284

delt  zum  hingeworfensten  tuͤckischen  Verraͤther;  der  gewissenhafteste
  Mann  schien  urplötzlich  zum  Schurken  geworden  zu
seyn;  und  doch  wird  kein  Meusch  plötzlich,  was  er  ist.

Gott!  was  denn  alle  Menschentugend  wäre,  was  alles
Zutrauen  in  der  Gesellschafr,  was  alles  Kraft  gebende  Jutrauen
auf  uns  selbst  seyn  müßte,  wenn  es  uns  nicht  einmal  vor
der  schwersten  Apostasie,  schon  jenfeits  des  ersten  halben  Jahrbunderts
  unsers  Lebens,  noch  sichern  soll,  fünfzig  Jahre  lang
redlich  und  vor  Gott  gewandelt  zu  haben!  Welch  ein  gebrechlich
  Ding  auch  der  geübteste,  tugendbafteste  Mann  seyn  müßte,
wenn  der  Greis  noch  so  sower  fallen  kann;  wenv  ein  Mann,
der  auf  fünfzig  wohl  zurückgelegte  Jahre  seines  Lebens  ruhig
zurückschauen  konnte,  noch  am  Abend  seines  Lebens  mit  einem
Male  allen  den  Empfindungen  untreu  werden  kann,  die  man
von  jedem  nur  halb  ehrlichen  Manne  erwartet;  wenn  nicht
einmal  Reizungen  großer  irdischer  Vortheile  udthig  sind,  um
den  durchgeübten,  alt  bietern  Mann  zu  verführen;  wenn
nicht  einmal  scheinbar  äußere  Noth  eintritt,  wie  denn  Besold
weder  durch  irdische  Vortheile  gelockt,  noch  durch  einbrechende
äußere  Noth  scheinbar  gezwungen  wurde.)

Doch  kein  Mensch  wird  plötzlich,  was  er  wird.  Besold's
Fall  lehrt  nicht  kleinmüthiges  Zweifeln  an  durchgeübte  Rechtschaffenbeit
  des  unter  Ehrlichkeit  grau  gewordenen  Mannes.
So  räthselhaft  sein  Fall  auch  lautet,  die  Bogheit  soll  ihn,

—

*)  Dah  Beides  nicht  war,  wird  sich  aus  der  nachfolgenden  Erzaͤhlung
  ergeben.  Joh.  Valentin  Andre,  der  sich  in  dieser  ganzen
Geschichte  viel  unparteiischer,  bescheidener  und  wahrbeitliebender
ausdrückt,  als  Tobias  Wagner,  bedauert  nur,  daß  der  Synchronismus
  auf  Besold's  Religionsveränderung  einen  doppelten
Schatten  werfen  könne,  aber  er  macht  den  chronologischen  Zusammenhang
  nicht  zur  Causalverbindung.