52

rei  gewoͤhnlich  ist,  recht  ausschweifenden  Hoffnungen  der  Zukunft.
  Niemand  dieser  Art  wurde  bekannter  als  die  Montanisten
  in  Phrygien.

Die  außerordentlichen  Gaben  des  heiligen  Geistes  md,
gen  ungefaͤhr  bis  in  die  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts  in
Kleinasien  fortgedauert  haben,  weil  nirgends  laͤnger  Apostel
gelebt  haben  als  dorten,  also  eine  Gabe,  die  nur  durch  Auflegung
  apostolischer  Hände  ertheilt  wurde,  eben  daselbst  am
längsten  sich  gezeigt  haben  mag.  Da  endlich  aber  nach  und  nach
alle  unmittelbare  35glinge  von  Johannes  hinwegsiarben,  so
regte  sich  Nachahmungssucht  und  Begierde,  die  erlbschenden
Wunderkräfte  sortdaurend  zu  erhalten.  In  einem  unbekannten
Phrygischen  Flecken  sieng  Montanus,  ein  sonst  ziemlich  unwissender
  Mann  an,  für  einen  Propheten,  für  den  Paraklet,  sich
auszugeben,  dessen  Sendung  Christus  so  oft  verheissen  habe.  Er
versicherte,  daß  der  Kirche  noch  gar  viel  mangele,  das  alte  Testament
  sey  Zeit  der  Kindheit  gewesen.  Christus  und  die  Apostel
  hätten  den  Menschen  zwar  zur  jugendlichen  Größe  erzogen,
doch  der  Schwachheit  des  Fleisches  in  vielem  noch  schonen  müssen,
  durch  ihn  und  seine  Gehülfen  aber  sollte  die  Christliche
Tugend  in  ihrem  völligen  männlichen  Glanz  hergestellt  werden.


In  Rücksicht  auf  alle  damals  kirchlich  bestimmte  Lehren

  waren  die  Montanisten  orthodor.  Ihr  Reformationsgeist
betraf  vorzüglich  nur  die  Sittenlehre,  und  diese  wurde  von
ihnen  nach  allen  Eingebungen  eines  schwarzen  melaucholischen
Temperaments  überspannt  oder  sie  erhoben  vielmehr  zur  allgemeinen
  Sittenlehre,  was  damals  der  größere  Theil  bloß
zur  höheren  Ascetik  rechnete.  Montanus  empfahl  die  Fasten
außerordentlich,  wollte  alle  Wissenschaften  aus  der  Kirche
verbannt  wissen,  eiferte  vorzüglich  gegen  die  zweite  Ehe,  denn