121

es  ganz  in  unsern  Kräften  siehe,  durch  Befolgung  der  Gebote
Jesu  Christi  ewig  selig  zu  werden.  Augustin,  besonders  beim
Polemisiren  sehr  zum  Ueberspannen  geneigt,  schloß  bei  dem
Werk  der  Bekehrung  und  Begluͤckung  der  Menschen  so  sehr
alle  Selbstthaͤtigkeit  derselben  aus,  daß  er  alles  auf  einen  unbedingten
  Rathschluß  Gottes  gründete,  und  einige  seiner  Anhänger
  in  Afrika  und  Frankreich,  giengen  noch  einen  Schritt
weiter,  und  behaupteten,  daß  der.  Mensch  nicht  nur  zur  Seligkeit
  und  Verdammung,  sondern  auch  zu  Tugend  und  Laster
  praͤdestinirt  sey.

So  uͤbertriebene  Saͤtze  mußten  nothwendig  Widerspruch
finden,  und  die  Occidentalische  Kirche  war  in  allzuhäufiger
Verbindung  mit  der  Orientalischen,  als  daß  sich  nicht  die
aufgeklärteren  Begriffe  der  letztern  auch  der  erstern,  hätten
mittheilen  sollen.  Es  erhob  sich  eine  gewisse  Partie,  der  das
mittlere  Zeitalter  den  Namen  Semipelagianer  gab,  die  nicht
ganz  alle  unmittelbare  Wirkung  Gottes  auf  die  Seele  des
Menschen  läugnete,  aber  sie  nicht  als  unentbehrlich  nothwendig,
  sondern  als  Erleichterungsmittel  für  unsere  Bekehrung
ansah.  Der  Hauptschauplatz  dieser  Streitigkeiten  war  Gallien,
  Und  vorzüglich  Mönche  waren  es,  welche  den  Semipelagianischen
  Meinungen  beitraten.  Die  Hölfe  des  Bischofs
von  Rom  entschied  aber  auch  hier  den  Sieg  der  Augustininischen
  Partie,  und  da  einmal  die  Sache  des  Augusiin  zur
Sache  des  Römischen  Bischofs  gemacht  war,  so  verschaffte
das  immer  sieigende  Ansehen  des  Rdmischen  Bischofs  auch
dem  dogmatischen  Credit  des  Augustin  eine  besiändige  Fortdauer.
  «

Ueberdieß  hatte  die  Gegenpartie  keinen  Schriftsteller,  der
so  feurig,  und  unerschoͤpflich,  und  so  voll  des  lebhaftesten
Witzes  gewesen  waͤre,  als  er,  und  da  die  Welt  von  jeher  auch