291

mußte,  weil  sie  auf  das  Aeußere  des  Gottesdiensts  Einfluß
hatte.

Durch  Zufall  erfuhr  nehmlich  ein  Prediger  in  Prag,  der
kleine  Jakob  von  Mieß,  daß  es  bloß  Mißbrauch  neuerer
Zeiten  sey,  im  Abendmahl  dem  Volk  den  Kelch  zu  versagen,
und  mit  einer  Gierigkeit,  womit  man  sich  gewoͤhnlich  für
lange  Unterdrückung  rächt,  fieng  er  sogleich  selbst  an,  den
Laien  den  Kelch  auszutheilen.  Neuheit  und  allgemein  fühlbare
  Wahrheit  verschafften  ihm  alsbald  einen  großen  Anhang,
und  seine  Partie,  selbst  durch  Hussens  Schicksal  gewarnt,
wollte  den  klaresten  Mißbrauch  der  Kirche  nicht  erst  auf  die
Beurtheilung  der  damals  zu  Costnitz  versammelten  Synode  1415
ausgesetzt  seyn  lassen.

Diese  Synode  aber  fand  weder  nöthig  noch  nützlich,  was
Christus  befohlen  hatte,  und  machte  mit  unerhörter  Kühnheit
zum  Kirchengesetz,  was  vorher  bloß  schlimme  Observanz  war.
Die  Basler  Synode  wollte  zwar  mit  einem  kargen  Privilegium
  die  Sache  wieder  gut  machen,  aber  die  Böhmen  hatten
  nicht  erst  auf  Erlaubniß  gewartet.  Jiskas  TapferkeitW
gab  ihrer  Gewissensfreiheit  mehr  Versicherung  als  päbstliche
Bullen  und  Synodalvergünstigungen  thun  konnten  oder  wollten.


Schade,  daß  der  erste  reine  Religionseifer  der  Hussiten
durch  die  Intriguen  einiger  vornehmern  sehr  früh  in  politischen
  Sectengeist  und  elenden  Fanatismus  ausartete;  kaum
blieb  noch  unter  manchen  schändlichen  Partien  ein  kleiner
guter  Haufen  übrig.

Nie  ist  diese  Bbhmische  Partie  auf  eine  so  beträchtliche
Stufe  dogmatischer  Besserung  gekommen,  daß  man  sie  gern
als  Vorläufer  der  großen  Reformation  ansehen  möchte;  sie

steht  auch  in  keinem  historischen  Zusammenhang  mit  den
19  *