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        <title>Spittler’s sämmtliche Werke. Zweiter Band.</title>
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        Ludwig  Timotheus  Freiherrn  v.  Spittler's

saͤmmtliche  Werke.

Herausgegeben
von

Karit  Wich  t  er.

——..

Zweiter  Band.

Stuttgart  und  Tübingen,

in  der  J.  G.  Cotta'schen  Buchhandlung.
1  8  2  7.
        <pb n="2" />
        Grundriß
der
Geschichte

der

christlichen  Kirche.

Nach  der  vierten  Auflage  von  1806.
        <pb n="3" />
        Vorrede.

zu  der  ersten  Ausgabe  von  17382.

Ein  kleiner  Grundriß  der  Kirchengeschichte,  der,
für  eigene  Lectüre  nicht  ganz  uninteressant,  doch  zugleich
  bei  öffentlichen  Vorlesungen  gebraucht  werden
könnte,  scheint  den  Bedürfnissen  des  gegenwärtigen  Zeit
alters  besonders  angemessen  zu  seyn,  da  allgemeine  Aufmerksamkeit
  auf  die  großen  Veränderungen  der  Katholischen
  Hierarchie  gerichtet  ist.  Die  Schwierigkeit,  zwei
solche  ungleichartig  scheinende  Zwecke  zu  vereinigen,  wird
vielleicht  bei  billigen  Richtern  manche  Fehler  entschuldigen,
  welche  bei  erster  Darstellung  eines  solchen  Versuchs
  fast  unmöglich  zu  vermeiden  sind.  Ich  habe,  wie
gleich  aus  der  Geschichte  der  ersten  Periode  erhellen
wird,  alles  bloß  Gelehrte  hinweggelassen,  die  pragmatischen
  Hauptpunkte  kurz  zusammengestellt,  und  bald  mehr
bald  weniger  merkbar  den  Leser  auf  den  Plaß  hinzuführen
  gesucht,  auf  welchem  das  Ganze  und  das  Verhältniß
  aller  einzelnen  Theile,  meinem  Bedünken  nach
am  richtigsten  überschaut  werden  konnte.  Diesem  Plane
  vollkommen  tren  zu  bleiben,  sind  durchaus  alle  Citate
  hinweggelassen  worden,  und  selbst  der  Versuch,
nur  hie  und  da  einige  der  aufklärendsten  beizufügen,
würde  zu  einer  unangenehmen  Weitläufigkeit  verleitet
haben.  Die  Literärgeschichte  der  Kirchenscribenten  schien
mir,  so  wie  sie  nach  Mosheim's  Beispiel  gewöhnlich
beigefügt  wird,  kein  nothwendiger  Theil  einer  pragmatischen
  Kirchengeschichte  zu  seyn,  der  Rame  eines  gro-
        <pb n="4" />
        VI

ßen  Kirchenschriftstellers  wird  am  bequemsten  hie  und
da  in  die  Erzählung  einer  gewissen  Hauptbegebenheit
eingeflochten,  und  die  kleinen  Erläuterungen,  auf  welche
  oft  ein  absichtlich  gewählter  Ausdruck  in  den  beigefügten
  chronologischen,  Tabellen  begierig  machen,  kann,
geben  häufige  Gelegenheit,  den  Namen  eines  manchen
ältern  und  neuern  Kirchenschriftstellers  zu  neunen,  welcher
  in  der  sortgehenden  Erzählung  keinen  Plah  fand.
Alle  solche  Verschiedenheiten  dieses  Grundrisses  von  ähnlichen
  altern  und  neuern  Versuchen  kann  ich  mit  Ruhe  der
eigenen  Bemerkung  und  dem  Urtheil  des  Lesers  überlassen,
  ohne  ihn  durch  eine  Apologie  vorbereiten  zu  wollen:
aber  nun  mein.  Manufcript  gedruckt  vor  mir  liegt,  bemerke
  ich  selbst  hie  und  da  einen  Fehler,  den  mich  vielleicht
  schriftstellerische  Eigenliebe,  bei  diesem  einmal  gewählten
  Plane,  zu  sehr  für  unvermeidlich  halten  läße.
Die  Reigung  kurz  zu  seyn  und  doch  viel  zu  sagen,  scheine
oft  dem  historischen  Ausdruck  hie  und  da  eine  entscheidende.
Heftigkeit  zu  geben,  welche  allem  Zweck  historischer  Belehrungen
  entgegen  ist.  Doch  selbst  der  bisher  schwächere-Theil
  des  kirchenhistorischen  Publikums,  dessen  Ohr  nicht.
genug  geschont  werden  konnte,  selbst  der  Roͤmisch.
Katholische  Klerus  ist  nun  durch  viele  schmerzhafte  Operationen
  endlich  so  sehr  an  Hörung  der  ganzen  Wahrheie
gewöhnt,  daß  es  um  einiger  wenigen  willen  nicht  der  Mühe
werth  ist,  sich  renen  zu  lassen,  die  erkannteste  Wahrheit.
im  Tone  der  vollesten  Ueberzeugung  gesagt  zu  haben.
        <pb n="5" />
        Vorred  e

zur  zweiten  Auflage  vorn  1785.

Bei  dieser  zweiten  Auflage  dieses  kleinen  Entwurfs
einer  allgemeinen  Kirchengeschichte  sind  mehr  nur  einzelne
kleine  Abänderungen  gemacht  worden,  als  daß  im  Ganzen
  eine  Veränderung  hätte  ausgeführt  werden  können,
welche  dem  Plane,  der  meinen  gegenwärtigen  Ueberzeugungen
  entspricht,  gemäß  gewesen  wáre.  Lehteres  hätte
ein  völlig  neuausgearbeitetes  großes  Werk  erfordert,  zu
dessen  würdiger  Darstellung  manche  Vorarbeiten  erst  noch
vollendet  werden  mössen,  welchen  allein  die  Musse  mehrerer
  Jahre  sowohl  nöthige  Wollskändigkeit  als  Reife  geben
  kann.

Die  erste  nothwendigste  Hauptveränderung  wäre  unstreitig
  gewesen  —  sorgfältiges  Citiren  aller  Stellen,  worauf
sich  diese  und  jene  Anspielung,  oft  die  Wahl  gerade  dieses
  Ausdrucks  beziehe.  Mancher  hält  es  vielleicht  für
Intoleranz,  wenn  einmal  vom  Pabsi  der  Ausdruck  Untergott,
  Vicegott  gebraucht  wurde,  aber  diese  und
andere  ähnliche  Ausdrücke  sind  gerade  von  dem  Pabsi,
bei  dessen  Namen  das  Wort  vorkommt,  entweder  selbst
gebraucht,  oder  von  seinen  Freunden  ihm  beigelegt  wor-
        <pb n="6" />
        VIII

den,  wie  in  einigen  solcher  Fälle  selbst  schon  aus
Heidegger  erhellt.  So  were  selbst  schon  allein  in
solchen  Beziehungen  eine  recht  sorgfältige  Treue  im  Citiren
  nothwendig  gewesen,  aber  auch  diese  Hauptveränderung
  hätte  nothivendig  mehrere  Hauptveränderungen
erfordert,  welche  der  ganzen  kleinen  Schrift  eine  Ausdehnung
  zum  brauchbar  großen  Werk  hätten  geben  müssen.

Göttingen,  den  20.  April  1785.
        <pb n="7" />
        2—

2

Inhalts-Anzeige.

Seite

Erste  Periode,

von  Christl  Geburt  bis  Constankin  den  Großen.

1.

.2u.3.
.  4.

5.

.  6.

7.

8.

.9.

10.
11.

12.
13.

Geschichte  des  Stifters  der  Christlichen  Rellgion.

Geschichte  der  ersten  Schuͤler  und  Apostel  desselben
Erste  Ausbreitungen  und  Schicksale  des  Christen--thums.

  "  .  .  E  .
Verfolgungen  der  Christen  .  ».
M  ildernde  Umstände  dieser  Verfolgungen  .
Innere  Verfassung  der  Christlichen  Kirche  der  drei

ersten  Jahrhunderte  nur  als  Gesellschaft  betrachtet.

Entstehung  des  Klerus
Enestehung  de  des  Subordinationssystems  bei  dem

tleru
Wirkung  der  Maͤrtyrer  und  Gonfelaren  auf  die

Hierarchie  .  ....
Donatistische  Streitigkeiten
Veränderungen  der  Kirchenzucht  und  dadurch  veranlaßter

  Novatlanismuaues
Kirchenbuße
Gotteödienst  der  Gemelnen  "U

Geschichte  der  Lehre,  nach  beiden  Bezie-.

  14.
15.
.  16.

eEe.

17.
18.
10.

20.

hungen  als  Relizton  und  Theologie

Eberrachtet.

Lehre  der  Wostel  .........
Ketzereien.  Gnostiker
Manichersns
Montanisten

Ketzereien  im  artikel  von.  der  Person  Christl
Lehrbegriff  der  Vornicälschen  Periode.  Orlgines.
Hauptepoche  in  demselben

Letztes  Resultat  der  Vorncälschen  Geschichte  in
Ansehung  des  Ganzen  der  allgemeinen  Cultur

Zweite  Periode,

"  *"F  "  „d

von  der  Nikäischen  Sinode  bis  auf  Muhammed.

Geschichte  der  Ausbreitung  der  Christlichen

21.

22.

23.

24.

lirche.
Auebreitung  it  im  Roömischen  Reich.  Viertes  Jahr-Ausbreitung

  der  Christlichen  Religkon  außer  dem
Römischen  Reich.  Vlerres  Jahrhundert

Ausbreitung  der  Christlichen  Reltgion  im  Oceident.
Fünftes  Jahrhundert.

Geschichte  der  Ausbreltung  der  Christlichen  Rellgion
  im  sechsten  Jahrhundrt

.1—13.  Vorbereltung  4
Perioden  und,  Plan  der  Kirchengeschichte  15

#

19
22

26

28
30

32

40
47
50
51
53
55

57

6
66
67
72
        <pb n="8" />
        X

Geschichte  der  äußern  V  derfassung  der  Kirche  Seite
vorzüglich  der  Hierarchie.
+.  26.  Romischer  Patrkarch  .  73
z.  27.  herar  von  Constantinopel,  Alerandrien  und  An-0
  q  .  7
¾  28.  Moͤnchswesen  im  Srieni  und  Occident  .
.  29.  Verbältalt?  der  Kirche  und  der  großen  Hlerarchen
zum  8
.  30.  Belenderes  volitisches  Verhältuiß  des  Roͤmischen
86
.  3  Staatsverhaͤliniß  der  Kirche  im  KSäneischen.  Reich  8
Geschlchte  der  **  als  Religion  und  .17-nt“t.—  "“
logte  betrachtet.
.  32.  Geschichte  des  Arianismmaus.  583
F.  33.  Macedonianer.  Avvollinaristen  97
4.  34  u.  35.  Geschichte  der  Nestorkansschen.  Unruhen  o3
9.  .  36  u.  37.  Gelchichte  der  Eutpychiankschen  und  monophvsi  tischen
Unruhen.  105
38.  Drelcapitelstreit:  nebst  andein  gentroverspuncten
der  kalserlichen  Theologie  Justinians  109
9.  39.  Partien  der  Monophysiten.  Entstehung  einer  elgenen
  Kirche  derselben  di
.  40.  Folgen  dieser  Controversien  für  die  LT  Tͤeoloh.
  41.  Peltalanische  Streitigteiten.  .  ...  .»8
H.42.  Priscillianisten  .  122
4  43.  Geschichte  der  Donatisten  in  dieser  Periode  .  123
.  44.  Origenische  Streitigkeiten  125
9.  45.  Verinderungen  der  Theologie,  welche  nicht  aus
Controversien  entstanden  128
9.  46.  Veraͤndernngen  der  Lehre  von  der  Taufe  und  vom
Abendmahl  .  130
S.  47.  Letztes  Resultat  der  Geschichte  dieser  Periode  .  132

Dritte  Periode,
von  Muhammed  bis  auf  Gregor  VII.
Geschichte  der  Ausbreitung  der  Chrffstlichen

Religlon.
.  I.  Revolutkon  des  Muhammedanismus  .  139
F.  2u.  3.  Ausbreitung!  der  Christlichen  Religson  in  Teutschan
  141
C.  4.  Ausbreitung  der  Christlichen  Rellglon  im  Norden  146
.  5.  Brlehrung  de  der  Bulgaren,  Voͤhmen,  Mähren,  Rus-#en
  ..  .  147
9.  6.  Verheerungen  der  Normänner  150
S.  7.  Otto's  Verdienste  um  die  Bekehrung  der  Slartsschen
  Völker  in  Teutschland  .  .  152
Geschichte  der  NN  Hlerarchle
erio
g.  8.  Geschichte  dee  Kuunun,  des  siebenten  Jahrhundert,
  vorzüglich  in  Rücksicht  auf  RKm..  755
K.  9.  Geschichte  der  Hierarche  des  achten  Jahrhunderts  157
S  io.  Veränderungen  der  innern  Kirchendsseiplin  .  159
        <pb n="9" />
        XI

Seite
G.  11.  Ursprung  und  Geschichte  der  Klöstereremtionen  162
F.  12.  Ursprung  der  Canonicorum..  .  1064
.  13.  Geschichte  des  falschen  Isidorns  105
.  14.  Händel  mit  Photius  120
K.  15.  Geschichte  der  tiuch  ter  Hierarchte  im  zehnten
Jahrhundert.  .172
F.  16.  Hierarchische  Veränderungen  durch  Otto  den  Groz

ßen  in  Itallen
17.  Geschichte  der  Roͤmischen  Hierarchie  im  auften

8.
Jahrhundert  .  131279.
g.  18.  Streitigkeiten  mit  der  Griechischen  Kirche.  Michael
  Cersularius  .  187
9.  19.  Nesultat  aller  dierarchischen  Veränderungen  in  dieser

Periode  .  189
Geschichte  der  Religion'  und  Theologie,  nebst  den
damit  in  Verbindung  stehenden  Gebräuchen,  des
öffentlichen.  Gottesdienstes.

.  20.  Monothelerenstreie  .  190
F.  21.  Wesentliche  Verschiedenheit,  der  Bildung  der  Griechischen
  Dogmatik  und  der  Lateinischen  .  194
9.  22.  In  das  Nicaͤische  Symbolum  kommt  üliocue  .  195
z.  23u.  24.  Geschichte  des  Bilderkriegs.  196.
9.  25.  Schilderung  der  wichtigsten  umstände,  wodurch  die
Schicksale  der  Religion  und  Theologie  im  nennten
  Jahrhundert  bestimmt  wurden
.  26.  Gottschalk,  ein  unglücklicher  Freund  Muhustintscher“
Meinungen  207
F.  27.  Wie  die  Gottesurthelle  mit  dem  Zustand  bieses
Lanfen  Zeitalters  zusammenhängen  208
g.  28.  Geschichte  der  Religion  und  Dogmatik  im  zehnten
  Jahrhundert  .  210
9.  29.  Schilderung  der  ümstaͤnde,  welche  im  eilften  Jahrhundert
  zur  Entwicklung  der  Dogmatik  erwas
beitrugen  .  .  .  212
.  30.  Berengarinsische  Streitlgkeiten  .  213
9».31.  Einige  der  Hauptfolgen  aus  dem  bisherigen.  Coeristenz
  der  reifenden  spstematischen  Theologie
und  der  merklich  sich  entwickelnden  Mystik  215
Vierte  Periode,
von  Gregor  VII.  bis  Luther.
Verankassungen  zur  Revolut  jon  der  Kreuzzüge.
ie  Geschichte  des  ersten  Krenzzucs  .  223
.  2.  Weitere  Kreuzzuͤge  ......  3
.  3.  Ritterorden  ·
9.4.  Dalaj-Lonna.  Oschingls-  Chans  Nachfolger.  eit.

-

thauen  für  das  Christenthum  gewonnen  .  23
§.  5u.6.  Timur.  Hauptrevolutionen  der  zweiten  älfte
des  15.  Jahrhunderts  .  235
Geschichte  der  Hierarchie  und  ganzen  Gesellscha  tlichen
  Einrichtung  der  Christlichen  Kirche.
S.  7.  Investiturstreit  und  Concoradadt  338
        <pb n="10" />
        8.
.  0.
lo.

II.
12.

XII

Seite

Entstehung  der  Unlversttäten  ..  .  .,  241

Roͤmisches  Recht  .  .  244
Decretum  Gratiani.  Seine  nähere  und  entferntere
  Folgen.  Wie  der  Pabst  die  Bischoͤfe  immer

mehr  unthätig  miacht  .  245

Latenbruͤder  248

Genauere  Einrichtung  der  wobstnabt  nebst  den
Wirkungen  derfelben  auf  Teutschland  240-13.

  Henrich  II.  und  Thomas  Becket  252
14.  Entstehung  der  Dominicaner  und  Franciscaner  .  255,
15.  Ursprung  der  Inquisstlon  250

g.  166.  Geschichte  der  Händel  Fhiros  des  schönen  mit
Bonifaz  VIII..  .  .  263
K.  17.  Innere  Streitigkeiten  der  Sraneiskaner  265
.  8u.  19.  Ävignonische  Paͤbste  .-.  .269s
s.  Pisanische  und-  Costnitzer  Sonoden  2222
.  *5  22.  Geschichte  der  Basler  Synode  224
9.  2  Uebersicht  der  ganzen  Periode  .  277

Heschtcher  der  Glaubenslehre  in  der  Perlode

von  Gregor  bis  Luther.

#.  24  u.  25.  Peter  Lombardus  278
20.  Zustand  der  Religlon  im  breltehmten  Jahrhundert  22
6.  27.  Waldenser  .  ..,.  .  .  287
.  28.  Wiklif  .  .........289
H..29.  Boͤhmische  Unruhen  200“
F.  30.  Zustand  der  Religion  im  fünfzehnten  Jahrhundert  202
g.  31.  Bemerkungen  über  das  Ganze  dieser  Periode  294.

Fünfte  Periode,

von  der  Reformatson  bis  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts.

I.
2.

3.

4.
5.

6.
.7.

.  8.

r'

—————————

G——
III
IstO
of
O

.

Luther  eifert  gegen  den  Ablaß.  Kommt  in  Bann
und  Acht  301
Zwinglt  wird  durch  gleiche  Veranlass  sung  beeforpoator.
  Karlstadts  Unruben  .303
Gluͤcklicher  Fortgang  der  Ref.  unter  Joh.  dem
Beständigen  .  305
Lutber  und  Zwingll  nneinig.  Augsb.  Conf.  308
Sogen,  erster  Rel.  Kriede.  Verein  der  Schwetizer
und  Sachsen.  Heurichs  VIII.  Pfseudoreformarlon  310
Fortgang  der  Ref.  in  Teutschland.  Luthers  Tod  312
Reliatonskrieg.  Interim.  Innere  Strettigk.  det
Lutheraner
Rellalonsfriede  in  Teutschland  und.  M  ariens  Sathol.

Eifer  in  England  317
Bemerkungen  uͤber  die  Hierarchie  der  Lutherischen
Kirche-  318

Ausartung  der  Schüler  Melanchtbons  in  sogenannte
Kryoto-Calvinisten.  Schwäbische  Theologen  310
Letzte  Veraulassungen  zur  Entstehung  der  Bergischen
  Concordienformel.  327
Wirkungen  der  Bergischen  Concordlenformel  .  323

Geschich  te  der  Reformirten  Kirche  bis  auf  die

.  13.

Spnode  von  Dordrechtt  1618.
Scheidungen  der  Zwinglianer  von  den  Lutheranern.
  Calvin,  Stifter  einer  neuen  Kirche  .324
        <pb n="11" />
        14,

.  15.
F.  16.
.  17.

..  18..

XIII.

Selte

Ausbrektung  der  Calvinischen  Meinungen.  Peesbpoterianer
  .  327
Entstehung  des  Arminkanismus  320o
Dordrechter  Sonobe  331

Glücklicheres.  Wlederaufleben  der  Remonstranten  332
Bemerkungen  uͤber  das  Ganze  der  Gesch.  der  Reform.
  Kirche  ...·  .  .333

Geschichte  der  alten  (Katboltscheny)  Kirche  b18.

9.  19.

F.  20.

———
□
□—

zur  Vollendung  der  Trienter  Synode.

Wirkung,  der  Resorm.  auf  die  Kathol.  Kirche.  Leben
der  Päkste  .  334
Mittel,  wodurch  si  ch  die  Katholische  Kirche  gegen
ihren  Untergang  zu  schützen  suchte.  Büchercenfur.
  Inquisition.  Neue  Mönchsorden  3356
Cavpuziner.  Theatiner.  Jesulten.  338.
Entstehung  der  Gesellschaft  Jesu  339
Geschichte  und  Wirkungen  der  Trienter  Sonede  341
Zustand  der  Kathol.  Kirche  im  Ganzen,  nach  der
Trientischen.  Synode  343

Geschichte  der  Lutherischen  Kirche  von  den  geiten  der
Concordienformel  bis  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhun-9.

  25.

.  26.

.  27.

2

04

29.

3o0.

—  2  22

derts  oder  bis  zu  der  Pietistene  poche.

Steelitskelten  nach  der.  Concordlenformel.  Joh.

rnd.  .  ..  .  .  34

Wiederauflebung  der  Moskiker.  Nathmannsche
Streitigkeiten.  Morgendämmerung,  durch  Calirtus
  hervorgebracht.  ....  .  .  349

Westobaͤlischer  Friede  ·  .  350
Verschledene  fuͤr  eine  bald  zuverlaͤßigere  Auftliruns
zusammentreffende  Umstaͤnde  .  .  352

Speners  sanfte  Besserungsversuche.  Erste.  Bewegungen
  der  Pietistischen  Streitlakeiten  333
Bemerkungen  über  das  Ganze  dieser  Periode  355

Geschichte.  der-Reformirten  Kirche  von  den  Zeiten
der  Dordrechter  Synode  bis  zu  Anfang,  dieses  Jahr-—E


.  33..
.  34.
S.  35.
.  36.
g.  37.
g.  38.

hunderts.

Entwicklung  der  Dogmatik  der  Reformirten.  356

Halbgelungene  Bemuͤhungen  der  Theologen  zu  Saumur
  einige  Puncte  der  Reform.  Dogmatik  aufzuklaͤren


Entwicklung  des  Presbyterianismus  in  Enzland.
Independenten.  Quäcker  301

Cartesjanismus.  Formula  consensus  helvetiei.
Coccejaner

Ruln  der  Pfilzischen  und  Kranzisfihen  snesernir
ten  Kirche

Fruchtbarc  Bemühungen  der  in  die  Riederlande
gefluͤchteten  Gelehrten.  Peter  Baple  .  367

Schicksale  der  Englischen  Kirche  nach  der  Revolution
  von  1688  370
Ueberrest  einiger  fteinern  Sireitt:  tetten.  Balth.

Beckers  Adämonismus  .  .37«
        <pb n="12" />
        xiv

Selt

20.  Letzte  schönste  Blüthe  besonders  der  Schwetzertschen
Reformirten  Kirche  373
Geschichte  der  Katholischen  Kirche  von  den  Zelten

der  Trienter  Synode  bis  auf  die  Constitutions  streitigkeit
  1563  —  1713.
.  40.  Geschichte  der  Päbste  375
C.  41.  Streitigkeiten  über  die  Lehre  von  der  Gnade.  Mich-Bajus.
  Die  Congregationen  zu  Rom  .  3238
G.  42.  Streltigkeiten  Paul.  V.  mit  Venedig.  Sarpf.  382
.  43.  Zustand  der  Teutschen  Kathol.  Kirche..  .  384
#  44.  Jansenistische  Streltigkeiren  .  386
.  45.  Fansenistische  Kirche  in  den  N  iederlanden.  Ludwigs
  XIV.  abwechslendes  Kirchenrecht  380
#.  46.  Neuere  Mystiker  der  Katbol.  Kirche..  .  301
is  Chtnesisches  Missionsinteresse  .  391
9.  48  u.  40.  Streltigkeiten  über  Quesnels  N.  T.  Constitution
Unigenitus
9.  50.  Verdkenste  der  Jesuiten  um  theolog.  Gelehrsamkeit.
  Rich.  Semon.  .  .  397
*  51.  Veraͤnderung  des  Ganzen  seit  der  Trienter  Synode  398

eschichte  der  Lutherischen  Kirche  von  der  Periode

der  Pietistischen  Streitigkeiten  bis  auf  die  neuesten
eiten.
.  52.  Pietistische  Unruben  in  Leipzig  40
F.  53.  Christlan  Chomast=  us.  Neue  IHeersität  Halle.  Wat:
senhaus  daselbst  .  405
K.  54.  Nutzen  und  Schaden-  der  Wolfischen  Phllosophle  .  407
g.  55.  Maͤhrische  Brüdergemeinen  .408
9.  56.  Pfaffs  Unionsversuche.  Baumgarten  stürst.  die  Waisenhauspartte
  .  411
K.  57.  u.  58.  Geschichte  der  neuesten  heologischen  Revolution  412
Geschichte  der  Katholischen  Kirche  seit  der  Constltutionsstreitigkeit
  bis  auf  die  neuesten  Zeiten.
K.  59.  Reihe  der  Päbste  .  415
S.  60.  GEonkieutionesfeielgeeiel  seit  Ludw.  xiv.  Tode.  Franz
·  0417
g.  61.  Sturz  des  Jesniteroͤrdens  .  48
H  AUfhebungdkesesOrdensOcevolfaiscrcofcphsll400
Geschichte  des  unglaubens  seit  den  Zeiten  der  Rekormatton,
  sammt  der  Geschichte  der  Socinlaner.
9.  63.  Historische  Veranlatungen,  Itallen  zum  Mutterlande
  des  Unglaubens  zu  machen  .  .  433
.  64.  Socinus.  Unitarier  .  ..425
g.65.  Naturalisten  in  England  427
K.  66.  Gr.  v.  Rochester.  Schaftsburv.  Bolingbroke.  Hume  420
S.  67.  Voltaire  und  Rousseau.  System  der  Natur.  Wolfenbuͤttler

  Fragmente
F.  68.  Einige  Ursachen  der  Ausbreltung  des  Naturglismus  381
        <pb n="13" />
        Vorbereitung.

g.  L.

„Es  gehdrt  selbst  zu  den  Lehren  der  Christlichen  Religion,
daß  sich  ihre  Bekenner  zu  einer  gewissen  aͤussern  Gesellschaft
vereinigen  sollen;  und  wenn  auch  die  ersten  Lehrer  derselben
nicht  so  sehr  darauf  gedrungen  haͤtten,  so  trug  doch  wie  zur
Bildung,  so  auch  uͤberhaupt  zur  Existenz  einer  solchen
äussern  Gesellschaft  schon  die  Art  der  ersten  Ausbreitung
dieser  neuen  Religionslehren  sehr  viel  bei,  und  es  ist  in  beidem
  eine  der  sichtbarsten  Spuren  des  Juͤdischen  Ursprungs
der  Christlichen  Kirche.

Die  Schicksale  dieser  Gesellschaft,  zum  Bekenntniß  gewisser
  Religionslehren  vereinigt,  ihre  abwechselnden  aͤussern
Verhaͤltnisse  und  ihre  wandelbare  innere  Verfassung,  nebst
den  verschiedenen  Umformungen  dessen,  was  sie  bekannte  —
soll  die  Christliche  Kirchengeschichte  schildern.

K.  #

Bei  keiner  Art  von  Geschichte  ist  es  so  nothwendig  als
hier,  vorläufig  den  Gesichtspunkt  festzusetzen,  aus  welchem
sie  betrachtet  werden  muß,  und  sich  mit  einigen  Regeln  der
Vorsicht  genau  bekannt  zu  machen,  ohne  deren  Beobachtung
  keine  zuverläßige  und  brauchbare  Kenntniß  möglich  ist.
Nirgends  wird  man  mit  einer  Menge  von  Begebenheiten  so
überhäuft  als  hier.  Keinen  Theil  der  Geschichte  hat  frommer
und  ruchloser  Partiegeist  so  zerrüttet  als  diesen;  beide  holen
noch  immer  von  dorther  Beweise,  welche  oft  nicht  blos  auf
Verdrehung  einzelner  Stellen  der  Alten,  sondern  auf  den  künstlichsten

  Verschiebungen  des  Zusammenhangs  der  Geschichte
Spittler's  simmtl.  Werke.  II.  Bd.  1
        <pb n="14" />
        ·P

ganzer  Jahrhunderte  beruhen.  Auch  der  Relchthum  von  Quellen
  und  Zeugen,  welcher  dieser  Geschichte  ganz  eigen  ist,  erleichtert
  und  erschwert  ihr  Studium;  denn  wo  ist  der  Werth  der
historischen  Zeugnisse  schwerer  zu  bestimmen,  als  in  der  Kirchengeschichte?


6.  3.

Erster  Hauptgesichtspunkt  der  Ohristlichen  Kirchengeschichte
  soll  unstreitig  dieser  seyn,  aus  den  Revolutionen
der  achtzehn  verflossenen  Jahrhunderte  sich  die  historische
Auflösung  des  gegenwärtigen  Zustandes  der  Christlichen  Kirche
  zu  suchen.  Die  Reihe  ist  vielleicht  in  keiner  Geschichte
so  zusammenhängend  wie  hier;  sie  geht  selbst  durch  die  unterbrechendsten
  Revolutionen  ununterbrochen  hindurch,  und
bleibt  immer  ein  Ganzes,  auch  wenn  die  Erzählung  aus  einer
  Weltgegend  in  die  andere  übergeht.  Wem  es  darum  zu
thun  ist,  aus  der  Geschichte  nicht  nur  gelehrt,  sondern  auch
weise  zu  werden,  für  den  ist  es  in  einzelnen  Perioden
das  herrlichste  Schauspiel,  auf  die  Entwicklungen  des
menschlichen  Geistes  zu  merken,  wie  sich  dieser  im  Verhältniß
  auf  seine  wichtigste  Angelegenheit  durch  die  mächtigsten
Strebungen  und  unglaublichsten  Verirrungen  gebildet  hat.
Nirgends  läßt  sich  auch  das  Fortschreiten  des  menschlichen
Geistes  mit  allen  Retrogradationen  und  Verirrungen  so  beurkunden
  als  hier,  nirgends  die  Farbe  besser  bemerken,
welche  er  vom  Klima,  von  der  besondern  Verfassung,  in
welcher  er  sich  entwickeln  mußte,  und  andern  äussern  Umsiänden
  annahm.  Wo  haben  sich  überdieß  je  die  verschiedenen
  Schattirungen  und  Mischungen  des  Irrthums  und  des
Lasters,  die  mannigfaltigsten  Proben  des  wechselsweisen  Einflusses
  des  Verstandes  und  des  Herzens  deutlicher  gezeigt,
als  in  der  Geschichte  der  Christlichen  Kirche?  Der  Vor-
        <pb n="15" />
        3

rath  von  Nachrichten  erlaubt  hier,  so  ganz  ins  Einzelne  zu
gehen,  und  gerade  hieraus  entspringt  der  sicherste  Unterricht.

Man  kann  zwar  in  mancher  Ruͤcksicht  mit  Recht  sagen,
  daß  Kirchengeschichte  von  dieser  Seite  betrachtet  nichts
anders  sey,  als  ein  langes  Klagelied  über  Schwäche  und
Verderbtheit  des  menschlichen  Geistes:  aber  der  Unglaubige
und  Aberglallbige  des  siebzehnten  Jahrhunderts  handelt  doch
ganz  anders  als  sein  Namensbruder  im  zwölften  und  drei,
zehnten  Jahrhundert,  und  wie  undankbar  würde  es  seyn,
die  großen  Fortschritte  nicht  bemerken  zu  wollen,  welche  die
Manschheit  wirklich  auch  hierinn  gethan  hat.

.  4.

Die  Christliche  Kirchengeschichte  ist  eine
Art  von  Univer  salhistoric.  Ihr  Gegenstand  sind
Nationen  von  den  verschiedensten  Sprachen  und  Verfassungen,
  welche  einander  vielleicht  sonst  kaum  in  einem  andern
Gesichtspunkte  berühren  als  in  der  Historie  der  Chrlstlichen
Kirche.  Der  Begriff  einer  Universalhistorie  bringt  es  aber
schon  mit  sich,  nicht  mit  einer  gewissen  Vorliebe
eine  oder  die  andere  Nation  gleichsam  zur  herrschenden
  zu  machen.  Man  wird  sich  also  in  der  Geschichte
  des  mittlern  Zeitalters  sehr  hüren  müssen,  die  Kirchengeschichte
  nicht  in  eine  bloße  Geschichte  der  Päbste  und  ihrer
Mißhandlungen  Teutschlands  zu  verwandlen.  Zwar  wird,
ohne  Schaden  für  das  Ganze,  die  Geschichte  von  Teutschland,
Frankreich  und  Italien  meistens  als  der  Mittelpunkt  betrachtet
werden  können;  aber  oft  doch  nur  wegen  des  größern  Interesse
  des  einheimischen  und  wegen  leichterer  Erinnerung  der
Begebenheiten,  welche  am  besten  in  eine  sonst  schon  bekannte
Geschichte  eingeflochten  werden.  Die  schwerste  Kunst  des
pragmatischen  Kirchengeschichtschreibers  ist,  die  Abwechslung

"%  1
        <pb n="16" />
        4

gluͤcklich  zu  treffen,  wenn  sich  der  Hauptfaden  der  Universalkirchenhistorie
  von  einem  Reich  in  das  andere  verlieren  soll.
8.  5.
Kirchenhistorische  Kritik.

Die  Zeugen  haben  Wahrheit  sagen  können  und  Wahrheit
  sagen  wollen,  dieß  ist  sonst  Summarium  aller  hisiorischen
  Kritik,  aber  wenn  nicht  schon  überhaupt  immer  das
Wollen  so  gar  schwer  zu  beweisen  wäre,  wie  viel  schwerer
als  irgend  sonst  in  einer  Geschichte  läßt  sich  hier  das  Können
  darthun  7  Ein  ehrlicher  Mann,  aber  vielleicht  von  den
ersten  Jahren  der  Jugend  her  in  das  Interesse  einer  gewissen
  Partie  verstrickt,  bei  sortgehendem  Alter  durch  eine
Menge  der  feinsten  Bande  immer  genauer  mit  derselben  vereinigt,
  voll  von  dem  Gedanken,  daß  die  Sache  seiner  Partie
  Gottes  Sache  sey,  vielleicht  auch  nicht  unbillig  durch
manche  Fehler  des  Gegentheils  gereizt  —  wer  kann  von
diesem  Manne  reine  Wahrheit  erwarten?  Und  wer  erkennt
doch  nicht  hier  das  Bild  von  manchem  Kirchen-Geschichtschreiber,
  der  Quelle  ist?

In  welcher  Geschichte  giebt  es  auch  besonders  in  den  ersien
  dunklern  Zeiten  so  viele  unterschobene  betrügerische
Schriften?  Wissen  wir  nicht  von  Zeiten,  wo  es  Grundmarime
  in  einem  der  blühendsten  Theile  dieser  Gesellschaft
war,  daß  Betrügereien,  welche  zum  Vortheil  der  Gesellschaft
  geschehen,  verdienstlich  seyen?  Wie  wachsam  und  argwöhnisch
  muß  also  nicht  die  Kritik  seyn  7  Und  wird  alle
ihre  Wachsamkeit  vor  der  Tauschung  sich  hüten  können,  oft
die  Stimme  triumphirender  Partien  für  die  Stimme  der
Wahrheit  zu  halten?

"  «  Z.6.
Fliessen  aber  schon  die  ersten  Quellen  der  Kirchengeschichte
        <pb n="17" />
        5

so  truͤbe,  wie  viel  mißtrauischer  wird  man  gegen  diejenigen
seyn  müssen,  welche  ihren  Strom  erst  aus  diesen  Quellen
zusammengeleitet  haben!  Vorurtheil  für  und  wider  alte  Ketzer
  oder  Orthodore,  unglückselige  Fertigkeit,  Begriffe  neuerer
Zeiten  den  altern  zu  unterschieben,  Traͤgheit  aus  der  Quelle
zu  schoͤpfen,  geschmackloses  Eroͤrtern  der  unbedeutenbsten
Kleinigkeiten,  wodurch  aller  wahre  Nutzen  der  Geschichte
zernichtet  wird  —  wie  viele  solcher  Realeintheilungen  der
ältern  und  neuesten  Kirchen  =  Geschichtschreiber  könnte  man
machen!  Nicht  Barönius  allein  ist  parteiisch,  auch  der
Ketzerpatron  Arnold  hat  seine  Schwäche;  man  kann  dfters
auch  dem  Pabste  zu  viel  thun,  die  Kirchenväter  verunglimpfen,
  weil  sie  nicht  wußten,  was  wir  wissen,  und  oft  ist
es  der  geradeste  Weg,  historische  Wahrheit  zu  verfehlen,
wenn  man  immer  auf  die  Prätensionen  der  Roͤmischen
Kirche  polemische  Rücksicht  nimmt.

S.  7.

Die  Quellen  der  Kirchengeschichte  theilen  sich,  wie  bei
jeder  Geschichte,  in  Documente,  Schriftsteller  die
als  Zeugen  gelten  können,  und  Bearbeiter).

*)  Auf  die  Litterärgeschichte  der  Kirchenhlstorie  hat  Sagl#  ttarius
  iniroductione  in  hist.  Eccles.  vorbereitet.  Der  dritte
  Band  des  Bünaulschen  Katalogus  ist  ein  noch
nüßlicheres  Hülfsmittel.  Pfaff's  (introduct.  in  bist.  theol.
litterar.)  scheinbarer  Reichthum  wird  billlg  durch  den  zwar  är"
mern,  aber  getreuern  Bud  deus  (isagoge  historico  übcol.)
falt  entbehrlich  gemacht.  Der  erste  Band  der  Schröckhischen
Kirchengeschichte  ist  voll  der  treffendsten  und  nüßlichsten  Bemerkungen
  für  die  Litteratur  der  Kirchengeschichte.  C.  W.  Fr.
Walch's  Grundsäße  der  zur  Neutestamentl.  KHist.  nöthigen
Vorbereitungslehren  und  Bücherkenntniß  (Gött.  1753,  8.)  sind
als  Entwurf  das  beste.
        <pb n="18" />
        6

Die  Schriftsteller,  welche  als  Zeugen  gelten  können,  müssen
nach  der  Natur  der  Sache  bei  jeder  einzelnen  Periode  und
bei  jeder  einzelnen  Hauptrevolution  angegeben  werden,  sie
können  sich  nicht  über  das  Ganze  erstrecken,  und  da  durch
die  ganze  Geschichte  des  Mittelalters  hindurch  Kirchen  =  und
Staatsgeschichte  so  vermischt  sind,  als  beide  Gesellschaften
damals  es  selbst  waren,  so  sind  auch  keine  eigene  allgemeine
Sammlungen  der  Schriftsteller  möglich.

Zu  den  Documentensammlungen,  welche  sich  auf  die
allgemeine  Kirchengeschichte  beziehen,  gehoͤren  vorzuͤglich  die
großen  Conciliensammlungen.  In  ihnen  findet  man
auch  alle  Briefe  der  Päbste  sammt  Lebensbeschreibungen  derselben,
  manche  andere  wichtige  Urkunden,  welche  die  politischen
  Verfassungen  der  Kirche  betreffen  *).

Gute  Liturgien  sammlungen  sind  eben  so  nützlich,
wenn  wir  sie  nur  erst  hätten).

Die  Urkunden,  welche  die  politischen  Rechte  oder  Ver-»)

  Die  neueste  Sammlung  ist  die  Venedigsche  von  Mansi.
Der  28ste  Foliant  derselben,  derletzte,  welcher  bisher  erschienen
ist,  geht  bis  auf  das  Jahr  1431.

Die  Mansische  Sammlung  ist  eine  revidirte,  vollständigere
Ausgabe  der  Coletischen,  welche  Venedig  1728  in  25  Folianten
  erschien  Coleti  revidirte  und  supplirte  die  Sammlung,
welche  der  Jesuit  Labbe,  Paris  1674  in  18  Folianten  herausgegeben
  hatte.

Harduin's  Ausgabe  (Paris  1212,  12  vol.  fol.)  ist  wegen  der
Untreue  des  verfälschenden  und  verstümmelnden  Herausgebers
verdächtig.  Schade  für  die  herrlichen  indices,  wodurch  sie  so
brauchbar  wärel!

*  )  Historischkritische  Anmerkungen  über  die  Liturgiensammlungen
  überhaupt,  und  besonders  über  Henaudot  Collectio
LIiturgiarum  Orientalium,  Paris  1716,  4.

Assemanni  (los.  Al.)  Codex  liturgicus  Ecclesiae
universae.  Bom.  1749,  4,  13  Tom.
        <pb n="19" />
        7

bindlichkeiten  der  Kirche  betreffen,  muͤssen  bei  jedem  einzelnen
  Reich,  von  dessen  Kirche  die  Rede  ist,  nachgesucht  werden.


6.  8.

Unter  die  ersten  Bearbeiter,  zum  Theil  aber  auch  Zeugen
  gehoͤren:

Eusebius,  B.  zu  Cäsarea  in  Palaͤstina.  In  den  zehen
  Büchern  seiner  Kirchengeschichte  saßt  er  nach  seiner  Art
alles  von  Christi  Geburt  bis  auf  das  J.  324  zusammen.
Seine  vier  Bücher  von  Constantin's  des  Großen  Leben  sind
gleichsam  das  Supplement).

Sokrates  und  Sozomenus  zwei  Advocaten  zu
Constantinopel  setzen  ihn  fort.  Jener  in  sieben  Büchern  vom
J.  306  =  439,  dieser  in  neun  Büchern  vom  Jahr  323.423.

Mit  ihnen  läuft  parallel  des  B.  Theodorit's  Kirchengeschichte
  vom  Jahr  323.  427.  «

Gemeiniglich  sind  mit  diesen  vier  Geschichtschreibern  noch
ein  Auszug  aus  dem  Arianer  Philostorgius,  Fragmente
  des  Theodorus,  und  die  Geschichte  des  Evagriue
  verbunden.  Diese  Reihe  von  Geschichtschreibern  reicht
bis  504).

Die  Historiker  des  mittlern  Zeitalters  sind  zwar  sehr
häufig  mehr  Kirchenhistoriker  als  Staatzgeschichtschreiber,
man  hat  auch  manche  von  ihnen,  welche  ihrem  Werk  den
Titel  Kirchengeschichte  gaben,  aber  sie  sind,  wenn  sie  das

*)  Stroth's  Ausgabe,  Halle  1770.  8.

**)  Duvalols  gab  sse  mit  trefflichen  Anmerkungen  Paris  1650,
in  3  Fol.  heraus.  Der  fehlerhafte  Teutsche  Nachdruck  ist
häußger.  Die  neueste  Ausgabe,  zu  welcher  wenigstens  auch
einiger  jheue  Beitrag  hinzukam,  ist  von  Reading,  Cambridge
1720,  fol.
        <pb n="20" />
        8
Ganze  der  Kirchengeschichte  umfassen  wollen,  so  jaͤmmerliche
Ausschreiber  der  hier  genannten  Autoren,  daß  sie  hier  keinen
  Platz  verdienen.  Fast  bis  auf  die  Zeiten  der  Reformation
  hin  dauerte  diese  unglückliche  Lethargie.  Denn  es  waren
  nur  einzelne  schwache  Versuche,  welche  zur  Zeit  der
Kosinitzer  und  Basler  Synode  und  auch  von  Lorenz  Valla
gemacht  wurden,  die  Nacht  der  drückendsten  Vorurtheile  ein
wenig  mehr  gußzuhellen.
S.  9.

Zur  Zeit  der  Reformation  griff  eine  Gesellschaft  Lutherischer
  Theologen  (Matth.  Flacius  war  an  ihrer  Spitze)  die
Rdmische  Kirche  in  einem  Werk  von  mehreren  Folianten  an,
worinn  sie  bis  ins  13  Jahrhundert  herab  zeigten,  wie  unrichtig
  die  Alterthumsprätensionen  der  Roͤmischen  Kirche  seyen).
Ueber  ein  Jahrhundert  lang  ruhten  die  Lutherischen  Theologen
  auf  den  Lorbeeren,  welche  diese  Männer  mit  der  unbegreiflichsten
  Arbeit  errungen  hatten,  Georg  Calirt
that  etwas  **)  aber  sein  Zeitalter  war  nicht  zu  wecken.
Ittig  war  gelehrt  und  schrieb  einiges  "“)  aber  Arnold
machte  den  Theologen  manchen  bisher  ruhigen  Besitz  gar
zu  streitig,  daß  sie  nicht  hätten  aufmerksam  werden  sol-)

  Centuriae  Magdeburgenses,  Basil.  1559-  1574,  fol.  Die
neueste  Ausgabe  Nürnberg,  1757  in  4.  ist  mit  Aumerkungen
vermehrt,  aber  noch  nicht  vollendet.

*8)  Ausser  einzelnen  Materien,  die  er  oft  so  ausführte,  daß  er
seine  Nachfolger  noch  hintex  sich  hat,  gehört  als  Probe  seiner
kirchenhistorischen  Bemühungen  hieher  bistoria  de  statu  rerum
  in  Eccl.  Oceid.  Scc.  VIII.  -  X,  ein  Anhang  des  apparatus
  theologicus,  IIchmstad.  1661,  4.

)  Selecta  capita  hist.  Eccl.  Sec.  I.  et  II,  Lips.  1709  und
1711.
        <pb n="21" />
        9

len  *).  Weismann  **),  der  die  Wahrhaftigkeit  nicht
nur  als  erstes  sondern  als  einziges.  Gesetz  des  Kirchengeschichtschreibers
  betrachtet  zu  haben  scheint,  behauptete  zuerst
unter  allen  Gegnern  und  Freunden  Arnold's  die  Unpartheilichkeit
  eines  Richters.  Hätte  der  geschmackvolle  Mosheim
*  )  Semler's  7“)Freimüthigkeit  und  Walch's  )
Bedachtsamkeit  mit  sorgfältigerem  Quellenstudium  vereinigt,
so  würde  eine  gute  Kirchengeschichte  nicht  mehr  bloß  frommer
  Wunsch  seyn,  und  Schröckh  xTr)  würde  den  Weg
des  Geschichtschreibers  nicht  erst  bahnen  dürfen.  Ein  Werk
über  das  Ganze  der  Kirchengeschichte,  mit  der  feinen  historischen
  Kunst,  der  edlen  Mäßigung  und  dem  scharfen  psy-*)

  Die  erste  Ausgabe  Frankf.  1699.  Die  vollständigste  Schafhausen,
  1740  in  3  Fol.

a*)  Memorabilia  Hist.  Eccles.  vermehrtere  Ausgabe  Halle
1715,  2  B.  4.

***)  Vorzüglich  gehören  hleher
Institutionum  hist.  Chr.  L.  IV.  zuerst  Helmstädt  1755,  gr.  4.
Von  den  zwei  neuern  teutschen  Ueberseßzungen  ist  die  Schlegelsche
  nach  aller  Rücksicht  die  beste,  wegen  der  Anmerk.  des
Herausgebers  für  den  Anfang  des  Studiums  der  Kirchengeschichte
  eines  der  nützlichsten  Bücher.

Commentarü  de  rebus  christianorum  ante  Constantinum  9.
Helmst.  1753.  4.

)  Selecta  Capita  hist.  eccles.  Halae  176755  3  P„  8,  reichen
bis  an  die  Zeiten  der  Reformation  hin.  i#4%1
Commentarii  historici  de  antiquo  Christianorumsstatu,  Hlalse
I721I.  2  Vol.  8.

Versuch  eines  fruchtbaren  Auszugs  der  Kirchengeschichte,  3
Bände,  Halle  1773,  8.  Der  letzte  Band  begreift  die  Geschichte
  der  kath.  Kirche  des  ssebzehnten  Jahrhunderts.

14)  Geschichte  der  Päbste,  Leipzig  1258,  8.  "

Entwurf  einer  Gesch.  der  Concilien,  Leipzig  1250,  8.
Geschichte  der  Ketzereien,  lo  Theile  gr.  8.
+4)0  Christliche  Kirchengeschichte,  15  Theile,  8.
        <pb n="22" />
        10

chologischen  Blick  geschrieben,  wie  Plank's  classische  Ge,
schichte  der  Entstehung  des  protestantischen
Lehrbegriffs,  würde  nicht  nur  alles,  was  bisher  geleistet
worden,  weit  übertreffen,  sondern  auch  keinen  weitern
Wunsch  übrig  lassen.

S.  10.

Sowohl  in  Bearbeitung  einzelner  Materien  als  in  Umfassung
  des  Ganzen  sind  uns  Schriftsteller  der  reformirten
und  katholischen  Kirche,  wenn  man  die  neueste  Periode  ausnimmt,
  weit  vorgelaufen.  Wenn  schon  der  polemische  Zuschnitt
  den  Nutzen  der  Werke  der  Daille")  Claude  )
und  Blondell  **)  ein  wenig  schwächt,  so  sind  doch  durch
sie  manche  wichtige  kritische  Resultate  gewonnen  worden.

Joh.  Henr.  Hottinger's  Kirchengeschichte  '"##)  wird
an  Reichthum,  und  auch  an  Brauchbarkeit  für  den  Polemiker
  gegen  die  katholische  Kirche,  von  Fr.  Spanheim  h
übertroffen;  diese  begreift  aber  ein  Jahrhundert  weniger,
nehmlich  das  Reformationsseculum.

*)  Die  wichtigsten  Werke  desselben  find:  De  usu  Palrum,  Ccnev.
  1056,  4.

De  culilbus  religiosis  Latinorum,  Gencvac  1672,  4.
De  pscudehpigraphis  apostolicis,  Harderv.  1653,  8.

*#)  Er  war  ber  vornehmste  der  reformirten  Theologen  des  vorigen
  Jahrhunderts,  welche  die  Perpetuite  de  la  loi  catholiquc
touchant  I’Eucharistie  mit  Gelehrsamkeit  und  Scharfsinn
widerlegten.

#)  Turrianus  vapulans.

Disquisitio  de  lohanna  Papissa,  Amst.  1057,  8.

*r⅝%  x  )  Lateinisch  in  9.  Oct.  B.  Zürich  1655.

1)  Am  vollständigsten  im  ersten  Tomus  seiner  Werke,  Lugd.  1211.
sol.
        <pb n="23" />
        11

Jak.  Basnage  ?')  hat  viele  von  Mosheim's  Fehlern
und  Tugenden;  als  Widerleger  von  Bossuet  sehr  schaͤtzbar,
in  allem  was  sich  nicht  dahin  zieht,  höchst  unzuverlässig.
Sam.  Basnage  hat  die  erregten,  Erwartungen  weniger
erfuͤllt  *).  Möchte  doch  J.  A.  Turretin  mehr  als  nur
ein  Compendium  geschrieben  haben!

§&amp;amp;.  II.

Card,  Baronius  sollte  die  Wunde  heilen,  welche
Flacius  mit  seinen  Collegen  der  Röm.  Kirche  geschlagen
hatte.  Man  dankt  ihm  und  noch  mehr  seinen  Fortsetzern  besonders
  Rainald  die  Einrückung  vieler  wichtigen  Urkunden
  aus  dem  Vaticanischen  Archiv,  und  erstaunt  über  die
Macht  der  Parteilichkeit,  welche  vorzüglich  den  Baronius
durch  sein  ganzes  Werk  hindurch  blendete  ***).  Die  Kritik
des  Pag  i  ist  ein  Meisterstück,  sie  berührt  aber  vorzüglich

*)  Histoire  de  PEglise,  Botterd.  1699,  fol.  Vol.  II.

*  )Annales  politico-  ecclesjiastici  usque  ad  Imp.  Phocam,  Rotterdam
  1706,  3  Vol.  sol.

***)  Zuerst  erschien  Baronius,  Rom  1588,  Unterschied  der  Römischen
  und  Antwerpischen  Ausgabe.  Bei  der  Ausgabe  des
Mansi  (Lucca  1738,  18  Fol.)  hat  man  nicht  nur  Nainald's
Fortsetzung,  sondern  auch  die  Kritik  des  Pagi,  besondere  Anmerkungen
  des  Georgi  und  Manst,  nebst  einem  eigenen
Band  Apparatus  und  sehr  brauchbarer  Register.

Baronius  geht  nur  bis  1108.  Rainald  setzte  ihn  mit  mehrerer
  Unparteilichkeit  bis  1524  fort.  Die  Continuation  des
Dominicaner  Bzovius  geht  zwar  48  Jahre  weiter  fort,
aber  sie  erreicht  weder  die  Wahrheit  noch  Vollständigk  eit
des  erstern.  Eben  dieses  gilt  zum  Theil  sowohl  von  Laderchi,
  der  in  drei  Theilen  die  Geschichte  von  15066  —  1571
begreift,  als  auch  von  dem  in  Fortsehung  des  Baronius
gar  zu  kurzen  Spondanus,  der  in  zwei  Bänden  die  Geschichte
von  1198  —  1638  erzählt.
        <pb n="24" />
        12

nur  die  Jeitrechnung  *).  Natalis  Alexander  ist  der  erste
  freimüthigere  allgemeine  Kirchen-Geschichtschreiber;  aber
seine  alberne  scholasiische  Methode  macht  ihn  des  Namens
eines  Geschichtschreibers  ganz  unwürdig  **).  Der  fromme
Fleury  übertrifft  ihn  weit  ***s)  und  weder  Orsi  ****)
noch  Saccarelli  1),  wenn  sie  ihre  Werke  vollenden  sollten,
  werden  auch  nur  den  zweiten  Platz  nach  Fleury  erhalten.

Unvergeßliche  Verdienste  haben  sich  besonders  Französische
  Gelehrte  um  die  Ausgabe  alter  Schriften  und  Documente
  des  mittlern  Zeitalters  gemacht.  Man  hat  noch  nicht
recht  angefangen  für  die  Kirchengeschichte  zu  benützen,  was
Mabillon  44)  Baluze  144)  Dacheri  T#)
Marteue  und  Durand  1###)  herausgegeben  ha-*)

  Ohne  Turretin  wäre  vielleicht  Pagi  der  Welt  ewig  entzogen
geblieben.  s.  Simon  critique  de  Mr.  Dupin,  T.  II.  p.  403.
**)  Mit  der  Kirchenhlsstorie  des  alten  Testaments  begreift  die

neueste  Ausgabe,  Lucca  1734,  0  Bände  Fol.

***)  Geht  bis  1414.  Fevre's  Fortsetzung  ist  dem  Hauptwerk
nicht  gleich.  Die  neueste  Ausgabe  erschien  seit  1778  zu  Nlsmes
  in  gr.  8.

'/#N)  Den  Orst,  der  nur  die  sechs  ersten  Jahrhunderte  lieferte,
setzt  nun  Becchekti  fort.

MVon  Saccarelli  hist.  Eccl.  sind  20  Quart  B.  fertig,  sie
gebt  noch  nur  bis  1033.

11)  Vetera  Anealecta,  Paris  1223,  fol.  Auch  sein  Museum
Italicum  (Paris  1682)  gehört  hieber.

44)  Vorsüglich  seine  Miscellanca.  Dieneueste  Ausgabe  von  Manss,
Lucca  1761,  4  Fol.

144)  Von  seinem  Spicilegium  zieht  man  mit  Recht  die  ältere

Autgabe  Paris  1657,  in  13  Quart  B.  der  neuen  in  3  Fol.  vor.

ffitt  Thesaurus  novus  aneclotorum,  Paris  1717,  5  Fol.

Collectio  amplisslma  veterum  scriplorum,  Paris  1724,  9  Fol.

Pezzi  thesaurus  anccotorum  novissimus,  Aug.  Vind.  1721,

in  6  Fol.  enthält  nicht  so  viel  gemeinnätiges  und  allgemein
nothwendiges.
        <pb n="25" />
        13

ben.  Es  fehlt  ein  Tillemont  für  das  mittlere  Zeitalter
  *).
.  12.

Einem  auch  nur  etwas  sorgsältigen  Forscher  der  Kirchengeschichte
  ist  genauere  Kenntniß  des  Lebens  der  Kirchenväter
  unentbehrlich,  nicht  nur  weil  Litteratur  hier  von  so
unermeßlichem  Umfang  ist,  sondern  auch  weil  die  ersten
Triebfedern  der  wichtigsten  Revolutionen  hier  aufgesucht
werden  müssen.  Einen  Theil  dieser  Zwecke  erfüllt  Cave
**),  welchem  wegen  der  neuern  Ausgaben  und  mancher
einzelnen  Berichtigungen  Hamberger  “)  noch  beigesetzt
  werden  kann.  Uebrigens  fehlt  nech  ein  Werk,  in  welchem
  so  manche  Schätze,  die  hie  und  da  in  einzelnen  andern
  größern  und  kleinern  Schriften  zerstreut  sind,  kritisch
genau  gesammelt  sich  finden.

*st*d

Die  Methode,  Kirchengeschichte  nach  den  Abschnitten
der  Jahrhunderte  zu  erzählen,  ist,  ungeachtet  so  vieler  Beispiele,
  wodurch  sie  geschützt  wurde,  endlich  einmal  gestürzt;
man  sah  an  ihr  die  Macht  der  ersten  Vorgänger  auf  alle
nachfolgenden.  Wenn  aber  auch  die  Hauptperioden,  welche
man  machen  muß,  richtig  getroffen  sind,  so  werden  doch

*)  Seine  Memoires  pour  servir  à  Thistoirc  Ecclesiastique  (bis
zum  Jahr  5150  Paris  1603,  16  Quart  V.  sind  als  Ereerpten-Repertorium
  betrachtet,  ein  Meisterstück.

“)  Histor.  litter.  Scriptt.  Ecclesiasticor.  Bas.  17do,  2  B.  Fol.
ist  so  brauchbar  als  die  Englische  Originalausgabe.

*½½)  Zuverlässige  Nachrichten  von  den  vornehmsten  Schriftstellern,
Lemgo  1756,  4  Octar  B.  «

Fabricii  bibl.  Gracca  und
bibl.  med.  et  infimae  latin.  (Mansi  Ausg.)
sind  bei  irgend  einigem  beträchtlichen  Fortgang  unentbehrlich.
        <pb n="26" />
        14

noch  einzelne  besondere  Abschnitte  erfordert,  weil  man  ohne

diese  bei  dem  großen  Reichthum  der  verschiedensten  Materien

  weder  pragmatischen  Zusammenhang  noch  glückliche

Uebersicht  des  Ganzen  behalten  kann.  Folgende  Hauptabschnitte

  bei  jeder  Periode  schienen  mir  ganz  aus  der  Natur

der  Sache  selbst  zu  fließen.

Geschichte  der  Ausbreitung.  Man  kann  die  verschiedenen
  Ebben  und  Fluthen  eines  Stroms  bemerken,
  ohne  noch  Räcksicht  auf  die  Bestandtheile  seines
Wassers  zu  nehmen.

Geschichte  der  Kirche,  noch  bloß  als  Gesellschaft
betrachtet.  Ihre  innere  Constitution  und  ihre  aͤußere
Verhältnisse,  wie  beide  durch  die  abwechslendsien  Schicksale
  gebilder  wurden.

Geschichte  dieser  Gesellschaft  als  religiosen
Gesellschaft,  unter  welcher  also  gewisse  Lehrmeinungen,
  die  sich  von  Zeit  zu  Zeit  änderten,  gangbar  sind.

Unstreitig  haben  diese  drei  hier  abgesondert  betrachteten

Puncte  sehr  siark  auf  einander  gewirkt,  aber  durch  alle  unsere

  Eintheilungen  muß  doch  immer  etwas  verloren  gehen,

weil  wir  das  Continuum  unmöglich  so  darstellen  können,
wie  es  sich,  in  der  Natur  selbst,  als  Phänomen  zusammentreffender
  tausendfältiger  Ursachen  zeigt.  Bei  obigen  drei

Abschnitten  schien  mir  der  Verlust  der  Wahrheit  der  möglich

geringste.
        <pb n="27" />
        Perioden  und  Plan

der

Kirchengeschichte.

I.  Zeiten  der  Unterdrückung  und  daher  manchmal
  frommer  Mythologie  bis  auf  Constantin  den
Großen.  Gränzpunct  Synode  zu  Nicäa,  325.

Die  Kirche  dieses  Zeitalters  hat  alle  Fehler  und  alle
Tugenden  eines  Proselyten.  Ihre  Verfassung  wird  nach
und  nach  aristokratisch.

Ihr  Lehrbegriff,  so  fern  allmählich  etwas  dieser
Art  entsteht,  keimt  vorzüglich  im  Orient  fast  ganz  aus
versuchten  Ideen  von  der  Person  Jesu;  noch  hinzugenommen,
  was  von  Meinungen  und  Lehren  aus  dem  Widerspruch
  gegen  Juden  und  Heiden  und  aus  der  Lage  eines
  verfolgten  entspringen  mußte.

Apostel.  Origenes.  Athanasius.

II.  Zeiten  theologischer  Streitigkeiten.  Von
Constantin  dem  Großen  bis  zum  Anfang  des  siebenten
Jahrhunderts  oder  bis  Muhämmed  kam.  Dreihundert
Jahre.

Der  Unterdrückte  wird  Herr.  Vier  große  Prälaten
des  Rdmischen  Reichs,  die  sich  nach  und  nach  in  den
Rang  der  Oligarchen  emporschwangen,  zanken  sich
um  Vorzüge,  suchen  ihren  theologischen  Sprachgebrauch
einander  aufzudrängen.  Die  Hauptscenen  des  Kriegs  und
Signale  zu  immer  steigenden  Unruhen  sind  allezeit  Synoden.
  Bald  triumphirt  der  eine,  bald  wird  der  andere
        <pb n="28" />
        16

Meister,  bald  keiner  von  allen  vieren,  weil  sich  alle  vier
nach  kaiserlichen  Cabinetsordren  bequemen  muͤssen.  Indeß
diese  Bischbfe  fast  einzig  noch  nur  durch  ihren  Verfolgungsgeist
  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  außer  den
Gränzen  des  Rdmischen  Reichs  befdrdern,  indeß  diese  Religion
  selbst  das  unkennbarste  Gewebe  elender  Spitzfindigkeiten
  und  abergläubischer  Gebräuche  wird,  so  erscheint
mit  dem  unerwartet-glücklichsten  Erfolge  der  Schwärmer
aus  Mecca.
Athanasius.  Augustin.  Justinian.

III.  Von  Muhämmed  bis  auf  Gregor  VII.  Fünfthalb  Jahrhunderte.

Der  Bischof  von  Rom,  weil  seine  Nebenbuhler  durch

Muhämmed's  Gläck  fast  ganz  entkräftet  sind,  wächst,  und
steigt  ununterbrochen  höher,  theils  unter  dem  Schutze  der
Pipin'schen  Usurpatorsfamilie,  theils  auch  von  Zufällen
begünstigt,  welche  gewiß  nicht  das  Werk  seiner  Politik
waren.  So  wie  überdieß  durch  Mönche  und  Aufklärung
genauerer  Zusammenhang  unter  den  verschiedenen  Curopäischen
  Reichen  entsteht,  so  bekommt  er  seine  Wirkungssphäre,
  und  nicht  an  der  innern  Kraft,  bloß  an  den  Communicationslinien
  hatte  es  ihm  bisher  gefehlt.

Muhämmed.  Bonifacius,  Apostel  der  Thüringer  und

Sachsen.  Pseud  Isidor.  Römisches  Damenregiment.

Gregor  VII.

IV.  Von  Gregor  VII.  bis  Luther.  Vier  Jahrhunderte.

Der  Hauptschauplatz  der  Begebenheiten  verengt  sich  immer
  mehr  auf  den  Occident.  Voller  Mittag  der  päbstlichen
Hozeit  und  Macht:  es  fängt  aber  auch  schon  an,  wieder
Abend  zu  werden.  So  lange  es  bloß  dem  Dogma  gilt,
        <pb n="29" />
        17

und  das  Verderben  bloß  theologisch  ist,  so  leiden  es  die
Könige  gedultig;  wie  aber  die  Päbste  zu  begierig  den  Unterthanen
  das  Geld  nehmen,  und  wie  es  bald  der  Mäbste
mehrere  giebt,  so  fängt  man  an  Versuche  zu  machen,  ob  die
Fesseln  nicht  abgeworfen  werden  können.

Gratian.  Innocenz  III.  Johann  XXl.  (XXII.)  Synode
  von  Cosinitz.

V.  Von  Luther  bis  auf  Stiftung  der  Universität  Halle,
1604.  Zwei  Jahrhunderte.

Ein  Sächsischer  Augustiner  Mönch  bringt  mit  Gottes
Huͤlfe  zu  Stande,  was  Kaiser  und  Kbnige  nicht  auszurichten
  vermochten.  Wenn  sich  doch  nur  seine  Partie  nicht
gleich  wieder  entzweiet,  und  mehr  die  Fehler  der  alten
Partie  abzulegen  gelernt  hätte  als  oft  nur  die  Namen
der  Fehler.  Die  Synode  von  Trient  soll  die  Wunden
der  alten  Partie  heilen,  der  Schaden  wird  aber  dadurch
nur  krebsartiger.  Auch  unsere  Bergische  Vereinigungsformel
  wird  ein  Signal  mehr  als  hundertjähriger  Unruhen,
  und  die  Reformirte  Kirche  unterdrückt  durch  ihre
Dordrechter  Synode  noch  mehrere  der  edelsten  Keime.

VI.  Von  Stiftung  der  Universität  Halle  bis  auf  unsere
eiten.

Christian  Thomasius,  zwar  ähnlichen  Temperaments
aber  nicht  ähnlichen  Charakters  mit  Luther,  ein  Mann
vollkommen  wie  man  einen  haben  mußte,  um  unsere  Kirche
aus  tiesem  Schlaf  zu  wecken.

Der  Saame,  welchen  Bayle  ausgestreut  hatte,  trägt  nach
und  nach  gute  und  bbse  Früchte.  Bei  den  aufmerksam
  gemachten  Vertheidigern  der  Christlichen  Religion  blüht
allmählig  Geschichtkunde  und  Philologie  immer  mehr  auf,

Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  2
        <pb n="30" />
        18

weil  man  nach  vielcn  Schwierigkeiten  gewahr  wird,  daß
Wolfische  Philosophie,  so  glückliche  Revolutionen  sie  auch
im  Ganzen  gemacht  haben  mag,  doch  nicht  biblische  Theologie
  ist.  Letztere  gewinnt  bis  jetzt  noch  am  meisten  durch
die  genauere  Kunde,  was  historischer  Stil  des  Alterthums
  sey,  und  wie  die  Menschen  in  gewissen  Zeitaltern
von  der  Vorsehung  hätten  behandelt  werden  müssen.
        <pb n="31" />
        Erste  Periode

von
Christi  Geburt  bis  Constantin  den  Großen.

Gränjpunct  Synode  von  Nicäa,  im  Jahr  325.

Quellen  dieser  Geschichte.

Aechte  und  unächte  Schriften  der  Apostel,  vereinigt
  mit  Philo  und  Josephus,  nebsi  dem  wenigeren,
  was  sich  bei  Lateinern  sindet.

Die  Apologeten,  unter  welchen  Justinus,  Tertullian

und  Origenes  vorzüglich  merkwürdig  sind.

Von  Geschichtschreibern  Eusebius.

Iiuinarti  acta  primorum  martyrum  sincera  et  selecta.
Verona  1931.  fol.  sind  noch  das  Beste  dieser  Art.

Codex  Theodosianus  (Ed.  Ritteri)  ist  auch  für  die  Geschichte
  dieser  Periode  cine  noch  lang  nicht  genug  benützte
  Quelle.

Für  die  Geschichte  der  Glaubenslehre
Rösler's  Lehrbegriff,  und

Auszüge  aus  den  Vornicäischen  Kirchenvätern,
  4  Octav  B.  Leipzig  1776.

.  1.
Geschichte  des  Stifters  der  Christlichen  Religion.

Die  Welt  hat  noch  nie  einc  solche  Revolution  erfahren,
die  in  ihren  ersten  Veranlassungen  so  unscheinbar,  und  in
ihren  letzten  ausgebreitetsten  Folgen  so  hoͤchst  merkwürdig
war,  als  diejenige  ist,  welche  ein  vor  achtzehn  hundert  Jahren
  geborner  Jude,  Namens  Jesus,  in  wenigen  Jahren  sei-2à
        <pb n="32" />
        20

nes  Lebens  machte.  Hoͤchstens  eigentlich  nur  dritthalb  Jahre
lebte  er  fuͤr  die  Geschichte;  denn  so  ausgezeichnet  merkwuͤrdig
  manche  Umstaͤnde  seiner  Geburt  waren,  und  besonders
vielleicht  für  einen  Juden  seyn  mußten,  welchen  die  Versicherungen
  seiner  Propheten  schon  seit  langem  her  mit  großen
  Hoffnungen  einer  sehr  glücklichen  Zukunft  belebt  hatten:
so  wurde  doch  diese  erst  erregte  Aufmerksamkeit  durch  das
nachfolgende  Leben  gar  nicht  unterhalten.

Er  erschien  erst  wieder  im  dreißigsten  Jahr  seines  Alters,
  aber  itzt  schon  mit  einem  so  ausgebildeten  Charakter,
unter  so  allgemeinem  Aufsehen,  so  unermüdet  wirksam  und
gerade  auch  unter  so  treffenden  Umständen,  daß  man  schon
damals  einer  wichtigen  Veränderung  entgegen  sehen  mußte.
Die  Religion  seiner  Nation,  in  deren  Verbesserung  eines
seiner  Hauptgeschäfte  bestund,  war  als  Religion  betrachtet
fast  zur  bloßen  äußeren  Ceremonie  geworden,  und  hatte  für
das  Volk,  wie  für  die  Vornehmeren,  fast  alle  moralische
Wirkung  verloren.  Als  Theologie  betrachtet  war  sie  ein
Gegenstand  des  Gezänkes  vorzüglich  dreier  Partien,  Phariscer,
  Sadducäer  und  Essäer,  welche  in  den  wesentlichsten
  Religionsgrundsätzen  von  einander  abgiengen,  und
nur  in  dem  Wunsche  übereinstimmten,  ihre  Nation  von  dem
drückenden  Joche  der  Römer  und  von  den  Idumäischen  Tyrannen
  endlich  befreit  zu  sehen.

Zu  keiner  Partie  schlug  sich  der  neue  Lehrer;  wenn  er
diese  strafte,  so  schonte  er  jener  nicht.  Er  hatte  auch  solcher
dußeren  Partie#nhülfe  gar  nicht  nöthig,  denn  seinen  moralischen
  Ermahnungen  gab  Wahrheit  und  eigenes  unsträfliches
Beispiel  den  rührendsten  Nachdruck;  und  zu  seinen  Behauptungen
  von  der  hohen  göttlichen  Würde  seiner  Person
        <pb n="33" />
        21

legitimirte  er  sich  durch  Wunder,  die  selbst  auch  durch  ihre
verschiedenste  Mannichfaltigkeit  theils  Nachdenken  theils
Glauben  erregen  mußten.  Creditive  dieser  Art  schienen  wirklich
  auch  von  ihm  gefordert  werden  zu  koͤnnen,  da  er  nicht
bloß  Reformator  der  Jüdischen  Religion  werden,  sondern
nun  als  Hauptperson  die  neue  Periode  eröffnen  wollte,  in
welcher  ohne  irgend  einigen  Nationenunterschied  Gottes  allgemeine
  Vaterliebe  allen  Menschen  versichert  werden  sollte.
Der  Haß  besonders  der  Pharisäischen,  Partie,  der  durch
den  beleidigten  Nationalstolz  immer  mehr  gereizt  wurde,
gieng  endlich  so  weit,  daß  sie  den  größten  wohlthätigsten
Mann,  den  je  die  Welt  sah,  zum  schmählichen  Tod  brachten.
  Er  starb  den  Tod  der  Missethäter  am  Kreutze,  aber
mit  einer  Freiwilligkeit,  mit  der  außer  ihm  kein  Mensch
sierben  könnte,  und  die  Vorsehung  erreichte  durch  seinen  Tod
Absichten,  welche  das  größte  Glück  für  das  ganze  Menschengeschlecht
  waren.

Am  dritten  Tage  nach  seinem  Tode  kam  er  wieder  lebendig
  aus  dem  Grabe  hervor.  Er  erschien  öfters  einer
großen  Anzahl  seiner  Freunde  und  Schüler,  er  stärkte  ihre
Muthlosigkeit,  und  gab  ihnen,  ehe  er  sich  ihren  Augen  völlig
  entzog,  wiederholte.  Anweisungen,  wie  sie  sich  in  Zukunft
verhalten  sollten.  An  diesen  seinen  Freunden  lag  ihm  am
meisten,  denn  er  war  ein  sehr  zärtlich  gesinnter  Mann,  und
sie  auch  waren's  vorzüglich,  die  den  großen  Entwurf  der
allgemeinen  Religionsbesserung  vollenden  sollten,  zu  welchem
er  während  seines  Lebens  auf  Erden  nur  die  Anlage  gemacht
batte.  "

Worin  die  Lehre  bestanden  habe,  welche  seine  Schüler
auf  seinen  Befehl  der  Welt  verkündigen  sollten,  darüber  streitet
  man  sich  nun  bald  achtzehn  Jahrhunderte,  und  dieses
        <pb n="34" />
        22

Streiten  macht  einen  wichtigen  Theil  der  nachfolgenden  Erzaͤhlung
  aus.  Der  Historiker  darf  also  hier  um  so  weniger
seine  Ueberzeugungen  als  Geschichte  angeben,  da  das  Buch,
aus  dessen  Nachrichten  die  ganze  Sache  beurtheilt  werden
muß,  in  Jedermanns  Haͤnden  ist,  und  von  Jedem  eigene  Un—
tersuchung  fordert,  der  nicht  gegen  die  wichtigsten  Angelegenheiten
  des  Menschen  ganz  gleichgültig  bleibt.

§S.  2.
Geschichte  der  ersten  Schüler  und  Apostel  desselben.

Den  größten  Theil  der  drittehalb  Jahre,  welche  Jesus
ffentlich  zum  Wohl  der  Welt  verwandt  hat,  widmete  er  besonders
  der  Bildung  zwölf  junger  Männer,  die  er  in  seinen
vertrautesten  Umgang  nahm,  und  welche  er  sich  recht  eigentlich
  für  die  Absicht  erziehen  zu  wollen  schien,  um  durch  sie
das,  was  er  selbst  kaum  anzufangen  Zeit  hatte,  vollkommen
auszuführen.  Diese  Zwölfe  —  Apostel  heissen  sie  von  dieser
ihrer  Bestimmung  —  waren  Zuhörer  der  wichtigsten  seiner
Unterredungen,  Zuschauer  seiner  entscheidendsten  Thaten,  zum
Theil  auch  Zeugen  feierlicher  Erklärungen,  welche  Gott  selbst
vom  Himmel  herab  seinem  Sohne  gegeben  hatte.  Sie  blieben
  freilich  bei  allem,  was  auch  drittehalbjähriger  Umgang
mit  Jesu  zu  Aufklärung  und  Besserung  ihrer  wahrhaftig  redlichen
  Seelen  beitragen  konnte,  immer  doch  noch  Menschen
und  Juden.  Trotzig  und  verzagt,  voll  Nationalvorurtheile,
durch  welche  auch  sie  verhindert  wurden,  den  Vortrag
Jesu  nur  recht  zu  fassen,  und  noch  mehr  entsprangen  aus
dieser  Quelle  besiändige  innere  Zwistigkeiten  unter  ihnen
selbst.

Es  schien  eine  schlimme  Aussicht  für  die  Zukunft  zu
seyn,  wenn  diese  Männer  die  wichtigsten  Religionswahrhei-
        <pb n="35" />
        23

ten,  welche  Jesus  entweder  ganz  neu  ans  Licht  gebracht  oder
wenigstens  in  einem  neuen  Glanze  dargestellt  hatte,  nun
überall  verkündigen  sollten,  und  doch  selbst  dieselbe  nicht
recht  gefaßt  hatten.  Gelehrte  waren  sie  ohnedieß  nicht,  welche
  sich  durch  eigenes  Nachdenken  hätten.  helfen  können,  und
bei  allem  Nachdenken  derselben  hätte  man  alsdenn  doch  besorgen
  müssen,  nicht  Jesu  Lehre  zu  bekommen,  sondern  das,
was  etwa  ein  aufmerksamer  Mann  für  Jesu  Lehre  gehalten
lätte.

Doch  schon  während  seines  Wandels  auf  Erden  hatte
ihnen  ihr  Lehrer  die  Versicherung  gegeben,  sie  durch  Mittheiung
  eines  göttlichen  Geistes  auf  den  Fall,  wenn  sie
einmal  seine  mündliche  Unterweisungen  würden  entbehren
mässen,  gegen  allen  Irrthum  sicher  zu  stellen.  Nicht  lange
nach  stiner  Himmelfahrt  geschah  die  Erfüllung  dieses  Versprechens
  so  feierlich,  daß  ganz  Jerusalem,  wo  sich  diese
Aposiel  Jesu  bisher  noch  aufhielten,  in  große  Bewegung
kam.  Es  war  als  ob  Gott  im  Wetter  kommen  wollte:  wie
ein  Feuermeer  ergoß  sich  über  die  ganze  Versammlung,  und
—  ein  sichtbarer  Beweis,  daß  Gottes  Geist  aller  ihrer  Seelenkräfte
  sich  bemächtigte  —  sie  fiengen  an  Loblieder  in  Sprachen
  zu  singen,  welche  sie  nie  gelernt  hatten.

Von  dem  Tage  an  waren  sie  umgeschaffene  Menschen.
Sie  erfüllten  die  ganze  Stadt  mit  der  feierlichen  Versicherung,
  der  unlängsi  gekreuzigte  Jesus  sey  wieder  von  dem
Tode  erstanden,  habe  sich  zwar,  nachdem  er  sich  ihnen  öfters
gezeigt,  nun  den  Augen  der  Menschen  entzogen,  aber  itzt  in
der  innigsten  Gemeinschaft  mit  Gott  das  allgemeine  Weltregiment
  übernommen,  und  sie  hätten  von  ihm  den  ernfsilichen
  Auftrag,  allen  Menschen  ohne  Unterschied  der  Nationen
kund  zu  thun,  daß  Gott  ihr  gnädiger  Vater  seyn  wolle,  wenn
        <pb n="36" />
        24

sie  sich  nur  entschloͤssen,  sich  kuͤnftighin  zu  bessern,  und  einzig
von  diesem  Jesu  ihre  ganze  Gluͤckseligkeit  zu  erwarten.

„Mit  dem  Schmachten  eines  schon  längst  Duͤrstenden  eiltenasogleich
  ganze  Mengen  herbei,  sich  zu  dieser  Lehre  zu
bekennen.  Der  liebenswürdig  fromme  Charakter  dieser  Männer,
  die  haͤufigen  Wunder,  welche.  von  den  Aposteln  verrichtet.
  wurden  „  waren  äußere  Veranlassungen  genug,  immer
  mehrere  herbeizuziehen,  und  die  Verfeolgung,  welche  der
hohe  Rath  zu  Jerusalem  gegen  sie  verhängte,  machte  die  Sache
nur  ruchtbarer,,  und  nöthigte  die  Freunde  der  neuen  Lehre,
nicht  bloß  zu  Jerusalem  beisammen  zu  bleiben,  sondern  oie
Verehrung  Jesu  guch  in  andere  Länder  zu  verbreiten.  Wie
wichtig  warzes  nicht  überdieß,  daß  eine  solche  Verfolgurg  die
Bekehrung  de  gPaulus  veranlaßte,  dem;  so  viel  uns  die
Geschichte  bekannt.,  ist,  die  Christliche  Religion  mehr  Ausbreitung
  zu  verdanken  hat,  als  allen  übrigen  Aposteln!

Die  Vorsehung  hatte  sich  für  die  große  Revolution,  welche
  jetzt  bewirkt  werden,  sollte,  einen  Zeitpunct  gewählt,  der
nach  allen  seinen  Umständen  äußerst  vortheilhaft  war.  Bei
den  Juden  war  alles  voll  Erwartung,  daß  sich  der  Gott  Abraham's
  einmal  seines  Volks  annehmen  werde.  Selbst  untee
den  Samaritern  war  die  Hoffnung  nach  Dem  sehr  rege,  der
endlich  so  viele  Religionszweifel  auflösen,  und  die  heissen
Wünsche  einer  langen  Sehnsucht  erfällen  sollte,  Die  Edlerdenkenden
  des  Volks  waren  mit  den  herrschenden  Pharisäischen
und  noch  mehr  mit  den  Sadducäischen  Religionsmeinungen
gar  nicht  zufrieden.  Die  Priester,  von  welchen  die  Unterdrückung
  der  neuen  Lehre  am  meisten  zu  besorgen  stund,  waren
nicht  mehr  ganz  unabhängige  Herren,  sondern  mußten  sich
vor  dem  Römischen  Statthalter  fürchten.
        <pb n="37" />
        25

Doch  wie  es  zu  Jerusalem  stand,  daran  lag  bald  nicht
mehr  viel,  weil  Jerusalem  gar  nicht  einziger  Schauplatz  oder
auch  nur  Mittelpunct  der  neuen  Kirche  seyn  sollte.  Aber  auch
in  der  uͤbrigen  Welt  trafen  sie  alles  vorbereitet  an.  Seit  den
Zeiten  der  Syrischen  Koͤnige  hatten  sich  die  Juden  durch  die
ganze  policirte  Weltizerstreut.)  Wo  also  die  Prediger  der  neuen
Lehre  in  irgend  eine  berühmte  Stadt  kamen,  fanden  sie  alte
Glaubensgenossen  und  Landsleute,  an  welchesie  sich  anschließen
konnten,  und  da  es  schon  laͤngst  Sitte  war,  daß  die  Jüdische
Synagoge  auch  von  frommen  Heiden  besucht  wurde,  so  konnten
  auch  die  Heiden  eine  Lehre  hören,  welche  man  in  der
Synagoge  vortrug.

Ueberhaupt  fand  auch  die  neue  Religioni  in  der  heidnischen
Welt  nicht  sogleich.  den  heftigsten  Widerstand.  Eine  neue  Religion
  oder  Verehrung  eines  neuen  Gottes  einzuführen,  war
fuͤr  den  Polytheisien  nichts  auffallendes,  denn  er  bedachte  nicht
sogleich,  daß  Christliche  Religion  nicht  bloß  neue  Religion,
sondern  eine  solche  neud.  Religion  sey,  welche  auf  den  Umsturz
aller  alten  gegründet  werden  mußte.  Man  hielt  Christen  lange
  Zeit  nur  für  Jüdische,  Sectirer:  sollten  also  Juden  geduldet
werden,  warum  nicht  auch  eine  einzelne  Jüdische  Secte?  Die
alten  heidnischen  Religionen  waren  längst  das  Gespötte  der
Klügern  und  die  sorglose  Verachtung  selbst  des  Pöbels  geworden,
  besonders  seitdem  auch  die  Caligulas  Anspruch  auf
göttliche  Ehre  machten.  Vielleicht  war  für  die  Christliche
Lehre  in  den  allerersten  Zeiten  ihrer  Ausbreitung  selbst  auch
dieses  ein  Glück,  daß  lauter  sorglose,  um  Staat  und  Religion
  unbekümmerte  Regenten  das  Rdmische  Reich  beherrschten.
  Erst  alsdenn,  da  sich  diese  neue  Partie  schon  allzuweit
ausgebreitet  hatte,  sieng  man  an  wahrzunehmen,  daß  alle
übrige  von  ihr  verdrängt,  würden.
        <pb n="38" />
        26

Durch  Handel  und  andere  politische  Verbindungen  waren
  alle  Theile  der  damals  fuͤr  gesittet  gehaltenen  Welt,  in
so  beständiger  wechselsweisen  Mittheilung,  daß  es  nur  Beruͤhrung
  eines  Puncts  im  Cirkel  bedurfte,  um  den  ganzen
Cirkel  in  Feuer  zu  setzen,  und  wenn  itzt  der  Missionarius
rest  muͤhsam  verschiedene  Sprachen  der  Voͤlker  lernen  muß,
so  konnte  der  Apostel  damals  allein  durch  sein  Griechisch
vom  Euphrat  an  bis  an  den  Ebro  allen  verstaͤndlich  werden.

g.  4.

Erste  Ausbreitungen  und  Schicksale  des  Christenthums.
Man  hat  keine  zuverlässige  Nachrichten,  durch  deren
Huͤlfe  man  bestimmen  koͤnnte,  wie  weit  sich  die  Christliche  Lehre
durch  die  Apostel  selbst,  oder  durch  andere  ihnen  gleichzeitige
Lehrer  verbreitet  habe.  Ein  großer  Theil  der  Länder  jenseits
des  Euphrats,  Syrien,  Aegypten,  Kleinasien,  das  Europäische
Griechenland  und  Italien  empfiengen  ganz  gewiß  den  ersten
Unterricht  von  den!  Aposteln  selbst.  Aber  Franzosen  und  Spanier
  möchten  auch  gerne  unmittelbare  Schüler  eines  Apostels
seyn,  und  manche  der  morgenländischen  Christen  tragen  sich

mit  Nachrichten  von  Aposteln,  als  ihren  ersten  Lehrern.

Weit  historisch  genauer  läßt  sich  zeigen,  wie  sich  aus
dem,  was  anfangs  bloß  Iüdische  Secte  zu  seyn  schien,  eine
eigene  für  sich  bestehende  Gesellschaft  gebildet  habe.  Jesus
selbst  hatte  noch  keine  Kirche  gestiftet.  Auch  die  Apostel
giengen  sehr  langsam  dabei  zu  Werk,  und  sie  ließen  die  Kirche
  mehr  sich  selbst  bilden,  als  daß  sie  den  Gang  ihrer  Entwicklung
  beschleunigt  hätten.  Es  fiel  ihnen  selbsi  schwer,  von
ihren  alten  Glaubensgenossen  sich  ganz  loszureissen,  und  vielleicht
  würe  das  Band  zwischen  dieser  so  genannten  Christensecte
und  zwischen  der  Jüdischen  Kirche  nicht  einmal  so  fruͤh  aufgeldst
  worden,  wenn  nicht  die  eigene  Gewaltthätigkeit  der
        <pb n="39" />
        27

Juden  dasselbe  abgerissen  hätte,  und  die  Christen  durch  die
traurigen  Schicksale  ihrer  Halbbruͤder  genoͤthigt  worden  waͤ-ren,
  sich  schneller  von  ihnen  abzusondern.

Sobald  die  Christen  eine  eigene  für  sich  bestehende  Kirche
  ausmachten,  so  erfuhren  sie  die  Verfolgungen,  nicht  nur
der  Juden  sondern  auch  der  Heiden.  Eine  Partie,  die  so
gedrückt  war,  wie  die  Juden  nach  völliger  Zerstbrung  ihres
Staats  gedrückt  wurden,  konnte  nicht  mehr  viel  ausrichten,
und  auch  die  Wuth  des  Barcochbas,  der  sich  im  zweiten
Jahrhundert  für  einen  Messias  ausgab,  dauerte  nur  kurze
Zeit.  Anhaltender  und  nachtheiliger  waren  die  Verfolgungen
der  Heiden,  weil  sie  großentheils  selbst  auf  Befehl  der  Obrigkeit
  veranstaltet  wurden,  und  oft  nicht  nur  auf  einzelne
Städte  und  Provinzen  sich  erstreckten.

Nero  war  der  erste,  der  die  Christen  durch  Gesetze  verfolgte.
  Er  hatte  Rom  anzünden  lassen,  und  mußte  doch  einen
  Schuldigen  haben,  dem  er  sein  Verbrechen  aufbürden
konnte.  Die  Christen,  ohnedieß  Gegensiand  des  allgemeinsten
  Hasses,  schienen  dic  geschicktesten  dazu'  zu  seyn.

Wahrscheinlich  erstreckte  sich  diese  Verfolgung  nicht  über
die  Provinzen,  sondern  vorzüglich  nur  über  die  Rômischen
Christen.  Vielleicht  würde  auch  ein  solcher  einzelner  Befehl
den  Christen  nicht  so  großen  Schaden  gethan  haben,  wenn
nicht  ohnedieß  die  heidnischen  Priester  so  sehr  erbittert  gewesen
  wären,  daß  ihnen  durch  die  verminderte  Anzahl  der  Götzendiener
  viel  von  ihrem  Einkommen  entzogen  worden,  und
wenn  nicht  auch  schon  die  bloße  Standhaftigkeit,  unter  so
despotischen  Regierungen,  als  die  Regierung  der  damaligen
Kaiser  war,  ein  Verbrechen  hätte  seyn  müssen,  besonders  da
diehmal  die  Ehre  der  Regenten  so  sehr  darunter  Noth  litt,
        <pb n="40" />
        28

denn  die  Christen  weigerten  sich,  den  Bildsäulen  des  Kaisers
zu  opfern  und  Weihrauch  zu  streuen.

Durch  eine  Menge  verläumderischer  Gerüchte,  die  oft
ganz  falsch  waren,  oft  auf  mißberstandene  Nachrichten
sich  gründeten,  wurde  die  Erbitterung  noch  allgemeiner  gemacht:
  die  Clristen  sollten  Menschenfleisch  in  ihren  geheimen
Versammlungen  genießen;  wie  schändlich  warkdoch  hier  die
Lehre  vom  Abendmahl  versiellt!  Besonders  ihre  nächtlichen
Morgenzusammenkünfte  sollten  eine  Zeit  der  schändlichsien
Unzucht  seyn:  und  doch  fand  sich's  bei  den  Untersuchungen,
daß  sie  bloß  zusammenkamen,  um  Gott  und  Chrisio  Loblieder
  zu  singen,  daß  sie  sich  bloß  in  den  wechselsweisen  Versorechungen
  vereinigten,  Bruderliebe  zu  üben,  und  Missethaten
  nicht  zu  begehen,  die  oft  kaum  die  Moral  der  heidnischen
Mhilosophen  als  unrecht  erkannte.  Man  sagt,  die  Christen
sollen  sich  wohl  etwa  auch  manchmal  nicht  zum  ruhigsten  verhalten
  haben,  sollen  sich  durch  fanatische  Hoffnungen  getäuscht,
wenn  sie  einen  Nero  oder  Domitian  für  den  Antichrist  hielten,
in  aufrührerischen  Ausdrücken  und  Handlungen  vergessen  haben.
  Wer.  will  aber  auch  fordern,  daß  bei  so  vielen  verschiedenst
  gesinnten  Menschen,  die  durch  alle  Provinzen  des  Roͤ-mischen
  Reichs  zerstreut  waren,  und  bei  dem  höchsien  Grade
der  Tyrannei,  die  sie  erdulden  mußten,  die  Gedult  immer  unüberwindlich
  bleiben  soll?

.  5
Verfolgungen  der  Christen.

Verfolgungen  können  die  Ausbreitung  einer  neuen  Religionspartie
  selten  hindern,  und  so  viele  Beispiele  der  standhaftesten
  Tugend,  als  man  hier  an  den  Christen  wahrnahm,  mußten
  Manchen  zur  Nacheiferung  reizen.  Ein  selbst  durch  die
härtesten  Schicksale  gereizter  Enthusiasmus  befördert  so  oft
        <pb n="41" />
        29
die  Ausbreitung  der  Lüge,  warum  nicht  auch  die  Ausbreitung
der  Wahrheit?  Schon  zu  Ende  des  ersten  Jahrhunderts  standen
  in  Kleinasien  die  Götzentempel  verddet,  zum  Opfersfleisch
wollte  sich  kein  Käufer  mehr  finden.  Trajan  will  zwar  die
Christen  nicht  aufgesucht  wissen,  aber  man  solk  sie  doch  strafen,
  wenn  sie  rechtmäßig  angebracht  würden.  Wemt  auch  einer
  der  nachfolgenden  Kaiser  keine  eigentlichen  Strafgesetze  gegen
  die  Christen  gab,  so  wurden  doch  die  vorigen  nie  ganz  aufgehoben,
  und  die  neuen  etwa  mildernden  Verordnungen  hatten
  fast  immer  eine  Zweideutigkeit,  welche  den  Verfolger  der

Christen  nicht  zu  sehr  einschränkte.  Es  stand  also  bei  jedem.

Statthalter  der  Provinz,  wenn  er  die  alten  Gesetze  wieder  in
Gang  bringen  wollte,  und  an  Vorwand  fehlte  es  nie,  einer
so  verhaßten  und  verläumdeten  Partie  recht  wehe  zu  thun,  da
sie  ohnedieß  selbst  auch  nach  Verhältniß  ihrer  weiteren  Ausbreitung,
  unvermeidlich  hie  und  da  scheinbare  Gelegenheit  geben
  mußte.

Indeß  scheinen  die  Schicksale  der  Christlichen  Religion
nur  im  Roͤmischen  Reiche  so  fortdaurend  hart  gewesen  zu
seyn.  Mit  dem  Anfange  des  dritten  Jahrhunderts  regierte
zu  Edessa  ein  Christlicher  Koͤnig,  und  auch  jenseits  des  Euphrats
  genossen  die  Bekenner  der  neuen  Lehre  eine  Ruhe,
welche  besonders  in  Persien  fast  den  Untergang  der  alten
Nationalreligion  fuͤrchten  ließ.

Die  letzteren  Stuͤrme,  welche  die  Christen  unter  der  Regierung
  der  Kaiser  aushalten  mußten,  waren  bei  weitem  die
heftigsten.  Maximin's  Verfolgung  dauerte  zwar  nur  kurz,
aber  Decius  wuͤthete  wie  ein  Tyrann,  und  auf  die  etwas
gelindere  Verfolgungen  des  Gallus  und  Valerian,  kam  die
Diocletianische,  bei  der  es  nicht  nur  den  Personen  der  Chri—
sten,  sondern  vorzuͤglich  auch  der  Bibel  galt.  Galerius,  vor-
        <pb n="42" />
        30
her  einer  der  ergimmtesten  Gegner  der  Christen,  schenkte  ih-3I1
  nen  endlich  zuerst  die  Ruhe  durch  ein  Edict,  und  Constan=313
  tin  vollendete  ihre  Freude.
.  6.
Mildernde  Umstände  dieser  Verfolgungen.

Indeß  die  Kirche  manche  solcher  Erschütterungen  leiden
mußte,  und  unter  diesen  drückenden  Umständen  viel  Gutes
und  Böses  in  derselben  sich  entwickelte,  so  gewann  sie  doch
immer  zugleich  an  Ausdehnung,  und  selbst  manche  der  Römischen
  Kaiser  waren  gnädiger  gegen  dieselbe  gesinnt,  als
man  hätte  erwarten  sollen.

Wo  Roͤmische  Legionen  hinkamen,  da  kamen  auch  Christen
  hin.  Spanien  hatte  gewiß  schon  im  zweiten  Jahrhundert
  seine  Kirche.  Von  Gallien  isi's  noch  erwiesener,  denn.
wer  kennt  nicht  den  Bischof  Irenäus  von  Lyon?  Britannien,
das  Vaterland  Constantin's,  ist  nicht  viel  jüngere  Tochter  des
Christenthums  als  Gallien,  und  wenn  die  Kirchenväter  Tertullian
  und  Irenäus  ihre  Worte  genau  abgewogen  haben,  so
gab  es  auch  schon  bei  uns  Deutschen  im  zweiten  Jahrhundert
  Chrisiliche  Kirchen).

Manches  Vorurtheil  gegen  die  Chrisiliche  Religion  muß
sich  verloren  haben,  nachdem  sie  bekannter  geworden,  und
besonders  durch  allgemeinere  Bekanntwerdung  der  Bibel  das
Leben  ihres  Stifters  in  seiner  ganzen  Vortrefflichkeit  aner-*)

  Die  Gothen,  welche  im  dritten  Jahrhundert  in  Mösien  und
Thracien  wohnten,  erhlelten  die  Christliche  Religion  durch  Zufall.
  Sie  führten  einige  Geistliche  aus  Kleinasien  als  Gefangene
  hinweg,  und  diese  machten  ihrer  Religion  unter  diesen
Barbaren  so  viel  Ehre,  daß  sich  hier  eine  eigene  Christliche

Kirche  bildete.
Iren.  adv  hacr.  I.  160.  Tertull.  adv.  Iud.  C.  VII.
        <pb n="43" />
        31

kannt  wurde.  War  es  gerade  nothwendig  ein  Christ  zu  seyn,
um  Christum  fuͤr  einen  großen  Mann  zu  halten?  Wie  der
Schüler  Epikur's  die  großen  Vertheidiger  der  stoischen  Grundsätze
  bei  aller  Verschiedenheit  der  Gesinnungen  doch  der  vorzüglichsten
  Hochachtung  würdigte,  so  konnte  mancher  Heide
  die  Bildsäule  Christi  unter  den  großen  Männern  seines  Jahrhunderts
  haben.  Tiberius  war  deswegen  kein  Christ,  noch
hielt  er  Christum  für  einen  Gott,  wenn  er  verbot  die  Christen
  zu  verfolgen,  und  eine  Religionspartie  dieses  Namens  anerkannte).


Antonin's  Toleranz  ist  einer  der  schönsten  Züge  in  der
Geschichte  seiner  Regierung:  von  den  duldenden  Ersinnungen
  mancher  nachfolgenden  Kaiser  kann  man  nicht  so  gut  urtheilen.
  War  sie  nie  durch  das  Geld  der  Christen  erkauft?  nie
bloß  Politik  des  schwachen  Regenten,  der  eine  Partie  durch  die
andere  verderben  wollte  2)  Noch  unrichtiger  ist,  einen  Kaiser,
der  etwa  vorzügliche  Neigung  für  die  Christen  bezeugte,  oder
etwas  mehr  vom  Christenthum  hören  wollte,  als  andere,  sogleich
  selbst  zum  Christen  machen.

Ungefähr  in  dritthalb  Jahrhunderten  hatte  sich  diese  neue
Religiospartie  nun  so  emporgearbeitet,  daß  ihre  Menge  die
zahlreichere  und  angesehenere  auch  im  Römischen  Staat  war.
Offenbare  Gewalt  der  Gesetze  hatte  sie  zu  unterdrücken  gesucht,
Grimm  der  Regenten  und  Wuth  des  Pöbels  war  oft  fast  auf's
bochste  gestiegen,  und  die  Vertheidigungsschriften,  welche  von
Zeit  zu  Zeit  von  verschiedenen  Schriftstellern  verfaßt  wurden,
hatten  dagegen  wenig  Nutzen:  wer  weiß,  ob  sie  der  Kaiser  erhielt,
  ob  sie  seine  Minister  lasen?  Die  Witzlinge  lachten  dieser

*)  So  läßt  sich  noch  am  besten  Tertullian's  Erzählung  (Apologet.
c.  5.)  vertheidigen,  sie  mag  auf  Tiberius  oder  auf  einen  andern
  August  gehen.
        <pb n="44" />
        32

neuen  Sonderlinge,  und  wie  die  Neigung  für  das  Christenthum
  allzu  allgemein  wurde,  so  fieng  man  auch  im  Ernst  an,
dasselbe  zu  widerlegen.

Das  Christenthum  triumphitte  über  alle  Hindernisse:
Gottes  Hand  war  sichtbar  in  der  Geschichte  seiner  allerersten
Ausbreitüng,  aber  leider  haben  die  Menschen  Gottes  Hand
fruͤhe  nachgemacht.  Bei  aller  Freiwilligkeit  für  die  größten
Verläugnungen  scheinen  die  moralischen  Begriffe  dieses  Zeitalters
  noch  nicht  so  aufgeklärt  gewesen  zu  seyn,  daß  nicht  man,
ches  von  der  Art,  wie  sie  oft  Christliche  Religion  auszubreiten
  suchten,  anstößig  scheinen  sollte.  Vieles  wird  sich  genauer
zeigen,  wenn  wir  nun  die  innere  Verfassung  und  Umstände
dieser  neuen  Partie  sehen.

S.  7.

Innere  Verfassung  der  Christlichen  Kirche  der  drei  ersten  Jahrhunderte
  nur  als  Gesellschaft  betrachtet.  Entstehung  des  Klerus.

Es  war  große  Mühe,  so  viele  verschieden  gesinnte  Köpfe,
  die  seit  den  ersten  Jahren  ihrer  Erziehung  durch  National-
  und  Religionshaß  getrennt  waren,  in  einer  Gesellschaft
  zu  bereinigen,  und  so  viel  auch  der  uninteressirte,  nachgiebige
  Charakter  der  Apostel  dazu  beitrug,  so  konnt'  es  doch
nicht  ohne  manchen  wechselsweisen  Stoß  geschehen,  da  die
Apostel  selbst  von  sehr  verschiedenem  Temperament  und  Denkungsart,
  auch  an  Seelenkräften  einander  sehr  ungleich  waren.
  Die  Scheidung  zwischen  Proselyten  aus  dem  Judenund
  Heidenthum  verlor  sich  wohl  erst  zu  Anfang  des  zwei,
ten  Jahrhunderts,  unterdeß  waren  die  ersteren  immer  die  angesehenere
  Partie,  bei  welcher  sich  auch  die  meisien  Kenntnisse
fanden.

Man  vermuthet  nicht  ganz  richtig,  daß  es  in  allen  solchen
  neu  entstandenen  Gesellschaften  eben  so  wie  zu  Jerusa-
        <pb n="45" />
        33

salem  ausgesehen  habe,  und  stellt  sich  vielleicht  auch  nicht
ganz  richtig  vor,  daß  es  zu  Jerusalem  immer  so  geblieben  sey,
wie  es  im  ersten  Anfang  aussah.

Das  erste  natürlichste  Bedürfniß  einer  solchen  neuen
Gesellschaft  war  immer  ein  Lehrer,  der  in  der  Versammluug
das  Wort  führen,  was  vorgelesen  wurde,  erklären  konnte,
Die  Apostel  selbst  setzten  an  vielen  Orten  solche  Männer  ein-An
  andern  Orten  wählte  die  Gemeine  den  verstaͤndigsten
aus  ihren  Mitgliedern,  einen  Mann  guten  Leumunds  nnh,
kluger  Sitten.

Zum  Befehlen  war  nun  ein  solcher  gewiß  nicht  da,  aber
er  hatte  Auctorität,  und  konnte  besonders.  in  Gesellschaft  mit
manchen  durch  Alter  und  Erfahrung  ehrwürdig  gewordencn
Mitgliedern,  auch  bei  Sachen,  die  nicht  zunächst  das  Lehramt
  betrafen,  ein  gältiges  Urtheil  sprechen.  Bei  den  gewöhnlichen
  Obrigkeiten  konnten  nehmlich  die  Cbristen  nicht  viel
Recht  hoffen,  sie  wandten  sich  also  oft  lieber  an  inn,  zu  dem.
sie  ohnedieß  das  größte  Zutrauen  hatten.

Er  war  auch  Verwalter  der  gemeinschaftlichen  Geld  er,  lnd
bestritt  daraus  die  Versorgung  der  Armen,  der  Wittwen  und
Waisen  und  besonders  auch  derer,  so  um  der  Religion  willen
Noth  litten.  Zwar  vorzüglich  ihm  gebuͤhrte  das  Necht  in  der
Gemeine  zu  sprechen,  aber  die  anderen  Mitglicder  waren  deswegen
  nicht  ausgeschlossen.  Er  war  nur  älterer  Bruder  mehrerer
  Geschwistrige,  nur  das  Bedürfniß  mehrerer  schwächeren
Mitglieder  der  Gemeine  machte  ihn  nothwendig.  Da  er  ohne
alle  weitere  Vorbereitung  von  Studium  unter  den  übrigen  als
der  verständigsie  gewählt  worden  war,  so  hatte  er  doch  immer
  unter  der  Gemeine  mehrere  seines  gleichen.

Lange  konnte  aber  eine  solche  unschuldige  Einrichtung
in  ihrer  Unschuld  nicht  bleiben.  Persoͤnliche  *  mußt

Spittler's  simmtl.  Werke  II.  Bd.
        <pb n="46" />
        34

sehr  fruͤhe  Amtsauctorität  werden.  Der  Lehrer  einer  Gemeine
  in  einer  großen  Stadt  mußte  bald  mancherlei  Gehülfen
haben,  und  je  ausgebreiteter  die  Gemeine  wurde,  desto  leichter
veranlaßte  es  Unordnung,  wenn  auch  Laien  in  der  Versammlung
  das  Wort  nahmen,  oder  wenn  sich  nicht  überhaupt  in
der  Gemeine  eine  bestimmte  Regierung  bildete.  So  wurde
der  Lehrer  nach  und  nach  Herr  der  Gesellschaft,  und  woihm
auch  anfangs  seine  eigenen  persbnlichen  Verhältnisse  nicht  dazu
geholfen  hätten,  da  würkte  das  Beispiel  anderer  Gemeinen.
Er  führte  mit  den  Lehrern  anderer  Gemeinen  den  gemeinschaftlichen
  Namen  Bischof,  er  wollte  also  auch  seyn,  was
man  sich  zuletzt  gewöhnlich  unter  dem  Namen  eines  Bischofs
  dachte.
.  8.

Entstehung  des  Subordinationssystems  bei  dem  Klerus.

Ursprünglich  sollte  der  Lehrer  der  Christlichen  Gemeine  zu
Rom  um  nichts  vornehmer  seyn,  als  der  Lehrer  eines  Phrygischen
  Dorfs,  keiner  sollte  dem  andern  zu  befehlen  haben,
und  wenn  es  auf  Amtserinnerungen  ankam,  so  war  das
Recht  sie  zu  geben,  vollkommen  wechselsweis.  Aber  aposiolischer
  Ursprung  einer  Gemeine,  Größe  und  Reichthum  der
Stadt,  Sitz  des  Statthalters,  der  sich  etwa  gerade  da  befand
  —  das  alles  mit  noch  mehrern  in  einzelnen  Fällen  ganz
individuellen  Umständen,  traf  bald  so  zusammen,  daß  sich
unter  den  Lehrern  der  verschiedenen  Gemeinen  selbst,  eine
Aristokratie  bildete,  welche  gleich  anfangs,  selbst  nach  den
Veranlassungen  ihres  Ursprungs,  die  größte  Aehnlichkeit  mit
den  politischen  Eintheilungen  des  Rbmischen  Reichs  erhalten
  mußte.

Aus  der  übrigen  großen  Menge  hoben  sich  ungefähr  zeben
  derselben  hervor,  auf  deren  Wort  vorzüglich  viel  ankam,
        <pb n="47" />
        —

30

aber  von  diesen  zehen  hatte  keiner  dem  andern  etwas  zu  befehlen,
  und  selbst  auch  diese  zehen  waren  weit  noch  nicht  gesetzmäßige
  Herrn  ihrer  Mitbrüder,  alle  ihre  Rechte  waren
nur  Observanz.

Diese  hierarchische  Eidgenossenschaft  aber  würde  sich  schwerlich
  so  gebildet  haben,  wenn  nicht  äußerer  Drang  die  Christen
  gleich  anfangs  zum  Jusammenhalten  genöthigt  hätte,
und  wenn  nicht  dieser  Geist  der  Consociation,  zu  dessen  Nährung
  die  damalige  Dogmatik  sehr  viel  beitrug,  durch  das  Synodenhalten
  geleitet  worden  wäre.

Man  sindet  nehmlich  seit  der  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts,
  daß  die  Bischdfe,  sobald  irgend  etwas  von  gemeinschaftlicher
  Wichtigkeit  zu  entscheiden  war,  aus  der  ganzen
Nachbarschaft  zusammen  kamen,  und  gemeinschaftlich  sich  darüber
  besprachen.  Man  machte  Verordnungen  wegen  der
Kirchengebräuche,  verglich  auch  Streitigkeiten  einzelner  Gemeinen
  gegen  einander,  sprach  mit  einander  vom  Glauben,
und  von  diesem  und  jenem,  der  mit  einer  neuen  Lehre  oder
mit  einem  neuen  Wort  zum  Vorschein  gekommen  war.  Durch
diese  öftere  Versammlungen  die  wahrscheinlich  zuerst  in  Kleinasien
  eine  gewisse  rechtliche  Form  erhielten,  bekamen  gewisse
Bischöfe  in  kurzem  eine  sichtbare  Ueberlegenheit  über  die  andere,
  und  so  wenig  diese  Synoden  gleich  seit  ihrem  Ursprung
zu  Wiederherstellung  des  öffentlichen  Wohls  und  Kirchenfriedens
  beitrugen,  vielmehr  mit  jedem  Jahrhundert  immer  schlimmere
  Folgen  hatten,  so  blieb  man  doch  auf  der  einmal  betretenen
  Bahn.  In  der  nachfolgenden  Periode  konnte  man  alsdenn
  noch  deutlicher  sehen,  wie  sehr  durch  sie  die  Entwicklung
  der  Hierarchie  beschleunigt  wurde.

Schon  aber  zu  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  zeigte
sich  ein.  auffallendes  Beispiel,,  wie  sehr.sich  die  alten  Zeiten

37
        <pb n="48" />
        36

geändert  hatten.  Es  war  seit  langem  eine  Ungleichförmigkeit
  zwischen  der  Römischen  und  Kleinassatischen  Kirche  in
Haltung  des  Passa.  Dem  Beispiel  Christi  getreu  aßen  die
Christen  in  Kleinasien  das  Osterlamm  am  vierzehnten  nach
dem  Neumond,  und  am  siebzehnten  feierten  sie  das  Wiedergedächtniß
  der  Auferstehung  Jesu.  So  wurde  also  die  große
Fasten  unterbrochen,  welche  bis  auf  den  Tag  der  Auferstehung
  unverletzt  sollte  gehandelt  werden;  man  aß  das  Osierlamm
  zu  gleicher  Zeit  mit  den  Juden,  und  das  Fest  der  Auferstehung
  fiel  nicht  immer  auf  den  Sonntag.  «
Drei  Puncte,  die  der  Roͤmische  Bischof  unerträglich  fand,
der  in  seiner  Kirche  die  Gewohnheit  hatte,  das  Passa  in  der
Nacht  unmittelbar  vor  dem  Auferstehungefest  zu  essen,  und
das  Fest  selbst  immer  nur  an  einem  Sonntage  zu  halten.
Man  traktirte  einige  Zeit  mit  einander  wegen  dieser  Zwistigkeit,
  ohne  einstimmig  werden  zu  können.  Der  Rmische  Bischof
  Victor  wurde  endlich  so  heftig,  daß  er  die  Kleinassater
nicht  mehr  als  Brüder  erkennen  wollte.  Der  gebieterische
Ton  eines  solchen,  der  im  Grund  nichts  weiter  war  als  vornehmerer
  College,  kam  aber  damals  noch  so  sehr  zu  frühe,  daß
alle  über  den  Stolz  des  Bischofs  aufgebracht  wurden.  Unterdeß
  fangen  doch  nun  seit  dieser  Zeit  hierarchische  Zänkereien
in  ununterbrochener  Reihe  an,  sie  haben  den  wichtigsten  Ein.
fluß  auf  die  Bildung  der  Dogmatik,  und  zeigen  diesen  selbst
schon  in  der  gegenwärtigen  Periode.  Einen  wichtigen  Abschnitt
  dieser  Geschichte  machen  die  Märtyrer  und  Confessoren.
·  H.9.
Wuͤrkung  der  Maͤrtyrer  und  Confessoren  auf  die  Hierarchie.
Man  glaubte  dem  Manne,  der  fuͤr  das  Bekenntniß  der
Christlichen  Religion  weder  Leben  noch  Aufopferung  aller
Guͤter  theuer  achtete,  nicht  Ehre  genug  erweisen  zu  koͤnnen.
        <pb n="49" />
        37

Was  der  Maͤrtyrer  vielleicht  noch  im  Gefaͤngniß,  vielleicht
in  seiner  Todesstunde  gesagt  hatte,  wurde  wie  ein  Orakel  befolgt,
  und  mancher,  der  wegen  Abfalls  oder  irgend  eines  andern
  Verbrechens  von  der  Kirchengemeinschaft  ausgeschlossen
war,  fand  den  bequemsten  Weg  zur  Wiederaufnahme,  wenn
er  beweisen  konnte,  daß  ihn  ein  Märtyrer  als  Bruder  erkannt
habe.  Das  war  Zerstörung  aller  Kirchenzucht,  deren  Behauptung
  damals  desto  wichtiger  war,  da  bei  so  vielen  aufmerksamen
  Feinden  der  Fehler  eines  einzelnen  Mitglieds  sehr  leicht
der  ganzen  Gesellschaft  hätte  können  zum  Verbrechen  gemacht
werden.  Aber  sauch  Ansehen  der  Geistlichkeit  mußte  darunter
sehr  Noth  leiden,  denn  das  Wortudes  Märtyrers  und  Confessors
  galt  mehr  als  das  Wort  des  Bischofs,  und  der  Märtyrer
  nahm  sich  wohl  manchmal  die  Freiheit,  selbst  den  Bischof
zu  bestrafen.  Man  tritt  der  Ehre  dieser  unerschrocknen  Bekenner
  des  Christenthums  gar  nicht  zu  nahe,  wenn  man  zweifelt,
  ob  sie  immer  auch  aufgeklärte  und  moralisch  gut  gebildete
Menschen  waren,  und  beides  müßten  sie  doch  gewesen  seyn,
wenn  von  ihrer  Entscheidung  der  Wohlstand  der  ganzen  Kirchendisciplin
  und  die  Verfassung  mancher  einzelnen  Kirche,
hätte  abhangen  sollen.  Es  war  dem  Bischof  nicht  möglich,
volliger  Herr  von  seiner  Gemeine  zu  werden,  so  lange  ein  solcher
  Laie  bei  den  wichtigsten  Angelegenheiten  derselben  so  viel
zu  sagen  hatte,  und  wenn  oft  der  Märtyrer  und  Confessor  für
sich  selbst  gegen  den  Bischof  nicht  übel  gesinnt  gewesen  wäre,  so
wurde  er  von  andern  in  der  Gemeine  aufgereizt.  Der  Bischof
mußte  den  Maͤrtyrer  und  Confessor  aus  der  Armencasse  versorgen,
  aber  manche  der  vornehmen  Frauen  in  der  Gemeine
schickte  reichlicher  aus  ihrem  eigenen,  als  der  Bischof  aus  der
öffentlichen  Casse,  und  so  wurde  die  Ruhe  einer  ganzen  Kirche
bisweilen  der  Intrigue  eines  einzigen  Weibes  preisgegeben.
        <pb n="50" />
        38

s.  10.
Donatistische  Streitigkeiten.

Hier  sehen  wir  die  erste  Quelle  der  schrocklichen  Donaistischen
  Streitigkeiten,  welche  über  ein  ganzes  Jahrhundert
ang  die  Afrikanische  Kirche  verwüsteten,  und  Ströme  Christichen
  Bluts  gekostet  haben.  Im  Jahre  311  wurde  nach  dem
Tode  des  Bischof  Mensurius  von  Karthago  ein  dasiger  Aelester,
  Cäcilian,  gewählt,  allein  er  hatte  eine  sehr  ränkvolle  Dame
Lucilla  gegen  sich,  welche  den  Umstand  benutzte,  daß  man  nicht
mit  der  Ordination,  wie  sonst  gewöhnlich,  bis  zur  Ankunft  der
Numidischen  Bischöfe  gewartet  hatte.  Cäcilian  hatte  sich,
noch  als  Diakon,  den  Kabalen  widersetzt,  wozu  die  freigebige
Lucilla  die  Confessoren  gebrauchte.  Ihr  Geld,  das  sie  ehemals,
verhindert  durch  Cäcilian,  nicht  nach-Willkühr  unter  die  Confessoren
  und  Märtyrer  vertheilen  konnte,  war  itzt  das  Mittel,
wodurch  sie  sich  eine  Partie  unter  den  Numidischen  Bischdfen
gewann.  Diese  werfen  sich  zu  Cäcilian's  Richtern  auf,  und  da
er  sie  nicht  dafür  erkennen  kann,  wählen  sie  einen  andern  Bischof
  Majorinus

Wozu  kann  man  nicht  den  Vorwand  finden,  wenn  man
einmal  die  Sache  haben  will!  Cäcilian  soll  von  einem  Manne
geweiht  worden  seyn,  der  bei  letzter  großen  Verfolgung  seine
Bibel  den  Inquisitoren  ausgeliefert  habe.  Ein  solcher  Ordinator
  soll  den  heiligen  Geist  nicht  haben,  also  auch  einem  andern
  nicht  mittheilen  können.  Cäcilian  sey  also  nicht  rechtmäßig
  ordinirt,  und  habe  gar  nicht  ordinirt  werden  können,
weil  auch  er  mit  seinem  Ordinator  Felir  von  Aphthunga  eines
  gleichen  Verbrecheus  sich  schuldig  gemacht.  Unter  den
Bischöfen,  welche  hier  so  strengfromm  argumentirten,  waren
Manche,  die  jenes  Verbrechen  selbst  auf  sich  hatten,  und
kaum  sechs  Jahre  vorher  auf  einer  Synode  von  Cirtha  sehr
        <pb n="51" />
        39

großmuͤthig  dasselbe  sich  unter  einander  ohne  weitere  Kirchenbuße
  verziehen.

Wie  durch  ein  Lauffeuer  entzuͤndete  sich  die  Streitigkeit
in  allen  Afrikanischen  Kirchen.  Die  Donatisten  (so  heißt  die
Gegenpartie  des  Caͤcilian  von  einem  ihrer  Hauptanfuͤhrer)
bringen  ihre  Klagen  vor  Constantin,  und  erbitten  sich  Gallische
  Bischöfe  zu  Commissarien  der  Untersuchung.  Die  niedergesetzte
  Commission,  bei  welcher  Constantin  den  Rômischen
Bischof  Melchiades  zum  ersten  Commissar  machte,  spricht  den
Cäcilign  von  den  vorgeworfenen  Verbrechen  völlig  frei,  und
manche  der  Beschuldigungen  fallen  auf  Häupter  der  Donati-=sten
  zurück.  Auch  bei  der  zweiten  Untersuchung,  welche  Constantin,
  weil  die  Donatisten  noch  nicht  ruhten,  dem  Proconsul
  von  Afrika  übertrug,  erscheint  Cäcilian's  Sache  als  Sache
der  Unschuld.  Doch  um  den  Klägern  selbst  ihre  wichtigsten
Einwürfe  zu  entreissen,  ruft  Constantin  etlich  und  dreißig
Bischöfe  aus  verschiedenen  seiner  Provinzen  nach  Arles-  Auch  314
sie  können  nicht  anders  als  wieder  gegen  die  Donatisten
sprechen:  und  das  einzige,  was  den-  Unruhigen  jetzt  noch
übrig  blieb,  war,  den  Kaiser  selbst  zum  Richter  aufzufordern.
Es  war  leicht  voraus  zu  sehen,  was  sich  auch  wirklich  ereignete,
  daß  sie  auch  bei  dem  eignen  Urtheil  des  Kaisers,  wenn
es  gegen  sie  ausfallen  sollte,  Partheilichkeit  finden  würden.
Die  weiteren  Folgen  und  die  schrocklichen  Scenen  dieser  Be,
wegungen  gehbren  zur  folgenden  Periode.

§.  1I.
Veränderungen  der  Kirchenzucht  und  dadurch  veranlaßter  Novatianismus.

Wenn  man  an  die  Einrichtung  und  den  Geist  der  Kirchenzucht
  dieser  drei  ersten  Jahrhunderte  denkt,  so  findet  man
solche'heftige  Unruhen  in  ihren  Veranlassungen  weniger  außer-
        <pb n="52" />
        40
ordentlich,  die  Gefahr  aber  zeigt  sich  um  so  größer,  welche  von
denselben  zu  befürchten  war.  Die  Kirchenzucht  beruhte  in
diesem  Zeitalter  fast  einzig  auf  den  verschiedenen  Gesetzen  oder
Gewohnheiten,  welche  die  Ausschließung  oder  Wiederaufnahme
  solcher  Personen  betrafen,  die  sich  gewisser  Verbrechen
schuldig  gemacht  hatten.  Es  mußte  bei  jeder  Kirche  fesigesetzt
  seyn,  welche  Vergehen  als  so  groß  angesehen  werden  sollten,
  und  in  den  ersten  Zeiten  war  Strenge  sehr  nothwendig.
Wie  viel  Vorwand  hätten  sonst  Juden  und  Heiden  bei  ihrer
(Verfolgung  gehabt,  wenn  nicht  die  Christen  einer  vollkommenen
  Unsträflichkeit  ihrer  Gesellschaft  sich  beflissen  hätten.
T0odtschlag,  Ehebruch  und  Abfall  zum  Götzendienst  waren
  die  drei  Verbrechen,  bei  welchen  keine  Hoffnung  zur  völligen
  Wiederaufnahme  war,  und  am  wenigsten  für  den  Geistlichen;
  an  welchem  jedes  Verbrechen  immer  doppelter  Strafe
werth  geachtet  wurde.  Manches  hielt  man  dabei  für  eine
Art  des  Abfalls  vom  EChristenthum,  was  doch  vielleicht  nur
zerster  Schritt  zu  demselben,  oder  mehr  augenblickliche  Verläugnung
  als  Apostasse  war.  Auf  solche  Gattungen  von
Verbrechen  war  alss  immer  eine  vorzügliche  Strafe  gesetzt.
Mancher  Christ,  um  seiner  Verfolger  los  zu  werden,
kaufte  sich  von  seinem  Statthalter  oder  Richter  einen  Schein,
daß  er  den  Göttern  geopfekt  habe,  er  glaubte  weniger  zu  fündigen,
  wenn  er  gesündigt  zu  haben  vorgab.  Mancher  glaubte,
den  Göttern  wenigstens  Weihrauch  streuen  zu  dürfen,  wenn
er  nur  nicht  Christliche  Religion  feierlich  verläugne,  oder  lieserte
  er  zwar  den  Verfolgern  die  Bibel  und  heilige  Gesäße
aus,  aber  er  ließ  sich  nicht  weiter  treiben.  Dem  Bischof
wurde  es  schon  sehr  übel  gedeutet,  wenn  er  bei  entstandener
Verfolgung  seiner  Gemeine  sich  nur  entzog.  e
Sobald  nun  der  ersie  Sturm  der  Verfolgung  ein  we-
        <pb n="53" />
        41

nig  vorüber  war,  und  sobald  man  Musse  bekam,  das  Betragen
  einzelner  Mitglieder  zu  untersuchen,  so  wartete  auf  alle
diese  furchtsamen  Seelen  eine  sehr  sirenge  Bestrafung.  Es
war  nicht  moͤglich,  daß  diese  Strenge  auch  bei  vermehrrerer
Anzahl  der  Gefallenen  noch  lange  fortdauren  konnte.  Die
Bischöfe,  welche  die  höchste  Reinigkeit  der  Kirchenzucht  behaupten
  sollten,  waren  größtentheils  auch  durch  eigenes  -Interesse
  gendthigt  nachzulassen.  Aber  eben  dieses  Nachlassen
gab  oft  in  den  Gemeinen  immer  die  heftigsten  Bewegungen;
denn  diejenige,  welche  in  den  Verfolgungen  ausgehalten  hatten,
  wollten  nicht  den  übrigen  gleich  gehalten  seyn.  Ueberhaupt
  glaubten  die  Eiferer,  bei  der  geringsten  Gelindigkeit
sey  es  um  alle  Kirchenzucht  geschehen,  und  ganz  eingenommen
  für  die  alten  Zeiten  konnten  sie  nicht  begreifen,  wie  sich
Kirchenzucht  immer  nach  dem  veränderten  Tone  des  Zeitalters
  richten  müsse.  In  manchen  Kirchen  waren  solche  Bewegungen
  nur  vorübergehend;  in  der  Afrikanischen  wurden
sie,  wie  wir  so  eben  sahen,  von  Arglist  und  Bozheit  benutzt;
noch  früher  aber  entstanden  solche  Gährungen  in  der  Roͤmischen
  Kirche.

Es  war  nach  Bischof  Fabsan's  Tod  ein  neuer  Bischof  zu
wählen.  Unter  den  Wählenden  Rrrschten  zwei  Partien,  eine
hatte  Novatian  an  ihrer  Spitze,  einen  Mann  von  sehr  sirengen
  Grundsätzen  in  Ansehung  der  Gefallenen.  Die  andere,
Cornelius  war  ihr  Haupt,  behauptete  schon  lang  gelindere
Meinungen.  Die  meisten  Wahlstimmen  fielen  auf  Cornelius,
und  die  bisherige  Gelassenheit  der  Eifererpartie  verwandelte
sich  itzt  in  den  heftigsten  Haß,  der  durch  die  Aufmunterungen
einiger  Karthagischen  Geistlichen,  welche  sich  gerade  damals
zu  Rom  aufhielten,  noch  mehr  entzündet  wurde.  Sie  erkennen
  den  Cornelius  nicht  als  ihren  Bischof,  Novbatian  soll
        <pb n="54" />
        42
der  ihrige  seyn.  Was  vorher  bloß  verschiedene  Meinung
war,  wurde  itzt  durch  den  Partiegeist  zum  wichtigsten  Dogma
gemacht.

Der  Novatianer  glaubte  gewiß  zu  seyn,  daß  eine  Kirche,
in  welche  solche  Suͤnder,  als  die  Gefallenen  seyen,  aufgenommen
  wuͤrden,  unmoͤglich  die  wahre  Kirche  seyn  koͤnne,
unmoͤglich  den  heiligen  Geist  haben,  also  auch  unmoͤglich  die
Sacramente  kraͤftig  austheilen  koͤnne.  Wer  demnach  von  der
Partie  des  Cornelius  zu  den  Novatianern  uͤbertrat,  mußte
sich  noch  einmal  taufen  lassen.  Die  Novatianer  konnten
  keinen  Bischof  erkennen,  der  von  einem  Bischof  ihrer  Gegenpartie
  ordinirt  worden  war,  weil  mit  der  bischoͤflichen  Ordinatlon
  nach  den  Begriffen  des  damaligen  Zeitalters  eine
wirkliche.  Mittheilung  der  Gaben  des  heiligen  Geistes  verbunden
  zu  seyn  schleu.

Jede  Partie  schrieb  und  correspondirte  sogleich  mit  andern
  Gemeinen,  und  suchte  sich  Freunde  bei  denselben  zu  erwerben;
  es  gelang  auch  beiden  ihren  Anhang  weiter  zu  verbreiten.
  Die  Partie  des  Cornelius  bekam,  wie  leicht  zu  erachten,
  den  größten  Beifall,  denn  die  gelindere  Meinung  entsprach
  dem  ganzen  damaligen  Zustand  der  Kirche.  Doch  gab
es  Novatianer  bis  in  die  erste  Hälfte  des  fünften  Jahrhunderts.


6.  12.
Kirchen  buße.

Man  hat  sehr  frühe  verschiedene  Stufen  der  Kirchenbuße
gehabt,  wie  man  überhaupt  die  Zuhörer  selbsi  sehr  früh  in  verschicdene
  Classen  theilte.  Als  ausgemacht  nahm  man  an,  daß
das  Verbrechen,  wofür  Kirchenbuße  zu  thun  sey,  etu  mit  öffentlichem
  Aergerniß  verbundenes  Vrrbrechen  seyn  müsse;  denn  das
Aergerniß  war  es'eigentlich,  was  die  Kirche  bestrafte.
        <pb n="55" />
        43

Die  erste  Stufe  war  Ausschließung  vom  Genuß  des  heiligen
  Abendmahls.  Nach  der  ganzen  damaligen  Einrichtung
war  das  heilige  Abendmahl  ein  so  frohes  Brudermahl  zum
Angedenken  des  Todes  Jesu,  daß  man  einen  offenbar  ärgerlichen
  Sünder  keinen  Theil  daran  nehmen  lassen  konnte.

Die  zweite  Stufe  war,  wenn  solche  Verbrecher  nicht
einmal  mit  den  übrigen  dem  Gottesdienst  beiwohnen  durften,
und  diese  Ausschließung  geschah  gemeiniglich  in  sehr  harten
auffallenden  Ausdrücken.  Wollte  nun  aber  ein  solcher  Auswürfling
  (ercommnnicirter)  in  die  Gemeine  wieder  aufgenommen
  werden,  so  mußt'  er  demäthig  darum  anhalten,  in
seinem  ganzen  äußern  Betragen  die  tiefste  Traurigkeit  ausdrücken,
  Werke  der  Liebe  und  Wohlthätigkeit  auszuüben  fuchen,
  und  erst  nach  solchen  ganz  unverdächtigen  Proben  seiner
  Reue  wurde  er  zur  Kirchenbuße  hinzugelassen.

Der  erste  Act  seiner  Buße  war  alsdenn,  daß  er,  wenn
die  Chrisien  zusammenkamen,  im  ganzen  Anzug  eines  Tieftraurenden
  vor  der  Kirchenthüre  stehen  bleiben  und  die  Vorübergehenden
  bitten  mußte,  Gott  und  die  Kirche  für  seine
Wiederherstellung  anzuflehen.  Nach  einigen  Wochen  roder
Monaten  wurden  ihm  die  Hände  feierlich  aufgelegt,  und  er
für  fähig  erklärt,  dem  Gottesdienst  zuzuhören.  So  war  ihm
also  nun  zwar  der  Weg  zum  allgemeinen  Unterricht  wieder  geöffnet.
  Aber  sobald  der  Zeitpunkt  des  öffentlichen  Gebets  kam,
mußte  er  abtreten.  Endlich  durfte  er  auch  bei  dem  Gebet
bleiben;  selbst  aber  auch  wenn  er  es  nun  ganz  anhbren  durfte
mußte  er  oft  noch  eine  Zeit  lang  stehend  mitbeten.  Die  volle
Einsetzung  in  den  Genuß  aller  Bruderrechte  war  endlich  der
gestattete  Mitgenuß  des  Abendmahls  Jesu.

Die  Wichtigkeit  dieses  Bußceremoniels  zeigt  sich  erst  alsdenn
  vollkommen,  wenn  man  bedenkt,  daß  dieses  Zeitalter
        <pb n="56" />
        44

unter  Ausschließung  von  Gemeinschaft  der  Kirche  nichts  geringeres
  gedacht  habe,  als  fast  unmittelbar  mitfolgende  Ausschließung
  von  der  Gemeinschaft  Gottes;  und  daß  Heiligkeit
  lder  Gemeine  —  ein  Begriff,  der  für  uns  ganz  verloren
ist  —  dieselbe  zum  Besitze  der  Gaben  des  heiligen  Geistes
erst  recht  geschickt  zu  machen  schien.  Durch  jene  verschiedene
Gradationen  wurde  man  gleichsam  aufs  neue  für  einen  Heiden,
  für  einen  Ungetauften,  für  einen  Täufling  erklärt;  denn
besonders  seit  dem  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  war  es
allgemeine  Gewohnheit,  daß  man  aus  Taufe  und  Abendmahl,
aus  dem  Taufsymbolum  und  dem  Inhalt  der  böffentlichen  Gebete
  vor  den  Unglaubigen  und  Katechumenen  ein  großes  Geheimniß
  machte.
§.  13.
Gottesdienst  der  Gemeinen.

Es  muß  übrigens  ein  fröhlich  schöner  Anblick  um  die  ganze
  Einrichtung  ciner  Christlichen  Gemeine  besonders  der  zwei
ersten  Jahrhunderte  gewesen  seyn.  Wenn  sie  sich  versammelte,
so  trat  nach  Anstimmung  froher  Lobgesänge  der  Presbyter  oder
Bischof  auf,  las  ein  Stück  aus  der  Bibel  A.  oder  N.  T.  vor,
deutete  es,  so  gut  er's  vermochte,  sprach  über  die  von  ihm  bemerkten
  Fehler  seiner  Gemeine  mit  einer  Herzlichkeit,  welche
man  itzt  strafwürdig  finden  würde,  und  dann  wurde  gebetet
namentlich  für  die  Obrigkeiten  und  den  Bischof.  Die  Kirche
segnete  in  ihrem  Gebet  das  Angedenken  der  Märtyrer  und
Confessoren,  der  edelsten  ihrer  verstorbenen  Mitglieder,  und
die  frohe  Empfindung  des  Gebets  erhob  sich  oft  so  sehr,  als  ob
der  entschlafene  Freund  ihnen  helfen,  als  ob  sie  ihm  mit  ihrer
Fürbitte  noch  nützen  könnten.

Der  Presbyter  oder  Bischof  nahm  Brod  und  Wein  von
den  zusammengebrachten  Oblationen,  betete  darüber,  wic  er
        <pb n="57" />
        45

ohne  bestimmtes  Formular  zu  beten  wußte;  man  gab  es  in
der  Gemeine  herum.  Alle  aßen  vom  heiligen  Brod,  alle  tranken
  den  heiligen  Becher;  denn  warum  sollten  es  nicht  alle  thun,
da  sie  sich  alle,  wie  Bruͤder  eines  Vaters,  ihres  großen  Erstgebornen
  hier  freuen  sollten?  Da  war  nie  eine  Versammlung,
in  welcher  nicht  dieses  Freudenmahl  gehalten  wurde,  und  wenn
es  schon  damals  der  Feiertage  und  Feste  nur  wenige  gab,  so
kam  man  doch  oft  zusammen.  Selbst  in  den  ersten  Zeiten  kam
man  oft  zusammen,  da  man  auch  noch  keine  eigene  Versammlungshäuser
  hatte,  etwa  bloß  bei  einem  der  angesehensten  Mitglieder
  der  Gemeine  oder  wohl  gar  in  unterirdischen  Höhlen  zusammentraf.


Der  Ceremonien  waren  noch  nicht  viele.  Die  Kirche  war
noch  frei  von  manchen  Gebräuchen,  welche  itzt  Veranlassung
  oder  Wirkung  des  Aberglaubens  sind.  Nur  mit  der
Taufe  war  schon  Erorcismus  verbunden;  denn  man  glaubte,
den  Teufel  vorher  erst  austreiben  zu  müssen,  ehe  man  dem
Menschen  den  heiligen  Geist  mittheilen  könne.  Auch  war
schon  allgemeine  Gewohnheit,  daß  man  sich  bei  allen  Gelegenheiten
  kreuzte,  und  dem  Zeichen  des  Kreuzes  manche  besondere
  Wirkungen  zuschrieb.  Es  war  Zeit  der  sorglosen  Unschuld,
  Zeit  des  unbekümmerten  Knabenalters,  aber  wohl  gewöhnte
  sich  der  Knabe  schon  hie  und  da  an  manches,  was
ihm  nothwendig  in  seinen  Jünglings=  und  Mannsjahren
schädlich  seyn  mußte,  wenn  der  Fehler  erst  Zeit  und  Ort  seiner
  Entwicklung  fand.
        <pb n="58" />
        46
Geschichte  der  Lehre,  nach  beiden  Beziehungen  als
Religion  und  Theologie  betrachtet.

S.  14.

Lehre  der  Apostel.
Der  erste  Unterricht  der  Apostel  war  aͤußerst  einfach.
Es  war  ihnen  darum  zu  thun,  gute  fromme  Menschen  zu  bilden,
dem  Juden  seinen  Nationalstolz,  dem  Heiden  seine  Laster  abzugewoͤhnen.
  Dazu  brauchte  es  nun  nichts  als  herzliche  väterliche
  Ermahnungen,  verstärkt  durch  das  Beispiel  Christi
und  anschaulich  gemacht  durch  mannichfaltige  Gründe  aus
der  Natur  der  Sache  selbst  und  aus  ihrer  unmittelbaren  Lage.
  Ihr  ganzer  Vortrag  richtete  sich  immer  nach  den  Bedürfnissen
  und  Fähigkeiten  der  Zuhdrer,  war  also  anders  gegen
  den  Juden,  anders  gegen  den  Heiden,  weil  man  bei
dem  Juden  manches  voraussetzen  konnte,  wovon  Heiden  keine

Kenntniß  oder  keine  Ueberzeugung  hatten.

Die  besondere  Denkungsart  eines  jeden  Aposiels  trug
auch  dazu  bei,  daß  einer  vor  dem  andern  einen  gewissen  Artikel
  in  helleres  Licht  zu  stellen  suchte.  Wie  hoch  schlug  nicht
das  Herz  des  sanften  Johannes,  wenn  er  goͤttliche  Wuͤrde
seines  innigst  geliebten  Jesus  behauptete!  Wie  eiferte  nicht
Paulus  gegen  jeden  Ueberrest  des  Judenthums;  wie  verschieden
  scheint  sich  Jakobus  auszudruͤcken.  Man  sieht  aber  doch
durch  alle  diese  Verschiedenheiten  hindurch,  daß  es  ihnen  darum
  zu  thun  ist,  die  Nachrichten  von  der  Person  und  Wuͤr—
de  Jesu  zu  einem  der  Hauptbeziehungspuncte  ihres  Vortrags
zu  machen,  Gottes  allgemeine  Vaterliebe  besonders  aus  der
Geschichte  Christi  zu  zeigen,  und  die  zweifelsvolle  Ungewißheit
  zu  heben,  womit  bisher  Juden  und  Heiden  in  Ansehung
des  Zustandes  nach  dem  Tode  gepeinigt  wurden.
        <pb n="59" />
        47

Es  war  fuͤr  die  Behauptung  der  Reinigkeit  der,  Lehre
in  diesen  ersten  Christlichen  Gemeinen  sehr  wichtig,  daß  die
Apostel  Schriften  hinterließen,  worin  theils  die  Geschichte  Jesu
  glaubwürdig  erzählt,  theils  die  Hauptpuncte  ihres  Vortrags
  gelegenheitlich  ausgeführt  oder  wenigstens  berührt  waren.
  Es  sind  zwar  eigentlich  nur  Localschriften;  denn  es  sind
größtentheils  Briefe,  also  nicht  Abhandlungen  über  gewisse
Gegenstände.  Wie  es  sich  in  einem  Briefe  giebt,  bald-  Antwort
  quf  eine  vorgelegte  Frage,  bald  Digression  aus  Gelegenheit
  eines  neuesten  Vorfalls,  bald  Ermahnung  wegen  einer
bevorstehenden  Sache.  Aber  gerade  dieses  Locale  und  Individuelvertrauliche
  gab  solchen  Schriften  für  jenes  erste  Zeitalter
  das  höchste  Interesse  und  ein  unverkennbares  Siegel
von  Authenticität.

