung  in  Streit
war,  eingetreien.  Das  sind  doch  —  denen  man  u
schenken  muß.  Wir  #ind  gerecht  genug  zu  daß  sich  solche  Vorgänge
auch  unter  den  minleren  Beamten  ereignen,  cobeer  ins  Gesicht  fallen  sic  hauptsächlich
  bei  den  höheren  Bramten.  Woher  kommt  es,  daß  die  Privatgesell.
schajiten  so  hohen  Wert  darauf  legen,  solche  pensionierte  Beamte  zu
lommen?  Die  Gesellschaiten  spelulieren  wohl  darauf,  daß  die  Pee
bei  uns  über  jo  kolossale  #nhe.  verjügen,  daß  sie  immer  noch  sei
bezahlt  werden,  wenn  der  Mann  auch  ali  und  krank  ist.  Der  de
aber  wohl  nicht  darin  allein,  ondeumn  die  Gesellichaften  meinen,  der  Beamte
habe  guie  Erziehung.  Weiter  besicht  der  Verdacht,  daß  die  Kenntnisse,  die
        <pb n="85" />
        -er  Beuife  Reiq  und  seint  einzelnn  EGlisn.  (März  12.)  75.

der  Beamte  dank  seines  #  erworben  vist.  den  Gesellschaft  zugute  kommen.
Wenn  das  der  3  ist,  so  ist  es  sehr  5

achdem  Abg.  uene  eet  d  Suden  (Sd.)  in  gleichem
Sinn  gesprochen  halten,  wird  die  Resolution  angenommen.

n  dem  solgenden  Titel  werden  die  Summen  für  den  Kanzleidienst
  husgemnicch  Lierz  Aent  eine  Resolution  der  Budgerkomnisssion
vor,  baldigst  eine  Reform  des  ganzen  Kanzleiwesens  herbeihmführen,  die
eine  schnellere  und  dilligere  Arbeit  ermöglicht.  Die  Resolntion  wird  ohne
Debane  angenommen.

Kür  die  nmerstzung.  K  Seemonnsbeime  im  Auslande

iind  22000  Mork  (+  4000  Mark)  im  Eiat  ausgeworfen.  Abg.  Mener-Deriord
  P  bor  e  0  eine  8  Ghohmng  dieses  Titels.
dem  Titel  „Statistit  Berichte"  degründet  Abg.  Graf

atg.)  eine  Trtrln  „  die  zur  Herausgabe  des
Denchen  Wo  νν  und  der  Nachrichten  für  Handel  und  Industrie
den  Neichskanzler  eriucht,  eine  umfassende  Reichsstatistik  über  die  Produktion
im  Lande  mit  Verücksichigung  der  einzelnen  Erwerbegruppen,  wobei  die
mit  idrem  Absatz  ausf  die  Landwirtschaft  angewiesenen  Gruppen  des  Alein  ·
bandwerks  und  Rleinhandels  besonders  zu  berücksichtigen  seien,  serner  eine
Erhebung  über  die  Produktionsverhällnisic  in  ihren  #neluen  Sparten  zu
veranstallen.  Ferner  wolle  der  Reichslanzler  bei  dem  Abichluß  neuer
Handelsverträge  darauf  hinwirken,  daß  in  den  verichiedenen  Ländern  eine
grobere  Gleichmähigkeit  in  der  sozialen  Gesehgebung  Ra#  greise.  Die
Stalistik  sei  in  vieler  Beziehung  sehlerhaft  und  mangelhaft,  das  Mißtrauen
gegen  die  statistischen  Erhebungen  müsse  beseitigt  werden  durch  Obiektivität

der  Siatistik.
Abg.  Dr.  Südekum  (Sd.):  Die  Tendenz  des  Antrages  ist  uns  sumpathisch.
  d#  Statistik  reicht  wirklich  nicht  aus.  Wir  begrüßen  auch  den
Lmico  nach  Verbesserung  des  inlernationalen  Arbeilerschutzes.  Nur  das
WBort  „Erdebungen“  ist  uns  unklar.
Unterstaatssekretär  Richter:  Dem  Wunsche  wird  jeut  schon  zum
Teil  entiprochen.  Wir  ergänzen  das  Molerial  jenzt  schon  durch  verichiedene
Erbebungen.  Diese  Untersuchungen  erfordern  aber  einen  großen  Bramtenapparat
  Wir  bedienen  uns  der  Materialien  der  Bernssgenossenschaften
und  anderer  Dinge.  Die  Sachen  werden  aber  streng  geheimgehalten,  und
die  Angaben  können  durchaus  nicht  zu  irgendwelchen  anderen  Zwecken,
insbeiondere  nicht  zu  Steuerzwecken  benutzt  werden.  Dos  muß  hier  deutlich
erklärt  und  suineeän  werden.
Abg.  Graf  Praschma  (8):  Für  diese  Feststellung  bin  ich  iehr  dank
Ich  *—  nur,  daß  die  schon  beu#ehenden  Erhebungen  im  Auslande
barde,  und  uns  vorgelegt  werden.  Vielleicht  sagen  wir  siolt  Erhebungen
Sniammenstelung=  der  Produktionsverhältnisse  der  mit  dem  Deulichen
eich  im  6andetebersthr.  stebenden  La
.Der  ir  begrüßen  die  Resolution,  weil  sie  unsern

uine  „er,  Ler  statistische  Voden  unserer  Handelsverträge  ist
..  a
g  haben.  Die  Resolution  hat  keinen  agrarischen  Pferdesuß,  das  beweist
dos  Eintreten  der  Sozialdemokraten  dafür.
ie  Resolution  wird  mit  der  Abänderung  Praschma  angenommen.
12.  März.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Schuß  der  Arbeitswilligen.

Zu  einstimmiger  Annahme  führt  die  Schlußberatung  Über  den  Antrag
  v.  Pnrk  amer:  „Die  Stoatsregierung  zu  ersuchen,  alle  erforderlichen
        <pb n="86" />
        76  Das  Drrisqᷣt  rich  und  seine  rinteinrn  Glicder.  (März  12.—14.)

Maßnahmen,  nötigensalls  auch  durch  Einbringung  von  Gesetzesvorlagen,  zu
ergreisen,  die  geeignet  erscheinen,  Arbeitswillige  und  Gewerbetreibende  in
der  Berwertung  ihrer  Arbeitskraft  und  in  ihrer  geschöstlichen,  Tätigkeit  wirksam
zu  schützen  vor  Vergewaltigung  und  Bedrückung,  sei  es,  daß  diese  im  Wege
unmittelbaren  oder  mitlelbaren  Zwanges  versucht  werden.

12.  März.  (Bayern.)  In  Reichenhall  wird  ein  Denkmal
des  Prinzregenten  am  Tage  der  Vollendung  seines  91.  Lebensjahres
feierlich  enthüllt.

13.  März.  (Herne.)  Bei  einem  Kampf  der  streikenden  Bergarbeiter
  gegen  Schutzleute  wird  ein  fiebzehnjähriger  Arbeiter  erschoffen.
#.,  „N  Entsendung  von  Militär  ins  Streikgebiet.

s  Münster  werden  zwei  Bataillone  Infankerie  und  zwei  Schwadronen
  merasieie  in  den  Kreis  Recklinghaufen,  ferner  ein  Regimem  Infanterie
  und  zwei  Schwadronen  Husfaren  in  den  Kreis  Dortmund  gejandt.
Ans  Minden  ist  das  Infanterie-Regiment  Prinz  Aliseide  der  Niederlande
(2.  Westsälisches)  Nr.  15,  Kommandeur  Oberst  von  Morgen,  mit  einer  Maschinengewehrabkeilung
  in  Sonderzügen  nach  Zorimund  abgerückt.  Auch
von  Wesel  gehen  zwei  Bataillone  ins  Revier

14.  W  (Reichstag.)  Einzthrung  kurzer  Anfragen.

i  äftsordnungskommission  beschließt,  nachdem  der
Reichslanzler  W  zur  Mitwirkung  bereit  erklärt  hat,  folgenden  §  33  u:
„An  zwei  Tagen  ieder  Woche  können  Milglieder  des  Reichslogs  vor  Einirin
  in  die  Tagevorduung  Anfragen  an  den  Ricichskanzler  stellen.  Die
Tage  werden  vom  Präsidenten  im  voraus  für  die  Dauer  der  Session  bestimmt.
  Die  Anfragen  sind  ipätestens  am  Tage  zuvor  dem  Präsldemen
schrifilich  zu  überreichen  und  von  ihm  untrechhtch  dem  Reichskanzlier  mitzuteilen.
  Sie  sind  auf  die  Beeichnung  der  Tat#achen,  über  welche  Auskunit
  verlangt  wird,  zu  beschränken.  Eine  Debaitte  über  die  Autwort  des
Reichskanziers  ist  zunmiäffg.  Der  Aufrager  kaun  zur  Ergänzung  oder  Berichtigung
  seiner  Anfrage  das  Wort  verlangen.  Erklärt  der  Anfragsteller
bei  Einreichung  der  Anfrage  auddrücklich,  dasß  er  mit  Erledigung  auf  schriftlichem
  Wegr  sich  begnüge,  dann  unterbleibt  die  mündliche  Anirage  und  es
eriolgt  die  Eintragung  der  Anirage  in  ein  Verzeichnie.  Schriitliche  Antworsen
  des  Reichskanzlers  sind  allen  Mitgliedern  des  Reichetae  gedruckt
henete  Die  Siellung  und  Brantwortung  der  Fragen  joll  nich  länger
*  eine  Stunde  an  den  bestimmten  Tagen  in  Anspruch  nehmen.“

11.  März.  (Reichstag.)  Besprechung  der  Zentrumsinterpellalion
  über  den  Streik  im  Ruhrgebiek.  Eie  12.  Märg.)

Zur  Vegründung  r  Intervellation  (f.  12.  März!)  spricht
Schisier-Borlen  .):  Zweifellos  haben  die  Bergleute  augenblicklich  Sr.
rechnicte  Forderungen  .x  der  Löhne.  Seit  19077  sind  diese  erheblich
gesunten  und  wenn  sie  anch  in  letzter  Zeil  eine  langjame  Steigerung  erjuhren,
  so  haben  sie  voch  den  damaligen  Sland  noch  lauge  nicht  wieder
erreicht.  Diese  Reduktion  ist  um  so  empfindlicher  angesichts  der  auch  von
den  Zechenbeüt#ern  nicht  beurinenen  allgemeinen  Teuerung.  Die  Remabilitct
  eines  grosten  Teile  der  Zechen  ist  nuun  aber  gut,  teilweiie  sogar
glänzend.  Eme  Gegenüberstellung  der  Kohlenpreise  und  Zechengewinne
au  der  einen  Seile  und  der  ungenũgenden  EIIDDIWII.IIII
erlennen,  daß  die  Arbeiler  erheblich  ungunstiger  dastehen  als  1907.  Außer-
        <pb n="87" />
        Pes  Beuffer  Riich  und  seinr  rinzelnen  Glieder.  (März  14.)  77

dem  sind  die  Unterschiede.  in  den  8  recht  kraß  und  empfindlich.  Das
Kohleniundikat  will  vom  1.  April  ab  die  Kohlenpreise  0  um  90  Pfennige
die  Tonne  erhöhen.  Die  cb#snichen  Gewerkschaften,  die  an  dem  Streik
nicht  beteiligt  sind,  streben  nun  unter  Verücksichtigung  dieser  Verhältnisse
ernst  urd  emschieden  eine  Lohnerhöhung  an  und  machen  daraus  auch
kein  H

Stoatesetretr  des  Innern  Dr.  Delbrück:  Was  den  Streik  veranlaßt
  hat,  will  ich  #  nicht  enticheiden.  Es  hat  ouch  kein  Interesse.
Machtig  ist  nur,  darau  hinzuweisen,  daß,  wenn  es  sich  nur  um  eine  Verbesjerung
  der  Lohne  handeste,  der  Streit  nicht  notwendig  war.  (Zuruf#e#
bei  den  Sd.)  Gewiß,  dos  ist  eine  Auffassung.  Der  Jahresverdienst  betrug
  15  1402,  1907  1560,  190#  bereits  fallend  1491,  1909  1350,  1910
1322,  1911  1116  Mark.  Für  1912  liegt  n  lein  Material  vor.  Dazu
ist  zu  bemerken,  daß  die  Jahl  der  Schichten  1907,  dem  Jahre  des  höchsten
Schichtverdienstes  und  des  höchsten  sn  íν  321  betragen  hat.
1911  Unr  304.  Für  die  Häuer  betrug  d  Dabeverdien  1  1661,
1  7  1n71,  191/#8.  1766,  1209  1556,  Pur  180,  Iy11  166  Mark,  alio
auch  hier  wiederum  ein  Steigen  durch  die  Jahre  1910  und  1911  hindunch
Aus  diesen  Zohlen  ergibt  sich  in  nürze,  daß  der  Preie  bei  der  Feukohle
im  Jabre  1911  gegen  das  Jahr  1907  zurückstand  um  5,5  Prozent,  bei

dic  von  1½)7  nur  zurückstonden  um  1  Prozent,  während  bei  den  vauern
die  Lohne  1911  gegen  1907  um  7  Prozem  zurücknanden.  Die  L
schwanken  zwar  auf  den  einzelnen  Zechen  aus  den  verschiedensten  —5
und  sie  brauchen  ja  nicht  so  hoch  zu  sein  wie  auf  den  fiskalischen.
gNaube  aber,  daß,  wenn  der  Nien  und  die  großen  Zechen  anfangen,  die
Lohne  sleigen  zu  lassen,  die  anderen  Zechen  umter  allen  Umständen  folgen
werden  und  müssen.  Dazu  kommt,  daß  die  Zechenverwaltungen  fast  ausnahmslos
  der  Anregung,  mit  ihren  Ausschüssen  noch-  einmal  zu  verhandeln,
im  Lanfje  dieier  Woche  nochgelommen  lind.  Nur  25  Zechen  haben  keine
Sivungen  abgehalten.  In  diesen  Sitzungen  ist  ic  die  Lohnfrage  eingehend
  gesprochen  worden,  auch  von  denienigen,  die  grundsänplich  der  Anücht
  sind,  daß  die  Lohnfrage  nicht  zur  Nomvetenz  der  Arbeiterausschüsse
gehört.  Allerdings  muß  ich  ausdrücklich  feststellen,  daß  eine  15prozemige
Lobnerhöhung  u  aus  lechnischen,  teils  aus  anderen  Gründen  als  nicht
Sohässhee  bezeichnet  were  Min.  Es  wurde  ferner  darauf  binaicen,
iezt  schon  die  Preise  se  ten  im  Steigen  begriffen  sind  und  daß
bei  anhaltend  nn  n  eine  weitere  Sleigerung  eintreten  l-Bie
  weit  das  der  Fall  sein  wird,  vermag  ich  nicht  zu  übersehen.  Jedensalls
  zeigt  das  *  mitgeteilte  Moterial,  daß  die  Zechen  ein  weites  Entgegenkommen
  auch  nach  Aus  ½  0  des  Streiks  an  den  Tag  gelegt  haben.
Die  Zechen  sind  noch  weiter  gegangen.  Sie  haben  von  ihrer  Beinguie,
die  Arbeiter  wegen  #omkrafferdhn  enllaisen  zu  dürfen  und  sie  mit  dem
Abzug  eines  sechstägigen  Schichtohnes  zu  bestrajen,  nicht  Gebrauch  hemacht,
iondern  sie  haben  den  Zeilpunkt  der  Emtlassung  bis  zum  nächsten  Sonn.
abend  verschoben,  die  Frist  also  verdoppelt,  um  den  Arbeitswilligen,  die  in
der  Unruhe  der  ersten  Tage  wegen  mangelnden  Schutzes  auf  dem  Wege
zut  Arbeit  zurückgehalten  wurden,  die  Möglichkeit  zu  schaffen,  ohne  Verluste
  zu  erleiden,  wieder  in  die  Arbeit  eintreten  zu  können  (Unruhe  bei  den
Sd.).  Wen  n  ich  mir  nun  die  Frage  vorlege,  was  ich  unter  den  obwaluunden
  Lechunifen  zur  Beilegung  des  Streike  tun  kann  oder  soll,  so
erden  Sie  mir  zugeben,  daß,  selbst  wenn  ich  geneigt  wãte  zuzugreifen.
r  eigentlich  die  Vorqussevungen  sehlen.  Sie  sind  in  den  Streik  geneten
  (Ruse  links:  Wer?),  Ihre  Leute  atrt  in  den  Streik  geitreten  krod  der
        <pb n="88" />
        78  NH  Beutsche  Nrich  und  seint  einielien  Glieder.  (Maͤrz  14.)

Sseit  seit  der  Zechenverwaltun  en  verhandeln;  die  fechenerval.
aben  weiter  verhandelt,  obwohl  der  Streik  begonnen  hat.

oaono  10  mächst  mal  abwarten  —  zu  welchen  Ergebnissen  das  Verhalten

  der  Beengesmctungen  führt.  Geht  der  Streik  weiter,  so  können

Sie  mit  ziemlicher  Sicherheit  annehmen,  daß  die  Jechemverwaltungen  nunmehr

  nicht  bereit  sein  werden  (Gr  roßer  Lärm  links);  ich  bin  nicht  Anwalt

die  Dinge  zur  Bermittlung  reif  sind  und  wenn  vor  allem  beide  Teile  bereit
  sind  zu  verhandeln.  Aber  ein  vorzeitiges  Eingreifen  in  eine  drrartige

ewegung,  namentlich  wenn  sie  den  Anfang  genommen  hat  wie  die  diesjährige,
  würde  ein  direkter  Wehter  sein,  würde  das  Ende  nicht  beschleunigen,
  lender  hinausschieben.

t  Besprechung  bekeiligten  sich  Abg.  Sachse  (Sd.),  Abg.  Rogalla
  v.  17  (P.),  Handelsminister  Dr.  Sydow,  Abg.  Dr.  rrages  (Nl.:
und  bei  der  Forlsetzung  der  Besprechung  tags  darauf  Abg.  Lotbein-  (Vo.),
Abg.  Sosinski  (P.),  Abg.  Mertin  (Nr.),  Abg.  Behreus,reich  Ag.),  Abg.  Dr.

Erdmann  (Sd.),  Abg.  Werner  (Wiriich.  Vg.)  ir  16.  März  beleiligen
sich  %  r  Hehung.  der  Beiprechung  at.  Giesberts  (8.),  Abg.  Ickler
S#e  ),  Abg.  Dr.  Heck  (Vov.),  Abg.  Köni  eo  Abg.  Becker  (J.),  Abg.

Sachse  (  d)  und  tn  EL
.  Maärz.  Geh.  unkiierannn  Ernst  Delbrück  von  der
handelspolitischen  Abteilung  des  Reichsamts  des  Innern  wird  als
Nachfolger  des  pensionierten  van  der  Borght  zum  Präsidenten  des
Statistischen  Amts  des  Reichs  ernannt.

14.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Eine  Interulatien
  zum  Streik  im  Ruhrgebiet.

e  ist  vom  Zentrum  eingebracht  und  hat  folgenden  Wortlaut:
1.  eins  ver  Sioatsregierung  die  Urjachen  bekannt,  die  zu  dem  Ausstand
von  Bergarbeitern  im  Ruhrkohlenrevier  führten?  2.  Inwieweit  sind  die
fislalischen  Gruben  von  dem  Auostand  in  Mitleidenschaft  gezogen?  3.  Welche
Stellung  hat  die  Verwaltung  der  fiskalicchen  Gruben  zu  dem  Aussiand,
insbesondere  zu  den  Forderungen  der  Bergarbeiter  genommen,  und  wweche
S'llung  gedenkt  die  ealtun  für  die  Folge  einzunehmen?  4.  Wel
Mostregem  hat  die  Konigliche  Staatsregierung  rsien  und  welche  gedenkt
  sie  zu  ergreisen,  um  die  Arbeitswilligen  zu  schün

14  Märf.  (Aochum.)  Kundgebung  der  Vergorbeiterorgonl.
sationen:

„Die  heutige  Nachmittagalonferenz  der  Hauptorstände  der  drei
Bergarbeilerverbände  erblickt  in  der  Enisendung  von  Militär  in  dos
Streiln#ebiel  die  Folge  einer  übertriebenen  Beunruhigung  der  Bevölkerung
durch  jalsche  Nachrichten  eines  Teiles  der  Preiie.  Die  vereinigten  Vorstande
  richten  an  die  streitenden  Kameraden  und  die  ganze  Bevölkerung
wiederholt  die  dringende  Bi#te,  für  die  Aufrechterhaltung  der  Ordnung
mit  zu  sorgen,  damit  den  Sicherheitsorganen  und  dem  Militär  kein  Vorwand
  zum  blutigen  Eingrisf  gegeben  wird.  Die  Konfereng  spricht  aber

auch  die  Erwartung  aus,  daß  die  Sicherheitsorgane  und  das  Militär  besonnen
  bleiben.  Der  Kamp  in  ein  ehrlicher,  den  wir  glücklich  durchjühren
        <pb n="89" />
        Des  Derisqhe  Reiq  arb  sriue  elnjelnen  Glieder.  (März  15.)  79

wollen.  Daum  darf  sich  kein  streikender  Kamerad  hinreißen  lossen,  etwas
tun  s  zu  einer  Störung  der  Ordnung  führen  lönnte.  Vor  allem,
Lasrtden  bleibt  den  Zechenwegen  fern,  bleibt  zu  Hause!  Nach  den  uns
dugchenden  ochrichten  treten  immer  neue  Scharen  in  den  Streik  ein,  der
daher  siegreich  sein  m

15.  März.  Sochsen)  Die  von  der  Zweiten  Kammer  eingesetzte
  Deputation  zur  Veratung  der  Volksschulreform  hat  entgegen
dem  Regierungsentwurf  die  Unentgeltlichkeit  des  VBolksschulbesuches
beschloffen.

15.  März.  Zur  Deckung  der  Kosten  der  neuen  Wehrvorlagen.

Als  Resultat  der  Veratungen  des  Reichskanzlers  führt  die  „Norddeutsche
  Allgemeine  Zeitung"“  aus:  Bei  der  Höhe  der  für  die  Wehr.
vorlagen  erforderlichen  Summen  ergab  sich  die  Awendigreis  neue  Einnahmen
  für  das  Reich  zu  erschließen.  Hierüber  hat  erfreulicherweise  auch
bei  der  Besprechung  des  Reichskanzlers  mit  den  bundessigatlichen  Ministern
Einmütigkeit  geherrscht.  Bei  der  Wahl  der  neuen  Deckungsmittel  mußte
enticheidender  Wert  darauf  gelegt  werden,  einen  Boden  zu  sinden,  auf  den
üch  die  Bundesregierungen  womöglich  einstimmig  leelen  konnten.  Die
Geichloijenheit  der  Bundesregierungen  bei  der  Einbringung  der  neuen
Steuervorlagen  ist  ein  moralischer  Foktor,  der  angesichts  der  erklüftung,
die  durch  die  Finanzreform  in  unserem  Volke  hervorgerusen  worden  ist,
von  besonderer  Bedeutung  ist.  Daß  keine  neue  Belostung  von  Konsum
und  Verkehr  in  Aussicht  zu  nehmen  war,  stand  von  vornherein  fest.  Ebensowenig
  konnte  aus  bekannten  Gründen  daran  gedacht  werden,  eine  Reichsvermögens-
  oder  Reichseinkommenstener  vorzuschlagen.  Die  Wiederaufnadme
  der  Erbichaftssteuer  begegnete  den  Bedenken,  die  sich  aus  der  gegenwörtigen
  Zusammensetzung  des  Reichstags  ergeben.  Die  Stimmung  der
Parteien  ist  auch  heute  no#-  ch  nicht  von  der  Velitcun  der  letzten  Steuer.
kämvic  so  weit  befreit,  daß  eine  einheitliche  Aktion  der  bürgerlichen  Parleien
  für  die  Wehwoniagen  und  ihre  Dedung  mfiich  Plschein  wenn  die
Erbschafts  steuer  dobei  herangezogen  wird.  Die  Ausgabe  der  Regierung
war  es  ofienbar,  nicht  olte  Spaltungen  aufs  neue  nd  hereiben.  sondern  die
Verieicn.  bei  der  Lösung  der  vorliegenden  nationalen  Ausgabe  zu  gemein.

mer  Arbeit  zu  vereinigen.  Zu  erwägen  war,  ob  sich  eine  auch  den  bioher

ilirmtienenden  Parteien  annehmbare  Modifizierung  der  Erbschaftesteuer
finden  ließ.  Es  konnte  daron  gdach  werden,  der  Erdichaftsstener  einen
jubüüdiören  Charakter  zu  geben  und  im  Zusammenhang  hiermit  die  Einzelitaaten
  mit  gewissen  Einschränkungen  Zu  Trögern  einer  Beliviteuer  für  das
Reich  au  machen,  ein  Weg,  der  sich  aber  nicit  gangbar  erwieien  hat.  Auch
wäre  man  auf  diesem  Bege  eirfabe  hgelansen,  den  alten  Streit  zu  vericharfen
  und  doch  kein  politives  Ergebnis  zu  erzielen.  Dagegen  erichien
es  jet  mäglich,  auf  einem  anderen  Gebiete  einen  Gegenstand  scharier
volitüücher  Agitation  aus  dem  Wege  zu  räumen,  indem  man  die  fehlenden
Miuel  dadurch  beschafft,  datn  man  auch  den  nomingemaspirilus  der  vollen
Lerbrauchsabgabe  unterwirst.  Die  Aussicht,  hier  zu  auch  die  Zntimmung
des  Reichslages  zu  erhalten,  ericheint  um  so  gröfter,  als  die  Aushebung
der  vielbefehdeten  „Liebesgabe“  die  Annaherung  drr  bürgerlichen  Parieien
sicherlich  befördern  würde.  Zugleich  lassen  sich  auf  diesem  Wege  die  dringenden
  Bedürfnisse  der  jetigen  Wehrvorlagen  befriedigen,  ohne  dan  weitergehenden
  Wünschen  wegen  spälerer  qualitativer  Verbessernug  unieres  Sleuer-In#tems
  vorgegrissen  würde.“
        <pb n="90" />
        80  Das  Derisqhe  Reiq  aub  seint  einjelien  Glieder.  (Mãrz  15.)

15.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Beratung
des  Etats  des  Ministeriums  der  geistlichen  und  Unterrichtsangelegenbeiten-3
  Titeh  Ministergehalt.  Staat  und  Kirche.

Dr.  Dittrich  (3.):  Wir  leben  grundsätzlich  in  einem  christlichen
  e  b  wenn  auch  im  Laufe  der  Zeit  manche  Einrichtung  getroffen
worden  ijt,  die  sich  mit  dem  Wesen  eines  christlichen“  Staales  nicht  mehr
rech!  vereinigen  läßt.  Das  mindeste,  was  wir  vom  Staate  verlangen,  ist,
daß  er  der  Kirche  die  volle  Freiheit  in  ihrer  Bettigung  läßt.  Da  müssen
wir  die  Forderung,  die  wir  in  jedem  Jahre  erhoben  haben,  auch  heute
wieder  erheben,  daß  den  Orden  die  volle  Bipe  egungsfreiheit  witdergegeben.
wird.  Der  Andrang  zu  den  Hochschulen  ist  zu  gzroß.  Die  Unterrichtsverwallung
  wird  dahin  wirken  müssen,  daß  denjenigen  Knaben,  denen  die
Fähigkeiten  fehlen,  rechtzeitig  ein  Mink  gegeben  wird,  daß  sie  sich  einem

anderen  Berufe  zuwenden.  Einen  guten  Erjolg  verspr  reche  ich  mir  von  der
Babahn  daß  den  Provinzialschulräten  der  Bureaudienst  abgenommen
n  soll,  damit  lem  lebhafiere  Fühlung  mit  den  ihnen  unterstellten
mu  nehmen  könn  In  der  Gestaltung  der  zellchiedenen.  Schul-#m#teme
  wäre  eine  groheere  Stabilität,  eine  uroße  Ruhe  sehr  W
damit  man  die  Erfolge  dieser  Systeme  abwarten  kann.  Für  die
meinden,  die  nicht  in  der  Lage  sind,  den  Lehrern  eine  Orlszulage  zu  de
wäre  eine  staatliche  Umterstützung  dringend  notwendig.  Der  Lehrermangel
goll,  wie  uns  in  der  Kommission  erklärt  wurde,  durch  die  Errichtung
einiger  neuer  Seminare  bescitigt  sein.  Aber  wäre  dann  noch  eine  genügende
  Zahl  von  Lehrern  vorhanden,  wenn  alle  überfüllien  Klossen  jo
geleillt  würden,  daß  normale  Rlaisen  entstehen?  Das  ist  allerdings  ein
schwieriges  Problem,  nicht  nur  für  die  Siaaleregierung,  sondern  auch  für
die  Kommunen,  die  oft  schon  bus  an  die  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit
egangen  sind.  An  Lehrerinnen  ist  jebt  allerdings  geradezu  ein  Ueberilu  5.
ist  zu  bedanern,  daß  in  den  Präparaudenanstalten  vielfoch  recht  jun
Lehrkräste  beschäftigt  werden:  das  liegt  an  den  schlechten  Gehaltsverhältnissen.
  Es  macht  sich  eine  Opposition  gegen  die  Beleiligung  von  Lehrekn,
die  nicht  die  Maturitälsprüfung  bestanden  haben,  an  Universitätskursen
geltend.  Es  liegt  ein  Antrag  vor,  der  hier  einc  bessere  Regesung  schaffen
will.  Die  Voltsichule  wollen  wir  auf  ihrer  altbewährten  Grundlage  erhalten,
  auf  dem  Zusammemwirken  von  Staat  und  Kirche.  Die  geistliche
Ortsschulinipenion  soll  ja  auch  erhalten  bleiben;  sie  soll  dem  Geistlichen
die  Moglichteit  eines  wirkiamen  Einflusies  auf  die  Schule  gewähren.  Damit
  in  Widerspruch  sicht  aber  das  Bestreben,  daos  Rektorenspystem  immer
mehr  sich  ausbreiten  zu  lassen.  Durch  die  Ingendpslege  müsien  wir  auf

 

—

"

 

Sozialdrmokralie  schon  mit  ihrer  —  der  schulentlassenen  Jugend
durch  ihre  Ingendorganisorionen  erreicht  hat.  Es  ist  enzuerkennen,  was
Siaat  schon  in  der  Zugeudvnen  geleistet  hat:  aber  es  muß  noch  viel  mehr
geichchen,  und  dabei  darf  nicht  so  großes  Gewicht  auf  die  —  des
Leibes  gelegt  werden,  sserlen  auf  die  Festigung  des  Chara
.  Dr.  v.  de  (Nl.):  Das  war  nach  gseren  An  nicht

nanig.  daß  der  Porereinur  zu  Aufang  seine  katholischen  Ansprüche  vertreten
hat;  deun  der  Staat  trägt  diesen  Ansorüchen  vollkommen  Rechnung.
Alderjpruch  im  3.n  Diese  Forderungen  sind  so  alt  wie  der  moderne

aa#t:  aber  der  Staat  würde  an  seinen  Grundlagen  rütteln,  wenn  er
seine  Stellung  zu  diesen  Fragen  ausgeben  wollte.  Der  Papst  hat  einmal
zu  dem  Abgesandten  des  Kaisers,  dem  General  von  Los,  gesagt,  daß  es
der  kotholischen  n#irche  gerade  in  Deulschland  gut  gehe.  Unsere  Kultur  be-
        <pb n="91" />
        Des  Meallchr  Neich  und  seine  einzelurn  Glirder.  (März  15.)  81

ruht  allerdings  auf  christlichen  Anschauungen,  und  unser  Staatsleben  ist
von  den  Anschauungen  der  christlichen  Kirche  beherrscht  und  durchdrungen,
aber  der  Staat  muß  auch  seine  Interessen  rnG  Staat  wahren.  Das  gilt
deionders  von  dem  Gebiete  der  Schule,  die  e  Staatsanstalt  sein  muß.
Ich  bin  gewiß  einer  von  denen,  die  die  bonsesstonte1e.  Grundiage  der  Schule
ancrkennen,  aber  unjere  Verfassung  lent  auedrücklich,  daß  die  Schule  eine
Veronstaltung  des  Staates  ist,  und  das  ist  für  uns  ein  Kocher  de  bronze.
Das  muß  ich  hervorbeben,  wenn  dar  Zentrum  immer  wieder  diese  Frage
aufwirst,  und  ich  jage  es  für  den  Fau,  daß  ein  Vorsioß  vom  Zentrum
gemacht  werden  könnte.  In  die  andern  Lehrfächer,  abgesehen  von  der
cligion,  hat  EEEEIEIIIDOIEIEIEIII
Sie  (zum  3.)  auf  anderem  Standpunkt  stehen,  so  verhalten  Sie  sich  verjaisungswidrig.
  Unruhe  im  3.)  Wir  nützen  dem  konkeistanellen  Frieden
om  benen,  wenn  wir  daran,  wic  die  Dinge  nun  einmal  durch  einen  Modus
vivendi  geordnet  sind.  ##  rütteln,  sondern  die  Dinge  ruhig  singen  lassen.
Unrude  un  J.)  Es  hat  wirklich  jai  den  Auschein,  da#  das  gentrum  einmal
  einen  Vorstoß  ae  diesem  Gebiete  beabsichtigt;  mir  fällt  immer  wieder
das  Wen  des  10,  Windthorst  deine  „Der  Aulturkampf  um  die  Schule
siehl  uns  noch  bevor."“  Ich  wollie  auf  diese  Frage  heute  nicht  eingebhen,
weil  angenbinctiche  zvi  alluelle  Veranlasiung  dazu  vorliegt,  aber  ich  kounte
die  Worte  des  Vorredners  nicht  unwideriprochen  lasien.  Ich  will  sodann

lehrern,  die  den  Antimodernisteneid  geleistet  haben.  Im  vorigen  Jahre
t  der  Ministerpräsident  in  Auesicht  gestell  dan  Geintuche,  die  den  Auisdeenn
  gchhiie  daten  in  Zukunft  in  der  Regel  nicht  mehr  al
Cberlehrer  fũt  Geichicht  e  und  Deutsch  angestellt  werden  sollen  —
wünichen  nun  zu  wissen,  in  welchen  Jällen  etwa  von  dieser  Negel  eine
Ausnohme  gemacht  worden  ist  und  ob  wir  tatsächlich  jeyt  in  Preußen
solche  Sberieher  für  Deutsch  und  Vejaschte  im  Wideripruch  mit  der  grundioslichen
  Zuiage  des  Ministerprösidenten  angestellt  haben.  Der  Kunusminisier
  n-  n  vorigen  Jahre  keine  genaue  Anelunst  geben,  inzwischen
wird  er  wohl  das  Materiol  haben,  und  ich  würde  ihm  jur  eine  Auskunit
dankbor  *  Smunptomalisch  für  den  Kuliusetat  ist,  daß  die  Anusgaben
für  das  Elementorunterrichiswesen  in  den  leuten  Jahren  erheblich  zugenommen
  haben.  Im  Jahre  1900  wies  der  Aulusciat  für  das  niedere
Unterrichtswesen  32  Millonen  auf,  davon  waren  (30.1  Millionen  für  das
Elementarunterrichtswesen,  1006  waren  es  77  Millionen,  und  die  geiamten
Ausgaben  für  die  Boiloschnen,  eichesiter  der  Leistungen  der  Kommunen
beirugen  damals  23  Millionen.  Nach  diesem  Eiat  für  1912  gibt  der
Stoat  allein  für  das  Elementoronzerrichlaäwrle  118  Millionen  aus:  seit  1906
bol  sich  die  Summe  fast  verdoppelt,  und  die  Ausgaben  des  Stagtes  und
der  Kommunen  dafür  belausen  sich  heute  vielleicht  auf  1500  bis  5/M)  Millionen.
  Benn  der  Ster  davon  148  Millionen  gibt,  io  ist  er  ichon  in
jolscher  Weise  finanziell  an  dem  Vontsschulwesen  interessiert,  daß  die  Geiahr
einer  rtaauhug  des  #itechnlwerien,  immer  iaher  rückt.  Der  Staat
muß  immer  mehr  Rechte  für  die  Auisicht  über  das  Schulwesen  i  zuichreiben
  und  die  k  müsien  zurlreen  MRechte  verlieren.  Diese
Enwwicklung  drängt  nach  der  Stoatsschule  hin,  und  das  würde  ich  in  hohem
Maße  bedauern.  Ich  erinnere  deehalb  an  den  „orichteg  des  Frhrn.
v.  Zedlitz  und  des  Oberbürgermeisters  Struckmann,  die  Schule  auf  den
Rreis  zu  übernehmen.  Möge  der  Miniter  sich  der  Ennoninng  zur  Staats  ·
ichule  zeitig  Fugegengen  (Beii-U#
  9  v.  Zedlitz  Gessal  #.  Besuch  der  Universität  geht  weit
über  das  edürfnis  hinaus.  So  enisteht  ein  wissenschaftliches  Prolciariat,
Guropäischer  Geichichtskalenber.  I.III.  6
        <pb n="92" />
        82  H##  Besif  eich  un)  leine  einzels#n  Elieder.

das  dem  Staate  geiährlich  ist.  Aus  diejen  Ges  eiterten  unter  den  gebildeien
  Existenzen  entnimm  die  Sozialdemokratie  ihre  beiten  Kräfte.  Jede
Vermehrung  der  Universitälen  muß  dieie  Geiahr  erweitern.  Die  Ueberfüllung
  der  Universitäten  gehr  zum  Teil  auf  das  Uebermaß  von  humanistischen
Gumnasien  zurück.  wie  müsien  deshalb  zu  einer  mehr  realistischen  Borbildung
  übergehen.  Auch  die  Justiwerwaltung  legt  ia  jent  mehr  Wert
aus  prattische  Tinge.  Auf  den  höheren  Schulen  ist  der  Unterrichtsstoff  jo
zu  gestalten,  daß  er  nicht  bloß  eine  Menge  von  Wisienssiosft  enthält,  sondern
daß  ihm  auch  solche  Kumiie  beigemenn  werden,  die  für  t.  das  moderne
prakliiche  Leben  von  Wert  sind.  Ich  habe  den  Eindruck,  daß  ient  im  Unterrichtsministerium
  ein  frif  er  Zug  henon.  Wird  das  überslüssige  Schreibwerk
  bejeitigt,  so  wird  viel  Zeit  und  #raist  für  wirklich  sochgemäße  Beichftigmg
  srei.

a.  Kodsch  Vo.):  Wir  fordern  die  Veseitigung  der  geistlichen  Orts  ·
schumicn.  nicht  wie  Herr  v.  Zedlit  meint,  aus  agitakorik  en  Gründen,
sondern  im  Intereise  der  Schule,  weil  wir  meinen,  daß  die  geistliche  S  Schulaussicht
  vollstandig  überilstisig  geworden  sei.  wn  jordern  wir  Einführung
der  fachmännischen  Kreisschulaufücht  im  Inter  e  der  Schulen,  zum  andern
aber  die  Zulassung  der  Lehrer  zum  #oorrstur,  ioviumn,  damit  aus  den
Reihen  der  Lehrer  die  änner  für  den  Seminardienst  und  Schulaussichtsdienst
  gewonnen  werden  können.  Ferner  wünschen  wir  eine  Aenderung
der  Lehrpläne  und  eine  Anvaiiung  derselben  an  die  vorliegenden  Bedürfniije,
  damit  uniere  allen  Forderungen  endlich  erjülli  werden  konnen.  Auch
seitens  der  nalionalliberalen  Partei  ist  ein  aller  Antrag  wieder  eingebracht
worden,  der  auf  gejevliche  iu  der  uloflicht  und  Beütrafung  der
Schuwersaumnisse.  Sicher  d  auch  der  alte  Antrag  auf  geseuliche  Neuregelung
  des  Vetanschueien  wiederkehren.  Das  sind  alte  Forderungen,
aber  es  gemt  nicht  vorwärte,  die  Initiative  fehlt  bei  der  Regierung.  Dieser
Vorwurf  richtet  sich  nicht  gegen  die  Personen,  sondern  gurn!  gie  Iustitutionen,
gegen  die  Organi#ation  in  unierem  Ministerinm.  Allc  d  e  bringend  notwendigen
  Amtrage  sind  auch  keineswegs  unerfüllbar,  bons  #ro#  eist  das  Vorgehen
  in  den  Nachbarländern,  wo  dieie  Forderungen  meist  schon  erfüllt  sind.
Die  Gründe,  warum  die  Initiarive  in  unierem  Kultusministerinm  sehlt.
sind  Fveierlei,  entweder  ist  es  Ueberlastung  oder  eine  jals  e  Organijation
infolge  der  Verbindung  der  geistliche  n  und  der  Schulange  legenheiten.  (Sehr
richtig!  I.)  Wahrscheinlich  reien  beide  Gründe  zuiammen.  Im  Vori  iahre
ist  in  endlich  der  Wunich  des  ganzen  Hauies  in  Eriüllung  gegangen,  daß
das  ledrsinakwesen  vom  nulinsministerinm  abgeweigt  werde.  Trot  dieier
Abtrenuenen  ist  an  ein  Anin#men  jür  das  Ministerium  noch  nicht  zu  denken.

rbeiten,  die  auf  ihm  ruhen,  sind  io  umiaisend  und  dewalit.  daßß  mehr
cin  eine  Menichenkraft  dazu  gehört,  iie  zu  bewältigen.  Zu  dem  großen
Gebiet  des  Schulwesens  ist  in  neuerer  Zeit  noch  das  (#ebiet  der  Ingendpilege
  gekommen,  vor  allem  aber  lastel  noch  das  groste  Gebiet  der  geistli  en
Anargenhheiten.  auf  dem  Ministerium.  Es  ist  nicht  von  der  Hand  zu  weisen,
aß  die  Ueberlastung  des  nuliusministeriums  einen  guten  Teil  der  S  uld
tragl,  wenn  es  nicht  recht  vorwörts  geht  auf  dem  Gebieie  der  Schule.  Den
Daupiarund  des  Mangels  an  Iniktialive  erblicke  ich  aber  in  der  Verauickung
des  Sniweiens  und  der  tirchlichen  Angelegeuheilen.
15.  März.  (Breslau.)  Nach  vierlägiger  Verhandlung  wird
der  Pfarrer  l.ic.  Traub  in  Dortmund  im  Disziplinarversahren  zur
Strafversezung  verurteilt.

tc  Last  gelegt  wurden  ihm  Ausführungen  in  seiner  Broschüre
„Slaatschristenium  oder  Volkekirche“,  in  einer  Reihe  von  Ar##keln  in  der
        <pb n="93" />
        Das  Dertse  Reiq  unh  feinr  tiujeluen  Glieder.  (Maͤrz  lõ.  -19.)  8a

von  ihm  herausgegebenen  Wocbenschrift  vrebrigtiche  Freiheit-  und  Mitteln-eh
mundtotanamageßektoutkqubchnlietakooks
geiente  Dienstbehörde,  das  norrustorium  der  Provinz,  ehanh.  aus  Amaß
ver  WBurd  über  die  Errichtung  einer  zweiten  Pfarrstelle  in  Hilchendurch

  #wei  Artikel  und  einen  Vortrag  öffentlich  beleidigt  bezw.  durch
Fonbralan  falscher  Tatsachen  herabgewürdigt  zu  habe

15.  März.  Staatssekretär  des  Reichsschatzumts  Wermuth  nimmt
seine  Entlaffung  und  wird  durch  den  Unterstaatssekretär  des  Reichsschatzamts
  Kühn  ersetzt.

16.  März.  (München.)  Die  Nackttänzerin  Adorée  Villany
C(eigentlich  Erna  Reich),  die  im  Münchener  Lustspielhaus  vor  geladenem
  Publikum  aufgetreten  war,  wird  aus  Bayern  ausgewiesen.

u.  März.  Beendigung  des  Bergarbeiterstreiks  im  Ruhrgebiet.

n  der  Revierkonferenz  der  drei  Streikverbände  stimmten  auf
die  3rs,  ob  weiter  gestreikt  werden  sollte,  319  Verlreier  Leie-  215  d
geacn.  13  enthielten  sich  der  Abstimmung.  Do  die  für  die  Fortjeun
Zircite  eriorderliche  Dreivierielmajoritãt  nicht  erreicht  ist,  hnh  die
Konferenz  den  nameraden  die  sofortige  Wiederaufnahme  der  Arbeit.

19.  März.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  gegen  die
Behauptung  der  Presse,  daß  die  Beschlüsse  des  Bundesrats  betreffend
die  Deckung  der  Wehrvorlagen  einen  Sieg  Bayerns  über  den  Reichskangler
  bebeuten.

Der  Artikel  stellt  sest:  1.  Man  war  im  Bundesrat  einstimmig  der
Ansicht,  daß  d  —  der  früheren  Erbschaftoneuer  zur  Deckung  der
WBehrvorlagen  mit  Rücksicht  auf  die  Stellung  der  Sozialdemokraten  zu  den
Behrvorlagen  ein  politischer  Fehler  t  unnd  nicht  einmal  einen  Ersolg  ver- 



ipreche.  2.  Man  war  serner  einig  darin,  daß  die  mil  einer  einzelstaanseinen.
Aeistener  verauickte  Poericupricte  sure  Bedenksen  für  das  R
und  die  Bundessiaaten  umterliege.  3.  Ueber  die  Aushebung  der  Licbeanube,

ren  im  Reichsichatamte  Vorarbeiten  W  Dieier  Plan  war  bis
zur  Veröffentlichung  weder  direkt  noch  indirekt  mit  irgendeiner  Parlei  besprochen
  worden.  4.  Den  Vorschlag,  durch  Auihebung  der  Liebesgabe  die
eriorderlichen  Mittel  zu  boden,  hat  Bauern  weder  gemacht  noch  iniviriert.
Er  ging  von  norddemicher  Seite  aus  und  wurde  nach  eingrheuder  Disluision
von  allen  Slaaten  alzepliert.  5.  Der  vom  Reichskanzier  mit  aller  En#-schiedenheit
  betonten  Auisasinng,  daß  die  Kosten  der  Wehrvorlagen  nicht
ohne  Erichliehung  neuer  Einnahmen  gedeckt  werden  köunnten,  traten  auch
dicienigen  Staaten  bei,  darumer  auch  Bayern,  welche  die  gegenwärtige
Finon  kage  des  Reichs  günstiger  beurteilen,  als  der  Reichelanzler  dics  tun
zu  können  glaubte.
19.  Mars  Berliner  Preßstimmen  über  Churchills  Flolleurede.
ossische  geitung  ichreibi:  Lein  vernũnitiger  Menich  in
Demichland  F  an  diesen,  auf  den  ers#en  Blick  vielleicht  ja  manchmal
erwas  kraß  anmutenden  Worten  Churchille  Ansios  nehmen.  Es  lieg
ihnen  nichts  für  Demschland  Belridigendes  oder  neuerlich  nle
Was  sie  besagen,  ist  längst  bekannt.  In  beiden  Ländern  iln  jeit  Monalen
mehr  denn  je  das  Bewusßtsein  eingewurzelt,  dast  die  deutich  engliiche  Rivalität
  zu  einer  Lebens-  und  Slkerbenefrage  für  jede  der  been  Nationen
        <pb n="94" />
        84  Des  Hexisqt  Reiq  aud  seins  risfelunn  Glister.  (März  20)

eworden  ist.  Die  Zeiten  des  Versleckenspielens  sind  vorüber.  Männer
prechen  —  seit  Haldane  dem  Friedensboten  —  zu  Männern.

Dagegen  warnt  die  „Post“:  Seit  Monaten  haben  wir  mit  Rücksicht
auf  die  sich  in  dauerndem  Crescendo  bewegenden  englischen  Sirenengesänge
immer  ud  immer  wieder  betont,  daß  Deuntichtand  gerade  ietzt  mehr  wie
je  auf  der  Hut  sein  müsse,  um  nicht  in  einem  für  seine  Zukun  -
scheidenden  Augenblicke  durch  die  in  Johri#neren  u  perside  hewiesen.
Politik  Albions  einen  Schlag  zu  re  von  dem  es  sich  nicht  mehr  erholen
  würde.  Gerade  jetzt  aber,  nach  der  Rede  Lord  Churchills,  ist  es
doppelt  und  dreisach  angebracht,  von  neuem  und  mit  allem  Nachdruck  die
warnende  Stimme  zu  erheben,  denn  wenn  die  von  ihm  versuchte  Bauernfängerei
  zu  einem  Erfolge  führt,  so  konn  unier  Spiel  gegen  Eugland  als
verloren  gelten,  und  der  Voriprung,  den  wir  England  damit  einräumen,
wird  niemals  wieder  einzuholen  sein.  Für  das  deutische  Volk  schlägt  jet
eine  Schicksalsstunde  und  wehe  ihm,  wenn  seine  leitenden  und  verantwortlichen
  Stlsmierg  den  jetzigen  Augenblick  Tirpen

9  e  Tageszeitung“  erblickt  in  der  Rede  einen  Besinhustuncholrritcn
  at  dijentlichen  Meinung  n  Deutschland,  E  von
Anmaßung  und  Selbstüberschötzung  und  sieht  in  all  dem  eine  eindringliche
Mahnung  an  Deutschlond,  seine  Flotte  lediglich  nach  eigenem  Bedürfnie
und  Urteil  auszubanen.

20.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
der  Spezialberatung:  Kapitel  Eoangelischer  I#berkirchenrat.  Besprechung
  des  Falles  Jatho,  des  Falles  Traub

ch  Vr.):  Dicienigen  Männer,  gegen  Wiua-  das  Jrrlehre.
geietz  angtanen  worden  ist,  konnten  weder  durch  ein  Disziplinarwersohren,
noch  durch  das  Irrlehregeiet  mit  irgendeinem  Malel  getroffen  werden
W  weriontiche  Ehre  sieht  so  himmelboch,  daß  nichte  kin  heranreicht.
ler  die  Onmaniläl  des  Jrriehregrietzes  rühmte,  so  ist  mir
das  etwas  unuar.  In  alter  Zeit  hal  man  die  Männer  mit  1  religidsem
Emviinden,  die  den  toten  Bichitaben  durch  den  Geist  der  Religion  erjeken
wollien,  (elrenzige.  nach  tanfend  Jahren  hat  man  in  eiwas  humanerer
t  dem  erbrennen  begnügt.  Zeu#t  erfolgt  in  solchen  Föllen
bie  Abie  Fen-  Von  zu  großer  Oumannät  kann  man  auch  hierben  nich
reden.  Man  will  durch  ein  Meiches  Vorgchen  vor  allem  die  übrigen  liberal
gesinnten  Geistlichen  abschrecken.  Des  Cberkirchenrals  hat  sich  eine  gewisse
Newosität  bemächligt.  Er  iir  in  leter  Zeit  außerordentlich  häufig  mu
Strasen  gegen  liberale  Geistliche  vorgegangen.  Ich  mochte  an  die  kirchlichen
  Behorden  die  Aussorderung  richten.  weniger  nervös  zu  sein,  sich  zu
bemühen,  solchr  Manner,  die  io  liei  durchdrungen  sind  vom  religiösen  Bewuhtiein,
  uns  diese  alle  unferem  Kuliurleben  zu  erhalten.  Der  Obergirchenra,
  iolie  daran  denken,  daß  man  ein  ircies  Herz  nicht  brechen  lann.
.  Runze  Wo.n:  Ju  unierer  Rirche  wird  den  beiden  Richtungen
  immer  nicht  die  Gleichberechligung  d#währt.  Orthodoxe  Pfarrer
werden  von  der  Behörde  noch  immer  den  liberalen  vorgezogen.  Durch
dieie  Proxis  wird  aui  die  Pfarrer  ein  Einfluß  in  orthodoxem  Sinne  ausgeubt,
  der  die  Frciheit  der  Poerionlichseit  unerdrückt.  Schließlich  haben
wir  doch  keine  Priesterkirche  oder  Paslorenkirche,  sondern  eine  auf  dem
Vollorecht  auigebaute  Vollskirche.  So  sollte  es  weuigstene  sein;  die  Feuige
Synodalveriassung  in  ihrer  veralteten  Form  läßt  aber  freilichd  e  Grundsaße
  einer  Vollskirche  jehr  zurücktreien.  —  Daß  man  auch  ohne  on  Spruchkollegium
  auslommen  kann,  beweist  ja  der  Fall  Traub.  Die  Strafversetzung
        <pb n="95" />
        Des  Leuise  Neiq  mad  selne  eluselera  slieter.  Mãtz  20.  85

des  Pfarrers  Traub  ist  aber  entschieden  zu  bedauern.  Die  Grundlage  des
Gedeihens  der  Kirche  dient  --  da  z  dder  Priester  de-  Bertrauen  seiner
Gemeinde  hat.  Das  war  bei  Traub  der  Fall,  und  es  ist  deshalb  f
bedauerlich,  daß  eine  E  noe  Tran  seiner  Gemeinde  entrijjen  wurde.
Wir  können  auch  nicht  begreisen  und  verstehen,  n-  sich  im  Falle  Heyn
das  Veriahren  dreizehn  Monate  lang  hingezogen  hat.  Im  Falle  Siems
bat  man  diejem  Pfarrer  die  Möglichkeit  des  nidde  geordneten
Instanzenzuges  abgeschnimen.  Wir  leben  jetzt  in  kirchlicher  Bezichung  in
einer  Zeit  des  Ueberganges  und  der  Gärung.  Die  verroticten  alten  Zuba#nde
  müssen  fallen.  Die  Religion  muß  im  engsten  Bunde  mit  der  Kunst
und  mit  allen  wissenichastlichen,  technischen  und  sogiolen  Bestrebungen  zusammenwirken.
  (Beifall  lints.)  Erfreulicherweise  kommt  dieser  Gedamte
auch  schon  in  Berfügungen  der  kirchlichen  Behörden  an  die  Pfarre  t  zum
Ausdruck.  Ich  erwähne  nur  die  Veriiung  des  sächsischen  Netstorkenn  in
Magdeburg  und  die  des  Oberkirchenrats.
Kultusminister  v.  Trott  auf  Solz:  Der  Abg.  Nopsch  hat  pdsteat
des  Sioates  zur  Kirche  richtig  gekenngeichnet.  Er  hat  ausgeführt,  d
durch  das  Gesetz  die  Rirchenbehörden  selbständig  gestellt  seien  und  daß  d
Slaatsbehörden  auf  sie  einen  dieelten  Einfluß  nicht  ausüben  können,  barn
aber  den  Bunsch  aueêgesprochen,  daß  voch  eine  moralische  Einwirkung  auf
den  Oberkirchenrat  ausgebr  werden  möchte.  Das  würde  auf  einen  Umweg
  bindemen,  daß  ich  einen  Druck  auf  die  Entscheidung  des  Oberkirchentats
  ausüben  mochte.  Auch  das  muß  ich  ablehnen.  Do  würde  ich  in  die
i  der  Kirche  eingreisen,  die  durch  die  Meietze  gewehrken  ist.
backenberg  (NMl.):  Die  evongelische  Kirche  hat  die  nie  ganz
resilos  zu  Anlenes  Aufgabe,  für  ihre  Diener  die  richtige  Grenze  zwischen
Bindung  und  Freiheit  zu  ziehen,  so  viel  Freiheit,  wie  irgendwie  mit  den
Interessen  der  Gemeinschaft  sich  vereinigen  lästt:  auf  der  anderen  Seite
wird  die  evangelische  Rirche  eine  Bindung  ansüben  müssen  auf  ihre  Diener
und  wird  diese  Bindung  aus  evangelischem  Geiste  heraus  so  gestalten  muisen,
daß  das  Gewissen  des  einzelnen  von  der  Geiamtheit  nicht  zu  stark  belastet
wird.  Bislang  hot  die  evangelische  Kirche  in  der  Behandlung  von  Lehrfragen
  durchaus  auf  dem  Boden  des  alten  kanonischen  Rechies  gestanden,
icde  Abweichung  von  der  Lehre  wurde  genau  so  behandelt  wie  iede  #inliche
Versehlung  eines  Geistlichen.  Nach  evangelischer  Auiasiung  stellt  aber  der
Glaube  des  Geistlichen  kein  Rechtsverhältnis  dar,  sondern  ist  nur  ein  inneres
Verhältnis  des  einzelnen  Au  Gott.  Ist  das  aber  der  Fall,  dann  kann  eine
Jrrlehre  nicht  einen  strafbaren  Tatbestand  darstellen,  und  daun  kann  die
Lebre  nicht  unter  ein  Dügiplinarversahren  gestellt  werden.  Von  dieier  —
falung  aus  ist  dos  neue  Irrlehregeieb  geichaffen  worden.  Dieies  Geieß
ist  einer  der  grösten  Fortschritle,  die  in  der  neueren  kirchlichen  kur  weies
uniere  cvangelische  Kirche  zu  verzeichnen  hat.  Das  bedentet  einen  Bruch
mit  dem  kanonischen  Recht  und  stellt  das  ganze  Verfahren  aus  einen  wirklich
evangeli#chen  Standpu  ntt.  Der  Geistliche  wird  nicht  mehr  wegen  eines
bererre  wie  wegen  eines  sittlichen  Vergebens  angeklagt,  es  wird  ihm
1  als  Schuld  angerechnet,  er  bleibt  auch  bei  einer  Abweichung  der  Lehre
n  in  der  Kirche.  Das  ist  ein  ganz  ungemeiner  Fortichritt.  In  jeder
Beziehung  ehrenvoll,  als  ein  Monn  der  Ueberzengung  wird  auch  ver  Geist--liche
  vor  aller  Weln  und  vor  seiner  eigenen  Kirche  dastehen,  wenn  er  wegen
einer  Abweichung  in  der  Lehre  aus  dem  Dienste  geschieden  ist.  Die  Rirche
wird  ihm  die  Ehre  nicht  rmss  während  er  nach  dem  früheren  Geietz
  als  aebeeter  abingesteln
t  (Erk  ve  Eijenacher  Kirchenkonferens  hat  sich  in
sehr  aiele  un  ps  endas  —  für  die  evangelische  Aucche  gezeigt.
        <pb n="96" />
        806.  De  Druische  Neich  und  leine  eintelnen  Glieder.  März  20.  21.)

Das  ist  sehr  dankbar  zu  *——  dadurch  ist  ein  Band  der  W  um
unser  dentsches  Valerland  geschlungen.  Aber  leider  ist  das  Vond  noch
eim  6%  locer,  Für  die  cvangelische  Venbstiren  ist  es  sehr  gut,  wenn  keine
#  geübt  wird"  es  müisen  den  einzelnen  Rirchen  wieder  neue  Kräfie
Rbio  werden.  Aber  nach  dieser  Richtung  bestehen  immer  noch  icharfe
renzen;  besonders  zwischen  Mecklenburg-Schwerin  und  Preußen  wird  die
chineHsische  Mauer  mit  aller  Schärse  au  frechterhalten.  Einem  brandenburgiichen
  cvangelischen  Geistlichen  ist  in  Mecklenburg-Schwerin  ausgegeben
worden,  ehe  er  in  den  Dienst  der  mecklenburgischen  Landeslirche  übertrat,
ein  vollständig  neues  zweiles  theologiiches  Examen  abzutegen.  Auch  der
Titel  Pfarrer  wurde  ihm  aberkannt  und  er  wurde  auch  einfach  als  Kandidat
angeredet.  Solche  chinesischen  Mauern  müssen  fallen.

20.  März.  „(Eachsen.)  Für  die  Erbischaftssteuer.

In  der  Zweiten  Kammer  antworteie  auf  eine  Frage  dee  Abg.  Merkel
über  die  Stlen  .-  aaeliher  Vertreier  in  der  Berliner  Ministerkonferenz
Finanzminister  v.  Seydew  da  sich  die  sächsiichen  Minister  grundjätzlich
für  die  Erbschaitsstcuer  vbsoschrr  hälten,  sic  haben  nur  gegen  eine  Form
der  Erbschaftesteuer  gestimmt,  die  von  der  1909  vorgeschlagenen  Form  abweicht.

2I.  März.  (Berlin.)  Der  Kaiser  empiängt  das  Reichstagspräsidium,
  die  Herren  Dr.  Kaempf.  Dr.  Paasche  und  Dove.

ch  einigen  persönlichen  Bemerkungen  zu  den
Präsidenten  seine  Besriedigung  öber  die  schnelle  Beilegung  des  Lohlenarbeitestreits
  aus  und  hoffte,  daß  der  Streik  keine  allzu  große  Schädigung  für
die  deutiche  Vollswirtschaft  gebracht  habe.  Nach  einem  Hinweis  auf  die
ichweren  Arbeilerkämpfe  in  England  sprach  der  Kaiser  dann  die  Hoffnung
aus,  daß  es  bald  gelingen  werde,  die  neue  Wehrvorlage  im  Reichslage  zur
Annahme  zu  bringen.

21.  März.  Bahern.)  Abgeordnetenkammer.  Generaldebatte

zum  6  6  Außeren.  K4crile  Parteipolitik?
tno  (8.):  Im  ganzen  Lande  war  man  von  der  Landtagseniteiung
  m  weil  hacht  einen  zwingenden  Grund  zu  dieser  der
Staatsregierung  nach  der  Veriassung  zustehenden  äußersten  Mahregel  nicht
finden  konnte.  Die  frühere  Slaatsregierung  hat  durch  eine  am  23.  November
  1911  abgegebene  Erklärung  die  Gründe  darzulegen  für  notwendig
crachtet.  Die  Erörterung  dieier  Gründe  härte,  wenn  wir  heute  dem  früheren
Itatniintte  rium  oder  auch  nur  einem  Minister  hegenüberstünden,  Au  crust.
hailen  Auseinandersekungen  führen  müssen.  Da  wir  aber  ein  vollständig
neues  Ministerinm  haben,  können  wir  uns  auf  obiektive  Darlegungen  der
taliächlichen  Verhältmisse  beichränken,  sowobl  zur  Rechiiertigung  unseres
Vorgehens  als  auch  zur  Wahrung  der  icchte  der  Vollsvertretung.  Die
Kundgebung,  in  der  die  Slaatsregierung  dem  Zeutrum  eine  Verletung  der
Veriassung  zum  Vorwurf  machte.  habe  selbstverständlich  nur  die  einseitige
Meinung  der  Re  cgierung  zum  Auedruck  gebracht.  Ihr  könne  niemoals  die
Bedemung  einer  omoritatliven  Emscheidung  zugestanden  werden.  Wir  müssen
einen  jolchen  Vorwurs  als  schwer  verlebeud  und  als  grundioie  Beleidigung
vor  dem  ganzen  Lande  mit  aller  Enlichiedenheil  nachträglich  zurückweisen.
Nach  einem  beisviellos  heftigen  Wahllamvic  ist  uniere  Fraktion  als  Mehr.
heitovartei  zurüdgelehrt  und  muß  darum  wiederum  die  schwere  Verennworiunn
  für  den  gedeihlichen  Forigang  der  Geichäfte  Kuogen  Wir  werden
wie  bieher  als  monarchische,  konservative,  auf  dem  Boden  der  christlichen
Weltanschauung  siehende  Parlei  innerhalb  des  Rahmens  der  Berfassung,
        <pb n="97" />
        Das  Mfr  Rich  und  seiur  rinzelurn  Glicher.  (März  21.)  87

die  wir  noch  niemals  verletzt  haben,  eintreten  für  die  Rechte  der  Krone
wie  für  das  Mohl  des  Bolkes.  Unser  Haupiaugenmert  gilt  der  Erhaltung
der  konieiionellen  Schule.  Für  eine  Aushebung  oder  Einschränkung  der
christlichen  Schulaussicht  sind  wir  nicht  zu  haben.  Wir  wünschen  lebhoit
die  Aufrechterhaltung  des  konfessionellen  Friedens  im  Lande.  Von  unserer
Seite  sind  noch  niemale  Angriffe  auf  die  inneren  Einrichtungen  oder  Maßnahmen
  anderer  Konfeisionen  erfolgt.  An  dem  erst  vor  sechs  Jahren  in
Krait  getlretenen,  von  allen  Parteien  des  Hauses  ninbmin  genehmigten
Landiogswahlgesetz  und  der  Wohreiseiteiling  undi  wir  unbedingt  -
halien.  Die  Zentrumsfraltion  wird  unbeirrt  den  Weg  weiter  gehen,

sie  seit  Jahrzehnten  gegangen  ist.  —  freuen  uns,  daß  der  Müahster
vrident  Frhr.  .  Hertg  in  seiner  Programmrede  Grundsätze  auseasch
hat,  die  auch  u  sern  Anschauungen  entiprechen.  Wir  werden  mit  der?

gierung  einig  P44%  soweit  sic  diese  Grundsäße  auf  dem  Gebiet  der  Geiergebung
  und  gesamten  Stoatsverwaltung  beibehält.  Die  gegenwärug
die  öffentliche  aus  besonders  bewegende  Frage  der  Deckung  der  nosten
jür  die  im  Reichstag  demnächst  zu  erwartende  Wehrvorlage  veranlas#  unsere
Fraktion,  die  Erwartung  auszusprechen,  daß  die  Sonderrechte  Baverns  auj
dem  Gebiete  der  Branmtweinbesteuerung,  soweit  sic  im  Interejje  unijerer
Landwirtschaft  treibenden  Bevolkerung  notwendig  erscheinen,  keinen  Abbruch

en.

Abg.  Dr.  Casselmann  (Iib.):  Wenn  die  vorige  Regierung  sich  entschloß,
  die  glerikale  Kammermehrien  heimzuschicken,  so  tat  sie  es,  weil  es
die  höchste  Zeit  dazu  wi  Den  Vorwurj  des  Veriaiiungsbruchs  wird  5rn.
Acnir  um  mn  leiner  ##erprermiion#  wegbringen  können,  selbst  nicht
mitl  der  eines  Ignatins  von  Loyola.  (Heiterkeit  und  Zustimmung  I.)  An
den  icbigen  Ministerpräsidenten,  der  doch  die  Autorität  so  in  den  Vordergrund
  stelli,.  richte  ich  die  Frage,  ob  er  die  Ausfassung  des  früheren  Minineriums
  teilt.  Wenn  nicht,  so  würde  es  kaum  zgur  Erhöhung  der  Staatsantorilät
  beilragen,  wenn  noch  vor  einigen  Monaten  die  jelbe  höchĩte  Sielle
über  jenen  Vorgang  eine  andere  Meinung  gehabt  häre  wie  heute.  Abg.
Lerno  meinte,  es  wäre  am  besten,  wenn  man  über  gewisie  Dinge  nicht
mehr  redete.  Das  glaube  ich.  Wenn  man  ein  solches  Sündenrenister  sich

zugezogen  hat  wie  das  Zemrum  in  diesem  Wahlkamof,  dann  ist  es  sreili
das  beauemste  und  angenehmie,  den  Mantel  der  christlichen  Aöchsenliete.
über  alles  gedeckt  zu  sehen.  Für  die  Minderheitsvarteien  gab  es
anderen  Weg,  die  unkmeirheir  zu  brechen,  als  den  Giantmenfehin
zum  Amiizemrumsbüock.  Wäre  diese  durch  die  volitische  Lage  gegebene  Notwendigkeit
  überall  berwardigt  welden,  so  wäre  der  Bruch  der  Zemrumsmehrheit
  erreicht  worden.  Daß  er  nicht  erreicht  werden  konnte,  darin  ist
vor  allem  das  nernbenr  Verhalten  der  Nonseroativen  schuld.  Nicht  wegen
der  Monarchie  und  nicht  wegen  des  Konservalismus  haben  die  Koniervativen
den  Anichluß  beim  Zentrum  gelugr  sondern  um  Gheschäfte  bei  den  Reichslagswahlen
  zu  machen.  Wenn  die  Regierung  wollie,  daß  das  Zeutrum
nicht  wiederkehrte,  dann  mußte  sie  mit  dem  Jusammenichun  der  ganzen
Minderheitspameien  rechnen.  Und  nun  hat  man  sogar  behaupiet,  Ministerpräsident
  v.  Podewils  habe  zu  Dr.  v.  Orterer  gesagt,  er  wünicht  die  Wieder.
kehr  einer  Zentrumsmehrheit.  Diese  Behauviung  ist  eine  BVcleidigung  des
Ministers  von  Podewils.  Darin  liegt  der  Vorwurs,  daß  der  irünere  Minister
mit  dem  dayerischen  Volk  eine  Komödie  gespient  habe.  Im  Wahlkamyf  hat
das  Zentrum  von  der  Autlösung  des  Landiages  und  deren  Gründen  jo  gut
wie  nichte  zu  sagen  gewußt,  dafür  um  so  mehr  von  der  Monarchie  und  der
Lirche,  die  dem  Untergang  geweiht  seien.  An  Wahnsinn,  an  morali#che
Vrunnenvergiftung.  grenze  der  heillofe  Uning,  den  das  Zentrum  und  vor
        <pb n="98" />
        88  De  Bestlr  Neic  und  seim  rinkiurn  Glieder.  (März  22.)

allem  ein  Teil  der  katholischen  Geiftlichkeit  mit  der  Religion  getrieben  *
Kann  es  eine  größere  Blasphemie  geben,  als  eine  Herabziehung  der  zewigen
Werte  und  ewigen  Wahrheit“,  von  denen  der  Herr  Ministerpräsident  v.  Hertling
  in  seiner  jüngsten  Rede  sprach,  in  die  tiefsten  Niederungen  woien
Geschäftspolitik?  Hätten  wir  ein  Geiet  gegen  die  Uebergriffe  des  politisierenden
  Klerus,  en  ware  nicht  der  dritte  Teil  der  hentromsbgrordyeten
in  dieses  Haus
nn  zhe  —  eine  Rede,  die  der  Zentrumsabgeordnete
  Held  nach  der  a0  gehalten  hat,  und  in  der  es  heißt,  54  ehrlicher
Mann  könne  es  nicht  mit  seiner  Ehre  vereinbaren,  der  Partei  der  Bassermann
  und  Casselmann  anzugehören.  Sürmise  Piuirufe  bei  den  Liberalen,
  Ordnungsrufe  des  Hräsfdewen  v.  Fuchs,  die  immer  wieder  mit  neuen
fuirusen  beantwortet  werden,  so  daß  der  een  uUnaufhörlich  Ordnungsrufe
  austeilt.)  Abg.  Casselmann  8  sorl:  Auch  ich  ei  e  diese  Pfuirufe
auf.  (Ernente  J  n  Präsidenten.)  Ich  mache  mir  eine  Ehre
daraus.  (Präsident  v.  Fuchs:  Das  ist  eine  Mißachtung  der  esidiotgewal.
Zurufe  I.:  Feigheit,  Niedertracht!  Große,  langanhaltende  Erregung.)  Für
den  Ministerpräsidenten  dürfe  es  keine  andere  Richtichnur  als  die  Verfassung
geben  und  diese  jei  die  Verfaslung  eines  paritätischen  Staales  und  ihre  Grundae
  geien.  die  der  Gerechtigkeit.  Was  das  Verhältnis  zum  Reich  anlongt,  jo
tes  der  Grundsoy  des  Grafen  Podewils,  an  die  Prüfung  der  dem  Reichs-1
  unterkehenden  #uen  ohne  Feich  auf  die  dort  herrschenden  Parteiverhältnisse
  heranzutrelen.  Herr  v.  Hertling  hat  dagegen  erklärt,  er  werde
sich  nicht  mit  joschen  Problemen  2  die  im  Reichstag  keine  Aussicht
auf  Erfolg  häuen.  Damit  hat  sich  Herr  v.  Herkling  den  fieweeen  Walortütk
verhältmissen  im  Reichstag  unterworsen,  was  ihm
veinlich  sein  mag.  Das  bayerische  Staatsschiff  ist  mehr  3#  mehr  ins  uuerlkafe
Fahrwasser  geraten.  Man  will  das  rote  Meer  meiden  und  steuert  unaufnicht

  will,  das  haben  die  letten  Wahlen  bewiesen.  Trotidem  hat  das  banerische
  Sioatsschiff  einen  Sleuermann  erhalten,  den  gegenüber  es  für  einen
Liberalen  nur  Vorsicht,  die  äußerste  Vorsicht  9

22.  März.  (Bayern.)  Keenaneonkomnu.  Bei  der  Forlsehzung
  der  zweiten  Beratung  des  Etats  antworket  Ministerpräfident
Frhr.  v.  Hertling  auf  die  Angriffe  des  Abg.  Casselmann:

n  Vorwurj  des  Verfassungsbruches  lönne  er,  der  neue
Ministerräsidem-  aus  der  Erklärung  der  früheren  Staalsregierung  gegen
das  Zentrum  nicht  herauslesen.  Im  allgemeinen  aber  erklärte  er,  sich  über
die  Borgänge  bei  der  Landtagsauflôsung  überhaupt  keine  bestimmte
Meinung  machen  zu  können.  Er  sei  damals  nicht  in  Bavern-gewesen.  Es
gehe  auch  nndssti  nicht  an,  daß  unter  allen  Umständen  eine  neue
NRegierung  die  alle  decken  müsse.  Es  stärke  auch  nicht  die  Autorilät  des
States.  wenn  an  der  alten  von  der  neuen  Negicrung  grundsäglich  Kritik

sei.  Auf  Caiselmanns  Frage,  ob  die  Krone  nicht  eine  andere
k  ere  hn  bei  der  Auflösung  Gnocht  habe,  müsse  er  die  Antwort
erst  recht  ablehnen,  darin  Lag,.  eine  unzulässige  beinziehng  der  Krone,
er  hälle  höchitens  das  Recht  der  Krone,  den  Landtag  auizulösen,  zu  verteidigen.
  Wenn  Casselmann  age  wic  er  seine  bieherigen  politischen
Grundiätze  mit  seinem  Ministeramt  in  Einklang  bringen.  wole  so  erkläre
er,  den  Parteimann  abgelegt  zu  haben  an  dem  Tage,  w#  der  Regent  den
Ruf  an  ihn  gerichtet  habe.  Solltie  er  jemals  als  Mäeisto  in  einen  Konflikt
mit  der  Verfassung  geraten,  so  werde  er  als  ehrlicher  Mann  die  Konsequenz
        <pb n="99" />
        Das  Beutsce  Nrich  und  seint  rinjelara  Glieder.  (Mãrz  22.)  89

zu  oliehen  wissen.  Wenn  er  von  einem  homogenen  Ministerium  gesprochen
habe,  so  sei  damit  nicht  gesagt,  daß  irgendeiner  der  neuen  Minister  seine
*x  aufgeben  müste.  Er  werde  nur  konservativ  in  dem  Sinne  sein:
er#stens,  daß  er  die  S  in  ihrer  Verschichnichen  Entwicklung  festdalte,
  salso  in  der  Form  der  M  onarchie,  und  daß  er  als  Grundlage  der
77nm*  das  Chri  ntum.  anerkenne.  Ueber  die  Stellung  Bayern
n  Reiche  sei  es  ihm  ein  Bedürfnis,  einiges  ohne  iede  politische  Berkünnn
  zu  sagen.  Was  *  letzten  Tage  darüber  gebracht  hätten,  seien
tbrichte  Gerüchte.  Ich  bin  nicht  als  Triumphator  heimgekehrt,  so  fuhr  er
iort,  ich  habe  keinen  Sieg  über  Bethmann  Hollweg  davongetragen.  Mein
Geschoß  hat  Wermuth  nicht  getrofsen.  Die  Verhandlungen  im  Bundesrat
jollten  durchaus  vertraulichen  Charalier  haben.  Als  aber  Wermuthes  Entlossungsgeiuch
  kam,  war  das  Schweigen  nicht  mehr  möglich.  Wir  hauen
Fänstimmig  im  Bundesrat  die  Meinung.  daß  die  Einbringung  der  Erbschaftseuer
  in  der  alten  Form  mit  Ncssicht  auf  die  sozialdemokratische  Parlei
ein  polütischer  Fehler  gewesen  wäre  und  keinen  Erfolg  versprochen  hätte.
Trer  wurde  die  Erbschaftssteuer  in  der  alten  Form  überhaupt  nicht  mehr

we  an  der  Erbschaftssteuer  festhalten,  so  hätte  Bayern  dotbe  Gein,
wenn  sie  überhaupt  zur  Debatte  ge  Gonden  wäre.  Mit  Rücksicht  auf  d
frühere  Stellung  der  boerischen  Staatsregierung  hälte  auch  ich  mei
irühere  Meinung  über  die  Erbscheftsfteuer  unierdrückt.  Es  lag  die  Soche
aber  so,  n  die  Erbschaftssteuer  überhaupt  nicht  in  Frage  kam.  Der  früher
auf  81  3  bis  100  Millionen  Ner  geschäzte  Ueberschuß  steht  jetzt  schon  mit
220  Mitenwr  Mark  fest.  Auch  der  Reichsetat  verspricht  noch  eine  weitere
bessere  Konjunktur.  -  Bundesrat  war  deshalb  einstimmig  der  Ansicht,  zunächst
  von  neuen  Steuern  abzusehen,  zumal  die  Erbaniellseuer  in  die  Finaonzboheit
  der  Einzelstaaten  eingreift.  Festgehalten  hat  der  Bundesrat  einstimmig
  an  wWermuths  Grundsatz:  Keine  nonen  Ausgaben  ohne  Deckung
und  keine  Schuldenmißwimschaft  mehr  wie  bisher.  Diese  zwei  Punkie  sind
einstimmig  gebilligt  worden  und  der  Rücktritt  Wermuths  kam  deshalb  uns
allen  vollsöndig  überraschend.  Die  Abschatung  der  Liebesgabe  wurde
in  der  leyten  Ministerkonierenz  der  Bundesratssitzung  in  Berlin  von  einer
norddemichen  Regierung  vorgeschlagen,  und  Bayern  hat  unter  Kautelen  für
die  jüddeutschen  Brenner  zugestimmt.  Im  Bundesrat  war  man  allgemein
der  Ansicht,  daß  die  Auihebung  der  Liedeegobe  eine  alle  liberale  Forderung
erjülle.  Ich  muß  allerdings  bedauern,  daß  die  Hoffnung  des  Bundcerats,
einen  friedlichen  msmtWs  u  bringen,  abermals  gejcheilert  ist.  Es  hat
eben  wider  nicht  sein
pposition  seien  die  Ausführungen  des  Ministerpräsidenten  zur
Erbichatanenen  mit  lebhaftem  Beifol  auf,  während  die  Rechte  ersichllich
verblüfft  und  peinlich  berührt  davon?
März.  Die  „Norddeussce  Angemeine  Zeitung“  gibt  Inhalt
  und  Zweck  der  Wehrvorlagen  bekannt:

„Die  Vorschläge  der  Heeresverwaltung  bewegen  sich  in  zwei
Nichtungen.  Sie  bringen  eine  Verstärkung  nicht  allein  nach  der  Zahl  der
im  Frieden  auszubildenden  und  unter  den  Wafsen  zu  hallenden  Mannschaften,
  sondern  auch  eine  Verstärkung  durch  Vervolllommnung  in  der
Organisotion.  In  erster  Linie  handelt  es  sich  um  eine  schnellere  Durchfübrung
  des  Pedenspröienzgese#  von  1911.  Nach  den  ursprünglichen
Plänen,  die  sich  auf  einen  Zeitraum  von  fünf  Jahren  verteilten,  gaten
weentliche  Vehschunge  erst  für  1914  und  1915  bewirkt  werden,  ..
die  Aufstellung  der  bei  der  37.  und  39.  Division  noch  fehlenden  Pliten
        <pb n="100" />
        90  B  Drallde  Reich  uud  frinte  rinzelnen  Glirder.  (März  22.)

Kie  darhlrrieregimenter.  Alle  diese  Formationen  sollen  nunmehr  am  1.  Ok.
1912  die  Lücken  Hülten.  deren  Ausiũllung  das  Geietz  von  1911  vorge

  v  erzu  gehören  n  den  zwei  erwähnten  Feldarlillerieregimentern
die  Aeubildungen  der  Knchür  und  die  Ausstellung  eincs  Telegraphenbatai
  —  Aledann  handelt  es  sich  darum,  das  Friedenepräsenzgeies

von  Lerr-  zu  ergänzen,  um  durch  Fhnhsnnd  Heranziehung  der  zum  Wafsendienst
  Fähigen  und  durch  Vervolskommnung  unierer  Organisation  die
Kriegebercitichaft  des  Heeres  zu  steigern.  Zu  dieiem  Zwecke  jollen  weie
nene  preuhiie  Letere  unter  Verwendung  der  im  -  sten  und  Westen

eim  1.  und  Armerkords!  vorhandenen  drinen  Divisionen  gebildet
werden.  Es  relen  alio  #wei  Generalkommandos  und  zwei  Divisionsstäbe
neu  ausgestelli  werden  müssen.  In  die  nenen  Divisionen  werden  Brigaden
eingereiht  werden,  die  hierjür  veriügbor.  sind.  Die  Neuschaffung  von  Norpsverbänden
  und  die  Negelung  der  Beichlsverhältnisse  an  der  Wesigrenze
criordert  die  Errichtung  einer  neuen  siebenten  Armeeinsveklion.  —  Ueber  die
Jahl  der  aufzustellenden  dritten  Bataillone  bei  den  sogenonnten  lieinen
Infanterieregimentern  ist  dahin,  Ennchridung  gelroffen,  daß  so  viel  Bataillone
  angefordert  werden,  als  für  die  normale  Stärke  der  Armeclorps
und  für  einige  bejondere  Zwecke  notwendig  sind.  Es  handelt  sich  um
14  Vataillone,  anßerdem  soll  Sachsen  ein  —  —  ssteen  und
wird  io  bei  jedem  sjeiner  beiden  Armeclorps  die  Zabl  von
Für  die  nenen  Divisionen  sind  die  erforderlichen  Enibanbilerieioranloncn.
bei  ieder  Division  eine  Brigade  und  für  die  beiden  Korps  je  ein  Pionierbakaillon
  vorgeiechen.  Darüber  hinans  rechnet  der  Emwurf  mit  einem
weiteren  Pionierbaiaillon,  mit  ergi  umierer  Verkehrstruppen,  mit
Auistellung  einer  Fliegertruppe  und  mit  Erhöhungen  des  Etats  bei  einer
großen  Anzahl  von  Jnianerirbatginn  und  Feldarkillerieabteilungen.  —
An  Kavallerie  soll  in  Preußen  als  Folge  der  Bildung  zweier  neuer  Armcekorps
  ein  Lavallericregiment  Au  5  ZL##anonen  anigestellt  werden.  Auch
in  Bauern  ist  eine  Verstärkung  der  Navallerie  in  Aussicht  genommen.  Bei
jedem  Ansonterieregimem  soll  eine  Maichinengewehrkompanie  eingerichtet

2.
*

ch.  —

 

Noch  all  dem  wird  das  Reich  gegenüber  dem  Präsenzgeses  von  1911
die  Friedensstärke  des  Hceres  um  rund  2½1/X)  Mann,  ausschließlich  Unterolsiziere
  vermehren.  Neben  dieser  Vermehrung  der  Zahl  der  Ausgebildeien
ist  gleichzeinig  die  Verbesserung  der  Cütziern#ellenbeirung  im  Kriege  in
Aussicht  genommen  durch  weitere  Schaffung  von  Siellen,  die  im  Frieden
den  Trupveuviü#zier  von  allzu  bänüger  Verwendung  ousierhalb  seiner  Dienststelle
  emlasten  und  im  Lriege  für  Beirtung  der  Neujormationen  versücbar
  üund.  Endlich  beiteht  die  Ablicht,  gleichgeirig  mit  der  Heeresvorlage
eine  Erhühung  der  nunichastaleihmung  vorzuschlagen.

Die  de  zwei  schweren
Min#tänden  in  der  #anbenon  der  Flotie  abzuhelken.  ##er  eine  Mißstand
Heoe  darin,  daß  im  Herbsie  iedes  Jahres  auf  allen  Schissen  der  Schlachtolte

  die  Reservisten,  d.  h.  sast  ein  Drinel  der  Besatzung  entlasjen  und  im
weireniiceen  durch  Rekruten  der  Landbevölkerung  ersetzt  werden  Dadur
wird  die  Kricgsbereitichaft#  der  Schlachiilone  jür  längere  Zeit  erheblich
berabgesent.  —  Der  weite  Mistand  beueht  darin,  dan  zurzeit  bei  einer
Enesiorte  von  5  großen  Schifien  zunächst  nur  21  große  Schisse  zur  Verfügung
  #stehen,  wenn  die  Reierveslolte  nicht  rechtzeitig  bereingestellt  werden
kann.  Leuteres  ist  seit  Ansstellung  des  Floltengrieves  immer  unwahrscheinlicher
  geworden,  weil  der  Zeiwunk,  zu  dem  die  Reierveiloite  kriegebereit
sein  kann,  sich  mehr  und  mehr  hinausichzebt.  Dies  ijt  eine  Folge  der  immer
komplizierter  werdenden  modernen  S  Schisse  und  der
        <pb n="101" />
        U##s  uiche  Rrich  u#nd  seine  eintelurn  Glieder.  März  22.)  91

keit  der  Ausbildung  groher  geschlostener  Verbände.  Die  Reserweflotte  hat
idre  große  Bedeutung  bei  unserem  starken  Beurlaubtenstande  heute  ers.
ols  zweite  Kampflinie.  —  Beide  Mißstände  sollen  durch  allmähliche  Bildung
eines  dritten  aktiven  Geschwaders  beseitigt  oder  doch  erheblich  eingeschränkt
werden.  Die  für  dieses  dritte  aktive  Geschwader  eriorderlichen  Schiffe
sollen  #e  werden:  a)  durch  Verzicht  auf  das  Meiesrestattenslagagchif
bi  durch  B  erzicht  auf  die  zurzeit  vorhandene  Materialre  —  1  Linienschifie.
  4  grobe  e  und  4  kleine  Areuzer,  c)  Mun  Amsichen  Neubau  von
3  Linienschiffen  und  2  kleinen  Kreugern.  —  e  Indiensthaltungen  bei
der  Reserveflotte  infolge  Vermehrung  der  7  rrean  um  die  Haste
reduziert  werden  können,  macht  die  Bildung  eines  drinen  aktiven
ichwaders  gegenüber  den  bereits  im  Flotkengesetze  vorgesehenen  Iwienst.
haltungen  nur  die  Mehrindiensthaltung  von  3  Linienschiffen.  3  großen
und  3  lleinen  Krrubern  erforderlich.  Dies  bedingt  eine  entiprechende  Vermehrung
  des  Personals.  Eine  weitere  Personalvermehrung  ist  ersorl!  derlich,
weil  in  5  hehlern  Joren  die  Besatzungen  aller  Schifiellassen  einschließlich
der  Torvedoboote  verstärkt  werden  muhten.  Ferner  ist  eine  Vermehrung  der
Unterseeboote  und  die  Beschafung  einiger  Luftschiffe  in  Aussicht  nm
Die  Unterieeboole,  wesche  zurzeit  noch  ohne  Organisation  sind,  sollen  bezüglich
  der  Personalbesetzung  nach  Art  der  Torpedoboote  organisiert  werdenarincoorlage
  hat  die  Form  einer  Novelle  zum  Flolklengeietz,

die  in  drei  Artikeln  Bestimmung  trifft  über  den  Schitssbestand,  da  Indienstbaltungen
  und  den  Personalbestand  der  Flotte.  Der  Novelle  ist  der  Schifffür

  die  nächsten  sechs  Jahre  beigefügt.  Danach  süed  von  den
zupten  At  Neubanten  je  ein  Linienschiff  in  den  Jahren  1913  und  1916
in  Angriff  genommen  werden.  —  Der  Mehrbedarf  an  Perional  macht  eine
Verstärkung  der  jährlichen  Personalvermehrung  des  Flottengesetzes  bis  zum
Jahre  1920  um  durchschnittlich  75  Seeoffiziere,  Marineingenieure,  Aerzte
und  3%mee  und  1600  Mann  notwendig.

Der  Gesamtbedarf  für  dieie  Versartung  des  deg  und  der  Flotle
itellt  sich  jür  1912  auf  rund  97  Mill  1913.  velchem  Jahre  der
höchste  Kostenbetrag  erreicht  wird,  auf  38  n  Min.  ene  1914  auf  rund
114  Mill.  G  t.  Der  Unteil  der  Floue  beträgt  1912  rund  15  Mill.  Mark,
1913  rund  a#s  Mill.  Mark,  1914  rund  3  Mil.  Mark  und  erreicht  im  Jahre
1916  lun  Hochstflumme  mit  43  Mil.

ur  Deckung  der  neuen  a  soll  unter  Wahrung  der  Grundjiäße
  für  die  Schuchertiieun  nach  den  Vorichlägen  des  Rcichsschatzamts  ein
Teil  der  Ueberschüsse  ahres  rr  iond  verwendet  werden,  mährend  der
Reit  auf  die  geschafte  S.  ehnen  und  die  Mehreinnahme  aus  der  beabsichtigten
  Aenderung  der  Gahmen  und  die  dcbrein  verwiesen  wird.“

22.  März.  Zum  Nachfolger  des  in  den  Ruhestand  tretenden
Präsidenten  des  Kaiserlichen  Patentamis  Hauß  wird  Geh.  Oberregierungsrat
  im  Reichsamt  des  Innern  Robolski  ernannt.

22.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Mitglieder
des  Zentrums,  der  Konservativen  und  der  Freikonservativen  haben
einen  Antrag  eingebracht,  den  Ausbau  der  Universität  Münster  zu
einer  Volluniverfität  sowie  den  weiteren  Ausbau  der  Universität
Marburg  ohne  Rücksicht  auf  die  etwa  zu  errichtende  Universität
Frankfurt  mit  tunlichster  Beschleunigung  zu  fördern.

22.  März.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Münster-Coesfeld
        <pb n="102" />
        92  P#4  Fstst=  Reiq  and  stine  riuselurt  Elieder.  (März  23.  24.)

wird  Geheimer  Medizinalrat  Dr.  Gerlach  (3.)  mit  20619  Stimmen
gewählt;gersplittertwaren  153  Stimmen.  Die  Nationalliberalen,  Freifinnigen
  und  Sozialdemokraten  hatten  Stimmenthaltung  proklamiert.

23.  März.  (Reichstag.)  Erste  Lesung  eines  Gesetzentwurfes
betreffend  die  vorläufige  Regelung  des  Reichshaushalts  und  des
Haushalts  der  Schutzgebiete  für  das  Rechnungsjahr  1912.  Die
Brüfseler  Zuckerkonvention.

Stoatssetreter,  des  Reichsschabamts  Kühn:  Es  bedauert  niemand
mehr  als  ich  den  Abgang  des  Mannes,  der  vorher  an  meiner  Stelle  gestonden
  hat  und  der  die  allgemeinen  Nichtlinien  für  die  Finanzpolitik  des

gelegt  hat.  (Bravo!)  Das  Gesetz,  wesches  aͤhnen  hier  vorliegt,  bezweck,
die  Bestreitung  der  nolwendigen  Ausgaben  des  Reiches  allgemein  über  n
1.  April  hinaus  auf  eine  bunstgemahe.  Grundlage  zu  rd  wãhrend  si
das  Notgesetz  bisher  nur  auf  die  zwei  Monate  April  und  Mai  erstreckte.
In  früheren  Jahrzehnten  ist  der  Achneg  in  dankenswerter  Weise  bemühr
gewesen,  den  Haushaltsplan  rechtzeitig  vor  Schluß  des  allen  Jahres  fertig
zu  bringen,  in  diesem  Jahre  war  es  nicht  möglich,  wegen  des  späten  Termins
  der  Wahlen,  und  vielleicht  L  es  an  anderen  Gründen  keineswegs
unerwünscht,  daß  wir  erst  ganz  spät  in  die  Lage  kommen,  den  Eiat  zu
verabschieden,  wenn  wir  die  V  Ergebnisse  des  Jahres  1911  und
die  Ansorderungen  des  nächsten  Jahres  übersehen  können.  Der  1Umftand.
daß  wir  in  diesem  Jahre  den  Etat  später  verabichieden  als  sonst,  i
auf  die  Form  des  Gesetzes  nicht  ohne  Einfluß  geblieben.  Die  deischirdenen
Posten,  die  Sie  im  §8  2  des  Emwueis  angeführt  finden,  werden  bei  Ihnen
keine  Bedenken  auslösen,  denn  ein  großer  Teil  deeser  Talihenen  A-  berce
von  Ihrer  Budgetkommiision  bewilligt,  und  im  übrigen  ist  ja  rt  Begründung
  bei  jedem  einzelnen  Posten  aa  worl  ##n  Me)  Fnchen,  die
Bewilligung  hinausgeschoben  würde,  die  Reichskasse  von  dieser  Berzögerung
nur  Scha  *  .  aben  '  .
qhekiiiqiiii  iNUHldckVoktqgeichtaqteiiieNeqeliiiig
vor,  die  —  dem  bieterigen,  Verjahren  abweicht.  Wenn  wir  dieser  Neuregelung
  zustimmen,  so  geschicht  dies  unter  der  Verwahrung,  daß  diese
Regelung  nicht  auch  für  künftige  Fälle  ohne  weiteres  zu  akzeptieren  ist.
s*Q*  dürften  daraus  für  die  Zukunit  nicht  gezogen  werden.

Abg.  Fischbeck  (Br.):  Es  handen  sich  hierbei  um  eine  für  den
Reichstag  sehr  wichtige  budgetmäßige  Frage;  ich  beamrage  insolgedessen  im
Namen  meiner  politischen  Freunde,  die  Vorlage  der  Budgerkommission  zu
überweijen.  Hustimmung.

.  Molkenbuhr  (Sd.):  Auch  wir  legen  gegen  dieses  Vorgehen
Verwatnng  und  schließen  uns  dem  Antrage  auf  idrtberatung  an.

8  lage  wird  der  Budgentommission  überwm  .

L  dieekiteiiiidiiveiteBeiqtiiiiqdesiii  Biiiilel  am  17.  März
1912  welbrih  #rotoke,  belreiiend  die  Forlictzung  der  durch  den
Zuckervertrag  vom  5.  März  1902  gebildeten  Internationalen  Bereinigung.
  X8  u  Redner  verschicdener  Parteien  ihr  Bedauern  ausgeiprochen
  haben,  daß  in  diesem  Abkommen  Rußland  auf  Kosten  der  deuten
  ueerbeo#,  ein  neues  Zugeständnis  gemacht  wird,  erfolgt  die

Aun  nrahme  ohne  Wide

24.  März.  (Gerlig)  Tagung  des  Zentralvorstandes  der
Nationalliberalen  Parkei.
        <pb n="103" />
        Uas  Beutsche  Reich  und  seine  einfelmen  Glieder.  (März  21.—28.)  93

Die  gegen  die  Bassermannsche  Richtung  und  die  Jungliberalen  aned

  “  der  preußischen  Provinzen  unter  Leitung  des

bg.  Schifferer  erheben  schwere  Hedenen  über  das  ##  erhelten  der  Fraktion
und  fbeer  das  Spielen  mit  dem  Gedanken  eines  Großblocks.  Um  den  Einfluß
  der  Jungliberalen  mirsn  dene  wird  da.  buah  ur  dahin  abgeandert,
  daß  nur  solche  „lveziellen  Vereine“  der  Parteiorganisation  angeichlosien
  werden  können,  welche  ihrerseits  den  Landesverbänden  angeichloffen
  sind  zun  wictt  einen  besonders  organisierten  Gesamtverband  mit
eigener  Spihe  bild

26.  März.  (Verlin-Grunewal))  Der  Fortschrittliche  Abgeordnete
  und  Alterspräfident  des  Reichstages  Albert  Träger  ###im
62.  Lebensjahr.

26.  März.  (Berlin.)  Geheimer  Negierungsrat  Universitätsprofessor
  Dr.  Wilhelm  Münch,  hervorragender  pädagogischer  Schriftsteller,
  1.  69  Jahre  alt.

27.  März.  (Berlin.)  Durch  einen  Wassereinbruch  in  den
neuen  Spreetunnel  wird  infolge  des  Berstens  eines  Fangdammes
der  Betrieb  der  Unlergrundbahn  zwischen  Leipziger  Plaß  und  Spittelmarkt
  unterbrochen.

27.  März.  (Sch  dersh  )  In  geheimer
Sitzung  nimmt  der  Ws  die  Eichonden  der  15).2  Wahl  und
die  Heraufsetzung  des  aktiven  Wahlalters  von  21  auf  25  Jahre  an.

7.  und  28.  Märg.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)
Meinungsaustausch  üÜber  die  Errichtung  einer  Universität  in  Frankfurt
  am  „Meiróge.

  Ein  Antrag  Dr.  Friedberg  1Nl.)  eriucht  die  Regierung,
1.  ihre  Jasnsenng  zur  Gründung  der  Univerü#lät  Frankjurt  nur  dann  zu
geben,  wenn  der  Charakler  dieier  Universität  als  einer  Staatsveranstalltung
im  Sinne  des  prcußischen  Landrechts  nach  ieder  Richtung  hin  gewährleistel
ist,  wenn  die  Rechte  der  Siaaloregierung  und  der  Fakuliälen  überein-#timmend
  mit  den  Verhälmisien  der  anderen  Universitälen  geregell  werden,
wenn  die  Freiheil  der  wisenschaillichen  Lehre  und  Forschung  üchergestellt.
wenn  endlich  auch  für  die  mtunit  Gewähr  gebolen  wird,  daů  Slaateminel
jur  die  Universität  nicht  in  Anipruch  genommen  werden;  2.  die  mit  den
Fraukfurter  Behörden,  Instiluten  und  Privatpersonen  abgeichlosienen  Verirage
  vor  Zustimmung  zu  der  Gründung  der  Univerütät  dem  Hause  der
Abgcordneren  vorzulegen.  Ein  Antrag  Grof  Clairon  d  Haussonville  #k.
ü#mmt  im  weientlichen  mit  dem  Antrag  Friedberg  überein  und  jorderl,  für
den  Fall  der  Begründung  der  Universit#t  in  den  Gua-  einen  sie  betreisenden
blinden  Titel  einzustellen.  Ein  Antrag  Borchard!  Sd.)  verlangt  dagegen.
der  in  Frankiurt  geplanten  EEII  mi  Rückücke  darauf,  dasß
Slistungen  und  Stadtgemeinde  alle  Miltel  für  Mründung  und  Umierhaltung
auibringen,  volle  Freihen  in  der  Berniung  und  Beauftragung  der  Dozenten
m  ewanen  und  eine  entiprechende  Vorlage  dem  Landlage  voriulegen.
Em  Anirag  Schmedding  (Z.)  will  dem  Atrage  der  Nouservativen  das
Eriuchen  hinzufügen,  daß  der  Ausban  der  Universilät  Muniter  zu  einer
vollen  Universitäl  sowie  der  weilere  Ansbau  der  Universität  Marburg  ohne

28
        <pb n="104" />
        94  De#s  erische  Krich  u#nd  seine  risteluen  Glirdrr.  (März  27.  und  28.)

Rücksicht  auf  die  etwa  versichere  Universilät  Frankfurt  mit  tunlichster  Beschleunigung
  geserdert
c  beschlnst  zunächst  die,  Frage  der  Gründung  einer  Universität
  in  *  iun  a.  M.  zu  behand
eichtersioner  Abg.  Dr.  ¾  —ie  (3.)  berichtet  über  die
Vrtan#ung  der  Budaetlemmiison
Dr.  1  (3.):  Man  kann  den  Standpunkt  Franksuris  verstehen.
  rs  vielen  Gebielen  ist  es  ihm  geglückt,  Einfluß  zu  gewinnen.  Nun
will  es  auch  auf  geistigem  Gebiet  maßgebenden  Einfluß  haben.  Ich  stehe
ganz  auf  dem  Standounkt  des  Prof.  Loning-Halle,  daß  es  vollständig  aue-Leschlossen
  sein  muß,  den  Gelemächten.  oder  den  politischen  Parteien  auch
nur  den  geringsten  Einfluß  auf  die  Besetzung  der  epnstühn  zu  gewähren.
Will  die  Larss  als  Geldgeberin  dis  z  bejetzen?  Dazu  kom
das  ganze  Milien  von  Frankfurt.  Es  leistet  auf  kommunalem,  auf  Gazianen
Schieie  ngegeichnele  als  enee  Industrie=  und  Han  delsstadt  ist
aber  für  eine  Universität  ungeeignet.  Wir  wollen  auch  keine  Outsiderkunrnn
  und  hoffen,  daßt  der  gerituer.  Pius  Jubnan,  kur,  niverinöt

ur  *  wird,  wenn  "h  iin  keiner  Weise  vom  Normaliyp  obw
nister  v.  Trott  zu  Solz:  Die  P#niverkunt  in  #  kann
nur  buch  koniiche  Leain  errichiet  werden.  So  sieht  das  Augemeine

  Landrecht  vor,  das  hier  durch  die  preußische  —  nicht  geendert
  ist.  Die  Einrede,  daß  für  Frankfurt,  dos  erst  später  zu  Preußen
gekommen  ist,  das  Augemeine  Landrecht  nicht  gelle,  ist  hier,  seldt  wenn
man  diese  Einrede  gesten  lasten  wollie,  nicht  von  Bedeutung,  denn  da  kommt
deng  das  allgemeine  deutlche  erkiderich  in  Frage.  Nach  diesem  war
ein  Reservatrecht  des  Kaisers,  die  Universitäten  zu  errichten.  Dieses
#nere  ist  später  auf  zi  Londesfürsten  übergegangen.  Also  nur  im
ege  der  Verordnung,  nicht  im  r  e  der  Gesetzgebung  ist  die  Universität
rank'urt  zu  errichten.  Ich  habe  mich  von  vornherein  den  Frankfurter
h  gegenüber  auf  den  D###  geslellt,  daß  nur  weiterverhandelt
werden  kann,  wenn  es  sich  um  eine  Universität  als  eine  staartliche  Veranstallung
  nach  den  grundlegenden  Bestimmungen  für  die  anderen  Universitäten
  handeln  und  dazu  die  slaalliche  Genehmigung  eingeholt  werden
ie  Ernennung  der  Proicisoren  muß  dauach  dem  Konige  zustehen
wie  bei  den  anderen  Universiläten.  Zu  elwas  anderem  würde  ich  meine
Hand  nicht  bieten.  Selbstverständlich  wäre  danach  auch  ausgeichlossen,  daß
die  Geldgeder  irgendwelchen  Einituß  am  die  Beietzung  der  Lehrstühle  ausüben.
  Selhst  bei  Negelung  der  äusteren  Verhältnisse  der  Finanzen  müßte
jñr  den  Miniiter  jein  Beauitragler  die  Ceschafte  führen,  denn  der  Minister
hat  die  Veramworinug  für  de  Univeri#tät.  Die  Universiiät  muß  vouig
unabhängig  iein  von  dem  Willen  der  Spender.  Dann  ist  nichl  zu  bejürchten,
  daß  in  Zukunft  die  Universitär  untker  dem  Einsluß  von  Dritten
sechen  konnte.  Wir  #ind  dann  in  eine  eingehende  Prüfung  der  finanziellen
ile  der  Sache  eingrireten.  Dieie  Prüfung  hat  mich  vollständig  eirkerig.3
*  Sirenenklänge  der  Stadt  Frankjurt  haben  mich  aber  nicht  rt,  ich
habe  gesant,  daß  ich  nur  unier  der  Vorausseung  über  die  Gaoer  verhaudele,
  daß  eine  wirkliche  staatliche  Universilat  geichaffen  wird.  Wenn
diese  Vorausietzung  aber  erfüll  ist,  so  sehe  ich  doch  keinen  Grund  zur
Ablehnung.  Ich  kann  nicht  glauben,  daß  aus  der  Entstehung  der  Frank,
furter  Universiant  der  Universitat  ürburn  ein  dauernder  Schaden  erwächst.
Trelen  die  Franksurter  Stellen  auf  den  von  der  Regierung  errriglen  i  Bovendann
  werden  wir  prüien.  ob  die?  Vorausfeonnaen  dazu  gegeden  ünd,  daß  hier
eine  staatliche  Anitalt  im  Sinne  des  preusischen  Landrechts  entsteht.  Ist  das
der  Fall,  dann  halle  ich  mich  für  berechtigt,  dem  Anlrag  zumstimmen.
        <pb n="105" />
        Hs  Meilche  Keich  und  srine  rinzelurn  Gliedrr.  (März  27.  und  28.,  95

Abg.  Dr.  Bredt  (Frk.):  Weine  tst  siehen  dem  Plan  der  Errichtung
ceiner  Universität  in  Frankfur#  urchaus  unsympathisch  gegenüber.
Richtig  ist,  daß  der  König  i.  V.  geben  .  et
anderes-vquobwäscht-Landsman-bndgelkechllschcaGründenfeine
sisssucsnnunqgebeaaß.OdkqunnlimittgenvaIedentttePtoicIIarsmt
Instituts-Mittelnetc-OnlinedeBedlltd  III  daß  anf  die  Thro--logie
  aue  grundsäylichen  Erwägungen  nicht  haben  will.  s  ist  doch  keine
preußische  Univers#tät  mehr.  Die  wesentlichen  #een  der  neu-n  Universität
tragt  ubrigens  nicht  Frankfurt,  sondern  Marburg.  Die  Hinweise  auf  die
Universitäten  Leipzig  und  Jena  besagen  nichts,  denn  die  beiden  Hochichulen
liegen  in  anderen  Bundesstaaten.  Die  Anträge  bilte  ich,  an  die  Budgetkommission
  russpwwerwei  jen.

d'Haussonoille  (K.):  Wir  stehen  der  Sache  mit  getcilten
Gesühlen  r.t.  und  bedauern,  daß  die  theologische  Jaiulick  in  dem
Plane  nicht  vorseieden  ist.  Den  Antrag  Borchardt  lehnen  w  .
Ab  r.  d.  Campe  Mi.):  Wenn  die  Siadt  sich  aiannelptch  mit  einer
bestimmten  —  für  die  Universität  einjenzt,  so  ist  dieie  Summe  A##
Frage  des  Etats  mehr,  die  von  wechselnden  Mohrheiten  abhängig  ist.
bniervatien  Antrag  können  wir  annehmen,  aber  die  Einstellung  tiblinden
  Titels  in  den  Eiat  lehnen  wir  ab.  Jit  erst  ein  Titel  im  Etat,  so
kommt  auch  weileres  nach.  zweite  Teil  unseres  Amrages  auf  Vorlegung
  der  Vertröge  mit  den  Keie  Behörden  für  die  Genchmigung
E—  Universität  deruht  aus  der  Erwägung,  daß  wir  uns  klar  werden  ͤlten
über  die  staatsrechtlichen  Fragen.  Wir  denken  nicht  daran,  dadurch  in  das
echt  der  Krone  einzugreifen.  Diese  sämtlichen  Amträge  nochmals  en  die
Lemmisin  zu  überweisen,  erscheint  Überflüssig.  Die  Frage  ist  spruchreii.
Ii  sich  um  eine  groß#ügige  Sek  die  man  nicht  durch  Verhandungen'
  —  Slemigteiten  brirs-ligen.
Abg.  Li  ch  Die  En  Franksurt  will  die  Universitkät
nicht  um  der  seben  Forschung,  sondern  um  der  Geldvorteile  willen,  die
damit  verbunden  sind,  und  weil  die  Studierenden  die  Berechtigung  baben
sollen.  Das  heißt  die  Selbstverwallung  um  ein  Linjengerich  preisgeben.
Wird  die  Universität  jetzi  abgelehnt,  sjo  wird  die  Siadi  genötigt,  den  von
meinen  Pareeigenoisen  in  Frankiu#t  vorgeichlagenen  Weg  zu  betreten.
Enticheidung  über  die  Antröge.  Ein  Amtrag  auf  Verwei#ung
der  Amträge  in  die  Budgetkommission  wird  gegen  Zemrum  und  Poten  abgelehn:
  Der  Antrag  Friedberg.  der  die  Zustimmung  zur  Gründung  der
Unwersirät  davon  abhaongig  machen  will,  daß  der  Charakter  dre  Universitä#
als  einer  itaatlichen  Veranitaltung  im  Sinne  des  prenßiichen  Landrechts
nach  jeder  Richlung  hin  gewahrleistet  wird,  daß  die  Rechte  der  Regierung
und  der  Fakultaten  übereinstimmend  mit  den  Verhältmissen  der  anderen
Unioeriinanen  geregelt  werden,  daß  die  Freiheit  der  willenichaftlichen  Lehre
d  Forichung  üchergesteut  wird,  doas  auch  jür  die  Zukunft  Gewähr  gebonn
  wird,  daß  Staatemittel  für  die  Univerürtät  nicht  in  Aniuruch  grr
nommen  werden  und  daß  die  mit  dru  Frankinrier  Behörden  niw.  a
geschlvisenen  Veriräge  vor  der  J###  zur  Gründung  dem  Abgrordnetenbanie
  vorgelegt  werden,  wird  unverändert  angenommen.  Damu  erledigt
lich  der  erste  Teil  des  konservativen  Amrugs,  drr  w  will,  daß  die  üinan  ielle
Selbständigkeit  der  Univeri#lät  für  die  erte  Einrichtung  und  die  Daner
jeüges#ellt  wird  und  die  Ordunng  der  Verhalinisir  dieier  Universilät  nach
den  Grundsäten  jestgelegt  wird,  die  für  die  nbrigen  preu#ichen  Landrsuniveri#läten
  gelten.  Der  zweite  Teil  (Einstellung  dre  blinden  Tilelc  wird
abgriehnt.  Der  Antrag  Schmedding  zugnusten  Marburgs  und  Münners
li.  22.  Märgi  wird  angenommen.
        <pb n="106" />
        96  Des  Deullche  Reich  und  friine  rinzelnrn  Glicder.  März  23.)

23.  März.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Bei  der  Fortsebung
  der  Generaldebatte  zum  Elat  des  Außern  antwortet  der
Ministerpräsident  Dr.  Frhr.  v.  Hertling  auf  die  Fragen  und  Angriffe
  der  Opposttion:

Ich  bleibe  darauf  bestehen,  daß  für  mich  die  Vorgänge  des
Novembers  der  Vergongenheil  angehören  und  die  Auflösung  des  Landtags
lediglich  anzuiehen  ist  als  eine  im  Konstitmionalismus  vorgeiehene  Manregel
  zur  Löjfung  sonst  nicht  heilbarer  nonililte.  Die  Mittel  zur  Erfüllung
des  Staatszweckes  sind  mannigiacher  und  wrchselnder  Art  und  die  einzelnen
Mittel.  die  ergriĩsen  werden,  löjen  jich  alsbald  wieder  in  ein  gonzee  S'item
von  Miliein  und  Zwecken  auf.  Die  Auswahl  dieier  Mittel  ist  das,
man  Politit  ngunt  und  dazu  gehört  auch  die  Auswahl  der  Minineer.  7n
die  Krone  n  der  Auewahl  der  Minister  frei  und  unverantwortlich  ist,  ist
ein  Geseh,  das  55  u  Hauie  nicht  beitritten  wurde.  Also  nicht  die  Lontinnität
  des  Herrscherwillens  steht  in  Frage,  sandern,  böchmens  ein  Wechsel
der  Polilik,  für  den  daun  die  einzelnen  an  die  Spi#e  des  Ministeriums
*  Aläner  einzutreten  haben.  (Lebhaftes  OHor#l!  Hor!“  Der  A

Rũller  ·  oĩ  hat  auch  von  dem  parlamentarijchen  Regime  geiprochen.  Herr
Nollege  WMũñller.HSoj  tHeiterleit  l.  und  Auruse:  Nollege  ist  jehr  gur!,  wenn
ein  Ministerium  die  Mojorität  nicht  krät.  Hann  wilt  es  eben  ab.  Dem
Abg.  Munller.  München  mochte  ich  sagen  #ndie  Aufsassung,  als  habe
Reichsrat  v.  Auer  mich  nur  deshalb  dem  #e  n  für  das  Minitterpräsidium
vorgeichlanen,  weil  ich  mich  in  meinen  sozialpolitischen  Anichauungen  ienen
des  Herru  Reichsrats  v.  Auer  angehastt  hätte,  durchaus  nicht  zurreffend  ist.
Ich  habe  mit  Herrn  Reichsrat  v.  Aurr  überhaupt  kein  Wort  vor  meiner
Veruiung  geiprochen  und  es  ist,  alo  die  Berniung  on  mich  erging,  nach
keiner  Seite  irgendeine  Bedingung  oder  Richtlinie  mir  vorgezeichnet  worden.

DHerr  Abg.  Dr.  Müller-Meiningen-Hof  jagie:  Es  gibt  keine  Imrige  der
leuien  Zeit,  bei  der  der  Name  v.  Oerkling  nicht  eine  Rolle  spien.  Ich  bin
nicht  in  der  Lage,  alle  die  Neirungen,  auf  die  er  sich  bezieln,  zu  leirn.  Ich
weist  nur.  daß  z.  B.  ein  Spasvogel  dem  Berichnerstatter  der  „Germania“
auisgebunden  hat,  es  jei  mir  ein  Salonwagen  zur  Veriügung  gesicI##  worden.
Ich  bin  den  Vegebenbeiten  im  November  vollkommen  fern  gewesen.  Aber
ich  habe  jent  aus  „diesen  Verhandiungen  versichen  gelerm,  daß  Sie  über
den  Ausgang  der  Dinge  nummig  und  unzuirieden  sind.  Ich  habe  daraus
uriehen,  dast  Sie  die  Anilöfung  des  Londtages  mit  ganz  anderen  Aussassungen,
  gang  anderen  Erwariungen  begleitel  haben,  als  sic  durch  den  Ausgaug

  der  Wahlen  und  die  Berujung  des  neuen  Winisterinms  er  jũllt  worden
sind.  dus.  egreiie  ich,  aber  ich  lann  gegen  die  Talsa

in  den  vorhergegangenen  Verhandlungen  varou  bingewicien
worden,  datn  an  dem  Ausgang  der  Wahl  das  schlechte  Wahlgesetz  schuld
lei,  und  man  daran  denken  müsie,  dieses  Wahlgesetz  durch  ein  besleres  zu
erieben.  #Vebhafter  Beifall  1.)  Ich  nehme  nach  Ihrem  Beifall  an,  doß  wir
uns  vielleicht  noch  im  Lauie  dieser  Seision  mit  NAurrägen  auf  Abänderung
des  Wahlgrictes  zu  beichäftigen  haben  werden.  Darum  erkläre  ich  schon
ict,  es  kann  gar  keine  Rede  davon  sein,  daß  sich  die  Regierung  dazu
bringen  läszt,  im  Wahlgesen  eine  Aenderung  oder  gar  eine  Tumeial.
mug  zu  beamragen  Doört:  Hört!  I.),  in  einem  Wahlgeietz.  dos  erst  o“
wenigen  Jahren  auigebaut  wurde  auf  Grundlagen,  die  vom  Landtag  eibi
EIIIII  Hort!  Hörtlr.)  Es  wurde  auch  ugebeue  dast
die  Regierung  den  Beamten,  die  im  Wh  für  einen  Sozia
krolen  gestimmt  haben,  nachtröglich  den  Prozeß  machen  wolle.  Karen
        <pb n="107" />
        l#s  Meulfhr  Rrich  und  seine  einnelunn  Glicder.  (März  28.)  97

denkt  die  Regi  erung,  w  und  konn  gar  nicht  daran  denken.  Ich  mache  aber
daraus  kein  96  n  daß  ich  es  für  ungehörig  halle,  wenn  in  einem  monarchischen
  Staat  ein  Staalsbeamter  für  einen  Sozialdemokraten  eintritt.
Lebabeer  Widerspruch  "  Ruie:  Neichstagswahlen!  Ausgezeichnet!  Das
ist  Konseauenzl)  Wer  als  Beamter  in  den  Dienst  des  s  Staates  trilt,  ist
verpflichiet,  auch  für  den  %%  als  solchen  einzutreten  und  in  seiner  Stellung
für  Aufrechterhaltung  der  bestebenden  Staatsordnung  zu  wirken.  Daraus
solgt  für  uns,  daß  ein  Angehöriger  der  Sozialdemokratie  michr  als  Staatsbeamter
  angestelt.  werden  kann.  Das  gilt,  wie  ich  vorweg  sage,  vor  allem
bezüglich  der  Beslätigung  der  Bürgermeister.  Ich  halie  das  Ziel  der  Sozialdemokrotie
  für  eine  Ucopic.  Ich  werde  mich  einer  solchen  Entwicklung  nicht
in  Ruhe  sügen.  Sie  wollen  diese  Entwicklung  beschleunigen,  ich  will  sic
u  meinem  Teil  und  mit  meinen  schwachen  Kräften  aushalten.  Ich  will,
ghorei  mir  dies  meine  Aufgobe  im  monarchischen  Staat  vorichreibt,  dafür
gen,  daß  die  Grundsagen  unserer  heutigen  Gesellichaftsordnung  unerseten.
  bleiben.  Bavern  ist  im  Vollzug  der  W6-kigelltichen  Leiespebung
himier  keinem  anderen  Bundesstaat  zurückgeblieben,  so  soll  n  Zu  ·
kunft  bleiben.  Wir  werden  den  Arbeitern  entgegenkommen,  kwtltustn.  die
Jinee  des  Staates  erlauben.  Was  die  Kunurfragen  anlangt,  so  muß
ich  dem  Abg.  M#ll#e  Mlricinun  sagen.  daß  ich  meine  Mstenishchung  für
mindestens  ebenso  berechtigt  halte,  wie  er  die  seine.  Es  liegt
tag  ein  Antrag  auf  Aushebung  des  Jelistengefesel  vor.  Wir  ven  den  14.
zuwarten  haben,  ob  eiwa  durch  Au  shebung  desselben  der  Jesuitenangst
Dr.  Müllers  Bahran  gegeben  w
Ich  komme  nun  zur  Bd  VBayerns  zum  Reich.  Hier  hat
Dr.  Müller  auf  die  Gefahr  hingewiesen,  die  aus  der  Berufung  meiner
Person  an  die  Spie  des  bayeriichen  Ministeriums  der  deutschen  Politik
erwachsen  könnte.  Er  hat  gemeint,  es  sei  Jtalien  gegenüber  keine  Aeußerung
  der  Höflichkeit.  #iderzwo  las  man  sogar,  der  Friede  könnte  dadurch
bedroht  werden,  ich  sei  auch  ein  Feind  des  Dreibundes;  es  Wunte  zu  Verwicklungen
  mit  Jkolien  kommen.  Dr.  Mütller  ist  zwar  nicht  päpstlicher  wie
der  Paypst,  aber  italienischer  wie  die  Jtaliener:  denn  meine  Ernennung  hat
in  Jlalien  wirklich,  und  dos  könnie  mir  beinahe  leid  tun,  gar  kein  Aufsehen
  hemacht.  Nun  hat  allerdings  der  Abg.  Dr.  Müller  sich  auf  eine  Rede
beruien,  in  der  ich  der  Zerlwümmerung  des  rrs-  und  der  Widerherstellung
  des  alten  nirchenünates  das  Wort  geredet  hälle.  Ich  habe  e
eingigce  Mal  auf  einem  Natholikenlag  über  ein  verwandies  Thema  ge  prechen
und  dort  gesagt,  ½%  ich  von  der  Stellung  des  Paystes  im  heutigen  Rom
sprach:  „Wollen  wir  darum  kriegerische  Verwicklungen  heraufbeichwören,
weil  wir  einem  gwntian  umine  der  heutigen  Verhältnisse  dos  Wori
reden,  in  der  Hosfi  daß  aus  den  Trümmern  des  heutigrn  Italien  der
alle  Kirchenstaat  "  Mdn  —  hite  liegt  uns  jerner  als  das.  Was
wär  auch  von  dieser  gewallsamen  Asstanu  zu  erhoisen?""  Mir  icheint,
das  ist  dos  Gegemeil  von  dem,  was  mich  Abg.  Dr.  Müuller-Hof  hat  sagen
lassen.  Zur  Frage  der  Reichsfinanzen  gs  ich  ausdrücklich  gesagt,  dan
ich  sie  nicht  so  anfjaise,  als  ob  wir  genöligt  wören,  uns  für  Vorlagen  ins
geug  zu  legen,  wenn  sic  keine  Aussichten  hätten,  durchsukommen  bei  der
bestehenden  Vorteltonstellalton  im  Reich.  Ich  habe  allerdings  dabei  an  die
Erbschaitofteuer  gedacht,  ich  brauche  das  gar  nicht  zu  verl  heimlichen.  Ich
habe  für  Bauern  nur  ron  Recht  in  Anivruch  genommen,  eine  unmogliche
—  nicht  mit  besonderer  Euergie  unterstützen  zu  wollen.  Das  war  schon
damals  meine  Meinung,  die  dann  im  Bunoesrat  einstimmig  geteil  wurde.
Wenn  wir  der  Meinung  waren,  man  solle  die  Einnahmesäze  des  Eiats
noch  einmal  sorgianig  prüfen,  so  war  ich  und  der  Finonzminister  weil  da-Guropaischer
  Weschichtetalender.  I.  III.  7
        <pb n="108" />
        98  He  Haallir  Nrich  1sd  seisz  einzelss  Glirder.  (März  28.  29)

von  entfernt,  giner  leichtsinnigen  Berechnung  dieser  Einnahmen  das  Wort
u  reden.  Als  alier  Parlamentarier  weiß  ich,  daß  man  eine  Zeitlong  die
innahmen  zu  bac  ansetzte.  In  diesen  Fehler  wollen  Gwir  als  die  Vertreter
  Bayerns  im  Bundesrat  nicht  zurückjallen.  Die  Einnahmen  sollen
durchaus  vorsichtig  angesezt  werden.  Daß  die  zn  n  für  die
gesteigerte  Schuldentilgung  *  verwenden  seien  und  daß  keine  Ausgabe  dewilligt
  werden  soll  ohne  Deckung,  zu  diesem  Grundsaß  betenne  ich  mich
auch  beee  no  #  Bundesrat  war  der  Meinung,  das  er  durch  den  Vor  ·
schla  lver  Liebesgabe  die  bürgerlichen  Parteien  in
der  gn  bercipigen  könnte.  Für  vaee  Aussass  süng  konnte  sich  der
Vundesrat  auf  die  Rolle  berusen,  die  die  Abschaffung  der  Liebesgabe  im
Wahlkampf  anwielt  hat.  Die  agitaiton.  gegen  die  e#sge  abe  wurde  mit
beso  nderer  Energie  von  seiten  der  Liberalen  getrieben.  J
klärt,  daß  wir  auf  diesen  luen  der  treten  können  unter  Jrorpoh  eines
arien  Schunes  für  die  süddeutschen  Brenner,  für  die  die  Liebes-6u
  an  keine  Liebezgade,  leugern  nur  ein  Ersatz  für  die  er-#obervon
  ebang  angenc  war.  Ich  nach  wie  vor  nicht  glauben,  dab
das  geiomte  deutsche  Bolk  keine  s  Sei#u  habe  als  die,  daß  endlich
das  Kindeserbe  versteuert  werden  möge.  Schon  1909  habe  ich  das  ausgesprochen.
  Wenn  eine  weitere  Ausdehnung  der  “  kommen
solltc,  so  würde  dos  als  eine  dira  necessitas,  aber  nicht  als  die  Erfüllung
eines  lang  gehegten  Wunsches  auseefoit,  weden-  *  wünsche  dem  Auslande
  gegenüber,  daß  wir  nicht  nur  einig  sind  in  der  Unerlennung  der
Notwendigkeit,  die  Wehrhastigkeit  des  PHauchchen  Reiches  zu  stärken,  sondern
auch  einig  lind  in  der  Aufbringung  der  notwendigen  Minel  und  daß  wir
hier  nicht  wieder  in  innere  Arisen  verwaisen.  werden,  die  dem  Ausland
allein  zur  Frende  gercichen.  Das  habe  ich  auch  im  Bundesrat  vertrelen.
Von  der  linken  Seite  des  Hauses  ist  mir  in  wechselnden  Variationen  Mißtrauen
  angekündigt  worden.  Ich  habe  mich  mit  der  Hoffnung  getragen,
da  aß  es  bei  allem  Festhauen  der  Hrinzipiellen  Gegensätze  gelingen  würde,
in  praktischen  Fragen,  wie  sie  uns  allein  in  diesem  Hause  zu  beichäfligen
haben,  zu  einem  modus  vivendi  zu  kommen.  Wenn  diese  Hoffnung  aich
betrogen  hat,  meine  d  aer  dann  muß  *  an0,  anders  gehen.  (Lebhafter
Beifall  im  Z.  und  bei  den  K.,  große

28.  März.  *  hrichsgeschblat  u.  16  bringt  das  Marokkound
  Kongoabkommen  mit  Frankreich.

28.  März.  (Elsaß-Lothringen.)  Die  Zweite  Kammer  setzt
den  früher  abgelehnten  Gnadensonds  des  Kaisers  wieder  in  seiner  ursprünglichen
  Höhe  ein  und  nimmt  ihn  mit  33  gegen  24  Stimmen  an.

29.  März.  (Bayern.)  In  der  Abgeordnetenkammer  spricht
Ministerpräsident  Frhr.  v.  Herkling  über  die  Bedeulung  des  Drei.
bundes,  den  Ausschuß  für  auswärtige  Angelegenheiten  und  die  internalionale
  Schiehagerichtsbewegunge

e  mich  niemals  gegen  den  Dreibund  ausgesprochen,  und  ich
sehe  in  dem  t  des  Dreibundes  eine  Garamic  gegen  einen  europäischen
Rricg.  Was  den  Ausschuß  jür  auswäriige  Angelegenheiten  #  so  hat
dicjer  seine  Bedemung  und  soll  sic  auch  behalten.  Ich  bin  der  Meinung,

aß  es  jür  den  sodermioen  Charakter  des  Reichs  nur  jörderlich  ist,  wenn
in  auswärtigen  Fragen  die  Bundesstaaten  gelegemtlich  miteniprechen  haben.
Sollie  dieser  Ausschuß  benenanden  Anteil  an  der  Leuung  der  auswärtigen
        <pb n="109" />
        Das  Deaisqᷣt  Neich  und  seiur  rinteluun  Glieder.  (März  29.—31.)  99

15  nehmen,  so  würde  er  sich  nur  als  Hemmschuh  erweisen.  Der  Ausschuß
  würde  mit  seinen  Entscheidungen  auch  viel  zu  spöt  komeen.  u
ich  schäde  die  Bedeung  dieses  Ausschusses  trotzdem  ziemlich  boch  J
halte  es  für  werwoll,  daß  in  auswärtigen  Fragen  die  Weichsfeitung.  64
mit  den  Cinseemreenen  ins  Benehmen  setzt  und  daß  darüber  ein  Gedankenaustausch
  staufindet.  Ich  könnte  mir  auch  Fälle  denken,  wo  eine  Berührung
der  auswärligen  Politik  staniindet  und  ein  solcher  bndiicher  Austausch
allerdings  daun  von  gesteigerter  Bedemung  sein  würde.  Dem  früheren
Ministerpräsidenten  Grasen  v.  Podewils  ist  es  gelungen,  eine  periodi
Einberusung  des  früher  völlig  schlummernden  Ausschusses  berheizuführen.
Ministerpräident  kam  sodann  zu  die  internationale  S
gerichtder  n  zu  sprechen  und  erklärte,  daß  er  ihr  wohlwollend  ree
überstehe.  Obwohl  er  den  #rieg  für  das  schwerise  Unglück  halte,  werde  er

kriegerische  Umernehmungen  unter#tützen,  wie  es  Nordamerika  gegenüber
Mexiko  geton  habe.  Wenn  das  Deutsche  Reich  sich  in  veser  Frage  bisher
elwas  zurüchaltend  grFeint  habe,  so  5E%  doch  gerade  das  Deumiche  Reich
durch  seine  auf  eine  große  Wehrmacht  geslützte  friedliche  Poli##k  tatiächlich
mehr  zur  Erhaltung  des  Friedens  beigetragen,  als  die  gewiß  lehr  ut  gemeinten
  Friedensbestrebungen,  für  deren  Förderung  er  gern  im  Ausschuß
für  auswärtige  Angelegenheiten  eintreten  werde.

29.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Nach  dem
Berichte  des  Vorsitzenden  der  Staalsschuldenkommission  hat  sich  die
Staalsschuld  im  Etatsjahr  1910  um  20¼  Mill.  Mark  vermindert
und  stellte  sich  am  31.  März  1911  auf  9379552596  Mark  31  Pfennig.

3..  März.  (Nauen.)  Infolge  eines  heftigen  Sturmes  stürzt
der  200  Meter  hohe  eiserne  Turm  der  Telefunkenstation  ein.

30.  März.  (Frankfurt  am  Main.)  Oberbürgermeister
Adickes  nimmt  seine  Entlassung  und  wird  Vorsizender  des  Aussichtsrats
  der  Dresdener  Bank.

3.  März.  (Köln  am  Rhein.)  Der  Zentrumsabgeorducte
Roeren  erklärt,  daß  er  mit  Rücksicht  auf  die  Meinungsverschiedenheilen
  Über  den  Charakter  des  Zentrums  seine  Mandate  für  den
Reichstag  und  Landiag  niederlege.

31.  März.  (Franksurt  am  Main.)  Der  Vorstand  des
Reichsverbandes  der  nationalliberalen  Ingend  verwahrt  sich  gegen
alle  Versuche,  ihn  einzuschränken,  weil  sie  in  dieser  ernsten  Zeit
den  Fortbestand  der  Partei  auf  das  schwerste  gefährden  müßtlen.

31.  März.  (Köln  am  Rhein.)  In  einer  Volksversammlung
erklärt  sich  der  fortschrittliche  Abg.  Dr.  Wiemer  für  ein  Zusammengehen
  mit  den  Nationalliberalen  unter  der  Vorauesehzung.  daß  bei
ihnen  Bassermanns  Richtlung  entscheidend  bleibe.

Dagegen  äußert  er  sich  sehr  ikerisch  über  Palte  mit  den  Sozialdemokraten.
  Die  Disziplin  im  sozialdemokratischen  §s2½"  *  übrigens
        <pb n="110" />
        100  es  Beuische  Nrich  und  srine  rinzelurn  Glirde.  (März  31.—Apr  2.)

nicht  im  erwarteten  Maße  vorhanden  gewesen,  man  habe  dort  nicht  9t.
seten,  was  man  versprochen.  Zu  Stichwahlabkommen  mit  den  rechisehenden
  Parteien  sei  es  nicht  zu  haben  gewesen.

S1.  März.  (Berlin.)  In  der  Generalversammlung  des  Verbandes
  der  sozialdemokratischen  Wahlvereine  für  Großberlin  wird
das  Stichwahlabkommen  mit  den  bürgerlichen  Parteien  fast  einstimmig
  verurteilt,  weil  „dadurch  unsere  Genossen  in  16  Wahlkreisen,
  in  denen  wir  mit  dem  Freisinn  in  Stichwahl  standen,  verpflichtet
  wurden,  die  Wahl  des  fortschrittlichen  Kandidaten  durch
Dämpfung  des  Wahlkampfes  zu  sichern“.

Ende  März.  Statisit  des  Seeverkehrs  in  deutschen  Hafenplätzen
  im  Jahre  19

Nach  de  W⅜  im  4.  Teil  des  Bandes  244  der  Statisch
des  Deutschen  Näiches  lind  im  ganzen  deutschen  Küstengeeert  im  Jahre  19
224  Schisfe  mit  einem  Raumgehalic  von  600  134  3109  Registertons  16%
zu  Handelszwecken  angekommen  und  abgegan  Sgen,  5  das
1607  Schiffe  (2,1  v.  nznr  und  3004287  Registertons  (5.3  v.  H.)  mehr.  Im
Jahre  1875  hatte  die  Summe  aller  im  Demichen  Reiche  ein-  und  ausgelaufenen.
  Schisse  8755  mit  12722  710  Registertons  Raumgehalt  betragen,
seildem  hat  also  die  Schifeahn  eine  Vermehrung  um  156,3  v.  H.,  der  Raumgehalt
  *  .7  v.
der  Sesnutunt  u  im  Jahre  1910  im  Deutschen  Reiche  angezemne,
  und  abgegangenen  Schiffe  gehorten  174197/77,6  v.  H.  der  Gesamtzahl)
  mit  35733647  Registerrons  (59,4  v.  H.  des  eGrigmnbrauumgehonh  der
geuonn  Flagge  an,  von  den  Damwsichiffen  1114095  mit  30819  789  Register-(78.7
  v.  I.  der  Geiamtzahl  und  57.8  v.  D.  des  Gesamtgehalts  aller  an.
zaienlneis  und  abgegan  ngenen  Damvjer
l  der  Seereiien  deuticher  hiie  slellie  sich  auf  106  164,  der
dabei  zur  Fe  gclangee  Netloraumgehalt  aui  50  105  108  Register-R
  E  des  Schifsf  so  oft  gerechunct  wurde,  als  es  Reisen  ausführte.
3  3%  1909  ihice  hat  die  Zahl  der  Reisen  dentscher  Schiffe
*  ——  oder  2,5  v.  H.,  der  bewegte  Raumgrhalt  um  2696  70#  Registertons
  oder  er  v.  H.  zugenommen.

1.  April.  (Danzig.)  Der  Landtageabgeordnete  Rittergutsbesitzer
  Arndt  t.
2.  April.  (Eljaß-Lothringen.)  Kompromiß  über  den  sog.
v17ligekonde,
der  Zweilen  Kammer  wird  der  erst  hestrichene  Geheime  Polizeisonds.
  den  44000  Mark  in  anderer  Form  und  nur  in  Hohe  von  30000  Mark
beim  Kopitel  für  allgemeine  bolizeiliche  Zwecke  wieder  eingestellt  und  genehmigt.
  Die  Regierung  haue  zuvor  in  der  Budgeikommission  Erllärungen
abgegeben,  die  dem  Parlament  eine  gewiiie  nomtrolle  über  den  Fonds  ge.
währleisten.  Während  die  Abgg.  Wolf  (V.),  Haun  (J.)  und  Weber  (Loihr.)
im  Namen  ihrer  Parteien  erbien.  wür  den  Fonds  4  stimmen,  achdem
Kautelen  gegeben  seien,  bekämysfte  ihn  b  er  Abg.  Enimel  (Sd.),  da  politiiche
ißbräuche  mit  dem  Geld  bejürchtet  werden  münten.  Eanrn  hrikech.
Mandel  erklärte,  die  Regierung  werde  versuchen,  mit  dem  gekürzlen  Fonds
        <pb n="111" />
        Dat  Dersqe  Reiq  nub  seiate  einzeinen  Elieder.  (April  3.—15.)  101

auszukommen;  wenn  es  aber  nicht  gehe,  werde  man  wieder  an  das  Parlament
mit  Forderungen  herantreten.

3.  April.  (Berlin.)  Anläßlich  der  Eröffnung  der  „Allgemeinen
  Luftfahrzeugausstellung“  (Ala)  kündigt  Prinz  Heinrich  eine
Nationalspende  fÜr  das  deutsche  Flugzeugwesen  an  und  begründet
eine  „wissenschaftliche  Gesellschaft  für  Flugtechnik“.

3.  April.  (Berlin.)  Abreise  der  Kaiserin  nach  Bad  Nauheim
  zur  Kur.

3.—14.  April.  Reise  des  Reichskanzlers  zum  Kaiser  über
Brindifi  nach  Korfu  und  von  dort  zur  Kaiserin  über  Brindift,
München  nach  Bad  Nauheim.

10.  April.  (Bayern.)  Graf  Eckbrecht  von  Dürckheim-Montmartin,
  Kommandierender  General  des  zweiten  bayerischen  Armeekorps,
  61  Jahre  alt  in  Locarno.

11.  April  (Stuttgart.)  Herzogin  Wera  Konstantinowna
von  Württemberg.  Großfürstin  von  Rußland,  #  an  einem  Schlaganfall
  im  58.  Lebensjohre.

14.  April.  (München.)  Der  neuernannte  ruffische  Gesandte
Baron  v.  Korff-Schmising  k  unmittelbar  nach  seiner  Ankunft  an
einem  Schlaganfall.

14.  April.  (Gannover.)  Die  Unzufriedenheit  der  Alldeutschen
mit  der  Wehrvorlage.

Der  Alldeutsche  Verband  nimmt  nach  einem  Referot  des  Generals
Keim  über  die  Heeres-  und  Flottenvorlage  eine  Resolution  an,  in
die  angekündigte  Heeresvorlage  für  unzureichend  erklärt  wird.  Die  Vo  er
lage  weise  empfindliche  Lücken  organisatorischer  Art  auf  und  nütze  die  verfügbare
  Volkskrait  nicht  genügend  aus,  um  dem  Demsischen  Reiche  zu  Lande
unbedingt  militäriich  die  erste  Stelle  zu  sichern.  Infolge  der  Nichtannohme
des  Dreiertempos  im  Bau  von  Großkampsschifien  eriülle  die  Flontenvorlage
ihren  dringlichen  Zweck  nicht,  Deutschland  gegen  einen  Ueberfall  zur  See
zu  schüßen.

15.  April.  Ernennungen  im  Golorialdienk.

dum  Gouverneur  von  Togo  wird  Herzog  Adolf  Friedrich  zu
Mecklenburg,  zum  Gouverneur  von  W-  Lnafeile  ber  Direlior  im  Reichskoloniolamt
  Dr.  Schnee  und  als  Nachfolger  desjelben  der  frühere  Gouverncur
von  Kamerun,  Dr.  Gleim,  ernannt.

15.  April.  (Reichstag.)  Vorlage  der  Ergänzung  des  Ekatsentwurfes
  für  1912  mit  einer  Denkschrift  über  die  Deckung  der
Kosten  und  endlich  der  Gesetzentwurf  über  die  Beseitigung  des
Branntweinkontingents.

In  der  Hauplache  enthält  die  Militärvorlage  nach  der  Zusommenfallung
  der  „Nordd.  Allgem.  Zig.“  eine  Neueinstellung  von  17  Bakaillonen
Infamerie,  6  Eskadrons,  41  Feldartilleriebatterien,  6  Balaillonen  Pionierc,
        <pb n="112" />
        102  Dae  Dertsiqe  Rtiq  and  seine  einielnen  Glicdet.  (April  15.)

Verkehrstruppen  und  Train,  106  Malchinengerehriom  mien,  serner  Etotserhöhungen
  an  Mannschaften  bei  der  Infanterie,  Feldartillerie  und  den
Verkehrstruppen,  endlich  eine  Anzahl  neuer  Fenanwobehöroen  wornuter
insbesondere  zwei  Generalkommoandos  hervorzuheben  sind.  Die  Friedenskusensstarte
  steigt  dadurch  um  rund  29000  Mann,  die  dadurch  Alrueen
Kosten  betragen  in  den  Jahren  1912  bis  1917  795  „,5,  101,  78,  58,  62
62  Millionen  Mark.
b%Novele  zum  Flottengesetz  sieht  zur  Belttigung.  grgamistorilcher
Mibstände  die  allmähliche  Bildung  eines  dritlen  aktiven  Geichwaders  vor,
und  zwar  durch  Verzicht  auf  das  d  und  *  zurzeit
vorhandene  Materialreserve,  sowie  durch  den  Bau  von  3  Linienschissen
und  2  kleinen  Kreuzern;  weiter  verlangt  siet  bine  Personalvermehrung,  Beschaffung
  Fiaiger  Lustschisse  und  Vermehrung  der  Umersestae.  Die  PKosten
werden  1912  bis  1917  betragen:  15,  29,  39,  40,  44,  43  Millionen  Mark,
wovon  aus-  einmalige  Ausgaben  entsallen:  14,  7.  29,  25,  24,  18  Millionen


eckung  der  Mehrkosten  stehen  zunächst  für  das  Jahr  1912
eine  Rate  von  reiumane  zur  Veriügung,  die  bei  der  Ausstellung
des  Eiaots  im  Frühherbst  noch  nicht  zu  rse  waren,  auf  die  aber  jetzt
gerechnet  werden  sunw  enamen  ich  45  Millionen  Mark  an  go  öllen  und  Sieuern,
sowie  rund  15  Millionen  Mark  an  Ueberschüssen  der  Eisenbahn=  und  Postverwaltung
  einschieloich  Gleichungsbeiträgen.  Bei  der  Verzinsung  der  in
den  letzten  Jahren  durch  Tilgung  verminderten  Reichsichuld  laisen  sich  10
und  durch  Ermäßigung  der  Nosten  für  den  Nord-Ostieckonal  infolge  langsamerem
  Voranschreiten  des  Sa  gleichialls  10  Millionen  Mark  sparen,
so  dah  insgesam  30  Milion  m  Mark  mehr  zur  Verfügung  stehen,  als  bei
der  Vorsege  des  Etats  a
Den  feienen.  aurs  rran-  die  Aushebung  des  Branntweinkontingents,
  das  1912  14,5  und  in  jedem  der  jolgenden  Jahre  36  Milionen
  Mark  wndnenn  14.  ergeben  soll.  Das  Komingem  wird  außer
ür  Bayern,  Würktemberg  und  Baden  aufgehoben  und  in  dieien  Staalen  für
gewerbliche  Brennereien  auf  5,  für  andere  Brennereien  au'  7,  50  Mark  herabgesetzt.
  Für  die  kleinen  Obübrennereien,  sowie  für  kleinere  landwirtschaftliche
Prennereien  bleiben  besondere  Schutzvorschriften  bestehen.  Damit  verbinden  sich
einige  Verbesierungen  des  übrigen  Branntweinstenergeseves,  jowie  dos  Verbot
der  Verwendung  von  Methylallohol  zu  Nahrungs-  und  Genusiminemn  usw.
Die  Verwendung  der  Ueberschüsse  aus  dem  Jahre  1911  sowie  der
im  Jahre  1912  zu  erzielenden  liberschüsse  bleibt  der  Vestimmung  der
nächstjährigen  —  überlasien.  Die  dem  Ergänzungeckat  beigefügte
Deulichrift  berechnet  die  Vornwschtat  Emtwicklung  der  Ausgaben  und
Einnahmen  in  den  nächsten  Jahren  unter  Berücküchtigung  des  Umstandes,
daß  die  Zuckersleuer  am  1.  #n  11914  und  die  Grundwechielabgabe  am  1.  Juli
1911  ermäßigt  werden  soll.  Sie  kommt  n  dem  Ergebnis,  daß  die  Kosten  der
Sehrvorlagen  ohne  wesentliche  Beeimträchtigung  der  von  den  verbündeten
Regierungen  im  Einverständnis  mit  dem  Reichelag  geplanten  Gestaltung  des
Entraordinariums  und  der  Snenee  bestruten  werden  können,  unter
den  Vorameirbungen,  daß  die  Grundiäue  #i#  poriamer  Wirtschaftsführung
Gewio  gewahrt  bleiben,  wie  in  den  leyten  Jahren,  daß  die  goegemwartige
Lage  sich  nicht  fühlbar  verschlechtert  und  keine  bejonderen  neuen  Anso
rungen  an  das  Reich  herantreten;  andernialls  würde  sich  die  eenen
ergeben,  neue  Einnahmequellen  gu  erschlichen,  oder  die  Ermößigung  einzelner
  Steuern  ganz  oder  zum  Teil  für  einige  Jahre  hinauszuschieben.

 

 

 

15.  April.  (Breslau.)  Die  Stadlverordnetenversammlung
        <pb n="113" />
        Das  Beuil  Keich  und  seiut  eiugelurn  Elier.  (April  16.)  103

bewilligte  2½  Millionen  Mark  für  die  Jahrhundertfeier  der  Befreiungskriege
  in  Breslau.

16.  April.  (Reichstag.)  Beratung  über  den  Etat  des
Reichseisenbahnamis.  Die  Befugnisse  des  Reichs  in  der  Eisenbahnpolitik.


Präsident  des  Reichseisenbahnamts  Wackerzapp:  Es  ist  zuzugeben,
daß  das  Amt  nicht  die  Bedeutung  erlangt  hat,  die  man  von  ihm  uriprünglich
  erwartet  hat.  Daran  ist  der  geringe  Personalbestand  des  Amees  schuld.
Trotdem  ist  die  Tangen  des  Amtes  bod  erheblich  umfangreicher,  als  nach
außen  hin  in  Erscheinung  tritt.  So  ist  es  auch  mit  seiner  Täriglein  in  dem
sogenannten  internationalen  Verkehr,  den  urnuea  Berriebseinrichtungen,
die  das  Reichseisenbahnamt  geschaffen  hat,  sie  treten  nach  ausien  wenig  in
Erscheinung.  Seine  Anregungen  und  Aufgaben  werden  ichließlich  nur  bekannt
  durch  die  ausführenden  Erlaise  der  einzelstaatlichen  Verwaltungen.
Dazu  gchören  u.  a.  die  gemeinsamen  Verwallungs-  und  Betriebordnungen,
die  Bestimmungen  über  Ruhezeiten.  Sie  beruhen  auch  auf  Vorarbeiten,
die  das  Reichseisenbahnamt  ausgeführt  hat.  Donk  ihnen  ist  das  wichtigste
ziel,  eine  Erwite  inteinicen  in  den  meisten  deutschen  Staaten  verzieln
worden.  Es  ist  aber  auch  nicht  zu  vergessen,  daß  wir  neben  den  Sigatsbahnen
  noch  mehr  als  100  Privalbohnen  mit  über  1000  Kilometern  Strecken.
änge  in  Deutschland  haben,  von  den  Aleinbahnen  gonz  abgesehen.  Die
Entwicklung  des  Else#bahmoten  machte  eine  Forkbildung  d#%  Eisenbahn--dienstes
  und  unansgesetzte  Aenderungen  der  üifenpanovdnungn.  r.
Eine  volle  Betriebsgemeinschait  wäre  gewiß  wünschenswert.  Es  sichen  ihr
heute  aber  außer  andern  nicht  blost  verfaisungsrechtliche  Bedenken,  lun
kuse  die  Emwicklung  emgegen.  Der  vreußicch-  hrificche  ginenbne

sich  für  Heisen  durchaus  nicht  nachteilig  erwirien.  Der  Vorwurf  der
Feroinn.  der  gegen  Preußen  Frboben  wurde,  ist  geradezu  haltlos.  Dinichtlich
  der  Gepäckabfertigung  ist  in  Bern  ein  vorlänügee  Uebereinkommen
geschaffen  worden.  Die  botreifenden  Forsenisten  werden  auf  einzelnen
Stationen  bereits  gehandhabt.  Wenn  lie  sich  währen,  würden  sie  all
emein  in  Rraft  geietzi  werden.  Die  Frage  einer  ——  der  Lieferungsrist
  ist  geprü###t  und  verneint  worden.  Eine  Ermäßigung  der  Nebengebühren
wird  erwogen.  Ein  Entwurf  über  die  Haftung  der  Eisenbahnen  liegt  den
Bundesregierungen  vor.  Die  Ruherzeit  und  Dienstzeit  der  Beamten  und
Arbeiter  bedar:  keiner  reichsgeseblichen  Negelung.  Ein  reichsgcseutiches
Vorgeben  in  dieser  Beliehung  liegt  weder  im  Interesse  der  Betriebslücherheit
der  Beam  Ic  habe  schon  im  vorigen  Jahre  nochgewiesen,  daß
unrichtig  4  oß  die  Leute  übrrankirengt  find  und  daß  die  Betriebssicherheit
  dadurch  geiöhrdet  ist.  Es  liegt  keine  Belastung  vor.  Nun  weist
man  auf  Petitionen  und  Aeusierungen  der  Beamten  hin.  Solche  Erklärungen
  der  Beamten  sind  mit  Vorsicht  auigunehmen,  weil  sie  einieitig  sind.
LVon  einer  Ueberbürdung  ist  keine  Rede.  Die  gesundheitlichen  Verhältnüse
des  Perionals  sind  durchaus  normal,  durch  eine  Verlürzung  der  Dienstdauer
würde  keine  Beilerung  er  zielt  werden.  Eine  geiebliche  Regelung  wäre  durchaus
  nicht  zweckmäßig.  Härten  bei  den  Vorichrisien  werden  hebrüft.  und
beieitigt.  Es  sind  im  Frühiahr  ie  #l  Erleichterungen  zugunsten  des  Personals
getrofien  worden.  Wenn  die  Arbeitszeit  der  Vramten  nur  um  eine  Siunde
töäglich  verturnt  würde,  jo  würde  das  jährlich  15  Millionen  Kosten  vernriachen.
len  Betrebungen  auf  Forderung  des  Einhritsgedankens  bringen

wir  des  Interei#  entgegen.  Aber  es  darf  nicht  ausier  acht  gelasse
werden,  daß  es  eine  weilgrheude  Einhrichichtei  im  deutichen  Cisenwacheurzen
        <pb n="114" />
        104  Pas  Neutsche  Reich  unh  seint  rinzelurn  Slitder.  (April  16.)

hereis  #t.  Gewiß  gibt  es  noch  wichtige  Gebiete,  die  noch  nicht  einheillich
es  handelt  sich  dabei  nicht  um  allgemeine  Verkehreinteressen,

geaes  um  wirtschaftliche  Sondervorteile.  Die  Frage  bei  der  Vereinheitlichung

  des  Eisenbahnwesens  ist  immer:  Welche  Hoheitsrechte  sollen  die
eingelnen  Bundesstaaten  auf  eben,  die  ihnen  durch  die  Reichsverfassung  ge  ·
währleistet  worden  sind?  Die  Lösung  der  Frage  durch  ein  Eisenbahnparlament,
  ein  Gedanke,  der  auf  Bismarck  zurückgeht,  is  augendlicklich
absolut  unmöglich  und  bei  der  Stimmung  in  den  Bundesstaaten  undurch-16.

  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Beratung
des  Eisenbahnetats.  Günstige  Entwicklung  des  flaatlichen  Eisenbahnbetriebes.


Minister  v.  Breitenbach:  Es  ist  der  Wunsch  gruhert  worden,  ich
möchte  über  die  Einnahmzergebnisse  bis  Monat  März  berichten.  Die
Anmahwe  der  Streik  im  Ruhrrevier  werde  unsere  Einnahmen  erheblich

rmindern,  “  -  erick  als  zutreffend  erwiesen.  Wir  konnten  allerdings
berbnsph,  ),  aß  den  großen  Aussällen,  die  der  Streik  bringen  mußte,
sehr  erhebliche  chre  gegenübersichen  würden,  und  das  ist
auch  eingetreten.  So  hat  der  März  eine  Mehreinnahme  von  141½2  Millionen
  gebracht.  Gegen  den  Elatsansatz  zeigte  das  Jahr  1911  eine  Mehreinnahme
  von  164,8  Millionen.  Demgegennber  sieht  eine  Mehrausgabe  von
37,1  Millionen.  So  ergibdt  sich  ein  iihschu  von  127.4  Milionen.  Den
Auegleichssonds  werden  wir  bis  zu  160  Millionen  aufjüllen  können.  Diese
Zahlen  beweisen  iae  die  a  günstige  Lage  der  Stoatsbahnen
aber  schon  in  der  Kommission  auf  diejenigen  Gesichts
punkte  bingewiesen,  nach  denen  der  außerordentlich  günstige  Abschluß  mehr
oder  weniger  auf  der  Seite  des  Konjunkturgewinus  steht,  und  doran  muß
ich  festhalten,  ouch  gegenüber  den  Bemängelungen  des  Abg.  Schmedding,
der  eine  konstante  Aufwärtsbewegung  annohm.  Wann  ein  Umschwung  zu
erwarten  ist,  kann  natürlich  niemand  sogen.  Ich  habe  mich  geireut,  daß
Abg.  Graf  v.  d.  Groeben  anerkannt  hat,  welche  großen  Leistungen  unser
Personal  auf  sich  nehmen  muß,  um  den  gewaliigen  Verkehr  zu  bewäntigen.
Natürlich  tun  wir  alles,  um  das  Personal  vor  Ueberanstrengung  nach  9  Möglichkeit
  zu  schüßen.  Ich  weise  nur  darauf  hin,  daß  sich  nach  dem  Stande
vom  1.  HKbruar  unser  Personal  lgegen  das  Voriahr  um  18-  bis  1900M  Röpf#.
vermehrt  hat.  Hieraue  wollen  Sie  erkennen,  daß  wir  durch  die  geiteigerten
Anfsorderungen  des  Verkehrs  peranlaßt  werden,  unfer  Personal  sorlgeietzt
zu  vermehren,  um  es  vor  Ueberanstrengung  e  schutzen.  Daß  der  Eiot
für  1912  vorsichtig  ausgestellt  ist,  wurde  von  allen  Vorrednern  anerkannt.
Die  Verwaliung  legt  emscheidenden  #ten  darauf,  die  Einnahmen  mäßig
zu  veranschlagen,  auch  daonn,  wem  die  p  des  Verkehrs  erhebliche
Mehreinnahmen  bringt.  Au  den  Wa  agenpark  sind  ungewohmiche  Ankorderungen
  geitellt  worden.  vir  haiten  ain  Berkehrssteigerung  im  Ruhrrevier
  und  Oberi  chlesien  zuzeilen  von  25  und  22  v.  H.  Trol  rotzdem  haben
wir  die  Wagen  im  wesentlichen  rechtzeitig  seeen  können.  Aber  im  Oktober,
November,  Dezember  haben  wir  einen  phäuomenalen  S  Lagenmangel  gehabt,
wie  wir  ihn  noch  niemals  erlebt  haden.  Daß  diese  er  Wagenmangel  sich  nur
auf  diese  Monate  konzentriert  hat,  beweist,  daß  anstergewöhnliche  Gründe
vorgelegen  haben  müssen.  Die  Winterungoverhölmisse  waren  jo  abnorm
daß  die  natürlichen  Strome  meagen  und  der  ganze  Verkehr  anf  den  Eisenbahnen
  bewältigt  werden  mußte.  Da  wir  eine  Witterungskolamität  in  ganz
Mineleuropa  hatten,  hamen.  2#  die  gleichen  Zustände  in  unseren  Nachbar-
        <pb n="115" />
        Das  Deutsche  Niich  und  feinr  ringelnen  Glieder.  (April  16.)  105

1ndern  unser  Wagenpark  wurde  sehr  von  Ocsterreich-Ungorn  und  Holland

Anspruch  genommen.  50000  Wagen  waren  an  einem  Stichtage  mehr
in  Auslande  als  im  Jahre  vorher.  Wie  aber  in  einzelnen  Falle  von
seiten  der  Interessenten  vorgegangen  wird,  zeigt  solgendes  Schulbeispiel:
Von  einer  Sielle  wurden  für  einen  Tag  55  gen  angefordert,  für  den
zweiten  90,  für  den  dritten  118,  für  den  vierten  115.  Gestelt  mr  am

ersten  Tage  34  Wagen,  dann  95.  Als  dann  am  nächsten  Tage  der  gesamte
  ungeoe  Bedarf  estelln  werden  konnte,  bestellte  *  bue
Firma  sofort  60  Wagen  ab.  Unicre  Judustrie  zeigt  sich  a  nig  geneigt,

  den  bejonderen  Schwierigleiten,  unter  denen  die  alse  eneg  —
mitunier  zu  leiden  hat,  Rechnung  zu  tragen.  Die  Sahwierigleiten  waren
im  vergangenen  Jahre  ganz  außerordentkliche,  und  man  hätte  sogar  in
diesem  Falle  ausdrücklich  grriemnen  können,  daß  die  Berwaltung  Ungewöhnliches
  geleistet  hak.  Wir  wollen  für  eine  gleichmäßig  e  Vermehrung  des
genpartes  sorgen.  #ber  wir  sind  außerstande,  bei  so  außergewöhnlichen
Vohümmuisen  wie  im  vergangenen  Herbste  dafür  zu  sorgen,  daß  kein  Wagenzrngel,
  eintritt.  Nach  einer  Bercchnung  müßten  wir  daun  mindestens  für
100  120  Millionen  Mark  Wagen  mehr  zur  Beriügung  haben,  um  für
alle  Gieee  gerüstet  zu  sein.  Wir  haben  den  Tiwofthkoncode  für  1911  mit
13  Millonen  für  die  Vermehrung  des  Wagenparks  im  Lerbst  in  We
genommen,  so  daß  wir  am  1.  April  ein  erhebliches  Plus  haiten.  Das  g#
nügt  natürlich  gegenüber  dieser  ganz  ungewöhnlichen  Venleoseigerulng
nicht  unter  allen  Umständen,  und  wir  traogen  uns  auch  dereits  mit  dem
Gedanken,  im  Einvernehmen  mit  dem  Finanzminister  den  Kiosttionssonde
wiederum  und  alebald  für  die  Wagenbeichaffung  in  Anspruch  zu  nehme
Wir  wollen  aber  nicht  schematisch  nach  einem  bestimmten.  Prozentsatz  en
Wagenpark  vermehren,  sondern  nach  den  Verhältnissen.  Die  Eisenbahnverwaltung
  den  alles  getan,  was  von  ihr  idch  werden  kann.  Mit  Frachtermäßigungen

  müssen  wir  vorsichtig  vorgehen.  Dozu  muß  ein  wirklich
dringendes  ss  Bedürfnis  vorliegen.  Die  günstige  Finanzlage
ist  noch  kein  Grund  für  Tarisermäßigungen,  zumal  dann  auch  das  wirt-#alutsne

  Leben  ngerordeneuuc  günstig  ist.  Aber  wo  ein  Bedürfnis  vorlicgt,
  soll  die  Eendawerwatt  Aueold  Abhilse  schaffen.  Dieser  grundsätlichen
  Auffassung  haben  wir  im  vorigen  Jahre  in  hervorragender  Weise
Rechnung  getragen  ven  der  schlechten  Funermittelernte.  Diese  ihe
war  von  erheblichster  und  Fchneidendser  Bedeulung.  Im  Jahre  1
werden  wir  voraussichtlich  mit  der  Jubetriebnahme  der  Kanäle  zu
rechnen  haben.  Daß  dies  den  Güräbehnen  erhebliche  Aussälle  bringen  wird,
ist  zweijellos.  Hinzu  kommen  die  Ermäßigungen  für  Erze  und  Nols,  die
wir  der  Mosel  zugesagt  haben.  Angesichts  dieier  Maßnahmen,  die  zum  Teil
durchgeführt  sind,  zum  Teil  in  Aussicht  siehen,  müssen  wir  vorsichtig  ver.
walien.  Ich  fühle  mich  durchaus  als  Verkehrominister,  habe  aber  als  Slaatominister
  auch  die  allgemeinen  sinanzpolitischen  Gesichtspunkte  zu  berücklichtigen.
  Die  Ermäsigung  der  Abfsertigungogrbühren  wird  den  Interesjem#e#n
einen  Vorteil  von  10  Millionen  Marl  v  niühren.  Der  MRohitviitarii  ist  heute
bereits  ein  Stofielari.  Ich  halic  es  für  richtiger,  dort  stark  einzugreifen,
ein  Bedürfnis  nach  gu  n  Tari#imasnahmen  vorlient,  wic  es
Hbelscheesten  der  Fal  w  Das  ist  zweckmaßiger,  als  mit  allgemeinen
Ermäßigungen  orhanehn.  m  binte  deshalb,  die  —  —
tarijs  vorlaufig  ausunichalten,  damit  wir  nicht  elwa,  wie  es  in  Oesterreich-Ungarn
  wiederholt  der  Fall  war,  plotzlich  ge.  Wungen  werden,  die  Tarise
in  die  Höhe  zu  setzen,  weil  sonst  die  nörige  Rente  ausbleiben  würde.  Der
ildung  neuer  Wagenmps  sicht  die  Verwaliung  grundian#ich  abgeneigt
gegenÜber,  denn  diese  Maßnahme  würde  auf  den  großen  Rangierbahnhoien
        <pb n="116" />
        106  D8  Brulsche  Reich  und  seine  rinzelurn  Glirder.  (April  17.—19.)

die  Arbeit  gewaltig  erhöhen.  Die  Füage  soll  ober  nochmals  geprüst  werden.
Jedenfalls  seien  Sie  überzeugt,  die  Eisenbahnverwaltung  denkt  nicht  fiskalisch,
  sondern  will  das  g4  das  ene  befriedigen,  wic  es  ihre  Aufgabe
  ist.  all.

17.  April.  (Neichstag.)  #e  der  Nationalliberalen
Über  den  bayerischen  Jesuitenerlaß  (s.  26.  April).

17.  April.  Totale  Sonnenfinsternis,  enr  in  Berlin  um  12  Uhr
8  Minuten  beginnt  und  um  2  Uhr  47  Minuten  endet.

18.  April.  (Reichstag.)  In  der  7.  Kommission  zur  Beratung
  der  Anträge  und  Resolutionen  kommt  die  Wohnungefrage
zur  Verhandlung.

Vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  erklärte  Direktor  im  Reichsamt
des  Innern  Dr.  Lew  die  verbündeten  Regierungen  erlennten  wohl
die  Dedemung  der  Patd=  aißaor  und  hälten  bisher  allen  Anträgen  und
Anregungen  aus  dem  Neichstage  das  größte  Interesse  g  gehebracht.
Staatssekreiär  Dr.  Delbrück  habe  deehalb  auch  zugesagt,  daß  das  Reichsamt

  des  Innern  gern  in  der  Rommission  mitarbeiten  wolle.  1#  Bundesrat
  habe  sich  mit  der  Wohnungefrage  bieber  nicht  beichaftigt,  da  die
Wohnungsfrage  von  den  Bundesstaaten  zu  lösen  sei.  Deshalb  sei  es  den
Vertretern  der  verbündeten  „Regierungen  nicht  möglich,  zu  den  einzelnen
Anträgen  der  Lommission  Stellung  zu  nehmen  und  ihre  Zustimmung  zu
solchen  in  Auesicht  zu  stellen.  Die  Regierungsvertreter  seien  aber  bereit,  jeden
Ausichlust  in  rechtlicher  und  tatsächlicher  Beziehung  über  alle  einschlägigen
Fragen  zu  geben.  —  Ein  Mitglied  der  Noniervativen  schlug  die  Bildung
eines  Reichswohnungsamts  vor.  Zur  Vorbereitung  eines  Wohnungsgesetzes
solle  eine  Sublommission  eingesetzt  werden.  Dem  leuteren  Vorschlag  villichtete
ein  Mitglied  der  Nationalliberalen,  ebenso  ein  Mitglied  der  Forlschriuspartei
  bei.  Nach  längerer  Aussprache  stellte  der  Berichkerstatler  sest:  Wir
lind  alle  einig  darin,  daß  das  Reich  lomvetent  il,  die  Wohnungsotriaklnisse
gesetzlich  zu  regeln.  Es  wurde  eine  sechsgliedrige  Subkommiisione
geieu#t,  die  die  weiteren  Vorarbeiten  sũr  das  schwierige  Wohmnhegsen
erledigen

19.  *“7“  (Berlin.)  Der  Abg.  Hugo  Sholto  Dr.  Graf
Douglas,  Begründer  der  Kaliindustrie  in  Westeregeln,  1  an  seinem
75.  Geburlstage.

19.  April.  Ein  Aufsa  des  Finanzministers  a.  D.  Wermuth
über  die  Gesundung  der  Reichsfinanzen  (im  Maiheft  der  „Deutschen
Revue'’)  enthöll  eine  scharie  Kritik  der  Vorschlöge,  die  der  Bundesrat
  zur  Deckung  der  Kosten  der  Wehrvorlagen  dem  Reichstag  unterbreilet
  hat.

n  dem  Aussatz  wird  u.  a.  angeführt,  daß  die  Finanzen  des  Reiches
im  Wine  1909  sich  in  einem  Zustande  befanden,  der,  privalwirtschafuich
betrachtet,  hart  an  Zahlungsstockung  streiste.

Mitte  April.  Die  günstige  Entwicklung  der  Reichseinnahmen
in  dem  am  31.  März  beendelen  Finanzjahr  ergibt  sich  aus  folgender
Tabelle:
        <pb n="117" />
        .  ——  ——————————  107

 

 

 

 

(Millionen  Mark)
Voranschlag
a#pril  1911  bis  April  1910  bisl  für  das
März  1912  Mär)z  1911  Rechmu#geahr
1.  731.157  659.155  638.291
2.  11.539  11.  14.5649
3.  30.681  24.336  25.811
4.  170.123  151.111  151.919
.  68.310  6#0.  183  58.250
6.  195.157  157.124  163.176
7.  762  0.641  0.611
6.  10.813  9.#34  10.376
9.  12.262  9.981  182
10.  18.730  14.080
11.  125.807  110.218  112.  2“
12.  936  1
iz  19.170  18.365  17.  190
14.
53.125  *
11.128  6.269  1  4.000
23.721  23.182  6.430
42.663  x  41.  135
17.515  16.136  14.
21.217  20.657  19
452  2.815  2.352
720  5.231  4.410
.089  3.52  3.724
39.125  4½  12  4.700
15.  43.039  41.561  39.000
16.  1.872  1.759  1.537

 

 

 

Die  seit  daedrochen  Zahlen  bezeichnen  diejenigen  aee  in  idenen
das  Borjahr  oder  der  Voranschlag  höhere  Et  au  e  Ers
  liegt  fast  durchweg  in  besonderen  Verhältnisse

22.  April.  (Reichstag.)  Einführung  der  Aaschemhweortaae
durch  den  Reichskanzler.

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Die  Vorlagen  bereiten,  wie
Sie  aus  ihnen  ersehen  haben,  zum  Teil  eine  sofortige,  zum  Teil  eine  sich
allmählich  steigernde  Vermehrung  und  Verbesserung  unserer  Kriegs-  und
Verteidigungsbereitschaft  vor.  Ihr  Schwerpunkt  liegt  in  den  organisakorischen
Neuerungen,  die  sie  dringen,  deren  Begründung  im  einzelnen  ben  leigenden
Staatsmännern  der  beiden  Ressorts  dordehennen  bleibt.  Ich  selbst  will  mic
gei  einige  allgemeine  Gesichtop  e  beschränken.  Zans  9*
hervorheben,  daß  wir  Ihne  7/50  u  bihce  nicht  vorgelegt  leche
ir  Hinblick  auf  eine  unmsslbar.  drohende  Gefahr.  In  der  augenblicklichen
europäischen  Situation  liegt  kein  Grund  für  uns  zur  Beunruhigung  vor.
Trotdem  würden  wir  gewissenlos  handeln,  wenn  wir  nicht  unfere  Rüstungen
auf  einem  unseren  Mitteln  und  unseren  Krästen  entsprechenden  Stande  er-
        <pb n="118" />
        108  ##  Beisé  RNrich  u  seinr  einfelers  Glieder.  (April  22.)

halten  und  chets  wieder  auf  ihn  bringen  wollten.  Tun  wir  das  nicht,
dann  sind  alle  unsere  Aufwendungen  für  Wehrzwecke  Uberhaupt  am  letzten
Sa  1  wecklos.  d  dieser  Gedanke  immer  mehr  Gemeingut  der  Nation
ist,  dafür  zeugen  die  zahlreichen  Stimmen  aus  dem  Volke
zu  #.  (Geächter  bei  den.  *  Entrüstete  *
ruse  und  ge  Zustimmung),  die  eine  Vermehrung  und  Verbessern
unserer  Arlaute  8  sordern.  Diese  Stimmung,  rdsne  er#an,  beruht  Wis
auf  kriegerischen  Gelüsten  oder  auf  t  Wunsche,  andere  zu  bedrohen.
utschland  ist  kriceberrei,  wenn  ihm  ein  Krieg  ausgezwungen  werden
laluer  änel  aber  such  nicht.  (Beifal.)  die  L#m  mmung  ruht  vielmehr
auf  der  richtigen  iasch  iwh  berechtigten  Gnusiossung,  dab  eine  starke
—  für  die  Erfüllung  aller  unserer  Zwecke  und  Ziele  nötig  ist.  Wir
brauchen  eine  storke  Rüstung  nicht  nur  zur  Abwehr  eines  möglichen  Angrifies
  auf  uns,  sondern  zur  Wahrung  unserer  Siellung  im  Frieden,  zur
Sicherung  unjeter  Wohlfahrt  zu  jeder  Zeit.  Meine  Herten!  Und  gerabe
diejenigen,  die  den  Frieden  wünschen,  die  für  den  Frieden  arbeiten,  die
für  den  Frieden  reden,  können  sich  der  Einsicht  nicht  verschließen,  daßt  für
Deutschland  mit  seiner  sontinentaten  Log  im  Lerzen  Europas,  4  leinen
nach  allen  Seiten  hin  offenen  Grenzen  in  einer  starken  Wehrm  in  "
sonderem  Maße  die  sicherste  Wrann  ziaisen  ke

Friedenskongreslen,  sondern  ch  adurchen  n  Iner  den  Staaten
utidähnlicheBeradredunqeti.cherdendiesriegsntoglichleitenderringert,
  aber  hausgeschtosen  ircd  olee  nicht.  Die  ezichungen  der  Nationen
breiten  sich  immer  weiter  über  den  Erdball  Dadurch  werden  unzweiselhaft
  die  sarder  hurr  e  k  36  zugleich  aber  treten  in
em  Konkurrenzkampf  der  materiellen  Interessen  neue  Konfliktemöglichkeiten

Ich  habe  geiagt,  meine  Herren,  zurzeit  liegen  Gründe  für  Beunruhigung
  nicht  vor.  Um  so  mehr  bedaure  ich  die  alarmierenden  Geruchte,
  die  bei  uns  und  anderswo,  vielleicht  in  mißverstandenem  Patriotismus
  in  erregten  Preßarileln  ousgestrent!  werden,  um  die  nötigen  Rüstungsmaßregeln
  angeblich  zu  fördern.  Sie  stören  Handel  und  Wandel  und  sie
stisten  keinen  Nutzen.  Ich  habe  die  Ueberzeugung,  und  alle  Anzeichen
sprechen  dafür,  daß  keine  Regierung  der  Großmächte  einen  Krieg  mit  uns
wünscht  oder  herbeizuführen  sucht.  „Hört,  hört.)  Aber  sehr  häufig,  meine
Herren,  sind  die  Kriege  nicht  von  den  Megierungen  geplant  und  herbeigejührt
worden.  Die  Völker  sind  vielfach  durch  lärmende  und  fanatisierende
Minderheiten  in  ariege  hineingetrieben  worden.  Diese  Gefahr  besicht  noch
heute  und  vielleicht  heute  in  noch  höherem  Maße  als  früher  (Hört,  hörth,
nachdem  die  Oefsentlichleit  in  der  Volksstimmung,  di  *  ation  an  Gewicht

  und  Bedeutung  augenenen  haben.  Wehe  ,  deslen  Rüstzeug
dann  lückenvoll  würe!  Wie  sich  die  Zuian#  de  wird  niemand
prophezeien  wollen.  Als  wir  1910.11  s  Quinquennat  machten,

niemand  voransgeschen,  daß  sich  sofort  a  die  Schlichmung  offentlich  %#
getrelener  internationaler  Disferenzwunkte  die  Besorgnis  vor  aluten  Verwicklungen
  und  damit  die  Sorge  heften  würde,  ob  wir  noch  länger  einen  Teil
unserer  militärischen  Kräfte  zunbenuht  lassen  onmen  Aber  nicht  nur  im
Ausblick  auf  einen  möglichen  Rrieg  —  sei  es  in  naher  oder  serner  t
kunft  —  haben  wir  die  Pilicht,  W  militärisch  stark  zu  sein.  Auch  unfer
Ansehen  und  unfere  Wohliahr!  im  Irieden  häugen  davon  ab.  Nach  unserer
Wehrkrast  bemist  man  unsern  Wert  als  Freunde  und  Bundesgenossen
(Beifall),  unfere  Bedeutung  als  —t  Gegner,  das  Gewicht  unseres
Wortes  in  internationalen  Fragen,  die  uns  berühren,  die  Rücksichten,  die
andere  auf  unsere  Interessen  nehmen.  Wir  sehen,  daß  alle  Bölker  rings
        <pb n="119" />
        Des  Derilsqͥt  Reich  und  seinr  tiaielnta  Glieder.  (April  22.)  109

um  uns  nach  denselben  Orundsãben  verfahren.  Wir  werden  darũber  in
der  Kommission  noch  weitere  Mitteilungen  machen.  Da  lonnen  wir  mit
unserer  exponierten  geographischen  Lage,  auf  die  ich  bereits  hinwies,  mit
den  steigenden  Ved#msen  eines  wachsenden  Volkes  nicht  zurücksteh  en.  Ich

wũrde  es  für  ein  Unrecht  gegenüber  diesem  Hause,  für  ein  unberechtigtes
Mißtrauen  in  die  einsichtsvolle  und  opjerwillige  Baterlandsliebe  unserer
Nation  halten,  wenn  ich  zur  Begründung  nolwendiger  Rüstungemaßregeln

im  Gejühl  nichr  erregter  2  herhel  und  ernster  Entschliehungen
  gewähren.  (Beifal.
Lassen  Sie  mich  noch  badh).  Worte  über  die  Deckungsfrage  sagen.
Es  ist  gewiß  keine  leiihie  Ausgabe,  schon  so  dald  nach  der  Steuerreiorm
on  1909  und  den  Lasten,  die  sie  dem  Volke  auferlegt  hat,  mit  neuen
SEnzuerford  sunger  hervorzutreten.  Niemand  hat  das  klarer  erkannt  und
gekbrchehp  a  -  verdienstvolle  bieberige  Leiter  der  Neichsfinangen.
)  Jch  nichtqustn  das  Ihre  Heiterleil  erregt!  Guruf  bei
o  5  denn?)  Aber  meine  Herren,  so  wenig  wir  um  der
#  willen,  die  sich  neuen  Skarifocberuneen  entgegenstellen,  Aufgoben
  unierer  nationalen  Ae  ablehnen  oder  gar  aufschieben  könnten.
cbeusowenig  dürien  wir  von  dem  Grundiade  einer  gesunden  Finangpolitlt
weichen.  Keine  Armee  —  ohne  die  Rückendeckung  starker  Finanzen
bennr  aber  eine  starke  Armee  ist  hugleic  das  Aicberie-,  Fundament  guter
Finanzen.  Es  wäre  deshalb  unverantwortlich,  wollten  wir  den  Grundsaß
haerla  Keine  Ausgabe  ohne  Deckung,  wollten  wir  hreslehren  zu  dem
System  deckungslofer  Ausgaben,  das  uns  in  vergangenen  Jahrzehuten  in
so  schwere  Kalamiläten  gebracht  hat.  Und  ich  bin  überzengt,  daß  auch  der
Reichstag  die  schwere  Verantworkung  fühlt,  die  in  wit  *  rsung  der
Deckungsirage  auferlegt  ist  (Sehr  chig.  I.),  und  de  den  Verdündeten
  Regierungen  einig  ist  in  dem  Willen,  die  :  Wssgebun  für  unumgäng-W
  Rüstungszwecke  nicht  zum  Ausgangspunkt  eines  neuen  Leidenswegrs
der  Reichsfinanzen  zu  machen.  Nun  hat,  meine  Oerren,  die  öffemliche
Kritik  dem  Finanzplan,  der  Ihnen  in  der  Dentichrift  des  Reichsschatamtes
vorliegt,  vielsa  ach  den  vorwnj  mangelnder  Solidität  gemacht.  Zu  Unrecht,
und  ich  hoise,  Sie  werden  sich  dicier  Auffasung  anschliessen,  wenn  Sie  die
Darlegungen,  die  Ihnen  der  dert  Pisbicha  elreu.  machen  wird,  un.
bereingenommen  prüfen  werden.  (Zurui  bei  den  Sd.:  Warum  denn  nicht
Wermulh?)  Ich  muß  #Kugeben.  alle  Flnnn  für  eine  längere
Zeit  sind  mit  einer  gewissen  Unücherheit  behaitet,  millien  mit  ihr  behaftet
Jein.  selbst  wenn  sie  noch  so  jorgsälig  auigestellt  werden.  Die  Anslegung
der  Erbschaitsstener,  die  von  der  Linken  dieies  hohen  Hauses  grundsätzlich
gewünscht  wird.  hälte  uns  nach  den  Schätungen  einen  Ertrag  von  elwa
60)  Millionen  geliefert  gegenüber  einem  Ertrage  von  ui  Millionen,  den  wir
von  der  Auihebung  des  Uramiweinstenerkontingents  erwarten.  NRann  man
nun  wirklich  behanvien,  daß  eine  Dii##erens  von  25  bis  300  Millionen  bei
einem  Milliardenelat  unsere  Vorschlage  von  vornherein  zu  unsollden  Vorschlägen
  stempelin  mun?  Wer  den  Erörterungen  der  Orlfentlichleit  in  den
letzten  Tagen  gefolgt  ist  und  anfrichtig  jein  will,  der  mun  engeben.  daß
die  Krilik  an  unjeren  Finanzplänen  nicht  ledigtt  ich  auf  fünanziellen  Er.
wägungen  beruhte.  (Lebhoite  Zustimmung  r.  und  im  J.,  Ein  lanten  Wort
sprach  dabei  das  Miübehagen  darüber  mil.  daß  wir  die-  Erbichajtoĩlener
nicht  eingebracht  haben.  Hatten  wir  das  get  dann  wären  die  Bercchnungen
  der  Ueberschusse,  die  Ho#nungen  der  Hnnsugen  Seineahmeen  rich-
        <pb n="120" />
        110  H#s  Beschr  Neich  und  seim  rintelurn  Glicherr.  „April  22.)

tiger  ud  gerechter  beurteilt  worden,  und  wir  würden  nicht  den  zehnten
Teil  der  Vorwürse  zu  hören  bekommen  haben,  die  gegen  unsere  angeblich
unsolide  nirsüch  erhoben  wurden.
darauf  verzichtet,  Ihnen  die  Ausdehnung  der  Erbschostssteues
  brr  en  weil  wir  der  Ueberzeugung  sind,  daß  wir
mit  den  Ertrögen,  die  uns  die  Aufhebung  des  Kontingentes  bringen  wird,
auskommen,  und  weil  weiter  die  Erweiterung  der  Erbichoitssteuer  zweisellos
die  Kluft  zwischen  den  bürgerlichen  Parteien  vergrößert  hätte.  Nun  ist  mir
allerdings  in  der  linksliberalen  Presse  in  der  *l  Seit  ta  peöglich  als
unverzeihlicher  Fehler  vorgehalten  worden,  daß  ich  die  zu  posiriver  Mitarbeit
  uns  weit  enigegengestreckte  Hand  der  zchnnh  diern  vals  Fraktion
ble  hätte.  Gibt  uns  dirie  Hand  die  Wehrvorlagen?  (Zurufe
den  Sd.:  Nein!)  90  habe  aus  Ihrer  Presse  bisher  dasjelbe  herausgesund:
  Wenn  wir  uns  jestzt  baro)  verlassen  hälten,  daß  die  Vorliebe
der  Shienare  4  aeiche  lich  stärker  erweisen  würde  als  ihre
Abneigung  gegen  eine  Verslärkung  von  Heer  und  Flotte,  dann  wäre  das
ein  Exverimem  geweien,  bei  dem  nur  ein  solgenschwerer  Mißerfolg  der
Regierung  heransgekommen  wöre.  Alio  nicht  dem  einen  zuliebe  und  dem
anderen  zuleide  haben  die  verbündeilen  Regierungen  von  der  Einbringung
der  Erbschaftesteuer  abgesehen,  sondern  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  sie.
ohne  eine  Majoritär  für  den  Eniwurk  sich  zu  sichern,  lediglich  der  Verditterung
unter  den  Parteien  Vorschub  chteiste,  hätten  und  das  odendrein  im  unminelbaren
  Zusammenhang  mit  der  Frage  der  Wehrhaftigkeit  des  Deutschen  Reiches,
für  die  eine  Wessögliche  Einmntitenn  der  Bolksvertretung  wünschenswert
ist.  eijall  r.  und  im  Z.)  Ich  konn  deshalb,  meine  Herren,  die  Linke
dieses  hohen  Lames  doch  nur  bitten,  "  die  dgeschlaheng  Aushebung  der
sogenannten  Liebesgabe  nicht  darunter  leiden  möchte,  dah  die  Erbschaflsstruer
  nicht  auf  das  Tapet  gebracht  worden  ist.  Sie  haben  die  Lichergabe
jahrzehnielang  bekämpft,  vielleicht  stärker  als  Ihnen  heute  lieb  ist.  Da
me  ine  ich,  Sie  sollten  Ihren  alten  Grundsäpen  treu  bleiben  (sehr  richtig!
und  Heiterleit  ·  und  durch  Zustimmung  zu  dieser  Maßregel  die  Wehr-Friage
  unterstützen,  die,  wie  ich  Fuwersichtlich  hofic,  bei  allen  bürgerlichen
Parteien  dieses  hohen  Hauses  ein  arischene  Emgegenkommen  nnden
werden.  So  sehr  Ihnen  auf  der  Linken  es  auch  am  Derzen  liegen
den  unseligen  Streit  über  die  Erbschaftssteuer  ict  zum  Austrag  zu  dringeto
  werden  Sie  doch  auch  kein  wahres  Imeresse  des  Landes,  weder  nach
onen  noch  nach  a  rchen  darin  erblicken,  àos  die  nalionale  Frage  unserer
Wehrkran  dur  diesen  Slreit  vergtitet  w
Herren!  Die  Genehmigung  vder  Vorlagen,  die  die  verbündeten
Pierungen  im  Intleresic  der  Wehrkraft  des  Demschen  Reiches  für  erforderlich
a##n,  ist  ein  Ersordernie,  das  hoch  über  den  Kämpfen  der  Parteien  siehen
sollte.  Je  mehr  dieie  Kämpie  dabei  ruhen,  desto  stärker  kommt  der  nationale
Wille  zum  wirkungsvollen  Ausdruck!  Das  sind  in  kurzem  die  allgemeinen
Grundiaue,  von  denen  die  verbündeten  Regierungen  bei  dieien  Vorlagen
heleiret  worden  sind  und  die  in  den  Darlegungen  der  Derren  Reisorichefs
ihre  weifere  Erlänlerung  finden  werden.  Es  wird  nichis  verlangt,  was
nicht  zum  Aueban  der  Wehrorganisation  des  Reiches  nanig  wäre:;  kein
Ansordernis  an  die  Opierwinigkeit  der  Nation  wird  gescko  ellt,  das  an  das
Maß  deisen,  auch  nur  heranreicht,  was  andere  Voller  für  diese  Rüstungen
ausgeben.  Sehr  wahr!  r.,  Mideripruch  I.)  Wir  können  une  ja  im  weileren
Verlani  der  Dieluision  über  dir  Ausnaben  der  einzelnen  Völker  unterhatten,
aber  ich  jollie  meinen,  daß  gerade  der  Zwiichenrufer  über  die  Sltaiintik  der
einzelnen  Läudor  genau  grung  umterrichiet  wäre,  um  zu  wissen,  daß  Deutschland
in  der  Höôhe  ieiner  Wehrleilungen  weit  hinter  den  anderen  Vollern  zurück-
        <pb n="121" />
        Des  Lerisde  Reiq  aud  seiut  eiajelien  Glieder.  cApril  22)  111

steht.  Durch  die  Stellung.  die  Sie  zu  den  Vorlagen  einnehmen,  geben  Sie,
darum  bine  ich,  der  Welt  einen  neuen  Beweis  für  die  einsichtige  Opferwilligkeit
  und  auch  in  Zukunft  ungebrochene  Vakerlandsliebe  der  Nation.
Neue  Macht  und  Stärke  scuen  den  Deulschen  Reich  aus  dem  8  der
Verlan  erwachsen.  Aber  bevor  sie  noch  zur  Tatsache  geworden  sind.  wi
mge  schnelle  und  möglichst  riste  „Genehmigung  dessen,  was  die  ver-Knsdesen
  Regierungen  zum  Schut  Wohl  des  Vaterlandes  für  .
umgänglich  no#rwendig  hauen,  zur  gurchn  des  Ansehens  und  der  Machtstellung
  der  Nation  dien  Ich  bin  gewiß,  wo  elwa  im  Auslande  die
Berechnungen  auf  Porircheder  auftauchen  würden,  werden  sie  zu  Schanden
werden  —  ebenso  wie  sie  noch  immer  gelrogen  haben  seit  unserer  nationalen
Wiedergeburt.  Und  ich  gebe  mich  der  zuversichtlichen  Hoifnung  hin,  daß
bei  den  Entschliehungen  über  die  Ihnen  gemachten  Vorlagen  nur  der  Einheitsgedanke
  und  die  einsichtsvolle  Vaterlandsliebe,  die  die  Nation  beseclen,
das  emscheidende  Wort  sprete  werden.  Lebhaster  Beifall  bei  allen  Parteien.)
Rriegsminister  v.  Heeringen:  Anus  den  Eriahrungen  des  Spätsommers
  1911  ist  uns  die  Ot  Ftammen.  daß  das  lette  Luinauenget.
nicht  genügen  würde.  Das  kann  ich  in  der  Budgetkommisüon  noch  gena
nachweisen.  Ueber  alle  Einzelheiten  kann  man  hier  mit  Rücksicht  auf  r
Ausland  nicht  iprechen.  Wir  mülsen  die  Ueberlegenheit  unferer  Armee  in
erster  Linie  suchen  in  der  Oeganisotion  und  der  Anebildung  unjeter  Truppen
und  in  der  Opierwilligkeit  unserer  Offiziere  und  Mannschaften,  wie  L#ifsuih
in  der  Sperwilligten.  ziere  a  zen  Volles.  Es  konimt  zunächit  die  Neuorpe
  in  Frage  unter  Verwendung  zweier
Ulerschusser=  obbseonen.  n  ist  sehr  wichtig.  Wir  sind  *—-unsere
  mobil  gemachten  Friedeuslruppen  von  vornherein  und  voll
in  der  ersten  Linie  zu  verwenden.  Armeekorpsverbände  lassen  sich  0
Feinde  nicht  improvisieren.  Auch  der  Beurlaubtenstand  #ou  fülhgerttger
gemacht  werden.  Für  unsere  Insanterie  ist  es  nolig,  die  Maschinen
gewehrkompagnien  zu  rgete  en.  Das  war  manh  ln  Rücksicht  auf
das  Ausland.  Auch  die  technischen  Truppen  mußiten  vermohrt  werden.
Wir  mußten  verschiedene  Pionierjormationen  neuschaffen,  die  Mannschaft
für  den  Funkentelegraphendienst  musitre  vermehrt  werden  und  unsere  Fliegerkorps
  müssen  erheblich  erwentert  werden.  Die  Zahl  der  Wehryflichtigen
wird  durch  die  Vorlage  vermehrt,  und  damit  wird  die  Wohnat  der  militärischen
  Ansbildung  einer  grosen  Anzahl  von  Volksgenoisen  zuteil.  Vom
1.  April  nächsten  Jahres  ist  auch  eine  Anibessferung  der  Löhnung  der
Mannichaft  in  Anesicht  genommen.  Wichieer  noch  als  die  Vermehrung  der
Präsenzstärke  ist  die  Ver  mehrung  d  z  Cilfziersstärke.  Die  zur  Verfügung
  srehenden  Ostete  genügen  im  Folle  der  Modilmachung  mich-  Wir
hälten  im  Falle  der  Mobilmachung  einen  zu  starken  Wechiel  in  den  Okfüzier--stellen
  gebabt.  Die  Ansbildung  unieres  Heeres  hat  auch  io  zugenommen,
daß  die  Osfiziere  vielsach  zu  jehr  herangczogen  wurden.  Die  Folge  davon
ist  Ueberanstrengung  zund  Nervosikär.  Namentlich  gin  dies  von
santerie,  die  durch  d  Abhaltung  der  Uebungen  des  Sesrtenbtcustande
ganz  bioners  stark  bezaiten  ist.  Die  Zunahme  der  Mannschai#en  des
urlanbtenstandes  hat  auch  eine  esssdr  der  Brpeietommando  *
a#s  ist  dringend  eriorderlich,  damit  die  Mobilmachung  am
sunktioniert.  DTurch  die  Vorlage  we  auch  cine  Veriungung  unscc
Oilisierkorus  erreicht.  Es  war  je#  eine  ernie  Sorge,  dan  unier  Osüzier-=korp#s
  Inu  überalert  war.  ieher  hatten  wir  krinen  Answeg.  um  das  zu
beseitigen.  Der  einzige  Weg  ist  eine  Vermehrung  der  Siellen  vom
Hauptmann  aon  aufwarts.  Auf  diesem  Wege  sind  nus  jait  alle  Siaaten
schon  vorangegangen  und  zum  Tril  in  viel  gröerenn  Umiange.  Die
        <pb n="122" />
        112  Das  Meuische  Reich  und  seint  eintelurn  Glirder.  (April  22.)

eutsche  Armee  muß  hier  nachfolgen.  Die  Hauptsache  für  ein  schlagwsich
  Feldheer  sind  kräftige  vorangehende  Offiziere,  die  allen  Anforderungen
  gewachsen  sind.  Bei  der  Beratung  des  letzten  Quinquennats
ist  ausgesprochen  worden,  man  hätte  das  Vertrauen,  daß  die  Heeresverwaltung
  mehr  gesordert  hätie,  wenn  mehr  nous  gewesen  wäre.  Wir  stellen
nun  umgekehrt  die  Vertrauensfrage  und  erwarten,  daß  Sie  uns  solgen,
wo  wir  onen  nochweisen,  daß  mehr  rnbrii  ist,  und  wir  hoffen,  daß
Sie  uns  das  bewilligen  werden,  wovon  im  Falle  der  Not  schließlich  die
Existenz  unseres  Vaterlandes  abhängen  kan
Sicatsiekretär  des  Reichemarineaomts  v.  Tirpid:  Wir  wollen  lediglich
awei  Mißstände  in  unjerer  Organiiation  bejeitigen,  die  sich  von  Jahr  zu
Jahr  stärker  gezeigt  hoben,  und  deren  Bejeitigung  unerläßlich  geworden
ist,  wenn  die  Regierung  ihre  Auigabe  erfüllen  will.  Der  eine  Mißstand
besteht  in  der  Entlaisung  der  Reseroinen  im  Herbst,  durch  die  auf
einmal  die  Leistungsjähigkein  unserer  gesamten  Eichtrckrafie  stark  reduziert
wird.  Fast  ein  Driuel  der  Bejatzung  der  Schiife,  und  zwar  die  ausgebildelen
  Leute,  werden  gewechielt  und  durch  NJrren  ersetzt,  die  fast  ausnahmslos
  aus  dem  Lande  genommen  werden.  Oierdurch  wird  die  Schlagferrigkeit
  unserer  Flotte  plötzlich  und  für  längere  Zeit  betrofien.  Dieie
Schwierigkeiten  sind  bereits  seit  Zebren  aus  dem  boben  Dause  in  der  Budgetkommüsion
  zur  Sprache  gebracht  worden,  und  wir  hoben  auch  erwogen.
wie  lie  abzustellen  seien.  Vor  einer  erheblichen  Veneur  der  alliven
Sweitkrafte  int  das  aber  nicht  möglich.  Mit  dieier  wäre  eine  Abyilfe  geiese
  Schwierigleiten  sind  nichts  **  und  schon  längere  en
eimpfunden  worden.  Früher  waren  sie  nicht  so  dringend,  auch
finanzielle  Schwierigleiten  es  verhindert,  Masßnahmen  dagegen  zu  Wen
Eine  Abhilfe  ist  jet  bei  der  Vermehrung  der  Flotte  or  dringen
bolen.  Der  zweite  Rorheit  uuserer  Organisation,  der  sich  allmählich  brrabtegebildet
  hat,  liegt  in  dem  Mißverhältnis  unserer  sojort  verwendbaren
  u  de  zur  Vongarte  unserer  Flotte.  Dieser
Nachteil  ist  allmählich  entstanden  und  heroorgegangen  zum  großen  Teil
aus  den  technichen  Neuerungen  des  letzten  Johrzehntes.  Ich  möchte  nur
erinnern  an  die  gewaltig  genteigerlen  Emtiernungen  der  Geschütze  und  damit
  verbunden  die  Komwlizieriheit  des  Dienstes,  ferner  die  ums  Zwanzigfache
  gesteigerte  Entiernung,  aui  die  die  Torpedowaise  wirken  kann,  die
nomvplizierlheit  der  neueren  Schisse  mit  ihren  eleltrischen  Einrichtungen.
die  Funkemelegravhie  niw.  Diese  Neuerungen  haben  jofort  die  Handhabung
der  Schiüfe  schwieriger  gemacht,  vor  allem  aber  auch  die  Handhabung  der
Schiüsverbande  der  Geichvader.  Das  hat  zur  Folge,  daß  die  Reservesormationen
  im  KFalle  der  Mobilmachung  später  zur  Verwendung  bereit
siehen,  als  wir  früher  gerechnet  hamen  und  rechnen  konnten.  Hierzu  trit!
noch  ein  anderer  Punk!:  Jede  Nation  wird  hemigen  Tages  ganz  beiondere
im  Seelriege  mit  der  Wahricheinlichkeit,  oder  beiser  gelaat  mit  der  Mos
lichleit  eines  plönlichen  Ausbruchs  des  Krieges  rechnen.  Ich  erinnere  an
dad  hinorische  Beiipiel  von  Port  Arthur.  Ist  der  Krieg  einmal  ausgebrochen,
  wird  jede  Nati  tion  sich  bemühen,  der  anderen  zuvorzukommcn.
und  iede  Nation  wird  mit  der  Magalichkeit  der  enljcheidenden  Kriegsoveralionen
  im  allererten  Teile  eines  Arieges  rechnen  müssen.  In  diesen
Erwägnngen  liegt  die  Begründung  für  die  zwingende  -owendigeen  der
soiortigen  Bereitichaft  eines  erheblichen  Teiles  der  Floit  lle  Nationen
haben  Masnahmen  getroisen,  um  sofort  verwendbare  einse.  Streitkräste
ausf  Kosten  der  Reservejormationen  aufzustellen.  Unsere  Marine  ist  nach
diejer  Richtung  beionders  ungönstig  gestellt;  von  5  Schiffen  der  Iststärke
unierer  Flotte  sind  zurzeit  nur  ein  Drinel,  21  große  Schiffe,  sofort  ver-
        <pb n="123" />
        D#s  Leulsqe  Relq  anb  srint  eindelnen  Glirder.  (April  22.)  113

wendungsbereit.  Durch  die  hier  vorgeschlagene  Vermehrung  der  aktiven
Strei#kräfte  werden  sich  die  Verhältnisse  erheblich  bessern.  Um  nun  für
das  dritte  Geschwader  nach  Möglichkeit  zu  sparen,  wollen  wir  auf  die
materielle  Reserve  verzichten  und  wollen,  soweit  angängig,  auf  die  altiven
Besotzungsleile  der  Fisiervesoriiinn  für  die  Bildung  des  drilten  Geschwaders
  turacshreiien.  Beides  bedauere  ich,  es  läst  sich  aber  nicht  ändern.
e  Wuũnsche,  wie  z.  B.  der  irũhere  Erjab  groster  urenzer
mußten  tuchpanderh  werden,  da  auch  das  DHeer  einer  großen  Verstärkung
dringend  bedarf.  Um  die  durch  unsere  Organisarionsändcrungen  nrstredte
wesentliche  Verstärkung  unserer  sofort  verwendbaren  Streitkräfte  zu
reichen,  mußten  Konzessionen  gemacht  werden.  Daß  ich  die  miehichtische
Verantwortung  für  diese  KNonzessionen  übernehme,  ist  selbstoerständlich.  Daß
die  Materialreserve,  auf  die  wir  jetzt  verzichten,  künftig  wieder  angefordert
wird,  daß  die  jetzt  gekürzten  Dwicnistellungen  unserer  Reservesormationen
wieder  ausleben,  halte  ich  für  ausgeschlossen,  da  wir  alle  materiellen  und
personellen  Kräste  auf  die  Durchjührung  der  jetzt  wweferderen  Verstärkung
der  alliven  Streitkräste  und  auf  die  Erhollung  ihrer  Leistungsjähigleit
werden  lozen  müssen.
osten  der  neuen  Vorlage  werden  sich  auf  eine  länger  Neihe
dyn  goheen  verteilen.  Sie  sind  verhanemasig  nicht  groß.  (Zuruf  I.:  Na,
geht!)  Wenn  die  Heren  den  Zweck  t  Vorlage  berũdsichtigen,  dann
re  sie  angetkennen  müssen,  daß  die  ie  in  den  engsten  Grenzen  gehalten
  sind.  Bedenken  Sie  doch,  der  Marincetat  von  1917  wird  sich  nach
diesen  Vorlagen  nicht  höher  stellen,  als  er  eigentlich  schon  für  1911  sein
n  Unterj  eebooten  werden  wir  dutchichnittlich  pro  Jahr  sechs
feate.  Sie  sollen  eine  Lebensdauer  von  zwölf  Jahren  haben.  Im  ganzen
wollen  wir  zu  einem  Stalus  von  72  Untersecbooten  kommen,  von  denen
drei  Viertel  in  aktiver  Vereitschait  stehen  sollen.  Außerdem  wäre  es  wünschenswert,
  einige  Luftschifsse  für  den  Seedienst  zu  haben.  Was  die  Luitichiüe
auf  See  leisten  können,  das  werde  n  ja  erst  die  Erprobungen  zeigen  müssen;
dasselbe  gilt  von  den  Flugzeug
Alle  diese  Forrrerute  *#o  nicht  aus  politischen  Erwägungen  gestellt
  worden.  Sie  beswecken  lediglich  die  Abstellung  von  Min#änden.  die
iich  bei  der  Marinerüfiung  von  Johr  zu  Jahr  stärker  gezeigt  haben.  Die
Verderungen  ünd  gering.  wenn  man  sie  mit  den  irührren  Vorlogen  verleicht.
  Der  militarische  Eisell  aber,  der  in  der  grosteeren  Bereilichaft  nnierer
Hante  seinen  Auodruck  iindei,  ist  jehr  grous.  Ich  gebe  mich  der  Hoifnung
hin,  daß  der  vatriolische  Sinn  dieses  Hanies  der  Marinevorlage  der  verbündeten
  Meherunge  die  zustimmung  nicht  versagen  wird.
Staatsiekretär  des  Reichsichabamis  Nühn:  Die  Vermogens-  und
#Eintomp##nsener  emziehen  sich  wegen  der  Verhälmmisie  der  Bundesstaaten

 

dem  *  s  Reiches,  während  auf  die  Erbschaitsitener  das  Reich
bereils  zuf  T  jrine  dond  gelegt  hat.  Die  Wrhritener  ist  nicht  ant  als
EMm—  Stener  deulbar.  Sie  must  t  immer  einer  der  drei  er.

wähnten  Besiziteuern  anschließen.  Bleibt  die  Erbichaftstener.  Diese
Steuer  wird  auch  für  Deutschland  eines  Tages  kommen,  nur  kann  sie
heute  nicht  kommen.  Lärm  bei  den  Sd.,  In  einer  Frage  von  so  einschneidender
  Bedentung  ist  ein  Perionenwechiel  ohne  Einftun.,  und  der  erite
Entwurf  der  Erbschaflattener  rührt  von  meiner  Hand.  Die  Erbaniallsteuer
  ist  von  der  Rcicheregierung  und  den  Nininenn  der  Einzelstanten
verireten  worden.  Wie  konnten  da  die  verbündeten  Regierungen  arund  ·
läbliche  Gegner  der  Vorlage  #ein!  ?*  Jeri  können  wir  ihnen  aber  die  Sleuer
nicht  vorschlagen,  weil  wir  die  Sleuer  in  lebter  Lesung  doch  nicht  vinisn
erhalien  würden,  und  weil  sie  dem  Zwecke  der  zu  löfenden  Auigabe  en
luro#discher  Gechichtstalender.  LIII.  8
        <pb n="124" />
        S#e  Nerisihe  Nrüch  und  srius  rinzetnrn  Glisber.  (April  22.)

sprechend  möglichst  einmütig  bewilligt  werden  muß.  Wir  haben  uns  auf
die  Aufhebung  des  Kontingents  der  Branntweinsteuer  beschränkt.

spielt  heute  u  mehr  die  Rolle  wie  früher.  Der  Durchschninsbrand  et-Iest
  es  und  mit  ihm  wird  ein  Stein  des  Anstoßes  bejeitigt.  Wie  wir

die  Gestaltung  der  Einnahm  ment  un  nd  Ausgaben  denlen,  ersehen  Se
aus  der  Deutsechiste  Wir  hoffen,  für  1912  auszukommen,  wenn  wir  die
Einnahmen  nach  dem  Ergebnis  von  ibn  einstellen.  Einen  1911  er  Jahrgang.
  wird  die  Verwaltun  g  nicht  so  balb  wieder  bekommen.  Bei  unserer

des  r  4  drohl.  Den  Ueberschuß  von  1911  haben  wir  sehr
gering  auf  240  Millionen  berechnet.  Reservieren  wir  davon  etwa  100  für
diejenigen  Zwecke,  die  zur  Schuldentilgung  im  weitesten  Sinne  des  Wortes
gehören,  so  lassen  sich  auch  die  Ekats  der  nächsten  Johre  balanzieren.  Der
Grundsatz,  die  Schulden  des  Reiches  nicht  weiter  anschwellen  zu  lassen,
sondern  nach  Möglichkeit  zu  verringern,  wird  durch  die  Vorlagen  nicht
verletzt.  Ich  möchle  aber  dringend  davor  warnen,  aus  meinen  Ausführungen
  den  Schluß  zu  ziehen,  daß  unsere  Finanzsage  Kanden.  ei  und
weilere  Ausgaben  gestaite.  LÆIIItItItytt»„öçxvxx  natürlich  sch  D
kann  man  sagen,  daß  keine  Angeichen  dafür  vorliegen,  unsere  wischostteo
Entwicklung  süche  vor  einer  Nenderung.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,
daß  eine  jolche  Eutwicklung  aui  und  aobwogt  und  welche  verhängnisvollen
Juigen  ein  Umichwung  der  Noniunktur  haben  kann,  zeigt  das  Defizit  von
er  Staatsregierung  wird  es  natürlich  recht  erschwert,  die  Ausgaben
e  dem  ri  tigen  Nahmen  zu  halten.  Auch  mit  der  Sparsamkeit  ist  nicht
7nt  getan.  Nach  einer  längeren  Zeit  glaubt  eine  jede  Berwaltung  daraus
das  Recht  auf  erhöhte  Forderungen  zu  ziehen.  Selbst  beim  Reichstage
hoben  wir  dieser  Erfahrung  begegnen  müssen.  Eine  wirkliche  Sanierung
unserer  Finonzen  kann  erst  dann  eintreten,  wenn  auch  die  Ausgaben  rre
Extraordinariums  aus  laufenden  Mitteln  entnommen  werden.  Bei  d
vorgeschlagenen  Regelung  wird  das  aerdinge  noch  einige  Johre  benaufgeschoben
  werden.  Erleichtert  wird  es  uns  aber,  daß  vom  nächsien  Jahre
ab  die  Höhe  der  Ksb-  Anleihen  diese  Einnahmen  nicht  übersteigen
wird  und  doß  von  1914  ab  alljährlich  die  zur  Schuwentilgung  erforderlichen
  Beträge  nen  Pigentlichen  Zweck  auch  Augeinhrt  werden  können.
Immerhin  eriehen  Sie,  daß  wir  noch  recht  viel  auf  dem  Gebiet  der  Schuldentilgung
  zu  tun  haben.  Die  Finanzverwaltung  hat  lich  mit  einer  nur  kargen
Deckung  von  30  bis  40  Millionen  begnügt,  aber  wir  lehnen  den  Vorwurf
ob,  daß  wir  die  Finanzfrage  im  Dunkien  gelaijen  haben.  Wir  hoffen,  in
der  vorgeichlagruen  Weisc,  allerdinge  auch  nur  in  der  vorgeschlagenen  r*
Deckung  für  die  Ausgaben  au  schoifen.  Wir  wissen,  daß  wir  mit  den
iorderungen  an  unsere  Finanzen  bis  auf  die  äußerste  untere  Grenze  geratgegangen
  sind.  Wir  haben  das  mit  vollem  Bewautiein  getan,  weil  wir
die  Steuerkraft  des  Volkcs  ichonen  wollten,  nicht  bloß,  wie  einige  der  Herren
zu  meinen  scheinen,  in  bezug  ani  die  Erbichritsstior,  sondern  in  bezug
auf  die  Steneen  schlechiwen.  Wir  halten  es  für  nötin,  ans  finonzwirticheft.
li  en  und  poli  tiichen  Gründen.  Es  muß  eine  Reser#e  da  sein.  Eine
Nation,  die  wie  die  unirige  nnausgesett  auf  die  Gesahr  eie  Angrisss-Irieges
  gerüfstet  sein  muß,  muß  ir,  ewer  atocken  und  ihre  Einnahmeaucllen
  Ulliü  erhalten.  Beifall  r.
In  der  Generaldebaue  —  ss  Abg.  Haale  (Sd.):  Kein
vor  einem  Jahre  geglaubt,  daß  wir  heute  vor  neuen  militärischen
  Forderungen  stehen  werden.  Wir  müssen  nach  den  heutigen  Aus-
        <pb n="125" />
        Des  Denlie  Relq  aad  seine  eĩulstliea  Glĩeder.  (Aprit  22)  115

führungen  neue  Hoerressorderungen  für  die  znen  Jahre  erwarten.  Eo
klingt  wie  ein  Hohn,  w  man  sagt,  daß  durch  das  Oninquennat  Stciigkeit
  in  die  Mboan  ie  gebracht  werde.  Die  militärischen  Versicherungen
  können  keinen  Wert  mehr  beansvruchen.  Was  in  Frankreich
geschehen  ist,  ist  keine  Schaffung  neuer  Cadres,  sondern  eine  Verschiebung
in  den  Divisionen,  was  keinen  neuen  Mann  nölig  macht.  Auch  die  Gesahr,
  daß  Frankreich  Eingeborene  aus  seinen  Nolonien  Fiekonsieden  könne,
besteht  einstweilen  nicht.  Der  neue  Aufstand  in  Fez  soricht  eine  andere
rache.  Frankreich  ist  on  der  Grenze  seiner  militärischen  Fähigkeit  angelangt
  und  deult  nicht  an  einen  Angrisfekrieg  gegen  Deutschland.  Warum
also  die  neuen  Heeresjorderungen?  Es  ist  eine  kleine  Minderheit,  die  in
Deutschland  zum  Kriege  hedt  und  diese  Minderheit  steht  politijch  dem  Rei

konzler  viel  näher  als  uns.  (Lebhafte  Zustimmung.)  Der  re
liest  ia  auch  die  Presse  der  Schwerindustrie  und  er  weiß,  welche  Kriegsheterei
  sich  da  breit  r  Es  ist  eine  Gewissenlosigkeit,  wie  in  diesen
Rreisen  zum  Kriege  gehe#t  wird.  Der  Reichskanzler  soll  sein  Angenmerl
richienn  auf  dieses  9#  hcerweinarährtiie  Treiben  des  Flottenvereins
ges  Wehrvereins.  Auch  die  liberalen  Fowieien  sind  mitgerissen  worden

½  de  imperialistijchen  S##nge  Aber  das  Erwachen  wird  schreckli
sein.  Wir  Sozialdemokraten  wollen  keine  66  Truppenvermehrung,  wir
welien  aber  eine  bessere  Löhnung  der  vorhandenen  Monnschaiten.  Dieie
ellte  gleichzeitig  Bt  werden.  Feb  soll  aber  die  Manniasitlehengerehehm
  erst  vom  1.  April  aob  beginnen.  Wir  werden
dojür  eintreten,  daß  die  NManshastssühnung.  #on  jetzt  erhöht  wird,  daß
die  Zündholzüteuer  und  die  Salzsteuer  beienigt  werden,  und  wir  werden
dafür  sorgen,  daß  nicht  noch  neue  indirete  Steuern  eingeführt  werden.
Im  übrigen  wird  unsere  Auigabe  sein,  gegen  alle  Kriegsbeerei  From  zu
machen,  und  darüber  sind  wir  einig  mit  der  Sozialdemokratie  aller  anderen
r.  enn  wir  unifere  Politik  durchsetzen  konnen,  wird  es  eine  Politik
der  En  und  friedlichen  Entwicklung  geben,  von  der  die  Voller

orlei

pahn  (I.):  Der  Eindruck  besteht.  daß  auf  der  anderen  Seite

die  re  bes  ½  militärischer  Hinsicht  stärler  ist  als  Cesterreich  und
Deutschland,  da  Jralien  je#t  selbst  engagiert  ist.  v  diejsem  ———
aus  müssen  wir  an  die  Sache  herangehen.  (Sehr  richtig!:  I.)  Die  ichwarze
Armee  in  Frankreich  ist  dabei  noch  gar  nicht  herungsbogen.  worden.  Es
lommt  aber  in  Fragr,  ob  die  französiichen  Truppen  aus  Nordairila  nach
Europa  geworjen  werden  können.  Es  scheint  mir,  als  bedüriten  wir  der
Vorlaoge  und  als  iei  es  nötig,  unfere  Organifolion=  zu  stärken.  Der  politijche
Himmel  iĩt  nicht  nnz  klar.  Das  haben  uns  die  Dinge  im  O#en  und  auch
die  Vorgönge  in  Tripolis  gezeint.  Alle  neuen  kriegerüchen  Verwicklungen
haben  auch  gezeigt,  daß  man  am  ersten  Tage  gerüstet  jein  muß.  Dafür
müssen  wir  sorgen,  und  das  wird  bei  der  Marinevorlage  eine  Rolle  ibielen.
ist  uns  bereits  bekannt,  daß  unsere  Nachbarn  ans  beiden  Seiten  ihre
Truppen  so  organisiert  haben,  daß  üe  soiort  kriegebereit  sind.  Dicien
Eigerteig.  müsien  wir  beachten.  Daran  können  wir  nicht  vorübergehen.
Ob  d  Zahl  der  Truvven,  und  der  Osüziersvermehrung  nölig  sein  wird,
msee  wir  in  der  Lommission  noch  prüfen.  Bei  den  beiden  neuen  Armeckorps
  kann  auch  nichts  geändert  werden.  Man  kann  hier  entweder  ablehnen
oder  aonnehmen.  Bei  anderen  Forderungen  können  wir  ia  virellricht  in
Einzelerörterungen  eintreten.  Wir  brauchen  auch  eine  starke  Flole  im  Interrije
unieres  Haudels  und  unierer  Judnrie.  Aber  darũber  müijen  wir  uns
llar  jein,  wenn  es  um  Dentichlands  Exiĩtenz  geht.  da  entcheidet  nicht  die
Flolte,  sondern  das  Heer.  Wenn  wir  für  die  Wehrmacht  unseres  Wolles

K"
        <pb n="126" />
        116  Ds  Beufs#-  Rrich  und  seinr  einbelnen  Glieder.  (Epril  22.)

eintreten,  woslen  !  aber  auch  verlangen,  daß  für  unsere  Söhne  alles
etan  wird,  was  zu  ihrer  körperlichen  Sichesbeit  beiträgt.  Auch  auf  das
religiöse  Er#ndes  ter  Ainder  muß  Rücksicht  genommen  werden.  Die
zehn  Gebote  müsien  auch  bei  uns  in  der  Armee  gelien  und  der  Duellzwang
muß  aushören.  Bei  der  *  sind  wir  damit  einverstanden,  daß  bei  der
Entlassung  der  Reserven  eine  Aenderung  eintritt.  Denn  es  darf  nicht  sein,
daß  unsere  Flotte  wiere  ist.  Unsere  Flolte  muß  immer  gesechtsfähig
  sein,  und  man  wird  auch  nichts  dagegen  einwenden  können,  den-  di
aktive  Florte  auf  Kosten  8  eezerveslodte  Lernet  wird.  Wenn  w

altives  Geschwader  mehr  schaffen,  kommen  wir  auch  in  richtiges  Verhan#ns
zu  England.  Mit  der  Einführung  von  Luftschifsen  für  die  Marine  sind  wir
einverstanden  und  ebenio  mit  der  Vermehrung  der  Unterseeboote.  Die
Deckung  muß  vom  Reichstag  noch  genauer  erw  werden.  Mit  der  Einführung
  der  Obbsibosisct  können  wir  uns  nicht  einverstanden  erklären,

uns  die  Deckungsvorlage  einen  Schatsekretär  gekosict,  aber  es  scheint  mir
doch,  als  hälte  Lerr  Aermunh  nicht  genügend  Grund  zu  seinem  Entlassungsgesuch
  gehabt.  Es  war  ja  nur  eine  geringe.  Disferenz,  die  ihn  trennte  von
dem,  was  jeßt  vorsihle  ist.  Er  wollte  60  Millionen  Aeneinnahmen.
und  der  Gorshtas  der  ##hicrung  dirca  9  Millionen
n.  Serg  :  wir  erkennen  an,  daß  *  Berstärkung

unserer  M#ue  maigg  it.  de  die  Lücke  in  unserer  Rüstung  durch  die
Vorlage  ausgefüllt  wird,  darüber  können  wir  nicht  urteilen,  aber  die  Annahme
  der  Vorlage  ist  eine  politische  Pflicht  aller  Kreise  des  Volkes.  Bei
der  Deckungsvorlage  wäre  es  uns  lieber  gewesen,  wenn  für  neue  Ausgaben
  auch  neue  Ouellen  erschlossen  worden  wären.  Natürlich  oleueen  nur
die  Beützenden  herongezogen  werden.  Eine  brauchbare  Steuer  wäre  die
Wehrsteuer  und  ebenso  die  Dividendensleuer.

22.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Das  humanistische
  Gymnasium  und  der  Extemporaleerlaß.

t  zweilen  Beratung  des  Kultuselals  liegen  zum  Kapite

„Döhere#  Lehranstalten“  an  AAnträgen  vor:  Eickhoff  (Vp.).  betreffend  “—
eidigung  der  Kandidaten  des  höheren  Schulamte  zu  Beginn  des  staatlichen
Vorbereitungedienstes,  Engelbrecht  (rk.),  betreisend  die  beschleunigle  Einführung
  des  gemeinsamen  Unterdaues  der  höheren  Schulen,  namentlich  in
kleinen  und  milileren  Städten,  und  Ernst  (Vv.),  betreifend  allmähliche  Aushebung
  der  bei  den  staatlichen  höheren  Lehranstalten  noch  —*

g.  v.  Carmer  (.):  Nachdem  131X)  die  Schulreiorm  abneschloisen
  var.  Ne  da  s  viel  bestriktene  Vorrecht  der  humar  isrichen  Gontnasien.
  Einige  Schulmänner  und  Aerzte  in  Frankiurt  a.  M.  haben  ein
Memorandum  ausgearbeitet,  in  dem  eine  nochmalige  eierforn  verlangt
wird.  Glücklicherweise  hat  die  „Norddeutiche  Alugemeine  Zeitung“  mitgeteilt,
  daß  von  einer  Aenderung  des  bieherigen  Sustems  nicht  die  Rede
sein  könne.  Das  Memorandum  richteie  seine  Spine  gegen  das  humanistische
Gymnasium,  gegen  die  klafüichen  Sprachen,  das  Lateinische  und  Griechische,
  für  eine  Verkürzung  der  Stundenzahl.  Das  Griechische  soll  wahlfrei
  werden  und  eventnell  durch  das  Englische  eriebt  werden.  Nach  meiner
Meinung  ist  das  Griechiiche  das  Eijentiale,  das  Herzstũck  des  humanistischen
Unterrichts.  Mit  dem  Fortfall  des  Griechischen  würde  das  Todesurteil  des
humanintischen  Gumnasiums  gejällt,  das  Griechische  ist  auch  für  das  juristische
Studium  nicht  zu  entbehren.  Wem  das  Griechische  zu  schwer  ist,  konn  ja
        <pb n="127" />
        Pas  Perisqᷣt  Neich  und  seiur  eintelnr  Glleder.  (April  22.)  117

andere  höhere  Lehranstallen  besuchen.  Das  humanistische  Gymnasium  ist
ein  unersetliches  Mittel  der  Erziehung,  es  hat  die  hohe  Blüte  des  deutschen
Bolkes  herbeigeführt.  Wir  si  nb  deshalb  immer  voll  für  das  humanistische
Gymnasium  cingetreien,  und  wie
chischen  durch  das  Englische.  Der  Extemporaleerlaß  dens  Antemissere
ist  sehr  einschneidender  Natur.  Er  gehl  davon  aus,  dah  die  Extemporalien
einseitig  für  d  Beurteilung  der  Leistung  des  Schülers  orswehber  worden
sind,  zu  häufig  geschrieben  wurden,  daß  in  manchen  eine  große  Fülle  gesuchter
  Schmiesh  geitoo  das  Studium  dem  Schüler  verleidete  und  erschwerie,
und  daß  sie  die  Schüler  *n“  machten,  und  einen  unenräglichen  Druck  auf
sie  ausübten.  Gewiß  sollen  zur  Beureilung  der  Schüter  auch  die  häuslichen
  und  die  m  nicchen  Klaisenleistungen  herangezogen  w  Firhe  Aber  in
Überfüuten  Klassen  kann  der  Lehrer  den  Shüer  nicht  so  oft  herannehmen,
um  seine  Li  beurteilen  zu  können.  Da  sind  Extemvoralien  ein  sehr
erwünschter  Maßstab.  Die  schriftlichen  Klassenarbeiten  wurden  %rn  her
allerdings  zu  allerlei  schwierigen  ksteleien,  mißbraucht;  es  ist  .  daß
diese  Auswũchse  bekelüigt  werden.  Aber  was  wird  nun  an  die  Stelle  der
Extemporalien  gesetzt?  Am  Schluß  der  Stunde  sollen  als  Ersab  Säße
diktiert  und  alle  vier  bis  sechs  Wochen  schriftliche  Klassenarbeiten  gejchrieben
ist  die  Aessenerbei  ein  Idecal,  aber  der  Zeitraum  von
vier  bis  sechs  Wochen  ist  zu  lange.  Es  geht  auch  zu  weil,  wenn  die  Arbeiten
  nur  zensiert  werden,  cur  vie  Marsahl  der  Schüler  die  Ausgaben
genügend  lösen.  Damit  wird  der  Segen  der  Einrichtung  wieder  vollständig
aufgehoben.  Unter  den  *  Schülern  einer  Normalklasse  sind  doch  unter
allen  Umständen  zehn,  die  nicht  mitkommen,  sei  es,  daß  sie  niut  befähigt,
oder  daß  sie  faul  sind;  diese  Quantité  négligenble  würde  es
aben,  die  ũbrige  Alasse  zum  Ardeiten  oder  zum  Anscefen.  onzuhihten,
Lehrer  wird  badurch  ebenfalls  in  seinem  Urteil  über  die  Leistungen
seiner  Schhler  eingeschränkt,  zumal  auch  die  Technik  der  unerlaubten  Hilfsmittel,
  der  Uebersenungen  und  sonstigen  Eselsbrücken  eine  ungeahnie  Volllommenheit
  erreicht  hat  und  eine  Täuschung  des  Lehrers  über  die  Fähigkeiten
  des  Schülers  weit  leichter  als  früher  ermöglicht.  Wenn  nun  der
Junge  iden  bleibt,  wird  ein  Strm  der  Entrüstung  der  Eutern  die  Folge
sein,  denn  der  Junge  hatte  ja  doch  allen  Aniorderungen  entsprochen.
Wird  der  Schüler  aber  versetzt  und  sieht  er  schliestlich  vor  dem  Abiturientenexamen,
  so  muß  er  RKlauinrarbei#en  lieiern,  und  das  kann  er  dann  nicht:
da  aber  7  alle  durchsallen  dürien,  so  wird  eben  das  Nivean  der  Leistung
Errobgriek,  Das  halie  ich  auch  für  sehr  bedenklich,  gerade  in  einer  Zeit,
o  der  Andrang,  auch  znbefähinter  und  ungeeigneter  Elemente,  so  auher-Aenlich
  groß  ist.  Es  gehl  durch  unsere  gauze  Zeit  ein  semimentaler,
wehleidiger  Zug,  der  die  Schonung,  das  verönliche  Wohlbelinden  Aumunsten
der  Leistung  viel  zu  sehr  in  den  Vordergrund  stelll.  Damit  muß  gebrochen
werden.  Der  Schiler  muß  auf  der  Schule  Zucht  und  Beosberane
lernen;  was  Hänschen  nicht  lernt,  lernt  Haus  nimmermehr.  Die  Sclbstzucht,
  das  Sichzusummennehmen,  das  Sichlotetrieren.  lerut  man  nicht
erst  im  praktischen  Leben:  damit  muß  ichon  in  der  Schule  angesangen
werden.  Sonst  häufen  wir  nur  die  Zahl  der  ut  Existensen.

Leß  (3.  :  Der  nuliusmini#ter  wird  sich  darüber  nicht
wundern.  ba  der  Exiemvoraleerlaß  im  Minelvunkt  der  Erörterungen  bei
diesem  Kapitel  sicht,  denn  wohl  noch  nie  hat  ein  Ministerialerlaß  ein  so
ausgedehmtes  Auisehen  erregt.  Ich  ho#ie  ja  auch  meinerieils  nicht,  daß
meine  Ausführungen  erreichen  werden,  daß  der  Status  quc  anto  wiederhergestellt
  wird:  ich  bringe  aber  meine  Bedenken  um  jo  mehr  v#“  vor,  als  sie
von  dem  allergrößten  Teil  des  Zentrums  geleilt  werden  und  nur  eine  lleine
        <pb n="128" />
        11  Das  Deaiihe  Reich  und  seint  einzeluèn  Glirder.  (April  22.)

Minderheit  den  Erlaß  billigt.  Im  Interesse  des  sogialen  Ausgleichs  läge
es  auch.  wenn  die  Forderungen  an  den  Gymnasien  nicht  herabgesetzt  würden:
wir  missen  dem  (Gelehrtenprolctoriot  enernisch  egegenarbeten,  Wenn  in
Cumland  jo  großer  Wert  auf  Spiel  und  Sport  gelegt  wird,  so  brauchen
wir  das  noch  lange  nicht  nachzumachen.  Wir  haben  Englond  in  vieler
Mrsichung.  erholl.  Nervösere  Leute  als  in  England  gibt  es  doch  nirgends
auf  der  2

#  „„aeil  S8  Der  Erlak  ift  leineswegs  am  grunen  Tiich
ruttunden.  Schon  vor  40  Jahren  hat  einer  meiner  unvergeßlichen  Lehrer
ein  absälliges  Urkeil  —*  vi  Exteniporalien  gefãllt.  Auch  andere  einsichtige
Vadagogen  haben  sich  seit  langem  gegen  das  Extemporale  gewondt.
allgemeinen  ist  die  Entwicklung  des  höyeren  Schutwesens  in  Penhen  eine
durchaus  erfreuliche,  wie  ich  als  alter,  erfahrener  Schumemn  bestäligen
kann:  zu  Pessimismus  ist  keinerit  Anlaß.  Es  herricht  im  höheren  Schulweien
  ein  frischer,  moderner  Geist.  Trotz  aller  —4  von  rechts  und
links  ger!  1  Minier  auf  den  Bahnen  jortschreilen,  die  er  eingeschlogen
hat.  (Beif

veispd,  Gh  ube•  v.  Trott  zu  Solz:  Vollig  unrichtig  ist  die  Meinung,
dast  unn  die  Alaisenarbeiten  beseitim  wären.  In  den  oberen  Klassen  tritt
überhaupt  ein  Umterschied  gegen  früher  nicht  ein;  aber  für  die  mittleren
und  unteren  Alasien  ist  der  Minstand  abgestellt,  daß  gerade  die  jungen.
noch  schwächeren  Schüler  stärker  zu  den  Extemporalien  herangezogen  werden
als  die  der  oberen  Klassen,  und  es  ist  der  Anspruch  wieder  auf  das  gehörige
  Maß  zurücgeschranbt  wocden,  Die  Behauptung,  5r  durch  den
Erlaß  die  Ansorderungen  an  die  Schule  herabgemindert  seien,  wird  min
der  Bestimmung  begründet,  daß  eine  Rensierung  nicht  eintreten  soll,  wenn
ein  erheblicher  Teil  der  Extemporalien  ungenügend  ist.  Diese  Bestimmung
ist  ban  iüchlich  für  den  Lehrer  berechnet.  Ist  eine  bberwisgende  Zahl  der
Schüler  nicht  imstande,  vet,  „Aufgabe  beiriedigend  zu  lölen,  da  suche  ich  die
Schuld  vornehmlich  beim  Lehrer.  Das  ist  nicht  pädagogisch,  *  man
die  Schũler  vor  Arbeiten  stellt,  denen  sie  nia#  gewanssen.  sind.  Die  Arbeiten
sollen  nicht  leicht  sein,  ober  der  Leistungsfähigkeit  der  Schüler  entsprechen.
Hat  ein  Lehrer  zu  hohe  Anforderungen  gestellt  und  ist  das  Ergebnis  nich
ausreichend,  jo  soll  das  nicht  den  Schülern  angerechnet  werden.  Ich  bin
weit  davon  entfernt,  die  Nolwendigkeit  angemesiener  und  strenger  Ansorderungen
  an  die  Schüler  an  den  höheren  Schulen  in  Abrede  zu  stellen.
Ich  bin  auch  der  Ansicht,  daß  wir  unser#e  Schüler  recht  herannehmen  müssen,
um  sie  für  die  Anforderungen  im  Leben  vorzubereiten.  Die  stramme  Zucht,
die  bei  uns  gewanet  hat  und  die  durch  die  Armee  geht,  die  Wahrhaftigkeit,
mit  der  diese  Forderung  in  unserem  Staate  auigestellt  und  durchneiührt
wird,  hat  sich  bei  nnieren  höheren  Schulen  bewährt  und  muß  auch  erhalten
bleiben.  Aber  es  muß  noch  enwas  anderes  heschehen.  Ein  bewährter  Pädagoge
  hat  in  einem  pädagogischen  Blatt  einen  lesenswerten  Anisaß  mit
der  Ueberichriit  Krichrieben:  Zucht,  Liebe  und  Vertrauen.  Er  hat  mil  Recht
Zucht  zuerst  an  die  Spitze  geitellt,  aber  er  hat  binzugesügt:  Liebe  und  Vertrauen.
  Er  hat  damit  die  Aussasiung  gelroficn,  die  auch  ich  von  den
Pflichten  eines  Lehrers  habe.  Der  Lehrer  muß  in  —  stramme
Zucht  zu  hallen  wissen,  er  zun  aber  auch  ieinen  Schülern  menschlich  und
välerlich  entgegentreien.  ihnen  Licbe  und  Vertrauen  entgegenbringen  und
Liebe  und  Vertrauen  bei  seinen  Schülern  ergelen,  %  ist  der  r  echte
Lehrer,  das  ist  der  Erzieher  unjeres  Voltes.  Ach  hoffe,  daß  auch  in  48
kunft  aus  der  Mitte  der  hhai  gie  Wissenschaft  gesördert  wird:
dazu  sind  doch  nur  wenige  bernien.  Alle  aber  msisen  sich  bestreben,  in-t
Ingenderzieher  zu  werden.  Wer  rans  nicht  die  Lust  und  die  nraft  in
        <pb n="129" />
        Des  Dertsqe  Relq  ind  srine  rintelsr  GElieder.  April  22.)  119

sich  fühlt,  mag  den  Lehrerberuf  aufgeben.  Der  Extemporalienerlaß  ist  im
letzten  Grunde  gesch  ehen  im  Interesse  der  Lehrer  und  nicht  im  Interesse  der

ugend.  Wir  müssen  die  berechtigten  Forderungen  an  die  Lehrerschaft
nicht  vermindern,  sondern  eher  steigern,  und  dazu  sind  wir  bei  dem  wachsenden
  Angebot  in  der  Lage.  Das  ist  eine  schwere  Aufgabe,  der  sich  die
Unterrichtsverwaltung  nicht  entziehen  kann.  Wenn  der  Erlaß  in  richtigem
Geiste  ausgeführt  wird,  wird  er  sicher  einen  Fortschritt  für  unsere  höheren
Schusen.  El  euten.

Strõbel,  (Sd.):  Den  Extemporaleerlaß  billigen  wir.  Nur
gauten.  .  nicht,  daß  ien  i  der  Schuler  mehr  in  die  antike  Kuliur  eineführt
  wird  als  zuvor.  Im  übrigen  kann  man  fremde  Kultur  auch  aus
lebemsegungn  kennen  lernen.  In  den  höheren  Schulen  sollie  der  Grund
zu  einer  abgerundeten  allgemeinen  Bildung  gelegt  werden.  Diese  muß  rein
menschlich  sein.  Den  Geschichtsumerricht  mache  man  zum  Mittelpunkt  des
ganzen  Unterrichts.  Auch  die  aebürgert  Linke  az  wnschen.  daß  sich
das  Bildungsniveau  des  Volkes  hebe.  Aber  wir  müssen  dafür  sorgen,  daß
die  Bildungemöglichkeit  für!  5vJ  vorhanden  ist.

g  Dr  ömann  (Nl.):  Ueber  den  Extemporaleerlaß  mag  man
denden,  wie  man  will:  #erk  Aine  Kritik,  wie  ste  heute  hier  geübt  wurde,
daß  er  so  und  64  bereite  gewir#  bate.  ast  ganz  unangebracht.  Sicherlich
lit  t  in  dem  Erlaß  ein  berechtinter  —  Zur  Kurzstunde  bemerke  ich,
ah  ich  sie  bei  dem  scchssindang  uernn.  al#  2%%  lleinert  Uebel  betrachte.
##  wäre  mir  ein  Ministerialerlaß,  nach  d  t  mit  sechamal  fünf
Stunden  auskämen.  Die  Hauptjache  ist  für  unlse  e  Schulen  eine
Geichwäsiee  mnhige  Entwicklung,  um  nusere  Jugend  so  zu  erziehen,  daß  sie
2  als  Deutsche  nicht  nur  fühlt.  leudern  cuch  ihren  Mann  späler  stehen
und  5  (Pob  an  der  Sonne  erobern

ns  ##  Ersenworofeerlaß  ist  greeigu  den
beran  der  hunnanistischen  Gumnasien  zu  äudern.  Ich  freue

ze  Über  die  Erklärung  des  Ministers,  daß  die  Leistungen  durch  den  4%%
act  herabgedrückt  werden  sollen.  Einen  Aureiz  zum  Fleiß  bilden  die
Extemporalien  ganz  sicher,  daher  hälle  man  nur  ihre  Auswüchse  beseitigen
sollen.  Früher  sind  wohl  zu  viel  Ememworalen  geschrieben  worden,  heute
werden  aber  sicherlich  zu  wenige  geichrie

ger  Antrag  Eickhofi  wird  abenonen,  nachdem  Abg.  Eickhoff
(#p.)  nochmals  darauf  bingewicsen  hotte,  daß  der  Minister  in  der  Budgetkommission
  erklärt  habe,  daß  er  sich  mit  dem  Fianhzwinister  verständigt
babe  und  er  Lemmäch  einen  S-  beriusgeben
Der  Antrag  Engelbrecht  wird  uer  Uuerrichtskommisson
überwiesen
Abg.  E  st  (Ip.)  begründet  seinen  Antrag  auf  allmähliche  Aufhebung
  der  Vorp#ulen  und  organische  Verbindung  der  Lehrvlänc  der  Volksschulen
  und  der  höheren  Lehranftalten.  Wir  wünichen  eine  Annährrung
der  verschiedenen  Stände.  Zn  der  iozialen  Frage  können  wir  gerade  weiterkommen,
  wenn  wir  die  Slände  in  der  Bildung  einander  nahe  bringen.
Die  4  4½  Millionen  sozialdemokrarischen  Stimmen  reden  eine  demtliche
Sprache.  Wir  kommen  auch  ani  diesem  Wege  der  Einheiteichule  näher.
Benn  die  Einheitoschule  ein  Idcal  is,  das  zurzeit  nicht  zu  erreichen
ist,  so  kann  doch  ein  gemeinsamer  Unterbau  ohne  weitere  Kosten  erreichl
  werden.  Man  schilt  auf  Nastenhochmut.  Aber  die  Vorschulen  er
ziehen  zu  diesem  Hochmut.  Hier  handelt  es  sich  grradczu  um  eine  Frage
der  nalionaten  Ethil.
mrat  Schöppa:  Der  Uebergang  von  der  Vollsschule  zur
höheren  ist  cchon  vor  Jahren  durch  einen  Erlaß  geregelt  worden.  Aber
        <pb n="130" />
        120  HN%  Veuischr  Riich  und  seine  sinelurs  Glieder.  (April  22.  23.)

mur-  nnti  Städte  dboben,  sich  bereit  gefunden,  entsprechende  Einrichtungen  zu

(Hört!  Lo

n  7n  o  ird  der  Antrag  Ernst,  nachdem  die  Ueberwetiang
  desselben  an  die  Unterrichtekommission  gegen  die  Stimmen  des
Jentrume  und  der  gesamien  Linken  abgelehnt  ist,  in  seinen  beiden  Teilen
lorgonische  Verbindung  der  Lehrpläne  der  höheren  und  der  Elementarschulen,
  Beseitigung  der  Vorschulen  an  den  staatlichen  höheren  Lehrinschen)
  abgelehnt.

22.  April.  (Frankfurt  am  Main.)  Die  Stadtverordnelenversammlung
  nimmt  die  Vorlage  über  die  Gründung  einer  Universität
  mit  43  gegen  26  (darunter  22  Sozialdemokralen)  Stimmen  an.

Der  Beschluß  hat  folgende  Fassung:  „Der  Magistrat  wird  ermächltigt,
  den  der  Vorlage  vom  29.  März  1912  anliegenden  Vertrag  uniter  Zulassung
  etwa  erforderlich  werdender  unerheblicher  Abänderungen  abzuichließen,
sobald  dem  Finanz-  und  Rechts-Ausschuß  der  Stadlverordneten-Versammlung
  nachgewiesen  ist,  daß  die  Zinsen  des  laut  vorliegenden  Verichts  noch
anszubringenden  Kapitalbelrages  von  7212000  Mark  dauernd  der  Universität
  zur  Verfünung  stehen,  und  zwar  die  Zinsen  aus  einem  Lapital
von  mindestens  sechs  Millionen  Mark  vom  Tag  der  Universiläts-Eröffnung
ab.  Die  Ausichüsse  haben  alsbald  der  Stadtverordnetenversammlung
Bericht  zu  erstatten.“

22.  April.  (Koburg.)  Der  Landtag  beschloß,  in  der  langjährigen
  Streilfrage,  ob  der  koburgische  Staat  zur  Unterhaltung
der  Thüringer  Landesuniversität  Jena  beisteuerpflichtig  ist  oder
Gotha  allein,  in  letzter  Instang  die  juristische  Fakultät  der  Universität
  München  als  Schiedsrichter  anzurufen.

22.  April.  Staatssekretär  v.  Kiderlen-Wächter  über  die
Dardanellensperre.

Auf  die  Vorstellungen  der  Mannheimer  VBoͤrie  wegen  der  Benachteiligung
  des  deuischen  Gelreidehandels  durch  die  Schließung  der  Schiffahrt
in  den  Dardauellen  ist  dem  Hausa-Bund,  der  das  Mannheimer  Telegramm
  an  das  Auswärtige  Amt  übermittelte,  solgende  Antwort  zugegangen:
„Auf  Jhr  Telegramm  betreffend  Sperrung  der  Dardanellen  erwidere  ich
Ihnen,  dast  Deutschland  als  neutrale  Macht  sich  nicht  in  den  Rrieg  zwischen
zwei  Grostmächten  einmischen  kann.  Die  LKaiserliche  Regierung  wird  sich
indesien  angelegen  sein  laisen,  zum  Schune  der  deutichen  Intereisen  die  je
nach  Lage  der  Verhältnisse  geeigneten  Schrinte  zu  tun.  gez.  v.  Kiderlen-Wachter


W.  April.  (Bamberg.)  Erbischof  Dr.  Friedrich  Philipp
v.  Abert  #  im  60.  Jahre.

23.  April.  (Berlin.)  Der  Staats=  und  Kirchenrechtslehrer
Dr.  Bernhard  Hübler  t.  77  Jahre  alt.

23.  April.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  ersten  Lesung  der
Wehrvorlagen.

Abg.  Bassermann  (Nl.):  Der  Reichskangler  wendet  sich  an  die
Anhänger  bber  Erbaufallsteuer  und  beschwört  sie,  im  Interesse  der  Er-
        <pb n="131" />
        Des  Neufsche  Neich  und  srinr  rinhelnes  Glieder.  (April  23.)  121

haltung  des  Friedens  unter  den  börgerlichen  Parteien  diese  Frage  nicht  in
die  Erledigung  der  Decungefrage  hineinzuziehen.  Warum  wendet  sich  der
Reichskonzler  nicht  an  die  Rechte?  Warum  richtet,  er  an  sie  nicht  den
Apvell,  um  des  Friedens  willen  und  um  des  Vaterlandes  willen  die  Erbaniallstener
  zu  bewilligen?  Gehatte  o  links.)  Sian  dessen
rechnet  er  uns  vor,  daß  es  sich  nu  m  21  Millionen  Differenz  handelt.
Im  Anfang  der  Vorbereikung  bisler  Mrhrvorlagen  konnte  man  annehmen,
daß  eine  gewisse  Verbindung  der  Webrvorlagen  und  der  Deckungsvorlagen
vorhanden  war;  man  braucht  sich  nur  an  die  Ausführungen  des  Staatsselretãrs
  Wermuth  und  auch  des  Nonklers  vom  16.  Februar  1912  gx
innern.  Der  Neichskanzler  entgeguete  domals  dem  Abg.  Speck,  daß  hinter
dem  Worte  rüglicrung  mit  Erbichostenever  ,  einem  sehr  storken  Worte,
Machtansprüche  verbergen,  die  er  nicht  anerkennen  könne.  Der  Reichslangser
  hat  selbst  den  Beweis  Hirelre  daß  er  den  Zusammenhang  Et
der  zwischen  der  Ablehnung  einer  volkstömlichen  Ferderung  und  dem
tum  der  Sozialdemokratie  besteht.  Freiherr  v.  Herkling,  der  Schöp  i  des
parlamentarischen  Systems  in  Banern,  ließ  die  GEeschußtese  in  der  Versenkung
  verschwinden  und  Herr  Wermuth  jolgte  ihr  nach,  der  gestern
sowohl  vom  Kanzler  wie  vom  Neichsichabsekrelär.  so  gelobt  nae  i
Was  nun  die  Wehrvorlagen  betrifft,  so  ist  ohne  weiteres  anzutrirnen,G
daß  das  r  iel,  das  die  Militärverwollung  hat,  die  Kriegsbereitschaft  zu  erhöhen,
  erstrebenswert  ist.  Die  Zahl  der  Mannschaften  joll  vermehrt,  zwei
neue  o  sollen  gebildet  werden.  Es  sollen  neue  Ete1  geschaffen
werden.  Das  sind  Ausfüllungen  von  Lücken.  Bedauerlich  ist  es,  wie  sehr
wir  mit  der  Durchsührung  der  allgemeinen  Behooc  sogar  in  kritischer
Zeit  noch  vom  Ziel  emtiernt  sind.  Im  Verhältnis  zu  Frankreich  vollzieht
uch  diese  Eutwicklung  doch  zu  langiam.  Das  ist  ein  Punkt,  auf  den  die
Kriegsverwaltung  ihre  volle  Aufmerliamkeit  wird  lenken  müssen,  auch  aus
Gründen  der  Gerechtigkeit.  Es  ist  unbillig,  daß  alle  Reservisten  und  Landwehrmänner
  in  den  Arieg  giehen  müssen,  während  70000  wai#enjähige
lunge  Leme  nicht  in  den  Wassen  ausgebildet  werden.  Es  ist  zu  berüteer.
daß  die  Ueineren  Regimenter  die  dritten  Bataillone  bekommen,  doß  #
noch  achtzehn  mit  zwei  Bataillonen  übrig  bleiben.  Zu  begrüßen  i#  auch,  8
von  dem  Grundsatz  der  Herabminderung  der  Etatsstärke  abgegangen  ist.
In  bezug  auf  die  Navallerie  enthall  die  Vorlage  einen  Fortschritt,  ebenso
verdient  Anerkennung  die  Vermehrung  der  Ariilleric.  In  der  Beivannung
sind  wir  hinter  die  frauzösische  zurückgekommen.  Wir  haben  do  ein  Minus
von  viclen  tauiend  Pierden.  Ich  begrüße  es  serner,  daß  die  Vorlage  der
Bedeuung  der  Luitichiffahrt  Nemung  träg!.—  für  welche  in  Frankreich  sehr
viel  geschiecht.  Es  wird  in  der  Vorlage  eine  Fliegertruppe  angefordert  für
Heer  und  Marine.  Leider  bestent  noch  ein  Mißverhällnis  zwicchen  den
Leistungen  unserer  Oisiziere  und  den  Ber-  uigen,  die  der  Staat  ihnen  hibt.
Dies  Mißverhällmis  findet  seinen  Ansdruck  in  dem  Beüreben  der  Oißikiere,
in  Privarbetrieben  Stellungen  zu  dunden  und  in  den  Muonquements.  Was
die  Novelle  zum  Flottengeses  betrifft,  so  heißen  wir  ihre  Vorschläge
gut.  Wir  werden  unfere  Flotntenpolitik,  die  keine  ongressive  ist,  wie  bieher
nach  unjeren  eigenen  Bedürfniüen  ein  zurichten  haben.  Unter  die  Krage
der  englisch  demichen  Bexiehungen  könnrn  wir  jezt  einen  Strich  machen,
nachdem  der  englische  Marineminister  erklärt  hat,  daß  dic  englicche  Flottenrüstung
  nicht  nur  auf  Deurichland,  sondern  auch  auf  die  Mannahmen
anderer  maritimen  Mächie  Rücksicht  nehmen  mus.  Die  Verdienste  des

großen  Organisotors  der  deutschen  Fione,  der  es  verstanden  hat,  als  liuger
        <pb n="132" />
        122  Hes  Perise  Neick  und  seinr  einsein#s  Glirder.  (April  23.)

Mann  dem  Aberschwange  dessen,  was  in  ign  Verbänden  zutage  trat,  zu
steuern.  (Beisall  rechts,  Unruhe  bei  den  Sd.)  Der  Ausgangspunkt  für
die  Verstärkung  irr  Flone  und  des  Heeres  *J  ja  in  den  Marokkowirren;:
blitartig  ist  domals  die  internalionale  Gefahr  vor  unseren  Au  —
schienen.  Insolge  der  Entwicklung  dieser  Affäre  ist  „weisellen  in  Fe#nkreich
der  nationale  uuvinismus  masr  gewachsen.  Erkennt  man
als  Föchg  en,  so  muß  man  auch  für  Deanf  schland  die  Konsequenz  gieder
und  darf  die  Vörbereigungen  44  den  Verteidigungskrieg  nicht  in  sentimenbaier
  Weise  umterassen.  chie  Entscheidung  in  einem  Weltkrieg  wird  immer
gem  Kontinent  sa
.  Dr.  Mü  iter  ein  en  (Fortschr.  Bp.):  Die  Prüfung  der
Frage,  ol  6  sich  im  letzten  Johr  die  Situation  so  geundsädlich'  geändert  hat,
ist  Wrnsth  diese  nervose  r  —  ausierordentlich  erschwert.  Wir
haben  mit  großer  Genugtuung  bemerkt  die  praktischen  Bemühungen  eines
hochangesehenen  e  des  englischen  Kabinctts,  die  Aeigesachen,  1r
applanieren  und  damit  zu  vermindern.  Ich  nehme  an,  daß  diese
wicklung  der  Dinge  dut  die  kehigen  Vorlagen  nicht  gestört  wird,  E0
gestort  werden  kann  und  darf.  Niemals  hat  der  Reichskanzler  so  die
freudige  Zoslimmuns  der  erdrückenden  Mehrheit  des  Parlaments  Feiunden
wie  damals,  als  er  uns  hier  von  den  Verhandlungen  mit
Mineilung  tealech  hat.  Da  wäre  es  im  höchsten  Grade  bewunerlich  wenn
diese  Verhandlungen  mit  En  ngland,  wie  es  jetzt  in  der  Presse  heißt,  auf
dem  toten  Punkt  angelangt  wären.  Diese  unverantworkliche  Hineinhetzung
der  Völker  Europas  in  einen  gewissermaßen  volkerpsychologischen  autosuggestiven
  Zustand  macht  eine  gewaltsame  Lölung  dieser  Spannung  ganz
unvermeidlich.  Diese  fanalischen  Minderheiten,  auf  die  der  Reichskanzler
gestern  anspielte,  lehnen  wir  auf  dieijer  Seite  ab,  die  sitzen  viel  näher  beim
Reichskanzter.  Wir  haben  das  Vertrauen  zur  Vernunit  der  Völker,  daß
sie  mit  diesem  Krankheitszustand  auch  fertig  werden.  Wir  haben  es  gerade
deshalb  im  Herbst  sehr  begrüßt,  daß  der  Reichskanzier  dem  Herrn  v.  Heydebrand
  gezeigt  hat,  als  er  den  Versuch  machte,  diese  Dinge  zur  weltvolilischen
  Spekulation  zu  benuten,  daß  es  der  deutschen  Regierung  bitlerer
Denst  ist  mit  der  Aufrechterhaltung  eines  ehrlichen  und  selbstbewußtlen
Friedens.  Aber  wir  haben  doch  den  Eindruck,  und  auch  Herr  Bassermann
schien  darauf  anzuspielen,  als  ob  die  allgemeine  Nerwosilät  auch  die  Kreise
der  demischen  Reicheregierung  ergriffen  hötte.  Die  Flolte  und  die  Armce
haben  sich  eben  immer  mehr  in  die  Meinung  hineingelebt,  daß  sie  auf  alle
keon  ich  eir  überhaupt  auf  Jahre  hinaus,  geradezu  einen  nsttaihe
ehgenipruch  oder  -  moralischen  Anspruch  besäßen.  Das  ergibt  sich
auch  sch  den  Ausfjührungen  der  Denkschrist  über  die  Zlerseue,
und  den  (Granstha#strmorl.  Also  alle  die  Voraueseungen,  mit  denen  der
Staatssekretär  seine  Ansichten  begründek,  sind  heute  schon  ins  Wanken
geraten  und  werden  in  den  nächsten  Jahren  von  zwierer  Heeres-  und
Floenverwaltung  noch  weiter  ins  Wanken  gebracht  werden.  Die  vier
*  Grundiäte,  die  im  Jahre  1910  die  irgeneneonion  der  danoch
  der  iebige  Ministerpräsident  von  Bayern,  Freiherr  v.  Heling.
rannah  aufgeitellt  ha#,  bestehen  heute  nicht  mehr.  Namentlich  ist  der
Grundian  durchbrochen,  daß  die  Ueberichüsse  zur  erhöhlen  Tilgung  der
Reichsschulden  verwandt  werden  follten.  Man  verwendet  sie  für  lansende
Ausgaben.  Das  lieste  sich  vielleicht  unter  normalen  Berhälmmissen  rechtferligen,
  aber  wir  haben  die  Umerlassungsfünden  unserer  Finanzwirtschaft
jeit  30  Jahren  wenigstens  einigermoßen  wieder  gut  zu  machen.  1910  haben
wir  unsere  Schulden  mit  pavierenen  Rejolutionen  getilgt.  Jett  haben  wir
zum  ersien  Male  die  Moglichteit  zu  einer  wesentlichen  ba  nach

2
        <pb n="133" />
        Das  Pexisqhe  Rriq  aad  srine  tinjelaen  Slitꝛer.  (April  23.)  123

den  Grundsäyen,  die  damals  ausgestellt  sind,  und  da  versagen  die  Negiezungen,
  und  de  versagt  auch,  wie  ich  fürchte,  die  Werten  des  Reichstages
wirst  die  G  runshe,  die  wir  vor  einem  Jahre  ausgestellt  haben,  wieder
Ei  über  den  Haufen.  Dadurch  wird  die  Regierung  zu  immer  neuen
Ausgaben  provozien  werden,  und  darin  liegt  eine  große  Gefahr.  Es  läßt
sich  gar  nicht  leugnen,  daß  heute  schon  die  Deckungefrage  zu  finen  neuen
Leidensweg  für  unsere  Finanzwirtschaft  geworden  ist,  wie  das  gestern  der
Herr  Staatssekretär  sogte.  Diese  gonzen  Opverationen  werden  Maschlirßlich
  und  allein  aus  takiisch-volitischen  Gründen  gemacht.  (Sehr  richtig!
links.)  Sie  enistammen  nur  der  Augst  der  Konservativen  und  des  Zentrums
vor  einer  wiigen  allgemeinen  Bejihsieuer,  die  die  Reichen  belaslet  und
die  Armen  entlaste
ershe  des  Neichewarigteamts  v.  Tirpiz:  Nach  dem  Sienogramm
  habe  ich  gesagt:  „Daß  die  Materialreserde,  auf  die  wir  jetzt  ver.
7  künftig  wieder  ongesordert  werden  wird,  halte  ich  für  ausgeschlossen.“
e  Abgcordneie  Müller  (Meiningen)  hat  dann  gemeint,  es  sei  durch  ver.
chsedenk  von  uns  beeinflußte  Zeitungsariikel  für  die  Nlaengoee  Stimmung
  gemacht  worden.  Auf  den  Flottenverein  habe  absolut  keinen
Einfluß.  Der  ist  ganz  besonders  eisersüchtig  auf  seine  Spet.  und
es  kann  dofür  keinen  besieren  Beweis  geben  als  den,  daß  die  jedige  Vorlage
  eine  ganz  andere  ist  als  die  Wünsche  des  Flottenvereins,  dessen  Tätigleil
  ich  im  übrigen  als  eine  sehr  dankenswerte  En  ansehen

kann.  Dann  meinte  derselbe  Abgeordnete,  daß  von  dem  Nachrichtenburean
  des  Reichsmarineamus  eine  starke  Anbuiten  zanscie  en  sei.  Ich
muß  diese  VBehauptung  abweisen:  das  ist  nicht  der  Fall.  Ihnen  eincn

Begriff  von  der  Tätigleit  des  Nachrichtenbureaus  zu  nin  teie  ich  m
Es  hat  drei  abktive  stierr  die  ans  der  Front  kommen  und  nach  d
Jahren  in  die  Front  zurückgeben:  von  Oifizieren,  die  so  häufig  —
kann  man  nicht  ionrnalistüche  Fähigkeiten  beanspruchen  (Cho!  linksl,  das
ist  absolm  unmöglich.  Dirse  drei  Osfüziere  haben  die  gesame  Preife  des
In-  und  Auslandes  borchbehen  und  zwar  die  Tages-  und  die  Fachpresse,
lodann  dasienige,  was  die  verichiedenen  Drpartements  brauchen,  ihnen  zu.
zustellen:  ferner  haben  sic  die  Marinerundschan  zu  bearbeiten,  die  allgemeine
Anerkennung  geiunden  hat  und  deren  Heite  der  Budgemommision  auf  deren
Wunsch  laujend  zur  Iuformation  zugestellt  werden.  Die  Lerrenk!  der  Budgetkommission
  werden  ja  wilsen,  was  für  Arbeit  darin  sieckt:  endlich  haben
die  Herren  den  Auftrag,  über  Schiifsbewegungen,  Kunisctfeine  lechnische
Anhagen  u#sw.  Auskunit  zu  geben  und  besorgen  dies  prompt.  Wir  halten
es  für  richtig,  daß  so  der  Oessemlichkeit  s  gemacht  wird,  was  ihr
zukommt.  Daß  ie  Landhabug  dieies  Dienstes  in  der  korrektesten  Weise
staltgefunden  hat,  davon  bin  ich  überzeugt:  im  übrigen  haben  auch  große
lälter  von  der  politischen  Richtung  des  Abg.  Müller  das  anerkannt.  Die
Tätigle  it  des  Nachrichieubureaus  im  Sinne  ciner  Agilation  wird  ganz
maßlos  überschäut:  die  Herren,  die  früner  an  der  Spide  standen  —  einer
ist  icht  Chei  des  Admiralstabes,  einer  Insvekteur  der  Schiifsartillerie,  einer
Dberwerstdirettor,  ein  anderer  Aklache  —  die  werden  über  die  Leisungen,
die  mon  ihnen  zutraut,  erstaum  sein.  Eine  solche  Bewegung  für  die  Flolte
kann  nicht  von  einigen  wenigen  Menichen  künslich  gemacht  werden.
brauche  ja  nur  daran  zu  erinnern,  wie  die  oisüzickie  Presic.  vergebens  bemüht
  war,  die  Anrenbewegung  zu  unterdrücken,  ich  brauche  jao  nur  an  das,
was  mir  jelber  pasiiert  iĩil,  den  W  X  zu  crinnern,  bei  deisen  Uebertreibungen
  wir  gänzlich  machtios  gewesen  sind.  Die  Sache  lieat  gaus
anders:  das  Intere#se  des  Volles  an  Floue  und  Flottenangelegenheiten  ist
emstanden  durch  die  Entwicklung  unserer  Nation  infolge  des  Anwachsens

*  s
        <pb n="134" />
        124  Pes  Perisqe  Nriq  und  seint  tintlaen  Slitder.  (April  28.  24.)

der  wirtschaftlichen  Berhältnisse;  darin  ueg  der  Grund  für  das  Wachsen
des  Flottengedankens  und  die  Zunahme  des  erpendnisses  für  Flottenfragen
umd  nicht  in  der  Tätigkeit  des  Nachrichtenbureaus.

28.  April.  (Bayern.)  Die  „Franklurter  Zeitung“  veröffentlicht
  zur  Entstehungsgeschichte  des  bayerischen  Jesuitenerlasses  die
folgende,  ihr  „von  wohlinformierter  Seite“  gebotene  mz

Wie  grinnerlich,  haue  sich  des  fräbere  aiunstmiinter  Herr  v.  ner
in  einem  Erlaß  vi  August  1911  nlaßt  gesehen,  der  tt
nehmenden  ae  icie  der  Jesuite  5  nochdroshich  entgegenzutreten.
Dieser  Erlaß  befand  sich  längst  in  den  k  rde  der  Bischöfe,  ohne  daß  es
Lärm  und  Entrüstung  ggebe  bäree.  Man  sand  das  Wehnersche  Vorgehen
sogar  *  in  der  Ordnung.  Da  kam  unerwartet  die  Landiagsauflösung.

unter  allen  Umständen  ngehbern  *  büo  rum  aber  —  für  den
Wahlkompf  besonderen  Heizmoaterials,  um  die  Volksseele  zum  Kochen  zu
Darum  veröoffentlichte  die  Zentru  aner„Z  den  Wehnerschen

Jelumenerlaß  und  konstruierte  aus  diesem  bisher  von  der  Kirche  gar  nicht
demöngelten  Erlaß  eine  ungeheuerliche  Jesuiten--  und  Puhnicneksionng.
Natürlich  mußte  sich  die  Entrüstung  auch  hegen  n  Herrn  v.  Behne  Benden
der  nunmehr  heftigen  Widerstand  gegen  seine  Einreihung  in  das
Ministerium  sürchtete  und  sich  daher  im  letzten  nt  znischlot.  Keine
rühere  Meinung  breiszugeben  und  den  neuen  Erlaß  zu  formulieren.  Um
aber  sicher  zu  gehen  und  jeden  Widerstand  der  JFenuälueiI-  gegen  seine
Person  von  iosbrem  iän  zu  brechen,  setzte  er  den  Erzhssahl,  sowie  einflußreiche
  Periönlichkeiten  des  Zentrums  davon  in  Kenntnis,  daß  er  den  neuen
Erlaß  bereils  ausgearbeilel  habe.  Als  dann  das  Kobinelt  Podewils  fiel
und  Freiherr  v.  Herlling  an  seiner  Sielle  mit  der  —  Minileriums
  betraut  wurde,  fand  dieses  den  neuen  Jesuitenerlaß  Wehners  vor

Odie  Erbschaft“,  die  Herr  v.  Hertling,  wie  er  ingwischen  mehrfach  beiont
hat,  amtreten  maßbie.  Ob  Herr  v.  Hertling  über  diesen  Teil  der  Erbschaft
ersreut  war  oder  nicht,  mag  dahingestelt  jein.  Jedenfalls  war  es  ihm
aber  nicht  mehr  gut  möglich,  ihn  zu  verschweigen  und  seine  Veröfsentlichung
hintanzuhalten,  da  Herr  v.  Wehner  den  Wechsel  in  seiner  Haltung  bereits
selbst  in  klerikalen  #reisen  in  viel  zu  weitem  r  bekannt  Hacht  hatte.
Das  besonders  Tragikomische  wäre  hiernach,  daß  es  Herrn  v.  Wehner  nichts
nuh#,  wenn  er  nachträglich  vor  dem  Zentrum  zu  Areue,  och  da  er  ja
doch  nicht  in  das  Minisierium  Herning  übernommen  wu

A.  April.  Auf  Anregung  des  Kaisers  *  die  deutsche
Regierung  —  im  Hinblick  auf  die  Tilanic-Katastrophe  —  dem
amerikanischen  Staatsdepartement  Verhandlungen  über  ein  Abkommen
  unter  allen  Seemächten  vor,  das  die  Frage  der  Sicherheit
der  Dampferpassagiere  regeln  soll.

24.  April.  (Reichstag.)  Fortsehung  der  ersten  Lesung  der
Wehrvorlagen.

.  Ergberger  (Z.):  Der  sgangepumt  für  die  Wehrvorlagen
war  ein  welspolitisches  Ereignis.  Wenn  sie  auch  nicht  „Nevanche  für
Agodir"“  seien,  denn  Deutschland  ist  in  Vpobir.  nicht  unterleen,  so  wollen
        <pb n="135" />
        Des  Pertsqᷣt  Relt  rab  seint  tiajelnea  Slitder.  (April  24)  12b

sie  doch  zeigen,  daß  Deutschland  noch  nicht  an  der  Grenze  seiner  militsrischen
  und  Hinaygzieien.  Leistungen  —  ist,  das  scheint  mir  sogar  ihr
Stern  zu  sein.  Militärvorlage  steht  d  eeiei.  an  Wichtigkeit  voran,  ihr
sallen  zwei  Frinnn  der  Marine  ein  Drittel  der  neuen  Auswendungen  #u.
Dieses  Vehelini-  chrint  mir  auch  das  nchue  Frankreich  warsente  seine
Auch  die  éerüsirhun.  der  russischen  Grenzgarnisonen  ist  nicht
etwa  eine  Erleichterung  für  Deutschland,  E—a  bedeutet  eine  Beschleunigung
  der  eventuellen  Lulsisches  Mobilmachun  Die  Redner  der  Sozialdemokratie
  stellen  es  so  dar,  als  ob  eutkcho,  die  europäischen  Nationen
in  ein  Au#uagepeeber  hineinpei#t#scht.  Dieser  grundsalschen  Behauptung  muß
mit  aller  Enlschiedenheit  entgegengeireten  werden.  Die  Belastung  auf  den
Kopf  der  Beoölserung  bezüglich  der  Aushebung  ist  nicht  eiwa  in  Deutschland
  am  stärksten;  sie  beträgt  hier  0.99  Prozent;  in  Jransreich  macht  das
stehende  Heer  in  den  Rajernen,  ohne  hterosfilee  und  ohne  Marine,
1.35  Prozent  der  Bevölkerung  aus  (Widerspr#  d  Zurufe  bei  den  Sd.).
Auch  bezüglich  der  t  stellt  f  ich  die  hrch  und  Zurusele  gegen  einen
unglücklichen  Krieg  in  Deutschland  absolut  Smn  relativ  niedriger  als  in
Frankreich  und  den  underen  europäischen  Staaltmen.  Die  Behandlung  der
Dueulfrege  behalte  ich  mir  für  die  Dommissieneverhandion  vor.  Jedenfalls
t  die  belannte  Robinettsorder,  wonach  derjenige,  der  1  in  Uebereinllen

  Umständen  eine  Remedur  eintreten.  isde  ln  in  mir,  daß  in  der
Oefenalichen  Prozesse  bekannt  geworden  sind,  aus  denen  man  eine
nahme  der  Soldatenmißhandlungen  schließen  könnte.  Auch  darülber  eiute
i  um  Auftlörung  in  der  Rommission.  Wir  sind  ja  auf  diesem  Gebiete
rwärts  gekommen,  aber  die  Verwaltung  muh  darauf  hinwirken,  daß  auch
der  letzte  Rest  ##stematischer  Soldatenmißhandlung  aus  dem  deulschen  Heere
ausgerottet  wird.  Die  Zukunft  des  deutschen  Volkes  ist  begründet  auf  dem
Fundament  eines  christüchen  Lebens.  (Lebhajter  Beisall  im  2
reußischer  Kriegsminister  von  Heeringene  Derr  Erzberger  hat
die  Kaiserliche  KRabinettsorder  im  Falle  Sambeih  für  r*  Lcne
erklärt,  die  damit  dem  istichen  Volke  angelon  wr.  (Lebhafte  Bewegung
und  Justimmun  ang  im  Z.)  In  dieser  Kabinensorder  wird  aber  ausdrücklich
  gesagt,  daß  eine  ehtenRKrichnrcht  Unteriuchung  nicht  om  aes  wäre,
sobald  jemand  aus  religiösen  Grundsätzen  ein  Duell  ablehnt.  Also  gegen
die  religiösen  Gejühle  hat  mon  nichte!  Aber  ein  “l*.**  Mann  gehört
nicht  in  die  Gesjellschaftskreise  des  Oisizierkoros.  (Abg.  Gröber  ruft:  Un-Frhom.
  Stürmische  Emrüstungsruse  im  3.,  kanpt  Bewegung  und

Unr

A#bg..  Dr.  Paasche  (Nl.):  Der  Kriegominister  wird  aus  der  Aufnahme,
  die  seine  Worte  geiunden  haben,  ersehen,  wie  wenig  er  dos
Empfinden  des  deuischen  Volkes  getroffen  hat.  (Stürmische  Zustimmung
im  3.  und  l.;  Ich  will  mich  mil  der  Art  der  Deckung  beschäfuigen,  wie
sie  v  PSranschtagen  ist.  Wenn  man  bedenkt,  daß  in  den  auf  20  Millionen
veranschlagten  Ueberschüsien  noch  217  Millionen  Mark  Anleihe  slecken,  so
erhält  man  hochstens  einen  Uceberichuß  von  13  bie  11  Millionen.  Der
Staatsiekrelär  hat  do  sehr  recht,  wenn  er  die  Finanzlage  als  nicht  gerade
sehr  rosig  ansieht.  Was  hier  vorgeschiogen  wird,  ist  keine  solide  Finanzpolitik.

24.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Das  Haus
Ülberwies  das  Sparkassengesetz  nach  längerer  Debatte,  in  der  sich
der  konservative  Redner  namens  der  Mehrheit  seiner  Freunde  für
        <pb n="136" />
        126  Das  Derise  Rriq  aub  seine  einjelata  Slirder.  (April  26.)

das  Gesetz  erklärte,  der  freikonservative  für  eine  Abschwächung  des
Gesehes,  an  eine  Kommission  und  erledigte  dann  ohne  Debatte  den
Etat  des  Ansiedlungsgesetzes.

25.  April.  (Bayern.)  In  der  Abgeordnetenkammer  wird
die  Inlerpellation  der  vereinigten  Liberalen  zum  Jelsuitenerlaß
eingebracht.

Sie  lautet:  „Was  hat  die  Stoatsregierung  zu  der  in  ihrem  jüngsten
Erlah  gegebenen  neuen  Interpretation  des  Jesuitengesetzes  brwogen  und  mir
welchen  Gründen  glanbt  sie  diese  Anstegung  rech#eruge#n  zu  konnen?“  Der
Interpellation  ist  folgende  Begründung  beigegeben:  „Die  neue  Auelrgung
steht  im  Wideripruch  nicht  nur  zu  früheren  Verfügungen,  namemtlich  zu
dem  Erlaß  des  Kulinsministeriums  vom  1.  August  vorigen  Jahres,  sondern
auch  zu  der  bisherigen  einheinichen  Auffassung  samtlicher  Vundesregierunge  n
und  erscheint  als  eine  Umgehung  des  sIaichsgeirses  sjowie  der  Beka#un-—
machung  des  Bundeerats  vom  5.  Juli

25.  April.  (Reichstag.)  Shus  der  ersten  Lesung  der  Wehrworlagen,


Abg.  Haußmann  (Vp.):  Das  wünschenswerte  Verhältnis  unserer
Schisibamen  Au  den  Fihen  ist  erreicht.  Das  Auswärtige  Amt  iollte
jebt  seine  Rechte  wahren.  Die  Verhandlungen  mit  England  haben  aui
diese  Weise  kein  Ergebnis  gehabt,  wie  im  Parlament  jestgestellt  wurde.  Es
gibt  nun  Leute,  die  behanpten,  daß  der  Krieg  mit  England  undermeidbar
sei.  Diese  Meinung  ist  falsch.  Niemand  kann  iagen,  so  hat  Bismarck  selbst
festgestellt,  daß  ein  Krieg  unvermeidbar  sei.  Es  ist  aber  iv  daß  die  Heereskreise
  nicht  die  richtigen  Beziehungen  zu  dem  Volke  hab
Siaatsiekretär  v.  Tirpih:  Der  Abg.  Haußmann  Frn  vorhin  anf  das
Stãrleverhãlinis  unjerer  Floile  zu  der  englijchen  eingegaugen.  Die  verbũndelen
  Regierungen  haben  die  Marinevorlage  lediglich  begrũnden  und
haben  sic  als  nokwendig  anerkannt,  weil  sie  die  Brirxitiaung  der  Mißtände
in  der  Ornanisation  unierer  Marine  für  unerläßlich  gehalten  haben.  Ich
konn  engegengeie#nzt  der  Ansicht  des  Herrn  Hausmann  es  nicht  für  vorleilhait
  hallen,  im  Intereise  des  Auten  Einvernehmens  mit  Eugland,
aui  derariige  Slärkeverhältnisie  irgendeines  bestimmien  Stoates  einzugehen.
  Lueriur  ist,  glaube  ich,  die  nommission  der  geeignete  Plav,  nich!
dos  Plen
8  v.  er:n  Rp.:  Diese  Wehrvorlogen  hätten  schon  im  vorigen
——  1  zaüeen,  Damals  häen  sie  ganz  gewirlt.  Wir  wollen
Frieden,  aber  in  Ehren.  Wir  wollen  Deulichlande  Machiitellung  —’e
Das  können  wir  durch  ein  einfaches,  radikales  Minel  Frichen  dur
rücksichtslose  Durchführung  der  ollgemeinen  Wehrpflicht.  Wlhrs
den  anderen  Nationen  —  Ruhland  vielleicht  Fusgensbben  —  bold
Atem  ausgehen.  Wir  schonen  aber  damit  auch  die  allen  Jahrgänge.  enn
bringen  die  Bebrorhagen  die  Durchiührung  der  allgemeinen  Wehrpflich
e  Stärke  einer  Armce  beruht  in  der  Friedenspräsenz.  Wrus,
a  man  jie  uur  um  290XN  Mann  erhäht?  Mannschaften  sind  da.  1910  waren
20/1/  Mann  taugliche  Mannichaiten  überzamig.  Das  reicht  aber  noch  nicht.
#a-  müsien  daher  die  Wehrordnung  abändern.  Lente  mit  kleinen  Fehlern
—  schiese  Naie,  eiwas  Schirlen,  krumme  Zehen  —  dũrien  nicht  mehr  mititärfrei
  werden.  Wir  brauchen  mehr  Siobsofütte  re.  Dae  ist  eine  wichtige  Frage
für  die  Zeit  des  Ernstes.  Die  Armee  muise  ein  jugendliches  Osfizierkor
        <pb n="137" />
        H##  Mish  Reich  ul  seim  einttinen  Glieder.  (April  26.)  127

haben.  Gegen  die  Ausbildung  der  Ersogreservisten  daehn  sich  die  Truppe.
Man  an  das  verstehen,  aber  doch  sind  diese  Ersatzmannschaften  sehr  wwichg.
Sie  haben  doch  wenigskens  morschieren  und  schießen  gelernt.  Der
artillerie  sehlt  eine  Karkie:  Vespannung  und  eine  bessere  Ausstattung  Fätt
Munition.  Die  Kavallerieformalionen  können  am  besten  so  bleiben,  wie  sie
jetzt  änd.  Für  die  auslretenden  Unteroffiziere  zu  lerpen,  ,  r  —  erste  Pflicht.
Die  Leute  beginnen  sozusagen  dann  erst  ihr  Leben.  e  ist  sländig
vermehrt  worden,  nicht  aber  die  Ziviljtellen.  die  für  :  ansen  Sshlere  und
Unteroffiziere  in  Betracht  kommen.  Sehr  erirent  sind  wir  über  die  Bildung
des  dritten  aktiven  Geschwaders.  Wer  die  Vorlagen  bewilligt,  der  dient  dem
Frieden.  Wer  sie  ablehnt,  stärkt  die  Angriffslust  der  Gegne
W#ach  weiterer  Debatte  gehen!  die  Deeresvorlage  zd-  die  Marinevorlage
  an  d  Zubgeii-  mm
A  i  bea  antragt,  die  Branntweinkontin-M“?
  T#  lennren  Kommission  von  28  Mitgliedern  zu  überweisen

Für  den  An  ntrag  stimmen  mit  den  Nationalliberalen  die  Fortschriltliche
  .i  und  die  Sozialdemokraten.  Die  Absti  in  bleibt  zweifelhaft.
  Es  muß  Ham  eriprung  staufinden.  Er  ergibt  die  An  mnah  des
Antrags  mit  160  gegen  158  Stimmen.  (Stürmischer  Beifall  I.)  Die
Branntweinkontingentsvorlage  geht  also  an  eine  Sonderkommission  von
#28  Mitgliedern.
amit  ist  die  erste  Lesung  der  Wehrvorlagen  erledigt.
W.  April.  (Reichstag.)  Interpellation  der  Nationalliberalen
wegen  des  bayerischen  Ichnitenertafts
Sie  lautet:  1.  Erkennt  der  Herr  Reichsanzer  in  dem  Erlaß  des
Königlich  banerischen  Garnkanne  Hern  des  Innern  an  die  Königlichen
Regierungen  betrestend  Vollzug  des  Jesuitengeiezes  eine  Verletzung  des
Reichsgeiebes  vom  4.  Wl  1872  und  der  Bekanmmachung  des  Reichskanzlers
vom  5.  Juli  13722  2.  Welche  Schrilte  gedenkt  der  Herr  Reichskanzler
gegenüber  diesem  Borgehen  der  Königlich  banerischen  Stoatsregierung  zu
tun,  um  das  boiserliche  Recht  zur  Ueberwachung  der  Ausführung  der  Reichsgesetze
  zu  wagren
bg.  Dr.  d  (Nl.)  begrũndet  die  Interpellation.  So  lauge  ein
Reichsgeset  *“mnmp  usrian  es  der  Berpflichtung  der  ainenen  Staaien,
der  Treue  und  dem  Gehorsam  gegenüber  dem  Reiche,  dah  due  Reichrgeiet
auch  seinem  Geiste  nach  erjüllt  wird.  Das  gilt  Keebsworriendo  auch  jür
das  Verhälinis  vom  Reiche  zum  Konigreich  Banern.  Noch  gestern  hat  sich
das  Zemrum  beschwert,  daß  von  cinem  Minister  dem  Geietze  Achtung  und
Gehorsam  verjagt  worden  sei.  Wir  fordern  Achtung  seitens  eines  Bindes  ·
siaates  gegenũber  einem  bestehenden  Reichogeseß.  Wir  wenden  uns,  da
wir  eine  Verletzung  des  Reichsgeietzes  annehmcn,  an  den  Kanzler  des  Reiches
als  den  Hüter  des  Reicherechts.
Reichslauzler  v.  Briehmann  Hollweg:  Das  Jesnitengese##  vom
1.  Juli  172  schließt  die  Angehörigen  der  Gesellichaft  Jein  vom  Gebien
des  Deutichen  Meceen  aue  und  untersagt  die  Errichtung  von  Niederlasiungen.
Auf  Grund  des  &amp;amp;  3  des  Geicurs,  der  bestimmt,  daß  die  zur  Ausjührung
des  Vollzugs  des  ehtess  erjorderlichen  Berorhngen  vom  Bundesrat  erlassen
  werden,  hat  der  Bundesrat  ausweislich  der  Bekanntmachung  des
Reichskanzlers  vom  5.  Juli  1872  beschlossen,  das  der  Orden  der  Gesellichaft
Jelu  vom  Deurichen  Reiche  ausgeichloisen  ist,  den  Angehörigen  dieses
Ordens  die  Ausübung  einer  Crdeusltäligkeit,  inebesondere.  in  MAirche  und
Schule,  sowie  die  Abholtung  von  Misiionen  nicht  zu  gestatten  ist.  Im
        <pb n="138" />
        128  es  Deil#  Nrich  und  frime  rintelmen  Slieh#r.  (April  26.  27.)

Bundesratsprotokoll  zu  diesem  Beschluß  ißt  folgender  Satz  angefügt:,
ersolgte  Beschluß  wurde  mit  dem  selbstverständlichen  Vorbehal#t  oefaßt.  n
ergänzende  und  abä  *E  Anordnungen  getroffen  werden,  wenn  im  Laufe
der  Zeit  auf  Grund  der  bei  Ausführung  des  Gesetzes  gemachten  beriz
rungen  die  %  ne  des  Erlasses  weiterer  Vesiihzmalrten  sich  herausstellen
  sollte.“"  Eine  bestimmte  Definition  des  Begriffes  Ordenstätigleit  war
*  vom  Bundesrat  nicht  gegeben  worden.  Troydem  ist  die  Auolegung
dieses  Begrifies  s  bis  in  die  neueste  Zeit  Ia  icsntlschen  Bandesuaqnn  im
wesentlichen  eine  gleiche  gewesen.  (Hört,  hört!)  Danach  hat  man  jede  Art
der.  alerlsergerischen  Tätigkeit,  jede  Art  von  rrichralkun  Funnlon  als
kt  der  Ordenstätigkeit  betrachtet,  und  nur  das  Lesen  jogenannter
HPremigmesson  als  zulässig  Sähhen  soweit  sie  den  Charakter  von  Familienseiern
  tragen,  weiler  das  Lesen  stiller  Messen  und  das  Spenden  von  Suerde.
sokromenten  gestattet,  soweit  V  “##  entgegenstanden.  Au
genannte  Konferenzvorträge  religiösen  und  soziolen  Inhalls  sind  unter  6e.
wislen  Voraussegtungen  tatsächlich  zugelassen  oder  geduldet  worden,  soiern
sie  in  profanen  täumlichkeiten  siaisanden.  Zu  einer  hiroon  abweichenden
Auslegung  ist,  wie  bekannt,  die  baoyerische  Regie  a  gelommen,  die
unter  dem  11.  März  angcordnet  hat,  r  zu  der  Fenn  Ordenstötigkein
in  Zukunft  nicht  gerechnet  werden  jollen  die  dogemannten  Konferenzvorträge.
auch  wenn  sie  in  kirchlichen  Räumen  staltfinden  und  sich  die  elegeuheit  zum
Empfang  der  Sterbesakramente  damit  verbindet.  Eine  so  verschiedene  Aus
legung  und  Anwendung  eines  Reichsgesetzes  ist  selbstverständlich  nicht  a.
ängig.  Ich  habe  injolgedessen,  als  mir  diese  Anordnung  der  nonigieh
ayerischen  Regierung  zunächst  durch  die  Prasz.  bekannt  wurde,  sogleich  an
die  boyerische  Regierung  das  amttliche  Ersuchen  gerichtet,  mir  den  Wortlaut
der  in  der  Preise  als  geheim  bezeichueten  Anordnung  mitzuteilen.  Die
bayerische  Regierung  ist  diejem  Eriuchen  nachgekommen  und  hat  mich-  unminelbar
  darauf  wissen  lassen,  daß  sie  beabsichtige,  beim  VBundesrat  einen

zu  definieren.  Dafür,  daß  bis  zum  Ergehen  des  Sresenben  zae
n  Bayern  die  Anwendung  und  Handhabung  des  Gesetzes  auf  Grund  der
im  ganzen  Deutschen  Reiche  beĩtehenden  Veemnes  weiter  zu  eriolgen
t,  hat  die  bayerische  Regierung  Vorsorge  getroffen.  Oiernach  ergibt  sich
eher  absolut  einfache  und  llare  Sachlage.  Bis  zum  Ergehen  des  Bundesratebeschlusses
  wird  §  1  des  Jeinitengesetzes  im  ganzen  Deutschen  Reiche
auf  Grund  der  bestehenden  Uebung  gleichmästig  angewendet  werden.  Nach
dieser  Zeit  wird  der  vom  Bundesrat  esalte  Beihlu,  die  einheitliche  Grund.
8  bilden.  Bei  dieser  Sachlage,  meine  ich,  ist  die  Dielussion  über  den
Begriff  Ordenslätigleit  oder  ollloten  Stoeen  e  der  bevorstehenden
Bundesratsl#tung  vorzubehalten.

26.  April.  (Reichstagsersaßwahl.)  In  Varel-Jever-Weslersteede-Brake
  erhielt  Buchdruckereibesitzer  Hug  (Sd.)  12557,
Landtagsabgeordneter  Dr.  Wiemer  (Bp.)  1001,  Rechtsanwalt  Dr.
Albrecht  (Nl.)  1898,  v.  Hammerstein  (Bund  d.  Landw.)  998  Stimmen.

Es  findet  demnach  Stichwahl  zwischen  Hug  und  Dr.  Wiemer  statt.

27.  April.  (Danzig.)  Der  König  Friedrich  August  und
Prinzessin  Mathilde  von  Sachsen  vollziehen  auf  der  Schichauwerft
die  Taufe  des  Linienschiffes  „König  Albert“.
        <pb n="139" />
        Des  Perisqe  Relq  aud  stine  riujelata  GSlieder.  (upril  29.  30)  129

Ende  April.  Die  Steigerung  der  Fleischpreise  in  der  ersten
Hälfte  des  April  wird  durch  folgende  Tabelle  der  „Statistischen
Korrespondenz“  veranschaulicht:

 

———————

 

s  sleisch
I.  Hälfte  April  1912  1  F  19  1309  158.6
II.  „  März  1912  171,2
I.  „  April  1911  1617  1.9  175,3  118,0

138.6  176.1  151,3.

