—  9

eben  nicht  mit  der  nötigen  Widerstandskraft  gegen  die  Schein
bildung,  den  Bildungsschwindel,  der  schließlich  zum  Selbstmord
unseres  angestammten  elsässischen  Deutschtums  führen  muß.
Das  hängt  aber  mit  dem  gesamten  deutschen  Bildungswesen
  zusammen.  Die  elsässischen  höheren  Schulen  sind  denen
in  Alt-Deutschland  in  allen  Stücken  nachgebildet.  Aber  diese
selbst  sind  undeutsch,  indem  sie  auf  die  Muttersprache  zu
wenig  und  auf  fremde  Sprachen  ein  viel  zu  großes  Gewicht  legen.
Das  Französische  besitzt  auf  allen  höheren  deutschen  Schulen
ein  Bildungsmonopol,  indem  es  nicht  Wahlfach,  sondern
Pflichtfach  ist.  Ich  halte  die  Einrichtung  in  unserem  Nachbarland
  Frankreich  in  diesem  Stück  für  viel  vernünftiger,  dort  sind
das  Deutsche  und  Englische  nicht  Pflichtfächer,  sondern  Wahlfächer.
  Wir  sollten  es  mit  dem  Französischen  gerade  so  machen.“)
Man  muß  das  Gute  hernehmen,  wo  man  es  findet.  Ich  halte
es  für  einen  großen  völkischen  Schaden,  wenn  irgend  eine
fremde  Sprache,  neue  oder  alte,  bei  uns  ein  Bildungsmonopol

gegenüber,  die  das  Banner  eines  unfruchtbaren  Protestes  hochhalten
zu  müssen  glaubt,  die  nach  französisch  gesti  rten  Jahreskommers
ihren  dreimaligen  Rundgang  um  das  Kleberdenkmal  macht,  und
ale  deren  Gast  Moris  Barres  *2  seine  grundverkehrten  Anschauungen
  über  das  Elsaß  bildet.“  an  fragt  sich  unwillkürlich:
Sind  denn  Heil=  und  Arzneiwissenschaften  etwas  französischeres
als  die  anderen  Wissenszweige,  die  aus  unseren  Hochschulen
gelehmn  werden?"  Wenn  man  die  Erklärung  für  die  von  Prévt
ezeugte  Erscheimmg  aus  diesem  Wege  nicht  zu  finden  vermag,
wird  es  vielleicht  erlaubt  sein,  sich  die  Tatsache  so  zurecht  zu
legen:  Es  studiert  mancher  Arzpeiwissenschast,  dessen  Barschaft
zum  Ankauf  einer  Apotheke  nicht  langt.  Und  mancher  Arzt  zieht
vielleicht  die  Kundschast  der  oberen  Zehntausend  vor  und  hält  es
darum  für  zweckmäßig,  sich  ihnen  sprachlich  anzubequemen.  Ich  hatte
einst  aus  dem  Gymnasium  einen  Freund,  Bauernsohn  wie  ich.  Von  dem
habe  ich  auf  der  Schulbank  und  in  der  Studentenzeit  nie  ein  deutschfeindliches
  Wort  gehört.  Als  er  nach  seiner  Staatsprüfung  noch
auf  einige  Zeit  nach  Paris  gieng,  dachte  ich  mir  weiter  nichts  dabei,
sondern  nahm  an,  er  wolle  seine  Studien  auf  vier  oder  fünf  deutschen
Hochschulen  noch  durch  die  französische  Heilwissenschaft  ergänzen.
Er  ließ  sich  dann  in  der  Hochburg  des  Bildungsschwindels  als  Arzt
nieder,  verheiratete  sich  und  zeigte  mir  nach  einem  Jahr  die  Geburt
einer  kleinen  France  an.  Ich  win  nschte  ihm  dazu  viel  Glück  und
sprach  dabei  die  Keffnang  aus,  ihm  nächstes  Jahr  auch  zu  einer
lleinen  Russie  Glück  wünschen  zu  k  nehl  damit  der  Zweibund  in
seinem  Haus  vollständig  sei.  Seither  habe  ich  nie  wieder  etwas
von  ihm  gehört,  kann  also  nicht  sagen,  5%r  ich  abeese  Hoffnung  ersüllt
hat  oder  nicht.  —  Doch  eben  höre  ich,  6  hochweise  Standesamt
  zur  Unterstützung  der  Reklame  *  Sdan  der  Vorgesetztei
den  unverdächtigen  Namen  Franzisla.  eingetrapen

*)  Statt  dessen  verlangt  jetzt  umgekehrt  die  apice  Lehrerund
  Lehrerinnenwelt  Erhebung  des  Frangösischen  an  den  Seminaren
aus  einem  Wahlfach  zu  einem  Pflichtfach,  um  durch  Salonsähigkeit
bei  den  Bildungsschwindlern  das  Ansehen  ded  Standes  zu  heben.