Man  hat  nicht  alles,  was  die  Apostel  geschrieben  haben,
  und  man  weiß  auch  nicht,  wie  es  kam,  daß  gerade  diese
Schriften  gesammelt  wurden,  welche  wir  gegenwärtig  noch
haben.  Sie  scheinen  schon  zu  Ende  des  ersten  Jahrhunderts  gesammelt
  gewesen  zu  seyn.  Ob  sogleich  alle  auf  einmal,  läßt
sich  wieder  nicht  entscheiden.  An  der  Aechtheit  einiger  derselben
  zweifelte  man  zu  Ende  des  zweiten  und  vorzüglich  im
dritten  Jahrhundert.  Unter  diesen  bezweifelten  ist  die  Offenbarung
  Johannis  das  merkwürdigste;  denn  weil  sie  ein  prophetisches
  Buch  ist,  bekam  sie  besonders  in  Aegypten  starke
Partie  und  Gegenpartie;  Leute,  die  sich  mit  Deutungen  abgaben,
  mißbrauchten  das  Buch,  und  Leute,  welche  diese  Deutungen
  widerlegen  wollten,  schienen  den  Mißbrauch  dem  Buche
  selbst  angerechnet  zu  haben.

.  15.
Kebereien.  Gnostiker.  1
Die  Apostel  haben  es  noch  selbst  erlebt,  daß  man  ihre
        <pb n="60" />
        48

Lehre  zu  verkehren  suchte,  nicht  nur  daß  Juden  ihr  Judenthum,
  so  verdorben  als  es  damals  auch  war,  mit  dem  Christenthum
  zu  verbinden  suchten,  sondern  auch,  daß  Leute,  welche
  nach  dem  damaligen  Tone  Gelehrte  und  Philosophen  waren,
  ihr  Christenthum  an  ihre  philosophische  Meinungen  und
diese  an  jenes  anknüpfen  wollten.

Längst  nehmlich  vor  der  Erscheinung  der  Chrisilichen
Religion  war  besonders  in  den  Morgenländern  eine  Philosophie
  sehr  herrschend  geworden,  welche  bald  die  Materie  als
Quelle  alles  Bösen  angab,  bald  auch  das  große  Vernunfte
räthsel  vom  Ursprung  alles  Bösen  durch  Emanationshypothesen
  und  Aeonengenealogien  zu  ldsen  suchte,  und  durch  diese
  zwei  Vereinigungs-Versuche  sowohl  in  die  Dogmatik  als
in  die  Moral  manches  unrichtige  brachte.  Viele  dieser  Philosophen
  wurden  nun  auch  Christen,  und  die  Art  der  verschiedenen
  Verbindungen,  welche  sie  zwischen  ihren  alten  und
neuen  Ideen  auf  Kosien  der  einen  und  der  andern  zu  machen
  suchten,  brachte  die  verschiedensten  so  genannten  ketzerischen
  Systeme  hervor.

Schon  Paulus  eiferte  gegen  einen  Hymenäus  und  Philetus,
  welche  behaupteten,  die  Auferstehung  sey  schon  geschehen.
  Haben  sie  wohl  die  ganze  Lehre  bloß  allegorisch  von
der  Bekehrung  erklärt?  Johannes  widerlegt  Leute,  welche
leugneten,  daß  Jesus  wahrhafter  Mensch  gewesen  sey,  und
unter  den  Benennungen  Logos,  Sohn  Gottes  ganz  verkchrte
Begriffe  dachten.  Er  erlebte  noch  einen  Hauptanführer  dieser
  philosophirenden  Christen,  Cerinthus.  Dieser  suchte  Gnosticismus,
  Jädische  und  Christliche  Lehre  in  eins  zu  verbinden.
  Der  Gnostiker,  weil  er  einmal  die  Materie  nur  als
Quelle  alles  Bösen  ausah,  sprach  gewohnlich  vom  Weltschoͤpfer
  nicht  zum  rühmlichsten,  uberhaupt  war  ihm  der  Gott
        <pb n="61" />
        40

Mosis  nicht  transscendentel  genug.  Cerinth  aber  nahm  an,
daß  der  Weltschdpfer,  zwar  nicht  der  höchste  Gott  sey,  aber
doch  einer  der  erhabensten  guten  Engel  (Aeonen),  nur  sey  er
nach  und  nach  schlimm  geworden.  Deswegen  habe  Gott  einen
  andern  der  höchsten  guten  Aeonen  gesandt,  der  sich  auf
den  Sohn  Josephs  und  Mariens  bei  der  Taufe  herabgelassen,
und  denselben  der  Ausführung  seiner  großen  Thaten  fähig
gemacht.  Verleitet  durch  den  bösen  Geist,  den  Weltschdpfer
(Demiurgus)  hätten  die  Juden  Jesum  gekrenzigt,  und  bei  der
Kreuzigung  sey  Chrisius  hinweggeflogen.

Es  paßt  gar  nicht  mit  dem  übrigen  System  des  Cerinthus
zusammen,  daß  er  geglaubt  haben  solle,  Christus  werde  einmal
auf  die  Erde  wiederkommen,  und  mit  seinen  Glaubigen  im
höchsten  Genuß  sinnlicher  Wollüste  tausend  Jahre  auf  Erden
regieren.  Ist  hier  das  Unzusammenhängende  Grund  genug,
an  der  Richtigkeit  der  patristischen  Nachrichten  zu  zweifeln?

So  ungefähr  dachte  einer  der  Hauptanführer  einer  gnostischen
  Partie.  Es  ist  aber  unnütze,  die  weitere  Mannichfaltigkeit
  der  ausschweisenden  Einbildungskraft  dieser  Schwärmer
aufzusuchen.  Einer  dachte  sich  mehrere,  ein  anderer  wenigere
Aconen,  jeder  ordnete  sie  verschieden,  mancher  hatte  wohl
gar  kein  System.  Das  große  Räthsel  vom  Ursprung  alles
Bösen,  wie  es  sich  mit  Gottes  weiser  Güte  vereinigen  lasse,
beschäftigte  sie  alle,  und  alle  suchten  sich  dadurch  zu  helfen,
daß  sie  eine  mit  Gott  ewig  coeristirende,  von  ihm  unabhängige
Materie  annahmen,  die  entweder  ihren  besondern  Herrn  hatte,
der  sich  dem  höchsten  Gott  widersetze,  oder  welche  ein  abgefallener
  Geist  als  das  Mittel  brauche,  Gottes  wohlthätige  Abscchten
  zu  zernichten.  Manchen  haben  die  Kirchenväter  unter
die  gnostischen  Ketzer  gezählt,  der  als  aufgeklärter  Kopf  bloß.
Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bl.  4
        <pb n="62" />
        50

Versuche  machte,  die  gewöhnlichen  Vorstellungsarten  zu  verfeinern.

.  10.
Manichäer.

Eine  Abart  oder  vielleicht  ein  Zweig  des  Gnosiicismus
waren  die  Manichäer.  Manes,  ein  Persischer  Magier,  glaubte
zwischen  seiner  Persischen  Philosophle  und  der  Christlichen  Religion
  Uebereinstimmung  zu  finden,  und  was  noch  nicht  übereinstimmend
  war,  glaubte  er  dazu  machen  zu  können.  Die
Lehre  seiner  Bäter  von  zwei  gleich  ewigen  Grundwesen  einem  guten
  und  bösen,  (Licht  und  Finsterniz)  wurde  zum  Grund  gelegt.

Der  Herr  des  Lichts  sey  der  seligste  Geist,  voll  des  thätigsten
  Wohlwollens,  der  Herr  der  Finsterniß  voll  bittern  Hasses
und  böser  Lüste.  Diese  beiden  Herren  seyen  mit  einander  im
Krieg,  und  der  Fürst  der  Finsterniß  habe  verschiedene  kleine
Vortheile  gewonnen.  Wir  Menschen,  über  welche  von  beiden
Partien  viel  gestritten  wird,  tragen  einen  Leib,  der  aus  der
bösen  Materie  entsprungen  ist,  und  von  den  zwei  Seelen,  die
wir  haben,  kommt  eine  vom  Fürsten  der  Finsterniß  und  die
andere  vom  Fürsten  des  Lichts  her.  Christus  wurde  in  der  Absicht
  von  Gott  erzeugt,  um  denen  in  Leibern  eingeschlossenen
Seelen  zu  helfen.  Er  nahm  deswegen  einen  Scheinkörper  an,
und  Manes  ist  der  Paraklet  (Lehrer),  der  itzt  durch  Predigung
  einer  vollkommeneren  Sittenlehre  als  die  Sittenlehre  Christus
  war,  das  angefangene  Werk  vollenden  soll.  Welche  Seele
sich  reinigen  will,  muß  den  Dienst  des  Judengottes  verlassen,
dem  Gesetz  Christi  und  des  Manes  durch  Bestreitung  seiner
Löste  gehorchen.  Zwar  wird  sie  in  diesem  Leben  nie  ganz  rein,
sondern  erst  noch  nach  dem  Tode  hat  sie  verschiedene  Läuterungen
  auszudauren.  Aber  wenn  sie  sich  doch  nun  hier  gar
nicht  reinigen  lassen  will,  so  wird  sie  nach  diesem  Leben  von
        <pb n="63" />
        51
dem  Leib  eines  Thiers,  in  den  eines  andern  kommen,  und
den  härtesten  Peinigungen  unterworfen  seyn.

Eine  Partie,  welche  dieses  System  hat,  konnte  nicht  viel
Gutes  von  der  Bibel  halten.  Das  alte  Testament  war  nach
ihrer  Idee  ein  Werk  des  Judengottes,  also  des.  Herrn  der
Finsterniß,  und  vom  neuen  Testament  konnte  auch  nicht  viel
bleiben,  sie  glaubten  wenigstens,  dasselbe  sey  -Brößtentheils,
so  mit  Fabeln  vermengt,  daß  man  das  Nichiige  vom.  unrichtigen
  nicht  mehr  unterscheiden  könne.  Man  sollte  dem
ersten  Anblick  nach  glauben,  Hypothesen,  wie  die  Manichäischen
  sind,  seyen  viel  zu  sehr  gegen  allen  Menschenverstand,
  als  daß  sie  viele  Anhänger  bekommen  könnten:  aber,
man  weiß  aus  der  Geschichte  ganz  zuverlässig,  daß  sie  außertt
ordentlichen  Beifall  erhielten,  und  daß  es  sehr  schwer  hielt,
ihre  allgemeine  Ausbreitung  zu  hindern.  6  J

Ihre  strenge  Lebensart  und  gute  Moral,  welche  wenig
stens  den  damals  gewoͤhnlichen  Begriffen  von  moralischer
Guͤte  sehr  entsprach,  mag  wohl  viel  dazu  beigetragen  haben;  ;
aber  man  macht  doch  überhaupt  durch  die  ganze  Kirchenhistorie
hindurch  die  traurige  Bemerkung,  daß  Sätze,  die  dem  aufgeklärtern
  und  durch  Abstraction  geübten  Menschenverstand
als  höchst  ungereimt  auffallen,  oft  schnelle  den  ganzen  Beifall
  des  weniger  gebildeten  und  sich  selbst  überlassenen  Menschen
  erhalten.

S.  17.

Montanicsten.  1

Einer  solchen  Art  gelehrter  Schwärmerei  aber  als  die
Gnosiiker  trieben,  war,  wie  leicht  zu  erachten,  ein  großer
Theil  gar  nicht  fähig,  ihre  Einbildungskraft  weidete  sich  an

viel  sinnlicheren  Ideen,  dachte  sich  alles  viel  materieller  unde

überließ  sich,  wie  bei  einer  solchen  Gattung  von  Schwärme=4

  *
        <pb n="64" />
        52

rei  gewoͤhnlich  ist,  recht  ausschweifenden  Hoffnungen  der  Zukunft.
  Niemand  dieser  Art  wurde  bekannter  als  die  Montanisten
  in  Phrygien.

Die  außerordentlichen  Gaben  des  heiligen  Geistes  md,
gen  ungefaͤhr  bis  in  die  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts  in
Kleinasien  fortgedauert  haben,  weil  nirgends  laͤnger  Apostel
gelebt  haben  als  dorten,  also  eine  Gabe,  die  nur  durch  Auflegung
  apostolischer  Hände  ertheilt  wurde,  eben  daselbst  am
längsten  sich  gezeigt  haben  mag.  Da  endlich  aber  nach  und  nach
alle  unmittelbare  35glinge  von  Johannes  hinwegsiarben,  so
regte  sich  Nachahmungssucht  und  Begierde,  die  erlbschenden
Wunderkräfte  sortdaurend  zu  erhalten.  In  einem  unbekannten
Phrygischen  Flecken  sieng  Montanus,  ein  sonst  ziemlich  unwissender
  Mann  an,  für  einen  Propheten,  für  den  Paraklet,  sich
auszugeben,  dessen  Sendung  Christus  so  oft  verheissen  habe.  Er
versicherte,  daß  der  Kirche  noch  gar  viel  mangele,  das  alte  Testament
  sey  Zeit  der  Kindheit  gewesen.  Christus  und  die  Apostel
  hätten  den  Menschen  zwar  zur  jugendlichen  Größe  erzogen,
doch  der  Schwachheit  des  Fleisches  in  vielem  noch  schonen  müssen,
  durch  ihn  und  seine  Gehülfen  aber  sollte  die  Christliche
Tugend  in  ihrem  völligen  männlichen  Glanz  hergestellt  werden.


In  Rücksicht  auf  alle  damals  kirchlich  bestimmte  Lehren

  waren  die  Montanisten  orthodor.  Ihr  Reformationsgeist
betraf  vorzüglich  nur  die  Sittenlehre,  und  diese  wurde  von
ihnen  nach  allen  Eingebungen  eines  schwarzen  melaucholischen
Temperaments  überspannt  oder  sie  erhoben  vielmehr  zur  allgemeinen
  Sittenlehre,  was  damals  der  größere  Theil  bloß
zur  höheren  Ascetik  rechnete.  Montanus  empfahl  die  Fasten
außerordentlich,  wollte  alle  Wissenschaften  aus  der  Kirche
verbannt  wissen,  eiferte  vorzüglich  gegen  die  zweite  Ehe,  denn
        <pb n="65" />
        53

jede  eheliche  Verbindung  uͤberhaupt  schien  ihm  schon  menschliche
  Schwaͤche,  und  drang  endlich  auf  eine  viel  strengere
Kirchenzucht  als  damals  gewoͤhnlich  zu  werden  anfieng.  Die
ganze  Partie  gab  sich  sehr  mit  Visionen  und  Prophezeihungen
ab,  und  man  hat  ihr  viel  apokryphische  Schriften  zu  danken.

Niemand  machte  diese  Partie  berühmter,  als  der  bekannte
  Afrikanische  Kirchenschriftsteller  Tertullian,  ein  Mann
der  bei  seinem  feurigen  Genie  und  bei  seinen  ausgebreiteten
Kenntnissen  sehr  viel  hätte  leisten  können,  wenn  er  seinem
Temperament  weniger  Einfluß  auf  seine  Theologie  gelassen,
und  mehr  genau  gedacht  als  lebhaft  empfunden  haͤtte.  Bei
einer  schwaͤrmerischen  Partie  ist  es  wohl  am  wenigsten  zu
verwundern,  wen  sie  sich  schnell  von  Provinz  zu  Provinz
ausbreitete.

G.  18.
Ketzereien  im  Artikel  von  der  Person  Christi.

Man  sieht  aus  dem  Bieherigen,  daß  die  Specuiationen
der  philosophirenden  Partie  unter  den  ersten  Christen  auf  die
Lehre  von  der  Person  Christi  gefallen  sind,  und  welche  Lehre
lag  ihnen  auch  näher  als  diese,  da  es  damals  noch  so  unverkennbar
  war,  daß  sie  einer  der  ersten  Hauptpuneie  des
Vortrags  der  Aposiel  gewesen.  Aber  es  waren.  auch  micht
allein  diese  philosophirenden  Partien,  welche  damals  in  den
Vorstellungsarten  dieser  Lehre  von  einander  abgiengen,  sondern
  es  gab  noch  manche  andere  Secten,  die  einen  ganz  andern
  Begriff  behaupteten  als  der  herrschende  war,  und  es
war  fast  keine  Provinz  der  damaligen  Christenheit,  wo  nicht
Verschiedenheit  der  Vorstellungsart  dieser  Lehre  große  Unruhen
  erweckte.

Zaͤnkereien  über  die  Frage,  wer  Christus  gewesen  sey,
zogen  sich  nothwendig  auch  in  den  Artikel  von  der  Dreiei—
        <pb n="66" />
        54

nigkeit.  Die  Taufformel  erhielt  ohne  dieß  die  drei  bezeichnenden
  Namen  in  beständigem  Angedenken,  und  der  Streit
mit  den  Heiden  über  die  Einheit  Gottes  gab  Veranlassung
zu  e  vielen.  Versuchen,  sich  so  anszudrücken,  daß  keine  dreifache
Gottheit  herauskomme.  Am  schnellsten  war  der  Knoten  aufgehauen,
  wenn  man  Jesum  für  einen  bloßen  Menschen  erklärte,
  der  zwar  der  größte  Prophet  gewesen  sey,  aber  doch
seine  ganze  Wörde  einzig  von  seinem  Prophetenamt  (gehabt
habe.  Es  war  deswegen  noch  nicht  nothwendig,  ihn  für  einen
  Sohn  Josephs  zu  halten.  Selbst  aber  auch  das  Wunder
  seiner  Geburt  wurde  von  einer  Partie  armer  Judenchristen
  ·  in  Palästina  geläugnet:  wie  wann  es  auch  so  lang
noch  nach  Jesu  Tod  zutreffen  sollte,  daß  der  Prophet  nirgends
  weniger  als  in  seinem.  Vaterland  gelte.

Viel  stärker  als  diese  Partie  war  wohl  jene,  welche  Jesum
  für  einen  Menschen  ansah,  mit  welchem  sich  eine  besondere
  goͤttliche  Kraft  vereinigt  habe,  und  ebenso  auch  den  heiligen
  Geist  bloß  fuͤr  eine  besondere  Kraft  Gottes  hielt,  welche
von  einer  gewissen  Wirkung  diesen  Namen  habe.

Kein  Weg  ist  unversucht  geblieben,  um  die  Lehre  von
der  Person  Christi  passender  zu  machen;  denn  einige  glaubten
  si  ch  sogar  damit  zu  helfen,  wenn  sie  aunehmen  wuͤrden,
daß  sich  der  Vater  selbst  mit  dem  Menschen  Jesu  persoͤnlich
  vereinigt  habe.  Wie  war's  anders  moͤglich,  als  daß  gute
und  böse,  alternde  und  neuernde  Koͤpfe,  wenn  sie  sich  in  dieser
  ewig  unaufklärbaren  Sache  damals  bestimmt  und  weitläuftig
  ausdrücken  wollten,  auf  ungeschickte  Worte  verfallen,
schrift=  und  vernunftwidrige  Vorstellungsarten  manchmal  als
Wahrheit  ergreifen  mußten.  Die  Sprache  hatte  sich  für  solche
  Abstractionen  gar  nicht  gebildet,  als  nothwendig  sind,
wenn  man  nicht  bei  bloßen  Schriftausdruͤcken  bleiben  will.
        <pb n="67" />
        55

Eregese  in  der  Genauigkeit,  wie  sie  hier  erfordert  wird,  konute
  eben  so  wenig  statt  haben,  denn  die  Kunst  ein  Buch  so
zu  lesen,  daß  man  den  ganzen  Sinn  des  Verfassers  ergreift,
setzt  noch  weit  mehrere  Kenntnisse  und  Erfahrungen  voraus,
besonders  wenn  man  von  Jugend  auf  gewöhnt  worden  ist,
gewissen  Worten  und  Seellen  einen  bestimmten  Sinn  beizulegen.


9.  10.
Lehrbegriff  der  Vornicäischen  Perlode.  Origenes.  Hauptepoche
in  demselben.  ·

Streitigkeiten  und  erfundene  Unterscheidungen  waren  es
zwar  meist  von  jeher,  welche  der  Theologie  nach  und  nach
ihr  gelehrtes  Ansehen  gaben,  aber  oft  ereignet  es  sich  doch,
daß  ein  einziger  Mann  nach  und  nach  seinem  Zeitalter  einen
gewissen  Untersuchungsgeist  mittheilt,  oder  dasselbe  zu  ciner
gewissen  Methode  gewöhnt,  durch  welche  alles  allmählig  verfeinert
  oder  wenigsiens  in  andere  Formen  gebracht  wird.  Dieß
war  auch  Schicksal  der  Theologie  und  Religion  der  drei  ersten
Jahrhunderte.  Ungeachtet  aller  Zänkereien  mit  den  Gnosiikern
  behielt  doch  diese  und  jene  wenigstens  in  den  Artikeln,
welche  nicht  gerade  zunächst  streitig  waren,  ein  sehr  einfaches
unschuldvolles  Aussehen:  es  ließ  sich  kurz  und  kunstlos  sagen,
was  die  Christen  glaubten.

Es  ist  ein  Gott,  dieser  einzige  ist  Vater,  Sohn  und  Geist:
Unterschieden  sind  zwar  diese  drei  Namen:  das  ist  sie  bezeichneu
  nicht  einen  und  ebendenselben,  es  sind  nicht  bloß  drei  Namen
  eines  und  ebendesselben,  aber  wir  wissen's  doch  nichf,  wie
sie  unterschieden  sind.  Anbetung  gebührt  diesen  Dreien.  Wisind
  durch  unsere  Sünden  elend,  dem  Teufel  und  dem  Tod
unterworfen.  Uns  davon  zu  erretten,  wurde  Christus  wahrhatiger
  Mensch,  befreite  uns  nicht  nur  durch  seinen  Tod  von  der
        <pb n="68" />
        56

Tyrannei  der  Dämonen;  sondern  lehrte  ans  auch  den  Weg
der  Wahrheit  und  Tugend,  und  gab  uns  die  bündigsten  Versicherungen
  von  dem  Zustande  nach  dem  Tode.  Wir  verdanken
  ja  auch  ihm  allein  unsere  künftige  Auferstehung;  denn
wäre  er  nicht  gestorben,  so  würden  unsere  Leiber  aus  der.
Verwesung  nicht  mehr  aufstehen.  Es  ist  gewiß  mit  diesem
Leben  nicht  alles  aus.  Wir  werden  alle  vor  einen  Richter
zu  siehen  kommen,  durch  dessen  Urtheil  unser  Loos  auf  ewig
entschieden  wird.  Sollte  man  nicht  freudig  durch  die  Taufe
zu  einer  solchen  Religion  sich  bekennen,  durch  den  Genuß
des  Abendmahls  in  einer  solchen  brüderlichen  Gemeinschaft
bleiben?  Diese  Rasigion  fordert  ja  nichts  anders  von  uns,
als  daß  wir  hier  fromm  und  gut  leben  sollen.

So  einfach  war  die  Christliche  Religion  der  zwei  ersten
Fahrhunderte,  so  wird  sie  von  denen  vorgestellt,  welche  sie
in  öffentlichen  Schriften  vertheidigten;  aber  Origenes  kam,
und  er  war  zu  scharffinnig  und  zu  philosophischgelebrt,  um
bei  dem  Unbestimmten  mancher  theologischen  Sätze  seines
Zeitalters  stehen  bleiben  zu  können.  Er  machte  sich  selbst
zwar  auch  vorzüglich  um  historisch  =  philologische  Eregese  verdient;
  doch  der  entscheidendere  Hang  zu  philosophiren,  und
die  Furcht  für  Nachreden  der  Heterodorie  verleiteten  ihn  nicht
nur  zu  allegorisiren,  sondern  auch  eine  problematische  Theologie
  aufzubringen,  um  vielleicht  unter  der  Maske  des  Argumentirens
  für  und  gegen  eine  Sache,  seine  eigenen  Meinungen
  desto  sicherer  anbringen  zu  können.

Ein  großes  Genie  aber  von  Origenes  Thätigkeit  und
brennendem  Eifer  für  das  Christenthum  machte  nothwendig
Partie.  Es  kam  noch  hinzu,  daß  er  nicht  nur  öurch  seine
Schriften  auf  sein  Zeitalter  wirkte,  sondern  auch  durch  mündlichen
  Unterricht  bei  der  Katechetenschule  zu  Alerandria  eine
        <pb n="69" />
        57

Menge  angesehener  Schuͤler  zog.  Von  dieser  Zeit  an  bemerkt
  man  die  große  Trennung  zwischen  den  gelehrten  Theologen
  und  zwischen  den  bloß  populaͤren  und  homiletischen  Religionslehrern,
  die  sich  an  sinnlichere  Vorstellungsarten  gewoͤhnt
  hatten;  und  zu  Ende  dieser  Periode  findet  man  fast
keinen  einzigen  gelehrten  Kirchenvater,  der  nicht  Schuͤler  des
Origenes  gewesen  wäre,  oder  aus  Origenes  Schriften  sich  gebildet
  haͤtte.

Uebrigens  ist  in  dieser  ganzen  Geschichte  schon  der  ersien
Entwicklung  der  Christlichen  Lehre  ein  wichtiger  Provincialunterschied
  nnverkennbar.  Die  Dogmatik  des  Occidents  entwickelte
  sich  aus  ganz  andern  Keimen  als  die  des  Orients,
und  selbst  in  der  Orientalischen  Kirche  scheint  Aegyptische
Lehrart  sehr  frühe  ihren  eigenen  Charakter  zu  gewinnen.  Im
Orient  war  Philosophie  und  Anwendung  derselben  auf  die
Christliche  Lehre  der  erste  Hauptkeim  aller  dogmatischen
Veraͤnderungen,  im  Occident  erzeugten  sie  sich  aus  den  veraͤnderten
  gesellschaftlichen  Verhaͤltnissen  in  der  Kirche,  aus
Streitigkeiten  über  Hierarchie  und  Kirchenzucht,  und  die  Lehre
von  der  Kirche  ist  bald  für  den  Lateiner  eben  das  geworden,
was  für  den  Griechen  und  Orientalen  die  Lehre  vom  Logos
ward.

§  .  20.

Letztes  Resultat  der  Vornicäischen  Geschichte  in  Ansehung  des
Ganzen  der  allgemeinen  Cultur.

Nach  allem  diesem  ist  noch  die  schwersie  Frage,  wenn
sie  anders  ganz  Gegenstand  möglicher  historischer  Untersuchung
  ist,  was  hat  die  Menschheit  durch  diese  ganze.  Revolution
  gewonnen;  wurden  die  Menschen,  welche  in.  diese  neue
Gesellschaft  eintraten,  so  ganz  vorzöglich  öbesser,  als  vorher,
        <pb n="70" />
        58

und  hat  diese  neue  Gesellschaft  selbst  auch  fuͤr  diejenige
manches  gute  gestiftet,  welche  nicht  in  dieselbe  eintraten?
Bei  dem  lebhaftesten  Angedenken  der  großen  und  vielen
Fehler,  welche  wir  an  den  ersten  Christen  noch  wahrnehmen,
ist  hier  aber  doch  gewiß  unlaͤugbar,  daß  die  großen  Grundwahrheiten
  von  einem  Gott,  von  seiner  Vorsehung,  vom  Leben
  nach  dem  Tode  nun  in  eine  viel  allgemeinere  Circulation
  kamen,  als  jemals  vorher,  daß  sie  besonders  auch  dem
niedrigsten  Poͤbel  und  Kindern  bekannt  wurden,  an  deren
Aufklärung  und  Besserung  kein  Philosoph  je  gearbeitet  hatte,
und  gerade  in  der  Verbindung  mit  andern  positiven  Lehren
des  Christenthums  nothwendig!  viel  tiefern  Eindruck  machen
konnten,  als  wenn  sie  bloß  als  natürliche  Religion  gepredigt
worden  wären,  Mußten  nun,  nicht  solche,  Wahlheiten,  all—
gemein  unter  ein  Volk  gebracht,  nicht  als  Raisonnement  sondern
  als  positive  Lehre  unter,  dasselbe  gebracht,  große  Wirkungen
  hervorbringen?  War  es  deshalb  gerade  nothwendig,
daß  der  Vortrag  der  Kirchenväter  völlig  unvermischt  wahr  und
metaphysischgenau  sey?  Ist  es  gerade  metaphysischgenau  bestimmte
  Wahrheit,  welche  auf  das  Volk  wirkt?  Vorher  war
beinahe  gar  nichts  da,  was  wirken  konnte,  selbst  Stoische
Philosophie  rettete  nur  einen  ganz  kleinen  Haufen  aus  der
allgemeinen  Fluth  des  moralischen  Verderbens.  Nun  aber
hatte  die  Welt  eine  Religion  erhalten,  die  auch  allein  schon
deswegen,  weil  sich  alles  bei  ihr  auf  Geschichte  gründete,  alles
  aus  Geschichte  herfloß,  den  entscheidensten  Einfluß  auf
die  Gesinnungen  des  unbefangenern  großen  Haufens  haben
mußte.  .  „
Selbst  noch  auch  dieses  darf  in  diesen  ersien  Zeiten  nicht
ganz  übersehen  werden,  welch'  außerordentlicher  Vortheil  für
die  Cultur  der  Nationen  es  war,  daß  sich  diese  neue  Religion
        <pb n="71" />
        59

auf  ein  Buch  gruͤndete,  das  bei  oͤffentlichem  Gottesdienst  besiändig
  gebraucht,  und  von  jedem  Christen  gekannt  seyn  wollte.
  Wo  also  das  Christenthum  zu  einer  Nation  kam,  welche
noch  keine  Schrift  kannte,  da  mußte  auch  Alphabet-Schrift
sogleich  eingeführt,  und  so  viel  damals  möglich  war,  allgemein
  ausgebreitet  werden.  So  beschleunigte  die  Christliche
Religion  bei  mancher  Nation  den  ersten  wichtigsten  Schritt
zu  ihrer  Aufklärung,  und  welche  Philosophen  sind  jemals,  um
diesen  Aufklärungskeim  fortzupflanzen,  mit  so  regem  Eifer
von  Nation  zu  Nation  geeilt,  haben  ihre  Meinungen  so  emsig
  zu  verbreiten  gesucht,  als  die  Christen  dieser  ersten  Jahrhunderte?


Doch  wer  wird  auch  uͤberhaupt  so  partheiisch  seyn,  zu  verkennen,
  daß  der  Zustand  dieser  neuen  Gesellschaften  sehr  viel
besser  gewesen  als  der  Zustand  der  alten,  und  daß  einzelne  Menschen,
  bei  allen  kennbaren  Spuren  ihres  vorigen  Zustandes,
durch  Verbindung  mit  derselben  trefflich  ver  edelt  worden  seyen.
Selbst  ihre  Feinde  gaben  ihnen  dieß  Zeugniß,  und  Beispiele
von  Wohlthaͤtigkeit,  bewunderungswördiger  Standhaftigkeit,
Selbstverläugnung  und  Vergegenwärtigung  des  Unsichtbaren
sind  wirklich  in  ihrer  Geschichte  recht  rührend  häufig

Je  mehr  sich  aber  die  Kirche  ausbreitete,  je  länger  sie
stand,  desto  weniger  konnte  immer  gleicher  Eifer  für  Moralität
bleiben.  Die  Christliche  Kirche  bestand  im  dritten  Fahrhundert
großentheils  aus  geborenen  Christen.  Läßt  sich  bei  einem  grozen
  Theil  von  diesen  ein  gleich  starker  Eifer  erwarten  als  bei
ihren  Vätern2  Ueberdieß  wurden  die  schönen  Beispiele  von  Tugend,
  welche  vorher  bei  verengterem  Schauplatze  viel  deutlicher
in  die  Augen  fielen,  jetzt  nicht  mehr  so  bekannt,  nachdem  sich
die  Christliche  Kirche  durch  alle  drei  Welttheile  verbreitet  hatte.
Je  zahlreicher  auch  die  Gesellschaft  war,  je  mehr  Einfluß  sie  auf
        <pb n="72" />
        60

den  Staat  bekam,  desto  vielfältiger  zeigten  sich  auch  die  Gelegenheiten,
  wo  Ehrgeiz  und  Ungeduld  der  Menschen  gereizt  werden
  konnte.  Ist  es  also  ein  Wunder,  wenn  die  Christen  des
dritten  Jahrhunderts  nicht  mehr  die  nehmlichen  zu  seyn  scheinen
  mit  denen  des  ersten  Jahrhunderts?

Eine  sehr  früh  verkehrte  Sittenlehre  der  Kirchenväter  trug
noch  mehr  zu  der  schnell  reifenden  Verschlimmerung  bei.  Judeß
  diese  den  klugen  Mann  machen  wollten,  der  die  Wahrheiten
  auf  eine  Art  vertheidigt,  welche  den  Vorurtheilen  des  Gegners
  nicht  allzusehr  zuwider  ist,  so  vergaben  sie  die  Rechte  der
Wahrheit.  Sie  ließen  jeden  Schein  von  Wahrheit  als  Wahrheit
  gelten,  sie  sahen  der  Fortsetzung  heidnischer  Gebräuche  nach,
wenn  sie  nur  mit  einer  kleinen  Wendung  eeinen  Anstrich  von
Christenthum  erhielten,  und,  unkundig  der  großen  gemeinnützigen
  Zwecke  der  Christlichen  Religion,  setzten  sie  auf  willkührliche
  Selbstverläugnungen,  Asceten=  und  Mönchstugenden
einen  Werth,  auf  welchen  bloß  Syrer  und  Aegyptier  zuerst  fallen
  konnten.)

So  vereinigte  sich  freilich  in  Kurzem  lsehr  vieles,  daß  die
Christliche  Religion  das  nicht  zu  leisten  schien,  was  man  nach
ihrer  ganzen  Anlage  und  nach  dem  ersten  Anfang  hätte  erwarten
  sollen:  aber  die  Vorsehung  hatte  sie  nicht  bloß  zu  einer
Wirkung  für  drei  Jahrhunderte  bestimmt.  Sie  liebt  den
Weg  der  allmäligen  Entwicklung,  und  selbst  die  großen  Staatsrevolutionen
  des  Römischen  Reichs,  auf  welche  Chrisiliche  Religion
  damals-endlich  nothwendig  führte,  mußten  erst  vorangehen,
  der  ganze  allgemeine  gesellschaftliche  Zustand  mußte  sich
erst  ändern,  ehe  Chrisiliche  Religion  die  schönsten  Blüthen
ihrer  Wirkungen,  zeigen  konnte.
        <pb n="73" />
        N.  C.
Geb.

35

50-65

64

70

95

140

172
1177

180

195

61

Zwei  Jahre  nach  Christus  Tode  wird  Paulus  ein

Christ.

In  diese  Zeit  faͤllt  der  groͤßte  Theil  der  Paulinischen

Briefe.

Zwei  Jahre  vor  dem  Anfang  des  Jäüdischen  Kriegs
entsteht  Neros  Verfolgung.

Ferusalems  Zerstdrung.  Weder  Petrus  noch  Paulus
haben  dieselbe  mehr  erlebt,  n#  ie  starben  drei  Jahre
vorher.

Wenn  der  Apostel  Tohannes  seine  Apokalppse  unter:
Demitian  schrieb,  so  gehoͤrt  sie  ungefähr  in  dieses
Jahr.  ,

Justins  erstere  Apologie.  Damals  gab  es  schon  viele,
besonders  gnostische  Secten  und  Partien  unter  den
Christen.

Montanisten.

Verfolgung  der  Christen  zu  Lyon  und  Vienne.  Der
Schüler  Polpykarps  Irenäus  ist  gleich  darauf  Bischof
  zu  Lpon  geworden.

Aufblühen  der  Chrisilichen  Alexandrinischen  Schule.

Die  Folge  ihrer  Vorsteher  von  dieser  Zeit  an.  Pantänus.

  Clemens  von  Alexandrien.  Origenes.  Dionys

  B.  von  Alexandrien.  Pierius.  Diese  Männer
  gaben  den  Ton  ihres  Zeitalters  an.

Indeß  Clemens  zu  Alerandrien  seine  Philosophie  mit
der  Christlichen  Religion  vermengt,  so  hängt  Tertullian
  Montanisiischen  Visionen  nach,  und  der  Bischof
  von  Rom  Victor  will  zu  großem  Aergerniß
des  Frenäus  keinen  für  seinen  Mitchristen  halten,
der  nicht  das  Osterlamm  mit  ihm  zu  gleicher  Zeit

esse.
        <pb n="74" />
        V.  Ch.

Geb.
250

250

269

277
306

02

Die  Verfolgung  des  Decius  giebt  Veranlassung  zum
Novatianischen  Schisma.  Cpprian  B.  von  Karthago
  zeichnet  sich  auch  in  dieser  Geschichte  aus.

Der  R.  B.  Stephan  hat  nicht  Recht,  daß  man  die
von  Ketzern  getaufte  wieder  taufen  soll.  Cyprian
bewies  ihm  dieses  mehrmals.  Tertullian  hätte  diese
Meinung  des  Karthagischen  Bischofs  nicht  hdren
dürfen.  Origenes  starb  ein  paar  Jahre  vor  Ausbruch
  dieser  Streitigkeit.

Ein  Decennium  vorher,  ehe  Zenobiens  Gönstling  Paul
von  Samosata  wegen  Frrlehren  abgesetzt
wird,  hatte  Sabellius  in  Aegppten  gebläht.

Manichäer.

Constantin  kommt  nach  dem  Tode  seines  Vaters  Constantius
  zur  Regierung.

Eine  Bischofwahl  zu  Karthago  giebt  Veranlassung  zur
Donatistenstreitigkeit.
        <pb n="75" />
        Zweite  Periode

von
der  Nicaͤischen  Synode  bis  auf  Muhaͤmmed.

Drei  Jahrhunderte.

Athanasius.  Leo  der  Große.  Justinian.

Fast  die  ganze  pragmatische  Geschichte  dieser  zweiten  Periode
steckt  in  den  Concilienacten.  Fuchs  Bibliothek  der  Concilien
als  zweckmaͤßkgbhrauchbarer  Auszug  aus  der  Mansischen  Sammlung,
  und  Walch's  Geschichte  der  Keßereien,  IV.  —  VIII.
Theil,  sind  daher  die  zwei  besten  Schriften  für  denjenigen,
der  sich  über  die  wichtigsten  Verhältnisse  und  Begebenheiten
dieser  Periode  mehr  als  bloß  summarisch  unterrichten  will.

In  der  Geschichte  der  Hierarchie  werden  die  Schrliften  schon
brauchbar,  in  welchen  die  Pabstforderungen  des  Römischen
Bischofs  historisch  untersucht  sind.  Als  Sammlung  von  Er--cerpten
  fängt  hier  an  brauchbar  zu  werden  Thomassini  de
veteri  ac  nova  Ecclesiac  disciplina.

Geschichte  der  Ausbreitung  der  Christlichen  Kirche.

.  21.
Ausbreitung  im  Römischen  Reich.  Viertes  Jahrhundert.
Zu  Anfang  des  vierten  Jahrhunderts  war  die  Partie
der  Christen  im  Räômischen  Reich  schon  so  groß,  daß  sie
die  angesehensten  Aemter  begleiteten,  bei  Hof  und  bei  der  Armee
  nicht  allein  zahlreich,  sondern  auch  bedeutend  waren,
und  wenigsiens  in  einigen  Provinzen  fast  alle  Vortheile  einer
  im  Staat  geduldeten  Gesellschaft  genossen.  Allein  so
        <pb n="76" />
        64

lange  ihre  Ruhe  durch  kein  feierliches  Edict  des  Kaisers
versichert  war,  so  lange  sie  bei  der  damals  getheilten  Römischen
  Welt  immer  nur  in  dem  Territorium  eines  oder
des  andern  Cäsars  geschützt  wurden,  so  hatte  nicht  nur  ihre
ganze  politische  Existenz  immer  noch  viel  ungewisses  und
mühseliges,  sondern  selbst  auch  ihre  große  Ausbreitung  wurde
  der  Reinigkeit  der  Lehre  in  dieser  Lage  immer  mehr
schädlich.  Alle  Vortheile  einer  der  Zahl  nach  zwar  geschwächten,
  aber  selbst  durch  den  bevorstehenden  Wechsel  nur  noch
gereizteren  Religionspartie  wandten  sich  immer  mehr  nach
und  nach  auf  die  Seite  der  Heiden,  und  selbst  Constantin,
  so  entschieden  er  gleich  anfangs  für  die  Christen  war,
wagte  es  doch  nicht  eher,  bis  er  allein  Herr  des  RNoͤmi-324
  schen  Reichs  wurde,  diesen  alle  Vortheile  einer  herrschenden
zo6  Religion  zuzusprechen.  Sein  erstes  Toleranzprivilegium  für
dieselben  verschaffte  den  Christen  Freiheit,  nur  durch  Gestattung

  einer  allgemeinen  Religionsduldung.
Ueber  Constantins  eigene  Religionsgesinnungen

ist  viel  gestritten  worden,  ob  er  aus  Politik  oder  Ueberzeugung
  Christ  geworden  sey?  Wer  kann  aber  entwickeln,  wie
diese  zweierlei  Beweggründe  besonders  in  der  Seele  eincs
Königs  einander  durchkreuzen,  einander  verstärken  mögen?
Daß  Constantin  auch  nach  Annahme  der  Christlichen  Religion
  immer  doch  noch  grausam,  falsch,  herrschsüchtig  gewesen,
  beweist  nicht,  daß  er  sich  nicht  zur  Chrisilichen  Religion
  bekannt  habe,  daß  er  nicht  aus  Ueberzeugung  Christ
geworden  sey;  wer  weiß,  was  sich  alles  mit  seinem  Ohristenthum
  vertragen  konnte?  Die  vermeinte  Vision  am  Tage
  der  Schlacht  mit  Marentius  vor  Rom  hat  ihn  gewiß
nicht  bekehrt,  wie  fast  schon  allein  die  Chronologie  beweist.

Es  ist  leicht  zu  vermuthen,  wie  schnell  nach  gesche-
        <pb n="77" />
        65

henem  Uebertritt  des  Regenten,  bei  Hof  und  in  den  Provinzen
  die  Anzahl  der  Proselyten  sich  vermehrt  haben  muß,
wie  maͤchtig  nun  eigenes  Interesse  fuͤr  die  Annahme  der
Christlichen  Religion  wirkte,  und  was  der  ungehinderte  Bekehrungseifer
  einzelner  Bischoͤfe  ausgerichtet  haben  kann.
Doch  gieng  es  fuͤr  solche  allgemeine  Vermuthungen  nicht
schnell  genug.  Es  zeigte  sich  deutlich,  wie  viel  leichter  es
sey,  eine  Religionspartie  von  ihrer  bluͤhenden  Hoͤhe  in  einen
Zustand  duͤrftiger  Existenz  herabzudraͤngen,  als  gaͤnzlich  dieselbe
  auszurotten,  und  leider  bekam  die  Thaͤtigkeit  der  Bischoͤfe
  in  Verfolgung  der  so  genannten  Ketzer  und  gesetzmä-Higer
  Behauptung  ihrer  bisherigen  Observanzrechte  bald  einen
  neuen  Gegenstand,  dessen  Interesse  noch  stärker  anzog
als  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion.

Wie  rasch  aber  doch  bei  allen  Religionspartien  der
Verfolgte  zum  Verfolger  wird!  Kaum  volle  achtzehn  Jahre,
daß  es  keine  Christliche  Märtyrer  mehr  gab,  so  erschien  ein
Edict  des  Chriftilichen  Kaisers,  daß  alle  heidnische  Tempel
geschlossen  werden,  alle  Opfer  und  alles  Befragen  der  Ora,
kel  bei  Confiscation  der  Güter  und  Lebensstrafe  verboten
seyn  sollte,  und  den  Statthaltern  der  Provinzen  wurde  eine
Strafe  angesetzt,  wenn  sie  in  Vollziehung  dieses  Gesetzes
nachlässig  seyn  würden.  "6

Ist's  zu  verwundern,  wenn  der  unedle  Julian,  dem
ohnedieß  alle  Anstalten  der  Familie  Constantins  äußerst  zuwider
  waren,  und  Christliche  Religion  von  vielen  Seiten  her
verhaßt  gemacht  wurde,  durch  vergebliche  anderthalbjährige
Bemühungen  die  heidnische  Religion  wieder  begünstigte?
Sein  schneller  Tod  versicherte  den  Christen  auf's  neue  die
Ruhe,  und  sein  Nachfolger  Jovian  stellte  nicht  nur  sogleich

Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  5

34

362
        <pb n="78" />
        66

alle  Gesetze  zum  Vortheil  der  Christen  wieder  her,  sondern

noͤthigte  auch  manche  Verfolger  derselben,  die  von  ihnen

zerstoͤrten  Kirchen  auf  ihre  Kosten  wieder  aufzubauen.  Theodos,

  der  durch  eine  gewisse  Art  historischer  Verjaͤhrung  den

Namen  des  Großen  hat,  gab  geschaͤrfte  Strafgesetze  gegen

die  heidnische  Religion,  und  noch  heftigere  Verfolger  waren
zos  seine  Soͤhne  Arkadius  und  Honorius,  unter  welchen  sich

das  Roͤmische  Reich  fuͤr  bestaͤndig  in  den  Orient  und  Occident

  theilte.

g.  22.
Ausbreltung  der  Cbristlichen  Religion  außer  dem  Roͤmischen
Reich.  Viertes  Jahrhundert.

Indeß  die  Christliche  Religion  im  Rdmischen  Reich
durch  Gewalt  und  Gesetze  immer  herrschender  wurde,  so
breitete  sie  sich  auch  außer  demselben  aus,  und  die  Majestät
  des  Rdmischen  Reichs  gab  ihr  einen  Glanz,  der  auch
barbarische  Nationen  herbeizog.  Ohnedieß  durfte,  wie  man
in  Armenien  und  Iberien  sah,  manches  schon  ehedem
ausgestreute  Saamkorn  hie  und  da  nur  aufgehen.  Fast  ohne
weitere  Bemühungen,  wie  allein  die  Zeit  zur  Reife  bringt,
bildete  sich  da,  wo  anfangs  bloß  einzelne  Christen  waren,
eine  ganze  Christliche  Kirche,  und  der  verfolgte  Christliche
Ketzer,  welchen  man  im  Romischen  Reiche  nicht  mehr  dulden
  wollte,  war  meist  entweder  erster  Pflanzer  oder  Vollen
der  dieser  Kirche.  -

Selbst  die  Kaiser  rechneten  es  schon  zur  Politik,  keinem
  Volk  Sitze  im  Roͤmischen  Reich  einzuraͤumen,  wenn
es  sich  nicht  zur  Christlichen  Religion  wandte,  und  Valens
gab  den  hervordraͤngenden  Gothen  unter  keiner  andern
Bedingung  Länder  disseits  der  Donau,  als  daß  sie  seiner
Religion  würden.
        <pb n="79" />
        57

Verglichen  mit  einer  solchen  Ausbreitung  war  es  nur
vorübergehendes  kleines  Unglück,  daß  der  König  von  Persien,
  Sapor  II.  dreimal  eine  blutige  Verfolgung  gegen  die
Christen  verhängte,  und  aus  Furcht  wegen  ihrer  Correspondenz
  mit  den  Glaubensgenossen  im  Rdmischen  Reich  ihre,
Hierarchie  und  Kirchen  zu  zerstören  suchte.

6.  23.
Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  im  Occident.  Fünftes
Jahrhundert.

Die  große  Katastrophe,  welche  das  Occidentalische  Kaiserthum
  im  fünften  Jahrhundert  litt,  wurde,  wie  im  ganzen
Zustande  der  Kirche  so  besonders  auch  in  Ansehung  ihrer
erweiterten  oder  verengten  Gränzen  eine  der  wichtigsten
Epochen.  Nationen,  welche  entweder  noch  gar  nichts  oder
wenigstens  doch  nur  so  viel  vom  Christenthum  angenommen.
hatten,  als  sich  mit  dem  roheren  gesellschaftlichen  Zustande
derselben  vereinigen  ließ,  theilten  siegreich  die  Provinzen  des
Occidentalisch  -Römischen  Reichs  unter  sich,  und  gaben  der
alten  Christlichen  Landesreligion,  auch  wenn  sie  dieselbe  endlich
  annahmen,  einen  solchen  Zusatz  von  ihren  Sitten  und
Meinungen,  welchen  kaum  wieder  die  Bemähungen  mehrerer
  Jahrhunderte  hinwegscheiden  konnten.

Alanen,  vereinigt  mit  Vandalen  und  Suedven,
giengen  über  den  Rhein  durch  Gallien  hindurch  nach  Spanien,
  ein  Theil  derselben  setzte  sich  hier,  der  groͤßte  Theil
der  Vandalen  eroberte  Afrika,  wo  ihr  neugestiftetes  Reich
nach  Eroberung  von  Karthago  fänf  und  neunzig  Jahre  lang
blühte.

:  „Gothen,  deren  ein  Theil  schon  längst  in,  der  heutigen
Moldau  und  Wallachei  Sitze  erhalten„  wurden  von  den
nachdrängenden  Hunnen  immer  weiter  getrieben,  machten

54
        <pb n="80" />
        68

Versuche  am  Orientalischen  und  Occidentalischen  Reiche,  bis

endlich  ihr  Alarich,  dem  treulosen  Honorius  die  Ermordung

des  tapfern  Stilico  zu  vergelten,  in  Italien  einbrach,  Rom

410  selbst  seinen  Grimm  fühlen  ließ.  Doch  blieben  die  Sieger

nach  Alarichs  Tode  nicht  in  Italien,  sie  giengen  nach  Gallien

  zurück,  und  stifteten  ein  Reich,  dessen  Gränzen  Rhone
Hund  Ebro  wurden.

Ihnen  zunächst  an  der  Rhone  setzten  sich  Burgun  der,
eine  Christlicharianische  Nation  wie  ihre  Nachbarn  die  West-Gothen,
  und  lange  behielt  neben  beiden  in  Gallien  immer
noch  ein  Rômischer  Statthalter  Raum,  dessen  Entschlossenheit,
  vereinigt  mit  dem  Muthe  der  West-Gothen,  den

451  schrdcklichen  Einfall  des  Hunnischen  Helden  Attila  hemmte,
gegen  welchen  die  Beredtsamkeit  des  Rômischen  Bischofs
Leo  Italien  schwerlich  zum  zweitenmal  gerettet  haben  würde.
Britannien  war  unglücklicher.  Um  gegen  die  Einfälle,
  der  wilden  Bewohner  des  ndrdlichen  Theils  der  Halbinsel
  den  Schutz  zu  bekommen,  welchen  ehedem  Roͤmische
Legionen  gewährt  hatten,  rief  der  entnervte  Britte  Sachsen
440  und  Angeln  herbei.  Die  Sceräuber  schützten  ihn  auf  kurze
Zeit,  bis  endlich  gerade  durch  diese  Beschützer  der  alte  Einwohner
  mit  seiner  Christlichen  Religion  in  die  Walliser  Gebürge
  zurückgetrieben  wurde.

Italien  selbst  war  kaum  ein  Jahr  länger  Roͤmisch
als  Britannien.  Barbarische  Miethvölker,  deren  bezahlte
Tapferkeit  ohnedieß  längst  noch  der  einzige  Schutz  des  alten

476  Einwohners  gewesen,  riefen  einen  ihrer  Feldherren  Odoacer
  zum  Könige  aus,  und  dieser  behauptete  sich  siebzehn
Jahre  lang,  bis  der  Ost-Gothe  Theoderich  seiner  Herrschaft
  vdllig  ein  Ende  machte.

Dieser  muthige  Heerführer  der  Gothen,  welche,  nach
        <pb n="81" />
        60

Abzuge  der  West-Gothen,  in  Mösien  sich  niedergelassen,
hatte  in  Constantinopel  Rdmische  Kriegskunst  und  andere
Roͤmische  Kenntnisse  gelernt,  und  selbst  ermuntert  vom  Byzantinischen
  Kaiser,  der  ihn  aus  seiner  Nachbarschaft  hinweg
wünschte,  gieng  er  nach  Italien,  und  setzte  sich  innerhalb  400
drei  Jahren  in  den  Besitz  desselben.  492

Indeß  aber  Italien  durch  Theoderichs  Regentenklugheit
  das  bluͤhendste  und  maͤchtigste  Reich  wurde,  so  vertilgte
einer  der  Fraͤnkischen  Fuͤrsten,  Chlodowich,  auch  den  letzten  486
Ueberrest  der  Roͤmischen  Oberherrschaft  in  Gallien,  und
gruͤndete  ein  Koͤnigreich,  das  dauerhafter  und  eben  so  groß
und  angesehen  war  als  Theoderichs  Reich.

So  hatte  also  der  ganze  Occident  seine  Herrn  gleichsam
gewechselt.  Was  noch  im  letzten  Viertel  des  vierten  Jahrhunderts
  unter  einem  Herrn  stund,  theilte  sich  ungefähr  in
fünf  große  Reichl.  Italien  gehörte  den  Ost-Gothen.  An
sie  schloß  sich  disseits  der  Alpen  das  Reich  der  Franken  und
Burgunder  an.  Mächtiger  als  die  letztere  waren  die  West-Gothen,
  welche  einen  beträchtlichen  Theil  von  Gallien  und
Spanien  besaßen.  Eine  kleine  Ecke  des  letztern  war  Suevisch,
  und  Afrika  seufzete  unter  der  Regierung  der  Vandalen.

West=  und  Ost-Gothen  waren  zwar  Christen,  ehe  jene
Spanien  und  diese  Italien  eroberten,  aber  sie  waren  Arianer.
  Wenn  also  schon  ihre  Eroberung  für  die  Geschichte
der  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  nicht  besonders
wichtig  scheint,  so  ist  sie  es  doch  in  Rücksicht  auf  die  innere
Verfassung  der  Kirche.  Burgunder  wandten  sich  gleich  beim
Anfang  ihrer  Besitzuehmung  in  Gallien  zum  Chrisienth  um.
Von  Vandalen  und  Sueven  ist's  ungewiß,  wie  und  wann
sie  Christen  geworden,  aber  die  Bekehrungsgeschichte  von
        <pb n="82" />
        70

Chlodowich  ist  eben  so  bekannt,  als  sie  zugleich  zum  Beweise
dient,  wie  Koͤnige  damals  Christen  wurden.

Das  bloße  Zureden  seiner  Christlichen  Gemahlin,  einer
  Burgundischen  Prinzessinn,  hätte  auf  den  wilden  Eroberer
  wenig  gewirkt,  wenn  er  nicht  bei  Zülpich,  in  der
Schlacht  gegen  die  Alemannen,  erfahren  zu  haben  geglaubt
hätte,  daß  der  Christengott  der  siegreichste  Gott  sey,  und  die

406  Eilfertigkeit  der  Bischöfe,  ihn  sogleich  zu  taufen,  war  auch
für  den  größten  Theil  seiner  Nation  sehr  einladend.

Die  einzigen  Irrländer  sind  in  diesem  Zeitalter  durch
ordentliche  Missionen  bekehrt  worden,  welche  der  Romische
Bischof  Cälestin  schickte.  Ihr  Apostel  hieß  Patricius,  aber
er  war  Apostel,  wie  die  meisten  dieses  Seitalters.  Er  log  Wunder,
  brauchte  Drohungen  und  Versprechungen,  predigte  eine
Christliche  Religion,  wie  sie  ungefähr  solchen  Vblkern  nicht
ganz  widrig  scheinen  mußte,  und  gewöhnlich  war  der  erste
Hauptnutzen  einer  solchen  vermeinten  Bekehrung  nur  dieser,
daß  eine  Hierarchie  errichtet  wurde,  deren  fortdaurende  Wirkung
  erst  zur  Humanisirung  und  endlich  zur  Christlichwerdung
  der  Nation  nicht  wenig  beitrug.

So  hat  also  die  Christliche  Religion,  durch  die  Eroberungen
  dieser  so  genannten  barbarischen  Völker,  im  Occideut
nichts  an  Ausdehnung  ihres  Gebiets  verloren;  sie  gewann
vielmehr,  das  einzige  England  ausgenommen.

9.  24.
Geschichte  der  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  im  sechsten
  Jahrhundert.

Sehr  viel  unbeträchtlicher  ist  die  Geschichte  der  so  genannten
  Bekehrung  mancher  Asiatischen  Horden  im  fünften
und  sechsten  Jahrhundert.  Von  Abasgern,  Alanen,  Lesgen
hat  man  zwar  Nachricht,  daß  sie  größtentheils  durch  Justi-
        <pb n="83" />
        71

nians  Bemühung  gewonnen  wurden,  aber  ob  sie  nicht  etwa
sogleich  wieder  abfielen  7  ob  vielleicht  nicht  bloß  der  Koͤnig
zur  Christlichen  Religion  übertrat  ?  ob  ihre  Bekehrung  mehr
war  als  Annahme  gewisser  Christlichen  Gebräuche?

Im  Occident  ist  vorzüglich  die  neue  Blüthe  der  Christlichen
  Religion  in  England  merkwürdig.  Der  Rdmische
Bischof  Gregor  der  Große,  durch  zufällige  Umstände  ermuntert,
  brannte  vor  Begierde  die  heidnischen  Engländer
zu  bekehren,  und  da  bei  den  Fränkischgallischen  Bischöfen
aller  Missioneneifer  erloschen  war,  so  gewann  er  endlich  an
einem  Romischen  Abt  Augustin  gerade  den  Mann,  den  500
er  haben  mußte.  Dieser  zog  mit  ungefähr  vierzig  Benedictiner
  Mönchen  nach  England,  liest  sich  statt  des  Paniers
ein  silbernes  Kreuz  vortragen,  und  hielt  mit  großem  Gepränge
  seinen  Einzug.  Der  Koͤnig  war  schon  zum  voraus
durch  seine  Gemahlinn  gewonnen,  hörte  ihn  sehr  geneigt,
und  wenn  er  ihm  schon  nicht  die  Zerstdrung  der  Götzentempel
  erlaubte,  so  gestattete  er  doch,  daß,  statt  der  Götzen,
Vilder  der  Heiligen  in  die  Tempel  gesetzt  werden  durften.

Augustin  pflanzte  eine  neue  Christliche  Kirche  in  England,
  aber  selbst  die  Ueberwindung  des  Angelsächsischen  Heidenthums
  machte  ihm  nicht  so  viele  Schwierigkeiten,  als  die
Verähnlichung  der  alten  Christen,  welche  er  als  Ueberrest
der  Brittischen  Kirche  fand.  Diese  wußten  nichts  von  einem
  mächtigen  Bischof  in  Rom,  auf  dessen  Befehl  sie  ihre
alten  Kirchengebräuche  zu  ändern  hätten.  Diese  kannten
die  Gattung  von  Mönchen  nicht,  von  welcher  Augustin  war,
und  behaupteten  mit  der  festesten  Anhänglichkeir  an  Alterthum
  ihre  Christlichorientalischen  Sitten  gegen  den  Roͤmischen
  Missionarius.
        <pb n="84" />
        72

g.  25.

In  allen  Europaͤischen  Reichen,  in  welche  sich  der  große
Roͤmische  Occident  getheilt  hatte,  entwickelte  sich  die  Christliche
  Religion  immer  mehr  und  gewann  immer  mehrere  Anhaͤnger,
  so  wie  die  Nation,  welche  sich  in  denselben  festgesetzt
  hatte,  nach  und  nach  gebildeter  wurde.  Das  einzige
Italien  hatte  das  Unglück,  daß  das  Ostgothische  Reich,  dessen
  kluge  Regierung  dem  verddeten  Lande  sehr  nützlich  war,
nach  einer  ungefähr  sechzigschrigen  Dauer  gestürzt  wurde.
Zwar  waren  anfangs  Justinians  Feldherren  die  Sieger,
aber  kaum  waren  diese  ein  paar  Jahre  Herren  von  Italien,
so  brachen  die  größtentheils  heidnischen  Longobarden  in  den
oberen  Theil  ein,  und  wütheten  anfangs  mit  unerhörter
Grausamkeit  gegen  die  Christen.  Endlich  wurde  auch  dieser
ihr  Koͤnig  gewonnen.  Autharis  ward  zwar  erst  Arianer,
aber  schon  seinen  Nachfolger  machte  eine  Vermählung  mit
einer  Baierischen  Prinzessinn  vollends  orthodor.

So  glücklichschnell  gieng  die  Verfolgung  nicht  vorüber,
welche  die  Christen  in  Persien  aussiehen  mußten.  Wenn  es
wahr  ist,  was  Rdmische  Schriftsteller  von  den  Grausamkeiten
  des  Königs  Cosroes  erzählen,  so  muß  er  einer  der
tobendsten  Verfolger  der  Christen  gewesen  seyn,  und  den
Grimm,  welchen  er  über  den  siegreichen  Justinian  nicht
ausgießen  konnte,  ganz  über  die  Religionspartie  desselben
ausgeschüttet  haben.

Beinah  sechsthalb  Jahrhunderte  waren  es  nun,  seitdem
diese  neue  Lehre,  aus  einem  kleinen  Strich  Landes  an  der
Phbnicischen  Küste  fast  über  die  ganze  damals  gekannte
Welt  sich  verbreitet  hatte:  schon  in  ihrem  vierten  Jahrhundert
  hatte  sie  fast  in  allen  den  Ländern  einige  Freunde,  in
welchen  sie  in  der  Mitte  des  sechsten  Jahrhunderts  herrschend
        <pb n="85" />
        73

geworden.  Ihr  bestaͤndig  weiterer  Fortgang  schien  von  allen
  Seiten  gesichert  zu  seyn,  da  sich  nun  der  größte  Theil
der  Occidentalischen  Könige  zu  derselben  bekannte,  auch  im
Orient  nicht  nur  Christenthum  sondern  fein  ausgesonnene
Orthodorie  herrschte,  und  fast  überall  die  Hierarchie  in  die
ganze  Staatsverfassung  sich  verflochten  hatte.

Wie  ein  Ungewitter  aber,  das  plbtzlich  am  heitern  Him=  622
mel  heraufsteigt,  brach  Muhämmed  aus  seiner  Arabischen
Wüste  hervor.  Es  vergieng  kein  Jahrhundert  der  nachfolgenden
  Periode,  so  war  der  Christlichen  Religion  mehr  als
die  Hälfte  ihrer  schönsten  Besitzungen  und  fast  unwiederbringlich
  entrissen.

Geschichte  der  äußern  Verfassung  der  Kirche,  vorzüglich
  der  Hierarchie.

.  26.
Römischer  Patriarch.

Ungefähr  acht  bis  zehn  Bischöfe  hatten  sich  am  Ende
der  vorigen  Periode  über  alle  ihre  Collegen  so  gehoben,  daß
diese  in  einer  gewissen  Subordination  gegen  sie  stunden,
deren  Gränzen  so  ungewiß  waren,  als  sie  bei  jeder  durch
individuelle  Veranlassungen  und  Observanz  entstandenen
Verfassung  zu  seyn  pflegen.  Rom,  Alerandrien  und  Antiochien
  waren  die  vornehmsten  unter  diesen  zehn  vornehmern
Bischöfen,  und  gleich  auf  der  ersten  ökumenischen  Synode
zu  Nicäa  wurden  ihnen  ihre  bisher  genossenen  Vorrechte  325
bestätigt;  der  Bischof  von  Jerusalem  erhielt  wenigstens  ihren
  Rang.

Wie  schon  die  Anstalt  der  Provinzialsynoden  der  ersten
Entwicklung  des  hierarchischen  Systems  sehr  fäörderlich  gewesen,
  so  wurde  Vollendung  desselben  noch  viel  mehr  durch
        <pb n="86" />
        381

451

dkumenische  Synoden  beschleunigt;  Synoden,  welche  der
Kaiser  selbst  an  alle  Bischoͤfe  seines  Reichs  theils  unmittelbar
  theils  mittelbar  ausschrieb,  bei  deren  Sitzungen  entweder
er  selbst  oder  seine  Minister  gegenwaͤrtig  waren,  deren  Schluͤsse
durch  sein  Ansehen  in  Reichsgesetze  verwandelt  wurden.
Ueberhaupt  war,  seitdem  selbst  der  Kaiser  ein  Christ
geworden,  der  Christliche  Bischof  ein  viel  wichtigerer  Mann
als  vorher,  der  Einfluß  der  Großen  unter  ihnen  auf  den
ganzen  Zustand  der  Regierung  viel  bedeutender,  und  bei  diesen
  eben  deswegen  auch  die  Begierde  viel  reger,  ihrer  Kirchenverfassung
  die  Form  und  Bestimmtheit  der  weltlichen
Verfassungen  zu  geben,  welche  sie  kannten.  Der  freie  Zutritt
  zu  der  Person  des  Kaisers  oder  des  Statthalters,  die
vermehrken  Reichthümer  ihrer  Kirche,  der  große  Haufen  von
Geisilichen,  der  nach  und  nach  unter  ihnen  stand,  die  mannichfaltigen
  und  oft  so  spitzfindigen  Religionsstreitigkeiten,
in  welche  sie  verwickelt  wurden,  das  alles  nebst  noch  mehreren
  Umständen  'traf  zusammen,  ihnen  in  kurzem  eine  nach
der  ersten  Kirchenverfassung  fast  unkennbare  Oberherrschaft
zu  verschaffen.
WUnerwartet  bekamen  diese  drei  vornehmsten  an  einem  vierten,
  dem  Bischof  von  Constantinopel,  einen  sehr  mächtigen  Nebenbuhler,
  der  alle  die  Vorkheile  zum  Theil  noch  reichlicher  benutzen
  konnte,  wodurch  sie  sich  gehoben  hatten,  und  gewiß  unter
allen  am  ehesten  Pabst  geworden  wäre,  wenn  irgend  ein
Residenzbischof  bis  zum  vollendeten  Pabst  nicht  nur  für  sich
emporsteigen,  sondern  seine  ganze  Würde  erheben  könnte.
Schon  auf  der  Synode  von  Constantinopel  wurde  die  Verordnung
  gemacht,  daß  der  Bischof  von  Neurom  sogleich  nach
dem  von  Altrom  den  Rang  haben  solle,  und  auf  der  Synode  zu
Chalcedon  wurde  ihm  endlich  auch  ein  sehr  ansehnlicher  Spren-
        <pb n="87" />
        75

gel  durch  Unterwerfung  von  Thracien,  Kleinasien  und  Pontus
  bestimmt.

Die  Geschichte  der  großen  Hierarchie  ist  waͤhrend  dieser
  Periode  fast  nichts  als  Geschichte  der  unausloͤschlichen
wechselsweisen  Eifersucht  dieser  vier  großen  Praͤlaten,  ihrer
gluͤcklichen  und  ungluͤcklichen  Versuche,  alleiniger  Monarch
zu  werden  und  mit  dem  Ansehen  eines  Monarchen  den  dogmatischen
  Sprachgebrauch  zu  entscheiden.

Dem  Bischof  von  Rom  gelang  es  nur  selten,  er  bekam
in  dieser  Periode  die  empfindlichsten  Stöße.  Auf  der  Synode
  von  Nicäa  wurden  zwar  seine  durch  Observanz  erhaltenen
  Vorrechte  bestätigt.  Er  erhielt  nachher  noch  bestimmter
  den  Primat  über  diejenigen  Kirchen,  welche  sonst  in
bürgerlichen  Sachen  der  Jurisdiction  des  Vicarü  Urbis
unterworfen  waren,  aber  damit  war  er  nicht  mehr  geehrt  als
die  Bischöfe  von  Alerandrien  und  Antiochien,  welchen  ein
noch  ausgedehnterer  Primat  zugestanden  wurde.  Sein  ganzer
  Vorzug  war  bloß  Rang  vor  den  übrigen.

Bald  hätte  man  zwar  gern  aus  dem  Rang  ein  gewis
ses  Appellationsrecht  hergeleitet,  und  die  Zeiten  schienen  anfangs
  nicht  ungünstig.  Der  Ortent  und  besonders  Alerandrien
  wurden  von  Meletianischen  und  Arianischen  Streitig,
keiten  äußerst  zerrüttet,  wer  war  aber  mehr  bald  gutmeinen.
der,  bald  ehrgeiziger  Freund  und  Retter  der  unterdrückten
Partie  als  der  Römische  Bischof?  Bischof  Damasus  erhielt
schon  im  Jahr  378  ein  kaiserliches  Privilegium,  auch  Streitigkeiten
  schlichten  zu  dörfen,  welche  nicht  gerade  in  seiner  Dibcese
  vorfielen,  Appellationen  anzunehmen,  wenn  man  mit  der
Sentenz  eines  andern  Metropoliten  nicht  zufrieden  war.
Um  sich  nun  die  Kenntniß  fremder  Dibcesen  zu  erleichtern,
um  zu  solchen  Appellationen  zu  reizen,  ernannten  er  und
        <pb n="88" />
        76
seine  Nachfolger  oft  in  den  entferntesten  Provinzen  Vicarien.
  Da  auch  bald  ein  wiederholtes  Gesetz  Kaiser  Valentinians
  denselben  aufs  neue  beguͤnstigte,  so  gab  Siricius
die  erste  Decretale.  Schreiben,  wie  seine  Vorgaͤnger  oͤfters
an  Italiaͤnische  Bischoͤfe  hatten  ergehen  lassen,  schickte  er
an  Bischoͤfe  fremder  Provinzen.

Wie  die  Arianischen  Haͤndel  eine  schoͤne  Gelegenheit
waren,  den  Bischof  von  Alexandrien  in  Verbindlichkeit  zu  setzen,
so  gab  es  bald  aͤhnliche  Veranlassungen  in  Ruͤcksicht  auf  den
Constantinoplischen  Stuhl.  Bischof  Johann  Chrysostomus,
gegen  den  sich  sein  eigener  Klerus,  die  beleidigte  Gemahlinn
des  Kaisers,  und  der  ungerechtargwoͤhnische  Theophilus  von
Alerandrien  verschworen,  wo  hätte  er  gegen  alle  diese  Feinde
  Hülfe  finden  sollen,  als  bei  dem  Bischof  zu  Rom?  In
den  Nestorianischen  und  Monophysitischen  Unruhen  wurde
der  Sieg  erst  über  den  Constantinoplischen,  dann  über  den
Alerandrinischen  Bischof  noch  größer,  und  Leo  der  Große,
der  die  Kunst  sich  am  Hose,  selbst  unter  dem  kaiserlichen
Frauenzimmer,  Verbindungen  zu  machen  und  zu  erhalten  vortrefflich
  verstand,  genoß  die  Freude  vollkommen,  besonders
durch  Bestimmung  einer  Orthodorievorschrift  seine  ehrgeizigen
Absichten  zu  befriedigen.  Doch  gerade  in  eben  demselben  Zeitpunkt,
  da  er  über  seinen  furchtbarsten  Gegner  den  Alerandriner
  triumphirte,  wuchs  ihm  zum  äußersten  Aerger  der  Bischof
von  Constantinopel  als  Nebenbuhler  herbei.

So  ist  in  diesem  ganzen  Zeitalter  die  Geschichte  des
Römischen  Bischofs  ein  beständiger  Wechsel  von  Gelingen
und  Mißlingen,  von  Erhebungen  und  Demöthigungen,  und
unter  den  letzten  sind  manche  feierliche  Prostitutionen,  zu
welchen  die  Roͤmischen  Bischöfe  sehr  oft  durch  Ignoranz  gebracht
  wurden.  Sie  sollten  die  spitzfindigen  Streitfragen
        <pb n="89" />
        77

entscheiden,  die  man  im  Orient  uͤber  die  Lehre  von  der  Person
  Christi  aufwarf,  und  verstanden  doch  gewoͤhnlich  kein
Griechisch,  waren  oft  der  Philosophie,  des  besondern  philosophischen
  Sprachgebrauchs  unkundig,  welche  zu  einer  solchen
  Streitfrage  Gelegenheit  gaben.  Nicht  selten  war  es
auch  menschliche  Schwäche,  welche  den  Rdmischen  Bischof
eben  so  fallen  ließ,  wie  der  Alerandrinische  oder  Constantinoplische
  fiel.  So  gieng  Liberius  zu  den  Semiarianern  358
über,  weil  er  nicht  Stärke  der  Seele  genug  hatte,  bei  der
einmal  ergriffenen  Partie  der  Athanasianer  zu  bleiben.  Aus
Unwissenheit  billigte  Zosimus  die  Lehren  der  Pelagianer,  417
und  erst  nachdem  er  nähere  Belehrung  aus  Afrika  erhält,
besann  er  sich  eines  bessern.  Hormisdas,  der  die  große
Streitfrage  der  Orientaler  mißverstand,  ob  einer  aus  der
Deieinigkeit  gelitten  habe,  verlor  durch  seine  Entscheidung
den  Ruhm  der  Orthodorie  selbst  bei  seinen  Nachfolgern;  und
was  that  nicht  Vigilius,  da  der  ungläücklichfriedfertige  Justinian
  die  Schriften  dreier  längst  verstorbener  und  zu  Chalcedon
  als  orthodor  erkannter  Bischöfe  für  ketzerisch  erklärte?
In  der  einen  Hälfte  der  Streitigkeit  zeigte  er  Mangel  an
Kenntnissen,  in  der  andern  Mangel  an  Charakter;  er  wußte
in  der  Angst  nicht,  was  er  thun  sollte,  und  that  gerade  immer
  das  Ungeschickteste.

So  waren  die  Rômischen  Bischöfe  vorzüglich  ungläcklich
  am  Ende  dieser  Periode.  Sie  sollten  durchaus  für
Wahrheit  und  Orthodorie  halten,  was  im  kaiserlichen  Cabinet
  zu  Constantinopel  für  orthodor  gehalten  wurde,  und  dort
war  doch  die  Orthodorie  so  wandelbar  und  so  partelisch,  wie
gewohnlich  Cabinetsorthodorie  zu  seyn  pflegt.  Rom  gehörte
zum  Erarchat,  wenn  also  der  Rdmische  Bischof  den  Befehlen
  des  Kaisers  nicht  gehorchen  wollte,  so  hohlte  man  ihn
        <pb n="90" />
        78

nach  Constantinopel  heruͤber,  und  behandelte  hier  den  ersten
Bischof,  der  Christenheit  mit  dem  erniedrigendsten  Despotismus,
  oder  ergieng  ein  Befehl  an  den  kaiserlichen  Statthalter
in  Italien,  welchen  dieser  mit  größter  Freude  als  eine  Gelegenheit
  Geld  einzuernten  ansah.

Der  größte  Theil  der  übrigen  occidentalischen  Bischoͤfe
fragte  aber  gar  nicht  darnach,  was  mit  Kaiser  Justinians
Begriffen  öbereinstimme  oder  nicht.  Justinian  hatte  ihnen
nichts  zu  befehlen,  sie  gehörten  zur  Westgothischen,  Fränkischen,
  Burgundischen,  Longobardischen  Oberherrschaft.  Sie
erklärten  also  den  Roͤmischen  Vischof  geradhin  für  einen
Ketzer,  trennten  sich  ganz  von  ihm,  wenn  er  sich  so  sehr
nach  der  morgenländischen  Hoftheologie  richtete.  Wie  freute
sich  Gregor  der  Große,  der  die  Reihe  Rdmischer  Bischöfe
in  dieser  Periode  schließt,  wann  er  es.  dahin  brachte,  daß
man  ihn  nicht  verketzerte.  Er  wollt“  es  gern  tragen,  daß
andere  nicht  so  dachten  wie  er,  nur  möchten  sie  ihm  seine
Meinung  nicht  zum  Verbrechen  machen.  Wer  hätte  hier
prophezeien  moͤgen,  daß  einmal  eine  Zeit  kommen  werde,
wo  sich  alle  Koͤnige  und  Bischoͤfe  unter  den  Fuß  des  Roͤ-mischen
  Oberpriesters  wuͤrden  schmiegen  muͤssen?

6.  27.
Patriarch  von  Constantinopel,  Alexandrien  und  Antiochien.

Weit  günstiger  warenddem  ersten  Scheine  nach  alle  Umstaͤnde
  fuͤr  den  Bischof  von  Constantinopel.  Dort  kamen
gewoͤhnlich  gelehrtere,  thaͤtigere  Maͤnner  auf  den  Stuhl.  Ihre
Gemeine  litt  keine  solche  Revolutionen,  wie  die  Roͤmische
bei  Alarichs  und  Genserichs  Einbruch  in  Italien.  Ihr
Einfluß  bei  Hof  und  ihre  Localkenntniß  aller  dortigen  Verhaͤltnisse
  schien  selbst  für  die  übrigen  Bischöfe  bis  zur  gefälligen
  Schmeichelei  wichtig.  Unstreitig  ist  auch  für  das

*
        <pb n="91" />
        79

erste  Wachsthum  eines  solchen  kleinen  Herrn,  als  ein  Bischof
  war,  Nähe  bei  der  Person  des  Regenten  ein  hoͤchst  erwünschter
  Vortheil,  aber  eben  dieselbe  wird  unüberwindliches
Hinderniß,  sobald  sich  der  kleine  Herr  nach  und  nach  in  eine
  völlige  Unabhängigkeit  hinaufarbeiten  will.  Die  Systeme
bei  Hof  sind  zu  abwechslend,  daß  er  nicht  oft  darunter  leiden
  sollte.  Jeder  seiner  Schritte  und  Versuche  wird  gar  zu
schnell  bekannt,  kann  gar  zu  sehr  in  der  Nähe  geprüft  werden,
  und  der  Kaiser  hatte  immer  Mittel  genug,  stolzgewordene
  Bischöfe  zu  demüthigen.  Dem  Bischof  von  Constantinopel
  machte  überdieß  die  große  Menge  fremder  Bischöfe,
welche  sich  stets  am  kaiserlichen  Hof  aufhielten,  manchen  empfindlichen
  Verdruß.  Sie  wußten  sich  gewöhnlich  noch  besser
  als  er  die  Gnade  des  Hofes  zu  gewinnen,  sie  reizten  den
Kaiser  und  die  Minister  gegen  ihn,  und  suchten  sich  dadurch
den  Weg  zu  bahnen,  selbst  auf  den  Stuhl  des  zweiten  Bischofs
  der  Christenheit  zu  gelangen.

So  während  daß  Chrysostomus  mit  der  Reforme  einiger
  Kleinasiatischen  Gemeinden  beschäftigt  war,  überläßt  er
sein  Amt  einem  solchen  Gaste,  dem  Syrischen  Bischof  Severian,
  und  dieser  verhetzt  Hof  und  Gemeine  gegen  seinen
Wohlthäter.  Bei  allen  Unruhen,  welche  der  Nestorianismus
zu  Anfang  des  fünften  Jahrhunderts  in  Constantinopel  erregte,
  waren  diese  fremden  Bischbfe  immer  voran,  und  weil
jeder  auch  von  den  geringern  Geistlichen  immer  doch  wieder
seine  Verbindungen  bei  Hof  und  unter  den  Ministern  hatte,
so  konnte  der  Bischof  auch  im  Kampf  gegen  diesen  nie  fertig
werden.

Erst  seit  der  Synode  von  Chalcedon  fängt  der  Bischof
von  Consiantinopel  an,  selbst  im  Verhältniß  gegen  den  Römischen
  recht  mächtig  zu  werden.  Er  benutzte  die  Gelegen-
        <pb n="92" />
        80

heiten,  bei  den  ewig  waͤhrenden  Glaubenszaͤnkereien  besonders
der  Syrer  und  Aegyptier  nach  und  nach  ein  richterliches  Ansehen
  zu  gewinnen,  und  Acacius  war  theils  an  weiser  Liebe
des  Friedens,  theils  an  schlauer  Kunst,  die  Hofgesinnungen
zu  lenken,  seinen  Gegnern  den  Roͤmischen  Bischoͤfen  weit
uͤberlegen.  Doch  da  Justin  und  Justinian  in  Constantinopel
zur  Regierung  kamen,  so  war  bei  der  entschiedenen  Partheilichkeit
  dieser  beiden  Regenten  für  den  Roͤmischen  Bischof
und  bei  ihrer  eben  so  entschiedenen  unlenkbaren  Gewaltthätigkeit
  alles  weitere  Emporsteigen  des  Bischofs  von  Constantinopel
  unmöglich.  Die  Bischöfe  von  Rom  sahen  es  zu
Ende  des  sechsten  Jahrhunderts  als  Beweis  eines  besondern
Stolzes  der  Bischöfe  von  Constantinopel  an,  daß  diese  sich
den  Titel  Episcopus  oecumenicus  geben  ließen.  Wie  unbekannt
  doch  ein  gewöhnlicher  Sprachgebrauch  von  Constan-=tinopel
  zu  Rom  gewesen  seyn  muß!  "

Keiner  aller  Patriarchen  aber  zeigte  sich  diese  ganze  Periode
  hindurch  gewaltthätiger  als  der  von  Alerandrien,  und
keiner  war  auch  so  unversöhnlicher  Gegner  gerade  seines  Byzantinischen
  Collegen  als  dieser.  Ihn  auch  zunächst  hatte
der  Vorzug  gekränkt,  welcher  auf  der  Synode  im  Jahr  331
dem  kaiserlichen  Residenzbischof  eingeräumt  worden,  und  zwei
solcher  Männer,  wie  Bischof  Theophilus  und  Bischof  Cyrillus,
  welche  fast  volle  sechzig  Jahre  (385  —  4441)  mit
allem  Eifer  eines  Familieninteresse  und  eines  Partiegeistes
einem  Mlane  treu  blieben,  konnten  sich  eine  fast  despotische
Macht  erwerben,  die  aber  gerade  weil  sie  eben  so  gewaltthätig
  behauptet  als  erworben  wurde,  schon  unter  dem  Nachfolger
  Dioskurus  fallen  mußte.  Dem  Theophilus  war
es  gelungen,  den  frommen  Johann  Chrysostomus  zu  stürzen,
und  sein  Neffe,  der  Calenderheilige  Cyrillus  erhielt  einen
        <pb n="93" />
        81

noch  vollständigern  Sieg  über  Nesiorius.  Aber  Dioskurus

fand  an  dem  Roͤmischen  Bischof  Leo  einen  Gegner,  welchen

erste  unglückliche  Versuche  nicht  muthlos  machten.  Die  Synode
  von  Chalcedon  setzte  den  Dioskurus  ab,  und  das  An-#
sehen  des  Alerandrinischen  Stuhls,  dessen  Bischöfe  seit  Athanasius
  sich  immer  behauptet  hatten,  litt  hiebei  mehr  als  in  ei-/
ner  Beziehung.  Sie  verloren  nicht  nur  ihre  bisherige  Ueber-:
legenheit  in  öffentlichen  Verhandlungen  der  morgenländischen-Kirche,
  sondern  die  Gemeine  theilte  sich  auch  in  mehrere  große)
Partien,  und  wurde  durch  beständige,  innerliche  Kriege  geschwächt,
  in  welchen  sich  alle  Gransamkeit  der  „Religionskriege
und  bürgerlichen  Kriege  vereinigte.  Nie  heilte  diese  Wunde:
der  Alerandrinischen  Kirche.  Die  letzte  Hälfte,  des  fünften?
und  das  ganze  sechste  Jahrhundert  verflossen  unter  halb  und

ganz  mislungenen  Friedensvereinigungen  der.  verschiedenem:
Partien.  Jedes  irenische  Project  veranlaßte  immer  nur  eine.
neue  Partie.  Durch  anderthalbhundertjährige.  Zänkereien  wa-,
ren  die  Köpfe  nicht  kaltblütiger,  sondern  immer  nur  erhitzter:
geworden,  bis  endlich  die  Araber  Aegppten  überschwemmten,

und  die  Christliche  Kirche  dieser  Provinz  in  die  drückendste.
Sklaverei  gerieth.

Eben  das  Schicksal  traf  Antiochien.  Nie  hat  zwar
dieser  Patriarch  eine  der  ganz  ersten  Rollen  unter  seinen  Collegen
  gespielt,  wie  der  von  Rom  und  Alerandrien;  nie  war
daselbst,  was  Zufall  gewesen  seyn  muß,  ein  Mann  von  ausgezeichneter
  Thätigkeit  Bischof  geworden,  und  immer  sammelten
  sich  doch  auch  hier  die  schismatischen“  (Narreien  der
Alerandrinischen  Kirche  ihre  eigenen  Haufen,  bis  endlich  die
Eroberungen  der  Araber  auch  hier  durch  allgemeine  Unterdrückung
  ein  Ende  machten.

Spittler'd  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  6
        <pb n="94" />
        82

Moͤnchswesen,  im  Orient  und  Occident.
Schon  seit  dem  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  gab  es
auch  Christliche  Asceten  und  Christliche  Eremiten,  Christen,
welche  nach  ächtem  Syrischägyptischem  Temperamente  und
Sitten  die  willkührlichsten  Selbstverläugnungen  wählten,  und
vielleicht  selbst  auch  noch  mehr  durch  die  damals  herrschenden
  Verfolgungen  veranlaßt,  losgerissen  von  aller  menschlichen
Gesellschaft  in  Eindden  sich  flüchteten.  Der  Mensch,  den
weise  Abwechslung  von.  Einsamkeit  und  Gesellschaft  bildet,
wird  in  der  Eindde  zum  Thier,  und  diese  Heiligen  beschleunigten
  die  Metamorphose,  weil  sie  sich  wenigstens  den  Teufel
zum  Gesellschafter  in  die  Eindde  mit  nahmen.
3065  Antonius  brachte  zuerst  einige  Milderung  in  diese  traurige
  Kunst  fromm  zu  werden.  Er  beschränkte  die  elende
Mannigfaltigkeit  ihrer  frommen  Uebungen  durch  gewisse  Vorschriften.
  Er  veranlaßte  sie,  ihre  Wohnplätze  in  der  Nähe
unter  einander  aufzuschlagen,  um  wenigstens  unter  einander
selbst  in  Gebetsuübungen  und  Bedürfnissen  dieses  Lebens  wechselsweis
  Hölfergeben  zu  können.

Ein  anderer  Aegyptier,  Hachomius,  errichtete  gemeinchaftliche
  Gebäude,  wo  die  Asceten  unter  Aufsicht  zusammen
leben  sollten.  Er  schrieb  ihnen  eine  besiimmte  Lebensart  vor,
welche  bei  ihm  doch  noch  größtentheils  vernünftiger  war,  als
bei  manchen  seiner  Nachfolger.  Religionsunterricht  und  Gewinnung
  ihres  gebensunterhalts  waren  ihre  Hauptbeschäftigung;
  zu  dem  letzen  brauchte  es  nicht  viel  Arbeit,  weil  Fasten,
dessen  die  Natur  in  so  heißen  Gegenden  vorzuͤglich  faͤhig  ist,
eine  ihrer  angelegentlichsten  Religionsuͤbungen  war.

In  kurzem  vermehrte  sich  ihre  Anzahl  so  seht,  daß  allein
in  Aegypten  uͤber  fuͤnfzig  tausend  sich  befanden,  theils  Moͤnche

340
        <pb n="95" />
        83

theils  Nonnen;  daß  eine  Wohnung  solcher  Coͤuobiten  oft  meh,
rere  tausende  faßte;  und  daß  endlich  nicht  leicht  ein  Mann  von
Frömmickeit,  nicht  leicht  ein  Bischof  von  Ansehen  war,  der
nicht  eine  Zeitlang  unter  diesen  frommen  Laien  gelebt,  seine
erste  Erziehung  bei  ihnen  genossen.

Niemand  wurde  nehmlich  damals  durch  ein  unwiderrufliches
  Gelübde  an  sein  Klosterleben  gebunden,  niemand  wurde
auch,  selbst  so  lange  er,  Mönch  seyn  wollte,  gerade  an  eine  gewisse
  Regel  gebunden.  So  viel  strenger  auch  ihre  Lebensart
war,  als  in  der  Folge  der  Occidentalischen  Mönche,  so  viel  ungebundener
  war  doch  im  Ganzen  ihre  Freiheit.  Aegypten  und
Syrien  und  Pontus  blieben  beständig  ihr  Hauptwohnplatze-Schon
  in  Kleinasien  fanden  sie  weniger  Beifall,  und  noch  weniger
  in  Europa.  Das  kältere  Klima  Italiens  und  Frankreichs
war  einem  solchen  Fanatismus  zu  wenig  günstig,  sprischägyptische
  Diät  dort  unmöglich,  und  vielleicht  auch  das  Land  im
allgemeinen  zu  gleichförmig  bevölkert.

Das  Mönchswesen  würde  in  Europa  nie  herrschend  geworden
  seyn,  wenn  nicht  Benedict  von  Nur  sia  in  der  Mitte
des  sechsten  Jahrhunderts  demselben  einé  ganz  andere  Einrichtung
  gegeben  hätte.  Er  hob  die  herumschweifende  Lebensart.
der  bisherigen  Mönche  auf.  Er  machte  es  zum  Gesetz,  daß  man
sich  für  seine  Regel  auf  ewig  verpflichten  mußte,  und  wenn
er  schon  in  seinen  Cönobien  auch  die  Beobachtung  der  Orientalischen
  Mönchsregeln  gestattete,  so  erlaubte  er  doch  keinen
Uebergang  von  seiner  Regel  zu  diesen.

Handarbeit,  Gebet  und  Studiren,  wozu  auch  Unterweisung
  der  Jugend  gehörte,  waren  die  drei  Geschäfte,  in  welche
ex  seinen  Mönchen  den  Tag  eintheilte,  und  die  Handarbeit  dieser
  Mönche  war  der  ganzen  damaligen  Beschaffenheit  der  Occidentalischen

  Provinzen  sehr  nuͤtzlich,  da  sie  veroͤdete  Laͤnder  ur-6“
        <pb n="96" />
        84
bar  zu  machen,  Moraͤste  auszutrocknen,  Waͤlder  auszureuten
suchten.

Monte  Cassino  war  der  erste  Sitz  dieses  Wohlthaͤters  seines
Zeitalters,  und  noch  in  dieser  Periode  breitete  sich  dieser  Orden
  besonders  durch  die  Bemuͤhungen  des  Roͤmischen  Bischofs
Gregor  nicht  nur  in  Italien  sondern  auch  in  Frankreich  und
England  aus.

Man  kann  bei  der  so  sehr  veraͤnderten  Einrichtung  dieser
  neuen  Moͤnchsorden  leicht  voraussehen,  wie  ihr  Einfluß
auf.  Staat  und  Kirche  von  demjenigen  ganz  verschieden  seyn
mußte,  welchen  die  Orientalischen  Moͤnche  hatten.  Diese  waren
  nicht  viel  besser  als  ein  Freicorps,  das  sich  bald  von  diesem
  bald  von  einem  andern  brauchen  ließ,  das  wie  jede  aufrührerische
  Partie  vorzüglich  durch  seine  Menge  und  Kühnheit
  bedeutend  ist,  und  alsdenn  fast  allein  auch  dadurch  dem
Volk  seinen  Fanatismus  mitzutheilen  weiß.

Dem  Benedictiner  aber,  der  sich  durch  schwere  Handarbeiten
  abmatten  mußte,  vergieng  die  Lust  zu  solchen  schwärmerischen
  Projecten.  Auch  diejenigen,  welche  zum  Studiren
vorzüglich  bestimmt  waren,  hatten  keine  Muße  solchen  Ideen
nachzuhängen;  denn  auch  ihr  Studiren  war  zum  Theil  Handarbeit.
  Der  Benedictiner  schrieb  Codices  ab,  wenn  sich  der
Orientalische  Mönch  bloß  in  der  Beschauung  übte.  Nicht
nur  Wissenschaften,  sondern  vorzüglich  auch  Künste  und  Handwerke
  blüthen  nirgends  so  sehr  wie  in  Benedictiner  Klöstern,
und  von  hier  aus  verbreiteten  sich  die  Kenntnisse  für  die
Befriedigung  der  Bequemlichkeiten  und  Nothwendigkeiten  des
Lebens  oft  weit  umher  in  ganzen  Gegenden.

Sie  waren  bald  die  einzigen  Männer  von  Kenntnissen,
welche  der  Occident  hatte.  Sie  wurden  daher  auch  an  die
Höfe  der  Könige  gezogen,  wo  sie  als  Canzler  und  Räthe  in
        <pb n="97" />
        85

kurzem  alles  unter  ihre  Gewalt  bekamen.  Doch  standen  sie
noch  in  dieser  und  einem  Theil  der  nachfolgenden  Periode
bestaͤndig  unter  Jurisdiction  der  Bischoͤfe.  Der  groͤßte  Theil
derselben  waren  nur  Laien,  hatten  also  kein  Recht  an  Kirchenguͤter,
  und  bei  ihren  eigenen  Besitzungen  kein  Recht  an
Freiheiten  der  Kirchenguͤter.
§.  29.

Verhältniß  der  Kirche  und  der  großen  Hierarchen  zum  Staat.

Das  Verhältniß  der  Kirche  zum  Staat  war  in  der  jetzigen
  Periode  noch  viel  weniger  durch  gewisse  bestaͤndiggeltende
  Gesetze  bestimmt,  als  das  Verhältniß  der  großen  Bi—
schöfe  zu  ihren  übrigen  Collegen,  und  wurde  im  Orient  noch
häufiger  nach  Launen  und  abwechslenden  Verordnungen  der
Kaiser  verändert.  "

Als  Consiantin  Herr  vom  Rdmischen  Reich  wurde,  so
war  bei  den  glänzenden  Wohlthaten,  womit  er  die  Kirche
überhäufte,  die  Freude  außerordentlich  groß.  Die  Kirchendiener,
  und  nicht  nur  die  vornehmen,  sondern  auch  die  geringeren,
  wurden  von  der  Verbindlichkeit  freigesprochen,  öffentliche
Aemter  anzunehmen.  Der  rechtglaubigen  Kirche  sollte  man
im  Testament  so  viel  vermachen  dürfen  als  man  wollte.
Jede  Partie  sollte  ihren  Proceß  mit  Verwerfung  der  weltlichen
  Juris  diction  *)  für  den  Bischof  bringen  können,  sein
Ausspruch  gleich  dem  Ausspruch  des  Kaisers  sollte  allen  übrigen
  vorgehen.  Vor  dem  Bischof  sollte  die  Freilassung  eines
  Leibeigenen  ohne  viele  Weitläufigkeit  geschehen;  aber  erst
möhsamumsiändlich  vor  einem  weltlichen  Gericht.  Die  Freilassung
  sollte  sogar  alsdenn  schon  gelten,  wenn  sie  einem

—

*)  Auf  dem  Wege  des  Compromisses  (s.  die  Bemerkung  von  Plauck
in  der  von  ihm  besorgten  5ten  Auflage  dieser  Kirchengeschichte
Seite  106  Not.).  Anmerkung  des  Herausgebers.
        <pb n="98" />
        86
Geistlichen  schriftlich  ohne  alle  weitere  Zeugen  und  ohne  besonders
  bestimmte  Worte  vorgezeigt  wurde.

Nichts  war  einer  gewissen  damals  herrschenden  Frdmmigkeit
  mehr  entgegen,  als  die  Römischen  Gesetze  gegen  die
Ehlosigkeit;  diese  wurden  also  aufgehoben,  so  sehr  auch  ein
wichtiger  Theil  des  öffentlichen  Wohls  darauf  beruhte.

Constantin  selbst  war  Schmeichler  und  Despot  der  Bischöfe;
  nicht  der  einzige  Fall  in  der  Geschichte,  daß  beides
in  einem  zusammentrifft.  Die  kurze  unglückliche  Periode
aber,  da  ihnen  Julian  alle  ihre  Rechte  wieder  nahm,  konnte
kaum  in  einigen  Betracht  kommen.  Die  Kirche  gewann  nach
dieser  schnell  vorüber  eilenden  Trübsal  mehr  Ehre  als  vorher.
  Die  großen  Bischöfe  erhielten  nach  und  nach  völlig
gleiche  Vorrechte  mit  den  großen  Statthaltern;  um  so  unvermeidlicher
  aber  mengte  sich  der  Kaiser  in  die  Bischofswahlen,
  und  die  Besetzung  der  großen  Stellen  hieng  endlich  fast
einzig  von  seiner  Willkühr  ab.

#.  30.
Besonderes  politisches  Verhältnih  des  Römischen  Bischofs.

Im  Occident  aber  ist  besonders  das  Verhältniß  des  Rö,
mischen  Bischofs  zum  Herrn  von  Rom  und  zum  Könige  von
Italien  sehr  merkwürdig.  Ungeachtet  aller  Ehre,  welche  der
Rdmische  Bischof  bisweilen  genoß,  blieb  er  doch  immer  Unterthan.
  Seine  Einwilligung,  wenn  eine  dkumenische  Synode
  zusammengerufen  werden  sollte,  war  nicht  votzüglicher
nöthig,  als  die  Einwilligung  der  übrigen  Patriarchen,  und
es  war  nicht  sowohl  Einwilligung,  die  er  gab,  als  Antwort
auf  eine  geschehenc  höfliche  Notification  oder  auf  cin  vorgängig
  abgefordertes  Gutachten.  Manchmal  mußte  der  Roͤmische
  Bischof  noch  lange  bitten,  bis  der  Kaiser  endlich  aus
        <pb n="99" />
        87

allen  seinen  Provinzen  seines  Reichs  eine  Synode  zusammenrief.


Dem  Kaiser  oder  seinem  Statthalter  mußte  er  vor  Gericht
  stehen,  und  wie  jeder  andere  Minister  zu  Verschickungen
  und  Untersuchungen  sich  brauchen  lassen.  Kann  aber  eine
übertragene  Commission  als  Beweis  eigener  Macht  gelten?

Mancher  von  ihnen  sprach  oft  wohl  auch  bei  feierlichen
Gelegenheiten  mit  einer  solchen  biblischen  Phraseologie,  als
ob  nichts  auf  Erden  über  ihm  sey;  und  wenn  sollte  es  wohl
einem  solchen  frommen  Stolzhie  und  da  auch  an  Schmeichlern
gefehlt  haben?  Aber  es  wäre  unbillig  gegen  den  Romischen
Bischof,  solchen  einzelnen  Aeußerungen  mehr  zu  glauben  als
demjenigen,  was  aus  dem  ganzen  Ton  seines  übrigen  Betragens
  und  aus  der  unverkennbarsten  Harmonie  aller  Documente
  des  ganzen  Zeitalters  erhellt.

Unter  der  Ostgothischen  Regierung  war  der  Rmische
Bischof  fast  noch  weniger  geachtet  als  unter  der  Römischen.
Wie  Belisars  und  Narses  Waffen  dem  Morgenländischen
Kaiser  das  Erarchat  eroberten,  so  war  er  wieder  nichts  weiter
als  Unterthan  von  diesem,  und  Justinian  übte  besonders  an
Vigilius  sein  Regentenrecht  auf  eine  sehr  grausame  Art  aus.
Ungefähr  fünfzig  Jahre,  ehe  Vigilius  wie  ein  Delinquent  zu
Constantinopel  mißhandelt  wurde,  soll  zu  Rom  der  Satz  behauptet
  worden  seyn,  daß  der  Pabst  außer  Gott  keinen  Richter
habe.

·  5.31.
Staatsverhaͤltniß  der  Kirche  im  Fraͤnkischen  Reich.

Im  Fraͤnkischen  Reich  schien  sich  in  dieser  Periode
noch  wenig  zu  zeigen,  welchen  Einfluß  die  Bischoͤfe  auf  den
Staat  hatten.  Die  Regierung  Chlodowichs  war  gar  zu  sehr
fast  einzig  militaͤrisch,  also  Despotismus  recht  von  der  schlimm-
        <pb n="100" />
        88

sten  Gattung.  Was  der  Bischof  (Gottlob  damals  selbst  noch
nicht  Soldat!)  von  dem  König  erhalten  wollte,  mußte  er  erschleichen
  oder  durch  Bitten  gewinnen,  und  der  Vortheil,  daß
die  Bischöfe  bald  als  erster  Stand  bei  den  Nationalversammlungen
  erschienen,  wurde  erst  nach  Zeit  und  Umständen  bedeutend.
  «

AusderSynodezukOrleanshandelteChlodowichnach
seiner  ganzen  koͤniglichen  Macht;  er  rief  die  Bischoͤfe  zusammen,
  und  schon,  der  Inhalt  der  Kanonen  zeigt,  daß  außer
dem  Klerus  eine  höhere  Macht  dabei  gesprochen.  Unter  den
beständigen  Zwistigkeiten  der  mehreren  Söhne  und  Nachfolger
  Chlodowichs,  war  wieder  nicht  der  beste  Zeitpunct,  wo
friedfertige  Bischöfe  aufkommen  konnten.  Sie  erhielten  zwar
nach  und  nach  manche  kleine  Vortheile.  Ihre  Einkünfte,
die  Güter  der  Kirche  wurden  gesicherter.  Das  öftere  Synodenhalten
  gab  Gelegenbeit  zu  politischen  Verabredungen,  und
hie  und  da  stieg  auch  öfters  ein  einzelner  Bischof  zu  vorzüglichem
  Ansehen.  Aber  alles  dieses  auch  in  seinen  vereinigten
Wirkungen  betrachtet,  konnte  bei  einem  Volk,  das  noch  so
roher  Sitten  war,  als  damals  die  Franken,  dem  Geistlichen
und  den  Gütern  der  Kirche  kaum  die  nöthige  äußere  Sicherheit
  verschaffen.

Anders  war  es  bei  den  West-Gothen  in  Spanien,
weil  dort  die  Nation  nicht  nur  früher  Cultur  und  festgeordnete
  Verfassung  bekam,  sondern  auch  zum  Vortheil  des  Pfassenregiments
  historische  Veranlassungen  zusammentrafen,  wie
man  sie  höchst  selten  beisammen  findet.  Nach  einer  hundert
und  Heebzigjährigen  Regierung  Arianischer  Könige  kam  Rec-580
  cared  auf  den  Thron,  der  zur  katholischen  Religion  übertrat,

und  seinen  Uebertritt  durch  Wohlthaten  gegen  den  katholischen

Klerus  zu  bewähren  suchte.  Sein  Recht  zur  Krone  war  wie

511
        <pb n="101" />
        80

das  Recht  mehrerer  seiner  Nachfolger  zweideutig,  also  war
bischöfliche  Salbung  und  Krönung  nothwendig,  um  vor  den
Augen  des  Volks  als  Gottgeweihte  zu  erscheinen.  Der  Koͤ—
nig  demüthigte  sich  vor  dem  Klerus,  um  durch  denselben  die
angesehensten  Familien  sich  verbindlich  zu  machen,  das  Volk
in  Schranken  zu  halten.  Seine  Gesetze  wurden  auf  den  Synoden
  des  Klerus  verbessert,  und  oft  warf  sich  der  König  vor
der  versammelten  Geistlichkeit  seines  Reichs  demüthigbittend
zur  Erde  nieder.  Selbst  der  Adel  mußte  endlich  unter  das
Joch  der  Hierarchie,  und  das  alles  wurde  ohne  Rath  oder
Hülfe  des  Römischen  Oberpriesters  ausgeführt.

Wenn  man  die  Geschichte  des  Verhältnisses  der  Kirche
zum  Staat  in  den  verschiedenen  neuen  Reichen,  welche  sich
in  dieser  Periode  in  Europa  bildeten,  mit  einem  Blick
übersieht,  so  zeigt  sich,  daß  die  Bischoͤfe  in  denjenigen  Staaten,
  wo  Arianismus  die  herrschende  Religion  war,  nie  zu
sehr  großem  Ansehen  gelangten.  Unter  ihnen  war  nicht  die
Eintracht,  nicht  der  rege  Geist  von  Confoͤderation,  der  den
katholischen  Klerus  beständig  in  Bewegung  setzte;  nicht  das
unaufhdrliche  Synodenhalten,  durch  welches  der  katholische
Klerus  allen  einzelnen  Angelegenheiten  so  sinnreich  ein  allgemeines
  Interesse  gab;  nicht  der  schlaue  Correspondenzzusammenhang,
  wodurch  sich  der  katholische  Klerus  bald  aus  der
Nähe,  bald  aus  der  Ferne,  bald  von  Rom,  bald  von  Constantinopel
  her  Hülfe  zu  verschaffen  wußte.

Doch  ist  aber  selbst  der  katholische  Klerus  in  keinem  Reiche
recht  allgewaltig  geworden,  wenn  nicht  die  Könige  selbst,  anfangs
  aus  eigenem  Interesse,  alle  Gelegenheit  dazu  gegeben
hätten.  Das  wenigste  sind  die  Schenkungen  an  Kirchen  und
Klöster,  denn  diese  waren  bei  aller  ihrer  Größe  von  weniger
Bedeutung,  weil  nach  der  damaligen  Ebbe  und  Fluth  von  Läu-
        <pb n="102" />
        90
derbesitzungen  den  Kirchen  und  Kloͤstern  eben  so  viel  geraubt
und  gestohlen  als  geschenkt  wurde.  Aber  wie  oft  veranlaßte
oder  zwang  der  König  den  Bischof  zu  gewissen  Handlungen,
bei  welchen  dieser  das  ganze  Maaß  seiner  durch  Schüchternheit
nicht  zurückgehaltenen  Kräfte  kennen  lernen  mußte.  Ein  Kronräuber,
  der  sich  die  Neigung  des  gemeinen  Volks  zu  erwerben
suchte,  und  vor  den  Bemühungen  seiner  Gegenpartie  noch  nicht
gesichert  war,  begünstigte  die  Bischöfe,  ließ  sich  durch  sie  salben
  und  krönen,  und  alsdenn  dem  Volk  aus  dem  alten  Te.
stamente  beweisen,  daß  der,  welchen  der  Briester  gesalbt  habe,
eben  dadurch  von  Gott  selbst  zum  Könige  erklärt  sey.  Die
Bischöfe  hatten  dieses  kaum  einigemal  gethan,  so  versuchten  sie
für  sich  selbst,  ob  sie  nicht  Könige  ab=  und  einsetzen  könnten,
und  sobald  die  Bisthümer  an  die  angesehensten  Familien  der
Nation  kamen,  sobald  die  Besitzungen  der  Kirche  nicht  mehr
als  bloße  Güterbesitzungen,  sondern  als  Lehen  angesehen  wurden,
  so  gewann  der  Bischof  die  vollen  Rechte  eines  Reichsstandes,
  sein  Einfluß  auf  die  Ruhe  des  Staats  verdoppelte  sich.

Diese  Einführung  des  Lehensystems,  welche  in  den  meisten
  Reichen  eigentlich  erst  in  der  folgenden  Periode  geschah,
hatte  schon  am  Ende  der  gegenwärtigen  manche  ihrer  ersten
Keime  entwickelt.  Einer  der  wichtigsten  dieser  Art  war  der
Ursprung  der  so  genannten  geisilichen  Beneficien,  wie  man
ihn  besonders  in  den  Fränkischen  Staaten  findet.  Zu  Anfang
  des  sechsten  Jahrhunderts  zeigen  sich  die  ersten  Spuren
  derselben.

Alle  Einkünfte  der  Kirche  flossen  nehmlich  seit  alten  Zeiten
  in  eines  zusammen.  Sie  standen  alle  zusammen  unter
der  Aufsicht  des  Bischofs  oder  im  Orient  seit  der  Chalcedo-=nischen
  Synode,  unter  der  Aufsscht  eines  besondern  Oekonomus.
  Was  von  Oblationen  und  Einkünften  der  Kirchen-
        <pb n="103" />
        91

guͤter  in  diese  Generalcasse  zusammenfloß,  wurde  in  drei  oder
vier  Theile  getheilt.  Einen  Theil  behielt  der  Bischof  für  sich,
ein  Theil  wurde  zum  Bau  der  Kirche,  ein  Theil  zu  Erhaltung
der  Armen,  und  endlich  ein  Theil  zum  Lebensunterhalt  des
übrigen  Klerus  angewandt.  Außer  den  noch  immer  fortdaurenden
  gewöhnlichen  Oblationen  hatte  die  Kirche  Zehnten,
Erstlinge,  eigene  liegende  Güter;  und  man  hatte  auch  für
die  Oekonomie  der  Kirche  den  Gedanken  benutzt,  daß  der
Bischof  als  Priester  angesehen  werden  müßte,  daß  ihm  also  alles
gebühre,  was  den  Priestern  im  alten  Testamenre  zugesplochen
wird.  Wenn  nun,  wie  öfters  geschah,  die  eigene  Administration
  entfernterer  Güter  der  Kirche  beschwerlich  fiel,  so  überließ
  man  dieselbe  einem  gewissen  Geistlichen  für  beständig,  er
sollte  den  Ertrag  genießen,  aber  sie  nicht  an  andere  verleihen
oder  verkaufen  dürfen.

Diese  gering  scheinende  Veränderung  war  fär  jene  Zeiten
  von  größter  Wichtigkeit.  Vorher  stund  es  bei  dem  Bischof,
  wie  viel  er  jedem  seiner  Geistlichen  geben  wollte,  oder
jeder  Geistliche  mußte  sich  gefallen  lassen,  mit  seinen  Mitbrüdern
  sich  in  den  vierten  Theil  der  allgemeinen  Kircheneinkünfte
  zu  theilen.  Jetzt  hatte  er  sein  bestimmtes  Einkommen,
  welches  als  mit  seinem  Amte  unzertrennlich  verbunden
angesehen  wurde.  Die  Gemeinschaft  der  Güter  verlor  sich
nach  und  nach  ganz,  und  wie  in  der  Folge  mit  dem  Besitz
gewisser  Güter  immer  die  Verpflichtung  zu  gewissen  Kriegsdiensten
  verbunden  war,  so  fiel  diese  Verpflichtung  auch  auf
den  Geistlichen,  welcher  gerade  solche  Güter  hatte.  So  wurde
  der  Bischof  und  der  geringere  Klerikus  als  eigener  großer
  Gäterbesitzer  nach  und  nach  Soldat  und  Jäger;  dabei
war  für  die  Theologie  schlecht  gesorgt.
        <pb n="104" />
        92
Geschichte  der  Lehre,  als  Religion  und  Theologie  betrachtet.


g.  32.
Geschichte  des  Arianismus.

Die  Religion  erschien  im  Ganzen  genommen  zu  Anfang
dieser  Periode  meist  noch  unschuldig  und  einfach.  Man  hatte
sich  zwar  schon  in  der  vorigen  Periode  über  manche  Puncte
oft  und  viel  gestritten,  man  hatte  verschiedene  Versuche  gemacht,
  die  Lehre  vom  Vater,  Sohn  und  Geist  bald  philosophischer
  bald  biblischer  vorzustellen.  Auch  an  den  Ideen  von
der  Person  Christi  hatte  man  gebildet,  und  diejenigen  Artikel,
  welche  auf  Beschaffenheit  der  äußeren  Consociation  Einfluß
  hatten  (Taufe  und  Buße),  waren  selbst  unvermerkt  anders
  geworden,  nachdem  sich  die  ganze  Einrichtung  der  Gesellschaft
  bei  weiterer  Ausbreitung  geändert  hatte.  Unterdeß
die  eigentlich  praktischen  Fragen,  wie  denn  der  Mensch  selig
werde,  waren  noch  nicht  einmal  zur  ordentlichen  Untersuchung
  gekommen,  und  manche  Fragen  waren  noch  nicht  einmal
aufgeworfen  worden,  an  die  man  dem  Scheine  nach  zuerst
hätte  denken  sollen.  "

Noch  war  auch  keine  Streitigkeit  entstanden,  welche
gleichsam  den  ganzen  Kbrper  der  Kirche  in  Erschütterung  gesetzt.
  Alles  war  mehr  local  oder  provinzial  geblieben,  und
selbst  die  Händel,  welche  in  Afrika  durch  die  Wahl  des  Bischofs
  Cäcilian  von  Karthago  veranlaßt  wurden,  blieben  doch
in  den  Gränzen  von  Afrika.  Die  Dogmatik  erhielt  keine  so
feierliche  Bestimmung  durch  dieselben,  als  sie  itzt  durch  eine
unglückliche,  in  Aegypten  entstandene  Controbers  erhielt.

Der  Artikel  von  der  Person  Christi  oder  genauer,  die
        <pb n="105" />
        93

Frage,  in  welchen  Ausdruͤcken  man  vom  Logos  sprechen  solle,
war  noch  nicht  so  ins  Reine  disputirt,  daß  nicht  immer  verschiedener
  Sprachgebrauch,  verschiedene  Vorstellungsart,  und
selbst  besonders  in  Aegypten,  damals  dem  eigentlichen  Mutterlande
  theologischer  Forschung,  statt  gefunden  hätte.  Diese
schon  seit  Origenes  Zeiten  geduldete  Verschiedenheit  wurde
durch  Zufall  zum  gefährlichen  Kirchenschisma.

Ein  gelehrter  Presbyter  in  Alerandrien,  Arius,  den
Alter  und  Kenntnisse  selbst  zu  bischöflichen  Hoffnungen  berechtigten,
  gerieth  mit  seinem  Bischof  Alerander  zufällig  in
Streit,  ob  dem  Logos  auch  Ewigkeit  zugeschrieben  werden
koönne.  Nach  den  Neuplatonischen  Ideen  des  Bischofs  war
Ewigkeit  des  Logos  so  gewiß,  als  Gott  von  Ewigkeit  her
als  verständiges  Wesen  gedacht  werden  mußte,  und  Arius,
dessen  Begriffe  wahrscheinlich  mehr  von  gnostischen  Aconengenealogien
  herstammten,  konnte  sich  den  Gezeugten  nicht
gleich  ewig  denken  mit  dem,  der  seines  Daseyns  Ursprung
sey.  Da  der  Bischof  mit  Disputiren  und  Ermahnungen
nichts  ausrichtete,  so  wollte  er  seine  Autorität  gegen  den
Presbyter  brauchen.  Er  hielt  eine  Synode,  ercommunicirte:
den  Arius  und  verurtheilte  ihn  als  einen  Gotteslästerer.  Ueber
  diese  Voreiligkeil  waren  manche  andere  angesehene  Bischöfe
  sehr  aufgebracht.  Sie  hielten  es  nicht  für  so  ganz  gewiß,
daß  wenn  auch  Arius  unrecht  habe,  der  Sprachgebrauch  des
Bischofs  untadelhaft  sey,  und  niemand  war  mit  Aleranders
Ausdrücken  mehr  unzufrieden  als  Eusebius  von  Nikodemien.

Der  Schritt  war  einmal  gethan.  Jeder  suchte  sich  Partie
  zu  machen,  durch  Correspondenz  und  andere  Verbindungen
Freunde  zu  werben.  Die  friedlichen  Ermahnungen  Kaiser
Constantins  wurden  nicht  gehört,  und  das  einzige  Mittel  den
Streit  zu  endigen,  schien  eine  große  Synode  zu  seyn.  Bi-
        <pb n="106" />
        94

schöfe  aus  allen  Provinzen  des  Roͤmischen  Reichs  versam-325
  melten  sich  auf  kaiserlichen  Befehl  zu  Nicaͤa,  und  wahrscheinlich

  allein  nur  der  betriebsame  Athanasius  nebst  dem  kaiserlichen

  Günstling  Bischof  Hosius  von  Corduba  überwand  hier

den  Arius.  Er  wurde  verurtheilt,  und  durch  ein  Synodalund

  Reichsgesetz  befohlen,  daß  künftighin  gesagt  werden  solle,

der  Logos  sey  dem  Vater  Homousios.

Diieses  Wort  schien  Vielen,  die  auch  übrigens  dem  Arius
nicht  beitraten,  recht  beleidigend  umschicklich.  Sie  glaubten,  es
führe  auf  grobe  sinnliche  Begriffe  von  der  Zeugung  des  Sohnes
Gottes.  Denn  es  war  ein  Ausdruck,  den  man  schon  in  ehmaligen
  Streitigkeiten  für  verdächtig  gehalten.  Aber  die
strengere  Partie,  welche  sich  ihres  Funds  nun  einmal  recht
freute,  machte  mit  einer  Anhänglichkeit,  welche  schon  allein  die
Dunkelheit  ihrer  Begriffe  bewies,  den  Gebrauch  gerade  dieses
  Worts  zum  Merkzeichen  der  Orthodorie;  wer  es  nicht
brauchen  wollte,  war  als  Freund  des  Arius  verdächtig.

Der  junge  Diakonus  von  Alerandrien  Athanasius,  der
schon  selbst  auf  der  Synode  so  betriebsam  gewesen  war,  wurde
im  gleichfolgenden  Jahr  selbst  Bischof  von  Alerandrien,  und
an  ihm  fand  nun  die  katholische  Partie  einen  Anführer,  der
bald  mit  stürmischem  Jugendeifer,  bald  mit  politischer  Klugheit
  eines  alten  Weltmannes  die  Nicaͤischen  Schlüsse  in  ihre
volle  Gültigkeit  zu  setzen  suchte.  Mit  dem  Anathem  der  Svnode
  halte  Constantin  bürgerliche  Strase  verbunden,  Arius
Schriften  wurden  zum  Feuer  verurtheilt,  die  Auslieferung
derselben  bei  Todesstrafe  befohlen.

Diese  Orthodorie  Constantins  war  aber  kaum  von  vierjähriger
  Dauer,  seine  Schwesier  wußte  ihn  auf  das  neue  für
Arius  zu  gewinnen.  Er  erlaubte  diesem  aus  dem  Eril  zurückzukommen,
  ließ  sich  durch  ein  orthodor  scheinendes  Glau-
        <pb n="107" />
        95

bensbekenntniß  täuschen,  und  da  Athanasi  us  unbeweglich  darauf
  blieb,  den  Ketzer  nicht  in  die  Kirchengemeinschaft  aufzunehmen,
  so  mußte  er  ins  Eiend,  „und  Constantin  befahl  336
dem  Bischof  von  Constantinopel,  jenen  in  die  Kirche  einzulassen.
  Während  der  Einfuͤhrungssolennitaͤt  stirbt  Arius
ploͤtzlich.

Von  den  Prinzen  Constantins  war  Constantius,  unter
welchen  der  Orient  zu,  stehen  kam,  vorzuͤglich  auf  der  Seite
der  Arianer,  die  Ungnade  des  Regenten  galt  also  den  Athanasianern,
  und  wie  Constantius  nach  dem  Tode  seines  Bruders
  auch  Herr  von  Rom  und  Italien  wurde,  so  stieg  die
Drangsal  der  katholischen  Partie  auf  das  Hoͤchste.  Selbst
der  Rdmische  Bischof  Liberius  mußte  jetzt  die  Arianische
Hoftheologie  annehmen.  Julians  und  Jovians  Regierungen
waren  zu  kurz,  als  daß  sich  einer  oder  der  andere  Theil  hätte
mächtig  machen  können.  Unter  Valentinian  und  Valens
schlug  wie  auf  einer  Brandstätte.  die  Flamme  unter  der  tiefen
Asche,  mit  neuer  Gewalt  wieder  hervor.  Valentinian  im
Occident  verfolgte  die  Arianer,  oder  vielmehr  alle  welche  das
Nicäische  Symbolum  nicht  kunterschreiben  wollten:  Valens
im  Orient  handelte  mit  der  Wuth  eines  Tyrannen  gegen  alle,
die  sich  nicht  für  den  Arianismus  erklärten.  Menschenblut
wurde  nicht  geschont,  die  Bischöfe  waren  noch  glücklich,  wenn
sie  bloß  des  Landes  verwiesen  wurden.  .  Unter  Theodosius
triumphirte  endlich  die  Athanasianische  Partie  wieder  vollkommen,
  und  seitdem  war  ihr  Sieg  ununterbrochen  gewiß.  Der
Arianismus  fand  seine  Schutzstätte  bei  den  Gothen,  Burgundern,
  Vandalen,  bei  welchen  er  zum  Theil  bis  zum  Ende  des
sechsten  Jahrhunderts  herrschend  blieb.

Die  Theologen  theilten  sich  bei  allen  diesen  Händeln  immer
  in  drei  große  Partien:  .
        <pb n="108" />
        96

1)  entschiedene  Arianer.  Sie  behaupteten,  der  Logos  sey  ein
Geschoͤpf,  nur  das  edẽisie  aller  Geschöpfe,  und  selbst
schon  darin  von  allen  übrigen  verschieden,  daß  er  von
Gott  unmittelbar  aus  Nichts  hervorgebracht  sey.  Sie
läugneten  Ewigkeit  und  Allwissenheit  des  Sohnes  Gottes.

2)  Solche,  die  auf  dem  Wort  Homousios  bestanden,  das
Ansehen-  des  Nicälschen  Symbolums  mit  allem  Eifer  verfochten,
  und  sdie  Wahrheit  für  verloren  hielten,  wenn
man  nicht  bei  diesem  Wort  bleibe.

3)  Solche,  die  wie  es  schien  in  der  Hauptsache  ganz  richtig
von  der  Gottheit  Christi  dachten,  aber  den  Nicäischen  und
Athanasiusischen  Sprachgebrauch  unschicklich  fanden.
Manchmal  war  wohl  diese  Mittelpartie,  wie  es  bei  allen

Mittelpartien  zu  gehen  pflegt,  von-  allen  Arianischen  Begriffen
  nicht  ganz  frei,  aber  die  Benennung  Semiarianer
  ist  doch  eben  so  ungerecht  als  unschicklich.

Arianern  und  Athanasianern  war  eine  um  das  Jahr  340
sich  erhebende  neue  Partie  gleich  entgegen,  welche  den  Bischof
von  Sirmium,  Photinus,  zum  Anführer  hatte.  Dieser  gieng
so  weit,  zu  behaupten,  Christus  sey  bloßer  Mensch,  der  erst  augefangen
  habe  zu  eristiren,  da  er  von  Maria  geboren  wurde.
Mit  diesem  Manne  Jesus  habe  sich  eine  besondere  göttliche
Kraft  verbunden,  und  weil  er  sich  der  vollkommensten  Tugend
beflissen,  so  habe  ihn  Gott  an  Sohnes  statt  angenommen.
Diese  Meinung  wich  zu  sehr  von  den  damals  allgemein  angenommenen
  Begriffen  ab,  als  daß  sie  ihr  Glück  hätte  machen
sollen:  Photin  wurde  abgesetzt,  und  seine  Meinung  anathematisirt.
        <pb n="109" />
        97
g.  33.
Macedonianer.  Apollinaristen.

In  der  Lehre  von  der  Gottheit  des  Sohnes  wußte  man
doch  noch,  was  man  gegen  einander  wollte;  aber  in  Ansehung
der  Gottheit  des  heiligen  Geistes  hatten  weder  Vertheidiger  noch
Gegner  bestimmte  Begriffe.  Arianer  und  so  genannte  Semiarianer
  waren  ungewiß,  ob  sie  den  heiligen  Geist  bloß  zu  einer
  Kraft  in  Gott,  oder  zu  einem  Geschoͤpf  machen  sollten,
und  die  katholische  Partie,  wenn  sie  auch  dem  heiligen  Geiste
gönlliche  Ehre  gab,  zauderte  doch  mit  dem  Namen  Gott.  Die
große  Constautinoplische  Synode  vom  Jahre  381  setzte  endlich
auch  hierüber  einc  gewisse  Kirchenorthodorie  fest,  wozu  gerade
damals  Macedonius,  der  Vischof  zu  Constantinopel  war,  Selegenheit
  gegeben  zu  haben  scheint.

Nie  ist  übrigens  diese  Partie  des  Macedonius  sortdaurend
stark  geworden.  Die  Köpfe  waren  schon  mit  andern  Fragen
zu  sehr  beschäftigt,  Macedenius  selbst  scheint  zu  wenig  Ehrgeiz
gehabt  zu  haben,  den  Anführer  einer  Secte  zu  spielen,  und  die
ganze  Lehre  vom  heiligen  Geist  wurde  immer  mehr  als  Anhang
der  Lehre  vom  Logos,  denn  als  eigenes  Capitel  betrachtet.

Während  der  größten  Gährung  der  Arianischen  Streitigkeiten
  aber  erwachte  in  Sprien  eine  neue  Controvers,  zu  welcher
  selbst  einer  der  eifrigsten  Vertheidiger  der  Nicäischen  Synode
  Veranlassung  gab.  Apollinaris  der  jüngere,  (wahrscheinlich)
  Bischof  zu  Laodicea  in  Sprien,  einer  der  gelehrtesten
  und  scharfsinnigsten  Theologen  seines  Zeitalters,  der  aber
mehr  Phillosophie  als  eregctische  Kenntnisse  besaß,  gerieth  auf
den  Einfall,  sich  die  Vorsiellung  von  der  Person  Christi  dadurch
  zu  erleichtern,  daß  er  annahm,  der  Logos  habe  in  dem
Menschen  Jesu  die  Stelle  der  vernünftigen  Seele  vertreten.

Spittler's  sämmtl.  Werke  II.  Bd.  7
        <pb n="110" />
        98

Eine  animalische  Seele  oder  Vegetationskraft  habe  der  Mensch
Jesus  zwar  gehabt,  aber  was  in  ihm  gedacht,  empfunden,
gehandelt  habe,  sey  einzig  der  Logos  gewesen.  Man  schrieb
mit  Eifer  gegen  diese  Meinung.  Besonders  die  Syrischen.
Lehrer,  in  deren  Kirchen  die  neue  Hypothese  vorzüglich,  beliebt
  zu  werden.  schien,  suchten  immer  recht  deutlich  von  ver
ganzen  Menschheit  Jesu  zu  sprechen,  unterschieden  recht
forgfältig  die  menschliche  Natur  von  der  höheren  damit  virbundenen
  Natur  bes  Logos.  Aber  eben  dieses  Bestreben  der
Shischen  Lehrer,  recht  sorgfaͤltig  zu  unterscheiden,  veranlaßte
endlich  einen  theologischen  Krieg,  der  noch  viel  eefährlicher
wurde,  als  der  Arlanische,  dessen  Folgen  noch  bis  auf  den
heutigen  Tag  nicht  nur  im  dogmatischen  Compendium,  sondern
  selbst  in  der  Eeschichte  sortdauren.  Die  Begebenheit
ist  nach  ihrem  ersten  Ursprung  folgende.
Geschichte  der  N  hertanifce  Unruhen.

Die  Eifersucht  bes  Bischofs  von  Alcrandrien  wurde  eben
so  rege,  als  der  Kar.  des  Consantinowplischen  Klerus  aufs
neue  erwachte,  da  im  FJahr  428  schon  wieder  ein  Zögling  der
Antiochischen  Kirche,  Nestorius,  als  Bischof  nach  Constantinöpel
  kam.  Cyrilluls,  damals  Bischof  von  Alerandrien,  ein
ränkevoller  heimtückischer  Mann,  legte  sogleich  alles  darauf  un,
den  neuen  Bischof  zü  Falle  zu  bringen,  und  das  Project
konnte  beinahe  nicht  mißlingen,  da  sich  ein  großer  Theil  des
dortigen  Klerus  zu  Belaurung  des  glücklichen  Fremdlings
gebrauchen  ließ.  Wie  viele  von  ihnen  fühlten  sich  verdienker
für  die  bischöfliche  Würde  als  dieser  Antiochische  Homilet.
.Die  Predigt  eines  Presbyters,  den  Nestorius  von  Antiochien
  mitgebracht  hatte,  gab  das  Signal  zu  den  Unruhen.
v„Niemand  soll  (so  lauten  die  verschrienen  Worte  der  Predigt)
        <pb n="111" />
        00

die  Maria  Gottesgebährerinn  nennen,  denn  Maria  war  ein
Mensch,  und  von  einem  Menschen  kann  Gott  nicht  geboren
werden.“  Nestorius  vertheidigte  in  verschiedenen  eigenen
Predigten  diese  Meinung  seines  Presbyters,  und  zeigte,  was
nicht  erst  hätte  gezeigt  werden  sollen,  daß  wenn  die  Schrift
von  Geburt  und  Tod  Christi  rede,  so  waͤhle  sie  immer  Ausdruͤcke,
  welche  seine  ganze  Person  und  nicht  nur  seine  göttliche
  Natur  bezeichnen,  es  heiße  nicht,  Goit  sey  geboren,  sondern
  Gottes  Sohn  *  geboren.  Aber  bleich  in  den  ersen
Wochen  zu  Constantissopel  und  zu  Alerandriei  war  über  diese
Predigten  ein  solches-Ketzergeschrei,  daß  die,  vorsichtigste  Erklärung
  des  Nesiorius  nicht  mehr  gehört  wurde.)  Ihm,  dem
vermeinten  Feinde  der  Gottheit  Christi,  dem  Feind  der  Ebre
der  Maria  wurde  in  böffentlichen  Predigten  zu  Constantinopel
geslucht.  Cyrillus  streute  Widerlegungen  aus,  schrieb  an  den
Bischof  von  Rom,  gab  diesem  von  der  großen  Gefahr  Nachricht,
  welche  der  Christlichen  Religion  bevorsiehe,  und  dieser
war  unwissend  oder  boshaft  genug,  gegen  den  Bischof  von
Constantinopel  sogleich  Partie  zu  nehmen.  Man  kündigte
dem  Nestorius  an,  innerhalb  zehn  Tagen  bei  Verlust  seines
Amts  zu  widerrufen,  und  Cprillus  ließ  ihm  zwolf  Sätze  vorlegen,
  die  er  annehmen  müßte,  falls  er  für  orthodor  gehalten
werden  wolle.

Diese  zwölf.  Sätze  waren  selbst  nicht  ganz  richtig;  und
nicht  nur  Nestorius.  zweifelte  an  ihrer  orthodoren  Bestimmtheit,
  sondern  der  Patriarch  von  Antiochien  nebst  den  Bischbfen
  der  dortigen  Diöcese  waren  mit  diesen  Sätzen  viel  unzufriedener
  als  mit.  Nestorius,  der  selbst  den  Ausdruck  Gottesgebährerinn
  nun  nicht  mehr  verweigerte.  Doch  der  tobende
Cyrillus  setzte  alles  darauf,  ihre  Auctdrität  zu  behaupten,
brachte  ganz  Constantinopel  und  Alerandrien  in  Aufruhr,

7  &amp;amp;K
        <pb n="112" />
        431

100

und  wußte  besonders  den  Fanatismus  der  Mbrnche  in  sein
Interesse  zu  ziehen.
Der  Kaiser  wagte  es  nicht,  der  theologischen  Fehde  seiner

  zwei  großen  Neichsprälaten  anders  ein  Ende  zu  machen,
als  durch.  eine  Synode,  zu  Ephesus.  Fir  Cyrillus  aber  ließ

sich  wenig  Gutes  auf  derfelben  prophercien,  denn  selbst  von

Alerandrien  kamen  die  schreiendsten  Klagen  über  diesen.  schändlichen
  Mann.  „Okdnung  auf  der  Synode  zu.  behaupten  schickt
der  Feiser.  ein  Paar.  Minister  mit  Soldaten  hin.

Nestorius  erscheint  mit  sechszehn  Bischoͤfen  aus  seinem
Sprengel:  Cyrillus  bringt  fünfzig  und  uͤberdieß  eine  ihm
diemal  sehr  brauchbare  Schaar  Aegyptischer  Matrosen  mit;
auch  treibt  der  Bischof  von  Ephesus,  der  treueste-Bundesgenosse
  des  Cyrillus,  eine  große  Menge  von  Bischbfen  zusamnien.
  Es  war  billig  mit  Eröffnung  der  Synode  bis  zur
Ankunft  des  Patriarchen  von  Autiochien  und  der  ihn  begleitenden
  Bischöfe  zu  warten.  Alle  unparthetische  Bischöfe  verlangten
  es  einmüthig.  Man  bewies  auch  unwidersprechlich,
daß  jene  vor  dem  22sten  Junius  unmöglich  in  Ephesus  eintreffen
  könnten.  Doch  Cyrillus,  der  eigentlich  Beklagter
war,  eröffnete,  ungeachtet  aller  Protestationen  der  Minister,
mit  seiner  Partie  die  Synode,  stieß  den  Minister,  der  in  die
Versammlung  kam,  und  nur  noch  auf  vier  Tage  um  Geduld
  bat,  mit  Gewalt  zur  Versammlung  hinaus.  Gleich
auch  in  der  ersten"  Session  wurde  Nestorius  anathematisirt.
Fene  zwölf.  Sätze  des  Cyrillus  wurden  für  Richtschnur  der
Orthodorie  erklärt,  und  da.  man  das  bffentlich  angeschlagene
Verdammüungsurtheil  des  Nestorius  auf  Befehl  des  kaiserlichen
  Ministers  herabriß,  ließ  es  Cyrillus  durch  Herolde  in
der  ganzen  Stadt  verkündigen,  und  sein  Maaß  von  Bosheit
        <pb n="113" />
        101

zu  vollenden,  schickte  er  falsche  Berichte  und  verfaͤlschte  Aten
  nach  Constantinopele.

Kaum  sechs  Tage  nach  diesem  wüthenden  Aufang  des
Srri  kam  der  Patfiarch  Johann  von  Antiochien  an,  und
des  Cyrillus  als  Richsschnur.  der  Aüchmdegmant  gelten  ussen
  solle.  Auch  er  versammelte  nun  die  Vischöfe  seiner  Par--tie,
  erklärte  den  Cyrillus.  für  einen  Ketzer;  ;  der  gottlose  Mann
könne  nicht  weiterhin  Bischof  seyg.  Man  sah  bald  daß  es
zu  Ephesus  mit  dem  Verfluchen  und  Gegenverfluchen  kein
Ende  nehmen  würde,  und  daß  alles  endlich  darauf  ankomme,
wie  gluͤcklich  jede  Partie  in  ihren  Verhandlungen  zu  Constantinopel
  bei  dem  kaiserlichen  Hof  sey.

Mit  einem  Glücke,  das  gottlob  sonst  die  Bosheit  selten
genießt,  wandte  sich  unerwartet  schnell  alles  in  Constantinopel
  auf  die  Seite  von  Cprillus.  Die  Mönchstumulte,  welche
  er  durch  seine  Correspondenz  daselbst  erregte,  hätten  den
Kaiser  gegen  ihn  aufbringen  sollen;  die  Relationen  der  kaiserlichen
  Minister  bei  der  Syuode  waren  gegen  ihn;  die  Bosheit
  des  Mannes  war  schon  vorher  bekannt;  Verbrechen,  die
mit  dem  bisherigen  gar  nicht  zusammenhiengen,  schon  vorher
  gegen  ihn  eingeklagt,  und  doch  —  was  vermochte  nicht
sein  Geld  bei  den  kaiserlichen  Ministern,  wie  schlau  wußte
er  nicht  den  Haß  Pulcheriens  gegen  Nestorius,  den  Verräther
  ihrer  Liebesgeheimnisse,  zu  nutzen  —  und  doch  kommt
plötzlich  das  Urtheil,  Nestorius  sey  abgesetzt,  Cyrillus  bleibe
Patriarch,  ohne  der  geringsten  Strafe  sich  unterwerfen  zu
müssen.  Ob  die  Partie  des  Nestorius  oder  die  des  Cyrillus
als  die  orthodore  gelten  solle,  ließ  der  Kaiser  vorerst  noch

unentschicden,  er  war  froh,  die  Bischöfe  wieder  nach  Hause
zu  bringen.
        <pb n="114" />
        102
K.  35.

Der  ganze  Streitpunct  hatte  sich  nun  seit  diesem  kaiserlichen
  Entscheidungsurtheile  geändert.  Von  Nestorius  Person
  und  Orthodorie  war  gar  nicht  mehr  die  Rede.  Niemand
  nahm  Anstand  den  Namen  Gottesgebährerinn  von
Maria,  zů  gebrauchen,  aber  die  Bischoͤfe  der  Antiochischen
Diöbcese  waren  über  die  Mishandlungen  ,  welche  sie  auf  der
Ephesischen  Synode  erlitten,  aͤußerst  aufgebracht,  und  hielten
die  zwoͤlf  Saͤtze,  welche  Chrillus  als  Richtschnur  der  Orthodoxie
  daselbst  aufstellen  wollte,  für  wahre  Ketzerei.  Die  gelinderen
  Erklaͤrungen,  welche  der  Alexandriner  seinen  zwoͤlf
Saͤtzen  zu  geben  suchte,  wurden  von  den  Morgenlaͤndern  (Antiochenern)
  gar  nicht  gehoͤrt,  und  alle  irenische  Bemuͤhungen
des  Hofes  waren  vergeblich.  Endlich  mußte  doch  Cyrillus
nachgeben,  ein  Glaubensbekenntniß  unterschreiben,  worin  er
zivei  Naturen  in  Christo  gestand.  Dafuͤr  bequemten  sich  die
Antiochener,  die  Absetzung  des  Nestorius  zu  billigen,  und  seine
Lehrsätze  mit  dem  Anathem  zu  belegen.  Keine  beider  Partien
  aber  war  mit  diesem  Frieden  beruhigt.

