278

toren,  denen  entweder  die  noͤthige  unverschonende  Beharrlichkeit
  oder  eine  das  ganze  umfassende  Einsicht  fehlte.  Man
wollte  einzelne  Theile  eines  Gebaͤudes  untergraben,  das  ganz
gestuͤrzt  werden  sollte,  und  man  fuͤrchtete  den  Einsturz  des
Ganzen  weil  man  keinen  Begriff  des  Zustandes  hatte,  der
alsdenn  entstehen  muͤßte.

Ganze  Zeitalter  und  einzelne  Maͤnner,  wie  die  Geschichte
dieses  Zeitraums  nicht  nur  in  einem  Falle  beweist,  konnten
zugleich  Proben  eines  geuͤbten  Verstandes  und  einer  ganz
unerwarteten  Sinulosigkeit  geben.  Nie  wuchs  auch  das
Pabstthum  mehr,  als  gerade  in  dem  Zeitalter,  da  sich  der
menschliche  Verstand  durch  die  feinsten  scholastischen  Untersu,
chungen  uͤbte,  da  man  mit  dem  spitzfindigsten  philosophischen
Scharfsinn  an  allem  zu  zweifeln  anfieng,  da  Handel  und
Kuͤnste  seit  den  Zeiten  der  Kreuzzuͤge  zu  einem  immer  wachsenden
  Flor  kamen,  da  selbst  auch  die  beschleunigtere  Com—
munication  der  Nationen  iunter  einander  gegen  das  Vorurtheil
  hätte  abhaͤrten  sollen,  daß  ein  Mensch  in  Rom,  dessen
Jugendgeschichte  man  wußte,  dessen  Stuhlbesteigung  bekannt
war,  dessen  taͤgliche  Künsie  man  sah,  ein  untrüglicher  Mensch,
ein  Halbgott  sey.

Geschichte  der  Glaubenslehre  in  der  Periode  von  Gregor
  bis  Luthern.

§.  24.

Scholastik  und  Kreuzzüge,  zwei  coeristirende  Phänomene,
die  einander  so  entgegengesetzt  zu  seyn  schienen,  daß  man
ihre  Coeristenz  gar  nicht  vermuthen  sollte  —  wirkten  noch
weit  mehr  auf  Dogmatik  und  Religion  als  auf  die  Hierarchic,
  und  brachten  gegen  alle  historisch  analoge  Erwartung
in  beide  ein  Verderben,  das  oft  in  seinen  Wirkungen  zusam-