126

schienen  jetzt,  die  Sache  nach  den  haͤufigsten  gewoͤhnlichsten  Deutungen
  betrachtet,  der  Verfolgungsgeist  und  die  Intoleranz  in
der  Dogmarik  ihre  eigene  beurkundende  Paragraphen  zu  erhalten.
  Wie  viel  Schaden  richtet  nicht  oft  ein  einziger  Schriftsieller
  in  der  Welt  an!  Augufstin  war  herrschender  Schriftsteller
  und  Hauptlectüre  des  mittlern  Zeitalters.  Aus  ihm
nahm  man  damals  die  ganze  Lehrform  des  Artikels  von  der
Kirche,  also  auch  alle  diejenigen  verabscheuungswürdigen
Grundsätze  in  Behandlung  der  Ketzer,  welche  er,  hingerissen
vom  Eifer,  oft  härter  ausgedrückt  als  wirklich  ganz  im  Sinne
gehabt  haben  mag.
44.
Origenische  Streitigkeiten.

Bei  allen  bisher  erzählten  Streitigkeiten  war  die  Bewegung
  nur  durch  verschiedene  Vorstellungsarten  eines  gewissen
einzelnen  Glaubenspuncts  verursacht  oder  befördert  worden;
ausgebreiteter  aber  ist  der  Streit,  welcher  aus  der  Origenischen
  Theologie  entsprang.  Origenes  hatte  gesucht,  der  Theo-=logie
  seiner  Zeiten  mehr  Verfeinexrung  und  philosophischen
Anstrich  zu  geben,  und  dieser  philosophische  Anstrich  war  freilich
  nur  für  seine  Zeiten,  aber  wie  konnt'  es  auch  anders
seyn?  Doch  selbst  schon  dieses  war  einem  großen  Theil  homiletischgewöhnter
  Theologen  höchst  ärgerlich,  und  ihr  Haß
gegen  Origenes  erhielt  einen  guten  Vorwand,  da  sich  die  Arianer
  auf  die  Schriften  desselben  häufig  beriefen.  Doch  mußte
aber  noch  ein  Stoß  von  außen  hinzukommen,  wenn  aus  einer
  bloß  verschiedenen  Werthschätzung  der  Schriften  eines
längst  verstorbenen  Theologen  eine  eigentliche  Streitigkeit  entstehen
  sollte.

Epiphanius,  ein  Bischof  aus  Cypern,  schwacher  Einsichten
  ciber  wilden  Eifers,  gab  diese  äußere  Veranlassung.