Ein  großer  Theil  der  Morgenländer  erkannte  die  ungerechte
  Nachgiebigkeit,  womit  ihre  Freunde  den  Frieden  erkauft
  hatten,  und  Cprillus  mit  seiner  Partie  wollte  bald
nicht  nur  dem  Nestorius,  sondern  auch  dem  Lehrer  des  Nesiorius
  geflucht  wissen.  Theodor  von  Mopsbest  aber  (so  hieß
der  Name  des  letztern)  war  bei  den  Antiochenern  als  einer
der  größten  Theologen  geachtet,  und  dem  sollten  sie  nun  im
Grabe  fluchen,  aus  dessen  Schriften  sie  ihren  dogmatischen
Sprachgebrauch  und  ihre  eregetische  Weisheit  geschöpft  hatten.
  Bischof  Rabulas  von  Edessa  war  fast  der  wüthendste
unter  allen  diesen  Eiferern  der  Aegyptischen  Partic,  und  weil
gerade  zu  Edessa  die  Schule  war,  wo  die  vornehmsten  Mor-
        <pb n="115" />
        103

genländischen  Bischöfe  erzogen  wurden,  so  konnte  sein  Eifer
recht  den  eigentlichen  Lebens  keim  seiner  Gegenpartie  tödten

Da  endlich  auch  sogar  wirkliche  Verfolgungsgesetze  gegen
diese  Morgenländischen  Christen  ergiengen,  da  der  kaiserliche  Hof,
bei  einiger  scheinbaren  Nachgiebigkeit  der  Partie  des  Cprillus,
  die  Standhaftigkeit  der  Orientalischen  Dibcese  für  ketzerischen
  Eigensinn  hielt,  so  war  den  Unglücklichen  keine  andere
  Rettung  übrig,  als  in  die  Staaten  des  Königs  von
Persien  zu  fliehen.  Wie  froh  war  nicht  dieser,  eine  Christenpartie
  zu  finden,  von  welcher  er  versichert  seyn  konnte,  daß  sie
sich  mit  den  Rômischen  Christen  in  keine  Correspondenz  einlassen
  werde;  und  wie  willig  räumte  er  ihnen  alles  ein,  was
zur  ausbildenden  Fortdauer  einer  kirchlichen  Gesellschaft  gehört.


Doch  vorzüglich  der  Thätigkeit  eines  Mannes  hatten  es
die  Vertriebenen  zu  danken,  daß  sie  eine  ordentliche  kirchliche
Einrichtung,  eine  eigene  Hierarchie  gewannen,  welche  von  der
Hierarchie  der  großen  katholischen  Partie  nicht  nur  unabhängig
  blieb,  sondern  ihr  sogar  das  im  Rdmischen  Reich  erlittene
  Unrecht  noch  vergalt.  Barsumas  war  nebst  andern
seiner  Frcunde  aus  der  Schule  von  Edessa  verstoßen  worden,
wurde  bald  darauf  Bischof  von  Nisibis,  gewann  Zutritt  bei
Hofe,  und  überredete  den  König,  daß  er  die  Christen  seiner
  Gegenpartie  aus  den  Persischen  Staaten  vertrieb.  Er
errichtete  zu  Ktesiphon  (Seleucia)  ein  eigenes  Patriarchat
für  seine  Freunde,  stiftete  eine  eigene  Schule  zu  Nisibis,  um
für  Besetzung  der  Bisthümer  immer  geschickte  Jünglinge  zu
haben,  und  gab  dadurch  seiner  neu  errichteten  Kirche  eine
fortdaurende  Verfassung.

Wer  diese  von  der  großen  Kirche  abgesonderte  Christen
Nestorianer  heißen  will,  sollte  nie  vergessen,  daß  Nestorius
        <pb n="116" />
        104

nur  entfernte  Veranlassung  zu  ihrer  Trennung  gegeben  hat,
daß  sie  denselben  nicht  einmal  für  den  Lehrer  ihrer  Partie
bhalten,  seine  Sache  noch  itzt  nicht  zu  der  Sache  ihrer  Partie
machen,  und  keine  Schriften  desselben  gleichsam  als  symbolische
  Parteibücher  unter  sich  haben.  Der  Name  Chal
däische  Christen,  von  dem  Hauptsitze  ihrer  Secession  so  genannt,
  ist  viel  geschickter  man  denkt  auch  bei  demselben
nicht  sogleichn  Ketzer.

Es  giebt.  wohl  viele  Beispiele,  daß  falscher  Religionseifer
  Regenten  verleitet  hat,  ihre  Länder  selbst  zu  entvölkern;
aber  der  Unterschied  zwischen  den  Religionsmeinungen  des
Regenten  und  der-Umterthanen  mußte  doch  auffallend  groß
seyn,  wenn  Intoleranz.  bis  zu  einer  solchen  Ausschweifung
stieg.  Hier  ist  vielleicht  der  einzige  Fall  in  der  Geschichte
daß  ein  Regent-  Schaaren  seiner  nützlichsten  Unterthanen  seineni
  Feinde  gleichsam  aufzwang,  bloß  weil  diese  bei  aller
ihrer  Orthodorie  nicht  gerade  die  Ausdräcke  brauchen  wollten,
welche  ein  großer  Bischof  seines  Reichs  zufällig  authorisirt
hatte;  bloß  weil  sie  das  Betragen  dieses  großen  Bischofs  nicht
billigen  wollten,  das  doch  der  Kaiser  selbst  nimmermehr  billigen
konnte.  Die  Streitfragen  zwischen  diesen  nun  getrennten
Christen  und  der  im  Rdmischen  Reich  triumphirenden  Partie
  waren  so  fein  theologisch,  ihre  Kenntniß  erforderte  so  viel
Einsicht  in  die  damalige  Philosophie  und  in  die  entferntesten
Folgerungen  aus  gewissen  Glaubenslehren,  daß  man  sicher
darauf  zählen,  darf,  der  Kaiser  und  seine  Minister  versianden
nicht  einmal  den  Controverspunct.  So  wahr  wurde  es  also
auch  hier,  daß  kein  Eifer  heftiger  ist,  als  der,  bei  dem  dunkle
Ideen  zum  Grunde  liegen.
        <pb n="117" />
        105

g.  36.
Geschichte  der  Eutychianischen  und  monophysitischen  Unruhen.

Der  Nachfolger  des  Cyrillus,  Dioskurus,  sah  es  uͤhri—-gens
  bald  als  Chrensache  seines  Stuhls  an,  vollends  zu  Skande
zu  bringen,  was  sein  Vorfahrer  noch  nicht  vollendet  hatte,
und  der  Synode  von  Ephesus,  von  der  man  unterdeß  wie
von  geheimen  Wunden  geschwiegen,  ein  lautes  Lob  zu  verschaffen.
  Auch  manche  charakteristische  Ausdrücke  der  Aegyptischen
  Theologie  waren  noch  nicht  rechk  in  Gang  gebracht,
und  Dioskurus  schien  sich  selbst  noch  über  Cyrillus  und  seine
Freunde  einen  Triumph  verschaffen  zu  können,  wenn  er  die
Schranken  von  Nachgiebigkeit,  welche  sich  diese  im  Frieden
mit  den  Antiochenern  gesetzt  hatten,  aufs  neue  durchbrach.
In  Constantinopel  ereignete  sich  wieder  der  erste  Auftritt.

Ein  dasiger  alter  siebenzigjähriger  Abt  Eutyches,  schon  in  den
vorigen  Händeln  vcrtrauter  Freund  des  Cyrillus,  trieb,  theils
aus  Eigensinn,  theils  aus  Unwissenheit,  in  unvorsichtigen
Ausdrücken  seinen  Eifer  für  die  innigste  Vereinigung  beider
Naturen  in  Christo  so  weit,  daß  ihn  nach  vorhergehenden
Warnungen  sogar  selbst  ein  Freund  der  Aegyptischen  Partie
bei  dem  dortigen  Bischof  verklagte.  Die  Anklage  wurde  bei
dem  Synodalverhör  richtig  befunden,  und  Eutpches  konnte
sich  durch  alle  seine  künstliche  Ränke  vor  der  Absetzung  nicht
schützen.  Doch  die  Kaiserinn  Eudokia  war  seine  Freundinn,
und  Dioskurus  von  Alerandrien  wahrscheinlich  gleich  in  den
Anfang  des  ganzen  Streits  verflochten.  Auf  beider  Veranlassung
  wurde  eine  zweite  größere  allgemeine  Synode  veranstaltet,
  das  gefällte  Urtheil  zu  revidiren.  440

Auf  dieser  Räuberversammlung  —  schon  dieser  allgemeingangbare
  Name  dieser  Ephesischen  Synode  zeigt  die  Geschichte
  ihrer  Verhandlungen  —  siegte  Abt  Eutyches,  der
        <pb n="118" />
        106

Kirchenbann  traf  seine  Gegner,  vorzuͤglich  den  Bischof  Flavian
von  Constantinopel,  der  seine  bei  der  Versammlung  persoͤnlich
  erlittene  Mißhandlungen  nicht  lange  mehr  uͤberlebte.  Leo
der  Große  aber,  der  damals  auf  dem  Roͤmischen  Stuhl  saß,
bewegte  Himmel  und  Erde,  dieser  unglücklich  unterdrückten
Partie  aufzuhelfen,  und  das  veränderte  Hofsystem  zu  Constantinopel
  war  endlich  auch  seinen  Bemähungen  günstig.
Eudokia  verlor  allen  Einfluß  auf  die  öffentlichen  Angelegenheiten,
  da  im  Jahr  450  Pulcheria  und  Marcian  auf  den
Thron  kamen.

Pulcheria  war  innige  Verehrerinn  des  Rdmischen  vi—
schofs,  und  veranstaltete  sogleich  im  folgenden  Jahr  eine  neue
große  Synode  zu  Chalcedon,  wo,  wie  leicht  zu  erwarten  war,
die  Aegyptische  Partie  unterlag,  und  der  Bischof  Dioskurus
von  Alexandrien  abgesetzt  wurde.  Um  jetzt  die  Lehre  von
Vereinigung  der  beiden  Naturen  in  Christo  recht  genau  zu
bestimmen,  wurde  ein  eigenes  Glaubensnormatif  aufgesetzt,
und  der  Roͤmische  Bischof  erlebte  die  Frende,  daß  sein  dogmatisches
  Schreiben  an  den  Bischof  Flavian  von  Constantinopel
  als  Norm  der  Orthodorie  angesehen  würde.

S.  37.

Nun  war  freilich  bei  Verlust  der  bürgerlichen  Ruhe  befohlen,
  daß  man  künftighin  sagen  sollte,  in  Christus  seyen
zwei  Naturen  unvermischt  und  doch  unzertrennlich  so  mit
einander  vereinigt.  daß  nur  eine  Person  da  sey.  So  war
besohlen,  aber  man  konnte  eher  alles  durch  Befehle  ausrichten,
  als  dic  damaligen  Theologen  von  einer  einmal  gefaßten
Idee  abbringen,  oder  das  Volk  zum  Gehorsam  leiten,  das
durch  seine  Bischdfe  in  Angst  gesetzt  worden  war,  es  gelte
hier  einer  Hauptsache  der  Christ  lichen  Religion,  ob  man  zwei
Naturen  oder  eine  Natur  in  Christo  annehme.  Offenbar  war
        <pb n="119" />
        107

bei  der  ganzen  Sache  viel  Wortstreit.  Wer  von  einer  Natur
  sprach,  dachte  unter  dem  Wort  Natur  etwas  ganz  anderes,
  als  wer  von  zwei  Naturen  redete,  und  die  gewöhnlichen
Fehler  solcher  Streitigkeiten,  welche  in  einen  metaphysischen
Sprachgebrauch  hineingehen,  wurden  selbst  durch  den  Fortgang
  des  Streits  mehr  verdoppelt  als  gemildert.  Ueberdieß
war  eine  große  Partie,  welche  vielleicht  bei  der  Glaubensentscheidung
  gleichgültig  geblieben  wäre,  durch  die  Absetzung  des
Alerandrinischen  Bischofs  empfindlichst  gekränkt,  weil  einmal
eine  sechzigjährige  Observanz  diesem  fast  Pabstansehen  verschafft
hatte,  und  die  Aegyptischen  Bischöfe  fast  mehr  als  in  irgend
einer  andern  Dibcese  an  ihren  Primaten  sich  anschlossen.

Es  war  ein  schröckliches  Schauspiel,  das  gleich  nach  geendigter
  Synode,  sobald  sich  die  Nachricht  ihres  Erfolgs  verbreitete,
  in  Palästina,  Aegypten  und  Syrien  erbffnete.  Nach
Ferusalem  kam  noch  vor  geendigter  Synode  ein  Mönch,
Theodosius  von  Chalcedon,  warf  sich  zum  Anführer  der  tobenden
  Schwärmer  und  Rebellen  auf,  und  gewann  die  zu
Ferusalem  residirende  verwittwete  Kaiserinn  Eudokia,  welche
fünf  Jahre  lang  diesem  rasenden  Haufen  ihren  Namen  zum
Schutz  lieh.

In  Aegypten  war  der  Sturm  noch  heftiger.  Proterius,
  Nachfolger  des  Dioskurus,  wurde  todtgeschlagen,  sein
Leichnam  zerstückt,  wie  Hunde  trugen  sie  seine  Eingeweide
  im  Munde  herum,  was  übrig  war,  wurde  verbrannt,
die  Asche  in  die  Luft  gestreut.  Timotheus  Aelurus
drang  sich  eine  Zeit  lang  zum  Patriarchen  ein.

In  Syrien  war  zwar  bei  weitem  der  groͤßte  Theil  der
Bischoͤfe  Chalcedonischgesiunt,  aber  die  Mönche  verbreiteten
doch  auch  hier  die  Flamme  des  Aufruhrs.  Vorzüglich  kam
einer  von  Constantinopel  Peter  der  Gärber,  der  selbst  im
        <pb n="120" />
        108

aͤußern  des  Gottesdienstes  eine  hieher  gehoͤrige  Veraͤnderung
machen  wollte,  eine  Veränderung  des  alten  Kirchengesangs
Eeiliger  Gott,  heiliger  starker  Gott,  heiliger  ewiger  Gott)
einführen  wollte,  die  bielleicht  in  jedem  andern  Zeitalter  unbemerkt
  gehlieben  wäre.  Er  wollte  beigesetzt  wissen,  der  du
fuͤr  uns  gekreuzigt  bist.

In  allen  drei  Provinzen  dauerte  das  Toben  dreißig
Jahre  lang  mit  immer  erneuerter  Wuth  fort,  und  leider  hatte
der  Hof,  von  dessen  Gesinnungen  alles  abhieng,  gar  kein
festes  System.  Mit  jeder  Regimentsveränderung  wechselten
auch  diel  Cabinetsgrundsätze  und  oft  wurde  zu  einem  solchen
Wechsel  nicht  einmal  der  Tod  des  Regenten  erfordert,  schon
ein  neuer  Minister,  oder  eine  andere  bei  Hof  gektende  Dame
verschaffte  Mononhysiten  oder  Chalcedoniten  den  Sieg.

4

Kaiser,  Zeno,  ein  friedfertiger  gutmeinender  Regent,  wagte
endlich  einen  Versuch,  ob  es  nicht  moͤglich  wäre,  durch  guͤtliche
  Vereinigung  die  Partien  mit  einander  auszusöhnen,  und
er  fand  an  zwei  Häuptern  der  Partien  recht  billigdenkende
Männer,  die  beide  sich  freuten,  endlich  einen  Punct  endeckt
zu  haben,  wo  beide  Theile  zusammentreffen  könnten.  Akacius
  Patriarch  von  Constantinopel  und  Petrus  Mongus  das
Haupt  der  monophysitischen  Partie  zu  Alerandrien  vertrugen
sich  nehmlich  mit  einander,  daß  aller  bisher  streitigen  Puncte
gar  nicht  mehr  gegen  einander  gedacht  werden  sollte,  nichts
mehr  von  Auctorität  der  Chalcedonischen  Synode  oder  des
bekannten  Briefs  des  Bischofs  Leo  an  Flavian,  nichts  mehr
von  den  Ausdrücken  in  oder  er  duabus  naturis.  Man  sollte
die  Wahrheit  beizubehalten  suchen,  ohne  solche  streitige  Ausdrücke
  zu  berühren.  Der  Kaiser  faßte  die  Puncte,  worüber
sich  beide  Häupter  der  Partien  zusammen  verstanden,  in  ein
        <pb n="121" />
        109

kurzes  Edict  (Henoticon)  und  schickte  es  nach  Alerandrien,
um  vorerst  nur  am  Hauptorte  des  Streits-  Friede  zu  stiften.

Wo  ist  es  aber  je  einem  thedlosischen  Friedensstifter  gut
gegangen,  vollends  wenn  er  ein  Laie  war?  Weder  die  eifrigen
  Monophysiten  noch  die  eifrigen  Dithodoren  waren  mit
dem  Edicte  des  Kaisers  zufrieden,  und  die  kleine  Paritie,  welche
  der  Mäßigung  des  Kaisers  beipflichtete,  verlor  s  ch  gar
bald,  besonders  da  die  Principien  des  kaiserlichen  Hofes  den
strengeren  Orthodoxen  oder  den  Vertheidigern  der  Chalcedonischen
  Synode  gleich  wieder!  günstig  wurden.  Noch  dauerte
also  zu  Anfang  des  sechsten  Jahrhunderts  diejenige  Trennung
  bestaͤndig  fort,  welche  durch  die-Chalcedonische  Synode
veranlaßt  worden  war.  Eine  Partie  vertheidigte  die  Ehalcedonische
  Glaubensregel  mit  einem  Eifer,  womit  sie  selbst  die
Bibel  nicht  in  Schutz  nahmen:  die  andere  Partie  iprach  von
nichts  als  von  einer  Natur.  Ehe  man  sichs  veisah,  wurde
der  orthodoxkatholischen  Partie  ein  Zwischenspiel  gemachr,  das.
sie  in  größere  Zerrüttung  setzte,  als  alles  was  bisher  die
Monophyfiten  unternommen  hatten-.

  38.
Dreicapitelstreit:  nebst  andern  Controverspuncten  der  kafferlichen
Theologie  Justinians.

Kaiser  Justinian  I.,  dessen  Eitelkeiti  in  jeber  Regentenbeschäftigung
  Nahrung  fand,  war!  chea-  so  eifriger  Freund  der
Orthodorie  als  ehrgeiziger  Friedensstifter  bei  allen  büterodorey
Partien,  eben  so  verfolgender  Vertheidiger  der  Niässchchaledonischen
  Schlässe  ais  bereitwilliger,  Stfür  eines  alttneinen
Kirchenfriedens.  Ein  solcher:  ftalhgeichrier  Theolos,  wie  ba
Kaiser  nothweldig  seyn  mußte,  war  eben  daher  Von  beiden
Partien  zu  lenken,  und  aus  Liebe  zum  Kirchenftieden  wurbe  er
        <pb n="122" />
        110

der  Orthodoxie  schaͤdlich,  aus  Eifer  fuͤr  Orthodoxie  dem  Kirchenfrieden
  nachtheilig.

Einen  seiner  Feinde  am  Hofe  zu  kraͤnken,  verleitete  der
Bischof  von  Constantinopel  den  Kaiser,  durch  ein  feierliches

545  Edict  die  Meinungen  und  Anhaͤnger  des  Origenes  zu  verdammen.
  Theodor  von  Caͤsarea,  so  hieß  der  Guͤnstling  des
Kaisers,  welchem  man  mit  diesem  Streich  wehe  thun  wollte,
war  eifrigster  Bewunderer  des  gelehrten  Alerandriners;  —
und  was  ließ  sich  auch  niederträchtigeres  denken,  als  einen
um  die  Christliche  Kirche  so  verdienten  Lehrer  dreihundert
Jahre  nach  seinem  Tode  verfluchen  zu  lassen,  ohne  daß  man
gerade  durch  eine  äußere  Nothwendigkeit  wegen  irgend  einer
schädlichen  Secte  desselben  dazu  gezwungen  gewesen  wäre.

;  Der  beleidigte  Günstling  rächte  sich  grausam  an  seinem
Gegentheil.:  Er  beredete  den  Kaiser,  es  habe  nur  einen  klei
nen  Anstand,  warum  sich  die  Monophysiten  nicht  entschließen
kbnnten,  die  Schlösse  der  Chalcedonischen  Synode  anzunehmen.
  Man  habe  den  Wahn  gefaßt,  daß  auf  der  Chalcedonischen
  Synode  gewisse  Schriften  des  Theodor  von  Mopsbest,
des  Theodoret  und  des  Ibas  von  Edessa  als  rechtglaubig  anerkannt
  worden  seyen,  in  welchen  sich  doch  unverkennbare
Spuren  fänden,  daß.  sie  es  mit  Nestorius  gehalten  hätten,  und
eine  feierliche  Erklärung  gegen  gewisse  Schriften  dieser  drei
Männer  würde  die  Monophysitenpartie  aussöhnen,  auch  mit
einem  Mal  einen  Frieden.  herstellen,  der  dreien  der  schönsten
Provinzen  des  Reichs  die  vollkommenste  Ruhe  verschaffen
könute.  *

Jnstinian  voll  Freude  das  Werk  einer  so  wichtigen  Relgionsvereinigung,
  welche  allen  seinen  Vorfahren  unmoͤglich
gewesen,  endlich  so  leicht  ausführen  zu  können,  ließ  unverweilt
  ein  Ediet  ergehen,  worin  die  benannten  Schriften  dieser
        <pb n="123" />
        III

drei  Männer  für-ketzerisch  erklärt  wurden.  Die  Morgenländischen
  Bischöfe,  waren  an  unbedingten  Gehorsam  gegen  die
kaiserlichen  dogmalischen  Befehlelängstens  gewöhnt,  also  von
ihnen  die  Befolgung  der  Hoftheologie  sicher  zu  hoffen.  Aber
die  Afrikaner,  welche  erst  kurz  voiher  unter  Justinians  Oberherrschaft
  gekommen  waren,  und  bei  welchen  sich  der  Religionseifer
  durch  viele  erlittene  Verfolgungen  sichtbar  genährt
hatte,  wollten  nichts  von  Gehorsam  gegen  einen  Befehl  wise
sen,  welcher  der  Ehre  der  Chalcedonischen  Synode  so  nachtheilig
  war.  Sie  entbrannten  von  Eifek,  daß  der  Kaiser  sich
stelle,  als  ob  das  Ansehen  der  Chalcedonischen  Synode  durch
seine  Verordnung  gar  nicht  geschwächt  seyn  sollte,  und  es
schien  ihnen  mehr  als  unchristliche.  Grausamkeit!  Bischöfe,
welche  über  hundert  Jahre  lang  todr  waren,  und  nunterdeß
allgemein  als  fromme,  gelehrte  Männer,  als  treffliche  Lehrer
der  Kirche  verehrt  worden  waren]  bloß  aus  Respect  gegen
einen  närrischen  Einfall  des  Kaisers,  im  Grabe  zu  verfluchen.

Billig  hätte  in  einem  solchen  Falle,  selbst  auch  durch
das  Beispiel  seiner  Vorgänger  berechtigt,  der  Rdmische  Bil.
schof  Vigilius  im  Namen  aller  Abendländer  für  den  Riß  treten
  sollen,  und  so  lange  er  auch  in  Italien  war,  also  meisiens
  nur  solche  um  sich  hatte,  welche  über  Justinians  heterodore
  irenische  Bemühung  äußerst  erbittert  waren,  so  blieb
auch  er  eifriger-Vertheidiger  des  Ansehens  der  Chalcedonischen
  Synode.  Aber  Justinian,  der  alle  Schwächen  von  Vigilius
  kannte,  ließ  ihn  nach  Constantinopel  herüber  holen,
und  wußte  in  seinem  Betragen  gegen  denselben  Versprechungen
  und  Drohungen,  Liebe  und  Erust  so  glücklich  zu  mischen,
daß  sich  dieser  gegen  die  drei  Capitel  erklärte  (ladicatum).

Doch  kaum  war  die  Erklärungsgestellt,  und  kaum  ihr
Inhalt  bekannt  gemacht,  so  sah  sich  Vigilius  von  der  ortho-
        <pb n="124" />
        112

doren  Pattie  so  bestürmt,  sahden  ganzen  Occident  so  gegensich
  aufgebracht,  daß  er  mit  schlauer  Kunst  auf  die  Gegenseite
  wieder  herüber,  zusschleichen  suchte.  Ex  schien  dieses  am
schicklichsten  auszuführen,  wenn  er  den  Kaiser  uͤberreden  wuͤrde,
  eine  Synode  halten  zu  lassen,  und  dieser,  die  Sache  zur-Untersuchung
  zu  übergeben.,  C  Der  bedrängte  Bischof  glaubte.
so  vielen  Einfluß  haben  zu  können,  daß  sich  diese  für  die  drei-Capitel
  erklären  würde,  und  er  fürchtete  nicht,  daß  ihm  Jus
stinian  weiter  zusetzen  werde,  wenn  er  sichhinrer  den  Aussprüchen
  einer  Synode  glücklich  zu  verstecken  Disse.“.

..  Swei  Synoden  wurden)  schnell,  aufweinander  gehalten,
die  zweite,  vom  Jahr  553.  gilt  sogat  für  eine  ökomenische,
beide  aber  sprachen  gegen  die  drei.  Capitel.Wie  war's  aucht
fast:e  anders  zu  erwarten  ?:  Der  Kaiser  rhatte  edie  Bischbfe
gleichsam  uUnter  seinen  Augen  zu.  Constantinvpel  votiren  lassen.
  d  Vigilius  erklärte  sich  zwar  jetzt  förmlich  für  die  drri
Capitel:(Conllitutum))  alleimn  der.  Kaiser-wüßte  ihn  mürbe  zu
machen,  er  mußte  sich  nach  Duldung  mancher  harten  Leiden
endlich  doch  bequemen,  die  Einfälle  des  Kaisers  für  orthodo#
zu  hälkén.  Auch  seine  Nachfolger  schickten  sich  in  die  Byzantinische
  Hoftheologie.  Die  Macht  Justinians  in  Italien  und.
sein  theologischer.  Eigensinn,  waren  zu  groͤß,  als  daß  sich  vonihm.
  Nachgiebigkeit  hätte:  erwarten  lassen;  und  wenn  endlich
doch:  Justinians  Theologisiremmur  vel  dieser  Controvers  geblieben
  wäre!

.Seaenthssche  Mönche  sidiessich  um  das  Jahr  520  wegen
mancher  eigenen  Angelegenheiten  in  Constantinopel  aufhielten,
geriethen  auf.  den  Gedanken,  ob  man  nicht  sagen  könne,  einer  aus
der  Dreieinigkeit  seygekreuzigt  worden.  Den  Bischôfen  wurde
bange,  sobald  sie  von  einer  neuentstandenen  Frage  hörten;  denn
wer  ·  lounte:  voraussehen,  für'welche  Partie  der  Hof  sich  erklären
        <pb n="125" />
        113

werde.  Es  war  bisher  manchmal  so  wunderseltsam  zugegangen,
  bis  eine  gewisse  Meinung  das  Gepräge  der  Orthodorie
erhalten.  Durch  hundertjährige  Erfahrungen  hatte  man  gelernt,
  daß  die  Beantwortung  einer  solchen  Frage  immer  nur
eine  neue  Frage  nach  sich  ziebe,  wo  sollte  dann  endlich  die
Gränze  seyn,  bei  welcher  menschlicher  Fürwitz  stehen  bleiben
würde?  Selbsi  der  Römische  Bischof  war  dießmal  schüchtern
und  so  sehr  er  von  den  Seythischen  Mönchen  behelligt  wurde,
so  bestand  er  darauf,  ihnen  keine  entscheidende  Antwort  zu  geben.
  Wie  er  sich  alsdenn  doch  endlich  eine  Antwort  abnöthi:
gen  ließ,  so  traf  er  gerade  eine  ungeschickte.

Der  Rdmische  Bischof  Hormisdas  erklärte  nehmlich  die
Lehre  der  Seythischen  Mönche  für  giftig  und  ketzerisch:  seine
Nachfolger  mußten  ihn  der  Unwahrheit  strafen,  denn  Justinian
ließ  den  Satz  der  Scythischen  Möuche  auf  der  Constantinopli=  553
schen  Synode  für  orthoder  erklären.

Einem  weisen  Alten  entleidet  sonst  nichts  mehr  als  theologische
  Polemik,  aber  der  bald  achtzigjährige  Justinian  fieng
kurz  vor  seinem  Ende  noch  eine  neue  Streitfrage  auf,  und
man  sah  keiner  geringeren  Verwirrung  entgegen,  als  diejenige
war,  welche  aus  dem  Dreicapitelstreit  entsprungen.  Unter  andern
  Fragen  nehmlich,  über  welche  sich  die  Monophysiten  unter
  einander  theilten,  war  keine  der  geringsten,  ob  Christus  bei
langem  Mangel  an  Speise  hungern  mußte,  oder  ob  er  bloß
deswegen  hungerte,  weil  er  hungern  wollte  (Phthartolatrae,
Aphihartodocetae).  Durch  einen  unglücklichen  Zufall  erfuhr
Jusiinian,  daß  die  Theologen  über  diesen  Punct  disputirten.
Er  war  sogleich  entschlossen  zu  befehlen,  daß  man  künftighin
im  Rdmischen  Reich  glauben  solle,  Christus  habe  nie  gehungert,
  als  wenn  er  habe  hungern  wollen.  Wer  weiß  wie  viel.
Glaubensartikel  Justinian  aus  kaiserlicher  Machtvollkommen-Spittler's

  semmtl.  Werke.  11.  Bd.  8  *-
        <pb n="126" />
        114
heit  noch  befohlen  haͤtte,  wenn  er  nicht  gleich  das  folgende
565  Jahr  gestorben  waͤre.
ð.  30.
Partien  der  Monophysiten.  Entstehung  einer  eigenen  Kirche
derselben.

Waͤhrend  daß  die  Chalcedoniten  von  einer  Truͤbsal  in  die
andere  getrieben  wurden,  so  theilten  sich  die  Monophysiten  in
eine  Menge  kleiner  Partien,  welche  oft  die  Spitzfindigkeiten  in
Fragen  und  in  geschraubten  Antworten  bis  aufs  aͤußerste  trieben.
  Man  war  z.  B.  einigermaßen  mit  einander  uͤbereingekommen,
  daß  der  Mensch  Jesus,  ungeachtet  seiner  Vereinigung
mit  dem  Logos,  doch  alle  menschliche  Schwachheiten  gehabt  habe,
  deren  Ursache  nicht  gerade  in  der  Suͤnde  liege,  daß  er  gehungert,
  geduͤrstet,  aus  Mattigkeit  geschlafen  habe.  Wenn  es  so
ist,  schlossen  einige  weiter,  so  muß  er  auch  wie  andere  Menschen
  manches  nicht  gewußt  haben,  denn  Eingeschränktheit  der
Kenntnisse  gehbrt  eben  so  gut  zu  den  unfündlichen  menschlichen

"  Schwachheiten  als  Nothwendigkeit  des  Schlafs,  des  Essens
und  Trinkens  (Agnveten).  Auch  über  dieser  Frage  theilten  sie
sich  zu  Alerandrien  und  Constantinopel  in  große  Partien,  und
ein  Grammatiker  der  erstern  Stadt,  Johann  Philoponus,  brachte
die  Verwirrung  vollends  aufs  höchste.  Er  glaubte  solche  Begriffe
  für  die  Lehre  der  Dreieinigkeit  gefunden  zu  haben,  daß
die  Monophysiten  mit  Hülfe  derselben  alle  Einwürfe  der  Orthodoren
  beantworten  könnten.  Er  war  ganz  in  Aristotelische
Terminologien  versunken,  hatte  von  allen  den  Worten  (Natur,
Wesen,  Person),  deren  Bedeutung  bisher  so  oft  das  Kriegszeichen
  gewesen  war,  gar  keine  deutlichhistorischen  Begriffe;  er
sprach,  wie  wenn  er  drei  Götter  annehme,  und  wollte  noch  durchaus
  kein  Tritheit  seyn.  Selbst  unter  seiner  eigenen  Partie  fand
er  zwar  nicht  viel  Beifall,  doch  war  es  immer  wieder  eine  neu-
        <pb n="127" />
        115

eutstandene  Frage,  die  hier  um  so  gefährlicher  war,  da  sie  sich
in  eine  seit  langer  Zeit  ruhig  gelassene  Lehre  hineinzog.

Die  Monophysiten  waren  durch  den  philosophischen  und
theologischen]  Partiegeist,  der  sie  so  mannichfaltig  entzweite,
der  unglücklichen  Epoche  schon  sehr  nahe  gekommen,  daß  sie
sich  verloren  hätten,  wie  sich  ein  in  hundert  Arme  zertheilter
  Strom  im  Sande  verliert.  Es.  war  kein  Gefühl  eines
gemeinschaftlichen  Interesse  mehr  da.  Der  Haß  zwischen  den
verschiedenen  monophysitischen  Secten  war  fast  eben  so  groß  als
die  Feindschaft  zwischen  den  Monophysiten  und  Chalcedoniten,
und  dieser  innerliche  Krieg  war  gerade  zu  Alerandrien,  dem
Hangptsitz  der  ganzen  Partie,  am  hefugsten!  6

Justinian  benutzte  diesen  Vortheil,  und  suchte  durch  Verfolgungen
  zu  Stande  zu  bringen,  was  er  durch  Liebe  nicht
hatte  erhalten  können.  Bisher  war  Alerandrien  noch  immer
Zufluchtsort  der  Monophysiten  gewesen.  Auch  dort  fieng  nun
Justinian  an,  sie  heimzusuchen.  Sie  verloren  durch  die  Verfolgungen
  den  größten  Theil  ihrer  Bischöfe,  und  das  Mittel
der  Flucht  in  einen  benachbarten  Staat,  wodurch  sich  die  so
genannten  Nestorianer  gerettet  hatten,  war  für  sie  gänzlich  unbrauchbar.
  Wohin  flichen,  da  eben  diese  Chaldäischen  Christen,
  ihre  erklärtesten  Gegner,  jenseits  des  Euphrats  die  herrschende
  Kirche  waren?

In  dieser  unglücklichen  Periode  that  ein  Mönch,  Jakob
Baradäus,  den  Monoyhysiten  eben  denselben  Dienst,  welchen
  Barsumas  den  Chaldagischen  Christen  geleistet  hatte.  Der
Enthustasi  eilte  von  einer  Provinz  des  Orients  in  die  andere,
durchzog  Aegypten,  Syrien,  Mesopotamien,  Armenien,  ordinirte
  seiner  Partie  eine  große  Menge  Bischöfe,  und  stiftete.
für  dieselbe  endlich  auch  ein  eigenes  Patriarchat  zu  Antiochien.,
Jetzt  war  die  Trennung  der  Monophysiten  von  der  herrschen-'

8  *
        <pb n="128" />
        116

den  Kirche  gleichsam  auf  ewig  vollendet.  Sie  hatten  nun  ihre
eigene  ganz  fuͤr  sich  bestehende  Hierarchie.  Sie  breiteten  sich,
nachdem  diese  ganz  eingerichter  war,  in  Syprien,  Mesopotamien,
  Armenien,  Aegypten,  Nubien  und  Abyssinien  immer
mehr  aus.  Ihrer  wurden  im  Orient  so  viele,  daß  der  Patriarch
  von  Antiochien  nicht  mehr  alle  regieren  konnte,  es  entstand
  deswegen  in  folgenden  Zeiten  an  den  Gränzen  von  Armenien
  ein  eigener  Primas  zu  Tagrit.  Auch  die  Araber,  als
sie  im  siebten  Jahrhundert  alle  erstgenannte  Provinzen  überschwemmten,
  waren  einer  solchen  Christenpartie  sehr  günstig,
welche  durch  ihr  eigenes  Religionsinteresse  von  den  Christen
des  Byzantinischen  Reichs  getreunt  wurde.

So  hatte  sich  also  die  Chriltliche  Kirche  am  Ende  des
sechsten  Jahrhunderts  in  drei  große  Haufen  getheilt,  deren
Unterscheidungszeichen  anfangs  theils  auf  Mißverständniß,  theils
auf  verschiedenem  theologischem  Sprachgebrauch  beruhte.  Nachdem
  jeder  dieser  Haufen  ein  Paar  Jahrhunderte  lang  seine  eigene
  Schicksale  erlitten,  seinen  eigenen  Weg  der  Bildung  gegangen
  war,  so  sahen  sie  sich  freilich  unter  einander  so  unähnlich,
  daß  man  kaum  noch  ehemalige  Brüder  an  ihnen  wahrnehmen
  zu  koͤnnen  glaubte.

S.  %

Folgen  dieser  Controversien  für  die  ganze  Theologie.

Bei  allen  diesen  theologischen  Controversien,  welche  nun
seit  dem  Jahr  431  bis  zu  Ende  des  sechsten  Jahrhunderts  mit
so  vielem  stets  neu  aufflammendem  Eifer  geführt  wurden,  war
nur  das  wenigste,  daß  dadurch  einige  neue  Bestimmungen  in
die  Dogmatik  kamen:  aber  die  Art,  wie  gestritten  worden  war,
gab  der  ganzen  theologischen  Denkungsart  dieses  Zeitalters  eine
besondere  Richtung,  und  brachte  gewisse  theologische  Moden
auf,  welche  leider  nicht  die  Wandelbarkeit  der  Moden  hatten,
        <pb n="129" />
        117

sondern  unausloͤschlich  tief  dem  menschlichen  Geiste  sich  eindrückten.
  Zwar  schon  vor  der  Nicäischen  und  Epyhesischen
Synode  hatte  man  immer  sehr  darauf  gesehen,  nichts  anders
zu  denken  noch  zu  sprechen,  als  Väter  und  Vorväter  gedacht.
und  gesprochen  hatten.  Die  Entscheidungen  der  Synoden
wurden  siets  för  etwas  verehrungswürdiges  gehalten,  und
ungeachtet  der  sichtbaren  Widersprüche,  welche  sich  zwischen
denselben  befanden,  auf  das  heiligste  befolgt:  aber  es  blieb,
dabei  doch  immer  eine  gewisse  Freiheit,  weil  die  Väter  von
manchen  Sachen  gar  nicht  geschrieben  oder  wenigstens  verschieden
  sich  ausgedrückt  hatten.  Jetzt  gewöhnte  man  sich  in
den  Arianischen  und  Monophysitischen  Streitigkeiten  immer
mehr,  nicht  sowohl  aus  der  Bibel  seinen  Geguner  zu  widerlegen,
  aus  der  Bibel  seine  Meinung  zu  behaupten,  als  vielmehr
  Stellen  der  Kirchenväter  zusammenzuraffen  und  zu,  zeigen,
  daß  diese  gewissen  Ausdrücken  sich  widersetzt,  gewisse
Ausdrücke  gebilligt  hätten.  Hieraus  entsprang  ein  Proceß
ins  Unendliche,  der  sich  drehen  ließ,  wie  man  wollte,  weil
es  immer  gewisse  Stellen  der  Kirchenväter  gab,  aus  welchen
man  seine  Meinung  beweisen  konnte.  Die  Bibel  wurde  dabei
  nach  und  nach  ganz  vergessen,  und  da  selbst  auch  die
Eregese  Tradition  war,  so  nützte  ihr  Gebrauch  nur  wenig.

Hielt  man  aber  schon  Meinungen  einzelner  Vater  so
heilig,  so  mußte  die  allgemeine  tiefe  Verehrung  der  Aussprüche
der  großen  Synoden  noch  höher  steigen.  Diese  galten  als
Stimme  der  ganzen  Kirche  ihres  Zeitalters.  Es  war  allgemeiner
  Wetteifer  der  verschiedenen  Partien,  ju  keinem  Punct
von  dem  abzuweichen,  was  auf  der  Nicäischen  Synode  ausgemacht
  worden  war,  und  wie  in  der  Folge  durch  die  Ephesische
  und  Chalcedonische  Synoden  immer  ein  neuer  Zankapfel
  in  die  Mitte  geworfen  wurde,  so  glaubte  man  von  dem
        <pb n="130" />
        118

Verdacht  des  so  genannten  Nestorianismus  nicht  besser  frei
werden  zu  koͤnnen,  als  wenn  man  fuͤr  die  Ephesische  Synode
sehr  eifrig  stritt,  und  wer  nicht  die  Chalcedonische  Synode
recht  apotheosirte,  der  war  als  Monophysite  verdaͤchtig.

Eine  zweite  nothwendige  Folge  dieser  Zaͤnkereien  war
Einmengung  der  Philosophie  in  die  Theologie.  Die  Monophysitischen
  Streitigkeiten  liefen  so  sehr  in  die  feinsten  Unterscheidungen
  und  spitzfindigsten  Terminologien  hinein,  daß
Aristotelische  Philosophie  ganz  unentbehrlich  wurde.  So  verlor
  die  Chrisiliche  Glaubenslehre  ihre  Einfalt  und  sorglose
Unschuld,  und  war  im  sechsten  Jahrhundert  für  das  Herz
des  Menschen  weit  nicht  mehr  dasjenige,  was  sie  im  dritten
Jahrhundert  gewesen.  Auf  den  theologischen  Streitfragen  von
einer  oder  zwei  Naturen  beruhte  im  Orient  selbst  die  Summe
  der  Volksreligion.  Weil  Nestorius  Anfangs  Anstand  genommen
  hatte,  den  Namen  Gottesgebährerinn  ganz  unbestimmt
  zu  gebrauchen,  so  beeiferten  sich  alle  in  die  Wette
die  Maria  recht  zu  erheben.  Der  Monophysit  that  es  kraft
der  Hppothesen  seines  Systems,  und  der  Orthodore,  um  nicht
Ketzer  zu  scheinen.  So  wurde  Religion  und  Theologie  im
Orient  ein  elendes  Gewebe  von  Aberglauben  und  sectirischer
Grübelei.  Um  Besiimmungen  der  Heilsordnung  bekümmerte
sich  der  Orientaler  fast  gar  nicht,  die  größten  wichtigsten
Religionswahrheiten  wurden  unter  einem  Schwall  von  Spitzfindigkeiten
  und  Albernheiten  erstickt.  Wer  sollt'  es  glauben,
daß  Mahomed,  der  Betrüger,  eine  bessere  Religion  aus  seiner
Arabischen  Wüste  herborbrachte,  als  die  damalige  Chrifsiliche
war?

§.  ar.
Pelagianische  Streitigkeiten.
In  die  Occidentalischen  Kirchen  waren  nun  zwar  alle
        <pb n="131" />
        119

diese  Streitigkeiten  weit  nicht  so  sehr  eingedrungen,  der  Bischof
  von  Rom  nahm  wohl  an  den  meisten  innigsten  Antheil,
aber  die  wenig  beträchtlicheren  Kirchen  und  noch  mehr  das
Volk  erfuhr  wenig  davon,  selbst  die  Sprache  schien  nicht  den
Reichthum  und  die  Biegsamkeit  zu  haben,  um  an  solchen
Spitzfindigkeiten  Theil  nehmen  zu  können.  Durch  den  Einbruch
  der  barbarischen  Völker  war  auch  der  Klerus  größtentheils
  in  eine  tiefe  Unwissenheit  versunken,  er  hatte  sich  seiner
  Existenz  zu  erwehren,  wie  konnt'  er  an  Gelehrsamkeit
und  Ausbreitung  theologischer  Kenntnisse  denken?  Aber  noch
ehe  diese  traurige  Periode  erschien,  brach  doch  auch  im  Occident
  eine  Glaubensstreitigkeit  aus,  welche  zwar  nicht  dadurch
merkwürdig  wurde,  daß  sie  zu  Entstehung  einer  besondern
Christenpartie  Veranlassung  gab,  aber  auf  unsere  gegenwärtige
  Dogmatik  einen  viel  tiefdringendern  Einfluß  hatte,  als
Nesiorianische  und  monophysitische  Zwistigkeiten.

Pelagius  ein  frommer  Mönch  aus  Britannien,  auch  nach
dem  Maaß  seines  Zeitalters  gelehrt,  denn  er  verstand  Griechisch,
  war  über  den  tiefen  Verfall  der  Frömmigkeit  seiner
Zeiten  äußerst  betrübt,  und  eiferte  mit  allem  Ernst  für  das
Praktische  Christenthum.  Er  drang  in  seiner  Vorstellung  beständig
  darauf,  wie  es  allein  bei  dem  Menschen  stehe,  fromm
zu  werden.  So  predigte  er  lange  Zeit  in  Rom,  und  Niemand
  erinnerte  dagegen.  Als  Alarich  Rom  auf  das  grausamste
  verwüstete,  so  flogen  Pelagius  und  sein  Freund  Cälestius
  nach  Afrika  herüber,  und  da  der  letztere  einen  Platz
unter  den  Aeltesten  der  Kirche  zu  Karthago  suchte,  so  machte
er  sich  wahrscheinlich  dadurch  einen  Diakonus  Paulin  zum
Feinde,  der  ihn  bei  dem  Bischof  als  einen  Ketzer  angab,  welcher
  nicht  richtige  Begriffe  von  den  Gnadenwirkungen  habe.
Man  hielt  über  den  Fremdling  Synode,  er  wurde  verurtheilt.

40
        <pb n="132" />
        120

412  Pelagius  war,  noch  che  diese  Händel  ausbrachen',  nach
Palästina  abgegangen,  und  fand  dort  vielen  Beifall,  weil
die  Morgenländischen  Bischöfe  in  der  Lehre  von  der  Gnade
schon  vorher  ihm  ähnlicher  dachten  als  die  Abendländischen.
Augustin  aber,  der  schon  über  sechzehn  Jahre  das  Orakel  der
Afrikanischen  Kirche  gewesen,  sobald  er  von  dieser  neuen  Ketzerei
  hrte,  und  vernahm,  daß  der  Hauptketzer  schon  nach
Palästina  gegangen  sey,  schickte  gleich  einen  Freund  hin,  der
die  Bischöfe  auf  den  verdächtigen  Mann  aufmerksam  machen
sollte,  und  hetzte  dem  Ketzer  einen  Moͤnch  auf  den  Hals,  der
an  Fertigkeit  und  Grobheit  im  Polemisiren  nicht  leicht  seines
  Gleichen  gehabt  haben  mag.  Leider  war  dieser  Mönch
Hieronymus  ein  Mann,  dem  es  gewiß  an  Genie  und
Kenntnissen  nicht  fehlte,  desto  mehr  aber  an  Mäßigung  und
kaltblütigem  Urtheil,  besonders  wenn  von  Orthodorie  oder  Heterodorie
  die  Rede  war.  Ungeachtet  aber  Augustin  alles  im  Orient
  für  sich  zu  gewinnen  suchte,  so  schien  doch  Pelagius  zu
siegen.  Die  Afrikaner  suchten  deswegen  den  Rämischen  Bischof
  in  die  Partie  zu  ziehen.  Bald  gelang  es,  bald  mißlang
es;  denn  Cälestius  wußte  durch  zweideutige  Glaubensbekenntnisse
  den  untrüglichen  Bischof  zu  täuschen.  Noch  war  also
eine  einzige  Maschine  übrig,  die  man  spielen  lassen  konnte.
Augustin  galt  alles  bei  dem  Gouverneur  in  Afrika,  und  hatte
auch  zu  Constantinopel  ein  außerordentlich  großen  Namen.
Bloß  also  auf  seinen  Namen  hin  wurden  sehr  strenge  Gesetze  gegen
die  Pelagianer  gegeben;  sobald  aber  der  kaiserliche  Hof  Strafgesetze
  gegeben  hatte,  so  vereinigte  sich  alles  gegen  dieselbe.

Pelagius  und  seine  Partie,  so  weit  sie  miteinander  übereinkamen,
  scheinen  der  Meinung  gewesen  zu  seyn,  daß  wir
durch  Adams  Fall  gar  nichts  verloren  hätten,  daß  der  Tod
ganz  natürliche  Einrichtung  der  menschlichen  Natursey,  daß
        <pb n="133" />
        121

es  ganz  in  unsern  Kräften  siehe,  durch  Befolgung  der  Gebote
Jesu  Christi  ewig  selig  zu  werden.  Augustin,  besonders  beim
Polemisiren  sehr  zum  Ueberspannen  geneigt,  schloß  bei  dem
Werk  der  Bekehrung  und  Begluͤckung  der  Menschen  so  sehr
alle  Selbstthaͤtigkeit  derselben  aus,  daß  er  alles  auf  einen  unbedingten
  Rathschluß  Gottes  gründete,  und  einige  seiner  Anhänger
  in  Afrika  und  Frankreich,  giengen  noch  einen  Schritt
weiter,  und  behaupteten,  daß  der.  Mensch  nicht  nur  zur  Seligkeit
  und  Verdammung,  sondern  auch  zu  Tugend  und  Laster
  praͤdestinirt  sey.

So  uͤbertriebene  Saͤtze  mußten  nothwendig  Widerspruch
finden,  und  die  Occidentalische  Kirche  war  in  allzuhäufiger
Verbindung  mit  der  Orientalischen,  als  daß  sich  nicht  die
aufgeklärteren  Begriffe  der  letztern  auch  der  erstern,  hätten
mittheilen  sollen.  Es  erhob  sich  eine  gewisse  Partie,  der  das
mittlere  Zeitalter  den  Namen  Semipelagianer  gab,  die  nicht
ganz  alle  unmittelbare  Wirkung  Gottes  auf  die  Seele  des
Menschen  läugnete,  aber  sie  nicht  als  unentbehrlich  nothwendig,
  sondern  als  Erleichterungsmittel  für  unsere  Bekehrung
ansah.  Der  Hauptschauplatz  dieser  Streitigkeiten  war  Gallien,
  Und  vorzüglich  Mönche  waren  es,  welche  den  Semipelagianischen
  Meinungen  beitraten.  Die  Hölfe  des  Bischofs
von  Rom  entschied  aber  auch  hier  den  Sieg  der  Augustininischen
  Partie,  und  da  einmal  die  Sache  des  Augusiin  zur
Sache  des  Römischen  Bischofs  gemacht  war,  so  verschaffte
das  immer  sieigende  Ansehen  des  Rdmischen  Bischofs  auch
dem  dogmatischen  Credit  des  Augustin  eine  besiändige  Fortdauer.
  «

Ueberdieß  hatte  die  Gegenpartie  keinen  Schriftsteller,  der
so  feurig,  und  unerschoͤpflich,  und  so  voll  des  lebhaftesten
Witzes  gewesen  waͤre,  als  er,  und  da  die  Welt  von  jeher  auch
        <pb n="134" />
        122

4—

übertäubt  werden  kounte,  so  behauptcten  sich  die  Meinungen
des  fruchtbareren  Schriftstellers.  Die  Lateinische  Hermeneutik
dieser  Zeitalter  mußte  sje  noch  mehr  begünstigen,  und  man
hatte  bei  Augustin  immer  den  Vortheil,  Prädestination  und
Semipelagianismus  aus  ihm  erweisen  zu  können,  denn  wenige
  Schriftsteller  sind  sich  so  ungleich  wie  er,  und  zeigen  in
ihren  Schriften  ein  so  unverkennbares  Gepräge  der  Zeit  und
Veranlassung,  bei  welcher  sie  geschrieben  wurden.

Außer  den  Pelagianern  kämpfte  Augustin  mit  Manichäern
  und  Donatisten.  Diese  zwei  Partien  waren  zu  seiner
Zeit  in  Afrika  sehr  mächtig,  und  der  Eifer  gegen  die  ersiere
drang  ihn  um  so  stürker,  da  er  selbst  ehmals  ein  Manichäer
gewesen  war.

S.  42.
Priscillianisten.

Der  Manichäismus,  oder  die  Lehre  von  zwei  Grundwesen,
einem  guten  und  bösen,  und  die  gewöhnlich  damit  verbundene
Moral  hatten  sich  besonders  im  vierten  Jahrhundert  im  Occident
  gar  sehr  ausgebreitet.  Die  Kaiser  wütheten  mit  Verfolgungsgesetzen
  gegen  die  Anhänger  desselben,  und  diesen  Verfolgungen
  zu  entgehen,  änderten  die  Manichäer  ihre  Namen,
was  sie  meistens  auch  ohne  Betrug  beinahe  thun  mußten,
wenn  sie  sich  etwa  von  einem  neuen  vorzüglichen  Anführer
benannten.  „

So  die  Priscillianisten  in  Spanien.  Ein  berühmter
Spanischer  Bischof  Priscillian  ließ  sich  von  einem  Aegpptier
Markus  zur  Annahme  der  Manichäischen  Hypothesen  verleiten:
  sein  Beispiel  schien  sehr  gefährlich,  weil  er  soust  ein
Mann  von  großen  Talenten  und  großem  Ausehen  war.  Zuerst
  vertrieb  man  ihn  mit  seinen  Anhängern  aus  Spanien,
und  wie  er  sich  auf  seiner  Flucht  durch  Gallien  auch  dort
        <pb n="135" />
        123

Anhänger  machte,  überdieß  zu  Rom  einige  Huͤlfe  vom  Kaiser
  zu  erhalten  wußte,  so  brachten  es  endlich  die  Bischöfe  dahin,
  daß  man  zu  Trier  eine  sehr  scharfe  Untersuchung  gegen
dieselbe  anstellte,  und  sie  zum  Tode  verurtheilte.  Das  erste
Beispiel,  daß  ein  Mann  sterben  mußte,  weil  er  ein  Ketzer
war,  und  damals  ein  noch  so  befremdendes  Beispiel,  daß
manche  Bischöfe  mit  Christlichem  Nachdruck  dagegen  protestirten.
  Noch  bis  ins  sechste  Jahrhundert  erhielt  sich  diese
Partie  in  Spanien,  und  nur  die  Eroberung  der  Araber  oder
vielleicht  die  mehr  als  ein  Jahrhundert  frühere  Bekehrung
des  Arianischen  Königs  Reccared  verursachte  den  gänzlichen
Untergang  derselben.
G.  43.
Geschichte  der  Donatisten  in  dieser  Periode.

Die  Donatisten,  diese  nach  ihrer  ganzen  Entstehung  völlig

  locale  Secte  für  Afrika,  hatten  schon  vor  der  Nicäischen

385

Synode  in  ihren  Streitigkeiten  gegen  die  Katholiken  kraft:

wiederholter  kaiserlicher  Edicte  völlig  verloren.  Doch  breiteten
  sie  sich  unaufhaltbar  in  allen  Gemeinden  von  Afrika  aus.

Ihr  Fanatismus  wurde  durch  die  erlittenen  Verfolgungen

nur  noch  mehr  entzündet,  weil  er  ganz  der  Fanatismus  eines
  rasenden  Haufens  war,  der  die  schrdcklichsten  Gewaltthätigkeiten
  gegen  die  große  Kirche  verübte.

Als  Constantin  nach  seines  Vaters  Tode  Afrika  zum
Regierungsantheil  bekam,  so  gab  er  sich  Mühe,  die  Partien
mit  einander  auszusöhnen.  Er  schickte  ein  Paar  Gesandte
nach  Afrika,  die  zugleich  den  Auftrag  hatten,  im  Namen  des
Kaisers  Almosen  unter  das  Volk  auszutheilen,  oder  unter
einem  frommen  Vorwand  einen  großen  Haufen  Pöbels  erkaufen
  sollten.  Die  Donatistischen  Bischdfe  verboten  den  Ihrigen
  aufs  dußerste,  diese  schändlichen  Almosen  anzunehmen,

337
        <pb n="136" />
        124
und  wurden  endlich  so  hitzig,  daß  sie  die  Circumcellionen  zu
Huͤlfe  riefen.  ·

Diese  letztere  waren  ein  Schwarm  fanatisch  rasender
Bauern,  welche,  nur  mit  dem  Unterschied  eines  rasenden
Teutschen  und  eines  rasenden  Afrikaners,  fast  ganz  eben  die
Rolle  spielten,  welche  unsere  Teutsche  Bauren  zur  Zeit  der
Reformation  zu  spielen  Lust  hatten.  Die  kaiserlichen  Gesandten,
  welche  von  dem  Gouverneur  in  Afrika  Huͤlfe  erhielten,
  waren  endlich  so  glücklich,  die  Donatisten  sammt  ihren
  Bundesgenossen  in  einer  offenen  Feldschlacht  zu  überwinden.
  Dreizehn  Jahre  lang  waren  nun  diese  unglückliche
Schismatiker  (in  Schlachtopfer  ihrer  aufgebrachten  Gegner.
Keine  Grausamkeit  ist,  welche  nicht  an  ihnen  verübt  worden
wäre,  aber  auch  keine  Grausamkeit,  welche  sie  nicht  an  ihren
Gegnern  verübten,  da  sie  unter  Julian  wieder  aus  ihren
Schlupfwinkeln  hervorkommen  durften.  Sie  machten  sich
trotz  aller  kaiserlichen  Gesetze  so  mächtig,  daß  sie  zu  Ende
des  vierten  Jahrhunderts  über  vierhundert  Bischèôfe  zählen
konnten.

Doch  bald  war  diese  Zeit  ihres  höchsten  Flors  vorüber.
Mit  den  letzten  Jahren  des  vierten  Jahrhunderts  trat  Augustin
  auf,  der  gegen  sie  schrieb  und  disputirte,  mit  seiner
Thätigkeit  ganze  Synoden  belebte,  den  kaiserlichen  Hof  zu
Strafgesetzen  bewog,  und  den  Gouverneur  von  Afrika  zu
Beobachtung  derselben  ermunterte.  Es  war,  als  ob  er  es  für
Bestimmung  seines  Lebens  gehalten  hätte,  die  Donatisien  zu
vertilgen,  und  sein  Eifer  traf  gerade  den  rechten  Zeitpunkt,
da  die  Donatisten  selbst  unter  sich  in  Partien  getheilt  waren.

Eine  der  wichtigsten  Begebenheiten  dieser  Augustinschen
Periode  war  das  feierliche  Religionsgespräch,  welches  in  Ge-Il

  genwart  eines  kaiserlichen  Ministers  Marcellin  zu  Karthago
        <pb n="137" />
        125

zwischen  beiden  Partien  gehalten  wurde.  Zweihundert  sechs
und  achtzig  katholische  Bischoͤfe,  nebst  einer  fast  ganz  gleichen
Anzahl  Donatistischer  Bischoͤfe  erschienen  zusammen.  Drei
Tage  lang  dauerte  die  Dispuͤte.  Die  katholischen  waren  gelehrter
  und  bescheidener  als  die  Donatisten,  und  die  Sentenz
des  Ministers  war  ihnen  guͤnstig.  Die  Prostitution,  welche
die  Schismatiker  bei  dieser  Gelegenheit  erlitten,  schien  ihrer
ganzen  Macht  aͤußerst  nachtheilig  zu  werden,  sie  nahmen  seit
dieser  Zeit  bestaͤndig  ab,  doch  unter  der  Regierung  der  Vandalen
  erholten  sie  sich  wieder  ein  wenig,  oder  diese  Zwischenzeit
  machte  vielmehr  nur,  daß  ihr  Untergang  langsamer  erfolgte.
  g/

Man  kann  nicht  leicht  bei  einer  Partie  so  deutlich  als
bei  den  Dongtisten  sehen,  wie  sich  ihre  Begriffe  während
dem  Disputiren  mit  ihren  Gegnern  nach|  und  nach  mehr
erweitert  und  bestimmt  haben.  Man  sieng  von  dem  einfachen
unbedeutend  scheinenden  Satz  an,  der  kann  kein  rechter
Bischof  seyn,  den  ein  Traditor  or  dinirt  hat.  Man
schritt  weiter  fort,  und  fragte  überhaupt,  was  Kennzeichen  der
wahren  Kirche  seyen.  Die  katholische  Partie  behauptete,  wahre
Kirche  sey  die,  welche  den  gröhten  Umfang  von  Ländern  und
Volkern  begreife:  die  Donatisten  glaubten  es  bloß  von  verjenigen,
  in  welcher  keine  grobe  ärgerliche  Sünder  geduldet  würden.
  Beide  Theile  kamen  mit  einander  überein,  daß  es  nur
eine  wahre  Kirche  gebe,  d.  i.  nur  eine  gewisse  äußere  Gesellschaft,
  in  deren  Verbindung  man  hoffen  könne,  selig  zu  werden,
  in  welcher  die  Sacramente  so  ausgetheilt  würden,  daß
man  den  heiligen  Geist  durch  dieselbe  empfange.

So  bildete  sich  unter  diesen  Streitigkeiten  der  Artikel  von
der  Kirche  in  diejenige  Form,  welche  er  noch  großentheils  gegenwärtig
  in  der]  Roͤmischkatholischen  Dogmatik  hat.  Fast
        <pb n="138" />
        126

schienen  jetzt,  die  Sache  nach  den  haͤufigsten  gewoͤhnlichsten  Deutungen
  betrachtet,  der  Verfolgungsgeist  und  die  Intoleranz  in
der  Dogmarik  ihre  eigene  beurkundende  Paragraphen  zu  erhalten.
  Wie  viel  Schaden  richtet  nicht  oft  ein  einziger  Schriftsieller
  in  der  Welt  an!  Augufstin  war  herrschender  Schriftsteller
  und  Hauptlectüre  des  mittlern  Zeitalters.  Aus  ihm
nahm  man  damals  die  ganze  Lehrform  des  Artikels  von  der
Kirche,  also  auch  alle  diejenigen  verabscheuungswürdigen
Grundsätze  in  Behandlung  der  Ketzer,  welche  er,  hingerissen
vom  Eifer,  oft  härter  ausgedrückt  als  wirklich  ganz  im  Sinne
gehabt  haben  mag.
44.
Origenische  Streitigkeiten.

Bei  allen  bisher  erzählten  Streitigkeiten  war  die  Bewegung
  nur  durch  verschiedene  Vorstellungsarten  eines  gewissen
einzelnen  Glaubenspuncts  verursacht  oder  befördert  worden;
ausgebreiteter  aber  ist  der  Streit,  welcher  aus  der  Origenischen
  Theologie  entsprang.  Origenes  hatte  gesucht,  der  Theo-=logie
  seiner  Zeiten  mehr  Verfeinexrung  und  philosophischen
Anstrich  zu  geben,  und  dieser  philosophische  Anstrich  war  freilich
  nur  für  seine  Zeiten,  aber  wie  konnt'  es  auch  anders
seyn?  Doch  selbst  schon  dieses  war  einem  großen  Theil  homiletischgewöhnter
  Theologen  höchst  ärgerlich,  und  ihr  Haß
gegen  Origenes  erhielt  einen  guten  Vorwand,  da  sich  die  Arianer
  auf  die  Schriften  desselben  häufig  beriefen.  Doch  mußte
aber  noch  ein  Stoß  von  außen  hinzukommen,  wenn  aus  einer
  bloß  verschiedenen  Werthschätzung  der  Schriften  eines
längst  verstorbenen  Theologen  eine  eigentliche  Streitigkeit  entstehen
  sollte.

Epiphanius,  ein  Bischof  aus  Cypern,  schwacher  Einsichten
  ciber  wilden  Eifers,  gab  diese  äußere  Veranlassung.
        <pb n="139" />
        127

Er  war  dem  Bischof  von  Jerusalem  Johaunes  einem  bekaunten
  Origenisten  ohnehin  nicht  hold,  predigte  und  eiferte  also
gegen  ihn  als  einen  Ketzer,  und  zog  durch  sein  Geschrei  fuͤr
Orthodoxie  auch  den  Hieronymus  in  seine  Partie,  der  sich  fuͤr
nichts  so  sehr  fuͤrchtete  als  fuͤr  den  Ketzernamen.  Hieronymus
  Schriften  gegen  den  Rufinus,  den  lateinischen  Uebersetzer
  einiger  Schriften  des  Origenes,  werden  schwerlich  jemals
  an  Ungezogenheit  übertroffen  werden.  Hier  blieb  es
aber  doch  nur  bei  persönlichen  Grobheiten  zweier  Gelehrten
gegen  einander:  zu  Alerandrien  kam's  zum  Handgemenge.
Der  Bischof  von  Alerandrien  Theophilus  hatte  mit  den
scetensischen  Mönchen  vielerlei  Verdrüßlichkeiten,  und  weil
er  ihnen  nicht  besser  beikommen  konnte,  als  wenn  er  sie  in
den  Verdacht  einer  Ketzerei  brachte,  so  bestrafte  auch  er  sie  300
wegen  ihrer  Liebe  zu  den  Schriften  des  Origenes,  hielt  Synode
  über  der  Sache,  und  erequirte  selbst  mit  bewaffneter
Hand  das  Anathem  derselben.  Den  Mönchen  war  zuletzt
nichts  übrig  als  Flucht  nach  Constantinopel.  Chrysostomus
aber,  damals  Bischof  von  Constantinopel,  warf  sich  zwar
nicht  zum  Richter  auf  zwischen  dem  Bischof  und  den  Monchen,
  sondern  er  machte  gewissenhaft  den  Neutralen  und
Mitleidigen.  Nun  war  aber  ohnedieß  damals  am  kaiserlichen
  Hof  alles  über  den  redlichen  Chrpysostomus  wegen  seiner
  scharfen  Predigten  schon  vorher  unzufrieden.  Theophilus
und  die  Kaiserinn  Eudoria,  erklärte  Gegnerinn  des  Bischofs,
fanden  sich  also  gleich  zusammen,  und  so  sehr  sich  das  Volk
zu  Constantinopel  für  seinen  geliebten  Homileten  wehrte,  so
mußt'  er  doch  endlich,  durch  eine  zweimalige  Synode  besonders
  auch  wegen  seiner  Liebe  zum  Origenes  verurtheilt,  auf
eine  elende  Art  im  Eril  sierben.  Die  Origenisien  zu  Alerandrien
  und  Constantinopel,  in  ihrer  Ruhe  so  sehr  gesiört,

rl
        <pb n="140" />
        128

setzten  sich  vorzüglich  in  Palaͤstina,  und  die  Moͤnche,  unter
welchen  Haß  und  Liebe  zu  dem  Origenes  vorzüglich  herrschend
  waren,  lieferten  einander  ordentliche  Schlachten.  Das
Edict  Justinians,  worinnen  er  die  Origenisten  perurtheilte,
machte  zwar  den  Streitigkeiren  noch  nicht  voͤlliges  Ende,
aber  schwaͤchte  doch  den  kriegerischen  Eifer  der  Origenischen

Partie.
.  45.

Veränderungen  der  Theologie,  welche  nicht  aus  Controverssen
entstanden.

So  stritt  man  über  den  Werth  einzelner  Lehrsätze  und
Meinungen,  und  alles  hieng  von  der  Richtung  ab,  welche
die  Speculationen  und  der  Eifer  der  Menschen  durch  äußere
Veranlassungen  bekamen.  Indeß  man  aber  hier  mit  der
angestrengtesten  Aufmerksamkeit  auf  jede  kleine  Abweichung
von  orthodor  herkommlichen  Ausdrücken  acht  hatte,  so  schlichen
  sich  in  die  wichtigsten  Theile  der  praktischen  Religion,
die  gefährlichsten  Irrthümer  ein,  und  erhielten  nach  und  nach
ein  gewisses  Gewohnheitsrecht,  das  viel  gefährlicher  und  unverletzlicher
  war,  als  alles  was  auf  Sypnoden  ausgemacht
wurde.

Die  Verehrung  der  Märtyrer,  das  Possenspiel  mit  den
Reliquien,  ein  gewisser  frommer  Ceremonienschnitt  des  äußern
  Gottesdiensts  wurden  immer  höher  getrieben.  Nicht  nur
Verdienstlichkeit  guter  Werke  überhaupt,  sondern  meist  gerade
solcher,  welche  den  mönchischen  Gesinnungen  dieses  Zeitalters
recht  angemessen  waren,  galt  beinah  als  entschiedener  Glaubensartikel.
  Fasten  und  chelos  leben,  war  ein  vorzüglicher  Grad
der  Heiligkeit,  und  zu  seinem  großen  Verdruß  mußte  besonders
der  Klerus  diese  Gesetze  der  Frömmigkeit  sich  einschärfen  lassen.

Hie  und  da  standen  wohl  ein  Paar  Mißvergnügte  auf,
        <pb n="141" />
        129

welche  überhaupt  gegen  alle  diese  Begriffe  mönchischer  Froͤmmigkeit
  als  gegen  Aberglauben  eiterten:  doch  ihr,  Widerspruch
machte  kaum  einiges  Aufsehen.  Das  ganzge  Zeitalter  hatte
sich  einmal  entschieden,  und  die  einmal  zu  Ariomen  des  gesunden
  Menschenverstandes  erhobene  Schwärmereien  hatten
in  alle  Theile  der  damaligen  Sitten  und  Verfassungen  einen
so  großen  Einfluß,  daß  der  Widerspruch  nur  etlicher  Männer
keine  Revolution  bewirken  konnte.

Fovinian,  ein  Italiänischer  Mönch  ungefähr  zu  Ende
des  vierten  Jahrhunderts,  behauptete,  es  liege  in  Nückst  cht
auf  ewige  Seligkeit  gar  nichts  daran,  ob  man  verheurathet,
oder  ledig  sey,  überhaupt  hange  der  Grad  unserer  Sesigkeir
von  der  Verdienstlichkeit  guter  Werke  gar  nicht  ab.  Gie  hielten
  nicht  nur  eine  Synode  gegen  den  armen  Mbnch  -nnd-Hieronymus
  that  ihm  vollends  noch  im  Grab  alle  die  Schmach

an,  welche  ein  Ketzer  erwarten  mußte.

In  Syrien  sammelte  sich  ein  frommer  Mann,  Nemans.
Audius,  einen  eigenen  Haufen.  Er  hatte  sich  gegen  das
gottlose  Leben  der  Bischèfe  fast  zu  Tode  geeisert,  und  weil.
man  ihm  seinen  Eifer  mit  der  härtesten  Begegnung  lohnte,
so  trennte  er  sich  endlich  ganz  von  der  Kirche,  gieng  unter
die  Gothen,  und  pflanzte  dort  für  seine  Separatisten  eine
eigene  Gemeinde.

Der  aufgeklärteste  unter  allen  diesen  Mißvergnügten.
scheint  ein  Spanischer  Aeltester  Vigilantius  gewesen  zu
seyn.  Auf  seinen  Reisen  nach  Palästina  und  Aegppten  hatte
er  das  Chriltenthum  seines  Zeitalters  auch  in  diesen  Ländern
kennen  gelernt,  schrieb  bei  seiner  Rückkunft  gegen  den  Aberglauben
  seiner  Zeiten,  lachte  über  die,  den  Märtprern  bewiesene,
  Verehrung,  über  die  Wunder  und  über  das  Brennen

der  Wachslichter  bei  den  Gräbern  derselben,  öber  das  ewige
Spittler's  ssmmtl.  Werke.  II.  Vd.  9
        <pb n="142" />
        130

Wallfahrten,  Fasten  und  Ehelosleben.  Hieronymus  wußte
ihn  zum  Stillschweigen  zu  bringen,  denn  er  mißhandelte  ihn
wie  den  Rufin  und  Jovinian.

.  46.

Veränderungen  der  Lehre  von  der  Taufe  und  vom  Abendmahl.

Bei  so  sehr  verschlimmerten  Begriffen  der  Menschen
mußte  sich  nothwendig  auch  das  ganze  Aeußere  des  Gottesdiensts
  ändern,  und  nirgends  war  dieser  Einfluß  sichtbarer
als  bei  den  zwei  feierlichsten  Religionshandlungen,  der  Taufe
und  dem  Abendmahl.  Man  war  in  der  vorigen  Periode  gar
nicht  voreilig  mit  dem  Taufen  gewesen.  Kindertaufe  vorzüglich
  so  wie  wir  sie  gegenwärtig  haben,  war  gewiß  nicht  allgemeine
  Christensitte.  Auch  bei  Alten  hatte  man  sich  gar
nicht  mit  der  Taufe  beeilt,  man  glaubte  sogar  Vortheil  davon
  zu  haben,  wenn  sie  fast  bis  auf  den  Augenblik  des  Todes
  verschoben  wurde.  Mit  dem  Fortgang  der  gegenwärtigen-
  Periode  aber  wurde  das  alles,  besonders  im  Occident,
ganz  anders.  Sobald  sich  Chlodoväus  entschlossen  ein  Christ
zu  werden,  so  mußte  er  sich  sogleich  ohne  langfortdaurenden
vorhergehenden  Unte#richt  taufen  lassen.  Es  war,  als  ob
man  diese  öffentliche  feierliche  Handlung  als  Mittel  brauchen
wollte,  ihn  bei  dem  Christenthum  desto  fester  zu  halten.  Ein
großer  Theil  der  neubekehrten  Occidentalischen  Christen  genoß
vor  der  Taufe  fast  gar  keinen  Unterricht,  man  schien  zu
glauben,  daß  es  mit  dem  Christ  werden  keine  Noth  haben
könne,  wenn  nur  erst  die  Taufe  geschehen  sey.  Wegen  der
Taufgebräuche  selbst,  und  besonders  der  Taufformel  läßt  sich
zwar  wegen  Verschiedenheit  der  Länder  und  wegen  der  schnellen

Abwechslung  solcher  Gebräuche  gar  nichts  allgemeines  sagen,
aber  die  rührende  Einfalt  der  vorigen  Zeiten,  war  überall  auch
        <pb n="143" />
        131

hier  verloren.  Doch  neigte  sich  nicht  alles  so  sehr  zur  Verschlimmerung
  als  bei  der  Begehung  des  Abendmahls.

Es  war  nehmlich  jetzt  nicht  mehr  gewoͤhnlich,  daß  bei  jeder
  Zusammenkunft  der  Glaubigen  das  Abendmahl  von  allen
genossen  wurde,  man  fieng  an,  etwa  nur  des  Sonntags  Abendmahl
  zu  halten.  Der  Altar  wurde  in  einer  gewissen  Entfernung
mit  Schranken  umgeben,  innerhalb  welche  kein  Laie  sich  wagen
  durfte.  So  nahe  am  Altar  genoß  nur  der  Klerus  das
Sacrament,  den  Laien  wurde  es  von  den  Presbptern  gebracht.
Die  Gebetsformel  bei  der  Consecration  war  vorgeschrieben,
und  nicht  mehr  freie  Andacht  des  Priesters.  Kaum  zwanzig
Jahre  nachdem  das  Christenthum  herrschend  geworden  war,
mußte  schon  Synodalverordnung  (Can.  Antioch.  II.)  gemacht
  werden,  daß  man  in  der  Kirche  auch  bei  dem  Gebet
und  bei  dem  Genuß  des  Abendmahls  zu  bleiben  habe,  und
zu  Anfang  des  sechsten  Jahrhunderts  war  es  wenigstens  in
Gallien  nothwendig,  Gesetze  zu  machen,  daß  doch  jeder  Christ,
au  Weihenachten,  Ostern  und  Pfingsten  das  Abendmahl  genießen
  solle.

Es  war,  als  ob  die  vielen  Oblationen  den  Chrisien  beschwerlich
  geworden  wären,  und  überhaupt  zog  sich  das  Volk
immer  mehr  von  dieser  Religionshandlung  zurück,  je  mysterieuser
  nach  und  nach  die  Begriffe  von  derselben  wurden,
und  je  mehr  man  ihr  nach  und  nach  die  Gestalt  eines  Opfers
gegeben.  Weil  man  aus  der  Handlung  des  heiligen  Abendmahls
  vor  den  Katechumenen  ein  Geheimniß  machte,  so  gewoͤhnte
  man  sich  an  dunkle,  feierlich  nichtssagende  Ausdrücke.
  Verwandlung  des  Brods  und  des  Weins  in  Leib
und  Blut  Christi  wurde  zwar  von  niemand  geglaubt,  aber
die  Kirchenväter  hatten  doch,  wenn  sie  davon  sprachen,  eine
so  bunte  Phraseologie,  vaß  man  ihnen  wohl  alle  Ehre  an-9

  *
        <pb n="144" />
        132

thut,  wenn  man  vermuthet,  sie  haͤtten  sich  selbst  nicht  verstanden.
  Man  gab  dieser,  Religionshandlung  keine  Benennung
  mehr,  wodurch  ihre  ganze  Absicht  und  völlige  Beschaffenheit
  ausgedrückt,  worden  waͤre.  Im  Occident  erscheint  nun
schon,  besonders  im  sechsten  Jahrhundert,  das  Wort  missa,
in  seiner  engsten  Bedeutung  vom  Abendmahl  allein  genommen.
  Wie  unschuldig  war  nicht  der  Ursprung  dieses  in  der
Folge  so  mißverstandenen  und  so  mißbrauchten  Worts!

#.  47.
1.1  pegtes  Resultat  der  Geschichte  dieser  Periode.

Was  hat  denn  also  —  alles  gegen  einander  abgerechnet
—  der  menschliche  Verstand  innerhalb  der  drei  Jahrhunderte,
deren  Geschichte  wir  nun  übersehen,  an  besserer  Richtung  oder
an  glücklicherem  Fortgang  gewonnen?  trug  auch  Chrisiliche
Religion  etwas  zum  Wohl  des  Ganzen  bei,  oder  schränkte
sich  ihre  Wirkung  nur  auf  die  Beglückung  einzelner  wenigen
ein,  welche  auch  aus  der  sehr  verfälschten  Religion  immer
noch  für  sich  Nutzen  zogen,  wie  man  auch  aus  trüben  Quellen
  den  Durst  löscht.  Die  Beantwortung  dieser  Fragen  fällt
anders  für  den  Orient  aus,  als  für  den  Occident.

Die  ganze  Verfassung  der  Orientalischen  Kirche  war  so
beschaffen,  daß  der  menschliche  Verstand  nothwendig  hier  immer
  tiefer  sinken  mußte.  Schwache  Regenten;  eine  Verfafsung
  bei  Hof,  wo  kein  großer  Mann  aufkommen  konme;
Erschlaffung  im  Genuß  der  ekelhaftesten  Wollüste;  keine
Philosophic,  welche  den  Geist  zum  nützlichen  Nachdenken
hätte  wecken  können;  sie  war  entweder  bloß  Aristotelische
Terminologie,  oder  Neuplatonischer  Fanatismus.  Durch  die
Streitigkeiten,  welche  man  über  die  Entwicklung  einzelver
Lehrpuncte  führte,  hätte  zwar  der  menschliche  Geist  zum  folgereichen
  Machdenken,  zur  Zusammenfgung  elnes  Systems  ge-
        <pb n="145" />
        133

woͤhnt  werden  sollen,  aber  man  wirbelte  sich  ewig  auf  dem
Punct  herum,  auf  den  man  einmal  hingestoßen  war,  ohne
an  die  angraͤnzenden  Stuͤcke  oder  an  das  Ganze  zu  denken.
Ueberdieß  wurde  Auctorität  eines  gewissen  Satzes  nie  dadurch
  entschieden,  daß  die  Wahrheit  desselben  von  einem  trefflichen
  Kopf  nach  allen  ihren  Gründen  entwickelt  worden
wäre,  sondern  Gewaltthätigkeit  eines  mächtigern  Bischofs
oder  Partiegeist  eines  gewissen  kaiserlichen  Ministers  machte
selbst  auch  den  Sieg  der  Wahrheit  zum  bloßen  Zufall.  Dif
damalige  Christliche  Religion  hatte  wirküch  auch  an  dem
Zerfall  des  Orientalischen  Kaiserthums,  großen  Antheil.  Jede
neuentstandene  Glaubensstreitigkeit  weckte  immer  die  heftigsten
Staatserschütterungen.  Die  Mönche  waren  so  furchtbar  als
weiland  die  Strelitzen  in  Rußland,  und  Muhämmed  machte
sich  dadurch  einen  sehr  gebahnten  Weg  zu  seinen  Eroberungen,
  daß  er  den  mißbergnügten  Partien  Religionsfreiheit
versicherte.  -  “

Im  Occident  aber  schaffte  die  Christliche  Religion  den
verschiedenen  Staaten,  in  welchen  sie  herrschte,  und  den  Nationen,
  welche  dieselbe  aufnahmen,  den  ausgebreitetsten  Nutzen.
  Sie  milderte  allmälig  die  Sitten  der  rohkriegerischen
Völker,  welche  sich  in  die  Trümmern  des  Abendländischen
Kaiserthums  theilten.  Sie  erhielt  bei  dem  allgemeinen  Zerfall
  immer  noch  einige  Aufklärung,  einen  Funken,  der  bald
oder  spät  Luft  gewinnen  und  zur  lichten  Flamme  auffodern
mußte.  Sie  verband.  Nationen  unter  einander,  die  sich  vielleicht
  sonst,  selbst  bei  zusammenstossenden  Gränzen,  kaum  um
einander  bekämmert  haben  würden,  ünd  ohne  sie  wäre  wohl
der  Occident,  der  vorher  ein  politisches  Ganzes  wär,  vbielleicht
  zu  ewig  unwiederbringlichem  Schaden  der  Menschheit
in  mehrere,  bolig  Vereinzelte,  Theile  rauen.  Di=  ganze
        <pb n="146" />
        134

Beschaffenheit  jener  Zeiten  scheint  fast  allzusehr  außer  unserem
  Gesichtskreis  zu  seyn,  als  daß  wir  das  Wohlthaͤtige  der
Asylen,  den  Nutzen  eines  so  regelmaͤßig  eingerichteten  Priesterstandes,
  als  der  katholische  ist,  und  die  noch  nie  genug
geschaͤtzten  Vortheile  des  ersten  Occidentalischen  Moͤnchswesens
  recht  fuͤhlen  koͤnnten.

Geb.
325

337

361
371

N.  C.

344.
durch  neuere  Verdrehungen  ihrer  Geschichte.

4%

Erste  ökumenische  Synode  zu  Nicäg.  Arius  verliert.
Der  Streit  wegen  der  Zeit  des  Passah  entschieden.
Sichtbare  Spur  der  großen  hierarchischen  Aristokratie.


Der  kaum  getaufte  Constantin  der  große  stirbt.  Consiantin.
  Constantius.  Constans.

Synode  zu  Sardica;  damals  weniger  merkwürdig,  als

Julian  wird  Kaiser.

Athanaskus;  und-  Lucifer  werden  endlich  im  Tode  rubig;.
  zwei-  Männer,  die  mit  ganz  verschiedenen
Mitteln  und  Faͤbigkeiten  auf  einen  Zweck  hinarbeiteten.
  i7  ·

Damasus,  endlich  trotz  der  Partie  des  Ursicinus  Bischof
  von  Rom,  erhält  vom  Kaiser  Valentinian  ein
wichtiges  Privilegium.  Auf  Zuspruch  des  Damasrus,

  macht  sich  Hieronymus  um  die  lateinische  Bibelübersetzung

  verdient.

Synode  von  Constantinopel.  Erste  Epoche  der  Macht

'  des  dasigen  Bischofs.  Macedonius  verliert.
Arcadius  und  Honorius  theilten  das  Reich.  Bald  darauf

  wird  der  thätige  Augustin  Bischof  zu  Hippon.
Wehe  den  Donatisten!  „

Origenische  Unruhen  in  Megypten,  und  Gothen  unter
Alariche  Anführung  in  Italicu.
        <pb n="147" />
        NéC.
Geb.

4

2

4

—
tdo

—
—ê

4

420

430

431

432

4

D

135

Alarichs  Eroberung  von  Rom  giebt  entfernte  Veranlassung
  zu  den  Pelagianischen  Unruhen,  welche  zwei
Jahre  nachher  zuerst  zu  Karthago  ausbrechen.

Dem  gewaltthätigen  Theophilus  folgt  auf  dem  Alerandrinischen
  Bischofstuhl  sein  schändlicher  Schwestersohn
  Cyrillus.  Wie  viel  Uebels  dieser  Mann
bis  zu  seinem  Todesjahr  444  angerichtet  hat!

Josimus,  der  wankelmüthige  Freund  und  Gegner  der
Pelagianer,  stirbt.  Entstehung  des  Spanisch-Westgothischen
  Reichs  zu  Toulouse.
Der  Polemiker  zu  Bethlehem,  Hieronymus,  stirbt  alt
und  lebenssatt.  Dreizehn  Jahre  vorher  war  Chrysostomus
  zu  seiner  Ruhe  eingegangen:  aber  Augustin
hat  den  Hieronymus  noch  zehen  Jahre  überlebt.
Die  Vandalen  belagerten  gerade  Hippon,  wie  Augustin
  daselbst  starb,  der  also  das  Einladungsschreiben
von  Consiantinopel  nicht  mehr  erhielt,  daß  er  auf
eine  Synode  nach  Ephesus  kommen  solle,  wo  man
untersuchen  müsse,  ob  der  Bischof  von  Constantinopel
  (Nestorius)  oder  der  von  Alerandrien  (Cyrillus)
ein  Ketzer  sey.

Schandscenen  zu  Ephesus.  Von  der  Antialerandrinischen

  Partie  hoͤchst  merkwuͤrdig  Theodoret,  Bischof
von  Cypern  und  Ibas  von  Edessa.  Den  Lehrer
Theodor  von  Mopsvbest  ließ  man  noch  im  Grabe
ruhen.

Tröglicher  Friede  zwischen  den  Morgenländern  und
Cyrillus.

Räubersynode.  Hengst  und  Horst,  treulose  Retter  der
bedraͤngten  Britten.

Auf  der  Synode  zu  Chalcedon  si  ĩegt  Leo's  dogmatischer
Sprachgebrauch;  aber  der  Bischof  von  Neurom  bekommt

  zum  großen  Verdruß  seines  ältern  Collegen
        <pb n="148" />
        482
403

502

1518

527

528

534

540

130

einen.  sehr  ansehnlichen  Sprengel.  Die  Monophysit
  ken-  oder  die  Alerandriner  treunen  sich  voll  Erbitterung
  von  der  katholischen,  Partie.  Ob  wohl  dem
Bischof  Leo  die  Nachricht  von  der  Schlacht  bei  Chalons
  so  angenehm  war  als  die  von  Chalcedon?  Beide
  Freuden  hat  er  doch  noch  zehen  Jahre  uͤberlebt.

Der  letzte  Schatten  eines  Römischen  Kaisers  im  Occident

  verschwindet.  Odoacer  der  Heruler.

Henotikon  des  Kaisers  Zeno.

Der.  große  Theoderich  Herr  von  Italien.  Cassiodor.
Boethins.  Symmachus.

Der  Sieg  über  die  Allemannen.  bei  Zülpich  bekehrt  den
Fränkischen  König  Chlodowich.  Der  Romische  Bischof
  Gelasius,  der  in  diesem  Jahr  starb,  war  keiner
dber  demäthigen  friedfertigen  Bischöfe.

Syn.  Palmaris.

Kein  geringer  Vortheil  fuͤr  den  Römischen  Bischof,  daß
Justin  auf  den  Constantinoplischen  Thron  kommt.
Justinian  wird  Selbsthalter.  Dionys  der  Kleine  war
sein  Zeitgenosse;  denn  er  schrieb  in  der  damals  gährenden
  Streitigkeit  der  Seythischen  Mönche.
Monte.  Caßino  entsteht  durch  die  Bemühungen  Benedicts
  von  Nursia.  Einer  der  wohlthärigsten  Männer
für  den  Occident.  Benedictinerorden.

Nur  95  Jahre  find  die  Vandalen  Herren  von  Karthago.
Gilimer  von  Belisar  überwunden.  Erneuerte  Perbindung
  der  orthodoren  Afrikaner  mit  Constanti?
nopel.  ,

Belisar  macht  seinen  Kaiser  auch  zum  Herrn  von  Italien.
  Die  Roͤmischen  Bischoͤfe  werden  Unterthanen
Justinians.  Das  Gothische  Reich  serhaͤlt  si  ich  zbar

mähselig  noch  13  Jahre.
        <pb n="149" />
        565

568
582

589

590

610

Signal  zum  Dreicapitelstreit,  bei  welchem  sich  der  wankelmürhigs
  Bischof  von  Rom  Vigilius  prostituirt.

Jakob  „Baradäus.

Synode  zu  Constantinopel.  Die  Origenisien  si  sind  zwar
hier  nicht  verdammt  worden,  aber  Justinian  hat
seine  kaiserliche  Heterodoxie  kanonisiren  lassen.

Verlöscht  mit  Justinian  der  letzte  schone  Schimmer

des  Orientalischen  Kaiserthums.

Longobarden  rücken  in  Italien  ein.

Revolution  in  Ansehung  der  Pönitenzen  im  Orient.
Wunderlicher  „Streit  wegen  dem  ökumenischen  Bischof.


Der  Westgothische  Koͤnig  Reccared  tritt  feierlich  auf
einer  Synode  zu  Toledo  zur  katholischen  Religion  uͤber.

Gregor  der  Große  Bischof  von  Rom,  der  sechs  Jahre
nach  seiner  Stuhlbesteigung  Missionarien  nach  England
  schickt.

Muhämmed  fängt  an  berühmt  zu  werden.
        <pb n="150" />
        Dritte  Periode
von  Muhaͤmmed  bis  auf  Gregor  VII.

Muhämmed.  Bonifacius  unser  Apostel.  Rabanus  Maurus.
Päbstinn  Johanna.  Hildebrand.

v
21

Schriftsteller  dieser  Periode.

Die  Conciliensammlungen,  bei  voriger  Periode  eine  der
Hauptquellen,  si  ind  besonders  für  die  Geschichte  der  Glaubenslehre
  seit  dem  Ende  des  si  ebten  Jahrhundertsi  immer
weniger  brauchbar,  desto  mehr  laͤßt  sich  für.  die  Geschichte
der  Hierarchie  oder  des  Verhältniffes  der-  Kirche  zum
Staat  aus  denselben  lernen.

Seit  der  Mitte  des  sechsten  Jahrhunderts  eroͤffnet  sich
eine  ganz  neue  Luelle  für  die  Abendländische  Kirchengeschichte
  —  Jahrbücher  der  Orden  und  vorzüglich  des
Benedictinerordens.  Die  neueste  beste  Ausgabe  der  Mabillonischen
  Annalen  des  letztern  erschien  zu  Lucca  von
1730  —  1745.  Man  muß  damit  verbinden  Ebendesselben
  acta  Sanctor.  Ord.  Bencd.  wovon  neun  Folianten
  (Venedig  1733)  erschienen  sind.  Unter  den  verschiedenen
  Familien  des  Benedictinerordens  ist  die  von
Clugny  für  die  Kirchengeschichte  bei  weitem  die  merkwürdigste.
  Auf  sie  muß  man  also  bei  Mabillon  vorzüglich
  aufmerksam  seyn.

Ein  Buch,  worin  schon  die  reinen  Resultate  der  Kirchengeschichte
  dieser  Jahrhunderte  enthalten  wören,  ist  noch
        <pb n="151" />
        139

nicht  geschrieben.  Wer  ein  solches  Werk  unternehmen
wollte,  muͤßte  die  Geschichte  der  verschiedenen  Europäischen
  Reiche  in  dieser  Periode  erst  sorgfältiger  studiren,
als  von  allen  bisherigen  Kirchenhistorikern  geschehen  ist.
Durch  die  Lectüre  von  Hume  und  Schmids  Geschichte
der  Teutschen  wird  man  sich  von  manchen  hier  gewöhnlichen
  Vorurtheilen  befreien;  so  wie  S.  Marc  über  die
Geschichte  von  Italien  manche  allgemeine  kirchenhistorische
Aufklärung  geben  kann.  Die  gangbarsten  Kirchengeschichtsbücher
  sind  aus  höchst  sonderbaren  Vorurtheilen
in  dem  mittlern  geitalter  sehr  dürftig;  doch  müssen  Semlers
  selecta  Capita  ausgenommen  werden.

Ge.  Calixt  hat  eine,  besondere  Kirchengeschichte  des  Zten,
oten  und  loten  Jahrhunderts  geschrieben.  Im  Jahre
1057  war  aber  gewiß  noch  nicht  die  Hälfte  der  Quellen
bekannt,  aus  welchen  man  schöpfen  muß.

Wer  Geschichte  des  Pabsithums,  dessen  Entstehungsepoche
in  diese  Zeiten  fällt,  sorgfältig  kennen  lernen  will,  bleibe
nicht  bei  den  gewöhnlichen  Büchern  von  Mornay,
Heidegger  und  Cyprian.  Was  Muratori  aus  Gelegenheit
  der  Streitigkeit  von  Comachhio  geschrieben,
zeigt  die  Rdmischpolitischen  Verhältnisse  des  Pabsts  am
besten,  und  seine  allgemeine  Geschichte  kann  ohne  die
Kenntniß  der  Geschichte  einzelner  Reiche  unmoͤglich  erlernt

  werden.

Geschichte  der  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion.
.  1..
Nevolution  des  Muhaͤmmedanismus.

Die  Christliche  Religion  schien  vorzüglich  im  Orient  ihrer
Herrschaft  so  gesichert  zu  seyn,  daß  man  es  wohl  kaum  für!
        <pb n="152" />
        140

moͤglich  gehalten  haͤtte,  sie  wieder  gestuͤrzt  oder  wenigstens  sehr
eingeengt  zu  sehen.  Bis  in  den  entferntesten  Osten  von  Asien
drangen  Missionarien  der  Chaldaͤischen  Christenpartie.  Sie
stifteten  dort  blühende  Christliche  Gemeinden,  und  die  unermüdete
  Thätigkeit  aller  solcher  von  der  großen  Kirche  getrennter
  Secten  schien  fast  überall  der  Ausbreitung  der  Christlichen
  Religion  sehr  nützlich  zu  werden.  Selbst  wenn  auch
eine  zerobernde  heidnische  Nation  das  Orientalische  Kaiserthum
  zertrummern  sollte,  so  war  es  nach  der  Analogie  der
Occidentalischen  Geschichte-  sehr  wahrscheinlich,  daß  dieses
Volk,  wenn  einmal  der  erste  Sturm  vorüber  seyn  würde,  und
Aufklärung  allmälig  wirken  könnte,  endlich  selbst  auch  zur
Annahme  der  Christlichen  Religion  sich  entschließen  müßte.
Doch  alles  gieng  anders,  als  sich  nach  sonst  gewöhnlichem
Laufe  der  damaligen  Weltbegebenheiten  vermuthen  ließ.

In  Arabien,  von  woher  nie  noch  bis  dahin  irgend  eine
große  Weltrevolution  gekommen,  erhub  sich  unter  den  sonderbarsten
  Umständen  ein  neuer  Prophet  Muhämmed.
Ein  Mann,  der  unter  jedem  Volk  und  zu  allen  Zeiten  einer
der  größten  Männer  geworden  seyn  würde,  und  dessen  Nachruhm
  bloß  durch  die  abwechslenden  historischen  Traditionen
gelitten  zu  haben  scheint,  die  leider  der  Geschichte  eines  jeden
Religionsstifters  so  nachtheilig  zu  seyn  pflegen.  Verbreitung
und  Behauptung  der  ersten  Grundwahrheit  der  natürlichen
Reltgion  (es  ist  ein  Gott)  war  erster  Hauptzweck  seiner  so
genannten  neuen  Religion,  und  der  zweite  Hauptsatz,  den  er.
predigte  (Muhämined  sein  Prophet)  schien  mehr  um  des
ersteren  willen  als  sein  selbst  wegen  dazu  zu  gehören.  Wo
ein  Mann  von  so  glühender  Einbildungskraft,  als  er  war,
Selbstbetrüger  zu  werden  anfange,  ist  in.  lebenden  Beispielen
so  schwer  zu  entscheiden;  wie  vollends  noch  in  seinem  Falle,
        <pb n="153" />
        141

der  aus  Mangel  hinlaͤnglicher,  kritisch  gelaͤuterter  Nachrichten
nie  in  seiner  rechten  Individualitaͤt  untersucht  werden  kann.

Kurz  sein  theistischer  Aposteleifer,  dem  er  sich  erst
als  Mann  von  mehr  als  vierzig  Jahren  zu  überlassen  anfieng,
  brachte  in  großer  Schnelle  und  selbst  durch  den  Widerstand
  noch  gereizt,  den  er  anfangs  sand,  Wirkungen  hervor,
  die  bald  nach  seinem  Tode  in  allen  drei  Welttheilen,
und  in  jedem  derselben  in  mehr  als  einem  Reiche  empfunden
  wurden.  Man  muß  aber  hiebei  nicht  alles  auf  seine,  vielleicht
  manchen  Proselyten  höchst  erwönschte  Moral  rechnen;
nicht  alles  aus  der  Gewalt  der  Waffen,  die  hiebei  gebraucht  wurden,
  erklären  wollen;  der  reine  Theismus  mag  hiebei  doch  wohl
auch  seine,  jeder  Wahrheit  natürliche  Kraft  geäußert  haben.

Kein  Jahrhundert  nach  seinem  Tode  war  verflossen,  so
hatten  seine  Nachfolger  im  politischen  und  religidsen  Sinne,
Persien,  Syrien,  einen  Theil  von  Kleinasien,  Aegypten,  die
Nordafrikanischen  Küsten  und  Spanien  erobert.  Die  blähendsien
  Christlichen  Kirchen  waren  wie  hinweggetilgt  von  der
Erde.  Kaum  erhielt  sich  hie  und  da  noch  neben  dem  herrschenden
  Islamismus,  ein  schwacher  Schatten  derselben,  und
in  allen  diesen  Ländern  (das  einzige  Spanien  ausgenommen),
erkennt  man  bis  auf  den  heutigen  Tag  kaum  noch  die  Stätte,
wo  der  Leuchter  mag  gestanden  haben.

6.  2.  Z

Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  in  Teutschland.

Es  war  kein  Ersatz  für  diesen  schrecklichen  Verlust,  daß
die  Chrisiliche  Religion  nach  und  nach  besonders  in  Teutschland
  einigen  festen  Fuß  gewann,  und  es  gieng  hier  so  langsam,
  auch  bekamen  unsere  Voreltern  unter  dem  Namen-Christlicher
  Religion  einen  so  jämmerlichen,  fast  bloß  dem
Namen  nach  von  ihrem  bisherigen,  verschiedenen  Aberglau-
        <pb n="154" />
        142

ben,  daß  man  nicht  weiß,  wo  und  wenn  man  den  Anfang
wahrer  Christlicher  Religion  in  Teutschland  festsetzen  solle.
Nachdem  nehmlich  England,  Schottland  und  Irrland
noch  in  der  vorigen  Periode  durch  Weiber  und  Missio—
narien  gewonnen  worden  waren,  so  giengen  aus  diesen  Königreichen
  von  Zeit  zu  Zeit  neue  Missionarien  zu  uns  Teutchen
  herüber;  es  war,  als  ob  wir  durch  alle  Jahrhunderte
shindurch  Engländern  unsere  Bildung  zu  verdanken  haben  sollten.
  Gleich  in  den  ersten  Jahren  des  siebten  Jahrhunderts
predigte  der  Frrländer  Columban  nebst  seinen  Gefährten,  den
Schwaben,  Baiern  und  Franken.  Den  Schwaben  predigte
der  Gefährte  Comlumbans,  Gallus.  Die  Ostfranken  bekehrte
Kilian,  und  ein  noch  viel  thätigerer  Mann,  als  diese,  war
der  Engländer  Willebrod,  der  sich  um  die  Bekehrung  der
Friesen  verdient  gemacht  hat.  Er  ließ  zwar  seiner  Predigt
durch  Pipins  Waffen  den  Weg  bahnen,  und  vielleicht  war
es  auch  unter  einem  so  unpolicirten  Volk  nicht  anders  möglich,
aber  der  unerschrockene  Muth  ist  doch  gewiß  zu  schätzen,  womit
sich  er,  wie  andere  dieser  Männer  den  sichtbarsten  Gefahren  so
viele  Jahre  hindurch  unterwarf.  Heilige  waren  sie  zwar  nicht,
und  auch  nicht,  nur  nach  dem  Maaß  ihrer  Zeit,  aufgeklärte
Theologen:  aber  ein  solcher  Enthusjasmus  komm  selten  doch  in
eine  gemeine  Seele,  und  hält  gewiß  nicht  in  einer  gemeinen
Seele  gegen  den  Sturm  so  vieler  Jahre  aus.  Doch  alle  seine
Vorgänger  verdunkelte  der  Engländer  Winfriod  (Bonifacius),  der
unserer  Teutschen  Kirche  ihre  erste  fortdaurende  Verfassung  gab.
Es  hätte  ihm  in  seinem  Vaterlande  an  ansehnlichen  Stellen
  nicht  gefehlt,  aber  er  hatte  keine  Ruhe  zu  Hause.  Er
brannte  für  Begierde,  dem  Christenthum  als  Missionarius
unter  den  Ungläubigen  zu  nützen.  Da  nun  England  vorzüglich
  vor  allen  übrigen  Europäischen  Reichen  schon  laͤngst
        <pb n="155" />
        143

in  genauerer  Verbindung  mit  dem  Roͤmischen  Bischof  war,
so  lag  ihm  dem  Englaͤnder  der  Einfall  ganz  nahe,  sich  von  dem
Roͤmischen  Bischof  zu  einer  solchen  Mission  legitimiren  zu
lassen.  Der  Roͤmische  Bischof  empfahl  ihn  an  Karl  Martel;
Karl  Martel  an  alle  Bischöfe,  Herzoge  und  Grafen.  Mit
brennendem  Eifer  gieng  Winfried  nach  Hessen,  aus  Hessen
nach  Thüringen,  zerstörte  die  Götzenaltäre  und  baute  Christliche
  Kirchen.  Der  Pabst  ernannte  ihn  endlich  zum  Erzbischof,
  und  gab  ihm  das  Pallium.  Noch  war  er  immer  nur
Bischof  und  Erzbischof  ohne  Kirche.  Im  Jahr  755  aber
ward  Bischof  Gewilieb  von  Mainz  abgesetzt,  Bonifacius  kam
an  seine  Stelle,  und  sah  sich  nun  an  der  Spitze  der  ganzen
Osifränkischen  Geisilichkeit.  Noch  in  hohem  Alter  gieng  er
das  Evangelium  weiter  zu  predigen,  aufs  neue  unter  die
Friesen,  und  fand  daselbst  seinen  Tod  im  Jahr  754.

Teutschland  hat  dem  Bonifacius  Unendlich  viel  Gutes
und  Uebels  zu  verdanken.  Er  gab  durch  Einrichtung  einer
Hierarchie,  der  Christlichen  Religion  in  Teutschland  die  zuverlässigste
  Hoffnung  einer  ungehinderten  Fortdauer.  Er  stiftete
  Klöster,  in  welche  sich  nicht  allein  die  Wissenschasten  flüchten
  konnten,  sondern  die  auch  herrliche  Erziehungsseminarien
für  den  jungen  Klerus  waren.  Er  betrieb  seinen  Entwurf
mit  einer  Thätigkeit,  die  sich  durch  alle  Kabalen  und  Nachlässigkeiten
  des  Fränkischen  Hofs  nicht  ermüden  ließ.  Er
führte  in  Teutschland  die  Synodalanstalten  ein,  wodurch  die
Kirchenzucht  immer  im  Gang  erhalten  und  verbessert  wurde,
und  wenn  je  dieses  auch  zum  Glücke  Teutschlands  gehört,
die  Bischoͤfe  an  den  Reichsangelegenheiten  Theil  bekamen.

Zum  härtesien  Vorwurf  macht  man  es  ihm,  daß  er  durch
seine  Anhänglichkeit  an  den  Roͤmischen  Stuhl  den  Grund
zur  päbstlichen  Hoheit  über  Teutschland  gelegt  habe.  Er  selbst
        <pb n="156" />
        144

schwur  dem  Rmischen  Bischof  einen  Eid,  der  nicht  viel  von
dem  verschieden  war,  welchen  ein  Bischof  aus  dem  Römischen
  Sprengel  schwören  mußte;  und  fast  hätte  schon  er
diesen  Eid  wenigsiens  bei  den  großen  Bischbfen  allgemein  gemacht.
  Nichts  großes  und  nichts  kleines  gieng  vor,  worüber
  er  sich  nicht  von  Rom  aus  Anweisung  oder  Bestätigung
  erbat.  Rom  lernte  also  schon  durch  ihn,  sich  in  alle
Kirchenangelegenheiten  mischen.  Aber  war  nicht  Bonifacius
fast  gendthigt  so  zu  handeln?  Wie  konnte  er  offen,  ohne  beständige
  Verbindung  mit  dem  Römischen  Bischof,  seine  Bitten
  bei  dem  Fränkischen  Hof  recht  gültig  zu  machen?  Wie
sollte  er,  ein  einzelner  fremder  Priester,  gegen  den  Haß  mancher
  Fränkischen  Bischöfe  und  gegen  die  Gewaltthätigkeit  der
Fränkischen  Großen  sich  schützen?  Was  gab  seiner  neugepflanzten
  Kirche  eine  zuverlässigere  Hoffnung  der  Fortdauer,
als  wenn  sie  Kirche  des  Römischen  Bischofs  war?  Voraussehen
  konnt'  er  wohl  nicht,  wohin  endlich  ein  solches  Verfahren
  führen  mußte.  Er  handelte  ganz  nach  der  Fähigkeit  und
den  Begriffen  seines  unerfahrnen  Zeitalters.  Sein  eigener
Charakter  war  ein  Gemische  von  Frömmigkeit  und  Ehrgeiz,
wie  man  es  oft  bei  den  größten  Männern  antrifft.  Der
thätige  Mann  wird  sehr  leicht  zum  gewaltthätigen  und  herrschsüchtigen,
  und  es  erfodert  viel  Kräfte  über  sich  selbst,  bei
Ausführung  einer  Absicht,  von  deren  Vortrefflichkeit  man  ganz
überzeugt  ist,  die  strengste  Auswahl  der  Mittel  zu  beobachten.

Corbinian,  der  Stifter  des  Bisthums  Freisingen,  und
Mirminius,  der  außer  manchen  andern  Klöstern  noch  die  berühmte
  Abtei  Reichenau  errichtete,  sind  nur  im  Kleinen  was
Bonifacius  im  Großen  war.  Alle  diese  Bekehrungen  waren
immer  noch  erträglich,  wenn  nur  noch  ein  Apostel  dabei  war,
aber  Karl  der  Große  verfuhr  mit  den  Sachsen  soldatisch.
        <pb n="157" />
        145

5.  3.

Es  war,  wie  es  scheint,  bei  Karln  dem  Großen  nicht
so  ganz  bloß  Liebe  zur  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion,
welche  ihn  so  hartnäckig  machte,  den  Sachsen  ihren  Aberglauben
  zu  entreissen,  als  vielmehr  Ueberzeugung,  daß  kein
anderes  Mittel  seyn  werde,  dieses  kriegerische  Volk  vdllig  zu
unterjochen.  Liebe  zu  den  Waffen  und  Liehe  zur  Freibeit
war  ganz  in  den  Geist  der  Altsächsischen,  Religion  verwebt,
und  dieses  Volk  konnte  nicht  anders.  zum  Genusse  des  Friedens
  gewöhnt  werden,  als  durch  gänzliche  Umbildung  seines
Nationalcharakters  und  seiner  ganzen  häuslichen  Verfassung.
Marienbilder  und  Krucifire  gegen  ihre  Götter  einzutauschen,
schien  zwar  nicht  beschwerlich,  aber  Zehenten  an  die  Bischoͤfe
geben?  Ganze  Diät  und  Sitten  ändern?  Karl  hielt  entweder
  diese  Klagen  der  Sachsen  für  wirkliche  Abneigung  gegen
  die  Ehristliche  Religion,  oder  glaubte  Ungerechtigkeiten
begünstigen  zu  müssen,  welche  ihm  dadurch  nutzlich  wurden,
daß  sie  ein  Volk  demäthigten,  von  dessen  Freiheiksliebe  beständige
  Empbrungen  zu  befürchten  waren.

Volle  dreißig  Jahre  war  fast  ein  beständiger  Krieg  Karls
gegen  diese  immer  aufs  neue  sich  empbrende  Nation.  Auf
die  verweigerte  Annahme  der  Taufe  wurde  Todesstrafe  gesetzt.
  Karl  ließ  einmal  fünfthalbtausend  Sachsen  im  Grimm
niederhauen;  er  ließ  sie  wie  eine  Heerde  Vich  in  den  Fluß
hineintreiben  und  mit  Wasser  besprengen.  Noch  hätte  selbst
die  dußerste  Grausamkeit  die  Rebellen  nicht  zum  Gehorsam
gebracht,  wenn  nicht  die  Macht  der  Nation  durch  Verpflanzungen
  geschwächt  worden  wäre,  und  die  neuerrichteten  Bisthümer
  dem  Kaiser  eben  die  Dienste  gethan  hätten  als  ein  Paar
neuerrichtete  Statthalterschaften.

Karls  Betragen  gegen  die  Sachsen  ist  das  erste  Bei-Spittler's
  sämmtl.  Werke.  U.  Bl.  10
        <pb n="158" />
        146

spiel,  daß  Christliche  Religion  mit  Gewalt  der  Waffen  bei
einer  ganzen  Nation  ausgebreitet  wurde.  Zur  unerwarteten
Ehre  des  damaligen  Klerus  erscheint  kein  Bischof  als  Auf—
hetzer..  Zu  Rom  billigte  man  zwar  schon  damals  diese  Dragonaden,
  aber  man  hat  doch  keine  Spur,  daß  der  Rdmische
  Bischof  Karln  aufgefodert  oder  ermuntert  hätte.  So
wahr  ists  also  auch  hier,  daß  die  traurigsten  Scenen  der  Kirchengeschichte
  diejenige  sind,  wo  pölitisches  Interesse  unter
der  Maske  der  Religion  sich  zu  verbergen  suchte.
S  4.
Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  im  Norden.

Ludwig  der  milde  war  in  Ausbreitung  der  Christlichen
Religion  eben  so-  eifrig  als  sein  Vater;  nur  weniger  gluͤck—
lich,  weil  er  weniger  gefuͤrchtet  war,  und  seinen  Aposteln  den
Weg  weniger  bahnen  Honnte.  Ansgarius  und  Autbert
wurden  unter  ihm  die  Missionarien  der  nördlichen  Königreiche,
  aber  bei  den  haufigen  Regimentsveraͤnderungen  und
bei  den  völlig  barbarischen  Sitten  dieser  Völker  mußte  der
groͤßte  Theil  besonders  ihrer  ersten  Bemuͤhungen  vergeblich
seyn.  Selbst  die  Errichtung  des  Erzbisthums  Hamburg  entsprach
  den  gefaßten  Hoffnungen  nicht,  und  kaum  konnte  der
vierzigjährige  Eifer  des  Ansgarius  und  der  oft  gebrauchte
Name  der  Fränkischen  Könige  den  neugepflanzten  Baum  so
lange  schützen,  bis  er  einige  Wurzeln  geschlagen  hatte.  Wie
mag  wohl  die  Ueberzeugung  dieser  Volker  von  der  Wahrheit
der  Christlichen  Religion  beschaffen  gewesen  seyn,  da  in  Schweden
  auf  ein  Paar  Reichsversammlungen  durch  das  Loos  entschieden
  wurde,  ob  man  das  Christentbum  verstatten  wolle
oder  nicht?

Ansgarius  verdient  übrigens  noch  mehrere  Achtung  als
Bonifacius.  Dem  uneigennützigen  Manne  ist  nie  so  gut  auf
        <pb n="159" />
        147

dieser  Welt  geworden  als  dem  Mainzischen  Primaten.  Sein
ganzer  Sprengel  bestand  anfangs  in  vier  Pfarrkirchen,  und
um  nur  leben  zu  können,  wies  ihm  Ludwig  der  milde  die
Einkünfte  eines  Brabantischen  Klosters  an.  Nie  war  er,
selbst  bei  günstigern  Zeiten,  so  politisch  bedeutend  als  Bonifacius;
  denn  er  kam  nicht  nach  Hof,  er  hatte  den  Geist  der
Geschäftigkeit  und  Staatsbetriebsamkeit  nicht,  durch  welchen
der  letztere  so  viel  möglich  machte.  Gewalt  konnte  er  nicht
bei  seinen  Bekehrungen  brauchen,  sonst  that  er  aber  auch  alles,
was  man  von  einem  Apostel  dieser  Zeit  erwarten  darf.  Er
verrichtete  Wunder,  vielleicht  wohl  nicht  immer  als  Betrüger,
aber  wenigstens  als  selbst  leichtgläubiger;  er  predigte  keine
aufgeklärtere  Religion  als  Bonifacius,  nur  war  er  frei  von
der  Anhänglichkeit  an  den  Römischen  Stuhl.
g.  5.

Bekehrung  der  Bulgaren,  Böhmen,  Mähren,  Russen.

Die  Orientalischen  Christen  scheinen  nicht  so  viel  für
die  Ausbreitung  ihrer  Religion  gethan  zu  haben  als  die
Abendländer.  Wenigstens  sind  im  neunten  Jahrhundert  nur
die  zwei  Mönche  Methodius  und  Cprillus  berühmte  Missionarien
  derselben  gewesen.  Bei  den  besiändigen,  friedlichen
und  kriegerischen,  wechseleweisen  Verbindungen  der  Bulgaren
und  Griechen,  mußten  jene  nothwendig  von  der  Christlichen
Religion  einige  Nachricht  bekommen.  Griechische  Gefangene,
  welche  sich  eine  Zeit  lang  bei  den  Bulgaren  aufhielten,
und  Bulgarische  Gefangene,  welche  zu  Constantinopel  Griechische
  Religion  und  Einrichtungen  kennen  gelernt  hatten,
machten  dieses  wilde  Volk  nach  und  nach  mit  den  Christen
vertraut.  Der  Mönch  Methodius,  welchen  der  Bulgarische
König  als  einen  berähmten  Maler  von  Constantinopel  kommen

  ließ,  bekehrte  den  König,  und,  wie  gewöhnlich,  mit  die-107
        <pb n="160" />
        148

sem  das  ganzen  Volk,  durch  ein  Gemaͤlde  vom  juͤngsten  Gericht.
Cprillus  machte  sich  besonders  um  die  Slavischen  Völker  verdient,
  er  war  nicht  allein  Missionar  sondern  Wohlthäter  durch
allgemeine  Aufklärung.  Er  erfand  ihnen  Buchstabenschrift,
übersetzte  die  Bibel  in  ihre  Sprache,  und  beförderte  selbst  zur
Beschämung  der  Fränkischen  Geistlichkeit,  mit  seinem  Freunde
Methodius  die  Ausbreitung  des  Christenthums  unter  den  Mähren
  und  Böhmen.

Auch  die  Russen  sind  Zöglinge  der  Constantinoplischen
Kirche.  Dieses  Volk,  eine  Mischung  von  Slaven,  Waraͤ-gern
  und  Cumanen,  machte  sich  durch  Streifereien  und
Siege  schon  in  der  Mitte  des  neunten  Jahrhunderts  dem
Griechischen  Kaiser  fürchterlich.  Basilius  Macedo,  ein
Zeitgenosse  Karls  des  Kahlen,  bewog  sie  endlich  zu  Anhörung
  Christlicher  Lehrer:  doch  waren  bald  alle  Spuren  wieder
  verlöscht,  und  erst  zu  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts
konnte  das  Christenthum  siegen.  Der  Russische  Fürst  Wladimir
  der  Große  heurathete  eine  Griechische  Prinzessinn  Anna,
und  mit  ihr  die  Christliche  Religion.  Eben  das  politische
Interesse,  das  dem  Christenthum  bei  den  Occidentalern  so
manchen  Eingang  verschaffte,  bahnte  seinen  Weg  auch  im
Orient.  Allianzen  mit  dem  Griechischen  Kaiser,  welche  für
einen  Fürsten  wie  Wladimir  immer  sehr  interessant  waren,
wurden  nie  anders  als  durch  Annahme  der  Christlichen  Religion
  zuverlässig,  und  wenn  ein  Fürst  Aufklärung  seines
Volks  suchte,  so  konnte  er  sie  nirgends  herholen  als  von  Constantinopel.
  Da  war  aber  keine  Wissenschaft  und  keine  Kunst,
welche  der  Grieche  besaß,  in  die  sich  nicht  Spuren  seiner
Religion  eingedrückt  hatten.  Der  größte  Maler  war  nichts
als  Maler  von  heiligen  Bildern,  von  Gegenständen,  welche
aus  seiner  Religionsgeschichte  hergenommen  waren,  oder  die
        <pb n="161" />
        149

selbst  Objecte  der  Verehrung  werden  sollten.  Das  ganze
Kriegs=  und  Hofceremoniel  war  voll  cchristlichabergläubischer
Gebräuche.  Es  war  unmöglich  von  einem  oder  dem  andern
etwas  nachzuahmen,  ohne  nach  und  näch  mit  dem  Christenthum
  bis  zur  Annahme  desselben  vertraut  zu  werden.  Sobald
  auch  ein  solches  Volk  Schriften  in  seine  Sprache  übersetzt
  haben  wollte,  so  war  wieder  nichts  anders  möglich,  als
Christliche  Schriften  zu  nehmen,  denn  die  Schriften  der  alten
Römer  und  Griechen  waren  viel  zu  wenig  im  Gang,  selbst
auch  auf  die  Vorstellungsarten  solcher  Völker  viel  weniger
passend,  als  die  so  ganz  in  sinnlichen  Aberglauben  verwandelte
  Religion  der  Griechen.  Jedes  rohe  Volk  hält  den  Gott
für  den  besten  Gott,  dessen  Bekenner  mächtig  und  reich  sind.
Der  Glanz  des  Byzantinischen  Hofs  gründete  sich  theils  noch
auf  alten  Credit,  theils  auch  auf  wirkliche  Macht,  und  durch
den  Handel,  zu  dessen  Betreibung  alle  diese  Völker  nicht
genug  Cultur  hatten,  flossen  nach  Constantinopel  die  Reichthümer
  des  ganzen  Osten  zusammen.  "

Von  dieser  Seite  lernt  man  erst  den  Schaden  übersehen,
welchen  die  Araber  der  Christlichen  Religion  zufügten,  und
die  Ursachen  zeigen  sich  deutlich,  warum  nicht  die  Christliche
Religion  nach  Erkaltung  des  ersten  fanatischen  Eifers  endlich
  durch  allmäligen  Einfluß  wieder  gessegt  habe.  Auch  die
Wahrheit  der  Muhämmedanischen  Religion  konnte  durch  die
Macht  seiner  Bekenner  und  selbst  zum  Nachtheil  des  Christenthums
  erwiesen  werden.  Die  Araber  übertrafen  die  Griechen
  sehr  bald  in  allen  Kenntnissen,  und  auch  bei  ihnen  bezog
sich  die  Summe  ihrer  Religion  nicht  bloß  auf  Sage  und  Tradition,
  sondern  auf  ein  allgemein  gangbares  Buch,  das  überdieß
  noch  in  einer  recht  sinnlich  starken  Sprache  geschrieben
war.  Ihr  Handel  wurde  sehr  frühe  viel  ausgebreiteter  als
        <pb n="162" />
        150

der  Handel  der  Griechen;  denn  ihre  Herrschaft  erstreckte  sich
viel,  tiefer  in  das  östliche  Asien  hinein,  und  Alerandrien  war
viel  bequemerer  Stapel  als  Constantinopel.  Die  Herrschaft
der  Sprache  der  Araber  drang  so  weit  als  die  Herrschaft
ihrer  Waffen,  wurde  selbst  durch  Religionsbegriffe  gleichsam
geheiligt,  und  durch  schone  Schriftsteller,  besonders  Dichter,
dem  Volk  immer  unvergeßlicher  und  unentbehrlicher  gemacht.
Kenntniß  der  Griechischen  Sprache  aber  wurde  immer  seltener,
  und  die  Sprache  selbst  verlor  unter  der  Bearbeitung
der  Mönche  immer  mehr  von  dem,  was  ihr  vorher  Anmuth
und  Stärke  gegeben  hatte.  Die  ganze  Religion  der  Griechen
  bezog  sich  auf  Bilderdienst  und  verjährte,  längst  nicht
mehr  verstandene,  Bestimmungen  gegen  alte  Ketzer.  Die  Religion
  der  Araber  bezog  sich  auf  die  sinnlich  treffendsien  Bilder
  von  Himmel  und  Hölle,  welche  Muhämmed  gerade  so
beschrieben  hatte,  wie  lder  wollüstige  Morgenländer  jenen
höchst  wünschenswürdig  und  diese  höchst  fürchterlich  finden
mußte.  Wenn  zwei  solcher  Religionen  einander  entgegen  arbeiten,
  so  wird  gewiß  die  nicht  unterdrückt,  welche  im  Grund
nichts  anders  war  als  allgemeiner  Volksglaube  in  heilige
Dogmatik  verwandelt.

g.  6.
Verheerungen  der  Normänner.

Außer  diesen  Arabern  war  der  Christlichen  Kirche  kein
Volk  mehr  nachtheilig  als  die  Normänner.  Mit  der  Freude,
womit  der  Teutsche  Ritter  des  mittlern  Zeitalters  ausgieng,
Beute  auf  offener  Landstraße  zu  holen,  mit  eben  der  Freude
legten  sich  die  edelsten  der  Völker,  welche  an  den  Dänischen
und  Norwegischen  Küsien  wohnten,  auf  Seeräubereien.  Ihr
nächster  Weg  gieng  immer  nach  England  hinüber,  aber  so
viele  Helden,  als  ihrer  waren,  konnten  hier  nicht  gesättigt
        <pb n="163" />
        151
werden.  Sie  fuhren  an  die  Französsschen,  Spanischen  und
Itallänischen  Küsten  herab;  denn  je  größer  das  Abentheuer
war,  desto  würdiger  des  edlen  Normanns,  der  überdieß  von
den  schönen  Französischen  und  Italiänischen  Gegenden  ganz
bezaubert  wurde.  Wo  aber  einmal  ein  solcher  Schwarm  von
Kapers  nicht  unbereichert  hinweg  gieng,  da  kam  er  nächstes
Jahr  gewiß  wieder,

Karl  der  Große,  zu  dessen  Zeiten  diese  Gäste  sich  schon
eingesiellt  hatten,  machte  zu  Wasser  und  zu  Land  diel  trefflichsten
  Anstalten  zu  Bewahrung  der  Kuͤsten.  Unter  des  milden
  Ludwigs  Regierung  giengen  diese  Anstalten  wie  so  manche
andere  zu  Grund,  und  da  sich  die  Söhne  über  dem  Theilen
des  großen  Reichs  zankten,  bald  ewiger  Krieg  zwischen  den
Oheimen  und  Neffen  war,  der  Heeresbann  nachlässig  gehalten
  wurde,  so  kamen  die  Normänner  wieder,  und  plünderten
Teutschland,  Frankreich  und  Italien.  Es  galt  nicht  allein
dem  an  der  See  liegenden  Lande,  sondern  auf  ihren  platten
Schiffen  fuhren  sie  die  Ströme  hinauf,  und  plünderten  mitten
  im  Lande  die  größten  Städte  und  reichsten  Klöster,  Was
ihnen  dieses  Jahr  nicht  zu  Theil  werden  konnte,  war  ihnen
nächstes  Jahr  gewiß;  und  Teutschland  wurde  mit  doppelten
Ruthen  gezüchtiget,  wo  die  Normänner  nicht  hinkamen,  da
verwuͤsteten  die  Ungarn.

Die  Jahrbücher  dieses  Zeitalters  wissen  den  Jammer
nicht  genug  zu  beschreiben,  der  durch  diese  dftere  Verwüstungen
  angerichtet  wurde.  Niemand  wollte  das  Land  bauen;
denn  er  war  seiner  Ernte  nicht  versichert.  Die  wenigen
Städte,  welche  es  damals  noch  gab,  giengen  im  Rauch  auf,
wennn  sie  Normaͤnnern  und  Ungarn  irgendwo  auf  dem  Weg
lagen.  Die  Klbster  wurden  zerstört,  und  ihre  Zersthrung  war
        <pb n="164" />
        152

besonders  wegen  der  Klosterschulen,  der  Universitaͤten  des
demaligen  geitalters,  ein  ganz  unersetzlicher  Schade.

Eine  gluͤckliche  Epoche,  da'  endlich  diese  Seeräuber  anfiengen
  hie  und  da  sich  nieder  zu  lassen,  und  nach  und  nach
an  ordentliche  Staatsverfassungen  gewöhnt,  der  Aufklaͤrung,
das  hieß  damals  im  Occident,  dem  Christenthum  endlich
Raum  gaben.  Das  Mittel,  das  schon  so  oft  zur  Ausbreitung
  der  Christlichen  Religion  geholfen  hatte,  konnte  nun
auch  hier  zur  Bekehrung  der  Normaͤnner  mehr  beitragen  als

912  alle  Missionarien  und  Apostel.  Karl  der  einfaͤltige  gab  seine
Prinzessinn  Gisela  einem  der  ersten  Normaͤnnischen  Anfuͤhrer
Rollo,  er  trat  ihm  die  seither  so  genannte  Provinz  Normandie
  und  Bretagne  ab:  in  der  Taufe  erhielt  Rollo  den  Namen
  Robert.  Auch  in  andern  Orten  des  Fränkischen  Reichs,
wo  sich  die  Normänner  niederließen,  wurden  sie  durch  allerhand
häusliche  und  politische  Verbindungen  nach  und  nach  zum
Christenthum  gezogen.  Sie  hatten  vorhin  eigentlich  gar  keine
Religion  gehabt,  für  sie  war  also  der  Uebertritt  zum  Christenthum
  am  leichtesten,  und  er  wurde  für  sie  dadurch  noch  leichter,
  daß  man,  auf  Anrathen  des  Romischen  Bischofs,  nicht
einmal  die  äußeren  Gebräuche  des  Chrisienthums  mit  aller
Strenge  von  ihnen  foderte.

.  7.
Otteus  Verdienste  um  die  Bekehrung  der  Slavischen  Völker  in
Teutschland.

Seit  Bonifacius  und  Karls  des  Großen  Bemöhungen
war  aber  doch  immer  noch  das  von  Slavischen  Vöôlkern  bewohnte
  nördliche  Teutschland  unbekehrt  geblichen.  Schon
Karls  des  Großen  Beispiel  war  für  den  nacheifernden  Otten
1.  Beruf  genug,  sich  um  Ausbreitung  der  Ehristlichen  Religion
  an  der  Elbe  verdient  zu  machen;  ein  Glück,  daß  er  sich
        <pb n="165" />
        —

153

seinen  Helden  nicht  auch  in  der  Art,  dieselbige  auszubreiten,

zum  Muster  erwählte.  Otto  verfuhr  menschlicher,  vielleicht.
weil  er  weniger  durch  politische  Gründe  zur  Strenge  gezwungen
wurde.  Ihm  verdankt  Teutschland  die  Errichtung  eines  neuen
Erzstifts  zu  Magdeburg,  und  außer  diesem  der  vier  Bisthümer
  Brandenburg,  Havelberg,  Meissen  und  Naumburg;  denn
Errichtung  einer  ordentlichen  Hierarchie  in  solchen  neugewonnenen
  Ländern  hielt  man  schon  seit  Bonifacius  geiten  für
das  zuberlässigste  Mittel,  die  Christliche  Kirche  zu  gründen.
Die  Slavischen  Völker  verübten  zwar  anfangs  die  unerhörtesien
  Grausamkeiten  gegen  die  Bischöfe  und  Kirchen,  und
besonders  auszeichnend  war  der  Eifer  der  Böhmen.  Aber  die
Waffen  des  Königs  kamen  der  Christlichen  Religion  zu  Hülfe,

er  bezwang  die  Böhmen,  und  wußte  durch  andere  gute  Staatsanstalten,
  auch  die  übrigen  Slavischen  Völker  in  Respect  zu
zwingen.  Ueberhaupt  war  es  in  allen  Tractaten,  welche  Otto
mit  heidnischen  Fürsten  schloß,  immer  der  erste  Punct,  daß
sie  sich  entschließen  mußten,  seines  Glaubens  zu  werden,  und
ihrer  Entschließung  traute  er  so  lang  nicht,  bis  Bisthümer
errichtet  waren.

Der  Dänische  König  Harald  hatte  die  von  Ottens  Vater
  errichtete  Marggrafschaft  Schleswig  an  sich  gerissen.  Otto
drang  siegreich  bis  an  die  äußerste  Gränze  Jütlands.  Der
König  mußte  sich  unterwerfen,  ein  Christ  werden,  drei  neue
Bisthümer  zu  Schleswig,  Ripen  und  Aarhus  errichten,  über
welche  der  Hamburgische  Erzbischof  die  Aufsicht  haben  sollte.

Geschichte  der  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion,  die
sonst  so  interessant  ist,  wenn  man  dem  allmäligen  Gange
der  Verwandlung  eines  Volks  recht  genau  nachgehen  kann,
muß  jetzt  für  den  Freund  pragmatischer  Geschichte  einc  sehr
gleichgültige  Sache  werden;  sie  ist  fast  nichts  anders  als  eine
        <pb n="166" />
        154

Heurathsgeschichte,  ein  trocknes  Verzeichniß  neuer  Völker  und
eine  meistens  kaum  halb  gewisse  Darstellung  des  Charakters
der  Maͤnner,  welche  Apostel  dieser  Voͤlker  waren.  In  An—
sehung  der  Abendlaͤndischen  Reiche  bleibt  dabei  immer  noch
das  merkwuͤrdigste,  welche  Gemeinen  Abkoͤmmlinge  der  Grie—
chischen  oder  Lateinischen  Kirche  seyen.  In  den  erstern  kostete
es  den  Roͤmischen  Bischof  viel  groͤßere  Muͤhe,  paͤbstliches
Ansehen  zu  erhalten  und  seine  Verfuͤgungen  geltend  zu  ma—
chen;  denn  hier  hat  es  nicht  gleich  der  erste  Missionarius  als
Hauptartikel  des  Christlichen  Glaubens  vorgetragen,  daß
man  einem  fremden  Italiaͤnischen  Bischof  gehorsam  seyn  muͤsse.
Die  Filialkirche  behielt  oft  noch  lange  manche  Gebraͤuche  und
Meinungen  der  Mutterkirche,  und  schon  in  der  gegenwaͤrtigen
Periode  waren  Gebraͤuche  und  Meinungen  der  Griechen  sehr
verschieden  von  denen  der  Lateinischen  Kirche.

Die  ganze  Scene  der  Christlichen  Kirchengeschichte  hat
sich  jetzt  also  gedreht.  Die  Charte  von  Kleinasien,  Syrien
und  Aegypten  wird  nun  gleichsam  hinweggelegt,  sie  nützt  uns
wenig  mehr,  Europa  wird  Hauptschauplatz,  Teutschland  der
Mittelpunct  der  wichtigsten  Veränderungen,  Ein  Bischof,
von  dem  wir  zwar  auch  schon  in  der  vorigen  Periode  manches
  gehört  haben,  der  sich  aber  immer  doch  nur  als  mitspielende
  Person  zeigte,  isi  jetzt  Held  des  Stücks;  auf  ihn  reduciren
  sich  passiv  oder  actib  die  wichtigsten  Hauptrevolutionen,
  und  eben  diese  Revolutionen  sind  so  ganz  anderer  Art
als  die  der  vorigen  Periode,  verrathen  so  ganz  andere  Wünsche
  und  Neigungen  der  Menschen,  werden  durch  so  völlig
unähnliche  Mittel  betrieben,  daß  man  sich  unter  einen  ganz
andern  Himmel  versetzt  empfinden  muß,  wenn  man  sich  auch
nicht  sogleich  erinnern  würde,  daß  der  ganze  Schauplatz  gewechselt
  habe.
        <pb n="167" />
        155
Geschichte  der  Verfassung  und  Hierarchie  dieser  Periode.
  «

-  g.8.
GefchichtederdletasrchiedessiebentenJahrhunderts,vorzüglich
in  Ruͤcksicht  auf  Rom.

Am  Ende  der  vorigen  Periode  sah  es  gar  nicht  so  aus,
als  ob  man  im  Occident  oder  Orient  bald  einen  Pabst  bekommen
  werde.  Justinian  commandirte  seine  Bischoͤfe
wie  Soldaten,  und  er  schonte  der  großen  Bischoͤfe  zu  Rom,
Constantinopel,  Alexandrien  und  Antiochien  so  wenig  als
der  kleinern.  Durch  die  Eroberung  der  Araber  gieng  Alerandrien
  und  Antiochien  fast  ganz  zu  Grunde,  und  der  Bischof
von  Constantinopel  war  zu  nahe  bei  Hof,  sein  Stuhl  wurde
viel  zu  oft  bloß  nach  kaiserlicher  Willkühr  besetzt,  als  daß
hier  eine  wichtige  hierarchische  Erscheinung  zu  erwarten  gewesen
  wäre.  Der  Rdmische  Patriarch  war  also  fast  nur  allein
  übrig,  aber  alle  seine  äußere  Umstände  schienen  dem
Wachsthum  seiner  Größe  gar  nicht  günstig  zu  seyn.

Er  hatte  selbst  in  Italsen  ein  Paar  große  Magen,  die
ihm  zur  kränkendsten  Demüthigung  dienten.  Die  Erarchen,
Statthalter  des  Griechischen  Kaisers  in  Italien,  also  auch
Herrn  von  Rom,  handelten  fast  beständig  mit  dem  Geiz  und
der  Gewaltthätigkeit,  welche  den  Statthaltern  entfernterer  Provinzen
  eigen  ist,  und  Gelegenheit  gab  es  genug,  weil  auch  das
siebente  Jahrhundert  voll  dogmatischer  Unruhen  war,  bei  welchen
  der  Rbmische  Bischof  nicht  immer  das  für  wahr  hielt,
was  man  am  Hofe  zu  Constantinopel  für  Wahrheit  erklärte.
Der  Bischof  von  Ravbenna  bediente  sich  der  Gelegenheit  des
nähern  Zutritts  zum  Erarchen,  und  riß  sich  ganz  vom  Roͤmischen
  Gehorsam  los.  Die  Longobarden  waren  mächtiger  und
siegreicher  als  die  schläfrigen  Grie  chischen  Statthalter,  oft  mußt
        <pb n="168" />
        156

also  ein  Roͤmischer  Bischof  diesen  zu  Gefallen  leben,  und
vielleicht  wuͤrde  zwar  ein  kluger  Kopf  dieses  getheilte  Interesse
  für  die  Vermehrung  seiner  eigenen  Macht  benuͤtzt  haben,
aber  im  ganzen  Anfang  dieser  Periode  saß  kein  Mann  auf
dem  Roͤmischen  Stuhl,  welchem  Gelehrsamkeit  oder  politische
Feinheit  Respect  verschafft  hätte.

Die  großen  abendländischen  Königreiche  aber  Frankreich,
Spanien,  England,  waren  noch  gar  nicht  mit  Rom  in  eine
Hierarchie  verflochten,  und  England,  unter  allen  noch  der
gutwilligste  Sklave  Roms,  war  nur  von  weniger  Bedeutung,
weil  es  sich  noch  in  seine  sieben  Kbnigreiche  theilte.  Der
Klerus  aller  dieser  Konigreiche  handelte  für  sich,  und  glaubte
nicht,  bei  seinen  politischen  Unternehmungen  die  Hülfe  eines
so  entfernten  Bischofs  nbthig  zu  haben  oder  brauchen  zu  können.
  Sie  bezeugten  alle  Achtung  gegen  den  Remischen  Bischof,
  aber  diese  Achtung  schien  nicht  einmal  Vorbothe  einer
künftigen  großen  Gewalt  zu  seyn.  Allein  nur  bei  den  West-Gothen
  in  Spanien  hatten  sich  zu  Anfang  dieser  Periode  die
Bischöfe  so  mächtig  gemacht,  daß  durch  sie  die  Rechte  des
Adels  ganz  unterdrückt  wurden,  die  königliche  Gewalt  und
Austheilung  der  Krone  einzig  von  ihnen  abhieng.  Den  Roͤ-mischen
  Bischof  aber  fragte  man  dabei  nicht,  er  hatte  weder
Nutzen  noch  Schaden  davon.  In  Frankreich  machten  zwar
die  Dagoberte  große  Stiftungen  an  Kirchen  und  Klöster,  aber
die  ganze  Periode  der  Merovinger  war  viel  zu  militärisch.
Eben  das  Kloster  und  eben  die  Kirche,  welche  in  einem  Jahr
durch  die  Freigebigkeit  eines  Königs  zu  den  beträchtlichsten
Besitzungen  gelangt  war,  sah  sich  im  gleichfolgenden  Jahre
derselben  wieder  gewaltsam  beraabt.

Nichts  kam  zu  einer  gewissen  Festigkeit,  und  wie  hätte
sich  auch  diese  finden  sollen,  da  die  Bischöfe  selbst  größren=
        <pb n="169" />
        157

theils  ohne  alle  Kenntnisse  waren,  niemand  um  das  iWohl
der  Kirche  sich  bekümmerte.  Die  Benedictinermönche  breiteten
  sich  vorzüglich  in  Italien  und  Frankreich  aus,  erhielten
Besitzungen  von  einem  Umfang  wie  kleine  Fürstenthömer,
aber  diese  große  Göter  mußten  erst  durch  ihren  Fleiß  urbar
gemacht  werden,  und  ihr  Fleiß  wurde  alsdenn  doch  wieder
ein  Raub  der  allgemeinen  Unordnung.  Das  siebente  Jahrhundert
  ist  also  in  der  Geschichte  der  steigenden  Hierarchie
größtentheils  nur  wenig  merkwürdig:  viel  besser  fand  sich
alles  im  achten  Jahrhundert  zusammen.
.  9.
Geschichte  der  Hierarchie  des  achten  Jahrhunderts.

