252

dieser  Frage  wichtig,  sondern  hat  der  Pabst  die  Sammkung
des  Gratian  konfirmirt,  so  schien  es  auch,  als  ob  er  alle  die
Fehler,  welche  darin  enthalten  sind,  nicht  gesehen  hätte.  Ein
treffliches  Zeugniß  für  seine  Untrüglichkeir!  Hat  der  Pabst
die  Sammlung  des  Gratian  konfirmirt,  so  hat  er  eine  sehr
entscheidende  Stimme  gegen  sich  selbst  gegeben,  denn  Gratian
enthält  sowohl  in  Rücksicht  auf  Dogmatik  als  Hierarchie  noch
sehr  viele  Zeugnisse  der  Wabrheit.

Aber  die  ganze  Geschichte  einer  solchen  Konfirmation
ist  völlig  unerweislich,  und  höchst  wahrscheinlich  nichts  Anderes,
  als  cine  von  den  Bolognesern  erdichtete  Fabel,  um  dem
Ausehen  des  Dekrets,  das  in  der  Folge  bald  von  dem  Ansehen
der  Dekretalen  verdringt  wurde,  wieder  mehr  empor  zu  helsen.
  Es  beruht  nämlich  die  ganze  historische  Richtigkeit  dieses
Vorgebens  bloß  auf  einem  alten  Kalender-Fragment,  das
in  der  neuesten  Ausgabe  der  Geschichte  des  Sigonius  von  Bologna
  in  den  Anmerkungen  abgedruckt  ist.  Nun  hat  man,  weil
sonst  auch  wichtige  historische  Anekdoten  in  diesem  Fragment
vorkommen,  die  Belognesen  schon  lange  ausgefordert,  das
Ganze  berauszugeben,  und  man  hoffte  den  Wunsch  um  so
gewisser  erfüllt  zu  sehen,  da  diesen  Auszügen  nach  sehr  viel
Röhmliches  für  sie  darin  siehen  müßte.  Man  hat  sie  aber
selbst  durch  alle  Vorwürfe,  daß  es  mit  diesem  Kalender  Betrügerei
  sey,  nicht  dahin  bringen  können,  das  Uebrige  an  das
Licht  zu  stellen.  Und  wirklich  sind  auch  in  dem  Stück,  das
wir  gegemwärtig  haben,  so  viel  unverkennbare  Spuren  von
Betrügerei,  daß  man  nicht  leugnen  kann,  dieses  Aktenstück
ist  durch  betrügerische  Interpolationen  ganz  unbrauchbar  gemachr
  worden,  wenn  man  auch  nicht  so  viel  daraus  schließen
  will,  daß  es  ganz  unterschoben  sey:  oder,  um  auf  das
allergelindeste  zu  ertheilen,  müßte  man  sagen,  es  sey  in  der
Mitte  des  dreizehnten  Jahrhunderts  erst  aufgeselzt  worden,  und