—  10  —

genießt,  sodaß  man  ohne  sie  keine  deutsche  Staatsprüfu
machen  lann.  Gewiß  sind  fremdsprachliche  Kenntnisse  vielfa
unentbehrlich,  ein  notwendiges  Ubel.  Deutschland  muß  imstande
  sein,  die  Kulturentwicklung  aller  anderen  Völker  auf
allen  Gebieten  verfolgen  zu  können.  Dazu  ist  aber  das  Bildungsmonopol
  einer  einzelnen  Sprache  nicht  nur  nicht  nötig,  sondern
geradezu  schädlich,  indem  dadurch  andere  Kulturen  uns  unbekannt
  bleiben.  Ich  denke  dabei  besonders  auch  an  diejenigen
unserer  germanischen  Brudervölker,  deren  Sprachen  wir  obendrein
  in  ebensoviel  Monaten  lernen  könnten  als  Französisch  in
Jahren.  Der  deutsche  Unterricht  müßte  so  erteilt  werden,  daß  er
Liebe  und  Begeisterung  für  unsere  Muttersprache  erzeugte.  Und
wo  mehrere  fremde  Sprachen  gelernt  werden,  muß  dies  in  der
Reihensolge  ihrer  Verwandtschaft  mit  der  deutschen  geschehen
nach  dem  pädagogischen  Grundsatz  „Vom  Bekannten  zum  Unbekannten“,
  also  z.  B.  Englisch  vor  Französisch,  wobei  die  Verwandtschaft
  der  neuen  Sprache  mit  unserer  Muttersprache  als
Gedächtnishülfe  reichlich  auszunützen  ist,  schon  um  das  Denken  anzuregen
  und  geisttötendem  Vokabellernen  und  bloßer  Dressur  aufs
Sprechen,  etwa  nach  Oberkellneridealen,  möglichst  zu  steuern.“)
Doch  diese  Gedanken  gehören  nicht  hierher,  sondern  aus  den  Weimarer
  Deutschen  Erziehungstag,  dem  ich  dieses  Jahr  folgenden
Drahtgruß  gesandt  habe:  „Begrüße  Ihre  Bestrebungen  als  einziges
  Rettungsmittel  für  unser  von  welschem  Bildungsschwindel
bedrohtes  elsässisches  Deutschtum“.  Dort  müßte  das  Elsaß  dem

anzen  Deutschland  als  abschreckendes  Beispiel  vor  Augen  ge
gaften,  der  Bildungsschwindel  also  zuerst  in  Altdeutschland
angegriffen  werden.

Der  Bildungsschwindel  der  geschilderten  aus  den  unteren
Ständen  emporsteigenden  Schichten  würde  unterbleiben,  wenn
im  Lande  nicht  eine  aus  früherem  Bildungsschwindel
hervorgegangene  obere  Bevölkerungsschicht  vorhanden  wäre,
die  bereits  das  Französisch  als  ihre  Muttersprache  betrachtet.
Ich  unterhielt  mich  vor  kurzem  mit  einem  Amtsbruder,  der  in
dieser  Lage  ist,  und  der  meinen  Aussatz  gegen  den  Bildungsschwindel
  in  der  „Deutschen  Welt“  gelesen  hatte.  Ich  erwartete
gereizten  Widerspruch,  fand  aber  zu  meinem  großen  Erstaunen

*)  Wie  ich  das  meine,  gedenke  ich  demnächst  in  einem  Aufsatz
.Sprachvergleichung  alo  Gedächtnishülfe“  auszuführen,  den  ich  für
Reins  Enzyklop.  Handbuch  der  Pädagogik  Bd.  VII  übernommen
habe.  Ubrigens  habe  ich  das  Meiste  schon  im  Maltre  Phonétique
1903  Nr.  11  gesagt  („Über  Ausnutzung  der  Verwandschaft  zwischen
Fremdsprache  und  Muttersprache  im  Anfangsunterricht.')  —  Wenn
man  übrigens  in  der  halben  Zeit  eine  Sprache  lernen  kann,  die  von
Über  150  Millionen  gesprochen  wird,  ist  schwer  einzusehen,  warum
man  lieber  mit  der  doppelten  Arbeit  die  geistige  Verbindung  mit
50  Millionen  Menschen  suchen  soll.