 

1.  „  „  1910  154.1  177.0  «  «
l.,,  „  1909  153,3  1  170.5  1  1,6  15#,2
27.  April.  (Elsaß-Lothringen.)  Die  Erste  Kammer  nimmt
eine  Resolution  an,  nach  welcher  für  den  Statthalter  keine  Kürzung
der  Nrsemtatlonebegt  wünschenswert  ist.
Abg.  menthal  spricht  für  die  von  der  Zweiten  Kammer  voreichlagene
  visg  Streichung  von  100000  Mark  an  den  Repräsentationsgene
  sten  des  Sianhalters.  Ich  sützle  mich  auch  in  der  Ersten  Kammer  als
Volksvertreter  und  sähe  es  gerne,  wenn  der  Stotthalterposten  zu  seiner
wirklichen  Adeuuung  uruaggejũdri  wird,  die  vor  allem  die  eines  verantwortlichen
  Ministers  ##.  Für  mona  schische  Schaustellungen  haben  wir  in
dem  sorteenC  4  Teil  wousiisanbschen  Eisaß-Lothringen  keinen  Sinn.
Ich  w  daß  die  in  der  Kommission  niedergestimmte  Resolution  für
den  iche  der  elsat=  lothringlchen  Beriofsung  von  ihren  dortigen  Verteidigern
  auch  hier  im  Plenum  vorgebro
Abg.  Professor  Laband  bissnh  die  W  einer  elsaß.  dethringischen
publik  als  unter  der  Würde  der  Ersten  Kammer  und  bezeichnet  die
Schhaltesbaft.  —  die  billigste  Lösung  und  als  die  für  Cuße  zLolhringen
vorteilhafteste,  weil  der  Statihalter  als  einziger  Beamter  nicht  unter  de
Reichskanzler  stehe.
Stoatssekretär  Zorn  v.  Bulach:  Ich  bitte  die  Resolution  onzunehmen.
Vach  ich  wünsche  den  Ausbau  der  Verfassung.  Aber  diese  wird  in  Sein
nicht  hier  gemacht.  Die  Elsaß--Lothringer  lind  demokratisch,  aber  n
istne,  und  vor  allem  sind  sie  konservativ.  Die  lcheabr  ucht
ist  notwendig,  und  sie  wird  keineswegs  mit  Leuten  besezt,  die  auf  dem
—J7.  nechen.
A#

 

enthal:  Wenn  die  Eliaß  Lothringer  konservativ  sind.
so  ist  es  a  dis,daßliede-etazmcuRvnlkkvoltoenbetratest-n
Retchdtqgssothlqmpf  durch-allen  ließen.  Die  Statthalter  komen  bisher
ch  Elsaß-Lothringen,  das  nicht  mehr  die  nötige
Elostann  anseringenea  c  a
30.  April.  (Berlin.)  Kundgebung  des  Gesamtvorstandes  des
Deutschen  Ulottenerreins  zur  Flottenvorlage.

i  t  Negierung  eingebrachte  Fottenvortage  gcbrlt
nur  in  berinsen.  Masse  den  Bedürsnissen  der  volitischen  Lage  Reiches.
2.  Wenngleich  die  Schaffung  eines  drillen  altiven  Geschwade  mit  Freuden

u  begrüßen  ist,  darf  sie  doch  nicht  erlauft  werden  durch  die  fost  vollige

bruncktun  a  der  zweiten  Kampflinie,  wie  sie  durch  eine  Drrerlhun  der

aktiven  Ve  von  der  jet  geletzlichen  Hälfte  auf  rund  ein  Veertel  be.

dingt  sein  würde.  3Z.  Der  vorgeschlagene  Bauplan  ist  unzureichend,  seine
Eutopaischer  Mcichichietalender.  LlII.  9
        <pb n="140" />
        130  Dae  Pexisqt  Relqͥ  iab  stine  einelaea  Glleder.  (April  80)

Wirkung  kommt  zu  spät  zur  Geltung.  4.  Die  Vorlage  berücksichtigt  überpe#t
  nich  nicht  die  ein  bekonnte  unbestreithare  Not  an  Panzerkr#

übrigen  V.  we  166#  Vorlage  a)  an  den  bieherigen  gesetlichen  Bestimmungen
  über  die  Ibeenorlaen  und  Besetzung  der  Reserveflotte  nicht
gerührt,  vielmehr  deren  Ausführung  beschleunigt  wird,  5)  schon  jetzt  zunr  dem
vom  Jahre  1918  an  geleich  Saltig  w  werdenden  Tr  eisch  Maech  Übergegangen
  wird  und  in  den  Jahren,  in  welchen  nur  ein  Linienschisf  gebaut
wird,  zwei  Pongerteeuzer  vergischen  werden.
3e0.  April.  (NReichstag.)  Erklärung  des  Kriegsministers  zur
Duellfage.
Budgetkommission  gibt  iegeminiter  *  eeringen  vor
Eintritt  in  Lan  Togezrdn  sfolgende  Erklärung  ab:  „  err  Abgeordnete
Erzberger  bezeichnete  am  24.  April  die  Über  bi  B.e  bes  Ober  ·
arzies  Dr.  Sambeth  angen  Allerhöchste  Order  als  einen  „Schlag  gegen
das  christliche  Voll“,  In  der  Erregung  darüber  gob  ich  meiner  Erwiderung
  eine  ungewollt  E  7  Ven-  gende  Fassung,  die  zu  meinem  Bedauern
zu  dielen  iddet  tandnisen  Verchnaffun  gegeben  hai  Ich  habe  niemals
im  Sinn  gehabt,  einen  Herrn,  der  aus  reinen  und  edlen  Moriven  Duellegner
  in  als  weniger  würdig  anzusehen.  Ich  habe  den  mir  von.
resse  in  den  Mund  gelegten  Ausdruck  „paßt  nicht  in  die  gesellschaftlichen
Kreise“,  wie  der  Linbiig  ir  das  unkorrigierte  Stenogramm  zeigt,  überhaupt
nicht  gebraucht.  Ich  würde  mich  mit  einer  Herobsetzung  dieser  r-*—  des
Zweikampfes  auch  mit  .  angegriffenen  Order  in  schroffen  Gegensat  gesetzt
  haben.  Denn  diese  vertrut  ja  gerade  den  umgekehrten  Standpunkt.
D½  Ehrengericht  der  Sanitätsoffiziere  der  15.  Division  haite  den  Oberarzt
  Dr.  Sambelh  wegen  Berlezung  der  Standesehre  verumeilt  und  zum
schlichten  NMoschien  vorgeschlagen.  Die  Allerhöchste  Order  lehnte  dem  entgegen
  die  Bestätigung  des  Spruches  ab  und  betonte  in  bestimmter  Form,
daß  eine  Duelverweigerung  aus  religiösen  Gründen  nicht  Gegenstand  einer
hhrengeerichchen  Untersuchung  sein  konne,  das  heißt  mit  anderen  Worten,
hier  —.  keine  unehrenhafte  Handlung  vorliege.  Dr.  Sambeih
da  sich  jedoch  mit  der  Begründung  seiner  Dklloeweigerung  in  Gegen-2
  zu  seinen  Lun  aernoss#'  gebracht.  Seine  Auffassung,  und  die  meimte
bei  meiner  Erwiderung,  gipfelte  darin,  daß  er  den  Zweikampf  mit
leinem  Frleidiger  ablehne  in  Rücssicht  auf  die  göltlichen  Gebote,  die  menschlichen
  Gesete,  d  e  logische  Vernunftlehre,  seine  Stellung  als  Familienvater
und  die  Sn  seines  Gegners.  Für  die  letztere  Behoupztung
  konnte  er  is,  als  desien  angeblich  cran  cinonheue  Verhäunisse
-ühren.  Wenn  die  Allerhöchste  Order  den  Dr.  Sombeth  zur  Einreichung
Seiuen  Abichiedsgesuches  veranlaßte,  so  hat  sie  domn  keinen  neuen  Grundsay
  aufgestellt,  sondern  das  vertreten,  was  in  der  deutschen  Armee  von
jeher  geherrscht  hat  und  noch  herricht  und  das  bei  den  zahlreichen  Duelldebatten
  im  Neichstag  in  den  Erklärungen  meiner  Amisvorgänger  steis
Ausdruck  gejunden  hat.  Danach  stehr  die  Duellverweigerung  m  einem
scharien  Widerspruch  zu  den  in  der  Armee  und  in  weiten  Areisen  darüber
hinaus  talsächlich  herrschenden  Anichauungen  über  die  Wiederherstellung
verletzter  Ehre,  daß  Off#ziere,  die  in  gegebenen  Fällen  den  Zweikamot  verweigern,
  in  einen  Gegensatz  zu  Grundüberzeugungen  ihrer  Kameraden  geraten,
  der  nicht  ertragen  werden  kann.  Troydem  jehe  auch  ich  den  Zweilompf
  als  ein  Uebel  an  #  werde  wie  bisher  mit  allen  Mitteln  zu  deilen
Einschränkung  beitragen,  e  dies  meine  Pilicht  als  RKriegeminister  ist.
Seine  gewallsame  Werugeng  ist  aber  nicht  möglich.  Die  Allerhöchste
        <pb n="141" />
        Das  Nertsqe  Relq  und  seinr  rintriurs  Gliedrr.  (April  30.—Mai  1.)  131

der  vom  1.  Jan  1897  weist  den  prakrischen  Weg,  das  Duell  nach
[9  eingeschkeneen,  infolgedessen  —  dasselbe  wegen  nichtiger  Ur-—
  s  der  Armee  Überhaupt  verschwunden.  Ein  voller  Erfolg  wird

ce  *  öglich  2W  vewenbsich  bei  Zusammensiötzn  zwischen  Agliebern
der  Armee  As  Personen  außerhalb  deree  Sn  dur  endeen
  Ehre  desci  verwerden.

  es  ist  auch  von  grundsählichen  Duellgegnern  wiederholt,  wenn
auch  ——  len  coch  zugegeben  worden.  Ihrer  Lösung  näher  kann  9
nur  auf  enra  altischen  e  gefuhrt  werden,  den  die  Armee  seit  1
eingeschlagen  h
Ende  i  Rückgang  des  Anteils  der  Polen  an  der  Ge-1—
  Preußens.
t  letzten  Lellsszhlung  vom“  1.  Dchemder  1910  wurden  im
ruhu0h  —i  nch  der  „St  Korrt.“  350621  Lei#  9ezee  dnt  degen
1905  %  %  ¾l  1900  und  2765  i.  J.  1

Pet-  */l)rl  alio  in  der  letzten  Zählun  periode  P  betra  e

in  der  voraufgegangenen.  Die  Deutschen  b  K  in

NG#  sünfsehrie  Periode  von  32857  970  auf  35  426  335,  a

emehrt.  lute  Zunahme  der  Deutschen  war  .  rn  sunber

1  so  groß  vbie  der  Polen.  Relativ  haben  sich  die  Deutschen  u

1½  die  Polen  nur  um  5,12  v.  H.  vermehrt,  zähren  von  1900  bis  1
en  Deutschen  eine  Zun  ohme  um  7.83,  bei  den  Polen  eine  solche  um
321  v.  H.  Latgesunden.  halte.  In  den  20  Johren  von  1890  bis  1910  hat
bei  den  Deurschen  eine  Zunahme  um  29.32,  bei  den  Polen  nur  eine  solche
um  23,48  v.  H.  guncgesteen  2n  Anteil  der  Polen  an  der  Gesamtbeoterung,LG
  der  i.  J.  1890  9,23  v.  H.  betragen  hatte,  belief  sich  i.  J.
1900  auf  8.89,  i.  J.  1905  al  W  —  uf  8,72  v.  H.,  ist  also  in
der  1en  m““mve  um  0,20  v.  H.  gesunlen.  während  der  Anteil

Deutschen  in  der  gleichen  Zeit  von  5  11  ouf  88,20  v.  H.,  also  um  0,09
v.  H.  gektiegen

80.  *  (Berlin.)  Der  Dreiundzwanzigerausschuß  zur
Schaffung  einer  deutschen  Einheitsstenographie  ernennt  einen  Unterausschuß
  zur  Gewinnung  von  Nichtlinien.

30.  April.  (Weimar.)  Prof.  Dr.  v.  Froriep-Tübingen  hält
dem  Großherzog  Vortrag,  wie  es  ihm  gelungen  ist,  den  echten
k  Schillers  festzuslellen.

iep  hatte  vor  Jahresfrist  das  au  Grabgewolbe  —  dem  Jakobs--kirchhof

  Aien  lossen  und  unter  70  aufgefundenen  Schädeln  jedt  den  Schillers,

den  Meldungen  zujolge,  mit  Sicherheit  E—  Dem  kennehnger

n  Munchen  ift  der  Schädel  bereits  vorgelegt  worden  und  von  sämtlichen
Spchverstäcldigen  als  Schillers  Schädel  erkanntk.

1.  Mai.  (Leipzig.)  Die  preußische  Hälfie  des  Hauptbahnhofs
  wird  in  Betrieb  genommen.

1.  Mai.  Waern)  Interpellation  über  den  Jejniteuerlaß.

Abg.  Dr.  r  (lib.):  Verantwortlich  für  die  6auge  nene  dijüzile
Interp  hichüni  seien  die  neuen  Herren,  die  sich  das  -  cn  heraus·
        <pb n="142" />
        132  Des  Praisqᷣt  Reiq  und  stine  einjelnen  Glirder.  (Mai  1.  2.)

nehmen,  Bundesratsverordnungen  nach  eigenem  Ermessen  ausgulegen,  die
sich  damit  in  Widerspruch  mit  der  Reichspraxis  und  der  Reichsleitung  setzen
und  den  Boden  der  Reichsgesetzgebung  verlassen  haben.  Besonders  kühn  sei
die  neue  Auslegung  des  Begriffes  Ordenssstigse  die  gar  keine  Definition
  dafür  gebe,  sondern  n  Grenzen  des  bisher  Erlaubten  und  Berbotenen
  verwische  und  zur  Gesetz  aunung.  wrerleite  und  diese  förmlich
vunter  den  Schutz  der  Erbkmertiehen  stelle.  E  s  nsitze  da  nichts,  wenn  der

bekrilche  Gesandte  im  Reichetag  die  bona  fides  seiner  Regierung  feierlich
verkündet  habe.  In  weiten  Fben  des  baperischen  Bolles  bestehe  das

Ba  .
hebung  des  Jesuitengesetzes  müsse  von  den  Interessenten  mit  ordnungsmehigen
  Witen  auf  dem  Weg  über  den  Bundesrat  und  Reichstag  betrieben
Dem  aber  widerspreche  der  baverische  Geheimerlaß,  der  die  StaatserdeT
  und  die  Achtung  vor  dem  Geset  lhrobwordige.
inisterpräsident  Freiherr  v.  Hertling  erwidert:  Die  bayerische

über  *5  #i  habe.  Deshalb  auch  habe  Bayern  den  Antrag  beim  Bunderat
auf  eine  authentische  Interpretation  der  Vollzugsverordnung  zum  Jesuitenese
  gestellt.  Besonderen  Wert  legt  der  Ministerpräsident  auf  die  Festellung,
  daß  nicht  das  Jeluitengesetz  selbst  interpreliert  werde,  sondern  nur
die  Direktiven  gegeben  zerden  helten  für  den  Vollzug  der  Bundesratsbestimmungen
  auch  i  n  Baue  a  habe  es  vom  Siandpunlie  der  Loyalität
  vollständig  ge  hag.  t  eine  i-  Absicht  dem  Bundesrat  notißgziert
wurde.  Eine  mildere  Auffassung  sei  geboren  gewesen  schon  mit  Rücksicht
zu  de  mildere  Urteil  im  Volke  selbst,  266  ja  auch  zur  Aufhebung  des
es.  Jesuitengeseves  geführt  habe.  über  auch  die  neuen  Direstiven
5  seien  nöltig  gewesen,  weil  die  Bundekroaltbriamtmachong  eine  sehr
scharfe  Anelegung  zugelassen  habe.  Die  Reichstreue  zeige  sich  am  deutlichsten
  d  daß  Bayern  dem  Bundesrat  die  Enlscheidung  aneimgosel
habe,  —  kbine  Meinung  eine  irrtümliche  sei.  Helten#ch  werde  sich  damit
die  bermäßig  erregte  öffentliche  Meinung  dern
Wegen  fortgesetzter  Lärmszenen  wird  diel  Pitung  vom  Präsidenten
vorzeitig  Eschiagent

1.  Mai.  (Düsseldorf.)  Erneuerung  des  Stahlwerksverbandes
auf  fünf  Jahre.

2.  Mai.  Der  Kaiser  kauft  die  beiden  Farmen  Dickdorn  und
Kosof  in  Südwestafrika  für  96000  Mark,  um  sie  für  den  Betrieb
der  Wollschafzucht  einrichten  zu  lassen.

2.  Mai.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  wird  der
sozialdemokratische  Antrag  auf  Herabsetzung  der  Dienstzeit  bei  den
berittenen  Truppen  mit  13  gegen  13  Stimmen  abgelehnt.

2.  Mai.  (Reichstag.)  Etat  für  Südwestafrika  und  Samoa.
Diamantenregie.  Mischlingsfrage.

Seitens  der  Budgetkommission  ist  folgende  Resolution  beant

  Dairn  Reichskanzler  zu  ersuchen,  alebald  eine  Reform  der
aoe  uner.  angemeseiner  Beleiligung  der  Diamantenförderer  und
        <pb n="143" />
        Dar  Deufr  Mrich  und  kriur  einrelurn  Glirder.  (Mai  2.)  133

unter  verschärster  staatlicher  Fssccht  in  die  338  uleiten.  E  kechute
Wünschen  der  E  und  der  deutschen  see  ch#st  Rechnun
tragen  en  und  bei  im  Verkauf  der  Fautschen  Wp  0  eh  9

sichert
—2  Hoch  (Sd.):  Es  wor  ein  schwerer  Fehler,  daß  die  Regie  Schmugtkonkurrenz
  getrieben  und  die  Preise  für  Rohdiamanten  aufs  äußerste
Funerdr  hat.  Es  mat  eine  Ueberproduktion  mit  allen  ihren  schweren
Schäden  für  den  Diamantenhandel  und  die  Diamantenindustrie  ein.
ist  ein  ganz  zunsreptändliches  Vorgehen,  hsal  für  Südwestafrika  wo  man
muß  de  der  Diomantenbestand  abnimmt.

so  u
Ein  staatliches  Institut  hat  aber  andere  Berpflichtungen  zu  erfüllen,  darf
sich  nicht  von  Spekulationsinteressen  leiten  lassen.  Die  Diamantenförderer  in
Südwestofrika  dürfen  die  geförderien  Diamanten  nicht  freihändig  Bufen,
die  Regie  hat  ein  durch  Reichskanzlerverordnung  begründetes  Monopo
Man  hat  nun  versucht,  die  Diamanten  um  jeden  Preis  loszuwerden;  ol.
hat  mit  drei  Antwerpener  Herren  kontrahiert,  die  die  gesamte  Förderung
4  unerhört  billigem  Preise  Üübernahmen.  Dieses  Sundikat  hat  in  Belgien
um  Schleifen  der  deutschen  Diomanten  eine  Hausindustrie  peschaffen,  und
2  mil  Lilje  der  derren  von  der  Nolonialverwakung,  und  damtt  den  deutschen
Diamantenmarkt  auis  schwerste  geschödigt.  Durch  die  Hausindustrie  in  Velgien
ist  der  deurschen  Diamantenichleiierei,  speziell  in  Hanau,  ein  harter  l
zugefügt.  Das  Reiultat  bieier  Politik  ist,  daß  jen  die  deutschen  Diamantenschleifer
  um  ihr  Brot  gebracht  sind.  Der  neue  Staatssekretär  hat  eins
Versprechen  seines  Verhählto  eingelöst,  hai  sich  persönlich  von  der  Lage  der
Sache  über  eugt  und  muste  zugeben,  daß  meine  Abege  durchaus  berechtigt
.Es  eine  Preiserhöhung  von  fünf  Prozent  erreicht  worden.  Wer
gibt  uns  jetzt  die  Sicherheit  dajür,  daß  die  Preise  hoch  gemag  bind  Das
anze  Verhalten  der  Regierung  und  der  Herren  in  Amwerpen  muß  uns
mit  größtem  Mintrauen  erfüllen.  Die  deurichen  Interesienten  sind  auf  das
gröbste  hineingelegt  worden.
er  311:  In  der  Beurteilung  der  Frage,  wie  sie  sich
in  der  Vergangenzeit  gesioltet  dai,  hat  der  Vorredner  zweisellos  recht  gehabt.
  Aber  unter  dem  neuen  Siaatsiekretär  find  die  Verhaolmi#sc  wesentlich
ünftiger  geworden.  Ich  hälte  es  lieber  geiehen,  wenn  der  Stoat  die
Sache  gemacht  hane.  dann  wäre  er  Herr  im  Hun  geblieben.  Der  schwerite
Fehler  ist  gewesen,  dast  man  die  Förderer  gezwungen  hat,  die  Diamanten
abzuliefern,  daß  ihnen  aber  kein  Einfluß  auf  die  Regie  eingerdumt  worden
ist.  Daraus  entstand  Unzufriedenheit  und  die  Klage,  daß  die  Regie  ihre
Waren  viel  zu  billig  verloufe.  Das  kann  nicht  beftrinen  werden.  Das
Reich  hat  einen  Verlust  von  6—8  Millionen  Mark  in  einem  Jahre  achabt.
Es  müssen  in  die  Regie  die  Diamamenförderer  als  gleichberechtigt  eintreten,
  sie  mien  eigentlich  die  Regie  jühren,  ähnlich  wie  es  im  Kalisundikat
der  Fall  ist.  Die  stärkste  Schautenseite  der  ganzen  Angelegeuheit  it  wohl
die  Tatsache,  daß  wir  künstlich  eine  neue  Hausindustric  in  Belgien  ins
Leben  geruien  haben.  Der  neue  Vertrag  schliesst  die  Ronkurrenz  aus:  der
Staatesekretär  hat  sich  in  die  Hände  des  belgiichen  Noniortiums  begeben.
e  Kommission  den  Vertrag  beraten  konnen,  er  wäre  anders  ausgejallen.
  Unter  keinen  Umständen  darf  der  Leurag  forkgesetzt  werden,  ohne
daß  vorher  Konkurrenz  zugelassen  wird,  wäre  es  auch  um  den  Preis  einer
kurzen  vertragslosen  Zeit.  Allerdiugs  bringt  der  neue  Vertrag  eine  Steigerung
  des  Preises,  eine  Erhöhung  der  Einnohmen  um  4½¼  Millionen  mit
sich.  Bei  der  Fortdauer  des  allen  Vertrages,  bei  der  Beibchaltung  des
        <pb n="144" />
        134  Des  Perisqe  Ariq  und  selne  elnelaea  Slieet.  (Mai  2.)

Bruttozolles  von  33½  Prozent  hätte  der  b  einer  ten  en  Reihe  von

Selellihate  überhourt  eingestellt  werden  mülssen.  57  d  de  ur
Durchführung  des  ——  der  sich  uuwv  7  dernndde  euerun

**  Ut.  Es  ist  Aeeu  ulich,  daß  auch  die  deutsche  Kolonialgesellschaft  diene

Venderung  zugestimmt  hat.
Abg  ##  Wear  i  Der  neue  Bertrag  iß  doch  nicht  so
schlecht,  wie  err  Hoch  gemacht  hat;  er  verbesserte
benachielligen  Frersheen  erheblich.  Auf  gewisse  Gefahren  hat  Herr  Hoch
immerhin  m  it  R  #  hingewiesen  i
so  asen  F  beim  ninen  Abschluß  pe  werden.  Daß  in  Zuaft
  auch  unsere  Sachverständigen  aus  Schleiser=  und  Händlerkreisen  geört
  und  brrherhamn  igt  werden  uen  ensoriche  auch  unseren  Wünschen
im  Staatssekreiär  macht  der  Ut  X  in  berzer  Beziehung  aber  nicht
gerechtfertigte  Vorwürse.  Wir  ueeo  uns  der  Resolution  an,  die  auf
eine  Umgestaltung  der  Regie  hinausläust,  nicht  als  *  zir  n  dae  Kr’d  s  kvs
ebaren  der  Regie  Mißtrauen  seten,  sondern  weil  wir  mei  daß  in  d
#rganlsotton  der  Regie  ein  Fehler  liegt.  Sie  soll  die  Innrresem-  der  iee
verkreten  und  deshalb  müisen  dieje  auch  in  ihr  den  nötigen  Einsluß  haben.
Aber  auch  die  Interessen  der  deutschen  Induprrie  sollen  in  ihr  ihr  Recht  finden.
Es  ist  ja  schwer,  eine  Form  der  Organisotion  zu  finden,  bei  der  auch  die
Scheiseh  ein  entscheidendes  Wort  mitzusprechen  haben.  Bielleicht  lann  man
es  auf  dem  Wege  einer  3woneespndihierung  erreichen,  wie  es  ja  auch  schon
auf  onberen  Hehdieten.  geichehen

 

i  I  unsch,  die  PdewV  von
der  deune  Fweninitach  kue  unabhängig  zu  machen,  ist  ie
der  Kommission  einstimmig  geäußert  worden.  Eine  solche  Besreiung.  kann
unserer  Ansicht  nach  nur  auf  dem  v  n  Herrn  Erzberger  angedeuteten  Wege
geichehen.  Als  die  Diamantenfunde  seinerzeit  belannt  wurden,  lag  die
Gefahr  eines  Preissturzes  auf  dem  Diamantenmarkt  vor.  Herr  Dernburg
hat  damals  giücklicherweise  sosort  Mintel  Frifen.  um  das  zu  verhüten,
und  die  Diamantenregie  wurde  gegründet.  Es  fragt  sich  nur,  ob  die  Regie
richtig  zusammengesetzt  ilt.  Ein  Gegensat  wossairn  den  Ineeressen  der
Diamantenregie  und  der  g  ist  nicht  vorhanden,  beide  haben  ja  ein

nteresse  an  moglichst  hohen  Preisjen.  Der  neue  Vertrag  ist  ja  bemühl,
der  inlöndischen  Industrie  soweit  wie  zdüh  emgegengukommen.  Der
Oberbürgermeister  von  Detar  und  der  Vorsitzende  der  dortigen  Handelsammer
  dürfen  aber  auf  keinen  Fall  so  bchandelt  werden,  wie  es  seires
des  Leiters  der  Diamantenregie  geschehen  ist.  Auch  wir  billigen  die  Umwandtung.
  der  Bruttobesteuerung  in  die  Menobestruerng.

atsekretär  des  Reichskolonialam#s  Dr.  Solf:  Die  Angelegenheit

der  veau.  die  heute  zur  Verhandlung  steht,  Ferseut  in  drei  Rapite  l
erstens  in  die  Diamantenabgaben,  zweitens  in  die  Regic,  drittens  in  den
neuen  Vertrag.  Bezuglich  der  Diamantenabgaben  glaube  ich  feststellen
Zu  können,  daß  jowohl  in  der  Budgerkommission  wie  in  diesem  Hause  Einstimmigtei
  darüber  herricn,  daß  der  Uebergang  von  der  Brutkobesteuerung.
zu  einer  komplisierteren  Ertragssteuer  Ihren  Beifall  geiunden  hat.
darf  alio  aus  meinen  Ausführungen  die  Diamantenabgaben  ausscheiden.
Was  die  Regie  betrifft,  so  habe  ich  mich  geirent,  mit  welcher  Wärme  und
Lebhaftigkeit  der  Abg.  Hoch  für  die  Lohnichleijer  in  ganz  Deutichland  gesprochen
  hat.  Ich  habe  mir  die  Leute  selbit  angeiehen  und  gefunden,  daß
sie  unserer  Soumpathie  wert  sind,  daß  es  r—  ichlecht  chent.  und  daß  man,
wenn  man  kann,  ihnnen  ab  soll.  Aber  d  r  Abg.  Poch  ist  doch  etwos  zu
weit  gegangen.  Es  handelt  sich  in  erster  Viie  für  die  Regie  jowohl  wie
für  die  naiserliche  ee  darum,  wie  man  die  Diamanten,  die  die
        <pb n="145" />
        IIIIIELLIA  135

südekrikanischen  Ansiedler  doorder.  haben,  am  —  verkauft.  Das
ist  sowohl  die  Pflicht  der  Regie  als  auch  der  Regieru  Das  Leitmotiv
ist  also  in  aaheer  Linie,  2  im  Interesse  der  sbrfenanen  Förderer  gehandelt
  werden  muß.  Wenn  es  neben  biesen  Interessen  möglich  ist,  nationale
Bedürfnisse  zu  befriedigen,  dann  werden  Sie  selbstverständlich  die  Regierung
bereit  finden,  die  Hand  dazu  zu  bieten.  Ich  habe  solchen  Interessen,  wo#
v  —  haben  und  vorliegen,  gegloubt  Rechnung  tragen  zu  sollen
auch  Rechnung  getragen.  Ich  komme  nun  zu  dem  Vertrag.  Ich
w  Sie  können  diesen  neuen  Bertrag  am  besten  würdigen,  wenn  Sie
ihn  eine  ira  et  stuckio  mit  dem  alten  Vertrage  vergleichen.  Dem  alten
Vertrage  ist  vorgeworfen  worden,  daß  erstens  die  Preise  für  Diamanten  zu
billig  seien,  zweitens,  daß  die  deutschen  Schleifer  nicht  nur  keinen  genügenden
Anteil  gehobt  hänen,  sondern  daß  sie  sogor  benachteiligt  worden  sind  gegenüber
  den  ausländischen  Schleisern,  und  drinens,  daß  das  deutsche  Kopital
gar  keinen  Anteil  an  den  Trausoktionen  einer  ausländischen  Firma  gehabt
hat.  Zunächst  handelte  es  sich  um  die  Preisfrage.  Wir  haben  eine  Reise
gemacht  nach  Amsterdam,  Antwerpen  und  London,  und  wi  haben  durch
eingehende  Geivräche  mit  Diamantenhändiern  die  Preise  der  Diomanten
roh  und  geichlisfen  sesigestellt.  Auf  Grund  dieser  Feststellungen  sind  die
Preise  der  Diamanten  in  dem  neuen  Vertrage  um  drei  bis  vier  Mark  pro“
Karat  erhöht  worden.  Das  ist  sicher  eine  Verbesserung  des  vorigen  Vertrages.
  Nach  dem  neuen  Vertrage  kaufen  die  deutschen  Schleifer  fünf  Prozent
  billiger,  als  der  Verlaufspreis  für  andere.  Damit  hatten  sich  die  Schleifer
Findverstanden.  erklärt.  Und  drittens  ist  im  neuen  Vertrag  stipuliert  worden,
gie  oder  -  anderer  Diamantenhändler  mit  mindestens  zehn
Vrozent"  runirten  kan
Nach  Eun#digung  der  Diamantenfrage  folgt  eine  allgemeine  Aus.
iprache  über  Südwestafrika.  bejondere  über  die  Haltung  von  Großvieh
  und  über  die  Wasserversorgn
Ledebour  1Sd.)  brgensene,  eine  Resolution  auf  Aushebung
der  Verordnung,  durch  die  den  ehemals  auiständischen  Eingeborenen  die
Haltung  von  Großeß  nur  nach  der  für  jeden  Fau  einzuholenden  Geneh
migung  durch  d  n  Gonverneur  gestaltet  ist.  Die  Verordnung  liegt  im
Interesse  der  Md  2  Farmer,  die  die  Eingeborenen  nicht  zu  Rrästen
kommen  lassen  wollen.  Zetzt  ünd  die  Eingeborenen  nur  Halbskloven,  die
widerwillig  auf  den  Farmen  arbeiten.  Dem  joll  unsere  Resolution  abhelsen.
Wir  arbeiten  also  auch  bier  arfeber  poĩitiv  mit.

Staatssekrelär  Dr.  Soli:  Die  Berordnung  war  nach-  dem  Kriege
notwendig  zur  Kontrolle  orr  Hottenonen  und  Hereros,  die  uns  1500  Tote
und  Juoalldeu-  erursach  haben.  Es  ist  aber  nur  ene  E“s
Bestimmung.  Ich  e  mit  dem  Gouverneur  verhandeln,  ob  sie  gemildert
werden  kann.  Sie  t  deinnn  rigoros  gehandhabt  worden

Sowohl  die  von  der  Budgetkommission  eingebrachte  Resolution,  wic
die  des  AUog.  Ledebour  wird  angenommen.

Die  Ortszulagen  für  die  Beamten  des  Bezirks  Lüderitzbucht  in
Höhe  von  40000  Mark,  die  die  Budgetkommission  gestrichen  hatte,  werden
auf  Anag  Abg  Roland-Lücke  Nl.)  wieder  bewilligt.

für  Somoa  liegt  eine  Resolution  der  Budgetkommissi
  ron  da  die  um  Einbringung  eines  Gelepentwurfes  ersucht,  der
die  Gültigkeit  der  Ehen  zwischen  Weißen  und  Eingeborenen  in
allen  deutichen  Tchnteennn  sicherstellt  und  das  Recht  derienigen  unebelichen
  Kinder  gen  auf  welche  eiwa  das  bürgerliche  Geienbuch  zurzeit
nicht  Anwendung  fie

Swatsselsenhn  .  Solf:  Es  handelt  sich  um  eine  sehr  ernste  Frage.
        <pb n="146" />
        136  Des  Deufsce  Nrich  und  srinr  rinteimns  Glicder.  (Mai  2.)

Ich  erlaube  mir,  Sie  an  das  zu  erinnern,  was  ich  als  Einleitung  zu  meiner
EW—  ausgeführt  habe.  5  bitte  Sie,  diese  Frage  nicht  vom  Parteistandpunkt
  des  zu  betrachten,  sondern  vom  allgemeinen  nationalen  Stais#
Ponber  aus.  G.  jae  einen  Wunsch  und  eine  Bitte  an  das  hohe  Haus.

Ich  bitte  “  6  esolution  der  Budgetkommission  zu  refüsieren  und  nicht

anzunehmen.  Es  ist  ein  guhherordentüche  ichwieriges  Problem,  sehr  schwer
n  2#2  uns  Deutsche,  die  wir  in  der  Heimat  leben  und  nicht  in
jenen  Ländern  hewesen  GEchwoart  und  Weiße  derühren.  Ich

lassen,  die  von  anderen  Nationen  fesigeseelt  wurden,  die  länger  Kolonialpolitik
  treiben  als  win  Die  mit  der  Zeit  immer  schwieriger  werdende
Lösung  dieser  Frage  macht  z.  B.  den  indischen  Stoatemennern.  Sorge,  und
10  in  den  anderen  beiuan  Kolonien  zerbricht  man  sich  den  Kopf.  So
ndern  in  ihren  snaliche  Besitzungen,  den  Iimischen
Echegeoiseen  in  Südamerika.  In  d  rkt#  dieser  Länder  finden
Sie  Argumente  genug  für  meine  Sieuung.  Woas  ist  denn  die  Azerirege
in  den  Vereinigten  Staaten  anderes  als  eine  Mischlingsfrage?  Von  den
11  Willionen  Bürgern  der  Vereinigten  Staoten,  die  aus  Westafrika  stammen,
ist  nur  ein  verschwindend  kleiner  Bruchteil  unvermischt.  Die  überwiegende
Mehwen  sind  Mischlinge  aller  Nuancen.  Die  Erfahrungen,  die  man  dami
.  macht  hat,  sind  ein  warnendes  Meneiekel  für  alle  kolonisierenden  Nationen.
altrrstanden  Humoanität  und  unwürdiges  Herabsteigen  zu  niederen  Rassen
in  sich.  Man  kann  gegen  die  Sklaverei  lein,  aber  wir  betonen.  dañ
bpgegen  diese  Mischung  sind  und  sein  müssen.  Der  Neger  hat  sich  in
den  alten  patriarchalischen  Berhältnissen  der  Südstaalen,  was  *x  den  Nordstaaten
  niemals  gewürdigt  worden  ist,  besser  gefühlt,  u  et  sich  jebt  als
freier  Mensch  sühlen  muß.  Die  Anerkennung  des  Negers  in  der  Thcorie
als  Bürger  und  die  Bemühungen  eincs  selbstbewußten  Vertein  diese  Throrie
zu  bekänuen,  führen  zu  ungeheuerlichen  3unseguenen.  Der  Neger  ist  frei,
er  konn  sogar  Präsident  werden,  wenn  er  nicht  vorher  —  gelncht  wird!
Ich  bitte  #er  dringend,  keine  soiawolltsichen  und  obogmartishn  Momente
in  das  Problem  der  Mischingeirae  c  hineinzubringen,  sondern  einfach  die
Tausaden  zu  überlegen.  Sie  senden  Ihre  Söhne  in  die  Kolonien  —  wünschen
Eie,  daß  sie  Ihnen  schwarze  Schwiegertschter  ins  Haus  bringen?  Die
Frkusche  Kolontalgeseuschaft  gidt  50000  Mark  dafür  aus,  daß  weiße
Mädchen  nach  Südwest  hinausgehen,  —  sollen  sie  jich  dort  mit  Hereroo  und
Honemotten  verheiraten?  Nein,  laisen  Sie  die  Tatjachen  jprechen,  Ihre  Instinkte
  als  Deniiche,  ale  Weine.  Die  gauze  Nation  wird  Ihnen  das  danken.
Wir  sind  Weiste  und  wollen  Weiße  bleiben.  Das  ist  kein  Herrenitandpunsl.
In  dieser  Beiehung  ist  auch  der  Proletarier  Herr.  Nicht  der  Wohlhabende
heiralet  eine  eingeborene  Frau,  jondern  der  armc,  der  kleine  Mann,  und  gerade
  den  Prosciarier  wollen  wir  ichũben.  Das  juriĩtijche  Momem  scheidet
aus.  Wir  wollen  unsere  weiste  Rasiec  in  Afrika  nicht  verhastardieren.  Ich
biue  daber.  den  Beschluß  der  Kommission  Treibfteren.  (Beijal
v.  Möhlendorff-  Kölin  ####.)
edeboe  (Sd.):  Die  Rede  drer  Sss  war  wirbtich
das  Erstaunücchsee,  was  wir  jeit  langer  Zeit  hier  gebort  hab

sormell  gegen  die  Ehe  gesprochen.  Aber  in  ieluschte  roheen.  sich  sein
WBorte  gegen  die  Folgen  des  Geichlechtsverkehrs.  Man  soll  doch  nicht  Verschleierung)
  treiben.  Von  den  11  Millionen  Mischlingen  in  den  Vereiniglen
Staa#sen  ist  doch  die  überwiegende  Mehrheit  aus  dem  Konkubinat  oder
dem  ungeregellen  Geichlechtsverkehr  dbekongeganngen.  In  allen  Kolonien
hat  man  dicselben  Erjahrungen  damit  gemacht.  In  Südwest  und  Samoa
hat  man  die  Ehe  zwiichen  Weisjen  und  Eingeborenen  verboten.  Ich  weiß
        <pb n="147" />
        °Des  Jexise  Leiq  aub  seine  einelita  Slieder.  (Moi  2.)  137

nicht,  ob  auch  in  anderen  Kolonien.  (Staatssekretär  Dr.  Solf:  Ißt  nicht
nötigh  Also  dort  hat  man  gegen  das  Konkubinat  nichts.  In  Südwest
hat  man  nicht  nur  die  Eier  verbern  —  auch  das  Konkubinat.  Daäan
  Gouverneur,  chriftlich-konservative  Resormator,

  der  einst  eine  dangppde  Rede  cegen  vd  unsittliche  Treiben  auf
der  Friedrichsstraße  hielt.  „Sie  wollen  ja  die  Kultur  der  fremden  Völker
heden;  dann  fangen  Sie  doch  in  Samoa  an!  Achtzig  Weiße  sind  mit
Samoanerinnen  in  stan  mdesamtlicher,  kirchlich  eingesegne  Ehe  verbunden;
deren  nder  sollen  als  degenerierte  Rasse  unter  den  Samoanern  diffamiert
werden!  Den  Geschlechtsverkehr  können  Sie  nicht  unterbinden,  da  wollen
r  ihn  seie  in  seiner  edelst  e  For-II  verbieten!  Wollen  Sie  denn

e  Fraue  ortieren?  Ja,  en  Sie  eigentlich,  Herr  Staatseiße.
  Eoßter  wiern)  eE.  8  ru  Verme  5“  Eseistentums,  —
ist  die  Christlichkeit  der  Konquistadoren!  (Abstimmu  .

2.  Mai.  (Preußisches  #bgrorbnetenhann.  Der  Neubau
des  Königlichen  Opernhauses  und  die  Künstlerschaft.

Im  Etat  der  Bauverwaltung  war  die  Beratung  der  extraordinären
Forderung  von  80000  Mark  zur  Auearbeikung  des  Entwurfs  kür  den  Neubau
  eines  Königlichen  Opernhauses  in  Berlin  und  sonstige  Vorbereitungen
zur  Bauausführung  seinerzeit  vorläufig  zurückgestelt  worden.  Die  Kommission
  beantragt,  die  Ausgabe  unverändert  zu  bewilligen.  Di  ga.
v.  Bülow--Homburg  (Nl.)  und  Gen.  beamragen:  )  in  dem  Titel  an  Stelle
der  Worte  rreran  zur  Bauausführung“  zu  setzen:  „Vorarbeitskosten“:
  das  Haus  ber  Abgeordneten  spricht  bei  Bewilligung  dieser
160000  Mark  die  n  aus:  1.  daß  die  Königliche  Staatsregierung
den  Enmwurf  für  den  Neubau  eines  Königlichen  Overnhauses  in  Berlin
unter  Benutzung  de  hion  beschafften  Unterlagen  sowie  unter  Hinzuziehung
weiterer  Kreise  der  deutschen  Künstlerschaft  aufstellt  und  hab  achqu
Anerbieten  des  Bundes  Deutscher  Architelten  vom  20.  A  d.  J.  berũd
sichtigt;  2.  daß  dabei  die  amtliche  Programmskizze  als  *  ren  dienen,
es  den  Künstlern  jedoch  freigestellt  werden  soll,  von  dieser  Piragamuste
abzuweichen,  soweit  es  ihnen  zweckmäßig  oder  aus  künstlerischen  Gründ
eig  erscheim  3.  daß  die  Entwurfsstizzen  von  der  Königlichen  Adbrn
des  Bauwesens  begutachtet  werden.  Dirjer  Ankrag  hat  auch  die  Umerstützung
  der  Konservativen,  Fritenservalkten  und  Zentrumofraktion  sowie
der  Fortschrittlichen  Bolksparklei  geiunden

Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  -  Breitenboch:  Die  Beurteilung
des  Wertes  der  Entwurfarbeiten  für  den  Neuban  des  Overnhauses  ist  eine
Werren  erichtederl.  insbesondere  in  künstlerischer  Beziehung.  Es

auch  die  Lage  des  Bauplatzes  bemängelt.  In  dieser  Beziehung  lann

a  —  daß  die  Regierung  sich  erst  zur  Wahl  dieses  Platzes  entschlossen
  hat,  "6  es  sich  zeigle,  daß  kein  anderer  geeigneter  Bauplatz  zu
finden  war.  s  ist  anerlannt  worden,  daß  aus  künstlerischen  Gründen
die  Wahl  *  Bauplates  eine  durchaus  glückliche  genonnt  werden  kann.
kann  nur  als  erwünicht  bezeichnet  werden,  wenn  der  Königsvlatz  auf
seiner  Westieite  in  seiner  ganzen  Breite  einen  architekronischen  Abschluß  erhält,
  wobei  das  Overnhaus  in  sianlichem  Manstabe  die  Mine  einnimmt
und  von  Privatbauten  flankiert  wird,  um  so  durch  den  Gegensatz  die  monnmentale
  Wirkung  zu  steigern.  Soweit  die  Kritik  den  kunstlerischen  Wert
der  bieherigen  Arbeiten  betrifft,  komt  vielsach  eine  Enttänschung  zum
Ausdruck.  Es  heißt  dort,  man  hänc  von  den  Archileklen  eine  der  Größe
der  Aufgabe  mehr  gerecht  werdende  Schng  der  Aufgabe  erwarten  können.
Statt  deisen  sehe  man  in  den  sämtlichen  Skizzen  nichis  von  der  Sprache
        <pb n="148" />
        138  Des  Perisqe  Reiq  aal  stiut  eiielien  Slleter.  (Mai  2.)

unserer  Zeit,  man  sehe  nur  althergebrachte,  abgebrauchte  Formen.  Ich
muß  zugeben,  daß  sowohl  die  norddeutschen  wie  die  süddeutschen  Architesten
bei  ihren  Entwürfen  sich  an  historisch  gewordene  Formen  gehalten  haben,
obwohl  ihnen  nach  dieser  Richtung  keinerlei  Bindung  auferlegt  war.  Offenbar
  haben  sie  sich  wohl  von  der  Ueberzeugung  leiten  lasen.  daß  für  eine
flegestätte  der  Kunst  Feierlichkeit  und  Würde  n  —  rägnanter  zum
Ausdruck  bringen  lassen  als  durch  ein  Zurückgreif  i  Suseaaen  die
im  Lause  der  hundert  und  im  Wechsel  der  Zeit  euch  h  siegreich  behouptet
oben,  wenn  gelt  einem  Bauwerk  kraftvolle,  znemalt  Gestalt  zu

Ein  schöpfer  —  öhie  wird  auch  in  den  Bahnen  der  histo-Könnens

  der  Gegenwart  in  sich  verkörpert.  Die  jetzt  vorliegenden  Entwürfe
  sind  auch  nur  Slizzen,  die  als  vorläufige  zu  betrachten  sind.  Es
wird  Sache  des  mit  der  endgültigen  Bearbeitung  beauftragten  künsuers
sein,  unter  voller  Würdigung  des  von  der  Kritik  Vorgetragenen  einen  baukeiien
  Entwurf  schaffen  zu  können.  In  der  Fachpresse  und  auch  von  seiten
der  Fachvereine  ist  die  Ausschreibung  eines  allgemeinen  Weltbewerbs  als
Wunsch  der  deutschen  Künstlerschaft  bezeichnet  worden,  damit,  wie  es  heißt,
die  besten  Süäite  des  Landes  sich  an  der  schwierigen  Anigabe  beteiligen
können.  Ueber  den  Wert  eines  öfsentlichen  Wenbewerbes  gehen  die  Meinungen
  weit  auseinander.  Ich  dar  nur  daran  erinnern,  daß  selbst  bei
ganz  freien  und  idealen  Bauten,  wic  es  beispichsweise  die  Konkurrenz  um
das  Biamarckdenkmal  auf  der  Elisenhöhe  bei  Dingerbrück  war,  der  Eriol
eines  Wettbewerbes  ein  durchaus  zweifelhafter  sein  kann.  Ich  darf  weiter
darauf  hinweisen,  daß  auch  unsere  ersten  Künstler  in  der  östhetischen  Frage
durchaus  abweichender  Meinung  voneinander  waren.  Nach  unierer  Auffassung
  sind  die  Voraussetzungen  Hür  einen  allgemeinen.  Wektbewerb  nicht
gegeben,  da  es  sich  bei  dem  Bau  des  Opernhauses  um  eine  gans  bestimmt
drnegrent  Zweckbestimmung  handelt.  Urchitekten,  die  sich  eines  großen
Rujes  erfreuen,  haben  auch  im  Einklang  mit  unserer  Auffassung  sich  gegen
eihn  olsgemeinen  Wettbewerb  ausgesprochen.  Die  Regierung  war  der
Meinung  und  ist  auch  heute  noch  der  Meinung,  daß  sie  durch  die  Heranziehung
  eines  begrenzten  Kreises  von  Künstlern  von  Bedeutung  und  kachmännischer
  Autoriläten  eine  geeigne#t#e  Geundlage  für  die  weitere  Vembrilan
des  Werkes  gefunden  hat.  Wenn  nun  das  Haus  Wert  darauf  legt,  voß
noch  weileren  Kreisen  der  deutschen  Künstlerschaft  Gelegenheit  gegeben  wird,
auf  der  Grundlagqe  der  *x.  Programmskizzen  Beiträge  zur  künstleriischen
  Lösung  der  Frage  zu  geben,  so  wird  die  Regierung  sich  dieiem
Wuniche  gegenüber  nicht  zurchen  verhalten.  Mitbestimmend  für  diesen
Entschluß  der  Regierung  ist  die  Tatsache,  daß  ein  allgemeiner  Wettbewerb
nicht  mehr  gesordert  wird.  Die  Nanlreurn  erklärt  aich  daher  mit  Wortlaut
und  Iuan  der  vorliegenden  Resolution  einverstan

low-  Homburg  (Nl.)  begründet  Finen  Antrag:  Dielt

gel
gegen  sind  sehr  werivolle  Arbeiten  jũr  die  weitere  Behandlung  der  Sache
geliefert  worden.  Es  muß  jetzt  eine  größere  Zohl  hervorragender  Künstler
und  Architekten  herangezogen  werden,  damit  ein  gutes  Projekt  zustande
kommt;  es  muß  also  ein  neuer  engerer  Wektbewerb  beranssähter  werden.
        <pb n="149" />
        Des  Deutshe  Rriq  uab  seiut  tiujelaen  Slleder.  (Mai  3.)  139

aed  cher  G  hat  sich  in  uhiaer
ür  di  er

rufen  5  die  jetzige  B  v1½  o  eine  geeignete
  7  Parifen  pernhaus  bietet  r  ob  nicht  un  erönderung
des  Plaßes  dahin  od  Ore  wer#  daß  der  T  s  Rei
wosgetchedes  von  dem  Teil  des  Opernhaus  9  durh  eine  *t  gärtnerische
Anlage  abgeschlossen  werden  soll,  so  daß  auf  beiden  (Leiten  ein  geschlossenes
künstlerisches  Ganzes  zustande  kommt.  Es  ist  erfreulich,  doß  §*  eine  Einigung
  twischen  der  Regierung  und  der  bersreulich  hergestellt  ist.
ntrag  v.  Bülow  wird  einstimmig  angenommen,  der  Titel

u3

 

 

brwinicde

3.  Mai.  GEeinnig)  Der  humoriflische  Dichter  Edwin  Bormann

  #  4  1  Jahe  alt

.  Geichstag.)  Anderung  der  Geschäftsordnung  durch
die  urnMae,.  von  kurzen  Anfragen  und  von  Beschlußfassungen  zu
Interpellationen.  Erklärung  der  Agierung.

Staatssekretär  Dr.  Delbrück:  Ich  habe  im  Namen  der  verbündeten
Regierungen  sochene  Erklärung  abgugeben:  Nach  Artikel  27  der  Reicheverfassung
  hat  der  Reichstag  seine  Geschäftsordnung  allein  zu  regeln.  a
entsprechend  verzichten  die  verbündeten  gierungen  darauf,  an  Ihren
handlungen  teilzunehmen.  Sie  halten  es  aber  für  nolwendig,  Sera  Aed.
lestasteuen,  daß  die  Geschsstgrommrn  einseitiges  Recht  nur  für  den  Reichstag
  und  seine  Mitglicder  schafft  (Sehr  richtig!  r.),  daß  daher  die  von  Ihnen
zu  beschlietenden  Abänderungen  der  Geschäftsordnung  weder  eine  Erweiterung
  der  vertassungemastgen,  Ach  des  Reichstlags,  noch  eine  Beschränkung
der  verfassungemaßtern  Rech  Naisers,  der  verbündeten  Regierungen

ekonzlers  grrae  vnn  deswegen  auch  irgendweiche  staatsrechtliche
  ##msenmrüen  für  die  Siell  ung  des  Reichskanzlers  gegenüber  dem
Reichslag  nicht  haben  können.  (Lebhaiter  Beijall  r.,  Unrune  I.)  Unter  dieser
auedrücklichen  Verwahrung  erkläre  ich  aber,  dan  der  Verr  Reichslanzler  Ihren
Wünschen  auf  eine  weitere  Anegestaltung  Ihrer  Geschäftsordnung  inioweit
entgegenzukommen  bereit  ist,  als  er  unter  Wahrung.  des  Rechtes  der  fsng
im  einzeinen  Fall  die  in  Aussichnt  genommenen  kurzen  Aniragen  nach  Moglich
keit  beantworten  oder  durch  jeine  Stellvertreter  und  Kommiisare  brantnrten
loisen  will,  soiern  ihr  Hegeniian  4t  verfassungsmäßigen  Komvetenz  des
.  und  nicht  ein  ichwebendes  Gerichis-,  Verwallungs=  oder
Peos  ärn  beirijft  Wellall
erließen  die  Vertueter'  der  Regierung  den  Saal;  das  Haus
beriet  ua  *  die  Einjũhrung  kurzer  Anjragen  an  den  Neichskanzier
und  dann  über  die  Erweiterung  des  Interpellotionsrechtes.  Nach  ziemlich
Wes  Debatte  werden  die  Abstimmungen  auf  den  B.  Mai  verschoben.
(Siche  8
unleng  Mai.  Der  Handel  der  Schutzgebiete  und  die  Reichszuschüffe.



Der  Gesomthandel  erreicht  230½  Millionen  Marl,  (5312:  Millionen
Mark  mehr  als  im  frjahre.  Davon  fallen  auf  den  deutichen  Handel
153¼  Milonten  i-  8  Asiu  der  demichen  Lolonien  zeim.  obivolil
sie  erit  101  Millionen  Mark  erreicht  hat,  eine  siärkere  Steigerung  tum
31I.  Millionen  Mark  als  die  Einsu  die  bei  einem  Berrage  von  1237.  Millionen
  Mark  gegen  das  Vorjahr  nur  um  221.  Millionen  Mark  gestiegen  ist.
        <pb n="150" />
        140  Des  Deesche  Kricg  und  seinr  einnelurn  Glirder.  (Mai  3.)

Aber  auch  die  Penuschülft  zu  den  Verwalzungsceheen.  sind

 

n.  der  eigenen  Einnahme  utzgebiete  Leeen  Der  Gesamtetat
deutschen  Vezeblber  m#  sich  auf  12,  illionen  Mark,  wovon
3  d  auf  Schußgebietsanleihen  Lasn.  Wie  sich  die  Neichszuschülsse
derteilen,  ist  aus  Sechrut  Tobelle  ern  ichtich
-  5½R  191  Mithin
4  *  mcht  weniger
Ostafriia  36183071  3542790  75517.:  —
-  ........  2344645  2313566  31079;  —
ogon  —  s  —
Oudwesiqfkth»...  13828346  11  415858  21124  —
Neu-Guinea  1!
einschl.  der  Insel-  I
queztrce  der  Südsce  1207513.  759597  1½73  6  1T
—————..  —  106375
28596  406  25735751  2860655

 

3.  Mai.  (Berlin.)  Rudolf  v.  Bennigsen,  früherer  Gouverneur
von  Neu-  Guinea.  Direktor  der  Kolonialgesellschaft  für  Südwestafrika,
  f.  53  Jahre  alt.

3.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Eingang  des
Entwurfs  eines  „Besitzbefestigungsgesetzes“  zur  Stärkung  des  Deutschtums
  in  einigen  Landesteilen.

urch  das  Gesetz  sollen  der  Staatsregierung  100  Millonen  Mors
mit  der  Bestinenn  ng  zur  Verfügung  gestellt  werden,  zur
Stärkung  des  deutichen  ländlichen  Besitzstandes  in  den  national  udl
Teilen  der  Provinzen  Ostpreußen,  Pommern,  Schlesien  und
Lonstein  1.  ländliche  Grundstücke,  und  zwar  bäuerliche  #zd  größere  tte
zu  erwerben  und  als  Rentengüter  im  ganzen  oder  unter  besonderen  Umbanen
  auch  t  gcgen  vollständige  Lchomnoehakunn  des  Staales  a  an
ern;  Siaa

mitllung  bei  der  Bildung  der  Rentengüter  und  die  Sicherung  der  Schadloshaltung
  des  Siaates  übertragen  wird.  Welche  Teile  der  genannten  Provinzen
ale  national  gefährdet  anzusehen  sind,  wird  durch  Konigliche  Verordnung
bestimmt.  Für  größere  Güter  dürien  im  ganzen  uinnt  mehr  als  25  Millionen,
  zu  Stammanleihen  im  ganzen  nicht  mehr  als  5  Millionen  Wart
verwendet  werden.  Die  Erha  altung  der.  Nentennee:  ½  deutschen  Eigdas

  Anerbenrecht  bei  Rentengütern  wird  auch  au
gegründeten  Rentengüter  ausgedehnt.  Der  Finanzminister  wird  ermächitigt,
zur  Bereit#stellung  der  Gersordrrlichen  Summen  Grensschusbvenschrribanehnn
auszugeben.  Die  Geschäfte  der  freiwilligen  Gerichsbarkeit  bei  der  Ausführung
  diees  rrr  a#un  von  Gerichtsgebühren  und  Stempelsteuern  frei.

ng  des  Entwurfs  wird  auf  das  ständige  Vordringen
  ber  Peichhuma  von  seinem  Hauptsitz  in  Westpreußen  und  Posen
aus  in  die  Nochbarprovinzen  hingewiesen  und  erklärt,  daß  sich  der  polnisch
sprechende.  Bevölkerungsteil  in  Oberschlesien  in  wachsendem  Umfange  politisch
        <pb n="151" />
        Des  Deulie  Neic  aud  sriue  riskturs  Glicder.  (Mai  3.—8.)  141

und  wirtschaftlich  absondere.  Ein  ähnliches  Bestreben  neige  sich  in  Nordschleswig
  bei  dem  dänisch  gesinnten  Teil  der  Bevölkerung

8.  Wa.  Botschafterwechsel.

Kölnische  Heitung  alsnreiee  „Obgleich  es  unter  den  gegen-Vekhälmsfen

  in  der  Türkei  nicht  unbedenklich  erscheint,  eine  Per-—
  abuberufen.  die  in  r*  Dingm  so  gi  und  zugleich
so  einflußreich  ist  wie  Herr  v.  Marschall,  so  is  doch  anzunehmen,  da
seine  Berusung  aus'r  einen  anderen  Posten  in  absehbarer  Ju'  zu  erwarten
ist.“  Das  Blatt  deutet  dann  an,  daß  dieser  Posten  der  des  Botschafters  in
London  sei,  der  durch  den  Rücktritt  Botschafters  Grafen  Wolff-Metternich
  frei  werde.  Als  Nachsolger  Marschalls  in  Konstantinopel
lomme  in  erster  Linie  der  Gejandte  in  Athen,  Freiherr  v.  Wangenheim,
in  Betracht.

4.  Mai.  (Berlin.)  Wegen  Verkaufs  von  Methylalkohol  als
Trinkbranntwein,  wodurch  71  Personen  tödlich  und  andere  leichter
vergiftet  wurden,  wird  der  Drogist  Scharmach  zu  fünf  Jahren  Gefängnis,
  2000  Mark  Geldstrase  und  40  Mark  Buße  verurteilt.

5.  Mai.  (Elsaß-Lothringen.)  Begründung  der  elfsaßlothringischen
  Mittelpartei  durch  den  Freikonservativen  Dr.  Höffel
aus  bisherigen  Angehörigen  der  liberalen  Landespartei,  denen  sowohl
  die  partikularistische  Stellungnahme  als  auch  das  Zusammengehen
  mit  den  Demokraten  nicht  mehr  paßte.

.  Mai.  (Berlin.)  Die  Konferenz  zur  weiteren  Ausgestaltung
der  Sicherheit  in  der  Schiffahrt  tritt  unter  dem  Vorsitz  des  Staats-=sekretärs
  Dr.  Delbrück  im  Reichsamt  des  Innern  zusammen.

Sie  soll  88  mit  fünf  Ss  befassen,  die  in  zahlreiche
a  zerfallen:  1.  Sicherung  gegen  das  Sinken  havarierter  Dampfer.
Rettungsboote  und  sonstige  echunn  e#ittel  in  Verbindung  mit  der  Orzoaleuer
  des  Rettungsdienstes.  3.  !#  rah  *—  Telegraphie.  4.  Dampferuten.
  õ.  Fahrgeichwindigleit  bei  Eisgeja

7.  Mal.  (Elsaß-  otbrinsrn)  Wegen  Entziehung  der
Lieferungen  der  Maschinenfabrik  Grasenstaden  seitens  der  Regierung
  infolge  deutschfeindlicher  Haltung  ihres  Direktors  nimmt  die
Zweite  Kammer  einstimmig  ein  Mißtrauensvotum  gegen  die  Regierung
  .

e  mißbilligt  das  Verhalten  der  elsoß-lothringischen  Regierung  aufs
cäach  sordem  die  Regierung  auf,  die  ihrer  unwürdige  Gesinnungeschnüffelei
auszugeben,  und  verlan  act.  daß  die  Regierung  den  durch  sie  angerichteten
Schaden  wieder  gut  m

8.  Mai.  #ieru#n  Der  Oberbürgermeister  Dr.  Kirschner
wiederholt  sein  Entlaffungsgesuch  vom  3.  März.

Es  handelt  sich  darum,  den  Staatsjekretär  a.  D.  Wermuth,  der
als  Nachfolger  von  Abickes  in  Frankfurt  am  Main  in  Aussicht  genommen
war,  für  Verlin  zu  gewinnen.
        <pb n="152" />
        142  H#s  Neufi  Nei  u#l  srine  rinbelure  Elisher.  (Moi  8.  9.)

6.  Uea,  (Reichstag.)  Die  Mischlingsfrage.  Kurze  Anfragen.
Namentliche  Abstimmung  dber  die  Resolution  der  Budget-—

  n  Einbringung  x2*  Gesetzentwurfs,  welcher  die  Gültigkei#t

wischen  Weißen  und  Eingeborenen  in  allen  deutschen  Schut-"st

  0  sbersell.  und  die  —  der  außerehelichen  Kinder

it  Eingeborenen  regelt.  Far  die  ie  eesoliiion  ber  Bubgettommission  stimmen

dit  Sozilaldemokraten,  das  im,  die  Polen  und  wereingelte  Wigicder

anderer  Parteien.  Die  Re  as  wird  mit  203  enm  133  Seim

benomen.  Der  konservative  Au#rog.  welcher  die  Siellung  eines  Antrages
ei  der  Besprechung  iiner  Ju  ation  für  unzulässig  erklärt,  wurde  mi
265  ge  2  67  Stimmen  bei  3  Stimmenthaltungen  abgelehnt.

rofidrar  verbündel,  daß  von  jetzt  ab  an  jedem  Dienstag  und
Freitag  vn  Plenum  kleine  An  asaanden  zu  sofortiger  Beantwortung  durch  die
Regierung  gestelt  werden  lonnen

9.  Mai  ßisches  Ab  d  haus.)  Ausschließung
und  gewaltsame  Entfernung  des  a%-onernenhantng  Abgeordneten
Borchardt.

 

Zum  erstenmal  macht  der  Präsident  Frhr.  v.  Erffa  von  der  al
6.  Mai  1910  in  die  ——  aufgenommenen  Befugnis  g.
einen  Abgeordneten,  der  ah  äclig  seinen  Anordnungen  widerf
den  Rest  des  Tages  von  der  ——  auszuschließen.  Der  Präsident  en
den  Abg.  „Bercharnt  P  WPo  den  u  zu  vereslen.

bg.  Borchardt  (Sd.)  ruft  3  hnisch  u  ch  hindert,

hier  zu  bleiben,  wird  mit  Zuchthous  bis  zu  1t  me  bicht  Sie
können  mich  noch  solange  auffordern!

Präsident  Dr.  Frhr.  v.  Erffer-  wiederholt  das  Ersuchen,  den  Siyungssoal
  E  ue
3  ###  Vorchardt  erregl:  Wer  mich  hier  wegbringen  will,  gehört  ins

u

asiden  Dr.  Tor.  v.  Erffa:  Ich  fordere  Sie  peernet  zum  letzten
Male  auf  und  mache  Sie  darauf  in  26  fer  daß  der  Präsident  das  Recht
eines  Haueheren“  hat.  Sie  sind  ausgeschloisen,  und  .  leis  che  Sie,  den
Saal  zu  E
Borchardt  in  steigender  Erregtheit:  Ich  bin  hier,  weil  ich
#t-  gerrdueter  bin.
n  ras  sident  Dr.  Frhr.  v.  Erffa:  Ich  setze  die  Sitzung  auf  eine  halbe
Siunde  a
eugern  d  der  Unterbrechung  der  Sitzung  bilden  sich  im  Saale  allenthalben
  Gruppen,  die  den  Ivacschenfen  besprechen.  Die  Aufmerksamkeit  richtet
ich  dabei  naturgewe  sortgejett  auf  den  Abg.  Borchardt,  der  auf  seinem
Sioplatz  werbtetbe.  Als  Abg.  Leinert  den  Nebenplay  rechis  *  ubg  Lorcharn

verläßt,  wird  er  vom  Abg.  Hoffmann  ersucht,  den  Pla  Platz  w  er  ein  üzun
Ein  polnischer  Heerdneter  8  die  drei  su  nee  ne
geordneten  zu  und  überreicht  Abg.  volnann  das  aufgeschlagene  Strafgesetzbuch,

  das  dieser  es  #berl  .  h  i#e  Geschäftsordnung  geht
innerhalb  der  eingelnen  Gru  uuoden,  on  Hand  4#  In  einer  Gruppe
freisinniger  Abgeordneten  liest  Abg.  D  Poctn  die  einschlägigen  Bestimmungen
  der  Geschöftsordnung  vor.  In  zwischen  hat  Präsident  Dr.  Frhr.
v.  Ersfa  das  Formular  ausgejüllt,  das  zur  Durchführung  der  Präsidialgewalt
  poligeiliche  Hilse  erbittet.
        <pb n="153" />
        Des  Verisr  Nric  un  seiur  iueium  Glleder.  (Mai  9))  143

Nach  einer  halben  Stunde!  wein  die  Sitzung  vom  Präsldenten  Dr.  Frhr.
v.  Erffa  wieder  eröffnet.  Der  Abg.  Borchardt  ##o-  IE  noch  immer  auf  seinem
Plat,  ihm  zur  Seite  die  Abg  r  und  ##  ert.

2  dent  Dr.  Frhr.  v.  uS  a  Die  Sigtzung  ist  wieder  eröffnet,  und
ich  bitte  die  Herren,  ihre  X  e  einzunehmen  und  die  *  freizuhalten.
Herr  Abg.  Bor  ar.  da  ich  noch  immer  auf  Ihrem  Plade  sehe,  trozdem
  ich  Sie  für  den  Rest  der  Eidenn  busgeschusian  habe,  fordere  ich  Sie
#ent  zum  letzten  Male  auf,  den  Saal  zu  verlassen.  (Alles  blickt  auf  den

und  vertiest  2  daraus  die  Bestemungenz=  „Der  Präsident  kann  die  Sitzung
aussetzen  was  ich  bereits  getan  habe  und  er  kann  die  erforderlichen
  er  zur  uusschlichung  durchsühren.  *  (Zu  einem  Diener):
Biue,  Bien  Sie  doch  einma  eren.
die  Seitentür  dimet  dem  Präsidentensitz  berein  der  zuständige
Vorizesteunnvear  oolb  den  Saal.  Er  wird  mit  lautloser  Stille  empfa  angen
nur  der  Abg.  Hofimann(Sd.)  erhebt  sich  und  rust  laut  dreimal:
Der  Präsident  richtet  an  den  abolizeiteutnan.  die  ussorderung:
Ich  Sie,  den  für  den  Reest  der  Sitzung  ausgeschlossenen  Abg.
Vorchardt,  den  ich  Ihnen  durch  einen  Leamen  bezeichnen  lassen  werde,
hinauszuführen.
t  Polizeileutnant  tin  unter  der  Führung  des  Botenmeisters  des
Hauses  langsam  an  den  Si  n  3½  Borchardt  heran  und  überreicht  den
Pueenend  des  Prä#  .
Hchakdt  s  Papier  und  5*  es  dann  zurücck
mit  den  #.dT  Darf  4U5  huen  gie  im  Strafgesetzbuch  den  9  105  zeigen,
aus  dem  hervorgeht:  Wer  es  unternimmt,  mich  hier  alilem  zu  entjernen,
wird  mit  Zuchthaus  nicht  rnne  fünf  Jahren  n  bestra
Po  oliheilrunant  Kolb  sagt  mit  leiser  Sieran  Ich  kenne  das  Straf.
esenbuch.  Ich  fordere  Sie  hierdurch  auf,  der  Aufforderung  des  Herrn
s  t  aonn  und  den  Sihungssaal  zu  verlassen.
Abg.  :  Ich  werde  dieser  Ihrer  Aussorderung  nicht
Folge  Leusn.
Polizeileulnant  Kolb:  Dann  mache  ich  Sie,  darauf  aufmerksam,
daß  ich  bei  weiterer  Weigerung  Zwang  anwenden
orchardt  Knit  erhobener  Stimme):  Künn  mache  ich  S
darauf  aufmerlsom,  daß  Sie  sich  damit  eines  Verdrechen  shundes  it
das  mit  Juchthaus  nicht  unter  fünf  Jahren  bestraft  wir
hieutpont  Kolb:  Ich  mache  Sie  jetzt  zum  Wien  Male  darauf
aufmerksam,  2  Zwang  anwende,  wenn  Sie  die  Weigerung  fortsetzen.
orchardt:  Die  Weigerung  wird  fortgesetzt!
Der  Frcharue  s  ann  hierauf  zwei  Schutzleute  in  Unisorm
holen,  die  sich  an  den  Platz  d  ##g  Borchardt  *-  neben  dem
im  er  die  Abgg.  Leinert  und  rob  sipen.  Die  Schutzleute  ansine
—  beunet.  Playh  zu  machen,  damit  sie  den  Abg.  Borchardt  erreifen

s  8—  VWeinen-  erwidert:  Das  ist  mein  Platz,  hier  bleibe  ich  Lieen.
Die  Schutzleute  entjernen  den  Abg.  Borchardt  mit  Gewalt.  Dae#
nach  einiger  Zeu  wieder  im  Saale  erscheint,  wird  er  abermals  gewoltian
durch  vier  Schutzleule  hinausgebracht.

9.  Mai.  (Reichstags-Ersaßstichwahl.)  In  Varel-Jever-Bestersteede-Brake
  (s.  26.  April)  siegt  Syndikus  Dr.  Wiemer  (Fortschr.
        <pb n="154" />
        144  Hns  Veis  Nrich  und  frinr  einrinm  Glicher.  (Mai  9.  10.)

Vyp.)  mit  15800  üÜber  Buchdruckereibesitzer  Paul  Hug  (Sd.)  mit
13300  Stimmen.

9.  Mai.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeilung“  gibt  bekannt,
  daß  der  Botschafter  in  London  Graf  Wolff-Metternich  seinen
Abschied  eingereicht  habe.

Sein  Nachfolger  wird  Frhr.  Marschall  v.  Bieberstein.

1°.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Antrag  auf
Verfolgung  des  „Vorwärts"  wegen  Beleidigung  des  Hauses.  Protest
  des  Abg.  Borchardt.

Der  Präsident  läßt  ein  Schreiben  des  Justizministers  Dr.  Beseler
verlesen,  der  um  die  Ermächtigung  bittet  zur-  strafrechtlichen  Verselgung
ueen  Beleidigung  des  Abgeordnetenhauses
wãrts  cvom  9.  April:  „Eine  reaktionäre  eendrch  ½  41  —
sich  n  den  eS.—  Redakteur  Alber  Wachs  bezw.  den  zu  erascen
  Verfasser  des  Artikels.  Es  handelt  sich  in  diesem  Artikel  um  eine

die  Redner  der  bürgerlichen  Paneien  hatte  der  Vorwärts  eine  „reaktionäre
Affenkomödie“
Ebenso  bn  er  den  Protest  des  Abg.  Borchardt  wegen  ver

ihm  tags  zuvor  widerfahrenen  wehandung  g  zur  Kenninis  des  Hauf
Verlin,  9.  Mai  1912.  Auf  Grund  des  9  64  der  Geschäftsordnung  Free
ich  hiermit  Einsp  .  gegen  meine  Auseschließung  aus  der  heutigen  Sitzung.
Zun  nächst  verstößt  die  Ausschließung  gegen  das  Strafgesetzbuch,  das  durch
die  Geschäftsordnung  nicht  eingeschränkt,  noch  abge  heändert,  noch  aufgehoben
werden  kann.  Die  gewaltsame  Entsernung  eines  Abgeordneten  aus  dem
Situngssaal,  sowie  die  gewaltsame  Verdinderung  seines  Wiedereintritis
gilt  nach  dem  Strafgesetbuch  als  schweres  Verbrechen.  Die  Entiernung
wir  mit  Zuchthaus  nicht  unter  fünf  Jahren,  die  Verhinderung  des  Wiedereintritts
  mit  Zuchthaus  bis  zu  fünf  are  bestraft.  96  erhebe  also  Enspruch
  gegen  die  Gültigkeit  des  2.  und  3.  Absatzet  des  5  64  überhaupt.
Aber  selbst  an  Sinnedteieksbspe  war  die  ——  ier,
Den  nach  Absatz  2  kann  sie  nur  „im  Falle  besonders  grober,  die  Würd

es  Hauses  padigen  Verlebung  der  Ordnung“  erfolgen.  Eine  soche
de-  aber  selbst  nach  dem  Verhalten  des  Präsidenten  nicht  vorgelegen,  denn
er  hat  mich  hch  nicht  ein  einziges  Mal  zur  Ordnung  gerusen!  Ich
habe  also  sogar  nach  seiner  eigenen  Meinung  offenbar  die  Ordnung  des
Hauses  überhaupt  nicht  verletzt,  geschweige  denn  in  „besonders  grober“
Weise.  Das  gleiche  folgt  auch  aus  der  Tatsache,  daß  das,  was  ich  getan
habe,  genou  ebenso  von  Abgcordneten  anderer  Parteien  r*—  worden  ist.
t  Präsident  hat  befohlen,  J##schenruf  nur  vom  Plae  aus  zu  machen

Es  standen  ober  mindestens  10  bis  50  Abgcordnete,  fteucch  kein  E
demokrat  darunter,  dicht  gedrängt  um  die  Rednertribüne,  und  viele  von
en  haben  Zwischenrufe  gemacht.  Z.  B.  die  Herren  Rahmdohr  und  Lommer.

a  sie  nicht  aus#  geichlesien.  nicht  einmal!  zur  Ordnung  gerufen  wurden,  so
ake  dies  allein  schon,  daß  ihr  und  also  auch  mein  Verhallen  nicht  geten
die  Ordnung  des  Hauses  verstoßen  hat.  Außerdem  hat  nach  der  Geschäft,
ordnung  der  Herr  Präsident  überhaupt  nicht  das  Recht,  einem  lrrch.
vorzuschreiben,  wo  er  sich  aufhalten  und  von  wo  aus  er  Zwischenrufe  machen
        <pb n="155" />
        NH#  Beufschr  Neich  und  srint  rinzelnen  Gliecder.  (Mai  10.)  145

darf.  Gleichwohl  babe  ich  mich  seinem  —  an  sich  ganz  unberechtigten  —
Berlangen  gefügt,  habe  mich  mehrere  Schritte  t  urü  seehe  und  alle  gegnerischen
  Zwischenrufe  gegen  die,  Leche  des  bgeordneten  Schifserer
von  da  an  unterlassen.  Ich  habe  nur  noch  ein-  See:  t  zweimal  „Sehr  richtig!“
der  sonst  einen  Phinmichnde  hwischmeuf  gemacht.  Dadurch  kann  Herr
Schiüteer  sicher  nicht  gestört  worden  sein,  zumal  meine  Zwischenrufe  nur
mntworten  auf  Heuergen  und  Fragen  waren,  die  Herr.  Schisferer  direlt

an  mich  persönlich  gerichtet  hotte.  Endlich  war  ich  in  diesem  in  Falle  a
beohal  so  nahe  an  die  Rednemribüne  gegangen,  weil  mir  Herr  Schistere
m  Morgen  durch  Herrn  Hoffmonn  hatte  sagen  lossen,  er  lege  Gewicht
#mrauf,  -  ich  leine  Aueführungen  höre,  und  weil  bei  der  Unruhe,  die
jeden  Tag  in  der  ersten  Sitzungsstunde  herrscht,  Herrn  Schifferers  Stimme
bis  zu  meinem  Plat  nicht  zu  verstehen  ist.  Aus  all  diesen  Gründen  ersuche
  ich  das  Haus,  die  Ausschließung  für  ungerechtfertigt  zu  erklären.

Julian  ergeh  (Berl

Bepimnung  vordder  wird  auf  Montag  den  13.  Mai  angesetzt.

.  *  (Reichstag.)  Duelldebatte  in  der  Budgekkommission.

dem  Zentrum  haben  auch  die  fortschritliche  Volkspartei  und
dit  sepialdemofrarnn  Antiduell.Resolutionen  eingebracht.  Die  Bolksrtei
  will  eine  Aenderung  des  Militärstrafgesetzbuches  dahin,  daß  bei
Lsesuns  des  Jweiigempsen  auf  die  Nebenstrafe  der  Entlassung  aus  dem
Heere  zu  erkennen  ist.  Die  Sozialdemokraten  verlangen,  daß  jeder
Neilan  und  4t  bei  einem  Waau  Mitwirkende  rücksichtslos  aus  dem
DHeeresverband  entfernt  wird.  In  längeren  Ausführungen  begründet  *
nächst  ein  an  —  die  Resolution  seiner  Partei
habe  mitl  seiner  Resolution  den  Boden  deinen  früheren  Erklärungen  den
lassen.  Seine  Resolution  erkenne  geradezu  das  Duell  an.  —  Ein  Berweter
  des  Zentrums  weist  diese  Vorwürse  zurück.  8  Jmrum  halte
durchaus  on  seinem  prinzipiellen  Standpunkt  fest.  Es  sei  d
durchaus  bereit,  auch  den  in  der  volksparteilichen  ni  ntnenen
Gedanken  mit  zu  unterstüzen.  Aber  daneben  handle  es  sich  noch  um  die
Aufsuchung  eines  praktischen  Weges  zur  allmählichen  Vesuigen  des  Duells,
und  in  dieser  Richtung  wolle  die  Resolution  seiner  Partei  wirken.  Der
Wunich  seiner  Partei  gehe  dahin,  da  die  besichende  Rabinettsorder  wirk.
lich  durchgejührt  werde.  Der  Houviiehler  liege  übrigens  nicht  bei  den  aktiven
  Olüizieren,  sondern  bei  den  Reserve=  und  Landwehroffizieren.  —  Der
Wortführer  der  Vollspartei  begründet  jodann  die  Rejolution  seiner
Jarer  Mit  der  Kommandogewalt  des  Naisers  habe  die  Resolution  nichts
Die  Kabinettsorder  des  Kaisers  stehe  eigentlich  auf  ungesetzlicher
—  obwohl  er  nicht  bestreiten  wolle,  daß  sie  einschränkend  wirke.
Hierauf  nahm  der  nriegeminister  Frhr.  v.  Heeringen  das  Wort:  Man
möge  über  das  Duell  denken,  wie  man  will,  sich  dafür  oder  dagegen  aus-Leben

  verschlienten.  Die  deutsche  Hcereeverwaltung  nehime  einen  ähulichen
Siandpunkt  ein  wie  die  aonderen  Armeen  groster  Lander.  Der  RKriegsminister
  macht  Mineilungen  Üüber  die  einschiägigen  Verhältnisse  in  den
Armeen  anderer  Länder,  die  er  vertraulich  behandelt  zu  haben  wünscht.
Die  Reiolution  der  Sozialdemokraten  wäre  ungerecht:  ee  jei  nicht  angängig,
die  Strafen  des  Straigeienbuches  einieitig  für  die  Angebbrigen  der  Armee
3zu  verschärsen,  wöhrend  der  Zivilbeamte  ja  seine  Stellung  beibehalten
würde.  Wenn  eine  solche  Regelung  erjolgen  würde,  müste  sie  auf  allen
Gebieten  erfolgen.  Die  Ehrengerichtsordnung  sei  ein  Armecbefehl.  den
der  Kaiser  krast  jeiner  Kommandogewalt  erlassen  habe.  Wenn  ein  Druck
Eucoyaicher  (Gesdiichlelolenber.  1.  III.  10
        <pb n="156" />
        146  Pes  Penisqe  Reiq  aul  srine  tiujeliea  Glieder.  (Mai  10.)

in  dieser  Richtung  ausgebt  werden  sollte,  so  wäre  das  ein  Eingriff  in
diese  Kommandogewalt.  Gegenüber  der  Zentrumsresolution  erklär  der
Kriegsminister,  er  halte  an  seiner  Stellung  vom  30.  April  fest.  Er  betonte
aber  nochmals,  daß  er  das  Duell  als  ein  #eer  ansehe,  mit  dem  man  nur
unter  den  gegebenen  Verhälrnissen  rechnen  müsse.  Die  Kabinettsorder  sei
der  einzige  senttüche  Weg  zur  Besserung,  und  sie  habe  auch  tatsächlich
eine  Verbesserung  gebracht,  wie  die  Stakistik  lehre.  Die  Stotistik  ngebe
daß  in  den  neebes  ahren  vor  Erlaß  der  Kabinenlserer  auf  10000  Person
des  aktiven  und  des  Beurlaubten-Offizierstandes  6,3  rurreih.  wiuen
nach  Erlaß  a  Gwobinengorder  sei  die  Ifer  auf  4,1  Pers  n  gesunken
und  zwar  für  die  Akiven  entsprechend  auf  3,5,  sar  d  ie  Puche  auf
4,7.  96  ulblnellhorber  dite  also  Wir  Gewirie  1e  er  Raiser  sei
dauernd  bemüht,  in  dieser  Richtun  wirken  lerhöchsten  Entscheidung
  kommen  die  Fälle  nur,  r*nin-  die  davon  Murs  len  sich  bei  der
Satscheideng  des  Ehrenrats  nicht  beruhigen,  oder  bei  Generälen.  In  71

Üien  sei  dahin  entschieden  worden,  daß  die  Betreffenden  sich  zu  fügen
gen.  Der  Kaiser  habe  wiederholt  in  dieser  Richtung  eingegriffen.

ei

bhers  worden,  er  fühle  sich  ober  gechinen  von  den  anderen  Oltzzieren,
es  kom  zu  vier  Herausforderungen,  der  Kaiser  habe  aber  entschieden,  daß
das  freisprechende  Urteil  volle  Geaugzuung“  seinpcheefe.  und  es  seien  die
vier  Duelle  verhindert  worden.  Ein  Offizier  hatte  die  Frau  eines  anderen
eküßt.  Der  Ehrenrat  habe  einen  Ausgleich  als  unmoõoglich  bezeichnet,  ein
seicher  sei  aber  doch  erfolgt,  und  der  KNaiser  habe  sein  Befremden  über
das  Verhalten  des  Ehrenrach  ausgesprochen.  Der  Kriegeminister  trägt  noch
einige  weitere  Fälle  ähnlichen  Eingreisens  des  Kaisers  vor.  Na  Ich  den  AussÜhrungen
  des  Abg.  Gröber,  so  erklärt  der  Kriegsminister  weiter,  sehe  er
in  der  Resolution  des  Jentrums  keinen  Eingriff  in  die  Kommandogewatt.
Sie  gebe  vielmehr  nur  eine  Anregung  zu  weiterer  Arbeit  in  der  dieherigen
Richtung.  Er  sei  gern  bereit,  diese  Anregung  zu  prüfen  und  auf  strengste
Ducchsüeung  der  Kabinettsorder  einzuwirken.
Nach  weiteren  Debatten  wurde  die  Abstimmung  vertagt.

10.  Mai.  Ceipzig.)  Der  Kupferschmied  Gustav  Böllert  bekennt,
  die  Pläne  zu  den  großen  Kreuzern  „Moltte“  und  „Göben“
gestohlen  zu  haben,  um  fie  einer  auswärtigen  Macht  zu  verkaufen.

fd  wegen  Rückfalldiebstahls  und  versuchten  Verrats  militärischer
Geheimnisse  zu  vier  Jahren  Zuchthaus  und  fünf  Jahren  Ehrenrechtsverlust
verurte

1°9.  Mai.  (Reichstag.)  Zweite  Beratung  der  Gesetzentwürfe
zur  Abänderung  des  Reichsmilitärgesetzes  sowie  zur  Ergänzung  des
Gesetzes  Über  die  Friedenspräsenzstärke  des  deutschen  Heeres  vom
27.  März  1911  und  des  Besoldungsgesehes.

u.  Erzberger  (J.)  beantragt,  über  die  beiden  Gesedentwürse  und
über  den  Elgänzurgchtn  in  eine  Beratung  einzmereken,  bei  dem  ersten  Titel
eine  allgemeine  Besprechung  zuzulassen  und  dann  eine  en  dloc-  Abstimmung
vorzunehmen,  die  natürlich  niemand  binden  könne,  8  dloc  für  diese  Vorlage
  zu  stimmen.  Dos  Haus  ill  damit  einverstand

Seitens  der  Sozialdemokraten  ist  laigenotr.  Artiscl  14  hu  dem
Gesegentwurf  wegen  Abänderung  des  Reichsmilitärgesehes  beantragt:  „Bom
1.  Oklober  1915  tritt  bezüglich  der  Dienstpflicht  solgende  Bestimmung  in
        <pb n="157" />
        Dae  Netsche  Neich  und  srint  rinfelurn  Glirdrr.  (Mai  11.  12.)  147

Kraft:  Während  der  Dauer  der  Dienstpflicht  im  stehenden  Heere  find  die
Mannschaften  der  Kavallerie  und  reitenden  Artillerie  die  ersten  zwei,  alle
übrigen  mmbm½—*  das  erste  Jahr  zum  ununderbrochenen  Dienst  bei  der

me  verpflichtet.  Die  Bestimmungen  in  9  1  Gesetzes  von  1867
betreffend  die  Verpflichtung  zum  Kriegsdienst  8  in  14  des  Reichsmilitäres
  v  880  treten  außer  Kraft.“

Eine  Resolution  Ablaß  (Fortschr.  Bp.)  ersucht  den  Reichskanzler,
entsprechend  der  besseren  geistigen  und  Grerlcen  Ausbildung  der  Jugend,
eine  Verkürzung  der  Dienstzeit  in  die  Wege  zu  leiten.  Da  die  r—  ebebour
  und  „d  widersp  vrchen.  muß  zunächst  einzeln  abgestimmt  wer#

So  ozialde  Inorrchen  auch  die  Polen  gegen  die
Vorlage  #  #r  die  aenr,  Resolurion.  Diese  wird  abgelehnt;
die  Vorlage  wird  von  allen  anderen  Parteien  a  eeem  e  und  gegen  die
Stimmen  der  achten  auch  rie  Resolution  der  Volksp
ent  rust  dann  zur  en  bloe  ·  U  rr  ns  über  die
Leeresroarlcge.  Es  erhebt  sich  das  ganze  Haus  mit  Ausnahme  der
Hoialdemobraten.  und  der  Polen  in  der  anderen  Ecke.  Die  Mehrheit
bdricht,  als  der  Präsident  die  Heeresvorlage  für  ausfnommen  erklärt,
ier  stürmischen  Beifall  ous.  Der  Reichskanzler  hatte  sich  zu  Beginn  der
Rslen  erhoben  und  schüttelt  dann  dem  Kriegsminister  glückwünschend
die  .

 

11.  Mai.  (Karlsruhe.)  Der  Kaiser  trifft  von  Korfu  Über
Genua  ein  und  hat  eine  Beratung  mit  dem  Reichskanzler,  dem
Staatssekretär  v.  Kiderlen-Wächter  und  dem  Botschafter  Frhrn.
Marschall  v.  Bieberstein.

11.  Mai.  (Reichslag.)  In  der  Budgelkommission  äußert
sich  Staatssekretär  v.  Tirpiy  über  den  defenfiven  Charakter  der
deutschen.  Foite.

Kriegsgefahr  im  Sommer  1911  betreffe,  so  habe  der  englische
  et  Herr  Asquith  erklärt,  daß  die  Absicht  eines  Uebersalles
  nie  beslanden  n  habe.  Von  einer  lolchen  Erklärung  müßte  Aklt  genommen
werden,  und  das  sei  auch  durch  ihn  mit  besonderer  Grugtuung  geschehen.
Die  Tatsache,  daß  durch  die  militärischen  Bejehlshaber  —  vielleicht  auf
beiden  Seiten  —  gewisse  Sicherheitemaßnahmen  getrofsen  worden  seien,
sei  wohl  undestreitbar,  beweise  aber  keine  beslimmten  Absichten  der  volitischen
Leitun  ang.  Der  Staatesekretär  weist  dann  den  generellen  Vorwurf  ab,  daß
in  der  deutschen  Marine  der  Prozent#at  der  Oilfiziere  bejonders  boch  sei.
Die  Novelle  werde  das  Avancement  im  Berhältnis  nicht  verbessern.  Auf
die  allgemeine  Frage,  ob  wir  Verrhauot  eine  starke  Flotte  brauchten,  könne
er  jett  nicht  mehr  eingehen.  Er  begrüße  es  aber,  daß  die  Vorredner  den
desensiven  und  friedenserholtenden  Charakter  der  Flotte  beiont  hätten.
Er  sei  überzeugt,  daß  auch  die  jevige  Novelle  diejem  Zweck  des  Floutenausbans
  nutzen  werde.  Nur  eine  starke  und  überlegene  Fiolte  lomme

die  Aggreisive  in  Betracht.  Er  denke  zu  hoch  von  der  englicchen
Homitasitcht  als  daß  er  ihr  zulrane,  daß  sie  einen  deutschen  Augrifi  auf
die  englische  Floite  oder  Küste  überhaupt  in  den  Kreis  ihrer  Betrachtungen
hineinbeziehe.

12.  Mac.  (Berlin.)  Nationalliberaler  Parteitog.

ung  der  Gegensäde,  ob  mit  der  Sozialdemokratic,  wie  die
Stbbeuderse  8  Jungliberalen  wollen,  pakliert  werden  düric  oder  nicht,
10
        <pb n="158" />
        148  Haes  Persqe  Neich  und  seine  eiskelurn  Glieder.  (Mai  13.  14.)

durch  Betonung  der  Notwendigkeit  de  Fortbestehens  der  nationalliberalen
Partei,  also  wohl  im  negativen  Sint
183.  Mai.  (Preußisches  Atgeorbuetenhens)  Die  Beschwerde
  des  Abg.  Borchardt  (s.  10.  Mai)  wird  in  namentlicher  Abstimmung
  mit  319  gegen  8  Stimmen  für  unbegründet  erklärt.
13.  Mai.  (Schloß  Osterstein.)  Prinz  Heinrich  XLIII.
Neuß  j.  L.,  Sohn  des  Regenten  beider  Fürstentümer,  1#  im  19.  Lebensjahre
  am  Scharlach.
13.  Mai.  (Straßburg  i.  E.)  Der  Kaiser  Über  eine  Einverleibung.
  #Ellaß,oihringen  in  Preußen.
en  im  Palais  e  Staatssekretärs  Frhrn.  Zorn  v.  Bulach
zieht  der  Doise  den  Bürgermeister  Dr.  Schwander  in  ein  Gespräch  über  die
politische  Lage  und  sagt  dabei  “  laut  znd  ernst:  „Hören  Sie  einmal,
Sie  haben  uns  bis  jetzt  hier  nur  von  der  guten  Seite  kennen  gelernt.
kann  Ihnen  aber  sagen,  doß  Sie  uns  auch  von  der  andern  Seite  kennen
hn  zinen  e  die  Dinge  zweergehe  dunn-  schlage  ich  Ae
Verf  ung  in  Scherben  und  wir  verleiben  Sie  P  e  net-»Wer
Verdssealhchuas  darüber  etlolgteImPcniet
18.  Mai.  Meichstag.)  Bei  wohmalde  Eröôrterung  der
Duellfrage  wird  die  Resolution  der  Budgetkommission  angenommen,
worin  der  Reichskangler  um  geeignete  Schritte  zur  Beseitigung  der
Zweikämpfe  ersucht  und  insbesondere  ausgefordert  wird.  für  strengste
Durchführung  der  Kabinektsorder  von  1897  Sorge  zu  tragen.
Ebenso  auch  ein  sozialdemokratischer  Antrag  Albrecht  mit  144  gegen
122  Stimmen.  Danach  sollen  die  erforderlichen  Schritte  getan  werden,
darie  ein  Offizier,  der  ein  Duell  ablehnt,  unter  keinen  Umständen  deshalb
dem  Heere  entlassen  werden  darf.
14.  Mai.  (Reichstag.)  Die  ersten  kurzen  Anfragen.  En  bloc-Annahme
  der  Marinevorlage.
Präsident  Kaempf:  Ich  rufe  auf  die  Anfrage  Nr.  1,  gestellt
ran

vom  Abg.  Dr.

k.  Dr.  Frank  (Sd.)  verliest  seine  Anfrage,  die  eutee  „Ist  bder
Herr  Reichskanzler  bereit,  Auskunft  darüber  zu  geben,  ob  Holland  seine
Zastimmung  zu  der  Erhebung  von  Schiffohrtsabgaben  —  dem  #Mhein  erklär
  hat

Präsident  Dr  Kaemof:  Zur  Beantwortung  dieser  Anfrage  erteile
ich  das  Wort  dem  verrn  Geheimen  Regierungsrat  Dr.  Lehmann,  der  als
Kommissor  angemeldet  ist.

Geheimrat  Lehmann:  Ich  bin  beaustragt,  die  Frage  dahin  zu
beantworten,  daß  der  Herr  Reichekanzler  zu  seinem  Bedauern  nicht  in  der
Lage  ist,  über  den  Stand  der  Angelegenheit  eine  Auskunft  zu  erieilen.

A  r.  Frauk  (Sd.  bitiet  ums  Wort  zur  Ergänzung  und  sormulien
seine  ergahlzende  Frage  folgendermaßen:  Ist  der  Perr  Reichskangler  auch
nicht  bereit,  Auolunit  darũber  zu  geben,  ob  Holland  sch  geweigert  hat,  in
u  v  über  die  Schiffahrisabgaben  einzurreten?

eimral  Lehmann:  Ich  habe  meiner  ersten  —er  nichts  hinzuzusügen.
  lri  t.)
        <pb n="159" />
        Den  Veaflie:  Rrich  #ad  sein  einzeiem  Glleder.  (Mai  14)  149

l  Frank  (zur  Ergänzung):  V#  durch  diese  Antwort  ausgedrückta
  i  lean  stongefunde
Geheimrat  Lehmonn:  Auch  auf  sgete  krn-  chin  ich  nicht  in  der
Lage,  irgend  eine  Auskunft  zu  geben.  (Große
W  dsident  Dr.  e  bf:  Wir  kommen  r  tr  Nr.  2,  gestellt
vom  Abg.  ö35
Abg  d  t  in  Ee  verliest  #aen  Anfrage:  „In  der  Herr
neichstancher  bren.  darüber  en,  ob  bei  der  rsr  #
sammentretenden  internationalen  gh  auch  B
Schifslemne  zu  den  Verdandlaygen  zugezogen  werden?“
t  Beantwortung  erhölt  das  Wort  Sikernsonrettr.  Dr.  Delbrück:
Ueber  s  Zusammentreten  einer  internationalen  Saistrtokenferen,  insbesondere
  über  Ort,  Zeitpunkt  und  Programm  steht  Endgültiges  noch  nicht
sest.  Daß  bei  den  diplomatischen  Verhandlungen  Frne  e  Schiffsleute
Augezogen  werden,  erscheint  unwahrscheinlich.  Die  von  Deutschland  der
internationalen  Konserenz,  zu  unterbreitenden  —  werden  vorher  dem
Vorstand  der  Seeberufsgenossenschaft  zur  Begutachtung  vorgelegt  werden,
da  die  international  vereindarten  Sicherheitsmaßnahmen  für  Deutschland
im  wesentlichen  durch  die  von  der  ervssfenossershtT  zu  erlassenden
Unfallverhütungevorschristen  in  Kraft  3  leden.  n  werden.  Der
der  Seeberufegenossenschaft  wird  die  it  t  Versicherten,  deren  Zuziehung
  zur  Beratung  und  Beschlußfassun  boeer.  ur  zu  erlassenden  Vorschriften
hgesetlich  angcordnek  ist,  bereits  bei  der  Leegmachtne  der  diesseitigen  Vorschläge
  r
g.  Fischer.-  Berlin  (zur  Ergänzung):  Ist  der  Herr  Reichskonzler
bereit,  nis  andere  Staaten  Serleute  zu  diesen  Konserenzen  zuziehen,  seinerseits
  auch  Seleute  zuzuziehen?
Staatsjekretär  Dr.  Delbrück:  Ich  habe  meiner  vorigen  Erklärung
nichts  usasen  (Große  Heiterieil  r  Unrnh  )
d  die  kurzen  Anfragen  er
a  Verinng  der  Beratung  res  #renud6  wird  die  Novelle
zum  gae  Kerauf  unveränder  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten,
  Polen  und  Welsen  angenommen.  (Der  Reichskansler  erhebt
sich  und  drückt  dem  Großodmiral  v.  Tirpitz  glückwünichend  die  Land.)  Darauf
wird  auch  der  Ergnungortar  zum  Marincelat  für  1912  in  zweiter  Lejung
ohne  Diekussion  nach  den  nommisitonsbeschlüssen  angenommen,  ebenio
Kommissionsvorschlag,  ust  hier  die  Echshung  der  Mannschaftslöhnung  vom
1.  Oktober  1912  ab  eintreten  zu
14.  Mai.  (Bayern.)  3  *  Abgeordnetenkammer  wird  die
Vorlage  betr.  den  Lotterievertrag  mit  Preußen  an  den  Finanzausschuß
  zurückverwiesen.
*  Vor.  (Metz.)  Jesuitenmessen.
tliche  „Straßburger  Norrespondenz“  teilt  mit:  Anfragen  aus
ariemae  Miu  Rreisen  haben  der  Regierung  Vrranlassung  gegeden,  Ermittelungen
  darüber  austellen  zu  lassen,  ob  in  letzter  Zeit  in  Metz  von  Unehdrigen
  des  Ordens  der  Gesellichaft  Jesu  Meijen  abgehalien  worden
su  d.  2  rdeungen  haben  ergeben,  daß  in  einigen  Rirchen  der  Siadt
Meg  u  r  Vororte  während  der  Osfierzeit  mehrere  inländiiche  und  ause
  Snebe  bei  der  Abholtung  von  Mrisen  mitgewirkt  haben.
vom  Aundesrat  zur  Rusführung  des  Reichsgesetzes  belreffend
Orden  *.  Geiellschaft  Jeiu  vom  4.  Juli  1872  erlassenen  Bestimmungen
den  Angehörigen  des  Jeuitenordens  die  Abhaltung  von  Messen  auedrücklich
        <pb n="160" />
        150  HNes  Peiisqe  Reĩiq  aud  seine  tinjelaca  GSlirder.  (Mai  14.  16.)

untensatt  ikt,  hat  die  Beeruos  das  Geeignete  vranleßt,  damit  A#geherige
des  Ordens  der  Gesellschaft  Jesu  von  den  Pfarrern  in  Zukunften
reichsgeseplichen  S#seschen  zuwider  mehr  lerongchogen  wursden-14.
  Mai.  (Berlin.)  Der  Staatskommissar  an  der  Börse
warnt  durch  eine  amtliche  Bekanntmachung  vor  den  Folgen  der
rrschenden  überspekulation  auf  dem  Markte  der  Industrieaktien.
5.  Mai.  (Reichstag.)  In  der  Budgeikommission  gibt
Mnniptsialneinl  Dr.  Kriege  zu  dem  Posten  von  einer  Million
als  Dotierung  für  deutsche  Schulen  im  Auslande  einen  Üüberblick
Über  die  Aufwendungen  anderer  Staaten.
Jtalien  ragt  mit  a  Millionen  kroor,  Frontreich,  .  einer  Million,
a  100-  bis  200000  M  ;  anderen  Lönder
sind  die  Zahlen  unssher.  75#  im  und  uuiu  n  ailie  sich  zur  Erhöhung
  des  Fonds  bereit,  auch  die  Sozioldemokraten  sind  mit  dieien  Ausgaben
  einverstonden.  Auf  verischiedene  Ausführungen  teilt  Geen  us
v.  ahrelennelhte  mit,  daß  die  zeitweilige  Prüfung  der  Liste  der  zu  unterstüder
  Schulen  auch  schon  jede  mit  großer  Sorgfalt  erfolge,  und  daß
auch  ta  —#  cblich  die  Unterstützungen  gekürzt  worden  seien,  wenn  das  Bedürfnis
kleiner  erschienen  se  Eine  „Verbinderung  der  Auswanderung  nach  bestimmten
Gebieten  sei  nicht  leicht  möglich:  doch  bemühe  sich  die  Regierung  und  finde
Unterstützung  durch  die  h  für  die  demschen  Auswanderer.
er  Norden  von  Chilc  sei  nicht  geeignet,  dagegen  sei  der  Süden  für  deutsche
Ansiedlungen  sehr  gut  brucher  die  dortigen  Kolonien  erireuen  sich

*
2
3
2

 

15.  Mai.  (Verlin.)  Staalssekretär  des  Reichsschatzamts  a.  D.
Wermuth  wird  mit  72  von  73  gültigen  Stimmen  zum  Oberbürgerweeise
  auf  zwölf  Jahre  gewählt.

ie  Sozialdemokraten  haben  386  weiße  Zettel  abgegeben;  6  weitere
weiße  Hert  rühren  von  Fortschriktlern  her.

15.  Mai.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Petitionen  um  Befreiung
  vom  Religionsunterricht  und  um  Maßnahmen  gegen  die
Destigun  ausländischen  Wesens.

Stadtrat  Dr.  Penzig  (Charlotlenburg)  petitioniert  namens  der  Deulschen
Gesellichaft  1%  ethische  Auliur,  des  Teutichen  Monistenbundes,  des  Deutschen
Freidenkerbundes,  anderer  Vereine  zund  zahlreicher  Einzelverionen  a)  um
Befrreiung  der  Bolleschnlinder.  die  keiner  Religionsgemeinschaft  -
von  dem  Zwange,  u  Religionsunterricht  zu  besuchen,  b)  um
richlung  eines  ah  gircho  und  ethischen  Eicuinlarsrichn  an  Steue
des  koniessionellen  Religionsunterrichts  für  Kinder  von  Konsessionslosen.

Die  Unterrichtskommission  beamtragt  durch  ihren  Reserenten  Dr.  Graf
Norck  v.  Wartenburg:  1.  den  Petitionsamtrag  zu  a#  ohne  Diskusion  für
erledigt  zu  erklären,  da  die  Beratung  des  Amrags  Schisier.  Hackenberg  im
Adgeordneicuhause,  auf  den  die  Petenten  Beiug  nehmen,  noch  nicht  erledigt
ei.  2.  im  übrigen  dber  die  Pelition  zur  Tagesordnung  überzugehen.  Der
Referent  führt  aus,  daß  die  Behaupiung  der  Petenten,  der  Zwang  der
Ninder  bahlisnn  Eltern  zum  Besuch  des  Religionsunterrichts  der
Volksschule  sei  ungeseblich,  nicht  zutreiie,  wie  auch  das  Kammergericht  anerkonm
  habe.  Die  Kommission  hat  den  bezüglichen  Erlaß  des  Branden-
        <pb n="161" />
        Des  Veuischr  Reich  und  seine  rinfelnen  Glicder.  (Mai  15.  17.)  151

burgischen  Provinzialschulkollegiums  als  gerechlfertigt  erachtet  und  infolge
davon  das  Berlangen  des  Ersatzunterrichts  zurückgewiesen,  letzteres  ouch  aus
dem  Grunde,  weil  bei  uns  die  Patria  potestas  nach  röm  sichen  Muster
nicht  gelte,  sowie  aus  dem  ferneren  Grunde,  weil  nicht  zu  ernieren  sei,
welchem  ethischen  Moralsostem  der  Staat  seinen  Approbationsstempel  aufd
  sollte.  Das  Haus  beichließt  ohne  Debatte  nach  dem  Kommissionsontra


W  roeslo-  Dr.  Hermann  Hentig  zu  Berlin  hat  um  Moßnahmen  gegen
die  Begünstigung  ausländischen  Wesens  im  Geichäftsverkehr,  in  Gebräuchen
  und  in  der  Sprache  veiitioniert;  Professor  Dr.  Seeßelberg  au  Lichterfeuu.
  binet  namens  des  Verbandes  nationaler  Vereine  von  Großberlin  um

möglichung  ortesintukcrüher,  Vorschristen,  wonach  an  Osusern,  Schildern,
Löden  Fenstern  un
Anpreisungen  und  hchn  in  deulicher  Errache  zu  halten  sind.  Die
lettere  Petirion  stellt  u.  a.  die  Einführung  einer  Steuer  aus  den  Gebrauch
sremder  Sprachen  an  ei

Der  Reierent  der  Pctilionskommission,  Oberbürgermeister  Dr.  Todsen-Rtentene
  beiürwortet  die  Ueberweijung  der  beiden  Peritionen  an  die
Regierung  als  Moterial.

Sl#tsannise  Dr.  v.  Studt:  Der  leeigende  Mißbrauch  iremdsprachlicher
  Ausdrücke  in  Großberlin  erregt  nicht  nur  in  Deutichland  Unwillen,
sondern  macht  uns  auch  vor  dem  Auslande  lächerlich.  Für  rann.
etabliiiemenis  haben  wir  die  wunberbarsten  Naomen:  Moulin  Rouge,  Chat

ir  usim.  Es  jiehlt  nur  noch  der  berüchtigte  Bal  Mabille  des  zweiten
französischen  Kai#ierreichs.  Die  Ausländer  sind  stolz  daraui,  ihre  eigene
Sprache  ausichließlich  zu  verwenden;  bei  und  tier  in  Berlin  aber  jehen  wir,
wie  dieie  jammervolle  Uebertreibung  des  Kulius  des  Ausländischen  sich
immer  weiter  ausbreitet,  siehe:  Viccadilln“  anos  „Clou“.  (Deiterkeit.)  Für
die  Haorpilege  baben  wir  ja  leider  den  „Friseur“:;  wir  iehen  an  ihren  Läden
immer  wieder  die  Anusdrücke  Shamvvoing“  und  ähnliche.  In  dem  eliässischen
Landtag  berust  man  sich  für  die  r—  des  Franzssichen  in  den
Reichslanden  auf  das  Beispiel  Berlms!  Ick  bine  Sie,  auch,  aus  diesen
Erwägungen  für  den  Tominssstone  snunog  zu  stimmen.  (BeiiB

15.  Moi.  (Preußen  und  Hamburg.)  imemalhctn.

Die  5reufice  Geischsammiung"“  Nr.  15)  enthält  unter  Nr.  111709
den  Staatsvertrag  zwischen  Preusßen  und  Homburg,  betrefiend
Lerstellung  einer  Eijenbahn  von  Barmbeck  nach  Volksdorf  und  Wohldorf

#  Abzweigung  von  Volksdorf  oc,  Schmalenbeck  und  Groß  Hanedorf
rtsrad)  vom  17.  Mär-15.

  Mai.  Die  w  ene  zu  den  Worten  des  Kaisers
über  die  mögliche  Einverleibung  Elsaß-Lothringens  in  Preußen:

„Die  Eliaß-Lothringer  haben  sich,  wie  zu  erwarten  war,  für  die  Selbständigleir
  nicht  als  reif  ——  Vielleicht  bringt  sie  die  eruste  Mahnung
des  Naisers  nun  doch  noch  zur  Bejinnung.  Große  Oofinung  wird  man
freilich  darauf  nicht  setzen  dachen.  haben  doch  die  Eliäi#fer  des  Reichslages
soeben  gegen  die  en  bloc  angenommene  Flottenvorlage  gestimm#!“

17.  Mai.  (Reichstag.)  Sozialdemokroliiche  Angriffe  auf  den
Kaiser.  Konflikt  zwischen  Kanzler  und  Reichstagspräsidium.

Der  Beratung  des  Ctatvosten  „Meichskanzler  gehen  zwei  kurze  Anfragen
  —  darunter  auch  die

Abg.  Colshorn  iWeljen:  bem  verrn  Reicholanzler  der  antheu  ·
        <pb n="162" />
        152  Des  Dexhsqe  Relq  aub  seint  einelnen  Glirder.  (Mai  17.)

tische  Wortlaut  der  Kundgebung  Sr.  Majestät  des  Deutschen  Kaisers,  Königs
von  Preußen,  vom  13.  d.  M.  an  den  Br  rgermeister  von  Straßburg  i.
Dr.  Schwander  bekonnt,  welche  eine  event.  Aushebung  der  elsaß.  deleineisoen
Verfassung  und  event.  b  Setrl  Ei=  Lothringens  in
Grheknd  gehabt  haben  In  der  Herr  Reichskanzler  ir  der  ##
dem  Reichslage  den  aabn  lel  Wortlaut  dieser  iserlieen  Kundgebung
bekannt  zu  geben,  und  beriman.  der  Herr  Reichskanzler  die  verfassungsmößige
  Veramtnsoktung  für  diest
-anzler  v.  erdelele  PFonl  weg:  Ich  werde  zu  der  Angelegenheit
  bei  unmittelbar  bevorstehenden  Vercen  meines  Etats  sprechen.
ritt  das  Haus  in  die  Spezialberatung  des  Etats  für  den
r  und  die  Bechererkte  ein.
6f  Borschlag  des  Präsidenten  wird  zunächst  die  innere  Politik
—ie  ene  die  bßere  Politik  in  Verbindung  mit  dem  Etat  des  Auswäriigen
  Amtes
Es  liegt  die  esplutiyn  Bassermann  vor,  die  am  18.  Mai
enommen  wird:  „Den  Herrn  Reichskanzler  zu  ersuchen,  bei  den  verbündeten
egierungen  darauf  hinzuwirken,  daß  die  den  Staatsbürgern  zustehenden
Vereins-  und  Veriommlungerechte  nicht  seitens  der  Landespolizeibetorden
durch  allgemeine  polizeiliche  Bestimmungen  und  Anordnungen  in  einer  dem
Wortlaut  und  dem  Geiste  des  Gesezes  Esbelsprechene  Weise  eingeschränkt

werden.

Präsident  Dr.  Kaemof  schlägt  vor,  daß  zunächs  beim  Elat  des  Reichskonglers
  über  die  innere  Politik  und  dann  über  die  auswärtige  Politik  in
Verbindung  mit  dem  Eiat  des  Anoärigen  Amts  gesprochen  werden  soll,
und  *  sest,  daß  das  Haus  damit  einverstanden  ist.

bg.  Scheidemann  (Sd.):  Ich  glaube,  wenn  es  sich  bei  der  Bewiliguche
  hbes  ½ges  Gehalts  um  eine  iwirce  Vertrauenekundgebung  für  den
Reichskanzler  handeln  würde  —  ße  Partei  würde  ihr  rickhaltloses  Verkauen
  aussprcchen.  Aber  dmia  ihn  der  Reichskangler  gerade  darin,
daß  er  auf  den  richtigen  Wege  ist.  Denn  die  Runst.  es  keinem  recht  zu
machen,  ist  nach  der  Thcorie  des  Aiichstenkuers  der  Inbegriff  der  höchsten
intia  v  songen  auch  schon  die  „nachgeordneten  SlIellen“  an,  auf.
sässig  zu  werden.  Wir  haben  Dernburg,  Lindeauist  und  Wermuth  gehen
sehen  5  haben  gehört.  wic  ironisch  veranlagte  Menschen  sagten,  daß  die
starke  Persönlichkeit  des  Reichskonzlers  selbständige  Indioidualitäten  in  ihrer
nicht  vertrage.  In  dem  Reichskanzlernekrolog,  der  vielleicht  sehr

bald  geichricben  werden  mus:,  wird  man  ihm  zugute  hallen,  doß  es  nich:
leicht  ist,  in  einer  Zeit  des  Ueberganges  eine  Fielsichere  und  klare  Politik
zu  machen  Denn  darüber  kann  kein  Zweiiel  beüchen,  doß  wir  in  einer
solchen  Zeit  des  Ueberaganges  leben.  Und  Oerr  v.  Bethmann  hat  die  undanlbare
  Anigabe.  Wankendes  zu  stützen  und  Leichen  cinzureden,  daß  noch
Leben  in  ihnen  ist.  Zum  Umergang  reif  ist  das  Sustem  des  veriönlichen
Regiments,  das  im  Widerspruch,  3#  den  Esrindnnen  und  Wünschen  des
bemen  Volles  steht.  (Seir  richtig!  I.)  Das  Voll  erwartet  von  diesem  Daus,
es  sich  einc  seiner  Bedeutung  emiprechende  Machistellung  üichen  und
nontarnshdd,  erkämpft.  Auiharen  mus  die  Ohnmacht  dieies  Hauies
dari  iich  nicht  mehr  durch  lonieauen  zenloie  Rejolutionen  d  Sounst
muüssen  Sie  entichlosfeneren  Mäunern  Plau  machen,  die  bereit  sind,  nicht
allzulange  nach  der  Errichinng  der  Republit  China  auch  Preuen-Deutichiand
zu  einem  modernen  Ziaatsweien  zu  gestallen.  —  Noch  an  einer  zweiten  Stelle
is.  das  berrichende  Sustem  morich,  auf  dem  Gebiet  der  Reichsfinanzpolieik.
Sie  (nach  r.)  sind  am  Ende  ihres  Lateins  angekommen.  1½###i  eine  Finanzreiorm
  und  jo  alle  drei  Jahre  bis  heute.  Nach  dem  Ausfall  der  Wahlen
        <pb n="163" />
        Jas  Dexisqe  Reiq  uad  sein  eluzelnn  Glirder.  (Mai  17.)  1353

aben  Sie  nicht  den  8  mit  neuen  indirekten  Sleuern  zu  kommen,  selbst
gohlen  wollen  Sie  auch  nicht.  Deshalb  haben  Sie  Wermuth  über  den
Stock  springen  lassen.  In  verschlossenen  Konventikeln  wurde  eine  verschleierle
Erhöhung  einer  bestehenden  Steuer  zustande  gebracht.  Und  dann  hat  man
den  Mut,  das  Volk  zu  belügen,  indem  man  torhaupie,  es  handle  sich  um
eine  #bschaflung  der  Liebesgabe.  Die  Geichichte  wird  den  Reichskanzler
bezeichnen  als  den  Mann,  der  die  preußische  Wahlreform  vereikelt  hat.
Mit  dieier  Politik  treiben  Sie  ein  frevelhaftes  Spiel,  fordern  Sie  Ihr
Schicksal  geradezu  heraus.  Einen  wypischen  Fall  haben  wir  jetzt  in  Elsaß-Lothringen.
  Die  Denunziation  der  rheinisch-westsclischen  Konkurreng,
Einlauf  geheimer  Schnüffelberichte  eines  exzellenten  Spivels  verankaßt  die
preuhische  Eisenbahnverwaltung,  der  Grafenstadener  Maschinenfabrik  die
Aufträge  zu  ent;  Kichen,  wenn  Hie  nicht  einen  angeblich  deutsch  feindlichen
Direktor  auf  die  Straße  setzt.  Auf  dem  Rücken  von  2000  Arbeitern,  deren
Kompottschüssel  nicht  vol.  ist,  wien  ch.  der  schäbige  Kleinkrieg  ab.  unterstaatesekretär
  Mandel,  der  über  opf  des  Sltatthalters  und  der  sonstigen
  übergeordneten  BMroen  -  tn  ongestellt  hat,  wird
mit  dem  Exzellenztitel  aNusgczeichnet.  Außerd  m  ündb  sbeie  des
Kaisers  belaunt  geworden,  in  denen  davon  rrn  Nede  daß  die  elsaßlothringische
  Verjassung  in  Scherben  geichle  en  wird  ees  Hort!
ört:  und  Gelächter  bei  den  Sd.)  und  daß  das  Land  in  Preusien  ein-*
  werden  joll.  Wir  begrüßen  es  als  ein  schwerwiegendes  Geständnis,

daßb  von  ktompctenter  Stelle  aus  die  Einverleibung  in  Preußen  angedroht
wird  als  vie,  schwerst=  SEtrafe  für  ein  Volk  wegen  Widerivenstigkeit.  Eine
Strase  gleich  dem  Zuchthaus  mit  Verlust  der  bürgerlichen  Ebhrenrechie,
welcher  durch  bne  Cinuerlrikuna  in  Preußen  für  die  meisten-  Elioß-Lothringer
eintreten  würde.  (Sehr  wahr!  bei  den  Sd.,  Pfuirufe  .,  großer  Lärm.)
Der  Redner  ruft  zur  Rechten  herüber:  enr  Graf  ene  Eie  dürfen  froh
sein,  daß  Sie  nicht  im  Preußüchen  Abgcordnetenhause  sinzen  und  kein  Sozialdemokrat
  sind,  sonst  würden  Sie  wegen  Ihrer  Zwischeuruse  hinausgeichmeisen.
werden.  (Große  Heiterkeit.)  Mit  der  Verietzung  in  die  zweite  Rlaise  des
Soldatenstandes,  in  die  unterste  Klosie  der  deutichen  Neichsangehörigkeit,
ins  Preußenland  —  —  —  (Die  folgenden  Worte  genen  unter  in  dem  ungeheuren
  Tumult.  Ein  großer  Teil  der  Abgeordneten  ist  von  den  Pläuzen
aufgesorungen,  bricht  in  Piniruse  aus.  die  sich  gegenüber  der  lärmenden
Beifollskundgebung  der  Sozioldemokraten  immer  von  neuem  wiederholen.

g.  Scheidemonn  winkt  mit  dem  AUrm  höhnisch  ob.  Von  reckus  wird  gerufen:
„Wo-  blziern  diie  Hronungeruft:  ?“

3
“

 

t  Vr  Raempf:  derr  Scheidemann,  ich  bille  Sie.  sich  zu
mäßigen  al  denn  die  dan  wifshten  würden.  1  ich  Sie  zur  Ordnung
  rusen  müßte.  (Zuru  :  Das  war  die  hochste  Zeit.“

Reichskanzler  v.  W  Hollweg  err  Pnc  winkt  den  anderen
Regierungsvertreiern  und  verläßt  mit  ihnen  den  Saal,  die  säddenischen
Bundesvertreier  jiolgen.  Am  Bundesratsliche  bleibt  nur  der  Umierstaate.
sekretär  im  Reichsamt  des  Innern.  Richter,  über  Aklen  gebengt,  siven.  Auch
ein  Teil  der  Rechten  ist  im  Begriff.  den  Sool.  n  verlassen.  Von  den  Sozioldem
  wird  ihnen  nachgeruien:  Rans.

Scheidemann  (Sd.u  Nach  dems  Auszug  der  hohen  Herren
werden  dch  vielleicht  wieder  beruhigen.

dent  Dr  Kaempft::  Ich  werde  den  stenograuhlchen  Bericht  über
die  heubere  des  Abgq.  Scheidemann  abwarten  und  werde  mir  vorbehalten,
  wenn  er  mir  vorliegt,  Herrn  Scheidemann  zur  Ordnung  zu  ruien.
(Die  Sozialdemokraten  brechen  in  lärmende  Ruie  aus,  die  Nonservativen
lasten  sich  zum  Teil  wieder  auf  ihren  Plätzen  nieder.)
        <pb n="164" />
        154  Das  Derisqe  Relqh  and  srine  einelura  Slleder.  (Mai  17.)

Scheidemann:  Eine  Stelle,  die  kein  Faktor  unserer  Reichsgesehged0“
  ist,  kündigt  aus  eigener  Machwollkommenheit  Maahrnelungen
an,  ohne  zu  fragen,  ob  die  berusenen  Stellen,  Reichstog  und  Bundesrat,
ohne  die  die  Sache  nicht  zu  machen  ist,  mit  der  Ausführung  Veier  -
einverstanden  sind.  Ich  bin  sicher,  nicht  desavouiert  zu  werden,  wenn  ich
erkläre  —  zur  Mtdiguns  der  durch  die  zercnerssche  Aeußerung
tiejerregten  Bevölkern  daß  der  Reichstag  d  was  da  angedroht
ist,  nicht  mitmachen  Feer  (Beisal  I.)  Ob  diese  adeer  r  bei  den  Vertretern
  der  süddeutschen  Bundesstaaten  große  Begeisterung  berporgerufen

haben,  weiß  ich  nicht;  aber  ich  wünf  sche,  daß  einer  der  Herren,  die  sich  d
Erodus  angeschlossen  haben,  nachher  im  Lause  der  Debatte  sagen  wird
was  sie  zu  sagen  haben.  Ich  stelle  nur  sest,  daß  die  Presse  keiner  #anei,
keines  Bundesstaats  sich  einverstanden  erklärt  hat  aain  em,  was  der

in  Elsaß  ·  Lothringen  gesagt  hat.  Die  „Deutiche  Tageszeitung“  —  der  Nan  nn
ist  ja  auch  hinausgegangen  —  die  Duesche  Puh  das  Wort
des  Kaisers  so  ungeheuerlich,  daß  sie  chrieb:  Das  sind  Aeußerungen,  die
sich  der  Gewährsmann  des  ren  Blatles  aus  den  Fingern  gesogen
  hat.  (Hört!  Hört!)  Also  Ihre  Entrüstung  von  vorhin  war  deblazierk.
(Unruhe.)  Eliaß-Lothringen  ist  aufgescheuchl,  auigeschreckt  worden,  aber
was  viel  schlimmer  ist,  das  ist,  daß  man  die  nalionolistische  Gesinnung
ausgepeitscht  hat.  Sehr  richtig!  lI.)  Es  handelt  sich  wieder  um  eines  jener
umgekehrten  Meisterstücke  der  H#iwoaanie  Die  Poliiik  ist  doch  ein  schwereres
Handwerk,  als  manche  glauben.  Bei  den  Debatten  der  Novembertage  1903
hat  der  Abg.  Baisermann  erklärt:  Wir  revidieren  unsere  monarchifchen
Gesühle  nicht,  aber  wein,  Köbse  finden  in  solchen  Vorgängen  den  willlommenen
  Anlaß,  gegen  die  Monarchie  vorzugehen.  Was  würde  Lester,
oh  der  inzwischen  zum  Prrolkur.  von  Mannheim  avanciert  ist  —  (Gro

eiterle
äliem  Dr  Kaempf:  #“  ist  nicht  parlamentarisch.

a.  S  ann:  Es  ist  ganz  selbstverständlich,  doß  der  Herr
Präsident,  den  ich  sehr  hoch  schätze,  mich  nicht  unterbrochen  hälle,  wenn  er
gewußt  hätle,  daß  dieses  Wort  nicht  von  mir  stammt,  sondern  aus  einer
skonservativen  Zeinung.  Große  Heiterkeit.  Der  Vorgänger  des  gegenwärtigen
Reichskanzlers  hat  seinerzeit  in  einer  Unterredung  mit  dem  Raiier  die
Ueberzengung  gewonnen,  daß  d  wß.er  Monarch  jene  Zurückhaltung  beobachten
werde,  die  im  Interei##e  einer  einheitlichen  Polirik  und  der  Autorität  der
Ktone  gleich  unentbehrlich  ist.  Ich  frage  den  Herrn  Reichskanzler  oder
—  da  er  hinausgegangen  ist  —  seinen  leeren  Stuhl,  was  er  auf  die  jezigen
Vorgänge  zu  amworten  gedenkt.  Ich  weiß  von  vornherein,  daß  es  ihm  nicht
leicht  jein  wird,  eine  pasiende  Anwort  zu  finden.  In  der  „Post“  vom  8.  Mai
war  jast  wortlich  zu  lesen,  was  der  naiser  elwa  acht  Tage  jpäter  in
Straßburg  gesagt  hat.  In  der  „Post  hieß  es  damals:  Die  einzige  Mglichkeit
  bleibt  ein  rasches  Handeln,  Aufhebung  der  Verjassung  und  Eit,
verleibung  des  widerivenstigen  Landes  in  den  Macht=  und  Zuchtbereich  d
preußischen  Stlaates.  (Hört!  Hörn.!  I.  Abg.  Ledebour  ruft:  Welcher  6  e
mag  das  geschricben  baben)  Man  ersieht  daraus,  wie  unberechtigt  die
Entrüstung  der  Rcchen  ist.  Um  N.  Mai  verlangt  die  „Post“  die  Einverleidung
Elsat  Lorhringens,  am  11.  Mai  hält  der  iiheligense  Kührer  der  Freilouiervativen
  Frhr.  v.  Zedlit  eine  Rede,  in  der  er  dem  Rieichskanzler  alle
moglichen  Schmeicheleien  sagt  und  dann  sfortiährt,  er  ist  umier  Parteigenosse.
Alio  der  Derr  Neichslanzler  ein  Parleigenosse  der  Herren  von  der  „Post  .
die  wenige  Tage  vor  der  Naiierrede  das  prollamierte,  was  der  Noiser  in
Straß#burg  geiagt  hat.  Solchen  Zuständen  wollen  wir  ein  Ende  machen
durch  Verstärkung  des  Parlaments  und  durch  Eroberung  des  sreien  Wahl-
        <pb n="165" />
        N  Meaisct  Miic  und  friur  einjelera  GSlleder.  (Moi  17.)  155

rechts  für  Preußen.  Wir  wollen  nig  daß  Preußen  länger  das  deutsche

Sibirien  bleibt.  (Großer  Lärm  r.,  Beifall  I.)

Ord  räsident  Dr.  Kaempf:  Ich  *zs  Sie  wegen  dieser  Aeußerung  zur
rdnun

—  Scheidemann:  Selbstverständlich  halte  ich  den  Ordnungsruf
für  unberechtigt  und  werde  Beschwerde  führen.  (Zustimmung  1.,  Unruher.)
Es  darf  nicht  *½  in  Eliaß=  Lothringen  zurück,  sondern  in  Preufeen  vorwärts!
  (Beifall  be  gei  den  Sd.)  Die  stürmischen  Auftritte,  die  üch,  am  Ab  ·
ordnetenhause  im  Leue  der  letzten  J%  abgespielt  had  ihren
Forpunte  in  dem  Eindringen  der  Polizei  in  den  ehctchnakt  ——t
haben,  sind  nichts  als  äußere  Ers  jiheinungen  eines  zerrüteten,  vollkommen

ungaltharen.  und  unerträglichen  Zustond
ident  Dr.  Kaempf:  Wir  her  uns  hier  nur  mit  Reichsangelegenheiten

  zu  5  „Gönienen
eide  nn:  Ich  m  mich  derwundern  Über  eine  lolche
urucelshe  .  Solang.,  wie  der  a  Reichstag  steht,  haben  wir
s  auch  öjter  mit  Angelegenheien  Preußens  beschöftigen  müssen.  Der
Meschekungier  hat  ein  dutzendmal  über  den  Zustand  der  —s’#  in
Preußen  gesprochen  und  heute,  wo  wir  hier  unangenehme  Dinge  vor
bringen,  soll  dies  nicht  stanhaft  sein?  Wir  wollen  den  doch
icn  qum  preuhischen  Abgeordncienhaus  machen.  (Lärm  r.,  Zustimmung
bei  den  Sd.)  Es  ist  kennzeichnend  für  Preußen,  daß  in  dem  dortigen  Parlament
  dieienigen,  die  keine  Volksvertreter  sind,  die  wirklichen  Volksvertreter
durch  die  Polizei  mit  GVewalt  herausschleppen  lasien.  (Beifall  bei  den  Sd.)
Das  war  eine  sumbolische  Hondiung  des  Dreikassenparlaments.  Dos  ist
Preußen,  wie  es  leibt  und  lebt,  von  dem  ein  Zemtrumsabgeordueter  jagte,
man  müsse  sich  schämen,  ein  Preuße  zu  sein.  (Sehr  richtig!  bei  den  Sd.
Großer  Larm  r.
ent  Dr.  Kacmols:  Ich  würde  den  zur  Ordnung  rufen,  der
noicgreur  2  ist  eine  Schmach,  ein  Preuße  zu  sein.  (Großer  Lärm  bei
d

chetdetnqnnEstvqketninnsbolnetietflltdeevkesmnchen
Landtages  wie  er  paßt  für  ein  Parlament,  dos  jeden  Rechtsboden  unter
den  Fühben  verloren  hat,  das  alle  Minel  anwendek,  eine  Macht  aufrecht.
Zuerhalten.  selbst  durch  das  Almosen  der  Polizei.  Die  Urheber  jenes
Sneiches  werden  sich  wundern  über  die  ungeahnte  Wirkung  ihrer  Handlungs
weise.  Das  war  ein  Signalschun,  der  durch  die  deutschen  Lande  gellt  und
diejenigen  ausrhttelt,  die  bisher  noch  geichlasen  haben.  Wie  ist  das  in  Einklong
  zu  bringen  mit  den  95  105  und  106  des  Straigesebuches,  das  Zuchthaus
  androht  demienigen,  der  einen  Abgeordneien  an  der  Ausübnug  seinee

andats  gewaltiam  hindert?  Wie  lommen  die  Leule  dazu,  durch  e
Bestimmung  der  Leschsktgordnuo  das  Reichsgesetz  zu  verändern?  4
richtig"  bei  den  Sd.)  Wer  sind  diese  Leute,  woher  nehmen  sic  sich  d
Recht,  Lortoment  zu  spiclen?  di  Grund  welchen  Gesetzes  sind  jene  von
überhaupt  in  jenem  Hause?  Ueberhaupt  nicht  auf  Grund  eines  Gesetzes,
jondern  auf  Grund  einer  Verordnung,  die  vor  (#3  Jahren  unter  Bruch
eines  königlichen  Wortes  gemacht  zwode  en  ist.  (Ungeheurer  Lärm  r.,  Pfuiruse,
  bei  den  S.  stürmiicher  Beiso
t  Dr.  Raempf:  al  Abgeordneter  Scheidemann,  ich  ruse

Sie  zurr  S

Scheidemann:  Der  Präsident  des  Landlags  war  nicht  genötigt.
  P  vorzugehen.  sind  im  Reichstage  110  Sozialdemokraten,  will
iemand  die  Dreistigkeit  haben,  zu  sagen,  daß  hier  eine  sochliche  Verhandlung
unmöglich  ist?  In  19  Bundesstaaten  siven  188  sozialdemokratische  Abgeord.
        <pb n="166" />
        156  Das  Meaist  Nrich  unh  seint  einlelura  Glieder.  (Mai  17.

nete,  nie  hat  sich  dort  etwas  abgespielt  *—  in  Landtage.  In  den  Siadtund
  Oemeindevertrenmgen  sitzen  Fr0  Sohia  ialdemotraten  —  ist  hier  etwas  vorgelemunen
  wie  dort  drüben?  Was  sich  f%0  ben  hat,  ist  nur  erklärich
  auf  dem  Boden  des  Abgeordnetenhouses.  Wie  hat  sich  Borchardt  verhalten?
  (Lärm  r.:  Gehört  nicht  hierher!  Der  wstch  schildert  ausführlich
  den  Hergang  im  preußischen  Abgeordnetenhause.  Wo  macht  maon
nicht  Zwischenrufe?  Wenn  die  Linke  mehr  Zwischenrufe  macht  als  die
Rechte,  dann  kommt  es  daher,  daß  auf  seiten  der  Linken  mehr  Witz  und
i  ist  als  auf  der  Nechien.  (Schallendes  Gelächter  r.,  aesal  bei
-d.)  Dem  goe  Vorgehen  sett  die  Krone  auf,  daß  gegen  die  Abesnnn
  ein  Prozeß  wegen  Hausfriedensbruch  und  Widerstand  iingmeeier
reaklionären  Parteien,  die  durch  ihre  wahnwiyige  Gewelwwoliel
  ihre  bnseslen  Macht  erhalten  wollen,  treiben  die  Dinge  auf
die  Spitze.  (Nach  rechts)  Sie  sind  Hewarnt.  (Lachen  r.)  Sperren  Sie  sich
nicht  gegen  die  ⅜Etsose  lung,  geben  Sie  dem  Volke  die  Rechte,  die  ihm  zustehen
  und  die  es  slürmisch  verlongt.  Die  größte  Schuld  des  Reichskanzlere
ist,  daß  er  die  Nichtachtung  des  Volkes  vuens  seine  Reden  hier  und  anders-27
  K  dert.  Deshalb  haben  wir-  elein.  Vertrauen  zu  ihm  und  zu  dem
das  er  verantwortlich  verkritt.  Wir  werden  nicht  aufhören  im
t„  Kampf  gegen  seine  cnet  vris  das  Volk  Achtung  und  Niecht  findet.
Der  Reichskangler  hüllt  sich  gegenüber  dem  Volke  in  verächtliches  Schweigen,
und  er  ist  doch  sonst  ein  zuibeengier.  ja  fanatischer  Anhönger  der  großen
ahlen  —  wenn  es  sich  nicht  um  das  Secbstbestimmungerschr  des  Volkes,
ondern  um  die  Zahl  der  Soldaten  und  Gewehre  handelt  (Sehr  richtig!
bei  den  Sd.),  die  den  herrschenden  Klassen  zur  Versügung  gestellt  werden
sollen.  Aber  die  Herren  irren  sich,  sie  rechnen  nicht  mit  der  Zahl  der
denlenden  Köpfe.  Die  Zulunft  wird  lehren,  wer  vichig  gerechnet  hat,  Sie
oder  wir!  rbhoster  Beifoll  bei  den  Sd.  Unru#
rã  t  Dr.  aempf  siellt  nach  dem  Suensgranm  sest,  daß  der
Redner  die  Le  en  Ench-  Lothringens  in  #iten.  in  Zusammenhang
gebracht  hat  mit  dem  Verlust  der  bürgerlichen  Ehrenrechte.  Wenn  Sie  damit
  gemeint  haben,  daß  Elsaß-Lothringen  durch  die  kbree  in
wrn  zur  gerurcchte.  We#uch  geht,  donn  rufe  ich  Sie  zur  Ordnung.
Auf  die  *  Vorgänge  im  preußischen

#geordes.  beus  will  3  nicht  eingehen,  da  es  sich  ia  dabei  um  ein
schwebendes  gerichniches  Versohren  handelt  und  wir  #e#nt  im  Wege  der
kurzen  Anfragen  derartige  Angelegenheiten  nicht  hier  behandeln  wollen.
Was  nun  die  angebliche  Aeußerung  des  Kaisers  über  die  elsaß-loihringische
Verfasiung  betrifft,  so  würden  get  es  bedauern,  wenn  diese  Aeußerung  sclbst
in  der  abgeichwächten  Form  olgt  wäre,  wie  sie  jen  verbreitet  wird.
(Hört!  Hört!  l.)  Die  elfaß-  eerlachfan  Verfassung  ist  gesemäßig  zustandegekommen
  und  kann  nur  durch  ein  Geset  wieder  abgrändert  werden.  Wa

 

 

Verstendigungewert  in  Elsaß  schwer  darunter  leiden.  (Sehr  richtig!  I.)
Wahlreso  vrmrage  Preußen  kann  unseres  Erachtens  nicht  im  Reichstag
dent  wer
Se#werin-Lowib  (K.):  Ich  halte  es  nicht  für  angezeigt,
Wineeilungen  in  der  Presse  über  4an  Neußerungen  Sr.  Moajestät  des
Raisers  hier  im  PHause  zu  erbreern.  solange  der  Worklout  dieser  Aeußerungen
  nicht  festücht.  Ich  will  deshalb  ouf  die  Acußerungen  des  Koiiers
nicht  eingehen.  Es  wird  sich  vielleicht  später  Gelegenheit  dazu  geben.  Was
die  Sache  aber  selbst  angeht,  so  muß  ich  sagen,  doß  uns  die  innere  politische
Emtmwicklung  und  die  neueren  Vorgänge  nicht  geijallen,  und  daß  uns  diese
Dinge  bestärkt  haben  in  der  Ueberzeugung,  die  uns  seinerzeit  zur  Ablehnung
        <pb n="167" />
        hes  Penise  Reiq  uad  seine  einielaen  Glitter.  (Mai  17.)  157

der  Tersassung  gebracht  hat.  Wir  waren  damals  der  Ansicht,  dah  die  Gewährung
  der  Verfassung  ein  Fehler  war  und  darin  sind  wir  *W  vrsärt
worden.  Wie  dieser  Fehler  in  Zukunft  wieder  gut  zu  machen  ist
der  Zukunft  Fterioilen  beiben.  Ich  gche  aber  auf  diese  Schen  e  de  in
weiter  ein,  ebenso  auch  nicht  auf  die  Handhabung  der  Geschäftsordnung  im
Rrbiichen  we  die  mir  auch  nicht  recht  hierher  zu  gehören
sche  P  im  Wort  gemeldet,  um  unsere  geisomte  wirtsia-
  Znanbtchng  sein  dt  Vinfüyruß#  der  seden  baudelsvertrage  und
huaer  sich  daraus  ergebenden  Konseauenzen  zu  erörtern.  (Während  der  nun
kurse-  u%rune  bilden  sich  zunächst  bei  deur  Lamialbemotraren  große
.  ozialdemokraten  verlassen  den  Saal,  um  sich  draußen  zu
Huo  Luch  rt  den  anderen  Parteien  herrscht  gote  Unruhe,  so  daß
der  K#ner  nur  äußerst  schwer  zu  verstehen  ist.  Als  der  Redner  elwa  eine
Stunde  gesprochen  hat,  erscheint  der  hanjeatische  Bundesratsbevollmächtigte
Klügmann  am  Bundesratstisch,  von  einem  elezioldemokratischen.  Zuruf  emvsongen,
  r—  er  kuier.¾  wieder  verschwindet.)
nt  Dr.  Kaempf:  Wegen  der  he  der  Rede  des  Abgcordneten
  Suwanden  4  Unruhe  ist  es  mir  nicht  möglich  Peweien.  den
Redner  hinreichend  zu  verstehen.  Nach  dem  Stenogramm,  das  ich  mir  habe
heben  lassen,  habe  ich  bereite  eine  Slelle  gerügt.  Es  sinder  sich  aber  noch
eine  Stelle  darin:  „Wir  meinen  aber,  daß  man  mit  solchen  Drohungen  der
Versetzun  ng  sozusagen  in  die  zweite  Klasse  des  Gofp-wensend,  der  Versetzung
  in  die  unterste  Klasse  der  deutschen  Reichsangehörigkeit  durch  Einverleibung
  in  Preußen  etwas  vorsichtiger  sein  sollie.“  Wegen  dieser  Püchen
aufs  schärffte  verletenden  Ausführungen  an  dieier  Sieue  ruje  ich  Herrn
Scheidemann  ochtrsg  lich  zur  Ordnung.  (Lebhafier  B
Calker  (Nl.):  Als  ich  mich  zum  Hone  meldele,  freute
ich  mich  Walsz.  ##nue  und  Neueäster  über  Vorgänge  hier  zu  sorechen,  die
uns  alle  lebhait  berühren.  Aber  die  Ausführungen  des  ersten  Redners
haben  mich  ganz  vergesien  lassen,  daß  ich  Güaer  bin.  Da  kommt  mir  die
Erinnerung  an  meine  Jugendzeit,  wo  ich  das  Lied  gelernt  habe:  Ich  bin
ein  Preuße.  (Stürmische  Zustimmung  rn  Lachen  bei  den  Sozioldemokwoten.)
  Es  ist  traourig,  daß  Sie  darüber  lachen,  daß  ich  von  gantem  Herzen
ein  Deuticher  bin  und  zugjeich  ein  Preuße,  und  als  jolcher  suhle  ich  nuch
(mit  der  Faust  oufschlagend"  auch  in  dieiem  Hauie.  Ich  habe  immer  dieies
Gesühl  gehabt,  daß  wir  die  heilige  Vervilichtung  haben,  uns  deiien  bewnl
zu  bleiben,  was  Preusten  für  das  Deuliche  Reich  geleistet  hat.  Wir  wollen
hier  nicht  wie  auf  Schütenfesten  in  nationaler  Begrifterung  machen,  aber
Eagen,  die  Rede  des  Abg  Scheidemann  mun  hier  prosc#tiert  werden.  Ich
in  ein  deutscher  Volksvertreter,  wenn  ich  die  Ere  Preußens  aus  vollem
Herzen  verleidige.  Ich  habe  seinerzeit  bei  der  Rriorm  des  Strasgeieubuches
d  s  Rejerat  über  die  Maiestätebeleidigungen  gehabt,  und  es  siel  mir  auf.
daß  es  in  England  keine  Verurieilungen  wegen  Maijestalsbeleidigung  gibt
(Zuruf  Ledebours:  Weil  niemand  angrklagt  wird!".  Ich  habe  mich  daher
an  einen  engliichen  Anwalt  gewandt  und  er  hat  mir  geichrirben:  Wir  haben
eine  ekwas  andere  Anisafung  von  der  Veleidigung  des  Nônins  und  des
Staates.  Ein  Engländer  beleidigt  seinen  Nonig  nichl,  weil  er  memt,  daß
er  der  Repräsentant  seines  Stootes  ist,  und  es  gi#l#  nicht  ols  zentlemanlike.
Und  wenn  nun  doch  ein  Engländer  den  König  beleidigt  und  sich  argen  den
Staat  wendet,  dann  ist  die  allgemeine  Ausjaisung  dir,  daß  sich  ein  solches
Berhalten  selber  richtet  und  eine  Straiveriolauug  nicht  notwendig  ist.  Jeder,
der  seine  Pilicht  ale  Volksvertreier  ernst  nimmt,  der  mun  jeder  Entwiciung.
die  für  sein  Vaterland  nachteilig  ist.  krikiich  gegenũbertreten.  Die  nonicauenz
ist  auch,  daß  die  nationalliberale  Partei  in  der  wichtigen  Frage  der  Wahl.
        <pb n="168" />
        158  Das  Perise  Reiq  aab  sriae  einelara  Slitder.  (Mai  17.)

ei  den  Weg  de  Enmicklun  S#ueen  will.  Das  hat  sie  —4  vs  bei
der  k  der  Ge  #de.  #et  zur  r*  jede  Mißdeutung  der  Gesede
  ein.  rend  der

begleitet  wird.)  —  treten  all  de  Dingen  wv  die  einer  u1  e
Entwicklung  entgegenste  hen.  Sie  werden  uns  immer  finden  auf  dem  n
einer  gerechten  Kritik;  unsere  98  ist  aber  birnerk,  von  ei  —  heißen
um  Vaterlande.  das  g  auch  von  den  Dingen  in  Soladmtgrängen.  7
#heuwne  über  kn  gehen  weit  auseinander.
in  offen  meine  perfönliche  Meinung  sagen.  HE  slehe  auf  is
*  Stondpunkte  wie  die  s  24  24  ne  mich,  4,  veb,  wir
ersassung  in  Elsoß.  Eoihringen  hoben.  Bor  allem  deshalb,  weil  d  urch  20½
allgemeine  cleiche  Wahlrecht  für  unser  Land  die  für  die  freie
Entwicklung  in  sonlchriulichem  Sinne  gegeben  ist.  Daß  zunächst  sich  Mißkän.
  siei  en  werden,  das  hat  jeder  erwartet.  Ich  muß  aber  bestreiten,
heigen  wer  andere  gewesen  wären  eiwa.  Ser  der  Herrschaft
*  ses  Daran  hat  die  Einführung  der  Verfaslung  nichis  geänden.
  Als  ich  im  vorigen  Jahre  hierherkam,  de  ndelenden  meiner
set  Meinungsverschiedenheiten  darüber,  ob  man  auf  den  Boden  der
*  crsassung  treten  solle.  (Rufe  bei  den  Sdmziulzemetraten:  *Z  anderereite.)


Fau.  hat
gehalten,  Elsoß-  Lothr  ingen  die  Bersassung  zu  geb  —  1870  richiig
gewesen  wäre,  Elsaß-Lolhringen  in  Preußen  Fii#inverseiben,  das  haben  wir
nicht  nachzuprüfen.  Heule  wäre  eine  Denderung  ni4h,  wwehr  öglich.  #
müssen  auf  dem  Weg  weitergehen,  den  un  an  Vismarck  gezeigt  ha
Wir  sind  den  Weg  weitergegangen,  dadurch,  daß  wir  Elsaß-  Lolheingen  st
Berfassung  geechn  haben,  und  die  Widerstände  kennen  Sie  ja  alle,  die  im
Wege  geslanden  haben.  Viele,  die  damals  Widerstand  leisteten,  sauch  in
Ellaß-  „#tanden  sind  dankbar,  daß  sie  die  Verfaslung  bekommen  haben.
Viele  Ehane  denken  heute  ganz  anders.  Ich  sage,  es  en  ein  gutes  Bec
und  wir  wollen  hoffen,  doß  die  Entwicklung  ruhig  weiter  geht.
dauer  *  was  in  den  letzten  Wochen  in  ElsaßLothringen  geschehen  "|
namenilich  auch  rin  Landiag.  Als  ich  nach  Eijaß  ·  zLothringen  kam,  kom
herein  als  Fremder.  Ich  habe  gehom,  es  sei  schwer,  dort  warm  zu  —#
!#  a

 

punkt  der  Ead  Lothringer  stelen.  Wir  mũssen  aber  sagene  daß  im  Landag
  manches  behandelt  worden  ist,  was  außerhalb  des  Landes  und  im
Lande  zweisellos  diel  böses  8  gemacht  hat.  Das  gilt  bezüglich  der
Grasenstader  Afiä  Ich  wil  nicht  untersuchen,  ob  auch  seitens  der  Neierung
  alles  richu  genoh  worben  ist,  es  hälle  aber  eiwas  geschickter  vero
  werden  können.  Aber  ich  muß  doch  sagen,  daß  eine  Bolksvertretun
i  ihre  Autorität  honen  muß,  und  deshalb  bin  ich  der  rm——  7

t  sein

ee  auch  dann,  wenn  es  in  der  Opposition  steht.  Das  Parlamenl  muß
auch  on  die  Mirkung  denken,  die  ein  Beschluß  haben  kann.  Die  Wirkung
des  Beschlusses  in  der  Grafenstader  Sache  war  bedauerlich.  In  der  fran-
        <pb n="169" />
        Ves  Besisite  Meig  uhd  seine  riuheinn  Elitder.  (Mai  17.)  159

W  ischen  Preste  wurde  sosort  die  Aufsassung  vertreten,  daß  in  Elsaß  ·
Lothringen  ein  Volk  in  Fesleln  schmachte,  das  nur  darauf  wariet,  daldmöglichst
  wieder  in  die  Arme  Frankreichs  zu  fallen.  Ist  das  so  oder  ist
das  nicht  so?  Die  Auffassung  tritt  in  der  gun  Presse  zutage,  und
darin  liegt  das  Bedenkliche.  (Abg.  Ricklin  ruft:  Daran  sind  wir  nicht
schuld:)  Gewiß,  Herr  Präsident  der  *  siechrsnbechen  Kammer,  Sie  sind
nicht  schuld  daran,  und  Sie  wollen  auch  nicht  fronzosisch  werden.  Mir  dar
vor  kurzem  ein  Elsässer  cienn  „Sie  wisen  es  so  gut  wie  ich,  daß  es

einige  Narren  sind,  die  zwder  französisch  werden  wollen.“  (Zelimung
und  Heiterkeit.  Ich  bin  der  sesten  Ueberzeugung,  daß  deren,  die  heute  in
Bonyosüchen  esih  zu  urackkehren  wollen,  r  abererdemeh  wenige  sind.

sehr  dansbar  sein,  im  Interes  Sache,  wenn  von  elsässischer

Wrpre  binmon  Sralh  gesagt  w  Nenr  ich  das  sage,  so  legt
man  dem  nicht  de  e  wicht  bei,  wie  n  Seite.  Es  wäre  außerordentlich
  mM——  oe  man  in  Frankreich  aus  ihrem  Munde  einmal

hören  würde,  daß  sie  nicht  französisch  r-*—1B1  wolen!  Gewiß  herrschen  im
Elsaß  Wün  sche  nach  manchen  Aenderungen,  aber  in  dem  Sinne  ist  die
Kritik  nicht  aufzufassen,  daß  man  nach  einer  Befreiung  im  französischen  Sinne
verlangt.  Ich  muß  natürlich  offene  Kritik  üben  an  der  Verwaltung.
werden  da  Fehler  gemacht,  die  vermieden  werden  könnten  und  müßten,
auch  im  Interesse  einer  gejunden  Entwicklung.  Ich  bin  in  diesem  Frühjahr
  in  dem  Kreise  Neausto-  Landau  gewesen,  und  diese  Teile  sind  länger
franzöüsch  geweien.  Einen  franzosischen  Einschiag  habe  ich  hier  mehr  gemerlt
  als  im  Elsaß.  Es  wurde  hier  an  französischen  Traditionen  mehr
festgehalten  als  anderswo.  Aber  das  hindert  niemanden  daran,  daß  die
Mehrheit  dieser  Kreise  sich  vollkommen  als  Bayern  und  als  Deuesche  lühlen.
einen  Grund  haben.  Ich  hatte  einmal  ein  Geipräch  mit
dem  Fürsten  Bülow  und  brachte  ihm  Wünsche  vor,  die  wir  in  Elsaß=Lothringen
  haden,  wotauf  er  erwiderte:  *  die  ½  97½  für  Ostelbien
sehr  gut  paßt,  ist  Euch  im  Elsaß  eiwas  “
wirken  bei  uns  Aleimigleien  oft  Mel  sarters  ½4  s  2*  wirken  solleen.
Ich  kom  einmal  zurück  aus  Paris,  und  auf  der  Grenze  kam  ein  deuticher
Gendarm  aul  mich  zu  und  fragie  in  barschem  Iin:  „Wo  kommen  Sie  her?“
Ich  sogte:  „Ich  komme  aus  Frankreich.“  „Wer  sind  Sie?  „Ich  bin
Tae  an  der  Unwersitêt  Straßburg.“  Darauf  erwiderte  er  mir;  „Sie
ehen  mir  aus  wie  ein  französischer  Oifizier.“  Ich  jogte:  „Jawohl,  ich  bin
-1  Osffizier“,  Darauf  jogte  er:  „Ja.  Sie  lommen  mir  so  vor,  als
b  Sie  einen  deutschen  Olüzier  vorläuschten.  (Grosie  Heiterkeit.)  Da  bin
8  denn  sehr  grob  geworden,  und  ich  habe  Auedrücke  gebraucht,  die  jedem
Exerzierplat  zur  Zierde  gereichen  würden.  Der  Mann  hat  dann  Schliesutch
zu  mir  geiagt:  J½  Beichl,  Herr  Haup#mann“  und  damit  war  die  S
erledigt.  Der  Mann  hat  seine  Pflicht  geran,  aber  sie  war  an  Arschser
telle.  Es  wird  von  der  Schneidigkeit  zuviel  Gebrauch  gemacht,  und  es
sehlt  an  dem  Verständnis  für  süddeutiches  Wesen.  (Lebhafte  Zustimmung.)
Es  Lite  eben  gewisser  kieine  Formalitäten,  die  unrichtig  gehandhabt  werden.
So  ist  auch  mit  er  franzo  siichen  Sprache.  Man  joll  die  fronzösische
Sprache  —  dulden,  deee  sie  absichtlich  in  oppositioneller  Weise  gebraucht
wird.  Man  soll  sie  aber  ruhig  dulden,  wenn  sie  zu  bestimmten  Zwecken
benudt  wird.  Hier  in  Berlin  sind  jranbdiiche  Auedrücke  belicbl,  die  man
bei  uns  nicht  duldet,  und  das  ärgert  unsere  Leute.  Diese  leinen  Momente
muß  man  berücksichtigen,  und  mon  muß  alles  versuchen,  das  Volk  zu  ge.
winnen.  Das  Souvenir  ist  ein  lchones  Moment,  und  man  sollte  es  nicht
tadeln.  Ich  habe  e  auch  ein  solches  Souvenir  in  meinen  Adern.  Wir  müsien
uns  bemühen,  daß  wir  diese  Tradition  richtig  und  gerecht  betrachten.  So
        <pb n="170" />
        160  Ds  Neisr  Reich  und  srint  einzelnen  Glieder.  Mai  17.)

sehr  ich  toleront  bin  gegenüber  dem  Souvenir,  so  bin  ich  doch  unbedingt
gegen  jede  Maßnahme,  die  gegen  eine  Annäherung  on  das  Deutsche  Reich
gerichtet  ist.  Wenn  eine  solche  Aeußerung  Hschiehe.  so  ist  unsere  Regierung
in  vollem  4  sich  dagegen  zu  wenden.  (Ruf:  In  Scherben  zu  schlagen!)

Ich  bin  nicht  der  Meinung,  daß  man  rrrelbünngte  „Aeußerungen  des  Kaisers
dier  enwähnen  sollte.  Aber  es  un7  #latehen,  und  ich  muß  darüber  sprechen.
Sind  Aeußerungen  dieser  Art  gefallen,  so  ist  natürlich  die  Wirkung  nach
außen  hin  viel  ärker.  als  die  Wirkung  beabsichtigt  war,  und  das  ist  zu
bedauern.  Aber  wir  wollen  uns  doch  logen,  auch  der  Kaiser  hat  das  Recht,
unmutig  zu  sein  über  eine  Entwicklung,  die  allem  dem  entgegensteht,  was
wir  alle  erhofft  haden,  als  eie  eriessung  ingeiüht  wurde.  (Sehr  richtig!)

Das  Parlament  hat  gewisse  Rechie,  aber  in  der  —.  von  Rechlen
muß  man  sich  der  eune  bewußt  sein.  Ich  stehe  auf  dem  Standpunkt:
Souvenir  ja,  esporanco  nein,  niemols,  unb  diese  —esps  mässen
murckgedrängt  werden.  Wir  müssen  alle  miteinander  arbeiten,  in  dem
wußtsein,  daß  Elsa  Pwrkeei,  ein  deutiches  Land  ist  und  es  wieder  voll.
kommen  werden  wird,  nicht  nur  äuherlich,  sondern  auch  innerlich.  Wir
wüssen  arbeiten  mit  heißer  Veebe  für  unjer  —  Wir  müssen  arbeiten
für  das  Land  unserer  Kinder.  (Lebhafter  .

Reichskangler  v.  Bethmann  rhaerne  —  die  Vorgãnge,  die  mich
und  die  Mitglieder  des  Bundesrats  veraulaßt  haben,  eine  Zeitlang  den
Saal  zu  verlassen,  gehe  ich  selbstverständlich  nicht  ein,  nachdem  von  seiten
des  Präsidenten  ein  Ordnungsruf  wegen  der,  eieung  des  ersten  Vorredners
  erteilt  worden  ist.  Ein  Mann,  der  von  seinem  Lande  so  spricht,
wie  es  geschehen  ist,  verurteilt  sich  von  selbst.  Situscher  Veifal-  t.,  E
Unruhe  I.,  Zwischen  iruje.)  Ihre  Zwischenrufe,  meine  Herren,  machen  mich
nicht  irre.  In  meinen  Geiühlen  ols  Preuße  und  guter  Deulicher  weiß  ich,
was  Deutschland  Preußen  verdankt.  (Beifall.)  Ich  will  über  die  elsoßlothringische“
  Angelegenheit  sprechen.  Vorher  ma  ich  mi  einigen  Worten

die  Grafenstader  An  ngelegenheit  eingehen,  do  die  Reiolution,  die
64  ihr  gefaßt  geworden  ist,  wie  der  Herr  Albgeprone  van  delken  ausgeführt
hat,  eine  gewisse  Bedemung  erlangt  hat.  Der  Sachverhalt  der  Grafenstadener
  Angelegenheit  ist  kurz  folgender:  Grajenstaden  gehört  der  Norddemichen
  Lokomotivvereinigung  an  und  hat  deshald  Ankeil  an  den  Bestellungen
  für  die  Reichseisenbohnen  und  die  preußischen  Bahnen.  Der  Wert
der  Beslellungen  hat  in  den  letzten  Jahren  durchschnil##ich  4  Millionen  Wert.
pro  Jahr  belragen.  Im  Jannuar  dieses  Jahres  ist  die  preußische  Eisenbahuverwalung
  durch  Zeimugsartikel  und  durch  eine  mit  Namensnennung
veriehene  Zuichrift  darauf  auimerkiam  gemacht  worden,  daß  von  der  Leitung
des  Graichniadener  Werles  behanbiet  wurde,  sie  wirke  in  direkt  deutschseindlichem
  Sinne.  Danach  hal  die  Eisenbahnverwaltung  im  Benehmen  mit  der
Landesverwallung  eine  Untersuchung  angestellt,  deren  Ergebnis  der  Unterstaatoselretar
  Mandel  in  der  cliaß-lothringischen  Kammer  mitgeteilt  hat.
will  aus  dieser  Milleilung  vier  turz  solgendes  anführen:  Die  elsaß-Wotbringische
  Regierung  erllärte,  es  sei  für  sie  nolorisch,  daß  der  leitende
Direlwr  des  Werles  die  Seele  aller  deutschieindlichen  Bestrebungen  sei,  die
sch  in  und  um  Graiensladen  bemerkbar  machten.  Auce  persönlichen  Beziehungrn
  zwiichen  der  Fabrik  und  den  Bebörden  häiten  auigehört,  und
daran  habe  dieser  Direklor  Schuld.  Er  benute  jede  Gelegenheit,  um  sich
über  demiiches  Leben  obfällig  und  häßlich  zu  äußern.  Er  habe  die  gesellige
Vereinigung  des  Personals  in  jranzoiijches  Fahrwasser  geleiret  und  bekämpfe
auch  in  der  Gemeinde  alles,  was  deutich  jei.  Auf  Grund  dieses  Ergebnisses
stellte  die  Eisenbahnverwaolmug  dem  Werke  die  Emziehung  weiterer  Auftröge
  in  Aussicht,  jalls  nicht  in  bestimmter  Frist  dieier  Direktor  von  seinem
        <pb n="171" />
        NHes  Desische  Krich  und  sriine  rinteinen  Glieder.  (Mai  17.  161

Posten  entsernt  würde  (Hört!  Hört!  l.  Beifall  r.)  und  kalls  nicht  bis
zu  seiner  Entfernung  Gewähr  dafür  geboten  würde,  daß  seine  Tätigkeit  in
deutschfeindlichem  Sinn  in  der  Fabrik  und  in  der  Gemeinde  aufhöre.  Das
ist  der  Tatbestand.  Es  ist  unbegreiflich,  worous  man  diese  Vorwürfe  gegen
die  Eisenbahnverwaltung  herbeileiten  kann.  Für  die  Verwaltung  der
deutschen  Reichseisenbahnen  wie  auch  der  preußischen  Saae  in  es

ein  Ding  der  Unmöalichteit,  geschäitliche  Beziehungen  zu  einem  Werle  aufrechtzuerhalten
  und  ihm  jähr  rlich  Wiltonenbeseungen  guoe  E  en
Veizung  die  Verachtung  deulschen  Wesens  zur  Schau  t  und  in  die  Tat

msetzt.  Die  deutschen  Eisenbohnverwaltungen  dond  sah  /runie  gehondo
  haben,  wenn  lie  dieise  Vorgane  ignoriert  hälten.  Es  ist  nicht  Gesinnungeschnüsselei
  gewesen  —  dieser  Ausdruck  ist  in  der  uasrolbringiscecn
Kammer  gebraucht  worden  —,  Eindenn  es  war  nokwendig,  daß  die  Verwaliungen
  durch  Vermitklung  der  Landesbehörden  die  Untersuchung  einleitelen.
  Es  war  ein  Gebot  staatlicher  und  nationaler  Nowendigkeit.  (Schr
richtig!)  Niemand  unerhen  geschäftliche  Beziehungen  ohne  zwingende  Notwendigkeit,
  wenn  der  andere  Teil  sich  jo  jo  rtgejebt  darin  ergeht,  wichtige  Interessen
  seines  Auitraggebers  zu  schädigen.  Und  wie  sollte  es  der  Sioa
n,  wenn  die  nationalen  Intereisen  angegrifsen  welden!  Davon  kann  gar
leine  Rede  sein.  Der  Staat  ist  dazu  berujen,  in  ollerersier.  Linie  diese  siaat.
lichen  Baluesten  zu  schützen.  (Allgemeines  Bravoler.)  Dann  ist
der  Bor#  gemacht  worden,  die  Eisenbahnverwaltungen  wären  von  der
woinischeicbögaen  Invüstrie  als  Zoripan  **zm*  worden,  um  die  Konkurrenz
  von  Grafensiaden  auszuschalten,  an  hat  das  daraus  geschioslen,
daß  zufällig  auch  die  „Nheinisch.  4n  eihn  Zeilung“  auf  die  Quer
treibereien  in  Grasenstaden  aufmerksom  gemacht  hat.  Dieser  Vorwurf  un
absolnt  hinföllig.  Ich  hobe  bereite  mitgeteilt,  in  welchem  Umfange  nicht
nur  e  Reichseisenbahnverwaltuug,  sondern  auch  die  preußische  Grasen
kürrdt  inn  Aufträgen  versehen  hat.  Preußen  besitzt  Fabriken  geung,  um
seinen  Bedarf  zu  decken.  Es  würde  nicht  aus  die  reichsländischen  Fabriken
zurückzugreifen  brauchen.  Preussen  sicht  es  jedoch  als  seine  Auigabe  an,
die  reicheläwäche  Industrie  jo  viel  als  möglich  a#u  fordern,  und  ich  setze
mich  dafür  e  daß  das  dauernd  geschehen  werde.  Alio  meine  Herren,
das  Aaniuacnpenols  sällt  weg  für  das  Vorgehen  der  Eisenbahnverwaltung.
Es  ist  nicht  bestimmend  gewesen  und  besteht  nur  in  der  Phamasie  derienigen
  Faktoren,  welche  die  Angelegenheit  politisch  ausbenten  wollen  gegen
Preußen.  Gegenwärti  ig  bat  Grasenstaden  noch  für  die  beiden  Verwaltungen
  Maschinen  im  Werie  von  je  eitwas  über  eine  Million,  znsammen
*  Millionen,  zu  bauen.  Die  Bestellungen  sind  also  für  die  erstc  Hälfte  1912
vergeben.  Für  die  zweite  Hälste  von  1912  werden  Beseellungen,  soweit
wir  konnen,  zurückgehal#en,  in  der  Hoffnung.  daß  noch  eine  Verständigung

Werk  sich  geweigert  hat,  den  Direktor  zu  ennasien.  Es  ist  etelwerhalrt.
daß  die  brsacrnchmermnn  auf  ihrer  Jordeen  bestehen.  Wenn  die
Arbeiter  der  Fabrik  notleiden  sollten,  was  ich  nicht  hofic,  weil  die  Fabrik
die  Forderung  nicht  ersüllen  lann,  wird  es  —*  ish  sein,  welches  die
alleinige  Verontwortung  tragt.  Denn,  meine  Herren,  nichts  Unbilliges  wird
verlangt,  sondern  nur  dae  Selbstverständliche,  daß  ein  Unternehmen  keine
Aufmäge  von  deutichen  Staatsverwaltungen  hat,  wenn  es  das  Demichmm
bekämpft.  Wenn  mon  den  Eisenohnverwokungen  einen  Vorwurf  machen
Nolte  lo  könnte  es  nur  der  sein,  daß  sie  zu  vorsichtig  vorgegangen  sind.
ndern  Staaten  wäre  die  Antwort  auf  ein  Verhanen,  wie  es  die  Werks-Me.
  Geigt  bae.  nur  die  gewesen,  daß  einfach  die  Bestellungen  anjhören,
haupt  in  Verhandlungen  eintrin.  Aber  es  sollie  kein
mihhten  Arsarciskeieno.  1III.
        <pb n="172" />
        162  Des  Perisqᷣe  Relqͥ  aub  seine  einjtlaca  Sliedrr.  (Mai  17.)

zur  r—ie-  rcgeben“  *w  und  da  ist  man  in  Unterhandlungen
eingetreten.  eeee  wßen?  Zugunsten  von  Grafenstaden  und  der
in  Lse  d  zahen  9lus5  uund  aus  diesen  Verhandlungen  hat
man  Lopital  zu  schlagen  versucht.  welcher  Weise,  dafür  eine  kurze  Bemerkung.
  Die  Verhandlungen  touss  auf  beiden  Seiten  als  vertraulich.
Sie  sollten  vertraulich  gejührt  werden  im  induftriellen  Interesse  der  Fabrik

“  s  zur  Errach.  kam,  hat  sich  die  Regierung  auf  eine
Hanz  kurze  Bemerkung  beschränkt.  Der  Abg.  Blumenthal  war  es,  der
in  ßes  elsässischen  Kammer  die  Angelegenheik  zum  ersten  Male  vor  die
——  gebracht  hat  und  sie  im  nationalistischen  Interesse  zu  verwerten
  suchte.
mmit  komme  ich  auf  die  allgemeine  politische  Bedeutung
dieses  Falles.  Die  elsässische  Kammer  hat  hier  ganz  offen  für  Grafenstaden
Partei  genommen,  und  aus  diesen  und  anderen  Vorkommnissen  haben  die
Gegner  der  vorjährigen  Ierassungsgefepgebung  den  Schluß  gezogen,  deß
diese  Gesetzgebung  verfehlt  oder  doch  verirüht  gewesen  sei.  Daß  sich  d
neue  Verfassung  leicht  und  ohne  Reibungen  einleben  würde,  habe  ich  nih
erwartet.  0  a  auf  Einzeheien  nicht  eingehen,  nachdem  dieses
*  Haus  bdie,  kiei  Rede  des  Abgeordneten  van  Calker  vernommen
Colker  hat  in  ganz  ausgezeichneter  Weise  das  schwierige
Bnen  jeeag  gezeichnet,  die  Schwierigkeiten,  die  sich  doraus
fegeben,  daß  das  Land,  das  in  seiner  ganzen  vergangenen  Geschichte  sich
keines  selbi  4  staatlichen  Le#ens  zu  erfreuen  gehabt  hat,  jetnzt  Übergegangen
  it  zu  einer  großen  Mofse  staatlichen  selbständigen  Lebens  und
zwar  nachdem  die  kulturelle,  die  wirtschaftliche  und  die  politische  Entwicklung,
  die  Umwälzung  der  beiden  letzten  Jahrhunderte  in  Elsaß-Lo#hringen
leinen  einheitlichen  Boden  geschaffen  hotte,  der  einem  solchen  staatlichen
Leben  günstig  war,  weil  dch  der  französische,  bon,  der  deutsche  Einfluß
Überwog.  Die  Schwierigleiten  die  sich  aus  allen  diesen  Gründen,  die  ich
heute  nur  ondeute  —  wir  hoben  ja  auch  vor  einem  Johr  sehr  ausfährlich
darüber  gesprochen  —,  ergeben,  sind  zuerst  praktisch  hervorgerreten  bei  den
ersten  Weien  zur  Eisässischen  Kammer  im  vorigen  Herbst.  Domals  mußten
sich  die  eigentlichen  poli#tischen  Parteien  im  Lande  erst  bilden,  mußten  sie
ihre  gegenfeitigen=  Berhälinisse  feststellen.  airt  für  die  verworrenen
  Zustände,  die  damals  entstanden,  waren  auch  Hewisenskonfikt.
in  die  ein  Teil  der  deutichen  Wählerschaft  hoien  als  sie  vor  die
gestellt  wurde,  ob  sie  mit  Hilfe  der  Sozialdemokralie  den  Anionelsms
überwinden  aobn  ihm  end  Slimmemhaltung  zum  Siche  verhelsen  Llte
Und  alle  diese  Zustände  —  wie  häue  es  anders  sein  können  —  haben  ihre
Nöckwirkung  nm  die  Tätigkeit  der  Kammer  ausgeübt.  Ob  diese  Vor  bna
eine  dauernde  Goltnsche  V#ung  haben,  ob  aus  ihnen  der  Schluß  gelogen
  werden  darf,  daß  die  Versasiung  unzweckmößig  gewesen  sei,  meine
Herren.  das  kann  heute  nicht  entichieden  werden.  Aber  unzweiselhaft  —
und  das  hat  auch  der  letzte  Herr  Vorredner  zugegeben  —  hoben  diese  Vorgäu##
  das  nationole  Empfinden  weiter  Kreise  tief  verletzt  und  verständlichen
Unwillen  hervorgeruien.  Nun,  meine  Herren,  diejer  Unwille  i
Se.  Mojestät  der  Kaiser  in  seinem  iech  mit  dem  Bürgermeister  von
Syurg  Ausdruck  gegeben  hat.  Wegen  dieses  Geirräches  sind  in  der
Oesfennichkeit  heftige  Angriffe  gegen  den  KNaiser  gerichtet  worden.  Ich  lege
gegen  diese  Angriffe  Verwahrung  ein.  Wie  war  denn  die  Sache?  In
einem  Kreis  geladener  Gäste  hat  Sder  Kaiser  dem  Unmut  Worte  verliehen,
        <pb n="173" />
        Jes  dentse  Aelq  aad  seine  elaielas  Glieder.  (Mai  17)  163

der  in  diesen  Wochen  viele  deutsche  Herzen  erfüllt.  Diese  Worte  sind  durch
eine  bedauerliche,  nicht  aufgeklärte  In  diateetivn.  an  der,  wie  ich  indessen
ausdrücklich  hervorheben  mochte,  der  Herr  nicht  beteiligt  war,  n„  den  die
Worte  gerichtet  worden  sind,  in  die  entlichleit  geraten  und

peinlich  ist  und  was,  wie  ich  annehme,  auch  von  vielen  m-J
als  peinlich  empfunden  wird,  nicht  in  einer  deutichen,  sondern  in  einer
französischen  Zeitung.  Sehr  ri  richtig  r.  und  Lärm  o  den  Sd.)  Durch
*  Berdffennichung  ist  keine  Situation  geschaffen,  für  die  ich  nicht  die
Berantwortung  trage.  Solange  ich  an  dieser  Sielle  eri  trete  ich  vor  den

Koiser,  nicht  aus  #ei#er  asn  iase  nir  in  der  Presse  angehängt

n  t  w

faßf  )  t  de  rusng  auf  Vunderat  und  Reichstag  werden
ßene  Türen  eingerannt.  Es  hat  dem  Kaiser  völlig  sern  gelegen,  die
Rechte  von  Bundesrat  und  Riei  auch  nur  irgendwie  zu  be

Beseitigung  der  Versallung  gesprochen  hat,  nicht  an  einen  Akt  der
—  Ebornt  han  der  doch  nur  zis  Ullims  ratio  in  Betracht  kommen
2  Auch  de  Kaljer  hat  nicht  davon  gesorochen,  daß  jetzt  an  eine
Revision  der  Vorseninaaiszustonde  Elsaß-Lothringens  herangrureten  werden
soll.  Das  hat  er  nicht  getan.  Aber  verwunderlich  ist  es,  daß  elsaßlothringische
  Politiker  die  gen  #  gekommen  kehe  um  die  Verfassungsesetgebung
  vom  Reich  auf  das  Land  zu  übertragen.  Davon  kann  keine
Ker  jein.  ch  ist  Reichsland.  Bundesrat  und  Reichstag
sind  es,  die  dem  Lande  die  Verfassung  gegeben  haben,  und  nur  Bundesrak
und  Reichstag  werden  darüber  zu  bestimmen  haben,  wenn  einmal  die  Zeit
kommen  sollie,  wo  die  Verfassungszustände  geändert  werden  müssen,  und
wie  sie  geändert  werden  müsien.  Darum  sind  alle  Konsekturen  Ober  die
Richtung,  in  der  die  Aenderung  sich  zu  bewegen  hte.  vollig  gegenstandslos.
Dundeoron.  und  Reichstag  werden,  wenn  ihnen  solche  Beschlüsee  auigenötigt
werden  sollten,  sich  nur  durch  das  Lebeneinteresse  des  Reiches  leiten  lassen.
Bei  Eisaß.  Lothringen  steht  es,  ob  diese  Lebensintereisen  die  Erhaltung  und
Konsolldierung  der  dem  Lande  gegebenen  Selbsländigkeit  oder  ihre  Abschaffung
  jorden  werden.  Das  Land  wird  sich  iein  Shasal,  selber  schoffen.
Das  Land  wird,  wenn  es  den  Anregungen  solgt,  e  der  Abgeordnete
van  ged  eben  dargelegt  —  das  erreichen  und  Sev  was  es  jett  hat,
und  wird  es  sichern.  Ja,  meine  Herren,  niemand  konn  die  Augen  davor
schließen,  daß  deulsch-  ieindliche  Bestrebungen  im  Lande  vorhanden  sind,
welche  aus  dem  Lande  ein  der  Verbindung  mit  dem  Reiche  widerstrebendes
Land  machen  möchten.  Diesen  Bestrebungen  muß  alles,  was  deussch  ist,
entgegentreien,  dann  werden  sie  überwunden  werden.  Das,  und  die  Sorge
r  die  Zulunit  des  Reichslandes  ist  Kern  und  Inhalt  der  ernsten  Mahhung
  des  Naiiers  gewejen.  Abg.  Ledebour  ruft:  Faule  Ausrede!)  War
es  ein  Unrecht,  daß  der  Kaiser  die  Warnung  ausgesprochen  hal?  Nein?
Deun  darbter  *  sich  die  ganze  Notion  einig,  Eliaßz=  Lothringen  ist  ein
s  aehört,  wie  jeder  andere  Teil  des  demichen  Vaterlandes.
Getran  Zupimmünn  t.)  Sollie  ich  glauben,  daß  es  Treibereien  auch
nur  entjernt  gelingen  könnte,  diese  Tanache  in  Zweisel  giehen  zu  lasien,
dann  allerdings  würde  es  Pilicht  des  Bundesrols  und  des  Reichslugs  se.
nach  Mitteln  auszuichauen,  um  diese  Treidereien  zuichanden  zu  machen.
We  bin  ich  gewiß,  diese  Pflicht  würde  erinllt  werden,  denn  es  ware
eine  Pflicht  deulscher  Ehre.  Wiederholter  sich  steigernder  anhaltender  Beisoll
  r.  und  Zischen  L.  Ruse  bei  den  Sd.:  Feigheit!  Ohumacht!  Mu#e-11.
        <pb n="174" />
        164  Des  Beutsche  Neich  und  seint  rineinrn  Slieder.  Mai  17.)

präsident  Dove:  Ich  muß  dem  Abg.  Ledebour  den  Zwischenruf  „Faule
Ausrede“  ganz  entschieden  zurückweisen.)

.Haas  ·  Baden  (Fortschr.  Bp.):  Gewiß  können  wir  eine  Kritik
üben  an  den  preußischen  Zuständen  und  müssen  diese  Kritik  üben.  Aber
wenn  diese  Kritik  so  weit  gehn—  daß  sie  die  staatsbürgerlichen  Rechte  schwer
verletzt,  dann  wirkt  sie  schädlich.  Wenn  jemand  in  Baden  sagen  würde:
Wer  in  Baden  einverleibt  wird,  der  käme  in  die  zweite  Klasse  des  Soldatenin

  Deutschland  und  in  Elsaß-Lolhringen?  -  ist  denn  eigentlich  geschchen,
was  diese  Worte  berechtigt  machen  kann?  Der  Koiser  hat  eiwas  ausgLelorochen,
  zu  dessen  Durchführung  die  —  geseßgebenden  Fakioren  nokwendi
  6  sind.  Dieses  Kaiserwort  muß  durchgeprüft  werden.  Auch  dann,
n  ttttn  weiß,  daß  dies  Wort  durh  eine  betrübliche  #ndiekrelren  in  die
S  gekommen  ist.  Es  eine  Schomtosigseit,  daß  d
spräch  hinausgetragen  wurde  in  n  Oocgennnsch  keit  und  noch  *  in  die
französt  che  Presse.  (Lebhafte  Zustimmung  bei  den  Liberalen.)  Aber  das
Wort  ist  gefallen  und  es  war  ein  gefährliches  Wort.  Es  ist  nicht  so,  daß
man  Verwahrung  ntegen  muß  gegen  die  Krilik  der  Presse,  sondern  ganz
eutschland  muß  Verwahrung  einlegen  gegen  dieses  koiserliche  Wort.  Was

 

anerkannt.  Damals  wurde  der  rnil  e  aui  gehoben  und  wie
waren  froh,  daß  8338  nun  endlich  bejeitigt  wurde,  was  wir  immer  scho
verlangt  hatten.  t  haben  n  uns  darũber  gefreut.  Wir  in  Baden  resen
bie  W  seroa  Nachbartond.  Die  Nr  haben  sich  in
in  Jahren  auch  nicht  ernet  vom  deutschen  Staondpunkte  aus.
—  besser  geworden.  Da  drüben  lebt  eine  fleißige  Vevölkerung,
whe  allen  Phantastereien  abhold  ist.  Dazu  kommt,  daß  sich  die  deutschen
Perteien  sehr  onselidiert.  haben.  Die  Parteien  sühlen  sich  als  #ventiche
Parteien  und  ich  nehme  keine  Partei  davon  aus.  Das  ist  doch  der  beste
Beweis,  daß  die  Zustände  besser  geworden  sind.  Bei  den  Landtagswahlen
haben  die  Nalionalisten  ein  ichwere  Niederlage  erlitten.  Was  konnte  also
Anlaß  sein,  daß  man  sich  mit  dem  Gedanken  kragen  konnie,  die  Verjaslung
in  Eliaß  Lorhringen  nach  rückwärts  zu  revidieren?  Gewiß  leben  noch
französiiche  Traditionen  in  diesem  Lande,  aber  da  dürsten  doch  alle  ais
die  Elsaß-Lothringen  nicht  kennen,  die  Rede  Bismarcks  vom  2.  Mai  1971
nachleien,  und  iollien  doch  lonstatieren,  was  der  für  ein  feines  Verständnio
den  alten  Traditionen  gegenüber  gehabt  dat.  Die  Verhälnissé  haben  sich
ieit  Johren  sehr  gebesiert.  Wenn  man  aber  noch  nicht  ganz  zufrieden.  ik,
wenn  vor  allem  die  Regierung  it  Zriden  lein  jsollte,  io  muß  man
doch  fragen,  ist  denn  nicht  ein  Teil  Schuld  bei  der  Regierung  grlegen
Da  gibt  uns  auch  ein  Zeugnis  Viemanan  heute  Auekunit.  Er  hat  sich
gefürchict,  daß  preußische  Beamte  nicht  richtig  wirken  könnten  in  Elleß
Loldringen.  Es  sind  soiche  Fe#ler  genug  gemacht  worden
insbesondere  die  norbdenlicben  Beamien  dos  elsaß  lotbringische  Volk  un
verstanden.  Es  kann  ein  Beamter  durchaus  bilichigeiren.  sein,  er  kann  das
Beste  wollen,  wenn  er  die  Art  des  Volkes  nicht  kennt,  dann  kaonn  er  ersprießliche
  Arbeit  nicht  leisten
Wenn  einwandfrei,  zuverläfüg  und  sicher  nachgewiesen  ist,  daß  in
        <pb n="175" />
        Ves  Denisᷣt  Neich  und  seinr  eintelurs  Glieder.  (Mai  17)  165

der  Leitung  des  Grafenstadener  Werkes  deutschseindliche  Bestrebungen  maßgebend

  sind,  so  war  es  selbstverständlich  das  gute  Recht  der  Regierung,  daß

dieser  Firma  keine  Lieferungen  mehr  gegeben  werden.  Das  würde  man

in  Frankreich  für  so  lessporenanueh  halten,  daß  man  darlber  gar  aicht
*  .  .

zu  sagen:  Entlaßt  den  Direktor  und  dann  bekommt  Ihr  die  Aufträge.  *
richtige  Weg  wäre  gewesen,  daß  man  den  belasteten  Direltor  hört,  Über
das,  was  ihm  vorgeworfen  wird,  und  wenn  es  sich  b  efiigt.  dann  gib
man  den  Bi  keine  Lieferung  mehr  und  üÜberläßt  es  dem  Ausfsichtsrat
des  Werkes,  sich  zu  Überlegen,  wie  man  da  Aenderung  schafft.  Es  besteht
—  kein  Anlaß,  die  Verfassung  zu  ändern,  oder  gor  Saifaß-Vothringen
in  Preußen  einzuverleiben.  Wenn  man  das  weiß,  so  lagt  man  sich  wiede
das  Laiserwort  hat  großen  Schaden  angerichtet  drüben  in  EseotzVothringer
und  wir  fragen  uns,  koe  *-  sich  über  diese  Aeußerung?  Darüber
freut  sich  die  französiiche  N#  sierung  und  das  ganze  französische  Volk  un
es  freuen  sich  die  oiomglichen  F  in  Elsaß-Lothringen.  Aber  de
ganze  deutsche  Bolk  muß  nnen  lich  erschrocken  sein,  als  die  Nachricht  5#½
dieser  Aeußerung  kam.  Bei  der  Haltung,  die  der  Reichskanzler  eingenommen
lomen  einem  wohl  die  Lrim  gerungen  kommen  an  den  10.  November  1908.
der  Vorgänger  des  jepigen  Kanzlers  erklärt,  daß  der  Kaiser  auch
tu  noqtqksptachm  Zurückhaltung  siben  werde.  Man  kann  wohl  sage
wenn  diese  Zurückhaltung  geübt  worden  wäre,  auch  in  Frriecbrch
dann  häue  dieses  unglückliche  Wort  nicht  gesprochen  werden  können.
haben  wir  aber  eine  oflziöse  Erklärung  bekommen,  aber  ganz  mi*?x33#
Art.  Da  sleht  drin,  dem  orttamt  nach  habe  der  Raiser  nicht  io  9Prochen.
aber  dem  Simme  ach.  An  dem  Wortlaut  liegt  uns  gar  nichts.  Aber  der

 

Sinn  ist  für  un  6  bns  Bedrohliche.  In  der  offiziösen  gaisenn  war  gesagt,
selblkoerhändiich  2  der  Kaiser  nur  daran  gedacht,  auf  legale  Weise  eine
Aenderung  herbeizuführen.  Das  braucht  man  uns  nicht  5  sagen.

wenn  eine  solche  Erklärung  erfolgt,  ohne  daß  die  geiengebenden  Faktoren
gehört  worden  find.  Da  häitte  man  erst  einmal  den  Reichstag  und  den
Dundesrat  hören  mülisen,  ehe  eine  solche  mtuss  felle  serlne  Wie
wäre  es,  wenn  ein  anderer  beuticher  Bundesfürst  sich  in  ähnlichem  Sinne
geäußert  hälte,  zum  Beispiel,  wenn  einer  der  süddemschen  Bundesfürsten
geiagt  hätte,  Elsaß.  Lorhringen  müßte  in  einen  süddeutichen  Stoat  einverleibt
  werden.  Ich  möchte  wiissen,  welche  Depesche  da  gekommen  wäre  von
Vrai-  in  jenc  süddeutiche  Residenz.  Aber  wenn  man  der  Ansicht  ist,  daß
die  Errtitrung  staaterechtlich  widersinnig  ist,  donn  kommt  man  doch  erst  recht
zu  der  Anschauung,  diese  Aeußerung  wäre  besser  nicht  gesallen.  Von  einer
Einverleibung  Elsaß  vLothringens  in  Preußen  will  der  Eliaß-Lothringer
nichts  wissen.  Das  muh  oifen  ansgesprochen  werden.  Das  hat  auch  schon
Bismarck  gewußt  und  der  hat  erklärt:  Die  Elsoß  bolhringer  konnen  sich
ait  den,  Namen  der  Deulschen  oeser  aslimilieren  als  mit  dem  der  Preusien.
Auch  aus  diesem  Grunde  häite  diese  Aeußerung  nicht  fallen  sollen.  Ein
Elsaß=  Lothringer  hol  eben  auch  seine  bestimmte  Eigenart,  für  die  jeue
große  Bismarck  auch  Verständnis  gehabt  hat,  auch  für  den  eliaß-  #unbrienenen
Partikularismus.  Es  ist  gut  für  Deutichtand,  daß  die  Angrhörigen  iedes
Bundesüaates  ihre  Cigenenn  haben,  und  die  wollen  wir  uns  erhallen.  Die
A  man  aber  auch  den  Elsaß-Lothringern  laisen  und  da  soll  man  ihnen
nicht  so  viel  hineinkorrigieren.  Daß  alte  Eliässer  auch  französisch  denken.
das  sollten  wir  ihnen  nicht  übelnehmen.  Wenn  wir  das  Ungtück  hatten,
an  ein  anderes  Land  zu  fallen,  doann  würden  wir  auch  die  Erinnerung
        <pb n="176" />
        166  Des  Veische  Neich  m#  seinr  rintelurn  Glicder.  (Mai  17.)

an  unser  Vaterland  weiter  pflegen,  und  wenn  wir  es  nicht  täten,  wären
wir  schlechte  Menschen.  Bei  den  Alten  wollen  wir  diese  Treue  achten  und
wollen  uns  sagen,  die  Treue,  die  die  Alten  Frankreich  bewahrt  haben,  wird
auf  seiten  der  Enkel  und  Urenkel  erst  recht  der  deutschen  Sache  und  dem
deutschen  Staat  gehören.  Den  Nationalisten  wollen  wir  sagen:  Schout  nicht
hinüber  nach  Frankreich,  von  dort  habt  ihr  nichts  zu  erwarten!  —  und
den  andern:  Laßt  euch  nicht  erbittern  durch  dieses  Wort  dee  Kaisers,  das
praktisch  so  bedemungslos  ist,  als  wenn  es  Überhaupt  nicht  geivrochen  worden
wäre.  Wir  wollen  den  Elsaß-Lothringern  sagen,  daß  hinter  ihnen  das  deulsche
Volk  sieht,  und  der  Wille  des  deutschen  Seue  ist  mächtiger  in  dieser  Sache
als  der  des  äeisers,  (Vethane  #him  I.)
bg.  S  t  fest,  P62.  die  Enwiclung  in  Ellaß
Qthringen  einen  1  g  n  hol  wie  es  nicht  erwartet  hat.
Das  hat  die  eleemmehite  Darbe#  des  beee  vrrunsene  Die
Verfassung  von  Elfsaß.  Lolhringen  ist  das  Werk  des  Kaisers,  und  deshalb  ist
es  begreifen,  daß  der  Kaiser  sich  jett  mit  Unmut  grdußert  hat.  Neiner
wird  sagen  können,  daß  der  Kaiser  einen  Staotsstreich  beabsichtigt  habe.
Wir  wollen  doch  keine  Silbenstecherei  treiben,  und  das  steht  doch  fest,  daß
der  Kaiser  während  sciner  Negierungszeit  bisher  niemals  an  der  Versossung
Heten  hat.  Das  Gegenteil  trifft  zu.  Die  Sozialdemokralen  wollen  die
erfaisung  erweitern  im  parlamentarischen  Sinne.  Das  hat  uns  Herr
Scheidemann  auch,  —  gezeigt.  #r  un  gedroht  hat  mit  dem  Schicksal
Chinas.  Das  i  ch  heißen:  len  die  Rechte  der  Krone  in  die
Bacht  des  giuste  veruantsln.  *  Perben  eine  Berletzung  der  Verfassung
e,  nicht  der  Kaiser.  Schwer  verletzz  hat  uns  die  Acußerung  über  den
rensuhcoen  Staat  aus  dem  Munde  des  Abgeordneten  Scheidemann.  Wie
war  cs  nur  möglich,  wenn  man  denkt  an  die  großen  Talen  des  preußischen
Staates?  Ich  komme  bei  solchen  Worten  aus  dem  Gefühl  des  Miulsds
nicht  herous  Iacenüb  -*s  Leuten,  die  sich  Preußen  nennen.  Für  de
Unmut  in  diesen  Worten  sollien  Sie  Verständnis  hoben,  aber  Sie  sind  *n
gewohnt,  seit  langer  Jeit  den  preußischen  Staat  in  den  Staub  zu  ziehen.

gegen  dicjenigen  empfinde,  die  solche  Kränkungen  aegen  Preusten  richten
können.  (Lebhafler  Beifsall  r.  Vizepräsident  Dove:  Ich  nehme  an,  daß
Sie  kein  Mitglied  des  Hauses  gemeint  daben  Ich  habe  Dieie  Worte  auch
gerichtet  gegen  die  Aeußterung  des  Herrn  Scheidemann.  Diese  Kränlungen
von  sosialdemokratischer  Sciie  erfüllen  eeinen  aber  auch  wieder  mit  Siolz,
ein  Preuche  Au  jein,  und  dieie  Kränkungen  beweisen  une  auch  wieder,  wie
Sie  den  Staat  Preußen  hossen,  an  dessen  eherner  Festigkeit  aber  alle  An
Kriffe  gerichellen  werden.

Abg.  Haus#  1Eliässer::  Es  istl  nicht  richtig  zu  glauben,  daß  in  Elsaß-Lothringen
  lonter  Reichsfeinde  säßen.  Es  wird  uns  nun  gesaßt,  wir  hälten
den  nNalier  verie#t  durch  Beichtüsse  der  Zweilen  Kammer,  namemtlich  über
die  Naiierjagd.  Dieie  Tinge  muß  man  sich  erklären  aus  der  Entwicklung
beraus.  Toliache  islt,  daß  seit  1896  die  Naiserjagd  nicht  benutzt  worden  ist.
Da  hat  sich  das  eizant-nsbrinisch.  Volk  gejagt,  daß  eine  solche  Jagd  keinen
Zwock  hat.  zumal  sich  das  Wild  immer  mehr  häuike  und  der  Wald  verwiisiel
  wurde.  Der  del  Vorwurj  betrijit  den  Gundenson,  In  keinem
demichen  Bundes#aa  finden  Sie  einen  jolchen  Fonde,  der  im  Vergleich  zu
der  Bevollerungszahl  so  hoch  wöre.  Baden  hat  einen  nodensohn  von
nur  25(XXI1  Mork,  obwohl  es  der  iastotbringlichr.  Bevolkerungszahl
gleichtommt.  Zu  dieiem  Gnadenfonds  kommt  noch  ein  Dispositionsjonds
des  Sialthalters.  Für  ein  lleines  Lond  Vie  Cleas-  Lothringen  ist  das
        <pb n="177" />
        Jas  Deulie  Reiq  aad  srine  einjelaen  GSlieder.  (Mai  17)  167

wahrhestig  vchlih  viel.  Diese  Fonds  sind  zu  einer  Zeit  entstanden,  wo#“
noch  aus  dem  Vollen  wirtschaftete.  Diese  Zeit  ist  für  Elsaß-Lothrin  n
uniederbringtich  dahin.  Wir  leiden  jetzt  unter  unserer  finanziellen
ien  ist  es  bekaonnt  geworden,  daß  aus  dem  Dispositionsionds  Gelder  dn
wandt  ü#und  zu  dem  Raiser-Wilhelm-Denkmal  .  Stwaßburg.  Die  Gelder
sind  ja  späier  zurückgezohlt  worden,  weil  eben  das  Geld  in  zweckwidriger
Meise  hergegeben  worden  ist.  Unter  diesen  Umständen  2  die  Zweite
fze  verlangt,  daß  dieser  Gnadensonds  unter  das  Kontrollrecht  des
Landtags  gestellt  würde.  Mit  dieser  Donzesston  hat  sich  bu-  Regierung
auch  einverstanden  erklärt.  Der  letzte  Punkt  betriftek  den  Repräsentationssonds
  des  Stakthalters,  der  eine  Höhe  von  200000  Mark  hat,  wagrend  der.
Reichskanzler  nur  einen  solchen  von  100000  Mark  bekommt.  Da  m
geivam  werden,  weil  wir  die  Gehälter  der  unteren  und  mii#lleren  Jeulte
auibessern  wollten.  In  der  Graienstader  Affäre  ist  vom  Reichskanzler  der
Kern  ganz  verschoben  worden.  Niemand  hat  der  preußischen  Regierung
den  Vorwurf  gemacht,  sondern  nur  der  elsoßlo#zhringischen  ngierug.  d#9#
preußische  Regierung  hat  das  Recht,  ihre  Lieferungen  dorl  zu  vergeben,  w
es  ihr  gesällt.  Verurteill  werden  muß  das  Verhalten  der  —
Negierung,  die  gsgeforde  wurde,  in  Grafenstaden  na-  dem  Rechien  zu
sehen.  Sie  hat  das  aber  gelan,  ohne  den  Direklor  zu
auf  die  Berichte  Forlseaster  Perionen  gegeben.  1  ultefrlothrincisce
Regierung,  die  die  prenzische  Regierung  glauben  machen  wollte,  e
notorisch,  daß  der  Direklor  deurichseindlich  sei,  dieselbe  Regierung  hat  ein
halbes  Johr  vorher  diesen  Direkior  zum  Prüiungskommissar  an  die
Kaiserliche  Technische  Schule  in  Straßdurg  berufen.  Es  wäre  Aufgabe  der
aewtorhringischen.  Negierung  geweien.  die  Zustände  genau  zu  erforschen,
aber  das  hat  sie  nicht  hetan.  Die  elsaßlothringische  Regierung  hat  sehr
—  in  dieser  Frage  gehandelt.  Das  haben  auch  die  iguen  Beamten
bekundet,  wie  aue  einer  Zuschrift  an  den  Landiag  hervorging.  Sowohl
die  deuliche  Presse  wie  die  französische  verschicbt  die  Jasece  in  Elsast=Lo#hringen.
  Wenn  Sie  llar  sehen  wollen  über  uniere  Verhäuisse,  daun
kommen  Sie  einmal  Zu  uns  und  —  Sie  nicht  solchen  einjeitigen  Preßberichten.
  Lassen  Sie  unsd  die  Dinge  ielbüändig  austragen,  wir  siud
mündig  und  wollen  uns  nichts  hineinreden  lassen,  genan  io  wie  Preusten
es  sich  verbilict,  wenn  hier  preuhiiche  Angelegenheiten  verhandelt  werden.
Wir  haben  schon  oift  eiltan,  daß  wir  nicht  on  eine  Looldjung  um  Deutichen
Reiche  denken.  Wir  siehen  auf  drm  Stondpnukt,  daß  es  sich  für  einen
anständigen  Menichen  nien  ziemt,  bei  jeder  Gpenben  zu  beiunddene  daß
an  seiner  vaterlandischen  Geiinnung  kein  Makel  is.  Ich  will  aber  Herrn
van  Calker  die  Frende  machen  und  jagen,  an  Kein  Abgeordneter  meiner
Partei  daran  denkt,  Elio#  beetheingen  vom  Demichen  Reiche  loszuloien.
Wir  geben  dem  Deutichen  Reiche  gern,  wos  dem  Deutichen  Reiche  gehort,
aber  wir  verlangen  auch,  dass  man  uns  nicht  zu  Reichsbürgern  driner
Klasse  degradiert,  jondern  daß  man  uns  als  gleichberechuigt  ansicht.  Aber
man  muß  sich  fragen:  Sind  es  vielleicht  nicht  die  Negierenden.  die  Eliaß.
Lothringen  nicht  zur  Ruhe  kommen  laisen?  Ich  muß  oijen  gesteben.  daß
die  Drohung.  Eliol-  Lothringen  in  Preussen  eneseiben,  einen  besonders
großen  Eindruck  in  Eliaß-Lothringen  nicht  gemacht  hat.  Vir  sind.  wie
alle  Angehörigen  eines  grosen  Weinlandes,  zrnn.  Tischgeivräche  nicht
besonders  tragiich  zu  nehnien.  Wir  wiisen  auch,  dan  wir  jeit  vierzig  Jahren
nach  preußiichen  Maximen  regiert  werden,  und  viel  ichlimmer  kann  es  bei
einer  Einverleibung  auch  nichl  werden.  ’e  Aber  wir  müsien
diesen  Auespruch  tief  beklagen  im  Interes  ie  des  Kaisers  ielbst.  weil  wir
bisher  glaubten,  der  Lai#er  prüfe  mit  Wohlwollen  die  eliall  lothringischen
        <pb n="178" />
        168  D#  Ne#r  Reich  und  seiue  einzelnen  Glirder.  (Mai  17.

Verhältnisse.  Dieses  Vertrauen  Luerrs  alecenenmnen  Londesher  ist  erüttert
  worden  und  das  ist  sehr  rũch.  Ich  moͤchte  Neichskanzler
  sagen,  daß  die  Vha-  MWli  e  vie  schlechten  hteed  na  sind,
als  die  sie  hingestellt  worden  sind.  Der  RNaiser  ist  von  unserer  eigenen
Vegieruns  schlecht  informiert  worden,  und  wir  bitten  den  Reichskanzler,  er
wolle  dem  Kaiser  sagen,  daß  die  Elsaß  Lothringer  ihre  Pflichten  edenso  ersüllen,
  wic  alle  aonderen,  und  er  möge  dem  Kal#er  sagen,  daß  unsere  Söhne
L#nan  so  im  Heer  und  in  der  Marine  dienen  wie  die  Angehörigen  anderer
zundesstaaten,  und  er  möge  schließlich  dem  Kaiser  sagen,  daß  die  Elsaß-Lothringer
  zwar  kräftig  über  ihre  Regierung  schimpfen  und  auch  über  die
Reicheregierung,  daß  das  aber  nicht  spezifisch  elsässisch  ist,  sondern  nur  ein
Beweis  dafür,  daß  wir  gute  Deutsche  sind.  (Große  Heiterkeit.)  Wenn  der
Reichskanzler  das  dem  Kaiser  sagt  und  selbst  darnach  handelt,  dann  wird
er  erleben,  daß  es  kein  friedsertigeres  Volk  gibt  ols  die  Elsaß-Lothringer.

(Beifall.

.  Wt  (Sd.):  Wir  haben  erleben  müssen,  daß  der  Reichskonzler
  dem  —  verlassen  hat,  weil  angeblich  mein  Parteiireund  Scheidemann
  Preußen  beleidigt  bat  und  ihm  dajür  nicht  seser  ein  Ordnungsruf
erteilt  worden  ist.  Der  Reichskanzler  war  durch  diese  Vorgänge  nicht  berechtigt,
  diesen  Saal  zu  verlassen,  wo  doch  sein  Eiat  zur  Dobatte  stand  und
er  uns  Auskunft  geben  sollte.  Der  Reichskanzier  hälte  doch  erst  abwarten
können,  bis  der  Präsident  das  Stenogramm  einsehen  konnie,  denn  es  ist  ja
nicht  möglich,  jedes  Wort  genau  zu  hören.  Wenn  nun  der  Präsiden  aber
auch  nachträglich  keinen  Ordnungeruf  erteilt  hätte,  wäre  dann  der  Aribee-#
kangler  Überhaupt  niemaols  wieder  in  den  Saal  gekommen?  Aber  de
dürftigste  Vorwand  war  doch  die  angebliche  Beleidigung  des  *
Volk  on  einer  solchen  Beleidigung  kann  doch  keine  Rede  sein.  Ein
Sozialdemokrat  meim  doch  nicht  das  preußische  Volk,  sondern  das  Sustem
der  Bevormundung,  dos  in  Preußen  herrscht.  Und  dieses  Synem  hat  Herr
Scheidemann  brandmarken  wollen.  (Lachen  r.)  Ihr  Lachen  hat  schon  lange
iede  Berechtigung  verloren.  Die  erbilterlsten  Feinde  der  Aufrichtung  des
Deutlschen  Reichs  joßen  in  Ihren  Reihen  (zu  den  Nonservativen:  und  nicht
bei  uns.  Es  ist  ja  charakteristisch,  daß  die  Herren  von  rechis  immer
glauben,  sie  seien  Preußen.  Nein,  das  stimmt  nicht.  Dann  ist  der  Veraleich
  gebraucht  worden,  als  jei  die  Verseung  in  den  preußischen  Staatsongchörigkeitsstand
  gleich  mit  der  Verjebung  in  die  zweite  Klasse  des
Soldatenstandes.  Nun  ist  doch  richlig,  daß  in  Preußen  das  Wahlrecht
viel  schlechter  ist  als  in  Eliaß.  Lothringen.  und  angeüchtis  dieser  Dinge
oll  man  sich  doch  nicht  in  dieser  lacherlichen  Entrüstung  bierher  stellen.
Der  Reichskanzler  #ol  sich  doch  nicht  so  empündlich  zeigen,  bei  jeder
scharien  Rritik,  sondern  joll  seine  Aufmerliamkent  anderen  Dingen  widmen,
und  er  joll  vor  allem  daoran  denken,  welche  Beleidigungen  er  uns  entgegengeschlendert
  ha#t.  Er  hat  uns  als  amtinarional  bezeichnet.  Er  ist

er  Vertranensmann  des  dentichen  Volkes,  auch  nicht  der  Vertraucnemann
  der  Mehrheil  dieses  Hauies,  sondern  er  ist  der  Vertrauenemann
  des  persfönlichen  Regiments,  das  immer  wieder  die  Erbitterung  wachru#t.
  Als  Vertrauensmann  dieier  Justitution  hat  der  Reichskanzler  kein
Recht,  sich  als  Munditück  nationaler  Empfindung  hierher  zu  stellen.  Aber
ich  kann  dem  Riichskanzler  jagen,  die  demicche  Sozialdemokratie  hat  für
die  Wohlfabrt  des  deutichen  Bolles  schon  gekämvit,  als  Seine  Exzellenz

ch  in  den  Windeln  lag  und  sie  wird  für  die  Wohlfahrt  des  deutschen
Volkes  noch  gkäwien.  wenn  er  als  Vertreier  des  versönlichen  Regiments
schon  lange  in  den  natalomben  der  Vergessenheit  beigeient  i#
Grajenstader  Aifäre  ist  ja  nicht  viel  übrig  geblieben  nach  der  Rede  des
        <pb n="179" />
        Des  Derisqhe  Neich  unh  frine  rinfelurn  Glicher.  (Mai  17.)  169

Herrn  Hauß.  Bezeichnend  ih  die  staatsrechtliche  Berschiebung,  die  wir  beim
dit  erlebt  haben.  Fürst  Bülow  hat  jede  Einmischung  eines  persönlichen
  Regiments  zurückgewiesen.  Von  dieser  Auffassung  hörte  man  kein
Won.  Der  Reichskanzler  hat  nur  versucht,  die  Worte  abzuschwächen.  Die
Rede  ist  nicht  zu  rechtfertigen,  und  das  muß  auch  der  Reichskanzler  zugestehen.
  Und  es  machte  einen  Uöglichen  Eindruck,  als  er  meinte,  er  stelle
"46h  stets  vor  den  Kaiser.  So  redet  nicht  ein  verantwortlicher  Minister,
sondern  nur  der  Prügelknabe  der  per#ônlichen  Regiments.  (Präsident
Kaempf  ruft  den  Redner  zur  Ordnung.)  Die  auffasiung  des  Kanzlers  von
den  Siatburger  Worten  gipfelt  in  dem  Worte:  Herr  hat's  gegeben.
i  hat's  genommen,  der  Name  des  Herrn  r  gelobt.  Gutrus=  t.

vi  Vesban-  He#n  rust  den  Nedner  wiederum  zur  Ordnun

17.  Mai.  (Sachsen.)  Debatte  in  der  Zweiten  Kanue  über
des  Kaisers  Drohung  in  Straßburg  und  über  den  Bayerischen
Jefuitenerlaß.

Abg.  Günther  (Forlschr.  Bp.)  brachte  diese  Angelegenheit  vor.  Der
Kaiser  beß  kein  Recht,  Eisaß-Lothringen  in  Preußen  einzuverleiben;  er
könne  nicht  die  Verfasiung  eines  Bundes#taates  einsach  zerichlagen  wollen.
Der  Reichstag  und  der  Bundesrat  härten  hierbei  zuzustimmen.  Die  verantworllichen
  Natgeber  des  Naisers  hälten  eine  schwere  Verantwortung  für
dieie  BWorte  übernommen.  Günther  sorderte  die  Staatsregierung  auf,  ihre
Stellung  zu  dirser  Angelegenheit  zundiugeben.  und  dafür  zu  borgen.  daß

am  bundcstaatlichen  Charalrer  des  Reiches  nichts  geändert  wer  .
NttiäilesRlsskaqtedseiachwlie  Regina-m  nach  ihrer  bakunge  zu  der
Jeiuitenfrage.  Ministerpräsident  Graf  Vinihum  antworlete,  er  jei  nicht

unterrichtel  über  den  eigentlichen  t“  der  Rede  des  Kaisers  in  Straßburg:
  er  halte  es  für  vollkommen  ausgeichloisen,  daß  der  von  den  Zeitungen
mitacteilte  Worllaut  richtig  sei:  er  halte  es  weiterhin  für  volllommen  ausgeschloisen,
  daß  der  Naiser  seine  Machibefugnisse  dam  verwenden  könnc,
eine  Veriasiung  eines  eadstaanen  aufzuheben.  Für  Sachien  werde  wie
bieher  bei  dieier  ganzen  Frage  nicht  nur  das  Intercür  Eljaß  Lothringeus,
sondern  auch  das  Intereii#e  Deunichsands  mangebend  sein.  Grai  Vil#hum
teilte  ferner  mit,  daß  der  Ausschust  jür  answäriige  angelegenbeinen  mindestens
  olliahrlich  einmal  bernien  werde,  daß  er  aber  über  die  Jeiniten.
frage  nichts  mitteilen  könnc,  solange  der  Bundeera  nicht  über  das  banerische
  Iimerpretochonrech.  entichicden  hobe.

17.  Mai.  (Preußisches  Abaeordnetenhaus  Ju  der
Sitzung  der  Budgelkommission  erlitt  der  konservative  Abgeordnete
flr  Homberg--Ziegenhain,  v.  Baumbach,  einen  Schlaganfall,  an  dem
er  bald  darauf  im  Hause  verschied.

17.  Mai.  (Schlesien.)  Der  Oberpräsident  erläßt,  weil  ein
Fall  vorliegt,  welcher  keinen  Aufschub  zuläßt,  ohne  vorangegangene
Zustimmung  des  Provinzialrats  eine  Polizeiverordnung,  daß  3Zigeunern
  von  Anfang  Juni  ab  das  Zusammenreisen  in  Horden
auf  öffentlichen  Wegen  und  Plätzen  in  ganz  Schlesien  verboten
ist,  bei  Strafe  bis  zu  vierzehn  Tagen  Haft  bezw.  Geldstrase  bie
zu  60  Mark.
        <pb n="180" />
        170  Das  Derisqe  Nrich  und  seint  eintelurn  Elleder.  (Mai  18.)

18.  Mai.  (Reichstag.)  Etat  für  das  Auswärtige  Amt.
Debatte  Über  meZ  Politik.

Daz  eine  Resolution  Heckscher  (Fortschr.  Bp.)  vor,  die
brolnekeost  anh  der  Bolschaftsjekretäre,  Legationssekreiäre  und
Anachas  und  somit  die  Anstellungeverhältnisse  dieser  Beamtn  so  zu  ge-.
  oeh  bei  der  Zulassung  zum  diplomatiichen  Dienst  infolge  nicht
ausreichender  finanzieller  Leistungsfähigkeit  des  Bewerbers  Schwierigkeiten
nicht  mehr  entsichen  können.

A  r.  David  (Sd.):  Das  Gefühl,  daß  uns  hinsichtlich  der  Leistungssähigkeitn
  und  Tüanigteit  der  Diplomatie  die  anderen  Volker  überlegen  sind,
ist  ollgemein.  Unsere  Diplomaten  werden  ausichließlich  einer  bestimmten
Naste,  dem  Adel,  enmommen.  Es  gibt  nur  sechs  bürgerliche  Gesondie,  die
alle  aon  lleinen  Posien  sinen.  Wir  können  das  nicht  als  zweckmößiges
Sutem  bezeichnen.  zumal  sich  im  Adel  viel  Degenerorionsmomeme  geltend

Es  ist  ein  Fehler,  daß  die  Auslese  dem  veriönlichen  Gurdünken
kin  Mannes  überloisen  ist.  Wir  haben  im  Falle  Eutenburg  geiehen,  wie
ische  Koterien  dabei  mit  am  Werke  sind.  Nur  ein  Norpsbruder  oder
Fitr  hal  Aussicht,  Botschafter  zu  werden.  Ernste  Arbeit  entspricht  nicht
den  Traditionen  dieser.  Kreise.  Nur  Salonlswen  bevorzugt  man  heute  noch
genau  wie  zur  Zeit  Katharinas  von  Rußland.  Wir  verlangen,  dah  der
diplomatische  Dienst  mit  dem  Konwlordienft  verichmolzen  wird  derart.  daß
der  leptere  die  unbedingte  Voranejetun  des  ersteren  wird.  Das  ist  die
allein  richtige  Vorbildung  für  den  Tiplomaten.  Uniere  Diplomatie  muß
aufhören  mit  der  Geheimniekrämerei,  die  meist  nichts  anderes  ist  als
lächerliche  Wichtigmerei.  Die  Insormation  des  Neichstageo  über  die  auswärtige
  Politik  ist  b  mangeihate.  Mir  können  uns  kaum  noch  der  Zeit
erinnern,  in  der  wir  das  letzte  Weißbuch  erhiciten.  Selbst  so  bescheidene
Anfragen,  wie  die  meines  Kreundes  Fran!  bcantworiei  man  in  einer  Weise.
die  einem  die  Anfragen  überhaupt  verleiden  könmen.  Die  auswärtige  Lage
ist  in  den  leblen  Jahren  immer  kritiicher  geworden.  Gerade  das  macht
eine  engere  Jauung  zwischen  Diplomatie  und  Parlamen:  nolwendig.  Wir
bulligen  es,  daß  unirre  Regierung  nicht  in  die  inneren  Verhqunise  Chinas
eingreijen  will.  In  Rußland  em  man  bedauerlicherweise  anderer  Mei-M
  u  sein.  Vas  ist  chenio  bedauerlich  wic  das  Eingreifen  NRumstands
in  .  Persien.  Daß  man  das  gestanct,  erllärt  sich  bioß  ans  dem  Svannungsverhaltnis
  pricchem  Denschie  und  England.  Dicies  gespannte  Verhälunis
  beherricht  die  Ganse  Politik  und  wirkl  auch  auf  den  iialienischtürlischen
  #rieg.  Der  Forigang  des  Herrn#v.  Marichall  aus  Konstantinopel
scheim  den  Zuiammenbruch  der  demichen  Politik  in  der  Türkei  zu  bedeuten,
ein  Fiasko  gegenüber  dem  engliichen  Einüuß  Es  ist  hochst  ausfallend.
daß  Italien  eine  Anzuhl  Inseln  im  äga##schen  Meer  beiebt  hat,  ohne  Einworuch
  Eugtande  und  Truthchtnde.  Zweiiellos  hat  auch  der  Dreibund  einen
S#kost  erlitt  Die  neue  nombinalion  beruht  amf  einer  Entenke  zwischen
England,  Atanteeich  und  Jüattan.  Das  hat  uniere  Stellung  in  Nonstaminopel
umergraben  Wenn  es  nicht  gelingt,  die  Spannung  zwiichen  Deutichland
und  England  zu  beseitigen,  werden  sich  weitere  Schwierigkeiren  ergeben.
Die  vorgentrigen  Erklärungen  des  englischen  Marineministers  sind  der  beste
Beweis  für  die  Richigkeit  unferes  ablehnenden  Verhallens  gegen  das  Weitfeüsten.
  Nur  die  Müntungerreibereien  in  Demichland  drängen  leib##  die
b#iberaten  Englands  dazu,  für  immer  weirere  Rüfstungen  einzuireien.  (Widersvruch
  des  Abg.  Bassermann.)  Ja,  ja,  Herr  Bassermann,  so  ist  es.  Lord
Churchil  lien  aber  anch  leinen  Zweisel,  daß  die  englischen  Rüstungen  sosort
  anihören  würden,  sobald  die  writeren  deultschen  Rüstungen  eingestellt
        <pb n="181" />
        Das  Heuishr  Neich  und  seine  rinteiure  Glikder.  (Mai  18.  171

werden.  Hier  ist  ein  klarer  Plan  für  ein  Arrangement.  Wir  sind  der
Meinung,  daß  es  höchste  Zeit  Zu  der  Verständigungsaktion  war.  Es  wäre
uns  sehr  werwoll,  wenn  uns  die  Regierung  Auskunit  über  den  Stand  dieser
Verständigungsaktion  geben  wollie.  Wenn  sich  Frankreich  und  England
verständigen  konnte,  warum  sollte  das  zwischen  uns  und  England  nicht
moͤglich  fch  sein?  Der  Krieg  int  ein  Hohn  auf  Gottes  Gebole.  Geschäitspatrioten
  arbeilen  auf  ihn  hin,  gewissenlose  Menichen,  denen  ihr  Geldbeutel
oder  ihre  Karriere  höher  stehen,  als  das  Wohl  der  Allgemeinheit.  England
ist  unser  bester  Kunde:  wenn  es  uns  seine  Nolonien  verschließt,  was  dann?
Weshalb  schafft  man  das  Seebenterecht  nicht  ob?  Es  liegt  nur  an  Deutschland,
  England  ir  bereit.  (Lebhafter  Widerivruch.,

Abg.  Dr.  Spahn  (S.:  Den  Gedonken  einer  Reichstagskommission
für  auswäriige  Angeleenheiten  kann  ich  der  Geschäftsordnungskommiision
nur  zur  Beachtung  empiehlen.  In  der  nommission  ist  uns  eine  Auskunit
darüber,  wie  weit  die  Verhandlungen  mit  England  gediehen  sind,  aus  dem
Grunde  nicht  gegeben  when  weil  es  nicht  angängig  jei,  darũber  jeht
Witieilung  zu  machen.  n  Botschafterwechiel  in  London  war  notig,  und
es  war  jelbstverständlich,  E#n  man  den  Mann  nach  London  schickte,  den
man  für  den  geeigneisten  hielt.  nd  das  war  Freiherr  v.  Marschall.  Aber
die  Auffassung,  ale  ob  dieser  Wechsel  nun  auch  eine  Renderung  unierer
Poli#t  —  teile  ich  nicht.  Wir  haben  dazu  ganz  und  gar  keinen

ie  haben  zu  ihm  das  Vertrauen,  danß  er  in  London  seinen  Posten
zum  Vorteil  des  Deutichen  Reiches  jo  aussüllen  wird,  wie  er  es  auch  in
——  getan  hat.  Was  Lord  Churchill  jent  gesagt  hat,  das  ist
nichls  Neues.  t  hat  jchoun  vor  unferer  Flottenvorloge  ähnliche  Ansführungen
  *n

Ab  Deriel  (II.):  Ich  will  nicht  leugnen,  daß  es  hier  und  da
ctwas  in  Len  gibt,  was  man  Kriegsheverei  oder  mit  dem  Fremd--wort
  So  nennt.  Aber  das  sind  doch  io  vereinzelte  Ericheinungen,

aß  es  wirklich  übertrieben  isl,  wenn  Dr.  David  hier  mit  jo  gewalt  igen
Reulenjchlägen  gegen  dicsen  Strohpovanz  vorgeint.  Soviel  verlantet,  dürien
wir  erwarten,  daß  der  Dreibund  binnen  kurzem  ernenert  wir  er  reibund
  bat  einen  sehr  bedeutenden  Stimmungswert  und  auch  emen  giemlich
geichichtlichen  Wert.  Den  totfächlichen  Wert  überschuten  wir  nicht.
ist  gejagt  worden,  im  Dreibund  seien  wir  allein  die  Gebenden:  das  geht
zu  weit.  Man  hat  uns  auch  ichon  brillante  Sekundantendienie  geirinct.
Aber  derartige  Umersuchungen  sind  nicht  gerignel,  das  Mündnis  zu  sestigen.
Oesterreich  Ungarn,  dem  wir  mauchen  Dienn  geleistet  haben,  war  eine  Pit
kant:  recht  kühl,  jast  bis  zum  Eistlumpen  kühl.  Ich  irene  mich  aber,
t  jetzt  an  der  Leitung  der  auswärkigen  Angelegenhriten  4
Sptdereg.  Ungarn  steht,  in  seiner  lebten  Rede  einen  viel  wärmeren  Ton
geiunden  hat.  Was  Jialien  anlangt,  so  hat  ein  aroherer  als  ich  auf  die
Extratouren  bingewieien.  die  Jltalien  kanzte.  Aber  schliehlich  werden  wir
nicht  nero-  ie  Dame  ist  immer  wieder  zu  ihrem  uriprünglichen  %er
zurückgelehrl.  Der  Dre  ibund  allein  wird  uns  nicht  sichern,  aber  er
demet  doch  eine  gewisie  Sicherung  nicht  iowohl  für  uns.  als  für  Gurovas
Gleichgewicht.  Man  jagt  uns  nach,  das  wir  aeneigt  seien,  die  französicchrussiich
  uglijn  Entenic  zu  stören.  Ich  habe  nicht  den  Eindruck  gehabt,
alte  es  auch  nicht  jür  nolig.  Wir  sind  durchaus  geneigl,  in  ein  autes
lorrelies  deihnie  zu  England  zu  kreien:  je  korrekter  das  Verhältnis  in.
um  so  besser.  Aber  wenn  man  so  ein  Verhältnis  herbeisühren  will,  so  muß
man  nech  meiner  ganz  unmasgeblichen  Meinung  nicht  zu  sehr  merlen
lassen,  daß  man  das  Verhãltuis  gar  zu  sehr  wünicht,  und  dast  man  allein
raucht.  Man  muß  immer  dir  Gegenseitigkeit  gebnhrenderweise  hervor.
        <pb n="182" />
        172  Das  Beilhr  Beich  und  seiur  eingelnen  Glieder.  Mai  18.)

heben.  Das  gute  Verhältnis  zu  England  darf  auf  keinen  Fall  erkau
werden  mit  der  Preisgabe  irgendwaelchee  Interessen.  Unsere  deuschen  *-essen
  sind  uns  nartt  und  kommen  in  erster  Linie,  und  zwar  ausschlaggebend,
  in  Betra  Was  wir  zu  znserr  i  Rüstung  und  zur  Verftärkung
unserer  Morkralt  —3  darüber  laise  man  uns  gefälligst  allein  befinden,
wie  wir  auch  dem  grobhbritonnischen  Reiche  niemals  doreinreden  werden.
Wozu  tragen  wir  unsere  Rüstun  Doch  nur,  damit  das  Ausland  den
Eindruck  bekommt,  Deutschland  lähr  nicht  mit  sich  spaßen  —  auch  in  Kleinigkeiten
  nicht,  denn  damit  längt  es  an.  Fürst  Büsow  ba  helogt.  daß  die
deuische  Regierung  natürlich  nicht  mit  dem  Tomahawk  durch  die  Welt
müßte;  Herr  v.  Beihmann  sieht  so  auch  nicht  danach  r  de  Biemarck
verstand,  auch  im  Kleinen  manchmal  einen  wunderbaren,  eisigen  Waslerstrahl
  zu  schleuderm,  der  denn,  traf  und  saß  und  für  einige  ——  wirkte.
Ich  empfehle  diesen  Strahl  dem  Herrn  Reichskanzler,  sobald  Bedarf  ist.
"  werden  des  lnssiroalnde  beichuldigt!  Herr  Mber  Meiminar  hat
mal  bei  einer  Gelegenheit  von  einem  völlerpathologischen  Sevallo  ·
*  usw.  geiprochen.  Die  Jemusse  haben  alle  einen  satalen  Beigeichmack;
  man  kann  sich  bei  den  Jsmussen  nie  elwas  Nichtiges  denken.
Enueninue  ist  dem  deutichen  Wesen  ja  so  fremd,  #  die  deuriche
Sprache  jo  nicht  einmal  ein  Work  dasür  kennt  —  nicht  w  ir  Müller?
(Abg.  Dr.  David:  Maulheldentum!  .—  O  nein,  die  Fczwn  ene##de  sind

in  der  Rener  dieienigen.,  die  fälschlich  auf  den  Chauvinismus  schimpfen
Grosie  Oeiterfit.:  Die  Art  von  Chauvinismus,  die  eine  unberechtigte,  srevetl.
ho#ie  Kriegahe#tze  vorktell.  i  in  Deutichland  eine  bedauerliche  Ausnahme--erscheinung.
  Wenn  man  aber  unter  Chauvinismus  krafwolle  völkische  Staats
gesinnung  vericcht,  die  selbstbewunht  ist,  und  die  auch  selbstsicher  ist,  dann
siehe  ich  nicht  an  zu  erklären:  Ich  wünsche  F  deutjchen  Voll  einen
eichlichen  Trovfen  mehr  solchen  Chauvinismus  in  sein  Blut.  (Beifall.)
#asiermann  Nl.,:  Deutschland  hat  in  10  Jahren  eine  Friedenspolilik
  heieten.  im  Gegensatz  zu  anderen  Staaten.  England,  Frankreich
und  Jialien  haben  seitdem  ihr  Gebiet  erweitert.  Wenn  aber  Deutschland
irgendwo  eine  Kohlenstation  erwerben  will,  donn  werden  Verwahrungen
eingelegt  gegen  soiche  —  Von  der  Rede  Churchills  habe  ich
nicht  den  Eindruck,  als  ob  jie  sich  gegen  Demichland  und  seine  Flottenvermehrung
  richtete.  Wir  wihsen  in  Deutichland  keine  Aggrcsü#voliiik.  Es
waren  marineiechnische  Erwägungen,  die  sie  nötig  zechten.  keine  angressiven
und  volitischen.  Die  Verdienste  des  Herrn  v  Marschall  wollen  wir  anerlennen,
  er  hat  für  Demichland  eiwas  Fecha.  auch  dann  ist  er  vorbildlich
gewesen,  wie  er  im  Verkehr  mit  Deutichen  immer  ein  gmes  Ohr  hatte  und
daß  bei  ihm  nicht  über  bureankratische  Zurückhallung  geklagt  werden  konnte.
Wir  wollen  ihm  aber  nicht  in  überschwenglicher  Weise  Vorschuslorbeere#n  nach
London  milgeben,  wie  es  hüben  und  drüben  des  Nonals  geichi  icht.  Als  wir
das  Maroklonblommen  geuchmigten,  wurde  in  viesen  Arcisen  Deutschlands
der  Nus  nach  einer  grosten  Floltenvermehrung  lont.  Aber  dieser  Fre  Impuls

wurde  weit  zurũckgedrängt.  Bei  verständiger  Erwänung  hielt  ma—

richtig,  jfür  die  Flotte  nur  das  zu  tun,  was  sich  als  nolwendig  aunden
und  im  übrigen  den  Schwerpunkt  *  die  Ansiũllung  der  Lücken  zu  legen,
die  wir  im  Peere  haben.  Ein  starkes  Heer  bleibt  unsere  sicherse  Grundlage.
Wir  wollen  eine  iriedliche,  aber  zielbewunßte  Politik,  frei  von  allen  Plötzlichleiten.
  Wenn  die  drei  von  uns  grstellten  Forderungen  erjüllt  sind,  dann  wird
§WM  as  rhee  Amt  jederzeit  in  der  Lage  sein,  eine  zielbewusßte  ersolgreiche
Soliti  ##n#

 

l  Icltclat  des  Aeußern  v.  Liderlen-Waechter:  Es  sind  hier
soviel  *  angeschniten  worden,  daß  es  mir  schwer  iallt.  das  Material
        <pb n="183" />
        LILILIIIIIæDII  173

in  der  richtigen  Reihenfolge  vorzutragen.  Den  breitesten  Raum  hat  unser
Verhältnis  zu  England  eingenommen,  und  ich  gebe  zu,  daß  der  Wichtigkeit
  nach  das  auch  richtig  ist.  Ich  bin  aber  nicht  in  der  Lage,  dem  was  wiedergest
  und  speziell  in  der  Kommission  über  unsere  jetigen  Ahiegungen  d  ##uesi
lnd  bereits  gesagt  worden  ist,  etwas  hinzuzusügen.

Geheimniskrämerei  geklagt,  und  es  ist  auch  sonst  namentlich  n  vee  niber
mission  ung  gesagt  worden,  man  werde  uns  zum  Zieden  zwingen.  Dabei  wurde
immer  auf  fremde  Regierungen,  auf  fremde,  jreier  entwickelte  Staatswesen
hingewiesen.  Ich  mache  da  auf  eins  aufmerksam.  An  demselben  Tage,  als
ich  in  der  Kommission  auf  die  Frage  über  unsere  Beziehungen  antwortete,
hat  durch  einen  Zufall  der  englische  Premierminister  im  engliichen  Parlament
auf  dieselbe  Frage  geemtwortet.  Unsere  Antworten  waren  dem  Inhalte  nach

leich  und  dem  Wortlaut  nach  beinahe  gleich.  Der  Unterschied  in  der
Hepow#n  der  Frage  lag  2  nicht  auf  seiten  der  Negierungen  —  sondern
auf  einer  andern.  Im  Lueli  ischen  Belamen  t  war  man  der  Antwort
ufrieden  und  hat  kein  Wort  mehr  gesagt.  Den  übrigen  -  mögen  sich
2t  Herren  selber  ziehen.  weel  "  oannd  aunn  auf  unsere  Beziehungen

Rußland  bingewiesen  orden.  Auch  d  nn  ich  nur  widerhpen  Es

zu  darüber  das,  m  6ê  Ferde  in  seiner  Rede  im  Dezember

vorigen  Jahres  geicon  44%  es  darauf  ingewiesen  worden,  was  wir

i  Pe##n  aueeden  hätten.  2  *  sind  aber  meist  Sachen,  bie  uns  ia
1  haben.

muß  unsere  Reklamation  durchgehen.  d½  würde  eine  schlechte  Politik  wee
Man  exemplifiziert  immer  auf  Bism  und  die  Engländer.  Gerad

haben  ja  aber  immer  einen  Unerscht  5  4und  Wenn  eine  mimises
im  allgemeinen  Interesse  liegt,  wenn  sie  den  Engländern  politisch  paßt,  daun
wird  sie  auss  äußerste  durchgelüört.  Toßt  sie  ihnen  aber  mal  politisch  nicht,
dann  wird  einfach  gesa  g  liiitnalilangestillllnddek
Reklamation  wird  nicht  w  s5  Fort-  gegeben.  Von  diesem  Standpunkt
hat  sich  Biemarck  leiten  aasen,  lassen  sich  auch  die  Engländer  leiten.  Lassen

—  zur  Türkei  gelitten  hab  Dr.  David  hat  darauf  Sheviln.  daß
ein  Anonmus  uns  ein  E  vorausgejagt  hat.  Ich  nehm  e  an,  daß  der
Herr,  auf  den  sich  Dr.  David  bezieht,  nicht  auf  Spektator  gekauft  ist  und  nicht
vdom  Vater  Germanicus  staommt.  Dieier  Herr  behauptete  also,  wir  häten
ein  Fiasko  erlitten,  und  das  sollten  wir  nun  moglichst  rasch  dementieren.
In  der  Budgerkommission  wurden  uns  nun  furchtbare  Vorwürse  gemacht,
daß  wir  diesen  irrelevanten  Arkikel  nicht  dementiert  hälien.  Auf  ein  Dementi
wurde  aber  dann  erklärt:  Nun  io,  das  ist  ein  Dementi,  aber  wir  glauben
es  nicht.  Und  dann  verlangen  Sie  noch,  daß  wir  alles  dememtieren,  was
geschrieben  wird.  Abg.  Bassermann  hat  die  Frage  an  mich  gerichtel,  wie
es  mit  etwaigen  Beschwerden  unserer  Kaufleute  in  Marokko  steht.  Ich  bin
in  der  erfreulichen  Lage  zu  sogen,  daß  wir  gerade  in  der  allerletzten  Zeit
fast  gar  keine  Beschwerden  hauen.  Der  Snepbosidrnn  der  Reichsbank,  Herr
v.  Glasenapp,  der  in  Tanger  war,  um  die  Beschwerden  unierer  Staatsangehörigen
  centgegenzunehmen,  verücherte  mir  ausdrücklich,  überall  werde
ihm  gesagt,  das  Geichäft  gehe  gut  und  besser  als  bisher.  Im  Fall  Renichhausen
  sind  zweifellos  Uebergriffe  vorgekommen.  Die  Sache  wurde  iaünch
nerst  durch  unseren  Gesandten  in  Tanger  behandest,  wir  haben  aber  ouch  sosor-
  bei  der  französischen  Regierung  sehr  energisch  Verwahrung  eingelegt  und
        <pb n="184" />
        174  Das  Lentse  Ariq  aub  seine  rielaca  Glicdet.  (Mai  18.)

regets  verstehe  Ich  ha  le.  daß  die  Aufnahme,  die  die
erste  B  eschwerde  renl  unserem  Va  i  in  Tanger  bei  dem  „anilche
Gesandten  in  Tanger  fand,  nicht  ganz  genau  der  Aufnahme  ennerech,  die
6  se  Sehorden.  ihr  enigegenbrochten.  Wir  werden  aber  diese
benfalls  genau  prüfen,  wenn  wir  über  die  inze  henen  antercichen
s  ad  and  auf  nhen  Rechte  bestehen.  Es  ist  noch  die  Frage  auigeworjen
worden,  daß  wir  auf  eine  kurze  Afeage  über  die  Scißessretrwer  —i

Pö0  unserer  Beziehungen  mit  Holland  nichts  geantwonet  hätte
I  uorr  das  vorgebroh  hat,  hat  dabei  Wegt  das  deit  habe  cn
Recht,  d  wissen.  Ich  glaube  aber,  daß  das  Bolk  auch  ein  Recht  hat,
daß  nic  1a  Indiskretionen  derartige  ed  or  ngen,  die  im  Interesse
des  Reiches  gefüdrt  wwerden,  z  Kon  werden.  Gustimmung  —  N  ferner
efragt  worden,  wie  ei  Kamerun  wäre.  Wir  haben  uns  mit  der
ranzösischen  Bcon  "0  das  Ieemssemeen  einer  Kommission  verl
  K  ouch  Über  die  Zusammensepung  der  Kommission
verstandigt.  und  ich  hoffe,  daß  die  Kommission  demn  aat  in  Bern  wird  zusammentreten

  können.  Diese  nommission  wird,  soweit  es  nach  nnunmanh
and  ist,  noch  weiter  die  Grenzen  leststellen  Einen  großen  Naum  in  der
9.  die  Frage  der  Ausbildung  der  Diplomaten

eingenommen.  Die  Ausbildung  der  Diplomaten  ist  keine  Frage,  die  hier
im  Pienum  erledigt  werden  kann.  Schließlich  wird  man  noch  bei  einer
besonderen  Akademie  des  Jweren  Amts  anlangen.  Gewih  müssen  die
i  plomaten  viel  lernen,  und  wir  wollen  sie  auch  ökonomisch  ausbilden,  alles
nen  wir  albnen  r  iebt  beibringen,  denn  sonst  sind  sie  tot,  bis  sie  auset
  sind.  (Grest  Heiterkeit.)  Die  Leute,  die  wir  im  nuswärnigen  Amt
eichäjtigen,  sind  lehr  lange  —  und  nun  sollen  wir  dazwischen
Kaufleute,  Hirtenknaben  usw.,  die  sich  für  den  dintomonsarn  Diennt  eignen,
f

bleiben  kre  anstalt  sich  nun  noch  sehr  lange  ausbilden  zu  lassen.  Da
feit.  Horlichig  sein.  Mit  der  Resohhuion.  die  abie  —#
0  n  erWeileliinipatliiiierenWinbutanicht
die  Leute  aene  lossen,  die  sich  evemuell  für  den  onlommenssaren  Dienst
cignen:  da  müßte  man  vielleicht  schon  zwelfjährige  Knaben  berücksichtigen.
Ich  glaube  allo,  die  Frage  ist  noch  nicht  reif  zu  einer  Enilchließung  im
Plenum,  und  ich  birte  deshalb  die  Herren,  die  Sache  vorläufig  zurückzustellen.
  —  L
g.  Hebel  (Z.)  begründet  die  Resolution  des  Zentrums,  welche
einen  Go.  rber  zur  Regelung  der  t  Ardeitsverhalinisse  der  fremdländischen
  Landarbeiter  forder
Staatoselretãr  Dr.  e  ist  lein  Zweisel,  daß  die  Massen
von  Wanderarbeitern  nichtdeutscher  beih  tein  die  wie  eine  Welle  über
unser  Land  dahinsluten  und  dann  in  die  e  Heimat  zursickukehren  pflegen,  den
Verwalkungen  der  Einzelstoaten  Probleme  verschicdenster  Art  ausfgeben.  Ich
mochte  ausdrücklich  feststellen,  daß  an  sich  die  ausländischen  Arbeiter  sowohl
nach  öffentlichem  wie  nach  privatem  Recht  den  inländijchen  Arbeitern  gleichgeitelli
  sind.  Sowie  ein  jolcher  Arbeiter  in  einem  Beiriebe  bei  uns  beichãitigt
i#t,  so  unterliegt  seine  Beichöftigung,  seine  Erhaltung  und  Unterbringung
genau  so  der  Aufsicht  der  Gewerbe-  und  enlseibehrbeg.  wie  die  unserer
einheimischen  Arbeiler.  Es  besicht  aolio  ein  bejonderes  Recht  für  die  Auslander
  nicht.  Aehnlich  liegen  die  Dinge  aber  auch  sé  den  landwirtschaftlichen
  Arbeitern.  Auch  auf  diese  und  die  von  ihnen  abgeschlosienen  Ver-
        <pb n="185" />
        Des  Merische  Nrich  u#nd  seine  rinketurn  Glieder.  (Mai  18.)  175

träge  und  ihre  Lenseauenten“  treffen  die  Bestimmungen  des  BGV.  zu.  Der
einzige  Unterschied  liegt  darin,  baß  man  den  ausländischen  Arbeiter  *
weisen  kann.  Diese  ih  der  Ausweisung  müssen  wir  uns  aber  v
behauen  aus  einer  Reihe  von  Gründen,  die  alle  auszuzählen  hier  nenglich
  ist.  So  kann  es  aus  nncchen  und  politischen  Giastdenr  unerwünscht
Heirt  ausländische  Arbeiter  unbegrenzt  bei  uns  zuzulassen
Abg.  Ledebour  (Sd.):  Wir  stimmen  der  Resolut  nion  zu.  Die  Stellung
der  auswärtigen  landwirtschaftlichen  Arteiler  #ist  zweisellos  noch  ungünstiger
als  die  der  unfrigen.  Wir  werden  deshalb  jeder  Anregung  zur  Besserung
folgen.  England  ist  mit  Kolonien  taln  Deurichtand  hat  davon  noch
lange  nicht  genug.  „Es  gibt  zwei  Sorten  Ratten,  die  hungrigen  und  die
satten“:  die  deutschen  Patrioren  sind  in  der  Lage  der  hungrigen  Ratten,
obwohl  der  Schein  täuscht.  Die  hungrigen  Ratten  sind  gegenüber  den  sanen
immer  aggressiv.  Da  können  die  schönsten  Reden  von  seiten  der  Regierung
und  der  Friedensfreunde  in  Demichland  gehalten  werden,  die  Engländer
werden  sich  angesichts  der  deusce  Nüstungsvermehrung  nicht  davon  abbringen
  lassen,  zu  glouben,  daß  Deurichland  über  sie  derfällt,  sobald  es
eine  ausreichende  Flotie  zu  haben  *  Nichts  ist  auffälliger,  als  daß
dic  beiden  großten  nulturnationen,  Frankreich  und  Deu:schland,  sich  so  entzweit
  haben,  daß  Frankreich  eng  zusammengeht  mit  Rußland  und  seiner
darbarischen  Regierung.  (Dizepräsident  Dove  erklärt  diesen  Ausdruck  für
unguläisig.;)  Es  ist  zwar  nicht  die  oiffizielle  Anschauung,  aber  die  Anschanung
  des  überwiegendsten  Teils  der  demichen  Nation  und  glücklicherweise
  ech  der  russiichen,  die  am  meislen  unter  diesen  Zuständen  zu  leiden
hat,  die  mon  hier  im  Hause  nicht  darbarisch  nennen  darf.  Herr  Oertel
hat  mit  dem  friedlich=  fsüßen  Biedermannskon,  der  ihm  zu  Gebote  steht,
seiner  Bewunderung  für  die  rufsische  e4  #uede  gegeben,  für  dieselbe
  Regierung,  die  noch  jungst  wieder  bei  jedem  anständig  empfindenden
Menschen  die  tiessle  Empörung  durch  die  M  ermiennn  von  500  Arbeitern
in  den  Lena-Goldminen  hervorgerufen  hat.  Damit  hat  sich  diese  Regierung
abermals  aufs  ärgste  diskreditmert.  (Bizepräüdent  Dove  ertlärt  es  wiederholt
  für  unzuiisig.  in  bezug  auf  fremde  Regierungen  Ausdrücke  wie  „Niederme-ßlung“
  usw.  zu  gebrauchen.)  Eine  solche  Regierung,  die  ich  hier  nicht
noch  einmal  mit  Rücksicht  auf  den  Herrn  Pro#üüdenten  als  barbarisch  dezeichnen
  will,  dari  nicht  durch  Gelder  aus  den  Kuliurländern  unlerstunzt
werden.  Es  ist  eine  schamloie  Tarsache,  daß  die  Gelder,  mit  denen  der
Zar  seine  Helierahrlier.  die  Soldaien,  bezahlt,  um  die  Juden  auszurotten,
von  deutsch-  indischen  KNavitalisten  stammen.  Wir  vertreten  nicht  nur  die
Interessen  ziusenen  Volkes,  jondern  der  ganzen  kultivierten  Welt.
prechung  ellumner.  Punkte  werden  die  Nesolutionen  der
Fortschriut.  Sreh  und  des  Zentrums  gegen  die  Rechte  angenommen.
18.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaue.)  Den  Anträgen
  des  Justizministers  gegen  Borchardt  und  Leinert  hat  die  Geschäitsordnungskommission
  im  Widerspruch  mit  langjährigem  Brauch
zugestimmt  zur  Einleitung  eines  Strafverfahrens  gegen  die  Abag.
Vorchardt  und  Leinert  wegen  Hauefriedensbruchs  und  Widerstands
gegen  die  Staatsgewalt.
1.  Ma  Berliner  Preßstimmen  zum  Verhallen  Scheidemanne:
„Vo  vwe  Ena  die  einzige  Zeitung,  die  Scheidemann  wie
einen  eur#  Pieaal  Wen  e  Junker  diesen  Anklagen  gegenüber  e.  1
rüstet  auffohren,  so  ist  das  wrdiep  denn  ihre  Herrschaft  ist  es,  um  die
        <pb n="186" />
        176  Das  Denisqt  Reiq  und  seiur  einzelnon  Glieder.  (Mai  18.)

es  sich  handelt,  wenn  von  Preußens  Schande  gesprochen  wird.  Wenn  aber
Herr  v.  Beihmann  Hollweg  diese  politische  Heuchelei  der  Konservativen  mitmacht,
  was  beweis  das  anders,  als  daß  er  sich  nur  als  konservativer  Handlanger
  fühlt.  —  2  Die  „Morgenpa  schreibt:  Unverzeihlich  war  der
Fehler,  den  Herr  Scheidemonn  begangen  hat.  Er  hat  das  Gefechtsfeld
verschoben.  Er  hat  dem  Reichskanzler  nicht  bloß  einen  theatralischen  Exodus
ermöglicht;  Scheidemann  war  Beihmanns  Neuer.  Das  beleidigte  Preußen
drängte  die  Straßburger  Drohungen  in  den  Hintergrund.  Aus  dem  Verteidiger,
  dessen  Chancen  herzlich  schlecht  standen,  wurde  der  Staatsanwalt,
aus  der  Dejensive  ging  der  Reichskanzler  zur  Offensive  über.  Die  Redewendungen
  vom  Zuchthaus  und  von  Siieien  haben  das  Jena  des  Kanziers
dan  verwandelt.  —  3.  Die  „Vossische  Seitung.  mibiligt
die  Wusteungen  Scheidemanns  über  Preußen.  Nur  meint  sie,
Reichskanzler  und  die  Mitglieder  des  Bundesrats  zu  nervös  394  F
sonst  hätten  sie  leinen  Grund  gehabt,  den  Saal  zu  verlassen.  Der  Präsident
  habe  bei  dem  Lärmen  Im  Saale  die  Worie  Scheidemanns  nicht
richtig  tare  Voer  habe  aber  nachträglich  den  Redner  zur  Ordnung
rufen,  und  im  übrigen  denle  der  Präsident  Kaempf  über  die  Aeußerungen
Eeeran,  keinen  Deut  anders  als  der  Ranzler.  —  4.  „Berliner
blatt“:  Wir  bilden  uns  ein,  im  Kompfe  gegen  das  System,  wonach
475  Kurzen,  *  wird,  unseren  Mann  zu  siellen.  Aber  wir  werden
r  geschmacklos  halten,  unserer  tieibegründelen  Abneigung  gegen
Sflen  durch  t  hun  der  preußischen  Staatsangehörigseit  Lust  2
machen.  Wahrscheinlich  hat  Herr  Scheidemann  Preußen  gar  nicht  beschimpfen,
  iondern  nur  sagen  wollen,  die  Drohung  des  Noisers  mit  der
Einverleibung  in  Preuen  lasse  die  Annahme  zu,  9  eine  solche  Einverleibung
  die  schwerste  aller  Strafen  lei.  Aber  wie  Herr  Scheidemann
das  sage,  kühl  und  a#u#n  berechnet,  bar  es  einen  “—  Rlang.  —  5.,Tägliche
  ndschau“:  Scheidemonn  hat  unter  gang  erstaunlicher  Verienmung
kche  Rn  piuchologischer  Wirkungen  auch  Leute  von  sich  weggescheucht,
die  sonst  Em3  nicht  übel  Lust  baneen,  in  seiner  Nähe  zu  Leen.
enoise  Scheidemann,  das  sei  ihm  mit  Dank  bestäligt,  hat  geĩtern  im
Reichstag  zur  Ureindera  einer  vielleicht  peinlichen  Kaijerdebaite  jedensalls
  das  Beste  getan.  Er  hat  dem  Reichskanzler  die  Argumente  für  die
Vertretung  der  Straßburger  Kaiserworte  geradezu  in  den  Mund  gelegt,
und  dieser  hat  die  Schwäche  eines  blindwütig  anrennenden  Gegners  sehr
geichicht  ausgenutzt.  —  6.  Dagegen  ist  die  „Post“  mit  der  Abwehr  des
Angriffes  sehr  unzufrieden:  Ein  solcher  Kanzler,  der  jeinen  Noiser  verließ,
wann  hat  die  Well  dos  Schauipiel  geschen?  Niemals  war  ein  *  von
Preusien  verlassener,  als  gestern  Wilhelm  Il.  es  war.  Die  „Post“  findet
nämlich,  Scheidemann  habe  den  Lonig  von  Preußen  direkt  um  indirekt
des  Borkbruchs  geziehen.  Sie  scheim  au  glauben,  daß  die  Aeußerungen
Scheidemanns  dch  aui  den  jebigen  König  bezogen.  hätten,  während  sie
Friedrich  Wilh  IV.  galten,  und  vermißt  nun  bei  Herrn  v.  Bethmann
Hollweg  die  unnchn  Junn  Proteft  in  stammender.  Rede.  —  7.  Gon
anderer  Meinung  ist  die  „Hreuszeitung“:  Der  Ansturm  gegen  den  Kaiser
ist  gestern  im  Beicher  tage  vom  Reichskanzler  cnergiich  und  gründlich  abseichianen
  worde
Gegen  e  Auffassung  der  „Post“  wolemiifern  dit  n  Allgem.
geitung“  in  sehr  scharjen  Wendungen.  Am  riugt  die  „Post“
urn  eine  Zuichrift  aus  bortomentarischen  Lese  hit  Auffassung,  daß
er  Vekk  Reichskanzler  in  der  Sivung  vom  17.  Mai  den  König  von  Preußen
in  die  Scheidemannschen  Angriffe  nicht  genügend  verteidigt  habe,  ent-Koehnr
  nicht  den  Anschauungen  aller  Minglieder  der  Reichspartei.
        <pb n="187" />
        Des  Perisqͥe  Reiq  aul  seine  rinjeluea  Glleder.  (Mai  18.  20.)  177

1#8.  Mai.  (Homburg  v.  d.  Höhe.)  Durch  Kabinettsordre  beauftragt
  der  Kaiser  den  preußischen  Kultusminister,  ihm  den  Entwurf
einer  Universitätssatzung  für  Fronkjurt  am  Main  vorzulegen,  sobald
der  Nachweise  der  erforderlichen  Mittel  in  vollem  Umfange  erbracht  ist.

18.  Mai.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  kommt
durch  Annahme  eines  von  den  Nationalliberalen  und  dem  Zentrum
eingebrachten  Kompromißantrages  eine  Einigung  über  die  Frage
der  Kostendeckung  der  Wehrvorlagen  zustande.

s  werden  angenommen:  1.  Der  Kom  mpromißantrag.  Eingiger.
  Artikel:  Die  im  Artikel  5  des  Gesetzes  betreisend  die  Aenderungen
in  Finonzweien  vom  15.  Juli  1909  vorgesehene  Ermäßigung  der  Zuckerneener
  trin  jechs  Monate  nach  der  Einführung  eines  Gesedes,  welches  eine
allgemeine,  den  verschiedenen  Besitzformen  getecht  werdende  Brützsteuer  vorichreibt,
  spätestens  am  1.  Ollober  1916  in  Arast.  Der  Gesetentwurf  ist
dem  Reichstage  bis  zum  30.  April  1913  vorzusegen.  —  2.  Der  Zus
der  Solialdemokraten,  der  lamet:  „In  dem  Geisez  ist  vorzuiehen,
  daß  die  Höhe  der  Siurrauogten  alljährlich  durch  den  Reichshaushalts
ctat  festznieden  ist.“  3.  Auch  der  Antrag  der  Fortschritilichen  Volks.
vartei,  der  laufet:  „Dem  Reichstag  in  der  W  eines  Geienes,  beireffend
Nenderung  des  Erbichaftssteuergeietzes,  wie  er  dem  Reichstag  bereits  am
uni  1909  vom  Bundesrat  vorgelegt  worden  ist,  so“  #cchtzei#ig.  wirdenr  vor
zuleyen,  daß  er  mit  dem  1.  April  1913  in  Kraft  treicn  kann.“  (Siehe  21.  Mai.)

20.  Mai.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  tehn,
der  freisinnigen  und  der  nationalliberalen  Anträge  auf  eine  Resorm
des  Webkrrchte.

e  Fortschrittspartei,  Aronsohn  und  Gen.  srantranen  den
vein  e  „Die  Regierung  zu  wiuchen.  noch  in  dieier  Seiiion
einen  Geiehentwurf  vorzulegen,  durch  den  1.  unter  Abände  #an  der  Artikel  70,
71,  72  und  115  der  preußischen  Veksasiniunenuntunde.  für  die  Wahlen  zum  Abgeordnelenhause
  das  allgemeine,  gleiche  und  direktr  Wahlrecht  mit  geheimer
Stimmabgabe  zur  Einsuhrung  gelangt,  2.  zugleich  aui  Grund  der  Ergebnisse
  der  le##en  Volkszählung  und  entsprechend  den  Grundiayen  des  Geseves
  vom  27.  Juni  1#i0  eine  anderweitige  Feustellung  der  Wahlbezirke
für  die  Wahlen  zum  Abgrordneienhause  herbeigefüort.  und  die  Gesamtzahl
der  Abgcordneten  neu  bestimm  wird.“  —  Die  Abgrordneten  Aroniohn  und
Gen.  sicllen  serner  für  den  Full  der  ##lchunng  des  Prinzivalantrags  jol  ·
genden  Eventnalantrag:  „Die  Regierung  zu  ersuchen,  noch  in  dirier
Seilion  einen  Geuemwurt  vorgulegen,  durch  den  unter  Abänderung  der
Ar#ikel  70,  71.  72  und  115  der  prrußstischen  Verjaissungsurkunde  für  die
Wablen  zum  irgeovbnetenlhanie  das  allgemeine  und  direkte  Wahlrecht  mit
geheimer  Sümmatgade  zur  Eininhrung  gelangt.

tionalliberaten,  Dr.  Friedberg  und  Gen.,  beamtragen:
.„Die  *  zu  ersuchen,  einen  Geietzemwuri  vorzmiegen,  der  für  die
Lohlen  zum  Abgeordnelendauie  —  unter  Veibehaltung  des  Snenis  eines
abgestuiten,  piulokratische  Answüchie  vermeidenden  Wahlrecks  und  umer
Beieitigung  der  Beitimmungen  des  (W#eiees  vom  29.  Juni  1#,  die  den
Grundsatz  zur  Bemessung  des  Wahlrechts  nach  der  Sleuerleistung  im  Gemeindebezirk
  verletzen  —  die  gehrime  Slimmabgabe  und  die  direkte  Wahl

Eukopäischer  Erschichtekalender.  1.1II1.  12
        <pb n="188" />
        178  Des  Renisqe  Neich  u#d  friut  eindelmrs  Glieder.  (Mai  20.)

26.  Mai.  (Reichstag.)  Verträge  mit  Bulgarien.  Unter.
stützung  der  Versuchsanstalt  für  Luftschiffahrt.  Die  Branntweinix–-D
  in  zweiter  Lesung.

Die  Verträge  ksn  Fulgarten,  Konsular-,  Rechtsschut=  und  Ausderungenerttag
  stehen  zur  ersten  L

Ministe  T#eisehod  im  Aufwärigg  u  Amt  Dr.  Kriege  bringt  kurz  die

i  "6  daß  die  Entwickelung  Bulgariens
in  den  letzten  Jahrzehnt  gen  den  Wunsch  dieses  Staates  erklärlich  macht,
seinen  Rechtsverkehr  mit  dem  Auslande  auf  der  Grundlage  des  Foeere
Völkerrechie  zu  gestalten.  Sämtliche  Mächte  sind  mit  der  Abschaffung  d
KNapitulation  in  VBulgarien  einverstanden,  und  ouch  Deutschland  kann  5
iein;  denn  Geseygebung,  Rechtspilege  und  Verwaltung  sind  in  Bulgarien
soweit  entwickelt,  daß  man  ihnen  die  Intereisen  der  deutschen
angehörigen  in  gleicher  Weise  anvertrauen  kann,  wie  den  älteren  Staaten
der  Iaeshererchsgemeiusch  aft.

Abg.  Dr.  am  Zehnhoff  (3.)  erläutert  in  der  Geschäftslage  entsprechend
  kurzen  Wesährunen  die  in  Betracht  kommenden  Rechidinieressen
und  belont,  daß  diese  drei  Verträge  als  Muster  gelten  können  G  die
internationale  Behandlung  der  Ausländerrechte  überhaupt.  Der
pibt  einige  Aregungen.  die  sich  auf  Reformierung  der  uis
estimmungen  mit  den  Lertinigen  Staalen  und  auf  die  Bereinheitlichung
der  Nehlawregulierung  beziehen

A  e  (Ve..)  gibt  die  Aeegung.  zu  Verhondlungen  mit  der
Türkei.  Tiese  u  veranlaßt  werden,  ihre  Rechts-  und  prozessuale  innere
Geie#tgebung  so  zu  gestalten,  daß  man  allmählich  auch  dort  von  dem  System
der  napitularion  zu  vertragsmähigen  Abmachungen  üÜbergehen  kann,  denn
einstweilen  ist  das  ja  nicht  möglich.  Es  ist  zuzugeben,  daß  die  Tuürkei
gegemmwärtig  wichtigere  Sachen  zu  tun  hat  als  die  Besserung  des  inneren

echtegustandes,  dennoch  dari  dieses  Ziel  nicht  außer  acht  gelaslen  werden,
und  die  àcmticke  Regierung  sollte  ihre  Beziehungen  zu  der  Türkei  in  diesem
Sinne  benutzen.
*B  e  (Ed.):  Wir  werden  den  Verträgen  nuustimmen,  da  sie
gegen  de  rrie  Zustand  einen  Fortfchrin  darstell
nisterialdirekior  Dr.  Kricge:  rt  sind  bemahn,  mit  den-  *xeinigten
  er  zu  einem  P.  Trnge  i  la  zu  kommen,  der  d
dernen  Technik  mehr  entspri  ichl.  Die  Frage  der  einheitlichen
regulierung  beschäftigt  uns  auf  das  allerernsieste  und  auch  die  anderen
i  Die  internationalen  Prioamechtskonferenzen  hyuben  sich  schon
mehrsach  damit  bejaßt,  und  die  letzte  Konferenz  ist  schon  zu  einem  Abkommen
  gekommen,  wonach  das  materielle  Erbrecht  von  den  beteiligten
Stoaten  geregelt  und  angenommen  ist;  es  soll  die  Einheitlichkeit  des  Erbrechts
  gewahrt  werden.  Die  hnöchste  Nonjerengz  wird  sich  weiter  damit  bejossen.
  Die  Anregung  des  Herrn  Dove  wegen  der  Türkei  nehmen  wir
mil  lebhaftestem  Inleresi#e  eeehen.  Es  wird  unsere  Sorge  sein,  a
Au  tun,  was  ges  eschehen  kann,  dort  das  materielle  Recht  und  WB.fahren  zu
verbeisern.

Abg  Stöve  (Nl.):  Bulgarien  hat  sich  in  verhälinismäßig  kurzer
Zeit  unter  der  tarkraftigen  Leitung  seines  Zaren  zu  einer  Höhe  herausgearbeilet,
  daß  wir  je#t  mit  ihm  Verträne  abichließen  konnen.  Die  einstimmige
  Annahme  der  EE  durch  den  deutschen  Reichstag  wird
dem  bulgarischen  Volke  zeigen,  daß  die  deuische  Bevöllerung  begeie  ist.
ieine  haliontevaltisann  Veziehungen  mit  ihm  innig  zu  pflegen  und  zu
erweitern.
        <pb n="189" />
        Jes  Zeulst  Rrich  ud  seinr  eispeluns  Elid'r.  (Mai  20)  179

Die  Verträge  werden  nach  Sh  dieser  Aussprache  geich  auch

in  zweite.  Lelung  Senehmit,  un  auf  Antrag  Bassermann  en  bloc.
„Deutsche  3  für  Shnschuseree  ##n  als
dnn  zur  n  einer  deutschen  Versuchsanstalt  für  Luftschitf

  ahrt  200000  Mk.  und  als  wuschen  Verluch  für  1912  50000  Mk.

gewährt  werden.
Slresan  retär  n  Delbrück:  Der  Verein  s  Deusche  Bersuchsanstalt

für  Luitschiffahr“  E1rt!  t  der  Bitte  um  Unterstützung  an  uns  herangetreten.

ollen  ihm  nun  vom  ide  als  Bezan  zur  ldun  einer  Deutschen
Lrlchepeic  ar  Luftschisfohrt  200000  Mk.  zur  Verfügung  gestellt  werden,
ferner  als  Beitrag  zu  den  Unterholtungskosten  für  1912  die  Summe  von
50000  Mk.  Mit  Beesun  Ergänzungsekat  sollen  also  Wansche  erfüllt  werden,
die  vor  zwei  Jahren  in  diesem  Hause  in  einer  Reihe  von  Resolutionen
zum  Ausdruck  gekommen  sind.  Ich  habe  es  eigentlich  bedauert,  doß  es
nicht  möglich  war,  diese  Wünsche  bereits  früher  zu  “  caber  die  Ber-3ögerung,
  die  wider  meinen  Willen  eingetreien  ist,  hat  d  i
gehabt.  Denn  in  zwei  Jahren  ist  das  Lissuet  gür  bet  noch  uerordenulih
vorwärts  gekommen.  Das  Programm  ist  ausgestaltet  worden
sind  in  der  Lage  gewesen,  Ueberslüssiges  auszuschalten  und  Neues  hinzuusügen,
  was  wir  vor  zwei  Jahren  noch  nicht  hätten  tun  können.
Keichert.  forderte  nun  elden  eine  Reichsfluganstalt.  rt  halten  es
aber  für  vorteilhofter,  wenn  wir  davon  absehen,  da  diese  Frage  sehr  schwierig
ist,  und  dafür  ein  Privatunternehmen,  wie  es  hier  vorgeschlagen  wird,
unterstützen.  Wir  hoffen,  doß  der  Entwicklung  der  Luftschiffahrt  damit
diejenige  praktische  und  wirtichaftliche  Grundlage  gegeben  wird,  die  für  sie
noiwendi

 

Spahn  (3.):  Man  kann  zweifelhast  sein,  ob  nicht  eine
veclent  Desser  gewesen  wäre  als  die  Unterstützung  einer  Privatanstalt.
  Wir  stimmen  aber  im  allgemeinen  Interesse  der  Luitschiffahrt  der
Vorlage  zu-Abg.

  Bassermann  (Nl.):  Auch  wir  hatten  in  einer  Rejolution
seinerzeit  die  weitere  tatkrästige  Forderung  des  Luf#chiffahrwesens  gesordert.
  Wir  begrüßen  die  neue  Vorlage  mit  besonderer  Freude,  da  damit
ein  Herzenswunich  des  Grafen  Jevpelin  erfüllt  wird,  der  seit  Johren  an
die  Abgeordneten  und  an  die  Regierung  mit  dem  Wunsche  herangetreten
ist,  eine  derartige  Anstalt  doch  %  Leben  zu  zufen,  Wir  schreilen  ausf
dem  chiree  des  Lufr#chiffahrmwejens  von  Tag  zu  Tag  vorwärts.  Bei
diesem  Eifer  der  Privatinitiative  war  eine  Va  ung  des  Reiches  an
diesen  Bestrebungen  durchaus  —  die  (Kroß  Bedeutung  für  Heer
und  Marine  wird  niemond  leugnen.  Es  kommt  auch  der  große  Vorsprung
in  Verrg  den  Fragreich  bereits  oben  soll  uns  der  einzuholen  sein  wird.

#Meiningen  (Vy.):  Ich  beichränke  mich  Sen
pvamenen  —  ter  Freunde  zu  erklären,  daß  wir  die  hier  ge
Fberderungen.  annehmen.  Wir  wünschen,  daß  die  Versuchsanstalt  4  ken.
schiffahrt  die  Wünsche  und  Bs  vollständig  erfüllen  möge,  die
weiten  ge  *N  sie  geietzt  werden.

i  sodann  die  ee  Leiung  der  Branntweinsteuervorlage.
  86  Südekum  (Sd.)  wendet  sich  mit  großer  Entichieden.
beit  gegen  de,  Vorlage,  die  keine  Aufhebung  der  Liedesgabe  bringe.

N.  blehnung  aller  Aenderungsvorschläge  werden  die  Komangenommen.


20.  Mai.  (Nakel  bei  Friesack.)  Prinz  Georg  Wilhelm  von
Cumberland  verunglückt  tödlich  auf  der  Fahrt  zur  Beisetzung  des
12
        <pb n="190" />
        180  VDas  Perste  Reiq  and  seine  einjeluen  Slieder.  (Mai  21.)

Königs  von  Dänemark  in  seinem  von  ihm  selber  gelenkten  Auiomobil.
  §#  t%  rbat  ein  Aller  von  81½2  Jahren  erreicht.

Deutsche  Kaiser  richtet  an  den  Bater  ein  Beileidstelegramm,
das  her  F  ue  wird,  und  entsendet  die  Prinzen  Eitel  Friedrich  und
August  ur  nach  Naiei  um  dort  der  Leiche  des  Prinzen  Georg  Wilhelm
die  letzten  Ehren  zu  erweisen.

21.  Mai.  (Reichstag.)  Zwei  Anregungen  zur  Veränderung
der  Steuergelege

Anschluß  an  die  Erörterung  der  Einnahmen  aus  den  Zöllen
werden  bin  der  k#s  Wit  Entwürfe  vorgeschlagen:  a##  Einziger
Anikel.  Die  im  Art.  VI  Neicheinanzreformgesete  von  1909  vorgesehene
Ermäßigung  der  Vserkeur  trin  sechs  Mona#te  nach  der  Einfuhrung
eines  Gesetzes,  das  eine  allgemeine,  den  verschie  een  Hrliesoe  gerecht
werdende  Frsioshesert  helebel.  spätestens  am  1.  Oklober  1916  in  Rrait.
Der  —  mwurt  ist  dem  Reichstage  bis  zum  30.  Aur#  1#1  vorzulegen.
In  dem  Gese  ist  vorzusehen,  daß  die  Höhe  der  Shorn  alljährlich  durch
den  Beeschehaubaltgen  feitzuietzen  ist.  b)  Einziger  Artilel.  Dem  Meichs.
tag  ist  der  Entwurf  eines  Gese  *  betrefiend  Aenderung  des  Erbschafts.
suergesept.  wie  e  dem  Ichstngckensqmusun»von-m
Bundesrat  vorgelegt  worden  ist,  so  rechtzeitig  wieder  we  daß  er
mit  dem  1.  orndt  1913  in  prast  treien  batse  (Siche  1  ai.)

bstimmung  wird  der  Entwurf  #  in  seinem  ersten  Teil
mit  grostr  Morm  hrheit  angenommen,  dagegen  stimmen  nur  Sozialdemokraten,
Polen  und  Eliaß.  Lorhringer.  Der  zweile  Absat,  berreifend  di  Quotisierung,
wird  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokratie  abgelehnt.  Ueber  den  Entwurf
  1#  weischeltieen  wird  namentlich  abgeslimmt.  Der  Entwurf  wird
mit  184  6  169  Stimmen  angenommen.  Die  Verkündung  des  Resultats
wird  von  6  F  mit  lebhaftem  Beifall  begrüßt,  dem  Gelächter  auf  der
Rechten  antworte

21.  Mai.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Höhere  Schulen.
Der  Plan  einer  Universität  in  Frankfurt  am  Main  und  das  höhere
Unterrichtewesen.

Geheimrat  Prosessor  Dr.  Hillebrandt  und  Genossen  beantragen
elgende“  Reioluticn:  „Die  Königliche  Siaatsregierung  wird  ersucht,  der
Errichtung  einer  Universi#äl  Franksurt  a.  M.  nur  unter  folgenden  Voraus-.
eien  #austunmene  I.  daß  der  sioatliche  Chorakler  der  Universilät  genau

wie  bei  den  übrigen  vreuienn  ind  deusschen  Universitären  gewahrt  werde:
2.  daß  die  Verufung  von  Lehrern  der  Universität  nur  durch  den  Sioarnt
nach  Auhbörung  der  Vorichläge  der  Fakuliten  wie  bei  den  andern  Universitäten
  eriolge:  3.  ras  auch  für  die  Zukunft  die  finanzielle  Grundlage
der  Universitäl  ohne  Inanipruchnahme  von  Siactemilteln  als  gesicher  nachewiesen
  und  die  Stadt  Frankiurt  verpflichtet  werde,  gegebenenfalls  dafür
“  wisstomimen

5

4.  Martenburg:  Das  mnasium  ist  unersetzlich  als
Basis  4  saicb  nuliur.  Ich  fürchie,  da  die  neure  Nichtung
dieies  Ziel  gejährdet.  Die  Schutreform  soine  nicht  die  Eigenart  des  Gumnasiums
  biüsnenem  Wird  nun  die  Entwicklung  des  Genmne#sm  in  seinen
historischen  Bahnen  jorigeleitet.  ist  es  seiner  Aufgabe  gewachsen  zum  Sindium
an  den  Universitäfen,  die  kein  nonglomerat  von  Fachschulen  sein  sollen?
Jedes  lateinische,  griechiiche  Wort  ist  ein  Stück  Aucnum;  daraus  rejultiert
die  Ueberzeugung  von  der  bildenden  Kraf##t#des  Sprachstudiums.  Ueber-
        <pb n="191" />
        Des  Prffir  Miich  u#d  sent  rinzelurn  Glieder.  (Mai  21.)  181

beungen,  ku  Kuiemals  den  Geist  einer  literarischen  Produktion  bewahren.
Ich  sreu  daß  die  Bedentung  von  altsprachlichen  Studiums  auch  von
3  Kennern  des  Altertums  anerkannt  ist.  Zur  Vochildung
ür  die  Anwenstem  iind  in  enser  rt  die  Gymnasien  berufen.  Für  d
Naturwissenschaften  ist  die  KRenntnis  der  alten  Sprachen  notwendig.  wenn
man  die  Nakurwissenschaft  dsoorilch  beitreiben  will.  Zur  Naturwissenschaft
hoben  die  Griechen  den  Grund  gel  r*  Das  Studium  der  Philosophie  ist
ohne  Sindium  der  Antike  unmöglich.  Der  Historiker  muß  zu  den  Quellen
mnrrückgehen,  für  ihn  ist  die  Kenntnis  der  alten  Exrachen  unerläßlich,  von  den
lochene  gar  nicht  zu  reden.  Ebenso  unerläßlich  ist  die  Kenntnis  der
alten  Sprachen  für  die  Theologen.  In-  btzug  auf  die  Jurisprudenz  ist
man  darüber  einig,  daß  die  **5  ntwi  i
ein  Quellensiudium  notwendig  macht.  Das  romische  ecn  in  Ginstest
durch  das  griechische.  Bon  oen  Medizinern  wiu-  ich  schwe  Ich  we
nicht,  ob  die  alte  Sprache  dozu  unbedingt  notwendig  ist.  ei  den  kd
JFächern  ist  sie  es  zweifellos
Die  neuen  Versehu  ungsbestimmungen  von  1912  bestimmen:  „Wer  in
einem  Hauplfache  ungenügende  Leiungen  anfweist,  kann  versetzt  werden,
wenn  er  in  einem  anderen  Fache  gut“  hat.“  Ich  kann  mir  nicht  helfen.
ich  habe  den  Eindruck,  daß  die  Unterrichtsverwaltung  das  Kunststück  fertigbringt,
  daß  die  Jugend  erwas  leistet,  ohne  zu  arbeiten.  Daß  jetzt  das  Einpauken
  auf  die  Universitäten  verlegt  wird,  drückt  diese  zu  Fachschulen  herab.
Wie  sollen  denn  die  Arbeilen  W#i#  dea  Universitötsseminarien  mit  solchem
Material  zu  guten  Ergebnissen
Kultusminister  v.  Trott  0%  L.  Daß  die  Universitäten  es  früher
leichter  hatten,  gebe  ich  zu,  denn  alle  Sindenten  waren  früher  durch  das
humonistische  Gymnasium  gegangen.  Jetzt  kommen  sie  zum  Teil  auch  aus
dem  Realgymnasium  und  der  Oberrealschule.  Damit  müssen  sich  aber  die
Universitäten  F  und  Einrichtungen  treffen,  um  auch  den  anderen
Abiturienten  die  Möglichkeit  des  Sudiums  zu  gewähren.  Das  geschieht
auch.  Es  wird  Sorge  der  Zukunft  sein,  hier  das  Erforderliche  zu  schaffen.  Die
Beisorgrenisse  des  Borredners  über  das  humanistische  Gumnasium  sind  übertrieben,
  aber  wir  stehen  durchous  auf  dem  Bodcn,  das  humanistische  Gymnasium
  zu  fördern  und  es  zu  erhalten,  wie  es  i
eheimrat  Prof.  Dr.  Hillebrandt:  Von  Franlfurt  a.  M.  macht  j
eine  Bewegung  geltend,  die  uns  mit  hü,  Sorge  eriüllt.  Diese  t
eht  gerade  von  Aerzten  aus.  Es  ist  ein  Zeichen  von  Dekadenz,  wenn
#½5  erre  das  Griechische  aus  dem  d  beseitigen  wollen.  In
dem  Maße,  wie  das  Griechische  abnimmt,  wächst  das  Banausentum.  Ich
kann  mich  in  dieser  Beziehung  auf  Lreiseot  berufen.  Ich  halte  es  auch
mit  Gocihe  und  Schopeuhaner,  die  für  die  Allen  eintraten.  Französisch
und  Englisch  kann  man  nachlernen,  da  gibt  es  die  Berlitzschool  und  andere
Schulen.  Was  die  Oberrealschüler  aber  aus  den  Schulen  nicht  gelernt  boben
können  sie  auf  den  Univeri#kläten  in  Latein  und  Griechisch  nicht  nachholen
Wer  die  Quellen  in  der  Geichichte  sindieren  will,  kann  das  Griechische  und
Lateinische  nicht  entbehren.  Der  Oberralschüler,  der  diese  Sprachen  nicht
beherrscht,  kann  auch  zu  den  betreffenden  Seminarien  nicht  zugelassen  werden.
Ich  bitte  den  Minister,  daß  er  den  Standpunkt  beibehäll:  Mir  wollen
Männer  bilden,  keine  Schwächlinge,  weg  mit  allen  75  Prozent,  weg  mit
allen  Erleichterungen
obo  rfi:  Ich  habe  das  Geiühl,  als  ob  man  bestrebt  sei,
die  Anspriche  anf  den  Gumnasien,  sei  es  für  dos  Einjährigfreiwilligen-,
sei  es  für  das  Abiturienteneramen,  möglichst  gering  zu  gestallen.  Man
hat  den  lateinischen  Aussotz  abgeschaftt,  jent  das  Exiemporale.  Eine  Sprache
        <pb n="192" />
        182  D#  Mfshr  Krich  und  frine  rinfrinmu  Glieder.  (Mai  22.

lonn  man  nur  behenschen,  wenn  man  lie  schriftlich  und  mündlich  gut
iert.  Das  Studium  von  Homer  und  Horaz  an  —  —  Auch
das  geographische  SLunnen  läßt  zu  wünschen  rweist  auf
die  Vorzüge  des  Tumens,  des.  Sports.  Nun,  rün  oen  enr  2*  auch
gemacht.  Wir  haben  eintn  Turnverein  und  einen  Ruderverein  als  Jungen
gegründet.  Ich  habe  e  Dejurchtung,  daß  wir  heute  ein  gelehrt  sein
wollendes  BVroletariat  hue  elur  Die  Jungen  sollen  so  viel  wie  mög-116

  lernen
Ehen  v.  Becke  r:  Daß  die  Universitäten  überfüllt  gin,  elen  ich
in  undht  2  Junohme  der  Bevölkerung  und  des  Wachsens  des  Wohlstandes
  nicht  zugeben.  Der  Andrang  zu  den  Universitälen  aus  40%  niederen
Ständen  war  auch  zu  der  Zeit,  als  ich  die  Schule  besuchte,  schon  vorhonden.
Allerdings  bringen  die  Eltern  ihre  Kinder  meistens  in  eine  unrichtige  Schule.
Wenn  der  Junge  aus  der  Tertia  abgeht,  so  hat  er  natürlich  eine  un.
volllommene  Bildung.  Die  Eltern  sind  leider  troy  aller  Belehrungen  nicht
dazu  zu  bringen,  es  sich  abzugewöhnen,  ihre  Kinder  in  eine  saliche  Schute
zu  bringen,  andererseits  ist  aber  doch  zu  bedenken,  daß  viele  sich  du
Schule  durchhungern  und  tüchtige  Leute  werden.  Daß  die  S
gung  der  höheren  Schulen  die  gute  Ausbildung  auf  dem  Gymnasium  bet
  hat,  kann  ich  nicht  anerkennen.  Die  Gleichberechtigung  besteht
auch  so  kurze  Zeit,  doß  man  angenis  sich  ein  Urteil  jetzt  schon  bilden
ann.  Zu  meiner  Zeilt  war  der  Lehrstoff  auf  dem  Gymnasium  außer
alten  Sprachen  ens  spärlich.  Veogrepgieunkerrin  hatte  ich  nur  über  das
Helob  W  Das  Schüle  Meicclat  in  den  großen  Stähten  mag  ia  nicht
o  gut  sein  wie  früher.  ist  neröser  geworden,  wie  die  vielen
Selzsutoeße  zeigen.  In  meiner  Sr  Jugend  ißt  kein  einziger  Selbstmord-WaIl
  vorgekommen,  obwohl  in  der  Tertia  neben  mir  Jungen  von  18  Jahren
soßen:  die  machten  sich  nichts  daraus,  wenn  sie  lien  blieben.  Es  ist  ein
großer  Segen,  daß  die  Berwaltung  darauf  dringt,  daß  Turnen  und  Spielen
mehr  gepflegt  wird.  In  den  Ausführungen  des  Berichterstatters  lag  ein
unberecheigter  Pellimm  smus.  Er  und  die  anderen  Professoren  sind  wohl
kun  lehr  geneigt,  das  Alte  für  das  Bessere  zu  erklären.  In  unserer  Zeit  hat
1er  Handel  die  Welt  erobert,  wir  sind  überzeugt,  daß  unsere  Jungen  es
den  au  aleichtun.
n  trennter  Abstimmung  wird  der  erste  und  zweite  Abjatz  der
Nesoinsd  r.  Hillebrandt  angenommen,  der  Abiatz  3  dagegen  nach  Probe
und  Gegenprobe  abgelehnt.

22.  Mai.  (Frankfurt  am  Main.)  Erödffnung  des  Osthafens,
  der  in  drei  Jahren  mit  einem  Ausfwande  von  72  Millionen
Mark  (davon  32  Millionen  Mark  für  Grunderwerb)  hergestellt
worden  ist

 

Deciect1895IaBeklIaamtteteabetussischeBots
Ichaftek  n  der  Osten-Sacken  f  in  Monte  ·  Carlo,  82  Jahre  alt.
22.  Mai.  (Reichstag.)  Stürmische  Schlußfitzung  bei  der
grterung  der  Straßburger  Koiserrede.
Anschluß  an  die  Generaldiskussion  über  die  drine  Lesung  des
Etats  aͤh  Abg.  Ledebour  oauch  auf  Eljaß  Lothringen  ein.  Der  Reichskonzler
  hat  über  Jubiirerionen  gejammert.  Das  war  eine  falsche  zenne
tale  Mache.  Die  □  eisentlichleit  mu  seiche  Aeußerungen  des  Raisers  e
sahren.  Einem  Privatmann  häte  man  solche  Worte  als  Hochverrat  “
        <pb n="193" />
        Deso  Pealsqe  Neiq  und  leiur  rinieluta  Elieder.  (Mai  22.,  183

gerechnet.  Der  Kaiser  findet  in  dieser  Frage  Gesinnungsgenoslen  nur  noch
in  der  Redaktion  der  „Post“.  Die  Borgänge  im  Elsaß,  die  den  Landtag
zur  Mißbilligung  des  Verhaltens  der  Pogierung  veraniaßt  haben,  haben
den  Sss  nicht  betroffen.  Und  deshalb  die  Berjaslung  in  Scherben  schlagen!

6  be,  um  aus  P  retenn.  in  bie  der  bohe  Herr  hinein-Pne

  erklärt,  dasß  er  notürlich  kein  Mitglie  *  W*ii'ie  4wehnn  gemeint  hat.
(Abg.  Spahn:  Das  hat  er  nicht  getan!  Unterstaatsfekretär  Wahnschaffe  macht
den  HPrä##enenn  Dr.  Kaempi  auf  die  Angriffe  Ledebours  aufmerkjam.  Große
Entrüstung  bei  den  Siiatdemetrenn.  Zuruf:  Herr  Wahnschaffe,  das  geht
Sie  gar  nichts  aon.!)  Herr  Calker  behauptet,  in  England  gibt's  keine
Nesestatebeieidigungen.  weil  die  Engländer  zu  gentlemanlike  dazu  sind.  Abg.
.  Heckicher:  Sehr  richtig!)  Was  wäre  in  Englond  geschehen,  wenn  ein
König  soicher  Aeußerungen  tun  würde?  Entweder  zwarde  nes  den  Thron
in  Scherben  schlagen  #klebhafte  Unruhe)  oder  man  würde  dafür  sorgen,  daß
ein  lolcher  Rönig  in  Balmoral  (große  Unruhe)  oder  in  n  stillen  Schlosse
eiwa  wie  am  Starnberger  See  (onhaltende  Unruhe  ein  stilles  und  zurückgezogenes
  Leben  führen  müßte,  wie  eiwa  Abdul  Hamid.  (Große  Unruhe.)
In  England  ist  es  aber  unmöglich,  daß  ein  Ihat  des  Thrones  sich  so
elwas  Tauer.  (Große  Unruhe  und  Rufe:  ört!

nt  Dr.  Raempf:  Schon  die  Vengie  iche  vorhin  waren  unbul
  wegen  der  letzten  Aeuherung  rufe  ich  Sie  zur  Ordnung.  (Lebhaster

4.  Ledebour:  Ich  gla  mich  mit  genügender  Dtlchtet.
über  di  Angelegenbeit  zalr  zu  baben.  (Unruhe.)  Ich
iagt,  was  geschehen  müste,  wenn  das  deutsche  Volk  so  wie  das  soe.
sein  St  wahren  würde.  (Stürmische  Emtahingiase.

ident  Dr.  Kaempf  rusft  den  Redner  zur  Ordnung.  (Große  Unruhe
  26c  ven  d.)

Abg.  Schultz--Bromberg  (I#v.):  Wie  hat  Herr  Ledebour  heute  über
den  Deutschen  Koiser  geiprochen:  Die  schärfsten  Beleidigungen,  die  für  die
Kritik  de  rösidemen  und  für  einen  Ordnungsruf  kaum  faßbar  waren.
Er  hat  die  Form  gewöhn,  den  englischen  Lonig  zu  zirieren,  ihm  untermulegen,
  .  er  mit  beiden  Fäusten  auf  den  Deut#ichen  Naiser  gemũnat  hat.
(Hört,  hört!  Lebhafte  Zustimmung  r.  Lärm  der  Si#  Wenn  das  nicht  Vorsicht
  als  der  besiere  Teil  der  Tapferkeit  ist,  wenn  das  nicht  heift,  um  die
DTinge  G——  und  für  die  heutigen  Protestversammlungen  es  den
and  zu  geben:  „Der  Ledebour  hat  es  dem  Deulichen
hen  einmal  wea  gegeben,  der  hat  es  verstanden!“  —  dann  verltehe
  ich  nicht  mehr  Deuisch.  Wir  können  uns  gegenseitig  bekämpfen,  aber
bei  uns  werden  Sie  diese  Tal#it  nicht  finden.  Wir  neunen  die  Dinge
beim  richtigen  Namen,  auch  in  ,  (Lebhafter  Brifall  r.  Großer
Lärm.  Ruse  von  den  Sd::  .„Post!  Poit“)  Der  Abgcordnete  Ledebonr,
alaube  ich,  bereitet  auch  sjeinen  Parteigenosien  ein  beklemmendes  Geiithl,
wenn  er  in  solchen  ernsten,  ichweren  Frag###n  hier  das  Worn  ergreist.  Auf
einem  Parteilag  ist  er  von  Bebel  in  einer  Weise  charakterisiert  worden,
daß  ich  es  hier  nicht  wiederholen  will.  (Läörmende  Auruie  der  Sd.)  Davon
ist  nichts  zurückgenommen  worden.  „Taktlosigkeit“  hat  Herr  Bebel  damals
als  Krilik  gegen  Ledebour  griagt.  Es  war  nicht  nur  eine  Taktlosigkeil.
was  er  heute  produziere  —  Sie  hoben  wieder  einmal  Ihr  Herz  dem  deut-
        <pb n="194" />
        184  Das  Peilhr  Keich  und  seinr  einelun  Elieder.  (Mai  22.)

schen  Volke  enthüllt,  das  darüber  etwo  noch  unklar  war,  wohin  Ihre
letzten  Ziele  gehen,  und  das  ist  ein  Glück.  Das  begrüßen  wir,  daß  Sie
Ihre  Bechrebungen  nicht  mehr  verbergen,  sondern  güien  austreien  *—  die
Person  des  Kar  den  Sie  beschimpien.  „Lärm  der  Sd.)  Ist  das  keine
Beschimpfung?  *ms  Dr.  Dove:  Sie  dürfen  keinem  Mitgliede  des
Hauses  „Taktlosigkeit“  vorwersen  und  auch  nicht,  daß  es  die  erson  des
Haers  r—  hat.:  In  der  Erregung  ist  mir  der  Ausdruck  entichlüpft.
was  die  verren  Sogaldemotraen  untereinonder  als  Kritik  jür  zulöisig
erachun.  das  darf  mon  hier  im  Hause  jo  nicht  wiederholen.  Herr  Ledebour
hat  hier  einmal  aczeigt  vor  dem  ganzen  deutichen  Volke,  wohin  die  Fahm
der  Sozialdemokralie  geht  —  Abichaffung  der  Monarchie  und  darum  Herumer-.
würdigung  der  Grrion“  des  Trägers  der  monarchiichen  Gewalt.  (Lebhafter
eisall  r.  Lärm  der  Sd.)  Dem  deutichen  Volk  werden  die  Augen  ausgeden.
Die  Zahl  der  Mitläufer  coird  ans#hören,  denn  an  der  Krone  hängen  noch  die
Herzen  des  deutichen
4#.  Ledebour  e.  Zu  vden,  Deiwviel  ous  eitan  bin  ich  ver.
anlaßt  worden  durch  Herrn  Abg.  v.  Ich  habe  dieses  Beisviel  dann
vollstöndig  durchgeführt  und  dann  a  am  Wtnh  der  Ausführungen.
indem  ich  darauf  hinwies,  was  nach  aller  geichichnichen  Erfahrung.  was
nach  aller  Lemmuis  des  engliichen  Staatswesens  und  des  engiischen  Volkscharakters
  das  engliiche  Volk  geaenhber  einem  König  tun  würde,  der  droht,
die  Verfassung  in  Scherben  zu  schlagen,  in  längrrer  Austührung  gesant:
Ich  teile  ols  Sozialdemokrat  durchaus  diese  Aufjassung  des  englijchen  Volkes
und  habe  gesagt,  ich  wünsche  dem  ganzen  demichen  Volke  sovicl  Selbstgeiühl,
wie  die  Englander  haben.  nann  man  deutlicher  sein?  Drr  Redner  schlägt
mit  der  Faust  auf  das  Pun.  Stürmiicher  Beifall  der  S
Reichskanner  v.  Bethmann  Lollweg:  Meine  Dran  der  Abg.
Ledebour  hat  in  seiner  Rede  gemeinl,  ich  hälle  am  vorigen  Freitag.  als
wir  über  Eliaß.Lotbringen  sprachen,  Schwicrigkeiren  gehabt,  die  Worte  des
Raisero  zu  verteidigen.  Meine  Herren,  ich  kenne  keine  Schwierigkeiten,  für
meinen  Aaiser  einzmreien.  Ich  weiß,  daß  ich  dabei  die  überwiegende
Mehrheit  des  deutichen  Voiler  hiuter  mir  habe.  „Lebhafter  Beifall  r.,  im
3.  und  bei  den  Nl.)  Daß  ich  mich  mit  Ihnen  nicht  verständigen  konn,  meine
Derren  Sozialdemokraten,  das  gebe  ich  zu.  Sie  haben  es  heute  wieder
als  Jhr  Ideal  hingetellt,  das  deutiche  Volk  unter  ein  sozialistisches  Regimem
  zu  stellen.  Davon  will  das  deuriche  Volk  nichts  wissen.  Das  demtsche
Volk  hält  an  seinem  naiser,  an  seinen  vriingen  Justitutionen
kest.  Das  deuische  Volk  fühlt  sich  verletzt,  wenn  der  Naijer  hier  in  einer
Beis  krilisienn  wird,  wie  es  der  Abgcordnete  Ledebour  *s  *tv  hat.  Und
der  Lag  wird  noch  hommen,  der  Ankwort  sehen  wird  aus  diese  Angriife
egen  Raiier  und  Nech  Stlürmücher  Bei#all  r.,  im  Z.  und  bei  den  Nl.
Unruhe  dei  den  Sd.:
Ur.  Südelum  Sd.:  Der  Herr  Reichslanzler  hat  geglaubt,  gegen
weing  Pariei  die  dijentliche  uuin  auirujen  gzn  iollen,  und  geagt.  der  größte
1  der  Demichen  ü#che  hinter  ihm,  wenn  er  nicht  nur  den  Kaiser,  sondern,
Wis  er  jagte,  auch  die  Veriasjung  dieses  Rriches  gegen  Angrisie  von  links  verteidigt.
  Es  ist  nicht  ungechickt,  dast  der  Rrichslanzler  den  Streuvunkt  verichiebl.
  Denn  es  handelt  sich  hier  nicht  darum,  daß  wir  Angriffe  gegen  die
Verinisnug  richten,  sondern  es  handel  sich  darum,  daß  wir  angedrohte  Angriffe
an  die  Veriaffung  mindestens  eines  Teils  dieses  Reichs  zurückweisen  #stürmiicher
  Bei##ll  der  Sd.)  und  damit  ciwaos  lun,  was  des  Amtes  des  Reichskanglers
  wäre.  Der  ist  verpflichtet,  die  Verinifung  zu  wahren  #sehr  richig!
bei  der  inken",  die  Verfasiung  gegen  solche  neiãhtliche  Drohungen  zu  wahren,
wie  sic  in  Straßburg  ausgesprochen  worden  sind.  Im  übrigen  befinder

*
        <pb n="195" />
        A  Rasliie  Reld  iad  seiue  eirleluta  Glictet.  (Mai  23.—26)  185

üich  der  Herr  Reichskanzler  in  einer  beklagenswerten  Unkenninis  der  Dinge,
wenn  er  glaubt,  indem  er  auch  soiche  Worte  jeines  Naiserlichen  Souveräus
decken  will,  daß  er  dabei  die  Mehrheit  des  Volles  auf  seiner  Seite  hat.
(Sehr  richtig"  bei  den  Sd.)  Es  gehörte  jahretang  zu  dem  Sport  in  Kreisen,
in  denen  die  Sozialdemokralen  nicht  zu  verkehren  pülegen,  die  Verson  des
Kaisers  zum  Gegenstond  der  abiölligsten  Acußerungen  zu  mochen.  (Sehr
richtig!  I.  Große  Unruhe  r.)  Es  waren  nicht  Sozioldemokraten,  die  noch  vor
kurzer  Zeit  geichrieben  haben  von  dem  poltrun  valeureux,  die  dem  Raiser
während  des  Maroklohandele  so  elwas  wie  Landesverrat  vorgeworjen  haben,
sondern  die  Leute,  die  das  getan  haben,  saßen  Sui-  einer  ganz  anderen
Seite  als  bei  uns.  (Unruhe  r.  Zuruf  von  den  Sd.:  Ihr  Partciorgan!)
Das  Parteiorgan  derienigen  Parici,  der  Herr  t  sich  zurechnet  und
als  deren  Parteigenoisen  Herr  v.  Zedlitz  den  Reichskanzler  bezeichnet  hat.
(Unruhe.)  Das  OCrgan  der  Parlei,  der  Ler  Schuld  angehört,  und  der
nach  dem  Auesipruch  des  Der  Djin  v.  Zedlitz  auch  der  Neichskangler  angehört,
die  „Pont“,  ist  zweisellos  seit  langer  zeit  geuen  einen  persönlichen  Kampf
geaen  den  Kaiier  zu  führen,  den  ich  als  scharfer  Gegner  des  periönlichen
Regiments  in  diesen  Formen  zu  führen  für  weit  unter  meiner  Würde
hallen  würde.  (Unruhe.)  So  siehen  die  Dinge.  Es  ist  aur  *  Sunkcut
es  iedt  dinstellen  zu  wollen,  als  ob  unier  Rampf  d  t  Linten  ein
Namof  gegen  die  Person  des  Raisers  wäre.  Wir  %on  *  auf  dem
Standpunli  gestanden,  dan  es  sich  um  elwas  weit  Gröseres  als  um  Personen
  haudelt.  Wir  würden  uns  selbit  verkleinern,  wenn  wir  unsere  gange
Taligleit  auf  einen  Namof  gegen  einzelne  Personen,  und  mögen  sie  noch
so  hoch  stehen,  beschrönken  würden.  Aber  wenn  nun  der  Reichskanzler
weiter  sagt,  er  sühle  sich  gedrungen,  gegen  unser  Bestreben,  eine  Aenderung
unserer  Znstände  herbeizmmiühren,  nicht  nur  lich  selbst  auf  die  Schanze  zu
schwingen,  jondern  auch  das  Voll  aufzurnien,  ja,  dann  muß  ich  sagen:
Gegen  eine  derartige  Staatskunst  jollte  nicht  nur  von  unierer  Seile  Proiest
erhoben  werden:  denn  wollte  man  wortlich  das  durchjühren,  was  der  Reichskonzler
  will,  dann  hieße  es  unier  Reich  und  uniere  Gesellschait  zur  Verstinerung
  verurteilen.

