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weil  man  doch  damals  uͤber  die  wichtigsten  historischen  Punkte
nichts  Gewisses  mehr  wissen  konnte,  so  schrieb  der  Verfasser
nach  Traditionen,  die  er  kritisch  zu  sichten  nicht  verstand,  oder
sich  nicht  die  Muͤhe  nahm,  auch  vielleicht  nebenbei  noch  durch
eigene  Konjekturen  sie  bereicherte,  die  den  Stempel  seiner
Ignoranz  an  sich  trugen.

Also  aus  den  zwei  angefuͤhrten  Gruͤnden  laͤßt  sich  die
schnelle  Ausbreitung  und  fruͤhe  Autoritaͤt  des  Gratian  nicht
erklären.  Viel  natuͤrlicher  ist,  an  andere,  bloß  in  seiner  äußeren
  Situation  liegende  Umstände  zu  denken,  und  man  findet
  in  mehreren  Begebenheiten  dieser  Zeit  eine  gewisse  Analogie,
durch  die  wir  vollends  versichert  werden,  daß  ein  solcher  Gang
der  Dinge  äußerst  wahrscheinlich  ist.  Wie  Gratian  dadurch,
daß  er  auf  der  neu  aufblühenden  Universikär  Bologna  lebt
und  schreibt,  auf  lange  Zeit  hin  allgemein  gebrauchtes,  und
was  für  jene  Zeiten  völlig  gleichgeltend  ist,  also  auch  allgemein
  geehrtes  Compendium  des  gangbaren  Kirchenrechts  wird,
so  entsteht  auch  zu  Paris  ein  herrschendes  Compendium  Theologiac.


Peter  Lombardus,  einer  der  berühmtesien  Lehrer  der
Parisischen  Schule,  in  der  Folge  Erzbischof  daselbst,  schrieb
IV  libri  sententiarum,  die  in  kurzer  Zeit  unter  den  Thcologen
  ein  so  allgemeines  Ansehen  erhielten,  daß  man  beständig
  über  dieselben  las,  kommentirte,  glossirte.  Er  hatte  gerade
auch  zu  einer  Zeit  geschrieben,  wo  Paris  anfing,  eine  blühende
Universität  und  besonders  für  die  Theologie  zu  werden,  was
Bologna  für  die  Rechtsgelehrsamkeit  war;  er  schrieb  auch  in
einer  ctwas  beliebten  Methode,  und  seine  persdnliche  Autorität
half  dem  Werke  auf.

Man  weiß  von  Gratians  eigentlichen  Lebensumständen
  fast  gar  nichts.  Er  war  ein  Toskaner  aus  der  Stadt
Chiusi.  Man  weiß  nicht  einmal  gewiß,  ob  er  ein  Benedik-