325

in  die  erste  Berechnung  nehmen;  es  war  und  blieb  nur  ein
gewoͤhnliches  Versorgungs-Projekt.

Kaüm  schien  aber  doch  der  erste  Eindruck,  den  das  arme,
fast  nur  nothdürftig  gekleidete  Fräulein  bei  ihrem  Erscheinen
am  Hofe  machte,  diesen  wohlbesprochenen  Glücksplanen  günstig.
Der  Herzog  sah  sie  und  blieb  ungerührt.  Nur  wie  sie  endlich
auch  an  den  Komödien  Antheil  genommen,  die  man  damals
am  Hofe  spielte,  und  wo  nicht  nur  die  ersten  Hofkavaliers,
Hoffräulein  und  Hofdamen  ihre  eigenen  Rollen  hatten,  sondern
auch  selbst  der  Herzog  öfters  nach  seiner  Art  mitspielte,  so
zeigte  sich  in  Kurzem  das  alles,  was  Frau  von  Ruth  und
manche  Andere,  die  von  der  kleinen  Hof-Intrigue  unterrichtet
waren,  sicher  erwartet  hatten.

Wirklich  war  auch  der  Entwicklung  aller  körperlichen  und
geistigen  Reize,  welche  Wilhelmine  von  Grävemitz  besaß,
  nichts  günstiger,  als  ein  solches  Liebhaber-Theater.  Sie
erschien  hier  frei  und  ceremonienlos,  und  indem  sie  unbescholten
  bloß  ihre  Rolle  zu  spielen  schien,  so  verstand  sie  nur  zu
gut,  die  ganze  Glut  des  jungen  Fürsten  rege  zu  machen.
Sie  war  ein  blühendes,  kaum  zwanzigjähriges  Mädchen,  von
einem  wahren  Juno-Wuchs,  mit  aller  Fülle  und  Anmuth  der
Jugend  geschmückr.  Selbst  die  kleinen  Pockennarben  im  Gesichte
  standen  ihr  gut.  Ihre  Sprache  war  höchst  einnehmend,
ihre  Unterhaltung  voll  Leben  und,  wie  die  Hofleute  bald  betheuern
  zu  müssen  meinten,  auch  voll  Verstandes.

Wer  übrigens  auch  nicht  viel  von  ihrer  Jungfräulichkeit
hielt,  und  dem  bloßen  Augenschein  gern  traute,  daß  Manches,
was  man  von  längst  verlorener  Unschuld  erzählte,  nicht  unrichtig
  sey,  konnte  doch  ein  gewisses  Talent  der  Repräsentation,
gesellige  Gewandtheit  und  Verstand  ihr  nicht  absprechen.  Gewiß
ließ  sich  auch,  bloß  mit  buhlerischen  Künsten,  keine  so  unumschcänkte
  fünf  und  zwanzigjährige  Herrschaft,  als  die  ihrige  war,