Annahme  des  Reichshaushaltselats  in  der  Gesamtabitimmung
ersolgt  Verragung  des  Reichstagee  bis  zum  26.  Novem

23.  Mai.  (Gamburg.)  Der  Kaiser  wohnt  der  Taufe  des
*  der  Hamburg-Amerika-Linie,  des  größlen  Schiffes  der
Welt,  be

"  Mr  (Bayern.)  Der  Prinzregent  ernennt  den  geistlichen
  Rat.  Dekan  und  Stadtpfarrer  von  St.  Elisabeth  in  Nürnberg,
  Jakob  Hauck  (geboren  22.  Dezember  1861  in  Miltenberg  bei
Tschaffenburg),  zum  Erzbischof  von  Bamberg.

—  26.  Mai.  Der  österreichisch-  ungarische  Minister  des  Auswärtigen
  Graf  Berchkold  in  Berlin.

25.  Mai.  (Weimar.)  Einweihung  des  Euphrosynedenkmals,
das  der  rrbur  Dichter  Ernst  v.  Wildenbruch  gestiftet  hat.

25.  Mai.  (Sachsen.)  König  Friedrich  August  begnadigt
aus  Anlaß  Iches  Gedurtstages  31  Strafgejangene.
        <pb n="196" />
        186  Des  Denhsqhe  Ariqh  unb  stine  einelnta  Glieder.  iMai  25.  2.

25.  Mai.  (Hamburg.)  Die  Maschinisten  von  100  Schleppdampfern
  legen  wegen  nicht  bewilligter  Lohnforderungen  die  Arbeit
  nieder.

26.  Mai.  Die  „Vossische  Zeitung“  veröffentlicht  Angaben
des  Grafen  Hoyos,  Sekretärs  des  Grafen  Berchtold,  über  das  Resultat
  der  Unterredungen  mit  dem  Reichskanzler  über  hohe  Politik.

Darin  heißt  es:  Graf  Berchtold  war  besonders  erfreut  Über  das
Verständnis,  das  der  Reichskanzler  der  blüerresc  .  ungarischen  Politik
entgegenbringt;  eine  Politik,  die  dahin  geht,  die  Ruhe  auf  dem  Balkan
unter  allen  Umständen  „ungerübt“  zu  krg#e#en  und  u  dahin  au  t
daß  der  türkisch-italienische  Krieg  keinerlei  nomplikationen  hervorrufe.  Man
kann  das  Resuliat  der  Umerredung  dohin  zusammenfassen,  daß  sie  den
Beweis  eines  durchaus  ungetrübten,  vollen  Einvernehmens  zwischen  den
beiden  verbündeten  Regierungen  erbrachte,  die,  wie  Graf  Hoyos  sich  ausdrte,
  *  auch  weiterhin  den  Zielen  einer  konservativen  Polilik  widmen

rden

2.  Mai.  (Koburg.)  Der  Präßident  des  Landtags  Arnold
veröffentlicht  als  Auffassung  der  Kammer  ein  Gutachten  Über  das
Erbe  des  Königs  Leopold  II.  von  Belgien  und  das  Abkommen  zwischen
dem  Kuratorium  und  dem  belgischen  Staat  unter  Schädigung  der
Interessen  der  „Kohurziichen  Agierung.

Die  Zusammenfassung  la  Das  napvital  der  Niederfüllbacher
Siiftung  ist  occhknehitch  Mlautet  1.  des  Königs  gewesen;  der  bekgische

Staat  hat  daran  keine  Ansprüche.  2.  Die  Niederfüllbacher  Stiftung  besteht
in  Deutschlond  zu  Recht.  Belgien  kann  der  rechtsgültigen  deuichen  Slütung
nicht  auch  für  Demschland  die  Rechtspersonlichkeit  obspreche

.
27
*

Eingriffe  in  die  Souveränität  eines  deutschen  Bundesstaates.  4.

ist  verpflichtet,  das  Lapital  der  Stijtung,  das  es  sich  infolge  Puvele  ,
rechtswidrigen  Berhaltens  der  Stistungeverwalter  hat  aneignen  tonnen.  sau
ohne  vorgängiges  Urteil  der  Gerichte  dieier  zurückzugeben.  5.  Zu

Zwecke  hat  die  noburger  Regierung  durch  Vermittlung  des  #hrdshch  bie
geeigneten  diplomatischen  Schrine  bei  Belgien  zu  veranlassen.

28.  Mai.  (Düsseldorf.)  Eröffnung  der  von  der  Akademie
für  kommunale  Verwaltung  veranstalteten  „Kommunalen  Woche“
zur  Erörterung  wichtiger  Gegenstände  des  öffentlichen  und  kommunalen
  Lebens.

29.  Mai.  (Frankfurt  am  Main.)  Auf  dem  Allgemeinen
deutschen  Neuphilologentag  hält  Professor  Sodler,  Vizekanzler  der
Universität  Leeds,  einen  Vortrag:  „Was  England  der  deutschen
Bildung  verdankt“.

29.  Mai.  (Elsaß-Lothringen.)  Direktor  Heiler  von  der
Maschinenfabrik  Grafenstaden  nimmt  seine  Entlassung,  weil  er  fie
im  Interesse  der  Arbeiterschaft  für  erforderlich  hält.
        <pb n="197" />
        Des  Dertsqt  Rtiqͥ  nub  seine  riuitlara  Glitder.  (Mai  28.  30)  187

29.  Mai.  (Essen.)  Evangelisch-sozialer  Kongreß.  Den  Hauptvortrag

  hielt  Friedrich  Naumann  über  „Christentum  und  Bildung“

3°.  Mai.  Die  „Germania“  verbffentlicht  eine  Kundgebung

des  Papstes  für  den  „Verband  katholischer  Arbeitervereine“  in  Berlin
und  die  Kölner  Richtung  der  Seeacschalten

urch  den  Pfarrer  Beyer  läßt  der  Papst  den  Berliner  Arbeitervereinen

  dnen  „Ich  kenne  Euere  Grundsätze  und  ein.  Bestrebungen  und

besonders  cuch  die  Differenzen  zwischen  Euerer  Organisation  und  anderen.

Euch  lobe  ich,  Euch  billige  ich,  und  Cuch  erkenne  ich  an  (vos  approbo),

b.

sie  nicht;  denn  es  ist  nicht  meine  Sache  zu  verdammen;  jrdoch  ihre  Grundn
  weiche  santc  sind,  kann  ich  nicht  anerkennen  (approdare  von  possum).

ann  die  wirtschaftliche  Seite  des  Lebens  von  der  -  eligion  getrennt  wird,
o  daß  dieselbe  nicht  den  ganzen  Menschen  und  die  ganze  Organisation
*  („compenetret),  so  müssen  sich  daraus  traurige  Folgen  ee

aun  man  nämlich  die  Religion  von  einer  Bekätigung  des  eie

SWschlmnt,  3.  B.  von  den  wirtschaftlichen  kn  i  wird  si  beten
auch  von  anderen  auf  das  praktische  Leben  gerichteten  Sr6en.  Aageschloffen
werden,  und  so  wird  man  bald  zum  Akonfessionalismus,  d.  h.  zur  Leugnung
aller  Neligion  auf  schnellsten  Wege  Lelangen.  Deshalb  kann  ich  derartige
Organisalsonen  nicht  billigen.  Man  kann  ouch  nicht  das  Individuum,
das  einzelne  Mitglied,  von  der  Orgoniseneon  wennen,  so  doß  man  nagt.
die  einzelnen  Milglieder  unterstehen  zwar  der  Autorität  der  Kirche,  n
aber  die  Snspisktes  4½  solche;  das  ist  ganz  unrichtig,  unsboliber  —

undenkbar.  Die  Kirche  hat  auch  den  Organisationen  zu  gebieten.  Sage
Deinen  Freunden  zsch  den-  lieben  Akbbeitelne  Der  Heilige  Vater  biün  ihre
Bestrebungen  in  allem  und  stimmt  mit  Euch  überein  und  wünscht  lebhaft

(vehementer),  daß  alle  onveren  Fern  anisationen  mit  Euch  übereimstimmen
  "7nöhäht  Lconveniant).  daßz  den  allen  Prösiden  und  Mitgliedern
  der  Papft  erteile  git  d  gan#em  Herzen  seinen  Segen
und  bitte  KKa  dot  u#n  ant  Aerselbe  Weise  wie  bisher  fortfahren  mögen,  nicht
allein  für  de  *  sondern  auch  für  das  geistige  -  der  Arbeiter
zu  w  wirken.  —  1  Verfalser  dro  päpstlichen  Diktums  wird  mit  Berufun
auf  einen  Berrrumgobgecbnnetener  in  der  .  eaisanchen  Zeitung"  der
Dominikanerpater  Esser,  Vorsitzender  der  Indexkongregation,  genannt.

36.  Mai.  (Brandenburg  a.  H.)  Zur  Fünfhundertjahrfeier
des  Einzugs  der  Hohenzollern  in  der  Mark  wird  in  Gegenwarl  des

Kaisers  ein  Reiterstandbild  des  Kurfürsten  Friedrich  I.  enthüllt
und  das  wiederhergestellte  Nathaus  der  Altstadt  eingeweiht.

Bei  Entgegennahme  des  Ehrentrunks  hielt  der  Kaiser  eine  Ansprache,
  in  der  es  heißt:  Die  wechsetvolle,  Geschichte,  die  überiinler  deutsches
Baterland  hingegangen  ist,  hat  manches  Geschlecht  herangerusen  und  mit
Afgaben=  bedach  und  gchuch  ist  es  das  Geschlecht  Meiner  Vorfahren
geweien.  „,  denen  es  gelungen  ist,  3  in  schweren  Werk  den  Grundstein  zu

egen  und  chteziich  das  Vert  zu  kdem  die  deutsche  Einigkeit  auf  brandenburgischer
  Basis  und  unter  preußischer  Führung.  Wir  wollen  nicht  ver-*n“
  daß  es  für  den  damaligen  Landeshaupimamn  und  späteren  auriürsen
ein  schwerer  Enschen  ewesen  ift,  aus  dem  lonnenreichen,  in  der
#a.  fortgeschrinenen  Snen  dessen  uelan  damals  auch  in  hoher
        <pb n="198" />
        188  Ee  Prische  Reich  und  srim  einelurn  Glieder.  (Mai  30.—Juni  1.)

kultureller  Blüte  stand,  die  Aufgabe  zu  Übernehmen,  in  dieses  Land  8
kommen  und  dasselbe  wieder  neuem  Blühen  entgegenzuführen.  Es  ist  aus
bewährtem  Munde  uns  heute  schon  kund  geworden,  welch  furchibarer  Zustand
  in  dieser  unglückicligen  Mark  damals  herrichte.  Und  wenn  es  ihm
auch  gelang,  teilweise  wieder  Ordnung  zu  schaffen  und  die  Reime  zu  neuem
Blühen  zu  säen,  so  hat  doch  die  Marl  noch  manchen  jchweren  Sturm  erleben
müsien  und  ist  oft  noch  der  Tummelplot  fremder  Reiche  und  fremder
Herren  gewesen,  bis  schließlich  der  große  Kurfürst  und  der  große  König
ein  für  allemal  dien  fremden  Völker  vertrieb  und  für  die  Märker  und  die
Preusten  das  Recht  schuf,  sich  selbst  leben  zu  können,  ohne  ihren  Fleiß  und
ihre  Arbeitserzeugnisie  fremden  Velleiläten  zulichbe  verloren  gehen  lehen  zu
müssen.  Und  als  so  mit  Gottes  Hilfe  endlich  der  preußiiche  Bau  gefügt
war  und  Mein  seliger  Großoater  in  langer  Kricdenere#.  das  Schwert  ge.
schlissen  hate,  dos  notwendig  war,  um  die  deutiche  Einheit  zu  erringen,
da  wurde  zum  zweiten  Male  im  großen  Maüstabe  für  das  ganze  deutsche
Valerlond  dasselbe  Aertt  Rolthraah  dae  einst  für  die  Mark  vollbrocht  worden
wan,  r  es  gelang,  ein  für  allemal  den  Fremden  zu  verweisen,  uniere

zu  zerstampfen  un  unseren  Fleiß  zu  vernichten,  blost  um  ihren
*8  Interessen  nachgehen  zu  können.  #  brandenburgischer  Grundlage.
auij  premuichen  Unterbau  aut“  das  Deutsche  Reich  und  das  demiche  Laisertum,
  und  deswegen  wollen  wir  am  hemigen  La  der  Märker  und  der
Barcheopnme,  gedenken;  und  nicht  zum  wenigsten  der  Brandenburger,  die
im  Jahre  1  Oihr  Gut  und  Blut  daransetzten,  dem  alten  Herrn  die  KNaiserkrone
  zu  aschen

30.  Mai.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Saarburg-Merzig-Saarlouis
  wird  nach  dem  Verzicht  des  Geh.  Justizrats  Noeren  der
offizielle  Zentrumskandidat  Werr  mit  15894  Stimmen  gewählt.

Sonst  erhielten  Slauch  (Wildzentrum)  7138,  Pick  Geth  15  0,  iaemee
(Sd.)  739  Stimmen;  127  Stimmen  waren  zersplillert,  116  ungü

31.  Mai.  (Potsdam.)  Prinz  Ernst  August  von  Eiminen,
hat  zusammen  mil  seinem  Schwager  Prinz  Max  von  Baden  eine
Audienz  beim  Kaiser  und  der  Kaiserin,  um  für  die  Teilnahme  an
dem  tödlichen  Unfall  seines  Bruders  den  Dank  der  Familie  auszusprechen.


3lI.  Mai.  (Württemberg.)  Die  Kammer  verweist  den  sozialdemokratischen
  Antrag,  die  Gesandtschaften  bei  den  Bundesstaaten
aufzuheben,  an  den  Finangaueschuß.

31.  Mai.  (Zittau.)  An  Stelle  des  nichtbestätigten  Landtagsabgeordneten
  Dr.  Roth.  Burgslädt  wurde  Dr.  Kuelz-Bückeburg  als
berbürgerweiner  gewählt.

Wohlgänge  waren  iederuich  Im  dritten  erhielt  Kuelz  17,
Sladtra#  Peruch  Gorliy  16  Stim

1.  Juni.  (Berlin.)  Fer  berllaabsenwolt  weist  die  von
den  Abgg.  Vorchardt  und  Leinert  gegen  den  Polizeileutnant  Kolb
und  vier  Schutzleute  mit  Berufung  auf  8§  105  und  106  des  Strafgesetzbuches
  erstattele  Anzeige  zurück.
        <pb n="199" />
        Des  Verisr  Krich  iab  seinr  einelurs  Glirr.  (Juni  1.—7)  189

1.  Juni.  (Würzburg.)  Der  Kongreß  des  Deutschen  Freidenkerbundes
  erklärt  sich  einstimmig  #bereit,  mit  dem  Deutschen
Monistenbund  und  dem  Bunde  Freireligiöser  Gemeinden  ein  engeres
Kartell  zu  gegenseitiger  Förderung  und  gemeinsamer  Aktion  herbeizuführen“.


2.  Juni.  (Berlin.)  Frhr.  v.  Rotenhan,  von  1898  bis  1907
preußischer  Gesandter  beim  Vatikan,  f  im  68.  Lebensjahr  an  den
Folgen  eines  am  16.  Mai  durch  einen  Automobilunfall  erlittenen
Schädelbruchs.

3.  Juni.  (Berlin.)  Empfang  der  Vertreter  der  schwedischen
Städte  Stockholm,  Gotenburg  und  Malms  durch  die  städtischen
Behörden.

8.  Zuni  Günstiger  Abschluß  der  Reichofinanzen.

m  am  31.  März  obnaeichloffene  Etatsjahr  haben  die  Einnohmen

s  Reichs  us  JZollen,  Steuern  und  Gebühren  1675,3  Millionen  Mark

Lersr#enr  193,3  Minionen  Mart  mehr  als  der  Voranschlag.  Auch  der  Ueberschuß

  aus  der  Reichspost  und  den  Beichseisenbah  stellt  sich  auf  rund
31  Millionen  Mark.  (Siehe  21.  Juni  und  8.  Juli.)

3.  Juni.  (Hamburg.)  Tagung  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft
  in  Gegenwart  der  Herzöge  zu  Mecklenburg  und  des
Prinzen  Konrad  von  Bayern.

4.  Juni.  (Koburg-Gotha.)  Bei  den  Wahlmännerwahlen
gewinnen  in  Gotha  die  Konservativen  ein,  die  Sozialdemokraten
zwei  Mandate  von  den  Liberaolen,  während  in  Koburg  die  Fortschrittler
  ein  Mandat  gewinnen.

6.  Juni.  (Berlin.)  Der  Kaiser  nimmt  an  der  Feier  des
200jährigen  Bestehens  des  Bankhauses  Gebr.  Schickler  teil.

Er  sagt  in  jeinem  Trinkspruch  auf  das  Wobl  der  Firma:  „Wenn

auch  nicht  wie  einige  meiner  Vrsedee  in  den  Vuchern  der  Firma  als
M  verzrichnen  1  bin,  so  ichulde  ich  doch  auch  dem  jetigen  Leiter  der
Firma  großen  Dank  für  den  treuen  Feisune,  den  er  pur  bei  der  Verwaltung
meines  Vermogens  in  uncigennützigster  Weise  leiste

7.  Juni.  (Schwargburg-=  Nubotsfart.,)  Die  Neuwahlen
zum  Landtag  infolge  der  Auflölung  vom  4.  Mätz  ergeben  wieder
neun  Sozialdemokraten  und  sieben  Bürgerliche.

7.  Juni.  (Potsdam.)  König  Ferdinand  von  Bulgarien.
trifft  mit  seiner  Gemahlin  und  beiden  Söhnen  als  Gast  Kaiser
Wilhelms  ein,  begleitet  vom  Ministerpräsidenten  Geschow.

Aus  der  Ansprache  des  Naisers  bei  der  Galatafel  im  Neuen
Palais:  „Es  ist  das  erstemal,  daß  Euere  Maseslät  als  Zar  der  Bulgaren
bei  uns  richrinen,  und  ich  darf  in  Euerer  Majestat  Briuch  cin  neues
Unterpfand  der  freundschaftlichen  Veplrhmigen  erblicken,  die  zwischen  unferen
        <pb n="200" />
        190  Das  Perhsqe  Rtiq  nub  stinte  eineimes  Glürdrr.  (Juni  7.—11.)

H##  usern  und  Staaten  bereits  bestanden  haben.  Euere  Majestät  sind  in
kishian,  kein  Fremder,  und  um  die  Bande,  die  Euere  Majestät  mit
ihrer  Stammesheimat  verknüpsen,  #55  enger  zu  gestalten,  in,  es  mir  eine

Alder  —  geweien,  Euere  Majestät  an  die  Spitze  eines  meiner
wilewe  sdischen  Regimenter  zu  stellen.  Mit  F*  frichtiger  Mlleifnahme  wird
in  Deschlond  das  rhech  Lebenswerk  verfolgt,  dem  Euere  Mah
während  einer  nunmehr  bald  25jährigen  Regierungszeit  ihre  besten  Kräfte
gewidmet  haben,  und  durch  das  das  rastlos  emporstrebende  Fshen  nri
zu  wwerinem.  E—  Faktor  des  Feucden  und  des  kuliurellen  Fonschritts
ew
s  Aus  der  Antwort  des  Zaren  der  Bulgaren:  „Gluͤdlich,  zu  ver.

ehmen  nliue  oe  mein  erster  Besuch  hier  als  unabhängiger  Monarch  ein  neues
Unterpfand  sei  für  die  bereits  bestehenden  freundschaftlichen  Beziehungen
zwischen  unsern  Häusern  und  Staaten,  kann  ich  Euerer  Majestät  versichern,
daß  die  Pflege  dieser  Beziehungen  meinen  aufrichtigsten  Wünschen  aneich:.G
Die  unvergleichliche  Armee  Euerer  Majestät  hat  stets  für  mein  Heer  vorbildlich
  gewirkt.  Deshalb  erfüllt  wic  die  Verleihung  eines  Euerer  icich
Thringiöchen  Deimen  nämlich  des  4.  Nr.  72,  mit  desonderer  Freud  e

tolz,  und  ich  bitte  Euere  den  Ausdruck  meiner  innigen
Erkenninchten  #für  diese  sowohl  für  mich  wie  für  meine  Armee  so  schmeichel-——
  bober  Auszeichnung.  entgegennehmen  zu  wollen.  Euere  Majestät  —
ichtigen  Anteilnahme  zu  versichern,  mit  der
1  e,  -  hiew  in  Lebenow  l,  dem  ich  meine  ganzen  Kräfte  gewidmet,  Horei  #
kulturellen  Fonsünn  verfolgt,  welchen  Bulgarien  während  meiner  Biehr  en
Regierung  erreichte.  Ich  und  das  dulgariiche  Volk  sch  G  hoch  d  zir
weise  der  Sympathie  eines  Landes,  woßer  Teil  unserer  e
jene  Bildung  verdankt,  welche  in  so  v23  n“  dem  fortschrittlichen
schwun,  Bulgariens  zum  Segen  gereicht  h
7.  Juni.  (Sachsen.)  König  ffoirdrich  August  stürzt  auf  dem

Truppenübungsplatz  Zeithain  bei  Besichtigung  der  24.  Kavallerie-Brigade
  mit  dem  Pferde  und  erleidet  eine  Muskelzerrung  am  rechten
Oberschenkel.

8.  Juni.  (Preußen.)  Vertagung  beider  Häuser  des  Landtags
  bis  zum  22.  Oktober,  nachdem  das  Herrenhaus  die  Besitbefestigungsvorlage
  in  der  vom  Abgeordnetenhause  beschlofsenen
Faffung  en  bloc  angenommen  hatle.

8.  Juni.  (Danzig.)  Einweihung  der  Weichselbrücke  von
Althof  nach  Troyl,  die  von  der  Stadt  mit  einem  Aufwand  von
fast  zwei  Millionen  Mark  erbaut  ist.

19.  Juni.  (Pößneck  i.  Th.)  Der  Präßdent  des  preußischen
Abgeordnetenhauses  Dr.  Hermann  Frhr.  v.  Erffa  t  an  den  Folgen
eines  Schlaganfalles,  fast  67  Jahre  alt.

11.  Juni.  (Elsaß-Lothringen.)  Die  verstärkte  Kommission
der  Ersten  Kammer  für  den  Landeshaushaltsetat  setzt  die  Entschädigung
  der  Mitglieder  der  Ersten  Kammer  auf  jährlich  1500  Mark
fest,  während  die  Zweite  Kammer  für  ihre  Mitglieder  ein  Pauschale
von  2500  Mark  bestimmt  hat.
        <pb n="201" />
        Des  Berifchr  Rric  u  seint  eiajelnen  Slleder.  (Juni  12.  -i8.  191

12.  Juni.  Neue  Besehung  von  Fanbtenoenp
In  Lissabon  wird  an  Stelle  des  ausgeschied  Freiherrn  v
und  zu  Bothman  Dr.  Rosen,  bisher  in  Bukarest,  böa#derr  Fiel  der  Nbill

v.  Waldthausen  treten,  der  in  Kopenhagen  durch  den  bie  eherigen  Generalkonsul
  in  Budapest,  Grafen  Brockdorff-Rantzau,  ersetzt  u
8  „Uuni-  (Leipzig.)  Spionageprozeß.
44jährige,  aus  Warschau  stammende  und  zuletzt  in  Luck  (stvreuben
  —  Buchhalter  Eduard  Napoléon  Barbier  wird  nach  zweitägiger
  Verhandlung  wegen  mangelnder  Beweise  freigesprochen.

17.  Juni.  (Friedrichshafen.)  Das  Kustschif  „2  I"
brennt  in  seiner  Halle  beim  Entleeren  infolge  Gasentzündung  zur
Hälfte  ab.

18.  Juni.  (Brunsbüttelkoog.)  Bei  einem  Mahl  des  „Norddeutschen
  Regaktavereins“  an  Bord  des  Dampfers  „Viktoria  Luise“
erwidert  der  Kaiser  eine  Ansprache  des  Hamburger  Bürgermeisters
Dr.  Buchar  mit  folgender  Rede:

„Euere  Magnisizenz  wollen  mir  einige  Worte  des  Dankes  gestatten
für  die  volrboulsch  von  Flommen  durchglühte,  mit  oratorischem  Schwung
vorgetragene  Rede,  die,  wie  ich  fest  Überzeugt  bin,  alle  hier  Bersommelten
mit  sich  sortgerislen  hat.  Wir  ersahen  aus  der  Skizze,  die  Euere  Magnißienz
entworfen  haben,  wie  doch  in  allen  Jahrhunderten  die  Geschichte  unseres
Neiches  und  Bolkes,  obwohl  im  allgemeinen  eines  kontinentalen,  doch  immerhin
  mit  dem  Meere  und  dem  Wasser  in  ibisun  gestanden  hat  und
mehr  oder  weniger  davon  beeinflußt  gewesen  ist.  Bloß,  wie  hervorgehoben.

des  Reiches  unter  meinem  5#  ker  ist  es  anders  geworden,  und  nunmehr
kann  der  deutsche  Kaufmann  nicht  unter  fremder,  sondern  unter  eigener
Flagge  ruhig  seinen  Weg  ziehen,  er  kann  alle  seine  „  Fähigleiten  anspannen
und  ist  sicher,  daß,  wo  es  ntig  ist,  des  Reiches  Schuß  dinter  ihm  steht.
s7  ist  nur  möglich,  wenn  alle  Rräfte  *  zenier  deutschen  Flagge  zufam
  mene  werden.  Aber,  wie  Sie  alle  ,  meine  Herren,  die  Flogge
muß  in  Ehren  wehen,  und  es  darf  nicht  kichsming  ihr  Tuch  in  den  Winden
ane  werden,  und  nicht  leichtsinnig  darf  sie  ausgepflanzt  werden,  wo#
man  nicht  sicher  ist,  sie  verteidigen  zu  können.  Sie  werden  es  verseehen,
warum  ich  Zurückhaltung  geübt  habe  in  der  Ausbreitung  der  deum  en
Flagge,  wo  sie  vielleicht  von  manchem  gewünscht  und  ersehnt  w#  ch
abe  mich  von  einem  alten  hanseatischen  Lrundon  uier  lassen,  #  der
steht  in  markigen  Lettern  am  Rathaus  zu  Lübeck:  „Das  Fähnlein  ist  leicht
an  die  Stange  hebunden,  aber  es  kostet  viel,  es  inL  Ehren  wieder  herunter
zu  holen.“  Nun,  meine  Herren,  ich  glaube  das  wohl  vindizieren  zu  können,
daß  bisher  der  Ehre  unserer  Fiange  noch  ne  zu  nahe  geiseen.  aEissolange
  wie  ich  regiere.  Dafür  kann  ich  mich  einsetzen,  und  dafür  kann
stehen:  da,  wo  Sie  vorangehen,  da  wird  Flagge  Ihnen  bolenn
Das  ist  io  im  großen  und  im  kleinen.  Ein  jeder  bindet  des  Morgens  leine
Flagge  an  den  Skock  und  hoift  zu  siegen.  Das  gelingt  nicht  jedem.  Troßde
lreuen  wir  uns,  daß  der  heutige  Tag  der  Eibregatta  nicht  nur  borsce,
sondern  auch  viele  Fahrzeuge  eines  verwandten  und  uns  befreundeten
        <pb n="202" />
        192  Des  Brutsche  Reich  und  seinr  sintelnen  Glieder.  (Juni  18.  19.)

Lolles  berbeigesöhrt  und  das  Bild  zu  einem  farbenreichen  gemacht  hat.

m  wollen  uns  freuen,  und  ich  spreche  hier  wiederum  von  ganzem
Herun-  meine  LCofunng  aus,  daß  der  Senelsport  und  der  Waisersport  auf
der  Elbe  und  auf  der  Osiiee,  im  Binnenlande  wie  auf  dem  Mecre  blühen
und  gedeihen  möge.  Wir  aber,  die  wir  hier  versammelt  sind  unter  der
Flagge  Hamburgs,  auf  dem  schönen  Saa,  er  Hambure=  aersfa  biate,
x  unsere  Gläser  und  trinken  aus  auf  das  Wohl  der  Stadt  Hambut

aller  Sen  ler,  die  hier  versammelt  sind.  Hi  adi  Hamburg  zurat
nans  hurr#

18.  Juni.  Die  päpstliche  Nuntiatur  in  München  veröffentli  2
in  der  „Augsburger  Postzeitung“  folgende  Mahnung  an  die  christlichen
  Gewerkschaften:

„Da  die  verdrießliche  und  schädliche  Polemik  bezüglich  der  #beiter,
organisctionen  in  Deutschland  fortdanert,  ist  es  der  lebhafteste  Wunsch  d
Heiligen  Vaters,  daß  beide  Teilc  jede  Erörkerung,  insbesondere  in  der  nt
instellen  und  es  dem  Heiligen  S#nhl  überlassen,  diese  wichtige  Frage  im
Einverständnis  mit  den  Wilchefen  zu  prüfen  und  dann  unge  ressene  Verhaltungsmaßrregeln
  zu  geben.  Der  Heilige  Vater  hegt  das  vollste  ertrouen
n  die  Ergebenheit  der  Ste  der  Rirche  in  Deutschland,  daß  sie  diesem
heinem  Wunsche  nachkonm

18.  Juni.  Gertin)  Abreise  des  Königs  Ferdinand  von
Bulgarien  nach  Dresden.

19.  Juni.  (Sachsen.)  Eine  Bürgerversammlung  in  Dresden
ersucht  die  Regierung,  den  Plan  einer  zweiten  sächsischen  Universität
in  Dresden  nach  Möglichkeit  zu  fördern.

19.  Juni.  (Württemberg.)  Die  Erste  Kammer  stimmt  dem
Beschluß  der  Zweiten  Kammer,  die  Tierärzkliche  Hochschule  in  Stuttgart
  aufjuheben,  mit  23  gegen  10  Stimmen  zu.

19.  Juni.  (Kiel.)  Die  philosophische  Fakultät  der  Universität
ernennt  den  Prinzen  Heinrich  von  Preußen  zum  EChrendoktor  aus
Anlaß  seiner  Verdienste  um  die  wissenschaftliche  Verwertung  der
Flugzeuge  und  die  Hebung  der  Zuverlässigkeiteflüge,  wodurch  das
Flugzeug  als  Waffe  für  Heer  und  Flotte  dienen  kann.

19.  Juni.  (Gaschwi#z  bei  Leiplzig.)  Durch  den  Zusammenstob
  zweier  Personenzüge  werden  fünf  Personen  gelötet  und  dreizehn
schwer  verlett.

19.  Juni.  Die  „Kölnische  Volkszeitung“  zu  der  Erklärung
des  Nuntius  Frühwirth  vom  18.  Juni  betr.  die  christlichen  Gewerkschaften:


„Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  wir  dem  Munsch  des  Heiligen  Vaters
und  der  •  hrigen  Lage  gerne  Rechnung  kragen  in  der  sicheren  Dainn,
daß  die  Angelegenheit  aui  dieiem  Wege,  nämlich  auf  dem  Wege  über
deutichen  Bischose,  ani  den  wir  von  Anjang  an  verwiesen  haben,  eine  here
Lösung  finden  wird,  die  dauernde  Beruhigung  schafft.“
        <pb n="203" />
        Des  Beuliche  Nric  anb  srint  rinielaen  Gli

20.  Juni.  (Bremen.)  Die  Börgerschaft  lehnt  den  Antrag
auf  Einführung  des  allgemeinen  gleichen  Wahlrechts  an  Stelle  des
Klaßsenwahlrechts  gegen  die  Fortschrittliche  Volkspartei  und  die
Sozialdemokraten  mit  57  gegen  30  Stimmen  ab.

26.  Juni.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Hagenow--Grevesmühlen
  ist  das  Ergebnis:  Sipkovich  (Fortschr.  Bp.)  7034.  Pauli  (K.)
6794  und  Kober  (Sd.)  4291  Stimmen.  Also  Stichwahl  zwischen
Tischle  ein  Pauli  und  Seminaroberlehrer  Sidlovdich.

den  Die  Wahl  Paulis  war  wegen  Unregelmähigkeiten  für  ungültig  erklärt
worde

ꝛ  Juni.  (Leipzig.)  Der  Bildhauer  Nicolas  aus  et.
der  sich  den  Plan  eines  Forks  zu  verschaffen  suchte,  wird  zu  fünf
Jahren  Zuchthaus  und  zehn  Jahren  Ehrverlust  verurleilt.

26.  Juni.  (Köln  a.  Rh.)  Durch  einen  Einbruch  wird  aus
der  Eigelsteiner  Torburg  neben  anderen  Kostbarkeiten  auch  die  vom
Kaiser  gestiftete  Wanderpreiskette  im  Werte  von  25000  Mark  entwendet,
  die  zweimal  vom  Koölner  Männergesangverein  erstritten
worden  war.

21.  Juni.  (Landtagsersatzwahl.)  In  Trier  wird  an  Stelle
des  zurückgetretenen  Abg.  Noeren  (Z.)  der  General  Frhr.  v.  Steinäcker
(3.)  mit  399  gegen  3  Stimmen  gewählt.

2l.  Juni.  Jahresabschluß  der  Reichshauptkasse  für  1911.

Danach  hat  die  Gesomteimnahme  der  Reichskasse  3  016  561217.10
Mark,  die  Gesamtausgabe  2  767  133.012.58  Mark  betragen,  so  daß  sich  ein
rechnungsmäßiger  Ueberschuß  *  310%  74.91  Mark  ergibt.  Hieran  sin
beteiligt  die  Mehreinnahmen  aus  den  Zollen.  Reichsstenern  und  Gebühren

it  rund  193.3  Millionen,  die  Mehrüberichsise  bei  der  Reichspost,  und
Tilegrawhenwerwatng  mit  18.2  Millionen,  bei  der  Verwaltung  der  Reichseisenbahnen
  mit  15.2  Millionen,  beim  Baukwesen  mit  2  Millionen  und  die
Mehreinnahme  an  Ausgleichungsbeträgen  von  Bauern,  Würtemberg,  Baden
und  Elsaß-Lothringen  für  die  Branstener,  den  Ueberschuß  der  Reichsvostverwaltung
  und  für  die  eigenen  KW  der  Verwaltung  des  Reichs.
heeres  mit  3.5  illionen.  (Siehe

22.  Juni.  (München.)  1nr  Kammer  der  Reichsräte  nimmt
die  Regierungsvorlage  betr.  Umbau  und  Erweiterung  des  Münchener
Hauptbahnhofs  an.

24.  Juni.  (Leipzig.)  Das  Reichsgericht  verurkeilt  den
Ingenieur  Wilhelm  Lichtenberger  wegen  versuchten  Verrats  militärischer
  Geheimnisse  zu  vier  Jahren  Zuchthaus,  zehn  Jahren  Ehrverlust
  und  Stellung  unter  Polizeiaufsicht.

25.  Juni.  (Wiesbaden.)  Der  Maler  Sir  Lourens  Alma
Tadema  k.  76  Jahre  allt.

Guropäischer  (V#eschichiustalender.
        <pb n="204" />
        194  Hos  Dische  Reich  and  srine  einielnen  Glieder.  Juni  25.  —27.)

25.  Juni.  (Preußen.)  Durch  Polizeiverordnung  sämtlicher
Oberpräsidenten  wird  den  Zigeunern  und  nach  Zigeunerart  umherziehenden
  Personen  das  Zusammenreisen  in  Horden  auf  öffentlichen
Wegen  Staben  und  Plätzen  verboten.

Ise  Horde  gilt  eine  Bereinigung  mehrerer  Familien  oder  eine  Verzinigun
  einzelner  Personen  mit  einer  Familie,  zu  der  sie  nicht  gehören.

26.  Juni.  Der  Kronprinz  veröffentlicht  einen  der  Herzogin
Karl  Theodor  in  Bayern  gewidmeten  Band  „Aus  meinem  Jagdtagebuch“
  mit  28  photographischen  Aufnahmen,  die  er  selbst  oder
die  Kronprinzessin  gemacht  haben.

26.  Juni.  (München.)  Prinz  Rudolf  von  Bayern,  dritter
Sohn  des  Prinzen  Rupprecht  und  Urenkel  des  Prinzregenten  f,
3  Jahre  all.

26.  Juni.  (Freiburg  im  Breisgau.)  Im  Amtsblatt  für
die  Erzdiözese  Freiburg  ist  ein  Hirtenbrief  des  Erzbischofs  Thomas
Noerber  über  die  Verlegung  der  Feiertage  in  der  Erzdiözese  Freiburg
  enthalten,  wonach  in  Zukunft  die  Feiertage  Mariä  Lichtmeß,
Mariä  Verkündigung,  Mariä  Geburt  sowie  der  Josephstag  (19.  März)
in  Wegfall  kommen.

26.  Juni.  (Berlin  und  Düsseldorf.)  Der  russische  Artillerieoberst
  Kostewitsch  und  der  frühere  ruffische  Oberleutnant
Nikolski  werden  wegen  Spionageverdachts  verhaftet.

27.  Juni.  Das  Luftschiff  „Viktoria  Luise“  macht  üÜüber  der
Nordsee  eine  zehnstündige  Fahrt  mit  zwölf  Passagieren.

27.  Juni.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Feuerbestattung.
Nichtbestätigung  von  Sozialdemokraten  für  Gemeindeämter.  Jesuitenerlaß.


Wiwister  des  Innern  Frhr.  v.  Soden  erklärt,  daß  die  Regierung
rot#des  wischen  ergangenen,  für  die  Feue  rEbestottung  günstigen
*8  desn'  aeeni  auf  ihrem  ebuchnenden.  Slandpunkt
verharren  werde.  Er  bezeichnele  die  Feuerbestamung  als  dem  religiösen
Emwünden  und  jeder  christlichen  und  denneden  Sine  zuwiderlaufend.  —
In  der  Frage  der  Nichibestäligung  sozia  Bürgermeister
  und  Beigeordneter  gab  Muncher  ren  v.  Soden  die  Erklärung  ab,
in  Zukunit  werde  nich  mehr  wie  bisher  eine  Prüfung  von  Fall  zu  Fall
eimreten,  sondern  die  Slaatsregierung  werde  grund  W  ch  und  ausnahnmslos
iedem  Sielbewusen  Soialdemokraten  die  Bestatigung  für  ein  Gemeindeamt
veriagen.  —  In  der  Frage  des  Jesnitenerlaises  verweigert  der  Minister
di-  Junern  Frhr.  v.  Soden  in  der  Nammer  die  Autwort  aus  die  Anfrage,
er  Jeiuitenerlanß  tatichlich  siebeudierg  oder  ob  nur  mit  den  Jefuiten
Kron  eine  Abmachung  getrosien  worden

27.  Juni.  (Leipzig.)  Wegen  vollendeten  Verrats  militärischer
Geheimnisse  v  rurteilt  das  Reichsgericht  den  Obersignalmaaten  Albert
        <pb n="205" />
        Des  Derthsqe  Rtiq  anb  seine  einjelnen  Glitder.  (Juni  27.  -  Juli  7.)  195

Ernst  Ehlers,  der  mehrere  Teile  des  ihm  dienstlich  anvertrauten
Signalbuchs  verraten  hat,  zu  sechs  Jahren  Zuchthaus,  zehn  Jahren
Ehrerlust,  Entfernung  aus  der  Marine  und  Zulässigkeit  der  Stellung
  unter  Polizeiaufsicht.

27.  Juni.  (Bundeßrat.)  Zustimmung  zu  dem  Antrag  des
Königreichs  Sachsen,  betreffend  die  Prägung  von  Denkmünzen  aus
Anlaß  der  Einweihung  des  Völkerschlachtdenkmals  bei  Leiypzig.

28.  Juni.  (Düsseldorf.)  Das  Luftschiff  „Schwaben“  wird
neben  seiner  Luftschiffhalle  durch  eine  Explofion  vollständig  zerstört.

W.  Juni.  (Reichstagsstichwahl.)  In  Hagenow-Grevegmühlen
  wird  Sivkovich  (Fortschr.  Vp.)  mit  9439  Stimmen  gegen
Pauli  (K.)  mit  7154  Stimmen  gewählt.  (Siehe  20.  Juni.)

28.  Juni.  Professor  Dr.  August  Döring.  Philosoph,  1  in
Oporto  im  79.  Lebensjahre.

1.  Juli.  (Leipzig.)  Spionageprozeß  gegen  die  Buchhalterin
Else  Pfitzner,  die  wegen  versuchten  Verrats  militärischer  Geheimnisse
  zu  einem  Jahr  und  drei  Monaten  Gefängnis  und  zwölf
Jahren  Ehrverlust  verurteilt  wird.

3.  Juli.  (Neufahrwasser.)  Der  Kaiser  fährt  an  Bord  der
„Hohenzollern“  unter  Begleitung  des  großen  Kreuzers  „Moltke“
und  des  Depeschenbootes  „Sleipner“  nach  Baltischport  ab.

4.  Juli.  Das  Generalkommando  des  9.  Armeekorps  veröffentlicht
  einen  Bericht  Über  das  Unglück  auf  dem  Truppenübungsplatz
  Lockstedt,  wo  durch  die  seitliche  Abweichung  eines  Feldhaubitzengeschoffes
  ein  Beobachtungsturm  getroffen,  zwei  Kanoniere  gettet,
zwei  Offiziere  und  zwei  Unterofftziere  verletzt  wurden.

5.  Juli.  (Ceipzig.)  Wegen  versuchter  Spionage  durch  Anfertigung
  von  Zeichnungen  auf  Helgoland  wird  der  Angeklagte
Eilers  zu  vier  Jahren  Zuchthaus,  sechs  Jahren  Ehrverlust  und
Zulässigkeit  der  Polizeiaussicht  verurteilt.

5.  und  6.  Juli.  (Düsseldorf.)  Erste  Tagung  der  Delegiertenversammlung
  der  deutschen  Flottenvereine  als  Marinekongreß.

Die  nächstjährige  Tagung  soll  in  Neunkirchen  stallfinden.

7.  Juli.  (Berlin  -Lichterfelde.)  Staatsminister  a.  D.
Arthur  Hotrecht,  1872—1888  Oberbürgermeister  von  Berlin,  t.
88  Jahre  alt.

7.  Juli.  (Berlin.)  Der  Reuterforscher  Professor  Dr.  Karl
Theodor  Gaeder##  t  57  Jahre  alt.

137
        <pb n="206" />
        196  D  Neuisde  Rriq  aub  sriut  rinielnen  Glitder.  Muli  N.#

8.  Juli.  (Mey.)  Vier  katholische  Vikare  aus  Diedenhofen
und  Umgegend  werden  wegen  Achtungsverletzung,  Widerstand  und
Bedrohung  gegen  den  Bezirkgosfizier  bei  einer  Kontrollversammlung
zu  sechs  Monaten  Gefängnis  verurteilt.  (Siehe  26.  August.)

t.  Juli.  Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  folgende  Ergebnisse
  des  Reichshaushalts  für  dos  Nechnunziahr  1911:

a  den  Neichtag  waren  170  000  Mark  nir  erforderlich,  beim
Auswärtigen  Amte  sind  die  Ausgaben  um  131000  Mark  hinter  dem
Anschlag  Arückgebiieden,  während  an  Einnahmen  105  do  Mark  mehr  aufgekomme
  i  sind.  Im  Geschäftsbereiche  des  Reichsamts  des  Innern  ist
eine  Ueberschreitung  von  748000  Mark  *  htn  —E—  indesien  durch
eine  wrebrihn  von  2318(0X0  Mark  mehr  als  ausgeglichen  wird.  —
Für  das  Reichsheer  sind  P  0  an  der  banerischen  Quote  bei  den
K  á½4  Ausgaben  2  109000  Mark,  bei  den  einmaligen  Ausgaben

1753000  Mark  Mehrausgaben  entstanden,  während  bei  dem  —.
Kapitel  des  allgemeinen  Pensionsfonds  eine  Heparnis  von  601  000  Mark
zu  verzeichnen  ist;  .  Einnohmen  sind  10/M  O  Mark  mehr  als  angesetzt
aufgekommen.  bei  r  Marinederwaltung  1—  die  foridauernden
Ausgaben  mit  sinen  von  11#9000  Mork,  die  einmaligen  Ausgaben
mit  einem  Mehr  (00  Mark  und  der  Pensionsfonds  mit  einer
warnis  von  r*mm  n##  ab;  an  Einnahmen  sind  315  000  Mark  weniger
aufgekommen.  —  Bei  der  Neichsiustigverwaltung  sind  an  Einnahmen
109000  Mark  mehr  eingegangen,  denen  eine  Mehrausgabe  von  24000  Mark
gegenübersteht.  Bei  den  Fonds  des  Reichsichauamts  ergibt  sich  eine
Mehreinnahme  von  12710000  Mark,  bei  den  fortdauernden  Ausgaden  ein
Weniger  von  1306000  Mark,  bei  den  einmaligen  Ausgaben  dagegen  ein
Mehr  von  20641000  Mark  hauptsächlich  jür  einmalige  Ranonentschädigungen.
Die  Verwaltung  und  Verzinsung  der  Reichsschuld  hat  18615000)  Mark
weniger  als  angese#t  erfordert.  —  Beim  Allgemeinen  Pensionsfonds
ergibt  sich  unter  Einichluß  der  oben  dereits  erwäynten  Eriparnisse  bei  den
Verwaliungen  des  Reichshecres  und  der  Marine  insgeiamt  eine  Wenigerausgabe
  von  1  532  GX)  Mark.  Als  Minderausgabe  ist  schtiesuih  noch  der
Betrag  von  891.000  Mark  zu  erwähnen,  um  welchen  das
jahr  übernommene  Soll  aon  Ansgaberesten  für  in  frũheren  ——  aue
Ueberichreiiungen  übertragbarer  Fonds  gekürst  worden  ist.  —  Die
nohmen  an  Zöllen,  Steuern  und  Getühren  sowie  an  *z

in  den  Vor  oranichiag  um  193  311000  Mark  überschriten.  Begen  d
Bdene  hierbei  wird  auf  die  in  Nr.  21  des,.  enrahlau  jür  das
Demiche  Reich“  vom  31.  Mai  1912  und  in  Nr.  1  „Reichsanzeigers“

vom  1.  Juni  1912  verdiĩeuilichte  „Uebersicht  *  wu  zien  —
Steern  und  Gebühren  für  dos  Rechnungsiohr  1911“  Be#ng  genomemen.  —
Beim  Ueberschuise  der  Reichsvost=  und  Telegraphenverwaltu

ein  Mehr  von  1  216/1  Mark  und  bbei  demienigen  der  Fr#aunge
verwallung  ein  solches  von  lö:  ark  zu  ver#eichnen.  Dagegen  ist
ie  Reichsdruckerei  um  5#11  e  himer  dem  Voranschlag  Zurückgeblieben.
  Beim  Bankwesen  —8  2059  #  .  Mark  mehr  auigeiommen.  —
Die  Ausgleichungsbeträge  der  nicht  allen  Bundesstaaten  gemeinjamen  Einnahmen
  haoben  dem  Mehrertrage  der  letzteren  enn#prechend  ein  Mehr  von
A  bu  N)  Mark  erbrocht.  Ferner  sind  aus  der  Prüsung  der  aichnen
3(’XU  Mark  mehr  als  angeient,  an  ann#ergewöhnlichen  Einnahmen  4  /##)
Mark  und  für  verkonste  Festungagrundstücke  àlixm  Mark  außeretatsmäßig
ausgekommen.  An  Restbeständen  des  Reicheinvolidenionds  sind  1  397  .#n)
        <pb n="207" />
        Das  Deuisqt  Reiq  aud  stiut  eimelaen  Giliteder.  Quli  9.—13.)  197

Mark  mehr,  als  der  Etat  voranteeßte  n  gewesen.  Im  ganzen
hat  sich  ein  Ueberschuß  von  249  131  174.91  Mark  ergeben,  welcher  den
belegücn  Bestimmungen  zufolge  auf  das  Rechnungsjahr  1912  Übertragen
worden  ist.

9.  Juli.  Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  den  Wortlaut
des  Fürsorgegesetzes  für  militärische  Luftfahrer,  dat  sofort  in
Krast  tritt.

10.  Juli.  (Swinemünde.)  Der  Kaiser  tritt  an  Bord  der
„Hohenzollern“  die  Nordlandsreife  an.

11.  Juli.  (Baden.)  Die  Zweite  Kammer  ftreicht  mit  den
Stimmen  der  Nationalliberalen.  Fortschrittler  und  Sozialdemokraten
gegen  die  Stimmen  des  Zentrums  und  der  Konserwvativen  die  Forderung
  für  die  badische  Gefandtschaft  in  München,  welche  die  Erste
Kammer  wieder  hergestellt  hatte,  abermals.

11.  Juli.  (Mulheim  a.  Rh.)  Angebot  der  Stadt  an  die
Kaiser  Wilhelm-Gesellschaft,  für  ein  wissenschaftliches  Institut  zur
Erforschung  der  Kohle  und  ihrer  Verbindungen  die  Bau=  und
Einrichtungskosten  zu  übernehmen.

13.  Juli.  (Sachsen.)  Dem  Rat  der  Stadt  Leipzig  ist  auf
seine  Anfrage  wegen  Errichtung  einer  Univerfität  in  Dresden  die
Erklärung  der  Regierung  zugegangen,  daß  die  Staatsregierung  angesichts
  der  überfüllung  der  gelehrten  Berufe  ein  Bedürfnis  zur
Errichtung  einer  neuen  Universität  nicht  anerkennen  könne.

13.  Juli.  (Bayern.)  Eine  Versammlung  des  Bayerischen
Lehrervereins  faßt  eine  Resolution,  die  gegen  die  schlechte  Besoldung
der  Landlehrer  protestiert  und  Aufbefserung  durch  ein  Nachtragspostulat
  der  Regierung  beim  Landtage  fordert.

13.  Juli.  (Frankfurt  am  Main.)  Bundesschießen  und
Halbjahrhundertfeier  des  deutschen  Schützenbundes,  der  am  11.  Juli
1862  in  Gotha  gegründet  wurde.

i  dem  Bankelt  in  der  Iriaue,  haut  Prinz  Heinrich  von
Preußen  eine  Ansprache,  in  der  es  ?#  „Der  Deutlsche  ist  ein  wohl.
erzogener,  tüchtiger  und  krästiger  Mann“  Vor  Arbeiter.  Aber  leider  sind
wir  uns  über  unjere  inneren  Verhän#nisse  nicht  ganz  einig.  9  will  den
heutigen  Tag  nicht  vorübergehen  lai  en,  ohne  einen  Avpell  an  Sie  alle  zu
richten,  an  die  **  des  natior  alen  Gedankens,  an  die  bürgerlichen
Parteien.  Ein  ieder  klopfe  an  iee#ne  Brust  und  frage,  ob  er  festgehalten
hat,  wofür  ihr  Lerken  Hunderte  und  Tausende  hergegeben  haben.  Ver
sich  heutzutage  nicht  zu  Naiser  und  Reich  bekennt,  der  gehürt  nicht  unter
Die  Festesstimmung  macht  es  nicht,  die  Arbeit  im  töglichen  Leben
entscheidet.  Deshalb  appellierc  ich  an  die  bürgerlichen  Stände.  Arbeilet  im
stillen  für  eine  Kräftigung  und  Befestigung  des  Reichsgedankens.  Aus  Nord

und  Süd,  von  Ost  und  West  sind  die  Männer  hier  zusammengeströmt,  von

E
—
        <pb n="208" />
        198  Hes  Drslar  Nrich  u)d  frinr  einpbelurn  Glicher.  (Juli  14.—25.)

allen  deutschen  Stämmen.  Jeder  Stamm  sei  treu  seinem  Herrn,  wir  alle
usammen  aber  treu  unserem  Oberherrn,  Seiner  Mojestät  dem  Deutschen
Loten  Möge  dieses  Fest  nicht  verklingen  uh  das  feste  Velennmis  zu
Kaiser  und  Ka##  und  zu  dem  deutschen  Ide  eff  i  mp
sei  8  für  Pöch  Bürger  der  Gehorsam  und  die  Einordnung  in  6  Staa#sgan


14.  Juli.  Der  Kaiser  stiftet  eine  Kolonialdenkmünze  für  Teilnehmer
  an  mililärischen  Kolonialunternehmungen.

15.  Juli.  (Berlin.)  Rückkehr  des  Reichskanzlers  Dr.  v.  Bethmann
  Hollweg  aus  Rußland.

15.  Juli.  (Bonn.)  Die  Fahrt  der  Torpedoflotte  rhein.
aufwärks,  die  eigentlich  bis  Koblenz  gehen  sollte,  findet  wegen  des
niedrigen  Wasserstandes  ihren  Abschluß.

15.  Juli.  (Berlin.)  Das  Preisgericht  für  den  vom  Kaiser
ausgeschriebenen  Wettbewerb  für  deutsche  Flugzeugmotoren  tritt  zusammen.
  Es  bewerben  sich  26  Firmen  mit  44  Motoren  und  24  Ersabmotoren.


17.  Juli.  Die  Reichsregierung  gestattet  der  Regierung  der
Vereinigten  Staaten,  Offiziere  nach  Deutschland  zu  entsenden,  um
ein  Jahr  bei  der  Kavallerie  Dienst  zu  tun.

18.  Juli.  (Bayern.)  Die  Abgeordnetenkammer  lehnt  den
Lotterievertrag  mit  Preußen  mit  113  gegen  23  Stimmen  ab  und
ersucht  die  Regierung  um  Vorlage  eines  Gesetzentwurfes  für  eine
bayerische  Landesklaffenlotterie.

19.  Juli.  (Schwarzburg-Rudolstadt.)  Die  Regierung  hat,
ohne  die  Genehmigung  des  Landtags  zu  besißen,  eine  achtprozentige
Teuerungszulage  für  alle  Beamte  dekretiert.

21.  Juli.  (Kamenz.)  Die  Gemahlin  des  Prinzen  Friedrich
Wilhelm  von  Preußen,  geb.  Prinzessin  von  Ratibor,  wird  von  einer
Prinzessin  entbunden.

21.  Juli.  (Nidden  am  Kurischen  Haff.)  Eine  Jolle  des
Kriegsschiffes  „Thüringen“  kentert  in  der  Brandung  mit  14  Mann
Besatzung.

23.  Juli.  (Hönheim  i.  Els.)  Reichstagsabgeordneter  Pfarrer
Ior.  Will  (3.)  1  44  Jahre  alt.

24.  Juli.  (Landtagsersatzwahl.)  In  Homburg-Ziegenhain
wird  Landrat  v.  Gehren  (K.)  einstimmig  gewählt.

25.  Juli.  (Berlin.)  Eröffnung  des  Hygienekongresses  des
„Royal  Institute  of  Public  Health“  im  Herrenhaus.
        <pb n="209" />
        H#  etsche  Krich  uh  seim  eimelsen  Glirder.  (Juli  25.—31.)  199

25.  Juli.  (Bayern.)  In  der  Reichsratskammer  greift  die
Oppofttion  bei  der  Beratung  des  Etats  des  Ministeriums  des  Innern
die  baltung  des  Kabinetts  Hertling  an.

ras  Törring  verurteilt  die  Stellung  der  Regierung  zu  der
Jesatehe  als  dem  konfessionellen  aaeden,  abträglich.  Die  Feuerbestattung
hätte  lieber  geregell  werden  sollen,  stott  daß  sich  die  Regierung  prinzipiell
dagegen  stellt.  Graf  Crailsheim  5  t  es  als  schweren  staaksmännischen
hler,  daß  vor  dem  Erlaß  über  die  Jesuitenfrage  nicht  erst  die  Entscheidung
des  Bundesrats  angerusen  und  abgewartet  wurde.  Nun  *  Boern  Mühe.
sich  ohne  Schaden  in  seinem  Ansehen  aus  der  Affäre  zu

26.  Juli.  (Dresden.)  Der  sächsische  Junterinihn  rr.  v.  Otto,
Vorsitender  im  Staatsministerium,  1.  60  Jahre  alt.

27.  Juli.  (Berlin.)  Das  Luftschiff  „Schütte-Lanz“  trifft,
von  Mannheim  kommend,  ein.

28.  Juli.  (Binz  a.  Rügen.)  Die  Landungsbrücke,  auf  der
sich  in  Erwartung  des  Greifswalder  Dampfers  „Kronprinz  Wilhelm“
viele  Personen  versammelt  hatten,  stürzt  ein.  Von  den  elwa  100  Personen,
  die  dabei  ins  Wasser  fielen,  ertrinken  14.

kG.Juli.  (Sachsen-Weimar.)  Die  Großherzogin  Feodora
wird  in  Schloß  Wilhelmsthal  von  einem  Sohne,  dem  Thronfolger,
entbunden.

29.  Juli.  (Gera,  Reuß  j.  L.)  Die  Regierung  lehnte  zum
dritten  Male  die  Bestätigung  der  zwei  sozialdemokralischen  Stadträte
  ab  und  droht  bei  gleichartiger  weiterer  Wahl  die  kommissarische
Besetzung  der  Stellen  an.

39.  Juli.  (Köln  a.  Rh.)  Kardinalerzbischof  Dr.  Antonius
Fischer  k.  72  Jahre  alt.

S1.  Juli.  (Bayern.)  Erregte  Debatte  in  der  Reichsratskammer
  über  den  Jefuitenerlaß.

Törring  bezeichnet  die  Haltung  und  das  Vorgehen  der  Ne
gierung  in  der  Je  suilenfrage  als  einen  schweren  laltijchen  Fehler.  Die  Angelegenheit
  sei  eine  bedemende  BWamage  für  Bavern.  Die  groi#c  Mehrheit
des  bauerischen  Volles  wolle  nichts  von  der  Rücklehr  der  Jriniten  wisien,
nicht  einmal  der  katholüsche  Alerus.  Die  Dilie,  die  die  banerische  Regierung

gegen  die  Jejuiten  verjagt  habe,  mülse  jent  vom  Reich  neiordert  werden.
Hoffentlich  überhörc  man  diesen  Riui  nicht.  Mmiiterprasident  Freiherr
V  Dertling  bestreitetj,  daß  die  Regierung  taktiich  falich  ovorgegangen.  iei.

m  Reich  zu  rusen,  sei  gar  nicht  norig.  Das  habe  die  Regierung
sean  schon  getan.  Von  einer  Blamage  konne  nicht  die  ede  iein,  auch
nicht,  wenn  die  Enticheidung  jür  Baneru  ungünntig  ausjalle.  Prinz  Georg
von  Bauern.  ein  Enkel  des  NRegenen  und  des  Naisers  Franz  Joseph,  begehen

  als  bedauerlich  und  bedenklich.  Die  Setbitändigleit  Banerns  sei  für
ihn  zu  hochstchend,  als  dan  man  Dilse  von  außen  erilehen  musse.  Reicherat
Universitätsproseisor  v.  Schanz  Würzburg  veruricilt  das  Vorgenen  der
        <pb n="210" />
        200  Ho  Desuilche  Reich  und  frinr  rinzelsuen  Glieder.  (Angust  3.—3.,

Staateregierung  von  der  taktischen  Seite.  r  frühere  Ministerorästdem
Graf  Crailsheim  will  nichts  von  einem  rerr  M  ieen
Regierung  wisen.  NFreilich.  geschickt  sei  die  Regierung  nicht  gew  und

so  eilig  hatte  sie  nicht  vorgehen  sollen.  Der  bekannte  #ehemkre  geupgeen  zurn
Ernst  v.  Lorewenstein  nimmt  die  Jesniten  in  Schus  gegen  den  Vorw#

der  —  Die  Katholiken  wollten  das  Gesesz  nicht  länger.  t
bischof  Bektinger  von  München  wideripricht  der  Behauptung,  als  ob  d
Klerus  gegen  die  Aufhebung  des,  Jeluitengeiebes  sei.  Der  geruneshammische.
hergenkkclalzsüten  v.  Bezzel  verweist  auf  die  absprechenden  Urteile
von  Kardinälen  und  auf  das  Wort,  pGrhepreformonon.  und  gibt  der  schweren
Sorge  der  Protestanten  über  den  Erlaß  Ausdruck.  Ministerpräsident  Freiherr
  v.  Hertling  und  der  Minister  des  Innern  v.  Soden  versprechen,
daß  nichts  zugclaisen  werdc,  was  gegen  den  Vonfessionellen  eleden  verstoße.

3.  August.  (Eckernförde.)  Verhaftung  von  fünf  Engländern.
die  von  ihrer  Yacht  aus  photographierten,  wegen  Spionageverdachts.
Sie  werden  am  8.  August  aus  der  Haft  entlassen.

#3.  August.  (Swinemünde.)  Rückkehr  des  Kaisers  von  der
Nordlandsreise.

4.  August.  1  Sachsen.)  Als  Nachsolger  des  Dr.  v.  Otto  wird
der  ecigemmalt  Dr.  Nagel  zum  Justizminister  ernannt.

ugust.  (Reichstagsersaßwahl.)  Im  Kreise  Niederbayern
  iv  (Pfarrkirchen)  erhalten  Landwirt  Bauer  (Bauernbund)
3699,  der  Landwirt  und  Bürgermeister  Gerauer  (Z.)  5747  Stimmen.
Zersplittert  sind  14  Stimmen.

5.  August.  Durch  Kabinelisordre  verleiht  der  Kaiser  dem
Verein  „Naturschutzpark“  in  Stuttgart  das  Eigentum  an  einem
Bezirk  in  der  Lüneburger  Heide.

6.—GB.  August.  (Essen.)  Hundertjahrfeier  der  Firma  Friedrich
Krupp.,  wobei  Herr  und  Frau  Krupp  von  Bohlen  und  Halbach
Stiftungen  in  Höhe  von  14  Millionen  Mark  ins  Leben  rufen.

S.  Angust.  (Gerthe  bei  Bochum.)  Bei  einer  Schlagwettererplosion
  aufs  Zeche  „Lothringen"  verlieren  115  Vergarbeiter  das  Leben.

5.  August.  (Essen.)  Der  Kaiser  hält  bei  der  Kruppfeier
folgende  Rede:

„Die  Grichichte  des  Werls,  deisen  bundertiähriges  Bestehen  wir  heute
seiern.  in  ein  Sich  prennijcher  und  denticher  Grichichte:  ieine  Grũndung
jällt  in  das  Jatr.  mit  dessen  Schlus  für  Preusten  und  Deutschland  die
Morgenröre  der  Befreinng  von  der  Fremdherrschait  anbrach  und  die  Evoche
begann,  die  von  Leipzig  bie  nach  Verigilles  zur  Einigung  Deulichlands
unker  preusuicher  Hegemonie  führic.  Die  ersten  Jayr##hute  aebbi.
Ringens,  durch  die  das  aMerk  hindurch  uinstic,  jallen  in  die  Zeit,  da  in
Vreuũen  unier  einer  ireien  Gewe  rbegeie  baebung.  lebhait  geiurdert  und  unler.
stützt  durch  meine  Vorfahren.  in  stiller,  cmüger  Arbeit  eine  Industrie  entstand,
  die  in  zwischen  in  hundertiähriger  Entwicklung  den  heimiichen  Markt
eroberte  und  auf  dem  Weltmarkt  zum  ersolgreichen  Konkurrenten  aller  Aultur
        <pb n="211" />
        Das  Deuitsqe  Neich  und  seine  rinzeler#  Glirdrr.  (August  9.  10.);  201

 
  
  
  
  

dieser
stels
auf

   
  
   
     
   
 
  
    
 
  
 

   
  
  

ist.  Die  und  wirtschaftlichen
den  Namen  Kruppich
preußischen
Einheit
heute

donnert,
wurde.  Aruppsche
und  der  deutschen
führen  die  deutsche
zahlreiche  Armeen

   
  
  
 
     
  
   
 
 

ueuer
von  den
Werles

 

gegen-  


 

den

So
Dieuste  für
und  dur-  Generationen
mir  in  ein
mir

  
 

zu  meinen
trauens  gesent.
seine  Inhaber
Abcheticben  8
d  Reich,
tt  *En  den
weiler  zu  führen,  treu  den
Krupp,  zum  Ruhme  unierer
Vaterlandes.“

9.  August.  (Gerthe  bei  Bochum.)  Besuch  des  Kaisers  in
Begleitung  des  Reichskanzlers  und  I#r.  Krupps  von  Bohlen  und
Halbach  auf  der  Unglücksstätte.

Unter  den  Spenden  für  die  Hinterbliebenen  der  Verunglücklen  er#s
scheinen  die  des  Kaisers  mit  150XXX)  Mark.  des  Prinzregenten  von  inern
mir  50000  Mark  und  der  Gewerkschaft  „Lothringen“  mit  50n#)  #

lo.  August.  (Langenschwalbach.)  Der  Erbauer  des  .
tagsgebändes  Geh.  Baurat  Prof.  Paul  Wallot  t.  71  Jahre  alt.

  
  
  
 
    

der
habe,  nur  mit  dem
des  Hauses  gelingen
Hauies,  zur  Ehre  des
und  zum  Wohle  des
        <pb n="212" />
        202  Hes  Menischr  Neich  und  frine  rinzeluen  Glieder.  (August  11.—15.

11.—15.  August.  (Aachen.)  39.  Katholikentag.

In  einer  Gedächtnisrede  des  Diözesanpräses  Müller-Köln  auf  Kardinal
  Erhbisch  of  Fischer  wird  auch  der  Nampf  der  Kölner  mit  der
Berliner  Richtung  beir.  die  kotholischen  Gewerkschaften  berührt.  „
war  nicht  immer  leicht  für  den  Kardinal,  seine  Reiormarbeit  sortzuführen.
Es  kam  eine  Zeit,  wo  die  grundiätzlichen  Erörterungen  kein  Ende  neyhmen
wollten  und  viele  schwerwiegenden  Streitfragen  auigeworfen  wurden.  Manche
Frage  ist  inzwischen  geregelt  worden,  über  andere  tobt  der  Slreit  weiter.
Der  Kardinal  war  sich  bewußt,  was  vom  Ausgang  dieser  Kämpfe  für  die
ganze  Entwicklung  der  sozialen  Bewegung  abhing,  und  er  zögerte  keinen
Augenblick,  sich  schüpend  vor  die  zu  üellen,  die  umer  seinen  Angen  und
mit  seiner  Billigung  für  die  Organisationen  tätig  waren.  In  Ansprachen
und  Hirtenbriefen  trat  er  den  Angriffen  ensgegen,  und  zweimal  machte  er
eigens  die  beschwerliche  Reise  nach  Rom,  190#1  und  1910,  um  Mißverständnisse
  zu  zerstreuen  und  soliche  Anklagen  zu  enninuften.  Tas  hoffentlich  letzte
Auflodern  dieser  Kämpfe  siel  in  seine  letzien  Lebenstage.  Wenn  die  katholischen
  Arbeiter  und  ihre  Führer  trotz  der  Häufung  von  Angriffen  aller  Art

im  In-  und  uslowde,  den  Glauben  an  den  Sieg  ihrer  Sache  nicht  verloren
  und  in  ihrer  Arbeit  nicht  müde  wurden,  dann  lag  der  Grund  in  dem

zuversichtlichen  Wui  Unser  Kardinal  sicht  zu  uns  und  hält  seine
«  os«

den  Verhandlungen  Über  die  Jesuitenfrage  geht  ein  einstimmig
  kesgonems  Antrag  folgenden  Inhalts  hervor:  Der  Katholikentag
  sieht  in  dem  Jejuitengesetz  eine  schwere  Nechtsverletzung  und  ein  beklagenewertes
  gehälfiges  Ausnahmegeien.  Die  Katholiken,  heißt  es,  erblicken
in  dem  Geseb  einen  Eingriff  in  das  innerite  Leben  der  nirche.  Der  Antrag
  weist  den  Vorwuri,  die  Jesuiten  störten  den  borkesstonselln  Frieden,
mit  Emschiedenheit  zurũck,  verlaugt  die  Anihebung  des  Gejebes  und  beauftragt
  das  asiniun  k  homipeehn  Eingabe  an  den  Reichs#og  zu  richten.
ler  (Rontenburg,  spricht  über  „Papsttum  und
Aurorilin  und  Seheen  darin  die  Fr  age:  „Nann  nicht  der  Fall  eintreien,
  daß  eine  allgemeine  Verjügung  gerode  in  Demschland  besonders  hart
wirkt,  ja  undurchführbar  ist  oder  mehr  Schaden  als  Nuten  stiiten  wie
Das  n  da  und  dork  die  eigenarligen  deutichen  Verhältuiise  im  Side  der  Nirchenregierung
  nicht  in  wünichenswertem  Maße  du  urchichaut  und  berücklichtigt
werden?  Gewiß,  der  Fall  ist  denkbar  und  möoglich.  Ja,  wus  dann  tun?
Alindlings  sich  fügen,  alles  über  sich  ergehen  lassen?  Nein,  das  nicht!
ber  noch  weniger:  Lärm  ichlagen  und  in  Jeilungen.  vollends  in  den  gegneriichen,
  seinem  Aerger  Luit  machen!  Das  tut  ein  Katholit  nicht,  der
auf  Ehre  hält.  Vernunit  und  kirchlicher  Sinn  schreiben  ihm  sein  Verhalten
vor.  Puhiges  Biut  und  besonnenes  Urteil!  „Lebhuite  Zustimmung.)  Vor
allem  nicht  vergessen,  daß  es  Recht  und  Pilicht  der  Bilchöfc  ist,  in  solchen
Fällen  auizuklären,  Sabiensglesten  zu  heben,  Schäden  abzuwehren.  Das
Epislopat  hat  seine  Pflicht  getan,  wird  sie  auch  ferner  tun,  und  es  kann
nur  dankbar  bezengen,  daß  es  beim  Heiligen  Vater  noch  immer  verständnisvolles
  Emgegenkommen  und  willfährige  Rücküchtnahme  gesunden  bat.“

11.  August.  (Berlin.)  Eine  Gejellschaft  deutsch-amerikanischer
behrer,  die  zum  Studium  deutscher  Schuleinrichtungen  eine  Rundreise
  durch  Deulschland  macht,  wird  festlich  empfangen.

15.  August.  (Neustrelitz.)  Besuch  der  Königin  von  England
beim  Großherzogspaare.
        <pb n="213" />
        Des  Nesischr  Reich  und  seinure  vinelurs  Glieder.  August  17.—23.)  203

Mitte  August.  Der  freikonserwative  Abgeordnete  Landrat  a.  D.
v.  Dewitz  beleuchtet  in  einer  Schrift  „Erbguwachssteuer  als  Besitzsteuer",
  um  die  Notwendigkeit  einer  allgemeinen  Reichsbesitzsteuer
darzutun,  das  Verhältnis  der  indirekten  zu  den  direkten  Abgaben
durch  folgende  Tabelle:

 

Mach  den  Voronschlägen  Direkte  Abgaben  Indirekte  Abgaben
für  1911)  pro  —  in  %  ———

 

—.  ...  1  5—4  30,6%  28,8  .4  69.4%
....  S  «:45,0«!0  a2,  1.  4  52,0%
Sl  ....  3  M  i  a1,80  45,7  M.  63,2%

 

 

17.  August.  Die  Reichsregierung  billigt  den  Vorschlag  des
Grafen  Berchtold  auf  Einwirkung  in  Konstantinopel  für  Reformen
in  Albanien  und  verspricht  ihre  diplomatische  Unterstüßung.

19.  August.  (Kiel.)  Abreise  des  Prinzen  Heinrich  von  Preußen.
als  Vertreter  des  Kaisers  bei  der  Beisetzungsfeier  des  Kaisers  von
Japan.

19.  August.  (Wilhelmshöhe  bei  Kassel.)  Bei  einem  Festmahl,
  das  das  Kaiserpaar  zu  Ehren  des  Geburtstags  des  Kaisers
von  Österreich  gibt,  bringt  der  Kaiser,  der  die  österreichische  Feldmarschalluniform
  trägt,  folgenden  Trinkspruch  aus:

Ich  biite  Sie,  Ihre  Gläser  zu  erheben.  Es  gilt  Seiner  Maiestät
dem  daleer  von  Oesterreich,  König  von  Ungarn,  dem  wir  alle,  auch  auseerhalb
  der  Grenzen  seines  Landes,  von  Herzen  Verehrung  und  Liebe  gollen.
Es  gilt  Meinem  treuen  Frenude  und  Meinem  feiten  Verbünderen  und  Waisenbruder,
  dem  Vorbild  und  dem  verkörperten  Pllichigessihl  in  der  Arbeit  für
sein  Volk  und  sein  Land.  Gon  schütge,  erhalte  und  segne  Seine  Majestär
den  Kaiser  und  König!“

19.  August.  (Bayern.)  Die  Eingabe  der  bayerischen  Bischöfe
an  den  Bundesrat  um  Aufhebung  des  Jefuitengesetzes  wird  im
.Bayerischen  Kurier“  veröffenllicht.

Der  Epiikopat  weist  darin  auf  die  wiederholten  Beschlüse  des  Reichstages
  hin,  in  denen  eine  aus  jehr  verschiedenartigen  Parteien  zusammen-*
  Mehrheit  sich  für  die  Auihebung  des  Jeiunengejeres  ansgeiprochen

Es  bestehe  wohl  kein  Zweiiel,  dan  der  Re  ichstog  bei  erneuter  Amragie
  auch  neuerdings  sich  mit  großer  Mehrheit  für  die  Aufhebung  des
Ausnahmcgesetes  ausfbrechen  werde.  Sollen  nichtsdestoweniger  die  veründeten
  Negierungen  dieses  Gesetz  aufrechterhanen  und  den  Zejuiten  iede
Ordensheimat  auf  deutschem  Boden  versagen  wollen,  so  biete  der  Avpvell
Baverns  an  den  Bundrsrat  greigneten  Anlah,  nach  einigen  Richtungen  hiu
wenigstens  die  Schranken  zu  beieitigen,  in  die  das  Jeinitengeietz  die  freie
Entfaltung  des  katholischen  innerkirchlichen  Lebens  einenge.
        <pb n="214" />
        204  Has  Befr  Reich  und  seinr  cinnelnrn  Glicher.  (August  24.  26.)

24.  August.  (Wilhelmshöhe.)  Durch  eine  Anschwellung
der  rechten  Halsseite  und  der  Gaumenmandel  ist  der  Koaiser  genötigt,
  den  Manöverfestlichkeiten  in  Provinz  und  Königreich  Sachsen
fernzubleiben  und  den  Kronprinzen  mit  seiner  Vertretung  zu  beauftragen.


26.  August.  (Merseburg.)  Beim  Festmahl  im  Ständehaus
verliest  uer  Kronprinz  eine  kaiserliche  Botschaft.

i#t  schmerzlichem  Bedauern  muß  ich  mit  Ihrer  Majestär  der  Kaiserin
und  acnn  auf  ärz#lichen  Rat  auf  den  Besuch  der  Provinz  Sochsen  und
Merseburgs  verzichten.  Es  wäre  mir  eine  herzliche  Freude  geweien,  anläßlich
  der  Besichtigung  der  wassentüchtigen  Söhne  meiner  jsächsischen  Lande
und  der  Altmark  einige  Tage  wieder  unter  der  arbeitiamen  Bevölkerung
der  Provinz  Sochsen  leben  und  ihren  würdigen  Ziepräientanten  auf  historüschem
  Boden  in  Merieburg  näher  kreten  zu  können.  Tausendjährige  Erinnerung
  dentscher  Bergangenheit  knüpit  sich  an  diese  denkwürdige  Stätte.
n  jüngst  sind  hier  wieder  Baureste  zutage  geireten,  die  uns  von  dem
Wirken  des  rinerlichen  ersten  deutschen  Naiiers  Leinrich  I.  Kunde  gaben
und  Erinnerungen  an  die  wechielvollen  Schickfale  der  einstigen  kaiserlichen
Pfalz,  des  Lieblingsausenthalts  der  demschen  naiser  und  der  späleren  Residenz
  der  Herzöge  von  Sachsen-Merieburg,  wecken.  Nicht  immer  sind  es
freundliche  Bilder,  die  aus  der  Geschichte  der  einzelnen  Teile  der  jehigen
roving  Sachsen  vor  unsere  Augen  treten.  Schwere  Stürme  und  Kriegsnöte
  sind  im  Lonie  der  Johrhunderte  über  diese  r  hingezogen.  Von
gen  Zeiten  an,  wo  das  Christentum  hier  Boden  fasue,  bis  zu  den  verheerenden
  iderunen  und  Brandichabzungen  des  dreißigjährigen  Kricges
und  den  Jahren  der  schwer  auf  den  demschen  Landen  lastenden  Fremdherrichaft.
  Vorüber  sind,  Gon  sei  ce  gedankt,  die  Zeiten  demicher  Jerrissenheit
  und  fremder  Einmischung.  In  gemeinfamer  Abwehr  dußerer  Feinde
s#anden  sich  die  deulichen  Stämme  unter  Preustens  Führung  au  bluriger
Wolstan  zufammen  und  schufen  ein  iestgeisgtes,  iu  Lande  und  zu  Wasser
wehrhaftes  Deutiches  Reich.  Auch  die  Sohne  dieier  Provinz  haben  dabei
mit  ihrem  #t  ihre  Treue  besicgelt  und  mannhaft  dazn  mitgewirkt,
dos  Fundamem  für  einen  gesunden  Auf-  und  Ausban  des  demischen  Vaterlandes
  zu  ichaisen.  Daß  in  der  Folge  auch  die  Provins  und  der  Wohlstand
  ihrer  Bevölkerung'  eine  ungrahne  Eutwickelung  **-  btat.  erfüllt
mein  landeovaterliches  Herz  mit  beionderer  Freude.  Mit  R  d  Hand
in  sleißig  gearbeite,  worden,  dem  Boden  seine  reichen  2  an  r—mier
Salzen  und  Erzen  zu  entreißen  und  die  geiegnete  Fruchtbarkeit  ihrer  Felder
und  Auen  dem  Ganzen  nunbar  zu  machen.  Die  vorbildliche  Arbeit  ihrer
Landwirte  und  ihr  unermüdliches  Streben  nach  Vervonlaus#g#  des  Betriebes
  und  der  rolionellen  Verwertung  der  Bodenerzeugniise  haben  in  der
jeuigen  Ouhe  der  vemichen  Landwirtichaft  und  ihrer  Indunrrien  einen  erheblichen
  Ameeil.  Moge  es  der  Provinz  Sachsen  beschieden  sein,  auch  sermer
sich  auf  allen  Gebieten  des  wirtichaftuchen  und  geistigen  Lebens  erfolgreich
au  belätigen  und  in  der  Treue  zu  Uönig  und  tern  ud  binter  keinem
anderen  Teile  der  Monarchie  zurückenstehen.  .  .  Mit  diesem  Wunsche  entbiele
  ich  der  Provinz  meinen  warmiten  landesbötersichen  wee.  Wilhelm  R.“

26.  August.  (Preußen.)  In  den  „Sozialistischen  Monatsheften“
  hat  Abg.  Eduard  Bernstein  eine  übersicht  über  die  Vor-
        <pb n="215" />
        Das  Derisqe  Nrich  und  seine  rinzelpen  Glieder.  (August  26.—29.)  205

schläge  gegeben,  die  Taktik  der  Sozialdemokratie  für  die  bevorstehenden
  Landtagswahlen  zu  ändern.

hemalige  „Borwärts“-RKedakteur  Eisner  war  mit  folgendem
Plane  hervorgetreten:  „Um  die  koniervativ-l#erikale  Mehrheit  des  Abgeordnetenhauies,
  wenn  nicht  zu  sprengen,  so  doch  mindestens  so  sehr  zu  reduzieren,
  daß  das  Abgeordnetenhaus  ein  neues  Gesicht  erhält,  soll  die  Sozialdemokratie
  schon  bei  den  Urwahlen  überall  dort,  wo  sie  selbst  nicht  Aussicht
auf  Sieg  hat,  ihre  Stimmen  für  die  liberalen  Parteien  in  die  Wagschale
werfen.“

Vernstein  präzisiert  die  Konsequenzen  dieses  Vorichlages  folgendermaßen:
  „Die  Partei  würde  nach  dem  Eisnerschen  Vorschlag  generell  versichten
  1.  auf  die  möglichst  e  doride  Zählung  ihrer  Stimmen  im  Lande;
2.  auf  die  Verpflichtung  der  Lidera  n  zur  Gegenseitigkeit  im  Wahlkampf:
3.  auf  die  Festlenung  der  Are  duns  bestimme  Forderungen,  respektioe
ein  Mindesiprogramm:  4.  aus  di-  ieerenierun  der  zu  unterstützenden
liberalen  Kandidaten.“  Er  gibt  als  den  Zweck  der  ganzen  Diskussion  an:

ft  Sturz  des  gegenwärligen.  n“n  ist  jebt  die  Lauptsache.  Wir
find  aber  darüber  alle  e  einig,  daß  wir,  solange  nach  ihm  gewähl  wird,
niemals  aus  eigener  Kraft  so  vicl  Abgcordnete  werden  durchbringen  können,
um  eine  Wahlreiorm  zu  erzwingen,  die  nur  annähernd  unseren  Forderungen
entspricht.  Für  diese  Aufgabe  sind  wir  im  Abgeordnetenhaus  auf  die  Mitwirkung
  anderer  Parteien  angewiesen

26.  August.  (Metz.)  Das  Oderkriegsgericht  mildert  die  sechsmonatige
  Gesängnisstrafe,  die  in  der  Vorinstanz  am  8.  Juli  über
vier  Kapläne  verhängt  war,  in  Festungshoft  von  gleicher  Dauer.

27.  August.  (Kiel.)  Erfolgreiche  Probefahrt  des  ersten  deutschen
  Turbinen-Dreadnougths  „Kaiser“.

.  August.  (Bayern.)  Zum  Präsidenten  des  Verwaltungsgerichtshofs
  wird  der  Ministerialdirektor  im  Ministerium  des  Innern
Staatsrat  Nitter  v.  Krazeisen,  der  Schöpfer  des  neuen  Wahigesetzes.
-

W8.  August.  Des  Kaisers  Wunsch  in  bezug  auf  die  beabsichtigten
  Geschenke  zu  seinem  Regierungsjubiläum.

Das  Kr-  gibt  folgende  Notiz  ous:  „In  vielen  Areisen  der
Bevölkerung  ist  die  Abücht  geäuftert  worden,  anlästlich  des  bevorstehenden
25  fährigen  Regierunguinbilaums  des  Laisers  die  Verehrung  für  den  Mon.
archen  und  die  Freude  über  das  Feit  durch  Geichenke  und  Darbietungen
verschiedener  Art  auszudrücken.  Durch  mehrfache  Anfragen  kamen  diese
Wüniche  ouch  zur  verionlichen  Nenniis  des  Noisers.  Wic  eine  Berliner
Korreipondens  hort,  mochte  indesien  der  Naiser  bei  aller  Anerkennung  der
hierin  ausgedrückten  Gesinnung  sich  die  Annahme  von  perionlichen  Geichenken
aus  dem  erwähnten  Anla##versagen.  Daaegen  wurde  es  einem  allerhochnen
Wunsche  emsprechen,  wenn  die  hierfür  ehm  in  Anassicht  genommenen  Mirtel
wohltätigen,  gemeinnüvigen  oder  patriotischen  Zwecken  umer  bejsonderer
Berücksichtigung  der  Bedürfuniise  der  betreisenden  Bevolkerungskreise  zugewendet
  werden

29.  August.  (Sachsen.)  Nach  Abnahme  der  Parade  bei  Zeithain
  gibt  König  Friedrich  August  im  Residengschloß  zu  Dresden  eine
        <pb n="216" />
        206  bes  Beuffr  Neich  und  seinr  rinzrinrs  Glicder.  (August  29.—31.)

Festtafel,  bei  der  er  an  den  Deutschen  Kronprinzen  folgende  Ansprache
  sichtet
die  Freude  über  die  bemige  barade  zu  deren  Gelingen  ich
meinen  R  Armeekorps  meinen  besten  G  tückwun  sch  ausspreche,  mischt
sich  ein  bilterer  Vermatstropten.  Durch  ein  At  ee  eingetretenes  Unwohlsein
  verhindert,  sind  Se.  Mojestät  der  Kaiser  nicht  imstande  gewesen,  die
Parade  selbst  abzuhalten.  Seit  Monaolen  haben  wir  uns  alle  darauf  geut,
  den  schorsen  Augen  Seiner  Moaiestät  zu  zeigen,  was  wir  auf  diesem
Gebiee  zu  leisten  imstande  sind.  Ich  SB-  wohl  in  Ihrer  aller  E  *
zu  handeln,  wenn  ich  den  Wunsch  ausspreche,  der  liebe  Gotnt  möge  ihm
recht  bald  die  volle  Gesundheit  wiedergeben.  Herzlich  begrüße  icthr  aber  die
vielen  erlauchten  und  lieben  Freunde  und  Bundesgenossen,  die  ich  zu  —
besonderen  Freude  heute  in  ihrer  Eigenschaft  als  Mir  iglieder  meiner  Arm
mich  versammel.  sehe,  und  bitte  Eure  Naiserliche  und  Königliche  *
Lint  Maijestät  dem  Kaiser,  Ihrem  erlauchien  Herrn  Vater.  unser  aller

mieln  Ich  gebe  ihnen  Ausdruck,  indem  ich  bitte,  einzustimmen  in  den
Ruf:  Leis  Macsät,  der  Kaiser,  mein  lieber  Freund  und  Bundesgenosse,
Hurra,  Hurra,  Hurra.

29.  August.  GBayern)  Der  Prinzregent  begnadigte  eine
große  Anzahl  von  Verurteilten,  denen  er  die  Milderungen  der  am
19.  Juni  1912  verkündigten  Anderung  des  Strasgesetzbuches  sofort
zugute  kommen  ließ.

30.  August.  (Berlin.)  Der  Kaiser  kehrt  vollständig  genesen
aus  Wilhelmshöhe  zurück.

381.  August.  (Berlin.)  Bei  dem  Festmahl  nach  der  Parade,
an  der  außer  dem  Gardekorps  auch  das  3.  Armeekorps  teilnimmt,
hält  der  Kaiser  eine  Rede  auf  die  Provinz  Brandenburg.

Darin  heißt  es:  „Ich  hoffe,  Sie  sind  gern  und  leichten  Herzens  gekommen
  und  nicht  wie  jene  Ubgrordneten  der  Mark  zu  Kaiser  —#
mit  begründeten  Klagen  und  Bir#en  um  durchgreifende  Abhilfe.  Denn  ich
meine,  wir  können  milt  den  heutigen  Verhältnissen  trotz  der  Unvollkommenheiten,
  die  nun  einmal  allem  Irdiichen  anhaften,  zufrieden  sein.  Vor  feindlichem
  Uebermut  und  kriegerischen  Ueberfällen  durch  ein  schlagfertiges  Heer
und  einc  wachsende  Flotte  geschütt,  kann  in  unserem  geordneten  Staatswesen
  der  Landmann  seinen  Acker  bestellen,  der  Kaufmann,  Fabrikant  und
Handwerker  seinem  Geschäite  nachgehen  und  der  Arbeiter  seines  wohlverdienten
  Lohnes  gewiß  sein:  sic  alle  kännen  sich  der  rre  ihrer  Arbeit
und  der  Goben  unserer  Kultur  erireuen.  Wer  aber  glaubt,  Grund
Klagen  zu  haben,  oder  wer  neue  Kraft  Frsen  zu  wweierer  Arhei
—  jei  es  für  den  eigenen  Herd,  sei  es  für  das  Gesamtwohl  —
mache.  nn  mir  hin  und  wieder  auf  seinem  Wege  Hall  und  ad
auf  die  Zeiten,  we  es  nicht  so  wie  jetzt  in  unserem  Vaterlande  aussah.
Zu  shee  Rücbiicl  bieet  das  Jahr  1912  mit  seinen  Gedenktagen  zute
Gelegenheit.  Ist  es  doch  500  Jahre  her,  doß  Burggraf  Friedrich  VI.  v
Nürnberg  seinen  u—  Zug  in  die  Mark  unternahm,  um  a
Geheiß  seines  nai#jerlichen  Herrn  zunachst  als  Verweser  wieder  Lrdung
in  die  durch  Eigennuß  und  Willkür  verfahrenen  Terhältnisse  zu  bringn
und  die  Mark  vor  dem  Untergange  zu  renen.  Wahrlich  eine  #sche,
        <pb n="217" />
        NH#  Brruische  Keich  un)  seint  rinzelnen  Glieder.  (September  1.—7.)  207

deren  Lösung  nur  einem  Manne  anvertraut  werden  kensnt,  der,  wie  Friedrich,
lug,  gerecht,  energisch  und  zielbewußt  war  und  sig  n  Treue  zu  Kaiser
unk-  #  bewährt  hatte.  Wie  er  die  ihm  von  der  Lorsehun  zugewiesene
Mission  erfüllte,  und  welche  Bedeutung  der  verste  Fusoofe  eines  Hee  ·
oslern  auf  märtijchem  Boden  für  unser  Land  haue,  tritt  uns  heute
bar  vor  Augen,  wenn  wir  auf  die  Geschichte  des  oare#tung.ouchlco
Staates  und  des  Deutschen  Reiches  blicken,  deren  gemeinsames  Fundament
est  auf  märkischem  Boden  sleht.  Markgraf  Friedrich  aber  wie  die  nach
ihm  kommenden  Heroen  seines  Geichlechts  hätten  ihre  segensreichen  Lebenswerke
  nicht  vollenden  und  das  Staatsschiff  nicht  so  sicher  durch  Brandung,
Sturm  und  Wogrr  ahren  können,  hätien  sie  nicht  ihre  Märker  hinter  sich
ehabt.  Diese  haben,  nachdem  das  anfängliche  Mißtrauen  gegen  den
gerinden  Herrn  überwunden,  mit  Gut  und  Blut  treu  zu  ihren  Martresen
hehalten  und  ihnen  aus  ihrer  Mine  Männer  von  echtem  Schrot  und  Korn
gestell),  die  wie  die  märkischen  Eichen  Sturm  und  Werter  widerstanden
und  eine  feste  Stütze  in  Kriegs-  und  Fricdenszeinen  boten.  Auch  in  Zukunft
  werden  —  des  bin  ich  gewiß  —  die  brandenburgischen  Mannen,
wenn  König  und  Vaterland  *  als  erite  sich  Nellen  mit  weithin  schallendem

„Hie  guet  Brandenburg  allewege“.  Daß  solche  Männer  mir  steis  und  meinem
Hause  erstehen  mögen,  und  nr  5  märkischen  Eichen,  der  märkischen  Kiefern
und  des  märkischen  Sand  e  alle  werden  möge,  det  berre,  4  mein

lebe  die  Fe  Hrandenurg  Hurra!

1.  September.  (München.)  Generalintendant  des  bontheater
und  der  Hofmufk  Frhr.  v.  Speidel  f.  54  Jahre  alt.

2.  September.  (Berlin.)  Abreise  des  Kaisers  nach  der  Schweiz.

3.  September.  (Preußische  Landtagsersatzwahl.)  In
Köslin-  Kolberg  -  Bublitz  wird  der  Lehrer  Buttie  (K.)  einstimmig
gewählt.

4.  September.  (Bayern.)  In  der  Kammer  der  Reichsräte
wird  der  Lotterievertrag  mit  Preußen  angenommen.

6.  September.  (Bayern.)  Die  Abgeordnetenkammer  nimmt
die  Vorlage,  die  das  Reichsgesetz  über  den  Unterstliyungswohnsitz
auch  in  Bayern  zur  Einführung  bringen  soll,  mit  107  gegen
32  Stimmen  an.

Die  Sozialdemokraten  und  viele  Fortschrittler  stimmten  dagegen.

6.  September.  (Hamburg.)  Der  regierende  Bürgermeister
Dr.  Johann  Heinrich  Burchard  f.  60  Jahre  alt.

7.  Seplember.  (Dortmund.)  Veröffentlichung  eines  kirchlichen
Disziplinarurteils.

Pfarrer  Tranb,  der  wegen  Beleidigung  des  Konsistoriums  in  Münster
am  15.  März  vom  schlesischen  nonsislorium  nur  JZur  Versetzung  in  ein  anderes
Pfarramt  verurteilt  worden  war,  wird  am  5.  Juli  vom  Eoangelischen  Oberlirchenrat
  im  Diszivlinarveriahren  zur  Emasiung  ans  dem  Amt  ohne  Pension
verurkeilt,  weil  er  sich  in  seinem  Verhalten  anser  dem  Amte  der  Achtung,
des  Auiehens  und  des  Vertrauens,  welche  sein  Am  eriordert,  nicht  wirdin
gezeigt  hat.  Das  Urteil  wird  am  27.  August  Tronb  Zugestellt  und  in  Nr.  3
des  „Kirchl.  Gesctz-  und  Verordnungsblolnes“  veroffemtlicht.
        <pb n="218" />
        20  Das  Deutsqt  Rriqh  nud  stine  einielica  Glieder.  September  N.—12.

8.  September.  (Exfurt.)  Hauptversammlung  des  Alldeutschen

Verbendet
Vorlitende  Claas  (Mainy  berührt  die  brannschweigische  Fre
und  det  van  Vorgehen  in  der  Jesuilensrage,  bedauert,  doß  Mar
vorläufig  für  unser  Volk  verloren  gegangen  sei,  streiit  unfer  Feroroit
au  England  und  sordert  nachdrücklich  ein  Festhalten  an  der  äisherigen
Ostmarlenpolitik,  die  eine  Frage  für  das  ganze  deuische  Volk  sei.  Dr.  Koh
(Berlin)  beantwortet  die  Frage,  wo  das  Deuriche  Reich  seine  “me
Auedehnung  suchen  solle,  mit  dem  Hinweis,  daß  Afrika  lein  noch  d
Möglichleiren  biete.  Generalleumam  3.  D.  v.  Licbert  warnt  vor  roen
Wischehen  der  Farbigen,  da  die  daraus  innrossen  biwer  die  Fehler
beider  Eltern  vereinten  und  ein  durchaus  gejährliches  Element  in  der
kolonialen  Bevölkerung  bihenen.  außerdem  die  deutschen  Mädchen  und  Frauen
damit  auf  die  Stufe  der  Farbigen  herabgedrückt  würden
9.—1.  September.  (Oschatz  bis  Niesa.)  Kaisermanöver.

ie  Mandverleitung  legt  der  Presse  nahe,  im  Interesse  einer  kriegsgemässen
  Entwichlung  der  Manver  über  die  ainzeinen  Momente  des  Vormarsches
  der  beiden  Parieien  nichts  zu  ber

9.  September.  Ercherada)  Die  Romanschreiberin
Milhelmine  Heimburg  (Berta  Behrens)  t.  64  Jahre  alt.

11.  September.  (Sachsen.)  König  Friedrich  August  wird  vom
Kaiser  auf  dem  Manöverfelde  zum  Generalfeldmarschall  ernannt.

11.  September.  (Bayern.)  In  der  Abgeordnetenkammer
wird  die  neue  Kirchengemeindeordnung  mit  93  Stimmen  (Zentrum,
Konservative,  Altbayerische  Bauernbündler)  gegen  46  Stimmen
(Liberale  und  Sozialdemokraten)  angenommen.

ie  Liberalen  beanslandeten  beionders  die  Hcranziehung  der  sogenamun
  juristischen  Personen  zu  nirchentenern,  jerner  die  Verleugnung
des  Selbstverwaltungsrechts  und  der  Selbständigkeit  der  nirchengemeinden
gegenüber  den  Piarre  rern  und  Lirchenbehörden,  denen  die  Verwaltung  des
Kirchenvermögens  im  großen  und  ganzen  überlassen  .

11.  September.  (Berlin.)  Eine  Versammlung.  der  Kirchlich-Liberalen
  nimmt  eine  Resolution  an,  in  der  die  Verdienste  Traubs
um  seine  Gemeinde  aufs  lebhafteste  gewürdigt  werden,  die  Haltung.
des  Oberkirchenrats  scharf  getadelt  und  die  Hoffnung  ausgedrückt
wird,  daß  Traub  seiner  Gemeinde  in  Dortmund  erhalten  bleibe.

12.  September.  (Baden.)  Die  Regierung  setzt  dos  Verbot
der  Einführung  und  Durchfuhr  von  Rindvieh  und  Ziegen  aus  der
Schweiz  außer  Krast.

12.  Seplember.  (Stuttgart.)  Der  Deutsche  Pfarrertag  über
die  Jesuitenfrage.

Mit  allen  gegen  zwei  Stimmen  wird  folgende  Resolution  ange-.
nommen:  „Der  Deutiche  Piarrertag  erklärt  üch  gegen  die  Aufhebung  des
Jeinitengeienes.  und  gegen  eine  Umdentung  jeines  Willens,  wodurch  dem
Jesuitenorden  im  Deutichen  Reiche  freie  Vahn  geschafien  würde.  Er  binet
        <pb n="219" />
        Des  Derisqe  Reiq  u#d  sriur  rintelurs  Glieder.  (September  13.—21.)  209

den  Bundesrat  und  den  Rcichstag,  die  Hand  dozu  nicht  zu  bieien,  daß  der
Jejuitenorden  seine  für  Mission.  Schule  und  Stoat  #eich  gesährliche  Wirksamkeit
  in  Deurschland  wieder  aufnehmen  kann.  Er  bereit,  im  Hinblick
auf  die  drohende  Gefohr  für  das  Deutsche  Neich  die  Hötrolt:  Arbeit  des
Evangelischen  Bundes  und  des  Gustao-Adolf-Vereins  eifrig  zu  fördern.“

13.  September.  (Ehrwald.  Tirol.)  Der  frühere  Berliner
Oberbürgermeister  Dr.  Martin  Kirschner  ##  im  70.  Lebensjahr.

14.  September.  (Lübeck.)  Anläßlich  des  Besuches  der  schwedischen
  Journalisten  stistete  Senator  Possehl  dem  Kommerzkollegium
in  Stockholm  100000  Kronen  zu  Stipendienzwecken  für  junge  Schweden
zwecks  Studienfahrten  nach  Deutschland.

15.—  21.  September.  (Chemniz.)  Sogsallemohratischer  Parteitag
  unter  Vorsitz  des  Reichstagsabgeordneten  Haa#

Es  sind  Vertreter  der  sohialdemokratischen  Haafe-  in  Oesterreich,
Ungarn,  Belgien,  Schweden,  En  ngla  and,  Frankreich  und  Rußland  erschienen,
ferner  haben  die  nschechischen  Separatisen,  die  in  Oesterreich  in  Kampfkstellung
  gegen  die  deuliche  Sozioldemokrarie  siehen,  zwei  eigene  Vertreter
entsondt.  Der  schwediiche  Delegierte,  Reichstageabgrordneter  Braming,
donkte  in  seiner  Aniprache  für  die  Unterstützung,  die  die  deutsche  S#iott
demokratie  der  schwedischen  in  dem  großen  schwediichen  Generalstreit  hat
zuteil  werden  lwin.  Für  die  engliichen  Sozialdemokraten  sprach  Quelch
ondon).  Das  Mitglied  der  belgiichen  Dronteerlenkamuner  de  Prouckere
wur  die  Borbereilungen  der  belgiichen  Sozialdemokraten  zu  einem  bevorstehenden

  Generalstreik  wegen  der  Wahlrechts  vjrage.  Das  Parijser  Gemeinderatsmitglied
  Cachin  wb  im  Sinne  Cuelchs  für  den  Welrfrieden.
Stlicbtlch  überbrachte  Arichotogsabgrordnene  Seiich  die  Grüße  der  österischen
  Sozialdemokraten.  Auf  Vorichlag  des  Neichstagsabgeordneten
Hnonbon  beschloß  der  Parteitag  die  Einführung  der  englischen  r*W—’“i.
für  seine  Tagungen  und  setzte  als  Arbeitszeit  die  Slunden  von  l
sen.DenVkstandsbeuchtemotche  Reichotagsabgeordneter  Ebert  danach
ist  jett.  die  Mitglieder#s#l  970  112,  gegen  das  Voriahr  eine  Zunahme  von
oder  um  15,09  Prokemi  In  3/#)  Wobltreien  besichen  Organisotionen,
  darunter  in  33  mit  über  3/0  Mirg!
ebatie  wird  zurimine  sotgend  i-  angenommen:
.Der  Parteitag  konstatiert,  daß  der  Napitaliemus  in  der  stürmiichen  Em.
wicklung  der  beiden  letzten  Jahrzehme  zu  einer  ungehruren  Reichtum
vermehrung  der  Besitzenden  geiührt  hat,  während  die  arbeitenden  Austen
durch  die  zunehmende  Vertkeuerung  ihrer  wichtigsten  Vedorisgegenitönde  an
der  Erhöhung  ihrer  vebeushaltung  gehindert  worden  und  in  Gejfahr  geraten
find,  der  Kompierrungenschaiten  ihrer  gewerkschaftlichen  Organi#arionen  beraubt
  zu  werden.  Der  Parteitag  sieht  in  diesem  Gegensad  der  Bereicherung
der  wenigen  Kapitalmagnaten  und  der  zunehmenden  Massenverarmung  de
stärksten  Beweis  für  die  Unvereinbarkeit  der  kapitalinischen  Produktionsweise
  mit  den  Intereisen  der  arbeitenden  Rlossen  und  für  die  Notwendigkeit
des  Sozialismus.  —  Der  Parteitag  erkenm  in  der  herrschenden  Schutzzollvolitik
  Deutschlands  eine  unerträgliche  Verschärfung  der  Teuerung.  Er
sordert  die  Beieitigung  dieser  Wirtschaftspolitik,  deren  Zweck  nur  die  ungeheuerliche
  Steigerung  der  Beme  der  Großgrundbeützer,  die  eitünn.
mäßige  Förderung  der  Kartelle  und  die  Erhohung  ihrer  Monovolproii#te
bildet.  Fuer  sordert  die  Beseitigung  des  Systems  der  Einfuhrscheine  sowie
eide-  und  Futterminelzolle,  die  den  Großgrundbcsitz  8  Kosten  der
areen  Geschichtefalenber  I.  1IT
        <pb n="220" />
        210  Des  Dische  Reich  und  seine  einzelsen  Glieder.  (September  16.)

städtischen  und  bäuerlichen  Bevdilerung  begünstigen.  Er-  sorden  insbeiondere
zur  Abhilic  der  Fleischnot  die  Oefinung  der  Grenzen  für  Vich  und  Fleiich
unter  Brachlung  unerläßlicher  gesundheillicher  Ueberwachungsmaßregen  und
die  enniprechenden  Abänderungen  des  Gesetzes  betreffend  die  Schlachwiehund
  Fleischbeschau,  um  die  Einfuhr  von  frischem  und  zudereitetem  Sicli
insbeiondere  auch  von  Geirierileisch,  dauernd  zu  ermöglichen.  —  In
bindung  mit  diejen  Mannohmen  jordert  der  Parteilag  eine  gründliche  Fr
sorm  unseres  Steuersystems  mit  dem  Ziel  der  Beseiligung  der  indirekten
Steuern  auf  die  Verbrauchsartikel  der  Massen  und  ihre  Ersetzung  durch
direkle  Vermögens-,  Einkommens-  und  Erbschaftssteuern.  —  Der  Parteitag
protestiert  gegen  die  insamen  Bestrebungen  der  Junker  und  S  orsimee
die  Selbsthilfe  der  Arbeiter  durch  Erdrosselung  des  Koalitionsrechts
lahmzulegen;  er  fordert  die  Ausgestaltung  und  Sicherung  der  Koalitionssreiheit.
  —  Der  Pareitag  erklärt  zur  hlenteen.  dieses  Resormprogramms
die  sofortige  Einbernjung  d  es  Reichslages  *l21  unerläßlich  und  fordert
die  arbeitende  Klasse  auf,  den  Kampf  122•5  das  herrschende  Ausplünderungssostem
  mit  r—  Wuucht  sortäuführen.“

Jne  erialismus  wird  eine  lange  Resolution  angenommen,
  in  de  #  beisn:  „Die  Sozialdemokratie  bekämpft  auf  das  nachdrücklichtte
  iieoleiheng  und  chauvinistijche  Bestrebungen,  wo  immer  sie
sich  zeigen  mögen,  pilegt  danegen  mit  aller  Eutschiedenheit  die  internationale
Solidarirät  des  Proletariais,  das  nirgende  ieindselige  Gesühle  gegen  ein
anderes  Volk  hegt.  Wenn  auch  der  Imverialismueé,  der  ein  Auefluß  der
kapitalistiichen  geeiktsetsgei  ist,  nur  mit  dieser  vollitändig  stberwunden
werden  kann,  darf  doch  nichis  eunterlalsen  werden,  um  seine  gemeingefährlichen
  ##ln,r,  zu  mildern.  Der  Parteitag  bekundet  den  hufabolkenen.
Winen,  alles  aufzubieten,  um  eine  Verständigung  zwischen  den  Nationen
herbeizuführen  und  den  Frieden  zu  hüten.  Der  Par  rieitag  verlangt,  daß
im  Wege  internationaler  Vereinbarungen  dem  Wettrüsten  ein  Ende  gemacht
werde,  das  den  Frieden  bedroht  und  die  Meuschheit  einer  furchtbaren  Katastrophe
  entyegentreibt.  Der  Parteilag  fordert  an  Sielle  beutegieriger  Er-———
  die  Freiheil  des  Wellverkehrs  und  die  Beicitigung  des  nur
der  Bereicherung  von  Navitalmagnaten  und  Hroßtgrunddeber  dienenden
Schutzzollsustems.  Der  Parteitag  envartet,  daß  die  Parteigenoffen  ibre
ganze  Krast  unermüdlich  für  den  Auaban  der  *—m  gewerlichatlichen
und  ge#nessenichakinde  Organisation  des  klassenbewußten  Proleioriats  einleben
  werden,  um  mit  den  verstärkten  Organisationen  den  gewalnärigen
I#nberalennne  +Au  belämpien,  bis  er  nicdergerungen  ist.  Es  ist  doch  die
Aufgabe  des  Prokriaria#s,  den  aus  die  höchste  Siufenleiter  gebrachten  Lavi-.
talismus  in  die  soziale  Gemeinichait  einzuführen  und  so  den  Frieden,  die
Selbständigkeit  und  die  Freiheil  der  Voller  zu  ichaisen.“

er  chemalige  Nalionalioziale  (zerhard  Hildebrandt,  der  in  ieinem
Buche  „Die  Erichünerung  der  Industrieherrschaft  und  der  Audustriesozialiemus“
  angrblich  für  nolonialbolitik,  Schutzzölle,  die  Marokkovolitik  und
den  Militarismus  eingetreien  war  und  in  zwei  Instanzen  von  der  Partei
ansgeichioi#en  war,  hame  an  den  Parteiiag  appellierlt.  Er  wird  aber  trot
eingehender  Verteidigung  mit  zwei  Driliel  Maioritär  ansgestosien.

Der  Nürnberger  Parteibeschluß.  daß  die  am  1.  Moi  ohne  Verdienstentnang
  feiernden  Ge  noisen  ihren  Pn  an  die  Parteilassen
  abzulirjern  haben,  wird  mit  271  gegen  221  Slimmen  ausgehoden.

16.  Seplember.  (elgorand)  Der  Kaiser  nimmt  die  Parade
über  die  Hochieeflotle  ab.

16.  September.  (Reichstagsersatzwahlen.)  Ju  Schiett-
        <pb n="221" />
        Pat  Praisqt  Reiq  und  friur  ringelurs  Glirder.  (September  17.—21.)  211

stadt  (Elsaß)  wird  der  Zentrumsnationalist  Redakteur  Dr.  Haegy
mit  71½  Stimmen  gewählt.

werkschoftssekretär  Imbs  DSdSn  -  2769,  Weingutsbesitzer
Andieuh  E  Fortschrittvp.)  2315  Stin

17.  Sptemter.  Gmnnchen)  irrter  deutscher  Bankiertag.

den  Resolutionen  heben  wir  das  Urteil  über  die  Bedeut
der  n  hervor:  „Der  Bankiertag  spricht  die  Nanung
aus,  daß  auch  im  cgegenwärtigen  und  künftigen  deulschen  Girichosteleben
der  Privatbanlier  nicht  nur  eine  Existenzberechtigung  hat,  sondern  sich  a
unentbehrliches  Glied  unserer  Bank.,  Borsen.  nd  Kreditorganisation  “

Wenn  auch  die  hier  wie  auf  vielen  o#  im  Gebieten  zur  Napitalskonzentralson
  bindrängende  wirtschaftliche  GEuelälen  manche  Iweige  des
stehend  «  wuwanlhmnkknsan-einio  bieien  doch
andere  Geichäitsarten,  wie  namenttich  das  Eiseltenemisionsgeschäft  und  der
Essektenhandel,  die  Konkursverwaltung  und  die  Beratung  des  anleihesuchenden
Publikums,  die  Kredingewährung  aller  Gewerbetreibenden  und  die  Be  teiligung.
an  der  Finanzierung  industrieller  Unternehmungen  auch  dem  kleinen  und  mittleren
  Bankier  ein  Feld  ausgiediger  Betätigung  und  ausreichender  Verdienstmöglichkeiten.
  Das  Verschwinden  des  Privorbantiers  aus  diesem  Geschäftszweige
  würde  auch  für  dic  Allgemeinheit  einen  erheblichen  Nachteil  bedeuten.“

17.  September.  (Preußische  Landtagsersatzwahl.)  Im
Kreise  Pr.  Stargard  wurde  für  den  verstorbenen  Abg.  Hobrecht  (Nl.)
Rechtsanwalt  Menzel  (Nl.)  in  Dirschau  mit  334  Stimmen  gewählt.
Der  Pole  Wroblewski  erhielt  208  Stimmen.

18.  September.  (GHamburg.)  An  Stelle  des  verstorbenen
Bürgermeisters  Dr.  Burchard  ist  der  Rechtsanwalt  Dr.  Max  Schramm
um  Senator  gewählt  worden.  Nach  dem  üblichen  Turnus  wird
Dr.  Schröder  regierender  Bürgermeister  bis  Ende  1913.

19.  September.  Nach  Mitteilung  der  „Kölnischen  Zeitung“
haben  die  preußischen  Bischöfe  eine  Eingabe  für  Aufhebung  des
Jesuitengesetzes  an  den  Bundesrat  gerichtet.

21.  September.  (Bayern.)  Im  Reichsrat  beantwortet  der
Ministerpräsident  Frhr.  v.  Hertling  die  vom  liberalen  Fraktionechef
Dr.  Casselmann  bri  der  Beratung  der  Kirchengemeindeordnung  in
der  Abgeordnetenkammer  gestellte  Frage,  wie  er  den  Widerspruch  zu
lösen  gedenke,  in  den  er  als  ehemaliger  Referent  der  Reichsratskammer
und  Zentrumsführer  geraten  sei  mit  der  seinerzeiligen  Erklärung  in
derselben  Sache,  daß  das  Konkordat  dem  Religioneedikt  im  Widerspruchsfalle
  vorgehe.

Er  bezeichnete  Casselmanus  Anirage  als  Glied  in  jener  unnmerbrochenen
  nNeite  von  Augriiien,  die  seil  schon  sicben  Monaten,  dem  Aeninn
ieiner  Amtsführung.  gegen  ihn  gerichtet  wurden  mit  dem  Zirl,  einen  Mann
wie  ihn  als  uniähig  mur  Belleidung  des  Postens  eines  Mini#terpräsidemen.
hinzustellen.  Seine  Meinung,  das  Nonkordat  gehe  dem  Religionsedilt  vor,

114
        <pb n="222" />
        212  5  Pailsch=  Reich  and  feine  rinzelnen  Glieder.  (September  21.—25.)

sei  die  Folge  seiner  theorelischen  und  wissenschaftlichen  Ansicht  über  diese
Frage,  wonach  er  den  Motiven  für  dos  Re  Acgionwedi  mun  einmal  nicht
zustimmen  könne.  (Das  Hrligiondebill  hat  in  Banern  die  im  Konkordat
breisgegebenen  staatlichen  Hoheitsrechte  und  rarWas  die  der  Protestanten
wiederhergestellt.)  Weit  enksermt  aber  sei  er,  on  der  beschworenen  Berfassung
zu  rünneln,  und  wenn  er  geiagt  habe,  daß  die  Deleitigung  des  Widerspruchs
zwicchen  Konkordat  und  Neligionsedikt  das  ferne  Ziel  der  Veiesgebong  jei.
so  habe  er  natürlich  an  nichts  anderes  als  an  den  ordnungemäßigen  und
efepnggemeen  Weg  gedacht.  Auch  heute  noch  sei  dieses  Ziel  ja  sern.

n  Zusammenhange  damit  aber  von  i  Antsten  der  Kronrechte  sprechen
wollen,  sei  geradezu  eine  Ungeheuerlich

21.  September.  Die  Nrcheregierung.  hat  für  nächsten  Monat  Zu

Einlad  hen  laffen,  auf  d  schied  Fragen  des  internatio
nalen  Tusstellungswesens  beraten  werden  sollen.  (Siehe  8.  Oktober.)

21.  September.  (Preußen.)  Infolge  eines  Brandes  im  Theater
des  Westens  zu  Berlin  wird  durch  einen  Ministerialerlaß  eine  eingehende
  Revision  aller  Theater  angeordnet.

21.  September.  (Tübingen.)  Der  Rechtehistoriker  Professor
Dr.  Siegfried  Rietschel  f.  41  Jahre  alt.

.—  W.  September.  (Düsseldorf.)  Kongreß  für  Städtewesen.

23.  September.  (Bayern.)  Der  Finanzausschuß  der  Abgeordnelenkammer
  nimmt  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten
den  Lotterievertrag  mit  Preußen  an.

23.  September.  (München.)  Herzog  Frang  Josef  von  Bayern  1,,
24  Jahre  alt.

24.  September.  (Badenweiler.)  Der  Botschafter  am  englischen
  Hofe  Adolf  Frhr.  Marschall  v.  Bieberstein  ##im  70.  Lebensjahre.

24.  September.  (Würtlemberg.)  Der  „Staatsanzeiger“  gibt
bekannt,  daß  die  tierärztliche  Hochschule  samt  den  dazu  gehö5rigen
Kliniken  am  1.  Oklober  aufgelöst  wird.

24.  September.  (Preußen.)  In  einer  Sitzung  des  Staatsministeriums
  wird  Einigkeit  Über  die  Hauptpunkte  der  sofort  einzuleitenden
  Regierungsaktion  zur  Milderung  der  Fleischteuerung  erzielt.

25.  September.  (Leipgig.)  Der  Börsenverein  der  Deutschen
Iuchhändler  gibt  die  Gründung  der  „Deutschen  Bücherei“  bekannt.

utiche  Bücherei  hot  den  Zweck,  die  gesamte,  vom  1.  Jonuar  1913
an  iad  e  deutiche  und  fremdsprachige  Literatur  des  Inlandes  und  bbenio
die  im  Ausland  erscheinende  deutiche  Literatur  zug  sammeln,  aufzubewahren.
zur  Verfügung  zu  halten

25.  September.  (Preußen  und  Mecklenburg.Streliz.)
Staatsvertrag  wegen  Herstellung  einer  Eisenbahn  von  Fürstenwerder
nach  Straosburg  (Uckermark).
        <pb n="223" />
        NH  Meusa  Neich  und  seiur  einfelluen  Glieder.  (September  25.—28.)  213

25.  September.  Wie  die  „Germania“  berichtet,  hat  der  Kaiser
beim  Kaisermandver  dem  Sohn  des  Herzogs  von  Cumberland,  der
als  Angehöriger  des  1.  bayerischen  schweren  Reikerregiments  einen
Patrouillenritt  von  Gera  bis  nach  der  Elbe  ausführte,  dafür  bei
der  Kritik  seine  uneingeschränkte  Anerkennung  ausgesprochen  und
ihm  wiederholt  die  Hand  gedrückt.

26.  September.  (Preußen.)  Die  „Norddeutsche  Allgemeine
Zeitung“  kündigt  an,  daß  zur  Milderung  der  Fleischkeuerung  eine
Kommisfion  die  geeigneten  Schritte  vereinbaren  werde,  über  die
sich  Preußen  dann  mit  den  andern  Bundesregierungen  verständigen
  wird.

26.  September.  (Bayern.)  Die  Abgeordnetenkammer  stimmt
mit  87  gegen  38  Stimmen  dem  Lotterievertrag  mit  Preußen  zu.

26.  September.  Der  engere  Vorstand  des  Bundes  der  Landwirte
  —  Dr.  Noesicke,  Frhr.  v.  Wangenheim,  Dr.  Diederich  Hahn  —
veröffentlicht  eine  fünf  Druckspalten  lange,  im  Lapidarstil  gehaltene
Erklärung  gegen  die  „Fleischteuerungsagilation“.

27.  September.  (Preußen.)  Erleichterungen  der  Bih-  und
Glrichinsuhr  aonsn  dem  Auslande:

e  Staͤdte,  die  als  Märtie  iũt  die  Vieh-  und  Fleischoreise

1.

ganzer  Mondebach  Wahgdeid  sind,  soll  die  Einfuhr  von  frischem  Rindsleiich
aus  dem  europäischen  Rußland  und  von  frrischem  Rind=  und  Schweinefsleisch
aus  Serbien,  Rumänien  und  Bulgarien  im  Wege  brionderer  Genchmigung
zugelassen  werden,  wenn  das  Fleisch  zu  einem  unter  behördlicher  Mitwirkung
-estgeiedten,  möglichst  niedrigen  Preiie  an  die  BVerbraucher  verkauft  wird.
Die  Weirder  des  Fleisches  bis  zum  Brstimmungsort  mun  in  plombierten
Wagen  erfolgen.  2.  Unter  den  gieichen  Bedinaunzen  soll  die  Einfuhr  von
fris  e  Schweineileiich  aus  Rußland  im  Wege  onderer  Genehmigung
in  einzelnen  hröt  beren  Städten  des  Ostens,  beia  uen  wgen  für  eine  derartige
Versorgung  ein  besonderes  Bedürfnis  besteht,  gestattet  werden.  3.

den  gleichen  Bedingungen  soll  jerner  die  Einjuhr  von  Schlachwindern  aus
den  Niederlanden  im  Wege  beionderer  Genehmigung  in  hierzu  geeignete
öffentliche  Schlachthöfe  groster  Städte  unter  den  für  die  Einfuhr  von  Schlachtvieh
  aus  Oeseerreich-  Ungarn  gelienden  veterinärpolizeilichen  Vorsichtsmaßregeln
  und  Bedingungen  gesallet  werden.  1.  2  Verbot  der  Einiuhr  von
Fchen  Aüoseich  aus  Belgien  wird  auigehoben  werden.  5.  Endli

für  den  Fall  des  Bedürfnisses  eine  vorübergehende  Erhöhung  des  für  9
oberschlesische  Honrshtden  bestimmten  Komtingenis  ruilischer  Schlachschweine
  in  Aussicht  genommen.

28.  September.  (Groß-Peterwih  in  Schlesien.)  Der  langjährige
  Neichstags-  und  Landtagsabg.  Graf  von  Limburg-.S  lirum,
1893  —1907F  t.  77  Jahre  alt.

28.  September.  (Berlin.)  Der  Abg.  Borchardt  wird  wegen
Hausfriedensbruchs  und  Widerstands  gegen  die  Staatsgewalt  zu
        <pb n="224" />
        214  N#  Nenile  Reich  ud  seins  fisrlurn  Glieder.  (September  29.—Omoober  2

100  Mark  Geldstrafe  und  der  Abg.  Leinert  wegen  Widerstands
gegen  die  Siatsgewalt  zu  50  Mart  Geldstrafe  verurteilt.

In  der  Begründung  erklärt  der  Gerichtshof,  daß  der  564  der
Geschältsordnung  des  Preußischen  guo  dereuhen  soweit  er  die  Ausweisung
  von  Abgeordneten  enthielte,  und  soweit  in  ihm  zum  Ausdruck
lomme,  daß  der  Präsident  einen  Abgeordneten  zeitweise  von  der  Sitzung  aueschliehen
  könne,  nicht  mit  der  preußischen  Verjassung  im  Widerspruch  stände.

29.  September.  (Ludwigelust.)  Die  Großherzogin  Alexandra
von  Mecklenburg-Schwerin  wird  von  einem  Prinzen  entbunden.

1.  Oktober.  (Berlin.)  Der  Physiologe  Professor  Dr.  Hermann
Munk  1  im  74.  Lebensjahre.

2.  Oktober.  Staatssekretär  v.  Kiderlen-Waechter  über  die
volitische  ae

In  der  „Neuen  Gesellichafts-Korrespondenz“  wird  solgende  Aeußerung
des  re  über  den  Balkankrieg  veröffentlicht:  „Die  Lage  auf

alkan  ist,  militärisch  betrachtel,  derart  zugespitzt.  bat  mit  der  Eresn
  ung  des  Krieges  stündlich  gerechuet  werden  muß.  Der  einzige  ernitheite
  Gegner  der  Türkei,  das  Königreich  Butgarien,  ist,  soweit  Regierung
und  Volk  in  Betracht  kommen,  frichlich,  das  unruhige  Element  sind  nur
die  Mazedonier.  Nun  erklären  alle  VBalkanstaaten,  daß  sie  nichts  weiter
ols  Reformen  für  Mazedonien  verlangen,  und  in  der  Tat  würde  eine  Aufteilung
  Mazedoniens  soiort  heuen  Streit  zwischen  den  jevigen  Bundesgenossen
  hervorrufen.  Es  ist  als  anegeschloisen  anzusehen,  daß  die  Großmächte
  territoriale  Aeunderungen  der  jebigen  Besibverhaliniise  auf  dem  VBallan
wünichen  oder  zulassen.  Man  darf  hoffen,  doß  die  Gewißheit,  höchstens
Ruhm,  aber  keinen  Landerwerb  Kaei  einem  Hnhigen  Kriegsausgang  Zu
ernten,  noch  in  letzter  Minute  beruhigend  an  e  Balkanitaaten  wirlen
wird.  Rußland  sowohl  als  ireih  haben  uind  sweii  daran  gelassen,
daß  sie  den  Statue  quo  auf  dem  Ballan  unangetastet  wissen  wollen,  und
in  Oestlerreich-Ungarn  und  Ensond  denkt  man  ebenio.  Umer  solchen  Umständrn
  ist  es  nicht  recht  erüschnich,  zu  welchem  Zwecke  die  Balkansta###
cigentlich  #A#rieg  führen  wollen,  —  einen  Krieg,  deisen  Anjaong  zunächst  den
Friedensichluß  zwischen  der  Türkei  und  Jtalien  herbeiführen  und  dadurch
die  Slosstlraft  der  Türkei  beträchnlich  vermehren  würde.  Daß  irgendeine
europäiiche  Großmacht  in  den  nrieg  hineingezogen  werden  könnte,  darf
wohl  als  ausgeichlossen  betrachtet  werden.  Man  darf  annehmen,  daß  der
Lricg  lolalisiert  bleiben  wird.  Deutichland  hat  am  wenigsten  Anlaß  zur
Nervosirét.  Die  starie  Erregung  an  der  Börse,  die  bedanerlich  bleibt  und
ein  solsches  Bild  unserer  Wiichefteichet  Zustände  liefert,  in  mehr  auf
börsentechnische  Zustände  zurückzuführen

2.  Oktober.  Die  „Nordbenssche  Allgemeine  Zeilung“  über
die  Kriegsgefahr:

„Die  Bemühungen  der  Mächie,  den  Frieden  zu  erhalten,  dauern
slor.  Wie  sehr  es  auch  zu  bedauern  wäre,  wenn  diese  Bemühungen  erielglos
  blieben,  so  ist  doch  auch  in  dieiem  Falle  für  die  deulichen  Mieressen
ein  Anlaß  zu!  unmittelbarer  Beunruhigung  nicht  gegeben.  Dies  ist  um  so

weniger  der  Fa  l.  als  mit  Bestummtheit  zu  hossen  int,  dast  der  etwaige
Konslikt  auf  ieinen  Herd  beschränkt  bleiben  würde.  Die  leten  Ereignisse
haden,  wie  geiagt,  die  Wahricheinlichkeit  eines  Nonslitics  erhöhr.  Mit  der
        <pb n="225" />
        H-##  Meulsse  Keich  und  srint  rinzelnrs  Glitder.  (Oltober  2.  -9)  215

Möglichkeit  eines  solchen  „mußten  die  curopäischen  debire  aber  schon  seit
geraumer  Zeit  rechnen.  Sie  haben  daher  auch  alle  Zeit  gehabt,  sich  untereinander
  über  ihre  Stellung  zu  einer  solchen  54Feie  ged  auszusprechen.
Bei  dem  festen  Willen  aller  Mächte,  die  Ausdehnung  des  Konflikte  hintanzuhalten,
  kann  eine  endgültige  Verständigung  nicht  ausbleiben.  Wenn
alio  auch  die  nahe  Möglichleit  Eines  Zusammenstoßes  auf  dem  Balkan  nicht
von  der  Hand  zu  weisen  ist,  so  darf  doch  zuoersichtlich  erwartet  werden,
daß  eine  weitergehende  Fonfiemralin.  in  dee-  die  europäischen  Großmächte
hineingezogen  werden  könnten,  vermieden

2.  Oktober.  (Bayern.)  Der  Snhpensche  Eisenbahnerverband
teilt  dem  Verkehrsministerium  mit,  daß  er  auf  das  Streikrecht
verzichte.

—.  Oktober.  (Berlin.)  Der  russische  Minister  des  Auswärtigen
  Ssasanow  trifft  in  Berlin  ein.

8.  Oktober.  (Berlin.)  Staatssekretär  v.  Kiderlen.Waechter
eröffnet  die  internationale  Ausslellungskonferenz.

Et  sagi  inu  seiner  französisch  gehaltenen  Rede:  Es  handelt  sich  um
den  ersten  Versuch,  eine  Reihe  von  Problemen  imternational  zu  regeln,  die
lich  auf  dem  Gebiet  des  Ansstellungsweiens  darbieten.  Die  erste  Anregung
zu  einer  solchen  Regelung  ist  von  den  Commites  bermanonts  d  Expoenition
husgegannen,  deren  angeiehene  Vertreter  wir  heute  hier  zu  begrüßen  die
Ehre  haben.  Die  ersie  Konieren  dieser  Commites  hat  im  November  1907

aris  eine  Resolution  gefast,  in  der  eine  internationale  Regelung
Fenier  auf  das  A#sstellungsweien  besüglicher  Fragen  als  wünschenswert
bezeichuct  wurde.  Die  Ständige  Ausstellungskommission  für  die  deutiche
Industrie,  der  die  bebemendu  Mitglieder  des  denicchen  Gewerbelleißes
angehören,  hat  seinerzeit  der  kaiserlichen  Regierung  von  dieser  Reiolurion
Kenmmnis  gegeben  und  die  Einbernsung  einer  diplomatischen  nonferenz  aneregt.

  Von  der  Ueberzengung.  ussnen.  daß  die  Wichtigkeit  der
Fragen,  die  dieses  weite  Gebiet  d  UinlichcPerieben  —  Umiassen,  eine  internationale
  Verständigung  erbn  ericheinen  läßt,  hat  die  Naiserliche  Regierung
  geglanbt,  der  Einbernsung  einer  solchen  Ronsereuz  nähertreten  zu
sollen,  und  sie  kann  mit  Genunung  seitstellen,  daß  sic  hierbei  die  Zustimmung
  der  Regierungen,  an  die  e  sich  wandie  gejunden  hat.  Wenn
sie  in  diesem  Fall  die  Initiative  Esb  so  hat  sic  dies,  wenn  ich  mich  jo
ausdrücken  dorf.  als  nentraler  Staat  getan,  denn  das  Deutiche  Reich  hat
bisher  Weltausstellungen  nicht  veransialtet.

9.  Oktober.  (Berlin.)  Der  frühere  Neichstags=  und  Landtagsabgeordnete
  Dr.  Müller-  Sagan  (Fortschr.  Vp.)  #  an  den  Folgen
einer  Operation,  55  Jahre  alt.

9.  Oltober.  (Landtagsersatzwahl.)  Im  Kreise  Magdeburg-Kalbe-Quedlinburg.Aschersleben
  wird  an  Stelle  des  verstorbenen
Grafen  Douglas  Landrat  v.  Jacobi-Quedlinburg  (K.)  mit  344  von
560  Stimmen  gewählt.

216  Stimmen  fielen  auf  Amtsgerichtsrat  Reiß.  Staßfurt  „Nl.“

9.  Oltober.  (Hamburg.)  Die  Bürgerschaft  genehmigte  den
Senatsantrag  betreffend  den  Anschluß  der  Landgemeinden  Groß-
        <pb n="226" />
        216  Pas  Hrallde  Reich  und  seint  einzelsen  Glieder.  (Oktober  10.  11.)

borstel,  Alsterdorf,  Ohlsdorf,  Fuhlsbüttel,  Kleinborstel  sowie  eines
Teils  von  Billwärder  und  Niederborstel  an  die  Stadt  Hamburg.

16.  Oktober.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt
zu  den  Erklärungen  des  engeren  Vorstandes  des  Bundes  der  Landwirte
  (  *  September):

sich  noch  über  „heperische  Agitalion=  seiner  Gegner  beklagen,
  dar  frn  solchen  Inlinuationen  arbeitet?  Ein  solcher  Ton  kann
auch  nicht  durch  die  Annahme  entschuldigt  werden.  daß  sich  in  der  Akrion
der  Negierung  eine  Abwendung  von  der  bieherigen  Vinistron  anzeige.
Denn  diese  Annahme  ist  willkürlich  und  mit  den  programmatischen  Erklärungen
  bei  Erlaß  der  hrorürrgehenen  Teuerungsmaßregeln  unvereinbar.
Die  Regierung  dient  durch  Anerkennung  der  durch  die  Jeischteuerung
geschaffenen  Belastung  wette  Volkskreise  und  durch  den  ernsten  ,
ihr  entgegenzuwirken,  der  Sicherung  der  bestehenden  kesneli  besser
als  durch  gleichgüt#ige  Untätigleit.  Dagegen  können,  wie  wir  glauben,  so“
einieitige  Kundgebungen,  wie  die  vorliet  lse  des  Bundes  der  Landwirte,
ur  dazu  beitrogen,  die  Vertreiung  der  bisherigen,  die  Interesien  der  Landwih
  und  der  Industrie  Aleichwäßig  wahrnehmenden  Politik  des  Schutes
der  nationalen  Ardeit  t  zu  erschwe

10.  Oktober.  Erantkorl.  am  Main.)  Dritter  Deutscher
Ingendgerichtstag.

10.  Oktober.  (Charlottenburg.)  Der  frühere  Staatssekretär
des  Reichsjustizamts  Dr.  Arnold  Nieberding  f.  74  Jahre  alt.

11.  Oktober.  (Bayern.)  Das  Hofmarschallamt  des  Prinzen
Leopold  teilt  mit:

Die  Oeffentlichkeit  hat  sich  in  der  letzten  Zeit  wiederholt  mit  dem
tiefbedauerlichen  Ehezwist  beschäftigt,  der  zwischen  dem  Prinzen  Georg  von

anern  und  seiner  Gemahlin,  Pringeisin  Isabella,  entstanden  ist.  Richtig
ist,  daß  zwischen  den  Ehegatten  von  allem  Am̃ong  tiefgehende  Mißstimmungen
entstanden  sind,  die  in  der  Verschicdenheit  der  Charallere  begründet  waren
und  durch  die  das  chrliche  Verhällnis  zwischen  den  Ehegatten  zerrürget
wurde.  Wenn  eine  Treunung  der  Ehe  erfolgen  sollie,  so  würde  sie  nur
im  Wege  der  abeiheruch  staltjinden  können.  Das  rilbin  Verjahren
bemißt  sich  nach  Zisser  10  3  2  des  löniglichem  Familienstatuts.

11.  Oktober.  Der  „Reichsanzeiger"  veröffentlicht  den  kaiserlichen
  Erlaß,  durch  den  die  gemäß  dem  deutsch-französischen  Abkommen
  vom  4.  November  1911  erworbenen  Gebiete  in  Aquatorial-Afrika
  unter  kaiserlichen  Schutz  gestellt  werden,  ferner  die  kaiserliche
Verordnung,  durch  die  diese  Gebiete  mit  dem  Schutzgebiet  Kamerun
vereinigt  werden.

11.  Oktober.  (Breslau.)  Die  Stadtverordnetenversammlung
beschloß  in  geheimer  Sitzung,  dem  Kardinal  Fürstbischof  Dr.  Kopp
anläßlich  seines  50  jährigen  Priesterjubiläums  das  EChrenbürgerrecht
zu  verleihen.
        <pb n="227" />
        H#  Mentifchr  Reich  und  seine  risnzelirs  Glirber.  (Cllober  11.—16.;  217

1I.  Oktober.  (Vreußen.)  Erste  Anwendung  des  Enteignungsparagraphen
  im  Polengesetz  nach  vierjährigem  Bestehen.

Die  Maßiregel  betrifst  vier  polnische  Rittergüter:  Zlolnik  bei  Pudewiß,
  das  kürzlich  an  Herrn  von  Kosrielski  verkauste  #  Koldromb  im
Kreis  Zunn,  sowie  Aebeen  im  Kreise  Schwen  und  im  Kreise  Sirelno
das  Riktergut  Bozejewice,  das  der  Frau  Helene  von  ##wot###on  geborenen
von  Koscielska,  gehön.

12.  Oktober.  (Reichstag.)  Präsident  Kämpf  legt  sein  Mandat
nieder,  weil  die  Wahlprllfungskommission  Beweisführung  über  die
Gültigkeit  der  Wahl  beantragt.

12.  Oktober.  (Köln  a.  Rh.)  Der  Ozeanograph  Dr.  Otio
Kruemmel,  Professor  der  Geographie  in  Marburg,  t,  58  Johre  alt.

14.  Oktober.  (Essen  a.  d.  Ruhr.)  Die  industrielle  Hochkonjunktur
  zeigt  sich  in  dem  dauernden  Wagenmangel,  der  mit
8415  Waggons  eine  Rekordziffer  erreicht.

14.  Oktober.  Der  Ausschuß  des  Antiultramontanen  Reichsverbandes
  weist  darauf  hin,  daß  der  bayerische  Minislerpräsident
Frhr.  v.  Hertling  zugleich  Vorsitzender  der  „Goerres-Gesellschaft  zur
Pflege  der  Wissenschaft  im  katholischen  Deutschland“  ist,  und  als
solcher  an  der  soeben  beendeten  Tagung  der  Goerres-Gesellschaft
ostentativ  teilgenommen  hat.

14.  Oktober.  (Johannisthal  bei  Berlin.)  Das  Marineluftschiff
  „L  I“  landet  nach  ununterbrochener  30  stündiger  Fahrt
von  Friedrichshafen  aus.

I4.  Oklober.  (Lübeck.)  Die  Bürgerschaft  stimmle  der  Senatsvorlage
  zu,  15  Gemeindebezirke  in  die  Stadt  Lübeck  einzugemeinden,
darunter  Kurort  und  Seebad  Travemünde,  sowie  die  Industrieplätze
  Kücknitz  und  Schlutup.

15.  Oktober.  Ankündigung  einer  Vorlage  der  Regierung  über
Monopolifierung  des  Großhandels  in  Petroleum  unter  Vermittlung
einer  Betriebsgesellschaft.

16.  Oktober.  (Bonn.)  Die  Synode  der  Altkatholiken  Deutschlands
  wählt  den  Weihbischof  Moog  aus  Krefeld  zum  Nachfolger
des  in  den  Ruhestand  getretenen  Bischofs  Demmel.

16.  Oktober.  (Berlin.)  Der  Staatssekretär  im  Reichskolonialamt
  Dr.  Solf  Übernimmt  die  Geschäfte  wieder  nach  der  Rückkehr
von  seiner  Dienstreise  nach  Südwestafrika,  den  englischen  Kolonien
Südafrikas  und  Deutschostafrika.

16.  Oktober.  Zum  Botschafter  in  London  wird  der  53  Jahre
alte  Fürst  Karl  Max  von  Lichnowsky  ernanntk.
        <pb n="228" />
        218  HHns  Behe  Neich  mud  seine  einelrn  Glirder.  (Oktober  17.—21.)

17.  Oktober.  (Barkow,  Kreis  Greisenberg  i.  P.)  Der  Vorsitende
  der  konservativen  Reichstagsfraktion  Oskar  v.  Normann  #1B
6U  Jahre  alt.

17.  Oktober.  (Mecklenburg-Schwerin.)  Ein  neuer  Ver-W*
  der  Regierung.

Danach  soll  in  Zukunst  der  allgemeine  Landtag  für  Mecklenburg-Schwerin
  aus  84  Abgeordneten  bestehen.  Bon  diesen.  entsenden  20  Abgrordnele
  die  Ritlerschaft,  20  die  Landichaft,  20  die  einzelmen  Berussstände
und  die  Amtsverjammlung  im  Domanium,  10  Abgcordnete  die  ländliche
Bevoölkerung,  10  e  de  Städte  und  4  werden  vom  Großherzog  auf
Lebenszeit  ernan

19.  Kilcber  (Wilhelmshaven.)  Enthüllung  des  Colignydenkmals
  in  Gegenwart  des  Kaisers.

er  Uebergabe  seines  Geschenks  feiert  der  Kaiser  den  „großen
ieieir  seinen  „Ahnherrn“,  den  Admiral  Gaspard  de  Coligny#:

nur  ein  Rriegsheld,  sondern  er  war  auch  ein  Glaubensheld.
iur  Fe#e  r  der  Hugenotten,  die  ihres  Glaubens  wegen  schon  damals  viel
zu  leiden  hatten,  hielt  er  sest  bis  zum  letzten  Atemzuge  die  Treue  seinem
himmlischen  König,  und  als  er  in  der  Schreckensnacht  von  St.  Bartholomäus
dahinianl,  vom  Mordstohl  getrofsen,  gewann  er  noch  seinen  Verfolgern
Reipelt  ab  durch  die  Urt,  wwie  er  in  Slerben  kühn  mit  dem  Leben  abschioß,
ein  Opser  seines  Glaubens.  So  wurde  er  in  iener  Nacht,  die  stetd  ein
Schandileck  des  4hrenenen  brisen  wird,  ein  Märkyrer,  ebenso  wie  in
späterer  Zeit  sein  Schwiegersohn,  der  eroße.  Oranier,  mein  Ahnherr,  die
Treue  bis  zum  Tode  bewahrte,  die  alle  Kriegsmänner  zu  pflegen  berusen
sind.  Johraus  jahrein  komme  ich  hierher  nach  Wilhelmshaven,  um  den
Rekruten  vor  Augen  zu  halien,  daß  die  Treue  zum  #önig  nur  auf  dem
Boden  wachsen  kann,  wo  der  Glanbe  herrscht  und  die  freudige  Begeisterung
im  Glauben  an  die  Persönlichkeit  unseres  Herrn.  So  wollen  wir  Kriegsleme,
  meine  Kameraden  von  der  Marine,  den  Admiral  de  Coligny  uns
zum  Beiipiel  nehmen.“

19.  Oktober.  (Berlin.)  Die  Reichsregierung  erkennt  die
italienische  Souveränität  über  Tripolis  und  die  Cyrenaika  an.

21.—22.Oktober.  (Berlin.)  Zweiter  Deutscher  Soziologentag.

—22.  Oktober.  (Berlin.)  Zweiter  Deutscher  Statistikertag.

22.  Oktober.  (Hamburg.)  Nachdem  das  Jahr  1912  mit
einem  Defizit  von  201.,  Millionen  Mark  abgeschlossen  hat,  ergibt
auch  das  Budget  für  1913  ein  Defizit  von  fast  9  Millionen  Mark.

24.  Oktober.  (Bayern.)  Prinzessin  Rupprecht  von  Bayern,
Gemahlin  des  präsumtiven  Thronfolgers  und  Tochter  des  verstorbenen
  Herzogs  Karl  Theodor,  1  plötzlich  auf  einer  Erholungsreise
  in  Sorrent  am  Hergschlag,  34  Jahre  alt.

24.  Oktober.  (Greifswald.)  Der  Kurator  der  Univerfttät,
Geh.  Regierungsrat  Prof.  Dr.  Bernhard  Irmer  1.  62  Jahre  alt.
        <pb n="229" />
        Das  Derisqe  Reiqͥ  aal  seine  tinjelnea  Glitdet.  (Oliober  24.  25.)  219

24.  Oktober.  (Göttingen.)  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.
Wilh.  Ebstein  1.  75  Jahre  alt.
25.  Oktober.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Wahl
des  dd  heichnohebote
Auf  Vors,  #bg.  Frhr.  v.  ds  ort.  wird  Gras  Schwerin-Lowit
  Sr  et  AeunS  zum  Präsidenten  g  .
Idcc  Besprechung  der  Saenn  betreffend  die
F  eislelgn  ug.  o  Inte  celiaion  Dr.  Friedberg  (Nl.)  und  Schiffer
NIl.)  lautet:  „Ist  die  k  ongliche  Sgaberdierung  )rP  der  Lage,  darüber  Auskunft
  zu  erteilen,  a)  in  welcher  Arl  und  mit  welchem  Eriolge  die  von  ihr
angekündigten  vorübergehenden  Maßregeln  (gegen?⅝  die  Fleischieuerung  zur
Ausführung  gelangt  ind,  b)  welche  Mahregeln  sie  im  einzelnen  zur
Sleigerung.  der  inländischen  Fleischproduktion  zu  treisen  gedenkt,  um  der
Fortaer  oder  baldigen  Wiederkehr  der  Fleischtenerung  vorzubeugen?“
Intervellation  der  Abgg.  Mronsohn  und  Genvisen  (VBp.,  laulct:
„Jit  die  angitcnr  Silaatsregierung  bercit,  mit  Rücksicht  darauf,  daß  die
bisher  getroffenen  oräbergebenden  Maßnahmen  gegen  die  Weilhneunrung
unzulänglich  sind  und  die  Gemeinden  nicht  daureend  die  außerhalb  ihres
Wirkungskreiics  sanant  Auigabe  übernehmen  konnen,  in  e  Gestallung
der  Lebensminelpreiic  einzugreifen:  a)  im  Bundesrat  für  weitere  Manßnahmen
  gegen  die  Teucrung,  insbeiondere  für  die  Abänderung  des  Fleischbeichaugeiebes
  und  die  Auihebung  der  Futtermiltelzöue  einzutreien;  bo  zwecls
Steigerung  der  inländischen  Fleischproduktion  auf  die  Vern  mehrung  des
minleren  und  kleineren  bänerlichen  Beützes  durch  zweckmäßig  und  nachdrücklich
  betriebenc  innerc  Kolonisation  her  hinzuwirken,  das  die  Deckung
bechrichen  Fleischbedaris  durch  die  deutsche  Viehzucht  möglichst  gesicheri
  zu

 

Abihewrösien  Dr.  v.  Belhmann  Hollweg  erklärt  sich  bereit,  die

rsi  Err-  zu  beantworten.
jer-Magdeburg  #Ml.):  Die  Fleischnot  ist  keine  vorübergebende
  e  crschiie  sie  kann  leicht  wiederlehren.  Darum  müssen  alle  zuläisigen
  Mittel  angewendet  werden,  einer  Wiederkehr  mit  Eriolg  zu  begegnen.
Wirsehen  audem  Boden  des  Schunes  der  natrionalen  Arbeit.  Aui  ihr
hat  sich  das  Wirsschaitsleben  hormoniich  und  erfolgreich  entwickell.  Dieie
Totsache  ist  so  klar,  daß  auch  die  Freilinnigen,  die  sich  ihr  bisher  mit
programmatischer  Oa  armuihaletn  verichloisen  haben.  sic  jent  anerkennen.
Diese  Grundlage  des  Wiriichaftslebene  wird  domit  immer  mehr  dem  Streit
der  Parteien  enizogen.  Das  ist  ein  geiunder  und  mit  Freuden  zu  begrüßender
  Eriolg.  Wir  halten  sest  am  Schuß  der  Landwirlichaft.  Sie
muß  auf  Figenen.  Fñnen  und  auf  nationaler  Grundlage  erhalten  werden.
iemer  ·  Forticht.  Vp.)  ãuũert  witergeuend  Wüniche.  Für
ihn  sind  die  blonrrigen  Mannahmen  unzulänglich:  die  Gemeinden  lonnen
die  ihnen  dabei  zugewiesenen  Ansgaben  —  namemtlich  die  Regelung  der
Lebensmittelpreifje  —  nicht  dauernd  übernehmen.  Er  fordert  Abänderung
des  Fleiichbeschaugeiebes.  Anihebung  der  Fmiermittelzölle  d  endlich  gleichsaue
  Steigerung  der  inländischen  Fleischerzeugung  durch  nachdrückliche

innere  bäuerliche  Kolonisation.

Ministerpräsident  Dr.  v.  Bethmann  Hollweg.  Meine  Herren?
Die  außergewöhnliche  Höhe  der  Fleischpreise,  von  der  zohlreiche  Exinenzen
ichwer  bedrängt  werden,  hat  es  der  Regierung  zur  Pilicht  gemacht,  heliend
einzugreisen,  joweil  es  in  ihrer  Macht  sicht.  Die  Eriüllung  dieier  Pilicht
entspricht  nicht  uur  Rücksichten  menschlicher  Hilsotötigkeit,  sondern  liegt  im
        <pb n="230" />
        220  Das  Bische  Krich  und  seine  einzeinen  Elieder.  (Oktiober  25.)

Interesse  der  Gesunderhaltung  des  gesellschaftlichen  und  staatlichen  Lebens.
Gieichzeitig  hat  die  Regierung  die  Pflicht,  die  heimische  Fleischproduktion
danernd  in  Unabhängigkeit  vom  Auslande  zu  stellen  und  zu  erhalten.  Mit
eser  wirischastlichen  Unabhängigkeit  steht  die  Unabhöngigkeit  der  politischen
ltstellung  im  engsten  Zusammenhang.  Unsere  Peogwhiche.  Lage,  die
Saellungt  aller  politischen  Konstellationen  sollte  diesen  Sa  en
Deurschen  als  unbestritten  gelten  lassen,  welcher  Winschaftspolitik  sie  auck
sonst  huldigen  mögen.  Wenn  wir  in  Zeiten  einer  anormalen  Weltlage
unsere  wiriichehiche  „rseJ  mit  höheren  Preisen  bezahlen,  E
bringen  wir  diese  Opfer  nicht  einer  wucherischen  Schskollpoliiit,  sondern
wir  entrichten  dem  tin  für  unsere  Sicherte  einen  Tribut.  Ausgabe
r  Regierung  und  guter  aller  ist  es  deshalb,  die  heimische  Fleischorsnshn
  soviel  wir  es  vermögen,  weiter  zu  fördern,  und  bei  einer  Aktion,
welche  bestimmt  ist,  einer  akuten  Fleischteuer  rung  zu  steuern,  alle  Maßnahmen
auszuschalten,  welche  die  Grundlage,  unserer  Biehzucht  zu  Schüneern  geeignet
sind.  Ich  freue  mich,  daß  der  Abg.  Schiffer  seinerseits  un  d  für  seine
Partei  diesen  Saßz  stark  umerßirichen  hat.  Nac  der  Stellung,  die  ie
Nationalliberalen  dieser  Frage  Pcsenbber  bisher  eingenommen  haben,  war
das  nicht  anders  zu  erwarten.  Aber  freundig  Überrascht  worden  bin  ich  durch
die  Forderung  der  forlichrintlichen  Interpellation,  daß  der  heimische  Jeöe.
bedars  durch  die  deutsche  Viehzucht  möglichst  gesichert  werden  soll.  6#  ist
ein  neucs  Postulat  des  alten  fortschritlihen.  Programms.  Aber  *  Sie
s  Ziel  wollen,  müsien  Sie  -auch  d  ie  Mittel  wollen.  Und  wie  Sie  dieses
.  erreichen  wollen,  wenn  Sie  gleichzeitig  aussprechen,  unsere  Schugzollpolilik,
  unter  der  sich  die  Landwirlichaft  zu  ihrer  Sebenhe  #  ent-Hen
  hat,  müsse  allmählich  abgebaut  werden,  das  verstehe  ich  nich
verstehe  weiler  nich!l,  wie  Sie  in  der  Interpellalion,  bidem  Sie  die  ve
auisordern,  dafür  zu  sorgen,  die  heimische  Viehzucht  so  stark  machen.
daß  sie  unseren  hekmischen  Fleischbedarf  befriedigen  könne,  hlechgernet  die
Abänderung  der  Wirtschaftspolitik  sordern  können.  Der  Abg.  Wiemer  hat
dem  Abg.  Schiffer  zum  Vorwurf  gemacht,  daß  er  sich  in  der  Frage  der
Abänderung  del  Fibsinescugbr  nicht  lar  ausgesprochen  habe.  Ich
habe  den  Herrn  u  Abg.  Schisfer  ganz  klor  dahin  verstanden.  daß  er  gegen
eine  Aenderung  dees  3  12  des  Fleischbeschaugesetzes  ist.  (Sehr  richtig“  bei
den  Nl.)  Und  die  lebhafte  Zsimung,  aus  den  Kreisen  der  Herren
Nationalliberalen  zeigt  mir,  daß  ich  ihn  richtig  verstanden  habe.  Dagegen
ist  es  wi  t  #o  henauen  Zuhörens  unmöglich  gewesen,  klor  zu  erkennen,
was  r.  Wiemer  will.  Der  Herr  Abg.  Dr.  Wiemer  hat  unter
Ihlerung,  W.  De.  Paragraphen  des  Vesbeichcgesedes  hgesagt,  es  müsse
grändert  werden,  gesedliche  Maßnahmen  aber  seien  nicht  notwendig,  das
konnte  im  Verwaltungswege  geichehen.  Ich  habe  beider  nicht  hören  können,
wos  für  Aenderungen  er  im  Verwaltungswege  wünicht.  Eigentlich  ist
ja  nicht  meine  S#te  als  iirenscher  Ministerpräsident,  auf  diese  Frage
bier  zu  r—  er  Aeeicheangelegenbet.  goen  Aber
ich  möchte  ,  Pagen,  in  welchr.  esieiean  will  der  Dr.  Wiemer
den  §  12  0  wisen  und  inwieweit  soll  durch  diese  Ver-  en,  die
er  eventnell,  wie  ich  annehme,  dem  Reichstag  vorschlagen  wird,  die  infuhr
des  Gefrierlleisches  enteschlert  werden.  Ich  ivill  hier  nur  Folgendes  erwöhnen:
  Preußen  ist  der  größte  Fleischliejer#a#t  „Deutschlande  und  in  der
preußischen  Fleischproduktion  ipielt  die  Schweinehaltung  die  größte
seun  wir  unijeren  Fleischbedarf  selbst  -di  sollen,  dürsen  wir
unter  keinen  Umständen  dieser  Schweinehaltung  zu  nahe  treien.  (Lebhafte
Zuimmung  r.)  Der  r  Abg.  Dr.  Wiemer  hat  gegenüber  den  Bedenken  nach
dieser  Richtung  auf  die  blühende  Landwirtschaft  Euglands  verwiesen  und

*
        <pb n="231" />
        N  Bische  Reich  und  seint  einzelsurn  Glirher.  (Ok#ober  25.)  221

gesagt,  man  solle  nicht  immer  on  den  vergangenen  Zeiten  der  englischen  Londwirtichaft
  sprechen,  sondern  von  den  gegenwärtigen.  Ich  weiß  sehr  wohl,
daß  England  sehr“  entschiedene  Aufsrengungen  namentlich  in  Jua  macht,
um  die  Londwinschaft  zu  heben,  und  daß  dies  auch  mit  großem  Erfolge
geschieht.  Aber  was  die  Einwirkungen  der  enchtosumt  auf
die  Biehuch,  anlangt,  so  scheinen  mir  doch  die  Verhältnisse  anders
liegen,  wie  der  Abg.  Wiemer  glaubt.  Das  sestrn  hat  uch  in  England
  einen  stir  großen  Markt  erworben,  ich  glaube  v.  H.  der  gesamten
Ernährung.  Aber  in  demselben  Zeitraum,  in  3  das  Gefsriersleisch
sich  Enalth  erobert  hat,  ist  die  Viehhaltung  Englands  —
dann  stationär  geblieben,  ja  sogar  im  Rückgang  befindlich.  Das  sind  keine
alten  Zahlen,  die  ich  hier  milteile,  sondern  Zahlen  aus  der  allerneuesten
Zeit.  In  England  entfielen  im  Jahre  1872  -*  1000  Einwoher  noch
111  Schweine,  im  Jahre  1911  waren  es  nur  noch  84.  In  Preußen  haben
wir  für  die  gleichen  Jahre  eine  Steigerung  *n  n  auf  1000  Einwohner
zu  verzeichnen.  (Hört!  Hört!)  Ich  weih  sehr  wohl,  man  soll  Nationen  mit
verschiedenen  Lebens-  und  Wirtschaftsbedingungen  nicht  ohne  weiteres  vergleichen
  und  soll  vor  allem  aus  dem  Vergleichen  keine  zwingenden  Schlüsse
ziehen,  aber  das  eine  werden  Sie  mir  zugeben:  Sie  kennen  die  Entwicklung
unserer  Biehzucht,  das  starle  Wachsen  unserer  Viehzucht,  und  Sie  kennen
auch  die  Verpflichtung  unjerer  Landwirtschaft,  den  Biehbestand  nicht  nur
stationär  zu  hoiten  sondern  zu  erweitern,  weil  unsere  Bevölkerung  schs
und  weil  unser  Fleiichkon  nsum  wächst  an  Menge  und  .
doch  sehr  bedenklich,  ein  Experiment  zu  mchen  „,  das  nach  aller  men  aen.
Berechnung  auf  den  Hauptzweig  unlerer  Viehucht,  die  Schweineheltung.
einen  verringernden  Einfluß  ausüben  wird  und  das  infolgedessen  d
rmWmnes  sialn  sie  steigen  zu  lassen,  verringert.  Wenn  in  unserer  S  Schtveipee
zucht  es  erst  einmal  zu  Rationären  Verhältnissen  und  zu  einem  Nückgange
*  dann  s  die  Zukunft  unserer  VBiehzucht  verloren.  Bedenken  Sie,
n  der  Schweinezucht  sind  gerade  unsere  lleinsten  Wirtschaften  beteiligt.
n  25  v.  H.  entfallen  auef  Wirlschaften  unter  2  ba  und  an  75  v.  H.  auf
Wirtschaften  unter  20  ha.  Da  ist  es  eine  sehr  eins  Pilicht  der  Stoatsregierung,
  diese  wirsschastlichen  Verhälmisse  zu  Hchöden  und  für  die  Zukunit
zu  sichern.  Ich  kann  jedenfalls  für  meine  Perio  nicht  dic  Hand  zu  einer
Maßregel  bieten,  die  vielleicht  im  Moment  ainen-  starken  Druck  auf  unjere
Preise  ausüben  ionmte,  die  aber  für  die  Zukunfst  unserer  Entwicklung  verderblich
  ist.  Ich  weiß  sehr  wohl  —  das  will  ich  ganz  offen  und  freimütig
aussprechen  —,  daß  man  mir  einen  Strick  daraus  drehen  wird.  Man
wird  mir  vorwersen.  ich  ihäue  kein  #enschbes  Mitgefühl  mit  den  Armen
famsten.  Ich  m  sjehr  wohl,  welche  Existenzen  von
3  bedrüch  44  Ich  kenne  die  praktischen  Verhälmisse  genan
nug,  um  sagen  zu  können:  ich  habe  zichsiches  Mitgefühl  mit  den
hranhien  vrsse  wie  irgend  einer,  aber  trotdem  darf  ich  nicht  vron
auf  den  Momenk  sehen,  sondern  ich  muß  u  die  Zukunft  Hchen.  und  ich
habe  auseinandergeietzt:  in  nationaler  und  wirtschaftlicher  Beziehung  warne
ich  vor  jedem  Schritt,  der  unsere  Unobhängigkeit,  die  stärkste  Fundanemierung
  unferer  Londwircaf,  irgendwie  in  Frage  stellt.  (Lebafter
Beifall  r.)  Wir  haben  den  Versuch  machen  müssen,  auf  anderem  Wege  in
Lehtreichen  Orten  mit  ungenügendem  Angebot  die  Fleischzufuhr  zu  Fr.
leichtern.  Zu  diesem  Zwecke  dienen  die  Tarifermößigungen  zur  Erlei
terung  der  Zufuhr  von  frischem  Fleisch  und  Vich  über  unicre  bnn
Die  finanzielle  Bedeutung  der  Tarifermäßigungen  erhellt  daraus,  daß  ie
im  vorigen  Jahre  der  Staatsbahnverwallung  rund  33  Millionen  Nort
gekostet  haben.  Bei  der  Zulassung  von  Vieh  oder  frischem  Fleisch  über  die
        <pb n="232" />
        222  Das  Maischr  Reich  und  seine  rinzelurn  Glicher.  (Oltober  25.)

Grenzen  kam  es  darauf  an,  Vorforge  zu  treffen,  daß  die  zugeführten
Mengen  nicht  verzeuen  werden-  da  ein  Massenimport,  der  das  ganze  Land
eriaßt  haben  würde,  nicht  ins  Auge  zu  fassen  war.  Diese  Borsorge  ist
jett  noch  viel  notwendiger  ols  zur  Zeit  des  Erlasses  der  Anordnungen,
weil  der  inzwischen  ausgebrochene  Balkankrieg  die  Zufuhrmöglichkeiten  verringert.
  Es  kom  weiter  darouf  an,  eine  zweckmäßige  Verwertung  der  zu
gejührten  Mengen  im  Interesse  der  emeen  zu  sichern.
nur  möglich,  indem  wir  uns  an  die  Mitwirkung  der  nommunen  —W
der  großen  Kommunen,  die  mit  ihren  Märkten  für  die  Preisbildung  bestimmend
  sein  können.  um  den  Kommunen  die  Mitwirkung  zu  erleichtern.
sind  ihnen  Trisermßigungen  bewilligt,  sind  dieienigen  Jollrückerstatlungen
geplant  worden,  über  die  der  Reichslag  demnächst  zu  beschließen  haben
wird.  Das  ißt  der  Ermmögeranie  der  Aktion.  Sie  ist  von  beiden  Seiten
angegriffen  worden.  Von  agrarischer  Seite  hat  man  in  unseren  Maßnahmen
  einen  Bruch  mit  unserem  Veterinärschutz  und  mit  zun%  Zol  ·
volitik  erkennen  zu  miülssen  geglanbt.  Mit  Unrecht!  Ich  gebe  daß  wir
bei  der  Erleichterung  der  Zufuhr  an  Vieh  und  Fieisch.  über  *1  Grenzen
bis  an  das  Aeußerste  dessen  gegangen  sind,  was  wir  chegenüber  unjerer
Pflicht  des  Beterinörschutzes  verantworten  können.  Wir  haben  nach  sorgfältiger
  Prüsung  des  Seuchenstandes  in  den  Nachbarlöndern  Gheshernhen
eingesührt.  leut  zwir  eben  konnten,  Erleichterungen,  die  wir  wegfallen

laisen  werden,  sobald  es  der  Seuchenbestond  in  den  Nachbarländern  notwendig
  erscheinen  1  Von  einem  Buch  mit  unserer  Zollpolitit  kann
aleichsalls  nicht  die  Rede  sein.  Es  handelt  sich  nicht  n  ollaufhebung,
um  Jolliuspension,  es  handelt  sich  40P5  .  ie  zeitlich  u  achlich  ĩtreng

earenzte  Stundung  von  Zöllen  und  ihrer  teilweisen  mbm“res  nicht
an  jeglichem  Imvort,  sondern  nur  an  dieienigen  Kommunen,  die  unter
Eriüllung  der  jengeiebten  Bedingungen  durch  die  Zufuhr  von  Fleisch  oder
Vieh  auj  die  Marktlage  regulierend  einzuwirken  bereit  sind  it  der
Einfuhr  des  zunclassenen  Fleisches  ist  sofort  begonnen  worden.  2e
Verkauispreise  haben  sich,  soweit  bisher  berichtet  ist,  in  allen  Föllen  umer
dem  sonstigen  Markipreise  für  Fleisch  gehatten,  bei  einzelnen  Orten  bis
4  Pfeunig  pro  Piund.  Im  ganzen  liegen  bisher  von  mehr  als  40  preußischen
  Städten  aus  allen  Teilen  der  preußischen  Monarchie  Nachrichten
Fast  überall  wird  gemeldet,  daß  der  unter  städtischer  Mitwirkung
eingerichtete  Verlauf  sich  ohne  Schwierigkeiten  vollzieht  und  von  der  Bevallerung
  mit  Dank  begrüßt  worden  ist.  Daß  Ausnahmen  vorgekommen
sind,  wissen  wir  aus  Verlin.  Nun  bin  ich  gefragt  worden,  welche  Einwirkungen
  die  getrosienen  Maßnahmen  auf  die  allgenieine  Preislage  hällen.
Bei  einer  Aktion,  die  sorden  erst  eingeset  hat,  werden  Sie  nicht  erwarten.
daß  diese  Einwirkung  sich  sofort  in  grofem  Maße  geltend  macht.  Wir
werdru  in  dicier  Bezichung  einige  Zeit  vergehen  lassen  müssen.  Ich  konn
aber  mitteilen,  daß  Kom,  Bonn,  Mühlheim,  Tilsit.  Barmen,  Essen,  Elberirld,
  Hamborn,  Solingen  und  ondere  Städte  ein  Herabgehen  der  allgemeinen
Fleischpreise  infolge  der  atnahmen  der  nen  melden.  Wir  r
zunächst  c#inmal  abwarten,  welche  Erjolge  sich  ergeben.  Ich  kann  als
einen  ansterordentlichen  Gewinn  0.8  lrut.  urgunen,  daß  jo  kenane,  gut
verwalteie  nommunen  io  talkrättig  eingegrifien  haben,  um  einer  übermäßigen
Hohe  der  Marlivreise  entgegenzuireten.  Es  sind  aber  noch  eine  ganze  Anzahl
  weiterer  Masnahmen  zu  vrüsen.  Uniere  Fleischpreise,  namentlich  die
Preise  für  Schweineilrisch,  zeichueten  sich  durch  ganz  ungewähnliche  Schwanlungen
  seit  einigen  Jahren  aus,  Schwanlungen,  die  ihre  Erklärung  nicht
ünden  in  den  natürlichen  Schwankungen  zwischen  Angrbot  und  Nachfrage,
in  den  Schwankungen  der  Nosten  der  Produklion  in  den  einzelnen  Landes-
        <pb n="233" />
        Deas  Maise  Neich  und  feine  einzeluen  Glieder.  (Ctrober  25.)  223

teilen.  Ich  glaube,  daß  diese  Schwankungen  noch  darüber  hinausgehen
und  daher  kommen  die  sich  immer  wiederholenden  Klagen  über  unnatürliche
Spannungen  zwischen  Vieh-  und  Fleischpreisen.  Man  führt  zum  Teil  diese
Erscheinungen  mit  zurück  auf  die  Kredit,  und  ————““
welche  sich  namentlich  auf  —.  großen  Märkien  zwischen  den  a#  ãft
beteiligten  Personen,  zwischen  Kommissaren,  Händlern  und  Fielcnen  ergeben.
  Ich  halte  es  für  erforderlich,  daß  diesen  Fragen,  über  die  seit  Jabren
gesorochen  und  geschrieben  wird,  auf  den  Grund  gegangen  wird.  Esmmw
zu  diesem  Zweck  in  kurzer  Zeir  im  Reichsamt  des  Innern  eine  #issten
zusammentreten,  in  der  alle  Beteiligten  vertreien  sein  werden.  Ich  hoisfe,
daß  die  Arbeit  dieser  Kommission  manches  aufhellen  und  dadurch  Außen
in  die  Gesamtheit  bringen  wird.

B.  omme  nunmehr  zu  den  Maßpregeln,  mit  denen  die  Regierung
die  Biehzucht  fördern  soll.  *-  sortichrinliche  Interpellation  fordert  in
dieser  Begziehung  die  Auihebung  der  Fer  oie  Auch  das  ist  eine
Reichsangelegenheir,  und  ich  mus  aber  n  Abstand  nehmen,  mich  dazu
in  extenso  zu  äußern.  Ich  kann  um  so  o  darauf  verzichten,  als  ich
meine  Stellung  zur  Fragc  der  Ehvenston  und  Aushebung  wie  De  im
Reichstage  und  noch  vor  einem  Johre  dargelegt  hade.  Ich  habe  mich  bei
allen  diesen  Gelegenheiten  als  ein  Gegner  der  Zolliuspensionen  un  gegen
eine  Auidebung  boe  Futtermittel3zölle  bezeichnet.  Das  habe  ich  cuch

e  getan,  zu  einer  fz  Feit,  wo  wir  bekonmiich  unter  einem
Funermangel  r  das  Bieh  linen.  Heute  sichen  wir  glücklicherweise  einer
reichen  Futterminelernte  gegenüber  und  außer  den  gewonnenen  Funterminein
5  ja  leider  manches  sonnige  Getreide  so  schlecht  geerntet  wor!
nicht  mehr  Fine  verkanisfähine.  Ware  darstell:,  jondern  venzütten  werden
muß.  Also  wir  befinden  uns  in  dieser  VBeziehung  heute  jedenialls  in  einer
sehr  viel  hünkigeren.  Position  wie  im  vorigen  Jahre.  Deshalb  sind  die
prinziviellen  Bedenlen,  welche  ich  gegen  iede  Acnderung  der  Zolle  habe,
heme  noch  sehr  vicl  stärler  als  im  vorigen  Jahre.  Ich  mochte  mich  unter
dem  Vorbehalt,  daß  ich  doch  wahrichrinlich  im  Reicheiag  noch  über  diese
Sachen  zu  ivrechen  haben  werde,  heute  aus  dieie  wenigen  Worte  beichränken.
Ich  glaube  also,  dan  dies  kein  Weg  in,  welcher  geeignet  sein  würde,  uniere
Viehzucht  weiler  zu  fördern.  Bei  der  ergroiterung  unieres  Wiehbestandes
wwielt  die  Kultivicrung  unserer  Moorec,  der  Oebländereien,  eine  sehr
wichtige  Rolle.  Neuc  große  Nansrurngend.  können  un#weisekhaft  gewonnen
werden,  wenn  wir  diese  Niederungsmoore  in  eniorcchender  Weise  r—
Es  find  von  solchen  Niederungamooren  bereils  entwäisert  151001
weitere  AII)  ha  ünd  Enwäsierungsprojekle  jertig  oder  in  deen
Wir  werden  i#r  die  Rultivierung  solcher  Moore  iowohl  von  Siaats  wie
Provinz  wegen  noch  mit  jehr  viel  groteren  Mitteln  eingreisen  müisen,  als
bisher  der  Fall  geweien  ist.  Wir  werden  deehalb  beträchniiche  Erhöhungen
der  betreifenden  Fonds  im  Eiat  voriehen  nnd  hoifen  auf  t  Justimmung.
Für  die  nötige  Aussicht  über  dieie  entwässerten  Wiesen  sollte  durch  eine
vermehrte  Anstellung  von  Arciswiesenbanmeistern  Sorge  getragen  werden.
Wir  werden  auserdem  um  eine  nicht  unerhebliche  Erhuhung  fast  aller  derienigen
  Fonds  bilen,  welcher  zu  einer  direkien  Unterumnung  der  Bichzucht
bestimmt  ind.  Fur  eine  Hanvtausgabe  halte  ich  auch  die  Forderung  der
inneren  Kolonisation.  Es  in  bekannt  und  erwieien,  daß  für  die  Mengen.
produlnon  von  Schlachtieh  die  Leistungszahigtein  des  Grundbeiibes  un  ·
geiähr  in  umgekehrtem  Verhältuis  zu  ieiner  Grosse  sicht.  Ueber  den  Anleil
  des  Rleinbeünes  an  der  Schweineucht  habe  ich  die  Zahlen  ichon  vorweg
gegeben.  An  der  Grene  ieiner  Leistungsfahigleit  ist  der  Nleinbrütz  mriner
Ueberzeugung  nach  noch  lange  nicht  angelangt,  es  ist  nur  rriorderlich,  daß
        <pb n="234" />
        224  NH#a  Lerisqe  Keich  und  feine  rinzrlurn  Glieder.  (Ollober  25.)

er  sich  der  Schweinezucht  unter  gesicherten  Verhältnissen  ai  kann  und
ohne  eine  übermächtige  Überseeische  Konkurrenz  fürchten  zu  müssen.  Fehlt
diese  Sicherheit,  so  wird  der  Antrieb,  die  Biehbestände  zu  berkugern,  schwinden.
Vermehren  wir  nun  noch  die  Kleinbesitstellen,  so  werden  wir  einer  Entwicklung
  gegenhberstehen,  die  weiter  aufwäns  geht.  Wir  werden  Ihnen
eine  Reihe  von  Moßregeln  vorschlagen,  mit  denen  wir  die  innere  Kolonisation
  glauben  fördern  zu  können.  Die  Hauptsache  ist  die  Beschaffung
des  nötigen  Landes;  da  werden  wir  zunächst  12  Millionen  erbinen,
die  uns  in  den  Stand  leten  sollen,  die  staatlichen  Lechmoorr  in  ies
land,  1  urbar  zu  machen.  Dann  werden  wir  auch  Domänen  den
singtomeenlan  mehr  als  bisher  zur  Versshun  stellen.  Ich  bin
überzeugt,  daß  wir  i#  dieser  Beziehung  mehr  tun  mussen,  als  wir  bisher
ug  haben,  homenulich  in  den  Vandesbeiled  wo  der  kleine  und  der  Minel-#

  schwach  vertreiten  ist.  Wir  beabsichtigen  lerner,  den  bestehenden  Sied.
neln  h  gen  den  Landankauf  dadurch  zu  erleichtern,

er
empiehlen,  daß  die  Beleihung  beer  Rentengüter  bis  neun  Zehntel  des  Taxwertes
  gestotket  ist,  und  daß  die  Schwierigkeiten  beseitigk  werden,  welche
dem  Abverkauf  kehaisansihe  Gutsanteile  aus  der  Oypothekenlaesung
  entgegenstellen.  In  all  besen  Richtungen  werden  wir  Ihnen
Vorla  machen  und  hoffen,  da  5½#  65  ie  sie  onnehmen  werden.  Den  besichtengen
  Kolonisationsgejellschaften  beabsichtigen  wir  in  Anlehnung  an  das
Besitzbefestigungsgesetz  auch  enkgegenzukommen.  Wir  wollen  das  E—
alte  für  unre  innere  Kolonisation  stärken  und  verbessern.
xce  ich  für  zweckmäßiger,  als  wenn  wir  etwa  mit  dem  Projekt  einer  vchen
baen  staatlichen  awer  aldewe  an  Sie  herant  reten,  die  dann  à  tout
bris—  kolonisieren  sol.  Dem  würde  entgegenstehen,  daß  wir  den  Grundbesitz
mehr  mobilisieren  würden,  als  er  es  leider  jetzt  schon  ist,  daß  wir  die
Gerpresse  noch  weiter  steigern  würden,  und  daß  es  n  siehklchtoettvütde,
qisldlelemWeqe  letftanqefahtqe  Jelleaza  ichqss  Mir  arlchem  *7  ch,  daß
unier  bisheriger  Gang  der  inneren  Kolonisation  sich  d  och  nicht  so  schlecht
bewährt  hat,  wie  man  es  vieljach  hinstellt.  Unsere  Siedlungsgesellschaften
in  Pommern  usw.  hab  *  1911  rund  600)  Siellen  neu  begründet.  Ich  erwarie
  mit  Best  immtheit,  daß  die  E3  d  Ansiedlungslommission  mit
ünahmen,  von  denen  ich  sprach  und  die  zum  großen  Teil  von  den
Eiedlungegeiellschasten  angeregt  worden  sind,  besser  und  umjangreicher  als
r  arbeiten  und  wirlen  werden.  Die  Sicdluengsgeellhallen  können
und  müssen  auch  im  Laufe  de  Zeit  dahin  kommen,  ihre  Tätigkeit  in  jedem
Jahre  zu  verbreitern.  Geichieht  das,  dann  wird  in  der  Zeit  eines  Menschenlebens,
  es  handelt  sich  um  eine  Frage,  die  nicht  an  einem  Tage  gelöft
werden  kann,  man  doch  zu  Reiuliaten  lommen,  die  sich  sehen  losses  können.
Die  innere  Aolonisation  ist  nicht  nur  für  die  Vermehrung  der  Fleischvroduntion
  von  der  allergraßten  Wichtigkeit.  Die  Bedeumung  der  inneren
Kolonisation  geht  weit  darüber  hinaus.  (Zustimmung.)  Wir  siehen  seit
Jabren  einer  starken  Abwanderung  aue  der  Bevölkerung  vom  platien  Lande
gegenüber,  einer  Zusammenpressung  grdherer  Menschenmassen  in  den  großen
zZentren.  Dieie  neue  Volkerwanderung,  die  sich  nur  unter  Nirschiebung
in  der  Bevollerung  vollzieht,  bringt  #e#ihungen  m.  mit  sich,  d
versucht  sein  könnte,  als  von  elementarer  Natur  zu  bezeichnen.  t
und  moraliich,  wirlichaftlich  und  jozial  wandelt  sich  der  PVotlecheralter  —
die  Sirultur  des  Volkskorpers  um.  Man  jagt  mit  Recht,  daß  ein  Stoat
brdroht  ist,  der  sich  nicht  immer  anis  nrue  aus  seinem  W#se  verjüngen
        <pb n="235" />
        °H###  Mishr  Reich  und  seinr  teinjelun  Glitder.  Oltober  25.)  225

kann.  Uniere  stark  wachsende,  vielfach  auf  den  Export  angewieene  eduie
mit  ihren  Hunderttausenden  von  Arbeitern  muß  ein  Gegengewi  ben
in  einer  kräftigen,  fest  sundamentierten  und  vom  t  9aeh  unabhängigen
  aderbautreibenden  Bevölkerung.  (Zustimmung.)  In  den  großen
Stadizentren  zwingt  die  Menschenmossicrung  4t,  einer  bolonisetorichen
Wohnungspolitik  in  den  Bezirken  der  Städie  und  ihrer  Vororte.  Für  #de
gesamten  Staat  erwächst  die  Aufgabe,  der  Abwanderung  vom  Lande  and
der  Aufsaugungspolitik,  die  von  den  großen  Städien  ausgeht,  mit  allen
Hiue  mein  Paroli  zu  bieten.  (Beijall.)  Der  Absluß  vom  Lande  steht
m  Zusammenhange  mit  der  abonssherfnl  Dos  ist,  wie  4
——.  durch  die  Arbeiten,  namentlich  des  Prof.  Sehring,  unwiderleglie
nachgewiesen.  (Zustimmung.)  Der  Absluß  5½  #W.  als  besonderse  stark
gezeigt,  wo  der  Gro#grundbesiy  eine  vorherrschende  S#zellung  Therimen
Soll  unsere  Landbevolkerung  stark  bleiben,  so  kann  nur  durch  eine
Stärkung  und  Vermehrung  unserer  Bauernstellen  gesch  been  (Lebhasfte  Zustimmung
  l.)  Diese  Ausgabe  steht  hoch  über  allen  herteivolshenn  eenn
u|mul  Wer  innere  Kolonisation  treiben  will,  weil  ihm  der
Großgrundbesitzes  zuwider  ist,  den  er  am  liebsten  ausrotten  —  d  nlt
unhistorisch.  Der  würde  unserer  Landwirtschaft  und  unserem.  Siae  mur
Verderben  und  Uebel  zusünen,  prak#tisch  aber  jagt  er  einer  Uop
MWorauf  es  ankommt,  ist  eine  Mischung  der  grch#n,  mittleren  un  1urten
Lerete.  (Zustimmung  I.)  Das  kommt  auch  dem  „Grohgrundbest  zugute.
Es  ist  unm  ögli  ich,  im  Rahmen  der  heutigen  Debatte  das  Problem  der  inneren
PSalonisauon  in  seinen  Hauptzügen  auch  nur  andeutungsweise  zu  behandeln,
aber  wir  stehen  vor  einer  Ausgabe,  an  der  der  Staat  mit  allen  seinen
Beamten,  an  der  alle  Parteien  srendig  und  baltrestih  mistrbeeien  sollen.
Friedrich  der  Große  bar  gesagt:  „Menschen  erachte  ich  für  e
um.“  Wie  er  diesen  Satd  verwirklicht  wissen  wollte,  rz  er  ii
leine  großartige  areer  Tötigkeit  gezeigt.  Aus  dem  friderizianischen
taat  mit  seinen  sechs  Millionen  Einwohnern  ist  ein  Staat  mit  vierzig
Millionen  Einwohnern  geworden.  Sorgen  wir  dafür.  daß  immer  zahlonkert

  werden.  Damit  werden  wir  unseren  Staat  gesund  und  Rark  erhallen.
Webhajter  Bia  3
Vei  Solppechung  der  Tutergellation  kom  zuerst  der  konservative
  5  v.  Heydebrand  zu  Wort.  Er  gab  das  Bestehen  einer  uicht
unerheblichen  rlrbana  zu  und  dankte  der  nt  sür,  irr  Versuche,
  die  Zufuhr  des  Feihes  wirksamer  zu  gesiolten.  Jbocbe  ellagte  er
es,  daß  man  das  Voll  nicht  gewügend  auilläre  und  gegen  die  Agrarier
8  Erfreut  zeigte  er  sich  über  das  Versurechen  des  Ministerpräsidenten,
der  Schutzzollpotitik  seahalten  warnte  aber  davor,  das  Prinzip  des
lenozen  Zollioriies  anzutasten.  In  ähnlichem  Sinne  sprochen  dann  die
Abgg.  Herold  jür  das  zentrum  amd  Dr.  Engelbrecht  für  die  Freikonserwativen,
  während  der  Pole  Norfanto  in  eptese  Weise  gegen  die  Anwendung
  des  Enteignungsgeiebes  prolestierte  und  behanpiele,  daß  die  innere
Kolonisation  von  der  Regierung  und  der  Mehrheit  des  Ahuserdmtenhaneg,
nur  zu  volitischen  Zwecken  miszbraucht  werde.  Zum  Schluß
der  Landwinschaftsminister  v.  Schorlemer-Lieser,  der  auf  die  illiiqrifie
Abgbveiidelsraiidbiiierllnile,biesleqieriiiigbabeqllksqelcihnmi
n  IhrequiliisiebeiiIiidasVoltqiiiiiilliireiiErvrrioiesdarniihbqn
die  v  von  der  Regiermg  artroffenen  Masnahmen  ichon  nach  kurzer  Zeit  zu
einer  Prcisherabsetzung  geiuhrt  und  die  Städte  veranlasn  hälten,  die  #ptieg.
Aecorgung  selbst  in  die  Hand  zu  nehmen.  Schlicßlich  versprach  er,  daß  die
Maßnahmen  mitl  allen  erjorderlichen  nontrollen  durchgeführt  werden  sollen.
Curopäischer  Weschichtstatender.  Ll#.  15
        <pb n="236" />
        226  bes  Derisqt  Neich  und  srinr  rinieluen  Glieder.  (Oltober  2b.  26.)

25.  Oktober.  (Berlin.)  Oberbürgermeister  Wermuth  über
Berlins  Fleischversorgung.

Fur  uns  ĩ  ein  Personal  von  40  bis  50  Personen
tälig,  Krünn  zwölf  7  die  dort  das  Vieh  nach  Berliner
Art  schlachten.  Es  sollen  3000  Zentner  pro  Woche  geliefert  werden,  vom
1.  November  ab  6000  Fner,  wobei  ein  festes  Tagesauantum  allerdings
nicht  harantiert  werden  kann.  Mehr  zu  liesern  ist  nicht  möglich.

26.  Oklober.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  Besprechung  der  Interpellation  betr.  die  Fleischteuerung.

Abg.  Ströbel  (Sd.):  Es  ist  bemerkenswert,  daß  der  ganze  Winister
tisch  heute  abjolut  leer  ist,  gerade  in  dem  Augenblück,  wo  der  Bertreter  d
Mehrheit  des  Volkes  das  Wort  nimmt.  Die  dutsche  Fleisch--  -zun  r—:
produktion  ist  eine  4/  4  unzulängliche.  Wenn  man  auf  die  Vermehrung
des  Fleischkonsums  seil  dem  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  binmeis-.  so

vergißt  man,  daß  sich  seitdem  die  Verhälmiise  vollsändig  umgewandelt
haben,  daß  der  Fleischbedarf  inzwischen  außerordentlich  stärker  geworden
i  ist  zurũckzuführen  n  die  Industrialisierung  Deutschlands,  die
mgeheure  Vermehrung  der  Einwohnerzohl  der  großen  .
Unsug  sondergleichen  zu  behaupten,  daß  vegelobilische  Nahrung  ausreichend
ei  r  Londarbeies  kann  sich  wohl  von  Vegerabilien  ernähren,  der  Industrielle
  must  sich  von  Fleisch,  Eiern  und  Milch  ernähren.  Der  Landbewohner
  hat  ganz  andere  Verdauungsorgane  t  n-z  wie  ein
Stadibewohner  und  Arbeiter.  (Unruhe  r.)  Man  hat  den  täglichen  Fleischverbrauch
  in  Deutichland  pro  Kopf  auf  90  Gromm  berech  nei-  Das  ist  viel
zu  wenig.  Ein  Erwachsener  braucht  mindestens  150  Gra  Nach  amtlichen
  Erhebungen  beträgt  der  fwechenbnonle  m  Nrbeuequmtlten  aber  nur
60  Gramm.  Eest  die  völlige  Freiheit  der  Einfuhr  wird  uns  Rleischoreise
öringen,  die  das  veu  auch  bezahlen  lann.  Die  Siedlungefrage  bhert  gestern
einen  breiten  Raum  in  der  Erörterung  eingenommen;  aber  mit  dem,  was
wir  an  positiven  PVorschlägen  zu  hören  belamen,  wird  der  bpreihen  Masse
auch  nur  Sand  in  die  Augen  gestreut.  Wer  wollie  es  ernstlich  bestreiten,
daß  der  Großbetrieb  besser,  wirlichaftlicher  und  einträglicher  arbeilen  konn
als  der  ia  Daß  die  “3  mehr  Schweine  züchten,  liegt
an  anderen  Ursachen.  Es  ist  irrig,  daß  gerade  Kleinbetriebe  geschaffen
werden  müssen,  um  die  Feischwerserg#n  zu  sichern.  Wenn  enteignel  würde,
nicht  in  der  For  in,  daß  es  den  Herren  von  der  Rechten  zugute  kommt,
sondern  so,  wie  wir  Sozialdemokraten  es  wünschen,  daun  könnten  aus  den
ländlichen  Arbeitern  auf  ländlicher  Scholle  Genossenschaften  gebildet  erd,
und  durch  iolche  Genossenschaflen  w#de  ganz  andere  Kulturmöglichkeiten
emstehen.  Die  leute  Uriache  der  Not  ist  doch  nur  die,  daß  die  breiten
Maisen  wich  kompikrästig  genug  *—  daß  sie  alh  sehr  kapitalistisch  ausgebeulet
  w

 

 

Mial  r  des  Innern  v.  Dallwitz:  Es  ist  hier  Bezug  genommen
worden  kult  ser  Veröflentlichung  des  Kreisarzles  Tomalla  in  Altena,  worin
behaupict  wird,  daß  die  Skrophulose  unter  den  Kindern  in  den  letzten
Jahren  dort  um  100  Prozent  zugenommen  habe,  und  daß  diese  Zunahme
zurüclzuführen  sei  anf  die  ungenügende  Ernährung.  die  wiederum  eine
Folge  der  slarken  Erhöhung  der  Fleischpreise  sei.  Infolgedessen  ist  eine
amniche  Nachprüfung  angeüellt  wordri  und  ganz  besondere  dabin  05  wirklich
  ein  Zuiammenhang  Koi#chen  diesen  Dingen  besteht.  Es  wurden  deshalb
  dicfelben  und  eine  Menge  anderer  Dinge  noch  einmal  unnrsucht  und
beionders  wurde  aus  die  Merkmale  geachtet,  an  denen  man  die  Skrophulose
        <pb n="237" />
        Des  herist  Reic  uud  seiut  eiufeiun  Glirdrr.  (Oltober  26)  227

erkennt,  die  Drüsenanschwellungen  usw.  Auch  wurde  der  gesamte  Gesundheitszustand
  der  Kinder,  *585J5  Aussehen  und  ihre  ganze  Haltung  einer  Prllfung
unterzogen.  Da  4un  sich  denn  herausgestellt,  ich  die  Skrophulose  unter  zet
Kindern  in  keiner  Weise  zugenommen  bon  Auch  hat  sich  keine  Unternrnshrung
  seststellen  sellen.  Das  ist  doch  verstehen,  denn  ein  Rückgang
ier  der  dortigen  Lebenshaltung  der  Hbechen  wie  behauptet  worden  ist,  hat
Wan  stattgesunden.  Also  alle  weileren  Schlußsolgerungen,  di-  daraus  gegogen
  worden  sind,  und  ganz  besonders  die  über  die  Zunahme  der  Skrobhulose
  sind  vom  medizinischen  Standpunkte  aus  als  unhaltbar  zu  be-.Wenn
  weiter  verlangt  worden  ist,  daß  die  §9  12  und  13  des
Steischerichenesese  ausgehoben  werden  sollen,  bome  das  argentinische
Fleisch  ohne  irgendwelche  Untersuchung  eingelassen  werden  kann  (Burufe
von  D  so  kann  darauf  natürlich  nicht  eingegangen  werden.  Gerade  eine
solche  Maßbnahme  würde  dozu  beitregen.  die  Biehhaltung  der  lleinen  und
kleinsten  Landwirte  zu  schädigen.  Es  scheint  mir  allerdings  geboten,  zunächst
  die  weitere  Entwicklung  abzuwarten,  namentlich  auch  aus  dem
Grunde,  weil  alle  uns  vorliegenden  Mitteilungen  darin  Übereinstimmen,
daß  in  den  an  der  Feeiscbversorgu  beteiligten  Gemeinden  e  ganz
allgemein  nicht  unerheblich  herabgegangen  sind.  In  den  Grebstäen,
die  sich  bereits  zum  Bezuge  von  Fleisch  #ichlofeen,  —**  ist  in  26  ein
allgemeine  Heieherabirauhg  eingetreten.  (Hört,  h  echls.)  In  Veren

sehung  ingeuret  een.  In  der  Nähe  der  Markthallen  haben  die  Fleischer  ihre
Preise  denen  für  das  ausländische  russische  Feiich.  Möglichst  angenähert.
Ab  eine  (Nl.):  Zu  meiner  K  ist  bisher  von  allen  Seiten
dieses  Hauses  anerkannt  worden,  daß  die  Fleischpreise  bei  uns  wirklich  eine
solche  Höhe  erreicht  haben,  doß  weite  2  reise  der  Bed  völkerung  darunter  zu
leiden  haben.  Die  hohen  Fleischpreise  werden  besonders  in  den  Haushalmungen
  unangenehm  emplsunden,  deren  Ernährer  nur  kleine  Einnahmen
haben.  Die  besonderen  Gründe  für  diese  Nleichlenerung  liegen  in  der  Dürre,
in  dem  Futtermangel  des  "  vorigen  Sommers  17  VBerbreitung  der
Maut-  und  Klauenseuche  und  der  GSeert  d  ufzucht  des  Aungbiehs,
n  hohen  Kosten  der  trerqrzjltchea  Untersuchung  und  der  verspäl#elen  Karwne
  beb  dieses  Jahres.  die  es  verhinderte,  die  Tiere  so  früh  zur  Mast
zu  bringen  wie  sonst.  Nach  Eintrin  der  vorjährigen  Ka  ist  een  Landwirten
  vom  Minister  und  von  den  Landwirtschaftskammern  immer  wieder
gesagt  worden:  Schafit  eure  Tiere  nicht  ob,  haltct  sie  durch  im  Interesse
der  LHoollerrnleb#nne,  Man  hat  ihnen  auch  gesagt.  lie  würden  für  ihre  Aufwendungen
  in  haüheren  Preisen  einen  gewissen  Ausgleich  finden.  Jetzt  bekommen
  wir  aus  dieien  Areisen  die  vorwurisvolle  Anklage,  daß  davon  keine
Rede  sein  könne,  wenn  man  jebt  das  Fleisch  in  vollem  Umsange  vom  Auslande
  hereinloise:  ebensowenig  kommen  dieienigen  Landwirte  jetzt  auf  ihre
Kosten,  die  große  Bestände  zu  hohen  Preiien  eingekauft  und  durchgehalten
haben.  Weilere  Bedenken  richten  sich  gegen  die  erneuerte  Gefahr  der  Seucheneinschleppung.
  Die  Lungenieuche  ist  erloschen,  die  Maul-  und  Klauenseuche
st  im  Erlöschen;  da  kaun  man  begreifen,  daß  die  Landwirte  von  diesen
Maßnahmen,  die  die  Seuchengeiahr  wieder  heranibeichwören,  wenig  erbaut
sind.  Die  große  Mehrheit  des  Hauses  ist  mit  der  Regierung  darin  einig,
daß  die  deutichen  Landwirte  nicht  schlechter  gestell  werden  dürfen  bei  der
vekerinär  polileilichen  Nontrolle  im  Fleischbeschangesen  als  das  Ausland.
Die  gründliche  Durchi#rung  der  Unterinchung.  wie  sie  im  Julande  vorgeschricben
  ist,  läßt  sich  an  dem  ausländischen  Vieh  nicht  sestüellen;  um  io
notwendiger  ist  die  volle  Rusrechlerhallung  des  §  12.  Auf  -  52  erheb-
        <pb n="238" />
        228

—  u————2—————2

zu
die

entvulkert
itehe

dem

des
Manlteuerer

kieinen
die

Antrag
eine

was  bisher  für
gut  wie  gar
der
        <pb n="239" />
        Da-  Perisqe  Reiqh  aud  seine  einjelaen  Glitcder.  (Oltober  26.)  229

lassen  keinen  Zweisel,  daß  an  eine  Aenderung  des  8  12  nicht  edacht  werben
konn.  (Beifall  r.)  Die  landwirtschaftliche  Verwaltung  und  bie  Regierung
werden  unter  allen  Umständen  daran  festhalten,  daß  leine  Maßnahme  ergriffen
  wird,  die  imstande  ist,  die  Produktion  an  Vieh  ine  der  preußischen
O*  delchen  Landwirlichaft  in,  Zukunft  in  Frage  zu  ste
.):  Das  Schlimmste,  was  uns  *  assieren  könnie,
wäre  die  Futolichg  nun  Fleisches.  Die  Maul-  und  Klauenseuche
in  Argentinien  ist  eine  grosee  Gefahr,  nicht  nur  für  Peenmen  selber,  für
26  brgemibische  Biehzucht,  kanbern  auch  für  den  Getreideexport.  Auf  diese
Weise  ist  die  Moglichkeit  gegeb  daß  die  Maul-  und  nlauenseuche  verschleppt
  wird.  Nach  den  uesnen  Ersfahrungen  ist  6rber  Bazillus,  der  die
Maul-  und  nlauenseuche  hervorruft,  viel  virulemer  als  andere  Bazillen.
Diese  immerwährende  Seuchengefahr  ist  allein  icho,  ein  Grund,  niemals
argentinisches  Gefriersleisch  hereinzulassen.  ##en#  g.  Hoff  bemerke  ich:
icht  das  Jahr  196  ist  für  uns  ein  markanter  e  o  in  der  Wirtschaftspolitik,
  sondern  dans  Jahr  1879,  als  die  u-mZ  eingeführt  wurde.
Aeltere  Leute  als  Herr  Hoff  denken  heute  noch  mit  Schmerz  bedauernd  und
#ragee  an  die  E*  eit,  an  die  Zeit,  wo  Caprivi  den  Landwirten  den
rozent  des  Wertes  ihrer  Besitzungen  abzuschreiben.  Wir
2  r  die  Futtermittelzölle  eingetreten,  um  den  einheimischen  Futterbau
u  schüten,  daß  er  rentabel  bleibe:  ein  Erhöhung  der  Futtermittelzölle
at  niemand  von  uns  verlangt.  Mit  Recht  hat  der  Abg.  Herold  darau
hingewiesen,  daß  Deutschlands  Enmtwicklung  nicht  allein  von  Kanonen  und
Valonetten  abhängt,  sondern  daß  es  darauf  ankommt,  das  deuliche  Volk
in  Zeiten  des  Krieges  auch  mit  den  nötigen  Lebensmineln  zu  versorgen.
er  dazu  beitragenn  will,  muß  eine  Politik  treiben,  wie  sie  von  den  Konservativen,
  dem  Zentrum  und  den  Naköonalliberalen  gestern  und  heute  vertreten
  worden  ist,  aber  nicht  eine  Polilik,  wic  sic  von  Schialdemotroten
und  Freisinnigen  vertreten  wird.  Das  ist  die  Politik,  die  wir  auch  i  n  Zu  -
en.  Wenn  wir  annehmen  dũrfen,  das  der  Minislerprãsident
  mit  vollem  Nachdruck  sich  im  Vundesrat  dafür  einjetzt,  und  wenn
wir  weiler  annehmen  dürfen,  daß  er  auch  im  Reichslag  diese  Politik  mit
vollem  Nachdruck  aufrechterhält,  unsecgann  von  der  allen  Mehrheit:  Nationalliberalen,
  Zentrum  und  nonjervativen,  dann  können  die  deutschen  Landwirte
mit  vollem  Vertrauen  weiter  wersadten  Ninder  zu  halten  und  Schweine  zu
mästen,  aber  nur  dann!  (Beifall
4A.  Giesberts  (.;:  Die-  Maßnahmen  der  Negierung  sind  bedauerlicherweiie
  etwas  seht  spät  gekommen.  nImal  wir  in  den  Stödten
hatten  sie  früher  erwartel:  denn  die  Regierung  war  doch  schon  im  vorigen
2%  cheraui  hingewieien  worden,  daß  die  Finunblioh  Teuerung  erst  kommen
16  r  Torierleichterungen  sollten  für  die  Wasserstraßen  eingejühr
ie  en;  n  die  Schiffahrtsinkereisenten  beichweren  sich  jent  mit  Recht
über  #anbane  Hvijentlich  holt  die  Regierung  das  noch  och  Unter
en  Mitileln  zur  Verhinderung  weiterer  Teuerung  stehi  die  Hebung  der
Inlandsproduktion  obenan,  ni  scht.  im  agrariichen  Intereise.  sondern  im
enteresse  der  einheimüchen  Bevolkerung.  Die  innere  nolonisalion  musß
sie  Ausgabe  lösen,  einen  lleinen  und  Mittelbesitz  zu  ichaisen,  einen  leistungsähigen
  Banernstand.  Die  31  eigerung  der  Produkrivitär  sicht  in  ennstem
Zusammenhange  mit  der  Schal#ung  eines  tüchtigen,  pilichu#reuen  Landarbeiterstandes:
  mit  landwirtschaflichem  Nomadentum  kann  man  aber  keine
eswalten  Landarbeiler  erzichen,  und  auch  die  Vandarbeiter  brauchen  Fleischrung;
  die  Laudarbeit  ijt  so  schwer  wie  selten  eine.  Die  virhlose  Land-Wihch
  ist  ein  jehr  großer  Fehler.  Die  Landwirte  sollten  deahalb  versönlich
  gegen  sie  Fronl  machen.  ZIch  siehe  dem  Geirierileisch  nicht  so  ab-
        <pb n="240" />
        230  Das  Derisqt  Retiq  anb  seine  einjelata  Slitder.  (Oltober  28.  -  30.)

lehnend  gegenüber  wie  Lerr  Dr.  Hahn.  Ich  habe  es  in  England  und
Amerika  kennen  gelernt.  Aber  auch  dort  wird  das  einheimische  Fleisch
vorgezogen.  Gegen  die  Aushebung  des  8  12  erkläre  ich  mich  grundsäylich.
(Hört,  hört!)  Denn  die  Zustände  vor  dem  Inkraft#reten  des  Fleiichbeschaugesetes,
  bei  denen  die  Uderbemintei  Bevölkerung  minderweerige  Fieisch

wie  gules  bezahlen  mußte,  die  geradezu  unhaltbar  geworden.  Um  n
Rerade  aus  dem  Auslande  bür  iher  Jeich.  are  5  Fshalten,  *
geie  müssen  wir  diesen  Paragraphen  beibehalten.  Die  R#  a  hat  a

bie  ernste  Pflicht,  Ma  E——  zu  ergreisen,  V.  der  Juechmus.  un  0Ptnt
ugerin  weii  Lonf  Lenl  schland  infolge  Unterernährung  seine  Stellung

aufrecht  erhalten  k.

28.  Oktober.  Geben)  Annahme  des  Gesetzes  über  den
wrseten.

Es  ist  im  allgemeinen  dem  im  übrigen  Bundesgebiet  bereits  geltenden
  allen  hruguschrn  die  t  4.  Juni  1851  nachgebildet,  aber  mit

#erschärsungen  versehen.  In  dem  Gesetz  ist  Sabolage  mit  Todesstrafe  bedroht
  und  die  Presse  Mrrossichrl  worden,  während  des  Kriegszustandes  ausis
  amtliche  Nachrichten  in  jedem  Fall  zu  verbreilen.

28.  Oktober.  (Berlin.)  Dr.  Werner  Bolton,  der  zuerst
chemisch-reines  Tantal  darstellte  und  dadurch  die  Glühlampentechnik
umgestaltete,  1.  45  Jahre  alt.

29.  Oktober.  (Köln  a.  Rh.)  Als  Nachfolger  des  Erzbischofs
Dr.  Fischer  wird  der  60  jährige  Bischof  von  Münster  Dr.  Felix
v.  Hartmann,  ein  Anhönger  der  strengen  Richtung,  gewählt.

Als  königlicher  Bevollmächtigter  war  der  Oberpräsident  Frhr.  v.  Rheinbaben,
  als  vom  Domkopitel  bestellte  Wahlzeugen  waren  Sundikne  Geh.  Justizrat
  Custodie  und  Geh.  Regierungerat  v.  Deuene  l  hvoltoliicher  Nokar  war
der  Professor  des  Priesterseminars  Dr.  Vogt  z#

29.  Oktober.  Cenotaguerjahwanl.)  In  Berlin  I  wird
an  Stelle  des  verstorbenen  Dr.  Albert  Träger  (Fortschr.  B.)
Dr.  Mugdan  (Fortschr.  Vp.)  mit  334  gegen  74  (sozialdemokratische)
Stimmen  gewählt.

3°.  Oktober.  (Berlin.)  Durch  einen  Zusammenstoß  zweier
Züge  der  Stadtbahn  werden  auf  Bahnhof  Jannowitzbrücke  55  Personen,
  darunter  6  schwer,  verletzt.

30.  Oktober.  (Danzig.)  Durch  einen  Sturz  mit  dem  Pferde
zieht  sich  der  Kronprinz  auf  einer  Jagd  des  Westpreußischen  Reitervereins
  einen  Bluterguß  am  Arm  und  leichtere  Verletzungen  im
Gesicht  und  am  Kopf  zu.

Er  wird  dadurch  verhindert,  an  der  SBeisehungsfeierlichfei  der  Prinzessin
  “*s  von  Vayern  teilzunehme

30°.  Oktober.  (Hottenbach.  "  "n.  Trier.)  Der  Landtagsabg.
Pfarrer  Hackenberg  (Nl.)  f.  60  Jahre  alt.
        <pb n="241" />
        D  et  Rrich  und  seine  eintell#n  Glieder.  (Oktober  31.—November  5.)  231

Sl.  Oktober.  (Berlin.)  Die  Stadtverordnelenversammlung
genehmigt  einstimmig  die  Anstellung  eines  Stadtmedizinalraks  als
Mitglied  des  Magistrats.

2.  November.  (Kiel.)  Bei  Minensprenglibungen  des  Kreuzers
„Dorck“  finden  Kapitänleutnant  Jacobsen  und  Torpedobootsmaat
Fuchs  den  Tod.  Leutnant  3.  S.  Wilscheck  und  Matrose  Püäls  werden
schwer  verletzt.

8.  November.  Die  drei  im  Mitltelmeer  weilenden  Kreuzer
„Hertha“,  „Vineta“  und  „Geier“  erhalten  den  Befehl,  sich  zum
Schutz  von  Leben  und  Eigentum  der  Deutschen  in  die  türkischen
Gewäfser  zu  begeben.  Zu  ihrer  Verstärkung  werden  der  Panzerkreuzer
  „Göben“  und  der  kleine  Kreuzer  „Breslau“  in  Kiel  schleunigst
  mobilifiert.

3.  November.  (Schliersee.)  Anton  Frhr.  v.  Perfall,  Nomanschriftsteller,
  f,  59  Jahre  alt.

4.  November.  (Döberiß  bei  Berlin.)  Generalleutnant  Paul
v.  Windheim,  stellvertretender  Generalinspeklor  der  Kavallerie,  1
plölich  auf  der  Hubertusjagd,  58  Jahre  alt.

4.  November.  Die  Antwort  der  Mächie  des  Dreibundes  auf
Poincarés  Einigungsformel  „vollständiger  Uninteressiertheit“  der
Großmächte  lautet  nicht  zustimmend,  wenn  auch  nicht  dirckt  ablehnend.


4.  November.  (Diedenhofen.)  Das  Gnadengesuch  der  flluf
Kapläne,  die  seinerzeit  vom  Oberkriegsgericht  zu  sechs  Monaten
Festungshaft  verurteilt  worden  waren,  ist  abgewiesen  worden.  Der
Strafantritt  hat  zum  15.  November  zu  erfolgen.  (Siehe  27.  August!)

5.  November.  (Berlin.)  Eintressen  des  italienischen  Ministers
des  Äußern  Marchese  di  San  Giuliano.

Aus  der  Bewillkommnung  in  der  „Nordd.  Allg.  319.“:  „Sein  Besuch
  fällt  in  eine  Zeit,  wo  die  enrobäische  Diplomatie  mit  na3  verantwortungsvollen
  Auigabe  einer  friedlichen  Liguidierung  des  Balkankrieges
GEcestent  ist.  An  Sioff  zu  politischer  Aussprache  wird  kein  Mangel  sein.

Wir  sind  überzeugt,  daß  die  Unterredungen,  zu  denen  Marchese  di  San
Giuliano  in  Berlin  Gelegenheit  haben  wird,  ebenso  wie  seine  jüngsten  Besprechungen
  mit  dem  Grasen  von  Berchtold  auf  italienischem  Voden,  die
Uebereinstimmung  der  Dreibundmächte  verstärken  und  für  den  europäischen
Frieden  förderlich  sein  werden.

5.  November.  (Berlin.)  Slaatsminister  und  Ministerpräsident
  a.  D.  Dr.  Graf  Botho  zu  Culenburg  t,  81  Jahre  alt.
5.  November.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Berlin  wird
        <pb n="242" />
        232  Has  euische  Reich  und  seinr  #iuzeian  Glieder.  (November  5.)

der  ehemalige  RKeichstagspräsident  Dr.  Kaempf  mit  kleiner  Majorität

gewählt.
Wir  *  das  Speonien  aist  h8  der  Zislern  vom  12.  Jonuar:
  Kaempf  4888  (4657),  Düwell  3840  (1408),  Gädke  —  (1395),  der

Nonserwabte  587  (482),  der  Ldle  174  (169),  zersplittert  16  (44)  Stimmen.

5.  November.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Besprechung
  der  nationalliberalen  Interpellation  über  die  Unklarheiten
bezüglich  der  Ausführung  des  Gesetzes  betr.  die  Verficherung  der
wwrwratget

uf  die  Frage  des  Präsidenten  erklärt  der  Minister  für  Handel  und  Ge·
werbe  1n  se  lich  bereit,  die  Interpellation  heute  zu  beontworten.

e
eschlossen  find.  Aber  auch  die  muesührungebeslmmungen  müssen  derart

stehen  eine  l  n  Gesttzen,  die  in  neuerer  n  das  Licht  der  We
erblickt  h  s  in  namentlich  solche  Gesetze,  welche  mit  Ueberhastung
Faliht  n  worden  sind.  Ein  treffendes  Beispiel  ist  das  Neichswertzuwachesteuergeset.
  Es  hat  sich  die  Gewohnheit  herausgebildet,  daß  da,  wo  der
Verstand  des  Gesetzgebers  aufhört,  cs  den  Ausführungsbehörden  k#esee
bleibt,  die  vorhandene  Lücke  auszufüllen.  Alles,  was  wir  bisher  in  dieser
Beziehung  erlebt  haben,  wird  übertrofsen  durch  das  Gesetz  über  die  Versicherung
  der  Angestellten.  Die  Burcaukratie  der  Behörden,  insbesondere
seitens  der  Reichso-  berssherungkanpen.  macht  sich  bei  der  Ausführung  dieses
letzes  sehr  unliebsam  fühlba  s  den  preis  der  versicherten  Personen
lanst,  ho  *  die  4isr.  0  “  den  Ausführungsbestimmungen  des
—  auch  die  Stenographen,  die  Monteure,  Schachlmeister  und  Maurerérn
  den  versicherungspflichtigen  Personen.  Dabei  ist  die  Stellung
Fe:  Leute  vielfach  außerordentlich  u  aülar.  Man  we  tis  nicht,  wann  z.  B.
ein  Monteur  als  Angestellter  und  wan  als  Arbeiter  zu  serc
Diese  Fragen  hätte  das  Hrich-verlichrrungg#.  klarstellen  können.  Ich  stell
lest,  daß  das  Reichsversicherungsamt  mit  seiner  großen  Erfahrung  in  Rinem
Stadium  des  Gesetzes  mit  dieser  Materie  Überhaupt  befaßt  worden  ist.
Was  die  Beitragszohlung  auf  Grund  des  §9  91  aulangt,  so  frage  ich,  wann
ist  der  Antrag  zu  stellen?  Kann  auf  den  Antrag  verzichtet  werden?
den  verschiedenen  Teilen  des  Reiches  herrichen  Uber  diese  Fragen  die  hroßlen
Zweisel.  In  manchen  Städien  werden  Angestellte  mit  einem  Einkommen

 

A.  B.  Bersicherungen  unter  3000  Mark  überhaupt  abgelehnt.  Wir  sind  der
Auffalsung,  daß,  wenn  ein  Angestellter,  der  von  der  Beitragszahlung  besreit
ist,  später  auf  diese  Vergünstigung  verzichtet,  ihm  die  inzwischen  *E—
Areitgeberbeiträge  angerechnet  werden  müssen,  so  daß  ouch  dann  nach  zehn
Jahren  er  die  Wartezeit  erreicht  hat.  Ebenso  unklar  sind  auch  die  Berhältnisse
  Vei  Lebensversicherungspolicen,  die  eigentlich  vor  Erreichung  des
65.  bbensjahres  abgelaufen  sind,  die  ober  mit  Rücksicht  aufs  dieses  4
bis  zu  diesem  Termin  verlängert  sind.  Hier  verlangt  nun  die  Behörde

daß  trotzdem  der  Betreffende  zu  dem  ersten  Termin  in  die  gesebliche  *
sicherung  eintritt,  da  die  Verlängerung  des  Vertrages  einen  neuen  Verlra
darstelle.  Wenn  dies  wirklich  der  Fall  ist,  dann  liegt  ja  eine  Stempelpslicht
vor.  Aber  diese  ist  bisher  immer  verneint  worden,  da  man  darin  wirklich
keinen  neuen  Vertrag  soh.  Was  geschieht,  wenn  ein  Angestellter  nun  seine
        <pb n="243" />
        Daes  Denisqe  Reiq  anb  srine  einzelurs  Glirder.  (November  5.)  233

Versicherung  versallen  tai  ehe  sie  in  Krafne  etreien  ist?  Das

siherungsont.  verlangt  n  diesem  Falle,  6hft  Prr
ihm  die  Beiträge  zahlt,  die  der  Vesselle  5  nt  zahlen  mü  #  wen

nicht  von  der  Beitragepflicht  befreit  gewesen  wä  Das  ist  eine  für  iic
unhaltbare  Wfsassung.  Jetzt  haben  wir  den  5.  Meembeer  Wmz“  2.  Jonuar
1913  soll  das  Gesen  in  Kraft  trelen.  und  die  Bundesrat  sserlasse  über  die
Baehisban  eonar  haben  alle  solche  Zweifel  nicht  zerstreut.  Die
Schuld  an  dieser  Verzögerung  kaishe  die  Neichsversicherungsanftalt  in  vollem

mfange.

*l“  leminister  Dr.  Sydow:  Was  zunächst  die  Frage  anbekrifft
besüntich,  o  Schnelligteit  mit  der  die  Reichsgesesgebung  gearbeitet  hat,
so  n  grundsäglichen  Stondpunkt  aus  oblehnen,  in  eine  Kritik
der  mesgrewnnen  Jalteren“  des  Reichs,  des  Bundesrats  wie  des  Reichstags,
hier  einzutreien.  Wenn  das  hier  anfingen,  so  können  wir  es  nicht  abweisen,
  daß  in  gleicher  nell  die  breußische  Landesvertrekung,  der  prcußische

 

demselben  Grunde  bin  ich  auch  nicht  in  der  Lage,  hier  auf  die  Kritik  über
die  Tärigkeit  der  Neichsversicherungsanstalt  einzugehen.  An  das  preußische
Ministerium  lom  der  Entwurf  im  November  1910,  im  Mai  1911  wurde
er  im  Bundesrat  fertiggestellt,  Ollober  1911  begann  der  Reichstag  die
Berotungen  und  schloß  sie  ob  am  5.  Dezember  1911.  Die  Annahme  des
2elehes  erfolgte  himit  von  allen  Parteien.  Bezüglich  der  Beseitigung
von  Unklarheit#en  durch  Verordnungen  wendet  sich  der  Interpellant  nicht
an  die  richtige  Stellc.  Eine  allgemeine  Besugnis,  Zweisel  in  der  Gesetzesauslegung
  durch  Dellarationen  zu  erledigen  oder  Lücken  durch  Verordnungen
zu  ergänzen,  sieht  dem  Bundesrat  nicht  zu,  es  ist  ihm  durch  das  Gesetz
nur  eine  Reihe  einzelner  Befugnisse  beigelegt  worden  und  im  übrigen  sind
innerhalb  des  Gesetzes  Instanzen  vorgeschrieben,  die  nach  dessen  Inkrafttreten
  die  Enescheidung  haben.  Soweit  der  Bundesrat  Befugnisse  hat,  hat
er  im  Juli  fünf  Verordunngen  zur  Ansführung  des  Gesebes  erlassen  und
Verordnungen  über  die  Einrichtung  der  Rentenausschüsse  und  der  Schiedsgerichte
  sind  bereiis  beichlossen  und  werden  demnachst  veröfientlicht  werden;
ebenso  liegt  ein  Emwurf  einer  kaiserlichen  Verordnung  im  Bundesrat  vor
nr  das  Inkrajureten  des  Gesetes.  Das  Gesen  soll  ja  bekanntlich  auf
Wunsch  aller  Parteien  bereits  am  1.  Jannar  1913  ins  Leben  treten.  Auch
über  die  Verhällmisse  der  Reichsversicherungsanstal  Zu  den  Lebensversicherungsgesellschaften
  in  den  Fällen,  wo  die  Reichsvericherungsanstalt  Veitrãge
ur  Lebensverücherung  an  die  Lebensverüicherungeansiallen  hibt,  ist  eine
undesraloverordnung  i  in  Vorbereitung.  In  der  wichtigen  Frage  der  Ersatzkassen
  liegen  dem  Bundesral  verschiedene  Anträge  vor,  der  Bundesrat  hat
dazu  nicht  Stellung  genommen.  Das  Wesemtliche,  was  vom  Bundesrat
u  ges—  chebe  Eat.  ist  teils  ichon  geschehen,  teils  in  Vorbrreiung;  der  Reicheanzler
  hat  Erlasse  berausgegeben.  und  die  Landesbehörden  haben  Aus-3hn
  ngebrktinonngen  erlassen.  Die  Frage  der  Pensionskassen  der  deulichen
Privateisenbahnverwaltungen,  wie  die  Hrse  Frage  der  Beamien,  sowohl  der
Sicrsbeamen  wie  der  Lehrer  us#w.,  ist  von  den  Landesbehörden  zu  ent-:
  der  Bundesrat  hat  nur  zu  bestimmen,  welches  Mindestruhrgchalt
znge  aericsn  Mindestgehälter  lewähreisee.  sein  mülssen,  damit  eine  Befreiung
von  der  Versicherung  einmtritt.  Zu  der  Frage,  wie  weit  die  —
bei  Beamten,  die  auf  Kündigung  unsgr  heun  sind,  vorlicgt,  bemerke  ich,  d
die  Bestimmung  des  Geseucs,  daß  dem  Bramten  ein  gewiises  Ekstontwoen
##böbrrteist.  sein  must,  wenn  er  2  iein  soll,  den  Bestimmungen  der
Reichsversicherungsordnung  nachgebil  ildet  ilt;  wann  eine  solche  Gewährleistung
  vorliegt,  darüber  hat  sich  eine  Praxis  des  Reichsversicherungsamies
        <pb n="244" />
        2:14  HNes  Beufsce  Neich  und  seinr  einrlurs  Glieder.  (November  6.  7.

hebildet.  Diese  Frage  ist  im  einzelnen  Fall  zu  entscheiden  und  nach  den
gesetzlichen  Bestimmungen  haben  die  Landeszentralbeharden,  also  die  zusiändigen
  Ressortbehörden,  die  Entscheidung:;  ich  verweise  den  Interpellanten
bezüglich  der  Pensionskassen  der  deutichen  Privatbahnverwaltungen  8  den
Eisenbahnminister.  Für  die  Slaatsbeamten  hat  der  Minister  bere

September  die  nötigen  Bestimmungen  erlassen.  Daß  noch  nicht  alle  sellen

geschen  sind:  die  Schie  edogerichie,  das  Oberschiedsgericht.  ch  Seer  *0
in  Kraft  treten,  können  Fragen  dieser  n  nicht  beantwortet  werden.
einzelnen  Fragen  ben  erle  ich:  Ich  halte  es  nicht  für  zweiselbaft.  "2  83
die  Befreiung  ve  er  Bersicherun  alli  verzichiet  werden  kann,  daß  auch
erdierse  ger  übrigen  Vsban  —  gleichgesteat  werden
Wônnen,  daß  der  Arbeit  ln  der  Beiträge  für  die  Lebensver  Tlcherung  7  es
Angestellten  zahlt,  nur  irn  zur  Kürzung  dieer  Beiträge  besugt  ist,  wenn
der  Angestellte  die  Veneiun  beantragt  hat.  Daß  Zweifel  kesichen  können
über  die  Imgen,  wie  weis  Ehee2  n  ais  Lebensversicherungen
m  Sinne  des  gz  90  anzusehen  sind  und  wie  die  Wartezeit  für  den  Anurlteter

  n  berechner,  asse  wenn  er  zunächst  auf  Grund  einer  Lebensversicherung
  befreit  ist,  um  Befreiung  nachsucht,  aber  nachher  auf  die
Befreiung  verzichtet,  das  gebe  ich  unumwunden  zu;  das  wird  gegebenen
Falles  von  den  Schiedsgerichten  und  dem  Oberschiedsgericht  zu  ensscheiden.
sein.  Daß  diese  Zweisel  ninnnne  liegt  in  der  Mannigfaltigkeit  der  Lebensknpu
  und  auch  in  dem  ganzen  Zuschnitt  u—  Geschgehungstechai,
Auf  alle  Fölle  ist  das  Gesetz  verabschiedet,  es  kritt  zum  1.  Januar  1
in  Kraft,  es  hilft  jetzt  nichts,  zu  klagen,  es  kommt  -#rouf  an,  daß  all  e
LeieiligietilonalqiidetDiiiIühkistiqaiitqkbeiiciicopieleSchwie
leiten  auch  bestehen  mögen,  sie  werden  in  einigen  Jahren  überwunden  neis.
Auch  das  Jwalldetwersscherunggelen  hat  einige  Jahre  gebraucht,  ehe  es
sich  vollständig  eingelebt  haue.  Sind  bie,  Echwirrigkeiten  Terandes=  dann
ist  ein  großer  Schritt  vorwärts  getan  dadurch,  daß  mehr  als  einer  Million
Angestellten  eine  gewaiss  Sicherung  auf  geiehlichen  Wege  für  den  Fall  der
Berusunfähig  keit  und  für  die  Hinterbliebenen  für  den  Fall  des  Berlustes
des  Ernährers  gewährt  worden  It

6.  November.  (Berlin.)  Heimkehr  des  Prinzen  Heinrich  von
Preußen  von  seiner  Reise  zum  Begräbnis  des  Kaisers  von  Japan.

7.  November.  (Rostock.)  Der  Rat  verbietet  dem  Vorsitzenden
der  Bürgerverkretung  bei  1000  Mark  Ordnungsstrafe,  den  einstimmigen
  Beschluß  der  Bürgervertretung  auszuführen,  wonach  eine
Petition  zwecks  Erwirkung  einer  mecklenburgischen  Verfassung  durch
Reichsgesetz  und  Einführung  des  Reichstagswahlrechts  an  den  Reichstag
  gesandt  werden  soll.

7.  November.  (Leipgig.)  Wegen  des  versuchlen  Verrats
militärischer  Geheimnisse  an  Frankreich  werden  die  Stadttageldhner
Martin  Westermann  und  Karl  Friedrich  Grether  zu  drei  Jahren
Zuchthaus,  der  Eisenhobler  Joseph  Leon  Stieffater  zu  zwei  Jahren
Zuchthaus  verurteilt.

7.  November.  Das  Heeresergänzungsgeschäft  im  Jahre  1911.
        <pb n="245" />
        H#s  Meuische  Reich  unl  srine  eiajelaa  Glieder.  (November  8.—11.)  235

EIELLIII  Kergangeuen,  Zusommenstellung  der  Erg
  sind  in  diesem  Jahre  223,925  Personen  ausgchoben  worden.
143  Ge  Neellungspflichtige  wurden  der  Ersatreserve  Überwiesen,  davon
2456  Ueberzöhlige,  7009  wegen  bargerlicher  Verhältnisse  und  82,678  aus
sonstigen  Gründen;  außerdem  wurden  2589  Personcn  der  Morineerigresäte,
überwiesen.  Dem  Landsturm  sind  142.307  Personen  überwiesen  worden.
Einjährig.  Freiwillige  sind  14.723  (einschließlich  *  Veliolchuktehrer,  #enlise
Freiwillige  468,591  bei  der  Landormee,  1875  und  4041  be  t  Marin
eingetreten.

8.  November.  (Berlin.)  Der  verantworkliche  Redakteur  des
„Vorwärts“  Albert  Wachs  wird  wegen  eines  Artikels  vom  26.  April
mit  der  Uberschrift  „Eine  reaktionäre  Asffenkomödie“  wegen  Beleidigung
  des  Abgeordnetenhauses  zn  200  Mark  Geldstrafe  verurteilt
  und  dem  Abgeordnetenhause  die  Publikationsbefugnitz  zui


Urteil:  Das  Gericht  nimmt  an,  daß  im  großen  und
hanzen  E  Wngel  sich  lediglich  gegen  die  Mebehetssprteien  richtet  und
alle  diese  Aeußerungen,  di  sich  auf  die  Mehrheitsparkeien  beziehen,  ausscheiden
  massen.  Wegen  dieser  uinie  e  kann  eine  Verurleilung  nicht
8  benn  das  Fencncbnnan  als  solches  wird  dadurch  nicht  betroffen.

s  Wort  „Assenkomödie“  bezieht  lich  nur  auf  die  Mehrheitsparteien.
Das  o⅝  als  so  147  wird  in  dem  Artikel  dreimal  genannt
und  als  „Junkerparlament“,  „Geldsackparlamem“  und  „Tollhaus“  bezeichnet.
Das  Gericht  hat  nur  den  letzteren  Ausdruck  als  beleidigend  erachtek,  da  er
bei  Gelegenheit  der  Etatsberatung  gebraucht  ist  und  letztere  zu  den  dem
Abgeordnetenhause  zugewiesenen  Aufgaben  gehört.  v  ist  ein  Schimpfwort
  gebraucht.  Dem  Angeklagten  ist  an  sich  der  Schutz  des  8  193  zugebilligt.
  Der  Angeklagte  hatte  davon  Kennknis  erhalten,  daß  die  Sozialdemokraten
  im  Parlament  nicht  zu  Worte  gekommen  waren,  und  er  wollte
in  seiner  Eigenschaft  als  Redakteur  des  Zeutrolorgans  und  Parteimitglied
sein  und  seiner  Frrunde-  Aeie  wahrnehmen;  aber  er  i  il  über  das  Ziel
hinansgegangen.  Bei  Abmessung  der  Strafse  hat  das  Gericht  mildernd
erwogen,  daß  eine  Vene  nur  in  einem  han  kleinen  Teil
des  Artikels  gesunden  ist,  ferner,  daß  letzterer  geschricden  ist  unter  dem
indruck  einer  mehrtägigen  Verhandlung  und  einer  gewissen  Verärgerung
und  in.  einem  politischen  Lampf,  wo  man  die  Worte  nicht  so  auf  die  Goldwage


n.  November.  (Darmstadt.)  Nach  Streitigkeilen  zwischen
polnischen  und  deutschen  Studenten  in  einem  Cafs  um  6  Uhr  morgens
werden  der  Pole  Alfred  Weiser  aus  Czenstochau  durch  einen  Messerstich
  getöiet  und  zwei  deutsche  Studenten  schwer  verletzt.

13.  November.  (München.)  Der  Verwaltungsgerichtshof
setzt  auf  Beschwerde  des  Nürnberger  Magistrals  die  Enlscheidung
der  Kreisregierung,  daß  für  den  Betrieb  des  Krematoriums  die
staatliche  Ausschtsgenegnioun  einzuholen  sei,  außer  Wirksamkeit.

14.  November.  Die  Reichsbank  erhöht  den  Diskont  von  5  auf
6  Prozent  ind  den  Lombardzinsfuß  von  6  auf  7  Prozent.
        <pb n="246" />
        236  Ne  Iexisqe  Leiq  und  feins  eintelurn  Glirder.  (Movember  14.—17,

14.  November.  (Berlin.)  Der  serbische  Diplomat  Dr.  Nenadowitsch,
  ein  Vetter  deß  Königs,  trifft  in  besonderer  Mission  ein.

14.  November.  (Mecklenburg.)  Ablehnung  des  Verfassungsentwurfes
  .  dem  Landtage  in  Malchin.

Mehrere  Mitglieder  der  Ritterschaft  beantragten  in  einem
Diktamen  die  Ablehnung  des  neuen  Berfassungsenlwurses  der  Regierung,
da  nur  eine  Fortentwicklung  der  jetigen  Versossung,  nicht  eine  ZBerstörun
derselben  in  ihrer  Grundlage  als  richtig  anzuerkennen  sei.  Sie  erbilten  die
Herausgabe  einer  abgeänderten  Verfolungsvorl  n  dien  dem  Mangel  der
beslchenden  Verfassung  abhelfen  kann,  ohne  B  der  Geschichte  und
der  Rechte  des  Landes.  Die  Ritterschaft  beries  kan,  als  Stand  für  sich

nahm  den  Antrag  des  Diltamens  mit  18  gegen  16  Stimmen  an.  Die

Lon  dschaft  (die  Brgermeister  vur  Städte)  dagegen  lehnte  den  Antrag
durch  Standesbeschluß  a

15.  November.  Geruin)  Der  Dichter  Gerhart  Hauptmann
erhält  an  seinem  50.  Geburtstage  den  Nobelpreis  für  Literatur.

15.  November.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  veröffentlicht
  den  „Entwurf  eines  Gesetzes  über  den  Verkehr  mit  Leuchtöl“
nebst  Begründung

Es  soll  ein  #  onopol  begründet  werden,  das  vom  Reiche  mittels
einer  Vertriebsgeseulschoft  auagebeutet  wird,  so  daß  mit  dem  Fallen  des
Markipreises  ein  höherer  Verdienst  für  die  Ogiebschalt“  sss  weil

das  Reich  ouf  seinen  Gewinnanteil  im  umgekehrten  Verhältnis  der  Preisslola
  verzichlet.

16.  November.  (Mauer  in  Schlefsien.)  Die  Bobertalsperre
wird  in  Gegenwart  des  Kaisers  eingeweiht.

16.  November.  (Württemberg.)  Landtagswahlen.

Von  92  Mandaten  steben  69  zur  Entscheidung,  wovon  45  ohne
Stichwahl  erledigt  werden.  Davon  erhölt  das  Zeutrum  19,  der  Bund  der
Landwirte  10,  dit  Sozialdemolkatie  7,  die  Volkspartei  6  und  die  Nationalliberalen
  3  Man

Auf  Stn  ½  Wahlgesetzes  werden  von  den  92  Abgeordnelen  63  in
den  Oberamtsbezirken  nach  dem  Einerwahlsystem,  ebenso  6  in  den  sogenannten
  guten  Städien,  die  übrigen  6  für  Siungart  nach  dem  Proporz
gewöhlt.  17  weitere  werden  für  das  ganze  Laud  gleichfalls  nach  dem
Proporz  gewählt.

17.  November.  (Berlin.)  Eröffnung  des  zweiten  Allgemeinen
Deulschen  Hansatages  im  Admiralspalast.

Bon  7000  Erschienenen  finden  4000  in  der  Hauptversammlung  Platz,
allX#  in  andern  Räumen  des  Gebäudes,  1000  müssen  umkehren.  Geheimrat
Rießier  gibt  an,  daß  aus  den  letten  Reichslagewahlen  #s#  Abgeordnete
bervorgegangen  seien.  die  auf  dem  Boden  des  Hansabundes  siehen,  während

Kandidaten  des  Bundes  der  Landwirte  durch  den  Hansabund  au
gebracht  worden  seien.  Profesior  Haus  Delbrüc  spricht  über  „Sozialvolitik
  und  Unternehmerum“:  Die  Sozialdemokratic  habe  64  als  reine
Interessenpartei  zur  Uniruchtbarlein  verurteilt.  An  Stimmen  sei  sie  zwar  ungehener
  gewachsen,  aber  ihren  revolutionären  Charalker  habe  sic  verloren.  Bon
        <pb n="247" />
        Das  Neulsche  Neich  und  seint  rinzelurn  Glieder.  (November  18.  19.)  237

ihren  110  Abgeordneten  warten  immer  109  darauf,  was  der  eine  von  ihnen
sagen  werde.  Um  bie  u  beitersche.  lei  es  heute  so  bestellt,  daß  ein  Arbeitslammergeied,
  das  15  Jahren  noch  eine  Wohltat  —  wäre,  heute

überflüssig  ist.  W#riinepner  und  Arbeirgeber  haben  sich  zu  Machigruppen

n.  r.

Seshne  Aus  Michel,  dem  Träumer,  sei  Michel,  der  Seefahrer,
geworden.  Unter  stürmischem  Beifall  rust  der  Redner  der  Versommlung
zu:  „Die  Zeit  muß  vorüber  sein,  dab  der  Deuische  nicht  ihurn.  Stelle  ist,
wenn  man  die  Welt  verteilt!“  Eine  gh  sunde  Bauernpolilik  sei  die  beste
Grundlage  unseres  Mibeshafzeleeny.  eshalb  müsse  die  Neubildung  von
Fideikommissen  als  staategesährlich  unterbleiben.  Der  Hansabund  aber
solle  wirken  für  ein  großes.  freies,  vorwärtsstrebendes  Deutschland.
Friedrich  Naumann  soricht  über:  „Wirtschaftspolitik  und  nationale  Aufgaben“.
  Er  sordert,  daß  alle  Linksfiehenden  sich  vereinigen  sollten,  soust
wasrden  edie  Herren  von  Rittergut  und  Kloster"  sich  doch  als  die  Stärkeren
erweise

1  November.  (Kiel.)  Rekrutenvereidigung  in  Gegenwart
des  Kaisers.

18.  November.  (Stuttgart.)  Bei  den  Landtagswahlen  mit
Proporz  ergibt  sich  dieselbe  Verteilung  wie  vor  sechs  Jahren:  die
Sozialdemokratie  drei,  die  Deutsche  Partei,  die  Volkspartei  und  die
konservative  Partei  je  ein  Mandat.

19.  November.  (Berlin.)  Wirkl.  Geh.  Oberregierungsrat
Th.  Hemptenmacher,  früherer  Staatskommissar  der  Börse  und  dann
Direktor  der  Kommerz=  und  Diskontobank,  1.  58  Jahre  alt.

½.  November.  Der  Voranschlag  des  Siblicsbalik  t  1913.

Er  schließt  im  Ordinarium  in  Simwahn:  unss  glusgobe  mit
330496  Mk.  ab  (gegen  das  lausende  Jahren  509  Mk.).
Dorin  sind  104814555  Mk.  zur  Abbürdung  der  Mie  der  Heeresrwaltung
  sowie  zur  Fnn  von  Betriebsmitteln  1  r  Arin
krlesen  emhalten.  Das  reine  Mehr  beträgt  191  853  954  Mk.
Ein  E.  der  Aeichbvoh,  und  WSä  E4  sind
5  842  3  Ml  k.  (plus  50.9  Mill.  Mk.),  der  Reichseisenbahnverwaltung
Fl  153,7  Mill.  i  (olus  11,9  Mill.  M.)  veranschla  agt.  Die  Mehrerträge
aus  den  beeslehenden  Zoue,  Steuern  und  Gebühren  jowie  den  Ausggrichungebeträgen
  dafür  sind  auf  28.9  Mill.  Mk.  angenommen,  und  zwar  sollen
karss  ergeben  die  Zölle  4,1  Mill.  Wit  die  Zigarettensteuer  r-  Mill.  Mk.,
die  Zuckersteuer  14,1  Mil.  Mk.,  Vranmweinstener  8,4  Mill.  Mk.,  die
Leuchtmiltelstener  16  Mill.  Mk.,  6  Zündwarensiener  13  Mill.  Mk.,  die
Brausteuer  und  Uebergongsabgabe  von  Vier  2,6  Mill.  Mk.,  die  Reichsbemabgeden
  w  Lotlerielosen  2,3  Mill.  !.  von  Frachturkunden
74000  M  ersonenfahrkarten  271000  Mk.,  Mindereinnahmen  sind
vorgesehen  beider  Tavanpenued  optcn  nh  i4  nk.),  Schaumpotinstener  G#00  M,
Beichestemveabgat  von  Wertvpapieren  Gende  M.),  von  Kauf-  uisw.
Geschästen  (1000000  Mk.),  von  Schecks  (98000  M'F.),  von  Grundstücksübertragungen
  (1410000  Mk.).  Aus  dem  Bankwesen  werden  erwarset
        <pb n="248" />
        238  Ha  Meutsc  Neich  uh  srint  rinetun  Glider.  (November  19.)

16,3  Mill.  Mk.,  das  it  gegen  1912  To  362000  Mk.  Der  Schatanweisungsgedit
  wird  wie  im  Vorjahr  auf  350  Mill.  Mk.  bemessen.  Die  ungedeckten
Matrikularbeiträge  sind  nach  dem  Satze  von  80  Pf.  für  den  Kopf  Ker  Bevölkerung
  von  1910  auf  51940794  Mk.  bemessen.
ortdauernden  Mehrausgaben  ersordert  das  Reichsamt  des
##  mern  2,3  r*  (I.  Mk.,  die  Verwaltung  des  Reichsheeres  38,4  Mill.  Aldie
  Verwallung  der  Marine  16  l1  Mill.  Mk.,  das  Neichsschatzamt  22  Mill.
die  Weichsschur  d  13,5  Mill.  Mr.,  die  Reichspoß-  und  n
8  Mill  ,  die  Neichseisenbohnverwalzung  4,5  Mill.  Mk.,  die  allgemeine
ee  mi.  Ml  aon  5,8  Mill.  Mk.  Unter  den  einmaligen  Ausgaben  werden
mehr  verlangt:  Vom  Reichsamt  des  Juem  32,9  Mill.  Mk.  (Kaiser  Wilhelm=Konal
  56  Mill.  Mk.),  von  der  Vostverwaltung'  5,7  Mill.  Mk.,  von  der  Verwoltung
  des  Neichsheeres  18,4  Mill.  Mk.,  von  der  Marine  21  „5  Mill.  Mk.,
n  der  Reichseisenbahnverwaltung  2,5  Mill.  Ml.,  von  der“  allgemeinen
Frangmiug  104,1  Mill.  Mk.
chuldentilgung.  werden  bereikgestellt:  Von  der  Vostverwaltung
3582  —  von  der  eichseisenbahmver  wollung  717064  Mk.,  von  Togo

52240  Mk.,  von  Südwestasrika  252  263  aus  allgemeinen  Feichemitteln
66  024032  (Mk,,  der  Ueberschuß  aus  e  epeell  mi  10  *
insgesamt  81  378  395  Mk.  (gegen  78  620  215  Mk.  im  rjohr).  Soweii

hiermit  ssine  .  angekauft  werden,  wachsen  Bes  Beträge
  der  für  1913  zu  be  Fisbenden  Anleihe  zu.  P  eschen.  hiervon  ist  die

i  '  .  Lea-Kind  Voktqhknasstsi
sicht  genommen.  Die  auf  den  außerordentlichen  Eial  übernommenen  Ausgaben
  betrefien:  FNerusprechzwecke  35  Mill.  Mk.  gegen  22  Mill.  Mk.),  Kleinwohnungen
  4  Mill.  Mk.  (wie  1912,,  Eisenbahnen  17,2  Min.  Mk.  igegen
9,1  Mill.  Mk.),  den  Bou  und  die  asesn  l  hesstungen.  12,7  Mill.  Mk.
(cegen  16,7  Mill.  Mk.),  sowie  den  Zuschuß  zu  den  Kosten  der  Schikfsbouten
aus  Anlaß  des  Floutengeseves  51.1  Mill.  2#.  (gegen  ½2,5  Mill.  Mk.).  —
Das  Ziel,  nur  Ausgaben  zu  werbenden  Zwecken  aus  Anleihemineln  zu  bestreiten,
  hat  sich  auch  für  das  Jahr  1913  noch  nicht  vollständig  erreichen
lassen,  man  ist  ihm  aber  doch  näher  gekommen.  Für  Festungszwecke  werden
nämlich  zum  letzten  Malc  Anleihemillel  bereilgestellt  (12,7  Mill  Die
für  werbende  Zwecke  vorgesehenen  Anleiheauegaben  einschließlich  der  in  Etat
des  Reichsamts  des  Innern  für  die  Wohnungsfürsorge  augeietzten  4  .  Mt.
(insgesam  56  2K1  à5.0  Mk.,  bleiben  hinter  dem  aus  allgemeinen  Keichsmitteln
  zur  Schuldentilgung  bereitgestelten  Betrage  von  66  124  032  Ml.  um
7V  743  532  Ml.  zur  zück  .  zibeersshen  den  Betrag  der  Effektivanleihe  von
44n71  Wr.  um  2

Reichs  1  n  beirug  Ende  des  Rechnungsjahres  1911

1811012  «  WUMI  aren  an  of#jenen  Krediten  noch  vorhanden
2  thnh,  Mk.  Für  19  ein  Anleihekredit  bewilligt  in  Höhe  von
Au  n#  R##n#,Mk.,  und  im  rid  a  asan  fũr  1912  sind  anch,  EIII
Im  Laufe  des  Jahres  1912  sind  hinzugeireten  96  141040  Mk.  Weiter
kreten  durch  den  Eiat  für  1913  hinzu  33  N1  Zug  Mk.  1#  Reichsschuld
könnic  also  im  Rechnungsjahre  1913  einen  Höchstitand  erreichen  von  rund
5270099  üus)  Mk.  Bieher  ist  die  Emwicklung  der  Reichsschuld  die  sotge#
geweien:  Die  Reichsschutd  betrug  am  mr  Sevtember  1911  nominell
AnNin  7X.  Mk.;  ü#e  belief  sich  am  30.  Seplember  1912  nominell  auf
14½  ziz#nn  Mt.  Die  Schuld  hat  sich  also  bio  zum  311.  September  1912
nominell  vermindert  um  i  114  .  Mk.  Die  gesamien  Aulcihekredile  belicjen
  sich  am  30.  September  1012  auf  1942025  545  Mk.  Oiervon  waren
am  gleichen  Tage  Kalistern  1610201  973  Mk.  Mithin  blirden  an  offenen
Rrediten  3.331  321  571  M
        <pb n="249" />
        Dee  Derisqe  Relqͥ  ard  seine  eiaielnea  Glieder.  (November  19.  -27.)  239

18.  November.  (Munchen.)  Prinzessin  Isabella  hat  die  Klage
auf  Nichtigkeitserklärung  ihrer  Ehe  mit  dem  Prinzen  Georg  beim
Münchener  Obersten  Landesgericht  anhängig  gemacht.

21.  November.  (Berlin.)  Als  Nachfolger  des  zurücktretenden
Profefsors  Dr.  Gustav  v.  Schmoller  wird  Professor  Dr.  Heinrich
Herkner  von  der  technischen  Hochschule  in  Chorlottenburg  auf  den
Lehrstuhl  der  Nationalökonomie  an  der  Universität  berufen.

22.  November.  (Berlin.)  Der  österreichische  Generalstabschef
Feldmarschallleutnant  von  Schemua  trifft  zu  einer  Konferenz  mit
dem  Generalstabschef  v.  Moltke  ein.

22.  November.  (Springe.)  Der  Isterweichche  Thronfolger
Erzherzog  Franz  Ferdinand  trifft  zur  Hofjagd  ein

22.  November.  (Berlin.)  Der  Bilbhauer  Professor  Olto
Lesfing  t,  66  Jahre  alt.

25.  November.  (Berlin.)  Protestversammlung  des  Verbandes
deutscher  Grundbesitzer  gegen  die  steuerliche  Belastung.

Es  werden  folgende  Forderungen  aufgestellt:  1.  die  Beseitigung
der  Steuer  nach  dem  gemeinen  Wert  und  die  Rückkehr  zu  dem  Grundsatze
der  Ertragsbesteuerung,  2.  die  Herabsetzung  und  der  einheitliche  gerechte
Ausbau  der  Poesihwechselahgaben,  3.  die  hebung  der  Wertzuwachssteuern
und  die  Ausschaltung  des  Grundsates  der  Konfiskation  aus  dem  Besteuerungswesen,
  4.  bei  einer  rtweigen  Velitsteuer  eine  gerechte  Entlastung
des  Grund-  und  Hausbesitzes,  5.  die  Heranziehung  von  Vertretern  des
Hzen  und  Grundbesitzes  bei  Horbereiung.  steuerlicher  Borlagen,  die  ihn

25.  November.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Greifenberg-Kammin
  wird  an  Stelle  des  verstorbenen  Abg.  v.  Normann  (K.)  der
Nittergutsbesitzer  v.  FRlemming-Basenthin  (K.)  mit  großer  Majorität
gewählt.

25.  November.  (Bayern.)  Ankündigung  des  Erscheinens
eines  Staatsanzeigers.

Stmsministerium  enr  Königlichen  Hauses  und  des  Aeußern

wird  mit  Wirksamkeit  ab  1.  Dezember  ein  Preßbüro  eingerichtet,  mir

bsfen  Leitung  der  Preßreserent  dieses  Wipistriene.  Legationsrat  v.  Sockammem,

  betraut  wird.  Hiermit  wird  die  Stelle  geschaffen,  die  künftig

die  amtlichen  Beziehungen  der  Staatsregierung  zu  der  ab  1.  Januar  1913
erscheinenden  „Bayerischen  Staatszeitung“  vermilteln  soll.

27.  November.  (Reichstag.)  Präsidentenwahl.

urden  im  ganzen  abgegeben  371  Stimmen,  davon  waren  nnbeschrieben
  117  Stimmen,  also  ungültig.  gon  den  254  gültigen  Stimmen
lauteten  190  auf  Dr.  Kaempf  (Fr.  Vp.),  60  auf  Ducch  (K.),  beoshttten.
4  Stimmen.  -  Kempft  ist  aljo  gewählt.  Er  e  e:  „Ich
Wahl  mit  Dank  an.  Ich  werde  alles  tun,  was  3  iee  e  —
        <pb n="250" />
        240  L  Ntf  Nrich  und  seine  rintrinen  Elieder.  (November  27.  28.)

um  die  Geschäfte  des  Hauses  8.  borgen.  Dazu  bedarf  und  erbitte  ich  aber
Ihrer  aller  Unterstüzung.“  all.
Die  Besprechung  der  ilal)  an  ion  Über  die  Fleisch
teuerung  bringt  keine  neuen  Momente  zutage.  Es  sprechen  dazu  5r  Scheidmann
  (Sd.),  der  Reichskanzler,  Abg.  Giesberts  (Z.)  und  Abg.  Weilnböck  (K.).

27.  November.  (Sachsen.)  In  der  Kammer  wird  mit  60
gegen  27  konservative  Stimmen  der  Antrag  angenommen,  der  den
Rellgionsunterricht  ohne  Bindung  an  den  Buchstaben  der  Belenntnissormeln
  weslangt

Leerung  hatte  diesen  Antrag  für  unannehmbar  erklärt  und
zingugele,  u  sie  das  Gesetz  daran  scheitern  lassen  würde.

28.  November.  Vundesrat),  Dechluß  über  die  Ausführung
des  Nsuitengestbes  vom  4.  Juli  18

„Dag  weisel  über  die  Bedeutung  "*r½  Vegris  der  verbotenen  Ordensigleiii
  im  Si#  der  Bekanntmachung  des  Reichskanzlers  vom  b.  Jul  i  1872
Gezbehe  m  Sm  Seite  254  emstonden  sind,  und  die  Königlich  zuerische
Regierung  eine  authentische  Auslegung  bieses  Begriffs  beantragt  hat,
der  Bundesrat  beschlossen:  Verbotene  Ordenslätigkeil  ist  jede  grebat.  t.
oder  sonstige  religise  Tätigleit  gegenüber  anderen  sowie  die  Erteilung  von
Unterricht.  Unter  die  verbotene  religiöse  Töligkeit  fallen  nicht,  sofern  nicht
landesherrliche  Vestimmungen  entgegenstehen,  6  Lesen  stiller  Meslen,  die
im  Nahmen  eines  Familienjestes  sich  haltende  Primizseier  und  das  Spenden
der  Stierbsakramente.  Nicht  Wnt  lind  wissenschaftliche  Vorträge,  die
das  religicie  Gebiet  nicht  berühren.  Die  schrifestellerische  Tätigkeit  wird
durch  das  Verbot  nicht  betroffen.
sind  alle  Vorträge  ober  Konferenzen,  die  das  religiöie
Gebiet  berühren,  einerlei  ob  sie  in  Kirchen  oder  profanen  Räumen  siattfinden,
  verboten.  Vorträge  wissenschaftlicher,  sozialer  oder  anderer  Art,
die  das  religiöse  Gebiet  nicht  berühren,  sowie,  ide  schriststellerische  Tätigkeit
sind  gestauel.  Nach  dem  Beschluß  ist  also  auch  die  Hilieseelsorge,  die  im
Auftrage  der  Piarrämter  nach  dem  knie  nch  Erlaß  gestattet  sein  sollte,
verbolen.  Somit  ist  der  Bundesrat  nicht  der  Interpretation  Baverns  gefolgt.
sondern  hat  sich  auf  den  Vermittlungsvorschlag,  der  von  Preußeg  aus  ·
hing,  geeinigt.

28.  November.  (Berlin.)  Der  Direklor  des  Lessingkheaters
klm.  Otto  Brahm  1,  56  Jahre  alt.

W.  November.  (Berlin.)  Im  Kremalorium  der  Stadt  findet
die  erste  Einäscherung  slatt.

28.  November.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)
Preußens  Finanzlage  in  der  Steuerkommission.

dierzu  waren  verschiedene  Anträge  gestellt:  ein  fortschrittlicher  ver-Langte

  Smsserung  der  Steuern  und  Forksall  der  Sieuerzuschläge  vom
1.  April  1915  an,  ein  nationalliberaler  fordertc.  daß  die  Sienerzuschläge
1911  5n  7u  v.  K.  1915  zu  35  v.  H.  und  1910  905  nicht  mehr  erhoben
werden  sollen.  Ein  sezialdemokraticcher  Antrag  verlangte  sosortige  Beseitigung
  der  Zuschläge  für  alle  Einkommen  bis  15/X7)  Mark.  Ein  nationalliberales
  K#mmiistensniülguted  bestrimt  die  Noitwendinkeit  der  Zuschläge,  da
der  Elat  erhebliche  Ueberschüsse  ouiweise  und  der  Ausgleichsfonds  bereils

ê
.
        <pb n="251" />
        H#  Hutschr  Reich  und  seine  rintelsrn  Glieder.  (Ende  November.)  241

376  Millionen  betrage.  Man  müsse  endlich  auch  bei  uns  dahin  kommen,
Steuern,  deren  Erhebung  nicht  nötig  sei,  zu  ermäßigen.  Der  Finanzminister
  erwiderte,  daß  man  nicht  eine  Einnaym  von  63  Millionen

eichen  könne,  wenn  man  nicht  wieder  in  die  Defizitwirtschaft  hineinkommen
  wolle.  Der  Ausgleichssonds  werde  für  Nachsorderungen  aus  Anlaß
des  Wagenmangels  50  Minlionen  Mark  hergeben  müssen.  Aus  den  Eisenbahnen
  sei  nicht  mehr  als  iedt  herauszuwirkschaften  und  die  Quotisierung
in  den  Gemeinden  habe  sich  sicts  nur  als  ein  Anreiz  zu  höheren  Ausgoben
erwiesen.  Ein  Kommissar  des  Eis  nünsenineräne  F600  i  daß
die  Eisenbahnüberschüsse  über  Erwarten  gestiegen  sind.  Ein  freikonservativer
  Redner  führte  aus,  dan  die  -  Auvörderst  Voniererleichterungen
  und  Verbilligungen  dienen  sollen.  Auf  die  Zuschläge  sei  um
so  weniger  zu  verzichten,  weil  den  rututst-  durch  das  Reich  Steuerquellen
  ennzogen  werden  könmen.  Man  mülsse  Beschlüsse,  die  das  Geietz
gejährden  könnten,  vermeiden,  denn  gerade  das  Dreiklassenparlament  dürfe
nicht  den  Anichein  erwecken,  ein  Gesetz  zum  Scheitern  gebracht  zu  haben,

das  die  Besivenden  schärfer  bese  u  lonservativer  Redner
sprach  sich  in  diesem  Sinn  aus.  aäi  Zentrumsredner  erklärte  sich  für

den  nationalliberalen  Antrag,  eins  Hodschrütkicer  meinte,  daß  dur#

was  schon  die  Hälste  der  Zuichläge  decken  würde.  Für  ein  Scheitern
Geiees  münten  die  veranklworklich  gemacht  werden,  die  lich  den  beontraglen
Erleichterungen  widersezt  hätten  und  die  Zuichläge  verewigen  wollten.  Ein
volnischer  Abgeordneter  verwies  darauf,  daß  die  Zuschläge  ein  Potbehelf
sein  sollten  und  vom  Mittelstand  schwer  emwiunden  werden.  Der  S  Sozialdemokrat
  bestrin,  daß  die  Cuotiücrung  in  den  Gemeinden  einen  Anreizz
zur  Steigerung  der  Ansgaben  jei.  Der  Zustand,  daß  die  Regierung  in  der
Erhebung  der  zzuschläge  an  keine  geieyliche  Frist  gebunden  sei,  müsse  als
unedlih  beseitigt  werden.  Die  Auihrbung  der  Zuschläge  für  Gintommen.
bis  1  ark  würde  den  Siaat  nur  eine  Million  kosten.  Ein  Teil
Konservativen  erklärte,  daß  sie  dem  nationalliberalen  Antrag  nicht  Fe
säblich  ablehnend  gegenüberstehen,  jedoch  dürsten  die  Zuichläge  nur  dann
—  werden,  wenn  die  Eüienbahnüberschüsse  um  mehr  als  5  Prozent
teigen.  Ein  Zentrumsabgeordneier  führte  aus,  daß  eine  Steuerreform
vor  den  preußischen  Landtogswahlen  sich  ebensowenig  empfehle,  wie  die
Reichsfinanzreform  vor  den  Reichstagswahlen  am  Platze  geweien  sei.

ei  den  günstigen  Aussichten  des  nationalliberalen  Antrans  (allmählicher
  Abbau  der  Stenerzuichläge  bis  1916)  stellte  der  Minister  nun
einen  Vermittlungsvorschlag  in  Aussicht.  Die  nommissionsmehrheit
wollte  diesen  jedoch  nicht  abwarten,  da  der  Zeilwunlt  dafür  die  zweite
Beratung  in  „um  sein  würde.

lbstimmung  wurden  die  Amträge  der  Fortschrittlichen

Vonsparr  Eons  und  des  Sozialdemokraten  (Aufhebung  der  Zuschläge
  für  alle  Jensiten  bis  1500  Mark  Einkommen  abgelehnt.  Der  oit
schrinliche  Antrag  auf  Aufhebung  der  Slienerzuschläge  vom  1.  April  1
ab  wurde  zurückgezogen,  der  nattonalliberale  Antrag  gegen  die  —i.
valiven  und  einen  Teil  der  konservativen  Stimmen  angenommen.  Ein
freilonservativer  Antrag,  die  Steuerüberschüsse  zum  Ausgleich  der  Volkeschul=
  und  anderer  Kommunallasten  zu  verwenden,  wurde  gegen  die  Rechte
abgelehnt  und  schlichlich  das  durch  den  nalionalliberalen  Antrag  abgeänderte
Gesetz  gegen  zwei  Stimmen  angenommen.

Ende  November.  (Wurttemberg.  )Das  Ergebnis  der  erslen

beiden  Abschnitte  der  Wahlen  bringt  im  Verhältnis  1  1906  eine
Europäischer  Geschichtskolender.  LIllI.
        <pb n="252" />
        242  Bes  Beulsche  Reich  un)  seinr  eintelurs  Glieder.  (November  29.—  Dczember  1.)

kleine  Stärkung  der  Rechten  auf  Kosten  der  liberalen  deutschen  Partei
und  der  Volkspartei.

Die  Bolksvartei  hat  15  ##s  220#  Vertreter,  die  deutsche  Partei  9
(11),  die  Hoaldeorn.  13  (11),  Konservative  und  Bündler  17  (11),
Zentrum  21  (21).  Bei  75  Abgeordneten  haben  also  Zeutrum,  Konserwative
"  Bündler  3aen  gerade  die  Maret  erzielt.  Es  bleiben  noch

7  Proporzionalwahlen  für  Mitte  Dezemb

29.  November.  (Neichstag.)  —*i'  Anfragen  mit  Beziehung
auf  die  witich-  Lage:

1.  Abg.  Freiherrn  v.  Richthofen  (Nl.):  „In  der  Herr  Reichskangler
  in  oe“  Lage,  darstber  Auskunft  zu  geben,  in  welcher  Weise  in  Ermangelung
  der  Anwesenheit  srineo  deutschen  Kricgeschisies  für  den  Schus

D  in  Saloniki  gesorgt  worden  ist?“

Die  Autwort  darauf  Pergeler  Geh.  Legationsrat  Lehmann.  Er
erklärte:  „Ich  bin  beauftragt  worden,  solgendes  zu  erklären:  Bei  den  Ereigniifen
  in  Saloniki  sind  bisher  Leben  und  Eigemum  von  Deutschen  nicht
zu  Schaden  gekommen.  Nach  den  Vericherungen,  die  auf  unsere  Anfrage
den  kaijerlichen  Gesondten  in  Sofia  und  Athen  erteilt  worden  sind,  haben
die  dortigen  Regierungen  Maßuelh##rn  trofsen,  durch  die  auch  für  die
Zukunft  die  Gefahren  bejeitigt  werden  sollen.  Der  kaiserliche  Konsul  in
Saloniki  hat  sich  in  flaiiviqck  Fũhlung  mit  kren  Besehlehabern  der  Ss
gehalten,  so  daß  für  die  Sicherheit  der  Deuischen  gesorgt  war.
die  Lage  wider  Eeiwoarten.  zuspitzen,  so  sind  die  auf  das  önnich  Meb
verleilten  deulschen  Kriegsschisfe  imstande,  in  kurzer  Zeit  vor
crscheinen.  Auch  dic  Schisse  der  verbündeten  Mächte  stehen,  wenn  Gekahr
im  erzge,  ist,  für  den  aed  der  deutschen  Intereisen  zur  Verfügung.“

im  Abg.  Jun  1.):  „Ist  der  Herr  Reichskanzler  in  der  Lage,
Auskuuft  14  ob  Frnn  gesorgt  ißt,  vů  die  geseblich  vorgesehene
Errichmng  von  Maschinengewehrkompa  gnien  sofort  und  mit  der

geten  Schuelligkeit  durnhann  werden  kann?

Priegsminister  v.  Hecringen:  Die  nach  dem  Gesetz  für  1912  vor.
gesehenen  111  Maichinengewehrkompagnien  sind  am  1.  Oltober  1912  errichtet
  worden.  Wic  die  weitere  Verstärkung  der  gesetzlich  genehmigten
nomvagnien  vorgenommen  werden  soll,  zeigt  der  vorliegende  Etalsen#nvurs
ir  1913.  Im  kürigen  gebe  ich,  da  darüber  öffentlich  naturgemäß  nichts
geiagt  werden  darf,  die  pflichigemäße  Versicherung,  daß  für  den  Kriegsfall
das  Eriorderliche  in  die  Wege  geleitet  worden  ist.

29.  November.  (Wilhelmshaven.)  Durch  ein  Großfeuer
im  Artillerieressortmagazin  der  Kaiserlichen  Werft  wird  ein  Schaden
von  1  Million  Mark  angerichtet.

29.  November.  (Sachsen.)  Die  Zweite  Kammer  beschließt
die  obligatorische  Einführung  des  Fortbildungsschulunterrichts  für
Mödchen,  lehnt  es  ab,  die  unentgeltliche  Schulkinderspeisung  als
eine  Aufgabe  der  Schule  im  Volksschulgesetz  anzuordnen,  entscheidet
sich  gegen  eine  Beseiligung  des  Lehrerrechts  der  körperlichen  Züchtigung
und  hebt  schließlich  den  sogenannten  Neligionseid  der  Lehrer  auf.

1.  Dezember.  (Breslau.)  Schlesischer  Parteitag  der  Nationalliberalen.
        <pb n="253" />
        Des  Dertsqe  Relq  aud  seine  einjelnen  Glither.  (  Dezember  2.)  243

Abg.  Bassermann  fordert  die  Fromtmachung  der  Mittelparteien,
eingerechnet  der  Freikonserwativen,  gegen  die  Hochagrarier,  Sezialisen  und

Zentrum,  lehnt  aber  die  Erneuerung  des  Kulkurkampfes  a  e  schwer
drohende  Friegsgesahr  vecisertige  die  von  seiner  Lones  eiesed  5
getriebene  nationale  Heeres=  und  Flottenpolitik.  Deutschland  müsse  das

ihm  treu  verbündete  GEirrubrulhn  e  klar  und  unzweideutig  unterstũtzen.

2.  Dezember.  (Reichstag.)  Beginn  der  ersten  Lesung  des
Etats.  Der  Reichskanzler  über  die  auswärtige  Lage.  Besprechung
der  auzwärtigen  Politik.

Reichskanzler  v.  Bethmann  Lollwege:  ie  einer  Besprechung  der
auswärtigen  Lage  sind  es  die  Ere  eignisse  i  Balkan,  die  zurzeit
so  ziemlich  unsett  ganze  Aufmerksamkeit  in  r  t  ehmen.  Allerdings
###s  die  Verhälinisse  auf  der  e  nsnl  1—  "  #ebanenen  die

erksamkeit  der  europäischen  Großmächte  in  besonderem  beschäftigt.
Wirderhunee  Versuche  lin,  hemacht  worden,  die  Zustände  W  zu  bessern

und  zu  ordnen,  wobei  die  Haup  Aichwierigeet.  in  der  Verschiedenheit  der
Rassen  und  der  Religionen  beruhte.  weitern  aller  dieser  Versuche
  mußte  immer  wieder  mit  einem  iu27  Ausbruch  der  Leidenschaften
  gerechnet  werden.  Das  Bestreben  der  Regierungen  der  Großmächte
war  darauf  gerichtet,  biesen  Ausbruch  nbgiichs-  lange  hintanzuhalten  und
wenigstens  solange  zu  verschieben,  daß  er  nicht  zu  einem  Kampfe  aller  gegen
alle  auf  dem  Balkon  selbst  und  vor  allem  nicht  zu  Verwicklungen  unter
den  Großmächten  ohc.  Nun  hatte  sich  aber  im  hause  diejes  Jahres  die
Stimmung  zwischen  der  Türkei  und  den  Balkanstaaten  so  zugespitzt,  daß
der  Ausbruch  des  —  nicht  mehe  zu  verhindern  war,  trogt  des  eifrigen
Bestrebens  der  Mächte,  den  Frieden  zu  erhalten.  Insbesondere  mußten
wir  auf  eine  cewalt#ome  Lösung  der  “m“é  gesaßt  sein,  neitdem  uns  im
Beginn  dieses  Sommers  bekannt  geworden  war  daß  sich  d  ie  Ballanstaaten
u  einem  Vunde  zusammengeschlossen  hatten.  Als  wir  den  Kam
Unvermeidlich  ansahen,  haben  wir  vor  allem  darauf  hingewirkt,  ihn
lokalisieren.  Dies  ist  bisher  gelungen  und  ich  kann  wohl  die  bestimmte
Hoffnung  aussprechen,  daß  dies  auch  weiter  —  wird.  (Bravo!)  Von
den  Vorgängen  am  Balkan  feden  wir  zwar  nicht  unmittelbar  bernont

 

⁊3
2

zurück.  Immerhin  sind  wir  berechugt  Feich  den  anderen  Mächten  an  der
Neuregelung  der  Dinge,  die  die  Folge  des  jezigen  Krieges  sein  wird,  mit-Uwirken,
  denn  an  der  künftigen  eeolen  der  ökonomischen  Dinge  am
allan  sind  wir  sehr  wesentlich  direll  interessiert.  Ich  erinnere  nur  an  die
Erhaltung  der  den  türkischen  Staatsgläubigern  gewährten  Sicherheiten.  Außerdem
  werden  wir  bei  der  Regelung  nanchrr  Fragen  unser  Wort  zugunsten
unserer  Veründeren  mit  in  die  Wagschale  zu  legen  haben.  (Sehr
richtig!)  Von  den  Rriegführenden  —  das  nicht  bestritten,  daß  bei  der
intolluigen  Regelung  der  künftigen  Grenzen  die  Großmächte  ihre  Interessen
zur  Geltung  bringen  können  und  aa,  Grund  dieser  Jerssen  zur  Mirwirkung

berufen  werden  müssen.  Wenn  über  das  Maß  der  Mitwirkung  zwischen
den  einzelnen  Grobmechten  nd  einzelmn  der  hegibren  Meinungsverschiedenheiten
  bestehen  oder  emstehen,  so  wird  den  Gro  ümächten  die

Durchsetzung  ihrer  Forderungen  wesentlich  breihn  wenn  sic  ihre

derungen  gemeinsam  vertreien.  Um  dies  zu  errcichen,  schwebt  ein  cvyaster
Gedankenauskausch  unter  den  Mächien,  über  den  ich  heute  nichte  Näheres
agen  kann,  da  er  noch  andauert.  Ich  kann  aber  sagen,  daß  er  bisber  in
entgegenkommendem  Geiste  geführt  wurde  und  alle  Aussichten  auf  Erfolg
bietet.  Natürlich  werden  die  Ansprüche  der  Mächte  im  einzelnen  erst  dann
        <pb n="254" />
        244  NHs  Mfsche  Neich  und  srine  rinhellurn  Slieder.  (Dezember  2.)

festgestellt  und  bekanntgegeben  werden  können,  7  die  Stipulationen  vorliegen,
  die  die  Kriegführenden  unter  sich  heir  offen  haben  werden.  Dann
wird  zu  übersehen  sein,  wie  weit  sie  in  die  Interessensphäre  vader  Mächte
eingreifen.  Sollten  Wich  cbabei  —  was  wir  nich  hoffen  —  unlösbare
Gegensätze  ergeben,  so  wird  es  Sache  der  im  einzelnen  Fall  direkt  inieressierten
  Mächte  sein,  ine  Ansprüche  zur  Gelunt  zu  bringen.  Das  gilt  auch
für  unsere  Bundesgenossen.  Wenn  sie  aber  bei  der  Geltendmachung  ihrer
Interessen  wider  alles  Erwarten  von  dritler  Seite  angegriffen  und  damit
in  ihrer  Existenz  bedroht  werden  lollten,  dann  würden  wir,  unserer  Bundes-Hi

  1.—  l  c  kren  an  ihre  täie  zu  treten  haben.  (Bravo!  r
würden  wir  zur  Wahr#  uu  uuner  eigenen

llunq  zrnn  ee  eigenen  Zukunft  un

heit  sechten.  Ich  bin  fest  bberheuge  daß  wir  bei  einer  souen  Pontti.  t
Hanze  Volk  hinter  uns  uen  rden.  (Ernentes  Bravol)  Meine  Herren,
ich  will  noch  einmal  auf  die  ien  Iueeressen  bier  eingehen,  die  wir  bei
der  Lösun  de  Streites  (  chen  der  Türkei  und  den  Balkanstaaten  zu
verfechien  haben.  Unsere  Politik  war  seit  langen  Jahren  darauf  gerichtet,
Hei  guten  rWW  0  volitischen  Beziehungen  zu  den  Balkanstaaten
die  Türkei  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  zu  erhalten  und  zu  stärken.  Wir
glauben  dadurch  der  Türkei  manchen  Dienst  verwaiesen.  zu  haben,  ohne  daß
wir  dabei  unsere  gulen  Beziehungen  zu  anderen  Mächten  gestört  hätten.
Dieser  Politik,  die  allerdings  bei  Ausbruch  des  nnb-e’r?im  Krieges
gerade  bei  uns  bestig.  sangegrifen  wurde,  möchte  ich  es  als  einen  Erfolg

bindizieren,  daß  wir  uns  während  eines  Krieges  zwischen  einem  Freunde
und  einem  D##benlenoen  die  Sympathien  beider  zu  erhalten  gewußt  haben.
Diese  Politik  werden  wir  auch  weiter  fortseten.  Wir  hoffen,  daß  unsere

bisherigen  froan  chaf#lichen  und  regen  Beziehungen  zu  den  Balkanstaaten
eren  zweifelloses  Erstarken,  namentlich  in  wirtschaftlicher  Hinsicht,
einen  neuen  Ausschwung  nehmen  werden.  Dabei  wird  unser  Streben  auch
serner  dahin  gehen,  di  Tũrlei  nach  dem  Friedensschluß  als  wichtigen
ölonomischen  und  politischen  Faktor  zu  erhalten.  In  diesem  Wunsche  und
Behtreben  bete  gnen  wir  uns  ic  nur  mit  unseren  Bundesgenossen,  sondern
mit  anderen  Mächten,  die  sich  mit  uns  die  Erhaltung  einer  wirt-#chhuuch
  gesunden  Türkei  angeiesen  sein  dlassen.  Dieses  Bestreben  widerspricht
  schon  an  sich  dem  von  der  Presse  den  Großmächten  oder  einzelnen
derselben  vielsach  unterstellten  Absichten  Pn  Landerwerb  auf  Kosten  der
Türkei  aus  Anlaß  des  gegenwärtigen  nrieges.  Ich  kann  diese  Unterstellung
nach  den  bisherigen  Besprechungen  unter  den  Mächten  als  unrichlig  bezeichnen.
  Der  rege  GedankenanstanschitnterdenMachtendaiiertannnd
wenn  ich  auch  noch  nicht  sagen  kann,  in  welchen  Formen  er  fortgesetzt
werden  wird,  so  wier  er  jedenfalls  sortgesett  nach  den  günstigen  Ergebnissen,
  die  er  schon  jen  gehabt  hat  und  die  eine  allseilig  tichgende
Lösung  unter  den  Großmächten  gewarten  lassen.  (Vereinzelter“  Beifall
Abg.  Ledebour  S  #  dem  erstounten  Scillichweigen  5  der
Rede  des  Her  rrn  dhin  anzlers,  .  bon  nur  von  einem  schwachen  Beifall  aus
den  Reihen  der  Noligbrallioekalen  unterbrochen  wurde,  ist  zu  schließen,  daß
e  Parteien  eine  elwas  au  oniebigere  Auskunft  in  dieser  außerordenllich
ale  #or  Lage  für  Europa  und  unser  Vaterland  erwartet  hätten.  Ueber
die  Absichten  der  Reichsregierung,  N  die  Pläne  der  Bundesgenossen,  die
zu  verteidigen  sind,  haben  wir  micht  ehört.  Die  allgemeine  „Versichern  ung
von  Bundestreue  ist  sehr  scchön.  und  *z3  *  moralisch  sehr  schön  an.  Aber
welche  Obiekle  sind  es,  für  die  die  Betärigung  der  Bundeskreue  in  Aussicht
gestellt  wird?  Aus  den  Ausführungen  des  Reichskanzlers  war  keinerlei
positive  Tatsache  zu  ziehen,  aus  der  man  schließen  kann,  für  welche  Kampf-
        <pb n="255" />
        Des  Dentsqe  Rriqͥ  iab  srint  einselata  Slitder.  (  Dezember  2.)  245

objelte  der  Bundesgenosse  Deutschland  bereit  lein,  mi  mit  den  Waffen  in
der  Hand  die  Ansprüche  der  Bundesgenossen  zu  vertreten.  Mit  keiner  ESit.
ist  der  Reichskanzler  darauf  eingegangen.  Die  #  berfahrungen.  —
uns  gezeigt,  9  leit  Jahrzehnten  die  Reichsregierung  und  ihre  #
in  allen  großen  und  wichtigen  Fragen,  die  die  Welt  bewegt  haben,  in  vosten
sogenannten  —5  Fragen  einen  kessoch  Mangel  an  rechtrEE
  ns  der  Weltiage  gezeigt  haben.  (Sehr  richtig"  bei  den  Sd.)
Mißgriffen  der  Reichsregierung  gehörte  La  die  Besetzung  von
Liantthoon,  die  sich  daraus  erklärt,  daß  sie  absolut  nicht  die  Entwicklung
der  ostasiatischen  Mächte  4  beurteilen  vermochte  Am  8.  November  1898
hielt  Kaiser  Wilhelm  II.  in  Damaskus  eine  Rede,  worin  er  sagte,  die
300  Millionen  auf  der  Ere  zerstreuten  Mohammedaner  könnten  mit  ihrem
Kalisen  versichert  sein,  daß  zu  allen  Zeiten  der  Deutsche  Kaiser  ihr  Freund
sein  werde.  Das  war  eine  Verlicherung  dauernder  und  werktätiger  Freund.
Gaft  denn  wenn  der  berufene  Vertreler  einer  europkischen  Großmacht  eine

auf  eine  Unterstützung  Deutschlands  rechnen  könnten.  Dabei  war  die  tatsöchliche
  Durchsührun  dieser  Freundschaftsversicherung  absolut  unmöglich.
Ee  war  eine  leichtfertige  Festlegung  Deutschlands  auf  eine  werstätige  Bundesgenossenschaft,
  die  nicht  durchgesührt  werden  konnte.  Diese  Freundschaftsversicherung
  hat  nicht  davor  behütet,  daß  nachher  Maroklo  französisch
geworden  ist,  Tripolis  italienisch  und  daß  die  Türken  jebt  aus  Europa
so  ziemlich  restlos  hinausgeworfen  werden.  In  Berkennung  der  wirtschaftlichen
  Entwicklung  Europas  hat  die  Reichsregierung  auch  die  Türkei
des  reaktionären  Sultans  Abdul  Hamid  gestärkt  und  gekrästigt.  Dieser
Sultan  glaubte  sich  auf  den  deurschen  Schuß  verlassen  zu  können  und  hat
deshalb  alle  Versuche  vereitelt,  Reformen  durchzusühren.  Deehalb  träg!
auch  die  Reichsregierung  einen  großen  Teil  der  Mitschuld  an  den  schenß.
lichen  Zuständen  in  der  Türkei.  Das  ist  doch  ein  unglanhbicher  Justond,
denn  wir  würden  einfach  die  Entscheidung  Ober  unfer  Wohl  und  Wehe  in
die  Hände  Oecsterreichs  und  Noliens  müßten  eventuell  sin
Inleressen  eintreten,  die  für  unt  keine  Lebensinteressen  sind.  Der  Ronzler
hot  gar  nicht  in  Aussicht  gelell,  daß  das  Deutsche  Reich  auch  nur  eine
Nachpr##ung  dieser  Ferderung  vornehmen  würde.  Damit  ist  Oesterreich
eine  Blankovollmacht  gegeben  für  die  For#füchrung  decheen  Poßit.  die
es  in  seinem  Interesse  für  noiwendig  hält.  Es  gewinnt  ja  den  Anlchein,
als  h0  die  österreichische  Regierung  von  ihren  Aienglichen  imperialistischen
mehr  und  mehr  zurückgekommen  ist.  Erst  e  es  den  Sandjchal
Noöviboor  und  den  Zugang  nach  Saloniki  gewimnen"  7  serbischen  Bestrebungen
  auf  wirtschaftliche  Unabhängigkeit  von  Oesterreich  hat  letzteres
erbillerten  Widerstand  entgegengesetzt;  und  gerade  diese  verkehrte,  grenzenlos
verdlendere  österreichische  Politik  hat  Serbien  darauf  hingetrieben,  einen
am  Adriatischen  Meere  zu  verlangen,  um  sich  aus  der  wirtschaftven
  #hänigteis  von  Ocsterreich  zu  befreien.  Die  internationale  Sozialdemokrotie
  hat  das  Recht  eines  jeden  Volles  auf  volle  Seldstregierung  und
Selbstverwalkung  stets  anerkannt  und  so  erkennt  sie  auch  die  Unshesniht
Albaniens  an.  Läst  sich  diese  mit  dem  Zugang  Serbiens  zum  Meere  ve
einigen,  werden  San  Giovanni  di  Medua  oder  Durazto  oder  Valona  r
Freihäfen  erklärt,  so  in  das  eine  annehmdare  Lüfung.  In  der  asiatischen
Türkei  befinden  ch  7  Millionen  Kheret  aber  mindestens  ebensovicl  Araber,
Syrer  und  Armenier,  und  seit  Jahren  haben  diese  fremden  Völker  gegen
die  Despotenwirkschaft  des  oele  Mur  türkischen  Regiments  revoltiert.  Dieie

 

2
—
—
        <pb n="256" />
        246  Has  Beisc  Keich  und  seine  eintelum  Elieder.  (Dezember  2.)

Revolten  werden  sich  wieder  erneuern,  wenn  die  türkische  Regierung  den
kranen  Bölkern  nicht  das  Richt  der  Selbstverwaltung  gibt.  Aufgabe  des

Deutschen  Neiches  ware  in  diesem  Sinne  auf  die  Tarkei  einzuwirlen.
In  diesem  Bellreben  ürde  es  auch  von  Oesterreich  und  Jialien,  Franlreich
  und  England,  dee  dasselbe  Interesse  haben,  unterstützt  werden.  Die

rauben.  Wir  können  nicht  entschieden  genug  den  Deutschen  Reichstag  und
offentklich  auch  die  deutsche  Reichsregierung  gegen  solche  ungeheuerlichen

läne  verwahren,  die  einen  europäischen  Krieg  heraufbeschwören  könnten.
Aber  in  der  asiatischen  Türkei  liegt  noch  eine  sehr  gefäöhrliche  Sielle,  Armenien.
  Wenn  die  Türken  es  nicht  verstehen,  die  berechtigten  Forderungen
der  Armenier  auf  Selbstregicrung  zu  ersüllen,  dann  seden  sic  sich  der  Gefahr
aus,  daß  von  Rußland  aus  dorl  Ausstände  herbeigeführt  werden  und  daß
Rußland  dies  als  Vorwand  benutzt,  um  über  die  Türken  herzufollen.  Das
sind  nicht  bloß  Vermutungen.  Es  wird  berichtet,  daß  jetzt  im  Wilajet  Wan
Klische  Emissäre  einen  Ausstand  unter  den  Kurden  onzufachen  suchen.

Voller  nur  auszubeuten,  das  zeigt  dos  Schicksal  der  Lolen.  güten.  Finnen
usw.  So  wird  es  auch  den  Armeniern  ergehen.  Diese  Absicht  Rußlands
lann  nur  durchkrenzt  werden,  wenn  die  Türkei  unter  Unterstützu  miss  der
übrigen  europäischen  Mächte  den  in  Asien  lebenden  Völkerschaften  ein  ausgiebiges
  Maß  von  Sewsswerwaltung  verleiht.  Die  phantastische  Vorsiellung,
daß  Rußland  allein  in  der  Lage  wäre,  eine  Eroberungspolitik  in  Europa
durchuführen,  die  hat  ja  der  ruflisch-zaanische  Krieg  und  die  russische
Revolution  zerstreut.  Kußland  zicht  nur  der  Vorteil,  daß  die  drei
großen  leitenden  Kulturnalionen  Europas  den  Zwist  untereinander  neu
*  gn  erster  Linie  kommt  da  der  englisch-deuische  Konslikt  und
Hrgeun  atz  in  Frage.  Aber  derser  wird  ja  immer  von  neuem  von  den
Chauvinisten  und  den  Panzerplatlenpatriolen  in  beiden  Ländern  angefacht.
Auf  diese  einzuwirken,  wäre  ebenso  zwecklos,  als  gen  man  den  Haißischen
eine  Predigt  darüber  hallen  wollte,  wie  unrecht  es  ist,  Menschensleisch  zu
essen.  Die  Ponserplateninteressenten  sind  die  eigentlichen  Vaterlandsfeinde.
Staotesckretär.  des  Aeusteren  v.  Kiderlen-  W—  Gegen  zwei
Stellen  in  der  Rede  des  Abg.  Ledebour  muß  ich  Verwahrung  einlcgen.
Der  Herr  Abgcorducie  hat  Angriffe  gegen  den  uns  befmenoneen  Herrscher
eines  großen  Nachbarreiches  gerichiet,  mit  dem  wir  in  Friede  und  Freund-T
  eben  und  zu  leben  wünichen.  (Sehr  ri  chtig  R  gieh  nni  3
rr  Abgeordnele  durch  nichts  mo  oliviert.  Sie  n  sich  auch
vtibenen.  (Widerspruch  bei  den  Sd.  —  Zu  ki  sa  66  Diese  An#  n
T#  cigemümlich  ab  gegen  die  Friedensidren,  die  der  Herr  Abgeordnete
sich  als  Privileg  in  Anspruch  nehmen  will.  Ich  weise  diese  Angrifse
rr  zurück  und  bin  überzeugt  von  der  Zustimmung  der  überwiegenden
Mehrheit  dieses  Hauses.  (Lebhafter  Beijall.)  Der  Herr  Abgeordnete  hat
sodann  die  kaiserliche  Nepierung.  ermahnet,  ihre  Beziehungen  zu  anderen
Staoalen  zu  besfern  und  hat  dabei  den  Verwurk  gemacht,  einen  Zwist  mit
Englond  zu  nähren.  Diese  Acußerungen  sind  mir  ein  willkommener  Anlaß
aus##usprechen,  daß  während  der  ganzen  leuten  Krise  unsere  Beziehungen
speziell  zu  England  besondere  verkraucusvoll  waren.  (Lebhasics  Hört,  hört!
und  Bravo!l)  Die  offenec,  von  vollem  Verkrauen  getragene  Aussprache
zwischen  London  und  uns  während  aller  Phasen  dieser  Krise  hat  nicht  nur
eine  erfreuliche  Jutimität  unserer  Beziehungen  hervorgerufen,  sondern  sie
hat  auch  einer  Verständigung  aller  Mächte  gute  Dienste  geleistet.  Ich
        <pb n="257" />
        Dae  Mesche  Neich  und  seinr  einfeinen  Glirder.  (Dezember  2.)  247

möchte  die  bestimmte  Erwartung  aussprechen,  daß  sie  das  auch  weiler  tun
wird.  Feelh  —  JZuruf  bei  den  Sd.:  Und  die  Setrüstungen
(3.):  Wir  n-  uns  wohi#  alle  mit  dem  Bundesrat
darin  s.  1½  r  i  alle  unsere  Bemühungen  auf  den  Frieden  richten
.  Aber  da  XX  ich  doch  gegenüber  dem  Abg.  Ledebour  hier
betonen,  daß  wir  im  Falle  eines  Defensiokrieges  alles  daran  sepen  werden,
die  Ehre  der  Nation  zu  wahren.  (Lebhafter  Beifall.)  Die  Zeitungen  berichten
  uns  Über  ein  Abkommen,  das  nunm  ehr  zwischen  Frankreich  und
Spanien  Über  Marokko  obgeschlossen  worden  ist.  Dieses  Abkommen  ist
wohl  inzwischen  den  Regierungen  bekannt  gegeben  worden  (Staatssekretär
v.  Kiderlen  nickt  mit  dem  Nopfe),  und  wir  erwarten  Auskunft  darüber.
Wir  haben  an  der  Gestaltung  der  dortigen  Verhättale  ein  reges  wirtschaftliches
  Interesse.  Es  handelt  sich  um  einen  Verkehr,  der  sich  auf  Milteleuropo
  und  auf  die  anrenzenden  Teile  von  Aeinesten  bezieht.  Wir  können
mit  Weugiuan  festfrellen,  daß  der  dcutsche  Handel  dort  nicht  gering  ist.
auch  ein  In  “  daran,  dafür  zu  vlorgen,  daß  der  Weg  nach
diesen  Vebichen  uns  freibleibt.  Oesterreich.  Ungarn  hat  nicht  nur  ein  wirtchaftliches,
  sondern  auch  ein  politisches  Interesse.  Es  sind  keine  imperia-Miischen,
  Neigungen,  wenn  es  Serbien  gegenüber  seinen  Standpunkt  wahrt,
und  es  liegen  auch  auf  unjerer  Seite  —*  imperialistischen  Interessen  vor,
weny  wir  Oesterreich  dabei  unterstützen.  Wir  können  Oesterreich  ch  keine  Vorwürse
  machen.  Der  österreichische  ansnbrtige  Minister  hat  ausdrücklich  zur
rechten  Zeit  auf  die  Bedrohlichkeit  der  Lage  hingewiesen.  Erfreulich  ist,
daß  sich  eine  erhebliche  geherng  zwischen  Italien  und  Oesterreich  vollzogen
hat  wegen  der  gemeinsamen  Interessen  in  Albanien.  Sie  wollen  ein  un-Dbb
  nien  #bonie.  Sir  werden  Oesterreich  die  Bundestreue  halten.
Die  Frage,  ob  die  Serben  einen  Hofen  an  der  Adria  bekommen  dürfen,
müssen  die  beteiligten  Länder  enlscheiden.  Die  Frage  ist  eigentlich  aber
schon  geld  öst,  als  Bismarck  den  Dreibund  abschloß.  Wenn  Rußland  Serbien
beispringt  gegen  Oesterreich,  dann  werden  wir  und  Italien  dazu  gczwungen,
gegen  Rußland  aufzutreten.  Der  Niedner  fragt  dann  an,  weiche  Siellung
Oesterreich  zu  der  Polenfrage  einnehme.  Es  kann  keine  besiere  Nachricht
geben,  als  daß  England  und  Deutschland  zusommnenarbeiten.  um  den  Frieden
auf  dem  Balkan  zu  fördern.  In  diesem  Sinne  hat  sich  der  Staatssekretär
und  auch  unser  Bolschafter  in  London  ausgesprochen.  Das  erjüllt  uns  mit
Hoffnung  und  Freude.  Sobald  die  Emscheidung  auf  Fricdensschlun  gejallen
ist,  werden  die  4urovöischen  Regierungen,  um  die  Verhältnüse  auf  finanziellem
und  wimschaftlichem  Gebiet  zu  regeln,  einen  Kongreb  abhallen,  das  ist
vorauszusehen.  Wenn  aber  die  mp  einen  dauernden  Frieden  auf
dem  Balkan  erzielen  diil.  so  muß  sie  nicht  nur  die  wirtschaftlichen  und
materiellen,  auch  nicht  nur  die  kulturellen  PSichn  Emsm  sondern
guch  haberse  auf  47  kirchlichen  Zustände.  Es  gibt  auf  dem  Balkan
ine  große  Zahl  von  Rassen  und  Konfessionen,  und  drraus-  "  vei  einer
Ssh  der  Verhälinisse  Rücksicht  zu  nehmen  sein.  Wir  haben  in
dem  türkischen,  griechischen,  bulgarischen,  rumänischen,  olbanischen  Volk  und
bei  allen,  mit  Ausnahme  der  mohammedanischen  Türken,  verichiedene  Konseisionen.
  Darin  liegt  eine  gewisse  Gejahr.  Es  ist  mit  Recht  daorauf  hin.
hewiesen  worden,  daß  bei  ciner  Neukonstitnierung  des  Balkan  auch  die
keligiöse  Rrse  grwahrt  wird  fũ  ũr  alle  Ronfeisionen.  Trob  innerer  Zerrissenheit
  wird  die  Regierung  in  diesem  Bestreben  das  Volk  hinier  sich
finden.  tu  ond  Beijall  im  3.)
4.  Graf  Kauiß  (K.):  Es  ist  mir  niemals  Ichwerer  geworden,  dem
Abg.  Ledebour  zusuhören,  als  heute.  Wo  sinden  Sie  kapilalistiiches  Ausbeutertum
  in  dem  #riege  zwischen  Jialien  und  Tripolis?  (Lachen  bei  den  Sd.
        <pb n="258" />
        248  Ha  Nische  Reich  und  seine  rinzeluern  Glicdrr.  (Dezember  2.)

