72

g.  25.

In  allen  Europaͤischen  Reichen,  in  welche  sich  der  große
Roͤmische  Occident  getheilt  hatte,  entwickelte  sich  die  Christliche
  Religion  immer  mehr  und  gewann  immer  mehrere  Anhaͤnger,
  so  wie  die  Nation,  welche  sich  in  denselben  festgesetzt
  hatte,  nach  und  nach  gebildeter  wurde.  Das  einzige
Italien  hatte  das  Unglück,  daß  das  Ostgothische  Reich,  dessen
  kluge  Regierung  dem  verddeten  Lande  sehr  nützlich  war,
nach  einer  ungefähr  sechzigschrigen  Dauer  gestürzt  wurde.
Zwar  waren  anfangs  Justinians  Feldherren  die  Sieger,
aber  kaum  waren  diese  ein  paar  Jahre  Herren  von  Italien,
so  brachen  die  größtentheils  heidnischen  Longobarden  in  den
oberen  Theil  ein,  und  wütheten  anfangs  mit  unerhörter
Grausamkeit  gegen  die  Christen.  Endlich  wurde  auch  dieser
ihr  Koͤnig  gewonnen.  Autharis  ward  zwar  erst  Arianer,
aber  schon  seinen  Nachfolger  machte  eine  Vermählung  mit
einer  Baierischen  Prinzessinn  vollends  orthodor.

So  glücklichschnell  gieng  die  Verfolgung  nicht  vorüber,
welche  die  Christen  in  Persien  aussiehen  mußten.  Wenn  es
wahr  ist,  was  Rdmische  Schriftsteller  von  den  Grausamkeiten
  des  Königs  Cosroes  erzählen,  so  muß  er  einer  der
tobendsten  Verfolger  der  Christen  gewesen  seyn,  und  den
Grimm,  welchen  er  über  den  siegreichen  Justinian  nicht
ausgießen  konnte,  ganz  über  die  Religionspartie  desselben
ausgeschüttet  haben.

Beinah  sechsthalb  Jahrhunderte  waren  es  nun,  seitdem
diese  neue  Lehre,  aus  einem  kleinen  Strich  Landes  an  der
Phbnicischen  Küste  fast  über  die  ganze  damals  gekannte
Welt  sich  verbreitet  hatte:  schon  in  ihrem  vierten  Jahrhundert
  hatte  sie  fast  in  allen  den  Ländern  einige  Freunde,  in
welchen  sie  in  der  Mitte  des  sechsten  Jahrhunderts  herrschend