302

Mann  gekränkt  haben  muß,  der  aus  Schrift  und  Erfahrung
ganz  andere  Begriffe  von  Vergebung  der  Sünden  hatte,  als
solche  Fuggerische  Factors,  die  nur  ihrem  Herrn  sein  Pränumerationsgeld
  wieder  zu  verschaffen  suchten!

1517  Er  schricb  theses  gegen  diesen  Unfug  und  predigte  gegen
diesen  Unfug;  was  sollt'  er  schweigen?  Kein  vernünftiger
Katholik  billigte  die  Meinungen  dieser  Maͤkler.  Laͤngst  war
auf  Reichstagen  uͤber,  diese  Blutigel  geklagt  worden,  und
fromme  Leute  hatten  immer  das  Zutrauen,  selbst  der  Pabst
wuͤrde  diesen  ihm  sonst  so  nuͤtzlichen  Menschen  steuren,  wenn
er  alles  recht  genau  wuͤßte.  Die  Ordensbruͤder  Tetzels  aber,
die  Dominicaner,  fielen  über  den  Wittenbergischen  Augusiinermönch,
  wie  über  eine  längst  erwartete  Beute  her,  daß  es
alle  aufgeklärte  Männer  des  damaligen  Zeitalters  erbarmte,
selbst  nach  Reuchlins  und  Huttens  Siegen  diese.  Schutzpatronen
  der  Dummheit  noch  so  mächtig  zu  sehen.

Luther  hätte  auch  nicht  schneller  nach  Rom  zur  Verant-1518

  wortung  gefordert  werden  können,  wenn  er  gegen  den  Pabst
selbst  geschrieben  hätte,  als  jezt  bei  dieser  Dominicanerfehde
geschah;  aber  gleich  die  erste  Hoffnung,  den  Proceß  zu  Rom
schnell  geendigt  zu  sehen,  mißlang  seinen  Gegnern.  Doch
selbst  auch  der  päbstliche  Legat,  welcher  Luthern  zu  Augsburg
  verhdren  mußte,  war  ein  Dominicauer;  und  Luthers

eben  so  demüthige  als  entschlossene  Widersetzlichkeit  gegen
alle  Schmeichceleien  des  Card.  Thomas  Vio  von  Gaeta  machte
schon  ganz  den  Mann  kenntlich,  der  es  innigsi  fühlte,  daß
es  keine  höhere  Pflicht  gebe,  als  Gehorsam  gegen  Gott  und
seine  Wahrheit.
Ein  glücklicher  Zeitpunct  für  den  bedrängten  Mann,  daß
gerade  sein  Churfürsi  Reichsvicarius  wurde,  und  selbst  auch
der  neugewählte  Kaiser  Karl  V.  schien  für  ihn  der  erwünsch-