Sehr  richtig!  r.)  Oder  auf  dem  Balkan?  ———  bei  den  Sd.)  Ich  bine,
doch  solche  Behauptungen  zu  beweisen.  Abg.  Ledebour  hat  die  Macht
der  Internationale  erheblich  überschöätzt.  D  soll  sie  es  fertig  bringen,  den
Arieg  zu  beendigen?  Eines  ist  richtig,  wenn  hinter  dem  Frieden  die  einheitliche
  Geschlossenheit  der  Mächte  und  hinter  den  Negierungen  das  Bolk
steht,  so  konn  der  ene  als  gesichert  gelten.  Herr  Ledebour  ist,  glaube
ich,  mit  der  Red'  es  Reichskanzlers  nicht  obermäßt  Liis#en  gewesen.
Sehr  viel  Neues  #odt  in  der  Rede  allerdings  nicht.  Aber  wir  wollen  nicht
verkennen,  wie  schwierig  es  ist,  während  über  den  i  verhandelt  wird,
Über  diese  Unterhandlungen  zu  sprechen.  Sie  werden  durch  lange  Reden,
die  darüber  gehatten  werden,  nicht  gefördert.  (Sehr  —“  und  Ferten
Ick  habe  aber  nicht  erwartet,  daß  der  Reichskanzler  heute  mehr  sagen  würde.
Hätte  er  einiges  mehr  r  gesagt,  desto  besser,  aber  wir  müssen  uns  mit  dem
Gesagten  beguügen.  Es  ist  erfreulich,  doß  es  mit  den  Friedensaussichten
gansus  bestellt  ist.  Leider  hat  die  Furcht  vor  einem  europäischen  Riesenauch
  auf  unser  Wirlschaftsleben  einen  us  ausgeübt.  In  vieler
Snn  erinnert  ja  die  Silnation  an  die  v  n  1809,  auch  da  mals  verlangten
  die  Serben,  auf  russische  Hilfe  ernraurnd,  einen  Weg  nach  dem
Avdriatischen  Meer-  Ich  kann  nur  wünschen,  daß  die  iebigen  Dinge  ebenso
friedlich  verlaufen  wie  damals.  Jedt  liegt  die  Frage  allerdings  insofern
viel  schwieriger,  als  die  Türkei  bereige  einen  betröchtichen  Teil  ihres  europäischen
  Territorialbesives  verloren  hat.  Daraus  ergibt  sich  die  schwierige
Hr.  „Welches  Interesic  haben  de  Großmächte  W  besonders  Deulschland
daran,  baß  eine  Kherecbige  Türkei  erhalten  wird?“  Das  deulsche  Interesse
an  dieser  Frage  ist  bebemiam.  Wir  hoben  rege  Hondelsbegiehungen  mit
der  Türkei.  Ich  bin  kein  ei  von  Jahlen.  (Zuruf  1.:  Wie  alle  Agrarier!  —
Groste  Heiterkeit.;  Aber  viele  deuische  Millionen  sind  in  industriellen  und
kommerziellen  Unterne#  hmungen  in  der  Türkei  angelct
halb  alle  Lerankafsung.  eine  ruhige  Norlentwicklung  dieser  Handelsbeziehungen
zu  wünichen.  Bei  der  Regulicrung  der  türkiichen  Staatsschuld  und  ihrer
Verteilung  auf  die  knn  Gebiete  dürfen  die  demschen  Glänbiger
nicht  zu  kurz  kommen.  Nun  bei#ebt  die  Gejahr,  doß  nach  dem  Friedensschlusse
  die  hohen  Verbündeten  aei  dem  Vallan  sich  in  die  Haare  geraten.
Deiterkeit.)  Wir  haben  keine  Veranlassung,  eine  Anfteilung  Albaniens  zu
umerftüden.  Oesterreich  und  Jtalien  denken  auch  nicht  daran,  einer  Annexion
eines  Teils  von  Albanien  dircht  Serbien  zuzusehen.  Cesterreich  und  Jualien
ünd  da  völlig  einig.  (Zuruf  1.:  Woher  wissen  Sie  das  ?)  Herr  Ledebour
hat  behauptel,  daß  wir  uns  willenlos  vor  den  Wagen  Ocfterreichs  spannen
lassen.  Es  ist  ganz  jelbswerständtich,  daß  der  Reichskanzler  diesen  Punkt
nicht  berührt  hat.  Ich  kann  Herru  Ledebour  versichern,  daß  von  ciner
selchen  willenlosen  Geiolgichait.  von  einer  solcheu  Trabamenschaft  nicht  die
Nede  sein  lann.  Bei  einem  Nonflilt  konn  es  sich  auch  nicht  um  den  adriatischen
Hajen  handeln.  sondern  allein  um  unsere  Bundeegenosienichaft  mit  Oesterrtich.
us  Vortklaubereien  an  dem  Bundesvemrage  laisen  wir  uns  da  nicht  ein.
Vir  sind  unichuldig  daran,  daß  Rußtland  auscheinend  auf  die  Freundichaft
deutichionds  jeult  keinen  besonderen  Meri  mehr  legt.  Wir  haben  es  *
Freundichaitsbezengungen  gegenüber  Rußland  nicht  sehlen  lassen.  Ich  kan
nur  wünichen,  da  das  freundichaitliche  erhlis  zu  Rusiland  t
ichtig"  r.,  Das  #n  äre  die  sicherste  Garantie  für
den  Welkfrieden.  Hir  erwarlen  von  uunlernr  Fsetekuna  daß  sie  aber  auf
jeden  Fall  nusere  Wehrkrast  ans  der  vollen  Höhe  erhölt.  Ich  kann  daher
solgende  Erterung  abghen;  Wir  sind  überzeugt,  daß  unier  Heer  vollkommen
krie:  avberei  is.  In  dieser  Ueberzengung  hat  uns  die  Antwort  des  Kriens.
minister#s.  aul.  die  kürzlich  hier  gesiclie  Frage  beitärkt.  Sollten  sich  spärer  noch

 

2
2
2.
-
*
Z.
2
V
        <pb n="259" />
        Des  Pexisqte  Nrich  unb  seinte  timelata  Glitdet.  (  Dezembet  2.)  249

irgendwelche  Mängel  herausstellen,  so  wäre  es  keibiiderhtfrüdic  Pflicht  der
Leiegsvrrwalgung.  daraus  die  Konsequenzen  zu  giehen.  Wenn  es  aber  wider
en  notig  ericheinen  jollte,  die  bereits  bewilligte  E  t  ebo  früher
durchauführen,  so  wäre  der  Reichstag  ohne  Frage  bereit,  nachträglich  seine  Zustimmung
  dazu  zu  erteilen.  (Beijall.)  Dos  deutiche  Volk  ist  zu  jedem  Opfer  bereit.
  Wir  wünschen  den  Frieden,  es  darf  aber  nur  ein  Fricden  in  Ehren  sein,  der
unsere  Wachle  Uung  und  die  unserer  Verbündeten  aufrechterhält.  (Beifall  2
afjermann  (Ni.):  Die  Erklärungen  des  Reichskanzlers,  da
Loffmume  besteht  den  Frieden  zu  erhauen,  sint  auch  in  Deutichland  mit
Befriedigung  ansgenommen  worden.  Herr  Ledebour  hat  gemeint,  die  Erhaltung
  des  Friedens  sei  wohl  surnasaheen  auf  die  Schwerkraft  des

4

internationalen  Proletariots.  Ich  1e  mich  dem  nicht  anichießeQ  Veli
der  Erhaltung  dee  Friedens  wird  ern  darauf  ankommen,  daß  wir  ein
tarkes  Heer  haben.  Was  die  ziFernolkonal  sozialistische  Nrsedensiebe  an

elaugt,  jo  boben  doch  die  Sozialisten  Ilaliens  den  Tripoliskrieg  der  ilaienijchen
  Regierung  Erwig.  mitgemacht.  Hier  sehlt  also  die  r—
Uebereinstimmung.  (Sehr  wahr!)  Der  Herr  Reichskanzler  (  sich  für  die
Aufrechterhaltung  einer  starlen  Türkei  ausgesprochen.  Das  war  apc  die
Politik  seines  Vorgängers.  Das  ausführende  Organ  war  r  leider  soa
rüh  verstorbene  Dalschasurr  v.  Marschall,  ve  14,  in  großes  Verdienst  um
96n„  awiriichastlichen  Interessen  Demschlonds  in  der  Türkei  erworben  hat.
in  wir  heute  angesichts  der  srkhenn  r  fragen:  Ist  nunmehr
die  Un#icumeeit  der  deutschen  Politik  erwiesen  oder  nicht,  so  ist  die  Frage
zu  verneinen.  Auch  wenn  der  status  quo  nicht  ernenert  zede  kann,  auch
wenn  die  Türkei  Länder  verliert,  was  jedermann  weiß,  so  liegt  doch  unser
Inleresse  daran,  die  Türkei,  die  übrig  bleibt,  als  vreb  Lonen  Körper  zu
erhalten.  (ehr  richtig!)  Das  sind  in  erster  Reihe  wirkschaftliche  Interessen,
die  uns  diese  Wege  gehen  lassen.  Wir  neiden  den  Balkanstaoten  ihre  Eroberungen
  nicht,  im  Gegenteil,  wir  wünschen  ihnen,  daß  sie  ihre  Wirtschaft
auch  in  den  neuen  Gebieten  segensreich  entwickeln  können.  Ansprüche  einer
fremden  Macht  auf  das  Protestorot  sind  nach  der  Erklärung  des  Reichskanzlers
  ausgeschlossen  und  werden  von  uns  nicht  anrrkannt  werden.  Das
akzeptiere  ich  dankend.  (Sehr  richtig  !  Nür  die  wirtichaftlichen  Interessen  der
asiatischen  Türkei  haben  wir  große  Summen  angelegt.  Eine  Re  K46,  von  Konzeisionen
  ist  in  unfjerer  Hand.  Damit  ist  erwiesen,  was  wir  in  der  neuen
Türkei  zu  wahren  haben.  Eine  Aufteilung  und  Voonvorobohelnst  scheinen
unstatthaft  und  wir  hoffen,  daß  nach  dieser  Richtung  hin  die  Erklärung  des
Reichskanzlers  klärend  und  beruhigend  wirken  werde.  Deutichland  steht  fest
.  err  Spahn  hat  hier  die  Polenjrage  erwähnt,  nun  die
Polenfrage  des  Demschen  Reichs  ist  keine  internationale  Frage,  sie  ist  zunächst
  eine  prcuszische,  dann  eine  deutsche  Frage,  die  das  Ausland  nicht  beührt.
  —  Die  demische  Politik  hat  bereits  1.XP/  keinen  Zweifel  darüber  gelassen,
  daß  sie  fest  zu  Oesterreich  steht.  Diese  Politik  der  Bundestreue  und
der  nriegsentichlossenheit  ist  heme  noch  vorhanden.  Wir  begrüßen  deshalb
die  Erklärung  des  Reichslanlers.  Oesterrcich  hat  seine  vitalen  Interesien
selbst  zu  vertreten.  Wird  es  aber  angegriffen  von  drikler  Seite,  so  steht
Deutschland  hinter  ihm.  Ich  glaube.  dast  das  deutsche  Volk  mit  einer  solchen
Politik  der  verbündeten  Negierungen.  einig  ist.  Wir  erkennen  diese  klare
u  unzweideutige  Erklärung  gerne  an,  weil  wir  eine  Politik  der  Latbbeit
d  der  Schwantung  qur  verderblich  und  töricht  hauen.  (Sehr  richtig!
rd  VBeifall.)  Man  darf  sich  bei  dieser  vorübergehenden  Thase.  der  Polißt
an  der  Vesserung  unsens,  Beziehungen  zu  Frankreich  und  England  nicht
Au  sehr  begeistern,  wenn  wir  auch  alle  dieie  Beiserung  wũnichen.  Allein
die  Besierung  ist  nur  im  Eingelsaue  vorhanden,  wo  wir  gleiche  Interessen
        <pb n="260" />
        250  dDes  Deaisqhe  Reich  und  seine  eintelurn  Glirder.  (Dezember  2.)

haben.  Später  können  aber  wieder  andere  Dinge  kommen.  Aber  eine  abwartende
  Politik  wird  sich  bei  allen  guten  Bezlehungen  doch  W*
Kesaster  Beifall.)  Was  vitale  Intreszen  esterreichs  sind,  das  haben
die  Oesterreicher  zu  beurteilen.  Das  ist  vom  Grasen  Berchtold  auch  llar.
gelegt  worden.  Diese  Lolust“  Oesterreichs  #nn  aber  nicht  Extravagan
nannt  werden.  Im  Gegenteil,  sie  erscheint  im  Hobenkm  und  ganzen  au-Erreichung
  des  Weltfriedens  gerichtet  zu  sein.  Oesterreich  mit  Tine
aulonom  Albanien  zufrieden  ist  und  nur  das  Fernhalten  Serbiens  von
einem  befestigten  Adriahafen  verlangt,  so  müssen  wir  anerkennen,  daoß  es
weit  von  der  verderblichen  Tätigkeit  enlfern  ist,  die  ihm  Herr  Ledebour
zuschrieb.  (Sehr  richtigl)  Wenn  wir  Oesterreich  in  diesen  Tagen  im  Stiche
assen,  dann  würden  wir  red  nur  den  Uebermut  der  aldee
derarüg  steigern,  daß  Oesterreich  seiner  eigenen  Ehre  weg  g  fũhren
und  dann  würden  wir  nicht  Hetroliche  sondern  ———  ie  eer
*  1—½1  Lt  den  Dreibund  auf  und  wendet  sich  anderen  Konstellationen
zu  auch  bedauerlich.  Infolgedessen  liegt  die  Politik  der
So  pad  d  nicht  im  Hwerresse  utschlands.  (Sehr  richtig!)  Die
maßlose  Art  der  Sozialdemokratie,  wenn  das  Ausland  in  Betracht  kommt,
ist  Üüberhaupt  nicht  i  im  Interesse  des  Weltfriedens  und  im  deutschen  Interesse
elegen.  Da  wird  immer  vom  Geist  des  Denunziantentums  und  der  Kriegs-*
  und  Wollchen  Beichmpsungen  gesprochen,  wenn  Oesterreich  in  Betracht
Was  soll  eine  derartige  Maßlosigleit  und  Ungezogenheit?  (Leb-*
  VBeifall  2  aolea.  bürgerlichen  Parteien.)  Das  müssen  wir  in  eröhtem
  Maße  b  Was  nun  unsere  Politik  angeht,  so  haben  wir
#ube  wie  noe  der  elirenen  in  bedroht  war,  und  wir  haben  die
arokkokrise  erlebt,  die  zwar  zu  einem  lutzn  Wschluß,  sriaher  hat,  aber
die  Periode  der  ünsicherhen  nicht  abschloß.  Nach  dem  Abschluß  der  da
wirren  werden  die  alten  Gegensätze  zwischen  D#ien  und  Triple-Entente
von  neuem  in  den  *  erdergennd  ir  treten.  Daran  tragen  wir  keine  S#  d.
Seit  der  Reichsgründ  J  wir  eine  friedliche  Lelnt  s#etrieben.  Auf
diesem  Standp##te,  behen  wir  heute  noch,  wenn  wir  auch  nicht  den  Frieden
um  jeden  Preis  4  Für  die  Gehalts-nä)  eöFkiedeisis  eine  starle

 

ohe

deulung  der  Ossenfive  im  Kriege  ei  wichen:  Schonungsloses  Einsetzen  von

Men  Heulben  hat  Er  FHeocheee  agen.  Wir  werben  alles  tun  müssen,

um  Ernstfall  bei  der  raschen  Pobilmachung  zu  haben,

die  bie  #e  einer  bisee  Aktion  ist.  In  dieser  Zeit,  in  der  die  Berzunrun

  der  sirgar  Bal  gröber  ist  als  sonst,  erkläre  ich  für  meine
a

kane  alten  Wünsche,  die  wir  bereits  vor  n  2  kernn
Ich  gehe  auf  Einzelheiten  nicht  ein.  pan#n#ung,  die  Berstärkung
  der  #  und  anderes  die  in  der  Bud  G  Wion  zu  bech
  i  Dd#  gehört  auch  die  Frage  der  Schofsung  einer  deutschen
Luftslotte,  die  ja  bereits  angekündigt  worden  ist.  Ich  meine,  wenn  wir
anerkennen  und  zwar  dankend  anerkennen,  vor  llem  dem  Grasen  Zeppelin
Kegenober,  daß  wir  hier  etwas  lein  sten,  seecho  een  wir  die  Berpflichtung,
iesen  wo  vor  dem  Auslande  au  ——“t  und  wir  mussen
uns  biesei  *  besto  mehr  sichern.  (Lebhafter  Be
unsere  Diplomatie  angeht,  so  hobe  ich  alte  Wünsche  meiner
Fraktion  *  volchrrholen,  Wir  sind  weit  davon  entfernt,  die  deutsche
        <pb n="261" />
        Des  Dertsqe  Rriq  und  frine  einzelurn  Glieder.  (Dezember  2.)  251

Diplomatie  schlecht  zu  machen.  Wir  erkennen  an,  daß  wir  hervorragende
Diplomaten  und  gute  Leistungen  haben,  ober  wir  sind  überzeugt,  daß  wir
nicht  überall  gut,  #  clveige  wen  glänzend  vertreten  sind.  Wir  erkennen
an,  daß  auch  der  Adel  in  der  Diplomatie  Hervorragendes  geleistet  det
Aber  wir  wollen  den  **b53  dieser  Karriere  verbreitern.  Nicht  jede
Hrentneben,  wie  Herr  v.  Niderlen  einmal  gesagt  hat,  wollen  wir  hn
iplomaten  machen,  wir  wollen  aber  die  Dechen  beseen  bezahlen  und  dadurch
  den  Zugang  verbreitern  und  wir  verlangen,  daß  vie  diplomatische
Karriere  auch  dem  Bürgertum  mehr  geöfinet  wird.  (Zustimmung  I.)  Unsere
Sibwed  war  über  die  Rüstungen  nicht  genugend'  insormiert.  Der
Ausbruch  des  Krieges  kam  Überraschend  und  stand  nicht  im  Einklang  mit
manchen  Insormationen,  die  darauf  abzielien,  es  würde  unter  keinen  Umständen
  ein  Balkankrieg  entstchen.  Gegenüber  den  starken  Veränderungen
der  Landkarte,  die  sich  jett  vollsiehen,  können  sich  für  die  deutschen  wirl  ·
schaftlichen  Intereisen  manche  Unbeauemlichleiten  ergeben.  Der  wirftschaft.
lichen  Ma  achl  pflegt  in  nicht  der  Kultur  wousläni  erschlossenen  Ländern
die  politische  Macht  zu  folgen.  Wenn  in  den  Verträgen  die  offene  Tür
verbürgt  wird,  so  hilft  das  bekanntlich  nicht  viel,  weil  diese  ossene  Tür
lehr  oft  ein  Sma  Papier  ohne  weitere  Bedeutung  bleibt.  Man  könnte
sagen,  andere  Länder  erhalten  einen  territorialen  Machzuwachs.  für  Deutschland
  geht  die  Sache  aus  in  Gestalt  einer  Militärvorlage.  (Heiterkeit  und
Zustimmung.)  Wenn  der  Abg.  Ledebour  von  alldeutschen  Kriegehetzern,
Kononen-  und  Panzerplattenenihnsiasten  und  einteressenten  geiprochen  hat,
so  halle  ich  seinen  Gedankengang  für  falsch.  Es  lich  mancherlei  Mißstimmung
  in  deutschen  Schichten  vor,  die  von  glühendem  Patriotismus  erfüllt
  find.  Früher  waren  es  deutiche  Prosessoren  und  Nratäs.  die  eine
Stärkung  der  demischen  Nationalwehr  estebte  Gewiß  finden  d60  darunter
auch  dterriemen.  aber  der  große  Teil  der  Vereine  gehört  zu  den  hervorragenden
  n  Schichten  unseres  Volkes.  (Zustimmung.)  Wenn  die  Militärvereine.
Floltenvereine#  wis  auch  vielleicht  elwas  überschwänglich  vorgeben  und  in
manchem  über  das  Ziel  hinausschießen,  so  kann  man  doch  ihre  Bestrebungen
an  sich  nicht  tadeln.  Dieje  Vereine  jchũtzen  uns  vor  einer  gewissen  Passivität,
vor  einer  starken  Verburcaukratisierung.  Schliehlich  noch  eine  Bemerkung
im  Auftrage  meiner  Fraktion.  Wir  können  cs  als  einen  beiriedigenden
Zustand  nicht  erkennen,  wenn  in  Fragen  der  auswärtigen  Politik  keine  gengede
  Fühlung  zwi  ischen  der  Regierung  und  der  Volksvertretung  voriän
  ist.  (Zustimmung  l.)  Ohne  dieie  Fũhlung  wächst  natürlich  die
Heenone  der  Negierungi  in  ungencin  großem  Umfange.  Die  Regierung
-ann  doch  mit  viel  größerer  Ruhe  ihre  Politik  verfolgen,  wenn  sie  getragen
ist  von  der  bewegenden  Krast  der  Nation  und  der  Volksvertreiung.  Ein
Volk,  das  auf  industriellem  Gebiete,  in  Handel  und  Landwirtschaft  so  viel
erreicht  hat,  darf  auch  in  der  Frage  der  auswärtigen  Politik  ein  Wort  mitsprechen.
  Nach  der  Aussasfung  meiner  volitischen  Freunde  ist  es  kein  erkreulicher
  Zustand,  wenn  wir  auf  die  Mineilungen  der  „Norddeutschen  Allgemeinen
  Beitung“  in  diesen  Fragen  angewieien  sind.  Ich  kann  nur  das
unterschreiben,  was  am  un.  März  11XM  Freiherr  v.  Herkling  dier  in  diciem
Hause  zu  demselben  Wuniche  geäuseert  hat.  Die  verautwortlichen  Minister
der  anderen  Sloalen  scheuen  sich  weniger,  als  es  bei  uns  der  Fall  ist,  gerade
  über  die  boufenden  Fragen  der  auswärtigen  Politik  zu  iprechen.  Ich
brauche  Sie  bloß  auf  das  englische,  das  französische  und  auf  das  osterreichische
  Voarlantmn,  hine  Gerade  weil  wir  bestrebt  sein  muisen,
einig  zu  gers  in  diejen  großen  vitalen  Fragen  mit  der  Regiernng,  müssen
wir  auch  die  Richtlinicn  der  Regiernngepolitik  kennen.  .  Durchführung
einer  kraftvollen  Politik  bedürsen  wir  der  Aufrechterhollung  einer  starlen
        <pb n="262" />
        252  Bs  Meutsche  Reich  und  seinr  rintelura  Glleder.  (Dezember  2.)

Wehr  und  der  Duchsthrung  einer  lbarniele  Rüstung.  Dazu  ist  notwendig
eine  Politik,  die  nicht  nur  von  Fall  zu  Fall  die  Schwierigkeiten  aufräumt,
sondern  klare  und  große  iel  besitzt.  (Zustimmung.)  Wir  hoffen,  daß  uns
der  Friede  erhalten  bleibt,  aber  wir  vermögen  uns  7  Besorgnis  nicht  zu
entschlagen,  daß  die  Negeinng,  die  demnächst  nach  Abschluß  des  Friedens
#esolgen  wird,  neuen  Konsliktstoff  in  sich  birgt.  Die  beien  d  riee  bür  scan
nach  u  esten  Ueberzeugung  ein  starles  Heer  und  eine  siarle  Älotte.
Desoleun  G#  riegeberen,  des  sei  unsere  Devise.  n  Beifall.)
Abg.  uld  (Bromberg,  Np.):  Die  ernste  Situation  veranlaßt  uns,
Säit  zu  geben  "r  unsere  Rüstung  eine  lückenlose  ist.  Die
Ueherrineimmung  #  wischen  Jlalien  und  Oesterreich  in  der  Adriafrage  ist
nach  unserer  ru  ein  friedenstärkendes  Element.  Als  brsonders  Tsaansch
müssen  wir  es  bezeichnen,  daß  sich  der  Dreibund  einmütig  mit  den  Poincareschen
Vorschlägen  identifiziert.  Eine  kraftvolle  Reichspolitik  —  innen  und  außen
ist  heute  mehr  denn  je  nolwendig.  (Bravot)  Heute  ist  schon  auf  die  Mängel
unserer  Diplomotie  bingeworsen  und  dabei  rmV  J  der  fronzösischen
Diplomatie  behauptet  w  orden.  Ich  kann  nicht  sagen,  daß  die  französische
Diplomatie  in  der  Jaikankeile  Alldlich  Ferise  ist.  Unsere  Diplomatie  ist
besler  als  diejenige  Frankreichs,  die  doch  eine  bürgerliche  Vertretung  hat.
Eine  sozialdemokratische  Diplomatie  wäre  noch  schlimmer.  Das  beweisen
die  Kundgebungen  der  sozialdemokratischen  Presse  und  Versammlungen.  Die
Auslandspolitik  der  Sozialdemokratie  ist  niemats  schlechter  gewesen  als  in
diesem  Moment  der  Baltanlrise.  MWer  die  serbischen  Grostmachisgelüsste  unterft##t,
  der  hat  der  Sache  des  Friedens  keinen  Dienst  erwiesen.  Ich  berufe
mich  auf  das  Berliner  Tageblatt,  das  gewiß  nicht  an  Vorurteilen  und  Besongenbeit
  gegen  die  Sozialdemokratic  leidet.  Dieses  Blatt  verurteilt  in
den  schärfsten  Ausdrücken  die  Auslandspolitik  des  „BVorwärts“,  der  die  Geschäfte
  der  russiichen  Rraklionäre  und  panslawistiichen  Kriegstreiber  verfolge.
Niemale  hat  die  Sozialdemokratie  eine  größere  Ungeschicklichkeit  in  der  Wisunn
schwerwiegender  Fragen  bewiesen  als  gerode  jet  während  der  Balkankrisis.
Friedensresolmionen  sind  ein  billiges  Veranügen.  Berufen  Sie  den  einmal
ein  allgemeines  Parlament  aller  Siaaten  mit  Serben,  Bulgaren  und  Montenegrinern
  ein  und  überlassen  Sie  diesem  Parlament  die  praktische  8
der  Frage  des  Valfanjriedens.  In  drei  Tagen  hätten  wir  sicherlich  eine
schöne  allgemeine  Prügelei.  Ich  hoffe.  daß  die  Regierung  in  ihrer  kraftvollen
  Politik  sortsahren  wird.  (Beifall.)
2.  Dezember.  (Königsberg  i.  Pr.)  Prof.  Nichard  Siegfried,
der  Theorekiker  des  Proporzionalwahlverfahrens,  f.  67  Jahre  alt.
2.  Dezember.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Die  Geschäftsordnungskommission
  beschäftigt  sich  mit  Verdeulschungen  und
redaktionellen  Verbesserungen  des  Woxtlauls  der  Geschäfteordnung,
Ersetzt  wurden  die  Bezeichnungen  „Session“  durch  „Tagung
„Seniorenkonvent“  durch  „Acliesteurat“,  „Konslilnierung  des  Hauses“  it
„Vollzogene  Bildung“  ,  „Hoipitanten“  durch  „ständige  Gäste“,  „Lommissionen“
durch  „Ausschüsse“,  „besondere  Kommissionen“  durch  „Sonderaueschüsse“,
„motivierte“  durch  wbegründele-  Tagesordnung.  Abgelehnt  wurde  die
Erietzung.  der  Worie:  „Legislakurveriode“  durch  „Wahlabschnik“,  Ieen
durch  „Partei“,  „Petilionen=  durch  „Gesuche“,  „Resolmionen“  durch  „E
schliehngen".  Abgelehnt  wurde  ferner  der  Vorichlag,  in  den  Bes  X
des  Prandenten  das  Recht  der  rlise  im  Sibungsgebäude  durch  „Hausrecht“
  zu  ersenen,  da  ihm  anfer  dem  „Dauarccht“,  mit  desien  näherer  Regeun
  ein  besonderer  Aueschun  besaßtt  ist,  *  Sipungspolizei  in  den  Sibungs-
        <pb n="263" />
        Des  Derisqe  Rtiq  inb  seine  tinjelia  Slitdet.  (Dezember  3.)  253

räumen  zusteht.  Die  Vorschrift  wurde  wie  folgt  gefaßt:  „Dem  Prösidenten
des  Hauses  sieht  die  rrnnit“t  der  Polizei  in  den  Sibungsräum  en  zu.“  —

Das  nach  952  und  §9  16  Absaß  2  der  allen  Geschäftsordnung  dem  Hause
zustehende  -  über  Gesehentwürs,  die  nicht  von  der  Regierung  beantragt
sind,  schon  in  der  ersten  Beratung  zur  Tagesordnung  berpusgeen,  wurde
entgegen  dem  Vorschlage  aufrechterhalten,  ebenso  die  Vorschriftl  über
die.  Zulässigkeit  der  Erledigung  einecs  Antrags  durch  „begründete  Tagesmung“



3.  Dezember.  (Reichstag.)  Kurze  Anfragen.  Fortsetzung  der
Besprechung  der  auswärtigen  Politik.

r.  Müller-Meiningen  (Bp.)  fragt  an:  Werden  die  ver-—N——“
  noch  in  der  laufenden  Session  einen  Theatergesetzentwur
  .
Mtntflektqldtteltok  Caspar:  Die  Grundzüge  für  ein  Theatergeset
sind  ausgearbeitet  und  werden  in  den  nächsten  Tagen  den  Areisen  der  Interessenten,
  also  den  Böhnenunternehmern  und  Angrstellten,  zu  einer  Prüfung
zugehen.  Gescheitig  wird  eine  Veroffentlichung  des  vorläufigen  Entwuris
staktinden.  Bevor  die  verbündeten  Regierungen  eingeloden  werden,  dazu
Sl#ellung  zu  nehnen““  wirr  den  AUrcisen  der  Bereiligten  wochmols  Gelegenheit
  gegeben  werden,  zu  dem  Entwurf  ihrerseits  Stellung  zu  n
werden  im  Unsang  Januar  aus  den  #reisen  der  Buhsebmen  nteder  du
Unternehmer  Vertreier  zu  einer  Besprechung  einberufen  werden.  Von  d
Forlgang  dieser  Verhandlungen.  wird  es  abhängen,  wann  der  Entwurf  vem
Reichstag  vosgeleht  werden  wird.

g.  in  (W.  n  soon  an:  Ist  dem  Herrn  Rceichskanzler  bekannt,
  daß  nach'  orn  n  gejeblichen  Bestimmungen  das  I#nenweieschwpiel
„Parsifal-  demnächst  schutzfrei  wird,  und  daß  weite  e  Kreise  unseres
für  eine  reichsdeulsche  Ge  ejebesbejtimmung  sowie  für  eine  Aas  e
Konvention  eintreten,  um  ungeeiguete  Drdieuungen  dieses  Festspiels  zu
Erwerbszwecken  unmöglich  zu  machen?  (Deile

Staatssekretär  des  Reichsinstizamts  Deotr  6#.  ist  dem  Herrn  Reichskonzler
  bekannt,  daß  das  Bühnenweihzestipiel  „Parsifal“  demnächst  schutzfrei
wird.  (Grosße  Heiterkeit.)  )Es  ist  dem  Herrn  Reichskangler  weiter  bekannt,
daß  nach  den  Bestimmungen  der  8§  29  bis  34  des  Gesetzes  vom  9.  Juni  190
der  Schutz  der  veröffentlichten  Werke  Richard  Waguers  mit  dem  Ablauf
des  nächsten  Jahres  endet.  (Ernente  Heiterkeit.)  Es  ist  dem  Reichskanzler
ebenfalls  bekaunt,  daß  von  verschiedenen  Seiten  eine  Erweilerung  des
Schutes  der  veröffemklichten  Werke  Nichard  Wagners  über  die  pues  dem
gesenden  Necht  bestehende  Grenze  hinaus  angestrebt  wird.  Zu  der  Frage,

Maßnahmen  des  Reiches  im  Sinne  dieser  Bestrebungen  s  en  und
m  —  erscheinen,  haben  b  isber  die  verbündeten  Regierungen
keine  Stellung  genommen.  (Erne#t  grnie  denten
r.  Liebknecht  (Sd.)  fragt  an:  Ist  der  Herr  Reichskangler
bereit,  Auskunit  darüber  zu  geben,  ob  "—  wece  Maßregeln  gelroffen  und
geplant  sind,  un  das  Gebiet  des  Deutschen  Reiches  gegen  die  Einschle  eppung
er  Cholera  aus  dem  Balkan  zu  schüten  und  ob  und  inwieweit  die
Keichontgicennge  zu  ciesem  Behufe  ein  gemeiniames  Vorgehen  mit  den  Regierungen
  anderer  Staaten  in  die  Wege  geleitet  ha

inisterialdirektor  Dr.  v.  Joncauieres:  7  ch  den  vorliegenden
Nachrichten  ist  die  Cholera  in  dem  türkischen  Heere  vor  Konstaminopel  auf.
getreten,  doch  fehlen  genaue  Angaben  über  ihre  Verbreitung.  In  Konstantinopel
lelbst  sind  in  der  Zeit  vom  5.  bis  20.  November  615  Erkrankungsiälle,  davon
  292  ni  todlichem  UAusgange  festgestellt  worden.  Die  mehrsach  in  der
        <pb n="264" />
        254  D#  Mische  Rrich  und  stint  tiajelata  Slitder.  (Dezeniber  3.)

Presse  verbreiteten  Nachrichten  von  Verschleppung  der  Seuche  nach  anderen
Orten  der  Balkanhalbinsel  sind  amtlich  nicht  bestätigt.  Angesichts  deser
Sachlage,  die  an  und  für  sich  keinen  Anlaß  zur  Beunruhigung  gibt,  sind
die  deutschen  Vertretungen  in  allen  in  Betracht  kommenden  Städten  angewiesen
  worden,  dem  Gesundheitszustand  ihres  Amtebezirks  besondere  Aufmerksamkeit
  zuzuwenden  und  gegebenenfalls  über  das  Austreten  der  Cholera
sofon  zu  berichten.  Austerdem  ist  Faesnber  daß  Schiffe,  die  aus  Keiischen
Laien“  des  Schwarzen  Meeres,  des  Bosvorus,  des  Marmarameeres  u
Gischen  Meeres  nach  deulschen  Läsen  kommen,  nur  vech  inn
Unersichnan  Cus,  freien  Verkehr  zugelassen  werden.  Schiffe  aus  nichttürkischen
  Häsen  des  Schwarzen  und  des  Acgéischen  Mieeres.  si  der  be.
sonderen  imims  der  Gesundheitsbehörden  unterworsen.  Die  Einfuhr
  von  Leibwäsche,  getragenen  Kleidern,  gebrauchten  Bettzeugen  und
Lumpen  aus  der  Türkei  ist  aus  anderem  Anlaß  bereits  “’  Im
übrigen  unterliegt  der  Warenverkehr  nicht  der  Gesahr  der  .
Aq.o.P(Vp)Namensntetnerholmfchen  Freunde  habe  ich
zu  erllären,  daß  her,  mit  der  auswärtigen  Politik  d  eichs.
kanglers  zurzeit  einverstanden  sind.  (Beijall.)  Aus  den  un  die
sich  in  den  letzten  Monaten  abgespielt  haben,  und  aus  dem,  was  wir  gestern
ehört  haben,  haben  wir  keine  Tatsache  entnehmen  können,  die  uns  zu  einem
Koorl.  unserer  auswärtigen  Politik  berechtigen  wöürde.  Wir  haben  vielmehr
den  Eindruck,  daß  unsere  auswärtige  Politik  seit  dem  Ausbruch  des  Balkon-(-

  Wir  erwarten  nun  aber  auch,  daß  die  RNegierung  ihrerseits  anerkennt,
daß  sie  in  den  breiten  Schichten  der  Bevolkerung  eine  wejentliche  Erleichlerung
  ihrer  Politik  halte,  nämlich  in  der  weisen  Jurückha  altung,  die  dieses
Volk  in  Aeußerungen  über  die  auswärtige  Politik  bekundet  hat.  Dieses
Lob  darf  man  auch  für  die  Peche  in  Anspruch  n  nehmen.  Die  Presse  hat
ein  erfreuliches  Verstöndnis  dafür  gezeigt,  auf  was  es  ankam.  Es  kam
und  kommt  darauf  l  daß  in  der  VBevoôlkerung  das  Gefühl  bor-  Sicherheit
und  der  Ruhe  und  das  Vertrauen  zur  Leitung  unjerer  auswärtigen  Politik
cht  erlisch.  Wir  müssen  diese  Haltung  der  Presse  um  so  höher  anschlagen,
weil  sie  in  einem  recht  wohlinenden  Gegensatz  sand  zu  der  Nervosität,  die
in  einem  großen  Teil  der  deutschen  Presse,  vor  allem  bon  nalionalliberalen
Presse,  aclegentlich  der  Marokkowirren  vorhanden  war.  Die  Presse  hat  eben
auch  zugelernt.  Sie  hat  sich  allmählich  in  ihre  Lage  hereingesunden.  Je
mehr  wir  in  solche  Verwicklungen  einzutreten  gezwungen  sind,  um  so  mehr
ist  in  ihr  das  Bewahliein  erwacht,  daß  es  nicht  bloh  ihr  dech  sondern
ihre  Pflicht  ist,  an  unjerer  auundnd  Porienn  itguarbeiten.  Die  schwere
Frage,  ob  der  europäische  Friede  in  den  letzten  acht  Wochen  durch  die
Täligleit  der  europäischen  Diplomatie  oder  durn,  die  Aundorhungen  des
internationalen  Prolekarials  Fhaiten,  worden  ist,  hat  geltern  der  Reichstag
mit  Lachen  entschieden,  und  ich  m  n  nichis  hinzufügen.  Der  Dreibund,
  der  schon  so  oft  totgejagt  mie  ae  iedenfaus  in  den  lehtenJahren
eilt  ziemlich  zurückgezogenes  Dasein  geführt  hat,  ist  jenz  zu  neuem  Leben
und  zu  neuen  Taten  erwacht.  Sehr  richtig!  I.)  Wenn  er  in  letzter  Zeit
etwas  gelockert  war,  so  istDeuliailaiiduichtqans  unschuldig  daran,  da  #.
sich  zu  sehr  von  einem  gewissen  Wohlwollen  für  die  Türkei  nach  dem
brach  des  tripolitanischen  ##rieges  hat  leiten  lassen.  welsa  haben  4½½
ons  den  Acußerungen  des  Reichskanzlers  mit  Vefriedigun  vernommen,
daß  den  Verbündeten  die  Gemeinsamkeit  ihrer  Interessen  aum  verschiedenen
Gebieten  zum  Bewußtsein  gekommen  ist.  Man  hat  erfreulicherweise  eingesehen,
  daß  es  auf  Erden  keine  drei  Mächte  gibt,  die  so  zusammenpassen
        <pb n="265" />
        ###  Misihr  Krich  u#nh  seine  rintelurn  Glieder.  (Dezember  3.)  255

wie  die  im  Dreibund  zu  einer  Kompanie  vereinigten  Mächte.  (Sehr  gut!  1.)
Wir  betrachten  es  als  eine  wichtige  Ausgabe  unserer  Regierung,  ihre  Bündnistreue
  den  Verbündeten  gegenüber  zu  wahren.  und  wir  sind  fest  bbereug,
daß  die  beiden  anderen  Staaten  sich  auf  denselben  Standpunkt  stellen.

Zaun  gebrochenen  Krieg  führen  lasten  wollen.  (Sehr  richtg!  I.)  Das  wil
aber  auch  die  Regierung  nicht,  wie  aus  den  Erklärungen  des  Reichskonzlers
deutlich  hervorgeht.  Die  Tatsache  des  Bestehens  des  Dreibundes  bietet  eine
wesentliche  Garantie  für  den  europäischen  Frieden.  Die  wesentliche  Bedeutung
  des  Dreibundes  beruht  vielleicht  dorin,  daß  es  insolge  seiner  Existenz
gar  nicht  erst  zu  einem  Hruftlal.  kommen  durite.  Ersrrulich  ist  es  auch,

die  Großmächte  heute  nicht  mehr  von  den  lleinen  Staaten  4

richtig!  I.)  Es  ist  bedeutungsvoll,  daß  gestern  in  diesem  Soaale  oden
werden  konnte,  daß  während  der  ganzen  letzten  #-  unsere  Beziehungen
zu  England  ganz  Mionderz  Pdr  nte  geworden  sind.  Ich  möchte  das
als  einen  guten  Anfang  für  eine  Verständigung  der  beiden  Ponionen  be·
trachten.  Wir  wollen  uns  nicht  verhet  ehlen,  daß  auf  beiden  Seiten  gejündigt
worden  ist,  aber  wir  hoffen,  doß  sich  jetzt  die  Wahrheit  durchgerungen  fol.
Wir  koönnen  auch  England  noch  die  weitere  Veruhigung  geben,  daß  die
konservative  Partei  Deutschlands,  deren  Führer  vor  Jahresfrist  eine  Fcst
unerfreuliche  antienglische  Masgctorede.  ehier  gehalten  hat,  sich  jeßt  voll
söndig  darüber  ausichweigt.  Wir  wollen  das  so  auffassen,  daß  in  aller

Stille  eine  Korrektur  des  domangen  e  n  vorgenommen  wurde
5rnn  wollen  uns  freuen  über  den  Sünder,  der  Buße  tut,  wenn  auch  stillschweigend.


Mit  bezug  auf  die  r  des  Abg.  Spahn  (8.  erklärt  Unterstaatssekretär
  Zummermann:  Es  ist  gestern  gefragt  worben,  ob  der  spanisch-Hrngsläsche
  Mitt  unseren  Interessen  widerspreche.  Ich

aaun  das  verneinen.  Der  Vertrag  ist  vor  kurzem  unterzeichnet  worden.
er  muß  jent  noch  genehmigt  werden  von  den  beiden  Volksvertretungen.
Wir  haben  den  Vertrag  vertraulich  bekommen,  um  ihn  zu  prüfen  und  unfere
etwaigen  Bedemnken  zur  Sprache  zu  bringen.  Die  Tichung  ist  erfolgt  und
hat  das  Ergebnis  gezeitigt,  daß  der  Vertrag  mit  unserem  Morokloabkommen
durchaus  vereindar  ist  und  daß  er  insbesondere  an  der  wirtschaftlichen

ält.  Nur  in  zwei  Punkten  hat  uns  der  Vertrag  zur  Beanstandung  Anlaß
Ledeiena,  hauptsächlich  wegen  einer  undeutlichen  Ausdrucks  zweise  des  Textes.
Wir  haben  unjere  Bedenken  zur  Sprache  gebracht.  In  dem  einen  Punkte
haben  wir  bereits  bündige  Erklärungen  erhalten,  die  uunen  Vedenken  erledigen
  und  uns  besricdigen-  Ueber  den  zweilen  Punkt  schweben  u  Verhenungen.
  Ich  laun  bei  ihrer  Vertraulichkeit  keine  genauere  nft
.  Ich  lann  aber  soviel  schon  sagen,  daß  die  Aussichi  besteht,  nit
i  h  a#  Ilede  warienige  wird.  (Be  ija
ki  (B.):  —  bot  die  kürkische  Mißwirtschaft
  i  zu  **i(0  Woeerld  Diese  hat  die  meisten  europäischen
Kriege  der  letzten  Jahrzehnte  veranlaßt.  Gegen  den  Willen  der  Völker
lassen  sich  heute  nicht  mehr  Kriege  orrhinderlr  oder  Bündnisse  aufrechterhalten.
  Die  preußische  Emteignungspolitik  muß  das  polnische  Volk  erbittern.
  Sie  ist  die  Krone  aller  preußischen  Schändlichkeiten.  (Präsident
Larmpf  ruft  den  Redner  zur  Ordnung.)  Für  die  Freiheit  Albaniens  treten
Sie  alle  ein,  aber  zur  Unterdrückung  der  Polen  ist  Ihnen  jedes  Minel
recht.  G#Beifan  bei  den  P.)
        <pb n="266" />
        Des  Pertsqt  Neiq  u#h  seinte  rinzelurn  Glleder.  (zember  3.)

g.  Dr.  David  (Sd.):  Die  Abgg.  Bassermonn  und  Payer  haben
die  b  Politik  eine  riedliche  genannt,  aber  es  ist  doch  kein  3weiselin
  Wien  eine  höfisch-militärische  Kriegspartei  erijtier  die  sich  a
ne  des  Erzherzogs  Franz  rdinand  anlehnt.  eutlicher  Ls
dasür  sind  die  Auslassungen  in  der  dn  Lanscher  dem

Dreibundes.  Aber  der  Dreiduno  war  ein  reiner  Desensiwoemrag  -
russischen  Drohungen  auf  dem  Berliner  ong
ausdrücklich  festgelegt.  daß  der  Dreibund  für  d  eniggersiodl  hiniusns
Hoört,  hört!  bei  den  *  Aui  Biemars.  darf  mon  sich  nicht  berufen.  tismarck
  wor  meiner  Aufsassung  und  hat  mit  Rußland  einen  escheimen
Räckversicherungsvertrag  sabarschteisen  des  Inhalis,  daß,  wenn  Oesterreich
einmal  Rußland  angreisen  sollte,  Deutichland  wohlwollende  Neutralität
bewahren  werde.  (Hört,  härt!  dei  den  Sd.)  Und  wenn  ießt  Oesterreich
Serbien  angreifen  sollte,  und  Rusland  kommt  Serbien  zu  Hilfe,  so  sind
wir  auf  Grund  des  Dreihundoertrages  nicht  verpslichtet,  esterreich  zu  helfen.
(Zustimmung  bei  den  Sd.)  Tas  ist  die  einzige  Friedensgarantie,  die  wir
gegenüber  der  neich  Kriegspartei  haben.  Diese  Garantie  wollen
wir  uns  nicht  ge  zen  asse
zu  L##en  stein  (3.):  Die  kindliche  Auffassung,  als  ob
Deutschland  r  7  österreichischen  Adriaohasen  oder  ein  unabhängiges
Albonien  den  Krieg  riskieren  wolle,  besteht  im  Volke  nicht.  Der  hundertmal
  benagte  Knochen  des  pommerschen  Grenadiers  könnie  endlich  einmal
in  Ruhe  gelassen  werden.  Die  Friedenspolitik  Kiderlens  haben  die  wohlersisteien
  Herren  v.  Tirpitz  und  Heeringen  ermöglicht,  aber  auch  der  Schatz-Faser.
  Kühn,  der  die  Minel  dafür  bereit  hat.  Wir  haben  sie  ihm  freilich
willigt.  Auch  die  Sozialdemokratie  würde  einen  Krieg  für  die  Freihei#t
*  Sehr  richtigt)  Es  handelt  sich  also  nur  darum,  ob  Sie  bestimmen
sollen,  ob  und  wann  dieser  r—G  führen  ist.  Den  auswärtigen  Krieg
durch  eine  Revolution  im  Innern  verhindern  zu  wollen,  ist  das  krasseste
Beispiel  für  eine  Austreibung  vr-  Teufels  durch  Beelze  bub.  Die  deuls  e
sozialdemokratische  Fraktion  soll  sich  offen  und  mit  ##llenleier  Deutli  keit
erllären,  ob  und  wie  sie  einen.  tg  Deuichlands  durch  die  Revolution
verhindern  wolle.  Das  ist  sie  ihren  Wählern  schuldig.  Um  den  Herren,
da  die  Tobane  bald  schliesen  wird,  Geiegehrnn  zu  geben,  dieie  Frage  sosort
  in  einer  personlichen  Bemerkung  zu  beantworten,  lleide  ich  sie  in  den
persönlichen  Angriff:  Herr  Ledebour,  Sie  und  Ihre  Freunde  wollen  nach
den  Beichlüsien  des  Bajeler  Kongreises  einen  Krieg  Dems  lande  durch  eine
innere  Revolmion  hindern!  n  wird  nun  geiagt,  die  Türkei  hätte  ihre
Niederlage  erlitten  wegen  der  deutschen  Ausbildung  und  der  deuischen
W  wäre  eigenilich  in  unjerem  Intereije,  wenn  wir  böse  Nachbarn
in  dem  Glanben  ließen.  Aber  es  muß  durauf  hingewiesen  werden,  ob  denn
die  demichen  Wassen  in  Tschatoldicha  gar  so  schlecht  gearbeitet  haben.  Nicht
die  deutschen  Wassen  haben  versagt,  sondern  die  Sege  der  Türkei
hat  die  Niederlage  berkeigesühen,  Die  Türkei  war  ja  jo  sorglos,  daß  sie
selbst  nicht  wußte,  was  aus  dem  Balkan  vorging,  uls  beshalb  wollen  wir
auch  nicht  uuen  Diplomaten  in  die  Wüste  schicken,  denn  eine  so  große
üste  gibt  es  gar  nicht,  um  alle  Bocke  aufumehmen.  Leider  hat  zur
Niederlage  der  Türkei  beigetragen  b#n  jungtürkiiche  Regiment.  Die  Jungtürken
  haben  die  Religiosität  untergraben  und  das  hat  zum  Ruin  geführt.
Bedauerlich  ist,  daß  unjere  Neterun  und  Diplomatie  das  Wesen  des  Jungtürkentums
  so  verkanm  hat.  Der  Ausgang  des  Kampses  am  Balkan  wird
sein,  daß  Rußland  den  größten  Vorleil  haben  wird  von  der  Dardanellen-
        <pb n="267" />
        Pes  Derlsqᷣt  Lriq  anb  selne  einelaea  GSlleder.  (Dezeniber  3.)  257

freiheit.  Im  übrigen  wollen  ja  die  Großmächte  keinen  praktischen  Vorteil
haben.  Die  Machterteilung  wird  nach  dem  arieg  wohl  genau  so  sein
wie  bisher.  Die  Siellung  Italiens  ben  Dreibund  hen#en  ist  fester  geworden
  als  bisher.  Das  Verh  älinis  Jlaliens  zu  Oesterreich  war  viele  Jahre
hindurch  gespannt.  Das  ist  jetzt  erfreulicherweise  iers,  —8  Wir
wünschen  aufrichtig,  daß  das  so  bleiben  wird.  Während  des  Tripoliskrieges
  haben  wir  uns  zurückgeholten.  Jetzt,  wo  der  auie  zu  Ende  ist,
können  wir  H##ren“  beglückwünschen  zu  dem  Ausgange.  Ein  Gutes  hai
der  Krieg  gezeigt.  Man  hat  geglaubt,  ein  Balkankrieg  würde  den  Weltbrand
  bedeuten.  Das  ist  aber  nicht  eingetreten.  Die  Großmächte  sind
friedlich  geblieben  und  bemühen  sich  weiter,  den  Frieden  zu  erhalten.  Die
Besserung  der  Birduungen  Deutschlands  zu  England  begrüßen  wir  rrichtig
  und  hoffen,  daß  sie  sich  dauernd  besser  gestalten  werden.  In  d
fiiedieen  Politik,  die  die  Reichoregierung  bis  setzt  cbertelgt  hat,  lann  .
auch  unsere  Unterstützung  weiter  erwarten.  (Zustim
bg.  erte!l  (N.):  Ueber  den  Dreibund  daue  9  an  nicht  so  viel

sprechen  sollen,  denn  gewöhalich  sind  die  Ebeen  ani  gagicgen  über  die
man  om  wenigsten  spricht.  Es  gab  eine  Zeit,  wo  *½  ie  Dame  Italien
eine  Extratour  leistete,  und  ich  ireue  mich,  daß  jetzt  die  Dame  wieder  t  zi
inren  —  früheren  Tänzer  zurückgekehrt  i  Die  Suimmun  die

die  Rede  des  Reichskanzlers  durchklang,  billige  ich  vollkom  ol  ir
jeden  Eiitensprung  der  verbündeten  Achte  ehen  Nn  halte  ct
für  unrichtig  und  dies  entspricht  auch  nicht  dem  e  des  Dreibundes
und  auch  nicht  der  Erklärung  des  Reichekanzlers.  rt  nanlere  Dreibundsfreunde
  in  Gefahr  geraten,  die  an  ihre  Existeng  greist,  *  müssen  wir  ihnen
an  die  Seite  treten  und  mit  ihnen  sechten.  Das  hat  uns  der  Reichekanzier
auch  gesagt.  Die  Beruhigungsnote  der  „Norbdeugschen  —  nen  Zig.“
ist  so  aufgefat  worden,  als  sei  sie  eine  ganz  milde  Unjreundlichkeit  gegen
Oesterreich-Ungarn  gewelen.  Ich  verlange  keine  Auskunft  darüber,  obwohl
einige  untergeordnete  Bläiler  sich  dahin  ausgeiprochen  haben,  als  fünle  sich
Oesterreich  elwas  beleidigt.  Ich  bin  überzeugt,  daß  dieie  Veröfjen#n#lichung
erfolgt  ist  in  sachlicher  Uebereinstimmung  mit  Oesterreich-Ungarn.  Ich  will
aber  doch  aufrichtig  sogen,  daß  wir  freundliche  Beziehungen  zu  Engsand
Mnshen,  freundlich  sie  sein  können,  aber  iedensalls  1  korreste  Beziehungen.
Wir  wünschen,  daß  das  Verkrauen,  von  dem  der  Slaatsickretär  sbro,
auf  beiven  Seilen  vorhanden  ist,  weiter  will  ich  nichts  sagen.  Aber

v.  Paner  hat  auch  gesagt,  dah  die  Beziehungen  zu  England  nicht  iiniiier
idgiitgeiveieiiliiidlliiiiiillelbor  vor  der  Rede  des  Herm  v.  Heudebrand

 

Herr  v.  ODenydebrand  damale  eine  Absertigung  von  amtlicher  Stelle  eriahren
hat.  Ich  glaube,  wir  drauchen  die  damalige  Rede  des  Herrn  v.  Leene
“2  weniger  zu  bedauern,  als  vielleicht  heuse  die  Sielle,  die  die  Absfertigung
  domals  erkeilte,  bedauert.  daß  sie  die  Absertigung  erteilt  hat.
Was  Herr  v.  Hendebrand  damale  geiagt  hat,  war  die  Stimmung  des
deutschen  Volles.  Cebneste  Widerspruch  I.)  Jawohl,  das  war  die  Stimmung
  des  deutschen  Volkes.  Die  Sozialdemokratie  lasse  ich  alerdings  dabei
  er  Betracht.  Herr  v.  Pauer  hat  dann  gegen  die  Rriegehebe  gesprochen.
  Das  war  doch  wohl  ein  Kampf  gegen  Windmühlen.  Wir  alle
verurleilen  den  ##rieg  und  keiner  von  und  wünscht  den  Krieg  um  des
Rrieges  willen.  Es  ist  aber  doch  nichl  zu  lengnen,  daß  der  Arieg  eine
Cnuropaischer  Geschichtefalender,  1.111.  17
        <pb n="268" />
        256  Hs  Bratihr  Nrich  und  seine  rimeln#n  Glieder.  (Dezember  3.)

weltgeschichtiche  Notwendigkeit  sein  kann,  und  daß  zu  ihm  gegriffen  merden
muß,  wenn  es  gilt,  die  Sicherheit  der  Weltstellung  und  die  Zukunft  de
Volkes  zu  wahren.  Wir  haben  bisber.  durch  die  Friedensbestrebungen  "6.
gut  wie  nichts  erreichl.  Wie  haben  wir  die  vechirdegerichverhondisungen
begrußt  und  den  Haager  sonhre,  (Rufe  bei  den  Sd.:  Das  war  Heuchelei!)
Ich  glaube,  wir  können  doch  einem  Herrscher  gegennber  nicht  so  etwas  behauplen.
  (Sehr  richtig!  r.)  Wer  hat  im  Haag  die  Sache  des  Friedens
geführt?  Das  waren  italienische  rucai  Und  dann  hat  Jialien  den
Kricg  gegen  Tripolis  geführt!  Wir  mögen  es  bedauern,  daß  Krieg  geführt
werden  muß,  aber  wir  können  es  ae  ändern,  und  da  wir  das  wissen,
müssen  wir  die  Ingend  in  dem  Geiste  erziehen,  der  sie  zum  Kampf  befähigt.
Es  leugnet  kein  Mensch  auf  der  Welt,  daß  der  ur  rieg  doch  gewisse  gute  und
tüchtige  Eigenschaften  weckt  und  wecken  kann.  Ich  erinnere  Sie  nur  an
die  Kämpfe  von  1813,  wo  licherlich  mehr  gute  Toennchaften  als  schlechte
geweckt  worden  sind.  Deehalb  ist  es  auch  Nhewent  leit  eh  wir  unsere
Kriegsrüstung  fertig  und  vollendet  halten.  Ppoten  ch  nicht  Heeresverstärkungen
  auf  dem  FPröäsemierteller  unsn  ds  c
haben  wir  den  verantwortlichen  Stellen  zug  eichoben.  Wenn  es  nôtig  wöre,
neue  Ferderungen  auszustellen,  donn  muß  es  in  kritischen  Zeiten  eher  gechehen,
  in  Etat  vorgesehen  ist.  Geschähe  das  nicht,  so  wäre  die
hes,  leen7  -p#ichtergee  Zustimmung.)  Herr  v.  Vayer  hot  harte
Ausdrücke  gebraucht  gegen  volinisierende  Offiyiere  und  ich  stimme  ihm  zu,
wenn  wir  wirklich  solche  politisierenden  Osfiziere  hätten.  Ich  tenne  solche
Okfiziere  in  beustchsoich  nicht.  Wenn  jemand  im  Preise  seiner  Kameraden
bei  gegebener  Gelegenheit  auf  die  Notwendigkeit  der  Vaterlandsliebe  und
des  Haliens  des  Fahneneides  hinweist,  so  neune  ich  das  nicht  politisieren.
Wenn  ein  Lontrollossizier  die  ailanwicbosen  in  geeigneler  laktwoller  Weise
anf  ihre  Pflichten  hinweist,  so  will  ich  ihm  das  nicht  beschränken.  Herr
Payer  hat  den  hohen  Offizier  hicht  genannt,  Herr  David  hat  es  nachgeholt.
Aber  gegen  die  Rede  des  hohen  Offiziers  ist  doch  nichts  einzuwenden.  Er
hat  bei  passender  Gelegenheit  gewarnt  vor  einer  Ueberspannung  des  Friedensgedankens
  und  der  Friedensbestrebungen.  Das  ist  Hermmn  v.  Payer  wohl
eiwas  auf  die  Nerven  geiallen.  Diese  Rede  hat  Zustimmung  vaichr  nur  auf
der  Rrchten,  nicht  nur  im  zzemrum  und  bei  den  Noionalliberalen,  sondern

 

daß  wir  solche  Osüziere  lehr  viele  haben  mögen,  und  zwar  Oifiziere,  die
auch  den  Mut  haben,  in  taktvoller  Weise  ihre  Ueberzeugung  zu  äußern.
Herr  David  meinte,  der  Friede  werde  erst  auf  Erden  kommen,  wenn  der
solialdemokratische  Slaat  verwirklicht  sei.  Herr  David  hat  allerdings  die
lJeildauer  erheblich  anders  angeisent  als  früher  Herr  Bebel.  Innerhalb
der  nächsten  zwei  Jahrtaufende,  von  denen  er  sprach,  haben  wir  noch  eine
gewisic  zeit  zu  warten.  Auch  wir  wünschen  als  Christen  2  ewigen
Frieden  herbei.  Wer  das  Christentum  dajür  verantworllich  macht,  daß  die
Ariege  noch  nicht  ausgehort  haben,  der  verü#cht  das  Christemum  #  nicht.
Es  ist  niemals  vom  Slister  des  Christentums  verkündet  worden,  daß  der
Friede  sofort  kommen  werde.  (Gelächter  I.)  Ich  weiß  nichtl,  was  dieses
Lachen  bedeuten  soll,  Christus  hat  immer  auf  den  schweren.  Weg  hingewiesen.
Es  ist  kein  Vorwuri  gegen  das  Christemum,  iondern  ein  Vorwuri  gegen
das  unzureichende  Menschentum,  dast  wir  den  ewigen  Frieden  noch  nicht
uch  wir  glanben  an  den  ewigen  Frieden,  an  eine  geit,  da  wir
alle  sen  unter  der  Palme  des  Friedens,  aber  erit  wenn  das  Schriftwort
sich  erinllen  wird:  Ein  Hiri  uns  eine  Herde.  Und  in  dieser  Hinsicht  interpretieren
  wir  den  Engelgruß,  den  Herr  David  hier  hereinrief,  und  nicht
eher  wird  der  Engeloruf  sich  verwieisehen,  ehe  nicht  der  erste  Say  Wahr-
        <pb n="269" />
        Des  Dertsqe  Reiq  und  seine  rinzelurn  Glicder.  (Dezember  4.)  259

beit  H#rorden  *  der  sagt:  Ehre  sei  Gott  in  de  1  Fabbester  Beifall
d  in  der  Mine.  Widerspruch  und  Zischen  Sd.)
Frhr.  v.  Richthofen  (Nl.):  Unsere  deuf  Fkain  Inltualtoren  sind  zu
S  ngegriffen  worden,  sie  baben  sich  En  in  den  türkischen  Schlendrion
  Ordnung  zu  bringen.  Leider  war  es  vergeblich.  Wir  hoffen  aber,
daß  unsere  Reichsregierung  die  Hilse  bei  der  Reorganisation  der  neuen
Verhälinisse  nicht  versagen  wirh-  Die  wichtigste  Frage  ist  für  uns,  inwieweit
  wir  Oesterreich  zu  helsen  haben  und  wie  der  osterreichisch-jerbi  che
Konflikt  sich  erledigen  wird.  iWir  halten  daran  fest,  es  Oesterreich  zu  Überlaslen,
  seine  vitalen  Interessen  selbst  zu  beurteilen.  Eine  Kriegspartei  in
Oesterreich,  wenn  sie  besteht,  hat  jedenfalls  unsere  Sompathie  nicht.
begrüßen  aber  mit  Freuden,  daß  der  Meichekonzler  unsere  Bündnistreue  zu
Oesterreich  wiederholt  erklärt  hat.  Komnt  es  zu  einem  Krieg,  so  ist  der
lerkäe  Hafen  vielleicht  die  Ursache  bent  Lonsiättese  der  wahre  Grund  ist
fz  nicht,  sondern  der  ist  die  Frage  der  Mächtegruppierung  und  der
—  Unser  Bolk  ist  allerdings  nicht  ganz  unterrichtet  über  diese
Dinge  und  das  kann  Schwierigkeiten  machen.  Deahalb  hat  Herr  Vasiermann
  auch  recht,  wenn  er  eine  engere  Fühlung  des  4.  mit  der  Reichsregierung
  empfiehlt.  Wir  haben  die  Pflicht,  das  deutsche  Volk  zunächst
einmal  vor  einem  Kriege  zu  bewahren.  Die  deutsche  Vooltevemretung  darf
nicht  nur  passiv  sein,  sie  muß  auch  auf  Mängel  ausmerksam
Abg.  Hergog  (W.  B.):  Wir  hofken,  daß  der  Vaffennstan  Wif  dem
Vallan  zu  einem  dauernden  Frieden  führen  wird.  Die  maßvolle  Haltung
Oesterreichs  ist  erfreulich.  Der  Balkankrieg  hat  den  dih  geliesert,  wie
notwendig  unsere  Lerreneitereengn  wr  Es  wird  für  das  deutsche
Volk  n  sein,  ewenn  es  für  jede  ere
Abg.  e  (Sd.):  Herr  Häst  Lorkenul.  hat  eine  hochnolpeinliche
Frage  an  uns  esc.  Wir  weichen  der  Antwort  nicht  aus.  Er  hat
#agt,  ob  wir  einen  Krieg  verhindern  wollten  durch  eine  Revolution.  Schon
Lafenn  hat  gesagt,  M  können  nicht  herbeigeführt  werden  durch
ilen  von  Führern,  sie  entstehen  eben  und  können  nur  in  richtige
Sstu  geleilet  werden.  Fte  ba  vor  ein  paar  Jahren  schon  geiagt,
man  könne  keinen  Krieg  wünschen,  um  dann  die  Revolmion  zu  haben.
.  .

der  Revolution.  Denken  Sie  doch  an  die  türkische  Revolution.  Ich  erinnere
  weiler  an  die  Karlistenaufstände  in  Spanien.  Die  Engländer  glauben
allerdings  in  der  Lage  zu  sein,  durch  den  Maisenstreik  den  Krieg  zu  verhindern.
  Den  Streik  als  solchen  konn  man  doch  nicht  als  Ne  bezeichnen.
  Auch  der  Massenstreik  ist  ein  gesehzliches  Mittel.  Wir  jind

Deutschland  nur  der  Auffassung,  daß  biefer  erlaubte  Streik  ein  untangliches
  Mittel  ist.  Ein  Streik  nach  Ausbruch  des  bre  wäre  nach  unserer
Meinung  einfach  eine  Untat.  Nach  dem  Ausbruch  des  Krieges  ist  soviel
Hunger  vorhanden,  und  diesen  Hunger  wollen  i  nicht  noh  vermehren.

Die  Diskussion  wird  geschlossen.

4.  Dezember.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Generaldiskussion
des  Reichshaushaltsetats.

Staatssekretär  des  Reichsschotzumtes  Kühn:  Es  ist  eine  alte  Uebung.
bei  der  Einleitung  der  Etatsverhandlungen  eine  Darlegung  des  finanziellen
Verhältnisses  dreier  Jahre  zu  geben.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  solche
Hedee  nicht  einander  gleich  sind.  Die  Jahre  folgen  eben  einander,  ober
sie  gleichen  sich  nicht.  Der  Eiat  von  1911  baloncierte  mit  2,7  Milliarden.
Das  Elatsjahr  schloß  schließlich  mit  einer  Gesamteinnahme  von  3  Milliarden,
        <pb n="270" />
        260  bes  Derisqe  Neich  anb  stine  elnjelaea  Glitder.  (  Dezember  4.)

denen  23¼  Milliorden  an  Gesomtausgaben  Fegengberstehen,  so  daß  ein
Ueberschuß  von  über  290  Millionen  blieb.  Dieser  Ueberschuß  komtte  enistehen,
  weil  die  Regierung  die  Einnahmen  sehr  borsichng  haite  einschätzen
müssen.  Man  nahm  sich  die  Jahre  1910,  1909  und  1908  zum  Vorbild
und  legte  deren  Einnahmen  zugrunde.  Wenn  man  bedenkt,  daß  hohe  in
nahmen  des  Staates  in  der  Regel  eine  Prosperität  bedeuten,  so  muß  m
das  für  1911  gelten  lossen.  Von  den  Verlehreinstituten  zeigie  die  t
verwoltung  eine  Mehreinnahme  von  18,  die  Eisenbahnen  von  15  und
Bankwesen  von  2  Millionen.  Die  weitaus  größte  Mehreinnahme  hatte  4
das  Zollwesen.  Dazu  kam  noch  eine  Reihe  anderer  Um#stände,  die  wesentlich
  als  zufällig  bezeichnet  werden  können,  die  aber  doch  dozu  beseiisen
haben,  die  Einnahmen  zu  vermehren.  Diei  eser  günstige  Verlaul.  7
1911  ermäöglichte  nun  die  wolie  Ubbürdung  d  Fehlbelrages  7  *
Auherdem  blieben  noch  34  Millionen  frei,  die  dann  ihrerseits  zur  Tns
ũ  1  -aben

soll  sich  bemühen,  den  Eun  l6„  aufzustellen,  daß  er  sich  Fwaigen  Abweichungen
tunlichst  anpaßt,  und  ##  tunlichst  nach  oben  und  nicht  nach  unten.
Wenn  natürlich  die  *  balste  des  iatsiahre  li#n  das  hält,  was  die
erste  versprochen  hal,  dann  werden  wir  auch  wieder  beträchtliche  Ueberschüsse
  haben.  Trot  der  Sanaimranen  #e  ja  besonders  die  Einnahmen
aus  den  Zöllen  ausgeszt  sind,  brachte  die  erste  Hälfte  beträchtliche  Mehreinnahmen.
  Die  Börsensteuer  war  sehr  vorsichtig  eingesetzt,  da  man  glaubte,
daß  das  Aufsteigen  der  Industrie  ein  Ende  erreichen  würde.  Der  Gang
der  Dinge  hot  nun  aber  gezeigt,  daß  gerade  dos  3  eingetreten  ißt,
indem  noch  ein  weilerer  usslen  sich  einstellte,  so  daß  man  im  wahren  Sinne
ortes  von  einer  Hochlonjunktur  (hrechen  lann.  Eine  aenereinnahne
ist  zu  erwannen  bei  der  Branntweinverbrauchsabgabe  Millionen.  Die
Einnahmen  aus  der  Betriebsverwaltung  zwinechen  —  Stande  der  wirtschaftlichen
  Verhältnisse.  Was  die  Einnahmen  aus  der  Zuckersteuer  betrifft,
so  standen  sie  unter  dem  Zeichen  der  ungünstigen  Wirterungsverhällmisse
von  1911.  Inzwischen  scheint  ein  Ausgleich  eingetreten  zu  sein.
Schätungen  ur  internationalen  Vereinigung  für  Zuceerfragen  ist  eine
Produktion  von  2,6  Millionen  Tonnen  eingetreten,  die  weit  über  den  zehn-Jabern

  nur  sehr  geringe  onturreng  machen  wird.  Die  Neichsschuld  *J
dem  Nennwert  am  1.Oklober  1912  4,8  Milliarden  ggen  4,9  Milliarden
un  Voriahre.  In  diesem  hoberens  4nde  darf  ich  ein  Wort  über  den
niedrigen  Kurs  unferer  Anleihen  sagen.  Wenn  der  2  hracchegengen
ist,  so  hat  das  nichts  etwa  mit  einem  Sinken  des  Wertes  dieser  Papiere
Au  tun.  Die  Ursache  ist  eine  allgemeine  und  hängt  zertesn  aufammen
mit  der  gesteigerten  Inanspruchnamme  des  Rapitale  für  wirtschaftliche  Zwecke.
Ich  kann  versichern,  daß  die  Reichsregierung  den  zohtreichen  Vorschlägen,
die  auf  eine  Hebung  oder  wenigstens  Stabilisierung  der  Rurse  hinziclen,
ihre  volle  Aufmerksomkeit  schenkt,  auch  wenn  diese  Vorschläge  nicht  ganz
inwwndseik  i
ich  mich  nun  zu  dem  Jahre  1913  wende  u  muß  ich  zunächst
  die  Vorn#ese  Anraweisen,  de  uns  in  bezu  [die  Heeresund
  Flotten  vorlage  und  über  die  Finanzierung  dieser  Wr  gemacht
worden  sind.  Die  Bedenken,  welche  gegen  das  Vorgehen  der  Regierung
erhoden  worden  sind,  brauche  ich  um  so  weniger  hier  näher  zu  beleuchten,
        <pb n="271" />
        Les  Deriiqt  Ariq  uad  stinr  rislais  Glieder.  (Dezember  4.)  261

als  sie  durch  die  Bassermann-Erzbergersche  Resolution  wegen  der  Besitzsteuer
  hinfällig  geworden  sind.  Hiernach  soll  die  Fran  Erbgebung  7  2
letzten  Jahre  durch  eine  Besiystcuer  ihren  Wichn  aß  find  Ich  möchte
auch  nicht  darüber  äußern,  welche  Form  diese  Steuer  hade  B  soll.  Aus  46
damaligen  Debaiten  geht  klar  hervor,  daßt  es  sich  demnächst  nicht  um  eine
Sondersteuer  irgendwelcher  Art,  sondern  um  eine  allgemeine  Steuer,  entweder
  auf  dem  Gebiete  der  allgemeinen  Besipsteuer  oder  der  Erbschaftesteuerung
  danden  solle.  Diese  Frage  wird  Gegenstand  der  lünftigen
Beratung  sein,  i  die  Vorlage  gemacht  werden  wird.  Aber  eine  iusöchliche
  WMbetlune  mche,  ich  Ihnen  machen,  Mn  gebend,  daß  die
bezug  auf  diese  Frage  im  Reichsschatzomt  ausgearbeilete  Tenkschrift  bereins
seit  einiger  Zeit  den  Bundceregierungen  vorliegt  und  daß  Verhandlungen
über  den  Gegenstand  stattinden  werden  und  voraussichtlich  beendet  sein
werden,  noch  ehe  die  Herren  von  der  Weihnachtspause  zurückgekehrt  sind.
Daß  ein  Teil  der  Einnahmen  und  Ausgaben  für  die  Wehrvorlagen  aus
den  Ueberschüssen  von  1911  bestritten  wird,  kann  Bedenken  nicht  hervorrusen.
  Es  it  nri  ichtig,  daß  wir  damals  die  Einnahmen  künstlich  zurechtgemacht
  hab  Wir  haben  sie  den  realen  Verdättnissen  angepo  nicht
dem  Bedarf.  5  ist  seiner  iunniane  aß  um  Ostern  1912  herum  ein  Umschwung
  in  der  Finanzvolitik  der  Regierung  elern  iie  ist.  Wenn  wir
von  den  Ueberschüssen  einen  Teil  für  jene  Zwecke  verwendeken,  so  blieb  doch
für  Schuldemtilgung  wusol  hinreichend  übrig.  Wir  können  für  den  vorliegenden
  Eiat  die  Zeusur  in  Unspruch  nehmen,  daß  er  sich  on  Solidität  mit
allen  seinen  Wepän  messen  kaonn.  Ich  glaube,  wir  werden  die  Unteraang
  des  geiamten  Reichstages  finden,  wenn  wir  an  den  Grundsätzen
wuserer  Finanzpolitik  sesthalten.  Bei  Aueschaltung  der  Anleihen  für  nichtwwerbend
  t  Zwecke  wird  dn5  Etat  noch  solider  werden,  als  er  früher  gewesen
enn  wir  die  Vorschüsse  für  die  neue  pern  und  Flottenvorlage  den
Ueterschuste  bemnt  haben,  so  haben  wir  damit  eine  Schuld  der  allerdrückendsten
  Art  abgebürdet.  Der  außerordentliche  Eiat  enthält  u.  o.  wieder

 

scheinen  werden.  Für  die  außerordemtliche  Sl  sind  #ilionen
Mart  vorgesehen.  Für  die  Anleihe  verbleiben  33  Millionen  Mark  ,
wenn  man  gie  7  Milionen.  für  die  ru  Sn-  iii
Abzug  b  40  Millionen.  Ich  möchte  bei  diesem  Anlaß  dem  weitvrrrbiterrn
  56  4  anigge  —  ob  keine  wirkliche  Schuldentilgung
  vorläge,  wenn  gleichzeitig  neue  Kredite  bewilligt  werden.  Das
Verfahren  ist  nur  anwendbar  bei  Auleihen  für  ich  werbende  Zwecke,  und
auch  da  liegt  die  Aweendbret  nicht  sowohl  in  der  Verwendung  der
Titgungsbetrege  als  in  der  Zulaisung  der  Mauen  Anleihen  selbst.  Di
Schuldentilgung  wird  Los  6  gehandhabt  wie  bisher,  das  ergibt  sich  #um

Ueberfluß  auch  noch  af  4  des  Entwuris  des  Elatsgesetzes.  Die  de
aorgechene  h  Shderet  sich  nicht  bloß  aus  dem  om
Bestreben,  Schuld  des  Reiches  möglichst  herabzumindern,  sondern  auch

daraus,  rrrds  er  Natur  der  Sache  liegt,  die  Ausgaben  für  Festungobauten
mulichst  aus  ordentlichen  Miltein  zu  bestreiten.  Die  Beanspruchung  außerordentlicher
  Minel  hat  in  den  huen  Jahren  sehr  abgenommen:  der  Betrag
stellt  sich  in  den  Jahren  1910  bis  1913  auf  211,  206,  134,  120  Millionen.
Die  Anleihebeträge  üng  sich  in  derjelben  Zeit  auf  171,  97,  50,  33
Millionen.  Much  das  Anleiheprogramm  ist  also  eingeholten  worden.  Bei
den  für  1913  in  Aussicht  genommenen  Prägungen  ist  auf  eine  vermehrte
Ausprägung  von  Silbermünzen  mit  Rücksicht  auf  die  Ansprüche  an  die
öffentlichen  Kassen  bei  Lohn=  und  Geholtegahiungen  Bedacht  genommen.
        <pb n="272" />
        202  Das  Derisqe  Reiq  und  stine  tinjeluen  Glieder.  (Dezember  4.)

Es  sollen  50  Millionen  in  Dreimarkstücken,  3  Millionen  in  Zweimarkstücken,
2  Millionen  in  Geinmarssiacken.  ausgeprägt  werden.  Was  die  eeingelnen
Ressorts  betrifft,  so  ist  im  Etat  für  das  Auswärtige  Amt  u.  a.  eine  Neu-2


2
*
*
4
x
2
33
2
#
-
-
28
3
2
3
2
S
S

tages  ensorechend,  eine  Verstärkung  des  Fonds  zur  Förderung  der  Hochseefijcherei
  125000  Mark;  unter  den  einmaligen  guspaben  u.  a.  der
Sons  jar  die  Ausbildung  der  Schiffsjungen  von  60000  auf  1  00000  Mart
erhöht.  Für  den  Nordostseekonal  sind  66  Millionen  eingekent.  n  hofft
damit  red  Bau  n  zu  fördern,  daß  er  schon  im  Frühjahr  1914  seug  ist.
28  Gesamtkostensumme  von  223  Millionen  Mark  ist  damit  bis  auf
3  Millionen  verbraucht.  Die  Einnahmen  aus  dem  Kanal  erhöhen  sich
1  Mark  auf  eine  Million.  Für  die  Errichtung  eines  d
für  außerhalb  Europas  verstorbene  Angehörige  der  Marine  ist  ein  Betrag
in  den  Elot  eingestellt.  Beim  Reichsheere  sind  die  Mehrausgaben  im
wesenklichen  die  Folge  der  Durchführung  der  Heerezverstärkung.  Unter  den
Beschaffungen  auf  dem  Verkehrsgebiete  befinden  sich  auch  die  Ausgaben
für  die  regelmäßige  Fortbildung  der  Luftfahrzeuge.  Im  Hinrblick  auf  die
Fortschritte  der  Technik  auf  dlesem  Gebiete  und  das  Vorgehen  anderer
Staaten  wird  sich  eine  einmalige  weilere  ruhen  von  Mitleln  nicht
vermeiden  lassen.  Sie  wird  eventuell  in  Gestalt  eines  guenzengeats  zu
erfolgen  haben.  Die  Etatisierung  der  Rationen  und  P  W  hat  eine
Aenderung  erfahren:  über  das  prern  ist  dem  *—  sche  des  Reichstags
  entsprechend  eine  Desschrist  beigegeben.  Die  Einnahmen  im  Heeresbünua.
  eresutieren  wesentlich  aus  dem  Verkauf  von  Terrains  und  Grundso
  der  ehemaligen  Kaiser-Wilhelms-  Asbemie  in  Berlin  und  des
becken  ,  an  der  Ecke  der  Königgrätzer  und  Prinz-Alb  recht-Soße  Findet
dieser  Vorschlag  Ihre  Zustimmung,  so  werden  #k  bkdurn  ein  Grundstück  in
iktoriastraße  und  eins  in  der  Wilhelmstraße  eventuell  für  andere
Wi  frei.  Von  den  gesamten  Mehrausgaben  des  Marineetats
lommen  allein  5¼  Millionen  auf  persönliche  #sgchen-  die  wesentlich  durch
das  letzte  Ilaltengeset  beoingt  sind.  "S  findet  sich  eine  Rate  von
5  Millionen  Mark  für  den  Bau  eines  „Ersatz  Hohenzollern"“.  Das

 

Auswendungen  in  Aussicht  gestellt  werden.  Im  Postetat  werden  über  7000
neue  Siellen  ge  cferdert,  wena  denen  fast  5000  für  Unlerbeamte  bestimmt  sind.

Das  angestrebte  Ker9I  glichst  viel  Arbeiten  der  miltleren  Beamten  auf
Unterbeamte  zu  W33  ca-  c  noch  nicht  vollständig  Frreichen  lassen.
Die  schwierige  Lage,  in  welche  die  Reichsbeamten  der  Ostma  urch  die

Entziehung  der  Zalagen,  *  sind  hat  die  Regierung  veranlaßt  eine
dementsprechende  Summe  wieder  in  den  Elat  einustellen.  Die  Gesamteinnahmen
  zeigen  eine  Pbramich-  Steigerung.  Dies  liegt  an  der  dauernden
Eutwicktung,  unserer  Verhältnisse.  Bei  dem  Kolonialetat  wurde  auch  diesmal
nach  dem  Grundsatz  gehandelt,  darauf  hinzuzielen,  dab  s  immer  mehr
Kolonien  auF  eigenen  Mitteln  erhalten  können.  So  hat  man  daran  festsurhet
  daß  sie  soviel  wie  möglich  Veniglens  ihre  Zivilverwaltung  selbst
Gohlen.  In  Nachtragsetat  ist  den  Neuerwerbungen  in  Kamerun  Rechnung
tragen.  Aber  es  handelt  sich  nur  um  einen  einmaligen  Beitrag.  Der
gusrspch-uir  Sanl  verlangt  eine  Anleihe  von  34  i  Uionen.  Es  handelt

sich  dabei  meist  nur  um  Mittel  für  werbende  zhe
üus  meinen  Darlegungen  werden  Sie  rus  haben,  daß  wir  auch
        <pb n="273" />
        Deas  Pertsqe  RNeiqͥ  und  frinr  rinzelnen  Glieder.  (Dezember  4.)  263

dieemal  an  den  festen  Grundlagen  unseres  Finanzwesens  festgehalten  haben.
Daß  wir  dies  tun  konnten  trotz  der  hohen  Ausgaben  jür  unsere  militärische
Machtstellung,  zeigt,  daß  auch  unsere  finanzielle  Naltnh

konnte  erreicht  werden  durch  Elchnneisne  des  Bedaris  und  Zukuchlcllunq
aller  Ausgaben,  für  die  keine  Deckung  vorhanden  ist.  1913  fl  ind  zehn  Johre
verflossen,  seit  in  unserer  Finansgeschichte  eine  Zeit  ein  seid  6  immer
eine  recht  trübe  Erinnerung  bleiben  wird.  Das  Jahr  1903  brachte  uns
die  #eriode  der  Zuschußangeiben.  Dadurch  wurde  vor  aller  Vaelt  einhgestanden,
  daß  für  d  it  Ausgaben  nicht  mehr  der  noͤtige  Ersatz  gesunden
werden  konnte.  Ich  hoffe,  auf  allen  Seiten  dieses  Haufes  wird  dubei  geholien,

  daß  in  Jukunft  rsaicges  nicht  wieder  vorkommt  und  diese  Zeit  der
Geschichte  angehört.

Abg.  Dr.  Frank  (Mannheim,  Sd.):  Wenn  man  die  Zahlen  ansieht,
dann  hätien  wir  allen  Grund,  auf  den  Drei-Miliarden-Ekat  slolz  zu  sein.
Aber  wenn  wir  fragen,  aus  weschen  Quellen  diese  Riesensummen  lließen
und  wozu  sie  verwendel  werden,  dann  wird  das  Bild  viel  weniger  freundlich.
  Donn  lamet  die  Zenfur  für  den  Herru  Staatssekretär:  „Fleiß  recht

ut,  Leistungen  Long  ungenügend“.  Der  Staatssekretör  meint,  der  Eiat
—8  so  gut  wie  in  den  Vorjahren.  Vielleicht  ist  dieier  gerade  so  schlecht.
enn  wir  an  der  Hand  der  Ziffern  aunächst  die  Einnahme  betrachten,
dann  sehen  wir  1642  Millionen  Eiunahmen,  aus  Zöllen,  Steuern  und  Gebühren,
  das  sind  28  Millionen  mehr  als  im  Vorjahre.  Die  Steigerung
findet  sich  also  gerade  bel  denienigen  eoan,  die  die  breite  Masse  des
Volkes  belasten.  Der  Herr  Staatesekretär  hat  ja  selbst  darauf  hingewiesen.
Dagegen  sehen  wir  Rückgang  oder  Srillstand  bei  solchen  Einnahmen,  die
bouvtiächlich  die  wohlhabenden  Schichten  treffen.  Der  E————
Anteil  der  besitzlosen  Massen  an  der  Tragung  der  Staatslasten  hat
verschlechtert.  Leider  ist  es  aus  den  Zei#ungen  An  ersehen,  das  auch  ’
Herren  der  Volkopartei  an  der  Arbeit  gegen  die  Wahlreiorm  beteiligt  sind.
Hofsentlich  konn  der  Sprecher  der  Vollspartei  diese  Pressemeldungen  hier
widerlegen.  —  Uniere  Demonstrationen  gegen  die  Tenerung  und  den  urieg
bezeichnen  die  bürgerlichen  Parteien  als  nnberechtigt.  Tro#dem  aber  hat
die  Zentrumspartei  ganz  in  derselben  Weiie  gegen  das  Jesuitengeset
Volksversammlungen  obgehalten  und  Pnensn-iin  veranstalick,  um  auf

üben.  Es  ist  eine  Satscheidnun  de  Vade  m  rals  über  eine  Anslegung  des
Jeiuitengeirbes  gejallen.  Ich  halie  diese  Euticheidung  umier  der  Voraus.
ehung,  dan  das  Geien  nun  2inn  besteht,  in  diesent  Augenbuis  für  eine
rifreuliche  Erscheinung,  weil  ich  meine,  es  geht  nicht  an,  daß  durch  eine
banerische  Verordnung  ein  Reichsgeset  verletzt  wird.  Mas  Peoe  bei  dem
Jeinitengesetz  geichient,  kann  morgen  bei  dem  Noalitiousgeietz  und  Üübermorgen
  bei  der  Pre#freiheit  geieheben.  Wir  halten  diejen  Ausgang  der
Sache  für  eine  schwere  moralische  Niederlage  des  Ministeriums  Hertling.
Hertling  wurde  zu  dem  ausschliestlichen  Zwrcke  beruien,  Herr  v.  Herlliug
ollte  wie  ein  Ritter  Georg  gegen  den  Drachrn  deo  Umssturzes  vorgehen,
was  war  aber  seine  erste  Tal  Er  begann  mit  dem  Umsturz  genen  die
Gefeoichsett  Trot  dieses  Zwischenspiels  Dertling  und  kroßz  des  Urteils,
wir  darüber  fällen,  habe  ich  namens  meiner  Fraktion  zu  erklären,  daß
dn  selbstverständlich  vac  wie  vor  immer  noch  keine  Angst  haben  vor  den
Jesuiten  und  nach  wie  vor  bereit  sind,  für  die  Anshebung  des  noch  bestehenden
  Geiepeevasion  zu  stimmen,  obwohl  ausf  dem  Natholikentag  und  auf
Tagungen  der  nirchenfürsten  die  Jesniten  als  das  brite  Mittel  zur  Belämpfung
  der  Sozioldemolratie  empfohlen  werden.  Wir  sind  förmlich  ungeduldig
  auf  den  Antrag  oder  die  Interpellation  des  Zemrume  zum  Jejuiten-
        <pb n="274" />
        264  Jas  Derifér  Neich  und  srinr  rinzelnen  Glicder.  (Dezember  4.)

freue  mich  ouf  den  Augenblick,  wo  Sie  (zum  Zentrum)  aus
gaieg.  Sialdemokratischen  Händen  die  Aufhebun  ug  des  Ausnahmegesehes
empfangen  müssen,  im  gleichen  Augenblick,  wo  Sie  in  Ban  anern  gegen  uns
Ausnahmegesetze  machen.  In  der  Presse  hat  man  von  einer  bochstehenden
Frau  cejrochen.  die  ihren  Unterricht  über  den  Katholizismus  in  Mecklen
burg  genoß  und  nach  ihrer  Uebersiedlung  in  die  Reichsyauptsladt  keine.
Gelegenheit  ban.  ihre  Auffassung  über  den  Katholizismus  zu  korrigieren.
Es  ist  sonderbar,  daß  man  sich  die  Frauen  heraussucht,  obwoon  wir  doch
beitende  Staatemänner  heben  die  man  verantworklich  machen  sollte.  Schon
Vismard  sprach  von  ben  Politilern  in  langen  Kleidern,  und  er  meinte
rammin  Voitint  beidere  5  Ich  aber  fürchte,  daß  das  Truren
die  Aklion  nicht  zu  Ende  führen  wird.  Das  Zemcum  hat  drei  Dah  re  als
Regierungstruppe  Wie  und  ist  gar  nicht  mehr  fähig,  eis  Frurr
Frrostten.  zu  ma  Voen  (Zuruf  aus  dem  Zemrum:  Abwar#t  E
jal  e  ja  eine  Arieeertiaung  gegen  den  Mirhammiifer  erta#en
  die  den  Taulingen  im  Hause  und  om  Bundesratstisch  eine  Gänseaut
  über  den  Rücken  laufen  ließ.  an  *  dieser  Akitgsertlsrung  ist
nachs  anderes  herausgekommen  als  e  Wilitãrvorlage.  iEchr  aut!
I.  und  Heiterkeit.)  Der  gleiche  Mihninisten  .  Heeringen  hot  in  der  Frage
der  BVeförderung  üdiicher  Reserveofüziere  das  höchste  Mislsallen  der  Volksvar#kei
  und  meiner  Partei  erregt:  aber  bei  der  Abstimmung  über  i  sein  a
boben.  alle  bürgerlichen  Parteien  es  bewilligt,  und  nur  wir  hab
ot  den  Willen  zur  Opposition  ausgesprochen.  Gegen  die  rdsn
"E  Jesuitengesetes  werden  natürlich  die  Nationalliberalen  stimm
pasu#  freilich  schlecht  zu  ihrer  sonstigen  Politik,  da  sie  ja  drausten  mie  vpa
der  Jesuiten  umerstützen.  Die  Geiahr  liegt  nicht  bei  den  Jeiniten,  sondern
beim  uierikalismus.  Der  Plan  der  herrichenden  Parteien  ist  deutlich,  der
Norden  soll  von  den  Konservaliven  regiert  werden,  der  Süden  vom  Zentrum.
Die  als  soll  im  Norden  blau  sein  mit  schvarzen  Tubfen  und  im
Süden  schwarz  mit  dlauen  Tupfen.  (Sehr  gut!  und  Oeiterkeit  I.)  In
diesem.  Iahre  wird  das  50#ährige  Indiläum  des  großen  nationalen  Schützensestes
  in  Frankiurt  gefeiert.  Damale  sagte  der  Führer  der  Liberalen,  Oerr#
Schulze-Delitzsch:  „Aue  politische  Biedergeburt  muß  aus  dem  Volke  selbst
hervorgehen.“  Der'  Prinz  Heinrich  o  von  Hohenzollern  aber  meinte:  „Trump
für  den  Bürger  ist  der  Gehoriam.“  Nicmand  hat  sich  gesunden,  der  gesagt
hälle,  nicht  Gehorsam,  jondern  Freiheit  #oll  Trumpvf  sein.  Deswegen  ist
es  unifere  Anigobe,  die  junge  Kroft,  die  in  der  Urbeiterllasse  bnnt  zu
organisieren.  Wir  wollen  nicht,  daß  Gehoriam  Trumof  sei,  wir  wollen
Rebellemtrov.  Wir  wollen  die  Arbeiter  weiterführen  auf  dem  Wege  gegen
Alerikaliomus  und  Nonservativismus,  wir  wollen  ele  jübren,  zur  Freiheit,
zur  W-  und  zum  Sozialismus.  (Beifall
f.  Spahn  „3.):  Die  gegenwärtige  4%%  tritt  für
meine  Palei  augenblicklich  Krück  hiuler  der  Frage,  die  der  Vorredner
zuletzt  behandelt  hat,  himer  der  Frage  der  Ne  des  Jesuitengesezes
  durch  den  Bundesrat.  Wenn  der  Vorredner  für  die  Muitebung
des  Zeiuitengesetes  stimmen  wird,  jo  werde  ich  ihm  dajür  dankbar  sein
und  ihm  alle  die  Bosheiten  verzeihen,  die  er  gegen  uns  gerichtet  hal.  d
ßorredner  meinte,  wir  seien  als  egierungeirunoe  seit  1909  gut  einepxerziert,
  und  er  führte  an,  daß  wir  trotz  der  Duellirage  die  Herrcworkoal.
bewillig  häten.  Die  Tucllfrage  ist  noch  nich!  erledigt.  Der  Ariegsminister
siellle  eine  Nabinennsorder  zuungunsten  der  Duelle  in  Aussicht,  und  dieie
Rabiuettsorder  ist  noch  nicht  erschienen.  #oir  dogen  die  Mithilfe  des  Kriegs-=ministers
  Demonstrationen  vor,  mit  denen  nichis  zu  erreichen  ist.  Der
Vorredner  iprach  donn  von  einer  Niebrage  des  Ministeriums  Hertling.
        <pb n="275" />
        Des  Deuisqͥe  Nrtiq  unl  seiae  einjelauen  Slicder.  (Dezember  4.)  265

Ich  habe  den  Differenzpunkten  zwischen  Bayern  und  Preußen  in  dieser
Frage  nur  *  zuuer  cordnete  Bedeutung  beigemessen  und  hätte  mich  des.
halb  nicht  nn  Hundrrerar  gewondt.  Die  Aushebung  des  des
Fnsenlt  —  nicht  mehr  in  Betracht.  Es  ha  anden  sich  um  den
„und  Sie  wissen  alle,  was  darin  gesagt  wird.  Es  wird  den  Jesniten
die  Ordensniederlaijung  unterjagt.  Der  Neheen  hat  damats  seine  ganze
Macht  aus  den  HLönden  gegeben  in  die  Hände  des  Vundesrates.  Der
Reichstag  hat  haeiben  einen  großen  Teil  seiner  Vosannse  den  Einzelstaaten
abgegeben.  Bei  den  Vorarbeiren  zu  dem  sogenannten  Jefuitengesetz  war
von  Bayern  der  Antrag  gestellt  worden,  man  solle  neben  der  Errichtung
von  Niederlossungen  die  Ausübung  von  geistlichen  Funktionen  verbicten.
Wir  wolltien  dammt  eine  Klarheit  schaffen.  Darauf  ging  aber  der  Bundesrat
nicht  ein.  fi  haben  späler  die  Emscheidung  beim  Oberwerwaltungsgericht
in  Preußen  nachssesiche  Der  Bundcerat  hat  sich  später  auch  mit  der  Frage
beschäftigen  müssen,  ob  durch  die  Beseitigung  des  8  2  eine  Aenderung  eintrete,
  und  zwar  auf  evangelische  Vorstellungen  hin,  die  dos  ganze  Gesetz
nach  dem  Falle  des  8  2  für  nußlos  hielren.  Nun  kam  Bayern,  das  die
Lonse#ezvorträge  gestaomen  wollte.  Preußen  seinerseits  hatte  verfügt,  daß
Zugie  und  philosophische  Borträge  don  Jetiten  gehalten  werden  dürften.
mit  hat  Preußen  die  Euicheidung  ’6  Oberverwaltungsgerichts  über
den  Haufen  geworfen  und  hat  auch  %4%  Tonietenwworkäh  erlaubt.  Nun
at  der  Bundesrat  eine  neue  Enschevung  getroffen,  die  die  katholische
Bevöllerung  aufs  tiesste  erregt.  Die  Bischöse  haben  die  Anfhebung  des
Lesrocke  verlangt.  Es  kamen  die  Versammlungen  der  Katholiken,  die  die
Auihebung  verlongten.  Ich  habe  Nachen  einer  solchen  Versammlung
Pswent.  Memand  hat  den  Gedamten  gehabt,  den  konfessionellen  Frieden
stören.  Die  wehebun  des  Gesezes  würde  den  konfessionellen  Frieden
soneer#e  Eehr,  richtig"  im  3.)  Es  ist  eine  Entschliesung  angenommen
worden,  in  welcher  ausdrücklich  die  Förderung  des  Ell  Friedens
betont  worden  ist.  Es  wird  in  ihr  die  Aufhebung  des  8  1  des  Jefsuitengesees
  verlangt  und  auf  die  Aufregung  bherng  de  die  das  Vorgehen
Preußens  hervorgerufen  habe.  In  der  Eingabe  der  Bischöfe  wird  dasselbe
verlangt.  In  dem  Jeinitengesed  besteht  keine  Rechtsverletzung,  es  verstoßt
gegen  die  Koalitionebestimmungen.  Dabei  mochte  ich  herworheben,  daß  die
Jefuiten  nichts  tun  können,  was  nicht  in  ebertinstimmeung  mit  der  Lehre
der  katholischen  Kirche  geschicht.  Der  Bundesrat  hat  die  Antwort  auf  das
erlangen  der  Katholilen  gegeben.  Der  Bundesrat  hat  alle  Forderungen
abgelehnt.  Er  ist  dazu  gekommen,  eine  Definition  für  die  Zukunft  zu  geben.
Die  schriftstellerische  Tätigkeit  hat  man  den  Jeiuiten  darin  nicht  berbon  n
OaschtcuawVltsekionfthatmaniaftallesboten  Ma  hat  d
auch  die  wiederholten  Beschiüise  des  Reichslages  auner  acht  gelassen.  Zaet
niederlassungen  dürfen  nicht  errichtet  werden.  Das  aher  Sienemihed
kann  sich  im  Deutschen  Reiche  auihalten,  es  können  auch  gibige  beieinander
wohnen,  aber  nur,  wenn  der  Einzelstaat  nicht  sag  t,  das  ist  eine
Niederlassung!  Aber  jede  religiose  Tätigkeit  soll  den  W  verboten  sein.
Nich  einmal  die  Nottaufe  dari  der  Jesnit  vornehmen,  was  do  ch  jeder  Laie
n.  Auch  die  Sterbesakramente  darf  er  Rig  geben,  weil  das  eine  religiöie
Londtung.  ist.  (Hört!  hört!  im  3.)  Während  ich  in  der  Hauskopelle  eine
Andacht  lesen  kann,  darf  es  der  Zesuit  arnen  Er  darf  nicht  Beichten  ent-#chemehmen.
  Was  geht  das  die  Oesientlichkeit  2  Wenn  man  diese
aßregeln  ernstlich  durchnhren  will,  so  führt  das  zu  Deunnziationen  und
Schnüffeleien.  (Sehr  richtigt  im  3.)  Soll  dann  ipäter  ausgeforicht  werden,
ob  der  Jejsuit  bei  zuch  das  Tüchngebet  gesprochen  hat,  wenn  er  zufällig  zu
Gaste  war?  Wir  Katholiken  halten  bejonders  viel  auf  die  Primizmeise
        <pb n="276" />
        Has  Peaisqe  Nriqͥ  aab  srinte  einjeluen  Glieder.  (Dezember  4.)

und  wünschen,  daß  die  Gemeinde  sich  möglichst  vollzähsig,  bernn  beteiligt.
Und  auch  da  schafft  man  uns  eine  Beeinträchtigung  durch  das  Gesetz.  Aber
nicht  nur  gegen  die  Jesuilen  geht  man  mit  Masnahmen  4%  Auch  gegen
andere  Orden,  die  man  den  Jesuiten  gleichstellt.  Durch  diese  e4  men
Gesetzes  werden  am  meisten  gestraft  die  religiösen  Men  Den
HGoanglischen.  hidt  man  alles  frei,  auch  denen,  die  den  Umsturz  predigen.
s  ist  denn  in  Deutschland  vorgekommen,  was  derartige  Bestimmungen
*8  gemacht  hätle,  Und  gehen  wir  ins  Ausland,  was  haden  da  die
Jesuiten  angerichtet?  In  unseren  Kolonien  haben  sie  doch  elwas  sehr
ntcc  geleistet  und  haben  Anerkennung  gefunden,  überall  im  chelete  haben
die.  Jesuiten  for,  das  Deutschtum  gearbeitet.  ir  würden  jür  den  Jesuitenden
  nicht  so  eintreten,  wenn  wir  irgendwie  an  der  Wahrhaftigkeit  des
S  sweiseller.  Aber  wir  haben  keinen  Anlaß  zu  zweifeln.  Wa
hier  verletzt  wird,  das  ist  die  Gerechtigkeit.  Auch  der  konfessionelle  Frieden
wird  gestört  durch  die  Beibeholtung  des  Ausnahmegeseves.  Die  Ordensleute
  werden  ihren  Leidensweg,  den  sie  bis  jett  gegangen  sind,  ruhig  weiler
gehen  in  der  Hoffnung,  daß  die  erecigleit,  siegen  wird.  Sie  werden  au
Leier,  deutsche  Interessen  vertreten.  Aber  das  Reich  nimmt  eine  schwere
auf  sich.  Alle  Schuld  rächt  sich  auf  Erden.  Wir  werden  bestrebt
fein“  25%  Schuld  von  dem  Reiche  abzuwälzen,  indem  wir  daranf  hinwirken,
daß  das  Gesetz  fällt.  Und  es  wird  die  Zeit  kommen,  wo  auch  die  anderen
großen  Parkeien  sagen,  es  wäre  unverständlich,  daß  man  die  Jesuiten  in
ihren  Reschen  krscanie  (Lebhafte  Zustimmun
Schlu  hab  5  in  amen  meine  wne  voren  Ertlrung
  a  a  4.  Juli  1872  betreffend  den  Orden  der
#ng  ar  164%3.  enthält  r*  We  gegen  die  katholiiche  Airche,  und  die
Hootsbürgerlichen  Nechte  der  Kotholiken  im  Deutschen  Reiche.  K  klstereben
  und  die  Wirlsamleit  der  Orden  liegen  im  Bann  der  duben.
Kirche.  Der  Orden  der  Gesellschaft  Jesu,  die  Kongregation  der  Lazaristen
und  der  Sacre  Coeur.Schwestern  sind  von  der  katholischen  Kirche  anerkannl.
Deshalb  ist  das  Verbot  der  religiösen  Tänigteit.  für  die  Jr  ngehbeigen  dieser
Orden  eine  Beschränkung  des  Lebens  der  katholischen  Kirche  und  eine
einträchtigung  der  freien  Religionsübung  der  Kotholiken.  Die  gegen  die
Jesuiten  sane  und  jetzt  erhobenen  Vorwürfe  der  Immoralität,  der  Deutschund
  Kulturfeindlichteit,  sowie  der  Slörung  des  religiösen  Friedens  sind
unwahr.  Der  zur  Beurteilung  der  Jeiniten  zuständige  deutsche  Episkopat
hat  ihnen  wie  1871  so  auch  jetzt  bezengt,  daß  sie  sich  durch  die  Unantastbarkeit
  ihres  Lebenswandels  und  ihrer  Wissenschait  „,  sowie  nicht  minder
durch  ihre  eifrige  und  gesegnete  Wirksamkeit  in  der  Hilfsseelsorge  auszeichneten.
  Die  Bekanmmachung  des  Bundesrats  vom  28.  November  1912
verleut  durch  das  Verbot  der  Forlerllühen  Tätigkeit  der  Ordenspersonen  die
Geraiseneireihein  der  natholiken,  welche  die  Spendung  der  Sakramente  ihrer
Kirche  nach  ihrer  Wahl  von  denijeuigen  Priestern  müssen  empfangen  dürfen,
denen  sie  ihr  Vertrauen  schenken.  Der  Bundesrat  hat  die  in  den  Auenahmegejetzen
  gegen  den  Orden  der  Gesellichaft  Jesu  liegenden  Eingriffe
in  die  bürgerliche  und  tirchliche  Freiheit  verschärft.  Unter  diesen  Unetänden
können  wir  zu  Reichskanzier  und  Bundesrat  nicht  das  Vertrauen  haben,  d
die  Bedürinisse  der  Kalholiken  im  Deutschen  Reiche  bei  ihnen  eine  Em#t
Behondimg  widen.  Wir  werden  unser  Verhalien  dementsprechend  einrichten.
azler  Dr.  v.  Bethmann  Hollweg:  Der  Abg.  Spahn  hat
von  der  giches.  Elrezung  gesprochen,  in  die  das  aboliiwe  Van-  durch  d
letzten  BundesratsbeschluW  zum  Jeinitengeiet  verse#t  worden  sei.  Gewi
greisen  die  Streitigkeiten,  die  das  religiöse  Gebiet  r#ben  uns  #euusseen
viel  tiefer  an  das  Leben  als  anderen  Nationen.  Seit  Jahrhunderten  sind
        <pb n="277" />
        Vas  Nestftr  Mic  ud  seinr  eiufriurn  Elirder.  (Dezember  4.)  267

solche  Steitigleiten  werhöngnigvolt,  und  vielfach  blutige  Kapitel  der  deutschen
Geschichte  gewesen.  Das  vergißt  ein  Bolk  wie  das  deutsche  nicht.  Darum
gehen  die  HBaen  der  Erregung  heune  wieder  hoch,  aber  a  beiden  Seiten,
denn  den  zahlreichen  Stimmen  aus  katholischen  Kreisen,  welche  die  Zurückberufung
  der  Jesuiten  verlangen,  stehen  zum  mindesten  ebenso  zahlreiche
Aeußerungen  von  evangelischer  Seite  gegenüber,  welche  der  ernsten  Besorgnis
  vor  der  Zurückkunft  des  rdens  Jeiu  Ausdruck  geben.  Ich  halle  es
für  notwendig,  daß  wir  bei  einer  Beurteilung  dessen,  was  eschete  ist,
uns  von  der  Erregung  der  Gemüter  möglichst  freihalten.  ng
ist  folgender  geee  Das  Geset  vom  4.  Juli  13872  schließt  den  Bhnns
orden  vom  Deutschen  Reiche  aus  und  erteilt  dem  Bundesrat  den  Auftra
und  die  rdeen  die  ersorderlichen  K  zu  fassen,  damit  .
Ausführung  des  Gesetzes  verwirklicht  wird.  Das  hat  der  Bundesrat  in
dem  bekanmen  #ichu  vom  5.  Juli  1872  gcton.  Auf  Grund  dieses  Beschlusses
  ist  40  Jahre  lang  das  Vesesz  ausgeführt  worden.  Der  Beschluß
2  Vercchirdemmlich  den  Entscheidungen  höchster  Gerichte  zugrunde  gelegen.
rat  eine  Definstion  des  Begriffes  „Ordenstätigkeit“  nicht
*  hat,  *  —  ich  habe  darũber  im  Frũhiahr  dieses  Jahres  hier
rochen  —  im  Reiche  eine  Praxis  für  die  Haudhabung  dee  Geießzes  geihdet,
  welche  in  allen  Hauptpunkten  in  den  einzelnen  Bundesstaalen  die
gleiche  gewesen  ist.  Diese  Praxis  hat  im  Laufe  der  Zeiten  die  Tenden
hehabt,  sich  nicht  zu  Fibserkl,n  sondern  sich  zu  mildern.  Und  wenn  die
Katholiken  auch  während  de  anzen  Zeit  mit  Nachdraat  besikeh  eweea
sind,  das  ganze  Gesetz  uhprhlien  so  werden  sie  doch,  wenn  sie  einmal
das  Sesuitengeset  als  eine  Lex  lata  und  nicht  als  eine  Lex  kerenda  be-7
  mndeln,  ich  klor  sein  darlorce  daß  schikanöse  Praktiken  bei  der  Handhabung
s  Gesebes  nicht  zur  Anwendung  kamen.  Und  das  war  im  Interesse  des
efchieieen  Friedens  nur  zu  begrüßen.  Der  #eicrolon  und  der
Bundror#a#t  hatten  keinerlei  Anlaß,  an  diesem  stande  zu  aen.  Da  ist
der  bayerische  Erlaß  gekommen.  Dieje  laß  hat  und  den
Bundesrat  genötigt,  uns  neuerdings  mit  Vnt  i  dn  Jesuitengesetzes
  zu  befassen.  Ich  muß  dies  gegcnüber  den  erregien  Klagen  in
latholischen  Kreisen  ausdrücklich  vor  dem  Lande  feststellen.  Bei  uns  ist  die
Inttiative  nicht  gewesen.  (Lebhafte  Zustimmung.)  Aber  indem  ich  dies  seststelle,
  will  ie  ich  mich  in  keiner  Weise  m  mit  t  den  Verwäbsen,  identizieren,  die

e

Bundesrats  gebracht  hat,  sollte  die  bajerische  Regierung  jedes  Vorwurjes
des  Versuches,  das  Reichsrecht  zu  beugen,  überheben,  auch  in  den  Augen
derjenigen,  die  nicht  in  jahrelanger  Geschäftslätigkeit  ersahren  haben,  mit
welcher  Peinlichkeit  und  mit  welcher  über  allen  kleinen  Sonderinleressen
Fhobeuen  Bundfetreue  Bayern  zum  Reiche  stcht.  (Beifall.)  Was  hat  denn
un  der  Bundesrat  auf  den  Antrag  Ezx#  beschlossen?  Doch  nicht
das  Jesuitengeietz!  Do#  besteht  seit  410  Jahren.  Jo,  ich  würde  die  Erregung
  in  katholischen  Ureisen  verstehen,  ich  i  selbst  gewisse  über  alles
Maß  hinausgehende  Aecußerungen,  die  wir  in  diesen  Tagen  in  der  kalholischen
  Presie  geleien  haben,  begreifen,  wenn  wir  jent  neuerdings  den  Orden
der  Geiellschaft  Jesu  aus  dem  Deuischen  Reiche  ausgeschlossen  hälteen.  Das
ist  ober  nicht  der  Fall.  Der  Bundesratsbeschluß  vom  23.  November  legt
lediglich  die  Praxis  dar,  nach  der  ein  bestehendes  Reichsgeset  auszuführen
ist.  Der  Abgeordnete  Spahn  hat  das  bestritten.  Er  siehl  in  dem  Bundes,
ralsbeschluß  eine  Verschlimmerung  des  britehenden  Zustandes  Sehr  richtig!
im  Zentrum)  und  er  hat  zum  Beweise  eine  Reihe  von  Details  vorgebracht.
        <pb n="278" />
        268  Hes  Ba#sch  Rrich  u#d  seim  rintelurn  Glieder.  (Dezember  4.)

Ich  muß  es  einem  anderen  Herrn  Mitarbeiler  beclaen  auf  diese  Details
zu  antworten.  Für  mich  kommt  es  darauf  an,  das  mdsätzliche  festzulegen.
  Der  Pon-vrbnks  ldid  ist  gefaht  aus  der  oues  diejenige  Auslegung
  zu  kodifizieren,  welche  die  Bundesregierungen  bei  Hondhabung  des
Gesetzes  dem  Utdege  obchcnur  vom  b.  Juli  137/2  gegeben  hoben.  Bei
der  eigenartigen  Siruktur  des  Gesetzes,  das  eine  Strafandrohung  nichl  kennt,
und  hach,  Ausfhebung  des  &amp;amp;  2  des  E  ist  es  sehr  wohl  möglich,  ja  ich
möchte  es  als  t  bezeichnen,  daß  die  Jesuiten  vielfach  Über  jene  Ausbeung.
  hinaus  unbehelligt  eine  Wiigielt  ausgeübt  haben.  (Sehr  richtig!)
Vei  ndhabung  des  Gesenes  hat  man  sich  eben  namenklich  in  der  leblen

Neit  on  jeder  NAachichnüfeie,  von  jeder  Schikane  ferngehalten.  Die  be-Hu#e.
  Handhabung  des  Gese#es  zu  ändern,  ist  nicht  Zweck  und  Absicht
des  jepigen  ##ebengeschlalee,  Für  den  Bundesrat  und  den  Reichstag
lag  keinerlei  Veranlassung  vor,  einen  Gegenstand  materiell  neu  zu  ordnen,

mit  dem  er,  ohne  das  Vorgehen  Bayerns,  ohne  seinen  Antrag  an  den
Bundesrat  keine  Veranlassung  gehabt  hätte,  sich  behoonn  zu  beschäftigen.
Meine  Herren!  Das  ist  der  Hergang  und  diesen  Hergang  sollte  man  sich
bei  einer  id  des  Bundesratsbeschlusses  auf  allen  Seiten  gegenwäriig

racht  hat,  den  Schluß  e

dstrjniise  der  katholischen  Bevollerung  überhaupt  vom  Bundesrat  dicht
erecht  behandelt  werden  sollen,  wenn  Sie  deshalb,  wie  Sie  es  tun,  dem
undesrat  und  mir  das  Verkrauen  kündigen,  und  wenn  Sie  danach  Ihr
gesamtes  politisches  Aelen  einrichten  wollen,  ja  meine  Herren,  was  heißt

hnr  die  Jesuitenfrage  zum  Eckstein  Ihres  politischen

Programmes  nachen-  6n  Justimmung.)  Meine  Herren,  daß  Sie  als
Glieder  Ihrer  Kirche  die  Beseitigung  des  Jesuitengesetzes  herbeiführen
möchten,  wer  wollte  Ihnen  das  verdenken?  Uber  neben  den  24  Millionen
Katholiken  leben  4“  Millionen  Evangeliiche  in  Demschland,  beide  Söhne
eines  Volkes  und  in  allen  Schickungen  des  nationalen  Lebens  auf  Gede
und  Verderben  zusammengeichmiedet.  Lsrhe,  *rm  Meine  Hrs  ift
eine  geschichtliche  Tatsache,  daß  sich  das  e  erssche  Vo  olksempfinden
von  ieher  gegen  die  Tärigkeit  der  deben  l  gekehrt  hat.  (Sehr  richtig!)
Das  ist  eine  Taksache,  die  Sie  weder  durch  Gründe  no  ch  durch  Dialektik
wegleugnen  können.  Sie  können  in  di  Tatsache  auch  nicht  ein  Phanlom
oder  eine  D#isintasie  der  Evongelischen  erblicken.  Die  streitbare  Tätigeit,
  die  d  Jlwiten  in  vergongenen  Zeiten  auf  ollen  Gebieten,  in  der
nirche,  in  5  S  olitik,  in  der  Schule  entsallet  haben,  ihr  internationoler
Charak##er,  ihr  Wieerharken  gegen  die  Bildung  des  modernen  Staategedankens
  haben  den  Orden  wiederholt  nicht  nur  in  den  protestantischen,
sondern  auch  in  rein  katholischen  Ländern  mit  den  Staatsregierungen  in
Widersuruch  gebracht.  (Lebhaites  Sehr  richtig!)  Ich  brauche.  Ihnen  nicht
die  VGeschichte  Zu  rekapienlieren.  Und  da  können  Sie  sich  nicht  wundern,
meine  Herren,  wenn  in  evangelischen  Kreisen  bei  der  Frage  in-  Zulassung
oder  Nichtzulaffung  der  Jejuiten  vielleicht  unbewust,  aber  doch
wieder  die  Erinnerung  an  die  Zeiten  nachziunert,  in  denen  fanatischer
Glanbenehaß  unier  Vaterland  zerriß.  Möge  uns  das  Geschick  vor  der
Wiederkehr  von  Zuständen  bewahren,  in  denen  um  des  Glaubens  wileen
die  Glieder  des  Volkes  einander  ceie.  wurden.  Deshalb  —  und  d
miit  dark  ich  schließen  —  muß  ich  meine  warnende  Stimme  erheben,  wonn
jetzt  im  katholischen  Teile  Teusschlans  der  Bundesratsbeschluß  als  die
        <pb n="279" />
        Des  Pertsqͥe  Rrich  und  sriur  einzeinen  Glicder.  (Dezember  4.)  269

Wiedereröffnung  des  Kulturkampfs  dargestellt  wird.  Diejenigen,  die  das
tun,  laden  eine  schwere  und  verhängnisvolle  Herankwertun,  4%  auf  sich  (Lebbeftet
  Sehr  richlig!),  die  sie  weder  mit  dem  Inhalt  des  Bundesratsbeschlusses,
  noch  mit  dem  Hergang,  der  zu  seiner  Fassung  geführt  hat,  verteidigen
  m—

6.  Grof  Westarp  (K.):  Wir  wissen  uns  von  jeder  Gebassiggeit
gegen  ur  .t  Kirche  und  die  katholische  Bevölkerung  krei.
können  uns  der  Pritik  des  Herrn  Spahn  Über  den  Bundesrats  eichluß  *
nicht  anschließen  und  können  die  Schlußfolgerung  daraus  nicht  für  berechtigt
halten.  Dos  Gesetz  besteht,  und  bestehende  Gesetze  mässen  durchgeführt
werden.  Na  achdem  Atti  ba  derische  Regierung  ihrerseits  dem  Bundesrat  die
Aslegungeschwiertgteiten.  zu  Geltitigen  vorgeschlagen  hatte,  war  es  Pflicht

e  neue  Ausfũhrungsorbnung  zu  erlassen.  Die  ganze
*  gebietet.  dieses  Rchrsverhan  anzuerkennen.  Der  Bundesrat  hat
nicht  beabsichtigt,  mit  der  neuen  Berordnung  eine  Verschärfung  herbei-#uchren.
  Lediglich  eine  Inderbreguion  war  geboten.  Diese  Sner
jolte  keine  Abweichung  von  der  bieherigen  ie  bringen.
blick  ist  es  außerordentlich  schwer  zu  sagen,  ob  der  #ungrgrateleschiusge  Au
einer  Auslegung  des  Gesetzes  zu  ia  die  eine  Verschärfur  ng  des  Bundesratsbeschluste
  zur  Folge  hat.  Der  Eiat  been3  einen  finanziellen  P  dorch
und  deeser  ist  die  Folge  der  Finanzreform  von  1909.  Ohne  die  Finanzresorm
  hätte  die  Heserune,  der  nnriben  Verhöltniste  t  geholfen.
Wir  würden  eine  Milliarde  ge  Schueden  mehr  haben.  Die  Ergebnisse  der
Steuern  von  1909  haben  den  Erwartungen  enisprochen.  2#r  freilinnige
Keil-  hat  nicht  genug  klagen  können  über  den  verderblichen  Einfluß  der
in  Steuern.  Auf  der  andern  Seite  ist  sie  befriedigt  über  den  großen
miensaslichen  nusschpung.  Es  ist  jeht  Möglich  geworden,  die  Mannschasielöhne
  zu  erhöhen  und  die  Schulden  in  viel  stärkerem  Maße  zu  tilgen  als
vor  1909.  Für  unsere  ganze  Stellung  in  der  Welt  ist  die  Wehrvorlage
entscheidend  geworden.  Man  hat  in  weiten  Kreisen,  besonders  in  Offizierskreisen,
  die  ie  hrvoriage  als  —  bezeichnet.  Diese  Ansicht  ist  unberechtigt.
  Diese  Unruhe  hat  ihren  Zusammenhong  mit  den  kritischen  Jeiten,
in  denen  wir  leben.  Man  soll  aber  auch  in  solchen  Zeilen  das  Vertrauen
ben,  daß  derartige  organisatorische  Aenderungen  sorgfältig  und  ausreichend
vorbeteieer  aiw  Wenn  eine  „eschteunigung  oder  Verstärkung  nölig  werden
Putten  so  wird  der  Reichstag  dafür  zu  hoben  sein.  Die  Ergänzung  zum
Ausbe  Wo  —  brpehen  wir.  Wienn  üssen  den  Vorsprung,  den
uns  *  Zeppeliniustschiffe  verschaffen,  ausnihen.

4.  Dezember.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Beratung
des  Antrags  aller  bürgerlichen  Parteien,  die  Erwerbung  eines  Teils
des  militärfiskalischen  Grundstücks  Prinz  Albrechtstraße  6  für  das
Abgeordnetenhaus  zu  beschließen  und  die  Regierung  zu  ersuchen,
dafür  Sorge  zu  tragen,  daß  bei  allen  Anderungen  in  den  Eigentums.,
Besitz=  und  Benutzungsverhältnissen  der  die  Landtagsgrundstücke
umgebenden  Reichs-  und  Staatsgrundstücke  auf  die  Bedürfnisse  des
Abgeordnetenhauses  die  gebotene  Rücksicht  genommen  und  von  der
Absicht  solcher  Anderungen  rechtzeitig  Mitteilung  gemacht  werde.

Aus  der  sehr  erregten  Debatte,  bei  der  auch  betont  wird,  daß  der
Garten  des  nur  jelten  versammellen  Herrenhauses  den  Mitgliedern  des
Abgeordnetenhauses  verschloisen  ist,  geben  wir  nur  die  Nede  des  Abg.
        <pb n="280" />
        270  Des  Derisqe  Reiq  aul  seine  einjelnen  Elleder.  (Dezember  1.  7.)

Dr.  Friedberg  (Nl.):  Wir  —  „anches  6n  Flabitn  aber  so  eiwas
noch  nicht.  (Lebhaftes  Sehr  richtig!)  Ich  ei  an  die  Verzögerung
unserer  Anträge  über  die  Fusescngnn  Bor  ous  Fe  alles  nicht  so  Schkron
s  die  Rücksichtslosigkeit,  die  in  diesem  Falle  uns  gegenüber  bewiesen  ist.

Wir  haben  wiederholt  die  Absicht  bekundet,  unser  Nachbargrundstück  zu
erhalten  als  Vorten.  *4•5½  geht  ded  Lanher  hin,  ohne  daß  jemand  etwas

erfährt,  und  ve  ieles  Grund  n  Privathände.  Auch  bei  den
gauigen  Be  #  die  n  nur  durch  Kommissare  vertreten.

S#törung?  Von  einer  großen  Dekorationsfirma  könnte  der  Kanzler  lernen,
daß  es  bessere  Dekorationen  gibt,  als  er  hier  gewählt  hat.  Auch  der  Handelsminister
  leidet  durch  den  Verkauf  unseres  Nachbargrundstückes.  Glandt  der
Reichskonhler,  daß  dieser  stärkere  Nerven  hat  als  er?  Der  Kanzler  hat
rücksichislos  uuere  Intereisen  Privatintereisen  geopfert.  EmBos  Siemung.)
  Unser  Nochbargrundstüch  ist  seinerzeit  kostenlos  dem  Militärfiskus
überlassen  worden.  Das  hälte  eine  ganz  besondere  Rücksichtnohme  erfordert.
Wir  sind  absichllich  vor  eine  seste  Talsoche  gestellt  worden  und  sollen  Sünden
büen,  die  —#  begangen  dob  (Lebhafite  Zustimmung.)  Wenn  ich  Opmmist
  wärc,  würde  ich  den  Amrag  stellen,  zu  der  Berhandlung  dieser  Angelthende
  die  ur  des  ruchpiichen  „Ministerpräsibenten  Ju  verlangen.
(Lebhaste  Zastimmung))
ßer  Antrog  Lippmann,  den  Ministerpräsidemen  und  den  Kriegsminister
  —f  an  dieser  Berhandlung  leilzunehmen,  wird  gegen  die
konserwativen  Stimmen  angenommen.  (Siehe  12.  Dezember  S.  276—278.)
4.  Dezember.  (Schweslin.)  Der  Reichskags-  und  Landtags.
abgeordnete  des  Wahlkreises  Slolp-Lauenburg  (Pommern)  Will  1.
64  Jahre  alt.
7.  eener  (Reichstag.)  Das  Petroleummonopol.
fßt  Entwurf  eines  Gesetzes  über  den  Verkehr  mit  Leuchtol,  der
zur  ersten  esung  steht,  bestimmt,  daß  die  Einsuhr  und  Herstellung  von
Mineralölen,  die  zum  Brennen  aus  Lampen  geeignet  sind,  sowie  der  Großhandel
  damit  im  Jollinland  ausschließlich  dem  Reiche  gstchen-  Das  Reich
lann  diese  esie  an  eine  #eisbgefeuscha  übertee#
teselkreär  ühn:  Der  Geseenwurs  s-  Fre  Verkehr  mit
Lenchol  K.  zunächst  nicht  ein  Gesetz  zur  Dedung  eines  Geldbedarss.  Er
ist  auch  kein  Geisenz  von  irgendeinem  politischen  Charakier,  sondern  er  ist
eine  irnIchastlicne  Man#nahme,  die  den  deutschen  Verbraucher  vor  der  Abhängigkeit
  vom  Ausland  schützen  soll.  Er  ist  aber  vauch  nicht  ein  eigentliches
  wirtichaftliches  Nampigesetz  und  richtet  seine  Spitze  nicht  irgendwie
gegen  das  Ausland,  insbeiondere  nicht  gegen  die  Vereiniglen  Staaten  von
Amerita,  denen  gegenüber  wir  wie  immer  einen  außerordemtlichen  Wert
auj  ein  jriedliches  und  freundichaftliches  Zusammenarbeiten  legen.  Er  richtet
sich  auch  nicht  gegen  ein  bestimmtes  Privatunternehmen,  die  Stondard  Oil
Compamm,  die  nach  Blättermeldungen  zunächst  den  Entwurf  als  eine  Kriegs
erklärung  ausgeiast  hat.  Wir  beabsichtigen  nicht,  die  natürliche  Lwicktn
diejer  Geiellichaft  zu  unterbinden.  Wir  wollen  nur  verhüten,  doß  lie
deutschen  Verbraucher  gegenüber  eine  rn—mlinmu  erlangt.  die  sie,  *5
man  uns  sagt,  nicht  begehrt.  Es  handelt  sich  also  um  eine  wirischaf
liche  Vorsorgmaßregel,  und  man  di  erwarten  dürjen,  daß  sie  anil.
        <pb n="281" />
        Deas  Brche  Keich  und  seinr  ringetarn  Glieder.  (Dezember  7.)  271

auf  ihre  Notwendigkeit,  ihre  Durchführbarkeit  und  ihre  Wirkung  gyran
werden  würde.  Die  Behandlung  aber,  die  der  Entwurf  in  der  Pres

sahren  hat,  entipricht  nicht  diesen  Erwartungen.  Neben  za  hnr  reichen  #rand
läslichen  Istimmngerhiärungen,  von  denen  die  Regierung  dankend  Akt
nimmt,  wur  aber  auch  zahlreiche  Angriife  laut,  die  die  gebotene  Sachlichkeit
  runien  lassen.  Es  erhob  sich  eine  heftige  Fehde  in  den  Zeitungen
zwischen  zweaiS  Bankgruppen,  als  ob  die  eine  der  anderen  ihre  Vorzugsstellung
  in  der  zu  gründenden  #reistsgesellihent  neide.  Eine  Beiteng
E-  *  im  Blätterwalde:  Hie  Bonk  X,  hie  Bank  )  und  der  harmlose
Leser  griff  sich  an  den  Ropf  und  fragle  sich,  ob  es  c  hier  wirklich  um
eine  große  Aktion  der  verbündeten  Negierungen  oder  nicht  vielmehr  um
einen  kleinlichen  #werresenkrret.  verschiedener  Banken  handle.  Mit  dem
Wesen  der  Sache  hatie  das  nichts  zu  tun,  aber  die  Verwirrung  war  da
und  scheint  noch  rient  then  wichen.  Einige  Blätter  icheuten  sich  sogar  nicht
zu  sagen,  daß  wir  zugunsten  einer  privaten  Unternehmung  verfahren.  Dabei
ist  sogar  einmal  die  Regierung  als  „nachgeordncte  Stelle“  einer  hiesigen
Bonk  bezeichnet  worden.  Sonht  daß  irgendein  Regierungsorgan  zu  einem
Geldinstitut  im  Verhältnis  der  Ubhängigkeit  oder,  wie  es  jeßt  heißt,  der
Hörigkeit  steht,  oder  daß  so  etwas  im  Erust  auch  nur  behauptet  werden
könnte,  lind  wir  im  Deutschen  Reiche  Gon  sei  Dank  noch  nicht  gekommen.
Kllerdings  im  allgemeinen  wurde  die  Regierung  von  der  Presse  auch  etwas
climpslicher  behandelt.  Es  wurden  nicht  ihre  ehrlichen  Absichten,  sondern
mehr  ihre  intellchtuellen  Fähigkeiten  bezweifelt.  Sie  soll  bestimmt  worden

denn  irgendeine  Großbank  dahinter  gestanden  r#  ols  am  15.  März  1911
der  Reichstag  einmütig  die  Resolmion  beschloß,  die  die  Regierung  zur  8
bringung  dieier  Vorlage  veranlaßt  hat?  Diest  Resolution  wurde  bie  Gru
lage  des  Gesebes.  Gegen  das  Gesetnz  sind  nun  zunächst  eingenommen  die
Gegner  eines  ieden  Mo  epelsen  Denen  ist  doch  wohl  usegenhuaen.
daß  es  sich  hier  ein  Monopol  im  strengen  Einue  des  Wories,  um
die  ssassung  -  157  Enpbosnmmite  durch  staatliche  ““  nicht
handett.  sondern  im  wesentlichen  um  die  Regelung  de  Zuführung  eines  ausländischen
  Produktes  on  den  inländischen  Zwiichenhandel.  Aber  neunen  Sie
das  immerhin  ein  Monopol,  ich  will  über  den  Namen  nicht  streiten.  Jedenfalls
  zumerscheinet  sich  unser  Entwurf  von  ähnlichen  Projekten  durch  leinen
weck:  nicht  die  Einschränkung  des  inländischen  Gewerbes,  sondern  im
egenteil  die  Sicherung  tunlichst  zungehemmter  Entwicklung  ist  das  ledte
Ziel.  Schwerer  wiegt  der  Eimvand,  es  liege  hier  kein  Anlaß  vor,  den
gegenwärtigen  Zusiand  zu  ündern.  denn  die  Standard  Oil  Company
vermöge  beiser  und  billiger  den  Markt  zu  versorgen  als  jede  andere  Unlernehmung,
  sie  habe  tatsächlich  bden  deutschen  Markt  besser  versorg!,  als  cs
die  Vertriebsgrsellschaft  könne.  Sie  habe  niemals  von  ihrer  Macht,  den
Preis  zmungunsten,  der  Verbraucher  in  die  Höhe  zu  schrouben,  Gebrauch
gemacht.  Ich  will  darüber  nicht  richten,  aber  menschliche  Anschauungen
und  Handlungen  sind  dem  Wechsel  unterworsen.  In  einzelnen  anderen
Staaten  hat  die  Furcht  vor  der  Uebermacht  der  Siandard  Oil  Company
bereits  zu  Gegenmaoßnabmen  geführt,  io  in  Rumänien,  in  Cesterreich.  n
Schweden  und  namentlich  auch  in  den  Bereinigten  Staaten.  Es  kom
nicht  darauf  an,  welche  nachteiligen  Absichten  die  Gesellichaft  einmal  zunn
gegen  uns  haben  könnie,  sondern  darauf,  daß  wir  dafür  sorgen,  daß  sie
        <pb n="282" />
        272  Has  Hfc  Neich  ud  srinr  einelnen  Glieder.  (Dezember  7.)

sol  e  Absichten  qeqea  ans  überhaupt  nicht  durchführen  kann.  Ntilich

L  wir  nicht  zu  uf  dunsfühlrheren  Maßnahmen  greifen.  Man  hat  uns

nun  vorgeworsen  vene  M.  itwirkung  der  Standard  Eit  gonpen  gei  einc
g

mit  dem  Erlaß  des  Gesetzes  auch  nicht  einen  Angerblick  mehr  gewartet
werden.  Eine  solche  Gefahr  besteht  nun  allerdings  nicht,  weil  eine  Verlechung
  auch  unabhangig  von  der  Standard  Oil  Company  sich  ermöglichen
.  Man  muß  fragen:  Ist  die  unabhängige  Produktion  groß  genug,  um
den  Bedarf  des  6  heimischen  Marktes  zu  decken?  Diese  Frage  ist  zu  bejahen.
Der  deutsche  Verbrauch  bildet  nur  einen  Vrucheil  der  *  uns  erreichbaren
trustfreien  Produktion  und  kann  daher  bei  den  amerikanischen  Außenseitern
und  bei  den  außeraomerikanischen  Produzenten  leicht  eingedeckt  werden.  Eine
ganz  a#  r  IFrage  ist,  ob  die  Regierung  sich  bereite  jetzt  die  Deckung  des  deutschen
  Be  durch  Vorverträge  gesichert  hat.  Möglich  wäre  es  gewesen,  wir
hen  3  wsesch  Beweis  der  Bersorgungsmöglichleit  erbringen  können.
hmßhe  die  Regierung  eines  Tages  mil  dem  Eutwuri  in  der  Hand  mit  volln
  gedecktem  Bedarf  vor  die  Oefsentlichkeit  geiceten,  46  *nr  "S  dien
leicht  bie  reng  der  Großzügigkeit  nicht  versagt
aber  doch  ein  Mangel  an  Besonnenheit  gewesen.  Der  eite  ——
unseres  größten  Küeshraen  hätte  ohne  Not  Störungen  und  nruhigungen
#erwergerusen.  und  eine  offenbare  Unbilligkeit  dargestellt.  Wir  wollen
Standard  Oil  Co  ompany  ruhig  eine  Beteiligung  lassen,  verhält  sie  sich  btt
ablehnend,  so  müssen  wir  natürlich  Verträge  ehnet  4%  abschließen.  Aber
für  wünichenzwen  halte  ich  ein  solches  osgegen  cht.  Wir  wollen  gern
der  Standard  Oil  Lomwand  den  Weg  zu  einer  Pe  dn  Fuchalten-Wie
  longe  das  uns  aber  Mröglich  sein  Frie  das  läß  sich  nicht  sagen,
da  die  Außenseiter  klare  #che  auf  ihre  Angebote  haben  schuic  n.  ist
in  der  Deffentlichleit  viel  zu  wenig  brachtet  Lorden,  doß  nach  §  20  des
Gesetzentwurfs  die  Inkraftsetung  e  Gesetzes  nach  seiner  Berabschiedung
erst  durch  besondere  Verordnung  de  VBundesrats  erjolgen  soll.  Auf  Grund
eines  schon  beschlossenen  Gesetzes  konn  man  natürlich  fester  und  energischer
vorgehen  als  obn  dieses.  Selbstverständlich  würde  der  Bundesrat  des
Gesetz  nicht  in  Kraft  setzen,  wenn  nicht  die  Versorgung  des  deuische
Markties  in  aineKrhtenß  Weise  auf  auerrichende.  Zeit  sichergestellt  ist.  Eine
gonze  Reihe  von  Beapisendungen  *E.  sich  dagegen,  daß,  wenn  man  nun
einmal  zu  einem  Monopol  schreitet,  das  nicht  ein  Staatsmonopol
werde,  sondern  der  Vertrieb  der  freien  Gewerbetsigten  bberaflen  lei.  Ich
habe  niemals  daran  gezweifelt,  daß  das  letztere  doch  das  Richtigere  sei,
zumal  auf  einem  rein  kaufmännischen  und  so  chhen  Gebiete.  Ich
weiß,  daß  wir  eine  ganze  Reihe  von  Beamten  haben,  die  ohne  weiteres
einen  guten  Naufmonn  abgeben  würden.  Uber  die  Beamien  würden,  solonge
  sie  im  Amie  sind,  zur  Ausjührung  der  Sache  nicht  geeignet  sein,  da
sie  da  nach  bestimmten  Normen  verfahren  müßten.  Vielleicht  schwächt  sich
das  Bedenken  gegen  die  gewählte  Geiellichaitsform  ab,  wenn  man  die  Ansorderungen
  an  die  neue  Gejellschaft  in  Betracht  ziehl.  Sie  muß  kapitalkräftig
  sein  nicht  nur  für  die  Uebernahme  der  vorhandenen  Anlagen,  sondern
auch  für  den  Berrieb.  Nur  bei  Vorhandensein  der  noligen  Miltel  kann  er
zweckmäßig  ausgestattet  werden.  Sie  muß  beweglich  und  darf  nicht  bureaukratisch
  sein,  dancben  aber  doch  in  großem  Umfange  der  staatlichen  Aufsicht
unterliegen.  Nun  wird  gejogt,  die  Staatstomrolle  reiche  nicht  aous
Eindämmung  der  ##tonniceren  Dabei  gehl  man  immer  von  der  irrigen
Ansicht  aus,  als  ob  wir  nur  mit  einer  bestimmten  Bankgruppe  arbeiken
        <pb n="283" />
        Das  Vel  Reich  und  seinr  rintelnen  Slitder.  (Dezember  8.)  273

wollten.  Der  Regierung  sind  in  keiner  Weise  die  Hände  #hunden.  6o
arbeitet  mit  allen  Gruppen  zusammen.  Der  Gesetzentwurf  hat  auch

die  Absicht,  das  —  zu  fördern.  Auffällig  ist  bei  den  Lchnh
r  en  das  Projekt,  daß  die  Herren,  die  speziell  das  heimische  Großkapital
ei

n
daß  sie  dadurch  das  ausländische  Großkapital  fördern,  das  doch  krästiger
und  strupelloser  und  kfür  Deutichland  gefährlicher  ist.  Für  Staatsaussicht
haben  wir  doch  wirklich  genügend  Garantie  geschaffen.  DZ  daß  nachkräglich
  eine  Interessengruppe  überwiegen  könnte,  sind  alle  Vorkehrungen
getroffen.  Es  ist  auch  dafür  gesorgt,  daß  kein  Teilchaber  an  der  zu  gründenden
Gesellschaft  sich  die  Gewinne  aus  der  Produktion  vorher  verschaffen  kann.
Hier  läßt  sich  volllommen  vorbeugen,  daß  eine  Bankgruppe  sich  auf  Kosten
der  Konsumenten  besondere  Vorteile  verschafft.  Sollte  der  Reichstag  hier
noch  weiter  gehen  wollen,  so  würde  dagegen  nichts  einzuwenden  sein.  Das
Wichtigste  wird  immer  sein,  daß  die  Aufsicht  durch  den  Reichskommissar
energisch  gehondhabt  wird.  Die  Gesellschaft  muß  rapitalien  für  lange
ohre  festlegen  und  deshalb  muß  ihr  fiibsseerstenih  ein  gewisser  Gewinn
sgelegt  werden.  Die  Konstruktion  des  Entwurses  ist  so,  daß  die  Gesellschaft
  nur  ein  Interesse  hat  an  einem  möglichst  niedrigen  Konsumentenpreis.
Es  liegt  auch  kein  Grund  vor,  weshalb  die  deulsche  Gesellschaft  teurer
arbeiten  sollte,  als  die  amerikanische,  gu  die  Gesellschaft  viele  Ersparnisse
machen  kann  bei  der  Reklame  und  ie  den  Konkurrenzkampf
würden  ebensalle  wigfelen.  —  Nun  Wageigen  Verwendung  des
t  .  Hier  sollen  wir  versuchte  bhbern,  das  Gesetz  durch  ein  sonel.
volitisches  Anhängsel  schmackhaft  zu  machen.  Einen  Hintergedanken  haben
ehabt.  Wenn  wir  eine  gesonderte  Verwendung  vor-Leichlagen

  haben,  so  geschoh  dies  nur,  um  auch  d  n  Schein  zu  vermeiden,
s  ob  der  kommenden  Besitzsteuer  irgendwie  vorhegrlsen  werden  solle.

bei  einer  Sonderverwendung  der  Beträge  kamen  ohne  weiteres  Ankerderungeni
  in  ba  welche  der  Reichstag  schon  wiederholt  für  notwendig
sich  auf  die  Besserung  der  Lage  bedürstiger  Klassen  be-Fenn-

  -nt  O  aber  nur  Beiwerk  und  nicht  Hauptzweck  und  hatte  nicht
dee  sabe,  Ihr  nechtiches  Ueimil  *  becinflussen.  Ueber  die  Verwendung

kags  wird  in  jedem  Falle  durch  beionderes  Gesetz  verfügt  werden,
aiahn,  steht  u-  ##  Vorj  R  für  die  Ausgestaltung  des  Veteranennoldes
  bevor.  auussährungen  haben  sich  im  wesentlichen  auf  dem

lhesrr  der  unhen  kbemen,  os  heißt  mit  der  vorausgegangenen  Krieik.
2%  lich  aber  wohl  auch  im  Wesen  des  Entwurfs  selbst,  denn  die  Abwehr
  liegt  dem  ganzen  Gesetzeniwurf  zugrunde.  Wir  wellen  den  ausländischen
  Aleberfriffen  auf  unseren  heimischen  Bedarf  beizeiten  vorbeugen.
dem  Wirstichaftsleben  der  Nationen  sich  gewaltige  Umwälzungen
vollzog  z  haben,  wenn  sich  insbesondere  wirsschaftliche  Machlkörper  gebildet
5  4n  deren  Herrschaft  das  Maß  deisen  überschreitet,  was  man  vor  einem
Menschenalter  noch  für  möglich  hielt,  *  muß  man  da  zu  modernen  Abwehrmitzeln
  greisen.  Dem  modernen  Staat  darf  man  nicht  zumuten,  daß
t  noch  in  der  ausgetretenen  Bahn  der  dergangenhon  die  Abwehr  durch-—
  könne.  Geben  Sie  uns  in  der  heutigen  Zeit  ein  neues  Werkzeug  zur
Abwehr.  Wir  treien  an  die  Beratungen  ohne  jede  vorgesoßte  Meinung  heran
und  wir  werden  uns  auch  nicht  ablehnend  verhalien  gegen  vorgeschlagene
Verbesserungen.  Wir  hoifen,  daß  aus  der  gemeinsamen  Arbeit  ein  Werk
hervorgehen  wird,  keinem  einzelnen  zuliebe,  keinem  eingelnen  zuleide,  sondern
der  Gesamtheit  zum  Nuten,  fa  das  unsere  Nachkommen  uns  danken  werden.

8.  Dezember.  Der  Dreibund  mit  Ssterreich.  Ungarn  und
Curovchischer  Geschichtskalender.  I.III.  In
        <pb n="284" />
        274  H##  Beuische  Nrich  mn  srine  rinelurnn  Slieder.  (Dezember  9.—12.,

Italien  ist  ohne  jede  Anderung  auf  weitere  sechs  Jahre  erneuert
worden

t  Bertrag  bis  zum  8.  Ji  1914  Hüliigtet  hat,  so  wäre  der
sundigeme  erst  am  39.  Juni  1913  eingetreten.  Die  vorzeitige  Erneuerung
  hing  jedenfalls  mit  den  vivlomorischen  Aufgaben  zusammen,  die
infolge  des  Balkankrieges  an  alle  Mächte  herantrete

2.  Dezember.  (Bonn.)  Der  Kulturhistoriker  Prof.  Dr.  Karl
Jusli  im  81.  Lebensjahre.

9.  Dezember.  (Berlin.)  Der  Kriminalanwalt  Justizrat
Dr.  Erich  Sello  1,  60  Jahre  all.

10.  Dezember.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  gibt
Unterstaatssekretär  im  Auswärtigen  Amt  Dr.  Zimmermann  Aufkldrungen
  Über  d56  Notwendigkeit  der  Truppenverstärkung  in  Kiautschou.

e  aus,  dah,  obwohl  an  der  Spite  des  chinesischen  Reiches
ein  versersohrbe  nnR¾  Mann  stehe,  der  dort  Ruhe  und  Ordnung  bisher
erfolgreich  aufrecht  erhalten  habe,  die  notwendige  Maßnahme  doch  geboten

Intereise  Chinas.  Auch  der  chinesischen  Regierung  könne  es  nur  erwünscht
sein,  wenn  eine  Macht  w#  Durschlang  das  für  die  Politik  der  Integritãt
und  Sonveränität  Ckinen  ons  für  die  Erhaltung  der  offenen  Türe  eintreie,  in
Fällen  dringender  Not  in  der  Lage  sei,  der  chinesischen  Regierung  an  Pläen,
wo  erhebliche  deutsche  Interessen  vorwalten,  deren  Schutz  zu  erleichtern.
8  Dnber.  (Reichstag.)  Der  Fall  Cohauß.

Abg.  Fehrenbach  (3.)  stellt  die  „kleine  Anfrage“:  „Ist  dem  Herrn
Reichskanzler  belann,  desn  das  Krofhertol  liche  badische  Ministerium  des
Innern  einen  auf  den  11.  Dezemder  ds.  Is.  in  Pforzheim  angekündigten
Vortrag  eines  Jezuiten  mit  dem  Thema  Die  Wahrheit  über  den  Jesuitenorden“
  verboten  hat  und  hält  er  diese  Vorgehen  mit  seiner  Ertlärung  vom
4.  Dezember  ds.  Js.  über  den  Beichluß  des  Bundesrats  vom  28.  November
für  vereinbarlich"  Die  Anfrage  findet  in  der  Meschatsselidung  vom
10.  Jonnar  1913  Beantwortung  durch  Staatsminister  Dr.  Delb

11.  Dezember.  (Köln  am  Rhein.)  Wegen  des  Sieihesne
der  Kölner  Kaiserkette  verurteilt  die  Strafkammer  des  Landgerichts
den  Topezierer  Kniep  und  den  Kellner  Hochgeschurz  zu  je  fieben
Jahren  Zuchthaus  und  zehn  Jahren  Ehrverlust,  den  Artisten  Rolla
zu  einem  Jahre  sechs  Monaten  Gefängnis,  den  Schreiner  Hamacher
zu  zehn  Monaten  Gefängnis,  den  Zahntechniker  Thill  zu  fünf  Monaten
  Gefängnis  und  den  Mechaniker  Bayer  zu  zwanzig  Mark
Geldstrafe.

12.  Dezember.  (München.)  Prinzregent  Luitpold  von  Bayern
1  im  92.  ebenefahre

Er  war  am  12.  März  1821  in  Würzburg  als  das  vierte  Kind  des
damoaligen  nine,  späteren  Königs  Ludwig  I.  geboren.  Seit  dem
        <pb n="285" />
        Des  Mrusche  Neich  und  srine  rinzelnen  Glirder.  (Degember  12.)  275

O.  Juni  18/6  war  er  Regent.  Seine  Gemahlin  Augusta  Ferdinande,
i  de-  ghherzoss  Leopold  von  Toskana,  f  nach  20jähriger  Ehe
am  2

ech  —  ist  sein  ältester  Sohn  Ludwig  (geboren  7.  Jannar
1815),  seit  dem  20.  Februa  ar  1868  vermählt  mit  Ertberzogin  Mario  Thercsia
von  Oesterreich-Este.  Sein  ältester  Sohn  Rupprecht  ist  43  Jahre  alt;
außerdem  hat  er  noch  2  Söhne  und  6  Töchter  (5  unvermählte).

Prinz  Rupprecht  gibt  in  Abwesenheit  des  in  Ungarn  befindlichen
nunmehrigen  Prinzregenten  Ludwig  dem  Kaiser  telegraphisch  Nachricht  vom
Ableben  des  Prinzregenten  Luitpold  und  sl  ’*rv  solgendes  Antworttelegramm:

„Mit  tiefster  Trauer  erfüllt  mich  Deine  Nachricht  von  dem  Hinicheiden
Deines  geliebten  Großvaters,  des  allverehrten  Prinzregenten,  meines  treuen
Freundes.  Ein  bedeutungsvoller  Abichnin  rauuschen  Geschichte  geht  mit  ihm
zu  Ende  und  ein  langes  Leben,  ausgefüllt  mit  einer  für  Bayern  und  das
Reich  segensreichen  Arbeit,  ist  vollendet.  Deinem  Vater,  Dir  und  Eurem
ganzen  Hause  spreche  ich  meine  wanh  und  innigste  Teilnahme  aus.
Deutschland  trauert  um  den  Dahingeschiedenen,  und  ich  werde  immer  dieser
herrlichen  aehtele  in  tiefster  Dankbarkeit  gedenken.  Wilhelm

gent  Ludwig  erwiderte  dem  naiser:  „Ich  L  Dich,  für
Deine  drn  rc  mir  übermittelte  ahrene  Teilnahme  en  unserem
großen  Schmerze  meinen  und  des  Königlichen  Hauses  herzlichsten  Dank
entgegenzunehmen  und  die  meinem  gelichen  Vater  stets  bewiesene  Freundschaft
  auf  mich  zu  übertragen.  Ich  werde  in  Se  zu  Kaiser  und
Reich  dem  erhabenen  Beifpiel  meines  A  Vaters  en.“

ier  anlwortet  darauf  mit  solgendem  kcben  „Herzliche

und  innigen  w#  für  die  treuen  Gefühle,  die  Du  mir  in  Deinem  sheund
schaftlichen  bkuligromm  ausgesprochen  hast.  Die  alle  Freimdscha  die  uns
verbindet,  wird  in  der  neuen  verantworkungsvollen  Stielle,  die  Du  jest
einnimmst,  für  ansenes  Reiches  Wohl  besonders  fruchtragend  sein.  Ich
bin  überzeugt,  daß  das  innige  Verhältnis,  das  unter  Deinem  hochieligen,
teuren  Bater  zwischen  Winelsbach  und  Laenzo  lern  bestand,  auch  zwischen
uns  in  guten  und  bosen  Zeiten  sich  erproben  wird.“

12.  Dezember.  Der  „Deutsche  Neichsanzeiger  und  Preußische
Staatsanzeiger“  widmet  dem  Prinzregenten  Luitpold  folgenden
Nachruf:

„Seine  Königliche  Hobeit  der  Prins  Luitpold,  des  Königreichs
VBayern  Verweser,  ist  Donnerstag  früh  ie  München  sonst  entschlofen.
Trauernd  steht  das  deutsche  Vont  stehen  die  nDrulschen  in  der  weiten  Welt
enn  der  Bahre  dieses  allverehrten  Fürsten  und  nehmen  innigen  Anteil  an

Schmerg,  von  dem  Bayerns  BVolk  beim  Heimgang  des  geliebten  Re-7
  erfüllt  ist.  Fast  bis  zur  Vogseendin  des  92.  Lebensjahres  hat  ein
gütiges  Geschick  ihn  als  Nestor  unjerer  Bundesslaaten  seinem  Lande  und
dem  Deutschen  Reiche  erhallen.  Eine  geiegnete  Herricherlaufbahn  und  ein
schlichtes  deutsches  veldenieben  haben  ihren  Adichluß  geiunden.  Erprobt
im  Felde  während  des  großen  urieges  für  Demschlands  Einigung,  bewahrt
im  politischen  Nat,  voll  unerichstterlicher  Treue  gegen  Naiser  und  Reich,
ein  hochsinniger  Hüter  der  Rronrechie  seines  erlouchten  Hauses,  ein  vöterlich
sorgender  Landesfürn,  bie  in  jein  yöchstes  Alter  allem  zugewandt,  was  das

der  Nation  bewegt  —  so  bleibt  sein  Bild  in  unserem  Gedächinie

Und  wie  die  Eninmemnen.  an  die  große  Zeit  unserer  naotionalen  Wiedergeburt
  nie  schwinden  kann,  so  wird  unter  den  um  die  Gründung  des
Reiches  verdienten  Fürsten  der  edle  Name  des  Prinzen  Luitpold  von  Bauern
mit  hohen  Ehren  sortiehen.“

18“6
        <pb n="286" />
        276  Hos  Derise  Leiq  und  srine  einelara  Glieder.  (Dezember  12.)

12.  Dezember.  (Sachsen.)  In  der  Kammer  wird  der  Beschluß
  der  Regierung,  daß  die  Beamten  und  Lehrer,  soweit  es  sich
um  dienstliche  Beziehungen  zu  ihrem  Vorgesetzten  handelt,  kein
Beschwerderecht  an  die  Ständekammer  haben,  besprochen.

U.  a.  erklärte  der  nationalliberale  Berichterstatter  Dr.  Zoephel,  das
Lefemtmiieriun  kündige  in  diesem  Beschluß  dem  rsn  den  Krieg  an.
Laer  sei  die  „rage  durchzufechten,  wenn  nötig,  bis  zum  Berfassungsonslilt.

  ne  nicht  genügend  sein,  daß  das  Ministerium  „aus  Entzaalil
  tun  Auskunft  bereit  sei.  Der  Landtag  müsse  das  vielmehr
von  der  Regierung  als  Pflicht  fordern.  Der  Verireter  der  Regierung  bestritt,
daß  die  Regierung  dem  Landtage  den  Krieg  ertläre.  Es  handle  sich  mur
um  eine  Meinungsverschiedenheit.  Der  Vorsitzende  Hettner,  der  Führer
Nationalliberalen  im  Landtage,  erklärte,  es  sei  selten  eine  so  wenig  eründete
  Regierungserlisung'  abgegeben  worden  wie  diese.  Eine  so  willrliche
  Auslegung,  durch  die  allen  Beamten  das  Meehe•  4brg  Beschwerd
enomimen  werde,  habe  er  no  *  icht  gesunden.  Es  handle  sich  um  einen
T  der  den  Zusammentritt  eines  Sieotsgerichsshofes  S  *  144  bis  8  151
er  Berfafsung  notwendig  machen

12.  Dezember.  Die  ———--  von  Hamburg,  Bremen
und  Lübeck  haben  an  den  Reichstag  eine  gemeinsame  Denkschrift
gerichtet,  in  der  sie  um  die  Ablehnung  des  Gesehentwurfes  über
das  Reichspetroleummonopol  ersuchen.

12.  Dezember.  (Bayern.)  Die  „Münchener  Neuesten  Nachrichten“
  für  die  Aufhebung  der  Regentschaft,  damit  wieder  ein  wirk.
licher  K###.  an  die  Spitze  des  Landes  trete.

In  Uebereinstimmung  mit  führenden  Männern  des  bayerischen
Wenn  Hel  diesem  Gedanken  Ausdruck  gegeben,  weil  an  dem  Wendepunkt
  der  Völker  das  Staakswohl  unerbittlich  Wahrheit  und  Klarheit  ver- 



Tradilionen,  konstitutioneller  Erwögungen  und  des  perfönlichen  Feingefühls
die  Enischeidung  geben:  In  gleicher  Weise  wird  der  Regent  wie  der  König,
der  nach  den  großen  Tradktionen  des  Hauses  Witlelsbach-Bouern  auf  Bahnen
eines  dcutschen  Kulturstaotes  vorwärts  führt,  die  Shenswünche  des  bayerischen
  Bolkes  mit  auf  den  Weg  genommen  haben

12.  Dezember.  (Preußisches  Abgeorbnetenhaus.)  Fortsetzung
  der  Beratung  des  Antrags  der  Abgg.  Stroffer  (K.)  und  Gen.
wegen  Erwerbung  des  Grundstückes  der  Heeresverwaltung  in  der  Prinz
Albrechtstraße  6  für  Zwecke  des  Abgeordnetenhauses.  (Siehe  4.  Dez.)

Die  Bera  ratung  war  am  4.  ds.  Mis.  abgebrochen  worden,  da  das
Haus  auf  Antrag  des  Abg.  Lippmann  (Vp.)  den  Beschluß  gefoße  hai#te,
auf  Grund  des  #rntee  60  der  Verfasfung  („Jede  Kammer  kann  die  Gegenwart
  der  Minister  verlangen.“)  die  Gegenwart  des  Ministerpräsidenten  und
des  Awieminise  Au  verlangen.

nirag  Spoosser  hat  die  ageitommfsten  der  Regierung  als

Manerian“  z#  überweisen  bcantragt.  umer  Ablehnung  des  Kommissionsamrages
  jeinem  #enne  selbst  zusnstimmen  und  außerde,  solgende  Resotution
        <pb n="287" />
        Des  euiflät  Neich  und  frine  rinfelnts  Glieder.  (Dezember  12.)  277

beschließen:  „Die  Regierung  im  Lur  e  die  bezüglich  des  Grundd
  768  lhe  Fürft  Pleßsches  #  Prinz-Albrechtweb
  uchen

nd
Stutsgrundftücke  auf  die  Bedürfnisse  des  Abgeordnetenhauses  die  gebotene
Räcksicht  genommen  und  von  der  Absicht  solcher  Aenderungen  rechtzeitig
Mineilans  cemacht  de.“
Präsident  des  Staatsministeriums  t#  dem  Hause
schriftlich  imit  geteilt,  daß  ein  endgültiger  Tauschvertrag  über  den  Grundsftücksaustausch
  noch  nicht  abgeschlossen  ist,  betegen  die  eree
ein  Tauschangebot  hat,  worin  das  Grundstück  der  Baubeschränkung  unterworfen
  ist,  d  mit  Gebäuden  10  Meter  von  der  Grenze  des  Abgeordnetenhauses
  und  4  Meter  von  der  Baufluchtlinie  der  Prinz-Albrecht-Straße
Abstand  gehalten  werden  muß.

Bon  den  Abgg.  Dr.  Seabzaiunnz  Heydebrand  &amp;amp;.  ,  Dr.  Pachnicke
  (Bp.).  Pr.  or  und  Vrhr.?  4.  Zedlitz  (Frk.)  ist  gemeinsom
  solgende  Resolution  eisn  un  word  „Die  K#  eh  zu  ersuchen,
dafür  Sorge  zu  tragen,  daß  die  in  —  VBar  lock  zwischen  der  Leipziger
Straße,  Wleinstradre.  eninh-Aebrech  Sneeb.  Königgrätzer  Straße  und  am
Leipziger  Platz  gelegenen  Reichs=  und  Staatsgrundstücke,  nementlich  die
Grundstücke  Nint-lbrrchSrroße  6  und  Königgräber  Straße  121  nicht  in
Privathände  übergehen,  sondern  für  Reichs-  und  Staatszwecke,  insbesondere
für  die  rrsgt  G  benachbarten  Berwaltungen  des  Reichsheeres,  für

 

Landwinschaft  u  für  Hondel  und  Gewerbe  und  der  beiden  Häuser  des
Landtages  ashe  öbleibe
inisterpräsident  Dr.  v.  ethmann  Hollweg:  Die  Königliche

drnen  nimmt  an,  daß  *5  Abgeordnetenhaus  gemäß  seinem  Beregierung

  die  nt  rn  Ariikels  50  der  Bersasungourkunde.  Der
ntrag  Strosser  wünscht  den  Erwerb  eines  Grundstücks  für  den  preußischen
Staat  und  seine  Vernoenduun  —  sei  es  im  anzen,  .  es  zum  Teil  —
für  Zwecke  des  Abgrordnetenhaufes.  Zuständig  dafür  sind  der  Herr  Finangminister
  und  der  Herr  Minister  des  Innern.  Der  Herr  zitK  Minister  des
Innern  wird  die  Sltlung  darlegen,  die  die  Königliche  Staatsregierung  zu
dieser  Angelegenheit  einnimmt.
niflerprandem  br.  v.  t  F  lwuc  verläßt  den  Saal.

Minister  des  Innern  v.  D  bgeordnetenhaus  hat  bei
der  Beratung  des  Antrags  Seden  on  ##dn  Auedruec  en  daß  der
Veschluß  der  Staatsregierung  gegenüber  den  Wünschen  des  Abgeordnetenhauses
  nicht  das  im  Interesse  eines  gedeihlichen  weT  zu
wünschende  Entgegenkommen  enigegengebracht  goe  Es  liegt  mir  demn
  beron,  desbuellen.  daß  diese  Auffa  ung  jedenfalls  auf  einem
ißt“  eruhen  muß,  insofern,  als  bei  keiner  der  beleiligten  amtlichen
  S  5  nur  i  bi  der  Gedanke  obgewaltet  hat,  die  berechdigten
  Srene  diries  ehoben  Hauses  nich  etwa  n.  vollem  Umfange  zu
Sache  mitteilen,  daß  die  Regierung  den  Wunsch
—  u.I  uon  in  de  voch  Erwerbung  i  Grundstückes  für  seine  Zwecke
—  als  berechtigt  anerkannt  hat.  Sie  *m  emgemäß  mit  den  Bereiligten
en  Erwerbung  dieses  Grundstückes  durch  den  preuischen  Fislus  in
8  V—  ienteln.  Ueber  das  Ergebnis  der  Verhandlungen  kann
hnen  leider  noch  keine  Auskunft  geben,  weil  sie  r  eingeleite  sind

und  noch  im  Stadium  der  Vorverhandlungen  sich  befinde
        <pb n="288" />
        278  E  Pratsche  Nich  und  sriine  einzelern  Glieder.  (Dezember  13.—16.)

u  dem  Antrag  des  Abg.  Dr.  v.  Heydebrand  (K.),  die  Angelegenbeit
  an  de  Budgeikommission  zur  weiteren  Verhandlung  zu  überweizen.
entspinnt  sich  eine  erregte  Geschäitserdnungsdrbane.  in  die  der  Präsident
wiederholt  eingreist.  Wir  geben  daraus  nur  die  Rede  des  Abg.  Dr.  Friedberg
  (Nl.):  Meine  Freunde  meinen,  daß  eine  sachliche  Erörterung  i  in  dieiem
Augenblick  zwecklos  ist.  Die  Sache  kann  ie#t  nicht  mit  Ersolg  behandelt
werden,  weil  wir  erst  Aufklärung  in  der  Kommission  erhalten  mülsen.
(Abg.  Hoffmann:  Das  ist  die  Angst  vor  der  eigenen  Courage  auf  Ihrer
Seite!)  Wenn  Sie,  Herr  Ooffmann,  zu  entscheiden  hätten,  würde  ich  solche
Befürchtung  haben,  aber  solange  die  Mehrheit  des  Hauses  zu  entscheiden
hat,  habe  6  diese  Bejürchtung  nicht.  Wenn  Sie  vor  dem  ganzen  Lande
sich  blamieren  wollen,  in  dieser  Weise  Veriasiungsfragen  zu  behandeln,  so
tun  Sie  es  auf  Ihre  Gefahr.  Der  Prösidem  hat  recht,  daß  eine  Moteric

osort  an  eine  Kommission  —  werden  kan  *  kann  ja  Widerspruch
erhoben  werden,  dann  hat  das  Haus  zu  enlscheid
der  Jetfsarei  gestellier  Antrag  aof  namentliche  Abstimmung
  findet  l  die  genügende  Unterstützung.  Die  Anträge  werden  gegen
die  Stimmen  der  Ireisiunigen,  Polen  und  Sozialdemokraten  der  Budgetlommission
  überm

18.  58  (Bayern.)  Das  Gesetz-  und  Verordnungsblatt
  für  Bayern  vom  13.  Dezember  bringt  eine  Bekanntmachung
betreffend  die  Ubernahme  der  Regentschaft  und  die  Einberufung
des  Landtages  auf  den  21.  Dezember  1912  zur  Teilnahme  an  der
Ablegung  des  verfassungsmäßigen  Regentschaftseides.  Eine  zweite
Bekanntmachung  bestimmt,  daß  für  den  verstorbenen  Prinzregenten
Luitpold  Landestrauer  wie  für  den  König  beobachtek  werden  soll.
Die  Landestrauer  erstreckt  sich  auf  die  Zeit  von  drei  Monaten.

11.  Dezember.  Der  „Neichsanzeiger“  verbffentlicht  den  Entwurf
  eines  Theatergesetzes  in  Form  von  Anderungen  der  Gewerbeordnung.


15.  Dezember.  (Saarbrücken.)  Die  Nevierkonferenz  des  Gewerkvereins
  christlicher  Bergarbeiter  beschließt  einstimmig.  unter  Einholtung
  der  Kündigungsfrist,  am  2.  Januar  in  den  Ausstand  zu
treten.  Am  30.  Dezember  beschließt  jedoch  die  Nevierkonferenz,  den
Streik  vorerst  nicht  zu  beginnen,  sondern  den  Bericht  einer  zu
wählenden  zwölfgliedrigen  Kommission  abzuwarten,  inwieweit  die
Bergwerksdirektion  die  versprochenen  Zugeständnisse  in  der  Arbeitsordnung
  und  der  Lohnfrage  erfüllt  hat.

16.  Dezember.  (Sachsen.)  In  der  Sihung  der  Petitionsdeputation
  der  Zweiten  Kammer  erklärt  sich  die  Regierung  bereit,
auf  einlaufende  Beschwerden  der  Lehrer  Auskunft  zu  geben,  wenn
sie  auch  an  ihrer  prinzipiellen  Anschauung  festhalten  müsse.

16.  Dezember.  (Saarbrücken.)  Dr.  Alerander  Tille.  Syndikus
der  Handelskammer  und  Generalsekretär  des  Verbandes  der  südwest-
        <pb n="289" />
        NHas  Nruiche  Reich  u#d  seine  eiaeluta  Glieder.  (Dezember  16.—19.)  279

deutschen  Eisenindustriellen,  von  1890  —1900  Dozenk  der  germanischen
Philologie  an  der  Univerfität  Glasgow,  k.  46  Jahre  alt.

16.  Dezember.  (Halle  a.  S.)  Die  deutschen  Studenten  der
Medizin  in  den  klinischen  Semestern  absentieren  sich  in  corpore
von  den  Vorlesungen,  um  ihre  Forderung,  daß  Ausländer  ohne
Physikum  nicht  zu  den  klinischen  Vorlesungen  zugelassen  werden,

durchrusehen.

Im  Sommersemester  betrug  die  Zahl  der  Ausländer  unter  den
Medizinern  32  Prozent,  im  Wintersemesler  26  Proz,

17.  Dezember.  (Sachsen.)  Die  Ieite  Fennnr  bewilligt
für  die  Deutsche  Bücherei  1¾  Millionen  Mark.

18.  Dezember.  (Braunschweig.)  Die  evangelische  Landessdnode
  erklärt  sich  gegen  jede  Abbröckelung  des  Feluttengesehes,

Ihre  Resolution  lautel:  „Im  Hinblick  darauf,  daß  von  neuem
im  Deutschen  Reichstag  ein  Antrag  auf  Aufhebung  des  N#unenelrhes“  ein
gebracht  werden  wird,  ipricht  die  Synode  einmütig  die  seste  Erwart
aus,  daß  die  zuständigen  gesegebenden  Falioren  des  Deutschen  zurtung
und  des  brounschweigischen  Staates  allen  auf  Beseitigung  oder  Abbröckelung
des  Jefuitengesetzes  gerichteten  Bestrebungen  ein  entschiedenes  Nein  entgegenjetzen
  werden.  Sie  tut  das  nicht  aus  Jesuitenangst,  sonbern  getrieben
durch  die  Rücksicht  auf  den  lonfessionellen  Frieden,  doisen  erbittertster  und
gefährlichster  Feind,  wie  die  Geschichte  zeigt,  der  Jejuitenorden  ist.“

18.  Dezember.  (Württemberg.)  Bei  den  Proporzwahlen
zum  Landtag  fallen  von  17  Sitzen  5  an  das  Zentrum,  je  4  an
die  Volkspartei  und  die  Sozialdemokraten,  3  an  die  Konserwativen
und  1  an  die  Nationalliberalen.

Insgesomt  hat  das  Zemrum  26,  die  Koniervativen  20,  die  Bolkspartei
  45  die  Sozialdemokratie  17,  die  Nationalliberalen  10  Sitze  im
neuen

19.  Denenten.  (Halle  a.  S.)  Das  Kultusministerium  weist
die  Universttätsbehörden  an,  die  Forderungen  der  streikenden  Studenten
  zu  erfüllen.

19.  Dezember.  (Sachsen.)  Die  Zweite  Kammer  lehnt  die
Volksschulvorlage  mit  61  gegen  27  (konservativen)  Stimmen,  also
mit  mehr  als  Zweidrittelmajorität,  ab,  so  daß  die  Regierung  fie
nicht  auf  Grund  von  8  92  der  Verfaoffung  in  Kraft  setzen  kann.
Die  Vorlage  ist  damit  endgültig  gescheitert.

19.  Dezember.  Bei  der  preußischen  Landtagsersatzwahl  im
Wahlkreise  Kobleng  4  (Kreuznach-  Simmern-Zell)  entfallen  auf
Pfarrer  Oertel  (Nl.)  351,  auf  Landwirt  Knebel  (Bund  d.  Landw.)
24  Stimmen.

1.  Dezember.  (Reichstagsersatzwahl.)  Im  Wahlkreis
        <pb n="290" />
        280  Ues  Beuifer  Neich  und  seine  rinpetntn  Glieder.  (Dezember  19.—921.)

Reuß  d.  L.  wird  Cohen  (Sd.)  mit  7874  Stimmen  an  Stelle  des
verstorbenen  Abg.  Forster  (Sd.)  gewählt.

Dr.  Siresemann  (Nll.)  erhielt  5804,  Amtsgerichtsrat  Lattmann  (W.  V.)
1539  Stimmen.

19.  Dezember.  (Bayern.)  Die  „Lorrespondenz  Hoffmann“
teilt  mit,  daß  die  Staatsministerien  des  Innern  beider  Abteilungen
die  Regierungskammern  und  Distriktspoligeibehörden  auf  die  im
Bundezgratsbeschluß  vom  28.  November  enthaltene  Begriffsbestimmung
  für  „Ordenstätigkeit“  hingewiesen  und  ihnen  zur  Pflicht  gemacht
  haben,  bei  der  Auslegung  des  Jesuitengesetzes  sich  danach
zu  richten.

1P.  Dezember.  Das  Ergebnis  der  National-Flugspende,  die
von  einem  Komitee  unter  Prinz  Heinrich  von  Preußen  als  Protektor
  und  Graf  Posadowsky-Wehner  als  Präfident  gesammelt  wurde,
beträgt  7234506  Mk.  29  Pig.

19.  Dezember.  (München.)  Beisetzung  der  Leiche  des  Pringregenten
  Luitpold  in  der  Theatinerkirche  unter  Anwesenheit  des
Kaisers,  des  Königs  von  Sachsen  und  vieler  anderer  deutscher
Fürften.

2#.  Dezember.  (Bayern.)  Zeitungsmitteilungen  zufolge  besteht
  bei  der  Staatsregierung  die  Absicht,  durch  einen  außerordentlichen
  Landtag  im  Januar  eine  Verfasfungsänderung  genehmigen
zu  lassen,  die  zur  Aufhebung  der  Regentschaft  führen  soll.

20.  Dezember.  (Preußische  Landtagsersatzwahl.)  In
Königsberg  i.  Pr.  wird  Justigrat  Dr.  Lichtenstein  (Fortschr.  Vp.)
mit  allen  Stimmen  gewählt.

26.  Dezember.  (Mecklenburg.)  Die  Großherzöge  ziehen  die
Verfassungsvorlage  zurllck,  weil  die  Landschaft  sich  weigert,  den  Beschlüssen
  der  Ritterschaft  beizutreten,  und  jeden  Zuschuß  aus  Landesmitteln
  zu  den  Kosten  des  Landesregiments  ablehnt,  solange  die
Verhandlungen  über  die  Verfassungsfrage  nicht  erledigt  sind.  Der
Landtag  wird  am  gleichen  Tage  geschlossen.

21.  Dezember.  (Bayern.)  Eidesleistung  des  Prinzregenten
auf  die  Verfassung.

In  der  königlichen  Residenz  waren  dazu  die  Milglieder  beider  Kammern
  versammelt.  Justizminister  Dr.  v.  Thelemann  verlas  eine  Mitzeilung,
daß  König  Ono  nach  wie  vor  an  der  Ausübung  der  Regierung  verhindert
sei  und  nach  dem  tiefbeirübenden  Ableben  des  Prinzregenten  Luitpold  die
Reichsverwesung  demjenigen  volljöhrigen  Agnaten,  der  nach  der  fesigesetzten
Erbsolgeordnung  der  nächste  ist,  dem  Prinzen  Ludwig,  zustehe.  Darauf  las
der  Minister  die  Eidesjormel  vor:  „Ich  schwöre,  den  Staat  in  Gemäßheit
        <pb n="291" />
        Des  Deuisqe  Reiq  anl  srine  cirelnen  Glleder.  (  Dezember  21.  -  26.)  261

der  Berfaslung  und  der  Gesetze  des  Reiches  zu  verwalten,  die  Sess
des  Königreiches  und  die  Rechte  der  Krone  zu  erhalt  wahr  mir
Gott  helfe  und  sein  heiliges  eshl  Dr  hüimnegern  erhob  die  rechte
Hand  und  sprach  die  Worte:  schwö

21.  Dezember.  (Oldenburg.)  ##  Landtag  nahm  endgültig
die  Vorlage  Über  die  Erhöhung  der  Beamtengehälter  an,  die  einen
Abzug  für  die  Nichtverheirateten  vorfieht.

22.  Dezember.  (Bayern.)  Aus  einem  Schreiben  des  Prinzregenten
  an  oden  Vorsibenden,  im  Ministerrat  Frhr.  v.  obrrtlinge

emem  Dank  ke  Ich  aller,  8  nah  und  fern  Mir  in

Erl
r-  hinterlafsen  hat,  in  Treue  zu  verwalten.  Ich  handle  in  diesem  Sinne,
n  Ich  im  indiis  auf  die  Bewegung,  die  wigen  der  weemchasterage
dig  das  Land  geht,  es  als  Meinen  bestimmten  Wunsch  bezeichne,  daß
zeit  von  Wntt1  Maßnahmen  zur  Beend  -un  ng  de  Regentabgesehen
  werden  wolle.  Es  ist  Mir  jedoch  Bedürfnis  des  S#hens,
für  die  Beweise  lopaler  Gesinnung  und  treuer  Ergebenheit,  wie  sie  bei  Erörterung
  dieser  Frage  uienis  zutage  getreten  sind,  Meinen  innigen  Dank
zu  entbieten.  Ich  ersuche  Sie,  dies  zur  Kenntnis  des  Landes  zu  bringen.

23.  Dezember.  Der  Bundesrat  genehmigt  die  neue  Prllsungsordnung
  für  Tierärzte,  durch  welche  die  Studienzeit  um  ein  Semester
verlängert  und  eine  zweite  Vorprilfung  vor  dem  eigentlichen  Staatsexamen
  vorgesehen  wird.

23.  Dezember.  (Reichstagsersatzwahl.)  In  Stolp-Lauenburg
  wird  an  Stelle  des  verstorbenen  Abg.  Will  (K.)  der  Ritteri.
  v.  Boehn  (K.)  mit  158341  Stimmen  gewählt.

Außerdem  erhielten  Vereinodirelzar  Schwuchow.-Steglitz  (Bp.)  6477,
Parteisekretär  Seessenn.Lanzi  (Sd.)  239  Zuchdruckereibeiger  Czyzeweki-Danzig
  (P.)  324  Stimmen.  Zersfplittert  6  Summ

24.  Dezember.  (Wilmersdorf-  Verlin  General  der  Insanterie
  Wolf  v.  Stülpnagel  1.  70  Jahre  alt.

W6.  Dezember.  (Berlin.)  Prinzessin  August  Wilhelm  von
Preußen  wird  von  einem  Prinzen  entbunden.

Ende  „d  (Preußen.)  N  Etat  für  1913.

ie  ordentlichen  Einnahmen  seten  sich  soigenderwaßen  zusammen:
  ——  209999  ##oka.  581  050),  Fruern  117532000(T  9237000),
direkte  Steuern  4149556  100  (+  26  487  5/KM,,  5  ölle  und  6  SESleern
129379000  (Jd  3440%0  III,  Lonterien  196  481  5XI  (+  18  192  10An,  Seehandlung
  5  104900  (+k  135  MA„,  Münzverwallung  t  (—  2061  n,  Berg-,
Hütlen-  und  Salinenverwaltung  335  497110  45123820#,  Eisenbahnverwaliung
  25(N  1360/(17)  +  1770w  cene  und  allgemeine
        <pb n="292" />
        282  bes  Perisqht  RNrich  und  sriar  eintelurn  Glieder.  (Ende  Dezember.)

Finanzoerwastunge  *  Schuld  335905634  (+  14788141),  beide
Häuser  des  35513,  allgemeine  Finanzverwaltung  199814987
(1  13502  4%  Pnean  dnd,  aemeine  -  St  mateministerinn  (verschiedene
  Zentrawerwaltungsbehörden  usw.)  2763  2838  (—  0913),  Ministerium
  der  auswämigen  Angelegenheiten  13650,  witn  pa  11533016
(1  309,,  Bauverwaltung  22933000  1+  1585000),  Haondels-  und  Geweere
  ln  8100072  (  1128057),  AJulieraclung  130471070
190,,  Ministerium  des  Innern  49253751  (+  1303751),  landwirthhlen
  Verwallung  9350  331  (+  54#8391),  Gestütverwastung  4919778
1  162  20  ,  lmeministeriun  7423558  (+  241  157),  Kriegsministerium

Die  Summe  der  kdnichen  LEimwahmen  beirägt  danach  für  den
8*  ½6  45  WwSii  (u  293773  77.4

7499400
(+  764400;,  Forsten  8100000  (+  1110%0,  S  uw.  Le  17000
(—  11000,  Clienbahnverwatzung  4023000  (—  331000),  Allgemeine  Finang.
verwaltung  (Fehlbetrag)  —  *  Ministerium  der  geistlichen  usw.
elegenheilen  269.  50  (  49  »Die  Summe  der  Autererduwichren
innahmen  beträgt  19908  400  (—  s  22  A.  Nechnet  maon  die  Summe
der  ordentlichen  Einnahmen  *!  so  b  äuft  sich  bi  Summe  der  ctatsmäßigen
  Linnahmen  aus  4  “l*ö  5933827  "  °r  67.
e  Ausgaben.  Domänen  10111  ile  (—  360,  Forsten
65  en  766000,  sabn  Steuern  26478000  (+  1301200),  Zölle  und
indirekte  Steuern  52038010  (+  527230),  Louerie  184068165(—.  18393572),
Seehandlung  tdie  Verwalzungslosten  im  Belrage  von  1513950  werden  aus
den  Erträgnissen  des  Zustitutz  bestrien),  Berg-,  Hüten-  und  Salinenverwaltung
  299143479  (+  31716  3382);  Eisenbahnverwaltung:  Betriebsu#s.
  Noste  2058376  165  (+  129394774),  Ausgleichsfonds  93182835
(736057226):  Dototionen  und  allgemeine  Finanzverwalmg:  Slchut  zur
Rente  des  Kronfideikommißfonds  1000000,  öfientliche  Schuld  3100989
(+  20660  706,,  beide  Häufer  des  Landuazek  2280  uU  (+  11330),  allgemeine
  Finanzverwaltung  265143  166  (F  16  105  900:  Stcotsperwalkungs.
:  Siaateminisierium  5  140328  (—  2  ),  Ministerium  der  58
wärtigen  —  ön  600  (—+  4200),  Finanzministerium  100927316
+  43852  64,  bane  47020255  (T  1629  383),  Handels-  3
““359  22322015  1+  13819  435),  AJosttpervatiugg=  20495500.
6865000),  Ministerium  des  Innern  118  s  7(M  379547),  *

 

visnikee  Verwallung  39711  372  (-1.  50  5700,  Peiron
50enz  (+  4216#),  Stn  0  6099  (+  91123##8),
Nansverlnonn  1796838  (—  220)  Die  nie  der  dauernden  Ausgaben
  demägt  dauach  für  1913  4350087971  Su  25904  1)  4
ninalige  und  außerordentliche  Ausgaben.  Domönen

i
11#80330  (+  405  30),,  Forsten  1203000  4  3180,  Zölle  und  indirekle
  Sienern  110610/  193#X),  Berg-,  Hürien.  und  Salinenverwoltung
21692500  (+  4056550%  Eisendahnorp#waleung  12  2  0KU  +F  40000CU;
Stantsterwaltungen  Staatsarchive  1200X0  +  1  2000  ,  Pinonzminiseriten

3251034  1#  292  495),  Bauverwallung  196142501  (+  2734  400),  Handeisund
  Gewelltererwallug  m69445  (—  238  445,,  ihe  9720000
(—  10#0  N,  Minineium  des  Innern  1  ö.5  78  961  32#  Lanswtschaitliche,

  Verwallung  0292  170  1  1#  1968),  Gestüiwenratuing  us

(+  216  Au),  Ministerium  der  geistlichen  usw.  Ungelegenheiten  203930298
(  Mo  Die  Summ.  der  einmaligen  und  ansterordenllichen  Aushaben
  beläuft  sich  auf  215215  906  (+  172  #l#W).  .  Nechnet  man  die  Summe
der  dauernden  Ausgaben  aet  io  grgir  10  als  Summe  der  ctatsmäßigen
Ausgaben  1595934827  4  21622  77
        <pb n="293" />
        Das  Dertsqe  Atlq  und  srinr  rinzrinen  Glieder.  (Dezember  30.  31.)  283

Abschluß.  Ordinarium:  Gesamte  Feenlhe  Sser  127
(#r  293773177),  gesamte  !*  M#  350687871  (J  259047171),

LUrbers4huß  im  Ordinarium  225  56  (+  16)  M  Ertkaordinrzummalige
  und  Diberueenit  urgoben.  72  (  17238606),
gubenonchendliche  Einnahmen  (außer  23  Til.  17  zur  Ergänzun  der

Extraordinarium  22

80.  Dezember.  ssm  Staatssekretär  des  Auswärtigen
Klrdn  v.  Kiderlen-Waechter  ##  im  61.  Lebensjahre  an  einem  Herzschlag


Einnahmen  des  Ke  (1612600),  guschuß  im
7

5r.  Dezember.  (Bayern.)  Aufgaben  der  „Bayerischen  Staatsgeitung“.

t  diesem  Titel  bringt  die  erste  Nummer  des  von  der  Regierung
begränkum:  Lmmichen  Blattes  eine  programmatische  Darlegung  der  ergben
4l.  Mit  Hinweis  ouf  die  Parteipresie  wird  dargelegt.  daß  auch
die  Regierung  nach  dem  Vorbilde  der  anderen  Stoaten  das  ch
bestehe,  ein  Organ  zu  besihen,  dessen  Aufgabe  es  sei,  die  Maßnahmen  und
die  Politik  der  Regierung  in  ruhiger  und  besonnener  Weise  zu  vertreten.
Der  nichtamtliche  Teil  der  Zeitung  werde  sich  auch  jenen  Fragen  zuzuwenden
haben,  die  in  besonderem  Maße  die  entliche  Mäeinung  vresitgen.
wohl  auf  dem  Gebiet  der  inneren  Politik  des  Reiches  wie  jener  Bayerns
könne  hier  eine  Arbeit  geleistet  werden,  2  Wert  von  der  üÜbrigen  Presse
erst  dann  richtig  eingeschätzt  werde,  wenn  der  et%  die  Staatszeitung  eröffnete
  Kampf  die  erste  Schärfe  verloren  habe.
unmöglich  der  Regierung  das  Recht  bestritten  werden,  ihre  Meinung  in
einer  Weise  und  Form  zum  Ausdruck  zu  bringen,  die  jeden  Jweiiel  darüber
ausschließe,  was  sie  zu  bestimmten  Tagesfragen  zu  sagen  habe
        <pb n="294" />
        II.
Die  österreichisch-ungarische  Monarchie.

12.  Januar.  (Krain.)  Der  slowenisch-klerikale  Abgeordnete
Schusterschitz  wird  zum  Landeshauptmann  ernannt.

16.  Januar.  (Wien.)  Wegen  Spionage  zugunften  Itoliens
wird  der  ehemalige  Leutnant  Edmund  Simonides  verhaftet,  der
über  die  Armierung  der  Forts  in  Pola,  über  die  Minen  unter
Wasser  und  die  Organisation  der  Festung  landesverräterische  Mitteilungen
  gemacht  hat.

17.  Januar.  (Ungarn.)  Das  Budapester  Geschworenengericht
erkennt  in  erneuter  Verhandlung  auf  Freisprechung  der  Brüher
Zfilinski,  Söhne  des  ehemaligen  Staatssekretärs,  die  am  14.  Mai  1911
den  Abgeordneten  der  Bauernpartei  Andreas  Achim  wegen  Verleumdung
  des  Vaters  erschofsen  hatten.

20.  Januar.  (Wien.)  Der  apostolische  Nuntius  Bavona  1.,
56  Jahre  alt.

26.  Januar.  (Ungarn.)  Zur  parlamentarischen  Lage.

Graf  Andrässv  befürwortet  in  längerer  Rede  sehr  warm  die  Annahme
  der  bekannten  Friedensvorschläge  Apponyis  und  richtet  an  die  Mehrheit
  und  die  Opposikion  einen  dringenden  Appell,  angesichts  der  internationalen
  Lage,  in  welcher  mit  Komplikationen  auf  dem  Balkan  Ferchnet
werden  muise,  die  Dinge  bich  bis  zum  Aeußersten  zu  treiben.  Auf
Finanzminister  Lukács  häll  eine  Rede,  in  der  er  erklärt,  daß  die.  Nnide
par#t#ei,  wenn  sie  auch  an  ihrem  Programm  festhatte,  dem  Frieden  zuliebe
bereit  sei,  eine  Verständigung  anzunehmen.  Sollie  das  jedoch  nicht  gelingen,
laslen,  auch  das  der  Auflösung.  nicht,  um  die  Wehrresorm  durchzusetzen.

27.  Januar.  (Kroatien.)  Der  auf  den  7.  Februar  einberufene
  neugewählte  Landtag  wird  durch  königliches  Refkript
aufgelöst.

ftae  neuernannte  Banus  Cuvaj  läßt  den  Bauernführer  und  bisherigen
  Abgeordneten  Raditsch  verhasten.

28.  Januar.  Der  Kaiser  lehnt  das  Rücktrittsgesuch  des  auswärtigen
  Ministers  Grafen  Ahrenthal  ab  und  gewährt  ihm  einen
cschemonatigen  Urlaub.  (Siehe  17.  Februar.)
        <pb n="295" />
        Hie  errritlsq  ·aagarise  Menhr.  (Jonuar  30.—Februar  17.)  285

3.  Januar.  (Wien.)  Der  ehemalige  Ackerbauminister  und
christlich-soziale  Abg.  Dr.  Alfred  Ebenhoch  ##  im  57.  Lebensjahr.

31.  Januar.  (Kroatien.)  Eine  Protestversammlung  der
Studenten  in  Agram  gegen  die  Auflösung  des  Landtages  wird  durch
die  Polizei  auseinandergetrieben,  wobei  fünfzehn  Studenten  und
zwei  Journalisten  verwundet  werden.

1.  Februar.  (Agram.)  Schließung  der  Universtität  durch  die
kroatische  Landesregierung,  weil  in  einer  Studentenversammlung
der  Boykott  über  die  Professoren  verhängt  worden  war,  die  auf
Grund  des  Regierungsprogramms  bei  den  nächsten  Landtagswahlen
zu  kandidieren  beabsichtigen.

7.  Februar.  (Wien.)  Besuch  des  ruffischen  Großfürsten  Andreas
Wladimirowitsch  beim  Kaiserhofe.

9.  Februar.  (Cisleithanien.)  Die  Einschränkung  der  katholischen
  Feiertage  wird  vom  Papste,  dem  die  Bischofskonferenz  die
Entscheidung  überlassen  hatte,  dahin  geregelt,  daß  sechs  Feiertage
ausfallen,  und  zwar  der  zweite  Weihnachtsfeiertag,  der  zweite  Osterund
  der  zweite  Pfingstseiertag,  ferner  der  Tag  von  Mariä  Geburt,
Mariä  Lichtmeß  und  die  heiligen  drei  Könige.

8.  Februax.  (Tirol.)  Wegen  der  itolienischen  Obstruktion
wird  der  Landtag  vertagt.

9.  Februa(Triest.)  Die  Regierung  richtet  ein  zweites
Staatsgymnasium  mit  deutscher  Unterrichtssprache  ein.

9.  Februar.  (Lemberg.)  Die  Alumnen  des  griechisch-orientalischen
  Seminars  veranslalteten  einen  Hungerstreik,  durch  den  sie
die  vorgesetzte  bischöfliche  Behörde  zwingen  wollten,  alle  jene  Mitschüler
  aus  dem  Seminar  auszuweisen,  welche  rufsenfreundliche  Gefinnungen
  haben.  (Siehe  29.  Februar.)

1°.  Februar.  (Schönbrunn.)  Vermählung  des  Prinzen  Georg
von  Bayern  mit  der  Erzherzogin  Isabella  Marie,  Tochter  des  Erzherzogs
  Friedrich.

15.  Februar.  (Triest.)  Wegen  Nichteinhaltung  der  Arbeitszeit
  werden  sämtliche  Arbeiter  der  Werft  in  Monfalcone,  deren  Zahl
rund  2000  beträgt,  entlassen.

17.  Februar.  (Wien.)  Graf  Lexa  v.  Aehrentkhal,  seit  1907
auswärtiger  Minisler,  im  58.  Lebensjahr.

Sein  Nachsolger  wird  der  Botschafter  Graf  Lcopold  Berchliold  von
und  zu  Ungarschitz,  geboren  1863.
        <pb n="296" />
        281  Bir  I#erichilh.  niscrMe#erdi.  Fedruar  17.—21

18.  Februar.  (Kroatien.)  In  Serajewo  findet  eine  ungarnfeindliche
  Demonstration  vor  der  katholischen  Kathedrale  statt.

e  Polihei  räumte  mit  blankem  Säbel  den  Platz  wäbrend  aus  der
Menge  Jes  geichleudert  wurden  und  Revolverichüsse  fielen,  wodurch  ein
mohammedaniicher  Student  geiolet  wurde.

19.  Februar.  Der  Reichsfinanzminister  Freiherr  v.  Burian
bietet  dem  Kaiser  seine  Demission  an,  weil  durch  die  Ernennung
des  Grafen  Berchtold  zum  Minister  des  Außeren  von  den  drei
gemeinsamen  Ministerposten  zwei  mit  Ungarn  besetzt  wären,  wenn
er  bliebe.

Tie  Entlassung  wird  ongenommen:  doch  behält  sich  der  Kaiier,  der
durch  ein  Handichreiben  die  ausgezeichueten  Verdienite  Burians  besonders
bei  der  Verwallung  Hreniene  und  der  Herzegowina  anerkennt,  seine  Wiederverwendung
  im  Dienste

19.  Februar.  Gisleithanien)  Herrenhaus.  Aus  Anlaß
der  diamantenen  Hochzeit  des  Erzherzogspaares  Nainer  wird  eine
Festsitzung  abgehalten,  bei  der  der  Präsident  Fürst  Windisch-Grätz
eine  t  hält.

9.  Februar.  Der  Sektionschef  im  Ministerium  des  Rußern
Graf  Ene  e  nimmt  seine  Entlassung.

20.  Februar.  Auf  dringenden  Wunsch  des  Kaisers  nimmt
Dr.  Nitter  v.  Bilinski,  der  Obmann  des  Polenklubs,  die  Ernennung
qum  gemeinsamen  Finanzminister  an.  Er  gibt  infolgedessen  seine
Siellung  als  Parteileiter  auf.

2l.  Februar.  (Wien.)  Diamantene  Hochzeit  des  Erzherzogs
Rainer  (geb.  11.  Januar  1827)  und  seiner  Gemahlin  Maria  Karolina
(geb.  10.  September  1825),  der  eingigen  Tochter  des  verstorbenen
Ergherzogs  Karl.

en.  8  Depeschen  des  Grafen  Berchtold:

1.  n  deutschen  Reichskanzler:  „Durch  die  Gnade  Seiner
Majestät.  Mreinern  allergnädigsten  Herrn,  auf  den  Posten  des  Ministers  des
Aniserlichen  und  Königlichen  Hauses  und  des  Aeustern  berufen,  gereicht  es
mir  zu  brionderem  Vergnügen,  in  dieser  Eigenschaft  Eure  Exzellenz  zu  begrüßen.
  Mein  verewigter  tiefbetrauerter  Vorgänger  hat  in  dem  Dreibunde
die  unverrückbare  Grundlage  seiner  Politik  erblickt  und  sich  durch  seine  siet#s
bewährte  Bundeetreue  jenes  hohe  Maß  von  Vermrauen  erworben,  das  ihm
von  seilen  der  verbündeten  Mächte  entgegengebracht  wurde.  Indem  ich  nun
das  vom  Grasen  Aehrenthal  hinterlassene  reiche  Erbe  inniger  und  vertrauensvoller

  Beziehungen  zur  nai#erlich  Demichen  Regierung  antrete,  hoffe  ich
zuversichllich,  auf  die  buhbrrundiche  und  talkräftige  Unterstützung  Eurer
Erzelleng  kahen  zu  ien.
⁊  das  mnensenschsetegramm  des  russischen  Ministerpräsidenten
Sotewyew,  das  den  Schlulwalssus  enthalten  hatte:  „Ich  bin  gewiß,  da
Ibre  Bemühungen  dahin  zielen  werden,  die  auf  die  Erhaltung  des  Friedens
herichtete  gemeinsame  Aktion  unserer  Regierungen  noch  wirkiamer  zu  ge-
        <pb n="297" />
        HFie  ãsterrritisq  ·  mgarise  Morarchie.  (Februar  27.—März  6.)  287

Leun,  *  antwortete  Graf  Berchtold:  „Sehr  dankbar  für  die  sompathischen

die  Sie  die  Güte  hatten,  mir  aus  Anlaß  meiner  Ernennung  auf
den  Fo  des  N  des  k.  un  d.  und  des  Aeußern  zu  Übermitteln,
  spreche  ich  mein  diritnen  Wünsche  dahin  aus,  daß  die  von
eminent  friedlichen  GEtzuhen  geleiteten  Bemühungen  der  beiden  Regierungen
zur  Befestigung  und  Entwicklung  der  Beziehungen  der  beiden  benachbarten
und  befreundeten  Reiche  dienen  werden.

27.  Februar.  (Niederösterreich.)  Der  Landlag  nimmt  Dringlichkeitsanträge
  gegen  die  kirchlichen  Feiertage  an.

Februar.  (Cisleithanien.)  Der  Kaiser  ernennt  31  neue
Herrenhauomitglieatr.
ieser  Gelegenheit  wurden  ernannt  zu  lebenslänglichen  Mitliedern
  der  Aaern  Abgeordnete  Baron  Chiari,  Graf  Onokar  Czernin,
der  gewesene  Gesandte  Baron  Heidler,  der  Landmarschall  Prinz  Alois
Liechtenstein,  der  Gouverneur  der  Bodenkreditanstalt  Dr.  Sie  hardt,
Kberchnsmnichal.  Stelberrkeur  in  Böhmen  Dr.  Urban,  Fürst  Hugo
Windischgrätz,  die  volnischen  Abgeordneten  Abrahamowitsch  und
Vorski,  der  gewesene  Minister  Cacsek,  der  Idustrielle  #red  Escher-Triest,
  der  ehemalige  Abgeordnele  Wukowit  sch,  Vigegouverneur  Dr.
ruber,  Oberlande  esgerichtsprasident  in  Iumöbrundt  Baron  Call,  Präsident
der  Landwinschastlichen  Gejellschaft  in  Krolau  Dud  ynsti,  Großindustrieller
Baron  Emanuel  Ringhoffer,  Graf  Robert  Terlago  in  Trient,  serner  der
geweiene  Ackerbauminister  Varon  Kast,  der  Professor  an  der  Deutschen
Technik  in  Prag  Rudolf  Döriel,  der  Präsident  des  Verwalskungsrates  der
Zivnostenska  Banka  Johann  Otto  und  der  Direkkor  der  Galizischen  Landesank
  Zgorski;  zu  e  blichen  die  bisherigen  lebenslänglichen  Mitglieder  Graf
ronz  Colloredo-Manefeld  und  Graf  Johonn  Dobrzensky,  ferner
Prmnersche.  in  Galizien  Graf  Badeni,  der  Landeehauptmann  in  Mähren
Graf  Sereny,  Graf  Zdenko  Sed  liöfs,  Wilhelm  é  Gra  Wurmbrandt,
Fechinorscholiienan  des  Ruhestandes  Wenzel  Frhr.  v.  Rot,  General  der
avallerie  des  Ruhestandes  Graf  Heinrich  Lomberg.)  P.nn
Naron  Georg  Locatelli  und  Graf  Franz  Se
29.  Februar.  (Galizien.)  Das  gonteur  griechisch-  unierte
Seminar  mußte  wegen  Streitigkeit  zwischen  den  ruthenisch-nationalen
und  den  ruffenfeindlichen  Alumnen  geschlossen  werden.  (Siehe
.  Februar.)

2.  März.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Sturmszenen  wegen
der  Regelung  der  Geschäftsordnung.

Die  Veranlassung  dazu  gibt  Präsident  Navan,  indem  er  einen  iom
während  jeiner  Ausprache  überreichten  Antrag  der  Opvosition  auf  eine  ge
schlossene  Sitzung  zerriß  und  zu  Boden  warf.  Nach  viclen  unerherrhmegen
sand  doch  eine  geschlossene  Sitzung  statt.  In  einem  Söbelduell  zwischen  den
beiden  Abgeordneten  Paal  und  Giie  insolge  des  Zwiichenruis  „Komöôdianten“
  werden  beide  leicht  verwund

5.  Mär).  Gisleithanien.)  Der  Polenklub  hat  den  Siadtpräsidenten
  von  Krakau  Dr.  Leo  (Demokrat)  zu  seinem  Obmann
gewählk.
6.  März.  (Tirol.)  Wegen  Spionage  wird  der  Kommandant
        <pb n="298" />
        288  Vit  ãsterreiqisq  utarise  Nenariite.  (Mãtz  7.  -  80.)

der  in  Riva  stationierten  italienischen  Finanzwache,  Luigi  Morganti,
verhastet.

Die  österreichische  Neierunz  hat  E  die  italienischen  Finonzwachtlokale
in  Riva  und  Ala  schon  vorher  geku

7.  März.  (Ungarn.)  #  aabinett  des  Grafen  sthuen-Hdervary
  unterzeichnet  ein  gemeinsames  Rücktrittsgesuch.

11.  März.  (Ungarn.)  Der  Kaiser  berief  den  Präfldenten
des  Magnatenhauset  Grafen  Csaky  und  den  Präfidenten  des  Abgeordnelenhauses
  Navay  für  Donnerstag,  den  14.  März,  zur  Audienz,
um  ihre  Ansicht  über  die  Lösung  der  Ministerkrise  zu  hören.  (Siehe
30.  März  und  1.  April.)

12.  März.  (Kroatien.)  Die  Schüler  sämtlicher  Mittelschulen
proklamieren  den  Generalstreik,  weil  wegen  der  Demonstrationen
für  die  Schulreform  einige  Kelegierungen  stattgefunden  hatten.

Die  Regierung  verfügt  die  provisorische  Schließung  der  Mittelschulen.

15.  März.  (Salzkammergut.)  Im  Weißbachtale  stürzen
10000  chm  Gesteinsmasse  ab  und  bedecken  die  Schneefelder  kilometerweit
  mit  Staub.

15.  März.  (Tirol.)  In  Ponte  delle  Arche  (Judikarien)  wurde
der  Reichsitaliener  Patuzzi  von  den  österreichischen  Behörden  unter
dem  Verdacht  der  Spionage  verhaftet.

16.  März.  (Wien.)  Der  dramatische  Schriftsteller  und  frühere
burgtbeakerkirett  Dr.  Max  Eugen  Burckhardt  #  im  58.Lebensjahr.

22.  März.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  beendigt
  die  erste  Lesung  der  Wehrvorlagen  und  bberweist  fie  dem
Wehrausschuß.

23.  Märg.  (Wien.)  Besuch  des  Deutschen  Kaisers,  des  Prinzen
Auguft  Wilhelm  nebst  Gemahlin  und  der  Prinzessin  Viktoria  Luise
beim  Kaiser  Franz  Joseph.  4

30.  Mãrz.  (Ungarn.)  Über  das  Vorgehen  der  Opposition
in  der  Wehrfrage  äußert  sich  der  Kaiser  in  einem  Handschreiben
an  den  Premierminister:

„Lieber  Graf  Khuen-Hodewam!  Mit  tiesem  Bedauern  habe  ich  die
Meinungsverichiedenheiten  hinüchtlich  meiner  mir  durch  das  Geseßz  gewährleisteten
  Herricherrechte  wwa  welche  Sie  und  Iiuae-  Wiiaiser.
kollegen  zur  Einreichung  Ihrer  Demission  bewogen  hatten.  Mährend  der
ganzen,  der  tegens  reichen  Wiederderstenung  des  konstitutionellen  Lebens
jolgenden  Zeil  meiner  NRegierung  habe  ich  fossam  über  die  Juireweer
des  Gesenes  und  der  verjaffungemäßiigen  Ordnung  gewacht.  Die
ist  in  ungestörtem  Beü##e  ihrer  geiamten  konstikurioncllen  Rechte,  nter

auch  des  Nekrurenbewilligungerechis,  und  nichts  liegt  mir  ferner  als  besen
Verrung  oder  Einichränkung.  Andererieits  aber  muß  ouch  ich  an  jenen
mir  durch  Artikel  XVIlI  des  Wehrgeietzes  von  1888  übertragenen  Herrscher-
        <pb n="299" />
        Die  öl##rriilchmerische  Menerie.  (April  1.—11.)  239

rechten  festhalten,  auf  Grund  welcher  ich  die  in  diesem  Gesetz,  erwähnten
Reservisten  und  Ersabreservisten  einberufen  oder  zurückweisen  kann,  wenn
besondere  Verhältnisse  dies  erheischen.  So  wie  es  zrein  entschiedener  Wille
ist,  die  veriassungsmäßigen  Rechte  der  Nation  un  ersehrt  zu  erhalten,  mit
eben  solcher  Entschiedenheit  muß  ich  meine  nnssntbenenln  Herrscherrechte
unverletzt  bewahren,  und  ich  vbo“  vermag  meinen  Herrscherpflichten  nur  dann

nachzukommen,  wenn  ich  diesen  meinen  zweifachen  Beruf  SWeichseieig  erfüllen
kann.  Vertrauensvoll  fordere  ich  die  alicn  aus,  es  mir  zu  erleichtern,
diese  meine  Aufgabe  in  einer  mit  meinem  Gewissen  vteinbsktichen  Weise
gerecht  zu  werden  und  hierdurch  die  Faret  ebung  der  auf  dem  Einvernehmen
des  nönigs  und  der  Nalion  basierenden  konstitutionellen  Arbeit  zu  sichern.“

1.  April.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Verzicht  auf  die
Resolution.

Ministerpräsident  Gras  Khnen-Hédervary  erklärte:  Es  war  Alere
Pflicht,  die  Gewissensruhe  des  nöônigs  herzustellen  und  unabsehbare  V
wirrungen  zu  verhüten.  Die  Regierung  will  daher  ihre  Nchrccafsafiung
in  bezug  auf  die  Resolmion  über  die  Einberufung  der  Reservisten  nicht
geltend  machen.  Wir  haben  von  neuem  die  Regierung  übernommen,  um
uns  das  Wohlwollen  des  Monarchen  zu  sichern  und  die  Arbeit  fortzusetzen,
der  wir  uns  im  Interesse  der  Nation  gewidmet  haben.  Auf  dieser  Grundloge
  ersuche  ich  um  das  Vertrauen  des  Abgeordnetenhauses.  (Lebhafter  Beifoll
  und  stürmische  Ruse  rechs:  „Es  lebe  der  König!"“)  —  Abg.  Koluth
erklärtte  im  Namen  seiner  Partei,  ’daß  diese  #5  freie  Hand  erhalten
hade,  und  beamragte  die  Einsetzung  eines  Ausschusses,  der  eine  Adreise  an
den  Knönig  verfassen  soll.  un  diesen  zu  überzeugen,  das  Arlikel  16  des  Gesetzes
  vom  Jahre  1######  keine  Schmälerung  der  Majestätsrechie  enthatte.

Im  Namen  der  8  erklärte  Abg.  Hollo,  eine  endgülige  Losung  der
Krise  sei  nur  durch  die  Wahlrejorm  möglich.  —  Graf  Julius  n#drasin
billigte  vollkommen  die  Handlungsweise  Der  Grasen  Kbuen  und  jagte,
gebe  keinen  gewissenhaften  Ungarn,  der  in  einem  solchen  Angenblicke  *
einer  jo-  olchen  Lage  ###  ander  r#  häne.  Aus  dem  koniglichen  Handschreiben
  jei  ersichtlich,  daß  sich  Graf  Alllen  gegenüber  einer  Stimmung
besunden  habe,  die  nicht  zu  berpcticchigen  geradezu  ein  Verbrechen  gegen
die  Nation  und  Undank  gegen  die  #rone  geweien  wäre.  —

Jichy  erklärte  im  Namen  der  tuerbnales  Volkepartei,  er  beuge  sich  vor  den
t  die  das  königliche  Handschreiben  enthal

3.  April.  (Kroatien.)  Suspendierung  der  Verfassung.

Die  bevorstehenden  Landtagswahlen  unterbleiben,  das  Veriammlungsrecht
  ist  ausgehoben  und  die  Preise  ist  einer  Präventivzensur  unkerworfen.

S.  April.  Verlobung  der  Enkelin  des  Kaisers,  Erherzogin  Ella.
mit  dem  Grafen  Georg  Waldburg,  der  einer  mediatisierken  schwedischen
  fFamilie  angehört.

11.  April.  (Ungarn.)  Der  Papst  stimmt  grundsätlich  der
Errichtung  eines  neuen  griechisch-katholischen  ungarischen  Bislums
zu,  derart,  daß  in  dem  Gebiete  des  Bistums  die  Predigten,  Gesänge
und  Responsorien  von  nun  an  in  ungarischer  Sprache,  die  Liturgie
in  altgriechischer  Sprache  gehalten  werden.  Das  neue  Bistum  zählt
180000  Seelen.

Europaischter  Meschichiofatender.  I.lll.  19
        <pb n="300" />
        290  Die  I###reichisch-ungerischr  Menarhir.  (April  13.—22.)

13.  April.  (Laibach.)  Die  liberale  Presse  verlangt  von  den
staatlichen  Organen  Einschreiten  gegen  das  ärgerniserregende  Wirken
des  Fürstbischofs  Dr.  Jeglic,  der  wiederum  in  seiner  Broschüre  „Erziehungslehren
  für  Eltern“  sich  in  gewagter  Weise  mit  dem  sexuellen
Problem  beschäftigt.

16.  April.  (Ungarn.)  Das  Ministerium  nimmt  seine  Demission,
  weil  die  Regierung  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  nicht
mehr  das  nötige  Prestige  besitzt,  um  einen  Kampf  im  Abgeordnetenhause
  durchzuführen,  und  auch  nicht  einen  glatten  Verlauf  der  für
die  nächsle  Woche  anberaumten  Session  der  Delegationen  zu  gewährleisten
  r-Als

  E  ung  für  diesen  Schrilt  wird  in  der  ungarischen
Press  e  da  tat-f  hingewiesen  daß  in  den  Kreisen  der  Regierungspartei  eine

Schwierigfeiuen.  dei  der  Bewilligung  des  gemeinsamen  Budgeis  entstehen.
.  auszuweichen,  verlangte  Khuen  in  der  Sonmogsaudienz
den  Rücktritt  der“  #e  el  der  aber  abgelehnt  wurde.  Mitbestimmend
lür  den  Rücktrin  des  Grafen  #huen-Hedervary  war  auch  der  Umstand,  daß
er  sich  von  dem  jüngsten  Handschreiden  des  Königs  den  Erfolg  versprach,
es  werde  auf  die  Obstruktion  der  Msthvartei  gegen  die  Wehrvorlage  doch
etwas  mäßigend  eimwirken.  Dieser  Erfolg  ist  jedoch  nicht  nur  vollständis
ausgeblieben,  sondern  man  heben  noch  die  Negierung  mit  Bormw#
sie  habe  die  Krone  unnützerweise  in  eine  Tagesfrage  hineingezerrt.  -ms
verübelt  man  dem  Grasen  Khuen,  daß  er  die  Gerüchte  von  einer  eventuellen
Abdankung  des  nönigs  mit  zu  grohem  Aplomb  in  die  Welt  geseßt  habe.
Die  Herrschaft  uhnens  in  der  Regierungepariei  erscheint  dadurch  erschüert:
er  konnte  es  nicht  mehr  durchienen.  daß  die  Partei  sich  dem  uriegeminister
gefügig  erweise.  In  der  Partei  hat  Graf  Stephan  Tiszo  die  Führung  an
sich  gerissen.  Er  war  es,  nte  iũngit  in  oncuen  Parteilonjerenz  siegen  den
Kriegsminister  losdonnerte.  Man  glaubt,  er  kat  dies  auf  Einstüsterungen
Ahnens,  welcher  sicher  ehm.  der  Atehsnnimster  werde  in  der  nächsten
Delegarion  nicht  mehr  erscheinen

17.  April.  (ungarn)  Die  Demission  des  Kabinetts  wird
nach  einstündiger  Audienz  des  Grasen  Khuen--Hödervary  „in  Würdigung
  der  vorgebrachten  Gründe“  angenommen.

19.  April.  (Ungarn.)  Der  bisherige  Finanzminister  Lukacs
wird  zum  Ministerpräsidenten  ernannt.

Er  nimmt  seine  bisherigen  Kollegen  fast  sämtlich  in  sein  Kabinet
diunte  und  übernimmt  selbst  das  Ministerium  des  Junern  und  das  um
die  Person  Seiner  Maiestät.  Finanzminister  wird  der  Staatssekretär
Teleszko,  Chei  der  Ministerialabteilung  für  Kroatien,  Slavonien  und
Dalmatien  wird  Ritter  von  Josipovich.

22.  April.  (Innsbruck.)  Auf  dem  Bahnhofszollamt  wurden
zwei  aus  Lübeck  kommende,  an  die  Artilleriedirektion  in  Rom  adres-
        <pb n="301" />
        Dit  ãsterrriqisqͥ  ·  mgatisqe  Rerarqlie.  (April  23.  -  a0.)  291
fierte  und  offenbar  für  .  b  te  Send  Al
bomben,  welche  falsch  deklariert  waren,  beschlagnohmt.

23.  April.  (Wien.)  Bei  den  Gemeinderatswahlen  des  vierten
Wahlkörpers  zeigt  sich  ein  starker  Rückgang  der  christlich-  sozialen
Stimmen,  so  daß  sie  von  den  14  Mandaten,  die  fie  früher  innehatten,
  nur  vier  behaupten  und  bei  dreien  in  die  Stichwahl  kommen.

W.  April.  (Böhmen.)  Gegenüber  dem  Widerstand  der
Tschechen  gegen  die  nationale  Teilung  des  Landesbudgets  beschloß
die  Vollversammlung  der  deutsch-böhmischen  Reichsrats-  und  Landtagsabgeordneten,
  vor  einer  günstigen  Erledigung  der  Frage  keine
anderen  Verhandlungsgegenstände  zu  beraten.

29.  April.  (Wien.)  Die  Christlich-Sozialen  behaupteten  bei
den  Gemeinderatswahlen  des  zweiten  Wahlkörpers  von  ihren
48  Mandaten  31.  die  Deutsch-Freiheitlichen  gewannen  2  Sitze  und
in  14  Bezirken  find  17  Stichwahlen  nötig.  Das  Gesamtergebnis
ist  schließlich:  44  Christlich.  Soziale  und  4  Liberale.

29.  April.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Programmrede
des  Miniseprasdenten  Lulacs.

m  allgemeinen  bezeichnete  er  die  neue  Regierung  als  eine  Fortsehung
  Der  eben  abgetreienen.  Die  Resorm  des  Wahlrechts  bezeichucte
Lukacs  als  dringend  notwendig.  Er  wolle  ein  liberales  und  demokratisches
modernes  Wahirecht  für  die  reiseren  und  national  gesinnten  Elemente
"  Einen  Sprung  ins  Dunkle  könne  man  nicht  wagen:  der  Einünn
ber  „Ielligen  1  die  staatliche  Einheitlichkeit  müßten  unbedingt  gewahrt

#as  allgemeine  und  gleiche  Wahlrecht  vorlänfig  nur  auf
ent  lepimmten  ois  beschränken  wolle,  so  lammerec  er  sich  doch  teinc

wegs  an  diesen  Vorschlag  und  wolle  gnerne  jeden  beiieren  erwägen.

Einmischung  der  ssterreichischen  Regierung  in  die  ungarischen  D#häunnisse
sei  bedauerlich:  er  werde  zur  geeigneten  Zeit  fest  und  oifen  gegen  dieie
Einmengung  auftreien.  Die  Maßregeln  gegen  NKroatien  waren  heiver  Auskastung
  nach  berechrigt,  weil  dort  eine  Sitnation  beitand,  welche  die  Einheillichkeit
  des  ungarischen  Staates,  delien  unaberenuboren  Vesendirl
Kroatien  bilde,  gejährdete.  Die  kroatischen  Beichwerden  könnten  nur  im
ungarischen  Parlamem  vorgebracht  werden,  nicht  aber  auf  Wegen,  wo  die
Einmengung  fremder  Regierungen  und  Einzewersonen  möglich  sei.  Wenn
in  Kroatien  eine  Besserung  der  Zustände  eintrete,  donn  wurden  die  Ausnahmemaßregeln
  aushören.

30.  April.  (Delegation.)  Erklärung  des  Ministers  des
Außern  Grafen  Berchtold  vor  dem  Viererausschuß  der  ungarischen
Delegatien  über  die  auswärtige  Politik:

den  letzten  Desembertagen  des  abgelanfenen  Jahres  hat  mein
vorzeitig  abberusener  Anusvorgänger  mit  kurien  Wontn  ein  Bild  der
imernationalen  Lage,  wie  sie  sich  damaks  daritellte,  vor  Ihnen  emtworien.
Die  großen  Richminien  der  Politik  des  Grasen  Achrenthal  waren  in  jener
Darlegung  zwar  nicht  als  solche  zum  Ausdruck  gebracht,  und  nur  in  ihrer
        <pb n="302" />
        292  Nie  öerreiischungorische  Menarie.  (April  30.)

teilweisen  Nutzanwendung  zutage  getreten,  sie  sind  Ihnen  aber  aus  früheren
Kundgebungen  des  Ministers  bekannt  gewesen  und  haben  bei  diesem  Anlaß
Ihre  neuerliche  Billigung  gefunden.  Dem  Geiste  jener  Kontinuität,  die
als  Grundlage  einer  gesunden  auswärtigen  Politik  zu  pflegen  t.  znid
i  fernerhin  zur  Richtschnur  dienen,  nicht  etw
beschaulich  auf  einem  gegebenen  Nundte  Killzustehen,  sondern  in  r
Schonich  e  auf  den  wisgeichlagenen  Wege  fortzuschreiten.  Die  Band
die  uns  mit  den  rten  Maͤchten  vi  *  sollen  möglichst  heeilteß
die  Beziehungen,  *  wir  zu  den  beseundenrn  Staaten  unterhalten,  au
gestaltet  und  vertieft  werden.  Dabei  muß  es  unsere  Aufgabe  sein,  eine
legitime  Henerrhenpo#ink  zu  versalten  die-  im  indernerionalen  Leben  die
unentwegte  Loyalität  zu  unseren  Alliierten  und  Freunden  zur  Voraussedung
  und  die  zielbewußte  Verfolgung  “  denscherten  An  spruchee  ur
Bestimmung  hat.  Als  festgefügte,  in  der  Püah  t  der  Jahre  und
ignisse  erprobte  und  bewährte  Grundlage  des  Aunebis  Stonensohem
aben  wir  den  Dreibund  übernommen  und  wollen  ihm  treu  a„bleiben.  treu
einem  Wortlaute,  treu  seinem  Geiste,  treu  namentlich  auch  der  erha  obenen
Friedensidee,  die  er,  den  Absichten  seiner  Slauchten  Initiatoren  zufolge,
u  dienen  berufen  in.  Innerhalb  des  Dreibundes  steht  unser  Verhältnis
an  Deutschen  Reiche  unentwegt  im  Baelhan  innigsten  Einvernehme
Im  Laufe  jahrzehntelangen  Zusammengehens  und  Aanmenhalten  zur
Ausdrucksform  eines  innigen  Solidaritätsbewußtseins  geworden,  belitzt  es
iäi  dem  unverbrüchlichen  Freundschaftsverhälimnis  der  beiden  Monarchen  seine
höchste  Weihe.  Bei  der  kürzlichen  elenhet  Kaiser  Wilhelms  in  Schönbrunn
  als  Gast  unseres  Koisers  ist  diese  Tatsache  wiederum  in  Erscheinung
getreten  und  hat  den  Herrschern  Gelegenheit  gegeben,  das  auf  tief  eingewurzelten
  Traditionen  gegründete,  nach  übereinstimmenden  Endzielen  einz
  estellte  Wirken  der  zwei  Zentralmächte  in  der  auswärtigen  Politik  neuerdings
  zu  bestätigen  und  zu  bekrästigen.  n  gleicher  Weise  tragen  unsere
Beziehungen  zu  Italien  unveröndert  den  Stempel  des  engen  Bundesnechälmifee
  Die  Wärme  des  Tones,  in  dem  die  Beileidskundgebung  des
Marchese  di  San  Giuliano  anläßlich  des  Ablebens  meines  Borgängers  gehalten
  war,  hat  Zeugnis  abgegeben  von  dem  hohen  Werte,  den  man  in
Rom  den  loyalen  bPesrchungen  des  Grafen  Aehrenthal  beilene,  das  Verhältnis
  der  Alliierten  möglichst  vertrauensvoll  zu  gestalten.  Ich  habe  nicht
versäumt,  die  Kundgebung  des  italienischen  Stwalemang  herzlich  zu  erwidern
  und  ihm  zu  versichern,  daß  mit  dem  Personenwechsel  keine  Aenderung
  unserer  Pockt  eingetreten  sei.  Der  langwierige  Waffengang,  in  den
unser  Verbündeter  verwickelt  ist,  hat  bedauerli  r*  e  noch  ichen  Abschluß
gesunden.  Wir  hegen  den  lebhaften  Wunsch,  d  im  Blutvergießen  ein
aldiges  Ende  bereitet  werde.  In  diesen  Absi  38  s  nnr  wie  vor
bereit,  im  Rahmen  der  von  uns  beobachteten  Neutralität  jeder  Altion  bei- 



 

ur  mit  —  Ukt  nehmen  und  dem  Gedanken  he

ipflichlen,  daß  damit  ein  wertvolles  Unterpfand  für  die  weitere
Lchnbschnschen  Ausgestaltung  des  wechsesseitigen  Verhöltmisses  gegeben  erscheint.
  Der  Minister  betont  weiter  die  ausn  eeie  guten  Beziehungen
zu  Frankreich  und  England  und  fährt  dann  fort:  Im  Vorl  en  e  des
Interesses  für  de  euswärtigen.  Bpuitit  PenererichUn  arns  steht  selbstverständlich
  unser  Verhälinis  zur  Tür  ist  im  Lau  i  i  i
unserer  Politik  gewesen,  *  Beziehungen  zum  türkischen
Reiche  zu  unterhalten  und  die  tunlichsie  Berhütung,  gegebenen  Falles  die
        <pb n="303" />
        Vie  ãsterrrihisq  ·  angarise  Menarqie.  (Mai  1.  2.)  293

größtmögliche  Einschränkung  von  Komplikationen  anzustreben,  die  dasselbe
in  Mitleidenschaft  zu  ziehen  imstande  sein  könnten.  Diese  Poli#ik  ist  auch
heute  noch  maß-  und  richtunggebend  für  unser  Verhältnis  zur  Hohen  Pforte.
Es  erscheint  nur  ols  eine  logische  Folge  dieser  grundlegenden  Auffassung.
wenn-  wir  den  aufrichtigen.  Wunich  hegen,  daß  der  Konflikt,  welcher  derzeit
fzae  biipolitanischen  Küste  ausgetragen  wird,  zu  einem  baldmöglichen

aa  gelonge.  Einen  treuen  Mitarbeiter  an  dem  diplomatischen  Wirlen
zur  Erhaltung  des  Friedens  im  nahen  Osten  besiden  wir  in  dem  Königreiche
  Rumänien.  Belches  Intereie  wir  an  guten  Beziehungen  zu  den
Balkanstaaten  haben,  bedarf  doch  wohl  keiner  besonderen  Begründun  ng.
Die  Derstellung  eines  regeren  kommerziellen  Wechselverkehrs  mit  denjelben
wurde  durch  die  mit  Serbien  und  Montenegro  kontrahierten  Handelsverträge
  eingeleitet.  Seither  ist  “  gelungen,  zu  einer  hondelspolitischen
Einigung  mit  Bulgarien  zu  gelangen.  An  die  Konvention  würde  sich  dann
der  derzeit  erst  in  Aussicht  genommene  Handelsvernag  mit  Griechenland
reihen.  Im  Vor  dergrunde  vrr  Diskussion  befindet  sich  noch  immer  das
schwierige  Problem,  eine  Grundlage  für  die  Beendigung  des  italienischtürkischen
  Konflikts  zu  finden.  Die  ursprünglich  von  meinem  Vorgänger
  diesfalls  ausgegangene  Anregung  hat  die  prinzipielle  Geneigtheit
der  fünf  neutralen  Großmächte  sichergestellt,  an  einer  gemeinsamen  Friedensaktion
  teilzunehmen.  Diese  Geneigtheit  ist  in  konkreter  Form  in  dem  kürzlich
  auf  Initiative  des  St.  Petersburger  Kabinelts  erjolgten  Mediationsversuche
  der  neutralen  Mächte  zum  Ausdrucke  gekommen,  der  in  Rom
wie  in  Konstantinopel  freundschaftliche  Aufnahme  gefunden  hat.  Wenn
auch  die  rens.  der  von  den  kriegführenden  Teilen  geltend  gemachten
Sapriche  nich  gering  genannt  i  kaonn,  so  läßt  sich  doch  die
ni  6  abweisen,  daß  den  fortgesetzten  Bemühungen  der

t,  Fion  werde,  schließlich  eine  für  beide  Teile  onnehmbare  Lösung

l  Mut  (Delegationen.)  In  der  österreichischen  Delegation
interpelliert  Graf  Skarbeck  wegen  der  Gefahr  der  Ausdehnung  der
preußischen  Ausnahmebestimmungen  gegen  österreichische  Arbeiter
sawischen,  insbesondere  polnischen  Stammes  auf  die  Übrigen  deutschen
  Bundesstaaten.

2.  Mai.  (Delegationen.)  Die  ungarische  Delegation  nahm,
nachdem  Delegierter  Desy  sein  Mißtrauensvotum  gegen  den  Kriegsminister
  zurückgezogen  hatte  und  der  Beschlußantrag  des  Grafen
Batthyany  abgelehnt  worden  war,  das  Budgetprovisorium  unverändert
  an.

Sektionschef  Graf  Wickenburg  erklärte  namens  des  Ministers  des
Aeußern:  Wiewohl  die  Regierung  die  Nachteile,  welche  unseren  Dandelsintereisen
  durch  die  Dardanellenjverre  zugesöügt  wurden,  volllommen  würdigt,
wird  sie  lic  von  dem  während  des  ganzen  Feldzuges  beobachteten  und
von  allen  Seilen  gebilligten  Grundsaß  völliger  Neutralität  nicht  abbringen
lassen.  Was  das  Verhältnis  zwischen  Deutschland  und  England  bewistt,
so  ist  es  nur  selbstverständlich,  daß  wir  die  Entwicklung  dieies  Verhältni#es
mit  slebhastem  Inieresse  verfolgen.  Was  der  Delegierte  Holla  als  ungünstiges
  Moment  erwähnte,  das  in  diesem  Verhälinis  obzuwalten  scheint,
nämlich  die  deutsche  Wehroorlage,  so  weise  ich  auf  jene  Nede  bin,  die  der
Reichskanzler  bei  Unterbreitung  dicier  Vorlage  hielt,  and  in  welcher  hervor-
        <pb n="304" />
        294  Hie  õtterrtiqisq  ·garisqt  Monarchie.  (Dai  a.  -24.)

gehoben  wird,  daß  Deutschlond  mit  der  Entwicklung  seines.  Herres  nichts
anderes  *  als  die  SSuärtung  seines  Oceres  und  dadurch  die  Sicheung
dea  Friedens.  Fur  a  e  kann  man  konstatieren,  dah  sowohl  i#  n  Eng  ·

als  auch  in  re1  Galn  die  angesehensten  Periönlichkeiten  nd  die
7**  Köpfe  sich  damit  beschäftigen,  das  Verhältnis  zwischen  diesen  beiden
Staaten  zu  bessern  und  die  Freundschaft  zu  entwickeln,  aund  wir  Pe
den  Eindruck,  daß  dieie  Arbeit  nicht  ganz  erfolglos  im
laube  mir  noch  hinzuzufügen,  daß  wir  die  Besierung  8  s  hadiic
mit  der  größten  Sympathie  verfolge  gen

Gemeinsamer  Minister  des  *7  Gra.  Berchtold  (in  ungarischer
Sprache):  Mit  Irtuden  konstatiere  ich,  daß  die  geehrte  Delegation  mit
all  dem,  was  ich  als  von  mir  zu  basahzente.  -#uge  Grundprinzipien  bezeichnet
  habe,  übereinstimmt.  Ich  empfinde  für  diese  Laltung  der  geehrten
Delegation  nicht  nur  Dank,  buen  fseroe  aus  ihrer  Aufsassung,  die
mit  der  meinigen  Ubereintirnemn,  auch  Kraft  zur  konsequenten  Fortführung
meiner  Politik.

#.  Mai.  (Wien.)  Nach  Beendigung  der  Stichwahlen  weist
das  Gesamtresultat  der  Gemeinderatswahlen  für  die  Christlich-Sozialen
  einen  Verlust  von  acht  Mandaten  auf.

4.  Mai.  (Laibach.)  Fürstbischof  Dr.  Jeglic  veröffentlicht  im
Laibacher  Diözesanblatt  eine  an  die  Diözesangeisllichen  gerichtete

Epistel:

u,  daß  Ihr  das  Volk  mit  Hentester  nicht  überbürden  werdet.
Für  Ener  v.  22  maßgebend  nur  das  Recht,  nie  die  Politik.  Unterlasset
in  den  Predigten  wie  immer  geortete  Beleidigungen  und  vermeidet  perfönliche
  Angrisse.  Es  heißt  nicht  modern  predigen,  wenn  man  auf  der  Kanzel
politisiert  oder  wenn  man  dort  Jeitungen  verliest.  Modern  predigen  heißt
predigen  der  ritttdmuns  gemäß  unter  Rücksichtmahme  aus  den  Glauben
und  die  Mor

6.  en  (Cisleilhanien.)  Im  Abgeordnetenhause  bringt  die
Regierung  ein  sechsmonatiges  Budgetprovisorium  vom  Juli  ab  ein.

18.—21.  Mai.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Wegen  der
hartnäckigen  Obstruktion  der  Juslhpartei  gegen  die  Wehrvorlage
legt  Präsident  Navay  sein  Amt  nieder.

die  Abgeordnelen  Insth  und  Lovoszy  den  Ministerpräsidenten
Lukacs  andauernd  am  Sprechen  verhindern  und  den  Weisungen  des  Präsidenten
nicht  Folge  leisten,  werden  sie  wegen  Ungehorsams  dem  Immunitätsauoschnise
  überwiesen.  Dieser  verurteilt  jie  zur  Abbitie  in  öfiemtlicher  Sitzung.

22.  Mai.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  In  einer  stürmischen
Sitzung  wird  Graf  Tisza  mit  210  Stimmen  der  Regierungspartei
zum  Präsidenten  gewählt.

23.  und  24.  Mai.  (Budapest.)  Bei  Straßenkämpfen  im  Verlauf
  eines  Massenstreils,  der  als  eine  Demonstration  für  das  seit
sechs  Johren  versprochene  allgemeine  Wahlrecht  von  den  Arbeitern
unternommen  wurde,  werden  8  Personen  getötet  und  193  verwundek,
darunter  39  lebensgefährlich.  760  Personen  werden  verhaftet.
        <pb n="305" />
        Bie  Arrihisch-unzmischr  Monartir.  (Mai  25.—Juni  2.)  295

25.  Mai.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Sämtliche  Fraktionen
der  Opposition  haben  bei  Franz  Kossuth  eine  Konferenz  abgehalten,
um  ein  gemeinsames  Vorgehen  in  der  Frage  der  Wahlreform  und
der  Wehrrorn  zu  vereinbaren.

In  der  Wahlreformfrage  verlan  t  die  E—  das  Wahlrecht  für
etwa  2,2  knden  Wähler,  in  en  #ee  Streichung  des  auf  die
Einberufung.  der  Resewisten  Wi  "  bei  unveränderter  Aufrechterhaltung
  der  in  diesem  Paragre  aphen  nur  rekapitulierten  früheren  Lhebe
Die  Koalition  verfolgt  angeblich  einen  ausgesprochen  friedlichen  Zweck,  ist
jedoch,  salls  die  Forderungen  der  Opposilion  abgelehnt  werden,  bereit,
eventuell  auch  die  Obstrultion  gemeinsam  zu  führen.  Doch  sollen  die  Minel
der  technischen  Obstrultion  dabei  nicht  angewendet  werden

25.  Mai.  (Wien.)  Auf  Vorschlag  der  beiden  Anatomieprofessoren
  Tandler  und  Hochsletter  hat  das  Ministerium  beschlossen.
die  Zahl  der  Medizinstudenten  zu  begrenzen  und  vom  nächsten  Semester
  an  den  Numerus  clausus  einzuführen.

25.  Mai.  (Wien.)  Kaiser  Franz  Joseph  hat  aus  dem  Erträgnis
  der  Staatslotterie  dem  deutschen  Studentenheim  der  Wiener
Universität  50000  Kronen  gespendek.

28.  Mai.  (Gmunden.)  Beisebung  des  verunglückten  Prinzen
Georg  Wilhelm  von  Cumberland  im  Mausoleum.  (Siehe  „Das
Deutsche  Reich“,  20.  Mai.)

28.  Mai.  (Innsbruck.)  Deutscher  Geographentag.

uerh  des  Rahmens  der  Vorträge  erstattet  Geheimrat  Pros.

.  Hahn.  Königsberg  i.  P.  einen  Bericht  der  Zentralkommission

auf  die  Arbeiten  der  letzten  drei  Jahre  hin,  besonders  auf  die  angestellten
Beobachtungen  der  Verändrrung  der  Küstenstrecke  an  der  Westseite  des  ostpreustischen
  Samlandes,  die  eine  Reihe  außerordentlich  interesjanter  Ergebnisse
  brachten.  Von  den  nächiten  Aufgaben,  die  die  Zentralkommission
in  Angriff  nehmen  will,  seien  kurz  erwähnt:  die  Moorforichung  in  Bayern
und  Oberschwaben,  die  Herausgabe  ausjührlicher  Erlämerungen  zu  den
deutschen  Generalstabskarten,  die  Minoirkung  an  der  Neuherausgabe  der
Anleitung  für  Landes-  und  Volksforschung  usw.

29.  Mai.  (Wien.)  Empfang  von  Berliner  Stadtvertretern
unter  Führung  des  Oberbürgermeisters  Kirschner  durch  die  Wiener
Gemeindeverkretung.

8%.  Mai.  (Wien.)  Empfang  des  Berliner  Oberbürgermeisters
Kirschner  in  längerer  Audienz  beim  Kaiser.

1.  Juni.  (Wien.)  Der  König  und  die  Königin  der  Bulgaren
nebst  Kronprinz  Boris  und  Prinz  Cyrill  werden  am  Bahnhof  von
Kaiser  Franz  Joseph  als  seine  Gäste  empfangen.

2.  Juni.  (Lemberg.)  Die  wegen  schweren  Spionageverdachts
        <pb n="306" />
        296  DVit  ĩterreiisq  ·anzatisqe  Nenarcie.  (Juni  2.  .)

im  Dienste  des  ruffischen  Generalstabs  verhaftete  Baronin  v.  König
wird  dem  Landesgericht  zugeflihrt.

2.  Juni.  Aus  dem  Trinkspruch  des  Kaisers  Franz  Joseph
auf  seinen  Gast,  den  König  von  Bulgarien:

Meine  wärmsten  Wonsche  begleiten  die  friedliche  Entwicklung  Bulgariens,
  das  dank  der  boben  Weisheit  Eurer  Maiestät  ein  Elemem  der
Ordnung  und  Ruhe  auf  dem  Balkan  b  biiert  Ich  bin  glücklich,  die  Anwesenhei#t
  Eurer  Majohleren  und  Königlichen  Hoheiten  unter  uns  ols  ein
neues  Unterpfand  der  gusgeheichneten.  Beglehnnen  ansehen  zu  können,  die
1  0  e  Stoaten  bestehen.

4.  Juni.  (Ungarn.)  Das  Abotorduetenhaus  nimmt  unter
wusten  ##rnsstenen  die  Wehrvorlagen

5.  Juni.  (Ungarn.)  6gearbnetenheus,  Da  die  bereits  ausgeschlossenen
  oppositionellen  Abgeordneten  dennoch  im  Saale  erscheinen,
  läßt  der  Präsident  Tisza  fie  durch  die  Polizei  entfernen,
und  das  Haus  verhängt  Verlängerungen  der  Ausschließung  über
sie.  Dann  erfolgt  die  Annahme  der  Wehrvorlage  in  dritter  Lesung.

5.  Juni.  (Rovereto.)  Das  Kreisgericht  spricht  den  wegen
Spionageverdachts  verhafteten  Brigadier  der  in  Riva  stationierten
italienischen  Finanzwache  Luigi  Morganti  frei.

7.  Juni.  (Wien.)  Durch  eine  Explosion  des  Magazins  48
der  Möllersdorfer  Munitionsfabrik,  wobei  200000  kg  Pulver  in
die  Luft  flogen,  werden  16  Personen  getötet  und  über  100  verletzt.

7.  Juni.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Attentat  auf  Tisza.
Der  für  dreißig  Sitzungen  ausgeschlossene  Abgeordneke  Julius  Kovacz
stürzte  in  die  soeben  eröffnete  Sitzung  und  feuerte  von  der  dritten
Bankreihe  drei  Revolverschüsse  auf  den  Präsidenten  ab,  indem  er
rief:  „Es  gibt  noch  einen  oppositionellen  Abgeordneten.“

Abgeordnete  der  Regierungsvartei  stürzen  auf  den  Täter
u  und  suchen  ihm  den  Revolver  zu  entwinden,  worauf  er  zurückweichend
wei  Schüsse  auf  sich  selbst  abgibt  und  zusemmenstürk.  Es  enisteht  ein
unbeschreidlicher  Tumult.  Kovacz  wird  in  das  Aerztezimmer  gebracht.
Tisza  erhebt  sich,  nimmt  jedoch  sofort  den  #srnene  wirder  ein  und
agt,  nachdem  der  Tumult  sich  ein  wenig  gelegt  hot:  „Ich  glaube,  nachdem
s  sich  um  die  Tak  eines  Wahnwi  wivigen  handett,  der  sich  der  irdischen
Gerechtigkeit  entzogen  hat,  geden,  wir  zur  Tagesordnung  über.“  Einige
Ovvositionelle  rusen:  „Den  habt  ihr  erschossen!“  Tisza  leitete  die  Sitzung
weiter,  als  ob  nichts  geschehen  wäre.

8.  Juni.  (Wien.)  König  Nikolaus  von  Montenegro  trifft
zum  Besuche  des  Kaisers  Franz  Joseph  ein  und  wird  von  diesem
zum  Oberstinhaber  des  55.  Infanterieregiments  ernannt.

:.  Juni.  (Agram.)  Der  bosnische  Student  Uka  Julics  schießt
        <pb n="307" />
        Dit  ãtterrritisq  ·nagarise  Merarclie.  (Juni  10.  -  19.)  297

auf  den  königlichen  Kommissar  und  Banus  von  Kroatien  Eduard
v.  Cuvaj  ein  Revolverschuß  ab,  ohne  ihn  zu  treffen.

D  n  dem  Banus  im  Automobil  fahrende  Leiter  der-  ElrlT
und  urd  e  Jvo  v.  Hervoics  wird  am  Halse  verwun  (Am
1.  Juli  nach  uuesollen  beiden  .  br  erschoß  der  7t  Attenäerr
  noch  einen  Wa  achma  und  verwundete  einen  ihn  verfolgenden  Poligzeimten.

  —  Unter  n  Verduch.  um  das  Atlentat  gewußt  zu  haben,  werden
0rnt  bosnische  paee  verhoste.

10.  Juni  (Ungarn.)  dnetenhaus.  Dreißi  Sgeschkosst
Abgeordnete,  die  wieder  zu  der  Sitzung  erschienen  waren,  werden
durch  die  Polizei  aus  dem  Saale  geführt.

13.  Juni.  (Böhmen.)  Die  eben  erschienenen  Memoiren  des
vor  einigen  Jahren  verstorbenen  Finanzministers  Dr.  Kaizl,  eines
Tschechen,  werden  wegen  Majestätsbeleidigung  beschlagnahmt.

13.  Juni.  (Kroatien.)  Der  Banus  Cuvaj  erläßt  eine  Ausnahmeverordnung,
  wonach  alle  Wassen  von  Privaten  binnen  drei
Tagen  abgeliefert  und  die  Waffenbestände  der  Händler  angegeben
werden  müssen.

13.  Juni.  (Böhmen.)  Bei  der  Landtagswahl  im  tschechischen
Bezirk  Nimburg-Jungbunzlau  wird  als  Kandidatin  der  jungtschechischen
  Partei  die  Schriftstellerin  Frau  Vyk-Kuneticky  gewählt,
  der  aber  der  Statthalter  von  Böhmen  die  Abgeordnetenlegitimation
  verweigert.

14.  Juni.  (Cisleithanien.)  Der  Obstruktion  der  Ruthenen
im  Wehrausschusse  des  Parlaments  wird  durch  ein  Abkommen  des
Polenklubs  mit  den  drei  ruthenischen  Klubs  ein  Ende  gemacht.
Die  Ruthenen  erlangen  durch  den  Unterrichtsminister  v.  Hufsarek
die  Zusicherung  einer  Universität,  womöglich  in  Lemberg,  ohne  daß
fie  sich  verpflichten,  auch  im  galizischen  Landtage  ihre  Obstruktion
aufzugeben.

15.  Juni.  (Ungarn.)  Das  Magnatenhaus  nimmt  die  Wehrvorlagen
  mit  174  gegen  33  Stimmen  an.

17.  Juni.  (Cisleithanien.)  Der  Wehrausschuß  nimmt  das
Landwehrgefeh  an,  das  den  letzten  Abschnitt  der  Wehrvorlagen  bildet.

19.  Juni.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Das  Bündnis
mit  Auschen  in  der  Debatte  Üüber  die  Wehrvorlagen.

Berichterstatter  Abg.  Dr.  Sommer  (deutsch-radikall  bekonte.

den  oeren  im  Jahre  19  1  wo  das  Geietz  in  die  Wirklichkeit
ie  der  Erneuerung  seiner  Bündnisverträge  stehen  werde,

h  vor  lersche  Aktionen,  bei  denen  nicht  bloß  die  Sympathien  und

tipathien,  sondern  in  erster  Linie  die  reolen  Grundlagen  der  Wehrmacht
d  den  einzelnen  Staaten  eine  große  Rolle  spielen  werden.  Er  zweisle
        <pb n="308" />
        298  Hie  urricis#sche  Menarie.  (Juni  25.—30.)

nicht  daran,  daß  auch  im  Jahre  1914,  ebenso  wie  heute,  in  Oesterreich-Ungarn
  die  Meinung  allgemein  sein  werde,  daß  die  Sicherheit  des  Staates
nur  an  der  Seite  des  Deurchen  Reiches  verbürgt  sei.  Die  Wemcrenent
keit  der  beiden  Staaten  zwie  beide  schon  heute  zu  einer  entiprechend
nusbelantun  ihrer  Weh  Während  dies  in  „Deutschland  mit  *
nehmheit  un  d  geschehen  sei,  wie  dort  große  politische
Aktionen  immer  zu  geschehen  pflegen,  könne  dies  in  Oesterreich-Ungarn
8  m  Teil  nur  unter  Hoeiweren  Erschnerungen  und  großen  Schmerzen  vor

Dr.  Groß  (deutsch-fortschrittlich)  erklärte,  der  deuische  Vationalverbenen
  werde  mit  Rücksicht  auf  die  in  dr  i*is  e  enthaltenen  Erleichterungen
  für  die  Vorlage  stimmen,  da  durch  sie  die  Armee  sehr  gestärkt  und
gekräftigt  und  andererseits  der  Bevölkerung  zahlreiche  Erleichterungen  und
die  zweisährige  Dienstzeit  gewährt  würden.  Lange  genug  sei  die  notwendige
Entwicklung  der  Armee  hinausgeschoben  worden,  haun#fsnh  infolge  der
Verwicllungen  in  der  anderen  Reichshälfte,  zu  lange  schon,  a  añ  no
länger  gezögert  werden  könnte.  Aber  nicht  allein  aus  dem  Selbsterhaltungstriebe
  müßte  für  die  Entwicklung  des  Heeres  Voriorge  getroffen  werden,
es  sei  auch  dem  Bundesgenossen,  dem  Deutschen  Reiche  begenater!  n  dieser
Vegiehung  eine  Bündnis.  und  Dankespilicht  zu  ersöllen.  Der  er  fuhr
sort:  „Wir  haben  eine  Bündnisepflicht  zu  erfüllen,  weil  wir  d  den  An  ·
spruch  erheben  können,  Bundesgenossen  eines  so  starken  Reiches  zu  sein,
wem  wir  nicht  danach  trachten,  die  olihen  Rräfte,  die  es  zur  Versügung

hat,  ihm  zur  Veriügung  zu  stellen.  Wir  haben  eine  Dankespilicht  abzulwagen
  für  die  tatkräftige  Unterssigung.  die,  *l  Deulsche  Reich  und  sein
Raiser  in  zan  Tagen  uns  gewährt  hab
25.  Juni.  (Deutsch-Matrei.)  dr  Fürstbischof  von  Brixen
Dr.  Joseph  Allenmetel  1  im  61.  Lebensjohre.
25.  Juni.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnekenhaus  nimmt
die  Wehrvorlage  mit  der  erforderlichen  Zweidrittel-Majorität  an.
Dadurch  wird  für  die  nächsten  zwölf  Jahre  das  erhöhte  Rekrutenklontingent
  und  die  zweijährige  Dienstzeit  für  die  Infanterie,  die  dreifrtge
  nt  die  beritienen  Truppen,  die  vierjãährige  fr  die  Rriegamarine
jesigeje
Juni.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  beendet
die  dritte  Lesung  des  Wehrgesehes  und  beginnt  die  zweite  Lesung
der  Landwehrvorlage.
27.  Juni.  (Ungarn.)  Vertagung  des  Abgeordnetenhauses
bis  zum  17.  September.
27.  Juni.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  nimmt
die  Landwehrvorlage  in  dritter  Lesung  mit  303  gegen  105  Stimmen  an.
W8.  Juni.  (Cisleithanien.)  Durch  Annahme  der  Landwehrvorlage
  im  Herrenhaus  werden  die  Wehrvorlagen  endgültig
genehmigt.
3..  Juni.  (Prag.)  Gelegentlichdes  allstavischen  Sokolt  g
finden  wieder  Ausschreitungen  gegen  hönennn  farbentragende  Studenten
statt,  obwohl  die  #schechische  Presse  aufgesordert  hatte,  solche  Ruhe-
        <pb n="309" />
        Vie  ositrreiqisq  ·  garisqe  Menarqlie.  (Juli  1.  -August  22.)  299

störungen  zu  unterlaffen.  Im  ganzen  wurden  sieben  Stubenten
verletzt.

1.  Juli.  (Prag.)  Der  Ackerbauminister  Albin  Braf  1  plöglich
während  der  Enthüllung  des  Palacki-Denkmals.  ·

4.  Juli.  Der  41jährige  General  der  Kavallerie  Erzherzog
Eugen  biltet  den  Kaiser  wegen  eines  Magenleidens  um  Enthebung
von  feinen  militärischen  Posten  als  Armeeinspekteur  und  Oberkommandant
  von  Tirol  und  Vorarlberg.

9.  Juli.  (Wien.)  Die  vom  Kriegeminister  von  Auffenberg
in  den  geheimen  Konferenzen  des  gemeinsamen  öFPflerreichischungarischen
  Ministerrates  gestellten  Forderungen,  die  sich  auf  die
Befestigungen  in  Tirol,  auf  allmähliche  Ersetzung  der  bisherigen  Geschübrohre
  aus  Schmiedebronze  durch  Stahlrohre  und  auf  militärische
Flugzeuge  bezogen,  werden  abgelehnt.

10.  Juli.  (Wien.)  Der  Stadtrat  beschließt,  alle  Direktoren
der  städtischen  Unternehmungen  zu  beauftragen,  künftighin  nur
solche  Personen  anzustellen,  die  sich  zur  deutschen  Umgangssprache
bekennen.

13.  Juli.  (Ungarn.)  Errichtung  eines  neuen  ungarischen
griechisch-katholischen  Bistums  mit  dem  Sitz  in  Hajdu-Dorogh  und
eines  Vikariats  für  die  Komitate  des  Szeklerlandes  im  Südosten.

26.  Juli.  (Prag.)  Nach  ununterbrochenen  zehnmonatigen  Verhandlungen
  werden  die  deutsch-tschechischen  Ausgleichskonferenzen
bis  zum  Herbst  vertagt.

26.  Juli.  (Ungarn.)  Die  Regierung  hebt  im  Einvernehmen
mit  den  Bischöfen  die  Autonomie  des  ungarländisch-serbischen
Patriarchats  auf.

15.  August.  Graf  Berchtold  regt  einen  Meinungsaustausch
der  Mächte  an,  um  angesichts  der  Beunruhigung  uniter  den  Balkan--regierungen
  und  völkern  wegen  der  Zugesländnisse  an  die  Albanesen
die  Balkanregierungen  und  völker  von  aggressiven  Schritten  gegen
die  Türkei  zurückzuhalten.

29.  August.  (Erlau  in  Ungarn.)  Der  Kardinalerzbischof
Dr.  Joseph  Samassa  f  im  85.  Lebensjahr.

22.  August.  (Wien.)  Der  türkische  Thronfolger  Jussuf  Iyjedin
trifft  inkognito  ein.

seiner  Begleitung  beündet  sich  der  Senator  Azarian,  der  zu  Unterhandlucheen
  mit  italienischen  Delegierten  nach  Lausanne  weiterreist.
        <pb n="310" />
        300  Die  ãlerreiqisq  ·aigetisqt  Menarqit.  (August  24.  -  September  24.

24.  August.  (Hietzing  bei  Wien.)  Der  Direktor  des  Burgtheaters
  Alfred  Frhr.  v.  Berger  f,  59  Jahre  alt.

7.—8.  September.  (Buchlau  bei  Wien.)  Besuch  des  deutschen
Reichskanzlers  beim  Grafen  Berchtold.

Es  wird  darüber  solgendes  amtliche  Communiqus  verösfsentlicht:
Der  zweilägige  Vesuch  des  Reichskanzlers  Dr.  v.  Beihmann-Hollweg  beim

Gelegenheit  gegeben.  Dabei  wurden  alle  augenblicklich  schwebenden  Fragen
der  allgemeinen  äußeren  Polin#k,  insbesondere  diejenigen  des  nahen  Ostens
beivrochen  und  die  beiderseirige  volle  Uebereinstimmung  Über  alle  Punkie
ernemt  festgestellt.

9.  September.  (Taus  bei  Prag.)  Der  bedeutendste  Dichter  der
Tschechen,  Jaroslav  Brchlieky  (Pseudonym  für  Profeffor  Dr.  Emil
Frido),  f.  59  Jahre  alt.

1°0.  September.  (Wien.)  Der  päpstliche  Legat  Kardinal  Wilhelm
  van  Rossum  trifft  zum  eucharistischen  Kongreß  ein  und  nimmt
als  Gast  des  Kaisers  in  der  Hofburg  Wohnung.

11.  September.  Die  auf  drei  Tage  angesetzten  Kaisermandver
in  Ungarn  werden  schon  am  zweiten  Tage  abgebrochen,  weil  eine
Partei  vollständig  geschlagen  war.

17.  September.  (Ungarn.)  Miederzusammentritt  des  Abgeordnetenhauses
  unter  großen  Tumulten.

17.  September.  (Lemberg.)  Der  Kanzleisekretär  des  rusfischen
Konsulats  Wjerchowzow  wurde  abberufen,  weil  er  in  die  Spionageaffäre
  Lesjuk  verwickelt  ist.

17.  September.  (Visegrad  in  Ungarn.)  Arthur  Görgey,  der
Feldherr  der  Magyaren,  der  am  13.  August  1849  bei  Vilagos  vor
den  Russen  die  Waffen  streckte.  f  im  95.  Lebensjahre.

24.  September.  Antwort  des  Kaisers  auf  die  Huldigungsansprachen
  der  Präsidenten  der  beiden  eben  zusammengetretenen
Delegationen:

Befriedigung  nehme  ich  die  Versicherung  Ihrer  treuen  Ergebeuheit
  rlewet  und  jage  Ihnen  hierfür  meinen  wärmsten  Dank.  Unlere
Besiehungen  zu  allen  Mächien  tragen  forldauernd  einen  durchweg  freundichaftlichen
  Charakler.  Gestützt  auf  unser  enges  und  durch  viele  Jahre  bewährtes

  Bündnis  mit  dem  Deutschen  Reich  und  mit  Italien  wird  unsere
auewärtige  Politik  nach  wie  vor  von  dem  Bestreben  geleitet,  bei  Wahrun
der  Imeressen  der  Monarchie  zur  Erhaltung  des  Friedens  beizutragen.
Mit  aufrichtiger  Sympathie  verjolgen  wir  die  Bemühungen  Fualieniscber
und  türliicher  Staaremänner,  im  Wege  einer  direkten  unverbindliche
sprache  eine  für  beide  Teile  ehrenvolle  Friedensbasis  zu  finden.  Pngesi
der  ungeklärten  Lage  im  nahen  Oriem  hat  meine  Regierung  einen  Gedankenaustauich
  unter  den  Mächten  angeregt,  der  den  einmütigen  Wunsch
        <pb n="311" />
        Die  FKerreichisch=  uusrische  Merserdir.  (September  21.)  301

aller  Beteiligten  ergeben  hat,  die  Ruhe  und  den  Status  quo  am  Balkan
erhalten  zu  sehen.  Durch  die  neuen  Wehrvorlagen  hat  unsere  Armee  und
uniere  Marine  eine  ersreuliche  Stärlung  der  Friedensstände  erfohren,  wobei
für  die  Mehrzohl  der  Wehrpflichtigen  namhafte  Erleichterungen  bei  Erfüllung
  ihrer  aktiven  Dienstpflicht  eingetreien  sind.  Die  diesjährigen  Ansorderungen
  meiner  Kriegsverwaltung  wurden  bei  Rücksichmahme  auf  die
finanzielle  Loge  der  beiden  Slacten  auf  das  unbedingt  eriorderliche  Maß
beichränkt.  Die  dank  Ihrer  Opferwilligkeit  in  Angrif  genommene  Ausgestollung
  unierer  Ariegemarine  wird  unjere  Flone  in  die  Lage  verieten,
dem  steigenden  Bedürfnis  nach  Schutz  unserer  wirtschaftlichen  Intcresien

erhöhtem  Maße  zu  emisprechen.  Von  dem  Vertrauen  beseelt,  daß  Sie
ein  gewehunem  patriotischen  Eiser  an  Ihre  Ausgabe  herantreten  werden,
wünf  sche  .  Ihren  Arbeiten  veihühen  Essoch  znd  heiste  Sie  herzlichst
willkomm

1.  —iie  (Ungarische  Delegation.)  Im  Ausschuß
für  auswärtige  Angelegenheiten  gibt  Minister  des  Außern  Graf
Berchtold  eine  Darlegung  über  auswärtige  Politik,  worin  es  heißt:

Die  Ereignisse,  deren  Schauplatz  seit  einiger  Zeit  der  Balkan  geworden
  ist,  haben  K3  Auimerkiamkeit  als  unmiltelbare  Nachbarn  der
Türkei  erhöht  in  Anspruch  genommen.  Wir  vermochten  uns  den  Gesahren
nicht  zu  verschließen,  welche  aus  dem  Widerstreite  zwischen  der  ottomanischen
Regierung  und  den  in  ihren  althergebrachten  Freiheiten  sich  verkürzt  sühlenden
  Albanesen  für  den  inneren  und  äußeren  Frieden  der  europsüchen
Türkei  entstehen  konnten.  Als  dann  ein  Regierungswechsel  in  Konstantinopel
Eolgte,  dessen  eitte  Manktiestatton  darin  bestand,  den  Alboneien  Entgegenlommen
  zu  bezeigen,  gleichzeitig  aber  on  mehreren  Punkten,  namentlich
iinsolger  des  “  e  5  Grenzkoniliktes,  der  bulgarischen  Erregung
  über  das  durch  ein  Bombenaltenl#at  veranlasste  Gemebel  von  Kolschana
  und  der  Zusammenstöße  zwischen  Griechen  und  Albanesen  in  Epirus
Zustände  eintraten,  welche  das  Verjöhnungswerk  zu  erschweren,  wenn  nicht
unmäöglich  zu  machen  doen,  haben  wir  uns  mit  der  #eung  zu  einem
Ledammengussonsch  über  d  ie  Lage  am  Balkan  an  die  Machte  gewendet.

weck,  den  wir  dabei  im  Auge  hatten,  log  vorbschmiich  darin,  durch
n  einmüliges  sommmenhaen  der  Mächie  anf  der  Basis  der  Erhaltung

des  Friedens  und  des  Stntus  duo  am  Valkon  der  Pforte  Zeit,  und,  wenn
augemesien.  firindssasmn  Narichläge  zu  geben,  zur  Verwirklichung  der
von  ihr  inangurierten  Polilik  und  Herstellung  geordueter  Zustände  in  ihrem
enropöischen  Beiihe.  Zu  unserer  lebhaften  Befriedigung  haben  sännliche
Kabineite  unierer  Anregung  ver#tändnievoll  zugrstimm,  wodurch  der  nontalt
  unter  den  Mächten  hergestellt  und  eine  wertvolle  Bürgschaft  für  die
Möglichste  Verhũtung  einer  gewaltsamen  Lösung  der  Rrise  geichaifen  worden

 

Valkanlage  deshalb  als  beieitigt  ansehen  würde.  Die  wenig  befriedigenden
sane  in  den  Provinzen  der  europäischen  Türlei  sind  nicht  ohne  vedent.

che  Rückwirkungen  in  den  benachbarten  Ländern  geblieben  und  haben  die
liendit  Persönlichkeiten  daselbst  vor  eine  schwierige  Aufgabe  gestelli.  Wir
wollen  hoffen,  daß  die  staarsmännische  Einsicht  und  das  Bewaßtiein“  schwerer
Verantwortung  der  leitenden  Personlichkeiten  sie  abhalten  wird,  Imvulien
unverantwortlicher  Elemente  zu  solgen.  Auf  der  anderen  Seite  mochten
wir  die  Erwariung  aussvrechen,  daß  die  Türkei  den  Ernst  der  Sitnarion
        <pb n="312" />
        302  Die  õsterreiisq  ·  agarisqe  NHenarqie.  (September  24.)

nicht  verkennen  und  den  Weg  finden  wird,  den  Gefahren  von  Komplikationen
  zuvorzukommen.  Die  uns  hherüber.  zugegangenen  Inlormationen
berechtigen  zur  Annahme,  daß  sich  die  gegenwärige  Regierung  befleibigt,
die  nötigen  Garantien  für  gerechte  Lebensbedingungen  der  #honoliken
u  schoffen.  Wie  Ihnen  bekannt,  hat  Graf  ziehrenthan,  seinergeit  der  Wieder-Hegelun.
  der  etemenischen  Konstitution  besonders  herzliche  Worte  gearaus
  die  7  wende  gebildet,  als  hänte  sich  mein  Vor-7
  et  mit  der  srh%  des  Komitees  ser  Einheit  und  sic  im  türkischen
er  —  identifiziert,  ege  den  Tatsachen  nicht  entspricht.  Bereits
in  meinem  Exposs  vom  30.  April  hatte  ich  mir  erloubt  areuheben-  daß
das  seeundiich  Verhältnis  zum  Aonmonischen  Reiche  zu  den  Ueberkieserungen
der  Außenpolitik  des  Wiener  Kabinetts  gehört.  Unser  hereue=  ist  nicht
in  diese  oder  jene  Partei  gebunden,  sondern  auf  die  Erhaltung  der
Keiriboriölen  Integrität  des  Reiches  und  dessen  innere  Kanloiwieruc  gerichtet.
  Die  legitimen  prache  der  verschiedenen,  das  vielsprachige  Rumelien
bewohnenden  Völker  mit  den  Anforderungen  des  ottomanischen  Staatswesens
  zu  versöhnen,  darin  erblicken  wir  die  Aufgabe  der  türkischen  Staatsmänner
  und  redliche  Bemühungen,  eine  Lösung  dieses  Problems  herbeiuführen,
  werden  stets  unfere  moralische  Unterstützung  finden.  In  der  Verolgung
  dieser  Politik  sühlen  wir  uns  bestärkt  durch  die  Ueberzeugung,  daß
heeistee  der  Auffassung  unserer  Verbündeten  entspricht.  Seit  ich  zulet
Ehre  hatte,  von  dieser  Stelle  aus  zu  sprechen,  habe  ich  —  wie  Sie
din  —  Gelegenheit  gehabt,  mit  den  maßgebenden  Siaatsmännern  des
Deutschen  Reiches  in  Berlin  zu  konserieren  und  konnte  hierbei  die  neuer-Hollwegs

  in  Buchlau  mit  demselben  gepslogene  Meinungscustousch  die  woste
Kongruenz  der  Anschanungen.  namentlich  auch  in  bezug  auf  die  im  nahen
Oriente  zur  Richtlinie  beider  Verbündelen  dienenden  Wensgronisloen  Prinzipien

Im  nächsten  Monate  wird  mir  Gelegenheit  geboten  sein,  mich  Seiner
Majestät  dem  nönig  Biktor  Emanuel  vorzustellen  und  mit  dem  Marcheie
di  Son  Giuliano  Meinungsaustauich  zu  vilegen.  Es  entspricht  diejer  Antrinnsbesuch
  bei  dem  erlauchten  Verbündeien  unseres  Allergnädigsten  Herrn
einem  von  meinen  Vorgängern  beobachteten  Herlommen,  dem  ich  mich  um  so
freudiger  anschliete,  als  die  Besiehungen  der  Kabinelte  von  Wien  und  Rom
durch  eine  versonliche  Aussprache  zwischen  den  Leitern  der  auswärtigen  Politik
der  beiden.  Mächte  an  Klarhe  it  und  Verlrauen  nur  noch  gewinnen  können.

ner  Einladung  Seiner  Majestät  des  Königs  von  Rumänien

nach  Sine  solgend,  habe  ich  mich  überzeugen  können,  daß  unier  füdöntlicher
  Nachbarstaat,  mit  welchem  wir  die  herklichsten  Beziehungen  oisegen.
unverrückt  an  den  bewährten  Traditionen  einer  konseqnenten,  von
Wuniche  nach  Erhaliung  des  Friedens  inivirierlen  Politik  festhäl

Wie  Sie  aus  den  vorstehenden  Darlegungen  erkennen  werden,  ist  die
acgenwärtige  Lage  trot  der  eeroiasti  mang.  der  Kabinette  der  Großmächte
  in  deren  Bestreben,  den  Frieden  zu  erhalten,  keineswegs  beruhigender
  Naiur.  Ein  domtnnierlichrs  Werterleuchten  am  Balkan  gibt  von  einer
erhöhten  elektrischen  Spannung  der  volirischen  Aumosohäre  Zeugnis,  ohne
das  Dunkel  ungesester  Probleme  auihellen  zu  können.  Die  Diplomatie  hält
Bacht,  um  drohende  nonflikte  zu  verhüten  und  die  Gefahren  eines  Balkan--brandes
  im  Keime  zu  ersticken.  Wir  sind  durch  uniere  geographische  Rosition
dem  heinen  Boden  nahegerũct,  und  große  Interejien  der  Monarchie  stehen
auf  dem  Spicle.  Nur  wenn  wir  auch  zu  Lande  und  zur  See  gerüstet  sind,
konnen  wir  der  Zukunft  ruhigen  Mures  entgegensehen.
        <pb n="313" />
        Dir  rrihisch###schr  Menarczie.  (September  25.—Ollober  6.)  303

25.  September.  (Delegationen.)  Kriegsschiffbauten.

arinekommandank  Graf  Montecuccoli  erklärte  in  der  Situng
des  eereeuschuhes  der  österreichischen  Delcgation,  die  Pressemeldungen
über  den  Fehlbau  des  Dreadnoughis  „Viribne  Unitis“  seien  ganz  unbegründet.
Das  Schiff  habe  die  Probefahrt  bestens.  bestanden  und  zwar  mit  einer  um
0.8  Seemeilen  gröôßeren  Geschwindigkeit,  als  vertragsmäßig  bedungen  war.
aß  das  osn  infolge  int  Ieinen  Mehrbelastung  eine  Tieferiauchung
n  4  cm  aufwies,  salle  nicht  ins  Gewicht.  Was  die  im  Bau  befind!  ichen
Einheiten  Kanehte  so  werde  „Tegethoff“  vorauziichlich  im  Frühiahr  in  die
Eskadre  eingereiht,  das  nächsie  Schiff  werde  Mitte  November,  das  vierte

(Viribus  Unitis“  dazu  gerechnet)  im  Juli  vom  Stapel  laufen.

Ende  September.  (Siebenbürgen.)  Die  Gemeinde  Peschendorf
  erhält  „die  große  karbesgabe  des  Gustav  Adolf-Vereins  im
Betrag  von  22000  Mar

Ende  September.  (ungen)  Das  Staatsbudget  für  1913.

Die  Summe  der  für  1913  beranichlegten  Ausgaben  beträgt  2072754196
Kronen,  während  aus  Einnahmen  von  2072|/70031  Mronen  gerechnet  wird.
Es  ergibt  sich  ein  Ueberichuß  von  54  835  Kronen.  Die  Ausgaben  für  1913.
werden  jee  des  laufenden  Budgetiahres  um  220059198  Kronen  übersteigen,
wovon  rund  76  Millionen  Jouf  Jnvestitionen  entfallen.  Auch  für  die  Einnahmen
  4n  ein  Plus  von  220  Millionen  vorgejehen.

1.  Oktober.  Der  Gouverneur  des  Posliparkossenwesens  Dr.  v.
Schuster  wird  an  Stielle  des  zurückgetretenen  Dr.  v.  Rößler  Handelsminister,
  an  Stelle  des  verstorbenen  Ackerbauministers  Dr.  Braf  wird
der  Senatspräsident  vom  Verwallungsgerichtshof  Zenker  zum  Ackerbauminister
  ernannt.

4.  Oktober.  Gesuche  von  Serbien  und  Bulgarien.

Serbien  sucht  in  Wien  um  die  Erlaubnis  zur  Durchiuhr  von

Waggons  mit  Arienenraterial  (Geichüten,  Geichosfen,  meist  Spreng--r•:!57
  durch  Oesterreich-Ungorn  nach.  Bulgarien  binet  Keichsaus  um
die  Erlaubnis,  139  Waggons  uriegsmaterial  aus  Frankreich  und  Demichland
  durch  Oesterreich.  Ungarn  durchenführen,  da  sich  die  franzdsischen  und
deutschen  Fabriken  mit  der  Abliejerung  verspälet  hamen.

6.  Oktober.  Prinz  Ludwig  Windischgrätz.  Mitglied  der
ungarischen  Delegation,  beleuchtet  in  der  „Zeit“  die  von  Rußland
drohende  Gefahr:

Wenn  Rußland  bis  zum  6.  Oklober  die  Mannschaften,  die  es  mobilisiert
  hat,  nicht  entläßl,  daun  ist  die  sogenaunte  Probemebilisierung  keine
lolche,  sondern  es  wird  dadurch  eine  ernite  Silualion  neschafien.  Rußland
hat  11  Jwianterirdivitonen  und  5  Navalleriediviü#onen  mit  mehr  ols  2½nnn)
Mann  den  Grenzen  Oesterreichs,  Demschlands  und  Rumäniens  mobdililiert.
  zar  gauzen  veriügt  Rußtand  über  70  Armcediviüionen.  Davon
kommen  11  nicht  in  Betracht,  weil  sic  in  Zemtralasn  zur  Niederhalnung
der  dortigen  Volkerichaften  unembehrlich  find.  31  Divisionen  mülen  in
Ru#tlond  bleiben,  weil  sie  notwendig  ünd.  zn  die  dortigen  revolmionaren
Bewegnngen  niederzuhatten,  oder  weil  sie  für  einen  enrovälichen  Arieg

noch  nicht  entiprechend  reorganisiert  und  bewaffnet  sind.  Muhin  hat  Ruß.-
        <pb n="314" />
        304  Lie  I#s##nrigisch-#garischr  Wszarhir.  (Ckhober  7.—29.)

land  für  einen  Krieg  an  seiner  Westgrenze  bloß  29  Armeedivisionen  verwendbar,
  von  denen  es  11,  und  zwar  die  Divisionen  des  Kiewer,  Worschaurr,
Wilnaer,  Moskauer  und  Odessaer  Armeebezirks  mobilisiert  hat.  Das  m
festgestellt  werden.  Oesterreich-Ungarns  7  so  schlicht  Prinz  Ludwis
Windischgrätz  seinen  Artikel,  ist  insolge  der  Urbeit  der  lepten  Jahre  voll
ständig  sohlogfert  und  schreckt  weder  vor  blinden  noch  vor  scharfen  Schüsien
aus  Rußland  zurück.

nunler,  (Wien.)  Der  Germanist  Prof.  Dr.  Jakob  Minor  12
im  593.  Lebensjahre.

8.  Oktober.  #nandien  Vorbereitungen  für  den  Balkankrieg.

Der  4  nachts  zusammengetretene  gemeinsome  Ministerrat
bricheit  einen  Militärbreder  von  410—510  Millionen  Kronen  unverzüglich
zu  i

’ul.  Ottober.  (Delegationen.)  Die  Plenarsitzung  der  ungarischen
  Delegationen  nimmt  nach  kurzer  Debatte  das  Heeresbudget  und
den  Marinevoranschlag  an.

19.  Oktober.  (Ungarn.)  Der  Führer  der  Unabhängigkeitêpartei
  Julius  Justh  wird  infolge  Verzichts  von  der  Liste  der  Geheimen
  Näte  gestrichen.

26.  Oktober.  Der  frühere  Erzherzog  Ferdinand  Karl,  Bruder
des  Erzherzog-Thronfolgers,  der  seit  seiner  Vermählung  mit  Fräulein
Berta  Czuber  den  Namen  Ferdinand  Burg  führte,  wird  vom  Kaiser
wieder  in  Gnaden  ausgenommen.

29.  Oktober.  (Cisleithanien.)  Im  Abgeordnetenhaus  beantwortet
  Ministerpräsident  Graf  Stürgkh  die  Interpellationen
über  die  Balkanfrage

Esichts  der  durch  die  Eröffnung  der  Feindieligkeiten  geschaffenen
Simation  nets  die  Leitung  unjerer  auswärtigen  Angelegenheiten  im  engen
Verein  mit  unieren  Verbündeten  und  im  secien  Emvernehmen  mit  allen
übrigen  Möchten  bemüht  sein,  im  geeigneten  Jet#  an  einer  baldigen
Aeendigung  des  Konililtes  mitzuwirken.  Die  Erge  ebnisse  des  bisher  ge  ·
vilogenen  Gedankenaustausches  berechtigen  zu  der  Loffnung,  daß  diese  Bemuhungen
  von  Ciolh  begleitel  sein  werden  und  daß  es  gelingen  wird,  der
Monorchie  die  Sicherung  des  Frirdens  auch  fernerhin  zu  erhalten.  Mit
Bezug  aus  die  iveziell  in  der  Intervellation  der  Herren  Mochnenen
Pernrrelorier  und  Genvisen  vorgebrachten  weilgehenden  Wünsche  betreisend
die  Einflußnahme  auf  die  Regierung  wegen  Echaltung  des  Friedens  in
jedem  Falle  kann  ich  nur  nochmals  besonen  daß  unier  auswärtiges  Amt
keinerler  oggreisive  Ziele  veriolgt.  Ich  mun  jedoch  beijügen  —  und  diese
Bemerkung  gin  na#urlich  ganz  allgemein  ehnn  Rücksicht  auf  eine  gegebene
Sünation  —,  daß  das  Prinzip  der  Erhaoltung  des  Friedens  in  jedem  Falle
und  um  ieden  Preis  nich  die  Grundlage  der  Poliik  einer  wenn  auch  von
noch  jo  friedlichen  Imentionen  geleireten,  so  doch  in  legitimer  Weise  auf
den  Schug  ihrer  trrrchtue  2-  bedachten  enropäischen  Gronmacht
bilden  kann.  Was  iveziell  die  in  der  Imervellotion  der  Herren  Abgeordneten
  Re  met  und  Goren  wrrenn  Gerüchie  über  Mobhilisierungsmannahmen
  im  Julande  betriüt,  io  bin  ich  nach  grpilogrnem  Einvernehmen
        <pb n="315" />
        Lir  I##r#risisch###isehr  Memerchie.  (Oklober  29.—November  3.)  305

mit  kompetenten  h  Stellen  in  der  Lage,  auf  das  bestimmteste
zu  erklären,  daß  bisher  nicht  einmol  eine  Verstärkung  des  Friedensstandes
unsere  Truppen  m——t—.  geschweige  denn  eine  darüber  hinausgehende,  den

Charakter  einer  Mobilisierung  tragende  Maßnahme  getroffen  worden  ist.“

29.  Oktober.  (Bosnien.)  1300  türkische  Soldaten  mit  69  Offizieren,
  die  über  die  Grenze  geflüchtet  waren,  werden  entwaffnet  und
interniert.

380.  Oktober.  (Ungarn.)  Wiedereröffnung  des  Parlaments
nach  der  „Lerteung,

im  Präsidenten  ausgeschlossenen  Abgeordneten  werden
durch  Mien  am  Eintrikt  verhindert.  Als  sie  deunoch  versuchten,  einvidringen,
  dommandirte  der  besehugende,  Offizier:  „Bajoncit  auf!““  Die
Sitnation  schien  kritisch.  Man  rief  den  Soldaten  zu:  ech  euch!  Ihr
#e  sershebchen  -  man  gehorchen,  ihr  seid  ja  auch  zungarsche

.“  n  Rufe  laut:  Es  lebe  die  Neyuoll  Da  gab  Graf
Spneant  die  cuushen  ab,  daß  die  Abgeordneten  der  Gewalt  Echhen.

S1.  Oktober.  (Budapest.)  Der  Präsident  des  Abgeordnetenhauses
  Graf  Tisza  wird  auf  der  Straße  von  der  Menge  bedroht
und  mit  Steinen  beworfen.

Sl.  Oktober.  (Agram.)  Der  kroatische  Student  Planincsak
verübt  ein  Attentat  gegen  den  Königlichen  Kommissar  Cuvoj,  indem
er  auf  dem  Markusplatz  vor  dem  Regierungsgebäude  vier  Nevolverschüffe
  auf  ihn  abgab,  ohne  ihn  jedoch  zu  tressen.

Der  Altentäter  gab  sodann  auf  sich  selbst  einen  tödlichen  Schuß  ab.

2.  November.  Das  gemeinsame  Budget  für  1913.

weist  ein  Nettoerfordernis  von  193.100322  Kronen  aus.  22  Millionen
  mehr  als  im  Voriahr.  Nach  Abzug  des  Pehnn  von
197704169  Kronen  verbleibt  ein  Eriordernis  von  295  3:  Nronen,
wovon  auf  Lesterreich  In###n#  753  Uronen,  auf  Ungarn  zn  i  rnn  nronen
emfallen.  Das  Mehrersordernis  beim  Ministerium  des  Aeustern  beträgt
1132613  Ktonen,  darunter  Erhohnna  des  Dispositsousfonds  um  eine  halbe
Million  Kronen,  beim  Heer  181/1  11  Kronecn,  in  der  nriegsmarine  2.5
Millionen.  Die  Forijebnng  der  ansterordentlichen  nredite  für  Anegestaltung
der  Rüstungen  für  1913  jür  das  Deer  erfordert  19  Millionen,  für  die
Marine  (##.1  Millionen  Kronen.

3.  November.  Offiziöse  Erinnerung  an  Europas  Balkaninteressen.


 

Das  „Fremdenblatt“  Kellt  fest,  die  ollgemeine  Auffassung  der
enropäilchen  Mächte  gehe  dahin,  daß  die  bedentenden  Intcressen,  die  Europa
auf  dem  Balkan  besit.  nian  berührt  werden  dürsen.  In  diesem  Sinne
habe  sich  auch  Siasonow  nzweideuen  geänßert.  Gerade  auf  dirier  Au
faiinug  beruhe  aber  der  Wille  aller  Mächie  zur  Einmütigleit  und  zu  ce.
meinsamem  Handeln,  ein  28  beer  der  ielbstverständlich  wahrend  der  Dauer
des  Arieges  lich  noch  nicht  betätigen  känne.  Die  Ballanstaaten  aber  lieten
erkeunen,  das  i#ie  auch  den  ungriterten  Foribestand  der  euroväischen  Inlereifen
  auf  dem  VBallon  in  Rechnung.  liehen.  Den  verein  zolten  serbichen
Stimmen,  die  mit  der  in  Europao  vorherrschenden  Friedensstimmung  nicn

Eurova#scher  Gechichtskalender.#1.  1I1.

x-
        <pb n="316" />
        306  ie  ãserteiqisq  ·iagarisqe  Nenariie.  (November  3.  -6)

im  Einklange  stehen,  möchte  das  Blatt  keine  übermähige  Wichtigkeit  beilegen.
  Man  kann,  schließt  das  Blatt,  der  bestimmten  Erwartung  Rau
geben,  dett  der  Valtankrieg  leine  weiteren  ernsten  Komplikationen  nach  sich
hiehen
8.  F  Warnung  für  Serbien.
Un  er  Ueberschrist  „Die  Einnahme  von  Prizrend“  bringt  das
Sre,lle  die  kurze  Notig:  „Falls  sich  die  aous  Belgrad  gemeldete
Nachricht  von  der  Einnahme  von  Prizrend  durch  serbische  Truppen  bestätigen
sollte,  dürften  letztere,  wie  angenommen  werden  darf,  das  Ziel  ihrer  siegreichen
  Operationen  erreichl  haben.  Weder  militärische  noch  nationale
—Mmt  liegen  dafür  vor,  daß  das  serbische  Heer  in  die  jenseits  von  Prizrend
gelcgenen,  ausschliehlich  von  Albanesen  bewohnten  Gegenden,  als  in  das
Unbestritiene  Territorium  eines  anderen  Balkanvolkes,  eindringen.“
5.  November.  Die  erste  Division  des  Mittelmeergeschwaders
läuft  den  Hafen  Smyrna  an.
5.  November.  (Budapest.)  Zur  Eröffnung  der  Delegationen
ist  der  Kaiser  und  König  eingelroffen.
6.  November.  (Österreichische  Delegation.)  Die
Baltantriñ
Im  A  usschuß  für  auswriige  Angelegenheiten  der  osterreichisenen.
Delegatlon  bespeicn  Graf  Berchtold  die  auswärtige  Politik:  „In  de
kurzen  Zeitiponne,  die  uns.  n—  der  lezten  Delegationslagung  trennt,  rs
im  internotionaolen  Leben  Ereignisse  eingetreten,  denen  eine  weillragende
Bedeutung  zugemessen  werden  muß.  Bevor  ich  mich  mit  diesen  Errigissen
Wchnhenn  beichöftige  .  möchte  "—  eines  Vonkommmistes“  gedenten,  das  v
n,  mit  Rücksicht  auf  unjer  lian  perhannis  besondere  Michtigieit  neite
ch  den  Friedensichluß  in  n  Lausan  ist  nach  einjähriger  Dauer  d
rt  zwischen  Italien  und  den  —8  lei  zum  Abichluß  gebracht  urs
unser  Verbündeter  in  den  zesrittenen  Besitz  eines  ausgedehnten  rr
an  der  nordafrikonischen  Küste  gelangt.  Wir  haben  das  Unsrige  dazu  beigetragen,
  um  den  Friedensichluß  zu  erleichtern.  Unmineldar  danach  wurde
die  Souveränität  Italiens  über  Libyen  anerkannt.  Ich  möchte  mit  dem
Auodrucke  aufrichtiger  linning  erwähnen,  daß  unser  Alliierter  auf  dicse
Weise  zu  dem  von  ihm  seit  Dezennien  angestrebten  Ziel  gelangte  und  ein
weites  Feld  gelunden  hat,  die  hohe  Rultur  des  Peun  auf  fremden
oden  zu  verpflongen.  Die  Beichlennigung  des  Ausgle  zwischen  den
Kriegführenden  hat  zwar  den  Ausbruch  einer  #lssianuchen  440  dem  Balkan
nicht  hintanhalten  können,  aber  immerhin  verhindert,  daß  die  böomnedins
ernste  Lo  age  noch  weiter  kompliziert  werde.  Auch  von  diesem  Geschtspunkte
aus  müisen  wir  das  Zustandekommen  des  Friedens  in  Lausanne  willkommen
  heißen.  Gelegentlich  meiner  lürgklichen  Anwesenheit  in  Nalien
konnte  ich  mich  überzengen,  doh  unfere  Halmng  hinsichtlich  des  bom
Nönigreich  mit  der  Türkei  geinhrien  Krieges  nicht  nur  seitens  der  Regiern
sondern  auch  von  der  Bevöllerung  vollauf  gewürdigt  wurde.  Die  sonbatbuscg.
Aufnahme,  die  mir  in  dem  verbündeten  Königreiche  zuteil  wurde,  möchte
ich  nicht  in  lebier  Linie  auch  anf  diesen  Umstand  zurückführen.  Der  warme
Widerhall  aber,  den  diese  Stimmung  bei  uns  gejunden  hat,  kann  als  eine  Bürgschaft
  für  die  neue  Feiligung  des  Allian  werhältnisies,  mithin  auch  des  Dreibundes,
  dienen.  —  Sehr  ernst  hal  sich  die  Lage  im  nahen  Orieut  gehensel
wo  jämtliche  Balkanstanten  zu  den  Wafsen  gegriffen  haben.  Es  ist  Ihn
        <pb n="317" />
        Die  Morrritzisch  m##ischr  M#archie.  (November  6.)  307

bekannt,  daß  die  Diplomatie  der  Großmächte  über  die  Anregung  Poinears
seit  dem  Ausbruche  der  Feindseligkeiten  es  sich  angelegen  sein  läßt,  durch
wechselseitige  Fühlungnahme  die  Möglichkeit  anzubahnen,  im  gegebenen
Zeitpunkte  vermittelnd  auszutreten  und  dadurch  die  Mriegsgreuel  einigermahen
  abzukürzen.  Wir  haben  im  engsten  Einvernehmen  mit  unseren  Verbündeten
  und  in  reger  Fühlung  mit  Rustland  und  England  an  diesem
Gedankenaustausch  teilgenommen  und  befinden  uns  auch  derzeit  im  Konkakt
mit  den  Mächten,  überzeugt,  auf  diesem  Wege  auch  einem  bei  uns  allgemein
Lechen.  Wunische  zu  dienen,  daß  der  Brand  tunlichst  bald  gelöich  werde.
er  bisherige  Verlauf  des  Krieges  brachte  den  Balkanstaaten  große  Ersolge,
Erfolge,  unter  deren  Einsluß  dieselben  ihr  selbstgewähles  Ziel  wesemlich
verrückt  haben.  Während  uriprünglich  die  Einführung  von  administrativen
Reformen,  welche  die  Lebens-  und  Existenzbedingungen  der  Stammesgenossen
  im  Oemanischen  Neiche  verbessern  sollien,  das  Postulat  der  Balkanstaaten
  gebildet  hat  und  als  solches  auch  in  den  AMriegsmanisesten  zum
Ausdruck  gekommen  ist,  10  gegenwärtig  die  Aspirationen  der  Verbündeten
viel  weitergehender  Natur  und  mit  dem  Prinzip  der  Imegrität  der  Türkei
vereinbar.  *  unsere  Poliik,  die  von  keinen  Expansionsbenengen
  berinsu  i—u  kann  nur  die  Sorge  maßgebend  sein,  das  Bedürfnis
nach  E  ung  des  Friedens  mit  der  obersten  ung  auferlegten  Pflicht  zu
Sae  die  Interessen  der  Monarchie  vor  jeder  Einbuße  zu  schützen.
ir  haben  durch  unsere  bisherige  Haltung  sefenüber.  den  Kriegsereignissen
rnchalmn  und  Mäßigung  bewieien,  die  allen  Ortes  gewürdigt  worden
it.  Wir  gedenken  auch  weiterhin  auf  diesem  Wege  zu  verharren,  im  Bewußtsein
  der  uns  innewohnenden  Krast,  die  die  volle  Sihen  bietet,  dean
wir  unserer  Stimme  Geltung  verschaffen  können.  Ich  zweisic  nicht  bar
daß  dies  uns  möglich  sein  wird,  ohne  mit  den  Weeiicr  Aichen
anderer  in  Widerstreit  zu  geraten.  Wir  sind  bereit,  der  durch  die  Siege
der  WValkilienten  bbeschaffene  neuen  Silmation  in  weitgehender  Weise
zu  tragen  und  jo  die  Grundlagen  zu  einem  danernden,  freundhuselic.
  Eintestehen  zu  denselben  zu  schafien.  Andererseils  aber  haben
wir  das  Recht  zu  verlangen,  daß  die  legitimen  In#eriiten  der  Monarchie
durch  die  Neuregelung  der  Dinge  keinen  Schaden  erleiden.  Die  ruhige
und  maßvolle  Haltung  des  uns  eng  befreundeten  A##uigreuhhes  Rumänien
war  für  den  rlau  der  Ereiguisie  von  nicht  zu  unterschävender  Aedenung.
und  wir  hoffen,  daß  jeine  anf  der  geographiichen  Lage  bernhenden  namhaften
  Huenien  emiprechende  Berücksichtigung  sinden  werden.
do  bin  bemüht  gewesen,  Ihnen,  joweit  mir  dies  unter  den  gegebenen
Umstände  möglich  war,  ein  übersichtliches  Bild  der  angenblicklichen  Lage
zu  gter-“  und  mochte  nur  noch  die  Bille  an  Sie  richten.  das  Vertrauen,
as  Sie  mir  bei  früheren  Anlässen  geschenkt  haben.  in  dieiem  ernstru
Moment  dodurch  zum  Ausdruck  zu  bringen,  daß  Sie  sich  mit  meinen  knapo
bemeisenen  Ausijührungen  bennugen  und  davon  absehen  wollen,  aui  einer
Erorterung  derielben  im  einzelnen  zu  bestehen,  die  bri  dem  heillen  Charak#t#er
n  Schwebe  briind  lichen  Verhandlungen  meine  Aufgabe  nicht  zu  erbichtern
  geeignet  wären
b.  November.  Wudadest  Kundgebung  des  Kaisers  und
Königs  Über  die  politische  Lage.

im  Empfang  der  Delegationen  bemmwortere  Ka#  Franz  Joicph
die  a#utaihmngeanmuahen  der  Prasidenten  wie  folgt:  „Mit  anfrichtiger  Vejriedigung
  und  wörmstem  Danke  nehme  ich  #ie  Friherun  Ihrer  treuen
Ergebenheit  enigegen.  Seit  dem  Mäeenrnis  der  letzien  Delegationen
sind  ernste  kriegerische  Verwicklungen  auf  der  Balklanhalbinsel  ousgebrochen,

v
        <pb n="318" />
        308  Fr  strreitzischme#iscr  Menachie.  (November  8.—18.)

welche  eine  reh  Wachsamkeit  gebieten.  du  Lndsich  darauf,  daß  bedetende
  Interessen  der  Monarchie  durch  den  Konflikt  berührt  werden
önnen,  erscheint  be  baldige  Wiederkehr  geordneter  politischer  und  kommersbane
  Verhälmisse  im  nahen  Orient  dringend  wünschenswert.  Meine  Re-Pierung
  wird  bereit  sein,  im  Einverständus  mit  den  verbündelen  Kabinelten
im  geeigneten  Zeitpunkt  on  einer  auf  die  Wiederherstellung  des  Friedens
abzielenden  Aktion  der  Großmächte  rnzunchmen.  In  der  letzten  Delegationsseslion
  wurden  mit  einer  dankenswerten  Oplerwilligkeit  für  Heer  und  Marine
außerordentliche  Kredite  bewicig.  durch  welche  die  Schagserigielg  unserer
t6  eine  ersreuliche  Stärkung  erfahren  hot.  Das  laufende  Erkordernis
  meiner  Kriegsverwaltung  bewegt  lich  in  normalen  dhrustnee  zur
Lofung  der  Unteroffiziersfrage,  ues  eine  nolwendige  Ergänzung  des  durch
das  neue  Wehrspstem  bedingten  organisotorischen  Ausbaues  der  Armee  und
Flotte  darstellt,  wurde  ein  Mehrbetrag  angesprochen.  Die  Verhältnisse  in
Lesnien  1nd  der  Herzegowina  sind  dank  der  lonalen  und  patriotischen
Haltung  der  Bevölkerung  in  einer  ruhigen  Entwicklung  begriffen.  Ein
reichhaltiges  legislotorisches  Arbeitsprogramm  wird  dem  Landtag  Gelegen-#
  geben,  den  kulturellen  und  wirtschaitlichen  Fortschritt  beider  Länder  zu
ördern.  Ich  bin  überzengt,  daß  Sie  an  die  Prüfung  der  Ihnen  zugeheniä
  Vorlagen  mit  bewährter  Einsicht  und  mit  pflichtgetreuem  Eifer  hers  n
treten  werden.  Ich  abiche  Ihren  Arbeilen  einen  gedeihlichen  Erfolg  und
heiße  Sie  herzlich  willkom

8.  November.  Gude  pest.)  Im  Ausschuß  der  österreichischen
Delegation  für  auswärtige  Angelegenheiten  gab  Minister  des
Außern  Graf  Berchtold  auf  eine  Anfrage  die  Auskunft,  daß  die
österreichisch-italienische  Grenzregulierungskommission  am  Stilfser
Joch  im  nächsten  Jahre  zu  einem  befriedigenden  Abschlusse  der
Arbeiten  zu  gelangen  hoffe.

