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nicht  selten  ist,  der  sich  bloß  durch  Empfindungen  leiten
laͤßt,  viel  entschlossener  zu  den  härtesten  Verläugnungen  waren,
  als  jene  mehr  nach  Ueberzeugung  strebenden  Koͤpfe.  Je
mehr  sich  auch  die  Religion  durch  Disputiren  und  Untersachungen
  scharfsinniger  Koͤpfe  in  eine  bloße  Theologie  verwandelte:
  desto  mehr  ekelte  es  diesen  Mystikern  an  derselben,
und  es  fehlte  alsdenn  meistens  nur  an  einem  gewissen  Hauptschriftsteller,
  der  einer  solchen  Partie  gleichsam  den  Sprachgebrauch
  verschafft.  Vor  dem  neunten  Jahrhundert  scheint
Plato,  wie  er  nehmlich  damals  verstanden  und  gebraucht
wurde,  das  Repertorium  des  mystischen  Sprachgebrauchs  gewesen
  zu  seyn:  im  neunten  Jahrhundert  kamen  die  unterschobenen
  Schriften  des  Dionpysius  Arcopagita  auch  im  Occident
  in  den  Gang.  Johann  Skotus  5der  berühmte  Hof—-philosoph
  Karls  des  Kahlen,  hatte  sie  übersetzt,  und  gleich
anfangs  wurden  sie  immer  vorzüglich  in  Klbstern  gelesen.  Giebt
es  auch  wohl  einen  bequemern  Sitz  für  das  mystische  Versenken
in  fromme  Ausdrücke  und  fromme  Empfindungen,  als  unter
den  Mönchen  in  einsamen  Klostermauren?

Doch  bald  erwachte  selbst  sunter  dem  großen  Volkshaufen
  in  Italien  und  Frankreich,  noch  aus  ganz  andern  historischen
  Veranlassungen  ein  recht  wilder  Mysticismus.  Sonst
waren  bisher  bei  allen  mißvergnügten  Partien,  die  in  der
Kirche  entstunden,  immer  Lehrer  gegen  Lehrer,  Bischöfe  gegen
  Bischèfe  aufgestanden,  nun  aber  seit  dem  elften  Jahr,
hundert  trat  das  Volk  gegen  die  Bischöfe  auf.  Ein  sicherer
Beweis,  daß  das  Vernunftwidrige  mancher  der  wichtigsten
angenommenen  Lehrsätze  recht  auffallend  war,  und  die  Religion
  in  ihren  interessantesten,  fühlbarsten  Grundwahrheiten
so  verfälscht  worden,  daß  das  menschliche  Herz  keine  Beru,
higung  in  denselben  mehr  finden  konnte.