Die  siegreichen  Waffen  der  Longobarden  eroberten  ein
Stück  des  Erarchats  nach  dem  andern,  und  Aistulf  gewann  750
fast  alles  was  bisher  noch  von  Belisarius  und  Narses  Siegen
  übrig  geblieben  war.  Rom  selbst  sollte  sich  jetzt  dem
Longobardischen  König  unterwerfen.  Von  Constantinopel
war  keine  Hülse  zu  erwarten,  dort  zankten  sie  sich  wegen
Anbetung  der  Bilder,  und  der  Rimische  Bischof  zitterte  auch
vor  dem  Griechischen  Kaiser  so  sehr  als  vor  dem  Longobarden,
weil  ihre  Bildertheologie  einander  sehr  oft  ganz  ungleich  war.
Welchen  der  Occidentalischen  Könige  sollte  der  bedrängte  Bi.
schof  zu  Hülfe  rufen?  ihm  lag  am  meisten  daran,  entweder
nicht  unter  fremde  Oberherrschaft  zu  kommen  oder  sich  seinen
neuen  Herrn  mit  Klugheit  wählen  zu  können.

Pipin  saß  auf  dem  Fränkischen  Thron,  und  verdankte
wenigstens  den  ruhigen  Besitz  seiner  Krone  dem  Segen  des
Romischen  Bischofs.  Schon  nehmlich  seit  der  Mitte  des  siebenten
  Jahrhunderts  war  die  Macht  der  ersten  Minisier  und
Generale  (Major  Domus)  der  Fränkischen  Kdnige  so  hoch
gestiegen,  daß  sie  selbst  nicht  einmal  den  Namen  des  Königs
        <pb n="170" />
        158

bei  oͤffentlichen  Verhandlungen  brauchten.  Pipin,  der  schon
vom  Vater  und  Großvater  her  diese  Würde  und  diese  Macht
bei  seinem  Hause  sah,  fand  endlich  beschwerlich,  auch  nur
den  Schatten  eines  Königs  stehen  zu  lassen.  Nur  mußte
alles  so  geschehen,  daß  das  Volk,  dessen  Aberglauben  oder
religiöse  Treue  sehr  leicht  von  andern  eifersüchtigen  Großen
des  Reichs  mißbraucht  werden  könnte,  mit  verbundenen  Augen
  zu  dem  längst  gewünschten  Ziel  hingefährt  würde.  Der
Roͤmische  Bischof  that  den  Ausspruch,  daß  es  Pflicht  des  Pipin
  sey,  der  armen  Heerde  Volks  sich  zu  erbarmen  und  ihr
König  zu  werden.  Diese  seine  Einsegnung  des  Usurpators
war  einer  Gegengefälligkeit  werih:  Pipin  gieng  mit  einer
Armee  nach  Italien,  entriß  Aistulfen  einen  Theil  der  eroberten

  Länder  und  schenkte  dem  Rômischen  Bischof,  —  man

800

weiß  bis  auf  den  heutigen  Tag  eigentlich  noch  nicht  was?
Man  kann  nur  mit  Zuverlaͤssigkeit  sagen,  was  es  nicht  war.

Aistulfs  Nachfolger.  Desiderius,  der  seine  Graͤnzen  wieder
  zu  erweitern  suchte,  fand  am  Sohne  Pipins,  Karln  dem
Großen,  einen  noch  gefaͤhrlichern  Gegner,  und  Pabst  Hadrian
J.  einen  noch  großmuͤthigern,  Beschuͤtzer.  Das  Longobardische
Reich  wurde  zerstoͤrt,  und  Karl  vermehrte  die  Schenkungen
seines  Vaters  an  die  Roͤmische  Kirche.

Es  dünkte  den  schlauen  Bischof  Leo  III.  ein  Meisterstück
politischer  Klugheit  zu  seyn,  da  er  Karln  endlich  dazu  bewog,
daß  er  sich  zum  Rômischen  Kaiser  ausrufen  ließ.  Nun  war
des  Bischofs  Rachgier  gegen  den  Griechischen  Kaiser  gesättigt;
  der  neue  Name  gab  zwar  wenig  mehr  neue  Gewalt,
als  Karl  schon  als  Patricius  gehabt  batte,  aber  gerade  um
den  Namen  war  es  zu  thun,  um  ihn  dem  Griechischen  Kaiser
  ganz  an  die  Seite  zu  stellen,  und  Rom  von  aller  bisher

noch  immer  fortdaurenden  Abhängigkeit  von  Constantinopel
        <pb n="171" />
        159
loszureissen.  Wie  viel  gutes  konnte  man  von  einem  so  gnaͤ-digen
  neuen  Herrn  wie  Karl  war  erwarten,  der  selbst  die
Freigebigkeit  seiner  Voreltern  gegen  die  Roͤmische  Kirche  noch
uͤbertroffen  hatte.  Der  neue  Herr  war  gerade  so  nahe  und
gerade  so  weit  hinweg,  um  in  Nothfaͤllen  helfen  zu  koͤnnen,
und  doch  nicht  immer  mit  seiner  Gegenwart  beschwerlich  zu
seyn.  Die  Bischoͤfe  zu  Rom  hatten  auch  bisher  bei  vielen
innerlichen  Unruhen  empfunden,  welch  ein  Ungluͤck  es  sey,
idaß  niemand  den  umuhigen  Geist  der  Rdmer  bändigen  und
mit  Gewalt  zum  Gehorsam  zwingen  könne.  Sie  selbst  waren
  dazu  nicht  stark  genug,  noch  schwächer  war  die  von  Consiantinopel
  erwartete  Hülfe.  Schien  nicht  viel  gewonnen  zu
seyn,  unter  dem  Schutze  der  Waffen  Karls  die  Ruhe  und
den  blühendsten  Zustand  Roms  widerhergestellt  zu  sehen?
Der  Rdmische  Bischof  hät  Karln  zum  Kaiser  gemacht,  wie
jeder  Rebelle  seinen  erbetenen  Anführer  zu  seinem  Herrn
macht,  oder  wie  sich  ein  von  seinem  Regenten  verlassener
Unterthan  einen  neuen  Beschuͤtzer  sucht,  welchen  er,  waͤr'
es  auch  nur  durch  einen  Titel,  locken  will.  Ist  es  nicht  laͤ-cherlich,
  darauf  stolz  zu  thun?
.  10.  *
Veränderungen  der  innern  Kirchendiseiplin.

Indeß  sich  der  Roͤmische  Bischof  mit  Erarchen  und  Longobarden
  herumkämpfte  und  endlich  Fränkischer  Reichsunterthan
  wurde,  so  entwickelten  sich  in  der  innern  Verfassung
der  Kirche  allmälig  einige  Veränderungen,  welche,  so  klein

und  unbeträchtlich  ihr  Anfang  war,  endlich  zu  den  ausgcbreitetsten,
  unaufhaltbarsten  Revolutionen  Veranlassung  gaben.

Man  hatte  es  nehmlich  im  Occident,  da  si  ch  die  Christliche
  Religion  unter  den  neubekehrten  Volkern  nach  und
nach  emporarbeitete,  zuerst  mit  dem  Poͤnilenzwesen  nicht  so
        <pb n="172" />
        160

ganz  genau  genommen.  Wegen  der  Hauptverbrechen  (Mord,
Ehebruch,  Diebstahl)  war  zwar  gleich  anfangs  einiges  festgesetzt,
  aber  erst  wie  man  nach  und  nach  diese  Völker  zur
größern  Sittenreinigkeit  und  Frömmigkeit  mehr  gewöhnen
wollte,  so  setzte  man  auch  auf  geringere  Verbrechen  Strafen,
und  man  fieng  an,  die  Strafen  nach  den  Umständen,  unter
welchen.  das,  Verbrechen  geschehen  war,  bald  zu  erhöhen,  bald
zu  vermindern.  Ein  Griechischer  Moͤnch  Theodor,  der  nachher
  Erzbischof  von  Canterbury  wurde,  schrieb  noch  zu  Ende
des  siebten  Jahrhunderts,  besonders.  zum  Behuf  der  Beichtiger
  ein  Buch,  worin  die  aerschiedenen.  Gattungen  von  Sünden
  nach  den  mannigfalligsten  äußern  Um  tänden  dlassifteir
waren,  und  bei  feder  derselben  bestimmt  war,  welche  Büßung
dem  Beichrkind.  außzulegen  2D  bos.  si  ich  Zu  einem  solchen
Verbrechen-  bekenne.  In  dieser  Eündentare  wurden  dem
Baßferiigen  lunge  Fasten,  Pfalmenlefen  und  andere  derglei—
chen  Bößungen  enufgelegt.  Sie  wer,  uum  mehrerer  Bequemlichkeit
  willen  zugleich.  auch  so  eingerichtet.  daß  man  dem,
den  die  Natur  nicht  zum  Fasten  geschaffen  hatte,  die  Strafe
des  Fasiens  in  eine  gewisse  Anzahl  Psalmen,  oder  in  cine
gewisse  Summe  Almosen  verwandelte,  und  als  Almosen  galt
immer  auch,  was  man  der  Kirche  und  dem  Priester  schenkte.
Es  läßt  sich  leicht  errathen,  welche  Art  von  Satisfactionen,
des  Psalmbetens  oder  der  Schenkungen  an  die  Kirche,  der
Klerus  werde  begünstigt  haben.  Es  wurde  schnell  gangbar  in
redemtionem  peccatorum,  pro  merccde  animac  Schenkungen,
  an  die  Kirche  zu  machen.  Selbst  Karls  Schenkungen'
  an—  die  Römische  Kirche  geschahen  zum  Theil  in  der
Absicht,  und  man  schenkte  bald  nicht  mehr  bloß  alsdenn,
wenn  man  einc  gewisse  einzelne  große  Sünde  abzubößen
hatte,  sondern  man  glaubte  auch  seiner  geheimen  unerkannten
        <pb n="173" />
        161

-

Sünden  durch  fromme  Schenkungen  los  zu  werden.  Hiezu
kam  denn  noch  die  immer  ausgebildetere  Lehre  vom  Fegefeuer.


Schon  zu  Anfang  des  sechsten  Jahrhunderts  war  diese
Lehre  durch  Gregor  den  Großen  zum  erstenmal  in  die  Dogmatik
  eingeführt,  und  gleich  darauf  als  eine,  dem  ganzen
Zeitalter  sehr  behagliche,  Idee  durch  viele  Beschreibungen  erweitert
  worden.  Alle  Sünden,  welche  in  dieser  Welt  nicht
abgebüßt  worden,  sollten  im  Fegefeuer  abgebüßt  werden:  wer
verstand  sich  also  nicht  gerne  dazu,  durch  Freigebigkeiten  gegen

  den  Klerus  sich  einen  schnellern  Weg  zum  Himmel  zu

bahnen?  Und  bald  kam  noch  das  Vorurtheil  hinzu,  daß
Schenkungen  an  die  Rdmische  Kirche  zu  Erlassung  der  bevorstehenden
  Sündenstrafen  viel  wirksamer  seyn  müßten  als
Indulgenzen  von  einer  andern  Kirche  oder  gleichsam  auf  den
Namen  eines  andern  Heiligen  ertheilt.

Eine  nie  verstegende  Quelle  von  Einkünften  war  dem,

nach  gefunden,  und  sobald  man  merkte,  wie  ökonomisch  vortheilhaft
  für  den  Klerus  die  Sünden  der  Laien  sepen,  so

wurden  die  Sündenregister  immer  vollzähliger,  die  Taren  des
Fastens  und  Pfalmenlesens  immer  mehr  erhöht,  ihre  Vertauschung
  mit  baarem  Geld  immer  mehr  erleichtert.  Alle
Kirchenzucht  zerfiel  daher  auf  das  jämmerlichste;  Kirchen
  und  Klöster  wurden  reich.  Im  Gefolge  des  Reichthums
war  das  äußersie  Verderbniß  der  Sitten,  selbst  die  leichtfinnige
  Art,  wie  Priester  von  den  schröcklichsten  Suͤnden  dispensirten,
  mußte  in  der  Seele  des  Beichtvaters  und  des
Beichtkindes  alles  Gefühl  für  Moralität  ersticken.  Patrioten
der  Kirche  seufzten  und  klagten  laut  über  solche  Indulgenzen,
sie  wollten  die  alten  kanonischen  Strafen  wiederhergestellt  wissen,

  aber  ihre  Stimme  war  zu  unmächtig  und  vollends  ganz
Spittler's  simmtl.  Werke.  II.  Bd.  11
        <pb n="174" />
        162

ohne  Kraft,  da  mit  dem  Anfang  der  folgenden  Periode  die
Kreuzzuͤge  aufkamen,  und  jedem  Schurken  der  Himmel  versichert
  wurde,  wenn  er  nur  nach  Palästina  lief,  Seldschjuken
dort  todt  zu  schlagen.
ursprung  und  Geschichte  der  Klöstereremtionen.

Da  die  Klöster  durch  Schenkungen  frommer  Seelen  und
manche  mit  unterlaufende  fromme  List  nach  und  nach  zu  den
größten  Reichthümern  gelangken,  so  erwachte  nicht  nur  bei
den  Laien,  sondern  auch  bei  den  Bischöfen  Begierde  nach
denselben,  und  die  Bischöfe  hatten  so  viel  schönere  Gelegenheit,
  weil  die  Kldster  unter  ihrer  Jurisdiction  standen,  von
ihnen  visitirt  wurden,  und  der  Abt  selbst  auch  von  Verwendung
  der  Klostereinkünfte  dem  Bischof  Rechenschaft  zu  geben
verbunden  war.  Es  war  aber  offenbar  nicht  zu  erdulden,
wie  habsüchtig  die  Bischoͤfe  diese  Gelegenheit  benützten,  wie
viel  die  Klöster  dem  Bischof  für  die  Mühe  bezahlen  mußten,
welche  er  um  ihrentwillen  hatte.  Die  Aebte  suchten  also  endlich
  von  diesen  Fesseln  sich  loszumachen,  und  erst  nur  davon
frei  zu  werden,  dem  Bischof  von  den  Klostereinkünften  Rechnung
  ersiatten  zu  müssen.  Waren  sie  einmal  von  dieser  ökonomischen
  Subordination  frei,  so  fielen  auch  die  vielnamichken
  Tribute,  welche  der  Bischof  als  Visitationsgebühr  oder
unter  andern  Titeln  foderte.  Ein  zweites,  alsdenn  noch
mehr  zur  Unabhängigkeit  führendes  Privilegium  war,  wenn
Mörche  ihren  ganz  eigenen  Priester  im  Kloster  haben  konnten,
  und  der  Bischof  in  ihrem  Oratorium  nicht  mehr  Gottesdienst
  halten  durfte;  wenn  sich  die  Klosterkirche  nach  und
nach  zur  Parochialkirche  erhob,  und  doch  der  Abt,  nicht  der
Bischof  dem  Parochus  zu  befehlen  hatte.  So  floß  nach  und
nach  durch  die  Meßgebühren  und  Schenkungen  pro  redem-
        <pb n="175" />
        163

tione  peccatorum  ein  immer  größerer  Schatz  in,  die  Kasse
der  Kloͤster:  was  auf  den  Altar  gebracht  wurde,  gehoͤrte  dem
Kloster,  und  dieses  gab  seinem  Priester,  der  alles  durch  Messelesen
  verdienen  mußte,  einen  nur  willkuͤhrlich  mittelmaͤßigen
Gehalt.

Wenn  man  erst  einmal  auf  der  zweiten  Stufe  von  Unabhaͤngigkeit
  ist,  so  bleibt  man  selten  auf  derselben,  ohne  die
dritte  hoͤchste  zu  besteigen!  Die  Kloͤster  machten  sich  also
endlich  ganz  frei  von  aller  Aufsicht  des  Bischofs,  warfen  sich
in  den  Schutz  des  Pabsts,  bezahlten  diesem  ein  jaͤhrliches
Schutzgeld;  und  wurden  dafuͤr  ganz  als  Kloͤster  Roͤmischen
Sprengels  angesehen.

Diese  dem  ersten  Schein  nach  nur  wenig  bedeutende
Sache,  hatte  die  ausgebreitetsten  wichtigsten  Folgen.  In  den
Kloͤstern  zerfiel  alle  Zucht,  weil  kein  Aufseher  in  der  Naͤhe
war,  der  sie  haͤtte  strafen  koͤnnen.  In  dem  Roͤmischen  Bischof
  wurde  der  stolze  Gedanke  geweckt,  den  ganzen  Occident
  sich  als  seinen  Sprengel  zu  denken,  und  die  Mönche
erlaubten  sich  die  verwegensten  Eingriffe  in  die  Rechte  der
Bischbfe,  weil  sie  des  Sieges  versichert  waren,  wenn  die
Sache  zu  Rom  zur  Klage  kam.  So  bildete  sich  die  erste
Anlage  zu  demjenigen,  was  das  Pabstthum  im  zwölften  oder
dreizehnten  Jahrhundert  so  fürchterlich  machte,  und  die  Römische
  Hierarchie  wurde  ein  Staat,  dessen  Mitglieder  durchalle
  Europaische  Königreiche  zerstreut  waren,  und  bei  dem
genauesten  Zusammenhang  mit  ihrem  Oberhaupt  die  tüchtigsien
  Werkzeuge  wurden,  die  Absichten  desselben  auszuführen.
Manche  dieser  Wirkungen  zeigten  sich  gar  balb;  denn  schon
Karl  der  Große  und  noch  mehr  Ludwig  der  Milde  mußten  es
sich  zum  eigenen  Geschäfte  machen,  die  verfallene  Klosterzucht
wieder  herzustellen.  Zwar  fast  noch  mehr  Mühe  brauchte  es

117
        <pb n="176" />
        164

bei  dem  Klerus  als  bei  den  Moͤnchen,  um  Ehrbarkeit  und
Kenntnisse  zu  erhalten.
Ursprung  der  Canonicorum.

Karl  der  Große  suchte  durch  Beispiele  und  Ermahnungen
die  Schulen  bei  den  großen  Stiftskirchen  in  Gang  zu  bringen;  er
selbst  hatte  an  seinem  Hof  eine  Art  von  Schule  und  Akademie,
in  welcher  mancher  gute  Bischof  gezogen  wurde.  In  dem  letzten
  Viertel  des  achten  Jahrhunderts  aber  gerieth  ein  Bischof
von  Metz,  Chrodegang,  auf  den  Einfall,  den  Klerus  seiner
Kirche  dadurch  vom  Verderben  abzuziehen,  daß  er  denselben
zu  einer  an  gewisse  Regeln  gebundenen  gemeinschaftlichen  Lebensart
  gewöhnte.  Der  Bischof  und  alle,  welche  der  Gottesdienst
  bei  der  Kirche  beschäftigte,  sollten  zusammen  in  einem
Haus  wohnen,  in  gänzlicher  Gemeinschaft  der  Güter  mit  einander
  leben,  an  einem  Tische  wie  Klosterbrüder  mit  einander
essen  und  zu  einem  gewissen  gemeinschaftlichen  Gottesdienst  sich
verpflichten.  Diese  in  einer  Art  von  Claufur  zusammen  lebende
Geistliche  hieß  man  Canonicos.  ·

Welche  herrliche  Wirkungen  versprach  man  sich  nicht  von
dieser  Anstalt!  Wie  schnell  verbreitete  sie  sich  eben  deswegen  durch
alle  Europaͤische  Koͤnigreiche!  Karl  der  Große  und  Ludwig  der
Milde  befahlen  allen  Kirchen  ihres  Reichs,  diese  Anstalt  anzunehmen.
  So  glaubte  man  den  Geistlichen  aus  der  Welt  herauszuziehen,
  und  durch  die  Nothwendigkeit  einer  solchen  aͤußern
Lebensart  immer  mehr  an  seine  Bestimmung  zu  erinnern.
Wenn  der  Bischof  mit  allen  Klericis  seiner  Kirche  an  einem
Tisch  aß,  mit  ihnen  in  volliger  Gemeinschaft  lebte,  so  war
allen  bisherigen  Klagen  wegen  der  Kirchengüter  geholfen.  Der
Bischof  durfte  nicht  mehrere  Bedürfnisse  haben  als  jeder  andere
  Canonicus,  und  dieser  ihre  Bedürfnisse  im  Essen  und
        <pb n="177" />
        165

Trinken  waren  durch  die  Regel  bestimmt.  Die  Lust  zum  Jagen
  und  Krieg  mußte  beiden  vergehen,  weil  sic  beide  zu  gesetzter
Zeit  in  der  Clausur  seyn  sollten,  und  ihre  Stunden  singen  mußken.
  ·

So  schien  die  ganze  Kirchenverfassung  unter  Karl  dem
Großen  nach  und  nach  in  einen  Gang  gebracht  zu  werden,  der
viel  gutes  für  die  Zukunft  hoffen  ließ.  Der  Römische  Bischof
war  zwar  angesehen  und  selbst  auch  durch  Karls  Freigebigkeit
reich,  aber  er  galt  nicht  mehr,  als  ihn  Karl  wollte  gelten  lassen.
  Die  Synodalanstalten  blüheten,  und  auf  ihnen  beruhte  das
Leben  der  ganzen  Kirchenzucht.  Karl  selbst  hatte  durch  Zusammenrufung
  einer  großen  Fränkischen  Nationalsynode  nach
Frankfurt,  ein  wichtiges  Regentenrecht  ausgeübt.  Auch  die
Provinzialsynoden  hatten  grdßtentheils  ihre  ordentliche  Einrichtung,
  und  nichts  trug  mehr  dazu  bei,  die  Gesetze  des  Christenthums
  unter  den  neube  kehrten  Volkern  nach  und  nach  immer
mehr  einzuführen  als  die  jährlichen  Wisitationen,  welche  der
Bischof  in  seinem  Sprengek  zu  halten  verbunden  war.  Die
Geistlichen  genossen  große  Vorrechte,  aber  keines,  das  nicht
mit  dem  damaligen  Staat  in  bester  Harmonie  gestanden  wäre
und  der  schwache  neuanbrechende  Schimmer  von  Wissenschaften,
welche  Karl  mit  aller  Mühe  immer  wirksamer  und  allgemeiner
zu  machen  suchte,  hätte  vielleicht  endlich  seine  ganze  Kraft  geäußert.
  Allein  ein  einziger  Betrüger  und  Dummkopf  zernichtete
  alles,  und  gab  einen  neuen  Ton  für  das  ganze  Kirchenregiment
  an.  In  unbeschreiblicher  Herzenseinfalt  sprach  die
Welt  Jahrhunderte  lang  nach,  was  der  Betrüger  vorgesagt
hatte.

F.  13.
Geschichte  des  falschen  Isidorus.
Ludwig  der  Milde,  eine  gute  Seele,  aber  kein  starker

794
        <pb n="178" />
        166

großer  Geist  wie  sein  Vater,  wurde  sehr  bald  das  Gespoͤtte
seiner  Familie,  und  die  Bischoͤfe  vergaßen  den  Respect  gegen
ihren!  Regenten  noch  schneller  als  die  Söhne  des  Kaisers.  Wie
sollte  auch  noch  Respect  da  gewesen  seyn,  sie  hatten  dem  Kaiser
den  Armensündersrock  angezogen.  Die  Verwaltung  und  Entscheidung
  der  wichtigsten  Staatsangelegenheiten  war  vorzüglich
  in  ihre  Hände  gerathen,  und  unter  ihnen  selbst  regte  sich
Eifersucht.  Der  gemeine  Bischof  wollte  die  Ehre,  bei  Hof  zu
sepyn,  und  bei  Hofe  etwas  zu  gelten,  dem  Erzbischof  nicht  allein
überlassen;  der  Erzbischof,  an  den  Hofton  mehr  gewoöhnt,  mag
gegen  den  Bischof  manchmal  gewaltthätiger  gewesen  seyn  als
sich  geziemt  hätte.  .

Wie  vollends  das  große  Reich  unter  Ludwigs  Soͤhnen  in
mehrere  Theile  zerfiel,  und  die  kleineren  Herren  derselben  in
ewigem  Zwist  und  Krieg  mit  einander  lebten,  so  verbreitete  sich
das  alles  auch  auf  die  Bischoͤfe,  und  der  Suffraganeus  hatte
jetzt  desto  schoͤnere  Gelegenheit,  seinem  Erzbischof  nicht  zu  gehorchen,
  wenn  dieser  nicht  etwa  mit  ihmeinen  Koͤnig  zum  Herrn
hatte.  Wie  bedeutend  war  nicht  der  Rmische  Bischof  bei  den
Händeln  der  Söhne  Ludwigs  mit  ihrem  Vater  geworden;  noch
vornehmer  und  bedeutender  that  er  jetzt,  da  die  Söhne  selbst
unter  einander  in  beständigem  Zwisi  lebten.  Ein  Bischof  der
sich  von  der  Autorität  seines  Metropolitanen  und  der  Provinzialsynode
  loszureissen  suchte,  hatte  also  kaum  einen  andern
Ausweg,  als  sich  in  den  Schutz  des  Rbmischen  Bischofs  zu
werfen.

Diesen  Schritt  zu  erleichtern,  kam  vielleicht  einer  dieser
rebellischen  Suffrageneen  auf  den  Einfall,  eine  ganze  Sammlung
  falscher  Kirchengesetze  zu  verfertigen,  Decretalen  Römischer
  Bischbfe  der  vier  ersten  Jahrhunderte  zu  erdichten,  weil
er  ohnedieß  keine  aus  diesem  Zeitalter  in  seinem  Kirchengesetz-
        <pb n="179" />
        167

buch  fand,  und  diese  ehrwürdige  Alten,  wie  er  glaubte,  nach
Gutduͤnken  sagen  lassen  könnte,  was#er  jetzt  für  seine  Sache
vorträglich  hielt.

Schon  längst  war  nehmlich  in  den  Fränkischen  Staaten
eine  Sammlung  von  Kirchengesetzen  bekannt,  welche  den  Namen
  des  Spanischen  Bischofs  Isidor  führte.  Dieser  Sammlung
  fügte  der  Betrüger  seine  Erdichtungen  bei,  ersann  allerhand
  Lügen,  woher  dicses  neue  Buch  komme,  und  siellte  sich,
als  ob  es  schon  unter  Karls  des  Großen  Regierung  aus  Spanien
  gebracht  worden  wäre.  Z

Der  ganze  Zweck  des  Betrügers  gieng  sichtbar  dahin,  das
Aasehen  der  Metropolitane  und  der  Provinzialsynoden  völlig
zu  stürzen,  die  Anklage  eines  Bischofs  für  den  Laien  unmöglich
  zu  machen,  und  für  jeden  Geistlichen  so  sehr  nur  möglich
zu  erschweren.  Er  spielte  deswegen  alle  Kirchengewalt  in  die
Hände  des  Römischen  Bischofs.  Er  lößte  die  Bande  der  bisherigen
  Dibcessubordination  fast  völlig  auf,  und  stellte  jeden
gemeinen  Bischof  in  einer  Linie  mit  dem  Metropolitan  unter
den  Römischen  Bischof  hin.  Der  Rdmische  Bischof  wurde
für  den  Herrn  der  ganzen  Kirche  erklärt,  nur  von  ihm  hiengen
alle  Endurtheile  in  kirchlichen  Angelegenheiten  und  besonders
bei  Bestrafung  eines  Bischofs  ab.  Welcher  Metropolite  konnte
sich  entschließen,  seinen  ihm  bisher  subordinirten  Bischof  strafen
  zu  wollen,  wenn  er  erst  von  jedem  Schritt  zu  Rom  Rechenschaft
  geben  sollte!?  Wie  wurden  dadurch  alle  Processe
ins  Unendliche  gespielt,  ihre  richtige  Entscheidung  unmöglich
gemacht,  wenn  Streitigkeiten  nicht  an  der  Stelle,  wo  sie  entstanden
  waren,  untersucht  und  entschieden  werden  sollten?

Die  ganze  bisherige  Hierarchie  mußte  also  nothwendig  gestürzt,
  das  ganze  Verhältniß  der  Kirche  zum  Staat  vollig  geaͤndert
  werden,  wenn  diese  neue  Kirchengesetze  in  Gang  kom-
        <pb n="180" />
        168

men  sollten.  Wie  sollte  aber  auch  wohl  in  allgemeinen  Gang
kommen  koͤnnen,  was  nur  ein  einzelner  Mensch  gleichsam
aus  augenblicklichem  Beduͤrfniß  erdacht  hatte?  Wie  sollte
eine  so  aͤußerst  grobe  Betrügerei,  sobald  sie  sich  recht  ins
Publicum  wagte,  nicht  sogleich  entdeckt  und  zurückgewiesen
werden?  Es  scheint  oft  in  der  Geschichte  nicht  nach  den
ordentlichen  Regeln  der  Wahrscheinlichkeit  zu  gehen,  und  hier
ist  einer  der  Fälle.

In  den  Händeln,  welche  in  einigen  Dihcesen  entstanden,
  die  auf  der  Gränze  der  Reiche  Lothars  und  Karls  dez
Kahlen  lagen,  producirte  man  zuerst  diese  neue  Waare.  Die
Metropolitane,  welche  bisher  von  allem,  was  in  diesem  Buche
stand,  kein  Wort  gewußt  hatten,  wunderten  sich  des  neuen
Schatzes,  sahen  aus  dem  offenbaren  Widerspruch  mit  aͤltern
zuverlässig  ächten  Kirchengesetzen,  daß  es  mit  diesem  neuen
Moducte  nicht  ganz  seine  Richtigkeit  haben  könne.  Das
sicherste  Mirtel,  den  Werth  dieser  neuen  Erscheinung  zu  erfahren,
war  also  eine  Anfrage  zu  Rom,  wo  sich  von  so  vielen  neuerschienenen
  Decretalen  doch  einige  im  Archiv  finden  mußten.
Auf  die  erste  Anfrage  antwortete  der  Römische  Bischof  Nikolaus
  gar  nicht;  er  übergieng  in  seinem  Schreiben  die-einzige
  Stelle  des  Briefes,  wo  die  Frage  stand.  Endlich  kam
die  Frage  öfters.  Ganz  schweigen  konnte  der  Bischof  unmöglich
  mehr,  er  antwortete  also  bloß  so,  daß  er  alle  Grände,
welche  von  den  Gegnern  dieser  Decretalen  angeführt  wurden,
als  ungültig  verwarf.  Gründe  verwerfen,  welche  gegen  eine
Sache  angeführt  werden,  heißt  deswegen  noch  nicht  die
Sache  selbst  billigen;  aber  der  Ton,  womit  der  Roͤmische
Bischof  diese  Gründe  verwarf,  verrieth  nur  zu  deutlich,  wel,
cher  Meinung  er  sey.  Die  Exzbischöfe  selbst  hatten  überdieß
die  Unvorsichtigkeit,  wenn  es  ihnen  gelegen  kam,  manchmal
        <pb n="181" />
        169

auf  diese  falsche  Decretalen  sich  zu  berufen,  und  sie  lernten
erst  nach  dem  Beispiel  derer  von  Trier  und  von  Ehln,  wessen
  der  Pabst  sich  unterfange,  seitdem  der  neue  Isidor  aufgestanden.
  Es  war  wohl  nicht  zu  loben,  daß  diese  Bischdfe
die  unschuldige  Königinn  Theutberg  als  Ehebrecherinn  ver-.
  danmnten,  bloß  weil  ihr  Gemahl  eine  schönese  Dame  Walrade
  zur  Königinn  machen  zu  können  wünschte:  aber  der
Muabst  hatte  doch  daher  noch  kein  Recht  zwei  Erzbischèfe  abzusetzen,
  sich  eigenmächtig  zum  Richter  des  Königs  aufzuwerfen?


Alles  mußle  sich  nun'evorzüglich  in  Frankreich  und
Teutschlamd  nach  der  Willkühr  des  Römischen  Bischofs  richten.
  Die  unruhigen  Regierungen  der  nachw#und  nach  ganz
verlöschenden  Karolinger  waren  besondersngünstig;  und  weil
man  einmal  das  Vorurtheil#zhatke.,  der  ersie  Oceldentalische
König,  inuͤsse:  von  dem  ersten  aller  Occidentalischen  Bischafe
gekrönt  werden,  so  disponirte  der.  Pabst  über  die  Kaiserkronz,
als  ob  er  von.  Gott,  berordueter  Depositair  #derselben,  wärf.
Dlese  Freude  dauerte  zwarwuuf  kurz,  denn,  da  Kein  mächtiger
Karolinger  Italien  gegen  die  Einfälle  der  Ungern,  Arah#
und  Normänner  vertheidigte,  und  mit  gewaffneter  Hand  dem
hpänenartigen,  Geist  zber  innerlichen  Unruhen  steuerte,  so
thatijeder  in  Italien,  was,  ihm  gut  dünkte,  und  niemand  verf
lor  ##ehr.  dabei  als  der  wehrlose  Bischof.
Ehben,  derselbe  Pabst.  Nikolaus  1,  welchen  die  Anerkennung
  der  falschen  Decretalen  in  der.  Geschichte  der  Hierarchie
so  merkwürdig  macht=  uhatte  auch  mit  dem  Patriarchen  von
Constantinopel  die  ärgerlichsten  Zwistigkeiten,  und  spielte  hier
eben  so  sehr  den  Despoten  als  gegen  die  Teutschen  Bischöfe.
Die  Geschichte  ist  folgende.
        <pb n="182" />
        170

S.  14.
Händel  mit  Photius.

Die  Griechischen  Kaiser  konnten  es  nicht  vergessen,  daß
der  Roͤmische  Bischof  an  dem  gaͤnzlichen  Verlust  aller  Ueber—
reste  des  Exarchats  schuldig  sey;  und  sie  konnten  sich  nicht
entschließen,  dem  Fraͤnkischen  Koͤnig  eine  Beute  zu  goͤnnen,
welche  sie  selbst  doch  den  Longobarden  nicht  mehr  entreißen
konnten.  Sie  zogen  deswegen  alle  Besitzungen  ein,  welche
der  Roͤmische  Bischof  in  Sicilien  oder  in  andern  Provinzen
ihres  Reichs  hatte;  keine  der  Provinzen  ihres  Reichs  sollte
mehr  von  der  Roͤmischen  Kirche  abhangen,  Illyrien,  Macedonien,
  Epirus,  Achaia  und  Thessalien  wurden  an  den  Patriarchen
  von  Constantinopel  gewiesen,  der  sich  mit  Freuden
das  Angebotene  zueignete.

P.  Nikolaus  aber  glaubte  gleich  bei  dem  Antritt  seiner

850  Regierung  eine  herrliche  Gelegenheit  gefunden  zu  haben,  das
Entrissene  wieder  unter  seine  Oberherrschaft  zu  bringen.  Es
stritten  sich  damals  ein  Paar  sehr  mächtige  Männer  um  den
Constantinoplischen  Stuhl:  Ignatius  war  durch  Hofkabalen
gestürzt,  Photius,  das  größte  Genie  seines  Zeitalters,  durch  eben
dieselbe  erhoben  worden.  Beide  gaben  sich  Mühe,  von  dem  Rdmischen
  Bischof  anerkannt  zu  werden,  und  dieser  war  entschlossen
seinen  Beifall  recht  theuer  zu  verkaufen.  Photius  wollte  nur  nichte
als  gute  Worte  dafür  geben,  und  Nicolaus  sab  deswegen  die  Un'
gerechtigkeit  seiner  Stuhlbesteigung  sehr  bald  ein,  ercommunicirte
den  Photius  und  that  gelegenheitlich  auch  gegen  die  Griechisch
Kirche  recht  herrisch.  Der  Bischof  von  Constantinopel  antwor
tete  in  einem  nicht  viel  sanftern  Ton,  und  lachte,  so  lange  dei
Hof  auf  seiner  Seite  war,  aller  Banuflüche  und  Drohungen
und  gieng  darinnen  noch  weiter  als  der  Romische  Bischof
daß  er  die  Lateiner  ketzerischer  Meinungen  beschuldigte,  der
        <pb n="183" />
        171

entstandenen  Zwist  zu  einem  dogmatischen  Streicumachte:

Zum  Unglück  des  Constantinoplischen  Patriarchen  aber  ereiga  867

nete  sich  gerade  #n  dieser  Zeit  eine  Staaksrevolutionz  und
weil  dieser  die  Ermordung  des:  Kaisers  niche  billigen  wollte,
der  Romische  Bischof  aber  dieselbe  als  rühmlich  segnete,  so
jagte  der  neue  Kaiser  den  Photius  ins.  Elend,  und  an  seine  Stelle
kam  der  Freund  des  Rdmischen  Bischofs.  In  einem  wichtigen
  Hauptpunct,  der  damals  dem  Pabst  am  Herzen  lagt
gab  aber  doch  selbst  auch  dieser  nicht  nach.  Es  war  Streit
wegen  der  Bulgarei,  ob  sie  zum.  Römischen  oder  Constaminoplischen
  Sprengel  gehöre.  Soust  galt  es  nehmlich  als  allgemein
  angenommener  Grundsatz;  wer  die  Nation  bekehrr
bat,  zu  dessen  Pfarrkindern  gehört  sie;  hier  aber  hatten  sich
beide  Theile  um  die  Bekehrung  der  controversen  Pfarrkinder
verdient  gemacht,  nur  hatten  die  Griechen  den  wichtigen
Vorzug,  daß  die  Bulgarei  nach  der  politischen  Ländereintheilung
  zum  Orient  gehörte,  und  mit  der  beichtväterlichen
Vorsorge  des  Roͤmischen  Bischofs  für  die  Bulgaren  war  es
nicht  immer  zum  unschuldigsten  zugegangen.  Nach  zehenjährigem
  Erilium  kam  endlich  doch  wieder  Photingrzur  vorigen
Würde)  und  wußte  dem  Rdmischen  Bischok  sovielschdnes
vorzusagen.  aß  dieser  seine  neue  Erhebung  hilligte.  Doch
bielt  die  #neue  Freundschaff,  zinur,  kurze  Zeit.  Der  Roͤmischt
Bischof:merkte  die  erlittene  Täuschung,  donnerte  wieder  wie
vorher,  und  war  so  voll  Gift  und  Groll,  daß,  da  der  unglückliche
  Photius  nach  einem  kaum  sechsjährigen  Genuß  seiner
  neuerlangten  Herrlichkeit  wieder  in  eine  traurige.  Staaterevolution
  verwickelt,  wurde,  und  nun  zum  zweitenmal  vom

chenstuhl-  herabsteigen  mußte,  daß  ihn  selbst.  dieses
*  seiner  Nachsucht  nicht  mehr  sättigte.  Nicht  nur  Pho-"„
        <pb n="184" />
        172

tius,  sondern  alle  von  Photius  ordinirte  Bischöfe  und  Priester
  sollten  abgesetzt  werden.

Der  Unverstand  kleiner  Herren,  welche  nach  einigen
glücklichen  Versuchen  auf  einmal  etwas  zu  bedeuten  glauben,
zeigt  sich  nie  deutlicher  als  in  ihren  Forderungen  bei  Erfechtung
  eines  kleinen  Siegs.  Der  Pabst  wäre  mit  aller  Ehre
aus-dem  Spiel  gekommen,  die  entstandene  Trennung  der
Orientalischen  und  Occidentalischen  Kirche  würde  sich  wie
eine  zufällig  erregte  Bitterkeit  zweier  guten  Freunde  verloren
  haben,  wenn  nur  der  Römische  Bischof  nicht  geglaubt
hätte,  es  komme  alles  darauf  an  wie  weit  man  seine  Forderungen
  zu  treiben  wisse.

Wäre  das  Pabstthum  eine  systematischfortgehende  Entwicklung,
  so  sollte  man  nun  am  Ende  des  neunten  und  Anfang
  des  zehnten  Jahrhunderts  die  deutlichsten  Beispiele  haben,
  wie  sich  Könige  und  Bischdfe  ohne  Unterschied  unter
den  Fuß  des  Römischen  Priesters  schmiegen  müßten.  Ein
Paar  kühne  Männer  hatten  einmal  den  Anfang  gemacht,
die  übertriebensten  Forderungen  des  Gehorsams  an  fremde
Kirchen  zu  machen,  Könige  zu  mißhandeln  und  Kronen  wie
Mänzen  auszutheilen.  Aber  alles  hängt  hier  zu  sehr  an
zufälligen  Veranlassungen,  ist  so  viel  mehr  bloß  vorübergehendes
  Phänomen,  als  absichtlich  ausgeführter  Plan,  daß
man  nirgends  weniger  als  in  der  Geschichte  der  Hierarchie
nachfolgende  Situationen  aus  vorhergehenden  errathen  kann.

K.  15.
Geschichte  der  Römischen  Hierarchie  im  zehnten  Jahrhundert.
Gleich  in  der  ersten  Hälfte  des  zehnten  Jahrhunderts
war  die  Gewalt  des  Röômischen  Bischofs  wieder  recht  traurig
herabgesunken.  Italien,  und  am  meisten  Rom,  war  in  der
dußersten  politischen  Verwirrung,  die  Grafen  und  Herzoge,
        <pb n="185" />
        173
welche  anfangs  bloß  kaiserliche  Statthalter  waren,  hatten  sich
zu  unabhängigen  Herren  gemacht,  und  zankten  sich  wie  Ales
randers  Generale  unter  einander  herum.  Besonders  die
Marggrafen  von  Thuscien  machten  sich  zu  Rom  gewaltthaͤ-tig,
  und  in  Italien  selbst  wäre  ihnen  niemand  vollkommen
gewachsen  gewesen,  wenn  nicht:  die  Gegenpartic  öfters  die
Könige  von  Burgund  herbeigerufen  hätte:  Der  Römische
Bischof  verlor;  mit  welcher  Partie  er  auch  hhielt,  denn  die
Partien  waren  einander  an  Macht  ziemlich  gleich,  der  Sieg
mußte  also  dfters  wechslen.

Allein  in  der  ersten  Hälfte  des  zehnten  Jahrhundertsl
regierten  dreizehn  Päbstet  war  von  irgend  einem  etwas  großes
  zu  erwarten  2  konnte  irgend  einer  etwas  großes  ausführen,
  wenn  er  auch  das  Talent  dazu  gehabt  hätte?  Und"
das  gänze  päbstliche  Regiment  war  überdieß  noch  in  den
Händen  zweier  Damen,  Marozia  und  ihrer  Tochter  Theodora,
welcher  kaum  Messalinens  Unersättlichkeit  den  Rang  sstreitig
machen  wird.  Diese  gaben  ihren  Galans  oder  ihren  nafürlichen
  Kindern  die  päbstliche  Krone.  Mutier  und  Tochter
hatten  oft  gemeinschaftliche  Freunde.  Noch  öfters  waren
ihre  Liebhaber  von  entgegengesetzten  Partien;  in  beiden  Fällen
  mußten  Händel  undetmeidlich  seyn,  und  die  Kirche  Ebrift
war  gewöhnlich  das  Opfer.

Frankreich  fühlte,  bei  dem  letzten  Hinwegsterbei  des  Karolingischen
  Anschens,  das  ganze  Ungluͤck  einer  zerruͤtteten
Feudalverfassung.  Alle  Fugen,  wodurch  die  große  Staatsmaschine
  ein  festes  Gebäude  wurde,  hatten  sich  auseinander
gethan:  der  Soldat  unterdruͤckte  alle  uͤbrige  Staͤnde;  ölle
übrige  Stände  wurden  deswegen  auch  Soldatenstand.  In
Teutschland  waren  zwar  Regenten  mit  mehrerem  Ausehen
da,  aber  auch  sse  verhinderten  nür  mit  Mühe,  daß  Teutsch-
        <pb n="186" />
        930

174

lands  Lage  nicht  eben  das  wurde,  was  Frankreichs  Lage
war.  Die  Bischoͤfe  hatten  uͤberall  ganz  aufgehoͤrt,  Theolo—
gen  zu  seyn,  ihre  Vorfahren  hatten  ihnen  den  Genuß  großer
Besitzungen  verschafft,  auf  ihr  Wort  kam  in  Staatsangele—
genheiten  am  meisten  an,  alles  wurde  also  bei  ihnen  Politik
und  zwar  so  rohe  ungebildete  Politik,  wie  sie  in  jenen  Zei—
ten  zu  erwarten  ist.

Die  Benedictinermönche  waren  längst  der  ganzen  Strenge
der  Regel  ihres  Stifters  nicht  mehr  treu  geblieben,  ihr  Reichthum
  hatte  sie  wollüstig,  die  Noth  der  Zeiten  roh  und  barbarisch
  gemacht.  Das  Institut  der  Chorherrn  war  kaun
volle  hundert  Jahre  alt,  und  doch  waren  sie  schon  in  vieler
Stiftern  des  gemeinschaftlichen  Lebens  überdrüssig,  die  älteren
  derselben  zogen  die  Güter  an  sich,  und  die  jüngeren  mußten
  auf  bloße  Hoffnung,  auch  einmal  ältere  Chorherrn  zr
werden,  ganz  allein  die  Dienste  versehen.

In  Burgund  machte  endlich  der  Abt  eines  Benedictiner
klosters  zu  Clugny  einen  Reformationsversuch,  er  bracht
mehrere  Klöster  zur  strengern  Observanz  zurück,  übernahm  di
Oberaufsicht  um  den  Zerfall  derselben  zu  hindern,  und  wa
anfangs  bloße  Wiederherstellung  des  ersien  Benedictinerorden
seyn  sollte,  gab  endlich  die  Veranlassung  zum  Ursprung  eine
besondern  Congregation,  die  ssch  von  den  übrigen  Benediet
nern  absonderte,  und  in  anderthalb  Jahrhunderten  zu  außeror
dentlichem  Reichthum  gelangte.  Dieß  war  gewöhrliche
Schicksal  aller  solcher  neuen  Stiftungen  wodurch  man  di
Mißbräuche  der  alten  verbessern  wollte.  War  der  erste  Ei
fer  der  Stiftung  ein  wenig  erkaltet,  so  suchte  man  Glosse
und  Eregesen  der  Regel  um  sie  den  Wünschen  nach  Reichthun
und  Bequemlichkeit  angemessener  zu  machen.  Die  Bewunde
rung  der  strengen  Lebensart,  welche  in  den  allerersten  Zeiten  de
        <pb n="187" />
        175
Stiftung  mit  den  Sitten  der  übrigen  Mönche  cinen  so  auffallenden
  Gegensatz  machte,  zog  eine  große  Menge  Siiftungen
  herbei,,  und  nie  ist  noch  ein  Orden  reich  geworden,  ohne
daß  sich  bei  demselben  eingeschlichen  hätte,  was  auch  bei  dem
Menschen  außer  dem  Kloster  so  ganz  i  Gesährte  6
großer  Reichthümer  zu  seyn  pflegt.

England  allein  zeichnete  sich  in  der  Geschichte  der  Hierarchie
  des  zehnten  Jahrhunderts  vor  allen  übrigen  Koͤnigreichen
  aus.  Ein  einziger  Mann  bewirkte  dort  die  ganze  Revolution.
  Dunstan,  ein  Benedictinermönch,  voll  Stolzes  und  Möncheifers,
  wußte  sich  die  Guade  des  Kdnigs  Edred  so  zu  gewinnen,
  daß  ihn  dieser  zu  seinem  Beichtvater,  geheimen  Rath
und  Schazmeister  machte.  Mit  aller  der  Macht,  welche  ihm
theils  der  Besitz  seiner  Aemter,  theils  die  Gnade  des  Konigs
in  seine  Hand  gab,  vertrieb  er  die  Weltgeistlichen  von  allen
Kirchen,  jagte  alle  Mönche,  welche  nicht  Benedictiner  waren,
aus  den  Klöstern,  besetzte  Kirchen  und  Klöster  einzig  mit
Leuten  seines  Ordens,  und  eiferte  für  den  Cblibat  der  Geistlichen
  viel  grausamer  als  Hildebrand.  Der  Nachfolger  Edreds
hielt  den  heiligen  Dunstan  nicht  für  so  heillg,  daß  man  nicht  q55
seine  Schatzmeisters-Rechnungen  zu  untersuchen  nöthig  hätte.
Der  erbitterte  Mälat  wurde  gendthigt  das  Königreich  zu  ver.
lassen,  allein  seine  hinterlassene  Partie  erregte  eine  Revolution,
  worin  der  König  um  den  größten  Theil  seines  Reichs
kam.  Im  Triumph  eilte  Dunstan  zurück,  spielte  unter  der
folgenden  Regierung  einen  noch  viel  unabhängigern  Herrn
als  unter  der  vorhergehenden,  und  machte  die  Mönche,  nach,
dem  er  sich  zum  Primaten  der  Englischen  Krche  emporge-=drungen,
  zu  Herrn  aller  Kirchengüter.  Schon  der  einzige
Kdnig  Eduard  stiftete  auf  sein  Anrathen  fünfzig  neue  Klöster,
und  keine  List  war  so  fein  oder  so  tückisch,  welche  er  nicht
        <pb n="188" />
        176

brauchte,  um  seinen  Ordensleuten  das  uneingeschränkte  Kirchenmonopolium
  zu  verschaffen.

S.  16.
Hlerarchische  Veränderungen  durch  Otten  den  Großen  in  Italien.

In  Rom  konnte  es  nicht  besser  werden,  so  lange  nicht
das  Schwert  eines  Dritten  den  politischen  Partien  ein  Ende
machte,  und  von  dem  ruhigern  Zustand  der  Römischen  Kirche
hieng  auch  das  blähendere  Wachsthum  der  Teutschen  ab.
Den  Vater  des  großen  Karl  und  Karln  selbst  hatten  Roͤmische
  Bischöfe  nach  Italien  gerufen:  Otto  der  Große,  der  in
der  Mitte  des  zehnten  Jahrhunderts  Teutschland  beherrschte,
wurde  von  einer  schönen  Dame  gerufen;  denn  ein  Italiäni-=scher
  Prinz,  (Albert,  Marggraf  von  Thuscien)  wollte  sich  ihr
mit  äußerster  Gewalt  als  Bräutigam  aufdringen.  Die  schöne
Adelheid  war  Wittwe  des  letzten  Italiänischen  Königs  Lothar;
  mit  ihr  suchte  also  der  Marggraf  ein  Recht  auf  das
Königreich  Italien  zu  gewinnen,  dessen  Besitz  er  größtentheils
  schon  seinen  Waffen  verdankte.  Otto  der  Große  war
zwar  siegreich,  aber  der  Geist  der  Römer  war  jetzt  schon  unbändiger,
  das  Partiemachen  schon  mehr  zur  Gewohnheit  worden,
  daß  er  doch  weniger  als  Karl  der  Große  die  Ruhe  wieder
  herstellen  konnte.  Die  Römer  machten  sich  zwar  mit  einem
  Eide  verbindlich,  keinen  Pabst  ohne  die  Einwilligung
des  Kaisers  zu  wählen,  aber  es  schien  als  ob  sie  einen  Eid
nicht  für  verbindlich  hielten,  den  sie  einem  Ausländer  geschworen.
  Erst  am  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  fand  Stto
III.  ein  Mittel,  der  Roͤmischen  Kirche  die  Ruhe  und  sich  den
Gehorsam  derselben  zu  persichern.  Er  setzte  einen  jungen
Teutschen  und  zwar  einen  seiner  nächsten  Anverwandten  auf
den  päbstlichen  Stuhl,  und  wie  dieser  kein  Jahr  lang  dem
        <pb n="189" />
        177  .-Italiänischen

  Klima  gewachsen  war,  so  ließ  er  ihm  den  be=  008
rühmten  Gerbert,  seinen  ehemaligen  Lehrer,  folgen.

Alles  schien  sich  nun  endlich  nach  und  nach  zum  bessern
zu  lenken;  Staat  und  Kirche  schienen  wieder  so  mit  einander
  verbunden  zu  werden,  wie  es  für  ihre  beiderseitige  Wohl,
fahrt  nützlich  ist.  Die  Ottonen  übten  gegen  den  Roͤmischen
Bischof  alle  Regentenrechte  aus,  und  behandelten  ihn  ganz
als  den  vornehmsien  ihrer  Unterthanen.  Vor  ihrem  Gericht
mußten  sich  die  Paͤbste  verantworten.  Sie  setzten  Paͤbste  ab
und  ein,  sie  machten  die  wichtigsten  Verordnungen  wegen  der
Pabstwahl  —  waͤre  vollends  Otten  III.  sein  Project  gelungen,
  Rom  zur  kuͤnftigen  Residenz  seines  Reichs  zu  machen,
so  muͤßte  sich  die  Geschichte  der  ganzen  Hierarchie  anders
entwickelt  haben,  und  nie  haͤtte  ein  Gregor  VII.  existiren
können.

Doch  eröffnet  sich  aber  auch  gerade  wieder  selbst  unter
diesen  Ottonen  eine  neue  Periode  der  päbsilichen  Hoheit.
O'to  I.  wie  er  die  Kaiserkrone  zu  holen  nach  Italien  gieng,
fand  seinem  Interesse  sehr  gemäß,  dem  Roͤmischen  Bischof  ansehnliche
  Schenkungen  zu  machen.  Vielleicht  wollte  er  auch
hierin  Karl  der  Große  seyn,  oder  fühlte  er  sich  so  mächtig,
daß  ihm  kein  A-gwohn  aufstieg,  die  päbstliche  Größe  könnte:
endlich  selbst  der  kaiserlichen  Macht  nachtheilig  werden.  Er
machte  den  Roͤmischen  Bischof  zu  einem  solchen  weltlichen
Herrn,  der  auch  an  außerer  Macht  den  ünruhigen  Italiäni--schen
  Grafen  und  Herzogen  gewachsen  seyn  sollte,  denn  unker
  allen  Italiänischen  Großen  schien  doch  wohl  von  diesem,
immer  noch  die  beständizste  Treue  erwartet  werden  zu  können,
  da  seine  Wahl  fasi  einzig  vom  Kaiser  abhieng.  Gerade)
eben  dieselbe  Politik,  nach  welcher  diese  Regenten  in  Teutschland

  handelten.  Der  Teutsche  Bischof  wurde  reich  und  maͤch-Spittler's
  saͤmmtl.  Werke  II.  Bd,  12
        <pb n="190" />
        178

tig  gemacht,  um  desto  sicherer  den  weltlichen  Großen  entgegengesetzt
  werden  zu  koͤnnen.  Er  wurde  selbst  zum  Grafen
und  Herzog  gemacht,  statt  daß  er  vorher  auch  bei  den  reichsten
  Schenkungen  gewöhnlich  dem  Grafen  und  Herzog  unter—
worfen  blieb.  Unsere  Kaiser  dachten  es  si  ch  damals  gar  nicht

schofstuͤhle  entrissen  werden  koͤnnte,  und  die  Ontonen.  batten
sogar  einen  schdnen  Anfang  gemachr,  die  ansehnlichsten  Plaͤtze
mit  Prinzen  oder  Bastarden  ihres  Hauses  zu  besetzen.

Es  ist  dabei  aber  auch  noch  ein  wichtiger  Umstand,  dessen
  ganzer  Einfluß  auf  die  Beförderung  der  päbsilichen  Hierarchie
  noch  nie  genug  erwogen  wurde  —  daß  der  Roͤmische
Bischof  immer  ein  halb  Dutzend  Theaters  hatte,  auf  welchen
allen  er  zugleich  handeln  konnte  und  handelte.  Was  sich
jetzt  auf  dem  einen  nicht  ausführen  ließ,  war  auf  dem  andern
  moͤglich,  und  eben  der  Romische  Bischof,  der  gegen  den
Teutschen  König  demüthig  seyn  mußte,  weil  ihm  dieser  mit
einer  Armee  nahe  war,  spielte  den  Gewaltthätigen  gegen  den
König  von  Frankreich.

So  machte  es  Gregor  der  V.,  welchen  Kaiser  Otto  III.
zum  Pabsi  machte.  König  Robert  von  Frankreich,  der  zweite
vom  Capetingischen  Stamme,  heurathete  seine  Verwandtinn
Bertha.  Der  Bischof  von  Rom  erklärte  die  Heurath  für
nichtig,  und  ercommunicirte  die  neuen  Eheleute,  was  auch
Robert  dagegen  einwenden  mochte,  und  so  viel  Muͤhe  sich
auch  die  Französischen  Bischöfe  gaben,  den  Pabst  zu  versöhnen.
  Volk  und  Hofleute  treunten  sich  vom  König;  und  wer
ihn  bedienen  mußte,  reinigte  alles,  was  der  Kbnig  berühr
hatte,  durch  das  Feuer.  Robert  wurde  endlich  genöthigt
seine  Bertha  aufzugcben.  Solche  glückliche  Versuche  vor
Gewaltthätigkeit  gegen'  Könige  gaben  dem  Patriarchen  end
        <pb n="191" />
        179

ch  den  Muth,  den  Kaiser  nicht  viel  besser  zu  halten  als  anere
  Könige,  nur  mußte  das  Band  der  Subordination  vorer
  etwas  mehr  aufgelöst  werden,  die  Verhältnisse  des  Kaiers
  in  Italien  mußten  sich  erst  so  ändern,  wie  sie  sich  seit
er  Regierung  Heinrichs  II.  zu  ändern  anfiengen;  die  Pabstvahl
  mußte  unabhängiger  vom  Einflusse  des  Kaisers  seyn,
he  sich  Auftritte  ereignen  konnten,  wie  Heinrichs  Pönitenz
u  Canossa.  Die  Geschichte  der  Hierarchie  des  elften  Jahrjunderts
  wird  das  vollends  aufklären,  worauf  bisher  immer
vorbereitet  wurde.

.  17.
Geschichte  der  Römischen  Hierarchie  im  elften  Jahrhunderte.

Zu  Anfang  des  elften  Jahrhunderts  schien  alles  wieder
nach  dem  bisherigen  Wechsel  bald  gläcklicher  bald  unglückli,
cher  Versuche  zu  gehen.  Die  Partien  zankten  sich  wieder
bei  der  Patriarchenwahl.  Es  gab  Päbsie  und  Gegenpäbste,
und  Kaiser  Heinrich  III.  behauptete  sein  Ansehen,  wie  wenige
  der  vorhergehenden  Kaiser.  Er  ergriff  wieder  den  schon
von  Otten  III.  befolgten  Plan,  geborne  Teutsche  auf  den  Roͤ-mischen
  Stuhl  zu  setzen,  um  ihrer  Treue  desto  gewisser  versichert
  zu  seyn.  Aber  mitten  unter  allen  hieraus  entstehenden
  Unruhen  bildete  sich  ein  Mann,  in  welchem  sich  endlich
alles  vereinigte,  was  bisher  manche  einzelne  der  vorhergehenden
  Römischen  Bischdfe  mächtig  und  gewaltthätig  gemacht
hatte,  und  der  vielleicht  der  erste  auf  dem  Roͤmischen  Stuhl
war,  der  nach  einem  bestimmten  Plan  handelte.

Hildebrand  (man  neunt  ihn  mit  diesem  Namen  eben
so  oft  als  mit  dem  Pabstnamen  Gregor  VII.)  Hildebrand

war  ein  geborner  Italiäner  von  sehr  niedrigem  Herkommen.
12  *
        <pb n="192" />
        180

Ersteres  erzeugte  bei  ihm  den  Haß  gegen  alle  Fremde  und
besonders  gegen  die  Teutsche,  letzteres  scheint  sich  bestaͤndig
in  einem  gewissen  Bauernstolz  verrathen  zu  haben,  denn  oͤfters
war  es  bei  ihm  nicht  sowohl  Mlan  als  eigentlicher  Kützel,
Könige  und  Fuͤrsten  zu  necken.  Den  Hof  Kaiser  Heinrichs
III.  hatte  er  schon  als  Juͤngling  sehr  genau  kennen  gelernt.
Denn  fast  noch  als  Jüngling  gieng  er  mit  dem  abgesetzten
Pabst  Gregor  VI.  nach  Teutschland,  und  damals  schon  faßte
seine  stolze  Seele  den  Entschluß,  sich  den  wilden  unbändigen
Teutschen  einmal  als  ihr  Zuchtmeister  zu  zeigen.  Der  Mönchsstand,
  er  wählte  sich  wahrscheinlich  den  gerade  damals  härtesten
  Orden  der  Cluniacenser,  verstärkte  vielleicht  die  natürliche
  Unbiegsamkeit  seines  Charakters,  und  da  vom  Jahr
1073  1054  bis  zu  seiner  Stuhlbesieigung,  also  20  Jahre  lang  hindurch,
  keine  Verhandlung  des  Rdmischen  Hofs,  kein  großes
oder  kleines  Staatsgeschäft  war,  wo  er  nicht  vorzüglichste
Triebfeder  gewesen  wäre,  so  brachte  er  solche  Erfahrungen
mit  auf  den  Thron,  wie  vor  und  nach  ihm  kein  Rmischer
Bischef.  Italien,  Frankreich  und  Teutschland  kannte  er  auf
das  genaueste;  in  beiden  letztern  Königreichen  war  er  öfters
Legat  gewesen.  Er  wußte  nicht  nur  alle  Staatseinrichtungen
derselben,  die  verschiedenen  Interessen  der  Partien,  den  gewöhnlichen
  Gang  ihrer  Projecte,  sondern  er  kannte  auch  den
persônlichen  Charakter  der  Regenten  und  ihrer  Großen,  hatte
die  Ueberlegenheit  seines  Genies  im  persönlichen  Umgang
mit  ihnen  öfters  gemessen,  und  ihnen  schon  damals  sich  furcht
bar  gemacht.  Das  große  vielumfassende  Genie  ist  bei  ihn
ganz  unverkennbar.  So  unrichtig  es  daher  bei  manchen  an.
dern  Römischen  Bischdfen  seyn  mag,  an  einen  feinen  politi
schen  Plan  zu  denken,  so  gewiß  fand  er  sich  bei  Gregort
nicht  nur  in  seiner  Regierung,  sondern  auch  in  demjenigen
        <pb n="193" />
        v181

was  er  unter  der  Regierung  vorhergehender  Päbste  als  ihr
erster  Minister  veranstaltet  hatte.

Einer  der  Haupttheile  seines  Plans,  den  er  noch  vor
seiner  Thronbesteigung  ausführte,  bestand  darinn,  die  Pabstwahl
  auf  einen  zuverlässigen  Fuß  zu  setzen.  Nikolaus  II.  1059
hielt  eine  Synode,  worauf  die  Verordnung  gemacht  wurde,
daß  die  Wahl  cines  Rämischen  Bischofs  künftig  nur  bei  den
Cardinälen  seyn  sollte;  der  bisher  reelle  Antheil  des  übrigen
Klerus  und  Volks  wurde  auf  eine  bloße  Acclamation  herabgesetzt,
  das  kaiserliche  Bestätigungsrecht  wurde  bloß  als  päbstliches
  Privilegium  behandelt.  In  Teutschland  war  man  zwar
über  diesen  verwegenen  Schritt  erbittert.  Man  ließ  den  Ge,
sandten  nicht  einmal  vor,  der  den  Synodalschluß  überbrachte:
aber  Administrationsregierungen  sind  ohnedieß  immer  unstät
und  schwach,  und  so  klug  auch  Heinrich  IV.  Mutter  gewesen,
  so  hatte  sie  doch  für  allzu  viele  Angelegenheiten  in
Teutschland  zu  sorgen,  um  auch  noch  gegen  jede  Prätension
der  Italiäner  sogleich  protesiiren  zu  können.  Schon  bei  der
nächsien  Pabsiwahl  aber  gieng  Hildebrand  noch  einen  Schritt
weiter,  und  suchte  jetzt  das  kaiserliche  Recht  ganz  beiseite  zu
setzen.  Die  Vormünderinn  Heinrichs  seine  Mutter  Agnes
widersprach  zwar  auf  das  nachdrücklichste,  setzte  dem  unrecht,
mäßig  gewählten  Alerander  II.,  den  von  ihr  bestätigten  Ho,
norius  II.  entgegen,  allein  die  unglückliche  Entführung  des
jungen  Heinrichs  zernichtete  alle  diese  noch  so  vernünftige
Anschläge.

Endlich  wurde  nach  Aleranders  Tode  Hildebrand  selbst
auf  den  Stuhl  gesetzt,  der  unterdeß  nur  unter  fremdem  Namen
  regiert  hatte,  und  Heinrich  IV.  gewarnt  von  allen  welche  1083
den  schlauen  Archidiakonus  kannten,  bestätigte  ihn  in  seiner
Würde.  Mit  unversiellter  Dreistigkeit  fieng  jetzt  Gregor  an,
        <pb n="194" />
        182

seine  Entwuͤrfe  auszufuͤhren.  Gleich  auf  der  ersten  Synode
schlug  er  mit  dreifachem  Bannstrahl.  Er  excommunicirte  alle
der  Simonie  schuldige;  alle  Geistliche,  welche  nicht  ganz
außer  ehelichen  Verbindungen  lebten;  und  endlich  namentlich
den  Robert  Guiscard,  einen  edlen  Normann,  der  den  Sa—
racenen  Sicilien,  und  einen  Theil  von  Neapel  abgenommen
hatte  und  der  Romischen  Kirche  ihre  ehemaligen  dasigen  Güter
  nicht  wiederhergestellt  haben  sollte.

Wenn  man  je  von  den  Absichten  eines  Mannes  nach
Verfluß  von  sieben  Jahrhunderten  zuverlässig  urtheilen  kann,
so  scheinen  Gregors  Ideen  folgendermaßen  aus  einander  geslossen
  zu  seyn.  Hauptzweck  aller  seiner  Bestrebungen  war
wohl  kein  anderer  als  die  Kirche,  und  das  war  nach  dem
damaligen  Stil  niemand  anders  als  die  Geistlichen,  vom
Staat  völlig  unabhängig  zu  machen,  sogar  den  Staat  der
Kirche  ganz  zu  unterwersen.  Diesen  Zweck  zu  erreichen  wat
nöthig,  erst  in  manchem  der  Kirche  selbst  eine  ganz  ander
Einrichtung  zu  geben.  Ein  Geistlicher,  der  Frau  und  Kinde
hatte,  war  gar  zu  sehr  in  Familien  =  und  Staatsinteresse  ver
flochten,  als  daß  er  recht  eifriger  Verfechter  der  Kirche  hätt
seyn  können.  Weiber  und  Coneubinen  der  Geistlichen  muß
ten  also  hinweggeschafft  werden,  es  koste  noch  so  heftige  Be
wegungen.  War  der  Geistliche  erst  von  dieser  Seite  gan
unabhängig,  so  mußte  alsdenn  die  Ertheilung  der  kirchliche
Aemter  und  Stellen  ganz  aus  den  Händen  der  Koͤnige  un
Fürsten  gerissen  werden.  Dieß  ließ  sich  unter  dem  Schei
der  einreissenden  Simonie  am  besten  ausführen;  denn  es  wa
freilich  unläugbar,  daß  sich  die  Könige  und  ihre  Minisie
manches  hatten  bezahlen  lassen,  was  sie  hätten  umsonst  ge
ben  sollen.  Nun  diese  aber  aus  allen  Verhältnissen  mit  der
Staat  gleichsam  herausgerissene  Geistlichkeit  sollte  einzig  den
        <pb n="195" />
        183

Roͤmischen  Bischof  subordinirt  seyn.  Jeder  Bischof  und  Erzbischof
  sollte  in  seinem  Sprengel  nur  so  viel  gelten  als  ihn
der  Pabst  gelten  lassen  wollte.  Er  sollte  bloß  Vicariüs
des  Pabsts  seyn,  und  der  Vicarius  habe  keine  Gewalt  als
von  dem,  dessen  Stelle  er  vertrete.  Alle  Königreiche  betrachtete
  er  als  Eigenthum  des  heiligen  Stuhls,  welche  also  auch
der  beilige  Stuhl  verleihen  könne,  wem  er  wolle,  für  dercii#
Verleihung  auch  dem  heiligen  Stuhl  ein  Recognitionsgeld  ge:
bühre.  Kann  sich  alsdenn  ein  Vasall  der  Jurisdiction  seines
Lehnsherrn  entziehn?  Sind  nicht  alle  Könige  und  Bischöfe
verbunden,  vor  dem  Rdmischen  Stuhl  ihr  Recht  zu  nehmen?

Vielleicht  hat  noch  kein  menschlicher  Kopf  ein  ausschweifenderes
  politisches  Project  äusgeheckt,  vielleicht  ist  auch  noch
kein  Project  mit  mehr  Unvorsichtigkeit  ausgeführt  woiden
als  dieser  Entwurf  Gregors.  Mit  dem  ersten:  Tritt  auf  de
päbstlichen  Thron  fieng  Gregor  mit  dem  großen  und  niedern
  Klerus,  mit  den  Normännern,  die  ihm  so  nahe  auf  Il
dem  Nacken  waren,  zugleich  Händel  an,  verschonte  zwar
Heinrichen  noch  auf  seiner  ersten  Synode,  aber  doch  gleich
das  Jahr  darauf  citirte  er  ihn  zur  Verantwortung  nach  Ro##t
und  erklärte  die  Sache  der  aufrührischen  Sachsen  als  sein;
Jurisdictionssache.  So  erklärte  er  zwar  auch  seine  Gesin“
nungen  wegen  der  Investitur  nicht  gleich  anfangs  vollkommen
  deutlich,  aber  er  verbot  doch  sogleich,  vom  Kaiser  sich
invesiiren  zu  lassen,  weil  dieser  mit  Excommunicirten  umgehe.
  Was  kann  unvernünftiger  scheinen,  als  bei  Ausfährung
  eines  höchst  wichtigen  politischen  Plans  auf  einmal  mit
allen  Partien  Händel  anzufangen?  Wirklich  scheint  auch
Gregors  Unternehmen  zu  denjenigen  zu  gehbren,  die  man
für  wohl  überdacht  hält,  weil  sie  nicht  unglücklich  geriethene

Heinrich  glaubte  anfangs  des  Pabsts  sich  erwehren  zu

##
        <pb n="196" />
        184

können,  wie  man  sich  bisher  schon  eines  manchen  Pabsis  erwehrt
  hatte;  er  setzte  ihm  einen  Gegenpabst  entgegen.  Aber
in  Teutschland  war  alles  viel  zu  froh,  eine  scheinbare  Ursache
  des  Ungehorsams  entdeckt  zu  haben.  Der  Kaiser  fand
berall  nichts  als  Rebellion;  in  der  Verzweiflung  entschloß
erssich  also  zu  einem  Schritt,  zu  welchem  ihn  sein  trotzigverzagter
  Charakter  hinriß.  Er  gieng  selbst  nach  Italien,  stellte
sich  im  Armenfündershabit  zu  Canossa,  und  so  weidete  Gregor
  sein  Auge  drei  ganze  Tage  lang  an  dem  gedemüthigten
Kaiser.  Die  Folge  dieser  Verwegenheit  des  Pabsts  war,  wie
sie  jeder  Kluge  voraussehen  konnte.  In  FItalien  erwachte
allgemeiner  Haß  gegen  den  Freund  der  Marggräfinn  Mathildis;
  und  in  den  Seelen  mancher  Teutschen  regte  sich  wieder
  edler  Ehrgeiz,  ihren  Kaiser  nicht  zu  verlassen.  Hätte
nicht  Gregor  mit  den  Normännern  eilends  Friede  gemacht,
und  wäre  ihm  nicht  der  Tod  gerade  zur  erwünschtesten  Zeit

1085  gekommen,  so  würde  er  schwerlich  ganz  ungestraft  aus  der
Welt  gekommen  seyn.  "

Bei  dieser  ganzen  Revolution  ist  gewiß  nicht  das  merkwürdigste,
  daß  Heinrich,  verlassen  von  allen  guten  Freunden
und  treuen  Rathgebern,  einen  einfältigen  Streich  that,  den
selbst  der  Pabst  nicht  erwartete,  noch  daß  ein  Pabst,  wie
Gregor,  den  Kaiser,  wenn  er  sich  einmal  als  armer  Sünder.
eingestellt  hatte,  im  Schloßhof  unter  freiem  Himmel  drei
Tage  lang  auf  priesterliche  Gnade  harren  ließ.  Aber  unbegreiflich
  muß  es  scheinen,  wic  der  Pabst  sich  untersiehen  konnte,
gegen  die  Observanz  aller  bisherigen  Zeiten,  als  ob  cs  ihm
erst  inspirirt  worden  wäre,  auf  einmal  zu  behaupten,  daß  kein
Geistlicher  von  einem  Weltlichen  ein  Lehen  empfangen  könne.
Man  sieht  hier,  wie  oft  ein  Mann  mit  dem  Menschenverstand
  seines  ganzen  Zeitalters  spielen  kann.  Noch  war  un-
        <pb n="197" />
        185

terdeß  kein  Mensch  auf  den  Einfall  gekommmen  daß  die
Hand  des  friedlichen  Geistlichen  von  der  blutigen  Hand  der
Könige  keine  Lehen  empfangen  könne,  daß,  was  einmal
der  Kirche  gegeben  worden  sey,  nicht  eben  so  wie  andere  Güter
  und  Scheukungen  von  Zeit  zu  Zeit  wieder  verliehen  werden
  müsse.  Sebald  aber  Gregor  der  Welt  seine  neue  Entdeckung
  verkündigt,  so  fand-sogleich  eine  große  Menge  eben
das  wahr,  was  Gregor  gefunden  hatte.  Es  entstand  nicht
nur  der  heftigste  Kampf-  zwischen  der  weltlichen  und  geistlischen
  Macht,  sondern  auch  Zeine  gelehrte  Streitigkeit,  in  wel:
cher  sich  die  besten  Federn  des  damaligen  Zeitalters  übten.
Eine  Verordnung  wegen  des  Cdlibats  der  Geistlichkeit
war  nichts  neues,  die  Verordnung  an  sich  selbst  würde  also
wenig  Aufsehen  gemacht  haben,  aber  man  erwartete  gar  nicht,
daß  auf  Beobachtung  derselben  mit  so  vieler  Strenge  ghdrungen
  werden  würde.  Die  Mainzer  Geistlichen,  deren  Erzbischof
  Sigfried  ein  inniger  Freund  Gregors  war,  antworteten
bei  der  Publication  der  päbstlichen  Verordnung,  sie  könnten  nicht
wie  Engel  leben,  der  Pabst  möge  sehen,  wo  er  sich  Engel  zu
Geisilichen  bekommen  könne.  Doch  siegte  endlich  das  unmenschliche
  Gesetz,  und  die  gänzliche  Vermischung  des  Mönchsstandes
  mit  dem  Klerus  war  gewiß  eine  der  Hauptursachen
seiner  glücklichern  Ausführung.  Die  arme  katholische  Geistlichkeit,
  die  nun  das  Sacrament  der  Ehe  nicht  mehr  genießen
soll!  Doch  die  noch  bedaurenswürdigéren  Laien,  deren  geistliche
Väter  so  gewaltthätig  von  allen  Empfindungen  eines  Gatten
und  Vaters  abgezogen  wurden,  welche  sie  der  Führung  des
WVolks  erst  recht  fähig  gemacht  hätten.  Hätte  doch  lieber
Gregor  in  dem  Investiturstreit  gesiegt,  als  mit  seinem  Cölibatgesetz!
  "]  .
Gregor  hat  den  Ton  zu  allen  nachfolgenden  Mißhand-
        <pb n="198" />
        186

lungen  angegeben,  welche  die  Kaiser  von  den  Paͤbsten  auszu,
stehen  hatten.  Er  hat  gewisse  Grundsaͤtze  rege  gemacht,  die
von  seinen  Nachfolgern  nur  ausgebildet  und  oͤfters  in  Uebung
gebracht  wurden.  Er  drang  mit  unüberwindlicher  Standhaf,
tigkeit  darauf,  daß  überall  die  Römischen  Kirchengebräuche
eingeführt  werden  sollten;  um  auch  hier  das  zu  haben,  was
meist  sicheres  Kennzeichenides  Despotismus  ist  —  allgemeine
Gleichförmigkeit.

Noch  wars  auch  er,  der  dem  ganzen  päbstlichen  Canzleistil
  eine  andere  Form  gegeben,  als  er  vorher  hatte.  Vorher
war  der  Name  Pabst  gemeiner!  Name  aller  Bischöfe,  Gregor
nahm  denselben  ganz  eigenthümlich,  und  ein  Schriftsteller  des
damaligen  zeitaltess  braucht  schon  den  Ausdruck,  das  Wort
Namen  Gottes  in  der  mehreren  Zahl  zu  *“  Gregor
fieng  zuerst  an  in  der  Ausschrift  seiner  Briefe#  dpostolischen
Segen  anzuwünschen;  sprach  in  den  Briefen  selbst  viel  mehr
als  Herr,  denn  alle  seine  Vorgänger;  ließ  bei  dem  Datum  seiner
  Briefe  die  Rechnung  nach  den  kaiserlichen  Regicrungsjahren
  hinweg,  und  änderte  den  Eid,  welchen  die  Erzbischoͤfe  dem
Pabst  bisher  geleistet  hatten,  in  einen  wahren  Vasalleneid.  Er
vermehrte  die  Einkünfte  der  päbsilichen  Kammer,  indem  er
mehrere  Klöster  unter  den  apostolischen  Schutz  des  Roͤmischen
Stuhls  nahm,  und  sich  Schutzgeld  bezahlen  ließ.  Seine  Freurdinn,
  die  Marggräfinn  Mathildis,  bewog  er,  alle  ihre  sehr
ansehnlichen  Güter,  ungeachtet  der  beträchtlichste  Theil  dersel.
ben  Lehen  waren,  der  Rômischen  Kirche  zu  vermachen.  Wie
viel  würde  nicht  ein  so  kühner  Mann  ausgerichtet  haben,  wenn
seine  Rrgierung  nicht  zu  kurz  gedauert  hätte,  man  muß,  um
ihn  ganz  kennen  zu  lernen,  verschiedenc  der  Beweisgründe  noch
wissen,  womit  er  seine  Forderungen  unterstützee.
        <pb n="199" />
        187

Den  Kaiser  auf  eine  so  feierliche  Art  ercommuniciren,  seine
Unterthanen  vom  Eid  der  Treue  freisprechen,  und  das  Verbanntseyn
  auf  alle  diejenige  ausdehnen,  welche  mit  ihm  umgehen,
  war  so  der  ersie  Schritt  seiner  Art,  daß  Gregor  selbst  gegen
manche  seiner  Partie  sich  zu  vertheidigen  Ursache  hatte.  Er  berief
  sich  darauf,  daß  Zacharias  den  König  Childerich  abgesetzt
habe,  er  brauchte  das  Beispiel  des  Eifers  Ambrosti  gegen  den
Kaiser  Theodos.  Weltliche  Sachen  seyen  doch  gewiß  nicht  von
so  hohem  Werth,  und  so  schwer  zu  beurtheilen  als  geisiliche
Sachen,  könne  also  der  Pabst  über  geistliche  Sachen  urtheilen,
warum  nicht  über  weltliche?  Er,  dessen  Würde  ohnedieß  viel
vornehmer  sey  als  die  königliche  !  :  Diese  sey  eine  bloße  Erfindung
  des  menschlichen  Hochmuths,  jene  sey  einzig  um  der
Seele  der  Menschen  willen  da.  Jeder  König,  der  nicht  Christlich
  lebe,  stehe  unter  der  Herrschaft  des  Teufels;  nun  habe  der
geringste  Geistliche  (Erorcist)  über  den  Teufel  Gewalt,  wie
viel  mehr  muß  also  der,  welcher  der  vornehmste  aller  Bischbfe.
ist,  über  den  Sklaven  des  Teufels  Gewalt  haben?  Die  Könige
seyen  meist  gottlos,  die  Päbsie  gleich,  sobald  sie  Päbste  würden,
  heilig,  ob  nun  nicht  die  Heiligen  die  Welt  richten  sollten?
Ist  es  ein  Wunder,  daß  ein  Mann  von  solchen  Grundsätzen
die  halbe  Welt  umsiürzen  wollte?  ein  Mann,  dessen  Lieblingsspruch
  in  der  Bibel  war  (Jerem.  48,  10.):  Verflucht
sey,  der  sein  Schwert  aufhält,  daß  es  nicht  Blut  vergieße.

S  18.
Streitigkeiten  mit  der  Griechischen  Kirche.  Michgel  Cerularius.

Noch  ehe  Hildebrand  den  päbstlichen  Stuhl  bestiegen  hatte,
geschah  auch  die  gänzliche  Trennung  der  Griechischen  und  Lateinischen
  Kirche.  Die  in  der  letzten  Hälfte  des  neunten  Jahrhunderts
  entstandenen  Streitigkeiten  wegen  des  Photius  hatten
  so  viel  wechselsweise  Bitterkeiten  veranlaßt,  und  mehr  durch
        <pb n="200" />
        188

eignes  Stillschweigen,  beider  Partien  als  durch  wahre  Versöhnung
  sich  geendigt,  daß.  jeder  kleine  neuhinzukommende
Umstand  den  heftigsten  Ausbruch  wieder  befördern  mußte.
Der  Pgtriarch  von  Constantinopel  aber  Michael  Cerularius,
der  in  der  Mitte  des  elften  Jahrhunderts  regierte,  war  gerade
  der  Mann  zur  Erneurung  des  Streits.  Er  war  voll
Gift  gegen  die  Lateiner,  weil  er  selbst  bei  seinem  Hofe  wenig
Unterstützung  gegen  dieselbe  fand;  denn  der  Griechische  Kaiser
schmeichelte  dem  Römischen  Hof,  da  er  durch  seine  Hülfe  in
Neapel  und  Sicilien,  vielleicht  doch  noch  einiges  gegen  die
Saracenen  und  Normänner  zu  behaupten  hoffte.  Ein  Brief
des  Michael  Cerularius  gab  also  das  Zeichen  zum  öffentlichen
  neuen  Angriff.  Er  beschuldigte  in  einem  Schreiben  an
einen  Apulischen  Bischof  die  Lateiner  vielfacher  Ketzereien,
die  größtentheils  von  der  Beschaffenheit  sind,  daß  sie  auch
bei  jenem  Zeitalter  keinen  Eindruk  hätten  machen  sollen.  Der
Brief  kam  dem  Römischen  Bischof  in  die  Hände,  der  es  als
eine  Ehrensache  ansah,  und  die  Griechen  auf  einer  Spnode

1053  excommnnicirte.  Der  Griechische  Kaiser  versuchte  alle  Wege
der  Vermittlung.  E  kamen,  die  Sache  zu  vergleichen,  drei
Gesandte  des  Rdmischen  Bischofs  nach  Constantinopel.  Diese
führten  ssch  aber  so  trotzig  auf,  daß  eben  dadurch  alle  Hoffnung
  der  Vereinigung  zernichtet  wurde.  Sie  publicirten  selbst
in  der  Hauptkirche  zu  Censtantinopel  die  Ercommunication
des  Michael  Cerularius,  und  um  nicht  von  dem  Volke  verstanden
  und  gesieinigt  zu  werden,  publicirten  sie  dieselbe  Lateinisch.
  Der  Krieg  war  nun  auf  beiden  Seiten  angekündigt,
  und  wie  damals  theologische  Kriege  geführt  wurden,  besonders
  wenn  der  beleidigte  Stolz  großer  Bischdfe  dabei  sprach,
läßt  sich  sehr  leicht  vermuthen.
        <pb n="201" />
        189

S.  19.

Resultat  aller  hierarchischen  Verdnderungen  in  dieser  Perlode.

Alles  hat.  sich,  wenn  wir  auf  die  bisherige  Periode
zurücksehen,  im  ganzen  System  der  Hierarchie  geändert.  Die
Griechische  und  Lateinische  Chrisien  erkennen  sich  nicht  mehr
als  Brüder;  zum  Nachtheil  der  beiderseitigen  Kirchen,  hört
die  bisher  beständig  forrdaurende  Communicatien  unter  ihnen
auf.  Die  Hierarchie  des  Orients  ist  wie  schon  zu  Anfang
dieser  Periode  geschah,  immer  mehr  dem  kaiserlichen  Despotismus
  unterworfen  worden.  Im  Occident  aber  siegte  die
geistliche  Macht  im  Kampf  mit  der  weltlichen.  Die  Synoden,
  auf  deren  Entscheidung  in  der  ersten  Hälfte  dieser  Periode
  noch  so  viel  ankam,  waren  ganz  unbedentend  geworden,
  wichtige  Sachen  giengen  alle  nach  Rom  und  der  Geschmack
  an  theologischen  Streitigkeiten  hätte  sich  bei  den  Bischoͤfen
  völlig  verloren,  da  sie  weltliche  Herren  geworden  waren.
  Die  beträchtlichste  Anzahl  von  Klöstern  hatte  sich  von
der  Subordination  der  Bischöfe  losgerissen,  der  Roômische
Bischof  suchte  alle  unmittelbar  an  sich  zu  ziehen,  und  da  ihn
die  Kdnige  dfters  zur  Ausführung  ihrer  Absichten  brauchten,
so  lernte  er  dabei  nach  und  nach  den  Gebrauch  seiner  Kräfte
kennen,  und  wagte  endlich  auch  zum  vermeinten  Besien  der
Kirche,  was  er  so  oft  vorher  bloß  andern  zu  gefallen  gethan.
hatte.  Wenn  man  die  äußersien  Mißhandlungen  und  die
tiefsten  Verehrungen,  welche  oft  einem  und  eben  demselben
Pabsie  widerfuhren,  mit  einander  vergleicht,  so  glaubt  man
sich  oft  unter  Menschen  versetzt,  welche  den  Wilden  ähnlich
sind,  die  ihren  Gott  prügeln,  wenn  er  ihnen  nicht  zu  Willen
  wird.  Es  wäre,  wenn  wir  es  nicht  noch  täglich  bei  einzelnen
  Menschen  wahrnehmen  könnten,  es  wäre  unbegreiflich.
was  der  Schall  gewisser  Worte,  mit  welchen  doch  niemand
        <pb n="202" />
        100

eine  Idee  verband,  in  einem  ganzen  Zeitalter  ausrichten  kann.

Kirche  und  Kirchenfreiheit  waren  die  zwei  Worte,  um  welche
sich  alle  Streitigkeiten  der  letztern  Jeit  dieser  Periode  herumdrehten,
  und  niemand  wußte  bestimmt,  was  er  sich  unter
Kirche  und  Kirchenfreiheit  denken  sollte.  Sorgloser  Gebrauch
vieler  Stellen  des  alten  Testaments  vermehrte  die  schon  herrschende
  Verwirrung,  und  die  Partie,  welche  sich  den  ausschweifendsten
  Forderungen  des  Römischen  Bischofs  entgegensetzte,
  fühlte  wohl  die  Ungereimtheit  der  Folgerungen,  aber
wußte  nie  den  eigentlichen  Trugschluß  zu  entdecken.  Die
Entdeckung  desselben  lag  auch  ganz  außer  dem  Gesichtskreis
dieses  Zeitalters,  so  lang  noch  alle  Gelehrsamkeit  einzig  in
den  Händen  des  Klerus  war,  und  so  lang  selbsi  dieser  alle
seine  Ideen  aus  der  Vulgata  schöpfte.

Geschichte  der  Religion  und  Theologie,  nebst  den  damit
  in  Verbindung  stehenden  Gebräuchen  des  öffentlichen
  Gottesdienstes.

6.  20.
Monotheletenstreit.

Ob  schon  am  Ende  der  vorigen  Periode  der  Artikel  von
der  Person  Christi  durch  Streitigkeiten  und  Vereinigungsversuche
  bis  zu  den  feinsten  Spitzfindigkeiten  erörtert  worden
war,  und  vorzüglich  die  Lehre  von  Vereinigung  beider  Naturen
  in  einer  Person,  durch  zweihundertjährige  Untersuchungen
  bis  zur  Beantwortung  der  seltsamsien  Fragen  sich  ausdehnte:
  so  gelang  es  doch  dem  Ungestümm  einiger  Mönche,
noch  einmal  einen  neuen  Streitpunct  zu  finden,  den  Orient
und  Occident  noch  einmal  in  die  größte  Bewegung  zu  setzen.
Die  angesehensken  Männer  sowohl  der  großen  katholischen
Partie  als  der  Monophysiten  kamen  nehmlich  in  der  Mei-
        <pb n="203" />
        191

nung  überein,  daß  man  nur  einen  Willen  in  Christo  annehmen
  könne,  und  es  fanden  sich  auch  wirklich  mehrere  Stellen,
  daß  orthodore  Vaͤter  so  gesprochen  hatten;  Phraseologie
der  Alten  aber  war  damals  immer  einziges  Kriterium  der
Wahrheit;  welche  hier  sogar  noch  durch  die  Uebereinstimmung

  der  drei  großen  Patriarchen  zu  Rom,  Constantinopel

und,  Alerandrien  außer  allen  Jweifel  gesetzt  wurde.  Diese  von
Orthodoren  und  Monophysiten  so  angenommene  Meinung
aber  hielt  man  nun  leider  für  einen  Vereinigungspunct  beider
  Partien,  und  Kaiser  Heraklius,  der  zu  Anfang  des  siebenten
  Jahrhunderts  mit  den  Persern  um  die  Existenz  seines
Reichs  kämpfen  mußte,  hatte  alle  Ursache,  eine  Vereinigung
zu  wünschen,  um  die  getheilten  Kräfte  seines  Reichs  bei  so
aufgehäuften  Drangsalen  zur  Gegenwehr  zu  vereinigen.
Einem  Moͤnch  zu  Alerandrien  Sophronius  kam  es  zuerst
  in  Sinn,  den  bisher  allgemein  angenommenen  Satz  als
Heterodorie  zu  bestreiten;  doch  der  einzelne  Mönch  gab  sich
bald  wieder  zufrieden.  Kaum  hatte  es  ihm  aber  geglückt,
Patriarch  von  Jerusalem  zu  werden,  so  verfluchte  er  auf  einer
  Synode  die  Lehre  von  einem  Millen,  und  erklärte  für

nothwendige  Orthodorie,  zwei  Willen  und  zwei  Wirkungen

in  Chrisio  zu  bekennen.

Man  suchte  durch  Versprechungen  eines  wechseleweisen
Stillschweigens  allen  weitern  Ausbruch  zu  verhüten;  weil
aber  solche  Privatversprechungen  wenig  nützten,  so  ließ  endlich
der  Kaiser  selbst  ein  Edict  (Ecthesin)  ergehn,  worin  zwar
die  Lehre  von  einem  Willen  gebilligt,  aber  überall  verboten
wurde,  von  einem  oder  von  zwei  Willen  zu  sprechen.  So
weit  die  Macht  des  Kaisers  reichte,  so  weit  wurde  das  Verbot
  gehalten,  aber  der  Bischof  von  Rom  Johann  IV.  welchen
  die  Partie  des  Sophronius  gewonnen  hatte,  und  der

638
        <pb n="204" />
        648

192
damals  noch  nicht  gewußt  haben  muß,  daß  sich  sein  Amts—
vorfahr  Honorius  in  Glaubenssachen  nicht  habe  irren  kön.
nen,  erklärte  sich  mit  allem  Nachdruck  gegen  Monotheletismus,
  und  suchte  mit  der  gewöhnlichen  Geschäftigkeit  des  Römischen
  Ehrgeizes,  eine  Parlie  zu  werben.

Doch  der  wirksamsie  Patron  der  neugefundenen  Orthodorie
  war  ein  Mönch  Maximus,  der  mit  fangtischer  Unruhe
aus  einer  Provinz  in  die  andere  lief,  in  Afrika  die  größten
Bewegungen  erregte,  und  den  Kaiser  als  einen  zweiten  Julian
  verlästerte.  Eine  Frage,  welche  bloß  zu  den  feinern
thcologischen  Speculationen  gehörte,  sollte  als  eines  der  wichtigsten
  Religionsmomente  angesehen  werden.  Kaiser  Constans,
der  die  nachtheiligen  politischen  Folgen  dieser  religibsen  Unruhen
  einsah  —  die  Araber  nahmen  eine  Provinz  nach  der
andern  hinweg  —  suchte  durch  ein  neues  Edict  (Iypus)  den
Fortgang  derselben  zu  hemmen,  der  durch  die  Verordnung
des  Heraklius  nur  noch  befördert  worden  war.  Heraklius
hatte  wechselsweises  Stillschweigen  befohlen,  aber  zugleich  doch
die  Monotheletenlehre’  gebilligt.  Constans  befahl  Stillschweigen
  und  gab  selbst  das  beste  Beispiel  desselben,  er  billigte  und
verwarf  keine  von  beiden  Meinungen.  Heraklius  hatte  bloß
befohlen,  Constans  gab  seinem  Befehl  durch  Androhung  bürgerlicher
  Strafe  Nachdruck.  Allein  Schweigen  war  nun  einmal
  keine  Sache  der  aufgebrachten  Mönche  und  Theologen.

Kaum  war  das  Edict  des  Kaisers  Constans  zu  Rom
bekannt,  so  hielt  ider  ldasige  Bischof  Martin  eine  Synode,
auf  welcher  er  die  kaiserlichen  Edicte  und  alle  Freunde  derselben
  verfluchte,  und  kaum  noch  des  kaiserlichen  Namens
schonte.  Die  Erbitterungen  in  Rom  waren  so  groß,  daß  sie
auf  einer  Synode  daselbst  die  Verfluchung  der  Monotheleten-=lehre
  nicht  mit  bloßer  Dinte  unterschrieben,  sondern  vom
        <pb n="205" />
        193

Abendmahl  Wein  darunter  gossen.  Der  Kaiser  fuhr  mit
Strafen  zu,  setzte  ab,  verwies  des  Landes,  und  war  so  entschlossen,
  seinem  Edict  Respect  zu  verschaffen,  daß  er  den
Roͤmischen  Bischof  als  einen  Verraͤther  wuͤrde  haben  enthaupten
  lassen,  wenn  nicht  der  sterbende  Patriarch  von  Constantinopel
  für  ihn  gebeten  haͤtte.

Die  nachfolgenden  Römischen  Bischbfe  schmiegten  sich,
und  erhielten  endlich  durch  Schmiegen  mehr  als  durch  allen
vorhergehenden  Trotz.  Der  Sohn  und  Nachfolger  des  Kaisers
  Constans,  Consiantinus  Pogonatus,  hielt  eine  große
Kirchenversammlung  zu  Constantinopel  (Trullana  Synodus)

und  verdammte  auf  derselben  die  Monotheletenlehre.  Die

Freunde  der  päbstlichen  Untrüglichkeit  lieben  die  Acten  dieser
Synode  gar  nicht,  denn  namentlich  dem  Römischen  Bischof
Honorius  wird  das  Anathem  darin  zugesagt.  Auch  dießmal
wie  bisher  immer  machte  die  Entscheidung  der  Synode  dem
Streit  kein  Ende,  auch  dießmal  wechselte  wieder  die  dffentliche
  Kirchenorthodorie  nach  den  Gesinnungen  der  schwachen,
parteiisch  -bldden  Kaiser,  nur  konnte  sich  keine  eigentliche
Religionspartie  bilden,  weil  kein  großer  Bischof  der  Anführer
  der  Monotheleten  war.

Allein  nur  die  Moͤnche  eines  Klosters  am  Berg  Libanon
behaupteten  sich,  getreunt  von  der  übrigen  großen  Kirche.  Es
war  unter  ihnen  ein  unternehmender  Kopf  Johann  Maro,
der,  nicht  zufrieden  bloß  der  allgemeinen  Reichsorthodorie  sich
zu  widersetzen,  einen  völligen  Aufruhr  gegen  den  Griechischen
Kaiser  erregte,  die  Regierung  der  ganzen  Gegend  an  sich  riß,
und  seine  Partie  so  furchibar  zu  machen  wußte,  daß  Griechen
und  Araber  dieselbe  nicht  bezwingen  konnten.  Dieser  von  der
großen  Kirche  getrennte  Haufen,  zu  dessen  Entstehung  der

Monotheletenstreit  Anlaß  gegeben  hatte,  erhielt  sich  bis  zu
Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  13

680
        <pb n="206" />
        194

Ende  des  zwoͤlften  Jahrhunderts  „er  vereinigte  sich  alsdenn
endlich  mit  den  Lateinern  in  Palaͤstina.

6.  21.
Wesentliche  Verschiedenheit  der  Bildung  der  Griechischen  Dogma-"
  tik  und  der  Lateinischen.

Schon  in  der  vorigen  Periode  zeigte  sich  in  der  Oogmatik
  und  in  der  Entwicklung  ihrer  Grundsätze  ein  offenbarer
  Unterschied  zwischen  der  Griechischen  und  Lateinischen
Kirche.  Je  mehr  sich  nun  auch  die  Glaubenslehre  der  Lateinischen
  Kirche  durch  eigene  Untersuchungen  ihrer  Lehrer  nach
und  nach  ausbildete,  je  mehr  sich  die  ganze  Communication
der  beiden  Kirchen  nur  auf  die  Verbindungen  Roms  mit
Constantinopel  einschränkte,  je  metaphysischer  die  Theologie
der  Griechen  wurde  und  je  mehr  sich  die  Theologie  der  Lateiner
  mit  Volksmeinungen  vermengte,  desto  sichtbarer  mußte
sich  der  Unterschied  der  beiderseitigen  Dogmatik  zeigen.  Manche
wichtige  Schriften,  welche  den  ganzen  Schatz  der  spitzfindigen
  Griechischen  Dogmatik  enthielten,  wurden  zwar  übersetzt,
und  dadurch  auch  bei  den  Lateinern  in  Gang  gebracht,  aber
sie  bekamen  doch  nie  eben  das  Interesse  für  den  Lateiner  als
für  den  Griechen.  Augustin  und  Gregor  der  Große  galten
bei  jenem  immer  mehr  als  die  allgemeinen  Lehrer;  und  beide,
nicht  sowohl  spitzfindige  Köpfe  als  Männer  von  Declamation,
  und  einer  solchen  Einbildungskraft,  wie  sie  gerade  dem
eignen  Vorstellungsvermögen  der  Occidentalischen  Theologen
am  meisten  entsprach,  mußten  nothwendig  immer  stärkere
Martien  machen.

Ueberdieß  hatte  die  ganze  Hierarchie  des  Occidents,  verglichen
  mit  der  Orientalischen,  gerade  die  entgegengesetzteste  Entwicklung,
  mußte  also  nicht  auch  Dogmatik,  welche  den  hierarchischen
  Meinungen  zur  Grundlage  diente,  nach  ganz  ent-1!
        <pb n="207" />
        195

gegengesetzten  Seiten  sich  ausbilden?  In  der  Griechischen
Kirche  erstarb  immer  alles  mehr,  in  der  Lateinischen  lebte,
nach  einigen  Katasiroxhen,  alles  immer  mehr  auf.  Aus
jener  flohen  die  Wissenschaften,  in  dieser  verbreiteten  sie  sich
immer  mehr,  und  fanden  bei  Kirchen  und  Klöstern  nach  und
nach  einige  sichere  Stätte.  Dort  zerfiel  die  Sprache,  hier  bildete
  sie  sich  nach  und  nach  zum  glücklichern  Ausdruck  auch
feinerer  Unterscheidungen.

Auch  die  große  Verschiedenheit  des  Orientalischen  und
Occidentalischen  Mönchswesens  außerte  natürlich  zunächst  in
der  Dogmatik  ihre  ganze  Wirkung,  weil  in  beiden  Kirchen
der  größte  Theil  der  angesehensten  Theologen  —  Mönche
waren.  En  so  vieler  Rücksicht  unterschied  sich  die  Bildung
der  Griechen  und  der  Lateincr,  und  diese  in  die  ganze  beiderseitige
  Verfassung  verwebte  Unähnlichkeit  war  gewiß  eine
der  unsichtbarwirkenden  Ursachen  des  großen  Schisma,  das
in  dieser  Periode  zwischen  beiden  Kirchen  entstand;  denn  der
Streit  wegen  dem  Ausgang  des  heiligen  Geistes  vom  Sohne
trennte  nicht  erst  beide  Kirchen,  sondern  gab  nur  Gelegenheit,
  dic  Trennung  auf  eine  feierliche  Art  zu  erklären,  und
den  Riß  unheilbar  zu  machen.

.  22.
In  das  Nicäische  Symbolum  kommt  filioque.

In  Spanien,  wo  der  Arianismus  bis  zu  Ende  des
sechsten  Jahrhunderts  herrschende  Religion  war,  suchte  man
bei  unternommener  Reformation  jede  Kleinigkett  hervor,  welche
der  Arianer  zum  Beweisgrund  seiner  Meinung  gebraucht
hatte,  und  es  mußte  damals  für  einen  der  bündigsten  Grönde
gegen  die  Gotteswürde  des  Logos  gehalten  worden  seyn,  daß

nach  den  häufigern  Zeugnissen  der  Kirchenväter  der  Geist  nur
vom  Vater  und  nicht  vom  Sohn  ausgehe  „Die  Spanitt,
13“
        <pb n="208" />
        196

voll  Eifers  gegen  den  Arianismus,  bedachten  die  Heiligkeit
des  Nicaͤischen  Symbolums  nicht,  und  unterstanden  sich  durch
Einruͤckung  des  Worts  filioque  das  Symbolum  nach  ihrer
Meinung  noch  orthodoxer  zu  machen,  als  es  nach  bisherigem
Gebrauch  gewesen  war.  Von  den  Spanischen  Kirchen  kam
diese  vermehrte  Ausgabe  des  aͤltesten  ehrwürdigsten  Symbolums
  in  die  Fraͤnkischen  Kirchen,  und  da  zwischen  Franken
und  Griechen  wegen  dem  Interesse  der  beiderseitigen  Hoͤfe
eine  beständige  Verbindung  war,  der  Streit  wegen  der  Bilderverehrung
  zu  Gesandtschaften  Veranlassung  gab,  so  kam
auch  diese  Frage  in  Bewegung,  ob  es  recht  gewesen  sey,  dem
Nicäischen  Symbolum  einen  solchen  Jusatz  zu  geben.  Die
Lateinischen  Mönche  beförderten  endlich  den  ganzen  Ausbruch.
Sie  wallfahrteten  in  großer  Menge  nach  Jerusalem,  und
sangen  dort  unter  andern  gottesdienstlichen  Uebungen  das
Nicäische  Symbolum,  mit  dem  Zusatze  wie  sie  es  zu  Hause
wohl  gewohnt  waren.  Die  Griechen  wollten  dieses  nicht  leiden,
  und  die  Mönche  suchten  Hülfe  bei  Karl  dem  Großen.
Die  Sentenz  seiner  Reichsprälaten  siel  zwar  für  die  Mönche
aus,  aber  der  Rômische  Bischof,  ob  er  schon  das  Dogma
billigte,  mißbilligte  doch  die  gewagte  symbolische  Vermehrung,
und  in  den  Streitigkeiten  mit  den  Griechen  war  Johann
VIII.  so  offenherzig,  den  Zusatz  für  gotteslästerlich  zu  erklären,
  er  bat  sich  aber  für  diese  Fehler  der  Lateinischen  Kirche
Gedult  aus.  Im  zehnten  Jahrhundert  wußte  schon  niemand
mehr  bei  den  Lateinern  von  einem  andern  Nicäischen  Symbolum
  als  von  einem  solchen,  worin  silioque  stand.
.  6.  23.
Geschichte  des  Bilderkriegs.

Doch  alle  andere  Streitigkeiten  dieser  Periode,  sowohl

in  der  Lateinischen  als  Griechischen-Kirche,  waren  gleichsam-
        <pb n="209" />
        197

nur  Zuckungen,  in  Vergleichung  mit  dem  färchterlichen  Sturm,
welchen  der  Bilderkrieg  veranlaßte.  Es  lag  nehmlich  schon
in  der  Denkungsart  der  Christen  des  fünften  Jahrhunderts)
daß  man  den  Bildern  heiliger  Männer,  besonders,  den  Bildern
  Jesu  und  der  Maria,  auferordentliche,  Hochachtungibe
wies.  Man  erzählte  sich  Wunderwerke,  die  bei  denselbenigeschehen
  seyen,  und  während  der  Monophysitischen  Streitigkeiten
  wurden  die  Gemälde  und  Statuen  der  Gortesgebährerinn
mit  einer  Art  von  Wetteifer  der  Orthodoren  und  Heterodoren
  verehrt.  Ein  Handlungsinteresse,  besonders  der  Mönche,
vereinigte  sich  damit,  sie  beschäftigten  sich  sehr  viel  mit  Malerei,
  und  konnten,  wenn  der  Aberglaube  des  Volks  recht
groß  war,  eine  beträchtliche  Anzahl  ihrer  Manufacturen  absetzen.
  Die  Meinung  war  ohnedieß  angenommen,  dasi  die
Heiligen  auch  noch  nach  dem  Tode  an  den  Angelegenheiten
dieser  Erde  und  der  Menschen  Theil  nähmen,  und  daß  ihr
Vorwort  bei  Gott  nicht  ohne  Wirkung  sey.  Wie  man  ihre
Reliquien  mit  kindischabergläubischer  Sorgfalt  zeigte,  so,  glaubte
man  auch,  ihnen  selbst  die  Ehre.  zu  erweisen,  die  ihren?  Bildern
  erwiesen  wurde.  Eigemliche  Anbetung  war:es,  zwar
nicht,  die  man  ihnen  erwies:  wenigstens  die  Klügeren  eiferten
dagegen;  aber  nachdem  der  Wundererzählungen  so  viele  wurden,
  durch  die  beständigen  metaphysischtheologischen  Streitigkeiten
  das  Wesentliche  der  Religion  immer  mehr  sich  verdunkelte,
  so  gieng  jener  anfangs  nur  unbestimmte  Aberglauben
endlich  in  eine  ganz  entschiedene  göttliche  Verehrung  über.
Die  eigentliche  Epoche  eines  solchen  Uebergangs  läßt  sich
nach  der  Natur  der  Sache  nicht  besiimmen.

Kaiser  Leo,  ein  „Prinz  von  vieler  Einsicht,  nahnt.  den
einreißenden  Unfug  wahr,  und  befahl  die  Bilder  in  der  Kirche
so  hoch  zu  stellen,  daß  wenigsiens  einc  gewisse  Art  der  aber-726
        <pb n="210" />
        198

glaͤubischen  Verehrung  aufhoͤren  sollte.  Das  Volk  glaubte,
der  Kaisertgehe  darauf  um,  die  ganze  Christliche  Religion
umzustuͤrzen,  und  die  Roͤmischen  Bischöfe  Gregor  II.  und  III.
behaupteten,  schon  seit  den  Zeiten  der  Apostel  habe  der  Bilderdienst
  in  der  Christlichen  Kirche  statt  gehabt.  Moͤnche  und
Geistlichkeit  verhetzten  das  Volk  gegen  den  Kaiser,  und  in
Italien-kam  es  zu  Empoͤrungen,  an  welchen  die  Roͤmischen
Bischoͤfe  nicht  unschuldig  waren.  Leo,  gereizt  durch  die  Widersetzlichkeit
  dieser  Eiferer,  gieng  immer  weiter.  Er  ent—
setzte  den  Patriarchen  von  Constantinopel,  einen  der  eifrigsten
Vertheidiger  des  Bilderdienstes,  und  verbot  nun  durch  ein
eigenes  Edict  die  Bilder  anzubeten.  Er  ließ  alle  Malereien
in  der  Kirche  auskratzen,  und  die  Gemaͤlde,  welche  man  hinwegnehmen
  konnte,  verbrennen.  Die  Moͤnche  schalten  ihn
einen  Antichrist,  einen  zweiten  Julian,  er  raͤchte  sich  an  ihnen
durch  Strafen.

Vom  Jahr  726  —  780  war  es  gleichfoͤrmig  fortdaurende
Bemuͤhung  der  Griechischen  Kaiser,  den  Bilderdienst  zu  verlilgen,
  die  ganze  Ruhe  ihrer  Regierung  hieng  davon  ab;  denn
welcher  mißvergnügte  Minister  oder  rebellische  Prinz  sich  für
den  Bilderdienst  erklärte,  hatte  immer  den  großen  Haufen  für
eine  Revolution  bereit.  Sie  giengen  nun  nicht  immer  bloß
nach  Strenge,  sondern  sie  hielten  Synoden,  und  suchten  das
Volk  durch  Synodalentscheidungen  zu  leiten.  Aber  Synodal
emscheidungen  konnten  das  Volk  nur  dahin  leiten,  wo  cs
ohnedieß  hinwollte:  alle  Bemühungen  waren  vergeblich,  im
Orient  war  alles  voll  Unruhe,  Iralien  gieng  verloren  und
eine  Staatsrevolution  im  Jahr  780  zernichtete  vollends,  was
vorher  so  mühsam  aufgebaut  worden  war.

Irene  schickte  nehmlich  ihren  Gemahl  den  Enkel  Leos
III.  aus  der  Welt,  regierte  unter  dem  Namen  ihres  Sehns
        <pb n="211" />
        199

Constantin,  und  um  sich  in  der  Regierung  desto  mehr  zu  befestigen,
  nahm  sie  den  Bilderdienst  in  Schutz,  hielt  eine  große
Spynode  zu  Nicäa,  auf  welcher  beschlossen  wurde,  daß  man
dem  Kreuz,  den  Bildern  Christi  und  der  Maria,  der  Engel
und  der  Heiligen  eine  gortesdienstliche  Verehrung  erweisen
sollte;  daß  man  sie  küssen,  ihnen  räuchern  und  Lichter  anzuͤnden
  solle.  Der  Roͤmische  Bischof  nahm  die  Schluͤsse  der
Nicäischen  Synode  mit  Freuden  an.  Der  aufgeklärtere  Karl
der  Große  ließ  sie  in  einer  eigenen  Schrift  widerlegen,  und
rief  auch  in  seinen  Staaten  eine  große  Synode  zusammen,
wo  noch  einmal,  ungeachtet  alles  dessen  was  der  Remische
Bischof  beschlossen  hatte,  der  Bilderdienst  verworfen  wurde.
Mäßiger  blieben  die  Bischbfe  zwar  darin  als  die  Orientalischen

  Bilderstürmer,  daß  sie  die  Bilder  nicht  ganz  zum  Tempel

  hinaus  warfen,  aber  eben  diese  ihre  Mäßigung  wurde  das
Unglück  des  nachfolgenden  Zeitalters.

Auch  nach  der  zweiten  Nicäischen  Synode  war  doch  noch
nicht  Ruhe  im  Orient.  Die  Raserci  der  Bilderanbeter  war  gar
zu  ausschweifend,  als  daß  sie  nicht  jedem  vernünftigen  Regenten
  hütte  mißfallen  sollen,  sobald  dieser  den  geringsten
Versuch  machte,  sie  einzuschränken,  so  war  kein  Satansname
im  Alten  und  Neuen  Testament,  den  nicht  die  Monche  dem
Kaiser  gaben.  Selösi  zu  Constantinopel  —  man  hätte  doch
in  der  Residenz  nech  die  meiste  Aufklärung  erwarten  sollen
—  legte  man  den  heiligen  Statuen  die  neugebornen  Kinder
in  den  Arm,  daß  doch  in  diese  Kleinen  eine  geheime  Kraft
transpiriren  möchte.  Man  erbat  die  Bilder  zu  Taufpathen.
Die  Farbe  von  den  Gemälden  wurde  abgekratzt,  mit  dem
Abendmahlwein  vermischt,  auch  das  Abendmahlbrod  nicht
eher  genossen,  als  bis  es  eine  Zeit  lang  in  die  Hand  einer
solchen  heiligen  Statue  gelegt  worden  war.

704
        <pb n="212" />
        200

Nach  vielen  Abwechslungen  triumphirten  endlich  die
Bilderanbeter  seit  dem  Jahr  842  wieder  vollkommen.  Ein
schwaches  Weib  war  wieder  auf  dem  Thron,  die  sich  vor  den
Moͤnchen  fuͤrchtete.  Selbst  der  gelehrte,  verstaͤndige  Photius
erklärte  sich  ganz  für  die  Bilderanbetung.  Das  blinde  Volk
sah  es  auch  als  eine  besondere  Vorsehung  an,  daß  der  Aberglaube
  endlich  gesiegt  hatte,  man  setzte  zum  Angedenken  das
Fest  der  Orthodorie  ein.
§S.  24.

Im  Occident  hingegen  war  es  nicht  eigentliche  Revolution,
durch  welche  die  Bilderanbetung  herrschend  geworden,  sondern
  sehr  leicht  erweckte  Entwicklung  der  grobsinnlichen  Deukungsart,
  welche  unter  dem  Klerus  und  Volk  fast  allgemein
war,  nachdem  der  Eifer  zu  den  Wissenschaften,  welcher  unter
Karls  des  Großen  und  Ludwigs  des  Milden  Regierung  geweckt
  worden  war,  gänzlich  wieder  erkaltet.  Die  Mirakelhistorien
  bahnten  auch  hier  den  Weg,  der  Eigennutz  des
Klerus  unterhielt  an  manchen  Orten  die  Täuschung,  und
wenn  etwa  auch  ein  Mann,  wie  Claudius  Bischof  von  Turin
  auftrat  und  dem  herrschenden  Ton  seines  Zeitalters  widersprach,
  so  erfuhr  er,  was  jeder  große  Mann  in  einem
solchen  Fall  erfährt,  daß  es  unmöglich  ist,  die  Wahrheit  hörbar
  genug  zu  sagen,  wenn  sie  allen  herrschenden  Meinungen
des  Zeitalters  zu.  sehr  entgegen  ist.

Fast  alle  Streitigkeiten,  welche  im  neunten  Jahrhundert
im  Occident  entstanden,  liefen  darauf  hinaus,  daß  sich  cinige
wenige  vernünftige  Theologen  dem  Einreißen  unvernünftiger
sinnlicher  Vorsiellungsarten  widersetzten,  und  ihre  Dogmatik
in  mehrere  Uebereinstimmung  mit  ihrer  Philosophie  zu  bringen
  suchten.  Am  Hof  Karls  des  Kahlen  war  zwar  immer
ein  kleiner,  auserlesener  Haufe  von  Philosophen  und  Throlo-
        <pb n="213" />
        201

gen,  durch  deren  Schriften  die  aufgeklaͤrtere  Vorstellungsart
noch  einige  Oberhand  behielt,  aber  die  Moͤnche,  deren  Ver,
stand  sich  weniger  durch  allgemeinen  Umgang  und  mannigfaltigere
  Lectüre  entwickelte,  waren  die  gewöhnlichen  Vertheidiger
  der  sinnlichen  Vorstellungsart,  waren  schreibseliger  als
jene  Hoftheologen  und  Hofphilosophen,  und  hatten  schon  in
ihrer  ganzen  äußern  Lage  mehr  Vortheil,  ihre  Ideen  allgemein
  auszubreiten  und  länger  im  Gang  erhalten  zu  können.

In  einem  solchen  Zeitalter  konnte  die  Controvers  entstehen,
  ob  Christus  bei  ganz  verschlossenem  Leibe  seiner  Mutter
auf  die  Welt  gekommen  sey  oder  wie  jeder  andere  Mensch?
Ein  Mönch  im  Kloster  Corvey,  Paschafius  Ratbert,  bewies
sorgfältig,  wie  nachtheilig  es  für  die  Ehre  der  Jungfrau  Maria
  seyn  müßte,  das  letztere  behaupten  zu  wollen.

So  hatte  man  auch  schon  lange  angenommen,  daß  im
Abendmahl  Fleisch  und  Blut  Christi  genossem  würden,  aber
man  hatte  sich  nicht  weiter  darüber  bedacht,  wie  das  zu  verstehen
  sey.  Man  hatte  zwar  grobe,  sinnlose  Begriffe,  aber  man
dachte  sich  diese  nicht  nach  allen  ihren  Folgerungen  entwickelt.
Man  hüllte  sich  mit  einiger  Zufriedenheit  in  das  Dunkele
derselben  ein.  Nun  aber  wollte  man  wissen,  ob  das  Fleisch
und  Blut  Christi,  das  wir  im  Abendmahl  genössen,  eben  dasselbe
  sey,  das  aus  Maria  geboren  worden?  ob  denn  das
Brod  und  der  Wein  im  Abendmahl  auch  Brod  und  Wein
bleiben,  oder  ob  sich  bei  der  geschehenen  Veränderung  nur
der  außere  Schein  von  Brod  und  Wein  erhalte?  Eben  derselbe
  Mönch  Ratbert  behauptete,  die  Veränderung  sey  so  wesentlich,
  daß  man  nicht  mehr  sagen  konne,  Brod  und  Wein
sey  Brod  und  Wein  geblieben.  Er  verwickelte  sich  in  dunkle
ärgerliche  Ausdrücke,  und  behielt  in  seinen  Declamationen
nicht  mehr  so  viele  Spuren  der  ächtern  Wahrheit,  als  sich
        <pb n="214" />
        202

in  manchen  vorhergehenden  Schriftstellern  bei  ähnlichen  Verirrungen
  noch  fanden.

Die  besseren  Koͤpfe  seines  Zeitalters,  Johann  Scotus,
der  scharfffunigste  Philosoph,  und  Ratramnus,  Mönch  im
Kloster  Corvey,  widerlegten  nebst  vielen  andern  diese  Meinung,
  und  vertheidigten  wahrscheinlich  die  nachher  Lutherische
Meinung  von  der  Art  der  Gegenwart  im  heiligen  Abendmahl:
  aber  der  Strom  war  schon  nicht  mehr  aufzuhalten,
die  sinnlichere  Meinung  bekam  mehr  Anhänger,  und  man
sachte  die  Vertheidigung  der  vernünftigen  Hypothese  durch
schisame  Folgerungen  aus  derselben  recht  verhaßt  zu  machen.
Wenn  Brod  und  Wein  auch  im  Abendmahl  noch  Brod  und
Wein  bleiben  sollten,  so  müßten  sic  nach  dem  Genusse  das
Schicksal  aller  menschlichen  Nahrung  erfahren:  ob  es  aber
nicht  gotteslästerlich  sey,  das  von  Brod  und  Wein  zu  sagen,
die  Leib  und  Blut  Christi  sind?  Stercoranismus  hieß  diese
Kegercibeschuldigung,  welche  immer  eine  Partie  der  andern
vorwarf,  und  keine  der  andern  mit  Recht  vorwerfen  konnte.
Es  ist  unglaublich,  auf  was  für  profane  und  alberne  Fragen
  die  Mönche  durch  solche  Streitigkeiten  allmählig  gericthen,
  und  wie  sich  nach  und  nach  die  Idee  fesisetzte,  daß  das
beilige  Abendmahl  ein  Opfer  sey,  das  man  Gott  darbringe.
Schen  diese  einzige  Mxrinung  war  eine  Quelle  der  ungereimtrsten
  Gewohnheiten,  wodurch  der  ganze  Jweck  des  Abendmahls
  völlig  verkehrt  wurde.

Itzt  hielt  man  häufig  Abendmahl,  ohne  daß  jemand  außer
  den  Priestern  dasselbe  genoß  (missac  privatae  solitariac)
denn  dic  Laien  giengen  jetzt  meistens  nur  dreimal  des  Jahrs
au  gewissen  großen  Festtagen  zum  Abendmahl.  Oefter  zu
gehen  war  beschwerlich  kosibar,  weil  man  nicht  mit  leerer
Hand  erscheinen  durfte,  und  die  Abgaben  an  die  Priester,
        <pb n="215" />
        203

welche  man  als  goͤttliches  Recht  forderte,  ohnedieß  zahlreich
genug  waren.  Da  Abendmahlhalten  ein  Opfer  seyn  sollte,
so  ließ  man  dieß  Opfer  Gott  durch  den  Priester  bringen,  bald
fuͤr  empfangene  Wohlthaten,  bald  um  Gott  zu  bewegen,  der
Seele  seiner  Voraͤltern  oder  der  Kinder,  die  im  Fegfeuer
schmachteten,  desto  schneller  sich  zu  erbarmen,  bald  um  Regenwetter,
  bald  um  Sonnenschein  für  die  Feldfrüchte  zu  erbitten.
Der  Priesier  ließ  sich  seit  dem  Ende  des  achten  Jahrhunderts
die  Mühe  bezahlen,  welche  er  mit  dem  häufigen  Mehhalten
  hatte,  und  da  die  Messen  schon  im  neunten  Seculum
mit  einem  mal  zu  hunderten  bestellt  wurden,  so  mußte  man
darauf  denken,  recht  viele  Messen  an  einem  Tag  lesen  zu
können.  Schade!  die  Kirchengesetze  verboten,  weiter  als  eine
zu  lesen.  Der  Klerus  erfand  sich  aber  zu  diesen  Gesetzen  die
Glosse,  nur  eine  wo  der  Kelch  getrunken  wird,  aber  missa
Ssicca  könnte  nicht  viel  unkräftiger  seyn  als  eine  ganze  Messe.
So  wurden  mehrere  Messen  den  Tag  über  von  einen  Geisilichen
  gelesen,  und  er  trank  in  einer  den  Kelch  für  alle  übrige.
  Das  Gepränge  bei  Haltung  dieses  Abendmahls  oder
dieser  Messen  wurde  denn  doch  immer  ceremonienvoller,  dem
Geisilichen  lag  daran,  der  Handlung  den  höchsten  Grad  der
Feierlichkeit  und  des  unverständlichsten  Geheimnisseszu  geben.
Man  nahm  besonders  seit  dem  Ende  des  neunten  Jahrhunderts
  nicht  mehr  bloß  gemeines  gesäuertes  Brod,  sondern  ungesäuertes,
  eigemlich  einzig  für  diesen  Endzweck  gebacken,  nach
einer  besondern  Form  zugeschnitten,  und  immer  kleiner  zugeschnitten,
  damit  ja  niemand  von  der  kostbarsten  Sache  zu
viel  empfange.

Wie  bei  der  feierlichsten  Handlung  des  öffentlichen  Gottesdiensis
  äußerliche,  in  die  Sinne  fallende,  Pracht  oft  mit
einer  recht  ungeschickten  Verschwendung  den  Werh  oder  den
        <pb n="216" />
        204

Eindruck  derselben  erhoͤhen  sollte,  so  war  es  seit  dem  sechsten
Jahrhundert,  seit  den  Bemuͤhungen  Gregors  des  Großen  fasi
mit  allen  Theilen  des  Gottesdiensts.  Ihm  verdankt  die  Roͤ—
mische  Kirche  die  gegenwärtige  Form  ihres  Meßkanons,  so
wie  sonst  die  wichtigsten  Theile  ihrer  Religionsceremonien.
Durch  ihn  wurden  die  heiligen  Processionen  erst  recht  aufge—
bracht;  die  Litanien,  oder  die  besonderen  Gebersformeln  auf
alle  Fesie  und  alle  besonderen  Gelegenheiten,  die  sich  nur  erdenken
  ließen,  kamen  in  öffentlichen  Kirchengebrauch.  Es
war  im  ganzen  Aeußern  des  Gottesdienstes  kein  Schatten
der  alten  Einfalt  mehr  da,  und  auch  Karl  der  Große  gab  sich
alle  Mäöhe,  die  Kirchen  seines  Reichs  wie  im  ganzen  Geprän--ge
  so  besonders  in  Ansehung  des  Gesangs  nach  Rdmischer
Weise  zu  bilden.  Es  ist  ein  Beweis,  wie  man  der  ungereimtesten
  Sache  endlich  so  gewohnt  werden  kann,  daß  man  sie
gar  nicht  mehr  achtet  —  seit  Gregors  Zeiten  wurde  es  bald
allgemeine  Sitte,  daß  man  dem  lieben  Gott  das  Gebet  vorsang.

6.  25.

Schilderung  der  wichtigsten  Umstände,  wodurch  die  Schicksale  der
Religion  und  Theologie  im  neunten  Jahrhundert  bestimmt
  wurden.

Nichts  mußte  aber  endlich  mehr  zum  Verderben  der  Religion
  und  Dogmatik  dienen,  als  daß  die  Cultur  der  Muttersprachen
  so  sehr  hintangesetzt,  und  fast  Alles  nur  immer
in  denen  einmal  angenommenen  Lateinischen  Ausdrücken  abgehandelt
  wurde.  Das  Vaterunser,  das  Taufsymbolum  lernte
zwar  fast  jede  Nation  auch  in  ihrer  Muttersprache,  und  besonders
  im  neunten  Jahrhundert  wurden  Anstalten  gemacht,
daß  in  der  Muttersprache  gepredigt  werden  sollte,  aber  der
ganze  Zweck  der  zwei  wichtigsien  Religionshandlungen,
        <pb n="217" />
        205

Taufe  und  Abendmahl,  konnte  doch  unmoͤglich  vom  Volk  erkannt
  werden;  selbst  der  Priester  verstand  kaum  Latein  zu
lesen,  wer  von  dem  Volk  sollte  mit  Verstand  hören?  Einzelne
  Stücke  der  Bibel  wurden  zwar  übersetzt,  aber  wie  viel
gehörte  damals  dazu,  bis  ein  Buch  allgemein  in  Gang  kam!
Selbst  Otfrieds  Uebersetzung,  ungcachtet  sie  Poesie  war,  wurde
nicht  sehr  ausgebreitet,  und  so  lange  man  sich  nicht  auf  ein
solches  Buch  im  öffentlichen  Unterricht  beständig  bezog,  so  lange
nicht  der  öffentliche  Predigtunterricht  recht  häufig  und  angelegentlich
  war,  so  nahm  das  Volk  nur  wenigen  Theil  an  dem,  was
die  Gelehrten  seines  Zeitalters  sagten  und  schrieben.

Und  gerade  dieser  Volksunterricht  war  nur  höchst  sparsam
  und  dürftig;  der  ganze  Goktesdienst  schränkte  sich  immer
mehr  auf  die  Messen  ein,  also  auf  eine  Religionshandlung,
von  welcher  das  Volk  durchaus  keinen  Sinn  haben  konnte,
und  Karl  der  Große,  so  eifrig  er  suchte,  allgemeine  Aufklärung
  zu  verbreiten,  ergriff  doch  bei  versuchter  Ausbreitung
der  Religionskenntnisse  ein  Mittel,  das  gerade  entgegengesetzte
Wirkung  that.  Er  ließ  durch  einen  Gelehrten  an  seinem  Hof,
Paul  Warnefried,  Homilien  aus  den  Kirchenvätern  über  gewisse
  Evangelien=  und  Epistelterte  zusammensuchen.  Der  größere
  Theil  der  Bischöfe  und  Geistlichen  war  nicht  im  Stande,
Homilien  selbst  zu  verfertigen  oder  wenn  sie  je  Bücher  hatten,
sie  aus  denselben  zusammenzusuchen;  man  kam  ihnen  also  von
Seiten  der  Regierung  zu  Hülfe,  und  gab  ihnen  eine  Postill
in  die  Hände,  von  deren  Gebrauch  man  versichert  war.  So
wurde  freilich  hie  und  da  aus  der  Reichspostill  noch  eine  erträgliche
  Predigt  gehalten,  wo  vorher  gar  keine  gehoͤrt  worden
  wäre,  aber  die  nächste  Folge  war,  daß  sich  nun  niemand
mehr  Mühe  gab,  und  die  Bibel  selbst  immer  auch  unter  den
Gelehrten  außer  Gang  kam,  weil  man  das  für  den  Alltags-
        <pb n="218" />
        206

gebrauch  Nothwendige  anderwaͤrts  kuͤrzer  beisammen  hatte.
Der  Festtage  wurden  zwar  immer  mehrere,  und  die  Feier  des
Sonntags  wurde  immer  strenger  befohlen;  aber  das  Alles
diente  nur  dazu,  den  Aberglauben  zu  vermehren,  denn  jedes
neugeordnete  Fest  war  nur  Fest  einer  neuen  abergläubischen
Meinung,  gewöhnlich  nur  Gelegenheit  einer  neuen  Messe,
aber  nicht  eines  neuen  Volksunterrichts.

Das  einzige  Mittel,  das  etwa  noch  übrig  blieb,  dem
gänzlichen  Zerfall  der  Religion  unter  dem  Volk  zu  wehren,
war  die  Beichtanstalt,  und  von  dieser  Seite  betrachtet  war
es  zu  damaligen  Jeiten  in  der  That  nützlich,  daß  dem  Laien
eine  Aufzählung  einzelner  Sünden  zur  heiligen  Verbindlichkeit
  gemacht  wurde,  und  daß  man  ein  dreimaliges  Beichten
des  Jahrs  für  eine  der  nothwendigsten  Pflichten  des  Christer
hielt.  Durch  diese  Beichtanstalt  wurde  doch  nach  und  nack
auch  unter  dem  niedrigsten  Volke  mancher  Aberglaube  aus
gerottet,  wenn  auch  nicht  immer  aufgeklärte  Religionskennt
niß,  wenigstens  doch  einige  Ausübung  von  Moral  erhalten
aber  auch  dieser  erwartete  Nutzen  wurde  leider  bald  durch  di
Unwissenheit  und  den  Eigennutz  der  Priesier  äußerst  vermin
dert.  Der  Priester  betrachtete  die  Sünden  seines  Beichtkin
des  bloß  im  Verhältnisse  gegen  seine  Sündentare  und  wen
die  Sünde  auch  nicht  mit  Geld  abgekauft  wurde,  so  wurd
selbst  durch  die  anderen  Arten  von  Büßungen,  Psalmenbete
und  Fasten,  gar  keine  Besserung  bewirkt,  vielmehr  mußte  d
Ueberzeugung,  wie  leicht  man  einer  Sündenschuld  loswerde
könne,  nur  roher  und  gegen  das  Laster  unempfindlicher  me
chen.  Aus  allen  diesen  Umständen,  welche  so  unglücklich  z
sammentrafen,  läßt  es  sich  wohl  erklären,  warum  in  der  let
ten  Hälfte  des  neunten  und  in  der  ersten  Hüälfte  des  zehnte
Jahrhunderts  fast  alle  Moralität  so  ganz  verloren  wa
        <pb n="219" />
        207

Geistliche  und  Laien  schienen  vergessen  zu  haben,  daß  es  ein
sechstes  Gebot  gebe.  Der  Name  eines  Bastards  war  keine
Schande.  Mit  den  schaͤrfsten  Kirchengesetzen  konnte  man
kaum  bei  dem  messehaltenden  Priester  einigen  Wohlstand  erzwingen.
  Auch  die  Bischöfe  dünkten  sich  nur  zu  oft  über
die  Gesetze  der  Menschheit  erhaben.  Man  sieht  in  der  Geschichte
  Gottschalks  selbst  an  einigen  der  größten  unter  ihnen,
was  ihre  Sitten  waren.
.  26.
Gottschalk,  ein  unglücklicher  Freund  Augustinischer  Meinungen.
Gottschalk,  ein  frommer  Mönch  aus  Frankreich,  da  er
auf  einer  Wallfahrt  von  Rom  nach  Hause  reiste,  wurde  unterwegs
  in  ein  Religionsgespräch  verwickelt,  worin  er  behauptete,
  Gott  habe  von  Ewigkeit  her  gewisse  Menschen  zur  ewigen
  Seligkeit,  gewisse  zur  ewigen  Verdammung  bestimmt.
Das  war  nun  gerade  eben  das  gesagt,  was  Augustin  längsi
gesagt  hatte,  und  Augustin  galt  doch  damals  für  einen  Grundpfeiler
  der  Orthodorie.  Aber  ein  Italienischer  Bischof  Noting
von  Verona  hörte  dem  Religionsgespräch  zu,  und  fand  Gottschalks
  Meinung  ärgerlich.  Er  gab  dem  Erzbischof  von  Mainz
Rabanus  Maurus  Nachricht,  und  bat  sich  Belehrung  von
demselben  aus;  denn  Rabanus  galt  damals  für  einen  der  augesehensten
  Theologen.  Die  gemachte  Anfrage  war  aber  dem
Erzbischof  höchst  erwünscht,  aus  Gelegenheit,  dem  Mönch
Gottschalk  wehe  zu  thun,  dem  er  schon  von  langen  Jahren  her
gram  war.  Noch  da  Rabanus  Abbt  in  Fuld  gewesen  war,
befand  sich  Gottschalk  als  Mönch  daselbst,  und  verließ  das
Klosier  mit  dem  größten  Widerwillen  des  Abbts,  der  einen
so  vornehmen  und  trefflichen  Jüngling  äußerst  ungern  verlor.
Voll  von  dem  Zutrauen,  das  eine  redliche  Ueberzeugung  einflößt,
  eilte  Gottschalk  sogleich  selbst  nach  Mainz,  wollte  sich  hier

847
        <pb n="220" />
        849

208

gegen  den  Bischof,  der  schon  uͤberall  verketzernde  Briefe  ausschickte,
  offenherzig  verantworten.  Allein  er  wurde  auf  der
Synode  als  Ketzer  verurtheilt,  und  an  den  Exzbischof
Hinkmar  geschickt,  zu  dessen  Sprengel  er  eigentlich  gehörte,
von  dem  er  aber  gleichfalls  aus  Privatabsichten  nichts  besseres
  zu  erwarten  hatte,  als  von  Rabanus.  Der  Rheimsische
Primas  hielt  zu  Chiersy  gleichfalls  Synode  über  ihn,  und
ließ  ihn  hier  so  lange  schlagen,  bis  er  eigenhändig  sein  Glaubensbekenntniß
  ins  Feuer  warf.  In  einem  ewigen  Gefängniß
sollte  er  seine  Verstocktheit  und  seine  Blindheit  beweinen,  und  er
blieb  auch  bis  an  sein  Ende,  ungeachtet  er  zwanzig  Jahre  lang
im  Kerker  saß,  seiner  Augustinischen  Ueberzeugung  getreu.

Wenn  Hinkmar  durch  sein  Zeitalter  entschuldigt  werden
sollte,  daß  er  einen  irrigen  Mönch  so  barbarisch  Orthodorie
lehrte:  sa  gilt  die  Eutschuldigung  doch  nur  auf  den  Fall,  wenn
Gottschalk  nach  den  Kirchengesetzen  seines  Zeitalters  wirklich
heterodor  war.  Aber  der  größte  Theil  der  damaligen  Bischbèfe
und  Theologen  war  darin  uncinig,  selbst  der  Römische  Bischof
wollte  die  Lehrsätze  des  Hinkmar  nicht  billigen.  Es  kam  bei
beiden  Partien  zu  Synodalberathschlagungen,  und  beide  Partien
  suchten  ihre  Meinung  durch  Synodalschlüsse  zu  bekräftigen.
  Der  ganze  Streit  erlöschte  wieder  in  eben  derselben
Hälfte  des  Jahrhunderts,  in  welcher  er  entstanden  war.

9.  27.
Wie  die  Gottesurtheile  mit  dem  Zustand  dieses  ganzen  Zeitalters
  zusammenhangen.

So  wenig  nun  Religionskenntnisse  unter  dem  großen
Haufen  waren,  so  allgemeine  Unwissenheit  selbst  auch  untet
der  Geisilichkeit  herrschte,  so  fand  sich  doch,  besonders  unter
dem  Volk,  ein  gewisses  dunkles  Gefühl  von  eincr  göttlicher
Vorsehung,  welche  durch  unmittelbare  Dazwischenkunften  über
        <pb n="221" />
        200

Recht  oder  Unrecht  entscheide,  die  Tugend  rette  und  das  Laster
  bestrafe.  Schon  die  Gottesurtheile  allein  sind  der  sichersie
Beweis  hievon.  Man  verkennt  gewiß  die  ganze  Denkungsart
  dieser  Zeitalter,  wenn  man  sie  in  ihrem  ersten  Ursprung
für  einen  Betrug  der  Priesier  ansehen  will,  ob  sich  schon  Betrügerei
  sehr  bald  dabei  mag  eingemischt  haben,  da  schon  zu
Ludwig  des  Milden  Zeiten  einige  Gattungen  dieser  Gottesurtheile
  verboten  werden  mußten,  weil  man  sah,  wie  sehr  sie
dem  Betrug  ausgesetzt  waren.  Aber  selbst  dieses,  daß  man
bei  einer  solchen  Veranlassung  nur  einige  und  nicht  alle  verbot,
  beweist  genugsam,  wie  tief  diese  Gewohnheit  in  der  Denk,
ungsart  des  ganzen  Zeitalters  lag.