5.  November.  (Budapest.)  Nachfolger  des  Fürstprimas
Kardinal  Vaszary,  der  aus  politischen  Gründen  auf  seine  kirchlichen
und  staatsrechtlichen  Würden  verzichtet  hat,  wird  der  Kalocsaer
Erzbischof  Dr.  Csernoch.

9.  November.  (Wien.)  Ein  ehemaliger  Offizier,  Alexander
Murmann,  ist  nach  viertägiger  geheimer  Verhandlung  wegen
Spionage  zugunsten  Rußlands  zu  vier  Jahren  schweren  Kerkers
verurkeilt  worden.

12.  November.  Mobilisierung  der  Kriegsflolte  in  Pola  und
der  Donauflottille  in  Semlin.

13.  November.  Militärische  Vorbereitungen  in  Böhmen,
*mm-“  und  Dalmatien  offenbaren  den  Ernst  der  politischen
Situatio

5  November,  (Budapest.)  Delegationen.  Aus  der  Nede
des  Grafen  Berchtkold  über  die  auswärtige  Lage.

Die  durch  die  Ariegsereignisse  Heschaifene  Situationsveränderung
am  VBalkan  bringt  es  mit  sich,  daß  wir  uns  mit  der  Rückwirkung,  welche
        <pb n="319" />
        Dit  õsterreiqisq  ·  aparisqe  Neneriie.  (November  18.)  309

dirn  Ereigusse  auf  unsere  Interessen  nehmen  dürften,  beschäftigen  müssen.
Es  ist  kein  Grund  vorhanden  zu  zweiseln,  daß  seitens  der  Balkanstaoten  in
bselilore  binschhpung  der  Lage  mit  der  hohen  Bedeutung  gerechnet  wird,
welche  der  Herstellung  eines  dauernden  gejunden  Verhältnisses  mit  der
Nachbarmonarchie  innewohnen  würde.  Die  wiederholten  Aussprachen,  die

Erfolge  der  bulgarischen  Armee  den  Eaunschsehungen  den  Staatsmänner  des
ungen  Königreichs  zum  Leitstern  dient.  In  den  Diskussionen  der  Delegationen
  wie  der  Presse  hat  in  der  leten  Zeit  die  un  der  M  n
Gestaltung  Albaniens  im  Vordergrunde  geistn  ae  Wie  aus  den  in
talienischen  Kammer  seinerzeit  abgegebenen  ½  bameligen
italienischen  Ministers  des  Aeußern  bekannt  ist,  b  —  den  Kabineiten
von  Wien  und  Rom  eine  Uebereinstimmung  hinsichtlich  der  künftigen  autonomen
  Gestaltung  Albaniens.  Unsere  heiigel  Politik,  wie  die  Jtaliens,
geb  von  diesem  Grundsatz  aus.  Wenn  die  Existenz  einer  albanesischen
ation  hier  von  mancher  Seite  Wl*)#t  wurde,  so  möchte  ich  demgegenüber
  geltend  machen,  da  f  die  Albanesen  unter  jahrhunderlelongen  unünstigen
  Verhältnissen  es  verstonden  haben,  ihre  nationalen  Traditionen
und  elhnischen  Eigentümlichleilen  ungeschwächt  zu  erhalten.  Wenn  wir  ihnen

 

 

guelch  im  autn  als  rn  dz  angelnde  Voraussicht  bei,  der  □—
wicklung  der  Ereignisse  am  Balkan  vorgenksen  worden.  chte  nicht
ro  domo  reben,  ich  lann  mir  aber  doch  nicht  versagen,  dorauf  mchten
6  ich  in  meinem  letzten  Exposé  zu  Ansong  der  letzten  Shtnsesan
als  erster  von  offizieller  Sielle  auf  den  bedrohlichen  Ernst  der  dam  aligen
Situation  hingewieien  hatte,  ein  Hinweis,  der  damals  bekanntlich  auf  die
wze  öffentliche  Meinung  einen  unerwartet  starken  Eindruck  gemacht  hat.
as  die  Tätigkeit  unserer  Diplomoten  und  Nonsularvertreter  am  Balkan
anbelangt,  so  muß  ich  hervorheben,  daß  dieselben  mit  aujopferungsvoller
Hingabe  in  einer  ungewöhnlich  schweren  Zeit  den  an  sie  gestellien  Anforderungen
  zu  meiner  vollsten  Zufriedenheit  entiprochen  haben.  Hinsichtlich
der  von  einigen  Herren  rekevierten  Haltung  unfjerer  Presse  in  den  leuten
Tagen  kann  ich  nur  sagen,  daß  man  sich  nicht  wundern  darf,  wenn  unsere
Zeilungen  gegenüber  den  gehassigen  und  ungerechten  Angrifien  eines  Teils
der  ausländiichen  Preiie  die  gewohme  Mästigung  nicht  immer  bewahren
konmen.  Ich  mochte  nur,  auf  eine  Anirage  des  Delegierten  Grafen  Latour
eine  mir  zur  Nenmuis  gebrachte  Intervellotion  des  Dirigenten
Dr.  v.  Langenhahn  zurückkommend,  erwähnen,  daß  die  serbische  Negierung
vor  einiger  Zeit  in  oiüzieller  Weise  über  das  Verhalten  des  Ko
rochaska  während  der  Einnahme  von  Prizrend  Beichwerde  gelanr  en
und  ersuchie,  den  genannten  Funltionär  zu  ersetzen.  Wir  haben  uns  hierauf
bereit  erklärt,  den  dieser  Beschwerde  zugrunde  liegenden  Sackwerhau  zu  unersuchen,
  und  zu  diriemn  Ende  das  Verlaugen  gei#ellt.  daß  uns  die  Moglichkein
geboten  wird,  mit  dem  Ronful  Prochaska  in  direkle  Uerbindung  zu  treien.
Die  dezüglichen  Verhandlungen  sind  noch  nicht  beendet,  nachdem  die  jerbische
Negierung  erllärt  hat,  bei  den  Militärbehorden  beiuglich  der  Entiendung
nes  k.  k.  Ruriers  nach  Priptend  auf  Schwierigkeiren  gestoen  zu  sein.
Andoge  Schriue  sind  hinsichtlich  unieres  Koninlats  in  Mitrowitn  unier.
nommen  worden,  desien  Tilmär,  da  ihm  von  den  jerbischen  Mililärbehorden
die  Bewegungsfreiheit  genommen  wurde,  sich  veranlaß  sah,  zur  mündlichen

2
S
        <pb n="320" />
        310  Die  Fterreichischungerische  Menerie.  (November  18.—30.)

Berichterstallung  hierher  zu  kommen.  Wir  dürsen  erwarten,  daß  unseren
Wünschen,  welche  vom  völkerrechtlichen  Standpunkt  vollkommen  begründet
lind,  serbischerseits  baldigst  Rechnung  getragen  wird,  und  lassen  6
weiter  angelegen  sein,  mit  allem  Nachdruck  auf  Mirn  ree  einer
normalen  Verbindung  mit  den  Lonfulerewertrekungen  hinzuwirken.

18.  November.  (Liechten  stein).  Der  Landtag  nahm  eine
Negierungsvorlage  bekreffend  die  Ausprägung  eigener  Liechtensteiner
Zweikronenstücke  mit  dem  Fürstenporträt  und  Landeswappen  an.

18.  November.  (Cisleithanien.)  Da  infolge  der  südflavischen
Obstruktion  die  Fertigstellung  des  Budgels  bis  Ende  des  Jahres
ausgeschlossen  ist,  brachte  die  Regierung  heute  im  Abgeordnetenhause
  ein  sechsmonatiges  Budgetprovisorium  ein.

23.  November.  (Ungarn.)  Die  erste  Donauflottille  (zwei
Monitoren,  zwei  Torpedoboote  und  vier  kleinere  Kriegsschiffe)  fährt
von  Budapest  nach  Semlin.

23.  November.  Bei  einer  Keffelexplosion  auf  dem  österreichischen
Dampfer  „Maria  Immaculata“  im  Asowschen  Meer  wurden  sechs
Mann  schwer  und  elf  leicht  verwundet.

24.  November.  Entsendung  des  Konsuls  Edl  von  Ueskiüb
nach  Prizrend,  um  nach  dem  verschollenen  Konsul  Prochaska  zu
suchen.  (Siehe  Serbien  12.  November.)

W.  November.  (Wien.)  Loyalitätskundgebung  des  Gemeinderats.


Nach  einer  patriozischen  Rede  des  Bürgermeisters  Reumoer  wurde
eine  Kundgebung  mm  Beschluß  erhoben,  in  der  es  heißt:  Der  Friede
Orerreich-Ungarns  ist  seit  Ansbruch  des  Vallanlrieges  wwant  unbercchtigte.
manlose  Eroberungsgelüste  bedroht,  die  in  der  Hofinung  aus  die  aginigeit
der  Bülker  des  Reiches  Nahrung  finden.  Die  Erbitterung  des  Volles
vurreinzelte  unvatriotiiche  Acußerungen  und  Handlungen  wächst  stün  bater

Wohl  ist  der  Friede  das  höchste  Gut  der  Bölker  und  seine  Erhaltung  Voßer
Ovfer  wert.  Aber  das  wirlichaftliche  Gedeihen  der  Valker  und  der  Sege
der  Arbeit  werden  nur  solchen  Staaten  zuleil,  dic  den  Frieden  nicht  r*rn
ehrloie  Schwäche,  sondern  gestützt  auf  das  Bewustliein  ihrer  gerechten  Sache
kraiwoll  erhalten.  —  Mit  dem  Absingen  der  Volkehymue  und  unter  begeiiter
  rien  Hochruien  auf  den  Laiser,  das  Vaterland  und  die  Armee  wurde
die  Sirung  eichweit

Inzwischen  vanen  sich  gegen  2/XO  Versonen  im  Arkadenhose  des
Nathantes  veriammelt,  die  nun  mit  den  Mitgliedern  des  Gemeinderats
unter  Abüngen  vatrioliicher  Lirder  und  Hochrusen  auf  den  Laiser  zum
Demichmeifterdenkmal  zogen.  Hier  hieln  vor  der  inzgwischen  aus  3Zun0  Personen
angewachienen  Volksmenge  Bürgermeister  Neumaner  nochmals  eine  begeistert
auigenommene  patriotische  Ansorache.  woraui  sich  dice  Menge  unter  brausenden
Pochrusen  auf  Kaiser  und  Reich  zerstreutc.

30.  November.  (Ungarn.)  Abgeordnelenhaus.  Die  Regierung
hat  folgende  drei  Gesehentwürfe  vorgelegt:  1.  einen  Gesetzentwurf
        <pb n="321" />
        Lir  #rrichisch  m#rifer  M#enrgie.  (November  30.—Dezember  12.)  311

betr.  Verhängung  des  Ausnahmezustandes  im  Falle  einer  Mobilisierung;
  2.  einen  Entwurf  betr.  Requisition  von  Pferden,  Fuhrwerken
  und  Automobilen;  3.einen  Entwurf  betr.  Requisition  von  Gebäuden
  und  Wohnungsräumlichkeiten  im  Falle  einer  Mobilisierung.

20.  November.  Erklärung  der  russischen  Regierung  gegen  die
Porderungen.  Serbiens.

Der  österreichische  Botschafter  Ubermittelt  seiner  Regierung  die
Zusicherung  der  rusüschen  Regierung,  daß  sie  die  serbische  Forderung  auf
rune  mnn  auf  albanischem  Gebiet  weder  diplomatisch  noch  m

rstützen  würde.  Nußland  beit  Serbien  lediglich  a
Uiechthen  in  der  Forderung  nach  einem  wirtschaftlichen  Débouché  in
der  Adria.  Die  7  nach  Vecberguelsun.  eines  adriatischen  Hafens
durch  Serbien  gheiche  aaslnd  für  ungebührlich  und  wird  ihr  jede  Art
von  Unterstützung  verf

3.  Degember.  Geareithanien)  Abgeordnetenhaus.  Ein  Echo
der  Nede  des  deutschen  Reichskanzlers.

ian  der  Debatte  üÜber  das  Budgetprovisorium  erklärte  der  Abgeordneie
  Groß  (Deutscher  Nationalverband):  „Beim  Lesen  des  Berichtes
über  die  gestrige  Sitzung  des  deutschen  Reichstoges  Se  sich  dest  *

 

der  Dankbarkeit  gegen  unseren  treuen,  engen  Bundesgenossen  auf.  Rede
des  Reichskonzlers  von  Bethmann  Hfollweg.  hat  uung  bewiesen,  cdie  wir
ia  nie  zweiselten,  daß  das  Deutsche  ch  als  unjer  Bundesgenosse  unter

allen  Umständen  treu  zu  uns  steht.  acheichole  Heisan  und  Swoellene
Die  Rede  zeigt  uns  aber  auch,  daß  hoffentlich  der  Friede  erhalten  und  uns
das  Schlimmste  erspar  bleiben  wird,  wovor  wir  allerdings  nicht  zurückschrecken
  würden,  wenn  es  die  Ehre  der  Monarchie  und  die  Kierrsscn.  des
Staates  gilt.  Das  Deutsche  Reich  und  seine  Verireter  können  aber  ou
überzeugt  sein,  daß  wir  Gleiches  mit  Gleichem  vergeg  und  Aleichfaulm  zu
unserem  Bundesgenossen  stehen  werden  in  t  und  Gesahr.  Treu

Treue  sei  unfere  Losung,  und  dieien  Worten  mögen  4  r  Volker  Cenerreichs
  anschlichen.“  (Lebhaster  Beifall  und  Höändeklatschen.)

#.  Degember.  Kriegsminister  von  Auffenberg  tritt  zurück
und  erhält  eine  Armeeinspektion.  Sein  Nachsolger  wird  der  erste
Sektionschef  im  Kriegsministerium  Feldzeugmeister  von  Krobatin.

Der  Chef  des  Generalstabs  Schemua  tritt  zurück.  Zu  seinem
Nachfolger  wird  sein  Vorgänger  General  Conrad  v.  Hötzendorf
ernannt,  der  unlängst  von  einer  Spezialmission  an  König  Karol
von  Rumänien  zurückgekehrt  ist.

echsel  im  Kriegsministerium  wird  als  eine  Konzession  an  das
ungarische  Mininsterium  Lukacs  anigeias#.  weil  seil  Einbringung  der  Vehrgesetze
  im  Budavester  Parlamem  eine  starke  Minimmung  gegen  ihn  bestand.
Der  Wiedereintrin  Hauendoris  wird  damit  erklärt,  das  inzwiichen  die
Forderungen  seiner  Deulschri#t  on  den  nNalier  durch  die  Vewilligung  eines
vermehrien  Rekrurenkontingems  und  von  411)  Mill.  Kronen  für  beisere  ᷣeeres·
rüstungen  erfüllt  worden  sind.

12.  Dezember.  (Wien.)  Der  im  Oktober  aus  dem  Kabinett
        <pb n="322" />
        312  Hie  Slerrrichisch-ungarische  Menarchie.  (DTezember  11.—19.)

Stürgkh  ausgeschiedene  Handelsminister  Dr.  M.  v.  Roeßler  im
57.  Lebensjahre.

14.  Dezember.  Die  „Wiener  Zeitung“  teilt  mit:  Erzhergogin
Eleonora,  die  älteste  Tochter  des  Erzherzogspaares  Karl  Stephan,
hat  sich,  einer  mehrjährigen  Herzensneigung  folgend,  mit  Wissen
des  Kaisers  und  Zustimmung  ihrer  Eltern  im  Laufe  des  September
mit  dem  Linienschiffsleutnant  Alfons  v.  Kloß  verlobt.  Erzherzogin
Eleonora  hat  aus  eigenem  Willen  auf  alle  ihr  gebührenden  Rechte
und  Ansprüche  verzichtet.  Die  Vermählung  wird  im  engsten  Familienkreise
  Ende  Januar  stattfinden.

14.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnekenhaus
hat  in  allen  Lesungen  das  Pferdegestellungsgesetz  unverändert  nach
der  Regierungsvorlage  angenommen.

11.  Dezember.  (Böhmen.)  In  Pilsen  und  Königgrätz  kommt
es  anläßlich  des  Abmarsches  der  Garnisonen  an  die  Grenze  zu
lärmenden  Protesten  der  Tschechen.

15.  Dezember.  (Budapest.)  Der  frühere  Präsident  des
Magnatenhauses  und  Schopfer  der  kirchenpolitischen  Reform  in
Ungarn,  Graf  Albin  Csaly,  #t#  im  71.  Lebensjahr.

16.  Dezember.  Der  amtliche  Bericht  über  den  Fall  Prochaska.

arin  wird  konstatiert,  dah  die  im  Umlauf  gewesenen  Gerüchte,
wonach  Noniul  Prochassa  jerbischerseils  auf  seinem  Posten  förmlich  gesangen
gchalten,  sogor  misthandelt  worden  wäre,  jeder  Grundlage  entbehren.  e
seinerzrit  von  der  ierbischen  Regierung  gegen  den  genannten  nNonsularfunktionär
  mit  dem  Eriuchen  um  dessen  Versetzung  erhobene  amtliche  Auschuldigung.
  daß  bei  dem  Einiuge  der  serbiichen  Trupven  in  Prizrend  aus.
dem  Nonsulat  anf  dieselben  geschossen  worden  wärc,  hat  sich  als  volllommen
grundlos  erwiesen.  Dagege  n  haben  sich  die  serbischen  Militärbehörden  in
Prizrend  allerdings  unserem  dortigen  Koninlate  und  dessen  Leiter  und
Personal  gegenüber  vom  volkerrechtlichen  Standpunkte  aus  mehrfach  ins
Unrecht  geietzt.  Dic  in  dieier  Beziehung  vorgetommenen  Verstosse  werden
der  koniglich  ferbiichen  Regierung  mit  dem  Begehren  um  entsprechende
Genuginung  bekannigegeben  werden

15.  Dezember.  Gisleithanien)  Das  Abgeordnetenhaus

nimmt  das  Kriegsleistungsgesetz  in  zweiter  Lesung  an.

ft  Obstrutrionsredner  Fresl  spricht  16  Stunden  ununierbrochen
und  chg  damit  den  Relkord,  obwohl  er  jeine  Aukũndigung,  24  Stunden
sprechen  zu  wollen,  nicht  hallen  kann.

19.  Dezember.  (Wien.)  Bürgermeister  Dr.  Neumayer  hal
wegen  der  Vorgänge  in  der  letzten  Sitzung  des  Bürgerklubs  (d.  i.  die
chrisllich-soziale  Rathauspartei),  wo  er  Gegenstand  heftiger  Angriffe
war,  und  auscheinend  auch  infolge  der  Beschuldigungen  des  sozial-
        <pb n="323" />
        Die  lertriqisq  ·agatise  Neaatqhit.  (Dezeniber  20.  -28.)  313

demokratischen  Abgeordneten  Schuhmaier,  der  ihn  erotischer  Verfehlungen
  zieh,  auf  seinen  Posten  verzichtet  und  gegen  Schuhmaier
die  Ehrenbeleidigungsklage  angestrengt.

20.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus
nimmt  das  Kriegsleistungsgeseh  in  dritter  Lesung  mit  250  gegen
116  Stimmen  nach  55stündiger  Sithung  an.

23.  Dezember.  (Wien.)  Als  Nachfolger  des  gurückgetretenen
Dr.  Neumayer  wird  der  frllhere  Handelsminister  Iv.  Weiskirchner
mit  126  von  155  Stimmen  zum  Bürgermeister  gewählt.

24.  Dezember.  (Wien.)  Das  Herrenhausmitglied  Fürst  Georg
Cgartor#ski  f.  84  Jahre  alt.

28.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenkammer.
Aus  der  Rede  des  Finanzministers  über  die  Schädigungen,  welche
die  öflerreichisch=  ungarische  Volkswirtschaft  durch  den  Balkankrieg
erleidet:

reise  der  Industrie,  die  an  der  Ausfuhr  nach  den  Baikonländern
  m  sind,  werden  betrossen.  Diese  Ausfuhr  riß  so  plötzlich  ab,
daß  rollende  Waren  uuterwege  zurückbefördert  werden  mußten.  Durch  die
Dekretierung  der  Moratorien  in  den  krieginhrenden  Stoaten,  mit  Ausnahme
der  Türkei,  wurden  —  die  Außenstände  unserer  Indastrie  am  Balkan
ür  längere  Zeit  uneinbringlich.  Am  meisten  lint  darumer  unfere  Textilndustric,
  namentlich  die  Baumwollenindustrie.  Es  musiien  namhaste  Einschränkungen
  in  einigen  Vetrirben  vorgenommen  werden,  und  es  sind  alle
Arbeni  und  Hiljsinduitrien  i  in  Milleidenschaft  gezogen.  Die  Ballanverhälmiüsse
östen  aber  auch  eine  allgemeine  Unsicherheit  ans,  die  munächn  eine  ziemlich
uinesuse  Einichränkung  des  IJulandsverbrauche  zur  Folge  hatte,  worunter
alle  Industrien  mit  wenigen  Ausnahmen  Gcmpfindlich  zu  leiden  hatten.  Noch
härter  wurde  unsere  Volkswirkschaft  getrossen  durch  die  starle  und  zweijellos
übertriebene  Kündigung  von  gewahrten  Aredilen  und  die  Sistierung  neuer
Rredilgewãhrungen.  wodurch  die  jeit  virlen  Monalen  herrschende  Anspannung
im  Ge  aun  Rreditmarlte  fehr  verscharst  wurde.

ärgste  Gesahr  drohte  unierer  Wirtchaft  von  der  plötzlichen  und
in  rinigen  O##en  gerabetn  stürmischen  Absiehung  der  Einlagen  von  den
Sparkaissen.  Dank  der  von  dem  Finanzminister  im  Einoerurhmen  mit  der
österreichtich.  lisrchen  Bank  —  Manznahmen  habe  sich  bei  keinem
einzigen  Instiinte  eine  wirkliche  Slockung  bei  der  Rückzahlung  der  Einlagen
ergeben,  tropdem  dieie  Rückiahlungen  bisher  einen  ungcahnten  Umsang  angenommen
  härten.  Der  Mininer  verwies  darauf,  dan  die  Unsicherheit  der
Lage  in  Galizien  und  in  der  Bulowina  die  schwersie  Unsicherheilt  nach  sich
d#eiegen  habe.  Tros  der  großen  Schwierigkeite  eän  auf  dem  Gebiete  des  #redilweiens
  har-  sich  der  gali  ziiche  nauimann-  und  Gewerbestond  fehr  wacker
grhalten.  Der  Vorwuri,  das  ieitens  der  Banken  und  der  Vanküilialen
Kredi#kündigungen  und  Reslrivtionen  ohne  Rücksicht  auf  die  Verhältniise
vorgekommen  seien,  scheine  nur  in  vereinzelten  Fällen  begründet  zu  sein.
In  der  gegemvärtigen  urise  snd  sehr  tröstende  Lichblicke  zu  verzeichnen.
Vor  allem  hat  sich  die  Tätigkeit  des  Noteninstituis  aufs  beste  bewahrk.
Die  österreichisch-ungarische  Bank  ist  ihrer  Aufgabe  vollkommen  gerecht  ge-
        <pb n="324" />
        314  Eie  Mrrmichisch#m#nscr  Manshte.  (Dezember  28.)

worden  und  blieb  stets  di-  seste  Säule  des  Geldwesens.  Ich  bin  —  so  fuhr
der  Minisler  fort  —  Überzeugt,  daß  wir  das  Aergste  Übersianden  haben  und
daß  wir  eine  ““*“  üctbildung  der  unerfreulichen  Erscheinung  in
Linbli  auf  zaohlreiche  günstige  Symptome  gewärtigen  können.  Auch  ein
rleichterung  der  Geldjäde  ist  nach  Ablauf  dieses  Johres  zu  erwarien.  d
schwarzen  Wolken,  die  den  politischen  Horizont  einige  Zeit  umdüstert  haben,
weichen  zurück,  und  wir  dürfen  mit  ruhiger  hiric  in  die  nächste  Zukunst
blicken.  ue,  —  Ueberzeugung  sprach  d  t  Minister  d  Erwarkung  aus,
daß  Oesterreichs  Handel  und  Industrie,  die  durch  r  eine  hiize  Konjunktur
der  letzten  Fä#e  geltari  seien,  die  jeyige  schmerzhafte  Epis  e  balb  ben
unden  haden  werden.  Oesterreichs  Volkswirt#  uchast  sei  in  ihrem  K#

Fund  und  krästig  und  werde  i  künftig  bieiben.
        <pb n="325" />
        II.
Portugal.

16.  Januar.  Das  in  Braganza  stehende  29.  Regiment  wird
wegen  einer  Meuterei,  bei  der  die  Soldaten  auf  ihren  Oberst
schoffen,  aufgelöst.

19.  Jonuar.  (Senat.)  Auf  eine  Interpellation  erklärt  der
Minister  des  Außern  Vasconcellos,  daß  durch  das  Bündnis  mit
England  auch  die  Kolonialpolitik  bestimmt  werde  und  daß  die  Verhandlungen
  mit  Deutschland  über  die  Abgrenzung  des  südlichen
Angola  den  besten  Fortgang  nehmen.

25.  Jannar.  Der  Justizminister  verhängt  über  die  sämtlichen
Priester  Lissabons,  die  eine  Ergebenheitsadresse  an  den  Patriarchen
unterzeichnet  haben,  die  Gehaltssperre.

3..  Januar.  Generalstreik  in  Lissabon.

ne  Bombe  verletzte  viele  Reiter  der  Kavallerie,  welche  die  elektrische
gehnnne  bewachte.  Bei  Slreifzügen  der  Kavallerie  kommt  es  zu  Kämpfen
mit  der  Masse  und  zahlreichen  Verhafiungen.  115  Perionen  werden  an  Bord
des  Kreuzers  „Adamastor“  gebracht.  Der  Administrator  der  Provinz  Alemtejo,
  de  Moita,  wird  durch  Beilhiebe  getölet.

Sl.  Januar.  (Lissabon.)  600  Mitglieder  der  Arbeiterpartei
werden  durch  die  Truppen  nach  dem  Arsenal  gebracht,  um  auf  die
P  verteilt  zu  werden.

Der  Präsident  der  Republik  gibt  dem  General  Carvalhal  absolnte
sollmocher  zur  Unterdrückung  des  Aufstandes  und  hebt  die  konstitutionellen.
Garantien  auf.

1.  Febrnar.  In  Dover  kommen  der  Exkönig  Manuel  und
der  Thronprätendent  Dom  Miguel  im  Lord  Warden  Hotel  zusammen,
  wobei  der  Prätendent  sich  verpflichtet,  die  Wiedereinsetzung
des  Königs  zu  unterslützen.

13.  Februar.  Den  Ergbischöfen  von  Braga  und  Portalegre
sowie  dem  Bischof  von  Lamego  ist  für  zwei  Jahre  der  Aufenthalt
in  ihren  Diözesen  verboten  worden.

14.  Februar.  Durch  ein  Gesetz  wird  die  Aufhebung  der
konstitutionellen  Garantien  rückgängig  gemacht.
        <pb n="326" />
        316  leriagal.  (Maͤrz  15.  —  Juni  16.)

15.  März.  (Kammer.)  Erklärung  des  Ministerpräfidenten

über  de  auswärtige  Politik.
ie  Grundlage  der  auswärtigen  Politik  Portugals  ist  auch  weiterhin

ein  surde  Verhältnis  4ur  den  le  brchen  Mächten,  sowohl  auf
dem  Kontinent  wie  in  den  Kolonie  Man  hat  oft  von  unserem  Bündnis
mit  England  gesprochen,  ohne  dabeie  viei  von  dem  Ursprung  und  den  Folgen
des  Bündnisses  zu  wissen,  das  bis  in  das  vierzehnte  Jatehmoeir  i##  zurückeht.
  Wir  dürsfen  dem  ausländischen  Kapitaol  unsere  Kolonien  nicht  verchließen,

  denn  wir  bedürfen  seiner  zur  Entwicklung  der  Esentahnen  und
der  Industrie.  Die  Regierung  kann  dafür  bürgen,  daß  kein  Vertra
England  und  Deutschland  besteht,  der  irgend  —  geheime  Nougel  enthält,
welche  die  Unabhängigkeit  und  die  Integrität  oder  die  Interessen  irgend
eines  Teiles  der  porkugiesischen  Besitzungen  bedrohen  könnte.  Die  Erklärung,
welche  zur  Kenntnis  der  d  arsche  8*  denglischen  Regierung  gebracht  worden
ist,  gebe  ich  mit  deren  Zustimm

16.  März.  Einige  *  berichten  von  einem  Abkommen
mit  England,  demzufolge  die  Azoren  und  die  Cap  Verdischen  Inseln
mit  englischer  Finanzhilfe  befestigt  werden  sollen.

29.  März.  (Braganza.)  Wegen  politischer  Zwistigkeiten
finden  Kämpfe  zwischen  den  Studenten  und  der  Bürgerschaft  (einschließlich
  Frauen  und  Mädchen)  statt,  wobei  5  Personen  gekötet
und  23  (darunter  4  Frauen)  verwundet  werden.

22.  Mai.  (Kammer.)  Mit  50  gegen  45  Stimmen  wird
die  Aufhebung  der  Gesandtschaft  bei  dem  Valikan  beschlossen.

4.  Juni.  (Kammer.)  Ein  Mißtrauensvotum  gegen  das
Ministerium  Vasconcellos  wegen  feiner  Schulpolilik  wird  mit  73
gegen  37  Stimmen  abgelehnt.

5.  Juni.  Das  Kabinett  überreicht  dem  Präsidenten  seine
Demission.

6.  Juni.  (NKammer.)  Annahme  eines  Gesetzentwurfs,  der
bem  Herzog  Miguel  von  Braganga  und  seiner  Familie  gestattet,
von  ihrem  beweglichen  Privaleigentum  wieder  Besitz  zu  ergreifen.
Am  25.  Juni  stimmt  der  Senät  diesem  Gesehe  zu.

12.  Juni.  Das  umgestaltete  Kabinett  Vasconcellos.

Präsident  und  Aeusieres  August  Vasconcellos,  Inneres  Nunez  Oliveira,
  Finanzen  Jose  Beneviden,  Rrieg  Oberst  Percira  Eca,  Marinc  Joao
Wenehes.  vücutliche  Arbeiten  Viegas  L#en,  Nolonien  Eccaniel  Campos.
Die  nenen  Minister  geh#ren  keiner  barlamemarischen  (Gruppe  an:;  die  meisten
sind  überhaupt  nicht  Parlamemsmimlieder.  —  Dieie  Umbildung  war  net
wendig,  weil  die  bisherigen  Regierungsparteien  im  Parlament,  nämlich  d
Radikalen  unter  Leitung  von  Assonso  Costa  ((#)  Stimmen)  und  die  niemfine
unier  Brilo  Camacho  (200  Stimmen),  nicht  mehr  zusommenarbeiten.

16.  Juni.  Unter  Einwirkung  des  Präsidenten,  der  auch  die
        <pb n="327" />
        V#tml.  (Juni  21.—Dezember  22.)  317

Anhänger  Almeidas  vertreten  zu  sehen  wünscht,  erfolgt  eine  Neu-.
  der  Ministerposten:
Vorsitz  und  Inneres  Duarte  Leito,  Justiz  Correia  Lemos,  Aeußeres
August  Vasconcellos,  Finonzen  Barros  Queiroz,  K#rieg  Correia  Barreto,
Marine  Femandos  Costa,  Oesfentliche  Arbeiten  Auguft  Scbeio,  Kolonien
ira.  Der  #eeruechtde  gehört  dem  Parlament  nicht  an.  Die
Ministerien  der  Justiz,  des  Krieges  und  der  Kolonien  sind  Anhängern
Alsonso  Costas  onesikn  die  Ministerien  des  Aeußern  und  der  Finanzen
#hängern  Camachos,  das  Ministerium  der  Marine  einem  Anhänger  Al-2.

  Juni.  (Lissabon.)  Bei  der  Wiederaufnahme  des  Verkehrs
  der  elektrischen  Straßenbahnen  nach  dem  Streik  werden  auf
dem  Dom  Pedro--Platz  drei  Bomben  zur  Explosion  gebracht  und
bei  der  Säuberung  des  Platzes  durch  Kavallerie  wird  eine  Person
durch  Revolverschüffe  getötet  und  ein  Unleroffizier  tödlich  verletzt.

3%.  Juni.  (Senat.)  Annahme  einer  Anleihe  von  5830  Contos
Reis  für  den  Ausbau  einer  Kriegsflotte.

7.—9.  Juli.  Ein  monarchistischer  Putsch  in  Nordportugal
unter  Paiva  Conceiro,  zu  dem  Aufständische  aus  Spanien  herllerkamen,
  wird  durch  Regierungstruppen  beendet,  nachdem  150  Aufrührer
  gefangen  genommen  waren.

.  Juli.  (Senat.)  Zustimmung  zu  dem  Vorschlag  des  internationalen
  Schiedsgerichtes  betr  die  Beilegung  der  Streitfälle  über
den  Rückkauf  der  Kirchengüte

15.  Juli.  In  vier  Goneinden  bei  Lissabon  werden  die  Geistlichen
von  den  Republikanern  vertrieben.

14.  September.  Abkommen  mit  Spanien:

Die  Führer  der  Berschwörung  zur  Wiederherstellung  des  K#nigtums
  lewie  die  banptiachlich  daran  Beteiligten  sollen  aus  Spanien  ausgewiesen

  erden.  Alle  in  die  Verichwörung  Verwickelten  und  der  spanischen
gersrptnon  Umerstehenden  sollen  vor  Gericht  gestellt  werden.  Allen,  die
in  Spanien  bis  zum  vergangenen  Juli  gegen  das  spanische  und  das
voikugiesische  Regime  verschworen  und  das  Anerbicten,  nach  Brasilien  ausjiuandem.
  angenommen  haben  oder  die  in  andere  Länder  ausgewandert
sind,  soll  es  unteriagt  sein,  während  der  nächsten  drei  Johre  na-  E  Spanien
zurücksukehren.  Das  Ablommen  soll,  um  Berschwörungen  auch  in  Zukunst
zu  verhindern,  dauernd  und  gegenseitig  sein.

22.  Dezember.  Demission  àes  Ministeriume.
        <pb n="328" />
        IV.
Spanien.

14.  Januar.  Das  Gesamtkabinett  Canalejas  hat  seine  Entlassung
  eingereicht,  weil  der  König  auch  den  fiebenten  der  wegen
der  Affäre  von  Cullera  Verurteilten  begnadigt  hat,  wiewohl  Ministerpräfident
  Canalejas  erklärt  hatte,  das  sei  unmöglich.  Das  Kabinett
bleibt  jedoch  im  Amte,  nachdem  ihm  der  König  aufs  nachdrücklichste
sein  volles  Vertrauen  ausgesprochen  hat.

18.  Januar.  (Kammer.)  Nach  der  Regierungsvorlage  soll
die  Effektivstärke  der  Armee  im  kommenden  Elatsjahr  115000  Mann,
die  der  Flotte  6537  Mann  Schiffspersonal  und  3000  Mann  Marineinfanterie
  betragen.

24.  Januar.  (Kammer.)  Ministerpräsident  Canalejas  erklärt:
  das  Kabinelt  sei  niemals  des  königlichen  Vertrauens  oder
der  Unterstützung  der  Kammermehrheit  beraubt  gewesen,  und  es
herrsche  volle  Ubrrinbimmung  zwischen  allen  Kabinettsmitgliedern.

##  halten  Hosintrigen  den  König  zu  dem  Beschluß  geführt,
das  1—  3  entlassen.  Aber  die  Ankündigung  der  Wiederkehr  Mauras,
Laciervas  und  Genossen  genügte,  um  die  gesamte  öffentliche  Meinung  gewaltsom
  aufzuwühlen.  Die  geiame  Arbeilerschaft  Spaniens  wollte  den
Generasstreik  erklären,  und  in  den  östlichen  Provinzen,  namentlich  Barcelona
und  Valencia,  war  eine  gerodezu  revolutionäre  Bewegung  zu  befürchten.

9.  Februar.  Große  Verheerungen  durch  Überschwemmungen
der  Flüsse.

25.  Februar.  Die  „Gaceta  de  Madrid“  veröffentlicht  die  zahlennähigen
  Ergebnisse  des  spanischen  Außenhandels  im  Jahre  1911.

Demnach  betrug  der  Wert  der  Einfuhr  1066  Millionen  Pesetas,  gegen
1000  Millionen  im  Vorjahr,  der  Ansfuhr  965½2  Millionen  Peselas,  egen
970  ½  Millionen  im  Vorjahr.  Im  Vergleich  mit  dem  Vorjahr  hat  also  die
Einfuhr  um  66  Millionen  zugenommen,  die  Ausfuhr  um  5  Millionen  abgenommen.


7.  März.  Dem  Ministerpräsidenten  Canalejas  wird  eint  Adresse
mit  Unterschriften  von  mehr  al
Überreicht,  worin  um  Begnadigung  aller  wegen  politischer  Vergehen
Verhasteten.  Eingekerkerten  oder  Ausgewanderlen  sowie  um  Abschaffung
  des  sogenannten  Jurisdiklionsgesebes  ersucht  wird.
        <pb n="329" />
        #im.  (März  11.—Mai  1.)  319

11.  März.  Der  Minister  für  öftentliche  Arbeiten  Gafset  gibt
infolge  scharfer  Angriffe  wegen  seiner  eigenmächtigen  Veränderung
des  Landstraßenplans  seine  Demission,  welche  die  Demission  des
Finanzministers  Rodriganez  und  dann  des  gesamten  Ministeriums
Canalejas  zur  Folge  hat.  Der  König  beaustragt  Canalejas  mit
der  Neubildung  des  Ministeriums.

12.  März.  Das  neue  Kabinett  Canalejas:  inisterpräfident
Canalejas,  Außeres  Garcia  Prieto,  Justiz  Arias  iranda,  Finanzen
Navarro-Reverter,  Inneres  Barroso,  Krieg  General  Luque,  Marine
Pidal,  öffentliche  Arbeiten  Billanueva,  Unterricht  Alba.

12.  März.  Der  König  unterzeichnet  ein  Dekret,  durch  welches
Prinz  Alphonso  von  Orleans  und  Bourbon,  der  älteste  Sohn  der
Infantin  Eulalia,  in  alle  Ehrentitel  und  Vorrechte  als  Infant
von  Spanien  wiedereingesetzt  wird.

8.  April.  Gründung  einer  neuen  republikanischen  Partei  unter
dem  Namen  der  Reformisten.

Nach  der  Programmrede  ihres  Gründers  Melquiades  Alvarez
präsentiert  sich  de  neue  Partei  als  Bertretung  des  Mittelstandes,  dem  sie
namentlich  wirtschaftlich  dustelen  und  zugleich  gegen  revolulionäre  Unordnung
  und  sozialen  Umsturt  d  für  Schus  der  Religion  bei  Anstrebung
der  Trennung  von  Kirche  und  Gocl  Gewähr  bieten  will.  Der  Aktionskeen
  sieht  eine  nachdrücklihe  Propaganda  für  die  Grandung  der  Republik

ie  man  mit  Hil  der  Armee  unter  Vermeidung  vereinzelter  Er-*
  durchsetzen  wi

t0.  April.  ver  „Imparcial“  bringt  eine  Artikelserie  von
unftaluynorr  über  die  letzte  Teilkrise  des  Kabinelts  Canalejas.

Jhr  Berfasser  #en#  Gasset  sucht  nochzuweisen,  daß  Maura  der
maßgebende  Politiker

15.  April.  orvelene  Jose  Ferrandiz,  ein  früherer
Geistlicher  und  Verfasser  des  in  deutscher  Sprache  erschienenen  erkes
.„Das  heulige  Spanien“,  wird  wegen  Verössentlichung  eines  kritischen
Artikels  im  Blatt  „Progreso“  Über  den  katholischen  Philosophen
Valmes  zu  dreieinhalb  Jahren  Zuchthaus  verurteilt.  Der  Artikel
soll  die  Religion  verhöhnt  haben.

23.  April.  Eine  Note  des  auswärkigen  Ministers  Garci

rieto  an  den  französischen  Botschafler  erklärt:  Spanien  verzi
auf  den  Anspruch  auf  den  Mulujafluß,  lehne  jedoch  auch  die
derungen  Frankreichs  in  bezug  auf  das  Urgagebiet  ab.

1.  Moi.  Eröffnung  der  Cortes.  Der  Finanzmi
den  Voranschlag  des  Budgets  für  1913,  der  die
        <pb n="330" />
        320  Musien.  (Ende  Mai—Juni  16.)

1167400000  Pesetoß,  die  Ausgaben  auf  1146900000  Peselos  berechnet.


Ende  Mai  und  Anfang  Juni.  (Kammer.)  Gegen  viele  Abgeordnete
  der  äußersten  Linken  werden  Strasprozesse  wegen  antiklerikaler
  Zeitungsartikel  beantragt  und  von  den  Konservativen
mit  Hilfe  eines  von  Canalejas  beeinflußten  Teils  der  Liberalen
meistenteils  angenommen.

13.  Juni.  (Kammer.)  Zum  Streit  um  das  nach  Deutschland
  verkaufte  Gemälde  „Die  Anbetung  der  Heiligen  Drei  Könige“
von  2  der  Goes.

ii  hähe  Minister  für  schone  Künste  und  Unterricht  Burell  berichtet

  cberr  den  Berkauf  des  im  Kloster  Monforle  befindlichen  Gemäldes,
*%  1910  für  das  Lerlzner  Kaiser-Friedrich-  Museum  angekauft  ist:  „Während
meiner  Bieit  als  WMipiger  ersuchte  mich  ein  Agent  um  die  Ermbshtigune,
das  Bild  nicht  an  ein  Museum,  sondern  an  einen  deutschen  Fürsten  verbauen
  zu  dürsen.  Ich  wics  ihn  kurzweg  ab.  Kurze  Zeit  darauf  suchte

Gideer  Ordensgeneral  des  Ordens  auf,  zu  dem  das  Kloster  Monforte
g  rt,  und  ertlaͤrte  mir,  ich  sei  nicht  berechtigt,  gegen  den  Vertauf  ein

eio  einzulegen.  Ich  wies  darauf  den  Gouverneur  der  Provinz  Lugo  an,
Gemölde  unter  Sequestralion  zu  stellen.  Bald  nachher  empfing  ich  den

Vesuch  eines  Herrn  von  der  deutschen  Botschaft,  der  *l  mngeegenben  mit
größter  Diskrelion  bei  mir  zur  Sprache  brachte.  Ich  hielt  auch  jetzt  daran
sest,  daß  der  Staat  durchaus  das  Recht  habe,  sich  dem  Veslauf  zu  widersetzen.
  Nach  meinem  Rücktritt  vom  Ministerium  hat  das  guständige  Departement,
  wie  es  scheint,  seinen  Standpunkt  geändert.  Man  hat  die  Angelegenheit,
  wie  es  scheint,  auch  zum  Gegenstand  diplomatischer  er
cht.  Nun  besitzt  das  Kloster  das  Gemalde  nur  als  Devot,  kann  es  also
nicht  verkaufen.  Dies  hat  der  Zuinter  des  —“  in  vor  Stiftungsurkunde
üÜberdies  auedrücklich  so  bestim  Der  lauf  d  mäldes  wäre
eine  niedrige  Haudlung.“  Der“  br,  Scrdo  8  i  ver  Gründer  des
Patronats,  habe  ein  für  allemal  ven  Verkauf  und  die  Abtretung  von  Gütern
des  genannten  Patronats  #i  und  das  Eigentum  an  dem  Gemälde
sei  keincswegs  zweiselhoft.  (Siehe  16.  Juni.)

16.  Juni.  (Kammer.)  Der  republikanische  Abg.  Soriano
bringl  die  schon  fünfmal  behandelte  Angelegenheit  des  Verkaufes
eines  im  Kloster  Monforte  befindlichen  Gemäldes  nochmals  zur
Befpuschung.

#
Z

rügt  die  Verheimlichung  eines  Gutachlens  des  Kronrats.
Dieses  Esschter  being.  de  das  Bild  an  die  deuliche  Votichaft  ausgeliefert
werden  oder  daß  der  ann  Fn  pne  ejetas  dajür  zahlen  müsse.  Soriano
erklärte  ferner,  der  von  Demschtand  ausgesibte  Druck  sei  demßtigend  für
Spanien.  —  Ministerpräsident  Canaleias  weigerte  sich,  über  das  Gutachten
  des  Kronrats  zu  iprechen.  Er  führte  nur  ans,  Demichland  habe
keinen  Druck  ausgrübt,  jondern  sachlich  um  Veschlennigung  der  Angelegenheit
criucht.  Achnliche  Probleme  liegen  nicht  allein  in  Spanien,  sondern  auch
in  vielen  anderen  Ländern,  namentlich  in  Fraukreich,  vor.  ych  er  selbst
sei  der  Ansicht,  daß  die  Piaristen  in  Monsorte  nicht  Eigentümer  des  Bies
seien.  Es  bleibe  zu  untersuchen,  ob  der  Stiftung  oder  dem  Staate  das
        <pb n="331" />
        Manien.  (Juni  20.—November  12.)  321

Eigentumerccht  laulomme  Die  Lösung  der  ganzen  Angelegenheit  stehe  noch
bevor.  (Siehe  13.  Juni.)

20.  Juni.  (Madrid.)  Zusammentritt  der  franzöfisch-spanischen
Kommission  zur  gesetzlichen  Regelung  der  Internationalisierung
von  Tanger.

23.  September.  (Madrid.)  Infantin  Maria  Teresa,  Schwester
des  Königs  und  Gemahlin  des  nach  Spanien  übergefiedelten  und
zur  spanischen  Staatsangehörigkeit  übergetretenen  Prinzen  Ferdinand
von  Bayern,  1  nach  der  Geburt  ihres  dritten  Kindes,  90  Johre  alt.

18.  Oltober.  Vollendung  des  P  ad
berges  bei  Canfranc,  woburch  der  Weg  Madrid—  Parisz  um  100  km
abgekürzt  wird.

26.  Oktober.  Abschluß  des  Marokkovertrags  mit  Frankreich.
darf  Spanien  in  dem  ihm  überlassenen  Enllußgebee  8
eigenem  Ermessen  die  marokkanischen  Behörden  bei  der
Reformen  in  dem  genannten  Gebiet  unterstützen  und  d  dn  1  n
erhaltung  der  Ruhe  sorgen.  Das  Eiestusebiet  im  Norden  hat  auf  der
Seite  von  Urga  eine  Verminderung  erfahren.  Im  Süden  tritt  Spanien
an  Frankreich  einen  i  seines  EinsluWgebietes  ab  und  zwr#  ungefähr
das  Gebiet  nördlich  vom  Draa,  ausgenommen  die  Enklave  von  Ifni.
Das  sind  die  #en#ensebionen,  die  Spanien  Frankreich  hee  als  Ersatz
für  die  von  Frankreich  im  Kongo  zugunsten  Deutschlands  gebrachten  Opfer.
wird  auch  eine  Anzahl  Bestimmungen  enthalten,  um  die
Autonomie  der  französischen  r  att  spanischen  Zone  zu  sichern,  howie
die  Rechte  Dritter,  wie  z.  B.  die  der  Besitzer  der  Auleihe  von  1904  und
1910,  der  Stoatsbonk  und  dent  Tobi##nn#n.  Die  Zölle  in  der  swon.
6aen  Zone  sollen  keinem  Einspruch  Frankreichs  unterliegen  Die  Rech
er  Besiher  der  Anleihen  werden  so  gesichert,  daß  Spanien  füt  di
n  der  Zinsen  und  für  die  Amortisation  des  auf  seine  Zone  entallenden
  Teils  der  Schuld  auskommt.  Die  Eisenbohn  *9  wird
einer  einzigen  Gesellschaft  übertragen;  Frankreich  wird  56  Prozem  des
Kapitals  übernehmen,  Spanien  36  und  8  Prozent  sollen  dritten  Mächten
überlassen  werden.  Der  Verwalter  soll  Franzose  sein.  Die  Ge  esellschaft  wird
munächtt  Sindien  anstellen.  Die  Ausführung  des  Baues  wird  in  Submiision
vergeben.  Die  Berwaltung  der  spanischen  und  der  sernashe  Zone  sollen
das  Recht  des  Rückkaufs  erhalten.  In  Tanger  wird  eine  besondere  Verwaltung
  eingerichtet.  Der  Vertrag  regelt  ferner  die  Loge  der  Franziskanermissionen
  und  die  eventnelle  Errichtung  von  Gerichtshöfen  sowie  die  Schutzbefohlenensrage.
  Es  wird  keine  Zollschranke  für  den  Durchgangsverkehr  für
-aren  errichtet  und  die  Einnahmen  aus  dem  Durchgangsverkehr  werden
urch  Schäbungen  fejtgestellt.  Es  wird  auch  festgelegt,  daß  die  spanische  Jone
dt  die  geographisch  Eür  —  dem  Maghzen  jährlich  500000  Peseios
zu  überweisen  hat.  (Siehe  30.  er.)

2.  i  Canalejas  erklärte,  daß  die
sogenannte  Lex  Cadenas  über  die  religiösen  Gesellschaften  auf  ein
Jahr  zurückgestellt  werden  wird.

12.  November.  (Madrid.)  Ministerpräsident  Canaleias  wird

Europêischer  Oeeschichtskalender.  LIII.
        <pb n="332" />
        322  Muien.  (November  14.—30.)

auf  dem  Heimweg  vom  Ministerrat  durch  den  Anarchisten  Serrato
erschossen.

Der  47  Jahre  alte  Attentäler  begeht  Selbstmord.

14.  November.  (Madrid.)  Das  Marokkoabkommen  mit  Frankreich
  wird  paraphiert.  Es  wird  am  27.  November  unterzeichnet.

14.  November.  Zum  Ministerpräsidenten  wurde  der  bisherige
Vorfsizende  der  Deputiertenkammer  Graf  Romanones  ernannt;  die
übrigen  Minister  behalten  ihre  Amter.

27.  November.  (Kammer.)  Durch  einstimmigen  Beschluß
wird  der  Gesetzentwurf  angenommen,  durch  den  der  Witwe  und
den  Kindern  Canalejas  der  Herzogstitel  und  eine  Penfion  von
30000  Pesetas  jährlich  verliehen  wird.

30.  November.  Die  „Agence  Havas“  veröffentlicht  den  Hauptinhalt
  der  30  Artikel  des  Marokkovertrages  mit  Frankreich.

Darnach  erhält  Frankreich  unter  anderen  territorialen  Vorteilen  das
weite  und  erzreiche  Gebiet  zwischen  dem  Ued  Draa  und  dem  Sus,  wodurch
  dem  saharischen  Hinterland  ein  neuer  Zugong  zum  Atlantischen  Ozean
gegeben  wird.  Spanien  behält  die  Enklove  von  Ijsn#i.  Frankreich  bekommt
im  Norden  einen  Teil  des  sehr  fruchtbaren  und  bevölkerten  Tales  von
Urga  und  außerdem  strategisch  und  wirtschaftlich  bedeutende  Grenzberichtigungen
  am  Mumeia  und  Lukkos.  Der  Vertrag  erklärt  noch  einmal  den
Grunvsatz  der  Einheit  der  Zolltarife.  Die  rsa  und  finanzielle

Amonomie  der  beiden  Zonen  ist  erreicht,  ohne  doß  der  Souveränität  des
Sultans  oder  den  Rechten  Drilter  oder  der  nlset  Gleichberechtigung
  nahegetreten  wird.  Es  bleibt  nun  noch  über  die  Sonderverwaltung

von  Tanger  im  Einklange  mit  der  allgemeinen  gae  des  Reichs  zu
eunscheide.

„Wolfische  Bureau“  bringt  folgende  Ergänzungen:  Staatsbank.
  2  Tabalemonopol  blei  mit  allen  ihren  Rechten  in  der
waniichen  wie  in  der  französischen  4n  beslehen,  aber  die  Verwaltung
wird  Veränderungen  erleiden  können,  die  der  terrikorialen  Organisarion
jeder  Lae  angevaßt  lind.  Die  beiden  Regierungen  behalten  sich  das  Necht
vor,  dus  Tabakmonopol  in  ihrer  Zone  zurückenkanfen.  Abänderungen  in
der  Organisation  der  beiden  genanmen  Betriebe  können  die  Schaffung
eines  zweiten  Oberkommissariats  in  der  ipanischen  Zone  erforderlich  machen.

er  Zolltaris  kann  nur  im  gemeiniamen  Einvernehmen  abgeändert  werden.
Die  Vertragebestimmungen  über  Schußgenossen  niw.  sollen  nur  im  Einvernehmen
  mit  den  anderen  Mächten  abgeändert  werden  können.  Frankh
  und  Spanien  lonnen  in  ihren  Zonen  Gerichtsorganisationen
emsprechend  ihren  eigenen  schaffen,  denen  auch  die  Franzoien  in  der  spanischen
Zone  und  die  Spanier  in  der  ironzösiichen  Zone  unterworien  sind.  Die
beiden  Mächte  werden  sich  gegenseitig  in  der  Unterdrückung  des  Bafsienschunggels
  unlerstüten.  Verträge,  die  der  Sullan  eiwa  in  Jukunit  ab  ·
jalieen  jollie,  veruhren  die  spanische  Jone  nur  bei  vorheriger  Zunimmung
Spaniens.  Sir  tigleiten,  die  über  die  Anwendung  des  Verir  trages  entsichen
  könnten,  sonn  gemäß  der  svaniich  jranzösiichen  Nonvemion  von  19074
und  der  Haager  Nonvemion  von  10)7  geichlichtei  werden,  mit  Ausnahme
der  Fälle,  in  denen  man  diese  Konventiuon  im  Augenblick  des  Emüchens
der  Meinungsverschiedenheit  ausdrücklich  in  gegenseitigem  Einvernehmen
        <pb n="333" />
        Spanita.  (  Dezember  16.)  323

außer  Krast  setzt.  —  Dem  Bertrage  ist  ein  Protokoll  Über  die  Eis  enbahn
Tanger.  3  —  Danach  werden  Frankreich  und  Spanien  in  einer
Frist  von  drei  Monaten  nach  der  Unierzeichnung  einen  ollgemeinen  Entwurf
  der  Linienführung  herstellen  und  die  hauptjächlichen  Bahnhöfe  in
ihren  Jonen  bestimmen.  Sie  werden  in  gegenseitigem  Einvernehmen  die
Punkte  festienen,  an  denen  die  Linie  die  Nord=  und  Südgrenze  des  spanischen
Gebiets  überschreiten  soll  und  im  Einvernehmen  mit  den  Behörden  von
Tanger  die  Linienführung  von  der  Nordgrenze  der  spanischen  Zone  bis

Sultan  die  Konzesiion  unter  der  Autorität  und  Garantie  Frankreichs  erteilen,
  in  der  spanischen  Zone  das  Khalisat  unter  der  Lutorität  und
Garantie  Suien  in  der  Zone  von  Tanger  die  Behörde  von  Tanger.
Sollte  die  Behörde  von  Tanger  noch  nicht  konstituiert  sein,  wenn  die
Konzession  in  der  französischen  und  spanischen  Zoane  erleilt  wird,  so  werden
Spanien  und  Frankreich  gemeinsam  mit  dem  Sultan  die  Konzession  in  der
Zone  von  Tanger  erteilen.  Nach  Bildung  der  Behörde  von  Tanger  werden
dieser  alle  Rechte  und  Nflichten  übertragen.  Die  Gesellichaft  konn  die  Konzeision
  für  keine  andere  Baohnlinie  erwerben  mit  Ausnahme  derjenigen
Linien,  die  zum  Hafen  von  Tanger  führen.  Sie  kann  jedoch  den  anderen
Linien,  die  von  Frankreich  oder  Spanien  konzessionien  werden,  den  Anschluß
  ihre  Bahmese  nicht  verwehren.  Das  Aktien-  und  das  Obligationskapitol
  der  Bahn  besteht  zu  60  Prozent  aus  französischem,  *  Prozent
aus  spanischem  Sob  De#-.  Teil  des  Kapilals,  der  nach  einem  gemeinsomen
  Uebereinkommen  dem  Kavital  anderer  Nffonbonbie  überlassen
werden  kann,  ist  auf  acht  Prozen  festgesetzt,  die  zur  Hölite  vom  fronzösiichen
und  ispanischen  Teil  in  Abzug  gebracht  werden.  Falls  eine  der  beiden
Regierungen  es  für  gut  halten  sollte,  nicht  ihren  vollitändigen  Anteil  zu
begeben.  wird  die  andere  Regierung  ipso  jure  is  für  die  britehende  Differenz
an  ihre  Sielle  treten.  Der  Verwaliungerat  besteht  aus  neun  Franzoien  und
sechs  Svaniern;  ein  sechzehmes  Mitglied  einer  drilken  Nationolität  wird  im
Einverftänduis  mit  Frankreich  und  Spanien  ernannt  werden  können.  Der
Generaldirektor  der  Geiellichaft  wird  ein  Frangose  sein,  der  zweite  Direktor
ein  Svpanier.  Die  Smdien  für  die  Bahn  werden  in  Abschninen  von
20—30  Kilometern  gleichzeitig  in  Tanger  und  Fez  beginnen.  Die  Plän
für  die  beslinen  Zonen  werden  als  Grundlage  der  Ausschreibung  dienemr
wobei  der  Artilel  6  des  französisch-deutschen  Abkommens  von  1911  ber  achtei
wird.  In  Freent  Weise  wird  das  stehende  und  rollende  Material  ausgeichrieben.
  Der  Vetrieb  der  ganzen  Linie  geht  in  Uebereinstimmung  mit
dem  Paragraphen  3  des  Artikels  6  des  franzosisch  deuschen  Abkommens  vor
lich.  Falls  die  Gesellschait  nach  Ablauf  einer  girsen  Frist,  die  mindestens
einen,  höchstens  drei  Monate  beträgt,  nicht  i  hre  Verpslichtungen  eriüllen
sollte,  wird  jede  Regierung  die  Konzession  rustgöngi  machen  kônnen,  indem
  sie  der  anderen  Mitteilung  davon  macht.  Die  Rückgängigmachung  in
der  franzosisch  jivonischen  Zonc  würde  ipso  jure  die  Rüdgängigmachung  in
der  Jone  von  Tauger  nach  sich  ziehen.  Beide  Regierungen  behalten  sich

Recht  vor,  den  in  Betracht  kommenden  Teil  zurückzukauien  mit  der
Vervflichung.  den  Betrieb  selbst  zu  führen  oder  durch  eine  Gesellschaft  der
gleichen  Nationalilät  führen  zu  lassen.

16.  Dezember.  (RKammer.)  Bei  der  Fortsetzung  der  Debatte

über  das  Marokkoabkommen  mit  Frankreich  kritisiert  der  frühere

Minister  Gasset  (vib.)  die  materiellen  Ergebnisse  desselben.
21“
        <pb n="334" />
        324  Sy#e#im.  (Dezember  18.  24.)

Anstatt  Millionen  nach  Maroklo  zu  schicken,  sagte  er,  würde  es
besser  sein,  neue  Schulen  zu  gründen,  die  Landwirtschaft  und  ihre  gen
8  Ausrüstung  zu  verbessern  und  Straßen  anzulegen,  welche  4000  Ortchaften

  noch  entbehren.  Wird  die  Besserung  der  inneren  Lage  Gegenstand
der  gleichen  Sorgfalt  kein,  wie  sie  die  marokkanische  Aktion  erföhrt?  Ministerpräsident
  Graf  Romanones  antwortete  bejahend.  Der  frühere  Minister
Urzaiz  beenen  Finn  den  Vertrag,  u  er  von  allen  Gesichtspunkten
aus  für  schädlich  hiel

18.  Dez  ender.  (Kammer.)  Schluß  der  Debatte  Über  das
Moroctoabtommnen  mit  Frankreich.

mist  Vasauez  Mella  erklärte,  die  Sponien  von  England
bereilele  hingermisse.  seien  so  zahlreich  und  ete  an  daß  Spanien  andere
Bandri  und  Freundschasten  suchen  müsse.  nien  müste  Schildwachen
n  der  Meerenge  von  Gibrastar  aufstellen  und  Ser  sich  nicht  damit  beguogen,
  die  traurige  Rolle  eines  Türhüters  von  England  zu  spielen.  Die
internationale  Politik  sei  einer  Verbrüderung  mit  Frankreich  und  J#alien
##sg  Die  Regierung  solle  das  Geheimnis  der  Bündnisse  Spaniens  lüften.
er  Radikale  Lerroux  sagte,  das  Ideal  sei,  Ceuta  in  ein  Gibraltar  umuwandeln
  und  mit  Poriugal  und  den  lateinischen  Ländern  Bündnisse  zu
gchetem,  Es  wäre  besser,  auf  Marokko  zu  veichten  und  n  sn  1
inneren  Wiederherstellung  Spaniens  zu  wi
nnn  Garcia  Prieto  erwiderte  kurz,  d.  rnnn  Bsenbnier  #n
Lerroux  und  die  Unschauungen  Mellas  nicht  resien  könne.  Die  Sitzung
hh  mit  der  Annahme  des  Abkommens,  und  zwar  mit  216  gegen
2

*  Stzeniber.  (Senat.)  Annahme  des  Marokkoabkommens
mit  Frankreich.
        <pb n="335" />
        V.
Großbritannien.

1.  Januar.  Die  Verstaatlichung  des  Fernsprechwesens  tritt
in  Kraft.

Im  ganzgen  Übernimmt  das  p—  1576  Fernsprechämter

und  stellen  von  der  National  Telephone  Company.  De
Meeis  dafür  soll  durch  ein  Schiedsgericht  bestunn  werden;  einstweilen  erhielt
  die  Gesellschaft  eine  Abschlagszahlung  von  60  Mill.  Mark.  Außerhalb
  der  Verstgahtlichung  bleiben  nur  noch  Portsmouth  und  Hull,  deren  Fernspruchbetrieb
  städtisch

1.  Januar.  Zm  Lager  des  schottischen  Regiments  bei  Petersfeeld
  unweit  Portsmouth  meutern  die  Gemeinen  und  verwunden
mehrere  Sergeanten,  von  denen  einer  stirbt.

ache  war  verweigerter  Neujohrsurlaub.  Ein  Olfizier  forderte
den  besten  Boxer  der  meuternden  Soldaten  zum  Zweikampf  heraus,  wobei
Offiziere  und  Mannschaften  die  Zuschauer  abgaben.  Nach  dem  Siege  des
Osfiziers  kehrten  die  Soldaten  ruhig  in  ihre  Quartiere  zurück.

6.  Januar.  Aus  dem  in  der  „Daily  News“  veröffentlichten
Interoiew  des  Lord  Lonsdale  über  die  Friedensliebe  des  Deutschen
Kaisers:

„Ich  e  früher  niemals  etwas  aus  den  Gesprächen  mit  Seiner
Mojestc  L,  g  Göäbe  er  mir  Erlaubnis,  seine  Worte  wiederzugeben,
so  könnte  ich  tausenderlei  anführen,  das  die  Engländer  erstaunen  laisen
würde  über  seine  warmen  Gefühle  gegenüber  England.  Da  ich  aber  steis
mit  so  creter  Güte  von  ihm  empfangen  Fure  kann  ich  private  Aeuße.
tungen  natürlich  nicht  preisgeben.  Ich  bin  indessen  überzeugt,  daß  der
—0.  die  Holtung  unjerer  Regierung  nicht  versteht.  Als  ich  Liond  Georges

as  —  ich  geste  be,.  7r-  als  einer  der  zrielen  Englönder,  die  nicht  an
ben  beumsar.  Gesahr  gia  —  da  kam  mir  die  Ueberzeugung,  daß  diese

ede  einen  enn  Einsluß  t  #  Masse  der  Teuischen  ausüben
müsse.  Die  oberen  Rlassen  und  die  Politiker  seeilch  würden  sie  cum  grano
ECalis  aufnehmen.  Meine  Ersahrung  lehrt  mich,  daß  in  Deutschland  ein
gewisser  Brorneid  (a  very  strong  trace  fecling  herrichl,  wic  er  bei  Nationen,
die  eifrige  Handelskonkurrenten  sind,  nicht  vermieden  werden  kann.  Aber
ich  weis  auch,  daß  das  demische.  Von.  was  immer  die  Zeitungen  sagen
mögen.  England  steis  als  einen  Freund  erachteic.  Wenn  der  Raiier  nicht
von  vornherein  entichlossen  gewesen  wärc,  den  n#rieg  zu  vermeiden,  kein
Kabinen  hälle  ihn  verhindern  künnen;  aber  der  Gedauke,  daß  der  naiser
je  England  oder  seinen  Handel  angreifen  werde,  ist  gänzlich  grundlos.

er  große  Freund  des  Friedeus,  der  Mann,  der  behaupiet,  daß  eine  siarke
und  tüchtige  Armec  dic  beste  Sicherheit  für  den  Fiirden  bielel  und  die
beste  Vorbereitung  für  den  PArieg  ist,  ist  der  Naise
        <pb n="336" />
        326  Erstrikemics.  (Jonuar  6.—30.)

6.  Januar.  Silhung  eines  Admiralsstabs  der  Flotte.
Er  untersteht  dem  ersten  Seelord.  An  seiner  Spitze  steht  als  Chef
ein  Slapgeskter  Gunächn  Kontreadmiral  ponbrdgh  Der  Admiralstab
erfällt  in  drei  Abteilungen:  die  erste  für  das  Nachrichtenwesen;  die  zweite
b  die  Forbereitung  und  Ausarbeitung  *  oereche  und  die  dritte
für  das  Mobilisierungswesen.  Der  #iralso  hat  u.l  9  die  Aufgabe,  ein
enges  Zusammenarbeiten  mit  dem  Generalstab  der  Armee  herbeizuführen.
Die  chen  werden  dadurch  gedeckt,  daß  die  #milkalitbiejochte.  abgeschafft.
werden.

19.  Januar.  (London.)  Der  Wilhelmshavener  Schutzmann
Gauß,  der  wegen  Spionage  in  Wilhelmshaven  verhaftei,  aber  aus
dem  Gefängnis  ausgebrochen  war,  wird  dem  Bow  Street  Polizeigericht
  vorgeführt,  das  Über  den  deutschen  Auslieferungsantrag
wegen  Unterschlagung  zu  entscheiden  hat.

14.  Januar.  Angriff  der  liberalen  Wochenschrift  „Nation“  auf
Greys  r  Politik  wegen  ihrer  Voreingenommenheit  gegen
Deutschland.

Er  habe,  sagt  das  Blatt,  alles  geopfert,  nur  sein  Vorurteil  khht.  er
habe  alles  geduldet,  nur  keine  friedliche  Verständigung,  er  habe
europäischen  Appetit  gesättigt  und  jeden  Handel  abgeschlofsen,  nur  siiden
Handel  mit  Deutschland.  Die  öi#entliche  Meinung  verlonge  einen  anderen
#tter  des  Auswärtigen.  Der  Friede  Europas  sei  von  solchem  Wechsel

edingt.
16.  Jonuar.  Der  Poliliker  Henrh  Labouchere  f  in  Florenz.
80  Jahre  alt.
16.  Januar.  (Manchester.)  briddensschluß  nach  dreiwöchiger
Aussperrung  in  der  Baumwollindustr
en  berechnet  den  burch  die  —  verursachten  Verlust  auf
100  Millianen  Mark.  Die  ausgesperrien  Weber  haben  einen  Lohnverlust
n  12  Millionen  Mert  ur  und  die  auf  halbe  Arbeitszeit  gesetzten  Spinner
d  solchen  von  4860000  Mark  zu  beklagen.  Die  Gewerkschaften  haben
1200000  Mark  an  die  Ausgesperrien  ausgezahlt.  »

NJaauakDieWochenichriftSpreu-totfürllbeklassnng
eines  Teils  der  portugiesischen  Kolonien  an  Hautschland.

„Wir  haben  nicht  den  geringsten  Zweifel,  daß  es  ein  großer  Vorteil
für  die  Veu  wäre,  wenn  Deueschland  die  Eerltenicchen  Nosonien  Portugals
oder  genauer  den  Teil,  auf  den  wir  kein  Vorkauferecht  besiven,  r**
l#oume.  Das  demisch-afrikonische  Reich  brauchte  dann  blos  einen  Teil  d
Kongo-Freistaates,  um  quer  durch  den  Kontinent  von  Meer  zu  Meer  !y
reichen.“

29.  Januar.  Der  Herzog  o  Fise,  Schwager  des  Königs
Georg  V.,  t  in  Assuan.  62  Jahre  a

Y  Jannar.  Der  Bischof  dat  Winchester  Dr.  Talbot  über

das  Verhältdis  zwischen  Eungland  und  Deutschland.
fie  Rede  auf  einer  Dißzesankonferenz  führte  der  Biichof  aus:
Er  kond  Wo  votnd  sein  gegenüber  der  Not  der  Zeit,  die  man  jen  durch-
        <pb n="337" />
        Erostritumien.  (Ende  Januar—Februar  2.)  327

mache.  Die  Kriegsgefahr  des  vergangenen  Jahres  sei  geschwunden,  r
aber  einen  ernften  Sdonnungszustan  hinterlassen.  Persönlich  habe  er  si
daran,  übrrheugt.  daß  in  Deutschland  ein  tiefgehendes  Gefühl  zelinene
rresche.  Eine  einzelne  Frage,  wie  die  Entscheidung  über  eine  Kohlennn
  —  eine  Veersiube  bürfe  keinen  derartigen  Einfluß  auf  die
eziehungen  der  beiden  Mächte  haben,  daß  die  Diplomatie  und  die  leitenden
  Staatsmänner  rer  Prieg  als  Schiedsrichter  über  solche  Ansprüche  benw
  #achten  konnen.  Dafür  müßte  die  gegenseitige  Achung  und  das  Vertrauen
O5  beiden  Bölker  zueinander  zu  groß  sein.  Sogar  englondfreundliche
Deutsche  glaubten  jetzt,  England  beabsichtige  einen  Angriffskrieg  gegen
Deutschland.  Das  sei  eine  völlig  irrige  Auffassung.  In  Wirklichkeit  ständen
nicht  einmal  5  v.  H.  der  ganzen  nrhen  Bev  otheng  himer  der  deutschfeindlichen
  rrmrm  "*  nenn  und  Gefühl  sträubten  sich  in  England
gegen  einen  Bruderkrieg.  Gang  England  würde  die  Aussicht  auf  eine  ernst
gemeinte  Eiente  4#  Deuuschlond  Arühen.  Man  müsse  von  beiden  Seiten
einmal  den  Bersuch  machen,  inge  vom  Standpunkt  des  Nachbarn  zu
betrachten.  *  Lorb  solle.  *  esties  der  Vischof  unter  Beifall  aus,  seine
Diplomaten  i  im  Zaum  i  statt  sich  selbst  von  sogehnnmeen.  dipfomat#ischen
Zwongslagen  in  Fesseln  schlagen  zu  lassen.  Den  msten  guard  auf
die  Beziehungen  der  Rals  Nationen  habe  der  e  Bunch  #st  habe
man  hier  in  England  Deutschland  verdächtigt,  aber  nu
England  sich  bemühe  umzulernen,  zahle  Deutschland  die  Früberen  englischen
Verdöchtigungen.  mit  Zinien  zursick.  Zu  einem  Kriege  hwichen  den  beiden
Bölkern  dürfe  es  unter  keinen  Umständen  kommen.  Dem  „praktisch  un-Faeneruende
  einiger  Hitköpfe  jenseits  der  Nordsee,  so  schlol-  2  Redner,
wollen  wir  ein  „moralisch  unmöglich“  entgegenrufen.

Ende  Januar  und  Anfang  Februar.  In  London,  Glaosgow,
Bradford  finden  öffentliche  Versammlungen  statt,  die  den  Wunsch
nach  Beseitigung  der  zwischen  England  und  Deutschland  bestehenden
Mißverständnisse  zum  Ausdruck  bringen.

2.  Februar.  „Daily  Chronicle“  bringt  die  Hauptpunkte  der
Homerule-Bill  für  Irland

1.  Das  neu  zu  schofiende  irische  Parlament  wird  volle  Kontrolle
über  Zölle  und  Abgoaben  erhalten.  2.  Der  Gesetzentwurf  wird  dur
eine  besondere  Klansel  den  Fortbestand  des  zwischen  Irland  und  Engiern
herrichenden  Freihondelsiystems  garantieren.  3.  Irland  iwird  für  die
Dauer  von  15  Jahren  einen  Zuschuß  seitens  des  Re  ichs  in  Höhe  von
#jöhrlich  40  Millionen  Mark  erhanen.  Die  Frage  ist  offen  conten.  ob  dieser
Reichsbeitrag  in  Gestalt  einer  einmaligen  Abfindungssumme  oder  in  Form
einer  jährlichen  Subvention  bezahlt  werden  soll.  Augenblicklich  führt  das
engliiche  Schatamt  zur  Weltmachung  des  Verwaliungsdeüzies  jährlich
27  Millionen  an  Irland  ab.  Dieser  notgedrungene  Zuichuß  würde  bei
Fortdauer  des  gegenwärtigen  Verhältnisses  in  künftigen  Jahren  unbedingt
n4h  freigen  und  nach  einem  mößigen  Voranschlag  bereits  zu  10  Jahren  den

trag  von  jährlich  50  Millionen  überschritten  haben.  1.  Nach  Ablauf  der
15jährigen  umersüdngsperigoe  joll  Irland  mit  einem  Prozentsat  jeiner
Einnahmen  zur  Deckung  der  Reichsausgaben  —  werden.

Das  neue  irische  Porlamem  wird  nach  dem  Emwurf  aus  zwei
Häusern  bestehen,  nämlich  einer  gejegebenden  Aeriamuulung  und  einem
gesesgebenden  Rat.  Auch  nach  Schaffung  des  irüchen  Parlaments  wird
Irland  noch  weiterhin  im  Reichsparlament  vertreien  sein,  doch  wird  die
        <pb n="338" />
        326  Ersftritennirn.  (Februar  2.—9.)

geb  seiner  —  eine  bedeutende  Berminderung  erfahren.  Marine,

er,  Miliz,  auswärtige  Politik,  Münzwesen,  militärische  Feldlager,  Dockanlagen
  und  lensecbachung  follen  außerhalb  des  Gebietes,  auf  das  sich
die  gesetzgebende  Gewalt  der  irischen  Volksvertretung  erftrecken  soll.

2.  Februar.  Das  englische  Unterseeboot  „A  3“"  wird  an  der
Küste  der  Insel  Wight  von  dem  Doppelschrauben-Torpedoboot
—n  in  den  Grund  gebohrt,  wobei  14  Mann  ihren  Tod  finden.

5.  Februar.  (Portsmouth.)  dintehr  des  Konigspaares
aus  Indien  an  Bord  der  Yacht  „Medin

8.  Februar.  (Belfast.)  Der  **  Churchill  hält,  da
ihm  die  Unionisten  alle  großen  Säle  vorweg  genommen  haben,  im
Umen  eine  Rede  Über  Homerule.

Er  führt  dorin  aus,  daß  die  Jukunft  des  britischen  Reiches  im
Uebergange  zum  Bundesstaate  läge,  wie  er  in  Demschland  und  Amerika
ersolgreich  bestehe.  Die  Grundlinien  der  aukonomen  irischen  Berfaffung
sind  nach  Pinen,  Andeutungen  folgende:  Einführung  eigt  eigenen  Parlamentis
  mit  zwei  Kammern,  Umnerhaus  und  Senat.  Die  BVolksvertretung
u  alle  A#lchsen,  Brule  und  Reeiltenen,  gerecht  repräsentieren.  Sollte

irische  Parlament  dennoch,  wie  man  in  Ulster  behaupie,  die  protedean
  üt  Winderheie  Verokmanttten  so  sei  1n  bbritische  Regierung  ermächtigt,
solche  Gesetze  zu  inhibieren,  und  dem  Reichsparlament  bleibe  2½  Befugnis,
sie  auizuheben.  Die  gesamte  Militärverwaltung  bleibt  dem  .
sichllich  der  Finangen  sagte  der  Minister  zu,  daß  das  Reich  ferchen  wird
Zuschüsse  zur  irischen  Verwaltung  zu  leisten;  ohne  diese  ist  be  ei  de
låiingenirifchenWiriichqfiolnqehonierulrnichtöglich  Irifche
Parlament  komtrolliert  die  Finanzen  und  hat  die  Befuguis,  die  1  c
durch  neue  Quellen  zu  vermehren;  dagegen  garantiert  der  britische  Schay
die  Zahlung  der  Alterspensionen  und  andere  vom  Reiche  übernommene  Ver-Ppflichungen.
  Den  Gedanken  der  völligen  Trenmang  Irlands  wies  Churchill
ols  unmoglich  zurück.
9.  Februar.  Eine  offiziöse  Erklärung  über  Haldanes  Reise
nach  Berlin.
„Daily  Telegraph"  ist  vom  Auswärtigen  Amt  zu  folgender
Minteilung.  ontorisier#:  „Lord  Haldane  ist  in  seiner  Eigenschaft  als  Präsident
½er  königlichen  Kommission  für  Universitätsstudien  in  Begleitung  seines
Arrdere  V#  Haldone  nach  Berlin  abgereist,  um  sich  über  gewisse  eaen
der  wisienschaftlichen  Erziehung  aus  demichen  Universitälen  zu  unterrichien.

t  mit  vielen  leilenden  Männern  in  Deutichland  perjdnlich  belannt
ist,  so  wird  er  Awcifellos  auch  Gelegenheit  zu  Unterredungen  über  die  politische
Lage  und  die  Beziehungen  zwischen  den  beiden  Ländern  habe

9.  Februar.  (Glasgow.)  Auf  der  Rückreise  von  Belfast  hält
der  erste  Lord  der  Admiralität  Churchill  bei  einem  Frühstück  in
den  Elyde  Shipbnilding  Yards  eine  Rede  über  die  deutsche  und  die
englische  Flotte,  worin  er  den  Unterschied  feststellt,  daß  für  England
„die  Flotte  eine  Notwendigkeit  ist,  während  sie  von  manchen  Gesichtspunkten
  aus  für  die  Deutschen  mehr  eine  Art  Lurus  ist“.
        <pb n="339" />
        Gresbrilannien.  (õebruar  9.  -  14.)  329

9.  Februar.  (Winchester.)  Wegen  Spionage  wird  der
Deutsche  Friedrich  Grosse  von  dem  Geschworenengericht  zu  drei
dehren  verurteilt.

Februar.  Die  liberale  „Westminster  Gazette“  kritisiert
aaeu„  Flottenncde  in  Glasgow  sehr  scharf.
ie  schrei  „Unsere  Auffassung  von  unserer  Flotte  ist  unsere
Sache,  *s  edeusc=  #afiossing  von  der  deutschen  Sctte  ist  deutsche  Sache.
Wir  wer  am  ehesten  eine  gegenseitige  Berständigung,  die  wir  alle
wün  cad  rreichen-  wenn  wir  uns  auf  unseren  ##nt  des  Geschäfis  be-(chränken
  und  den  Deutschen  Überlassen,  eigene  Theorien  zu  entwickeln.
Üe  Deutschen  werden  bereitwillig  zugeben,  daß  unsere  Flolte  eine  Notm
  ist,  aber  kaum  einer  wird  sich  sagen  lassen  wollen,  daß  ihre
Flotte  ein  Luxusgegenstand  sei.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  der  Untihese
zwischen  einer  Flotte  für  die  Existenz  und  einer  Flotte  in-  Exyansior

11.  Februar.  (Walmer.)  Der  Begründer  der  n
Wundbehandlung  Lord  Lister  t.  fast  85  Jahre  alt.

12.  Februar.  Ernennung  des  Staatssekretärs  für  auswürtige
Angelegenheiten  Sir  Edward  Grey  zum  Ritter  des  Hosenbandordens
  an  Stelle  des  verstorbenen  Herzogs  von  Fise.

13.  Februar.  Es  wird  bekannt,  daß  in  der  Konstruktion  der
Schlachtkreuzer  der  „Lion-Klasse=  umfangreiche  Anderungen  vorgenommen
  werden  mülssen.

3  und  14.  Februar.  Veränderungen  im  Kabinett.

er  Lord  ·  Grohsiegelbewahrer  Earl  Carrington  tritt  zurũck.  sein  Nachfolger

  5  der  Staatssekreär  für  Indien  Marquis  of  Crew  we.  Lord  Sandhurst

  wird  an  Stelle  des  kürzlich  gurnkgetrenrnen  Eorl  Spencer  zum  Lordkammerherrn

  ernannt.  Lord  Pentlond  of  #a  1  egl  Amt  als  Sekretär

für  Schonland  nieder:  an  seine  Stelle  Mac  Kinnon  Wood.  Der

Verlamente  Unterstaeselre  Masterman  e  Hmemn  Amt  wird  an  Stelle
n  Mac  Kinnon  Wood  zum  Finanzsekretär  im  Schatamt  ernannt.

14.  Gruar.  Eröffnung  des  Parlaments  durch  den  König.

Aus  der  Thronrede:  Unjere  Bezichungen  zu  den  fremden  Mächten
sind  andauer  freundlich.  Der  Kriegszustand  zwischen  Jialien  und  der
Türkei  dauert  leider  noch  fort.  Meine  Regierung  ist  bereit,  sobald  sich
eine  günstige  Gelegenheit  darbieten  sollte,  sich  mit  anderen  Mächten  an  jeder
Vermittelung  zu  beteiligen,  die  dazu  beitragen  könnte,  die  Feindieligkeiten
zu  Ende  zu  bringen.  Die  Lage  in  Persjien  jährt  sort,  unsere  ernste  Aufmerkiamkeit
  in  Anspruch  au  nehmen.  Meine  Minister,  die  in  ständiger  Verbindung
  mit  der  rusüschen  Regierung  sind,  erwägen,  durch  welche  Minel
die  persische  Regierung  am  beiten  in  den  Slond  „eetn.  werden  kännte,
Ordnung  und  Ruhe  in  Persien  wiederherinstellen.  Dem  Parlament  werden
baldmöglichst  die  aus  die  perischen  Angelegenbeiten  bezüglichen  Dolume#e
vorgelegt  werden.  Ich  hege  die  Zuversücht,  daß  die  Krisis  in  China  durch
die  Einjührung  einer  dauernden  Regierungsform,  die  den  Ansichten  des
chinesischen  Volkes  entspricht,  bald  in  beiriedigender  Wrise  beendet  werden

wird.  Meine  Regierung  fährt  sort,  eine  Hallung  strikter  Nichteinmischung
zu  beobachten,  während  sie  zugleich  alle  nolwendigen  Schritte  iuk,  um  Leben
        <pb n="340" />
        330  E###te##en.  (Februar  14.)

und  Eigentum  der  britischen  Untertanen  zu  gchöen.  Ich  erkenne  in  vollem
Maße  an  daß  die  Führer  beider  Parteien  in  China  jederzeit  bestrebt  gewesen
  sind,  das  Leben  und  die  Interessen  der  Fremden  in  China  sicherzustellen.
  Dem  Poriemen  werden  die  auf  China  bezũglichen  Schriftstũcke
zugehen.  Der  König  köndigte  ferner  an,  daß  im  Haag  ein  Abkommen  zur
K#ern  des  Handels  mit  Opium  und  ähnlichen  Erzeugnissen  boThlofen
worden  sei.  Der  König  erwähnte  sodann  den  Krönungsdurbar

und  Lonalität  der  Fürsten,  Edlen  und  Völker  Indiens  gegeben.  Die  spontanen
  Acußerungen  der  Loyalität  aller  Klassen  hätten  ——  und  die  Königin
auf  das  tiesste  gerührt.  Er  aute  zuversichtlich,  daß  die  Berlegung  des
Sißes  der  Regierung  nach  Delhi,  die  Errichtung  eines  Gouvernements  für
Bengalen,  eines  neuen  Vizegouvernements  für  Behar,  Chotanagpur  und
Haebe  hn  eines  Cheflommissariats  jur  Assam  die  Wohlfahrt  des  indijchen
Neiches  fördern  werden.  —  Der  Konig  betrachtet  mit  schwerer  Sorge  die
in  ris  stehenden  Streitigkeiten  zwischen  Arbeitgebern  und
itern,  er  hegt  jedoch  die  ge:  Zuversicht,  daß  eine  vernünitige  Aussenu
  auf  beiden  Eeeleen  bue  und  Entwickelungen  hintanhalten  wird,
die  den  Handel  des  Landes  und  die  Wohliahrt  des  Louc  ernstlich  berühren
würden.  Die  Thronrede  lündigt  ferner  einige  Gesetzvorlagen  an,  darunter
  Maßnahmen  für  eine  besiere  Verwaltung  von  Ken  serner  Gesetzentwürie
  über  dis  Entsansichung  der  Nirche  in  Wales,  über  die  Abänderung
des  Wahlrechts,  über  die  Verbeiserung  des  Gesetzes  über  die  britiiche  Staais  ·
zugehörigkeit  gemäß  den  Sirölungen  der  Reichskonferenz  und  über  gewiise
soziale  und  industrielle  Rejorm
14.  Februar.  (unterhaus)  Aus  der  Adreßdebatte.  Die
deutsch-englischen  Beziehungen.
er  Führer  der  Opposition  Bonar  Law  erörterte,  indem  er  von
einer  Besprhng  der  eigemtlichen  Aenderungen  in  der  Verwaltung  Indiens
absah,  die  Methoden,  die  dieien  Wchhiel  herdeigeführt  harten  und  die  er  für
nicht  veriassungsmäsig  erklärte.  Dann  wandie  er  sich  den  auswärtigen  Angelegenheiren
  zu  und  sagte,  nachdem  er  auf  die  Vorsabe  in  China  und  Persien
Bezug  genommen  hatte,  daß  in  der  Rede  des  Königs  ein  Zweig  der  englüchen
  auswärtigen  Angelegenheiten  nicht  erwähnt  jei,  der  die  Bezichungen
zu  einer  anderen  Macht  betreüe  und  die  Engländer  lebhafter  als  die  periiiche
Frage  berũhre.  Uniere  Diplomatie  hat  sich  in  letzter  Zeit  in  einer  Weise
betältigt,  wie  sie  mir  bisber  nicht  vorgekommen  ist.  Lord  Haldane  hat  in
irgendeiner  geheimnisvollen  Mijsion  in  Berlin  zu  tun  ge  chabt.  Ich  hãtte
geglaubt,  daß  wir  *  gehabt  hälten  von  der  Amateurdiplomatie  im  letzten
Sommer.  Ich  selb  a  gtant  nicht  doran.  Wenn  es  notwendig  war,
irgendein  Minister  nach  Berlin  ging,  würde  meiner  Ansicht  nach  der
Stotsietrar  des  Anewörtigen  der  greiguete  Minister  gewesen  sein.  Wie
iche,  ist  angegeben  worden,  daß  Haldane  den  Vorzug  besitze,  deulich  zu
Faren  Aber  das  ist  eine  nicht  ungewohnliche  Nenmuis.  Ich  nehme  an,
daß  auch  unser  Votschafter  in  Berlin  demich  svricht  und  daß  dieser  Gruns
alio  keine  ausreichende  Erklärung  ist.  Dieje  jüngste  diplomatiiche  Leistung
icheint  mir  von  einer  außergewöhnlichen  Art  zu  sein:  Haldone  ging  nach
Berlin,  vermutlich  mit  dem  Gedanken  an  eine  beisere  Verständigung  mit
Deutichlaud.  Dennoch  hiell  gleichzeitig  Chcn  seine  Rede,  die  mir  nicht
darauf  berechuet  zu  sein  schien,  Haldane  den  Weg  zu  ebnen.  Wos  diese
Rede  selbst  anberriist,  so  freue  ich  mich  sanen  zu  können,  daß  ich  nicht  nur
mit  ihrem  Geiste,  sondern  mit  jedem  Worie  einverstanden  bin.
der  Geist  und  der  Weg  ist,  so  kann  er  sich  auf  die  unbedingte  Unterstützung

□*
        <pb n="341" />
        Grehtritanniea.  (Februar  14.)  331

jedes  Unionisten  verlassen.  Niemand  ist  mehr  um  ein  gutes  Einvernehmen
mit  Deutschland  besorgt  als  ich,  und  niemand  würde  mit  größerem  Entsetzen
  einen  Krieg  zwhen,  z  beiden  Bölkern  sehen.  Ich  freue  mich,  diese
Gelegenheit  zu  haben,  das  noch  einmal  zu  sagen.  Churchill  ist  kritiliert
worden,  weil  er  gesagt  ha  hat,  De  zschlon#s  Fuoict  sei  4  Luxus  für  Deurichland,
  unsere  Flotie  sei  eine  Notwendigkeit  sfür  uns.  Diese  Worte  sind  wahr.
Sie  sind  nur  eine  RNechtiertig  gung  für  unsere  Entichlossenheit,  eine  solche
Flote  zu  unterhalten,  wie  wir  sie  zu  unterhalten  beabsichtigen.  Die  Stellung
der  beiden  Nationen  il  nicht  dieselbe.  Vorausgeietzt,  daß  wir  in  einen  Kricg
mit  Deutschland  verwickelt  werden  —  was,  wie  ich  hoffe  und  glaube,  nie
geschehen  wird  —  mögen  wir  wohl  instonde  sein,  die  —u—  Flotte  zu
grre  aber  wir  würden  niemals  an  das  Herz  Deutschlands  gelangen
Wenn  wir  aber  den  Fall  seben,  daß  die  deutiche  Flonte  die  Sertichait
im  Rosin  zwei  oder  drei  Wochen  oder  lürzere  Jeit  behält,  würde  die  deutische
Armee,  mit  der  wir  in  keiner  Hinsicht  in  Weltbewerb  treien  können,  uns
wolstaenn  /nlereelhen.  Jeder  im  Hause  stimmt  dem  im  Herzen  zu,  daß
eine  berlihene  Flotte  für  uns.  unbedingt  notwendig  ist  und,  mag  es  kosien,
was  es  wolle,  erhalten  wird.  Ich  hoffe  aaeichig,  daß,  während  ich  dieies
sage,  das  #-.  Ea  erreicht  .  sein  möge.  Wenn  wir  es  klar  machen,
l  wir  in  dieser  Weise  zu  handeln  im  Begrifie  sind,  so  wird  es  auch  klar
ein,  daß  eine  Steigerung  der  Rüstungen  die  Lage  nicht  verändert  und  eine
reine  Geldverschwendung  ist.  Redner  schloß,  er  billige  die  Worte,  die  Sir
Frank  Lascelles  über  die  für  ein  gutes  Einvernehmen  nolwendige  Geduld
geäußert  hobe,  und  aaboi.  daß  die  Regierung  diese  Eigenschaft  bei  dieser
Gelegenhen  Gheigen  erde.
wee  ostdem  Asquith:  Der  allgemeine  Vorwurf  gegen  uns  und
besonders  weier  den  Sloatssekrelär  des  Neußern  ist  en  daß  Geheimniskrämerei
  und  eine  underiwdüiche  Politik  gewieben  worden  n  ist.  Die  englische
Regierung  nehme  ihre  diplomatischen  Schritte  geradezu  im  bengalischen  Lichte
vor.  Aber  das  ist  eine  sehr  ernste  Angelegenheie.  und  ich  mochte  mit  Bezug
auf  sie  eine  ernste  Sprache  gebrauchen,  aber  auch,  ich  freue  mich,  das  sagen
zu  können,  eine  hoffnungsvolle  Sprache.  Es  “*7  eine  Kubemselseln  und  hochst
beklagenswerte  Erscheinung,  daß  die  traditionellen  Gesühle  der  Freundschaft
und  dee  guten  Willens  zwischen  Deutichlond  und  unserm  Lande  während
der  letten  Monate  ernstlich  gemübt  waren.  Wenn  eine  Umosphäre  des
Argwohns  geschaffen  ist,  nimmt  die  Fillion,  wie  die  Erfahrung  zeigt,  den
Vlatz  der  Tatfsoche  ein,  und  Legenden,  die  jonst  als  unglaubhaft  verworsen
werden  würden,  zaeien  leicht  angenommen  und  in  weiten  Areisen  gegianbt.
Uns  wird  z3.  B.  e  daß  es  in  Deutichland  viele  Leue  gibt,  die  sen
glauben,  daß  wir-  en  oder  eeinige  Male  im  Sommer  oder  Herbĩt  des
letzten  Jahres  einen  Angriff  auf  ihr  Land  in  Erwägung  zogen  und  sogar
vorbercitelen,  und  daß  die  Bewegungen  unserer  Flolien  mit  Müũckiicht  hier  ·
anuf  lorgfäliig  berechnet  waren.  Ich  schäme  mich  fast,  einer  jo  wilden  und
ausschveisenden  Einbildungskrait  zu  widersprechen.  Beiiall  Die  ganze
Erzählung  ist  eine  reine  Eründung  und  es  gibt,  ich  brauche  es  in  diesem
Hause  kaum  zu  versichern,  nicht  den  Schatten  einer  Begründung  dafür.
Ebenio  lag  nirgends  und  zu  kleiner  Zeit  irgendein  angrejü#ver  oder  provokatorischer
  Charakter  in  den  Bewegungen  unierer  Schisse.  Aber  schon  die
Tatjsache,  daß  derartige  Gcrüchte  Glauben  finden  konnien,  nicht  bei
deurschen  Regierung,  aber  bei  einer  grosten  Johl  von  intelligenten  eirer
in  Deutichland,  ist  sicherlich  an  und  für  sich  ein  bezeichnendes  und  hochst
bedauerliches  Smuptom.  Beide  Regierungen  waren  und  sind  von  dem  aufrichtigen
  Wunsch  beseell,  einc  bessere  Verständigung  herbeizuführen,  und  im
letzten  Monat  halen  wir  Anzcichen  dafür,  das  der  Bejuch  eincs  britischen
        <pb n="342" />
        332  Ersstritennien.  (Februar  11.)

Ministers  in  Berlin  ien  unwillkommen  sein  würde  und  die  Erreichun
unseres  gemeinsemen  3  weckes  erleichtern  würde.  Lord  Haldane  würde  auf
gosber  oder  späler  in  den  mit  der  Londoner  Universitätskommission

keen  #en  wir  es  für  gut  —  und  ich  glaube,  daß  niemand  sagen
wird,  wir  wären  schlecht  beraten  gewesen  —  daß  Haldane  seinen  Beiuch
beschleunige  une  ihn  dazu  benuye,  in  freundschaftlichen  und  vertraulichen
Mitteilungen  mit  denen  o  Jählunge  zu  Repen.  d  verantwortlich  sind  für  die
Leitung  der  deutschen  Politik.  Dien  schl  ch  gebe  es  zu  —  auf  beiden
Seiten  ein  Abweichen  von  den  Wrnr  e  hober  mit  —*  her  auf
beiden  Seiten  fühlte  man,  daß  Freimũtigleit  in  der  Erlläru  d  Mit-#eilung

  im  ersten  Augenblick  leichter  follen  würde,  wenn  sie  eine  —  nichtlermat:
  und  nichtbindender  Unterhandlungen  war,  als  auf  der  Grundlage
dessen,  was  ich  „kull  dress“  der  diplomatischen  Verhandlungen  nennen
möchte,  diese  Unterhondlungen  sind  vollständig  zustende.  gelommen  (Beijall).
Es  chte  vollkommene  Erklärungsfreiheit  und  die  Möglichkeit  vollkommen
  freimütiger  Auseinandersehung  über  ein  weites  Diskusskonsgebtel

14.  Februar.  (Oberhaus.)  Uber  Haldanes  Sendung  nach
Berlin.

Lord  Lansdow  „Wir  können  uns  beglückwünschen,  daß  der
Aroväiche  Friede  vitenerici  nicht  bedroht  ist.  Aber  vor  wenigen
Monaten  gab  es  einen  Zeitpunkt,  wo  England  dicht  vor  einem  ernsten
Steit  mit  einer  Aüantl  stand,  mit  der  jeder  recht  empfindende  Engländer
in  Frieden  zu  leben  wünscht.  Es  ist  beklagenswert,  daß  diese  Mißoerständnisie
  und  Besürchtungen  bestehen,  und  es  it  Pilicht  aller  gurgesinnten
Männer,  zu  veriuchen,  sie  zu  beseitigen.  Ich  bin  überzeugt,  die  Regierung
wird  bei  jedem  Veriuch  dazu  die  Unterstützung  der  Coposition  haben.
die  Negierung  sind  zahlreiche  Aufforderungen  ergangen,  eine  Verständigung
mit  Deu  tichiand  zu  erreichen,  aber  zwischen  England  und  Deutschlond  vei
es  nicht  wie  zwischen  England  und  Krmreich  alute  Fragen,  die  der
ledigung  harren.  Das  ist  deshalb  en  der  Fall,  weil  England  r
der  letzten  zwanzig  Jahre  solche  Juhe,  sobald  sie  auftauchen,  zur
friedenheit  beider  Regierungen  erledigte.  Wenn  der  Beiuch  Lord  5
irgend  zu  diesem  Zwecke  beiträgt  und  er  den  Oelzweig  im  Knopfloch  aus
Demschland  mitbrachte,  beglückwünschen  wir  ihn  auf  unierer  Seite  des  Hauses
ebenso  wor#  wie  jeine  Frennde  ausf  der  anderen  Seite.

arl  of  Crewe:  „Es  ist  richtig,  daß  die  deursche  und  die  englische
Regierung  4  beniũht  haben,  dem  durchaus  unnatürlichen  Zustande  der
öffemlichen  Meinung  ein  Ende  zu  machen.  Beide  Regierungen  wissen,  daß
deren  Ansichten  weder  durch  Tatiachen  noch  durch  die  Absichten  unserer
Regierung  gerechtiertigt  sind.  Die  natürliche  Wirkung  davon  war,  ded
der  einen  vder  der  anderen  Seite  Schritte  zu  Beiprechungen  zu  tun
die  im  allgemeinen  klar  machen  konmen,  daß  leine  Mizockktanbofe,  beständen.
  Wir  hatten  Grund  zu  der  Aunnahme,  dan  der  Weiuch  cines  britiichen
Ministers  der  deutichen  hterung  nicht  unangenehn  jein  würde.  Haldone
reifl  oft.  nach  Deuichland,  ich  glaube,  daß  er  talsächlich  bald  wieder  dorthin
  hatte  reisen  wollen.  Der  Regierung  schien  es  daher,  besonders  angesichts
von  Lord  Haldaucs  Vertrautheit  mit  Demichland  und  seiner  Intimilät  mit
den  Demichen,  daßt  zKwiichen  ihm  und  Vertreiern  der  deutichen  Regierung
Beiorechungen  sozusagen  ohne  Vorurteil  und  mit  größerer  Ofienhein  und
groserem  Freimm  stallünden  könnten,  als  cs  sonit  möglich  gewesen  wärc.
Lord  Holdaue  ging  nach  Berlin  und  halle  eine  Anzahl  Beiprechungen  mit
hervorragenden  Milgliedern  der  demichen  Regierung.  Er  fand  sice  ebenso-
        <pb n="343" />
        Greftriteraien.  (Februar  19.  20.)  333

ausgelorocheng  o  unsere  Rehierung  on  dem  Wunsche  beseelt,  alle  aaglichen.
Mißverständnisse  zu  zerstreuen.  Man  war  darüber  einig,  daß  etwas  wirklich
Gutes  wieich  werden  könnte,  P  PPn  u.  bederseis  bestehenden  Frr#undschaften
und  Verpflichtungen  kunchiedener  Art  irgendwie  4  beeinträchtigen.  Am
wichtigiten  ist  der  Geist  der  Offenheit,  der  auf  beiden  Seiten  zutage  trat,
und  ebenso  die  rn  Anerkennung  der  Unigracke  auf  die  Plätze  in  der
Welt,  die  Deutschland  und  wir  innchoben  oder  hoffen  künftig  innehaben  zu
dürfen,  eine  Anerkennung,  die  wir  unsererseits  sicherlich  aufrecht  zu  erhalten
wünschen.  Ich  kann  Ihnen  nichts  sehr  Positives  und  Bestimmes  sagen,
doch  ich  darf  gsreid  6Nx|  daß  der  Besuch  Lord  Haldanes  in  Berlin
as  erreicht  hat,  und  ich  darf  hoffen,  doß  weiter  ⁊  daraus  fließen
d  durch  Herstellung  von  Bezie  ngen  ven  Graenschat  und  Offenheit
wischen  der  deutschen  grean  gi  uns  selb  m  lehten  Sommer
o  ernsthaft  war,  hatte  nichts  mit  den  #e  letell.  a  4.  une  sondern  war
der  Zustand  der  öffentlichen  Wns  in  beiden  Ländern.  Es  ist  nunßlos,
sich  der  Totjache  verschliehen  zu  wollen,  daß  in  Deutschland  vielfach  geglaubt
wurde,  wir  träfen  Zorherengen  bejonderen  Charalters  für  einen  moglichen
Angriff  auf  Deutschland.  Doch  war  nie  ein  Grund  zu  dieser  Annahme  voranden.
  Alles,  was  tnhet  ist,  war  nur  die  allgemein  anerkannte  Tätigkeit
  der  Nessorts,  war  nur  die  Fortietzung  rein  defensiver,  ich  will  nicht
sogen,  Vorbereilungen,  sondern  NMabregeln,  die  stets  bei  allen  Gelegenheiten
getroffen  werden,  und  die  sich  bei  dieser  besonderen  Gelegenheit  gar  nicht
önderten  und  sich  nicht  zu  einer  besonderen  Tätigkeit  entfalteten.  Ich  vermute,
  daß  die  Berichte  über  solche  gewöhnlichen  und  alltäglichen  Verbereitungen
  in  Deutschland  x  Eindruck  erweckt  haben,  daß  wir  Vorbereitungen
  besonderer  Art  träf
19.  Februar.  Zum  nterbcatesielur  im  Ministerium  des
Innern  an  Stelle  des  zum  Schatzmeister  ernannten  Masterman
wird  Ellis  Griffith  ernannt.
26.  Februar.  Die  „Daily  Mail“  bringt  ein  Interview  mit
Sir  Nobert  Hadfield,  dem  Erfinder  des  Magnesiumstahls,  über  seine
Eindrücke  der  Stimmung  des  deutschen  Publikums  gegen  England:
Engländer,  der  augenblicklich  aus  Deutschland  kommt,  kann
darüber  im  Zweijel  bleiben,  daß  lein  Land  hier  in  einem  ichlechten  Geruch
steht.  Marokko  hat  das  Gefähl  einer  nationalen  #ränkung  in  Deutschland
hinterlassen.  Dos  wird  vorübergehen.  Aber  bleiben  wird  die  im  deutschen
Volk  eingewurzelte  Ueberzeugung,  daß  sich  England  eigensinnig  mitten  auf
Deutschlands  Weg  gepflangt  hat,  um  das  Fortschreilen  der  deutschen  Nation
zu  verhindern.  Noch  so  viele  bentrilige  Betenerungen  Englands  werden
diesen  Glanben  nicht  erichũttern.  Wirkliche  Taten  werden  geiordert.  Beiuvon
  Freundschaftskomitees  haben  keinen  Wert.  Grelgeare  Handlungen  zuche
mmen,  wie  beispielsweise  die  Abtrekung  der  Wolüsch-Bay.  Einige  Demiche
in  ongriehener  Stellung  erblicken  in  Sir  Edward  Gren  die  unheilvolle  Figur
im  engliich-  Kdeiuichen  Bilde.  Andere  werfen  uns  uniere  tradilionelle  Poliik
vor,  dergemäß  wir  uniern  Freunden  treu  bleiben.  Ihnen  fehlt  das  Verständnis
  far-  bn  blindes  Feüthalten  an  jolchen  Uchtvsiichtungen,  die  uns
beispielsweise  im  vergangenen  Jahre  an  der  Seire  Frankreichs  seithielten.
Zweifellos  wird  die  Lage  jehr  bald  einen  erniten  Charaller  annehmen,  falls
nicht  Englond  bereit  ist.  wenistene  einige  vder.  lebendigen  Ziele  Neu  ·  Deutich  ·
lands  anzuerkennen.  Wenn  wir  dem  Deutichen  Reich  beim  Bau  einer  Bahn
durch  Kleinasien,  beim  Erwoerd  einer  W  in  irgendeinem  ent-
        <pb n="344" />
        334  Gresbritanalen.  (Jebruar  20.)

kernten  Winkel  des  Weltmeeres  oder  schließlich  bei  der  Vergrößerung  nt
Kolonialbesitzes  jedesmal  hindemd  in  den  Weg  teten  so  m
wir  uns  auf  einen  Konslilt  gefaßt  machen-  Trobdem  at  die  aoeon
Deutschen,  die  “  hetroffen  habe,  für  englandireundlich.  Biele  glauben  mit
mir  daß  das  Geschick  und  der  künftige  „Vor  schrit  der  Welt  zum  aroßen  Teil
n  ben  Händen  Deutschlands,  Englands  und  der  Vereinigten  Staaten  liegt.“
20.  Februar.  (Oberhaus.)  Lord  Haldane  üÜber  die  Feuerwassen
  der  Armee.

Ansicht,  die  er  vdon,  maßgebenden  Persönlichkeiten  gehört  habe,
sei  die,  den  alles  in  allem  die  britische  Armee  ebensogm  ausgerüstet  sei  wie
jede  andere  in  der  Welt.  Das  l  t  Feldgeschütz  sei  dem  deutschen  weit
überlegen.  Ob  es  in  jeder  Hinsicht  dem  französischen  an  Güte  gleichlomme,
darüber  beständen  8  Meinungsverschiedenheiten.  Die  englischen)  Haubiven
  seien  die  besten  in  der  Welt.  Haldaue  nahm  sodann  das  in  der
englischen  Armee  eingeführte  Gewehr  gegen  absprechende  Beurleilungen  in
Schut  und  erklärte,  es  seien  Versuche  ausgeführt  worden,  die  darauf  ab-63.
  ein  neues  Gewehrmodell  einzuführen.  Dieses  würde,  wenn  sich  die
aran  geknstpften  Erwarkungen  alle  erfüllten,  das  beste  Gewehr  in  der  Welt
sein.  Es  sei  kein  automatisches  Gewehr,  aber  die  Ansichten  über  die  Vorzüge
  der  automatischen  Gewehre  seien  sowohl  in  England  als  auch  in
anderen  Ländern  sehr  geteilt

20.  Februar.  (unterhaus)  Homerule  vor  Reform  des
Oberhauses.

im  Verlause  der  Debatte  über  den  Zusatzankrag  der  Opposition  ua

Adresse,  n  dem  der  Regierung  Wortbruch  vorgeworsen  wird,  weil  sie  d
Resorm  des  Oberhauses  verichoben  und  für  sich  das  Recht  in  Anfpruch  7
nommen  habe,  das  Homerulegesetz  vor  der  Neform  der  zweiten  Kammer
einzubringen,  wies  Premierminister  Wnfth  die  Behauptung  zurück,  daß
sich  die  Regierung  eines  Workbruchs  schuldig  gemacht  hälte.  Die  Regierung
habe  immer  erklärt,  daß  sie  zuerst  die  Erledigung  des  er  ehees  .  sicherm
werde.  Asquith  bekannte  lich  zu  der  Verpflichtung,  die  Frage  der  Resorm
des  Oberhauses  noch  im  jetzigen  Parlament  vorzubringen;  i  Jrenze  werde
aber  erst  behandelt  werden,  wenn  der  Homerulegedanke  verwirklicht  worden  sei.

20.  Februar.  (Unterhaus.)  Staatssekretär  Sir  Edward
Grey  Über  d  Fuces  rassäche  Politik  in  Persien

daß  das  englisch-russische  ##tommen  nicht  eine  Ausdehnung
  der  ne  Englands  darstelle,  sondern  eine  Begrenzu  ung
seiner  Einwirkung  bei  einer  entsprechenden  Begrenzung  der  russischen  Einwirkung,
  und  erktlärie,  das  Abkommen  sei  auf  beiden  Seiten  innegchalten
worden.  Der  erusiische  Einng  sei  in  Nordprrsien  vorherrschend  geweisen,
bevor  d#N/  Alommen  Oetrofien  wurde.  Die  Frage,  ob  England  irr  strategiich
  j  chter  daran  sei,  hänge  von  dem  Grötauch,  *.  der  i  dem
Peiche  1s  in  Nordpersien  gemacht  worden  sei.  Was  für  Stusiertn.
keiten  auch  mit  Bezug  auf  die  inneren  persischen  r  3  bestanden
härten,  so  jei  der  ruisische  Einsluß  doch  nicht  benunt  worden,  um  die  strategücche
  Lage  der  indischen  Grenze  nngu#nstiger  zu  gestauen,  als  sie  vor  dem
Ablommen  war.  Gren  fuhr  sort,  die  Anwesenheit  der  rusischen  Truppen
in  Nordvpersieu  j  jei  durch  verschiedene  Ursachen  hervorgernjen,  ober  die  britiiche
Regierung  sei  davon  in  Kenntnis  geieut  worden,  daß  die  ussischen  Trupven
nicht  in  der  Absicht  einer  donernden  Besetzung  Persiens  in  dieses  Land
        <pb n="345" />
        Erssbritesmiss.  (Februar  26.—  März  1.)  335

entsandt  worden  seien.  Grey  wies  darauf  hin,  daß  die  russischen  Truppen
nicht  die  einzigen  ausländischen  Truppen  in  Persien  ieicn  Es  ständen  auch
türkische  Truppen  jenseits  der  Grenze  in  Persien.  Sie  seien  allmählich
immer  weiter  vorgeschoben  worden,  und  die  würer  hmnwsenbei  russischer
Truppen  in  Nordpersien  dürste  zu  noch  weiterem  Vorrücken  der  türkischen
#n  enrfüh  haben.  Wenn  die  strategische  Lage  Neßarde  bedroht  oder
Vorrücken  der  türkischen  Truppen  vieklleicht  geschädigt  würde,  so
t  vollkommen  befugt,  zum  Schutze  geiner,  Airesse  jede  Maßregel,
  die  es  für  nötig  halte,  zu  ergreisen.  Im  w  n  Verlauf  seiner
Rede  erklärte  Grey,  die  Regierun  r  habe  sich  e  eeigers,  in  früheren  Schah
anzuerkennen:;  doch  könne  dieser  nicht  ausgewiesen  werden,  a  außer  auf  Grund
von  Bedingung  Es  wäre  nicht  das  erste  Mal  in  der  iäwiih-h  daß
eine  Bi  aicn-  auf  Grund  von  Verdiensten  gegeben  werde.  Dem  früheren
Schah  se  #i  durch  Verminlung  des  russischen  Konluls  milgeteilt  worden,  daß
seine  rn  hoffnungslos  sei  und  daß  er  besser  täte,  das  Land  zu  verlasien.
Man  hoi#e,  daß  eine  größere  Anleihe  auf  dem  gewöhnlichen  Wege  aufhbroch
  werden  würde,  um  der  verüschen  Regierung  Geldminel  zu  verchaften.
  Mit  Bezug  auf  di-  transpersische  Eisenbahn  erklärte  er,  daß  gewisie
  finanzielle  Grurpen  vorbereitende  Sindien  für  die  Eisenbohn  michen
und  die  britiiche  Neserune  sich  für  den  Plan  im  Prinzip  ausgesprochen
habe,  vorausgesetzt,  daß  gewisse  Bedingungen  bezüglich  der  Spurweite  und
der  Linienführung  beobachtet  würden.  Die  Ernennung  Mornards  zum
eneralschesmeiser  sei  nur  6  beinstweilig.  Ueber  eine  dauernde  Ernennun
sei  noch  nicht  entschieden.  Die  britische  Imervention  in  Persien  müsse  8
die  chinen  Jutpeenen  gegründet  sein,  und  er  würde  es  nicht  auf  sich
nehmen,  salls  in  Nordversien  Slreitigkeilen  enestehen  sollten,  als  Schiedsrichter
  Zu  s#ngieren  und  ein  Urieil  darüber  zu  sprechen.  Gren  mihdillige,
daß  man  sich  alles,  was  gegen  das  rusiüiche  Vorgehen  spreche,  zu  eigen
mache  und  et  anderseits  Dinge,  die  offenbar  eine  Provokation  An
seien,  unbeachtet  bleiben.  Die  Zukunft  sei  nicht  frei  von  Schwierigkeiten,
es  sei  nicht  leicht,  die  poersische  Negierung  zu  halten  und  die  Wiederberstellung
der  Ordnung  zu  sichern.  Das  sei  das  Ziel  der  englischen  Regicrung.

26.  Februar.  Um  einem  Generalstreik  der  englischen  Grubenarbeiter
  vorzubeugen,  nehmen  auf  Betreiben  der  Regierung  die  Bergwerksbesitzer
  von  Schottland,  Durham,  Northumberland  und  Mittelengland
  den  geforderten  Minimallohn  im  Prinzip  an,  schließen  aber
alte  Leute  und  Jugendliche  von  der  Berechtigung  aus.

29.  Februar.  800000  Grubenarbeiter  legen  in  den  Kohlenbergwerken
  von  England.  Wales  und  Schottland  die  Arbeit  nieder,
um  die  allgemeine  Durchführung  des  Minimallohnes  zu  erzwingen.

1.  März.  (London.)  Frauenrechtlerinnen  durchzogen  Whitehall.
  Piccadilly,  Haymarket,  Bondstreet  und  andere  Verkehrsstraßen
Westends  und  zertrümmerten  Ladenfenster  der  großen  Geschäftshänser.
Einige  Frauen  drangen  bis  Downing  Street  vor  und  zerschlugen
Fensterscheiben  des  Wohnsitzes  des  Premierminislers  sowie  des  Rederungegebünden’


ae  den  angeridueien  Schaden  sca.  0d  w  152  Frauen
zu  Geiinnteitzalen  von  2  und  3  Monaten  verurteil
        <pb n="346" />
        336  Er#tritunni.  (März  3.—12.)

3.  Märg.  Ausbreitung  des  Kohlenstreiks  über  alle  Bergwerke
Scheitlande!  und  Südwales

In  wenigen  E*-  dehnt  sich  die  Arbeitsniederlegung  auch-  auf  ganz
England  rns  nigen  über  eine  Milion  Grubenarbeiter  seiern  und  400000
ondere  Arbeiter  Ss

4.  Märg.  (London.)  Bei  einm  Attentat  auf  Baron  Leopold
v.  Rothschild  wird  ein  Polizist  verwundet.

4.  März.  London.)  Wegen  Ruhestbrungen  vor  dem  Parlamentsgebäude
  werden  200  Frauenrechtllerinnen  verhaftet.

5.  März.  (London.)  Statt  der  bisherigen  einfachen  Gefängnisstrasen
  wird  gegen  zwei  Suffragettes  auf  zweimonatige
Zwangsarbeit  erkannt.

7.  März.  (London.)  Bei  einer  von  Studenten  organif#erten
Gegendemonstration  gegen  die  Suffragettes  werden  zahlreiche  Frauen
tätlich  angegriffen.

7.  März.  Nach  einem  Verktrage  der  Marconigesellschaft  mit
der  Regierung  sollen  drahllose  Verbindungen  durch  das  ganze  britische
Reich  mit  folgenden  Stationen  sofort  in  Angriff  genommen  werden:
England,  Cypern  oder  Agypten,  Aden,  Bangalore  (Britisch  Indien),
Südafrika  und  Singapore.

12.  März.  Der  Flottenetat  für  das  Rechnungsjahr  1912/13
schließt  insgesamt  mit  44085400  Lsltr.  (etwa  881700  000  Mk.)  ab.
gegen  443925500  Lstr.  (elwa  887  850000  Mk.)  im  Jahre  1911/12.

Darin  sind  an  Schisfsnenbamen  vorgesehen  vier  große  Ponzerschisfe,
acht  leichte  gepanzerte  Rreuzer,  zwanzig  #r#edotertre  und  cine
Anzahl  von  Unierseebooten  und  Hilfsfahrzeugen.  Der  Mannschaftsbestand
wird  um  210  Mann  vermehrt  werden.  Die  Schiffsncubauten  werden
13971527  Lptr.  kosten  gegen  1506  n77  im  lausenden  Rechnungsjahre;  davon
  sind  12067  727  Lstr.  für  die  Forisetzung  der  Arbeiten  an  den  bereits
im  Bau  befindlichen  Schiffen  bestimmt  und  1903  800  Lstr.  für  die  Inangriffnahme
  der  Neubauten  des  neuen  Programms.  Der  Prozentsatz  der  Neubamen,
  der  in  dem  neuen  Rechnungsjahr  degonnen  werden  soll,  ist  größer
als  gewöhnlich;  danach  wird  es  möglich  hin  eden  Bau  der  gesamten  neuen
Torpedobootszerstörer  auf  einmal  zu  beginn

12.  Va  (Unterhaus.)  Truprafenhungen  über  See.

Im  Verlaufe  der  Debaite  über  das  Heeresbudget  erklärte  Amorn
lunionisy,  -  das  Land  sich  bezüglich  der  Armee  genau  in  derselben  Lage
beiinde,  als  dies  vor  Ausbruch  des  Iüdafeitanichen  Rrieges  der  Fall  gewesen
  sei.  Parlamemsuntersckretär  Seeln  erwiderte,  es  sel  wörtlich  wahr,
daß  England  im  Jahre  1899  die  lleine  T  die  notwendig  gen
wesen  sei,  um  Verstärkungen  nach  Natal  zu  senden,  nicht  habe  absenden
können,  ohne  Truppen  von  Indien,  Cenlon  und  anderen  östlichen  Gornisonen
zw.  Aber  es  seien  ieither  egroie  Fersschriue.  gemacht  worden.

huiue  hier“,  erklärte  Seeln,  „eine  Karte  für  Amory.  Ich  will  eine
uhct%  —  an  alle  orlühn#nuautlieder  senden  unter  der  Forderung,
        <pb n="347" />
        Grostrilenzies.  (März  15.  18.)  337

daß  sie  als  ein  Geheimnis  betrachtet  wird,  woraus  ersehen  werden  kann,
doß,  wenn  wir  morgen  Verstärkungen  nach  Natal  senden  müssen,  wir  dies
mun  können,  ohne  einen  einzigen  Mann  von  ingembeine  östlichen  Garnison
u  en  mebmen.  Wir  könnten  in  wenigen  Tagen,  wenn  die  Transportschiffe
ereit  sind,  150000  Mann  vollständig  #sgeuher.  und  mit  Waffen,  Munition
und  Vorräten  sowie  Verstärkungen  für  drei  Monate  absenden.  Amory
griff  unsere  militärische  Bereitschaft  sehr  scharf  an,  was,  wenn  man  die
Angriffe  für  berechtigt  Retea  eine  sehr  ernste  Nückwir  kung  auf  unsere
Stellung  in  der  Welt  thaben  ürde.  Ich  bin  hier,  um  zu  wiederholen,  det
wir  innerhalb  weniger  uage=  un  dem  Befschl  zur  Mobilmachung  —
Anzahl  Tage  ist  hier  in  diesen  Dokumemen  angegeben  —  150000  #
abienden  können,  und  das  bedeutet  einen  außerordentlichen  Fortschriit  in
unserer  Geschichte.  Wenn  Amory  die  Zeit  des  üdafrikanischen,  Krieges
mit  der  gegenwärtigen  vergleicht,  so  heidi  das  mit  dem  Hause  Scherz
treibe

’18.  Märg.  Die  Einigungsbemühungen  im  Bergarbeiterstreik

lcheilern

e  Regierung  zu  der  Ueberzeugung  gekommen  ist,  daß  ein
gütliche  hee  e  des  Kohlenstreiks  wegen  des  Widerstandes  des  Verthe
arbeiterverbandes  unmöglich  sei,  so  beschließt  sie,  im  Parlament  zu  beantragen,
  den  Mindestlohn  für  Arbeiter  unier  Tage  gesetzlich  einzuführen.

18.  März.  (Unterhaus.)  Nede  des  ersten  Lords  der  Admiralität

  Churchill  Über  Flottenpolitik.

Au  ERItIIeIIIIIIIIIII
choben:  Das  finonzielle  Aussehen  des  Flontenckats  ist  nicht  ersreulich.  Alle
elt  baut  Flotten.  Alles,  was  mit  der  Flolte  in  Werbindung  steht,  wächst

beßändig  on  Größe,  Kompliziertheit  und  Kosten.  Ich  werde  vielleicht  im
nächsten  Johre  den  Flottenciat  dem  Unterhause  nichl  für  ein  Jare,  jondern
für  "o  Neihe  v  von  Dobren-  vorlegen  können,  aber  für  den  Augenblick  muß
ich  mich  im  Rahmen  gewisser  allgemeiner  Andemungen  halten.  Hauptsächlich
  4  der  Arbeiterausstände  fanden  in  diejem  Joahre  Verzögerungen
in  Schiffebau=  und  anderen  Ausgaben  statt.  Dadurch  wird  die  nominelle
Redultion  von  300000  Piund  zu  enur  wirklichen  Nedugtion.  pon  1
Pfund.  Dabei  ist  na#ürlich  irgendwelche  Aermehrung  d  #  deutschen
Flottenetats  nicht  berücksichtigt.  Ich  will  dem  Hause  di  Flottenfrage
mit  volltommener  ßenheit  darlegen,  es  wird  dies  namemlich  in  bezug  auf
eine  Macht  notwendig  sein.  Durch  eine  indirelte  Ausdruckeweise  laun  iett
nichts  gewonnen  werden,  im  Gegenteil,  die  Demichen  sind  ein  Volk  mit
derbem  Verstand,  dessen  starler  und  männlicher  Sinn  und  Mut  vor  der
offenen  und  ungeschminken  Feüstellung  der  Tatsachen  nicht  zurückweicht  und
nicht  verledt  wird,  wenn  sie  hoflich  und  ehrlich  ausgeiprochen  werden.  Jedensfalls
  muß  ich  meine  Pflicht  gegen  das  Haus  und  das  Land  eriüllen.  Die
Zeit  ist  gekommen,  wo  beide  Narionen  ohme  Verstellung  und  Verstimmung
die  Bedingungen  verstehen  sollten,  unter  denen  der  Weltbewerb  zur  Sec  in
den  nächsten  Jahren  sich  gestalten  wird.  Wir  berechnen  im  Frieden  unjere
Schiffsbauten  relativ  nach,  Prozentiätzen,  dagegen  werden  Flolten  im  Seekriege
  nicht  durch  Vergleiche,  sondern  durch  Subtraktion  berechuet.  Wir
müsien  erwarten.  daß  in  einem  Kampf  zwischen  guten  und  ebenbürtigen
Flotten  auf  beiden  Seiten  ungcheurer  Schaden  angerichtet  i  wird.  Dus

lehr  voreilhaft  für  die  stärtne  Seemachl.  Es  wird  sich  ĩteis  für  uns
lohnen,  Schiff  gegen  Schift  jeder  nlasie  zu  verlieren.  Der  Prozeß  des  Ausscheidens
  würde  uns,  weun  auch  aus  einem  jürchterlichen  —  zu  einem

Curob#ischer  Geschich#rtalender  I.III.
        <pb n="348" />
        338  Erotrilennien.  (März  18.)

2

sicheren  Siege  führen,  zu  einem  Zustand  nicht  relativer,  sondern  absoluter
Ueberlegenheit.  Mit  der  Schesenkenihen  n  Vernichtung  der  neuesten  Schiffe
steigen  die  älleren  Schiffe  j  Wir  beliven  mehr  Dreadnoughts
als  irgend  zwei  andere  Mächte  zusammen,  aber  wenn  alle  Dreadnoughts
der  Welt  morges  vessen  wären,  so  würde  „nsens  Uetarkegenben  größer
sein  als  heute.  Ich  bin  nicht  bereit,  gegenwärtig  dem  Hause  die  Annahme
des  Sisheense  „Zwei  Kiele  gegen  einen!e  mit  Bezug  auf  Deuischland  *
empfehlen.  Die  Zeit  mag  kommen,  wo  dies  notwendig  wird.  Es  ist  i
nicht  notwendig.  Ich  wünsche  volllomen  llarzumachen,  des  inlolge  it
Maßregeln  Me.  Kennos  nicht  der  geringste  Grund  5∆  Alar  d  Verzagtheit
  vorliegt.  Die  Admiralität  l  imn,  %  ür  2  4  nechsenn
Jrre,  hindurch  die  Eicherdeit  des  Landes  und  des  Reiches  absolut  zu
garantieren.  Wenn  das  Haue  unsere  Suesen  zuntn  bewilligt,  lakn
diese  Auesicht  unendlich  qIISqedehntmkdksDtetqnnksitt-direktenstärke
  müisen  zeitweise  nach  den  Umständen  variieren.  Als  Frankreich  und
Rußland  die  beiden  nächststärksten  Seemächte  waren  und  ihre  Kombination
mglich  erschien,  war  der  Zweimächtestandard  ein  zweckmäßiger  Grundsatz
Das  Emporsteigen  der  Flolte  einer  eingelnen  Macht  zum  eriten  Rang  auf
dem  KNontinent  veränderte  dies.  Wir  haben  nicht  mehr  als  die  größtmögliche
  Gefahr  das  Bündnis  zweier  elwa  gleich  starker  Scimschn  zu  betrachten,
  sondern  die  Entwicklung  einer  sehr  starken  homogenen  Flotte,  die
einer  einzelnen  Regierung  untersteht.  Daher  ist  der  Zweimächtestandard
nicht  mehr  anwendbar.  Der  tatsächliche  Stondard  bei  Neubauten,  den  die
Admiralität  in  den  leulen  Joahren  verfolgte,  war  die  Ueberlegenheit  von
60  Prozent  beie  Schlachtichiffen  und  Schlachtrreuzern  der  Dreadnoughiklasic,
verglichen  mit  der  demichen  Floilte  gemäß  dem  gellenden  Floltengesetz
ndere,  höhere  Standards  gelten  für  lleinere  Schisse.  Wenn  Deutichtand
an  dem  genenden:  Flottengesete  festhielie,  glauben  wir,  daß  dieser  Standard,
abgesehen  von  unerwartelen  Enmwicklungen  anderer  Länder,  den  eeigneten
Maßstab  für  die  nächste  kaen  vier  bis  füni  Jahre  abgeben  würde,  soweit  die
Dreadnonghillaise  in  Betracht  komm.  Jede  Vermehrung,  die  Deuiichland
in  der  Zahl  neuer  Schisse  vornimmt,  M  die  Abnahme  des  Gesechlswertes
unserer  ölleren  Twwen  beschleunigen.  Das  ersordert  daher  besondere  Maßnahmen
  unjerericits.  Wenn  wir  alio  bieien  Slandard  auf  das  geltende
deuriche  Flonengejet  anwenden  —  zwei  Schiü#c  pro  Johr  —,  wenn  wir
uus  sorgiältig  grgen  unvorhergeiebene  Entwicklungen  anderer  Länder  lichern,
so  erscheimt  es  notwendig.  abmechselnd  vier  und  drei  Schisse  der  Drcodnongbt.
llasse  in  den  nächsten  sechs  Jahren  zu  baurn.  Das  ist  das  mindeste,  was
den  0  Prozentstandard  erhalten  wird.  Ich  will  indeisen  klarmachen,  daß
bei  einer  elwaigen  Verzögerung  oder  Verminderung  der  demtichen  Bauten,
sobald  dies  deutlich  wird,  wir  in  gewissen  Grenzen  mit  entsorechenden  Nedulrionen
  solgen  werden.  Wenn  3.  B.  Demschland  eins  oder  zwei  Schiffe
ans  seinem  jährlichen  Programm  sallen  lästt,  werden  wir,  solls  nicht  ander.
wärts  eine  griährliche  Eutwicklung  eintritt,  jofort  unsere  emtiprechende  Luote
sollen  lasien.  Jede  Verringrrung  des  Tenwos  Deutschlande,  wird  natürlich
in  großem  Maßt#abe  von  uns  nachgeahmt  werden,  freilich  in  gewißsen
Grenzen,  weil  wir  in  gewissem  Grade  die  beiden  anderen  Mächte  in  Betracht
  zu  ziehen  haben.  Aber  nehmen  wir  an,  daß  im  Jahre  E  wo
Deuiichland  drei,  England  fünf  Schiüe  banuen  will  —  angenommen,  wir
machten  dies  eine  Jahr  Ferien,  um  im  Buche  des  nationalen  Misttrauens
ein  weistes  BMlall  einzuingen  —  angenomen.  Demichland  würde  in  diesem
Jahre  lein  Schisf  banen  —  jo  würde  es  sichs  bis  sieben  Millionen  Piund
Lierung  svaren.  Aber  das  is  ni  sch  alles,  wir  würden  unter  gewohnlichen
Umstanden  den  Bon  unjerer  Schiüe  beginnen,  wenn  Deutichland  den  Bau
        <pb n="349" />
        Erstritsmien.  (März  19.—27.)  339

der  seinigen  begonnen  hat.  Durch  die  drei  Schiffe,  die  Deutschland  nicht  baut,
würden  automalisch  fünf  britische  1aeberdreadnougt  beseitigt.  des  1#  ,
als  in  einem  wir  #  bie
kornie  Ergebnisse  selbst  eines  Indue  betrifft.  8  wären  6  ,  un  ·
nicht  nur  für  die  beiden  großen  Brudernationen,  sondern  auch
.  die  ganze  Welt  der  arbeitenden  Menschheit.  Die  —  **  als
macht  durch  eine  Verstärkung  nichts  gewinnen  und  durch  eine  Ber-Sienechn
  nichts  verlieren.  Dies  ist  ein  vollkommen  einsacher  Pn  nachdem
  ohne  diplomatische  Verhatdluhgen  ohne  Feilschen  und  ohne  die  geringste
  Beschränkung  der  souveränen  Freiheit  beider  Mächte  diese  bivige,
loftspielige  Rivalität  zur  See  für  hinige  Zeit.  abgestellt  werden  kann.  Ich
bin  überzeugt,  daß  es  besser  ist,  dies  e  fach  und  ifendekBeuttcts
lung  durh  die  Parlamente  und  das  annsd  vorzul,
er  Debalte  erklärt  Lord  Vrestn  ver  erste  Poragraph  der
dem  3  e  beigegebenen  Denkschrist  sei  eine  indirekte  Drohung  und
Herausforderung  gegen  Deutschland.  Churchill  häue  das,  was  zur  Verteidigung
  des  Reiches  nötig  sei,  auch  ausführen  können,  ohne  Deutschland
zu  erwähnen;  dies  sei  nicht  das  Mittel  gewesen,  den  Frieden  zu  wahren
oder  zu  einem  Einhalten  der  Rüstungen  zu  gelangen.
1P9.  Märg.  (Unterhaus.)  Der  von  dem  Premierminisler
Asquikh  eingebrachte  Gesetzentwurf  über  einen  Mindestlohn  der
unter  Tage  Arbeitenden  in  der  Kohlenindustrie  wird  in  erster
Lefung  einstimmig  angenommen.
26.  März.  (Unterhaus.)  Marineminister  Churchill  erklärt
im  Laufe  der  Flottendebatte:  Seit  einiger  Zeit  find  Verhandlungen
im  Gange  zwischen  England  und  Deutschland  für  den  Austausch
von  Informationen  über  die  Flotte,  und  ich  versichere  das  Haus,
daß  wir  sicherlich  sehr  froh  sein  werden,  wenn  die  Verhandlungen
zu  einem  befriedigenden  Ergebnis  gelangen.
21.  März.  (Unterhaus.)  Annahme  des  Gesehentwurfes  über
einen  Mindesllohn  für  Bergarbeiter.
Als  Oppositionsführer  beantragt  Balfour  die  Ablehnung  der  Bill.
In  ihrem  Hauptzweck  würde  die  VBill  jehlschlagen,  und  für  die  Regierung
liege  daher  keine  Werechtigung  vor,  den  Versuch  zu  machen,  diese  E
Umwälzung  in  einer  Woche  durch  das  Haus  zu  Pzwingen.  —  Asa
ichloß  seine  Enviderung:  Wir  haben  durch  jede  Art  von  ebrredng  —8
jucht,  die  Parteicn  zu  einer  Einigung  zu  bringen.  Es  ist  uns  nicht  gelungen,
  und  die  Stockung  im  Nohlenbergbau  dauert  an.  Wir  können  nic
zugeben,  daß  die  industrielle  Bevôllerung  des  Landcs  aus  Mangel  an  Kohle
notleldel.  In  nicht  darum  eine  geievliche  Regelung  notwendig?  Ich  biite
daher  das  Haus,  die  Bill  anzunehmen,  nicht  als  Teil  eines  dauernden  Gejegebungswerkes,
  sondern  als  vorlänsigen  und  zeitweiligen  Notbehelf  gegen
den  augenblicklich  herrschenden  Notstand.  Der  Entwurf  sei  eine  notlwendige
Vorstufe  N.  allen  weileren  Schriuten.  die  vielleicht  noch  getan  werden  müinen.
Annahme  eriolgt  in  zweiter  Lefung  mit  318  gegen  225  Stimmen.
27.  März.  (Unterhaus.)  Endgültige  Annahme  der  Mindestlohnbill
  mit  213  gegen  48  Stimmen.

22.
        <pb n="350" />
        340  Erssbritannien.  (Maͤrz  28.  —  April  1.)

W.  März.  (Unterhaus.)  Die  „Conciliation  Bill“  der  Fraueniiee
  —

re  Hauptbestimmungen  sind:  Frauen,  die  einen  eigenen  Haushalt

  besitzen,  sollen  das  Recht  erhalten,  in  die  Wählerliste  eingetragen  zu

werden.  Eine  zweite  Alaufe,  ebektimnu.  daß  die  Berehelichung  keine  Disanalisikotion

  bedeutet,  es  sei  denn,  daß  Mann  und  Frau  im  gleichen  Wahlbeairt

  eingetragen  sein  wiltder.  —  Sie  wird  in  zweiter  Lejung  mit  228
em  208  Strimmen  abgcelehnt.

28.  März.  (Oberhaus.)  Annahme  der  Mindestlohnbill  in
dritter  Seung.

KRI  R  4  M  ch  (Or  f  DO.  -hrih  n

4.  Das
wird  n  ungsing  erklärt,  weil  das  Boot  von  Combridge  sonk.
Bei  der  wiederholten  Bootwettsahrt  am  1.  April  siegte  Oxford  mit
sechs  Längen.
80.  März.  Ende  des  Kohlenstreiks  in  einzelnen  Revieren.
Volshän,  ig  ist  die  Wiederaufnahme  der  Arbeit  erst  am  Dienstag  den
1.  April.  An  ensgangenem  Loh-  haben  die  Bergarbeiter  in  #Unf  Wochen
fast  200  Millionen  Mark  ver
1.  ih.  —  Lloyd  Georges  Budgetrede.
terzielte  Ueberschuß  von  6545000  Pfund  Sterling  Eii  der  größte
jemale.  brnsenen  Der  Voranschlag  der  sluraben  is  1912·13  betrage
Inmw  „500  Pinnd  Sierling.  Der  Minister  spra  I  er  die  Verwenmranr
  *  kteschue.  Wanchertel  Umslände  nach,  ee  ernchlchu  werden.
So  siellten  z.  B.  1500/X0  Pfund  der  erzielten  Ueberschüsse  4½  dor.  d
im  lebten  Jahre  nicht  10  die  Flolte  verwendet  worden  sei,
diesem  Zwecke  vorgesehen  war,  das  aber  dieses  oder  das  .  150  .h  dasst.
verwendet  werden  würde.  Er  müßte  auch  mit  der  Möglichteit  rechnen,  daß
jene  erhöhten  Ausgaben  nötig  werden  würden,  auf  die  von  Churchill  in
seiner  moduvollen  Nede  hingewiesen  worden  sei.  „Als  ich  den  Finanzplan
für  das  Jahr  aufsiellte,  mußte  ich  jene  sehr  use  Mogüchteit  in  Rechnung
ziehen,  auf  die  Churchill  hingewiesen  hat.  Was  sie  bedeniet,  dorüber  Vermuungen
  onzustellen,  wäre  verfrüht.  Alles,  was  wir  tun  können,  ist,  die
nölige  Reierve  zu  schaffen.  Deehalb  schlage  ich  vor,  den  Feiarnen  Uebeerschuß
  auf  die  Slärkung  der  Staatsbilanz  zu  verwenden.  Wenn  es  sich  a
Jasrsschtult  nicht  als  nolwendig  heransteuen  sollte,  ganz  oder  wullwee
ani  dieie  Neser#e  zurückungreiien,  io  wir  rd  d  as  Parlament“  die  Lage,  wie  üie
alsdann  ericheinen  wird,  beurteilen,  ũ  ũber  d
sic  emweder  ganz  oder  teilwe  eiie  zur  Stht  besommen.  Als  ich
mich  mit  den  Ansgaben  für  1912  13  beichäftigre,  sagte  ich,  mit  Bezug  auf
den  Flottenctat,  daß  ich  eine  bedeunende  Ermäßigung  für  dieses  Jahr
in,  Aussicht  genommen  hätte,  und  ich  gab  dieser  Losia  Ausdruck,  als
ch  das  Audgel  des  leuten  Jahres  einbrachte.  Es  war  nichl  bloß  der  Ausnsft
  meines  pcriönlichen  Munsches,  sondern  ich  hatte  zuvor  mit  dem  Erften
Lard  der  Admiralilät  Rückwrache  genommen:  dieier  haue  damals  die  Veaf
nung.  dan  sich  ir  dieies  Jahr  einc  bedeutende  Ermäßigung  und  im  nächsten
Jahre  eine  noch  bedentendere  würde  durchühren  lassen,  aber  unglücklicherweise
  kraten  Bedingungen  ein,  über  die  wir  keine  Komrolle  hauen,  und
der  Erat  iür  dieses  Jahr  wurde  bedeutend  böhrr.  als  ich  in  Aussicht  genommen
  hautc.  Ich  iürchre,  daß  die  Aussichen,  eine  Einichränkung  der
Ausgaben  in  unserem  Flollenetat  vorzunehmen,  nicht  jehr  glänzend  ünd,
        <pb n="351" />
        Erbrilensirns.  (April  11.  11.)  341

und  wir  werden  allen  Grund  zur  Freude  hoben,  wenn  wir  dieses  Jahr
ohne  wesentliche  Erhshung  der  Ausgaben  und  im  nächsten  Jahre  ohne  eine
noch  gröbere  Erhöhung  werden  uslommen  onnen  4Aloyd  George  erklärte
weiter,  es  sei  ihm  gesagt  worden,  daß  dee  in  der  ganzen  Welt
uherordenklich  Fubd  erscheine.  Dem  baen  bnehmer  Englands  auf  dem

Kontinent,  Deutschland  (Beifall),  gehe  es  gut,  und  dasselbe  könne  man  von
Frankreich  und-  Rußla  ann  lege  .  Lloyd  Georqe  schlos,deryqadeltm8ns

tandem-leg  nzeich  Aufschwungs  auf.  Die  eranhin
Ausgaben  für  den  Po  1912/13  balhsen  sich  auf  186  885  000,  bie
Einnahmen  unter  Zugrund

rang  der  bestehenden  —  auf  187189000
Pfund  Sterling,  so  daß  ein  Ueberf  von  301000  Pfund  Sterlins  verbleibe.

  Es  würden  daher  keine  —  Bienern  —½

11.  April.  (Unterhaus.)  Premierminister  A3quith  bringt
die  Fzerneng  of  Ireland  Bill“  ein

ith  führt  aue  1  irische  Parlament  wird  aus  einem
Senat  28  46  einem  Hause  der  Gemeinen  bestehen,  doch  wird  die  bäochte
Autorität  des  Srine  Lause  der  unbeeinträchtigt  bleiben.  Das  uean  s  der
Gemeinen  wird  aus  164  Mitgliedern  blehen,  von  denen  59  Ulster  vertreten.
  werden.  Es  ist  sehr  rrrwoncht,  à  5  56  Vertreter  der  Minorität
in  Irland  in  den  Senat  kommen,  40  Mitgliedern  bestehen  wird.
Mit  R#ch  auf  die  besonderen  rrs-  Irlands  wird  der  Senat  zunächst
  von  der  Reichsregierung  für  eine  bestimmte  Zahl  von  Jahren  ernannt
  werden,  doch  werden  diese  Mitglieder  in  einem  gewissen  Turnus  ausscheiden
  und  ihre  Plätze  durch  Mi  T  die  von  ber  irichen  Srclutioe
u  ernennen  sind,  ausgefüllt  werden.  Das  irische  Unterhaus  wird  ni
8  ur  Selebghung  über  Fr#gen=  die  ausschließlich  oois  baegene
g  u-  Schuß  der  religiösen  Gleichberechtigung  werden  bekerhen.
  Bestimmungen  #iresen.  Der  Lordleutnant  von  Irland,  der  an
der  Spitze  der  irischen  Exekutive  stehen  wird,  wird  die  Bollmacht  a  aben,
gegen  jedes  Gesetz  auf  pres  der  Reichsregierun  sein  Beto  einzu
oder  desten  Geltung  aufzuschieben  Wei  Meinungsverschiedenheiten  thushen
mat  und  Gemeinen  werden  d  enhäutereineqeineinlonieSipiinq
abhalten,  gemeinschaftlich  beraten  ubS  abstimmen.  Irland  wird  nur  42  Vertreter
  im  Westminster  Palace  haben.  Das  irische  Parlament  wird  die  Machtbefugnis
  besitzen,  innerhalb  gewisser  Lrenzen  die  Reichssteuern  herabzusetzen.
oder  aufzuheben  und  die  Verbrauchsabgaben  zu  ändern.  Asquikh  kam  dann
auf  die  ziee  Frage  zu  sprechen  und  sagte.  augenblicklich  bestehe  in
der  irischen  Berwaltung  ein  Desizit  von  1/  Millionen  Pfund  Sterling.
Bei  der  Bill  sei  der  Zeitpunkt  zugrunde  gelegt,  wo  es  kein  Deßzit  mehr
eben  würde.  Inzwischen  würden  aber  alle  Steuern  weiter  an  den  Reichs-5n
  gezahlt  werden,  und  eine  Summe  in  Höhe  der  irischen  Verwaltungsbbernielen

  werden,  die  sich  jährlich  um  50000  Pfund  verringern  werde,
s  der  Betta  Pfund  Peerbeng.  erreicht  sei.  Irland  werde  die
E—  aller  Vpenns  in  seiner  Verwaltung  erhalten.
14.  April.  Der  Journalist  William  Stead,  der  Herausgeber
der  „Review  of  Reviems“,  kf  beim  Untergang  der  „Titanic“.
14.  April.  (Glasgow.)  Als  deutscher  Spion  wird  der
35jährige  Armagaard  Karl  Grave  verhaflet.  (Siehe  22.  Juli.)
        <pb n="352" />
        342  EAIIIV

16.  April.  (Unterhaus.)  Nach  dreitägiger  Generaldebatte
wird  die  erste  Lesung  der  Homerulebill  mit  360  gegen  266  Stimmen
angenommen.  Premierminister  Asquith  bringt  dann  die  Bill
formell  ein.

23.  April.  (Dublin.)  Der  irische  Nationalkonvent  nimmt
mit  Begeisterung  eine  Resolution  an,  die  der  Homerulevorlage  der
Regierung  zustimmt.

24.  April.  (Golkstone.)  Der  Geschichtsschreiber  und  Romanschriftsteller
  Justin  Mc.  Carthy  t.  82  Jahre  alt.

25.  April.  (Unterhaus.)  Das  Geset  betr.  die  Entftaatlichung
der  Kirche  in  Wales  wird  in  erster  Lesung  mit  331  gegen  258  Stimmen
angenommen.

29.  April.  (Unterhaus).  Lloyd  George  Über  das  Flottenvrogramm.


der  Fortsezung  der  Budgetberatung  im  Unterhause  kritisierten
verschiedene  Mitglieder  beider  Seiten  die  Ablicht  der  Regierung,  den  Ueberschuß
  von  6,5  Millionen  Pfund  für  gewisse,  möglicherweise  eintretende  Ernererrse
  zu  *—  stott  sie  zur  Schuldemilgung  zu  verwenden.  —
hamberlain  richtete  an  den  Schatzkanzler  wor  George  die
J  age,  ob  honbert  Teil  des  Ueberschusses,  der  nicht  zur  Dedung  außerordentlicher
  Forderungen  für  die  Marine  in  diesem  Jahre  oder  zur  Deckung
eines  ausserordentlichen  Einnahmcausfalles  #  werden  würde,  zur
Schuldentilgung  verwendet  werden  solle.  —  Llond  George  erwiderte,  daß
die  Regierung  über  den  Ueberschuß  nicht  wecsdg.  en  wolle,  erftens  wegen
der  Unsicherheit  der  ait  der  Arbeiterunruhen  auf  die  Staatseinnahmen,
zweitens  W  der  im  vorigen  Jahre  entstandenen  Kosten  für  die  Admiralität,
Lstr.  belieien,  hauptsächlich  aber  wegen  der  Unsicherheit
  der  elwo  behteh  erforderlichen  Geldmitlel  für  die  Flolte.  Es  sei  sehr
schwierig,  sich  über  diese  Angelegenheit  weiter  ausgulassen,  ohne  vielleicht
Schoden  anzurichten  (Beisall),  und  deswegen  möge  das  Haus  zuschudigen.
wenn  er  das  nicht  iue.  Der  ersie  Lord  der  Admiralität  Churchill  habe
darauf  Fingewiesen,  daß  die  Voranschläge  auf  der  Annahme  basierten,  daß
die  Programme  anderer  Länder  sich  nicht  von  denen“  Ie  Jahre  unterschieden.
  Er  habe  aber  Geichtriiig  erklärt,  dan,  wen  ese  Programme  geändert
  wũrden,  er  an  das  Haus  neue  Forderungen  inaier  müsse,  und  daß
solche  Aenderungen  einen  bün  werwiegenden  Einfluß  auf  das  Programm
Englands  haben  könnten,  zud  wie  er  (Liond  George)  meine,  haben  würden.
„Wir  wissen  nicht,  schloß  d  r  Schablanzler,  „wie  es  zurzeit  damit  steht,
und  ich  weiß  nicht,  weiche-  weiteren  Forderungen  an  uns  herantreten
—  iedenfalls  aber  müssen  wir  mit  der  Moglichkeit  rechnen,  und  wenn.
er  Fall  sein  sollte,  io  wird  es  sich  nicht  nur  um  Forderungen  für  dieies
St  lallein  bonn.  eln.  Sollien  aber  weitere  Forderangen  mins.  werden,  so
brauchen  wir  sicher  nicht  zu  borgen,  um  ihnen  gerecht  z  tden.  Wenn
es  möglich  ist,  eine  weilere  Besteuerung  zu  Arsheiden,  8  wn  man  das
tun,  und  wir  könnten  es  vermeiden,  wenn  wir  einen  Jond  nbaben,  auf
den  wir  zurückgreifen  können.  Wenn  die  Regierung  nach  dem  ihr  vorliegenden
  Nachrichtenmateriol  und  nach  endgüliger  %rne  der  Dinge
zu  dem  Schluß  kommt,  daß  es  notwendig  ist,  wentere  Ausgaben  zu  machen,
        <pb n="353" />
        EGrofbritunnim.  (Mai  4.—16.)  343

so  muß  die  Zustimmung  des  Hauses  für  diesen  #roes  slichergestelt  werden.
Tieie  Frage  konnte  aber  später,  wenn  das  Budget  in  die  Kommissionsrung
  und  das  Haus  im  Belitze  alles  totsächlichen  Materials  sein."“  —  Eine
bestimmie  Zusa  hchg,  die  Chamberlain  zu  erlangen  versuchte,  daß  das  Geld,
wenn  es  nicht  sür  die  Floite  ober  zur  Deckung  eines  Einnahmeaussalles
aus  Anlaß  des  Kohlenarbeiterstreiks  gebraucht  würde,  zur  Schuldentilgung
verwandt  werden  solle,  lehnte  der  Schopzkanzler  ab.
4.  Mai.  (London.)  Die  53  streikenden  Heizer  des  White
Star  Dampfers  „Olympic“  werden  zwar  für  schuldig  erkannt,  in
meuterischer  Weise  die  Befehle  ihrer  Vorgesetzten  unausgeführt  gelassen
  zu  haben,  bleiben  aber  nach  dem  Spruch  des  Richters  unbestraft,
  weil  besondere  Verhältnisse  vorliegen.
.  Mai.  (Weymouth.)  König  Georg  V.  bnt  eine  zwei
Meilen  weite  Unterseefahrt  in  dem  Tauchboot  ,
9.  Mai.  (Unterhaus.)  Die  ar  für  Irland
wird  in  zweiter  Lesung  mit  372  gegen  271  Stimmen  angenommen.
9.  Mai.  (London.)  Der  Arbeiterführer  Tom  Mann,  der  Soldaten
aufzureizen  versucht  haltie,  dem  Befehl,  auf  Streikende  zu  schießen.
nicht  zu  gehorchen,  wurde  zu  sechs  Monaten  Gefängnis  verurteilt.
9.  Mai.  Zusammenschluß  der  konservativen  und  liberalen
Unionisten  zu  einer  einheitlichen  Parteiorganisation.
14.  Mai.  Sir  Edward  Grey  über  den  deutschen  Botschafterwechsel:



Wir  sind  annlich  davon  unterrichtet  werden,  dasß  Graf  Wolfi-Met
  gtternich  seinen  Votschafterposten  verläßt.  Mehr  als  20)  Jahre  seiner
amtlichen  Lausbahn  hat  er,  wenn  ich  nicht  irre,  auf  der  deulichen  Botschaft
ie  London  verdracht,  und  ich  mochte  diese  Gelegenheit  ergreiien,  um  das
Bedauern  auszudrücken,  das  bei  seinem  Rückirin  von  jedem,.  der  amtliche
Begiehungen  zu  ihm  gehabt  hat,  sowie  von  der  sehr  grossen  Zahl  der  personlichen
  Freunde,  die  er  sich  während  jeines  langen  Auienthaltes  in  diesem
Lande  erworben  hat,  empfunden  wirs,  ein  Bedauern,  das  ich  auch  persönlich
  in  vollstem  Maste  teilc.“  (Beifs

16.  Mai.  Aus  einer  Rede  Cihine  als  Gast  bei  den  englischen
Schiffbauern.

 

.Ich  muß  dieies  Jahr  noch  einmal  vor  das  Parlamem  hintreien
und  um  Ven“  Mannschoften  und  Malerial  bilien  Kroßer  Beiijallh,  und  obgleich
  meine  nachträglichen  Forderungen  nicht  so  hoch  sind,  wie
manche  hoffen  und  andere  fürchien,  sind  wir  —  das  heißft  die  Regierung  —
doch  überzeugt,  daß  wir  das  Unterhaus  überzeugen  PFonnen,  daß,  was  wir
fordern,  oweh  notwendig  als  genügend  ist..  Es  ist  meine  Ueberzeugung,
daß  ein  Krieg  in  unjerer  Generation  unmöglich  isl,  ja,  daß  die  wildeste
Einbildung  keinen  Krieg  in  abiebbarer  Zeit  vorausiehen  kann.  Eme  so
mächtige  Flotte,  wie  wir  sie  umterhalten,  kann  sich  natürlich  nicht  jo  irei
bewegen  wie  früher,  aber  wir  konmen  nicht  nur  eine  genügende  Streitmacht
  in  den  heimatlichen  Gewässern  unterhalten,  sondern  auch  jederzeit
        <pb n="354" />
        344  Erosbritanzis.  (Mai  16.—25.)

Expeditionen  zu  Sonderzwecken  ausrüsten.  Das  isß  eine  Aufgabe,  die  uns
mit  Stolz  erfüllen  wird.  Wir  t  lonnen  das  heute  tun,  nächsics  Jahr  und

Tätigkeit  s  eigenen  verengen  muß,  und  hier  setzt  die  Tätigkeit  der
sene,  starken  Tochter  Britonnias  ein.  In  Micftronen,  in  Neuseeland  und
mada  hat  man  das  bereits  begriffen.  n  scheint  mir,  daß  in  den  nächsten
8  Johen  unsere  Kolonien  eine  ·t  Ttigkeit  auf  den  Gebiete  des  Flotzenbaus
  entfalten  werden.  Dann  wird  es  an  der  teit  sein,  unjere  Aujgaben
u  teilen:  Wir  werden  die  Vrhedchene  zur  See  auf  dem  entscheidenden
unke  zu  verteidigen  haben,  während  die  Kolonien  alle  übrigen  Teile  des
britischen  Reiches  zu  schützen  haben  werden.  ..  Wenn  Krieg  ausbricht.
werden  unsere  überseeischen  Landsleute  nur  einen  Wunsch  haben,  nämlich
b,  dem  Feinde  da  entgegenzutreten,  wo  er  am  gefährlichsten  ist.“

16.  Mai.  (Unterhaus.)  Nach  viertägiger  Debatte  wird  die
Bill  betreffend  die  Trennung  von  Staat  und  Kirche  in  Wales  in
zweiter  Lesung  mit  348  gegen  267  Stimmen  in  zweiter  Lesung
angenommen.

20.  Mai.  Eine  Vermutung  üÜber  die  gebesserten  Beziehungen
mit  Dunchan,

Im  y  Graphic“  teilt  Lucien  Wolf  mit,  daß  eins  der  ersten
Geschäfte  *  38  v.  Marscha  all  sein  werde,  mit  Grey  eine  verbesserte
Jorm  des  englisch-  m  chen  Geheimvertrags  von  1898  über  die
portugiesischen  Kolonien  zu  vereinbaren.  Die  Souveränität  Portugals
werde  peinlich  reipelliert  werden,  und  ohne  seine  Zustimmung  zen  beineglei
polit  isches  oder  wirtschaftliches  Auftreten  in  den  Nolonien  geplont.  Bon
beiden  Seiten  wünsche  man  eine  Veroffentlichung  des  Verwages.

22.  Mai.  (London.)  Wegen  Verschwörung  und  Anstiftung
zu  den  Suffragettes-Ausschreitungen  werden  Frau  Pankhurst,  Frau
Pethick  Lawrence  und  ihr  Gemahl  zu  je  neun  Monaten  Gefängnis
verurteilt.

23.  Mai.  (London.)  Aus  der  Kede  des  Grasen  Wolff-Metternich
  bei  dem  ihm  zu  Ehren  gegebenen  Abschiedsbankett  der
deutschen  Kolonie:

ne  Aufgabe  war  es,  vorzubereiten.  Ich  hoffe  und  vertraue,  daß
es  meinem  Nachslger  beichieden  sein  wird,  die  Frucht  reifen  zu  sehen.  Nach
diejer  Abschweijung  verlasse  ich  das  Gebiet  der  Polilik.  Einem  Polschafter

*

steht  nicht  die  Freiheit  der  Rede  zu.  Vielleicht  kommt  noch  einmal  die  Stunde,
wo  ich  ohne  Verlebung  des  Delorums  mich  mit  Freimut  über  Vergangenheit
  und  Gegenwart  äußern  kann.“

23.—  25.  Mai.  (London.)  Unter  Führung  der  beiden  Leiter
der  „London  Carmen's  Trade  Union“  Ben  Tillett  und  Gosling
treten  100000  Mann  der  Hafenarbeiter  in  einen  Streik  ein,  um
die  vereinigten  Reeder  zur  Annahme  neuer  Arbeiksbedingungen  zu
wingen.
        <pb n="355" />
        Grehbrilannien.  (Juni  1.—19.)  345

Ihre  Forderungen  sind:  1.  das  grundsähliche  Recht  der  Gewerkschaftler,
  ein  Zusammenarbeiten  mit  Nichtgewerkschaftlern  zu  verweigern:
2.  eine  einheitliche,  im  ganzen  Hafengebiel  von  London  gültige  Lohnikala
für  das  Verfrachten  und  Ausladen  der  Schisse.

1.—2.  Juni.  (Malta.)  Ministerpräsident  Asquikh.  Marineminister
  Churchill  und  andere  Vertreter  der  Admiralität  treffen
sich  zu  einer  Konferenz  mit  Lord  Kitchener,  um  die  Frage  der
englischen  Seegeltung  auf  dem  Mittelländischen  Meer  zu  besprechen.

10.  Juni.  Der  Kriegsminister  Lord  Haldane  wird  als  Nachfolger
  des  zurückgetretenen  Lord  Loreburn  zum  Lordkangler  ernannt.

Sein  Nachso  hicer.  tat  Kriegsministerium  wird  der  bisherige  Unterstaakssekretär
  Oberst  S

11.  Juni.  #er  ###  Sir  Nufus  Isaacs  wird  vom
König  zum  Mitglied  des  Kabinetts  ernannt.

12.  Juni.  Seemannsausstände.

m  Bericht  der  Gewertschast  der  Dockarbeiter  betrãgt  die  Zahl
der  #S  nt  in  Swaniea  30XI),  in  Pi  hmouth  3500,  in  Southamwion  ##00,
in  Bristol  7000,  in  Sharpneß  2000  und  in  Saliord  1500  Mann.  Die  Gesamtzahl
  der  Ausständigen  im  Londe  beträgt  45

17.  Juni.  (Unterhaus.)  Einbringung  der  Wahlrechtsreformvorlage.


ur  Begründung  erklärt  der  Unterrichtsminister  Peace,  die  Vorlage
schaffe  dar  Pluralwahliystem  und  die  Vertretung  der  Universitäten  P  ,  aund
bescitige  alle  Anomalien,  die  im  Wahlgeiet  vorhanden  wären.  Die
Bedingung  für  Aueübng  des  Stimmrcchts  sei,  daß  der  Wähler  sechs  Mre
lang  ununterbrochen  seinen  Wohnütb  im  Wahlkreis  gehabt  oder  dort  jeinen
Beruf  ausgeübt  habe.  Die  Regierung  beabsichtige,  späte  eine  Vorlage
über  die  Acunicinns  der  Wahlkreise  einzubringen.  Es  sei  aber  vorher
notwendig,  daß  die  Wahtworlage  Gesenz  werde.  Gegenwärtig  besäßen  etwa
vier  Millionen  Männer  kein  Stimmrecht.  Es  sei  ausgerechuct  worden,  daß
ter  dem  neuen  Geseb  eiwa  2—21  Millionen  Stimmen  zu  der  Wähierschelt,
  hinzukommen  würden.  Der  Minister  erwähnte,  daß,  wenn  auch  den
Frauen  das.  Stmmrecht  gewährt  würde,  elwa  10  1  Millionen  Frauen
anbercchtig  wären.  Vor  dem  1.  Juni  1914  werde  das  Geienz  nicht  in
Kraft  treten.  Nur  im  Falle  einer  allgemeinen  Wahl  könne  es  vorher  zur
Anwendung  #ommen,  wwöhen  Nachwahlen  noch  nach  dem  allen  Wahlsostem
vorgenommen  werden  müßien.

18.  Juni.  (London.)  Ankunft  des  neuen  deutschen  Botschaiters
Frhrn.  Marschall  v.  Bieberstein.

18.  Juni.  (Cambridge.)  Der  bisherige  deutsche  Botschafter
Graf  Wolff-Melternich  wird  ehrenhalber  zum  Doktor  der  Rechte
promoviert.

19.  Juni.  (London.)  Schaßkanzler  Lloyd  George  wird  beim
Verlassen  der  Carton  Hall,  wo  er  einen  Bazar  eröffnet  hatte,  von
Suffragetten  überfallen  und  mißhandelt.
        <pb n="356" />
        316  Erostritms.  [uli  2.—10.)

2.  Juli.  (Oberhaus.)  Aus  der  Debatte  über  die  englische

Scemadt  .  Mittelmeer.
rassey  erklärte:  Nicht  —  habe  die  Verringerung

der  uan  notwendig  gewocht.  die  stattgefunden  habe,  um  die
Nordieeflotte  auf  eine  genügend  große  Stärke  zu  bringen,  sondern  ein  Vergleich
  der  dritischen  Heimatslotte  mit  der  deutschen  Hochseeflotte  zeige,  daß
die  bepberi  e  Stärle  der  britischen  Schiffe  völlig  ausreichend  gewesen  sei.
um  ieder  Moglichkeit  zu  begegnen.  Lord  Lansdowne  kreiste  die  möglichen
  Folgen  der  Zurückziehung  der  Schisse  aus  dem  Mittelmeer  auf  die
internationalen  Beziehungen  und  richtete  an  die  Regierung  die  Hite
etwas  zu  tun,  um  die  Besorgnis  vieler  Leute  zu  zerstreuen.  Seiner
icht  nach  *#  es  das  beste,  den  früheren  Zustond  im  Mittelmeer  huiensl
herzustellen

3.  Juli.  Das  Ergebnis  der  Untersuchung  über  das  „Titanic
Unglück.

Nach  36  Sitzungen  faßt  der  Borsitzende  des  Untersuchungskomitees,
Lord  Mersey,  das  Urkeil  dahin  zusammen:  Welche  Vorsichtsmaßregeln  das
Handelsomt  auch  häite  anordnen  mögen,  die  Verwegenheit  der  „Titanic=Osfäziere
  häne  sie  olle  zunichte  gemacht.  Es  sei  zu  hoffen,  daß  iein  Schiff
e  wieder  ein  so  völlig  unnötiges  Risiko  laufen  werde,  und  daß  jeder
Kopitän  sich  bewußt  werde,  daß  die  vaar  Tage  oder  Stunden,  die  länger
zu  einer  Reise  von  England  nach  Amerika  gebraucht  würden,  wenig  zu
bedeuren  hätten  gegenüber  der  ungeheuren  Geiahr  der  rüchsichtslosen
Rajerei  über  den  Ozean,  besonders  wenn  Warnungen  vorlägen.  Als  besondere
  Fehler  in  der  Führung  der  „Titanic“  bezeichnete  Lord  Mersen  den
Mangel  eines  genügenden  Ausgucks  und  die  unverminderte  Schnelliglei.
Er  erklärte  ferner,  er  könne  den  Rapilän  von  der  „California“,  die  die
Gefahrsignale  der  „Titanic“  gelehen  habc,  nicht  für  schuldig  befinden,  weil
das  Untersuckungskomitee  nich  über  ihn  zu  Gericht  gesehen
lei  indeitn  kein  Zweifel  darüber,  daß  er  die  Gejahrsign#ole  unbeachtet  gelassen


 

K  dal.  (London.)  Tagung  des  Reichsverkeidigungskomitees.

9.  Juli.  (Spithead.)  Bei  einer  Flottenparade  vor  den  Mitgliedern
  des  englischen  Unterhauses  find  238  Kriegsschiffe  versammelt,
  darunter  15  Dreadnonghts  und  3  Uberdreadnoughts.

Die  Schiife  slellen  in  Geld  einen  Wert  von  20000  Mill.  Mark  dar.

9.  Juli.  (Denabe  in  Wales.)  Durch  eine  Grubenkatastrophe
und  Verunglückung  bei  den  Rettungsversuchen  finden  in  der  Cadewy-Grube
  bei  Conisborough  75  Bergleute  den  Tod.

10.  Juli.  (Unterhaus.)  Erklärung  Sir  Edward  Greys
bei  der  Beratung  über  den  Etat  der  auswärtigen  Politik.

Wenn  das  englisch-russische  Uebereinkommen  nicht  bestände,  wäre  4
Exichah  noch  in  Persien,  und  die  Verhäliniise  dort  würden  schlim
sein,  als  sie  es  iett  icien.  Es  sei  schwer,  elwas  über  die  persijche  nlelse
zu  jagen,  doch  müsse  sie  dazu  benu#t  werden,  um  Ordnung  im  Süden  zu
schaffen.  England  würde  nicht  selbst  dort  Ordnung.  schaifen.  Besguch  der
vroscktierten  krausperü#schen  Bahn  müise  erst  ein  Abkommen  mit  Rußland
nber  die  volle  britiiche  Gleichberechtigung  sowie  über  die  Zweiglinien  ab-
        <pb n="357" />
        Ereftrilmsim.  (Juli  10)  347

geschlossen  werden.  Die  britische  Regierung  habe  die  Socicté  d'Etudes  benachrichtigt,
  daß  sie  sich  volle  Aktionsfreiheit  bezüglich  der  Deb#  vrbehalte
England  müsse  ein  genugend  sta  starkes  Geschwader  in  den  heimischen  Gewä
haben,  um  die  Sicrhest  des  Inselreichs  zu  gewährleisten,  und  —  h
nicht  allein  auf  seine  auswärtige  Politik  verlassg  i  cht  noͤtig.
eine  Flotte  im  Minelmeer  zu  halten,  die  eee  koen  sen  sei.
Andererseits  sei  es  notwendig,  dort  vertreten  zu  sein,  da  unpeoo  England  an
diplomatischer  Beachtung  verlieren  würde.  leich  niemand  dort  feindliche
  Anschläge  blane,  müsse  es  eine  Flotte  im  Mittelmeer  hallten,  die  stark
genug  sei,  daß  es  als  eine  der  Scnac  dn  „ibeeD  —  —
8  Honlen  bleibt  unverändert.  Ausgan  t  je  eder  Ent
in  unserer  europäischen  auswriigen  wut  n  rn  t
licher  Beziehungen  mit  Frank  Ne  das
als  ussngipnn  an,  dann  kosen  Sie  unn  die  beflinsglicheii  Be  iehunqen
mit  anderen  Ländern  haben.  Wenn  wir  Frankreich  Wu  Fzn
Einklang  mit  einer  r  großen  zrercich  Macht  und  a  gunem  din
hälmis  mit  ihr  sehen,  wie  es  durch  das  Jasammentreften  v  n  deutschen
und  des  russischen  hen  #as  ist,  so  h  wir  allen  Grund,  uns
ir  sind  Midlerhn  ber)tug,  daß  Frenereih
ußland  uns  nicht  minder  -reundlich  gesinnt  sind  als  wir  ihne
nichts,  was  gelegentlich  solcher  Zusammenkünfte  wie  der  lehten,  otsmseet
bringt  uns  Nachteile  oder  hinte  rläßt  eine  störende  Wirku
zichungen  zwischen  uns  und  Deutschland."“  (Beifall.)  E  verlas
Grey  das  ojfzielle  —  das  nach  der  Zusammenkunft  veröffentlicht
  wurde,  und  sagte,  er  Hale  eße  sich  dem  völlig  an.  Grey  sprach  sodann
auch  über  die  sruen  en  Verhandlungen  über  die  Bagdad-Basra-Eisenbahn.
  Die  Türkei  stehe  in  Unterhandlungen  mit  England  über  eine
Me  gr  eine  Eisenbahn  nterhatt,  Bagdad,  die  auch  Getgenstan  eines
Abkommens  der  Türkei  mit  Deutschland  sei,  durch  dos  Türkei  die
eshher  in  bezug  auf  die  Ehenbahntorten  knhrda,  Ve  wiedererlangt
  habe.  Die  deuische  Regierung  sei  vollkommen  davon  in  Kenninis
Ple  daß  jene  Verhandlungen  Forischrine  machten.  Wenn  durch  diese
Feizonot#nonn  deutsche  Interessen  berührt  werden,  donn  sind  wir  natürlich
  vollkommen  bereit,  die  Angelegenheit  mit  der  deutschen  Negierung  zu
erörtern,  aber  gegenwärtig  ist  die  Basis  der  Unterhandlungen  die,  ro“  wir

 

unsere  Zustimmung  dazu  geben  sollen,  daß  die  türkischen  Zölle,  die  die
Türkei  braucht,  erhöht  werden.  Ferner  ist  eine  ichtige  “n  die
r  zu  sichern  wünichen,  daß  zwischen  der  Türkei  und  uns  eine  Verzufriedenstellenden

  Status  quo  am  Gols,  durch  das  der  Türkei  vollkommen
klargemacht  werden  soll,  daß  wir  ihre  Rechte  in  diesem  Gebiet  nicht  verleten
  wollen,  und  durch  das  ebenso  klargemacht  werden  soll,  daß  unfere
besondere  Siellung  am  Goli,  der  wir  Wichtigkeit  beimessen,  diesen  Rechten
nicht  widerstreilet.  Diese  Unterhandlungen  sind  noch  nicht  zum  Adschiuß
gelangt.  Wir  sind  keinem  Sundikat  verpflichtet,  und  wir  werden  uns  keinem
Syndikat  verpflichten,  wenn  uns  die  Bediugung  gestellt  wird,  daß  die
Eisenbahn  über  Baesra  binansgehen  joll.  Sodann  kam  Grey  auf  die  transpersiiche
  Eisenbahn  zu  sprechen  und  iagte,  VGroßtbritannien  habe  erllärt,
wenn  die  Eisenbahn  gebaut  werden  solle,  o  müsie  England  sich  eine  groce#
Aktionsfreiheit  bezüglich  der  Konutruktionen,  der  Leilung,  der  Verwallung.
der  Vertretung  der  britischen  Intereisen,  der  Frocht=  und  Personemariie.
und  besonders  der  Spurweite  talio  keine  rufsische  Spurweilch)  ausbedingen,
  bevor  es  den  Pinn  unterstützen  könne.  Bevor  England  diesen
        <pb n="358" />
        348  Ersfbrikansien.  (Juli  12.—22.)

Plan  unterstützen  könne,  müsse  mit  Rußland  ein  Bertrag  zustande  kommen
über  die  Zweiglinien,  über  die  Kontrolle  der  Linien  in  der  bririschen
Sphäre  und  ort  edie  Gleichberechtigung  des  britischen  Berkehrs.  Grey  besprach
  auch  die  Lage  im  sernen  Osten  und  sagte,  die  augiranig  Politil
und  die  bepa  müßten  von  einander  abhöngen.  Die  Beziehungen
zwischen  der  englisch-jopanischen  Allianz  und  der  Fiosteusotege  seien  sehr
ge  Wert  der  japanischen  Allianz  liege  darin,  daß  trotz  all  der  Unbobenoigfen.
  in  China  und  der  Schwierigkeiten,  die  E  boan  erheben.
leinerlei  internationale  Komplikationen  entstanden  seien.  Die  japanische
Allianz  habe  nur  Gutes  gewirkt  und  habe  Engtand  nicht  ig  schlechte  Beziehungen
  zu  irgendeiner  fremden  Mocht  gebracht.  Im  Gegenteil,  die
Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Japan-  leien  jetzt  ausgezeichnet,  und  er
glaube,  die  Allianz  sei  mehr  denn  je  im  gegenseitigen  Interesse  der  beiden
Länder.  Sie  sei  mit  großer  Zurückhaltung  und  vollkommener  Loyalität
gegeneinender  dbeion  en  worden,  und  sie  sei  ein  Großer  wohltätiger  Faktor
in  der  Erhaltung  des  Friedens  im  sernen  Osten  g#

12.  Juli.  (Unterhaus.)  Die  Negiekengsor1age  über  die
Wahlrechtsreform  mit  Beseitigung  der  mehrfachen  Wahlberechtigung
und  des  aus  Besit  hergeleiteten  Wahlrechis  in  einem  fremden  Bezirk
  wird  in  zweiter  Lesung  mit  290  gegen  218  Stimmen  angenommen.


13.  Juli.  (Oxford.)  Die  Suffragette  Miß  Helen  Craggs.
Tochter  von  Sir  John  Craggs,  bekennt  sich  schuldig,  in  dem
Landschloß  des  Kolonialministers  Harcourt  Brandstiftung  versucht
zu  haben.

15.  Juli.  In  einem  Blaubuch  erscheint  ein  Bericht  des
britischen  Generalkonsuls  Sir  Roger  Casement,  der  im  Juli  1910
vom  Auswärtigen  Amt  damit  beauftragt  wurde,  Über  die  haarsträubende
  Behandlung  der  eingeborenen  Indianer  in  den  Gummiwäldern
  der  „Peruvian  Amagon  Company  Limited“  eine  Untersuchung
  angustellen.

15.  Juli.  Bei  Inkrasttreten  der  Arbeiterversicherung  protestieren
die  Dockarbeiter  in  Liverpool  und  London  durch  Arbeitsniederlegung
gegen  den  Zwang.  Beitragskarten  für  die  Versicherung  zu  erlangen.

16.  Juli.  Kolonialminister  Harcourt  präsidiert  im  Parlamentsgebäude
  einer  Versammlung,  in  der  beschlossen  wird,  jedem  Zusatzantrag
  zur  Wahlreform,  der  etwa  den  Frauen  ein  Stimmrecht  geben
könnte,  entgegenzutreten.

22.  Juli.  (Unterhaus).  Rede  des  Marineministers  Churchill
zur  Begründung  des  Ergänzungsetats  der  Flotte.

„Die  direkte  Ursache  des  Nachtragsetats  ist  dos  neue  deutsche
Flottengesetz.  Desien  Ziel  und  Charalter  wurden  bisher  vom  Ministertiich
  nicht  erklärt,  vom  Lande  nicht  erkannt.  Der  Charakter  des  deulschen

Geseucs  ist  nicht  die  Vermehrung  der  Linieuschisse,  sondern  die  Bermehrung
der  Schlachtbereitschaft  der  Schisie  aller  n#assen,  die  unminclbar  zu  allen
        <pb n="359" />
        Gresbrilannien.  (Juli  22.)  349

Jahrcsneiten  versügbar  sein  werden.  Ein  drittes  Geschwader  aus  acht
Scklachtschisfen  wird  geschaffen  und  in  voller  Bemannung  als  ein  Teil  der
ak#tiven  Schlachtslotte  erhalten  werden.  Vor  dem  neuen  Gesetz  bestand  die

kleinen  Kreuzern.  In  naher  Zukunft  wird  die  akrive  Flotie  aus  25  Schlachtschisfen,
  BZ.  Schlachtkreuzern  und  16  kleinen  Kreugern  bestehen,  und  während
icyt  nach  dem  geltenden  deulschen  Netrunserungoinstem  die  deutsche  Floue

m  Wimer  weniger  Bewegungskraost  beüttzt  als  im  Sommer,  wird  sie  kraft
0r  neuen  Gesetzes  ni  nicht  nur  verstärkt,  #benn  viel  schneller  berugter  lein.  “
Ungefähr  vier  Fünftel  der  gesamten  deutschen  Seemacht  würden  ständig  im
Dienst  und  voller  Kriegsbereitschaft  gehalten.  Eine  solche  Vorbereitung
wäre  bemerkenswert  und,  soweit  er  es  feststellen  könne,  gäbe  es  kein  ähnliches
  Beispiel  in  dem  bisherigen  Verhalten  der  modernen  Seemächte.  Eine
kühl  überlegende,  stetige,  methodische  Vorbereitung,  die  sich  auf  eine  Reihe
von  aufeinander  folgenden  Jahren  erstrecke,  könne  allein  den  Sicherheiusüberschuß
  einer  Seemacht  an  Sereilkräften  heben.  Die  Anspannung,  die
Großbritonnien  zu  tragen  haben  würde,  würde  eine  lange  und  langsame
sein,  und  keine  Hilse  könne  von  sser  imputiven  Fiellosen  Handlungsweise
gewonnen  werden.  Großbriton  müsse  von  seinen  deutschen  Nachbarn
lernen,  bei  denen  die  Nerrewolkl  uelschwnulsch  auf  ihr  ziel  losgehe.
„Wir  müssen  einen  großen  Ueberschuß  an  Stärke  haben,  der  sofort  bereit
sicht.=  Der  Fletenmachtrsgeeat  sehe  keine  übermäßig  große  Zahl  von
Neubauten  vor.  Aber  die  Anzahl  der  Schiffe,  welche  in  den  nächsten  Jahren
zu  bauen  seien,  mütse  die  Zifiern  übersteigen,  auf  denen  die  Admiralikat
sie  zu  halten  gehofit  habe.  Es  sei  vorgesehen,  weitere  Unterseeboolte  zu
bauen  und  der  Bau  von  leichtern  Kreuzern  sei  beichleunigt  worden.  Die
Vermehrung  der  Smeittres  der  deutschen  Fiotte,  wit  sie  durch  das  deulsche
Veeugrsen  kestgeiebt  sei,  ziehe  eine  Reorganisation  der  bririschen
Streitkräfte  nach  sich,  um  den  notwendigen  Soheheinsgornchn  zu  erhalten.
E#r  sch  un  vor,  die  Anzahl  der  voll  in  Dienst  geitellien  Schlachtichie  von

auf  33  zu  d  ethöhen.  Vom  Jahre  19111  an  würde  Großbritannien  füni
Schlachtschisgeschwader  haben  von  im  ganzen  41  Schlachtschien.  Vier  von
den  fünf  Geschwadern  würden  voll  in  Dienst  sichen.  Die  vorgeschlagenen
Mahnahmen  würden  nach  Ansicht  der  A#mirolidt  den  Bedürinissen  von
1914  bis  1915  angemeisen  jein.  —  „Der  rechte  Weg.  die  britiichen  Jntere####n
im  Minelmeer  zu  wahren,  besteht  bae  Fie,  lleinste  Zahl  von  midetn
Schiffen  zu  verwenden.  die  gur  genug  sind  für  die  Auigabe,  welche  sic
ersüllen  haben.  Wir  haben  daher  beschlosien,  sechs  ällere  Schlachtichifse  von
Malta  m*  und  sic  durch  vier  machnschifteuger  vom  Jnvincible-=inp
  zu  erses  Diei  eie  Schiffe  werden  im  Winter  dorihin  in  See  gehen
und  zun  nshen-  wird  ein  starkes  Sihtechuicissnescnwabr  verfügbar  sein,  das
im  Minelmeer  kreuzen  kann.  Wir  beabüchtigen  ferner,  die  Beschafienheit
der  Paonzerkreuzer,  welche  auf  Malta  bosiert  sind,  dadurch  zu  verbes#ern,
daß  wir  für  dieie  vier  Schiisse  vier  viel  stärkere  Panzerkreuzer  hinichucken.
Diese  Geichwader  sind  in  der  Leistonglobinbrir  ihrer  Geichüze  den  Schiü#en,
die  sie  erienen,  enorm  überlegen.  Die  Verbindung  von  Geichwindigkeir
und  Leiitungsiahigleit  der  Geichutze  bielet  große  Vorteile,  besonders  für
den  Schn#  des  Landels.  In  Vercinigung  mit  der  Flolle  Frankreichs  würde
dies  eine  vereinigte  SZnemacht  bilden,  die  stärker  ist  als  alle  möglichen
Kombinationen.  Dicic  Schiife  bonnen  in  den  Leimatgewäsiern  enlbehrt
werden,  weil  wir  ein  aro#es  verstarkttes  Uebergewicht  in  Panzerkrenzern
über  die  slärkste  Seemach  be  ejiben.  Es  wird  auch  möglich  jein,  die  Untericeboote
  und  zerstörerilotillen  in  Malla  zu  vermehren  und  eine  Torvedostation
  in  Aeandria  ein  mrichten.“
        <pb n="360" />
        350  Erostrilmsien.  (Juli  22.—31.)

22.  Juli.  (Immingham  bei  Grimsby.)  Einweihung  des
neuen  Hafens  durch  den  König.

22.  und  23.  Juli.  (Edinburg.)  Spionageprozeß  gegen  den
Deutschen  Hoarl.  Grave.

ie  wird  wegen  eines  Verrats  militärischer  Leheimnisse  bezüglich  der
#erbnkwir  zu  zwölf  Monaten  Gejängnis  verurteilt.

23.  Juli.  (London.)  Die  Vneraleerianmunng  der  „British
Medical  Association“,  die  23000  Arzte  umfaßt,  beschließt,  die  Verhandlungen
  mit  dem  Schatzekretär  Lloyd  George  über  ihre  Mitwirkung
  bei  der  Durchführung  des  Arbeiterversicherungsgesetzes  abzubrechen.


25.  Juli.  (Unterhaus.)  Premierminister  Asquilh  äußert
sich  bei  der  Beratung  des  Etats  des  Reichsverkeidigungsausschufses
über  die  auswärlige  Politik.

Ich  sage  es  mit  Ueberlegung,  daß  wir  keinen  Anlaß  haben  und,
soviel  ich  le  keine  Gelegenheit  für  einen  Zwist  mit  irgendeinem  Lande
in  irgendeinem  Teite  der  Well.  (Beifall.)  Wir  blicken  ohne  den  geringsten
Argwohn  und  ohne  Unzufriedenheit,  im  Gegenteil,  mit  Gleichmut  und  mehr
2  Gleichmut  auf  solche  besonderen  Umerredungen  und  Meinungsaustausche,

é6  sie  3.  B.  zwischen  Rußland  und  Deutschtand  stanmgesunden  haben.  Unsere
Nerenne  Aut  dem  großen  Deutschen  Reich  sind  in  diesem  Augenblick,
wie  ich  mich  freue  sagen  zu  können,  Vaepiciunnggen  vollkommener  Frcundschaft
  und  onlicninense  auten  Willens,  und  ich  bin  gewiß,  daß  sie  wabr
ichrinlich  so  bleiben  werden.  Lord  Daldauc  machte  im  Anjang  des  Jahres
in  Berlin  einen  Beiuch.  Er  trai  in  Unterredungen  und  Meinungsansiausche
ein,  die  leither  auf  beiden  Seiten  im  Geiste  vollkommener  Ossenheit  und
Frunsho  fortgeient  worden  sind,  und  ich  irene  mich  sagen  zu  können,
den  Vorkeil  der  Teilnahme  des  ganz  a  nieeche  Divlomaten
haben,  8  der  naijer  in  dies  Land  gejandt  hat.  „Beisall.)  Ich  sage,  uniere
Freundschaften  sind  in  keinem  Sinne  ansschliesiliche  nores  e  und
das  aus  sehr  auen  Gründen.  Das  größte  Interesse  Grosßbrikanniens  ist
der  Friede  der  We

27.  Juli.  Condon)  Das  Streikkomilee  des  Transportarbeilerverbandes
  erklärt  den  Hafenstreik  nach  zehnwöchiger  Dauer
für  beendek.

Es  war  ein  volliger  Mincriolg.

31.  Juli.  (London.)  Bei  einem  Streik  zwischen  Arbeitswilligen
  und  Streiklustigen  in  den  Victoria-Docks  werden  ein  Mann
gelötet  und  sieben  Mann  schwer  verletzl.

31.  Juli.  (Unterhaus.)  Beileidskundgebung  zum  Tode  des
Kaisers  von  Japan.

Aus  der  Begrudung  des  Premierministers  Aranith:  Unter  ieiner
Regierung  iei  Javan  aus  der  unnahbar  icheinenden  Absonderung  in  den
Vordergrund  der  Völkersamilie  netreten  und  eine  grose  Militär-  und  Marincmacht
  geworden,  die  glänzende  Leisungen  von  Ausdauer,  Manneszucht
        <pb n="361" />
        Erostriklsnnim.  (August  1.—  September  14.)  351

und  Heldenmut  vollbracht  haben.  Ich  kann  keinen  Namen  eines  Herrschers
nennen,  in  dessen  Regierungszeit  ein  so  unermeßlicher  und  bedeutungsvoller
Fortschrikt  sowohl  für  seine  Untertanen  als  auch  für  die  ganze  Menschheit
erreicht  worden  wäre.  Während  sich  alle  zu  einem  gemeinsamen  Tribut
der  gesamien  zivilisierten  Welt  dieser  äußersten  Vollendung  9genüber  vereinigen,
  möge  es  uns  gestattet  en  unsere  besondere  eigene
hinzuzufügen.  Seit  4#  Jahren  ist  Japan  mit  uns  durch  einen  Bündnisvertrag
  verbunden.  Dieses  Bü  wni  ist  seitdem  zweimal  erneuert  und  erweitert
  worden,  und  uw  o  es  die  Probe  bestanden  hat,  ruht  es  heute
auf  sesterer  und,  wie  ich  hofie  und  glaube,  dauernder  Grundlage.  Es  ist
ein  Bündnis  nicht  zun  Angriff  oder  zur  Lerakeiorerun,  berdan  für  die
Verteidigung  gemeinsamer  Interessen,  zur  Entwicklun  fe  Iree
Menschheit  und  vor  allem  zur  Erhaltung  des  Frierens.  E  chai

1.  August.  (Unterhaus.)  Die  Regierung  teilt  Au  daß
England  am  1.  September  seinen  Rücktritt  von  der  Brüffeler
Zuckerkonvention  notifizieren  und  am  1.  September  1913  austreten
  werde.

7.  August.  (Dublin.)  Die  beiden  Anhängerinnen  des  Frauenstimmrechts
  Gladys  Evans  und  Mary  Leigh,  die  während  des  Besuches
  des  Premierministers  Asquith  in  Dublin  am  18.  Juli  versucht
  hatten,  das  königliche  Theater  in  Brand  zu  siecken,  find  zu
fünf  Jahren  Zwangsarbeit  verurteilt  worden.

9.  August.  Die  Regierung  willigte  ein,  Persien  einen  weiteren
Vorschuß  zu  gewähren,  um  die  persische  Regierung  darin  zu  unterstützen,
  der  Lage  im  Süden  Persiens  wirksam  zu  begegnen.

20.  August.  (Hadley  Wood  bei  London.)  Der  General
der  Heilsarmee  William  Booth  1.  83  Jahre  alt.

An  seinem  Sarge  läßt  der  deuliche  Kaiser  einen  Kranz  aus  weisen
Lilien  niederlegen.

27.  August.  Die  „Westminster  Gazette“  über  das  amerikanische
Panamakanalgesetz:

Anicheinend  legt  Präsident  Tast  den  Hanu-Paunresoteverkrag  dahin
aus,  daß  die  Vereinig#ten  Sioaten  lediglich  verpflichtet  find,  allen  anderen
Slaaten  eine  nnvarkeiische  Meistbegünrigung  zu  gewähren,  während  die
amerikaniiche  Schiisfahrt  von  jeder  umer  den  Ve  rtrag  jallenden  Vervilichtung
ipso  iure  ireibleibi.  Vixlang  lam  es  niemauden  in  Europa  in  den  Sinn.
daß  bei  dem  Worilaut  des  Vertrages,  der  allen  Nationen  gleichberechtigle
Benusung  des  Nanals  veripricht,  die  Vereinigten  Staaten  für  sich  jelbst
eine  Ausnahme  Ponstrnieren  Ionmen.  Die  Zeilung  empsichn,  die  Frage
dem  Haager  Schiedegericht  vorzulegen.

14.  September.  (Belfast.)  Bei  einem  Fußballipiel  zwischen
einem  katholischen  und  einem  protestanln#schen  Klub  kommt  es  zu
einer  Rauferei,  bei  der  58  Personen  erheblich  verletzt  werden.

14.  September.  (Manöverseld  bei  Cambridge.)  Die
Armeemanöver  werden  in  der  Nacht  plötzlich  als  beendet  erklärt,
        <pb n="362" />
        352  Grestritannita.  (Septeniber  20.  -Oltober  7.)

weil  nach  dem  offiziellen  Bericht  sowohl  die  rote  Invasionsarmee
wie  die  blauen  Verteidiger  durch  ihre  fliegenden  Kundschafter  zuviel
von  den  Bewegungen  des  Gegners  erfahren  hatten  und  deshalb  zu
keiner  wirkungsvollen  Aktion  gelangen  konnten.

20.  September.  In  einem  Artikel  zur  Begrüßung  des  russischen
  Ministers  Ssasonow  betont  die  „Westminster  Gazette“  den
englischen  Standpunkt  in  der  persischen  Frage:  .

ach  unserer  bestimmten  Annahme  muß  die  Erörterung  zur  notwendigen
  Voraussetzung  haben,  daß  man  sich  ber  die  Erhaltung  Persiens
als  selbständigen  Pufferstaates  einig  ist.

21.  September.  (Londonderry.)  Nach  einer  Protestversammlung
  gegen  Homerule  unter  Vorfiy  des  Herzogs  von  Abercorn  kommt
es  auf  den  Straßen  zu  einem  Zusammenstoß  mit  dem  nationalistischen
Pöbel,  wobei  viele  Personen  verlezt  werden.

23.  September.  (Liverpool.)  An  einer  Demonstration  gegen
Homerule  für  Irland  beteiligen  sich  100000  Personen.

25.  September.  Das  Ergebnis  der  Besprechungen  des  ruffischen
  Ministers  Ssasonow  mit  Sir  Edward  Grey  in  Balmoral
und  London  üÜber  die  balkanischen  Angelegenheiten.

Es  verlautet  darüber,  daß  Ssosonow  angestrengte  Bersuche  gemacht
  hat,  seinen  englischen  Kollegen  für  eine  Gruppenpolilik  gegenüber
den  Balkanstaaten  zu  gewinnen.  Er  e  mpfahl  eine  Wiederholung  seines
misglückten  vorjährigen  Versuches  einer  don  Rußland  gelahrien  beionderen
Einmischung  der  Mächte  des  dreifachen  Einvernehmens.  Sir  Edward  Grey
wollte  keine  *  der  Möchte  des  dreijachen  Einvernehmens,  sondern
  bestand  daraus,  sich  der  Anregung  Oesterreichs  anzuschliehen  und  in
Gemeinschaft  mit  dem  Dreibund  für  die  Verhinderung  des  KArieges  auf  dem
Bolkan  und  für  die  Durchführung  der  Veriprechungen,  die  den  christlichen
Nationalitäten  der  Türkei  gemacht  worden  sind,  einzutreten.  Er  verteidigte
dem  russischen  Minister  gegenüber  beharrlich  den  Slandpunkt,  daß  diese
Dazwiichenkunit  eine  allgemeine  europäische  Angelegenheit  und  nicht  die
kier  ewore  von  Mächten  sei,  die  sich  in  einen  Gegensaß  zu  einer  anderen
Gruppe  stellt.

24.—26.  September.  Bei  den  Flottenmanövern  an  der  Östlüste
  gelingt  es  zweimal  dem  Invasionsgeschwader,  an  der  Küste
von  Yorkihire  und  in  Berwick  Truppen  zu  landen  und  die  feindliche
  Flagge  zu  hissen.

7.  Oktober.  Als  letzte  der  Großmächte  erklärt  England  seine
Zustimmung  zu  der  Formel  Poincares  für  eine  Friedensaktion  auf
der  Balkanhalbinsel.

7.  Oktober.  (Cambridge.)  Der  Anglizist  Prof.  Dr.  Walter
Milliam  Skeat  f.  76  Jahre  alt.
        <pb n="363" />
        Erebrilenzies.  (Okiober  12.—31.)  353

12.  Oktober.  (Portsmouth.)  Siapellauf  des  Uberdreadnought
„Iron  Duke“.

15.  Oktober.  (Unterhaus.)  Die  von  der  Regierung  vorgeschlagene
  Guillotineresolution,  durch  die  die  Beratung  über  die
Homerulebill  auf  36  Tage  beschränkt  werden  soll,  wird  mit  203
gegen  100  Stimmen  angenommen.

29.  Oktober.  (Unterhaus.)  Zur  Rede  des  bord  Noberts.

die  Unfrage  des  Abg.  Mhitehouse  an  Sir  Edward  Grey,  ob
von  seiten  Deutschlands  bezüglich  der  Rede  Lord  Nober  in  Phe

k  Ollober  Vorstellungen  erhoben  worden  seien,  enigegnete  Grey:  Es
sind  bei  uns  von  seifen  Deutschlands  keine  Vorstellungen  gemacht  worden.
Ich  muß  den  Gedanken  durchaus  ablehnen,  es  könnte  eine  Regierung  bei
einer  anderen  offizielle  Vorstellungen  haeneben  wegen  unkinger  und  prokutet
  Reden  (Beifoll  bei  den  Ministeriellen),  die  in  Deutschland  oder

von  Perjonen  gehallen  worden  find,  die  nicht  in  der  Lage  sind,
dies  taden  ihrer  Regierungen  zu  beeinflussen.  Auch  der  Slaatssekretär  im
Kriegsamt  Oberst  Seely  wurde  wegen  desselben  Gegenstandes  von  Whitehouie
  interpelliert,  der  anfragte,  ob  Maßnahmen  ergrifien  werden  widen
einen  Vertreter  der  britischen  Armee  daran  zu  hindern,  eine  Sprache  3
gebrauchen,  die  eine  befreundete  Macht  abfällig  beurteile.  Seely  Fse
er  glaube  nicht,  daß  er  der  Erklärung  Greys  noch  etwas  Wesentliches  hinzusügen
  könne,

S1.  Okltober.  (Unterhaus.)  Greys  Antworten  auf  Anfragen
über  die  Lage  auf  der  Balkanhalbinsel.

Der  Liberale  King  richteie  solgende  „#ttag.  an  die  Regierung:

„Erstens,  ob  die  Großmächte  vor  Ausbruch  des  #rieges  auf  dem  Vollan
äbereingekommen  seien,  den  Stainsano  ousrechtzuerhaleen;  FHoeitens,  ob  ein
solcher  Beschluß  den  Balkanstaaten  mitgeleilt  worden  sei;  dritens,  ob  insolge
  der  Eriotge  der  Verbündeten  weitere  Mitteilungen  über  diesen  Gegen
stand  zwischen  den  Großmächten  ansgelauscht  worden  seien,  und  ob  es  d
Politik  Großbritanniens  und  der  Grosmächie  sei,  die  territoriale  bersschen
der  Türkei  über  Mazedonien  oirechluerhaheen.  k06  ranch  das  Ergebnis
des  gegenwärtigen  Rrieges  sein  moge.“  —  Sir  Edward  Grey  erwiderte:

„Die  Antwort  auf  die  ersten  beiden  Fragen  ist  danaen  und  das  steht
nicht  im  Widerivruch  zu  den  Erklärungen,  die  die  Baltanstaaten  selbst  am
Vorabend  des  Arieges  abgegeben  haben.  Was  die  dritte  Frage  anbetriftt,
so  find  Miutriunen  zwischen  allen  interesieerten  Großmäöchten  ariucht
worden  über  die  Veränderung  der  Lage,  die  sich  aus  dem  Verlauf  des
Krieges  ergibt,  und  im  Hinblick  vanau  wäre  es  im  gee  ean  m#
vunkt  nicht  ratsam,  irgeudeine  Erklärung  über  die  Politik  der  bririschen
Regierung  und  der  anderen  Mächte  zu  machen,  die,  wie  ich  mit  Vergnũgen
sogen  kann,  den  von  Anfang  an  augenommenen  Rurs,  lich  unlereinander
zu  verständigen,  beibebalten.  Das  Daus  kann  verüchert  *  daß  ich  Er-Morungen
  abgeben  werde,  sobald  es  möglich  ist.  Aber  ich  hoffe,  das  Haus

ird  die  Schwierigkeit  würdigen,  geiondert  Erklärungen  über  uniere  eigenen
###stcen  zu  geben  in  dem  Angenblid,  wo  es  unier  ersies  Ziel  ist,  uns  in
Verbindung  mu  den  andern  Mächten  zu  hallen  und  eine  Einigung  unter
ihnen  zu  sörd
8  ie  King  fragte  weiter,  ob  vom  Auswärtigen  Amte  Schritte
umiernonunen  würden,  um  zu  verhüten,  daß  Finanzleute  den  nriegjührenden
Curopnischer  Geschich#slalender.  I.  111.  23
        <pb n="364" />
        354  En#t#tmin.  (November  1.—9.)

auf  dem  Lalkan,  Heldmmiuel  lieferten.  –  Grey  erwiderte:  Die
Antwort  laute  A.  Er  glaube,  daß  olchen  Jälen  gebräuchlich  sei,  die
Finanzleule  üren-  #gene  Weg  ghen“  l  asten

1.  November.  Die  Mitglieder  der  deutsch-englischen  Verständigungskonferenz
  werden  vom  König  zur  Besichtigung  des
Schlosses  Windsor  eingeladen.

2.  November.  Um  das  dritte  englische  Geschwader,  das  sich
bereits  auf  dem  Wege  nach  dem  östlichen  Mittelmeer  befindet,  zu
verstärken,  wird  die  7.  Torpedobootsflottille  und  die  5.  Zerstbrerflottille
  schleunigst  mobil  gemacht.  .

6.  November.  (Manchester.)  Lord  Roberts  kommentiert
seine  Rede.

„Ma  hher  Guardian=  veröffentlicht  eine  Zuschrift  Lord  Neberte
worin  er  sich  gegen  die  mißverstandene  Auelehung  eiger.  in  Manche
gehaltenen  Rede  wendet.  Noberts  schreibt:  „Die  Auffasfung,  daß  ich  erp
englische  Politik  dringend  empfohlen  häne,  England  sollte  Härter  Ihen
als  Deutschland  und  dann  Deutcchland  bekriegen,  ganz  gleich,  es  sich
um  eine  gerechte  Sache  handle  oder  nicht,  jao  jogar  ob  ein  Bucob-  bestehe

nicht,  nur  weil  England  glaube,  siegen  zu  können,  diese  Auffassung
—  mir  so  fremd,  jo  zuwider,  daß  ich  außerstande  bin,  zu  verstehen,  wie
sie  mir  zugeichrieben  oder  aus  meiner  Rede  herausgelesen  werden  konnte.“
Roberts  erklärt  weiter,  seine  Rede  sowie  alle  seine  #engchungen  bezweckten
lediglich,  seinen  Mitbürgern  die  schreckliche  Gejahr  deutlich  zu  machen,  in
der  sich  England  als  Narion  allein  befinde,  ungeinien  unorganisiert  und
unbewafsnet  inmitten  Europas,  wo  nicht  nur  die  Großmächte,  sondern  auch
lleinere  Staaten  als  Völker  in  Waffen  daständen.

6.  November.  (Unterhaus.)  Der  Zusatzantrag  des  Abgeordneten
  Snowden  zur  Homerulebill,  für  das  irische  Unterhaus
das  Frauenstimmrecht  einzuführen,  wurde  mit  der  ungewöhnlich
großen  Mehrheit  von  314  gegen  141  Stimmen  abgelehnt.

9.  November.  Aus  der  Gild  Hall-Rede  des  Marineministers
Churchill:

„Es  ist  im  leyien  Jahre  durch  die  osere  Aussprache  über  die  *
sragen  kein  Schaden  geicheden.  Im  Gegemeil,  der  Erjolg  wa  ri—t  r
Die  Deutichen  sind  eine  NRation  von  8  Geist  und  hohem  Jarienn  #
Ehre  und  ehrliches  Spiel.  Sie  ichen  die  Vorkommmise  mit  praktischem,
Mmilitárischem  Geist  an  und  lieben  die  Tatsachen  offen  und  gerade
(s#uarely)  vor  sich  zu  stellen,  und  wiiche  8  daß  sie  ihnen  aus  Bedorgnis,
  sie  würden  durch  dieielben  erichreckt,  verhüllt  geboten  werden.
Die  Beziehungen  zwischen  den  beien  Ländern  haben  sich  im  Laufe  des
Jahres  ständig  gebessert.  Sie  haben  sich  Nändig  gebeiert,  obwohl  wir
gleichzeitig  immer  wieder  unseren  Enlichlun  belundet  haben,  unsere  Supre  ·
matie  zu  wahren,  und  der  besie  Weg.  dieie  Beziehungen  ganz  und  gar
geinnd  und  erivrießlich  zu  gestalten,  in,  sortzuiahren  und  dieier  Flotteurivalirãt
  ein  Ende  zu  machen,  indem  wir  den  Beweis  lieijern,  dan  wir  nicht

enerholt  werden  könuen.“  (Anhallender  Beifall.)
        <pb n="365" />
        Grostritannien.  (November  11.  12.)  355

11.  November.  (Unterhaus.)  Bei  der  Beratung  über  die
Homerulebill  wird  das  Amendement  des  unionistischen  Mitgliedes
Sir  Frederic  Banbury,  daß  der  gesamie  Beitrag  des  Reichsfislus
zum  irischen  Schatzamt  2½  Mill.  Pfund  jährlich  nicht  überschreiten
dürfe,  krotz  des  Widerspruches  des  Generalpostmeisters  Herbert  Samuel
mit  228  gegen  206  Stimmen  angenommen.

12.  November.  (Unterhaus.)  Sturmszenen  infolge  des  Antrages
  des  Premierministers,  das  am  Montag,  den  11.  November,
von  einer  Zufallsmehrheit  der  Oppofition  angenommene  Amendement
Banbury  zum  Homerulegesetz  für  ungültig.  zu  erklären.

Zunächst  erklärte  der  Sprecher  in  einer  Erwiderung  auf  eine  Bemerkung
  Bonar  Laws,  es  sei  zwar  kein  Präzedenzfall  dafür  vorhanden,
daß  das  Haus  im  Berlauf  berd  Verhandlungen  einer  Bill  einen  Beschluß
zurücknehme.  Asquiths  Antrag  sei  ob¾r.  ordnungsgemäß#.  Asquith,  der
von  den  Ministeriellen  mit  lauten  Zurusen  begrah  wurde,  hob  die  Bedeutung
  des  Amendements  Banburys  hewor,  meinte  aber,  daß  die  Unnahme
  dieses  Amendements  nicht  die  wirkliche  Ansicht  des  Hauses  darstelle,
v5s  die  Regierung  in  den  letzten  fünfzehn  Tagen  während  der  Debatte  Über

e  Bill  Majoritäten  von  durchschnit  slich  106  Stimmen  gehabt  und  die
FSerchgonalen  vergangene  Woche  in  einem  früheren  Stadium  der  Bill
einer  Majorität  von  121  Stimmen  ohne  Zujayanträge  angenommen
worden  sei.  Unter  diesen  umstanden  glaube  die  Regierung,  das  Haus  müsse
elegenheit  Fratten  V  sich  zu  entscheiden,  ob  es  bei  der  Annahme  von
fos  Amen  dement“  Hclben  nnn  W  nicht.  Asquith  schloß:  „Die
P  17  erust;  wenn  das  Haus  seinen  Beichth  nicht  rückgängig  macht,
kann  die  Regierung  nicht  weiter  bleiben  (Beisall  bei  der  Oovosition),  da
das  Amendement  den  finanziellen  Bestimmungen  der  Bill  einen  tödlichen
Streich  versetzt  hat.“  Ueber  die  Frage  des  Rücktritts  erkläric  Adauith:
„Die  Regierungsmajoritäten  im  Hause  sind  während  der  leuten  sechs  Wochen
immer  größer  geworden.  Unter  dicien  Umtänden,  ganz  abgeichen  von
einigen.  anderen  Gründen,  über  die  ich  nicht  weiter  ivrechen  will,  die  aber
einen  Wechjel  in  der  Regierung  in  diesem  Angenblick  im  ösfientlichen
Iniereise  möglicherweise  zu  einer  Lue  von  Wirrnis  und  Verlegenheit
wachen  könmen,  denke  ich,  daß,  wenn  die  Regierung  jent  verzichten  würde,
so  würde  sie  gegen  die  besten  u  ver-  englischen  Politik  und  gegen
ihre  irhn  verüoßen.“  (Beifall  bei  den  Miniseeriellen.)  —  Der
Führer  der  Oyvosition  Bonar  Law  führte  aus:  „Nur  zwei  ehrenvolle
Möglichkeiten  Morlden  der  Regierung  oiien,  nämlich  Rücktrin  oder  Auf.
loinng.  Ich  mache  iedoch  eine  Einichränkung:  Asauith  bezog  sich  auf  die
auswöriige  Lage.  Ich  gebe  durchaus  zu,  daß  dies  vital  ist,  und  ich  mochte
nicht  wünschen,  da#n  die  iegierung  unter  den  gegeruwärtigen  Umständen
zurücktritt  oder  auflost.  Die  Regierung  könnte  auf  die  hochherzige  Unierstützung
  der  Opposition  rechnen,  bis  die  Ar#ü##  vorüber  ist,  aber  dann  müßte
die  Regierung  natürlich  nach  Beendigung  der  Ariüs  an  das  Land  apvpellieren.
Mit  ihrem  jenigen  Verfahren  hat  die  Regierung  das  Recht  jür  üch  in
Auspruch  ——  Zu  inn,  was  ihr  beliebt,  ohne  Rücksicht  aui  das  Volk,
das  zu  vertreien  sic  vorgibt.  Im  Lause  der  erhi#ten  Debanc  nannte  der
Unionist  Sir  William  Bull  den  Premierwinifer  einen  Verräler.  Er  wurde
zur  Ordnung  gernien,  und  als  er  sich  weigerie,  den  Auedruck  zurückzunchmen,
  von  dem  Svrecher  aus  dem  Sranss  gewieien.  Bull  leine#  der
2%6
        <pb n="366" />
        356  Grehbrilannien.  (November  13.—198.)

Aufforderung  Fealge,  u  verließ  das  Haus.  Neuerliche  erregte  Szenen  ereigneten
  sich,  a  Opposition  dem  (Generalstaatsanwalt  dadurch  daß
sie  ihn  nhere  d  8  Sprechen  unmoglich  machle.  Nachdem  der  Lärm
eine  Zeitlang  angedauert  halte,  vertagte  der  Sorecher  mil  Rücksicht  auf  die
schwere  Unordnung  unter  lautem  Beifall  der  Opposition  die  Situng  um
eine  Stunde.  Ales  das  Haus  sich  wieder  versammelt  haite,  zeigte  es  sich,
daß  die  Cpposition  ———  die  Tekit  der  Unruhe  sortzusetzen.  Sobald
  der  Gencralstaatsanwalt  sich  wieder  erhob,  um  zu  sprechen,  brach  der
Lärm  von  neuem  los.  Der  wilech  der,  rchoon  nohm  seinen  ast  s  wieder
ein.  Nun  wollte  der  Unionist  Helmelen  das  Wort  ergreifen,
Opposition  schrie  forigejetzt:  „Vertagen!"“  Schließlich  vemagte  der  Sechechie
unser  grobem  Beifall  der  Opposition  das  Haus  auf  morgen.  Als  Asquith

die  anderen  Minister  das  Unterhaus  verließen,  brachten  ihnen  ihre
Partenkremnde  lebhafte  Duldigungen  dar.  Die  Opposition  dagene  Häf
hautte  e  und  schrie:  „Abzug!  Neine  Homernle!“  Ein  Unionist  warf  #

den  Ministern,  das  Churchill  am  Kinn  traf.  Nach  bgultt,  P70h
n  Papier  geworfen,  Hoch  wurde  des  Premierminister  nicht  getrofsen.
Naa  uri  auf  Asanith  wäre  es  beinohe  zu  Schlägen  gekommen,
denn  die  Minhkirieuen  chun  Miene,  sich  auf  den  Angreiser  zu  Harzen
Da  sich  aber  mehrere  Reihen  Bänke  va  zwischen  besanden,  so  machte  sich

t  Zorn  der  Ministeriellen  nur  in  heftigen  Rufen  Lu#t,  die  von  der

Gegenseite  ebenso  heitig  erwidert  wurden.  Seit  Jawen“  bat  sich  im  Hause
nicht  eine  so  erregte  Szene  zugetragen,  wie  diesen

13.  November.  Der  Gesandte  in  Stockholm,  Ern  Cecil  Arthur
Spring  Nice,  wird  an  Stelle  des  zurückgetretenen  Botschafters  Bryce
zum  Botschafter  in  Washington  ernannt.

14.  November.  (Unterhaus.)  Der  Sprecher  erklärt  nach
Erledigung  der  Anfragen,  er  halte  im  Interesse  beider  Parteien
eine  längere  Vertagung  für  angemessen,  um  Zeit  zur  Auffindung
einer  Lösung  der  Differenzen  zu  finden,  die  zu  den  gestrigen  Szenen
führlen.

Asauith  erllärte  sich  damit  einverstanden  und  beantragle  Vertagung
  des  Dauies  bis  nächiten  Montag.  Bonar  Law  schloß  sich  dem
Autrag  an,  der  einstimmig  angenommen  wurde.

15.  November.  (Windsor.)  Der  deutsche  Botschafter  Fürst
Lichnowsly  überreicht  sein  Beglaubigungsschreiben

18.  November.  (Unterhaus.)  Kompromiß  über  den  Konflikt
in  der  Behandlung  der  irischen  Homerulebill.

Wie  der  Premierminier  Asauith  kundgab,  hat  man  sich  entschloisen,
  slan  rinioch  die  Banbury-  Klaujel  zu  widerruien,  wos  die  Obsunnion
  der  Tories  unmöglich  machte,  den  ganzen  von  den  iriichen
Finanzen  handeinden  Teil  der  Vorlage  durch  Ablehnung  zurückzuzichen,
das  Haus  darüber  nochmals  im  nomitee  verhandeln  zu  lasfen  und  ihm
schlienlich  eine  neue  Finanzresolmion  vorzulegen.  die  nach  dem  Herlommen
sachliche  Arnderungen  gegenuber  der  früheren  auiweiien  muß.  Demgemäß
musiten  die  Liberalen  ihr  bisheriges  Werk,  joweit  es  die  iriichen  Finanzen
berriiit.  laiieten.  Dies  geschah  ohne  —  Die  Nonservativen
redeten  und  stimmten  zu  dirier  Sach  e  uicht,  jondern  es  war  die  Parole

„Siilljchweigen“  ausgegeben  worden;  Herr  Vonar  Law  lien  sich  nicht
        <pb n="367" />
        Eretritemi#.  (November  28.—Dezember  9.)  357

einmal  dazu  herbei,  dem  takloollen  Herkommen  und  dem  Beispiele  des
Premierministers  zu  folgen  und  die  vermittelnde  Tätigkeit  des  Sprechers
anzuerkennen.  Dieser  surde  von  mehreren  Radikalen  vorsichtig  an-Lecrilen
  n  weil  er  der  konservativen  Obstcuktion  nicht  energischer  entgegengetrei


28.  November.  Der  Minister  des  Auswärtigen  Sir  Edward
Grey  hat  den  Gcoßmächten  den  Vorschlag  zu  einer  in  einer
europäischen  Hauptstadt  abzuhaltenden  Botschafterkonferen)  gemacht
mit  dem  Programm:  1.  Die  albanische  Frage,  2.  die  Frage  der
ägäischen  Inseln  und  3.  die  Meerengenfrage.

23.  November.  Churchill  hält  als  Gast  des  Achtzig  Klubs
im  G,uterton  Restaurant  eine  Rede  Über  die  internationale  Lage.

Zwischen  Oesterreich  und  Rußland  beständen  ztungehenr.  Disfferenzen
  derr  m—  sowohl  wie  des  Interesses,  doch  keine,  welche  Geduld
  und  Huter  Wille  nicht  überwinden  könnten.  Die  christlichen  Narionen
blickten  auf  die  beiden  bochgcachteten  sricdliebenden  Monarchen  dieser  Länder
und  hoisten,  daß  die  Monarchie  sich  als  eine  Feste  des  europädischen  Friedeus
erweisen  werde.  Ein  ebenso  großer  Wemnt  trenne  Rußland  und  Oesterreich
  von  den  westlichen  Mächten.  Deutichland,  Frankreich,  Zulien  und
Eugland  lebten  in  Frieden  und  wünichten  nur  Frieden.  Wenn  ein  allgemeiner
  Krieg  ausbreche,  könne  er  Europa  in  die  Varbarei  des  Mittelalters
  zurückoeriezen.  Die  Politik,  die  Euhtanss  unter  Sir  Edward  Gren
und  Mr.  Aauith  befolge,  jei,  den  Krieg  der  Balkan-Halbinsel  einzure
  und  die  leginimen  Ineeressen  rt  Bültarwolter  zu  tördern.

3#.  November.  (London.)  Rede  des  deutschen  Botschafters
Fürsten  #s  als  Gast  der  Royal  Society:
le  Band  zwischen  den  Volkern  ist  der  gemeinsame  Kamof
gegen  Unwiß  hett  —  Elend.  Die  seit  langem  bestehende  geistige  Gemeinschaft
  zwischen  Deutschland  und  England  wird  allen  zugute  kommen,  die  auf  die
Harmonie  zwischen  den  beiden  verwandten  Völkern  hinarbeiten.  Ich  konn
versichern,  daß  Deuschland  und  England  beieinander  stehen,  um  den  Frieden
Europos  auftechtzuerhalten.  Niemals  sind  unsere  Beziehungem  ol#cner  und
freundschaftlicher  gewesen  als  heute.  Mein  wichligstes  Bestreben  ist,  dieien
so  hoffnungsvollen  ustand  zu  --  meiner  hiesigen  Laufbahn  zum  Wohle
beider  Narfonen  weiter  zu  fördern

6.  Dezember.  An  Stelle  uo  aus  Gesundheilsrücksichten  zurücktretenden
  Admirals  Bridgeman  ist  Admiral  Prinz  Louis  v.  Batienberg
  zum  Ersten  Seelord  der  Admiralität  ernannt  worden.  Der
Nachfolger  des  Prinzen  v.  Battenberg  als  Zweiter  Seelord  wird
Bigeadmiral  Jellicoe.

9.  Dezember.  Das  Auswärtige  Amt  verösfentlicht  eine  Note
vom  14.  November  an  den  Botschafter  in  Washington  zur  Weilergabe
  an  Staatssekretär  Knox,  in  der  gegen  die  Bevorzugung  der
Amerikaner  bei  den  vorgeschlagenen  Panama-Kanal-Zöllen  protestiert
  wird.
        <pb n="368" />
        358  Grehbritannien.  (Dezember  11.  -23.)

Die  Botfchaft  schließt,  Grey  blicke  mit  Vertrauen  auf  die  Regierung
der  Vereinigten  Staaten,  daß  in  der  Veiörderung  der  amerikanischen  Schifffahrtsinteressen
  nichts  getan  werde,  um  die  vertragsmäßigen  Bürgschaften  für
die  britische  Schiffahrt  zu  verschlechtern.

11.  Dezember.  Die  Admiralitat.  erwirbt  ein  Luftschiff  von
der  Berliner  Parsevalgesellschaft.

4.  Dezember.  (London.)  Zusammentritt  der  Friedensbevollmächtigten
  der  Türkei,  Bulgariens,  Serbiens  und  Montenegros
im  St.  James-Palaste.

15.  Dezember.  (London.)  Der  amerikanische  Botschafter
Whitelaw  Reid,  der  auch  als  politischer  Schriftsteller  hervorgetreten
ist.  1.  75  Jahre  alt.

16.  Dezember.  (London.)  Ersle  Sitzung  der  Friedensdelegierten.
Sir  ris  Grey  Ehrenvorsitzender.

der  griechische  Verireter  Venizelos  hat  sich  eingestellt,  und  es
wird  verabreben  daß  der  Vorsitz  abw  Sans  elnd  nach  der  alphabekischen  Reihenfolge
  der  Staaten  geführt  werden  soll

17.  Dezember.  (Aldershot.)  Der  große  Militärluftkreuzer
„Beta“  geht  in  den  Bäumen  des  Landsißes  der  Kaiserin  Eugenie
vollständig  in  Trümmer.

17.  Dezember.  (London.)  Die  türkischen  Delegierten  der
Friedenskonferenz  erklären,  daß  ihnen  ihre  Instruktionen  nicht  gestatten,
  mit  dem  Vertreter  Griechenlands,  das  den  Wassenstillstand
nicht  unterzeichnet  hat,  Unterhandlungen  zu  pflegen.  Es  ktritt
deshalb  eine  Vertagung  der  Konferenz  ein.

17.  Dezember.  (London.)  Eröffnung  der  Konferenz  der  Botschafter
  der  Großmächte  im  Auswärtigen  Amt.

20.  Dezember.  (London.)  Die  Reunion  der  Botschafter  der
sechs  Großmächte  Europas  empfiehlt,  daß  Albanien  autonom  werden
solle,  mit  der  Slipulation,  daß  Serbien  einen  Handelszugang  zum
Adriatischen  Meere  garantiert  erhalte.

2l.  Dezember.  (London.)  Die  Friedenskonferenz  vertagt  sich
ohne  Ergebnis  um  zwei  Tage,  da  die  türkischen  Delegierten  erklärten,
  wegen  der  Verproviantierung  Abrianopels  neue  Instruklionen
einholen  zu  müssen.

23.  Dezember.  (London.)  Die  kürkischen  Friedensunterhändler
verzichten  darauf,  die  Bewilligung  der  Verproviantierung  Adrianopels.
zur  Bedingung  von  Verhandlungen  mit  der  Gesamtliga  einschließlich
rischenland  zu  machen.

rage  bleibt  direkter  Verhandlung  zwischen  Ronttautinopel  und
Sofia  vorbchehen  und  icheidel  aus  den  Uonierenzbebalen  aue.
        <pb n="369" />
        Groitritamirn.  (Dezember  23.)  359

W..  Dezember.  (London.)  Die  Gegenvorschläge  der  türkischen
Delegierten.

1.  Das  Vilajet  Adrianopel  bleibt  unter  der  direlten  Verwaltung
der  Türk  sesde  2.  Mazedonien  wird  in  r  sn  stentum  umgewandelt  mit
Saloniki  als  Hauptstadt.  Es  steht  unter  der  Suzeränität  des  Sultans,
jedoch  unter  einem  von  den  eorsht  gewählten  Fürsten,  der  vom
Sultan  ernannt  wird.  Der  Fürst  so  ll  otestant  und  Zue  einem  neutralen
Staat  sein.  3.  Albanien  wird  #a##  *  unter  der  Souvderänität  des
Sultans  und  unter  einem  Fürsten  8  der  laiserlich  r  we  Familie,
der  für  fünf  Jahre  gewählt  wird  mit  der  Mchteit,  der  Wiederwahl.
4.  Alle  ägäischen  Inseln  bleiben  türkisch.  5.  Die  kretische  Frage
wird  von  der  Konferengz  nicht  behandelt,  sondern  zwischen  der  Türkei  und
den  Großmächten  geregelt  werden.
        <pb n="370" />
        VI.

Frankreich.

1.  Januar.  Der  aus  der  deutschen  Festungshaft  entwichene
Spion  Hauptmann  Lux  wird  von  seinem  Obersten  und  vom  Chef
des  Generalstabs  General  Dubail  zum  Kriegsminister  Messimy  geführt
  und  von  diesem  ehrenvoll  empfangen.

6.  Januar.  Der  Mehrertrag  der  indirekten  Steuern  und
Monopole  über  den  Voranschlag  hinaus  betrug  für  das  Jahr  1911
338  Millionen  Francs,  wovon  212  Millionen  auf  die  Zolleinnahmen
entfallen.

7.  Jonuar.  Wahlen  zur  Drittelserneuerung  des  Senats.

Es  stellt  sich  keine  Verschicbung  im  Stärkeverhältnis  der  Parteien

us.

9.  Jannar.  (Kammer.)  Eröffnung  der  ordentlichen  Seffion.

Heuri  Brisson  wird  wieder  zum  Präsidenten  gewählt.

9.  Januar.  (Senat.)  In  der  Kommission  zur  Beratung  des
deutsch-französischen  Abkommens  kommt  es  zu  einem  Konflikt  zwischen
dem  Berichterstatter  Poincaré  und  dem  Minister  des  Außern  de
Selves.

Es  it  sich  um  die  Frage,  ob  ouch  alle  Aktenstücke  über  die
deutsch-  —  Verhandlungen  der  Kommiision  vorgelegt  seien.  Insbesondere
  sollen  indirekte  Ve  erhandlungen  mit  Berlin  durch  Vertreter  der
Finanz-  und  Geschäftswelt  itattgeinuden  haben.  Clömenceau  präzisierte  dem
Streitpnult  durch  folgende  Frage  an  den  Minister:  „Können  Sie  uns  Aufschluß
  darüber  geben,  ob  im  Ministerium  des  Aeußern  Beschwerden  des
Boichafters  Cambon  eingewoffen  #ind  über  die  Einmischung  von  E#
voten  Finanzleuten  in  die  diplomatischen  Verhandlungent  ?“  De  Seloe
antwortet  nach  langem  Zögern:  „Ich  habe  ebensojehr  die  Pilicht,  die
Wahrheit  zu  sagen,  wie  die  Solidarikät  des  „Ministeriums  zu  achten.  Ich
bitie  um  die  Erlaubnis,  nicht  zu  antworken.

9.  Januar.  Der  Minister  des  Auswärligen  de  Selves
nimmt  seine  Entlassung

10.  Januar.  An  Lun-  von  de  Selves  Übernimmt  Delcaffs
das  inisterium  des  Außern,  während  Admiral  Germinet  als
Delcasses  Nachfolger  Marineminister  werden  soll,  aber  im  letzten
Augenblick  ablehnt.
        <pb n="371" />
        ke####ich.  (Januar  10.—16.)  361

1.  Januar.  Rücktritt  des  Gesamtkabinetts  Caillaux.

Die  Beranlassung  gibt  die  Schwierigkeit,  einen  geeigneten  Marine.
minister  zu  finden,  da  auch  der  Senator  Bierr  64
Millerand  ablehnten.  Das  Ministerium  hatte  de  Faenhr  der  Solidarität
seiner  Mitglieder  verloren  und  sich  die  Frndlelgtei  des  bewährten  „Ministerstürzers“
  Clémenceau  zugezogen.

11.  Januar.  Vertrauenskundgebung  der  Minister  und  Unterstaatsfekretäre
  für  Caillaux.

i  Ausnahme  von  de  Selves  haben  alle  unterschrieben.  Die  Hauptstelle
  lautet:  „Besonders  im  Lanie  der  letzten  Monate,  während  deren  wir
Ihre  edlen  Bejochuise  miterlebt  haben,  haben  Sie  uns  in  vertrauensvoller
ser  zu  schwierig  en  Ptrtungen  hinzugezogen.  Täglich  haben  wir

mit  Ihnen  verfolgt  F  völliger  Uebereinsimmung  der  Ansichten,
len  die  Aion  der  auswärtigen  Politik,  für  die  Sie  unsere  ständige  Teilnahme
  in  Anipruch  genommen  haben,  hat  in  jeder  unferer  Zusommenkünfte
bie  vorbehaltlose  Billigung  aller  Mitglieder  der  Regierung  gefunden.  Wir
legen  Gewicht  darauf,  festzustellen,  daß  wir  das  Bewußtsein  boben,  dem
Frieden  der  Welt,  der  Würde  und  der  Größe  Frankreichs  gedient  zu  haben.“

18.  Jannar.  Bildung  des  Ministeriums  Poincaré.

Ministerpräsident  und  Auswärtiges  Poincars:  Justiz  Briand;
Arbeiterangelegenher  ten  Bourgeois:  Arieg  Millerand;  Finanzen  Kloß:
öffentliche  Arbeiten  Dupuy:  Kolonien  Lebrun;  ieralsn  Inneres
Stees  75*  Pams;  Unterricht  Guist'hau  del  F.  D
n  sich  unter  den  zwolij  Mtistent  bicher  die  schon  o  ein
so  hober  d;  beten  det  haben,  und  zwei  (Briand  und  Bourgeois),  die  schon
Ministerpräsidenten  waren.  Man  nennt  deshalb  das  Kabinett  Poincars
„das  zweite  große  Ministerium  vers  #inen  Republik“.  Das  erste  „große
Ministerium  war  1881  von  Gambetta  gebildet  worden.

16.  Januar.  (Senat  und  Kammer.)  Eine  ministerielle  Erklärung,
  die  das  Programm  der  Regierung  darstellt,  wird  verlesen.

Darin  heißt  es:  „So  schnell  wie  möglich  die  endgültige  Ratifiierung

  eines  Vertrages  zu  sichern,  über  den  im  Nomen  Frankrei
verhandelt  worden  ist,  den  die  Kammer  anhebmnmen.  hat  und  den  die
Senatskommission  sicherlich  mit  derselben  Gewisienhattigkeit  und  Unparteilichkeit
  bis  zu  Ende  prüfen  wird,  die  sie  vom  Beginn  ihrer  Arbeiten  an
bewiesen  hat,  das  ist  die  erste  Aufgabe  der  Regierung.  Dieier  Vertrag,  der
wie  wir  nicht  zweifeln,  bald  durch  ein  lovoles  Abkommen  mit  Spanie
ergänzt  werden  wird,  wird  uns  erlauben,  in  Marokko  ein  Protekkorat  uͤn
zurichten,  das  das  natürliche  Ergebnis  unserer  afrikanischen  Politik  ist.  Er
wird  uns  erlauben,  zwischen  einer  großen  benachbarten  Nation  und  Frankreich
  in  einem  aufrichtig  friedlichen  Geiste  hojliche  und  freimürige  Beg#ehungen
  aufrechizuerhalten,  die  aur  Grundlage  haben  gegenseitige  Achtung
vor  den  Interessen  und  der  Würde  beider  Länder.  Ebenio  wie  früher  gedenken
  wir  unserem  Bündnis  Kunden  unseren  Freundschaften  treu  zu  bleiben.
Wir  werden  uns  bemühen,  sie  mit  jener  Beharrlichkeit  und  Stektigkeit  zu
uuslegen,  die  bei  den  Geichäften  der  Diplomatic  das  beste  Pfand  für  Rcdlichkeit
  und  Villigkeit  sind.  Die  Regierung  ist  emschlossen,  nicht  nur  ohne
Schwäche  ihre  Antorität  auszunben,  die  disentliche  Ordnung  aufrechtzuerhalten
  und  Verbrechen  und  Vergehen  zu  unterdrücken,  sondern  auch  nurer
der  Kontrolle  der  Kommern  die  Rolle  des  sozialen  Leiters  und  Erziehers
zu  spielen.“  Die  Regierungserklärung  kündigt  dann  im  einzelnen  an:  den
        <pb n="372" />
        362  f###ch.  (Januar  20.—Februar  9.)

Erlaß  eines  Beamtenstaluts,  eine  Wahlrechisreform,  energische  Verteidigung
  der  Ssabichene.  W  und  Steuer-Feiorn,
  Schlie  Hlich  betonte  sie  die  Pflicht  der  Beieruo.  die  finanzielle
Kraft,  die  eine  ch  große  Hilfe  für  Frankreich  ist,  mit  den  Land-  und
Seestreitkräften  in  Einklang  zu  bringen.  Wie  au  unwinde  Frankreich  auch
den  Frieden  wünscht,  es  ist  nicht  Herr  über  alle  Jastligteuen.  und  es  will
seinen  Aufgaben  bteis  #sräi  sein.  Desholb  wird  die  Regierung  der
Marine  ihre  ausmerksame  Fillerge  geweihen  ases  und

in  ihnen  die  geheiligten  Stützen  der  Republik  und  des  Baterlandes  erblicken.

In  der  Kammer  erhielt  die  Regierung  darauf  ein  Vertrauensvotum
  mit  440  gegen  6  Stimme

20.  Januar.  Der  HeSch  über  die  militärischen  Verluste
bei  dem  Zuge  nach  Fes  gibt  die  Zahl  der  gefallenen  Offiziere  auf  3
und  der  gefallenen  Unteroffiziere  und  Mannschaften  auf  40  an.

25.  Januar.  (Senat.)  Annahme  des  deutsch-franzößsschen
Abkommens  üÜber  Marokko  und  das  Kongogebiet  in  der  Kommission
mit  16  gegen  2  Stimmen.

Vier  Mitglieder  der  Kommission  haben  sich  der  Abstimmung  enthalten,
  darunter  Pichon  und  der  frühere  Kolonialminister  Trouillot:  die
beiden  Gegner  der  Vorlage  lind  Clémenceau  und  der  Konservative
de  Lamarzelle.

30.  Jannar.  Der  Ministerrat  genehmigt  einen  Gesetzentwurf,
der  für  das  Budget  von  1911  Ergänzungskredile  für  militärische
Operationen  in  Marokko  in  einer  Höhe  von  58  Millionen  Francs
vorsieht.

 

1.  Februar.  Die  „Humanitké“  veröffentlicht  ein  Interviem
mit  dem  E  Abgeordneten  Karl  Liebknecht.
rin  soll  er  gesagt  hoben:  „Von  den  fünf  Millionen  Bürgern,  die
die  Reservisten  des  deutichen  wäerers  bilden,  ist  die  Hälste  aus  unseren  Reihen
bevorhegangene  die  beiden  ersten  Jahrgänge  und  die  jungen  Leute  von
bis  20  Johren  gehdren  der  Mehrza  ahl  nach  zu  uns.  Die  Regierung  weiß
ns  und  ist  darüber  sehr  beunruhigt.“

3.  Februar.  (Kammer.)  Mit  465  von  469  Stimmen  wird
ein  Gesetzentwurf  angenommen,  der  die  Regierung  in  Tunis  ermächligt,
  eine  Anleihe  von  90  5000000  Francs  zur  beschleunigten
Vollendung  des  Eisenbahnnebes  auszunehmen.

4.  Februar.  (Paris.)  Absturz  des  Fallschirmkonstrukteurs
und  Damenschneiders  Franz  Reichelt  mit  seinem  Fallschirmkostüm
von  dem  60  Meter  hohen  ersten  Stockwerk  des  Eiffelturmes.

9.  Februar.  (Kammer.)  Einige  Abgeordnete,  unter  denen
auch  der  frühere  Unterstaatssekretär  Cheron  ist,  bringen  einen  Gesetzentwurf
  ein,  der  allen  französischen  Familienvätern,  die  nicht  über
2500  Francs  Jahreseinkommen  und  mehr  als  drei  lebende  Kinder
haben,  einen  Anspruch  auf  eine  jährliche  fiskalische  Unterstützung
        <pb n="373" />
        frasbmich.  (Februar  10.  13.)  363

von  120  fFrancs  für  jedes  Kind  über  das  dritte  hinaus  gewährl,
solange  es  das  13.  Lebensjahr  nicht  Überschrikten  hat.

19.  Februar.  (Senat.)  Annahme  des  deutsch-frangösischen
Abkommens  über  Marokko  und  das  Kongogebiet  mit  212  gegen
12  Stimmen  bei  38  Stimmenthaltungen.

13.  Februar.  (Kammer.)  Besprechung  des  Flottenprogramms.

Der  Präsident  der  Marinekommission  Thomson  bemerkic  zur  Frage

der  Einschränkung  der  Rüstungen,  man  müise  von  beierg  Krieauuchen
oliit  Gebrauch  machen.  Tr#  rotzdem  sei  es  notwendig,  daß  man  gut  benet
  sei.  Frankreich  würde  sich  einem  Vorschlag)  au#  Cinchrenal  der
A#ungin  gewiß  nicht  verich  icenn  Bemerkenswert  sei  jedoch,  daß  Amerika,
während  es  einen  internationalen  Schiedsgerichtsvertrag  vorschlage  seine
Tätigkeit  im  Piitenbseue  verdoppele.  Niemale  habe  England  so  viele  Schiffe
gebaut  —  dreißig  Kriegeschiffe  habe  es  jet  im  Bau.  oee  tschland,  Oesterreich
  und  Italien  enrnneselten  ihre  Marine.  T—cnbole.  sei  es  nicht  Frankreichs
Aufgabe,  mit  der  Abrung  zu  beginnen;  es  müsse  vielmehr  eine  große
Anstrengung  machen.  Thomjon  wies  dann  auf  den  Fortschriu  der  deutichen
arine  hin  und  ichloß,  wenn  Frankreich  jeine  B#nisse  und  Freundschaiten
erhalten  wolle,  müsse  es  seine  Stellung  zu  Lande  und  zu  Wasser  brwahren.
Marineminister  Delcassc  wies  auf  die  Nowendigteit  bin.  neue  Schiffe  zu
bauen,  und  erlämerte  die  Einzelheiten  des  Flottenbauprogramms,
desten  Ausführung  bis  Ende  1919  lscher.  sei.  d##  gun  sei  verpilichtet,
  die  Rüstungen  der  fremden  Mächte  zu  beachten,  habe  es  jedoch  als
nicht  unbedingt  notwendig  erachtet,  das  Programm  zu  erweitern,  sie  habe
vielmehr  nur  die  Ausführung  um  zwei  Jahre  beschleunigt.  Die  Gesamtausgabe
  werde  sich  auf  1398.  uin  delaufen.  d  Jahre  1920  werde

 

Fibhronr  de  im  Po  Jarle  1911  seinen  ntn  errcicht  bobe.
Lee  1912  198  nachlaisen  werde.  Frankreich  mũise  nicht  eine  bestimmte
hl  Panzerichiffe  bauen,  nur  weil  andere  Mächte  eine  bestimmte  Angahl
3  wollten,  die  sranzösische  Flotte  müsse  aber  überall  surchibar  sein  und

dort  die  Uebermacht  bilden,  wo  die  Hauptintereisen  des  Landes  lägen.
13.  Februar.  (Senat.)  Verhandlung  über  die  Militäraviatik.
Kriegeminister  Millerand:  Funizehn  Lustkreuzer  verbeisserten  Su#ems
würden  gebaut  werden,  doch  werde  man  die  Aufmerksamkeit  hauptiächuch  auf
die  Flugzeuge  richten.  Die  Elugzeugeinbeit,  das  Lusge  cichwader,  werde
acht  Flugzeuge.  mit  einem,  zwei  und  mehr  Siten,  umfassen,  ferner  zwoli
Automobite  und  einen  Werkzeugwagen.  Deute  ichon  könmen  dreizehn  Luitgeichwoder
  gebildel  w  werden.  Man  brütze  2##  Flugseuge.  Für  iedes  Lustgeschwader
  besche  ein  Modilijatiousp#an.  Millerand  fuhr  sork:  Gegen  Ende
dieses  Jahres  werden  wir  27  Feld-  und  5  Jriiungstaitgeschwaver.  bestehend
aus  à#  Flugzengen,  mobilifieren  können.  Im  Jahre  1912  werden  al##em#ren
für  das  Flugwesen  eingerichtet  iein.  wom  noch  die  jelbständigen  Flucgolatze
kommen.  Jcdes  Fiuggeichwader  wird  7  Piloten  und  Mechaniler  aniweisen:
im  ganzen  werden  wir  231  Oiüzierviloten,  210  Beobachter,  42  Mechantker,
1100  Offiziere,  1/X)  Korvorale  oder  Sappeure  und  550  Soldaten  auizuweiien
haben.  Ferner  wird  ein  Luitschiäferregiment  mit  sicben  nompagnien  gebildet
werden.  Die  Piloten  und  Beobachter  werden  Vergütungen  erhaften.  Eiwaige
Bieebeon#en.  die  sic  sich  zuziehen,  sollen  ale  Verwundungen  im  Ariege  augesehen
  werden.  Millerand  betonte  sodann,  daß  zur  Verwirklichung  dieics
        <pb n="374" />
        364  krashreich=  (Februar  14.)

Programms  12  Millionen  nicht  ausreichen  würden.  Er  werde  sosort  nach
Annahme  des  Budgeis  einen  beionderen  esedenzwur  einbringen,  durch  den
11  Millionen  für  Material  und  1  Million  für  Personalausgaben  ausgesetzt
werden.  Andererseils  soflen  3  den  dir  das  Luftschiffwesen  vorgeiehenen
5  Millionen  Franks  noch  3  Migienen  für  die  Herstellung  von  Lustschiffen
und  Lufischisshäfen  hinzukommen.

14.  Februar.  Veröffentlichung  der  Dokumente  zum  Abschluß
des  Abkommens  mit  Deutschland  Üüber  Marokko  und  das  Kongogebiet
  vom  4.  November  1911.

4.  Frbruar  (Kammer.)  Annahme  des  Flotlenprogramms.

geminister  Delcassé  erklärte:  Für  Frankreich  sei  hichte  an
Wichtigleit  Vergleicben  mit  dem  Mittelländkschen  Meer.  In  der  eigenen
Rrast  finde  jede  Macht  die  Gewähr  für  ihre  Würde.  Die  Kingheit  Mieie
daß  Frankreich  immer  imstande  sei,  die  seine  zu  wahren.  Das  zur  Beratung
  stehende  Programm  genüge  *7  um  Frankreich  Sicherheit  zu  geben.
Delcasse  kom  soden  zu  die  Berteilung  der  Seestreitkräfte  zu  sprechen
und  führte  aus,  im  Kanal  und  an  dem  Ozean  könne  Frankreich  sich  mit
k  un  Unterleebooien  begnügen  und  die  Defensive  beobachten
  e  solche  Haltung  würde  aber  im  Mittelmeer  zu  ventrauens.
voll  sein.  he  französische  Flolte  müsse  darauf  vorbereitet  sein,  sich  gegen
jede  Flotte  zu  wenden,  die  Frankreichs  Verbindungen  mit  Nordafrika  be
drohen  will.  (Lebhafter  Beiiall.)  Telcasss  wies  darauf  hin,  daß  er
Muutenahdiscen  Meer  gegenwärtig  über  ein  mächtiges  Geschwader  berbohg
das  für  jede  Evemnalität  gewappnet  sei;  das  andere  Geschwader  sei  in  vren
gebildet.  Das  Rekrutierungsgesetz  für  die  Marine  müsse  sosort  K
willigung  des  Fuonenprogramm,  angenommen  werden.  Es  werde  2
reich  mit  der  grösmöglichen  Beschleunigung  und  einem  Minimum  von
Kostenaufwand  die  wirkungsvolliten  Ergcbnste  lichern.  England,  dessen
Lage  einzigarlig  sei,  verlange  die  Suprematie  zur  See  und  halte  zwischen
seiner  Flotte  und  denen  rns  Auslandes  immer  den  A#and  anne,  den  es
sich  festgesetzt  bobe.  Dos  jei  sein  Geies  und  es  bleibe  ihm

Der  Depulierte  Brizon  u  unterbrach  den  eaheenn  des  Mart-Ieausschusses
  Thn.  als  dieser  einen  Wrcgleich  zwüchen  der  französischen
und  der  deutschen  Floite  zog,  mit  den  We  „Im  Priegsfalle  werden
wir  uns  nicht  zur  See  schlagen!“  Dieier  crune  „Wir  werden  uns  zur
See  schlagen!“  Bienaims  meefe  „Wir  werden  Deutschland  zur  See  schlagen
und  auf  denm  Meere  erdrosseln

wg#er  Delcass  sanst  am  Schluß  seiner  jween  Rede,  die  er  in

der  Nachtseomg  über  das  Marincprogramm  hielt:  „Die  unschätzbare  Wohltat
  des  die  Jusemmensesung  der  Floite  sestsetenden  orune  wird  darin
bestehen,  doatn  sie  nunmehr  vor  einer  etwaigen  persönlichen  Auffassung  geithan
  wird.  Nau'  sage  nicht,  daß  Engtand,  alle  Jahre  sein  Marineprogramm

mache.  Englond  tut,  was  ihm  die  Lage  gebietet.  Sein  Lebensumterhalt
in  an  seine  Ueberlegenheit  zur  See  geinübit  Es  regell  seine  Schiffsbauten
nach  denen  der  fremden  Mächte,  so  daß  es  den  Abstand  aufrechterhält,  den
es  sich  vorgenommen  hat.  Wir  bewundern  die  rasche  Entwicklung  der
deutschen  Flotte.  Worauf  ist  sie  zurückzuführen,  wenn  nicht  auf  die
Anstrengungen,  zu  denen  sie  das  seilher  vervollkommnete  Marinegeset
zwingt,  jenes  Gesetz,  das  der  höhere  Wille  der  öffenllichen  Meinung  aufg#edrängt
  hat,  die  anfangs  widerspenstig  war,  heute  aber  begeistert  int!
(Beifall.)  Beurteilen  Sie  dauach,  was  unsere  Ersindungsgabe  im  Verein
mit  einer  andanernden  Anstrengung  zuwege  bringen  würde.  Man  behauptet
        <pb n="375" />
        Fr##brich.  (Februar  15.  17.)  365

zwar,  daß  wir  zu  einer  Wi  Anstrengung  unfähig  seien,  ich  glaube,  daß
man  uns  verleumdet.  Wir  haben  im  Int  soarig  der  nationalen  Verteidigung
die  Pllicht,  dies  zu  zeigen.“  Das  Amendemem  Goude,  das  aus  eine  Vertagung
  der  Floltenkredite  abzielle,  wurde  schliehlich  um  Minernacht  mit
465  Stimmen  gegen  die  73  der  Sozialisten  verworien  und  dann  wurden
die  von  der  Regierung  verlangien  Kredite  mit  452  gegen  72  angenommen.

15.  Februar.  (Senat).  Flottendebatte.  Annahme  des  Marineetats.


Minister  Delcasseé  wies  darauf  hin,  daß  die  Flotte  im  Johre  1911
um  das  Geschwoder  der  Dankonklasse,  um  fünf  Torpedobootsztertörè  und
vier  Untericebote  sowie  um  den  Rreuzer  Waldeck  Rouiseau“  gewachsen  sei.
In  diesem  Johre  werde  eine  neue  große  Einheit  in  Dienst  ger  estellt.  Die
neuen  Kreuzer  würden  schneller  als  die  alten  vollendet.  Zwei  würden  in
den  Staatswersten  auf  Stapel  gelegt,  ein  dritter  werde  bei  der  Privatindustrie
  bestellt  werden.  Frankreich  werde  außerdem  eine  gewisse  Anzahl
Torpedobootszerstörer  und  Umersechoot-“  heuen.  Reserwegeschütze  geien  #r
alle  Einheiten  vorhanden.  Noch  in  m  Jahre  werde  das  sch  ze
Pulver  für  die  Granaten  zasnnn  -  werden.  Das  Puoer  weshe
verbessert  lrer  unter  Wasser  geie#t  werden.  Nur  600)  Tonnen  völlig  einwandfreies
  Pulver  habe  man  zurückbehalten.  Bis  Juli  könne  ein  ganzes
Geichwader  mit  neuem  Putver  versehen  sein;  aber  2  n  jetzt  könne  man
allen  etwaigen  Zwischenfällen  ins  Auge  sehen.  Die  Bestände  an  Koble  und
Petroleum  seien  genügend  groß.  Ebeuso  befriedigend  seien  die  Schisssdocks,
wenn  auch  in  dieser  Bezichung  bis  1914  sehr  viee  Schwierigkeiten  zu  uͤberwinden
  sein  würden.  Minister  Delcasse  schloß,  er  werde  es  sich  angelegen
sein  lassen,  die  Flotte  um  mäckttige  Einheiten  zu  bergecheen  und  die  Tüchrigkeit
der  Mannschaft  zu  erhöhen:  er  sei  willens,  das  Programm,  das  er  de
Parlament  unterbreitet  habe,  methodiich  zu  verwirllichen:  die  Flotte  siclle
nunmehr  eine  achinnggebietende  Eeienkaf.  dar,  so  daß  jeder  zögern  werde,
Frankreich  anzugreisen.  ([Beifall.)  Der  Marinectat  Wude  darauf  angenommen.


17.  Februar.  (Paris.)  Die  neu  eingeführten  Umzüge  der
Militärkapellen  durch  die  Haupkstraßen  werden  von  Antimilitaristen
gestört.

17.  Februar.  (Lyon.)  Aus  den  Ansprachen  der  ausländischen
Abeiternertreie  auf  dem  Sozialistenkongreß.

t  Engländer  Keir  Hardie  warb  für  den  Gedanken  des  allgemeinen
  neilcnden  der  Kohleubergleute.  In  einem  Monat,  ries  er,  wird
eine  Million  englischer  Grubenarbeiter  im  Ausstand  sein.  Wenn  Deuriche,
Belgier  und  Franzosen  sich  der  Bewegung  nicht  anichliehen,  so  muß  man
an  dem  wirklichen  Vorhandeniein  einer  Arbeiterinternationale  zweiieln.
Der  Deuiiche  Müller  versücherte,  die  Reichstagswahlen  hauen  unwiderleglich
  bewiesen,  daß  der  Chauvinismus  in  Deutichland  keine  Wurzeln  habe.
Der  iralienische  Abgesandte  Ciotti  erhob  üch  gegen  den  Arieg  in  Trivolis
und  brhaupteie,  die  bürgerliche  Preise  hälle  die  Sozialinen  und  Arbriter
Jialiens  betrogen.  Der  norwegiiche  Abgeiandte  Einard  verkündeic  in
überichwenglichen  Worten  seine  Begei#terung  für  die  Franenrechte.  Die
ruiniche  Arbeitervertreterin  Ineso  äußerte  die  Ho###ung  drr“  russischen
Prolelariats  auf  eine  nahe  Umwä##ng.  Der  Präsident  des  Kongresics
Sembat  iagte  bei  der  Begrüßzung  Reir  Hardies,  die  Sozialisten  werden
        <pb n="376" />
        366  rankrriq.  (gebruar  20.  Mãrz  5.)

nicht  zulassen,  daß  die  französisch-englische  Entente  eine  antideutsche  Entente
erde.  Die  chauvinistischen  Leidenschaften  seien  erloschen,  auch  in  Frankreich.
20.  Februar.  (Senat.)  Genehmigung  des  Finanzgesetzes  über
die  Ausgabe  von  Obligationen  in  Höhe  von  300  Millionen  Francs  für
das  Staatsbahnney,  die  mil  4  vom  Hundert  amortifiert  werden  sollen.
24.  Februar.  ÜUber  den  Außenhandel  im  Jahre  1911  werden
solgende  Ziffern  amtlich  bekannt  Saeben-Ein

in  tausend  Frankzft
145  1  1910  1911  1910
Bohrungsite  .  8391413079524085899
Roh  iee  sar  d  die  2  .  4315671  1919170  1930847
.  öölM  1414630  302  61  2960951
Spie  —  87906  8  08
IAsenmer  68160667  7173332  "r5  2077  6238
An  dieser  Handelsbewegung  waren  die  wichtigeren  Länder  folgendermaßen
  beteiligt:

Einfuhr  Ausfuhr
1911  1910  1911  1910

Großbritannien  1090727  3333  1246980  1275138
Deutschland  96506  860477  819061
bereinigte  Stcaten  633138  614123  396595  456039

elgie  ..  .  634001  4169749  1022503  1003650
Nashuen-  .  112641  *z  55461  837531
Jialien  .  137877  88913  288274  344191

1.  März.  Die  Crganisation  einer  schwarzen  Armee.
Puchunhngr  Millerand  will  in  der  Senegalkolonie  eine
Division  von  5000  Mann  schwarzer  Truppen  errichten  und  dauernd  in
voller  Siänte  erhalten  und  aus  dieser  Reserve  sich  Verstärkungen  für  die
Negertruppen  in  Algier  und  Marokko  beranziehen,  die  auf  sieben  Bataillone
gebracht  werden  sollen,  von  denen  sechs  für  Marokko  bestimm  sind.
Anfang  März.  Veröffenklichung  des  udaets  .  1912.
Es  weist  als  Geiamtausgaben  41979683  139  Francs  auf.
erheischt  dier  Siachsschu  1286000000.  Die  Alenbiern  Graten  (Präsüdemschast
  der  Republik,  Senat  und  Kammer)  baben  2184  Francs
9  Davon  emiallen  auf  die  Kammer  11952  9#n,  19  den  Senat
320000,  auf  den  Präsidenten  der  Republik  1  2000000  Francs.  Die  Minister
*  je  6000  Franrs,  die  Unterstaatssekretäre  25100.  In  dem  Budget
en  19  12  sind  noch  für  die  Ueberlebenden  der  Ovier  der  Februarrcvolution
bvon  In¾,  ihre  Witmwen  und  Waisen  40(00,  für  die  des  Staatsstreichs  vom
2.  Dezember  1#51  IK####R  Francs,  für  dic  „Leibrenten  allen  Uriprungs.
die  durch  das  Geseh  vom  Florral  des  Jahree  xi  bewilligt  sind't  790  Francs,
für  die  Familie  Abd-kl-Naders  55  (XX)  Francs  angewiesen

5.  März.  (Kammer.)  Die  Regierung  legt  einen  Gesetzentwurf
über  die  Lrnisation  des  Mililärflugwesens  vor.

Grundzüge  der  Vorlage  sind  folgende:  Autonomie  der
Militärluslichisiahrt  unter  der  bereits  hrichafienen  dauernden  Inivekrion:
Rekrutierung  des  Personals  aus  der  ganzen  Armer:  Rücklehr  der  Ciüizierc
        <pb n="377" />
        ##h.  (März  12.  15.)  367

und  Umteress  iere  je  nach  Notwendigleit.  Alter  und  Temperament  zu  ihren
früheren  Wast  sengattungen,  deren  Uniformen  sie  beibehalten;  Schaffung  eines
Fastraninterreglmnte,  das  nicht  nur  eine  gewisse  Anzahl  von  Kompvagnien
bestimmter  Mfaramenseung.  londern  auch  als  administrative  Einheiten  zu
erachlende  Sektionen  umfassen  soll.  Gewisse  Gegenden  sollen  im  weitesten
Moße  mit  solchen  Sektionen  bedacht  werden,  die  ständig  daselbst  verbleiben

und  im  Kriegsfall  den  mobilisierten  Truppenkörpern  zugeteilt  werden.  Der
Venart  sieht  auch  die  Schoffung  von  Einheiten  der  Landwehr  für  die  ut
chifaht  vor.  Den  Fliecgern  und  dem  Lustichifferpersonal  werden  auch  ie
Friedenszeiten  Feldzugsdegünstigungen  zugestanden,  ihren  Oimerusgcbenen
dieselben  Rechte,  wie  denen  der  im  Felde  Gebliecbenen.  Der  Entwurf  führt
aus,  daß  die  irchen  Flugseuge  zwei  oder  mehr  Plätze  bieten  mmisien.
um  außer  dem  Piloten  noch  wenigstens  einen  Beobachter  aufnehmen
können.  Einsiyige  U#alane  könmen  indes  zu  Naherkundungen  und  als
Vindeglied  zwiichen  den  Truppenteilen  verwendet  werden.  Die  aviatischen
Kriegseinheiten  sollen  in  einem  Geschwader  von  8  Apparaten  bestehen,
  von  denen  zwei  als  Reserve  dienen.  Jedes  Geschwader  wird  in
Sektionen  von  zwei  Apparaten  der  gleichen  Type  ungrteit.  io  jeder  Seltion
werden  zwei  Motorzugwagen  und  ein  Lastwagen  beigeiellt.  Jedes  Geschwader
  wird  außerdem  über  einen  als  Werkstau  eingrichuete  Lastwagen
und  über  ein  schnelles  Auto  verfügen.  Was  die  Lenkballons  anbelangt,
so  soll  das  durch  die  Fortschritte  des  Aeroplaus  Lenlbl  Programm  von
1910  wieder  auigenomme  n  werden,  welches  den  Bau  von  20  Lenkballonen
vorsah.  Doch  sollen  sehr  starke  Lustireuzer  geschaifen  werden,  die  bei  jedem
Wind  ausjahren  können.  Die  gegenwärtig  vorhandenen  Auiklärungsballone
werden  künftig  nur  an  16  Plätzen  verwendet.

4  Die  —  sollen  durch  einen  Nachtragskredit  von  16  Mill.  Fraucs

gedeckt  w

ern  werden  die  12  Mill.  Francs  für  neue  Pulvervorräte
der  Kriegsflotte  zum  Ersatz  des  undrauchbaren  alren  Pulvers  gesordert.

12.  März.  (Paris.)  Austausch  der  Ratifikationsurkunden
zu  den  am  4.  November  1911  abgeschlossenen  deutsch  französischen
Abkommen  betreffend  Marokko  und  Aquatorialafrika.

12.  März.  Der  Kriegsminister  hat  die  Korpskommandeure
und  Militärgouverneure  mittels  Rundschreibens  ausgefordert,  ihm
üÜber  die  Propaganda  Bericht  zu  erstatten,  welche  die  royalistische
Liga  „Action  Francaise“  in  der  Armee  entfaltet,  indem  sie  insbesondere
  den  kommandierenden  Generälen  royalistische  Flugschriften
und  Aufrufe  zusendet.

15.  März.  (Kammer.)  Ministerpräsident  Poincare  über
die  auswärtige  Polilik.

Auf  eine  Imervellation  über  die  auswärtige  Politik  führt  Poinwarc
  aus:  Die  Regierung  jei  bereit,  die  volle  Veramworkung  für  ihre  Politik
zu  übernehmen  und  Esktzrungen  ab#ugeben.  Doch  dürie  man  die  auswäörtige
Politik  nicht  schwächen,  indem  man  Misverftändnisir  fortbestchen  lasie
zwischen  Männern.  dir  mitl  verschiedenen  Minteln,  aber  mit  demselben  Idral
ihre  Pilich  als  gute  Frausoien  gelan  härten.  Poincar##  ba#  ieine  Freunde
Caillaur.  Crnpvi,  Meisimy  und  MAriand,  dem  höheren  Interei#sc  ihren  Wunsch.
sich  ans  zusprechen,  zu  opfern.  Uebrigene  konne  kein  ehemaliger  Minister
        <pb n="378" />
        368  Erantreich.  (März  15.)

Depeschen  und  Telegramme,  die  er  erhalten  habe,  ohne  Zustimmung  der
fremden  Mächie  veröffentlichen  noch  Einzelheiten  der  Berhandlungen  enthüllen.
  Poincaré  sügte  hinzu,  in  der  marokkanischen  Frage  fühle  die  Regierung
  sich  solidarisch  mit  den  fröheren  Kabinetten;  das  Protektorat  Über
Marokko  sei  das  rechtmäßige  Ergebnis  ihrer  Bemühungen.  Das  Abkommen
von  1909  sei  gegenüber  der  Algecirasakte  ein  unbestreitbarer  Forrschritt.
Aber  es  sei  lsel  möglich  gewesen,  wie  es  das  Abkommen  von  1909  wollte,
die  deutsche  und  gon#s  Regierung  in  den  Angelegenheiten  bbrer,  Industriellen
  zu  einigen.  Diese  Rolle  eines  Notars  mußte  an  den  unvermeidlichen
  parlamentarischen  Oppositionen  scheitern.  Der  Bertrag  vom  4.  Vomber
  1911  erlaube,  geiche  nzuträgsichseieen  zu  vermeiden.  Die  beiden
Ngierungen  werden  nicht  mehr  zu  einer  direkten  aktiven  Intervention  gezwungen
  sein.  Ohne  mit  Ws  abzugeben,  werden  sie  let  gun
achtbaren  geiwainnig  en  Verbindungen  wohlwollend  gegenüberstehen.  win
cars  fuhr  fort:  „Wir  treffen  die  Bestim  mmungen,  um  unsere  Stellun
Merollo  zu  befestigen  und  sie  stufenweise  weiter  zu  entwickeln.  Der  .
trag  wird  begleilet  werden  müssen  von  der  Organisation  der  Berwaltung
und  des  Budgets  des  Landes,  wobei  man  den  lokalen  Sitten  und  Ueberleferungen
  Rechnung  tragen  wird.  Dieses  Werk  ist  unobhängig  von  unsern
Unterhondtungen.  ant  *#  Szultan.  Wir  dürsten  es  sern  dann  durchführen
nnen,  wenn  erhandlungen  mit  Spanien  sich  noch  weiter
in  die  Länge  beu  we  Die  Perpienn  hegt  bei“  diesen  Unterhandlungen
  mit  der  edlen  spanischen  Nation  den  lebhaften  Wunsch  nach  einem
Ausgleich.  aber  sie  kann  nicht  außer  acht  lassen,  daß  das  Abkommen  vom
4.  November  Spanien  durachin  oreeie  gewährt  und  daß  Frankreich
ein  Recht  hat  auf  billige  E  ntichãdigu  Der  Vertrag  berührt  in  keiner
Weisje  das  Gleichgewicht  *  Dendeines  und  unserer  Freundschaften.
Unsere  answärtige  Politik  bleibt  lich  ielbst  treu,  die  unserer  Freunde  und
Verbünderen  erfährt  nicht  die  geringte  Veränderung.  England  haue
kürzlich  Beiprechungen  mit  Deutschland,  wie  sie  Rußland  und  HPrankteic
vor  einigen  Monaten  hatien.  England  haite  biese,  Besprechungen,  um  die
guten  Beziehungen  zwischen  beiden  Ländern  zu  wahren.  Wir  haben  die
Versicherung,  daß,  wenn  England  mit  allen  wähen  herzliche  Legsreinige
zu  unterhalten  wünscht,  es  damit  nichte  zu  tun  beabsichtigt,  was  geeignet
wäre,  die  herzlichen  Beziehungen  gegenseitigen  Verständnisses  und  Vertrauens,
die  Iriihen  Frankreich  und  England  beslehen,  abzuschwächen  oder  zu  lodern.
(Beifall.)  Die  Politil  Frankreichs  läse  sich  von  keinem  Gejühl  der  Feindseligkeit
  leiten,  noch  auch  von  irgendeinem  aggressiven  Gedanken  egen
irgend  jemand.  Die  Irlerun  häll  iest  an  einer  uwiertigen  Politik,  die
nichie  verabjäum,  um  die  Imeresien  und  das  Ansehen  Frankreichs  zu
wahren.“  (Lebhafter  Beifall,  außer  auf  der  Puherslen  Linken.)

15.  März.  (Kammer.)  Mit  524  gegen  2  Stimmen  wird
eine  Bestimmung  zum  Wahlgesetz  angenommen,  durch  welche  kuverlierte
  Stimmzettel  und  besondere  Wahlkabinen  eingeführt  werden.

Mitte  März.  Kritik  der  „France  Militaire“  über  die  Zuslände
  n  der  Armee.

hr  Juhalt  wird  in  der  „Frankiurter  Jeitung"  kurz  zusammengeiasit:
  Wie  Inianterie  Ichiei  ichlecht.  Zu  viele  Grupvenführer  gäben
sich  nicht  die  Mühe,  das  Feuer  v  leiten:  die  Truppen  schössen,  ohne  zu
gielen.  jast  ohne  onzulegen.  Das  jei  eine  furchebare  Geiahr.  dic  auch  viele
euglische  Freunde  frappiert  habe.  Dann  habe  man  noch  immer  nicht  ein
        <pb n="379" />
        #m##ic  (März  18.—29.)  369

Miltel  gesunden,  um  die  Sichtbarkeit  der  Unisormen  obzuschwächen.  Das  sei
geradezu  unbegreiflich.  Man  hälte  wenigstens  mit  elwas  beginnen  sollen
und  sicherlich  das  klatschrosenrote  Häppi  durch  ein  weniger  ins  Auge
stechendes  ersetzen  können.  Dann  sei  die  bBespannung  der  wunderbaren
Feldartillerie  weitaus  nicht  hinreichend,  weil  man  nicht  genügend  nredite
für  den  Ankauf  der  erforderlichen  kräfugen  Pferde  habe.  r  zum  Schlusse
sei  noch  hervorzuheben,  daß  die  Armee  noch  immer  keine  Feldmörser  habe;
die  Anschaffung  dieser  sei  die  allerdringendste  Nolwendigkeit.

18.  März.  (Kammer.)  Beschlüfse  über  die  Verteilung  der
Restmandate.

Artikel  21  des  Wahlreformgeledese  wird  als  Kompromiß  mit  286
negen  215  Stimmen  angenommen.  „Wenn  in  einem  Wahlkreis  eine  Liste
die  absolute  Majorität  aller  Pcherebnca  Stimmen  erhält,  so  werden  ihr
olle  restlichen  Mandate  zugeleilt.“  Das  Prinzip  der  Listenwahl  stand  bereits
fest  und  ebenso  dieienige  Fori  der  Verhälmiswahl,  die  jeden  als  gewählt
besrichnrt.  der  den  sog.  tauntienern  erreicht,  d.  h.  die  Zahl,  die  sich  ꝛ.
gibt,  wenn  man  die  Zahl  aller  abgegebenen  Sutimmen  durch  die  Zahl  de
zu  wählenden  #ugeocaneten  dividiert.  Wenn  nun  nicht  so  viele  Wet
quotienten  erreicht  werden,  wie  Mandate  Ss  sind,  so  wird  die  Besetzung
  der  übrigen  Site  zweifelhaitt.  Der  Artikel  21  gestottet  nun,  die
über  den  Wahlquotienten  binaus  für  eine  Liser  vorhandenen  Stimmen  für
die  Restmandate  zu  zählen.  Es  können  daun  zwei  Parteien  ihre  Ueberichüsse
  zusammenlegen  und  debenns  einer  lombinierten  Liste  zum  Wahlquotienten
  verhel

26.  März.  (Kammer.)  Verringerung  der  Zahl  der  Deputierten.

Bei  der  Weiterberatung  über  die  Mahlreform  wird  mit  538  gegen
22  Stiaomen  eine  Bestimmung  ongenommen,  nach  der  in  jedem  Wahlkreis
auf  22500  Wähler  ein  Abgrordneter  gewählt  werden  joll.  Auf  jeden  Bruchteil
  von  mindestens  11250  Wählern  kommt“  ein  weiterer  Abgeordneter.  Die
Zahl  der  Deputierten  wird  so  um  77  verri

29.  März.  (Senat.)  Delcassé  oer  die  Flotte.  Annahme
des  Flettenproramm.

il  der  Beratung  des  Floltenprogramms  sprach  Monis  die  Besichung
  m,  das  vorliegende  Programm  gäbe  Frakreich  nicht  unbedingte
Suprematie  im  Minelmeer  und  sei  ungenügend  hinsichtlich  der  Schlachtkreuzer
  und  Auiklärungsschiffe,  des  Ersatzes  der  Unlersceboote  und  hinsichtlich
  der  Lufisahrzeuge.  Der  Verichterstaule  Chautemps  erllörte,  das
Programm  werde  Frankreich  die  nôötige  und  ausreichende  Flotte  geben.
##gtruncch  milsse  man  das  Dauptangenmerk  0n  die  Schlachischiffe  richten.

Delcasst  bemerlie  dazu:  „Gegenwäörtig  gibt  es  im  Aueland  kein  Schlacht.
ichiff,  das  die  unjeren  übertrifit,  sowohl  vom  Stano#mn  der  Verleidigung
als  auch  des  Angriffs.“  Deleassé  fuhr  -  Frankreich  brauche  nicht  wie
England  seinen  Ss  zu  ändern,  da  es  ja  nicht,  wie  dieses,  wechselnden
  Notwendigkeiten  zu  begegnen  habe.  3  atteian  Lebensinteressô  liege
im  Mittelländischen  Mrere,  das  ein  verhänniomähig  beschräunktes  Feld
bilde.  Die  Ueberlegenheit  in  der  Schnelligkeit  iei  daher  nicht  unerläfllich,
denn  die  drahtlose  Telegraphie  biete  einen  Eriatz  dafür.  Das  Imgweien
werde  die  Auftlärung  besorgrn.  Alle  Anstrengungen  Frankreichs  münten
auf  ein  slärker  armiertes  Schiff  von  genügender  Geschwindigkeit,  d.  h.  cui
ein  Panzerichisf  mit  21  Knuoten  VGeschwindigkeit  gerichtet  sein.  Das
liegende  Flottenprogramm  sei  vernünftig  und  genügend:  es  verichaise  *

Guropéicher  Geschichltskalender.  LIII.  21
        <pb n="380" />
        370  f#u#ih.  (April  1.—29.)

reich  die  Sicherheit,  auf  die  es  ein  Anrecht  habe.  Er,  Delcassé,  sei  nicht
gegen  einen  S  lachikre  reuzer,  Laneen  behalte  sich  vor,  dessen  Beu-  später
vorzuschlagen.  Schließlich  nahm  der  Senat  das  Flottenprogramm

1.  April.  Durch  ein  Dekret  des  Präsidenten  werden  die  F-kochen
aus  der  Armee  ausgeschlossen  und  die  Disziplinarsoldaten  in  Frankreich
  abgeschafft.

10.  April.  (Toulon.)  An  Bord  des  Panzerschiffes  „Volkaire“
wurde  bei  einer  Torpedoschießllbung  infolge  eines  Fehlschusses  ein
Leck  verursacht;  dies  konnte  jedoch  rasch  verstopft  und  das  Schiff
in  den  Hafen  zurückgebracht  werden.

12.  April.  (Nizza.)  Anläßlich  der  Enthüllung  der  Denk.
mäler  für  Biktoria  in  Nizza  und  Eduard  VII.  in  Cannes
finden  statt.

  
  
 
 
 

Sincors,  Marineminister
Schweden,  die  Groß-Naestuchleiten
  wohnten

und
englischen  französischen  Matrosen

  

14.  April.  (Paris.)  Kammerpräsident  Henri  Brifson  ##  im
77.  Lebensjahre.

24.  April.  (Laris.)  Bei  dem  Versuch,  die  Automobilbandilen,
  von  denen  auf  den  Straßen  die  frechsten  Raubanfälle
begangen  worden  find,  festzunehmen,  wird  der  Wizechef  des  Sicherheitswesens
  Jouin  erschossen  und  der  ihn  begleitende  Polizist  verwundet.


24.  April.  Sicherheitsmaßregeln  für  Marokko.

Einversländnis  mit  dem  Mi  nisterpräsidenken  Poincaré  hat  Kriegsminister
  Millerand  den  General  Moinier  auf  dessen  in  voriger  Woche  ergangenes
  telegraphiiches  Gesuch  hin  nunmehr  ermächligt,  t  Fes  den
Belaßgerungazustand  u  verhäugen.  Er  hat  t  ihn  2  wiegrwonsch
den  Briehl  erieilt,  die  scherisischen  Truppen  in  Zulunst  sieis  mit  einer
storken  französischen  Abteilung  zu  umge

27.  April.  Der  Ministerrat  beschließt.  den  General  Liautey
Jum  Generalresidenten  für  Marokko  und  Gaillard,  den  gegenwärtigen
Konjul  in  Fes,  zu  seinem  Generalsekretär  zu  ernennen.

W.  April.  (Paris.)  In  einem  Automobilschuppen  des  Vororts
  Choisy-le-Roi  werden  die  Automobilbanditen  Bonnot  und
Dubois  durch  Salvenfeuer  getölet,  nachdem  sie  zwei  Polizisten  ver.
wundet  hatten.

29.  April.  Ergebnis  der  Untersuchung  der  Ereignisse  in  Fes
durch  den  Gesandten  Regnault.

-Die  Menterei  der  Trupven  hat  ihren  Grund  in  der  Unzufriedenbeit,
  durch  die  Emscheidung  üiber  den  Sold  und  durch  die  Befürchtung
        <pb n="381" />
        fraubrriq.  (Nai  5.  -22)  371

der  Soldaten,  daß  sie  einen  Tornister  tragen  sollten,  hervorgerufen  war.

ne  Unterzeichnung  des  Protektorats  kann  nicht  als  eine  der  Ursachen
er  Unruhen  angesehen  werden.  Ohne  Zweifel  hat  dies  Ereignis  in  einer
onatischen  und  unwissenden  nosc  eine  gewisse  Grregung  und
Feindseligkeit  hervorgerufen,  aber  dieser  st  hätte  keine  ernste  Gefahr
heraufbeschworen,  rus  die  Truppen  10“  -elied  B#  Auch  in  den  Pritiken,
  die  sich  in  dem  Rahmen  einer  Verurkeilung  des  Mühtrauch  der
Amtegewalt  des  iee  bewegten,  konn  kein  Grund  oder  Vorwand  zu
einer  seindseligen  Bewegung  ges  gen  uns  gesunden  werden.  Diese  r  it“v
hatten  seit  der  Ankunft  Teqnaullo  in  Fes  jede  Schärje  verloren.  Eben
wenig  ist  irgendeine  Spur,  die  auf  *  Machenschaften  hindeutete,  #r
entdecken.  4.  Die  Ansicht,  daß  die  Juden  die  Aelle  igneesiste.  hätten,  entbehrt
  jeder  Begründung:  die  Ereignisse  beweisen  Die  Haltung  des
Smans  und  seiner  Wesire  ist  eenzaus  über  jeden  *  erhaben.  5.  Die
Erhebung  war  nicht  organisiert.  6.  Die  Erregung  aer-  den  Snmen
die  im  Falle  einer  Vegchnag  hätte  zum  Ausbruch  ko  müssen,  siel
nicht  mit  der  Meuterei  des  Militärs  zusammen  und  Kiguernr  4  tatsächlich
nicht  unter  den  benachbarten  Stämmen.  7.  Es  bestanden  keine  Anzeichen,
aus  denen  man  die  Erhebung  hätte  vorhersehen  l  nnen;  Regnault  und
Moinier  hatien  keine  Nachricht  erhalten,  die  sie  in  den  Stand  geledi  hälle,
die  Regierung  über  die  Möglichleit  einer  Meuterei  aufzuklären

5.  Mai.  Der  „Figaro“  berichtet,  daß  die  isooo.  Tonnen--Dreadnoughis
  vom  Typ  des  „Danton"  in  ihren  Munitionskammem
kein  Pulver  mehr  für  ihre  24-Zentimetergeschütze  besitzen,  da  alle
für  sie  bestimmten  Vorräte  als  verdächtig  hälten  ans  Land  geschafft
werden  müssen.

15.  Mai.  An  Stelle  des  zurückgetretenen  Botschafters  in  Wien
Crogier  wird  der  frühere  Gesandte  in  München  und  gegenwärtige
Präfident  der  französischen  Delegation  zur  Pyrenäenkommission
Dumaine  ernannt.

15.  Mai.  (Paris.)  Der  letzte  Schlupfwinkel  der  Anlomobilbanditen
  Garnier  und  Vallet  im  Vorort  Nogent  wird  durch  eine
Melinitbonbe  gesprengt.

ftae  Belagerung  und  dem  Sturme  werden  die  beiden  Banditen
und  ded  tdrs  Fleurn  tödlich,  die  Inipcktoren  Canruse  und
lepine,  zwei  Zuaven,  ein  Infamerist,  ein  Sergeant  und  sechs  Loligisten
schwer  verletzt.

18.  Mai.  (Paris.)  Durch  den  Bruch  einer  Weichenslange
der  Station  Ponk  Marcadet  stoßen  zwei  Züge  zusammen,  wobei
11  Personen  getötet  und  39  verwundet  werden.

19.  Mai.  Die  fünfhunderiste  Wiederkehr  des  Geburtstages
der  Jungfrau  von  Orleans  wird  von  den  Klerikalen  und  Royalislen
im  tngen  Lande  als  Parleifest  gefeiert.

2.  Mai.  Das  Resultat  der  Gemeindewahlen.

3  dem  vom  Ministerinum  des  Jnnern  sestgestellten  Wahlergebnis

haben  bei  den  Wahlen  die  linken  Republikaner  in  560,  die  Radikalen  und
2.
        <pb n="382" />
        372  ####ick-  (Moi  23.—Juni  3.)

die  radikalen  Sozialisten  in  471,  die  Sozialisten  in  Zl  und  die  eeinigten
Sozialisten  in  10  Gemeindevertretungen  die  Mehrheit  gewon
23.  Mai.  (Kammer.)  Deschanel  wird  im  walin  Wahlgange
  mit  282  von  490  Stimmen  zum  Kammerpräfidenten  gewählt.
Andere  Kandidaten  waren  Etienne,  Cochéry  und  Baillank.
25.  Mai.  Preßstimmen  zum  Einzug  des  Generals  Liautey
in  n
„Echo  de  Paris“  it  überzeugt,  daß  Fronkreich  mit  einem
geieblchg  von  sfde  Jahren  bis  zur  wirklichen  Belbergreisung  Marolkos
rechnen  hat.  Ein  Mitarbei#ter  des  „Figaro“  schreibt  ihm  aus  Tanger,
der  Vertrag  vom  4.  November  vorigen  Jahres  die  Schwierigkeiten
dohner  Frankreich  unn  Deutichland  nicht  beendigt  hat.  Sie  bestehen  weiter

und  werden  noch  häuf  9  zu  Reibungen  und  Zusammenstößen  den  Vorwan
bieten,  so  häufig,  dat  eine  durchgreisende  Aenderung  des  Vertrages
sich  t  wird  vermeiden  lassen.  Am  Schluß  heißt  es:  „Wie  bisher,  so

5
dem  Lande  Nuben  zu  Fiehen,  müssen  wir  -  Auerst  von  den  schweren  interr—n
  HOupotheten  reinigen.  ZIst  das  Land  erst  organisier,  so  werden
in  Sielle  eines  unruhigen,  doch  beese  moslemischen  Nachbars
Aeetuns  die  europäische  Nachbarschaft  des  spanischen  Einstunkreises,  erschwert
  durch  die  Einrichungen  Englands  und  Demschlands  in  Tanger,
vor  uns  haben.  Die  Anwesenheit  von  Ausländern  inmitten  ciner  arabischen
Bevöllerung.  die  bisher  nur  Frankreich  konnte,  bereilet  unserer  Sicherheit
in  Nordafrika  schwere  Gefahren
28.  Mai.  ÜUberschuß  inr  Todesfälle  über  die  Geburten.
#s  Ministerium  der  W  und  Wiaten  Arierte  irrssenstch
orter  vangenatikis  für  1911.  Danach  beir  e  Zahl
Grburen  742  114  und  die  der  Todesfälle  776  ,  wetous  eaie  #aht  "EP
die  natürliche  Vewrgung  der  Bevölkerung  im  Vorfahre  eine  Abnahme  u
314169  Scelen  gebracht  hat.
3°0.  Mai.  (Kommer.)  Gegen  den  Rückgang  der  Geburken.
Nach  einem  Antrag  des  Deymierten  und  ehemaligen  Kriegeminislers
Messimy  joll  iede  Murter  von  vier  nindern  eine  Prämie  von  ###u  Francs
cerhallen,  die  leinweiie  oder  gäuzlich  zur  Sicherung  einer  Leibrente  verwendel
werden  kann.  Der  Betrag  dieser  Rente  würde  mit  der  Zahl  der  Kinder
zAunchmen,  so  daß  bei#pielsweise  eine  Mulier,  die  vom  20.  bis  31.  Lebensijahre
  acht  Linder  härte,  mi#  60  Jahren  eine  Leibrente  von  öln  Francs  erhicte.
Dic  erforderlichen  Geldmirlel  sollen  erlang  werden  durch  eine  beiondere
Veslenerung  —  Zunanciellen  und  der  Ehepaarc,  die  keine  Kinder  oder
nur  ein  nind
311  M  Panmer)  Der  Aueschuß  von  elf  Mitgliedern  zur
Begutachtung  des  Vorschlages,  den  Geburtslag  von  Jeanne  d'Arc
zum  Nationalfest  zu  erheben,  trat  diesem  Vorschlage  mit  zehn  gegen
eine  einzige  Stimme  bei  (die  Stimme  des  Abgeordnelen  Jaures).
1.—  3.  Juni.  (Paris.)  Aufenthalt  der  Königin  Wilhelmine
der  Niederlande  und  des  Prinzgemahls.
        <pb n="383" />
        FK###it.  (Juni  2.—13.)  373

m  Festmahl  am  2.  Juni  führt  die  Königin  in  einem  Trinkspruch
aus,  die  “—  Kultur  habe  in  den  Niederlanden  immer  begeisterte
Verehrer  eiunden.  Sie,  die  Königin,  sei  siols,  daß  in  ihren  Adern  franhösisches
  Blut  sließe.

m  Juni.  Die  Sammlung  für  die  Militärflugzeuge  bleibt
mit  einem  Ergebnis  von  weniger  als  3½  Millionen  Francs  hinter
den  Erwartungen  zurück.

8.  Juni.  Bei  einer  GesechtsÜbung  in  der  Nähe  des  Cap  de
la  Hague  bei  Cherbourg  wird  das  Unterseeboot  „Vendemiaire“
(400  Tonnen)  von  dem  Kreuzer  „St.  Louis“  angefahren  und  durchschnitten,
  so  daß  die  ganze  Besatzung  von  2  Offzzieren  und  20  Mann
ihren  Tod  findet.

83.  Juni.  Der  Ministerrat  ermächtigt  den  Finanzminister,
für  80  Millionen  Francs  durchlochte  Nickelmünzen  zu  5,  10  und
25  Centimes  als  Ersatz  der  “  prägen  zu  lafsen.

uni.  (Kammer.)  Dem  Ausschuß  für  auswärtige  Angelegenheiten
  wird  der  Protektoratsvertrag  mit  Muloy  Hafßid
vorgelegt.

nach  macht  Frankreich  solgende  Zusicherungen:  Dem  Sullan
wurde  eine  Zivilliste  von  2N#II  Hassanpeseien  gewährt,  deren  Verwendung
  keinerlei  Kontrollc  durch  die  französische  Ne  egierung  unterliegt.
Eine  Million  Francs  wurde  für  den  Sultan  teils  in  der  marokkanischen
Stoatsbank  hinterlegt.  leils  ihm  direlt  ousbekohlt,  außerdem  wurde  ihm
ein  Kredit  im  Gesamtbetrage  von  einer  Million  Hassanpeseten  für  die
icheri##che  Familie,  für  Instandhallung  der  Paläste  des  Sulians  und  der
Amitegebäude  des  Maghzen  jowic  für  unvorhergciehene  Ausgaben  bewilligt.
Mehrere  Besitzungen  bei  Fes  und  Marrakeich  wurden  als  Privateigentum
des  Sulians  anerlanm.  Schließlich  wurde  dem  Sulian  für  den  Fall  einer
Abdankung  eine  entsprechende  Penüon  zugesichert  und  vereinbart,  daß  er
im  Einvernehmen  mit  der  srauzoi  #sischen  Regierung  einen  seiner  Söhne  zum
Thronjolger  ernennen  könn

11.  Juni.  Goanmer)  Bewilligung  eines  außerordentlichen
Kredits  von  30000  Francs  für  die  Feier  des  200jährigen  Geburtstages
  Jean  Jacaues  Nousseaus.

