—  100  —

1.  Noch  einmal  die  elsäffische  Kulturfrage.
(Gedanken  eines  Altelsässers.)

In  erfreulicher  Weise  mehren  sich  in  neuester  Zeit  die
Veröffentlichungen,  in  denen  man  sich  um  die  Lösung  des
elsässischen  Kulturproblems  bemüht.  Der  letzte  Beitrag,  den
die  „Straßburger  Post“  zu  dieser  Frage  aus  der  Feder  von
Justizrat  Dr.  Ruland  in  Kolmar  gebracht  hat,  ist  gewiß
höchst  dankenswert,  weil  er  zeigt,  wie  man  auf  altdeutscher
Seite  doch  jetzt  ganz  anders  als  früber  elsässisches  Wesen
mit  liebevollem  Verstämdnis  studiert.  Ein  weiterer  Kreis
ist  durch  diese  Studie  auf  die  neuesten  Arbeiten,  die  mit
dieser  Kulturfrage  sich  beschäftigen,  aufmerlsam  gemacht
und  dadurch  gewiß  vielfach  angeregt  worden,  das  Problem
von  neuem  zu  durchdenken.  Aber  soviel  richtige  Beobachtungen
  die  Artikel  auch  enthalten,  die  Gesamtanschauung,
die  darin  zum  Ausdruck  kommt,  die  Schlußfolgerungen,  in
denen  sie  gipfeln,  fordern  doch  wieder  entschiedenen  Widerspruch
  heraus.

Wenn  als  Ziel  elsässischer  Kulturbewegung  die  Wiedergewinnung
  des  Landes  für  deutsche  Geisteskultur  bezeichnet
wird,  so  kaun  dagegen  selbstverständlich  nichts  erinnert  werden.
Elsaß  soll,  wie  es  ein  Glied  des  Deutschen  Reiches  ist,  eine
Provinz  deutschen  Geistes,  deutscher  Kultur  werden.  Aber
wie  soll  das  geschehen?  Welches  sind  die  Mittel  und
Wege,  durch  welche  eine  allmähliche  Germanisation  des
Landes  erfolgt?  Nun:  Schule,  Armee,  (Gendarmerie),
Beamtentum,  Vogesenklub,  die  müssen  es  machen.  Das
sind  die  wichtigsten  Faktoren  des  Deutschtums.  Diese
Antwort  dürfte  in  elsässischen  Kreisen  doch  allgememes
Kopfschütteln  erregen!

Es  soll  gewiß  nicht  verkannt  werden,  daß  diese  Institutionen
  ihr  Teil  zur  Verbreitung  deutschen  Wesens,
deutschen  Geistes  beigetragen  haben  und  noch  beitragen,
aber  diese  Wirkungen  sind  doch  offenbar  sehr  äußerlich  und
berühren  bloß  die  Oberfläche  des  Volkscharakters,  so  daß
man  höchstens  von  einer  deutschen  Oberflächenkultur  als
Frucht  dieser  Faktoren  reden  kann.  Das  Innere  des
Volksgeistes  berühren  sie  kaum,  ja  rufen  vielfach  gerade
geheime,  zähe  Widerstände  hewor  und  tragen  zur  Versestigung
  antideutscher  Stimmung  bei.  Es  steckt  in  diesen
Institutionen  zuviel  dem  elsässischen  Volksgeist  Fremdes,
so  daß  man  gerade  in  Berührung  mit  ihnen  seiner  entgegengesetten
  Art  sich  bewußt  wird.  Hinter  dieser

pposition,  versteckten  oder  offenen,  steckt  nicht  Franzoseu-