Nichts  ist  in  der  That  auch  dem  Genie  wenig  aufgeklärter,
  und  dabei  doch  religibser  Menschen  mehr  angemessen,  als
die  Vorsehung  bei  jedem  zweifelhaften  Vorfalle  zu  einer  unmittelbaren
  Eutscheidung  aufzurufen,  und  durch  die  Geschichten  des  alten
Testaments  mögen  manchmal  wohl  selbst  die  aufgeklärteren  für  eine
  solche  unmittelbare  Theokratie  gestimmt  worden  seyn;  die  Feicrlichkeit
  wie  solche  Gottesurtheile  angestellt  wurden,  erregte  auch
wohl  öfters,  wenn  von  Schuld  oder  Unschuld  die  Rede  war,  in  den
Gemüthern  der  Partien  solche  Empfindungen,  daß  die  Muthlosigkeit
  den  Schuldigen  verloren  machte,  und  die  Einbildungskraftdes
Unschuldigen  von  der  Zuversicht  auf  die  Hülfe  der  Vorsehung
bis  zum  Ausdauren  belebt  wurde.  Denn  haätten  die  Gottesurtheile
  gar  zu  oft  sichtbar  unrecht  entschieden,  so  müßte  ihr
Credit  bei  der  noch  dämmernden  Aufklärung  dieses  Zeitalters
früher  gefallen  seyn,  als  wirklich  geschah.  Doch  die  Unschuld
mag  bei  dieser  Art  von  Proben  glücklich  oder  unglücklich  gewesen
  seyn,  so  ist  gewiß,  daß  solche  Gottesurtheile  Beweise
der  rohen  Religiosität  eines  Volks  sind,  besonders  wenn  sie
bei  so  vielen  ganz  verschiedenen  Vorfällen  gebraucht  werden,

Spittler's  seimmtl.  Werke.  II.  Bd.  14
        <pb n="222" />
        210

als  damals  gewoͤhnlich  war.  Der  Duell  sollte  nicht  nur  ent.
scheiden,  wer  unschuldig  oder  schuldig  eines  gewissen  Verbrechens
  sey:  er  sollte  richten,  ob  die  Enkel  von  dem  Großvater
  erben  können,  oder  ob  es  Wille  der  Vorsehung  sey,  daß
sie  den  Vaters=  oder  Mutterbrüdern  weichen  sollten.  Die  wichtigsten
  wechselsweisen  Prätensionsrechte  der  Könige  wurden
meist  so  ausgemacht;  selbst  der  Krieg  war  in  den  Augen  dieses
  Zeitalters  nichts  anders  als  ein  judicium  Dei.  Noch  bis
zu  Ende  des  elften  Jahrhunderts  behielten  diese  Meinungen
ihre  volle  ziemlich  ungeschrächte  Gültigkeit.  Erst  da  nach
und  nach  die  Menschen  mehr  auf  die  Hälfte  des  Wegs  der
Aufklärung  kamen,  zu  klug  für  eine  solche  kindische  Gottessurcht
  und  zu  wenig  verständig  für  eine  recht  aufgeklärte  Religion
  waren,  da  Römisches  Recht  mit  allen  wahrgenommenen
  Bequemlichkeiten  eines  geschriebenen,  für  alle  nur  mögliche
  Fälle  besiimmenden  Rechts  in  Gang  kam,  erst  alsdann
wurden  solche  judicia  Dei  ungefähr  eben  das,  was  Auspicien
und  Augurien  zu  den  Zeiten  des  Cicero  waren.
28••
Geschichte  der  Religion  und  Dogmatik  im  zehnten  Jahrhundert.
Nach  allen  diesen  bisherigen  Bemerkungen  entwickelte  sich
Religion  und  Theologie  des  zehuren  Jahrhunderts,  wenn  man
anders  Entwicklung  heißen  kann,  was  bloß  Vermengung  der
Volksmeinungen  mit  dem  Christenthum  war.  Bei  dem  traurigen
  dußern  Zustand  der  Kirche  war  es  nicht  möglich,  daß
irgend  einige  Versuche  einer  genauern  Bestimmung  gewisser
Lehren  gemacht  werden  konnten.  Vor  Ketzereien  war  man
deßwegen  auch  sicher,  wenigstens  vor  solchen,  die  gleich  damals
  Bewegung  gemacht  hätten,  denn  was  man  auch  von
dieser  Art  in  der  Geschichte  bemerkt,  ist  immer  bloß  Sache
einzelner  unwissender  Menschen,  die  nicht  eigentlich  wußten,
        <pb n="223" />
        211

was  sie  wollten,  oder  wenn  sie  auch  dunkle  Gefuͤhle  der  Wahrheit
  hatten,  so  konnten  sie  ihr  Gemenge  von  Wahrheit  und
Irrthum  nicht  ausdrücken.  Wo  im  vorigen  Jahrhundert  ein
gewisser  Miböbrauch  nur  angefangen  hatte  hervorzukommen,
da  wurde  er  itzt  herrschende  Sitte.  Noch  Karl  der  Große
hatte  es  verboten,  daß  die  Glocken  getauft  werden  sollten,  weil
die  Taufe  nur  für  Menschen  sey:  im  zehnten  Jahrhundert
fieng  Glockentaufe  an,  ganz  gewöhnlich  zu  werden.  Für  Versiorbene
  hatte  man  längsi  Messe  gelesen,  aber  es  mußte  für
einzelne  Personen  besonders  bestellt  werden.  Zu  Ende  des
zehnten  Jahrhunderts  bekam  ein  Abbt  von  Clugny,  Odilo,
eine  Offenbarung,  wie  sehr  die  Scelen  im  Fegfeuer  wimmerten,
wie  viele  da  seyen,  welche  zu  lange  da  bleiben  müßten,  weil
für  sic  nichts  bestellt  worden.  Er  fieng  also  an,  eine  Messe
für  alle  Seelen  im  Fegfeuer  zu  lesen,  und  so  wurde  endlich  in
der  ganzen  Kirche  das  Fest  aller  Seelen  eingeführt.

Man  sieht  schon  aus  der  auch  im  achten  und  neunten
Jahrhundert  gewöhnlichen  Vervielfältigung  der  Messen,  daß
sie  glaubten  die  Wirkung  richte  sich  nach  der  Menge  und  Anzahl;
  daher  auch  schon  damals  die  Vervielfältigung  der  Gebete,
die  Meinung  Gott  zu  versöhnen,  je  öfter  man  ihn  das  Vaterunser
  und  den  Psalter  anhdren  lasse.  Nun  fiengen  sie  aber  an,
ihre  Gebete  dem  lieben  Gott  vorzuzählen,  und  alle  Verwirrung
  deshalb  zu  vermeiden,  kamen  schon  im  zehnten  Jahrhundert
  solche  Erfindungen  zum  Vorschein,  wie  Rosenkranz  und
Krone  der  Jungfrau  Maria  sind.

Dieser  ganze  Hang  zu  recht  sinnlichabergläubischen  Eebräuchen
  wurde  vollends  dadurch  unaufhaltbar  wirksam,  da
sich  in  Frankreich  die  Meinung  verbreitete,  daß  am  Ende
des  ersten  Jahrtausends  nach  Christi  Geburt  der  Antichrist
kommen,  und  dann  sogleich  das  jüngsie  Gericht  einbrechen

147

7
        <pb n="224" />
        212

werve.  Wer  Guͤter  hatte,  schenkte  sie  doßwegen  den  Kirchen;  was
konnten  ihm  irdische  Güter  nätzen,  wenn  der  Welt  Ende  so
nahe  war?7  Die  Wallfahrten  hach  Jerusalem  und  andern  heiligen
  Oertern  wurden  viel  häufiger  als  vorher,  denn  man  wollte
den  jüngsten  Tag  lirber  in  Palästina  als  zu  Hause  erwarten.
Sonnen=  und  Mondfinsternisse  haben  gewiß,  zur  Zeit  der  ersten
Spanischen  Landungen,  unter  den  Amerikanern  keinen  grd-Hern
  Schrecken  gemacht,  als  damals  in  Europa  in  der  letzten
Hälste  des  zehnten  Jahrhunderts.  Alles  versteckte  sich;  denn
alles  glaubte,  nun  sey  der  jüngste  Tag  im  Anzug.  Viele  Geschäfte
  des  menschlichen  Lebens  fiengen  an  zu  stocken,  und  der
rohere  Theil  des  Volks,  weil  nun  doch  allcs  Dings  ein  Ende
werden  würde,  wollte  seine  Laufbahn  Sardanapalicch  schließen.
Die  Geistlichen  eiferten  grßtentheils  gegen  diese  alberne  Meinung,
  fanden  uber  erst  alsdenn  Zutrauen,  wie  das  Volk  von
selbst  sah,  daß  seine  Erwartung.  vergeblich  war.

Schilderung  der  Umstände,  welche  im  elften  Jahrhundert  zur  Entwicklung

  der  Dogmatik  etwas  beitrugen.

Im  elften  Jahrhundert  blähete  nun  endlich  wieder  vollkommen
  auf,  was  im  zehnten  Jahrhundert  nur  hie  und  da  einzeln
  sich  gezeigt  hatte,  und  nachdem  die  Verheerungen  der  Normänner
  und  Majaren  fast  zwei  Generationen  hindurch  völlig
aufgehèrt  hatten,  so  entwickelten  sich  endlich  alle  die  herrlichen
und  ausgebreiteten  Wirkungen,  die  ein  gesicherter  gesellschaftlicher
  Zustand  gewöhnlich  veranlaßt.  Die  Klosterschulen  kamen
zu  neuem  Flor,  und  neben  ihnen  wenigstens  in  Frankreich  auch
die  Stiftsschulen.  Zwischen  beiden  entstand  sogar  Eifersucht.
Man  fieng  an  die  alten,  rohen  sinulichen  Vorstellungsarten
mehr  zu  verfeinern,  und  diese  Verfeinerung,  die  eine  nothwendige.
  Wirkung  der  scholastischen  Philosophie  war,  wurde  durch
        <pb n="225" />
        213

die  Scheidung,  die  sich  besonders  in  Frankreich  und  Italien
zwischen  der  lateinischen  Sprache  und  der  neuen  Landessprache
immer  mehr  machte,  nicht  wenig  befoͤrdert.  Localumstaͤnde,
die  sich  gerade  nur  in  der  Normandie  fanden,  trugen  nicht  wenig
  dazu  bei,  gerade  in  diesen  Gegenden  den  Keim  am  frühesien
  zu  entwickeln,  dort  zeigte  sich  eben  deswegen  auch  das  Product
  der  Romane  am  frühesten,  dessen  Einftuß  selbst  auf  die
kirchenhistorischen  Documente  so  mannigfaltig  war.  Dort
war  das  Institut  der  Chevalerie  am  frühesten  gebildet  und  vielleicht
  auch  am  wirksamsten.  Alles,  was  im  ganzen  Zeitalter
zerstreut  zusammentraf,  einen  neuen  besseren  Zustand  hervorzubringen,
  war  dort  zufällig  in  einem  Lande  vereinigt.

Von  allen  neuen  Versuchen  aber,  einigen  Artikeln  der
Glaubenslehre  genaue  verbesserte  Bestimmungen  zu  geben,  verdient
  keiner  vorzüglicher  bemerkt  zu  werden,  als  der  Versuch,
welchen  der  Kanonikus  Berengar  so  unglücklich  gewagt  hat.

6.  30.
Berengariusische  Streitigkelten.

Paschafius  Ratbert  hatte  zwar  für  seine  sinnlichere  Mei--nung,
  von  einer  besondern  Verwandlung  des  Abendmahlbrods
in  den  Leib  Chrisii,  nach  und  nach  besonders  im  zehnten  Jahrhundert
  eine  fast  entscheidende  Mehrheit  der  Stimmen  erhalten.
  Seine  Meinung  entsprach  nämlich  der  ganzen  theologischen
  Vorsiellungsart  dieser  Jeitalter  viel  besser  als  die  Meinung
  des  Johannes  Skotus  und  Ratramn,  aber  es  blieben  noch
immer  Gelehrte  übrig,  welche  das  Vernunftwidrige  dieser  allgemeinern
  Meinung  nicht  ertragen  konnten,  und  weil  durch
kein  Kirchengesetz  befohlen  war,  was  man  glauben  solle,  so  stand
noch  völlig  frei,  über  die  Sache  nach  Willkühr  zu  disputiren.
Berengar  aber,  Kanonikus  zu  Tours  in  Auvergne,  war  viel  zu
scharfsinniger  Kenner  der  Meinungen  der  Alten,  als  daß  er  der
        <pb n="226" />
        214

neuern,  ungeschicktern  Vorstellungsart  des  Paschasius  hätte
beitreten  sollen.  Er  für  sich  vertheidigte  und  lehrte  die  Vorstellungsart
  des  Skotus,  nur  that  ihm  zugleich  wehe,  daß
Lanfrank,  Lehrer  bei  der  Klosterschule  zu  Bec  in  der  Normandie,
  gerade  der  Mann,  der  mit  ihm  das  ganze  Zeitalter
hätte  stimmcn  können,  recht  heftigeifrig  für  die  gegenseitige
Meinung  war.  Berengar  bat  ihn  in  einem  Briefe,  gelinder
zu  seyn,  weil  viele  große  Lehrer  der  Kirche  nicht  gedacht  hätten,
  wie  Paschasius.

Dieses  kleine  unschuldige  Billet  kostete  den  armen  Berengarius
  die  Ruhe  seines  Lebens,  und  beschleunigte  für  die
Kirche  den  unglücklichen  JZeitpunct,  wo  die  Lehre  von  der
Transsubstantiation  zum  Kirchengesetz  gemacht  wurde.  Unverhört,
  bloß  auf  Anklage  eincs  eifersüchtigen  Gegners,
bloß  auf  Vorzeigung  dieses  kleinen,  ganz  unschuldigen  Billets,

1049  wurde  Berengarius  zu  Nom  auf  einer  Synode  verdammt,
und  der  zweite  Bannsirahl  kam  gleich  das  nachfolgende  Jahr
auf  einer  neuen  Synode.  Der  Pabsi  selbst  war  zwar  ziemlich
  billig,  und  suchte  Berengarn  durchzuhelfen;  auch  Hildebrand,
  unter  dessen  Direction  damals  schon  alle  Rämische
Angelegenheiten  standen,  wollte  den  klugen  Mann  von  dem
Ketzereifer  seiner  Gegner  nicht  unterdrücken  lassen.  Er  nahm
deswegen  als  Widerruf  Berengars  an,  was  doch  nur  nähere
Erläuterung  seiner  Meinung  war.  Er  ließ  sich  ein  unbesiimmtes
  Glaubensbekenntniß  als  eine  deutliche  Erklärung  vorlegen.
  Aber  bei  so  geschäftigen  Gegnern  als  Lanfrank  und
seine  Partie  waren  konnte  der  Pabsi  selbst  nicht  vorsichtig
geuug  seyn,  um  nicht  den  guten  Ruf  seiner  eigenen  Orthodorie
  zu  verlieren.  Das  Vorspiel  solcher  Beschuldigungen
  war  schon  da,  indem  man  Berengarn  mit  alten  Ketzeriozz

  namen  zu  bezeichnen  anfieng.  Die  Sache  kam  noch  ein-
        <pb n="227" />
        215

mal  zu  Rom  vor,  und  Berengar  gieng  diesmal  selbst  hin;
was  sollte  er  zu  fürchten  haben,  der  alles  geltende  Archidiakonus
  Hildebrand  war  doch  sein  Freund?  aber  wie  der  Erfolg
bewies,  nur  Freund  nach  Behaglichkeit.  Da  das  Geschrei
der  Eiferer  zu  groß  wurde,  Hildebrand  für  sich  selbst  Gefahr
sah,  mußte  Berengar  ein  Glaubensbekenntniß  unterschreiben,
dessen  sich  itzt  mancher  Katholik  schämen  möchte.

Die  Unterschrift  war  aber  umsonst,  denn  sobald  Berengar
  zu  Haus  war,  nahm  er  alles  zurück.  Die  Ketzerklagen
erneuerten  sich  also,  und  Hildebrand,  der  unterdessen  eselbst
die  dreifache  Krone  gewonnen  hatte,  glaubte  seinen  alten  Bekannten
  zu  retten,  wenn  er  sich  nur  ein  neues  Glaubensbekenntniß
  von  ihm  geben  ließ.  Doch  die  Gegner  waren  auch
diesmal  wieder  zu  scharfsichtig,  um  nicht  das  Unbestimmte
dieser  Confession  wahrzunehmen.  Seiner  eigenen  Ehre  wegen
  mußte  ihn  Gregor  eine  härtere  Formel  beschwöbren  lassen,
aber  kein  Eidschwur  band  Berengarn  mehr,  so  bald  er  zu  Hause
war,  und  Gregor  war  doch  so  menschlich,  ihn  nicht  weiter  verfolgen
  zu  lassen.  Noch  blieb  es  also  ungewiß,  was  bei  der
Frage  von  der  Art  der  Gegenwart  des  Leibs  und  Bluts  Christi
im  Abendmahl  als  Kirchenorthodorie  angesehen  seyn  solle:  aber
man  sah  doch  viel  deutlicher  als  jemals,  welche  Wagschale  am
stärksten  zog.

S.  31.

Einige  der  Hauptfolgen  aus  dem  bisherigen.  Coeristenz  der  reifenden
  systematischen  Theologie  und  der  merklich  sich  entwicklenden
  Myftik.

Religion  und  Dogmatik  sind,  wie  aus  dem  bisherigen
deutlich  erhellt,  in  dieser  ganzen  Periode  sehr  viel  mehr  verderbt
  als  gebessert  worden.  Wie  in  der  vorigen  Periode  die
theologische  Freiheit,  im  Orient  durch  die  Tyrannei  der  Kaiser
und  das  mißbrauchte  Ansehn  der  Synodalschluͤsse  in  die  engsten

1079
        <pb n="228" />
        à10

Gränzen  eingeschränkt  worden,  so  gieng  es  itzt  auch  im  Occidenk,
  nur  daß  hier  andere  Mittel  zu  diesem  unglücklichen  Ziel
fübrten,  und  daß  im  Occident  jene  traurige  Todesstille  weiterer
Untersuchungen  in  gewissen  Artikeln,  niemals  so  allgemein
werden  konnte  als  da,  wo  alles  von  der  Willkühr  eines  Herrn
abhieng.

Man  nahm  im  Occident  nach  und  nach  alle  Spitzfindigkeiten
  in  die  Dogmatik  auf,  welche  durch  Nestorianische  und
Monophysitische  Streitigkeiten  erfunden  worden  waren,  und
an  vielen  Mißverständnissen  konnte  es  hiebei  nicht  fehlen,  wenn
so  feine  Unterscheidungen  aus  einer  Sprache  in  die  andere  übergetragen
  werden  sollten.  Artikel,  welche  die  Disputirsucht  der
Griechen  unberührt  gelassen,  wurden  auf  gleiche  Art  durch
eigne  innere  Streitigkeiten  der  Lateiner  verderbt,  und  Intoleranz
  gegen  Dissentirende  trug  nicht  nur  ganz  die  Farbe
dieses  rohen  Jeitalters,  sondern  wurde  auch,  wie  schon  Berengars
  Beispiel  zeigt,  durch  litterarische  Kabalen  veranlaßt
und  genährt.  Nach  allen  diesen  Hauptbeziehungen  hat  sich
also  nichts  in  den  Schicksalen  der  Religion  und  Theologie
gebessert;  aber  von  der  Seite  der  eigentlich  gelehrten  Kenntnisse
  war  doch  besonders  durch  die  Revolutionen  des  elften
Jahrhunderts  sehr  viel  gewonnen  worden.

Man  sieht  nehmlich  in  diesem  Zeitpunct  ganz  deutlich,
wie  sich  alles  der  Epoche  nähert,  wo  der  menschliche  Geist
die  bisher  mehr  nur  einzeln  gedachten  Wahrheiten  nach  und
nach  in  spstematische  Verbindung  setzen  lernte,  und  durch  ei—
nige  Ueberschauung  des  Ganzen  das  wechselsweise  Verhältniß
  derselben  entdeckte.  Die  ersten  Versuche  eines  theologischen
  Spstems  waren  freilich  wie  alle  solche  ersien  Versuche
kaum  etwas  mehr,  als  Zusammenwerfung  der  angenommenen
  theologischen  Wahrheiten  unter  gewisse  Hauptrubeiken.
        <pb n="229" />
        217

Die  Rubriken  selbst  unter  einander  standen  noch  in  keiner
genauen  logischen  Folge;  manche  Wahrheit  schien  sich  oft  auch
mehr  in  eine  gewisse  Nubrik  hinein  veriret  zu  haben  als  absichtlich
  hincingesetzt  worden  zu  seyn.  Am  wenigsien  läßt  sich
an  strenge  Beweise  der  einmal  angenommenen  Sätze  denken,
weil  aller  Beweis  darauf  hinauskam,  daß  das  wahr  sey,
was  die  Väter  gesagt  hatten,  und  gesunde  Eregese  noch  seltener
  als  theologische  Freiheit  war.  Ein  Glück  war  es
für  die  Theologie,  daß  der  Ehrgeiz  der  Rbmischen  Bischoͤfe
eine  ganz  andere  Richtung  nahm,  als  der  Ehrgeiz  der  Bischoͤfe
  von  Alerandrien  in  der  vorigen  Periode  hatte.  Um  Bes
siimmung  der  Glaubenslehre  war  ihnen  nur  wenig  zu  thun,
sondern  mehr  um  Kirchenverfassung  und  politisches  Ansehn,
Wenn  der  Rdmische  Bischof  von  Andern  nicht  aufgereizt
wurde,  so  mengte  er  sich  nicht  in  die  entstandenen  Streitigkeiten,
  und  wenn  er  auch  bisweilen  sein  Wort  mit  dazwischen
  sprach,  so  ward  nicht  mit  dem  Donner  von  Peters
Stuhl,  sondern  noch  immer  mit  einiger  Verkräglichkeit  gegen
widerspenstige  Partien  gesprochen.

Wie  sich  aber  in  den  helledenkenden  Koͤpfen  des  letzten
Jahrhunderts  dieser  Periode  nach  und  nach  deutlichere  Begriffe
  entwickelten,  und  alles  bei  ihnen  voll  Thätigkeit  war,
die  bieher  angenommenen'Religionswahrheiten  auch  mit  der
Pbilosophie  ihres  Zeitalters  in  Uebereinstimmung  zu  bringen:
so  entwickelte  sich  fast  in  gleichem  Verhältniß  bei  einer  entgegengesetzten
  Classe  von  Menschen  —  die  Mystik.  Es  hat
nehmlich  von  jeher  in  der  Kirche  eine  Gattung  von  Menschen
  gegeben,  welche  vor  jedem  deutlich  aufgeklärten  Religionsbegriff
  wie  vom  Blitze  geschröckt  zurückfuhren,  lieber  in
gewisse  dunkle  geheimnißvolle  Worte  sich  versenkten,  als  nach
klaren  Ideen  handelten,  dabei  aber,  was  bei  dem  Menschen
        <pb n="230" />
        218

nicht  selten  ist,  der  sich  bloß  durch  Empfindungen  leiten
laͤßt,  viel  entschlossener  zu  den  härtesten  Verläugnungen  waren,
  als  jene  mehr  nach  Ueberzeugung  strebenden  Koͤpfe.  Je
mehr  sich  auch  die  Religion  durch  Disputiren  und  Untersachungen
  scharfsinniger  Koͤpfe  in  eine  bloße  Theologie  verwandelte:
  desto  mehr  ekelte  es  diesen  Mystikern  an  derselben,
und  es  fehlte  alsdenn  meistens  nur  an  einem  gewissen  Hauptschriftsteller,
  der  einer  solchen  Partie  gleichsam  den  Sprachgebrauch
  verschafft.  Vor  dem  neunten  Jahrhundert  scheint
Plato,  wie  er  nehmlich  damals  verstanden  und  gebraucht
wurde,  das  Repertorium  des  mystischen  Sprachgebrauchs  gewesen
  zu  seyn:  im  neunten  Jahrhundert  kamen  die  unterschobenen
  Schriften  des  Dionpysius  Arcopagita  auch  im  Occident
  in  den  Gang.  Johann  Skotus  5der  berühmte  Hof—-philosoph
  Karls  des  Kahlen,  hatte  sie  übersetzt,  und  gleich
anfangs  wurden  sie  immer  vorzüglich  in  Klbstern  gelesen.  Giebt
es  auch  wohl  einen  bequemern  Sitz  für  das  mystische  Versenken
in  fromme  Ausdrücke  und  fromme  Empfindungen,  als  unter
den  Mönchen  in  einsamen  Klostermauren?

Doch  bald  erwachte  selbst  sunter  dem  großen  Volkshaufen
  in  Italien  und  Frankreich,  noch  aus  ganz  andern  historischen
  Veranlassungen  ein  recht  wilder  Mysticismus.  Sonst
waren  bisher  bei  allen  mißvergnügten  Partien,  die  in  der
Kirche  entstunden,  immer  Lehrer  gegen  Lehrer,  Bischöfe  gegen
  Bischèfe  aufgestanden,  nun  aber  seit  dem  elften  Jahr,
hundert  trat  das  Volk  gegen  die  Bischöfe  auf.  Ein  sicherer
Beweis,  daß  das  Vernunftwidrige  mancher  der  wichtigsten
angenommenen  Lehrsätze  recht  auffallend  war,  und  die  Religion
  in  ihren  interessantesten,  fühlbarsten  Grundwahrheiten
so  verfälscht  worden,  daß  das  menschliche  Herz  keine  Beru,
higung  in  denselben  mehr  finden  konnte.
        <pb n="231" />
        680

219
16.  Jul.  Epoche  der  Hegira.

Die  Araber  erobern  Jerusalem,  indeß  die  Christen  sich

zanken,  ob  man  Christo  einen  oder  zwei  Willen  zuschreiben
  solle.

Diesem  Streit  wird  weder  durch  Kaisers  Heraklius
  Ekthesis,  noch  durch  den  zehen  Jahre  nachher
  erschienenen  Typus  des  Kaisers  Constans  geholfeu.


Todesjahr  Dagoberts  I.  der  die  ganze  Fraͤnkische  Monarchie
  vereint  besaß.

Oekumenische  Synode  zu  Constantinopel.  Anathem
den  Monotheleten,  und  besonders  dem  Roͤmischen
Bischof  Honorius.

Umsturz  des  Westgothischen  Reichs  in  Spanien,  durch
die  Araber.

Zu  eben  der  Zeit,  da  durch  das  Edict  des  Kaisers'  Leo
des  Isaurers  der  Bilderkrieg  veranlaßt  wird,  predigt
der  Engländer  Bonifacius  den  Teutschen  das  Evangelium.
  Ungefähr  zehen  Jahre  nachher  schrieb  Jo.
Damase.  sein  erstes  sogenanntes  theologisches  System.
  "

Den  Merovingern  wird  auch  nicht  einmal  der  königliche
  Name  gelassen.  Pipin,  gesegnet  vom  Pabst,
setzt  sich  auf  den  Thron  seines  Herrn.

Anfang  der  Kriege  Karls  gegen  die  Sachsen.

Ende  des  Longobardischen  Reichs.  Desiderius.

Gründung  der  Sächsischen  Bisthümer.

Zweite  ökumenische  Synode  zu  Nicäa.  Fast  immer
war  es  eine  Damc,  welche  dem  Bilderdiensi  aufhalf.
  Irene.

Auf  der  großen  Fränkischen  Reichsspnode  zu  Frankfurt
  dachte  man  anders  von  den  Bildern  als  zu
Rom  und  zu  Constantinopel.  Alkuin  war  zugegen.

Auch  von  den  Adoptianern  wurde  hier  gehandelt.
        <pb n="232" />
        800

809
814
816

22

—

835

51

·%

8583

8300

2

S

□o
—

75

887

223

Karl,  Kaiser.
Sonode  zu  Aachen,  wegen  der  Streitigkeit  vom  Auegang

  des  heiligen  Geistes  auch  vom  Sehne.

Karl  der  Große  stirbt,  mit  ihm  ist  das  aufblühende
Glück  des  ganzen  Jahrhunderts  dahin.

Reformationssynoden  im  Fränkischen  Reich.  Allgemeine
  Ausbreitung  der  Erfindung  Chrodegangs.

Kaiser  Ludwig  muß  vor  den  Bischèfen  seines  cigenen
Reichs  zu  Aktigny  Buße  thun.

Abt  Hilduin  schreibt  sein  Fabelbuch,  Arcopagitika=5Hinkmar,

  der  mit  Pseudisidorn  gleich  bei  seiner  ersien
  Erscheinung  in  Collision  kam,  wird  Erzbischof
zu  Rheims;  zwei  Jahre  nachher  besteigt  Rabanus
Maurus,  der  biltere  Feind  Gottschalks,  den  Mainzischen
  Stuhl.

Todesjahr  des  Paschaflus  Ratberk.  Sein  Gegner  Ratramn
  überlebte  ihn  mebr  als  zwanzig  Jahre  und
erst  nach  dem  Jahr  880  starb  Johann  der  Schotte.

In  einem  Jahr  bestiegen  Nicolaus  zu  Rom  und
Photius  zu  Constantinopel  den  Parriarchensiuhl.


Auf  einer  Synode  zu  Aachen  ließ  sich  König  Lrthar
seine  geliebte  Walrade  zusprechen.  Dem  König  ist
diese  That  verbittert  worden;  noch  mehr  den  Beförderern
  derselben,  den  Erzbischöfen  von  Cöln  und
Trier.

Nikolaus  ercommunicirte  den  Pbotius;  ließ  die  Pseudisidorischen

  Decretalen  für  wahr  halten.

Der  Pabst  lernt  die  Kaiserkrone  austheilen,  da  Karl
der  Kahle  ihn  zum  Werkzeug  seiner  Usurpanon  macht.

Karl  der  Dicke  behält  von  dem  größten  Reich  kaum
noch  Lebensunterhalt.  Gerade  hundert  Jahre  nachher
  drang  sich  Hugo  Capet  auf  den  Französischen

Thron.
        <pb n="233" />
        914
951

961
968
993

998

1007
ois

1049
1053

1059

1074

1079

221

JFohann  X.  und  Theodora.

Der  Teutsche  König  Okto  geht  nach  Italien,  auf  Einladung
  der  schönen  Adelheid.

Der  heilige  Dunstan  wird  Erzbischof  von  Canterburv.

Errichtung  des  Erzstifts  Magdeburg.

Erstes  Beispiel,  daß  der  Bischof  von  Rom  einen  Universalheiligen
  der  Christlichen  Kirche  macht;  Bischof
Ulrich  von  Augsburg  genoß  diese  Ehre.

Römische  Ercommunication  des  Königs  Robert  in

Frankreich,  weil  er  eine  allzunahe  Verwandtin  Bertha
  geheurathet  hatte.

Gerbert,  da  er  itzt  Bischof  zu  Rom  wurde,  dachte  nun
wohl  auch  anders  von  dieser  Würde  als  vorher.
Errichrung  des  Biskhums  Bamberg,  von  Kaiser  Henrich

  II.

Heurich  III.  thut  zu  Sutri,  was  vor  und  nach  ihm
niemand  als  die  Cosinitzer  Synode  gewagt  hat.

Erste  Veranlassung  der  Berengariusischen  Streitigkeiten.

Händel  des  Michael  Cerularius  mit  dem  Roͤmischen
Bischof  Leo  IX.

Rdmische  Synode  unter  Nicolaus  II.  Der  arme  Berengar,
  was  er  damals  unterschreiben  mußte!  Genauere
  Bestimmung,  wie  künftig  der  Pabst  gewaͤhlt
werden  soll.

Noch  ist  Gregor  VII.  kein  Jahr  auf  dem  Stuhl,  so
ercommunicirte  er  auf  seiner  ersten  Synode  alle,  die
der  Simonie,  des  Concubinats  schuldig  seyen.  Auch
der  Normann  Robert  Guichard,  Herr  von  Apulien,
wird  excommunicirt.

In  dem  Pönitenzjahr  Henrichs  zu  Canossa,  ist  der
Carthäuserorden  ausgekommen.  Mathhildinische  Schenkung.
  Todesjahr  Wilhelm  des  Eroberers.

Die  Seldschjuken  erobern  Syrien  und  Paläsiing.  Neues
Unglück  über  die  Christen  dieser  Lander.

1085.

Gregor  VII.  stirbt.
        <pb n="234" />
        Vierte  Periode
von  Gregor  VII.  bis  Luther..

V

Gregor  VII.  Gratian.  Innocenz  III.  Johann  XXII.  Synoden
  von  Costnitz  und  Basel.

7

Schriftsteller  dieser  Periode.

Die  Conciliensammlungen  sind  in  der  ersten  Haͤlfte  dieser
Periode  selbst  auch  für  die  Geschichte  der  Hierarchie  nicht
mehr  so  merkwürdig  als  bei  der  vorigen,  dagegen  eröffnet
sich  hier  eine  neue  reiche  Quelle  —  in  den  Annalen  des
Cistercienser-,  Franciscaner  =  und  Dominicancrordens.

Wenn  die  Geschichte  der  Universitäten  besser  bearbeitet  wäre,
so  würde  man  für  die  Geschichte  der  Glaubenslehre  am
meisten  daraus  lernen  können.  Bolaei  historia  Univ.
Paris.  ist  deswegen  bei  allen  seinen  Unvollkommenheiten  für
den  Geschichtforscher  hier  eines  der  schätzbarsien  Werke,  und
Crevier  bistoire  de  ’  Université  de  Paris  ist  vielleicht
das  beste  Buch,  das  man  dem  Anfänger  in  der  Kirchengeschichte
  für  diese  Periode  empfehlen  kann.  Schade  daß
4’  Argeniré  Collectio  judiciorum  de  novis  erroribus
(eine  Documentensammlung  zur  Keterrgeschichte  von  1100-1735)
  besonders  in  den  ältern  Zeiten  so  höchsi  mangelhaft
ist;  daß  man  nicht  für  Teutschland,  Italien,  England
solche  Werke  hat  wie  die  Histoire  de  Langneckoc  für  die
Franzbsische  Kirchengeschichte  in  der  ersten  Hälfte  dieser
Periode  ist.  "
        <pb n="235" />
        223

Fuͤr  die  Geschichte  der  Avignonschen  Paͤbste  und  der  oft  gewagten
  Reformationsversuche  hat  man  eine  vorzuͤglich
große  Menge  von  Schriftsiellern,  Actenstücken,  Documenten
  2c.  Die  IIistoire  du  droit  public  Eccles.  Francois
kann  so  viel  in  der  Kürze  möglich  ist,  den  besten  Begriff
geben.

Veranlassungen  zur  Revolution  der  Kreuzzüge.

6S.  J.
Geschichte  des  ersten  Kreuzzugs.

Die  Christliche  Religion  hatte  in  der  vorigen  Periode  den
glücklichsten  Erfolg  ihrer  weitesten  Ausbreitung  Aposteln  und
Weibern  zu  danken.  Etwa  ein  Paar  thätige  Männer,  von
allmächtigem  Enthusiasmus  eines  frammen  Ehrgeizes  entzündet,
  eilten  unter  ein  heidnisches  Volk,  gewannen  den  König
durch  seine  schon  vorher  Chrisiliche  Gemahlin  oder  durch  versprochene
  Untersiützungen  anderer  mächtigern  Chrisilichen  Könige,
  und  der  Glaube  des  Köuigs  wurde  immer  in  kurzer  geit
Glaube  des  ganzen  Volks.  In  der  ganzen  ersten  Hälfte  dieser
Periode  aber  gieng  der  Euthusiasmus  fast  nur  einzig  dahin,  der
Christlichen  Religion  ein  Land  und  nicht  Menschen  zu  erobern,
  nicht  das  Land  dadurch  zum  Christlichen  Land  zu  machen,
  daß  Apostel,  mit  allen  dem  zwölften  Jahrhundert  eigenen
apostolischen  Künsien,  die  Einwohner  zu  bekehren  gesucht  hätten,
  sondern  Schaaren  Chrisilicher  Krieger,  von  einem  Eifer  beseelt
  wie  in  der  vorigen  Periode  etwa  nur  einzelne  Männer,  stürzten
  sich  nach  dem  kleinen  Lande  hin,  und  suchten  seine  Besitzer
zu  verdrängen.  Diese  Raserei  koskete  Eurepa  über  sechs  Millionen
  Menschen.  Ein  hoher  Preis,  wenn  er  nur  dafür  gegeben
worden  wärc,  der  Christlichen  Religion  auf  acht  und  achtzig
        <pb n="236" />
        224

Jahre  in  Jerusalem  die  Oberherrschaft  zu  erkaufen.  Der  zufällige
  Nutzen  wat  hier,  wie  in  vielen  andern  großen  Revo,
lutionen,  weit  beträchtlicher  als  der,  den  man  sich  zum  Jweck
gelmacht  hatte.

Man  giebt  den  Päbsten  gemeiniglich  Schuld,  daß  sie  aus
herrschsüchtigen  und  ehrgeizigen  Absichten  diese  Raserei  erweckt
hätten;  aber  kein  Menschenaug  konnte  wohl  von  Anfang  vor,
aussehn,  wie  sich  diese  Revolution  entwickeln  werde,  und  das
letzte  Resultat  derselben  war  doch  fatal  für  die  Päbste.  Die
Könige  wurden  durch  den  Ruin  ihrer  Vasallen  groß,  die  Verfassungen
  der  Reiche  erhielten  eine  festere  Consistenz,  die  ganze
Aufklärung  wurde  gerade  auf  eine  solche  Weise  befördert,
daß  die  Päbste  bald  oder  spät  nothwendig  dabei  verlieren
mußten.  Ueberhaupt  war  längst  zu  einer  solchen  Raserei  die
ganze  innere  Anlage  da,  daß  es  nur  noch  einen  leichten  Stoß
brauchte.  Wer  den  Pabst  Urban  II.  und  Peter  von  Amiens,
welche  diesen  letzten  Stoß  gaben,  nur  von  Ferne  her  kennen
gelernt  hat,  wird  sie  keiner  politischen  Absichten  beschuldigen.

Schon  seit  Karls  des  Großen  Zeiten  zogen  immer  Schaa,
ren  von  Pilgrimen  nach  dem  Orient,  und  so  lange  die  Araber
  Herrn  von  Palästina  und  Jerusalem  waren,  so  konnten
sie  für  eine  kleine  Abgabe  ihrer  Andacht  nach  Bequemlichkeit
pflegen.  Die  Araber  wurden  überhaupt  durch  ihre  wissenschaftliche
  Bemühungen  nach  und  nach  so  civilisirt,  daß  die
Christen  alle  gemäßigte  Freiheit  unter  denselben  genossen,  und
ihr  Religionseifer  nahm,  sobald  eigene  Secten  unter  denselben
entstanden,  sogleich  eine  andere  Richtung.  Aber  die  Araber
waren  bald  Sclaven  ihrer  Türkischen  Miethvölker  geworden.
Noch  während  daß  Gregor  in  Europa  despotisirte,  eroberten
die  Seldschjuken,  einer  der  mächtigsten  Türkischen  Stämme,
Sprien  und  Palästina.,  und  verfuhren  mit  aller  Schaͤrfe  ro-
        <pb n="237" />
        225

her  Sieger  gegen  die  Christlichen  Einwohner  und  gegen  die
Pilgrime,  deren  Werth  sie  nicht  kannten,  oder  gleichgültig
verachteten.  Wer  noch  das  Gläck  hatte,  glücklich  nach  Europa
  zurückzukommen,  erzählte  die  überstandenen  Gefahren
mit  der  Beredsamkeit  eines  Märtprers,  und  man  konnte  es
ihnen  so  viel  leichter  glauben,  da  von  mehreren  Tausenden
fast  immer  nur  die  Hälfte  zurückkam.  Keiner  aber  verstand
sich  auf  dieses  Erzählen  besser  als  Peter  von  Amiens,  ein
guter  einfältiger  Mensch,  dem  der  Kopf  sehr  leicht  warm  werden
  konnte.  Ihm  war  der  Herr  Christus  selbst  zu  Jerusalem
erschienen,  und  hatte  ihm  den  Auftkag  gegeben,  die  Europäi,
schen  Christen  zur  Hülfe  aufzufordern.  Er  brachte  Briefe
mit,  vom  Patriarchen  zu  Jerusalem,  welche  den  Zustand  der
dasigen  Christen  eben  so  traurig  schilderten,  als  vorher  eine
Gesandtschaft  des  Griechischen  Kaisers  denselben  geschildert
hatte;  und  Pabsi  Urban  wurde  endlich  so  in  Bewegung  gesetzt,
  daß  er  eine  Synode  nach  Yiacenza  ausschrieb.
Zweihundert  Bischöfe,  über  viertausend  andere  Geistliche
und  dreißigtausend  weltliche  Herren  erschienen.  Auch  Gesandte
  des  Griechischen  Kaisers  waren  zugegen;  aber  es  gieng
doch  noch  nicht,  wie  der  Pabst  gewünscht  hatte.  Er  hielt
noch  in  eben  dem  Jahr  zu  Clermont  in  Frankreich  eine  zweite
Synode,  und  hier  merkte  man  sogleich,  wie  der  Eifer  des  unterdeß
  umherziehenden  Peters  von  Amiens  die  Gemüther  entzündet
  hatte.  Alles  rief,  sobald  Urban  und  Peter  ihre  Rede
geendigt  hatten,  „es  ist  Gottes  Wille,  es  ist  Gottes  Wille.“
Von  nun  an  war  dieß  auch  Losung  in  allen  künftigen  Kreuz
zügen.  Eine  zahllose  Menge  von  Fürsten,  Grafen,  Rittern
und  Bauern  ließ  sich  mit  dem  Kreuz  von  Wolle  auf  der
Schulter  zeichnen;  das  hieß  die  Montur  Gottes  und  der

Kirche  anziehen.
Spittler's  saͤmmtl.  Werke.  II.  Bd.  15
        <pb n="238" />
        226

Der  Ritter  war  ohnedieß  durch  die  treugam  Dei  um
manche  Tage  seiner  ritterlichen  Uebung  gekommen;  wie  froh
war  er  jetzt  nicht,  wenn  das,  was  schon  vorher  seine  Neigung
war,  auch  der  Weg  zum  Himmel  seyn  sollte!  Der  Bauer
duͤnkte  sich  Ritter  geworden  zu  seyn,  weil  er  die  Waffen  fuͤh—
ren  durfte;  und  wie  viel  Freude  fuͤr  ihn,  es  gieng  in  ferne
Lande!  Aller  Sünden  und  aller  Suͤndenschulden  war  der
Kreuzfahrer  quitt  und  ledig;  nach  Palaͤstina  ziehen,  galt  statt
aller  Buße.  Er  war  Soldat  der  Kirche,  genoß  also  alle  Vortheile
  eines  Unterthanen  der  Kirche.  Seine  Guͤter  standen
unter  dem  Schutz  der  Kirche,  sie  waren  so  heilig  als  Kirchenguͤter,
  und  vor  weltlichen  Richtern  konnte  er  nicht  mehr  verklagt
  werden;  Er  gehoͤrte  vor  das  geistliche  Forum.  Keiner
durft'  ihn  mehr  treiben,  und  der  Aufschub  der  Bezahlung
wurde  ihm  auch  nicht  durch  die  aufwachsenden  Zinsen  beschwerlich;
  der  Kreuzzug  dispensirte  von  den  Zinsen.  War  es  ein
Wunder,  daß  zu  einer  so  reizenden,  mit  so  vielen  äussern
Vortheilen  verknüpften  Unternehmung  zahllose  Schaaren  von
Menschen  zusammenströmten?

Der  ganze  Haufen  konnte  nicht  mit  einemmal  aufbrechen.
Gottfried  von  Bouillon  Herzog  von  Niederlothringen,  einer
der  größten,  edelsten  Kriegshelden  seiner  Zeit,  war  zum  Anführer
  ausersehen,  er  schickte  aber  die  größten  Schwärme  voraus
  oder  vertheilte  sie  unter  andere  Anführer;  denn  sein  Fanatismus
  war  von  der  edleren  Art,  welche  den  Kräften  der
Seele  bloß  einen  stärkeren  Trieb  und  eine  neue  Richtung
giebt,  ohne  dieselbe  zu  zerrütten.

Peter  der  Eremite  aber  zeg  selbst  an  der  Spitze  von
mehr  als  hunderttausend  Mann  voraus,  und  keine  Schandthat
  ist,  die  nicht  von  seinem  Haufen  verübt  wurde.  Juden
schlugen  sie  überall  todt,  es  gieng  nach  Palästina,  damit  wa-
        <pb n="239" />
        227

ren  alle  Sünden  gebüßt.  Um  Anlegung  guter  Magazine
  war  man  auf  dem  Marsch  gar  nicht  besorgt,  der  Pabst
hatte  in  seiner  Rede  auf  der  Clermonter  Synode  versichert,
daß  denen,  die  Gott  lieben,  gewiß  nichts  abgehen  werde:  sie
nahmen  also  wo  sie  fanden  und  dafür  rächten  sich  diejenige,
durch  deren  Länder  sie  zogen,  man  schlug  sie  todt,  wo  man
sie  in  kleinern  Haufen  antraf.

Gottfried  zog  mit  dem  auserlesensten  Heer  von  achtzigtausend
  Mann  durch  Teutschland  und  Ungarn,  setzte  über  die  Meerenge
  von  Gallipoli,  und  war  schon  im  Jahr  1007.  Meister
von  Nicäa,  wo  der  damalige  türkische  Sultan  von  Kleinassen
seine  Residenz  hatte.  Ueberall  Sieger  über  die  Türken,  zog
er  durch  Kleinasien  und  Syrien,  eroberte  die  wichtigsten  Plätze
für  die  Christen,  und  den  5ten  Jul.  1000  wurde  er  endlich
Herr  von  Ferusalem.  Wenn  man  nicht  wüßte,  wie  sehr  Religionsenthusiasmus
  den  Menschen  über  sich  selbst  erheben
kann,  so  mößte  man  die  Geschichte  dieses  ersten  Zuges,  der
im  einzelnen  so  voll  der  erstaunenswürdigsten  Begebenheiten
ist,  fast  ganz  auf  die  Rechnung  romanenhafter  Historiker  schreiben:
  aber  der  Romanenschreiber  dieses  Zeitalters  würde  nicht
erzählt  haben,  wie  schlecht  Peter  von  Amiens  seine  Rolle  ausgespielt
  habe.  "

s.2.

Fast  kein  Jahr  vergieng,  nachdem  einmal  feste  Besitzungen
  in  Palästina  gewonnen  waren,  daß  nicht  kleinere  oder
größere  Haufen  nach  diesem  Lande  der  Hoffnung  zogen.  Man
zählt  aber  gewöhnlich  nur  fünf  Hauptzüge.  Gottfried  von
Bouillon  gab  dem  ersten  Zug  seinen  Namen.  Den  zweiten
  machten  Kaiser  Konrad  III.  und  König  Ludwig  VII.
in  Frankreich.  Die  Nachricht  von  den  großen  Eroberungen

Nureddins,  Atabekischen  Sultans  von  Syrien,  hatte  die  from-15
  *
        <pb n="240" />
        228

men  Europäischen  Seelen  in  neue  Bewegung  gesetzt:  der  heilige
  Bernhard  von  Clairvaux  schärfte  den  Königen  das  Gewissen,
  und  die  vereinigte  Macht  der  beiden  Reiche  Teutschland
  und  Frankreich  schien  den  Prophezeihungen  des  eifrigen
Cisterciensers  den  glücklichsten  Erfolg  zu  versprechen.  Aber
der  heilige  Bernhard  hatte  wohl  Recht,  wenn  er  das  über
alle  Befürchtung  traurige  Ende  den  Sünden  der  Christen  zuschrieb,
  den  Lastern  der  Kreuzfahrer,  der  tückischen  Bosheit
der  Griechischen  Christen,  und  selbst  auch  der  Untreue  derer,
welchen  man  in  Palästina  helfen  wollte.

So  viel  Teutsches  Blut  aber  dieser  Kreuzzug  gekostet
so  unternahm  doch  vierzig  Jahre  nachher  Friedrich  I.  einen
neuen,  der,  weil  die  Unternehmung  dießmal  auch  kriegerisch
  groß  und  gegen  einen  der  berühmtesten  Helden  der  Ungläubigen
  gerichtet  war,  eben  so  zahlreichen  Teutschen  Adel
wieder  herbeizog,  als  jener  erstere.  Es  hatte  sich  nehmlich
Saladin,  der  lange  bloß  als  Wesir  in  Aegypten  regiert,  nach
seines  Sultans  Tode  unabhängig  gemacht,  und  mit  der  Schleunigkeit,
  eines  Cäsarglücks  Sprien  und  Palästina  unterjocht,
selbst  Jerusalem  wieder  erobert.  Kaiser  Friedrich  schien  der
einzige  zu  seyn,  der  es  ihm  wieder  entreissen  könnte;  aber  er
fand  noch  auf  dem  Marsche  in  Armenien  seinen  Tod,  und
der  zugleich  veranstaltete  Kreuzzug  beider  Könige  von  England
und  Frankreich  Richard  I.,  und  Philipp  II.  konnte  bei  der
Verschiedenheit  der  Charaktere  und  Interessen  dieser  zwei  Prinzen
  unmöglich  einen  Ersatz  jenes  Verlusts  geben,  er  vermehrte
die  Schmach  der  Christen,  und  brachte  den  Krieg  aus  Palaͤ-stina
  nach  Europa  zurück.

Ungeachtet  der  sichtbar  unglücklichen  Folgen  wurde  es
doch  jedem  König,  der  die  Hülfe  des  Römischen  Hofs  nöthig
hatte,  und  besonders  den  Teutschen  Königen=  zur  Dankbar-
        <pb n="241" />
        229

keitspflicht  gemacht,  die  Christen  in  Palaͤstina  zu  retten.  Auch
Kaiser  Friedrich  II.  that  endlich  im  Jahr  1220  einen  neuen
Zug,  aber  der  Bann  des  Pabsis,  den  er  vorher  durch  sein  zehenjähriges
  Zaudern  verdient  haben  soll,  verfolgte  ihn  nun  selbst  nach
Palästina,  weil  ein  verbaunter,  ohne  neue  Erlaubniß  des
Pabsts  das  heilige  Land  zu  erobern  nicht  hätte  wagen  sollen.
Friedrich  eroberte  zwar  Ferusalem,  aber  selbst  durch  eigene  Angelegenheiten
  gedrungen  eilte  er  zu  schnell  zurück  nach  Italien,
als  daß  das  durch  innere  Uneinigkeiten  geschwächte  Reich  der
Christen  gegen  die  erneuerten  Angriffe  der  Unglaubigen  hätte
ausdauern  können.  Nach  vierzehn  Jahren  gieng  selbst  Jerusalem
  wieder  verloren,  und  der  Versuch  König  Ludwigs  IX.
von  Frankreich,  so  viel  auch  sein  veränderter  Man  zu  versprechen
  schien,  hatte  nach  dem  Unglück  bei  Mansura  in  Unterägypten
  nicht  einmal  so  weit  glückliche  Folgen,  daß  die  Morgenländischen
  Christen  auch  nur  Erleichterung  gewannen.

Sieben  und  zwanzig  Jahre  nach  Ludewigs  Tode,  der
auf  einem  zweiten  Kreuzzuge  in  Afrika  starb,  gieng  auch  der
letzte  Ueberrest  Christlicher  Herrschaft  i  im  heiligen  Lande,  Ptolemais
  vollends  verloren.

So  war  also  nach  zweihundertjaͤhrigen  Bestrebungen  mit
dem  Verlust  mehrerer  Millionen  Menschen,  wenigstens  fuͤr
den  Zweck,  auf  welchen  man  zunaͤchst  losgestuͤrmt  hatte,  gar
nichts  ausgerichtet  worden.

Sonst  macht  der  Fanatismus  fast  immer  moͤglich,  was
nach  ordentlichem  menschlichen  Unternehmen  unmoͤglich  schien,
aber  diesmal  arbeitete  ihm  gar  zu  viel  entgegen,  und  es  kam
hier  nicht  nur  auf  einen  heftigen  Anlauf,  sondern  auf  ausdaurendes
  planmäßiges  Verfahren  an.  Die  treulosen  Griechen
  thaten  alles,  was  den  Lateinern  schädlich  werden  konnte,
und  zu  ihrem  Sectenhaß  kam  noch  die  Furcht,  von  diesen

1297
        <pb n="242" />
        430

Abendtheurern  überwiltigt  zu  werden,  deren  Sitten  und  ganze
Art,  Krieg  zu  führen,  dem  Griechen  auffallend-schröcklich  war.
Schon  die  Veränderung  des  Teutschen  Klima  mit  dem  Syrischen
  mußte  tausenden  der  Teutschen  Ritter  nachtheilig  werden,
  und  gewöhnlich  nahm  man  auch  einen  Weg,  der  außer
der  damaligen  geographischen  Unkunde  schon  allein  durch
seine  Lünge  die  Armee  bis  zur  Hälfte  herabbringen  mußte.
Billig  hätte  immer  Aegypten  zuerst  angegriffen,  zuerst  erobert
werden  sollen,  um  von  dorther  Herrschaft  über  die  See  und
freieste  Zufuhr  aller  Lebensmittel  zu  behaupten.

In  Palästina  selbst  war  also  durch  zweihundertjährige
Kriege  kein  Land  für  die  Chrisiliche  Religion  erobert  worden,
  aber  der  einmal  rege  Rittergeist  hatte  sich  auch  gegen
andere  Länder  gewandt,  welche  bisher  noch  von  den  so  genannten
  Unglaubigen  besetzt  waren,  und  daurende  Besitzungen
  hier  erworben.  Die  Ritterzüge  nach  Spanien  und  Portugal
  waren  eine  mächtige  Unterstützung  der  dasigen  Chrisilichen
  Königreiche.  Heinrich  der  Löwe  unterwarf  sich  die
heidnischen  Wenden  in  Meklenburg  und  Pommern,  indeß
Kaiser  Konrad  III.  seine  Kreuzarmee  nach  Sprien  führte.
Auch  Preussen  ist  endlich  Land  der  Kreuzzüge  geworden,
und  eine  Ritterconsociation,  zu  welcher  Kaiser  Friedrichs  I.
Kreuzzug  die  nächüe  Veranlassung  gegeben,  hatte  sich  dort
durch  gewaffneten  Eifer  für  Chrisilichen  Glauben  ein  Fürstenthum
  erkämpst.

Unter  den  vielfältigen  Ritterconsociationen,  zu  welchen
besonders  die  Kreuzzüge  Veranlassung  gegeben,  haben  sich
vorzöglich  folgende  drei  auf  die  Nachwelt  berüpmt  gemacht.

9.  3.
Ritterorden.
Noch  ehe  die  Kreuzzüge  anfiengen,  hatten  sich  einige  Rit-
        <pb n="243" />
        231

ter  zu  Jerusalem  vereinigt,  der  armen  Pilgrime  in  einem  dasigen
  Hospitale  zu  pflegen.  Der  Schutzheilige  des  Hospitals
gab  ihnen  den  Namen  Johanniter.  Da  dieser  Krankenpfleger
  viele  wurden,  das  Hospital  große  Reichthuͤmer  erhielt,
so  entschloß  sich  der  Aufseher  desselben  mit  seinen  Bruͤdern
auch  im  Felde  gegen  die  Unglaubige  zu  dienen,  einen  Theil
seiner  Genossenschaft  in  den  Hospitaͤlern  als  Krankenwaͤrter
zuruͤckzulassen,  einen  Theil  zu  Predigern  in  den  Kirchen  des
Ordens  zu  bestimmen,  und  mit  den  übrigen  auf  eigene  Kosten
  zu  dienen.  Der  Pabst  bestätigte  die  fromme  Absicht,
und  als  sich  Palaͤstina  nicht  mehr  retten  ließ,  suchten  sie  von
Cypern  aus  den  Tuͤrken  Schaden  zu  thun.  Sie  erwarben
sich  endlich  Rhodis,  und  wie  ihnen  Suleiman  II.  auch  diese
Jusel  abdrang,  so  gab  ihnen  Karl  V.  Maltha.

Nicht  fuͤr  Krankenwartung  sondern  gleich  anfangs  allein
för  gewaffnete  Vertheidigung  gegen  die  Unglaubige  —  bestimmten
  sich  die  Tempelherrn.  Das  erste  Haus,  das
ihnen  König  Balduin  II.  in  seiner  Residenz  einräumte,  lag
ohnweit  dem  Tempel  Salomons.  Daher  ihr  Name.  Nur
kurze  Zeit  überlebte  dieser  Orden  den  unglücklichen  Zeitpunct,
wo  jeder  Ueberrest  Chrisilicher  Herrschaft  in  Paläsiina
vertilgt  wurde.  Seine  Reichthümer  reizten  die  Begierde
Milipps  des  Schönen,  Königs  in  Frankreich,  wie  etwa
vorher  ihr  Betragen  in  den  Händeln  mit  Bonifacius  seine
Rache  gereizt  hatte,  und  der  Pabst,  der  hier  die  ersten  Folgen
  seines  in  Frankreich  genommenen  Aufenthalts  kennen
lernte,  mußte  endlich  auf  der  Synode  zo  Vienne  ein  Opfer
bringen,  das  Philipp  noch  vor  dem  richterlichen  Synodalausspruch
  unbarmherzig  genommen  hatte.

Die  Teutschen  Ritter  entstanden  fasi  ein  Jahrhundert
später  als  beide  erstere  Orden,  weil  Teusschland  viel  später

1311
        <pb n="244" />
        232

als  Frankreich  und  Italien  an  den  Kreuzzügen  Theil  genommen
  hatte,  auch  einen  eigenen  Orden  nöthig  zu  haben  schien,
da  jene  zwei  ersteren  Orden  fast  ganz  von  Franzoͤsischen  Rittern
  besetzt  waren.  Die  Belagerung  von  Ptolemais  gab  die
nächste  Veranlassung  zu  Entstehung  einer  solchen  Ritterverbindung,
  und  Cölesiin  III.  erhub  sie  zu  einem  Orden.  Bloß
Teutsche  —  so  foderte  es  ihr  Zweck  —  konnten  in  diese  Verbindung
  kommen,  und  da  sich  gleich  die  ersten  Ordensmeister
gar  nicht  darauf  einschränkten,  bloß  in  Palästina  sich  behaupten
  zu  wollen,  so  rief  Herzog  Konrad  von  Masovien  dieselbe
nach  Preussen,  wo  ihr  Schwert  eben  so  bekehrte,  wie  Karl
der  Große  die  Sachsen  bekehrt  hatte.  Der  Orden  war  Anfangs
  äußerst  sirenge,  und  selbst  auch  da  noch  äußerst  strenge,
wie  sich  ihre  Pflicht  auf  Vertheidigung  der  Christlichen  Religion
  überhaupt  erweiterte.  Sie  waren  die  einzigen  Ritter,
welche,  auch  nachdem  es  unmöglich  war,  länger  in  Palästina
zu  bleiben,  der  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  in  Europa
  noch  nätzten.  Die  Preussen  hatten  sich  gegen  alle  Predigten
  ihrer  Apostel  und  besonders  die  der  Cisterciensermönche
eigensinnig  gemacht,  und  konnten  auch  durch  die  Kreuzzüge
der  Dänen,  Polen  und  Pommern  nicht  bezwungen  werden.
Herzog  Konrad  von  Masovien  bat  sich  also  endlich  vom
Pabst  die  Teutschen  Ritter  aus,  und  diese  machten  den  heidnischen
  Preussen  zum  Christen,  zugleich  aber  auch  zu  ihrem
gedrückten  Unterthan.  Eine  fast  ununterbrochene  Reihe  eines
acht  und  fünfzigjährigen  Blutvergiessens  schwächte  die  Macht
des  Volks  so  sehr,  daß  es  endlich  an  Kraft  oder  in  manchen
Gegenden  an  Menschen  fehlte.  Mit  gleicher  Grausamkeit
erweiterten  die  Teutschen  Ritter  die  Gränzen  der  Christenheit
auch  nach  Litthauen  binein.
        <pb n="245" />
        233

.  4.
Dalaj-Lonna.  Dschingis-Chans  Nachfolger.  Litthauen  für  das
Christenthum  gewonnen.

Indeß  der  Rdmische  Bischof,  Moses  und  Aaron  zugleich
seyn  wollte,  und  dafür  selbst  auch  die  Revolution  der  Kreuzzüge
benützte,  so  kam  ein  sogenannter  Nestorianischer  Priester  im
oͤstlichen  Asien  viel  schneller  zu  diesem  Zweck.  Er  machte  sich
nach  dem  Tode  des  Keuchans,  Königs  von  Tibek,  mit  Gewalt
  der  Waffen  zum  Herrn  des  Reichs,  war  Oberpriester
und  König,  und  spielte  diese  Rolle  mit  aller  der  Eitelkeit  und
Mißhandlung  seiner  Unterworfenen,  welche  man  bei  Asiatern
gewohnt  ist.  Ob  man  dieses  Phänomen  in  der  Geschichte
der  Ausbreitung  der  Christlichen  Religion  für  wichtig  halten
  dürfe  ist  ungewiß.  Kaum  kann  diese  Religion  des  Dalaj-Lonna
  Chrisienthum  heißen;  denn  ihr  höchst  ungereimter
Aberglaube  übertrifft  alles  dieser  Art,  was  man  sonst  in  der
Geschichte  der  Christlichen  Völker  nicht  weit  suchen  darf.
Ueberhaupt  war  wohl  dieser  sogenannte  Priester  Johann
nie  ein  so  mächtiger  Monarch,  als  man  aus  seinen  eigenen
Großsprechereien  gegen  Kaiser  Friedrich  I.  geglaubt  hat.
Dschingischan,  ein  vielleicht  noch  größerer  Held  als  Friedrich
  und  Saladin,  auf  deren  Zeitalter  er  unmittelbar  folgt,
unterwarf  sich  denselben,  und  die  nachfolgende  Wiedervereinigung
  der  geistlichen  und  weltlichen  Macht  hat  der  Christlichen
  Religion  keinen  weitern  Nutzen  geschafft.

Aber  Dschingischans  Nachfolger  wurden  in  Polen,  Rußland
  und  beinahe  selbst  auch  einem  Theile  von  Teutschland
eben  das  für  die  Christliche  Religion,  was  ehmals  Normänner
  und  Madscharen  gewesen  waren.  Wie  ein  Heer  verwüsiender
  Heuschrecken  verbreitete  sich  der  Schwarm  über  den
größten  Theil  des  dülichen  und  westlichen  Asiens,  über  Ruß=
        <pb n="246" />
        234

land,  Polen  und  Schlesien;  und  im  ersten  Flug  wurde  in
China,  Indien  und  Persien  der  Christen  so  wenig  geschont
als  in  Europg.  Nirgends  war  Hülfe,  dieser  tobenden  Eroberer
  sich  zu  erwehren.  Die  Teutschen  Ritter  thaten  zwar
ihre  Pflicht,  aber  dreißigtausend  Mann  blieben  in  der  Schlacht
bei  Liegnitz.  Kaiser  Friedrich  II.  anstatt  mit  einer  Armee  zu
marschiren,  schrieb  Briefe  an  die  Europäischen  Könige,  voll
Versicherungen  was  er  thun  wolle,  und  Pabst  Innocenz  IV.
schickte  ein  Paar  Bettelmönche  an  den  Großchan,  ihn  zur
Buße  und  Annahme  des  Christenthums  zu  ermahnen.

Es  war,  als  ob.  Gottes  Vorsehung  nur  zeigen  wollte
was  sie  thun  könnte;  denn  so  wenig  sich  auch  Teutschland
anders  wehren  konnte  als  mit  Bußtagen  und  Messelesen,
so  sehr  die  Tataren  diese  Schwäche  kennen  gelernt  hatten,
so  kamen  sie  doch  nicht  mehr,  und  die  kleine  Verbindung,
welche  durch  die  päbsiliche  Gesandtschaft  zwischen  den  Eurepäern
  und  diesen  Tataren  gestiftet  wurde,  brachte  sogar  der
Christlichen  Religion  noch  einigen  Nutzen.  Die  päbstlichen
Gesandten,  Leute  vom  gewöhnlichen  Missionariusschlag,  sammelten
  hie  und  da  Christliche  Gemeinen  im  östlichen  Asien.
Johann  von  Monte  Corvino  übersetzte  sogar  das  neue  Testament
  und  den  Pfalter  in  das  Tatarische,  wurde  vom  Pabst
zum  Erzbischof  in  Peking  ernannt,  und  bekam  mehrere  Bischöfe
  subordinirt.  Die  Freude  dauerte  aber  kaum  ein  halbes
  Jahrhundert,  da  wahrscheinlich  eine  Staatsrevolution  in
China  den  völligen  Untergang  der  Christlichen  Religion  beförderte.


Außer  dieser  schnell  wieder  zernichteten  Ausbreikung  des
Christenthums  war  Litthauen  das  einzige  Land,  das  im  vierzehnten
  Jahrhundert  gewonnen  wurde.  Der  Litthauische  Fürsi
Jagello  suchte  König  in  Polen  zu  werden.  Die  jüngere
        <pb n="247" />
        235

Tochter  des  letzten  Piasten,  Koͤnigs  Ludwigs,  deren  Brautschatz
  die  Krone  Polen  war,  wollte  nur  einen  Christen  zum
Gemahl  haben,  nun  hielt  Jagello,  wie  Heinrich  IV.,  die
Krone  einer  Messe  werth,  er  bestieg  den  Thron  unter  dem
Namen  Wlgdislav  II.;  sein  Volk  mußte  zugleich  mit  ihm
tauschen.

C.  5..

Timur.  Hauptrevolutionen  der  zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts.


Höchsttraurig  aber  sind  für  die  Kirchengeschichte  die  Begebenheiten
  der  letzten  Jahrzehende  des  vierzehnten  und  der  Anfang
  des  fönfzehnten  Seculums.  Timur,  ein  Tatarischer
Bek  von  Kesch  bei  Samarkand  hatte  sich  nach  und  nach  mit
so  vielem  Glück  in  die  obersten  Wesirsiellen  des  Dschagataischen
  Chans  geschwungen,  daß  er  endlich  Selbstherr  wurde.
Noch  kriegerischer  als  Dschingischan  stürmte  er  über  Persien
und  Indien  hin,  unterjochte  Astrakan  und  Kasan,  drang  in
Rußland  ein.  Den  Türkischen  Sultan  Bajeßid  stürzte  er
vom  höchsien  Gipfel  seines  Kriegsglücks  herab,  und  nur  sein
Tod  rettete  Sina  von  einer  neuen  Mogolischen  Unterjochung.
Timur  war  ein  Muhamedaner  von  der  Secte  der  Schijiten,
und  nahm  als  Glaubensartikel  an,  was  auch  die  damalige
Chrisiliche  Kirche  dafür  hielt,  daß  man  die  Genossen  anderer
Religionen  und  Secten  mit  Feuer  und  Schwert  bekehren
müsse.  Christen  und  Türken  verfolgte  er  deswegen  mit  unerhörter
  Grausamkeit,  und  sein  Tod  war  für  beide  die  größte
Wohlthat.

Die  wichtigsten  Veränderungen  der  politischen  Welt
drängen  sich  gleichsam  in  die  zweite  Hälfte  des  fünfzehnten
Jahrhunderts  zusammen,  und  alle  haben  mehr  oder  weniger,
        <pb n="248" />
        236

fruͤher  oder  spaͤter  den  groͤßten  Einfluß  auf  den  Zustand  der
Christlichen  Kirche  gehabt.

Im  dritten  Jahr  dieser  zweiten  Haͤlfte  des  fuͤnfzehnten

Seculums  wurde  auch  der  letzte  Ueberrest  des  Griechischorien-1453

  talischen  Kaiserthums  vollends  vertilgt.  Muhämmed  II.
machte  die  heilige  Sophienkirche  zur  Moschee.  Die  ganze
Griechische  Kirche  seufzt  nun  ohne  Rettung  in  der  drückendsten
  Sklaverei,  und  doch  waren  die  Türken  noch  menschlicher
gegen  die  Chrisien  in  ihren  Ländern,  als  diese  gegen  den
Muhammedauer,  wo  sie  denselben  ihren  orthodorkatholischen
Eifer  fühlen  lassen  konnten.  Ferdinand  von  Castilien  ero-1491

  berte  Grenada,  das  dürftige  Ueberbleibsel  der  ehmals  fast
über  ganz  Spanien  verbreiteten  Arabischen  Oberherrschaft.
Er  hielt  den  Ueberwundenen  die  versicherte  Religionsfreiheit,
wie  Ludwig  XIV.  das  Edict  von  Nantes,  und  der  Verlust
vieler  tausend  Juden,  der  thätigsten  seiner  Unterthanen,  welche
er  mit  Gewalt  vertrieb,  wurde  ihm  vom  Pabst  unendlich
reich  vergolten,  durch  den  Titel  katholischer  König.
Wie  traurig  für  den,  der  in  großen  Männern  der  vorigen
Jahrhunderte  die  Würde  der  Menschheit  verehrt,  daß  selbst
FKimenez,  Spaniens  Richelien,  alle  diese  Entwürfe  gebilligt
und  so  viel  in  seinen  Kräften  war  mit  ausgeführt  hat.

Mit  dem  letzten  Jahrzehend  des  fünfzehnten  Seculums
eröffnet  sich  endlich  ein  ganz  neuer  Schauplatz.  Zwei  Welthälften,
  zwischen  welchen  vielleicht  seit  mehreren  Jahrtausenden
  keine  Verbindung  war,  bringt  das  unternehmende  Genie
eines  Genuesischen  Seefahrers  in  die  entscheidendste  wechselsweise
  Wirksamkeit.  Unter  den  Waaren,  welche  der  Europäer
  und  besonders  der  Spanier  sogleich  an  alle  fremde,  ihm
neu  bekannt  gewordene  Völker  absetzen  wollte,  war  eine  der
ersten  —  seine.  Art  des  Gottesdiensts.  Schon  die  Portugie-
        <pb n="249" />
        237
sen  hatten  bei  ihren  allmäligen  Entdeckungen  der  kleinen  Koͤ-nigreiche
  auf  der  Afrikanischen  Küste  dem  Christenthum  einige
  Colonien  gewonnen;  sie  hatten  dieses  dem  Pabst  versprechen
  müssen,  da  ihnen  derselbe  mit  unerhörter  Großmuth
alle  Länder  schenkte,  welche  sie  entdecken  würden,  und  durch
gleiche  Pflicht  der  Dankbarkeit  waren  auch  die  Spanier  gefesselt,
  welchen  Alerander  VI.  eine  so  schöne  Portion  zutheilte,
da  er  durch  Ziehung  seiner  Demarkationslinie  über  mehr  als
die  Hälfte  der  Welt  wie  über  eine  Kirchenpfründe  disponirte.

Zur  Ehre  der  Spanischkatholischen  Geistlichkeit  muß  man
rühmen,  daß  sie  im  Anfang  den  armen  Amerikanern  den
Genuß  der  Menschheitsrechte  nicht  nur  gestattet,  sondern  selbst
mit  vielem  Eifer  gegen  die  Habsucht  der  Spanischen  Großen
verfochten  hat;  daß  sie  nicht  gewaltsam  bei  ihrer  Bekehrung
verfahren,  sondern  den  Weg  allmäliger  Aufklärung  selbst  nach
häufigem  Mißlingen  versucht  hat.  Fast  schien  auch  dieser
bei  der  natürlichen  Indolenz  und  Stumpfheit  der  Americaner
  wenigstens  für  den,  der  den  Fortgang  nach  Proselytenkbpfen
  zählte,  ganz  unbrauchbar  zu  seyn.  Der  Spanische  Klerus
  wurde  endlich  müde,  und  bekehrte  zuletzt  mit  eben  der
Fertigkeit,  deren  er  im  mittlern  Zeitalter  gewohnt  war.  Der
Pabst  kam  den  Unglücklichen  doch  noch  zu  Hülfe,  er  erklärte
sie  in  einer  eigenen  Bulle  für  vbernünftige  Geschöpfe,  für
solche,  die  zu  allen  Vorrechten  eines  Christen  berechtigt  seyen.

.  6.

Seit  Gregors  Zeiten  zog  sich  also  der  Hauptschauplatz
der  Christlichen  Kirche  immer  mehr  nach  Europa  herüber,
und  die  merkwürdigsten  fortdaurenden  Besitzungen,  welche  sich
die  Christliche  Religion  erwarb,  waren  im  Europäischen  Norden.
  Der  Pabst  war  zwar  nicht  unthätig  für  die  Ausbreitung
  derselben  gewesen,  und  hatte  auch  die  Bettelorden  als
        <pb n="250" />
        228

die  brauchbarsten  Werkzeuge  seiner  mehr  politischen  als  theologischen
  Absichten  genutzt,  aber  doch  war  jener  Eifer  noch
nicht  da,  welchen  der  durch  die  Reformation  erlittene  Verlust
weckte,  und  so  lange  Europa  noch  so  allgemein  gehorsam
war,  suchte  man  nicht  sehr  muͤhsam,  in  Asien  und  America
sich  zu  entschaͤdigen.  Was  es  aber  uͤberhaupt  wohl  fuͤr  ein
Christenthum  gewesen  seyn  mag,  das  in  dieser  Periode  neubekehrten
  Volkern  gepredigt  wurde?  Gewöhnlich  gehen  nicht
die  aufgeklärtesten  Theologen  auf  Misssonen;  und  was  waren
  selbst  auch  die  aufgeklärtesten  dieses  Zeitalters?  Der
Schuͤler  des  Missionarius  konnte  denn  doch  nicht  mehr  Christliche
  Religion  wissen  als  sein  Lehrer  selbst,  und  Heiden  des
vierzehnten,  fünfzehnten  Jahrhunderts  konnten  ihren  Aberglauben
  nicht  schneller  aufgeben,  als  die  des  achten  und
neunten.  «

Es  waͤre  dabei  noch  einer  eigenen  Untersuchung  werth,
ob  nicht  die  immer  mehr  steigende  Kosibarkeit  des  katholischen
Gottesdiensts  der  allgemeinen  Ausbreitung  des  Christenthums
schädlich  gewesen  sey,  und  ob  überhaupt  eine  Religionspartie,
  unter  welcher  die  Wissenschaften  mit  Erfolg  sich  zu  entwickeln
  anfangen,  großen  Missionseifer  noch  haben  könne.

Geschichte  der  Hierarchie  und  ganzen  gesellschaftlichen
Einrichtung  der  Chrisilichen  Kirche.
S.  7.
Investiturstreit  und  Concordat.
Am  Ende  der  vorigen  Periode  hatte  die  große  merkwürdige
  Revolution  angefangen,  durch  welche  vorzöglich  in

Teutschland  das  Verhältniß  der  Kirche  zum  Staat  entschieden
  werden  sollte.  Die  Kaiser  hatten  den  Bischöfen  Reichthamer

  und  Macht  zugeworfen,  und  wieder  die  weltlichen
        <pb n="251" />
        239

Großen  dieselbe  als  Gegenmacht  zu  brauchen  gesucht;  nun  sollten
  mit  einemmal  alle  diese  so  maͤchtig  und  reich  gewordenen
Geistlichen  aus  allen  Lehensverhältnissen  mit  dem  Kaiser  herausgeriffen
  werden,  künftighin  keinen  Vasallendiensi  thun,  und
auf  die  Ersetzung  dieser  wichtigen  Stellen  sollte  der  Kaiser  keinen
Einfluß  mehr  haben;  er,  der  sich  durch  wirkliche  Ertheilung
oder  gemachte  Hoffnung  derselben  ehedem  so  manchen  treuen
Diener  erworben  hatte.
Man  sieht  im  ganzen  Streit  deutlich,  die  Päbste  wußten
selbst  nicht  recht  was  sie  wollten,  oder  die  Nachfolger  faßten
den  ganzen  Plan  und  die  Gesinnungen  dessen  nicht,  der  zuerst
  den  Streit  rege  gemacht  hatte.  Paschal  II.,  der  zu  Anfang
  des  zwölften  Jahrhunderts  regierte,  war  so  einfältig,  dem
Kaiser  Heinrich  V.  den  Vorschlag  zu  machen,  daß,  wenn  er
sich  der  Investitur  begeben  würde,  die  Bischöfe  alle  weltliche
  Güter  herausgeben  sollten.  Wie  der  Kaiser  ohne  Bedenken
  einschlug,  denn  auf  einmal  wäre  er  dadurch  wenigstens
  auf  einige  Zeit  zum  Despoten  Teutschlands  und  Italiens
  geworden,  so  entstand  allgemeiner  Tumult  der  Bischöfe
und  weltlichen  Fürsten;  man  sah  den  Pabsi  fär  den  zweiten
Judas  an,  er  konnte  nicht  schnell  genug  zurücktreten.  "
Unter  Calirt  II.,  der  nach  Gelastus  II.  Tod  auf  Paschal
  folgte,  endigte  sich  endlich  der  ganze  Streit  in  dem  bekannten
  Wormser  Concordat,  aber  auf  eine  Art,  über  welche  wir  uns
nun  nach  sechs  Jahrhunderten  nicht  genug  wundern  können,
und  wo  wir  es  uns  aus  Verwunderung  beinahe  abläugnen
mochten,  daß  wir  es  recht  wüßten.  Der  Vergleich  wurde
so  geschlossen,  als  ob  bisher  bloß  über  die  Zeichen  der  Belehnung
  gesiritten  worden  wäre,  der  Kaiser  versprach  nur,  auf
die  bisherige  Art  nicht  zu  investiren.  Die  Wahlfreiheit  der
Stifter  hatte  er  oft  vorher  versichert;  hierinn  geschah  also
        <pb n="252" />
        240

nichts  neues;  außer  daß  die  Versicherung  itzt  allgemeiner
wurde,  und  nicht  bloß  Privilegium  war,  sondern  Vertrag,
zwischen  dem  geistlichen  und  weltlichen  Oberhaupt  der  Christenheit
  auf  das  feierlichste  errichtet.  Aber  dabei  war  das
ganze  Vereinigungsinstrument  der  so  lange  entzweiten  Partien
  so  auf  Schrauben  gesetzt,  daß  es  nicht  zehn  Jahre  anstand,
  so  fieng  der  Streit  hie  und  da  wieder  von  neuem  an.

Fast  eben  so  gieng  es  in  Frankreich  und  England.  Die
Partien  drehten  sich  zwischen  unbestimmten  Forderungen  und
ungleichfoͤrmigen  Weigerungen  herum,  doch  sieht  man  deutlich,
daß  es  dem  Klerus  darum  zu  thun  war,  die  Lehensverbindungen
  ganz  aufzuheben,  und  mit  denselben  auch  der  Last
loszuwerden,  daß  der  Kdnig  die  Einkünfte  des  vacantgewordenen
  Bisthums  und  die  Hinterlassenschaft  des  verstorbenen
Bischofs  erben  sollte.  Im  Concordat  des  Pabsts  mit  Teutschland
  stand  von  allem  diesem  kein  Wort,  aber  Anselm,  der
berühmte  Nachfolger  Lanfranks  in  der  Stelle  des  Englischen
Pimaten,  ist  hier  gewiß  ein  eben  so  gültiger  als  deutlicher
Jeuge  der  Hauptabsichten  des  Klerus.

Teutschland  hatte  zwar  im  zwölften  Jahrhundert  an
Lothar  II.  Konrad  III.  und  Friederich  I.  drei  Kaiser,  von
welchen  immer  der  Nachfelger  seinen  Vorgänger  an  Muth
und  Einsicht  übertraf,  und  da  vollends  Friedrichs  Sohn  und
Nachfolger  Sicilien  erheurathete,  Teutschland  beinahe  Staufisches
  Erbreich  zu  werden  schien,  so  war,  dem  ersten  Anblick
  nach,  der  Jeitpunct  sehr  nahe,  daß  bei  der  ohnedieß
steigenden  Aufklärung  des  Zeitalters  die  Macht  des  Roͤmischen
  Bischofs  wieder  zum  bloßen  Ansehen  des  ersten  Prälaten
  der  Chrisienheit  herabsinken  mußte.  Doch  neben  dem,
daß  der  Staufische  Stamm  gerade  im  Zeitpunct  seines  schoͤnsten
  Flors  innerhalb  eines  Jahrzehends  fast  völlig  verdorrte,
        <pb n="253" />
        241

und  daß  gerade  im  Jahrzehend  dieses  Verbluͤhens  ein  Mann
auf  den  paͤbstlichen  Stuhl  kam,  der  alle  seine  Vorgaͤnger  und
Nachfolger  in  planmäßigem  Pabsiverfahren  übertraf,  so  lagen
  im  Ganzen  der  damaligen  Verfassung,  selbst  in  der  ganzen
Art  der  damaligen  Aufklärung  mehrere  der  stärksten,  unlenkbarsten
  Hindernisse,  welche  das  Aufkommen  der  weltlichen
Macht  hinderten,  und  selbst  im  Zeitalter  der  größten  mächtigsten
  Könige  den  päbsilichen  Thron  unerschütterlich  erhielten.
Die  wichtigsten  derselben  waren  diese.

"  6.  8.
Entstehung  der  Universitaͤten.

Die  ganze  Litteratur  und  mit  ihr  alles  auf  was  Litteratur
Einfluß  haben  kann,  hatte  in  der  ersten  Haͤlfte  des  zwoͤlften
Jahrhunderts  durch  ein  zufaͤlligentstandenes  Institut  die  merkwürdigste
  Veränderung  erlitten.  Schon  lange  war  nehmlich
ein  vorzüglicher  Zulauf  zu  gewissen  Städten,  wo  sich  einzelne
damals  merkwürdigere  Lehrer  unter  dem  Schutz  des  Bischofs
zum  böffentlichen  Unterricht  niedergelassen  und  durch  ein  glückliches
  Zusammentreffen  mehrerer  äußern  Umstände  hie  und  da
einen  größern  Hausen  Schüler  gesammelt  hatten,  als  bei  Klos
ster=  und  Domschulen  sich  fanden.  Unter  den  mehreren  dieser
Städte  zeichneten  sich  vorzüglich  Paris  und  Bologna  aus-In
  Paris  fanden  sich  Grammatiker  und  Theologen  und  Dialektiker
  zusammen:  in  Bologna  aber,  vielleicht  weil  sich  in
diesem  Theile  Italiens,  selbst  durch  die  Jahrhunderte  der  Unwissenheit
  hindurch,  immer  die  meiste  Kenntniß  des  Röômischen
Rechts  erhalten,  schien  vorzüglich  eine  Schule  der  Rechtsgelehrsamkeit
  zu  entstehen.  Wenigstens  zeichneten  sich  alle  große
Männer,  welche  diese  Schule  hatte,  immer  fast  einzig  von  dieser
  Seite  aus.

Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  10
        <pb n="254" />
        242

So  bald  sich  an  einem  solchen  Orte  ein  großer  Haufen
von  Lehrern  und  Lernenden  versammelte,  so  schlossen  sich  diese
bei  ihren  gemeinschaftlichen  Zwecken  und  bei  gewissen  gemeinschaftlichen
  Beduͤrfnissen  in  eine  Gesellschaft  zusammen:  Sie
bildcten  vereinigt  einen  kleinen  Staai  unter  sich,  der  bald  auch
von  dem  Regenten  gewisse  Privilegien  erhielt,  und  durch  Vervollkommnung
  seiner  innern  Einrichtung  in  kurzem  vor  allen
noch  übrigen  Kloster=  und  Domschulen  auf  das  vortheilhafteste
sich  auszeichnete.  Alle  diese  verödeten  allmälig,  und  diese  Veraͤnderung
  der  Sammelpuncte  der  Studirenden  hatte  auf  Litteratur
  und  Teutsche  Kirchenverfassung  einen  Einfluß,  dessen  ganze
Größe  erst  nach  einem  Fahrhundert  übersehen  werden  konnte.

Derlletzte  Ueberrest  des  gemeins  chaftlichen  Lebens  der  Domherru
  war  hie  und  da  noch  das  Zusammenwohnen  der  Scholaren
  gewesen,  aber  seitdem  die  Domschule,  verödete,  verschwand
auch  vollends  diesel  letzts  Erinnerung  an  die  alte  Verfassung
und  besonders  in:  Ansehung  des  Kirchenrechts  brachten  die
Jünglinge  von  Bologna  ganz.  andere  Kenntnisse  zurück,  als
sie  auf  einer  ubenachbarten  Kloster  odet  Domschule  geholt  haben
  würden.  Ftaliänische  Kirchenverfassung  war  das  Muster,
  das  sie  in-  Bölogna  vor  Augen  hatten,  Jtaliäner  waren
  ihre  Lehrer,  der  Römische  Hof  das  Muster  in  der  Nähe,
dessen  üsus!  modernus  durch  die  Vorlesungen  der  Professoren
vorzöglich  bekannt  und  unvermerkt  als  einzige  Richtschnur
angesehen  wurde.

Kein  anderer  Canal  hälte  zasch  trwünschter  den  Päbsten
sich  öffnen  können,  um  jedesrihrer  neuen  Gesetze  unbemerkt
dem  ganzen  Européischen  Publicum  mitzutheilen,  als  dieses
zufällig  entstandene  Instituk  in  Bologna  war,  und  wie  die
NRömischen  Bischöfe  mit  allem  Bewußtseyn  der  Wichtigkeit  der
Sache  auf  dieses.  neue  Institut  zu  wirken,  dasselbe  in  ihrem
        <pb n="255" />
        243
Interesse  zu  erhalten  suchten,  bo  wirkte  auch  das  Justitut
selbst  wieder  auf  die  Rmische  Hierarchie  zurück,  scharfsinnige
Kanonisten  wurden  Pööste,  und  was  vorher  oft  bloß  nur
einzelne  Gemaltthätigkeit  oder  Prätenst  nion  war,  wurde  nun
ausgebildetes  System.

Eben  so  sichtbar  war  endlich  auch  der  Einfluß  dieser
neuen  Institute  auf  das  Ganze  der  theologischen  Litteratur.
Da  sich  nun  die  scharfsinnigsten  und  thätigsten  Köpfe  ganzer
Zeitalter  an  einem  Orte  vereinigt  fanden,  da  neben  der
nothwendigen  Verschiedenheit  ihrer  Denkart  der  wechselsweise
Widerspruch  derselben  auch  durch  persdnliches  Interesse,  durch
Ruhmsucht  und  Eigennutz  gereizt  wurde,  so  arteten  bald
alle  Disciplinen  in  einen  casuistischen  Skeptieismus  aus,  und
weil  über  allem  disputirt  wurde,  auch  sowohl  Wahrheit  als
Größe  des  Genies  nach  dem  siegreichen  Disputiren  geschätzt
ward,  so  entstand  schon  mit  der  ersten  Hälfte  des  dreizehnten
  Jahrhunderts  eine  höchst  ausgeartete  theologische  Scholastikk,
  neben  welcher  unmöglich,  wie  bisher  Grammatik  und
classische  Litteratur  noch  blühend  bleiben  konnten.

Offenbar  that  es  ohnedieß  schon  der  theologischen  Litteratur
  keinen  geringen  Schaden,  daß  bei  der  großen  Concurrenz
  von  Lehrern  an  einem  solchen  Orte  bald  neue  Lehrfächer,
  neue  eigene  Disciplinen  entstanden,  von  welchen  die
besien  Köpfe  folgender  Jeitalter  so  angezogen  wurden,  daß
ihre  Bemühung  für  Religion  und  Theologie,  ihr  Ansehen  für
die  Christliche  Kirche  verloren  gieng.  Die  zwei  wichtigsten
Diseiplinen  dieser  Art,  welche  sich  zuerst  von  der  Theologie  abschieden,
  waren  Roͤm  isches  und  kanonisches  Recht.
        <pb n="256" />
        244

F.  0.
Römisches  Recht.

Das  Romische  Recht  war  in  Italien  seit  Kaiser  Jusiinians
  Zeiten,  ungeachtet  so  vieler  alles  zerstoͤrenden  Revolutionen
  besonders  in  den  Provinzen  des  Erarchats  nie  außer
Gang  gekommen,  und  selbst  auch  außer  den  zuletzt  sehr  verengten
  Graͤnzen  des  letztern  hatte  sich  dasselbe  hie  und  da  in
ahdern  Gegenden  erhalten,  weil  Longobarden  und  Franken
der  freien  Willkühr  eines  jeden  überlieten,  nach  welchen  Gesetzen
  er  leben,  nach  welchen  Gesetzen  er  gerichtet  seyn  wollte.
Unstreitig  war  zwar#  die-  große  Barbarei  des  zehnten  Jahrhunderts
  der  Kenntniß  eines  geschriebenen  höchst  bestimmten
  Rechtes  sehr  nachthellig,  aber  so  bald  bei  Wiederherstellung
  einiger  allgemeinen  politischen  Ruhe  alte  Schriften
wieder  hevorgesucht,  Rechte  sorgfältiger  erörtert  wurden,  so
wachte  auch  Angedenken  an  Römisches  Recht  wieder  auf.
Da  denn  auch  die  ganze  Beschaffenheit  desselben  den  spitzfindigen
  Disputirgeist  des  Zeitalters  nährte,  da  ein  bestimmtes
geschrisbenes  Recht  in  der  Collision  mit  unbestimmten  Observanzen
  leicht  die  Oberhand  gewinnen  mußte,  auch  schon  von
Heinrich,  V.  die  Römischen  Rechtsgelehrten  vorzüglich  geschätzt
  wurden,  so  erhielt  dasselbe  in  kurzem  ein  solches  An-—W])
  daß  das  Schicksal  ganzer  Staͤdte  und  Laͤnder  fast

Niemand  scheint  damals  bei  der  unerwartet  großen  Allgemeinwerdung
  desselben  eingefallen  zu  seyn  zu  fragen,  wozu
das  fremde  Recht?  denn  Römisches  Recht  hielt  man  nicht
für  fremdes  Recht,  Justinian  war  Rdmischer  August,  und
Friedrichs  war's  auch;  also  galt  Justinian  als  Friedrichs
Regimentsvorfahre,  der  Nachfolger  brachte  nur  vergessene
Reichsgesetze  in  Gang.  Auch  nahm  daher  nicht  nur  der
        <pb n="257" />
        245

Teutsche,  sondern  Spanier,  Franzosen  und  Englaͤnder  das
neue  Recht  an;  denn  es  war  eine  der  Partialideen  der
neuen  Entdeckungen  des  Zeitalters,  daß  alle  Europaͤische  Koͤ-nige
  eigentlich  nur  Provincialkönige  seyen,  und  wie  Gott
der  Kirche  ein  geistliches  Haupt  gesetzt,  so  habe  die  Christenheit
  auch  nur  ein  weltliches  Oberhaupt,  unter  welchem
alle  übrige  Häupter  vereinigt  seyen.

Die  Päbsie  merkten  früh  genug,  wohin  endlich  das  neue
Recht  führen  mochte,  aber  gegen  den  herrschenden  Ton  eines
  Zeitalters,  zu  dessen  Hervorbringung  und  Erhaltung  so
viele  zufällige  Umsiände  sich  vereinigt  hatten,  vermochten
päbstliche  Befehle  eben  so  wenig,  als  die  wiederholten  Klagen
  der  Kirchenpatrioten,  welche  mit  äußerster  Wehmuth
alle  Kenntnisse  der  alten  Kirchengesetze  gegen  das  neue  Recht
verschwinden  sahen.  Glücklicherweise  wurde  gerade  noch  in
der  hoͤchsten  Krisis  des  entscheidenden  Zeitpuncts  ein  Gegenmittel
  gefunden,  wodurch  selbst  der  herrschende  Hang  des
Zeitalters  zum  Vortheil  des  Kirchenrechts  gegen  das  neuentsiandene
  Recht  benuzt  werden  konnte.

S.  10.
Decretum  Cratiani.  Seine  nähere  und  entferntere  Folgen.  Wie
der  Pabst  die  Bischöfe  immer  mehr  unthätig  machr.

In  einem  Kloster  zu  Bologna  compilirte  ein  Mann,
Namens  Gratian,  eine  Sammlung  von  Kirchengesetzen,  die
so  ganz  nach,  den  literarischen  Bedürfnissen  dieses  Zeitalters
eingerichtet  war,  daß  es  nicht  fehlen  konnte,  sie  mußte  besonders
  gerade  an  diesem  Orte  und  bei  den  häufigsten  Empfehlungen
  der  Freunde  des  kanonischen  Rechts  eine  glückliche
  Nebenbuhlerinn  der  Röômischen  Rechtskunde  werden.
Der  ganze  Plan  des  Werks  war  so  angelegt,  daß  man  eine
Casuistik  vor  sich  hatte,  bei  welcher  man  recht  gelehrt  fra-
        <pb n="258" />
        240

gen  und  für  oder  wider  eine  Meinung  mehrere  Gründe  anführen
  lernte.  Das,  Werk  war  nicht  so  stark,  als  manche
vorhergehende  ahnliche  Sammlungen,  und  doch  zugleich  auch
nicht  zu  mager,  um  als  Jnnbegriff  des  Kirchenrechts  angesehen
  werden  zu  können.  Auch  konnte  im  damaligen  Jeitalter
  demselben  nicht  schaͤdlich  seyn,  daß  cs  voll  historischer,
chronologischer  und  kritischer  Fehler  war;  denn  selbst  von
dieser  Seite  betrachtet,  war  es  doch  sehr  viel  vollkommner
als  die  meisten  vorhergehenden  öhalichen  Werke.

Die  Pähste  und  alle,  so  noch  einige  Liebe  zu  den  alten
Kirchengesetzen  hatten,  befoͤrderten  die  Ausbreitung  desselben.
Es  stand  auch  kanm  dreißig  Jahre  an,  so  theilten  sich  die
Juristen  schon  in  zwei  große  Factionen,  Legisten  und  Decretisten.
  Der  kanonischen  Sammlungen  wurden  mebrere,  aber
wenigstens  die  wichtigsten  derselben  schlossen  sich  langehin
nur  als  Supplemente  an  Gratians  Decret  an.

Unstreitig  hat  dieses  Buch  der  päbstlichen  Hierarchie  viel
genützt.  Das  Kirchenrecht  ist  zufällig  durch  dasselbe  zur  cigenen
  Diseiplin  gemacht  worden,  und  hat  als  eigene  Diseiplin
  in  kurzem  die  Verfeinerung  und  Emwicklung  erhalten,
welche  bei  den  sonstigen  Grundsätzen,  auf  welchen  Gratianei-=sches
  Recht  beruhte,  immer  mehrere  Gelegenheit  zu  Kirchenprocessen,
  zu  Appellationen  nach  Rem  und  Entscheidungen
des  Röômischen  Hofs  gaben.  Das  Band  der  Roͤmischen
Hierarchie  wurde  merklich  stärker  angezogen,  und  Angelegenheiten,
  welche  man  ehmals  zum  Sprengelrecht  einzelner  Bischöfe
  und  Erzbischöfe  oder  zur  Jurisdiction  von  Provincialsvnoden
  gerechuet  hatte,  wurden  nach  Rom  gebracht.

Beweise  bievon  giebt  die  Geschichte  der  Kanonisationeu
  und  der  Eremtion  der  Mönchsorden,
        <pb n="259" />
        247

Bis  ins  zehnte  Jahrhundert  hatte  jeder  Bischof  in  seiner
Dioͤcese  das  Recht,  einen  Mann,  bei  dessen  Grabe  vielleicht
Wunder  geschahen  oder  der  überhaupt  im  Geruche  der  Frômmigkeir
  gestorben,  für  einen  Heiligen  zu  erklären,  welchem
zu  Ehren  Kirchen  und  Capellen  errichtet  werden,  den  man
als  einen  himmlischen  Schutzpatron  anrufen  dürfte;  doch  galt
es  immer  nur  in  der  Dibcese  dieses  Bischofs.  Im  zehnten
Jahrbundert  hatten  einmal  die  Augsburger  Domherrn  den
unglücklichen  Stolz,  ihren  Bischof  Ulrich  nicht  nur  zum
Augsburgischen  Dikcesheiligen,  sondern  auch  zum  Universalheiligen
  der  ganzen  Kirche  erklären  lassen  zu  wollen.  Sie
baten  den  Pabst  um  seine  Heiligsprechung,  und  dieser  bediente
sich  anfangs  des  neuangebotenen  Rechts  höchst  selten,  uhd
bloß  in  der  fortdaurenden  Concurrenz  der  alten  Besitzer  desselben,
  daß  nie  Eifersucht  oder  Streit  darüber  entstehen
konnten.  Da  aber  seit  dem  zwölften  Jahrhundert  der  Römische
  Bischof  immer  mehr  Mittelpunct  alles  Rechts  und
aller  Gnade  in  der  abendländischen  Kirche  wurde,  so  erklärte
er  endlich  auch  das  Heiligsprechen  für  sein  Monopol,  und
Alerander  III.  verbot  allen  übrigen  Bischöfen  das  Kanonisiren.


Eben  so  stieg  der  Mißbrauch  der  Klostereremtionen.
Schon  war  in  der  vorigen  Periode  Klage  gewesen,  wenn  auch
nur  einzelne  Klöster  von  der  Gerichtsbarkeit  der  Bischbfe  sich
frei  sprechen  ließen,  und  gegen  einen  jährlichen  Tribut  dem
Rdmischen  Stuhl  unmittelbar  sich  unterwarfen.  Schon  in
einzelnen  Klöstern  wurde  daher  ein  Zerfall  der  Zucht  und
Ordnung  empfunden,  aber  nun  wagten  es  ganz  neue  Ordensfamilien
  schon  gleich  bei  ihrer  Stiftung  von  allen  gewöhnlichen
  Didcesanbanden  sich  loszumachen.  Auch  glaubte  man  wohl
den  daraus  befürchteten  Schaden  zu  verhüten,  indem  man
        <pb n="260" />
        248

die  Kloͤster  solcher  neuentstandenen  Ordensfamilien  unter  einander
  selbst  in  ein  hierarchisches  System  verflocht,  wodurch
Kloster  und  Kirchenzucht  in  denselben  erhalten,  die  Mbnche
gegen  den  Despotismus  des  Abts,  der  Abt  gegen  den  Ungehorsam
  der  Mönche  geschützt  werden  könnte.  So  geschah  es
bei  der  am  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  gestifteten  Familie
  des  Benedictinerordens  zu  Clugny.  So  auch  bei  der
Stiftung  des  Cistercienserordens,  zu  dessen  Ausbreitung  der
Ruf  des  thätigen  Bernhards  von  Clairvaur  so  viel  beitrug.
Aber  aller  dieser  neuer  Institute  war  immer  ein  und  eben
dasselbe  Ende,  bei  einem  und  eben  demselben  Fehler,  der
gewöhnlich  schon  in  der  ersten  Constitution  lag.  ODer  erste-Ruf
  einer  neuen  Mönchs=  und  Ordenzheiligkeit  zog  freigebige
  Bewunderer  herbei;  die  armen  Mönche  wurden  reich,
und  verwandelten  sich  also  wieder  in  die  gewöhnliche  Welt,
noch  mit  dem  sirksten  Zusatz  aller  der  Fehler,  welche  vom
Kloster  und  Mönch  unzertrennlich  sind.

.  II.

Laienbrüder.

Außer  den  Exemtionen,  in  welchen  immer  die  erste  Ursache
  des  gerfalls  der  Kirchen  =  und  Klosierdisciplin  war,
lag  eine  zweite  Hauptveranlassung  in  der  Entstehung  der  so
genannten  Laienbrüder.  Nach  der  ersien  Einrichtung  in  dem
Kloster  wurde  alle  Handarbeit  durch  die  Mönche  verrichtcet.
Sie  waren  Jimmerleute  und  Maurer,  und  Becker,  und  sorgten
  für  alles,  was  zur  Erhaltung  der  Klosterdkonomie  nöthig
war.  Pielleicht  Bequemlichkeit,  vielleicht  Liebe  zum  ungehinderteren
  Studiren  veranlaßte  aber  im  Anfang  des  elften
Jahrhunderts  erst  nur  in  einigen  Klèstern  die  Veränderung,
daß  Laien  ins  Kloster  ausgenommen  wurden,  deren  Fleisee
der  vornehmere  Monch  alle  diese  niedrige  Verrichtungen
        <pb n="261" />
        261

getragen.  Der  Proceß,  nach  welchem  man  mit  diesen  Ungluͤcklichen
  verfuhr,  war  gerade  das  Gegenspiel  von  aller
sonst  menschlichen  Gerechtigkeit,  es  war  als  ob  sich  die  Kirche
nicht  nach  den  Regeln  des  gemeinen  Menschenverstands  zu
richten  haͤtte.

Von  denen,  welche  in  Teutschland  Dominicanerinquisition
  in  diesem  Zeitalter  einzufuͤhren  versucht  haben,  ist  der
verrufenste  der  Beichtoater  der  Landgraͤfin  Elisabeth  von
Thüringen,  Konrad  von  Marburg.  In  einem  Lande,  wo
bisher  zu  wenig  Licht  und  zu  wenig  Thätigkeit  war,  als  daß
leicht  Ketzer  hätten  entstehen  konnen,  entdeckte  er  unter  Adel
und  Volk  mit  einemmal  ganze  Schaaren  solcher  Unglücklichen.
  Edelleute,  Bauren,  Geistliche,  Mönche,  nichts  war
vor  ihm  sicher.  Selbst  die  Ermahnungen  der  Teutschen
Bischdfe  Konnten  ihn  nicht  zur  Mernschlichkeit  bewegen.  Er
wurde  endlich  von  dem  erbitterten  Volk  todtgeschlagen,  aber
sein  Tod  konnte  den  einmal  gemachten  Anfang,  daß  man
in  Teutschland  das  Verfahren  des  südlichen  Frankreichs  nachahmte,
  nicht  völlig  verhindern.  Der  Erzbischof  von  Bremen
ließ  gegen  seine  Stedinger  Bauren  als  Keßzer  das  Kreuz  predigen,
  weil  sie  ihm  und  dem  Bischof  von  Minden  den  Zehnten
nicht  geben  wollten.  Die  Schwäbischen  Bauren  bei  Halle
harten  ähnliches  Schicksal,  und  Kaiser  Friedrich  II.  der  wegen
seiner  eigenen  Händel  mit  den  Pöäbsten  nicht  orkhodor  genug  erscheinen
  konnte,  bewaffnete  den  Eifer  der  Geistlichen  mit  Reichsgesetzen,
  welche  leider  bis  auf  Luthers  Zeiten  herab  wirkten.

So  wirkte  alles  von  außen  und  von  innen  gleichsam
auf  den  einzigen  Punct  hin,  dem  Pabst  die  unabhängigste
HOberherrschaft  über  Kirche  und  Staat  zu  verschaffen,  und
sein  Regierungsrecht  über  alle  einzelne  Reiche  der  Christenheit
  selbst  in  die  Verfassuug  dieser  Reiche  zu  verweben-
        <pb n="262" />
        250

Wahlform  auf  die  ganze  Kirche  hatte,  hatte  sie  noch  einen
besondern  auf  die  Teutsche.  Kein  Land  batte  nehmlich  so
innige  Verbindungen  mit  dem  Röômischen  Hof  und  mit  Italien
  als  Teutschland,  und  in  keinem  Lande  wurden  die  Ita,
liänischen  Einrichtungen,  besonders  was  die  Geistlichkeit  betraf,
  schneller  und  allgemeiner  nachgeahmt  als  in  Teusschland,
  besonders  wenn  noch  der  Stolz  dazu  kam,  daß  man
glaubte  vornehmer  zu  werden,  wenn  man  sich  nach  Roͤmischer
  Sitte  richtete.  Wie  sich  also  zu  Rom  nach  und  nach
ein  geschlossenes  Wahlcollegium  gebildek,  und  die  Laien  keinen
Theil  mehr  an  der  Wahl  ihres  Bischofs  hatten,  so  geschah  es
nun  bald  auch  bei  den  einzelnen  großen  Teutschen  Stiftern.
Die  Capitel  näherten  sich  immer  mehr  ihrer  hemigen  Verfassung;
  ihr  gemeinschaftliches  Leben  hörte  fast  ganz  auf;  sie
wurden  geschlossene  Gesellschaften,  und  der  Zutritt  zu  diesen
geschlossenen  Gesellschaften,  bei  welchen  die  Anzahl  der  Mitglieder
  hie  und  da  bestimmt  wurde,  ward  bloß  auf  gewisse
Bedingungen  mo  bei  gewissen,  in  der  That  höchsi  zufälligen
Eigenschaften  der  Ad'piranten  gestattet.  Die  Minisierialen
verloren  ihren  Antheil  an  der  bischöflichen  Wahl;  und  konnten
  auch  in  der  That  unmöglich  mehr  lange  im  Genusse
desselben  bleiben,  weil  seit  der  neuaufgekommenen  Universilätsaufklärung
  das  ganze  Wahlceremoniel,  das  sich  vorher
einzig  nach  Silten  und  Herkommen  gerichtet,  mit  einer  rechtlichen
  Kenntniß  und  Genauigkeit  beobachtet  werden  mußte,
deren  selten  ein  schlichter  Teutscher  Ritter  sähig  war.  Daher
  auch  seit  dieser  Zeit,  wie  cs  gewöhnlich  in  der  Periode
erster  juridischer  Aufklärung  zu  gehen  pflegt,  so  viele  Processe
  über  Form  und  Gültigkeir  der  Wahlen,  so  viele  Bewegungen
  im  einzelnen,  bis  die  Ministerialen  ihr  Recht  aufgaben.
        <pb n="263" />
        251

Das  bestimmte  Wahlceremoniel  des  Roͤmischen  Bischofs
hatte  endlich  unstreitig  auch  auf  die  Art,  den  Teutschen  Konig
  zu  wählen,  einen  bildenden  Einfluß.  Auch  hier  sieht
man  seit  der  Mitte  des  zwölften  Jahrhunderts  ein  geschlossenes
  Wahlconclave,  und  wenn  schon  vielleicht  damals  noch
nicht  die  Zahl  sieben  auch  hier  als  heilige  Zahl  angenommen
wurde,  so  war  doch  bald  auch  bier  der  Unterschied  zwischen
wählenden  Hauptstimmen,  Consultationssiimmen  und  Stimmen
  des  Beifalls  so  genau  bestimmr,  als  bei  Bischofwahlen.

So  war  also  bei  der  auf  Alterthum  und  neue  bessere
Einrichtungen  sich  gründenden  Macht  des  Roͤmischen  Bischofs,
da  selbst  die  ganze  Art  der  damaligen  Aufklär  ung  dieselbe
begünstigte,  da  sich  in  der  Römischen  Hierarchie  alles  immer
mehr  zur  festern  zusammenhängendern  Monarchie  bildete,  in
Teutschland  hingegen  die  großen  Vasallen  sich  immer  mehr
von  der  Abhängigkeit  losarbeiteten,  so  war  es  also  nicht  anders
  möglich,  als  daß  die  geistliche  Macht  immer  mehr  über
die  weltliche  siegte.  Selbst  der  mächtige  Friedrich  I.  wie  viel
Möhe  hatte  er  nicht,  seine  Teutsche  Vasallen  zu  häufigen
Zügen  nach  Italien  zu  bewegen,  und  Italien  gehorchte  dem
mächtigsien  Kaiser  nicht,  wenn  nicht  jeder  seiner  Befehle  von
einer  Armee  unterstützt  wurde.  Wie  viele  der  Teutschen
Rittrr,  deren  Schwert  vielleicht  die  Römer  Gehorsam  gelehrt
hätte,  bußten  in  Palästina  ihr  Leben  ein?  Die  großen  Vasallen
  zogen  nach  und  nach  alle  Güter  der  kleineren  Herrn
an  sich;  denn  diese,  wenn  sie  nach  Paläsiina  zogen,  glaubten
in  Teutschland  keinen  Fuß  breit  Landes  mehr  nöthig  zu  haben.
  So  vergrößerten  sich  die  mächtigen  Herzoge  in  Teutschland,
  die  Macht  des  Kaisers  nahm  immer  ab,  und  unter
allen  Europaͤischen  Monarchen  war  doch  er  der  einzige,  der
den  Pabst  im  Gehorsam  halten  konnte.
        <pb n="264" />
        252

Daher  jene  Beweise  der  tiefsten  Erniedrigung,  welche
selbst  Friedrich  I.  von  Alerander  III.  leiden  mußte;  daher
die  glücklichen  Versuche  des  Pabsts  gegen  England,  wo  einer
der  weisesten  Könige,  Henrich  II.  regierte.

.  13.
Henrich  II.  und  Thomas  Becket.

Henrich  II.  hatte  mit  eben  so  viel  Klugheit  als  Standhaftigkeit
  die  Usurpationen  seines  Klerus,  unter  dessen  Begönstigung
  sich  ehedem  ein  paar  der  Söhne  Wilhelms  des
Eroberers  unrechtmäßig  in  den  Besitz  des  Reichs  gesetzt  hatten,
  durch  die  weisesien  Gesetze  einzuschränken  gesucht.  Er
knüpfte  das  Vasallenverhältniß  der  großen  Geistlichen,  von
welchem  diese  sich  loszumachen  suchten,  unauflöslich  fest.  Er
unterwarf  seine  Geisilichkeit  auch  der  weltlichen  Gerichtsbar-=keit,
  und  verbot,  um  sie  zu  entwaffnen,  daß  jemals  ohne
sein  Vorwissen  Bann  ausgesprochen  werden  durfte.  Ein
großer  Theil  seines  Entwurfs  war  schon  ausgeführt,  als
Henrich  selbst  durch  verfehlte  Wahl  eines  Erzbischofs  von
Canterbury  alle  gute  Wirkungen  wieder  vernichtete,  und  eine
Reihe  der  prüfendsten  Trübsalen  sich  zuzog.

Henrich  hatte  nehmlich  einen  Minister,  Thomas  Becket,
der  lange  Zeit  Mitgenosse  aller  seiner  Vergnügungen  und
Vertrauter  seines  Herzens  war;  einer  der  ausschweifendsten
Männer  in  ganz  England,  ein  rechter  Sohn  der  Freude.
Wen  sollte  Henrich  zum  Primaten  von  England  machen
als  diesen,  um  völliger  Herr  über  die  Kirchen  seines  Reichs
zu  bleiben?

1162  An  dem  Tage  aber,  da  Thomas  die  erzbischöfliche
Wuͤrde  aus  der  Hand  seines  Koͤnigs  empfieng,  war  er  mit
einemmal  voͤllig  veraͤndert.  In  Eifer  und  aͤußerer  Gebaͤrde
ein  Heiliger  strenglebend  wie  ein  Carthaͤuser,  und  voll  Ernsts
        <pb n="265" />
        253

in  Behauptung  der  Kirchenfreiheiten.  So  bald  er  wußte,
daß  ihm  Pabst  Alexander  III.  beissehen  werde,  fieng  er  mit

em  König  den  Zank  wegen  der  Kirchenfreiheit  an,  wurde
lieber  fluͤchtig  aus  England  als  daß  er  nachgab,  kam  endlich
  wieder,  aber  wie  es  scheint  fast  nur  um  dem  Koͤnig  das
Leben  noch  bitterer  zu  machen,  und  im  Unwillen  entfielen
dem  Könige  die  Worte:  wenn  er  nur-  dieses  Satans  los.
wäre!

Vier  Ritter  hatten  dieses  kaum  gehört,  so  eilten  sie  in
die  Kirche,  wo  sie  den  Bischof  vermutheten.  Der  Bote  des
Königs,  der  nachgeschickt  wurde,  so  bald  man  die  Ritter  vermißte,
  traf  sie  zu  spät  —  vor  dem  Altar  lag  Thomas  Becket
ermordet.  Heinrich  war  trosilos  uber  die  Folgen  seiner  Un=  1170
vorsichtigkeit,  aber  ein  Römischer  Bannstrahl  solgte  dem  andern.
  In  seiner  eigenen  Familie  war  der  Koͤnig  seit  dieser
Zeit  nicht  mehr  sicher,  und  selbst  eine  Kirchenbuße,  fast  so
schmählich  als  Kaiser  Henrichs  IV.  war,  konnte  ihm  die
Ruhe  nicht  wieder  verschaffen.

So  war  die  ganze  Geschichte  des  Pabstthums  durch  das
zwölfte  Jahrhundert  hindurch  ein  Zug  von  Gewaltthätigkeit.
Bei  Gregor  VII.  wunderte  man  sich,  wie  er  sich  unterstehen
konnte,  den  Kaiser  in  Bann  zu  thun;  wenn  Alerander  III.
und  Coͤlestin  III.  ein  gleiches  thaten,  so  schien  die  Sache
schon  viel  bekannter,  und  doch  hatte  die  Bekanntheit  der  Sache
ihre  Wirkungen  nur  um  ein  weniges  gemildert.

Innocenz  IIl.  der  zu  Anfang  des  dreizehnten  Jahrhunderts
  regierte,  wurde  endlich  vollkommen  was  sich  Gregor
VII.  zu  werden  gewünscht  hatte.  Die  Teutschen  zankten  sich
wer  ihr  König  seyn  sollte:  ob  Philipp  von  Schwaben  oder
Otto  von  Braunschweig?  Innocenz  spielte  den  Mittelsmann,
versicherte  sich  der  Vortheile  von  beiden  Partien,  und  blieb
        <pb n="266" />
        254

nnausgesetzt  seinem  Mane  treu,  Rom  und  Italien  von  der
Oberherrschaft  der  Teutschen  voͤllig  zu  befreien.  Das  Staufische
  Haus  war  so  herabgekommen,  daß  selbst  Innocenz  den
Enkel  Friedrichs  I.  ünter  seine  schützende  Vormundschaft  nehinen
  sollte,  und  die  Streitiaͤkeiten  der  Könige  von  Frankreich
und  England,  noch  mehr  aber  die  eben  so  unvorsichtige  als
niedertraͤchtige  Regierung  des  letzteren  Königs  bot  dem  Pabst
eine  nie  noch  so  schön  gesundene  Gelegenheit  dar,  im  hochsien
Glanze  des  Gebers  der  Kronen  sich  zu  zeigen.

Gregor  VII.  war  gẽwaͤltthaͤtig  gewesen,  aber  Innocenz
III.  war  planmäßig  herrschsüchtig,  und  entspann  aus  einzelnen
  seiner  Forderungen  eine  Theorie,  die  wie  gewbhylich,  in
bihren  nach  und  nach  hervorgesuchten  Folgen  gefährlicher  war,
als  sie  oft  dem  ersten  Anblick  nach  zu  seyn  schien.  Seine
kanonische  Rechtserfindungen,  betreffend  die  Translation
der  Bischöfe  und  die  sogenannte  evangelische  Denunciation
sünd  zwei  Hauͤpibeweise  seines  heirschsüchtigen  Geistes,  so  wie
das  unter  ihm  gangbargewordene  Interdict  deutlich  genug
zeigte,  wie  schlau  er  die  gewöhnlichen  Waffen  des  heiligen
Stuhls  zu  schärfen  wußte-Ein

  schauervoller  Anblick,  wenn  ein  gänzes  Land  mit
dem  Interdict  belege  wurde.  Aller  äußere  Gottesdienst  mußte
mit  einenmal  aufhèren,  die  Alkäre  wurden  eintkleidet,  alle
Statuen  der  Heiligen,  alle  Käeuze  wurden  zu  Boden  geworfen,
keine  Glocke  könte  mehk,  kein  Sacrament  wurde  ausgetheilt.
kein  Todter  kam  auf  die  heilige  Erde  des  Goktesackers,  er
wurde  ohne  Gebet  und  Gesang  in  unheiliges  Land  eingescharrt.
  Ehen  wurden  nicht  vor  dem  Altar  sondern  auf  dem
Kirchhofe  eingesegnet.  Niemand  durfte  einander  auf  der
Straße  grüßen.  Jeder  Anblick  sollte  verkündigen,  daß  das
ganze  Land  ein  Land  des  Fluchs  sey.  Welchen  nnauslösch-
        <pb n="267" />
        255
lichtiesen  Eindruck  muß  diese  Ceremonie  auf  ein  Zeitalter
voll  Aberglauben  gemacht  haben,  das  den  ganzen  Gottesdienst
in  jene  äußere  Ceremonien  setzte?  Wie  muß  ein  Volk  seinen
Regenten  verflucht  haben,  der  durch  seine  Sünden  ein  ganzes
  Land  um  zeitliche  und  ewige  Glückseligkeit  brachte?

So  war's  mdglich,  daß  es  Innocenz  III.  dahin  bringen
  konnte,  wohin  es  bisher  noch  kein  Pabst  gebracht  hatte,
daß  er  von  den  Teutschen  Kaisern  wie  von  seinen  Lehensleuten
  sprach,  oder  wie  von  Bischöfen,  deren  Würdigkeit  er  erst
sorgfältig  untersuchen  müßte,  ehe  er  dieselbe  in  ihrer  Würde
bestätigen  könnte,  daß  er  das  Königreich  England  bald  an
Frankreich  verschenkte,  bald  wieder  mit  scheinbarer  Barmherzigkeit
  seinem  König  zurückgab.

Gregor  VII.  hatte  doch  noch  vor  den  Synoden  einigeii
Respcct  bezeugt,  und  seine  gewaltthätigsten  Gesetze  durch  einigen
  Synodalschein  zu  heiligen  gesucht.  Innoceitz  III.  hielt
im  Jahr  1215  im  Lateran  eine  große  allgemeine  Kirchenversammlung)
  aber  er  achtete  die  versammelten  Bischoͤfe  nicht
einmal  einer  scheinbaren  Berathschlagung  würdig,  sie  mußten
  gern  oder  ungern  alles  unterschreiben,  was  er  ihnen  dictirte.


Bisher  war  das  Schwert  nur  gegen  Muhamedaner  und
Juden  gerichtet:  itzt  wurde  das  Kreuz  auch  gegen  die  Ketzer
gepredigt,  und  da  Graf  Raimund  von  Tbulouse  die  freimüthigen
  Akbigenser  nach  der  Willkühr  des  Pabsts  nicht  verfolgen
  wollte,  so  schenkte  der  Pabst  seine  Länder  deni  Grafen
Simon  von  Montfort,  und  gab  jenem  den  zeitlichen  und
ewigen  Fluch.

S.  14.
Entstehung  der  Dominicaner  und  Franciscaner.
Nichts  fehlte  vollends  —  als  Bettelmönche  und  Inqui-
        <pb n="268" />
        256

sition.  Man  lachte  schon  lange  uͤber  die  eifrigen  orthodoxen
Geistliche  und  Moͤnche,  welchen  ihre  Orthodorie  und  ihr
Eifer  so  reichliche  Nahrung  und  Kleider  gab.  Selbst  auch
der  Pabst  beschwerte  sich  über  sie,  daß  es  ihnen  kein  Ernst
sey,  Gottes  Wort  zu  predigen  und  das  Volk  zu  unterrichten,
und  gewöhrlich  gaben  die  Anführer  der  mißvergnügten  Partien
  ihre  Armuth  und  ihre  Blöße  als  den  redendsten  Beweis
an,  wie  aufrichtig  es  ihnen  einzig  um  Gottes  Sache  zu  thun
sey.

Einen  vornehmen  Spanier  Dominicus  Guzmann  ruͤhrte
der  Schaden  Josephs.  Er  warf  seine  Chorherrnkleidung  hinweg,
  zog  einen  Bettlersrock  an,  bettelte  sein  Brod  von  Haus
zu  Haus,  und  predigte  uͤberall,  wo  er  hinkam.  Das  war
nun  einmal  auch  wieder  ein  heiliger  Apostel,  der  ohne  Silber
  und  Gold  ausgieng;  seine  apostolische  Bemühungen  waren
  besonders  im  südlichen  Frankreich  nicht  ohne  Erfolg.  Wie
gern  erlaubte  ihm  der  Pabst  im  Jahr  1216  einen  Orden  von
Mönchen  zu  stiften,  dessen  Zweck  nicht  sowohl,  wie  bei  allen
bisherigen  Möuchsfamilien,  auf  verschiedene  Uebungen  und
Anstalten  zur  eigenen  sogenannten  höhern  Vollkommenheit
gieng,  sondern  auf  Wirksamkeit  unter  dem  Volk,  auf  Predigen
  und  Unrerweisung  desselben,  uneingeschränkt  auf  irgend
eine  Didcese.

Freund  und  Zeitgenosse  des  Dominicus  war  ein  Italiaͤ-ner
  Franz  von  Assiss,  ein  Mann,  dem  man  alle  Ehre  anthut,
  wenn  man  glaubt,  es  habe  ihm  im  Kopfe  gefehlt.  In
der  Jugend  lebte  er  unordentlich,  und  da  ihm  einmal  in  einer
  Krankheit  die  Nähe  des  bevorliehenden  Todes  alle  Schre,
cken  der  Zukunft  zeigte,  so  verfel  er  in  eine  moralische  Schwär,
merei,  die  sich  nach  damaliger  Denkart  durch  völlige  Verläugnung
  aller  Bequemlichkeiten  des  Lebens  dußerte,  Prose-
        <pb n="269" />
        257

lpten  suchte,  und  unter  dem  großen  Haufen  bald  Proselyten
fand.  Auch  diese  Asceten  wurden  endlich  1223  mit  Bewilligung
  des  Pabsts  Honorius  III.  ein  eigener  Orden,  der
sich  aus  Demuth  fratres  minores  nannte,  und  von  jenem
erstern  der  Dominicaner  anfangs  fast  nur  durch  Kleidung
und  reizbarere  Schwärmerei  unterschied.

Diese  zwei  Orden  haben  sich  in  unglaublicher  Schnelle
ausgebreitet,  und  zum  beschleunigteren  Verderben  des  innern
Zustandes  der  katholischen  Kirche  viel  beigetragen.  Die  Stiftung
  eines  Franciscaner=  und  Dominicanerklosters  war  viel
leichter,  als  vorher  die  Stiftung  jedes  andern  Klosters.  Wenn
nur  der  Klosterbau  fertig  war,  die  künftigen-Bewohner  desselden
  erhielten  sich  von  selbst  wie  die  Bienen.  Den  Brüdern
beider  Orden  wurde  vom  Yabst  erlaubt,  überall  zu  predigen,
lberall  Beichte  zu  hören  und  Indulgenzen  so  reichlich  zu  erheilen
  als  sie  kein  Bischof  ertheilen  konnte.  So  verloren  die
Bischdfe  als  Seelsorger  ihrer  Gemeinen,  und  jeder  Dorfprie-=ter
  in  seinem  kleinen  Sprengel  alle  Liebe  und  alles  Zutrauen,
ind  endlich  selbst  auch  alle  Kenntniß  der  einzelnen  Mitglieder
  ihrer  Gemeinen;  alles  eilte  dem  Pater  Franciscaner  zu,
venn  er  ins  Dorf  kam.  Das  rohe  Volk  lachte  der  Seelorge
  und  der  Ermahnungen  seines  Pfarrers;  der  Pater
Franciscaner  absolvirte  für  leichtere  Strafen  oder  beichtete
nan  wenigsiens  lieber  bei  dem,  der  als  ein  Fremder  im  Ort
lber  die  Vollständigkeit  und  Wahrheit  der  Beichte  minder
sewiß  urtheilen  konnte.  „

Wollte  von  dieser  Zeit  an  ein  Pabst  Unruhen  in  itgend
inem  Reiche  anrichten,  wer  war  ihm  dazu  geschickter  als
jiese  Bettelmönche?  Kein  anderer  Geistlicher  und  kein  anderer
  Mönch  kam  so  unter  dem  niedrigsten  Volk  und  so  weit

ind  breit  herum  als  Franciscaner  und  Dominicaner.,  Bischöfe
Spittler's  sämmtl.  Werke.  1I.  Bd.  17
        <pb n="270" />
        258

und  reiche  Benedictinermönche  konnten  bei  so  vielen  liegenden
  Gütern,  die  sie  hatten,  gegen  die  Gnade  und  Ungnade
der  Koͤnige  nicht  ganz  gleichgültig  seyn,  sie  wagten  es  also
nicht,  nach  jeder  Laune  des  Pabsis  sich  zu  empören,  aber
der  Mönch,  dessen  ganzes  Vermögen  eine  braune  Kutte  oder
ein  Bettelsack  war,  konnte  nichts  verlicren;  er  konnte  trotzen
  wie  Diogenes  in  seiner  Tonne.

Durch  sie  wirkte  der  Pabst  selbst  auch  auf  die  Universitäten,
  welche  sich,  sonst  bald  als  geschlossene  privilegirte  Gesellschaften
  fühlen  igelernt  hätten,  und  bei  der  glücklichen  Unabhängigkeit,
  welche  ihnen  theils  ihr  Ruf  theils  auch  die
ganze  Art  ihrer  Einkünfte  versicherten,  entschlossene  Gegner
des  päbstlichen  Despotismus  geworden  waren.  Aber  Bettelmönche
  drangen  sich  in  die  theologischen  und  philosophischen
Facultäten,  widersetzten  sich  jedem  einmüthigen  Schlusse,  der
gegen  eine  päbstliche  Usurpation  gefaßt  werden  sollte,  und
beschwuren  jede  Facultätsstatuten  und  jede  Universitätsgesetze
immer  nur  salva  ordinis  regula,  in  welcher  Gehorsam  gegen
den  Pabst  immer  mit  begriffen  war.

Selbst  auch  die  Wissenschaften,  für  welche  doch  sonst
hie  und  da  noch  die  Stistung  eines  neuen  Ordens  und  neuer
Klöster  vortheilhaft,  war,  litten  durch  diese  neue  Mönchsgattung
  in  der  ersten  Zeit  großen  Schaden.  Bei  der  rastlosen
  Thätigkeit,  womit  sie  sich  überall  cindrangen,  und  aller
Fächer  bemeisterten,  entstand  nicht  nur  bei  allen  übrigen  Orden
  eine  Art  von-Muthlosigkeit,  deren  erste  Quelle  zwar  in
dem  eigenen  Zerfall  eines  jeden  solchen  Ordens  lag,  deren
unheilbare  Verschlimmecrung  aber  die  unglöckliche  Thätigkeit
dieser  Bettelmönche  veranlaßzte,  sondern  die  Wissenschaften
selbst  litten  auch  eine  Veränderung,  welche  bei  diesen  neuen
Lehrern  unvermeidlich  erfolgen  mußte.  Sie  brachten  ihr  Or-
        <pb n="271" />
        259

densinteresse  in  die  Wissenschaften,  und  zu  dem  gewoͤhnlichen
Lehrersansehen,  deren  Folgen  fuͤr  dieses  Zeitalter  schaͤdlich  genug
  waren,  kam  noch  gewoͤhnlich  die  Liebe  zum  Mitgliede
des  Ordens,  dessen  Ruf  für  die  Ehre  des  ganzen  so  vortheilhaft
  schien,  daß  jeder  seiner  Aussprüche  orakelmaͤßig  erhoben
wurde.  Daher  kommen  in  diesem  Zeitalter  die  doctores  seraphici,
  angelici  und  irrefragabiles.  Daher  verlor  sich  ganz
die  alte  nicht  ungeschickte  Scholastik.  Thomas  von  Aquino
und  Bonaventura  wurden  allmälig  die  Quellen  der  Tradition.
  Auch  mußte  nothwendig  die  ganze  Scholastik  in  eine
unglückliche  casuistische  Disputirsucht  ausarten,  je  mehr  man
sich  bloß  auf  diese  Quellen  einschränkte.

Ueberbaupt  mußte  wohl  selbst  auch  schon  der  Mönchscharakter,
  wie  er  sich  in  Bettelorden  bildete,  auf  die  Gelehrten
dieser  Orden  Einfluß  haben.  Mehr  als  bei  irgend  einem  andern
  Mönchsorden  lag  Fanatismus  bei  diesen  zum  Grunde,
und  führte  zu  ider  gereiztesten  Disputirsucht,  deren  Folgen
in  der  eigenen  Geschichte  dieser  Orden  sich  zeigten,  und  oft
auch  in  den  Bemühungen  mancher  gelehrten  Männer  derselben
  sichtbar  wurden,  womit  sie  ungereimten  Volksaberglauben,
  den  einmal  ihr  Orden  ergriffen,  zur  wissenschaftlich  pass
senden  Hypothese  zu  machen  wußten.

6.  15.
Ursprung  der  Inquisttion.

Der  Orden  des  heiligen  Dominicus  bekam  schon  siebzehn
  Jahre  nach  seiner  Stiftung  noch  einen  besondern  Auftrag,
  der  nach  der  Denkart  des  damaligen  Zeitalters  mit
seiner  Lehrer=  und  Predigerpflicht  zusammenhängend  zu  seyn
schien.  Wenn  der  heilige  Eiferer  und  seine  Gehülfen,  die
ausgegangen  waren,  Ketzer  zu  bekehren,  mit  Ermahnungen
und  Beweisen  gegen  die  Halsstarrigen  nicht  fertig,  wurden,

»..  *
        <pb n="272" />
        260

so  zeigten  sie  es  der  weltlichen  Obrigkeit  des  Orts  an,  welche
  schon  seit  dein  Jahr  1226  strenge  königliche  Edicte  vor
sich  hatte,  näch  welchen  siel  verfähren  sollte.  Doch  bald  war
dieser  Weg  zu  langweilig,  und  bei  der  Mildigkeit  der  Laien
lgegen  die  Ketzer  unbrauchbar.  Man  setzte  deshalb  in  den
vornehmsten  Städten  des  sädlichen  Frankreichs  ein  eigenes
Inquisitionscollegium  nieder,  das  aus  einem  Prälaten  und
drei  weltlichen  Personen  bestand,  das  aber  eben  so  wenig
mach  aller  Eiwariung  von  Strenge  seine  Pflicht  erfüllte,
s  däß  endlich  Gregör  IX.  im  Jahr  1233  Ketzerinquisition
und  Predigerpflicht  unmittelbar  mit  einander  verknuͤpfte.

Er  dispensirte  die  Bischbfft  ganz  von  der  Sorgfalt  die  Ketzer
  außzuspähen,  setzte  Dominicankr  dazu  ein,  und  überließ  die
ganze  Art  des  Verfahrens,  ohne  ihnen  selbst  hierüber  bestimmte
  Vorschriften  mittzuthcilen,  der  eigenen  sinnreichen
fromimen  Gräusamkeit  derselben.  Peter  Cellani  und  Wilhelm
  Arnald  waren  die  zwei  ersten  Ketzerrichter,  welche  nach
dieser  Verordnung  gesetzt  wurden.

Wie  diese  ganze  neue  Anstalt  mit  dem  alten  Kanon
Ecclesia  non  sitit  sanguinem  zunvereinigen  seyn  sollte,  war
schwer  zu  sagen.  Gedult,  sagten  sie,  sey  die  Gabe  der  ersten
Kirche  gewesen,  nun  sie  zu  reiferem  Alter  gekommen,  müsse
sie  den  Kindern  den  Ernst  zeigen.  Sie  glaubten  sich  damit
zu  schützen,  daß  sie  den  Ketzer  gewöhnlich  nicht  selbst  verbrannten,
  sondern  die  Vollzichung  der  Obrigkeit  überließen,
aber  die  Obrigkeit  war  doch  verbunden,  auf  ihre  Anklage  zu
erequiren.  Die  Nachricht  des  heiligen  Augustin,  daß  der
Kaiser  die  Donatisten  wegen  ihres  unbeugsamen  Eigensinnes
der  Etbschaft  und  aller  Besitzungen  unsähig  erklärt  habe,
stand  zum  Unglück  iu-  Gratians  Decret  ;  was  dort  aber  bloß
von  den  Donatisten  gesagt.  war,  wurde  auf  alle  Ketzer  über-
        <pb n="273" />
        261

getragen,  Der  Proceß,  nach,  welchem  man,  zuit  diesen  Unglücklichen
  verfuhr,  war  gerade  das  (Gegenspiel  von  aller
sonsi  menschlichen  Gerechtigkeit,  es  war  als  ob  sich  die  Kirche
nicht  nach  den  Regeln  des  gemeinen  Menschenverstands  zu
richten  hätte.

Von  denen,  welche  in  Teutschland  Dominicanerinquifss
tion  in  diesem  Zeitalter  einzuführen  versuchtrhaben:  ist  der
verrufenste  der  Beichtvater  der  Landgräfin=  „Elisabeth.  von
Thüringen,  Konrad  von  Marhurg.  Inzrinem  Lande,  wo#
bisher  zu,  wenig  Licht  und.  zu  wenig  Thätigkeit;  war,  als  daß.
leicht  Ketzer  hätten  entstehen  können,  entdeckterer  unter  Adel
und  Volk  mit  einemmal  ganze  Schaa'fu  solcher  Unglücklichen.
  Edelleute,  Bauren,  „Gristliche,  Mönche,  nichts’war
vor  ihm  sicher.  Selbstedie  Ermahnungen  der  Teutschen
Bischöfe  konnten  ihn  nicht  zur  Menschlichkeitebewegen.:  Er
wurde  endlich  von  dem  erbitterten  Volk  todtgeschlagen,  aber
sein  Tod  konnte  den,  einmal  gemachren=  Anfang,  daß  mah
in  Teutschland  das  Verfahren  desssädlichen.  Eraukreichs  nachahmte,
  nicht  völlig  verhindern.  )Der  Erzbischoß  von  Buemen
ließ  gegen  seine  Stedinger  Bauren  als  Keher,  das  Kreuzuptedigen,
  weis  sie  ihm  und  dem  Bischof  von  Minden  den  Zehnten
nicht  geben  wollten.  Die  Schwäbischen  Bauren  bei  Halle
hatten  ähnliches  Schicksal,  und  Kaiser  Friedrich=  II  „der  wegen
seiner  eigenen  Händel  mit  den  Päbsten  nicht  orthodor  genug  erscheinen
  konnte,  bewaffnete  den  Eifer  der  Geistlichen  mit  Reichsgesetzen,
  welche  leider  bis  auf  Luthers  Zeiten  herab  wirkten.

So  wirkte  alles  von  außen  und  von  innen  gleichsam
auf  den  einzigen  Punct  hin,  dem  Pabst  die  unabhängigste
Oberherrschaft  über  Kirche  und  Staat  zu  verschaffen,  und
sein  Regierungsrecht  über  alle  einzelne  Reiche  der  Christenhrit
  selbst  in  die  Verfassung  dieser  Reiche  zu  verweben-
        <pb n="274" />
        262

Schwerlich  war  irgend  auch  ein  Zeitpunct  nach  dem  ganzen
politischen  Synchronismus  so  geschickt,  als  die  Mitte  des
dreizehnten  Jahrhunderts.  In  Italien  genoß  der  Pabst  in
Beziehung  auf  weltliche  Herrschaft  alle  Vortheile  des  Anfangs,
  welchen  Innocenz  III.,  gemacht  hatte,  einen  Kirchenstaat
  zu  bilden,  und  gegen  die  Versuche  Friedrichs  II.  wenn
diesem  überhaupt  nicht  allgemeiner  Haß  der  Italiaͤner  entgegen
  gewesen  wäre,  fand  er  immer  in  dem  Bunde  der  Lombardischen
  Städte  einen  bereitwilligen  Allürten,  dessen  damalige
  Macht  Kaiser  Friedrich  nicht  einmal  so  weit  schwächen
  konnte,  als  ehedem  sein  Großvater  gethan  hatte.  Ohnedieß
  hatte  auch  mit  Eriedrichs  Tode  die  ganze,  den  Pöbsten
oft  so  furchtbar  gewordene  Macht  des.  Staufischen  Hauses
ein  Ende;  denn  achtzehn  Jahre  nach  Friedrichs  II.  Tode  starb
sein  Enkel,  der  einzig  übrige  des  ganzen  Hauses,  nach  dem
Gutachten  des  Pabsts  zu  Neapel  durch  die  Hand  des  Henkers.
  In  Teutschland  war  nach  dem  Zerfall  des  Staufischen
  Hauses,  besonders  bei  den  entstandenen  zwistigen  Koͤ-nigswahlen,
  auf  lauge  Zeit  hin  keine  Macht  da,  deren  Furcht
oder  Unter#ehmungen  zum  Schutze  der  Teutschen  Kirche
hätten  dienen  können.  Die  Wittelsbacher,  welchen  die
letzten  Ueberreste  der  Staufischen  Güter  zugefallen,  schwäch,
ten  sich  wie  die  Welfen  und  Ascanier,  durch  Theilungen
und  innerliche  Fehden.  Die  Habsburger  traten  erst  fünf
Jahre  nach  jenem  traurigen  Ende  des  letzten  Staufens  in
ihre  glänzende  Periode  ein,  und  Frömmigkeit  war  immer  der
Charakter  ihres  Hauses  gewesen,  dessen  gleichförmig  fortgehendes
  Emporkommen  ohnedieß  wie  bei  allen  übrigen  Fürstenhäusern
  schon.  bei  ben  Enkeln  Rudolfs  von  Habsburg
zwei  Jahrhunderte  lang  durch  Theilungen  gehindert  wurde.
In  England  und  Frankreich  fanden  sich  ein  paar
        <pb n="275" />
        163

Regierungen,  welche  fuͤr  den  uͤbrlgen  Zustand  von  Europa
zum  Vortheil  des  Pabsts  vortrefflich  sich  schickten.  In  England
  war  auf  den  paͤbstlichen  Vasallen  Johann  ohne  Land
sein  schwacher  Prinz  Henrich  III.  gefolgt,  dessen  drei  und
fünfzigjährige  Regierung  ganz  jener  Zustand  fortdaurender
politischer  Schwäche  war,  in  welchem  die  Päbste  von  jeher
am  sichersten  wirken  konnten.  Ludwig  IX.  der  Heilige  sorgte
zwar  in  Frankreich  durch  mehrere  weise  Gesetze  für  die  sicherere
  Gründung  der  königlichen  Gewalt,  für  die  Unabhängigkeit
  und  Ruhe  seiner  Kirche  und  für  die  bessere  Verfassung
derselben,  aber  zwei  unglückliche  Kreuzzüge  verhinderten  ihn,
einen  Plan  durchzuführen,  dessen.  Grundlinien  er  bloß  zeigte,
und  nie  ist  es  wohl  überhaupt  noch  ein  König  der  Heilige
gewesen,  der  Staat  und  Kirche  ins  rechte  Verhältniß  gesetzt,
und  durch  planmäßig  ausgeführte  Veranstaltungen  die  Kirche
seines  Neichs  von  der  Rhmischen  Abhängigkeit  zu  befreien
gewußt  hätte.  ,  ·

So  gesichert  war  demnach  Roms  Hierarchie  in  der  letzten
  Haͤlfte  des  dreizehnten  Jahrhunderts  nach  allen  aͤußern
Verhaͤltnissen,  aber  wie  bei  allen  Regierungen,  deren  Wohlstand
  doch  immer  mehr  auf  persoͤnlichen  Verhaͤltnissen  als
auf  innern  Einrichtungen  beruht,  der  Zeitpunct  des  Zerfalls
mit  dem  Zeitpunct  des  hoͤchsten  Flors  unmittelbar  zusammengraͤnzt,
  so  folgten  unmittelbar  auf  diese  herrlichen  hierarchischen
  Einrichtungen  Mißhandlung  des  Pabst  Bonifacius
  und  fiebzigjährige  Gefangenschaft  des  heiligen
  Vaters  in  Frankreich.

·  S.t(-.  *
Geschichte  der  Händel  Philipps  des  schönen  mit  Bonifaz  VIII.