II.  Juni.  Aus  der  Rede  des  Kriegsministers  Millerand
vor  seinen  Wählern.

Von  seiner  Besichtigungereife  an  der  Ostgrenze  sei  er  nicht
mit  dem  Gefühl  eines  gedankenlosen  Oplimismus,  sondern  mit  wohlbedachtem
Vertraucn  zurückgelchrt.  Er  habe  die  Abückn,  die  Befestigungen  an  der
On#grenze,  nämlich  Belfort,  Verdun,  Toul  und  Epinal  mit  den  Errungenschaften
  der  Elektrizität  auszustatten.

12.  Juni.  (Paris.)  Der  Publizist  und  Friedensapostel  Fredéric
Passy  1  im  91.  Lebensjahre.

13.  Juni.  (Paris.)  Eine  Sindentenversammlung  protestiert
über  das  massenhafte  Eindringen  aueländischer  Elemente,  die  den
        <pb n="384" />
        374  Itarkrriq.  (Juni  13.  -  22.)

franzöfischen  Studenlen  die  Plätze  in  den  Laboratorien  und  Auditorien
entziehen.

Sie  beschließt,  an  den  Unterrichtsminister  eine  Petition  zu  richten,
in  der  verlangt  wird,  daß  hueländische  Situdenten  an  den  sranzösischen
Universitäten  nur  in  beschrän  kter  Jahl  zugelassen  werden  und  den  vor  dem
27.  Lebensiahre  naturalisierten  Ausländern  die  Verpflichtung  auferlegt  werden
solle,  Militärdienste  zu  leisten

13.  Juni.  Gammer.)  Annahme  der  Regierungsvorlage  Über
die  zollfreie,  zeitweilige  Zulassung  von  Weizen.  Er  bleibt  unverzollt,
wenn  innerhalb  drei  Monaten  eine  entsprechende  Quantität  von
Mehl,  Gries  und  Kleie  oder  innerhalb  vier  Monaten  von  Audeln,
Gebäck  und  Zuckerbackwerk  exportiert  wird.

14.  Juni.  (Kammer.)  Aus  der  Rede  des  Ministerpräfidenten
Poincaré  Über  auswärtige  Politik.

„In  dem  italienisch-türkischen  Kriege  beobachten  wir  gewissenhafte
Neutrolität.  Unsere  Beziehungen  zu  Italien,  die  einen  Augenblick
wegen  der  Zwischenfölle  mit  der  „Carthage“  und  der  „Manubo“  schwierig
wurden,  sind  wieder  auenczeichnet.  unsert  Beziehungen  zur  Türkei
sind  Aeichsale  ausgezeichnet.“  Poincoré  sprach  dann  von  den  Verhandlungen
  mit  Spanien  und  sagte:  „Der  a  auf  beiden  Seilen  vorhandene  gute
Wille  geitortet  die  Hoffnung,  daß  eine  Wersüstwigung  sehr  bald  zu  erwarten
ist.  Unsere  Beziehungen  zu  Deutichland  sind  loyal,
korrekt.  Wir  bemühen  uns,  die  glei  .  bona  fides  in  sie  hineinzulegen.
Sollie  sich  in  Marolko  die  geringste  Schwierigkeit  ergeben,  so  haben  wir
die  Möglichkeit,  ein  Schicdegericht.  anzurujen.“  (Beisall.)  Poincars  erklärte
weiler,  doaß  die  Bezichungen  Frankreichs  zu  Rustland  und  England
niemals  besser  gewesen  wären  als  gegenwärtig.  Die  Allians  mit  Rußland
und  die  Freundschaft  mit  England  fänden  überall  die  gebührende  Würdigung
und  würden  überall  als  eine  Stüte  des  Friedens  betrochtet  werden.  (Beisall.)
Er  erinnert  an  die  englisch-frauzösischen  Unterredungen  über  eine  #ianz
zwischen  Frankreich  und  England  und  ernlär.  gah  wenn  die  Entente  corialo

  auch  Hs.  irlun  ermangele,  sie  d  die  Majorität  der  dn
Volker  für  sich  habe.  Die  Tripelentenke  e  gleichialls  dazu  bei,  den
enropäischen  Schebor  zu  sichern,  ohne  jemand  zu  bennruhigen.  Der  Ministerpräsident
  schioß;:  „In  uns  selbst  ruht  der  Kern  unserer  #raft,  und
Bündnisse  mit  ung  werden  im  Verhältnis  unserer  Slärke  gesucht  werden.“

18.  Juni.  General  d'Amade  wird  zum  Kommandanten  des
6.  Armeekorps  in  Chälons-fur-Marne  ernannt.

19.  Juni.  (Kammer.)  Wegen  der  Verwirrung,  die  durch
die  Wahlreformdebatte  in  die  allgemeine  Politik  gekommen  ist,  wird
von  der  Opposition  die  Auflösung  der  Kammer  beantragt.

ird  aber  mit  366  gegen  7  Stimmen  die  Tancsordnung  angeg


zuenn  und  damit  dem  Ministerium  Poincars  ein  Vertrauens.
votume

2#.  Juni.  Nach  einem  Bericht  des  Finanzministers  find
seit  Durchführung  des  Gesetzes  Über  die  Trennung  der  Kirche  vom
Staat  von  den  unter  Seauester  gestellten  68551  kirchlichen  An-
        <pb n="385" />
        érankreiq.  GJunui  25.  —  Juli  .  375

stalten  bis  zum  Schlusse  des  Jahres  47425  vollständig  liquidiert
und  den  Wohlkätigkeitsanstalten  der  Gemeinden  und  Departements
bereits  335  Millionen  zugestanden  worden.

25.  Juni.  (Kammer.)  Von  der  Wahlreformvorlage  werden
nach  Annahme  des  Amendements  Javal  Arlikel  1  und  2  in  folgender
Fassung  noee

1.  Abgeardue  werden  nach  Listen  gewählt  mit  Zeriretung
der  Mae  2.  Jedes  Departement  bildet  einen  Wahlkreis

W.  Juni.  (Kammer.)  Mit  452  gegen  74  Stimmen  werden
die  Nachtragskredite  im  Betrage  von  18373545  Francs  für  die
militärischen  Operationen  in  Marokko  angenommen.

26.  Juni.  (Toulon.)  Beim  Ubungsschießen  explodiert  an
Bord  des  Panzerschiffes  „Jules  Michelet“  der  Lauf  einer  Kanone,
wodurch  20  Matrosfen  leicht  und  6  schwer  verletzt  wurden.

1.  Juli.  (Kammer.)  Annahme  des  Protektoratsvertrages
über  Marokko  mit  460  gegen  79  Stimmen.

5.  #n-  (Kammer.)  Fortsetzung  der  Wahllesormdebote.

fßte  Antrag  Painlevs  wird  mit  314  gegen  239  Stimmen  anen
  ommen:  er  lautet:  „Mehrere  demselben  Wahrrreis  zaaei  Listen

konnen  die  Erklärung  abgeben,  daß  sie  in  Hinsicht  auf  die  Zuteilung  der
den  Listen  entsprechenden  Mandate  ihre  Stimmenzissern  zusammeniegen.“
6.  Juli.  Zu  den  englischen  Preßartikeln  über  Verhandlungen
zwischen  England,  Frankreich  und  Italien  betr.  ein  Mitlelmeerabkommen
  gchreibt  der  „Temps“:
chtig,  daß  die  englische  zud  französische  Regierung  Maßnahmen
  getroffen  daben,  um  den  Status  quo  im  Mittelmerre  zu
garantieren.  Der  Meinungsanstausch  wähen  London  und  Parie  ist  hierüber
  in  letzter  Zeit  sehr  lebhaft  gewesen.  Es  ist  a  uch  richtig,  daß  die
französiich-englische  Divlomatic  sich  bemüht,  die  schon  seit  etwa  zehn  Jahren
bestehende  Emteme  Hiichen  Jalien  einerseits  und  Krankreich  und  England
andererieits  zu  befestigen.  Indem  alio  die  französische  iraicung  in  eine
Konversation  mit  Jlalien  und  England  eintritt,  entipricht  sie  nur  einem
allgemeinen  Winiche  der  öffentlichen  Meinung.  Dagegen  ist  es  ganz  falsch,
daß  eine  Ucbereinkunft  zwischen  den  drei  E#nbeen  abgeschlossen  worden  sei,
und  zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  noch  keine  sormellen  Unlerhandlungen
  eingeleiret  iind.  Alles  hat  sich  bis  jent  aus  einen  einjachen  Meinungsauslausch
  beichränlt.“  Zu  dem  gleichen  Genenstande  und  in  dem  gleichen
Sinne  wird  dem  „Temps“  aus  London  privarim  gemeldct:  „Es  ist  richtig,  daß
i#t  dem  Anfang  des  italienisch-  türkischen  Krieges  die  englische  Regierung
die  Notwendiglein  begriif,  sich  cijriger,  als  es  bieder  in  den  letien  Jahren
der  Fall  gewesen  war,  den  iralienischen  Angelegenheiten  n  widmen.  Mehrere
Male  tauschte  sie  mit  der  franz  hischen  Renierung  ihre  Ansicht  über  die
neue  Lage  im  Mintelmere  aus.  In  den  crüen  Zunitagen  nach  der
senung  der  Inseln  im  Aegäischen  Meere  fanden  besonders  häusige  unterredungen
  statt,  aber  niemals  präzise  Unterhandlungen  nach  Art  derienigen.
von  denen  der  „Daily  Graphic“  spricht.  In  London  hält  man  es  übrigens
        <pb n="386" />
        376  franhwig.  (Juli  8.—12.)

für  unwahrscheinlich,  daß  Jielien,  4aen  jetzt  die  Berpflichtung  übernommen
habe,  die  Inseln  wieder  zu  räun

5.  Juli.  (Kammer.)  Cin  vom  Premierminister  Poincar
empfohlenes  Amendement  zur  Wahlreformvorlage  wird  mit  381
gegen  198  Stimmen  abgelehnt.

Der  Vorschg  gegiug.  dahin,  daß  der  Rest,  welcher  nach  Auwendung
des  aus  der  Zahl  ähler  eines  Listenwahlkreises  und  der  Zahl  der
ihm  zugemessenen  urdeter  gewonnenen  Quotienten  auf  die  Stimmen
der  lelosländigen  und  dann  der  versippten  Parteilisten  üUbrig  bleibt,  der  die

meisten  Slimmen  vereinigenden  Partei  als  belohnende  Zugabe,  als  „Prämi  *
geschenkt  werden  soll.

10.  Juli.  (Kammer.)  Annahme  des  Wahlreformentwurfes.

Bei  der  fortgesetzten  Beratung  der  Wahlreform  wird  mit  299  gegen
252  Stimmen  ein  von  der  Kommiision  belsmster  ndern  nrg  an-—ä
genommen,  der  die  Ausstelung  eines  Kandidat  mehr  als  einem  Wahlbehirfe
  untersagt.  —  Schliesßlich  wird  der  egrrncihart  als  Ganzes

t  339  gegen  217  Stimmen  angenomme

11.  Juli.  (Senat.)  Amnahme  des  Protektoratsvertrages
mit  Marokko.

12.  Juli.  Schluß  der  parlamentarischen  Session.  Von  ihren
Resultaten  ist  das  für  die  Zukunft  wichtigste  das  von  der  Deputiertenkammer
  angenommene  „Gesetz  betreffend  die  Anderung  der
Gesetze  über  die  Debuttertenwahl.=—

  hat  seigenden  Wortlai

.  itglieder  u  Id  driertenlauumer  werden  nach  Listen
aewãähln  nr  Wd-  der  Minde
des  #onersemen.  r—  einen  Wahlkreis.

Lae  3  der  einem  Wahlkreis  zuzmeeilenden  Site  wird
nach  der  Ja  ahl  der  teSaahler  französischer  Nationalirä#t  berechnet.  Jeder
Wahlkreis  wählt  einen  Deputienen  auf  70(x#/  französische  Einwohner  und
auf  inen.  über  200(XX)  Einwohner  hinausgehenden  Bruchteil.  Die  Zahl
der  in  jedem  Wahlkreis  zu  wählenden  Abgrordneten  ist  nach  Maßgabe  der
dem  aegemearrigen  Gesen  angehängten  Tabelle  jestgesetzt.

4.  Niemand  kann  in  mehr  als  einem  Wahlkreis  Kandidat  sein.

r  Die  Listen  werden  für  jeden  Wahlkreis  durch  Nandidaten.

gruppen  gebilder.  welche  gleichzeitig  von  AV  i  in  Wahlkreise  eingeschriebenen
Wahlern  ausgestellt  werden.  Diese  Nondidaten  haben  in  einer  von  ihnen
nnterzeichueten  und  in  geieszlicher  Weise  rinnmtrr  Erklärung  die  Nandidatur
  im  Wahlkreise  anzunehmen.  Die  Listen  können  nicht  mehr  Kandidaten
cuthalten.  als  Abgeordueie  i  in  dem  Wahlkreis  zu  ernennen  sind.  Jede  einzelne
Kandidatur  wird  in  Rechnung  gestellt.  als  ob  sie!  für  sich  allein  eine  Liste  bilde.
tel.  6.  Jede  Liste  mus  nach  der  Festieuung  des  Wahltermins,

aber  spälestens  zehn  Tage  vor  der  Wahl  bei  der  Präseklur  des  Departements
niedergeicgt  werden.  Die  Präieltur  trãgt  die  Liste  und  ihren  Titel  ein
und  weist  ihr  eine  Ordnungszisier  zu.  Die  Eintragung  der  Liste  wird  abgelehnt,
  wenn  sie  mehr  Namen  enthält,  als  Abgeordneie  zu  wählen  sind.  Die
Eimragung  wird  ebenfalls  algelehnt,  wenn  die  Liste  den  Namen  eines  Kandidaten
  enthält,  der  sich  bereits  auf  einer  anderen  eingetragenen  Liste  beündet.
Es  konnen  nur  die  Namen  derjeuigen  Kandidaten  eingetragen  werden,  die  den
        <pb n="387" />
        f##ch.(Zuli  12.)  377

Artikeln  4  und  5  entsprechende  Erklärungen  abgegeben  haben  (d.  h.  welche  erlüärt
  haben,  daß  sie  nur  in  einem  Departemem  Kandidat  sind,  und  daß
sie  die  Kandidatur  onnehmen).  Die  Eintrogung  der  Liste  kann  aus  keinem
anderen  Grunde  abgelehnt  werden  (3.  B.  auch  nicht,  wenn  sich  unier  den
Kandidaten  der  Liste  eine  Frau  bekindek).  Bei  der  Eintragung  der  Liste
erhält  jeder  der  sic  zufammensetzenden  Kandidaten  einc  vorläufige  Empfangsbestäligung.
  Dic  endgümige  Empfangsbeslätigung  wird  innerhalb  21  Stunden
Angesichtt.
Ar  Wenn  die  Erklärungen  von  den  sämtlichen  Wählern  in
mehr  als  einem  Wahlkreise  abgegeben  wurden,  so  ist  nur  die  zuerst  abgegebene
  gũltig.
Art.  BS.  Ein  auf  eine  Zi  FWgeschriebener  Randidat  kann  daraus
nur  orstrichen  werden,  wenn  er  der  Präfektur  durch  den  Gerichlsvollzieher
volle  zwölf  Tage  vor  dem  W#h%  seine  Vosta  kundgibt,  sich  von  der
Liste  Krüchnziehen.
.  Jede  Liste  kann  gegebenenfalls  spãtestens  zehn  vosle  Tage
vor  g  durch  die  Namen  neuer  Kandidaten  ergänzt  werden,  aus
r  eler  sbrigen.  bercits  in  der  Liste  eingetragenen  Randidaten  und
nach  Abgabe  im  Art.  5  verlangien“  Erklärung.  Die  Reihenfolge  der
auf  der  Liste  erain,  Vamen  konn  durch  eine  dbereinstimmende  Erdarn
  aller  die  Liste  cnm  aeirbend  Kandidaten  spätestens  zehn  Tage
vor  der  Wahl  geaͤrden  werder
Art.  10.  Mehrere  den  nämlichen  Wohlkreis  angehörende  Leute
können  die  Erklärung  abgeben,  daß  sie  in  Hinsicht  auf  die  den  Listen  entsprechenden
  Site  ihre  Stimmenzissern  zusammenlegen.  Diese  Erklärungen
haben  auf  der  Präsektur  zu  e  criolgen  im  nämlichen  Zeitwaum  wie  die  Erllérungen
  der  Kandidatur.  Sie  sind  nur  gülrig,  wenn  sie  auf  Gegenscitigkeit
  beruhen  und  durch  den  eri#ten  Kandidaten  einer  jeden  Liste  unler  zeichnel
siud.  Falls  diese  Erklärungen  auf  selbständigen  Blätlern  redigiert  sind,  so
muß  jedes  ausdrücklich  sämtliche  Kandidatenlisten  erwähnen,  welche  die
Gruppe  bilden  sollen.  Dieses  Zusammenletzen  der  Stimmen  lonn  für  eine
einzelne  Liste  nur  durch  deren  ersten  Nandidaten  gelündigt  werden  und
zwar  unter  den  nämlichen  —  und  im  gleichen  Zeitraum  wie  die
nm  r  zuandidan
Sommaag.  welcher  dem  Wahltag  vorausgeht,  sind  die
—ies  bisen'  durch  die  Verwaltungsbehörde  an  dem  Eingang  der
Wahlburcaus  anzuschlagen  und  zwar  mit  ihrer  Ordnungsnummer,  mit
ihrem  Titel  und  eventuell  mit  der  Bezeichmung  derjenigen  Listen,  mit
welchen  „  ihre  S  ten  Aufammenlegen  wo
,N  Die  Stimmzektel  für  alle  Uen-  des  Wahlkreises  werden
auf  #ncan  der  Verwallungsbehörde  auf  ein  eingiges  Blatt  gedruckt.
Jede  Liste  erhält  die  ihr  zugewiciene  Ordnungsnummer,  ihren  Titel  und
evenluell  die  Bezeichnung  derienigen  Listen,  mit  denen  sie  ihre  Stimmen
zusammenlegen  will.  Die  Namen  der  Nandidaten  werden  in  derienigen
Reihenfolge  gedruckt,  in  der  die  Liste  *—  worden  ist.  Am  Fust  jeder
Liste  bleiben  mehrere  Linien  frei,  außerdem  wird  auf  jedem  Blalt  der
NRaum  sür  eine  Lisie  freigelassen.  Dieser  freie  Raum  erhällt  lediglch  eine
Ordnungenummer.  Die  Stimmzettel,  welche  das  Blalt  zufammensenen,
müssen  leicht  abgetreunt  werden  können.  Die  Verwallungsbehörde  leilt
gleichzeitig  mit  den  Wählerkarten  jedem  Wähler  zwei  Stummieucbläer
zu,  ebenio  wie  ein  von  jeder  KNandidatenliste  deoutierles  Flugblau.  Der
Umsang  und  das  Gewicht  dieser  Flugbläuer  jowie  die  Bedingungen  ihrer
Einlieferung  werden  durch  ein  beionderes  Verwnlungsregiemen  bestimmt.
Die  Slimmzettelblätter  jind  außerdem  in  den  Wahlbureaus  zur  Verfügung
        <pb n="388" />
        378  Irerkbrriqq.  (Inli  12.)

der  Wähler  zu  stellen.  Jeder  Stimmzettel,  der  nicht  von  der  Verwaltungsbehörde
  i“  in.  wird  für  ungürtig  erk
3.  Jeder  Wähler  dersaßt  über  bbensoviele.  Siimmen,  als  Abcgeordnete
  III  Wahlltecs  zu  wählen
Art.  14.  Wenn  ein  Szahenn  t  Namen  enthält,  als  Abgcordnete
zu  wählen  5n  so  ist  er  günig,  aber  die  über  diese  Zabl  hinausgehenden
Namen  werden  nicht  gezählt.  Ist  es  jedoch  unmöglich,  auf  einem  deramigen
Zettel  die  Reihensolge  der  Stimmen  festzustellen,  so  ist  der  Stimmzelitel
ungotig.  Wird  der  Name  eines  Kandidaten  auf  einem  Stimmzeucl  wiederholt,
  so  ist  der  Zettel  gülnig,  aber  dem  Kandidaten  wird  nur  eine  Stimme
zugerechnet.
Art.  15.  Die  auf  den  Namen  eines  Kandidaten  abgegebenen  Stimmen
gählen  sowohl  zugunsten  des  Kandidaten  als  zugunsten  der  Liste,  zu  der  er

gehört.  Enthält  ein  Stimmzektel  nicht  die  volle  Zahl  von  Stimmen,  so
werden  die  nichtvergebenen  Stimmen  dericnigen  Zine  W——  gerechnet,
deren  Nummer  der  Stimmzettel  trägt.  arie  Stimm  die  eventuell  auf

einen  während  der  letten  12  Tage  vor  der  Wahl  urstterbesen  Kandidaten
entsallen,  lauen  —  derienigen  Liste  zu,  zu  der  der  Kandidat  gchorte.
Stimmen,  die  auf  Wähler  abgegeben  werden,  welche  ihre

nonbiba.  nicht  haben  eintragen  lassen,  werden  für  ungültig  erklärt.  Die
ungültigen  Stimmen  werden  nur  für  die  Lontrolle  des  Wahlaktes  in
Rechnung  gestellt.  Bei  der  Auszählung  ##  der  Stimmzeitel  in  jedem  Wahl.
bureau  wird  die  Zahl  der  abgegebenen  Stimmen  jestgestellt  sowie  die  Zabl
der  jedem  der  Kandidaten  zugejallenen  Stimmen  und  schliehlich  die  Jahl
der  ciner  jeden  Liste  zugewiesenen  Listenstimmen.  Das  Ergebnis  der  Auszählung
  wird  sofort  sestgelegt,  von  sämtlichen  Mitgliedern  des  Wahlburcaus
unterzeichnet  und  öffentlich  bekannt  gegeben.  Sämtliche  Stimmzentcl  werden
nach  der  Fesistellung  des  Ergebnisses  mit  dem  Protokoll  durch  den  Vorlierwen
  des  Wahlbureaus  in  Gegenwart  der  Verircter  aller  Listen  verpackt
und  versiegelt  und  durch  die  Post  als  eingeschriebenes  Paket  an  den  Vorsibenden
  des  Zivilgerichis  in  der  Hauptstadi  des  Departements  abgesandt.
n  dem  voraus  zu  bestimmenden  Tage  werden  sämtliche,  aus  allen  Wahl.
bmmeoen  bei  dem  iäichenern  des  Zivilgerichis  eingegangenen  Pakete  in
Gegemwart  von  drei  durch  das  Los  zu  britimmenden  Mitgliedern  des
Generalrais  und  von  .  #  ei  durch  die  Wandie  jelbĩ  zu  bezeichnenden
3  einer  jeden  Liste  geösfnet  und  kontrolliert.  Jeder  der  Auweienden
s  Recht,  Bemerkungen  über  die  angesochtenen  Schenerror  zu  Prolokoll

n  E

t.  IR.  Die  zZunecin  Bahmomaciton.  des  Departemens  sammen
die  Prorololle.  steum  die  Zahl  de  abgegebenen  Stimmen  und  die  Zahl  der
auf  jeden  Kandidaten  zusialtener  2  Stimmen  jest.  Sie  stelli  die  Wahlmasse
einer  jeden  Liste  sest,  indem  sie  die  von  allen  ihr  angehorigen  Nandidaten
erlangien  Stimmen  zuiammenzähtt,  sowie  die  ihr  zugewieienen  Lisienstimmen.
  Um  die  Zahl  der  auf  jede  Liste  emsallenen  Slimmen  feitzulegen.
teilt  dic  Nommisüvn  die  Wahlmaise  ihrer  Liste  durch  die  Zahl  der  im
Wahllkreise  zu  wahlenden  Abgcorducien.

19.  Die  allgemeine  Bahllommission  des  Deparkemens  bestimmt
den  Wahlquotienten,  indem  sic  die  Zahl  der  abgegebenen  Stimmen  durch
die  Zahl  der  im  Wahlkreisc  zu  wählrnden  Abgcorducien  tein.  Jede  Lillr
erhäll  soviele  Sin  als  die  Zahl  der  auf  sie  entiallenen  Stimmen  das
Vieliache  des  Wahlquolienlen  Venthält.  Weiterhin  werden  jeder  Gruppe  von
Listen  jo  viele  Sile  zugricil,  als  die  Summe  der  Reste.  dicjer  Listen  das
Tieljache  des  Wahlauotirmen  aniweist.  Sodann  wird  ein  Sis  derienigen
Lisie  oder  Gruppe  von  Listen  zugewiesen,  welche  die  absolute  Mehrheit  der
        <pb n="389" />
        Sraubrriq.  Quli  12.)  379

abgegebenen  Slimmen  erhalten  hat,  salls  diese  Liste  oder  Gruppe  von  Listen
nicht  bereie,ç  die  absolute  Mehrheit  der  Gesamtzahl  der  Sitere  erlangt  hat.
Sind  sod'  noch  Siye  zu  vergeben,  so  werden  sie  nach  Maßgabe  der
tee  irh  unter  die  Gruppen  von  Listen  und  unter  die  Einzelisten
  ve
*  D20.  e  gemeinsam  einer  Gruppe  von  Listen  zugewiesenen
Mandate  werden  *  den  beteiligten  Listen  nach  Maßgabe  der  mitlleren
Ziffern  n-Die
  Verteilung  nach  Moßgabe  der  mittleren  Ziffern  geschieht
n  wi  e  Um  die  mittlere  Jr  einer  Liste  zu  erlangen,  keilt  man
ie  Zahl  ihrer  Stimmen  durch  die  Jahl  der  ihr  bereits  zugewiesenen  Sitze
Unm  die  lere  Zisser  einer  Gruppe  von  Listen  zu  erlangen,
leilt  mon  die  Erumn  der  Stimmen  dieser  Listen  durch  die  Gesamtzohl
2  ihnen  bereits  zugewiesenen  Sitze  plus  1.  de  erste  der  noch  zu  ver-Filenden,
  Sige  wird  “*—  Liste  oder  Gruppe  von  Listen  überwicsen,
brte  die  stärkste  mittlere  Ziffer  aufweist.  een  mehrere  Listen  oder
Gruppen  von  blen  Archn,  die  äiihe  Mittelzisser  aufweisen,  so  wi
der  Sit  derje  Liste  oder  Gruppe  von  Listen  zugewiesen,  welche  die
slärkste  inin#n  Tet:  ##n  dieser  t  wird  nacheinander  in  bezug
auf  jeden  der  übrigen  noch  verfügbaren  Sitze  ver
Art.  22.  ie  einer  ieden  Liste  bgeriiescnen  —  sallen  dengaigen
  Kandidaten  zu,  welche  die  stärkste  Stimmzisser  erhalten  haben.  Im
von  Stimmengleichheit  ist  der  äliestc  Kandidot  gewählt.  Haben  mehrere
#ate,  den  gleichen  Anspruch  auf  einen  Siy,  so  sällt  er  unter  den  in  Frage
lommenden  Genkebaben  demienigen  zu,  der  die  größte  Stimmenzahl  erreicht
hat  und  im  Falle  von  Stimmengleichheit  dem  ällesten.  Die  Kandidaten
lönnen  nur  donn  für  gewählt  erklärt  werden,  wenn  die  Zaohl  der  von  ihnen
erlangten  Stimmen  mindestens  dem  Abthurtfenten  oder  der  Hälste  der
auf  ihre  Liste  en  sauenen  Stimmen  glei
Art.  23.  die  Gesamtzohl  *  in  einem  Wahllreis  abgegebenen
Stimmen  nichs  die  nl  see  der  eingeschriebenen  Wähler  überschreuet,  oder
wenn  die  Gesamtzahl  der  gültigen  Stinhnzenel  nicht  über  ein  Vieriel  der
cingeschriebenen  Wähler  hinanegeht,  weist  die  Wohlkommission  überhaupt
keinen  Sitz  zu.  Die  Wähler  werden  sodann  zu  einem  neuen  Baabtgang
berusen,  der  14  Tage  späler  staufindet  und  die  Verleilung  der  Sive
dann  bewerkstelligt  ohne  N#lictt  auf  die  Zahl  der  abgegebenen  S  Siieunten
oder  der  gültigen  Wahlzet
Art.  2  —  nandidaten,  die  auf  einer  Liste  denienigen
Kandsoten  seleen.  welche  gewählt  worden  sind,  sind  berufen,  nach  Maßge  abe
s8  Art.  21  die  Abgeorducien  der  sämtlichen  Listen  zu  erseten,  deren  Sibe
Demission,  durch  Todesfall  oder  durch  irgend  eine  andere  Urfache
1ur  werden  sollten.  Die  Berniung  dieser  Egänzungsabgrordneten  geschicht
durch  den  Präsidenten  der  Depmierlenkamm
Art.  enn  nach  Einberniung  dar  rgintenhnasgrerdneten  die
Veriretung  eines  Wahlkreises  auf  ein  Driitel  linken  jollte  oder  aitf  füni
Abgcordneic,  wenn  das  Devartement  mehr  ols  fünf  Verireier  zählt,  jo  sind
innerhalb  drei  Monaten  Ergänzungswahlen  vorzunehmen,  voransgeseut,
daß  der  Fall  nicht  erit  während  ver  leuren  sechs  Monate  vor  Ablauf  der
Legislaturveriode  eintritt.  In  ieder  Gemeinde  ist  ein  bestimmtr  Raum
für  öffentliche  Anschlagsiafein  jeder  der  Wahllisten  zur  Veriügung  zu
stellen.  Es  ist  verboten,  Wahlplakale  außerhalb  dieser  reservierten  Plätze
onbnbringr,
Die  Bestimmungen  des  gegenwärtigen  Geietzes  finden  auf
Algerien  ½%  ans  dicdtolonienAnweiidnancdiIchdilniliendienolonien
        <pb n="390" />
        380  fumnich.  (Juli  13.—UAnfang  August.)

eine  Vertretung  von  zehn  Abgeordneten  entsprechend  den  Bestimmungen
der  dem  gegenwärtigen  Geset  angehängten  Tabelle.  Ein  Mitglied  des
Senats,  das  zum  Deputierten  Hewähs  worden  ist,  verliert  durch  die  Verkündung
  dieser  Wahlen  seinen  Siß  in

Art.  27.  Das  gegenwärtige  Gries  7*n  bei  der  nächslen  Erneuerung
der  Depulierte  mnkammer  in  Krast.  Am  e  seines  Inlrafttretens  zn
sesntbich  1—2  Sltme  Wie  das  Geseh  vom  17.  Juli
188

½  Juli.  Gegen  die  Wahlreform  erscheint  ein  von  Clémenceau
verfaßtes  Manifest,  das  darin  ein  von  den  Feinden  der  Republik
verllbtes  Attentat  gegen  das  allgemeine  Stimmrecht  erblicken  will.

17.  Juli.  (Paris.)  Der  Mathemaliker  und  Physiker  Jules
Henri  Poincaré  t.  58  Jahre  alt.

Juli.  Das  „Journal  officiel“  veröffentlicht  das  Geset
zrne  das  Protektorat  über  Marokko.

20.  Juli.  Die  deutsch-französische  Kommission  zur  Regelung
des  Kongoabkommens  fetzt  fest,  daß  die  Konzessionen  der  im  abgetretenen
  Gebiet  bestehenden  Gefellschaften  den  deutschen  Vorschriften
angepaßt  zere  n.

ellschaften,  die  vollständig  unter  deutsche  Herrschaft  gelangen,

werden  eine  Optionsfkin  zur  Aenderung  ihrer  Nalionalität  erhalten,  ohne

jedoch  wn  zu  sein,  auf  ihre  fronzösische  Nationalität  zu  verzichten.

21.  Juli.  Marineminister  Delcassé  erklärt  an  Bord  des

Panzerkreuzers  „Edgar  Ouenet“,  daß  der  Hafen  von  Ajaccio  ein

strategischer  Punkt  ersten  Ranges  und  fester  Stützpunkt  für  die  Verproviantierung
  der  Geschwader  werden  solle.

1.  August.  Die  Regierung  gibt  bekannt,  daß  Verhandlungen
mit  Rußland  schweben,  die  auf  die  Ergänzung  des  allgemeinen
Bündnisvertrages  und  der  Mililärkonvention  durch  ein  Abkommen
über  das  Zusammenwirken  der  beiderseiligen  Flotten  im  Kriegsfalle
abzielen.

Anfang  August.  Veröffentlichung  Über  die  Schulbildung  der
im  We  1910  eingestellten  Wehrpflichtigen.

301  457  in  den  Listen  gesülren  schalten  werden  solgende
Zahlen  cegeben:  Es  konnten  weder  lesen  noch  schreiben  #l12,  nur  lejen.

aber  nicht  schreiben  3712,  mangelhaft  unnn  un  sührilen“  77759.  Es  besasßen
eine  sorigeschrittenere  Elementarbildung  179714  (instruction  z  m  plus
dereloplwet,  das  Aeieegu  des  Elementarumerrichs  (brevet  do  Ten.
scignement  „Primaire)  7237,  das  Reisezeugnis  zur  Universirät  R  Der
Stand  der  Schulbildung  temie  nicht  erminelt  werden  bei  180093.

Anfang  August.  Der  Marineminister  Delcassé  hat  jetzt  auch
die  Ausschiffung  aller  Pulvervorräte  B,  A  mit  Amyl-Alkohol  angeordnet,
  nur  die  mit  Diphenylanin  hergestelllen  Pulverbestände
sollen  an  Bord  der  Schisse  bewahrt  werden.
        <pb n="391" />
        f###rich#(August  13.—  September  12.)  381

13.  August.  (Paris.)  Der  Komponist  Jules  Massenet  t,
70  Jahre  alt.

18.  August.  (Toulon.)  An  Bord  des  Schlachtschiffes  „Verité“
wird  durch  eine  unbedeutende  Dampfausströmung  aus  gesprungenen
Kesselwindungen  eine  Panik  unter  den  Mannschaften  hervorgerufen.

250  sprangen  in  voller  Kleidung  ins  Meer,  andere  bemchtigten
  sich  der  Schlüissel  und  ertränkten  die  Munitionskommern.

6.  August.  (Eille.)  Erster  nationaler  Freidenkerkongreß.
Er  spricht  sich  für  die  Nutniesung  der  Kultusgebäude  als  Eigentum
des  Volkes  aus  und  befürwortet  eine  Komvforganisation  „Zegen  die  surchtbare
  Organisierung  der  Alerilalen  und  für  die  endgültige  betreiung  des
französischen  Volkes
21.  August.  (Hünkirchen)  Ministerprändent  Poincaré  dußert
sich  bei  seiner  Rückkehr  aus  Rußland  über  das  Ergebnis  seiner  Reife:
„Die  Gesühle,  die  wir  unseren  Berbündeen  sort  und  fort  bewiesen
haben,  finden  [z  ihnen  ein  treues  Eche.  Die  Freundschaft  der  beiden
Länder  ist  unveränderlich.  Die  Zeit,  weit  desn  unm#,  sie  erkallen  zu
lassen,  hat  ihr  neue  Lebhaftigkeit  gegeben.  Rußland  und  Frankreich  sind
in  gleicher  Weise  an  der  Festigkeit  des  Bündnisses  interessiert,  das  ihnen
gestaltet,  sich  iederzeit  zu  einer  diplomatischen  Akion  zusammenzutun  und
on  der,  oirechterdaung  des  Friedens  zusammenguarbeiten,  indem  sie  dabei
in  sich  absvielenden  Ereignissen  folgen  und  sich  in  voller  Ueberhemant
  gegen  die  Seuigteigen  der,  stunt  schüßen.  Visen  Bündnis
ird  durch  unsere  Entente  cordinle  mit  England  vewollständigt  und
rweitert.  Sicherlich  kann  ikgran  in  diser  friedlichen  Gruppierung  der
rs  befreundeten  Mächte  Provokation  oder  Angriffelust  erblicken.  Dank
einer  Politik  der  ulugheit,  Ptiblünigtei  und  Würde  hat  die  Republik  die
Stellung  Frankreichs  in  der  Welt  zu  behaupten  gewußt.  Unsere  materielle
und  moralische  Stärke  ist  es,  die  allein  unjerer  Frenndichaft  Wert  verleihen
und  uns  drausen  dauernde  Unterstünung  verschaffen  kann.  Wir  müssen
uns  also  bemühen,  die  vitalen  Kräste  des  Landes  zu  erhalien  und  zu  vermehren.
  Ich  meine  damit  nicht  lediglich  ODeer  und  Flotte,  sondern  vor
allem  ein  einheitliches  und  gemeinschaitliches  Nalionalgeiih  das  die  Gröste,
den  Ruhm  und  die  Unsterblichleit  eines  Volkes  ausmacht.“

3.  September.  (Paris.)  Der  Vorkämpfer  des  Neomallhusianismus
  Paul  Robin  1t.  75  Jahre  alt.

11.  September.  (Lyon.)  Der  Erzbischof  und  Primas  von
Gallien  Kardinal  Pierre  Hector  Coullié  f.  83  Jahre  alt.

11.  September.  Großfürst  Nikolaus  von  Rußland  trifft  zur
Teilnahme  an  dem  bis  zum  7.  Sepkember  währenden  Manöver
mit  seiner  Gemahlin  ein.

12.  September.  Verlegung  der  beiden  Geschwader  des  Atlantischen
  -  nach  Toulon.

bleiben  nur  die  drei  Leeecheuser  „Gloire“,  „Conde“  und
„Morsetlailer  ,  sowie  eine  Ableilung  Torpcdojäger.
        <pb n="392" />
        382  F#mriich.  (September  19.—Oltober  5.)

19.  September.  Der  „Matin“  teilt  mit,  daß  sich  in  dem
Schießpulver  der  Kriegsflotte  entzündliche  Gase  entwickeln,  durch
die  beim  Offnen  der  Pulverkästen  die  Mannschaften  stark  belästigt
werden,  so  daß  man  versuchen  müsse,  durch  Ventilation  der  Pulverkammern
  die  Gefahr  zu  beseitigen.

21.  September.  Die  Regierung  hat  zu  Versuchszwecken  bei  zwei
schwedischen  Fabriken  30000  Kilogramm  und  bei  einer  italienischen
Fabrik  15000  Kilogramm  Schießpulver  bestellt.

24.  September.  Viele  Zeitungen  feiern  die  russische  Großfürstin
  Nikolaus,  eine  geborene  Prinzessin  Anastafia  von  Montenegro.
weil  fie  an  der  deutschen  Grenze  durch  eine  lange  sehnsüchtige  Geste
nach  den  verlorenen  Provinzen  hin  ihrer  Sympathie  für  die
Patriotenliga  Ausdruck  gegeben  hatte.

September.  In  der  „Humanité“  schreibt  der  Abgeordnete
Maurice  Allard  über  die  Bewunderung  der  Großfürstin  Nikolaus
(siehe  24.  September!)  durch  die  Pariser  Zeitungen:

rocknen  wir  unsere  Tränen  der  Rührung  und  lesen  wir  in  der
Finanzrubrik  derfelben  Zeitungen  diese  bescheidenen  Zeilen:  Man  kündigt
für  Oklober  eine  ewvulli  sche  Anleihe  von  1200  bis  1500  Millionen  an.

#e  ganze  Geheimnis  der  Reise  des  Herrn  Poincars  nach

gepumpt  werden  sollte,  kam  der  sov  Nikolaus  persönlich.  Jetzt  ist  dos
i  at  derartige  Forischritle  Sea8  Lat

es  ihm  gegenwärtig  genügt,  sche  einen  französischen  Minister  nach  R

—r  zu  lassen  oder  einen  russischen  Großfürsten  nach  Foch  Reß  r
icken.

Kue  September.  Hilfsdienst  in  der  Armee.
ie  Einstellung  von  nicht  wassenföhigen  jingen,  Penten  zum  Hilfsdieust
  De,  auxiliaire)  erreicht  wieder  18(700  Man

5.  Oktober.  Der  „Petit  Parisien“,  das  Srgen  des  Minislers
Jean  Dupuy,  berichtet,  daß  Herr  Poincaré  gestern  die  Formel  abgefaßt
  hat,  die  er  der  Zustimmung  der  Großmächte  für  das  gemeinsame
  Eingreisen  in  den  Balkanslaaten  vorzuschlagen  gedenkt.  Diese
Formel  erklärt  zunächst,  daß  Europa  unter  allen  Umständen  den
Itatus  duo  der  Balkanländer  aufrechterhalten  und  zweitens,  daß
es  auf  die  Pforte  einwirken  wird,  um  wirklich  und  praktisch  in
Mazjedonien  Reformen  gu  erlangen.

5.  Oktober.  Aus  einer  Erklärung  des  in  Paris  weilenden
russischen  Ministers  Ssasonow  zur  Balkankrise  an  einen  Redakteur
des  „Tempe"“:

„Heule  vormittag  haben  Ministerpräsident  Poincaré  und  ich  nach
einem  neuen,  aber  viclleicht  nüylichen  Vorgehen  die  Gesondien  Bulgariens,
        <pb n="393" />
        Iranirriqq.  (Oltober  10.  27.)  383

Serbiens  und  Griechenlands  solidarisch  empfangen.  Wir  haben  ihnen
jormell  unsere  üichtspunt  dargelegt.  Ich  weiß  nicht,  welche  Form  die
Aktion  der  Mächte  haben  wird.  Was  uns  anlangt,  so  lind  wir  bereit,
die  zwei  moglichen  Merthobe  anzunehmen:  Entweder  gemeinsame  Attion
oder  eine  Aklion  Rußlands  und  Oesterreich  Ungarns  im  Namen  der  Großmächte.
  Wir  haben  keine  Linergedamten  und  sino  Uberzeugt,  S  dies
auch  dei  den  anderen  Mächten  der  Fall  ist.  Die  Aufnahme,  die  der  Vorschlag
  in  den  verschiedenen.  ann.  gesunden  hat,  beweist  biesjrene

  mich,  daß  meine  seit  langem  geplante  Reije  mit  dieser  Krise  zusammensällt.
  Dank  meinem  unmittelbaren  und  herslichen  Zuleiumennecihen
mit  Herrn  Poincarn  haben  wir  mehrere  Tage  gewinnen  können  4  e
meine  Ansichten  dahin  zuiammen,  daß,  welche  Gejahren  immer  per  Bal
morgen  bringen  kann,  schon  jetzt  zutage  tritt,  daß  die  französisch-  rusische
Auianz  und  die  Trivleemente  vollständig  bereit  sind,  die  Friedensrolle
zu  erfüllen,  für  welche  sie  geschaffen  wurden,  und  daß  der  in  den  gegenwärtigen
  Umständen  von  dem  gleichen  Geiste  bbeerlle  Dreibund  uun  zun
Erreichung  des  gemeinsamen  Zieles  seinen  nüglichen  Beistand  g#

10.  Oktober.  Auf  die  Aufforderung  der  Menschmnnöbneh,
die  Regierung  möge  auf  Grund  der  französisch-russischen  Handelsverträge
  von  1874  und  1905  bei  der  ruffischen  Regierung  in  der
Angelegenheit  der  Pässe  der  französischen  Juden  vorstellig  werden,
erwiderte  Poincaré  in  einem  eingehenden  Schreiben,  daß  er  ein
derartiges  Vorgehen  für  unnütz  und  gegenstandslos  ansehen  müsse,
da  in  dem  Vertrag  von  1874  ausdrücklich  erklärt  werde,  daß  die
Vertragsbestimmungen  in  keiner  Weise  die  polilischen  und  sonstigen
Vorschriften  hinsichtlich  der  Behandlung  der  Ausländer  beeintrachtigen
  können.

ens  werde  auch  den  katholischen  Priestern  nur  durch  besondere
Ermächigunn  seuerm  des  rusüschen  Ministeriums  des  Jnnern  in  Rußland
Einlaß  gewährt.  So  wünschenswert  auch  eine  liberale  bänderung  dieses
Vorgchens  wörc,  so  zeige  doch  der  vollständige  Missersolg,  den  die  Vereinigten
  Staalen  von  Nordamerika  in  der  gieichen  Angelegenheit  neeen
haben,  ganz  unzweidemig,  daß  jedes  Bemühen  Frankreichs  unangebracht  wäre.

27.  Oktober.  (Nantes.)  Aus  Poincares  Rede  über  den
Sland  der  Balkanfrage  und  über  Frankreichs  Vermittlerrolle:

Lir  haben  mit  Genuginung  feststellen  konnen,  daß  Frankreichs
friedl  i  Anitiative,  die  es  ini  vollen  Einllang  mit  seinen  Freunden
und  Verbũndelen  ergriü  in  allen  Ministerien  des  Aeusieren  verstanden  und
gutgeheißen  wurde.  Sie  hat  zum  ersten  Ergebnis  Gedankenaustausche
gehabt,  die  täglich  züschen  den  Mächten  sortgeset  werden  und  ihnen  gestallen,
  über  den  Gang  der  Ereignie  eine  hemeinsame  Aussicht  au  üben
und  die,  wenn  es  dazu  gekommen  jeiu  wird,  wie  ich  hofic,  cine  Vermitllung
begünstigen  werden.  Dicser  Tag  ist  vielleicht  sogar  nahe.  Brauche  ich
Ihnen  zu  iagen.  meine  Derren,  daß  diej#e  allgemeinen  Gedankenauskausche,
so  nüt##lich,  so  unembehrlich  sie  sein  mögen,  weder  heute  noch  morgen  das
Ziel  und  die  Wirkung  haben  dürien,  die  weientlichen  Linien  unserer
auswärtigen  Politik  zu  verändern?  Frankreich  ist  der  Flauterhaftigkeit
und  der  Untrene  unsähig.  Auch  wir  suchen  nicht  Freundschaften  zum  Auswechseln,

  und  wir  glauben,  daß  eine  große  Nation  es  sich  selbst  schuldet,
        <pb n="394" />
        384  franreickW  (Oktober  30.—November  7.)

in  der  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten  die  m—  ihrer  Gedanken

  und  die  Festigkeit  ihrer  Absichten  zu  zeigen.  Wir  n  eng  ge  ·

warh  an  Rußland,  unferen  Berbündeten,  und  an  Englond,  er  Frund:
z  bleiben  an  sie  durch  vielverslochtene  und  unzerstörbare  Ban

Körs,  des  Ineeiees  und  der  politischen  Ehrlichkeit  geknüpft.“

30.  Oktober.  Der  „Temps“  bringt  folgende  Depesche  seines

tomischen  Korrespondenten  Über  die  Erneuerung  des  Dreibundes:

ie  Erneuerung  des  Dreibundes  iß  eine  vollendete  Tatsache.
Das  Rblo  wird  in  seiner  bisherigen  Fassung  aufrechterhalten  und
nur  insosern-  #enderungen  ersahren,  als  sie  durch  den  Ausgong  der  sich
gegenwärtig  im  Orient  vollziehenden  Ereignisse  als  angezeigt  ds
könnten.  Im  übrigen  war  während  der  letzen  Umierredung  des  Graien
Berchto  mit  dem  italienischen  Minister  des  Aeustern  in  Pisa  nur  wenig
mehr  die  Rede  von  der  Erneuerung  des  Dreibundes.  Die  Diplomaten
hoben  insbesondere  die  aus  dem  Balkankonflikt  sich  evemtuell  ergedenden
nonsequenzen  ins  Auge  geia

Sl.  Oktober.  Goaris.)  Die  Stadt  kauft  für  100  Millionen
Franes  vom  Staate  die  Befestigungen,  um  sie  in  Parks  und  Spielplätze
  zu  verwandeln  oder  für  Bebauungszwecke  auszunützen.

4.  November.  Der  Ministerpräsident  Poincaré  hat  das  Ersuchen
  der  Türkei  um  Vermittlung  der  Mächte  zur  Herbeiführung
eines  Wassenstillstandes  mit  der  Begründung  abgelehnt,  daß  die
französische  Regierung  ein  solches  Ersuchen,  ohne  das  Völkerrecht
zu  verletzen  und  ohne  den  Anschein  einer  Stellungnahme  gegen  die
Balkanstaaten  zu  erwecken,  nicht  enigegennehmen  könne;  fie  würde
in  übereinstimmung  mit  allen  Großmächten  nur  ein  direkt  ausgesprochenes
  Ersuchen  um  Vermittlung  prifen  können,  wenn  es  an
fie  gerichtet  sei.

6.  November.  Nachdem  der  türkische  Botschafter  ein  zweites
Gesuch  um  Vermittlung  der  Großmächte  übermittelt  halte,  machte
ihn  Poincaré  darauf  aufmerksam,  daß  das  Vermiltlungeersuchen
jeden  Gedanken  an  eine  Pression  auf  die  Kriegführenden  ausschlöfse,
und  sügte  hinzu,  daß  die  Mächte  in  ein  Meditationsversahren  nur
eintreten  könnten,  wenn  alle  Kriegführenden  einwilligten.

oincaré  hat  allen  Möchten  ohne  Ausnahme  unver#üglich  mitteilen
lassen,  dan  Ilaure  eich  geneigt  wärc,  0  0c.  mit  ihnen  über  das  neue  Ersuchen
der  Türkei  ins  Einvernehmen  zu  sete

7.  November.  Nach  dem  ansnois  des  Ministeriums  der  sozialen
Fürsorge  beträgt  die  Zahl  der  Geburten  im  ersten  Halbjahr  1912
387807  gegen  385909  in  der  gleichen  Periode  des  Jahres  1911,
doch  Übersteigt  die  Zahl  der  Geburten  diesmal  die  der  Todesfälle
um  14172.
        <pb n="395" />
        Erankttiq.  (November  13.—Dezember  5.)  385

13.  November.  Ministerpräsident  Poincaré  spricht  vor  dem
Comité  Mascuraud,  der  Verbindung  radikaler  Parlamentarier  und
hervorragender  Vertreter  des  Handels  und  Gewerbes,  über  die
Balkankrifis.

Er  führt  aus,  daß  von  dem  absoluten  Desinteressiertsein  Frankreichs
bei  den  Friedensverhandlungen  keine  Rede  mehr  sein  kann.  Poincars  erklärt,
  daß  Frankreich  in  den  Eisenbahnfragen,  in  ben  Angelegenheiten  der
verpfändeten  Einkünfte  der  Türkei,  der  französischen  Schule,  Spiäler,
öffentlichen  Stiftungen  usw.  ein  gewichtiges  Wort  mitzusprechen  habe.

114.  November.  (Senat.)  In  eine  Kommission  zur  Beratung
des  von  der  Kammer  angenommenen  Gesetzentwurfes  über  die  Wahlresorm
  werden  15  Gegner  und  3  Anhänger  der  Verhältniswahl
gewählt.
-  Präsidentdersetnkatllioatotkdclömeaceaa
27.  November.  (Nancy.)  Infolge  eines  irrtümlichen  Telegramms
  läßt  der  Brigadier  Blion  die  Grenzbrigade  in  Arracourt
mobilinenn

5.  Dezember.  (Kammer.)  Ministerpräfident  Poincaré  über
die  Leltankollgt.  Frankreichs:

Sie  werden  begreifen,  daß  ich  heute  noch  zu  einer  großen  Reserve
verpflichtet  bin.  Einerseits  ist  die  Physiognomie  d  Verihuule,  die  sich
schon  bieher  at.  cgroßer  Geschwindigkeit  geändert  hot,  noch  weit  davon
ern  definitiv  festgelegt  zu  sein;  ondererseits  in  t  den  Großmächten
  eine  #ssoro  He  Wn-  .  der  keine  einzige  der  Regierungen
allein  für  sich  Anteil  hat,  und  es  ist  deshalb  unmöglich,  ohne  eine  vorhergegangene
  Verabredung  ihren  7l7i  veröffentlichen.  Ich  habe  also
nicht  die  Freiheit,  mich  vollständig  über  die  von  der  französischen  Regierung
besolgte  Politik  auszusprechen,  und  um  diese  Politik  in  vollem  Lichte  erscheinen
  zu  lassen,  bin  ich  ve  erpulichtet,  zu  warten,  bis  es  mir  möglich  se  sein
wird,  auf  Einzelheiten  Finzugeben.  deren  sosortige  Verössentlichung  in  diesem
Augenblick  nicht  angebracht  w  Ich  kann  aber  .  unsere  Politik
definieren  und  so  deullich  e  alrriisen,  wie  es  die  Kommission  wünschen

wird.  Poincars  geht  dann.  aut  die  Vor  geschichte  des  Votonkonssikte  und
der  Verhandlungen  der  Großmächte  ein  und  schildert  die  Bemühungen
Feenkeide,  die  W  zeitlichen  und  räumlichen  Beschränkung
alkankonflikts  zu  einigen.  Er  bemerkt:  Diese  allgemeine  Ausds
  der  Großmächte,  welche  Kund  die  Umstände  nötig  geworden  war,
aben  wir  natürlich  nur  in  Angriff  genommen  und  sortgeient  in  voem
Einvernehmen  mit  unseren  Freunden  und  unseren  Alliierten.  Wir  holt
es  für  runerläßlich,  die  Kontinuiltät  unserer  auswärtigen  Politik  zu  aobrn,
und  wir  wollen,  daß  bei  der  Regelung  der  hegenwärtigen  Zwischeniälle
unsere  Bündnisse  und  unsere  Freundischaftsbezichungen  eine  neue  Probe
ihrer  Stärke  und  ihrer  Wirksamkeit  be#ehen.  Während  der  ganzen  dipvlomatischen
  Nerhandlungen  haben  wir  uns  immer  im  voraus  der  Gefühle
Englands  und  Rußlands  versichert,  und  es  z  überflüssig  ½  belonen,  daß
wir  ohne  Unterlaß  in  vollcm  Vertrauen  und  in  voller  Intimität  gehandelt
haben  und  in  Zukunst  handeln  werden.  Der  Ministerpräsident  jagt  dann,
daß  die  Aussprache  mit  Ruhland  schon  im  Jannar  begam,  Sweil  es  schon
Enropässcher  G#schichtstalender.  I.  11.  25
        <pb n="396" />
        386  éIraaluriqq.  (Dezember  11.  -27.)

damals  bekannt  wurde,  daß  die  Balkanstaaten  unruhig  würden.  Schon
damals  häuen  sich  Frankreich  und  Rußtland  sofort  dahin  geeinigt,  den
tus  quo  im  Balkan  aufrechtzuerhalten.

11.  Dezember.  (Kammer.)  Die  Menschenverluste  in  Marokko.

Nach  einer  an  die  Abgeordneten  verteilten  Denkschrist  betrugen  die
Wieminerte  der  Armee  in  den  21  Monaten  vom  1.  Januar  1911  bi-90.
  September  1912:  1234  Tote,  darunter  51  Offiziere,  und  7412
wundete  oder  Erkrankte  und  in  Krankenhäusern  Behandelte,  darunter  220

Offiziere.  Die  Zahl  der  Gefsechle  betrug  47.

26.  Dezember.  (Kammer.)  Zur  Verstärkung  der  Effektivbestände
  der  Kavallerie  wird  eine  dauernde  Nachtragsausgabe  von
5600000  Francs  und  für  Eauipierungsgelder  480000  Francs  mit
508  gegen  76  Stimmen  bewilligt.

27.  Dezember.  Nachdem  Bourgeois  die  Kandidatur  für  die
Präfidentschaft  Frankreichs  abgelehnt  hat,  hat  Ministerpräsident
Poincaré  die  Einwilligung  zur  Aufstellung  seiner  Kandidatur
gegeben.
        <pb n="397" />
        VII.
Italien.

16.  Januar.  Der  franzöfische  Postdampfer  „Carthage“  wird
auf  der  Fahrt  von  Marseille  nach  Tunis  von  italienischen  Torpedobooten
  angehalten  und,  weil  er  Flugzeuge  an  Bord  hatte,  nach
Cagliari  gebracht.  Nach  Auslieferung  der  Flugzeuge  wird  das
Schiff  am  19.  Januar  freigegeben.

19.  Januar.  Der  franzöfische  Postdampfer  „Manoubo“  mit
99  Passagieren  an  Bord,  darunter  angeblich  29  türkischen  Offizieren,
welche  sich  für  Krankenpfleger  ausgeben,  wird  von  dem  italienischen
Kreuzer  „Agordat“  nach  Cagliari  gebracht,  aber  nach  Ausschiffung
der  Türken  wieder  freigegeben.

kl  Januar.  Der  König  erteilt  dem  Staatssekretär  von
Kiderlen-Wächter  eine  Audienz  und  verleiht  ihm  das  Großkreuz
des  St.  Mauritius-  und  Lazarus-Ordens.

ml  Februar.  In  einer  Metallwarenfabrik  sind  200  000  Automobilbrillen
  für  das  tripolitanische  Expeditionskorps  bestellt  worden
zum  Augenschut  gegen  Sandstürme  für  die  in  der  Wüste  vorrückenden
  Truppen.

209.  Februar.  Aus  dem  Nachruf  des  „Popolo  Romano“  für
Graf  Ahrentalrragende

  Vorteile  entsprossen  aus  seiner  Politik  in  den  Be-PRehungen
  —  Oesterreich  und  Italien,  die  er  mit  bewundernsm

  Tan  unter  Ueberwindung  großer  innerer  Schwierigkeiten  io  zu
antainen  wußie,  wie  das  Bundceverhälinis  es  verlangt.  Gewiß  werden
auch  fürderhin  Mißklänge  in  gewissen,  von  zeitweiliger  politischer  Nervenüberreizung
  beherrichten  Areisen  nicht  ausbleiben,  aber  Achremhals  Werk
der  Herbeijührung  einer  —2  der  öffentlichen  Meinung  mit

dem  Bundesverhöltnis  wird  dauerhast

22.  Februar.  Durch  einen  toniglichen  Erlaß  wird  das  Finanz--ministerium
  zur  Inanspruchnahme  eines  neuen  außerordentlichen
Kredits  von  20  Millionen  Lire  für  Kriegsauslagen  ermächtigt,  so
daß  die  bisherigen  Kredite  (offiziell)  120  Millionen  Lire  erreichen.

22.  Febrnar.  (Deputiertenkammer.)  Bei  Eröffnung  der
ersten  Sitzung  seit  der  Kriegserklärung  an  die  Türkei  bringt  der

25“
        <pb n="398" />
        388  Nlien.  (Februor  23.—März  5.)

Präsident  Marcora  der  Armee  und  Marine  eine  begeisterie  Huldigung
  dar.

Durch  nsinngen  Bcu  des  Hauses  wird  dem  Heer  und  der
Flotte  Wuh  und  gesper

Der  hhen  ee  2#  Snahgeltenkrung  des  Deren  in
dem  die  volle  Souderänität  Italiens  über  Tripolis  und  die  Cyrenaila
veotlabshen  wird,  soll  durch  eine  Kommission  von  "(n  tiee  gFeorast
wer

23.  Februar.  (Kammer.)  Das  königliche  Dekret  über  die
volle  Souveränität  Italiens  in  Tripolis  und  Cyrenaika  wird  mit
110  —  36  Stimmen  angenommen.

Ministerpräsident  Giolitti  erklärt,  des  Dekret  sei  ach  die  Annexion.
Es  bestätige  die  Souveränität  Itoliens,  die  sich  t  Weiie  .
wickeln  werde,  wie  es  die  Sptziolgesete  cu  nee  die  aufdteei
sendet-est  lolqlettBequunettattdtekeltqtsiettGetuhledteteksöllet
Rucksicht  nehmen  würden.  Es  diei  auf  jeden  Fall  voreilig,  ießt  zu  erklären,
wie  und  bie  zu  welchem  Punkte  die  Achtung  vor  den  religiöjen  Unschauzugen
  mit  den  Gründen  der  FSruten  in  Einklang  gebracht  werden  könne
d  müsse.  Jtalien  habe  sich  nicht  damit  einverstanden  erklären  können,
vos  di  politische  vre  a  Türkei  in  dieien  Ländern  dertdauern
Um  alle  Illusionen  zu  nehmen,  um  zu  zeigen,  daß  das  Land  um  jeder
Preies  uruschrofene  sei  (sehr  lebhafter  npesheneen  Vaolh,  über  brten
Punkt  nicht  zu  verhandeln,  und  damit  Freunde,  Verbündete  und  Feinde
wüßten,  welches  der  Punkt  sei,  über  den  Italien  in  seinen  Zugeständniisen
iicht  werde  hinausgehen  können,  habe  sich  das  Dekret  als  eine  absolute
Notwendigkeit  aufgedrängt.

W9.  Februar.  Ein  Telegramm  der  „Agenzia  Stefani“  berichtet,
daß  Rußland  bei  den  fünf  neutralen  Großmächlen  eine  gemeinsame
Anfrage  in  Rom  vorbereite,  unter  welchen  Bedingungen  Italien
Frieden  zu  schließen  bereit  sei.

2.  März.  (Kammer.)  Der  Gesetzentwurf  betreffend  die  Verstaatlichung
  der  Lebensversicherung  wird  mit  266  gegen  79  Stimmen
angenommen.

2.  März.  Das  Kriegsministerium  veröffentlicht  eine  Liste  der
Toten  und  Vermißten.

Daraus  ergibt  sich,  daß  bis  zum  2.  März  37  Wt  und
199  Soldaten  im  Fride  geiorben  sind.  und  daß  ein  OCffizier  und
323  Soldaten  vermißt  werden.  Die  Mehrzahl  der  Vermißten  gehort
dem  eliten  Versaglieriregiment  an

3.  März.  Admiral  Aubry,  Höchstkommandierender  der  Seestreitkräste,
  f#n  Bord  des  „Vittorio  Emanuele“  an  einer  Bauchfellentzündung.


Zu  seinem  Nachfolger  wird  om  5.  März  Vizcadmiral  Faravelli
ernannt.

5.  Marz.  (Pompeji.)  Ein  neuer  Teil  der  verschütteten  Sladt
        <pb n="399" />
        S#alis.  (März  7.  -  14.)  389

ist  ausgegraben  worden,  wobei  viele  historisch-wichtige  Inschriften
ans  di⅛n  kamen.

7.  März.  (Kammer.)  Aus  dem  überblick  des  Finanzministers
Tedesco  über  den  Staatshaushalt  des  Etatsjahres  1911/12  geht
hervor,  daß  den  beiden  Kriegsministerien  für  die  Expedition  in
Lybien  ein  Kredit  von  205  Millionen  Lire  eingeräumt  worden  ist.

8.  März.  Die  Botschafter  von  Frankreich,  Großbritannien,
Deutschland  und  Österreich-Ungarn  und  vor  ihnen  als  erslter  der
russische  Botschaftsrat  in  Vertretung  des  erkrankten  Botschafters
begaben  sich  einzeln  in  die  Konsulta,  um  den  Minister  des  Außern
zu  fragern,  unter  welchen  Bedingungen  Italien  geneigt  wäre,  die
freundschaftliche  Vermittlung  der  Mächte  für  eine  Einstellung  der
Feindseligkeiten  anzunehmen.

14.  März.  (Rom.)  Auf  den  König  Biktor  Emanuel  wurde,
als  er  sich  mit  der  Königin  morgens  vor  8  Uhr  zum  Pantheon
begab,  um  einer  Seelenmesse  für  seinen  am  14.  März  1844  geborenen
  Vater  beizuwohnen,  von  einem  Individuum  aus  einem
Revolver  zwei  Schüsfe  abgegeben.

er  König  wurde  nicht  getroffen,  dagegen  wurde  der  ihn  begleitende
Major  “i  uerwunden,  Der  Täter  wurde  von  der  Menge  halbotgeschlagen
  und  gab  sich  im  ozeigewahrsamn  als  der  21  jährige  anarchistische
  Maurer  U#onio  Dalba  zu  erkennen.  Ein  Komplott  ist  ausgeschlossen.

14.  März.  (Kammer.)  Kundgebungen  zur  Rettung  des
Königs  beim  Attentat.

Ministerpräsident  Giolitti,  der  mit  sämtlichen  Ministern  erichienen
war,  berichtete  zu  Beginn  der  Sigung  dem  Hause,  de-  s  sich  erhoben  hatte,

über  das  Attentat.  Zum  Heile  Italiens  habe  Gott  das  Leben  des  vielgelieblen
  Herrscherpaares  bewahrt,  dessen  Charaltereigenschaften  und  Tugenden
von  der  ganzen  Agtion  bewundert  würden.  (Einstimmiger,  lang  andauernder
Beijall,  auch  auf  der  Linken.  Wiederholte  Rufe:  Es  lebe  der  König!)
Darauf  verkündete  on  e  an  Marcora,  er  habe  dem  König  sofort
die  tieistgciühlten  Glückwüniche  und  die  Entrüstung  der  Kammer  und
des  Landes,  deisen  getreuer  Dolmeisch  die  Kammer  sei,  zum  Ansdruck
gebracht.  Er  wiederhole  vor  der  gesamten  gioilisterten.  Welt  die  Huldigung
der  Kammer  vor  dem  Hause  Savonen,  dem  König,  der  KNönigin,  die  auch
bei  dieier  Gelegenheit  de  treuc  Weiährlin  7n  lben  gewelen  jei,  und  der
Königin-Witwe.  Das  älleste  Mitglied  der  Kammer,  Lacava,  gab  der  Entrüstung
  über  das  Lanenel  Ausdruck  und  schlug  vor,  die  Zane##  solle  sich
noch  heuie  in  corpore  in  den  Quirinal  begeben,  um  die  Ergriü#enheit  der
ganzen  Nation  zum  Ausdruck  zu  bringen  und  gerade  iet  ihre  Anhänglichkeit
und  Ergebenheit  gegen  den  Ponin  und  die  Nönigin  zu  versichern.  .  zieder
holte  lebhaire  Ruir:  Es  lebe  Mönig!  in  der  ganzen  Rammer.)  Sonnin

öuherte  ebensalls  Abichen  ood  P6mrluen  über  das  Aktentat  gegen  die  Perion
des  Königs,  dem  man  die  großte  Ererdietung  ichulde,  gerode  in  einem
Augenblick,  wo  Tauiende  von  Brüdern  ihr  Leden  für  die  Ehre  der  Fahne
in  die  Schanze  schlügen.  Darauf  Leilöin  as  (radikal),  wegen  der
        <pb n="400" />
        390  Nalien.  (März  14.  15.)

roßen  Güte  und  hohen  Weisheit  des  Monarchen  hätte  er  niemals  denken
önnen,  daß  ein  Jialiener  hine  Hand  gegen  seinen  König  bewaffnen  könne.
Diese  Tat  könne  nur  die  Tat  eines  Foesiurigen  sein.  Im  Namen  aller
seiner  Freunde  der  Linken  schließe  er  sich  den  Worten  der  Vorredner  an.
eebbaer  Beifall;  unaushörliche  Ruse:  Es  lebe  der  König!)  Der  Vorschlag
acabas  wurde  einstimmig  durch  Alklamation  angenommen.  Dann  wurde
die  Sitzung  ouf  morgen  vertagt.  —  Die  Deputierten  verließen  den  Saal,
um  sich  in  corpore  zum  Quirinal  zu  begeben.  Dasselbe  tat  auch  der  Senat.
14.  März.  (Rom.)  Empfang  der  Deputierten  und  Senatoren

beim  Knigspoar.

-  300  zur  Beglückwünschung  erschienenen  Deputierren  und
cohlreichenn  Shlern  erzählte  der  König,  er  habe  das  Artentat  erst  bemerkt,
als  er  Langh  fallen  sah.  Die  Königin  5  r  huherte,  sie  habe  die  ganze
Szene  beobachtet.  Als  sie  Dalba  sich  d  m  Wagen  n  ähern  und  auf  den
König  schießen  sah,  habe  sie  sich  sofort  *rlr  ihren  Gemahl  geworfen,  um
ihn  mit  ihrem  Körper  zu  decken.  Glücklicherweiie,  süne,  sie  hinzgu,  war  dics
bberstaeisie.  Der  Sozialist  -*i  sagte  zu  dem  Rönige:  „Mojestät,  Sie
haben  einen  schönen  Beweis  des  Mutes  geliesert.“  Der  König  erwiderte
lächelnd:  7  handelt  sich  nicht  enn  einen  Beweis  des  Mules,  da  der  Wa  60n.

eichlossen  war.“  Der  Sozialist  Bissoloti  entgegnele  darauf:  „Aber  m

ieht  auch  den  Mut  nachher,  und  ich  glaube  mich  darauf  zu  vsvesstehen

Der  Köuig  und  die  Königin  drücklen  ihre  iese  Dankbarkeit  für  die

Kundgebungen  der  Deomierten  und  der  Senatoren  sowie  der  römischen
Avolleru  aus.  Sie  hätten  noch  nie  eine  so  imvosane  Volksmenge  ge-·
sehen.  Beim  Verlassen  des  Saales  brachten  die  Teputierten  und  Senatoren
ein  dreifaches  Hoch  auf  den  König  und  die  Königin  aus.

15.  März.  Die  Regierung  überreicht  den  Vonschaftern  der
Großmächte  eine  Denkschrift  über  die  Vedingungen  eines  Friedens
mit  u  Fr

einem  Auszug  des  Mailänder  „Corriere  della  Sera“  hat  die
W  solgenden  övnnbant:  Nachdem  die  „Nonsulio=  betom  hat,  doß  cs
ihr  nur  auf  die  Eroberung  von  Kiivoolitanken  ankomme,  und  daß  sie
kein  Interesie  an  der  Aeuderung  des  status  quo  am  Balkan  hat,  sicl#t  lie
die  Grundbedingung  aus,  daß  die  Por  nur  stillschweigend  und  die  andern
Mächie  ausdrücklich  die  neue  italienische  Herrschaft  in  Libhen  anerkennt.
  Dier  Vollenicche  Regierung  zwingt  alio  8  Piorte  nicht,  einen
Friedenavertrag  zu  unterzeichnen,  in  welchem  die  Abtretung  von  Libyen
auedrücklich  erwähnt  wird.  Dagegen  soll  die  Pforte  zunächst  sämtliche,  jett
in  Libnen  sichende  Offiziere  und  Soldaten  ohne  jede  Ausnahme  zurückzichen,
um  dadurch  die  arabiichen  Kämpfer  der  Führer  und  der  Organisatoren  zu
berauben,  worouf  Jlalien  alle  Feindieligkeiten  gegen  das  kürkiiche  Reich
einstellen  und  die  nriegszöue  I  wird.  Diese  Punkte  bilden  die  Vorbedingung
  für  den  Friedensschluß
Italien  ist  dann  zu  folgenden  Zugeständnissen  bereit:  1.  die
religisse  Hohcit  des  Rali##en  auzuerlemmen  in  ähnlicher  Weise,  wie  das
Oesterreich-Ungarn  im  Ariilel  1  des  Vertrags  vom  Februar  1899  über
Bosnien  und  Herzegowina  cum  hat:  2.  die  religiöse  Freiheit  und  die
Gebräuche  der  muselmanischen  Bevölkerung  zu  achnen:  3.  den  Eingedorenen:
dic  bieher  gegen  Jralien  gekämpit  haben,  Strasireibeit  zuzusichern:
Arediloren  der  ollomaniichen  öfientlichen  Schuld  die  von  Libnen  ars  d
Luoie  zu  sichern;  5.  für  die  von  der  Türlei  in  Libyen  desessenen  Güter
        <pb n="401" />
        N#licn.  (März  16.—Mai  2.)  391

eine  Absindungssumme  zu  geben.  6.  Die  Türkei  verpflichtet  si  die  itolie
nischen  Postämter  und  Schulen  in  der  Türkei  wieder  öffnen  zu  lassen

die  Kriegszölle  aufzuheben.  Dagegen  verpflichtet  sich  bie  F  *
gierung,  in  die  Aushebung  der  italienischen  Postämtter  im  türkischen
einzuwilligen,  wenn  die  anderen  Mächte  dies  tun  und  unter  der  1
Sorauesehung  auch  in  die  Aushebung  der  Kapitulationen  und  in  deren
Ersay  durch  das  internationale  Recht  einzuwilligen.  Alle  aus  dieser  Aenderung
  hervorgehenden  Streitfragen  sollen  eventuell  dem  Haager  Schi  nen
hericht  unterbreitet  werden  7.  Endlich  ist  Jialien  bereit,  mit  den  ander
Mächten  ein  Ablom  zu  treffen,  um  den  europäischen  Besitzstand  a
Türkei  zu  gorantierrne

16.  März.  Anläßlich  des  Attentats  auf  den  König  verlangt
der  „Popolo  Romano“  die  Einführung  der  Todesstrafe  für  Vatermord
  und  Königsmord.

25.  März.  (Venedig.)  Begegnung  des  Königs  mit  dem
Deutschen  Kaiser  an  Bord  der  „Hohengollern“.

28.  März.  (Senat.)  Annahme  des  Gesewes  betr.  die  Verstaatlichung
  der  Lebensversicherung  mit  119  gegen  43  Stimmen.

3e.  Märg.  Der  „Popolo  Romano“  äußert  sich  sehr  optimistisch
über  den  Einfluß  der  Monarchenbegegnung  in  Venedig  auf  die
Friedensaktion.

e  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung"  beruft  sich  in  ihrer
Wochenichen  am  31.  März  auf  diese  Presseänsterung  und  konstatiert  danach:
„In  Jolien  begreije  man  die  schwierige  und  delikate  Stellung,  die  die
Nrutralilät  den  Großmächten  auferlege.  Jtalien  sei  den  Mächten  dankbar
für  die  Vermilklungsaltion  und  wünsche  nur,  daß  die  Türkei  bald  auf  die
Vorschläge  Jraliens  ankworte.

8.  April.  An  Stelle  des  schwer  erkrankten  Admirals  Faravelli
wird  Vizeadmiral  Viale  mit  dem  Oberkommando  der  kriegführenden
Flotte  betraut.

12.  April.  Professor  Enrico  Ferri  erklärt  seinen  Austritt
aus  der  sozialistischen  Partei  wegen  ihres  Protestes  gegen  das
Annexionsdekret.

25.  April.  (Venedig.)  In  Anwesenheit  des  Herzogs  von  Genna
findet  die  feierliche  Einweihung  des  wiedererbauten  Campanile  von
San  Maroco  statt.

2.  April.  Der  „Corriere  della  Sera“  berichtet  von  langen
Erkundigungsfahrten  der  Luftschiffe  „P  2“  und  „I°  3“  in  Tripolis.
durch  die  die  Stärke  der  türkischen  und  arabischen  Streitkräfte  auf
17000  Mann  geschätzt  wurde.

2.  Mai.  (Kammer.)  Beginn  der  Beratung  des  Wahlreformentwurfs,
  der  ein  fast  allgemeines  Wahlrecht  einführt  und  die  Zahl
der  Wähler  von  drei  Millionen  auf  mehr  als  acht  Millionen  er-
        <pb n="402" />
        au2  Ilslien.  (Mai  3.—Juli  1.)

höht,  ferner  bedeutende  Reformen  des  Wahlverfahrens  vorsieht,
durch  die  auch  gewisse  Klassen  der  Analphabeten  das  Wahlrecht
erhalten  und  eine  unabhängige  und  geheime  Wahl  voll  gewährleistet
  wird.

3.  Mai.  (Kammer.)  Zweiter  Tag  der  Beratung  der  Wahlreform.


ührer  des  linken  Zentrums  Sonnino  hielt  eine  große  Rede,
die  sänich  auf  die  Gegnerschaft  gegen  das  Kabinett  verzichtete  und  aus
allgemeinen  demokratischen  Uebersengungen.  berous  far  die  Wahlreform  einbekannte
  sich  als  Anhänger  des  allgemeinen  Wahlrechts  ohne
alle  Umeesschiede  Warcicsh  der  Analphabeten  und  rock  on  auch  für  das  Frauen.
stimmrecht.  Der  Proporz  könne  nur  auf  dieser  verbreiterten  Grundlage  e
gefühm,  dagegen  mit  der  jetigen  Vorlage  nicht  verbunden  werden.  In  ber
Fun  beschränkie  sich  Sonnino  auf  den  nicht  prinzipiellen  Teil  des  r*rs
er  zwar  varlamentarische  Schwierigkeiten  machen  wird,  am  Schicksol  d
Entwurss  aber  nichts  ändern  kon
15.  Mai.  Zum  Gesetzentwurf  über  das  allgemeine  Wahlrecht.
t  Antrag  Mirabelli  auf  Einführung  des  e  echts,
gegen  den  sich  auch  die  Regierung  aussprach,  wird  mit  209  gegen  48  Stimmen
abgelehnt,  der  Artikel  des  neuen  Wahlgesetes,  wonach  Perelpöcbere,
wenn  sie  das  dreißigste  Lebensjahr  erreicht  oder  ihrer  Militärpflicht  genügt
haben  und  volljährig  geworden  sind,  das  Wahlrecht  gewährt  wurde,  mit
großer  Mehrheit  angenommen.

21.  Mai.  Der  König  stellt  dem  Ministerpräsidenten  Giolitti
100000  Lire  für  die  von  der  türkischen  Regierung  ausgewiesenen
Italiener  zur  Verfügung.

1.  Juni.  (Kammer.)  Zustimmung  zu  einem  vom  Minislerpräsidenten
  eingebrachten  Gesetzentwurf  auf  Begründung  eines
Kolonialministeriums.

7.  Juni.  Während  „Popolo  Romano“  verfichert,  daß  die
Italiener  mit  sehr  wenigen  Ausnahmen  den  wirksamen  Schutz  ihrer
Landsleute  in  der  Türkei  durch  Deutschland  dankbar  anerkennen,
behauptet  „Giornale  d'Italia-,  die  deutsche  Botschaft  in  Konstantinopel
  verhindere  jetzt  im  türkischen  und  im  deutschen  Interesse  die
von  Nom  aus  befürwortete  Heimkehr  der  italienischen  Arbeiter  der
anatolischen  Eisenbahnen.

21.  Juni.  (Kammer.)  Endgültige  Annahme  des  Gesetzentwurfs
  über  Errichtung  eines  Kolonialministeriums  mit  209
gegen  22  Stimmen.

29.  Juni.  (Senat.)  Annahme  des  Gesehentwurfs  über  die
Wahlresorm  in  der  Fassung  der  Kammer  mit  131  gegen  49  Stimmen.

1.  Juli.  Die  Haupteinnahmen  des  abgeschlossenen  Budget-
        <pb n="403" />
        Slalirs.  (Juli  1.—September  25.)  393

iohres  belaufen  sich  auf  1964  Millionen  Lire  und  ergeben  einen
ettelberschuß  von  65  Millionen  Lire.

at  das  Finanzministerium  vierzehnmal  hintereinander  Ueberschüsse
  in  F  A—  zu  verzeichne

1.  Juli.  (Senat.)  Nach  Annahne  der  Gesevorlage  auf
Errichtung  eines  Kolonialministeriums  erfolgt  Vertagung  auf  unbestimmte
  Zeit.

4.  Juli.  Der  Kommandant  des  vor  Neapel  gestrandeten
Kreuzers  „San  Giorgio“,  Albenga,  und  Schiffsleutnant  Bordigioni
wurden  vom  Disziplinargericht  zur  Dienstentlassung  verurteilt.

9.  Juli.  (Reggio  nell'  Emilia.)  Der  Kongreß  der  Sojialisten
schließt  die  vier  Abgeordneten  Bissolati.  Cabrini,  Bonomi  und
Podrecca  aus  der  Partei  aus.  weil  sie  als  Mitglieder  der  Kammerabordnung
  den  König  nach  dem  Mordanschlag  zu  seiner  Rettung
beglückwünschten  und  durch  Annahme  des  Annexionsdekretes  die
Kriegspolitik  der  Regierung  gebilligt  haben.

11.  August.  (Stresa  am  Lago  maggiore.)  Herzogin  Elisabeth
von  Genua,  geborene  Prinzessin  von  Sachsen,  1  im  83.  Lebensjahre.

W.  August.  Im  „Corriere  della  Sera“  wird  offiziös  über
die  in  der  Schweiz  eingeleileten  Friedensverhandlungen  mit  der
Türkei  geschrieben:

Schon  die  Jungiürken  waren  durch  Said  Halim-Pascha,  den  Vorsitzenden
  des  Staatsrates,  in  Verbindung  mit  einigen  italienischen  Vertrauensmännern
  getreten.  Nach  dem  Stiurz  des  jungtürkischen  Rabineits
stockten  die  Verbondtangen.)  wurden  jedoch  vor  vierzehn  Tagen  in  der  Schweiz
wieder  ausgenommen.  in  Jtolien  sind  dort  der  Großkaufmann  Volpi#
aus  Venedig,  der  er  dedduanor.  Hondelebeziehungen  zum  Orient  besonders
  dazu  geeignet  ist,  ferner  der  Siaatsrat  Fujinato,  der  frühere
Minister  der  öflentlichen  Arbeiten  Bertolini,  von  den  Türken  Naby  Bey,
Gesandter  in  Sofia,  sowie  Fahreddin  Ben,  Gesandier  in  Celinie.  Die
italieniichen  Vertrauensmänner  haben  kein  osüzielles  Mandat,  lind  aber  von
ihrer  Regierung  instruiert.  Die  Verhandlungen  haben  daher  vorläufig  den
Charakter  von  Pourparlers,  und  Italien  erklärt  bs  um  offiziellen  Friedens--abschluß
  die  Kriegsoperationen  sortsehen  zu  wo

30.  August.  (Rom.)  Wegen  des  Vernch  der  Banknotenfälschung
  verhaftet  die  Polizei  die  Grafen  Falgacappa  und  Barbiellini,
die  Kaufleute  Gebrüder  Gaggioli  und  mehrere  Techniker.

7.  September.  Das  Amtsblatt  veröffentlicht  dos  Reglement
über  die  Amwendung  des  Gesetzes  betreffend  die  staatliche  Versicherungsanstalt,
  die  am  1.  Januar  1913  ihre  Lätigkeit  beginnen
  soll.

25.  September.  (Borghetto  di  Vara  bei  Spezia.)  Der  Er-
        <pb n="404" />
        394  Italien.  Oliober  9.  -  17.)

finder  der  drahtlosen  Telegraphie  Guilelmo  Marconi  erleidet  einen
Automobilunfall,  durch  den  er  ein  Auge  verliert.

9.  Oktober.  (Rom.)  Der  Anarchist  Dalba,  der  am  14.  März
das  Attentat  auf  den  König  verübte,  wird  vom  Schwurgericht  zu
dreißig  Jahren  Zuchthaus  und  noch  drei  Jahren  Spezialf#berwachung
nach  der  Strafverbüßung  verurteilt.

12.  Oktober.  Da  die  Türkei  von  den  in  Ouchy  vereinbarten
Bedingungen  nur  einen  Teil  glatt  annehmen,  den  andern  aber  erst
dem  Parlament  vorlegen  will,  so  hat  die  Regierung  ein  Ultimatum
gestellt,  dahingehend.  die  sämtlichen  vereinbarten  Bedingungen  ohne
Auenahme  bis  zum  nächsten  Dienslag  den  15.  Oktober  anzunehmen
oder  abzulehnen.

14.  Oklober.  Uber  den  Verlauf  der  Friedensbesprechungen
in  Cuch  *  die  „Tribung“  folgende  Darflellung:

chdem  sich  die  Verhandlungen  sechs  Wochen  hingezogen  hatten,
hat  die  Kantemische  Regierung  ihren  Bertrouenalemen  die  Anweisung  gegeben,
  den  türkischen  Vertrauensleuten  mitzueilen,  daß  sie  glaube,  jeder
sreitige  Punk  sei  behandel  worden  und  eine  weitere  Verhandlung  sei  überflüssig.
  Sie  glaubie  deshalb.  daß  es  im  Interesse  des  Fricdens  selbst  noiwendig
  sei,  eine  Frist  zu  stellen,  innerhalb  welcher  die  Verhandlungen  abgebrochen
  oder  —.  werden  müßten.  Sie  sching  daher  eine  Frist
von  acht  Tagen  vor,  die  auch  angenommen  wurde.  Da  die  Bewegung  auf
dem  Balkan  die  S#  der  Depeschen  und  die  Reise  Reschids  ver-3ögerte:
  willigte  ma  in  eine  Verlängerung  der  Frist  um  zwei  Tage.  Alles
dies  ging  dinsoan,  in  normaler  und  korrekter  Weise  vor  sich.  Aber  auf
einmal  legte  die  türkische  Regierung  andere  Vorschläge  vor,  die  das  Abkommen
  über  den  Hausen  warsen.  diejem  Angenblick  stellte  die  italienische
  Regierung  ihr  erstes  und  einziges  Ultimatum  auf  Annahme
oder  Ablehnung  der  Felbetatnge  und  9  —  alle  Maßnahmen,
  daß  die  Flotte  sofort  in  Tätigkeit  treten  kom

15.  Oktober.  Der  Präliminarfrieden  mit  oon  Türkei  wird
in  Ouchy  unterzeichnet.

17.  Okiober.  Erlaß  für  Tripolikanien  und  die  Cyrenaika.

Artikel  1.  Vollständige  Amnestie  wird  den  Bewohnern  Tripolitaniens
  und  der  Curenaila  gewährt,  die  an  den  Feindselinkeiten  keilgenommen
  und  sich  anlählich  der  Feindfeligleiuen  blostgestellt  haben,  joweit
s  iich  nicht  um  gemeine  Verbrecher  handelt.  Daher  wird  niemand,  welcher
Klafe  oder  weicher  Lebenantellung  er  W½  mag,  veriolgt  oder  in
seiner  Person,  seinem  Eigenmm  oder  in  der  Ausübung  seiner  Rechie  gestort
  werden  wegen  von  ihm  begangener  voliticher  oder  militärischer
Dandklungen  oder  wegrn  während  der  Reindieligleiten  von  ihm  geäußerter
Meinungen.  Versonen,  die  aus  diciem  Grunde  #  Ia  pailbesmdeaodct
devortiert  wrden  sind,  werden  sosort  in  Freiheit

ttifel  2.  Die  Einwohner  Trivolitaniens  un  .  (Corenaila  werden,

wie  in  der  3  auch  weiterhin  vollständige  Erei  iheit  in
ße  Ansübung  des  muselmaniichen  Aulius  henieten.  Der  Name

m*  naiserlichen  Mojesiät  des  Sulions  als  Ralisen  wird  weiter  in  den
        <pb n="405" />
        Ilalien.  (Ottober  18.)  395

öffentlichen  muselmanischen  Gebeten  erwähnt  werden,  und  seine  Beriretung
in  einer  von  ihm  ernannten  Person  anerkannt.  Die  Einkünfte  dieies  Verrelers
  werden  aus  lolalen  Eingängen  bestritten  werden.
frommen  Stiftungen  werden,  wie  in  der  Vergangenbeii  resbeltier4  werden
und  die  Muselmanen  werden  in  keiner  Weise  behi
Beziehungen  zu  iorem  religiösen  Oberhaupt,  dem  men  Kadi,  deisen
ennung  durch  den  Scheich  ul  Islom  erfolgt  und  zu  den  Naibs,  die  von

dem  Kadi  usch  aord  deren  Einkünfte  ebenfalls  aus  lokalen  Eingängen
bestritten  zaerde-Der

  genannte  Bertreter  wird  auch  bei  dem  Schut  der
AIntersweiel  .  ottomanischen  Slaates  und  der  ottomanischen  Untertanen,
  soweit  sie  in  den  beiden  —m  nach  dem  Geset  vom  25.  Februar
1912  k%rteibe  anerlannt  w

.  Durch  ein  andern  Dekret  wird  eine  Kommission  ernannt
  rmWr  an  der  a  auch  die  Notabeln  der  Eingeborenen  teilnehmen
werden,  um  für  die  beiden  Provinzen  zivil-  und  verwaltungsrechtliche
  Maßuohmen  vorzuschlagen,  die  auf  liberalen  LEulision  beruhen
und  lokale  Sitnen  und  Gebräuche  respektieren.  —  Das  Dekret  ist  vom
König  in  San  Nossore  vom  17.  Lhober  gezeichnet  und  von  bemn  Ministerpräsidenten
  Giolikti  jowie  von  dem  Minister  des  Auswärtigen  und  allen
anderen  Ministern  gegengczeichnet.

18.  Oktober.  Um  /4  Uhr  wird  der  endgültige  Friedeusverlrag
  zwischen  Italien  und  der  Türkei  durch  die  Bevollmächtigten
Berlolini.  Fusinato  und  Volpi  (Italien)  und  Naby  Bey,  Fahreddin
Bey  und  Num  Bey  Oglu  (Türkei)  im  Hotel  Beaurivage  in  Ouchy
unterzeichnet.

Seine  11  Artikel  lauten:

Die  beiden  Regierungen  verbflichten  sich,  unmittelbar
nach  Umerzeichnung  gegenwärtigen  Vertrages  die  nolwendigen  Verfügungen
zu  kreiien  zu  einer  soiorkigen  und  gleichzeitigen  Einstellung  der  Fein
jeligleiten.  Sondergesandie  werden  in  die  beiresienden  Orte  geichickt  werden,
um  die  Ausführung  der  eben  genaunten  Veriügungen  sicherzunellen.

hel  2.  Die  beiden  Renierungen  verpflichten  sich,  sogleich  nach  der
Umerseichnung  des  vorliegenden  Vertrages  ihren  OQüizieren  units  Truppen
n  Rückberninngsbejehl  zu  geben  und  ebenio  ihren  Zivilbeamten:  die
W-  Regicrung  für  ue  Curenaika  und  die  itallenische  Regierung
für  die  beietzten  Insein  im  Aegäischen  Meer.  Die  tatsöchliche  Röumung
der  genanmen  Jusem  von  den  nalienischen  Oisizieren,  Truppen  und  Zivilbeamten
  wird  jogleich  erjolgen,  wenn  die  umung  seitens  der  Türtei  in
Tripolikonien  und  der  Curenaika  durchge  ist.
ritel  3.  Die  Rriegsgesangenen  n  Veilen  werden  möglichst  bald
wunanin  werden.
lel  4

 

Die  beiden  Negierungen  verpslichten  sich,  volllommene
Amnestic  zu  gewähren,  und  zwar  die  königliche  Regiermg  den  Bewohnern
von  Trivolikanien  und  der  Curenaila  und  die  kaiserliche  Regierung  den
Bewohnern  der  Inseln  des  Aegäischen  Mecres,  die  Unlertanen  der  ottomanischen
  De  rrichait  sind  und  an  den  Feindieligkei#en  teilgenommen  oder  sich
in  ihrer  Stellung  blongestellt  haden  jollten,  abgeichen  von  gemeinen  Verbrechern.
  Zniolgedessen  soll  niemand,  welcher  Llasie  oder  welchem  Sland
*  auch  angehören  mag.  in  jeiner  personlichen  Freiheit  oder  seinem  Beü#

der  in  seinen  Rechen  versolgt  oder  deunruhigt  werden  wegen  ieiner
poittischen  oder  militärischen  Handiungen  oder  wegen  seiner  während  der
        <pb n="406" />
        396  Ilalien.  Oltober  18.)

Feindseligkeiten  ausgesprochenen  Ansichten.  Die  aus  diesem  Anlaß  *w
oder  deportierten  Personen  werden  sogleich  in  Freiheil  gesetzt  we
Alle  Veriräge  und  Uebereinkünste  jeder  E#nung  uen  und
Notur,  die  zwischen  beiden  vertragschließenden  Teilen  vor  der  Kriegs-Fllärung
  geschlossen  oder  in  Gellung  waren,  werden  undersagr  wieder
-Eoft  gesetzt,  und  beide  Regierungen  werden  en,  die  eine  gegenüber
anderen,  ebenso  wie  die  beiderseitigen  Untertanen,  in  dieselbe  Lage  verse#tzt,
in  der  sie  gor  den  Feindseligkeiten  besunden  haben
Italien  verpflichtet  sich,  zu  derselben  Jeit,  wo  die  Türkei
ihre  Sebsr  mit  den  anderen  Mächten  erneuern  wird,  mit  der
Türkei  auf  der  Grundlage  det  europälschen  Bölkerrechts  einen  Handelsvenrag
  abzuschließen,  d.  h.  Jtalien  ist  geret  der  Türkei  ihre  volle  wirtschaftliche
  Unobhöngigteit  zu  dassen  und  d  Mech-.  in  Handels-  und  nol.
angelegenheiten  wie  alle  anderen  ansne  ächte  zu  handeln  und  ohne
durch  Kapimlationen  und  andere  bis  #  chäie  en  Tage  geschlossenen  Akte
gebunden  zu  sein.  Dabei  versteht  es  der  genannte  Handels-#nrag
  nur  insoweit  in  Krast  treten  —  ,  dr  er  Pforte  mit  anderen
Ncnn  auf  gleicher  Grundlage  abgeschlossene  #brcheren  Außerdem
  willigt  Italien  in  eine  11-  bis  .!  Erhöhung  der  Zolle  ad
Valorem  in  der  Türkei.  Ebenso  stimmt  es  der  Einführung  neuer  Monopole
u,  sowie  der  Erhebung  von  Ssdn  auf  folgende  fünf  Artikel:
eroleum,  Zigoreltenpapier,  Stueichhölzer,  Alkohol  und  Spielkarten.  Al#es
dieses  unter  der  Bedingung,  daß  diejelbe  Behandlung  gleichzeitig  und  ohne
Unterichied  auf  die  Einfuhr  auch  der  anderen  Länder  angewandt  wird.
Insoweit  es  sich  um  Artikel  hondelt,  die  einem  Monopol  unterliegen,  ist
die  Verwaltung  dieser  Monopole  #aleen,  Artikel  italienischer  Herkun  nft
nach  einem  Verhältmis  zu  beziehen,  das  der  jährlichen  Einfuhr  der  gleichen
Artikel  entspricht,  mvs  daß  der  Preie,  dem  die  Monopolartikel
angeboten  werden,  der  Marktlage  im  Augenblick  des  Kaufs  entspricht.
Dabei  soll  die  Onasität  der  zu  liefernden  Ware  sowie  der  Durchschniutspreis
  der  der  Kriegserklärung  vorengegangenen  drei  Jahre  in  Betracht  gedogen
  werden.  Auherdem  versteht  sich  dabei,  daß,  wenn  die  Türkei,
agean  neue  Monovole  auf  die  benhenonnun  jünf  Aniikel  zu  legen,  sich
entschlösse,  sie  mit  Verbrauchssteuern  zu  belegen,  diese  Verbrauchssteuern  in
derielben  Weise  auf  die  gleichen  Produlte  der  Türkei  und  jeder  anderen
Nation  gelegt  werden  mühlen.
el  7.  Die  italienijche  Regierung  verpflichtet  sich,  ihre  im  ottomanischen
  Reich  bestehenden  Postanstalten  zu  derielben  Zeit  aufzulösen,  wo#
die  onderen  Mächte,  die  in  der  Türkei  eigene  Postanslallen  besigen,  diese
auflösen  werden.
lilel  I.  Da  die  Pforte  bcabsichtigt,  auf  einer  europäischen  Konserenz
  oner  anderweitig  mit  den  beteiligten  Großmächten  Verhandlungen
anzuknüpfen,  um  das  Systen  der  Kapi#ulationen  in  der  Türkei  aufzuheben
und  sie  durch  das  Regime  des  Bolkerrechts  zu  ersetzen,  erklärt  Italien,
inden  es  diese  Absicht  der  e  als  wohlbegründet  anertennt.  der  Türkei
iekigen  Angenblick  an  .  dieser  Hinsicht  seine  volle  und  aufrichtige
Umeriibgung  leihen  zu  wo
In  der  D#nn,  ihre  Zulriedendeit  mit  den  guten  und
lonalen  Wien  zu  bezengen,  die  ihr  von  den  ihrer  Verwaltung  angeitcllten
  italienischen  Umertauen  geleistet  worden  bng  zu  deren  Entlassung
ü#c  üch  aus  Aulaß  der  Feindseligleiten  gezwungen  gesehen  hat,  erllärt  sich
die  Pforte  bereit,  sie  in  den  Siellungen,  die  sie  verlasfen  halten,  wieder
anzun##llen.  Für  die  Monatc,  die  sie  Wricheilgungoos  waren,  wird  ihnen
ein  Wartegeld  gezahl:;  aus  dieser  Dienstunterbrechung  wird  den  Angestellten,
        <pb n="407" />
        Stalis.  (klober  21.  Dezember  4.)  397

die  ein  Anrecht  auf  Pension  haiten,  kein  Nachteil  erwachsen.  Im  übrigen
verpflichtet  sich  die  türkische  Regierung,  ihren  Einfluß  bei  den  Institutionen,

mit  denen  sie  in  Beziehung  sen  (öffentliche  Schuld,  Eisenbohn  ejellichajten,
Banen  usw.)  geltend  zu  machen,  daß  gegenüber  den  italienischen  Untertanen,
  die  in  deren  Diensten  semiden  und  sich  in  ähnlicher  Lage  befinden,
ebenso  verfahren  wird.

Artikel  10.  Wu  italienische  Regierung  verpflichtet  sich,  jährlich  an
die  Kasse  der  Dette  Rublique  für  Rechnung  der  kaiserlichen  Regierung  eine
Summe  zu  zahlen,  die  durchschnittlich  den  Summen  entspricht,  die  in  jedem
der  drei  Jahre,  die  der  RKriegserklärung  vorhergingen,  für  den  Dienst  der
öfientlichen  Schuld  aus  den  Einnahmen  der  beiden  Provinzen  bestimmt
waren.  Der  Betrag  der  besagten  Jahressumme  wird  übereinstimmend  von
zwei  Kommissaren  festgesent,  von  denen  einer  von  der  königlichen,  der
andere  von  der  kaiserlichen  Regierung  ernannt  wird.  orv
Meinungsverschiedenheiten  wird  die  Enescheidung  einem  Schiedsgericht  übermragen,
  das  aus  den  oben  genannten  Kommissaren  und  einem  Oberschiedsrichler
  besteht,  der  von  beiden  Parteien  gemeinsam  ernannt  wird.  Wird
darüber  leine  Einigung  erzielt,  so  bezeichnet  jede  Partei  eine  andere  Macht

die  Wahl  des  Oberschiedsrichters  wird  gemeinschasftlich  durch  die  so
bestichneten  Mächte  vollzogen.  Die  königliche  Regierung  wie  die  Veraltung
  der  Dene  Publique  sollen  durch  die  Vermiltelung  der  bafserhichen
Regur#ng  das  Recht  haben,  zu  verlangen,  daß  die  oben  erwähnte
renke  durch  die  Sottange  einer  Summe  ersetzt  wird,  die  dem  kooiallner#en
Betrage  zum  Zinsfuße  von  4  v.  H.  entspricht.  Was  den  vorhergehenden
Absat  beirifft,  so  ilr  die  königliche  Regierung  schon  jetzt  zuertennen.
daß  die  Jahresrente  nicht  geringer  sein  darf  als  2  Millionen  Lire,  u
in  bereit,  der  Verwaltung  der  Dee  Buhliaut  die  entsprechende  kapitnlssten
Summe  vt  zahlen,  sobald  es  verlangt
Der  vorliegende  V.#n  wird  am  Tage  seiner  Unterichnung
  Krast  treten.  Urkundlich  dessen  haben  die  Bevollmächtigten
den  vorliegenden  Vertrag  unterzeichnet  und  ihre  Siegel  beigefügt.  Laujanne,
In.  Oltober  1912.  gez.  Pietro  Berlolini.  Guido  Fuj  inato.  Guiseppe  Volpi.
Mehemmed  Naby.  W  Bey.  Oglu  und  Fahreddin

21.  Oktober.  (Pisa.)  zosammenkunft  des  österreichischen
Ministers  des  Auswärtigen  Grafen  Berchtold  mit  dem  Minister
Norout,  di  Son  Giuliano  im  Königsschloß  San  Nossore.

„Agence  Stefani“  berichtet  darüber:  Selbstverständlich  bildere
die  Laei  einen  wesentlichen  Teil  der  Unterredungen.  t  Befriedigung
  wurde  die  vollständige  Uebereinstimmung  in  dem  Anüüchten
  der  itolienischen  und  der  osterreichisch-  ungorischen  Regierung  über
dieien  Punkt  fessgestellt.  Die  beiden  Staatsmänner  waren  sich  darin  einig,
daß  es  zwe  dmãnig  jei,  sich  in  Fũhlung  miteinander  zu  halten,  um,  ge·
stützt  auf  die  Bande  des  Bündnisses,  das  beide  Regierungen  und  die  Rehierung
  von  Berlin  einige,  und  unter  Mithilse  der  andern  Mächte,  zur
Wiederherstellung  des  allgemeinen  Friedens  beizmragen.  Die  Hormonie,
die  niemals  zwischen  der  ikalienischen  und  der  öfterreichisch-  ungariichen
Regierung  zu  bestehen  aufgehört  hat,  hat  sich  wieder  einmal  im  Lanuie  dieser
Unterredungen  gezeigt,  deren  Ergebniise  die  uue  Frcundschaft  zwischen  den
beiden  Maächten  nur  werden  verstärken  können.

4.  Dezember.  (Kammer.)  Der  Laufsanner  Friedensvertrag
über  Libyen  wird  mit  335  gegen  24  Stimmen  angenommen.

 

—
—
        <pb n="408" />
        398  Ilelitn.  (Dezember  7.—  18.)

5  Desember.  (Kammer.)  Die  Beziehungen  zu  Griechenland.

er  Minister  des  Aeußern  Marquis  di  San  Giuliono  erklärte

auf  die  ee  der  Abgeordneten  Sokundra  und  Galli  wegen  der  Beschießung

  von  Valons  und  der  Besetzung  der  Insel  Saseno

durch  die  Griechen,  daß  die  italienische  Regierung  der  griechilschen

Regierung  freundschaftlich,  aber  bestimmt  erllärt  habe,  daß,  wenngleich  sie

die  Freiheit  der  militärischen  —W  der  regführenden  achten  wolle,
sie  dennoch  niemals  ihre  Zust  Fng.  nland  daß  die  Bucht  von

a  und  die  einen  n  eil  seassed  thiwende  Insel  Saseno
B9  Eriechenand  gehören  und  daß  sie  in  eirtn  militärischen  oder  Flottenunkt

  Kbser  weren.  (Beifall.)  E  FHeicher  Schrin  lei  von  der
öser  reichisch-ungorischen  Regierung,  E.  er  sich  Telieni  in  ##nniger
Uebereinstimmung  osnde  unternommen  worden.  (Beifall.)  De  nisier
fügte  hinzu:  „Wir  haben  Grund,  anzunehmen,  daß  unsere  gden  Beziehungen
  zu  Griechenland  sich  immer  mehr  festigen  und  entwickeln  werden.“
Wie  Griechenland  zu  diesen  Erwartungen  sich  stellen  wird,  dafür  liegen
bisher  noch  keinerlei  Anzeichen  vor.  Dagegen  scheinen  die  Serden  in
Durazzo  sich  nach  und  nach  häuslich  einrichten  zu  wollen,  trotzdem  sie
ganz  genau  wissen,  daß  Oesterreich  sie  dort  unter  keinen  Umständen  dauernd
dulden  wird.

1.  Dezember.  (Senat.)  Der  Friedensvertrag  über  Libyen
wird  mit  155  gegen  2  Stimmen  angenommen.

18.  Dezember.  (Kammer.)  Antwort  des  Ministers  des  Außern
Marchese  di  San  Giuliano  auf  die  Interpellation  des  Abg.
Barzilai  betreffend  die  vorzeitige  unveränderte  Erneuerung  des
Dreibundes.

e  Antwort  wird  kurz,  klar  und  bestimmt  ĩiein.  Seit  mehr  als
dreihig  e  ist  der  Dreibund  für  ganz  Europa  eine  Bürgschaft  des
Friedens  und  für  die  Dreibundmächte  jelbst  eine  Bürgschaft  der  Sicherheit.
  In  den  Beziehungen  ziwiichen  den  Verböndeten  erleichtert  und  jestigt
er  dic  gegenseitige  Neigung.  ihre  Intereisen  in  Einklang  zu  bringen,  in
den  Beziehungen  mit  den  anderen  Möchien.  erleichlern  seine  friedlichen  und
deiensiven  Zicle  das  Zustandekommen  von  Freumichaiten  und  Verftändigungen.
  Zu  den  indernsionle  Fragen  hat  er  stets  einen  einträchtigen
und  friedlichrn  Willen,  der  in  den  gleichen  Neigungen  der  anderen  Großmächte
  sein  Gegenstück  beo.  un-  dessen  wohllälige  Wirkungen  jedermann
anerkennen  munß,  mitgeb  racht  und  beigesteuert.  Die  Sicherheit  eines
dauernden  Friedens  für  die  drei  Verbündeten  und  für  Europa,  die  sich
zum  grosten  Teil  aus  diesem  Stande  der  Dinge  herleitet,  war  eine  der
Haupiuriachen  der  großen  und  allgemeinen  wirtichaftlichen  Forti  dritte,
die,  da  sie  die  Imercisen  der  ganzen  zivilisierten  Welt  immer  mehr  ver
inũvien  und  verbinden,  dadurch  ein  neues  Hindernis  für  solche  1•5
Kriege  bilden,  die  nicht  durch  die  höchsten  Notwendigkeiten  des  Lebens  oder
durch  die  nationale  Würde  bestimmt  werden.  Die  lange  Doner  des  eurovä#schen
  Friedens  machie  das  grandiose  Werk  leichter,  wesches  Jralien  trot
großer  äußeerer  und  innerer  Schwierigkeiten  in  den  letzten  dreihig  Jahren

vollenden  konne,  ein  Werk,  welches  vielleicht  unserer  potriotischen  Ungeduld
langiom  erichien,  das  aber  der  unbefangenen  Bürdigung  der  Nachwel
ichuell,  #euchwar  zund  ruhmreich  erscheinen  wird.

fta?  seuten  dreißig  Jahre  hat  Jtalicn  die  Houptauclien
seines  I#imntalreichkune  entwickell,  dem  Staatsbudget  Festigkeit  und  Be-
        <pb n="409" />
        Ilalien.  (Dezemiber  1.)  399

weglichteit  geceben  Lanh  liberale  Reformen  die  soziale  Eintracht  gefentigt,
Heer  und  den  nationalen  Geift  so  gestählt  und  ihn  so
m—  zet  a#as  er  unter  Ueberwindung  der  schwersten  Denemise-.
der  schwierigen  Probe  entgegentreten  und  sie  besiegen  konnte,  die  uns  eine
ab,  die  dreimal  so  groß  ist  wie  unser  Mutteriand,  und  die
Nalien  eine  Siellung  erster  Ordn  nung  im  Mittelmeer  und  die  höchste  Achtung
in  der  Welt  sicherte.  Die  feste  internationale  Stellung  Jiaoliens,
deren  feste  Grundlage  der  Dreibund  ist,  war  die  notwendige  Bedingung
des  Unternehmens,  das  durch  seine  Beziehungen  und  den  Einfluß  auf  die
Trößten  Interessen  Europas  und  unsere  eigenen,  sowie  auf  die  schwersten
oe-  eme  der  —  Shilterichen  Periode  die  emnstesten  Schwierigkeiten
  darbot.  Eine  so  olche  ternationale  Stelluug  e  eine  nicht  weniger
notwendige  Bedingung  für'  —  riedliche  Lösung  der  gegenwärtigen
Valkankrise.  in  der  Jkalien  um  so  leichter  ““  Interessen  wahren  können
wird,  als  es  die  libusche  Frage  lösen  und  sie  von  dem  internationalen  Gelände
  entfernen  konnte,  bevor  die  Frage  den  nln  territorialen  Gestaltung
auf  dem  Balkan  und  des  Gleichgewichts  in  der  Adria  140  im  östlichen
Minelmeer  auftrat.  Der  Dreibund  kann  tuesfen  für  jede  der  drei  ihn
bildenden  Mächte  seine  Früchte  bringen,  vollnmener.  wieni,  es  Ver  ·
trauen  r  die  Gegenwart  und  Zukunft  vorausgeset  Meilere  Vorausfbtoius
  ist,  daß  jeder  der  Verdündeten  die  Ueberzeugung  heh  dan  er  morgen
unurstöhung  des  onderen  wird  erhalten  sonnen,  *  Auegleich  für  s  .
wund-entrinntendlthaqlledmst  daugscha
um  eine  vorübergehende  Verdindung  handelt,  sondern  um  ein  festes  100
bonerhaftes  Band.  Die  Sicherheit  der  Zukunft  ist  ein  wesentlicher  Falkor
des  gegenseitigen  Vertrauens,  einer  wirlsamen  Eintracht  und  einer  herzlichen
  und  fruchtbaren  Intimitöt.  Aus  diesen  durch  die  Erfahrung  von
dreißig  Jahren  erprobten.  Tatsachen  ergibt  sich  das  gleiche  Intereise
der  drei  Mächie,  den  Dreibund  einige  Zeit  vor  seinem  Ablauf  zu  erneuern.
  Auf  dieser  festen  Grundlage  Weoi  auNf  der  Bafis  der  italienischösterreichisch--ungariichen
  Abkommen  von  1797  und  10,  die  stets  vollkommen
  der  alluellen  Lage  Italiens  und  Lesterreich-  „Ungarns  entsprachen  —
die  gegenseitigen  Vezichungen  zwischen  diesen  an  dem  Gleichgewicht  und
der  Freiheit  in  der  Adria  am  meisten  büchenpsssekten  Mächten  sind  heute
sehr  inrim  und  herzlich  —  konnten  die  fundamentalen  Linien  einer  Lösn  ng
des  albonesischen  Problems  gefunden  werden,  entivrechend  dem  Prinzid
der  Nationalität,  der  Gleichheit  ihrer  Lage  gegenüber  Albanien  und  ihrem
gleichen  Imtereise  daran,  daß  ein  mit  der  Garantie  der  Großmächte  neutralifiert#es
  Abonien  5  iein  eigenes  Leben  leben  und  auf  dem  Wege  der  Zivilisation
und  des  Wohlergehens  fortschreiten,  ein  dem  freien  Handel  der  ganzen  Welt
oijenes  Gebiet  bilden  und  Leichzenig:  einen  Faktor  des  dolitiiwen  Gleich.
gewichts  auf  der  Balkanhalbinjel  und  in  der  Adria  bilden  kan
So  wie  der  Dreidundvertrag  redigiert  ist,  –k“s  er  alle
unsere  Auneereien  und  sorgi  in  vollkommener  Weise  für  unsere  Sicherbeir.
Es  lag  also  kein  Grund  vor,  ihn  abzuändern  und  keiner  der  dre
bündeten  bat  den  andern  um  eine  Abänderung.  Es  ist  8
wiederholen,  daß  der  Verkrag  desensive  und  iriedliche  Zwecke
Erfahrung  beweist,  daß  jede  der  drei  verbündeten  Mächte,  um  lig  n  *
Geist  des  Vertrages  zu  halten  und  den  Verbündeten  gegenüber  alles  mögliche
  zu  kun,  um  lie  nicht  in  unnötige  Verwicklungen  hineinzusichen,  immer
versucht  hat  und  immer  versuchen  wird,  mit  den  anderen  Groszmöchten
herzliche  Beziehungen  unterhalten  und  mögliche  Mesachen  einer  Reibung  zu
entfernen.  Demgemäß  ist  in  der  Lage,  die  sich  aus  den  Ercigniüsen  auf
dem  Ballan  entwickelt  hat,  ein  wohltuender  Faltor  Faere  herzliche  Freund-
        <pb n="410" />
        400  Itlalien.  Dezeniber  16.)  Rãnisqt  Antie.  (Ende  Januar.)

schaft  mit  Rußland.  Im  Übrigen  schafft  der  Besiß  von  Libnen,  das
jetzt  italienisches  Gebiet  ist,  während  er  den  Wert  des  Bündnisses  für  die
Mitglieder  des  Dreibundes  sreigert,  Gesühls-  und  Iiereseenbehiehungen.
zwischen  den  drei  großen  Nationen,  die  berusen  sind,  in  Nordafrika

hohe  und  edle  Werk  der  Zivilisation  zu  vollbringen,  als  Folge  i#  kard  66
habenen  Mission  gegenüber  den  eingeborenen  Völkern,  die  ihrerseits  ebensalls
  verbunden  sind  durch  Verwandtschaften  und  vielseitige  Berührungen
und  hönüg  erjüllt  sind  von  gemeinfamen  9eleht  en  der  Abneigung  gegen
die  europälsche  Herrschaft.  Jlalien,  England  und  Frankreich  werden
demgemaöß  alle  Fragen,  die  ihre  Nachbarschaft  on  hr.  gegenseitige  Suellung
in  diesen  Gebieten  betreffen,  in  demselben  Geiste  behondeln,  in  welchem
seinerzeit  die  noch  jetzt  in  Kraft  befindlichen  Abkommen  getroffen  wören
mit  denen  die  Namen  meiner  hervorragenden.  Vorgänger  Visconri  t
und  Prinetti  ungausköschlich  verbunden  sind.  Aber  das  grohariige.  Werk  der
Zivilisation  und  der  Italienisierung,  das  unser  Land  in  Libyen  zu  vollbringen
  hat,  darf  nicht  den  Blick  ablenken  von  anderen  großen  Intereisen,

es  it  bewunderungswerter  Ausdauer  und  4  großar#tigem  —
durchführt.

diesem  Wege  wird  Italien  gehen,  #ig  heiter,  □  und  voller
Leriresuf  re  den  strahlenden  Horizont  der  Zukunft  mit  der  Ueberugung

  d  lein.  wee  wireschastlicher  —  und  we  moralische=Größe
  einem  dauerhasten  und  sicheren  europäischen  Irieden  Sie  starle
r—-  finden  —  Um  neese  Ziele  zu  erreichen,  muß  das  Bündnis

zwischen  Italien,  Deutschland  und  Oesterreich-  2  das  belebt
  und  fruchtbar  gemacht  wird  durch  intime  und  vertrauensvolle  Be-#iehungen
  zwischen  den  Verbündelen,  der  Angelpunkt  unserer  aus-Artigen
  Politik  bleiben,  die  durch  ihre  Beständigkeit,  ihren  Zusammen-0
  ang  und  ihre  Festigkeit  weiterhin  Europa  volles  Verlrauen  und  Achtung
ewnilsese  soll,  auf  die  seine  Loyalität  Anspruch  bat  und  die  zu  verdienen
und  zu  beitgen  alien  das  Bewuütsein  und  den  S
elegenheit  der  Ernennung  des  Generabs  nn  von  Höpyendorf
aum  ubae  bdes  österreichisch-ungarischen  Generalstabes  hat  Graf  Berchto#td
mir  aus  freien  Stücken  in  freundschaftlicher  Weise  Mineilungen  zugehen
lassen,  aus  denen  hervorgeht,  daß  dieie  Ernennung  in  keiner  Beziehung  zu
der  ouswärtigen  Politik  steht.

VIII.
Römische  Kurie.

Ende  Januar.  Statistik  der  Hierarchie.

Nach  dem  Jahrbuch  des  nstücherQ  Stubles  sind  von  den  75  Nardinalstiteln
  erst  63  vergeben  an  6  Kardinalbischöse,  19  Kardinalbrisster
  und  8.  Terdinaidiakenur.  Davon  8  31  Jcliener.  6  Oesterreicher,

6  Franzosen,  6  Spanier,  3  Deuliche  einichließlich  des  Jeinitenpaters  Billonz,
3  Amecrikaner,  2  Briten,  1  Lolländer,  1  Belgier,  1  Brasilianer  und  1  Portugieie.
  Unter  den  210  Erzbis  ümern  sind  1½)  lateinischen  und  20  orienlalischen
  Ritus.  Von  den  n20  Bistümern  sind  707  lateinisch  *!.  53
        <pb n="411" />
        Römischer  Kurie.  (Februar  27.—November  6.)  401

orientalisch.  Dazu  lommen  aber  155  Wälltonebisthmer.  von  denen  72  mit
Franzosen,  24  mit  Engländern,  19  mit  Deutschen  und  13  mit  Amerikonern
besetzt  sind.  Sär-  stliche  diplomatische  Veriretungen  fehlen  in  Frankreich,
  der  Schweiz,  Haiti,  Ecuador,  Benezuela,  Paraguay  und  Urugua
Außer  —  e.  sind  auch  Portugal  und  Nicaragua  am  päpstlichen
Hoje  nicht  vertreten.

27.  Februar.  In  einer  Polemik  gegen  die  Ausführungen  der
„Kreuzzeitung“  Über  die  Kurie  und  den  deutschen  Katholizismus
erhebt  der  „Osservatore  Romano“  die  Anklage,  daß  sich  im  Kölner
Erzbistum  politische,  kirchliche  und  soziale  Lehren  breit  machten,
die  den  geheen  der  Kirche  widersprächen.

genüber  ermahnt  das  Blatt  die  deutschen  KLatholiten,  sich  der
Führung  kruee  Heiligen  Stuhls  und  des  Episkopats  anzuvertrauen.

16.  März.  Feier  zum  Gedächtnis  des  Dekrets  Koiser  Konstantins
  vom  Frühling  313,  durch  das  das  Christentum  zur  Staalsreligion
  erhoben  wurde.

Das  für  die  Stcheebniahrunderseier  im  „Osservatore  Romano“
beiammtgegedene  Programm  umfaßt  die  Errichtung  eines  kirchlichen  Denknte

  Molle,  wo  Konsönnen  den  Maxentius  schlug;  in  Italien
und  answämss  sollen  Dankgottesdienste  und  besondere  Festakte  stattfinden.
Wissenschaftliche  und  populäre  Veröffentlichungen  werden  über  die  Bedeutung
  des  großen  religiösen  und  geschichtlichen  Ereignisses  erscheinen.

28.  März.  Ernennung  des  Monfignore  Prinzen  zu  Hohenlohe
  zum  päpstlichen  Geheimen  Kämmerer.

1%.  April.  Der  Papst  verlieh  einer  Reihe  heimgekehrter  verwundeter
  Soldaten  die  Tapferkeitemedaille.

11.  April.  Eine  Falschmeldung  über  das  Ableben  des  Papsles
findet  in  London  und  Madrid  Verbreitung,  bis  sich  herausstellt.
daß  sie  auf  einen  Schreibfehler  eines  Madrider  Telegraphenbeamten
zurückauführen  ist,  der  „Pape“  slatl  „Papa“  geschrieben  hat.

3.  Juli.  Kammerherr  Nelidow  ist  zum  russischen  Ministerresidenten
  beim  Päpstlichen  Stuhl  mit  dem  Titel  eines  außerordentlichen
  Gesandten  und  bevollmächtigten  Ministers  ernannt
worden.

28.  Oklober.  Gedenkfeier  des  Sieges  Kaiser  Konstantins  über
Maxentius  (28.  Oktober  312)  im  Lateranpalaste.

6.  November.  Enzyklika  über  die  christlichen  Gewerkschaften.

Sie  ist  an  die  deutschen  Bischöfe  gerichtet  und  lautet  nach  einer
allgemeinen  Einleitung  in  der  von  der  „RNönischen  Zeilung“  veroffentlichten
  lebereguyg:

die  Arbeitergesellschaften  anlangt  —  obwohl  sie  dazu  bestimmt

  9  "  Genossen  die  Vorteile  gerade  bieies  Lebens  zu  verschaffen

  —,  so  sind  doch  dieienigen  am  meisten  zu  billigen  und  jür  die  von

allen  geeignetsten  für  den  wahren  und  wirklichen  Nußen  der  Genossen  zu
Europa#cher  Geschichtstolender.  Lill.  26
        <pb n="412" />
        402  Kämische  Kurie.  (November  6.)

halten,  die  vornehmlich  auf  der  Grundlaoge  der  küthelllchen,  Neligion  errichtet
  sind  und  der  Kirche  als  Föhrerin  offen  folg  n  Wir
selber  mehrmals  erklärt,  als  Uns  die  Gelegenheit  #  0P  veachabin  wer
Volkern  dargeboten  wurde.  Daraus  folgt,  daß  derartige  Vereinigungen
bethelischern  Ko  nfession,  wie  wen  sie  nennt,  bestimmt  in  den  Landstrichen
  der  Katholiken  und  außerdem  in  allen  andern,  wo  immer  durch
Presa  für  die  verschiedenen  Bedurfnise  der  Genossen  gesorgt  werden
könnte,  gegründet  und  mit  aller  Macht  unterpugt  werden  müssen.  Aber
ie  auf  gar  keine  ,  zu  billigen  —  solls  es  sich  um  Bereine  handelt,
die  die  Sache  der  Religion  oder  der  Sitte  *  oder  verblümt  berühren  —
emischte  Bereine  begünstigen  und  verbreiten  zu  wollen,  das  Mt

an,  um  andere  Gründe  hier  uezulastes.  schon  die  Integrität  des  Sbüen
und  der  gerechte  Gehoriam  gegen  i  Geiese  und  Vorschrijte  n  der  katho  ·
n

Gesahren  grraten.  Auch  haben  wir  in  mehreren  von  Euren  Antwortschreiben
zu  dieser  Frage,  Ehrwürdige  Brüder,  die  offene  Signalisierung  gerade
dieser  Gefahren  geieien.

Daher  spenden  Wir  allen  rein  katholischen  Arbeitervereinigungen,
die  es  in  Deuischland  int,  alles  Lob  und  moöchten  sehnlichst,  daß  ihnen
alles  gelinge,  wonach  um  Vorteil  der  Abeitermenge  streben,  und

eugn
wir  ebrr  nicht,  wenn  Wir  dies  sagen,  daß  es  recht  ist  lfür  die  Katholilen,
fte  den  Arbeiter  ein  beileres  Geschic.  einen  mehr  der  Billigkeit  entkun
  rd  Zustand  des  Lohnes  und  der  Arbeit  zu  suchen,  oder  aus  jedem
andern  Grunde  von  sittlichem  Nutzen,  mit  Anwendung  von  Vorsicht  gemeinsam
  mit  Nichtgathocitn  für  das  gemeinsame  Wohl  zu  arbeiten.  Aber
für  diesen  Zweck  wollen  Wir  lieber,  daß  katholische  und  t-Gesellschaften
  ein  ine  Lmimiinende  schließen  mittels  jener  opportunen
Erfindunz.  die  man  ein  narte
aber,  Conwarwige  Hkben-  bitten  Uns  nicht  wenige  von  Euch,
wir  meber  Euch  erlauben,  die  sogenannten  christlichen  Sundikate,  so
wie  sie  heute  in  Euren  Diözesen  gegründet  sind,  zu  kolerieren,  deswegen,
weil  sie  sowohl  eine  weit  rrlt.  Anzahl  von  Arbeitern  als  die  rein  katholischen
  Vereinigungen  umfassen,  als  auch  weil  große  Nachteile  erfolgen
würden,  wenn  das  nicht  geitattet  würde.  Dieier  Biu#te  meinen  Wir,  mit
Rücksicht  auf  die  eiqeiiiiiiiilielie  Lage  der  katholiichen  Sache  in  Deutschland,
nachgeben  zu  sollen  und  ferelären,  es  kônne  toleriert  und  den  Katholiken
crlanbt  werden,  daß  sie  sich  auch  an  diesen  gemiichten  Geiellschafren,  die
in  euren  Dißzesen  vorhanden  sind,  beteiligen,  indowen  als  dicielben  infolge
neu  hinzukommender  Umstände  nicht  onihören,  bei  derarliger  Toleranz
entweder  ovvortun  oder  gerecht  zu  sein:  doch  nur  unter  der  Bedingung,
das  geeignete  Voriichtsmaßregeln  e  worrde.  —  Vermeidung
  der  Gefahren,  die,  wie  Wir  gejagt  haben,  bei  diei  B
einigungen  vorhanden  sind.  Die  eser.  e  nngen.
lind  folaende:  Zu  allererst  muß  man  Sorge  kragen,  daß  gerade  dieselben
ktanbolnhen  Arbeiter,  die  sich  an  dieien  Sundikaten  beleiligen,  in
lischen  Arbeistergesellichaften,  die  man  mit  dem  Namen  Arbeitervereine  bezeichnet,
  eingeichrieben  find.  Wenn  n6.  nun  aus  diejem  Grunde  einen
Verlust  von  elwas,  bejonders  von  Geld  tragen  müisen,  so  lünd  Wir  sicher,
daß  lie,  wie  sie  um  die  Unverieutheit  des  Glaubens  eifrig  bemümt  sind,  es
nicht  ungern  tun  werden.  Denn  es  kriüt  sich  glücklicherweiie,  dan  diese
katholiichen  Vereiniqungen.  durch  die  Bemühnngen  des  Mlerus,  durch  deiien
Führung  und  Wachiamkrit  sie  geleitet  werden,  sehr  viel  vermögen  zum
        <pb n="413" />
        Kömistze  Karir.  (November  6.)  403

Schutze  der  Glaubensreinheit  und  zur  Erhaltung  der  Sitten  unter  den  Genossen
  und  um  ihren  religiösen  Geist  durch  vielfache  Uebung  der  Frômmigkeit
  zu  nähren.  Darum  ist  kein  Zweifel,  daß  die  Leiter  dieser  Vereinigungen,
die  die  Zeitumstände  kennen,  den  Arbeitern  diejenigen  Lehren  und  Vorschriften,
  insbesondere  aber  über  die  Pflichten  der  Gerechtigkeit  und  Charitas,
vorwagen  wollen,  welche  zu  kennen  für  diese  nowendig  oder  nüszlich  ist,
damit  sie  sich  in  den  Sondikaten  zichti  und  gemäß  den  Grundsätzen  der

katholischen  Kirche  verhalten  könne

Anßerdem  ist  es  t  daß  dieselben  Syndikate  —  damit  96
so  beschoffen  sind,  daß  die  Katholiken  ihnen  beitreten  können  —  sich  v
jedem  Pian  oder  jeder  Angelegenheit  enthalten,  welche  mit  den  Lehren  und
Geboten  der  Kirche  oder  der  legitimen  geistlichen  Gewalt  aicht  übereinstimmt;
  und  ebenso,  daß  weder  ihre  Schrifeen  noch  ihre  Reden  oder  ihre
Tathandlungen  etwas  darbielen,  was  aus  diesem  Gesichtspunkte  weniger
zu  billigen  wäre.  Dorum  sollen  die  geistlichen  Vorsteher  es  für  ihre  heiligsse

ge  W  zu  beobachten,  wie  diese  Geiellschaften  sich  benehmen,
und  dars  chen,  daß  die  Ratholiken  aus  der  Gemeinschoft  mit  ihnen
keinen  aes  wach  ehmen.  Die  in  diese  Sundikate  gingeschriebenen  Katholiken
  sollen  nicht  nnfe,  daß  die  Syndikate,  auch  als  solche,  in  der  Sorge
für  die  irdischen  ngelegenheen  ihrer  Genossen  Lrnon  bekennen  oder  tun,

auf  irgendeine  Weise  den  vom  obersten  Lehramie  der  Kirche  überwwn
  Lelsworschristen  und  e  denjenigen,  die  wir  oben  ins  Gedächtnis
  gerufen  haben,  enigegengesetzt  ist.  Und  aus  diesem  Grunde  werden
die  Bischöfe,  so  oft  Streitfragen  über  Dinge,  welche  die  Silten  betressen,
das  beiße  über  die  Gerechtigkeit  oder  die  Charitas,  vorkommen  werden,
sehr  aufmerksam  wachen,  daß  die  Gläubigen  nicht  die  latholische  Sittendisziplin
  vernachlässigen  und  keinen  Finger  breit  von  9  abweichen.  Wir
haben  ja  die  Gewißheit,  Ehrwürdige  Brüder,  daß  Ihr  Sorge  tragen  werdet,
baß  dic  in  dieser  Enzuklita  von  Uns  gegebenen  Borschrisien  religiös  und
unverletzt  eingehalen  werden  und  daß  Ihr  Uns  über  eine  Sache  vo
so  gr  Wichtigleit  fleißig  und  beständig  benachrichtigen  werdet.  Weil
Wir  aber  diese  Streitsache  auf  Uns  genommen  haben,  nachdem  Wir  die
Biĩchdie  konjultiert  bonen.  und  weil  das  Urteil  von  Uns  ausgehen  muß,
so  ichreiben  wir  allen  den  Guten,  die  zu  den  Katholilen  gezählt  werden,
vor,  daß  sie  sich  jetzt  schon  alles  Streites  untereinander  über  diese  Angelegenheit
  enthalten.  Und  man  vertram  gern  daraus,  daß  sie  in  Zukunft
der  brüderlichen  Liebe  dienen  und  Unserer  Autorität  und  derjenigen  ihrer
Hirten  volstendig  gehorchen  und  ganz  und  von  Herzen  das  ausführen,
was  Wir  befehlen.  Wenn  nun  unter  ihnen  irgendeine  sochliche  Schwierigkeit
  en##stehen  gollte,  so  haben  sie  das  Minel  bereit,  auf  welche  Weiie  dieselbe
  zu  loien  sei:  sie  sollen  ihre  Bischöfe  um  Rat  ongehen  und  diese  werden
ie  Sache  an  diesen  Dostettichen.  Suhl  bringen,  von  dem  sie  abgeurtein
werden  wird.  Im  übrigen  —  und  aus  dem,  was  Wir  gesagt  haben,  ist
es  leicht  zu  folgern  —  wie  einerseits  ee  das  Recht  hat,  dieienigen
als  des  Guudche  verdächtig  anzuklagen  und  sie  unter  dicsem  Vorwande
zu  bekämpfen,  welche,  obwohl  sie  in  der  Verteidigung  der  Lehren  und
Aechte  der  nirche  standhaft  sind,  doch  mit  richtiger  Absicht  den  gemiichten
Enndilaten  augehören  wollen  und  es  inn,  da  wo  es,  nach  den  örilichen
Verhältnisien,  der  geistigen  Gewalt  gut  geschienen  hat,  derartige  Sundikate
umer  Anwendung.  bestimmier  Vorü#smabregeln  zu  erlanben:  so  würde
andererseits  es  ebensosehr  zu  mißbilligen  sein,  die  rein  katholischen  Vereinigungen
  aus  Feindichaft  zu  verjolgen  —  dieie  Art  ist  im  Gegenteil  mit
aller  Macht  zu  umerstünen  und  weiter  zu  fördern  —  und  i  iogar  die  interkonjeisionelle
  Art  anwenden  zu  wollen  und  gleichiam  zu  erzwingen,  und

20#½
        <pb n="414" />
        404  Rẽnisqe  Larie.  (Milte  November.)

das  auch  unter  dem  Vorwande,  alle  Gesellschaft  auf  ein  und  dieselbe  Form
zu  bringen.

Mitte  November.  Aus  einer  Ansprache  des  Papstes  an  Abgeordnete
  des  internationalen  Kirchenvereins  „Unio  abostolica“
bringt  die  „Germania“  u.  a.  folgende  Stelle:

Es  scheint  unglaublich  und  in  doch  Schmewch,  daß  es  Priester
ibt,  denen  man  diese  Borstellung  machen  muß,  aber  Wir  sind  nur  zu  sehr
Beunigemege  in  dieser  harten,  uchscicen  W  den  Priestern  sagen  zu
müssen:  liebet  den  Papst!  Und  wie  muß  man  den  Paypfst  lieben?  Kia
verbo  nequs  lingua.  —2  opeora  ot  voritate.  Wenn  man  eine  Person  liebt,
dann  sucht  man  sich  in  N  ihren  Gedanken  anzupassen,  ihren  Willen  zu

erfüsen,  ihre  Wünsche  zu  verstehen  und  das  geht  so  weit,  daß  die  Liebe
zu  Gott  unser  Sein  —“t  so  daß  wir  in  ün  Laulg  #ehen.  er-  iett.
geborcht.  „si  quis  diligit  mo,  sermonem  meum  abit.

r—W  n  Papst  liebt,  dann  ntreitet  man  nicht  x  das,  waos  er  n
ordnet  oeder  sordert,  oder  da  rüber,  W  weit  der  Schorsam  zu  gehen  hat
und  in  welchen  Dingen  man  Arethorch  muß;  wenn  man  den  Papft  liebt,
dann  sagt  man  nicht,  daß  Er  nicht  rarn  genug  gi#rec  habe,  gleichsam,
als  ob  er  verpslichtet  wäre,  für  5½  Ohr  eines  jeden  einzelnen  seinen  Willen
zu  wiederholen,  man  zieht  seine  Anordnungen  nicht  in  Zweifel,  indem  dersenige,
  der  nicht  gehorchen  will,  den  billigen  Vorwand  macht,  daß  es  nicht
der  Vapst  Kä|T  der  befehle.  sondern  diejenigen,  die  in  seiner  Umgebung
seien;  man  beschneidet  nicht  das  Gebiet,  auf  dem  Er  seine  Autorität  ausüben
  #enm  und  muß;  man  zieht  der  Autorität  des  Sapftes  nicht  die
Autoritätl  anderer,  auch  noch  so  gelehrter  Personen  a  diem
nicht  Übereinstimmen  und  die,  wenn  sie  auch  gelehrt  sin  Be  nicht  heilig
lind,  weil  derjenige,  der  heilig  ist,  mit  dem  Papste  nich  verschiedener  Meinung
  sein  kann.  Dogs  ist,  sagte  der  H1  r  mit  immer  größerer  Bewegung
  und  mit  tiefer  Billerkeit,  das  ist  der  Erguß  eines  Hien-  das
durch  die  Haltung  vieler  ae  die  sich  #mtersehen  die  Willensäußerungen
  und  die  Morte  des  Papstes  zu  diskutieren  und  über  sie  zu  Gericht
zu  sitzen,  von  Schmerz  erfüllt  ist.
        <pb n="415" />
        LX.
Schweiz.

12.  Januar.  Errichtung  einer  Handelsagentur  für  China
mit  dem  Sitz  Shanghai.

4.  Februar.  Die  Volksabstimmung  über  das  Bundesgesetz
über  die  Versicherung  der  Arbeiter  gegen  Krankheit  und  Unfall  ergibt
  284000  Stimmen  dafür  und  236000  dagegen.

6.  Februar.  Der  Bundesrat  fordert  einen  Kredik  von
15769000  Francs  zur  Beschaffung  von  Geschützmaterial  und
Maschinengewehren.

19.  Februar.  (Zürich.)  Der  Kantonsrat  beschloß  mit  137
gegen  54  Stimmen,  daß  Lehrerinnen,  die  sich  verheiraten  wollen,
vom  Amte  zurücktrelen  müssen.

21.  Februar.  Der  Durchschlag  des  Haupttunnels  der  Jungfraubahn
  in  einer  Höhe  von  3157  m  über  dem  Meere  bei  der  künftigen
Station  Jungfraujoch  erfolgt  ohne  Zwischensall.

5.  März.  Der  Nationalrat  erhöht  mit  130  gegen  14  Stimmen
das  Gehalt  der  Bundesräte  von  15000  auf  18000  Francs  und
das  des  Bundespräsidenten  von  17000  auf  20000  Francs.

C.  April.  (Genf.)  Gegen  die  Verurleilung  von  Armeniern
in  Nßtand.

e  Jeitung  „Droschak  prolestiert  in  einem  Aufruf  an  die  öfientliche
  edee  Eurovas  „im  Namen  der  volitischen  Partei  Daschna  Idmäumutsoelchdte
  Soche  des  aummenischen  Volles  in  Rusland,  der
Türtei  und  Persien  verkritt,  gegen  das  wider  100  Armenier  vor  dem  Senat
in  Velersburg  in  geheimer  Verhandlung  angewaudte  unerhörte  Intiz  ·
veriahren,  wodurch,  ohne  den  Einsoruch  der  Verteidigung  gelten  zu  lalien.
der  Prozen  beichlemmigt  und  52  Angeklagte  zu  lebenslänglicher  Verbannung
und  Zwangsarbeit  verurteilt  wurden,  obwohl  die  Uerhandlungen  ergaben,
daß  Prosem  während  der  vier  Jahre  dauernden  Untersuchung  in  grobuer
Weiie  grjälicht  worden  waren.“

Miilte  April.  Die  Ausländerfrage.

Da  die  freisinnig-demokratische  VBagtei  für  ihren  Lanianuer
Parteit  stcg.  das  Problem,  die  Einbürgerung  der  Ausläu
leichtern,  behandein  will,  so  werden  statistische  Tabellen  Gabterl  Dmach
waren  Ausländer  in  der  Schweiz:
        <pb n="416" />
        406  I#neil.  (Ende  April—Juli  17.)

1850  bei  einer  Bevölkerung  von  7  1  71570  =  3%
40  „  „  „  »  :114970-«l"-.-«
IB«O»,,  »  ,-  2659001:  150907  =  5.7°%
Ine0  „  „  "  „  2331737:  211035  =  7.4
18#  „  „  „  „  2917754:  550  =  7,9  %
1900  „  „  „  „  3315443:  383424  =  11,5%
„  3741971:  565296  =  15  ½.

·

Der  Anteil  der  Kusländer  an  der  Gesomtbevölkerung  ist  weitaus  am  stärksten

für  das  1  der  größten  Erwerbsfjähigkeit:  ouf  1000  Individuen  zählie

(Oie  Jahlen  aus  der  Bevölkerungszählung  von  1910  sind  noch

nict  40030  395  Ansländer  im  Alter  von  20  bis  39  Jahren,  dogegen

285  Schweizer.  Auf  die  einzelnen  Notionalitäten  verteilen  sich  die

1553  Lohnarbeiter  folgendermaßen:  Jaliener  510  Deutsche  44732,
Franzosen  10379,  Oesterreicher  9551,  übrige

F  April.  Außenhandel  im  5  .  1911.
usfuhr  der  Schweiz  belief  sich  1911  auf  1802  Millionen  Frances,
57  aien  1n“  gen  1910,  die  Einfuhr  auf  1257  Millionen,  62  Millionen
mehr  als  im  Vor

36.  *  Bundesrat  beantragt  bei  der  Bundesversammlung,
  das  Brülseler  Protokoll  betreffend  die  Verlängerung  der  Zuckerkonvention
  zu  genehmigen.

In  seiner  Botschaft  dazu  schreibt  er:  Die  Fragc,  ob  es  im  Inierciie
der  Schweiz  liege,  der  Zuckerunion  weiterhin  anzugehören,  asi  zweifellos
zu  deiahen.  Die  sbcben  Zautermahigungen,  die  Deutschland  für  schweizerische
  Schosolade  und  Zuckerwerk  zugestand,  gelten  nur  solange,  als  die
Schweis  der  Nonvemion  angehem:  der  Auskrikt  würde  alio  nur  Nachteile
und  keinen  Vorteil  bringen.  Eine  Eingabe  der  zuckerwarenfabrikamen.  die
den  Auslritt  der  Schweiz  verlangte,  beruhe  auf  irrigen  Vorausseungen.
Die  russische  Produktion  biete  in  normalen  Zeiten  kein  Intereise  für  die
schweizerische  Industrie,  und  durch  die  Erhöhung  des  russischen  Kontingemtes
sei  auch  für  außerordentliche  Verhälmisse  gesorg

.  Mai.  Der  Bundesrat  genehmigt  das  Projekt  für  die
Schiffbarmachung  des  Rheins  bis  zum  Bodensee.

13.  Juni.  (Nationalrat.)  Bewilligung  eines  außerordentlichen
  Kredits  von  317/8  Millionen  Francs  für  die  Neubewaffnung
der  Fußtruppen,  die  Beschafung  von  Material  für  die  Infanterie
und  die  Maschinengewehrabteilungen,  für  Munition  der  Haubitzabteilungen,
  für  den  Ersatz  von  Geschüßen  der  Festungsartillerie
und  für  drei  neue  Gebirgsbatterien.

10.  Juli.  (Bern.)  Bundesrat  IL##r.  Adols  Deucher  ##im
82.  Lebensjahr.

13.  Juli.  (Bern.)  Bundesrat  Marc  Emile  Ruchet  ##6
59  Jahre  alt.

17.  Juli.  Die  Bundesversammlung  wählt  den  Nationalrat
Decoppet  und  den  Ständerat  Schultheß  zu  Bundesräten.
        <pb n="417" />
        S#ze#G-(August  23.—  September  7.)  107

23.  August.  (Caux.)  Zwischen  kürkischen  und  italienischen
Delegierten  finden  Zorbe  lprechungen  für  die  Einleitung  von  Friedensverhandlungen


8.—5.  Frsene  Eiröbers  bei  Zürich.)  Der  Deutsche  Kaiser
nimmt  an  den  Manövern

6.  Sptemder.  3  Besuch  des  Deutschen  Kaisers.
Festmahl  beantkwortet  Kaiser  Wilhelm  die  Bgrütungeworte

des  nkegorbshdenen  mit  eine  Rede,  deren  Schluß  lamet:  „Nach  d
Willen  der  Vorsehung  hat  sich  inminen  der  vier  benachbarten  Eroswmäch
die  schweizeriiche  Els  nossenschal  als  wohlgeordneter,  allen  friedlichen  Be-Hrebungen
  ugewandter,  auf  seine  Unabhängigkeit  siolzer,  neutraler  Bundesstaat
  entwickelt.  Mit  einzigartiger  Naturichönheit  ausgestattet,  auf  militärischen,
  E  künstleriichen,  industriellen,  lechnischen  und  wirtschaitlichen
  Gebieten  jleinig  vorwärts  strebend,  hat  der  inminen  Europas
gelegene  schweizeriiche  Staat  allgemeine  Achtung  und  Anerkennung  sich  erworben.
  Ein  großer  Teil  der  Schweiz  hält  am  deutschen  Geistes-  und
Gemütsleben  fest,  und  der  Auskousch  ideeller  wie  materieller  Güter  zwischen
der  Schweiz  und  Demichland  ist  in  der  Tat  ebenso  umsangreich  wie  nakürlich.
Sie  verehren  wie  wir  —  um  nur  an  eins  zu  erinnern  —  in  Schiller
einen  Ihrer  Nationaldichter,  der  Ihrem  Volk  wie  kaum  ein  auderer  aus
er  Seele  gesvrochen  hat;  anderseits  sind  die  Merke  Ihrer  Geistesheroen,
wie  Golliried  neller  und  nonrad  Ferdinand  Mener,  Lemeingm  auch  unseres
Volles  geworden.  Es  ist  daher  begreiflich,  daß  die  Schweiz  und  dos
Deuiiche  Reich  bei  aller  Eigenart  ihrer  stoarlichen  Einrichtungen  und  ungeachtet
  der  Verichiedenheit  ihrer  geichichtlichen  Emwicklung  nicht  nur  durch
Auslanich  ihrer  Prodmie,  sondern  auch  durch  ihr  geistiges  Leben  und
Schaffen  miteinander  eng  verknüft  in  herzlicher  Feuncschat  nebeneinander
leben  wollen.  Seit  bald  25  Jahren  bin  ich  stcis  ein  guter  Freund  der
Schweiz  gewesen.  und  so  joll  es,  was  an  mir  liegt.  auch  bleiben.  Ihnen
allen  danke  ich  für  den  7“  Emwiang,  den  Sie  mir  bereitelen,  für
die  freundliche  Gelinnung  und  das  Vertrauen,  das  Sie  mir  ieit  Jahren
entgegenbringen.  Ich  ktrinke  auf  Ihr  Wohl,  Herr  Präsident,  au  das  Wohl
des  ichweizerischen  Bunoesrats,  auf  drs  Wohl  des  schenen  Schweizer  Landes
und  des  treijlichen  Schweizer  Volke-7.

  Seplember.  Aus  *  Deprschenwechsel  des  Deutschen
Kaisers  mit  dem  schweizerischen  undesrat.

dem  Telegramm  des  naijers:  „War  es  mir  zu  meinem

groũen  Bedauern  auch  nicht  maglich,  do  ursprüngliche  Reisebrogramm  in
seinem  vollen  Umiange  durchmiühren,  so  haben  die  wenigen  Tage  meines
Auienthaltes  mir  doch  viel  Neues  und  Schönes  gezeigt,  und  mit  einer  Fülle
anregender  Eindrücke  kehre  ich  jetzt  in  die  Deimat  zurück.  Besonders  daulbar
gedenke  ich  der  beiden  Manövertogc,  an  dr##en  es  mir  vergonnt  war,
die  Leistungen  Ihrer  braven  Truppen  unter  der  Leimug  tüchtiger  und
schneidiger  Ciüne##=  zu  beobachten  und  zu  bewundern  und  mit  der  Lundbevollerung
  in  Berührung  zu  treien.  Ich  verlaie  den  Boden  dieies  gastsreien
  Landes  mit  aufrichtigen  Wünichen  für  dessen  ferneres  Gedeihen  und
jür  Ihr  persönliches  Wohlergehen.  Wilhelm  I.

2.  Die  Autwort  des  Bundearats:  „Eurer  Kaiserlichen  Maiestät
sorechen  wir  für  Ihr  jo  freundliches  Telegramm  bieigrinhmen  Dank  aus.
Es  gereicht  uns  zur  beionderen  Genuginung,  daß  die  Leistungen  unserer
        <pb n="418" />
        408  SI#meiz.  (September  7.—Dezember  12.)  Belzien.  (Januar  1.  16.)

Offiziere  und  upen  der  giten  Eurer  Mojestät  eine  so  wohlwollende
Anerkennung  finden.  Unse  Milizheer  dars  auf  das  günstige  Urteil  von
so  hoher  um  lemetee  Seell  stolz  sein.  In  uns  klingt  die  Freude  über
urer  Majestäl  Besuch  mächtig  nach.  *  kird  uns  und  dem  ganzen
Schweizer  Bont  unvergeßlich  .  Eurer  Mcjestät  #ler,.  aufrichtigsten
  und  wärmsten  Wünsche  für  r  .  Im  N
Bundesrats:  der  sn  Forrer;  der  Bundeskanzler  Schemanve
7.  September.  (Bern.)  Befriedigung  über  den  Kaiserbesuch.
Die  halbamtliche  lchweierische  Dbeschenagentur  veröffentlicht  solgende
Mitteilung:  Wie  verlauf  sind  die  Mitglieder  des  Bundesrats  und  zue
schweizerischen  wklebse  e  n  die  die  Erne  *2  mit  der
baffer  in  persönlichen  Verkehr  zu  treten,  von  der  Liebenswürdigkeit
iin  Gastes  und  der  Herren  seines  Gefolges  entzückt.  Die  erstaunliche
#eennn  5rn  Monarchen,  sein  umfassendes  Wissen  auf  allen  Gebieten,
sein  lebhaftes  Interesse  für  unser  Land,  und  sein  gewandtes,  leutseliges
Konversationstalent  baben  allen  die  groö̃te  Hochachtung  vor  seiner  Perjoͤnlichkeit
  eingessloßt.  Die  gelegentlich  geußerten  Urteile  des  Kaisers  und
seiner  Generale  über  unser  Militär,  die,  wie  verlautet,  darin  gipfelten,  daß
die  eidgen  össische  Armee  voliständig  befähigt  sei,  die  Grenzen  der
Schweis  zu  schüten,  haben  die  Schweizer  #ehren  und  Oisiiere  mit

age
lautet,  nicht  besprochen  Die  Erei  huiße  des  8  serlichen  Bejuches
liegen  vielmehr  in  der  nräftigung  der  srensbschostlichen  Beziehungen  beider

6.  Oktober.  (Lugern.)  Der  belgische  Staatsminister  Auguste
Beernaert,  der  Präsident  der  Interparlamentarischen  Union,  #auf
der  Rückreise  vom  Genfer  Friedenskongreß  im  Alter  von  84  Jahren.

12.  Oktober.  Der  deutsche  Gesandte  in  Bern  v.  Bülow  überreicht
  dem  Bundespräsidenten  sein  Abberufungsschreiben,  sein  Nachfolger
  wird  Frhr.  v.  Romberg,  welcher  am  1.  November  sein  Beglaubigungsschreiben
  überreicht.

12.  Dezember.  Die  vereinigte  Bundesversammlung  wählt
zum  Bundespräsidenten  für  1913  den  bisherigen  Vizepräsidenten
des  Bundesraks  Müller.  Mizepräsident  wird  Dundesrat  Hoffmann.

X.
Belgien.
l.  Jannar.  Wegen  Erkrankung  des  Königs  Albert  an  der
Grippe  wird  der  Neujahrsempfang  abgesagt.
16.  Jannar.  (QKammer.)  Auf  eine  Anfrage  erklärte  der
Minister  des  Außern  in  der  Kammer,  daß  der  Kardinalstaatssekretär
        <pb n="419" />
        gelsien.  (Februar  6.—März  8.)  409

der  belgischen  Regierung  versichert  habe,  daß  das  M#tu  Lreprio
des  Papstes,  „auantavis  diligentia“,  wie  für  Deutschland  auch  für
Belgien  keine  Geltung  habe.

6.  Februar.  (Kammer.)  Verhandlung  über  den  Kohlenstreik
  im  Borinage.

Es  wird  mitgeteilt,  daß  an  Löhnen  4  Millionen  Francs  ansgefallen
seien  und  die  Not  der  Streikenden  einen  bedenklichen  Grad  erreicht  habe.
Der  Handelsminister  erklärt,  daß  die  Grubenbesitzer  eine  Vermit#lung  abgelehnt
  hätten.

13.  Februar.  (Kammer.)  Ein  vom  Arbeitsminister  Hubert
eingebrachter  Dringlichkeitsantrag  verlangt  einen  Zusatz  zu  dem
Alterspensionsgesetz  der  Bergleute,  das  am  1.  Januar  in  Kraft  getreten
  ist,  wonach  überall  da,  wo  bisher  die  Lohnzahlung  wöchentlich
erfolgte,  der  Abzug  des  Alterspensionebeitrages  in  einer  einzigen
monatlichen  Zahlung  erhoben  werden  kann.

Der  Führer  der  Sozialdemokraten  dan  der  Belde  beglückwünscht
die  Regierung  zu  diesem  Auskunitsminel,  das  sich  von  der  Forderung  der
Grubenverwaltungen  auf  141ägige  Verrechnung  und  der  Forderung  der
Arbeiter  auf  wochentliche  Lohnzahlung  gleichmäßig  fernhielt.  Das  Geies
wird  von  der  nammer  einstimmig  und  am  15.  Februar  auch  vom  Senat
angenommen.

15.  Februar.  Die  Bergarbeiter  im  Vorinage  nehmen  die
Arbeit  wieder  auf.

21.  Februar.  (Kammer.)  Die  Regierung  bringt  ein  Gesetz
zur  Verbesserung  des  Scheldelaufes  bei  Antwerpen  und  zur  Erweiterung
  des  Hafens  ein.

Die  seinerzeit  von  König  Leopold  hartnäckig  versochtene  sogenamte

roße  Abkürzung“,  die  eine  Sehne  zum  Scheldebogen  darstellen  sollte,  ist
endgüllig  wegen  ibrer  Versandungsgefahr  fallen  gelassen.  Die  neu  geviante
Ablürzung  verläuft  in  einem  schwachen  Bogen,  um  die  Strömung  beizubehalten.
  Stan  8  Meter  wie  beim  allen  Projekt  jollen  12—11  Meter  Wasierltiese
  an  den  naten  gewonnen  werden.

.  Februar.  Wegen  der  charfen  Kritik  der  Organisation
des  Heeres  nimmt  der  Kriegsminister  Hellebaut  seine  Entlassung.

8.  März.  Trennung  der  Kommandogewalt  vom  Kriegs-=ministerium.


Neu  geichaffen  wird  ein  Kriegsrat  unter  dem  Vorsitz  des  Kriegsministers,
  der  sich  ausschlicülich  mit  technischen  Frogen  beichäftigen  ioll
und  jeden  Monat  zweimal  zuiammentreten  wird.  Es  wird  ierner  ein
oberster  NRriegsrat  unter  dem  Vorsitz  des  Königs,  zu  dem  alle  Norbskommandanten
  und  Feüungskommandanten  gehören,  geschaf#en  werden.
Dieier  regelt  die  Frage  der  nationalen  Vertcidigung  in  allen  ihren
Einzelheiten.
        <pb n="420" />
        410  Felsien.  (März  8.—Juni  3.)

8.  März.  (Brüssel.)  Begründung  eines  Kolonialinstituts
mit  einem  Kapital  von  einer  halben  Million  und  jährlichen
Regierungszuschllssen  von  50000  Francs.

l  März.  Die  Gräfin  Lonyaoy  hat  bei  dem  zuständigen  Gericht
  in  Paris  den  Antrag  gestellt,  ihre  Schwester,  Prinzessin  Luise
von  Belgien,  unter  Kuratel  zu  stellen.

20.  März.  (Brüssel.)  Prinzesfin  Biktor  Nopoleon,  geborene
Prinzesfin  Clementine  von  Belgien,  ist  von  einer  Tochter  entbunden
worden.

3.  April.  Zum  Kriegsminister  wird  General  Michel  ernannt.

21.  April.  Der  Anspruch  der  Jesuiten,  daß  ihr  Orden  durch
einen  Erlaß  Leopolds  II.  vom  23.  Dezember  1397,  durch  den  ihren
Missionen  im  Kongostaat  die  Rechtspersönlichkeit  zuerkannt  wurde,
jetzt  auch  in  Belgien  diesen  Vorzug  genieße,  wird  durch  Richterspruch
  abgewiesen.

22.  April.  (Brüssel.)  Der  Stadtgemeinderat  beschloß  auf
Antrag  der  Sozialisten,  am  1.  Mai  den  Schlüllern  der  slädtischen
Schulen  und  den  Beamten  freizugeben.  Die  Progressisten  unterstüyten
  den  Antrag,  die  Liberalen  stimmten  dagegen.

24.  April.  (Kammer.)  Annahme  eines  Gesetzes,  durch  das
die  Anzahl  der  Sitze  in  der  Kammer  um  zwanzig  und  die  der
Sitze  im  Senat  um  zehn  erhöhl  wird.

20.  Mai.  Der  König  stellt  Strafantrag  gegen  die  Urheber
des  verleumderischen  Gerüchts,  daß  die  Königin  ihn  bei  einem  großen
Gartenfest  im  Schlosse  zu  Laeken  am  4.  Mai  in  zärtlichster  Unterhallung
  mit  einer  Kammerfrau  erlappt  und  diese  durch  einen
Nevolverschuß  gelötet  habe.

29.  Mai.  (Brüssel.)  Nach  Schluß  einer  klerikalen  Versammlung,
  in  der  mehrere  Minister  sprachen,  kommt  es  nachts  zu
Zusammenstößen  mit  den  Gegnern,  wobei  der  klerikale  Abgeordnete
Colfs  mißhandelt  wurde.

2.  Juni.  (skammerwahlen.)  Es  werden  gewählt  lo1  erikale
(§6),  44  Liberale  (44),  39  Sozialdemokraten  (36)  und  2  christliche
Demokraten  (0);  im  ganzen  infolge  der  Erhöhung  der  Volkszahl
186  (16)  Abgcordnete.

Die  für  die  klerikalen  Wahllisten  abgegebenen  Stimmen  betragen
1314623  gegen  14  1  210  der  Opposition,  so  daß  dice  klerilale  Stimmzenelmajorilät
  62  702  beträ

3.  Juni.  éanich)  Die  Erregung  der  antiklerikalen  wallonischen
  Landesleile  macht  sich  in  Krawallen  Luft,  bei  denen
        <pb n="421" />
        Helsien.  (Juni  7.—November  12.)  411

Barrikaden  gebaut,  5  Personen  getötet,  17  schwer  verletzt  und
Hunderte  verhaftet  werden.

Kleinere  Zusammenstöße  ereignen  sich  in  Gent,  Arlo  und  Charleroy.

7.  Juni.  Natifizierung  des  am  11.  August  1910  von  den
Mitgliedern  der  deutschen  und  belgischen  Kommission  unterzeichneten
Protokolls  betreffend  Vermarkung  des  Abschnittes  der  deutschbelgischen
  Grenze  in  Ostafrika  vom  Nordufer  des  Kiwusees  bis  zu
dem  durch  die  Nordspitze  des  Hehu  laufenden  Breitenparallel.

9.  Juli.  (Kammer.)  Der  liberale  Lemmonier  klagt  die
Regierung  des  Stimmenfangs  durch  Gehaltserhöhungen  ihrer  Angestellten
  an.

Allein  für  6  Angeneellen  der  Wegebauten  wurde  noch  n  leblen
Tage  für  eine  Million  Gehaltserhöhungen  versugt
16/XD  Arbeiter  oroptirarn-  Beförderungen  und  Gehaltserhöhungen  Wuc
zurückdatiert,  damit  bei  ihrer  Verosfemtichung  im  Reichsanzeiger  der  Skandal
nicht  allzu  groß  erichien.  Auch  wurden  vor  den  Wahlen  ganze  Serien  von
Beförderungen  vorgenommen,  die  den  Beleiligten  as  in  der  letzten
Nacht  in  aller  Hast  per  Telegramm  zugestellt  worden  sind

20.  Oktober.  (Charleroy.)  Mallonenkongreß.

ie  Versammlung  erklärt  sich  gegen  eine  getrennte  Verwaltung  der
slämiiche  und  wallonischen  Landesteile,  um  die  Einheit  Belgiens  nicht  zu
schädigen

¾l  November.  Unwandkung  des  Ministeriums.

chdem  General  Michel  wegen  Meinungsverschiedenheiten  über
die  abengerenm  der  Nekrmierung  und  die  Erh#hung  der  Friedensurs##enz
as  Am  des  Ariegsministers  niedergelegt  hatic,  wird  Ministervräüdrut
de  Broraueville  jein  Nachsolger.  Der  ehemalige  Eisenbahnminister  Delleou#le
übernimmt  das  Porteienille  des  Aftertuen.  und  der  öffentlichen  Arbeiten.
Das  Dandeleministerium  wird  iu  der  auswärtigen  —n-r  augeglieder
  rt.  Das  Ei  datn  nn  übernimmt  der  bisherige  Aderbauminister
  van  de  Vu#-  Der  neue  Minister  Panl  Seghers  erhält  die  Post-,
Telegraphen=  und  Alninearhelchenrin  en.

12.  November.  (Kammer.)  Brocquevilles  Programmrede.

Es  kam  darin  die  Befürchtung  zum  Ausdruck,  daß  in  einem  euentnellen
Krieg  zwischen  Frankreich,  Deutichland  und  England  die  belgische  Neutralilät
  bedroht  wäre.  Der  Ministerpräsident  seellie  dann  das  Rejormgeiet
zuit  Verbeisernug  der  Vandesverteidigung  in  Aussicht,  cbenio  sei  ein
Schulgeiens  im  Laufe  der  Session  zu  erwarten.  Schließlich  meime  de
Brocaueville,  auf  die  verlangte  Versfaisungsrevision  eingedend,  daß  sich
die  sectzigen  Wahlsormen  nolwendig  der  Zeit  enniprechend  äudern  münten;
aber  die  Fgierun  laise  sich  nicht  mit  einem  Generalstreik  drohen.  —
Ueber  die  Militärreformen  verlantete:  Die  Aushebungen,  die  bei
der  Diennlicht  dincs  Sohnes  pro  Familie  16/K)  Maun  ergeben,  jollen

nach  der  Eininhrung  der  allgemeinen  Dienstpilicht  auf  300/N/—35/00)  Mann
iahrlich  gebracht  werden.  Die  Friedenspräsenzstärke  wächst  damit  auf
/NN  Mann,  die  Kricgsstärke  bei  Einbernsung  der  dreizehn  let#ten  Johrgänge
  anf  21/XEXN)  Mann  im  Felde  und  1°10000  für  die  Feüunngen.
Bieher  belrug  die  Friedensstärle  auf  dem  Papier  45//u),  die  Kriegestärke
        <pb n="422" />
        412  Heltitn.  (November  25.  Dezember  õ.)  Kaurubm#.  (Januar  26.—März  1.)

180000  Mann.  Ju  Wirklichkeit  wurden  diese  Alern  bei  weitem  nicht  er-Wch.
  d#  Dienstpslicht  bleibt  Unweröndert.  16  te  für  die  Irianterie,
20  e  Rapallerie  und  bejo  *  Basiengauen  tgiu-  ach  d  utichem
Muler  #ad  ein  Einjährig.  Brirloliere  wenl  eingeführt  wer
W.  November.  (Brüssel.)  Die  Mutter  des  ’  Gräßin
Maria  v.  Flandern,  geborene  Prinzessin  von  Hohengollern,  t,
67  Jahre  alt.
der  Beisetzung  am  30.  November  ist  der  Deutsche  Kaiser  durch
den  Kronprinzen  und  der  Prinzregent  von  Bayern  durch  Prinz  Rupprecht
vertreten.
5.  Dezember.  (Kammer.)  Vorlage  des  Entwurfs  eines
Mililärgeseßes.
ach  dem  Geirvemtwurf  wird  das  Komtngent  des  Heeres  mehr  als
verdoppelt,  es  wird  von  11800  Mann  aus  33000  Mann  gebracht.  Außerdem
  wird  der  Snebe,  Srciwittigen,  ienst  nach  demschem  Muster
eingeführt,  wodurch  weilere  200  Mann  pro  Jbr  eingeite  werden.  Die
Vergünstigung  des  e  —  ack  nur  von  der  Algemeinbildung,
sondern  auch  von  der  mililärischen  Miesbisonng  abhängen,  so  daß  also  beionders
  lüchtige  Soldaten  nach  dem  ersten  Jahre  beurlaubt  werden  können.
Die  Dienstzeit  bleibt  im  übrigen  nach  wie  vor  15  Monate.  Die  Linienuunopen
  werden,  da  die  Dienütpsticht  13  Jahre,  also  die  Zeit  bis  zum
33.  Lebensiahre  —in  auf  150000  Mann  gebracht  werden.  Mi  der  Reserve,
der  jogenanmen  Terrisorialarmec,  wird  Belgien  in  eiwa  5—6  Jahren  eine
Kriegs#tärke  von  3  11K)  Mann  besitzen.

XI.
Luxemburg.

W.  Januar.  In  Differdingen  kommt  es  wegen  der  Alters-  und
Jnvalidenversicherung  zu  einem  Zusammenstoß  von  40  italienischen
Hochofenarbeitern  und  der  Gendarmerie,  wobei  drei  Personen  getötet
  und  sechs  verleßt  wurden.

W.  Febrnar.  Großherzog  Wilhelm  1  im  60.  Lebensjahr.

Seine  Nachfolgerin  ist  seine  älteite  am  11.  Juni  1894  geborene
Tochter  Maria  Adelheid,  für  die  bis  zu  ihrer  Großiährigrein  ihre  Mulier,
Großherzoginwitwe  Maria  Anna,  geborene  Infamin  von  Poriugal,  unter
*e  des  Ministerpräsidenten  Eynschen  die  Regentschaft  fuhrt.

4.  März.  Provisorische  Beisetzung  der  Leiche  des  Großherzogs
Withelm.

Eine  große  Anzgahl  von  Fürstlichkeiten,  darunker  Prinz  Angust  Wilbelm
  als  Vertreter  dee  Demichen  Naiiers,  der  Grosthertog  von  Baden  und  der
Nonig  der  Belgier  sowic  die  Staats-  und  Nommunalbeharden  wohmen  der
        <pb n="423" />
        u##hu(Juni  141.—August  10.)  Hitderlande.  iFebruar  1.  7.)  413

—  bei.  —  Am  25.  Juli  wird  die  Leiche  feierlich  in  Weilburg
beigesetzt.

14.  Juni.  Großherzogin  Maria  Adelheid  wird  nach  Vollendung
  ihres  18.  Lebensjahres  für  großjährig  erklärt  und  Übernimmt
  die  Regierung.

4m.  Juni.  Aus  der  Thronrede  der  Großherhogin  Maria
Adelhen  nach  ihrer  Eidesleistung  auf  die  Verfassung

Das  Großherzogtum  verdankt  sein  Gedeihen  halansans  den  internationalen
  rrelien  die  seine  Unabhängigkeit  und  Neutralität  verbürgen,
ihm  aber  auch  im  Inieresse  Europas  sirenge  Pflichten  auferlegen.  Im
Rechte  liegt  unsere  Kraft.  Ein  brüderliches  Band  umschlingt  Recht  und
Pflicht.  In  rückhaltloser  Erfüllung  unserer  Pflichten  wollen  wir  stets  so
handeln,  daß  niemals  der  ceringie  Jreilel  über  die  Geradheit  und  Auirichtigkeit
  unserer  Absichten  obwaltet.  Durchdrungen  von  Liebe  zu  unserem
Lande  bin  ich  Kolz,  seinen  Namen  und  seine  NKrone  zu  tragen.  Meine
einzige  Itchde  soll  jein,  ganz  in  seinen  Diensten  zu  behen  und  mit  Ihrer

e  Herren,  steits  für  sein  Wohl  zu  arbeiten.  Die  *  wachen
L  denen  heute  das  Luxemburger  Banner  anvertraut  wird,
n  es  mit  Gottes  -*Pmr#  steis  hochhalten,  Ich  werde  muig  für  leine
Ehre  kämpfen.  Sproß  aus  dem  Stamme  Nassau  werde  ich  gleich  meinen
Ahnen  treu  bleiben  dem  T  —  unseres  alten  chmwürbigen  Hauses:
Je  maiotiendrai!“

25.  Juni.  Unter  Vorbehalt  des  Widerrufs  gewährt  der
Bundesrat  des  Deutschen  Reiches  den  im  Großherzogtum  gewonnenen
  Erzeugnissen  des  Weinbaus  die  gleiche  Behandlung  wie
den  deutschen.

25.  Juni.  (Kammer.)  Trob  des  Protestes  des  Bischofs
Koppes  wird  die  liberale  Schulvorlage  in  zweiter  Lesung  mit  3T1
gegen  17  Slimmen  endgültig  angenommen.

10.  August.  Die  Großherzogin  unterzeichuct  das  neue  Schulgesetz,
  das  sofort  veröffentlicht  wird.

XI.
Niederlande.

1.  Februar.  (Erste  Kammer.)  Annahme  der  Revision  des
Militärgesetzes,  wonach  das  Heereskontingent  von  17500  auf  2  3/1100
Mann  erhöht  wird  bei  einer  Dienstzeit  von  815  Monaten.

7.  Februar.  (Erste  Kammer.)  Erklärung  des  Ministers
des  Außern  über  die  Grenzregelungsfrage  auf  Timor:

Das  Schweigen  Portugals  auf  die  lebten  Vorstellungen  der  Niederlande
  iei  dahin  auszulegen,  daß  Portugal  den  Vertrag  von  1904  auf-
        <pb n="424" />
        414  Nisberlanbe.  (Mai  7.—Oklober  8.)

gehoben  zu  nt  aiche,  wonch  Makantar  vollständig  den  Nieder-Pndes
  untersteh  e  Frage  werde  durch  Schiedsspruch  erledigt  werden.
Inzwischen  sei  gnd  geschte  baßt.  *  Hoheit  über  das  von  den  hollandeon.
besehte  Gebiet  streng  gewahrt  b

7.—10.  Mai.  **  Lenner)  Ablehnung  eines  Kredits
von  7100000  Gulden  für  ein  zum  Dienst  in  der  indischen  Marine
bestimmtes  Panzerschiff  von  7600  Tonnen  mit  63  gegen  26  Stimmen.

Marineminister  Wensholt  binet  deshalb  um  seine  Entlassung.

17.  ptender,  W’iierr  ver,  Generalstaaten.

In  Thro  e  heißt  ie  Beziehungen  zu  den  anderen
Mächten  zudr  vie  *W—  gichienr  Die  Emtwicklung  von  E
wirtschaft,  Handel,  Industrie  und  Schiffahrt  ist  günstig,  die  allgem
Lage  in  Indien  ist  beiriedigend,  die  Dinrplagg  des  Reiches  ist  n
indessen  ersordern  die  zohlreichen,  unvermeidlichen  Neuousgaben  die  Bewilligung
  aller  Geseenkwurse  die  zur  dauernden  Stärkung  der  2
innahmen  eingebracht  werden.  Die  Regierungsvorlagen  Über  die  Vers#assungsrevision
  werden  im  Laufe  des  Jahres  1912  eingebracht  werden
önnen.  Zn  der  9kcgenworigen.  Session  werden  außer  dem  Entwurf  einer
Invaliditäts-  und  Allersversicherung,  dessen  Prüfung  noch  nicht
beendet  ist,  einige  andere  Enzwürfe  eingebracht  werden,  dorumer  einer  über
die  Kanalisation  der  Maas  für  den  Transport  von  Bergwerksprodukten
von  Limburg  und  ein  anderer  zur  allmähtichen  Auflassung  der  Naßfeeplantagen
  der  Regierung  in  Indien.  Ferner  wird  die  Regierung  den  Vorschlag
  machen,  das  nriegs-  .  und  Marinedepartement  durch  ein  Landesverteidigungeministerium
  zu  erietzen.

imn  Budget  für  1913  werden  die  Ausgaben  auf  231  Millionen
oter.  wee  die  We  ovdenntiche  auf  12  Millionen,  veranschlagt,
e  Einnahmen  auf  209  Millionen.  Das  Deiizit  beträgt  21  Millionen,
Ke#  11  Miuionen“  im  ordentlichen  Eiar.  Um  das  Del  auszugleichen.
erwartet  der  Finanzminister  zwei  Millionen  aus  dem  Rest  der  Konzeision
für  Tabak,  drei  Millionen  von  der  Reoision  der  Einkommen-  und  Kapital-=steuer,
  indem  er  die  Annahme  dieser  Geseentwürse  vorausietzt.  Der  Minifter
schlägt  vor,  den  Zuschlag  aui  die  direlien  Steuern  weiter  zu  erheben  oder
in  äuseersten  Fal  auf  den  auf  31½  Millionen  geichätten  Ueberschuß  F
m  Ertrage  der  Vlor#unchesuoner  auf  Allohol  zurückzugreifen.  —
en  keage  hat  der  Kammer  einen  Geseventwurf  vorgelegt,  der  der
Alenenichia  für  die  Verbesserung  der  nNüstenverteidigung  ent-Der
  saiii  sordert  einen  Kredit  von  15,  Millionen  Gulden  als
vont  Rate  für  den  Bau  der  Beiestigung  von  Ali##ngen,  ferner  für  die
Verbtüierung  der  Feitung  ANyunlkdnin  und  fũr  die  Verĩtärkung  der  Batterien
in  den  älleren  Festungen  wie  Hoek  van  Holland  und  Amuiden.

10.  September.  (Erste  Kammer.)  Nach  der  Annahme  des
Gesetzes  über  das  Urheberrecht  erklärt  der  Justizminister,  daß  die
Regierung  am  1.  November  der  Berner  Konvention  beigzutreten
gedenk

S.  Oktober.  (Zweite  Kammer.)  Die  Regierung  hat  einen
Gesetzentwurf  eingebracht.  durch  den  die  Kaffeeplantagen  der  Regierung
  in  Niederländisch  Indien  aufgehoben  werden  follen.
        <pb n="425" />
        Hieberlenbe,  (November  1.—23.)  hãnenari.  (Januar  7.—Februar  6.)  415

1.  November.  Die  Regierung  erklärt  den  Beitritt  zur  revidierten
  Berner  Urheberrechtslbereinkunft  vom  13.  November  1908.

11.  November.  (Haag.)  Das  Schiedsgericht  hat  in  Sachen
der  ruffisch-türkischen  Streilfrage,  ob  die  ottomanische  Regierung
gehalten  sei,  an  Rußland  für  Nichtzahlung  der  nach  dem  Vertrage
von  1879  zu  entrichtenden  Kriegsentschädigung  Verzugszinsen  zu
zahlen,  dahin  erkannt,  daß  die  Forderung  Rußlands  nach  seiner
im  Jahre  1891  erfolgten  Mahnung  zwar  grundsätzlich  anzuerkennen
sei,  eine  Verpflichtung  der  Türkei  zur  Zahlung  von  Verzugszinsen
aber  deshalb  nicht  vorliege,  da,  wie  aus  diplomatischen  Korrespondenzen
  hervorgehe,  Rußland  unzweifelhaft  auf  die  aus  dieser
Mahnung  sich  ergebenden  Benefizien  verzichtet  habe.

23.  November.  (Zweite  Kammer.)  Die  Scheldebefestigungen
und  die  Westmächte.

In  seiner  Ankwort  auf  den  Bericht  der  Sektionen  über  das  Budget
des  hesbe  schreibt  der  Minister,  das  Projekt  der  Küstenverteidiung

  habe  keine  Bedeutung  für  die  internationale  Politik.  Die
Rlochwon  Staatsmänner  Westeuropas,  mit  denen  der  Minister  über  den
Gegenstand  gesprochen  hade,  härten  keinerlei  Schwierigkeit  oder  Protest
gegen  das  Projelt  erhoben.  Der  Gedanke,  in  Kriegszeiten  den  Kanal
zwischen  Dover  und  Colais  zu  schließen,  der  von  einem  ehemaligen  franrz

  Floltenkommandanien  ausgegangen  sei,  werde  in  Pariser  Regierungskreisen
  als  die  versönliche  Aufzasfung  eines  Privatmannes  angesehen.
Der  Empfang  der  Königin  bei  ihrem  Besuch  in  Paris  beweise  die  grosße
Wertichähung  der  Freundschaft  zwischen  den  beiden  Nationen.

XIII.
Dänemark.

7.  Januar.  Das  Ministerium  des  Auswärtigen  bekennt  sich
zu  der  von  dem  Generaldirektor  Markus  Rubin  in  den  „Preußischen
Jahrbüchern“  dargelegten  Auffassung,  daß  es  eine  Torheit  sei,  wenn
die  Dänen  auf  beiden  Seiten  der  Grenze  noch  immer  die  Rückgabe
Nordschleswigs  als  eine  praktische  Möglichkeit  behandelten.

Ttoydem  sandten  einige  dänische  Patrioten  ihre  Danebrogekreuze
zurück,  um  gegen  die  Dekoration  des  Gencraldirektors  Rubin  zu  protestieren.

6.  Februar.  König  Friedrich  VIII.  wird  auf  einem  Spaziergang,
  den  er  in  Begleitung  seiner  beiden  Töchter  in  Kopenhogen
machte,  von  einer  schweren  Bewußtlosigkeit  befallen.
        <pb n="426" />
        416  Päu#rFebruar  11.  Mai  11.)

14.  Februar.  (Folketing.)  Minister  des  Auswärtigen.  Graf
v.  Ahlefeldt-Laurvigen,  Über  die  auswärlige  Politik  und  das  Verhältnis
  !  Deutschland.

he  Regierung  befindet  sich  im  besten  Einvernehmen  mit  allen
anderen  Fegierbnern  leine  von  diesen  versuchte,  dd  zu  bewegen,  von
unserer  vollkommen  unparteiischen  Haltung  nach  außen  hin  abzuweichen.
Der  Minister  wies  darauf  hin,  daß  die  Regierung  nicht  allein  die  Schwierigkeiten
  für  ein  freundschaftliches  Verhältnis  zu  allen  auswärtigen  Mächten
beleitigen  konne.  sondern  daß  auch  die  öffentliche  Weimung.  und  die  Presse
in  demselben  Sinne  wirken  müßten.  —  Deutschland  gebrnüe  brächten
die  bistorisch  gegebenen  Verhältnisse  an  zunsern.  südlichen  Grenze  es  mit
daß  die  natürliche  Sunwathie,  die  bei  in  Dänen  gegenüber  den
144  von  uns  getrennien  däniich  sprechenden  en  Tän  ge  sich  findet,
ostmals  so  zum  Ausdruck  gelangt,  daß  sie  mistdeutet  werden  konn.  Die
ietzige  Regierung  ist  aber  ebenso  wie  die  früheren  Regierungen  bestrebt.
durch  freundschaftliche  Erörterung  mit  der  deutschen  Regierung  auf  diesem
Gebiete  zu  einer  vollen  Verständigung  zu  gelangen.  Bei  diesen  Erörterungen
  sowohl  wie  bei  allen  hierher  gehörenden  Erwägungen  und  Berhandlungen
  haben  zwei  Tatiachen  für  die  Regierung  bestimmend  sein  müssen.
Erstens,  daß  der  verragemahg  bestehende  Zustand  vollauf  respektiert  werden
muß.  Zweitens,  daß  d  e  Erhaltung  der  dänischen  Sprache  4u  Kultur
bei  den  Dänen  im  #lande  weiten  Kreisen  unseres  Volkes  sehr  am
Herzen  liegt.  In  bezug  auf  solche  Tätigkeit  zur  Erhaltung  ifs  Rultur
bei  Stuammesverwandten,  welche  fremde  Staatebürger  in  Grenzländern  jin,
herrichen  bei  briden  Volkern  faktisch  verschiedene  Auffassungen.  Auf  der
einen  Seite  hat  es  deshalb  die  Aufgabe  der  Negierung  sein  müssen,  lr
zulegen,  daß  die  Privatlätigkeit  zur  Erhaltung  der  dänischen  Sprache  u
nunur  bei  den  Dänen  in  Nordschieswig  innerhald  des  Rahmens  der  dn
schen  —  und  in  Ucbereinstimmung  mit  unseren  liberalen  Traditionen
  eriolgt.  Es  ist  aber  zugleich  unfere  Aufgabe  geweien,  dazu  beizutragen,
  danß  diese  Tätigkeit  in  einer  solchen  Weise  zulet  Wind  daß  sie
keinen  berechtigten  Anlaß  zu  Mitdeumugen  gibt  und  sich  von  jeder  Einmiichung
  in  die  politiichen  und  sioatsrechtlichen  Verhältnisse  knnsel  Mochbarstaates
  jernhölt.  In  dieser  Bezichung  handelte  die  Regierung  nicht  n
unker  Aucksichtnahme  daraui,  was  zwiichen  sreundschastlich  gesinnten  Natr:
staalen  allgemein  Brauch  ist,  sondern  zugleich  unter  Verücksichtigung  .
Lonvention  vom  11.  Jonnar  19#1)7.  Der  Minister  bedauert,  daß  man  dies
Neuntralitätevolilik  der  Regierung  im  Lande  vieliach  angriff  und  als  Fe
vor  Pressionen  hinstellic,  sowic  daß  die  beieiligten  Kreise  nicht  Austlärung
an  lanweenter  Stelle  holten,  bevor  sie  irreführende  Behauptungen  verbrei

i  Amrag  J.  C.  Christensen  wird  unter  SJtimung  der  Parteiführer
  solgende  Nesolurion  angenommen:  Indem  s  Folleting  zu  den
Erllärungen  des  Ministers  des  Aeußern  über  die  zrsden  —  sein  Vertranen
  ausjpricht,  geht  das  Folketing  zur  Togesordnung  ü

14.  Mai.  Auf  der  Heimfahrt  von  Nizza  h4  Progenrnrn
1  König  Friedrich  VIII.  in  Hamburg,  wo  er  Station  machte,  im
Alter  von  6#1  Jahren.

de,  als  er  allein  vom  Hamburger  Hoi,  wo  er  inlognito  als.
Graf  Aronenberg  abgeĩtiegen  war.  um  10)  Uhr  abends  einen  Spaziergang
über  den  Zungsernstieg  und  Gäusemark#t#  uniernohm,  von  einem  Schlag-
        <pb n="427" />
        Dãnemark.  (Mai  24.  —  Dezember  21.)  Sqhuedta.  (Jauuar  16.)  417

anfall  betroffen  und  durch  einen  Schuhzmann  als  Unbelannter  ins  dalen
krankenhaus  gebracht.  —  Sein  Nachfolger  ist  Christian  X.,  geboren

28.  September  1870  und  vermählt  mit  Alexandrine  von  Meckl  gendurg.  ine
Schwester  der  deutschen  seihi.  Thronfolger  wird  sein  ältester
Sohn,  Prinz  Friedrich,  13  Jahre

24.  Mai.  Feierliche  Beisetzung  der  Leiche  König  Friedrichs  VlII.

im  Dom  zu  Roeskilde.
ahlreiche  Fürstlichkeiten,  darunter  Kronprinz  Wilhelm  und  Kron-Wer
  i  Ceeilie  als  Vertreter  des  deutschen  Naiserhauses,  wohnten  der
eisetzun

29.  Erptenber  (Kopenhagen.)  König  Georg  von  Griechenland
  bricht  seinen  Besuch  plötzlich  ab,  um  auf  schnellstem  Wege
nach  Athen  zurückzukehren.

7.  Oktober.  (Reichstag.)  Bei  der  Eröffnung  verliest  der
König  eine  Thronrede,  in  der  ein  Gesetzentwurf  für  eine  Verfasfungsreform
  wird.

1.  Dezember.  Beitritt  zur  gemtinsamen  Neutralität  der
standinavischen  Staaten,  s.  Schweden

XIV.
Schweden.

.  Januar.  Eröffnung  des  Reichstags  durch  den  König.

ge  Thronrede  hebt  die  besondere  Bedeutung  der  Neuwahlen  zu
beiden  bdie  kre  des  Reichstages  hervor,  weil  bei  ihnen  zum  erstenmal
#  nach  den  neuen  #rundgessbbestinnmenrgen  erweiterte  Wahlrecht  und  die
nde  Anwendung  gefunden  haben.  Ferner  führt  die  Thronrede
aus,  daß  die  Regierung  es  für  recht  und  dem  Staate  dienlich  ansehe,
zuer  gleichen  Hedingungen  wie  für  die  Männer  auch  für  die  Frauen
Wahlrecht  und  Wählbarkeit  zu  verlangen,  worüber  eine  Vorlage  im
eichuge  eingebracht  werden  wird.  Die  Beziehungen  Schwedens  zu  fremden
chten  seien  songtieh  freundschoftlich.  Es  werden  alsdonn  Gesetzesvorlagen
  betr.  Arbeiterschutz,  Unterstützungsvereine  und  Mutterschaftsversicherung
  ungewindiger  Umtersuchungen  sind  eingeleitet  zum  Zwecke  des
uUstandekommens  eines  vollständig  planmäßigen  Verteidigungs-=oystems,
  das  Schwedens  Selbständigkeit  sichert,  ohne  dus  Leisuungnbrnnchen.
des  Volkes  übermäßig  anzustrengen.  Um  Klarheit  über  die  Wirksamkeit
gewisser  ieht  bestehender  Verteidigungsmaßnahmen  zu  gewinnen,  wird  eine
eine  begrenzte  Probemobilisierung  eingebracht  werden.  An
Stelle  der  Bewilligung  eines  Panzerschifses  großen  Tups,  für  das  die
P  noch  nicht  endgültig  festgeseyt  sind,  wird  die  Bewilligung  von
½  Millionen  Kronen  zur  Anschaffung  von  KAriegsmaterial  empfohlen,
Pnn  dos  Arbeitsergebnis  der  Verteidigungskommission  vorlicgt.  —  Das
Staatsbudget  für  1913  balanciert  mit  264  190000  Uronen.  Das  Landes-Curoyaischer
  Ceschichtskalender.  I.  II1.  27
        <pb n="428" />
        418  S8#4  ide.(Februar  28.—  Juni  16.)

verteidigungsbudget  weist  Ausgaben  in  Höhe  von  55638000  Kronen  auf,
das  ———  solche  in  Höhe  von  26  108000  Kronen.  Das
erstgenannte  Bud  chlägt  die  Bewilligung  eines  Militärflugzeuges  und
eine  Ee  vor,  das  Seeverteidigungsbudget  die  Bewilligung
von  1000000  Kronen  für  Umeerseeboote.  Die  Ausgaben,  deren  Deckung
durch  Anleihen  kvogesehin  sind,  sind  sämtlich  produktiver  Art,  wie  Anlagen
von  Eisenbahnen,  Telephonlinien,  Ausnutzung  von  Wasse  ailen  ulf.  Für
den  #Acheiterversicherungssonds  wird  die  Lang  von  von  2600000  Kronen
vorgeschlag

26.  —  Die  Kronprinzeffin  Margarete  wird  von  einem
Prinzen  entbunden,  der  den  Titel  Herzog  von  Halland  erhält.

13.  April.  Durch  eine  Landessammlung  des  neugebildeten
Flottenvereins  werden  für  den  Bau  eines  Panzerkreuzers  über
12  Millionen  Kronen  aulsgebracht,  wovon  ohne  Staatszuschuß
ein  Panzerschiff  gebaut  werden  kann.

u.  Mai.  (Zweite  Kammer.)  Der  Oberbürgermeister  von
Stockholm  und  der  Abg.  Lindhagen  (Sd.)  beantragen  die  Einführung,
der  Republik,  finden  aber  den  Widerspruch  der  Führer  aller  drei
Parteien,  der  Rechten,  der  Liberalen  und  der  Sozialdemokraten.

14.  Mai.  Bekanntgabe  der  mit  Norwegen  und  Rußland  abgeschlostenen
  Konvention  über  Spitzbergen.

mach  verbleibt  Spitzbergen  ein  neutrales  Territorium,  das
für  die  wiesschaßlichen  und  wissenschaftlichen  Bestrebungen  aller  Nationen
osfen  und  einer  internationalen,  neutralen  Verwaltung  untersteht:  diese
wird  von  einer  inreumalonetn  Kommission,  bestehend  aus  je  einem  Vertreter
  der  genannten  drei  Narionen,  ausgeübt.  An  der  Spide  der  polizeilichen
  und  richterlichen  Gewalt  wird  ein  Norweger  stehen.  Für  Streitigkeiten,
  die  auf  der  Inijel  entstehen  sollten,  wird  ein  Schiedsgericht  vorgeichlagen.
  Die  Konvention  joll  vorläusig  auf  18  Jahre  Gellung  haben.

14.  Mai.  (Stockholm.)  Der  Dichter  August  Strindberg  1.
63  Jahre  alt.

15.  Mai.  (Reichstag.)  In  gemeinsamer  Sitzung  wird  der
Gesetzentwurf  der  Regierung,  für  die  Anschaffung  von  Kriegsmaterial
im  Jahre  1913  31  Millionen  Kronen  zu  bewilligen,  mit  222  gegen
143  Stimmen  angenommen.

18.  Mai.  Das  Frauenstimmrecht  wird  zwar  von  der  Zweilen
Kammer  mit  140  gegen  66  Stimmen  angenommen,  aber  von  der
Ersten  Kammer  nach  langer  Debatte  mit  86  gegen  58  Stimmen
abgelehnt.

Domit  ist  der  Gesetentwurf  der  Regierung  gefallen.

16.  Juni.  (Malmslätt.)  Der  von  Kopenhagen  kommende
Schnellzug  fährt  auf  einen  Güterzug  und  gerät  zum  Teil  in  Brand,
wobei  21  Personen  getölet  und  106  schwer  verletzt  werden.
        <pb n="429" />
        Sqneben.  GQuli  3.  -  Dezember  21.)  N###e##(Jonuar  9.—1.)  419

3.  Juli.  (Stockholm.)  Das  Königspaar  besucht  die  deutschen
  Kriegsschiffe  „Vineta“  und  „VBiktoria  Luise“.

20.  September.  (Stockholm.)  Nach  viermonatiger  Dauer
wird  durch  staatliche  Vermittlung  der  Bäckerstreik  beigelegt  und
ein  fünfjähriger  Frieden  geschlossen.

18.  November.  (Stockholm.)  Ankunft  des  dänischen  Königspaares
  zum  offiziellen  Antritisbesuch.

1°9.  Dezember.  (Stockholm.)  Bei  der  Verkeilung  der  Nobelpreise
  durch  den  König  erhält  Gerhart  Hauptmann  den  Preis  für
Literatur  (193000  Francs,  ein  Diplom  und  die  goldene  Medaille).

#21l.  Dezember.  (Stockholm.)  Deklaration  der  gemeinsamen
Neutralität  der  skandinavischen  Staaten:

achdem  die  dänische,  die  norwegische  und  die  schwedische  Peierung

zu  dem“  Zwecke  Verhandlungen  eingeleilet  haben,  einheitliche,  mit  d
Haaog  unterzeichneten  vertragsmäßigen  Bestimmungen  bereinstimmene.

eutralitätsregeln  jeltkusetzen,  und  17  ————#  in  allen
Prinzipiellen  Punkten  zur  Enigung  geführt  haben,  sind  sie  i  ·
EinichapiingdeeBedeiitiinqkthiche,daßdies-qlücklich  beilehende
Einigkeit  auch  in  Zukunit  erhalten  wird,  Übereingekommen,  daß  keine  der
drei  Regierungen  an  den  von  ihnen  gutgeheißenen  Regeln  eine  run
vomehmen  wird,  ohne  vorher  die  beiden  anderen  Regierungen  zeitig  genug
davon  unterrichtet  zu  haben,  so  daß  ein  Meinungsaustausch  über  die  Angelegenheit
  stanfinden  kann.“

XV.
Norwegen.

.  Januar.  Ausstellung  eines  Floltenbauprogramms.

Dasselbe  verlongt:  8  gevanzerte  Küstenverteidigungsschiffe,  6  Torpedoiöger.
  40  Torpedoboote,  12  Unterseeboote,  4  Kanonenbootc  oder  mit  Kanonen
armierte  Hilisschiffe,  einen  schnellauienden  Minenleger,  austerdem  bewassnele
Schiffe  oder  Hilissschiffe  zur  Bewachung  der  Minenlegung  und  eine  Anzahl
Minenfischer.

9.  Januar.  (Staatsrat.)  Die  Budgekvorlage  für  1912,13.
Sie  bolanciert.  mit  129  100000  Kronen.

9  dordinarium  sind  614  Millionen  für  Eisenbahnbaulen

eĩchen.  Nrer  wird  vorgeschlagen,  aus  dem  Kaffabestand  ##  Millionen
sůr  auherbrd  eiche  Zwecke  zu  bewilligen,  davon  6  Millionen  für  den  Bau
von  Rriegsschiffen  und  éine  Million  als  Beitrag  für  eine  neue  norwegiüche
Dampferlinie  nach  Am  Das  Finanzjahr  1910.11  hat  einen  Reinüberichuß
  von  eiwa  8  eiues  Kronen  ergeben.

18.  Januar.  Das  Odelsthing  nahm  den  Gesetzentwurf  an,
nach  dem  Frauen  unter  den  gleichen  Bedingungen  wie  Männer

27°
        <pb n="430" />
        420  Herutzen.  (õebruar  d.  -  April  16.)

Staatsämter  erhalten  können,  ausgenommen  Ministerposten,  geistliche,
  diplomatische,  Konsular=  und  militärische  Amter.

3.  Februar.  Wegen  einer  Rede  des  Ministerpräsidenten  Konow,
in  der  er  für  die  Einführung  der  Bauernsprache  (lundzmnal)  als
Landessprache  statt  der  geltenden  norwegisch-dänischen  Reichssprache
eintrat,  reichen  drei  Minister  seines  Kabinetts  ihre  Entlassung  ein.

16.  Februar.  Das  ganze  Ministerium  nimmt  seine  Demission,
weil  es  dem  Premierminister  Konow  nicht  gelingt,  für  die  zurückgetretenen
  Kollegen  Ersatz  zu  finden.  Der  König  betraut  den
Führer  der  parlamentarischen  Rechten  General  Bratlie  mit  der
Bildung  eines  neuen  Ministeriums.

19.  Februar.  Das  neue  Ministerium:  Bratlie  Präsidium
und  Verteidigung,  Irgens  Außeres,  Professor  Frederik  Slang
Justiz,  Enge  Landwirkschaft,  Frederik  Konow  Finanzen.  Liljedahl
Kultus,  Lindvig  Handel,  Braenne  öffentliche  Arbeiten.

1.  Februar.  Stärke  der  Parteien  im  Storthing.

Die  Linke  verfügt  über  ö#  Stimmen  (47  Nadilolc,  11  Sozialdemokraten),
  die  Regierung  über  55  Stimmen  (13  oserpaten  n  12  v-gemeßigt
Liberale).  Die  Enischeidung  liegt  in  ollen  Fällen  Mann
starlen  Gruppe  der  Liberalen,  die  sich  um  den  früheren  WMinssterprönldermunn
Konow

21.  Februar.  Exminister  als  Kammerpräsidenten.

Das  Storthing  wählt  den  früheren  Staotsminister  Konow  mit
105  „Stimmen,  das  Odelsthing  den  ehemaligen  Staatsminister  Berge  mit
42  Slimmen  zum  Präsidemen.

3.  März.  (Storthing.)  Der  Präsident  Konow  gibt  bei
Erôffnung  der  Sitzung  den  nationalen  Gefühlen  der  Freude  und
des  Stolzes  Über  die  Entdeckung  des  Südpols  durch  Amundsen
Ausdruck  und  erhält  die  Ermächtigung,  dem  Entdecker  den  Dank
seines  Landes  telegraphisch  zu  übermitteln.

Es  wird  eine  Nalionalsammlung  eröfinet,  um  die  Durchführang
der  von  #Ummnsen  geplanten  großen  Nordpolexvedition  zu  sichern.

10.  April.  (Christiania.)  Auf  dem  sozialdemokratischen
Parteitag  wird  in  der  Sprachenfrage  zwischen  dem  dänisch-  norwegischen
  Riksmaal  und  dem  bäuerlichen  Landsmaal  Neutralität  proklamiert
  und  das  Totalverbot  für  Alkohol  in  das  Parteiprogramm
aufgenommen.

Infolgedessen  treten  Pasior  Dr.  A.  Erikien.  Präsident  des  Riksmaalbundes,
  und  Cheiredokteur  des  „Sozialdemokroten“"  Jepvesen  von  der
Leilung  der  Partei  zurü

16.  April.  Storthing)  Einstimmig  wird  beschlossen,
        <pb n="431" />
        Herntgen.  (Juni  1.  -  Dezember  21.  421

136365  Kronen  als  Zuschuß  zu  Roald  Amundsens  Expedition
nach  der  Arktis  zu  bewilligen.  (Siehe  8.  März!)

1.  Juni.  Die  Marine  erhält  durch  öffentliche  Subskription
ihren  ersten  Aeroplan,  und  zwar  einen  deutschen  Rumplereindecker.

Juli.  (Christiania.)  Die  ordentliche  Profeffur  der
Zoologie  wird  Fräulein  Dr.  Christine  Bonnevie  überkragen.

6.  Juli.  (Storthing.)  Bewilligung  von  15  Millionen
Kronen  für  den  Bau  zweier  Panzerschiffe,  900  000  Kronen  für  die
Bekestigung  der  Lofoten,  600000  Kronen  für  Brisanzgranaten,
einer  Million  für  Torpedos  und  1200000  Kronen  für  Unterseeboote.

Außerdem  kede  bewilligt  700000  Kr.  für  die  Befestigung  von
Horten,  400000  Kr.  für  die  Flonenstation  bei  Bergen,  100000  Kr.  für  die
Flouenstation  we  und  100000  Rr.  für  die  Station  Ghristionsund
Der  Vorschlag  der  Lommission,  die  bewiligten  20“  Millionen  durch  7,6
Millionen  aus  dem  Barbestand  der  Siaatskasse,  400000  Kr.  aus  dem
Ertrage  einer  bejonderen  Zusaystener  zu  den  direkten  Steuern  und  12  Millionen
aus  einer  inneren  Anlcihe  zu  decken,  wurde  gleichfalls  angenommen.

27.  Juli.  (Aalesund.)  Rückkehr  des  Kapitäns  Milkelsen,
Leiter  der  Alabamaexpedition,  die  im  Jahre  1909  nach  Grönland
auszgog.  um  die  hinterlassenen  Aufzeichnungen  Mylius  -Erichsens
aufzufinden,  samt  seinem  Begleiter,  dem  Maschinisten  Iversen,
nachdem  sie  fast  zwei  Jahre  für  verschollen  galten.

August.  Rücktritt  des  Ministers  für  öffentliche  Arbeiten
Broenne,  weil  er  bei  nachträglicher  Erhöhung  der  Zahlungen,  die
von  den  Städten  Bergen  und  Drontheim  für  die  Überlassung  von
Wasserkräften  zum  Zweck  der  Beschaffung  elektrischer  Kraft  zu  leisten
find,  dem  Parlament  nicht  nachgeben  will.

Sein  Nachiolger  wird  der  Ingenieur  Hondenak.

15.  Dezember.  (Christiania.)  Der  frühere  Präsident  des
delsthing  Lars  Liestöl.  r  im  Alter  von  73  Jahren.

Dezember.  Beitritt  zur  gemeinsamen  Neutralität  der
standinavischen  Staaten  (s.  Schweden)).
        <pb n="432" />
        XVI.
Rußland.

8.  Januar.  Der  Premierminister  verfügt  die  Verabschiedung
des  Gesandten  Korostowez  in  Peking,  der  die  16  jährige  Tochter  des
dortigen  Zolldirektors  Pirie  entführt  hatte.

22.  Janvar.  (Finnland.)  Der  Reichsrat  nimmt  den  von
der  Reichsduma  gebilligten  Gesetzentwurf  an,  wonach  die  finnische
Rentei  an  die  Staatsrentei  Geldzahlungen  als  Ersatz  für  die  Wehrpflicht
  finnischer  Bürger  zu  leisten  hat.

23.  Januar.  Der  Marineminister  fordert  im  Ministerium  einen
Nachtragskredit  von  11500000  Rubel  zum  Bau  einer  Schwarzen
f

30.  Jonuar.  Der  Witwe  Leo  Tolstois  ist  vom  Zaren  eine
jährliche  Pension  von  zehntausend  Rubel  verliehen  worden.

6.  Februar.  Der  frühere  Chef  der  politischen  Polizei  von
Kiew,  Kuljabko,  wird  wegen  großer  Unterschleife  verhaftet.

19.  Febrnar.  (Duma.)  Die  Gesetzesvorlage  über  die  Neorganisation
  der  Städteverwaltung  in  den  Gouvernements  Polens  wird  in
dritter  Lesung  angenommen.

28.  Februar.  (Dumo).  Ablehnung  von  Abschnitt  10  der
Vorlage  betreffend  das  Gouvernement  Chelm,  in  welchem  die  Ausscheidung
  des  Gouvernements  aus  dem  Zartum  Polen  bestimmt
wird.  Dagegen  wird  tags  darauf  der  Artikel  1  des  11.  Abschnittes
der  Gesetzesvorlage  über  das  Gouvernement  Chelm  angenommen,
wonach  alle  Rechte  und  Obliegenheiten  des  Generalgouverneurs  von
Warschau  hinsichtlich  des  Gouvernements  Chelm  auf  den  Minister
des  Innern  und  auf  die  anderen  Minister  übergehen.

5.  März.  (Petersburg.)  Der  Stadthauptmann  verhängte
über  dreizehn  Studenten  und  einen  Hospitanten  der  Universität
Administrativhaft  von  einem  bis  drei  Monaten  wegen  Anreizung
zu  Studenkenunruhen.
        <pb n="433" />
        ERahland.  (Mãtz  6.—12.)  423

5.  März.  Der  Verkehraminister  befürwortet  im  Ministerrat
die  Durchstechung  des  Archotberges  mittels  eines  23  km  langen
Tunnels  zur  Fortführung  der  transkaukaßischen  Bahnen.

7.  März.  Der  Ministerrat  beschloß,  der  Duma  ein  neues
Flottenprogramm  vorzulegen,  welches  an  die  Stelle  des  Bauprogramms
  von  1910  treten  soll,  das  von  der  Duma  noch  nicht
erdrtert  worden  ist.  Das  neue  Programm  erfordert  eine  Ausgabe
von  502744567  Rubel,  die  sich  auf  fünf  Jahre  verteilt.

11.  März.  Der  Botschafter  in  Konstantinopel  Tscharykow
wird  weh  abberufen.

#  ohne  Bevollmächtigung  die  Dardanellenfrage  aufs  Tapve#t

Er  s
*——  ih  aus  seiner  Parteilichkeit  für  die  Jungrürken  kein  Hehl  gemacht


12.  Mar  (Duma.)  Aus  der  Budgekrede  des  Ministerpräsidenten
  und  Finanzministers  Kokowzew.

ersten  Male  erreicht  das  russische  Budget  eine  Höhe  von  mehr

als  drei  Mickron  Rubel.  Die  ordentlichen  Ausgaben  wachjsen  durchschninlich
  um  #N—100  Millionen  jährlich.  Die  Sttätoben  wird  dadurch
jedoch  nicht  erschöpft  und  das  Gleichgewicht  des  Budgeks  in  Zutunft  nicht
ejährdet.  Selbst  ein  Mißwachs  ist  jast  ohne  Einfluß  auf  die  Einnahmen.
ie  fünijährige  Arbeit  der  Reichsduma  hat  bewirkt,  daß  die  Einnahmen
die  Ausgaben  um  10131/000000  übersteigen.  Dies  hat  die  Deckung  der
huhererdemklichen  Ausgaben,  die  Bildung  eines  freien  Barbestandes  und
ßge  Tilgung  von  205  Millionen  Staatsschulden  ermöglicht.  Die  Anleihet
  babn  dem  freien  Barbestande  nur  elwas  mehr  als  50  Millionen
zugeführt.  Die  ordentlichen  Einnahmen  sind  in  vier  Jahren  um
20  v.  H.  gewachien.  Es  ist  behanpiet  worden,  das  Branntweinmonopol
bilde  die  Grundlage  des  Staalsbudgets,  jedoch  hat  das  Monopol  nur  7.8
u.  H.  der  Einnahmen  gebracht.  Steuerlast,  die  für  1912  10  Rubel
à  Noveken  pro  nopf  ausmacht,  ist  seit  19008  nur  um  38  Kopeken  gestiegen.
on  150  Millionen  Rubel,  um  welche  die  Ausgaben  der  vier  letzten  Jahre

die  Volksansklärung,  47  auf  die  W  und  die  Landwinschaft.
Wenn  Anleihen  unnötig  sind,  das  Staatsbudget  wächst  und  die  Bedürfnisse
freigebig  beiriedigt  werden,  so  findet  dies  seine  Erklärung  in  der  Finonzlage,
  dem  Finanzsystem  und  den  Berhältnissen  Rußlands.  Die  Einnahmen
wachsen  alljährlich  um  ezwa  10  Prozent.  Selbst  unverdesserliche  Peisimisten
können  einen  Erfolg  in  der  Umgestallung  des  Mirtichaftslebens  nicht  in  Abrede
  stellen.  Nach  10  Jahren  dürite  das  ruisische  Budger  vier  Milliarden
Greichen.  Eine  Erschünerung  des  Gleichgewichts  ist  nicht  zu  befürchten.
er  Import  der  Export  ergeben  ein  Saldo  von  407  Millionen  zuwanl
  Rußlands.  Alles  das  eröfinet  einen  günstigen  Auoblick  in  die
2  ukunst.  In  den  vier  letzten  Johren  ist  der  Goldvorrat  um  570  Millionen,
der  freie  Vorbestand  von  256  Millionen  auf  969  Minionen  getiegen.  Der
Goldvorrat  im  Aucande  beträgt  413  Millionen.  Auch  die  ruisicchen  Fonds
haben  sich  gebesiert.  Der  Ministerpräsident  gab  sodann  einen  Ueberblick
über  die  Tätigkeit  der  dritten  Reichsduma  und  schloß,  die  Duma  könne  auf
        <pb n="434" />
        424  Kablend.  (März  13.—23.)

den  zurückgelegten  Weg  ruhig  zurückichauen  und  sagen:  Feci,  quod  polui:
faciant  meliora  potentes.  (Andauernder  Beifall.)

183.  März.  Rücktritt  des  Botschafters  Fürsten  Dolgorucki  in
Rom  angeblich  wegen  seines  Gesundheitszustandes.

14.  März.  (Duma.)  Rede  des  Ministerpräsidenten  Kokowmgew
über  Negierung  und  Volk.

Auf  eine  Reihe  heftiger  Angriffe  auf  die  rückständige  Tendenz  der
Regierungspraxis  antwortet  Kokowzew,  es  sei  grundsalich,  zu  behaupien,
daß  die  Regierung  die  Schaffenskraft  des  Bolkes  beenge  und  die  Volksscel#  verderbe.
  Würde  die  Regierung  die  Schaffenekraft  des  Volkes  beengen,  jo  würde
das  Reichsbudget  nicht  drei  Milliarden  übersteigen  und  eine  jährliche  Steigerung
der  Einnohmen  um  viele  Millionen  aufweisen.  Das  russische  Volk  werde  dem
nachsolgen,  dem  es  durch  historische  Schicksale  zu  folgen  gezwungen  sei.  Der

eg,  auf  den  es  die  Opposition  fübren  wolle,  gehe  über  Wiborg  (Anspielung
  auf  das  Wiborger  Steuer-  und  Rekrutenverweigerungsmanikest  der
Abgeordneten  der  ersten  Dumaoy  durch  Mordbrennerecien  zur  Zwangsenteignung
des  Landbesitzes.  Das  ruisiiche  Volk  habe  diesen  Weg  nicht  eingeschlagen,
weil  es  wisse,  daß  es  **  Führer  beoe,  der  es  durch  die  ganze  russiiche
Geschichte  geführt  habe.  Am  Vorabend  des  Jubiläums  des  Befreiungskrieges
  bon.  1812  und  ver  oenolend  Negierma  des  Hauses  Romanow
möge  die  Opposition  nicht  im  Namen  des  rufsischen  Volkes  reden,  denn  sie
hobe  keine  Vollmacht  dazu.  Das  russische  Volk  werde  dem  russischen  Zaren
nachiolgen,  der  es  #  Arbeit,  zur  Ordnung  und  zum  Ruhme  führen  werde.
(Stürmischer  Beifall.)

15.  März.  Der  Ministerrat  bewilligte  die  Anweisung  von
351-Millionen  Rubel  aus  staatlicher  Quelle  für  die  Verpflegung  der
Notstandsgebiete,  deren  Kosten  im  Etatsjahre  bereits  154  Millionen
Rubel  betragen.

15.  März.  Die  Petersburger  Telegraphenagentur  dementiert
die  aufregenden  Gerüchte  von  einer  Dislokation  der  Truppen  in
den  Militärdistrikten  von  Kiew  und  von  anderen  Maßnahmen,  die
zur  Annahme  verleitelen,  daß  eine  teilweise  Mobilisation  in  den
südwestlichen  Provinzen  beabsichtigt  sei.

16.  März.  (Odessa.)  Der  frühere  Schah  von  Persien  trifft
nach  seinem  mißlungenen  Restaurationsversuch  wieder  ein.

W.  März.  (Duma.)  Annahme  des  Gesetzentwurfes  betr.  die
Wrhcchtreurn.  in  dritter  Lesung  mit  147  gegen  72  Stimmen.

adetten  boten,  vergeblich  einen  Amtrag  auf  Streichung  des
Vorageabtken  eingebracht,  nach  die  Familic  eines  Juden,  der  sich  der
Wehrpilicht  enteogen  hat,  unv  N)  Mubel  bestraft  und  die  Festnahme  eines
jolchen  Inden  belohnt  wird.  Eine  Reihe  von  Rednern  der  Opposition  forderte
die  Streichung  dieses  Paragraphen,  der  rechtlich  unhaltbar  sei,  da  er  den
iesssa  der  periönlichen  Veraniwortlichkeit  verle#e.  Der  Berichterstauler
der  Reichsverteidigungalommission  und  der  Gehilie  des  Ministers  des  Innern
ivrachen  sich  für  die  Beibehallung  des  Paragrapden  aus.  Der  Antrag  der
Kadelien  wurde  darauf  mit  103  gegen  101  Stimmen  abgelchnt.
        <pb n="435" />
        Kusland.  (März  23.—Dpril  23.)  425

W.  März.  (Petersburg.)  Abreise  des  Kaiserpaares  nach
der  Krim.

29.  März.  (Duma.)  Der  Antrag  auf  Zulassung  von  Frauen
zur  Advokatur  wird  angenommen  und  die  Justigkommission  mit
der  Ausarbeitung  eines  entsprechenden  Gesetzentwurfes  betraut.

2.  April.  (Petersburg.)  In  der  Sache  der  armenischen
Revolutionspartei  verkündet  der  Senat  nach  zweimonatiger  Ver-*
  das  Urteil.

n  116  Angeklagten  wurden  4,  darunter  ein  Arzt,  zu  Zwangsarbeit
von  E  5  n,  26,  darunter  ein  Priester,  zur  Verschickung,  21  zu  Festungshast
  von  3  Monaten  bis  zu  2  Jahren,  einer  zu  3  Jahren  Gesängnis  verurteilt.
  Die  übrigen  94  Angeklagten  wurden  freigesprochen.

2.  April.  (Petersburg.)  Das  erste  Departement  des  Reichs.
rats  beginnt  die  Verhandlung  der  Anklage  wegen  Dienstverbrechens
gegen  den  früheren  Gehilfen  des  Ministers  des  Innern  General
Kurlow,  gegen  den  früheren  Bizedirektor  des  Polizeidepartements
Werigin,  den  früheren  Chef  der  Kiewer  Geheimpolizei  Kuljabko  und
den  Hoipolizeibeamten  Obersten  Spiridowitsch.

16.  April.  Der  königlich  preußische  Grenzkommissar  Dreßler.
in  Enydtkuhnen  stationiert,  wird  auf  dem  Grenzbahnhof  Wirballen,
als  er,  um  die  Gräfin  zu  Dohna  über  die  Grenze  zu  begleiten.
russischen  Boden  betrat,  verhaftet  und  sofort  nach  Wilna  transportiert.


17.  April.  Die  Regierung  hat  ihre  Beziehungen  zu  der
„Nowoje  Wremja“  wegen  der  gehässigen  Haltung  dieses  Blattes
gegen  Ssterreich-  Ungarn  abgebrochen  und  den  russischen  Botschafter
am  hiesigen  Hofe  Herrn  Nikolaus  v.  Giers  bevollmächtigt,  dem
Wiener  Kabinett  mitzuteilen,  daß  das  russische  Ministerium  den
österreichfeindlichen  Ausführungen  der  „Nowoje  Wremja“  vollständig
fernsteht.

18.  April.  (Sibirien.)  Nach  längerem  Streik  sliften  die
Bergarbeiter  in  den  Goldwäschereien  der  Lena--Gesellschaft  ernstere
Unruhen  an.

Zur  Umterdrückung  des  Aufstandes  wurde  Militär  ausgeboten.  Die
Soldaten  machten  von  der  Schußwafsse  Gebrauch,  törefen  107  Arbeiler  und
verwundeten  80  —t•

23.  April.  Kr  Ministerrat  erklärte  den  Initiativantrag
von  vierzig  Dumamitgliedern  über  die  Teilnahme  von  Frauen  an
den  Dumawahlen  für  unannehmbar.
        <pb n="436" />
        426  Ruhlaud.  Avril  26.

26.  April.  (Duma.)  Minister  des  Auswärtigen  Ssasonow
über  die  auswärtige  Politik.

Bei  seinem  Ausenthalte  in  Paris  habe  er  sich  überzeugt,  daß  die
leitenden  französischen  Kreise  ebenso  wie  Rußland  feste  Anhänger  der  Alliang
seien  und  danach  strebten,  sie  zu  beiderseitigem  Borteil  sowie  zur  Sicherung
des  europäischen  Friedens  auszunutzen.  Das  Abkommen  mit  England
vom  Jahre  1907  habe  die  besten  Früchte  gezeitigt.  Das  gegenseitige  Bertrauen
  und  die  Sympvathien  beichränkten  lich  nicht  auf  die  leitenden  Kreiie,

in  den  —  politischen  grit=  o  im  nahen  wie  im  sernen  Osen
lorgestelg  habe.  Bei  dem  Charakter  der  russiich-deutichen  Beziehungen  könne
der  Besuch  Haldanes  in  Berlin,  wie  überhaupt  jeder  Versuch,  die  englischdeutichen
  Beziehungen  zu  verbessern,  nur  begrüft  werden.  Wenn  es  Aaböng:.
den  Boden  einer  Verständigung  in  für  beide  Staaten  wichtin  Fragen  zu
finden,  würde  dies  die  russischen  Beziehungen  zu  Deutschland  und  England
keineswegs  breimträchtigen.  In  der  Entrevue  von  Rarconigi  seien  die  freundschastlichen
  Beziehungen  zu  Italien  zum  Ausdruck  gelongt,  die  sich
weiter  entwickeln  und  kräftigen.  Ihre  Festigkeit  sei  geüicherl  durch  die  Uebereinstimmung
  in  den  Anschanungen  über  die  Lage  auf  dem  Balkan.  Rußland
und  Jialien  folgten  wohlwollend  der  Kreediohe  Cnondlung  der  Vallan  ·
völker.  Die  ruisisch  öfterreichischen  Beziehungen  hätten  füngst  eine
Prüfung  zu  bestehen  gehabt,  aber  es  sei  den  beiden  Regierungen  geiungen,

habe  für  den  Fall,  daß  die  beiderseitigen  Interessen  sich  berübrten.  Diese

ue  und  die  Tian  und  und  Festigung  der  Wot  der  Türtei.
Rußland  habe  seinerzeit  die  Großmächte  und  die  öffentliche  Meinung  über
dieje  Entschließungen  unterrichtet.  Der  jüngst  verstorbene  österreichische
Minister  des  Acußeren  Graf  Aehrenthal  habe  sie  vor  den  Delegationen  bestäligt.
  Aus  autorilativer  Quelle  sei  der  russischen  Regierung  bekannt  geworden,
  daß  beabüüchtigt  sei,  diese  Grunolagen  künftigbin  zu  beobachten,
und  daß  es  ein  fester,  Cntschluß  Oesterreich-  „Ungarns  jei,  auf  diesem  Boden
zu  beharren.  Dies  könne  die  fernere  Geslaltung  der  gegenseitigen  Bezichungen
  nur  inhig  beeinflussen

Di  n  nahen  Eken  sei  nicht  voll  befriedigend  und  gewinne
iniolge  des  itolienisch-zürkischen  Arezest  eine  erhöhie  Bedemung.  Es  licge
Grund  zu  der  Hofinung  vor.  daß  die  Ruhe  auf  dem  Balkan  nicht  gestche
und  daß  der  Arieg  keinen  allgemeinen  Konstitt  hervorrusen  würde.  Vioher
habe  die  risiiche  Regierung  die  Gejahr  eines  solchen  Ronjlikies  in  der
asebsweile  der  Jlaliener  nicht  erblickt,  und  latsächlich  beschränkte  Italien

fte  das  Overationsjeld  auf  entiernie  Gegenden,  um  die  Interessen  der
nemente  Mächie  nicht  allzu  fühlbar  zu  berühren.  Das  Vomdardement  der
Dardanellen  sei  nicht  von  Aktionen  begleitet  gewesen,  die  zum  Beweis  haͤtten
dienen  lönnen,  daß  Ilalien  von  dieier  Erwägnng  abgewichen  sei.  Die
Schlicüunng  der  Dardanellen  durch  die  Türken  schädige  die  msüüchen
Handeklsinteresien  wezenslich.  Die  russische  Botschaft  habe  in  diesem  Sinne
Voritellungen  in  Konstantinovel  erhoben  und  darauf  hingewiesen,  daß  neutralen
  Schissen  vertragsmäßig  freic  Durchjahrt  gewährleistet  sei.  Gegen-
        <pb n="437" />
        Kubland.  (April  26.)  127

wärtig  sei  man  zu  der  Annahme  berechiigt,  die  freie  Schifiahrt  in  den
Dardanellen  werde  demnächst  wieder  erößnet  werden.  Die  jüngsten  Ereignisse

  härten  die  Initiative  Rußlands  gerechtfertigt,  mit  den  intereisierten
Großmächten  die  Grundlagen  der  den  Kriegführenden  anzubictenden  Vermittlung

  festzustellen.  Die  Verichiedenheit  des  Standpunktes  Jtens  von
ne  un-·
e  für  die  nächste  gn  nicht

Türkei,  bin  der-  Minister  fort,  4,  aber  so  groß,  vaß  e

mittelbare  Wirlung  d  rilues

vorauszuschen  ist.  2  werden  die  Mächte  664q  eisehad  ue  möglichst
bald  erneuern.  Minister  Ssasanow  gab  geinn  leinem  Bedauern  Ausdruck,
daß  die  #reter  auf  revolutionärem  Wege  die  Einigung  mit  Mirchenlaur
durchzusetzen  versuchen  und  sich  sowohl  wie  Griechenhons  äußeren  Gesahren
ausseen.  Die  Verstärkung  der  B1  der  Kriegeschiffe  beweist  den  Kretern
die  Entschlossenheit  der  Schutzmächte,  dies  nicht  zu  gestatten.  Wenn  es
erjorderlich  sein  sollte.  erden  *  Mhe  noch  un  b%nen
Was  Bulgarien  und  Serbien  betrifst,  kann,  ohne  daß  man  sich  einer
T  hingibt,  die  Loßnun  ausgesprochen  werden,  —  die  politische
Weisheit  ihrer  Lerrscher,  die  Besonnenheit  der  Febizrung  und  der  Pattioogar
  im  Falle  einer  Gärung  auf
tischer  Abenteuer  bewahern  werden.  Ihre
Besonnenheit  könnte  die  Türkei  überzeugen,  daß  die  Sicherung  des  inneren
Friedens,  namentlich  in  der  europäischen  Türkei,  notwendig  i

besten  hierfür  geeignete  Mitlel  ist  die  Sichtrung  der  kuliurellen  und  wirt- 



schastlichen  Vedürinise  der  christlich
ie  La  ersien,  su

dem  Abkommen  n  veninn  vom  Ja

wicklungen  hervorrufen.  Die  unbeict
lind  hauptsächlich  dos  Ergebnis  der  1

en  Bevol)

r  Berrtter  Stionow,  sort,  dürste  dank
ahre  1907  keine  außerordentlichen  Veredigenden
  russisch-versischen  Beziehungen

Inversöhnlichkeit  der  demokratischen  oder

 

nationalistischen  Partei  gegeuüber

Rußland.  An  der  Harinäckigkeit  dieser

Mehrheiren  des  Medichlis  ist  jeder  Veriuch  der  pversischen  Regierung  gescheitert,
  den  Wünschen  Rußlands  entgegenzukommen.  Es  ist  jedoch  an-Rumehmen.
  daß  dem  jetigen  versischen  Kabineit  mit  russisch.  #englischer  Unterftütung
  die  Beruhigung  des  Landes  gelingen  wird  und  daß  es  die  Not-Seche
  krupansckhtüriccer  Beziehungen  mit  Mutan  rürinn  wird.
Die  russisch  ruppen,  deren  alleinige  Aufgabe  der  Schut  der  ruisischen
Ungenanen  er  werden  zurückberusen  werden.  sobald  die  Nierun  des
Schahs  imstande  ist,  die  Ruhe  mit  eigenen  Miueln  anirech!#zuerhauten.
Die  Froge  der  Besetzung  Ferüichen  Gebiets  durch  die  Türk  ei  ist  in  eine
Falls  von  der  Grenzlommission  in  Konstantinopel
keine  Verständigung  erzielt  Po5  2  die  Frage  vor  dem  Haager  Schiedsgericht
  zur  Emscheidung  gelangen.  Dos  in  Potsdam  vereinbarte  Abkommen
über  die  persischen  wuberertetn  erkennt  die  beionderen  Interesien  Rumß.
lands  in  Persien  an  und  stellt  fest,  daß  Deutschland  nicht  die  Absicht  habe,
Konzesüonen  poli#tischen  oder  enkeinee  Grauters  in  der.  russischen  Intereuspr.
  in  Persien  nachzusuchen.  Nußla  d  hat  den  Grundiatz  der  offenen
Tür  für  den  ausländischen  Handel  in  Farhten  amkann  und  veriprochen,
der  Bagdadbahn  keine  Dinderni#ie  entgegenzuseten  sowie  deren  Verbindung
mit  den  künftigen  nordpersischen  Bahnen  zuzulassen.  Das  Abkommen  ientigt
zweisellos  die  kraditionellen  freundschafnichen  Begiehungen  zwischen  Rußland
und  Deutschland  und  stellt  die  zisüch-  werischen  Beziehungen  auf  einen  festen
Boden,  was  um  so  wertvoller  ist,  als  das  Abkommen  Rußland  keine  ausierordentlichen
  Opfer  auserlegt  und  die  hniche  Interessen  gegenwärtig  so
gut  wie  möglich  wahrt.  Rusland  hat  seine  Vereiwilligten  erklärt,  sich
nötigenfalle  den  Maßnohmen  der  übrigen  Mächte  zum  u  er  allgemeinen
  Interessen  in  China  anzuichließen.  Nupiand  venritt  die
        <pb n="438" />
        42½  Kubland.  „Avril  29.  Mai  2.3

Ansicht,  daß  der  Abichluß  chinesischer  Anleihen  von  der  Zustimmung  der
intereisierren  Möchte  abhängen  muß.  Es  ist  der  Biermächiegruppe  beigetreten
  und  hat  dabei  die  von  den  beireundeten  Mächten  angenommene
Bedingung  gestellt,  daß  die  Finanzoverarionen  der  sich  bildenden  Sechsmächtegruppe
  in  keiner  Weise  die  ruiüichen  Sonderrechte  und  Intereisen
aufierhalb  der  Chinesischen  Mauer  in  der  Mongolei  und  Nord.  Mandichurei
verletzen  dürien.  Nach  dem  Abfall  des  Chalcha  genanmen  nördlichen  Teils
der  Mongolei  haben  die  Mongolen  Rußland  um  jeine  Unterstützung  gebeten.
Das  Ziel  der  russischen  Politik  laun  nicht  die  Erweiterung  seiner  Besitungen
  in  Asien  sein,  da  dies  seine  Stellung  in  Europa  auf  der  Balkanholbiniel
  gesährden  würden.  Territoriale  Erwerbungen  in  Alicn  sind  nur
zuläsfiig,  wenn  sie  werivoll  und  notwendig  sind.  Die  rui##chen  Intereßtenverlongen
  nur,  daß  in  der  benachbarten  Mongolei  sich  nicht  ein  Militörisch
siarl#er  St  sestietzt.  Die  Nachbarichan  der  Mongolen  üichert  die  sibiriiche
Grenze  bei#ier  als  Festungen  und  starke  Garnijonen.  Die  Erhallung  dieies
Zustandrs  ist  die  Auigabe  der  rusürschen  Divlomotie.  Sie  ist  lösbar  durch
die  Bahrung  der  Intereisen  der  Mongolen,  die  einc  narionale  Verwaluungs.
sorm  bewahren  wollen.  Die  zweite  Auigabe  der  rufüschen  Dipvlomalic  ist
die  Wahrung  guter  Beziehungen  zu  China.  Daher  mun  Runkand  aui  einer
Verständigung  zwiichen  China  und  den  Mongolen  unter  Teilnahme  Rußlands
  bestehen  und  unterdeijen  die  Mongolen  bei  der  Schaffung  einer  autonomen
  Verwotmg  zunerstden.

i  die  dels  a  durch  die  Vereinige

  lec  bueen  wies  der  Minißter  die  rchle  zurück,
daß  Jin#and  den  Vertrag  nicht  in  vollem  Umiange  beobachtet  habe.  Sollte
die  Frage  eines  neuen  Vertrages  angeregt  werden,  so  werde  Rußland  die
Wüniche  der  intereisierien  zusüschen  nreise  eingehend  derücksichtigen  und
kleine  Eingriffe  in  die  innere  Gesetgebung  gestatten,  die  ausschlienlich  die
Bedingungen  des  nationalen  Lebens  berücksichtigen  müsse.  Der  Minister

ab  der  poünung  Ausdruck,  daß  dieier  Zwischensall  nicht  verbindern  werde,
daß  die  iruheren  guten  versichungen  Rußlands  zu  den  Vereinigten  Staate#n
wiederkehren  und  daß,  wo  die  beiderseitigen  Interesien  sich  berührten,  eine
Ueberein#timmung  erzielt  wanse.  Der  Minister  ichloß  mit  der  Wsferderung.
den  umlanfsenden  Kriegsgerüchten  keinen  Glanben  zu  schenken.  Dem  Fried
unter  den  Volkern  drohe  in  der  nöchsten  Zukunft  keine  Gejahr.  und  Mallan
känne  64%  ubin  jichöpieriicher  Arbeit  im  Innern  hingeben.  (Beifall  im  Z.)

cbatte  über  das  Expoin  crofinete  der  Kadetenführer  Miljukow.

  wies  derrau  bin,  daß  während  der  Krankheit  Siasonows  leder
Abteilungschei  im  Auswärtigen  Amt  eigene  Politik  mochte  und  daß  in  der
#ouswärrigen  Poliik  Rusilands  sich  grose  Inkonscquenz  geliend  nane  Im
ersten  Augenblick  iei  man  zu  ichrosissen  Maßnahmen  bereit.  ipäler  aber  —
zickhnet  man  darauf,  daraus  erlläre  ücch.  daß  Ruhland  in  letzter  Zeit  so  orin
  Unimatum  geuellt.  habe,  wos  mit  diplomalischen  Niederlagen  rdrnn
Diese  seien  jedoch  immerhin  besser  als  Verwicklungen,  die  sich  ergeben  würden,
  wenn  Rußland  auf  seinen  Drohungen  bestehe.

29.  April.  (Petersburg.)  Straßendemonstrationen  gegen
das  Lena-Blutbad.  Unter  den  Verhafteten  befinden  sich  auch
150  Studenten.

 

2.  Mai.  (Duma.)  Die  Budgetkommission  stimmte  dem  Gesetzantrage
  über  die  Bewilligung  von  50900  Nubel  für  die  Ausrüstung
der  Nordvolerpedition  des  Kapitäns  Sjedes  zu.
        <pb n="439" />
        Kukland.  Mai  8.—Juni  7.)  129

8.  Mai.  Auf  dem  Panzerschiff  „Zesarewitsch“,  das  vor  Sveaborg
  ankerte,  hat  die  Mannschaft  gemeutert.  60  Matrosen  wurden
verhaftet.

9.  und  19.  Mai.  Wegen  Meuterei  werden  zahlreiche  Matrosen
des  Panzerschiffes  „Zesarewitsch“  und  des  Kreuzers  „RNurik“  in
Helfingfors  verhastet.

5.  Mai.  Der  Stand  der  Staatsfinanzen.

n  Jahre  1911  betrugen  die  Staatseinnahmen  2953,  die  Staals=Fisgebe
  2790,  der  Geisamtüberischuß  934  Millionen  Rubel.  Der  freie
Varbesland  der  Aechsrrucel  bezifferte  sich  am  1.  Jannar  1912  auf  441
Minionen.

19.  Mai.  Die  „Nowoje  Wremja“  Über  die  Ursachen  der

Unzufriedenheit  Rußlands  mit  dem  französischen  Botschafter  Louis.

fte  habe  sich  den  Bedingungen  widersetzt,  die  Rußland  an  die  Beteiligung
  bei  der  chinesischen  Anleihe  knüpste.  So  habe  lich  unter  dem
Druck  Englands  und  Frankreichs  Ruhland  genstigt  gesehen,  seine  Anjprüche
auf  Anerkennung  seiner  Sonderinteressen  und  Sonderrechte  in  China  aufzugeben
  und  sich  den  übrigen  Mächten  anzuschließen.

25.  Mai.  (Kiew.)  Die  Staatsanwaltschaft  hat  die  als  abgeschlossen
  erklärte  Untersuchung  Über  die  Ermordung  des  Knaben
Juschtschinski  wieder  aufgenommen.

25.  Mai.  Der  preußische  Grenzkommissar  Hauptmann  a.  D.
Dreßler  wird  nach  fünkwöchiger  Gefangenschaft  in  Suwalki  freigelassen.


6.  Juni.  (Duma.)  Annahme  eines  Gesetzentwurfes  über  die
Zulassung  der  Frauen  zur  Rechtsanwaltschaft.

7.  Juni.  (Duma.)  In  der  Budgetkommisfion  verteidigt
Kokowzew  das  Flottenbauprogramm,  das  für  die  Jahre  1912  bis
1916  502  Millionen  Nubel  für  Neudauten  und  Ausbau  der  Häfen
und  783  Millionen  zur  Vollendung  der  im  Bau  begriffenen  Schiffe
und  für  laufende  Ausgaben  beansprucht.

i  selbst  sprach  dreimal  und  suchte  nachzuweisen,  daß  die  Ducchsüenn

  v5½%  Schifbauprogramms  die  russischen  Finanzen  nicht  erschüne
würde.  Die  Ausgaben  würden  voraussichtlich  aus  den  Ueberschüssen  edech
werden  können.  Der  Marineminister  behauptete,  Rußland  dürfe  lich
nicht  mit  einer  bloßen  Verteidigungsslotte  begnügen,  jondern  müsie  eine
Heet  Flotte  beben  die  auch  für  den  Angriff  tauglich  wäre.  Der  Minister
Aeußeren  fügte  hinzu,  eine  starke  Flote  werde  die  Bündnisfähigkeit
ze  aböhen.  Der  Gehilfe  des  Kriegsministers  Wernander  erklärte,
die  Landarmee  könne  nur  mit  W  der  Flotte  eine  feindliche
Landung  in  Rußland  verhindern.  —  Die  Vorf  riage  wird  tags  darauf  unter
Streichung  von  71  Millionen  für  Ausbau  der  Häsen  mit  26  gegen  19

Stimmen  angenommen.
        <pb n="440" />
        430  Kuktlan).  (Juni  10.—27.1

19.  Juni.  Die  von  der  Warschauer  Gerichtskammer  wegen
Zugehörigkeit  zur  polnischen  sozialistischen  Partei  zu  vier  Jahren
Zwangsarbeit  verurteilte  englische  Staatsangehörige  Fräulein  Käthe
Malecka  wird  vom  Zaren  zur  ewigen  Verbannung  aus  Rußland
begnadigt.

13.  Juni.  (Kiew.)  Die  Ermordung  des  Knaben  Juschtschinski.
die  vom  Verbande  echter  Russen  als  Ritualmord  ausgegeben  und
durch  Judenhetzen  gerächt  worden  war,  wird  vom  früheren  Chef  der
Geheimpolizei  Krassowski  auf  eine  Verbrecherbande  zurückgeführt,
die  von  dem  Knaben  das  Ausplaudern  seiner  Beobachtungen  fürchtete.

19.  Juni.  (Duma.)  Die  Kredite  des  Marineetats  für  Geheimausgaben
  werden  von  90000  auf  200000  Rubel  jährlich  erhöht.

19.  Juni.  Der  Reichsrat  lehnt  die  von  der  Duma  angenommene
  Schulvorlage  ab,  weil  ein  Kredit  von  112  Millionen
Rubel  ur  Kirchenschulen  verweigert  worden  war.

Damit  ist  die!  Einführung  des  allgemeinen  Volksschulunterrichts
wieder  hinausgeschober

—  Euma)  Besprechung  des  Schiffbauprogramms.

Sie  fand  unter  Ausschluß  der  Oeffemtlichkeit  statt.  Der  Berichterstauer
  der  oneedungekommisio  Chwoschischins#t  leilte  den  genauen
  Inhalt  des  Programms  mit.  Danach  sollen  4  Panzerkreuzer,
3  kleine  MNreuzer,  O  richpaberterpestebern.  und  18  Unterseeboote  erbaut
und  Hajenbauten  in  Reval,  Svcaborg,  Kronstadt,  Sebastopol,  Nilolaicw
und  Wiadiwostok  ausgeführt  werden.  Der  Reierent  erklärte,  daß  die  Gesamtiumme
  der  angeforderten  Kredite  sich  im  Cnilkgnenneen  auf  1285  Vilionen
Rubel  belaufen  werde,  und  er  bemerkte  dabei,  daß  die  verlangten  Summ
ohne  Sloatsanleihen  von  der  Reichskasse  werden  hedeckt  werden  können.  —
Davon  miiallen  70.9  Millionen  auf  den  Ausbau  der  Häfen  Reval,  Kronstadt,
  Svca  borg,  Sebastopol,  Nikolaicw  änn  MWaiinonal.  Ensprechend  der
Kommilssioussassung  werden  die  We  für  die  Haienausbauten  abelehm.

  das  übrige  genehmigt.  —  Ferner  wurde  ein  Antrag  des
Duobristenjührers  Gutichkow  ngenomhber  in  den  die  Regierung  aufgriordert
  wird,  unverzüglich  den  Stand  der  Reichswehr  zu  Lande  und

die  Bedürinise  der  Armec  zu  prüicn,  jowie  die  kchsne  Arcdite  zu  fordern,
um  auch  diesen  wichtigen  Teil  der  Reichswehr  auf  die  nötige  Höhe  zu
bringen.

22.  Juni.  Ein  Ukas  vertagt  die  Arbeiten  der  Reichsduma
bis  zum  Erlaß  eines  neuen  Ukases  über  die  Neuwahlen.

24.  Juni.  (Alexandrowo.)  Leutnant  Dahm  vom  Niedersächsischen
  Feldartillerieregiment  Nr.  46,  der  in  militärischen  Angelegenheiten
  nach  Rußland  abkommandierk  ist,  wurde  von  der
zgussischen  Polizei  ohne  Grund  plötzlich  verhaftet  und  trotz  seines
Proteisles  nach  Warschau  transportiert,  wo  man  ihn  im  Militärgesängnis
  internierte.
        <pb n="441" />
        Kaßlan).  (uni  24.—Juli  6.)  431

24.  Juni.  Zum  Botschafter  in  Berlin  wird  der  Gesandte
in  Athen,  Staatsrat  Swerwejew,  ernannt.

25.  Juni.  Zum  Gesandten  in  Cetinje  wird  der  ehemalige
Direktor  der  Petersburger  Telegraphenagentur  v.  Giers  ernannt.

25.  Juni.  (Warschau.)  Der  Hauptmann  Tir  Chazarow,
ein  Armenier,  verwundet  den  General  Leopold  von  den  Brinken,
Kommandeur  des  Peterzburger  Garderegiments  König  Friedrich
Wilhelm  III.,  und  erschießt  sich  selbst.

26.  Juni.  Die  ruffische  Gesandtschaft  in  Darmstadt  ermächtigt
die  „Darmstädter  Zeitung“,  das  Gerücht  von  einer  angeblichen
tuberkulösen  Erkrankung  des  rusfischen  Thronfolgers  als  vollständig
unbegründet  zu  dementieren.

29.  Juni.  Der  Reichsrat  nimmt  die  Wehrpflichtvorlage  in
der  Fafsung  der  Duma  an.

3.  Juli.  (Peterhof.)  Der  Zar  fährt  nebst  Familie  an  Bord
seiner  Bacht  „Standart“  unter  Begleitung  der  Jacht  „Polarnaja
Swesda“  und  von  fünf  Torpedobooten  nach  Baltischport  ab.

4.  Juli.  Der  Reichsrat  genehmigt  die  Flottenvorlage  in  der
Faffung  der  Duma.

4.—6.  Juli.  (Baltischport.)  Zusammenkunft  des  Kaisers
Wilhelm  mit  dem  Zaren.

Ueber  das  SErgehnis,  der  Koiserzusommenkunft  wird  folgendes  amtliche
  Concurigue  ausgegeben:

e  Begegnung  Mojen  t  des  Kaisers  und  Königs  mit  Sr.
Moajestäi  dem  Kaiser  von  Rußland  ktiug  einen  besonders  herzlichen  Charakter
und  bildete  einen  neuen  Beweis  für  die  Freundschaftsbe#ehungen,  welche
die  beiden  Herricher  seit  langen  Jahren  verbinden.  Der  Gedankenaustausch,
  welcher  aus  diesem  Anlaß  zwischen  den  in  der  *
Ihrer  Majestäten  befindlichen  Staatsmännern  stallgesunden  hot,  ergab
neue  den  festen  Entichluß,  die  Koischen  beiden  Ländern  beslehenden  alahl.
würdigen  Traditionen  hochguhalten.  Die  volilischen  Aussprachen,  die  si
auf  sämtliche  Tagcsfragen  erstreckten,  haden  beiderseits  die  Urbhergeugung
befestigt,  daß  es  für  die  Interessen  der  beiden  Nachbarreiche  und  des
gemeinen  Friedeus  dauerud  von  der  hochsten  Bedeutung  bleibt,  die  —"
seitige  auf  gegenseitigem  Vertraucn  beruhende  Fühlungnahme  aufrechtzuerhalten.
  Es  konme  sich  weder  um  neue  Abmachungen  hondeln,  da
hierzu  ein  besonderer  Anlaß  nicht  vorlag,  noch  auch  darum.  irgendwelche
Aeuderungen  in  der  Gruppierung  der  europäischen  Mächte  Herbeizussbren.
deren  Wert  für  die  Aufrechterhallung  des  Gleichgewichts  und  des  Friede
sich  bereits  erprobt  hat.  Die  Begegnung  von  Baltischport  kann  daher  *
vollem  Recht  allenthalben  mit  Genugiunng  begrüßt  werden;  denn  während
sie  einerseits  die  jeste  und  dauernde  Freundschaft  zwischen  Deuichland  und
Rußlaud  bezeugt,  bedentet  sie  andererseits  auch  einen  beredien  Ausdruck
der  friedlichen  Grundrichtungen,  weiche  die  Politik  beider  Reiche  in  gleichem
Maßc  bestimmen.“
        <pb n="442" />
        432  Kuslend.  (Juli  7.—Anugust  16.)

7.—10.  Juli.  (Petersburg.)  Besuch  des  deutschen  Reichskanzlers.


9.  Juli.  Aus  dem  Erlaß  des  Zaren  an  den  Marineminister
über  die  Mesganisatton  der  Flotte.

„Die  s  unden,  die  im  letzten  Kriege  unserer  Flotte,  der
früher  Niederlagen  ntbelanns  waren,  geichlagen  worden  sind,  mülssen  geheilt
  werden.  Uuser-  Flotte  muß  in  ihrer  Kraft  und  Macht,  die  der  Würde

und  dem  Ruhm  Ruhlands  Fre  wiederbergestellt  werden.  Doch  diese
Wunden,  9i0  eine  von  der  V  orsehung  gesandie  Prüfung,  dürfen  nicht  vergessen
  werden.  Ihrer  eingedenk  muß  danach  gsctrachter  werden,  künftighin
die  Ungollkom  menheinen  und  Fehler  der  jüngiten  Vergangenheit  zu  vermeiden."
  Das  Reikript  zählt  de  an  den  letzten  Johren  im  Marineressort
vorgenommenen  58  auf,  die  nur  Gecheineeoc  geweien

*  *  (Reval.)  In  Gegenwart  des  Kaisers  und  des
Thronfolgers  wird  der  Grundstein  zum  Kriegshafen  gelegt.

13.  Juli.  (Moskau.)  Rückreise  des  deutschen  Reichskanzlers
nach  Berlin.

19.  Juli.  Der  Ministerrat  wies  auf  Antrag  des  Oberprokurators
  des  Heiligen  Synods  Sabler  3295500  Rubel  für
Kirchenschulen  an,  auf  Grund  der  Bestimmungen  des  Rechnungsgesetzes
  Über  unaufschiebbare,  unvorhergesehene  Ausgaben.

21.  Juli.  (Moskau.)  Aus  Japan  treffen  Fürst  Katsura  und
Baron  Goto  mit  Gefolge  auf  einer  Europareise  ein,  kehren  aber  wegen
der  Erkrankung  des  Mikado  sofort  nach  Tokio  zurück.

23.  Juli.  Besuch  des  schwedischen  Königspaares  mit  dem
Panzerschiff  „Oskar  II.“  bei  der  Kaiserfamilie  in  den  Baltischen
Schären.

21.  Juli.  Das  Blatt  „Rußkoje  Slowo“  verzeichnet  die  Meldung,
daß  zwischen  der  russischen  Regierung  und  der  Mongolei  ein  Vertrag
  zum  Abschlusse  gelangt  sei,  der  solgemen  festsetzt:

.  Rußland  verpflichtet  sich,  die  Mongolei  gegen  alle  von  anderen
Stooten  erhobenen  Ansprüche,  welche  die  re  für  ungerechtfertigt  erzu
  schütgen.  2.  Die  Mongolei  verpslichtet  sich,  Anleihen  nur  in
rutmut  auizunehmen.  3.  Rußland  han  ein  Vorzugsrecht  auf  die  Ausbeute
  der  mougolijchen  Bergwerke.  4.  Die  Mongolei  verpflichtet  sich,  leinem
anderen  Staale  als  Rußland  die  #nov  zum  Bau  von  Eisenbahnen
ger  Mongolei  zu  gewähren.  5.  Die  Einmengung  Chinas  in  die  Angelegenheiten
  der  segssenigen  Mongoler  wird  als  unzuläsüg  erklärt.

9.  August.  (Kronstadt.)  Ankunft  des  Ministerpräsidenten
Poincaré  an  Bord  des  Panzerschiffes  „Conds'  zum  Besuche  des  Zaren.

.—6.  August.  Aufenthalt  des  französischen  Ministerpräsidenten
  Poincaré  in  Petersburg  und  Moskau.
        <pb n="443" />
        Kasind.  (Angust  16.—29.)  133

16.  August.  Erklärung  des  Kriegszustandes  für  Hafen  und
Festung  von  Kronstadt.
16.  August.  (Petersburg.)  Die  Telegraphenagentur  verossentlichn
  bei  detsbteiIePoiacakisöfolgendescommuniqucs
WischeMmutckptältdeachatte  während  seines  Ausenthaltes
in  gerren  mehreie  lange  Unterredungen  mit  dem  russischen  Ministerpräsidenten
  und  dem  russischen  Minister  des  Auswörigen.  Den  Unterehungen
  wor  die  croße  Herzlichleit  aufgeprägt,  welche  immer  die  versönlichen
  Bezichungen  zwischen  den  russischen  und  den  französischen  Staatsmänkern
  en  gripn  hat.  Dieselben  haben  unter  anderem  den  Regierungen
der  beiden  befreundeten  und  verbündeten  Nationen  gestattet,  im  Geiste
vollständigen  Vertrauens  und  aufrichtiger  Freundschaft  alle  großen  Frogen
u  behandeln,  berreiis  beicher  sie  nicht  nur  ihrt  Meinungen  anszutauschen,
ondern  auch  ihre  Hondlungsweise  in  praxi  in  Einllang  zu  setzen  vlegen.
Beide  zrperunge  #oe  htient  daß  die  Uebereinstimmung  zwischen
ihnen  vollständig  ist  und  daß  die  beide  Nationen  vereinigenden  Bande
niemals  fester  gewesen  sind.  Sie  wurden  sich  obermals  bewußt,  daß  die
Emente  der  beiden  befreundeten  und  verbündeten  Länder,  die  auf  vermanenten
  Interessen  sußt,  durch  unvcränderliche  Geiühle  geheiligt  und
seruichreiend,  ollen  Bedürinissen  angepaßt  ist,  die  ein  Bündnis  vorhersehen
muß,  eine  wertvolle  Garantie  für  die  Erhaliung  des  Friedens  und  des
curopäischen  Blelchgewic  ist  und  bleibt.“

22.  August.  (Sebastopol.)  Die  sehr  bestimmt  auftretenden
Nachrichten  von  Matrosenmeutereien  an  Bord  des  Kreuzers  „Kagul“
werden  zwar  von  der  Regierung  abgeleugnet  aber  durch  hunderte
von  Verhaftungen  bestätigt.

24.  August.  (Petersburg.)  Der  Begründer  des  ultrareaktionären
  und  in  der  auswärtigen  Politik  heterischen  Blattes
„Nowoje  Wremja“  Alexander  Suborin  t,  78  Jahre  alt.

24.  August.  Nach  der  russischen  Handels-  und  Industriezeitung
  ist  die  Getreideausfuhr  gegen  das  Vorjahr  sehr  stark  zurück.
gegangen,  wie  folgende  Tabelle  igt

 

Au12  1910
Wiener  in  Michise  alenn
132  -6

Weizen

Roggen  3  65.“

Gerie  18980½  262.5

Lafer  -*—  #.o

Mais  ul.#4  7.6
Im  ganzen  4359.3  863.4

25.  August.  Die  Zahl  der  aus  dem  ganzen  Reiche  in  den
letzten  12  Jahren  ausgewanderten  Juden  beträgt  765531  oder
40  o  der  gesamten  Auswanderung.

29.  August.  (Tschita  in  Sibirien).  Der  Erpreßzug,  mit  dem
Prinz  Heinrich  von  Preußen  und  Gefolge  zur  Bessehungsfeier  nach

Europäischer  Ceschichtstalender.  J.111.
        <pb n="444" />
        131  Kakland).  (August  29.—Oober  18.)

Japan  fährt,  entgleist,  so  daß  eine  zwölfstündige  Verspätung  eintreten
  muß.

29.  August.  Von  den  Meuterern  des  Taschkenter  Pionierbataillons
  werden  14  hingerichtet  und  einer,  der  seine  Kameraden
verraten  hatte,  zu  lebenslänglicher  Zwangsarbeit  begnadigt.

7.  September.  Der  Marineminister  drückt  in  einem  Flottenbefehl
  sein  tiefes  Bedauern  über  die  Notwendigkeit  der  Verhängung
des  Kriegszustandes  Über  Sebastopol  aus  und  bekont,  die  ruffische
Flotte  durchlebe  einen  historischen  Moment;  der  Wille  des  Kaoisers
habe  sie  zu  neuem  Leben  gerufen,  die  Volksvertretung  habe  ihr
Vertrauen  geschenkt  und  reichliche  Mittel  gegeben.  Der  Wille  des
Kaisers  rufe  sie  jett  zur  Pflichterfüllung.

7.  September.  Zentenarfeier  der  Schlacht  bei  Borodino.

l*  September.  Aus  dem  Wahlaufruf  der  Kadetten.

roßen  Verheißungen  des  Oktobermanisjestes  seien  nicht
verwirtlkan  worden,  da  überall  der  as  nahehaston,  herrsche.  Die
heit  der  dritien  Duma  habe  deren  Ansehen  beim  Volle  erschüttert  und  den
Uebergang  der  enticheidenden  Stimme  an  den  Reichsrat  ermoglicht,
das  wenige  Gute,  was  die  Duma  schuf,  zerstört  habe.  Alle  sortschrinlichen
Kräfte  müßten  vereinigt  die  dringenden  Aufgaben  lösen,  die  einzeln  aufcczählt
  werden  sollen.

12.  September.  Durch  Allerhöchsten  Ukas  ist  die  Reichsduma
ausgelöst  worden.  Die  Neuwahlen  beginnen  am  23.  September.
Die  Eröffnung  der  neuen  Duma  findet  am  28.  November  statt.

17.  September.  (Pekersburg.)  Der  Stadthauptmann  macht
die  Verlängerung  des  verstärkten  Schutzes  bekannt.

18.  September.  (Petersburg.)  Abreise  des  Ministers  des
Außern  Ssasanow  und  des  Direktors  der  Kanzlei  des  Auswärligen
Amtes  Baron  von  Schilling  nach  England.

26.  September.  (Turkestan.)  Das  Militärgericht  verurteilte
14  Soldaten  des  ersten  und  zweilen  Turkestaner  Sappeurbataillons
wegen  Aufreizung  zur  Revolte  zum  Tod  durch  den  Strang,  112
zum  Verlust  aller  Rechte  und  zu  Zwangsarbeit  in  den  Bergwerken,
davon  18  lebenslänglich.  14  Soldaten  zur  Einreihung  in  die
Arrestanlenkompagnie  auf  ein  bis  drei  Jahre.

16.  Oktober.  Der  Ekat  des  Kriegsministeriums  für  1913  sieht
an  Ausgaben  den  Betrag  von  515  581  753  Rubel  vor,  das  ist  gegen
das  Vorjahr  eine  Mehrausgabe  von  52659  5385  Rubel.

18.  Oktober.  (Duma.)  Entwurf  des  Budgels  für  1913.

Die  ordenklichen  Einnahmen  sind  aui  3  109  142  8ZR  Rubel  veranschlagt
und  übersteigen  die  ordentlichen  Auegaben  um  18133581/23  Rubel.  Die
        <pb n="445" />
        Kaßland.  (Cliober  26.—31.)  435

außerordentlichen  Einnahmen  werden  auf  Willionen  Rubel  geschätzt,
die  auherordentlichen  Ausgaben  auf  220622756  Rubel.  Zur  Deckung  der
letzteren  ist  eine  Anleihe  von  29264  133  Rubel  t

26.  Oktober.  Aus  Anlaß  des  Selbstmordes  des  Admirals
Tschagin,  Kommandanten  der  kaiserlichen  Yacht  „Standart“,  berichtet
  die  Londoner  „Daily  Mail“,  daß  der  Großfürst  Thronfolger
von  Revolutionären  an  Bord  des  „Standart“  verwundet  worden
sei  und  daß  der  Kapitän  sein  dem  Zaren  verpfändetes  Wort,  daß
die  Revolutionäre  bei  diesem  Unfall  nicht  die  Hand  im  Spiele
hatten,  widerrusen  mußte.

den  vielen  Bersionen  über  den  Unfall  des  Thronsolgers,  die
von  der  Polizei  verbreitet  werden,  findet  keine  Glauben  (s.  4.  November?).

atober,  Das  Ergebnis  der  Vorwahlen  für  die  Duma.
d  5012  Wahlmänner  gewählt  worden.  Davon  sind  2542
Nasionalchenen  à  gehören  der  gemäßigten  Rechten  an,  247  sind  russische
Nauionalisten,  dn  unabhängige  Nationalisten,  508  Oktobriste  gen  und  Progreisisten,
  424  Kadeiten  und  313  Wilde,  die  anderen  politischen  Gruppen
sind  nur  ichwach  repräsentiert.  Die  Bertreter  jeder  dieser  Gruppen  stellen
hochstcus  1  v.  H.  der  Gesamtzahl  der  Wahlmänner  dar.  Die  Nechte  erzielte
eine  Maijoritãt  in  20  Goubernemenis,  die  Nationalisten  und  Oppositionellen
hatten  in  je  8  Gouvernements  eine  Mojorität.  In  15  Gouvernemems
hängt  der  Wahlansgang  von  den  Oktobristen  ab.  Ir  Sibirien,  dem  Kaukasus
und  in  Polen  achört  dienu  lsient  wie  früher  den  Oppositionsparkeien,
deren  Vertreter  in  der  Mehrzahl  einheimische  Nationalisten  sind.  —  Der
Führer  der  Oklobristen  Gutschkow  ist  nicht  wieder  gewählt  worden.

Sl.  Oltober.  Eine  Auslassung  Ssasonows  üÜber  die  neue  Lage
auf  dem  Balkan  erscheint  im  „Rußkoje  Slowo“:

Vor  Ausbruch  des  Krieges  haben  alle  Großmächte  gemeinsam  beschlossen,
  eine  Aenderung  des  Status  duc  nicht  zuzulassen.  Es  lag
aber  auf  leiner  der  Mächte  eine  beioudere  Verpilichtuug,  altiv  eine  Vergräßerung
  der  Terrikorien  der  Ballanstaaten  zu  hindern.  Wenn  daher  die
Nonwrudigleit  entstehen  sollte,  irgend  eine  Bolkanmacht  in  Wirklichkeit  zu
hindern,  iremdes  Gebiet  zu  behalten,  io  müßten  die  Großmächte  sich  einzeln
hierüber  bejonders  verstäudigen.  Die  Siege  der  Baltanstaaten  haben
eine  neue  Lage  geschaffen,  mit  der  n  man  oichnen  muß.  Diese  Siege
lind  tiei  in  das  Bewußtiein  der  enropäischen  Gejsellichaft  eingedrungen,
das  bewrist  die  übereinstimmende  Halliung  fan  der  gesomten  zusüschen
und  auglandischen  Presse.  Die  österreichische  Presie  buldet  in  dieser  e-Sichung
  keine  Ausnahme.  In  Anbetracht  des  jesten  Emichlur#ies  aller  en
bä#chen  Mächte,  mit  Bezug  auf  den  Baltankonslikk  in  voller  beriinsiimmung
und  gsiwam  zu  handeln,  wäre  ein  jelbftändiges  Vorgehen  einer  einzeinen
Macht  mir  der  Begründung,  daß  die  Formel  der  Erhaltung  der  territorialen
lincnsnde  der  europachen  Türkei  überlebt  iei,  ihre  irühere  Bedemung
verloren  habe  und  in  der  Praxis  unbrauchbar  ericheine,  unangebracht.
Jedenialls  iit  es  unaweiieihait,  dañ  alle  Gronmächte  den  Wunich  gemein  ·
diamen  Handeins  bewieien  haben  und  dan  meiner  Meinung  nach  zu  ernste
Intereijen  sie  veranlasien,  auch  künitig  dieies  Verhalten  nicht  aufengeben.
Die  oüemliche  Meinun  Europas  und  Rußlands  bringt  porifellos  den
sicgreichen  Verbündeten  Sumvathir  entgegen,  aber  die  Regierungen  können
28•7
        <pb n="446" />
        436  Kutland.  (November  1.)

sich  nicht  von  Sympathien  leiten  lassen,  sie  haben  Verpflichtungen,  die  sie
nicht  vergessen  dürsen.  Die  jetzt  austauchenden  verwickelten  wimtschastlichen
und  politischen  Feaen  mülssen  die  ernstesten  benängen  der  7
herdorrufen.  Ebe  beschäftigen  Zukunftsfragen  die  Aufmerksamkeit  der
i  Alihiais.  ohne  Räclsicht  auf  ihre  Zugehöri  teit  zu  bent  areidicer
Es  ist  unzweifelhaft,  daß  das  solidarische  Voegeße  n  der  Kabinette
des  Pusposich  Hleden  bestens  garantien  und  peennç  Meinungsverschiedenheiten
  einzelner  Mächte  vorbeugt.  Man  kann  nicht  dven  einer
Sonderpolitik  des  Dreibundes  oder  der  Tripleentente  sprechen,  die  der
meinsomen  europöischen  Politik  Pngengeient.  sei.  Auch  die  Fredenste.
des  weisen  rumänischen  Königs  muß  hervorgehoben  werden.  Der  europäische
Charakter  der  rumänischen  MWWiesr  erscheint  als  ein  wichtiger  Faklor,
der  von  den  Großmächten  wie  auch  den  Nachbarn  Rumöniens  gewürdigt
werden  m  vv,  Ich  bin  überzeugt,  daß  Rumänien  hierdurch  tatsächlich  nur
gewinnt,  doß  in  Zukunft  die  alt.btraditionell#en  ruussisch-rumänischen  Behiehungen
  von  neuem  befestigt  und  gemeinsame  ruhmreiche  Erinnerungen
geschaffen  werden,  die  durch  vorübergel  bende.  Meinungoer  iedenheiten
Leeal  verdunkelt  werden  können.  Ich  zweifle  nicht,  daß  Bulgarien
den  vollen  Wert  seiner  gegenwärtigen  Sn  kchenngen  zu  Rumöänien  versteht,
daß  es  keine  u  schassen  wird,  die  es  Rumänien  chwerren  würde,  seine
lonale  Haltung  bis  zu  Ende  zu  bewahren.  Jedenfalls  müssen  die  Balkanvölker
  mit  Rumänien  als  mil  einem  wichtigen  wssche  Faktor  rechnen.
Das  Gegenteil  wäre  Leichtsinn,  den  bei  ihnen  anzunehmen  kein  Grund
worhonen  ist.  Die  Meinung,  daß  die  Besetzung  des  arschers  durch  Oesterjede
  Minute  bevorstehe,  erscbein  unbegründet.  Solche  unbegründete
Vern  werden  zum  Teil  durch  die  russische  Presse  ausgesprochen.
was  bedauerlich  ist.  Eine  Einmischung  der  Großmächte  in  den  Krieg  ist
nur  nach  gemeinsamer  Verständigung  moͤglich,  aber  ohne  eine  Einmischung
wird  kaum  eine  Liquidation  des  Krieges  erfolgen.  Wie  aber  auch  der  Krieg
ausgehl,  das  Mindestergebnis  werden  Resormen  sein,  über  deren  Einführung
bei  genügenden  Garantien  die  europäischen  Mächte  sich  verständigt  haben.
Von  einer  Rückkehr  zum  Alten  konn  man  aber  jetzt  kaum  noch  spreche
1.  November.  Eine  zweite  Erklärung  Ssasonows  Über  auswärtige
  chont.
gewöhrte  einem  Mitarbeiter  der  „Birschewyia  Wedomosti“  ein
Interoien,  —  dem  er  enlänn  er  verstehe  die  von  einigen,  russischen  Preß.
organen  gegen  ihn  unternommene  Heye  nicht.  Auch  d  6.,  Mißergugen
der  [#avischen  Loljansaseen  sei  unbegründet.  Die  Zue  d  russischen
Politik  seien  in  Bulgarien  und  Serbien  A—  *  anderes  als
das  Bestreben  nach  einer  Lokalisierung  des  ges  hätten  die  Balkanstaalen
  nicht  erwarten  können.  „Das  Ent  Pgene  des  Grafen  Berchtold,
mit  dem  ich  seit  seiner  Petersburger  Botschaftszeit  in  guten  Beziehungen  Heben
erklärte  Ssasonow,  „hat  mir  meine  Aufgabe  sehr  erleichtert.“  Ssason
hofft,  daß  nach  Veendigu  ng  des  Krieges  Wischen  den  Mäöchien  keine  t
Meinungsunierschiede  entstehen  werden  Ju  ien  sähe  man  bereits  die
durch  die  unerwartete  Wendung  des  Kricg  d  geschaffene  Lage  mit  mehr
Ruhe  an.  Niemand  bestreite  das  Vorhan  hnrseis  wirkschaftlicher  Interessen
Oesterreich-Ungarns  auf  dem  Balkan.  Sie  konnten  ohne  Beeinträchtigung
der  lavischen  Interessen  gewahrt  werden.  Der  Vorwurs,  die  russische
Diplomatie  wolle  um  jeden  Preis  die  Aufrechterhaltung  des  Friedens,  sei
ungerecht;  sie  wolle  den  Frieden.  aber  nicht  um  jeden  Preis.  Von  einer
Unfjertigkeit  H##stonds  zum  Ariege  habe  sie  nicht  gesprochen,  weil  das  den
Tatiachen  widersprechen  würde.
        <pb n="447" />
        Kakland.  Movember  1.—13.:  137

1.  November.  (Warschau.)  Der  wegen  Spionage  angeklagte
deutsche  Leutnant  Dahm  ist  zu  fünfjähriger  Zwangsarbeit  verurteilt,
jedoch  vorläufig  in  Freiheit  gelassen  worden.

4.  November.  Amtliche  Erklärung  über  die  Ursache  der  Krankheit
  des  „rwicch,

ersten  Tagen  seines  Aufenthaltes  in  Bielowesch  machte  der
is  bune  bei  einem  Sprung  ins  Voot  einen  zu  weiten  Stin,
Anjangs  machlen  sich  keine  Foigen“  des  Sorunges  bemersbor.  Jedoch  ist  es
diesem  Zusall  zuzuschreiben,  dab  am  20.  Seplember  in  der  linken  Weichen-Ba-
  r*#.  gchmerzhaßte  Gezchol  auftrat,  die  durch  Bluterguß  in  die
chhöhle  erzeugt  war.  Bei  emtiprechender  Behandlung  -  der  Blut-*

  *  m  Wochen  so  unbedeutend,  daß  der  Patient  Versuche
siehen  machen  konnie.  Am  11.  Oktober  fiel  der  hronfolger  bei  nelestnbteen
Gehen  infolge  einer  unvorsichtigen  Bewegung  hin.  Dadurch  wahricheinlich  erfolgte
  ein  ernenter  Bluterguß  in  der  Nacht  aus  den  15.  Oklober,  der  sich  auf
die  ganze  linke  Deichengegen“#  ausdehnte  und  dessen  innere  Grenze  über  die
Minellinie  des  Bauches  hinausragte.  Die  natürliche  Folge  so  großer  Blutergüsie
  ist  eine  dedeutende  Blutarmun,,  die  bisweilen  eine  langwierige  Heilung
er  jorderi  und  auch  lange  die  freie  Benutzung  des  VBeines  erschweren  kann.
5.  November.  Der  bulgarische  Gesandte  enthüllt  die  Friedensmarn

  der  Balkanstaaten:

ßte  Montenegro  das  Skutari-Viloict.  Serbien  solle  Aliserbien
und  den  Zumn  zum  Adriatischen  Meer  ahalter.  Griechenland  fsordere
Theisalien,  den  Süd-Epirus  und  Elbassana.  Bulgarien  schließlich  beansuruche
  das  Gebiet  zwischen  norianoh  Dedeagalsch  und  Salonili.
Serbien  und  Griechenland  würden  gegen  die  bulgarischen  Foorderungen

keinen  Einspruch  erheben.  Rumänien  bingegen  könne  nach  Ansicht  de
bulgarischen  Divlomaten  keinen  Einspruch  auf  Lan  ndzukeilungen  rde
machen.  Zum  Schluß  erklärte  er,  nach  Konstantinopel  würden  die  Bulgaren
nicht  gehen.  Das  ziel  der  bulgarischen  Armee  sei  jet  dos  Aegäische  Meer.

5.  November.  Auf  das  Gesuch  der  Türkei  um  Friedensvermittlung
  antwortet  die  Regierung,  sie  sei  bereit,  mit  den  anderen
Großmächten  zusammen  zu  vermitteln  unter  der  Bedingung,  daß
die  Mächte  plein  pouvoir  erhielten.

9.  November.  Das  Ergebnis  der  Wahlen  zur  vierten  Duma.

m  444  Abgeordneten  sind  150  Mitglieder  der  Rechten,  80  Oktobristen,
69  Nationalisten.  36  Progresünsten,  54  Kadekten.  21  Mitglieder  der  nationalen
Fraktionen,  11  der  Arbeitsgruppe,  12  Sozialdemokraten  und  6  Parteilose.

Die  Geistlichkeit  ist  durch  49  Mitglieder  vertreien.  Im  Vergleich
zur  dritten  Duma  gewann  die  Rechte  97  Plätze.  Die  Koadetten  verloren  5,
die  Oklobristen  4#10,  die  Nationalisten  23,  die  bnonren  Bnneren  6,  die
Progressisten  4,  die  Sozialdemokraten  3,  die  Parteilosen  6

13.  November.  (Petersburg.)  Der  Minister  *  Außern
Ssasonow  hat  den  serbischen  Gesandten  verfländigt,  Nußland  werde
zur  Hafenfrage  keine  Stellung  nehmen,  sondern  die  Austragung
lediglich  den  österreichisch-serbischen  Verhandlungen  überlassen,  wobei
Rußland  bereitwillig  freundschaftliche  Unterstützung  gewähren  werde,
        <pb n="448" />
        438  Ruhland.  (November  14.—Dezember  13.,

jedoch  unter  Vermeidung  jeglicher  Zuspitzung  der  österreichischserbischen
  Beziehungen.

13.  November.  In  einem  außerordentlichen  Ministerrat  beim
Ministerpräsidenten  Kokowzew  wird  festgestellt,  daß  Rußlands  Interessen
  mehr  mit  Bulgarien  und  Rumänien  als  mit  Serbien  verknüpft
seien.  Der  Kriegsminister  Suchomlinow  widerlegte  energisch  alle
Gerüchte,  daß  dos  russische  Heer  nicht  kriegsfertig  sei.

13.  November.  Vorkehrungen  für  den  Fall  einer  Mobilmachung.
  Der  Verkehrsminister  belegt  die  Kohlenvorräte  einer
Reihe  von  kleineren  Gruben  mit  Beschlag.

Die  Entlossung  zur  Reserve  erfolgt  nicht  wie  sonst  zwei  Monate
vor  Neujahr,  sondern  wird  bis  zur  geietzlichen  Schlußfrist  verschoben.

15.  November.  Das  Marineministerium  legt  das  sogenannte
kleine  Flottenmoogramme.  für  1913  vor.

in  im  ganzen  53862  R62  Rubel  und  zwar  39  Millionen  für
den  Bau  von  ##iennla  en,  Millionen  für  den  Bau  von  Hilfsschiffen  und
sonstigem  schwimmenden  Material.  &amp;amp;  Millionen  für  Artillerie  und  7  Millionen
für  den  weiteren  Ausbau  der  Schiffsbauwersten  des  Marineministeriums.

28.  November.  (Duma.)  Eröffnung  der  vierten  Neichsduma
durch  den  Vizeprösidenten  Reichsrat  Golubew,  der  den  kaiserlichen
Gruß  üÜbermittelt.

Zum  Präsidenten  wird  der  Kandidat  des  Zentrums  und  der  gemäßigten
  Opposilion  Rodsjanko  mil  251  gegen  150  Kugeln  gewählt.

3.  Dezember.  (Duma.)  Die  Wahl  zum  ersten  Vizepräsidenten
fällt  auf  den  Fortkschrittler  Fürsten  Dimitri  Urussow  mit  217
Stimmen;  Fürst  Wolkowski  blieb  mit  178  Stimmen  in  der  Minderheit
  und  verzichtete  sodann  auf  die  Stelle  des  zweiten  Bizepräsidenten.

6.  Dezember.  Der  Metropolit  von  Moskau,  Wladimir,
ist  als  Nachfolger  des  jüngst  geslorbenen  Metropoliten  Antonius
zum  Metropoliten  von  Petersburg  und  zum  Präsidenten  des  Heiligen
Synods  ernannt  worden.

9.  Dezember.  (Dumo.)  Zusammensetzung  der  Parteien  nach  der
amtlichen  Liste:  Rechte  63,  Nationalisten  90.  Zentrum  34.  Oktobristen
95.  Muselmanen  7,  Polen  15,  Fortschriltler  45,  Kadeiten  59,  Mitglieder
  der  Arbeiterpartei  10,  Sozialisten  15  und  Wilde  9.

Mitte  Dezember.  In  Petersburg  und  im  Südwesten  werden  umfangreiche
  Vorbereitungen  für  den  Fall  einer  Mobilisierung  getroffen.

13.  Dezember.  (Petersburg.)  Der  Marineminister  erhielt
vom  Ministerrat  die  Ermächtigung.  23000  Tonnen  Kardiffkohle
für  den  Hafen  Sebastopol  im  Auslande  anzukanfen.

13.  Dezember.  (Finnland.)  6  Milglieder  des  Helsingforser
        <pb n="449" />
        Kuflan).  Dezember  14.—18.)  439

Hofgerichts  wurden  verhaftet  und  nach  Petersburg  zum  Verhör
überführt.
14.  Dezember.  (Finnland.)  5  Mitglieder  des  Wyborger  Hofgerichts
  werden  zum  Zweck  des  Verhörs  nach  Petersburg  befördert.
18.  Dezember.  (Duma.)  Reformprogramm  des  Ministerpräßidenten
  8
Aus  der  Rede  des  Ministerpräsidenten:  Da  der  Regierung  die
Gicherheit  u  die  Rechte  des  einzelnen  Staatsbürgers  am  Herzen  liegen,
hält  sie  die  schleunige  Besprechung  der  Gesetzentwürfe  Über  die  Unverleybarkeit
  der  Person  und  die  Reform  der  Ausnohmegesetze  gemäß  dem
Manisest  vom  30.  Oktober  1905  für  unbedingt  netwenig.  Die  Poßformalitäten
  werden  zur  Erleichlerung  des  Verkehrs  mit  dem  Ausland  vereinsacht
werden.  Die  Bestrafung  von  Preßvergehen  im  Verwoltunfswerge  wird  durch
gerichtliche  Verfolgung  erseht,  und  ebenfalls  wird  das  Vereins-  und  Versammtungsrecht
  gemildert  werden.  Die  Jiegierung  hoft  und  gewiß,
Fr  wt  weiter,  daß  die  vierte  Reichsduma  die  Frag  natio--olen
  Verteidigung  mit  demselben  Geiste  der  ee  uund  des
Volcinent.  behandeln  wird,  wie  es  die  vorhergehende  getan  hat.  Gemäß
er  Verfügung  des  Raisers,  sogte  der  Ministerpräsident,  wird  Ihnen  die
Regierung  alles  unterbreiten,  was  von  Wichtigkeit  ist,  und  was  durch  die
Notwendigkeit,  die  Kräfte  der  Armee  zu  organisieren,  geboten  wird.  Ich
bin  sicher,  daß  sie  in  Ihnen  fleißige  Mitarbeiter  zur  Durchführung  dieser
Musgaben.  s——lsinden
  .n  die  sich  auf  die  nationale  Verleidigung  und  die
zu  ihrer  Siterrung  der  Regierung  zu  gewährenden  Miltel  beziehen,  bringen
mich  auf  eine  andere  Frage,  die  Ihre  wie  ganz  Rußlands  Unrube  und
Sorge  hervorruft.  Die  kriegerischen  Tugenden  und  die  seltene  Einmuũlig  ·
leit,  die  die  Balkanvölker  bewiejen  haben,  konnten  nicht  verfehlen,  die
wãrmiĩte  Sunpathie  aller  rtuisiichen  Herzen  zu  herregen.  Als  slawische  und
orthodoxe  Groszmacht,  die  unzählige  Opfer  gebracht  hat,  um  ihre  Rassen
und  Glanbensbrüder  zu  schützen,  kaun  Rußland  nicht  leichgultig.  bet
demgegennber,  daß  dieie  Bölker  Erxistenzbedingungen  erlangen,  die  i
hälinis  stehen  mit  den  vollbrachten  Toien  und  den  vergo  ijenen  Euemen
Biuts  und  die  ihnen  ihre  bebeneinterehen.  und  eine  friedliche  Entwicklung
unbedingt  sichersiellen  und  in  Zukunst  die  Wahricheinlichleit  neuer  Verwicklungen,
  die  immer  für  den  euroväischen  Frieden  gefährlich  sind,  ausschlienen
  würden.  Eingedenk  der  besten  Ueberlieserung  der  Geichichte  und
in  Uebereinstimmung  mit  der  klar  ausgedrückten  öffentlichen  Meinung  Russlande
  verkennt  die  kaiserliche  Regierung  sicherlich  nicht  die  ganz  hervor.
ragende  Bedeutung  der  Interessen  Rußlands.  Die  Regierung  stellt  mit
aenugtung  sest,  ihre  von  Ansfang  an  eingenommene  ruͤhige  Haltung  inu
  der  Unruhe  und  Erregung  nicht  geändert  zu  haben.  Sie  hat  keine
Leremaafng  Faen,  bei  uns  jelbstsüchtige  Pläne  zu  argwöhnen  oder  den
Wunich,  die  Konflikte  zu  verschärien,  und  stets  war  der  Gedanke,  den  hißtorischen
  Pflichten  und  der  Würde  des  Reiches  gelreu  zu  bleiben,  ihr  einziger
Leitiat.  Es  wäre  gegenwärtig  verfrüht,  darüber  zu  sprechen,  welches  Minel
gegenüber  irgendeiner  besonderen  Frage,  die  durch  die  Ereigniüse  auf  dem
Balkan  gestellt  würde,  beichloisen  werden  wird.  Die  Grundorinzipien,  von
denen  sich  die  Regierung  leiten  lassen  muß,  wenn  die  Stunde  der  engültigen
  Entscheidung  geichlagen  hat,  lind  ebenjo  durch  unjere  Vergan
heit  wie  durch  die  Norwendigkeit  bestimmt,  sie  mit  den  Bedingungen  unerrr
g#cgenwärtigen  Politik  in  Einklang  zu  bringen.
        <pb n="450" />
        440  Kulanb.  (Dezember  1.—30.)

Gctreu  unserem  Bündnis  und  unseren  Ententen  mit  anderen  Großmächten,
  der  Unterstützung  unserer  Freunde  und  Verbündezen  sicher,  sehen
wir  für  unseren  Teil  keinen  Nutzen  darin,  die  Gruppierungen  der
Möchte  in  Gegensaß  Aueinander  zu  bringen.  Alle  Regierungen,  die  das
Gebiet  der  gemeinsamen  Besprechung  der  Grundfragen  der  gegenwärtigen
  volitischen  Lane  verleller  würden,  würden  eine  schwere  moralische
Verantwortung  übernehmen  für  die  etwaige  Möglichkeit  späterer  internationaler
  Berwicklungen.  Die  Grohmächte  haben  zu  triftige  Gründe,  um  nicht
zu  veriuchen,  der  künftigen  Entstehung  von  Verwicklungen  vorzubeugen,  die
sich  bis  zu  einer  Bedrohung  des  europäischen  Friedens  auswachsen  könnten.
Die  ruisische  Regierung  hofft,  daß  die  jolidarischen  Bemühungen,  von  denen
die  Vrohmächte  beseelt  in  ihnen  helien  werden,  ein  Einverständnis  über
die  Lösung  zu  finden,  die  ihre  Interessen  mit  den  gerechten  Ansprüchen
der  Loltaga#orn  versöhnen.  Deswegen  begrüße  er,  sagte  der  Ministerpräsident,
  aufrichtigst  die  Initiative  der  britischen  Negierung,  die
eine  vorläufige  digl  di  ne  Besprechung  der  Fragen  über  die  Liquiotion

  des  Krieges,  bei  denen  die  Intereisen  der  Mächte  mitipielen,  vorschlug.
  Die  sumpathische  Aufnahme,  der  dieser  Vorschlag  in  den  Hauptstãdten
  Europas  begegnete,  ebenso  die  JZusaommenkunft  der  Botschafter
in  London,  die  soeben  begonnen  habe,  müßten,  so  hosfse  die  russische
Regierung,  bie  friedliche  Vdiung  der  gegenwärtigen  Krisis  erleichtern.  —
Der  Minister  schlofe  Durchdrungen  von  dem  aufrichtigen  Wunsche,  alle
Mittel  zur  Erhal  tung  des  europäischen  Friedens  anzuwenden,  drückt  di
russische  Regierung  die  Hofinung  aus,  daß  mit  Gones  Hilfe  udset  Be·
mühnngen  von  Erfolg  gekrönt  und  daß  die  künftigen  Ereignisse  die  Lebensintereiien
  Rußlands  nicht  berühren  werden,  die  zu  vereibigen  wir  berufen
sind  im  Namen  der  Ehre  und  Würde  unseres  Lande

18.  Dezember.  (Petersburg.)  Veruntelinn  der  Mitglieder
des  Wyborger  Hofsgerichts.

Schwurgericht  erkonnte  gegen  den  Bürgermeister  Fagerstroem
und  die  Ratsherrn  Palmtrot  und  Lukander,  die  angellagt  sind,  den  Bauer
Hush  der  um  Erlanbnis  zum  Betreiben  eines  Handels  mit  Wildbret

ann  Wuborg  nachgesucht  hate,  mit  der  Begründung,  daß  er  einer  fremden
Notionakicht  angehöre,  abgewiesen  zu  haben.  Der  Generalgouverneur  von
dinnian  erblickte  in  dieier  Entscheidung  einen  überlegien  Miderstand
das  Reichsgeien  vom  13.  Juli  1912,  durch  das  das  russische  und
finnländische  Recht  Kleichgestellt  worden  ist.  und  erhob  Klage.  Das  Schwurgericht
  verurteilte  Fagerstroem  zu  jechs  Monaten  und  die  beiden  anderen
Angeklagten  zu  Foci  Monaten  Gejängnis.

18.  Dezember.  Durch  kaiserliche  Ordre  sind  die  vier  auf  der
Admiralitäts=  bezw.  der  Baltischen  Werst  im  Bau  befindlichen
Kreuzer  erster  Klasse  der  Baltischen  Flotte  zugeteilt  worden.

25.  Dezember.  Rücktritt  des  Ministers  des  Innern  A.A.  Makarow
  wegen  Meinungsverschiedenheiten  mit  dem  Ministerpräsidenten.
Sein  Nachfolger  wird  der  Gouverneur  von  Tlschernigow  Moaklakow.

30.  Dezember.  (Tauroggen.)  Einweihung  des  Denkmals,
das  Graf  Heinrich  Yorck  von  Warkenburg  seinem  Urgroßvater  zur
Erinnerung  an  die  in  der  Poscheruner  Mühle  geschlossene  Konvention
  setzen  läßt.
        <pb n="451" />
        XVII.
Türkei  und  Egypten.

1.  Die  Türkei.

2.  Januar.  Die  Regierung  läßt  die  Filiale  der  Banca  di
Romoa  schließen.

2.  Januar.  Rekonstruktion  des  Ministeriums  Said  Pascha.

ur  vier  Ministerien  sind  neu  besetzt:  dos  Innere  durch  den  Deputierten
  von  Adrianopel  und  früheren  Minister  dern  Innern  Talaat,  der
Unterricht  durch  Emrullah,  der  dies  Portefeuille  schon  unter  Hakki  Pascha
innchauc,  die  fentlichen  Arbeiten  durch  Sinapian,  die  Forsten  durch
Senator  Aristid

6.  zenu.  Durch  Kommissionen  des  Kriegsministeriums
werden  den  mohammedanischen  Albanesen  die  ihnen  im  Vorjahre
abgeforderten  Wassen  wieder  zugestellt.

10.  Januar.  Bulgarische  Dynamitarden.

Nach  Meldung  der  Wiener  „Neuen  Freien  Preise“  warf  ciue  starke
bulgarische  Bande  drei  Bomben  in  eine  Versammlung  der  Einwohner  von
Zilkowa  (Mazedonien),  die  eine  Lonalikälskundgebung  für  die  Türkei  veranstalieten.
  13  Personen  wurden  gelotcet,  22  verwundet;  6  der  Täler  wurden
verhaftek.

13.  Januar.  (Kammer.)  Doa  die  Abänderung  des  Artikels  35
der  Verfassung,  die  dem  Sultan  in  Kriegszeiten  das  Recht  der
Parlamentsauflösung  ohne  Zustimmung  des  Senats  geben  sollte,
nur  mit  125  gegen  105  Stimmen,  also  ohne  die  erforderliche
Zweidrittelmehrheit,  angenommen  wird,  so  ist  die  Vorlage  damit
gefallen.

14.  Januar.  Seegefecht  bei  Kunfuda  am  Roten  Meer.  7  Kanonenboote
  und  eine  Yacht  werden  durch  drei  italienische  Kriegsschiffe
  verfolgt  und  zur  Landung  gezwungen.

17.  Jannar.  (Senat.)  Die  Kommission  spricht  sich  mit  35
gegen  5  Stimmen  zugunsten  der  Auflösung  der  Kammer  aus.

18.  Januar.  Auflösung  der  Kammer  durch  Dekret  des  Sultans.

18.—21.  Januar.  Besetzung  der  Oase  Gargaresch  durch  die
Italiener  nach  heftigem  Kampfe.
        <pb n="452" />
        442  Tü#  (Januar  27.—Febrnar  21.,

27.  Januar.  Der  Versuch,  die  Oase  Gargaresch  zurückzuerobern
  mißlingt.

6.  Februar.  Der  Ninisterrat  lehnt  die  rusfischen  Friedensvermittlungsvorschläge
  ab

10.  Februar.  Die  Italiener  bombardieren  die  offene  Stadt
Dschebbanna  bei  Hodaida,  ohne  aber  den  Bahnkörper  der  Jemeneisenbahn
  zu  beschädigen.

Februar.  Ernennung  einer  Kommission  für  Albanien.
um  an  Ort  und  Stelle  Schäden  abzutun,  ungeeignete  Beamte  abzusetzen,
  die  Gendarmerie  nach  den  Plänen  des  französischen  Ratgebers
  General  Baumaonn  Pascha  zu  orgonifieren  und  weitere  Resormen
  vorzuschlagen.

Februar.  Nachtangriffe  auf  die  italienische  Südfront  bei
Derna  und  Toburk  werden  unter  zweckmäßiger  Verwendung  von
Hunden,  die  den  Anmarsch  der  Türken  meldeten,  und  von  Scheinwerfern
  zurülckgeschlagen.

14.  Februar.  (Albanien.)  Die  Chefs  der  Malissorenstämme
übersandten  den  fremden  Konsuln  in  Skutari  eine  Beschwerde,  in
der  sie  feststellen,  daß  die  Pforte  die  gegebenen  Zusagen  bisher  unerfüllt
  *  und  daß  neue  Klagepunkte  große  Erregung  hervorrufen.

bruar.  Die  Italiener  landen  auf  den  Farsaninseln
an  brt  —  Jemens  200  Anhänger  des  Türkenseindes  Said  bs

18.  Februar.  Rücktritt  des  Land
und  Ernennung  Dschawid  Beis  zum  Arbeitsminister.

19.  Febrnar.  (Köprüll#l.)  Protest  der  mohammedanischen
Landbevölkerung  an  den  Großwesir  wegen  der  Greueltaten  bulgarischer
  Banden.

Die  Mohammedaner  finden  die  bieberigen  Maßnahmen  der  Behörden
zu  ihrem  Schutze  ungenügend  und  minbilligen  das  strenge  Vorgehen  der
Behörden  gegen  die  Mohammedaner,  wenn  es  sich  darum  bandle,
Bulgaren  begangene  Verbrechen  zu  ahnden.  Sie  erllären,  sie  seien  am
Ende  ihrer  Geduld  aé  und  drohen,  zur  Selbsthilje  zu  greifen,  falls
sich  ihre  Lage  nicht  besi

19.  Februar.  *  Sullan  stiftete  den  Witwen  und  Waisen
der  im  Kriege  um  Tripolis  gefallenen  Offiziere  und  Soldaten
zzund  Pfund.

21.  Februar.  (Albanien.)  Die  Gärung  unter  den  Malifsoren.

Anläßlich  der  Verleiung  des  Installationsfermans  des  neuen  Walis
Hairi  Pascha  in  Skutari  erklärten  die  Malissoren,  daß  sie  als  Olomanen
geboren  und  als  solche  sterben  wollen.  Sie  wicderholen  aber  ihre  Bille,
die  Regierung  möge  die  bestimmt  verivrochenen  öisentlichen  Arbeiten  vornehmen
  lasien,  damit  die  Bevolkerung  in  Malii#sio  Verdienst  habe.
        <pb n="453" />
        ũthti.  Jebruar  24.  -  Maͤtz  17.  443

24.  Februar.  Die  beiden  italienischen  Kreuzer  „Garibaldi“
und  „Vollurno“  beschießen  die  offene  Stadt  Beirut,  nachdem  fie
den  auf  der  Reede  liegenden  Kreuzer  „Avenullah“  und  das  Torpedoboot
  „Ankara“  zum  Sinken  gebracht  hatten.

