—  ½

ist  aber  oft  stark  verwischt  und  das  lateinische  gelehrte
Wort  ist  neben  dem  Volkswort  mit  anderer  Bedeutung
neu  eingeführt,  z.  B.  examen  ueben  essaim.  Einem
Nichtfranzosen  ist  es  natürlich  schwer,  die  Schwierigkeit
  zu  beurteilen,  die  der  französische  Wortschatz  jedem
französischen  Kind  bietet.  Ich  habe  aber  aus  dem  Mund
eines  französischen  Gelehrten  und  Pädagogen  selbst  ein
Klagelied  darüber  gehört.  „Wir  brauchten  ebenso  gut“,
sagte  er,  sinen  französischen  Sprachverein,  als  Sie  einen
deutschen““).  Bei  den  zahllosen  Fpndre  Pngrr  iechischen
Ursprungs  ist  übrigens  die  Sache  auch  en  Nichtfranzosen
  klar.  Wir  sagen  z.  B.  ansch  ü  Jedes
Kind,  das  dies  Wort  zum  erstenmal  hört,  weiß  sofort,
es  ist  ein  Ungeziefer  auf  den  Reben  gemeint.  Der
Franzose  sagt  „phylloréra“.  Was  kann  sich  das  französische
  Kind,  das  sich  weder  bei  phyllo  noch  bei  zréra
was  denken  kann,  darunter  vorstellen?  Wie  oft  muß  es
das  Wort  wohl  hören,  wie  oft  für  verkehrte  Aussprache
und  Verwechslung  berichtigt  werden,  bis  das  Wort  endlich
  sitzt?  Wie  viel  leiser  geistigen  Rraft  verpufft  dabei?
Wer  genug  Griechisch  kann,  hört  die  Bedeutung  „Blatttrockner“
  sofort  aus  dem  Klang  heraus;  aber  was.  hilft
das  dein  französischen  Kind?  Oder  greifen  wir  aus  den
zahllosen  Beispielen  französischer  Sprachverhunzung  durch
die  französischen  Gelehrten  ein  anderes  heraus.  Das
„Heimweh“  nennen  die  Franzosen  nostalgiog.  Nun  haben
sie  allerdings  noch  andere  —  algies  zum  Vergleich,  z.  B.
névralgie,  aber  was  ist  ihnen  „nost  —7  Wer  natürlich
aus  dem  Aufang  von  Homers  Odyssee  den  griechischen
Ausdruck  „noston  hetairon“,  die  Heimkehr  der  Gefährten,
im  Gedächtnis  hat,  für  den  ist  das  Wort  durchsichtig.

*)  Deuselben  Herrn  fragte  ich  auch,  was  er  von  der  Behauptung
  halte,  ein  deutsches  Buch  sei  besonders  schwer  zu  lesen,
weil  viele  Ausdrücke  dunkel  und  zweideutig  seien.  Darauf  erwiderte
er:  „Ich  kenne  diesen  Vorwurf,  der  der  deutschen  Sprache  gemacht
wird,  sehr  gut.  Ich  glaube  aber,  er  wird  in  den  meisten  Fällen
auf  umgenügende  Renntnisse  zurückzuführen  sein,  und  wo  er  wirklich
berechtigt  ist,  da  scheint  mir  der  Grund  im  schlechten  Stil  zu  liegen,
die  Frage  ist  also  eine  Stilfrage.“  —  .Damit  treffen  Sie“  antwortete
ich,  „allerdings  einen  sehr  wunden.  Punkt  unserer  Sprachpflegc.
Welche  Sorgfalt  verwenden  Ihre  Schulen  auf  einen  anten  Stil.
und  wie  sorglos  sind  die  unseren  in  diesem  Punkt!  Durch  das
langjährige  Latein  und  Griechisch  auf  unseren  Gynmasien,  besonder
durch  die  Übersetzungen  aus  dem  Latein,  verdirbt  der  deutsche  Stil
unserer  jungen  Leute  vollkommen,  und  nirgends  wird  ein  Gegengewicht
  dagegen  geboten,  und  doch  wäre  es  so  leicht  zu  machen
durch  Hinweis  auf  das  gute  Vorbild  unserer  Volkomundarten,  an
denen  unsere  vielfach  verbildete  Schriftsprache  genesen  könnte.“