18

57

glaubte  man  schon  gewiß,  Absicht  des  Mönchs  sep  gewesen,
  die  Macht  des  päbstlichen  Stuhles  zu  erhöhen.
  Aber  dieser  angedichteten  Absicht  steht  sehr  viel  entgegen:


a)  sieht  man,  so  weit  Gratians  Leben  bekannt  ist,  nicht
die  geringste  Verbindung  zwischen  ihm  und  dem  päbftlichen
Hofe.  Die  zwei  historischen  Data,  worauf  die  ganze  Bemerkung
  gebaut  ist,  sind  Fabeln;  fallen  also  die  Prämissen,  so
muß  auch  die  Folgerung  hinwegsallen,  welche  man  daraus
herleitet.

b)  Man  stellt  sich  gewöhnlich  ganz  falsch  vor,  als  ob
Meudo=  Isidor  durch  Gratian  erst  in  Cirkulation  gekommen,
und  schließt  alsdann  von  der  Wirkung  des  Buchs  auf  seine
Absicht  und  auf  die  Absicht  des  Schriftstellers  zuröck.  Aber
aus  einer  falschen  Prämisse  wird  hier  noch  überdieß  falsch  geschlossen.
  Pseudo-Isidor  hatte  schon  vorher  einen  erwünschten
Grad  von  Publicität;  er  war  ja  doch  in  alle  Sammlungen
eingetragen,  und  keiner  Seele  fiel  ein,  au  seinem  ehrlichen  Gesichte
  zu  zweifelu.  Daß  er  jetzt  noch  in  allgemeinere  Cirkulation
  kam,  war  nicht  sowohl  Revolution,  welche  zunächst  dieser
Schriftsteller  bewirkte,  als  Revolution  der  Zeiten  überhaupt,
weil  jetzt  Alles,  was  damals  Gelehrsamkeit  war,  durch  die
neu  aufgekommenen  Universitäten  jetzt  in  mehreren  Umlauf
kam;  und  konnte  wohl  Gratian  voraussehen,  daß  sein  Buch
einen  solchen  Grad  außerordentlicher  Aukorität  erlangen  werde,
konnte  er  sich  also  auch  je  eine  solche  Absicht  zum  Ziel
setzen?

c)  Wenn  es  aber  Absicht  des  Gratian  gewesen  seyn  sollte,
den  usutpirten  Rechten  des  Pabstes  entweder  einen  neuen  Zuwachs
  oder  wenigstens  ein  gesetzmäßigeres  Ansehen  zu  verschaffen,
  und  wenn  darauf  die  vermeinte  paͤbstliche  Koufirmation
  gerichtet  gewesen  seyn  soll,  so  muͤßte  man  ihn  und  den