26.  Februar.  (Kreta.)  Überreichung  einer  neuen  Note  der
Schutzmächte  durch  die  Konsuln.

er  Regierung  wird  mitgeteilt,  daß  die  Haltung  der  aufständischen
  Truppe  auf  Kreta  einen  sehr  untenstigen  Eindruck  auf  die  Schutmächte
  mache;  wenn  die  Bestrebungen,  krelische  Abgeordnete  nach  Athen  zu
entsenden,  die  Kapitulationen  abzuschaffen  und  die  mohammedaniichen  Beamten
  abzusetzen,  sorlidauern  und  die  E———  von  Mohammedanern
nicht  aufhören,  würden  die  Mächie  Maßregeln  ergreifen,  die  nötig  wären
zur  Verhinderung  der  aus  der  Vewrichung  solcher  Pläne  und  aus  solchen
Taten  sich  ergebenden  Folgen.  e  Mãchte  seien  entjchlossen,  keine  Verletzung
  des  Status  quc  zu  unc  2  wenn  die  Kreter  sich  nicht  friedlich,
ann  Gefährdung  des  europäischen  Friedens  regieren  könnten,  würden  die
Mächie  Schritte  unternehmen,  die  den  Bestrebungen  der  Kreker  nicht  günstig
wären.  An  demselben  Tage  kommt  es  wegen  der  Ermordung  dreier  Modanedener
  zu  einem  Zusammenstoß  zwischen  Mohammedanern  und
en

27.  Februar.  Die  Pforte  hat  ihre  auswärtigen  Botschafter
beauftragt,  den  Mächten  kategorisch  zu  erklären,  daß  eine  Verständigung
  für  den  Frieden  auf  der  Grundlage  des  italienischen
Annexionsbekrets  unmöglich  sei.

5.  März.  Die  Dardanellen  werden  des  Nachts  für  alle  Schifsse
gesperrt.

6.  März.  (Tripolis.)  Professor  Dr.  Schütze,  Oberarzt  der
inneren  Abteilung  im  Lazarelt  in  Gharian,  k.  40  Jahre  alt.

7.  März.  Der  Ministerrat  hat  den  von  einer  Kommission
ausgearbeiteten  Reformentwurf  für  Nordalbanien  genehmigt.

12.  März.  Die  Dardanellen  find  durch  Kontaktminen  gesperrt
  und  nur  eine  durch  Bojen  bezeichnete  Fahrrinne  offen  gelossen
  worden,  durch  die  die  Schiffe  von  zwei  Lotsendampfern  geleitet
  werden.

14.  März.  Beginn  der  Wahlen  zur  Deputiertenkammer.

15.  März.  (Kreta.)  Das  Parlament  beschließt  die  Absetzung
des  Ministeriums  und  setzt  als  neue  Regierungsgewalt  eine  Kommission
  von  75  Mitgliedern  ein,  die  monatlich  abwechselnd  5  im
Namen  Griechenlands  amtierende  Minister  ernennen  und  am  24.  März
gleichzeitig  mit  den  griechischen  Neuwahlen  die  kretischen  Abgeordneten
  fürs  griechische  Parlament  ernennen  soll.

17.  März.  Die  Pforte  erklärt  die  von  Italien  den  Bot-
        <pb n="454" />
        444  dũrltei.  Mãrz  23.  —  April  15.)

schaftern  mitgeteilten  Friedensvorschläge  (s.  Jlalien,  15.  März!)  für
unannehmbar.

23.  März.  (Samos.)  Der  Frst  Andreas  Kopassis  Efendi
wird  von  einem  Griechen  durch  Revolverschüsse  getötet.  Zum  Nachfolger
  wird  der  ehemalige  Gehilfe  des  Wali  von  Janina,  der  Grieche
Vegleri  Efendi.  ernannt.

24.  März.  (Kreta.)  Die  permanente  Kommission  wählt
69  Abgeondnet=  in  die  griechische  Kammer

Davon  gehören  23  zur  Penigelospartei,,  z  zur  Partei  Michelidalis,
17  zur  Fa###  Kunduros  und  6  zu  keiner  Par#

28.  März.  Die  Gemeindewahlen  in  Kenhentinope.  und  der
Provinz  ergeben  eine  sehr  große  Mehrheit  der  Jungtürken.

i  Wahlversammlung  von  Langaza  in  Mazedonien  werden
10  Bauern  getölet  und  25  Bauern  und  Gendarmen  verwundet.

28.  März.  (Konstantinopel.)  Das  Wohngebäude  des
Ministers  des  Außern  Assim  Bey  brennt  vollständig  nieder.

Die  benachbarte  deuische  Botschast  wird  mit  Mühe  gereltet.

28.  März.  (Saloniki.)  In  einer  Versammlung  des  jungtürkischen
  Komitees,  in  der  auch  der  Wali  als  *  auftritt,
wird  die  Notwendigkeit  des  Panislamismus  beton

A.  März.  In  Saloniki,  Smyrna.  surpene  Eskischener  ist
der  Velagerungszustand  proklamiert  worden.

29.  Märg.  Zur  Regelung  der  Grenzfrage  mit  Montenegro
wird  eine  Kommission  unter  Oberst  Ali  Riza  nach  Cetinje  entsandt.

April.  (Konstantinopel.)  Das  Haus  des  ermordeten
Fürsten  von  Samos  am  Bosporus  wird  durch  einen  Brand  zerstört.

3.  April.  (Konstantinopel.)  Auf  einer  Fischerbarke  werden
Bomben  und  Dynamitpakete  des  verhafteken  Anarchisten  Simon
Iwanow  beschlagnahmt,  der  dem  armenischen  Komilee  „Dashnaktichutun“
  angehört.

km  April.  (Jemen.)  400  italienische  Soldatken  erobern  im
Uerein  mit  Said  Idriß  die  Festung  Medi  nach  einem  Bombardement
  durch  die  Flotte.

9.  April.  Major  Enver  Bei  wird  durch  ein  Irade  des
Sultans  zum  Gouverneur  von  Benghasi  ernannkl.

10.  April.  Der  englische  Kontreadmiral  Limpus  wird  als  Nachfolger
  des  Kontreadmirals  Williams  zum  Marinebeirat  ernannt.

15.  April.  Bei  den  Wahlen  der  Deputierten  sind  122  Anhänger
  der  Komiteepartei  (darunter  7  Araber.  4  Griechen,  2  Armenier,
  1  Bulgare,  1  Serbe  und  1  Israelit)  und  nur  6  Vertreter
        <pb n="455" />
        Fü#ei.  (April  16.—23.,  415

der  Opposition  gewählt.  Die  Mehrzahl  der  Wahlen  hat  dabei
noch  kan  endgültiges  Resultat  ergeben.  (Siehe  4.  Mail)

6.  April.  Nach  einer  Beratung  in  der  deutschen  Botschaft
uerehen  sich  die  Botschafter  der  Großmächte  einzeln  zum  Minister
des  Außern  Assim  Bei,  dem  sie  den  Wunsch  ihrer  Regierungen  nach
Herstellung  des  Friedens  und  Beendigung  des  blutigen  Krieges  aussprachen.
  Der  Minister  antworteke,  die  Pforte  werde  die  Wünsche
der  Mächte  prüfen  und  die  Bedingungen  der  Türkei  den  Mächten
mitteilen.  4

18.  April.  Der  Minister  des  Außern  Asfim  teilt  dem  diplomatischen
  Korps  mit,  daß  die  italienische  Flotte  die  Forts  Kum
Kaleh  und  Sedil  Bahr  am  Eingang  der  Dardanellen  bombardiere.

snerbole.  zwei  Stunden  gibt  das  italienische  Geschwader  unter
Admiral  i  185  Schüsse  ab,  ohne  erheblichen  Schaden  zu  tun.
m—*  beeren  deshalb  durch  schwimmende  Minen  uilsaßrba  gemacht
und  gesp

18.  April.  (Kammereröffnung.)  Aus  der  vom  Großwesir
werlesenen  br  ebde:

ch  Italien  provozierte  ungerechte  und  internalionale  Rechte
rtegeche  tinuurs  dauert  trotz  der  allgemein  monifestierten  Friedenswünsche
for  wünschen  ebenfalls  Frieden,  aber  unter  effektiver  und  integraler
gohrung  unserer  Soauverönitderechrr.  Die  wunderbare  Tapferkeit  meiner
oldalen,  der  Mar#  und  der  edsen  arabischen  Krieger  haben  uniere
Nationalgeichichte  min  iabrreichen  Taten  bereichert.“  Bei  Verleiung  dieier
e  wurde  dreima  lebhaft  applaudiert.  Die  renrede.  setzt  weiter  auseinander,
  daß,  um  die  Wiederbelebung  von  Handel,  Industrie  und
Landwir  ##  zu  verwirklichen  und  dem  Reiche  bie  absolule  Sicherheit
und  die  Mnbuss  des  Prinzips  der  Gerechtigkeit  und  Gleichbenn  1  ge·
währleisten,  eine  Spezialkommission  unler  dem  Minister  des  J
Rumelien  geschickt  werden  joll,  welche  die  lolalen  Vetütsal  Ksttaen  und
ian  Ort  und  Sielle  ohne  Verzug  die  Maßnahmen  kreffen  soll,  die  geeignet
#end  die  Bevölkerung  Lufribenzuselen  Die  als  nolwendig  erkanmen
Reformen  sind  in  Vorbere

18.  April.  Die  Fnieen  und  russischen  Schiffahrtsgesellschaften
  haben  bei  der  Pforte  Einspruch  gegen  die  Schließung  der
Dardanellen  aoboben  und  verlangen  eine  tägliche  Entschädigung
von  200  Pfun

20.  (Samos.)  Besetzung  der  Insel  durch  die  Italiener.

Das  türkische  Stationsschiff  wich  pon  der  eigenen  Bemannung  durch
Oeisnen  der  Ventile  zum  Sinken  ge

23.  April.  Ablehnende  Antoar.  auf  die  Friedensvorschläge
der  rohmächte

ie  Pforte  zählt  darin  alle  die  internationalen  Rechte  kerleenden
gangluche  Italiens  seit  dem  Beginn  des  Krieges  auf  und  erlläri,
Tripolis  ein  integrierender  Bestandteil  der  Türkei  sei.  Die  rrrishct,  an
        <pb n="456" />
        446  dũrkei.  April  24.  -  Mai  4.)

Frage  sei  eine  Existenzsfrage  für  das  ganze  Reich,  und  deshalb  könne  von
Priedensperhandlungen  nur  dann  die  Rede  sein,  wenn  Jiolien  Trivolis

Die  Türkei  jei  bereit,  den  Jialienern  alle  möglichen  wimschaftlichen
Lonpestionen  in  diesen  Provinzen  zu  machen.  Sie  wünsche  den  Frieden  wie
alle  Mächte  und  wolle  alle  Iriedensvorichlage  die  mit  ihrer  Würde  übereinstimmen,
  entgegennehme

April.  cherauflsen  des  Bandemunwesen,

Seit  Einführung  der  Konstitution  ist  zum  ersten  Male  das  Auftrelen
  von  serbischen  Banden  mit  Sicherheit  senseneur  worden.  Bulgarische
Vanden  ziehen  jen  zur  Bestrafung  der  zum  Patriarchismus  übergerretenen
mozedonischen  Bauern

27.  April.  (Konstantinopel.)  Einweihung  der  neuen  Brücke.
die  von  Stambul  nach  Galata  führt.

ist  von  der  Augsuncer  Maichinenfabrik  gebaut.  Bei  der  Einweihungsleier
  gedachie  das  Eröffnungsgebet  mit  rührenden  Worten  des
Heeres  und  Reiches  und  forderte  die  Vernichtung  des  Feindes  in  Nordafrika.

27.  April.  Auf  der  Insel  Astropalia  umzingeln  zwei  gelandeke
  italienische  Kompagnien  die  Stadt  Livadia  und  erreichen
ihre  Ubergabe  gegen  freien  Abzug  der  kleinen  Garnison  mit  militärischen
  Ehren.

27.  April.  Die  in  der  kilikischen  Ebene  gelegene  etwa  150  km
lange  Teilstrecke  der  Bagdadbahn  Dorak—Adana—Deirmen  —Odjak
wird  dem  Betrieb  Übergeben.

April.  Antwort  auf  die  russische  Note  und  die  englischen
Voclellne  über  die  Schließung  der  Dardanellen.

g  Pforte  beruft  sich  auf  die  bestehenden  Berträge,  welche  ihr  die
Pilicht  der  Vertcidigung  der  Meerengen  auferlegen.  Sobald  die  Gefahr  für
dirielben  bezeitigt  jei,  werde  die  Pforte  die  Dardancllen  der  Handelsschiffahrt
wieder  Lünen.  Die  Piorte  antworteic  dem  englischen  Bonschaster.  zwecter.
nur  mündliche  Vorstellungen  machte,  im  clei  cchen  Sinne,  ab  ndlich.
Nachmittags  hatte  der  russische  Botichailer  eine  ausgedehnte  Uneerrrdung  mit
dem  Minister  des  Acußern  Aisim.  Das  Verlangen  Rußlands  nach  ge  einung
der  Dardanellen  soll  dabei  alzentniertere  Formen  ongenommen  hab

30.  April.  (Smyrna.)  Im  Hafen  stieß  der  türkische  Pnngels
dampfer  „Teras“  auf  eine  Seemine  und  sank,  wobei  69  Personen
ums  Leben  kamen.

.  Mai.  Der  Ministerrat  beschließt,  die  Durchfahrt  durch
die  Dardanellen  wieder  zu  öffnen,  unter  der  Bedingung,  daß  die
Pforte  sich  das  Recht  vorbehalte,  sie  wieder  zu  schließen,  wenn  es
sich  als  notwendig  herausstellen  sollte  und  die  Schiffe  streng  die
srüheren  Vorschriften  über  die  Benutzung  von  Lotsen  befolgen.

.  Mai.  Auf  der  Jusel  Rhodos  landen  die  Italiener  unter
Beiehl  des  Generals  Ameglio  und  nehmen  die  Küste  ohne  Widerstand
  in  Besitz,  nachdem  die  türkischen  Truppen  sich  auf  die  Höhen
        <pb n="457" />
        drkti.  iMai  4.  -  20.)  447

zurückgezogen  hatten.  Am  16.  Mai  ergeben  sie  sich  unter  Auslieferung
  ihrer  Wassen  und  Munition.

4.  Mai.  (Kammer.)  Konstituierung.

Als  definitiv  gewähl  gelten  222  Deputierte,  borunter  215  Anhänger
der  Komiteepartei.  Mit  142  gegen  8  Stimmen  wird  der  Ulema  Mo  ahn?
zum  vprovisorischen  Präsidenten  und  der  Grieche  Artas  m
Stmen  um  Vizepräsidenten  gewählt.  —  Der  Ab  rored  für  Luenn
Nadsch  ##,  erinnerte  an  den  heldenmütigen  Verreldigungstanno  der
Trupp  en  und  Freiwilligen  in  Tripolis,  auf  die  die  Thronrede  einen  ausgpecneren
  Eindruck  gemacht  habe.  Er  beantragte,  ihnen  den  Dank  un

Kammer  zu  entbieten.  Der  Abgeordnele  für  Benghafi,
Chetvan,  beantragte,  den  Streitern  und  dem  Komitee  die  Erkenntlichkeit
der  r  abucisprche.  Die  Kammer  stimmte  dem  Antrag  durch  lebhaften
  Beif

8.  Mac  Kämpfe  in  Albanien.

Unter  Führung  des  Mojors  Fuad  Bey,  früheren  WMititsrettaches  in
Rom,  gingen  drei  Bataillone  mit  Mitrailleusen  nach  Werisowin  ab,  wo
sofort  der  eiterinorsh  nach  Ipek  ersolgte.  Die  Julurgenten  mkeen  den
Ausstand  durch  Ueberfoll  auf  ein  Bataillon  ein,  dem  sie  schwere  Verluste
beibrachten.  Ueber  Ipek  ist  das  Standrecht  verhängt.

I.  Mai.  Der  ehemalige  Minister  Halil  wird  nahezu  einstimmig
  zum  Vorsitzenden  des  Komitees  für  Einheit  und  Fortschritt
gewählt.

13.  Mai.  Die  Italiener  besetzen  die  Inseln  Kalymnos,  Leros
und  Patmos.

15.  Mai.  (Kammer.)  Der  frühere  Minister  Halil  wurde
mit  163  gegen  12  Stimmen  zum  Präsidenten  dZ-  annier  gewählt.

18.  Var,  Wiedereröffnung  der  Dardane

Im  Bosvorus  wartelen  258  und  vor  den  arelenn  173  Dampfer
auf  die  d  ndn  ahrt.

8.  Mai.  (Albanien.)  Wegen  der  Treulosigkeit  der  Arnauien
  o⅝s  Tayar  Bey,  der  Kommandaut  von  Inpek,  dringend,
die  Taktik,  sie  durch  Zugeständnisse  zu  beruhigen,  aufzugeben  und
die  Kanonen  sprechen  zu  lassen.

er  Kriegsminister  verbot  jedoch  formell  icden  Angriff  auf  die  Arnauten
  bis  auf  weiteres.  Die  Arnauten  griiien  fünmic  Karakols  (Blockhauser'
  in  der  Umgebung  von  Liuma  an.  Sie  versprechen  den  Soldaten
freien  Abzug  gegen  Auslieferung  der  Wassen.  Sie  zerstörten  2%%  Bloshaus
von  Irienik,  verjagien  die  Beiatzung  und  entwassnelen  sie  jodan

20.  Mai.  (Kammer.)  Ein  reichhaltiges  rtensepragtenm

Die  Negiermy  brachie  über  hundert  Gesetzentwürfe  ein,  darunter  eine
Abänderung  dee  Artikels  35  der  Verfafiung  beireffend  die  Nammerauiloinng
und  des  Artikels  13  betreiiend  die  Veichränkung  der  Kammeriesüon  am
vier  Monate  znd  Erhöhung  der  Diäten  für  die  T  auf  vierhundert
Pjund  jsährlich,  jerner  das  Budger  des  laufenden  Jahres.
        <pb n="458" />
        448  EII—

Mitte  Mai.  (Albanien.)  Obwohl  die  Regierung  auf  Verlangen
  der  Aufständischen  das  Verbot  des  Wassentragens  zurückgezogen
  hat,  beginnen  neue  Verschwörungen  mit  dem  Ziel  der
Steuerfreiheit  und  der  Befreiung  vom  Militärdienst.

25.  Mai.  (Albanien.)  Der  Wali  von  Saloniki  Hufsein
Kiazim  kritisiert  in  der  Presse  das  Vorgehen  der  Regierung  in
Albanien  und  proyhezeit  ihr  auch  für  dieses  Mal  einen  Mißerfolg,
wenn  sie  glaube,  die  Arnauten  durch  Machtentfallung  unterdrücken
zu  können,  anstatt  ihren  wirklichen  Bedürfnissen,  Gewohnheiten  und
Verhältnissen  gerecht  zu  werden.

25.  Mai.  Als  griechischer  Gesandter  erscheint  Gryparis,  bisher
  auswärtiger  Minister.  Damit  find  die  diplomatischen  Beziehungen
  zwischen  der  Türkei  und  Griechenland  vollkommen  wiederhergestellt.


27.  Mai.  (Albanien.)  In  Junik  bei  Ipek  findet  ein  Kongreß
  sämtlicher  Albanesenführer  statt.  Vertrauensmänner  aller
albanefischen  Bezirke  find  erschienen.

.Mai.  Das  Kriegsministerium  teilt  mit,  daß  die  Italiener
am  26.  Mai  die  beiden  Hafenstädte  Haoza  und  Ebuzahra  im  Jemen
bombardiert  haben.  Fünf  Moscheen  und  drei  Häuser  find  zerstört,
eine  Frau  und  zwei  Kinder  getdtet.  Beide  Orte  find  offene  Städte.

1.  Juni.  (Konstantinopel.)  Abreise  von  400  ausgewiesenen
Italienern  mit  einem  Schiff  des  österreichischen  Lloyd.

3.  Juni.  (Albanien.)  4000  Aufständische  durchbrechen  die
Steluns  der  Truppen  bei  Ipek.

4.  Juni.  (Konstantinopel.)  Durch  Feuersbrunst  werden
1120  Häuser  eingeöschert.

Der  Zug,  in  den  WWrcho  v.  Bieberstein  abreiste,  fuhr  aau  beier
speziellen  r  s  Aauches  und  der  Flammen  durch  den  abgebraunten
  Stadite

8.  Juni.  r5#n  Komiteeblatt  „Hakk“  begrüßt  die  Reise  des
Königs  von  Bulgarien  nach  Wien  und  Berlin  als  Garantie  für
die  Aufrechterhaltung  der  Nuhe  auf  dem  Balkan.

R.  Juni.  (Tripolis.)  Nach  siebeneinhalbstündigem  Kampfe
erobern  die  Italiener  den  befestigten  Teil  der  Oase  Sanfur  und
erzwingen  die  Räumung  dieses  Gebiets  durch  türkische  Truppen.

Die  Türken  geben  einen  Verlust  von  150  Toten  und  300  Verwundeken
  zu.

11.—12.  Juni.  (Tripolis.)  Bei  einem  Nachtangriff,  den
die  Beduinen  der  Syrte  auf  die  Hügel  bei  Lebda  ansführten,  ver-
        <pb n="459" />
        Türtei.  (Juni  13.—30.)  449

lieren  die  Italiener  an  Toten  2  Offiziere  und  29  Mann  und  an
Verwundelen  2  Offiziere  und  57  Mann.

13.  Juni.  (Konstantinopel.)  Der  Khedive  von  Egypten
reist  nach  einer  Audienz  beim  Sultan  nach  London  ab.

13.  Juni.  (Konstantinopel.)  Der  Sultan  siedelt  in  den
Mildizpalast  über,  der  seit  der  Absetzung  Abdul  Hamids  nicht  bewohnt
  war

16.  Juni.  Die  Regierung  verfügt  die  Verkürzung  des  Monatsgehalts
  sämtlicher  Zivil-  und  Militärbeamten  für  die  Dauer  des
Krieges  um  5  Prozent,  wodurch  monatlich  750000  Mark  erspart
werden.

W..  Juni.  Der  Verwaltungsrat  der  Dette  publique  genehmigt
den  Plan  des  Finanzministers,  wegen  des  Krieges  die  Salzsteuer
um  ½.  Piaster  und  die  Alkoholsteuer  von  20  auf  30  Prozent  zu
erhöhen.

21.  Juni.  Die  Abänderung  des  Artikels  35  der  Verfassung.
wodurch  der  Sultan  das  Recht  der  Kammerauflbsung  ohne  Zustimmung
  des  Senats  erhält,  wird  nach  kurzer  Debatte  mit  212
gegen  15  Stimmen  angenommen.  (Siehe  13.  Jonnarl)

25.  Juni.  (Albanien.)  Von  den  Regierungstruppen,  die
von  Monastir  zum  Kampf  gegen  die  Aufständischen  ausgesandt
werden  sollen,  desertieren  19  Offiziere  und  225  Mann,  weil  sie
die  Herrschaft  des  jungtürkischen  Komitees  in  Konstantinopel  nicht
unterstützen  wollen.

W.  Juni.  (Tripolis.)  Von  dem  Feuer  der  Kriegsschiffe
unterstützt,  erobern  die  Italiener  die  Höhen  von  Sidi  Said  nach
schwerem  Kampfe.

29.  Juni.  (Kammer.)  Die  Regierung  legt  in  einer  außerordenklichen
  in  eine  Novelle  zum  Militärslrasgesetzbuch  vor:

ängnis  von  zwei  bis  vier  Monaten  und  mit  Verabschiedung
werden.  —u--  bestraft,  die  sich  an  politischen  Versam  mmmlungen  beleiligen,
serner  mit  Gejängnis  von  vier  bis  sechs  Monaten  und  mit  Sulasfung  aus
der  Armee  diejenigen  Oifiziere,  die  politischen  Parteien  angehören

36.  Juni.  (Kammer.)  Im  Budget  des  am  14.  Mänz  begonnenen
  Elalsjahres  beziffert  sich  die  Einnahme  auf  30  514  168,
die  Ausgabe  auf  34676671  türkische  Pfund.  Durch  das  Budgelgesetz
  ist  der  Finan  zminister  zum  Abschluß  einer  Anleihe  ermächtigt,
um  das  Defizit  des  laufenden  und  des  vorhergegangenen  Etatsjahres
  zu  decken.

Gurcpaischer  (#uclchichtslalender.  Lill.  24
        <pb n="460" />
        450  Tächri.  (Juli  1.—19.)

1.  Juli.  (Albanien.)  Der  Kommandant  des  6.  Armeekorps,
  Fehti  Pascha,  der  verdächtigt  wird,  mit  den  Meuterern  zu
spmpathifieren,  ist  abberufen  und  der  Brigadegeneral  Kenan  Pascha
nach  Monastir  entsandt  worden,  um  das  gerichlliche  Verfahren
gegen  die  Meuterer  zu  leiten.

2.  Juli.  (Smyrna.)  Die  Osfiziere  der  Garnison  verlangen
einen  Wechsel  des  Regierungssystems.

b.  Juli.  (Tripolis.)  Die  Italiener  nehmen  nach  bitterem
Kampfe  Mesurata.

9.  Juli.  (Senat.)  Endgültige  Annahme  des  Gesehzentwurfes,
wodurch  den  Offizieren  verboten  wird,  sich  mit  Politik  zu  befassen.

10.  Juli.  Rücktritt  des  Kriegsministers  Mahmud  Schewket
Pascha.
12.  Juli.  (Nordalbanien.)  Die  Rebellen  bemächtigen  sich
der  Wafssendepots  in  Pristina.

1.  "Iall.  Not  um  einen  eisgemier.

mnung  Tartar  Osman  Paschos  zum  Kriegsminister,  nachdem
Naline  Hest  abgelehnt  hatte.  *  er  ebensolls  ablehnt,  wird  am  folgenden
  Tage  der  frühere  Marineminister  Mahmud  Mukhtar  Pascha
ernannt,  der  aber  seine  Bedingungen  siell

15.  Juli.  (Kammer.)  Jezkauensvotum  für  das  Kabinektt
des  rohwesr  Said  Pascha.

roßwesir  und  der  Minister  des  Mubern  Aechen  lch
sehr  über  das  Verhältnis  zu  den  Großmächte
Besonders  die  Freundschaft  mit  England  habe  nach  faft  drehhie  k0
langem  kühleren  Verhälmis  nun  wieder  die  alte  Wärme  angenommen,
nachdem  England,  wie  schon  früher,  durch  Taten  seine  Gesühle  beweise.
Das  Verhältnis  zu  Frankreich  werde  noch  immer  intimer.  Es  m  müsse
anerkannt  werden,  daß  Deu  tschland  und  Oesterreich,  die  der  Krieg  in
eine  preläre  Lage  versetzt  habe,  eine  rücksichtsvolle  Neutralität  bewahrt
öäneen.  Der  Growesir  erklärte  ofüziell,  die  Türkei  werde  die  Dardanellen
neuerlich  wuehen  wenn  Italien  die  Allion  im  Aegãischen  Meere  fortsetze.  —
Die  Kammer  soricht  mit  194  gegen  4  Stimmen  dem  Kabinett  das  Vertrauen
  uuK.

17.  Juli.  Demission  des  Kabineits  Said  Pascha.

19.  Juli.  Von  acht  italienischen  Torpedobooten  werden  sechs
bei  einem  Versuch,  in  die  Dardanellen  einzulaufen,  beschädigt.

19.  Juli.  Proklamation  des  Sultans  an  die  Armee,  worin
er  die  Offiziere  und  Soldaten  auffordert,  an  der  militärischen
Disziplin  festzuhalten  und  sich  nicht  um  Politik  zu  bekümmern.

19.  Juli.  Eröffnung  der  Zweiglinie  Baba  —Eski—Kirkilifse  der
Crientbahn  auf  der  Strecke  Adrianopel  —  Konstantinopel.
        <pb n="461" />
        fũriti.  (uli  21.  -24.)  451

2l.  Juli.  (Kammer.)  Alle  auf  das  Programm  des  Komitees
gewählten  Abgeordneten  legen  ihre  Mandate  nieder.

21.  Jali  (  (Albanien.)  Das  Programm  der  Aufständischen:

Üle  Führer  Albaniens,  denen  das  nationole  Zentralkomitee  vosles
Vertrauen  ennegewbringt  #  erden  zu  Beratungen  zusammentreien.  2.  S
werden  die  Beschlüsse  des  Henttalthmittern  für  die  jetzt  einzuleitenden  #n
onen  zur  Kenntnis  nehmen.  3.  Werden  Beratungen  gevflogen  bezüglich  der
1%  zemrierung  von  Lebensmineln  und  Munition  für  die  kämpfenden  Männer.
4.  Merden  die  Führer  ihre  Wünsche  zu  äußern  haben  bezüglich  der  künftigen
Sr  der  Albanesen  als  Nationolität  zu  der  Konstantinopeler  Zentralregier


*  Juli.  Neueßs  Ministerium.

Grozwesir:  bisheriger  Präsident  des  Senats  Ghasi  Ahmed  Mukhtar
Pascha:  Scheich  ül  Jilam:  Dichemal-ed-din  Essendi;  Präsident  des  Staatsrats:
  Kiamil  Pascha;  Justig:  Hussein  Hilmi  Poschs:  Inneres:  ehemaliger
Großwesir  Ferid  Pascha;  nrieg:  Mitglied  des  bheren  Kriegsrats  Nasim
Pascho:  Finanzen:  früherer  Minister  Zio  Paischa;  iane:  früherer  Minister
General  Mahmud  Mukhtar  Pascha:  Ae  ußeres#::  es  Noradunghian:
Unterricht:  bisheriger  Unterstaatssekretär  Soid  Bei;  geistliche  Stiftungen:
bisheriger  Bizepräsident  der  Kammer  Mehmed  Fidzi  Pascha;  öffentliche
Arbeiten:  Staatsrat  Damad  Scherif;  Handel  und  Ackerbau:  früherer  Botschafter
  Reschid  Paicha.

24.  Juli.  Das  neue  türkische  Kabinett  hat  zu  Ehren  des
4.  Jahrestages  der  Verfassung  die  Aufhebung  deßs  Belagerungszustandes
  von  Konstantinopel,  eine  Amnestie  und  Einstellung  der
militärischen  Maßnahmen  in  Albanien  beschlossen.

24.  Juli.  Programm  der  Offiziersliga.

ir  stützen  r*—  gul  den  Patriotismus  aller  otlomanischen  Oifiziere
und  richten  an  sie  folgendes  Programm  einer  Organisation,  die  die
oben  erwähnten  S  beieitigen  soll.  1.  Der  gesamten  Armee  wird
untersagt,  sich  mit  Politik  zu  befassen:  2.  die  Organisotion  beruht  auf  der
Crgonisarion  der  Armee:  3.  Sictut  der  Organisation  sind  die  ilcriichen
Geietze  und  Verfügungen;  4.  wer  nicht  zur  Armee  gehört,  wird  nicht  zuelaijen:
  6.  die  In##igue  #ou-  mane  sorgen,  doß  in  allen  Mahnahmen
inheilichieit  herrscht:  soll  ferner  pruien  was  zum  Wohl  des  Vaterlandes
notwendig  ist  und  dies  verwirklichen:  6.  die  gemeinsam  zu  entfaltende  Tärigkeit
  wird  durch  die  Jetratsele  bestimmt:  7.  die  Mitglieder  der  Landarmee
und  der  Marine  sollen  allen  ihren  Komeraden,  die  davon  noch  keine  Kenntnis
haben,  solgende  Punkte  minellen:  a)  Unter  Wa  ahrung  des  Ranges  und  der
dienstlichen  Funltionen  hat  jeder  Oijjizier  die  amereden  namhaft  zu  machen,
deren  Patriotismus  er  kennt  und  zu  denen  er  Vertrauen  hat,  und  jeden
Ofüzier,  der  sich  mit  Politik  besaßt,  aus  der  Nte  zu  beobachten,  um  deisen
Unternehmen  entgegenarbeiten  zu  können:  b)  nachdem  man  aut  diese  Weije
in  jedem  Armeekorps  diejenigen  ausfindig  gemacht  hot,  die  sich  mit  Politik
besasien,  wird  man  sie  dohin  zu  bringen  verjuchen,  dieien  ungeieolichen
Weg  zu  verlaisen:  c  diejenigen  unier  den  Ofizieren,  die  von  ihrer  volitischen
Belätigung  nicht  ablassen,  werden  auf  eine  Liste  geiebt  werden,  die  einem
Oiüier  höheren  Ronges  übergeben  werden  wird;  d)  die  Offiziere,  die  fortsahren
  werden,  den  Namen  der  Armee  dadurch  zu  beschmupzn.  daß  sie  sich
mit  Politik  abgeben,  werden  von  einer  Abordnung  von  drei  Llüeren  auf-29°
        <pb n="462" />
        452  —

gesordert  werden,  zur  Ordnung  zurückzulehren;  e)  wenn  ein  Offizier  auf
den  zweiten  Schrin  der  Abordnung  hin  nicht  die  Politik  ausgibt,  wird  man
ihn  zur  Anzeige  bringen  und  seine  Emfkernung  aus  dem  DHeere  fordern:
fl)  wenn  diese  #abann  keinen  Erfolg  hat,  wird  der  r#n  ihn  ausgeiente
Vericht  an  die  Zentraistelle  gesandt,  die  darüber  zu  entscheiden  hat;  S#m
eine  Klage  eine  willkürliche  Lösung  erfährt,  sollen  der  beleidigte  Oeim
umd  seine  Familie  von  der  Zentralstelle  unterstützt  werden,  und  man  wir
die  schwerste  Strafe  gegen  den  Schuldigen  zur  Anwendung  bringen:  hr  unter
keinem  Vorwande  dürfen  einfache  Soldaten  in  dem  obigen  Verbande  zugelaisen
  werden:  #)  der  unsichere:  Zustand  der  Armee  und  infolgedessen  gun
des  Vaterlandes  macht  jedem  Patrioten  dre  fez  blulen,  so  daß  jeder
bestrebt  *  gird  fich  -au  obiges  Programm  sofort  und  ohne  Zögern  kun
stäblich  zu  halte

.  Jull.  (Kammer.)  lermanenkertlärung.

Der  Präsident  läßt  einen  ihm  von  einem  Offizier  Überbrachten

ononymen  Vrie  verlesen:  „Nach  so  vielen  Schenen  Taten,  die  Ihr  im
Lomitee  sowie  in  der  Kommer  begangen  habt,  hat  unsere  Liga  von  Guen
Schritten  und  Intrigen  erfahren,  die  .-!u.F  beim  Sultan  unternommen  habt.
Diese  Talen  verdienen  die  schwersten  Strasen.  Aber  da  wir  uns  nicht  mit
schmunigem  Blut  beflecken  wollen,  so  halten  s  es  für  notwendig,  CEuch
zu  benachrichtigen,  daß  Ihr  beweisen  mü#t,  daß  Ihr  nicht  aushalten,  jondern
erleichtern  wollt  die  Erfauung  des  dringendsten  Wunsches  der  Nation  und
der  Armee,  nämlich  die  Anilöiung  der  e  brver  vielmehr  des  1  be,
bieses  Thaterklubs.  Wenn  Ihr  nicht  in  A#  Stunden  so  handett,  so  benachrichtigen
  wir  Euch,  daß  wir  unjere  rwioniich  Hicht  aon  0  ersüllen
  werden.“  —  uneer  begeisterten  Beisollslundgebungen  der  Abgeordneten
führt  der  Präsident  aus:  „Ich  und  die  Kammer  haben  unsere  Pllicht
getan  und  werden  sie  bis  zuleßt  ersüllen."“  Darauf  ersolgt  longanhaltender

.  KammeekllqktftchmPkksssqacnznahm-mattIIkais
eine  Peesolntton  an,  die  den  Großwesir  und  den  Priegsminister  um  Erllärungen
  über  die  hierdurch  geichoiiene  Lage  ersucht  und  sie  auffordert,
sojort  in  der  Kammer  zu  ers

#.  aun,  Genner,  Kungebengen  gegen  die  Offiziersliga.
fia  Präsident  verliest  eine  Anzahl  von  Telegrammen  der  Bürgermeister
  Notabeln  von  Adrianodel,  Loniah,  Brussa,  Dedcaghatich  und
Adolia.  Die  Telegramme  wenden  sich  lebhoit  gegen  die  Unmriebe  der  der
Liga  ongehörenden  Ofiziere,  beionders  gegen  ihre  Forderung  noch  Auflsiung
der  Nommer,  die  ein  Eingriif  in  die  Veriasffung  und  in  die  Rechie  des
Sulians  iei.  Die  Arianspeirr,  erklären  in  ihren  Telegrammen,  sie  seien
berein,  dieie  Leute  zu  vernichte  In  einer  Depesche  heißt  es,  wenn  die
Ciiziere  wahrhait  Relter  sn  msnen  sie  an  die  Grenze  von  Tripolis
ee  diese  nundgebungen  werden  mit  lebhafiem  Beifall  ausgenommen.

30.  Juli.  (Kammer.)  Verlesung  des  Regierungsprogramms
durch  ven  Großwesir.

wird  darin  ausgeiĩũhrt.  dan  die  Regierung  die  Macht  inmitten
großer  Swied  deri,  und  n  einem  tritichen  Augenblick  der  türkischen

Geschichte  übernahm.  Es  wird  die  Hoünung  ausgedrückt,  daß  die  Nation
die  Anigabe  der  chehirrung  sunn  tuhige  Haliung  unternne.  Die  Urfache
der  gegenwärtigen  Schwierigkeiten  ieien  die  ungesenlichen  Eingriffe

der  Behorden  ot  den  Tantanentswtn  die  Teilnahme  der  Oisiziere  an
        <pb n="463" />
        Täürhei.  (August  1.—4.)  453

den  politischen  Parteien,  die  Geietzesübertretungen  und  die  verfassungswidrigen
  Maßnahmen.  Die  Erklärung  teilt  mit,  die  e  habe  eine
Untersuchung  der  Wahlen  angeordnet  und  w  erbe  si  sich  nach  dem  Ergebnis
derselben  richten;  ferner  werde  sie  die  Lrmer  an  der  Einmischung  in  die
Politik  hindern  und  werde  die  Beamten  versetzen,  die  forlfahren  sollten,
politischen  Parteien  anzugehören  und  an  der  Polirik  teilzunehmen,  und  sie
werde  die  bestehenden  Gesede  für  die  Ernennung,  Absetzung  und  Beförderung
der  Beamten  anwenden.  Die  We  Negierung  werde  die  provisorischen  Gesetze,
die  mitl  der  Versassung  nicht  im  Einklang  ständen,  beseitigen  und  werde
alle  Rechie  achten,  die  die  Verfassung  allen  Narionen  zusichere.
gegenwärtigen  Schwierigleiten  zu  zerstreuen,  werde  die  Negierung  iede  un-Veiesliche
  Einmischung  in  die  öffentlichen  Angelegenheiten  zu  verhindern  juchen.
Ueber  die  e  auswärtige  Bo  itit  heißt  es:  Wie  Sie  wiisen,  führen
wir  seit  zehn  Monaten  n#rieg  mit  Jialien.  Wir  schätzen  die  ausserordentlichen
  Opfer  der  Truppen  und  eingeborenen  Mitkämpier,  unierer  Brüder
in  Tripolis  und  Benghasi,  für  die  Verleidigung  des  Baterlandes  hoch  e
Wir  werden  mit  götlichem  Veistand  und  Unterstützung  der  Bemolig
der  otlomanischen  Narion  sorlfahren,  unser  Recht  zu  ver  rteidigen,  bis
Grundlagen  für  den  Frieden  gejunden  sein  werden,  die  mit  unscren  A#chen
unserer  Ehre  und  unserer  Würde  vereinbart  sin
ach  langen  Debalten  und  dreimaligen  Unterörechungen  der  Situng
erhält  die  Regierung  ein  Vertrauensvotum  mit  113  gegen  45  Stimmen.

1.  August.  Durch  die  Explosion  von  zwei  Höllenmaschinen
im  Bazar  von  Kolschana  im  Wilajet  Kossovo  werden  47  Personen
getötet  und  viele  verwundet.  (Siehe  Bulgarien  13.  August.)

1.  August.  Der  Sultan  begnadigt  130  Minister,  Würden.
träger  und  Beamte  des  alten  Regimes.

3.  August.  (Kammer.)  Eine  Inlerpellation  der  jungtürkischen
Partei.  die  fast  einstimmig  angenommen  wird,  zieht  den  Kriegsminister
  Nasim  Pascha  zur  Verantwortung  wegen  Begünstigung
der  Offiziersliga.

3.  August.  (Albanien.)  Bewilligung  der  wichtigsten  Forderungen
  der  Aufsendischen-Rückgabe

  der  Wasfen;  2.  das  Recht  des  Waffentragens;  3.  Gewährung
  einer  W*  für  die  militbrisch  Exvedition;  4.  Generalamnestie;
  5.  Einsehung  der  albanesiichen  Sprache  für  Schulen  und  Aenner:
6.  Einiehung  von  albanischen  Verwaltungsbeamten;  7.  gegen  die  Nabinette
Dakki  und  Said  Pascha  wird  die  Anklage  erhoben.

4.  August.  (Senat.)  Mit  27  gegen  5  Stimmen  wird  die
Kammertagung  als  eine  Fortsetzung  der  seinerzeit  aufgelösten  erklärt
  und  damit  ihre  Lebensdauer,  weil  verfassungsmäßig  auf
2  Monate  beschränkt,  als  nunmehr  abgelaufen  bezeichnet.

4.  August.  Eine  große  Angahl  jungtürkischer  Oifiziere  wird
wegen  politischer  Belätigung  auf  Befehl  des  Kriegsministers  Nasim
Pascha  verhaftet.
        <pb n="464" />
        454  ũrhiei.  (August  5.  -  14.)

5.  August.  (Kammer.)  Durch  Vertagung  kommt  die  Mehrheit
der  Verlesung  det  Auflösungs-Jrade  zuvor.

5.  August.  (Kammer.)  Verlesung  des  Auflösungs-Jrade
vor  zehn  Deputierlen.

Es  lautet:  Wegen  der  zwischen  dem  früheren  Kabinett  Said  Pascha
und  der  früheren  Kommer  entstandenen  Difserenzen  über  eine  Abänderung
der  Trrfassung  ist  die  alte  RKummer  aufgelöst  und  die  neugewählte  nammer

8.  April  einberufen  worden.  Nach  einem  Veschlusse  des  Senats
te  neue  Kammer  ausschlichlich  dazu  bestimmt  geweien,  sich  als  Schiedsrichter
  über  den  Streitpunkt,  den  der  UArtikel  35  der  Berialiung  bildet,
auszusprechen.  Nachdem  diese  Auigabe  erfüllt  worden  ist,  m  t#an
ment  geschloisen  und  Neuwahlen  müisen  ausgeichrichen  nost  d  Mochre
dieser  Beschluß  verlesen  worden  ist,  ordnen  wir  Schließung  des  Porlaso
und  Neuwahlen  gemäß  der  Verfassung  an

4.  August.  Ein  Irade  des  eulians  verhängt  über  Konstantinopel
  für  40  Tage  den  Belagerungszusland.

10.  August.  (Albanien.)  In  einem  Schriftstück,  das  die
Führer  der  Aufständischen  an  Ibrahim  Pascha  Übersenden,  werden
zwölf  Forderungen  ausgezählt:

1.  Erhebung  und  Festsetung  der  Steuern  und  Abgaben  sowie
Organisation  der  Finanzgebarung  auf  Grund  der  lür  Albanien  magebenden
Verhãliniise:  2.  Leistung  des  Militärdienstes  nur  in  den  rumeliichen  Provinzen,
  ausgenommen  im  Priegsfalle,  wo  die  Arnomen  auch  in  andere
Reicheteile  geben  wollen:  3.  Ernennung  ehrlicher,  die  Landessprache  kennender
Beannen;  1.  Errichtung  von  Ackerbauschulen:  5.  Vermehrung  der  ien
für  Aulinzumerricht;  6.  Schulunterricht  in  mehreren  Sprachen;  7.  Bau
Strassen  und  Eisenda  hnen  zur  Hebung  des  Handels:  B.  obiolute  Freinen
betrefis  Errichinug  von  Privatschulen:  9.  Organisation  der  Nahijes  (kleinite
Beiwattungetchiale,  Distrikie):  10.  sollen  die  Mitglieder  des  Kobinens  Said

a  zur  Verankwortung  gezogen,  11.  eine  Generalamnestie  erlassen  und
1  die  den  Arnamen  abgenommenen  Waisen  wieder  ausgeliefert  werden.

10.  August.  Durch  ein  Erdbeben  im  Marmarameer  werden
viele  Ortschaften  um  Gallipoli  zerstörl  und  über  1000  Einwohner
getötet  und  600  verwundet.

13.  August.  Für  die  Ointerbliebenen  der  Cpfer  des  Gemetzels
  in  Kotschana  setzt  die  Regierung  725000  Mark  aus.  (Siehe
1.  August.)

14.  Augnit.  Anordnung  von  Wahlvorbereitungen  für  die
am  14.  Ctlober  abzuhaltenden  Wahlen.

S  *  Ministeriums  in  zwei  Lager.  Der  Großwesir.
Hilmi,  Mtt  Mukthar  und  Noradunghian  sind  für  ein  schrinweiics
gemäßig#es  Vorgehen  gegen  bie  Komitceparlei,  während  Zia  Poscha,  Kiamil
und  Nasim  eine  ichneidige  Politik  beiürworten.

-C  der  Minister  des  Innern  Zio  Paicha  für  die  Ernennung  der
Walis  nücie  DHand  bramiorucht.  sie  aber  nicht  erhäll,  so  nimmt  er  jeinen
Abschied,  womit  einc  allgemeine  Ministerkrisis  beginnt.
        <pb n="465" />
        Lirtei.  (August  15.—September  21.)  455

15.  August.  (Albanien.)  Christengemetzel  durch  den  Stamm
Rugovo  an  der  montenegrinischen  Grenze.

August.  Der  vor  wenigen  Tagen  ernannte  Minister  des
Innern  Damad  Scherif  (bisher  Arbeitsminister)  tritt  zurück,  weil
er  die  Absetzung  einiger  jungtürkischer  Walis  im  Kabinett  nicht
durchsetzen  kann.

20.  August.  Zu  einer  Besprechung  mit  italienischen  Unterhändlern
  über  Friedensbedingungen  reist  Nail  Pascha  nach  der
Schweiz  ab.

21.  August.  Der  Justizminister  Hussein  Hilmi  Pascha  nimmt
seine  Entlassung.  An  seine  Stelle  tritt  der  Senator  Halim  Bei;
zum  Arbeilsminister  wird  der  frühere  Kriegsminister  Saliv  Pascha
ernannt.

22.  August.  (Albanien.)  Ein  Angriff  von  400  Malissoren
auf  Duragzo  wird  erst  nach  blutigem  Kampfe  zurückgewiesen.

25.  August.  Danich  Bei  wird  zum  Minister  des  Innern.
der  ehemalige  Finanzminisler  Sabri  Bei  zum  Poslminister  ernannt.

26.  August.  (Libanon.)  Im  Orte  Ain  Sofar  kommt  es
zu  bluligen  Tumulten.

Viele  Hunderte  aus  ihren  Bergdoriern  herbeigeeilte  Drusen  grifien
die  christlichen  Milizjoldaten  an,  die  ihrerseits  von  der  christlichen  Bevöllerung
  unterstützt  wurden.  Aus  beiden  Seiten  gab  es  zahlreiche  Totc
und  Verwundete.  Dos  von  Europäern  und  Acguviern  beiuchte  größte
#aackain  Uin  Sofar  wurde  von  den  Drusen  beschossen.  Alle  Fremden  sind
gei

W..  August.  (Albanuien.)  Die  von  Mohamedanern  bewohnte
  Ortschaft  Zovice  bei  Kolasin  ist  von  Montenegrinern  eingeäschert
  und  ausgeplündert  worden.

31.  August.  Die  Regierung  erhält  von  Bulgorien  und
Montenegro  beruhigende  Erklärungen,  daß  eine  Störung  des  Balkanfriedens
  nicht  beabsichtigt  sei.

6.  September.  Das  Ministerium  des  Innern  ordnet  die
rasche  Ausarbeitung  von  neuen  Wahllisten  und  die  Annullierung.
der  früher  im  Interesse  der  junglürkischen  Partei  vorgenommenen
Wahlkreiseinteilung  an.

Mitte  September.  Bei  den  Kämpfen  an  der  türkisch-montenegrinischen
  Grenze  hatlen  die  Malissoren  118  Tote  und  97  Verwundele;
  die  türkischen  Truppen  verloren  25  Tote  und  30  Verwundete.


21.  September.  Auf  der  Insel  Samos  landen  350  kretische
Freischärler,  um  einen  Aufstand  zu  erregen.
        <pb n="466" />
        456  dũrkei.  (Septeniber  24.  -Otliober  3.)

24.  September.  In  Uesküb  werden  20  Waggons  mit  für
Serbien  bestimmtem  Kriegsmaterial  ausgehalten.

26.  September.  Proteste  der  griechischen  Regierung  wegen
eines  Angriffs  auf  ein  griechisches  Schiff  und  der  bulgarischen
Regierung  wegen  Verwundung  eines  Grenzpostens.

30.  September.  Eine  aus  einem  Marineoffizier  und  fünf
Truppenoffizieren  bestehende  Kommission  wurde  beauftragt,  die
Vollendung  der  Verleidigungswerke  in  den  Dardanellen  und  dem
Bosporus  zu  studieren.

30.  September.  Der  serbische  Gesandte  verlangt  eine  Antwort
binnen  48  Stunden,  ob  die  Durchfuhr  der  in  den  Häfen  liegenden
Munition  freigegeben  oder  der  Rücktransport  nach  Marseille  gestattet
  werd

1.  Oktober.  Zu  den  Depeschen  über  die  Mobilmachung  in
Serbien  und  Bulgarien  bemerkt  der  „Tanin“,  daß  man  in
Regierungskreisen  fest  davon  überzeugt  sei,  daß  es  zu  keinem  Krieg.
auf  dem  Balkan  kommt.

1.  Oktober.  Das  Amtsblatt  veröffentlicht  ein  Dekret  über
die  Bildung  eines  Obersten  Admiralitätsrates  nach  englischem
Vorbild.

1.  Oktober.  Ein  Irade  des  Sultans  befiehlt  allen  Korpskommandanten
  telegraphisch,  sofort  mit  der  allgemeinen  Mobilmachung
  zu  beginnen.

General  Abdullah  Pascha  wird  zum  Lmmandamen  sämtlicher
Truppen  des  ersten  Armeeinspektionsbezirks  ernan

2.  Oktober.  Beschlagnahme  gricchicher  Dendelaschife:

Die  Piorte  verweigert  den  griechischen  Schiffen  die  meslellung  von
Durchfahrtspässen  durch  die  Dardanellen.  Sie  hält  sie  in  den  türkischen
Gewässern  jet,  indem  sic  erllärt,  üie  lönnte  die  Schisse  zu-  kwen  n
chartern.  Die  Zahl  der  gricchtichen  Schiffe,  die  sich  in  n  Schwarzen  Meer
brne  bketrät  mehr  als  fünfzig;  in  Konstaminopel  lessihen  sich  zwei-3.

  Oktober.  Durch  eine  Kollektivnote  Übergeben  der  serbische.
bulgarische.  griechische  und  montenegrinische  Gesandlte  ein  Memorandum,
  in  dem  die  Türkei  aufgefordert  wird,  Altserbien,  Mazedonien,
  Albanien  und  Kreta  innerhalb  dreier  Tage  Autonomie
zu  gewähren.  Nach  Ablauf  dieser  Zeit  wird  die  Aufforderung  an
die  Pforle  wiederholt  und  gleichzeilig  den  Signatarmächten  eine
Kolleklivnote  übergeben  werden,  in  der  mitgeteilt  wird.  daß  nach
Ablauf  weiterer  drei  Tage  die  BValkanmächte  ihren  Forderungen
mit  den  Wafssen  Geltung  verschaffen  werden.
        <pb n="467" />
        Tii.  (Oltober  6.—11.)  157

6.  Oktober.  Die  Pforte  veröffentlicht  den  Texk  zweier  durch
die  türkischen  Botschaften  den  Mächten  Übermittelten  Noten  vom
2.  *  4.  Oktober.

e  erste  legt  in  eingehender  Weise  dar,  daß  die  Mobilisierung
der  .  brbee  keine  Berechtigung  B  Die  zweite  führt
aus,  daß,  wie  es  die  Pforte  vorausgileten  habe,  das  mündliche  Einschreiten.
  der  Mächte  bei  den  Balkanstaaten  nicht  den  Vewünschten  Erfolg
  erzielt  habe.  Selbst  wenn  dver  eine  oder  der  andere  dieser  Staaten
eneigt  wäre,  den  Natschlägen  der  Mächte  zu  folgen,  würde  er  durch  die
Hach,  das  zwischen  den  Eeen  Fgescüssenenn  Abkommen  zu  verletzen,  daran
gehindert  werden.  Andererseits  könnte  die  Ueberreigiheit  der  Völker  dieser
Länder  nur  dadurch,  *  energische  Maßnahmen  angedroht  werden,  besänftigt
  werden.  Diese  Ueberreiztheit  hat  natürlich  einen  Rückschlag  hervorgerufen
  bei  der  oklomanischen  Bevölkerung  und  der  Armee,  die  bereits  durch
die  verbrecherischen  und  blutigen,  seit  Johren  begünstigien  Umtriebe  aus
der  Faslung  gedracht  seien.  Die  otkomanische  Regierung  sei  daher  bereit,
ie  letzte  Herausforderung  anzunehmen  und  jeden  Angriff  auf  die
Sicherheit  und  Würde  des  Reiches  zurückzuweisen.

7.  Oktober.  Die  Pforte  beschließt  für  Mazedonien  die  Einführung
  der  Reformen  der  Wilojetsgesetze  von  1880,  die  in  Ubereinstimmung
  mit  der  damaligen  internationalen  Reformkommission
für  Ostrumelien  festgeseczt  wurden.

8.  Oktober.  Kriegserklärung  Montenegros.

Der  Geschäftsträger  Plamenay  überreicht  solgende  Kriegserklärung:
„Infolge  der  Ermächtigung  Eeiner  Mojestät  des  Königs  Nikolaus,  meines
erhabenen  Souveräns,  hade  ich  die  Ehre,  Eure  Exzellenz  zu  verständigen,
daß  die  nönigliche  Negierung  vnm  Mameenegre  vom  heutigen  Tage  die
Beziehungen  zur  Türkei  abbricht  und  es  nun  den  Wafsen  We  seinem
Rechte  und  den  durch  Inarhundrrit  verkannten  Rechten  seiner  Brüd
Türkei  Geltung  zu  verschaffen.  Och  verlasse  Konstantinovel.  *  Königliche
  Regserung  in  Cetinje  wird  dem  türkischen  Gesandten  seine  Pässe
ustellen.“

1%.  Oktober.  (Samos.)  Der  Fürst-Statthalter  flieht  mit
Einwilligung  der  Pforte.

11.  Oktober.  Die  von  den  fünf  Mächten  der  Hohen  Pforte
überreichle  oie

„Daß  Bolschofter  der  Fünf-Mächte  Vormerkung  nehmen  von  der
öijentlich  bhamuengegebrer  Ablicht  der  Kaiserlich  oklomanischen  Aierung,
Rejormen  einzumiühren,  und  daß  sie  mit  der  Hohen  Pforte  die  Resorm
die  die  europäisch-kürkiiche  Verwallung  ersordern,  auf  der  Grundlage  os
Geietzes  von  186#0)  urbst  den  geeigneten  Maßnahmen  zu  ihrer  Verwirklichung
im  Interesse  der  Bevölkerung  diskutieren  werden.  Dabei  ist  es  jelbstverständlich,
  daß  dieie  Reformen  dem  terrikorialen  VBestande  des  Ouomonischen
  Reiches  keinen  Eintrag  tun.

11.  Oltober.  Die  Montenegriner  erstürmen  die  Bergbefestigung
Detkschitsch,  nehmen  den  Kommandanten  gefangen,  zernieren  Tusi
und  besetzen  Bjelopolje.
        <pb n="468" />
        458  —  —o—#

14.  Oktober.  Antkwort  der  Pforte  auf  die  Note  der  Großmächte:


„Der  Minister  des  Aeußern  gibt  sich  die  Ehre,  Euren  Exzellenzen,
den  Bolschaftern  der  fünf  Grohmächte,  mitzuteiien,  daß  die  Vor  die
Durchführung  von  Reformen  in  den,  rumelischen  ihen  bereiss
  als  notwendig  anerkannte,  als  noch  keine  Foisen  Inlervention  erfolgt

Die  Pforte  will  diese  Reiormen  mit  fester  Ueberlegung  durchführen,
wen-  sie  die  ökonomische  Entwicklung  dieser  Provinzen  nach  dem  Geiste  der
liberalen  oltomanischen  Konstitution  *s  aun  die  gute  Harmonie  der
heterogenen  Se  die  in  diesem  Teile  des  Reiches  wohnen,  herstellen
werden.  Die  Hauptursache  der  Scheiterung  ai  Reformversuche  in  diesen
Provinzen  e  die  sortdauernden  Aktentate  gewesen,  die  in  dem
Minelpunkte  der  Agitation  geschmiedet  wurden  und  Über  deren  wirkliche
Ablichten  kein  Zweij#el  mehr  bestehen  kann.  Die  kaiserliche  Regierung  Ichen
die  freundschaitliche  Intervention  der  Großmächte,  die  dadurch  d
unglücklichen  Folgen  des  Krieges  verhbwdern  wollen,  was  die  Pflicht  ir
Fivilisierten  Welt  ist.  Die  Regierung  hat  aus  eigener  Znleiatioe  beishloffen,
sofort  nach  der  Kammereröffnung  Rejormen  auf  der  Grundlage  des  Re
ments  vom  Jahre  1880  vorzunehmen  und  der  kaiserlichen  Sanktion  zu  hieute
breiten.  Die  Großmächte  mögen  überzeugt  sein,  daß  die  türkischen  Behörden
diese  Reformen  nach  ihrer  Vekanntmachung  gewissenat  durchtühren  werden.
Es  wäre  unrecht,  eine  Vernachlässigung  und  d  e  Verzögerung  des  allen
Rcgimes  der  jetzigen  Regierung  in  die  Schuhe  b  schieben,  die  beschlossen
hat,  mit  den  Jrrlümern  der  Vergangenheit  zu  brechen.

15.  Oktober.  Unterzeichnung  der  Friedenspräliminarien  mit
Italien  in  Ouchy  in  der  Schweig.  (Siehe  Italien.)

15.  Oktober.  Abbruch  der  diplomatischen  Beziehungen  mit
Serbien,  Bulgarien  und  Griechenland.

17.  Oklober.  Beginn  der  Feindseligkeiten  an  der  bulgarischen
und  serbischen  Grenze.

17.  Oktober.  Note  an  die  serbischen  und  bulgarischen  Gesandtschaften.


Wegen  der  bulgarischen  und  serbischen  Note,  die  eine  Einmischung

in  die  inneren  Angelegenheiten  der  Türkei  darstellt  und  wegen  der  Mobilisation
  dieier  beiden  Staaten  und  der  täglichen  Scharmützel  sieht  die  Pfortc,
tros  ihres  Wuniches,  den  Frieden  zu  erhalten,  daß  der  Friede  zwischen
der  Türkei.  Serbien  und  Bulgarien  weiterhin  unmoglich  ist.
Sie  hat  sich  daher  entchloisen,  der  Miision  der  Gejondten  von  Bulgarien
und  Serbien  ein  Ende  zu  setzen  und  forderl  sie  auf,  ihre  Pässe  zu  nehmen
und  zi  ürem  Perional  das  oltomauische  Gebict  jo  schnell  wie  möglich
zu  verlast

17.  Oktober.  Bejetzung  von  Kurkale  durch  bulgarische  Truppen.

§.  Oklober.  Besetzung  von  Mustafa-Pascha  auf  dem  Wege
von  Adrianopel  durch  bulgarische  Truppen.

20.  und  21.  Oktober.  Hefltige  Kämpfe  mil  den  Bulgaren  vor
der  Festung  Kirk.  Kilisse  bleiben  unenkschieden.
        <pb n="469" />
        Fchei.  (Lüober  24.—November  2.)  459

24.  Oktober.  Die  Bulgaren  erobern  Kirk-Kilisse,  nachdem
sich  die  türkische  Besatzung  nach  Adrianopel  gereklet  hat.

26.  Oktober.  (Uesküb.)  Nach  dem  Rückzug  der  Garnison
rücken  die  serbischen  Truppen  unter  dem  Besehl  des  Kronprinzen
in  die  Stadt  ein.

27.  Oktober.  Der  Kriegsminister  erläbßt  einen  Zirkularbefehl.
worin  diejenigen  Offiziere,  die  ohne  stichhaltige  Gründe  versäumen,
den  an  fie  ergangenen  Besehlen  nachzukommen,  mit  Strafe  bedroht
werden.

27.  Oktober.  Die  montenegrinischen  Truppen  vereinigen  sich
in  Sjenißa  im  Sandschak  Nowibasar  mit  den  Serben

27.  Oktober.  Professor  Bier,  der  langjährige  Leibarzt  des
früheren  Sultans  Abdul  Hamid,  begibt  sich  als  Leiler  des  Roten
Halbmondes  auf  den  Kriegsschauplatz,  um  die  Kranken-  und  Verwundetenpflege
  zu  organisieren.

28.  Oktober.  (Konstantinopel.)  Als  Anstifter  der  Panik
von  Kirk--Kilisse  werden  der  egyptische  Prinz  General  Asis  Pascha.
der  Gonverneur  von  Kirk-Kilisse  und  einige  Offiziere  unter  Anklage
gestellt,  sowie  200  Soldaten  wegen  Feigheit  erschofsen.

W.  Oktober.  Der  Khedive  von  Egypten  wird  vom  Sultan
in  Audien)  empfangen.

29.  Oktober.  Der  Großwesir  Ghazi  Ahmed  Mukthar  demissi
Kiamil.-Pascha  wird  zu  seinem  Nochsolger  ernannt.

29.  Oktober.  Beginn  des  Bombardements  von  Adrianopel
durch  die  Bulgaren.

30.  Oktober.  (Saloniki.)  überführung  des  Ersultans  Abdul
Hamid  an  Bord  des  deutschen  Stationsschiffes  „Loreley“  nach
Konstantinopel.

29.—0.  Oktober.  Niederlage  der  Ostarmee  bei  Lüle  Burgas.

30.  Oktober.  An  Stelle  von  Abdullah  Pascha.,  der  bisher
die  Ostarmee  befehligte,  übernimmt  Kriegsminister  Nasim  Pascha
das  Kommando  über  diese  Armee.

30.  Oktober.  Serbische  Truppen  des  Generals  Wynkotitsch
nehmen  die  Stadt  Inek  ein.

2.  November.  (Konstantinopel.)  Eine  plötzlich  ausbrechende
Furcht  vor  Christenmebeleien  durch  die  demoralisierten,  flüchtig  in
die  Hauptstadt  zurücklehrenden  Truppen  veranlaßt  die  Bolschaften
zu  Schutyzmaßregeln  und  zu  Vorstellungen  bei  der  Regierung.  für
schleunige  Rücksendung  der  Armee  nach  Anatolien  Sorge  zu  tragen.
        <pb n="470" />
        460  Fis  (November  2.—10.)

2.  November.  Exsultan  Abdul  Hamid  wird  von  dem  deutschen
Slationsschiff.  Loreley“  in  das  Palais  Beyler  Bei  auf  der  asiatischen
Seite  des  Bosporus  Überführk.

#3.  November.  Unter  dem  Eindruck  der  Niederlage  der  Ostarmee
  und  ihres  fluchtartigen  Rückzuges  hinter  die  Tschataldscha-Linie
  teilen  der  Großwesir  und  der  Minister  des  Außern  den  Botschaftern,
  in  erster  Reihe  denen  Frankreichs  und  Ssterreich-  „Ungarns.
mit,  daß  die  oltomanische  Regierung  sich  entschlossen  habe,  die
Mächte  um  ihre  Vermittlung  zu  ersuchen,  damit  die  Feindseligkeiten
eingestellt  und  die  Unterhandlungen  zum  Zwecke  des  Friedensschlufses
degennn  erden  können.

sügen  die  Minister  hinzu,  daß  das  geichlagene  türkliche
Heer  a  lic  die  Mannschaffen  moglichst  rasch  i  in  ihre  Heimat  zurückgeichickt
  und  nur  gang  sichere  Elitetruppen  in  allbaiion  geringer
Zahl  nach  Konstantinopel  zurückberufen  werden

6.  November.  Die  Regierung  läßt  auna  ihre  Botschafter
nochmals  „die  Großmächte  um  die  Kollektivmediation  zur  unverzüglichen
  Beendigung  der  Feindseligkeiten  und  Festsetzung  der
Friedensbedingungen“  bitlen.

6.  November.  Die  bulgarische  Armee  erreicht  die  Station
Serres  auf  der  Strecke  Konstantinopel-Saloniki

6.  November.  (Konstantinopel.)  Die  Wasserleilung.  die
unter  französischer  Verwaltung  Konstantinopel  mit  Trinkwasser
versieht  und  das  Wasser  aus  einem  40  Kilometer  von  Konstantinopel
entfernten,  hinter  den  Tschataldscha-Befestigungen  liegenden  See
schöpft,  wird  von  einer  bulgarischen  Streispartie  abgeschnitten.

7.  November.  (Konstantinopel.)  Die  türkische  Preffe  fordert
die  Bevölkerung  auf,  ein  nationales  Verteidigungskorps  zu  bilden,
denn  das  Ergebnis  einer  Vermiltlung  durch  die  Mächte  sei  ungewiß.
  Die  Rektung  der  Türkei  hänge  von  der  Verteidigung  der
Tschataldscha-Linie  ab.

7.  November.  Der  Kommandant  der  „Loreley“  Übergibt  der
Verwaltung  des  türkischen  Sanitätsdienstes  in  Konslantinopel
15  Pfund,  die  von  der  türkischen  Regierung  der  Mannschaft  der
.„Loreley“  für  die  überführung  des  ehemaligen  Sultans  Abdul
Hamid  überwiesen  worden  waren.

5.  November.  Saloniki  und  das  Fort  Karaburun  kapitulieren.
25½0)  Mann  ergeben  sich.  "

10.  November.  Die  „Frankfurler  Zeitung“  bringt  eine  übersicht
  über  die  Nationalitäteverhältnisse  der  Balkan-Halbinsel.
        <pb n="471" />
        Fũrkiei.  (November  10.)  461

Von  dem  Vollergewimmekl  in  den  Balkanländern  kann  man  sich  einen
Begriff  machen,  wenn  man  ül,  daß  die  eihnographische  Wissenschaft  für
die  europäische  Türkei  etwaa  ½5  EW  zählt.  Wir  nehmen  sieben
DHaupigruppen  an  und  geben  ihnen  die  geläufigen  Namen:  Türken,  Griechen,
Bulgaren,  Serben,  Rumänen,  Albaner  und  Zinzaren  oder  Kuzo-Walachen.
Bulgaren  und  Serben  sind  Slawen;  Griechen,  Rumänen,  Alboner  und
Zinzaren  sind  Gräko-Vatiner.  Bei  den  Türken  unterscheidet  die  Wissenschaft
  eigentliche  Türken,  Turkmenen  und  Tataren;  die  Serben  bestehen
aus  eigentlichen  Sihen  Bosniaken,  Tschernagorzen  (Montenegriner),  Uskoken
  uim.  Außerdem  wohnen  auf  der  Balkanhalbiusel  mehr  oder  minder
erhebliche  Vruchteller  von  solgenden  Nationalitäten:  Russen,  Polen,  Deutsche,
Magyaren,  Juden,  Nraber,  Detenter,  Ticherleisen  und  Zigeuner.  Die
Türken  wohnen  nirgends  in  geichlossenen  Maisen  beisammen,  sondern
sind  umter  die  andere  Bevölkerung  Achreut  .  ke  Gegenden  gibt  es
nur  vereinzelte  türkiiche  Beamte.  Auch  ist  die  Talsache  wahrnehmbar,  daß
die  Türken  sich  langsom  nach  Koninmtintovor  zun  Rleinasien  zurückhiehen.
Das  türkische  Gebiet  in,  Lutobo  zählte  bisher  6  13####n  Einwohner:  davon
waren  nur  noch  1  36100(XX)  Türken:  das  ist  rund  ber  jünn  Teit  der  Bevölkermg.
In  Bulgarien,  drnsd  uͤrg  rlen  vor  me  30  Jahren  verloren  haben,
66,  es  immer  noch  (Zötu#  von  1910)  4  Türlen  an;  doch  schwindet
ihre  Zahl  zuichends,  denn  sie  hat  vor  15  Jahren  noch  560000  berwagen,
Bulgarien  zählt  gegenwärtig  rund  4  Millionen  Einoenmer.  Die  Grie
hielt  man  früher  für  die  verbreitelste  Nationalität  der  Halbinjel,  weil  nen
alle  Bekenner  der  orthodorxen  Religion  für  Griechen  hielt.  Davon  ist  man
aber  zurückgekommen.  Unvermischte  Griechen  wohnen  in  den  südlichen
Teilen  Albamens  (Cpirus)  und  Mazedoniens,  serner  an  den  Küsten  des
Aegäischen  und  des  Schwarzen  Mecres  bis  hinauf  zur  Mündung  der
Donau,  auf  den  Inieln  des  Aegäischen  Meeres  und  an  den  Küsten  Rleinaliens.
  Die  Bevölle.  rungszahl  des  Königreichs  beträgt  gegenwärtig  (Zählung
von  17)  26  42u;  bie  Zahl  der  Griechen  überhauvt  dürite  eiwa  ach!l
Millionen  bemagen.  Die  Bulgaren  wohnen  ziemlich  geschlossen  im  hemigen

Nönigreich  sowie  in  einem  großen  Teil  von  Mazedonen;  im  Wenten  greifen
sie  nach  Serbien  und  Albanien  über,  im  Süden  sind  sic  mit  Albanern,
Türken  und  Griechen  gemücht.  Nach  einer  neueren  Stalistik  zähm  Magedonien
  1  331/  N1  Einwohner,  die  sich  wie  solnt  verleilen:  4101XM|christliche
  und  46110  mohammedaniiche  Bulgaren  VPomaken,  3S5NK)  Albaner,
antN  Türken,  1451(X  11  Griechen,  12/10/X1  Serben,  95(Uj  Jinzaren  und
AutK  spaniiche  Se  die  meist  in  Saloniki  d#tzen.  Der  Rest  beücht  aus
Zigeunern  und  Fremden.  Man  sicht,  daß  aus  Maszedonien  nicht  leicht  ein
lebensfähiger  autonomer  Staat  zu  bilden  ist,  daßm  aber  auch  die  Teilung
ihre  Schwierigkeiten  hat,  da  die  einzelnen  n.  vaaen  nicht  beijammen
wohnen.  Nur  die  Bulgaren  wohnen  in  größeren  Massen;  die  Auedehnung,
die  ihnen  der  Vertrag  von  San  Sleiano“  gegeben,  der  PVerliner  Nongreß
aber  wieder  genommen  hat,  sällt  so  giemlich,  den  Hasen  von  Kawala  am
Acgäl#chen  Meere  eingeschlossen,  mit-  bem  von  ihnen  bewohnten  Gebiele
zuiammen.  Am  übelsten  8  die  S  n  daran.  Sie  fũllen  nicht  einmal
ihr  eigenes  Königreich  aus.  das  sie  0  Shronten  mit  !.  Butgaren  und  Albanern,
  im  Nordoslen  di  rdaee  teilen  müsien.  Die  Hauvimasie  ihres
Stammes  wohm  außerhalb  ihrer  b  in  Bosnien,  Montenegro,
Türkei,  Unga  Der  Ausgang  nach  dem  Meere  ist  ihnen  im  Südotten
durch  Vangllen  und  Griechen,  im  Südwesten  durch  die  Albaner  und  Montcnegro
  verrummell.  Das  K#nigreich  Serbien  zählt  jet  (Zöhlung  von  1910)
2  nnn)  Einwohner.  Die  Zahl  der  in  der  bisberigen  Türkei  wohnenden
Serben  wird  von  ihnen  auf  13411uu#u  angegeben.  Die  Alboner,  auch
        <pb n="472" />
        462  Tirtei.  (November  11.  12.)

Stipetaren  und  Arnauten  genannt,  sind  die  wildege  Völkerschaft  der  (Hoalbe
injel;  selbst  den  Türken  ist  es  nicht  gelungen,  sie  zu  bändigen.  Die  Aldaner

latinischen  Abstammung  und  Geschichte  haben  sie  viele  Beziehungen  zu  den
Aalienern;  in  Süditalien  selbst  leben  eiwa  100000  Albaner:  der  italienische
Staatsmann  Kriri  war  albanischer  Abstammung.  Die  Zahl  der  Balkanabane
  soll  eiwa  1/  Mültonen  betragen;  im  Norden  sind  sie  mit  Serben,
im  Osten  mit  Wakren  im  Süden  mit  Griechen  vemiicch.  Die  Zie
horen  ,  auch  Mozedo-  und  Kuzowalachen  genannt,  sind  den  Rumänen
verwandt.  Ihren  Namen  haben  sie  davon,  daß  sie  die  Zahl  fünf  nicht
Stichintsch-  wie  die  Rumänen,  sondern  „zinz“  aussprechen.  Sie  zählen
elwa  r  3200000  Korffe  und  bewohnen  das  Pindusgebirge,  wo  sie  meist  als
Hirten  leben.  Sie  kommen  wirgende  rein  vor;  im  Norden  ihrer  Wohnplätze
  sind  sie  mit  Albanern,  im  Süden  mit  Griechen  h  Auf  staatliche
  Selbständigkeit  können  sie  daher  wohl  koum  Anspruch  machen.  Die
umänen  sind  im  Siee  zu  einer  fast  völligen  Abrundung  gelangt;
südlich  von  der  Donau,  in  Serbien  und  Bulgarien,  wohnen  höchstens  noch
200000  Rumänen.  Norziich  von  der  Donau  wohnen  Rumänen  in  Bessarabien,
das  Rumänien  an  Rußland  abtreten  mußte,  sowie  in  großer  Zohl  in  Ungarn.
btam  Sien  gehört  nicht  #  Ve#tanbund,  der  gegen  die  Türkei  Krieg  führt,
aber  man  vermutet,  daß  es  Ansprüche  erhebt,  wenn  die  Teilung  kommt.
Der  Kuzowalachen,  als  chiner.  verwandten  Volkerschast,  haben  sich  die  Rumänen
  1  Gangenome
lich  noche  fie  Angaben  über  die  Nationalitätsverhältnisse
von  u  S  heSlh  nh  in  denen  sich  das  Gemisch  der  ganzen  Halbiusel
wwiegen,  Die  letzten  amtlichen  türkischen  Schädnicgen  stammen  aus  dem
Ja  1835;  damals  zählte  die  Stodt  rund  #374/  /X)  Einwohner,  die  sich
wie  E  vericilen  335000  Lürten  (oder  eigentlich  ansm  dann  153000
riechen,  156000  Armenier,  15000  Juden,  5iK#)  Bulgaren  und  130000
Fe#de,  unter  *  sich  501XX„  T-hl.  griechiicht  Unterbandt  befanden.  Neuere
Schähungen  geben  die  Zahl  der  Einwohner  der  Siadt  samt  ihren  gahlreichen
  Vororten  ausf  112917X1  an:  darunier  sind  557000  Mohammedaner,
275/XV  Griechen  (mit  den  500X0  griechischen  Unlertanen),  105000  Memenier.
45000  Juden,  7200  Bulgaren  und  110000  Fremde.  Daß  die  Armenier
so  stark  gurückgegangen  sind,  daran  ist  direkt  und  indirekt  das  Blutbad
schuld,  das  Abdul  Hamid  in  den  Jahren  1896  und  1897  unter  ihnen  anrichten
  ließ.

11.  November.  (Saloniki.)  Eingug  der  griechischen  Truppen
unter  Kronprinz  Konstantin  und  wenige  Stunden  darauf  der
Bulgaren  unter  Kronprinz  Boris  und  Prinz  Kyrill.

12.  November.  (Konstantinopel.)  Der  Großwesir  Kiamil
Pascha  bespricht  sich  mit  dem  ersten  Dragoman  der  bulgarischen
Gesandtschaft  Popow  üÜber  direkte  Friedensverhandlungen.

12.  November.  (Adrianopel.)  Die  Türken  machen  gegen
Norden  und  Nordwesten  einen  Ausfall  mit  ekwa  einem  Regiment
in  der  Richtung  auf  Ekmekschiköi  (elwa  zehn  Kilometer  nordwestlich
Adrianopel  gelegen)  und  auf  dem  rechten  Ufer  der  Tundja.  jedoch
ohne  Erfolg.
        <pb n="473" />
        Tiür  (November  13.—19.)  463

13.  November.  Beginn  des  Artilleriekampfes  an  der  Tschataldscha-Linie.


13.  November.  (Durazzo.)  Protest  der  nationalen  Organisationen
  Albaniens.

Namen  Albaniens  erheben  wir  gegen  die  Beleidigungen  und
solschen'  Anschuldigungen,  die  der  serbische  Minister  Pasitsch  gegen  Albanien
erhoben  hat,  Einspruch.  Die  Albaneien  protestieren  gegen  die  Einkerkerungen
  und  gegen  die  Ausrottung  der  Albanesen  in  nossowo.  Ins-#cbein
  wurden  auch  die  albanesischen  Kriegsgefangenen  ermordet.  Die

lbanesen  werden  die  Zerstückelung  Albaniens  niemols  zugeben,  sie  werden
eher  den  Tod  erleiden.  Drei  Millionen  Albanesen  rufen  die  Hilfe  des
zivilisierten  Curodas  und  der  Diplomatie  für  die  Integrität  und  Freiheit
der  Albanesen

mn  Toember  Der  Kreuzer  „Hamidije“  beschießt  vom  Marmarameer
  aus  eine  bulgarische  Division  bei  Bogados.

17.  November.  (Konstantinopel.)  Landung  italienischer  .
englischer  Matrosen  in  Pera  und  Stationierung  der  „Loreley“
Haidar-Pascha,  dem  Ausgangspunkt  der  anatolischen  Cllenbehn.

17.  November.  An  der  Tschataldscha--Linie  wird  der  Oberbefehlshaber
  Mahmud  Mukhtar  Pascha  beim  Rekognoszieren  von
drei  Keenn  getroffen  und  schwer  verwundet.

Im  deusschen  Hospital  in  Konstantinopel  wird  eine  Kugel  aus  seiner
Beinwunde  entfern

18.  *  Kein  Heiliger  Krieg.

cheich-ül.  Islamat  hat  an  alle  jrrrigiie  Kadis  in  Anatolien
  —  e  ein  Ntgtantelegamn  erichtet,  in  dem  es  die  Nolwendigkeit
  hervorhebt,  das,  während  des  Sersche  in  überall  Ordnung
herriche  und  die  Eintrocht  unter  den  verichiedenen  Teilen  der  Bevöllerung
noch  erhöht  werde.  Das  Scherisot  sichere  Mohammedanern  wie  Nichtmohommedanern
  Gleichheit  zu.  Die  Kadis  werden  aufgefordert,  die  Bevölkerung
  hierüber  gustulären,  rl  sie  nicht  durch  die  Einslüsterungen  von
Agitatoren  geläuscht  werden

18.  November.  (ensenkinepel  Dem  Umsichgreisen  der
Cholera  kritt  der  internationale  Gesundheitsrat  energisch  entgegen.
nachdem  festgeslellt  ist,  daß  der  Dercossee,  der  die  Stadt  mit  Wasser
versorgt,  infiziert  ist.

18.  November.  (Konstantinopel.)  Truppenlandungen  von
sämtlichen  anwesenden  wausländischen  Kriegsschiffen  in  einer  Gesamtstärke
  von  2000  Man

18.  November.  —  Monaslirs  durch  die  Serben  nach
heftigem  Kampfe.

19.  November.  Die  angebotenen  Waffenstillstandsbedingungen
des  Balkanbundes.
        <pb n="474" />
        464  Tũrkti.  (Noveniber  26.  —  Mitte  Dezeniber.)

e  Psorte  verpsflichtet  lich,  keine  neuen  Trup#  zusammenghiehen

  tür  W  Ts  aäumen  die  he  bel  und  die

stung  Adrianopel.  Dibre  „Janin  a  und  Skutari  kapitulieren  in  irgendeiner

  Form.  Man  läßt  die-  Pforte  2  se  daß  ihr  Konstanlinopel  mit

einem  Teile  der  europäischen  Türkei  I  bis  zur  Linie  Midia  (Schwarzes  Meer)
—Modosto  (Marmarameer)  verblei

26.  November.  Bersuch  vreneer  Verhandlungen  mit  Aulgarien.

Die  bulgarische  Forderung,  Adrianopel  solle  von  den  Türken  geräumt
  werden,  wurde  bei  der  ersten  Verhuno  *5*U  en  aa
zurückgewiesen.

26.  November.  (San  Stefano.)  Legationsrat  Dr.  Bumiller,
der  frühere  Adjutant  Wissmanns,  1  an  der  Cholera,  46  Jahre  alt.

27.  November.  Der  für  die  Verhandlungen  gewährte  Waffenstillstand
  an  der  Tschataldschalinie  läuft  ab.

November.  Eine  Nationalversammlung  aus  Vertretern  aus
allen  Teilen  Albaniens  verkündet  in  Valona  die  Unabhängigkeit
Albaniens  und  wählt  eine  provisorische  Regierung  mit  Ismail
Kemal  Bei  als  Präfddenten.

2.  Dezember.  (Albanien.)  Erfolglose  Beschießung  von  Valona
durch  ein  griechisches  Kanonenboot.

3.  Dezember.  (Tschataldscha.)  Abschluß  des  Waffenstillstandes
mit  usgaren*  Srbbien  und  Montenegro.

t  sich  auf  den  vom  Sobranjepräsidenten  Dane  w  vorgeschlagenen
  1  der  soee  Benungen  fesisett:  1.  Die  kriegführenden
Her#e  bleiben  in  ihren  Stellungen.  2.  Die  belagerten  Festungen  werden
nicht  neu  verproviomtiert.  3.  Die  Zufuhr  von  Lebensmitteln  für  die  bulgaüüche
  Armee  wird  über  das  Schwarze  Meer  und  Adrianopel  geltzehen  und

t  vom  zehnten  To  nach  Abschluß  des  Wasenhalseneh  Die
Auttbensuochondfungen  werden  am  13)  Dzem  mber  in  London  boiinndd.

15.  Dezember.  Eröffnung  der  Neubauslrecken  der  Bagdadbahn
von  Aleppo  nach  Radjou  im  Amanusgebirge  und  von  Aleppo  nach
Djerabulus  am  Enphrat  in  einer  Länge  von  200  Kilomeker.

17.  Dezember.  Ein  Versuch  griechischer  Kriegsschiffe,  die  Einfahrt
  in  die  Dardanellen  zu  erzwingen,  wird  ausgegeben,  nachdem
der  griechische  Panzerkreuzer  „Aweroff“  einige  Schüsse  von  türkischen
Schiffskanonen  erhalten  hatte.

Mitte  Dezember.  (Janino.)  Das  Ende  der  Garibaldilegion.

Bei  einem  Vorstoß  gegen  Jmin.  durch  türkische  Artillerie  wirksom
beschossen,  muste  Ricciotti  Garibaldi  nach  zweitägigem  Kampfe  die  am
10.  Desember  besenne  Stellung  taann  Pen  und  Orislo  räumen.  Beim
Rücduge  musiten  22  Freischörter  in  der  Rirche  von  Orisko  ihrem  Schicksol
überlassen  werden.  Sie  wurden  sämtlich  von  den  Türken  niedergemacht.
Die  Verluste  der  Garibaldiregion,  die  ihre.,  Aufgabe  für  beendet  hölt“  und
sich  in  kleinen  Truvvs  auf  dem  Rückmarich  noch  Athen  befindet,  betragen
3)  Totc  und  2100  Verwundete,  das  ist  ungeiöhr  ein  Drinel  der  Geiamsstärte.
        <pb n="475" />
        Tüstei.  (Dez.  30.)  Eypppirn.  (Feb.27.  Dez.  23.)  Hulgerirn.  (Feb.  2.—März27.)  465

30.  Dezember.  binen  Note  der  Pforte  an  die  Großmächte.

Darin  werden  diese  an  ihre  Erklärungen  erinnert,  daß  den
lerritorialen  Status  8  hi  Abssch  a  das  Ergebnis  der  Feindseligkeiten
  aufrechterhalten  würden.  Die  Pforte  wendet  sich  dann  gegen  die
für  sie  unannehmbaren  Ansprüche  d%  Pele  und  ruft  gegen  sie  die
Intervention  der  Großmächte

2.  Egypten.
27.  Februa.  General  Kitchener  eröffnet  die  375  Kilometer
lange  Wirbe  Chartum-Obeid.
Es  fehlen  zur  Vollendung  der  fast  8000  km  langen  Eisenbahnlinie

vom  Kap  nach  Kairo  noch  die  8900  km  zwischen  El  Obeid  und  Stanley
Ville  im  Nongo.

23.  Dezember.  Eröffnung  der  großen  Stauwerke  in  Affuan  zur
weiteren  Ausbreitung  der  regelmäßigen  Nilllberschwemmungen.

XVIII.
Bulgarien.

2.  Februar.  Großjährigkeitserklärung  des  Kronprinzen  Boris.
Der  Deutsche  Kaiser  wird  bei  der  Feier  durch  den  Prinzen  Friedrich
Leopold  von  Preußen  vertreten.

20.  Februar.  Unterzeichnung  des  Vertrages  mit  Rußland
über  die  Verzinsung  der  durch  die  Besetzung  Ostrumeliens  entstandenen
  und  von  Rußland  vorgestreckten  Kosten.

Schuld,  die  10630250  Rubel  in  Papier  beträgt,  soll  vom
weusendd  Jobhr  an  in  zwei  Annuitäten  von  250000  Rubel  ohne  Zinsen
beglichen  zwerden.  Der  Vertrag  wird  später  der  Sobranje  zur  Genehmigung

6.  März.  Die  Sobranje  hat  den  Gesetzentwurf  ülber  die  Einführung
  des  Proportionalwahlsystems  für  die  Sobranje  im  ganzen
angenommen.

3.  März.  Erbffnung  einer  nationalen  Geldsammlung  zum
Ankauf  von  Flugzeugen  für  die  Arm

21.  März.  Durch  den  neuen  Handelsvertrag  mit  Bsterreich-Ungarn
  wird  die  Ausfuhr  von  12000  Stück  Großvieh  über  Widdin
  52,  gestattet.

27.  März.  (Sobranje.)  Annahme  des  Handelsvertrags  mit
Ssterreich-Ungorn.
Europischer  Gelchichtetalender.  Lltl.  30
        <pb n="476" />
        466  Balgarin.  (April  29.  —  August  13.)

29.  April.  Die  gesamte  Presse  wendet  sich  enttäuscht  und
entrüstet  gegen  die  friedliebenden  Außerungen  Ssasonows  in  seiner
Dumarede  vom  26.  April.  (Siehe  Rußland!)

Selbst  der  ßert  nussobhile  „Den“  schreibt  „Wir  begreifen,  dah
Rußland  den  Frieden  will,  weil  es  ihn  brauch  Der  Friede  auf  d
Balkanhalbinsel  konn  rber.  nur  dann  gewahrt  w#  nien,  wenn  in  Mgeonien
die  europäische  Kontrolle  neu  eingeführt  wird.“  Das  Blatt  erinnert  Rußland
  an  seine  1908  erlassene  Erklärung,  daß  die  Mächte  die  Reformation
wieder  aufnehmen  würden,  wenn  sie  –  das  jungtürkicche  Regime  enttäuscht
  werden  sollten.  Dieser  Fall  heute  bereits  eingertreten.  Die
stambulistische  „Wolljo“  schreibt:  „Die  K  bee  be  lann  die  watsvonischen
Bulgaren  leicht  in  die  Arme  Oesterreich.  ungerns  werien.  Deshalb  war  e
die  Ausgabe  der  russischen  Diplomatie,  für  die  Bulgaren  in  der  Türtei,
r#n  nicht  durch  die  Tat,  so  wenigstens  durch  ein  e  giwen  Wort  einzutreien.

ges  hat  Ssasonow-  leider  nicht  sieta  Seine  Rede  ist  ein  schreiender
M  denn  es  gibt  niemand  rn  in  Bulgarien,  der  glauben  würde,

daß  die  Türken  ihre  —  Politik  einstelen  werden,  solange
uns  Rußlond  Vorsicht  p
1.  M  Fe#uninscnerhace  auf  magedonische  Parteiführer.
he  heworragende  Mozedonier,  dorunter  der  frühere  Minster
Genodien.  ber  jebige  Führer  der  Stambulovistenpartei,  Matow,  der  Vorsitzende
  des  mazedonischen  Zemralkomilees,  der  Nubi  zzist  Simeon  Radem
und  andere  erhalten  angebliche  Buchsendungen,  die  Si0h  bei  nöherer  Untersuchung
  als  Höllenmaschinen  erweisen.  Die  Sendungen  kommen  aus
gupten.  Sie  werden  als  verdächtig  gleich  vom  ersten  Adressaten  an  die
Behörden  geleitet.

Anfang  Mai.  Eine  Reise  des  Sobranjepräsidenten  Dr.  Danem
nach  Belgrad  und  Livadia  wird  als  ein  Mittel  zur  Anbahnung
eines  Bündnisses  ausgelegt,  das  der  Stellung  Rumäniens  auf  dem
Balkan  gleichsam  als  des  Mandataren  des  Dreibundes  entgegentreten
  soll.

17.  Mai.  Bei  Kurutepe  kommen  die  Grenzposten  mit  türkischen
  Soldaten  in  ein  Scharmützel,  wobei  ein  Türke  getötet  und
einer  re  wird.

uni.  Die  Presse  tadelt  den  König,  daß  er  sich  als
Fuchchnen  hat  feiern  lassen,  was  einen  Freibrief  für  neue  türkische
  Willkürakte  bedeute,  und  daß  er  überflüssigerweise  wieder
Geschäfte  seiner  Dynastie  als  wahre  Interessen  Bulgariens  vertreten
  habe.

4.  August.  Der  Ministerrat  hat  die  Einberufung  zu  dreiwöchentlichen
  Waffenübungen  von  zehn  Reservejahrgängen  bei  der
Infanterie,  zehn  bei  der  Artillerie  und  sechs  bei  der  Pioniertruppe
beschlossen.

13.  August.  Aus  Anlaß  der  Niedermebelung  bulgarischer
        <pb n="477" />
        Halsarien.  (August  15.—  September  25.)  467

Christen  in  Kotschana  finden  im  ganzen  Lande  kriegerische  Demonstralionen
  statt.

In  der  dabei  angenommenen  Resolution  heißt  es:  „Die  täglichen
Morde,  die  erwese#nen  Metzeleien  und  Bedrückungen  zwingen  bie  Bewohner
ganzer  Städte  Mazedoniens  und  des  Wilajels  Adrianopel  zur  Auswanderung.
und  während  die  Türkei  die  Bulgaren  ausrotlet,  ermurigt  und  zieht  sie
gleichzeitig  die  mohammedanischen  Albaneien  heran,  um  auf  dieie  Weise
den  dulgarischen  Chorakter  der  Bevölkerung  Mazedoniens  und  Adrianopels
auszutilgen.  Gegenüber  der  tiefgesühlten  Emtrüstung  der  bulgarischen  öffentlichen
  Meinung  würde  ein  untätiges  Zusehen  der  Regierung  die  Ordnung
und  Ruhe  im  Lande  bedrohen.  Die  Nesoion  sordert  doher  die  Neirungg
ani,  alle  L#ssctshwen  zu  ergreifen,  um  Mazedonien  und  das
Adrianovel  vom  türkischen  Joche  zu  befreien,  in  dem  Bewußtsein,  votu  #½
ganze  Nation  sie  einmürig  unterstützen  wird.“  (Siehe  Türkei  1.  August.)

15.  =  Regierungsjubiläum  des  Konige.

Am  August  1887  leistete  der  am  7.  Juli  von  der  großen  Nationalversammlung
  in  #no0  hewählte  Fürst  den  Eid  Dau  die  Verfassung.

15.  August.  Vom  Unterrichtsminister  Bobtschew  wird  im
„Matin"  folgendes  Interview  bekannt  gemacht.

„Es  besteht  eine  Verständigung  zwischen  Bulgarien  und
Serbien,  aber  keine  Allianz.  Serbien  und  Bulgarien  haben  gemeinsame
Interessen  und  Bestrebungen.  Selbstverständlich  wollen  sie  in  Uebereinstimmung
  handeln.  Dieser  Zweck  kann  ohne  endgültige  Arrongements,
ohne  Bindung  erteich  werden.  Und  es  ist  unerläßlich,  daß
Tage,  desien  Morgenröte  nahe  ist  und  wo  die  orienkusa.e  Frage  für  immer
gelöit  werden  wird,  die  Hände  frei  haben.  unsere  Rechte  gellend  zu  machen.
Vielleicht  können  schon  in  zwei  oder  drei  Wochen  wunderbare  Verönderungen
vor  sich  gehen.  Jede  Stunde  bringt  uns  der  unvermeidlichen  Losung  näher.“

17.  August.  Einberufung  der  beurlaubten  Offiziere.

12.  September.  Die  Regierung  richtet  an  die  Mächte  ein
Memorandum  mit  folgenden  Reformpunkten:

edonien  soll  das  Gebiet  umfassen,  auf  das  die  in  Mürzüeg
vereinbarten  Misonhnern  anzuwenden  sind.  Es  erhält  eine  Provinzialverirelung
und  eine  narionale  Milig.  2.  An  seine  Spibe  wird  der  Generalgouverneur
gestellt,  der  mit  Zustimmung  der  Mht-  ernannt  wird.  Wenn  dieier
bulgarische  Regierungsvorschlag,  der  den  Gejühlen  der  ganzen  Nation  entspricht,
  eine  beiriedigende  Aufnahme  dei  den  Mächien  findet,  wir  die  Arise
beient  ein  Ende  haben.  Andernfalls  aber  ist  eine  allgem  e  Mobilung
  unvermeidlich,  denn  die  Regierung  kann  nicht  nehr  zarüc,  da
sie  die  militärischen  Vorbereitungen  zu  weit  getrieben  und  ohne  Einwilligung
  der  KRammer  bedeutende  Kredite  für  Rriegsanschaffungen  usw.
ausgeworfen  habe.

13.  September.  Die  fällige  Beurlaubung  des  ältesten  Jahrgangs
  der  Mannschaften  aller  Waffengattungen  wird  bis  auf
weiteres  aufgehoben.

25.  Seplember.  Die  „Kölnische  Zeitung“  meldet  zu  den  beunruhigenden
  Gerüchten  über  die  Absichten  Bulgarienes:
        <pb n="478" />
        466  Salssries.  (Seplember  27.  -  Cliober  13.)

Es  sei  noch  nicht  jede  Hoffnung  geschwunden,  daß  die  Krife  eine
friedliche  Löjung  erjahren  werde.  Man  fügt  aber  hinzu,  die  unumgängliche
  Vorbedingung  in  dit  Erhaltung  des  Aeenn  sei  die  Einjührung
wirksamer  Nesor  in  Mazedonien,  die  der  Bevölkerung  untier
der  Aufsicht  der  Men  Emie2  Lebensverhällnisfe  verbürgten.  Man  besteht
besonders  auf  der  Anwendung  des  §  23  des  Verliner  Vertrages.  Die  von
der  Piome  versprochenen  Reiormen  werden  als  gänzlich  unzureichend  angeiehen.
  Ein  Bündnie  der  kleinen  Balkanstaaten  zu  einem  Ungriff
auf  die  Türkei  bestehe  nicht.  Dagegen  habe  sich  zwiichen  Bulgarien,  Serbien,
Griechenland  und  Montenegro  eine  Annaherung  vollzogen,  die  jedoch  nicht
notwendigerweise  eine  feindliche  Spitze  gegen  die  Türkei  haben  müsse.

27.  September.  Die  Regierung  richlete  an  die  Mächte  eine
Note  mit  der  Erklärung,  daß.  wenn  sie  der  türkischen  Mobilmachung
nicht  Einhalt  tun,  auch  Bulgarien  seinerseits  mobilisieren  werde.

#.  September.  Die  Regierung  erläht  um  6  Uhr  abends  die
Ordre  für  eine  allgemeine  Mobilifierung  und  gibt  bekannt,  daß
die  Verständigung  mit  Serbien,  Griechenland  und  Montenegro
rückhaltlos  abgeschlossen  ist.

Begründet  wird  dieser  Schritt  mit  der  Zusammenziehung  kürkischer
Truppenteile  bei  Adrionopel  und  an  der  Grenze.  Ueber  das  ganze  Land
wird  der  Belagerungszustond  verhängt.

4.  Oktober.  Die  Regierung  erläßt  ein  dreimonatiges  Moratorium
  mit  rückwirkender  Kraft  vom  30.  September,  jedoch  mit
dem  Rechte  der  Gläubiger,  Zinsen  zu  verlangen.

5.  Oktober.  (Sobranje.)  Am  Jahrestage  der  Unabhängigkeitserklärung
  ohnet  der  König  die  außerordentliche  Tagung  mit

einer  Thron  red

2  es:  „Die  allgemeine  Mobilisotion  in  unserem  Lande
hat  die  Velanbigung  des  Belo“  agerungszustandes  im  ganzen  Königreich
  notwendig  gemacht.  Gemäß  Art.  73  der  Verfassung  sind  Sie  zusommenberusen
  worden,  um  dem  Erlaß  über  die  Erklärung  des  Belagerungszustandes
Ihre  Zustimmung  zu  erleilen  und  ebenio  andere  gesebliche  Mahnahmen
anzunehmen,  die  durch  die  schwere  ##  bedingt  werden,  die  unser  Vaterlond
  durchzumachen  hat.  In  der  Ueberzeugung.  daß  Sie  in  richtiger
Schätung  der  hochsten  Interessen  des  bulgarischen  Stactes  Ihre  Wht
eriüllen  werden,  erflehe  -  Goltes  Segen  für  Ihre  Arbeiten.“=  —
gierung  hat  Geiceenwüne  über  die  Eröffnung  eines  außer  o.
lichen  #redites  von  500  Millionen  Lei  für  Heeresbedürinisse,  eies  Kredites
von  222600000  Lei  zur  Deckung  der  oußerordentlichen  Ausgaben  des  Jahres
19012  und  eines  Ergänzungskredites  von  3471  100  Lei  zum  s  de
Andget  von  1912  eingebracht.  Diese  Kredite  werden  ohne  vorbrrige  Bijum
des  Rechnungehoies  und  des  Finanzministeriums  veransgabt  werd

13.  Ollober.  Reformforderungen  für  die  Türkei.

Die  Note  der  Regierung  verlangt  Autonomic  der  Verwalmng
der  Provinzen,  belgische  oder  Schweizer  Generalgouverneure,  aus  Wahlen
hervorgegangene  Provinziallandtage,  bbandesgendarmertt  und  Milizen  und
freien  Umerricht.  Die  Aueührung  dieser  Rejormen  soll  einem  höheren
Rot  anvertram  werden,  der  sich  aus  Christen  n  Mcämanen  in  gleicher
        <pb n="479" />
        Palzaria.  (Oktober  13.—21.)  469

Zahl  zusammensetzt  und  unter  der  Aussicht  der  Bolschafter  der  Großmächte
und  der  Gesandien  der  vier  Balkanstaaten  in  Konstantinopel  steht.  Die
Worne  wird  aufgefordert,  zu  erklären,  daß  sie  diese  Forderungen  annimmt,
indem  sie  sich  verpflichtet,  die  in  der  Noze  und  in  der  bei  efügten  Ergän.  5#
note  enthaltenen  Bisorgen  binnen  sechs  Monaten  durchzuführen.  Außerdem
soll  die  Pforte  als  Beweis  ihrer  Zustimmung  das  Modtioe  —
rückgängig  machen
3.  Oktober.  Antwort  auf  die  gemeinsame  Note  des  östereichich
  ungarüchen  und  des  russischen  Gesandten.
e  Regierung,  die  mit  den  Regierungen  von  Griechenland  und
Serbien  enin  ist,  drückt  ihren  Dank  für  das  Interesse  aus,  das  die  Mächte
zugunsten  uer  rlzerung  der  europäischen  Türkei  gezeigt  haben.  Sie  ist
sedoch  der  Ansicht,  daß  es  grausam  gewesen  wäre,  nicht  den  Versuch  zu
machen,  für  die  christliche  #rrolterun.  de-  annden  Kaiserreichs
radikalere  und  bestimmtere  Refor  erlangen,  die  allein  ihr
elendes  r  wirklich  besser  gestalten  ürner  nbe:  haben  bie  Regierungen
der  drei  Balkanstaaten  geglaubt,  sich  an  die  Regierung  des  Sultans  direkt
wenden  zu  müssen,  indem  sie  ihm  eue  Reformen,  die  einzuführen  sind,
und  die  Garankien  mitteilen,  die  er  für  ihre  aufrichtige  Anwendung  wird
gewähren  müssen
17.  Otober.  Abreise  des  Königs  ins  Hauptauartier.
18.  Oktober.  Aus  dem  #iscisren  des  Königs.
Unsere  Friedensliebe  ist  erschöpft.  Um  der  christlichen  Berollerung
in  der  Türkei  zu  helfen,  bleibt  uns  "dn  anderes  Mittel  übrig,  als  ur
die  Wafien  zu  wenden.  Wir  sehen,  daß  dies  das  einzige  Mittel  K.  un
dem  wir  ihnen  den  Schutz  des  Lebens  und  des  Eigentums  sichern  können.
Die  Anarchie  in  den  türkischen  Provinzen  bedrohte  selbst  unser
nationales  Leben.  Nach  den  Mepycleien  in  Istip  und  Kotschaona  hat  die
türkische  Ngieruns,  statt  den  Geprüften  Gerechtigkeit  und  Genugtuun
2  währen,  wie  wir  es  gesordert  heten  die  „Mobiissierung  nrer  nneisn
Streirkräste  engesibnnh  Unsere  Langmut  ist  so
Srt  worden.  Die  m  menschlichen  and  christlichen  Gefühle,  ebe

 

eren.  An  unserer  Seite  und  mit  uns  i1  het  mit  dem  2  ziel
Huen  den  gemeinsamen  Feind  die  WWG  der  mit  Bulgarien  veründeten

  Balkanstaaten.  Serbien,  Griechenland  und  Montenegro,
und  in  diesem  Kampfe  des  Lreuzes  gegen  den  Halbmond,  der  Freiheit
gegen  die  Tyrannei,  werden  wir  die  Sympathien  aller  derer  haben,  welche
die  Gerechtigkeit  und  den  Fortschrin  lieben.  Möge,  gestüßt  auf  diese
Sumpathien,  der  tapfere  bulgarische  Soldat  der  Heldentaten  seiner  Bäter
und  Ahnen  eingedenk  lein  und  der  Tapferkeit  seiner  russischen  Lehrer  und
Befreier;  möge  er  von  Sieg  zu  Sieg  eilen!  Nun  vorwärts,  und  Gott  mit  uns!

21.  Oktober.  Barna  wird  von  zwei  türkischen  Kreuzern  erfolglos
  beschoffen.
        <pb n="480" />
        470  Halzarien.  (November  6.—Dezember  16.)

6.  November.  Vorbedingungen  für  die  Annahme  der  Mediation
  der  Großmächte.

e  sofortige  Uebergabe  Adrionopels  und  die  Gesamtbürgschaft  der

—  dafür,  doß  die  Türkei  während  des  zu  bewilligenden  Waßenboe

  leine  Tmuppen  aus  Asien  nach  der  europäischen  Türkei  heranziehe.

122.  November.  Der  Kriegsberichterstatter  der  „Wiener  Reichspost"
  gibt  folgenden  Rückblick  über  die  Operationen  der  Armee  bis
zum  6.  November:

in  Kriegsbeginn  rückte  die  aus  zwei  Divisionen  bestehende  zweite
Armee  neer  General  Iwanow  von  Westen  und  Norden  gegen  Adrionovel
vor.  Gleichzeitig  rückteen  in  die  Gebiete  von  Tamras  und  Kirdschali  die
zweile  und  in  Mazedonien  die  siebente  Division  vor.  Das  Gros  der  Tamrascgruppe
  rückte  später  in  das  Ardatal  ein  und  ging  vereint  mit  der  Gruppe
von  Rirdschali  gegen  die  Südostiront  von  Adrianopel  vor.  Inzwischen
rückte  im  Osften  die  dritte  Armee  unter  General  Dimriewi  in  vier  Kolonnen
von  Norden  gegen  Kirk-Kilisse  vor,  von  denen  die  östli  ,
nachneübekztomasdiebnueabekDmtmaad  ichltcnlich  die  westlichste
oe  über  Tirnowo  disponiert  waren.  Zwischen  diese  beiden  Armeen
urde  das  Gros  der  ersten  Armer  eingeschoben.  Die  Türken  zogen  ihren
sirn  Flügel  schleunigst  auf  Lüle  Burgas  zurück  und  vollsühren  gleichzeitig
durch  Verschieben  ihres  rechten  Flügels  eine  Schwenkung  mit  der  Fr
gegen  Nordwest.  Dieie  Verschiedung  ermöglichte  es  einerseits,  der  bei  der
Armee  Kmimschew  eingekeilten  bulgarischen  Navalleriedivision  einen  raschen
Vorskoß  sowohl  gegen  Eskibaba  zu  machen,  wie  sich  des  Ueber  ergangs  von
Dimotiko  zu  bemächtigen.  Andererseits  *  die  beiderseitigen  Olfensivbewegungen
  zu  der  dreitägigen  Schlacht  bei  Lüle  Burgas  und  Bunarhissar.
Nach  geiallener  Enlicheidung  versuchten  die  Bulgaren,  durch  einen  Vorstoß
über  Saraj  den  Türken  den  Rückzug  abzuschneiden.  Die  Bulgaren  gelangien
  bis  zum  2.  November  in  die  Linic  Strandza—Tscherkeskos—Tschorlu,
wo  die  Türken  in  dreitägiger  Schlacht  eine  neue  schwere  Niederlaft  erliiten
und  in  die  Linie  von  Tichataldscha  zurückgeworien  wurde
Gebiete  findet  jet  der  letzte  Kampf  stalt,  und  die  bangeosfchen  Truppen
haben  .  bereits  mehrerer  wichtiger  Vorpositionen  der  türkischen  Stellung
bemächti
27.  ember.  Einberufung  der  Rekruten  des  Jahrgangs  1914.
16.  Dezember.  (Sobranje.)  Der  Präsident  verliest  ein
Antworttelegramm  des  Königs  auf  eine  Depesche,  worin  das  Präsidium
  dem  König,  dem  Generalissimus  sowie  der  Armee  die  unbegrenzte
  Dankbarkeit  der  bulgarischen  Nation  für  die  glänzende
Erfüllung  der  Pflicht  gegenüber  dem  Vaterlande  ausgesprochen  hatte.
Der  Präsident  verliest  sodann  ein  Teesramm  der  Zentrumsgruppe
der  russischen  Reichsduma,  worin  die  Grunve  den  kriegjührenden
stawischen  Völlern  brüderlichen  Gruß  entbietet  und  die  beste  Zuversicht
ausspricht,  daß  das  Land  ihrer  Vorjahren,  das  die  Slawen  mit  Strömen
Ames  wiedererobert  hätien,  nun  in  ihrem  Besine  verbleiben  werde.  Die
Verleinng  der  Deveiche  wird  mit  lebhaftem  Beisoll  ansgenommen  und  der
Präsident  beanstragt,  der  Zemrumsaruppe  telegraphiisch  den  Dank  2  die
zum  Ausdruck  gebrachten  Sympathien  anszusprechen.
        <pb n="481" />
        Salgarirs.  (Dezember  IR.)  Ramäniks.  (Februar  18.—Juni  20.)  471

18.  Dezember.  Reise  des  Königs  Ferdinand  nach  Saloniki.
wo  er  den  König  von  Griechenland  besucht.

18.  Dezember.  (Sobranje.)  Die  Regierung  beantragt  eine
Verlängerung  des  Moratoriums  bis  zum  30.  Tage  nach  der  Demobilisierung
  einschließlich.

Bewilligung  eines  außerordentlichen  Lredits  von  50  Millionen  Francs
für  die  Armee.

XIX.
Rumänien.

18.  Februar.  Wiederankullpfung  freundschaftlicher  Beziehungen
  mit  dem  ökumenischen  Patriarchat  in  Konstantinopel  nach
fast  achtjähriger  Unterbrechung.

13.  März.  (Kammer.)  Annahme  eines  Gesetzentwurfs,  durch
den  ein  Verkauf  von  geistlichen  Gütern  an  Bauern  zu  günstigen
Bedingungen  gestattet  wird.  Die  Annahme  des  Gesetzes  rief  lebhaften
  Beifall  hervor.

27.  März.  Die  Kammer  nahm  den  Gesetzentwurf  betkreffend
die  Anlage  einer  Petraleumleitung  von  Baicoi  nach  Constanza  an.

1K.  April.  Das  Ministerium  Carp  ist  zurückgetreten  und  der
bisherige  Minisler  des  Außern  T.  Majoretco  mit  der  Bildung
eines  neuen  Kabinetts  betraut.

Das  neue  Kabinett  ist  folgendermaßen  zusammengeietzt:  Maioresco
Präsidium  und  Acuß##r#,  der  bisherige  Uncrrichtsminister  Arion  Innercs,

General  Argelojano  Krieg,  Rosekti  Finanzen,  r*—m  Oeffentliche  Arbeiten.
Die  übrigen  Minister  behalten  ihre  Portefeu

15.  April.  (Kammer  und  Genann  Der  Ministerpräsident
Majoresco  stellt  das  neue  Kabinett  vor.  In  der  Kammer  sagten
der  Führer  der  Konservativen  Carp  und  der  frühere  Minister
Marghiloman,  im  Senat  die  früheren  Minister  Filipescu  und  Delavrancea
  der  Regierung  ihre  volle  Unterstützung  zu.

9.  Juni.  Enthüllung  eines  Denkmals  des  Fürsten  Cusa,  des
Begründers  der  Vereinigung  der  Fürstentümer  Moldau  und  Walachei
zum  Staat  Rumänien.

20.  Juni.  Auf  der  Fahrt  nach  Galatz  bricht  an  Bord  des
ungarischen  Donaudampfers  „Königin  Elisabeth“  Feuer  aus,  wobei
von  den  ins  Wasser  gesprungenen  Passagieren  20  ertranken.
        <pb n="482" />
        472  Annãnita.  (August  24.—Dezember  9.)

24.  August.  (Sinaja.)  Besuch  des  österreichisch-ungarischen
Minister  des  Auswärtigen  Graf  Berchtold  nebst  Gemahlin.

Ende  September.  König  Karl  wird  zum  ruffischen  Generalfeldmarschall
  ernannt.

5  Oktober.  Neues  Ministerium.

&amp;amp;  besteht  zu  gleichen  Teilen  aus  Anhängern  Peter  Carps  und
Tale  “  Müinkienkühent  und  Minister  des  Aeußern  bleibt  Titus
Majoresco,  Minister  des  Innern  Take  Jonescu,  Finanzminister  Alexander
Marghiloman,  herbeuminifter  Nikolae  Filipescu,  Kultueminisler  Konstantin
islesco,  Minister  der  öffentlichen  Urbehen  Alexander  Wadarau,  Handelsminister
  Nikolae  Tenopol,  Justizminister  bleibt  Michael  Cantocuzene.  Nachträglich
  wird  zum  Kriegsminister  General  Harpnu  ern

1.  Aopvember.  Das  Ziel  der  auswärtigen  goluer  der  Regierung.

offiziöse  Organ  „La  Roumainie"“  erklärt,  alle  wilden  Gerüchte
über  die  #esbbi  Numäniens  seien  unbegründet.  Rumä,  mien  sei  friedlich
#ftun  und  neide  nicht  den  chriftlichen  Balkanstaaten  ihre  Erfolge.  Diese
Staaten  hälten  erklärt,  weitgehende!  Besormeen  für  iten  Volksgenossen  in  der
Türkei  anzustreben.  Solleen  sie  a-  noch  so  ausgedehnte  Forderungen
kundtun,  würde  Bumnien  die  b#.ne  seiner  Zustimmung  sormulieren
und  darin  sich  nur  von  den  Gründen  der  eigenen  Sicherdeik  und  dauerhafter
  Entente  mit  der  öremiichen  Nachbarn  leiten  lassen

22.  November.  Kammerwahlen  des  ersten  Wohlkorvers.  Gewählt
  werden:  33  Konservative,  28  konservative  Demokraten  und
15  Liberale.  Zwei  Stichwahlen  find  notwendig.

24.  November.  Kammerwahlen  des  zweiten  Wahlkörpers.
Gewählt  werden:  13  Konservative,  38  konservative  Demokraten.
12  Liberale  und  3  Unabhängige.  Sechs  Siichwahlen  find  erforderlich.


"“  26.  November.  Kammerwahlen  des  dritten  Wahlkörpers.  Es
werden  gewählt:  16  Konservative,  20  konservative  Demokraten,
3  Liberale.  Außerdem  ist  eine  Stichwahl  erforderlich.

1.  Dezember.  (Bukarest.)  Eine  Versammlung  von  10000
Personen  faßt  den  Beschluß,  daß  das  politische  und  wirtschaftliche
Gleichgewicht  des  Balkans  nicht  durch  eine  bulgarische  Vorherrschaft
gestört  werden  dürfe.  Nach  der  Versammlung  wurde  ein  Umzug
durch  die  Straßen  veranstaltet.

9.  Dezember.  Eröffnung  der  aruen  Session  der  neuen  Kammer
durch  eine  Thronrede  König  Kar

„Unter  den  gegenwärtigen  krsan  Umständen  und  in  einem
für  mich  tiej  0  Augenblicke  empfinde  ich  eine  besondere  Genugluung
  darüber,  daß  ich  mich  von  den  Vertretern  ganz  Numäniens  umgeber  n
sehe,  und  so  begrüße  ich  Sie,  die  Sie  zur  eriten  Togung  der  neuen  Legislolurveriode
  versammelt  sind,  von  ganzem  Herzen.  Mit  der  Bildung  der
gegenwärtigen  Regierung  ist  ein  neuerlicher  Appell  an  das  Land  notwendig
        <pb n="483" />
        K##isi.  (Dezember  28.)  Serbitn.  (Januar  5.  30.)  473

eworden.  Aus  den  jüngsten  allgemeinen  Wahlen  hervorgegangen,  sind
Sie  in  der  Lage,  die  wahren  Bedürfnisse  des  Landes  besser  zu  kennen.
Die  Politik  Rumäniens,  in  ihrer  traditionellen  Beständigkeit  als  Politik
Mäßigung  und  des  Friedens  in  den  mit  den  höchsten  Intereslen  des
D  vertröglichen  Grenzen  (Beifall),  hat  uns  in  die  Lage  versetzt,  mit
allen  Staaten  freundschaftliche  eiehungen  zu  zuneerhoten.  und  uns  nament.
lich  des  besonderen  Verrrauens  der  Großmächte  zu  erfreuen.  Rumä
hat  bei  seinem  Bestreben,  zur  Lokalisierung  des  Krieges  behanragen,  ke
über  den  kriegführenden  Balkanstaaten  Neutralität  beobachtek,  wobei  es
jedoch  die  Entwicklung  der  SEreigrise,  die  gebtreiche.  Juteressen  unseres
Staates  berühren,  aufmerksam  verf  elge.  Wir  sind  zu  der  Ho#nung  berechtigt,
  daß  diese  Haltung  günstige  Ergebnisse  für  *  #achthungen  Au
den  Balkanstaaten  in  ihrer  neuen  Gestallung  zeitigen  wird,  und  daß  unsere
Interessen  Berücksichtigung  finden  werden.  Rumänien  hhous  als
ein  wichtiger  Faktor  des  enropäischen  Vongers  angesehen,  und  bei  der  endgültigen
  Acgelung  der  durch  die  Balkankrise  aufgeworfenen  Fragen  wird
sein  Wort  8  der  nden.  (Langanhaltender  Beifall  und  wiederholte  Bravoruse.)
  Das  mauen,  das  die  Nation  in  die  ausnahmslos  anerkannte
Tapferkei#t  2—  Soldaten  setzt,  ist  vollauf  berechtigt.  Die  Armee  ist  imstonde,
  diesem  Bertrauen  zu  entsprechen,  und  ist  arer  bereit,  ihre

Mission  zu  erfüllen.  Die  neuen  Kredite,  die  von  Ihnen  für  die  Armee
werden  angesprochen  werden,  werden  in  Ihrem  2  Patriotismus
ihre  Begründung  finden.  Meine  Regierung  wird  Ihnen  zur  Verctun

mehrere  Ges  edentwürfe  unterbreiten,  die  dazu  besinnm  äa.  das  Werk
der  Nonsolidierung  und  des  Fortschrines  des  rumänischen  Staates  in  jeder
Beziehung  zu  fördern.  Ich  zweifle  nicht,  daß  Sie  unter  den  gegenwärtigen
Umständen  auf  der  Höhe  der  Ihnen  vom  Lande  anvertrauten  Mission
stehen,  und,  indem  Sie  der  Regierung  die  notwendige  Umerstüdung  rihen.
die  berechligten  offnungen  der  Nation  ersüllen  werden.  Gon  spende  Ihren
Arbeiten  seinen  Segen.“  (Langanbaltender,  stürmischer  Beifall.)

W.  Dezember.  (Kammer.)  Für  Heeresvermehrungen  verlangt
die  Regierung  151  Millionen  Francs  als  außerordentlichen  Kredit.

XX.
Serbien.

5.  Januar.  (Belgrad.)  Der  ehemalige  Premierminister  und
Senatspräßident,  zuletzt  Vizepräfident  deg  Staatsrats,  Velimirovitsch,
1  im  64.  Lebensjahr.

30.  Januar.  Der  Thronfolger  Alexander  legt  seine  Stelle
als  Oberinspektor  der  serbischen  Armee  nieder,  da  der  Terrorismus
des  geheimen  Vereins  „Schwarze  Hand“  in  Offizierskreisen  allmählich
  wächst  und  der  Kriegsminister  keine  ausreichenden  Maßregeln
  zu  ihrer  Unterdrückung  kriffl.
        <pb n="484" />
        474  Serbitn.  (Februar  1.—Juli  1.)

l.  Februar.  Das  Ministerium  Milowanowitsch  bittet  den
König  um  seine  Entlassung,  weil  ihm  die  in  der  Skupschtina  nötige
Majorität  fehle.  Der  König  nimmt  das  Entlassungsgesuch  an,  bestätigt
  jedoch  am  9.  November  nach  vergeblichen  Unterhandlungen
Milowanowilschs  mit  mehreren  altradikalen  Politikern  wegen  Eintritts
  in  das  Kabinekt  das  Ministerium  unverändert  wieder.

14.  Februar.  (Skupschtina.)  Auflösung.  Ministerpräfident
Milowanowitsch  verliest  den  Erlaß  des  Königs,  durch  den  die
Skupschtina  aufgelöst  wird.  Die  Neuwahlen  werden  für  den  14.  April
ausgeschrieben  und  die  neue  Skupschtina  für  den  1.  Mai  zu  einer
außerordentlichen  Tagung  einberufen.

.  April.  Wahlen  zur  Skupschtina.  Die  Regierungspartei
erhält  84,  die  Opposition  82  Mandate.

19.  April.  Ungarnfeindliche  Studentenkundgebung  vor  dem
königlichen  Palast.  150  kroatische  Studenten,  die  auf  Besuch  gekommen
  sind,  zogen  mit  500  serbischen  Studenten  vor  den  königlichen
  Palast  und  brachen  hier  in  Hochrufe  auf  den  füdslawischen
König  und  in  Schmähruie  auf  Ungarn  aus.

Der  g  erichien  auf  dem  Ballon  und  begrũñte  wiederholt  die
demonstkierenden  ###benen.  die  erneut  Schmähruse  auf  Ungarn  ausstichen.

24.  April.  Der  Protest  des  österreichisch-ungarischen  Gesandten
  von  Ugron  zu  Abr#nfalva  beim  Premierminister  Dr.  Milowanowitsch
  wegen  des  demonstrativen  Empfanges  der  kroatischen
siudenken  wurde  mündlich  eingelegt.

er  König  auf  dem  Balkon  erschienen  war,  um  sich  für  die

Koonion  e  wedamsen  wurde  ihm  zugerufen:  „Es  lebe  der  König  der
Südflawen!“  Dieser  Juruf  ist  der  Hauptgegenstand  der  Beichwerde.
nnig  hatte  sich  vornehmlich  wegen  der  Huldigungen  der  Belgrader  Bevölkerung
  gezeigt.

23.  Mai.  Der  König  nimmt  die  Demission  des  Finanzministers
  Protitsch  an.  Ministerpräsident  Milowanowitsch  übernimmt
  interimistisch  die  Leitung  des  Finanzministeriums.

6.  Juni.  General  Pulnik  wird  an  Stelle  des  mrücktretenden
Slepanowitsch  Kriegsminister.

K.  Juni.  (Skupschtina.)  Die  Regierung  fordert  einen  außer.
ordentlichen  Kredit  von  2500000  Dinars  für  Rüstungszwecke  und
Bedürfuisse  des  Ministeriums  des  Außern.

0.  Juni.  (Skupschtina.)  Annahme  der  außerordentlichen
Kreditvorlage  über  21½  Millionen  Francs  zu  Kriegszwecken.

I.  Juli.  (Belgrad.)  Ministerpräsident  Milowanowitsch  r##
plötzlich  an  Blutvergiftung.
        <pb n="485" />
        Serbien.  iJuli  2.  —  Septeniber  30.)  475

2.  Juli.  Veränderungen  im  Ministerium.

du  rch  Röniglichen  Ulas  ist  der  Minister  des  Innern  Marcus  Trii·
fowitsch  zum  Ministerpräsidenten,  der  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten
Michoel  Ilitich  zum  Finanzminister  und  Minister  für  offentliche  Arbeilen
und  der  Sektionachef  im  Ministerium  für  auswärtige  Angelegenheiien
Johann  Aewanowiich  zum  Minister  des  Neubern  ernannt  worden.  Die
übrigen  Minister  behalten  ihre  Portefeuilles.

5.  Juli.  Der  Ministerrat  bewiciigte  der  serbischen  Monopolverwaltung
  wegen  starker  Verteuerung  des  Zuckers  zollfreie  Zuckereinfuhr
  auf  längere  Zeit.

6.  Juli.  Das  Kriegsministerium  schreibt  die  Lieferung  von
60000  Infanteriegewehren  und  15  Gebirgsbatterien  samt  Munition
  aus.

7.  September.  Ein  königlicher  Erlaß  verbietet  die  Ausfuhr
von  Weizen.  Hafer  und  anderen  Futtermitteln  bis  zum  14.  November.


9.  September.  Durch  den  serbischen  Gesandten  in  Sofia
Spaleikowik  ist  zwischen  der  mazedonischen  Organisation  und  der
serbischen  Regierung  eine  Vereinbarung  behufs  Durchführung  einer
gemeinsamen  Bandenaktion  in  Magedonien  und  Altserbien,  bezw.
im  Sandschak  Novibazar  abgeschlossen  worden.

10.  September.  30  Waggons  Munition,  deren  Durchfuhr
die  türkische  Regierung  gestattet  hatte,  langen  von  Saloniki  in
Ristovac  an.

12.  September.  Neues  Ministerium.  Präsidium  und  Außeres.
Nikola  Paschitsch.  Finanzen  Patschu,  Krieg  General  Putnik,  Inneres
Protitsch,  Justig  Politschewitsch.  Kultus  Lluja  Jowanowitsch,  Bauten
Johann  Jowanowitsch,  Volkswirtschaft  Kostu  Stojanowitsch.

14.  September.  Aufhebung  des  Ansfuhrverbots  für  Getreide
und  Futtermittel.

24.  September.  Die  Reservisten  des  ersten  Aufgebots  werden
zu  einer  15tägigen  übung  eingezogen.

24.  September.  Der  frangösische  und  englische  Gesandte  erscheinen
  beim  Ministerpräsidenten  Paschitsch,  um  im  Namen  ihrer
Staaten  die  Regierung  aufzusordern,  sich  jeder  Handlung  zu  enthalten,
  durch  welche  die  Erhaltung  des  Friedens  auf  dem  Balkan
in  Frage  gestellt  werden  könnte.

30.  September.  Eine  um  6  Uhr  abends  erschienene  Ausgabe
des  Amtsblattes  veröffentlicht  einen  von  König  Peter  unterzeichneten
        <pb n="486" />
        476  Serbitn.  (Cliober  3.—7.)

Ukas,  durch  den  die  allgemeine  Mobilifierung  der  serbischen  Armce
angeordnet  wird.

3.  Oktober.  Beginn  der  außerordentlichen  Tagung  der  Skupschtina.


5.  Oktober.  (Skupschtina.)  König  Peter  eröffnet  die  außer.
ordentliche  Tagung  mit  einer  Thronrede.

Die  unemrögliche  Lage  unserer  Stommesgenossen  im  ottomanüchen
Kaiserreiche  hat  dem  Königreiche  Serbien  siets  große  Sorge  bereitet.  Tros
der  immer  lauter  werdenden  Hilferufe  unserer  bedrohten  Brüder,  denen  die

änzliche  Ausrottung  droht,  mussten  wir  die  mächtigsten,  einmütigen  Geühle
  des  gangen  Volkes  um  des  Friedens  im  europäischen  Osten  willen
unterdrücken.  Bei  dieser  korrekten  Laltung  slom  das  Königreich  Serbien
mit  Recht  und  Grund  erwarten,  daß  man  im  ottomonischen  Kaiserreiche
an  die  Einführun  ang  von  Reformen  schreiten  und  unserem  blutsverwandten
Voule  ein  Fisucke  Leben  und  die  Emwicklung  sichern  werde.  Hierdur

ären  auch  die  Hindernisse  für  eine  friedliche  Entwicklung  und  für  den
Fortsichritk  des  ürgreiche  Serbien  beleitigt  worden.  Es  blieb  nicht  nur

i.  Auch  die  hohe  Aufmerkiamkeit  der  Großmächte  —  ich  konstatiere
dies  mit  Betrievigun  und  tiejer  Dankbarkeit  —  wendete  sich  mit  ireundschastlichem
  Nate  nach  Konstantinopel  wegen  der  Bedrängnis,  die,  wie  die
übrigen  Christen,  auch  unier  christlicher  Bolksstamm  in  der  Türkei  erleidet.
Bedauerlicherweise  hat  all  dies  nichte  enüßt,  und  a4en  mit  den  erwarteten
Reformen  wurden  wir  vor  einigen  Tagen  durch  die  Mobilisierung  dr
türliichen  Armee  an  unserer  Grenze  überraicht.  Auf  diesen  Akt,  durch
uniere  scherheit  bedroht  wird,  halte  Serbien  nur  eine  Uniwort:  *
meinem  Ukas  vom  30.  Siwmbber  wurde  unfere  Armee  mobilisiert.  Uniere
Lage  ist  bestemen  und  klar.  Wir  haben  die  Pflicht,  Maßnohmen  für  unsere
Sicherheit  zu  ergreisen.  Wir  haben  die  Tiich.  im  Einvernehmen  mit  den
anderen  christlichen  Balkanstaaten  alles  zu  tun,  was  an  uus  liegt,  damit
die  wahren  Bedingungen  für  den  winchen  dauernden  Frieden  auf  dem
Balkan  gesichert  wer

6.  Oktober.  russische  Gesandte  Hartwig  entwickelt  eine
fieberhafte  Tätigkeit  und  ist  ganz  und  gar  der  spiritus  rector  der
zuegierung,

en  ouch  ofüiziös  bestrinen  wurde,  daß  er  den  serbischen  Ministersatsstzungen
  beigewohnt  habe,  so  ist  das  doch  eine  Tatsache,  daß  Ministerpräsident
  Paschitsch  täglich  mit  ihm  lange  Besprechungen  abhält  und
daß  das  Haus  des  Gesondien  der  Sammelvunkt  aller  zum  Ariege  drängenden
Elemente  ist.

7.  Oktober.  (Skupschtino.)  Annahme  eines  Gesetentwurfes,
durch  den  die  Zahlungsfristen  für  inländische  Zahlungsverpflichtungen
bis  zum  Ende  des  Mobilisierungsverhältnisses  verlängert  werden.

7.  Oktober.  Antwork  auf  die  verspätete  Note  der  Großmächte.

Ministerpräsident  Paschitsch  verwics,  da  inzwischen  die  montenegrinische

  Kriegserklärung  der  ierbüchen  Regierung  schon  offiziell
bekonntgegeben  war,  auf  dieses  kune  önranhe  Ereignis.  Dieses  sei  auch
für  das  weitere  Verhalten  Serbiens  mitbestimmend,  nachdem  einerieits  on
der  Solidarität  zwischen  den  verbündeten  Balkanstoaten  abiolut  nicht
        <pb n="487" />
        Lerbies.  (ktober  17.—November  29.)  477

gerünelt  werden  könne,  andererseits  die  Volksstimmung  in  Serbien  so
aiienelolie  sei,  daß  keine  serbische  Regierung  von  der  eingeschlagenen  Linie
abgehen

17.  Oktober.  Die  Regierung  läßt  durch  ihren  Gesandten  in
Konstantinopel  die  Kriegserklärung  an  die  Türkei  Übermitteln  und
notifziert  sie  den  Großmächten.

22.  Oktober.  Die  Erste  Armee  besetzt  Kumanowo  auf  dem
Wege  nach  Uesküb.

23.  Oktober.  (Belgrad.)  Der  Magistrat  gab  Auftrag,  das
seinerzeit  vom  Prinzen  Eugen  von  Savoyen  in  Belgrad  errichtete
Wohnhaus  zu  zerstören,  damit  jede  Spur  der  damaligen  Besetzung
Belgrads  durch  Österreich  beseitigt  werde.

10.  November.  Die  Armee  erreicht  Alessio  am  Adriatischen  Meer.

11.  November.  Der  italienische  Gesandte  Baroli  teilt  dem
Ministerpräsidenten  Paschitsch  mit,  daß  Italien  ebenso  wie  Ssterreich
einen  Angriff  auf  albanisches  Gebiet  vermieden  zu  sehen  wünsche.

12.November.  Der  Fall  des  österreichisch-ungarischen  Konsuls
Prochaska  in  Prizend.

Der  Gesandte  Georg  Simitsch  in  Wien  beschwert  sich  über  ihn,
weil  er  mit  seinen  Kawassen  und  dem  Konsulatspersonal  vom  Dache  des
oeserreichtsce  Konsulates  angeblich  auf  die  einziehenden  serbischen  Truppen

n  habe.  —  der  stellv  oen  Sektionschef  im  Wiener  Ministerium
zlchessend  erklärte  in  scharfem  Tone,  daß  die  von  ihm  vorgebrachten
dehere  Gerceun  cherl  gegen  den  österreichisch-  eungarischen  Konsul
strenge  untersucht  werden  würden,  daß  man  aber  schon  heute  darauf  aufmert
  am  mache,  daß,  wenn  sich  diese  Beschuldigung  als  unwahr  herausstellt.
  Herr  in  Simitsch  t#  r  Verantwortung  gezogen  werden  würde.
(Siehe  Oesterreich  24.  November.)

14.  November.  rrns  Gesandten  Englands,  Frankreichs  und
Rußlands  geben  der  Regierung  den  dringenden  Rat,  daß  der  Vormarsch
  nach  Durazgo  unterbleibe.

18.  November.  Ministerpräfident  Paschitsch  erwiderte  auf  die
Vorstellungen  der  diplomatischen  Vertreter  Österreich-Ungarns,
Deutschlands  und  Italiens,  daß  die  Diskussion  über  den  türkischen
Küstenstrich  in  der  Adria  auf  den  Zeitpunkt  vertagt  werden  müfse,  in
dem  die  definitiven  Resultate  des  gegenwärtigen  Konfliktes  zwischen
Serbien  und  der  Türkei  ersichtlich  sein  würden.

u  November.  Die  Armee  hat  Ochrida  genommen.

26.  November.  Der  österreichische  Konsul  Prochaska  trifft
wohlbehalten  in  Uesküb  ein.

29.  November.  Prinz  Georg,  der  in  Uesküb  an  Bauchtyphus
erkrankt  war,  wird  nach  Belgrad  überführt.
        <pb n="488" />
        478  Jerbien.  (Dezember  21.—21.)  Mesiasanre.  (Februar  13.—Juni  15.9

21.  Dezember.  Der  Ministerpräsident  Paschitsch  hat  den
österreichisch-ungarischen  Gesandten  von  Ugron  aufgesucht  und  ihm
das  aufrichtige  Bedauern  der  serbischen  Regierung  Üüber  die  Mißgriffe
  einzelner  militärischer  Organe  in  der  Angelegenheit  des
österreichisch=  ungarischen  Konsuls  in  Prizrend  Prochaska  ausgesprochen.


22.  Dezember.  Die  Negierung  erklärte  sich  zu  einer  Genugtuung
  in  folgender  Weise  bereit:  Sobald  die  österreichisch-ungarischen
Konsuln  nach  Prizrend  und  Mitrowitza  zurückgelehrt  find  und  die
österreichisch-  ungarische  Fahne  gehißt  hoben,  werden  ihnen  die
üblichen  Ehren  erwiesen  werden.

24.  Dezember.  Ein  königlicher  Erlaß  verlängert  das  M
bis  zum  30.  März  1913.

XXI.
Montenegro.

13.  Februar.  Die  russische  Zeitung  „Welscherna  Wremjaveröffentlicht
  ein  Interview  mit  dem  König,  worin  dieser  sagte:
#ußhe,  daß  wir  Balkanstaaten  verlorene  Söhne  Rußlands  sind.

t  in  *  kneerh#  Plaon  eines  Balkaubundes  nur  realisierbar,
wene  rnbton  klalegorisch  sag:,  daß  es  dies  wnn#mn  sonst  bleibt  der  Balkanbund
  eine  Chimäre.“  Der  Rönig  schloß,  als  Soldat  jühre  er  aus,  wus
aufrichtige,  erprobte  Freunde  sagen.

2.  Mai.  Der  gewesene  montenegrinische  Ministerpräsident
Jowanowitsch,  der  vor  einem  Monat  mit  mehreren  Genossen  aus
dem  Kerker  nach  fünfjähriger  schwerer  Kerkerhaft  ausgebrochen  und
nach  der  Türkei  geflüchtet  ist,  hat  von  dort  aus  an  den  König
von  Montenegro  ein  Telegramm  gerichtet,  in  welchem  er  gegen  den
unerhörten  Terrorismus  des  Königs  protestiert  und  erklärt,  daß
die  montenegrinischen  Emigranten  den  Terrorismus  der  Krone  durch
den  Terrorismus  von  unten  bekämpfen  werden.

19.  Juni.  Neues  Ministerium.

Nach  dem  Rückiritt  des  Nabinens  Tomanowitich  übernimmt  General
Martinowitich  den  Vorsitz,  das  Ministerium  des  Feichen  und  interimistisch
des  Aeußern,  das  Ministeruum  des  Junern  und  des  K  ulius  übernimmt
Plamenas,  das  der  Juitiz  Vonlolitia,  dos  der  Finanzen  und  öfientlichen
  Arbenen  Deljewits
        <pb n="489" />
        Menienezre.  (Juli  17.  -  Cliober  9.)  479

17.  Juli.  Die  ruffischen  Geldunterstũtzungen.

Gegenüber  der  Behauptung  rutsischer  äter,  daß  König  Nikolaus
leit  1876  en  Militärfubvention  von  1  Million  Rubel  föhrlich  erhalre,
wird  in  Celtinje  folgende  Aufklärung  Awr  Die  ruisische  Militärsubvention
  wurde  Montenegro  erst  von  17116  an  gewährt  und  seirdem  regelmäßig
  und  präzise  im  Einvernehmen  mit  dem  biesigen  russischen  Militäragemen
  zur  modernen  Ausbildung  des  Heeres  verwendet.  Die  früher  gegebene
  Ucinere  russische  Subvention  wurde  für  wirtschaftliche,  Verkehrs=  und
kulturelle  Zwecke  ihrer  Bestimmung  entsprechend  verwendet,  immer  aber
im  Einvernehmen  mit  den  hiesigen  russischen  Vertreiern.

3.  August.  Blutiger  Grenzkonflikt  mit  den  tariichen  Wachtposten,
  wobei  die  Montenegriner  10  Tote  und  15  Verwundete  haben.

6.  August.  Der  türkische  Gesandte  fordert  binnen  24  Stunden
Genugtuung.

8.  August.  Der  Zwischenfall  wird  durch  eine  Erklärung  des
Geschäftslrögers  in  Konstantinopel  erledigt.

iese  Nachgiebigkeit  wurde  durch  den  russischen  Geiandten  in  Cetinie
dadurch  erzwungen,  daß  er  die  Mileilung  machte,  Ru  rnst  nd  werde  sofort
alle  Montenegro  Wobllihten  Subventionen  einstellen,  wenn  Montenegro  der
Türkei  nicht  die  für  den  Grenzzwischenfall  gesorderte  Genugiuung  leiste.

16.  August.  Die  Regierung  verlangt  durch  ihren  Gesandten
in  Konstantinopel  die  sofortige  Erledigung  der  Angelegenheit  der
stritligen  Grenzdistrikte  von  Ersanidsche.

20.  August.  Besetzung  von  Berane,  das  aber  nach  dem  Eintreffen
  türkischer  Truppen  wieder  verloren  geht.

26.  August.  Antwort  auf  die  freundschaftlichen  Schritte  der
Vertreter  der  Großmächte,  die  zum  Frieden  mahnten

Montenegro  habe  keinerlei  zgurüito  Absichten,  sondern  wolle  nur
seine  Grenzen  vor  Angriffen  d  Ueberschreitungen  der  Türken  verleidigen.
  Es  könne  jedoch  nicht  dulen,  daß  weiterhin  Wachthäuser  und
Verichanzungen  von  den  Türken  auf  montenegrinischem  Boden  errichtet

werden  denu  dies  widerspreche  der  Integrität  des  Landes.  Der  Rönig
und  die  Regierung  drückien  schließlich  die  Hoffnung  aus.  dast  die  Großmächte
  in  ihrem  Bektreben,  die  Ruhe  aufrechtzuerhallen,  ein  Mittel  finden
werden,  um  die  türkisch-montenegrinischen  Grenziranen  zu  lösen  und  die
Uriachen  des  Konfliktes  aus  der  Welt  zu  schafi

30.  September.  Angriff  auf  eine  mit  türkischen  Soldaten
besetzte  Barke  auf  dem  Skutarisee,  wobei  30  Türken  getötet  und
70  gefangen  werden.

1.  Oktober.  Der  König  hat  die  Mobilisierung  der  gesamten
Armee  angeordnet.

S6.  Oktober.  Der  türkische  Geschäftsträger  erhält  seine  Päsie.

9.  Oktober.  Eroberung  der  Höhen  von  Planiha.
        <pb n="490" />
        480  NMotrara.  (OCkt.  13.—  Nov.  13.)  Gricchalend.  (Jan.  10.  —  Aprii  12.)

13.  Oktober.  Der  Pariser  „Figaro“  erhält  Kenntnis  von
einem  Briefwechsel  zwischen  dem  König  von  Italien  und  seinem
Schwiegervater.  dem  König  von  Montenegro.

Viktor  Erhnen  i  Vorsicht  und  Zurückhaltung,  König
Nikita  amißent  jedoch:  mehr  als  100000  Mann  nach  Libyen
geschickt,  um  ein  Land  zu  en  das  nicht  Dir  gehör,  und  Du  möchtest
mich  verhindern,  zu  berdern  *  die  Türkei  krast  des  Berliner  Bertrags
mir  jeit  34  Jahren  schuldet

14.  Oktober.  Einnahme  von  Tufi.

19.  Oktober.  Der  zur  Rückeroberung  von  Berane  aus  Ipek
herbeieilende  Hassim  Bei  fällt  bei  Plava  in  einen  Hinterhalt  und
wird  mit  280  Albanern  gefangen  genommen.

30.  Oktober.  Niederlage  der  Südarmee  bei  Berdica,  Beltoja
und  Truschi  in  der  Bojana-Ebene.

13.  November.  Durch  das  Eingreisen  der  Miriditen  werden
die  nach  Alessio  vorgedrungenen  Truppen  geschlagen  und  zum  Rückzug
  gezwungen.

XXII.
Eriechenland.

“  Januar.  Das  vom  Parlament  genehmigte  Budget  für  1912.
bringt  in  ordentlichen  Einnahmen  und  Ausgaben  gegen  t
Vorjahr  *  Sieigerung  von  rund  õ  Millionen  Drachmen  in  Aniatz.  D
ordentlichen  Eimabmen“  vede  au  1436186615  Drachmen,  die  onesücken
Ausgoben  anf  112448  113  Drachmen  vorberechnet,  so  daß  ein  Ueberschuß
170582  14411  verbleibt.

10.  Februar.  Auflösung  der  Kammer.  Festlegung  der  Neuwahlen
  auf  den  24.  März.

24.  März.  Ergebnis  der  Kammerwahlen.

Unter  den  1n1  Abgeordneten  gehören  150  zur  Partei  des  Venizelos,
die  übrigen  31  verteilen  sich  auf  Theotokisten,  Zaimisten,  Movromichalisten
und  Unabhängige.

W.  März.  (Kreta.)  Die  Schutzmächte  einigen  sich,  im  Falle
der  Fahrt  kretischer  Abgeordneter  nach  Griechenland  keine  Truppen
auf  Kreta  zu  landen,  dagegen  werden  die  Mächte  sofort  zur  Besetzung
  der  Insel  schreiten,  wenn  die  dorlige  muselmanische  Bevölkerung
  in  ihrem  Leben  oder  Eigentum  gefährdet  werden  sollte.

12.  April.  Auf  Korfu  wird  das  erste  altgriechische  Glas  in
einem  ausgegrabenen  altgriechischen  Hause  gesunden.
        <pb n="491" />
        Erichralnd.  (April  27.—Oktober  11.)  481

27.  April.  Die  Eröffnung  der  Kammer  wird  durch  königliches
Dekret  um  30  Tage  vertagt,  weil  man  in  Verlegenheit  ist,  ob  man
die  17  in  Athen  angekommenen  kretischen  Abgeordneten  (von  69  gewählten)
  zulassen  darf,  die  einen  Sit  beanspruchen.

Ein  englisches  Kriegsschiff  verhindert  weitere  Abgeordnete,  on
Kreia  nach  uhhen  hinüberzufahren.  18  Abgcordneie,  die  heimlich  abreise
wollten,  werden  als  Gejangene,.  auf  ein  englisches,  ein  russisches  und
frangösisches  Kriegsschiff  vertei

2.  Mai.  Die  Ppenn  bittet  die  Schubmächte,  die  auf  den
Kriegsschiffen  in  Haft  gehaltenen  krelischen  Deputierten  freizulassen.

4.  Mai.  Der  Kaiser  sendet  aus  Korfu  einen  telegraphischen
Bericht  über  die  Ausdeckung  eines  archaischen  dorischen  Tempels
im  königlichen  Park  von  Mon  Repos  an  das  Verliner  Archäologische
Institut.

1.  Juni.  (Kammer.)  Die  kretischen  Abgeordnelen  werden
durch  Militär  om  Eintritt  in  die  Kammer  verhindert.  Die  Kammer
vertagt  sich  bis  Anfang  Oktober.

13.  Juni.  Neubesetzung  von  Ministerien:  Marine  Stratos,
Handel  und  Landwirtschaft  Michalacopulos,  Unterricht  Kammerpräsident
  Tsirimolos.

27.  Juli.  (Athen.)  Eintressen  des  neuen  deutschen  Gesandten
Grasen  Ouadt.

26.  August.  England,  Frankreich  und  Rußland  machen  auf
die  Gefahren  einer  Landung  auf  Samos  und  der  Einleitung  einer
Bewegung  zugunsten  einer  Annexion  aufmerksam.

9.  September.  (Athen.)  Eine  Volksversammlung  protestiert
kategorisch  gegen  die  Vergewaltigung  der  Rechte  des  Griechentums
durch  die  konstitutionelle  Türkei,  namentlich  in  Epirus,  Mazedonien,
Thrazien  und  auf  den  Inseln  des  Agäischen  Meeres,  und  fordert
für  das  Griechentum  Selbstverwaltung  und  Gleichberechtigung  mit
den  Türken.

30.  September.  Mobilmachung  des  Heeres  und  der  Flotte.

I.  Oklober.  Die  französische  Militärmission  reicht  dem  Kriegsminister
  seine  Entlassung  ein.

10.  Oktober.  (Athen.)  Rückkehr  des  Königs  aus  Kopenhagen.

4.  Oktober.  (Kammer.)  67  kretische  Abgeordnete  ziehen
unter  dem  Jubel  der  Tribünen  und  des  Volkes  in  den  Sißungssaal
ein  und  werden  vom  Ministerpräsidenten  Veniselos  namens  der
Negierung  bearfßt.

Europaischer  Griqnch.vlalenber.  I.111.  41
        <pb n="492" />
        482  Gritqealanb.  (Ollober  14.  Noveiber  29)

14.  Oltober.  Die  Regierung  beauftragte  ihren  Gesandten  in
Konstantinopel,  der  Pforte  eine  Note  zu  Überreichen,  welche  die
Freigabe  der  beschlognahmten  griechischen  Handelsschiffe  und  Entschädigung
  der  Eigentümer  innerhalb  24  Stunden  fordert.

Ende  Oktober.  Besetzung  der  Inseln  Thasos  und  Imbros.

6.  November.  Besetzung  der  Insel  Tenedos.

8.  November.  Der  Kronprinz  meldet  die  Einnahme  Salonikis
durch  seine  Truppen.  Diese  verfrühte  Nachricht  löst  in  Athen  großen
Jubel  aus.

9.  November.  Einzug  des  Kronprinzen  Konstantin  in  Saloniki.

11.  November.  Der  König  verlegt  sein  Hofquartier  nach  Saloniki.

12.  November.  Der  deutsche  Dampfer  „Tenedos“  mit  81  Passagieren
  an  Bord  wird  von  einem  Torpedoboot  mit  Beschlog  belegt
und  nach  dem  Piräus  gebracht.

21.  November.  Besetzung  von  Mytilene  durch  ein  Geschwader
von  13  Schiffen.

29.  November.  Die  Insel  Samos  proklamiert  ihre  Vereinigung
mit  Griechenland.
        <pb n="493" />
        XNlll.
Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika
und  Kanada.

2.  Jannar.  50000  streikende  Wäscherinnen  veranstalten  einen
Umzug  in  New  York  und  eine  Versammlung  im  Central  Park.

3.  Januar.  Admiral  Robley  Evans  4.  65  Jahre  alt.

8.  Januar.  (Kanada.)  Durch  einen  Zusammenstoß  zweier
Züge  der  Canadian  Pacific  Eisenbahn  bei  Terrebonne  werden  33
Personen  getötet.

§.  Jannar.  (New  vork.)  Das  fünfstöckige  Gebäude  der
Eauitable  Lise  Asfurance  Company  am  untern  Broadway  brennt
vollkommen  aus,  wobei  sieben  Personen  ihren  Tod  finden.

Da  unter  den  Trümmern  auch  Aktien  im  Werte  von  4000  Millionen
Mark  liegen,  ist  das  Börsengeschäst  gehemmt.

15.  Januar.  In  St.  Lawrence  (Massachusetts),  wo  30000
Arbeiter  der  Textilindustrie  streiken,  kommt  es  zu  bluligen  Zusammenstößen
  mit  der  Polizei.

16.  Jannar.  (Kanada.)  Die  Regierung  teilt  dem  Unterhaus
  mit,  daß  mit  Australien  Verhandlungen  über  einen  Vorzugsvertrag
  eingeleitet  seien.

23.  Januar.  Noosevelt  erklärt,  er  werde  die  Nomination,
salls  sie  ihm  angetragen  werde,  nicht  ablehnen.

24.  Jannar.  (Honolul  u.)  Bei  der  Einfahrt  des  Hamburg-Amerikadampfers
  „Eleveland“  in  den  Hafen  flößt  er  mit  dem
amerikanischen  Kreuzer  „Colorado“’  zusammen  und  beschädigt  ein
Geschütz,  einen  Turm  und  die  Schraube  des  Kreuzers.

29.  Januar.  In  St.  Lawrence  (Massachusetts)  greifen  7000
Streikende  die  Miliz  an  und  errichten  eine  Schreckensherrschaft.

31.  Januar.  Der  Jahresbericht  des  Generalpostmeisters  der
Vereinigten  Staaten  Hitchcock  empfiehlt  die  übernahme  der  Kontrolle
  des  Telegraphen=  und  Telephonwesens  durch  den  Staat.

31
        <pb n="494" />
        184  Pereisigie  Alsalen  von  Nerbameriks  aud  Lausbe.  (Februar  2.—19.)

2.  Februar.  Botschaft  des  Präsidenten  Tast  an  den  Kongreß.
An  erster  Sielle  bittet  der  Präsident  um  die  Ermächtigung,  die
fremden  Regierungen  zu  einer  internationalen  Konferenz  über  die
Kosten  der  Lebenshaltung  einzuloden.  Dann  weist  die  Botschaft  auf  die
Notlwendigkeit  hin,  die  industriellen  Berhältnisse  zu  untersuchen.  Den
Hauptwunkt  der  Vosschest  betrifft  die  Darlegung  der  neuen  Regicrungspolitik
  in  Alaska.  Taft  betont  die  naigeine  rine  Staatebahn  nach
dem  nehlengehe  von  Maianneko.  Sein  n  sei,  von  den  senengartigen
Besitzern  Aktien  der  salliten  kWet  Fein  7  rn  lausen  Es  seien
einige  hundert  Meilen  in  Bau,  und  gemäß  dem  ursprü  glichen  Plan  solle
die  Bahn  bis  zu  den  Kohlenfeldern  von  Matanuska  6  schließlich  bis
Fairdanks  geben.  Der  Präi  ßident  erläutert  dann  weiter,  daß  er  zwar  selb#e'
Gegner  des  Prinzips  des  S  taatseigentums  sei  in  Fällen,  wo  ein  leistungs  ·
lähiger  privater  Bekrieb  möglich  ist,  glaube  aber,  die  gegenwärtigen  Verhaltnisse
  in  Alaska  erlaubten  die  Verwendung  öffemlicher  Gelder,  um  die
Hilfsguellen  des  Landes  zu  erschließen.  Uebrigens  würde  der  Bau  durch
n  Siaat  und  der  Sioatsbesitz  nicht  erfordern,  daß  die  Linie  vom  Staate
belrieben  werde.  Auch  werde  sein  Vorschlag  gehal  h  die  Notwendigkeit
  einer  Fohienstetion  für  die  Marine  in  einem  nördlichen  Teile
des  Stillen  Ozean

Abebroan.  Eine  Note  des  Staatssekrelärs  Knox  an  den
deutschen  Botschafter  Grafen  Bernstorff  stellt  das  Einverständnis
mit  Deutschland  fest,  gemeinsam  gegen  solche  Mächte  vorzugehen.
die  eine  Teilung  Chinas  versuchen  sollten.

10.  Februar.  Das  Kriegsdepartement  verfügte  den  sofortigen
Bau  einer  großen  Festung  auf  der  Insel  Flamenco  am  Eingang
des  Panamakanals  im  Stillen  Ozean.

13.  Februar.  Ein  Rundschreiben  der  Regierung  erklärt,  daß
sie  tin  EWNu  in  Mexiko  nicht  beabscchtige.

4.  Februar.  Präsident  Tast  sanktioniert  das  Gesetz,  welches
das  Tisen  Arizona  als  48.  Stoat  in  die  Union  aufnimmt.

17.  Februar.  Entsendung  eines  Kriegsschiffes  nach  der  nur
2½  qkm  großen  Palmyrainsel  (etwa  1000  Seemeilen  füdlich  von
den  Hawalinseln  unter  6°  nördlicher  Breite  und  162  ½5  westlicher
Länge  gelegen),  deren  Besitz  mit  England  strittig  ist.

19.  Fäbetan.  #chgericht  im  Gerichtssaal.

wegen  Ermordung  von  Eisenbahndetektivs  verhaftete  Neger
wurden  in  eirone  ardn  wãhrend  ihrer  Vernehmung  vor  Gericht
durch  Schüsie  aus  dem  Juschauerraum  verwundet;  einer  von  ihnen  ist
seinen  Verleungen  erlegen.

19.  Februar.  (Washington.)  Das  Oberste  Gericht  hat
entschieden,  daß  der  Norddeutsche  Lloyd  die  Einwanderungsgesetze
verletzt  habe,  indem  er  die  Auswanderer  gezwungen  habe,  im  Falle
ihrer  Ausschließung  von  der  Landung,  die  Rückreise  selbst  zu  begahlen.
        <pb n="495" />
        ———NN  n#  #  *r*

9  -  T  v  (Febmqk21.sI-ak,x48,

21.  Februar.  In  Houston  (Texas)  zerstört  eine  Feuersbrunft
zahlreiche  Wohnhäuser,  Fabriken,  Kirchen  und  60000  Ballen  Baumwolle,
  so  daß  der  Gesamtschaden  auf  40  Millionen  Mark  geschätzt
  wird.

21.  Februar.  (Repräsentantenhaus.)  Annahme  des  Gesetzes
  zur  Revision  des  Zolltarifs  für  Chemikalien,  durch  das  viele
chemische  Produkte  und  Drogen  auf  die  Freiliste  gesetzt  werden,
mit  178  gegen  127  Stimmen.  Die  Republikaner  stimmen  geschlosen
  gegen  das  Gesetz.

3.  März.  Durch  eine  Proklamation  fordert  Präsident  Taft
die  Bürger  auf,  in  allem  was  Mexiko  angeht,  sich  an  die  Vorschriften
  der  Neutralität  zu  halten.

7.  März.  (Senat.)  Annahme  der  Schiedsgerichtsverträge
mit  Großbritannien  und  Frankreich  unter  Streichung  wesentlicher
Klauseln  mit  76  gegen  3  Stimmen.

VBesonders  wichtig  ist  die  Streichung  der  Klausel  3  in  Artikel  3;
deun  sie  Übertrug  das  jetzt  dem  Senat  zusommende  Recht,  Verträge  mit
sremden  Nationch  anzunehmen  ge  abzulehnen,  an  eine  vom  Präsidenten
7  ernennende  Lommission.  Mit  der  Streichung  Acser  EW  sind  die

Verträge  für  praktische  Zwecke  so  gut  wie  nutzlos.  r  schie  edegericht  ·
lichen  Behandlung  sollen  ferner  Fragen,  die  die  #en  vepthe  und  die
Einwanderung  berühren,  ausgeschlossen  sein

12.  Märg.  Der  Generaldirektor  des  panamerilkanischen  Bureaus.
Herr  Barett,  erklärt,  es  existiere  ein  weitverzweigtes  Komplott,
welches  die  Union  zur  Intervention  in  Mexiko  zu  drängen  suche.

14.  März.  (Repräsenkanten  haus.)  Annahme  des  vom
Senatsausschuß  für  auswärtige  Angelegenheiten  entworfenen  Antrags,
  der  den  Präsidenten  ermächtigt,  die  Ausfuhr  von  Wafsen
nach  Mexiko  zu  verbieten.

16.  Märg.  (Cubo.)  Das  Wrack  des  gehobenen  Kriegsschisses
„Maine“,  dessen  Explosion  den  Anlaß  zum  spanisch-omerikanischen
Kriege  gegeben  hatte,  wird  feierlich  in  tieses  Wasser  versenkt.

26.  März.  Präsident  Taft  hat  dem  Kongreß  eine  Botschaft
zugehen  lassen,  in  der  auf  den  sofortigen  Erlaß  eines  Geseßes  gedrungen
  wird,  um  die  kürzlich  entdeckten  Kalilager  wie  die  in  Südkalifornien
  vor  privater  Ausbeutung  zu  schützen.

22.  März.  Der  Erbauer  des  Paonamakanals  Oberst  Goethals
erzählt  nach  seiner  Rücklehr  von  Europa  Über  eine  Unterredung
mit  Kaiser  Wilhelm:

„Der  Kaiser  bekannte  sein  reges  Interesie  an  dem  Problem  des
Panamolanals  und  vertrat  mit  Nachornc  die  Ansicht,  daß  die  Ver
        <pb n="496" />
        486  Feriziffb  Stenirs  sen  Nerhummihs  #d  Hensbe.  (März  30.—April  25.)

einigten  Staaten  den  Kanal  gründlich  befestigen  und  die  Kanalzone  mit
einer  starken  Truppenmacht  belegen  müßten,  sonst,  so  schloß  der  Kaiser
seine  Behung,  wird  die  amerikanische  Kontrolle  des  Kanals  einmal  bedroht
  werd'

30  **-  Die  Regierung  leitet  eine  Klage  gegen  fünf
Dampferlinien  im  aftalischen  Verkehr  ein,  darunter  die  Hamburger,
mit  der  Begründung,  daß  sie  durch  ein  Kartell  die  freie  Konkurreng
beschränken.

2.  April.  (Senat.)  Annahme  einer  Resolution,  den  Präfidenten
  Taft  zu  ersuchen,  sobald  das  öffentliche  Intereffe  es  erlaubt,
alle  vorhandenen  Informationen  über  die  angebliche  Tätigkeit  der
Japaner  in  der  Magdalenenbai  in  Mexikanisch-Kalifornien  dem
Hause  mitzuteilen.

2.  April.  (Repräsentantenhaus.)  Mit  189  gegen  92
Stimmen  wird  die  von  den  Demokraten  eingebrachte  Wollgollrevifionsbill
  angenommen,  die  Präsident  Taft  im  vorigen  Jahr
durch  sein  Veto  zu  Fall  brachte.  20  fortschrittliche  Republikaner
stimmen  mit  den  Demokraten.

14.  April.  Der  Dampfer  „Titanic  (45000  t)  der  englischen
„White  Skar  Line“  flößt  auf  seiner  ersten  Fahrt  von  Soulhampton
nach  New  York  nahe  bei  Cap  Nace  (Neufundland)  mit  einem  Eisberg
  zusammen  und  finkt.

Gerettet  wurden  durch  den  Damofer  „Carpathia“  202  Passagiere
erster  Klasje,  115  zweiter,  178  vom  zzwischendeck  und  210  Ossiziere  zund
Mannschaften,  insgeiamt  705  Perionen,  von  den  2310,  die  sich  an

des  Dampfers  befunden  hatten.  Erirunken  sind  120)  Passagiere  erien,
A#  zweiler  Raier#  572  Zwischendeder  und  730  Osüziere  und  Mannschaften,
also  insgesamt  1

15.  *-  die  Regierung  teilt  den  Vereinigten  Staaten  von
Merxiko  mit,  daß  sie  die  merikanische  Regierung  und  das  mexikanische
  Volk  für  jede  böswillige  oder  rechtswidrige  Handlung,  durch
die  Leben,  Eigentum  oder  Interessen  von  Amerikanern  vernichtet.
geschädigt  oder  in  Gefahr  gebracht  würden,  haftbar  mache.  Eine
ähnliche  Note  wird  an  den  Führer  der  Aufständischen,  General
Orogko,  geschickt.

25.  April.  (Senal.)  Nakifizierung  der  Seerechlsdeklaration
von  1009.

r  Aprit  Rede  des  Präsidenten  Tast  gegen  Noosevelt.

sevel  habe  jein  feisre  Versprechen,  nicht  wieder  zu  zandi.
dieren,  werkur.  Tajt  sagte:  Tc  Veriprechungr  und  die
danach  gehandell  hal,  wersen  ein  Vem  ans  den  Wert,  den  man  iedem  faher
Versprechen  beimeisen  dari,  dos  Mr.  Roosevell  in  Zulunft  abgeben  wird;
        <pb n="497" />
        Nereinigtr  Slaalen  vun  Moerdemerihs  und  euabs.  (Moi  1.—28.)  487

wenn  Roosevelt  in  diesem  Wahlfeldzug  Ersolg  häite,  so  könnte  er  lebenslänglich
  Präsident  bleiben

1.  Mai.  (Senat)  Präsident  Taoft  Übersendet  eine  Botschaft,
in  der  er  erklärt,  der  japanische  Botschafter  habe  ihm  versichert,
weder  seine  Regierung  noch  eine  Privatgesellschaft  suche  Landerwerb
an  der  Megdalenenbai.

glaubt,  die  Gerüchte  seien  dadurch  entstanden,  daß  ein  amerikanisches
  o  Landkomplex  an  Japaner  zu  verkausen  suchte.

2.  Mai.  Durch  einen  Dammbruch  am  unteren  Mississippi
wird  die  Stadt  Torras  in  Louisiana  nebst  Umgebung  vollständig
überschwemmt  und  2000000  Menschen  werden  obdachlos.

5.  Mai.  Die  Kommission  zur  Untersuchung  des  Untergangs
der  „Titanic“  kommt  zu  folgendem  Resultat.

Der  Dampfer  fuhr  mit  voller  Krast,  obwohl  er  genügend  gewarnt
worden  war.  Die  Reitungsmittmel  waren  ungenügend  und  niemals  ausprobiert
  worden.  Nur  wenige  Matrosen  waren  fähig,  die  Boote  zu  führen.

8.  Mai.  Das  Komitee  lehnt  die  Verträge  betreffend  Neuordnung
  der  Finanzen  von  Honduras  und  Nikaragua  ab.

9.  Mai.  (Repräsentantenhaus.)  Mit  120  gegen  49
Stimmen  wird  die  Abschaffung  des  neuen  Handelsgerichtshofes  beschlossen.


I.  Mai.  (Seattle.)  Das  Bundesgericht  widerruft  die  Erleilung
  der  Bürgerrechte  an  einen  Sozialisten,  weil  er  den  Verfassungseid
  nicht  in  gutem  Glauben  geleistet  habe.

14.  Mai  (Kongreß.)  Zwei  Amendements  zur  Verfassung.

1  vom  Senat  bereits  angenommene  Resolution,  daß  die  Wahl
der  Eenchoren.  durch  direkte  Mahl  stannhaft  sein  joll,  wird  vom  Repräsentamenhaus
  mit  237  genen  39  Stimmen  angenommen.  2.  Die  Justitztommission
des  Senats  hat  beichlosien,  eine  Reiolmion  zur  Annahme  zu  empiehlen.

aß  die  Amtedauer  des  Präsidenten  auf  einc  einmalige  Frist  von  sechs
Jahren  zu  beschränken  sei.

B.  Mai.  (Cuba.)  Wegen  eines  Negeraufstandes,  der  am
19.  Mai  ausgebrochen  war,  ordnet  die  Regierung  die  Landung  von
256  Mann  Marineinfanterie  zum  Schuß  des  amerikanischen  Eigentums
  an.

e  Reger  verlangen  die  Aushebung  des  Gesetzes,  welches  ihnen  die
Grändung  einer  eigenen  Porlei  ver

28.  Mai.  (Kanada.)  *  —  Statislik  des  Außenhandels
und  der  Einwanderung.

Nach  dem  Bericht  des  Jolministeriume)  beirng  der  Export  an
rein  kanadischen  Produnen  und  Fabr  l  s7  toll-It  (gegen
2744165534  Dollars  im  Vorjahre).  Die  bont  uenotte  näufer  in  Nanada
waren  1911/12  Grosibritannien  mil  117  Millionen,  Britische  Kolouien  In,
        <pb n="498" />
        488  Norriniste  Siast.  1—.—  ——————————

Ferchiaigie.  Staaten  or.  Daichton  3,5  Millionen  und  Frankreich  mit

Millionen  Dollars.  Der  Imvort  Konadas  fiellte  sich  1911  12  auf
Seiktti  701  W  nus  den  Verein  nigien  Stoaten  importierte  Kanoda
für  356  Millionen,  aus  Großbritannien  für  117  Minionen,  aus  den  britichen
  Nolonien  für  21,  aus  Frankreich  für  1,7  und  aus  Demschland  für
1  1Milionen  Dollars.  Eingewandert  sind  über  3000#10  Personen,  dorunter

3000  britische  Untertanen  und  134000  amerikanische  Bürger.

29.  Mai.  (Senat.)  Das  Komitee  der  auswärtigen  Angelegenheiten
  setzt  einen  Unterausschuß  ein,  der  die  von  japanischen
Interessenten  gepflogenen  Verhandlungen  bezüglich  des  Landerwerbs
in  der  Magdalenenbai  untersuchen  soll.

30.  Mai.  (Dayton,  Ohio.)  Der  Flieger  Wilbur  Wright,  der
1903  die  ersten  Drachenflüge  mit  Motor  ausführte,  1  45  Jahre  alt.

31.  Mai.  (Senat.)  Annahme  einer  Vorlage  des  Repräsentantenhauses,
  wonach  jeder  Kontrakt,  der  von  der  amerikanischen
Regierung  abgeschlossen  wird,  einen  Paragraphen  enthalten  muß,
daß  kein  Handwerker  oder  Arbeiter  mehr  als  acht  Stunden  am
Tage  uphie  darf.

I.  Juni.  Begrlißung  des  deutschen  Kriegsschiffgeschwaders  in
Lynnhavenbay.

5.  Juni.  (Cuba.)  450  amerikanische  Seesoldaten  unter  Befehl
des  Obersten  Lucas  landen  bei  Quantanamo  zum  Schutz  der  dortigen
amerikanischen  Fabriken.

5.  Juni.  (New  Vork.)  Zwei  feindliche  Banden  fahren  in
Aulos  durch  die  Stadt  und  erschießen  ihre  Gegner,  wo  sie  sie  finden.

"  umt,  Statistik  der  wahlberechtigten  Bürger.

s  Jensuramt  gibt  die  Zahl  derienigen,  welche  am  5.  November
an  den  “2u  teilnehmen  dürsen,  auf  26999  151  an.
Ihrer  Nasse  und  Abstammung  nach  können  sie  (in  Prozemen)  wie  solgt
llassisiziert  werden:

1910  1900
Hier  geborene  Weise

iä  amerikanischer  Abstammung  48.5  50,0

n  ausländischer  Abitammung  16.,7  16.3

n  nslande  geborent  Wei  ine  .  2,6  23.2
...  ..  9  9,7

Alle  andren  ..  ....  07  0,7

8.  Juni.  Gambridge  mat)  Grundsteinlegung  zum  Neubau
  des  Germanischen  Museums  der  Harvard  Universität.

9.  Juni.  (Chicago.)  Bei  der  Prüfung  der  angefochtenen
Wahlen  hat  das  republikanische  Nationalkomitee  bisher  keine  Wahl
der  für  Roosevelt  eintretenden  Delegierten  anerkannt,  dagegen  alle
Wahlen  der  Tastdelegierten.
        <pb n="499" />
        Nereinigte  Starirs  ren  Herdenrrila  mub  Le#(Juni  10.—22.)  489

10.  Juni.  (New  York.)  Aus  der  Rede  des  Bürgermeisters
Gaynor  beim  Festbankett  der  Stadt  zu  Ehren  der  deutschen  Flotte.
Die  Angelsachsen  seien  die  Mutter,  die  Deutschen  die  Großmutter
Amerikas.  Von  den  letzteren  stamme  alle  Zivilisation.  Amerika  bewundere

laner  als  eine  Art  Amerikaner  ansähen.  Falls  irgendwo  in  der  Welt
Eifersucht  Über  die  großen  Gertschritke  Deutschlands  serrich.  in  New  VYork
bestehe  diese  Eisersucht  nichl.  Könnte  er  im  Namen  der  Nation  sprechen,

o  würde  er  versichern,  daß  eine  saiche  —*séES  *n  ven  übrigen  Amerika
nicht  besche.  Amerika  bewillkommne  intelligente  Rivalität  in  der  ganzen

.  Die  Deutichen  zählten  zu  den  besten  Bürgern  des  Landes,  die  die
angesehensten  Siellungen  innehätten.  Niemand  in  ne8  könne  auf
den  Koiser  ein  herzlicheres  Hoch  ausbringen  als  die  New  Yor#

13.  Juni.  (New  York.)  Abfahrt  des  deutschen  Geschwoders
am  Nachmittag;  amerikanische  Schlachtschisse  und  Torpedoboote
geben  ihm  bis  Sandy  Hook  das  Geleit.

18.  Juni.  (Chicago.)  Eröffnung  des  Nationalkonventes  der
'  Partei.

Schon  die  Wahl  des  bempokren  Vorsitzenden  vollzieht  sich  unter
großem  nd  echleehi  ich  erhält  der  Landida  der  Zoirariei  Senator
Root  von  New  Nork  558  Stimmen,  Gouverneur  Me  Gor  von  Wiskonsin,
  der  swecerbn  502  Stimmen.  Bersplluren  lr  —  Stimmen,
abwesend  4  Delegier

19.  Juni.  WEhiege)  Auf  dem  Nationalkonvent  der  republikonischen
  Partei  wird  der  Antrag  des  Gouverneursz  Hadley,
das  Mandat  von  78  durch  den  Ausschuß  anerkannten  Toastdelegierten
  für  ungültig  zu  erklären,  mit  564  gegen  510  Stimmen
abgelehnt.

22.  Juni.  (Chicago.)  Noosevelt  empfiehlt  seinen  Anhängern
Fernbleiben  vom  republikanischen  Konvent  und  kündigt  in  einer
Massenversammlung  seinen  Entschluß,  eine  neue  Partei  zu  begründen,
  an.

22.  Juni.  (Chicago.)  Das  Programm  der  republikanischen
Partei.

Es  hält  am  Schntzgolliorif  fest,  empfiehlt  jedoch  die  Herabsetzung
einiger  bestehender  Einfuhrzölle  und  eine  galecegliche  Tarifrevision,  wenn
die  Verhälinisic  sich  ändern,  jedoch  ohne  Schödigung  der  amerikanischen
Industrien.  Es  tritt  serner  für  eine  von  den  Bechinien  Staalen  im
Auslande  über  die  Ursochen  der  hohen  Lebensminelpreiie  zu  veranstaltende
Enaucie  ein,  regt  den  Abschluß  eines  neuen  errges  mit  Rußland  zum
Schune  der  amerikonischen  Staaksbürger  an,  ist  für  einen  angemessenen
Ansbau  der  amerilaniichen  Kriegs-  und  Handeleslotte  und  aur  die  Jor.
jebung  der  Amitrungesetgebung.  Das

53  Slimmen  angenommen.  J13  Anhänger  Roosevells  kunhanen  ch  r
Abstimmung.
        <pb n="500" />
        490  ertiritit  Slaał  U##hs  und  d(Juni  23.—Juli  13.)

23.  Juni.  (Niagarafall.)  Durch  den  Einsturz  einer  Brücke
fallen  180  Ausflügler  in  die  Flut,  von  denen  47  ertrinken.

25.  Juni.  (Baltimore.)  Nationalkonvent  der  demokratischen
  Parkei.  Zum  provisorischen  Vorsitzenden  wird  Parker,
der  Kandidat  der  Berufspolitiker  aus  den  östlichen  Staaten,  mit
579  gegen  506  Stimmen  gewählt.

.  Juni.  (GBaltimore.)  Nachdem  Bryans  Antrag,  nicht
mehr  Zweidrittelmehrheit  für  die  Nominierung  eines  Präfidentschafts.
kandidaten  zu  verlangen,  mit  889  gegen  196  Stimmen  angenommen
war,  kommt  es  zu  vielen  unentschiedenen  Abstimmungen,  bis  endlich
in  der  46.  Abstimmung  am  2.  Juli  Wilson,  Gouverneur  von
New  Jersey,  mit  990  Stimmen  nominiert  wird.

W.  Juni.  (Cuba.)  Der  Führer  der  Aufständischen  Estimos
fällt  mit  vielen  seiner  treuesten  Anhänger  in  einem  Kampfe  bei
Micara.

2.  Juli.  (Atlantic  City.)  Das  zum  Ilug  über  den  Atlantischen
  Ozean  bestimmte  Luftschiff  „Akron“,  das  2  Millionen  Mark
gekostet  hat,  explodiert  bei  einer  Probefahrt  in  800  m  Höhe  und
sein  Erbauer,  Ingenieur  Vaniman,  sein  Bruder  und  die  aus  drei
Mann  bestehende  Besaßung  finden  ihren  Tod.

4.  Juli.  (Corning  im  Staate  New  VYork.)  Durch  einen
Zugzusammenstoß  werden  40  Personen  gethlet  und  50  verletzt.

4.  Juli.  Noosevelt  gibt  seinen  Freunden  am  Unabhängigkeitstage
  die  Grundzüge  des  Programms  seiner  neuen  Partei  bekannt.
Der  erste  Parteitag  der  neuen  „progressiven“  Partei  wird  zum
5.  August  nach  Chicago  berufen.

6.  Juli.  (Ligonier,  Pennsylvanien.)  In  einem  Personenäng,
  der  auf  einen  Güterzug  auffuhr,  werden  21  Personen  getötet
und  d0  verlett.

tl.  Juli.  überreichung  einer  Note  der  englischen  Regierung
an  Staatssekrelär  Knox:  mit  einer  kurzen  Ausführung,  England
halte  dafür,  daß  die  gebührenfreie  Benußung  des  Panamakanals
durch  amerikanische  Schiffe  oder  die  Rückverglltung  der  Kanalzölle
den  Hay-Pauncefotevertrag  verletzen  würde.

13.  Juli.  (Senat.)  Das  Mandat  des  Senalors  Lorimer
von  Illinois,  eines  Werkzeugs  des  Fleischtrusts,  wird  nach  zweijähriger
  Untkersuchung  mit  56  gegen  28  Stimmen  für  ungülltig  er.
klärt,  weil  es  durch  Bestechung  erlangt  war.
        <pb n="501" />
        Herrisiste  Staalra  ven  Rerdancriba  rad  darede.  (Juli  18.  August  7.)  491

18.  Juli.  (New  York.)  Der  Distriktsanwalt  Whitman  behauptet
  öffentlich,  daß  die  New  Yorker  Polizei  die  am  16.  Juli  erfolgte
  Ermordung  des  Spielhöhlenbesitzers  Hermann  Nosenthal  angestiftet
  habe,  weil  er  dem  Staatsanwalt  Mitteilung  von  dem
Tribut  machte,  den  die  Spieler  an  die  Polizei  zu  zahlen  hatten.

26.  Juli.  (Cuba.)  Ende  der  Revolution,  nachdem  sich  alle
Führer  unterworfen  haben.

2.  August.  (Senat.)  In  geheimer  Sibung  wird  mit  51
gegen  4  Stimmen  die  Resolution  Lodge  angenommen,  daß  die
Regierung  die  Monroe  Doctrin  von  neuem  bekräftigen  möge.

5.—7.  August.  (Chicago.).  Eröffnung  des  Konvents  der
amerikanischen  Fortschrittspartei,  die  von  Roosevelt  begründet  ist.

Noosevelt  betont  nachdrücklich,  daß  eine  neue  Partei  nölig  sei.  Die
Konvente  von  Chicago  und  Baltimore  hätten  schlagend  Leeigte  wie  wenig
das  Volk  unter  dens  gepigen  Verhältnissen  regierte.  Das  Volk,  nicht  die
Feisorbenden  Dersamnstagen,  sollte  über  die  Grundzuge  d  der  hol  gi
scheiden.  Das  VB  usse  die  ontoe  über  jeden  Zweig  des  Siaatedien
behalten.  In  Lolt  auf  die  Trusts  kritisiert  Roosevelt  das  Herahen
der  berrschenden  ns  und  der  Demokraten.  Roosevelt  empfiehlt  die
Schaffung  eines  nationalen  Industrieausschusses,  mit  der  Befugnis,  die
großen  indunwkeuen  ueraehisaen  zu  kontrollieren  und  dorauf  zu  schten.
daß  die  Versügungen  über  die  Verbesserung  der  Arbeitsbedingung
besolgt  werden.  Ferner  spricht  sich  Roosevelt  für  die  Einrichtung  on  E6n
kommissionen  zur  Festseyung  von  Minimallahnen  aus,  sowie  für  n·
fũhrung  von  Vestimmungen  über  Schutz  und  Erios  bei  23  En
Verordnungen  üÜber  die  Erziehung  und  Pflege  der
und  Auten  und  für  Verhinderung  der  Nachtarbeit  bei  Frouen  und  Aindemn.
Roosevelt  erklärt  sich  zugunsten  de  Frauenstimmrechts.  Jolltorif
  betrifft,  so  glaubt  Noosevelt  daß  das  amerikanische  Volk  uͤr  den
Schutzzolltarif  jei,  aber  sich  gegen  die  —  Auwendung  dieser
Politik  und  gegen  frühere  MW  auslehne.  Er  empfiehlt  die  iwang
einer  ständigen  Lommission  unpartelischer  Geerseendige  mit  großer
Vollmocht,  um  genaue  und  zuverlässige  Unterlagen  zu  beschaffen.  Das
gegenwärtige  Tarifamt  sei  -aänlich  unzulänglich  in  bezug  auf  Vollmacht
und  Wirkungskreis.  Die  deutsche  Tarifkommission  bilde  ein  glänzendes

orbild.  Iir  „Zolltarif  uw.  aioe  inr  Position  revidiert  werden.  um
Schläge  zu  eriparen,  die  es  ins  Wanken  bringen,  müsse  ei
esho  elcee  werden  n,  6  dem  Predit  größere  Slofean
gee  und  Rückichläge  und  Paniken  erschwere.  In  den  auswärtigen  Angelegenheiten
  nsen  die  Vereinigten  Staaten  sich  gegenüber  den  anderen
Naionen  geradeso  verhalten,  wie  ein  ehrenhafter  Privatmann  gegenüber
anderen.  Der  Panamakanal  müsse  beieneig  die  Kanalzölle  auf  den  übersreilaen
  Handel  für  alle  Nalionen  einschlielich  der  amerikaniichen  gleichmäßig
  sestgesetzt  werden.  Die  amerikanischen  ansensahrzene  müßten  jedoch
n  Ranal  frei  passieren,  aber  dies  sei  keine  unterschiedliche  ehndlung
der  fremden  Nationen.  Er  schließt  mit  dem  Hinweis,  daß  alle  Ma
er  je  besessen,  ihm  vom  Volke  übertragen  worden  sei.  Er  ruft  das  Venaus,
  im  Geiste  der  Brüderlichkeit  für  die  Förderung  des  Wohles  der  Nation
einzutreten.  —  Schließlich  wird  Roosevelt  unter  gewoltigem  Enthusiosmuo
        <pb n="502" />
        492  Ferrinigte  Siaat  Herberik#  und  enad.  (August  14.—Ende.)
mm  Nationalkonvent  vom  ersten  Finanzbeamten  New  Vorks,  Perenerga

"4r  n  Präsidentschaftskandidat  nominiert.  Ihm  eh  Fräulein.  Addam

Vigzepräsidentschafrskandidat  wird  Gouverneur  Johnson  von  Tanssorauen

14.  August.  (Kongreß.)  Die  vereinigte  Kommission  beider
Häuser  ändert  die  Panamakanalbill  dahin  ab,  daß  nur  die  in  der
Küstenschiffahrt  verkehrenden  amerikanischen  Schiffe  Gebührenfreiheit
genießen.

19.  August.  (Kongreß.)  Eine  gemeinsame  Konserenz  von
Ausschüssen  des  Senats  und  des  Repräsentantenhauses  hat  sich  auf
den  Bau  eines  Schlachtschiffes  vom  Dreadnonghtiyp  zum  Preis  von
15  Millionen  Dollars  geeinigt.

Die  Republikaner  hatten  zwei  Schiffe  gefordert.

Mitte  August.  Die  Sozialpolitik  im  Programm  der  neuen
Bort  schri  ieparin  Noofewelts,

„Wir  n  uns,  in  den  Staatslegislaoturen  wie  im  Kongreß
für  die  Veerriiche  fernnen  giele  zu  wirken:  Wirksame  Gesetze  zur  Verhltung
  von  Industrieunfällen,  Berufekrankheiten,  Ueberarbeitung,  unfreiwilliger
  Veschäftigungslosigleit  und  anderer  Mißstände,  welche  durch  die
moderne  Industrie-Emtwicklung  bedingt  sind.  Die  rnhinderung  der  Kinderarbeit.
  Mindestlöhne  sür  arubet  berinnen,  o  daß  ihnen  in  allen  Industriebetrieben
  ein  Maiem  gelichert  Das  allgemeine  Verbot
Bachipvbeit  für  sN  ro  gsiber  nhd  für  sie  und  jugendliche  Arbeiter.

Ein  Ruhetag  jede  Woche  für  jeden  Arbeiter.  Der  achtstündige  Arbeitslag
in  den  Indäfkrier,  in  denen  Pvrr  Betlrieb  ein  ununterbrochener  ist.  Die
Vschaffung  der  Gefängnisarbeit,  soreit  deren  Produlte  zum  allgemeinen
Konjum  bestimmt  sind.  Geiangene  sollen  nur  für  den  Regierungsverbrauch
berechnete  Erzeugnisse  liesern;  ein  elwaiger  Verdienst  soll  ihren  Familien
zugute  kommen.  Wir  begünstigen  die  Organisierung  von  Arbeitern  und
Arbeiterinnen,  so  daß  sie  um  so  besser  ihre  Interessen  vertreten  können.  Wir
verpflichten  uns,  für  die  Einrichiung  eines  Vundesarbeitsamtes  einzutreten.
dessen  Chef  einen  Sitz  im  nabinett  haben  und  in  allen  Fragen,  welche
Industricarbeiter  betressen,  zuständig  sein  soll.“

25.  August.  Präfident  Taft  untergeichnet  die  Panamakanalbill.

29.  August.  (Kolumbus  in  Ohio.)  Eine  geisteskranke  Frau
stürzt  sich  mit  einem  Dolchmesser  auf  den  Präsidenten  Taft,  wird
aber  von  Kriminalschutzleuten  an  der  Ausführung  ihres  Anschlages
verhindert.

Ende  August.  Durch  eine  Veröffentlichung  des  Statislischen
Bureaus  des  Bundes  wird  auf  den  Rückgang  der  Biehzucht  aufmerksam
  gemacht,  der  seit  1890  im  Verhällnis  zur  Vermehrung
der  Feblero  sich  bedenklich  #eheigert  hat.

Während  die  Bevölkerung  von  191700—1910  um  %  me
hat  onn  gan  ov  ben  sast  92  Müühonen  *  ist  d  iehstand,
sveziell  d  r  fũr  die  Volksernährung  wichtigen  Hausliere,  —  zurüc-Weangen“
  is  —s“  Tabelle  beweist:
        <pb n="503" />
        —–  B.  4  22

Thober  6.—  November  6.)  193

 

1910  100%  Eese  in  5%

Milchküüht  22625432  17  1356  20.4
Andere  Kühe  EEE  13  —  4
Rinder  (1  *  ain  J25  NAir  7174  1#3  —  1,

chjen  .  EIIIE  15345  —  21.1
Kälber  7355749  —  1
Schafermm  61  7540171  —  1,3
S—El  61  u#G  155  —  20,5

6.  Oklober.  (New  York.)  Der  Hauptzeuge  des  Staatsanwalts
  im  Mordprozeß  Becker,  Jack  Zelig,  der  angeblich  auf  Geheiß
  des  Polizeileutnants  Becker  die  Mörder  des  Spielhöhlenbesihers
Nosenthal  gedungen  hat,  ist  auf  der  Straßenbahn  von  einem  gewissen
  Philipp  Davidsohn  erschossen  worden.

15.  Oktober.  (Milwankee.)  Noosevelt  wird  auf  dem  Wege
zum  Gilpatrick  Hotel,  wo  er  eine  Wahlrede  halten  sollte,  durch  einen
Schuß  eines  irrfinnigen  Arbeiters  an  der  Brust  leicht  verletzt.

Das  Mannfskript  der  Rede  in  der  Brusttasche  schwächte  die  Wirkung
der  Kugel  ab.  Während  der  Behinderung  Roosevelts  insolge  des  Attentats
unterbrechen  auch  seine  Gegenkandidaten  ihre  Agitationsreisen  zu  Wahlzwecken.

21.  Oktober.  (Kanada.)  Der  Minister  der  bffentlichen
Arbeiten  Monk  in  Kanada  tritt  zurück,  weil  sein  Verlangen  nach
einem  Plebiszit  über  das  neue  Flottenprogramm  vom  Premierminister
  abgelehnt  worden  ist.

25.  Oktober.  (New  York.)  Poligeileutnant  Charles  Becker
wird  zum  Tode  verurteilt,  weil  er  die  Erschießung  des  Spielhöhlenbesitzers
  Hermann  Rosenthal  durch  Verbrecher  veranlaßt  hat.

30.  Oktober.  (Utica.)  Der  Vigepräsident  der  Vereinigten
Staaten  James  Schoolcraft  Sherman  f.  53  Jahre  alt.

S1.  Oktober.  (New  York.)  Roosevelts  Wahlrede  nach  seiner
Genesung  von  der  Verwundung  in  Milwaukee.

Nach  hestigen  Gngeiftn  auf  seine  Gegner  verkündete  er  seine
idealen  ethischen  Grundsätze.  „Jeßzt  bietet  sich,“  so  sagle  er,  „dem
wireibnirh  Volke  die  Gelegenheit,  sich  jener  Rechte  zu  versichern,  um

ir  den  beiden  alten  Parteien  gebracht  wurde.  Wir  wollen  die
geidene  oen  der  Bergvoredigt  auf  die  r**——  zune,l  Zelers
anwenden,  statt  uns  an  verknocherte  Formen  zu  halte  Nehmen  wir  die
iebige  Gelegenheit  nicht  wahr,  so  wird  der  Kboniuchrn  Inbeschualienus
zu  einer  Gefahr  für  das  amerikanische  Volkslebe#n-  werde  en,  denn  unsere
Nation  wird  in  zwei  sich  bekämpfende  Teile  zerfallen,  die  Klosse  der  Beüvenden
  und  die  der  Besitzlosen;  deshalb  müssen  wir  den  berufsmäßigen
Politikern  und  den  alten  Parteien  die  Macht  utreißen,  die  sie  dem  Volle
gestohlen  haben  und  die  in  unsere  Hände  gehoͤr

6.  November.  (New  York.)  Damtien,  der  schuldig  befunden
  wird,  Zelig,  einen  wichtigen  Zeugen  gegen  den  Polizei-
        <pb n="504" />
        494  JNaoinste  Staaten  vun  Mordamesike  und  Kausda.  (Novbr.  7.—Dezbr.  3.)
leutnant  Becker,  ermordet  zu  haben,  wird  zu  20  Jahren  Gefängnis
verurteilt.

7.  November.  Das  Ergebais  der  Präfidentenwahlen.

Wilson.  egte  in  40  von  48  Staaten  mit  442  snerrecstimmnen
Tast  hat  nur  in  Utah,  Vermon  ind  Na#e  g  hient  und  erhielt  12  Stim
1  Noogevelt  Vunstelen  77  Stunm  men.  An  Vollsstimmen  *½  Hür-57000

  Stimmen,  „Aeoohoe  3923000,  An  3376000,  Debs  674000  u
E  a  161.000  Sti

15.  r-sms  #o#u  künftige  Präsident  Wilson  kündigt  an.
der  Kongreß  werde  nicht  später  als  am  15.  April  zum  Zwecke  der
Tarifrevision  zu  einer  außerordentlichen  Session  zusammenberufen
werden.

19.  November.  (New  VYork.)  Wegen  Mordes  des  Spielhöhlenbesitzers
  Rosenthal  verurteilt  das  Geschworenengericht  4  Angeklagte
  zum  Tode.

21.  November.  (Kanada.)  Parlamentseröffnung.  Die  Thronrede
  in  Ottawa  hebt  die  Pflicht  Kanadas  hervor,  dem  Mutterland
in  kritischen  Zeiten  zu  helfen,  ohne  aber  die  Höhe  des  für  die
britische  Flotie  geplanten  Beitrags  zu  nennen.

Thronrede  kündigt  weiter  billigere  Kabelraten  an,  läßt  aber
die  Neueimteilung  der  Parlamentswahlkreise  auf  Grund  der  letzten  Volksezählung


P.  Irpvenber.  (Shreveport,  Louisiana.)  Drei  Neger,
die  vor  kurzem  einen  Schöffen  tätlich  angegriffen  haben,  werden
während  der  Uberführung  in  ein  anderes  Gefängnis  gelyncht.

2.  —  Eröffnung  des  Kongresses.

Der  Vorauschlag  der  taiatbennchabne  6%  iffert  sich  auf  823416  455
Dollar  der  Ausgaben  für  die  #ontl  Die  Ausgaben  für  die
Marine  erhöhen  sich  um  28  Millionen  Dollar.  Es  sind  drei  Schlachtschiffe
  vorgeichen.

3.  Dezember.  Präsident  Tafts  Botschaft.

Sie  beginnt  mit  einer  Ermahnung  zur  Einigkeit  und  zur  Stetigkeit
in  der  äuseren  Politik,  die  weit  über  Parteikonslikte  gestellt  und  von
den  Disserenzen  der  inneren  pZouin  vollständig  geirennt  werden  solle.  "
Bezichungen  zu  allen  fremden  Mächten  ru  ihten  auf  der  sesten  Basis  d
Friedeus,  der  Harmonic  und  der  Freundschaft.  Der  Präsident  vos
sich  dann  mitl  der  besonderen  Notwendigleit  einer  weitblickenden  auswärtigen
Politil,  da  diese  in  enger  Verbindung  mit  dem  answärtigen  Handel  des
Landes  siehe.  Die  Politik  der  gegenwärtigen  Regierung  poi  in  ihren  Bestrebungen
  offen  darauf  gerichtet,  den  amerika  nischen  Handel  nach  dem
Grundsatz  zu  vergrößern,  daß  die  Regierung  dr  Vore  #een  Staaten  jede
erlaubte  bahlakeleun  allen  kegitimen  !  und  nünlichen  amerikanischen  Unternehmungen
  im  Auelande  gewähre.  Die  Botschaft  envähnt  dann  mit  Bedauern,
  daß  der  KNongreß  die  Schiedsverträge  mit  Großbritannien  uand
Frankreich  nicht  ratifizierte.  Hinsichtlich  Chinas  sei  es  dauernd  das  Ziel
        <pb n="505" />
        Hrrisisie  Slasies  von  Merhamrihe  and  Kem#e#.  (Dezember  18.19)  495,

der  Regierung  gewesen,  die  Berwendung  amerikanischen  Kopitals  bei  der
Erschließung  Chinas  zu  fördern,  indem  sie  auf  wesentliche  Reformen  hinwirkie,
  zu  denen  sich  China  den  Bereinigten  Staalen  und  anderen  Mächten
gegenüber  verpflichtet  habe.  Die  Verpfändung  chinesischer  Staatseinkünfte
an  ausländische  Bankiers  in  Verbindung  mit  der  Schaffung  gewisser
industrieller  Umernehmungen,  wovon  diese  Neformen  lobbingen.  ü  ##  das

Statsdepartement  veranlaßt,  die  Beteiligung  amerikanischer  Bürger  an
solchen  Umiernehmungen  zu  verlungen.  Präsident  Taft  beschättigt  sich  weiter
aon  der  Norwendigkeit,  die  schwächeren  gentralamer  rikanischen  Staaten

bei  ihrer  finanziellen  Sonierung  zu  unterstützen.  Die  hentralamerikanischen
JFiepublilen  besoßen  großen  Reichtum  und  benöligten  nur  Stabilitöt  und
die  Mittel  zur  ünanziellen  Wiedergeburt,  um  in  eine  Aera  des  Friedens
und  der  Proiverität  einzutreten.  Mexiko  gegenüber  sei  es  die  Loliit  der
Vereinigten  Staaten  gewesen,  Geduld  zu  üben,  nicht  zu  intervenieren  und
unbeirri  die  besiehende  Autorilät  anzuerkennen.  Die  Botschaft  nimmt  dann
auf  die  anhaltende  Steigerung  des  Exvorts  amerikanischer  Produkte
  nach  dem  Auslande  Bezug.  *  Geiamtexport  stelle  sich  ouf  2200
Millionen  Tollar  gegen  Au#)  Millionen  Dollar  im  Voriahre.  Die

mäßig  hergesteilte  Artisel.  Der  gröffere  Verdrauch  der  Amerilaner  mache
EEIXXEItIIIIIIX  Produlte  im  Lande
verbleibe.  Hinsichtlich  des  Tarifs  empfiehlt  die  Borschaft  ein  Amendement
in  der  Weise,  daß  durchaus  wirksome  Mittel  vorgesehen  werden,  welche  auf
die  mannigiachen  Grade  unterschiedlicher  Behandlung  anwendbar  sind,  die
der  amerilaniiche  Handel  im  Auslande  noch  immer  erfährt,  und  die  die
finanziellen  Imereisen  amerikanischer  Bürger  im  Auslande,  deren  Unternehmungen
  den  Markt  für  amerikanische  Erzeugnisse  erweiterm,  gegen  nachteilige
  Behandlung  durch  fremde  Regierungen  zu  schüßen.  In  dieser  Richtung
  fordert  der  Präsident  ein  Gese,  das  demienigen  ähnlcch  ist,  welches
der  Staatesekreiär  in  seinem  Briese  vom  13.  Dezember  1911  zin
Zum  Schuß  kommt  der  Präsident  auf  die  Notwendigteit  zurück,  daß  d
Regierung  größere  Anstrengungen  machen  müsse,  den  auswärtigen  o
zu  erhalten  und  weiter  *—  wozu  die  Vereinigien  Staaten  eine
Handelsmarine  haben  m

18.  Dezember.  Fepraßenzontenche  Annahme  der  Vorlage,
  welche  Analphabeten  von  der  Einwanderung  ausschließt,  mit
178  gegen  52  Stimmen.

ie  Bill  ist  besonders  gegen  die  Süditaliener  gerichlet,  wöhrend  der
Eimandienn  russischer  Juden  keine  Schwierigkeiten  gemacht  werden,  da
bestimmt  wird,  Personen,  wece  we  r*  Religionsversolgungen  ihre  Heimot
verlassen,  auf  jeden  Fall  zuzul

19.  Dezember.  Fesstn  Taft  nimmt  die  ihm  angebotene
juristische  Professur  an  der  Yale-Universität  an.
        <pb n="506" />
        46  Mittel-  ud  Süherih  (Januar  2.—Februar  12.)

XXIV.
Mittel-  und  Südameridka.

2.  Januar.  (Brasilien.)  Der  Bundespräfident  sanktioniert
das  Gesetz  über  den  Anbau  verschiedener  Gummiarten  nach  verbesserten
  Methoden.

24.  Januar.  (Ecuador.)  Nachdem  auch  Guayaquil  als  letzte
Stadt  sich  den  Niegierungstruppen  ergeben  hat,  unterzeichnen  die
Führer  der  Revolution  die  Friedensartikel.

24.  Januar.  (Argentinien  und  Paraguay.)  Wegen  wiederholter
  Angriffe  auf  argentinische  Schiffe  fordert  der  Minister  des
Außern  Bosch  durch  den  Gesandten  in  Asuncion  volle  Genugtuung
innerhalb  24  Stunden  von  der  Regierung  von  Paraguay.

Durch  die  Enisendung  von  zwei  Panzerkrenzern  und  zwei  Torpedobooten
  nach  Paraguay  gibt  Argentinien  seinen  Forderungen  Nachdruck.

27.  Januar.  (Ecuador.)  Erregter  Pöbel  dringt  in  das  Gefängnis
  von  Ouito  ein,  obwohl  dieses  doppelt  bewacht  war,  und
lyncht  fünf  hervorragende  Revolutionäre,  nämlich  die  Generale  Eloy
Alfaro,  Flavio  Alfaro,  Medardo  Alfaro,  Ulpiano  Paez  und  Manuel
Serrano.

28.  Januar.  (Brasilien.)  Infolge  der  anarchischen  Zustände
  in  Bahia  flüchtet  der  Gouvernenr  Amelio  Bianno  ins
französische  Konsulat.

31.  Jonuar.  (Mexiko.)  In  einem  zehnstündigen  Gefecht
werden  die  Zapatisten  von  den  Regierungstruppen  bei  Zuernavace
zurückgeschlagen.

2.  Februar.  (Mexiko.)  In  Juarez  haben  die  Aufrührer
eine  Bekanntmachung  erlassen,  die  Emilio  Basquez  Gomez  zum  vorläufigen
  Präsidenten  proklamiert  und  erklärt,  Madero  sei  seinen
Verpflichtungen  nicht  nachgekommen,  und  die  Wahlen  seien  ungültig,
  der  Kongreß  sei  ausgelöst  und  seine  Beschlüsse  seien  ohne
gesetliche  Kraft.

7.  Februar.  (Dominikanische  Republik.)  An  Stelle  des
ermordelen  Generals  Ramon  Caceres  wird  Eladio  Viktoria  zum
Präfidenten  gewählt.

12.  Februar.  (Mexiko.)  Einspruch  der  Vereinigten  Staaten
gegen  eine  Proklamation  des  Gouverneurs  Gonzales  von  Chihuahua,
in  der  erklärt  wird,  die  Union  sei  im  Begriff,  in  Mexiko  einzufallen
  und  die  Bevölkerung  zu  knechten.
        <pb n="507" />
        Mittel-  ud  S#ü#nmeriks.  (Februar  14.—März  6.)  497

14.  Februar.  (Ecuador.)  Wiederherstellung  der  dffentlichen
Ordnung  und  des  konstitutionellen  Regimes.  General  Leonidas
Plaza  und  der  Politiker  Carlos  Tovar  find  die  republikanischen
Präfidentschaftskandidaten  für  die  nächsten  Wahlen.

14.  Februar.  (Brasilien.)  Nachfolger  des  verstorbenen
Ministers  des  Außern  Branco  wird  der  frühere  Eisenbahnminister
und  Gouverneur  von  Santa  Catharina  Lauro  Müller.

17.  Februar.  (Mexiko.)  Unentschiedenes  Gefecht  bei  San-Pedro.
  Die  Ausfständischen  find  jetzt  in  18  der  81  Staaten  mit
kriegerischen  Operationen  beschäftigt,  am  ernstesten  in  Coahuila
und  Durango.

18.  Februar.  (Argentinien.)  Die  Regierung  erklärt  sich
mit  der  von  Paraguay  geleisteten  Genugtuung  zufriedengestellt  und
läßt  ein  Protokoll  aufnehmen,  durch  das  die  diplomatischen  Beziehungen
  zwischen  den  beiden  Ländern  wieder  ausgenommen  werden.

19.  Februar.  (Mexiko.)  Zwei  Siege  der  Regierungstruppen.
Bei  Zuernaroca  schlugen  sie,  von  starker  Artillerie  unterstützt,  die
Zapatisten,  deren  Verluste  unbekannt  find.  Auch  bei  Torreon  wurden
die  Rebellen  geschlagen  und  hatten  57  Tote.

22.  Februar.  (Brasilien.)  Der  Wert  der  Ausfuhr  betrug
im  Jahre  1911  66.84  Millionen  Pfund  Sterling  oder  3.75  Millionen
mehr  als  im  Jahre  1910

5.  März.  (Nicaragua.)  Verhaftung  von  50  angesehenen
Bürgern,  darunter  vielen  Journalisten,  unter  der  Beschuldigung,  ein
Dynamitattentat  gegen  den  amerikanischen  Staatssekretär  Knox
beabsichtigt  zu  haben,  der  sich  zurzeit  in  Managua  aubhält.

Anfang  März.  (Chile.)  Nach  der  amtlichen  Statistik  über
den  Außenhandel  im  Jahre  1911  beziffert  sich  die  Einfuhr  auf
349  Millionen,  die  Ausfuhr  auf  340  Millionen  chilenische  Goldpiaster.


6.  März.  (Paraguay.)  Die  Nachricht,  daß  der  Kommandeur
des  Eilschiffes  „Triunfo“,  der  ehemalige  deutsche  Fähnrich  zur  See
Edmund  Weißleder,  von  den  Revolutionären  ermordet  wurde,  bestätigt
  sich.

6.  März.  (Ecuador.)  General  Julio  Andrade,  der  Kommandeur
  von  Guayaquil,  ist  in  Quito  von  seinen  Soldaten  ermordet
  worden.

6.  März.  (Meriko.)  Die  Japatisten  haben  die  Siatt  Atlixco

Europöilcher  Geichichtskolender.  LIII.
        <pb n="508" />
        498  Nittei-  md  S#meril.  (März  6.—Mai  4.)

eingenommen;  bei  dem  Kampfe  wurden  20  Mann  der  Regierungstruppen
  und  18  Aufständische  gettet.

6.  März.  (Bolivien  und  Chile.)  Die  Eisenbahn  über  die
Anden  zur  anerbinhun  beider  Länder  wird  vollendet.

Es  ist  ein  Teil  der  Linie  —  Poz,  die  477  Kilometer  lang
ist  und  eine  W  von  4264  Meter  t.

7.  März.  (Columbia.)  57  Negierung  erklärt,  daß  ihr  der
Besuch  des  Staatssekretärs  der  Vereinigten  Staaten  Knox  unangenehm
  sei.

Ende  März.  (Mexiko.)  Die  Kolonnen  der  Revolutionäre
Orozco  und  Zapata  rücken  gegen  die  Stadt  Mexiko  vor,  zu  deren
Verteidigung  Präsident  Madero  die  Entsendung  von  7000  Gewehren
  und  1  Million  Patronen  aus  den  Kriegsdepots  der  Vereinigten
  Staaten  gestattet.

31.  März.  (Ecuador.)  General  Plaza  wird  zum  Präfidenten

18.  April.  (Mexiko.)  Die  Regierung  bestreitet  in  ihrer
Antwort  auf  die  Note  der  Vereinigten  Staaten.  durch  die  die

ht  wird  für  jede  künftighin
vorkommende  schlechte  Behandlung  von  amerilanischen  Bürgern,  der
Regierung  von  Walshington  das  Rechk,  Mexiko  eine  Verwarnung
üu  erteilen,  da  diese  nicht  im  mindesten  begründet  sei.

Sie  bestreitet  weiter,  daß  die  Regierung  von  Mexilo  verantwonlich
sei  für  Gewalttoten,  die  in  dem  von  der  Emporung  ergriffenen  Gebiet
begangen  worden  sind,  übernimmt  aber  die  volle  Verantwortlichkeit  für
jeden  den  Ausländern  hugesügen  Scheden,  für  den  die  mexikanische  Regierung
verantwortlich  gemacht  werden  kön

22.  April.  (Mexiko.)  ##  Kongreß  nimmt  nach  erregter
Sitzung  ein  Gesetz  an,  das  die  Regierung  zur  Vermehrung  des
Heeres  um  60000  Mann  ermächtigt.

26.  April.  (Paraguay.)  Wiederbeginn  des  Bürgerkrieges.
Vier  Regierungsschiffe  griffen  die  revolutionären  Streitkräfte  des
früheren  Präsidenten  Jara  an,  die  sich  in  dem  Fort  Engarnacion
sestgesch  haun

Serche  7  der  Revolutionäre  zwang  sie  aber,  sich  mit
Havarien  zuruche  hen

4.  (Brasilien.)  Erôffnung  des  Kongresses.

Die  otschaßt  des  Präsidenten  Lermes  da  Fonseka  bedauert  den
Verlust  Rio  i  oos,  des  Ministers  des  Acußern,  deisen  Friedenspolitit
sein  Nachfolger  vauro  Müller  fortjeve.  Die  Lage  im  Innern  sei  trotz
der  geirweiligen  Unruhen  befriedigend;  jedoch  seien  Rejormen  des  Wahlgesebes
  nolwendig.  Der  Bau  eines  Kriegshafens  außerhalb  des  Bundes-
        <pb n="509" />
        NMittel-  ud  Lühmmerils.  (Mai  5.—September  1.)  499

diftrilts  sei  unaufschiebbar.  Das  Desien.  betrage  56582  Contos,  wozu  jedoch
Kreditoperationen  im  Betrage  von  50165  —.  10  chählen  seien,  die
auswärtige  e  Schuld  82,89  Mi  ro  pfund  ilionen  Franks;  d
unahme  von  6,9  Millionen  Pfund  sei  zun  soen  verwendet  woidenie
  Einnahmen  hätten  bedeutend  zugenommen,  aber  auch  die  Ausgaben,
weshalb  größte  Sparsamkeit  anzuraten  sei.

5.  Mai.  (Mexiko.)  In  Juarez  proklamieren  die  Aufständischen

den  *  Emilio  Vasquez  Gomez  zum  provisorischen  Präfidenten.
Mai.  (Peru  und  Bolivia.)  Beilegung  des  Grenzstreitg.
durch  Fn  Frieden  von  La  Paz.

16.  Mai.  (Mexiko.)  Für  die  Hinterbliebenen  der  vier  in  Covadonga
  ermordeten  Deutschen  zahlt  die  Regierung  400000  Mark  bar.

39.  Mai.  (Mexiko.)  Ermordung  des  Deutschen  Hugo  Beel
in  San  Miguel  am  Rio  Demesßquilal.

3.  Juni.  (Mexiko.)  Aus  Furcht  vor  einem  Angriff  der
förderierten  Truppen  fliehen  1900  Ausländer  aus  der  Stadt
Chihnahua.

14.  Juni.  (Brasilien.)  Budgetentwurf  für  1918.

och  dem  Voranschla  aheragen  die  Einnahmen  125792  Conios
Gold  und  351213  Conios  Das  bedeuten  eine  Steigerung  der

Einnahmen  um  13121  Contos  *8  und  26265  Contos  K..  gegen  1912.
Die  Ausgaben  belauien  sich  auf  80  K####1  Contos  Gold  und  431  374  Contos

14582  Contos  Papier  gegen  1912  bedeutct.  Der  Saldo  an  Gold  betrögt
41931  Contos,  das  Defihit  an  Papier  77131  Contos.  Nach  Verrechnung
des  ersteren  Saldos  verbleibt  ein  Enddefizit  von  1390  Contos  Popier.

9.  Juli.  (Mexiko.)  Das  deutsche  Konsulat  in  Juarez  wird
durch  einbrechende  Rebellen  geplündert.

15.  Juli.  (Panama.)  Ohne  Opposition  wird  Porras  zum
Präsidenten  gewählt,  da  die  beiden  Gegenkandidaten  im  letzten
Augenblick  verzichteten.

17.  Juli.  (Paraguay.)  Eduardo  Schaerer  wird  zum  Präsidenten,
  Pedro  Bobadilla  zum  Vizepräsidenten  gewählt.

9.  August.  (Chile.)  Neues  Ministerium:  Inneres  Guillermo
Bassos,  Außeres  Antonio  Hunceus,  Finanzen  Manuel  Rivas  Vieune,
Justiz  Henri  Billegas  Echeburu,  Krieg  Claudio  Vicuna,  Industrie
Cscar

27.  August.  (Nicaragua.)  In  Matagalpa  wird  der  Deutsche
Albert  Nielsen  ermordet.

1.  September.  (Mexiko.)  Bei  Cananea  im  Staat  Sonora

umzingeln  die  Rebellen  2000  Amerikaner,  die  zur  Unterstützung  der

Regierung  Über  die  Grenze  gekommen  waren.
ar·
        <pb n="510" />
        500  Mitiel  un  #eidemeris.  (September  10.—November  11.)

15.  September.  (Mexiko.)  Der  Senat  hat  in  geheimer  Sitzung
den  Präfidenten  Madero  ermächtigt,  die  Vereinigten  Staaten  zu
ersuchen,  den  Transport  mexikanischer  Truppen  durch  das  Gebiet
der  Vereiniglen  Staaten  zu  gestatten.

Es  wird  geplant.  eine  Kolonne  Über  El  Paso  in  Texas  und  Douglas
in  Arizona  nach  dem  Stoat  Sonora  in  Mexiko  zu  senden,  wo  einige  Banden
der  Aufrührer  Verwstungen  anrichten.

18.  September.  (Brasilien.)  Bericht  des  Finanzministers
über  die  Finanzlage  und  die  Nationaleinkünfte.

Die  Einkünfte  des  Volkes  beziffern  sich  auf  506000  Contos  gegenüber
  320000  im  Jahre  1902.  Wenn  diese  Zunahme  keine  Ws
Finanzlage  gezeigt  habe,  so  liege  56  an  den  Looßen  Ausgaben,  die  in
dem  erwähnten  Zeitabschnitt  von  300000  auf  600000  Contos  gestiegen
seien.  Der  Finanzbericht  trikt  dringend  *  die  Notwendigkeit  ein,  die
Ausgaben  zu  vermindern  und  sie  in  den  H#zzen,  der  Einnahmen  zu  halten.
3  auewaͤrtige  Schuld  ndeien  2  auf  83000000  Pfund  Sterling  und

und  Sterling,  welche  1911  zurückgrse
  wurden.  er  10#70  hs  ezt  1100000  Contos  gleich
12  Pfund  Sterling.  Die  ausgezeichnete  woirchestliche“  Lage  des
*8  wird  dargetan  durch  die  große  Bumahme  3  er  Zolleinnahmen  und
Steuererträgnisse.  Ferner  betont  der  Bericht,  daß  die  e  dage  des  Kautschuk-Lefchästes
  —2—  werde  durch  die  indische  Konkurrenz,  so  daß  man  befürchte,
werde  1915  bis  1917  ein  .  cGinenen.  Der  Minister  weist  dringend
—  I14  110  hin,  auch  d  ni  a  anderer  landwirtschaftlicher
E#henhnse  als  Kaffee  und  Kauuschur  zu  fördern.
25.  September.  (Peru.)  Amtsantritt  des  Präßidenten

Billingburn

Das  ue  Minisierium  sezt  sich  folgendermaßen  zusammen:  Inner
Elias  Nlanis,  Aeußeres:  Benceslaoo  Valera,  Krieg:  General  uret
Finanzen:  Baldomiro  Aachoncd,  Justiz:  Francisco  Mereira,  Industrie
und  Handel:  Molaga  Sant

25.  September.  (Meite,  Präsident  Madero  erteilt  mit
Zustimmung  des  Kabinekts  dem  Kriegsminister  den  Befehl,  dem
Revolutionär  Orozco  und  seinen  Anhängern  Amnestie  anzubieten.

25.  September.  (Nicaragua.)  Amerikanische  Marinetruppen
haben  die  Stadt  Granada  besetzt  und  den  Führer  der  Aufständischen
Mena  gefangen  genommen.

17.  Oktober.  (Meriko.)  Da  der  General  Diaz,  der  Neffe  des
Expräsidenten  Porfirio  Diaz,  Veracruz  besetzt  hat,  befiehlt  Präfident
Madero,  daß  alle  regulären  und  irregulären  Truppen  sich  vereinigen
sollen,  um  diese  Stadt  einzuschließen.

23.  Oktober.  (Mexiko.)  Die  Bundestruppen  nehmen  Veracruz
wieder  ein.  General  Diaz  wird  gefangen  genommen.

.  November.  (Chile  und  Peru.)  Wiederaufnahme  der
seit  1879  unterbrochenen  normalen  diplomatischen  Beziehungen.
        <pb n="511" />
        Mütl-  u  Sih(Nov.  Dez.)  I#strallen  und  Südser.  (Febr.—Aug.)  501

Beide  Staaten  #aließen,  einen  Handelsvertrag  und  erkennen  das
Provisorium,  durch  das  1883  Peru  die  beiden  Südprovinzen  Tacna  und
Arica  an  das  siegreiche  cht  abtreten  mußte,  als  endgültig  an.

29.  November.  (Bolivien.)  Nach  Bewilligung  des  Budgets,
das  mit  22  Millionen  Piastern  balanziert,  wird  die  Kammer  geschlossen.


1.  Dezember.  (San  Domingo.)  Der  provisorisch  auf  zwei
Jahre  zum  Präfidenten  gewählte  Erzbischof  Nouel  tritt  sein  Amt  an.

17.  Dezember.  (Peru.)  Die  Regierung  ordnet  die  Verhaftung
einer  Anzahl  von  Personen,  die  an  den  Grausamkeiten  im  Putumayo-Gebiet
  beteiligt  waren,  an.

XXV.
Australien  und  Südsee.

2.  Februar.  Bei  den  Parlamentswahlen  im  Staat  Südaustralien
  erleidet  das  Arbeiterministerium  eine  Niederlage.

Mitte  Februar.  (Samoa.)  Es  wird  bekannt,  daß  der  verstorbene
  Exkönig  Mataafa  dem  Drängen  seiner  Landsleute  nicht
nachgegeben,  sondern  ein  Testament  hat  aufstellen  lassen,  nach  dem
er  keinen  Nachfolger  in  Vorschlag  bringt,  sondern  seine  Würde  in
die  Hände  deß  Kaisers  legt.

7.  März.  (Hobart  in  Tasmanien.)  Ankunft  des  norwegischen
Polarforschers  Roald  Amundsen,  der  Mitte  Dezember  den  Südpol
erreicht  hatte.

21.  Mai.  (Neuseeland.)  Die  Regierung  stellt  den  Schlachtkreuzer,
  den  fie  eigentlich  für  das  chinesische  Geschwader  bestimmt
hatte,  der  britischen  Admiralität  zur  unbedingten  Verfögung.

24.  Juni.  (Samoa.)  Zum  Gouverneur  an  Stelle  des  zum
Slaatssekretär  beförderten  Dr.  Solf  wird  der  Oberrichter  Geh.
Regierungsrat  Dr.  Schultz  ernannt.

2.  Juli.  (Commonwealth.)  Der  Jahresabschluß  ergibt
einen  überschuß  von  43  Millionen  Mark,  20  Millionen  mehr  als
veranschlagt.

Anfang  August.  (Commonwealth.)  Die  Einwanderung
im  ersten  Halbjahr  1912  wird  auf  84253,  die  Auswanderung  auf
40  167  Seelen  angegeben.
        <pb n="512" />
        502  Ausraliss  und  ##ec.  (Sept.  14.—Nov.  25.)  Afrihs.  (Jan.  26.—Mär3  3)

18000  Einwohner  erhielten  Reiseunterstützung  von  der  Regierung.
Im  ersten  Halbjahr  1911  betrug  die  Einwanderung  65243,  die  Auswanderung
  34862  Seelen.

14.  September.  (Süd-Australien.)  Der  Generalgouverneur
vollzieht  in  Port  Augusta  den  ersten  Spatenstich  zu  einer  1700  Kilodie

  mit  einem  Aufwand  von  80  Millionen  Mark  gebaut  werden  soll.

1.  Oktober.  Das  Bundesparlament  nimmt  in  dritter  Lesung.
das  Mutterschaftsprämiengesetz  an,  wonach  jeder  Wöchnerin  100  Mark
aus  der  Staatskasse  ausbezahlt  werden.

.  November.  (Deutsch-Neuguinea.)  Ein  Telegramm  des
Gouverneurs  meldet,  daß  die  Pflanzer  Gebrüder  Weber  auf  Umboi,
einer  größeren  Insel  zwischen  dem  Festlande  von  Neuguinea  und
Neupommern,  von  eingeborenen  Bergstämmen  ermordet  worden  find.

XXVI.
Afrika.

26.  Januar.  (Südafrikanische  Union.)  Eröffnung  des
Parlaments  durch  den  Generalgouverneur.

Die  Thronrede  bezeichnet  die  finanzielle  und  wirtschaftliche  Lage
als  günstig  und  stellt  einen  Gesezentwurf  über  die  Landesverteidigung  in
Auesecn

30.  Januar.  (Kamerun.)  An  Stelle  des  zurückgetretenen
Dr.  Gleim  wird  der  Geheime  Oberregierungsrat  im  Reichs-Kolonialamt
  Ebermaier  zum  Gouverneur  ernannt.

17.  Februar.  (Marokko.)  Europäermorde.

Ein  Gruppe  Abtrünniger  der  Zemmurs  und  Ghaians  griff  bei  Suk
el  Arba  in  der  Nähe  von  Mekines  in  Zentralmaroklo  einen  Zug  mit  Nad
rungemitteln  an,  tötete  drei  europäische  Händler  und  plünderte  die  Karawane.
Darauf  machten  sie  die  senegalesische  Wache  des  Poslens  von  Krerrasiet
nieder.

18.  Februar.  (Deutsch-Ostafrika.)  Das  Obergericht  in
Daressalam  hebt  als  Berufungsinstanz  das  Urteil  gegen  den
Finanzreferenten  Regierungsrat  Frhr.  v.  Wächter  wegen  Meineids
zu  16  Monaten  Gefängnis  vom  Frühjahr  1911  auf  und  erkennt
wegen  mangelnder  Beweise  auf  Freisprechung.

3.  März.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Die  Nordsüdbahn
Windhnk  —Keetmannshoop  wird  in  voller  Länge  von  507  Kilomelern
  dem  öffentlichen  Verkehr  übergeben.
        <pb n="513" />
        Afrils.  (April  1.)  503

1.  April.  (Marokko.)  Der  Sultan  unterzeichnet  den  Protektoratsvertrag
  mit  Frankreich.

Die  acht  Artikel  lauten:

Artikel  1.  Die  Regierung  der  Republik  und  der  Sultan  sind  darüber
einig,  in  Marokto  ein  neues  Regime  einzuführen,  das  die  Resormen  der
Verwaltung,  der  Rechtspflege,  der  Schule,  der  wirtschaftli  chen,  siresege
und  militärischen  Einrichtungen  in  sich  schließt,  deren  Einführung  auf
marokkanischem  Gebiet  die  französisch  *  Regierun  als  nüglich  betrachten
sollte.  Dieses  Regime  wird  die  religiösen  Verhältnisse,  die  Achtung  vor
dem  Sultan  und  sein  traditionelles  Ansehen,  die  Juesbung  der  islamitischen
Religion  und  die  religiösen  irrichungen.  insbesondere  bie  der  „Labouz“,

zunancetastet.  lassen.  Es  wird  ferner  die  Organisation  des  scherifischen
Magten  mit  sich  tringn  Die  Regierung  der  Nepublik  wird  sich  mit
der  spanischen  Regicrung  über  die  Interesien  verständigen,  die  diese

Regierung  imelbe  der  geographischen  Stellung  und  der  terrikorialen  Besitungen
  an  der  marolkaniichen  Küste  besitzt.  Ebenso  wird  die  Stadt  Tanger
ihren  besonderen  Shoralter  bewahren,  der  ihr  zuerkanntk  ist  und  ihre  snh
Organisatin  bestis
Der  Sultan  läßt  von  jetzt  ab  zu,  daß  die  französische

ehieng  —  sie  den  Maghzehn  davon  benachrichtigt  hat,  zu  denlenigen
  militärischen  Besetzungen  auf  marokkanischem  Gebiet  schreitet,
die  sie  als  notwendig  zur  Aufrechterhaltung  der  Ordnung  und  der  Sicherheit
  des  Handels  hält,  ferner  daß  sie  jede  Polizeiaktion  zu  Lande  und
in  den  maroklanischen  Gewässern  ausübt.

ikel  3.  Die  Regierung  der  Republik  übernimmt  die  Verpflichtung,
dem  Sultan  jederzeit  unserstüchung  gegen  iede  Gefahr  zu  leihen,  die  seine
Person  und  den  Thron  bedrohen  und  die  Ruhe  seiner  Staoten  gefährden
sollte.  Zichudt  Unterkügung  wid  dem  Thronerben  und  seinen  Nachjolgern
  gem'

Ar  r  Die  Maßregeln,  die  das  neue  Regime  des  Protektorats
nölig  machen,  werden  aus  Vorichlag  der  Fisbnswstteaen  Regierung  vom  Sunan
oder  den  Behörden,  denen  er  seine  Macht  überträgt,  verordnet.  Ebenso

mit  den  neuen  Reglements  und  den  Veränderungen  der  bestehenden
Reglements  gehalten  werden.

riikel  5.  Die  fran)ssische  Regierung  wird  beim  Sultan  durch  den
Generalresidenten  verireten,  der  alle  Machtbefugnisse  der  Republik  in
Marolko  in  seiner  Hand  hat  und  über  die  Ausjührung  des  abgeschlossenen
Vertrages  wacht.  Der  Generakresident  wird  der  einzige  Vermi#ner  des
Eulians  bei  fremden  Vertretern  in  allen  Bezichungen  sein,  welche  die
Bertreter  mit  der  marokkanischen  Negierung  unterhalten.  Er  ist  beionders
mit  Fragen  beaustragt,  wesche  Fremde  in  Marolko  angehen.  Er  wird  die
Macht  haben,  namens  der  französiichen  Regierung  alle  durch  den  Sultan
-  eheie  zu  billigen  und  belanntzugeben.

Der  Sultan  vervslichtet  sich,  keinen  Vertrag  Ftvrr

charazte  #  die  vorherige  Zustimmung  Frankreichs  abzuschlie

Artikel  7.  Die  franzgösische  und  die  scherifische  Negieung  le#neen
sich  vor,  gemeinsam  die  Glondige  für  die  N  ani
Kinanzen  sestzusetzen,  welche  die  den  Trägern  Peer  Sinnvapuer  und
obs##entlichen  marolkonischen  Anleihen  übertragenen  Rechte  reivektiert,  die
Verbindlichkeiren  des  scherifischen  Schadßes  garamiert  und  die  Einkünste  der
Regierung  regelmäßig  einzieht.

rikel  N.  Der  Sulian  verzichtet  darauf,  zukünftig  direkt  oder  indirekt
  eine  öl#entliche  oder  private  Anleihe  aufzunehmen  und  ohne  die
        <pb n="514" />
        504  Arins.  (Miue  April—Mai  26.)
Ermächtigung  Frankreichs  unter  irgendeiner  Form  eine  Konzession  zu  gewähren.


Mitte  April.  (Marokko.)  Empörung  eines  Teiles  der
Maghzentruppen  und  der  Bevölkerung  von  Fes  wegen  der  neuen
Form  der  Lohnauszahlung  und  der  Einführung  des  Rucksacks  nach
französischer  Art.  Durch  die  unter  General  Brulard  fiehende
französische  Garnison  von  1800  Mann  (8  Kompanien  Infanterie,
1½  Schwadronen  Kavallerie  und  einer  Batterie  Artillerie)  kann
der  Aufstand  nicht  unterdrückt  werden,  weshalb  aus  Mekines
2000  Mann  zur  Unterstützung  gesandt  werden.

Am  20.  April  rrfcern  hbie  französischen  —  nach
bestigem  Kampf  die  Haup  t.  Während  des  Ausstandes  sind  15  Ofüziere

und  40  Mann  sowie  13  len  (sämtlich  nehen  getötet,  4  Offiziere
und  70  Mann  verwundet

22.  April.  (Abes  **7  Auf  Englands  Anregung  beschließt
die  Regierung,  die  Abesfinischen  Anakstämme,  die  in  sudanefisches
Gebiet  eingefallen  find,  mit  Hilse  der  an  der  Grenze  stehenden
englischen  Truppen  gewaltsam  zu  entwaffnen.

22.  April.  (Marokko.)  Der  vom  Kfimastamme  bei  Agadir
gefangengehaltene  Deutsche  Steinwachs,  Vertreter  der  Brüder
Mannesmann,  wird  wieder  freigegeben.

27.  April.  (Marokko.)  Einige  Stämme  wählen  Mulay
Mohammed,  den  Einäugigen,  einen  Bruder  Mulay  Hasids,  zum
Sultan.

Mitte  Mai.  (Marokko.)  General  Moinier  zieht  seinen  Erlaß,
  der  der  Stadt  Fes  für  die  Revolte  eine  Buße  von  1  Million
Francs  auferlegt  hatte,  zurück.

W.  Mai.  (Marokko.)  Die  Gefangennahme  von  Otto  Mannesmann
  und  zweier  seiner  Angestellten  im  Aufstandsgebiet  Farudant
wird  bekannt.

24.  Mai.  (Marokko.)  Einzug  des  Generals  Lyautey  in  Fes.

Bei  einem  Festmahl  toastet  der  General  auf  das  Wohl  des  Sultans

und  wird  vom  marokkaniichen  Minister  El  Motri  willlommen  geheißen.
Ein  in  der  Nacht  vorher  von  einigen  100  Aufständischen  unternommener
Angriff  war  abgeschlagen  worden.

26.  Mai.  (Marokko.)  Wiederholte  nächtliche  Angriffe  von
Berbern  auf  die  Hauptstadt  veranlassen  den  Sultan  Mulay  Hafid,
den  Residenten  General  Lyautey  inständig  zu  bitten,  seine  Abdankung
  entgegenzunehmen.

Die  Franzosen  hatten  13  Tote  und  über  70  Verwundeke.
        <pb n="515" />
        Ifriia.  (ai  28.  —  August  12.)

23.  und  29.  Mai.  (Marokko.)  Einige  hundert  Berber  dringen
in  die  Stadt  Fes  und  werden  nur  mit  Mühe  zurückgeschlagen.
39.  Mai.  (Marokko.)  Ein  vierstündiger  Angriff  der  Ait
Jussi  und  Ait  Segruschen  auf  die  Stadt  Sefru  wird  von  den
le  mit  einem  Verlust  von  6  Toten  zurückgeschlagen.
6.  Juni.  (Marokko.)  Abreise  des  Sultans  und  des  franadkschen
  Gesandten  Regnault  von  Fes  nach  Rabat.
4.  Juni.  (Marokko.)  Die  Richtlinien  des  Programms
der  a  Regierung  für  ihr  Protektorrat.

#ughe  französische  Aktion  —  streng  auf  die  bereits  besetzten  Gebiete
  rs  bleiben,  jedoch  so,  daß  ihre  Sicherheit  und  ihre  politische,
soziale  und  wirrschaftliche  Organisation  durchaus  sichergestellt  wird.  Die
Aktion  wird  auch  auf  das  Schaujagebiet  und  seine  Verbindungsstraden.  ausgedehnt
  werden  sowie  auf  die  Zone  zwischen  Rabat  zrund  Fes,  Gebiete,  die
im  Norden  durch  die  spanische  Grenze  und  im  Süden  durch  das  Land  der
*  begrenzt  werden.  2.  Das  Gebiet  rn  son  angegebenen  Zone

—  bsslidhrei  ife,  weden.  General  Lyautey  wird  dies  zu

chen  suchen,  er  sich  au  **3  Kaids  stützt,  deren
##turb  und  .  mit  Frankreich  er  auf  diese  Weise
sichern  wird.  3.  Für  Schaujagebiet  selbst,  wo  alles  gut  geht,  ist  keine

Aenderung  hrd  e  2  Tärigkeit  wird  sich  zunächst  au  die  Jone
zwischen  Rabat  und  Fes  ersrechen,  Das  Schwergewicht  ist  a
legen.  4.  Lyautey  wird  demgemä  ß  östlich  u  und  südlich  von  Fes  *  Sicherheitszone
  bilden,  oonen  Faheiche  und  militärische  Leitung  General  Gouraud
übernehmen.  wird.  Goura  d  soll  die  Aufstandischen  zerstreuen  und  Umterwersungen
  engegennehmen.  Er  wird  von  eingeborenen  Versönlichkeinen
umgeben  sein,  um  den  Grundsaß  der  Kooperation  mit  dem  Mazen  zu
wahren.  Diese  Aktion  wird  so  lange  dauern,  wie  nölig.  5.  Eine  entsprechende
  Aktion  wird  im  Süben“  don  Mekines  aus  —i  werden,
um  die  Beni  Mter  und  die  Semmur  zu  uuerweersn.  6.  eneral  einie
wird  die  Ausführung  r*ee  Frogam  sicherstellen.  7.  In  ben  geneunten
  Sicherheitszonen  wird  die  Autorität  —*  Lollitdec  un  die
des  Maghzen  soweit  wie  maoglicy  wieder  hergestellt  werden.  8.  Ehe  die
erste  Bedingung,  Sicherheit  zu  schaffen,  nicht  erfüllt  ist,  konn  in  administrativer
  und  ökonomischer  M  keine  durchgreifende  aßregel  geoffen
  werden.

30.  Juni.  (Tunis.)  Das  Schwurgericht  verurkeilt  von  72
wegen  Teilnahme  am  Aufstand  angeklagten  Eingeborenen  7  zum
Tode,  29  zu  Freiheitsstrafen  und  spricht  36  frei.

9.  Juli.  (Marokko.)  Der  Kaid  von  Karudant,  ein  Parteigänger
  des  Prätendenten  Ahmed  el  iba,  weist  die  Europäer,  meist
Deutsche,  binnen  12  Stunden  aus  seinem  Amtsbezirk  aus.

12.  August.  (Marokko.)  Sultan  Mulay  Hafid  üÜbersendet
dem  General  Lyautey  sein  Abdankungsschreiben  und  empfihlt  einen
seiner  Brüder  mm  Nachfolger.

Es  w  es  Mulan  Jusĩnf,  der  von  demielben  Vater  und  derselben
  Nuner“  Vanene  wie  sein  Vorgänger.  Mulay  Dafid  reist  an  Bord
        <pb n="516" />
        506  Mib#.  (August  13.—Dezember  20.)

des  franzosischen  Damofers  edu  Chayla“  snoc  Gibraltar  und  von  dort
mit  einem  englischen  Dompfer  n  Marseill

13.  August.  (Marotto)  Lrollamatzen.  Mulay  Juffufs  zum
Sultan.

21.—23.  August.  (Marokko.)  Kämpfe  der  Franzosen  mit
den  Truppen  El  Hibas  im  Rehammalande.

7.—9.  September.  (Marokko.)  Die  Franzosen  befen  #
Truppen  des  Gegensultans  El  Hiba  bei  Sidibu  Kricha,  22
meter  nördlich  von  Marrakesch,  befreien  die  Gefangenen  und  *“#
El  Hiba  zur  Flucht.

15.  September.  (Marokko.)  Mulay  Jufsuf  wird  in  Marrakesch
zum  Sultan  ausgerufen.

17.  September.  (Deutsch-Ostafrika.)  Der  Staatssekretär
der  Kolonien  Dr.  Solf,  der  am  23.  Juli  von  Kapftadt  aus  über
Johannesburg,  Prätoria  und  die  Delagoabai  Ostafrika  bis  zum
MBktoriasee  bereist  hatte,  schifft  sich  in  Mombassa  an  Bord  des
Dampfers  „Prinzessin“  zur  Heimreise  ein,  nachdem  er  von  Muansa
aus  die  englische  Ugandabahn  benutzt  hatte.

Mitte  September.  (Deutsch-Ostafriko.)  Grenzberichtigung
zwischen  dem  englischen  Ugandaschutzgebiete  im  Norden,  der  belgischen
L1  ngololonie  im  Westen  und  Deutsch-  Ostafrika  im  Süden.

e  Grenze  liegt  in  der  Nähe  der  bekannten  RNfumbirovulkanc,
deren  Sizspien  zum  ersten  Male  von  Speke  bei  leiner  Reise  durch  Ruanda
  nach  Uganda  erblickt  worden  sind.  Drei  von  diesen  Vulkanen,  von

denen  einer  vor  wenigen  Jahren  eine  Eruptionstätigkeit  zeigte,  liegen  zum
Teil  auf  britischem  Gebie

30.  Oktober.  iepabl  Liberia.)  Wegen  des  Nichtzustandekommens
  einer  mit  amerikanischen  Finanzleuten  abgeschlossenen
Anleihe  kommt  es  zu  einem  Aufstand,  wobei  viele  Faktoreien  zerstört
  werden.

16.November.  (Republik  Liberia.)  Als  Generalzolleinnehmer
wird  der  Amerikaner  R.  F.  Elark  ernannt.

Seine  drei  Assistenten  werden  von  Deutschland,  England  und  Frankreich
  bestimmt.

14.  Dezember.  (Südafrikanische  Union.)  Premierminister
General  Botha  ist  wegen  Meinungsverschiedenheiten  mit  den
Holländisch-Radikalen,  die  unter  Führung  des  Generals  Hertzog
stehen,  gurückgetreten.

W0.  Tezember.  (Südafrikanische  Union.)  Neubildung  des
Ministeriums  Botha.

Vorütz  und  Ackerbau:  Bolha;  Justiz  und  Eingeborencnangelegen-
        <pb n="517" />
        Afta.  (Januar  1.—8.)  507

heiten:  Sauer;  Inneres:  Fischer;  Finanzen  und  Verteidigung:  Smuts;
Unterricht  und  Bergbau:  Malan;  Eisenbahnen  z  Häfen:  Burton;
Post,  Telegraphie  und  öffentliche  Arbeiten:  Thomas  Watt  (an  Stelle  des
ausscheidenden  Heryog);  ohne  Portefeuille:  Graaff.

XXVWI.
Asien.

1.  Januar.  (China.)  Nach  Ablauf  des  Waffenstillstandes
eröffnen  4000  Nevolutiondre  ein  Gewehrfeuer  auf  Hanjang.

1.  Januar.  (Persien.)  Der  neuernannte  Kommandeur  der
russischen  Truppen  Generalmajor  Woropanow  trifft  mit  dem  sechsten
und  achten  Schützenregiment  und  zwei  Batterien  der  Grenadierbrigade
  in  Täbris  ein.

1.  Januar.  (China.)  Sunjatsen  tritt  sein  Amt  als  Präsident
  der  Republik  in  Nanking  an.

2.  Januar.  (China.)  Das  Auswärtige  Amt  mackt  bekannt,
daß  ihm  die  Kaiserin  Witwe  3  Mill.  Taels  (9  Mill.  Mark)  aus
ihrem  Hausschaße  zur  Verfügung  gestellt  habe.

5.  Januar.  (China.)  Durch  Konsulardepeschen  aus  Tschungking
  wird  bekannt,  daß  in  Szetschwan  seit  dem  20.  Degember  die
Nvoluttonre,  das  übergewicht  haben.

cten  den  Vizekönig  dooersens  und  den  General  Tien.
140  #  hen  a  aus  Tschun

b.  Januar.  (China.)  Frafden  Sunjatsen  erläßt  ein  Manifest

  an  alle  befreundelen  Nationen.

Darin  wird  erklärt,  daß  die  Republik  entschlossen  sei,  alle  Verträge,
Anseihen  und  internationalen  Verpflichtungen,  die  unter  der  Mandschutegierung
  vor  dem  Beginn  der  Revolmion  mit  den  Ausländern  oder  fremden
Rationen  eingegangen  worden  seien,  zu  reivektieren,  dagegen  alle  späteren
Verträge  nicht  anzuerkennen.  Das  Manuifest  versvricht  den  Fremden  Schu#
der  Perion  und  des  Eigentums.  Die  republikanische  Regierung  beabsichtigt
eine  Resorm  der  Verwattung  und  des  Finanzwesens,  Abichaffung  der  Beichränkungen
  des  Haondels  und  religibie  Toleranz.  Den  Mandschus,  die
sich  friedlich  verhalten,  dn  Rechtsgleichheit  und  Schußz  versprochen.

6.  Januar.  (Chino.)  Die  Bahn  von  Peking  nach  dem
Mcere  wird  von  Truppen  aller  Verlragsmächte  besetzt.

8.  Januar.  (Britisch-Indien.)  Abreise  Königs  Georg  V.
von  Kalkutta  unter  großen  Kundgebungen  des  Volkes.
        <pb n="518" />
        508  Isin.  (Januar  8.—198.)

8.  Jannar.  (China.)  Russische  Forderungen  betreffend  der
7

russische  Regierung  verlangt,  daß  die  Unabhängigkeit  der

Suberd  ge  olei  in  ihren  inneren  Angelegenheiten,  die  unter  der

Leimung  von  S  Daupa  Hutuktu  stehen,  der  am  29.  Dezember  zum

 

Monarchen  ausgerufen  worden  war,  anerkannt  werden  musse.  Es  wird  in
der  Mitteilung  PMasgesoge  daß  Nüssand  die  S  bei  der  Fnrechterhaltung
  der  Ordnung  unterstütze  und  eine  Bahn  Säacht  nach  Urga

zu  bauen  beabsichtige.  Künftig  werde  China  keine  re  n  der  äußeren
Mongolei  mehr  halten  und  keine  TKoloniften  donhin  Fen  dürfen.  Es
des  i  zu  behalten

10  Januar.  (Britisch-Indien.)  Der  König  und  die  Königin
schiffen  sich  in  Bombay  an  Bord  der  „Medina“  zur  Heimfahrt  ein.

12.  Januar.  (China.)  Übergang  der  Stadt  Kuldscha  und
ihrer  Umgebung  an  die  Revolutionäre.

12.  Januar.  (Chino.)  Der  provisorische  Präfident  in  Nanking
  läßt  durch  seinen  Minister  des  Außern  den  fremden  Mächten
die  Bildung  seines  Ministeriums  und  die  Besetzung  der  Gouverneurposten
  in  14  Provinzen  mitteilen.

12.  Januar.  (Persien.)  Der  Generalschatzmeister  Morgan
Shuster  Übergibt  sein  Amt  an  eine  Kommission,  welche  aus  dem
belgischen  Zolldirektor  Mornard  als  provisorischem  Schapmeister
und  vier  Persern  besteht.

14.  Januar.  (China.)  Eine  Versammlung  von  Mandschus
aller  Klassen  ist  zu  dem  Schluß  gelangt,  daß  die  Abdankung  der
Dynastie  notwendig  sei,  um  das  Land  vor  einem  völligen  Chaos
zu  bewahren.

Die  Mandschutruppen  und  die  Mandschubevolkerung  i  in  Peking  haben
sin  entschlossen,  sich  dem  chinesischen  Bolke  anzuschließen.  Wie  verlautet,

n  die  Naiserin-Witwe  eingewilligt  zurückzureten  und  uanschikai  gebrurl.

  das  bumogtiche  Arrangement  zu  treffen  in  bezug  auf  ihren  und
des  Kaisers  Unterhalt.

16.  Januar.  (China.)  Bombenattentat  auf  Muanschikai  in
China.

Während  er  selber  unverletzt  blieb,  werden  1  Polizist  und  1  Soldat
geidtet,  12  Soldaten  und  3  Zioilisten  verwundet

16.  Januar.  (Chinao.)  Im  Kabinettsrat  erklären  die  kaiserlichen
  Prinzen,  daß  sie  die  Abdankung  des  Kaifers  nicht  länger
hinausgeschoben  wünschen  und  daß  sie  die  Zustimmung  der  Kaiserin-Witlwe
  zum  Ende  der  Mandschudynastie  erhalten  haben.

18.  Januar.  (Persien.)  Die  Russen  besetzen  Mesched  mit
200)0  Mann  und  Artillerie.
        <pb n="519" />
        Asin.  (Januar  20.  -27.)

509

20.  Januar.  (Japan.)  Generalstabschef  wird  an  Stelle  des

seinen  Abschied  nehmenden  Grafen  Oku
(Japan.)  Eröffnung  der  Tagung  des  Ab-23.

  Januar.
gerrhntenhanle.

inister  des  Auswärtigen  Gr

Der
über  die  in  ut  besolgle  Politik  folgend
mit  England  seine  guten  Dienste  zur  E

zwischen  den  streitenden  Parteien  angeboten  u

der  Vicomte  Hasegawa.

as  Uchida  teilt  der  Kammer
es  mit:  Jopan  habe  gemeinsam
rleichterung  der  Verhandlungen
und  habe  ferner  gemeinsom

mit  den  andern  Mächten  die  Kämpfenden  aui  die  Notwendigkeit  hingewiesen,

Frienen  zu  schließen.  Er  bedauere,  daß  d
rfolg  gewesen  seien.  denn  die  Grundlage
Friede  im  sern

des  Steuerwesens  beschästigt.
Budget  vor,  das  lediglich  nach  dem
nahmen  und  Lusga  #aben  das  Gleichgewicht
wainigalia,  dndage7  zu  fördern  und  um  die  r

ie  gegenwärtige  #nganste
rs  en  gewesen.  Die
Förderu  mdußrie  seien  #ngeeeenhent
Der  an  e  betonte  Schliezlich,  daß  eine  U
Anleihe  p*rn  crobsicht

ie  Vorstellungen  zunãchst  ohne
japanischen  Politik  sei  der

ion  Osten.  Der  Ministerpräsident  Saionji  erklärt,  die

ei  m  dek  Reorganisation  der  Verwaltung  und  der  uerduung

Hinanzmi  i

Grundjatz  aufgestellt  ist,  r  Einreslen,
  um  die

er  Hamamoto  legt  das
erzuste  allgemeine
Finanzen  aa  eine  festere  Grunde
  handelsbclqaz  Hegenstand

mterung  der  und  die
ten  von  drii  —’“  Bicheigtern
enderung  im  Tilgungsplan  der

 

rtttm  Einnahmen  575828979  Ven,  die  uich
aus  en  Einnahmen,  aus  direkten,  indirekten  Steuern  und  Zöllen

322964
*J355  onony
Regierungseinnahmen  4  S#chen  aue
aus  Btendentlichen  Einnahmen  aus  An
70286  191  0  schuß  aus  dem  außeror!

 

)
Yen  Kneqstntntftekrutn  76790488  Yen  Marineministerium  10615710  en,
235  „Un  nirecktswmenistene
els-  und  ku  1  nron  hen.  Un  7626  158
en.  Die  aaußterordemilichen.  Pireen  bweri  sich  Aeeean.  4u

Habiemimsterium

BWiz#s  ..
160876  132  Den,  worunter  681817.

39  Den,  enshtenern.  27  962  Ven,

Post-,  Telegraph-  und
olen  62  132412  Yen,  sonstigen
3  1911.12  36  150662  Den  und
eihen  für  besondere  Zwecke  usw.
dentlichen  Kriegsjonde  2981983
en  sich  solgendermaßen:  Ordentluswärtiges
  Amt  4282  541  Yen,
Finanzministerium  185  586000

*
n,  Verkehrsministerium

n  für

Schupentitgunge.  und  Zinsfonds  ist  auf  1125  19  an  escesent  Sonn

  50  Millionen  für  die  Amortisierung

25.  Januar.  (China.)  Der  früh
mit,  daß  ihm  der  Thron  in  Würdigung
die  Marquiswürde  verliehen  habe.

27.  Januar.

verwendet  w
ere  Regent  wut,  duanschitai
der  Loyalität  seines  Wirkens

(Persien.)  In  Täbris  werden  sechs  Fidais,

die  an  den  überfällen  auf  die  russischen  Truppen  teilgenommen

hatten,  hingerichtet.
27.  Januar.

sandten  Jjuin  aus  Peking  wird  durch

des  Außern  Vicomte  Uchida  auf  eine

(Japan.)  Die  plbtzliche  Abberufung  des  Gedie

  Antwork  des  Ministers
Interpellation  erklärt:
        <pb n="520" />
        510  AIsien.  (Januar  27.—Februar  6.)

Japan  habe  nist  auf  d  Aufrechterhaltung  der  Monarchie
in  China  gedrungen.  Die  Aeußerungen,  die  der  Gesandte  in  Peking  darbber
  hemacht  habe,  seien  nur  ain  Ausdruck  seiner  persönlichen  Aufsassung.
Vicomte  Uchida  erklärt  serner,  Javan  halte  an  dem  Grundsatz  der  Unantastbarkeit
  Chinas  fett.  Japon  sei  bereit,  das  nach  Verständigung
mit  Großbritannien  gemachte  Anerbieten  zwischen  den  Kaiserlichen  und  den
Revolmionären  zu  vermineln,  zur  Ausführung  zu  bigen  jobald  sich  eine
Lelegenhert  findet.  —  Zwei  Professoren  der  Universität  Tolio,  die  Juristen
und  Soelima,  die  sich  von  den  chinesischen  Mocioznn  hatten

*  Notzeer  anielen  lassen,  werden  ihrer  Professur  entsetzt.

27.  Januar.  (China.)  Kaiserliche  Generale  senden  an  den
Thron  telegraphisch  ein  Promemoria,  worin  sie  die  Errichtung  der
Republik  fordern.

28.  Januar.  (China.)  Sunjatsen  richtet  an  die  Gesandtschasten
  in  elns  ein  Rundschreiben  über  Yuanschikais  Doppelspiel.

ch  hat  Yuanschikai  versucht,  die  sofortige  Abdankung  des
Kai  gersd  #  ene  ohn  indes  darauf  die  Einberufung  der  Nationalversommkung
  folgen  zu  laisen.  Er  hoffte  offenbar,  daß  er  auf  diese  Weiie
sicherer  die  Vlalle  an  l  be  ärest  erlangen  werde.  Er  versucht,  aller
Welt  Sand  in  die  Augen  zu  streuen.  Von  den  Mandschus  verlangt  er.
sie  sollten  ihre  Regierung  zuoien;  von  uns  verlangt  er  dasselbe.  Er  will
eben  allein  an  der  Macht  ble

30.  Januar.  Egne)  In  Tolkio  demissioniert  die  ganze
chinesische  Velondichest  wegen  der  offenen  Sympathie  der  japanischen
  Regierung  für  die  chinesischen  Revolutionäre.

30.  Januar.  (China.)  uanschikais  Vermittlungsvorschlag.
Der  Kaiser  solle  nicht  abdanken,  sondern  das  geistliche  Oberhaupt
der  Bevölkerung  Chinas  und  der  Nebenländer  bleiben.

31.  Jannar.  (China.)  Infolge  der  scharfen  Repressionsmaßregeln
  gegen  die  Revolutionäre  in  Mukden,  wobei  837  Chinesen
hingerichtet  und  mehrere  Japaner  verhaftet  wurden,  rückt  eine  japanische
  Truppenabteilung  in  Mukden  ein.

1.  Februar.  (China.)  In  der  nördlichen  Mongolei  greifen
Ausständische  die  chinesische  Garnison  von  Lubnifti  an,  wobei  auf
Seite  der  Angreifer  auch  ein  russischer  Offtzier  und  zwei  Kosaken
verwundet  werden.

6.  Februar.  (Persien.)  Die  amerikanischen  Hilfsbeamten
des  persischen  Schatzamtes  werden  abgesunden.

6.  Februar.  (Persien.)  Der  frühere  Bizegouverneur  von
Täbris  Zia  ed  Dauleh  erschießt  sich  im  englischen  Konfulat,  wohin
er  sich  vor  den  Russen  geflüchtet  hatte,  die  ihm  wegen  seines  Telegramms
  über  die  Niedermetzelung  harmloser  Bürger  durch  rusfische
Truppen  nach  dem  Leben  krachteten.
        <pb n="521" />
        Isien.  (Februar  6.—13.)  511

6.  Februar.  (Persien.)  Der  britische  und  der  rusfische
Gesandte  teilen  dem  außwärtigen  Minister  in  Teheran  mit:  Der
rusfische  Konsul  in  Asterabad  werde  dem  Exschah  eröffnen,  daß  die
persische  Regierung  willens  sei,  eine  Pension  in  Höhe  von  50000
Tomans  (200000  Mark,  halb  so  viel  wie  ihm  früher  bewilligt  war)
zu  zahlen  und  seinen  Anhängern  Amnestie  zu  gewähren,  unter  der
Bedingung,  daß  er  Perfien  ohne  Verzug  verlasse.

6.  Februar.  (Persien.)  Wegen  vorgekommener  Morde  und
Raubanfälle  in  der  Provinz  Masanderan  hat  Rußland  zwei  Kompanien
  Infanterie  mit  zwei  Maschinengewehren  und  zwei  Gebirgsgeschützen
  nach  Asterabad,  eine  Kompanie  mit  zwei  Maschinengewehren
  nach  Barferusch  und  eine  Kompanie  nach  Meschediser
abgeschickt.

8.  Februor.  (China.)  In  der  Mandschurei  nimmt  der
Kampf  gegen  bin  Nevolutionäre  schärfere  Formen  an.

die  Revolutionäre  mit  12  Geschützen  das  Bombardement

Nach
auf  Stadt  und  Festung  Kaiping  eröffnet  haben,  werden  in  Mulden  23  Oifiwiere
  wegen  geheimer  Beziehungen  zu  dem  General  der  Revolutionäre  hin-9.

  Februar.  (Japan.)  Die  Regierung  hebt  ihren  Beschluß,
Truppenverstärkungen  nach  der  Mandschurei  zu  senden,  wieder  auf.
12.  „  abrar.  (China.)  Umwandlung  in  eine  Republik.
laß  des  Premierministers  an  seine  Minister  weist  auf  die
beverpinaem  Umürderung  der  monarchischen  Regierungsform  in  eine  republiklanische
  hin,  zu  deren  Organisation  Muanschikai  bestellt  worden  sei.  Die
Minister  werden  in  dem  Erlaß  ermahnt,  ihre  Dienste  nach  wie  vor  zu
richten.  Es  werden  drei  Edikte  erlassen.  In  dem  ersten  nimmt  der
Thron  die  Republik  an,  in  dem  zweiten  erklärt  er  sich  mit  den  zwischen
Auanschikaoi  und  den  Nepublikanern.  -estgeiezten  Bedingungen  einverstanden,
drittens  werden  die  Vizekonige  und  Gouverneure  davon  K  daß
ron  von  der  politischen  Macht  zurücktritt,  um  u  Wunsch  des
Volkes  zu  entsprechen.  Er  wird  an  die  Führer  der  Wn  die  Weisung
erlassen,  das  Bolk  ruhig  zu  erhalten.
12.  Februar.  (China.)  Einnahme  Kaipings  durch  die  Revolutionäre.

.  Februar.  (Japan.)  Die  Anleihe  von  drei  Millionen
Mern,  welche  die  Okuragesellschaft  mit  der  Hangtschau-Ningpo-Eisenbahngesellschaft
  vereinbart  hat,  ist  auf  Vorstellungen,  die  Großbritannien
  im  Interesse  älterer  Gläubiger  erhoben  hat,  rückgängig
gemacht  worden,  obwohl  bereits  2  Millionen  Yen  ausgezahlt  waren.
13.  Erbruar.  (China.)  Die  Ehrenrechte  des  Erkaisers:
Der  Kaiier  behält  den  Titel  eines  Herrichers  von  Ta-tiching  (Maudschurei),
  die  Jioiuiste  wird  bis  zur  Einführung  der  Währungsrejorm  vier
        <pb n="522" />
        512  Ji#.  (Februar  13.)

Millionen  Taels,  später  vier  Millionen  Dollars  betragen.  Dem  Kaiser  wird
vorläufig  der  Sommerpalast  als  Wohnung  überlassen.  Die  Hofzeremonien
werden  beibeholten  und  dem  Kaiser  sollen  die  Ehren  erwiesen  werden,  die
einem  auswärtigen  Fürsten  bei  einem  Besuch  in  China  zukommen.
berührt  bleiben  die  allen  iicher  *##  die  dem  Kaiser  di
Würde  eines  Pontifer  mazim

ie  Kaiserin-Mutter  #ersegen  das  folgende  Abdankungsedikt:
  „Seiem  die  republikanische  Armee  ihre  Bewegung  begonnen  hat,
haben  alle  Provinzen  ihr  Sympathie  erwiesen,  und  ganz  China  ist  in
Unordnung  und  das  ganze  Volk  undilic  Ich  habe  Duanschikai  besohlen,

  eeier  zu  entsenden,  um  mit  den  Vertretern  der  Repubtlik  zu
verhandeln  und  die  Simation  zu  zuren  und  ein  el  Fui
behufs  Wormrers  einer  Versammlung,  die  mit  der  Fortsetzung  der

Regierungsform  —  wird.  Diese  Gedenmn  der  dauern  seit  zwei
Monaten,  und  noch  sein  Hares  und  sicheres  Resultat  erreicht.

Süden  und  der  nen  entsernen  sich  immer  weiter  voneinander  und  keiner
von  beiden  will  Konzessionen  machen.  Der  Handel  hat  ausgehört,  und  die
Soldaten  sind  im  Felde,  und  alles  das  allein  um  die  Frage  der  Regierungssorm.
  Solange  diese  Frage  nicht  gelost  ist,  wird  das  Volk  keine  Ruhe

bei  der  Republik.  Der  Süden  und  die  Mitte  Chinas  haben  die  Republik
schon  ausgerusen,  und  als  Folge  haben  die  Armeeführer  des  Nordens  ebensolls
  die  Republik  verlaunge  85  und  Armee  also  sind  republilanijch,  es
ist  demnach  der  Himmel  selbst,  der  China  die  Republik  geben  will.
des  Ruhmes  einer  einzigen  Familie  wegen  will  ich  nicht  —  den  Willen
eines  ganzen  Volles  ankämpfen.  Ich  habe  aus  der  Ferne  die  Lage  der
Welt  beobachtet  und  habe  die  Meinung  in  eeinem  Innern  geprüft,  und
ich  habe  beschlossen,  mich  mit  dem  Kaiser  zurückzuziehen  und  dem  Volke
die  ganze  Macht  anzubieten.  Ich  habe  beschlosien,  daß  die  chinesiiche
Regierungssorm  die  verfa  Esttnstprst  Republik  sein  soll.  Augenblicklich
leidet  das  Volk  und  es  hofft  am  uhe.  Ich  achte  diesen  Wunsch  für  die
egenwart,  und  hinsichtlich  zuf  #men  werde  ich  mich  ganz  in  Uebereinstimmung
  befinden  mit  unseren  Heiligen  Büchern,  die  besagen,  daß  der
Kaiier  wissen  muß,  daß  das  Land  für  das  Volk  geschaffen  ist  und  nicht
sür  ihn.  huanschitet  ist  ein  sehr  erfahrener  Mann,  der  zu  gleicher  Zei
in  dieser  Lage  das  alte  Regime  und  das  neue  kenm.  Er  ist  fähig,  eine
ute  Politik  #in#eeen,  um  den  Norden  und  den  Süden  zu  vereinigen.
in  besten  ist  es,  daß  ich  ihm  die  Macht  gebe,  sich  mit  den  republikanischen
Armeeführern  nueraneir  um  die  provisorische  wepublilanisch=  Re,
gierung  zu  bilden.  Ich  hosse,  daß  diese  Lösung  dem  Lande  und  der  Arm
die  Ruhe  gibt,  ebenso  a  ern  befreundeten  fremden  Nationen.  Ha
söchlich  ist  es  wichtig,  daß  die  große  chinesische  Republik  die  fünf  groben
Rassen  Mandschu,  Chineien,  Mongolen,  Mujelmanen  und  Tibetaoner  umsaßt,
  daß  sic  ale  strengste  Regel  auistellt,  die  Unverleplichkeit  des  Gebietes
der  Republik  zu  bewahren.  Das  zukünftige  t4—  wird  sich  neuuen  Ta
Taung  Hoa  Ming  Ko  (Die  große  Republik  der  Mitte  der  Zivilisation).
Ich  und  der  naijer,  wir  ziehen  uns  zurück,  und  #t  werden  ein  angenehmes
Leben  der  Muße  führen.  Ich  dente,  daß  ich  die  Sympathie  und  dos  Heil
des  Volkes  bewahren  werde.  Ich  n  nehme  mit  mir  die  Sicherheit,  daß
China  der  Zivilisation  und  dem  Fortschritt  enigegengeht  und  daß  es  immer
mächtiger  und  ruhmreicher  wird.“

13.  Februar.  (China.)  Buanschikai  nimmt  den  Titel  „Bevollmächtigter
  rganisator  der  Republik“  an  und  befiehlt  den  Zivil-
        <pb n="523" />
        Asitan.  (Februar  14.  -  18)  513

beamten,  dem  Heer  und  der  Polizei,  ihre  Obliegenheiten  weiler  zu
ersüllen  und  die  Ordnung  aufrechtzuerhalten.

14.  Februar.  (China.)  Präsident  Sunjatsen  richtet  an  die
Nationalversammlung  eine  Botschaft,  in  der  er  seinen  Rücktritt
von  der  #snienifeee  ssterung  anheimstellt.

acktritt  es  dach  n  Wahl  eines  neuen  Präsi  identen  durch  die

Lerlammiong  nach  der  Ankunft  *7  neuen  Präsidenten  in  Nanking  erfolgen.

4  anfiehtt  dringend  dee  Wahl  MYnanschikais  zum  Präsidenten  der
epu

15.  Februar.  (China.)  Die  Nationalversammlung  in  Nanking,
  in  der  17  Provinzen  vertreten  find,  wählt  Buanschikai  einstimmig
  zum  Präsidenten  der  Republik.

Tags  darauf  schneidet  Buanschikoi  seinen  Zopf  ab.

17.  Februar.  (China.)  Die  mandschurische  Stadt  Teline
wird  nach  27süündigem  Kampfe  von  den  Revolutionären  besetzt.

18.  Februar.  (Persien.)  Der  britische  und  der  russische
Gesandte  überreichen  eine  gemeinsame  Note.

Fie  bigte  Bersen  einen  Vorschuß  von  4  Millionen  Mark  zu  7

nanng  daß  Persien  1.  sofort  die  #enien  des

ans  5ehsched  ures  ingen“  ber  Mitielasien  am  31.  Oltober  1907  an-**“

  2.  die  Sia  und  andere  irreguläre  Truppen  entlasse,  sobald  der

Exschah  Mohammed  Ali  und  sein  Bruder  Salar  ed  Dauteh  Bersien  verlassen

  haben,  9  eiiie  clciiieesscvAkmeeoiciiiii  .  mit

8  Ali  auf  Grund  der  mündlichen  -eiguisch-ruflsche  Vertage  vom
5  v.  J.  verständige.

71.  Februar.  (China.)  Ein  Manifest  verkündet,  daß  China
die  europäische  Zeitrechnung  annehmen  und  daß  das  Jahr  1912
das  erste  Jahr  der  Republik  sein  wird.

Nach  dem  allen  Mondkalender  ist  der  19.  Februar  der  Anfang  des
neuen  Jahres.

19.  Februar.  (China.)  Einem  zur  Wiedereroberung  Telines
abgesandten  Detachement  von  800  Mann  haben  die  japanischen
Behörden  verboten,  die  südmandschurische  Eisenbahn  zu  benutzen.

Mitte  Februar.  (China.)  Die  Revolutionäre  stimmen  fol-#eC
  ##  zur  Ablösung  der  Mandschuherrschaft  bei:

aiserliche  Haus.  1.  Es  soll  auf  alle  Zeiten  beulehen
und  *r*r  8  loüllert  Naiserhäusern  ge  34  werden.  2.  Die  kaiserliche
Rente  soll  mindestens  vier  Millionen  Tad#s  bekragen  und  darf  nie  verringert
werden.  Bejondere  Ansgaben  werden  besonders  bewilligt.  3.  Der  kal#erliche
  Palast  in  Peking  und  der  Sommerpalast  sind  Eigentum  des  kaiserlichen
Hauses.  Die  Palastordnung  bleibt  unveränderl.  4.  Die  Tempelriten  und
der  Opferdienst  in  den  Manioleen  werden  vom  Kaiser  verrichtet.  Die
Regierung  bestreitet  alle  Auslagen  und  garantiert  ihren  Schub.  5.  Das
Grab  des  Naisers  Kuangi#n  ioll  fertiggebaumt  werden.  Die  Regierung  bestreitet
  die  nosten.  6.  Süämtliches  Pulastpersonal  bleibt  unverändert.  7.  Die

E#uropa#scher  Gescuchestatender.  Lill.  :11
        <pb n="524" />
        514  Asien.  (Februat  19.--Mãrz  1.)

Republik  soll  alle  koiserlichen  e  feierlich  begehen.  8.  Die  kaiserliche
Leibgorde  besteht  weiter.  Die  Mittel  werden  von  der  Regierung  bestrinen.
Prinzen.  1.  #n  prinzlichen  und  Adelstikel  bleiben  bestehen.
  Die  zunstige-  Verleihung  von  x
leiseriichen  Siegel.  2.  Die  Prinzen  genießen  gleiche  Rechte  im  Reiche.
3.  Das  Privatci  entum  der  Prinzen  geniessi  den  Schutz  der  Regierung.
4.  Die  Fingn  and  vom  Militärdienst  befreit.
III.  M  chus,  ongolen,  o  mebaner  und  Tib
ner.  1.  Sie  sind  den  Chinesen  deichgestl  *  Ihre  Güter  senttn.
den  Sue  de  gegierng.  3.  Ihre  adeligen  Titel  bleiben  unveränden.
4.  Prin,  die  ein  ärmliches  Einkommen  haben,  erhalten  vom  Sioat  Eigentum,
  de  b"  #  si  auf  ewige  Zeilen  geuießen.  5.  Solange  den  Bannerleuten
  leinerl,  Minel  zum  Brolerwerd  angewiesen  sind,  erhalten  dieie  ihre
üblichen  Renten.  6.  Es  soll  den  Mandschus  keeigeehen,  sich  überall  frei
anwunkedel  ’und  das  Bürgerrecht  zu  erwerben.  7.  Es  soll  volle  Religionssreiheit
  Festauurt  sein
ie  vere  inb#en  Bedingungen  werden  den  Mächten  und  dem  Haager
Schiedsgericht  offiziell  mitgeteilt.

19.  Februar.  (China.)  Mit  Rücksicht  aouf  den  formellen
Protest  Japans  ziehen  sich  die  chinesischen  Truppen,  sowohl  die
regulären  wie  die  republikanischen,  aus  der  neutralen  Zone  der
Mandschurei  zurück.

19.  Februar.  (China.)  Urga  wird  zur  Hauptstadt  der  unabhängigen
  Mongolei  erklärt  und  von  eingeführten  chinesischen
Waren  Zoll  erhoben.

21.  Februar.  (Japan.)  Gegen  die  beschlossene  Aufhebung
des  Ausfuhrzolles  auf  Reis  aus  Korea  erheben  Großbritannien
und  Frankreich  Einspruch,  weil  sie  gegen  die  zweite  Klausel  des
koreanischen  Einverleibungsvertrages  vom  29.  August  1910  verstoße
und  die  Ausfuhr  von  Reis  aus  Saigon  und  Rangoon  nach  Japan
erheblich  beeinträchligen  würde.

21.  Februar.  (Niederländisch=  Indien.)  Revolten  der
Chinesen  in  Batavia  und  Soerabaya,  weil  die  republikanischen
Fahnen  bei  der  Neujahrfeier  niedergeholt  werden  mußten,  werden
schnell  unterdrückt.

23.  Februar.  (Persien.)  Die  Regierung  erklärt  sich  bereil.
die  Bedingungen  der  englischrussischen  Note  anzunehmen  unter  der
Voraussehung,  daß  die  Erhaltung  der  Integrität  Persiens  grundsählich
  in  dem  Abkommen  anerkannt  wird.

29.  Februar.  (China.)  Wegen  einer  angekündigten  Soldherabsetzung
  mentern  verschiedene  Truppenteile  Yuanschikais  in  Peking.
  fallen  über  die  Mandschus  her  und  zerstören  ihre  Häuser.

1.  Märg.  (China.)  Weitere  Menlereien  und  Brandstiftungen
in  Peking  und  Pooling.
        <pb n="525" />
        Alen.  (Vãrz  2.  -  10)  515

2.  März.  (China.)  Eine  Gesandtenkonferenz  in  Peking  bebeschließt
  auf  Bitte  des  Ministers  Tangschaoyi,  Maßregeln  zu  ergreifen,
  um  weitere  Verluste  an  Gut  und  Blut  zu  verhindern  und
alle  erreichbaren  Truppen  aus  den  benachbarten  Häfen  nach  Peking
zu  bringen.

2.  Märzg.  (China.)  Der  deutsche  Arzt  Dr.  O.  Schreyer,  der
mil  sechs  andern  Freiwilligen  den  vom  Pöbel  angegriffenen  Eisenbahndirektor
  Dorpmüller  in  Tientsin  retten  will,  wird  am  Kopf
tödlich  verleht.

m  Brande  der  Eingeborenenstadt  und  der  Plünderung  bleiben

die  Frendenstederlaffungen.  die  von  5000  europäischen  Soldaten  bewacht
werden,  unversehrt.

4.  März.  (Persien.)  Die  britische  und  ruffische  Regierung
haben  der  persischen  Regierung  einen  Vorschuß  von  70000  Tomans
(500  000  Mark)  gewährt,  um  die  Truppen  des  Erschahs  abzulöhnen.

4.  März.  (China.)  Der  anglikanische  Missionar  Day  wird
auf  der  Durchreise  in  Poatingfu  von  Soldaten  erschosfen.

.  März.  (China.)  Die  provisorische  Regierung  erhält  von
dem  Viermächlebankensyndikat,  das  wegen  einer  großen  Anleihe  verhandelt,
  1  Million  Taels  ausgezahlt.

8.  März.  (China.)  Wiederaufnahme  des  Betriebes  der
Bahnstrecke  Peking  —Hankau.

.  März.  (China.)  Die  Nationalversammlung  in  Nanking
nimmt  olgendes  Ausgleichsprogramm  an.

nschikaoi  wird  nach  Ablegung  r%.  Amtseides  dem  Präsidenten  der
Nankinger  Pinier  die  Namen  der  Nabineltsmitglieder  telekophisch
  mitteilen.  Nachdem  die  Jtiamminng  die  Bohl  des  Ministeriums
gebilligt  hat,  wird  sich  das  Kabinelt  nach  Nanking  begeben,  um  sein  Amt
augutreien.  Sunjalien  legt  die  provisorische  Leitung  nieder  und  übergibt
Lijuanhung  als  Vertreter  Buanschikais  das  Präsidentschaftesiegel.

10.  März.  (China.)  Vor  den  Vertretern  der  Nationalversammlung
  in  Nanking,  vielen  hohen  Beamten  (Chinesen  und
Mandschus),  angesehenen  Mongolen,  Mohammedanern  und  Tibetanern,
  sowie  zahlreichen  Vertretern  der  einheimischen  und  fremden
Presse  leistet  Juanschikai  im  Waiwupupalast  in  Peking  folgenden
Amtseidb:  «

„Da  die  Republik  errichtet  worden  ist,  müssen  viele  Werke  vollbracht
werden.  Ich  werde  mich  tren  bemühen,  die  Rebublik  zu  entwickein,  die
Nachteile  der  absolmten  Monarchie  zu  beseitigen,  die  Vorschrifken  der  Versassung
  zu  beachten,  die  Wohlfahrt  des  Landes  zu  fardern  und  eine  starke
Nation  Zuĩaninien  nichweisien  aus  den  fünf  Rassen,  die  sie  umfaßt.  Wenn
die  Nationalorriammlung  einen  dauernden  Präsidenten  ernenm,  werde  ich
zurücktreien.  Das  schwöre  ich  vor  der  chinesischen  Republik.“  —  Ein  Mani-4*
        <pb n="526" />
        516  AMes.  (März  12.—15.

sest  begnadigt  alle  Gefangenen,  außer  Mördern  und  Niäubern,  erläßt  die
schon  fällig  gewesenen,  aber  noch  nicht  bezahlien  Grundsleuern,  kündigt  zeilweilige
  Anwendung  der  alten  Gesetze  an,  sosern  sie  nicht  dem  republikaniichen
Lessten  zuwiderlaufen,  und  ermahnt  alle  Beamten,  die  Wohlfahrt  der  Nepublikt
zu

12.  Maͤtz.  (China.)  Tangschaoyi  ist  zum  Premierminister
ernannt  worden.

13.  März.  (Persien.)  Der  Berichterstatter  der  „Times“  in
Teheran  gibt  folgendes  Bild  der  verwirrten  Zustände.

med  Ali  hat  sich  noch  Petrowek  an  der  Westlüsle  des
Kaspischen  Mceres  eingeschifft,  um  sich  nach  Odessa  zu  seiner  Familie  zu
begeben.  Er  gedenkt  nächstens  Rußland  zu  verlassen,  um  seinen  dauernden
Aufenthalt  im  Ausland  zu  nehmen.  Das  Jahrgeld  von  75000  Tomans,
das  die  Regierung  von  Teheran  ihm  bezahlt,  verwendel  der  ebematige
Schah  Areoßemteste  sur  Bejoldung  seiner  bewaffucten  Anhänge
mauschah  bleibt  die  Lage  überaus  ernst.  Seil  dem  15.  Febrnar  sino
sämtliche  Vonen.  und  Handelshäuser  geschlossen.  Der  Porteigänger  und
Bruder  Mohaommed  Alis,  Salar  ed  Douleh,  hat  sämtliche  Mullahs  der
Gegend  hängen  lasien.  Die  Hinrichtungen  wurden  mit  der  ußersten
Brutalität  vollzogen.  Die  kaiserliche  Bank  erlitt  am  22.  Februar  bei  einer
Beschiesung  der  Siadt  schweren  Schaden  und  die  Stadt  wurde  geplündert.

13.  März.  (China.)  Nach  einem  Bericht  der  „Agence

d'Ertreme  Lrientk  bestehen  im  Angenblick  acht  verschiedene  borteione
  Unionisten  mit  Nuanichitai  an  der  Spite
schworent“  u#n  Suuiatjen  und  verjchiedenen  Fñhrern  aus  nemon,  die  *
so  nennen,  da  sie  vor  der  Revolution  einen  Vertrag  miteinonder  geschlossen
aben.  3.  Die  Partei  der  chincischen  Unabhängigkeit  mit  Changvinlin,
einem  berühmten  Schrifmelehrten,  als  Führer.  Die  beiden  zuletzt  genen
Parkeien  sind  der  cigemtliche  r*s2  der  Feroituso  on.  4.  Die  Partei  der
Vollomoch  General  Linnenhung.  Die  liberale  artci  Mit  Vrhan
6.  Die  Nalionalisten  mit  a  und  Utingsang.  7.  Die  Partei  der
sreundschaftlichen  Verständigung  mit  Changchen  und  R.  die  Sozialisten,  die
von  dem  Sindenten  Kinglaoghn  gejührt  werden.  Die  Unionisten,  die  Partei
der  Volksmacht,  die  Nalionalluen  und  die  Partei  der  freundschaftichen
Verständigung  können  -ohne  Schwierigkeit  ein  Bündnis  abschließen;  denn
sie  sind  alle  gemänigt.  Die  Gbeigiwogeutn.  die  Liberalen  und  die  Sgiusen
sind  zwar  alle  soruchridnich,  aber  sie  sind  in  ihren  Ausichten  zu  sehr  gesvalten.
  Die  Partei  des  uenhanpigen  China  spielt  zwischen  heiien  beiden
Grupven  eine  Verminlerrolle,  sic  selba  neigtl  den  Gemaßigten  zu.  Uber
angenblicklich  enlicheidet  allein  die  bewafinete  Macht,  und  die  einzigen
Parteien,  deren  Führer  durch  Truvpen  Seiunt  werden,  sind  die  Unionisten,
die  Parkei  der  Bollksmacht  und  die  Liber

15.  Märg.  (China.)  —  ##  die  Wahl  Yuanschikais
  zum  Präsidenten  und  seinen  eigenen  Rücktritt.

Nach  chinesischem  Zeremoniell  begab  er  sich  in  feierlichem  Aufzuge
nach  dem  Grabe  der  Min  ias  vor  Nanking.  und  kündigte  dem  Geiste  Hungwus,
des  Gründers  der  Ming.  Dunastic,  liribewegt  an,  daß  die  Chinesen  wieder
Derren  des  Landes  seien,  doß  sic  die  Macht  und  das  Ansehen  der  mandichurischen
  Eroberer  vernichiet  hänen,  und  daß  die  Republik  anigerichtel  sei.
15000  Mann  Soldaten  bildeten  von  der  Siadt  bis  zum  Grabmal  Spalier.
        <pb n="527" />
        Asfien.  Mãrz  14..  4)  517

14.  März.  hina.)  Das  sog.  „Bankensyndikat  der  vier
Mächte“  (Deutschland,  England,  Frankreich,  Vereinigte  Staaten),
das  mit  der  provisorischen  Regierung  in  Peking  und  Nanking  eine
Anleihe  von  40  Millionen  Taels  vereinbart  und  darauf  bereits.
2  Millionen  Vorschuß  gegeben  hatte,  ersucht  die  Gesandtschaften,
gegen  ein  neues  Anleiheabkommen  auf  1  Million  Pfund  Sterling,  das
mit  einer  andern  englisch-franzölsisch-belgischen  Finanzgruppe  unter
Verpfändung  der  Erträgnisse  der  Kalganbahn  abgeschlossen  worden
war,  zu  proteslieren.

16.  März.  (China.)  Die  Gruppe  der  Sechsmächtekapitalisten
für  die  große  Anleihe  verweigert  wegen  der  tags  zuvor  bekannt
gewordenen  Abschlüffe  des  Waiwupu  mit  einem  andern  Banksyndikat
die  Zahlung  des  fälligen  Vorschusses  von  1  Million  Taoels  und
verschiebt  den  gangen  Finangplan  für  China  bis  Ende  Juni,  um
inzwischen  den  Rat  ihrer  Regierungen  einzuholen.

21.  März.  (Persien.)  Die  englisch-russischen  Forderungen
werden  in  Teheran  angenommen  und  unterzeichnet.

ie  Regierung  erkennt  also  das  Abkommen  von  1907  an,  hat  aber
nochmals  n  beionderes  Gewicht  auf  den  erien  Teil  dieses  Ablommens
gelegt,  in  dem  Persiens  Unabhängigkeit  garantiert  wird.

Wricht  die  persische  Regierung  den  Wunich  aus,  die  englischen  und  russischen
Trupven  möchten  unnmehr  Perüen  weriaisen  und  bei  der  zu  schließenden
Anleihe  keine  neuen  Bedingungen  stellen

23.  März.  (Pachtgebiet  Kioutschon)  Die  Denkschrift
über  die  Entwicklung  des  Schutzgebietes  vom  Oktober  1910  bis
Oktober  1911  wird  in  der  „Norddentschen  Allgemeinen  Zeitung“
auszugsweise  veröffentlicht.

Die  Eutwicklung  des  Schutzgebiekes  ist  durchans  günstig  gewesen
  tratz  der  Nachwirkungen  der  ichweren  oftafiarischen  Wirtschaftskrifen,
die  im  Jahre  lylhn  durch  die  wilden  Gummiiveknlationen  der  Kauflente
in  Schanghai  umd  durch  eine  umiangreiche  Sbiumsallulgtion  der  chinesischen
Rauileute  in  Schamung  noch  vrrichärit  waren.  Durch  die  Pest,  von  der
unier  Schungebiet  dank  der  umsichtigen  Verhaltungsmaßregel  ganz  verschom
  blieb,  ist  die  Entwicklung  eiwas  snehemmt  worden.  Dann  wird  in
der  Denlichrist  noch  der  letzten  Ercigiise  in  Chino  gedacht,  die  zu
einer  tiesgreifenden  volitischen  Umwälzung  in  dem  ganzen  Riesenreich  und
zu  einer  jast  völligen  Lähmung  des  Handels  gesührt  haben.  Vor  den
Grenzen  des  deutichen  Schungrbie#  machie  die  Revolntion  HDall  und  kein
Piatz  von  Vordchina  war  und  ist  io  vollig  sicher  und  ruhbig  aeblieben  wie
Tiingtau.  Der  Geĩamtwert  des  Haudels  itieg  von  eiwa  I2n  Millionen
Mark  anf  eiwa  13:)  Millionen  Ne-  aolio  um  rund  #  Prozent.  Mit  besonderer
  Befriedigung  wird  feügestellt,  daß  ein  großer  Teil  der  e  eingejührten
  Waren  niamn  chinesischen  Uriprungs  ist,  jondern  aus  Deutschland
stammt.  Es  wurde  nämlich  einge##hrt  aus  Deulichland  für  4  Millionen
Mark  Pandelsguter,  ferner  für  7,  an  Millionen  Eisenbahnmatcriolien  und
        <pb n="528" />
        518  I—

3,36  Millionen  Mark  onwernemenkematerialin  und  Maschinen  albr
gur  ase  Betriebe.  Es  sind  also  von  den  57  Millionen  Mark  —
fuhr  aus  nichtchinesischen  Ländern  insgesamt  für  19  Millionen  Mark
deurschen  Ursprungs  eingeführt  worden.  Die  wichiigste  deursche  Anssa
nach  Tlingtau  bestand  5e  iu  Nadeln,  Zement,  Anilinfarben  und  künstlichem
Indigo.  China  ist  uurzein  der  beste  Abnehmer  rEs  für  künstlichen
Indigo,  #on  dem  in  Jahre  1910  insgesamt  für  9,6  Mi
bezog.  Auf  dem  #  *  der  bisenkahmmterlalten  geminn  die  deutsche
Judustrie  einen  entscheidenden  Borsprung,  weil  namenilich  die  ganze  Nordstrecke
  der  ihrer  Vollendung  sich  nähernden  Tientsin-Pukow-Bahn  sast  aus-##tietlich
  tt  bisechen  Material  gebaut  ist.  Die  teti  aus  dem
Schutgebiet  hat  sich  um  6  Millionen  Mark  auf  64,6  Millionen  erhöht.
Den  rnligle  Aussuhrartikel  bildete  Strohborte  (13,4  Millionen  gegen
11,1  Millionen),  Erdunise  (11,4  Millionen  *r  "  Wiglonenh.  GErdnn  ol
(4  Millionen  gegen  3,8  Millionen).  Schantuñgho  6n  Mi#  en  gegen
5,6  Millionen),  Rohbaumwolle  (3,6  Millionen)  4o  t  :eGr“  Muuhereen
gegen  1,6  Millionen).  Die  eigenen  Abo  des  Schugebie=  8

 

der  —  beitaat  jebt  520  (gegen  500).  —  Die  deu  Leiss
chinesis  ch  Hochschule  hedt  Im  Früh-qu  176  und  im  Herbst
n  Schũle

25.  Man.  (Japan.)  Scheitern  der  Wahlvorlage  betreffend
Vermehrung  der  Wahlbezirke.  Der  Versuch  einer  Einigung  beider
Häuser  in  gemeinsamer  Sitzung  verlief  resultatlos.

B.  März.  (Japan.)  Auflösung  des  Landtages.

A.  März.  (Persien.)  Großbritannien  und  Perfien  strecken
der  Regierung  je  100000  Pfund  Sterling  vor.

Ende  März.  (China.)  Das  Ministerium  des  Präfidenten
Muanschikai.

Er  legt  durch  den  Premierminister  Tangschaoji  ros  Nationalversamms#
  in  Nanking  die  solgende  Liste  vor:  Minister
Luschenghsiang  Gett.  Gesandter  in  Peiersburg),  Minister  ê  Innern
Tichanpingischuon  (ein  Mann  ohne  enropäische  Bildung),  Finengnbinister
Schinngschiling,  Aultueminister  Tsainnanpei  (der  in  Den  anschand  studien  hat),
Justizminister  Wangtschunghui,  Minister  der  Landwirsschaft  Bungtschianven
(in  Journalist.  der  in  Japan  stndiert  hat)  für  Handel  n  i  ·i

Vetteliksiiiiiiiiici  Liqiiqiiilmii  wei-iiiAiiiekitiiftiidiikte),  nriegsminister  Wam
tichijui  #der  bis  vor  lurzem  die  ehemaligen  kaiferlichen  Truppen  von  Hankon.
konnmnanbierten  d  E  (ein  Marincossizier).  Alle  Ernennungen
  mit  Ausnahme  es  Verkehrsministers  wurden  Autgeheihen.
Das  Verkehreministerium  Pderenn  Ministerpräsident  Tangschaosi

1.  April.  (Japan.)  In  Korea  gründet  die  japanische  Regierung
  eine  Kolonialbank  für  Siedelungsinteressen  und  Nutzbarmachung
  gebirgiger  und  sumpfiger  Ländereien.

2.  April.  (Japan.)  Kriegsminister  Ishimoto  f.  Sein  Nachsolger
  wird  General  Uehara.
        <pb n="529" />
        Al##.  (April  2.—29.)  519

2.  April.  (China.)  Die  Nationalversammlung  von  Nanking
  hat  nach  einer  erbitterten  Debatte  mit  20  gegen  6  Stimmen
beschlossen,  den  Sißh  der  provisorischen  Regierung  nach  Peking  zu
verlegen.

5.  April.  (Japan.)  Ministerpräsident  Saionji  erklärt  in
einem  Telegramm  an  die  „New  York  Times“,  daß  zwischen  Japan
und  Mexiko  keinerlei  Verhandlungen  wegen  Errichtung  einer  Flottenstation
  in  der  Magdalenenbai  gepflogen  worden  seien;  jedoch  habe
eine  japanische  Gesellschaft  Fischereirechte  zwischen  Tepic  und  Ooxaca
erworben.  Dieses  Unternehmen  sei  ein  rein  geschäftliches  und  habe
leine  politische  Bedentung.

6.  April.  (China).  Rußlands  Anschluß  an  das  Viermächtekonsortium
  für  eine  große  Anleihe  erfolgt  unter  der  Bedingung,
doß  die  Anleihe  in  keiner  Weise  die  Sonderinteressen  Rußlands  in
der  Mandschurei,  der  Mongolei  und  in  Westchina  verletzen  dürfe
und  daß  die  Anleihebedingungen  nach  der  Ausarbeitung  durch  die
Finanggruppen  den  interessierten  Regierungen  zur  Begutachtung
vorgelegt  werden.

1°0.  April.  (China.)  Die  Bedingungen  der  japanischen  Regierung
  für  die  Teilnahme  an  der  chinesischen  Anleihe  find:  Anerkennung
  von  Japans  Sonderinteressen  in  der  Mandschurei  und
Ausschluß  der  Mandschurei  von  den  Operationen  des  Anleihesyndikaks.


Anfang  April.  (Japan.)  Etwa  30  Mitglieder  der  Seiynkai
bringen  im  Abgeordnetenhaus  den  Antrag  ein,  daß  das  Harakiri
wieder  für  Offiziere,  staatliche  oder  sonstige  Beamte  2c.  eingeführt
werden  soll,  die  sonst  nach  Verurteilung  zum  Tode  durch  den  Strang
hingerichtet  werden  würden.