Pabst  Bonifaz  VIII.,  gewaltthätig  ohne  politische  Einsicht,
  und  mehr  von  Leidenschaft  als  von  planmäßigem  Ehr-
        <pb n="276" />
        264

geiz  getrieben,  hatte  gleich  mit  dem  Antritt  seiner  Regierung
gegen  König  Philipp  IV.  von  Frankreich  einen  Krieg  erklärt,
dessen  Ursache  vielleicht  mehr  in  kleinen  Geschichten  zu  suchen
ist,  welche  der  Pabst  vier  Jahre  vorher  als  päbstlicher  Legat
in  Frankreich  gehabt  hat,  als  in  Veranlassungen,  welche
Philipp  gegeben,  oder  der  Pabst  Würde  halber  nehmen  mußte.
Um  die  Kosten  eines  mit  England  entstandenen  Kriegs

zu  bestreiten,  foderte  König  Philipp  Steuren  auch  von  seiner
Geistlichkeit,  deren  vermeinte  Immunitätsrechte  Bonifacius
unaufgesodert  durch  eine  Bulle  schützen  wollte.  Die  Bulle
schien  noch  schonend  zu  seyn,  weil  sie  des  Königs  Namen  nicht
nannte,  sondern  nur  unbestimmt  alle  Besteurung  der  Geistlichkeit
  *)  verbor.  König  Philipp  antwortetr  aber  sogleich  durch
Befehle,  welche  nach  eben  derselben  scheinbar  schonenden  Politik
  abgefaßt  waren,  und  nannte  bei  seinem  Verbot,  Geld
außer  Lands  zu  schicken,  Rom  nicht  ausdrücklich,  aber  unter
einem  allgemeinen  Verbot  war  doch  auch  Rom  mit  begriffen.
So  wechselten  die  ersten  Stöße  und  Gegensüöße,  aber
nachdem  beide  Theile  sich  gegen  einander  versucht  hatten,  so
entstand  ein  kurzer  Friede,  zu  welchem  offeubar  der  Pabst  den
Weg  gebahnt,  den  aber  eben  so  offenbar  auch  der  Pabst  absichtlich
  wieder  zu  brechen  anfieng,  als  ob  in  ihm  wieder  erwacht
  wäre,  was  er  bloß  auf  einige  Zeit  unterdrückt  hatte.
Den  Anfang  machte  die  Mißhandlung  des  päbstlichen  Legaren,
des  Bischofs  von  Pamiers,  die  zwar  nicht  unverdiente  Strafe
der  Kühnheit  dieses  Prälaten  war,  aber  von  Bonifacius  so  hoch
empfunden  wurde,  wie  man  nur  Beleidigungen  eines  gekannten
Feindes  aufnimmt.  Zwischen  Pabst  und  Kbnig  entstand  eine
Correspondenz,  welche  weit  unter  der  Würde  von  beiden  war,
und  von  der  Seite  des  Pabsts  die  ungemessensten  Pabstfode=—



*)  wider  deren  Willen,  ((.  Planck  a.  a.  O.  S.  326)  A.  b.  5.
        <pb n="277" />
        —

205

rungen  enthielt,  von  der  Seite  des  Königs  in  recht  profane
und  den  Römischen  Bischof  entweihende  Ausdrücke  ausbrach.
Bonifacius  schrieb  von  völliger  Immunität  der  Geistlichkeit

von  aller  weltlichen  Regierung,  behandelte  die  Franzöfssche
Kirche,  deren  Bischöfe  für  den  König  sich  erklärt  hatten,  als

eine  wahnsinnige  Tochter,  sprach  von  der  päbstlichen  Machtvollkommenheit
  in  Absetzung  der  Könige;  Philipp  schrieb  in
solchen  gesucht  harten,  beleidigenden  Ausdrücken,  und  setzteso
kühn  jeden  Wohlstand  bei  Seite,  als  ob  er  jedes  Mittel  einer
künftigen  Wiedervereinigung  zernichten  wollte.  Offenbar  wollte

er  auch  mit  diesem  Pabst  nie  mehr  Friede  schließen,  wie  vollends
  sein  letzter  Schritt  bewies,  da  er  seinen  Canzler  Nogaret

  mit  Geld  nach  Italien  schickte,  ein  kleines  Corps  daselbst
zu  werben,  und  ihm  den  Pabst  unter  Beistand  der  Colonnen
zu  liefern.  Bonifacius,  nachdem  er  zu  Anagni  die  persdnlich
härtesten  Beleidigungen  von  diesem  Gesandten  Philipps  erlitten,
starb  in  der  auhersten  Erbitterung.  «
s.17.
Innere  Streitigkeiten  der  Franciscaner.

Niemand  hatte  auf  eine  solche  Veraͤnderung,  die  so  schnell
und  gerade  im  Zeitpunct  des  hoͤchsten  paͤbstlichen  Flors  sich  ereignete,
  mehr  vorbereitet,  als  gerade  die  groͤßten  Lieblinge  des

Pabsis  die  Franciscaner.  Kaum  war  der  Orden  acht  Jahr

alt,  so  fieng  schon  ein  großer  Theil  der  Moͤnche  an,  allerhand
Auslegungen  der  Regel  zu  machen,  und  mit  einem  gefährlichen
deutlenden  Scharfsinn  nicht  mehr  auf  den  Buchstaben  der  Regel
  sondern  auf  den  Geist  derselben  sehen  zu  wollen.  Franz
hatte  befohlen,  nur  so  viel  zu  betteln,  als  sich  nicht  durch  Arbeit
  verdienen  lasse.  Seine  Mönche  thaten  nun  aber  in  allweg
  gar  nichts  als  betteln.  Franz  hatte  alle  Erklärungen  seiner
  Regel  auf  das  nachdrücklichste  verboten:  so  machten  sie  also
        <pb n="278" />
        266

Glossen  darüber,  denn  von  Glossen  hatte  Franz  namentlich
nichts  gesagt.  Nach  den  deutlichen  Worten  der  Regel  sollten
weder  einzelne  Moͤnche,  noch  das  ganze  Kloster,  noch  der  ganze
Orden  etwas  ·  eigenes  haben:  ehe  aber  acht  Jahre  vergangen
waren,  hatten  sie  schon  die  Distinction  erfunden,  das  Eigenthum
aller  der  Sachen,  welche  sie  brauchen  wollten,  gehoͤre  dem  heili,
gen  Stuhl,  aber  ihnen  sey  die  Nutzniehung.  So  haͤtten  sie
sich  bald  so.  viel  schenken  lassen  koͤnnen,  als  Benedictiner,  bald
so  herrlich  gelebt  als  alle  Ubrige  Mönche,  und  immer  versichert,
sie  seyen  bettelarm,  das  Eigenthum  aller  ihrer  ausgebreiteten
Besitzungen  gehöre  dem  Pabst.  Mit  diesen  fleischlichen  Eregesen
  war  ein  großer  Theil  der  Mönche  selbst  gar  nicht  zufrieden,
  sie  wollten  die  Strenge  des.  Franz  von  Assisi  beibehalten
wissen:  aber  Pabst  Innocenz  IV.  sprach  im  Jahr  1245  für  die
wollüstigere  Partie.

Königreiche  ab=  und  zusprechen,  Kaiser  ercommuniciren
und  ganze  Länder  mit  dem.Interdict  belegen,  dies  kennte  damals
  der  Pabst  ohne  alle  Schwierigkeit  thun;  aber  über  eine
neuerfundene  Disiinction  der  Franciscaner  zu  entscheiden,  lag
außer  den  Gränzen  seiner  Macht.  Die.  Spiritualen  widersetzten
  sich  mit  dem  größten  Eifer.  Sie  hatten.  im  Jahr-  1247  das
Glück,  einen  Ordensgeneral  ivon  ihren  Gesinnungen;  Johann
von  Parma,  zu  bekommen,  der  es  unternahm,  dem  paͤbstlichen

1260  Befehl  gerade  zuwider,  den  ganzen  Orden  zu  reformiren.  Der
Pabst  wiederholte  seinen  Befehl,  die  strengen  Franciscaner  erneuerten

  auf  einer  Ordensversammlung  ihren  Widerspruch,  und
ihre  Erbitterung  wuchs  noch  durch  theologisch  apokalyptische
Streitigkeiten.  ·

Schon  lange  nehmlich  und  noch  ehe  die  Welt  einen  Franciscaner
  sah,  circulirten  in  Italien  Prophezeihungen  eines  ger
wissen  Abbt  Joachims,  die  wie  meistens  alle  solche  Weissa-
        <pb n="279" />
        267

gungen  voll  Klagen  über  gegenwärtige  Zeiten  und  voll  schbner
  Heffnungen  auf  die  Zukunft  waren.  Drei  große  Perioden
  seyen  für  die  Welt  bestimmt:  die  zwei  erstern,  noch  sehr
mangelhaft  und  unvollkommen,  die  Regierungsperiode  des  Vaters
  und  des  Sohns;  die  dritte,  in  welcher  der  heilige  Geist  rez
gieren  werde,  sey  viel  herrlicher,  und  frei  von  allen  den  drückenden
  Lasten,  unter  welchen  sie  itzt  seufzen  müßten.“  Die
Roͤmische  Kirche  sey  das  Babel,  das  erst  noch  zersibrt  werden
  müsse,  und  ihr  Fall,  der  bald  bevorstehe,  sey  der  Anfang
der  Heiligengeistsperiode.

Da  die  Paͤbste  nicht  nach  dem  Sinne  der  strengern
Franciscaner  sprachen,  so  ergriffen  diese  die  Prophezeihung
des  Abbts  Joachim,  und  schilderten  es  als  die  letzte  Wuth
des  antichristlichen  Thiers,  daß  man  den  Franciscaner  nicht
arm  seyn  lassen  wolle.  Sie  fanden  in  ihrem  heiligen  Franz
von  Assisi  isi  den  apokalyptischen  Engel,  der  ein  neucs  Evangelium,
  das  ist,  die  Franciscanerregel  verkuͤndigend,  mitten
durch  den  Himmel  fliege.  Einer  der.  strengen  Franeisanermduche
  schrieb  eine.  Einleitng  in  .  Weissagungen  des
Abbt  Joachim,  welche  noch  fanatischer  war,  als  Joachims
Prophezeihung  selbst.  Vorher  hatte  man  den  heiligen  Franz
dem  Herrn  Christo  nur  an  die  Seite  gesetzt,  aber  Gerhard
in  seiner  Introduction  prophezeihte,  daß  das  Evangelium  Christi
  nur  noch  bis  auf  das  Jahr  1260  halten  koͤnne,  alsdenn
werde  das  vollkommenere  Evangelium  des  Franz  von  Assisi
eingeführt  werden,  und  die  Apostel  des  neueren  Eoangeliums
seyen  die  sirengeren  Franciscaner,

Des  Pabsis  wurde  in  allen  diesen  apokalyptischen  Commentarien
  gar  nicht  ehrenvoll  gedacht,  und  so  oft  wieder  eine
Bestätigung  der  gelindern  Eregese  von  Rom  kam,  so  fanden
        <pb n="280" />
        268

die  strengeren  Frauciscaner  wieder  ein  neues  Kennzeichen,  daß
der  Pabst  bestia  apocalyplica  sey.

Die  Inquisition  wuͤthete  gegen  diese  Spiritualen,  und
dem  Dominicaner  war  es  eine  herzliche  Freude,  so  manchen
Franciscaner  den  Scheiterhaufen  besteigen  lassen  zu  können.
Aber  aus  dem  Blute  bieser  Märtyrer  entsprang  wie  immer
eine  neue  Phönirbrut:  und  die  Päbste  erfuhren,  daß  Koͤnige
durch  den  Bann  erschroͤckt,  aber  nicht  Fanatiker  uͤberwunden
werden  koͤnnen.

So  bekam  das  Pabstthum  von,  zwei  ganz  verschiedenen
Seiten  her  seinen  ersten  Stoß,  und  jeder  dieser  zwei  ersten
Stöße  war  ofeubar  tödtlich.  Bis  gegen-  die  Jeiten  der  Refermation
  hin,  hörten  die  strengen  Franciscaner  nicht  auf,
dem  Pabst  ins  Antlitz  zu  widersprechen,  ihn  der  Ketzerei  und
des  autichristlichen  Sinns  zu  beschuldigen  und  Kaiser  buswig.
der  Baier,  fand  nachher  selbst  bei  manchen  seiner'  gewagtesten
Schritte  so  bereitwillige  Vertheidiger  in  ihnen,  als  kaum
selbst  gedungelie  Schriftsteller  bätten  seyn  können.  "

*  Philipp  der  schoͤne-  nicht  zufriebei  den  Pabst  durch  Negaret
  und  Colonna  gestraft  zu-  böben  siche  für  künftige  ähnliche
Fälle  den  heiligen  Vater  näh#t  beiun  sich  zu  behalten,  und  verschaffte
  seinem  eigenen  Feinde,  dem  Erzbischof  von  Bourdeaür,
unter“  der  Bedingung  die  Krone,  daß  die  pöäbstliche  Residenz
disseits  der  Alpen  nach  Frankreich  verlegt  werden  mößte.
1305  C  Clemens!  V.,  so  nannte  sich  sein  neuer  Pabst,  sab  entweder
die  Folgen  dieser  Bedingung  nicht,  oder  machte  die  sogleich
creirte  große  Anzahl  Französischer  Cardinäle  das  frühe  zurückkehren
  unmöglich;  acht  Päbsie  nach  einander  mußten  in
Frankreich  ausharren.  ,
        <pb n="281" />
        269

G.  18.
Avignonische  Paͤbste.
Iwie  und  sebenzig  Jahre  dauerte  diese  Verligung  des

Heepeen  weräaden  hatte  auf  die  ganze  Römische  Hierarchie
einen  so  nachtheiligen  Einfluß,  daß  die  Gewalt  des  Rômischen
  Bischofs,  nach  einigen  scheinbar  fortgehenden  Vergrößerungen,
  gerade  selbst  um  dieser  willen  endlich  abnehmen
mußte.

In  Italien  giengen  wegen  der  Abwesenheit  des  Regenten
alle  weltliche  Besitzungen  des  Pabsts  nach  und  nach  verloren.
  Zu  Rom  erhoben  sich  politische  Partien,  welchen  der
Traum  aufsiieg,  Rom  wieder  die  Hauptstadt  der  Welt  werden
  zu  lassen.  Im  Kirchenstasct  wimmelte  es  von  kleinen
Tyrannen,  die  einzelne  Städte  und  Disiricte  an  sich  rissen,
und  man  schickte  dem  Pabst  kein  Geld  nach  Avignon,  der
sich  also  durch  Noth  und  Lurus  gezwungen,  neue  Quellen
täglicher  Einkünfte  erdffnen  mußte.

Daher  kamen  in  diesem  Zeitalter  so  viel  neue  Erfindungen,
  von  welchen  allen  weder  Gregor  VII.  noch  Innocenz
III.  gewußt  hatten.  Der  Pabst  empfahl  bisweilen  einen  seiner
  treuen  Diener  zu  einer  Stelle  in  ein  Capirel  oder  auch
selbst  bei  der  Bischofswahl:  auf  so  vornehme  Empfehlungen
wurde  geachtet,  besonders  wenn  sonst  keine  Schwierigkeit
eintrat.  Aus  der  Empfehlung  und  Bitte  wurde  bald  ein
Befehl,  und  der  Pabst  schickte  endlich  ohne  weitere  Anfrage
den  Mann,  den  das  Capitel  zu  seinem  Bischof  nehmen  sollte.

Die  Capitel  waren  aber  oft  eilfertig  genug,  ehe  nach
Avignon  die  Nachricht  von  dem  Tode  des  vorigen  Bischofs
kam,  zugleich  auch  die  Nachricht  von  der  Wahl  des  neuen
zu  überschicken;  so  war  also  der  Pabst  uͤberrascht  und  außer
        <pb n="282" />
        270
Stand  gesetzt,  seine  Candidaten  zu  produciren.  Doch  auch
hier  wußte  sich  der  sinnreiche  Pabst  zu  helfen.  Noch  ehe  der
Bischof  todt  war,  schickte  er  eine  Bulle,  daß  er  auf  diesen
Fall  einen  Mann  im  Herzen  habe,  bei  welchem  die  Kirche
recht  wohl  versorgt  seyn  wuͤrde;  sie,  sollten  also  nicht  wählen,
es  sey  schon  vorlävfig  dafür  gesorgt.

So  zärtlich  besorgt  waren  die  Pöäbsie  anfangs  1%  nur  hie
und  da  für  einzelne  Bisthümer  oder  andere  ansehnliche  große
Stellen;  endlich  aber  reservirten  sie  sich  ganze  Classen  von
Beneficien,  schickten  den  Mann  nicht  einmal  an  Ort  und
Stelle  hin,  sondern  conferirten  die  reichsten  Bischofsstellen
ihren  Cardinälen  und  diesen  mußten  die  Einkünfte  nach
Avignon  geschickt  werden.  Bisthümer  und  Abteien,  und  was
irgend  ansehnliche  geistliche  Stellen  waren,  wurden  zu  Avignon
  verauctionirt,  und  weil  der  Erlös  doch  noch  nicht  hinreichend
  war,  alle  Bedürfnisse  des  glänzenden  päbstlichen
Hofs  zu  bestreiten,  so  bat  sich  der  Pabst  einen  Theil  der
Einküönfte  der  vacirenden  geistlichen  Stellen  aus.  Jeder,  den
der  Pabst  zu  einer  Stelle  beförderte,  konnte  doch  nicht  viel
dagegen  einwenden,  wenn  er  ein  halb  Jahr  oder  ein  Jahr
umsonst  dienen,  und  die  Einkünfte  dieser  Zeit  dem  Pabst  lassen
  sollte.

Die  Klagen  über  den  päbsilichen  Hof  und  das  Aergerniß
  an  den  Sitten  desselben  wurde  von  dieser  Zcit  an  allgemein.
  Der  Pabst  hatte  itzt  nicht  mehr  bloß  die  Fürsten  gegen
  sich,  sondern  die  Geistlichkeit  klagte  und  wünschte  sich
die  Hülfe  der  Fürsien,  um  solcher  Bedrückungen  los  zu  werden.
  Die  Kirchen  wurden  wegen  den  schweren  päbftlichen
Tributen,  verschuldet.,  Die  kurze  Regierung  eines  manchen
Bischofs  reichte  kaum  so  weit,  um  die  Gelder  zu  gewinnen,
welche  er  zu  Ausfertigung  der  päbsilichen  Confirmation  und
        <pb n="283" />
        271

zu  Erhaltung  des  Palliums  bezahlen  mußte.  Fremdlinge
erhielten  die  wichtigsten  Bischofsstellen,  die  Gelder  giengen
außer  Landes,  und  wenn  der  Bischof  nicht  zugegen  war,  so
haͤuften  sich  Zaͤnkereien  und  Streitigkeiten  ohne  Ende.

F.  10.

Unter  allen  Ländern  war  aber  Teutschlands  Schicksal
das  unglücklichste  während  dieser  Avignonischen  Periode.  Der-Pabsi
  war  Sklave  des  Königs  von  Frankreich,  und  mußte
nach  dessen  Gefallen  mit  dem  Bannstrahle  spiclen.  Da  der
König  von  Frankreich  das  Teutsche  Reich  gern  für  sich  oder
seinen  Bruder  gehabt  hätte,  so  mußte  der  Pabst  den  Kaiser
Ludwig  den  Baier  in  den  Bann  khun,  und  durfte  sich  durch
die  tiefste  Erniedrigung  des  weichmäüthigen  Ludewigs  zur  Absolution
  nicht  bewegen  lassen.  Die  ganze  Teutsche  Kirche
gerieth  durch  das  Interdict  in  die  größte  Verwirrung.  Doch
durfte  der  Pabst  das  Interdict  nicht  aufheben,  denn  Philipps
Nachfolger  drohten,  den  zweiten  Act  der  Bonifaciusischen
Tragddie  spielen  zu  lassen.  Die  Teutschen  bewiesen  zwar,
daß  endlich  auch  die  Gedult  des  Gedultigsten  ermüden  könne:
sie  faßten  einen  feierlichen  Reichsschluß,  daß  ein  Teutscher
König  um  Teutscher  Konig  zu  seyn,  nicht  erst  der  paͤbstlichen
Confirmation  noͤthig  habe,  sondern  allein  vermoͤge  der  Wahl
der  Churfuͤrsten  als  Koͤnig  gelte.  Koͤnig  Ludwig  hatte  auch
ein  Paar  Schriftsteller  auf  seiner  Seite,  welche  recht  maͤnnlich
  seine  Sache  vertheidigten,  und  die  strengeren  Frauciscaner,
  welche  besenders  über  Johann  XXII.  mißvergnuͤgt
waren,  erhielten  das  Volk  bei  gutem  Willen.  Aber  es
war  doch,  als  ob  die  Moͤnche  das  Volk  nicht  so  lange
in  der  ihm  unnatürlichen  Lage  der  Gesinnungen  erhalten
koͤnnten,  als  die  Franzoͤsische  Hofkabale  erforderte.  Bald
wurde  dasselbe  durch  Interesse,  bald  durch  erregtes  irriges
        <pb n="284" />
        272

Gewissen  aufs  neue  zum  Anhaͤnger  des  Pabsis.  Was  vermag
  nicht  ein  religiöser  Hang,  der  uns  mit  den  ersten  Jahren
  der  Erziehung  beigebracht  worden,  und  der  durch  Gegenstaͤnde
  die  uns  bestaͤndig  umgeben,  verstaͤrkt  wird!  Man
wußte  in  ganz  Teutschland,  daß  die  pöbstliche  Ercommunication
  bloß  Werk  des  Königs  von  Frankreich  sey,  der  Teutschland
  zu  Grund  zu  richten,  Italien  von  Teutschland  abzureißen
suche:  die  Erzählung  von  der  Lebensart  der  Päbste  in  Avignon
  war  nicht  nur  unter  den  Großen  bekannt,  sondern  sogar
Volkssage,  und  es  war  unerhört,  daß  sich  Johann  XXII.
nicht  einmal  so  weit  herab  ließ,  seine  Ercommunication  dem
Kaiser  kund  zu  thun,  sondern  dieselbe  bloß  an  den  Kirchenthüren
  zu  Avignon  anschlagen  ließ.  Siebenmalige  Gesandtschaften
  Ludwigs  nach  Avignon  waren  fruchtlos,  und  doch
hatte  der  päbsiliche  Bann  in  Teutschland  Folgen,  welche  selbst
auch  ein  entschloßnerer  Kaiser  als  Ludwig  war,  nicht  würde
haben  verhindern  können.

r

§  .  20.
Pisanische  und  Costnitzer  Synoden.

1377  Da  man  sich  endlich  dem  gluͤcklichen  Zeitpunct  nahe
sah,  daß  der  Pabst  wieder  beständig  in  Rom  bleiben  würde,
so  entstand  eine-zwistige  Pabstwahl,  welche  der  Welt  erst
zwei  Päbste  schenkte,  und  das  einzig  wirksam  scheinende
Hölfemittel,  das  man  versuchte,  wurde  die  Mutter  eines  dritten.
  Einer  dieser  Päbste  blieb  gewöhnlich  in  Italien,  der
andere  war  in  Frankreich,  und  ein  dritter  verkroch  sich  endlich
  in  einen  Winkel  von  Spanien.  Ein  Pabst  that  den  andern
  in  Bann.  Wen  der  eine  Pabsi  segnete,  dem  fluchte
der  andere,  und  die  Menschen  wurden  endlich  zu  der  Einsicht
  gezwungen,  daß  Segen  und  Fluch  eines  Pabsts  keine
besondere  Kraft  haben  müsse.  Aber  wer  sollte  sich  des  Zu-
        <pb n="285" />
        273

standes  der  Kirche  annehmen?!  Die  Uuiversi  taͤten  und  besonders
  die  von  Paris  machte  den  Pãͤbsten  die  dringendsten
Vorstellungen,  durch  Resi  ĩgnationen  der  Kirche  den  Frieden
zu  schenken;  aber  wenige  Menschen  si  nd  so  edel,  um  des
Friedens  willen  eine  Krone  außuopfern.  Man  suchte  die
alte  längst  vergessene  Lehre  von  den  Universalsynoden  und
ihrem  Ansehen  wieder  hervor,  und  die  Universi  ĩtaͤten  sprachen
den  Cardinaͤlen  das  Recht  zu,  eine  solche  Synode  auszuschreibeu.


Die  erste  dieser  Synoden  war  die  Pisanische  vom  Jahr
1409.  Doch  gerade  diese  gab  der  Welt  den  dritten  Pabst,
ohne  daß  sie  die  zwei  Päbste,  von  welchen  die  Christenheit
schon  verwüstet  wurde,  zernichten  konnte.  Mit  der  Reformation
  der  schrdcklichen  Misbräuche,  welche  sch  nach  allge
meinem  Geständniß  bei  der  großen  und  kleinen  Geistlichkeit
eingeschlichen  hatten,  blieb  es  wieder  bei  dem  Alten:  es  war
zu  viel  Verlaͤugnung  von  dem  neuerwaͤhlten  Pabst  gefodert,
daß  er  sich  selbst  reformiren  sollte.

Fuͤnf  Jahre  nach  der  Pisaner  Synode,  kam  die  groͤßere
und  angesehenere  zu  Costnitz  durch  Kaiser  Sigismunds
Betriebsamkeit  zu  Stande.  Es  kostete  die  muͤhsamsten  Tractaten,
  bis  man  einen  Pabst  zur  Resignation  bewegte,  dem
andern  seine  Anhänger  abspenstig  machte,  und  den  britten
endlich  feierlich  entsetzte.  Der  feierlich  entsetzte  Pabst  wurde
mit  Beschimpfungen  belegt,  sein  lasterhaftes  Leben  mit  einer
so  actenmaͤßigen  Publicitaͤt  behandelt,  daß  man  haͤtte  glauben
  sollen  das  größte  Hinderniß,  das  der  hierarchischen  Umschaffung
  entgegen  stand,  sey  endlich  voͤllig  gehoben.  Aber
doch  wurde  auf  eben  dieser  Versanimlung  von  eben  denselben
Richtern  Johann  Huß  als  Beleidiger  der  hierarchischen  Majestaͤt
  verbrannt,  und  die  Einigkeit  der  groͤßten  Männer  des
Euvittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  13
        <pb n="286" />
        274
Zeitalters  gieng  bloß  so  vbeit,  der  Kirche  wieder  ein  Haupt
zu  geben.  ·  "
node  neu  aufagestelli,  daß  ver  Pabst  dem  Ausspruch  eines
solchen  allgemeinen  Eonciliums  unterworfen  sey:  aber  was
nuͤtzte  ein  Richter-  der  wie  man  selbst  in  der  Geschichte  der
Costnitzer  Synode  sah,  nur  mit  der  äußersten  Muͤhe  in  Thaͤ-tigkeit
  gesetzt  werden  konnte,  und  welchen  die  Kunstgriffe  des
Pabsts  mit  der  leichtesten  Politik  unschädlich  machen  konnten.
  Man  erwartete  von  dem  auf  der  Synode  neu  gewählten
  Pabst  Martin  V.  eine  Reformation,  er  versprach  sie,
aber  wie  Leute  von  bösem  Gewissen,  nur  nicht  sogleich,  sondern
  erst  in  fünf  Jahren.  Als  Palliatib  sollten  einige  Confordate
  dienen,  die  er  einzeln  mit  verschiedenen  Nationen
cchloß.
l  21.
Geschichte  der  Basler  Synobé.
«  Die  Klagen  der  Nationen  aber  und  besonders  der  Teutschen
  waren  zu  dringend,  als  daß  sie  das  Versprechen  des
Pabsts  hätten  vergessen  sollen,  allein  da  fünf  Jahre  verflossen
waren,  so  sammelte  sich  eine  so  elende  Synode  zu  Siena,
daß  der  Pabst  selbst  sein  Versprechen  nun  noch  einmal  wiederholte;
  nur  wurde  der  Termin  der  Erfüllung  diesmal  auf
sieben  Jahre  verlängert.  Unterdessen  starb  Martin  V.  und
sein  Nachfolger  Eugen  IV.  mußte  1431  die  Synode  zu  Basel
  erdffnen.

Die  versammelten  Prälaten  hatten  diesmal  nicht  weniger
  Entschlossenheit  als  die  Costnitzer.  Mit  der  Reformation
schien  es  endlich  Erust  zu  werden,  Reservationen,  Annaten,
Erspectativen  und  andere  neuerfundene  Künste  der  Päbste
wurden  für  unrechtmäßig  erklärt,  der  Pabst,  weil  er  sich
        <pb n="287" />
        275

nach  dem  Sinn  der  Synode  nicht  fuͤgen  wollte,  sollte  Johannes
  XXIII.  Schicksal  haben.  Aber  Sigund  lebte  nicht
mehr,  der  dem  Synodalschluß  haͤtte  Nachdruck  geben  koͤnnen.
Alberts  Regierung  war  viel  zu  kurz,  und  gewiß  haͤtte  er  keinen
  Nachfolger  haben  koͤnnen,  bei  welchem  man  ihn  mehr
vermissen  mußte,  als  den  schlaͤfrigen  Friedrich  III.

Schon  hatte  Teutschland  die  vortheilhaften  Basler  Decrete
  feierlichst  angenommen,  Annaten,  Reservationen  und
Exspectativen  verworfen,  so  zernichtete  der  Kaiser  selbst,  vom
schlauen  Aeneas  Sylvius  gelenkt,  die  nützlichsien  Wirkungen
dieses  Entschlusses.  Man  räumte  durch  seine  Vorforge,  in
Concordaten  zu  Wien  geschlossen,  dem  Pabst  Entschädigun=  1447
gen  ein,  wodurch  ein  großer  Theil  des  gewonnenen  wieder
aufgegeben  wurde,  und  man  vergaß  noch  übirdietz  in  kurzem,
daß  jene  Wiener  Concordate  bloß  Ausnahmen  von  den  wahren.
  Concordaten  Teutschlands,  von  angenommenen  Basler
Decreten  seyen.

Die  Franzoͤsische  Kirche  behauptete  sich  eine  Zeit  tang:
bei  ihrer  ungekränkten  Annahme  der  Basler  Decrete  auf  der
Versammlung  zu  Bourges;  aber  hier  zernichtete  doch  endlich  1430
auch  königliche  Politik  das  Werk,  das  in  Teutschland  die
Schläfrigkeit  des  Kaisers  hatte  zu  Grunde  gehen  lassen.

.  22.

So  hatte  man  demnach  dem  Pabst  wohl  gezeigt,  was
man  thun  könnte,  und  sowohl  der  Schrecken  solcher  Versuche
als  auch  der  Einfluß  der  endlich  wieder  emporkommenden
schönern  Wissenschaften  schienen  die  päbstliche  Regierung  zuletzt
  so  glöcklich  mildern  zu  müssen,  daß  sich  die  beklagtesten
Mißbräuche  leichter  durch  die  Zeit  selbst  verlieren  würden  als
durch  versuchte  Resormationen.  Aber  gerade  in  keinem  Jahrhundert
  saßen  schändlichere  Menschen  au'ber  **nm  des  Chri-1
        <pb n="288" />
        276

stusstatthalters  als  in  der  zweiten  Haͤlfte  des  fuͤnfzehnten
Jahrhunderts.  Gerade  nie  wurden  die  heiligsten  Verträge
dreister  verletzt,  nie  wurde  des  Menschenverstandes  mehr  ge—
spottet  als  damals.  Der  Pabst  sammelte  beständig  Geld  zum
Türkenkrieg,  und  doch  waren  nur  seine  Nepoten  die  Türken.
Wurde  über  Verletzung  der  Concordate  geklagt,  so  war  es
noch  über  Erwartung,  wenn  der  Pabst  versprach,  es  nicht
mehr  zu  thun.  Pius  II.  durfte  es  wagen,  dem  Erzbischof
von  Mainz  zu  verbieten,  ohne  seine  Einwilligung  einen  Churfürstentag
  zu  halten,  und  weil  er  neben  andern  noch  drückendern
  Bedingungen  auch  diese  nicht  versprechen  wollte,  so  verlor
  er  durch  den  päbstlichen  Bann  sein  Erzstift.

Paulus  II.  übte  den  schändlichsten  Geiz  aus,  und  wurde
in  seinem  ganzen  Zeitalter  von  niemand  als  von  seinem  Nachfolger
  Sirtus  IV.  darinn  übertroffen.  Es  war  doch  für  die  Christenheit
  erbaulich,  daß  der  Statthalter  Christi  zuerst  für  eine
kleine  Abgabe  öffentliche  Hurenhäuser  in  seiner  Residenz  erlaubte.
  Innocenz  VIII.  lebte  kaum  so  lange,  um  seine  sechzehn
  Hurenkinder  versorgen  zu  können,  und  der  Name  Alerander
  VI.  ist  längst  so  verabscheut,  daß  man  ihn  neben  Tiberius
  und  Nero  stellt.  Julius  II.  war  seine  ganze  Regierung
  hindurch  nichts  als  Soldat,  und  die  Wahl  Leo  X.  soll
durch  eine  höchsi  schändliche  Krankheit  desselben  beschleunigt
worden  seyn.

Die  schènen  Geister  in  Teutschland,  Frankreich  und  Italien
  spotteten  über  diese  Sitten  der  Päbste,  aber  es  war  noch
ein  fürchterlicher  Schritt  vom  Spotten  und  Klagen  bis  zum
kühnen  Erschüttern  dieses  riesenmäßigen  Staats.  Man  schien
der  Sache  so  gewohnt  zu  seyn,  daß  man  seinen  Unwillen
durch  Spotten  und  Klagen  genug  ausgießen  zu  können  glaubte,
und  weder  Kaiser  Marximilian  noch  alle  Zeitgenossen  von
        <pb n="289" />
        277

Königen,  hatten  Muth  oder  Einsicht  genug,  das  drückende
Joch  abzuwerfen.  Auch  war  mit  manchen  gerade  der  drückendsten
  Kirchenmißbräuche  ihr  eigenes  Interesse  zu  sehr  verbunden,
  als  daß  eine  Reformation  von  ihren  Veranstaltungen
  hätte  ausgehen  konnen.  Schon  allein  die  Spanische
Inquisition  ist  ein  Beweis,  wie  Könige  gegen  die  Macht  des
Pabsts  und  des  Klerus  sich  zu  schützen  suchten,  und  Erfindungen
  der  Kirche  für  sich  brauchen  lernten,  um  ihren  Desporismus
  desio  sicherer  zu  gründen.

Wie  mit  Gottes  Geist  gewaffnet  trat  endlich  ein  Augustinermönch
  auf,  und  machte,  in  weniger  als  vierzig  Jahren
mehr  als  der  Hälfte  der  bisherigen  katholischen  Christenheit
begreiflich,  daß  der  angebetete  Römische  Pabst  nicht  mehr
als  erster  occidentalischer  Pfarrherr  seyn  soll,  und  daß  der
Bfarrherr  zu  Rom  jedem  andern  Pfarrherrn  nichts  mehr
zu  befehlen  habe,  als  sie  sich  befehlen  lassen  wollten.  Hat  er
aber  seinen  Collegen  nichts  zu  befehlen,  was  mag  er  sich  vollends
  über  die  Könige  herausnehmen?

6.  23.
Uebersicht  der  ganzen  Periode.

Man  kann  den  ganzen  Zeitraum  von  Gregor  VII.  bis
Luther  nicht  ohne  innigste  Rührung  überschauen,  wie  schwach
und  wie  siark  der  Mensch  zugleich  ist,  wie  selbsi  in  den  dunkelsten
  Perioden,  selbst  in  den  drohendsten  Zeiten  der  vollendetesten
  päbsilichen  Hicrarchie  immer  Stimmen  der  Wahlheit
ertönten,  der  natürliche  Menschenverstand  nie  ganz  sich  unterdrücken
  ließ  aber  wie  doch  auf  jeden  Versuch  desselben,
sein  Recht  zu  behaupten,  Recidive  von  Schwachheit  erfolgten,
dic.  nicht  so  wohl  aus  der  Lage  der  wiederkehrenden  Umstände
oder  aus  der  ganzen  Beschaffenheit  des  Zeitalters  entsprangen,
  als  vielmehr  aus  der  eigenen  Schwäche  der  Reforma-
        <pb n="290" />
        278

toren,  denen  entweder  die  noͤthige  unverschonende  Beharrlichkeit
  oder  eine  das  ganze  umfassende  Einsicht  fehlte.  Man
wollte  einzelne  Theile  eines  Gebaͤudes  untergraben,  das  ganz
gestuͤrzt  werden  sollte,  und  man  fuͤrchtete  den  Einsturz  des
Ganzen  weil  man  keinen  Begriff  des  Zustandes  hatte,  der
alsdenn  entstehen  muͤßte.

Ganze  Zeitalter  und  einzelne  Maͤnner,  wie  die  Geschichte
dieses  Zeitraums  nicht  nur  in  einem  Falle  beweist,  konnten
zugleich  Proben  eines  geuͤbten  Verstandes  und  einer  ganz
unerwarteten  Sinulosigkeit  geben.  Nie  wuchs  auch  das
Pabstthum  mehr,  als  gerade  in  dem  Zeitalter,  da  sich  der
menschliche  Verstand  durch  die  feinsten  scholastischen  Untersu,
chungen  uͤbte,  da  man  mit  dem  spitzfindigsten  philosophischen
Scharfsinn  an  allem  zu  zweifeln  anfieng,  da  Handel  und
Kuͤnste  seit  den  Zeiten  der  Kreuzzuͤge  zu  einem  immer  wachsenden
  Flor  kamen,  da  selbst  auch  die  beschleunigtere  Com—
munication  der  Nationen  iunter  einander  gegen  das  Vorurtheil
  hätte  abhaͤrten  sollen,  daß  ein  Mensch  in  Rom,  dessen
Jugendgeschichte  man  wußte,  dessen  Stuhlbesteigung  bekannt
war,  dessen  taͤgliche  Künsie  man  sah,  ein  untrüglicher  Mensch,
ein  Halbgott  sey.

Geschichte  der  Glaubenslehre  in  der  Periode  von  Gregor
  bis  Luthern.

§.  24.

Scholastik  und  Kreuzzüge,  zwei  coeristirende  Phänomene,
die  einander  so  entgegengesetzt  zu  seyn  schienen,  daß  man
ihre  Coeristenz  gar  nicht  vermuthen  sollte  —  wirkten  noch
weit  mehr  auf  Dogmatik  und  Religion  als  auf  die  Hierarchic,
  und  brachten  gegen  alle  historisch  analoge  Erwartung
in  beide  ein  Verderben,  das  oft  in  seinen  Wirkungen  zusam-
        <pb n="291" />
        279
menfloß,  aber  bald  mehr  in  der  Religion  als  in  der  Dogmatik,
  bald  mehr  in  der  Dogmatik  als  in  der  Religion  sichtbar

  war.
In  dem  ersten  Jahrhundert  dieser  Periode  war  die  Scholastik,

  ehe  noch  das  neu  entstandene  Institut  der  Universitäten

  seine  ganze  Wirkung  auf  dieselbe  äußerte,  in  der  gläcklichen
  ersten  Ausbildung,  welche  für  das  systematische  Nachdenken,
  fär  die  vollständige  Entwicklung  aller  Folgen  der
Lehrsitze  und  für  die  passende  Zusammensetzung  der  letztern
hoͤchst  vortheilhaft  war.  Die  Unterscheidungen  der  Begriffe

wurden  noch  nicht  so  verfeinert,  daß  die  Sprache.  ein  unverständliches

  Chaos  willkührlich  erfundener  Ausdrücke  geworden
  wäre.  Die  Neigung,  alles  aus  der  Vernunft  zu  beweisen,
  wuchs  zwar,  wie  in  jedem  philosophisch  theologischen
  Zeitalter  zu  geschehen  pflegt,  mit  der  Ausbildung  der
Scholastik,  und  schon  Abälards  Beispiel  beweist,  daß  oft
die  ersten  Beispiele  dieser  Art  schon  zu  den  kühnsien  dieser
Art  gehören.  Aber  noch  war  doch  diese  Sitte  weit  nicht  allgemein,
  und  man  verweilte  sich  viel  lieber  dabei,  daß  man
über  einer  Mannigfaltigkeit  neu  ausgesonnener  Fälle  disputirte,
  wie  sich  z.  B.  die  Geschichte  des  Menschengeschlechts
entwickelt  haben  würde,  wenn  bloß  Eva  und  nicht  auch  Adam
von  der  verbotenen  Frucht  gegessen  hätten.

Offenbar  „hat  auch,  für  die  letztere  Hälfte  des  ersten
Jahrhunderts  dieser  Periode,  der  ganzen  Entwicklung  der
Scholastik  ein  Buch,  das  eben  so  zu  rechter  Zeit  kam,  wie
Gratians  Decret  für  das  Kirchenrecht,  ihre  vollige  Richtung
gegeben,  die  selbst  unter  allen  nachfolgenden  Veränderungen
bis  auf  Luthers  Zeiten  hin  unverkennbar  blieb.

#.  25.
Peter  Lombardus,  einer  der  berühmtesten  Lehrer  zu  Pa-
        <pb n="292" />
        280

ris,  schrieb  nehmlich  vier  libros  Sententiarum,  eine  Sammlung
  patr  istischer  Ercerpte  nach  den  Materien  geordnet,  und
diese  Materien  unter  einander  selbst,  so  viel  bei  der  Schwäche
erster  Versuche  dieser  Art  zu  erwarten  war,  in  systematische
Verbindung  gesetzt.  Hier  hatte  man  in  aller  Kürze  beisammen,
  was  gegen  die  mannigfaltigen  Ketzer  verschiedener  Art
brauchbar  war,  Kenntniß  der  Kirchenväter  war  mit  einiger
Milosophie  vereinigt;  und  die  große  Menge  Fragen,  welche
in  einzelnen  Artikeln  aufgeworfen  worden,  konnte  hier  mit
einemmal  übersehen  werden.

So  viel  Ansehen  hat  vielleicht  noch  kein  theologisches
Buch  erhalten  wie  dieses.  Sie  haben  drei  Jahrhunderte  lang
darüber  gelesen,  commentirt,  Glossen  gemacht,  zwar  hier  und
da  auch  kleine  dogmatische  Unebenheiten  darinn'  finden  wollen,
  aber  im  Ganzen  sich  doch  immer  daran  gehalten.  Selbst
auf  die  Ordnung  der  Artikel  unter  einander,  hat  dieses  Buch
bis  auf  die  Zeiten  der  Reformation  hin  Einfluß  gehabt,  und
alle  Beweisstellen,  welche  dieser  Verfasser,  sowohl  aus  den
Kirchenvätern  als  aus  der  Bibel  führte,  behielten  lange  Zeit
immer  Observanz  für  sich.  Die  Theologen  naunten  sich  lange
Zeit  von  diesem  Buch  Sententiarii.

Wie  beschwerlich  mußte  alsdenn  ein  Irrthum  werden,
der  einmal  in  einem  solchen  durch  Zeit  und  Umstände  auc,
torisirten  Buch  ausgenommen  war!  An  sseben  Sacramenten
zweifelte  itzt  niemand  mehr,  so  wenig  man  auch  vorher  in
Festsetzung  dieser  Zahl  einig  war;  denn  es  siand  in  Lombardus.
  Die  Lehre  von  der  so  genannten  Concomitanz,  wie
manche  andere  ähnliche  Hypothesen  einzelner  Kirchenväter
oder  Scholastiker  wurden  nun  herrschend;  in  den  Sentenzen
war  ihrer  mit  Beifall  gedacht.  Die  Pöbste  mischten  sich
zwar  noch  immer  nicht  mit  Eifer  darein,  Glaubensartikel  zu
        <pb n="293" />
        281

machen,  aber  eine  durch  Peter  Lombard  entstehende  Observanzorthodorie
  gab  doch  nicht  nur  eine  Veranlassung  dazu,  und
die  Mißbräuche,  welche  aus  Gelegenheit  der  Kreuzzüge  entstanden,
  boren  schon  einträgliche  Gegenstände  dar.

Zuerst  war  dieses  fühlbar  in  der  Lehre  von  den  Indulgenzen.
  Die  Sitte  war  zwar  alt  und  ungeachtet  der  Gegenbemühungen
  eifriger  frommer  Männer  schon  seit  einigen
Jahrhunderten  angenommen,  daß  man  einzelne  Sünden  nicht
mit  körperlichen  Leiden  büßte,  sondern  statt  dessen  Geld  an
die  Armen  oder  an  die  Kirche  gab.  Aber  Aufzählung  einzelner
  Sünden  war  dabei  doch  immer  noch  nothwendig  geblieben,
  und  diese  konnte  von  Geisilichen,  welche  ihr  Amt
auch  nur  halb  verstanden,  zur  allgemeinen  Beförderung  der
Moralitat  trefflich  genutzt  werden.  Allein  seitdem  nun  die
Reise  nach  Palästina  als  vollgältigste  Abbüßung  und  vollgültigster
  Ablaß  angesehen  wurde,  so  verlor  sich  nicht  nur
alle  Möglichkeit  der  Wiederherstellung  der  alten  Kirchenzucht.
sondern  der  Ablaß  wurde  auch  so  summarisch,  das  Angedenken,
  daß  er  sich  bloß  auf  Kirchenstrafen  beziehe,  verlosch  so
völlig,  das  gewählte  Mittel  seiner  Sündenverschuldung  los
zu  werden,  führte  fast  unvermeidlich  zu  so  vielen  neuen  Sünden,
  daß  erst  seit  dieser  Zeit  allgemeines  Verderben  unter
dem  Volke  einriß.  Nicht  zu  gedenken  wie  viel  Aberglauben
der  Kreuzfahrer  bei  dem  betriegerischen  und  betrogenen  Griechen
  holte;  wie  viele  heilige  Knochen  als  Reliquien  aus  dem
Orient  gebracht  wurden;  wie  sehr  die  Verehrung  der  Maria
seit  dieser  Zeit  bis  zum  kindischen  Aberglauben  stieg;  wie  Haß
und  Nachahmung  der  Griechen  auf  Volkeglauben  und  auf
Dogmatik  so  sichtbar  und  so  verschieden  wirkten!

Innocenz  III.  machte  auf  seiner  Lateransynode  im  Jahr
1215  die  Lehre  von  der  Brodverwandlung  und  von  der  Ohren-
        <pb n="294" />
        282

beichte  zu  Glaubensartikeln.  Beide  Gesetze  entstanden  mehr
aus  einzelnen  Veranlassungen,  deren  vielleicht  die  wichtigste
in  der  Geschichte  der  Albigenser  zu  suchen  ist,  als  daß  man
dieselbe  fuͤr  letzte  Resultate  des  ganzen  damaligen  dogmatischen
  Zustandes  ansehen  koͤnnte.
g.  26.

Wie  Peter  Lombard  feit  dem  zwoͤlften  Jahrhundert  das
Orakel  der  Theologen  war,  so  kam  im  dreizehnten  Jahrhundert
  der  Dominicaner  Thomas  von  Aquino  und  der  Franciscaner
  Johann  Bonaventura  neben  ihn  zu  stehen,  und  niemand
  machte  ihnen  diesen  Rang  streitig,  bis  Johann  Duns
Scotus  im  vierzehnten  Jahrhundert  erschien.  Der  litterarische
  Charakter  jener  zwei  höchst  wirksamen  Zeitgenossen  war
sehr  verschieden,  und  Bonaventura  kam  weder  in  philosophischem
  Scharfsinn  noch  in  dogmatischer  Unparteilichkeit,  so
weit  sie  damals  erwartet  werden  konnte,  dem  Dominicaner
gleich.  Bei  beiden  vereinigte  sich  das  Lehransehen  mit  dem
Ordensinteresse.  Beide  wirkten  auf  einer  Scene,  waren  von
1234  gleichem  Alter,  starben  in  eben  demselben  Jahre;  uur  war

Thomas  nie  zu  der  hohen  Stufe  von  außerer  Würde  gestiegen

  als  Cardinal  Bonaventura,  der  achtzehn  Jahre  lang  General

  seines  Ordens  gewesen,  und  durch  sein  Ansehen  selbst

Streitigkeiten  im  Pabsiconclave  entschied.

Niemand  wußte  bald  mehr,  was  Wahrheit  oder  was
Irrthum  sepn  sollte,  seitdem  diese  zwei  Männer  der  philosophischen
  Bearbeitung  der  Dogmatik  und  mancher  Religionsmeinungen
  eine  Fruchtbarkeit  verschafft  hatten,  welche  schädlicher
  war,  als  gerade  einzelne  Meinungen  werden  konnten.
Die  disputirenden  Scholastiker  hatten  sich  eine  Distinction  erdacht,
  zwischen  philosophischer  und  theologischer  Wahrheit,  um
nie  durch  die  Furcht  vor  Verketzerungen  in  ihrem  Disputiren
        <pb n="295" />
        283

gestoͤrt  zu  werden.  Die  Kirche,  sagten  sie,  hat  befohlen,  was
als  theologische  Wahrheit  gelten  soll,  aber  es  kann  theologisch
wahr  scyn,  was  philosophisch  falsch  ist;  wir  lassen  die  theologischen
  Wahrheiten  unberührt,  und  disputiren  nur  über  die
philosophischen.  So  wurden  die  ersten  Grundsätze  der  natürlichen
  Religion,  Eristenz  Gottes,  seine  Vorsehung,  Unsterblichkeit
  der  Seele,  in  dffentlichen  Schriften  und  Hörsälen  bestritten,
  und  man  achtete  des  Verbots  der  Päbste  nicht,  wenn
sie  eine  Kühnheit  untersagten,  welche  durch  die  übersetzten
Schriften  der  Arabischen  Pbilosophen  immer  mehr  genährt
wurde.

Die  Päbste  selbst  und  auch  der  Klerus,  der  nicht  Kenntnisse
  genug  hatte,  sich  in  jenen  scholastischen  Labyrinthen  zu
verlieren,  giengen  zugleich  in  dreister  Abänderung  der  we,
sentlichen  Religionspuncte  immer  weiter.  Sie  waren  zu  be,
quem,  das  Kind  durch  Untertauchen  zu  taufen,  philosophirten
also  darüber,  ob  es  denn  gerade  die  Quantität  des  Wassers
ausmache,  es  werde  genug  seyn,  wenn  nur  Wasser  auf  den
Leib  hinkomme:  so  führten  sie  die  Besprengung  ein,  statt  der
Untertauchung.  Viele  Kinder  starben  ganz  ungetauft,
wenn  die  Aeltern  die  Taufkosten  nicht  auftreiben  konnten;
und  doch  wurde  nach  den  Begriffen  des  damaligen  Zeitalters
kein  ungetauftes  Kind  selig.  —  Waren  es  reicher  Leute  Kinder,
  so  taufte  man  sie,  wenn  sie  schwach  zu  seyn  schienen,
oft  noch  ehe  sie  ganz  auf  die  Welt  kamen.

Seit  der  Mitte  des  dreizehnten  Jahrhunderts  fieng  man
auch  an,  den  Laien,  und  zwar  zuerst  nur  dem  großen  niez
drigen  Haufen  den  Kelch  zu  entziehen,  Könige  durften  ihn
noch  im  vierzehnten  Jahrhundert  trinken,  denn  die  ganze  Religion
  gewann  um  der  Habsucht  der  Priester  willen  immer
        <pb n="296" />
        284

mehr  die  Gestalt,  als  ob  fuͤr  die  Vornehmen  und  Reichen
ein  besonderer  Himmel  zu  erwarten  waͤre.

Man  hatte  im  dreizehnten  Jahrhundert  hie  und  da  sowohl
  in  Teutschland  als  Frankreich  und  England  Uebersetzungen
  der  Bibel  in  die  Muttersprache  erhalten,  und  da  die
Laien  mit  Begierde  auf  ein  Buch  hinfielen,  das,  großentheils
Geschichte  in  natuͤrlicher  Einfalt  erzaͤhlt,  auch  auf  den  unwissenden
  Haufen  wirken  konnte,  da  jedem  der  nur  einen
Blick  in  dieses  Buch  warf,  der  Gegensatz  seines  Innhalts
mit  der  ganzen  damals  herrschenden  Religion  auffiel,  so
wurde  auf  Concilien  verboten,  daß  ein  Laie  die  Bibel  in  der
Muttersprache  lesen  solle.  "

Ein  irrthumvolles  Gewebe  von  Sätzen,  deren  praktischer
Theil  größtentheils  ganz  darauf  abzweckte,  die  Clericos  als
Deos  minaorcs  zu  zeigen,  alles  für  sie  einträglich  zu  machen,
sollte  Religion  seyn?  Und  so  war  das,  was  etwa  mehr  zur
bloßen  Lehrmeinung  gerechnet  werden  konnte,  nichts  anders
als  unsinniges  Fragen  über  Dinge,  in  welchen  man  nicht
klug  werden  kann,  wenn  man  Jahre  lang  disputirt,  weil  sie
gar  nicht  Object  menschlicher  Nachforschung  seyn  können.
Sie  zerbrachen  sich  die  Köpfe  um  ausfindig  zu  machen,  wie
es  möglich  sey,  daß  Christus  ohne  Sünde  habe  geboren  werden
  können,  und  geriethen  darauf,  seine  Mutter  müsse  ohne
Sünden  gewesen  seyn.  Ohne  wirkliche  Sünde  gab  ein  Theil
zu,  aber  nicht  ohne  Erbsünde;  auch  ohne  Erbsünde  behaupteten
  die  Franciscaner,  und  es  war  ihnen  dabei  so  ernst,  daß
sie  es  recht  zum  charakteristischen  Dogma  der  vollkommenen
Orthodorie  machten.

Was  konnte  Volksunterricht  in  der  Religion  seyn,  da
die  wichtigsten  Religionshandlungen  in  einer  Sprache  vorgenommen
  wurden,  welche  das  Volk  gar  nicht  verstand,  da  zu
        <pb n="297" />
        285

Predigten  in  den  Muttersprachen  im  dreizehnten  und  vierzehnten
  Jahrhundert  so  fast  ganz  keine  Veranstaltung  gemacht
war?  Das  von  blinden  Leitern  geführte  blinde  Volk  mußte
freilich  Irrtritte  thun,  die  uns  itzt  äußerst  lächerlich  sind.
Schon  zu  Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  zeigte  es  sich  an
einzelnen  Beispielen,  welchen  Ausgang  ein  solcher  Zustand
der  Sachen  endlich  bekommen  werde.  In  Frankreich  war
ein  Mann  Namens  Eon:  er  hörte  in  der  gewöhnlichen  Exorcisirformel
  adjuro  te  per  eum,  qui  venturus  est  judicare
vivos  et  mortuos.  Das  hielt'  er  fuͤr  eine  deutliche  Prophezeihung
  auf  sich,  gab  sich  fuͤr  den  Richter  der  Lebendigen  und
Todten  aus,  bekam  einen  großen  Anhang,  mit  welchem
er  so  lange  vom  Raube  der  Kirchen  und  Kloͤster  lebte,  bis
man  mit  Feuer  und  Schwerdt  gegen  ihn  wüthete.  Gerade
die  zwei  Jahrhunderte,  in  welchen  das  verderbte  System  der
großen  Kirche  gleichsam  vollendet  wurde,  sind  voll  Bewegungen
  des  Volks,  das  sich  zu  belfen  suchte,  und  nicht  zu  helfen
  wußte.

Weil  auch  die  Geisilichkeit  so  ganz  alles  auf  den  äußern
Gottesdienst  setzte,  so  war  es  gemeinschaftliche  Meinung  aller
sonst  noch  so  sehr  von  einander  abgehenden  Ketzer,  den  äußern
  Gottesdienst  und  ein  ordentliches  Kirchenregiment  zu
verachten,  selbst  die  Sacramente  zu  verwerfen,  denn  wie  konnten
  sie  die  Sacramente  für  etwas  anders  halten,  als  für  einen
  Fund  der  Geisilichen,  um  Geld  zu  schneiden?  Bei  diesen
  mißvergnügten  Partien  waren  die  sirengsten  Büßungen
eingeführt,  denn  für  ein  Stück  Geld,  das  die  Geistlichen  in
Ueppigkeit  zu  verprassen  hatten,  seiner  Sünden  los  werden,
war  dem  gemeinen  Menschenverstand  etwas  gar  zu  ungereim
tes,  und  für  die  Schrecken  der  Ewigkeit  gar  zu  unbefriedigen-
        <pb n="298" />
        286

des,  als  daß  man  nicht  auf  tausend  andere  Mittel  haͤtte  verfallen
  sollen.

Ein  großer  Theil  der  mißvergnuͤgten  Apostel  dieser  Zeitalter
  war  zwar  von  Suͤnden  der  Unzucht  gar  nicht  frei,  und
ihre  gemischte  Versammlungen  hatten  nicht  immer  alle  Unschuld.
  Aber  auch  hieran  war  die  große  Kirche  schuld.  Sie
setzte  auf  Ehelosigkeit  und  Mönchsfrömmigkeit  einen  so  erhabenen
  Werth,  daß  der  natürliche  Widerspruchsgeist  gegen  die
Meinung  der  großen  Kirche  zu  allen  andern  Veranlassungen
noch  hinzu  kam  und  eben  die  zerrüttete  Einbildungskraft,
welche  ihnen  die  ganze  Religion  so  sehr  versinnlichte,  auch
hier  oft  zu  Ausschweifungen  hinriß.  Noch  muß  zu  ihrer
Entschuldigung  gesagt  werden,  daß  überhaupt  dieses  ganze
Zeitalter  die  lebhafte  Empfindung  von  der  Schändlichkeit  dieser
  Sünde  nicht  hatte.  In  den  Klöstern  herrschte  nicht  nur
Unzucht,  sondern  Sünden,  über  welchen  sich  die  Menschennatur
  entsetzt,  Selbstbefleckung  und  Päderastie  mit  allen  den
Gräueln,  welche  gewöhnlich  ein  so  tiefer  Verfall  der  Menschheit
  nach  sich  zieht.  Beispiele  dieser  Art  mußten  nothwendig
auf  die  Moralität  solcher  Zeitalter  sehr  wirksam  seyn.

Die  große  Kirche  machte  in  ihrer  Dogmatik,  die  albernsten
  Schlüsse;  kann  es  also  unerwartet  seyn,  wenn  diese
kleine  mißvergnügte  Partien  oft  durch  nicht  weniger  alberne
Schlässe  gerade  das  Gegentheil  herausbrachten.  Die  große
Kirche  lehrte  das  Kreuz  anbeten  als  heiliges  Erinnerungszei--chen
  dessen,  was  Christus  für  uns  gethan  habe:  einige  der
kleinen  mißvergnügten  Partien  zerschlugen  alle  Kreuze,  weil
ein  Kreuz,  Marterwerkzeug  Jesu  gewesen  sey.

Spinozistische  oder  pantheisiische  Gesinnungen  waren
unter  diesen  mißvergnügten  Partien  sehr  herrschend.  Wie
leicht  verfällt  aber  auf  diese  der  Mensch,  dessen  natürlich
        <pb n="299" />
        287
wilde  Einbildungskraft  durch  Abstraction  nicht  geleitet  wird!
Fast  mit  jedem  Jahrhundert  und  in  jedem  Lande  erschienen
Leute  solcher  Art  unter  einem  andern  Namen'):  das  Phaͤ-nomen
  ist  aber  ganz  nur  immer  eben  dasselbe,  dessen  bloße
Benennung  sich  geändert  hat.  Die  einzigen  Waldenser  verdienen
  billig  eine  ausfährlichere  Anzeige.
Waldenser.

Zu  Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  lebte  zu  Lion  ein
Französischer  Kaufmann,  Peter  Waldus,  den  der  Zustand  der
Kirche  jammerte.  Er  ließ  einige  Bücher  der  heiligen  Schrift
vornehmlich  die  vier  Evangelisten  in  das  Französische  übersetzen,
  verkaufte  alle  seine  Habe,  vertheilte  seine  Güter  unter
die  Armen,  und  gieng  selbst  als  Lehrer  aus.  Mit  fast  unerwartetem
  Erfolg  verbreitete  sich  die  Partie,  die  er  gewann;
durch  ganz  Frankreich  und  Italien;  denn  ihre  Lchre  hatte
etwas  so  viel  mehr  eindringendes  als  die  Lehre  der  damaligen
Pharisaͤer  und  Schriftgelehrten.  Sie  suchten  die  ganze  Einrichtung
  und  Lehre  der  Kirche  auf  den,  ihrer  Meinung  nach
ersten,  ursprünglichen  Zustand  derselben  zurückzubringen.  Weil
in  der  Bibel  von  keinem  Pabst  und  von  keinem  greßen  mächtigen
  Bischof  vorkam,  so  wollten  sie  nichts  vom  Pabst,  nichts
von  großen  maͤchtigen  Bischoͤfen  wissen,  die  Bischoͤfe  sollten
ihrer  Meinung  nach  wie  Paulus  ihr  Brod  mit  Handarbeit
verdienen.  Und  sie  konnten  uͤberhaupt  nicht  begreifen,  warum
nicht,  auch  noch  im  dreizehnten  Jahrhundert  wie  im  ersten,

*)  Nachrichten  von  den  Albigensern  und  den  verschiedenen  Partien,
  welche  man  unter  diesen  Namen  vermischt.  Gleiche
Vermischungen  bei  der  Benennung  der  Begharden  und  Begulnen.
  Stedinger.  Fratres  liberi  spiritus.  Swestriones.

Aposller.
        <pb n="300" />
        268

ein  Bruder  den  andern  ermahnen  und  lehren  duͤrfe,  warum
man  gerade  ceremonioͤs  ordinirt  seyn  solle,  um  kseinen  Freunden
  und  Nachbarn  etwas  erbauliches  sagen  zu  können.  Vom
Ablaß  hielten  sie  gar  nichts,  Gebet,  Almosen  und  Fasten  waren
  ihre  Bößungsmittel.  Sünden  vergeben  könne  ohnedieß
nur  Gott,  und  jene  Mittel  sepen  bloß  guter  Rath,  die  ein
Freund  dem  andern  geben  könne,  man  habe  keinen  Geistlichen
  dabei  ndthig.  Vom  Fegfeuer  stehe  nichts  in  der  Bibelt
aber  was  in  Jesu  Bergpredigt  so  deutlich  gesagt  worden,  auf
das  Acht  zu  haben  und  das  treulich  zu  halten,  sey  wichtigere
Pflicht  eines  Christen,  als  sich  mit  Gebeten  für  Verstorbene
und  dergleichen  Aberglauben  mehr  zu  beschäftigen.

Die  ganze  Kirchenverfassung,  die  sie  sich  gaben,  war  so
eingerichtet,  wie  sie  gläubten,  daß  apostolische  Kirchenverfassung
  gewesen  sey.  Ihre  Lehrer  —  arme  ungelehrte  Handwerksleute.
  So  viel  sich  thun  ließ,  eine  Gütergemeinschaft
unter  ihren  Gemeinen,  wie  nach  ihrer  Meinung  die  in  der
ersten  Kirche  zu  Jerusalem.  Sie  sprachen  deswegen  dem
Christen  das  Recht  nicht  ab,  Eigenthum  zu  besitzen.  Der
Laie  genoß  bei  ihnen  den  Kelch;  sieben  Kirchensacramente
kannten  sie  nicht  als  Glaubensartikel.  Die  Wahrheit  schien
sich  zu  diesen  guten  edlen  Menschenzu  flüchten;  denn  dieser
Separatistenhaufen  sollte  für  künftige  Jahrhunderte  ein  redendes
  Denkmal  seyn,  wie  viel  Wahrheit  in  der  großen
Kirche  noch  zu  Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  war.

§.  28.
Wiklif.

Das  Volk  mochte  unterdeß  immerhin  über  seine  Lehrer
und  ihre  Finanzdogmatik  murken,  es  hatte  keine  Wirkung
auf  Umbildung  derselben,  vielmehr  wurden  ihm  von  Zeit  zu
Zeit  immer  noch  mehrere  Rechte  entrissen;  der  Sclave,  der
        <pb n="301" />
        289

mit  seiner  Kette  klirren  wollte,  wurde  nur  noch  fester  geschlossen.
  Ein  Mann  auf  einer  Universität  mußte  aufstehen,  wenn
der  Ton  des  ganzen  Zeitalters  geändert  werden  sollte,  da  alle
Weisheit  und  alles,  was  das  Zeitalter  glauben  sollte,  nach
der  ganzen  damaligen  Einrichtung  von  den  Universitaͤten  aus,
floß.  .
Johann  Wiklif,  Professor  der  Theologie  in  Orford,  trat  1360
endlich  auf,  und  griff  das  ganze  damalige  hierarchische  und
dogmatische  System  mit  einer  Stärke  und  Einsicht  an,  daß
man  billig  ihn  allein  unter  Luthers  und  Zwingli's  Vorgängern
  als  Vorgänger  nennen  sollte.  .

Die  Bettelmoͤnche  hatten  ihn  zuerst  in  seinen  persoͤnlichen
Verhaͤltnissen  beleidigt,  und  seinen  Eifer  durch  politische  Usurpationen
  gereizt,  welche  vom  Pabst  begünstigt  wurden.  Was
kann  es  aber  sowohl  hier  als  in  Luthers  Sache  der  Wahrheit
  schaden,  daß  ihr  Rächer  nicht  zunächst  durch  den  Anlick
  ihrer  eigenen  Unterdrückung,  sondern  durch  hierarchische
Mißbräuche  geweckt  wurde.  Sobald  aber  Wiklif  einmal
aufmerksam  gemacht  worden,  so  schritt  er  viel  kühner  fork,
und  ununterbrochener  bis  an  seinen  Tod  fort,  als  keiner  aller
  übrigen  sogenannten  Zeugen  der  Wahrheit.  Er  griff  die
Transsubstantiation  an,  von  welcher  damals  der  größte  Theil
des  Messegepränges  und  außerdem  so  manche  auch  oͤkonomisch
  wichtige  Ceremonie  abhieng.  Er  suchte  der  Bibel  Publicität
  und  allgemeinen  Gebrauch  zu  verschaffen,  und  würde
vielleicht  hiedurch  eben  so  viel  gewirkt  haben  als  Luther,
wenn  damals  schon  Buchdruckerei  gewesen  wäre,  wenn  ein
Melanchthon  ihm  zur  Seite  gestanden  hätte,  und  Englands
politische  Ruhe  gesicherter  geblieben  wäre.

In  wenig  Artikeln  läßt  sich  zwar  bestimmen,  was  Wiklif
  geglaubt  oder  geläugnet  haben  mag;  seine  Ueberzeugungen

Spittler's  simmtl.  Werke.  II.  Bd.  10
        <pb n="302" />
        290

waren  wie  bei  jedem  Manne  in  solchen  Umstaͤnden,  fast  in
bestaͤndiger  Ebbe  und  Fluth,  und  er  gieng,  wie  einzelne  Vorfälle
  seines  Lebens  zeigen,  oft  von  der  Wahrheit  auf  den  Frrthum
  zuruͤck,  oder  vermengte  seine  neu  erkannte  Wahrheit
mit  neuen  Irthuͤmern.  Doch  Gluͤck  genug,  daß  nur  einmal
solche  Veranlassungen  zum  Nachdenken  gerade  an  dem  Ort
gegeben  wurden,  wo  sie  ein  Publicum  fanden,  das  weniger
noch  fuͤr  Vorurtheile  eingenommen  war,  und  immer  mehr
Liebe  zum  Neuen  als  zum  Alten  hatte.  In  dreißig,  vierzig
Jahren  mußte  man  nothwendig  Wirkungen  der  ausgestreuten
Wahrheit  sehen,  und  Schriften  eines  beliebten  Universitaͤtslehrers
  konnte  auch  paͤbstliche  Tyrannei  nicht  unterdruͤcken,  denn
sie  giengen  unter  den  Schuͤlern  von  Hand  zu  Hand,  und
welche  Menge  von  Schuͤlern  mußte  nicht  ein  Mann  von
Wiklifs  Feuer  haben,  wenn  er  gerade  auf  dem  rechten  Platz
steht?

Die  Geschichte  der  Schuͤler  Wiklifs  fuͤhrt  zu  der  Geschichte
  der  Boͤhmischen  Religionsunruhen,  welchen  zwar
Huß  den  Namen,  aber  außer  dem  Namen  kaum  viel  weiter
als  eine  Hauptveranlassung  des  heftigern  Ausbruchs  gab.
Das  eigentlich  Dogmatische  bei  denselben  war  nicht  sowohl
seine  eigene  als  seiner  Freunde  Sache.

g.  29.
Böhmische  Unruhen.

Fohann  Huß  war  schon  nach  Costnitz  abgegangen,  dort
gegen  die  Beschuldigungen  seiner  Feinde  sich  zu  vertheidigen;
auch  sein  treuer  Gehülfe  Hieronymus,  der  Wiklifs  Weinungen
  in  England  gelernt  hatte,  war  bereits  auf  dem  Weg,
als  der  einmal  bei  den  Böhmen  geweckte  Untersuchungsgeist
eine  Spur  der  unterdrückten  Wahrheit  entdeckte  deren  augenblickliche
  Benutzung  so  viel  größeres  Aufsehen  machen
        <pb n="303" />
        291

mußte,  weil  sie  auf  das  Aeußere  des  Gottesdiensts  Einfluß
hatte.

Durch  Zufall  erfuhr  nehmlich  ein  Prediger  in  Prag,  der
kleine  Jakob  von  Mieß,  daß  es  bloß  Mißbrauch  neuerer
Zeiten  sey,  im  Abendmahl  dem  Volk  den  Kelch  zu  versagen,
und  mit  einer  Gierigkeit,  womit  man  sich  gewoͤhnlich  für
lange  Unterdrückung  rächt,  fieng  er  sogleich  selbst  an,  den
Laien  den  Kelch  auszutheilen.  Neuheit  und  allgemein  fühlbare
  Wahrheit  verschafften  ihm  alsbald  einen  großen  Anhang,
und  seine  Partie,  selbst  durch  Hussens  Schicksal  gewarnt,
wollte  den  klaresten  Mißbrauch  der  Kirche  nicht  erst  auf  die
Beurtheilung  der  damals  zu  Costnitz  versammelten  Synode  1415
ausgesetzt  seyn  lassen.

Diese  Synode  aber  fand  weder  nöthig  noch  nützlich,  was
Christus  befohlen  hatte,  und  machte  mit  unerhörter  Kühnheit
zum  Kirchengesetz,  was  vorher  bloß  schlimme  Observanz  war.
Die  Basler  Synode  wollte  zwar  mit  einem  kargen  Privilegium
  die  Sache  wieder  gut  machen,  aber  die  Böhmen  hatten
  nicht  erst  auf  Erlaubniß  gewartet.  Jiskas  TapferkeitW
gab  ihrer  Gewissensfreiheit  mehr  Versicherung  als  päbstliche
Bullen  und  Synodalvergünstigungen  thun  konnten  oder  wollten.


Schade,  daß  der  erste  reine  Religionseifer  der  Hussiten
durch  die  Intriguen  einiger  vornehmern  sehr  früh  in  politischen
  Sectengeist  und  elenden  Fanatismus  ausartete;  kaum
blieb  noch  unter  manchen  schändlichen  Partien  ein  kleiner
guter  Haufen  übrig.

Nie  ist  diese  Bbhmische  Partie  auf  eine  so  beträchtliche
Stufe  dogmatischer  Besserung  gekommen,  daß  man  sie  gern
als  Vorläufer  der  großen  Reformation  ansehen  möchte;  sie

steht  auch  in  keinem  historischen  Zusammenhang  mit  den
19  *
        <pb n="304" />
        292

Saͤchsischen  Reformatoren,  und  hat  leider  kaum  das  wenige
bewahrt,  was  sie  anfangs  als  Wahrheit  entdeckt  hatte.
g.  30.

Verdiente  aber  wohl  eine  Dogmatik  noch  den  Namen
Christlicher  Glaubenslehre,  die  sogar  das  Gesetzgeber-Ansehen
  Christi  nicht  mehr  zu  erkennen  schien?  Bisher  hatten
sie  nur  zu  dem,  was  Christus  befohlen,  hinzugethan,  nun
fiengen  sie  an  davon  zu  thun,  und  wenn,  wie  man  damals
erwarten  konnte,  mehrere  solcher  ökumenischen  Synoden  sollten
  gehalten  werden,  so  war  wenig  Hülfe  zu  hoffen;  denn
die  Professoren  und  Scholastiker,  des  alten  Gangs  schon  einmal
  durch  Beruf  und  viele  eigene  Bestrebungen  gewohnt,
waren  auf  diesen  Synoden  Partie  und  Richter.  Selbst  ein
Mann  von  Gersons  Frommigkeit  sah  die  wichtigsten  Glaubensfragen
  immer  nur  im  Nebel  seiner  Atmosphäre.
Doch  fand  sich  gerade  in  dem  geitalter,  wo  das  Verderben
  in  Theologie  und  Religion  aufs  höchste  gestiegen  zu
seyn  schien,  fast  noch  reichlicher  als  vorher  manches  Gute,
das  demselben  entgegen  wirkte.  Die  Mystik  bekam  schnell
nach  einander  einige  große  Schriftsteller,  das  Predigen  in
den  Muttersprachen.  wurde  gangbarer  als  vorher;  hie  und
da  standen  Eiferer  für  das  praktische  Christenthum  auf,  welche,
  selbst  wenn  sie  auch  so  viele  Fehler  begiengen  als  Hieronymus
  Savangrola,  doch  in  der  Sphäre,  in  der  sie  sich
befanden,  viel  gutes  wirkten.  In  der  Dogmatik  waren  noch
immer  viele  Irrthümer  einzig  durch  Herkommen  und  Namen
großer  Lehrer,  nicht  durch  Kirchengesetze  geheiligt;  ein  kluger
Freund  der  Wahrheit  konnte  mancher  unterdrückten  Wahrbeit
  still  ans  Licht  helfen,  nur  wehe  wenn  sie  als  stireitige
Frage  zur  Entscheidung  nach  Rom  oder  für  eine  Synode
kam!
        <pb n="305" />
        203

Ueberhaupt  befand  sich  seit  der  Mitte  des  fünfzehnten
Jahrhunderts  die  ganze  Christenheit  wie  in  Ansehung  der
Hierarchie  so  besonders  auch  in  Ansehung  der  Dogmatik  in
einer  sehr  wichrigen  Krisis,  ob  zur  endlichen  Enthüllung  der
Wahrheit  oder  ihrer  mehrern  Verdunklung,  war  damals  noch
gar  nicht  vorauszusehen.  Wohl  wurde  durch  die  erfundene
Buchdruckerei  die  allgemeine  Ideencirculation  unendlich  mehr
beschleunigt,  als  vorher  auch  bei  den  engsten  und  häufigsten
Verbindungen  der  Menschen  möglich  gewesen  war;  aber  alles
bieng  alsdenn  doch  davon  ab,  welche  Ideen  in  einen  so  allgemeinen
  Umlauf  gebracht  wurden,  und  ob  nicht  die  Möbste
und  der  Klerus,  wie  es  doch  bald  schien,  Gewalt  bekamen,
diesen  Strom  zu  hemmen  und  zu  leiten,  wohin  er  ihren  Absichten
  gemäß  fließen  sollte.

Durch  die  in  Italien  und  Frankreich  wieder  hervorbrechen
den  Wissenschaften  wurden  zwar  die  Köpfe  aufgeklärter,  aber
diese  Aufklärung  schien  dem  Laster  oft  nur  mehr  Verfeinerung,
der  Philosophie  nicht  mehr  Wahrheit,  sondern  nur  mehr  Skepticismus
  zu  geben.  Fegfeuermährchen  und  Marienthorheiten
waren  zwar  zu  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  das  Thema
  der  witzigsten  Köpfe  geworden,  aber  die.  Geistlichen  vergalten
  den  Spott  mit  Feuer  und  Schwerdt,  und  wenn  es  auch
nicht  so  weit  kam,  so  hätten  wir  doch  durch  allen  diesen  Spott
höchsiens  eine  verfeinertere  päbstliche  Religion  bekommen.
Die  Wirkung  aller  solcher  Hülfsmittel  war  ohnedjeß  immer  zu
langsam;  wie  viele  Umstände  konnten  dazwischen--kommen,
bis  sie  nur  zu  einiger  Vollendung  kam.  Wenn  je  einmak  ddie
Wahlheit  in  ihre  ganze  Rechte  wieder  eingesetzt  werden  sollte,
so  schien  so  viel  günstiges  zusammentreffen  zu  müssen,  als
kaum  von  dem  glücklichsten  Zufall  erwartet  werden  konnte.:
        <pb n="306" />
        294

Die  Vorsehung  erbarmte  sich,  und  ließ  zu  gleicher  Zeit
zwei  Maͤnner  geboren  werden,  welche  gleich  groß  an  Muth
und  an  Verstand,  an  Wahrheitsliebe  und  an  Fähigkeit,  ihrem
Zeitalter  dieselbe  mitzutheilen,  gerade  in  die  Lage  versetzt
wurden,  welche  zur  Wirkung  auf  ihr  Zeitalter  die  bequemste
war.

#.  31.
Bemerkungen  über  das  Ganze  dieser  Periode.

Es  macht  in  der  Geschichte  solcher  dunkeln  und  verdorbenen
  Jahrhunderte  eine  der  rührendsten  Betrachtungen  aus,
an  welche  sich  der  unparteiische  Historiker  nicht  früh  genug
gewöhnen  kann,  in  dem  historischen  Zusammenhange  ganzer
Zeitalter  nachzuforschen,  wie  aus  der  Uebertreibung  gewisser
Fehler,  aus  der  allzudrückend  gewordenen  Last  gewisser  Uebel
immer  auch  wieder  Vortheile  unmittelbar  entsprangen,  wodurch
  die  Natur  einen  Ersatz  gab  und  ein  Glück  schenkte,
das  sie  vielleicht  bloß  gerade  in  diesem  Zuftande  mittheilen
  konnte.  «

So  war  die  Scholastische  Theologie  das  unerklaͤrbarste
Gewebe  unverstaͤndlich  spitzfindiger  Saͤtze  geworden,  das  durchaus
  bloß  in  der  barbarischen  selbstgemachten  Lateinischen
Sprache  vorgetragen  werden  konnte.  Ein  Gluͤck  fuͤr  das
Volk.  So  konnte  mancher  dogmatische  Irrthum  nicht  bis
zum  Volksunterricht  durchdringen.  So  blieb  in  den  Gemuͤ-thern
  des  Volks  jene  Leerheit,  aus  welcher  so  nothwendig
Sehnsucht  und  Faͤhigkeit  zur  Reformation  entspringt,  eine
Faͤhigkeit,  die  dem  gelehrten  Manne  oft  selbst  durch  seine
Gelehrsamkeit  genommen  wird.

Parteigeist  und  Observanzorthodorien  waren  zwar  durch
das  Ansehen  großer  Scholastiker  emporgekommen,  aber  eben
dadurch  war  auch  der  Römischen  Entscheidungssucht  in
        <pb n="307" />
        205

Glaubenssachen  ein  Ziel  gesetzt,  und  bei  dem  Untrüglichkeitsehrgeiz,
  womit  der  Roͤmische  Bischof  jede  seiner  Entscheidungen
  auf  ewig  behaupten  mußte,  waren  doch  Partiegeist  und
Observanzorthodorie  immer  noch  erträglichere  Uebel  als  päbstliche
  Decrete,  weil  jene  einer  Abwechselung  von  Zeit  und
Umständen  unterworfen  waren.

Die  Hierarchie  hatte  sich  zwar  auf  Kosten  des  Staats
vergrößert,  die  Kloster  =  und  Weltgeistlichkeit  war  offenbar
zu  reich  und  zu  mächtig  geworden,  aber  unstreitig  gab  doch
das  hieraus  entspringende  Uebel  dem  drückenden  Feudalsystem,
unter  welchem  die  ganze  Gesellschaft  litt,  ein  so  vortheilhaftes
Gegengewicht,  daß  gerade  aus  der  Mischung  zweier  Uebel
ein  allgemeiner  Nutzen  entsprang.  Der  Klerus  war  doch
noch  immer  selbst  zum  Theil  auch  aus  Interesse  Pfleger  und
Beförderer  der  Wissenschaften;  bei  der  fortdaurenden  entschiedenen
  Uebermacht  desselben  wurde  also  auch  immer  ein  Keim
für  die  Nachwelt  erhalten,  der  so  schwach  er  auch  war,  doch
immer  wieder  einen  ersten  starken  neuen  Reiz  zur  Aufklärung
  geben  konnte.

Die  Vorsehung  mißt  mit  bewunderungswürdiger  Weisheit
  verschiedenen  Zeitaltern  bei  allem  Schein  der  schröckendsten
  Verschiedenhcit  vielleicht  doch  fast  gleich  zu.  Die  Menschen
  schätzen  gewisse  Zeitalter  nach  gewissen  in  die  Augen
fallenden  großen  Uebeln  und  großen  Vortheilen,  ohne  aufmerksam
  zu  seyn,  wie  sich  oft  jene  durch  mehrere  gleichzeitige
kleine  Vortheile  ersetzen,  und  diese  durch  gleichzeitige  kleine
Uebel  geschwächt  werden.
        <pb n="308" />
        1095

E
1109

1119

1121

tt·

1122

1130

1147
11580

1153

1160

1170

296

Synode  zu  Piacenza.  Das  folgende  Jahr  zu  Clermont.
  Was  nicht  der  einfaͤltige  Peter  Einsiedler,
ausgerichtet.

Gottfried  von  Bouillon,  Herr  von  Jerusalem.

Durch  Anselms  Tod  wird  endlich  in  England  einige
Ruhe  zwischen  Staat  und  Kirche.  Schade  fuͤr  den
scharfsinnigen  Kopf!  «

Conc.  des  P.  Calirt  II.  zu  Rheims.  Juvestiturkrieg.

Priestercölibgt.

Der  arme  Castrat  Abälard  fählt  auf  der  Synode  zu
Soissons  den  ganzen  Haß  der  unaufgeklärten
Geistlichkeit.  Mit  allen  Classen  von  Menschen
bhatte  dieser  neurende  Kopf  Händel.  .

Wormser  Concordat,  dessen  den  nachfolg.  Kais.  Lothar
II.  wieder  hat  reuen  wollen.

Aufblühen  der  Schulen  zu  Bologna,  Paris.  Schon
ist  in  fünf  und  zwanzig  Jahren  die  daher  entffehende
Revolution  allgemein  fühlbar.

Kreuzzug  gegen  die  Wenden.

Seit  der  Mitte  dieses  Jahrhunderts  Probincialsynoden
immer  seltener.  Verlöschen  der  arisiokr.  Hierarchie.
Die  Kirche  wird  Monarchie.

Bernhard  von  Clairvaur  hat  den  Regierungsantritt
Kais.  Friedr.  I.  kaum  noch  erlebt.  Sein  Gegner
Peter  der  Ehrwürdige  starb  das  folgende  Jahr.  Ihr
Zeitgenosse  ist  der  Stifter  des  Prämonstr.  Ord.  der
h.  Norbertk.

Peter  der  Lombarde,  B.  von  Paris.  Alerander  III.
rächt  sich  durch  kräftige  Ercommunication  an  K.
Fried.  1.

Anfang  der  Waldenser.  Ermordung  des  Englischen

Hildebrands,  Thomas  Bekket.

rn  erobert  Jerusalem.  Unglücklicher  Entschluß

Friedrichs  I.  zum  Kreuzzug.
        <pb n="309" />
        1204

1208
1213

122
1230
1245

1248
1250

1250
1200

1274

1275
130
130

297

Innocenz  III.  ist  Pabst,  Kirchen  und  Kloͤster  entledigen
  sich  ihrer  Advocaten.

Capitula  clausa.  Streitigkeiten  wegen  der  Bischofwahlen
  werden  selten  mehr  vor  einer  Synode,  oder
vor  dem  Metropoliten  entschieden,  alles  eilt  nach
Rom.  Laien  von  der  Bischofwahl  ausgeschlossen.

Das  acht  und  fünfzigjährige  Reich  der  Lateiner  zu
Constantinopel  fängt  an.

Albigenser.  Inguisikoren.

England  Lehen  des  Pabsts.  Kais.  Fried.  II.  güldene  Bulle
von  der  Kirchenfreiheit.  Verlust  des  dürftigen  Ueberrests
  der  kgiserlichen  Kirchenrechte.

Innocenz  befiehlt,  daß  man  Transsubstantiation  und
Nothwendigkeit  der  Ohrenbeichte  glauben  solle.  Orden
  der  Dominic.  und  Francisc.  bekräftigt.

Gingis  Chan.

Teutschherren  in  Preussen.

Vierte  Lyoner  Syn.  von  Innoc.  IV.  Kais.  Frie-  II.
in  Bann.

Koͤn.  Ludewig  IX.  von  Frankreich  geht  nach  Aegypten,

Im  Todesjahr  Kais.  Fried.  II.  ist  die  Sorbonne  gestiftet
  worden.

Wilhelm  de  8.  Amore  unversoͤhnlicher  Patriotismus
wieder  die  Bettelmoͤnche.

Ludwigs  des  heil.  Pragmatische  Sanction  vor  Antritt
seines  letzten  Kreuzzugs.

Wie  froh  sangen  die  Griechen  auf  der  Lyoner  Synode
et  silio.  Todesjahr  der  Scholastiker,  Thomas  und

Bonaventura.

Der  Sammler  der  fünf  Decretalbücher  stirbt.

0,  Jubeljahr  erfunden  von  P.  Bonifacius  VIII.  welchem
Nogarets  Hand  bald  empfindlich  schwer  geworden  ist.

1305|Päbstliche  Residenzverlegunge  7
        <pb n="310" />
        298.

1308  Todesjahr  des  Jo.  Duns.

1311
1316
1324

1338
1340
1348

1350

1414
1417
1431
1438
1447

E
1462

Syn.  von  Vienne.  Tempelherrn  der  koͤnigl.  Raubsucht
  preisgegeben.

Geldbedörfnisse  P.  Johann  XXII.  Damals  blühte  zu
Paris  der  Schriftforscher  Nikolaus  von  Lyra.

Bettelmönche  sind  der  Hauptschutz  des  ercommunicirten
  Kaisers  Ludwig.

Churverein  zu  Rense.

Thomas  Bradwardin  und  Jo.  Tauler.

Prag  die  erste  Univer.  in  Teutschland.  Carl  IV.  und
Petrarch.

Die  Rdmischen  Finanzen  können  nicht  auf  ein  hundertjähriges
  Jubiläum  warten.

Wiklif  über  die  Bettelmönche.  Der  liber  conformi.
tatum  S.  Francisci  erschien  bald  nachher.

Der  Pabst  ist  wieder  in  Rom:  aber  kaum  zwei  Jahre,
so  hat  man  ihn  in  Rom  und  Avignon  zugleich.

Jagello,  Herzog  von  Litthauen,  erhält  durch  Annahme
des  Christenthums  die  Polnische  Krone.

Der  Avignoner  Pabst  fluchtet  sich  nach  Catalonien.
Die  Synode  von  Pisa  macht  den  dritten  Pabst  noch
dazu.

Costnitzer  Synode.  Huß.  Jacob  von  Mieß.  Ein  Pabst.

Conc.  nat.  German.  Constaniiensia.

Basler  Synode.  Acneas  Syldius.

Pragmatische  Sanction  der  Französ.  Kirche.

Aschaffenburger  Modificationen  der  Teutsch.  Concordate,
der  angenommenen  Basler  Decrete.  Damals  war
Lorenz  Valla  in  seinem  grösten  Flor.

Die  Sophienkirch-  zu  Constantinopel  eine  Moschee.

Bei  der  Eroberung  von  Mainz  werden  die  Buchdrucker
aus  reinander  gejagt.
        <pb n="311" />
        1471

1491

1405

1511

1510

1517

299
Im  Todesjahr  Thomas  von  Kempis  wurde  der  schaͤndliche
  Sixt  IV.  Pabst.
Christoph  Colon  gieng  auf  die  Reise  nach  Guapahani,
nachdem  Granada  erobert:  war.  .

Marmilian  auf  dem  Reichstag  zu  Worms.  Carl  VIII.
in  Neapel.

Pisanersynode,  die  letzte  Schroͤcksynode  fuͤr  den  Soldaten,

  Pabst  Julius  II.  ·
Concordate  der  Franzoͤsischen  Nation.  Sie  sind  keine
Gallicaner  mehr.
Acht  Tage  nachdem  der  Bettelmoͤnch  Luther  seine  Theses
  angeschlagen,  starb  der  Bettelmoͤnch  Kimenes.
        <pb n="312" />
        Fünfte  Periodez
von  den

Zeiten  der  Reformation  bis  zu  Ende  des  vorigen
Jahrhunderts.

—  —

Nothwendige  Aenderung  des  bisherigen  Plans.  Das
ganze  zerfaͤllt  nun  in  so  viele  Haupttheile,  als  verschiedene
große  Partien  in  der  Christlichen  Kirche  sind.  Die  Geschichte
  der  Griechischen  und  anderer  Morgenländischen  Partien
läßt  man  ohne  Schaden  hinweg;  das  Leben  eines  Menschen,
der  nur  vegetirt,  wird  kein  Geschichtschreiber  erzählen.

Es  bleiben  also  übrig:  Alte  Kirche.  Lutheraner.
Reformirte.  Die  Geschichte  der  auf  beiden  Seiten  abschweifenden
  Haufen,  Schwärmer  und  Gegner  der  positiven
  Religion.  Geschichte  der  Atheisten  kann  ein  kleiner
  Anhang  bey  den  letztern  werden.  Bei  allen  diesen  Partien
  ihre  Ausbreitung,  ihre  kirchliche  Verfassung,  ihre  Dogmatik
  in  besondern  Capiteln  erzählen,  würde  öfters  nicht
möglich  seyn  und  immer  eine  unnütze  Menge  von  Abtheilun.
gen  erzeugen.

Quellen  dieser  Geschichte.

Der  Strom  von  Nachrichten  fließt  hier  st)  voll,  daß  man
dem,  der  nur  kurzen  allgemeinen  Unterricht  verlangt,
kaum  zu  rathen  weis.  Seckendorf  (historia  Lutheran.)
  hat  recht  polemisch  genau  viel  gesammelt  und  ist
bei  allem  Reichthum  des  zweiten  Sammlers,  Salig,
doch  immer  noch  unentbehrlich.  (Planks)  Geschichte
        <pb n="313" />
        301

der  Entstehung  des  protestantischen  Lehrbegriffs  (Leipz.
1791.  zweite  verbesserte  Aufl.)  verbunden  mit  Robertsons
  Geschichte  von  Schottland  und  eben  desselben  Geschichte
  Karls  V.,  wird  die  meiste  Aufklärung  verschaffen,
  und  jeden  gefuͤhlvollen  Leser  auf  die  Briefe  der
Reformatoren  aufmerksam  machen.  Burnets  Resormationsgeschichte
  von  England  ist  nach  diesen  das  interessanteste
  Werk  über  diese  Periode.  Ohnediesß  ist  eine
allgemeine  Reformationsgeschichte  immer  ein  minder
nützliches  und  nur  halb  wahres  Werk.  Man  muß  alle
in  einander  laufende  Fugen  der  vorhergehenden  politischen
und  kirchlichen  Verfassung  einen  jedes  einzelnen  Landes
wissen,  wenn  man  ganz  wahre  Reformat.  Gesch.  haben
will.  «  .
Weismanns  Kirchengeschichte  wird  eigentlich  erst  von  diesem
  Zeitpunct  an  recht  schätzbar.  Bossuet  (histoire
des  variations)  hat  in  boͤser  Absicht  viel  gutes  und
wahres  gesagt;  unter  seinen  Widerlegern  zeichnet  sich
Basnage  vortheilhaft  aus.

§.#  1.
Luther  eifert  gegen  den  Ablaß.  Kommt  in  Bann  und  Acht.

Auf  der  neuen  Universität  Wittenberg  befand  sich  ein
frommer  Augustinermönch,  als  Professor  der  Theologie,  D.
Martin  Luther,  welchen,  gleich  wie  er  hier  auftrat,  sein
Eifer  gegen  die  damalige  Philosophie  und  für  Eregese,  wie
überhaupt  fuͤr  allgemeineres  Bibelstudium,  zum  Schbpfer  einer
  neuen  Denkungsart  seines  Zeitalters  zu  machen  schien.
Wenn  der  eifrig  fromme  Mann  Beichte  saß,  so  brachten  ihm
oft  seine  Beichtkinder  Indulgenzzettel  von  einem  in  der  Nähe
brandschatzenden  Ablaßkrämer  Tetzel,  und  glaubten  damik
ihrer  Sündenschuld  los  zu  seyn.  Wie  gewaltig  das  den
        <pb n="314" />
        302

Mann  gekränkt  haben  muß,  der  aus  Schrift  und  Erfahrung
ganz  andere  Begriffe  von  Vergebung  der  Sünden  hatte,  als
solche  Fuggerische  Factors,  die  nur  ihrem  Herrn  sein  Pränumerationsgeld
  wieder  zu  verschaffen  suchten!

1517  Er  schricb  theses  gegen  diesen  Unfug  und  predigte  gegen
diesen  Unfug;  was  sollt'  er  schweigen?  Kein  vernünftiger
Katholik  billigte  die  Meinungen  dieser  Maͤkler.  Laͤngst  war
auf  Reichstagen  uͤber,  diese  Blutigel  geklagt  worden,  und
fromme  Leute  hatten  immer  das  Zutrauen,  selbst  der  Pabst
wuͤrde  diesen  ihm  sonst  so  nuͤtzlichen  Menschen  steuren,  wenn
er  alles  recht  genau  wuͤßte.  Die  Ordensbruͤder  Tetzels  aber,
die  Dominicaner,  fielen  über  den  Wittenbergischen  Augusiinermönch,
  wie  über  eine  längst  erwartete  Beute  her,  daß  es
alle  aufgeklärte  Männer  des  damaligen  Zeitalters  erbarmte,
selbst  nach  Reuchlins  und  Huttens  Siegen  diese.  Schutzpatronen
  der  Dummheit  noch  so  mächtig  zu  sehen.

Luther  hätte  auch  nicht  schneller  nach  Rom  zur  Verant-1518

  wortung  gefordert  werden  können,  wenn  er  gegen  den  Pabst
selbst  geschrieben  hätte,  als  jezt  bei  dieser  Dominicanerfehde
geschah;  aber  gleich  die  erste  Hoffnung,  den  Proceß  zu  Rom
schnell  geendigt  zu  sehen,  mißlang  seinen  Gegnern.  Doch
selbst  auch  der  päbstliche  Legat,  welcher  Luthern  zu  Augsburg
  verhdren  mußte,  war  ein  Dominicauer;  und  Luthers

eben  so  demüthige  als  entschlossene  Widersetzlichkeit  gegen
alle  Schmeichceleien  des  Card.  Thomas  Vio  von  Gaeta  machte
schon  ganz  den  Mann  kenntlich,  der  es  innigsi  fühlte,  daß
es  keine  höhere  Pflicht  gebe,  als  Gehorsam  gegen  Gott  und
seine  Wahrheit.
Ein  glücklicher  Zeitpunct  für  den  bedrängten  Mann,  daß
gerade  sein  Churfürsi  Reichsvicarius  wurde,  und  selbst  auch
der  neugewählte  Kaiser  Karl  V.  schien  für  ihn  der  erwünsch-
        <pb n="315" />
        30
teste  Kaiser  zu  seyn.  Durch  wie  viel  Ränke  hatte  nicht  Leo
gesucht,  Karln  um  diese  Krone  zu  täuschen,  welche  ihm  die
uneigennützige  Großmuth  des  Churfürsten  von  Sachsen
überließ!  In  wie  viele  Streitigkeiten  war  nicht  immer  ein
Koͤnig  von  Neapel.  mit  seinem  Lehensherrn  verwickelt!

Bis  aber  der  neue  Kaiser  aus  Spanien  ankam,  hatte
sich  durch  eine  bffenkliche  Disputation  mit  dem  Hauptvertheidiger
  der  Gegenpartie,  mit  Joh.  Ecken,  die  Sache  Luthers
schon  so  verschlimmert,  daß  bereits  von  Rom  die  Bannbulle
da  war,  und  doch  wollte  Karl  den  ercommunicirten  Mönch
auf  seinem  ersten  Reichstag  zu  Worms  noch  einmal  hoͤren.
Doch  was  half  dieses  Hören?  Immer  hat  Luthers  Sache
auf  Karlu  Eindruck  gemacht,  und  immer  hat  er  sie  bloß  nach
Convenienz  seiner  gerade  vorhabenden  Projecte  entschieden.
Dem  Pabst  zu  Ehren,  kommt  Luther  in  die  Acht  und  Friedrichen
  zur  Dankbarkeit  wird  gestattet,  daß  der  von  Staat
und  Kirche  verworfene  Mönch  auf  einem  kleinen  Schloß  verborgen
  werden  darf.

.  H.å.
·  åwingll  wird  durch  gleiche  Veranlassung  Resormator.
Karlstadts  Unruhen.

Was  nützte  es  aber  den  freimüthigen  Augustinermönch
so  einzusperren?  Der  einmal  laut  gewordene  Ton  des  Zeit,
alters  ließ  sich  nicht  dampfen.  Ueberall  traten  schon  Männer
  mit  ähnlichen  Meinungen  auf,  besonders  zu  Zürich  sprach
Ulrich  Zwingli  noch  bestimmter  und  aufgeklärter  als  Luther;
schade  für  den  edlen  Mann,  daß  er  nur  so  kurze  Zeit  auf
der  Scene  blieb.

Selbst  in  Wittenberg  war  deswegen  doch  nicht  Ruhe.
Milipp  Melanchthon  reformirte  zwar  nicht,  aber  er  schwang
die  Fackel  der  aufklärenden  Wahrheit  so  mächtig,  daß  sich
        <pb n="316" />
        304

anderen  des  Reformirens  nicht  enthalten  konnten,  und  waͤre
doch  nur  Luther  in  Wittenberg  geblieben  —  ein  aͤlterer  College
  in  der  theologischen  Facultaͤt  daselbst  Andreas  (Bodenstein
  von)  Carlstadt  warf  sich  unterdeß  zum  stuͤrmenden  Reformator
  auf,  der  Mann  hatte  viel  Eifer,  aber  wenig  Weisheit.
  Den  Era#mussen  war  schon  Luther  zu  viel  Elias,  der
Churfuͤrst  selbst  wollte  geschont  wissen,  und  die  neuen  Propheten
  hätten  wahrhaftig  keinen  Anführer  gebraucht.  Unerwartet
  kehrte  also  Luther  wieder  nach  Wittenberg  zurück,  nahm
dankbar  manches  an,  was  sein  College  gethan,  aber  er  sah
sehr  richtig,  daß  durch  die  Publication  des  N.  T.  das  er
auf  der  Wartburg  übersetzt  hatte  "),  unendlich  mehr  ausgerichtet
  werden  würde,  als  durch  Bilderstürmen;  und  wie  viel
.  gewann  man  nicht,  wenn  man  langsam  zu  Werk  gieng!
Ein  großer  Theil  der  Fürsten  stand  noch  auf  dem  Schei-1522
  dewege.  Die  auf  dem  Reichstag  zu  Nürnberg  übergebenen
Beschwerden  bewiesen  genugsam,  wie  wenig  sie  Sklaven  des
Pabsis  seyn  wollten,  aber  allzurascher  Fortgang  der  Reformation
  mußte  sie  alle  zurückschröcken;  kein  weiser  Augenarzt
führt  den  Menschen  ins  helle  Sonnenlichr,  dem  so  eben  der
Staar  gestochen  worden.  Immer  zeigt  sich  anfangs  ohnedieß
bei  solchen  Totalrevolutionen  des  menschlichen  Geistes  als
die  Reformation  war,  wie  manche  Bahnen  der  erste  Eifer
sich  zu  brechen  sucht,  welche  nur  auf  der  entgegengesetzten
Seite  von  der  Wahrheit  abführen  und  wie  die  richtigsten  der
neu  gefundenen  Ideen  mißbraucht  werden,  weil  die  Kopfe
nicht  gereinigt  genug  sind,  und  die  neue  Wahrheit  zum
Werkzeug  ihrer  Lüste  misbrauchen.  6

»)  Diese  Uebersetzung  sollte  dem  Volk  die  Augen  öffnen,  wie
Melauchthons  loci  theologici  das  Handbuch  der  Gelehrten
wurden.
        <pb n="317" />
        305

So  hat  es  wohl  Luthern  manche  Bekümmerniß  erweckt,
daß  die  Bauern,  seufzend  unter  dem  Drucke  ihrer  besonders
damals  sich  häufenden  Steuern,  aus  seiner  trefflichen  Lehre
von  Chrisilicher  Freihcit  ein  Rebellenprivilegium  gegen  die  1524
Obrigkeit  machten,  und  Zwingels  neue  Meinungen  vom  Abendmahl
  mußten  ihm  ein  Probestück  des  menschlichen  Geisies
scheinen,  der,  weil  ihm  bisher  so  manches  erlogene  Geheimniß
  aufgeheftet  wurde,  nün  alles  allein  nach  seiner  vernünftigen
  Einsicht  richten,  und  inicht  mehr  blindlings  dem  Worte
des  Allwissenden  glauben  wolle,

§.  3.
Glücklicher  Fortgang  der  Ref.  unter  Joh.  dem  beständigen.

So  lange  übrigens  Churfürst  Friedrich  der  weise  lebte,
so  hielt  sich  Luther  selbst  in  manchem  zurück,  und  er  konnte
seinen  neu  entdeckten  Wahrheiten  so  lange  keine  allgemeine
Fortdauer  und  vollkommene  Sicherheit  verfprechen,  bis  durch
dieselbe  recht  sichtbare  Veränderungen  im  politischen  Sysiem
würden  hervorgebracht  worden  seyn,  und  die  Teutschen  Regenten
  auch  aus  persönlichem  Interesse  dieselbe  begünstigten.

Dem  weisen  Friedrich  folgte  in  der  Regierung  sein  Bruder
  Johann  der  besiändige,  und  unter  dem  Schutze  dieses  1525
entschlossenern  Fürsten  fand  Luther  sich  und  seine  Sache  so
vollkommen  gesichert,  daß  er  nun  sogar  zu  heurathen  sich
unterstand,  nachdem  er  schon  das  Jahr  vorher  die  Kutte  mit
dem  Weltpriesierrock  vertauscht  hatte.  Politisch  klug  schien
es  wohl  damals  nicht  zu  seyn,  den  bittern  Hohn  seiner  Feinde
  und  die  sorgevollen  Vorstellungen  seiner  Freunde  gerade
zu  einer  solchen  Zeit  zu  verachten,  da  die  Schlacht  bei  Pavia
  den  Kaiser  zum  Herrn  seines  einzigen  furchtbaren  Nebenbuhlers
  machte,  und  über  die  Veränderung  in  Preussen  auf
Reichstagen  sehr  viel.  geklagt  wurde.

Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  20
        <pb n="318" />
        306

Albert  ein  Brandenburgischer  Prinz,  bisher  Hochmeister
des  Tentschen  Ordens  in  Preussen,  machte  nehmlich  das
Teutschordensland  zum  erblichen  Herzogthum,  wurde  Polnischer
  Vasall,  heurathete  bald  hernach,  und  fuͤhrte  evangelische
Religion  ein.  Wie  verfuͤhrerisch  mußte  sein  Beispiel  fuͤr
die  Bischoͤfe  seyn!  Wie  ällgemein  der  Beifall  der  neuen
Lehre,  wenn  ihre  Annahme  das  Wahlfürstenthum  zum  Familiengut
  des  Regenten  machen  konnte,  wie  geschärft  mußte
aber  eben  daher  auch  die  Aufmerksamkeit  der  Altkatholiken
werden,  diesem  drohenden  gänzlichen  Nuin  zuvorzukommen-Nichts
  war  ihnen  ohnedieß  damals  über  die  Freude,
den  großen  Erasmus  zu  einer  Schrift  gegen  Luthern  gebracht
zu  haben,  und  selbst  der  heftige  Ton,  in  welchem  sich  der
Wittenbergische  Reformator  zur  härtesten  Antwort  anließ,
schien  dießmal  nicht  die  Wirkung  haben  zu  können,  welche
fast  niemals  bei  den  Teutschen  Schriften  desselben  fehlte.
1526  Der  Reichstag  zu  Speier  verschaffte  endlich  doch  seiner
Partie  wenigstens  so  viele  Religionsfreiheit,  daß  dem  Gewissen
  eines  jeden  überlassen  wüutde,,  wie  er  es  bis  zur  Entscheidung
  einer  allgemeinen  Synode  in  seinem  Lande  halten
wollte.  Kaiser  Karl  bekam  an  dem  losgelassenen  König  Franz
einen  heftigern  Gegner,  als  er  vorher  gehabt  hatte,  und  sein
Bruder  Ferdinand  konnte  bei  dem  besorglichen  Verlust  des
ihm  zugefallenen  Königreichs  Ungarn  an  eifrige  Unterdrückung
der  neuen  Partie  gar  nicht  denken.  Nie  schien  sich  demnack
alles  glücklicher  zu  entwickeln,  als  gerade  in  diesem  und  dem
1527  folgenden  Jahr.  Pabst  Clemens  VII.  wurde  von  Karls  Ge
neral  so  gezüchtigt,  als  kaum  seit  Nogarets  Zeiten  ein  Pabs
bedrängt  worden  seyn  mag.  Wittenberg  war  nun  nicht  meh
einziger  Mittelpunct  der  Reformation,  wo  alle  Theologer
für  dieselbe  gebildet  werden  mußten.  Durch  die  unermüdet
        <pb n="319" />
        307
Sorgfalt  des  heroischen  Landgraf  Philipps  von  Hessen  hob
sich  auch  die  neu  gestiftete  Universitaͤt  Marburg,  und  überhaupt
  war  durch  den  Beitritt  dieses  Fuͤrsten,  der  damals
ganz  Hessen  ungetheilt  besaß,  fast  eben  so  viel  gewonnen  als
durch  den  Beitritt  eines  Churfuͤrsten  ‚wenn  schon  oft  seine
aufbrausende  Hitze,  wie  damals  bei  deit  halb  wahren  Packischen

  Nachrichten  sich  zeibts,  der  neuen  Partie  manchen  Verdruß

  erweckt  hat.  1

——

Luthers  allgemeiner  Beifall  uschränkte  sich  auch  schon

lange  nicht  mehr  auf  Teutschland  ein.  Nicht  nur  daß  einzelsne
  große  Männer  und  ganze  Volkshaufen  in  andern  Ländern
seinen  Meilinügen  folgten,  sondern  selbst  die  beiden  Könige

in  Norden,  Friederich  in  Dänemark  und  Gustav  Wasa  im

Schweden,  erklärten  sich  feierlich  auf  Reichstagen  für  seine

Partie.  Ach!  wie  hat  der  uneigennützig  redliche  Luther  so
oft  bedauert,  daß  sich  in  diesen  beiden  Reichen  der  ganze
Gang  der  Reformation  so  fast  einzig  nach  politischen  Absichten
  hat  müssen  lenken  lassen,  und  wie  viel  froher  war  er  darüber,
  daß  nun  endlich  sein  Churfürst  sich  entschloß,  die  alte
Hierarchie  in  seinem  Lande  zu  zerstbren,  eine  eigene  Kirchenvisitation
  anzuordnen,  und  als,  Landesherr  die  von  den  Bischöfen
  mißbrauchten  und  versäumten  Rechte  zu  ihrem  gchörigen
  Zweck  zu  benötzen:

1526

Luther  lernte  bei  dieser  Visitation  durch  die  traurigsten  1527

Erfahrungen,  wie  nothwendig  die  Abfassung  eines  populaͤren

Religionsentwurfs  sey;  eines  etwas  groͤßeren  fuͤr  die  unwissenden

  Leiter  des  Volks,  und  eines  kleineren  für  den  eigenen
Gebrauch  der  Laien.  Diesen  zwei  Katechismen  har  die  evangelische
  Lehre  in  der  Sphäre,  für  welche  sie  bestimmt  waren;
eben  so  viele  herrliche  Wirkungen  zu  danken,  als  dem  theologischen
  Grundriß  Melanchthons  unter  den  Gelehrten.

20
        <pb n="320" />
        308

Zehen  Jahre  waren  es  nun,  seitdem  Luther  seine  theses
angeschlagen,  und  schon  hütten  seine  Meinungen  in  allen
Theilen  des  cultivirten  Enkopa  den  ausgebreitetsten  Beifall.
Schon  hatten  sich  die  Bekenner  der  neuen  Lehre  in  eine  eigene
  außere  Gesellschaft  vereinigt.  Schon  eristirte  eine  Kirche
die  seinen  Namen  mit  eben  so  vielem  Ruhme  tragen  konnte,
als  damals  die  katholische  mit  gerechter  Schmach  den  Namen
des  Pabsis  tragen  mußte.  Daß  das  Feuer,  das  er  angezündet
  hatte,  nun  so  helle  brannte  und  daß  selbst  sein  gekrönter
Antagoniste  in  England  aus  Ueberdruß  an  seiner  Gemahlin
auch  vom  Ueberdruß  an  der  Rmischpäbstlichen  Oberherrschaft
  befallen  zu  werden  anfieng,  dieß  mußte  den  nur  für
Gottes  Sache  empfindenden  Luther  trösten,  wenn  er  in  seiner
  Nachbarschaft  im  herzoglichen  Sachsen  und  in  Brandenburg
  die  Bekenner  seiner  Lehre  verfolgt  sah,  und  den
noch  kränkenderen  Verdruß  erfuhr,  daß  die  Schweizerischen
Reformatoren  Zwingel  und  Oekolampadius  von  ihrer  ihm
so  ganz  widrigen  Vorstellungsart  der  Lehre  vom  Abendmahl
nicht  abgebracht  werden  konnten.

.  4.
Luther  und  Zwingli  uneinig.  Augsb.  Conf.

1529  Der  bisherige  Genuß  eines  glücklichen  Fortgangs  schien
durch  einen  Reichstagsschluß  zu  Speier  unterbrochen  zu  werden.
  Ferdinand,  der  damals  noch  nicht  fürchtete,  daß  Suleimanns
  ganze  Macht  innerhalb  fünf  Monaten  Wien  belagern
  werde,  brachte  die  nochmalige  Erneuerung  des  Wormser
  Decreis  zu  stande,  und  die  Lage  der  neuen  Kirche  schien,
ungeachtet  der  damals  eingelegten  Protestation  der  protestantischen
  Fürsien,  doppelt  gefährlich  zu  werden,  da
Karl  mit  dem  Pabst  sich  aussöhnte,  und  wahrscheinlich  schon
damals  die  muthigen  Teutschen  Färsten  zum  Opfer  der  Ver-
        <pb n="321" />
        309

soͤhnung  bestimmte.  Vom  Koͤnige  in  Frankreich  war  keine
Huͤlfe  zu  erwarten;  denn  so  eben  hatte  auch  er,  durch  lange
Kriege  erschöpft,  Friede  mit  dem  Kaiser  geschlossen.  Ferdinand
  siegte  mit  Oesterreichischem  Glück  über  die  Türken,  und
was  am  gefährlichsten  schien,'  mit  jedem  Jahr  wurde  die
Trennung  der  Schweizerischen  und  Sächsischen  Reformatoren
größer.

Schon  lange  war  es  auch  nicht  mehr  bloß  Trennung
einzelner  Theologen,  sondern  der  größte  Theil  der  Reichsstädte
  in  Schwaben  und  am  Rhein  hatte  mehr  Zwingels  als
Luthers  Meinung  angenommen,  und  wenigstens  doch  diesen
innern  Zwist  zu  heben,  veranstaltete  Landgraf  Philipp  von
Hessen  ein  Gespräch  zu  Marburg  zwischen  den  Häuptern  bei,
der  Partien,  aber  sein  Ausgang  war  bloßer  Scheinfriede.
Mit  Schrecken  sah  man  also  der  versprochenen  persönlichen
Ankunft  des  Kaisers  entgegen,  und  so  scheinbar  gnädig  auch
das  kaiserliche  Ausschreiben  zu  einem  Reichstag  nach  Augs.  1530
burg  lautete,  so  kannte  man  doch  Karls  arglistige  Schmeicheleien,
  und  der  einzige  seiner  Räthe,  auf  dessen  milde  Gesinnungen
  man  noch  zählen  konnte,  Canzler  Gattinnara  starb
unterwegs.

Der  Kaiser  hatte  versprochen,  die  Sache  der  protestantischen
  Fürsten  selbst  zu  hören.  Sie  liessen  also  durch  den
sanftern  Melanchthon  einen  kleinen  Aufsatz  entwerfen,  welcher
  apologetisch  und  polemisch  die  Hauptsüücke  ihrer  Lehre  enthalten
  sollte.

Der  25.  Junius  war  der  Tag  der  öffentlichen  feierlichen
Verlesung  dieses  Aufsatzes  vor  Kaiser  und  Reich;  man  glaubte
bei  Karln  den  vortheilhaftesten  Eindruck  zu  bemerken,  aber
in  einer  so  projectvellen  Seele,  als  die  seinige  war,  konnten
keine  Wahrheitseindrücke  bis  zur  Thätigkeit  stark  werden.
        <pb n="322" />
        310

Er  häßte  die  Fürsten,  die  im  Stande  waren,  so  unerschrocken
sich  zu  widersetzen,  und  der  Reichstagsschluß  siel  so  hart  aus,
daß  die  protestantischen  Fürsten  gleich  darauf  ein  Vertheidigungsbündniß
  unter  einander  zu  Schmalkalden  schlossen,  und
sogar  manche  der  katholischen  Partie  durch  das  despotische
Verfahren  aufmerksam  gemacht  wurden,  wodurch  K.  Karl
1531  die  Römische  Königswahl  seines  Bruders  Ferdinand  zu  stand

gebracht  hatte.

Einen  symbolisch  verpflichtenden  Aufsatz  für  alle  Lutherische
  Nachwelt  hat  Melanchthon  bey  Entwerfung  seines  Augs-153%

  burger  Aufsatzes  gewiß  nicht  machen  wollen,  und  selbst  nach
mder  Absicht  der  Fürsten  nicht  machen  sollen,  sie  wollten  ohnedieß
  nur  die  vorzüglichsten  Artikel  bestimmen  lassen:
.  aber  durch  das  Auflauren  unserer  Gegner  und  durch  unsere
neigene  oft.  eifersüchtige  Wachsamkeit  gegen  die  Zwinglische

Partie  ist  diese  vortreffliche  Localschrift  zu  einem  Ansehen  gediehen,
  das  ihr  selbst  der  Gegner  aller  symbolischen  Verpflichtung
  unter  allen  Vorschriften  dieser  Art  am  willigsten  gönnen
6.  5.
Sogen.  erster  Rel.  Friede.  Verein  der  Schweizer  und  Sachsen.
Henrichs  VIII.  Pfeudoreformation.

Hätte  nicht  Karl  Ungarn,  das  Königreich  seines  Bruders,
gegen  den  siegreichen  Sulejmann  retten  müssen,  oder  hätte  er
mehr  auf  den  thätigen  Beistand  der  katholischen  Partie  selbst
zählen  können,  so  würde  Luther  den  Jammer  eines  Religionskriegs
  noch  erlebt  haben,  den  er  so  innig  verabscheute;  und

1531  Zwingels  trauriges  Schicksal,  der  gerade  um  diese  Zeit  auf
der  Wahlstatt  bey  Cappel  starb,  mußte  bei  ihm  einen  Eindruck
machen,  gegen  dessen  Folgen  gewiß  nur  der  unöberwindlichste
Glaube  schützen  konnte.
        <pb n="323" />
        311

Wie  sehr  auch  Kleinmuth  beschaͤmt  worden  waͤre!  Gleich
auf  dem  Nürnbergischen  Reichstag  des  folgenden  Jahres  ge—  1532
stand  man  den  Protestanten  wieder  eine  Religionsfreiheit  zu,
welche  zwar  nichts  weniger  als  bestimmter  oder  weniger  karg
war  als  die  bisherigen  Vergünstigungen,  auch  immer  noch  den
fatalen  Synodaltermin  hatte,  und  gegen  die  Schweizerische
Partie  eine  Gränzlinie  zog;  unterdeß  doch  eine  neue  Versicherung
  war.  Das  war  auch  die  letzte  Freude,  die  Churfürst  Johann
  der  beständige  erlebte.  Mchte  er  doch  mehrere  seiner
Eigenschaften  seinem  Sohn,  Johann  Friedrich,  hinterlassen
haben,  als  die  einzige  Treue  gegen  erkannte  Wahrheit.

Alles  entwickelte  sich  uͤbrigens  im  Ganzen  immer  noch
besser.  Die  nothwendige  Abwesenheit  Karls  in  Spauien,  das
unwiederbringliche  Zerfallen  des  Schwaͤbischen  Bundes,  der  bisher
  dem  vertriebenen  Herzog  Ulrich  von  Wirtemberg  an  seiner
Wiederherstellung  hinderlich  war,  die  gluͤckliche  Unterdruͤckung
des  Muͤnsterischen  Fanatismus,  der  Tod  des  Churfuͤrsten  Joachim
  I.  von  Brandenburg,  ein  ueuer  Franzoͤsischer  Krieg  wegen
  Mailand  —  alles  traf  wie  bestellt  zusammen.  Selbst  auch
zwischen  der  Schweizerischen  und  Saͤchsischen  Partie  wurde  zu  1536
Wittenberg  Friede  geschlossen,  und  man  merkt  schon  an  dem
Tone  des  Aufsatzes,  den  Luther  zu  Schmalkalden  machen
  mußte,  wie  viel  seit  sechs  Jahren  gewonnen  worden  seyn
müsse.  Wenn  aus  der  von  P.  Paul  III.  so  ganz  nahe  gezeigten
  Synode  etwas  werden  sollte,  so  wollten  die  Protestanten
freimüthig  sprechen!

Dank  für  den  Segen  Gottes,  der  sie  so  allmälig  ins  freiere
emporkommen  ließ.  Unendlich  wünschenswerth  waren  solche
läuternde  Gefahren,  die  immer  den  Ausgang  der  Sache  verherrlichten,
  —  verglichen  mit  der  Reformationsentwicklung,
welche  durch  die  Launen  eines  Königs  bestimmt  wurde.
        <pb n="324" />
        312

Koͤnig  Henrich  VIII.  von  England  wollte  von  seiner
Gemahlinn  einer  Tante  Kaiser  Karls  V.  geschieden
seyn,  weil  seine  Gewissenszweifel  über  die  Rechtmaͤßigkeit  einer
  Ehe  mit  des  Bruders  Wittwe  durch  Bekanntschaft  mit
der  schonen  Anna  von  Boleyn  bis  zur  Ungedult  verstärkt
worden  waren.  Vergebens  brauchte  der  Pabsi  gegen  den
hastig  verliebten  König  alle  politische  Kunstgriffe  seines  ermü-1531

  denden  Canzleiceremoniels.  Thomas  Cranmer  gab  Vorschläge
  zu  einer  auch  ohne  den  Pabst  gültigen  Ehescheidung,
und  der  König,  der  nun  größtentheils  unter  dem  Einfluß

1531  dieses  vortrefflichen  Mannes  stand,  machte,  dem  Pabste  zum
Trotz,  sich  selbst  zum  Pabst  seines  Reichs.  Aber  keine  Partie
  wußte,  oh  sie  unter  ihm  sich  freuen  oder  trauren  sollte.
Die  Katholiken  ließ  Heinrich  verbrennen,  weil  sie  ihn  nicht
als  Pabst,  nicht  als  rechtmäßig  geschieden  erkennen  wollten,
und  die  Protestanten  mußten  sterben,  weil  sie  an  Transsubstantiation
  und  sieben  Sacramenten  zweifelten.  Die  Hierarchie
  hat  Henrich  zwar  zerstört,  aber  die  alten  dogmalischen
Jurthümer  hat  er  stehen  lassen.  Die  Klöster  hat  er  geplündert,
  aber  der  Mönchswahn  ist  geblieben.  Siebzehn  Jahre
lang  hat  dieser  König  mit  dem  Gewissen  seiner  Unterthanen
gespielt,  wie  mit  den  Köpfen  seiner  Gemahlinnen,  und  die
Vorsehung  schien  Cranmern  recht  wundervoll  unter  ihm  erhalten
  zu  haben,  weil  sie  ihn  auch  noch  unter  dem  Nachfolger,
  Eduard,  zur  bessern  Vollendung  des  unvollkemmenen
angefangenen  Werks  brauchen  wollte.

.  6.
Fortgang  der  Ref.  in  Teutschland.  Luthers  Tod.

In  Teutschland  aber  erfuhr  man  mit  jedem  Jahr  immer
  mehr,  wie  glücklich  die  Zeit  alles  zur  Reife  bringt.  Der
Beifall  der  neuen  Lehre  wurde  bei  Fürsten  und  Unter-
        <pb n="325" />
        313

thanen,  bei  Adel  und  Staͤdten  immer  allgemeiner.  Die  alten
dem  Pabst  ergebenen  Fuͤrsten  starben  nach  und  nach  hinweg,
und  die,  welche  in  jüngeren  Jahren  Luthern  mit  weniger
Vorurtheil  gehdrt,  kamen  empor.  Schon  mehrere  Bischöse
waren  der  neuen  Lehre  beigetreten,  und  fast  wäre  sogar  ein  1543
geistliches  Churfürstenthum  gewonnen  worden,

Die  Theologen  schienen  ruhig  fortzupredigen,  fortzuschreiben
  und  fortzudisputiren,  weil  sie  es  doch  einmal  auf  diesem
Wege  so  weit  gebracht  hatten,  aber  in  Landgr.  Philipp  von
Hessen  brausten  Jugendeifer  und  politische  Antipathien;  besonders
  sein  unruhiger  Nachbar  Herzog  Heurich  von  Braunschweig
  hielt  ihn  unaufhörlich  in  Bewegung.  Bündnisse  und
Liguen  wurden  gegen  einander  geschlossen.

Luther,  erzürnt  durch  die  irenischen  Kunsigriffe  der
Schweizer,  und  um  allen  Schein  des  Melanchthonistrens  von  1544
sich  zu  entfernen,  sieng  den  Abendmahlstreit  aufs  neue  an.
Der  Kaiser  wartete  nur  auf  den  Frieden  mit  Frankreich  und
auf  die  wirkliche  Eröffnung  der  schon  lange  vom  Pabst  versprochenen
  Synode,  er  wollte  die  unruhigen  Fürsten  seine
Siegershand  fühlen  lassen.  Auf  den  immer  vergeblich  versuchten
  Religionsgesprächen  wurde  stets  das  Ganze  so  eingerichtet,
  daß  die  Protestanten  als  eigensinnige  erscheinen  mußten,
  und  die  öftere  Abwesenheit  ihrer  Fürsten  von  Reichstagen,
  auf  welchen  dech  selbst  der  Kaiser  zugegen  war,  schien
diesen  Vorwurf  zu  bekräftigen.  Bald  machte  der  Pabst  den
Frieden  unmoglich;  bald  selbst  die  protestantische  Partie.  Lu=  #.
ther  starb  vier  Monate  vor  dem  Ausbruche,  als  ob  ihn  der
Gott  retten  wollte.  «

«  H.7.
Religionskrieg.  Interim.  Innere  Streitigk.  der  Luther.
Der  ganze  lange  gefuͤrchtete  Krieg  dauerte  nicht  ein  Jahr.
        <pb n="326" />
        314

Bei  Landgraf  Philipps  aufbrausender  Hitze  und  bei  Churfürst
  Johann  Friedrichs  phlegmatischer  Unentschlossenheit  konnte
keime  Eintracht  seyn.  Jeder  der  protestantischen  Fürsten  sah
immer  mehr  auf  das  seine  als  auf  die  gemeine  Sache,  und
besonders  der  Churfürst  von  Sachsen  war  ein  Opfer  treulo-1547

  ser  und  unverständiger  Freunde.  Die  Schlacht  bei  Muͤhl—
berg  entschied.

Moritz  erhielt,  was  seine  arglistige  Politik  gesucht  hatte,
aber  den  eifrigen  Lutheranern  war  es  ein  Gräuel,  daß  er
seinem  guten  redlichen  Veiter  den  Churhut  geraubt;  und  man
sah  alle  diejenigen  als'  Theilnehmer  dieses  Verbrechens  an,
welche  aus  Johann  Friedrichs  Diensten  in  Moritzens  Dienste
übertraten.  Dem  alten  Melanchthon  hätten  sie  es  nicht  so
ganz  übel  nehmen  sollen,  er  war  einmal  an  Wittenberg  gewöhnt;
  wenn  auch  die  projectirte  Universität  Jena  zu  Stande
kommen  sollte,  so  war  eine  solche  Versetzung  immer  unangenehm,
  und  es  foderte  immer  den  Enthussasmus  junger  Leh,
rer  um  die  Sache  in  Gang  zu  bringen.

„  Moritz  selbst  erfuhr  bald,  was  für  ein  beschwerlicher
Wohlthäter  sein  allergnädigster  Kaiser  sey.  Trotz  aller  seiner
Vorstellungen  wurde  sein  Schwiegerbater,  der  arglistig  gefangen
  genommene  Philipp  von  Hessen  nicht  losgelassen,  und  da
Karl,  um  sowohl  die  Protestanten  als  den  Pabst  zu  demöthi-1548

  gen,  auf  dem  Reichstag  zu  Augsburg  einen  dogmatischen  Aufsatz
  publiciren  ließ,  wie  es  bis  zur  Entscheidung  einer  allge,
meinen  Synode,  in  Glaubenssachen  und  Kirchengebräuchen
gehalten  werden  sollte,  so  sah  man  vorzüglich  auf  Moritzen,
und  versprach  sich  Gehorsam  von  dem  neuen  Churkfürsien.
Nichts  traurigeres  aber  ist,  als  eine  solche  Convenienzreligion
wie  wir  durch  dleses  Augsburger  Interim  bekommen  sollten.

Als  ob  man  sich  über  die  Wahrheit  vergleichen  könnte,  wie
        <pb n="327" />
        315

man  sich  uͤber  ein  streitiges  Stuͤck  Landes  vergleicht,  als  ob
wir  uns  fast  zu  allen  dogmatischen  Irrthümern  der  Altkatholiken
  haͤtten  bequemen  koͤnnen,  weil  der  Kaiser,  der  damals
des  Pabsts  Freund  nicht  war,  den  Glauben  an  einen  Roͤmischen
  Pabst  uns  erlassen  wollte.

Man  kann  nicht  ohne  innigstes  Mitleiden  sehen,  daß
sich  selbst  der  gute  Melauchthon  verleiten  ließ,  den  Hoftheologen
  zu  machen,  das  Augsburger  Interim  zu  Leipzig  in  ein
anderes  Interim  umzugießen,  und  seinem  neuen  Herrn  zu
lieb  so  viel  nachzugeben,  daß  er  uns  dem  Abgrunde  der  alten
Errthümer  aufs  neue  nahe  zefährt  hätte.  Karl  ließ  die  Protestanten
  empfinden,  wie  man  an  der  Spitze  eines  siegenden
Heeres  von  der  Wahrheit  überzeugen  könne,  aber  deswegen
fiel  nur  desto  heftigerer  Haß  der  Patrioten  auf  Melanchthon,
daß  er  nicht  mit  den  übrigen  für  einen  Mann  stand,  und
die  übrigen  dem  Vorwurf  des  Eigensinns  auf  eine  so  ungerechte
  Art  aussetzte.  Seinen  strengen  Präceptor  Luther  mochte
damals  Melanchthon  manchmal  ins  Leben  zurückgewünscht
haben,  daß  er  doch  den  unbändigen  Eifer  dieser  sectirischen
Schüler  zurückhalten  und  gegen  die  Angriffe  von  Flacius,
Ostander,  Westphal  ihn  schützen  moͤchte.

Schon  nehmlich  zu  Luthers  Lebzeiten  hatte  Melanchthon
in  manchen  Lehren,  besonders  im  Artikel  von  den  moralischen
  Kräften  des  Menschen,  etwas  verschieden  von  Luthern
gedacht,  aber  große  Männer  wissen  einander  zu  ertragen,  und
fürchten  auch  keine  Verdunklung  ihres  Ruhms.  Den  Schülern
  erscheint  der  todte  Lehrer  gewöhnlich  noch  größer  als  ehedem
  der  Lebende,  und  wenn  dabei  die  Gefahr  noch  so  nahe
ist,  in  alte  längst  verwünschte  Irrthümer  zurückgestürzt  zu
werden,  so  vergißt  oft  auch  der  theologische  Eifer  alle  Schrauken
  der  Mäßigung.  Vergebens  suchte  daher  Melanchthons
        <pb n="328" />
        316

Partie  den  gemachten  Fehler  zu  uͤbertuͤnchen,  indem  sie  behauptete,
  die  aus  dem  Interim  angenommenen  Dinge  seyen
ganz  gleichgültig  (adiaphora),  und  Luthers  eifrige  Anhaͤnger,
ohne  bloß  bei  dem  Juterimsstreit  stehen  zu  bleiben,  ergriffen
noch  außerdem  jede  Gelegenheit,  um  sich  von  den  verdächtigen
  Melauchthonianern  sichtbarer  zu  scheiden.  Weil  Ge.
Major  ob  schon  unter  vielen  richtig  bestimmenden  Einschränkungen
  den  Satz  außerte,  daß  gute  Werke  nothwendig
zur  Seligkeit  seyen,  so  behauptete  Nik.  Amsdorf,  sse
seyen  schädlich  zur  Seligkeit.  Weil  die  Schüler  Melanchthons
  und  besonders  der  gelehrte  Victorin  Strigelius
zu  Jena  das  Verderben  der  Erbsuͤnde  und  ihren  Einfluß  auf
die  moralischen  Kraͤfte  des.  Menschen  glimpflich  beschrieben,
so  behauptete  Flaçgius,  die  Erbsünde  sey  die  Substanz  des
Menschen.  In  der  Lehre  von  der  Art  der  Gegenwart  des
Leibes  und  Bluts  Christi  im  Abendmahl  näherten  sich  Melanchthons
  Schüler  den  LCalvinischen  Redarten,  die  Schüler
Luthers  schrieben  deswegen  nicht  mehr  nur  von  der  Allgegenwart,
  sondern  von  der  Allenthalbenheit  (ubiquitate)  der
menschlichen  Natur  Christi,  und  diese  Vorsiellungsart  erhielt
besonders  in  Schwaben  unter  dem  Ansehen  des  berühmten
Jo.  Brenz  in  kurzem  einen  symbolischen  Beifall.

Noch  früher  war  zu  Königsberg  durch  Andr.  Osiandern
  eine  Streitigkeit  veranlatzt  worden,  deren  Quelle  zwar
nicht  in  der  verschiedenen  Denkungsart  der  Schüler  Luthers
und  Melanchthons  lag,  die  doch  aber  beweist,  wie  alles  zum
unvernünftigsten  Widerspruch  reizbar  war.  Osiander  behauptete,
  daß  wir  durch  die  wesentliche  Gerechtigkeit  Gottes  gerecht
  würden.  Der  dunkle  Kopf  wollte  wahrscheinlich  nur
die  nothwendige  Verbindung  der  Heiligung  müt  der  Rechtfertigung
  ausdrücken,  vermischte  in  seinen  unbesiimmten  Aus-
        <pb n="329" />
        317
druͤcken  die  mystische  Union  mit  der  Rechtfertigung,  und  weil
er  nun  alles  auf  göttliche  Natur  Christi  bei  der  Rechtfertigung
  bezog,  so  bezog  ein  anderer,  Stancarus,  alles  auf
die  menschliche  Natur  Christi.

Noch  kein  volles  Vierteljahrhundert,  daß  es  Luther  gewagt
  hatte,  die  Theologie  vom  Staube  der  tödtendsten  polemischen
  Scholastik  zu  befreien,  so  fiengen  seine  unmittelbaren
Schüler  schon  an,  die  wiederhergestellte  Religion  von  ihrer
vortrefflichen  praktischen  Abzweckung  hinwegzudrehen,  neue
Streitfragen  auf  neue  Streitfragen  zu  häufen,  und  das  schon
zu  der  Zeit,  wie  noch  gar  nicht  entschieden  war,  ob  sich  das
Ungewitter  aufklären  werdé,  dessen  Ausbruch  nicht  mehr  zu
sehen,  Luther  so  sehnlich  wünschte.

6S.  8.
Religionsfriede  in  Teutschland  und  Mariens  kath.  Eifer  in  Engs
land.

Moritz,  erst  das  Werkzeug  der  Unterdrückung  der  protestantischen
  Freiheit,  wurde  ihr  ruhmvollester  Retter.  Er  überfiel
  den  podagrischen  Karl  mit  einer  Schnelligkeit,  die  alles
Besinnen  nahm,  drang  ihm  und  seinem  Bruder  Ferdinand  1553
den  Passauer  Vertrag  ab,  und  bahnte  den  Weg  zum
Augsburger  Religionsfrieden,  der  ersten  feierlichen  1555
Garantie  der  protestantischen  Religionsfreiheit,  die  sich  nicht
auf  den  fatalen  Synodaltermin  gründete,  und  auch  das  weitere
  fast  ganz  unbeengte  Wachsthum  der  protestantischen
Partie  zugab.  Leider  sieht  man  es  aber  doch  in  manchen
Puncten  dieses  Religionsfriedens,  daß  Moritzens  Ansehen
nicht  mehr  dabei  wirken  konnte,  daß  er  nicht  mit  den  Waffen
  in  der  Hand  geschlossen  worden  war.  Fäör  die  Sicherheit
  der  Schweizerisch  gesinnten  war  er  gar  nicht  bestimmt
genug:  den  Besitz  der  bisher  noch  geretteten  Kirchengüter
        <pb n="330" />
        318

hatte  man  der  altkatholischen  Kirche  durch  eine  Clausel  versichert,
  welche  den  Fortgang  der  ebangelischen  Religion  besonders
  unter  den  Großen  nothwendig  hindern  mußte.

Wie  freut  man  sich  aber  nicht,  erst  nur  zu  einigem  Genusse
  zu  kommen,  und  mit  welchen  Empfindungen  des  innigsten
  Danks  gegen  den  rettenden  Gott  mußtrü  nicht  damals
Protestanten  tägliche  Nachrichten  aus  England  hören,  wie
Maria,  Karls  Verwandtin  und  Schwiegertochter,  gegen  ihre
Brüder  daselbst  wüthe.  Fünfthalb  Monate  nach  dem  geschlossenen
  Augsburger  Religionsfrieden  starb  Thomas  Cranmer
  den  edelsten  Märtyrertod,  und  Verfolgungen,  wie  sie  gewiß
  in  Neronischen  Zeiten  nicht  waren,  dauerten  bis  zu  dem

15358  Tode  der  unaufgeklärt  frommen  Königinne:
Bemerkungen  über  die  Hierarchie  der  Lutherischen  Kirche.

Die  Bildung  und  Entwicklung  der  Hierarchie  ber  neuen
Kirche  weicht  so  verschiedentlich  in  den  verschiedenen  Provinzen
  von  einander  ab,  daß  sich  fast  gar  nichts  compendiarisch
allgemeines  davon  sagen  laͤßt.  Bischoͤfliches  Regiment  ist  bei
Einrichtung  der  neuen  Kirche  mehr  vermieden  als  gesucht
worden.  Eine  voͤllige  Gleichheit  aller  Geistlichen  unter  einander
  aufzustellen  und  das  Ganze  durch  eine  Synode  regieren
  zu  lassen,  daran  haben  wenigstens  die  Sächsischen  Reformatoren
  nicht  gedacht.  Wo  die  Landstände  bei  der  Reformation
  mitwirkten,  da  haben  sich  meistens  auch  die  Kirchengüter
  erhalten,  die  sonst  fast  in  allen  den  Ländern,  wo  die
Reformation  vorzüglich  ein  Werk  des  Regenten  war,  gewöhn,
lich  eine  Beute  der  weltlichen  Großen  wurden.

Fast  alle  Reformation  in  Teutschland  war  nur  —  vom
Regenten  erhdrte  allgemeine  Bitte  des  Volks;  der  Regent
hat  also  nicht  dem  Volk  die  Religion  gegeben,  sondern  er
        <pb n="331" />
        2

319

hat  sie  ihm  nur  nicht  genommen,  und  freilich  hat  die  unvorsichtige
  Freude  über  den  gnädigen  Schutz  des  Regenten  manchen
  solche  Ausdrücke  abgelockt,  die  sich  mit  den  Grundsätzen
eines  nachher  aufgeklärtern  Kirchenrechts  nicht  vereinigen
lassen.

Nicht  alle  evangelische  Kirchenordnungen  stammen  von
der  Obersächsischen  ab.  Auch  hier  gab  es  einen  Unterschied
zwischen  Melanchthonismus  und  Lutherthum,  und  das  Interim,
  das  in  manchen  Ländern  nicht  eingeführt  wurde,  in
manchen  Ländern  vieles  Ausehen  behielt;  vermehrte  den  Unterschied,
  der  aber  wie  die  Geschichte  von  Brandenburg  am

deutlichsten  beweist,  noch  mannichfaltige  Abwechslungen  gelitten
  hat.
*
Ausartung  der  Schüler  Melanchthons  in  so  genannte  Kryppto-Caloinisten.
  Schwäh.  Theol.

