60

den  Staat  bekam,  desto  vielfältiger  zeigten  sich  auch  die  Gelegenheiten,
  wo  Ehrgeiz  und  Ungeduld  der  Menschen  gereizt  werden
  konnte.  Ist  es  also  ein  Wunder,  wenn  die  Christen  des
dritten  Jahrhunderts  nicht  mehr  die  nehmlichen  zu  seyn  scheinen
  mit  denen  des  ersten  Jahrhunderts?

Eine  sehr  früh  verkehrte  Sittenlehre  der  Kirchenväter  trug
noch  mehr  zu  der  schnell  reifenden  Verschlimmerung  bei.  Judeß
  diese  den  klugen  Mann  machen  wollten,  der  die  Wahrheiten
  auf  eine  Art  vertheidigt,  welche  den  Vorurtheilen  des  Gegners
  nicht  allzusehr  zuwider  ist,  so  vergaben  sie  die  Rechte  der
Wahrheit.  Sie  ließen  jeden  Schein  von  Wahrheit  als  Wahrheit
  gelten,  sie  sahen  der  Fortsetzung  heidnischer  Gebräuche  nach,
wenn  sie  nur  mit  einer  kleinen  Wendung  eeinen  Anstrich  von
Christenthum  erhielten,  und,  unkundig  der  großen  gemeinnützigen
  Zwecke  der  Christlichen  Religion,  setzten  sie  auf  willkührliche
  Selbstverläugnungen,  Asceten=  und  Mönchstugenden
einen  Werth,  auf  welchen  bloß  Syrer  und  Aegyptier  zuerst  fallen
  konnten.)

So  vereinigte  sich  freilich  in  Kurzem  lsehr  vieles,  daß  die
Christliche  Religion  das  nicht  zu  leisten  schien,  was  man  nach
ihrer  ganzen  Anlage  und  nach  dem  ersten  Anfang  hätte  erwarten
  sollen:  aber  die  Vorsehung  hatte  sie  nicht  bloß  zu  einer
Wirkung  für  drei  Jahrhunderte  bestimmt.  Sie  liebt  den
Weg  der  allmäligen  Entwicklung,  und  selbst  die  großen  Staatsrevolutionen
  des  Römischen  Reichs,  auf  welche  Chrisiliche  Religion
  damals-endlich  nothwendig  führte,  mußten  erst  vorangehen,
  der  ganze  allgemeine  gesellschaftliche  Zustand  mußte  sich
erst  ändern,  ehe  Chrisiliche  Religion  die  schönsten  Blüthen
ihrer  Wirkungen,  zeigen  konnte.