13.  April.  (China.)  Ein  Erlaß  Duanschikais  beseitigt  das
Aerbot  der  Heiraten  zwischen  Chinesen,  Mandschuren,  Mongolen,
Turkestanen  und  Tibekanern  und  ermahnt  die  Bevölkerung.  veraltete
  und  schädliche  Gewohnheiten,  wie  die  Fußverkrüppelung,  auf-Zugeben.


W.  April.  (China.)  Zwei  Sotnien  sibirischer  Kosalen  rücken
in  Kuldscha,  die  Hauptstadt  des  Iligebietes,  ein.

29.  April.  (China.)  Eröffnung  der  Nationalversammlung
in  Leting  in  Gegenwart  der  Minister  und  74  (von  126)  Abgeordnete.


In  er  Programmrede  betonte  Muanichikai,  daß  die  wichtigste  Angetcgens
  2  kdie  #egllng  des  Finanzwesens  sei.  China  ici  zurzeit
        <pb n="530" />
        520  Aes.  (Mai  1.—15.)

nicht  imstande,  die  fremden  Anleihen  zu  bezahlen,  während  neue  Ausgaben
die  Hilic  weiteren  ausländiichen  Navilaks  ersorderlich  machten.  Die  Regicrung
lei  jent  mit  der  Ausarbeilung  des  Planes  von  Steuerreformen  beschäftigt.
  Die  Regierung  verhandle  mit  den  Möchten  in  der  Absicht,  dic
Sleuereinkünfte  zu  erhohen,  die  Likinzölle  abzuichaffen  und  die  Ausjubrzölle
Au  ermaßigen.  Er  ho#fe,  daß  die  Eiienbahn-  und  andere  werbende  Anleinen
lich  ielbst  versinsen  würden;  andernsalls  würden  die  Salzabgaben  dafür  in
Anipruch  genommen  werden  müijen.  Es  werde  nölig  iein,  auslandiiche
Fiuansjachverständige  anzunellen,  um  eine  richlige  Anistellung  des  Budges
und  eine  klare  Rechnungslegung  zu  ersielen.  Er  hoise,  daß  dos  Volk  den
Widerstand  gegen  die  weitere  Emwicklung  des  Landes  mit  Dilie  ausländiichen
  Kopitals  auigeben  und  zu  der  Ansicht  kommen  werde,  daß  die
Anleihe  das  geeigneiste  Mittel  dan  sein  werde.  Die  Vurgwertsyiiehagln
lolle  resormiert  und  die  überslü#ligen  Truppen  entlassen  werden.  Er  ichloß
mit  dem  Oinweis,  daß  die  Mächte  in  den  leuten  Jahren  eine  wohlwollende

Haltung  eingenomen  hälten,  China  zu  helien,  wofür  sich  die  Chine#e#n
dankdar  zeigen  sollten

4.  Moi.  Gapa)  Fischereipachtungen  an  der  mexikanischen
Küste.

er  Pr  äsident  der  „Tono  Hogea  Kaisho,“  der  aus  Mexiko  zurückgekehrt

  75  erllärte  in  einer  Umterredung,  die  Gejellichaft  habe  am  25.  November
  1911  M#M)  (englische)  Meilen  längs  der  mexikaniichen  Nüßse  die
Fücherei  gevachtet.  Die  Verpachtung  stehe  nicht  in  Berbindung  mit  der
Magdalenenbai.  Auch  audere  Konzceisionen  seien  vergeben  worden  und
zwar  an  franzslliche,  brilische,  deutsche  und  amerikanische  Finonzleuze.
Aber  infolge  der  Agilation  seitens  der  Vereinigten  Saaten“  weigere  sich
Mexiko  ferner,  Fischereigerechtsome  an  Ausländer  zu  verpa-7.

  Mai.  (Siam.)  91  Personen  werden  M  der
erschworung  gegen  das  Leben  l  Königs  schuldig  befunden.

Drei  Osffiziere  werden  zum  Tode,  20  Oflziere  zu  lebenslänglichem
Gefängnis  und  zandere  Perionen  zu  i#rzeren  Gelan  hianelen  veruriein.
Der  König  hat  die  Todesstrafen  in  allen  Fällen  in  lebenslängliche  Gefängnisstrasen
  und  die  auf  lebenslängliches  lananie  lautenden  Urteile  in  zwanzigjährige
  Gefängnisstrafen  umgewande

Mitte  Mai.  (China.)  Da  die  Verhandlungen  mit  den
Tibetanern  in  Lhassa  gescheitert  sind,  beginnt  der  Kampf  um  die
Klöster  von  neuem.

15.  Mai.  (China.)  Die  Regierung  in  Peking  genehmigt  den
Vertragsentwurf  über  eine  Anleihe  mit  der  Sechsmächlebankengruppe.

Der  Vertrag  überläßt  der  in  London  tagenden  Konferenz  der  Banken
die  Kontrolle  über  die  auf  die  Anleihe  zu  leistenden  Vorschüfse  und  nach
Abschiuß  der  durch  die  Salzsteuer  gesicherten  Anleihe  für  jede  probuliive
Aulage  aus  der  Anleihe  die  Anstellung  eines  Sonderandikors,  der  mit  de
chinesi#chen  Direktor  des  Umernehmens  die  Anweisung  auf  die  Anleihe
grichnet,  jowie  die  Anstellung  eechnischer  Rargeber.  Das  Pekinger  Bankenkonsortium
  erllärt  sich  bereit,  joiort  gegen  diesen  Vorschlag  außer  den  schon
vorgeschoisenen  drei  Minionen  Taels  weitere  drei  Millionen  Taels  zu  zahlen,
um  dem  Abichluß  von  Sonderauleihen  ein  Ende  zu  machen.  Russen  und
Jopaner  übernehmen  je  ein  Sechstel  der  Gesamworschüsse.
        <pb n="531" />
        IMe#.  (Mai  18.—Juni  15.)  521

18.  Mai.  (Persien.)  In  Bender  Abbas  werden  infolge
des  Ausbruchs  von  Unruhen  englische  Marinesoldaten  gelandet.
Sie  werden  aber  nach  zwei  Tagen  wieder  eingeschifft.

Mitte  Mai.  (Japan.)  Bei  den  Parlamentswahlen  erhält
die  Regierungspartei  der  Konstitutionellen  (Seiyukai)  217,  die
Volksparkei  (Kokuminto)  96  Sitze.  Das  bedeutet  keine  Anderung
der  politischen  Situation.

26.  Mai.  (Persien.)  Der  Polizeichef  Jefrin,  der  den  Krondrätendenten
  Salar  ed  Dauleh  bei  Homadan  befiegt  hatte,  findet
in  der  Schlacht  seinen  Tod.

22.  Mai.  (China.)  Dem  Generalgouverneur  der  Mandschurei,
  Chao  Erh-Hsuen,  ist  offiziell  milgekeilt  worden,  daß  die
Provinzen  Zizikar  und  Kirin  seiner  Amtsgewalt  entzogen  und  nur
noch  die  Provinz  Mukden  ihm  unterstellt  sei.

W.  Mai.  (Japan.)  Wegen  der  Teuerung  setzt  der  Handelsminister
  den  Zoll  auf  Reis  bis  zum  31.  Oktober  auf  den  durch
VGeseh  vom  April  1910  gestatteten  Mindestsatz  von  40  Sen  (0,80  Mark)
pro  Zentner  herab.

1.  Juni.  (China.)  Der  Finanzminister  veranschlagt  das
Defizit  für  das  Etatsjahr  1912  auf  279,52  Millionen  Taels  gegenüber
  der  anfänglichen  Annohme  von  nur  53  Millionen.

2.  Juni.  (Mongolei.)  Der  Hutuchta  besetzte  den  neu  gegeschaffenen
  Posten  des  Statthalters  der  Innenmongolei  mit  dem
japanfreundlichen  Haratzinfürsten  Hunsan  Norbo.

10.  Juni.  (China.)  Verschärfung  der  Kämpfe  in  Tibet.
Während  der  Abwesenheit  des  Daili  Lama  in  Kalimpong  erläßt
der  Tashi  Lama  einen  Aufruf  zum  Auschluß  an  den  Kampf  gegen
die  Chinesen  entsprechend  den  Beschlüssen  der  Nationalversammlung.

13.  Juni.  (Siam.)  Die  aktiven  Offiziere  der  Armee  sind
freiwillig  übereingekommen,  auf  einen  Teil  ihres  Gehaltes  für  zwölf
Monate  zu  verzichten,  um  einen  Fonds  für  den  Erwerb  schwerer
Geschütze  zu  schaffen.

13.  Juni.  (China.)  Truppen  des  Lokoer  Arsenals  plünderlen
in  der  Nacht  die  Läden  in  Tsinanfu  und  steckten  die  Regierungsbank
  in  Brand.

15.  Juni.  (China.)  Aus  unbekannten  Ursachen  entfernt  sich
der  Premierminister  Tangshaoyi  heimlich  aus  Peking,  um  sein  Amt
nicht  weiterführen  zu  müssen.  Er  begibt  sich  ins  Fremdenviertel
        <pb n="532" />
        522  Iin.  (uni  18.—August  1.)

nach  Tientsin  und  antwortet  auf  die  Aufforderung  zurückzukehren:
„Wenn  der  Präfident  mich  haben  will,  soll  er  einen  Sarg  schicken,
um  mich  abzuholen.“

18.  Juni.  (China.)  In  Kanton  kommt  es  nahe  der  Fremdenniederlassung
  aus  Wut  über  das  scharfe  Regiment  des  Generalgouverneurs
  zu  einem  Straßenkampf,  bei  dem  46  Personen  gelötet
  werden.

15.  Juni.  (Japan.)  Erbffnung  des  mit  einem  Kostenaufwand
von  35  Millionen  Mark  hergestellten  Kriegshafens  Chinhai  an  der
südkoreanischen  Küste  als  Ersatz  für  Port  Arthur.

.  Juni.  (Japan.)  Die  Regierung  zieht  ihren  im  Zusammenhang
  mit  der  Sechsmächteanleihe  hinsichllich  der  Mandschurei
gemachten  Vorbehalt  zurück.

1.  Juli.  (China.)  Zum  Premierminister  wird  der  bisherige
Minister  des  Außern  Lutschenghsiang  ernannt  und  von  der  Nationalversammlung
  in  Peking  mit  74  gegen  10  Stimmen  bestätigt.

7.  Juli.  (Japan.)  Enthüllung  eines  Denkmals  des  Generals
Meckel  im  Garten  der  Kriegsakaodemie  in  Tokio.

P—.  Juli.  (Philippinen.)  Die  andezausschußwahlen  brachten
der  Unabhängigkeitspartei  eine  starke  Mehrheit

17.  Juli.  (China.)  Der  mongolische  Huuchtu  ernannte  an
Stelle  des  Mönches  Dalaoma  den  jungen,  in  der  Mongolei  populären
  Fürsten  Saln  Nojon  Chan  zum  Ministerpräsidenten.

9.  Juli.  (Niederländisch-Indien.)  Unruhen  unker  den
chinesischen  Arbeitern  der  staatlichen  Zinngruben  auf  der  Jusel
Banka  werden  durch  das  Militär  unterdrückt,  wobei  zehn  Rebellen
getötet  werden.

20.  Juli.  (Japan.)  Schwere  Erkrankung  des  Kaisers  Mutsuhilo.
  Ein  Bulletlin  der  behandelnden  Arzte  spricht  von  Harnbeschwerden
  und  einer  chronischen  Nierenkrankheit,  an  der  er  seit
1906  -

26.  Juli.  (Chino.)  Die  Nationalversammlung  bestätigt  die
von  Duanschikai  vorgeschlagenen  Minister.

29.  Juli.  (Japan.)  Der  Kaiser  Mutsuhito  k.  60  Jahre  alt.
Sein  Nachfolger  ist  sein  einziger  Sohn  Yoshihito,  der  aus  einer
Verbindung  mit  einer  Nebenfrau  stammt  und  1879  geboren  wurde.

1.  August.  (China.)  Der  Berichterstatter  der  „Times“
Dr.  F.  S.  Morrison,  ein  Australier,  wird  von  Yuanschikai  zu  seinem
politischen  Beiral  berufen.
        <pb n="533" />
        J#.(August  11.—  Sep#embe  1.)  523

11.  August.  (China.)  Der  neuernannte  deutsche  Gesandte
Prinz  .  XXXl.  von  Reuß  j.  L.  trifft  in  Teheran  ein.

3.  August.  (Japan.)  Fürst  Katsura  ist  an  Stelle  des
wrassirtenn  Fürsten  Tokudaiji  zum  Großfiegelbewahrer  und
Großkämmerer  ernannt  worden.

16.  August.  (China.)  General  Tschang  Tseng  aus  Wutschang,
  der  von  der  Regierung  nach  Peking  berufsen  war,  wird
auf  Befehl  der  Regierung  im  Hotel  Überrumpelt,  vor  ein  militä-.
risches  Gericht  geschleppt  und  erschoffen,  weil  er  hochverräterischer
Absichten  verdächtig  ist.

Mitte  August.  (Japan.)  Für  die  neue  Ara  seit  dem  Thronwechsel
  wird  die  Bezeichnung  „Taisho“  (große  Rechtlichkeit)  eingeführt.


20.  August.  (Japan.)  Das  Minislerium  beschließt,  die  Besabungstruppen
  in  Korea  um  zwei  Divisionen  zu  vermehren,  was
bis  1918  160  Millionen  Mark  Kosten  verursachen  würde.

23.  August.  (Japan.)  In  einer  außerordentlichen  Sitzung
des  Landtags  verliest  der  Ministerpräsident  ein  kaiserliches  Reskript,
in  dem  es  heißt:  „Ich  habe  den  Thron  meiner  kaiferlichen  Ahnen
bestiegen  und  gedenke  den  Wegen  meines  verewigten  Vaters  zu
folgen,  #ethorlam  den  Vorschriften  meiner  Vorfahren.“

wurde  von  der  Kammer  ein  Kredit  von  1500000  Pen  für
die  feckdipngeenrollchele  ausgeworfen.

24.  August.  (China.)  Dr.  Sunjatsen  trifft  in  Peking  ein,
um  mit  Buanschikai  Über  den  Ausgleich  der  Differenzen  zwischen
Nord--  und  Südchina  zu  verhandeln.

#.  August.  (Timor.)  Ende  der  Empörung  der  Eingeborenen,
nachdem  3000  gelölet  und  4000  gefangen  find.

26.  August.  Eine)  Schaffung  Fblikanccer  Adelstitel.

Die  Namen  der  sechs  neuen  Titel  sind  folgende:  1.  Ta-Chun-We#
oder  Groß-Grande;  kbehare  Grande;  3.  Zweiter  Grande;  .  Dritter  Grande;
5.  Vierter  Grande  und  6.  Fünster  Grande.  Auanschikai  hat  Dr.  Suniatsen
und  Hwang-Ching  zu  den  ersten  Rittern  der  neuen  Titel  ernannt.  Den
beiden  Führern  der  revolutionären  Partei  wurde  der  Tilel  eines  Ersten

Granden  verliehen.  Der  Rang  des  Groß--Granden  ist  nur  für  den  Präsidenten
  bestimm

1.  September.  (Japan.)  Der  Parsevalballon  der  Armee
wird  einen  Tag  nach  dem  ersten  erfolgreichen  Aufstieg  durch  einen
Taisun  zerstört.

Anfang  September.  (Persien.)  Unter  Garantie  der  Zoll-
        <pb n="534" />
        524  L#i.  (September  7.—koober  3.)

einnahmen  erhält  die  Regierung  von  Rußland  und  Englond  einen
Vorschuß  von  ¼  Million  Rubel.

Anfang  September.  (China.)  Die  Negierung  beginnt  Unterhandlungen
  mit  der  Fünfmächtefinanzgruppe  betrefsend  einer  Anleihe
  von  60  Millionen  Pfund  Sterling.

7.  September.  (China.)  Erschießung  Generals  Chiangkweite,
  des  Kommandeurs  der  meuternden  Truppen  in  Tungchow.
die  während  des  Empfanges  Dr.  Sunjatsens  in  Peking  die  Vorstadt
Tungchow  gebrandschatzt  haben.

9.  September.  (China.)  Botschaft  des  Präßsidenten  Duanschikai
  bber.  dan  Arie  Parlament  der  Republik.

d  bestimmt,  daß  die  Wahlen  des  ersten  Grades  für  dos
zukünstige  Hrienron  am  10.  Dezember  und  die  Haupiwohlen  am  10.  Jonuar
stottzufinden  haben.  Die  Eröffnung  der  beiden  Kammern  erfolgt  im  Jannar.

gen  Oberbefehlshabern  der  Provinzen  ist  vorgeschrieben,  streng  auf  die
richlige  Ausjührung  der  Bawhbeitemmungen  zu  achten,  die  in  der  provisorischen
  Verfassung  niedergelegt  si

10.  September.  Gen)  Peinz  Heinrich  von  hrruße  trifft
an  Bord  des  Kreuzers  „Scharnhorst“  in  Dokohama

11.  September.  (China.)  Der  franzöfische  Vmenener  Brisson
de  Maoille  trikt  seine  Stelle  als  militärischer  Berater  an.

13.  September.  (Japan.)  Beisetzungsfeierlichkeiten  für  den
Kaiser  utfahiee

neral  Nogi  und  seine  Gemahlin  begehen  nach  der  Zeremonie
in  4%  Aebnung  W  in  Nachahmung  alltnationaler  Siste.  —
#ur  Beisetzung  des  Ehepaares  am  18.  September  steuert  das  Kaiserhaus

25.  September.  (Japan.)  Durch  einen  Taisun,  der  als  der
schlimmste  der  letzten  50  Jahre  bezeichnet  wird,  werden  Hunderte
von  Personen  getötet  und  Tausende  von  Häufern  zerstört.

W.  September.  (Tsingtau.)  Prinz  Heinrich  von  Preußen
trifft  an  Bord  des  Kreuzers  „Scharnhorst“,  begleitet  von  den  Kreuzern
„Gneisenau“,  „Leipzig“,  „Emden“  und  zwei  Torpedobooten,  ein.

W.  September.  (Korea.)  Urteil  in  dem  Prozeß  gegen  123
Koreaner,  die  der  Verschwörung  gegen  das  Leben  des  japanischen
GGeneralgenvernurs  Grafen  Terauchi  angeklagt  waren:

ron  Juchiko  und  fünf  andere  Führer  der  Vecschworung.  wurden
zu  Lein  Vihte  Gefängnis,  18  andere  Korcaner  zu  sieben  Jahren,  40  z
Jahren,  32  zu  fünf  Jahren  verurkeilt.  Die  übrigen  17  wurden  freigesprochen.

3.  Oltober.  (Japan.)  Der  Finanzminister  veranlaßt  das
Kabinett,  einstweilen  die  Vermehrung  der  Truppen  um  zwei  Divisionen
  aoufzugeben.
        <pb n="535" />
        .  (Ollober  7.—November  13.)  525

7.  Oktober.  (Britisch--Indien.)  In  Kalkutta  gab  eine  Versammlung
  von  20000  gebildeten  Mohammedanern  ihrer  Sympathie
für  die  Türkei  Ausdruck  und  protestierte  zugleich  gegen  das  ruffische
Vorgehen  in  Persien.

Die  Versammlung  verlangte,  daß  England  bberall  energisch  zugunsten
  der  Wnn  des  Islam  auiftrete,  weil  England  60  Millionen
mohammedanischer  Untertonen  in  Indien  habe.

9.  Oktober.  (Japan.)  Die  Regierung  gibt  bekannt,  daß
die  Krönung  des  Kaisers  im  Jahre  1914  stattfinden  wird.

27.  Oktober.  (Persien.)  Die  Pforte  hat  der  Regierung
mitgeteilt,  fie  beabsichtige,  das  perfische  Gebiet  im  westlichen  Asserbeidschau
  unter  folgenden  Bedingungen  zu  räumen:

mülse  der  Bevölkerung  dieses  Gebiets  Amnestie  gewährt  werden,
2.  dürften  keine  anderen  fremden  Truppen  an  Stelle  der  lürkischen  trelen,
3.  müise  die  persische  Nehierung,  Leben  und  Eigentum  der  türkischen  Unterlanen
  in  diesem  Gebiete  j

28.  Oktober.  Ehn#n)  Die  Vertreter  der  els  Mächte,  die
das  Friedensprotokoll  nach  dem  Voxeraufstand  unlerzeichnet  haben,
beschließen  eine  Protestnote  gegen  die  Auffassung  der  Regierung,
daß  China  berechtigt  sei,  die  Solzsteuer  anderweitig  zu  verpfänden.
wenn  sie  fünf  Millionen  Taels  Überschreite,  denn  das  war  ihr
Betrag,  als  sie  für  die  Boxerentschädigung  verpfändet  wurde.

29.  Oktober.  (China.)  Durch  einen  Erlaß  der  Regierung
wird  der  Dalai  Lama  in  seine  früheren  Würden  und  Titel  wieder
eingesetzt.

11.  November.  (China.)  Der  Minisler  des  Außern  Liangmengling
  tritt  gurück,  weil  er  sich  weigert,  dem  Wunsche  des
Kabinetts  gemäß,  mit  Nußland  Über  die  Mongolei  in  Verhandlungen
  zu  treten,  da  ein  solcher  Schritt  nach  seiner  Meinung  die
Anerkennung  der  Autonomie  der  Mongolei  bedeuten  würde.  An
leine  Stelle  tritt  der  frühere  Premierminister  und  Minister  des
Außern  Lutschengshiang,  der  im  September  aus  Gesundheitsrücksichten
  zurückgetreten  war.

Einem  autorilativen  chinesischen  Bericht  zufolge  hat  Rußland  in
Uebereinstimmung  mit  dem  geheimen  rusliich-mongolischen  Hrooten  versprochen,
  die  notwendigen  Manregeln  zu  ergreiien,  um  die  Unabhängigkeit
  der  Mongolei  ausrechtzuerhalten  und  die  imernationale  Anerkennung
der  Mongolei  als  eines  neucn  Stactes  durchzusenen.  Die  Mongolei  ihrerjeits
  gewährt  Rußland  das  Recht,  die  auswärtigen  Beziehungen  der
Mungolei  zu  überwachen,  sowie  den  russischen  Untertanen  die  Genehmigung,
Eisenbahnen  zu  bauen,  Bergwerke  zu  erschließen  und  unbebautes  Land
urbar  zu  machen.  Schließlich  erhalten  die  Ruisen  das  alleinige  Recht,
Hornvieh  und  Schaje  von  den  Mongolen  zu  kanfen.
        <pb n="536" />
        526  As#.  (November  20.—Dezember  10.)

20.  November.  (China.)  Die  Regierung  verlangt,  daß  Rußland
  seine  Einwirkungen  auf  die  Mongolei  nicht  weiter  erstrecke
als  auf  den  Bezirk  Urga,  die  tatsächliche  Machtsphäre  des  Hutuchtu.

20.  November.  (China.)  Infolge  einer  Meuterei  des  in
Antung  stehenden  Bataillons  werden  die  Regierungsgebäude  sowie
die  staatlichen  und  städtischen  Beamten  unter  japanischen  Schutz
gestellt.

22.  November.  (Chino.)  Die  Regierung  gibt  die  Errichtung
eines  Rechnungshofes  bekannt,  der  die  Ausgaben  und  Einnahmen
der  Zentralregierung  und  der  Provinzverwaltungen  prüfen  soll.

1.  Dezember.  (Japan.)  Der  Kriegsminister  Baron  Uyehara
tritt  zurück,  weil  das  Kabinett  eine  Vermehrung  der  Besatzung  von
Korea  um  zwei  Divisionen  abgelehnt  hat.

4.  Dezember.  (Japan.)  Das  Ministerium  Saionji  tritt
zurück,  weil  es  nicht  gelingt,  einen  höheren  Offizier  als  Kriegsminister
  zu  gewinnen.

7.  Dezember.  (China.)  Das  rusfich-chinesische  Mongolei-Protokoll.


Es  erkennt  die  russischen  Ansprüche  auf  Flußschiffahrt,  Fischerei,
Bergwerksbetrieb,  Holzfällen,  Viehweidrecht  und  das  Recht  Handel  zu  treiben
an.  Die  Russen  sind  bereit,  die  chinesische  Souveränität  anzuerkennen
und  ihre  Truppen  uchieben  wenun  die  chinesischen  Truppen,  von  denen
gegenwärtig  2000  Mann  in  Nobdo  in  der  inneren  Mongolei  Kehen,  zurückgezogen
  sein  werden.  üahina  derlrilt  die  Aufsosinng.  daß  Kobdo  in  der
inneren  Mongolei  liegt.  während  Rußland  es  zur  äußeren  Mongolei  rechnet.
Rußland  erklärt,  daß  der  russische  Vertreter  Korostovetz  grosee  Mühe  hatte,
den  Huluchtu  zu  überreden,  nicht  auch  die  innere  Mongolei  in  das  Gebiet
einzubeziehen,  da  sie  sich  unabhängig  erklärt  habe.

Anfang  Dezember.  (Persien.)  Kurden  haben  in  der  Nähe
von  Lohinjan,  südwestlich  vom  Urimasee,  den  belgischen  Zollinspektor
Dumez,  vier  ihn  begleitende  persische  Zollassistenten  und  vier  Neiter
seiner  Eskorte  ermordet.

le.  Dezember.  (Chinoa.)  Urwahlen  zum  Abgeordnetenhaus
in  140  Wahtkreifen.  die  546  Verirtter  schicken.

tatwäbten  gelen  im  10.  Januar  koutine  und  ihnen
ren  binen  Monat  sp  eMenen  für  das  Oberhauc  folgen,  dos
mit  dem  wee  aman  das  wiee  bilden  wird.
erechtigt  ist  ieder  Chineje,  der  das  21.  Lebensjahr  überschrillen
  har  tber  länger  als  zwei  Jahre  in  einem  Wahlbezirk  anfässig  ist,
wenn  er  mindestens  zwei  Dollars  direkte  Steuern  zahlt  und  Geundben
im  Wert  von  ö5#7)  Dollars  oder  eine  höhere  Schulanstalt  besucht
gehörige  des  Heeres  und  der  Flotte,  des  staatlichen  wor  in
Monche,  Priester  und  Prediger  sind  weder  aktiv  noch  passiv  wahlberechligt.
Ein  nur  aklives  Wahlrecht  haben  die  Lehrer  an  Lhenn  und
die  Siudenten.
        <pb n="537" />
        Asien.  (  Dezeniber  12.  26.)  527

12.  Dezember.  (Persien.)  Die  Wahlgesetzkommission  erklärt
sich  für  sofortige  Wahlen  zum  Parlament,  damit  die  rusfischen
Forderungen  betreffend  Eisenbahn-  und  andere  Konzessionen  beraten
werden  können.

14.  Dezember.  (Japan.)  Der  Rat  der  „ursprünglichen
Staatsmänner“  („Genroie“)  beschließt,  den  Fürften  Katsura  mit
der  Bildung  eines  Kabinetts  zu  betrauen.

17.  Dezember.  (Japan.)  Durch  kaiserliches  Reskript  wird
Fürst  Katsura  zum  Ministerpräfidenten  ernannt.

18.  Dezember.  (China.)  Die  Kaiserinwitwe  hat  der  Regierung
  angeboten,  sich  der  verbotenen  Stadt  zu  bedienen  und  die
Mandschufamilie  nach  dem  Sommerpalast  überfiedeln  zu  lassen.

19.  Dezember.  (Persien.)  Der  Regent  nimmt  das  Rücktrittsgesuch
  des  Premierministers  Samfam  es  Saltaneh  an  und  beauftragt
Alax  es  Saltaneh  mit  der  Bildung  eines  neuen  Kabinetts.

21.  Dezember.  (China.)  Die  Regierung  teilt  den  Gesandten
mit,  daß  fie  die  für  1911  fälligen  Entschädigungen  aus  dem  Boxerkriege
  in  Höhe  von  8400000  Pfund  bis  Ende  1913  zu  verschieben
wülscht.

23.  Dezember.  (Britisch-Indien.)  Bombenattentat  auf  den
Bizekönig  Lord  Hardinge  beim  feierlichen  Einzuge  in  Dehli.

Nachdem  der  ——  Elesantenauszug  vom  Bahnhof  gogcgangen
war  und  sich  durch  Tichandin  Tschowk  bewegte,  war
Bombe  vom  Dache  eines  #nes,  die  den  Zellsitz  des  Vizekonigs  op  dꝛ
mit  sichtbaren  Wirkung  explodierte.  Ein  Diener,  der  den  Schirm  über

den  Vizekönig  hielt,  wurde  getötet.  Lord  Hardinge  wurde  an  der  Schulter
verwundet  und  mußte  ins  Hospital  getragen  werden

21.  Dezember.  (Japan.)  In  der  Kohlenmine  Dnbari  im
Hokkaido  werden  245  Bergleute  durch  eine  Explosion  getötet.
24.  Dezember.  (Jopan.)  Erfolgloses  Attentat  auf  den  Fürsten
Yamagata.  Der  Attentäter  nahm  sich  das  Leben.
26.  Dezember.  (Britisch-Indien.)  Eröffnung  des  Nationalzunzun
  in  Bankipore.
fße  mohammedanische  Präsident  des  Empfangslomilees  todelte  in

Wedeiner  Wt  Englands  Daltung  Legennber“  der  Türkei  und  die
Intolerang  der  englischen  Miahen  gegen  den  Islom
        <pb n="538" />
        Anhang.
Allgemeines.  Internationale  Kongresse.
Diplomatische  und  sonstige  Enthüllungen.

9.  Januar.  (Paris.)  In  der  „Republique  Frangaise“  enthüllt
  der  ehemalige  Minister  Jules  Roche  die  Vorgeschichte  der
Enisendung  *  „Panther“"  nach  Agadir.

I  die  Legende  bejeitigen,  daß  die  Enisendung  ein  D  aus
heiterm  h  und  vollkommen  unvorhergesehen  war.  Er  i  sich
darauf,  daß  das  franzosische  Auswärtige  Amt  nach  der  6rboun,  des.
Hertn  Monis  zum  Ministerpräsidenten  diesem  am  13.  oder  128
eine  ausführliche  Densschrift  überreichte.  die  eindringlichst  auf  die  Bedeutung

eine  kate  dus  ge  demiche  krhtchstg.  ui  siegen  z  zu  befürchten  005
wenn  die  französische  Regierung  dem  Entwurf  des  ranzösisch-deutschen
Nonsorlialvertrages  ihre  Zustimmung  nicht  ungeiäumt  erteilte.  Herr  Monis
legle  die  Denkichrift  einjach  zu  den  Aklen  und  kümmerte  sich  wöhrend  seiner
ganzen  Amtedaner  keinen  Augenblick  long  weiter  um  sie.  Die  Vertreter
der  beiden  Grupven,  Fondöre  für  die  französische  und  das  Reichstagsmitglied
  Semler  für  die  dentiche,  wurden  inzwiichen  in  „Paris  bei  dem

ihrer  Ungeiegenheit.  lonnten  jedoch  nichts  erreichen.  Der  Botschaft  ier  in
Berlin,  Herr  Jules  Cambon,  wurde  in  vollständiger  Unkenntnis  dieser
Vorgänge  gehalten  und  begriff  nicht,  weshalb  Deutschland  den  „Pan  ther
nach  Agadit  ichidie,  als  wenige  Tage  vorher  Fondi  ·  re  und  Semler  gemeinjam
darauf  verzichichten,  ihre  auesichtslosen  Bemühungen  in  Paris  fortzusetzen.
11.  Jannar.  (Paris.)  Zu  seiner  Verteidigung  gibt  der  eben
abgetretene  Ministerpräsident  die  folgende  Enthüllung  über  die  beabsichtigte,
  aber  von  Delcasse  vereilelte  Entsendung  eines  Kriegsschiffes
  boss,  Addir  im  Anfang  Junli  1911:
e  Abjendung  des  „Panther"  nach  Agndir  bekannt  wurde.
hauen  an  Ceinaur  und  Herr  de  Selves  die  gleiche  Absicht,  ebenfalls  Fin
Kriegsichiif  nach  diesem  Hajen  zu  senden.  Sie  beschloisen  jedoch,  vor
DHerru  Delraisee#s  Rat  einzuholen,  nicht  nur,  weil  er  Felrinmisted  wensondern
  onch.,  weil  er  eine  lange  Erfahrung  in  der  auswärtigen  Politik
hatte.  Herr  Delcaise  widerriet  nachdrücklich  der  ebiewung  *  franzosischen
Ariegrichi##es  und  zgrigte  die  Griahren,  die  eine  derartige  Bewegung  in
sich  schließen  konmic.  Er  änsterte  auch  seinen  Zweijel  on  der  Geneigtheit
        <pb n="539" />
        AIshens:  Illgemriurs.  (Jannar  15.—März  1.)  520

Englands,  ebenfalls  ein  Kriegsschiff  nach  den  westmarokkanischen  Gewässern
zu  schicken,  von  welcher  Absicht  Herr  de  Selves  Überzeugt  zu  sein  glaubte.
Es  wurde  infolgedessen  beschlossen,  von  der  Entsendung  des  —  abzujehen.
  Herr  de  Selves  reiste  darauf  als  Begleiter  des  Herrn  Fallières
nach  Holland,  und  Herr  Caillaux  übernahm  inzwischen  die  Leitung  des
Auswärtigen  Amtes.  Als  vorläufiger  Verweser  dieses  Ministeriums  erhielt
er  zu  seiner  größten  Ueberraschung  eines  Tages  eine  Drahtun  )
doner  Boschafters,  Herrn  Paul  Cambon,  der  Über  die  Unzuträglichkeiten
der  Absendung  englischer  und  französischer  Kriegsschiffe  nach  Agadir  Vorktellungen
  machte.  Die  Depesche  war  die  Antwort  auf  eine  solche  des
Herrn  de  Selves,  der  trotz  des  gemeinsam  gesasien  Beschlusses  den  Londoner
  Botschafter  beaustragt  hatte,  seinen  ganzen  Einfluß  bei  der  englischen

egierung  anzuwenden,  um  sie  zur  Entsendung  eines  Kriegschisses  nach
Agadir  zu  bestimmen.

15.  Januar.  (Christiania.)  Eröffnung  der  Spisßbergenkonferenz,
  bei  der  Rußland,  Schweden  und  Norwegen  durch  Delegierte
  vertreten  find.  Die  vereinbarten  Anderungen  des  Konventionsentwurfs
  bedürfen  auch  der  Zustimmung  anderer  Mächte.

20.  Januar.  (Haag.)  Die  Opiumkonferenz  nimmt  die  Konvention
  Über  den  Opiumhandel  an.

Anfang  Februar.  Rückgang  der  überseeischen  Auswanderung
über  Bremen  und  Hamburg  im  Jahre  1911.

Deuische  Reichsangehörige  sind  ausgewandert:

1911  23500  Personen,
1910  25531  „

 

1909  21921  „

Fremde  Staatsangehörige  über  deutsche  Häfen:
1911  201939  Personen,
91  275352  "

1.  März.  Ausfuhr  und  Einfuhr  der  hauptsächlichsten  Industrieländer
  im  Jahre  1911  im  Vergleich  mit  1901  und  1891.

 

Ein=  Aus.  Gesom--  einfuhr.  (—
fuhr  suhr  ober  ben  nssfun  )

1911  1911  1911  1911  1901  |  1891
in  Millionen  Mark

 

Englad  11769  9268  21  057/—2521  —  3552  —2571
Deutichland  9544  8101  17645—14413  —  990  —  975
Vereinigte  Staaten.6139  3786  16  52511.1317  +  1911  +  75
Frankreich  ......  CHORUS-USE-1601·i-1275-s-970

elqtcn.......  ZW);27626142—618—314-225
Leitemichillnqata.26ks6  2025  4711—  661  +  198  +  294
Gegenüber  den  Ziffern  vor  10  und  20  Johren  fällt  vor  allem  der
Uebergang  Frankreichs  und  Oesterreich-Ungarns  aus  der  immer  kleiner
werdenden  Gruppe  der  europäischen  Länder  mit  aktiver  Handelsbilanz  in
Gutovaischer  Geichichtstolender.  I.  II1.  34
        <pb n="540" />
        530  Auhals:  Algemein##s.  (Aufang  März.)

die  Reihe  der  Staalen  mit  Poassivsaldo  auf.  Vei  Deutschland  und  Belgien
hat  sich  diese  Passivität  noch  wesentlich  verstärkt.  Um  die  außzerordentlich
machwolle  Entwicklung  des  internationalen  teabindne  zu  illustrieren.
stellen  wir  im  nachfolgenden  noch  den  Außenhandel  für  1911  mu  den

Ziffern  vor  1,  10,  20  und  26  Jahren  zusammen.  Der  Außenhandel  Einplus
  allzwhh)  betrug  lin  Millionen  Morh#

#½#1  190  101  1891  14##

 

 

 

anglaanndd  21057  20  507  1195  7  12688  12279
Deutschladddd  17  645  16  409  93853  7326:  6191
Vereinigte  Staaten..5215  13579  9526  7253  6333
Fra  Ktreich  .........  11619102126706  z5z  6
Belgien  6142  6138  3239  D.  2325
O  enen  nn  4711  41450  3007  ;  v  1  2337

Danach  hat  Demschland  die  größte  Steigerung  von  11.2  Milliarden
Mark,  dan  kommen  Amerika  mit  rund  8,9  Milliarden  Mark  und  England
mit  8.8.  Milliarden  Mark  Steigerung.  Demschlan  nimmt  heute  die  zweite
Stelle  ein,  welche  früher  Frankreich  innegehabt  hatte,  das  jenzt  an  der
vierten  rangiert.  Schließlich  sei  der  außerordentliche  Aufschwung  des  kleinen
Belgiens  hervorzuheben.
Anfang  März.  Aus  Crispis  Memoiren:

einem  Gespräch,  das  er  mit  Bismarck  am  17.  September  1877
in  Vaseein,  hatte,  geben  wir  folgenden  Aus  azug:

i:  Ich  bin  beaufiragt,  Sie  zu  fro  agen,  ob  Sie  geneigt  sind.
mit  uns  hinen  Vertrag  eines  eventuellen  Bündnisses  für  den  Fou
einzugehen,  in  welchem  wir  aczwungen  wären,  ung  mit  Frankre
und  Oesterreich  zu  schlagen.  Außerdem  mochte  sich  mein  König  uig
die  Lösung  der  Erienssroge  mit  dem  Naiser  auseinandersetzen.

:  Würde  Italien  von  Frankreich  angegriffen,  so  würde

Hh  Deuschtaulte  solidarisch  erklären  und  sich  mit  Ihnen  gegen  den  #ewein.

men  Feind  verbünden.  Ueder  einen  Vertrag  8  einem  solchen

lenmen  wir  kins  verständigen.  Hoffen  wir  aber,  es  keinen  Krieg  enwird
  und  daß  wir  den  Frieden  aufrechterhalten  et  e  In  Frankreich
konn  die  Nerebu  nur  gedeihen,  wenn  sie  friedlich  gesinnt  ist;  wäre  sie  es  nicht,
so  liese  sie  Gefahr,  lich  zu  verlieren.  Meiner  M  einung  nach  wäre  ein  Krieg
nur  möglich,  falle  die  Monarchie  wieder  eingesett  würde.  In  Fronkreich
müssen  die  Dynastien  klerikal  sein,  weil  dort  die  Geistlichkeit  unruhig  und
mächtig.  ist  und  weil  die  Herricher,  um  das  Volk  zu  täuschen,  kriegeriich
sein  mücsen;  daher  sind  sie  gezwungen,  mit  den  Nachbarn  Streit  anzufangen.
So  war  es  zu  allen  Zeiten.  Oesterreich  gegenüber  liegt  die  Sache  anders.
Ich  mochte  den  Fall  gar  nicht  annehmen,  daß  es  uns  jeindlich  sein  könnte.
ja  ich  will  Ihnen  iogar  oijen  sagen,  daß  ich  diese  Möglichkeit  nicht  einmal
bwosrtüh  vorausseßen  will.  Morgen  kommt  Graf  Andrassu  zu  mir,  und
m  Geipräch  mit  ihm  will  ich  ihn  auf  mein  Wort  beruhigen,  d  ic  sein
Krenn  bin  und  daß  ich  mich  keinem  gegenüber  verpflichtet  habe.  Der
ruistich-  ürkische  Nrirg  hat  einen  anderen  Verlauf  genommen,  als  wir  annahmen:
  und  doch  brauchie  Oesterreich  die  Gre  a  nicht  zu  überschreiten.
Ich  hosfe,  dan  dies  auch  nicht  notwendig  sein  wird,  daß  sich  vielmehr  der
Arieg  auf  die  beiden  Kämvienden  beichranken  und  bolalisieren  lassen  wird.
Es  liegt  uns  daran,  daß  Lesterreich  und  Rußland  befreundet  sind,  und  wir
suchen  alles  zu  tun,  daß  sie  es  bleiben.  Betlreüs  der  Orientfrage  wollen
wir  die  verschiedenen  Möglichkeiten  beiprechen  und  gewisse  Grundsätze  jest- 



2
S.
        <pb n="541" />
        Anheii:  Alzeneints.  iAnjang  Margz.  531

ellen,  um  zu  einer  Luberoinstimmung  zu  gelangen.  Jedoch  man  anß
öugeben,  daß  das  ri  Weiche  Deer  bis  heute  kein  Glück  dehabi  hat  und
unmöglich  ist,  das  E  [eidden  k  abzusehen.  Der  Zar  muß  g  *#
Anstrengungen  mochen-  r  das  russische  Dier  geschlagen  zurüclkehrt,
kangge  der  *  Er  Hause  Unan#eehsichteinen.  hab  Doch  wie  dem

,  das  ist  seine  Sache,  und  ich  gestehe  ine,  baß  Deutschland  gar  kein
Fiuenes  an  int  Spchten  hat,  und  des  jede  Lösung  onnehmen,  sobald
  sie  nicht  den  europãischen  Frieden  si

rispi:  Wir  Jlaliener  können  etn  alle  Fälle  kein  so  geringes

Interesse  an  der  Lösung  der  Orientfrage  nehmen  wie  Sie.  Die  umherschwirrenden
  Gerüchie  Poen  die  Befürchtung,  daß  wir  geschädigt  weden.
Wenn  sich  die  Großmächte  dahin  einigen,  von  jeder  Eroberung  am  Balka
Abstand  zu  nehmen  und  das  den  Türten  entrissene  Land  den  Völkern  ron
Oriems  zu  überlosien,  so  haben  wir  nichts  dagegen.  Geschieht  es  aber,  daß
Rußland,  um  sich  der  Frrunbichus  Oeserreich  Au  versichern,  diesem  Bosnien
und  die  Herzegowina  anbictet,  so  kann  Jialien  nicht  erlauben,  daß  Oesterreich
diese  Länder  besetzt.  Sie  wissen:  Im  Jahre  1366  blieb  Jialien  ohne
Grenzen  nach  den  Ostalven  zu.  Wenn  Oesterreich  neue  Provinzen  erhielte,
die  es  im  Adriatischen  Meere  verstärkten,  bliebe  unser  Land  wie  in  einer
Zwangssjacke  eingeengt  und,  so  oft  es  dem  Nocharreiche  gefiele,  einer  Invajion
  auseect.  Hier  müsßten  wir  uns

marck:  wür#o  id  Wun-  wenn  sie  der  Grund  von
Mitbeusugne  zwischen  Oesterrcich  und  Italien  würde,  denn  dann  würden

iich  zwei  Feinde  bekämpfen,  die  wir  in  Frirden  sehen  möchten.  Uebrigens,
wenn  sich  Oesterreich  Bosnien  nimm,  nimmt  sich  Itolien  àlbanien  der
irgendein  anderes  kürliiches  Gebin  am  Mdriatischen  Vie  eer.  o
die  Beziehungen  zwischen  Ihrer  und  der  Wiener  Regierung  Ruransscheinh
und  mit  der  Zeit  herzlich  werden.  Nichtsdestoweniger,  wenn  es  mir  au
leid  tun  würde,  Sie  mit  Oesterreich  engagiert  zu  sehen,  einen  Krieg  würden
wir  darum  hscht  anfa  ugen.

i:  Ach  verst  ehe  un  achte  Ihre  Haltung  dem  Wiener  Hof
geenadket  zu  Sie  mir  iedoch  die  Bemerkung.  da.  die  deutsche
Einheit  noch  nicht  volle  drert  ist.  Von  1#06  bis  1870  haben  Sie
Wunder  verrichtet,  aber  Sie  haben  außerhalb  den  n  viele  dentsche
Bölkerichaften,  die  Sie  früher  oder  später  an  sich  ziehen  werden.  Oesterreichisches
  Land  mißfällt  Ihnen  nicht;  Sie  lommen  jedes  Jahr  bierher
und  Gastein,  das  die  wahre  Grenze  Teusschiands-  in  iem  *!-m—  bezeichntt.

rd:  Nein,  Sie  irren;  ich  kom  schon  vor  165  hierher.
Hören  Sie:  Wir  haben  ein  großes  Reich  zu  regieren,  ein  Reich  von
10  Millionen,  mit  weitläuiigen  Grenzen.  Es  gibt  uns  vie  au  lun  und
wir  wollen  aus  Ehrgeig  nach  kenen  Erwerbungen  nicht  de
haben,  aufs  Spiel  irben.  Das  Werk,  dem  wir  uns  gewidmet  *  nimmt
wier  ganze  Zeit,  uniere  #  Kräfte  vollkommen  in  Aniu#
haben  viele  Schwierigkeiten  zu  überwinden.  In  seinem  ur“  uun  der
da  leine  starken  Erichürteerungen  mehr  ertragen.  Er  hat  jehr  viel  für
Demichland  gelan  und  muß  nun  ausruhen.  MWir  haben  in  unserm  Lande
verichichdene  kalholiiche  Fürsten,  eine  batholische  und  dazu  Luesh  Mönigin.
einen  unruhigen  L#lerus,  den  man  durch  beiondere  Geietze  in  Ruhe  hallen
must.  Wir  haben  ein  Interesse  an  der  Auireduerhollung  des  Friedens.
Böte  man  uns  eine  katholische  Provinz  Leü#erreichs  an,  wir  würden  sie
Aurückweiien.  Es  wird  uns  rmsd  das  wir  Holland  und  Dänemark
wollen.  Was  jollen  wir  nur  damit?  MWir  huben  ichon  genug  nichidemssche
Vollerichaften,  um  Verlangen  nach  anderen  Zu  kragen.

1“
        <pb n="542" />
        532  Juhes:  I#meim#s.  (März  17.—Mai  31.)

17.  März.  (Brüssel.)  Die  Brüffeler  Zuckerkonvention  vom
5.  März  1905  wird  vom  Endtermin  des  laufenden  Vertrages
(1.  September  1918)  auf  weitere  5  Jahre  verlängert.

Das  außerordentliche  Stverttonkin  ent,  das  an  Rußland  bewilligt

urde,  ist  für  die  Campagne  191  1  8  50000  Tonnen  festgesetzt  und

u  beide  solgenden  are  auf  je  Tonnen.  Um  die  sofortige  Ausführung

  dieser  Dispositionen  zu  d00  ist  man  übereingesommen,  die
neuen  Arrangements  schon  vor  dem  1.  April  ratifizieren  zu  lassen.

6.  April.  (Brüssel.)  Auskritt  der  italienischen  Gruype  aus
der  interparlamentarischen  Union  wegen  ihres  offiziell  verkündeten
Bedauerns,  „daß  so  wenig  Rechnung  dem  Geist  des  Friedens  und
der  Gerechtigkeit  bei  der  raschen  Kriegserklärung  Italiens  getragen
wurde,  die  jede  Möglichkeit  einer  Vermittlung  ausschloß.“

1l.  April.  (Gießen.)  Zweiter  K  ß  für  Familienforsch
Vererbungs-  und  Regenerationslehre,  zu  dem  über  100  Teilnehmer
aus  Deutschland,  Ssterreich.  Großbritannien,  Belgien,  Norwegen.
Schweden  und  Palästina  erschienen  sind.

11.  April.  (Rom.)  Eröffnung  des  10.  Kongresses  der  „Internationalen
  Tuberkulosegesellschaft“.

15—19.April.  (Brüssel.)  Konserenz  Mitteleuropäischer  Wirtschaftsvereine,
  bei  der  Deutschland.  ÖOsterreich,  Ungarn,  Belgien.
England.  Pranrich  und  Holland  vertreten  find.

sot  h  Über  die  Notwendigkeit  einer  einheiklichen  Gesetgebung
  begoltg  des  Schecks  und  über  periodische  Bersa  mmlungen  der
europaäischen  Notenbanken  -*1.fn•h  Verbesserun  Sar  Anrnochenote
Zahlungsmethoden.  (1.  Errichtung  eines  Giroverkehrs  zwischen  Kontokorrenten
  der  Notenbanken,  2.  Errichtung  einer  sueeneln  Abrechnungsstelle,
  3.  gegenseitige  Einkassierung  von  Esfekten,  4.  Abgabe  von  Kreditbriesen
  und  internationalen  Schecks.)  Eine  gleichmäßige:  Regelung
GtenMarenge  und  die  Etablierung  einer  international  einheitlichen
  Warenklasiifikation  in  den  mitteleuropäischen  Zolltarifen  werden
künitigen  Konferenzen  überwiesen.

5.—  12.  Mai.  (Stockholm.)  5.  Olympiade.

*  Mai.  (Berlin.)  2.  internationaler  Hausbefitzerkongreß.

Von  ige,  adchierungen  lind  vertreten:  Oesterreich,  Rußland,
Griechenland  und

17.  Mai.  Grasien)  Zusammentritt  der  internationalen
Kommission  zur  Schaffung  eines  Luftrechts.

Die  Verhandlungen  werden  geheim  gejührt.

25.—31.  Mai.  (Paris.)  27.  Konferenz  der  „International
Law  Assoriation.

Von  den  jahlreichen  Gegensänden  der  Verhandlungen  standen  im
Vordergrund  die  Vercinheitlichung  des  Wechiels-  und  Scheckrechts
        <pb n="543" />
        Uuha#s:  A#semeises.  (Ende  Mai---Juli  6.)  533

sowie  einzelner  seerechtlicher  Materien  (Havarie,  Konnossementsllausel,
Landungsvorschriften).  Die  völkerrechtliche  Behandlung  der  berritorialen.
Gewässer  und  der  Luftschiffohrt  wurde  den  Kommissionen  überwieis

Ende  Mai.  In  der  „Kölnischen  Volkszeitung“  wird  di  Behandlung,
  die  das  Zentrum  1898  seinem  damaligen  Mitgliede
Frhrn.  v.  Schorlemer-Alst,  dem  Vaker  des  preußischen  Landwirtschaftsministers,
  zuteil  werden  ließ,  weil  er  für  die  Militärvorlage
stimmte  und  Berufslandwirte  als  Reichstagskandidaten  aufstellen
ließ,  lebhaft  besprochen.  Insbesondere  hatte  der  Pfarrer  Huesker
in  Leer  in  Weslfalen  vor  der  Sonntagspredigt  zum  Gebete  für
ein  Mitglied  unserer  Gemeinde,  das  der  katholischen  Sache  untreu
geworden  ist“,  ausgefordert.

1.  Juni.  (Petersburg.)  Int  ionale  F  hrausstellung
und  Feuerwehrkongreß.

4.—15.  Juni.  (London.)  Internationale  Konferenz  für
Funkentelegraphie,  auf  der  30  Staaten  verlreien  fin

Es  wird  bekannt  gegeben,  daß  auch  Großbritannien,  Italie
und  Javan  dem  Gn##seg  zugestimmt  haben,  daß  ihre  Schife  r#bnles
Meldungen  anderer  Schilie,  gleichgüllig  welches  Snstem  s#e#  verwenden,
aufnehmen  mi#sen.  —  Die  Gesamtzahl  der  Schisse  aller  Gattungen,  die  mit
Funkemelegraphie  ausgerin  sind,  wird  auf  1577  und  die  Grgen.  a9;  der
Inlandesstationen  auf  2

13.  Juni.  Erkenber)  Jnternalionaler  Kongreß  für
Leimatsch.

rireten  sind  die  Regierungen  aller  deutichen  Bundesstaaten  und
die  Länder  Erkterreich=  Frankreich,  Belgien,  Riederlande  die  Schweiz.  Norwegen
  und  Jav  Es  wird  mitgeseilt,  doß  ie  n  Javan  ein  Gesetz  gegen
alle  die  Lanna.  verunstaltende  Reklame  erlaisen  ist  und  doß  in  Frankreich
  eine  hohe  Steuer  auf  Plakate  längs  der  Eisenbahn  erhoben  werden  soll.

6.  Juli.  (Stockholm.)  Offizielle  Eröffnung  der  Olympischen
Spiele  durch  König  Gustav  V.

6.  Juli.  (Paris.)  Der  „Gri  de  Paris“  gibt  folgende  Erklärung
  für  die  Verzögerung  des  Erscheinens  des  Gelbbuches  über
die  Maroktvangelegenhie.

tschland  verlangte  die  Unterdrückung  des  Notenwechiels  über
die  Norbeiung  einer  Flottenbasis  im  Alantischen  Ozeau.  Deurichland
drückte  lotsachlich  den  Wunsch  aus.  Mogador  zu  rs.  um  vorwiege  nden
Einflun  im  Sus  guennden.  Man  ivrach  davon  bereits  in  Ki#nge#n  und
Derr  v.  Niderlen-Woacchter  kam  später  auf  die  Sache  zurück.  Derr  Caillaux
aber  blieb  unerichürterlich  und  Deuschland  gab  nach.  In  seiner  Autwort
ani  die  Reichstagsinterpeltion  versicherte  Herr  v.  Riderien  iedoch.  er  habe
in  diesem  Punkte  nicht  zurückzuweichen  gebraucht,  da  er  nice  daran  ghedacht
habe,  Mogador  zu  iordern.  Deshalb  verlangie  Herr  v.  Schon,  daß  die
Mirteilungen  über  biese  Frage  im  Gelbbuch  keinen  Platz  finde  ·
Bontur--gestanddtkpohnrspchtounqlutzuverlangtejedochnlsGmuIlkmmw
        <pb n="544" />
        531  Auhans:  Marnrims.  (Juli  8.—August  24.)

daß  Deutschland  nicht  darouf  bestehe,  die  ierbung  der  gPetpchäeen  in
Casablanca  mittels  öffentlichen  Weilbewerbes  zu  f  d  war
bereit,  diese  Forderung  für  alle  öffentlichen  Arbeiten  in  rs  4n  zu
laslen.  England  bestand  jedoch  auf  der  Aufrechterhaltung  dieser  Bestimmung
des  Algecirasvertrages.  Auch  die  Noten  Über  die  eituns  Englands
S#heinen  im  Gelbuch  nicht.  Die  anderen  Sigia  ungen  betreffen  die

rahtungen  der  Herren  de  Selves  und  Caillaux  ũber  bie  Aeichgrltige  Entgudene
  W“m  und  Fuglicher  Kriegsschiffe  nach  Agadir  sowie  alle

iese,  Drohtungen  und  Noten,  die  im  kritischsten  —  u  England
Gecheed  wurden.  Die  fran,  zösisch  ße  Regierung  fand  damals  bei  der  englischen
  nicht  die  nnr  1nd  .W.-  der  brlcäben  auf  die
sie  rechuen  zu  dürfen  glaubte.  kende  Haltung  Englands  Gilärt.
sich  aber  durch  seine  enr  Gllch  Unveesohungt  zu  bieten.  „Cri
Paris“  versichert  weiter,  in  jenem  Augenblick  habe  der  Präsident  der  F#ae
einen  ihm  befreundeten  General  nach  England  geschickt,  damit  er  selbst
zsrn  ob  England  bei  Beginn  von  Feindjeligkeiten  die  berühmten

l  iiiivoiideiieiiiotlioåhiedgerochiiioiikde,srciilkeichioürde
Iielleii  können.  Als  der  General  wiederkam,  erklärte  er:  „Höchstens  30000
Mann,  nicht  einen  mehr.“  Auf  diesen  Verich  hin  beschioß  der  Ministerrat,
die  wahrgenommene  Abkühlung  und  Verslanung  der  englischen  Freundschaft
nicht  zum  Gegenstand  einer  Beschwerde  zu  machen

8.  Juli.  (Amsterdam.)  23.  Internationaler  Bergarbeiterkongreß.


 

entschen  eraskellersegalantene  haben  zu  der  Tagung

lechs  rreie  eimtragen  lassen.  Frankr  Gaba  acht  Delegierte  entsandt,
Belgien  sechs,  Oei  Fleerpfich-ungern.  einen,  Lonon  Kwei,  Amerika  drei  un
Großtritamnien  65.  Nach  1913  soll  der  Kongreß  nur  noch  alle  zwei  Jahre
uateres

8.—  6.  Jull.  (Bern.)  Internationale  Konferenz  für  den
ltn“uutus

15.  Juni  bis  23.  Juli.  (Haag.)  Internationale  Wechselbonsereng.


Konvention  zuer  Einführung  des  einheitlichen  Wechselrechts  ist
umerseicher  worden  von  Deulschland,  Oesterreich-Ungarn,  Belgien,  Brasilien,
Bulgarien,  Chile,  Dänemark,  Frankreich,  Luxemburg,  Mexiko,  Montenegro,
Norwegen,  Nicaragna,  Paraguay,  den  Niederlanden,  Rußland,  Schweden.
der  Schweiz,  der  Türkei  und  Iialien

3.—6.  August.  (arier)  6.  Internationaler  marianischer
Kongreß.

7.  August.  (Düsseldorf.)  3.  Internationaler  medizinischer
1nfalltongeeß.

wmgue  beiden  ersten  Kongresse  hatten  in  Lüttich  und  Rom  getagt.  Es
sind  n  5%  Gelehrte  und  Praktiker  anwesend.  Aus  Deutschland,  rankreich,
  Belgien,  Hollond.  England,  Lberreich-Ingern,  der  Echwein.  Rußland
  und  Ztoalien  sind  Vertreter  erschiene

24.  August.  (Christian  ia.)  25.  Kongreß  des  Inflituts  für
internationales  Recht.
        <pb n="545" />
        Julens:  Alxentines.  (Septemiber  2.  -  Cliober  25.)  535

2.  September.  (Wien.)  Internationaler  Richtertag.

r  beichäftigt  sich  besonders  mit  den  Angriffen  auf  den  Richterstand
in  fast  elen  Ländern.  Daran  schließt  sich  der  deussche  Juristentag,  der
sich  u.  mit  159  gegen  158  Stimmen  für  die  vorläufige  Beibehaltung
der  -o  ausspricht.

7.  September.  (Amsterdam.)  7.  Internationaler  Kongreß
für  eriie

ft  sogenannten  englischen  Richtung  beherrscht,  welche
die  Fennt  auf  die  Fragen  der  Lebensversicherungslechnik
beschrä

September.  (Berlin.)  6.  Internationaler  Kongreß  für
Geburtehilfe  und  Gynskologie.

9.  September.  (Zürich.)  Schluß  des  2.  Internationalen
Heimarbeterichugkongreff  es.

ongreß  nimmt  den  Entwurf  eines  H#imarbeiterschungeen
trotz  des  —  der  deutichen  Vertreter  an,  die  den  Dengeß  nicht  für
kompetent  halten,  mehr  als  allgemeine  Richlinien  zu  weiie

11.  September.  (Wien.)  Eröffnung  des  —nr  Konresses
  am  Prater  unter  Teilnahme  von  20000  Menschen,  im  Beisein
von  zahlreichen  Erzherzögen  und  Erzhergoginnen,  von  neun  Kardinälen
  und  2000  Erzbischöfen  und  Bischöfen.

24.—28.  September.  (Genf.)  19.  Weltfriedenskongreß.

Die  Mitglieder  der  Cnione  Lombarda  per  la  T’ace  erklären,  aus
pbatriotischen  Gründen  den  Verhandlungen  sern  bleiben  zu  müssen.  Als
Kongreßort  für  1913  wird  Hoag  und  für  1911  Marienbad  gewählt.

24.—25.  September.  (Boston,  Vereinigte  Staaten.)  Auf
dem  5.  Iuternakionalen  Handelskammerkongreß  sind  44  Staaten.
darunter  zum  erstenmal  Rußland  und  die  mittelamerikanischen
Republiken,  vertreten.

7.  Oktober.  (Nom.)  Eröffnung  des  8.  Kongresses  des  Internationalen
  Inslituts  für  Sogiologie.

25.  Oktober.  (Berlin.)  Unterzeichnung  des  Abkommens
über  das  Ausstellungewefen.  (Siehe  Deutschland  8.  Oktober.)

An  der  Konserenz  haben  der  amtliche  Vertreter  von  Deutschland,
Oesterreich-Ungarn,  Belgien,  Dänemark,  Spanien,  Frantreich.  England,
Jialien,  Japan,  Norwegen,  Niederlande,  Portugal,  Rustland,  Schweden,
Schweiz  und  den  VBereinigten  Staaten  von  Amerika  teilgenommen.  Eine  der
wichtigsten  Bestimmungen  des  Ubbereintommen  beschränlt  die  Zahl  der
Aro#en  allgemeinen  Ana#stellungen,  die  von  den  Vertragsstaaten  nur  noch
dann  beichickt  werden  dürien,  wenn  sie  n  häusiger  als  alle  drei  Jahre
und  innerhalb  desielben  Landes  nicht  häufiger  ale  alle  zehn  Jahre  veranstaltet
  werden.  Außerdem  ist  durch  eine  genaue  Kaffisganon  jestgelegt.
worden,  welche  internationalen  Ausstellungen  als  amtliche  oder  als  amtlich
auerkannte  gelten  jollen.  Für  die  Art  der  Einladung  zu  iolchen  Ansellungen,
für  ihre  Organisation  und  Daner,  für  die  Einrichtung  der  fremdläudischen
        <pb n="546" />
        536  ——  Alituriies.  (Oliober.)

Abteilungen  und  besonders  für  die  ZJusammensehung  und  das  Berfahren
d  Preisgerichis  und  die  Verteilußen.  von  Auszeichnungen  sind  gewilsse
Grundsätze  vereinbart  worden.  Das  Uebereinkommen  erstreckt  sich  zwar
nicht  unmittelbar  ——  private  Ausstellungen;  es  läßt  sich  aber  Vorqusiegen,
daß  seine  Grundsätze  auch  auf  diesem  Gebiete  in  den  Bemragsstaaten
deutung  gewinnen  Sr  Wenn  sich  auf  diesem  Wege  die  Zahl  der
Ausstellungen  und  Preisverteilungen  verringern  läßt  und  wenn  die  gerade
in  dieser  Beziehung  im  Inlande  beobachteten  Auswuchse  beleitigt  werden
könnten,  so  würde  ein  wesendlicher  Schritt  zur  Gesundung  des  Ausstellungswesens
  getan  sein.  Uebrigens  enthält  die  Foeno  ausdrückliche  Abreden
zur  Bekämpfung  der  Schwindelausstellungen  und  des  Medaillenhandels.
Oktober.  (Woshington.)  Internationaler  Kongreß  für
Hygiene  d  Demazrabbie.
—  2700  Teilnehmer  erschienen  und  470  Vorträge  angemeldet.
Folgende  Leschlasse  gelangten  zur  Annahme
Der  Ron  ongreß  sanktionlert  die  Borschläge  der  Sektion  für  Mikrobiologie,
laut  we  elchen  ein  inlernationaler  Ausschuß  eingesetzt  werden  soll,  dessen
Aufgabe  in  der  Erforschung  von  Methoden  zur  Untersuchung,  Klassifigierung
und  Unterscheidung  der  Organismen  der  darm-.Tonhne-Ge  Gruppe,  und
Angabe  gleichjormiger  mi  36  zur  Bestimmung  von  Organismen  dieser
Gruppe  sein  soll.  An?  ie  Benubung  der  Statistisen  ũber  Verusstrantheiten

u  erleichtern,  wird  empiohlen,  die  Erhebung,  Auistellun  uu  und  Analuse
olcher  ssntinh  einmu,  zu  gestalten,  was  neuzen  in  We  ege  eines
inernotionaten  Uebereinkommens  geschehen  sollte,  auch  so  ben  S  Staalen,  bei

kein  Berichtszwang  über  ien  aiter  auch  eingeführt  ist,  aufgelerer?
  werden,  sobald  wie  möglich  solchen  zu  ve  rsũgen.  Der  Generallekretär
  des  Donreses  wird  angewieien.  sich  mit  den  Pehierungen  von
Frameich.  Rußland,  Großbritannien,  Japan,  den  Vereinigten  Staaten
und  anderen  Notionen,  welche  Uebersichten  eer,  die  gesundheitlichen  Verböhtachr.
  in  ihren  Kricgsseotten  veröffentlichen,  in  Jehindung.  zu  setzen.
um  sie  zu  veranlasien,  eine  Konferenz  anzuberanmen,  auf  wescher  Vertreter
der  Marinen  über  die  Einführung  einheitlicher  Methoden  e  Ge  ufschme
dieser  Statiĩtilen  beraten  sollen.  Der  Kon  ugre  reß  drückt  den  Wunsch  aus,
daß  jeder  Staat  zu  gewissen  feststchenden  Zeiten,  wenn  moglich  alljährlich,
eine  Uebersicht  der  Geburien,  Todesfälle,  Sheschlietiungen  und  Scheidungen
veröffentlicht.  Länder  oder  Orte,  wesche  sich  mit  der  Erhebung  #olcher
Statistiken  bejassen,  solten  für  die  Heinng  der  betreffenden  Bureaus  in
Medizin  und  Demographie  kundige  Beomte  anstellen,  sodaß  die  Statistiken,
bejonders  die,  welche  Todesursochen  betressen,  von  einem  Fachmonn  bearbeitet
  werden.  In  Verbindung  mit  den  Volkszählungen  sollten  allenthalben
  Familien-  Statistiken,  beionders  über  die  noch  lebenden  oder  gestorbenen
Kinder,  auigestellt  werden.  Anch  jollten  aus  den  amtlichen  Geburteregisern
die  Reihenfolge  von  Geburten  männlichen  und  weiblichen  Geschlechis  in  den
einselnen  Familien  ersichnlich  sein  Alle  diese  Statestiken  sollten  zu  eligeireien
Zeiren,  wenn  muglich  iedes  Jahr,  der  Oef#emlichleit  übergeben  werden.  Der
Kougreß  weist  die  permanente  Kommission  an,  für  die  Einrichtung  eines
Ständigen  Bureaus  des  Longresses  zu  orgen.  Die  ibey?
welche  in  den  verschiedenen  Ländern  gebraucht  werden,  follten  anf  ihre
ballerien  ktörenden  Eigenschaften  einer  einfachen  und  leicht  aonzuwendenden
Prode  unterzogen  werden  können  und  es  soll  von  diesem  KNongreß  eine
e  eingrietzt  werden,  welche  mit  einem  ähnlichen,  vom  internationalen
für  at  Chemie  ernonnten  Ansschuß  dahinzielende  Ubmuechenen
  trejien  jo
        <pb n="547" />
        Auhe#s:  I###im#s.  (November  25.—Dezember  1.)  537

25.  November.  (Basel.)  Internationaler  Sozialistenkongreß.

Die  italienischen  und  schweizerischen  Delegierten  teilen  als  das
Ergebnis  ihrer  Sonderbesprechung  mit,  daß  die  Furcht  vor  einer  Annexion
des  Kantons  Tessin  infolge  der  irredentistischen  Agitation  unbegründet  sei.

Ende  November.  Enthüllung  über  den  Vorschlag  Bismarcks
und  Derbys  vor  dem  Berliner  Kongreß.  Albanien  als  Gegenstück
für  Bosnien  und  die  Herzegowina  an  Italien  zu  geben.

Das  gebot  an  das  Ministerium  Depretis  blieb  erfolglos,  weil
sein  Nochsoigen  Cairoli  nichts  damit  zu  tun  haben  wolt  er  Sa###
verhalt  ergibt  sich  aus  zwei  Brieien,  die  Crispi  im  8  1900  on  Giovanni
  Codronchi  schrieb  und  die  im  „Resto  del  Carlino“  in  Bologna  veröffentlicht
  werden.

1.  Dezember.  (Deutschland  und  Amerika.)  Durch  eine
Vereinbarung  der  deutsch-atlantischen  Telegraphengesellschaft  in
Köln  und  der  Commercial  Cable  Co.  in  New  York  wird  die  Worttaxe
  für  Preßtelegramme  über  die  Azgoren  auf  35  Pfennig  herabgesetzt.
        <pb n="548" />
        Ubersicht
über  die  politische  Entwickelung  des  Jahres  1912.

Während  des  ganzen  Jahres  war  der  Janustempel  nicht
geschlossen.  Denn  ehe  noch  der  sich  langsam  hinziehende  Krieg
Italiens  gegen  die  Türkei  wegen  Tripolis  durch  den  Friedensschluß
am  15.  Oktober  beendet  wurde,  hatten  bereits  die  vier  Balkanmächte
Montenegro,  Bulgarien,  Serbien  und  Griechenland  nach  gemeinsamem
  Plane  die  Feindseligkeiten  eröffnet,  die  ihnen  eine  Abrundung
  ihres  Gebietes  verschaffen  sollten.  Damit  war  Anfang
Oklober  eine  neue  Phase  der  orientalischen  Frage  eröffnet.  Die
Gesahr,  daß  aus  den  Schwierigkeiten  ihrer  Abwicklung  ein  allgemeiner
europäischer  Krieg  hervorgehen  würde,  beherrschte  seitdem  die  Situation.
Die  Leichtigkeit,  mit  der  der  Balkanbund  anfangs  auf  allen  vier
Kriegsschaupläzen  eine  Reihe  von  Erfolgen  eizielte,  verschärfte  noch
den  Ernst  der  europäischen  Spannung."“)  Denn  dadurch  wurde
es  klar,  daß  die  ursprünglichen  Verständigungen  der  fünf  Großmächte
  Ssterreich-Ungarn,  Rußland.  Deutschland,  Großbritannien
und  Frankreich  der  unerwarteten  Kriegslage  nicht  mehr  entsprachen.
In  Erinnerung  an  die  Siege  der  Türken  Über  die  Griechen  im  Jahre
1897  und  an  die  Widerstandskraft  der  ottomanischen  Heere  im
russisch-türkischen  Kriege  vor  35  Jahren  glaubte  jedermann  den  Sieg
der  Türkei  wenigstens  auf  einigen  Schlachtfeldern,  besonders  in  der
Nähe  der  Hauptstadt  mit  ihren  großen  Reserven  in  Kleinaften,
voraussagen  zu  können.  Da  aber  nirgends  auf  der  türkischen  Seite
auch  nur  der  geringste  taktische  Erfolg  zu  verzeichnen  war,  und  da
die  Staatsleikung,  von  der  Panik  des  nächsten  Kampfplatzes  mit
fortgerissen,  flehentlich  die  Friedensvermittelung  der  Großmächte  anrief.
  so  wurde  es  einleuchtend,  daß  es  diesmal  ohne  eine  große

,Die  außernewöhnliche  Vermehrung  der  Spionageprozesse  in  Deutschland,
  Großbritannicn,  Esterreich-Ungarn  und  Rußland  ist  aus  dem  Inder
dieser  Länder  unter  „Heer  und  Flolte“  zu  ersehen.
        <pb n="549" />
        Mebericht  I#er  bie  yelilischr  Eutwichelas  der  Jahtes  1012.  539

Veränderung  der  Länderkarte  auf  der  Balkanhalbinsel  nicht  abgehen
  würde.  Ja,  das  Schicksal  der  Dardanellenstraße  und  der
Hauptstadt  Konstantinopel  schien  vor  einer  großen  Wendung  zu
stehen.  Schon  argumenlierten  deutsche  Geschichtsprofessoren,  die  in
der  Tagespresse  Über  Fragen  der  hohen  Politik  regelmäßig  das
Wort  ergreisen,  Über  die  Notwendigkeit,  Konstantinopel,  den  berühmten
  unteilbaren  Diamanten  im  goldenen  Ringe  der  türkischen
Besitzungen,  entweder  an  Bulgarien  oder  an  Rußland  zu  überantworten.
  Kein  Wunder,  daß  im  russischen  Reiche  die  panslawislischen
  Kundgebungen,  an  denen  sich  sogar  Schulknaben  beteiligten.
ihr  Gewicht  für  die  vollständige  Erfüllung  ihrer  Wünsche  in  die
Wagschale  warfen  und  daß  die  kleineren  flawischen  Nationaliläten.
besonders  die  Tschechen,  in  den  Siegen  ihrer  Stammesbrüder  am
Balkan  einen  Ruhmestitel  für  sich  selbst  fanden.  Zwischen  dem
unmöglich  gewordenen  Stutus  quo,  auf  den  sich  ursprünglich  die
Großmächte  geeinigt  hatten,  und  diesen  weitausgreifenden  Wünschen
der  Publizislik  und  der  Straßendemonstrationen  die  dem  Bedürfnis
Europas  entsprechende  richtige  Milte  einzuhalten  und  dabei  den
besonderen  Interessen  der  drei  benachbarten  Großstaaten  und  des
sich  friedlich  verhaltenden  Rumäniens  gerecht  zu  werden,  war  die
Aufgabe  der  schwierigen  diplomatischen  Verhandlungen,  die  alle
Kabinette  Europas  beschäftigten.  Österreich-Ungarn  hatte  im  Rat
der  hohen  Politik  insofern  einen  Vorsprung,  als  es  schon  im  Sommer
die  der  Türkei  drohende  Gefahr  vorausgesehen  und  die  europäischen
Mächte  bewogen  hatte,  in  Konstantinopel  Reformen  für  Aldanien
zu  verlangen,  um  die  offene  Wunde,  die  infolge  des  dortigen  Aufstandes
  dem  ganzen  Staalskörper  drohte,  endlich  zu  schließen.  Seine
Erklärung,  daß  es  den  von  1878  bis  1910  besetzten  Sandschak
Novibazar  nicht  an  Serbien  fallen  lassen  werde,  sollte  wohl  den
Kriegseifer  des  nächsten  Nachbarn  abkühlen.  Aber  bald  wurde  es
klar,  daß  die  geheimen  Einwirkungen  des  ruffischen  Gesandten  Hartwig
  in  Belgrad  den  Sieg  Über  alle  Bedenken  wegen  einer  österreichischen
  Intervention  davontrugen.  Die  Gefahr  eines  europäischen
Krieges  rückte  näher,  als  SÖsterreich  seit  dem  12.  November  militärische
  Vorbereitungen  für  einen  großen  Krieg  traf  und  Rußland
mit  sogenannten  Probemobilmachungen  an  seiner  Südwestgrenze
        <pb n="550" />
        540  Neh#icht  über  bir  yelitische  Eakwickrlaus  des  Iahtrs  1912.

antwortete.  Ob  sich  aber,  wenn  es  zum  Außersten  gekommen  wäre,
die  beiden  Machtgruppen  des  Dreibundes  und  der  Tripleentente  in
zwei  feindlichen  Lagern  gegenüberstehen  würden,  war  doch  fehr
zweifelhaft.  Den  Dreibund  kittete  zwar  das  bald  hervortretende
gemeinsome  Interesse  Österreich-Ungarns  und  Italiens,  in  Albanien.
das  für  die  Türkei  nicht  mehr  zu  retten  war,  weder  Griechenland
noch  Serbien  noch  Montenegro  festen  Fuß  fasfen  zu  lassen,  enger
zusammen.  Er  wurde  bereits  ein  halbes  Jahr  vor  dem  normalen
Termin  (schon  7.  Dezember)  erneuert.  Die  beiden  früher  gerade
Albaniens  wegen  oft  gegeneinander  mißtrauischen  Dreibundsmächte
einigten  sich,  in  Albanien  einen  ekhnographisch  geschlossenen  autonomen
  Staat  erstehen  zu  lassen  und  jede  Gegenwirkung  dagegen.
wenn  nötig,  gemeinsam  aus  dem  Felde  zu  räumen.  Dagegen  war
es  für  das  gemeinsame  Vorgehen  der  Tripleentente  nicht  günstig.
daß  in  England  das  Friedensbedürfnis,  die  Furcht  vor  einer  rusffischen
  Beherrschung  der  Dardanellenstraße  und  der  Wunsch,  durch
Freundschaftsdienste  von  der  Türkei  Zugesländnisse  für  den  südlichsten
Teil  der  Bagdadbahn  und  die  Endstation  am  Persischen  Meerbusen
zu  erlangen,  in  der  Presse  und  im  Parlament  zu  fehr  kräftigem  Aus.
druck  gelangten.  Damit  war  ein

von  Rußland,  dem  man  eine  zu  #grisige  Politik  zutraute,  von
selbst  gegeben,  und  der  französische  Ministerpräsident  Poincars  bemühte
  sich  vergebens,  eine  allen  Mächten  annehmbare  Formel  zu
finden,  die  den  uneingestandenen  Gegensatz  verdecken  könnte.  So
gab  auch  Frankreich  schon  vor  Mitte  November  seinen  früheren
Standpunkt  der  absoluten  Desinteressiertheit  (S.  385)  auf.  Die
englische  Politik,  die  auf  Lokalisierung  und  boldige  Beendigung  des
Krieges  bedacht  war,  suchte  und  fand  deshalb  Anlehnung  in  Berlin.
Sie  konnte  schon  am  28.  November  den  Großmächten  den  Vorschlag
zu  einer  Botschafterkonferenz  mit  genau  umschriebenem  Programm
(S.  357)  vorlegen.  Es  war  ein  Erfolg  des  englischen  Staalssekrelärs
Sir  Edward  Grey,  daß  von  den  kriegführenden  Mächten  alle  bis
auf  Griechenland  bereils  am  14.  Dezember  Bevollmächtigte  zu
Friedensverhandlungen  nach  London  entsandten,  und  daß  dort  drei
Tage  später  die  Botschafter  der  Großmächte  zu  einer  „RNeunionzusammentraten,
  um  durch  daos  Gewicht  ihrer  Beschlüsse  das  Friedens-
        <pb n="551" />
        Heberiit  über  bie  polilischr  Euntwikeln#n  bes  Jahre#  1912.  541

werk  zu  fördern.  Die  Ergebnisse  dieser  Verhandlungen  fallen  aber
bereits  vollständig  in  die  erste  Hälfte  des  Jahres  1918.

Neben  der  Balkankrifis  war  es  die  Zukunft  Chinas,  die  das
Interesse  der  hohen  Politik  aller  Großmächte  einschließlich  Japans
und  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  in  Anspruch  nahm.  Ihr
Einverständnis  wurde  dadurch  erleichtert,  daß  es  in  China  gelang.
die  streitenden  Parteien  und  den  Gegensatz  republikanischer  Staatssormen
  und  theokratischer  Traditionen  durch  Kompromisse  zu  versöhnen.
  Auf  eine  Teilung  Chinas  hatte  es  keine  Macht  abgesehen.
wenn  auch  Rußland  sich  bemühle,  in  der  äußeren  Mongolei  durch
Abmachungen  mit  den  lokalen  Gewalten  seiner  zuklinftigen  Vorherrschaft
  die  Wege  zu  ebnen.  Dagegen  suchten  alle  Mächte,  ihren  Einfluß
  auf  die  neue  Regierung  in  Peking  dadurch  aufrecht  zu  erhalten,
daß  sie  an  der  notwendigen  Anleihe  einen  bestimmten  Anteil  für
ihre  Staatsangehörigen  reservierten.  Infolge  dieser  Eifersucht  wurde
das  Bankensyndikat,  das  der  chinesischen  Regierung  eine  sehr  große
Anleihe  verschaffen  wollte,  auf  vier  Mächte  verteilt,  und  da  Japan
und  Rußland  ebenfalls  ihren  Einfluß  geltend  machen  und  Bedingungen
  stellen  wollten,  so  wurde  sogar  ein  Sechs-Mächtebankensyndikat
daraus.  Wiil  sich  die  chinesische  Regierung  dieser  politischen  Beigaben
  des  Anleihegeschäftes  mit  allen  Mitteln  zu  erwehren  suchte,
so  verschob  sich  der  Abschluß  über  den  Jahreswechsel  hinaus.  Nur
darin  blieben  sich  die  Mächte  einig,  daß  keine  derselben  während
des  Jahres  1912  die  bestehende  Republik  anerkannte.

Andere  internationole  Fragen  erstreckten  sich  nur  auf  den
Interessenkreis  der  zunächst  beteiligten  Mächte.  So  kam  die  Marokkofrage
  zum  Abschluß,  nachdem  die  französische  Kammer  dem  Protektoralsvertrage,
  zu  dem  Mulay  Hasid  sich  herbeigelasfen  hatte
(S.  503,  505),  am  1.  Juli  ihre  Zustimmung  gegeben  hatte,  und
der  Verkrag  zwischen  Spanien  und  Frankreich  (S.  321,  322—23)
einen  Ausgleich  der  widerstreitenden  Ansprüche  herbeigeführt  hatte.
Italien  machte  der  türkischen  Regierung,  die  für  die  Verteidigung
von  Tripolis  so  geringe  Opser  gebracht  hatte,  in  dem  Frieden
von  Ouchy  (S.  398—97)  religiöse  und  sehr  weitgehende  finanzielle
Zugeständnisse.  Die  Differenzen,  in  die  Italien  mit  Frankreich
durch  die  Aufbringung  von  zwei  französischen  Postdampfern  auf
        <pb n="552" />
        542  Atbersiqt  ũber  die  yelilische  Enimichrin#s  bes  Jahme  1912.

dem  Mittelmeer  gekommen  war,  nahmen  zwar  im  Anfang  des
Jahres  eine  ziemlich  scharfe  Form  an,  wurden  aber  schließlich
einem  Schiedsgericht  zum  freundschaftlichen  Austrag  überwiesen.
An  das  gemeinsame  Interesse  aller  Kulturstaaten,  die  gesetzliche
Ordnung  aufrecht  zu  erhalten,  wurden  die  Regierungen  durch  die
große  Zahl  der  Attentate  auf  Monarchen  und  Staatsmänner,  durch
unmotivierte  Streiks  und  unwürdige  Ruhestörungen  in  den  Parlamenten
  und  zum  Zwecke  von  Straßendemonstrationen  erinnert.
Die  Monarchenbegegnungen  und  Besprechungen  der  leitenden  Staatsmänner
  waren  aus  Anlaß  des  sich  im  Sommer  zusammenballenden
Gewitters  auf  der  Balkanhalbinsel  ungewöhnlich  zahlreich.  Für  die
allgemeine  politische  Konstellation  ist  wohl  die  Annäherung  zwischen
Deutschland  und  Großbritannien,  die  auch  zu  einer  Verständigung
Über  das  beiden  Teilen  genehme  Verhältnis  der  Stärke  der  Flotten
erreicht  wurde,  von  dauernder  Bedeutung  für  die  zukünftige  Gestaltung
  der  hohen  Politik.  Ein  neues  Moment  der  Beunruhigung
entsprang  aus  dem  Proteste  Großbritanniens  gegen  die  vorgeschlagene
Begünstigung  der  amerikanischen  Schiffahrt  bei  der  Durchfahrt  durch
den  Panamakanal  (S.  357—58,  490,  492).  Auch  der  Argwohn
gegen  japanische  nach  Amerika  hinübergreifende  Expansionsgelllste
sand  im  Berichtsjahr  neue  Nahrung  (S.  438,  519).  Durch  den
Einspruch  verschiedener  Großmächte  sah  sich  die  japanische  Regierung
auch  veranlaßt,  den  Beschluß  über  Truppensendung  nach  der  Mandschurei
  wieder  aufguheben,  eine  Sonderanleihe  an  die  provisorische
Regierung  in  Nanking  rückgängig  zu  machen  und  Zollbestimmungen
in  Korea  zu  modifizieren.  Die  Vereinigten  Staaten  widerstanden
der  Versuchung,  in  den  mexikanischen  Wirren  zu  intervenieren  und
über  Honduras  und  Nikaragua  eine  Finanzkontrolle  anzubahnen.
Da  auch  Rußland  über  Spitzbergen  mit  Schweden  und  Norwegen
zu  einer  Einigung  kam,  so  klonnte  sich  das  Interesse  auf  die  Balkankrisis
  und  die  Entwickelung  Chinas  konzentrieren.

Im  Deutschen  Reiche  fanden  am  12.  Januar  die  all.
gemeinen  Wahlen  für  den  Reichstag  statt  (S.  2—4.  5—7,  10•—11).
Das  Refullat  übertraf  insofern  die  schlimmsten  Erwartungen  und
die  Ankündigung  des  Fürsten  Bülow  von  dem  bevorstehenden
        <pb n="553" />
        EEXVEIIIIIELO  543

„Philippi“,  als  die  sozialdemokratische  Partei  mit  110  Mitgliedern
ihren  früheren  Besitzstand  mehr  als  verdoppelte  und  die  stärkste  der
Volksverlretung  wurde.  Den  Verlust  krug  in  der  Hauptsache  der
sogenannte  schwarz-blaue  Block,  der  die  Finangreform  zustande  gebracht
  hatte.  Da  ihm  jetzt  45  Mandate  weniger  zuteil  wurden,
so  war  ihm  eine  Mehrheitsbildung  aus  eigener  Kraft  nicht  mehr
möglich.  Wohl  aber  genügt  im  neuen  Reichstag  ein  Zusammengehen
  der  90  Liberalen  mit  den  110  Sozialdemokraten  oder  eine
Kombination  der  93  Klerikalen  mit  den  110  Sozialdemokraten,  um
Mehrheitsbeschlüsse  herbeizuführen,  während  als  dritte  Möglichkeit
nur  noch  das  Zusammengehen  der  70  Konservativen.  98  Klerikalen
und  45  Nationalliberalen  eine  Mehrheit  ergeben  kann.  Durch  den
beispiellosen  Aufstieg  der  Sozialdemokraten  hat  also  ein  politisch
bedeutsamer  Ruck  nach  links  stattgefunden.  Das  Zurückgehen  der
Polen  von  20  auf  18  Mitglieder  wird  durch  das  Anwachsen  der
Welfen  von  einem  auf  fünf  Mitglieder  mehr  als  wettgemacht.
Der  schwerste  Verlust  hat  aber  die  Reichspartei  betroffen,  die  von
25  auf  14  Mitglieder  herabgesunken  ist  und  deshalb  im  neuen
Reichstage  die  Stellung  einer  Fraktion,  die  bei  der  Bildung  von
Kommissionen  zu  berücksichligen  ist.  eingebüßt  hat.  Die  veränderte
Siluation  zeigte  sich  am  eklatantesten  bei  der  Wahl  des  Präsidiums
am  9.  und  14.  Februar  und  bei  seiner  Neuwahl  am  8.  März
(S.  22—28,  27—23,  72—73).  Erst  im  dritten  Wahlgang  siegte
bei  der  Wahl  zum  Präsidenten  der  Zentrumsführer  Dr.  Spahn  mit
196  Stimmen  üÜber  das  Parteihaupt  der  Sozialdemokraten  Bebel,
der  175  Stimmen  erhielt.  Das  Amt  eines  ersten  Vizepräfidenten
fiel  dem  Sozialdemokraten  Scheidemann  zu,  der  wenige  Jahre
vorher  (l.  Geschichtskalender  1909)  durch  schroffe  Verunglimpfungen
der  Hohenzollern  besonderen  Anstoß  erregt  hatte,  während  zum
zweiten  Vizepräsidenten  mit  großer  Majorität  der  Nationalliberale
or.  Paasche  gewählt  wurde.  Auf  Drängen  ihrer  Parteien  legken
aber  Dr.  Spahn  und  l#r.  Paasche  das  bereits  übernommene  Amt
wieder  nieder,  so  daß  Scheidemann  die  Wahl  ihrer  Ersaßzmänner  zu
leiten  hatte.  So  fiel  die  Ehre  auf  zwei  Fortschrittler.  Lr.  Kaempf  und
Dr.  Dove.  die  bei  der  ersten  Wahl  gar  nicht  kandidiert  hatten.  Da
bei  der  Nenwahl  am  #.  März  an  ihnen  festgehalten  und  statt
        <pb n="554" />
        544  EXMAILLIEIXIIIII

Scheidemann  Dr.  Paasche  zum  ersten  Vizepräsidenten  gewählt  wurde,
so  ist  das  Präsidium  des  Reichstags  ausschließlich  ous  Liberalen
und  aus  Vertretern  von  Parteien  zusammengesetzt,  die  zusammen
nur  Über  86  Sitze  im  Reichstage  verfügen.  Die  Voraussetzung
bei  dem  ersten  Wahlgang  am  8.  Februar  war  das  Zugeständnis
der  sozialdemokratischen  Führer  gewesen,  daß  auch  ihr  Kandidat
die  Obliegenheiten  des  Präsidiums  in  üblicher  Form  erfüllen  würde.
Es  zeigte  sich  aber,  daß  Scheidemann  sich  an  dem  Gesuch  um  Audienz
beim  Kaiser  nicht  beteiligte.  Infolgedessen  erhob  sich  über  die  Abmachungen,
  die  bei  den  Vorbesprechungen  der  Parteien  getroffen
waren,  ein  peinlicher  Streit,  da  Bebel  die  Zusagen  ableugnete,  die
er  und  seine  Genossen  nach  Angabe  der  anderen  Berater  an  den
Verabredungen  gemacht  hatten.  So  spitzte  sich  der  Gegensatz  zwischen
den  Sozialdemokraten  und  den  bürgerlichen  Parteien  im  Parlamente
  auch  persönlich  zu.  Selbst  die  Fortschrittler,  die  für  die
Stichwahlen  mit  den  Sozialdemokraten  ein  Bündnis  eingegangen
waren,  erklärten  es  späler  für  ausgeschlossen,  daß  mon  mit  so
schlechten  Wortsleuten  noch  ferner  paktieren  könne.  Für  die  Behandlung
  der  Geschäfte  war  diese  Isolierung  der  Sozialdemokraten
von  vornherein  ein  großer  Vorteil  sie  erleichterte  die  Durchbringung
von  Regierungsvorlagen,  weil  weder  das  Zentrum  noch  die  Liberalen
wünschen  konnten,  in  wichtigen  Fragen  allein  mit  den  Sozialdemokraten
  eine  opposttionelle  Mehrheit  zu  bilden.  So  konnte  die  Regierung
mit  Zuversicht  Vorschläge  für  die  Verstärkung  des  Heeres  und  der
Flotte  machen,  durch  die  die  Präsenzstärke  um  29000  Mann  erhöht
und  durch  die  Bildung  eines  dritten  aktiven  Geschwaders  die  Kriegsbereitschaft
  der  Flotte  erheblich  verbessert  werden  sollte.  Die  dadurch
  für  die  drei  Jahre  1912  bis  1914  entstehenden  Mehrkosten
von  3838  Millionen  Mark  konnten  allerdings  durch  Verwendung
der  mit  Sicherheit  zu  erwarteten  Uberschüsse  und  durch  die  Aufhebung
  der  Liebesgabe  an  die  Branntweinproduzenten  gedeckt  werden,
so  daß  also  zugleich  ein  von  den  Sozialdemokraten  und  Fortschrittlern
  oft  bekämpfter  Übelstand  beseitigt  wurde  (S.  89—91,
101—02,  107—  16.  120—22,  124—25,  126—27).  Die  Heeresvorlage
  wurde  am  10.  Mai  durch  en  bloc-Abstimmung  einmütig
von  allen  Parteien  des  Hauses  außer  den  Sozialdemokraten  und
        <pb n="555" />
        Aebersii  ãber  dit  politise  Entwiceliig  bes  Iahtes  1012.  545

Polen  mit  großer  Begeisterung  angenommen.  Ebenso  geschah  es
vier  Tage  darauf  mit  der  Marinevorlage.  Für  die  Kostendeckung
wird  die  Vorlage  eines  Gesetzentwurfs  zur  Anderung  der  Erbschaftssteuer
  so  rechtzeitig  verlangt,  daß  er  mit  dem  1.  April  in  Krast
treten  kann  (S.  177,  180).  Die  Reichsregierung  konnte  also  in  den
wichtigsten  Angelegenheiten  mit  der  Haltung  des  neuen  Reichstages
in  der  Frühjahrssession  sehr  wohl  zufrieden  sein.  Sie  kam  auch
den  Wünschen,  Über  schwebende  Fragen  die  Offentlichkeit  schneller
aufklären  zu  können,  dadurch  entgegen,  daß  fie  auf  Wunsch  des
Reichstags  sich  bereit  erklärte,  an  zwei  Tagen  der  Woche  kurze
Anfragen  einzelner  Mitglieder  regelmäßig  sofort  zu  beantworten.
Es  war  wohl  die  Nachwirkung  des  die  öffentliche  Meinung  bedrückenden
  langen  Schweigens  während  der  Marokkoverhandlungen
mit  Frankreich,  was  die  Andringung  dieser  Nebenventile  zur  Milderung
  der  vielerlei  Spannungen  im  politischen  Leben  der  Nation
veranlaßte.  Die  ersten  kurzen  Anfragen  erfolgten  an  demselben
14.  Mai,  an  dem  die  Marinevorlage  mit  stürmischem  Beifall  angenommen
  wurde.

Den  Anlaß  zu  einer  tiefer  gehenden  Erregung  der  öffentlichen
Meinung  im  ganzen  Vaterlande  bot  nicht  die  Politik  der  Reichsregierung,
  sondern  zwei  Aktionen,  die  mit  den  neuesten  Veränderungen
  in  zwei  Bundesstaaten  zusammenhängen,  aber  auf  die  verfassungsmäßigen
  Zustände  im  Deutschen  Reich  Bezug  haben.  Am
11.  März  hatte  das  bayerische  Ministerium  einen  Erlaß  Über  die
Anwendung  der  Ausführungsbestimmungen  zum  Jesuitengesetz  vom
4.  Juli  1872  veröffnetlicht,  wonach  kein  behördlicher  Einspruch  erfolgen
sollte,  wenn  Jesuiten  in  katholischen  Kirchen  kraft  Auftrags  des
bestellten  Geistlichen  predigen  oder  Beichte  hören.)  Sofort  erhob
sich  in  der  deutschen  Presse  der  Streit,  ob  darin  nicht  die  Verlehung
  eineg  noch  gültigen  Reichsgesetzes  auf  Anordnung  einer  der
verbündeten  Regierungen  zu  erblicken  sei.  Seit  dem  1.  April  hallte
fast  die  ganze  Presse  von  der  Entrüstung  über  diesen  übergriff
Bayerns  auf  ein  durch  Reichsgeseth  geregeltes  Gebiet  wider.  Die
nationalliberale  Partei  brachte  am  17.  April  eine  entsprechende

)  Vor  der  datauf  bezũglichen  Notig  S.  100  ist  vor  1.  April  ausgesallen:
  „11.  März  bis“  —.

Europcischer  Weschichlstalender.  1.111.  35
        <pb n="556" />
        546  Hei#rist  ##r  bie  velltische  Gatwidrims  kre  Jahmes  1912.

Interpellation  im  Reichstage  ein,  die  aber  dadurch  gegenstandslos
wurde,  daß  der  Reichskanzler  am  26.  April  erklären  konnte,
die  bayerische  Regierung  habe  beim  Bundesrat  einen  Antrag  auf
authentische  Definition  über  den  Begriff  der  durch  das  Reichsgesetz
  verbotenen  Ordenstätigkeit  beantragt.  Nachdem  der  Beschluß
des  Bundesrates  über  diesen  Gegenstand  am  28.  November  erfolgt
war,  zog  Bayern  den  Ministerialerlaß  zurück.  Der  Grundsatz,
daß  Reichsrecht  vor  Landrecht  gehe,  kam  also  loyal  zur  Geltung.
Aber  das  Zentrum  beruhigte  sich  bei  dieser  Entscheidung  nicht;
am  4.  Dezember  kündete  sein  Führer  Dr.  Spahn  in  harten  Worten
der  Reichsregierung  das  Mißtrauen  seiner  Partei  und  eine  prinzipielle
  Opposition  an.  Im  Laufe  des  Jahres  fand  sich  aber  keine
Gelegenheit,  die  praktische  Konsequenz  dieser  Ankündigung  zu
ziehen.  —  Die  zweite  Störung  hatte  ihren  letzten  Anlaß  in  der
renitenten  Haltung  des  elsaß-lothringischen  Landtages  seit  der
Erhebung  des  Reichslandes  zum  gleichberechtigten  Bundesstaate.
Im  Unmut  darüllber  hatte  der  Kaiser  am  13.  Mai  bei  einem  Essen
in  Straßburg  an  den  Bürgermeister  Dr.  Schwander  Worte  gerichtet,
die  als  eine  Drohung,  die  neuverliehene  Verfassung  „in  Scherben
zu  brechen“  und  vielleicht  das  Land  Preußen  einzuverleiben,  zuerft
durch  den  Pariser  „Matin“  verdffentlicht  wurden.  Die  Besprechung
dieser  Angelegenheit  in  der  Presse,  im  Deutschen  Reichtag,  auch  in
der  Zweiten  Kammer  Sachsens  bildete  ein  unerfreuliches  Nachspiel
zu  den  patriotischen  Beschlüssen  Über  die  Wehrvorlagen  (S.  151,
152—169,  175—76.  182—35).  Die  übertreibungen  der  sozialdemokratischen
  Redner  Scheidemann  und  Ledebour  erleichterten  nicht  nur
dem  Reichskanzler  die  Verteidigung  der  Worte  des  Kaisers,  für
die  er  die  Veranktwortung  Übernahm,  sondern  entzogen  der  Sogialdemokratie
  noch  weiter  die  Sympathien  vieler  Kreise,  aus  denen
bei  den  Wahlen  und  Stichwahlen  ihre  Mitläufer  sich  rekrutierten.
Der  stürmische  Schluß  der  Reichstagssession  am  22.  Mai  war  iedenfalls
  dem  Ansehen  der  sozialdemokratischen  Partei  als  des  numerisch
  stärksten  Faktors  des  Reichstags  sehr  abträglich.

Während  der  Vorbereitungen  der  Wehrvorlagen  hatte  bereits
die  Agikation  des  Alldeutschen  Verbandes  und  des  Flottenvereins
  für  eine  nach  dem  Höchstmaß  des  Möglichen  ausgestaltete
        <pb n="557" />
        EAÆæöMIIIILILIILL  547

Verstärkung  der  Reichswehr  eingesetzt.  Es  wurde  auf  die  bedenkliche
  Steigerung  des  französischen  Chauvinismus  und  die  Zuverficht
der  franzöfischen  militärischen  Literatur  im  Falle  eines  neuen  deutschfranzösischen
  Krieges  hingewiesen,  um  die  Unzulänglichkeit  der  geplanten
  Vermehrungen  zu  erweisen.  Aus  der  militärischen  Notwendigkeit
  wurde  auch  gefolgert,  daß  man  jet  zu  der  1909  noch
vermiedenen  Kindeserbschaftssteuer  seine  Zuflucht  nehmen  musse,
um  für  eine  viel  größere  Verstärkung  des  Heeres  und  der  Flotte
genügende  Deckung  zu  finden.  Es  sickerte  durch,  daß  in  der  vom
Reichskanzler  veranstalteten  Ministerkonferenz  Sachsen  sich  für  die
Wiederaufnahme  der  bei  der  Finanzreform  des  Fürsten  Bülow
fallengelassenen  Erbschaftssteuer  der  Deszendenten  erklärt  hatte  und
daß  auch  der  Reichsschatzmeister  Wermuth  den  Notbehelf,  aus
den  zu  erwartenden  Überschüssen  die  erforderlichen  Mehrausgaben
zu  bestreiten,  mißbilligt  hatle  und  für  die  Erbschaftssteuer  eingetreten
  war.  Er  war  deshalb  am  15.  März  von  seinem  Posten
zurückgetreten.  Die  bescheideneren  Ansprüche  der  Reichsregierung
fanden  aber  um  so  mehr  den  allgemeinen  Beifall,  weil  man  nach
der  Annahme  des  deutsch-französischen  Marokkoabkommens  durch
die  Kammer  und  den  Senat  und  infolge  der  sichtbaren  Bemühungen
deutsch-freundlicher  Engländer  um  eine  Beseitigung  der  während
der  Marokkokrise  eingetretenen  Verstimmung  die  Hoffnung  auf  eine
längere  Friedensperiode  schöpfte.  Die  Aufmerksamkeit  richtete  sich
im  Sommer  immer  mehr  auf  die  möglichen  Maßregeln  zur  Milderung
  der  Fleischnot,  die  sich  von  Monat  zu  Monat  durch  eine
tägliche  Preissteigerung  kundtat.  So  kamen  die  wirtschaftlichen
Fragen,  die  feit  1879  in  Deutschland  so  stark  betont  worden  find.
wieder  in  den  Vordergrund  (S.  62,  66—67,  106,  128.  149,  217,
226  -  230).  Eine  neue  Aufgabe  wirtschaftspolitischer  Natur  schlug
die  Reichsregierung  in  der  Regelung  des  Verkaufes  von  Petroleum
vor.  Um  dem  drohenden  übergewicht  der  Standard  Oil  Company
zu  entgehen,  wurde  ein  Monopol  vorgeschlagen,  das  dem  Reiche
zustehen  sollte,  aber  von  ihm  mittels  einer  Betriebsgesellschaft  ausgeübt
  würde.  Die  Festsetzungen  waren  so  getroffen,  daß  der  dieser
Gesellschaft  Überlassene  Gewinst  um  so  höher  slieg.  je  niedriger
der  Verkaufspreis  des  Petroleums  normiert  werden  konnte  (S.  217.
r*e
        <pb n="558" />
        548  —d—  ————————————

236,  270—78).  So  war  für  die  kurze  Herbsttagung  des  neuen
Reichstages  wenig  Gelegenheit  zu  gesetzgeberischer  Arbeit.  Die
Etatsdebatte  konnte  sich  in  Einzelheiten  ergehen  und  den  auswärtigen
  Angelegenheiten,  die  durch  den  Balkankrieg  ein  erhöhtes
Interesse  gewannen,  einen  breiten  Spielraum  üÜberlassen.

In  Preußen  bildete  das  Wassergesetz  die  Hauptaufgabe  für
den  seinem  natürlichen  Ende  nahen  Landtag.  Dazu  kamen  Erörterungen
  über  Fragen,  die  in  erster  Reihe  das  Ministerium  der
Unterrichts-  und  geistlichen  Angelegenheiten  angingen.  Die  Verurteilung
  evangelischer  Pfarrer  durch  daß  neue  Spruchkollegium
über  Irrlehren  erzeugte  eine  Anfregung,  durch  die  sich  die  Gegensäbe
  innerhalb  der  Londeskirche  weiter  verschärften.  Der  Plan  der
Stadt  Frankfurt  a.  M.,  eine  eigene  Univerfität  zu  gründen,  und
der  Erlaß  des  Unterrichtsministers  über  die  Zurückdrängung  des.
Extemporale  im  Gymnasialunterricht  lenkten  die  Aufmerksamkeit
auf  die  im  letzten  Menschenalter  eingetretenen  Veränderungen  im
höheren  Schulunterricht  und  in  den  Leistungen  der  akademischen
Berufe.  Unverkennbar  ist  im  deutschen  Volksleben  ein  intellektueller
  Rückgang  zu  verzeichnen,  der  sich  auch  durch  das  ÜUberhandnehmen
  der  kinematographischen  Lichtspiele  auf  Kosten  des  Theaters
auf  schöngeistigem  Gebiete  bemerkbar  macht.  Bemühungen,  die
Mädchenschulbildung  zu  heben,  die  Fachschulen  für  den  Mittelstand
immer  weiter  auszubauen  und  das  östhetische  Interesse  an  der  Natur
und  an  dem  architektonischen  Stadtbilde  zu  fördern,  find  kein  genügender
  Ersatz  zu  dem  bereits  bemerkbaren  Verlust.  Ob  der
Sportbetrieb  und  die  vom  Jugendbunde  geförderte  körperliche  Ausbildung
  des  heranwachsenden  Geschlechts  einen  Ersatz  dafür  bietet,
läßt  sich  noch  nicht  beurteilen.  Daß  aber  hier  die  Gefahr  der
übertreibung  nicht  zu  übersehen  ist,  lehren  die  Erfahrungen,  die
man  in  Cngland  und  Schottland  bereits  gemacht  hat.  Augenblicklich
  geht  Preußen  auf  diesem  Gebiete  allen  anderen  Bundesstaaten
  voran.  Die  gewaltsame  Entfernung  zweier  sozialdemokratischer
  Abgeordneter  aus  dem  Sitzungssaal  hatte  mit  sachlichen
Fragen  nichts  zu  tun  (S.  141—44,  147,  188,  213—14).

Für  Bayern  bedeuteten  die  allgemeinen  Wahlen  vom  5.  Februar
  und  der  Rücktritt  des  Gesamtministeriums  Podewils  am
        <pb n="559" />
        M#hricht  Der  die  volitifchr  Eutwicheleus  hre  Jahree  1912.  549

Tage  darauf  einen  bedeutsamen  Markstein  seiner  politischen  Entwickelung.
  Es  war  dem  Zentrum  noch  einmal  gelungen,  gegen
seine  vereinigten  Widerfacher  eine  allerdings  nur  noch  ganz  geringe
Moajorität  in  der  Abgeordnetenkammer  zu  erzielen.  Der  Prinzregent
  nahm  daraus  Veranlassung,  dem  Zentrumsführer  Freiherrn
von  Hertling  die  Bildung  eines  Parteiministeriums  zu  überlassen.
Darin  kann  man  einen  Sieg  der  parlamentarischen  Prinzipien  erblicken,
  wenn  man  das  Ereignis  bloß  als  ein  bayerischet  auffaßt.
Es  liegen  aber  wohl  Erwägungen  der  Reichspolitik  und  der  Stellung
  zur  römischen  Kurie  bei  dieser  Entscheidung  mit  zugrunde.
Jedenfalls  ist  die  bayerische  Regierung  an  der  Haltung  des  Zentrums
im  Reichstage  und  an  dem  für  die  katholische  Arbeiterbewegung
wichtigen  Gegensatz  zwischen  der  sogenannten  Kölner  und  Berliner
Richtung  jetzt  näher  interessiert  als  zur  Zeit  der  aus  verschiedenen
Elementen  zusammengesetzten  Ministerien.  Der  Jesuitenerlaß  vom
11.  März  erwies  sich  freilich  als  ein  Mißerfolg  des  neuen  Ministeriums.
  Wie  er  zustande  kam,  ergibt  sich  aus  einer  in  der  Frankfurter
  Zeitung  erschienenen  Enthüllung  (S.  123—24).  Wie  sehr
in  beiden  Kammern  die  Meinungen  aufeinander  platzten,  ist  aus
den  im  Index  unter  „Bayern“  angeführten  Auszügen  der  Debatten
deutlich  zu  ersehen.  Der  Verlust,  der  das  Königreich  durch  den
Heimgang  des  greisen  Prinzregenten  Luitpold  am  12.  Dezember
traf,  wurde  im  ganzen  Reiche  mitgefühlt.  Die  Frage,  ob  nicht  der
Nachfolger  Prinz  Ludwig  den  Königstitel  annehmen  und  der  schon
fast  ein  Menschenalter  bestehenden  Regentschaft  ein  Ende  machen  sollte,
wurde  von  ihm  selbst  in  verneinendem  Sinne  entschieden.

In  Württemberg  konzentrierte  sich  das  politische  Interefse
auf  die  Vorbereitung  der  Parkeien  zu  den  Landtagswahlen,  die  im
November  und  Dezember  nach  dem  neuen  komplizierten  Wahlverfahren
  mit  dem  sogenannten  Proporz  stattfanden.  Das  Ergebnis
entspricht  aber  keineswegs  den  Erwartungen  der  miteinander  verbündeten
  Fortschrittlichen  Volkspartei  und  Nationalliberalen.  Denn
fie  verlieren  sieben  Sitze,  von  denen  die  Konservativen  und  der
Bund  der  Landwirte  fünf,  Zentrum  und  Sozialdemokratie  je  einen
gewinnen.  Der  Minister  des  Innern  v.  Pischek  trat  nach  diesem
unerwarteten  Wahlausfall  am  21.  Dezember  zurück.
        <pb n="560" />
        550  Het#rist  ler  bir  yelitiscse  Galkwihetens  krs  Jahreie  1912.

Das  Königreich  Sachsen  erledigte  wichtige  Aufgaben  zur
Förderung  der  Wohlfahrt  und  Kultur.  Durch  den  Ankauf  von
Kohlenfeldern  gewann  der  Staat  die  Kontrolle  über  die  Verkeilung
der  künftigen  Krastauellen  der  Industrie.  Ein  Gesetz  Üüber  die
Regelung  der  Waslerwirtschaft  ermöglicht  den  Bau  vieler  Talsperren.
  Durch  Beteiligung  des  Staats  an  der  Gründung  der
„Deutschen  Bücherei“  wird  für  Leipzig  die  Zentralstelle  des  deutschen
Bücherhandels  auch  für  die  Zukunft  gesichert.  Auch  für  das  höhere
Schulwesen  wird  eine  neue  Regelung  zustande  gebracht.  Dagegen
scheiterte  der  Gesetzentwurf  für  das  Volksschulwesen  an  der  Un-Mröglichkeit,
  die  Meinungsdifferenzen  zwischen  den  beiden  Kammern
auszugleichen.

In  Mecklenburg  kam  man  mit  der  Reform  der  Verfassung
auch  im  abgelaufenen  Jahre  nicht  von  der  Stelle.  Für  Braunschweig
  war  bedeutungsvoll,  daß  nach  dem  tödlichen  Unfall  des
Prinzen  Georg  Wilhelm  von  Cumberland  am  20.  Mai  sih  eine
Versöhnung  zwischen  den  Häusern  Hohenzollern  und  Welf  anbahnte.
Da  dem  Herzog  von  Cumberland  jetzt  nur  noch  ein  Sohn  verblieb,
so  trat  die  Besetzung  des  braunschweigischen  Herzogsthronetz  mehr
in  den  Vordergrund.

In  Elsaß-Lothringen  mäßigte  sich  der  Eifer  der  Parteien.
im  Landtage  den  partikularistischen  Standpunkt  und  demokratische
Neigungen  üÜbertrieben  stark  hervorzukehren,  in  der  zweiten  Hälfte
des  Jahres.  Es  war  jedenfalls  nicht  ohne  Wirkung,  daß  die
Reichsregierung  ihren  Entschluß,  intranfingenten  Bestrebungen
energisch  entgegenzutreten,  bei  Gelegenheit  der  Grafenstader  Maschinenbestellungen
  unmißverständlich  zu  erkennen  gab.

Die  Industrialisierung  Deutschlands  machte  trotz  der  politischen
  Beunruhigungen  weitere  Fortschritte.  Doch  zeigten  sich
bereits  Symptome  spekulativer  Überspannung  und  eines  Zurückbleibens
  der  Kapitalbildung  hinter  den  Anforderungen  des  deutschen
Unternehmungsgeistes.

Für  Österreich--Ungarn  stand  im  ersten  Halbjahr  die  Notwendigkeit,
  Heer  und  Flotte  zu  verstärken,  allen  anderen  Fragen
voran.  Die  ungarischen  Oppositionsparteien  versuchten  mit  allen
        <pb n="561" />
        Het#it  ihr  bir  velitisce  Entwisheiins  bes  Jahris  1912.  551

Mitteln  parlamentarischer  Obstruktionen  die  Annahme  der  Wehrvorlagen
  ohne  Erfüllung  der  alten  nationalen  Forderungen  zu
verhindern.  Die  Erbitterung  machte  sich  sogar  in  Attentaten  auf
den  Präsidenten  des  Parlaments  Luft.  Es  bedurfte  deß  persönlichen
Eingreifens  des  Kaisers  und  Königs,  um  dem  Ministerium  Khuen-H“dervary
  die  Gefügigkeit  der  Oppositionsparteien  zu  verschaffen.
Darüber  kam  es  aber  im  Ministerium  selbst  zu  Meinungsverschiedenheiten
  und  Zweifeln,  ob  die  ungarische  Regierung  noch  genügendes
Ansehen  habe,  um  in  den  Delegationen  den  ungarischen  Standpunkt
  erfolgreich  wahrzunehmen.  Das  neue  Ministerium  Lukack
hatte  aber  sowohl  im  Parlament  wie  in  den  Delegationen  einen
leichteren  Stand,  weil  die  Fragen  der  auswärtigen  Politik  im
Sommer  beherrschend  in  den  Gesichtskreis  traten.  Kein  Politiker
in  den  beiden  Hälsten  der  Donaumonarchie  konnte  zweifeln,  daß
bei  jeder  Verschiebung  der  Machtverhältnisse  auf  der  Balkanhalbinsel
  zuungunsten  der  Türkei  die  österreich-ungarischen  Interessen
stärker  beeinträchtigt  werden  mußten  als  die  irgendeines  anderen
Staates.  Ein  rechtzeitiges  kräftiges  diplomatisches  Auftreten  des
österreich-ungarischen  Ministers  des  Auswärtigen  war  darauf  berechnet,
  beruhigend  auf  die  serbische  Regierung  zu  wirken,  verfehlte
aber  infolge  des  Zustandekommens  des  Balkanbundes  seinen  Zweck.
Um  den  Zusammenhalt  der  europäischen  Großmächte  erwarb  sich
Graf  Berchtold  ein  Verdienst,  als  er  am  15.  August  einen  Meinungsaustausch
  der  Mächte  anregte,  um  die  Balkanvölker  von  Angriffen
auf  die  Türkei  zurückzuhalten  (S.  299,  301—2).  Sobald  Gefahren
für  die  Integrität  der  Türkei  hervortraten,  traf  Österreich  seine
finanziellen,  diplomatischen  und  militärischen  Vorbereitungen  für
einen  Balkankrieg.  Durch  einen  frühzeitigen  Hinweis  auf  die  Möglichkeit
  der  Schaffung  eines  autonomen  Albaniens  suchte  Graf
Berchtold  den  Ausdehnungsbestrebungen  Serbiens,  Montenegros
und  Griechenlands  einen  Riegel  vorzuschieben.  Gleichzeitig  gelang
es,  mit  Italien  ein  vollkommenes  Einverständnis  über  diese  Frage
herzustellen.  So  fiel  Österreich-Ungarn  die  Führung  der  Politik
des  Dreibundes  bei  Beginn  der  Balkankrisis  zu.  Dieser  Erfolg
hatte  auf  die  patriotische  Haltung  der  Parlamente  in  den  beiden
Reichsteilen,  der  Delegationen  und  der  Bepölkerung  in  allen  Kron-
        <pb n="562" />
        552  M##t  ier  dir  nolltische  Entwickeinnn  bes  Jahr#e  1912.

ländern  mit  Ausnahme  der  Tschechen  in  Böhmen  die  erfreulichste
Kückwirkung.  Der  Gefahr  feindlicher  Komplikationen  mit  Rußland
sah  man  dabei  mutig  ins  Auge.  Bis  Ende  1912  trat  von  dort  her
keine  Gegenwirkung  hervor.

Als  nun  aber  der  Balkankrieg  ausbrach  und  sofort  unerwartet
große  Erfolge  der  Angreifer  brachte,  wurde  Ofterreich-Ungarn  davon
weit  mehr  betroffen  als  irgendeine  andere  Großmacht.  Namentlich
mit  Serbien  wurde  die  Spannung  infolge  der  übergriffe  gegen
österreichische  Konsulatsbeamte  so  stark,  daß  die  Neutralität  SEsterreichs
  nur  mit  Mlhe  aufrecht  erhalten  werden  konnte.  Auch  wirtschaftlich
  brachte  der  Balkankrieg  und  die  durch  ihn  heraufbeschworene
Gefahr  eine#s  Konfliktes  mit  Rußland  in  österreich-ungarischen
Ländern  besonders  schweren  Schaden.  Die  kommerzielle  und  industrielle
  Entwickelung  der  Doppelmonarchie  ist  dadurch  ausgehalten
worden.  Da  das  Jahr  zu  Ende  ging,  ohne  daß  der  Frieden  geschlossen
  wurde,  so  mußte  Österreich-Ungarn  seine  Kriegsvorbereitungen
  aufrecht  erhalten  und  in  erster  Reihe  die  Sorgen  für  eine
mit  den  europäischen  Machtverhältnissen  vereinbare  Lösung  der
Balkankrisis  auf  sich  nehmen.

In  Portugal  war  die  öffentliche  Meinung  über  Gerüchte
beunruhigt,  die  dem  Ministerium  Vasconcellos  die  Geneigtheit  zutrauten,
  einen  Teil  der  portugiesischen  Besitzungen  an  England  und
Deutschland  zu  überlassen.  In  Wirklichkeit  handelte  es  sich  nur
um  genauere  Festsetzungen  der  Grenzen  zwischen  den  afrikanischen
Kolonien.  Die  innere  Ruhe  wurde  durch  Streiks  und  durch  Versuche,
  die  verjagte  Dynastie  wieder  einzusetzen,  gestdrt.  Auch  mit
der  Kirche  hat  die  Republik  noch  in  kein  friedliches  Verhältnig
kommen  können.  In  dem  Kammerbeschluß,  die  Gesandtschaft  am
Vatikan  aufzuheben,  wirkt  der  antiklerikale  Charakter  der  Revolution
noch  nach.  Spanien  sicherte  sich  durch  ein  Abkommen  mit  Frankreich
  seine  Interessensphäre  in  Marokko  und  suchte  die  inneren  Gegensätze
  zwischen  Liberalen  und  Klerikalen  zu  Überbrücken.  Der  konservative
  Zug.  der  dadurch  in  die  Verwaltung  des  Ministerpräsidenten
Canojelas  kam,  stärkte  die  klerikalen  Tendenzen,  die  auch  am  Hofe
das  übergewicht  erlangten.  Canalejas  vermochte  selbst  seine  liberalen
        <pb n="563" />
        A#hort  uher  bie  politifr  Eutwichreinun  bes  Jahm  1912.  553

Anhänger  in  der  Kammer,  den  Strafprozessen  gegen  einzelne  ihrer
Mitglieder  wegen  antiklerikaler  Zeitungsartikel  freien  Lauf  zu  lassen.
Er  fiel  als  Opfer  seiner  verföhnlichen  Politik  durch  die  Hand  eines
Fanatikers.  Seine  Politik  wurde  aber  von  seinem  Nachfolger  Graf
Romanones  mit  Zustimmung  der  Kammermehrheit  fortgesetzt.  Zur
Bernhigung  der  Gemhter  sollte  auch  dat  Aklommen  mit  Vortugal
dienen,  das  die  A  fspanischem
Boden  zu  Vorstößen  gegen  da  republikanische  Regiment  in  Lissabon
vereiteln  soll.

 

In  Großbritannien  traten  seit  Anfang  des  Jahres  die
Bestrebungen,  mit  Deutschland  in  ein  befseres  Verhältnis  zu  kommen,
stärker  in  den  Vordergrund.  Ihnen  diente  auch  die  Entsendung
des  Kriegsministers  Haldane  nach  Berlin  mit  geheim  gehaltenen
Aufträgen.  Daß  aber  im  Ministerium  auch  Gegenströmungen  vorhanden
  waren,  bewies  die  zu  gleicher  Zeit  in  Glasgow  gehaltene
Rede  des  ersten  Lords  der  Admiralität  Churchill  mit  der  bedenklichen
  Wendung,  daß  „für  England  die  Flotte  eine  Notwendigkeit
ist,  während  fie  von  manchen  Gesichtspunkten  aus  für  die  Deutschen
mehr  eine  Art  Luxus  ist“.  Damit  gewann  der  Minister  zwar  den
Beifall  der  Unionisten,  fand  aber  scharfe  Kritik  in  der  Presse  seiner
eigenen  Partei,  da  solch  ein  Wort  in  Deutschland  ja  den  schlechtesten
Eindruck  machen  mußte.  Verschärfend  wirkte  dabei  auch  der  verschiedene
  Gefühlswert  des  englischen  Wortes  luxury  und  seines
deutschen  Eauivalents  „Luxus“;  denn  während  im  englischen  Sprachgebrauch
  darin  mehr  die  Annehmlichkeit  eines  nicht  absolut  zur

lichen  Artikels  geschätzt  wird,  wird  im  deutschen
Wort  Luxus  doch  die  ungerechtsertigte  Verschwendung  schärfer  betont.
Aber  die  übrigen  Kabinettsmitglieder  und  viele  angesehene  Engländer
  bemühten  sich,  den  üblen  Eindruck  der  Rede  Churchills  wieder
gut  zu  machen.  Für  ihn  handelte  es  sich  darum,  die  ihm  notwendig
erscheinende  Erhöhung  der  Flottenausgabe  durch  den  Hinweis  auf
Deutschland  dem  Parlament  annehmbar  zu  machen;  aber  er  ging
mit  seiner  Denkschrift  so  weit,  daß  selbst  Lord  Beresford  darin  eine
indirekte  Drohung  und  Herausforderung  gegen  Deutschland  erblickte.
Da  lenkte  Churchill  ein  und  erklärte  im  Unterhause  am  20.  März.
        <pb n="564" />
        554  Merräist  ü#rr  die  pelitischr  Gatwickelnn  der  Jahrre  1912.

daß  zwischen  England  und  Deutschland  Verhandlungen  für  den
Austausch  von  Informationen  üÜber  die  Flotte  im  Gange  seien.  In
der  Tat  gab  man  auf  beiden  Seiten  zu,  daß  ein  Verhältnis  der
englischen  Dreadnoughts  zu  den  deutschen  wie  100  zu  60  für  beide
Teile  gefahrlos  sei.  Bestimmend  für  die  endliche  Anbahnung  befserer
Beziehungen  zu  Deutschland  war  die  Erwägung,  daß  bei  der  zu
erwartenden  Explosion  auf  dem  Balkan  England  und  Deutschland
sich  am  leichtesten  in  dem  Bestreben,  den  europäischen  Frieden  zu
erhalten,  verständigen  konnten.  Denn  obwohl  auch  Frankreich  durch
seine  geographische  Lage  vor  einer  unmittelbaren  Beeinträchtigung
seiner  Interessen  durch  Grenzveränderungen  auf  der  Balkanhalb-=insel
  geschützt  ist,  so  fehlte  es  doch  nicht  an  Anzeichen,  daß  die  öffentliche
  Meinung  in  Frankreich  sehr  geneigt  war,  für  rusfische  oder  griechische
  Ambitionen  einseitig  Partei  zu  nehmen  und  dadurch  den  Frieden
zu  stören.  Für  England  war  aber  die  Aufrechterhaltung  des  Friedens
in  Europa  im  Berichtsjahre  auch  deshalb  von  größter  Bedeutung,  weil
im  Inneren  des  Staatslebens  schwierige  Fragen  der  Lösung  harrien.
Der  parlamentarische  Kampf  drehte  sich  um  die  von  der  NRegierung
  eingebrachte  „Government  of  Ireland  Bill“  (S.  341).  Die
Partei  der  Unionisten  suchte  auf  alle  Weise  die  Annahme  dieses
Gesetzes  zu  verhindern.  Mit  einem  Amendement  erzielte  fie  endlich
am  11.  November  eine  Majorität  über  die  Regierungspartei.  Damit
trat  nach  parlamentarischem  Brauch  die  Frage  in  den  Vordergrund,
ob  das  Ministerium  nicht  zurücktreten  und  die  Zügel  der  Regierung
dem  Führer  der  Gegenpartei  überlassen  müßte.  Angesichts  der  gerade
  damals  höchst  gespannten  europäischen  Lage  kam  es  aber  zu
einem  als  Präzedenzfall  wichtigen  Kompromiß,  der  die  Sturmsaenen
  vom  12.  November  abschloß  (S.  355—57).  So  lag  es  der
am  Ruder  bleibenden  liberalen  Regierung  ob,  das  ihr  von  der
Gegenpartei  zugestandene  Vertrauen  durch  eine  erfolgreiche  diplomatische
  Friedensaktion  zu  verdienen.  Schon  zehn  Tage  nach  dem
Kompromiß  trat  Sir  Edward  Grey  mit  seinen  Vorschlägen  für  einen
Botschafterkongreß  hervor.  Noch  vor  Ablauf  des  Jahres  hatte  er
den  Erfolg,  in  London  zu  gleicher  Zeit  eine  Konferenz  von  Bevollmächtigten
  der  kriegführenden  Mächte  und  eine  Botschafterreunion
tagen  zu  sehen  und  in  beiden  das  Ehrenpräfidium  zu  führen.
        <pb n="565" />
        Hebrrist  über  bie  polilischr  Gutmichelms  hes  Jahres  1912.  555

Eine  zweite  innere  Sorge  der  liberalen  Regierung  war  der
drohende  Generalstreik  der  englischen  Grubenarbeiter  seit  Ende
Februar.  Die  Regierung  setzte  die  Geseygebungsmaschine  in  Tätigkeit,
  um  die  Hauptforderung  der  Arbeiterverbände,  die  Festlegung
eines  Mindestlohnes,  durch  Staatsgesetz  zu  erzwingen.  Schon  innerhalb
  eines  Monats  erfolgte  im  Unterhaus  die  Annahme  dieses  Lohngesetzes
  mit  großer  Majorität.  Die  Zeit  der  Erregung  hatten  auch  die
Frauenrechtlerinnen  wieberum  benubt.  um  ihre  Vorderungen  in  Erinnerungzu
  bringen.  A  üb
Bill“  zeigte  sich  das  unterhaus  ablehnend  (.  340.  Die  enttäuschten
Frauenrechtlerinnen  verschärften  deshalb  ihre  Kampfesweise  so  sehr,

 

weil  viele  Frauen  der  höheren  Gesellschaftsklassen  sich  bereitwillig
herostratischen  Ruhm  durch  ein  Martyrium  erkaufen  wollten.  Die
Entstaatlichung  der  Kirche  von  Wales  kam  am  16.  Mai  nach  viertägiger
  Debatte  zustande.  Ebenso  erledigte  das  Unterhaus  am  12.  Juli
die  Wahlrechtsreformvorlage,  die  der  Pluraliät  der  Wahlstimmen,
die  sich  trotz  aller  früheren  Reformen  noch  immer  erhalten  hatte,
ein  Ende  bereitet,  indem  sie  das  Wahlrecht  auf  Grund  von  Befttz
in  einem  vom  Wohnort  entfernten  Wahlbezirk  abschaffte.

Die  Verknüpfung  Indiens  mit  dem  vereinigten  Königreich
wurde  durch  die  Reise  des  Königspaares  zu  festigen  gesucht.  Doch
hat  die  Verlegung  der  Haupistadt  Delhi  natürlich  auch  manche
Interessen  geschädigt.  Unbequem  waren  einige  Kundgebungen  der
indischen  Mohammedaner  für  die  Sache  der  Türkei;  aber  eine  Gefahr
  bedeuten  sie  nicht.  Durch  das  Bombenattentat,  das  am  28.  Dezember
  auf  den  Vizekönig  Lord  Hardinge  bei  seinem  Einzug  in
Delhi  begangen  wurde,  ist  die  Sache  der  indischen  Emanzipationsfreunde
  schwer  geschädigt  worden.

Der  Gedanke,  das  Mittelmeergeschwader  zurückzuziehen  und
damit  die  Küstenverteidigung  auf  der  Nordsee  und  im  Kanal  zu
verstärken,  scheiterte  nicht  nur  an  dem  Widerspruch  des  Lord  Kitchener
  in  der  am  1.  und  2.  Juni  mit  dem  Ministerpräfidenten  und
dem  Marineminister  Churchill  auf  Malta  abgehaltenen  Konferenz,
sondern  entsprach  auch  der  Situation  des  Sommers  nicht  mehr,
da  sich  damals  schon  der  Balkankrieg  voraussehen  ließ.  Bielmehr
        <pb n="566" />
        556  NMeberit  ##er  bir  pelttischr  Eutwicheinnz  des  Jahrre  1912.

wurde  der  Gefechtswert  der  im  Mittelmeer  stationierten  Flotte  noch
verstärkt  (S.  349,  354).

 

Nach  dem  Rücktritt  des  Ministers  de#  Auswärtigen  de  Selves
und  gleich  darauf  des  Gesamtkabinetts  Caillaux  infolge  der  schlechten
Führung  der  Geschäfte  während  der  Kammerverhandlungen  über
das  Marokkoabkommen  erhielt  Frankreich  am  18.  Januar  „das
zweite  große  Ministerium  der  dritten  Republik“.  Der  Berichterstatter
der  Kommission  über  die  Marokkoangelegenheit  Poincars  wurde
Ministerpräsident  und  Übernahm  das  Ministerium  des  Auswärtigen.
Zwei  ehemalige  Ministerpräfidenten  (Briand  und  Bourgeois)  und
so  hervorragende  ehemalige  Minister  wie  Millerand,  Delcasse,  Dupuy
und  Klotz  übernahmen  ebenfalls  wichtige  Portefeuilles.  Das  vor
Kammer  und  Senat  am  16.  Januar  verlesene  Regierungsprogramm
fand  eine  an  Einstimmigkeit  grenzende  Zustimmung.  So  wurde
das  Abkommen  mit  Deutschland  über  Marokko  und  das  Kongogebiet
  leicht  und  schnell  durchgeführt.  Seine  Haupttätigkeit  entfaltete
  das  Ministerium  zunächst  auf  dem  Gebiete  der  Verstärkung
und  Verbefserung  von  Heer  und  Flotte.  Der  Marineminister  Delcasss
  erneuerte  daß  Zutrauen  in  die  Schlagfertigkeit  der  durch  die
Fehlgriffe  der  früheren  Verwaltung  und  die  Pulvermisere  herabgekommenen
  Flotte  und  erklärte  sich  für  die  Konzentration  fast  aller
verflgbaren  Schlachtschiffe  im  Mittelländischen  Meer  (S.  368—65).
Der  Kriegsminister  Millerand  setzte  große  Hoffnungen  auf  die  großzügige
  Organisation  des  Militärflugwesens,  auf  die  Belebung  des
militärischen  Sinnes  der  Jugend  durch  tägliche  Umzüge  der  Militärkapellen,
  auf  die  Bildung  einer  schwarzen  Armee  zunächst  in  der
Senegalkolonie  und  auf  die  Unterdrückung  der  royalistischen  Propaganda
  im  Offizierkorps.  Die  zunächst  noch  vorhandenen  Schäden
der  Armee  beleuchtet  eine  in  kurzem  Auszug  wiedergegebene  Kritik
der  „France  Militaire“  (S.  368—69).  Etenso  treten  den  stolzen
Kundgebungen  Delcasses  über  die  Gefechtstüchtigkeit  der  Flotte  ganz
anders  lautende  Zweifel  und  tatsächliche  Angaben  in  den  Zeitungen
entgegen  (S.  871,  380,  382).  Mehr  Begeisterung  erweckten  die  scheinbaren
  Anzeichen  einer  näheren  militärischen  Verständigung  zwischen
den  Mächten  der  Tripleentente.  Als  nach  der  Rückkehr  des  Minister-
        <pb n="567" />
        Iebtriqᷣt  ãber  bit  polilise  Entuidelars  des  dahres  1012.  557

präsidenten  Poincaré  von  seiner  Reise  nach  Rußland  die  beiden
Geschwader  des  Atlantischen  Ozeans  nach  Toulon  verlegt  wurden
und  die  Kunde  kam,  daß  das  Bündnis  mit  Rußland  auch  auf  das
Zusammenwirken  der  beiderseitigen  Flotten  ausgedehnt  sei,  als
Großfürst  Nikolaus  von  Rußland  zu  den  Manövern  eintraf  und
seine  Gemahlin  an  der  Ostgrenze  die  Patriotenliga  durch  „eine
lange  sehnsüchtige  Gebärde  nach  den  verlorenen  Provinzen  hin“  entzückte,
  hob  sich  der  Chauvinismus  während  des  Balkankrieges  zu
bedenklicher  Höhe.  Die  franzöfsischen  Sympathien  waren  auf  seiten
des  Balkanbundes,  weil  man  das  ruffische  Interesse  dort  sah  und
weil  Deutschland  für  türkenfreundlich  galt.  Die  Mißerfolge  der
Türken  erschien  den  Franzosen  beinahe  wie  eine  deutsche  Niederlage,
weil  angeblich  dabei  auch  die  dem  Sultan  zu  Diensten  stehenden
deutschen  Instrukteure  und  die  Kruppschen  Kanonen  unterlegen
waren.  Mit  einer  Verstärkung  der  Kavallerie  wurde  schon  am
Schluß  des  Jahres  die  Heeresvermehrung  eingeleitet.  Gegen  den
Hauptmißstand  der  Rekrutierung,  der  in  der  dauernden  Minderzahl
der  Geburken  im  Verhältnis  zu  Deutschland  liegt,  wurden  in  der
Kammer  besondere  Maßregeln  vorgeschlagen  (S.  362—698,  372,  384).

Das  Regierungsprogramm  des  „großen  Ministeriums“  versprach
  aber  auch  innere  Reformen  (S.  361—62).  Von  diesen  wurde
die  Wahlrechtsreform  in  ausgiebige  Beratung  genommen  und  unter
großer  Erregung  durch  alle  Stadien  der  Beratung  in  der  zweiten
Kammer  gebracht.  Wir  geben  den  Wortlaut  dieses  Gesetzes  (S.  376,
8380),  obwohl  es  im  Senat  noch  nicht  durchberaten  wurde.  Clemenceau
sprach  sich  in  einem  Manifest  gegen  „dieses  Attentat  auf  das  allgemeine
  Stimmrecht“  aus  (S.  380)  und  es  stand  zu  erwarten,  daß
sich  an  diesen  heiklen  Gegenstand  politische  Parteikämpfe  knüpfen
würden,  die  dem  Ministerium  gefährlich  werden  konnten.  Das  ist
diesmal  durch  die  Balkankrifis  hintangehalten  worden;  aber  vielleicht
  erklärt  sich  der  Eiser,  mit  dem  er  sich  anfangs  zur  Vermittlerrolle
  vordrängte,  auch  aus  dem  Bedürfnis,  die  Aufmerksamkeit  von  der
verfahrenen  Diskussion  über  das  Wahlrecht  abzulenken.  Denn  in
der  Senatskommission  zur  Beratung  dieser  Vorlage  hatten  die
Gegner  der  Verhältniswahl  weitaus  die  Majorität  und  zu  ihrem
Präfidenten  wählten  sie  niemand  anders  als  Clemenceau.  Da  im
        <pb n="568" />
        558  Heturicht  über  bir  politischr  Entwicheims  des  Iahres  1012

Dezember  auch  die  Aufstellung  von  Kandidaten  für  die  Präfidentschaft
  der  Republik  notwendig  wurde,  so  war  es  bedeutsam,  daß
zwei  Männer  des  Ministeriums  ersucht  wurden,  sich  als  Kandidaten
aufstellen  zu  lassen.  Nachdem  Bourgeois  abgelehnt  hatte,  gab  Poincaré
  seine  Einwilligung.

Die  Marokkoangelegenheit  wurde  endlich  in  diesem  Jahre
diplomatisch  und  staatsrechtlich  erledigt.  Der  Protektoratsvertrag
mit  dem  Sultan  Muley  Hafid  wurde  schon  am  1.  April  abgeschlossen
(l.  den  Wortlaut  S.  508—4),  und  die  Kammer  gab  ihre  Einwilligung
dazu  am  11.  Juni.  Ebenso  kam  man,  wie  bereits  erwähnt,  mit
Spanien  zu  einer  Einigung.  Dagegen  machte  eine  aufständische  Bewegung
  unter  den  Marokkanern  noch  eine  opferreiche  Expedition
notwendig.  Die  vor  zehn  Jahren  begonnene  friedliche  Penetration
Marokkos“  ist  also  noch  nicht  abgeschlossen.

 

Italien  setzte  seine  Besitzergreifung  von  Tripolitonien  und
der  Cyrenaica  unaufhaltsam  sort.  Es  fand  zuweilen  noch  verzweifelten
  Widerstand  bei  den  Eingeborenen,  ohne  daß  sich  die  türkische
  Regierung  weiter  um  das  Schicksal  diefer  entlegenen  Provinz
in  Afrika  beklimmert  hätte.  Da  entsprach  es  nur  der  Situation,
daß  die  Vertreter  der  Großmächte  auf  Rußlands  Anregung  in  Rom
anfragten,  unter  welchen  Bedingungen  Italien  geneigt  wäre,  die
freundschaftliche  Vermittlung  der  Mächte  für  eine  Einstellung  der
Feindseligkeiten  anzunehmen.  Italien  legte  schon  am  15.  März
seinen  Standpunkt  in  einer  Denkschrift  nieder.  Aber  es  dauerte
bis  zum  25.  August,  ehe  in  der  Schweiz  ernstliche  Vorbesprechungen
von  Bevollmächtigten  beider  Kriegführenden  begannen.  Der  Friedensvertrag
  ist  S.  395—97  wiedergegeben.  Gleichzeitig  wurde  durch
königlichen  Erlaß  das  Programm  der  Verwaltung  in  dieser  neuen
Kolonie  veröffentlicht  (S.  394—95).  Jetzt  wurde  auch  in  Italien
ein  Kolonialamt  eingerichtet,  um  die  Überseeischen  Besitzungen  wirtschaftlich
  und  kulturell  in  die  Höhe  zu  bringen.  Diese  afrikanischen
Ausgaben  für  die  nächste  Zukunft  erleichterten  en  der  italienischen
Regierung,  die  Aufmerksamkeit  der  Patrioten  von  der  alten  Nivalität
mit  Österreich  an  den  Gestaden  des  Adriatischen  Meeres  abgulenken,
sodaß  der  Dreibund  in  alter  Form  und  mit  stärkerer  Betonung
        <pb n="569" />
        Mtersicht  ##er  die  yolltisthe  Eulwichrlms  des  Fahms  1912.  559

seines  Wertes  für  Italien  erneuert  wurde.  Ein  unfinniges  Attentat
  auf  den  König  bewies,  wie  stark  befestigt  die  Monarchie  des
Hauses  Savoyen  ist.  Bemerkenswert  ist  auch  wiederum  der  stetige
Fortschritt  der  Volkswirtschaft  und  der  Staatsfinanzen  trotz  der
unvermeidlichen  Störungen  der  Kriegführung  und  der  Balkankrifis.

Die  römische  Kurie  machte  keinen  weiteren  Vorstoß  zur
Bekämpfung  des  Modernismus,  sondern  bemühte  sich,  der  Hierarchie
Sympathien  zu  gewinnen  und  die  Leitung  der  Arbeiterorganisationen
zu  sichern.  Durch  die  Betonung  der  Erinnerungsfeiern  des  Sieges
Kaisers  Konstantin  und  der  Erhebung  des  Christentums  zur
Staatsreligion  vor  eineinhalb  Jahrtausenden,  durch  die  Gründung
eines  neuen  griechisch-katholischen  Bistums  in  Ungarn  (S.  289)  und
durch  die  auf  die  deutschen  Arbeiterorganisationen  berechnete  Enzyklika
  vom  6.  November  und  die  sich  daran  schliebenden  päpfllichen
Allokutionen  hat  Pius  X.  den  Einfluß  Roms,  der  in  den  letzten
Jahren  etwas  zurückgegangen  war,  unzweifelhaft  erheblich  gestärkt.

Die  Schweiz  ließ  sich  die  Verstärkung  und  beffsere  Bewaffnung
  ihrer  Miliz  angelegen  sein  und  hatte  die  Genugtnung,  mit
den  Manövern,  bei  denen  auch  der  Deutsche  Kaiser  zugegen  war,
vor  aller  Welt  Ehre  einzulegen.  Auch  Belgien  machte  Anstrengungen
  zur  Verdoppelung  seiner  Friedenspräsensstärke.  Es  führte
dabei  auch  den  Einjährig-Freiwilligen-Dienst  nach  deutschem  Muster
ein.  Wenn  die  angeregten  Resormen  durchgeführt  sein  werden,
kann  Belgien  in  fünf  bis  sechs  Jahren  über  eine  Kriegsstärke  von
330000  Mann  verfügen,  also  sehr  wohl  seine  Neutralität  auch
jür  den  oft  an  die  Wand  gemalten  Fall  einer  Landung  von  150  000
Engländern  (S.  336—37)  aus  eigener  Kraft  wahren.  Durch  die
Trennung  der  Kommandogewalt  vom  Kriegsministerium  wird  zugleich
  der  Einfluß  politischer  Berechnungen  auf  militärische  Erwägungen
  nach  Möglichkeit  beseitigt.  Der  immer  dringenderen  Gefahr
  von  Streiks  der  Bergarbeiter  sucht  die  Regierung  durch  die
gesetzliche  Beseitigung  veralteter  Gebräuche  der  Lohnabrechnung  entgegenzuwirken.
  Bei  den  Neuwahlen  zur  Kammer  erlangten  die
Klerikalen  wiederum  die  Mojorität  in  der  um  20  Sitze  vermehrten
Kammer.  Die  Enttäuschung  darüber  führte  in  den  wallonischen
        <pb n="570" />
        560  Nteriht  Der  die  pelitische  Gutwichelens  bes  Jahres  1912.

Landesteilen  zu  bedenklichen  antiklerikalen  Kravallen.  Aber  der
Wallonenkongreß  erklärt  sich  gegen  eine  getrennte  Verwalkung  der
flämischen  und  wallonischen  Provinzen,  weil  er  die  Einheit  Belgiens
nicht  bedroht  zu  sehen  wünscht.  In  Luxemburg  kommt  nach  dem
Tode  des  Großherzogs  seine  älteste  Tochter  Marie  Adelheld,  zunächst
unter  Vormundschaft  ihrer  Mutter,  zur  Regierung,  obwohl  früher
für  dieses  einstmalige  Zubehör  des  deutschen  Bundes  die  salische  Erbsolgeordnung
  maßgebend  gewesen  war,  auf  der  ja  auch  die  Abtrennung
von  der  Personalunion  mit  den  Niederlanden  seit  dem  Regierungsantritt
  der  Königin  Wilhelmine  beruht.  Die  erste  Regierungshandlung
  der  großjährig  gewordenen  Großherzogin  war  die  Unterzeichnung
  der  liberalen  Schulvorlage,  die  in  der  Kammer  mit  Zweidrittel-Majorität
  angenommen  worden  war.  In  den  Nieder
landen  fanden  die  militärischen  und  kolonialen  Interefsen  nicht
die  gleiche  Berücksichtigung  wie  in  dem  benachbarten  Belgien.  Die
öffentliche  Meinung  des  Landes  erwartet  alles  Heil  von  internationalen
  Abmachungen  und  sucht  in  dem  Ausbau  des  Haager
Schiedsgerichts  den  Ruhm  seiner  Weltstellung.  Dieser  Sinnesrichtung
  ist  es  wohl  auch  zuzuschreiben,  daß  die  Niederlande  endlich
der  Berner  Konvention  zum  Schutze  der  Urheberrechte  und  des  literarischen
  Eigentums  beigelreten  sind.  Auch  in  Dänemark  gewinnen
  die  Hoffnungen  auf  einen  ewigen  Friedenszustand  infolge
internationaler  Abmachungen  immer  mehr  an  Boden.  Das  ist  von
günstigem  Einfluß  auf  die  Beziehungen  mit  Deutschland,  für  die  sich
die  Regierung  rückhaltlos  auf  den  1864  und  1878  festgelegten  Standpunkt
  stellt.  Auch  mit  Norwegen  erfolgte  eine  Aussöhnung,  sodaß  sich
gegen  Schluß  des  Jahres  die  drei  fkandinavischen  Staaten  auf  die
gemeinsame  Durchführung  Übereinstimmender  Neutralitätsregeln
einigen  können.  Durch  den  Tod  des  Königs  Friedrich  VIII.  in
Hamburg,  auf  der  Heimfahrt  von  Nizga  nach  Kopenhagen,  kommt
die  Regierung  an  Christian  X.,  der  mit  einer  Schwester  der  deutschen
Kronprinzessin  vermählt  ist.  Schweden  macht  große  Anstrengungen,
sein  Verleidigungssystem  zu  Wasser  und  zu  Lande  zu  verbessern,  wogzu
auch  die  Sammlungen  des  neu  gebildeten  Flottenvereins  erheblich
beitragen.  Als  ein  Kuriosum  heben  wir  hervor,  daß  in  der  zweiten
Kammer  der  Oberbürgermeister  von  Stockholm  den  Antrag  auf
        <pb n="571" />
        Atbersil  ãber  die  politisqt  Entmiatlaiz  des  Iahtes  1012.  561

Einführung  der  Nepublik  stellte,  aber  bei  den  Führern  aller  Parteien,
  auch  der  Sozialdemokraten,  auf  Widerstand  stieß.  Norwegen
bringt  ebenfalls  die  nötigen  Opfer,  um  seine  Flotte  zu  verstärken.
Es  ist  nach  wie  vor  das  Land,  das  mit  dem  Eintritt  der  Frauen
in  alle  möglichen  Staatsämter  experimentiert.  In  der  Frage  der
Sprachreform  kommt  die  Rücksicht  auf  die  Erhaltung  der  literarischen
  Kultur  immer  mehr  zum  Übergewicht.  Einen  besonderen
nationalen  Ruhmestitel  sieht  das  Volk  und  Parlament  in  den  Entdeckungsfahrten
  am  Nordpol  und  Südpol.  Die  Erreichung  des
Südpols  durch  Amundsen  bildet  einen  Markstein  in  der  Geschichte
der  geographischen  Entdeckungen.

 

Auch  in  Rußland  waren  sich  Regierung  und  Volksvertretung
darüber  einig,  daß  der  Wiederaufbau  der  Flotte  und  die  Verbefserung
  des  Heeres  mit  allen  Mitteln  betrieben  werden  müßten.  Zum
Teil  hing  das  mit  den  günstigen  Gelegenheiten  zur  Machterweiterung
  zusammen,  die  sich  in  der  Mongolei,  in  Perfien  und  auf  der
Balkanhalbinsel  darboten.  Einen  Zusammenstoß  fürchtete  man  eher
mit  Oesterreich--Ungarn,  als  mit  irgendeiner  anderen  Macht.  Der
Argwohn  auf  beiden  Seiten  und  die  Vorbereitungen  für  den  Kriegsfall
  waren  deshalb  ein  im  Stillen  wirkendes  Moment  der  Beunruhigung
  für  ganz  Europa.  Die  Stbrungen  des  Getreidehandels
vom  Schwarzen  Meere  aus  durch  die  wiederholte  Sperre  der  Dardanellen
  legte  der  rusfischen  Politik  auch  die  Frage  nahe,  ob  man
nicht  die  drückenden  Bestimmungen  des  Pariser  Friedens  von  1856
in  einem  für  Rußland  günstigen  Sinne  abändern  könnte.  Eine
Reise  des  Ministers  Saffanow  nach  England  soll  ihm  die  Enttäuschung
  gebracht  haben,  daß  einstweilen  an  eine  Mitwirkung  der
Großbritannischen  Regierung  zur  Aufhebung  der  internationalen
Abmachungen  über  den  Bosporus  und  die  Dardanellen  nicht  zu
denken  ist.  Auch  versagte  bei  dem  Versuche,  die  Aufnahme  einer
großen  Anleihe  seitens  der  chinesischen  Regierung  dazu  zu  benugzen,
für  Rußland  Vorteile  in  der  Mongolei  herauszuschlagen,  die  Untersiütung
  Frankreichs.  Der  franzöfische  Botschafter  Louis  fiel  als
ein  Opfer  der  zeitweiligen  Mißstimmung  darlÜber.  Da  Rußland
  bei  den  Mächten  der  Tripleentente  mit  seinen  Wünen  nicht

Europ#discher  Geschichtskalender.  LIII.
        <pb n="572" />
        562  NMeirricht  über  die  yolliischr  Suimichelms  bes  Jahres  1012.

vorwärts  kam,  so  hielten  sich  seine  Beziehungen  zu  Deutschland
um  so  leichter  im  alten  Gleise.  Auch  die  Schroffheiten,  die  sich
Rußland  vermeintlichen  deutschen  Spionen  gegenüber  erlaubte,  hinterließen
  keine  nachhaltigen  Spuren.  Die  Begegnung  des  Kaisers
mit  dem  Zaren  in  Valtischport  konnte  wiederum  als  ein  Beweis
des  besten  Einvernehmens  der  beiden  Souveräne  hingestellt  werden.
Im  Innern  zeigten  sich  noch  weiter  die  schon  gewohnten  Indiyien
  der  Korruption  in  der  Armeeverwaltung  und  der  Meutereien
  in  der  Armee  und  Marine.  Sogar  die  Erkrankung  des
Großflirsten-Thronfolgers  wurde  mit  revolutionären  Bestrebungen
in  Verbindung  gebracht.  Der  reaktionäre  Zug  der  Verwaltung  erhielt
  auch  dadurch  eine  Verschärfung,  daß  bei  den  Dumawahlen
die  Kechte  sehr  viele  Sitze  gewann,  während  die  gemäßigten  und
sortgeschrittenen  Liberalen  zurückgingen.  Das  unbefriedigende  Verhältnis
  zu  Finnland  zeigte  sich  in  der  Verhaftung  und  Verurteilung
der  aus  Wiborg  und  Helfingsors  nach  Petersburg  geschafften  Hofrichter.
  Die  Unmenschlichkeit,  mit  der  in  den  Goldwöäschereien  am
Lenafluß  die  Streikenden  vom  Militär  behandelt  wurden,  hatte
Straßendemonstrationen  in  Petersburg  zur  Folge,  die  wieder  weitere
Opfer  kosteten.  Die  gehäffigen  Ausfälle  des  Hetzblattes  Nowoje
Wremja  brachten  es  in  diesem  Jahre  endlich  so  weit,  daß  die  Regierung
  alle  Beziehungen  mit  ihm  abbrach  und  in  Wien  davon
Mitteilung  machte.  Der  Begeislerung,  mit  der  sich  bei  Ausbruch
des  Krieges  die  Regierungen  und  Bevölkerungen  der  Balkanstaaten
der  Dankespflicht  gegen  Rußland  erinnerten,  entsprach  die  offizielle
Haltung  der  russischen  Regierung  nicht.  Es  war  die  Agitation  der
Panslovisten  und  das  Geschrei  ihrer  vielsach  noch  sehr  jugendlichen
Mitläufer,  was  in  der  Wiedergabe  der  ausländischen  Zeitungen  als
ein  drohendes  Symptom  russischen  Ungestüms  aufgefaßt  wurde.

Die  Zeichen  innerer  Desorganisation  in  der  Türkei,  auf
die  bereits  die  Übersicht  des  vorigen  Jahrgangs  aufmerksam  gemacht
  hat,  steigerten  sich  in  den  ersten  neun  Monaten  deß  Jahres
1912  in  erschreckendem  Maße.  MWährend  die  hohe  Pforle  den  Ermahnungen
  der  Mächte,  den  Friedenszustand  mil  Italien  herzuftellen,
kein  Gehör  gab,  versuchte  man  mit  Reformen  aller  Art  die  inneren
        <pb n="573" />
        Meteriht  über  bie  polilische  Gutwicheims  des  Sahrme  1912.  563

Wunden  des  Staatskörpers  zu  heilen.  Durch  Zugeständnifse  an  die
im  Aufstand  begriffenen  Albanesen  (Arnauten)  kam  man  nicht  zum
Ziele,  weil  dieser  Volksstamm  für  den  ottomanischen  Staatsgedanken,
wie  er  dem  Ministerium  Said  Pascha  und  der  Komiteepartei  vorschwebte,
  gar  kein  Verständnis  hatte.  Auf  die  sich  wiederholenden
Greueltaten  bulgarischer  Banden  achtete  das  Ausland  mehr  als
die  türkische  Regierung.  Diese  beschäftigte  sich  mil  Fragen  der
Verfassungsänderung,  für  die  aber  die  erforderliche  Zweidrittelmehrheit
  in  der  Kammer  nicht  zu  haben  war.  Durch  eine  Auflösung
  verstärkte  die  Komiteepartei  ihren  parlamentarischen  Anhang
nur  noch  mehr.  Ihre  Führer  richteten  eine  Art  Nebenregierung
ein,  die  im  Bunde  mit  einzelnen  Ministern  ihre  doktrindren  Ideen
durchzuführen  sucht.  Durch  ihren  Ubereifer  wird  die  politische  Spaltung
  auch  in  das  Offzzierkorps  getragen;  den  Helden  der  Nevolution
von  1908  und  1909  gegenüber  bildet  sich  eine  Offiziersliga,  die
von  radikalen  Experimenten  nichts  wissen  will.  Zwischen  beiden
sucht  die  Regierung  zunächst  zu  lavieren  und  dem  Unfug  durch  eine
Strafandrohung  für  politifierende  Offiziere  ein  Ende  zu  machen.
Man  erlebte  das  Schauspiel,  daß  Offiziere  und  Mannschaften  der
gegen  die  Albanier  gesandten  Regierungstruppen  desertierten  und
daß  die  Offiziere  der  Garnison  Smyrna  einen  Wechsel  des  Regierungssystems
  verlangten.  Der  Rücktritt  des  Kriegsministers
Mahmud  Schewket  Pascha  sprengte  das  Ministerium,  weil  kein
höherer  Offizier  von  genügendem  Ansehen  die  Nachfolge  übernehmen
wollte.  Die  Proklamation  des  Sultans  an  die  Offiziere  der  Armee,
zur  alten  Disziplin  zurückzukehren  und  jede  politische  Betätigung
aufzugeben,  beantworteten  die  auf  das  Programm  des  Komitees
gewählten  Abgeordneten  durch  Niederlegen  ihrer  Mandate,  eine
verkappte  Art  systematischer  Obstruktion.  Natürlich  wurden  durch
solchen  Zwiespalt  die  Führer  der  ausständischen  Albanesen  zu  dringenderen
  Forderungen  ermutigt.  Das  neue  Ministerium  Ghafi
Ahmed  Mukhtar  Pascha  schloß  ein  Bündnis  mit  der  Offziersliga,
die  sich  zur  Unterdrückung  politischer  Treibereien  in  der  Armee
verstand.  Aber  dadurch  erreichte  der  Gegensatz  zwischen  Ministerium
und  Kammer  seinen  Höhepunkt.  Die  Kammer  erklärte  sich  in  Permanenz
  und  verlangte  Rechenschaft  über  die  neuesten  Vorgänge  in

3“
        <pb n="574" />
        564  NMeberiict  urt  die  yalitische  Eulmiheiung  bes  Jahrre  1912.

der  Armee.  Um  des  inneren  Haders  Herr  zu  werden,  begnadigte
der  Sultan  auch  die  verurteilten  Minister  und  Hofbeamte  des
alten  Regimes.  Ebenso  wurden  den  Albanesen  am  3.  Auguft  sehr
weitgehende  Zugeständnisse  gemacht.  Dann  erst  ging  das  Ministerium
mit  energischen  Maßregeln  gegen  die  Kammer  und  gegen  die  politifierenden
  Offlziere  der  Komiteepartei  vor.  Eine  zweite  Auflösung
der  Kammer  am  5.  August  wird  von  der  Kammermehrheit  durch
schleunige  Vertagung  ihrer  Bedeutung  entkleidet.  Ehe  die  für  den
14.  Oktober  festgesetzten  Kammerwahlen  erfolgten,  war  bereits  durch
den  Ausbruch  des  Krieges  die  ganze  Situation  verändert.  Aber
während  der  Wahlvorbereitungen  trat  eine  weitere  Spaltung  des
Ministeriums  hervor  (S.  454),  die  eine  Reihe  von  Demissionen  und
Neuernennungen  zur  Folge  hatte.  Durch  Ausarbeitung  neuer  Wahllisten
  wollte  man  das  ÜUbergewicht  der  radikalen  Jungtürken  in
der  Kammer  brechen.  Durch  diese  inneren  Verwirrungen  konnte
es  geschehen,  daß  die  Pforte  den  Vorbereitungen  des  Balkanbundes
auf  einen  gemeinsamen  Angriff  noch  im  Sommer  teilnahmslos  zusah.

Als  nach  der  Kriegserklärung  der  Balkanmächlte  die  hohe
Pforte  mit  Reformen  in  Mazedonien  nach  den  Plänen  von  1880
den  Anfang  machen  wollte  und  nunmehr  den  Frieden  mit  Italien
schnell  abschloß,  war  es  für  die  Rettung  des  Besitzstandes  bereits
zu  spät.  Vom  17.  bis  zum  27.  Oktober  folgten  einander  die  Siege
der  bulgarischen,  serbischen  und  montenegrinischen  Truppen.  Aber
noch  am  27.  Oktober  mußte  der  türkische  Kriegsminister  einen
Zirkularbesehl  erlassen,  worin  ungehorsame  Offiziere  mit  Strafe
bedroht  werden,  und  am  28.  Oktober  verurteilte  das  Kriegsgericht
die  Anstifter  der  schmachvollen  Panik  in  der  Schlacht  bei  Kirk-Kilisse.
  Ein  neuer  Wechsel  im  Präsidium  des  Ministeriums  am
29.  Oklober  und  die  Ersehung  des  Oberbefehlshabers  der  Ostarmee
durch  den  Kriegsminister  Nasim  Pascha,  die  Uberführung  des  Exsultans
  Abdul  Hamid  an  Bord  eines  deutschen  Kriegsschisfes  nach
Konslantinopel  und  die  Furcht  vor  Christenmetzeleien  in  der  Hauptstadt
  bewiesen,  daß  das  Staatsgebäude  in  allen  Fugen  krachte.
Schon  am  3.  November  wandte  sich  die  türkische  Regierung  an  die
Mächte  um  Vermittelung  zur  Einstellung  der  Feindseligkeiten  und
zu  Verhandlungen  Über  den  Frieden.  Eine  Periode  neuer  Schlachten
        <pb n="575" />
        Aebersit  ãber  die  polisisce  Eainlelir  des  dahres  1912.  565

wird  im  November  durch  die  Kapitulationen  von  Saloniki  an  die
Griechen  und  von  Monastir  an  die  Serben  gekennzeichnet,  während
an  der  Tschataldschalinie  den  Türken  kein  taktischer  Erfolg  gelingt.
So  kommt  es  denn  am  3.  Dezember  zum  Abschluß  des  Waffenstillstandes
  mit  Bulgarien,  Serbien  und  Montenegro.  Es  konnte
nicht  verborgen  bleiben,  daß  die  Türkei  keine  Hoffnung  mehr  hegte,
das  Kriegsglück  wieder  herzustellen,  sondern  daß  fie  sich  auf  weitere
Gebietsverluste  gefaßt  machte.  Die  Tatenlofigkeit  und  militärische
Niederlage  involvierte  einen  moralischen  Zusammenbruch,  mit  dem
der  Fortbestand  der  europäischen  Machtstellung  der  Türkei  nicht
mehr  vereinbar  war.  Die  Flotte  halte  der  Armee  an  Energielofigkeit
  nichts  nachgegeben.  Nur  die  Beweglichkeit  des  Kreuzers
„Hamidije“  bildete  zusammen  mit  der  mannhaften  Verteidigung
der  Festungen  Adrianopel,  Janina  und  Skutari  einen  Lichtpunkt
in  dem  plötzlichen  Zusammenbruch  der  Machtmittel  des  Staates.
Daß  der  Widerwillen  der  neuerdings  in  die  Armee  eingestellten
Christen  und  Juden  die  Schwäche  der  türkischen  Armee  und  den
Mangel  jeglichen  taktischen  Erfolges  verursacht  habe,  ist  zwar  in
der  europdischen  Presse,  aber  nicht  von  den  Türken  behauptet  worden.
Daran  dachte  die  Regierung  gar  nicht,  den  heiligen  Krieg  erklären
und  die  Fahne  des  Propheten  entrollen  zu  lassen.  Sie  wollte  sich
die  Sympathien  Europas  nicht  verscherzen.

In  Egypten  ist  der  Bau  der  Eifenbahn  von  Chartum  nach
Obeid  fortgesetzt  worden.  Auch  konnten  am  Schluß  des  Jahres
die  neuen  großen  Stauwerke  in  Affuan  eröffnet  werden.  Dagegen
war  von  Ausbrüchen  des  Nationalismus  nichts  mehr  zu  verspüren.

Bulgarien  erwies  sich  als  die  treibende  Krast  des  Balkan-=bundes.
  Schon  seit  dem  Frühjahr  verlangte  die  Volksstimmung
die  Erdffnung  des  Krieges  gegen  die  Türkei.  Im  August  wird
die  Tatsache  eines  geheimen  Bündnisses  mit  Serbien  bekannt,  und
die  Einberufung  der  beurlaubten  Offtziere  am  17.  August  deutete
bereits  auf  eine  bevorstehende  Mobilmachung.  Die  Regierung
motivierte  ihre  Schritte  durch  ein  an  die  Mächte  gerichtetes  Memorandum
  über  die  in  Mazedonien  notwendigen  Reformen  und  gab,
als  der  Erfolg  ausblieb,  am  30.  September  zugleich  mit  dem  Befehl
für  eine  allgemeine  Mobilifierung  ihre  Verständigung  mit  Serbien,
        <pb n="576" />
        566  Hrberlit  uber  bie  velllischr  Estui#alns  bes  Sahres  1912.

Griechenland  und  Montenegro  bekannt.  Die  heroischen  Anstrengungen
der  Armee  entschieden  von  vornherein  den  Sieg  der  Verbündeten.

Die  Politik  Kumäniens  war  auch  nach  Ausbruch  der  Balkankrifis
  die  der  striktesten  Neutralität.  Daß  aber  die  Regierung  die
Vorgänge  auf  der  Balkanhalbinsel  sorgfältig  beobachtete  und  sich
vorbereitete,  bei  Veränderungen  der  Länderkarte  ihr  Interesse  an
einem  Gleichgewicht  der  auf  der  Balkanhalbinsel  rivalisierenden
Staaten  zur  Geltung  zu  bringen,  hat  *  durch  wiederholte:  Ankündigungen
  und  durch  ei

In  Serbien  war  die  Kriegsstimmung  mit  einer  gegen
Österreich-Ungarn  gerichteten  Feindseligkeit  der  Bevölkerung  verbunden.
  Daß  nur  mit  Mühe  der  Frieden  mit  der  Donaumonarchie
aufrecht  erhalten  werden  konnte,  ist  oben  bereits  ausgeführt  worden.

Montenegro  ließ  sich  durch  keine  freundschastlichen  Schritte
der  Vertreter  der  Großmächte  und  durch  keine  Anmahnungen  des
Königs  von  Italien  an  seinen  Schwiegervater  König  Nikolous  von
dem  Angriff  auf  die  türkischen  Grenzwachen  zurückhalten.  Doch
entsprachen  im  Laufe  des  Jahres  seine  Erfolge  den  gemachten  Anstrengungen
  keinetwegs.

Griechenland  gewann  mit  der  Kriegserklärung  an  die
Türkei  auch  die  Möglichkeit,  die  krelischen  Deputierlen  in  der  Kammer
von  Athen  zuzulassen  und  durch  Besetzung  ägaischer  Inseln  seinen
Besitzstand  zu  vergrößern.  Als  die  einzige  Macht  des  Balkanbundes,
  die  über  eine  Kriegsflotte  verfügte,  konnte  es  seine  Unternehmungen
  am  weitesten  ausdehnen.

 

In  den  Vereinigten  Staaten  nahmen  die  Vorbereitungen
zu  der  im  November  slattfindenden  Präfidentenwahl  das  Hauptinteresse
  in  Anspruch.  Da  für  die  republikanische  Partei  der  bisherige
  Präsident  Taft  wieder  kandidierte,  aber  auch  Roosevelt  als
Bewerber  auftrat,  so  vollzog  sich  in  ihrem  Lager  eine  Spaltung.
die  ein  Auseinanderfallen  ihrer  National-Konvention  herbeiführte.
Die  Erregung  gab  sich  auch  darin  kund,  daß  auf  jeden  der  beiden
Kandidaten  ein  Aktentat  versucht  wurde.  Weil  sich  der  offizielle
Mechanismus  der  Partei  für  Tast  in  Bewegung  senzte,  so  scheute
Roosevelt  nicht  davor  zurück,  die  Partei,  der  er  seine  frühere  Präfi-
        <pb n="577" />
        Heberiit  üher  bie  yelltilfr  Entmiiens  bes  Jahres  1912.  567

dentschaft  zu  verdanken  hatte,  zu  sprengen  und  damit  gegen  ein
Grundprinzip  des  politischen  Lebens  in  den  Vereinigten  Staaten,
die  „loyalt  to  party“  zu  verstoßen.  Er  begründele  eine  neue
artei.  die  er  Fortschrittspartei  nannte,  und  die  sich  in  ihrem  Programm
  auch  für  die  Arbeiterschutzgeseygebung,  wie  sie  in  Deutschland
bereits  durchgeführt  ist,  erklärte.  Aber  das  Ergebnis  der  Präßdentenwahl
  entschied  mit  großer  Mehrheit  für  den  Kandidaten  der  demokratischen
  Partei  Woodrow  Wilson.  Da  bereits  das  Repräfentantenhaus
  eine  demokratische  Mehrheit  hatte,  so  wurde  damit  das
Übergewicht  ihrer  Prinzipien  in  der  Gesetzgebung  und  Exekutive
der  Vereinigten  Staaten  vollkommen  entschieden.  Die  bereits  im
Gange  befindliche  Revision  des  Zolltarifs  im  Sinne  einer  Herabsetzung
  der  dem  Ausbeutungssystem  der  Trusts  günstigen  Bestimmungen
  wurde  von  dem  neuen  Präfidenten  als  die  erste  Aufgabe
bezeichnet,  der  er  sich  widmen  wollte.  Dieser  Umschlag  wirkte  auch
mildernd  auf  die  Spannung,  die  sich  zwischen  England  und  den
Vereinigten  Staaten  wegen  der  in  Aussicht  genommenen  Begünstigung
  amerikanischer  Schiffe  troy  der  Abmachungen  im  Hay-Pauncesotevertrag
  eingestellt  hatten.  Die  Konzentration  deß  Interesses
auf  den  Wahlkampf  veranlaßte  den  Präfidenten  ebenfalls,  die  Politik
der  erklärten  Neutralität  während  des  in  Mexiko  tobenden  Bürgerkriegs
  strikt  durchzuführen.  Eines  Negeraufstandes  auf  Kuba  wurde
man  nach  Landung  eines  geringen  Truppenkontingents  leicht  Herr.
Die  Annahme  der  Schiedsgerichtsverträge  mit  Großbritannien  und
Frankreich  (S.  485)  hatte  geringe  Bedeukung,  da  die  wichtigste
Klausel  daraus  gestrichen  wurde.  Der  Argwohn  gegen  die  japanische
  Expanfion  äußerte  sich  im  Senat  durch  die  Forderung  von
Informationen  über  die  angebliche  Festsezung  der  Japaner  in  der
Magdalenenbay  von  Merxikanisch-Kalifornien  (S.  488)  trotz  der
vorangegangenen  Botschaft  des  Präfidenten  Taft,  daß  japanischer
Landerwerb  dort  nicht  stattgefunden  habe  (S.  487).  Gegen  Schluß
des  Jahres  machte  sich  in  Kalifornien  eine  Bewegung  zum  Ausschluß
  der  Japaner  vom  Besitz  und  von  der  Pachtung  von  Ländereien
bemerkbar.  Auch  nahm  das  Repräsentantenhaus  eine  die  Einwanderung
  von  Analphabeten  verbietende  Resolution  an,  die  sich
gegen  alle  möglichen  mißliebigen  Einwanderer  richten  kann.
        <pb n="578" />
        568.  EEIITIIITSæET  1912,

Kanada  erklomm  den  Gipfel  seiner  wirtschaftlichen  Blüte,
die  sich  in  gesteigertem  Ausfuhrhandel  und  umfangreicher  Einwanderung
  bemerkbar  machte.  Es  leitete  Verhandlungen  mit
Australien  um  Vorzugsbehandlung  im  gegenseitigen  Austousch
von  Gütern  ein,  und  das  Unterhaus  entschloß  sich,  für  die  Verstärkung
  der  britischen  Seemacht  Opfer  zu  bringen.  Die  Ausführung
bieser  Entschlüsse  ist  aber  mangels  der  Zustimmung  des  Oberhauses
noch  der  Zukunft  vorbehalten.

Mit  Ausnahme  von  Brasilien,  Argentinien  und  Chile
war  ganz  Mittel-  und  Südamerika  von  Unruhen  erfüllt.  Das
Kalendarium  (S.  496—501)  kann  davon  nur  die  hervorftechendsten
Symptome  anführen.  Dagegen  konnte  es  sich  über  Austra  lien,
das  sich  unter  seiner  Bundesregierung  in  stetigem  Fortschritt  befindet,
  sehr  kurz  fassen.  In  der  Rubrik  Afrika  (S.  508—507)
nimmt  noch  einmal  Marokko  fast  den  ganzen  Raum  in  Anspruch.

In  Asien  vollzog  sich  gleich  im  Anfang  des  Jahres  der
übergang  Chinas  zur  Republik  mit  bemerkenswerter  Leichtigkeit.
Am  schnellsten  waren  die  Revolutionäre  des  Südens  mit  ihrer  provisorischen
  Regierung  fertig.  Als  aber  am  14.  Januar  auch  die
Mandschubevölkerung  Pekings  sich  für  die  Abdankung  der  Dynastie
erklärte  und  Juanschikei  um  feine  Fürsorge  bat,  war  die  Verfasfungsveränderung
  nicht  mehr  aufzuhalten.  Sie  erfolgte  am  12.  April
durch  drei  Edikte  „des  Thrones“  und  durch  das  Abdankungsedikt
der  Kaiserin-Mutter  (S.  511—512).  Als  „bevollmächtigter  Organisator
  der  Republik“  nahm  sofort  Juanschikei  die  beherrschende  Stellung
  in  Peking  ein,  und  schon  am  15.  Februar  wird  er  auch  in
der  Nationalversammlung  des  Südens  einstimmig  zum  Präfdenten
der  Republik  erwählt.  Sehr  charakteristisch  ist  die  Art,  wie  dabei
die  Vorzugsstellung  des  kaiserlichen  Hauses  doch  gewahrt  wird,  und
wie  das  chinesische  Element,  das  jetzt  zur  Vorherrschaft  gelangt  ist,
den  Mandschus,  Mongolen,  Mohammedanern  und  TLibetanern  die
Gleichstellung  verspricht  (S.  513—514).  Die  fünffarbige  Fahne
der  neuen  Republik  soll  als  Symbol  des  Zusammenschlusses  der
gleichberechtigten  fünf  Nationen  gelten.  Allerdings  waren  Aufstände
und  Meutereien  der  eigenen  Truppen  Juanschikeig  kein  verheißungs-
        <pb n="579" />
        Mebericft  äber  bie  pelitichr  Gutwichelms  bes  Jahrms  1912.  569

voller  Anfang  der  neuen  staatlichen  Organisation.  Es  ist  China
auch  nicht  gelungen,  vor  Ablauf  des  Jahres  die  Anerkennung  der
Kepublik  durch  die  Großmächte  zu  erlangen.  Welche  Parkeiungen
sich  dort  gebildet  haben,  ist  auf  S.  516  kurz  angegeben.  Auch  das
Personal  des  ersten  Ministeriums  des  Präfidenten  Juanschikei  ist
S.  518  charakterifiert.  In  den  Außenländern  Tibet,  der  Mongolei
und  der  Mandschurei  folgte  man  dem  plötzlichen  Umschwung  der
Zopfabschneider  nicht  ohne  weiteres;  es  kam  dort  zu  Kämpfen,  die
für  die  interessierten  Mächte  England,  Nußland  und  Japan  den
Anreiz  zur  Einmischung  bieten  konnten.  Vor  allem  bedurfte  aber
die  republikanische  Regierung  ausländischer  Anleihen,  um  die
Truppen  regelmäßig  besolden  zu  können.  Um  das  finanzielle  Übergewicht
  einer  einzelnen  Macht  zu  verhindern,  taten  sich  die  Bankgruppen
  der  vier  Mächte  Großbritannien,  Frankreich,  Deutschland
und  Amerika  zusammen.  Aber  auf  Frankreichs  Vorschlag  wurde
auch  Rußland  und  auf  Englands  Vorschlag  Japan  zugelassen,  so
daß  eine  Sechs-Mächteanleihe  daraus  werden  sollte.  Da  aber  Rußland
  und  Japan  in  die  Anleihebedingungen  politische  Beschränkungen
Chinas  in  der  Mongolei  und  Mandschurei  hineinzubringen  suchten,
so  kam  der  Abschluß  im  Berichtsjahre  noch  nicht  zustande.  China
mußte  daher  erklären,  daß  es  die  infolge  des  Borerkrieges  fälligen
Entschädigungen  nicht  bezahlen  kann  und  um  Stundung  nachsuchen
müsse.  Mit  Rußland  schloß  die  Republik  ein  Abkommen,  das  die
tatfächliche  Unabhängigkeit  der  äußeren  Mongolei  mit  der  Hauptstadt
  Urga  anerkennt  und  sie  daher  der  rusfischen  Beeinflussung
überläßt  (S.  520).

 

Japan  gab  seine  anfänglichen  Verbindungen  mit  der  republikanischen
  Partei  in  China  schnell  auf  und  widerrief  den  Beschluß,
Truppenverstärkungen  nach  der  Mandschurei  zu  senden.  Das  Kaiserreich
  hatte  infolge  des  Scheiterns  der  Wahlvorlage  mit  inneren
Schwierigkeiten  zu  kämpfen,  deren  man  auch  durch  eine  Parlamentsauflbsung
  nicht  Herr  wurde.  Durch  den  Tod  des  Kaisers  Mutsuhito
am  29.  Juli  nach  45  jähriger  Regierung  kam  die  ruhmreiche  Periode
Meiji  (sprich  Mehdschi)  zu  Ende;  der  neue  Kaiser  Yoshihito  wählte
für  seine  Regierungszeit  die  Bezeichnung  „Taisho“  (große  Rechtlich-
        <pb n="580" />
        570  Netericht  äber  bir  volitisir  Griwishrtunt  bes  Tahrer  1912.

keit).  Sehr  bald  brach  im  Ministerium  ein  Streit  über  die  Notwendigkeit
  aus,  die  Truppen  in  Korea  um  zwei  Divifionen  zu  vermehren.
  Nach  dem  Rücktritt  des  Kriegsministers  gelang  e  dem
Ministerprästdenten  Saionji  nicht,  einen  höheren  Militär  zur  übernahme
  des  Postens  zu  bewegen.  Das  Gesamtministerium  nahm
deshalb  seine  Demission,  und  es  schien,  als  ob  der  Streit  zwischen
Militärpartei  und  Finanzpartei  sich  auch  in  dem  Nat  der  alten
Staatsmänner,  die  den  Kaiser  als  Kronrat  umgeben,  bemerkbar
machte.  Fürst  Katsura  wurde  beauftragt,  ein  Ministerium  zu
bilden  und  durch  seinen  perfönlichen  Einfluß  auf  beide  Parteien
einen  Ausgleich  herbeizuführen.  Aber  ein  Attentat  auf  den  Führer
der  Militärpartei  im  Rate  der  alten  Staatsmänner,  Fürst  Damagata.
bewies  die  tiefe  Erregung,  die  am  Schluß  deß  Jahres  durch  die
Nation  ging.

Die  Symptome  der  inneren  Auflbsung  Persiens  durch
Anarchie  gingen  auch  in  diesem  Jahre  fort.  (Vgl.  1911  S.  645.)

 

Unter  den  Enthüllungen,  die  im  Anhang  inmitten  der
Notizen  Über  internationale  Kongresse  und  statistische  Vergleiche
gegeben  werden,  sei  auf  die  franzbsischen  Erklärungen  über  die
Agadir-Episode  des  Jahres  1911  (S.  5268—529  und  533—584)
sowie  auf  ein  Gespräch  Crispis  mit  Bismarck  vom  17.  September  1877
hingewiesen.
        <pb n="581" />
        Alphabetisches  Register.

(Tie  Zillern  bedeuten  dle  GSeltenzablen.)

Afrika  502—507.  '  Lehurthilen  u20  0  Hamäkologie
.  k  -

Uebersicht  ö6s.  8  ###s  .e  gusse  —5

6  greß  br  —  veede

Ellgemelles,  Internatienale  —9  andeistammer·
Kongresse,  Diplomatische  und  kongreß  535  —  VIII.  Institut  für

senze  —  ——“  —  “3
ve  536.

E
——
*  2  ienstt  reae
„Panther'  na#  adir  —  Vertinden
  Tahrenlg1.  *8  eitelung  der  l*x  dung  franzö-Prebtelegrammgebühr

  537  icher  Biepecife  un  uch  ae
—529  —  r
Jale##alissale  Keugresse.  Crispi  in  Lette,
Spitzbergenkonserenz  529  —  #hrn  des  Frhrn.  v.  Schor-Opiumkonserenz
  529  —  Brüsseler  lemer-Ait  durch  das  —  N—
Zuckerkonvention  532  —  Inter-  Ber.  68,  5  des  Belbhuchts
parlamentarische  Union  532  —  über  Mar-II.
  Kongreß  für  Familienfor-  bonien  "(6  Gegenhiuct  far  Vos.
chungs--,  Vererbungs=  und  Re-  n  637.
gengrationslehre  5  —  IX.  Konnbrcb
  37  ver.  rrern  —  Allien  507—527.
osegese  —  Konferen  -
mtncleukopqtichek  Wirtschaft-bete  Uebersicht  568—570.
532  —  Olympiade  532,

Siern  538  Australien  und  Südsee
national  Lam  rswe  d.0  1—  7  501—502.

 

Feerwehraunstello  ung  533  —  Kon-  Uebersicht  568.
j  F  ir  n  533—  velgi  40412
R  t  Heimaischu  en  ·

I.  Bergarbeilerk  1fi  —  -  .
onfekeuhtiqüqktdxtligtioelsks  qehafkqchp  Uebersicht  559—560.

!  534  —  BWechselk
*  Sd  Bulgarien  465—471.
—In#i  *  Fncn  Nebersicht  538,  510,  568—5  5,
n  4ö  Dänemark  415—417.
wissenschaft  535  —  VI.  Kongreß  Uebersicht  560.
        <pb n="582" />
        572

Deutsches  Reich  1—283.
Uebersicht  638—540,  542—550.

nts.
4  ulbrh  der  Regierung
en  Begünftigung  u
nnusche  Welre  155

—198  —  Monopolisierung  des
Petroleumhandels  217,  236,  270
—273  —  Entwurf  eines  Theatergesetzes
  278.
wärii

Tripolis  2  —
lieferung  von  Berbrechern  mit
britischen  Protektoraten  7—  „Berband
  für  internationale  Verständigung'12—13—

minister  Lewan#e.  in  Berlin
Nachruf  auf  den  Grafen  Nehrenthol
  52  —  en  cner  Preßstimmen
abe  Cchurchills  Flottenrede  33—84
Krollo-  und  3

 

 

2
v(d
&amp;amp;
383
2
—
2
2
S.
2
8
r
1

Schweiche  Stdeoertreter  in  Berlin
  18  nig  Ferdinand  von
Bulgarien  in  i

Neue  Besehzung  von  Ges  sandeenposten
  191  —  Amerikanische  Ka-Alxhebesises

  Rezister.

2

Rote  Areuz-  Expedition  nach
ertirag  ũber  Aus-EnglischerKriegs-

  :

vallekteofkustekemdeuliclsenheet:
198  —  Zustimmung  zu  Resormen

3  Albanien  203  —  Ausstellungslonserenz
  21  215  —  Ssasonow
i  Anerkennung
der  herenl  Souveränität.  über

 

wässer  231  —  Antwort  auf  Poincar-s
  Einigungsformel

Marchese  di  San  Giuliaono  in
Berlin  231  —  Serbische  Mission
in  Berlin  236  —  Essterreichicher
Thronsolger  zur  Hofjagd  2
Ernencrung  des  i  273
—271  —  fiee  die  Gründe  der
Zruopenverstörkung  in  Kiautschon
271.

(Deuisches  Neich.)

cin  dide  z  der  Sozialdeinen

  atie  12  —  gernt  gegen
Se  Streichun
kesche  nt  in  München  1

t  Einfuhr  von  Rindr—
  aus  der  Schweiz

v##.
Demission  des  Winifteriu  18
—  Landtagswahlen.  30  —
Herusung  des  he  l  .r.
Frhrn.  v.  Heriling  zur  Schung
eines  anl  Minilagsere

  nung  65  —  Stoatsbudget

—  Programmrede  des  Ministerti

  Frhrn.  v.  Hertling  67

otstandsarbeiten  73  —

dean-  al  des  Prinzregenten  in
Reichenhall

2.

2  75  —  Ausweisung  der
Nackttänzerin  Billany  82—83,
Politische  Debatte  in  der  ab·
Re

#eordnetenkammer  —
Jere  Volitik  und  Stellun  zum
—  niten- 



—98,98—
ale  Pro#  128—12
#uwelleten  un  Sntrl
126,  131—132  —  Lo

tung  des  gabinetts  Lertling  in  der
Reichsratskammer  199—
E  27
des  Jeiitenge  l  bes  203  —
milderungen  206  —  Anf  W
Reichsgesetzes  Über  den  Unterstützungswohnsit
  207  Hincheg#
gemeindeordnun  l
stoasedtlt  und  Konkordot  211—
12  Der  Eist  Wen
verzichtet  auf  Streikrecht  215  —
Gesetz  über  den  Kriegszustand  230
—  Nürn  rsE——  Aremeterium
Staatsanzeiger
lonntmachungbefr.  die  Uüesernahme
        <pb n="583" />
        Alyhibetises  Aciter.

der  Regentschaft  278—  Ausführung
des  Jesuitenge  eden  noch  der  mterpretation
  Bundesrats  280

Plan  einer  #nde  sänderung,
um  eine.  s#eue  gRG  neegengche
zu  verm

leistun  ben  kr  aesn  F
Verfassung  280  —  „Bayerische
Staatszeitung“  283.

sscweis.

rsn  Krechtsvorlage
  18  —  Beschluß  der  Landes-#node
  gegen  Abbröckelung  des
—  279.

—i  des  ellemeinen  gleichen
  iuttt

chluß  über  die  okührung
des  Srechiuß  alse  wie

I#stun  in  Juslanr.
aun  kesben  von  Auslands-Elf#a#-Leih#



Nesekutkenen.  zur  Linderung  der
Fleischnot  62  —  Verpachtung  der
abgelehnten  Kaiserjagd  66  —
Eneichung  des  Polizeisonds  74—
Widereinftellung  des  Gnadensonds

—  Kompromiß  über  den  Polizei-100

  —  Repräsentationsko  en
fiik  den  Statiholter  129  —  Mitte

r  –141  —  Biibiul.
volum  wegen  der  Grafenstader
—  Abdankung  des

Direktors  der  Maschinenfabrik

Grafenstaden  186  —  Entschädigung
er  Rammermiiglieder  180.

Erarzelisqe  sirqt.
*  Traub  8  208  —
culscher  *#  über  die
che  208—209  —  Braunschweiger
  Landessynode  gegen  Ab- 



bröckelung  des  Jesuitengesetes  279.

FEi##s#ser.
v  Enihnn  im  Jahre  1911

—  Anleihen  des  Reichs  und
1#  7  —  Kommunale  Un-  .
leihen  26  —  Ent

n
Reichsfinanzen  28—30,  1

3n  der
193,

(Deutsches  Reich)  573

—  Zur  Deckung  der
11  *“„  Wehrvorlagen  79—79,

Vorl,
Reichsbudgets  91  2,  —  Preuhische
  Staatsschuld  99
gänzungsetet  101—102  —  Reichseinnahmen
  106—107  —  Berhältnis
  der  direkten  zu  den  indirekten
kPe  203  —  Voranschlag  für
3  237—238.

uhurs.

Staatshaushalt  von  1911  59
—  Eingeweindungen  215—216  —
Defizits

andel.  ntn  m  Mirttchft.
#.  enhande  im  Jahre  1
Viehs-  d  n  11
06  en  27  —  Aus  ellung  Die
aus  und  Beruf“  64
He#e  nresoterfull  73,  83.  —
Hrüsseler  Zuckervertrag  92  —  Was.
ereiubruch  in  den  Spreetunnel  93
—  Schiffsverkehr  im  Nr-r  1910,
99  —  Feischoreise  126  —  en
ziger
neuerung  duoes  u  n
132  —  Konferenz  zr,  Sicherung
des  Dampferverkehrs  141  —  Uberspekulation
  iu  Industrieaktien  149
reußisch-Hamburgischer  Vertrag
  über  Ccabahutn  151  —
Osthafen  in  Frankfurt  a  Main  182
—  Danziger  Weichselbrücke  190
Hßts  der  Landungsbrüce  bei
—  hundektiqiikfeiek  der
Ficho-  5  rich  Krupp  200  —
Schlagwemercrpleston  auf  Zeche
„Lothringen“  —  Bankiertag
1  —  L  —  217  —
Reichsbankdiskonterhöhung  235  —
Vobertalsperre  236  —  Forderungen
des  Berbandes  deutscher  Grundbesitzer
  239.

 

 

F
—

 

ter,  t  tnik.
Ae  au  lo0  Stettin“

1.—  Snpionage  2,  3,  26,  65,

Tohien  Wehrere  ins11—Panzerschiff
  „Prinzregent  Luitpold“  40
—  Geschwaderverlegung  72  —  In-
        <pb n="584" />
        574

halt  der  Wehrvorlagen  89—91  —
Notionalspende  für  das  Flugzeugwesen
  100,  260  —  „Wissenschaf
liche  Gesellschaft  für'  Flugiechnik-1½00—Linienschifl
  König  Albert“
—  Kun  ndgeb  un  decn  Flotten-*

153,  1146—  Der
desensive  Charakter  *  Flotte  147
—  Subvention  für  den  Berein
„eursche,  b⅞  iin  Lust
seenn  ahrt  .  —  Lustübungsplaß

  Lockstedt  195  —  Marinekongreß
  195  —  ai
für  Lustfahrer  17  —  ½
slorile  in  Bonn  1  4
bewerb  für  Po  ne  188
—  Untergang  einer  Jolle  der
„Thüringen“  198  —  Lufsschiff
„Schüne-Lanz“  199  —  Turbinendrradnangh
  „KRaiser“  205  —
Kaisermans  er  208  —  Parade  der
Eausrrsue  2½  —  Marineluftschiff
  „L  I“  217

chiiĩ  —

on  Bord  desukcuzeks»2)okck«

1—chuzekmtüklnchea0ei

woslekn  231  —  Leresergenzunger

34—235  —  enz

der  heralstabech  der  Erd
und  öerrreichischen  Arm

im  kurnen  30

*  in  Wilhelmshaven  242.

—  Woche  186  —  Jugeiwuckihrupcels.
  uaemerri
des  „Vorwärts“  ?

 

teilung  annn  des  Kichtone  rt  "6#
74.  .

UUIIIequnkklmesslssltlitgstjr.


Motu  proprio  des  Pavites  be

das  erichsswerjahrren  gegen  Kle-—25
  —  Ungülligkeit  16  4
Naan  ortis  für  die  Kölner  Erz.

diozeie  tin  —  Jeinitenmission  13.
—  Ennenmung  dre.  Erzbiichofs  von
Bamberg  185  —  Der  Papst  für
den  Vethand  garholiichert  Arbeiter.
vereine  7  —  ung  der
Munchener  Nnnitnd  an  die

J###betishr  Nnitrr.  (Deussches  Reich.)

christlichen  Gewerkschasten  192  —
Verlsgung  vo#n  Feiertagen  194
oo  *  vier  Bilaren

us  Diedenhofen
*  olilentag  —  cingade  rer
2  an  de  n  Bundesrat  um

U  —  Iskqtholtschet  Bischof  217
—  Bischofswahl  in  Köln

WN  Srs

#  uE„  271  gt  sich  dem
taL  at  anen  lre  die  Auslegung
  des  Jesuitengesetzes  280.

Hturg-Gois.

Zur  Wahlrechtsreform  32  —
Streitfrage  um  den  Beineg  zur
Landesuniversität  Jena  120  —

J  Slistungen  186

—  —
leber  Geld-  und  Kreditverhällni
  —32  —  ennung  von
Vosrerneuren  101  —  Diamantenregi
  32—|135—Growviehhaltung
der  Eingeboarenen  12  is
lingfragel.  1  36.1  ns  Hoi
der  Schusadbiet  ind  Reichszuschũsse
  —  Feolbnigesechcn
189  —  tmünze  für  Teilnehmer
an  militärischen  Unternehmungen
198  —  Vereinigung  der  von
Frankreich  erworbenen  Gebiete  in
FWeaiorial-AMiriia  mit  Kamerun

wrtet
Ansprache  des  Kaisers  in  der
tabruone  der  Wissenschaffen  9  —
Porträls  der  Botaniker  für  das

inzeum“  in  Prenßen  59  —  Aus-Kellung
  er  Opernhausentwürfe
66  —  Ausbau  Münsters  und  Mar-“-*ê
  zur  Biaers  beantragt
91,  95  —  Frage  der  Gründung
ciner  Universitst  in  Frankfurt  a.  M.
93—95,120,  176  —  Humanistisches
Gymnasium  und  onenworal=Erlaß
  116—119  —  Einheitsirenographie
  131  —  ts
Schädel  131  —  Frage  des  Opern  ·
        <pb n="585" />
        J##betishre  Nenister.

hausbaues  136—138  —  Euphrosone-Denkmal
  185  —  Kortell  des
Freidenkerbundes  mit  dem  enistenbund

  189  —  Frage  einer
G  in  rcsber
197  tut  zur-I#sune.
  le  197  —  „Royal
Institute  o  736  ½  in
erlin  198  —  chuppart  in

der
t  Lehrer  mn
für  junge

uere

Deuf
Fe.  %  313  77  4%

—  Der  telgte  in  kerens
279  —  Frfungsoronung.  ar
Tierärzte  !
Hemraikommisston  für  Prg
Na-  Landesku  e  von  rs
95  —  Sreit  das  Gem

„Die  Anbetung  7n  deligen.  Won5
Rönige“  320—32

1  —

uuhms.

Veriasiungsfrage  2
stocker  Petition  betr.  W#  Fn  nng
231—  Ablehnungdes  Verfassunge
entwurfs  durch  den  Landtag  236
—  Zutüklztchuuq  der  Verfahnge.
vor

Elde##sturn.
Gemeindewahlrecht  für  Franen
22  —  Erhöhung  der  Beamtenochälter
  mit  Abzug  für  die  Unverheirateten
  281.

Darieinesen.
Beiprechungen  des  Reichskanzleidirekrors
  Wahnschaffe  mit  den
Führein  5  —  Tumul  der  Polen
in  Schwetz  11  —  „amuurgische
rpe  Bereinigung“
Alldeuticher  Uchbend.  Erwidermt
  auf  die  Aueführungen

 

Staatsbudget  12  —  Eingemeindungen
  217.  -

 

v.  Kiderlen-Wacchters  im  Reichstag

  15—16  —  Unzufriedenheit  mit

(Deutsches  Reich.)  575

—  wr  e  101  —  Dauptversamml
  2r  *2  daur
Bund  de  St

klärung  gege  en  die  grih

##ns  Schl  copen  dienste  si  #e
r  29.

Deu  benserpative.  Partei.
  mts  ktik  6.

Forts  Wü  Volkspartei.
  Wahlabmachungen  git
den  Erzialdemotranen  5  —
antragt  Vechaltmisswehl,  ali  den

XL  —  vern  27
—  Anträge  zur  Wa  ne  —  177

 

Hansabund.  znltneerl
gung  des  Direktors  Knobloch  71  —
Hansatag  —

Nalsallibera#le:  Partei.

Siichwahltautit  6—7  —  Krisis
ruleur  .  der“  Jungberalen
  92  —  Verwahrung  die

s——  ö  c0
ellation  Aber  ben  guar

Heprihemeola  105  t

barteiiag  147

Hahlresorm  ing  —  m

harteitag  242—243.

„e  h  ewtei.  Stichwa  ahlktik
  —  Aga  chien.  4  ein

rini-ies  Mnbe
Sozialde  ignet  Wahlabmachungen

  mit  den  Fortschriulern

  5  —  Stichwahlvarole  6  —

Gegen  Sischwahlabtommen  mit

den  bürgerlichen  Parteie

Antragauf  Lerabsekung  s

zeit  bei  der  Kovallerie  132—  Tal

bei  den  Lansnslh  204—  9
P  20

 

entrum.  *  eelelichait

do-  Jeutrum  2—  -  wahlparol

  6  —  vellation

en  *  mmnbe  m  re  seg  73,

olntion  zur  Regelung

en-  #rbebshketon  —  der  srenn
ländischen  Landarbeiter  174—175

Foflies.
Kaiser  Wilhelm  II.  Ansprache
in  der  Akademic  der  Wiüsenichaflen
9  —  Siftung  des  Verdienstkreuzes
        <pb n="586" />
        576

11—  Süisten  einen  Ta  un  Flug-=zeugmotore
  11  •  11—
12  —  *  gde  2%  vhr
tagherdffn  —  —  Frühstück
für  ##nignl  ord  Beretsord  22  —
Lehnt  den  Empfang  des  unvollh
  “  aprõsidiums  ab
E  as  Reichstage

—  Regt  internationale
  r  e  zur  Wemneg
der  Dampferpassagiere  an  124  —
men  in  Südwestafrika

132  —  Beratung  in  Karlsruhe
147  —  Droht  ben  Elsaß  ·  Loth  ·
ringern  mit  Einverleibung  in
Breuten  ii  Wehm  der  te

„Imperator"  bei  185  —.
3

Prehri

  der  Feier  des  Zit
R  Gebr.  Schickler  189  -  Rede
im  Begzdeungen  Regattaverein
191—192  —  Zusommenkunft  mit
dem  L#si-  in  Baltischport  195,
431  —  Nordlandsreise  197,  206
—  Rede  bei  der  Kruppfeier  200—
—201  —  kri
Kaiser  von  Oesterreich  203  —  Beauftragt
  wegen  Erkrankung  den

akspruch  auf  den  1

 

Kronprinzen  mit  ede  Vertretung

bei  den  Mand

Ueber  Vesion  .  e  seine  r'G
rungsjubilöum  205  —  Rede  auf
die  roo  Vraondenburg  i

207  —  Reise  nach  der  Saewiiz  -

207  —  Enthüllung  des  Coligny=Denkmals
  218  —  Bei  Einweihung
der  Boberkalsperre  236  —  Srei  der
Rekrutenvereidigung  in  Ki
—  KNondolenzielegramm  *  Frins
Rupprecht  von  Bayern  275  —
Telegramm  an  orenenn  m
i  von  Bayer

—  Begegnung  mit  dem  Komg
*  Italicn  in  Benedig  391  —

75  —  In

—  Ueber  die  Notwendiglkeit,
z  Vengmafonal  zu  bezfestigen
485—

Kai  seinnans  #intert,
Kur  in  Nauheim
Wilhelm.  000  rinz  des
Demschen  Reichs  und  von  Preußen
veroffemlicht  „Aus  meinem  Jagd-Ayhahetisches

  Kegisrr.  (Deutsches  Reich,  Personalien.)

tagebuch"  194  —  Vemri#  den
Kaiser  bei  den  Mandvern  201—

tschen  Reichsanze  iger  und
Preußischen  in  Staalanzeiger“  275

—  Beise
uer  Ludwig  von
gen.  Depeschenwechsel  mit  *
*  275  —  Leistet  den  Eihauf
die  Verfassung  260—28

denten  Frhrn.  v.  Her#ling  281.

König  Rriedrich  August  von
Sa  Unfall  auf  dem  TruppenüÜbungsplat
  Se  190  —  AUnsprache
  an  duden  2
r*  um  eneralfeld-—5

  ern

Prinzessin  #-  Wilhelm
von  Preußen.  Bon  einem  Prinzen
entbunden  281.

rn  Sriebric  von  Preußen.

l–y  riedrich  Wilhelm
  von  Preußen  wird  von  einer
Vüezessi-  entbunden  198.

ich  von  Preußen

begrbnver  wissenschastliche  l*isi
  t  Flugtechnit  und  ruft
die  Nationalspende  für  das
kre  ins  Leben  100  —

l.  h.  c.  der  Universität  *
192  —  Zur-  Peisetzungsseier  des
#  von  Japan  209,  234,  433

446.

42  weorg  von  Bayern.  Ver
mählung  285  —  Ehew  ist  216  —
Scheidungsproz

Herzog  *8  Jofeph  von

Bayern  1#  212.
Fe  Rudolf  von  Bayern##
Sebeinleifen#  Rupprecht  von
Herzogin  Vera  von  Würtemer


Keinric  XIIII.  Reuß

3lee  een  ugust  von
Cumberland.  r-*  E#mgoanser.
paa###  188  —  Vom  Kaiser  belobl
213.
        <pb n="587" />
        Alrhabetises  Nr##rr.  (Deutsches  Reich,  Personalien.)  577

Georg  Wilhelm  von
anch  t  39—185  —  Beisehu


u  drr  Adickes
nimmt  seine  Entlat

nf„
v.  A

„Die  Hu--kunft
  *5  der  Reichsparei  recht
geben“  3

-  l
Sollen-man
Lehrveququ  120—122
betr.  Vl  a  r
—  „Wir  wollen  eine  frie
g  aber  zielbewußte  Politik,  frei
von  allen  Plötzlichkeiten“  172  —
Rede  auf  dem  nationalliberalen
Parteitag  243  —  Ueber  eint  arie
———  Politik  219—
4l  v.  Baumba

a  5
bg.  Bebel  bestreitet  die  angeblichen
  Zusagen  vor  der  Prä-*“
  51—55,  57—58
v.  Becker  ist  überzeugt,
  ——  zair  o  es  den
nuen  Gleichsn  1

Zu  4

.  .  Gegen  Franksurt
  als  Universitälsstadt  93—94.

rüherer  Gouverneur  von  Neugzuea
  Rudolf  v.  Bennigsen

1.  v.  Bergsdorff  befürchtet,
„da  heute  ein  gelehrt  sein
Dellendes  Prolstria  heranziehen“
1

Reichskonzler  und  Ministerpräsident
  Dr.  v.  Bethmann  Hollweg.
  Neujahrsglückwunsch  1  —
Zeruen  die  Thronrede  im  Land-1—5
  —  Ueber  Haldanes  a
sien  in  Berlin  31—35  —
innere  Politik  und  den  Ruck  *⅞*W*d
Liberolismus  nach  links  36—38,
52  —  Telegra  "  an  Graf
Verchio  old  59  —  Reise  nach  Korfu
101  —  Eiaführn  rung  der  Wehrvor-11.

  m  107—111  —  Ecklärung  betr.
des  bewerilchen  de  127
128  —  Fall  Grafen-*

  ½0—1  —  „Ich  kenne

keine  Schwierigleiten  für  meinen

Kaiser  ein  zutreien“  184  —  Reise

nach  Rußland  198,  432  —  Be-Europäischer

  Ceelchichtskalender.  I.III.

 

antwortung  der  Fleischnotinterpellationen
  im  Fe  rorbeten  ha
219—225  —  Ueber  die  Greigpise
auf  dem  Balkan  "70.  —  Vergiem
  nn  mnn  Ge
betr.  die  Auslegung  des  Jesuiten-Belebesn
  266—269  —Interpretation
nges  Artikels  60  der  Preuhischen

.  mer.  Begründung
der  Trie  betr.  die  Ver
ich  der  Frivatöngepeellen

**  Bier.  Leiter  der  Ver-#*
  des  roten  Halb-Ge

  nd  berregierungsrat  Bo
bols  i  wird  Präsident  des  Patendelberg.

  Fur  ben
vert  ##n  Bhtlhe  in  den  Steuerven
  nlagungsfos  mission  en  20.
Werner  Bolten  2
.  BVorchardt.  Cewoltsamer

otest

143—144,  147  —  Abweisung  der

ngeige  gegen  Toliseillntnantolb
—  Bestrafung  2  214

iss

aus  ver  N#nsiberale  #n
aus

br.  6  Brahm  7  240.
redt.  b  Universität
  Frankfurt  a.
iies  Pereaken  ar  Wan  .
v.  Breitenbach.  Ueber  die  Elektrisierung
  der  Berliner  Stadibahn  16
—17—  Ueber  Eisenbohneinnahmen
bis  Monat  März  101—105
Ueber  Wettbewerb  zum  —
au  137—138.
de  Dr.  dtzi  aein  wird  Sozialt

arn  v.  Bülow.  Danksagun
dem  Tage  von  „Philippi“  ½
v.  Bülow.  Behandlung
den  Entwürfe  zum  Opernhausbau
—13

Legationsrat  Dr.  Bumiller  '
Homburger  Suroermeister  Dr.
t  20

Burchard
27
        <pb n="588" />
        578

a.  D.  v.  Busse  wünscht

Sheon  in  Ostafrika

van  Calker.  Loyales  Ber-—

  272  E—#  157—160.

Abg.  8  e  blinde
Tieb!tr  ont“  ein

v  Graf  v.  Carmer.  Gegen
den  wcleidigen  Zug  in  der  Schule
116—

heairneen  *#.  aspar.

 

s

Cassel.  Für  P.p1  Stra-“
  —5  alscher  Steuerdellara·
tion  19—20.

Bayer.  Abg.  Dr.  Casselmann.
„Das  b  aatsschiff  ist  mehr
und  mehr  ins  klerikale  Fahrwasser
geraten“-  87—

Fenin  Dahn  11
mister  des  Inner  ern  v.  Dallwitz.
  Ueber.  Mahedeorm  und  Feuerbestattung
  13—15  —  Zur  Fleischteuerung
  226—227  —  Ueber  de
Erwerb  eines  Grundstückes  für  die
9  eced  eordetenhauset  .

—

 

Abg.  Dr.  David.  Di
losigkeit  des  theoretischen  nnn
lann  us  der  Eohiademotratte  53
„Es  liegt  nur  an  Deutschn
  Enen  ist  dbevens  169—170
e  hönich  ·  zibrushe  Kriegsiut
  in  gesterre  256.
ureglerungern  Ernst
Del  R  wird  —  des  Statistischen
  Amis
Prof.  Dr.  *  brr  ede
auf  dem  Haniatag  246  —23
Sicatsselrctr  3  n#lemens
brück.  Für  Beibehaltung  der  Futtermintelzöle
  und  Uujhebung  des
Kartoffelzolles  60—
VUermanus  eem  rmanus  3
—64  —  Ueber  dee  Emmichung  des
Organitationsgedankens66—67—
Mittelstandspolitik  69—71  —  Gegen
  Gingreifen!  in  den  Bergarbeiterstreik
  76—76  —  Erklärung  über

 

Anybetriisches  Nrgistrrr.  (Deutsches  Reich,  Personalien.)

kurze  Aseen  im  Reichstag  139—
Die  R.

 

General  oraf  dar#  bein-Montmartin

  f  101.
Badischer  Staatsminister  Frhr.

v.  Du  14  Ueber  die  innerpolitische

Laf
olnn  or  Dr.  Ebstein  f  219.
Abg.  Eickho  cht
im  höheren  Schaloet  ein  frischer
moderner  Geis
Abg.  Frhr.  v.  Gll97  wird  Präsident
  des  bischen  U#

#.
Abg.  Gochant  141—143—
rnst.  Antrag  auf  Einre.
  118.

eber  die
““msdt  ren  ga  Provokation
  i.  Für
Wehrworlagen  —  #ueell-125
  —  Zur  Diamantenregie

Stoatsminister  Graf  Botho  zu
Eulenburg  .

Kardinal-Erzbischof  Dr.  Fischer

18

Dr.  Frank.  Ueber  Wahlr
  und  Lebensmitielteue-69
  32—33  —  Leber!  die  Lolls—

F  und  die
des  Zenar  ms  zum  Jewirengrse)
263—264.
Die
or  Dr.  Gäde  gers  *  165.
Ubg.  —8  Zur  Fleischr*W

  Fbt
Gothein.  Die  drei  Geichnt
  der  Zuckerexpor#prämie,  der
        <pb n="589" />
        Alyheletisqes  Aczister.

Linfuhricheine  und  den
weinliebesgabe  50  —  -
butnon  Wulst  der  S
politi
Gürn#Sredinger  verzichtet
auf  die  vom  Tüncherer  t  Magistrat
angebotene  Pfarre
ör.  Be  Sibrn  7  das  Erbrecht
  des  Reichs  43  —  Das  eventuelle
  —  dond  den  Soial
bewetraten  Auces  I-ZIIIII
  Fall  Senstanen.
  2

*  Dos  Koi  aiserhoch
*  ieitenoiahen  Präe

l#n  114—115  —  in  X
nach  Austruch  des  ri  wäre
eine  Untat  259.
erg.

bg.  D.  bad  Das
Irrethergeie  ein  Erders  85  —
Ubg.  Dr.  Hahn.  Zur  Fleischt

e%J  v.  Hahnke

Fn  Lauptmann.  Nobel--wuretrgers

Abg.  bausmann.  „Heerekkreise
haben  nicht  die  ischu  en  Be·
rrmi  W  o
uß.  Die  Lolscis:  der
ect.  6

est  Resolution  ur
des  Gesan

wSuͤhelrne  Heimburg  1  208.
ba.  Heine.  Zur  Pehshnn-22
  1
Geh.  ierwelerungsran.  Hemptenmacher
  12
Praseer  Dr.  Vrtner,  Berusungolsochsoiger
  Scmellerg  3.
—  13
v.  Hert  ling  7“  baye-1
  Hdermial  22  6  —

VBerteidigt  sich  gegen
die  :  des  *8  Lasfeimann
89—1  Rede  über  Bayern

 

(Deutsches  Reich,  Personalien.)  579

innere  Politik  und  Siellue  zum
Reich  95—98  —  gsed  üÜber  auswärtige

  Politik  —  *
Jesilenerlaß  "6u.  —  Teilnahme
en-  nes%  der  Fagung  b  er  Görresgesell-Abg.

  W#  g.  Für  ehrsteuer
  und  Dividendensteuer  116
—  Der  Balkankrieg  als  Beweis
7  Haereerstärk  en  259

b  herab-Ipaag
  der  Een  an  den
mmmasien
*n  gu..z  re  und  zu
ur  Fleischteuerun  1

Prosessor  Dr.  Hillerandt.
  d  dem  Maße  wie  das
Griechische  abnimmt,  wächst  das
Venenseme  m“  181—182

“m
Geh.

g.  Dr.  Hintzmann  wünscht
6S  Sundt  im  Gymnasiali


Abg.  Hirsch  erwartet  Mehreinnahmen
  aus  der  Besteuerunggroßer

 

ögen  19.
Staatsminister  c.  d.  Hobrecht#

 

 

 

 

Abg.  Hoch.  Zur  Diamantenregie
  132—133.

Abg.  Hoff.  Zur  Fleischnot  226.

Abg.  Hoffmann.  Beschwerde
wegen  Ordnungsrufs  66.
rre  Professor

üb

Polizeipräsident  v.  Jagow  versiinteber.
  SGetzt
e  fur  Veripätung  des  VBer-*
  uin  nbahtd  sest  64.
inihteriadirenen  Dr.  v.  Jonc-Auires
  rt  bett.  Choleraahe
  .
Geh.  k  Prosfessor

Dr.  Irm
Abg.  Dr.  Junck.  Für  Reichs-0
  der  Eis  enterwandt
  —  Zeuge
8  Bebel  57  —  Frrne  ation
wegen  des  bayerischen  Deuienerlasses
  127  —  An
Maschinengewehrkompa  ucen  n.
s  Professor  Dr.

Abg.  Kamdohr.  Die  gchirel
schencouem-  der  Laneelirchenss
        <pb n="590" />
        580  Alxhebetisces  Renister.  (  Deutsches  Reich,  Personalien.)

Abg.  Dr.  Kaempf  wird  Präsident
  des  Reichstages  27  —  wird
Dr.  jor.  b.  c.  45  —  Legtsein  Mun
nieder  217  —  Wiederwar
Wider  zum  Präsidenten  gewählt

Abg.  Graf  Kanit  wünscht  ein
Keundichalliches,  Perzälmis  zu
Rußland  2,

Abg.  Dr.  **rn#"  ##  Sachverntändige
  für  Steuerveranlagung

Wtaalsselreiar  bes  Auswoͤrtigen
v.  Kiderlen-Waechter  #ber  die
Verhandlungen  mit  der  Kurie  be
%  Gerichtsverfahren  Kegen  Kleer

  22  24  —  Die  Aul
n  die  Marokkopolitik  414  3—
Verteidigung  des  Auswärtigen
172—174  —  Ueber  die  Lage
-  u  Balkon  214—  —Vnrauent="m



 

2146—247—  1283—In  N
Oberbürgermeister  Dr.  Kirschner.

  Rchkits  aichen  73—Entkosfungsgef.

  ch  1

Audienz  beim  1½  von  Oehernich

  295.

Kardinal  Fürdstbischof  Dr.  Kopp
desovouiert,  sesblccbh
land“  64  —  wird  Ehrenbürger  von
rgau  216.

Abg.  Kopsch.  Für  Beseiligun
der  gelsc#en  Ortsschulaussicht  8.

—  Gegen  Nervosität  des  Ober-Archenbelo


Riner  v.  Krozeisenwird  Prälldent
  de,  b  Verischen.  Verwaltungsgerichteh


sweht  Ienroo  Dr.  Kriege.
Ueber  Auslieierungsverträge  mit
Bulgarien,  den  Vereinigten  Staaten

und  der  Türkei  178.

Professor  Dr.  LKruemmel  1217.

Nesi#ichasiterakhm  Ernenng

  82  —  Vor  orla  sige  Budgetvorlage
  91—92  —  Die  Deckungsfrage
  der  *  113—114
Etatsrede  259—263  —  Einführung
  5nP  Leegentuursen  über
den  Verkehr  mit  Leuchtöl  270—273.

Abg.  Ledebour.  Mrit  der

Marokkopolitik  40—41  —  Für

Großviehhaltung  der  Eingeborenen

 

135  —  Zur  Mischlingsfrage  136
Wd  aobarbarische  Regierung“"
  176  —  In  England

Panzerplatteninteressenten  find  v2r

ôJ  inert.  Widerkand  gegen
die  Polizei  143  —  Abweisung  der
nzeige  gegen  m-Kolb
  188  —  r7x  afung  214.
Reichs-Abg.

  Dr.  .
kan.  8  als  Ech  des  persônlichen
  Regiments  168.
Finanz  aministerdr  Lene  Ubber
die  Finonsioe  10——  16  —  Zum
bieenaberuerpenooheer

1  —
!5  Vrno.  Bustim-P
  anrth-  des
Weer
464  Feekrn

nowsky  wird
#lcier  in  onde  n  217,  356  —
Rede  in  der  Royal  Societh  357.

Abg  iebert  „Wir  jüssen
die  a  abändern“

r.  Liebknecht.  Fcnn
fane  r#  wicl  Universität  wegen
der  Eeonni=  95  —  Anufrage
brn-.  Einschleppung  der  botia

manité“  “
Jrofesernen.  Liehnnz
ching.  Leen  en

 

23

Ue  —  von  Beamten
Leitung  kn  Wnt  7*
Flhr.  Rochus  v.  Liliencron

 

ba.  v.  Limburg  -  Stirum

13.

Sesteltmen  Lisco.  nen
nfrag  Parsifal,  258.

auf  A  e  betr.,
bg.  in  zu  Lewengenn.
Ueber  den  Beschluß  des  deltt

swi  hen  Kon
256—257.

Frhr.  NMarschall  v.  Bieberbenn-
  hähung  nach  London

—#½  l  Welf2  Metternich.
  Am
Abschiedsrede  kitaust  -  E
        <pb n="591" />
        Alphabetisches  Rezister.

doktor  der  Rechte  von  Cambridge
345.

Abg  aller=  Meiningen.
eden  E  betr.  die
Verhandlungen  et  Parteien  t

1421.  —  Anfragebetr.Theaterhesegens
  urf  263.
A#bg.  Dr.  Müller-Sagan!##15.
Abg.  Mumm  wünscht  chnelleres
Tempo  in  dde  Sotalvorlih  39
—  Anfrage  erl  0
Lcch.  Fer.  endt  Dr.  Wilhelm
Mu  93.

gech  Dr.  Dundd

sächsif  ichenn  li  er  200
1  hhatsse  brsshr  min

15  v.  Normann  7  218.

#  r.  Oertel.  Ueder  zizeincloe
  und  Säh  der  Arbeitswilligen
  66  —  Iht  kraftvolle
zmir  inegeinnar  —172
—  BVerteidigung  der  England
seindlichen  Rededes  Herrnv.  Heydebrand
  257—1
Sachs.  Justizminister  v.  Otto

1214
Erpes  wird

Paasche  zweiter  Bite

penn  b  5r.  Reichst  —
legt  das  Amt  nieder  26  —  on
Whlspden  13  ervsbien.
18—.  eckung  der  Wehr-*m
  12  *  g.  v.  Pappen·
Gegen  das  Privilegiam  sori

ei

der  ieses  Geiselcher  24—25.

er.  Verleidigung  der

o  Stichwahlparole

—  Bertrauen  zur  ausr

  Politik  des  Reichskanzlers

und  zur  Halung  der  deutschen

Presse  254—

J  v.  Ru,  Romanschriftstell

  231.

r

u  Dr.  Porsch.  Für  das
Hregian  gn  der  katholischen
Deistichen

Ubg.  ma  r-  Posadowsky-Wehner.

  Ueber  S
und  in  9—40.
Praschma  wünscht
gwu  asen  75.

 

 

(Deutsches  Reich,  Personalien.)  581

Gans  Edler  zu  Putlitz.
Konsewative  Wirisch  —i
gegen  Erbschaftssteuer

Deschal  drred  bSnn.  346

#  adziwi

keit  der  an  n  Fraktion  8

Professor  Dr.  Rathgen  “
Geld-  und  Kreditwesen  in  den
Kolonien  8
v  Sichtboen.  Anfroge
  *  ledi  Schuß  der  Deutschen
in  Salonin  242  —  Ueber  die  eigentliche
  urse  Lsachetd  der  Konflikts  in  der

#

swn  *  nietschel  1212.

Abg.  Roeren  legt  seine  Mandate
  nieder  99.

7*  v.  Notenhan  1  189.

.  „Wir  lebe  en
genl  in  kirchlichek  Beziehung  in
einer  Zeit  des  Uebergangs  und  der

drung“  84—85.

kereie  g  erhaf
zg1  —  Bestrafun

ständiges  Zued  es  Deutsch
Rei  gewesen“  39.
.Sche  cdemann  wirderßeer
Bizepräsident  des  Teeichstage  23—
Leitet  die  Verhandluf
—  „Versetzung  in  die  unkerste  Klasse
der  deulschen  Reichsgehorigtei,
ins  Preußenland“  1
Preßstimmen  zu  #nen-  1
rungen  175—176.
Abg.  Dr.  Schisser.  Die  Zusicherungen
  Bebels  vor  der  Prölidentenwahl
  54,  57  —  Für  Lohnerhöhung
  der  Kohlenarbeiter  76  —
Zur  Fieischnotdebatte  219.
Landwirtschaftsminister  Frhr.  v.
Schorlemer.  Ueber  den  Emwuff
eines  „Wassergesetzes“  4
hur  „Sleischoet.  225,  %
O.  Es  reyer  in  Tientsin

#
5

 

 

s

ü#lbg  P  n  „Stolzein  Preuße
b4  lein“  „An  der  Krone
än

ngen  *  die  Herzen  des  beut.

schen  Vollee“  183—184  —

eine  kraftvolle  Wt  8
Professor  Dr.  Schũhe  1  44.
        <pb n="592" />
        582

Abg.  Seiler.  „Amtlicher  Wahlschwinde““
  in  Schwe  gt  2
wltt  Dr.  Sel
rofessor  Richard  Gechfele  1

netei  ekretär  des  Kolonialamts
Dr.  Sort.  Ueber  die  Lage  der
zer  31—32  —  Ueber  Ehen
zwischn  e  und  Eingedorenen
43—44  —  zur  Diamantenregie
134—135  —  Jer  Spekwoiehheaun
der  Eingeborenen  135  —  Mischingfroge7
  135—136  —  Reisen  in

g.  Dr.  nahn,  zum  al
denten  des  t
—  Leg  il  *

tagskommüsion  für  auswämige  Angelegenheiten
  #11  —  r
qusokttgePolst27-·I

der,  Muas  d4  gung  des  Jeiustengeseges

*  53.  Speck.  Ge  den
Uebereifer  det  Schaszsekretärs  33.

Ubg.  Graf  Spee  verlangt  Revision
  der  Steuerveranlagung  19.

Vayer.  Hostheatteimtendanthr.
v.  Speidel

r.  eini  ger  wird  Verbandsdirektor

  von  Groß-  Velin  65.

Friar-  rich  Stephany  '  12
Sennn  oen  .  1öR
ann  den-  Homian

bg.

l

tröbel.  8  Weschichts-  T&amp;amp;

Wiee  mache  man  zum  Mittelpunkt
  des  ganzen  ——
—  #richrerzam  pro  Kopf  22

bg.  Stroßer.  Die  Ext  t
ralien  —  ein  Anureiz  zum  Fleiß

Generol  Bolfo.  Stülpnagel!

Ab  bg.  Dr.  Südekum.  Der  Kampf
der  ot.  cgen  Raiser  und  Kanzler


eoerl#e  ge  Dr.  Sydow.
Ueber  Verhandlungen  mit  dem
Pbeinis  weslsälischen.  Kohlensundi-7—18
  —  Beantworiet  die

Aohabetische#  Kraiftrr.  (Deursches  Reich,  Personalien.)

1

Alexander  Tille  1  278—

 

enheim.  Versetung
  ick  us  antinoppel  8

Staatssekretär  e
Mundes-so—  urjache
2½6  #n  von  #

—  senen  1|  v
d  der  Parteien  44  —

„Post“  anguhgrihen  59—60  —
Bett-Inder  Suspension  des  Kartofielzolles
  F“  —  ichligung!  der
„Germania“
eine  aaeus—
über  die  Gesundung  der  Reichsfinanzen
  106  —  Kandidat  für  Oberbürgermeisterposten
  141  —  Zum
Oberbürgermeister  von  Berlin  ge-
        <pb n="593" />
        AUlphabetilcre  Lezier.  (  Deuisches  Reich.)

wählt  —  Veber  Berlins  Fleischwure



i  stets  Gegen  die
ckrvol,  34  —  Zur  Diamantenregie
  123—134  —  Die
brorage  ist  ausreichend  269.

f.  Wiemer.  Rede  über
Se  iiè  der  Noationalliberolen
  und  Sozialdemokraten

eneralleutnant  v.  Windheim

if  Dord  v.  Vortenburz,
*#  #nansnche  Gymnasium  als
Vasis  unserer  nationalen  Kultur
18%

.  Frhr.  v.  Zedliß.  Uede
s  Setmursgiah,  .
nh

r  Mota  178.

Unterstaatssekretär  Zimmermann.
  tten:  den  spanisch-französischen
  Maroklovertrag  255  —
Ueber  die  Notwendigkeit  der
Fruppenverslrkung  in  Kiaulschou

t.

Beleidigungsprozeß  der  „Nheinilaemssioen
  Zeitung“  gegen
die  Grenzb  eber  ihre
faherpen  n.  auswärtigen

Polit  n
rs  er  Zei
esnn  un  esian  *

ania.“  Gegen
„Töäugleitsdrang=  dees  r-*ini
sekretärs  Wermuth  73.
Kölnische  Bolkszeitung.“
Zur  Mahnung  des  Nunkius  Frühwirth
  192.

„Kreuzzeitung."  Ueber  die
Sirverteibung.  Gteecbeinan
in  Preu

e  P  ußische  Korrespondenz.“
  Vom  Neichsschosamt
  desavouiert  59—60.

„Norddeutsche  allgemeine
geitung.  Wahlparole  der  Negierung
  1  —  Gegen  den  Vund
hig  mmi  216.

 

583

Die  „Post“.  Angriff  ae  Reich
scowsekr#  Wermuth  5
ärts.“  —*1  des
Abgrordnelenhause  143,  235.

Feuerbestattung  2  —  Eröffnung
des  Landtags  4—5  —  Bolks  h
der  großen  Städte  8—9  —  Enter

  elehes-  46.—77
—  Berbandsdirektor  für  Groß- 



 

endung  des  i  2,  *0
217  —  Krematorium
240  —  Etat  für  15.5  281—|  -
Abgeordnetenhaus.  *
des  Präsidenten  5  —  Geseszentwurf
  uber  Atteiisiceut  und
äumige  Nährpflichtige  5  —  Etatsberatung
  13—18  —  Novelle  zum
inkommen-  und  Ergänzungskeuergeier
  18—20  —  Besprechung
des  Motu  proprio  betr.  das  Gerichtsverfahren
  n  Kleriker  23—25  —
L  te  über  Extemporaleerlaß
—119  —  So  aigisengeies  125
180-116  lisame  Entsernung  aus-##tesene
  Abgeordneier  141—
—  vrdele  en  digungenag  nteben
1##  Stim
önren  8  Sushent  der
*  die  Abgg.  Borchardt  un
einert  zu  175  —  Ablehnung  der
Anträge  auf  Wahlreform  177  —
Fleischnotdebaute  219—225,  226—
25  nterpellation  über  Unüorheiten
  bei  Versicherung  der
Privatangestellten  232—234
zanzanäge  in  der  Lommisston
41  —  Berbesserungen  des
Wortlauts  der  „Gschätgordnung
—253  nflift  zait  der  Re- 



“*53  a  weg  vr  rwendung
eines  sfir-,
  278  —  For  ie
des  E—
len  und  des  Kriegeministers  270.
        <pb n="594" />
        584

Ersatzwahlen.  E—  d
Triedebeng  Franksurt  c.O.  65
omburg-Ziegenhain
  198  —  Köslin-Kolberg--BubàPr
  207  —  Pr.-Stargard  211  —
agdeburg-Kalbe  GThedinhurg
Aichereeden  215  —  Berlin  1
Kreuhnach-  Simmerg-ges  279
—  Königsberg  i.  Preußen  280.
Herrenhaus.  Pröstdentenwahl
  5  —  Neuberufene  Mitglieder
11  —  Schut  Arbeitswilliger  76  —

Höheres  nterrichtewesen  und
Universität  in  Franksurt  a,
180—182  —  Besigbesestigungsvorlage
  190.
Kricstag.

Allgemeine  Wohlen
Einberufung  9  —  6  Anist
11  Beschäftigungspro-10
  jamm  20—21  —Eröffnung  21—
22  —  ahi  des  Presidtung  22—

unvollständigen  Wesbthiame  vom
Raiser  ae0golebmg
bellationen  n
Kartoffelzöllez0—62  —  Verteilung
der  Fraktionen  in  die  Kommissionen
62.  —  Staatsangehörigkeitsi
  des

—  Intereiet

  63—6  4  —  Neuwa
räsidiums  72—73  —  Einf  ührung
lurzer  Anfragen  76,  133,
Porlaige  epe  des“  Budge
ratung  des  EisenbEsnenen
  Ems  —  Inierellation
  über  den  ebpyerischen
Jeluitenertaß  105—106  ,  127—128

Aehrporlagen  107—11,  120
—123  ,  127,  Vranmiivein.
-  —  2½  Abebonte
114—

 

 

6,  —  oc-An-E
  un.  2o  un  149  —
Bessere  Besoldung  des  Gesandtichaftspersonals
  165,  175  —  Kompromiß
  über  die  #e#ienbkug  der
Wehrvorlagen  177—  Branutweinsieucrvorlage
  179  —  Anregung  zur
Ermäßigung  der  Abcierstener  und
Ex“—  des

—  Eroörterung  der
Giebne  10  gaiserken  182—185
—  Waohl  des  Präsidenten  239
—210  —  Anfrage  betr.

I
I
s
I
I
1

——’

 

ber  ii“  und

Grbichaftssteuer.  .

W  III-Reformo


(Deutsches  Reich.)

Schutz  der  Deutschen  in  Saloniki
242  —  Arnfrage  betr.  Maschinengewehrkompagnien
  242  —

nfrage  betr.
„Parsikal"“,  Einschieppu
Cholera  253  —  Besprechung  der

 

auswärtigen  Politik  243—252,
254—259  um  Reichsha
haltserat  259—

Ersatzwohlen

Siegkreis=Waldbröl
  66  —  M0s

nster-Coes-195

  —  Niederbayern  IV
Stbhleisted  210—211  —  Berlin  1
231  —  Hreifepberg  gammi  239

4  Stolp  ·
*’#  281.

½  ibesistigung  gesialdemoftatischer

  Stadträte

—  von  Kohlenleden  8  —
—  p  76  —  „Gru

blich  #  die  Eroschastgsteurrn-—

  Begnadigung  von  Sraf-.
  efqnqeaen  185  —  Whierunggegen
eine  Universität  in  Dresden  197—
Religionsunterrichtsbeschluß  der
kammer  —  Beschlüsse  der
kammer  über  Schulwesen  242  —
Beschränkung  des  Beschwerderechts
der  Beamten  und  Lehrer  276,  278
—  Bewilligung  der  Ariten  Kam-"
  für  die  „Deut  erei“
—  Endgcige  ost  der
F  279.

 

3  us  Wewin

Geburt  Wies  Thronfolgers  199.

###nt.

agen  63  —  Auflasung
  *  t.  tages  67  —  Neuwahlen
  1%  —  Ig  Teuerungszulage
jũr  Beamte

S  ——
#-  orm  93.  #

EI
n  aa  dierung  des  senzser

den

zolles  14.  Februart  a0.  April  ð
        <pb n="595" />
        Abbetriisür  K###.

r——5
Militär  gegen  gtreilende  %
arbeiler.  75—76  —  Kunl  hnbuyg
der  Ser  aten  7

ohnun

chin
—  Evangelisch  sosaler.  Lss
187  —  Beseß  über  landwirtscha  *.
liche  Unsallversicherung
Frage  des  Ausstandes  Ve#  Ge  ertvereins
  christlicher  Arbeiter  278.

Frage  der  MWushehung  der  Kreis-9
  —

regierungen  58—5  Frage  der
—m  er  Gesandischaften
Aushebung  der  Tierärzt-1%

  rochschule  in  Stuttgart  192,
212  —  ——on  236,  237,
241—  279.

465.
Uebersicht  565.

Enthüllungen.
Siehe  Allgemeines.

ch  360—386.3½
Uebersicht  540—542,  556—558.

Uswärtigen

*  d  Marorlonbiem.

n  364  —  Aus  366  —
8  über  int  Politik
367—368,.  374.  Z#u5  —  Denkmäler
für  Königin  Biltoria  und  König
Eduard  VII.  von  England  370  —
Scerheitemaßhregeln  für  Maroklo
370  —  Untersuchung  über  den
Ausstand  in  Marokko  370—371  —
Schwierigkeiten  in  Maroklo  372  —

Königin  der  Niederlande  in  Paris

372—373  —  roesterazsvertra
mit  Mulai  Hafi  cas
—504—  ke  2  mit
England  —  Regelung
der  1  in  Neu-omeruh
—  Abkommen  mit  Rußland
über.  das  Zusammenwirken  der
Flotten  380  —  Großfürst  und
Sen38  Nilolaus  bei  den  Ma-3N1—an2

  —

Fermel  382  —  Ssasonow  in  Paris

(Egopten—Frankreich.)

 

 

382—383  —  Russische  Pässe  der

585

dcn  Ablehnung  des  türkischen
  Gesuchs  um  Wesmiitlung.
eines  seche  stan

Programm  für  strnd  Aktion“  in
Marokto  506.

u—
Brisson  zum  Präsidenten  ge  ·

wählt  360  Eisenbahnanleihe.
für  Tunis  362  —  Anitag  a
Unterstützung  von  Bätern  von  mch
als  drei  Kindern  362—363  —  Bes
  1  des  Flottenprogramms
bbrrform.

gu  #168,  37  5.

Detch  zum  in  gewählt
ũ

**  7on  —  drer  ber

W
2  mpfang  8  zeuschigen  Heione
Hauptmann  L  luste

beim  Zuge  #  E  —  Fume
###  der  ehseanee  385  —
warze  Armce  —  Organiune

  des  iitteten  366

Ueberwachung  der  royalistiichen
  Micherwach  36  —  Kritik
in  der  „Frane  Militaire“  368—
369  —  Abschaffung  der  Disziplinarsoldaten
  470  —  Fehlschuß  auf  das
Panzerichiff  „Voltaire“"  370  —
Huloermangel'“  der  Pleadnough'#
—  Sammuung  für  Militär-.

  Berlegung
  der  atlantischen  Geschwader
nach  Toulon  381  —  Mängel  de
Schießpulvers  381  —  Serwic,
auzileire  332  —  Barbiseen
einer  Grenzbrigade  uS  —  Men
schenverluste  in  Marolko  386  —
Verstärkung  der  Kavallerie  386.
        <pb n="596" />
        586  Alphahriischrs  Rezistrr.  (Frankreich—Großbritannien.)

Inrerts.

Mehrertrag  der  indirekten  Steuern
  360  —  Rücktritt  des  Mini
steriums  Coillaux  360—361  —
Ministerium  Poincaré

361  —
gramm  %  Kabinelts  Poincars
381  —  Sgänzungstredie

Aamennn
General  d'  An#be  wird  Komsne
  d  6.  K.
7  a  für
wrrsreeoenen
Lehnt  4  datur  zur'  Präsidentschaft
  ab  386.

Briand  wird  Justizminister

*ss  Brifson  wird  Höndent
der  Kammer  360  —
knnes  1  ai  l  l  aux
trikt  zur
gegendasdeutschfran
  zolische  Abkommen  mit  Marollo
  Ge  boen  die  Wahlresorm
  0—
Kardinal  Coullis  1  381
i  David  wird  Handelsminister

Delrosis,  wird  Minister  des
Aeußern  —  Wird  Marineminister
  g  —  Ueber  die  Verteilung
  der  Seestreitträfte  361  —
lüeber  die  Beschaffung  von  Pulver

Deschanel  wird  Präsident  der
Deputiertenkammer  372.

Duwaine  wird  Botschafter  in
Wien

 

Dupuy  wird  Minister  für
öffentliche  Arbeiten  361.
n  Guifftl  hau  wird  Unterrichtsnister


min  wird  Finanzminister  361.
Lebrun  wird  Kokonialminister

ãomdonist  Jules  Mafsenet

ieren  wird  Kriegsminister
  3  —  Befestigung  der
Ostgrenze  3

ams  0  Ackerbauminister

1.

Fréderic  Passy  1  373.

Voincaré  wird  Ministerpräsident
  361  —  Ueber  auswärtige
Politik  867—368,  874  —  Fonmel
er

e  883
—384,  385  —  Kandidat  zur  2
ntschaft  5  —  Reise  nach
Petersburg  4
*(rjèr  D#  en  e  Jules  Henri
oi
enhblsann  Paul  Ro-1
  381.

in

bietnen  des  Aeußern  de  Selves
  tritt  zurück

mit  wird  Minister  des  In-Wahlen

  —  Konflikt  bei  der
#ertung  des  —  s#e  Süschen
Abkommens  360  —  Annhwefc,
  riragsei  i

iSh
Griechenland  480—482.
Uebersicht  5388—540,  566.
Großbritannien  325—359.
Uebersicht  538—542,  553—556.
rbt

marc  auf  Greys  deuuschfein.
uah  olitik  326—  Der,  Spertato
        <pb n="597" />
        Apbebetischre  Neritrr.  (Großbritannien.)

für  deutsche  rwerbung  ?  portugie  ·
sischer  Kolo  326  Kundgebungen
  *  w
Deutschland  72632
Reise  noch  Berlin  3268  —  r  uschrE
  *—  in  n
aJokmas
neue-a  über  die  Fleck-e  mit  Deulsch-.


we
denenqluchdeancheaGeheitavets
trag  ben  vortu  iesische  Kolonien

bach  über  die  Miß-W

  55  Dadieger  in  Peru
—  Rücktritt  von  der  Brüsseler
Fç  351  —  Vorichuß

g  zut  Friedensaktion  auf
der  —  352  erärungde
  Mittelmeergeschwadert
orichlag  zur  Botschasterreunion
  357  —  Lurest  gegen  bie
Panamakanalzolle  —358
Freenstonerem,  in  #

—  Bosschasterreunion  468.

Kictte.  .
erei  325  —  Bildung  eines

Meut
Admiralstabes  326  —  Untergang
des  es  Unterseebooles,  *  3-  *i
Spionage  2  —  Konruntionssnderungen
  50  „Lyon-Rlosse“
  329  —  Floltenetat  536  —
Teen  über  See  336
Churchills  bei  nn
zwo  Ssnnen  313—1
—  Konieren  in  M  z*  —
hrihdenkeitorrgefo  —
Flottenpara  bbruch  der
r  3  —52  —  Flotzen
maonover  352  —  Stoapellouf  des
.Iron  Dute“  353  —  Veränderungen
  in  der  Amiralitä#.  357  —
Wauf  eines  Parieval-Vuitichiñes
Zeriidrung  2  Militärkenteussger
  Bet“

aretn  des  Fernsprechweiens
  325  —  Streiks  und  Ausren
  326,  8

66.  .
Jus-USE  345  As,  250  .

 

587
—  Jüch=  Homerulebill  3827—328,

—  BVeränderungen  im
24  36  329  —  Homerule,
dann  Reform  des  Lberbausen  334
—  „Minimallohn“  335  —  Ruhehwenze
  der  Fuauerrehuerinnen

343,  35

der  Marconi-  Gesel=Belamweenschu
  der
9  isten  34  ersuchung

über  das  ic  ung  346  —
Mblegung  x  Uerpte,  "„Kassenvraris
zu  überne  rotestver-——
  gegenomerise  ö.
Parlamentarssche  Krise  355—356.

**  "
Verireg.  mit

 

#I

 

Vlemast.  ·
Mist-uns  mit  Thronrede  329

Hi

Öberhaus.  Ueber  Haldanes
Sendung  nach  Berlin  332—333
—  Aumehme  er  Mindestlohnvorl

  —  Debatte  üÜber  die
*  Seemacht  im  Mittelmeer
erhaus.  Dedbatte  über
uou-ss  Heziehun  en  330
e  ũber  Flolten·

Fs  —  Annahme
der  “  339  —
Frauenwahlrecht  310  —  Bgser
rede  Lloyd  Georges  340—34
Annahme  der  friichen  Venlar
bill  354,  tstaatlichung
  ber  *  in  Wales  342
—  Debatte  über  Jlonenprogramm

ingung  der

Wahlrechtso  vorloge  .
Beilewølanqubnnq  sum  ve
japanischen  K  350
Gaslonsneneiuir  is  rues  ##
frage  wegen
der  Rede  des  Lord  Nülee  353  —
#esprechung  der  der  Balkanvolitik  353

Msd.  —
—  Kompro  ams  über  den  varlamentarischen
  Konslilt  356—357.

rulebi  454  —

l
R  dan  Georg  V.  Leimket  aus
328  —  Macht  eine  Unter--
  343  —  Veil  —  inghan
am

Rede  über  die  Beziehungen  mit
        <pb n="598" />
        588.  Alxhebrtlsqes  ARexiser.  (Großbritannien  -  Italien.)

Deutschland  881  382  —  Einfuh-28
  der  irischen  Homerulebill  341
ute  te  Gehiehungen  zu  Deutsch-S

  erd  nqunbatyss
trag  auf  Beschränkung  des  Zucusees
  zum  irischen  Schatzamt

Admiral  Prinz  Louis  v.  *

fi
Denkschrift  zum  Flottengesetz  eine
inlren  Drohung  gegen  Deutsch-Can

General  der  Heilsarmee  Williom
Booth  1
L  Me.  Car  rthy  t  342.
Lord  der  Admiralität
Wi  Sce  der  Flottenrede
—  e  Üüber  Homerule
deutsche  Flone  ein
a  r*5P5  —  —  Ueber  Flottenpolitik
  337—  —  Red  e  bei  den
Schiffsbauern
nandung  des  *  der
8  ild  Hall-1348
  –5  über  die  inter-Fee
  Lage  357.
Earl  of  Crewe.  Ueber  aldanes
Sz  boch  Berlin  332—.
n  (Alexander
Williom  ee:

Llond  Geu#nge“  Bndgetrede
340—341  —  Von  Suflragetten
mißhandest  4½

Sir  Edward  Grey.  Angrif  der

„Nation“  rf  seine  Politik  326  —
Wird  Ritter  des  Hosenbandordens
329  —  Eugsisch-aussiche  Kbise  in
Persien  33.  be
auswärtige  22  Jee  —
Vorichlag.  zur  Botschafterreunion

ird  Ehrenvorsibender  der
-

Ellis  Griffith  wird  Unter-Keiere
  de  Innern  333.

tt  Habfield.  Ueber
die  S  Slimmusn  des  drutschen  Publikums
  gegen  England  333—.

Vicomte  Haldane.  Reise  nach
Berlin  22,  328  —  Ueber  die  Feuerwafien
  der  Armee  331  —
Lordkanzler  345.

Generalanwalt  Sir  Rufus

 

Jaaes  wird  Mitglied  des  Kats
  346.

Labouchdre  #  326.

ord  Lansdowne  würnscht,
doß  Lord  Haldane  „den  Oelzweig
im  Knopsloch  aus  Deutschland“

mihrche
Law.  Zu  den  deutschghun
  "en  330—331.

gründer  der

Antiseyñe
ugh  Sn  See#  Earl  of
Lansdale  eueder  np  Friedensen
  Nas  ers  326.
FSwu  Lord  Roan

  de  353,  354.
—W  Nothschild.

Professor  Dr.  Skeat  1  352.
Sir  Spring  Nice  wird  vor
Kepernt

B#  iam  Stead  71  34

Internatienale  —
Siehe  Allgemeines.

Itallen  387—400.
*  638640,  —

Ists
seichqunqhine  fkqnsssifchewosis
ist«  Unechte
e

Türkei  390  —  cin  der  Monarchenbegegnung
  in  Venedig  auf
die  Friedensaktion3g1  —Friedens--wechandlungen
  mit  der  Türkei  393,
eripolitanien

*  die  Lißee  395  —
Füiedenzzerta  mit  der  Türkei
Aua  mmmenkunft  des
Grafen  Berchtold  mit  Marquis

di  San  Giuliano  397  —

Siehungen.  9  Griechenland  398
Esue  g  des  Dreibundes

He#llertrahe.
Dank  an  die  Armee  und  Marine
387—388  —  Annahme  der  Sou-
        <pb n="599" />
        AUlpha#hriistzes  Renistrr.  (Italien—Oesterreich-Ungarn.)  589

—  Ülber  T  *  Lurr-Meurg

  des  #  n  W#  n

390  —  Wahlreformdebatte
392—  Nimmt  del  Fricdenssvertrag

  mit  der  Türkei  an  397.

Oert  und  Flelit.

Automobilbrillen  für  die  Truppen
  387  —  Berl  ufte  in  Tripolis
386  —  Erkundigungsfahrten  der
ausschise  374  Strandung  des

Kreuzers  „San  Giorgio“  393.

—
——  endurchwoniglichen
Erlaß  38  —Lerme  2  nig  ber
“m"ss2  t

sõs
—389  —  Kriegskredite  Vo  —
Einweihung  des  u  von

ndung
eines  o  er  89.
—  Budget  392—893  —  Annahme

des  nl  392  —
Gesetz  über  die  staatliche  Bersicherungsanstalt
  393.

-(irsemallen.

König  Biktor  Emnanuel  UI.
Auentat  38389  —  ang
Deputierten  und  Senatoren

gegnung  mit  dem  mtstzs3
naiser  391  —  Spe#
Lire  für  die  aus  der  1  —
gewiesenen  Italiener

Herzogin  Llebeng  von  Genua

#iee  Aubry  1  388.

Vizeadmiral  Faravelli  wird
Höchstkommandierender  der  Seehriträfte
  388  —  Erkrankung

*5  ofessor  Enrico  Fert  i  tritt  aus
der  sozialistijchen  Partei  aus  391.

Ministerpräsident  Giolittiüber
die  Souveränität  in  Tripolis  und
Cyrenaika

Der  Erfinder  der  drahtlosen
Telegraphie  Guilelmo  Marconi
verliert  ein  Auge  393—394.

Marquis  di  San  Hiyliane.

Ueber  die  Erziekungen
  zu  Griechenland  398  —

 

Ueber  di  1—..—  des  Dreibundes
  398—400.

3  Viale  erhält  das
Haie  mmando  der  Seestreitkräfte

Kundgeb  5  0S%  zur  Neg  dee

Konigs  Beio,  "  w  6

nahme  betr.  F  eeran

lchung?  5  391
den  Friedensvertrag

mit  der'  de  an  398.

Kanada  483,  487,  494.
Uebersicht  568.

Luremburg  412—413.
Uebersicht  560.
Mittel-  und  Südamerika

496—501.
Uebersicht  568.
478—480.

Uebersicht  588,  540,  566.

Niederlande  413—415.
Uebersicht  560.

Norwegen  419—421.
Uebersicht  560—561.

Oesterreich-Ungarn
284—314.
Uebersicht  538—542,  550—552.

—#

Erchsäen  Wlabim  #  ist
in  Wien  295  —  Knoiser  Wilhelm
in  Wien  288  —  rbchtagnoh
von  Bomben,  die  für  Tripolis
bestimmt  sind  290—291  —  Politik
des  Grafen  Berchtold  291—293
—  Berliner  *  in
Wien  295  —  Die  bulgarische

 

bgesamilials  Gäß  Gäste  des  Kaisers

in  Wien  —  Könir
Nikolous  von  Montenegro  zum
Besuch  des  Kaisers  296  —  Anregung

  eines  Meinungsoustausches
über  Zugesländnisse  on  die  Al-
        <pb n="600" />
        590

banesen  299  —  De  oe
Thronfolger  in  Wien  299  —
Ruche  ro  bei  dnd
Herchol  —  Euch

ari
Sechoe  —  Graf  Verchter
über  auswärtige  Politik  301—302
—  Besuche  von  Serbien  und  Bulgarien
  um  Durchlaß  von  Kriegsmaterial
  303  —  Finanziele  Vorbereilungen
  für  den  ieg
304—  Entwassnung  von  ziail
Soldaten  305  —  Warnung
Serbien  305—306  —  Mintlceche
Vorterriungen  308,  310  —  Der
Fall  Prochaska  309,  310,  312  —
Russische  S#lzrung  A  de  die  Forderungen
  Serbiens  311  —  Spezialmission
  an  König  Karol  von  Rumänien


Sähn.

Vollversammlung  der  ue
Abgeordneten  291  —  Beschlagnahme
  der  Memoiren  des  verdoorbenen
  inanzmoinister  Dr.  nei

ner  Frau  zum

II  297  A  usschreitungen
grcmorrhde  des  allslavischen  Sofolongreste
  —299  —  Proteste

an  n  beim  Amorsch  der
h  an  die  Grenze  312.

Cioltilhanien.
Abschaffung  von  sechs  Feiertagen
285  —  Neue  Lerrenhensminglieder
anns

287  —  Neu
des  Folenktet  ,  287  —  Verr.
vorlagen  288,  29#  —  Budgetprovisorium
  291—  Ablommen  des
Polenklubs  mitdendrei  ruthenischen
Klubs  217  —  Annahme  des  Landwehrgesetzes
  297,  298  —  Debatte
über  das  Bündnis  mit  Deutschland
  297—298  —  Interpellation
über  die  Boltonfraß  304—305
—  Budgelprovisorium  310  —
reesetrseor  12  —  Ane

  des  Albsptbeistangsgesepen
3  *êb  —  Volks  Sashhche
we  durch  den

lenne  .
Deutsches  Gumnasium  285.

 

A##b#stis##  Nsist.  (Oesterreich-Ungarn.)

ung  des  Grafen  Berche
Ülber  ngs  Poli##ik  291—
—  Interpellation  des  Grafen  *

des  Budgetprovisoriums  293—

—  Antwortdes  Kaisersauf  die  Huldigungsansprachender
  Lrültdenten.
300—301  St  edes
*—  Fie  —

n  918  305.

 

ariu
Hungerstreik  im
balssches  Sne  —Schließung
den  e  Semi-—M—


Spionage  284,  287—288,  288,

,  —  Ablehnung  Fo
derungen  des  Ministers  von  n  en·
o  —  Abbru  uch  der  Kaiserver

  300  —  uegsschissbauten

der  „Maria  Immaculata“
—  Pierdegesteckungsgesetz  312.
Krain.
ri  Lroschar  des  schof
e
Icrstdtichofs  Dr.  Feeit
EIE
Auflösung  des  Landtages  2384
—  Protesspersommlung  Studenten
  —  Schliebung  der
neen  20N  lam  285  —  Ungarn
seindliche  Demonstration  266  —
Streik  der  Mittelschulen  268  —
Suspendierung  der  Verfassung  289
—  Aees  r—  Ablieferun
ttentate  au
her  Cuvaj  Fe  305

tiedtten.
argtaguns  eigener  Silbermünzen

—

Kirchliche  Iaiertage  287  —
Wiener  Gemeinderatswahlen  291,
294  —  Beschre  srxs—
Medizinstudenten  in  Wien  295
        <pb n="601" />
        Alphebelises  Kexiler.

—Spende  des  Kaisers  FranzJoseph
an  das  deutsche  Sdemengeimin
Wien  295  —  Städtische  Beamte
Wiens  mussen  sich  zur  deutschen
Umgangssprache  bekennen
Lrgallssskunbsebung  in  Wien
—  Amtsniederlegung  2%

20%  BWrgermeeisers  Dr.
mayer  2312—313  —  Wahl  *n

früheren  Handelsministers  Dr.
asbHicchner  zum  Bürgermeister
von  Wien  313.

Veeealics.

Kais,  serHranz  Josephberustdie
Präsidenten  beider  Häuser
ungorischen  —  zur  2#n

ienz  2  dschreiben  an
den  zungrischen  Premmleeminipeer

,  Spende  an  das
—.  zdentenhe  im  in  Wien
—  Eröffnet  die  rle  ationen

in  W##  dape  —  Ansprachen
an  die  —  der  gein
300—301,  307—

Erzhe  3v  e  Seonng  Ferdinand

  Gast  des  Tan  Kaisers
239  —  Die  „Oesterreichische  Rund-*
  sein  wungebliches  Mundstück

—  Eleonora.  Berlobung


W  Ella.  Verlobung

Erzherzog  Eugen  bitet  um

*  don  seinen  militärischen

Erzherzog  Ferdinand  Karl
ue  n  naben  ausgenommen

Eeogid  Isabella  Marie.
Vermãl  —  Ehezwist  216
—  dn  239.

2.  Na-  ainer.
tene  boch
Graf  nW,o  E—  Urlaub
  284  ruf
im  „Po  polo  n  isch
  Dr.  Jesenh  Altenei


Graf  Julius  Andra

  *  2

Königlichen  Handschreibens  289.
Rriegeminister  v.  Aussenberg.

Dioman- 



erücksichtigung  des

(Oesterreich-Ungarn.)  591

Wiehwung  seiner  Ferderungen  im
Iiristerra  t  299  —  Tritt  zurlick

Zuntiug  Laena  284.
Graf  B  told  von  und  zu
Ungarschit  i#  r-  telin  185  —  Zum

auswärtigen  Minister  ernannt  285
—  Telegramm  an  den  deutschen
Reichskangler  266  —  Telegrammwechsel
  mit  dem  Fschen  zais“
wräst  denten  Kokowy,
Meinungleestausch  *
Sesiion  ean  die  Albanesen
—  r  die  Balkankrisis
N7  —  int  die  Grenzregulierung
  am  Stilfser  Joch  308
—  Ueber  die  h  ge.  auf  dem  Balkan
  —  —  Reise  nach  Rumänien
  **
mii““  Alfred  Frhr.

v.  Be
.  Ritter  v.  Bilinski  wird
Reichsfinanzminister
ert.  Eckerbauminister  Albin
1299.

„Neschehnanzminiger  ehr.  v.  Burian.
  Demission  286.
nger.  m*-  Graf  Albin

Csaky

deta  an  v.  Cuvaj  läßt
Abg.  Raditsch  verhaften  284  —
Attientate  auf  296—297,  305.
Herrenhausmitglied  JFäck  Georg
zartorhsti  31
Abg.  ro  Aeen  en  1205.
-—  8  sterhazy  nimmt  seine
–—  "  Ksh  Soergert  1300.

Dankesan
  ser  nil  8  ung
durch  das  Deutiche

r*.

8

 

d  e  um  Treu

General  *'  OllendT
Spesialmission  an  den  Wi  von
Rumänien  311  —  Wird  Generalsal.

  5  Jeglic.  A
rjibischo  eglic.  Aergerniserregende
  Brosch##  z  "  200
Eitel  an  die  Dezesongeißlichen

Ungar.  Abg.  Zulius  Justh  läßt
ch  von  der  v  der  Geheimen
Räte  streichen

Ungar.  uens  fgen  Graf
        <pb n="602" />
        592  Il  hebelises  Retister.
#buen  #beberrary  1

wieder

".  ise  g  uchn

Ungar.  Abg.  Roltatn  d  verlangt
Adresse  an  den

Pihe“  "  oi
wird  Wt  ister  311.

Stadtp#  dent  E  K  wird
Obmann  des  Polen  287.

aanea  —
v.  Lukacs.  Ernennu
Programmrede  291.

#eih  Dr.  Jolob  Minor

E-  sident  des  ungar.  Abgeordnekenhauses
  Navan  Kerreiß,  einen
Antrag  der  O#postteon.  287  —
Legt  sein  Amt  nie

ürgermeister  1#½#  eee
Aesederlegung  312—313.
mitister  rt  M.v  Noöß-!*
  re  —  Rückmitt
'  312.
ee  o  Dr.  Joseph
asso  1#  298.

Lerrreirh  v.  Schemua
tritt  zur

Abg.  Sau  dnsone  zum
Landeshauptmann  von  Krain  ernannt
  2#4.

Oesterr.  Abg.  Dr.  Sommer.

Sicherheit  des  Staates  nur  an
der  See  des  Deutichen  Reiches“

Prsbe  Ged  Stürgtt
über  die  Bolkan  .

Loh-staut

 

B  rchl  cti  hros.  Vr.  Emil  ðrida)

Sanbelsminister  a.  D.  Dr.  Weiß-—.
  Bechner.  Wahl  zum  Bürgermeister

Prinz  Ludwig  Windischgrätz
über  die  gon  Rußland  drohende

eso  n
Gr  raf  Aladar  Zichy.

Ungor
Nachgiebigieit  angesichtsdes  Königl


lichenpondschketbensst

s

 

(Oesterreich-Ungarn—Römische  Kurie.)

gsüs.
Liebesgabe  des  Gustav  Adolf-VBereins
  303.

—

Bertagung  des  Landtages  285
—  Geographentag  in
Innsbruck  295.

—
Treilbrechung.  der  Brüder  Zsilins


W—  Zurparlaimentarlichen
Lage  Parlamentoarischer
*  wegen  Geschätsrdnung
287  —  Räcktrittsgesuch  des
binetts  Khuen-Hodervary  2  284  —
s  Abgeorbnetenhaus  chichter
auf  die  Resolution  Über  die
berufung  der  W  rr-Wiederbbernahm
  me  der  Regieru
*  —  Neues  nm  h
ietum
Se  u,  m  —
Ministerium  Lukacs  290  —  Re-Abgeordnetenhauses


—  Graf  Tisza  zum  Präsidenten
des  Abgeordnetenhauses  gewählt
Stra  herlanpt  in  Budapest
  reinbarung  der
die  Wehrvorlage  und  Wahlreform
—  Annahme  der  Aeroor.
lagen  im  Abgeordnetenhaus  296,
297  —  Ausschließung  von  Abgerrdneten
  296,  297  —  Verta  ung
“““
n  Autonomie  *
un  Fbr#  serbischen
—  ewechre.
upete  n
Budget  für  1913  303  —  Militär
gegen  tre  #bgrordnee.  305

a
Gesetzentwürse  im  n  einer  Wobilisierung
  810—31

Portugal  315—317.
Uebersicht  552.

NRömische  Kurie  400—404.
Uebersicht  559.
        <pb n="603" />
        J##hshetischts  Rejiser.

Numänien  471—473.
Uebersicht  566.

Nußland  422—440.
Uebersicht  598—542,  561—662.

u——
Verabschiedun  eines  Hesondte

Grenzkommissars  425  —

über  auswärtige  —  126—123.

—  Unznufriedenheit  mit  dem  französischen

  Botschafter  Lo  —
Verhaftung  des  7  Lr

nants  Dahm  430,

nennung  4  ——  P

elin  und  eines  Gesandten  für

Cetinie  431  —  Der  deutsche  Reichs-—
  in  Petersburg  132  —  Reise
en  Katjura  432  —  Besuch

  den  schwedischen  Königspaares
13;:  ertrag  mit  der  Mongolei#
432  —  Besuch  an  Ministeenase
denten  Poincaré  432,  3  —  Die
Forderungen  Balkanstaaten
437—  su  er
der  Türkei  437  —  Untertbung
Serbiens  w0387  —  Sympathie
mit  Bulgarien  und  Rumänien  138

Toh-  rd  ·  Denlimal  in  Tauroggen

ns.
Städteverwaltung  in  Polen  422
—  Budgetrede  des  Ministerpräsidenten
  423—124  —  Rede
Ministerpräsidenten  über  Regierung
  und  Volk  424  —  Wehrpslichtresorm
  124,  431  —  Zulassung  der
Frauen  *  Advokakur  425,  429
—  Bewilligung  für  eine  Nordpolrmnt
  Geheimausgaben
des  Marineetats  85  Veriagun  ng

5henense  Snnng  43.

—□—i
Geldzaohlungen  als  Eriatz  der
Wehrpslicht  422  —  Bestrafung  der
Eurobdilcher  Meschici-tłalendet.  Lili.

 

(Rumänien,  Rußlond.)

593

Mitglieder  des  Hofgerichts  438—
439.  440.

3e.  Meerflolte  422  —

Reorganisation  der  Flotte  432  —
*5  eshasen  Reval  432  —  Meuterei

machung  438  —  EV
Flottenbrogrammꝰ  Verstärkung
  der  Ws  Flone  140.

Pension  für  Tolstois  Witwe  422
—  Berhaftung  des  füheren  Polizeichefs
  von  Kiew  422  —  Administrativhaft
  für  Studenten  122  —

llagen,  weten  Dienstverbrechen  1½
—  Abb  der  icunge  zu
der  Nee  Wrem  125  —
pesckrrubn  m  Lena-Gebiet
  425  —  Ablehnung  des
Feen  oblrechle  125  —  Demon-—
  gegen  das  bene  Hiutda
—  Staatsfinanzen  429,
s5  —  Wiederaufnahme  "464
Untersuchung  des  Niewer  Knabenmordes
  429,  130  —  Begnadigung
einer  sozialiftischen  Eugländerin
88

Fr  chulen  432  —  riee
stand  in  Kronstadt  433  —  Rück
hang  der  Joasant  u  433  —
—  Zohl  jüdischer  Auswanderer
433

Peiersburg  434  —  Dumawahlen
35,  137  —  Ssasonow  über  die
38
        <pb n="604" />
        594

neue  Lage  auf  dem  Balkan  435
—436.

Veee##ll
Zar  Nikolaus  II.  Reise  nach
der  Krim  425  —  Begegnung  mit
Kaiser  Wilhelm  in  Baltischport  431.
rocgolse.  Ulexei.
und  Eroffarstin  Nikoane:
  a  1—  381—382.
fter  adark  Dolgorucki
tritt  hn

v.  Giers  wird  Gesandter  in
Cetinj
NMinsberrrölldent  K%
Budgetrede  423—424  —  Redeüber
Regierung  und  Bolk  4%  —  D  Re·
giernoercog  anm  439—

Baron  v.  Korff-  Se
Gesandter  in  München  1,  10
elandter  Ko  zrostowes  An
verabschied

t  des  Innern  A.  A.
Makarow  tritt  zurück
Gouverneur  Nalalan  wird
Minister  des  Inne
Graf  von  der  FSötenz#n
Vonschoe  in  Berdoeer
  is  Beln  wird  Prä  i-.
  2  Duma  438.

Minister  75  Auswärtigen
Ssasonow  in  Berlin  215  —  In
Balmotal  352,  434  —  2  Paris

Tde  Über  swärtige
Politik  4  426  —  Ueber  die
e  142  euf  dem  —  435—

erander  Suborin,  Begründer
  der  „Nowoje  Wremsa“,  1  .433.

Sioatsrat  Swerwessn  wird
Botschafter  in  Berlin  4

Bonschafter  ün  .  wird
abberusen

Metropolit  Wladimir  wird
Präsidem  des  heiligen  Synods  438.

Schweden  417—419.
Uebersicht  560—561.

Schweiz  405—408.
Uebersicht  559.

 

Ilphs##riischre  Nrgisirr.  (Rußland—Türkei.)

Serbien  473—478.
Uebersicht  5388—541,  b66.

Spanien  318  -324.
Uebersicht  541,  552—558.
Türkel  441—465.
Uebersicht  638—542,  562—565.

Resormkommission  442  —  Belchwerden
  *  Malissorenstämme

—  Gärung  unter  den  Ma-Fer
  442  —  ee  .  43
—  1sräne  7,  448  —  Desertionen

—  HProgramm  der  Ausgerthe
  451  —  Konzessionen
der  Regierung  153  —  Forderungen
n  chen  464  —  Christengemetzel
  455  —  Rache  der  Monten
  kiner  455  —  Proteft  een  die

—  Regierung  464.

Ansnã
nn.  der  Filiale  der  Banca

di  Roma  441  —Italienische  Bombardements
  offeng  Städte  442.

—  Ablehnung  der

EGG  J  J—  442,  443,
444  —446  Sper-4

  5  der  1  ant  Gs,  445,
41.447—  Vremfrag  mit  Montenegro
  444  —  Englischer  Kontreadmiral
  als  Marinebeirat  444  —
Friedensvermittlung  der  Großmächte
  445  Herstellung  der
diplomalischen,  **  mit
Griechenland  146  —  Besuch  des
Khediven  von  S  14%  —
Unterhandlungen  mit  Italien  455
Veruhigende  Erklärungen  von
Lutgeren!  und  Montenegro  155  —
Proteste  Serbiens,  Griechenlands
Kollektiverklärung

  Montenegros
—  Notenaustausch  mit  den
4  n  Über  Reformen  in
Moazedonien  457,  456  —  Friedenspräliminarien
  mit  Jlalien  458  —
Forderung  der  Botschafter,  die
slüchtigen  Truppen  nach  Anatolien
        <pb n="605" />
        Alyhebetises  Rexier.  (Tũrtei.)  595

u  schaffen  4599  —  Bitte  um
wwnri  460,  465  —
8—  Ankuüpfungen  mit  Buln

  462  —  drerd  Schisi,  vor
*  n  Haidar  Pa
n  3  des
Balkanbundes  463  —  Direkte  Anknüpfung
  mit  6(#5n  n  44  Abschluß
  des  Wasfenpristandes  mit
Bulgarien,  Serbien  und  Monte- 



——
ur#ckgabe  der  Woffen  an  die
Albanesen  4411  —  Se

vadia  416  —  Minenunglück  446
—  Uebergabe  der  Truppen  auf
446—447  —  Gegen  das
Politisieren  der  Offiziere  449  —
Foriusfierende  Olsiziere  450  —
Oiffiziersliga  451—452,  453  —
Plkoien  jungtürkif  cher  Osfiziere
Oberster  Admiralitälsrat
—  8
gegen  u7  herien.
fjüziere  459  —  Panik  vor  Kirk-Kilisse
  4599  —  e  der
slüchtigen  Truppen
uchug  binter  .  1
Linie  460  usiall  aus  Adrian  ·
bl0  k  uu3
t  463  —  Abwehr  des
er  griechischen  Fuote.
die  Einfahrt  in  die  Dardanellen
zu  erzwingen  464  —  End  d  t
Garibaldilegion  464.

K#e
Uebersicht  der  Maiomalkhüreer
inisterium
2

14
sormkommission  für  A#ane  112

—  Ministerwechsel  4.

Beschwerden  der  ris:  0  ur  4
in  Mazedonien  442  —  Kammer

wahlen  143,  444—445  —  Sies

der  Jungtürken  ben.  den  Gemeinde-  J

Ivadl4-demuons
Itainmovkl  44.
rnngeazuĩtand  41  451,  151  —
Armeniches  Komitee  „Dashna

sschunn“  411.—  Vrckneinweih

#u#.
d*b- 



4  —  Belage

ung  446  —  Fortbau  der  Bagdadbahn
  446,  464  —  SVerlbeun  der
Gehälter  449  —  ererhohungen
449  —  —  149—

 

453  —  Exntschädigung  der  Opfer
des  Semeeels  in  Kotschana  453,
45  altungen  im  Nien
  15  —  Drusenaufstand
—  Wohnort-entlanqu  455
—  4  ieemen  für  Mazedonien  457
—  Die  I1s  ““  3  als
Bollwerk  Pnsas  460  —
„Rein  heiliger  Krieg“  —  Maßtegeln
  gegen  die  8  163.

gaunen  a  rgurhn
441  —  Ers  durch  Thronrede
  415  —  Pehen  9
—  Arbeitsprogram  n
gegen  Pablisheen  4us  44

—  Budget  andatsniederlegungen
  #  manenzerklärung

  452  —  #e  en  die  O  ·
füniersliga  452  —  asin  ung
#n  Negierungprogom  m  452—
453  den  Awiegeminiser
zur  Ler-PerbdengG  453  —  Vertagt
  sich  454  —  Wird  aufgelöft
451.

rria.
Note  der  Schunmächte  443  —

Angliederung  an  Griechenland  413,
144.

V#rsenalies.

Sulton  Moha  mwedg,  Spende
an  die  Namilien  der  Gejallenen
442  —  sseerann  in  den  Wildiz-Palast

  4
kr  Prinz  Nussuf
Sebin  Reise  nach  Wien  8

Exin  u  at
llkbrrtulsruuq  nach  Konstantinopel

59,  1600.

Gencral  Abdullah  Pascho.
Wird  Oberstkommandierender  156
—  Des  Kommandos  enthoben  457.

Gencral  Ajis  Pascha,  eguptischer

ZN
        <pb n="606" />
        596  Jlphetriisces  Mrrisrr.  (Türkei—VBereinigte  Staaten  von  Nordamerika.)

FSenu  #nbitter  der  Panik  vor

Skei  %  Gouverneur  von

hazi  Ahmed  Mukthar.
Großwesir  451  —  Demission  459.
Minister  a.  D.  Halil.  Vorsitzender
  des  zut  für  Einheit
  und  Fonschritt  —  Kamk
  t  .
mal  Bey.  Provoisorischer
#—1  von  Albanien  —P

üpft  Friedensbesorechungen
mit  Bulgaren  a
Für  nea.  Hesis
Esendi.  Wird  ermorde
Mahmud  Nn  4%.
Lehnt  Gieeminiseriu  ab  450
—  Wird  Marineminister  461  —
An  der  chataldscha  ·  Linie  verwunde

  et
d  Schewket  Pascha.
nüchier  vom  Kriegsministerium

Malim  Pascha.  Wird  Kriegsminister
  451  —  Wegen  Begünstigung
  der  Ofsgeierelige  verantwortlich
  gemacht  453  —  Läßt  jungtürkische
  Offiziere  verhaften  453  —
Uebernimmt  den  Oberbefehl  der
Ostarmee  459.

Senator  Noradunghia
Vird  Minister  des  Ess

½6%  Idriß.  Landung  an
der  Küste  Jemens  442,  444.

Said  Toicha.  Rekonstruiert
bein  Ministerium  441  —  Demission

n

Ermordung  des  Fürsten  441  —.
Von  den  Jiolienern  beien  115
Landung  kretischer  Freischärler  5
—  Frucht  des  Fürstsionhal#ers  457.

Venal.
Für  Kammerauflösung  441  —

Gesey  gegen  das  Politisieren  der

 

Offsiziere  150  —  Versuch,  die

nammertagung  abzuschließen  153.

—————1  —
Verlust  der  9  aresch
-angri

Derna  und  —  *8  er.
lußt  der  Oase  Sanfur  448  —  Verlust
  von  Sidi  Said  449.

Vereinigte  Staaten  von
Nordamerika  483—495.
Uebersicht  542,  566—567.

Einverkändnis  mit  Deunshlan
ober  Integrität  Chinas  481  —
Keine  Interoention  in  (Mepiko  484,
tzergreifung  der
Palimorainsel  484  —  Schieds-Lerichssvertröge,
  —  mit  Großbritannien
  und  Fran  —  Beuur
  ruhigung  rt  die  Japaner  in
oalenene  486,  487,
Krine  Garantie  für  die
Finonzen  von  Honduras  und  Nikaragua
  467  —  Truppenlandung
auf  Kuba  487,  488  —  Besuch
beusschen  Fis  488,
—  Panamakanalbill  492.

—

Germa  anischeo  ut  seum  der  Harvard
  Universität  488  —  Ureeil
über  die  deutschen  Bürger  489.

d####  Flotte.
“–ies
wgenkung  des
„Maine“  1180—Fört  von  Dreadnoughts
  492.

Irnerts.
Streiks  483  —  Staatliche  Kontrolle
  des  r!—  und  Teleesens
  —  „Staat“  Ari  ·
ona  484  —  Lynchgerichte  464,  494
—  Revision  des  Zolltariié  485,
—  Vorgehen  gegen  Dampferlinien
  484,  466  —  Seerechtsdeklaration
  486  —  Abschaffung  des
Handelsgerichtshofes  487—Widerruf
  der  Erteilung  der  Bürgerrechte
7  —  Amendements  zur  Versassung
  487  —  Achlstundenarbeit
  bei  Megierungslieferungen.

 

4½96  utobanditen
Statistik  der  Wahlberechtigten  #
        <pb n="607" />
        Ilphebetischre  Neriser.  (Bereinigte  Staaten  von  Nordamerika.)  597

—  Riepublikanisches  Nationalkomitee
  488,  4  —  Fnorarische
Nationalkonve#n  #0  —  totnne
  191—42  —

en.  att  Newyorker  Tothei
491.4  —  Bekräftigur

4  43  491  —  1t
ang  der  w  zucht  492—498  —
*  EWHi  494  —  Stoateaben
  494  —  Ausschluß  d
—*  von  der  Ein#der

saenalicn.

Generalmajor  des  panamerikanischen
  Bureaus  Barett.  Komplott
  zur  Intervention  in  Mexiko

#dmiral  Robley  Evans  1.483.
Bürgermeister  Gaynor.  Rede
zu  Eben  der  deutschen  Flotte  489.

 

Votschafter  Whitelaw  Reid  1
58.

TgeMoeve.  Kandidat
zur  Fsheuuche  aft  483.  —487
ründet  eine  neue  Partel
deggart  Parteiprogramm  491
—  Attentat  493.
Stelident  Bae  Schoolane
  e  488.

ie  Kafl.  Botschaften
den  Kongreß  „  465,  487,

ng  «
494495  —  Rede  Lege-I  Roosevelt
  486—1  erzeichnet
iN“  492  —  Atientat
  4#  mmt  Prosessur  an
der  *2  kaen  en  495.

ulon.  ggun

ndigt  e  an  494.
Flieger  Wilbur  Wright  1  468.

Senator  Loriner.  Berliert

mndat  490.
..  zzk
Stadtbawere:

Allons
        <pb n="608" />
        <pb n="609" />
        Ostar  Jãger

Deutsche  Geschichte

3.  Auflage  (7.  bis  10.  Tausend)

Zwei  Bände  mit  220  Abbildungen  und  15  historischen  Karten.
Jeder  Band  in  Leinwand  geb.  M  7.50,  in  Liebhaberband  M  10.—

Aus  den  Urteilen:

.Mehr  geschichillche  Bildung  #ut  unserer  Zell  gut  und  dazu  können  Bücher  von  dlltorischem
  und  pollulschem  Wen  fraundliche  Dlenste  lellten.  Ein  solches  Buch  ist  dle  Deutiche
Gbeschichte  Oskor  Jägers.  In  dielem  Werke  bilcken  wir  in  eine  Vergangenhelt,  auf
welcher  die  Gestoltung  unserer  Gegenwart  ruht;  wir  trelben  hier  Geschichte  unter

Denn  Jäger  kennt  das  Geschehene  nicht  mn:  er  begleitet  auch  das  bunte  Gewir
der  vergangenen  Ereleniste,  Gestalten  und  Meinungen  mit  mämntlcher  Tellnahme
und  weib  die  großen  Geslalten  und  groten  Ideen  zu  Unden  und  eindrucksvoll  darzulietlen.“
  Wirtlicher  Gehelmer  Nat  Dr.  üboll  Matthlas  (Berliner  Tageblatt).  —
„dles  Wert  Ut  das  Uberarische  Testament  eines  hochverdlenten  Celehrten  und  heischt
—#  Aufnahme,  aber  es  Mi  auch  wirtlich  in  seiner  ganzen  Abrundung  und
nilerischen  Geltaltung  des  Nlelenstosses  ein  Melsterwerk.“"  Gum  ue
r*  a#llred  Blese  (doblenzer  Zeltung).  „Was  man  hier  vor  sich  hat.
völlig  ausgereiste  Frucht  einer  in  jeder  ue  abgeflärten,  von  eblem  Fh  19
die  Sache  des  Deutschlums  beleelten,  von  souveräner  Beherrichung  des  Stolses
zeugenden  Denkarbell.“  Prokellor  Dr.  W.  Martens  (Frankiuner  Zeilung).  —
„Jäger  dat  mit  dielem  Vermächmis  mehr  gesan,  als  den  vlelen  berelte  vorhandenen
Erzéhlungen  von  der  Geschichte  der  Deuilchen  eine  neue  hinzugefügt:  sein  #ug#mdk##ches
  Mterswert  bringt  unferem  Voke  dle  Erfüllung  eines  von  seinen  Bellen  lange
vergebilch  gehegien  Wunlches.  elne  nach  Inhalt  und  Fo#m  gleich  wertvolle,  wistenschasilich
  begründele,  oolkstümllch  geschrlebene,  allumsassende  und  doch  nicht  überlodene
  Darstellung  der  deullchen  eEeichichte.“  Prol.  Dr.  Karl  Berger  (Deuische
Zellung).  —  „Das  Buch  verbindet  wllsenschafiliche  Zuverläsllgkell  mit  volstümlicher
und  doch  gewähler  Schreidwelse  und  trillt  in  der  Nuslsuhrischkelt  mit  wlrklich
grobem  Geschick  die  rechie  Mitte.“-  Liter.  Zentralblatt.  —  Dos  Buch  erschiietzt
well  mehr  aln  nur  die  volltüche  deuische  Geschichte:  es  führt  uns  den  gesamien  Werdegang
  der  Nation  vor  und  silcht  im  gegebenen  Moment  auch  Erkune  auf  die  Geblete
von  Kunst  und  Wiltenschaft.  Rellgion  und  Dichtung  und  das  kultarelle  und  sozlale
Leben  Überhaupt  ein.“  Baseler  Nachrichten.  —  „Dom  ersten  Kopltel  seines
Hrächilgen  Buches  ble  zum  leyten  zeigt  der  Verlasfer,  wie  der  Gang  des  polltichen
Lebens  in  Wechselwirkung  sieht  mlt  der  Eirwirkung  des  gelsilgen  und  zriri
lichen  Lebens  unserer  Nalslon.“  Allgemeine  Deuliche  Lehrerzellung.
edel  volkstümliche  Deuicche  Geschlchte,  die  Leben  zeugen  wird.-  Kölnische  einnn

 

 

C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München
        <pb n="610" />
        Alfred  Biese
Deutsche  Literaturgeschichte

Erster  Band:  Von  den  Ansängen  bis  Herder.  Sechste,  durch.-gesehene

  Auflage  (23.  bis  26.  Tausend).  Zwelter  Band:  Von  Goethe

bis  Mörike.  Fünfte  Auflage  (18.  bis  22.  Tausend).  Dritter  Bond:

Von  Hebbel  bis  zur  Gegenwart.  Iluste  Auflage  (18.  bis

22.  Tausend)  „me  Band,  mit  olelen  Slen.  t  Leimwand  geanden
  Mö.50,  in  Liebhaberband

Aus  den  Urtellen:

Schöne  M.  dab  das  Werk  durchg##nolg  den  Charakter  Nuhe  u

Nete  uns  datz  mon  ungends  merkt,  dab  es  einer  onendt  Tätgtelt  ab.

erungen  werden  mutzte.  Ich  sand  in  dem  letzten  Bande  besonders  kräsusg  dle  delden
Cbaraltersge  hervortreten,  die  nach  melner  Meinung  das  Buch  vornehmlich  auszeichnen:
  vor  allem  versteht  der  Vew##ass#zu  erzählen,  er  läht  die  Sache  mit  voller
Unmitielborkell  durch  lhre  eigene  Kraft  wirken,  lteilt  sich  nicht  mit  jubsektioer  Ke.
Nerlon  zuilchen  den  Leser  und  den  Gegenstand.  So  #  es  3.  B.  ein  wahrer  Genut,
leine  Dalllellung  Storms  zu  leien  Ferner  aber  schäde  ich  desonders  die  Gerbindung
einer  grotben  Welte  bes  Gelschiskrelles  milt  einer  charakter#llen  Gellmung.  So
zwelsle  ich  nicht  an  elnem  chnen  und  dauernden  Erfolge  den  Wertes:;  letzt,  wo
es  ols  Gaonzes  vorllegt,  wl#d  es  erst  recht  zur  Mietong  kommen  ..  Unio.-rof.
Dr.  Nudoll  Eucen.  Jend.  —  „In  den  letzten  Johren  Und  sa  mehrere  vopuläre
Lierturgeschichten  erschienen.  Bilesen  Heilliung  stehl  hoch  über
a##iligen  Büchern.  Wie  der  Fachmonn  viele  lener  Wertke  soll  Nur  verurfellen  kann.
so  bart  er  der  Arbelt  Bleies  lich  ehrlich  freuen.  Möge  es  ihr  gelingen,  jene  verfehlten

Deuische  Lileralurgeschichte  von  Mllred  Biele  aus.  Für  dle  heranreisende  Jugend
kann  ich  mir  kaum  elne  bellere  Dar##lellung  denken.“  Unilo.-Prof.  Dr.  Aug  u#st
Sauer,  Prag  (Cnen.  Nundschau).  —  „Feinlinn  und  maßzvolle  Sachlichkett  in  an-#sprechendem
  Gewande  —  diele  Eigenschaflen  lailen  mir  Bleses  Buch  zur  Einführung
und  bäuslichen  Letlüre  geelgneer  eilcheinen  ols  legendelne  der  mir  bekannten  bisherigen
  L##eraturgelchichten.“  Prosellor  Dr.  Unger  (Jahresbericht  für  neuere
deuische  Liieraturgeschichte).  —  „Jeßt,  wo  der  diltte  Band  die  Erwamungen  vollaul
ersullt,  die  wir  nach  den  beiden  erllen  auf  ihn  senten,  dürfen  wir  uns  der  Klarbek.
der  Gerechtigkell,  des  tlesdringenden  Ver##ondnisses,  des  bescheiden  licheren  Urtells
und.  was  nicht  das  Gerinote  #l.  der  künstierischen  Gestollung  dleses  großhügigen
MWertes  von  ganzem  De###en  freuen,  können  es  als  eine  natlonale  Gade  voll  wahren
und  warmen  Lebens  denen  empfehlen.  für  die  es  wohl  in  erfter  Nelhe  befälmmt  Ill:
dem  deulischen  Haule  und  der  deuilchen  Jugend.“  Artur  Brausewetter  (äg.
liche  Rundichau).  —  „Mehr  als  irgendeine  ondere  deuische  Llteraturgeschichte  lüngier
  Zen  möchte  ich  dlese  empfedien.“  Dr.  Oilo  Hauser  (Fricks  Danbfalelogbs.  —

Ich  möchie  das  Werk  als  einen  neuzelilichen  Ullmar  bezeichnen.“'  Der  Türmer.

 

 

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

 

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        Vor  kurzem  ist  erschienen:

Dr.  Nobert  von  Pöhlmam
o.  Professor  der  alten  Geschichte  an  der  Unk#e#fität  Mänchen

Geschichte  der  sozialen  Frage  und  des
Sozialismus  in  der  antiken  Welt
Zwelte,  vermehrte  und  verbesserte  Auflage  der  lttcne  De  antiten

Kemmunismns  und  Sozlalls

Zwel  Bände  (XIII,  610  Selten  und  X,  644  Seiten  8°)
Geheftet  M  26.—,  in  Halbfranzband  M  30.—
Pdhlmann  (eine  aulaase  vorurtellsfrel,  mit  wahrhaft  hisiorischem  Sinn  1.
—*  newinnt  der  Leser  aus  seinem  Buche  nicht  blotz  reiche  Belehrun
mehr  heiben  will,  p  rb*  —  Förderung.  Sein  Such  en  mesen#t  *

 

 

 

 

22  erzlehlichen  Es  übt  aul  den  modernen  Staatsbürger  —*  e
nicht  einselllg  in  geschich  %  6  Alchteine
  läulernde  Wichne,  x  L  L  lich
monumentalen  MW  nicht  w  orm!  r—  niohien  werden  bong-  Dr.  Otto
Schultheh  Meue  indend  —i  „Möge  das  gehaltvolle  und  für  die
böchst  bedeulsame  Werk  auch  Hiem  durch  Sr  uon  Srnh
Vereinen  und  cesellschalten  aller  Art
leine  wohllärlge  Wirkun  D
an  der  Litero#ur  2n  v  d  des  Sien  rn  Der  Sioatsromane  gebhm
—  vortreillichen  Wert  Pohlmanns  eln  #——  nder  latz.“  Dr.  bans  Sent
(Kölnicche  —mii  —  „Das  Wert  #  —  als  politliches  Lehrbus#

zeichnet  werden.  (Pisterisches  3#-broud

 

Dr.  Nobert  von  Pöhlmann

o.  Prosessor  der  allen  Geschichte  an  der  Unloersliät  München

Aus  Altertum  und  Gegenwart

Erste  Neihe:  Zweite,  umgestaltete  und  verbesserte  Auflage
1911.  V,  438  Selten  86°  Geheftet  M  7.—,  gebunden  M86.—

Inhalt:  Deas  Haslische  Altertum  In  seiner  Dedeutung  für  die  pollillsche  Ersiehung
Staatsbürgers  —  Zur  Methodil  der  Geschichte  des  Alteriums  —  Zur
ie  Woh.

Eriechiichen  cbeichichte  —  Zur  Kulilk  von  Mommsens  Tarktellung  der  **  Katten.
zell  —  Nankes  Wellgeschichte  —  Eine  Wellgelchichte  auf  geographlscher

—  Theodor  Mommien  —  Le-  e  bürgerlicher  und  sozlallullscher  W—  —
—  Das  „iechnijche  Jahrhunde

zaeie  Neihe:
1911.  V,  322  Seiten  8°  Eeheftet  M  6.—,  gebunden  M7.—

Inbaite  1.  Das  Sokratesproblem  —  I.  Tiberlin  Gracchus  als  Sozlalresormer  —
mi.  .„An  Cölar:  ber  den  Sioact“  —  Ein  Beltrag  zur  Geschichte  7  entten  Publi  ·
28  —  IV.  Die  Setchlähe  der  Erlechen  und  das  neungehnte  Johr#

 

 

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München
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        August  Heisenberg

Prosessor  der  mittel.  und  weugriechlihhen  Phllologte  an  der  Unlverstät  München

Der  Philhellenismus
einst  und  jetzt
IV,  40  Selten  klte  Steif  geheftet  M  —.80

Die  oben  genannte  Schrift  ist  die  Veröffentlichung
eines  im  Dezember  1912  gehaltenen  Vortrages.  Sie  will
nicht  neue  wissenschaftliche  Resultate  bringen,  sondern
wendet  sich  an  die  breite  Offentlichkeit  mit  dem  ausgesprochenen
  Zweck,  den  Griechen  von  heute  Freunde  zu
gewinnen.  Denn  der  Verfasser  ist  der  Uberzeugung,  daß
das  heutige  griechische  Volk  unserer  Sympathien  ebenso
wert  sei  wie  jenes,  dessen  Freiheitskämpfe  den.  Philhellenismus
  schufen.

Aus  den  Urteilen:

„Es  muh  eln  prächtiger  Vortrag  gewesen  sein,  als  diese  herzwarmen
Worte  auch  noch  hörbar  dahinströmten!  Wir  erleben  das  Elend  der
Griechen  unter  der  Türkenherrschaft  förmlich  mit  und  wie  freuen  wir
uns  über  ihr  todcomutiges  Ringen  um  die  Freiheit!  Freilich,  daß
die  griechische  orthodore  Kirche  lie  vor  Verzweislung  und  Selbstmord
bewahrte,  leuchtet  uns  im  Hinblick  auf  die  früheren  Zeiten  nicht
recht  ein,  und  Schuld  daran  i#st,  daß  wir  vom  Miltelalter  Griechenlands
  so  gut  wie  nichts  wissen.  Prächtig  ist  der  elnstige  Widerhall
dleser  Bewegung  in  Deutschland  geschildert,  und  der  Zornesausbruch
des  Antors  über  die  Gleichgültigkeit  in  der  Gegenwart  ist  geradezu
zündend.“  Bayerische  Staalszeitung.  —  „Der  außerordentlich
klare  und  fesselnde,  von  warmer  Begeisterung  für  den  Gegenstand
erfüllte  Vortrag  schliebt  mit  dem  Hinweis  darauf,  daß  gerade  deutsche
Bildung  und  Sprache  in  den  letzten  Jahren  immer  mehr  Fuh  in
EGriechenland  falssen:  „Die  Herzen  der  GEriechen  fliegen  uns  entgegen:
  sorgen  wir,  daß  wir  sie  lieblos  nicht  verstoßen!“  Osnabrücker
  Zeitung.

 

 

C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

 

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