Fünf  Jahre  nach  dem  Religionsfrieden  erhielt  endlich  1560
Melanchthon  die  längst  gewünschte  Ruhe  im  Tode,  aber
sein  Tod  war  nur  das  Zeichen  zum  Ausbruche  größerer  Unruhen.
  Auch  seine  Schüler  schritten  nun  über  die  Gränzen
hinaus,  innerhalb  welcher  der  Lehrer  noch  schüchtern  geblieben
war.  Die  Wirkungen  von  Calvins  Thätigkeit  wurden  nun
erst  recht  empfunden,  und  ünter  den  mehrern  Städten  oder
kleinen  Provinzen,  in  welchen  die  Meinungen  der  Schweizer
  endlich  über  die  der  sirengern  Lutheraner  siegten,  war
kein  Verlust  für  die  letztere  empfindlicher,  als  der  Verlust
der  Churpfalz.  Die  Lutheraner  schienen  nehmlich  auf  Reichs-  1566
tagen  und  bei  andern  öffentlichen  Verhandlungen  immer  den
Katholiken  gleich  bleiben  zu  können,  so  lange  die  drei  welt.
lichen  Stimmen  im  Churcollegium  protestantisch  waren,  und
gegen  die  drei  geistlichen  Churfärsten  bei  seltener  Theilneh=
        <pb n="332" />
        320

mung  von  Böhmen  Gleichheit  der  Stimmen  behaupten  konnten;
  aber  nun  war  die  Einigkeit  getrennt  und  oft  schienen
Proteskanten  und  Katholiken  einänder  weniger  todtlich  zu
hässen,  als  Lutheraner  und  Reformirte.

Die  Uneinigkeit,  welche  unter  den  letztern  selbst  in  Ansehung
  einiger  der  wichtigsten  Lehren  war,  gab  deu  erstern
manche  gerechte  Gelegenheit  zu  Vorwürfen;  und  da  es  schon
zweideutig  war,  ob  der  Religionsfriede  auch  auf  die  so  genannten
  Zwinglianer  sich  erstrecke,  wie  viel  weniger  konnte
er  den  eigentlichen  Calvinisten  gelten.  Jo.  Calvin  hatte
nehmlich  schon  lange  in  der  Dogmatik  der  so  genannten  Reformirten
  Kirche  die  wichtigsten  Veränderungen  gemacht,  und
außer  einer  kleinen  Umbildung  der  Zwinglischen  Abendmahlslehre
  auch  einen  zweiten  großen  Streit  über  Prädestination
und  Gnadenwahl  erregt.  Also  auf  Calovinisten  schien  der
Religionsfriede  gar  nicht  gehen  zu  können.  Die  Schuͤler
Melanchthons  näherten  sich  zwar  hierinn  noch  nicht  den  Genfischen
  Meinungen,  aber  die  eifrigen  Anhänget  Luthers  wollten
  nicht  auf  die  letzte  Erklärung  ihrer  ganzen  Gesinnungen
warten,  und  von  beiden  Seiten  mischten  sich  politische  Absichten
  ein,  welche  besonders  aus  dem  indioiduellen  Verhältnisse
  des  Albertinischen  und  Ernestinischen  Sächsischen  Hauses
  entsprangen.  Die  seit  Moritz  fortdaurende  geheime  Abneigung
  des  herzoglich  sächsischen  Hauses  gegen  die  Churlinie
wurde  unter  Churf.  August  durch  die  Grumbachische  Erecutionsgeschichte
  nicht  wenig  vermehrt,  und  wenn  es  der  Melanchthonischen
  Partie  gelungen  wäre,  die  Churfürstinn  Anna
auf  ihrer  Seite  zu  behalten,  so  würde  August  von  seinem
Leibarzt  Peucer  und  andern  ihm  immer  nahen  politischen
Theologen  oder  theologischen  Politikern  endlich  unvermerkt
auf  die  Seite  der  Reformirten  herübergeführt  worden  sepn.
        <pb n="333" />
        321

Während  daß  die  Meißnischen  und  Thüringischen  Theologen
  durch  Colloquien  sich  mit  einander  zu  vergleichen  suchten,
  durch  Colloquien  und  Unterhandlungen  erbitterter  gegen
einander  wurden,  so  trat  zwischen  dieselben  mit  der  Geschäftigkeit
  eines  ehrgeizigen  Unterhändlers  der  Tübingische  Canzler
  Jakob  Andreä.  Ein  Mann  von  unermüdetem  Eifer
und  einer  mehr  populären  als  tiefen  Gelehrsamkeit,  der  überdieß
  noch  durch  viele  Privatverhältnisse,  in  denen  er  stand,
zu  einer  strangen  Behauptung  der  so  genannten  Schwöbischen
Orthodorie  so  gezwungen  wurde,  daß  er  zum  großen  Schaden
seines  Ruhms  bei  der  Nachwelt  weit  weniger  gelinde  seyn
konnte,  als  ihn  vielleicht  manchmal  eigene  Neigung  besiimmt
haben  würde.

Unter  wiederholten  Bedrohungen  des  heftigsten  Schisma
hielt  endlich  doch  noch  einiger  Friede  bis  eilf  Jahre  nach
Melanchthons  Tode,

9.  11.
Letzte  Veranlassungen  zur  Eutstehung  der  Bergischen  Concordienformel.


Ein  Katechismus,  den  D.  Pezel  zu  Wittenberg  her-1521
zusgab,  beschleunigte  den  Ausbruch  des  lange  gesammelten
Hasses.  Die  Theologen  zu  Jena  und  fast  noch  mehr  die  in
den  Niedersächsischen  Reichsstädten  hätten  wohl  kaum  die
Kähnheit  ihrer  bisherigen  Gegner  befürchtet,  daß  Luthers
Katechismus  selbst  von  Wittenberg  aus  durch  einen  neuen
verdrängt  werden  sollte,  und  so  genannte  sacramentirische  Geinnungen
  sogar  in  dffentlichen  Lehrbüchern  erscheinen  dürfen.


Mit  Wehmuth  sieht  man  auch  Chemnitzen  an  der
Spitze  einer  angreisenden  Partie;  ein  solcher  Mann  kaͤtte.

tie  sellen  mit  Selnecker  und  Tilemann  Heshusius
Spittler's  simmtl.  Werke.  1I.  Bd.  21
        <pb n="334" />
        322

zusammentreten,  und  die  Wittenbergischen  Theologen
wuͤrden  sich  die  Achtung  der  Nachwelt  erworben  haben,  wenn
sie  nicht  in  ihrer  Grundfeste  aus  Philippistischem  Eifer
den  aufgeklärtern  Schuͤler  Melanchthons  gleich  den  übrigen
gemeinen  Streitern  mißhandelt  hätten.

Churfürst  August  von  Sachsen,  von  dessen  Entscheidung
alles  abhieng,  sand  sich  in  einem  Gedränge,  aus  welchem  sich
selten  ein  frommer  Fürst,  bei  einmal  genommener  Theilnehmung
  an  theologischen  Streitigkeiten,  glücklich  herauszufinden
weiß.  Seine  Theologen  klagten  über  neue  Marcioniten,  Samosatener,
  Arianer:  und  von  andern  protestantischen  Höfen
liefen  gehäufte  Klagschreiben  ein,  daß  er  doch  Luthers  Stuhl
durch  Calvinistische  Lehrer  nicht  entweihen  lassen  solle.  Umsonst
  hielt  man  Convente,  umsonst  versuchte  man  Vereinigungsschriften.
  Die  Wachsamkeit  der  Niedersächsischen  Theologen

  ließ  sich  nicht  durch  Zweideutigkeiten  tänschen,  und  die
Chursächsische  Hofpartie  hielt  sich  vielleicht  ihrer  Uebermacht
gar  zu  versichert,  so  daß  sie  auch  die  auf  dem  Landtag  zu
1574  Torgau  abgefaßten  Artikel  nicht  unterschreiben  wollte.
Hier  war  aber  die  Epoche  ihres  Falls,  welchen  der  Gegentheil
  ohne  alles  Erbarmen  benützte.  Nun  kamen  die  Aufsätze
  des  Tübingischen  Canzlers,  Jacob  Andre,  willkommen,
  welche  er  als  Entwürfe  einer  neuen  symbolischen  Schrift
nach  Sachsen  schickte.  Nur  konnte  man  es  unmöglich  einem
  Manne  überiassen,  bei  einer  so  großen  Menge  verschiedener
  Meinungen  unter  den  Protestanten,  die  feinsten
Bestimmungen  der  Lehre  von  der  Person  Christi  nach  seinem
Gutdünken  auszudrücken.

Bei  wenigen  Friedensschlössen  matz  die  Negociation  so
weitläuftig,  die  Aufmerksamkeit  der  Partien  so  eifersüchtig,

i57  die  Kunst  für  alle  alles  zu  werden,  so  mannichfaltig  gewesen
        <pb n="335" />
        323

seyn,  als  bei  Verfertigung  dieser  symbolischen  Schrift,  wodurch
  die  Partien  unter  den  Lutherauern  vereinigt,  und  manche
bisher  ungewisse  Gränzen  zegen  die  Reformirten  festgesetz
werden  sollten.

Als  sich  endlich  sechs  der  angesehensten  Lutherischen  Thee
logen  im  Kloster  Bergen  bei  Magdeburg  versammelten,  um
einen  das  Jahr  vorher  zu  Torgau  gemachten  Aufsatz,  der
unterdeß,  Erinnerungen  darüber  zu  hoͤren,  an  den  Hoͤfen  herumgeschickt
  worden  war,  vollends  ins  Reine  zu  bringen,  so
siegte  doch  fast  gewöhnlich  der  betriebsame  Andreä,  und  von
den  übrigen  machte  sich  nur  Chemnitz  so  wichtig,  daß  seine
Meinung  in  einigen  Artikeln  beibehalten  wurde,  Wie  zuletzt
die  Schrift  bis  zum  Einsammeln  der  Unterschriften  fertig
war,  ach  so  war  es  leider  gat  nicht  Vereinigungs
formel.

§.  12.
Wirkungen  der  Bergischen  Concordienformel.

Die  Reformirten,  welche  sich  bisher  von  bielen  Lutheraͤ-nern
  als  Halbbrüder  betrachtet  sahen,  konnten  bei  Ausstellung
  eines  solchen  Symbols  nicht  gleichgültig  bleiben,  durch
welches  sie  von  allem,  was  ächtlutherisch  seyn  sollte,  so  merklich
  ausgeschieden  wurden.  Melanchthons  war  offenbar  in
der  neuen  spmbolischen  Schrift  zu  wenig  gedacht;  sollten  seine
Schuͤler  über  den  Undank  nicht  trauern,  den  dieser  große
Mann,  noch  ehe  er  zwanzig  Jahre  lang  todt  war,  von  eifersüchtigen
  Schülern  Luthers  erfahren  mußte?  Wie  mauche:
Gemeine  würde  wohl  nie  ganz  zur  reformirten  Partie  übergetreten
  sehn,  wenn  man  nicht  alle  Melanchthonische  Neutralitat
  zum  Verbrechen  gemacht  haͤtte!  Politische  Eifersuckt
der  protestairtischen  Hoͤfe  unter  einander  gab  vielleicht  den,
Theologen  in  andern  Ländern  die  nächste  Veranlassung,  sich

21*
        <pb n="336" />
        324

dafuͤr  zu  raͤchen,  daß  bei  der  letzten  Revision  ihre  Erinnerungen
nicht  befolgt,  zu  der  Ausfertigung  selbst  ihre  Gegenwart  nicht
erbeten  wurde.  Und  immer  gieng  es  doch  noch  in  Teutschland
  am  besten.  In  Daͤnemark  wurde  dieses  neue  symbolische
  Buch  als  verbotenes  Buch  behandelt,  und  noch  weniger
wollte  die  kluge  Koͤniginn  Elisabeth  in  England  davon  wissen,
  so  wenig  sie  auch  sonst  die  Genfische  Partie  liebte.

Der  Historiker  bekümmert  sich  nicht  um  die  Richtigkeit.
der  in  diesem  Buch  seinbestimmten  Sätze,  aber  die  Bemerkung
  kann  ihm  nicht  entgehen,  daß  nach  der  Entstehung  allzugenaubestimmender
  Symbole  der  Zustand  einer  jeden  Kirche
immer  höchst  traurig  ist.  Die  Geschichte  der  Lutherischen
Kirche  von  den  Zeiten  der  Concordienformel  bis  auf  die  Erscheinung
  des  freimüthigern  Kalirtus  —  welche  dürre  unfruchtbare
  Wüste  ist  sie  nicht?  und  wie  viel  hat  es  nicht  der
so  genannten  reformirten  Kirche  genützt,  daß  sie  erst  ungefähr
  vierzig  Jahre  später  zu  einer  gleich  gesetzmäßigen  Bestimmung
  gewisser  dogmatischer  Hauptpuncte  schritt.  Die
nachfolgende  Geschichte  derselben  kann  in  der  Parallele  mit
der  bisber  erzählten  Geschichte  der  Lutherischen  Kirche  zu
manchen  ähnlichen  Bemerkungen  Veranlassung  geben.

Geschichte  der  Reformirten  Kirche  bis  auf  die  Synode
  von  Dordrecht  1618.

g.  13.

Schelbungen  der  Zwingliauer  von  den  Lutheranern.  Calvin,
Stister  einer  neuen  Kirche.

Ulrich  Zwingli,  der  gewoͤhnlich  als  der  erste  Stifter
der  Reformirten  Kirche  angeschen  wird,  war  eigentlich  noch
nicht  Stifter  einer  besondern  Kirche.  Er  war  ein  reformirender
  Theolog,  der  in  vielen  Puncten  anders  dachte  als  Luther,
        <pb n="337" />
        325

und  freilich  dabei  auch  einen  Hauptpunct  traf,  dem  Luther
nicht  kaltbluͤtig  widersprechen  konnte.  Der  Streit  dieser  zwei
großen  Maͤnner  haͤtte  aber  nach  dem  Tode  des  ersten  ganz
ruhen  koͤnnen,  wenn  nicht  gewoͤhnlich  die  Schuͤler  uͤber  den
Ideen  des  Lehrers  noch  hartnäckiger  hielten  als  der  Lehrer
selbst,  und  wenn  nicht  die  altkatholische  Parkie,  vielleicht  aus
wahrer  Abneigung,  vielleicht  Unelnigkeit  zu  unterhalten,  den
Schweizerischgesinnten  allen  Genuß  der  Relligionsfreiheit
streitig  gemacht  hätte.  Unterdeß  so  lange  diese  nicht  wieder
einen  gleich  eifrigen  und  thätigen  Mann,  als  Zwingli  war,
an  ihre  Spitze  bekamen,  so  lange  nicht  ihre  charakteristischen
Lehren  gleichsam  das  Eigenthum  einer  besondern  berühmten
Universität  wurden,  so  war  die  Fortdauer  ihrer  Eristenz  immer
  nur  halb  gesichert.  Es  kam  wie  in  allen  Perioden  der
Geschichte  so  auch  damals  nicht  darauf  an,  wer  am  meisten
Wahrheic  hatte,  sondern  wer  seine  Wahrheit  recht  in  den
Strom  des  Zeitalters  hineinzubringen  wußte.

Fünf  Jahre  aber  nach  dem  ungläcklichen  Ende  des  pa-  1536
triotischen  Zwingli  stieg  ein  Mann  allmälig  empor,  der  alles
in  sich  vereinigte,  was  ihn  zum  glücklichen  Stifter  einer  neuen
Kirchenpartie  machen  konnte.  Johann  Calvin  war  eben
so  eifriger,  durch  Correspondenz  und  Vielschreiben  eben  so
wirksamer  Mann  als  die  Wittenbergischen  Reformatoren,
und  vielleicht  ihnen  allen  an  schöner,  durch  classische  Litteratur
  geübter,  Feinheit  des  Geistes  weit  überlegen.  Einen  bedquemern
  Mittelpunct  seiner  Wirksamkeit  hätte  er  auch  nicht
treffen  können,  als  Genf;  hier  konnte  der  Sammelplatz  aller
Italiänischen  und  Französischen  Flüchtlinge  seyn.  Viel  leichter
  liehen  sich  in  einer  solchen  kleinen  Republik  seine  neuen
hierarchischen  Jdeen  in  Gang  bringen,  als  wenn  er  wie  Luther
  unter  dem  Schutz  eincs  großen  Fürsten  gelebt  haͤtte,
        <pb n="338" />
        326

und  indeß  überhaupt  in  Teutschland,  selbst  die  Religionsfreiheit
  der  neuen  Partie  noch  gar,nicht  gesichert  war,  drohte
derselben  wenig  Gefahr  mehr  in  den  aufgeklärtern  Cantons.
Auch  schien  Calvins  Meinung  in  Ansehung  der  Abendmahllehre
  gerade  ein  Vereinigungspunct  der  Lutherischen  und  Zwinglischen
  Partie  zu  seyn;  er  genoß  also  auch  manche  Neutralitätsvortheile,
  die  er  desto  trefflicher  benützen  konnte,  da  interimistische
  Streitigkeiten  die  Lutherische  Kirche  verwüsteten,
und  der  einzige  Freund  Luthers,  der  sich  allgemeine  Hachachtung
  durch  seine  Gelehrsamkeit  erworben  hatte,  selbst  von
der  Lutherischen  Partie  verläumdet  wurde.  Die  neue  Univer-1558
  sitaͤt  Genf  wurde  also  in  kurzem,  was  ehmals  Wittenberg
gewesen  war,  und  selbst  der  melancholisch  cholerische  Eifer
Calvins,  so  inquisitorisch  er  zu  seyn  schien,  hat  dem  Aufkommen
  derselben  nicht  so  viel  geschadet,  als  man  befürchten
sollte.  ·  «  ·
Calvin  ist  ein  warnendes  Beispiel  eines  Temperamentstheologen.
  Daß  ein  so  aufgeklärrer  Mann  trotz  seiner  soust
vortrefflichen  Eregese,  trotz  allem,  was  Verstand  und  Herz
jedem  Menschen  von  Gottes  Güte  sagt,  auf  die  Meinung
einer  göttlich  willkührlichen  Prädesiination  gewisser  Menschen
zum  ewigen  Verderben  gerathen  konnte,  ist  ein  trauriger  Beweis,
  wie  sehr  oft  unsere  Ueberzeugungen  durch  viele  zufällige
äußere  Umstände  bestimmt  werden.  Noch  trauriger,  aber,
daß  eine  solche  Meinung  je  einen  gewissen  allgemeinen
Schwung  bekommen  konnte,  und  daß  Calvin  einen  ihm  an
Gelehrsamkeit  und  großem  Geisie  fasi  gleichen  Schüler  fand,
welcher  dieser  Jdee  hartnäckig  treu  blieb.  Theodor  Beza
vollendete,  was  Calvin  angefangen  hatte.
        <pb n="339" />
        327

14.
Ausbreitung  der  Calolnischen  Meinungen.  Presbyterlaner.

In  den  Ländern,  wo  sich  eine  neue  Kirche  bei  dem  Erscheinen
  Calvins  schon  siegend  gebildet  hatte,  konnten  weder
seine  theologischen  Meinungen  noch  seine  apostolisch  scheinenden
  Grundsätze  des  Kirchenrechts  bis  zu  einer  gewissen  Allgemeinheit
  emporkommen,  aber  in  Frankreich,  England
und  in  den  Niederlanden,  wo  sich  die  neue  Partie  erst
unter  dem  Druck  hervorarbeitete,  mußte  sich  der  Beifall  leicht
allgemeiner  finden,  da  überdieß  hier  noch  der  Wirksamkeit
der  Wittenberger  manches  entgegenstand.  Wie  leicht  konnte
Calvin  die  Französischen  Kirchen  mit  Genfischen  Zoͤg—
lingen  besetzen?  Er  selbst  und  sein  großer  Schäler  Beza
waren  geborene  Franzosen,  beide  hatten  unter  den  Großen
und  bei  dem  Volk  seit  den  ersten  Jahren  ihrer  Jugend  die
häufigsten  Verbindungen,  welche  sie  zu  Erweckung  und  Unterstützung
  der  neuen  Gemeinen  brauchen  konnten.

Viel  mehrere  Schwierigkeiten  hatte  es  in  den  Niederlanden.
  Doch  Luther  und  Melanchthon  waren  längst  todt,
und  mit  diesen  war  die  große  Thätigkeit  ihrer  Partie,  sich  auszubreiten,
  verlöscht,  Beza  konnte  hier  seine  Meinungen  ungehindert
  herrschend  machen.  Prinz  Moritz  von  Oranien,  der
Retter  der  Niederländischen  Freiheit,  war  schon  reformirt:
fasi  schien  es  auch,  als  ob  sich  die  nach  Freiheit  strebenden
Niederländer  am  willigsten  an  die  freien  Schweizer  anschlössen.

England  hat  über  dem  Eindringen  der  Genfischen
Meinungen  auf  zwei  Jahrhunderte  hin  seine  Ruhe  verloren.
Elisabeth  ließ  bei  ihrer  Thronbesieigung  alle  die  Unglücklichen
wieder  in  ihr  Vaterland  zurückkehren,  welche  der  tobende
Verfolgungsgeisi  ihrer  Schwester  vertrieben  hatte.  Sie  kehrten
aber  nicht  mit  dem  Geiste  des  Friedens  zurück.  In  Frank-
        <pb n="340" />
        328
furth  am  Main,  wo  man  den  Vertriebenen  eine  ruhige  Staͤtte
gegoͤnnt  hatlte,  waren  Streitigkeiten  entstanden,  ob  man  die
alte  Englische  Liturgie  beibehalten  oder  den  ganzen  Gottesdienst
  nach  Genfischer  Form  cinrichten  sollte.  Cranmer,
weil  er  alle  gewaltigen  Veränderungen  vermied,  hatte  wohl
ehmals  der  Englischen  Kirche  manches  gelassen,  was  ein  uneingeschränkterer
  Reformator  geändert  haben  würde,  aber
eine  kleine  Partie  von  Eiferern  hielt  es  nun  nothwendig,  endlich
  einmal  über  solche  Unvollkommenheiten  sich  zu  erheben,
welche  doch  von  dem  Gegentheil  als  ehrwürdige  väterliche
Sitte  verehrt  wurden.  Die  Heftigkeit  der  Eiferer  fand  sich
gereizt,  als  sie  bei  ihrer  Zurückkunft  ins  Vaterland  fanden,
daß  Elisabeth,  vielleicht  aus  politischen  Gründen,  vielleicht
aus  geheimer  Anhänglichkeit  an  Pabstthum,  den  Freunden
des  alten  Kirchenregiments  vorzüglich  günstig  sey,  und  so  bald
1563  vollends  Elisabeth  befehlen  wollte,  daß  man  sich  nach  den
Ednardischen  Kirchengebräuchen  richten  müsse,  so  bald  einige
Bischöfe,  stolz  auf  den  Schutz  ihrer  Königinn,  von  bischöflicher
  Hierarchie  als  einer  göttlichen  Ordnung  sprachen,  so
raffte  die  Genfische  Partie  gegen  solche  Episkopalisien
alle  ihre  Kräfte  zusammen,  und,  gleichsam  ausgesioßen  von
der  großen  Kirche,  machte  sie  sich  ein  eigenes  Kirchenregiment,
  und  ließ  ihre  Versammlungen  so  viel  möglich  nach
Altchrisilicher  Form  durch  Presbpterien  und  Cougregationeu
  regieren.  Elisabeth  mußte  sich  durch  die  Schicksale  von
Schottland  gewarnt  glauben,  der  gewaltthätigen  Genftschen
Partie  nicht  zu  viel  einzuräumen,  und  wenn  diese  Partie
auch  dort  nur  cinen  Johann  Kuor  gchabt  hötte,  so  war
für  Elisabeth  auch  nur  ein  solcher  Mann  fürchterlich,  gegen
welchen  selbst  Luther  ein  schüchterner  Jüngling  gew  sen  zu
srvn  scheint.  "
        <pb n="341" />
        329

&amp;amp;.  15.
Entstehung  des  Arminianismus.

Was  nicht  zwei  betriebsame  große  Männer  in  der  Welt
ausrichten  können!  Zwingli,  Luther,  Melanchthon,  hatten
nebst  einer  Menge  Collegen  der  zweiten  Ordnung  unter  anderem
  vielfältigen  wechselsweisen  Widerspruch  doch  mit  großer
Uebereinsiimmung  allgemeine  Gnade  Gottes  gelehrt;  Calvin
und  Beza  brachten  innerhalb  fünfzig  Jahren  fast  die  Hälfte
der  neuen  Kirche  auf  die  gegenseitige  Meinung,  und  verdrängten
  unter  dem  Schutz  einiger  Fürsten  felbst  in  einem  großen
Theile  von  Teutschland  den  jedem  Menschen  faßlichern  Lutherischen
  Lehrbegriff.  Freilich  war  es  unmöglich,  daß  nicht
selbst  aus  der  Schule  dieser  zwei  Männer  manche  Jünglinge
ausgehen  sollten,  deren  natürlicher  Verstand  nicht  zu  betäuben,
  deren  eregetische  Kenntnisse  nicht  zu  bestechen  waren.
Zwinglis  Schriften  und  die  polemischen  Bücher  der  Lutheraner
  wurden  doch  noch  von  manchen  gelesen;  aber  wer  will,
wenn  einmal  in  der  Kirche  eine  gewisse  Partie  üöbermächtig
worden  ist,  seine  Ruhe  der  gewaltigen  Unternehmung,  einen
Lehrerdespotismus  zu  stürzen,  aufopfern,  wie  wenigen  kann
ihre  äußere  Lage  einen  guten  Erfolg  versprechen?

Doch  erlebte  es  noch  Beza,  daß  Jakob  Arminius,
welchen  er  gar  wohl  als  Studenten  in  Genf  gekannt  hatte,
von  Amsterdam,  wo  er  mit  dem  größten  Beifall  als  Prediger
  siand,  nach  Leyden  als  ordentlicher  Prof.  der  Theologie  160;
berufen  wurde.  Der  edle  rechtschaffene  Mann  gieng  unter
vielen  Beäugstigungen  auf  eine  Stelle,  deren  Gesahren  er
kannte,  aber  doch,  wie  der  Erfolg  bewies,  nicht  nach  allen
Seiten  gefürchtet  zu  haben  scheint.  Nicht  seine  eigene  Forschungsbegierde
  und  einen  daraus  gar  zu  leicht  entstebenden
übertriebenen  Skepticismus,  sondern  seinen  sters  entscheiden-
        <pb n="342" />
        330
den  Collegen  Franz  Gomarus  sollte  er  gefuͤrchtet  haben;
er  war  kaum  einige  Jahre  da,  so  lernte  er  den  Mann  schon
aus  Erfahrung  kennen.  Die  Studenten,  welche  wohl  freilich
bei  einem  Professor  nicht  immer  gehoͤrt  haben  moͤgen,  was
sie  bei  dem  andern  hoͤrten,  die  von  Gomarus  ganz  in  Calvinistische
  Ideen  eingeweiht  wurden,  unter  Anführung  des

Arminius  aber  freimüthiger  zweifeln  lernten,  theilten  sich  bald

zu  Partien  unter  einander.  Gomarus  schickte  Ercerpte  aus

Collegienheften  mit  einem  Klaglibell  an  die  Staaten.  Es
#6s  bewährte  sich  aber  in  der  auf  obrigkeitlichen  Befehl  angestellten

  Disputation,  daß  Arminius  nicht  nur  einsichtsvoller,  sondern

  auch  friedfertiger  als  sein  College  sey.

Wenn  keine  allzumächtige  Partie  bei  dieser  Controvers
1600  gereizt  worden  waͤre,  so  hätte  der  Tod  des  Arminius  den
Frieden  befördern  müssen.  In  der  Remonstration,  welche
die  Freunde  des  seligen  Mannes  den  Staaten  übergaben,
sprach  auch  der  Geist  des  Friedens  und  der  Mäßigung  so
rührend,  daß  selbst  der  Verdacht  wegen  des  verrufenen  Konr.
Vorsiius  keinen  weitern  nachtheiligen  Eindruck  hätte  machen
  sollen.  Die  Obrigkeiten  ermahnten  zum  Frieden,  den
aber  die  Prediger  nicht  halten  wollten,  und  welchen  sie  auch,
bald  unterstützt  vom  Prinzen  Statthalter  Moritz,  dreist  aus
den  Augen  setzen  durften.

So  bald  nehmlich  Prinz  Moritz  sah,  daß  die  patriotischen
  Staatsmänner,  welche  seinen  ehrgeizigen  Projecten  am
nachdrücklichsten  entgegen  waren,  die  Parrie  der  Arminianer
gegen  die  unruhigen  Gomaristen  vertheidigten,  so  trat  er  auf
die  Seite  der  letztern,  und  unter  dem  Schutze  der  Geisilichen,
die  für  ihn  predigten,  konnte  er  es  wagen,  einige  der  grööten
dieser  Männer  gefangen  nehmen  zu  lassen.  Die  Gemaristen
opferten  ihm  das  Leben  des  ehrwürdigen  Oldenbarneveld,  die
        <pb n="343" />
        331

Freiheit  des  Hugo  Grotius  und  anderer  großer  Maͤnner  auf,
er  versprach  ihnen  die  Erfuͤllung  ihres  Hauptwunsches,  die
Entscheidung  der  entstandenen  Streitigkeit  auf  einer  Nationalsynode.


g.  16.
Dordrechter  Synode.

Wär'  es  nicht  auf  dieser  Synede  eben  so  zugegangen,
wie  es,  so  lange  Menschen  Menschen  sind,  auf  allen  solchen
Versammlungen  gehen  muß,  so  hätte  es  vielleicht  doch  große
Mühe  gekostet,  bis  man  die  Arminianer  verurtheilt  hätte.
In  den  fünf  Sätzen,  welche  diese  als  Summe  ihrer  bestrittee
nen  Lehre  in  einer  Remonstration  angaben,  fand  sich  kein
Schatten  von  Socinischen  Meinungen,  durch  deren  Beschuldigung
  ihnen  doch  Haß  erregt  wurde.  Calvins  Grundideen
waren  zwar  von  ihnen  verworfen;  sie  dachten  sich  den  Plan
Gottes  bei  Besiimmung  der  ewigen  Schicksale  des  Menschen
nicht  so  willkührlich,  sie  hielten  die  Besiimmung  der  großen
Wohlthaten  durch  Christum  für  allgemein,  und  glaubten,
daß  man  der  bessernden  Kraft  der  Gnade  Gottes  widerstehen
koͤnne.  Aber  selbst  eifrige  Schüler  Calvins  hatten  sich  schon
in  der  Entwicklung  der  Grundideen  ihres  Lehrers  getrennt,
und  manche  vermutheten,  den  unbarmherzig  scheinenden  Ge,
brauch  der  Majestätsrechte  Gottes  mit  seiner  Güte  besser
vereinigen  zu  können,  wenn  sie  den  Allgütigen,  erst  nach
dem  Falle  Adams,  seinen  ganz  willkührlichen  Plan  entwerfen
ließen.

Mit  wie  vieler  Kunst  man  doch  eine  auffallend  unrichtige
  Idee  zu  runden  sucht!  Gewiß  würden  die  Arminianer
von  dieser  Zwistigkeit  Nutzen  gezogen  haben,  weun  nicht  ihr
Verderben  noch  vor  Eröffnung  der  Synode  zu  Dordrecht  1613
schon  unwiderruflich  beschlossen  gewesen  wäre.  Simon
        <pb n="344" />
        332

Episkopius,  seit  Arminius  Tode  nun  das  theologische
Haupt  dieser  Partie,  führte  mit  einem  so  bezaubernden  be,
scheidenen  Selbstgefuhl  von  Unschuld  vor  der  versammelten
Sypnode  das  Wort,  daß  nur  ein  Mensch,  wie  Bogermann,
den  Eindrücken  desselben  widersiehen  konnte.  Die  Arminiauischen
  Lehrsätze  wurden  verdammt,  Professoren  und  Prediger
  dieser  Partie  erilirt,  der  Caloinismus  siegte  vollkommen,
aber  die  Theologen  aus  andern  Ländern  erzählten,  wie  sie
nach  Haus  kamen,  manches  Geschichtchen  von  dem  Verfahren
  dieser  feinen  protestantischen  Synode;  in  vielen  reformirten
  Ländern  wurde  sie  deßwegen  nicht  angenommen.

Unterdeß  verlöscht  gewöhnlich  allmälig  das  Angedenken
an  solche  Begebenheiten,  das  dogmatische  Resultat  bleibt.
Die  Arminiauer  wichen  immer  mehr  nicht  nur  von  Caldinischen,
  sendern  auch  andern  allgemein  anerkannten  Begriffen
ab,  es  wurde  zuletzt  herkommliche  Orthodorie  bei  den  meisten
Reformirten,  die  Schlüsse  der  Dordrechter  Synode  anzunehmen.


&amp;amp;.  I7.
Glücklicheres  Wiederaufleben  der  Remonstranten.

Doch  milderte  sich  auch  gleich  einige  Jahre  nachher  das
Schicksal  der  Arminianer,  selbst  am  Orte  ihrer  ersten  Verfolgung.
  Wenn  schen  der  entflohene  Grotius  in  die  Dienste
seines  Vaterlands  nicht  mehr  zurückkreten  durfte,  so  gestattete
man  voch  der  ganzen  Partie  gleich  nach  Moritzens  Tode
eine  —  nur  wenig  eingeschränkte  Duldung.  Ihr  Gymnasium
  zu  Amsterdam  hatte  ein  ganzes  Jahrhundert  hindurch
die  größten  Theologen,  und  die  Geschichte  dieser  Partie  bewies
  in  ihrer  ganzen  Entwicklung,  welche  Vortheile  und
welche  Nachtheile  mit  einer  durch  Symbole  gar  nicht  eingeschränkten
  Kirchenfreiheit  verbunden  sind.
        <pb n="345" />
        333

Wer  sollte  wohl  auch  im  Munde  eines  Lutheraners  das
Gestaͤndniß  tadelhaft  finden,  daß  wir  den  groͤßten  Theil  unserer
  berichtigtern  theologischen  Kenntnisse  den  Arminianern
zu  danken  haben?  Wie  lange  Zeit  hat  es  gebraucht,  bis
wir  den  Exegeten  Grotius  auch  nur  benötzen  lernten?
Wie  weit  sind  die  Dogmatiker  Episkopius  und  Limborch
  vor  ihren  Zeitgenossen  unserm  Gerhard  und  Calov
  voraus?  und  Clericus  hatte  in  Ruͤcksicht  auf  ganzen
  Umfang  freimuͤthiger  Gelehrsamkeit  unter  allen  damaligen
  Reformirten  und  Lutherischen  Theologen  keinen  seines
Gleichen.  Wetstein  muß  gewiß  auch  uns  höoͤchst  schaͤtzbar
  seyn,  wenn  schon  unser  Bengel,  sein  Vorgänger,
noch  größern  Ruhm  verdient.  Eine  Religionspartie,  die  so
viele  in  einer  Reihe  fortgehende,  aufgeklärte,  große  Männer
  hatte,  zog  fast  unvermeidlich  auch  den  übrigen  Theil
der  theologischen  Welt  in  ihre  Grundsätze  hinein,  und  die
allmälig  herrschend  gewordene  Abneigung  gegen  alles  positive
in  der  Religion,  wenn  schon  mehrere  Ursachen  zusammentrafen
  dieselbe  hervorzubringen,  ist  doch  vorzöglich  durch  die
Schriften  der  Arminianer  auch  unter  uns  ausgebreitet  worden.

138.
Bemerkungen  über  das  Ganze  der  Gesch.  der  Ref.  Klrche.

Die  Reformirte  Kirche  macht,  wie  aus  der  bisherigen
Erzählung  erhellt,  weit  weniger  ein  Ganzes  aus,  als  die  Lutherische.
  Unsere  Augsburgische  Confession  ist  ein  fast  ganz
allgemein  geltendes  Symbol;  bei  ihnen  hat  fast  jede  große
Partikularkirche  ihr  eigenes  und  den  übrigen  oft  ziemlich  unähnliches
  Symbol.  Zwingels  Ideen  in  Ansehung  des  Kirchenrechts
  liessen  sich  noch  viel  schwerer  als  seine  theologischen
  Lehrsätze  von  Calvinischen  Ideen  verdrängen;  wo  sie
berrschend  geblieben  sind,  da  konnten  zwar  wohl  einzelne
        <pb n="346" />
        334

dogmatische  Meinungen  der  Genfer  gangbar  werden,  aber
dem  Geist  dieser  Partie  blieben  alle  Zugänge  versperrt.

Offenbar  hat  sich  die  Reformirte  Kirche  noch  weiter  von
den  Meinungen  und  Gebräuchen  der  Romischen  Kirche  entfernt
  als  die  unsrige,  und  doch  hat  sich  bei  ihr  viel  früher
wieder  etwas  Pabsithumartiges  entwickelt  als  bei  uns:  Alle
Aufklärung  der  Lutherischen  Kirche  hieng  einzig  von  Teutschland
  ab,  die  Aufklärung  der  Reformirten  Kirche  aber  wurde
durch  die  abwechslenden  und  vereinigten  Bemühungen  der
Teutschen,  Niederländer,  Franzosen  und  Engländer  befördert.
Ist  es  ein  Wunder,  daß  sie  die  Wirkungen  der  Dordrechter
Synode  nicht  so  lange  fort  empfanden,  als  wir  die  Entstehung
  unserer  Concordienformel?

Möchte  die  alte  Kirche,  von  welcher  sich  die  zwei  großen
Partien  trennten,  nur  diejenigen  elenden  Ueberreste  von  theologischer
  Freiheit  behalten  haben,  welche  sie  noch  zu  Luthers
Zeiten  besaß:  aber  wie  läßt  sich  dieses  in  einer  Monarchie
denken,  wo  sich  der  Regent  gegen  jede  Gefahr  der  Erschütterung
  seines  Throns  gewöhnlich  nur  durch  einen  noch  strengeren
  Despotismus  schützt.

Geschichte  der  alten  (Katholischen)  Kirche  bis  zur
Vollendung  der  Trienter  Synode.

*'s

Wirkung  der  Resorm,  auf  die  Kath.  Kirche.  Leben  der  Päbste.

Die  alte  Kirche  hätte  von  Luthers  und  Zwingels  Reformation
  auch  bei  ihren  getreuen  Söhnen  die  wohlthätigsten
Wirkungen  erfahren  können,  wenn  sie  nicht  ihrem  alten  unglücklichen
  Grundsatz  gefolgt  wäre,  jede  bisher  gleichgültige
Meinung,  welche  der  Ketzer  nach  ihrer  gangbaren  Form  nicht
billigte,  in  einen  unverletzlichen  Glaubensartikel  zu  verwan-
        <pb n="347" />
        335

deln.  Manche  wohlthaͤtige  Wirkung  konnte  wohl  nicht  gleich
anfangs  dadurch  unterdruͤckt  werden,  die  alte  Kirche  mußte
sie  vielmehr  begierigst  um  ihrer  Selbstvertheidigung  willen  benuͤtzen.
  So  kam  das  Studium  der  Bibelsprachen  auch  in
der  alten  Kirche  mehr  in  Gang,  man  bekam  auch  Katholische
Bibeluͤbersetzungen  in  die  Muttersprachen,  neue  Katechismusse,
neue  theologische  Compendien.  Einzelne  Bischoͤfe  und  Lehrer
suchten  ohne  Abfall  von  der  Rbmischen  Kirche  viele  bisher
sehr  geheiligte  Mißbräuche  außer  Gang  zu  bringen.  Auch
fehlte  es  nicht  an  Versuchen,  die  bloß  herrschende  Dogmatik
von  der  wahren  Katholischen  Orthodorie  zu  unterscheiden.
Aber  das  alles  waren  mehr  Privatbemühungen  als  Veranstaltungen
  der  Kirche  selbst,  Rom  suchte  sich  mit  Finsterniß,
nicht  mit  Licht  zu  schützen,  mit  Waffen  und  List,  nicht  mit
Aufklärung.

Ist  es  nicht  traurig,  daß  in  der  ganzen  Reformationsperiode
  kein  einziger  Mann  auf  Peters  Stuhl  saß,  der  als
Theologe  auch  nur  mittelmäßige  Achtung  verdiente.  Leo  X.
ist  schon  selbst  aus  Luthers  Geschichte  bekannt  genng.  Sein
Nachfolger  Adrian  VI.  war  zwar  ein  redlicher  Mann,  abet
er  erfuhr  durch  ein  mühseliges  Leben  und  durch  einen  frühen
Tod,  daß  ein  redlicher  Mann  nirgends  unbequemer  sitzt  als
im  Vatican.  Den  Bastard  Clemens  VIl.  hat  selbst  Kaiser
  Karl  V.  für  seine  Italiänische  Tücke  gezüchtigt,  und  die
unglücklichen  Canzleistreiche  in  dem  Ehescheidungsproceß  König
  Henrichs  VIII.  von  England  sollen  doch  nicht  als  Beweise
  der  päbstlichen  Untrüglichkeit  gelten?  Für  seine  unehlichen
  Kinder  hat  Paul  III.  trefflich  gesorgt,  aber  die  Geschichte
  des  Trientschen  Conciliums,  das  er  eröffnete,  ist  gar
zu  daurendes  Denkmahl  seiner  Arglist  und  untheologischen
Herrschsucht.  Julius  III.  würde  als  gemeiner  Landpredi--
        <pb n="348" />
        336

ger  wegen  seiner  allgemein  bekannten  schaͤndlichen  Lebensart
abgesetzt  worden  seyn;  zu  Rom  war  er  heiliger  Vater.  Und
wenn  auch  der  kaiserliche  Kanzler  Seld  unrichtig  vermuthet
hat,  daß  Paul  IlV.  nicht  mehr  bei  Vernunst  und  Sinnen
sey,  so  hat  er  doch  das  beste  Mittel  erwählt,  seine  Handlungen
  zu  erklären.  Pius  IV.  hat  die  Trienter  Synode  nicht
christlicher  geschlossen  als  Paul  III.  sie  anfieng,  und  sein
Nachfolger  Pius  V.  war  Conrad  von  Marburg  auf  dem
Rdmischen  Stuhl.

Der  Geschichtschreiber  soll  stets  kaltblütig  bleiben,  aber
wer  vermag  es?  Die  Ilaliäner  haben  uns  solche  Menschen
als  Statthalter  Gottes  auf  Erden  hingeboten,  und  gerade  zu
der  Zeit,  da  wir  schon  feierlich  unsere  Zweifel  erklärt  hatten,
daß  uns  diese  Statthalterschaft  verdächtig  scheine.  Leicht  begreiflich,
  daß  ein  solches  Regiment  nicht  anders  als  mit  Feuer
und  Schwert,  mit  Arglist  und  Trug  behauptet  werden  konnte;
  die  bedrängte  Katholische  Kirche,  wenn  sie  doch  nur  vorerst
  nicht  Römisch  päbstliche  Kirche  wäre!

6.  20.

Mittel,  wodurch  sich  die  Katholische  Kirche  gegen  ihren  Untergang
zu  schützen  suchte.  Büchercensur.  Inguisition.  Neue
Mönchsorden.

Bei  der  allgemeinen  Ideencirculation,  welche  durch  die
Buchdruckerei  so  gefährlich  veranlatzt  wurde,  war  es  für  das
päbstliche  Interesse  durchaus  nothwendig,  nur  so  viel  Wahrheit
  und  Geschichte  bekannt  werden  zu  lassen,  als  sich  zu  den
Meinungen  des  Römischen  Hofes  passen  mechte.  Deswegen
hatte  schon  Alerander  VI.  Büchercensoren  ausgesiellt,  aber
ganze  Verzeichnisse  von  Büchern,  die  man  entweder  gar  nicht
oder  nur  unter  der  warnenden  Vormundschaft  der  Kirche  lesen
  sollte,  gab  zuerst  Paul  IV.  ans  Licht,  und  Sirt  V.  hat
        <pb n="349" />
        22

347

dieses  Geschäft  einer  eigenen  Congregation  von  Cardinälen
übertragen.  Die  ganze  Geschichte  dieser  Verzeichnisse  beweist,
daß  man  nicht  einmal  gelehrte,  verständige  Männer  zu  sol,
chen  Ideenvisstaioten  aufstelltse.  Oft  zweifelt  man,  ob  Bosheit
  oder  Dummheit  bei  Verfertigung  dieser  Katalogen  mehr
geherrscht  habe,  ob  mehr  ungelehrte  Grausamkeit  bei  ihrer

Verfertigung  oder  mehr  Unmenschlichkeit  bei  ihrer  Vollziehung
  gebraucht  worden  sey.

Wo  anch  nicht  Spanische  Inquisition  eingefuͤhrt
war,  da  verfuhren  oft  Bischoͤfe  und  Obrigkeiten  als  ob  sie
beweisen  wollten,  wie  überflüssig  in  ihren  Gegenden  eine
Spanische  Inquisition  sey.  In  keinem  Lande  hat  sich  die  Katholische
  Kirche  als  herrschend  behauptet,  wo  es  nicht  unglaubliche
Grausamkeiten  gekostet  härte,  bis  sie  wieder  allein  herrschend
geworden.  Da  retteten  kein  Alter,  keine  Gelehrsamkeit,  teine
vorhergehende  Verdienste  um  Staat  und  Kirche,  und  die  niederkrächtigste
  Grausamkeit,  womit  man  den  Ketzer  oft  fangen
mußte,  glaubte  man  durch  ihre  Absscht  geheiligt  zu  haben.
Nie  vergißt  wohl  der  unparteiische  Geschichtforscher  zu  unterscheiden,
  was  überhaupt  Schwäche  eines  gewissen  Zeitalters
oder  besondere  Gesinnung  einer  einzelnen  Partie  sey:  aber
nun  schon  dritthalb  Jahrhunderte  lang  ruft  immer  neu  vergossenes
  Märtyrerblut  gen  Himmel,  und  selbsi  die  deutlichsten
Beweise  vom  politischen  Nutzen  einer  christlichen  Toleranz
haben  den  Geist  der  Römischen  Kirche  noch  nicht  gebessert.
Fast  ebenso  mit  den  Mönchsorden.  Schon  seit  dem  zehnten
  Jahrhundert  drehte  man  sich  im  ewigen  Cirkel,  den  Fehlern
  alter  reich  gewordener  Orden  durch  Stiftung  neuer  Insiitute
  zu  helfen,  und  diese  den  Bedürfnissen  der  großen  Hierarchie
  immer  mehr  anzupassen.  Die  Menschheit  behauptete
immer,  noch  vor  Absterben  der  ersten  Generation,  auch  trotz

Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  22
        <pb n="350" />
        338,

der  neuen  Ordensregeln  ihr  Recht,  und  der  Roͤmische  Hef
erfuhr,  was  jeder  Despot  erfaͤhrt,  daß  seine  Garden,  die  einzigen
  Stützen  seiner  Macht,  auch  die  furchtbarsten  Gegner  seiner
Macht  sind.  Doch  haben  sich  immer  die  Classen  und  Varietäten
  dieser  Menschen  vermehrt,  die  Päbste  sind  ihren  eigenen
Gesetzen  nicht  treu  geblieben,  und  die  beissendste  Satyre  der
witzigsten  Köpfe  des  Zeitalters  hat  den  immer  neu  ausschlagenden
  Keim  des  alten  Mönchswahns  nicht  tödten  können.
#.  21.
Capuciner.  Theatiner.  Jesuiten.

Ein  Italiaͤnischer  Franciscaner,  Matthaͤus  von  Baßi,
machte  die  große  Entdeckung,  daß  der  h.  Franz  von  Assisi
kein  Scapullier,  sondern  eine  spitze  Capuze  getragen,  auch  seinen
  Bart  anders  zugeschnitten  habe,  als  damalige  Franciscanermode
  erforderte.  Es  kam  über  das  Wiederaufleben  der
alten  Capuzen  und  über  die  Bartform  zu  einem  großen  innerlichen
  Krieg  des  Franciscancrordens,  der  mit  der  heftigsten
Bitterkeit  und  nicht  ohne  Blutvergießen  geführt  wurde.  Der

1528  Pabst  ließ  der  neuen  Capuze  zu  Ehren  einen  neuen  Orden
entstehen,  der  schon  durch  seinen  Namen  die  ehrwürdige  Veranlassung
  seines  Ursprungs  zeigt.

Fast  jede  oft  noch  so  nothwendige  Reformation  eines  Ordens

  war  wie  die  Fekschneidung  eines  Polyps.  Man  bekam
nur  mehrere  Ganze,  deren  jedes  einzeln  durch  alle  Vergrößerungskunstgriffe
  einer  solchen  Gesellschaft  sich  groß  zu  nähren
suchte.  Die  heil.  Therese  in  Spanien  mag  es  mit  der  Kirche
  und  mit  den  Karmelitern  gut  gemeint  haben,  aber  sie
hat  leiderden  Ursprung  zweier  Gattungen  derselben  ver,
anlaßt.  ·

Kein  Pabst  hat  je  einen  Orden  gestiftet;  seltsam  daß
ihm  immer  andere  in  Verrichtung  dieser  guten  That  zuvor-
        <pb n="351" />
        339

gekommen  sind,  denn  auch  den  Bettelorden  der  Theatiner
hat  Paul  IV.  noch  als  Johann  Peter  Caraffa  als  Bischof  1524
zu  Theate  gestiftet.

Der  kkeinen  Congregationen,  welche  in  der  Reformatis
onsperiode  in  Italien,  Frankreich  und  Spanien  entstanden,
war  kein  Ende,  ihre  Wirkung  verlor  sich  im  übrigen  Gewimmel;
  aber  wie  ein  Stern  erster  Größe  verdunkelte  bald  alle
übrige  gröhere  und  kleinere,  ältere  und  neuere  Orden  die
von  einem  Spanier  gestiftete  Gesellschaft  Jesu,  deren  Geschichte,
  wie  sie  fast  allgemein.  erzählt  wird,  oft.  die  Frage  erregen
  muß,  ob  man  nicht  auch  im  historischen  Argwohn  zu
weit  gehen  köonne

2  22.
Enkstehung  der  Gesellschaft  Jesu.

In  eben  dem  Jahr,  da  D.  Luther  zu  Worms  verhöte  1521
wurde,  verunglückte  bei  der  Belagerung  von  Pampelona  ein
därftiger  Spanischer:  Edelmann  Don  Inigo  (Ignatius)  Lojola.
  Es  brauchte  lange  Zeit,  bis  ihm  sein  zerschmetkertes
Bein  wiederhergestellt  wurde.  Sich  die  Weile  zu  .  vertreiben,
las,  er  einen  alten  frommen  Roman,  der  sich  gerade  borfand
(Flores  Sanctorum),  und  weil  sein  Kopf  ohnedieß  nicht  der
stärkste  war,  machten  ihm  die  Heiligenlegenden  denselben  so
warm,  daß  er  sich  entschloß,  ein  frommer  Don.  Ouichotte  zu
werden.  Niemand  wollte.  sich  aber  an  diesen  halb  verrückten
Menschen  anschließen,  der  oft  seiner  DOummbeit  wegen  faßt  für
hetexodor  gehalten  wurdf.  Endlich  gelang  es  ihm  zu.  Paris;
wo  er  erst  in  seinem  sieben  und  dreißtigsten  Jahr  Lateinisch
zu  lernen  anfieng,  ein  paar  verdorbene.  Studenten  zu.  gewinnen,
  und  durch  Fasien  und  Bußübungen  erorcifirte  er  bald
alle  vernünftige  Uebsrlegung  seiner  Schüler  so  sehr,  daß  sie
ihm  an  rasendem  Fangkiemus  vollkommennglichen.  Niemand

22“
        <pb n="352" />
        340

konnte  sich  einbilden,  daß  das  Gesuch  dieses  Menschen  zu
Rom,  einen  neuen  Orden  zu  stiften,  vom  Pabst  werde  gebilligt
  werden.  Dort  fiel  er  aber  in  die  Gesellschaft  solcher  politischen
  Theologen,  welche  sahen,  was  für  nützliche  Wendungen
  diesem  blinden  Eifer  gegeben  werden  könnten.  Man
schuf  ein  Amphibion  von  Welegeistlichen  und  Ordensleuten“
vom  Bettelorden  und  andern  Mönchsorden.  Es  sollte  nach
vorfallenden  Umständen  bald  das  eine  bald  das  andere  seyn.
Compagnie  Jesu  sollte  sein  Name  heißen;  denn  dem  Ritter
  träumte  immer  von  Regimentern,  und  Compagnien,
der  Name  Orden  klang  ihm  nicht  recht  militärisch.

Was  es  doch  für  Mühe  und  Ränke  kostete,  bis  diese
Gesellschaft  in  allen  Fugen  der  Staats=  und  Kirchenverfassung
  so  eingreifen  gelernt  hatte,  daß  zwei  volle  Jahrhunderte
hindurch  in  beiden  Systemen  fast  alle  wichtigere  Angelegenheiten
  nach  ihren  Absichten  vollführt,  durch  ihre  Hülfe  oder
ihren  Widerstand  gelenkt  wurden.  Der  Gesellschafter  Jesu
war  besonders  in  Portugall  gleich  anfangs  ein  sehr  willkommner
  Mann.  Der  Eifer  des  neuen  Ordens  konnte  vortrefflich
zu  Missionen  gebraucht  werden,  für  wesche  die  anderen  längst
gesicherten  Orden  meist  zu  bequem  oder  nicht  thätig  genug
waren.  Die  uneigennützig  scheinenden  Bemöhungen  der  Jesuiten
  für  den  Kinderunterricht  empfahlen  sie  aber  auch  da,
wo  man  keine  Missionairs  nöthig  hatte,  und  ihre  feinere  Lebensart,
  besonders  im  Contrast  mit  dem  stinkenden  Bettelmönch,
  dffnete  ihnen  den  Weg  an  die  Höfe  der  Koͤnige,
wenn  nicht  vielleicht  auch  ihre  gar  zu  menschliche  Moral  noch
mehr  dazu  beitrug,  sie  zu  angenehmen  Beichtvätern  der  Groben
  zu  machen.

Diese  Compagnie  Jesu  waren  die  Fanitscharen  des  heil.
Siuhls,  Schutz  und  Schrecken  des  Despoten,  dessen  imagi-
        <pb n="353" />
        341

narische  Macht  durch  die  Reformation  so  sehr  erschuͤttert
worden  war.  Sie  wußten  jene  kuͤnstliche  Mischung  von  Licht
und  Finsterniß  hervorzubringen  und  zu  erhalten,  durch  welche
sich  das  Pabstthum  seit  Luthers  und  Calolns  Zeiten  allein
noch  retten  konnte.  Sie  verbanden,  besonders  zum  Schaden
mancher  Teutschen  Provinz,  den  politischen  Vortheil  der  Fuͤrsten
  so  genau  mit  der  Katholischen  Religion,  daß  sich  nicht  leicht
ein  vornehmer  Proselyt  finden  lassen  wird,  welchem  nicht
dieses  von  einem  Jesuiten  begreiflich  gönacht  wurde.

Die  Fundamentaleintheilung  des  Ordens  in  Professen
und  Rectoren  der  Collegien  nebst  dem.  schkauen  Correspondenzzusammenhang,
  der  zwischen  der  Direction  des  Ordens  und
seinen  Mitgliedern  statt  hatte,  enthält  größtentheils  die  Erklaͤrung
  der  Moͤglichkeit  eines  solchen  Phanbmens  als  die
Geschichte  dieses  Ordens  ist.  Die  bespotisch  söuveraine  Ge,
walt  des  Ordensgenerals,  der  sich  beständig  zu  Rom  aufhal.
ten  mußte,  und  die  schkaue  Auswahl  ihrer  Mitglieder  allein
wuͤrden  nicht  hinreichend  gewesen  seyn,  die  Jesuiten  vor  dem
allgemeinen  Schicksal  aller  solcher]  Gesellschaften  so  lange  zu
schuͤtzen.

Eine  der  ersten  Scenen,  wo  die  Jesuiten  als  Hauptacteurs
  auftraten,  war  die  Synode  zu  Trient.

H-  23.
Geschichte  und  Wirkungen  der  Trlenter  Sprode.

Die  Reformatoren,  ehe  sie  ganz  Tag  sahen,  hatten  si  ch
nach  damaligem  Herkommen  von  einer  allgemeinen  Spynode
viel  versprochen,  und.  auch  bie  meisten  der  Patrioten  der  Katholifchen
  Kirche,  welchen  der  Moͤnch  zu  Witktenberg  gar  zu
brausenb  geschienen  hatte,  hielten  dieses  Mittel  noch  für  das
einzige,  wie  einer  gänzlichen  Trennung  geholfen  werden  bönw.
te.  Die  Kdinge  waren  nicht  dagegen,  sie  konnten  bei  einer
        <pb n="354" />
        342
solchen  Versammlung  eine  geschickte  Gelegenheit  erwarten,  den
Italiaͤnischen  Oberpriester  zu  demuͤthigen,  und  am  ·  bequemsten
fand  es  der  Teutsche  Kaiser,  der  immer  vom  gelingenden
oder  mißlingenden  Erfolg  der  Synode  den  gegenwärtigsten  Nutzen
  ziehen  konnte.  Der  Pabst,  welcher  Costnitz.  und.  Basel
noch  nicht  vergessen  hatte,  wand  sich  wie  eine  Schlauge,  und
entschlüpfte  immer,  wenn  er  isich  auch  selbst  ausgeliefert.  zu
haben  schien.  Er  rechtete  über  den  Ort  und  über  die  Art  der
Zusammenkunft,  und  ##neegociirt:  gewöhnlich.  nie  eifriger,  als
wenn  es  ihm  am  wenigsten  Erust.  war,  Wort  zu  halten.
1545,  „Dritthalb  Monate  vor  Kuthers  7  Tode  wurde.  endlich  zu
Trient  auf  der  Graͤnze  von  Teutschland  und  Italien  eine
Versammlung  Froͤffnet,  uͤber  welche  Freunde  und  Feinde  spoͤttische
  Anmerlupgen  machten,  so  gar.  war  sie  auch  nicht  einmal
  ein  Schaften  r  von.  demienigen,  was  man  nach  damaligen
Bedürfnisen.  erwarten  konnte.  Nech.  ehe  es  zur  achten  Session
  kam,  so  fand  schon  der  Pabst,  daß  die  Verschi  ckung  seines
  heil.  Geisies  in  eine  so  entfernte  Stadt  fuͤr  das  Roͤmische
Interesse  gar  zu  gefährlich  sev,  er  ließ  deswegen  die  Päter
nach  Vononien  kommen,  und  hier  bekamen  sie  sehr  fruͤh  Ferien,
  welche  wohl,  nicht  nur  zwei.  Jahre  gedauert  babsn  wuͤrben,
  wenn  Paul  III.  am  Leben  goliehen.  ware.  4  Sein.  Nachfolger
  Julius  III.  ihat  gerade  wieder  so  viel  fuͤr  Forssetzung
der  Komödie,  als  er  wegen  des  vriugenden  Forderns  Kaisers
1563  Karl  V.  thun-  mußte;  bald.  waren  zwirder  zue  älhrige,  Ferien.
So  bäuerte  das  ganze  Spiel  achzzehn  Jahre  lang,  upd  wie
der  Pabst  endlich  glaubte,  daß.  lange  genng  gesrielt  worden
sey,  so  schickie  er  seine  Soldner  nach.  Hause,  und  siellte  fich
nun  recht  feierlich,  als  ob  geschchen.  wäre,  was  man  längst
verlangt,  habe.  6
Der  Schade  iß  nicht  genug  zu.  beklagen,  welchen  Zieses
        <pb n="355" />
        343

so  genannte  oͤkumenische  Concilium  anrichtete.  Sorglos  haben
  vorher  die  Gelehrten  unter  den  Katholiken  über  manche
Glaubenspuncte  disputirt,  und  ohne  deutliche  Gefahr  von
Heterodorie  konnten  sich  eine  der  dissentirenden  Partien  zur
Meinung  der  Reformatoren  halten:  itzt  wurden  nach  dem
Gutachten  der  Ordenstheologen,  welche  eigentlich  die  Inspiratoren
  des  Conciliums  waren,  scharfe  Gränzlinien  gezogen,
bey  welchen  man  oft  nicht  weiß,  ob  die  Kähnheit  des  ersten
Rathgebers  oder  der  beistimmenden  Bischbfe  mehr  zu  beklagen
  ist.  Dabei  verstanden  sich  aber  diese  Orthodorierichter
doch  auch  trefflich  auf  Erfindung  zweideutiger  Redarten,
wenn  es  zwistige  Puncte  ihrer  Ordenstheologie  betraf,  und  die
Hauptmaterien  der  Reformation,  welche  neben  Festsetzung
der  Orthodorie  das  zweite  große  Geschäft  der  Synode  war,
wurden  entweder  so  unberührt  abgehandelr,  oder  so  künstlich
nach  Rom  geschoben,  daß  ein  großer  Theil  selbst  von  Katholiken,
  der  die  dogmatischen  Entscheidungen  des  Conciliums
dem  heil.  Geist  nicht  absprechen  wollte,  in  Disciplinartikeln
den  Röômischen  Geist  so  deutlich  fand,  daß  sie  allen  Gehorsam
  durchaus  verweigerten.
i
Zustand  der  Kathol.  Kirche  im  Ganzen  nach  der  Trientischen
Svnode.

So  wahr  ist  es  also,  daß  die  altkatholische  Partie  durch
die  geschehenen  großen  Trennungen  nicht  nur  an  Ausdehnung
sondern  auch  an  innerer  Guͤte  verlor.  Wohl  sind  in  derselben
  in  allen  Faͤchern  große  Gelehrte  aufgestanden;  die  alte
  Nacht  der  Unwissenheit  floh,  und  wenigstens  in  Italien
und  Frankreich  fand  sich  mancher  Kenner  der  classischen  Litteratur,
  der  in  der  Vergleichung  mit  den  edelsten  unserer
Teutschen  Protesianten  gar  nicht  verlor.  Aber  die  Dogma-
        <pb n="356" />
        344

tik  war  durch  alle  nur  moͤgliche  hierarchische  Kuͤnste  so
verwahrt,  daß  kaum  der  schwächste  Strahl  dieses  Lichts  dieselbe
  ein  wenig  erhellen  konnte.  Der  Pabst  war  am  Ende
der  Trientischen  Synode  noch  eben  der  Pabst,  der  er  zu  Lutbers
  Zeiten  war:  die  Habsucht  der  Könige  hatte  er  hie  und
da  durch  Concordate  gestillt,  und  die  Könige  brauchten  ihn
als  eine  nützliche  Spielwaffe,  um  manchmal  ihrem  Gegner
wehe  zu  thun,  manchmal  die  Kirche  ihres  Landes  desio  gesetzmäßiger
  in  Contribution  zu  setzen.  Selbst  der  schändliche
Fndulgenzen-  Mißbrauch,  welcher  die  Reformation  veranlaßt
hatte,  war  nicht  abgeschafft  worden,  und  was  hie  und  da  in
den  Schlüssen  der  Trienter  Synode  gegen  andere  einzelne
Mißbräuche  erinnert  wurde,  war  elendes  Palliativ  für  einen
unheilbaren  Krebsschaden.

Am  traurigsten  stand  es  unstreitig  immer  in  der  Teutschkatholischen
  Kirche.  Ach  wie  selten  die  Cassander  waren,
und  wie  hohen  Werth  der  Pabst  darauf  setzte,  wenn  er  et—-wa
  auf  einige  Zeit  den  Laien  den  Abendmahlkelch  wieder
vergönnte!  Keine  einzige  Teutsche  katholische  Universität  hob
sich  in  diesem  Zeitalter  so  glücklich,  daß  sie  mit  Wittenberg
oder  mit  Genf  nur  einigermaaßen  verglichen  werden  könnte.
Kein  einziger  epochemachender  Gelehrter  bildete  sich  auf  einer
derselben.  Die  alten  längst  vor  der  Reformation  gestifteten
  Universitäten  waren  meisi  ein  Eigenthum  der  Bettelmönche,
  die  nen  gestifteten  der  Jesuiten.

Geschichte  der  Lutherischen  Kirche  von  den  Zeiten  der
Concordienformel  bis  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts
  oder  bis  zu  der  Pietistenepoche.

§.  95.
Streitigkeiten  nach  der  Concordiensormel.  Joh.  Arnd.

Es  war,  wie  die  Geschichte,  gleich  nach  Bekanntwerdung
        <pb n="357" />
        345

der  Concordienformel  bewies,  noch  gar  nicht  als  entschieden
anzusehen,  daß  jeder  ächt  orthodore  Lutheraner  gerade  diese
  Entwickelungen  und  Bestimmungeng  der  Lehre  von  Vereinigung
  der  zwei  Naturen  in  Christo  nothwendig  annehmen
mässe.  Die  Helmstädter  Theologen,  vielleicht  geleitet  durch
den  Einfluß  ihres  Hofs,  widersetzten  sich  am  ernstlichsien,
aber  es  moͤchte  schwer  zu  entscheiden  seyn,  auf  welcher  Partie,
  ob  bei  der  der  Concordisten  oder  der  Nichtconcordisten
—  das  rabulistische  Streiten  am  weitesten  getrieben,  die  schriftstellerischen
  Sitten  durch  das  Streiten  am  meisten  verderbt
worden  seyn  mögen.  »  «

Mit  diesem  Orthodoriestreit  vereinigte  sich  auf  manchen
Universitäten  auch  die  Uneinigkeit  über  Ramistischer  und
Arisiotelischer  Philosophie,  oder  kamen,  wie  in  Chursachsen
geschah,  ganz  individuelle  einheimische  Händel  hinzu,  daß  oft
die  Politik  des  Hofes,  allein  ohne  daß  es  gelang,  einen  Einfluß
  auf  die  Gesinnungen  der  Theologen  zu  gewinnen  suchte.
Der  Chursächsische  Canzler,  Nik.  Crell  war  in  Versuchen
  dieser  Art  am  unglücklichsten  ,  Und  sein  Beispiel  zeigte
selbst  noch  im  Tode,  wie  genau  der  kaiserliche  Hof  durch
Politik  mit  den  strengeren  Lutheranern  verbunden  sey,  und  wie
jede  Annäherung  an  Ealvinische  Meinu  ngen  und  Gebräuche  zugleich
  auch  als  gefährliche  französische  Allianz  angesehen  werde.

Noch  ehe  auch  durch  Entstehung  des  Marburgischen  Erbschaftstreits
  und  der  noch  wichtigeren  Jülichischen  Surcesssonssache
  die  Teutschprotestantischen  Hôfe  mit  allem  Partiehaß
von  einander  sich  trennten,  so  waren  doch  der  Churpfälzische
und  Chursächsische  Hof  zwei  verschiedene  Anziehungspuncke
im  Teutschen  Staatenspstem,  und  die  Geschichte  dieser  beiden
Höfe  hatte  auf  den  Justand  der  theologischen  Litteratur  einen
fast  noch  bildenderen  Einfluß  als  die  zwei  Hauptstreitigkei=
        <pb n="358" />
        346
ten,  welche  im  ersten  Viertel  des  siebzehnten  Jahrhunderts
in  der  Lutherischen  Kirche  entstanden,  als  die  Controvers

1598  des  Helmstaͤdtischen  Theologen  Dan.  Hoffmann  und  der
Streit  zwischen  den  Tübingischen  und  Giessenschen
Theologen.

Dan.  Hoffmann  hatte  auf  der  Universität  Helmstädt
und  am  Braunschweigischen  Hofe  eine  mächtige  Partie  gegen
sich,  welche  in  Beziehung  auf  Studiermethode,  Familieninteresse,
  philosophisch  theologische  Grundsätze  so  völlig  von  ihm
verschieden  war,  daß  die  Verschiedenheit  auch  bei  einem  vorsichtigern
  Manne  sehr  leicht  in  Ketzerei  oder  Ketzermacherei
hätte  ausarten  können.  Seinen  zwei  Gegnern  wehe  zu  thun
oder  vielleicht  weil  er  das  Fach  seiner  Gegner  als  gegnerisches
  Fach  ansah,  ergoß  sich  der  unvorsichtige  Streiter  in
die  heftigsten  Invectiven  gegen  alle  Philosophie,  und  bestritt
mit  einer  fast  unglaublichen  Verblendung  allen  Gebrauch
auch  der  gesunden  Vernunft,  bis  ihm  sein  Hof  zur  Erhaltung
  der  dortigen  Universität  und  zur  Ehre  der  Vernunft
ein  Stillschweigen  auflegte,

Die  Streitigkeiten  zwischen  den  Tübingischen  und  Gies
senschen  Theologen  waren  eben  so  wenig  aufklärend  und  wurden
  noch  mehr  mit  partiemachendem  Eifer  geführr,  als  jene

1607  Hoffmannische  Controvers.  Balth.  Menzer,  einer  der  angesehensten
  Theologen  der  neuen  Universität  Giessen,  erklärke
die  Allgegenwart  der  menschlichen  Natur  Christi  auf  eine  Art,
mit  welcher  seine  Collegen  höchst  unzufrieden  waren,  welche
er  also  durch  Correspondenz  mit  andern  Universtitärstheologen
besonders  mit  denen  zu  Tübingen  Beifall  zu  verschaffen
suchte.  Luk.  Osiander  aber  und  Theod.  Thummius,
zwei  junge  rüstige  Männer,  auf  welchen  damals  das  Ansehen
der  letztern  theologischen  Facultät  beruhte,  erklärten  sich  gegen
        <pb n="359" />
        347

seine  Meinung,  und  Menzer,  der  bald  darauf  ansseinem
Tochtermann  Feuerborn  in  Eiessen  eine  Stütze  bekam,
gab  dieser  Nichtübereinstimmung  durch  geschärsteren  Widerspruch
  eine  Ruchbarkeit,  welcher  auch  jene  zwei  Tübingischen
Theologen  gar  nicht  auswichen.  Menzer  hiclt  es  für  biblisch
  richtig  zu  behaupten,  daß  Christus  während  dem  Stande
seiner  Erniedrigung  auf  den  Besi  itz  aller  göttlichen  Eigenschaften,
  Allwissenheit,  Allmacht  und  Weltregierung  freiwillig
Verzicht  gethan  habe;  zu  Tübingen  bielt  man  diese  Meinung
  der  Concordienlehre  von  wechselsweiser  Mittheilung  der
Eigenschaften  beider  Naturen  in  Chrisius,  höchst  nachtheilig,
und  der  Concordienformel  zu  liebe  wurde  behauptet,  Christus
habe  jene  Eigenschaften  nicht  nur  besessen  sondern  auch  ausgeübt,
  nur  unsern  menschlichen  Augen  unsichtbar.  Wer  sollte
glauben  können,  daß  ein  Streit  über  dies  e  Frage,  zu  deren
Beantwortung  die  Bibel  selbst  so  wenig  Stoff  giebt,  Jahrzehende
  lang  dauren  konnte,  große  polemische  Werke  veranlassen
  konnte?

Durch  alles  Hohngelaͤchter  der  Dillinger  Jesuiten
und  durch  alle  Vermittlungen  der  Chursächsischen  Theo—
logen  ließen  sich  die  Partien  nicht  aus  einander  bringen.
Der  Religionseifer  der  Papisten  war  schön  seit  der  Calender=  1382
historie  so  gereizt  und  so  rege,  die  einheimischen  Verhälktnisse
des  kaiserlichen  Hauses  für  den  Ausbruch  eines  Religionskriegs
  mit  jedem  Jahr  so  viel  geschickter,  die  Partien  der  Union
und  Lige  bei  jeder  neuen  Gelegenheit  von  Entzweiung  so  viel
kühner,  daß  jedes  Jahr  des  noch  verschobenen  Ausbruchs
unerwarteter  Gewinn  scheinen  mußte;  doch  vereinigte  man
sich  nicht  gegen  diesen  gemeinschaftlichen  gefährlichen  Feind!

Sie  würden  sich  vielleicht  schneller  zur  gemeinschaftlichen
Vertheidigung  auf  eine  kurze  Zeit  mit  einander  ausgesöhnt
        <pb n="360" />
        348

haben,  wenn  es  gegen  die  Reformirten  gegolten.  hätte,  denn

1619  da  die  Boͤhmische  Koͤnigssache  des  ungluͤcklichen  Churfuͤrsten

von  der  Pfalz  das  Signal  zum  Ausbruch  des  längst  drohenden
  Kriegs  gab,  so  zeigten  die  Tübingischen  Theologen  ihrem
Herzog  Johann  Friedrich,  daß  er  sich  von  Caloinischem
Sauerteig  rein  erhalten  solle,  und  der  zWberhofprediger  in
Dresden,  Matthias  Hoe  von  Hoenegg,  mag  vielleicht
noch  eine  Ursache  mehr  als  die  Tuͤbinger  gehabt  haben,  um
seinen  Herrn,  bei  welchem  er  alles  galt,  mit  der  Oesterreichischen
  Partie  zu  verbinden.

Man  kann  über  solche  Theologen  nicht  zürnen,  daß
ihnen  der  fromme  Arnd  ein  Gräuel  war.  Wie  die  Mystik
in  den  finstern  scholastischen  Perioden  des  mittlern  Zeitalters
zuletzt  noch  das  einzige  Lahsal  einer  nach  Religion  dürstenden
Seele  wurde,  so  war  nun  der  aͤhnliche  Fall  bei  ähnlichen
geiten.  Orthodorie  war  wohl  nicht  in  Val.  Weigels
Schriften  zu  lernen;  das  wußte  der  gelehrte  Arnd  so  gut  als
einer  seines  Zeitalters,  aber  er  wollte  zu  einer  Quelle  gehen,
welche,  ob.  schon  ein  wenig  trübe,  doch  noch  den  Durst  löschte.
Ihm,  einem  Prediger  und  Seelsorger,  nicht  blossem  Kathedertheologen,
  war  es  gar  zu.  einleuchtende  Erfahrung,  woför
das  Volk  Fassungskraft  habe,,  und  daß  es  nicht  metaphysisch
zugespitzte  Wahrheiten  seyen,  welche  dasselbe  zu  thätigen  Entschlüssen
  beleben.  Arnds  Schriften  werden  hie  und  da  noch
gegenwärtig  mit  vielem  Segen  gelesen,  ungeachtet  sie  manche
sehr  merkbare  Kennzeichen  ihres  individuellen  Ursprungs
tragen:  aber  welchem  auch  an  Verläugnung  gewöhnten  Ge,
lehrten  schauert  nicht  vor  Menzern,  Osiandern  und  Thummius.
        <pb n="361" />
        349
g.  36.
Wiederauflebung  der  Mystiker.  Rathmannische  Streitigkeiten.
Morgendämmerung,  durch  Calixtus  hervorgebrackt.

Die  allgemeine  Anarchie,  welche  der  dreißigjährige  Krieg
in  Teutschland  anrichtete,  war  in  ihren  Folgen  für  den  gelehrten
  Zustand  der  Lutherischen  Kirche  eben  so  fühlbar,  als
für  die  ganze  Teutsche  Kirche.  Die  wilden  Sitten  der  Soldaten
  wurden,  wie  für  die  ganze  Nation,  besonders  auch  für
die  Universitäten  ansieckend,  der  Pennalismus  riß  ein,  die
wichtigsten  Professorsstellen  blieben  aus  Geldmangel  mehrere
Jahre  lang  unbesetzt,  und  die  nützlichsten  Erziehungsanstalten
hörten  auf.

Je  mehr  sich  aber  der  Druck  solcher  äußern  Umstände
vermehrte,  desio  mehr  wandten  sich  manche  edlere  Seelen  zu
der  Mystik.  Die  Schriften  des  Gbrlitzer  Schusters
würden  in  einem  andern  Zeitalter  weniger  Glück  gemacht
haben,  und  der  Ruf  von  Rosenkreuzern  würde  bei  andern
  Zeitverhältnissen  weder  so  zweifelhaft  noch  so  lange  daurend
  gewesen  seyn.  Selbsi  manche  der  gelehrteren  Theologen
wandten  sich  in  der  Stille  zu  dieser  sinnlich  erquickenderen
Partie,  und  Johann  Gerhard  zu  Jena  sah  gewiß  mit
nicht  geringer  Bekümmerniß,  wie  rüstig  seine  Collegen  den
edlen  Freund  Arnds,  den  rechtschaffenen  Rathmann
mißhandelten.

Schon  lag  zu  Wien  das  Restitutionsedict  fertig,
das  der  Protestantischen  Partie  in  Teutschland  den  Untergang  1639
drohte,  schon  war  vorläufig  der  größte  Theil  von  Wirtemberg
  mit  kaiserlichen  Truppen  besetzt,  Hessen  vermittelst
des  Marburgischen  Erbschaftstreits  ganz  unterjocht,  das  Welsische
  Haus  eines  großen  Theils  seiner  Lande  beraubt,  als
doch  immer  noch  die  Theologen  gegen  Arnd  polemistrten,  die
        <pb n="362" />
        350

Reformirte  Partie  als  ihren  Hauptfeind  ansahen,  und  —
lieber  Tuͤrkisch  als  Calvinisch  immer  noch  als  Signal  gelten
lassen  wollten.

Wie  ein  Geschenk  des  Himmels  erschien  mitten  unter  diesem
  ausgearteten  Geschlechte  Ge.  Calirtus,  ein  Theologe
zu  Helmstädt,  der,  besonders  auch  als  Kirchenhistoriker,  ausgebreitete
  Gelehrsamkeit,  trefflichen  Scharfsiun  und  freimüthige
  Wahrheitsliebe  unter  den  vortheilhaftesten  äußern  Umständen
  vereinigte.  Eine  nicht  bloß  polemische  Vertrautheit
mit  den  Schriften  der  Katholiken  ließ  den  großen  Mann  gewisse
  gemeinschaftliche  Puncte  entdecken,  in  welchen  vielleicht
die  getrennten  Parteien  einander  näher  treten,  und  endlich
nach  einer  Erbitterung,  die  beiden  Parteien  hoch  genug  zu
stehen  gekommen,  Friede  machen  könuten.  Auch  manches,
was  bisher  unter  den  Lutheranern  durch  eine  gewisse  Lehrerstraditon
  gleichsam  kanovisirt  worden  war,  hielt  die  Probe
seines  Scharfsinns  nicht  aus.  Er,  seit  Chemnitzen  der  gelehrteste
  und  gründlichste  Gegner  der  Romischen  Kirche,  bekam
  von  der  orthodoren  Secke  seines  Zeitalters  den  Namen
ines  Synkretisten,  und  die  Wittenbergische  Partie,  deren

1656  Haupt  Abr.  Calov  war,  brauchte  auch  noch  nach  seinem  Tode
alle  Verketzerungskünste,  deren  höchster  Triumph  aufs  neue  eine
versuchte  symbolische  Schrift  seyn  sollte.  Die  Standhaftigkeit
  der  Fenaischen  Theologen,  unter  welchen  sich  Musäus
vorzöglich  auszeichnete,  wandte  mit  großer  Mühe  das  drohende
Unglück  ab.

.  27.
Westphülischer  Friede.

Bei  solchen  Gesinnungen  der  Chursächsischen  Theologen
kann  es  nicht  sehr  befremden,  wenn  sich  ihr  Churfürst,  zum
Theil  vielleicht  auch  aus  Eifersucht  über  Brandenburg  und
        <pb n="363" />
        351

Pfalz  bei  den  Osnabrückischen  Friedensnegociationen  der
voͤlligen  Gleichstellung  der  Reformirten  mit  den  Lutheranern
widersetzte.  Zwar  selbst  auch  die  eifrig  Lutherische  Partie
fand  an  ihm  einen  nur  zweideutigen  Beschützer.  Haͤtte  nicht
Schwedische  Tapferkeit  ausgedauert,  und  hätten  nicht  nach
dem  Franzbsischen  Plane  die  Freiheiten  der  Protestanten  zur
Schutzwehr  gegen  die  Oesterreichische  Macht  dienen  sollen,
wie  froh  würde  der  Churfürst  von  Sachsen  einen  Prager
Frieden  erneuert  haben!  Wir  wollen  vergessen,  daß  Dänen
und  Schweden  so  fast  gar  nie  etwas  zur  Erweiterüng  und
Vervollkommnung  der  protestantischen  theologischen  Litteratur
beigetragen  haben,  um  nicht  undankbar  gegen  die  Helden  des
letztern  Volks  zu  scheinen,  durch  deren  Muth  den  Lutheranern
  die  Vollendung  ihrer  versichertern  politischen  Eristenz
erfochten  wurde.

Der  Osnabrückische  Friede  gab  uns  Teutschen  Prote=  1648
stanten  vollkommen  gleiche  Rechte  mit  der  alten  Kirche,  und
deswegen  wurde  auch  der  geistliche  Vorbehalt,  da  er  doch
einmal  beibehalten  werden  sollte,  wechselsweis  festgesetzt.  Nie
würde  das  Chaos  von  Processen  haben  aufgeklärt  werden
können,  welche  aus  dem  Besitz  gewisser  Kirchengüter  und  gewisser
  kirchlichen  Rechte  nach  einer  beinahe  dreißigjährigen
Unordnung  wechselsweise  entsiehen  mußten,  wenn  nicht  der
Beweis,  im  Anfang  des  Jahrs  1624  Besitzer  eines  gewissen
Kirchenguts,  Besitzer  eines  gewissen  kirchlichen  Rechts  gewesen
  zu  seyn,  als  heilige  Versicherung  eines  künftighin  nicht
mehr  zu  störenden  Rechts  aufgestellt  worden  wäre.

Welcher  schriftliche  Aufsatz  kann  aber  so  bestimmt  abgesaßt
  werden,  daß  nicht  ein  durch  Partiegeist  geschärftes  Auge
eigennützig  Zweideutigkeiten  darin  finden  könnte.  Es  soll  ein
unschädliches  Simultaneum  geben,  aber  wo  fand  es
        <pb n="364" />
        sich  vor  dem  Zeitalter  Friedrichs  und  Josephs?  In  der  Geschichte
  der  Churpfälzischen  Kirche?
&amp;amp;.  28.
Verfchiebene  für  eine  bald  zuverlässigere  Aufklärung
zusammentreffende  umstände.

So  heftig  erst  noch  nach  dem  Tode  des  ältern  Calirtus
die  synkretistischen  Streitigkeiten  ausbrächen,  so  war  doch  ein
bald  folgender  glücklicherer  Zustand  der  Frciheit  schon  in  seiner
  halb  entwickelten  Vorbereitung  vorhanden.  Der  große
Churfürst  Friedrich  Wilhelm  lehrte  die  Lutheraner  seines
Landes  Toleranz  und  noch  unter  seiner  Regierung  nahmen
Reformirte  und  Lutheraner  wahr,  wie  möglich  es  sey,  man.
ches  aneinander  zu  tragen.  Herzog  Ernst  in  Gotha  wirkte
im  kleinern  eben  so  große  Dinge  als  Friedrich  Wilhelm,  wenn
schon  hie  und  da  noch  in  einigem  Nebel  gutgemeinter  theologischer
  Vorurtheile;  und  der  dritte  große  Zeitgenosse,  Herzog
August  in  Wolfenbüttel,  war  wohl  nur  zu  schüchtern  und  zu
sehr  selbst  Theologe,  als  daß  er  alles  that,  was  er  hätte  thun
können.

Doch  leuchtete  das  Licht  nicht  wenig,  das  diese  drei  Fürsten
aufsteckten,  indeß  dasjenige  Land,  wo  die  Reformation  aufgegangen,
  ihrem  vollendenden  Fortgang  immer  mehr  hinderlich
  wurde,  und  in  Würtemberg  die  Zeit  der  Osiander  noch
gar  nicht  vorüber  war.  Der  Tübingische  Canzler  Johann
Adam  Osiander  fällte  den  größten  der  letztern  Hälfte  des  vo,
rigen  Jahrhunderts,  wie  ehemals  Lukas  Osiander,  Arndts
Gegner,  die  erstere  Hälfte  desselben.

Sehr  sichtbar  aber  zeigten  sich  doch  auch  hier  die  Wirkungen
der  Aufklärung,  welche  die  Emissairs  Ludwigs  XIV.  und  die
allgemeine  Bewunderung  des  siegreichen  Königs  nicht  lange
nach  den  Zeiten  des  westphälischen  Friedens  an  den  Höfen
        <pb n="365" />
        353.

anserer  Teutschen  Fuͤrsten  und  daher  auch  in  der  protestantischen
  Kirche  veranlaßten.  Die  Theologen  hoͤrten  auf,  die  entscheidenden
  Räthe  der  Fürsten,  wie  vorher,  zu  seyn.  Selten
wurden  sie  mehr  in  politischen  Angelegenheiten  zu  Rath  gezegen,
  ob  sie  schon  bei  entstehenden  Religionsstreitigkeiten  noch
genug  Kräfte  des  Staats  in  Bewegung  zu  setzen  wußten.
Man  wird  nach  dem  Westphälischen  Frieden  selten  mehr  einen
  Fürsten  finden,  der  von  der  Lutherischen  zur  Reformirten
oder  von  der  Reformirten  zur  Lutherischen  Kirche  übertrat;
hingegen  schwerlich  auch  irgend  ein  Teutsches  Fürstenhaus
finden,  in  welchem  nicht  einer  oder  mehrere  Prinzen  zur  Katholischen
  Kirche  übergetreten.  Ein  deutlicher  Beweis  der  allgemein
  geänderten  Gesinnungen,  so  sehr  auch  hie  und  da  noch
an  einzelnen  Höfen  nach  zufälligen  Umständen  das  alte  Ansehen
  des  Beichtvaters  blieb.
6.  20.
Speners  sanfte  Besserungsversuche.  Erste  Bewegungen  der
Pietistischen  Streitigkeiten.  «

Schuͤchtern,  wie  ein  Mann,  der  kaum  gehoͤrt  zu  werden
hofft,  trat  endlich  Spener  unter  die  geraͤuschvollen  Theologen
  seines  Zeitalters  hinein,  und  gab  das  fuͤr  die  Kirchengesschichte
  so  hoͤchst  seltene  Beispiel,  daß  auch  fast  aͤngstlich
vorsichtige  Versuche  eines  eben  so  gelehrten  als  bescheidenen
Mannes  doch  endlich  Totalrevolution  erregen  koͤnnen.  Auch
ohne  Reformatorsabsichten  mußte  der  eifrig  fromme  Mann
bei  seiner  Predigerstelle  in  Frankfurt  bemerken,  wie  hoͤchst  unbequem
  die  damals  und  noch  itzt  meist  gewöhnliche  Art  des
allgemeinen  Religionsunterrichts  an  das  Volk  sey.  Ein
Vortrag  an  einen  so  gemischten  großen  Haufen,  als  unsere
Gemeinen  sind,  was  kann  er  anders  seyn  als  Saame,  ausgeworfen

  aufs  ungewisse;  und  welche  Wirkungen  kann  man
Spittkeris  simmtl.  Werke.  1I.  Bd.  23
        <pb n="366" />
        354

sich  alsdann  vollends  versprechen,  wenn  der  Vortrag  so  buntgelehrt,
  so  weitschweifig,  so  unbegreiflich  von  unbegreiflichen
Materien  handelt  als  damals  herrschender  Ton  in  den  Predigten
  war.  Das  Volk  sollte  zur  Ausübung  der  Tugend  ermahnt
  werden,  und  deßwegen  predigte  man  ihm  nichts  häufiger,
  als  daß  Werke  der  Tugend,  zur.  Seligkeit  in  jenem
vollkommenern  Leben,  gar  nicht  nothwendig  seyen.

1670  Man  sah  gleich  aus  dem  ersten  vorsichtigen  Anfang,  wie
Spener  seine  besondere  Erbauungsversammlungen  (collegia
pietatis)  eröffnete,  daß  er  die  leicht  gegebenen  Veranlassungen
  des  Sectengeists  kannte,  und  weder  die  orthodore  noch
die  eigennützige  Eifersucht-  seiner  Collegen  erfahren  wollte.  Es
war  daher  auch  unmöglich,  daß  gegen  ihn  selbst.  der  erste  Ausbruch
  des  heimlichen  Unwillens  gehen  konnte;  seine  Nachfolger
  aber  gaben  bald  scheinbare  Ursache,  welche-  man  bei  ihm
nicht  ohne  sichtbare  Beschämung  hätte  suchen  müssen.

1686  Im  Todesjahre:  Calovs  kam  Spener  als  Oberhefprediger
  nach  Dresden,  und  die  Gegenpartie  konnte  itzt  wohl  nicht
gleichgültig  bei  der  ausgebreiteten  Wirksamkeit  sehn,  welche
ihm  dieses  Amt  gerade  im  Lande  der  strengsten  Lutherischen
Orthodorie  verschaffte.  Spener  hatte  in  einer  Vorrede  zu
Arnds  Postill  (pia  desideria)#einige  der  wichtigsten  Mängel
unserer  Kirche  angezeigt,  so  bescheiden  und  so  unpartelsch  angezeigt,
  wie  es  immer  der  thun  wird,  dem  es  einzig  um  Gottes
  Sache,  nicht  um  eigenen  Ruhm  zu  thun  ist,  und  in  sroher
  Rücksicht  auf  manche  Stellen  des  Neuen  Testaments
auch  glücklichere  Zeiten  noch  gehofft,  wo  die  Wahrheit  allgemeiner,
  und  auch  die  Kirche,  welche  bisher  noch  am  meisten
Wahlheit  gehabt  habe,  unbefleckter  und  aufgeklärter  siyn  werde.
In  der  Stille  hatte  man  über  den  freimüthigen  Mann  gemurrt,
  aber  kein  Fecht  und  kein  Jo:  Fr.  Meyer  hatte  sich
        <pb n="367" />
        359

noch  unterstanden  ihn  oͤffentlich  anzugreifen,  bis  ein  elender
unbedeutender  Diakonus  zu  Nordhausen,  Dilfel  d,  den  Vorläufer
  dieser  Helden  machte,  und  den  Streit  wegen  der  theologischen
  Fähigkeit  eines  Unwiedergebornen  anfieng.  .  Doch
noch  schämte  sich  irgend  einer  der  stillen  Mißbergnägten  hervorzutreten,
  ehe  die  Geschichte  mit  den  Leipziger  Magistern
ausbrach:  was  sie  aber  alsdann  alles  mit  einem  mal  'an  dem
Manne  fanden,  wie  sie  ihn  zerplagten,  wie  viele  Kehzernamen
er  erhielt!  Schon  im  Jahre  1708  machte  D.  Fecht  in  einer
gedruckten  Disputation  zu  Rostock  die  Sache  sehr  bedenklich,
wenn  man  der  sel.  Spener  sagen  wolle,  und  Joh.  Bened.
Carpzov,  welcher  ihn  vorher  oft  einen  theuren  Gottesmann
genaunt  hatte,  fand  nun  in  ihm  einen  Spinozisten.

.  30.

Solche  Recidive  des  menschlichen  Geistes,  als  wir  in  der
bisher  erzählten  Geschichte  der  Lutherisch  n  Kirche  wahrnehmen,
können  weder  als  allgemeine  Beweise  des  menschlichen  Verderbens
  noch  als  eigenthü  inliche  Schwaͤchen  der  Theologen  bes
trachtet  werden,  die  Nothwendigkeit  einer  solchen  Erscheinung
lag  schon  in  der  Richtung,  welche  einmal  die  ganze  Litteratur
genommen  hatte.  Abgewandt  von  historischen  und  philokogischen
  Untersuchungen,  bei  welchen  der  zewig  forschende  Geist
des  Menschen  unerschöpflichen  Vorrath  findek,  hatte  man  sich
eine  gerisse  Gattung  von  Thilosephie  zum  Hauptgeschäfte  gemacht,
  deren  Entwicklung  nie  unsch  idlich  die  ganze  Thätigkeit
und  das  ganze  Leben  eines  Menschen  viel  weniger  eines  ganzen
  Feitalters  beschiffigen  kann.  Unser  kaltblütigeres  Zeitalter
hat  nun  wohl  aus  dem  Schaden  vorhergehender  Zeiten  gelerut,
daß  man  in  dieser  ontologisirenden  Philosophie  kaum  einen
Schritt  thun  kann,  ohne  schon  an  der  Gränze  zu  seyn,  über-25“
        <pb n="368" />
        356

welche  der  menschliche  Geist  in  derselben  nie  glücklich  fortruͤcken
wird.  Aber  dieses  Zeitalter  mußte  selbst  nach  der  Periode  der
Scholastiker  diese  Erfahrungen  für  uns  erst  noch  machen,  und
konnte  sich  so  viel  weniger  aus  seinem  Wirbel  herausfinden,
da  nichts  zu  einem  fesiern  Traum  von  Ucberzeugung  führt,
als  solche  aus  ganz  allgemeinen  Gründen  hergeleitete  Demonstrationen,
  und  bei  der  Fortrückung  in  ein  gewisses  Alter  die
bistorische  Gelehrsamkeit  sich  nicht  mehr  erwerben  läßt,  welche
allmählig  zu  einem  duldenden  Skepticismus  und  zu  richtiger
Schätzung  mannichfaltigerer  Vorstellungsarten  vorbereitet.

Freilich  läßt  sich  dabei  nicht  läugnen,  daß  immer  menschliche
  Leidenschaften  fast  nirgends  so  sichtbar  mitspielen,  als
in  der  Kirchengeschichte.  Der  Jüngling,  welcher  befördert
werden  will,  ist  nicht  strenger  Untersucher  der  Meinungen
seines  Oberconfssiorialraths  oder  seines  Gönners.  Der  alte
Lehrer,  seines  Beifalls  längst  versichert,  kann  die  bessere  Bahn
nicht  mehr  betreten,  welche  der  kraftvollere  junge  Mann  brach;  ein
gewisser  Ton,  einmal  der  herrschende  auf  einer  gewissen  Universität,
  wie  schwer  wird  er  umgestimmt,  und  giebt  es  bei
Veränderung  desselben  Collisionen,  so  müssen  die  Wirkungen
derselben  in  der  Theologie  immer  auffallender  seyn,  als  bei
einer  blos  philosophischen  Fehde.

Geschichee  der  Resormirten  Kirche  von  den  Zeiten  der
Dordrechter  Synode  bis  zu  Anfang  dieses
Jahrhunderts.

#.  Z##

In  keiner  Kirche  zeigte  sich  der  Nationalunterschied  bei
Entwicklung  der  Degmatik  so  sehr  als  in  der  Reformirten.
Kein  einziger  Teutscher  Resormirter  Theolog  that  in  dieser
ganzen  Prriode  einen  fehr  merkbaren  Schritt  zur  Aufklärung
        <pb n="369" />
        857

oder  zu  neuen  Bestimmungen;  die  Franzoͤsischen  Theologen
aber  waren  unaufhörlich  geschaͤftig,  brachten  oft  neue  Ideen
zum  Vorschein,  welche  in  der  That  nur  die  alten,  etwas  weniger
  auffallend  gesagt,  waren,  oder  zogen  auch  manche  unterdrückte
  Wahrheiten  ans  Licht,  welche  durch  das  Ansehen
gewisser  Lehrer  ganz  außer  Gang  gesetzt  worden.  In  der
Englischen  Kirche  gaben  Passionen  dem  menschlichen  Geiste
einen  so  schuellenden  Schwung,  daß  erst  nach  einer  langen
Revolution  in  die  Augen  fallende  Fruͤchte  erscheinen  konnten,
welche  aber  desto  herrlicher  waren.  Die  Geschichte  der  Reformirten
  Kirche  contrastirt  in  dieser  Periode  mit  der  Ges
schichte  der  Lutherischen  Kirche  wie  das  Aussehen  eines  durch
die  angestreugtesten  Uebungen  gebildeten  Körpers  mit  dem
Anblick  eines  andern,  dessen  Eutwicklungskraft  durch  zwingende
  Bande  gehemmt  wurde.

Es  ließ  sich  gleich  nach  der  Dordrechter  Synode  voraussehen,
  daß  über  die  Materie  von  der  göttlichen  Vorherbestimmung
  und  von  der  Gnade  noch  manches  geschrieben  werden
müsse,  bis  man  sich  endlich  ganz  vereinigen  oder  in  ganz  abgesonderte
  Haufen  theilen  werde.  Die  Dordrechter  Synode
verpflichtete  zwar  keinen  Franzdsischen  Theologen,  aber  sie  erhielt
  allmählig  auch  dort?  ein  gewisses  Ansehen  von  Convenienz,
  ihre  Lehre  konnte  so  viel  leichter  herrschend  werden;  da
sie  nicht  der  unbarmherzigsten  Hypothese  von  der  göttlichen
Gnade  günstig  war.

Doch  unter  vielen  andern  blieb  vorzüglich  immer  Jo.
Camero,  Prof.  der  Theologie  zu  Saumur,  auf  seinen  besondern
  Meinungen,  ohne  noch  solchen  Widerspruch  zu  erfabren,
  als  nachher  sein  Schüler  Moses  Ampraut  erfuhr,  1684
da  er  die  Ideen  des  Lehrers  vielleicht  nur  durch  bestimmtere
Emtwicklungen  bekannter  machte.  Obschon  die  ganze  Ver-
        <pb n="370" />
        358

stellungsart  dieses  Theologen  in  der  That  nur  ein  etwas  angenehmerer
  Weg  zu  dem  cchauervollen  Ziele  war,  welches  Caltin
  zum  Merkzeichen  seiner  Partie  gemacht  hatte,  so  näherte
scch  doch  sein  besonderer  Sprachgebrauch  in  diesem  Artikel  den
Lutherischen  Ausdrücken  dem  ersien  Anschein  nach  so  sehr,
daß  einige  der  iederländischen  Theologen  zur  Widerlegung
aufstanden.  Ampraut  gab  zu,  daß  Gott  beschlossen  habe,
alle  Menschen  zu  beseligen,  daß  er  seinen  Sohn  für  alle  Menschen
  dahingegeben  habe,  aber  er  liet  den  ewig  gütigen  eine
Bedingung  beifügen,  wodurch  alle  gegihene  Hoffnung  wieder
zeryichtet  wurde.  Nur  denjenigen,  welche  glauben,  sollte
diese  große  Besiimmung  ewiger  Wohlthaten  zu  statten  kommen,
  glauben  aber  könne  niemand,  als  wem  es  Gott  schenke,
und  diese  geschenkte  unwiderstehliche  Glaubensgnade  sollte  nicht
allgemein  seyn.

Wenn  nicht  der  ältere  Spanheim  und  Andr.  Rivet
gegen  diesen  ersten  Berichtligungsversuch  der  Caloinischen  Hypothesfe
  so  schnell  aufgestanden  wären,  wenn  nicht  Ampraut
sogleich  ein  paar  Sypnoden  gegen  sich  gehabt  härte,  so  würde
diese  täuschende,  Milderung  der  harten  Prädesiinationslehre
vielleicht  nur  der  ersie  Schritt  zur  reinern  Wahrheit  gewesen
leyn.  Aber  ein  Universaliste  (so  nannte  man  die  Freunde  der
Amyraldischen  Meinung)  schien  ein  verkappter  Arminianer
oder  Lutheraner  zu  seyn,  und  noch  über  zwanzig  Jahre  nach
dem  ersten  Erscheinen  der  Hauptschrift  des  Ampraut  war  die
Aufmerksamkeit  der  sirengern  Calvinisten  so  eifersüchtig,  daß
auch  ein  unvermerkter  Versuch  des  gelehrten  Jo.  Daille  und
Dav.  Blondell  nicht  nur  einen  Sam.  Maresius  weckte,  der
es  für  die  gotteslästerlichste  Lehre  hielt,  von  einer  allgemeiner
Gnade  Gottes  zu  sprechen.
        <pb n="371" />
        350
F.  32.
Halbgelungene  Bemühungen  der  Theologen  zu  Saumur  elnige
Puncte  der  Reform.  Dog.  aufzuklären.
Die  glänzendsie  Periode  der  Französischen  Reformirten
Kirche  schien  erst  von  dem  Zeitpunct  anzufangen,  da  Richeten

  Großen  unmoglich  machte,  die  Hugonotten  in  ihre  ehrgeizigen
  Entwürfe  weiterhin  zu  verflechten.  Der  kleine  Druck,
welchen  die  Geistlichkeit  litt,  erhielt  Eiser,  der  aber  doch  bei
der  Wachsamkeit  der  Regierung  nie  in  volitischen  Fanatismus
ausarten  konnte,  und  da  die  Katholische  Partie  manche  vorzüglich
  gelehrte  Männer  unter  ihren  Schriftstellern  hatte,  so
waren  die  Reformirten  Theologen  auf  Selbstvertheidigung  zu
denken  gezwungen,  und  eben  die  Eifersucht  der  Universitäten
unter  einander,  welche  damals  in  Teutschland  so  viel  gutes
und  böses  stiftete,  trug  zur  Erhaltung  der  einmal  rege  gewordenen
  Bemühungen  nicht  wenig  bei.  Ampraut  hatte  so
viele  verdient  berühmte  Zeitgenossen,  daß  nicht  nur  der  Theil
des  Systems,  welchen  er  bearbeitete,  eine  erträglichere  Gestalt
gewann,  sondern  auch  die  ganze  Theologische  Litteratur  durch
eigentlich  gelehrte  Untersuchungen  auf  künftige  noch  größere
deformen  vorbereitet  wurde,  welche  das  damalige  Zeitalter
noch  gar  nicht  würde  gefaßt  haben.

Josuga  Placäus  hatte  zwar  das  Unglück  eines  so
manchen  Wahrheitsfreundes,  daß  er  bei  Hervorbringung  einer
  alten,  ehemals  erkannten,  Wahrheit  verketzert  wurde,
weil  sein  Jeitalter  nicht  Gelehrsamkeit  genug  hatte,  die  Entsiehungsart
  und  Jugend  der  damals  gangbarsten  Meinung
sehen  zu  können.  Der  Knoten,  wie  sich  Verdammungswürdigkeit
  der  Erbsünde  mit  Gottes  Gerechtigkeit  vertrage,  war
zwar  wohl  damit  nicht  aufgelöst,  daß  er  behauptete,  Adams
        <pb n="372" />
        360

Uebertretung  sey  deßwegen  auch  uns  zur  Schuld  geworden,
weil  wir  mit  verderbten  Neigungen  geboren  wuͤrden,  deren
letzter  Grund  in  jener  Suͤnde  des  ersten  Menschen  liege:  aber
diese  Meinung  hatte  doch  einen  gewissen  mildernden  Schein,
verglichen  mit  der  andern  Hypothese,  welche  den  Stammoa,
ter  unsers  Geschlechts  nich:  gerade  als  Stammvater  sondern
als  Repräsentanten  betrachtet  wissen  wollte.  Es  war  eine
1645  schöne  Probe  von  der  Friedfertigkeit  der  Synode  zu  Charenkon,
  welche  zwischen  Reformirten  und  Lutheranern  Einigkeit
stiften  sollte,  daß  sie  die  Hppothese  des  Placäus  verdammte.

Ludw.  Capellus,  der  gelehrtere  College  von  Placäus
und  Ampraut,  wollte  die  kritisch  gelehrten  Untersuchungen,
welche  man  längst  bei  den  classischen  Schriftstellern  mit  so
glücklichem  Erfolg  gebraucht  hatte,  auch  auf  die  Bibel  anwenden,
  und  er  fand  bei  denselben  die  alte  fast  vergessene
Meinung  gegründet,  daß  die  Vocalpuncte  des  Hebréischen
Tertes  nicht  von  der  ersten  Hand  der  Schriftsteller  hinzugesetzt
  worden  seyen.  Wer  sollte  glauben,  daß  sich  Katholische
Gelehrte  seiner  Schrift  annehmen  mußten,  um  ihre  Unterdrückung
  zu  hintertreiben;  die  Reformirten  wollten  nichts
mit  einem  Werk  zu  schaffen  haben,  das  den  Sinn  der  heiligen
  Religionsurkunden  ungewiß  mache.

Wenn  Daille  oder  Claude  etwas  polemisches  schrieben,
  die  geheimen  Wunden  des  Pabsithums  mit  einer  recht
gelehrt  scheinenden  Zubereitung  aufdeckten,  das  fand  Beifall
und  wurde  mit  belohnenderer  Aufmerksamkeit  angenommen,
als  wenn  Blondell  das  fabelhafte  der  Geschichte  von  einer
Päbstinn  Johanna  enthüllte;  die  Untersuchungen  über  Pleudisidor
  konnten  ihm  seine  Partie  kaum  wieder  versöhnen.
        <pb n="373" />
        361
§.  33.

Entwicklung  des  Presbpterianismus  in  England.  Independenten.
Quaͤcker.

Waͤhrend  daß  die  Theologen  zu  Saumur,  gar  nicht  mit
Beifall  ihrer  Niederlaͤndischen  und  Schweizerischen  Glaubensgenossen,
  mannichfaltige  Verbesserungen  wagten,  so  arteten
die  Genfischen  Meinungen  bei  den  Engländern  in  einen  Fanatismus
  aus,  welcher  wohl  in  den  Perioden  des  mittlern
Zeitalters  aber  gewiß  nicht  in  der  Geschichte  eines  aufgeklärten
  Volks  irgend  seines  gleichen  hat,  und  endlich  politisch  betrachtet
  einen  solchen  Ausgang  nahm,  dessen  Möglichkeit  auch  1649
noch  nach  der  That  bezweifelt  werden  mochte.

Weder  Elisabeth  noch  Jakob  I.  hatten  gegen  die  Presbyterianer
  die  Schonung  beobachtet,  welche  dem  Protestantismus
  so  eigenthümlich  seyn  sollte,  und  die  Episkopalhierarchie
war  zu  sichere  Schutzwehr  der  königlichen  Prärogativen  und
zu  scheinbare  apostolische  Einrichtung,  als  daß  sie  dieselbe  einigen
  Eiferern  zu  lieb  einschränken  mochten,  Jacob  kam  mit
vielen  schon  in  Schottland  gemachten  Erfahrungen  über  die
Freimäthigkeit  der  presbyterianischeu  Partie  auf  den  Englischen
  Thron,  und  unter  einer  so  unpolitischen  Regierung  als
die  seinige  in  England  war,  rieben  sich  die  Partien  immer
heftiger  gegen  einander,  so  daß,  den  letzten  Ausbruch  zu  be.

fördern,  nur  noch  ein  Anführer  auf  einer  oder  der  andern
Seite  fehlte.

Die  Episkopalisten  sanden  ihn  zuerst  an  dem  Günstlinge
Kön.  Karls  I.  Wilhelm  Laud,  Erzbischof  von  Canter,
bury.  Auch  eine  geduldigere  Nation,  als  damals  Engländer
und  Schottländer  waren,  würde  sich  nicht  so  rasch  und  auf
so  offenem  Wege,  als  Laud  es  versuchte,  zu  einer  Art  des
        <pb n="374" />
        362

Gottesdiensts  haben  hinfuͤhren  lassen,  welche  kaum  noch  ein
wenig  von  dem  Roͤmisch-Katholischen  verschieden  war.

Bei  den  hieraus  entstandenen  Bewegungen  erzeugte  sich
unter  der  niedrigsten  Classe  des  Volks,  welche  bei  Religionskriegen
  immer  die  furchtbarste  zu  seyn  pflegt,  eine  Abart  von
resbykerianern,  welche  nicht  nur  in  der  Kirche  sondern  auch
im  Staat  allen  Unterschied  der  Staͤnde  aufbeben  wollte,  den
ganzen  Gottesdienst  zum  Spicl  ihrer  wilden  Einbildungskraft
  machte,  und  auch  das  wenige  von  sittlichem  Anstand,
was  bei  den  Genfischen  Einrichtungen  übrig  blicb,  völlig  zu
vertilgen  suchte.  Diese  Independenten  sollten  freilich  weder
  ein  politisches  noch  religidses  Oberhaupt  haben,  aber  Olivier
  Cromwel,  ein  unbegreiflicher  Mensch  voll  Licht  und  Finsterniß,
  wußte,  so  lange  er  lebte,  den  ganzen  fanatischen  Haufen
  zu  seinem  Vortheil  in  einer  unthätig  machenden  Täuschung
  zu  erhalten.  Offenbar  ist  das  Schwärmen  aller  audern
  Vblker  nur  schwaches  Febricitiren  gegen  solche  Convulsionen,
  als  England  innerhalb  zwanzgig  Jahren  von  1640  bis
1660  erlitt.

Der  Schuster  For  der  Stammvater  der  LQuäker,  isi
nur  einer  von  vielen  seines  gleicben,  und  es  kam  lange
Jeit  kein  Mann,  welcher  den  tobend  wilden  Strom  dieser
Imaginationen  in  ein  scheinbar  ruhiges  Bett  leitete.  Zeit
und  politische  Anstalten  hatten  schon  beträchtliche  Wirkungen
gethan  und  England  hatte  schon  manchen  dieser  durch  allgemeine
  Epidemie  angesteckten  Köpfe  nach  Nordamerika  abgesetze,
  als  Robert  Barklay  mit  seinem  Katcchismus  und
Apologie  erschien.

Die  Hauptsätze  dieser  Schwärmer  und  das  charakteristische
  ihrer  Einrichtungen  lassen  sich  nicht  in  einer  compendigrischen
  Kürze  anzeigen,  denn  summarisch  angezeigt  sieht  die
        <pb n="375" />
        363

kommen  gleich.  Die  Geschichte  der  allmaͤligen  Umbildungen
ihrer  innern  Verfassung  ist  die  schönste  Apologie  für  unsere
kirchlichen  Einrichtungen.  Alle  schwärmerischen  Secten  mußten
  sich,  wenn  sie  einigen  Bestand  haben  wollten,  den  Verfassungen
  mehr  oder  weniger  wieder  verähnlichen,  gegen  welche
sie  anfangs  aufs  hestigste  geschrien  hatten.
§.  34.
Cartesjanismus.  Formula  Consensus  helvetici.  Coccejaner.

Die  Bewegung  wegen  der  freimüthigern  Hyphothesen  einiger
  Französischen  Theologen  hatte  in  den  Niederlanden
schon  angefangen,  als  eben  daselbst  durch  die  Schriften  eines
großen  Französischen  Geometers  Ren.  Descartes  eine  Philosophie
  ausgebreitet  wurde,  welche  man  für  höchst  gefährlich
hielt,  weil  sie  den  Skepticismus  begünstigen,  und  zuletzt  nicht
nur  geoffenbarten  sondern  auch  natürlichen  Religionswahrheilen
  schädlich  sepn  sollte.  Auch  diese  neue  hypotheseureiche
Philosophie  that  freilich,  was  von  jeher  jede  neu  geformte
Philosophie  gethan  hat,  sie  zog  vom  Bibelstudium  ab,  sie
verwandelte  ihre  Muthmaßungen  mit  großer  Dreistigkeit  in
Ariome,  sie  suchte  durch  ihre  transscendentalen  Sätze  solche
Lehren  der  Christlichen  Religion  aufzuklären,  deren  Aukklärung
  für  dieses  Leben  nicht  bestimmt  zu  seyn  scheint,  und
hie  und  da  machte  sie  einen  zum  erklärten  Ketzer,  der  vorher
nicht  orthodor  gewesen  wäre.  Aber  Gisb.  Voetius,  Prosessor
  der  Theologie  zu  Utrecht,  sah  das  neue  Phänomen
nicht  von  diesen  Seiten  allein  an,  und  die  Stimme  dieses
Mannes  war  damals  gültig,  wenn  er  schon  durch  seine  all,
gemeine  Zanksucht  allen  Credit  verloren  haben  sollte.  Es
zeigte  sich,  wie  in  so  vielen  andern  vorhergehenden  und  nachfolgenden
  Fällen  so  auch  damals  bei  den  Niederländern,  wie
        <pb n="376" />
        364

selten  bei  entstandenen  Streitigkeiten  gluͤcklich  entschieden
wird,  wenn  die  Classen  entscheiden.  Der  Geistiliche  studirt
gar  zu  selten  noch  fort,  wenn  er  einmal  im  Predigamt  ist,
das  meiste  wird  also  nach  der  Dogmatik  beurtheilt,  welche
im  nachgeschriebenen  Heft  von  der  Universität  mitgebracht
wurde.

Alles  Unglück  der  Resormirten  Kirche  schien  nach  der  Meinung
  solcher  Eiferer  aus  Frankreich  zu  kommen,  und  da  bei  der
täglich  abnehmenden  Toleranz  Ludwigs  XIV.  bei  den  frommen
  Absichten  der  Frau  von  Maintenon  und  dem  Verfolgungsgeiste
  des  P.  Jesuiten  Beichrvaters  immer  mehrere  Re,
sormirte  Theologen  und  Gelehrte  aus  Frankreich  hinwegzogen,
so  schienen  sich  die  Nachbaren  verwahren  zu  müssen.  Die
zunächst  liegende  Schweiz  verwahrte  sich  am  frühesten,  weil
man  selbst  schon  in  der  Vaterstadt  des  Calvinismus  die  Wirkung
  der  cindringenden  neuen  Meinungen  empfand.  Franz
Turretin  welcher  selbst  in  Genf  einen  Hauptgegner  an
Trouchin  fand,  verfertigte  zwar  die  symbolische  Schrift
nicht,  welche  den  neuernden  Franzosen  den  Weg  versperren

1675  sollte,  aber  sein  Freund  Heidegger  that  es  ganz  unter  seiner
  Mitwirkung,  und  die  formula  consensus  llelvelici  setzte
der  theologischen  Freiheit  noch  viel  beschwerlichere  Schranken,
als  die  Bergische  Concordienformel  oder  irgend  eine  andere
der  bekanntern  symbolischen  Schriften.

Was  es  doch  für  ein  ungelebrter  Zwang  war,  symbolisch
darauf  verpflichtet  zu  werden,  daß  man  glaube,  die  Hebräischen
  Vocalpuncte  unsers  Alten  Testaments  seyen  göttlichen
Ursprungs.  Auch  Zurechnung  des  Falls  Adams  und  Lehre
von  der  Prädestination  blieben  doch  bei  allen  gemachten  Hypothesen
  immer  unauflöslicher  Knoten,  was  lag  also  daran,
wie  der  Knoten  gedreht  wurde  ?  Und  je  überspaunter  diese
        <pb n="377" />
        369

aͤngstlichen  Gränzbestimmungen  von  Orthodorie  waren,  desto
weniger  konnten  sie  lange  in  einem  Zeitalter  fesistehen,  welches
  sich  sichtbar  zu  einer  großen  philosophischen  und  theologischen
  Aufklärung  vorbereitete.

Unstreitig  verdient  in  Ansehung  der  letztern  Johann
Koch  (Coccejus)  Prof.  der  Theol,  zu  Leyden  einen  der  ersten
  Plätze.  Der  unermüdet  arbeitsame  Mann  war  zwar
schon  sechs  Jahre  todt,  als  die  Schweizerische  Consensformel
zu  Stande  kam,  aber  er  hatte  das  Schicksal  eincs  so  manchen
  großen  Mannes,  daß  der  Saame,  welchen  er  ausstreute,
erst  nach  seinem  Tode  ausschlug.  Es  war  gewiß  großes
Verdienst,  zu  einer  zeit,  wo  die  ganze  Theologie  nichts  als
Polemik  oder  Wirbelphilosophie  war,  die  Bibel  und  ihre
Ideen  wieder  mehr  in  Gang  zu  bringen,  und  einem  Manne,
welcher  sich  so  ganz  in  sein  Altes  Testament  hineingelesen
hatte,  der  zu  einer  Zeit  auftrat,  da  man  über  eregerische
Grundsätze  noch  wenig  nachgedacht  hatte,  war  es  gewiß  sehr
zu  verzeihen,  wenn  er  oft  mchr  im  Alten  Testament  las,  als
wohl  darinn  stehen  mag,  und  die  Idee  eines  Bundes  zwischen
  Gott  und  den  Menschen  zur  herrschenden  theologischen
Systemidee  machen  wollte.  Je  dunkler  irgend  ein  Theil  der
Bibel  war,  desto  mehr  Fleic  wandte  er  auf  denselben,  und,
eine  fruchtbare  Einbildungskraft,  welche  unstreitig  sein  Haupttalent
  war,  ließ  ihn  bald  Aufklärungen  und  Beziehungen  in
den  prophetischen  Büchern  finden  welche  wohl  als  Beweise
seiner  frommen  Gesinnungen  aber  nicht  als  nützliche  Erweiterungen
  theologischer  Kenmnuisse  gelten  konnten.  Ueber  den
von  ihm  bemerkren  Unterschied  zwischen  der  alttestamentlichen
und  neutestamentlichen  Vergebung  der  Sünden  ließ  sich
viel  wahres  sagen,  das  bisher  noch  nicht  gesagt  worden  war,
aber  in  einem  Lande,  wo  Voctius  und  Maresius  lebten,
        <pb n="378" />
        366

da  konnte  auch  die  noch  auffallender  richtige  Meinung  nicht
siegen,  daß  das  Gesetz  vom  Sabbath  bloß  fuͤr  die  Juden
sey,  und  daß  unser  Sonntag  nicht  als  veraͤnderter  Juͤdischer
Sabbathtag  gelte.

Von  der  großen  Menge  Nachfolger,  welche  Cocceius  in
seiner  Behandlung  der  dogmatischen  Theologie  hatte,  sind
Momma,  Burmann,  Braun  und  Witsius  die  merkwuͤrdigsten,
  der  groͤßte  seiner  exegetischen  Schuͤler  war  Camp.
Vitringa,  zu  groß,  um  ganz  sein  Schüler  zu  seyn.

Ruin  der  Pfälzischen  und  Franzoͤsischen  Reformirten  Klrche.

Endlich  drängten  sich  noch  im  uneins  letzten  Jahrzehend
des  vorigen  Seculums,  indeß  die  Theologen  im  kleinern  controvertirten,
  so  viele  kirchlich  =  politische  große  Begebenheiten
zusammen,  daß  nothwendig  das  Ganze  eine  andere  Gestalt
bekommen  mußte.  Die  Simmernsche  Churlinie  starb  in  der

1685  Pfalz  aus;  die  Katholischen  Pfalzgrasen  von  Neuburg  kamen
  zur  Regierung,  und  die  Reformirte  Kirche  in  den  Churpfälzischen
  Landen  versank  bald  in  einen  Zustand,  der  fast
trauriger  ist,  als  offenbare  Verfolgung.

Für  die  Französischen  Reformirten  Gemeinen  war  aber
eben  dieses  Jahr  doch  noch  trauriger.  Nachdem  Pfaffen  und
Dragoner  schon  mehrcre  Jahre  vorher  auf  königlichen  Befehl
ihr  Apostelamt  emsig  verrichtet  hatten,  die  fromme  Maintenon
  und  der  gewaltthätige  Louvois  den  ehrgeizigen  Ludwig
mit  der  Nachricht  täuschten,  daß  nun  in  seinen  rein  gemachten
  Staaten  außer  einigen  Starrkoͤpfen  fast  kein  einziger  Kev635

  Ber  mehr  übrig  sey,  so  wurde  das  Edict  von  Nantes,
die  vom  König  feierlich  beschworne  Urkunde  der  Hugonottischen
  Rcligionsfreiheit,  aufgehoben.  Teutschland  nahm
mit  Freuden  die  Flüchtlürtze  auf,  welche  den  Franzsischen
        <pb n="379" />
        367
Gränzspionen  entwischten.  Durch  sie  wurde  nicht  nur  dkonomische
  Thätigkeit  der  Teutschen  aufs  stärkste  ermuntert,
sondern  auch  freimüthigere  Gelehrsamkeit  verbreitcte  sich,  wie
hievon  gerade  die  Teutsche  Provinz  als  bester  Zeuge  gilt,
welche  die  meisten  dieser  Flüchtlinge  aufnahm.

Die  unglücklichen  verloren  auch  ihren  großen  Beschützer
nicht,  der  sie  zum  eigenen  Vortheil  seiner  Staaten  ihr  Vaterland
  vergessen  zu  machen  suchte,  da  drei  Jahre  nach  Aufhebung
  des  Edicts  von  Nantes  der  große  Churfürst  Friedrich
Wilhelm  starb.  Der  Sohn  ersetzte  wenigstens  hierinn  den  1688
Vateri,  und  zu  gleicher  Zeit  ereignete  sich  in  England  eine
Revolution,  welche  dort  der  Protestantischen  Religion  eine
böllig  gesicherte  Fortdauer  gewährte.  Jakob  II.  war  der
Krone  unwürdig,  welche  er  so  seige  hinwegwarf,  die  Nation,
welche  vierzig  Jahre  vorher  gegen  einen  viel  minder  Gefahr
drohenden  Koͤnig  alle  Schranken  der  Selbstvertheidigung  übere
schritten  hatte,  bößte  diesmal  durch  lang  bewiesene  Geduld
das  vorher  begangene  Verbrechen,  und  wartete  beinahe  zu
lange,  ob  nicht  der  Sohn  durch  das  traurige  Beispiel  des
Vaters  weise  werden  möchte.

Fruchtbare  Bemähungen  der  in  die  Nlederlande  geflüchteten  Gelehrten.
  Peter  Baple.

Bei  solchen  hoͤchst  zweideutigen  politischen  Umstaͤnden
hob  sich  die  Reformirte  Kirche  mit  immer  neuer  Kraft;  sie
fand  selbst  in  manchen  ihrer  unglücklichen  Beg.  benheiten  die
nächste  Veranlassung  zur  Freiheit  und  Aufklaͤrung  ·  Die  Katholischen
  Gelehrten  in  Frankreich  boten  allen  ibren  Witz
und  alle  ihre  Gelehrsamkeit  auf,  um  den  frammen  Absichten
der  Frau  von  Maintenon  vorzuarbeiten,  selbs  die  verschiedee
nen  Partheien,  in  welche  sie  sich  damals  ihäikitn.  wetteiferten
        <pb n="380" />
        368

hierinn  mit  einander,  und  wenn  auch  nur  der  einzige  Bossuet
  gewesen  waͤre,  so  konnte  schon  ein  Mann,  welcher  die
Kunst,  den  Irrthum  zu  verschdnern  und  der  Wahrheit  zu  veraͤhnlichen,
  damals  so  meisterhaft  besaß,  einen  nnersetzlichen
Schaden  anrichten.  Es  war  nicht  mehr  die  alte  Bettelmönche
  =  und  Jesuiten  =  Controvers,  die  Waffen  mußten  gegen
  solche  Antagonisten  gewechselt  werden,  und  am  allerwenigsten
  konnte  man  ruhig  ihrem  gläcklichen  Fortgange  zusehen.
  Der  Reformirte,  der  ohnedieß  die  politisch  =  unterdrückte
  Partie  war,  wollte  nicht  auch  noch  Stimme  des
Publicums  gegen  sich  haben,  bot  also  alles  auf,  die  Stimme
des  Publicums  zu  gewinnen.  Ein  großer  Theil  der  geflüchteten
  Reformirten  Gelehrten  hatte  eine  Freistätte  in  den  vereinigten
  Niederlanden  gefunden,  und  hier  kam  zu  dem  Religionscifer,
  welchen  sie  schon  mitbrachten,  noch  politische
Antipathie  gegen  ihre  Verfolger  und  die  damals  in  allen
Beziehungen  so  auherordentliche  Thätigkeit,  wodurch  sich  dieser
  kleine  Staat  zu  einer  der  ersten  Mächte  von  Europa
emporgeschwungen  hatte.

Wie  viel  hat  nicht  Kirchengeschichte  und  selbst  auch  die
politische  Geschichte  den  Basnagen  zu  verdanken?  War
nicht  Jurieu  bei  allen  seinen  Fehlern  und  Schwärmercicn
damals  ein  rastloswirkender  Mann?  Hat  nicht  Jakob
Saurin  in  der  Canzelberedsamkeit  Exoche  gemacht?  Ist
nicht  Placette  damals  einer  der  gründlichsien  Bearbeiter
der  Moral  gewesen?

Aber  die  unpartheiische  Geschichte  muß  doch  alle  diese  und
mehrere  ihrer  großen  Zeitgenossen  weit  hinter  Peter  Baple
zurücksetzen,  einen  Mann,  der  mit  Newton  und  Leibnitz  cocristiren
  konnte,  ohne  befürchten  zu  müssen,  als  eines  der  ersten
  Genies  mißkannt  zu  werden.  Selten  hat  ssch  wohl  auch
        <pb n="381" />
        369

in  einem  Kopf  so  viel  ausgebreitete  Gelehrsamkeit  und  so
viel  gefälliger  Scharfsinn  vereinigt.  Selten  ist  noch  ein
Maun  über  sein  ganzes  Zeitalter  so  mit  einemmal  hinweggeschritten
  und  hat  zu  gleicher  Zeit  so  schlaue  Bahn  gemacht,
daß  sie  ihm  nachfolgen  konnten.  Besonders  der  Kirchenhisioriker
  würde  sehr  undankbar  seyn,  wenn  er  den  Namen  des
Mannes  nicht  mit  Hochachtung  neunen  wollte,  durch  dessen
kritische  Lüäuterungen  ihm  so  viel  Wahrheit  gewonnen  und
noch  weit  mehr  als  moglicher  Gewinn  gezeigt  wurde.  Zwar
wie  vielen  Fehlern  mußte  nicht  eben  der  Mann  ansgesetzt
seyn,  der  zum  erstenmal  an  die  äußersten  Gränzen  der  historischen
  Kritik  fortschritt,  der  fast  in  der  ganzen  Masse  von
Meiuungen  seines  Zeitalters  nichts  als  Hypothese  fand,  und
doch  noch  einige  Wahrheit  herausscheiden  sollte?  Jurieu'n
zum  Collegen  und  zum  unversoͤhnlichen  Gegner  zu  haben,
war  tägliche  Geduldsübung,  welche  manchen  Fehler  verzeihlicher
  macht,  und  ein  großer  Schriftsteller.  der  sich's  bewuße
ist,  wie  sehr  sein  zeitalter  seiner  nöthig.  hat,  verwahrt  si  ch  selten
genugsam  vor  der  Schwaͤche,  einem  herrschenden  Hange  des
Publieums  zu  schmeichlen,  um  desto  allgemeiner  gelesen  zu
werden.  Ohnedieß  war  die  Sprache  der  meisten  schoͤnern
Franzoͤsischen  Schriftsteller  unmittelbar  vor  den  Zeiten  Bayle's
  gar  nicht  keuscher  als  der  schaͤndlich  zusammengesuchte
Inhalt  mancher  Artikel  im  kritischen  Dictionnaire,  aber  bei
einem  Maune,  wie  Baple,  glaubte  man  keine  Saͤculumsfrivolität
  befürchten  zu  dürfen;  die  Keuschheit  seines  Privatlebens
  hat  doch  selbst  Jurieu  nicht  zu  verläumden  gewagt.
Philosophie  uͤber  Geschichte  und  gesunde  historische  Kritik
si  nd  durch  Bayle  zuerst  ans  Licht  gebracht  worden:  aber
Reformirte  und  Lutheraner  haben  erst  geraume  Zeit  nach

seinem  Tode  der  Goldader,  welche  er  zeigte,  weiter  nach-Spittler's
  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  24
        <pb n="382" />
        370
gegraben.  Erst  hat  man  ihn  in  manchem  widerlegt,  was
ividerlegt  werden  mußte,  und  in  noch  mehrern  Dingen,  welche
nie  widerlegt  werden  konnten,  alsdenn  mehr  ausgeschrieben,
als  auf  die  Art  benutzt,  wie  sich  ein  großer  Mann  weiter  benuzt
  zu  sehen  wuͤnschen  muß.  Zu  verwundern  ist,  daß  unter
den  vielen  großen  Englischen  Gelehrten  des  damaligen  und
nachfolgender  Zeitalter  keiner  auf  der  Spur  fortgieng,  welche
Bayle  gefunden  hatte,  vielleicht  daß  selbst  das  gangbare  physisch
  =  mathematische  Studium  hieran  Schuld  war.
g.  37.
Schicksale  der  Englischen  Kirche  nach  der  Revolution  von  1688.
1688  Seitdem  Wilhelm  III.  den  verlassenen  Thron  seines
muthlosen  Schwiegervaters  bestiegen  hatte,  schien  sich  die  alte
Eifersucht  der  Episkopalisten  und  Presbyterianer  zu  verlieren.
Die  letzteren  sahen  in  Schottland  ein  Beispiel,  wie  billig  der
neue  Koͤnig  sey,  und  konnten  die  Ruͤckkehr  zu  Katholischen
Mißbraͤuchen  unter  einer  solchen  Regierung  gar  nicht  befuͤrch,
ten,  deren  eigene  Sicherheit  auf  Behauptung  der  bisher  herrschenden
  reinern  Lehre  beruhte.  Tillotsons  Maͤßigung
hatte  für  die  Besserung  der  episkopalisten  Gesinnungen  vorzuͤglich
  wohlthaͤtige  Folgen.  Nachdem  auch  die  Bischoͤfe  weniger
  politische  Partieführer  und  mehr  Theologen  wurden,  so
verminderte  sich  ohnedieß  der  strengere  Episkopalismus,  und
von  den  Presbyterianern  hatten  sich  so  viele  Schwaͤrme  fanatischer
  Secten  abgesondert,  daß  der  uͤbrige  Haufen  nicht
nur  durch  seine  gemaͤßigtere  Meinungen  sondern  auch  durch
manche  seiner  Lehrer  hoͤchst  ehrwuͤrdig  wurde.

Ueberdieß  fuͤhlten  beide  Partien  die  Gefahr  eines  gemeinschaftlichen
  Feindes,  dessen  offenbare  und  heimliche  Stoͤße
nicht  nur  voruͤbergehend  waren,  sondern  der  Kirche  und  dem
Staat  zuletzt  den  traurigsten  Untergang  drohten.  Der  Anblick
        <pb n="383" />
        371
der  Cromwellischen  Religionstragodie  schien  in  der  Seele  eines
wahrheitsliebenden  Cberbury  den  damals  so  natürlichen
Wunsch,  dah  doch  überhaupt  positive  Religion  gar  nicht
nothwendig  seyn  moͤchte,  bis  zur  taͤuschenden  Ueberzeugung
erhoben  zu  haben,  und  vielleichi  auch  einen  großen  Theil  anderer
  mehr  oder  weniger  edlen  Seelen  zur  bereitwilligern  Annahme
  solcher  Meinungen  vorzubereiten.  Doch  die  ausgelassenen
  Sitten  am  Hofe  des  wollüstigen  Karls  11.  waren  für
den  größten  Theil  solcher,  deren  Beispiel  immer  am  gefähr,
lichsten  ist,  eine  noch  weit  schnellere  Veranlassung,  die  Chrisiliche
  Religion  bald  nich:  nur  überflüssig  sondern  auch  uutichtig
nudlächerlich  zu  finden.  Der  theologische  Untersuch  st  lenkte
sich  deswegen  mehr  auf  Vertheidigung  des  Ganzene  *  auf  eine
solche  Entwicklung  der  einzelnen  Lehren,  durch  welche  dieselben
auch  der  Vernunst  als  annehmungswürdig  erscheinen  sollten,
und  wahrscheinlich  trug  dieses  sehr  viel  dazu  bei,  daß  wir  auch
in  diesem  glänzendsten  Zeitalter  der  Englischen  theologischen
Litteratur  keinen  recht  entschieden  großen  Eregeten  ausweisen
kunen.  Kirchengeschichte  und  Eregese  scheinen  nie  das  glückliche
  Fach  der  Engländer  gewesen  zu  seyn,  ungeachtet  sie  in
beiden  nicht  ohne  Verdienst  find.

S.  38.  -
Ueberrest  einiger  kleinerv  Streitigkeiten.  Balth.  Beckers  Abaͤ-monismus.


Was  fuͤr  ein  seltsames  Gemische  aus  so  vielen  gegen  und
wider  einander  wirkenden  Ursachen  in  der  Reformirten  Kirche
am  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  entstehen  mutzte.  Da
waren  hie  und  da  noch  manche  Vertheidiger  des  strengern
Calvinismus,  laute  Wächter  der  genauern  alten  Orthodorie;
in  stärkerer  Anzahl  erschienen  Cartessaner  und  Coccejaner,
deren  ganze  Denk=  und  Studirart  einander  so  entgegengesetzt.

24°
        <pb n="384" />
        372

war,  daß  kein  Friede  zwischen  ihnen  statt  haben  konnte;  mitten
  durch  diese  Partien  hindurch  schlich  sich  hie  und  da  ein
hoffnungsvoller  Jüngling,  fand  sich  sehr  aufgeklärt  durch  Lesung
  der  Englischen  Theologen  und  selbst  auch  der  Baylischen
Schriften,  aber  das  Getümmel  auf  dem  littrarischen  Forum  war
noch  zu  groß,  als  daß  er  hätte  heffen  können,  vom  großen  Haufen
  gehdrt  zu  werden.  Der  kleine  Streit,  welchen  Roell  durch
seine.  Meinungen  besonders  auch  von  der  Zeugung  des  Sohnes'
  Gottes  erregte,  änderte  im  Zusiande  des  Ganzen  gar
nichts,  er  wurde  nicht  einmal  eigentliche  Controvers,  so  ganz
zur  Unzeit,  um  auch  nur  einige.  allgemeine  Aufmerksamkeit
zükerwecken,  war  die.  unnütze  Hypothese  über  eine  doch  ewig
unaufklärbare  Sache  rerschienen.  Aber  ein  Prediger  in  Amsterdam,
  Balthasar  Becker,  schlug  eine  Saite  an,  welche
mächtiger  tdute,  und  er  hätte  der  Wohlthäter  seines  Zeitalters
  werden  können,  wenn  seine  Einsichten  gelauterter,  die
Art  seiner  Hypothese  ins  Publicum  zu  bringen,  vorsichtiger
gewesen  wäre.

Die  Reformatiom  hatte  nehmlich  auf  wenige  Artikel  so
unkräftig  gewirkt,  sals  auf  die  damals  angenommene  Meinungen
  von  unserer  Verbindung  mit,  der  unsichtbaren  Welt.
Alle  damalige  Aufklärung  fieng  von  der  Bibel  an,  und  wurde
gar  zu  wenig  durch  Beobachtungen  über  den  natürlichen  Lauf
der  Dinge  unterstützt,  daß  also  selbst  der  JZugang  zur  schärfer
geprüften  Einsicht  in  jene  Lehre  auch  für  ein  solches  Zeitalter
hätte  schwerer  werden  müssen,  das  in  seinen  äußern  Umstaͤnen
  wenigere  Veranlassung  gehabt  hätte,  von  Heren  und
Zauberern  und  von  dem  ganzen  Einflusse  des  Teufels  au
unsere  Welt  recht  groß  zu  denken.  Ven  jeher  sind  auch  die
Menschen  immer  #nur  sehr  spät  zu  den  Wahrheiten  gekommen,
  auf  welche  sie  allein  historische  Kritik  führen  konnte,
        <pb n="385" />
        2709
und  an  sich  war  es  doch  nicht  ungereimt,  dem  fleißigen  Forscher
  der  Bibel  vollends  höchst  wahrscheinlich,  daß  unsichtbare
böse  Geister  in  einer  sehr  wirksamen  Verbindung  mit  unserer
Welt  stehen  müßten.

Beckern  veranlaßte  die  Albernheit  mancher  damals
gangbaren  Geschichtchen,  seine  Gemeine  in  Predigten  über
diese  Materie  aufzuklären,  und  er  glaubte  wohl  anfangs  selbst
nicht,  zu  dem  JZiele  zu  kommen,  an  welchem  er  sich  nach
lange  fortgesetzten  Bemuͤhungen  antraf.  Hypothesen  der  Cartesischen
  Philosophie  führten  ihn  zwar  nicht  auf  seine  Meinung,
  aber  bestärkten  ihn  doch  in  derselben,  und  nur  ein
Mann,  dessen  ganze  Theologie  von  der  Philosophie  seines
Zeitalters  belebt  wurde,  konnte  so  willkührlich  mit  der  Bibel
verfahren  als  Becker  that.  Der  laute  Ton  des  Zeitalters
war  dem  Verfasser  der  bezauberten  Welt  noch  ganz  entgegen
aber  der  leise  Beifall  gieng  doch  wie  ein  verrathenes  Geheimniß
  im  Stillen  herum,  und  die  durch  Newton  in  Schwung
gebrachte  Experimentalphysik  erhub  die  Beckerschen  Meinungen
  in  ein  immer  milderes  Licht,  bis  endlich  Thomasius
und  Semler  das  Publicum  zu  mehrerer  Prüfung  und  zu
größerer  Kühnheit  abhärteten.  «

S.«3().
Letzte  schoͤnste  Bluͤthe  besonders  der  Schweizerischen  Reformirten
Kirche.

Die  schoͤnste  thatvolleste  Periode  der  Reformirten  Kirchewelche
  sich  von  den  Zeiten  der  heftigern  Verfolgungen  Lud,
wigs  XIV.  bis  in  das  erste  Viertel  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts
  erstreckt,  schloß  sich  noch  mit  dein  Erscheinen  zweier
edlen  Schweizer,  welche  gleichsam  die  mild  erquickende  Abendröthe
  des  schwülen  Sommertags  waren.

Selbst  in  der  Vaterstadt  des  Calvinismus  erhob  sich  ein
        <pb n="386" />
        374

Bruderssohn  des  strengorthodoren  Franz  Turretin,  erklärte
sich  unerschrocken  für  allgemeine  Gnade  Gottes,  und  theilte
sich  nicht  mehr  so  furchsam  zwischen  Wahrheit  und  Irrthum
als  ehedem  Ampyraut.  Ach  wie  brüderlich  er  den  Lutheranern
  die  Hand  reichen  wollte,  wie  schön  er  Theologie  zur
Religion  zurückführte,  wie  verständlich  und  edel  seine  Sprache
war!  Sam.  Werenrfels  zu  Basel  schien  ganz  sein  Jwillingsbruder
  zu  seyn:  gber  beide  blicben  doch  in  ihrem  und
auch  in  dem  folgenden  Zeitalter  so  einzeln,  daß  die  Nachwelt,
um  ein  schönes  Kleeblatt  vor  sich  zu  haben,  mit  einem  kleineu
  Parachronismus  Saken  noch  zu  ihnen  rechnen  wird.

