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Die  französische  Rechtschreibung  sucht  allerdings  durch
eine  Schreibung  nach  dem  wirklichen  oder  vermeintlichen')
Sprachstand  früherer  Zeiten  diese  Blöße  zuzudecken.  Das
hat  aber  zur  Folge,  daß  der  französischen  Jugend  dadurch
eine  ungeheure  Last  aufgeladen  wird,  und  die  Erlernung
dieser  „Recht"schreibung  tatsächlich  fast  alles  andere
verschlingt.

Aus  den  lateinischen  Wörtern  campus  Feld  und
cantus  Gesang  haben  Italiener  und  Spanier  beide
campo,  canto  gemacht,  die  Franzosen  aber  haben  beides
zu  schan  zusammengeworfen.  Nun  schreiben  sie  aber
nicht  dieser  wirklichen  Entwicklung  ihrer  Sprache  gemäß,
sondern,  wie  wenn  sie  die  Wahrheit  vor  der  Welt  nicht
sehen  zu  lassen  wagten,  schreiben  sie  champ  und  chant
und  quälen  ihre  Kinder,  ihnen  diese  Vorspiegelung  falscher
Tatsachen  nachzumachen“).  Wahrlich,  wenn  wir  für  unsern
Gebrauch  unter  den  romanischen  Sprachen  eine  herauswählen
  müßten,  die  französische  käme  zuletztin  Betracht!“)

Was  nun  die  vielgepriesene  Hein  eit  und  vornehme
  Wohlanständigkeit  der  französischen  Sprache
anbelangt,  so  möchte  ich  ein  Lehrgespräch  mitteilen,  das
ich  vor  einiger  Zeit  mit  einem  Schüler  geführt  habe,  den
ich  früher  im  Englischen  unterrichtet  hatte,  und  der  nun
anderswo  das  an  unsern  Schulen  unerläßliche,  oder  vielmehr
  unerlassene,  Französische  nachgehort  hatte.  Ich  tue
es  auf  die  Gefahr  hin,  daß  meine  Leser  sich  über  die
Ungehörigkeit  solcher  Lehrweise  im  Munde  eines  Pfarrers
entfenenn:  meine  Bildung  hat  so  wie  so  bereits  so  viel
auf  dem  Kerbholz,  daß  es  nun  auf  eine  Kerbe  mehr  oder
weniger  nicht  ankommt.  Also  ich  wollte  meinen  Schüler
in  seinen  französischen  Kenntnissen  prüfen.  Ich  legte  ihm
A.  Vinet's  Chrestomathie  francaise  Bd.  I  vor  und  schlug
darin  von  Ungefähr  S.  305  das  Lesestück  Le  chameau

*)  z.  B.  poicks  mit  d  im  Wahn,  es  käme  von  lat.  pondus.

*“)  Ein  französischer  Gebildeter,  dem  ein  französischer  Text  in
Lautschrift  gezeigt  wurde,  wenbete  sich  mit  Abschen  ab  mit  der  Begründung,
  weun  man  wirklich  so  schriebe,  dann  könnte  sein  Dienstmãdchen
  gerade  so  gut  Torthographo  wie  er,  und  man  könnte  den
gewaltigen  Unterschied  der  Education  zwischen  Gebildeten  und  Ungebildeten
  nicht  mehr  daran  messen.  Wie  sozial  gedacht:

*#½)  Um  die  Feinheit  bieser  Abschleifung  richtig  zu  würdigen,
eimpfiehlt  es  sich,  deutsche  Sätze  nach  den  Regeln  umzubilden,  nach
denen  dad  alte  Lateinisch  mit  der  Zeit  zu  Französisch  umgebildet
worden  ist,  z.  B.  „Vater,  Mutter  und  Kind  sind  for“:  „Fer,  Mür
on  Schän  sän  fohr".  Diese  Umbildung  veranschaulicht  dann  die
Entstehungsgrundsätze  richtig,  ohne  daß  ihr  die  Suggestion  unserer
Umgebung  anhastet.