409

Graf  Zinfendorf,  der  Urheber  dieses  Phaͤnomens,
mag  wie  die  meisten  Fanatiker  anfangs  gar  nicht  die  Absichten
  gehabt  haben,  welche  sich  bei  wahrgenommenem  Fortgang
der  Sache  in  seiner  Seele  aufschlossen.  Ein  feuriger  Jüngling,
  für  alles  leicht  erhitzt,  und  daher  auch  am  schnellsten  für  Religionsideen,
  denen  sein  Enthusiasmus  immer  so  viel  voreiliger  eine
  finnliche  Hülle  gab,  je  weniger  er  durch  ausgebreitete  Gelehrsamkekt
  verhindert  wurde,  seinem  natürlichen  Hange  sich  zu
überlassen,

Bei  den  beständig  fortdaurenden  Religionsverfolgungen
in  Böhmen  und  Mähren  zogen  sich  mehrere  der  dort  bedrängten
  Brüder  in  die  Lausikz  auf  die  Zinzendorfischen  Güter,  sie  1722
bauten  Herrenhut,  und  ihr  Beschützer  gab  sich  alle  Mühe,  sie
in  eine  ordentliche  Verfassung  zu  bringen.  Für  einen  Kopf,
der  den  Plan  hatte,  eine  neue  Religionspartie  zu  stiften,  oder
wenigstens  eine  Kirche  zu  stiften,  in  welcher  sich  alle  drei  in
Teutschland  herrschende  Religionen  zusammen  antreffen  und
allmälig  zu  wechselsweiser  brüderlicher  Duldung  gewöhnen
sollten,  war  kein  Haufe  geschickter,  als  diese  zusammengelaufenen
  Mährischen  Brüder.

Gemeines  Volk,  überdieß  noch  aus  einer  bedrängten  Kirche,
  hat  gewiß  nie  bestimmte  Religionsbegriffe,  sondern  alles
schwebt  bei  demselben  in  einem  solchen  Helldunkel,  daß  auch
wesentlich  verschiedene  Ideen  einander  doch  ähnlich  sehen.
Auch  die  besonderen  gottesdienstlichen  Gebräuche,  welche  diese
  Brüder  mitbrachten,  waren  einer  Ausbildung  fähig,  durch  welchedie
  Sinnlichkeit  des  Menschen  ganz  zum  Vortheil  der  Religion
bezaubert  werden  konnte.  Man  hatte,  um  den  ersten  Anfang  der
Sache  zu  machen  der  immer  der  schwerste  ist,  gar  nicht  nöthig,  in
irgend  einer  von  den  drei  Religionen  schon  eingenommenen  Kirche
Veränderungen  vorzunchmen;  es  war  gleichsam  freies  Land,