265

Zustand  der  Kirchenrechts-Gelehrsamkeit.  Sobald  der  Pabst
die  Wichtigkeit  der  Sache  merkte,  so  kam  gleichsam  Schlag
auf  Schlag;  und  wahrscheinlich  bloß  den  traurigen  Umstaͤnden,
in  welchen  sich  der  roͤmische  Stuhl  fast  durch  das  ganze  fuͤnfzehnte
  Jahrhundert  befand,  haben  wir  es  zu  verdanken,  daß
wir  nicht  noch  mehr  uͤberhaͤuft  worden  sind.  Hiezu  kam  noch,
daß  nun  Bologna  nicht  mehr  das  juridische  Monopol  hatte,
wie  im  größten  Theile  des  dreizehnten  Jahrhunderts.  Es  wa
ren  der  Universitaͤten  mehrere  entstanden;  nicht  alle  waren
immer  so  gefaͤllig  gewesen,  die  paͤbstlichen  Kollektionen  anzunehmen;
  man  wollte  das  Dekret  von  den  ewig  sich  vermehrenden
  Dekretalen  nicht  ganz  unterdruͤcken  lassen  —  so  befahl
Kaiser  Karl  IV.  den  Professoren  seiner  neu  errichteten  Universität
  zu  Prag,  sich  mehr  mit  dem  Dekret  als  den  Dekretalen
  abzugeben,  —  man  wurde  es  endlich  selbst  auch  müde,
immer  neue  Kollektionen  der  Dekretalen  zu  erhalten,  und  außer
  denen,  welche  in  den  gemachten  Sammlungen  enthalten
waren,  kam  nebenher  immer  noch  eine  so  große  Menge  päbstlicher
  Gesetze,  daß  ihr  Ansehen  nothwendig  äußerst  gering  werden
  mußte.  Mit  wie  vieler  Sehnsucht  mußte  nicht  auch  dieses
  Zeitalter  auf  jene  noch  besseren  Zeiten  zurücksehen,  welche
sie  in  dem  Dekret  des  Gratian  geschildert  fanden.  Gratian,
so  viel  er  auch  aus  Psendo-Isidor  eingetragen  hatte,  hatte
doch  auch  noch  manche  kostbare  Spur  der  alten  glücklichen
Kirchenfreiheit;  in  den  Dekretal-Sammlungen  war  gar  kein
Ueberrest  mehr  davon  da,  sondern  sie  waren  voll  des  auffallendsten
  Unsinus,  besonders  der  von  Bonifacius  herausgegebene
  liber  sextus.  Man  war  endlich  durch  die  Avignoy'sche
Residenz  und  das  Avignon'sche  Schisma  auf  die  Päbste  und
die  Ursachen  ihrer  Gewalt  aufmerksamer  geworden;  es  ging
besonders  den  Deutschen  wie  den  Amerikauern,  da  sie  den