124

haften  Lücken  erweitert,  daß  der  Wind  überall  frei  durchzieht,
und  überall  Verwitterung  sich  zeigt.

Zwar  wenn  auch  nicht  der  Verstand  der  Menschen  den
gesetzmäßigen  Formen  der  großen  gesellschaftlichen  Institure
nachhilft,  so  liegt  doch  gewöhnlich  in  jedem  derselben  ein
mächtiges  natürliches  Streben,  dem  veränderten  Zeitalter  sich
anzupassen.  Allein  eben  diese  frei  und  willkuͤrlich  aufstrebende
Kraft,  die  wie  ein  reizbares  Lebensprinzip  wirkt,  hat  schon
oft  bei  solchen  großen  gesellschaftlichen  Instituten,  sobald  sie
willkuͤrlich  und  ungeleitet  wirkt,  die  seltsamsien  Umkehrungen
der  ursprünglichen  Verhältnisse  hervorgebracht.  Das  Justitut
  selbst  bleibt  wohl  und  wirkt  wohl,  aber  es  wirkt  ganz
andere  Dinge,  als  die  sind,  für  welche  es  ursprünglich  errichtet
  war.

Doch  so  tragisch  kann's  nicht  seyn,  werden  die  Spdtter
sagen,  und  die  bequemlichkeitsliebenden  Politiker  werden  hinzusetzen:
  die  Probe  ist  ja  gemacht,  die  konstitutionsmäßige
Freiheit  des  Landes  ist  bis  jetzt  noch  wohlbehalten.  Sie  hat
sich  erhalten;  aber  ob  vielleicht  nicht  eben  so,  wie  bis  jetzt
zum  Wunder  —  noch  das  deutsche  Reich  steh"?  und  ob  nicht
die  Spötter  hie  und  da  bei  einem  Kampfe,  der  in  dieser  Geschichte
  vorkommt,  auch  leicht  an  das  Urtheil  denken  könnten,
das  Friedrich'  der  Große  von  den  Siegen  der  Russen  über  die
Türken  fällte?

ESie  hat  sich  erhalten.  Dank  sey  es  nicht  den  Ständen
allein,  oder  dem  kleinen  Comité  derselben.  Auch  Dank  und
ehrfurchtvolles  Andenken  den  Fürsten  Wirtembergs,  die  voll
bohen  Regierungsverstandes  das  Glück  ihres  Landes  und  ihres
Hauses  in  der  unverrückten  Erhaltung  der  einmal  gut  organisirten
  Konstitution  fanden!  Dank  den  weisen  und  unerschrockenen
  Geheimen  Räthen,  die,  wie  Georgi  und  Renz,