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selbst.  Nun  aber  ist  einmal  von  einem  Fortschritt  bis  zur
Kenntnis  und  einem  wahrhaft  geistigen  Gewinn  der  Literaturen
überhaupt  selten  die  Rede,  dann  aber,  wenn  die  Rede  davon
sein  kann,  entsteht  die  Frage,  ob  die  minderwerte  Aneignung
durch  Übersetzungen  zugunsten  einer  dafür  verstärkten  und
erweiterten  Kenntnis  der  eigenen  Nationalliteratur  nicht  von
weit  größerem  Einsluß  auf  Hebung  und  Klärung  des  Geistes
sein  würde.  Was  aber  die  Sprachen  selbst  betrifft,  so  ist  die  Art,
wie  sie  betrieben  werden,  in  den  bei  weitem  allermeisten  Fällen
zu  einer  formalen  Bildung  des  Geistes  auch  nicht  im  entferntesten
  geeignet.  Entweder  wird  nach  den  Leistungen
unserer  Schulen  überhaupt  eine  Vollkommenheit  in  der  Sprache
gar  nicht  erreicht  oder  man  hat  bei  ganz  geläufigem  Sprechen
doch  anstatt  des  Geistes  der  französischen  Sprache  nur  den
Geist  der  französischen  —  Bonne  sich  angeeignet.  Nicht  zu
gedenken,  daß  durch  dieses  mühsame  und  ängstliche  Streben
nach  Erwerb  der  fremden  Sprache,  vollends  durch  srühzeitige
Bonnenwirtschaft,  wo  das  Kind  zugleich  die  fremde  mit  der
Muttersprache  erlernt,  alle  Klärung  und  Energie,  geschweige
Originalitätdes  Ausdrucks,  also  auchdes  Denkens,  verloren  geht.“

Im  Jahre  1897  wandte  ich  mich  brieslich  an  den  Verfasser
dieser  Ausführungen,  den  berühmten  Psychologen  und  Heransgeber
  der  Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  und  Sprache.  Er
schrieb  mir  solgendes:

„Zunächst  bemerke  ich,  daß  ich  auf  die  Frage,  ob  die
elsässische  Jugend  in  der  Schule  auch  französisch  lernen  soll,
keine  Antwort  geben  könnte.  Wenn  es  aus  praktischen  Rücksichten
  auf  deren  Fortkommen  im  Leben  geschehen  soll,  so
kann  ich  dieselben  ohne  Kenntnis  der  Tatsachen  des  Verkehrs
  und  der  Schuleinrichtungen  nicht  beurteilen.

Nur  zweierlei  habe  ich  stets  bekämpft:  1.  Die  Verwechselung
  der  Aneignung  fremder  Sprachen  mit  dem  Erwerb
  höherer  Bildung.  2.  Die  Zweisprachigkeit  des  Menschen
von  Kindheit  auf,  d.  h.  das  deutsche  Kind  zur  Zeit  der  Sprachentfaltung
  einer  französischen  loder  englischen)  Bonne  zu
überlassen,  damit  es  beide  Sprachen  zugleich  lerne.  Der
Erfolg  ist,  daß  es  in  keine  von  beiden  bis  zur  Tiefe  eindringt.
Genies  sind  Ausnahmen  und  als  solche  selten;  sonst  aber  glaube
ich,  daß  ein  Sprachzwitter  auch  bei  höherer  sonstiger  Bildung
nie  bis  zu  einem  eigenartigen  Stile  in  einer  Sprache  gelangt.

Interessant  war  mir  immer  die  literaturhistorische  Tatsache:
Im  Westen  der  Schweiz  (Bern  z.  T.,  Freiburg,  Aarau)
ist  man  zwiesprachig,  im  Osten  deutsch.  Der  Westen  hat  zwar
Künstler,  Staatsmänner  und  Gelehrte  hewvorgebracht,  aber
nicht  einen  einzigen  Vichter  oder  Prosastilisten  von