203

Ueberhaupt  befand  sich  seit  der  Mitte  des  fünfzehnten
Jahrhunderts  die  ganze  Christenheit  wie  in  Ansehung  der
Hierarchie  so  besonders  auch  in  Ansehung  der  Dogmatik  in
einer  sehr  wichrigen  Krisis,  ob  zur  endlichen  Enthüllung  der
Wahrheit  oder  ihrer  mehrern  Verdunklung,  war  damals  noch
gar  nicht  vorauszusehen.  Wohl  wurde  durch  die  erfundene
Buchdruckerei  die  allgemeine  Ideencirculation  unendlich  mehr
beschleunigt,  als  vorher  auch  bei  den  engsten  und  häufigsten
Verbindungen  der  Menschen  möglich  gewesen  war;  aber  alles
bieng  alsdenn  doch  davon  ab,  welche  Ideen  in  einen  so  allgemeinen
  Umlauf  gebracht  wurden,  und  ob  nicht  die  Möbste
und  der  Klerus,  wie  es  doch  bald  schien,  Gewalt  bekamen,
diesen  Strom  zu  hemmen  und  zu  leiten,  wohin  er  ihren  Absichten
  gemäß  fließen  sollte.

Durch  die  in  Italien  und  Frankreich  wieder  hervorbrechen
den  Wissenschaften  wurden  zwar  die  Köpfe  aufgeklärter,  aber
diese  Aufklärung  schien  dem  Laster  oft  nur  mehr  Verfeinerung,
der  Philosophie  nicht  mehr  Wahrheit,  sondern  nur  mehr  Skepticismus
  zu  geben.  Fegfeuermährchen  und  Marienthorheiten
waren  zwar  zu  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  das  Thema
  der  witzigsten  Köpfe  geworden,  aber  die.  Geistlichen  vergalten
  den  Spott  mit  Feuer  und  Schwerdt,  und  wenn  es  auch
nicht  so  weit  kam,  so  hätten  wir  doch  durch  allen  diesen  Spott
höchsiens  eine  verfeinertere  päbstliche  Religion  bekommen.
Die  Wirkung  aller  solcher  Hülfsmittel  war  ohnedjeß  immer  zu
langsam;  wie  viele  Umstände  konnten  dazwischen--kommen,
bis  sie  nur  zu  einiger  Vollendung  kam.  Wenn  je  einmak  ddie
Wahlheit  in  ihre  ganze  Rechte  wieder  eingesetzt  werden  sollte,
so  schien  so  viel  günstiges  zusammentreffen  zu  müssen,  als
kaum  von  dem  glücklichsten  Zufall  erwartet  werden  konnte.: