353.

anserer  Teutschen  Fuͤrsten  und  daher  auch  in  der  protestantischen
  Kirche  veranlaßten.  Die  Theologen  hoͤrten  auf,  die  entscheidenden
  Räthe  der  Fürsten,  wie  vorher,  zu  seyn.  Selten
wurden  sie  mehr  in  politischen  Angelegenheiten  zu  Rath  gezegen,
  ob  sie  schon  bei  entstehenden  Religionsstreitigkeiten  noch
genug  Kräfte  des  Staats  in  Bewegung  zu  setzen  wußten.
Man  wird  nach  dem  Westphälischen  Frieden  selten  mehr  einen
  Fürsten  finden,  der  von  der  Lutherischen  zur  Reformirten
oder  von  der  Reformirten  zur  Lutherischen  Kirche  übertrat;
hingegen  schwerlich  auch  irgend  ein  Teutsches  Fürstenhaus
finden,  in  welchem  nicht  einer  oder  mehrere  Prinzen  zur  Katholischen
  Kirche  übergetreten.  Ein  deutlicher  Beweis  der  allgemein
  geänderten  Gesinnungen,  so  sehr  auch  hie  und  da  noch
an  einzelnen  Höfen  nach  zufälligen  Umständen  das  alte  Ansehen
  des  Beichtvaters  blieb.
6.  20.
Speners  sanfte  Besserungsversuche.  Erste  Bewegungen  der
Pietistischen  Streitigkeiten.  «

Schuͤchtern,  wie  ein  Mann,  der  kaum  gehoͤrt  zu  werden
hofft,  trat  endlich  Spener  unter  die  geraͤuschvollen  Theologen
  seines  Zeitalters  hinein,  und  gab  das  fuͤr  die  Kirchengesschichte
  so  hoͤchst  seltene  Beispiel,  daß  auch  fast  aͤngstlich
vorsichtige  Versuche  eines  eben  so  gelehrten  als  bescheidenen
Mannes  doch  endlich  Totalrevolution  erregen  koͤnnen.  Auch
ohne  Reformatorsabsichten  mußte  der  eifrig  fromme  Mann
bei  seiner  Predigerstelle  in  Frankfurt  bemerken,  wie  hoͤchst  unbequem
  die  damals  und  noch  itzt  meist  gewöhnliche  Art  des
allgemeinen  Religionsunterrichts  an  das  Volk  sey.  Ein
Vortrag  an  einen  so  gemischten  großen  Haufen,  als  unsere
Gemeinen  sind,  was  kann  er  anders  seyn  als  Saame,  ausgeworfen

  aufs  ungewisse;  und  welche  Wirkungen  kann  man
Spittkeris  simmtl.  Werke.  1I.  Bd.  23