Die  Geschichte  der  Reformirten  Kirche  in  unserm  Jahrhundert
  ist  so  einschläfernd  ruhig,  daß  es  nicht  der  Möhe
werth  seyn  wird,  ihr  einen  besondern  Abschnitt  im  Grundriß
der  Kirchengeschichte  zu  geben.  In  den  vereinigten  Niederlanden
  ist  alles  abgestorben,  denn  selbst  Alb.  Schul.
tens,  so  viel  auch  die  durch  ihn  erregte  Revolution  der  Ebräischen
  Litteratur  6  in  ihrer  letzten  Anwendung  auf  die  Theologie,
  nützte,  hat  doch  für  sich  selbst  kaum  dazu  vorbereitet.
Auch  England  ist  weit  das  nicht  mehr,  was  es  ehemals
war.  Mancher  Schriftsteller,  welcher  für  die  Religion  und
Theologie  hätte  nützlich  werden  können,  hat  sich  zum  politi,
schen  Partieschriftsteller  bestimmt,  und  kaum  erscheint  hie  und
da  ein  etwas  schätzbarer  daurender  Beitrag  zur  Erweiterung
der  bisherigen  theologischen  Gränzen.  Die  Geschichte  beider
Kirchen  ist  zwar  in  dieser  Periode  nicht  ganz  leer  von  Streitigkeiten:
  aber  sie  bildeten  nicht,  sie  waren  meist  nur  weitere
Beweise  von  dem,  was  man  sonst  schon  vom  Justande  dieser
Kirchen  wußte.

Am  wenigsten  darf.man  aus  Frankreich  etwas  erwarten;
Glück  genug,  wenn  sich  so  verfolgte  Gemeinen  hüten,  durch
        <pb n="387" />
        375
Schwärmerei  und  Uwissenheit  nicht  gänzlich  aufgerieben  zu
werden.

Die  Teutsche  Reformirte  Kirche  war  von  jeher  nie
diejenige  gewesen,  welche  Harptrevolution  machte,  sie  verschwindet
  auch  in  diesem  Jahrhundert  fast  ganz  aus  der  Geschichte,
  aber  ihr  Verschwinden  ist  die  erwünschteste  Erscheinung,
  es  ist  der  sicherste  Beweis  aller  aufhdrenden  Parthiethätigkeit.
  Die  bisher  wie  Halbbrüder  getrennten  Protestan,
ten  sind  hier  unvermerkt  fast  wieder  in  eine  Familie  zusammengetreten,
  nachdem  man  die  Erfahrung  gemachr  hat,  daß
nichts  den  Frieden  mehr  hindert  als  wenn  man  feierlich  Friede
mit  einander  schließen  will.  Der  känftige  Geschichtschreiber
der  Kirche  des  achtzehnten  Jahrhunderts  wird  also  Zollikofers
  ausgebreitet  wohlthätige  Wirkungen  auf  unser  Zeitalter
in  der  Historie  der  Lutherischen  Kirche  erzählen,  und  die
Verdienste  der  Zürcher  Theologen  um  die  Brauchbar,
machung  und  Circulation  mancher  biblischen  Hauptideen  werden
  ihn  auf  eine  angenehme  Weise  vergessen  machen,  daß
von  Genf  und  Basel  keine  Stimme  mehr  gehöret  wird.

Gesch  ichte  der  Katholischen  Kirche  von  den  Zeiten  der
Trienter  Syn.  bis  auf  die  Constitutionsstreitigkeit.
1563  —  1713.

.  40.

Geschichte  der  Päbste.

Gegen  die  ersten  Strahlen  der  Aufklärung,  welche  von
Wittenberg  und,  Genf  ausgiengen,  hatte  sich  Rom  nach  einem
  beträchtlichen  Verlust  noch  ziemlich  glücklich  verwahrt,
aber  jener  allmälige  Einfluß,  welcher  bei  längerer  Fortdauer
der  Protestanrischen  Partien  unmöglich  fehlen  konnte,  war  viel,
gefährlicher  und  mußte  sowohl  in  der  Dogmatik  als  in  der
Hierarchie  wenigstens  Unruhen  erregen,  welche  glücklich  oder
        <pb n="388" />
        376

unglücklich  geendigt  der  Römischen  Oberherrschaft  gefährlich
wurden,  die  sich  immer  bei  einer  allgemeinen  Lethargie  am
sichersten  erhält.  Noch  ist  also  die  Geschichte  der  Katholischen
Kirche  fast  nichts  anders  als  Erzählung  der  mannichfaltigen
Versuche,  welche  der  Bischof  von  Rom  machte,  um  sein  Reich
gegen  die  Protestanten  zu  vertheidigen  oder  wo  moglich  zu
erweitern,  und  noch  mehr  um  die  Funken  von  Protestantismus
  zu  ersiicken,  welche  sich  unter  seinen  Unterthanen  entweder
  freiwillig  entzündeten  oder  aus  unserer  Kirche  gleichsam
elektrisch  hinübergiengen.  Man  lernt  hier  billig  zuerst
die  Succession  der  vorzüglichsten  Könige  dieses  geisilichen
Staats  kennen,  wenn  schon  auch  hier  selten  der  König  der
Hauptschauspieler  ist,  und  oft  mehr  nur  sein  Name  gebraucht  wird,
als  daß  sein  Ansehen  von  großer  Wirkung  wäre.

1,  Gregor  Xlll.  der  Nachfolger  des  Dominicancrs  Pius  V.  ist
durch  seinen  Kalender  verewigt,  den  man  ihm  wie  die  verbesserte
Ausgabe  des  Corp.  jur.  can.  und  des  Römischen  Martyrologiums

iimmer  zum  Verdienst  rechnen  möchte,  wenn  nicht  überall  die
grausame  Gewalkthätigkeit  des  Mannes  hervorblickte,  der  sich
der  schändlichen  Bartholomäusnacht  in  öffentlichen  Feierlichkeiten
  freute.  Das  würde  sein  Nachfolger,  der  verschmitzte
*  V.  nicht  gethan  haben,  wenn  schon  auch  er  seinen
Bannstrahl  nicht  ruhen  ließ,  und  Lust  gehabt  haben  mochte,
in  der  Kirche  so  sirenge  zu  regieren,  als  im  päbstlichen  Kirchensiaat,
  der  durch  seine  Regentenstrenge  sehr  gewann.  Den
letzten  päbsilichen  Muthwillen  gegen  Frankreich  haben  Gregor
  XIV.  und  Clemens  VIII.  ausgeübt;  die  Gelegenheit  war

1595  erwönscht,  welche  die  dasige  Ligue  und  Henrichs  IV.  Apostasie
  darboten.

160606  Paul  V.  zu  Anfang  des  siebzehnten  Jahrhunderts  versuchte
  vergeblich  eine  gleiche  Tragbdie  mit  Venedig,  Sarpi
        <pb n="389" />
        377

demuͤthigte  diesen  kindischen  Vicegott.  Eine  frevelhafte  Benennung,
  die  er  sich  geben  ließ.  Der  Nepotismus  und  eine
unpolitische  Partheilichkeit  ist  in  dem  Leben  der  Paͤbste  etwas

so  ganz  gewöhnliches,  daß  man  es  bei  Gregor  XV.  und
Urban  VIII.  kaum  besenders  bemerken  würde,  wenn  nicht
beides  gar  zu  sichtbaren  Einfluß  in  ihre  Regierung  gehabt
hätte.  Die  Päbsiin  Olympia  hat  ihrem  Schwager  Inno=  1646
cenz  X.  viel  Kummer  und  Schande  gemacht,  man  hätte  ihm
eher  die  feierliche  Verwerfung  des  Wesiph.  Fr.  und  die  Verdammung
  der  fünf  Propositionen  des  Jansenius  verzeihen
können  als  die  unanständige  Vertraulichkeit  mit  seines  Bruders
  Wittwe.  Sein  Nachfolger  Alerander  VII.  war  wohllsseben
  so  wenig  Theolog,  aber  seine  gebrechliche  Menschheit  äußerte
  sich  nur  von  eincr  andern  Seite,  und  er  fiel  zum  schröcklichen
  Beispiel  aller  seiner  Nachfolger  in  die  rächenden  Hände
Ludwigs  XIV.

Clemens  IX.  und  Clemens  X.  regierten  nur  kurze
Zeit,  und  der  letztere  wurde  nur  deßwegen  vermißt,  weil  der
strenge  Innocenz  XI.  auf  ihn  folgte,  den  der  stolze  Ludwig,  1676-selbst
  in  seiner  weltlichen  Souverainetät,  zu  Rom  kränkte.  89
Man  kann  doch  auch  dem  Pabst  zu  viel  thun!

Alerander  VIII.  verglich  den  größten  Theil  der  Strei-1689=tigkeiten,
  welche  sein  Vorgänger  mit  dem  französschen  Hofe  *7
gehabt  hatte.  Daß  Innocenz  TXll.  gegen  die  Perüken  soléolunversöhnlich
  eiferte,  kann  bei  einem  Pabst,  der  gern  Cato  17%%
scheinen  wollte,  nicht  auffallend  seyn,  er  muß  sich  an  Kleinigkeiten
  halten.  Innocenz  schloß  gerade  das  letztverflossene
Jahrhundert,  und  die  Fesuiten  sorgten  dafür,  endlich  einmal
auch  wieder  einen  Pabst  zu  bekommen,  der  Pabst  für  sie  seyn
möchte.  Clemens  XI.,  dessen  Namen  die  Constitution  Uni  17  00
genitus  trägt,  wurde  es  zum  Unglück  der  Katholischen  Kirche
        <pb n="390" />
        373

Im  allgemeinen  genommen  sind  doch  alle  diese  Männer
besser  als  die  der  vorigen  Periode,  aber  dagegen  fängt  nun
die  Geschichte  der  Conclaven  an,  deren  zusammengestellte
Schilderungen  die  schoͤnsts  Gallerie  der  tiefsten  Italiänischen
Arglist  ausmachen  würden.  Die  Päbsie  dieser  Periode  sind
offenbar  bessere  Menschen  gewesen,  als  die  der  vorigen,  aber  sie
sianden  immer  doch  noch  größtentheils  gegen  viele  bessere  und  edlere
  Gelehrte  der  Katholischen  Kirche  gar  weit  zurück,  und  es
mußte  durch  das  Zusammentreffen  unzähliger  zufälliger  Umstände
  geschehen,  wenn  ein  redlicher  gelehrrter  Mann  auf  diesen
  hohen  Stuhl  zu  sitzen  kam.  Wie  es  sich  doch  ereignet
haben  mag,  daß  der  heil.  Geist  im  Conclave  nie  für  einen
Jesuiten  entschied,  überhaupt  die  Italiäner  so  in  Affection

naͤhm,  daß  kein  Pabst  aus  irgend  einer  andern  Nation  gewählt
  wurde?

Mit  dem  Fortrücken  eines  jeden  halben  Jahrhunderts
zeigte  es  sich  nun  immer  deutlicher,  daß  der  Pabst  ein  Ding
sep,  das  für  das  mittlere  Zeitalter  ganz  gut  passen  mochte,
aber  bei  erweiterter  Aufklärung  entweder  seine  Gestalt  allmälig
  ändern,  bder  endlich  allen  Hohn  einer  altmodischen  Tracht
erfahren  mußte.  Die  Griechen  unter  dem  Druck  habsüchtiger
Bassen  sind  wohl  nicht  unglücklicher,  als  die  Einwohner  des
Kirchenstaats.  Das  schöne  Land  sieht  auch  heutzutag  wie
ein  Land  des  Fluches  aus.  Kann  es  anders  seyn?  Alle  Jahrzehend
  werden  neue  Blutigel  angesetzt.  Ein  neuer  Pabst,
neue  Nepoten,  dic  sich  bei  der  wahrscheinlich  nur  kurzen  Lebeuszeit
  ihrcs  Vetters  becilen  müssen.

F.  27.
Streitigkeiten  über  die  Lehre  von  der  Gnade.  Mich.  Bajus.
Die  Congregat.  zu  Rom.
Schon  auf  der  Synode  zu  Trient  muß  es  manchen  Theo-
        <pb n="391" />
        —

379
logen  gekraͤukt  haben,  die  Jesuiten  dem  Ohr  des  paͤbstlichen
Legaten  immer  so  nahe  zu  sehen,  und  wenn  er  vollends  ein
Universitaͤtsgelehrter  war,  so  kannte  er  schon  die  Gesinnungen
dieser  neuen  Herrn,  deren  um  sich  greifender  Ehrgeiz  durch
keine  ehrwürdig  alten  Gesetze  beschränkt  und  selbst  auch  nicht
bei  dogmatischen  Wahrheiten  durch  längst  auctorisirte  Lehrerstradition
  zurückgehalten  wurde.

Michael  Bojus,  Prof.  der  Theologie  zu  Löwen,  hatte
dem  Spiel  in  Trient  selbst  eine  Zeit  lang  zugesehen,  aber  es
war  ihm  ein  Graͤuel  auch  nur  in  die  scholastischen  Spitzfindigkeiten
  sich  einzulassen,  wie  viel  unerträglicher,  die  Theologie
  zum  Spiel  der  Politik  und  des-  Ehrgeizes  zu  machen.
Die  Ordenspfaffen  aber  —  es  seyen  nun  die  Franziskaner
allein  aus  Privathaß  oder  die  Fesuiten  mit  ibnen  im  Bunde
gewesen  —  fanden  bald  eine  Ursache  an  dem  redlichen,  gelehrten
  Mann,  sie  machten  ihn  zum  Ketzer  in  Rom,  und
Pius  V.  scheint  nicht  geglaubt  zu  haben,  daß  man  beide
Theile  hören  müsse,  ehe  man  ein  Urtheil  fällt.  Auf  einer
Universität  König  Philipps  II.,  so  ganz  in  der  Nähe  des
Herzogs  von  Alba,  der  Ketzerei  verdächtig  werden,  war  mit
gar  zu  sichtbarer  Lebensgefahr  verbunden,  als  daß  sich  nicht
Bajus  der  päbsilichen  Sentenz  hätte  unterwerfen  sollen,  deren
Sinn  ohne  dieß  oft  so  unverständlich  oft  so  vieldentig  war,
als  ob  ein  unwissender  Concipist  den  Punct  nie  recht  zu
treffen  gewußt  hätte,  bei  welchem  die  sirengen  Augustinianer,
wie  Bajus,  gefaßt  werden  mußten.

Selbst  die  monophysttischen  Streitigkeiten  haben  sorgfältig
entwickelt  nicht  so  viel  unaufklärbares  als  die  verschiedenen
Hypothesen  von  der  Gnade,  vom  freien  Willen  des  Menschen
und  vom  Verhältnisse  des  menschlichen  Willens  zum  Werk
der  Bekehrung,  durch  welche  Bajus,  die  Dominicaner,  und
        <pb n="392" />
        380

andere  Freunde  des  Augustinus  von  Jesuiten,  Franciscanern
und  manchen  minder  berühmten  Parthien  oder  Parthiefübrern
  sich  unterschieden.  Wohl  ist  im  allgemeinen  wahr,  daß
sich  letztere  dem  Semipelagianismus  näherten,  so  wie  ersiere
den  alten  Afrikanischen  Ideen  treucr  blieben:  aber  es  isi  gewöhnlich
  nur  halbe  Wahrheit,  was  so  im  Allgemeinen  gesagt
wird,  und  es  ist  zu  wenig  unterrichtend,  gerade  weil  es  zu
allgemein  ist.

Im  summarischen  Grundriß  der  Kirchengeschichte  sind
deßwegen  die  sonst  hier  berühmten  Namen  der  Jesuiten,  Leß,
Hamel  und  Molina  höchst  unnütz:  es  mag  lehrreicher  seyn
nachzuforschen,  warum  diese  Streitigkeiten  über  die  Lehre  von
der  Gnade  so  hartnäckig  lange  fortdauerten,  und  wenn  man
so  eben  ihrem  letzten  schwachen  Glimmen  zusehen  zu  können
glaubt,  plötzlich  wieder  mit  furchtbarerer  Gewalr  unter  der
Asche  hervorschlugen.

Leider  ist  es  nehmlich  hier  erste  höchst  wahre  Bemerkung,
daß  selbst  die  Dunkelheit,  in  welche  die  Hauptstreitfragen  verwikkelt
  seyn  mußten,  zum  ersten  heftigern  Ausbruch  und  zur  Fortdauer
  desselben  nicht  wenig  beitrugen.  Nicht  als  ob  diese  Dunkelheit
  größerer  Reiz  für  die  Forschbegierde  der  Menschen  geworden
  wäre,  sondern  in  einem  solchen  Nachtgedränge,  als
bei  Streitigkeiten  dieser  Art  ist,  mischt  sich  mancher.  unter
den  Haufen,  der  bei  verständlichern  Controversten  den  Beruf
hinwegzubleiben  ohne  fremde  Erinnerung  in  sich  selbst  empfunden
  hätte.  Selbst  dem  scharffinnigsten,  friedfertigsten
Manne  ist  es  unmoͤglich  bei  solchen  Streitfragen  die  Partheien
aus  einander  zu  setzen,  oder  wenigstens  die  edlere  beider  Partheien
  gegen  einander  aufzuklären.  Noch  war  überdieß  Ordens
  =  und  Lehrersautorikät  dabei  im  Spiel;  man  focht  eigentlich
  für  die  Antorität  des  Augustinus,  indeß  man  für  die-
        <pb n="393" />
        381

reine  Lehre  von  der  Gnade  zu  streiten  glaubte.  Die  Dominicaner
  sahen  ihren  Thomas  von  Aquino  Noth  leiden,  dessen
Ansehen  sie  so  lange  gluͤcklich  gegen  seinen  Franciscaner  Nebenbuhler
  Duns  Scotus  behauptet  hatten.  Wenn  sich  sonst
bei  Emstehung  einer  theologischen  Streitigkeit  zwei  noch  so
große  Partheien  gegen  einander  gebildet  haben,  so  werden
doch  beide,  bald  oder  spaͤt,  im  allgemeinen  Wirbel  politischer
und  kirchlicher  Revolutionen  gegen  einander  ausgerieben  oder
lernen  sich  neben  einander  passen:  aber  ein  Orden  stirbt  nicht
aus,  und  die  Marimen,  wodurch  er  sich  von  andern  seines
gleichen  scheidet,  gehdren  meist  so  nahe  zu  seiner  ganzen  Eristenz,
  daß  man  sie  gleichsam  den  Hauch  seines  Lebens  nennen
  könnte.  Mischt  sich  endlich  noch  der  geisiliche  Despot
in  eine  solche  Streitigkeit,  durch  welche  sich  seine  Freunde
entzweit  haben,  so  ist  vor  dem  gänzlichen  Tode  ciner  oder  der
andern  Parthei  an  das  Aufhoͤren  der  Streitigkeit  gar  nicht
zu  denken,  und  da  sich  wenigstens  das  Angedenken  der  Controvers
  aus  der  Kirchengeschichte  nicht  vertilgen  läßt,  so  erwärmt
  sich  wieder  hie  und  da  einer  in  nachfolgenden  Zeiten.
durch  Lesung  derselben,  und  selbst  die  schreienden  Ungerechtigkeiten,
  ohne  welche  sich  die  gänzliche  Unterdrückung  einer  oder
der  andern  Parthei  nach  dem  gewöhnlichen  Gange  menschlicher
  Dinge  gar  nicht  erwarten  läßt,  flöbt  neuen  Widerspruchsgeist
  und  neuen  Eifer  für  die  alten  Meinungen  ein.
Es  war  deswegen  gerade  erst  der  Anfang  zum  vollen  1598
Ausbruch  der  Streitigkeiten  uͤber  die  Gnade,  als  Clemens
VIII.  eine  Congregation  niedersetzte,  zu  untersuchen,  was  er,
der  untruͤgliche  Depositair  aller  dogmatischen  Wahrheit,  mit
einem  Augenblick  haͤtte  sollen  uͤberschauen  und  richten  koͤnnen.
  Vierzehn  Jahre  lang  untersuchte  man  zu  Rom,  und
Clemens  allein  ließ  hundert  Sessionen  halten,  um  endlich
        <pb n="394" />
        382
einmal  dieses  Chaos  aufzuklaͤren,  aber  Paul  V.  fand  immer
die  Sache  doch  noch  so  verwickelt,  daß  auch  selbst  er  endlich
nach  sechsjaͤhrigem  Besinnen,  vielleicht  selbst  auch  in  Ruͤcksicht
  auf  den  schnellen  Tod  seines  Vorgaͤngers  Clemens,  am
1611  rathsamsten  fand,  beiden  Partheien  Stillschweigen  aufzulegen.
Es  ist  kein  Wunder,  wenn  die  niedergesetzten  paͤbstlichen  Commissarien
  bei  diesen  Congregationen  manchmal  eingeschlafen
sind.  Man  handelte  ja  nicht  von  Prälaturen  und  Beneficien,
und  sie  wurden  so  unaufhörlich  durch  die  Drohungen  und
Vorstellungen  beider  Theile  geängstigt,  daß  sie  nichts  mit
mehrerer  Sicherheit  thun  konnten  als  schlafen.  So  beleidigten
  sie  weber  den  König  in  Spanien,  der  sich  der  Dominicaner
  annahm,  noch  den  König  in  Frankreich,  der  mehr  für
die  Jesuiten  war.  So  konnten  weder  die  Herrn  von  der  Inquisition
  klagen,  noch  Lojola's  Söhne  über  die  Undankbarkeit
  des  Römischen  Stuhls  seufzen,  und  beide  Partheien  hat,
ten  während  des  Processes  oft  genug  die  Entschließung  gezeigt,
sich  nicht  anders  als  unter  den  Ruinen  des  päbstlichen  Throns
begraben  zu  lassen.  Ueberdieß  erlitt  auch  Paul  V.  durch  den
Proceß  mit  den  Venetianern  solche  heftige  Stürme,  bei  welchen
  er  keine  jener  beiden  Gnadenpartheien  sorgfältig  genug
schonen  konnte.
&amp;amp;.  42.
Streitigkelten  Paul  V.  mit  Venedlg.  Sarpt.

Eine  kleine  Italiänische  Republik  machte  den  Anfang
der  Revolution,  welche  nachher  die  Französischen  Gelehrten
mit  so  abwechslendem  Gläck  zu  befördern  suchten,  und  die
Kaiser  Foseph  II.  zum  ewig  daurenden  Wohl  des  ganzen
cuktloirten  Europa  endlich  vollenden  zu  können  schien.  Paul

1606  V.  hatte  nehmlich  kaum  den  päbstlichen  Thron  bestiegen,  so
wollte  er  die  Venetianer  mit  väterlichem  Ernst  zurechtweisen;
        <pb n="395" />
        383
sie,  die  ein  paar  Geistliche,  wenn  schon  wegen  abscheulicher
Verbrechen  hatten  gefangen  nehmen  lassen,  und  auch  in  An—
sehung  der  Kloͤster  und  Vermehrung  der  Kirchengüter  einige
Verordnungen  gemacht  hatten,  die  dem  Wohl  des  kleinen  Staats
fast  unentbehrlich  waren,  und  in  eineim  kleinen  Staat  leichter
durchgesetzt  werden  konnten  als  in  einem  großen.  Nach  den
gewöhnlichen  Complimenten  zwischen  dem  Pabst  und  der
Republik,  wodurch  man  sich  in  einem  solchen  Falle  zu  verwahren
  sucht,  schlug  endlich  der  unvorsichtige  Bischof  zu  Rom
mit  Bann  und  Interdict  darein,  und  träumte  sich  vielleicht
schon  eine  solche  Souverauueiaͤtsfeierlichkeit,  als  Eleniens
VIll.  genossen  hatte,  da  die  Gesandten  König  Heinrichs  IV.
zu  seinen  Füssen  lagen.  Wußke  der  gute  Pabst  nicht,  daß
kleine  Herrn  immer  trotziger  sind  als  große,  daß  Aristokraten
schwerer  ihren  Nacken  beugen“:  als  ein  König,  daß  Venedig
näher  bei  Rom  liegt  als  Paris,  also  dort  der  Pabst  leichter
als  Mensch  gesehen  wird?  Oer-  Venetianische  Senat  fand
auch  in  dieser  Sache  an  seinem  Tfiolegen,  Paul—  Sarpieinen
  Rathgeber,  wie  selbst  Ludwig  XIV.  nie  efünden  hat,
aber  auch  nicht  wertb  war  zu  finden.  Gelebrsänkeit.  Schaifsinn,
  Bescheidenheit,  feine  Gäle  des  Vortrags  bereinigtei  sich
in  diesem  Manne  so  außerbrbeuktlich,  daß  man  nicht  wußte,
ob  einzelne  dieser  Talente.  mehr  zu  schätzen  oder  ihre  schoͤne
Verbindung  mehr  zu  bewunderm“  war.  Unter  sllen  nachfolgenden
  Vertheidigern  der  Kicchenfteieit  gegen  die  Päbstlichen
Usurpationen  hat  keiner  dei-  Prebslichen  Thion  foi  in  seinen  stärksien
  Grundsäulen  Erschüttert  keinen,  selbst  dem  Mge  des  Volks
so  sichtbar,  kathölische  und  fäbstliche  Religion  geschieden,  keiner
so  herzhaft  und  demuͤthig  zugleich  gesprochen,  daß  er  für  das  verschiedendste
  Publicum  gleich  nügzlicher  Schiiftsellet  wat,  als  dieser
  Servĩte.  Seine  Geschichte  der  Trientschen  Synode  ist  ein  bis“
        <pb n="396" />
        384

her  uoch  unerreichtes  Muster,  wie  man  geheime  Wunden  aufdecken
  muß.  Was  er  sonst  zur  Erläuterung  mancher  Materien
  der  Kirchengeschichte  oder  die  wechselsweisen  Rechte  des
Regenten  und  der  Kirche  zu  bestimmen  geschrieben  hat,  trägt
immer  das  Gepräge  eines  frommen,  aufgeklärten  Genies.  Wehe
dem,  der  einen  solchen  Mann  zu  verurtheilen  im  Stande  ist,
weil  er  nicht  feierlich  zur  Geufischen  oder  Wittenbergischen
Partie  uͤbertrat.

Wunden,  die  so  geschlagen  wurden,  als  Sarpi  dem  Pabst
schlug,  heilen  nie  mehr,  und  Sarpi's  Zeitgenosse,  Edmund
Richer,  Syndikus  der  Universität  Paris,  ließ  seiner  Seits
nichts  fehlen,  daß  sie  frisch  erhalten  wurden.

-—  S.  43.
Zustand.  der  Teutschen  Kathol.  Kirche.

Dieser  letztere  aber,  der  erste  unerschrocknere  Vertheidiger
des  aristokratischen  Kirchensystems,  wurde  ein  trauriges  Beispiel
  für  alle  seine  Nachfolger,  wie  leicht  ein  König  diejenigen
  aufopfet,  welche  seine  Rechte  vertheidigen,  wenn  er  andere,
  ihm  itzt  augenblicklich  wichtige,  Vortheile  zu  erhalten
sucht.  Richelien  war  zwar  kein  Freund  des  Pabsts,  aber  wenn
er  einen  Cardinalshut  für,  seinen  Bruder  wollte,  so  war  ihm
doch  der  Pabst.  nothwendig,  der  arme  Patriot  wurde  also
preisgegeben.

In  Teutschland,  wo  das  Zusammenwoͤhnen  der  Katholiken
  und  Protestanten  ven  ersteren  mehr  Aufklärung  hätte
verschaffen,  nollen,  als,  den  Katholiken  anderer  Länder,  wurde
das  Pabstthum  gerade  zu  der  Zeit  immer  druͤckender,  da  Italiäner
  und  Franzosen  das  Joch  abzuschütteln  suchten.  Sarpi
lebte  noch,  als  die  siegreichen  Heere  Kaiser  Ferdinands  II.
den  Protestanten  den  Untergaug  drohten,  und  die  Principien
der  Dillinger  Jesuiten  machen  mit  den  Meinungen  Richers
        <pb n="397" />
        385
einen  Contrast,  bei  welchem  der  Teutsche,  ohne  laͤcherlich  zu
werden,  von  seinem  Freiheitssinn  gar  nicht  sprechen  darf.

Die  Teutsche  Katholische  Kirche  läuft  hier  am  besten  parallel
  mit  der  Spanischen,  nur  daß  die  erstere  in  ihrer  ganzen
  Verfassung  fast  noch  mehrere  Keime  des  Verderbens  hatte
als  letztere.  In  Spanien  skonnte  es  doch  nech  gelehrte  Bischöfe
  geben,  Anton  Augustin  war  nicht  der  einzige  und
nicht  der  letzte  seiner  Art:  aber  wo  war  in  der  ganzen  Periode,
  von  der  Synode  zu  Trient  bis  zu  Ende  des  vorigen
Jahrhunderts,  ein  einziger  Teutscher  Bischof,  der  auch  nur
ohne  einigen  Mißbrauch  des  Works  ein  gelehrter  Theologe
heißen  konnte.  Die  Fürsiensöhne  nahmen  die  Bisthümer  hinweg,
  als  ob  die  Kirche  für  ihre  Appanagen  zu  sorgen  hätte.
Der  Adel  verdrang  vollends  die  Doctoren  aus  allen  Capireln,
und  weil  dem  Fürstensohn  selten  an  einem  Bisthum  genug
war,  dessen  Einkünfte  sich  durch  die  Reformation  etwa  geschwächt
  zeigten,  so  gab  man  ihm  gegen  alle  Kirchengesetze
mehrere  zusammen,  oder  wurde  eine  benachbarte  reiche  Abtei
  das  Opfer  seiner  Verschwendung.  Dhilipp  Christorh  von
Soetern,  Erzbischof  von  Trier,  war  doch  ein  feiner  Bischof;
die  Mönche  von  St  Maximin  können  es  am  besien  aus  ihrer
  Chronik  erzählen.

So  war  also  in  Teutschland  Religion  und  Thrologie
ganz  in  den  Händen  der  Jesuiten.  Bekanus  war  der
Dogmatiker,  Busenbaum  der  Moraliste,  Gregor  von
Valenza,  Gretser,  Tanner,  Keller  waren  die  Haͤupter
  der  Polemiker,  und  als  ob  wir  Teutsche  gerade  die  schlimm-=sien
  von  diesem  schlimmen  Orden  haben  sollten,  so  war  doch
kein  einziger  Teutscher  Jesuit,  welchen  damals  Sirmond,
Petav,  und  andere  große  Mitglieder  dieses  Ordens  in

Spittler's  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  25
        <pb n="398" />
        386

Frankreich,  mit  Freuden  als  ihren  Bruder  hätten  erkennen
mögen.

Kein  Ordensgeistlicher  und  kein  Weltgeistlicher  zeichnete
sich  unter  den  Teutschen  durch  Gelehrsamkeit  oder  durch  freiere
edlere  Gesinnungen  aus.  Unter  keinem  Orden  entstand  in
Teutschland  eine  Reformation,  wie  die  so  nützliche  Congregation

  des  heil.  Maurus  in  Frankreich  war;  nicht  einmal
neue  als  nützlich  erprobte  Stiftungen,  wie  sich  die  PP.  Oratorii
  lzeigten,  konnten  bei  uns  einporkommen.  Der  Pabst
bewies  auch,  daß  er  wisse,  was  er  seinen  Söhnen  im  Reich
des  Gehorsams  zutrauen  dürfe.  Sie  machten  ihm  nicht  einmal
  mit  ihren  Unionsprojecten  viel  Kummer;  denn  gewöhnlich
  hatten  die  Protestanten  alle  Ursache,  sich  zuerst  zu  widersetzen.
  Auch  der  Teutsche  Katholik  muß  Gustav  Adolfs
Angedenken  segnen,  was  wäre  zuletzt  auch  aus  seiner  politischen
  und  religidsen  Freiheit  geworden,  wenn  der  ehrgeizige
und  abergläubische  Ferdinand  1l.  gesiegt  hätte.

S.  44.
Fansenistische  Streitigkeiten.

Die  Eifersucht  des  Römischen  Hofes  über  die  kirchenhistorische
  Freimuͤthigkeit  der  Richers,  du  Pin  und  anderer
war  noch  nicht  gestillt,  auch  die  kleineren  Bewegungen  waren
  noch  nicht  beruhigt,  die  das  berühmte  Werk  von  Mar-1641kä

  veranlaßte,  als  über  dem  Buch  eines  versiorbenen  Niederländischen
  Bischofs  ein  neuer  Zwist  entstand,  dergleichen  die
alte  Kirchenie  einen  einheimischen  Streit  gehabt  hat.  Das  Buch
selbst,  wie  es  bei  den  meisten  Begebenheiten  gieng,  welche  aus
kleinen  Ursachen  entstanden,  war  zwar  mehr  nur  Gelegenheit
cines  recht  feierlichen  Ausbruchs  längst  verborgener  geheimer
Gährungen:  aber  es  traf  doch  alles  so  zusammen,  diese  Gelegenheit
  zur  rechten  Todesepoche  des  Pabsithums  zu  ma-
        <pb n="399" />
        387

chen,  und  den  geistlichen  Despoten  fählen  zu  lassen,  daß
er,  auch  unterstützt  von  der  Macht  seines  erstgebornen  Sohnes,
  über  Menschen,  welche  Wahrheit  kennen  gelernt  haben,
unmoͤglich  siegen  könne.

Corn.  Fansen,  Bischof  von  Ypern,  empfahl  bey  1638
seinem  Tode  elnigen  seiner  Freunde  die  Ausgabe  eines  Werks,
an  welchem  er  vierzig  Jahre  lang  mit  allem  dem  Eifer  gearbeitet
  hatte,  den  Partiegeist  und  erregte  Gewissenhaftigkeit
einflößt.  Jesuiten  und  Dominicaner,  Lehrer  von  den  entgegengesetztesten
  Meinungen  im  Artikel  von  der  Gnade,  schöützten
  sich  nämlich  immer  beiderseits  mit  dem  Ansehen  des  Augusiinus,
  und  es  schien  deßwegen  der  Mühe  werth,  daß  ein,
mal  ein  Mann  von  tedlichem  Fleiß  und  ausdaurender  Gedult
  den  unsystematischen  Afrikaner  recht  durchstudire  und
seine  Grundideen  zusammenstelle.  Nur  sahen  die  Jesuiten
gerade  diesen  Bischof  sehr  ungerne  bei  einer  solchen  Arbeit.
Er  war  nie  ihr  Freund  gewesen,  und  wenn  ein  Mann  vou
so  unbescholtener  Frömmigkeit  als  Jansen  war,  Resultate  eines
  vierzigjährigen  Fleißes  der  Welt  vorlegte,  so  hatte  die
Arbeit  Credit.  Wahrscheinlich  aber  haben  doch  erst  die  Jesuiten
  mit  ihren  Kabalen  dem  Buche  noch  ein  größeres  Aufsehen
  verschafft.  Die  guten  Väter  vergaßen  nehmlich  die  erste
  Regel  polemischer  Klugheit,  die  Welt  nicht  durch  Gegenwehr
  aufmerksam  zu  machen.  Hätte  wohl  ein  schwerfällig
geschriebener  Foliant,  wie  Jansens  Augusiin  war,  viele  Le,
ser  gefunden,  wenn  nicht  die  Lesung  desselben  durch  ein  Jesuitisches
  Decret  der  Römischen  Inquisstion  verboten  worden
wäre,  wenn  nicht  die  Jesuiten  den  Cardinal  Richelien  heimtückisch
  ins  Spiel  gezogen  hätten,  um  eine  eigne  Bulle  von
Urban  VIII.  auszuwirken,  worinn  diesem  Werk  heterodore

Meinungen  zugeschrieben  wurden.
6  25“7
        <pb n="400" />
        388

Ungeachtet  der  entschiedenen  Abneigung  des  Premiermi,
nisters  gegen  Jansen  und  seinen  Freund  den  Abbt  von  S.
Cyran  schloß  sich  aber  doch  die  Sorbonne  an  die  theolegische
Facultät  zu  Löwen  an,  und  die  Jesuiten  würden  Mühe  gehabt
  haben,  dem  Pabst  eine  bestimmtere  Verdammung  des
verläumdeten  Buchs  abzulocken,  wenn  nicht  Olpmpia  Pabsi

1653  gewesen  wärc.  Innocenz  X.  verurtheilte  fünf  Sätze,  die  in
dem  Buch  stehen  sollten:  aber  diese  fünf  Sätze  waren  falsch
oder  wahr,  je  nachdem  man  sie  erklärte.  Die  Freunde  des
Jansenius  trösteten  sich  also,  der  Pabst  habe  diese  Sätze  im
erstern  Sinn  vor  Augen  gehabt,  Jansenius  aber  habe  sie  im
letztern  Sinne  geschrieben;  über  Wahrheit  der  Glaubenssätze
seh  der  Pabst  unträglicher  Richter,  aber  ob  diese  Sätze  in
diesem  verworfenen  Sinne  bei  Jansenius  sich  faͤnden,  könne
  der  Pabst  nicht  gältiger  entscheiden,  als  jeder  Leser  fuͤr
sich.

Eine  Ausflucht,  die  kaum  drei  Jahre  lang  half.  Aler-=ander
  VII.  erklärte,  daß  Jansen  diese  fünf  Sätze  wirklich  in
ketzerischem  Sinne  niedergeschrieben  habe,  und  jeden  Widerspruch
  zu  ersticken,  wurde  in  Frankreich  unter  geistlicher  und
weltlicher  Autorität  ein  Eid  aufgesetzt,  worinn  jeder  der  ein
geistliches  Amt  erhalten  wollte,  dem  längst  in  höhere  Sphären
entrückten  Jansenius  ein  Anathema  nachrusen  mußte.

Ein  schdnes  Schauspiel,  wie  sich  nun  alle  in  Frankreich
empbrten,  welche  Empfindung  für  Kirchenfreiheit,  und  Liebe
zu  Augustinischer  Theologie,  oder  auch  nur  redlichen  Eifer
für  Gottessurcht  hatten.  Der  fromme.  Pascal  spottete  über
die  Jesuiten  so  schön  und  so  treffend  wahr,  als  vor  und  nach
ihm  niemand  gethan  hat.  Arnaud  war  so  unermüdet,  daß
dasjenige  Publicum,  das  immer  nur  dem  Recht  gibt,  der
das  letzte  Wort  behält,  unmöglich  den  Jesuiten  beitreten
        <pb n="401" />
        380

konnte,  und  gegen  den  Verdacht,  sich  den  Refermirten  ge,
nähert  zu  haben,  vertheidigte,  er  sich  so,  daß  leider  die  Wahrheit
  nichts  dabei  gewann.  Auch  Nicole  war  ihm  hieriun
gleich,  wie  es  überhaupt  bei  dem  weitern  Fortgang  dieser
Streitigkeit  immer  Charakter  der  Jansenisten  blieb,  heftig  gegen
  die  Calvinisten  zu  polemisiren.  Porrroial  war  lange
Zeit  der  Hauptsitz  dieser  unterdrückten  und  unter  dem  Druck
immer  emporstrebenden  Partie.  Manches  schöne  für  die  Litteratur
  höchst  nützliche  Werk  wurde  hier  geschrieben,  und  ein
Geist  des  ernstlichern  Religionseifers  floß  von  hier  in  die
ganze  Frauzösische  Kirche  aus,  der  vielleicht  mehr  in  den
Gränzen  vernünftiger  Religion  geblieben  wäre,  wenn  ihn
nicht  Jesuitischer  Leichtfiun  immer  mehr  gereitzt  hätte.

Traurig,  daß  alle  diese  großen,  wahrhaftig  frommen,
wahrhaftig  gelehrten  Mäuner  zwar  gegen  den  Irrthum  aber
nicht  für  Wahrheit  gestritten  haben,  und  endlich  ganz  in  den
Fanatismus  verfielen,  der  in  den  Umsiänden  einer  jeden  unterdrückten
  Partie  so  natürlich  liegt.

9.  45
Jansenische  Kirche  in  den  Niederlanden.  Ludwigs  XIV,  abwechslendes
  Kirchenrecht.

Clemens  IX.  glaubte  ein  Mittel  gefunden  zu  haben,  die  1660
päbsiliche  Autorität  und  das  geängstigte  Gewissen  der  Portroialisten
  mit  einander  auszusöhnen.  Die  Jesuiten  aber
suchren  vollständigen  Sieg,  Jansenius  fünf  Sätze  sollten  von
jedem  unbedingt  verdammt  werden,  und  Ludwig  XIV.  zu
dessen  Herz  die  guten  Väter  mehr  als  einen  Zugang  gefunden
  hatten,  freute  sich  seines  königlichen  Ansehens,  das  er  in
der  Dogmatik  eben  so  geltend  machen  könne  als  im  Felde.
Voll  Verzweiflung  zog  sich  die  unterdrückte  Partie  ganz  nach
den  Niederlanden,  sammelte  sich  hier  eine  eigene  Kirche,  und
        <pb n="402" />
        390

gab  das  erste  Beispiel  einer  aͤcht  katholischen  Kirche,  die  fortdaurend
  keine  Gemeinschaft  mit  dem  Rômischen  Stuhl  hat.

Ludwig  XIV.  that  so  viel  ungerechtes,  um  den  Haß  der
Jesuiten  und  des  Pabsts  gegen  die  Jansenisten  zu  befriedigen,
  und  pochte  zu  gleicher  zeit  dem  Pabste  so  sehr,  daß  man
glauben  sollte,  er  habe  recht  planmäßig  alles  Dogmati,
sche  preiß  gegeben,  um  nur  Souverain  der  Hicrarchie  zu  wer-1628

  den.  Aber  ein  Regent,  der  bloß  nach  Passionen  und  augenblicklichen
  Bedürfnissen  handelt,  kann  keinen  Plan  haben,  es
isi  ihm  vielleicht  um  Erweiterung  seiner  Regalrechte,
aber  nicht  um  gesichertes  richtiges  Verhältniß  des  Staats  und
der  Kirche  zu  thun.  Er  that  gerade  nur  so  viel,  daß  der
Pabst  sah,  was  er  thun  könnte;  seine  Geistlichkeit  mußte  sich

1682  versammeln  und  vier  Sätze  abfassen,  welche  wenigstens  den
gröbsten  curialistischen  Frrthümern  steuern.  Bossuel
mußte  darüber  commentiren  und  wenn  Launoy  noch  gelebt
hätte,  würde  er  noch  emphatischer  darüber  commentirt  haben,
aber  was  war  das  Ende  —  daß  es  beim  schreiben  und  sar
gen  blieb,  daß  der  Pabst,  so  bald  er  sich  mit  den  Jesuiten
ausgesöhnt,  wieder  so  unumschränkt  in  Frankreich  befehlen
konnte  als  vorher.

Es  war  unmöglich,  daß  eben  der  Ludwig,  der  Drago,
ner  aussandte  die  Hugonotten  zu  bekehren,  die  Katholische
Kirche  seines  Reichs  vom  Druck  des  päbftlichen  Jochs  befrei,
en  konnte;  zwei  so  ungleichartige  Früchte  reifen  nicht  leicht
in  ciner  Scele.  Der  sanfte,  edle  Fenelon  hat  es  unge.
führ  zehen  Jahre  nach  dem  Streit,  den  Ludwig  wegen  der

1697  Quartiersfreiheit  mit  dem  Pabst  führte,  traurig  genug  erfahren,
  wozu  die  Hofpartic  und  selbst  auch  ein  Bossuet  den  Pabst
noch  immer  brauche,  warum  also  unter  solchen  Regierungen
keine  wahre  Freiheit  zu  erwarten  sey.
        <pb n="403" />
        391

.  46.
Neuere  Mostiker  der  Kath.  Kirche.

Nach  der  allgemeinen  Analogie  der  ganzen  Kirchengeschichte
  erzeugte  sich  in  edlern,  wahrheitbegierigen  Scelen  immer
  mehr  Liebe  zur  Mystik,  je  mehr  die  große  Geistlichkeit
in  Streitigkeiten  versank,  Religion  und  Theologie  zum  Spiel
ihrer  Passionen  und  ihrer  gelehrten  Muße  machte.  Selbst
den  Abbt  de  la  Trappe  darf  man  als  ein  Phänomen
dieser  Art  hieher  rechnen,  wenn  er  schon  nicht  eigentlicher
Mystiker  war.  Noch  gewisser  sind  Molinos,  Bourignon,
  Guyon,  lauter  Erscheinungen  eben  derselben  Art,
nur  den  wichtigen  Unterschied  mit  eingerechnet,  welchen  Geschlecht,
  Nation,  Erziehung  und  Umgang  bei  niemand  so
kennbar  machen  als  bei  Mystikern.  Der  Spanier  scheint
weit  weniger  myystische  Schwatzhaftigkeit  gehabt  zu  haben,
als  diese  zwei  Französischen  Frauenzimmer,  und  seine  Schrift
war  weit  nicht  mit  der  dreisten  religioͤsen  Sinnlichkeit  geschrieben,
  der  sich  Mystikerinnen  so  oft  überlassen,  ohne  zu
wissen,  daß  sic  sich  nicht  dem  Geiste  Gottes,  sondern  ihrem
eigenen  überlassen  haben.

9.  47.
Chinesisches  Missionsinteresse.

Wie  von  den  Streitigkeiten  des  Michael  Bajus  an  bis
auf  die  des  Fenelon  herab  die  Jesuiten  immer  öffentlich  oder
versieckt  eine  Hauptrolle  spielten,  und  durch  die  Hand  des
großen  Ludwigs  den  Pabst  oft  demüthigen  oft  erheben  ließen,
so  trieben  sie  auch  durch  die  Missionen  ihr  Spiel  in  den  andern
  Welrtheilen,  und  che  Paraguay  recht  benutzt  werden
konnte,  war  es  nirgends  mehr  der  Mühe  werth  als  in  China,
  dem  aufgeklärtesten  Reiche  Asiens.

Sie  schlichen  sich  hier  als  Gelehrte  ein,  spielten  erst
        <pb n="404" />
        392

den  Mathematiker,  um  nur  allmälig  in  ihre  theologische  Urgestalt
  sich  wieder  zu  verändern,  und  auch  dieser  gaben  sie
eine  solche  Form,  daß  sie  den  Chinesern  nicht  auffallend  seyn
konnte.  Sie  nahmen  iso  viel  von  den  eigentlichen  Religionsgebräuchen
  der  Chineser  an,  als  ob  es  bloße  bürgerliche  Ce,
remonien  wären,  daß  man  nicht  wußte,  ob  sie  die  Chineser
für  das  Christenthum  gewinnen,  oder  sich  als  versöhnte  Freunde
  des  Chinesischen  Aberglaubens  zeigen  wollten.  Die  anderen
  Missionarien  mögen  vielleicht  manches,  geblendet  durch
Eifersucht,  noch  im  sirengern  Lichte  betrachtet  haben,  als  es
betrachtet  zu  werden  verdiente,  aber  wie  glaublich  isi  es,  daß
der  Jesuit  auch  in  Asien  Jesuit  war,  allen  alles  zu  werden
sachte,  um  von  allen  alles  zu  erhalten.  Als  wenigstens  ihre
Sache  vor  den  heiligen  Stuhl  zu  Rom  kam,  bewiesen  sie  sich
ganz  als  diejenigen,  welche  sie  ihre  ganze  Eristenz  hindurch
waren,  gehorsame  Söhne  des  heiligen  Vaters,  wenn  er  thut
was  seine  Söhne  wollen,  und  dreiste  Rebellen,  wenn  er  Unterwürfigkeit
  verlangt.  Clemens  XI.  sonst  Freund  dieser  arglissigen
  Väter,  wollte  nachdem  der  Streitl  fast  ein  Jahrhundert
  lang  gedauert  hatte,  endlich  alles  ins  klare  setzen,  schickte
  einen  Commissair,  Karl  Tournon,  nach  China,  mit  unbe-1705

  dingter  Gewalt  zu  untersuchen  und  zu  richten,  und  eine  Eideéformel
  wurde  entworfen,  welche  künftigbin  jeder  Missio
nar  beschwören  sollte,  um  die  Vermengung  solcher  heidnischen
Religion  mit  der  Chrisilichen  zu  vermeiden.  Tournon  starb
im  Gefängniß  in  China  als  Märtyrer  der  päbftlichen  Hoheit,
welche  er  gegen  die  Jesuiten  hatte  behaupten  wollen.

Die  Missionengeschichte  ist  unstreitig  einer  der  traurigsten
Abschnitte  der  Römisch  Katholischen  und  Protestantischen  Kirchengeschichte.
  Bei  Protestanten  sehlt  es  au  Eifer,  und

dem  wenigen  Eifer,  der  noch  da  ist,  an  aufgeklärter  Richtung.
        <pb n="405" />
        393

Man  setze  sich  unparteiisch  in  die  Lage  eines  Juden  und
frage  sich,  ob  man  durch  einen  Callchbergischen  Missio-—
nar  gewonnen  worden  waͤre,  oder  man  lese  die  Tranquebarischen
  Missionsberichte,  und  entscheide,  ob  die  Missionarien
mehr  zu  bedauern  seyen,  welche  ihre  Sachen  so  ungeschickt
anfangen,  oder  die  armen  Malabaren,  mit  welchen  so  ungeschickt
  angefangen  wird.  Noch  haben  sich  bisher  unter  Protestanten
  die  Herrenhuter  um  die  Ausbreitung  des  Christenthums
  durch  Missionen  am  verdienresten  gemacht,  wenn  schon
auch  bei  genauerer  Betrachtung  ihrer  Bemühungen  die  Freude
oft  nur  darinn  besteht,  daß  doch  etwas  geschehen  ist.

In  der  Römisch  Katholischen  Kirche  geschieht  mehr
für  die  Ausbreitung  des  Christenthums  als  bei  den  Prote,
stanten,  weil  der  Mensch  gewöhnlich  da  eifriger  ist,  wo  er  um
sein  selbst  willen,  als  wo  er  um  Gottes  willen  handelt.  Aber
hat  nicht  diese  selbstsüchtige  Art  das  Christenthum  zu  predigen,
  demselben  in  manchen  Ländern  den.  Zugang  auf  ewig
versperrt?  Wie  lgieng  es  in  Japan?  Was  hat  auch  iuͤ
China  zu  den  vielen  oft  hochst  traurigen  Katastrophen  der
Bekenner  des  Christenthums  beigetragen?  Wie  mancher  gerühmte
  Proselyt  der  Romischen  Kirche  war  weiter  nichts  als
cein  Bettler,  der  sich,  um  ein  Stück  Geld  zu  erhalten,  Heuchelei
  auf  eine  kurze  Zeit  erlaubt  hielt.  Wenn  endlich  nur
Christus  gepredigt  würde,  es  geschähe  aus  redlichen  oder
selbsisüchtigen  Absichten;  aber  ist  es  Chrisiliche  Lehre,  welche
die  Rômischen  Missionarien  predigen,  oder  wird  bloß  heidnischer
  Aberglaube  mit  Römischem  umgetauscht?

9.  48.
Streitigkeiten  über  Quesnels  N.  T.  Constitution  Unigenitus.

Die  Chinesischen  Missionsstreitigkeiten  waren  zu  Rom
noch  in  ihrer  größten  Gährung,  als  die  Jesuiten  einen  an-
        <pb n="406" />
        394

dern  Gegenstand  ihres  rachgierigen  Ehrgeizes  in  Frankreich
fanden,  bei  welchem  sie  den  Pabst  gluͤcklicher  auf  ihre  Seite
zogen,  aber  am  Ende  doch  wieder  noch  unheilbarere  Wunden
litten,  als  bei  Verkezerung  des  Jansenschen  Augustinus.

Einer  der  gelehrtesten  Presb.  Orator.  in  Frankreich,
Paschasius  Quesnel,  schrieb  veranlaßt  durch  einige  Berufsarbeiten,
  welche  er  in  seiner  Congregation  hatte,  einen
kurzen  praktischen  Commentar  uͤber  das  N.  T.,  worinn  er
die  Hauptmomente  der  Christlichen  Lehre,  so  wie  sie  damals
ein  Katholik  auffaßte,  gewiß  nicht  mit  Schonung  der  Protestanten
  darlegte.  Das  Buch  wurde  unter  tausendfachem
Segen  gelesen,  von  vielen  Bischoͤfen  gebilligt,  in  ihren  Dioͤ-cesen
  empfohlen,  fast  vizxzig  Jahre  hindurch  ohne  Bedenken
immer  wieder  neu  aufgelegt,  verbessert  und  selbst  vom  Pabst
als  ein  treffliches  Buch  auerkannt.

Den  Jesuiten  aber  war  es  unangenehm,  den  Ruhm  der
Frömmigkeit  eines  Mannes  so  allgemein  ausgcbreitet  zu  sehen,
  der  es  durch  seine  Ausgabe  der  Werke  Leo  des  Gr.  gar
nicht  verdient  hatte,  daß  ihn  der  Pabst  lobte,  und  noch  weniger
  in  den  Jansenistischen  Streitigkeiten  als  Jesuitenfreund
sich  bewiesen.  Ihr  Unwille  wurde  noch  mehr  gereizt,  als  der
Erzbischof  von  Paris,  Card.  von  Noailles,  durch  ein  eigenes
bischbfliches  Mandat  das  Quesnelische  Neue  Testament  empfahl;
  zwei  Feinde  konnten  sic  itzt  mit  einem  Schlage  treffen,
solche  Gelegenheiten  kamen  zu  selten,  als  daß  sie  dieselbe  hätten
  vorbeilassen  können.  ,„

Erst  ließen  sie  nur  böse  Gerüchte  gegen  das  Buch  gleichsam
  im  Dunklen  schleichen.  Je  stiller  diese  umherschleichen,
desto  größer  ist  meisiens  der  Schade,  aber  Quesnel  und  sein
Buch  waren  zu  gekannt,  als  daß  stille  Verläumdung  hätte
        <pb n="407" />
        395

schaden  können;  man  sah  wohl,  was  mit  dem  theologischen
Pasquill  Probleme  ecclesiastiqduc  gemeint  sey.

Mit  Möähe  gewannen  sie  endlich  einen  Französischen  Bischof,
  der  in  einer  eigenen  Pastoralinstruction  gegen  das  Quesnelische
  Tesiament  sich  erklärte.  Es  blieb  aber  noch  lange
Zeit  bei  dem  einen,  und  der  ersie,  der  sich  seiner  schlechten
Gesellschaft  nicht  schimte,  war  der  Römische.  Clem.  XI.
ließ  fünf  Jahre  nach  dem  Erscheinen  jener  Pastoralinstruction
ein  Breve  nach  Frankreich  ergehen,  das  nicht  länger  zweifeln
ließ,  was  für  ein  Geisi  ihn  regiere.  Das  Breve  wurde  zwar
nicht  angenommen,  aber  es  bahnte  doch  dem  Beichtvater  des
Königs,  dem  Fesuiten  Tellier  den  Weg,  noch  ein  paar  Bischöfe
  gegen  den  Card.  von  Noailles  aufzuwiegeln,  und  das
Geschrei  allgemeiner  zu  machen,  Man  wollte  den  frommen
edelmüthigen  Cardinal  ersi  nur  um  seinen  Credit  bringen.
Das  Publicum  beurtheilt  jede  Sache  fast  unvermeidlich  nach
der  Person  ihrer  Vertheidiger,  daß  also  jeder  Angriff  auf  ein
Buch  verdächtig  scheinen  mußte,  das  der  rechtschaffene  Noailles
  nebst  vielen  andern  Bischöfen  so  feierlich  gebilligt  hatte.

Endlich  zu  Ende  des  Jahrs  1713  war  es  Zeit,  den
Vannsirahl  aus  dem  Vatican  zu  Hülfe  zu  nehmen,  dem  König
  selbst  war  dieser  Wunsch  von  seinem  Jesuitischen  Brichtvater
  eingeflößt  worden,  und  am  Grabe  seiner  Dauphins
war  er  für  jede  Vorstellungen  seines  Tellier  und  seiner  frommen
Maintenon  weichmüthig  genng.  Die  Coustitution  Unie
genitus  erschien.  ·

5«49«

Gerade  hundert  und  eine  Ketzerei  hatte  der  Pabst  Clemens
  XI.  in  dem  Quesnelischen  N.  T.  ausgezeichnet,  und
gerade  immer  nur  diejenigen  Saͤtze  als  ketzerisch  befunden,
welche  schon  in  dem  ersten  verunglückten  Jesuitischen  Pasquill
        <pb n="408" />
        396

dafuͤr  ausgegeben  worden.  Die  Lesung  jener  Jesuitischen
Schrift  aber  muß  dem  Concipisten  der  paͤbstlichen  Constitution
noch  sehr  lebhaft  neu  gewesen  seyn,  denn  oft  selbst  die
Ordnung  der  verurtheilten  Sätze  richtet  sich  nach  jener  Schrift.
Es  leuchtet  wohl  überall  bindurch,  daß  Quesnel  des  Jansenismus
  verdächtig  seyn  sollte,  aber  bei  manchen  der  veurtheilten
  Propositionen  moͤchte  man  sich  doch  erst  Jesuitischen
Scharfsinn  wünschen  müssen,  um  den  Ort  zu  finden,  wo  der
Gift  verborgen  liege.  Die  ganze  Constikution  sah  so  aus,
als  ob  die  Jesuiten,  ihre  Verfasser,  mit  der  Katholischen
Christenheit  eine  Probe  hätten  machen  wollen,  wie  weit  noch
zu  Anfang  des  achtzehnten  Jahrhunderts  ihr  blinder  Gehore
sam  gehe,  und  die  Art,  wie  die  Constitution  in  Frankreich
kraft  der  Veranstaltung  des  königlichen  Beichtvaters  aufgenommen
  werden  mußte,  war  die  beissendste  Satyre  auf  die
gerühmten  Freiheiten  der  Gallicanischen  Kirche.

Der  Cardinal  von  Noailles  that,  was  wahrscheinlich
auch  Fenelon  in  ähnlichen  Umständen  gethan  haben  würde;
aus  Furcht  vor  einem  Schisma  ließ  er  sich  die  Verurtheilung
  des  Quesnelischen  Buchs  gefallen,  aber  die  Constitution
wollte  er  nicht  annehmen,  sie  war  seiner  Ueberzeugung  nach
den  Rechten  der  Französischen  Kirche,  so  wie  sie  angenommen
  werden  sollte,  gar  zu  nachtheillg.  Der  zwei  und  siebzigjährige
  Greis  aber  mußte  sich  endlich  doch  noch  gefallen
lassen,  was  der  Mann  von  gesunden  und  muntern  Kräften
siandhaft  abzuschlagen  Muth  genug  gehabt  hatte.

Es  ist  ein  lehrreicher  Anblick  für  die  Könige  und  für

17  15die  Hoftheologen,  wie-  Ludwig  XIV.  zwei  Cardinälen,  die
neben  seinem  Sterbebett  standen,  die  Gewissensfrage  vorlegte,

ob  sie  ihn  nicht  in  die  Consiitutionsstreitigkeit  zu  tief  hinein-
        <pb n="409" />
        397

gefuͤhrt  haͤtten.  Sie  ermabnten  den  Koͤnig,  ruhig  zu  sterben,
er  habe  nur  den  Willen  des  Pabsts  und  der  Bischoͤfe  erfuͤllt.
.  50.
Verdienste  der  Jefuiten  um  theol.  Gelehrs.  Rich.  Simon.

Die  ganze  Geschichte  der  Katholischen  Kirche  ist  demnach
  seit  den  Zeiten  der  Trienter  Synode  bis  in  das  erste
Viertel  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  eine  Fesuitische  Kabale,
  und  wenigstens  als  Theologen  betrachtet,  waren  sie
weit  nicht  die  gelehrtesten  der  Katholischen  Kirche,  sondern  gerade
  eben  der  Orden  und  eben  die  Congregation,  welche  sich
um  die  ganze  Litteratur  die  größten  Verdiensie  erworben
batte,  litt  durch  die  Jansenisiischen  und  Quesnelischen  Verfolgungen
  der  Jesuiten  am  meisten.  Mancher  edle  Mann
aus  der  Congregation  des  h.  Maurus  schmachtete  lange  Zeit
im  Gefängnisse,  weil  er  seinen  Augustin  nicht  jesuitisch  verstehen
  wollte,  und  daß  die  Wahrheit  durch  die  Schriften  eines
  Dupin,  Natalis  Alerander  und  mehrerer  solche?
das  nicht  gewann,  was  sie  hätte  gewinnen  können,  war  wieder
  bloß  Jesuitismus  Schuld.  Für  so  viele  erstickte  Keime
der  Wahrheit  war  es  schöner  Ersatz  —  der  Historiker
Harduin!  Männer  solcher  Art  haben  ihren  historischen  Skepticismus
  gewöhnlich  von  sich  selbst  abstrahirt.  Harduin  und
Berruyer  sollten  Zeitgenossen  gewesen  seyn.

Billig  verdient  unter  allen  Franzoͤsischen  Theologen  am
Ende  dieser  Periode  vorzöglich  ausgezeichnet  zu  werden  Richard
  Simon,  ein  Genie  von  vieler  Aehnlichkeit  mit  Bayle,
so  weit  Verschiedenheit  der  von  ihnen  bearbeiteten  Fächer
Aehnlichkeit  bemerken  läßt.  Was  er  für  biblische  Kritik  und
für  Kirchengeschichte  geschrieben  hat,  ist  meist  alles  trefflich,
und  selbst  wir  Protestanten  haben  ungefähr  erst  seit  dreißig
Jahren  diesen  großen  Mann  recht  schätzen  gelernt,  der,  wenn
        <pb n="410" />
        398

er  auch  nicht  immer  Wahrheit  selbst  giebt,  doch  den  Weg  zu
Findung  der  Wahrheit,  fuͤr  seine  Zeiten  unerwartet  gluͤcklich
gebahnt  hat.

F.  51.

Veraͤnderung  des  Ganzen  seit  der  Trienter  Synode.

Worinn  hat  denn  also  die  Roͤmisch  Katholische  Kirche
aͤm  Ende  der  ganzen  bisher  geschilderten  Periode,  verglichen
mit  dem  Anfang  derselben,  an  wahrer  wirksamer  Aufklaͤrung
gewonnen?  Viel  ist  neschrieben  manches  gelehrt  auseinander
  gesetzt,  eine  schöne  Menge  trefflicher  Revissonen  von  Kirchenvätern
  herausgegeben  worden,  brauchbare  Urkunden  des
mittlern  Seitalters  sind  entdeckt  und  eben  so  nützliche  Nachrichten
  der  neuesten  Kirchengeschichte  in  allgemeine  Bekanntschaft
  gekommen,  aber  alles  schien  vielmehr  nur  reich  aufgehäufter
  Vorrath  zu  seyn,  der  einmal  zur  allgemeinen  Reformation
  gebraucht  werden  konnte;  als  daß  man  schon  wirklich
  bleibend  gute  Wirkungen  gesehen  hätte.

Der  Pabst  tprannisirte  die  Gewissen  zu  den  Zeiten  der
Constitution  Unigenitus,  wie  er  es  in  der  Periode  des  Trientschen
  Conciliums  gethan  hatte,  die  Tyrannei  war  itzt  nur  noch
ünertraͤglicher,  weil  sich  der  Pabst  itzt  mehr  nur  als  bloßes
Instrument  brauchen  lassen  mußte,  denn  vorher  geschehen
war.  Den  alten  Traum  vom  König  der  Koͤnige  hatte  der
heil.  Vater  auch  noch  nicht  vergessen,  er  meinte  Kön.  Friedrich
  I.  von  Preussen  hätte  den  Königstitel  bei  ihm  holen  sollen,
  und  den  Kaiser  Joseph  I.  behandelte  er  noch  wie  einen
ungerarhenen  Sohn.  Es  ist  schwer  zu  glauben,  daß  der
Pabsi  aufhören  könne,  Pabst  zu  seyn,  die  Hoffnung  hat  schon
so  oft  getänscht.

Der  Katholischen  Dogmatik  hat  zwar  Bossuet  einen
täuschenden  Anstrich  gegeben,  aber  was  nützt  ein  Anstrich,
        <pb n="411" />
        300

und  wie  wenig  hat  man  zu  Rom  auch  nur  diese  täuschende
Milderung  gebilligt.  Ist  irgendwo  Indulgenzenmißbrauch  feierlich
  abgeschafft  worden  Hat  das  Finanziren  mit  dem
Leib  und  Blut  Christi  irgendwo  aufgehört?  Hörte  man
nichts  mehr  von  erlogenen  Wundern  und  schnitt  man  dem
Volk  die  Gelegenheit  ab,  daß  sein  Heiligendienst  nicht  Götzendienst
  wurde  Ift  die  herrschende  Gesinnung  der  Katholischen
  Kirche  duldender  gegen  ihre  dissentirenden  oder  irrenden
  Mitbrüder  geworden?

Wie  sehr  muß  sich  nicht  der  Historiker  bei  Beuribeilung
eines  solchen  allgemeinen  Zustan  des  hüten,  aus  dem  Erscheinen
  etlicher  aufgeklärtern  gelehrten  Werke  nicht  sogleich  auf
den  verbesserten  Zustand  des  Ganzen  zu  schließen.  Was
in  der  letztern  Hälfte  dieser  Periode  der  Katholischen  Kirchengeschichte
  gutes  geschah,  geschah  durch  die  Jansenisten;  wir
haben  in  Teutschland  wohl  empfunden,  daß  wir  keine  Janz
senisten  hatten.

1517  Den  51  Hei.  Unschuldiger  Anfang  eines  unendlich  großen
  Werks.  Fünf  und  neunzig  Theses  zu  einer  Schuldisputation
  siehen  an  der  Schloßkirche  zu  Wittenberg
angeschlagen.  Ehe  noch  ein  Jahr  verfloß,  muß  sich
schon  der  Verf.  vor  dem  pöäbstlichen  Legaten  zu  Augsburg
  verantworten.

1520  Der  durch  das  Leipziger  Colloquium  erbitterte  Eck  brachte
zu  Nom  eine  Bannbulle  gegen  Luthern  heraus.
1521  Den  17  Apr.  Der  excommunicirte  Mönch  verantwortet
sich  auf  dem  Reichstag  zu  Worms  vor  dem  jungen
Kaiser  aus  Spanien  und  vor  dem  ganzen  Reich.
Karl  erinnert  sich,  wem  er  seine  Kaiserkrone  zu  verdanken
  habe.
        <pb n="412" />
        1524
1525

1527

1529

1530

1535

1536
1540
1541
1546

400

Luthers  Uebersetzung  des  N.  T.  und  Melanchthons

loci  theolog.  erscheinen  fast  zu  gleicher  Zeit.  Doch
konnte  Luther  letztere  noch  auf  der  Wartburg  gedruckt
bekommen.

Anfang  des  Abendmahlstreits,  der  Bauernunruhen  und
der  Controvers  mit  Erasmus.

Tod  des  Churf.  Friedrich.  Luthers  Heurath.  Große
Veraͤnderung  in  Preußen.

Wie  muthig  die  Reformatoren  waren!  Waͤhrend  daß
Clemens  VII.  von  Teutschen  Landsknechten  in  der
Engelsburg  geängstigt  wird,  in  Sachsen  Kirchenvisitation;
  in  Hessen  Kriegsaufgebot,  den  Packischen  Bund
zu  zerstdren.  Auch  in  den  Nord.  Reichen  ist  die
neue  Religion  sogar  auf  Reichstagen  gläcklich.

Protestanten.  Suleimann  vor  Wien.  Marburger  Colloquium.


Den  25  Jun.  Nach  Verlesung  der  protestantischen  Con.
fession  auf  dem  Reichstag  zu  Augsburg  ein  harter
  Reichstagsschluß.

Ulr.  Zwingli  bleibt  in  der  Schlacht  bei  Cappel.

Nürnberger  Religionsfriede,  den  Churf.  Johann  von
Sachsen  keinen  Monat  öberlebt.

Pöbstlicher  Bannstrahl  gegen  Heinrich  VIII.  in  England,
welchem  Cranmer  von  seiner  verhaßten  Gemahlin  geholfen.


In  Wirtemberg  und  Churbrandenburg  ungehinderte
Reformation.

Schmalkaldische  Artikel,  im  Todesjahre  des  Erasmus.

Fesuiten-Orden  von  Paul  III.  bestätigt.

Calvin  zum  zweitenmal  uun  siegreich  in  Genf.

Der  28  Febr.  Luthers  Todestag.  Kaum  ein  Vierteljahr
  vorher  Eröffnung  der  Trienter  Synode,  und  kaum
vier  Monate  nachher  brach  der  Religionskrieg  aus.
        <pb n="413" />
        401

1318  Augsburger  Interim.
(552  Westphal  und  Calvin  in  einem  sehr  unsanften  Streit

1558
1560
1563

1562

1572

mit  einander.

555Augsburger  Religionsfriede  Tlraurige  Schicksale

der  neuen  Partie  in  England.

Ursprung  der  Unlversität  Genf.  Calvin  und  Beza.

Melanchthons  Tod.  Verändetung  in  der  Palz.

Im  Jahr  der  geendigten  Trienter  Synode,  Uniformitätsacte
  in  England.  Presbpterianer.

König  Philipps  II.  Apostel  in  den  Niederlanden.  Michael
  Bajus.

Pariser  Bluthochzeit.

16860Concordienformel.  Das  Jähr  vorher  Utrechter  Union.

1590

1597

Jak.  Andre  und  Sirt  V.  sterben  in  einem  Jahr.  Den
Triumph  der  Orthodoxen  in  Chursachsen  hätte  wohl
ersterer  noch  sehen  mögen.

Welche  Streitigkeit  wär  fruchtbarer,  die  zu  Rom  in  den
Congregationen  d.  auxiliis  gratiae  oder  Dan.  Hoffmanns
  Controversien  zu  veinstͤvt.

1598  Edict  von  Nantes.
1602  Matth.  Hoe  von  Hoenegg  ein  Oesterreicher  bis  1645

Oberhofprediger  in  Dresden.

1600  Todesjahr  des  Arminius.  Conr.  Vorstius  sein  Amtsnachfolger.



!6o  Remonstranz  von  den  Antigemaristen  den  Staaten

von  Holland  übergeben.

1613#gu  Prag  und  zu  Dordrecht  awei  Begebenheiten  von

großen  Folgen.

1619  Der  Streit  zwischen  den  Tuͤbingischen  und  Gießenschen

Theologen  wird  erst  recht  heftig.  Arnd  (+  1621)
wird  wenige  dieser  Schriften  gelesen  haben.

I629  Reslitutionsedict.
1634  Ampraut  von  der  Prädestination,
Spittler's  sämmtl.  Werke.  1I.  Bd.  26
        <pb n="414" />
        1640,

1645

1648

1649

1652
1653
1658
1660

1662

1664
1669
1670

1672
1673

1675
1681

1682
1684

1685
l

402

Friedrich  Wilhelm,  Churf.  in  Brandenburg.

Durch  das  Thorner  Religlonsgespraͤch  hat  Ge.  Calirtus
  nichts  an  Orthodoxieruhm  gewonnen.  Grotius

und  Hoe  von  Heenegg  starben  in  diesem  Jahr.

Lutheraner  und  Reformirte  haben  also  endlich  mit  den
Katholiken  voͤllig  gleiche  Rechte  in  Teutschland.

Das  Reich  der  Schwärmer  in  England.  Was  fär  heterogene
  Coexisienzen  Quäcker  und  Independenten  in
England;  Cartestaner  in  den  Niederlanden;  Calixtistische
  Streitigkeiten  in  Teutschland  und  hie  und  da
Ueberreste  von  Mysiikern.

Starb  Philipp  Christoph  von  Soetern.

Fänf  Propositionen  aus  dem  Werk  des  Jansenius  vom
Pabst  verdammt.  Donna  Olympia.

Erster  Anfang  der  Coccejusischen  Streitigkeiten.

Karl  II.  König  in  England.  Friede  zu  Oliva.

Starb-  Pascal.  Streitigkeiten  Alexanders  VII.  mit  Ludwig
  XIV.

Abbt  de  la  Trappe.

Pax  Clemeniina.

Spinozac  tractatus  theologico-Doliticus.  Vergleichung
des  Spinoza  mit  seinem  Zeitgenossen  Hobbes.

Spener  sängt  in  Frankkurt  collegie  pietalis  an.

Klagen  der  Teutschen  Kirche,  durch  die  drei  geistlichen
Churfürsten  zu  Nom  vorgebracht.

Formula  consensus  Helvetici.  Heidegger.  Franz  Turretin.


Bayle  kommt  nach  Rotkerdam.  Molinos  in  Italien.
Ihr  Zeitgenosse  Richard  Simon.

IV.  Proposit.  Cleri  Gallicani.

Klerikus,  Prof,  am  Remonstr.  Gyomnas.  zu  Amsterdam.

Churpfalz  Neuburg.  Edict  von  Nantes  aufgehoben.
        <pb n="415" />
        403

1636.  Stirbt  Calob.  Spener  kommt  als  Oberhofprediger  nach
Dresden.
1638)  Neue  nun  vollkommene  Sicherbeit  der  englischen  Kirche.
1691  Tillotson,  Erzbisch.  von  Canterburp.
160;  Der  Apokatastate  Petersen  abgesetzt.  Das  Jahr  zuvor
war  Bekkers  bezauberte  Welt  erschienen.
1694|  Stiftung  der  Univ.  Halle.  Christ.  Thomassus  und  die
Mittisten.  .
IöwBolsuetunchnelomclausulaat-t.Iv.pac.II)-Swic.
Derdirectokcokp.Ev.1virdKalholisch.
1700  Arnolds  Kirchen=  und  Ketzerhistorie.
1705  Tournon  in  China.
1708  Väterliche  Ermahnung  Clemens  XI.  an  Kaiser  Joseph

I.  von  der  Oesterreich.  Frömmigkelt  nicht  abzugehen.
1713  Constitutlon  Unigenitus  Dei  filius.

Geschichte  der  Luther.  Kirche  von  der  Periode  der
Pietistischen  Streitigkeiten  bis  auf  die  neuesten
Zeiten.

g.  52.
Mietistische  Unruhen  in  Leipzig.

Es  war  immer  einer  der  ersten  frommen  Wöünsche  Speners
  gewesen,  daß  doch  die  Universirätserziehung  junger  Theologen
  zweckmäßiger  und  besonders  die  Bemühungen,  Gottes
Wort  aufzuklären  und  bekannter  zu  machen,  sowohl  häufiger
als  glücklicher  seyn  möchten.  Was  damals  gewöhnlich  auf
Universitäten  gelesen  wurde,  war  nichts  als  Polemik  und
Dogmatik.  Man  übte  die  Jünglinge  in  allen  bei  ältern
und  neuern  Streitigkeiten  erfundenen  Distinctionen,  und  vergaß
  darüber  Eregese  und  Kirchengeschichte.  Auch  immer  bei
bei  weitem  der  größte  Theil  predigte  wicder,  was  er  auf

Universitäten  gehört  hatte.
20“
        <pb n="416" />
        404

Ein  paar  Magister  in  Lelpzig,  unter  welchen  Aug.
Hermann  Frank  nachher  der  berühmtesie  wurde,  fiengen
endlich  einmal  an,  Collegien  nach  Speners  Plane  zu  lesen,
Teutsch  zu  lesen  um  desto  allgemeinfaßlicher  zu  seyn,  ihre
Zuhdrer  wit  Beiseirsetzung  aller  dogmatisch-polemischen  Eregese
immer  einzig  auf  die  wichtigsten  praktischen  Beziehungen  aufmerksam
  zu  machen:  Die  neue  Lehrmetbode  wurde  mit  allgemeinem
  Beifall  der  Lernenden,  aber  eben  so  sehr  auch  mit
ziemlich  allgemeinem  Hasse  mancher  durch  Amtscredit  und
Alter  geschätzten  Lehrer  gekrönt,  und  letztere  vergaßen  nicht,
die  Mißbräuche,  die  mit  jeder  Neuerung  verbunden  zu  seyn
pflegen,  als  wesentliche  Folgen  der  neuen  Methode  ins  Licht
zu  stellen.  Bei  einem  Manne,  wie  Joh.  Bened.  Carpzor
war,  fand  sich  freilich  durch  dieses  Phänomen  alles  geretzt,
was  oft  auch  aufmerksamere  Beobachter  seiner  selbst  täuschen
köônnte.  Wurde  einmal  sein  Auge  durch  Eifersucht  geschärft,
so  fand  er  jedes  Mittel  nothwendig,  um  einem  Schwindelgeist
  zu  steuren,  der,  schon  längst  von  ihm  in  der  Stille  beobachtet,
  mit  jedem  Jahr  allgemeiner  und  gefährlicher  in  der
Kirche  zu  werden  schien.

Die  scharfe  Bestrafung  des  schwärmerischen  Superintendenten
  in  Rostock,  Petersen,  hatte  nicht  geschröckt;  Spe,
ners  Hoffnung  besserer  Zeiten  hatte  in  seinen  Augen  so  viel
aͤhnliches  mit  Petersens  Chiliasmus,  daß  er  nicht  wußte,
warum  jener  verehrt  und  dieser  abgesezt  wurde.  Die  Universitäten
  waren  bisher  von  diesem  sich  sehr  verbreitenden
Fanatismus  frei  geblieben,  und  doch  gleich  sein  erster  Forkghang
  in  Leipzig  schien  zu  zeigen,  daß  er  an  einem  solchen
Orte  doppelt  anziehende  Kraͤfte  äußern  könne.  Wie  leicht
verfällt  man  doch  ins  Unedle,  wenn  man  sich  einmal  eine
gewisse  Absicht  durchzusetzen  vornimmt!  Die  biblischen  Col-
        <pb n="417" />
        405

legien  in  Leipzig  wurden  endlich  zerstreut,  Spener  wurde  in
Dresden  gestürzt,  die  Orthodoren  freuten  sich  ihres  Siegs,  und
segneten  sich  über  dem  Verdienst,  das  sie  sich  um  Fortpflanzung
  gründlicher  Gelehrsamkeit  durch  Vertreibung  dieser  frommen
  Demagogen  erworben  zu  haben  schienen.  Zu  ihrem  Ungläck
  kam  bei  dieser  Magisterverfolgung  ein  Mann  mit  ins
Spiel,  den  wohl  nie  jemand  des  Pietismus  beschuldigt  har,
der  aber  seine  nicht  so  ganz  unschuldigen  Privatkriege  mit
den  Theologen,  gern  mit  einer  solchen  Sache  in  Verbindung
setzte,  bei  welcher  die  Blößen  seiner  Gegner  recht  sichtbar  waren.
.  33.

Christi.  Thomassus.  Neue  Unlversität  Halle.  Walsenhaus  daselbst.

Christian  Thomasius  las  zu  Leipzig  im  juridischen
und  philosophischen  Fache  mit  eben  dem  Beifall,  der  bei  den
biblischen  Collegien  die  volle  Eifersucht  der  alten  Theologen
erregte,  und  alles  strömte  ihm  zu,  nicht  nur  um  etwas  zu
lornen,  sondern  auch  um  etwas  zu  lachen  zu  haben.  Er
siürmte  und  schwärmte  in  mehrere  Fächer  der  Wissenschaften
hinein,  und  es  schien  ihm  zu  einem  vortrefflichen  Genie  nichts
zu  fehlen,  als  mehr  systematisches  Nachdenken,  und  selbst  oft
auch  im  litterarischen  mehr  edler  Charakter.  Die  Suͤnde,
Pufendorfen  im  Naturrecht  vertheidigt  zu  haben,  konnte  man
ihm  zu  Leipzig,  wo  Val.  Alberti  war,  noch  weniger  verzeihen,
als  manchen  andern  sonst  unverzeihlichern  Fehler.  Er  mußte
endlich  seine  Vaterstadt,  verlassen,  und  zog  nach  Halle,  wo
ihm  so  viele  seiner  Leipziger  Schüler  nachfolgten,  daß  eine
Universität  von  Studirenden  schon  da  war,  noch  ehe  hier  wirklich
  durch  Speners  Vermittelung  eine  hohe  Schule  gestiftet
wurde.

Diese  neue  Stiftung  wurde  der  Jufluchtsort  der  Pi  etistischen
  Partic,  und  da  sich  hier  mit  einem  mal  eine  außeror=
        <pb n="418" />
        406

dentliche  Anzahl  von  großen  Maͤnnern  in  allen  Fächern  zusammenfand,
  so  warf  der  Ruhm  der  andern  Facultäten  immer
auch  einiges  Licht  auf  die  dasigen  Theologen,  unter  welchen
sich  Aug.  Herm.  Franke  nicht  nur  durch  Verdienste  um
die  practische  Theologie,  sondern  auch  durch  politische  Thätigkeit
  hervorkhat.  Gesichert  durch  den  Schutz  des  Preußischen
Monarchen  konnte  die  neue  Partie  alle  Conspirationen  der
Hamburger,  Wittenberger  und  Leipziger  Theologen  verlachen,
und  Franke  verschaffte  derselben  durch  Stiftung  des  Hallischen
  Waisenhauses  bald  eine  neue  Stütze,  welche  viel  sicherer
  zu  seyn  schien,  als  die  Harmonie  der  doch  immer  wechslenden
  theologischen  Facultät.

Unverkennbar  ist  das  Verdienst  dieser  Männer  um  Aus,
breitung  und  Nutzbarmachung  der  Bibel.  Die  Scholastik  ist
durch  sie  wieder  gestürzt  und  für  eine  nützlichere  Gelehrsamkeit
  Raum  gemacht  worden.  Die  Religion,  bisher  durch  eine
  drückende  Theologie  gleichsam  erstickt,  blühte  wieder  ungehindert
  empor,  und  man  müßte  vergessen,  daß  Menschen
als  Menschen  beurtheilt  werden  mässen,  wenn  man  ihnen
dagegen  gleichsam  aufrechnen  wollte,  daß  wahre,  auf  Geschichte
  und  Philologie  sich  gründende,  theologische  Gelehrsamkeit
  hie  und  da  durch  ihre  Revolution  Schaden  gelitten,  daß
in  das  praktische  Christenthum  eine  gewisse  Förmlichkeit  gekommen,
  und  endlich  manchmal  die  fromme  Wirksamkeit  zur
verfolgenden  Gewaltthätigkeit  anderer  geworden  list.  Wie
unbillig  wäre  es,  den  Urhebern  einer  Revolution  alles  geradehin
  zuzuschreiben,  was  bei  ihnen  oft  noch  ganz  unsichtba,
rer  Fehler  wäre,  wenn  man  nicht  durch  das  Betragen  der
Schüler  aufmerksam  gemacht  würde,  auch  den  Lehrer  strenger
  zu  prüfen.  Vielleicht  hat  selbst  die  Art  der  Streitigkeiten,
  welche  diese  Partie  über  manche  Puncte  der  Erperimen=
        <pb n="419" />
        407
taltheologie  hatte,  sehr  viel  beigetragen,  diese  Fehler  wenigstens
sichtbarer  zu  zeigen.  Man  wird  nie  leicht  unbilliger  gegen  einen
andern,  als  wenn  man  aus  eigenen  innern  Erfahrungen  sprechen
  zu  koͤnnen  glaubt,  und  es  wird  ein  etwas  erweiterter
Cirkel  mannigfaltigern  Umgangs  erfordert,  was  gerade  die
Freunde  dieser  Partie  vermieden,  um  das  zindividuelle  seiner
  besondern  Bildung  von  dem  allgemein  nothwendigen  abzusondern
  zu  wissen.
54.
Kutzen  und  Schaden  der  Wolkfischen  Philosophie.

Der  Streit  der  Hallischen  und  Wittebergischen  Partie
hatte  noch  nicht  aufgehört,  als  an  dem  Residenzort  der  erstern
  ein  Philosoph  auftrat,  der  sich  durch  bloßen  Wucher
mit  Leibnitzischen  Ideen  einen  so  allgemeinen  Ruhm  und
Glauben  verschaffte,  als  selbst  kaum  der  erste  Erfinder  derselben
  während  seines  Lebens  genossen.  So  gefährlich  zuletzt
  der  Mißbrauch  der  Philosophie  ausartete,  welcher  Christian
  Wolf  den  Namen  gegeben,  so  nützlich  war  sie  doch  in  ihrem
  ersien  Entstehen  besonders  für  die  theologische  Litteratur.

Die  Theologen  der  neuen  siegenden  Partie  hätten  endlich
alles  zuletzt  in  eine  Homilie  verwandelt,  und  sowohl  ihre
Dogmatik  als  Eregese  wurde  immer  unerwiesener,  je  erbaulicher
  sie  werden  sollte.  Wolf  glaubte,  durch  Uebertragung
der  bisher  von  den  Mathematikern  beobachteten  Methode  auf
andere  Wissenschaften,  den  letztern  eben  die  Gewißheit  und
eben  den  sichern  Zusammenhang  zu  geben,  der  bisher  so  gegründeter
  Stolz  des  einzigen  Geometers  zu  seyn  schien,  und
fast  vergaß  man  in  der  ersten  Freude  über  die  neue  Erfindung,
  daß  besonders  in  Ansehung  der  Disciplinen,  welche
fast  einzig  auf  positiven  Säten  beruhen,  einiger  Unterschied
gemacht  werden  müsse.
        <pb n="420" />
        408

Ebe  man  es  sich  versah,  erschien  auch  die  Theologie
  im  neuen,  ihr  so  gar  nicht  paßenden,  mathemalischen
  Gewande,  und  wer  auch  noch  geduldig!  hätte  abwarten
  können,  bis  sich  der  erste  Reiz  der  neuen  Mode  verloren,
  der  glaubte  doch  die  Kühnheit  laut  bemerken  zu  müssen,
  mit  welcher  man  alles  itzt  demonstriren  wollte.  Auch
die  Lehre  von  der  besten  Welt,  die  man  für  ein  so  schoͤnes  Eigenthum
  dieser  neuen  Philosophie  ausgab,  machte  sich  durch
einige  Ausdrücke  verhaßt,  welche  den  biblischen  Redarten  von
der  Sünde  nicht  ganz  gemäß  waren.  Für  eigentliche  Gelehrfamkeit
  war  zwar  diese  neue  Philosophie  überhaupt  gar
nicht  günstig,  hierinn  gab  sie  also  keinen  Erfatz  gegen  die
Fehler  der  Waisenhauspartie:  aber  sie  führte  doch  von  dem
einförmigen  Ton  frommer  Empfindungen  auf  mehreres  freimüthiges
  Nachdenken.  Sie  schärfte  eben  die  Kräfte,  welche
durch  jene  fast  gesetzmäßige  Einförmigkeit  so  siumpf  gemacht
wurden;  sie  enrdeckte  die  Lücken  mancher  bisherigen  theologischen
  Beweise,  wenn  sie  schon  oft  selbst  nicht  viel  beffere  augab.
  Wären  alle  Freunde  Wolfs  so  bescheiden  und  so  scharfsinnig
  gewesen  als  Bilfinger,  so  würde  unser  Jahrhundert  den
reinen  Nutzen  dieser  Philosophie  ohne  Beimischung  eines  so
großen  Schadens  genossen  haben.  Aber  welch  ein  Abstand
von  Bilfinger  bis  zu  Canzen  und  wieder  von  Canz
bis  zu  Carpovl  &amp;amp;.  55.

Mährische  Brüdergemesnen.

Mit  der  Geschichte  der  Wolfischen  Philosophie  läuft  ein
anderes  Phänomen  parallel,  das  man  zwar  als  einen  Auswuchs
  der  Hallischen  Theologie  ansehen  könnte,  das  aber  doch
schon  von  seinem  Urheber  und  schon  durch  seine  ersten  Entwick.-lungen
  so  viel  originelles  erhielt,  daß  sich  nur  ein  entfernter
historischer  Jusammenhang  mit  der  Pictiftischen  Partie  sehen  läbt.
        <pb n="421" />
        409

Graf  Zinfendorf,  der  Urheber  dieses  Phaͤnomens,
mag  wie  die  meisten  Fanatiker  anfangs  gar  nicht  die  Absichten
  gehabt  haben,  welche  sich  bei  wahrgenommenem  Fortgang
der  Sache  in  seiner  Seele  aufschlossen.  Ein  feuriger  Jüngling,
  für  alles  leicht  erhitzt,  und  daher  auch  am  schnellsten  für  Religionsideen,
  denen  sein  Enthusiasmus  immer  so  viel  voreiliger  eine
  finnliche  Hülle  gab,  je  weniger  er  durch  ausgebreitete  Gelehrsamkekt
  verhindert  wurde,  seinem  natürlichen  Hange  sich  zu
überlassen,

Bei  den  beständig  fortdaurenden  Religionsverfolgungen
in  Böhmen  und  Mähren  zogen  sich  mehrere  der  dort  bedrängten
  Brüder  in  die  Lausikz  auf  die  Zinzendorfischen  Güter,  sie  1722
bauten  Herrenhut,  und  ihr  Beschützer  gab  sich  alle  Mühe,  sie
in  eine  ordentliche  Verfassung  zu  bringen.  Für  einen  Kopf,
der  den  Plan  hatte,  eine  neue  Religionspartie  zu  stiften,  oder
wenigstens  eine  Kirche  zu  stiften,  in  welcher  sich  alle  drei  in
Teutschland  herrschende  Religionen  zusammen  antreffen  und
allmälig  zu  wechselsweiser  brüderlicher  Duldung  gewöhnen
sollten,  war  kein  Haufe  geschickter,  als  diese  zusammengelaufenen
  Mährischen  Brüder.

Gemeines  Volk,  überdieß  noch  aus  einer  bedrängten  Kirche,
  hat  gewiß  nie  bestimmte  Religionsbegriffe,  sondern  alles
schwebt  bei  demselben  in  einem  solchen  Helldunkel,  daß  auch
wesentlich  verschiedene  Ideen  einander  doch  ähnlich  sehen.
Auch  die  besonderen  gottesdienstlichen  Gebräuche,  welche  diese
  Brüder  mitbrachten,  waren  einer  Ausbildung  fähig,  durch  welchedie
  Sinnlichkeit  des  Menschen  ganz  zum  Vortheil  der  Religion
bezaubert  werden  konnte.  Man  hatte,  um  den  ersten  Anfang  der
Sache  zu  machen  der  immer  der  schwerste  ist,  gar  nicht  nöthig,  in
irgend  einer  von  den  drei  Religionen  schon  eingenommenen  Kirche
Veränderungen  vorzunchmen;  es  war  gleichsam  freies  Land,
        <pb n="422" />
        —

410

wo  sich  die  Bruͤder  ansetzten.  Ihre  erklärte  Vereinigung
mit  den  A.  C.  verwandten  sollte  den  Weg  bahnen,  um  nicht
sogleich  nachtheilige  Aufmerksamkeit  gegen  sie  zu  erregen,  und
ihre  beibehaltene  abweichende  Religionsgebräuche  sollten  der  Faden
seyn,  an  welchen  das  noch  verborgene  Gewebe  angeknüpft
werden  könnte.

Erst  der  Missionariuseifer  des  Grafen,  wie  er  einmal
recht  wirksam  zu  werden  anfieng,  zeigre  einen  Theil  dessen,
was  allzu  argwöhnische  Gemüther  gleich  anfangs  befürchtet
hatten,  und  da  dieser  erlauchte  Theolog,  wahrscheinlich  auch
sicher  gemacht  durch  seinen  ersten  glücklichen  Fortgang,  in
seinen  Vorträgen  und  Liedern  einer  Schwatzhaftigkeit  sich
überließ,  welche  auch  den  geübtesten  Denker  manches  unüberdachte
  hätte  sagen  machen,  so  änderte  sich  allmälig  die  anfangs
  bloß  allzubilderreiche  Religion  in  ein  sinnlich  religiöses
Gemische,  das  bald  eben  so  ärgerlich  als  ungereimt  wurde.

Feder  Schwärmer  hält  auf  sein  Gemüthlichkeit,  aber
der  Graf  setzte  Gotres  Wort  gar  zu  weit  gegen  dieselbe  herab.
  Zu  Herrenhut  hätte  immerhin  eine  Einrichtung  seyn  mögen,
welche  der  Gütergemeinschaft  der  ersten  Christlichen  Gemeine  zu
Jerusalem  ähnlich  seyn  sollte;  aber  so  bald  sich  die  Brüdergemeine
auch  in  andern  Ländern  ausbreitete,  so  konnte  die  Heilands,
kasse  unmöglich  Gemeinkasse  seyn,  und  das  willkührliche
Heurathsgouvernement  mußte  manchen  Brüdern  beschwerlich
  werden.

Manche  fromme  Secle  mag  dem  Tadel  eifriger  Theo-=logen
  lange  nicht  getraut  haben,  die  Beispiele  von  Spener
und  Frank  und  alle  ältere  Geschichte  schienen  zu  beweisen,
daß  alles  Gute  Widerspruch  leiden  müsse;  aber  als  endlich
selbst  Bengel  dagegen  auftrat,  und  mit  versfärkterem  Ernst
Vorstellungen  machte  als  Weismann,  so  schied  sich  die
        <pb n="423" />
        411

Pietistenpartie  von  dieser  neuen  Gemeine,  und  wenn  schon
Zinzendorf  bis  an  seinen  Tod  in  der  alten  und  neuen  Welt  179c
fortwirkte,  so  war  doch  das  Gluͤck  des  weitern  Fortgangs  dem
ersten  Anfange  gar  nicht  gemäß.

Seit  dem  Tode  des  Grafen  hat  sich  alsdenn  diese  Gesellschaft
  sichtbar  gebessert,  da  die  Verbindung  zwischen  Zinzendorf
und  der  Nitschmänninn,  selbst  im  Innern  der  Gemeine  so
viel  Unruhe  gemacht  hatte.  Ihre  Religionsbegriffe  haben  sich
sichtbar  berichtigt,  ihre  iunere  Verfassung  scheint  von  dem  ersien
  geistlichen  Despotismus  glücklich  verloren  zu  haben,  ihre
Coloniensucht  kommt  mit  der  Rube  anderer  Gemeinen  weniger
  in  Collision:  bielleicht.  können  die  Herrenhuter  im  Verhältniß
  gegen  die  Lutherische  Kirche  noch  eben  das  werden,
was  ehemals  Waldenser  im  Verhältniß  gegen  die  päbstliche
Kirche  waren  —  bleibende  Jeugen  der  Lutherischen  Wahrheit,
wenn  Lehre  von  der  Versöhnung  und  andere  Lutherische  Grundideen
  von  einer  willköährlichen  Philosophie  oder  von  einem  der
strengen  Orthodorie  noch  nachtheiligern  Indifferentismus  verdrängt
  werden  sollten.

g.  56.
Pfaffs  Unionsversuche.  Baumgarten  stuͤrtzt  die  Waisenhausrartie.

In  die  Geschichte  des  erstern  durch  den  Schein  der  Orthodorie
  begünstigten  Fortgangs  der  Herrenhuter  war  unter
andern  auch  Canzler  Pfaff  in  Tübingen  verwickelt,
ein  Mann,  in  welchem  die  Vorsehung  recht  viele  Vortheile
vereinigt  zu  haben  schien,  um  etwas  großes  auszuführen,  der  aber
wie  in  seinen  Unionsversuchen  so  bei  allen  seinen  Unternehmungen
zu  biel  auf  seinen  Ruhm  und  Bequemlichkeit  sah,  als  daß  er  das
hätte  werden  können,  was  Ba  umgarten  in  Halle  unter  viel
weniger  scheinbaren  Umständen  sowohl  durch  seine  eigene  Thätigkeit
  als  durch  die  Thätigkeit  seiner  Schüler  geworden  ist.
        <pb n="424" />
        412

Die  Frankische  Partie  hatte  zwar  einige  Freimuͤthigkeit  in
Ansehung  der  kleineren  theologischen  Bestimmungen  ergriffen,
cgber  es  war  mehr  Freimüthigkeit  auf  das  Bewußtseyn  redlicher
  Absichten  als  auf  feste  neue  Ueberzeugungsgründe  ge:
baut,  Baumgarten  mit  einem  hinlänglichen  Vorrath  historischer
  Kenntnisse  versehen,  gab  den  Jünglingen  die  er  bildete,
  manchen  bisher  unbenutzten  Stoff  zum  Nachdenken,
und  brachte  auch  Englische  Litteratur  mehr  in  Umlauf,  die  vor
ihm  uns  Teutschen  zu  unsrem  größten  Schaden  gar  zu  fremd
war.  Was  dem  großen  Mann  an  philologischen  und  eregetischen
  Einsichten  entgieng,  ersetzte  sein  Zeitgenosse  Bengel,
dem  öfters  Fehler  seiner  Schüler  als  eigene  Fehler  angerechnet
worden,  und  Ernesti  verbesserte  mit  noch  entschcidenderem
richterlichem  Ausehen  manche  Fehler  der  Baumgartenschen
Schule,  welche  oft  im  dunklen,  tabellenförmigen  Vortrag  ihrem
  Lehrer  ähnlicher  zu  seyn  schien;  als  im  Vorzug  seiner
ausgebreiteten  historischen  Kenntnisse.  Hätte  auch  Baumgarten
  unter,  allen,  die  nun  bei  ihm  sind,  keinen  andern  Schüler
gezogen,  als  Heilmann,  welcher  Freund  gründlicher  dogmatischer
  Kenntnisse  würde  ihm  nicht  danken?

g.  57.
Geschichte  der  neuesten  theologischen  Revolution.

Semler,  Baumgartens  vertrauter  Schüler,  gieng  in
Erweiterung  der  bisherigen  theologischen  Kenntnisse  und  endlich
  auch  in  freimüthiger  Erschütterung  der  gangbaren  Orthodorie
  viel  weiter  als  sein  Lehrer.  Durch  auffallende  Mißbrauche
  der  Lehre  von  den  Besessenen  und  manche  für  einen
Hallischen  Theologen  wichtige  Localumstände  wurde  der  erste
gelehrte  Eifer  desselben  geweckt,  und  da  bisher  Mosheim
größtentheis  die  Gränze  der  kirchenhistorischen  Kenntuisse  war:
so  konnt'  es  nicht  fehlen,  der  thätige  Mann  kam  aus  diesem
        <pb n="425" />
        413

Unbedauten,  Felde  mit  der  reichsten  Ausbeute  zuruͤck.  Nut
zweifelt  noch  ein  großer  Theil  unsers  Zeitalters,  ob  die  hisiorischen
  Untersuchungen  desselben  in  Ansehung  des  Kanon
mit  hinlänglicher  kaltblütiger  Ueberlegung  angestellt  seyen,
ob  nicht  selbst  oft  Gelehrsamkeit  und  unermüdete  Thaͤtigkeit
dem  völlig  unparteiischen  Nachdenken  habe  hinderlich  werden
können.  6

Ruhiger  war  die  Reforme,  welche  Teller,  ein  geschmackvoller
  Eregete,  in  Ansehung  mancher  bisher  angenommenen
  biblischen  Hauptideen  in  seinem  Wörrerbuch  wagte,
aber  ein  großer  Theil  auch  unserer  gelehrtern  Theologen  verhehlt
  hiebei  seinen  Argwohn  gar  nicht,  daß  Christliche  Religion,
  wenn  allmählig  alles  posstive  hinweggethan  wird,  nach
und  nach  in  reinen  Naturalismus  verwandekt  werde.  Sie
wenden  sich  also  noch  lieber  zu  dem  trefflich  philosophirenden
Spalding,  der  zwar  auch  das  positive  der  Christlichen  Religion
  nicht  ins  Licht  stellt,  aber  dasselbe  weniger  geradehin
zu  bestreiten  scheint,  und  sowohl  durch  seine  Erinnerungen
als  durch  sein  Beispiel  die  Scheidung  des  allgemein  nützlichen
  und  allgemein  nothwendigen  von  bloßer  theologischer  Metaphysik
  befördert.

Unstreitig  hat  die  allgemeine  Teutsche  Bibliothek
  dieser  theologischen  Revolution  den  Hauptschwung  gegeben.
  Durch  sie  ist  die  uneingeschränkteste  Freimäthigkeit
befördert,  manche  feine  philosophische  Speculation,  mancher
vorher  bloß  in  ungelesenen  Werken  verborgen  liegende  Zweifel
  in  allgemeinen  Umlauf  gekommen,  und  wenn  die  Menschen
  in  der  letzten  Hälfte  des  achtzehnten  Jahrhunderts  eben
so  gut  Menschen  sind  als  die  der  vorigen  Zeitalter,  so  läßt
sich  auch  vermuthen,  daß  selbst  die  richterliche  Strenge  dieser
  algemein  beglaubigten  Kritik  manchen  Schriftsieller  von
        <pb n="426" />
        414
Orthodoxie  zuruͤckgeschroͤckt  und  zur  Heterodoxie  ermuntert
habe.
C.  88.

Im  Ganzen  haben  wir  durch  diese  Revolution  der  letztern
  dreißig  Jahre  außerordentlich  gewonnen,  und  sie  werden
sich  wahrscheinlich  einst  als  die  glänzendste  Periode  der  Lutherischen
  Kirchengeschichte  auszeichnen.  Wenn  ist  je  die  Bibel
  mit  so  viel  kritischer  Mähe  behandelt,  ihr  erster  hiltorischer
  Sinn  mit  einem  solchen  Vorrath  der  mannigfaltigsten
Kenntnisse  untersucht  worden?  In  welchem  zeitalter  hat  die
Aufklärung  des  Alten  Testaments  durch  Reisebeschreibungen,
durch  den  Gebrauch  verwandter  Dialekte  und  durch  eine  an
classischer  Litteratur  geübte  Interpretationskunst  so  viel  gewonnen?
  Wenn  ist  je  der  Gesichtspunct,  aus  welchem  die
Bücher  besonders  des  alten  Testaments  betrachtet  werden
müssen,  mit  so  viel  Wahrheit  und  Geschmack  fesigesetzt  worden?
Welcher  Zeitpunct  der  Lutherischen  Kirche  hat  so  viele  philosophisch
  aufgeklärte,  philologisch  gelehrte  und  geschmackvolle
Theologen  gehabt,  als  unser  Zeitalter?

Wie  schwesterlich  nähert  sich  Theologie  immer  mehr
der  Religion?  Wie  viel  wurde  nicht  durch  kritischen  Fleiß
in  der  Kirchengeschichte  aufgeklärt?  War  es  nicht  einer  Gährung
  werth,  um  die  Lehre  vom  Kannn  so  berichtigt  zu
erhalten,  als  wir  sie  itzt  haben?  Der  strengere  Richter  unsers
  Zeitalters  wird  vielleicht  gegen  alle  diese  Vortheile  den
herrschenden  Hang  zum  Naturalismus  abwägen  wollen,  über
die  Zögellosigkeit  klagen,  womit  selbst  oft  theologische  Schriftsteller
  solche  Lehren  behandeln,  welche  vom  größern  Theil  ihrer
  Zeitgenossen  nicht  ohne  große  Wahrscheinlichkeit  als  biblisch
  glaubwürdige  Lehren  angesehen  werden,  und  endlich  auch
ven  den  ökonomischen  Ursachen  der  Vielschreiberei  unserer
        <pb n="427" />
        415

Zeiten  sprechen  wollen,  wodurch  freilich  mancher  Unmündige
zum  Schriftsteller  veranlaßt,  manche  der  trefflichsten  ältern
und  neuern  Schriften  unbenutzt  bleiben  mag.  Wie  viele  der
Widerlegungen  der  Wolfenbüttelschen  Fragmente  werden  auch
nur  das  nächste  Jahrzehend  überleben?  Der  Strom  der  theologischen
  Litteratur  besonders  seit  dem  es  so  viel  Ruhm  und
Vortheil  bringt  bloß  für  das  größre  Publikum  zu  schreiben,
wird  immer  breiter;  aber  auch  tiefer?

—

Geschichte  der  Katholischen  Kirche  seit  der  Constitutionsstreitigkeit
  bis  auf  die  neuesten  Zeiten.

6.  0.
Reihe  der  Päbste.

Die  Jesuiten  hatten-  an  Clemens  XI.  ihren  Mann
gefunden,  der  entweder  befehlen  mußte,  was  sie  wollten,  oder
zwar  die  Freude  hatte  befehlen  zu  dürfen,  aber  nur  keinen
Gehorsam  sah.  Ersteres  zeigte  sich  in  den  Jansenistischen,
letzteres  in  den  Chinesischen  Missionsstreitigkeiten.  Sein
Nachfolger  Innocenz  XIII.  würde  besonders  in  Ansehung  1721
des  Kirchenstaats  einer  der  besten  Regenten  geworden  seyn,
nur  lebte  er  nicht  lange  geung,  um  etwas  großes  und  ganzes
  ausführen  zu  konnen.,

Wenn  aber  wirklich-  im  Conclatzehähmer  so  viele  feine  1724
Italiänische  Politik  herrscht  -als  man  Lorgibt,  wie  kommt
es,  daß  ein  so  einfältiger  Mann  als  Benedict  XIII.  zum
Pabst  'gewählt  wurde,  und  seine  Regierung  dauerte  überdiß
lange  genug,  daß  Coscia  und  Fini  große  Reichthümer
sammlen  konnten.  Clemens  XII.  betrog  seine  Wahlherrn,  15  30
wie  sie  schon  oftebetrogen  worden  seyn  mögen,  der  alte  schon
        <pb n="428" />
        416

halb  blinde  Greis  blieb  zehen  Jahre  lang  auf  dem  Stuhl
sitzen,  und  sah  nicht  die  Kirche  als  seinen  Nepoten  an.

1740  Im  Jahr  der  Thronbesteigung  Marien  Theresiens  und
Friederichs  wurde  der  gelehrte  Lambertini  —  Benediet
XIV.,  dessen  Regierung  das  Schlesische  Generalvicariat  und
ein  trauriger  Vergleich  wegen  der  Annaten  mit  Spanien

1758  verewigen.  Die  Jesuiten  mögen  es  oft  bereut  haben,  daß  sie  einem
  so  schwachen  Vertheidiger  ihrer  Sache,  als  Clemens
XIII.  war,  die  dreifache  Krone  kauften,  noch  mehr  aber  über
die  Unvorsichtigkeit  ihres  Ricci  erstaunt  seyn,  daß  er  nicht
noch  einmal  so  viel  Geld  aufwandte,  um  die  Wahl  von  Gan-1560

  ganelli  zu  hintertreiben,  der  als  Clemens  XIV.  that,  worauf
  man  geschworen  haben  möchte,  daß  es  nie  ein  Pabst
thun  würde,  er  dankte  durch  die  Bulle  Dominus  ac  Bedemtor
  noster  das  beste  päbstliche  Garderegiment  ab.  Er  büßte
seine  Kühnheit  bald  darauf  durch  den  schmerzhaftesten  Tod
und  den  Jesuiten  scheint  die  Freude  zu  werden,  unter  den
Ruinen  des  Römischen  Stuhls  sich  begraben  zu  sehen.  Fast
unmoͤglich  kann  sich  das  Pabstwesen  lange  mehr  halten,  besonders
  bei  einem  solchen  Regenten  als  Pius  VI.  ist.  Die
Roͤmer  uͤberhaupt  und  die  Paͤbste  linsbesondere  sind  gar  zu
sehr  in  Aufklärung  und  Thaͤtigkeit  zuruͤck.

Zeigt  es  sich  nicht,  wenn  man  alle  diese  Herrn  zusammenstellt,
  daß  sich  der  heil.  Conclavengeist  manchmal  versehlt,
und  so  ungeschicktberfehlt  habe,  daß  er  der  Kirche  oft  gerade
  in  den  gefährkchsten  Zeiten  den  schwächsten-  Pabst  gab.
Bei  einer  solchen  Wahlverfassung  „v  als  das  Rdmische  Contlave
  ist,  müssen  sich  diese  Fälle  öfters  ereignen.  Ein  paar
Partheien  zanken  sich  gewbhnlich  so  lange,  bis  beide,  des
Conclabvenzwangs  überdrässig,  endlich  auf  einen  Menschen
fallen,  den  oft  bei  dem  ersten  Eintritt  ins  Conclave  gar  nichts
        <pb n="429" />
        417
zu  solchen  Erwartungen  berechtigte.  Welche  Schwierigkeit
pflegt's  auch  nicht  zu  seyn,  bis  endlich  der  heil.  Conclavengeist
  ein  solches  Subject  trifft,  gegen  welches  weder  der  erstgeborne
  Sohn  der  Kirche  noch  die  katholischen  und  apostelischen
  Majestäten  protestiren.
«  .60.  «
EossttkatiovsstrettigkeitskaHahn-.Juv.Tod-.Frau-Pari-.

Der  Tod  Ludwigs  XIV.  schenkte  den  Gegnern  der  Constitution
  Vnigenitus  einige  Ruhe,  welche  aber  so  unveraͤnderlich
war,  als  das  neue  Hossystem,  worauf  sie  sich  gruͤndete.  Was
halfen  die  Appellationen  an  ein  Concilium,  wenn  Cardinal
Fleury  für  gut  fand,  den  ersten  Grundsatz  der  Französischen
Kirchenfreiheit  als  Rebellion  gegen  den  Pabst  anzusehen.
War  es  nicht  erbarmenswürdiger  Gewissenszwang,  daß  auch
in  der  Todesstunde  demjenigen  die  Sacramente  verweigert
werden  sollten,  der  die  Constitution  nicht  annehme,  der  nicht
einen  Beichtzettel  vorzuweisen  habe,  wörinn  ihm  von  einem
  orthodoren  Briester  seine  unbefleckte  Orthodorie  bezeugt
wurde.  Das  Parlament  nahm  sich  zwar  der  Unterdrückten
an,  aber  der  eigennützige  Eifer  der  Bischdfe,  welche  sich  Gegengefälligkeiten
  von  den  Jesüiten  versprecheu  kounten,  suchte
den  Unterdrückten  auch  diese  einzige  Schutzwehr  zu  entreißen.

Die  Anticonstitutionisten  glaubten,  nun  sey  es  Zeit,  daß
Gott  für  seine  Kirche  eben  das  wieder  thue,  womit  er  sie  in
den  ersten  Zeiten  ihrer  Pflanzung  gegen  ähnlich  gefährliche
Feinde  gerettet  habe,  sie  erwarteten  Wunder  und  sahen  also
auch  bald  Wunder  am  Grabe  eines  weil.  Diakonus  der  Kieche
  des  h.  Medard  zu  Paris,  Franz  Paris.

So  haben  noch  wenige  Vorfälle  des  scharfsinnigsten  philosophischen
  Untersuchungsgeistes  gespottet,  als  die  Geschichte
dieses  so  schnell  berühmt  gewordenen  Kirchbofe.  „diens  man

Spittler's  sammtl.  Werke.  1I.  Bd
        <pb n="430" />
        418

vielleicht  zu  philosophiren  an,  ehe  historische  Kritik  den  Stoff
hinlänglich  vorbereitet  hatte?  Erinnerte  man  sich  zu  wenig,
was  besonders  bei  Nervenkrankheiten  die  Imagination  wirken
  kann?  Bedachte  man,  daß  ein  Gerücht  nirgends  leichter
zur  großen  ungeheuren  Lüge  wächst,  als  in  einer  Stadt,  wie
Paris  ist?  Der  König  verbot  endlich,  daß  mehrere  Wunder
am  Grabe  des  sel.  Abbts  geschehen  sollten,  und  die  Wunder
blieben  allmäalig  aus.  Sebast.  Joseph  von  Carvalho  that  in
Portugall  Wunder  anderer  Art,  welche  die  Jesuiten  nicht  so
leicht  unthätig  machen  konnten,  an  deren  Wirkung  sie  endlich
  auch  starben.  s
«  H.6I.
Sturz  des  Jesuitenordens.

1750  Der  Minister  des  neuen  Kdnigs  von  Pöortugall,  welchem
bei  jedem  Gedanken  an  die  unmittelbar  vorhergehende  Regierung
  der  volle  Gräuel  eines  Pfaffenregiments  in  die  Augen
fallen  mußte,  besaß  ganz  die  grausame  Entschlossenheit,  welche
  nothwendig  ist,  wenn  bei  einem  durch  Aberglauben  so
stupid  gemachten  Volk  als  die  Portugiesen  waren,  protestantische
  Aufklärung  emporkommen  solle.  Ein  kleiner  Länder-1253tausch

  im  südlichen  America  mit  Spanien  machte  ihn  auf
die  Missionsfinanzkünste  der  Jesuiten  zuerst  recht  thätig  aufmerksam,
  und  er  entdeckte  eine  Quelle  des  Zerfalls  des  Por,
tugiesischen  Handels,  die  man  vorher  kaum  so  gefährlich  vermuthet
  haben  mag.

1750  Wenn  um  diese  Zeit  wirklich  eine  Verschwörung  gegen
das  Leben  des  Kdnigs  Joseph  entstanden  ist,  so  darf  man
sich  nicht  wundern,  daß  weder  der  Minister  noch  sonsi  ein
unparteiischer  Geschichtkenner  die  Jesuiten  ganz  unschuldig
glauben  wollte.  Malagrida  war  doch  Jesuit,  und  die  Analogie
  der  ganzen  Geschichte  der  letztern  dritthalb  Jahrhundert
        <pb n="431" />
        419

mußte  auf  diese  Vermuthung  fuͤhren,  welche  selbst  auch  von
den  Jesuiten  nur  mit  Klagen  widerlegt  wurde.  Es  war
kein  in  den  Annalen  des  Ordens  ganz  ungewoͤhnliches  Ungluͤck,
  daß  sie  sich  um  solcher  Beschuldigungen  willen  aus
einem  Koͤnigreich  vertrieben  sahen.  So  lange  sie  aber  den
Pabst  zum  Freund  hatten,  so  lange  sie  in  andern  Koͤnigreichen
  festen  Fuß  behielten,  war  eine  solche  partielle  Schwächung
  ihrer  Gewalt  gewöhnlich  nur  der  Uebergang  zu  einer
neuen  rühmlich  scheinenden  Wiedereinsetzung.  Der  neue  Pabst
Clemens  XIII.  ließ  aber  gar  nicht  befürchten,  was  Lambertini
  und  sein  Freund  Paßionei  in  der  That  mehr  als  gedroht
  hatten,  und  weder  in  Frankreich  noch  in  Spanien  zog
sich  zu  gleicher  Zeit  ein  sichtbares  Ungewitter  zusammen.
Nur  hatte  sich  doch  der  Zustand  der  ganzen  Katholischen
Kirche  seit  dreißig,  vierzig  Jahren  vhne  Katastrophe  bloß
durch  steten  Zusammenhang  gewisser,  gleich  fortgehender  Wirkungen
  so  verändert,  daß  eine  Totalrevolution  reif  zu  seyn  schien.

Voltaire  und  andere,  die  sich  den  Namen  Philosophen
beilegten,  hatten  so  viel  wahres  und  lustig  falsches  über  den
Klerus  und  über  die  Mönche  geschrieben,  so  unterhaltend  gespottet
  und  ihren  Spott  so  im  mannigfaltigsten  Gewande  immer
  wiederholt,  daß  sich  endlich  auch  diejenigen,  welche  vorher
  nicht  lesen  mochten  oder  nicht  lesen  konnten,  bei  ihrem
Publicum  einfanden,  Damen  und  Minister  ein  Buch  zur
Hand  nahmen,  das  sie  ohne  große  Anstrengung  so  klug  zu
machen  schien.  Der  politisch  große  Nutzen  der  Religionsduldung
  wurde  durch  die  Geschichte  der  protestantischen  Staaten
mit  jedem  Jahrzehend  immer  mehr  mehr  bewiesen,  und  ein
Factum,  wie  die  schröckliche  Schlachtung  von  Calas,  kam
dem  Dichter  von  Ferney  recht  geschickt,  um  eine  eindringengende
  Gelegenheitspredigt  zu  halten.  Bei  der  allgemeinen

i
27
        <pb n="432" />
        420

Circulation  solcher  Lectuͤre  verlor  sich  sichtbar  der  Zauber,
in  welchem  die  Jesuiten  die  große  Welt  so  lange  gehalten
  hatten,  und  weil  sich  gewöhnlich  auch  das  zufällige  wie
vorbereitet  zusammenfindet,  J.  wenn  die  Vorsehung  beschlossen
hat,  der  Welt  eine  Wohlthat  zu  schenken,  so  mußte  es  sich
glücklich  schicken,  daß  bei  der  Lethargie  der  Könige  in  Spanien
  und  Frankreich  ihre  großen  Minister  alles  galten,  daß
Choiseul,  Pompadour  und  das  Parlament  aus  den  verschiedensten
  Beweggründen  einen  Wunsch  hegten,  daß  weder  der
damalige  Jesuitengeneral  noch  der  Pabst  selbst  die  Gabe  besaßen,
  im  Gegenwärtigen  das  Zukünftige  zu  vermuthen.

Ein  Kaufmannsproceß  gab  in  Frankreich  die  erste  entscheidende
  Veranlassung,  um  der  Ausführung  des  Entwurfs
näher  zu  kommen,  den  Pombal,  Choiseul  und  Aranda  unter
einander  verabredet  zu  haben  schienen,  und  den  der  Pabst
selbst  durch  seine  höchst  ungereimte  Panegyrikusbullen,  womit  er

1  765  den  Jesuiten  helfen  wollte,  unvorsichtig  beschleunigte.  Der
1768  Spanische  Minister  hatte  die  Jesuiten  kaum  aus  Spanien

abführen  lassen,  so  erschien  das  Breve  gegen  den  Herzog  von
Parma;  die  letzte  Stimme  des  Pabsts  aus  dem  mittlern
Zeitalter,  denn  von  itzt  an  wurde  dem  Pabst  gar  zu  faßlich
gemacht,  daß  wir  im  achtzehnten  Jahrhundert  seyen.  Vielleicht
  glaubten  die  Jesuiten  selbst  durch  den  bald  darauf  folgenden
  Tod  des  Pabsts  etwas  zu  gewinnen,  aber  wenn  dieses
  hätte  wahr  werden  sollen,  so  sollte  nicht  der  Minorite
Ganganelli  Pabst  geworden  seyn.
"  6.  62.

Aufhebung  des  Jesulterordens.  Revol.  Kais.  Josephs  II.

Der  kluge  Clemens  XIV.  wand  sich  zwischen  der  Hoffnung,
  die  große  Bourbonische  Ligue  durch  Geschmeidigkeit
und  Versprechungen  zu  trennen,  und  zwischen  der  Furcht
        <pb n="433" />
        421

bald  weder  das  Leben  des  Jesuiterordens  noch  die  wenigen
übrig  gebliebenen  Edelsteine  seiner  eigenen  Krone  retten  zu
koͤnnen.  Er  kannte  die  Jesuiten  als  Pabst  und  als  Mensch,
ihre  abwechslenden  Vortheile  für  das  Pabstthum,  ihren  bleibenden
  Schaden  für  die  Menschheit.  Endlich  siegte  doch  der  1773
letztere  Gedanke,  er  hob  durch  die  Bulle  Dominus  ac  redemtor
  noster  den  Orden  auf.  Die  Schlange  zappelte  zwar
noch  immer,  auch  nachdem  ihr  Kopf  zertreten  war,  Clemens
selbst  schmeckte  noch  erjesuitisches  Gift,  und  hie  und  da  spukt
noch  besonders  in  Teutschland  der  abgeschiedene  Geist,  aber
sollte  wohl  Hoffnung  da  seyn,  daß  er  je  wieder  auflebe?
Noch  sind  nicht  achtzehen  Jahre  verflossen,  seitdem  die
Aufhebungsbulle  des  Jesuitenordens  erschienen,  und  schon  stürzt
an  allen  Orten  das  ganze  Gebäude  des  Mönchs-Wesens  und
selbst  auch  der  römischen  Hierarchie  ein;  man  sieht  aus  dem
Erfolg,  welcher  Grund-Pfeiler  es  war,  der  bisher  das  alte
baufällige  Capitolium  hielt.  Zwar  schien  es,  als  ob  manche
  der  größten  und  wohlthätigsten  kirchlichen  Reformen,  die
Joseph  II.  gemacht  hatte,  von  seinem  weisen  Nachfolger  1780
Leopold  II.  nothwendig  der  politischen  Convenienz  aufgeopfert
werden  müßten;  aber  höchst  wahrscheinlich  ist  dieß  doch  bloß
eine  optische  Täuschung,  der  die  Zeitgenossen  bei  Beurtheilung  —
langsam  aber  sicher  wirkender  Regenten  selten  entgehen;  und
welche  Totalrevolution  des  ganzen  Europa  wird  nicht  endlich
auch  hierinn  Folge  der  Französtschen  Revolution  werden.
Die  Katholische  Kirche  wird  nun  endlich  einmal  aufhören,
  päbsiliche  Kirche  zu  seyn,  Staat  und  Kirche  werden  sich
ganz  in  einander  passen,  das  Volk  erhält  allmälig  die  Rechte
  wieder,  welche  ihm  von  der  Klerisei  entrissen  wurden,  und
sobald  der  Consociationsgeist  verbannt  ist,  wodurch  bisher
die  Katholische  Geistlichkeit  in  den  entferntesten  Ländern  un-
        <pb n="434" />
        422

ter  sich  zusammenhieng,  so  wird  auch  der  Katholische  Laie  mit
dem  Protestanten  brüderlich  zusammen  wohnen  koͤnnen.  Ueber
  die  Oesterreichischen  Staaten  wird  sich  die  Aufklärung  schnell
wie  ein  Licht  verbreiten;  aber  wie  in  unsern  teutschen  Katholischen
  Stiftslanden,  wo  man  noch  höchsten  Orts  aufgerufen
wird,  den  Nuzen  sdes  Cölibats  der  Geistlichkeit  trotz  aller
gesunden  Vernunft  zu  demonstriren?  Auch  hier  wird  wohl
endlich,  so  wenig  als  zuletzt  in  Portugal,  diese  große  Veränderung
  ausbleiben  können,  wenn  nur  die  Katholische  Kirche
in  den  Oesterreichischen  Staaten  der  Erfüllung  der  zwei
Hauptwünsche  näher  gekommen  seyn  wird,  ihre  Geistlichen
verheurathet  zu  sehen,  und  nicht  mehr  eine  unbekannte  Sprache
  vor  dem  Altar  hören  zu  müssen.
        <pb n="435" />
        43

Geschichte  des  Unglaubens  sest  ben  Zeiten  der  Reformation
  sammt  der  Geschichte  der  Socinianer.
Das  interessanteste  Stück  der  neuern  Kirchengeschichte,  aber  auch
das  schwerste,  weil  die  Gränzen  zwischen  diesem  Abschnitt  und
dem  Abschultt  der  Geschichte  der  Christlichen  Kirche  oft  so
unerwartet  zusammenfließen,  und  zu  richtiger  Darstellung  desselben
  ein  sicherer  Totalblick  über  die  politischen  und  ökonomischen
  Veränderungen  des  aufgeklärten  Europa  erfordert  wird.
Die  Lessische  Abhandl.  in  Walchs  neuester  Religlonsgeschichte
  macht  mit  den  pragmatischen  Hauptideen,  welche  zu

diesem  Abschnitt  gehören,  sehr  angenehm  bekannt.

Noch  hätte  sollen  ein  Abschnltt  Geschichte  der  Schwär--mer
  und  ihrer  kleinern  oder  größern  Haufen  beigefügt
  werden,  aber  bei  der  Dürftigkeit  des  hierinn  bisher  vorgearbelteten
  ist  es  unmöglich  hier  einen  treuen  pragmateixchen
  Grundriß  darzulegen.

1

G.  63.
Historische  Veranlassungen,  Itallen  zum  Mutterlande  des  Unglaubens
  zu  machen.

Auf  die  Reformation  hatten  in  verschiedenen  Ländern
so  verschiedene  Umsiände  vorbereitet,  daß  der  letzte  Zustand,
welcher  aus  solchen  Gährungen  entsprang,  nach  der  Mannigfaltigkeit
  der  politischen  Verfassungen  und  selbst  auch  dem
verschiedenen  Genie  einzelner  Menschen  hdchst  verschieden
seyn  mußte.  In  Italten  und  zum  Theil  auch  in  Frankreich
war  die  theologische  Aufklärung  fast  nichts  anders  als  schwacher
  Lichtsirahl,  der  sich  bei  den  Männern,  welche  classische
Litteratur  und  Philosophie  ihres  Zeitalters  bearbeitet  hatten,
auch  in  diese  dunkle  Region  hinüber  brach,  so  wie  hingegen
der  Teutsche,  der  Erlernung  positiver  Kenntnisse,  wie
es  scheint,  vorzüglich  fähig,  seine  ganze  theologische  Aufklärung
  aus  der  Bibel  holte,  und  der  Gefahr  des  philosophischen
  Skepticismus  weniger  unterworfen  war.  Nichts
        <pb n="436" />
        424

mußte  uͤberhaupt  auch  bei  einer  solchen  Ideenrevolution,  als
die  Reformation  veranlaßte,  leichter  geschehen  seyn,  als  ein
rascher  Uebergang  von  bisheriger  Leichtglaubigkeit  auf  allgemeine
  Zweifelsucht,  und  gegen  die  kuͤhne  Vermengung  der
Religionsgeheimnisse  mit  den  bisher  gangbaren  ungereimten
Lehren  konnte  nichts  schuͤtzen,  als  redliche  Aufmerksamkeit
auf  die  Ausspruͤche  der  Bibel,  welche,  wie  bei  uns  Teutschen,
durch  die  ganze  Art  zu  studiren  bewaͤhrt  werden  mußte.  Ueberdiß
  geben  herrschende  Sittenverderbnisse  dem  einmal  rege
gewordenen  Zweifel  an  der  bisher  gangbaren  Religion  gewoͤhnlich
  immer  eine  ungluͤckliche  Staͤrke,  daß  man  ein  Joch
ganz  abzuschuͤtteln  sucht,  das  doch  durch  alle  Reformationen
nie  leichter  werden  kann.

So  viele  Umstaͤnde  vereinigten  sich  noch  außer  den  besondern
  politischen  Verhältnissen,  um  Italien  zum  Mutter,
lande  des  Unglaubens  zu  machen,  der  nachher  in  England
bei  nicht  unähnlichen  Umständen  im  folgenden  Jahrhundert
vollends  ausgebildet  wurde.  Mich.  Servet  war  zwar  ein
Spanier,  Joh.  Sylvanus,  Adam  Neuser,  Ludwig
Hetzer  waren  Teutsche,  aber  der  größere  Haufen  waren  immer
  Italiäner,  die  sich  auch  nicht  blos  wie  erstgenannte
Teutsche  als  irreligidse  Taugenichtse  zeigten,  sondern  mit  einer
  gewissen  Anständigkeit  den  Zweifler  und  Unglaubigen
machten,  daß  ihr  Name  des  Angedenkens  der  Geschichre  nicht
unwürdig  ist.  ##  0.

Socinus.  Unitarler.
Jeder  dieser  berühmtern  Unglaubigen  Val.  Gentilis,
Matth.  Gribaldi,  Bernhardin  ÖOchinus,  und  endlich
  auch  den  noch  dazu  gerechnet,  der  zu  Anfang  des  siebzehnten
  Jahrhunderts  lebte,  Jul.  Cäs.  Vanini,  hat  seinen
  ausgezeichnenden  eigenen  Charakter,  seine  ihm  eigene
        <pb n="437" />
        425

Mischung  von  Schwaͤrmerei  und  Skepticismus,  und  bei  dem
Geschichtforscher  unserer  Zeiten  auch  seine  eigene  Vertheidigungs--gründe
  der  wenigern  Verschuldung  als  man  ehemals  glaubte;
  aber  keiner  unter  ihnen  allen  ist  durch  den  Erfolg  so  merkwürdig
  geworden  als  Lälius  und  Faustus  Socinus.

Schade,  daß  man  den  erstern  nicht  aus  eigenen  Schriften
  kennt,  sondern  nur  aus  Nachrichten  seiner  Zeitgenossen,
vielleicht  konnten  ihn  manche  übrigens  selbst  große  Männer
seines  Zeitalters  nicht  fassen.  Der  Neffe  Faustus  war  seinem
  Oheim  weder  an  Talenten  noch  an  Keuntnissen  gleich,
er  soll  das  wichtigste  seiner  Lehrsätze  aus  den  hinterlassenen
Papieren  des  letztern  gelernt  haben,  aber  weil  er  entweder
mehr  politische  Thätigkeit  hatte,  als  diese,  oder  weil  er  vielleicht
  auch  in  ein  geschickteres  Zeitalter  er  siel,  so  gelang  es
ihm,  Partiestifter  zu  werden.  Doch  auch  dieser  Ruhm
gebührt  ihm  nicht  ganz,  die  Socinianer  verbitten  sich  mit
Recht  diesen  Parlienamen,  sie  sind  in  vielem  gar  nicht  bei
Socius  Vorstellungsart  geblieben,  ihr  Lieblingsname  Unitarier
  scheint  zwar  zu  allgemein,  aber  deutet  doch  zugleich  auf
die  Lehre,  von  welcher  sich  ihr  System  zuerst  ausbildete.

Socin  ärgerte  sich,  wie  alle  diese  Italiänischen  Zweifler,
vorzüglich  an  der  Lehre  von  der  Gottheit  J.  C.  und  der  damit
  verbundenen  Lehre  der  Dreieinigkeit,  sein  Aergerniß#entsprang
  aber  aus  einer  Denkungsart,  mit  welcher  sich  auch
mancher  andere  Artikel  der  Christlichen  Lehre  nicht  vereinigen
  ließ.  Erst  nachdem  er  Italien  verlassen  und  nach  Zuͤrich
gezogen  war,  fieng  er  an  seine  Lehre  auszubreiten,  der  es  in
den  meisten  Laͤndern  an  Beifall  nicht  fehlen  konnte,  weil  die
Italiaͤnischen  Fluͤchtlinge  in  alle  Welt  sich  zerstreut  hatten,
und  Zweifel  gegen  positive  Lehren  immer  leichter  gefaßt  werden,
  als  die  Beantwottung  derselben.
        <pb n="438" />
        426

Ueberall  aber,  wo  schon  eine  gebildete  neue  Kirche  war,
widersetzte  man  sich  mit  dem  groͤßten  Nachdruck  dem  Proselyten-Eifer
  dieser  Unitarier,  die  oft  auch  selbst  unter  einander
  nicht  recht  einig  waren,  bald  gar  keine  höhere  Natur  in

Jesu  annahmen  als  die  menschliche,  bald  guch  zur  alten  Hypothese
  der  Arianer  sich  neigten.  Sie  schienen  sich  am  besien
in  Polen  unter  dem  Schutze  Kön.  Sigismund  August
verbergen  zu  können,  und  bei  den  Familienverbindungen,  welche
  zwischen  dem  König  von  Polen  und  dem  Woiwoden  von
Siebenbürgen  waren,  auch  im  Lande  des  letztern.

Die  Ruhe  der  Siebenbürgischen  Gemeinen  wurde  durch

1573  den  Streit  zwischen  dem  Leibartzt  Gr.  Blandrata  und
dem  Superintendenten  Franz  Davidis  gestört:  dachte  denn
der  letztere  nicht  ganz  zusammenhängend,  wenn  er  behauptete,
  daß  Jesus,  falls  er  nicht  Gott  sey,  auch  nicht  angebetet
werden  dürfe?  ·
In  Polen  wurde  Rakau  Hauptsitz  der  Unitarischen
1603  Partie.  Hier  hatten  sie  eine  durch  den  Ruf  mancher  Lehrer
berühmte  Universität,  durch  deren  guten  Zustand  der  Flor  ihrer
  Partie  eben  so  sehr  erhalten  wurde,  als  durch  die  schdne
Kirchenzucht,  welche  zur  Beschämung  mancher  protesiantischen
Gemeinen  unter  ihnen  herrschte.  Aber  so  bald  Jesuiten  am
Polnischen  Hofe  zu  regieren  anfiengen,  so  wurde  mit  den
1638  Unitariern  das  Vorspiel  der  Tragöbdie  aufgeführt,  die  Lutherauer
  und  Reformirte  vollenden  mußren.

Es  sind  viel  berühmte  Namen  unter  den  Lehrern  dieser
  Partie,  weil  sie  die  ersie  Zeit  ihres  schönsten  Flors  nicht
überlebt  hat.  Andr.  Dudith  gehört  zu  ihnen,  wie  Erasmus
  zu  den  Reformatoren.  Christo.  Ostorod,  Valentin
  Smalcius,  Johann  Crell  und  Martin  Ruarus
waren  Teutsche,  welche  sich  aber  mit  vielen  ihres  gleichen
        <pb n="439" />
        427
nach  Polen  zogen.  Beide  letztere  hat  Ernst  Soner,  Prof.
in  Altdorf,  gebildet,  ein  damals  hoͤchst  gefaͤhrlicher  Mann  fuͤr
eine  Teutsche  Lutherische  Vniversität.  Samuel  Crell,
Johann  Crells  Enkel,  hörte  sich  am  liebsten  nach  dem  Namen
  eines  alten  fast  ganz  unbekannten  Ketzers  Artemon
nennen.  Daß  doch  auch  die  Religionspartie,  welche  alles
einzig  auf  eigene  vernünftige  Einsichten  zu  gründen  scheint,
so  gern  eine  theologische  Ahnenprobe  haben  möchte!
.  65,
Naturalisten  in  England.

Denletzten  Grundarrikel  der  Christlichen  Religion,  daß  die
Bibel  unmittelbare  göttliche  Offenbarung  sey,  hat  keiner  der
Unitarischen  Lehrer  jemals  angegriffen,  auch  keiner  der  übrigen
  Unglaubigen,  wenn  er  nicht  bis  zum  atheistischen  oder
pantheistischen  Schwärmer  verfiel,  bis  auf  diese  Zeiten  hin
recht  absichtlich  und  mit  versuchten  Beweisgründen  jemals
geläugnet.  Die  Philosophie  hatte  sich  noch  nicht  genug  aus
der  Bibel  bereichert,  daß  sie  schon  ihrer  Lehrerinn  hätte  Hohn
sprechen  köonnen,  und  für  den,  welcher  die  Grundsätze  der
natürlichen  Religion  nach  den  damals  gangbaren  philosophischen
  Beweisen  annehmen  konnte,  mußte  es  leicht  seyn,  auch  die
damaligen  Beweise  der  Wahrheit  der  Chriftlichen  Religion
nicht  unrichtig  zu  finden.

Von  der  Seite  der  eigentlichen  Demonstration  blieb  also
  die  Christliche  Religion  noch  immer  gesichert,  so  schlecht
auch  ihre  Wahrheit  erwiesen  war,  aber  wer  sollte  es  glauben,
daß  das  erste  feierliche  Bekenntniß  von  Naturalismus  ein
Werk  eines  edlen  Menschenfreundes  war,  dessen  ganzes  Herz
gegen  das  Christenthum  seines  Zeitalters  sich  empörte?
Eduard  Herbert  von  Cherbury  sah  in  seinem
Zeitalter,  in  der  Periode  Jakobs  I.  und  seines  unglücklichen
        <pb n="440" />
        428

Sohnes  Karl,  den  Sectengeist,  der  damals  aus  den  positiven
Lehrsaͤtzen  der  Christlichen  Religion  entsprang,  in  einer  so
schroͤckenden  Groͤße,  und  aͤrgerte  sich  so  sehr  an  der  Leichtigkeit,
  womit  eine  Christenpartie  die  andere  zur  Hoͤlle  schickte,
oder  womit  vollends  der  Calviniste  den  Allguͤtigen  in  Ansehung
  der  ewigen  Wohlfahrt  des  Menschengeschlechts  handeln  ließ,
daß  der  Zweifel,  ob  eine  solche  Unglück  bringende  und  Unglück
weissagende  Lehre  wirklich  vom  Allgütigen  seyn  könne,  bis  zur
Ueberzeugung  reifte,  der  Gott  aller  Menschen  fodere  von  diesen
weder  die  Einsicht  in  alle  diese  dunkle  positive  Lehren  noch  die
Befolgung  derselben.  Er  sey  kein  harter  Mann,  der  sammeln
  wolle,  wo  er  nicht  gesäet  habe,  der  gewisse  Kenntnisse
zur  Bedingung  des  ewigen  Glücks  der  Menschen  mache,  welche
  der  größte  Theil  derselben  nicht  erhalten  konnte.  Was
jeder  Mensch  wissen  könne,  dessen  Befolgung  werde  von  jedem
  Menschen  gefordert  werden:  der  tausendste  Theil  aber
selbst  in  der  Christenheit  habe  weder  Kräfte  noch  Muße,  noch
Gelegenheit  genug,  um  jene  feinere  Gotteserkentnisse  sich  zu
erwerben.

Cherbury  nahm  die  ersten  Grundsätze  der  natürlichen
Religion  in  der  Reinigkeit  an,  womit  sich  Rousseau,  durch
nicht  unähnliche  Veranlassungen  gegen  das  positive  der  Christlichen
  Religion  eingenommen,  dieselbe  darstellte.  Er  war  in
Grundsätzen  und  Charakter  sehr  verschieden  von  seinen  beiden
Zeitgenossen  Spinoza  und  Hobbes.  Dem  erstern  zwar
dem  Charakter  nach  noch  ähnlich,  denn  Spinoza  brauchte
seine  pantheistischen  Grundsätze  eben  so  wenig  zur  Erleichterung
  der  Moral,  als  er,  sondern  bloß  mißverstandene  metaphysische
  Begriffe  hatten  ihn  auf  dieselbe  geleitet;  aber  dem
letztern  war  er  nach  Charakter  und  Lehren  völlig  unähnlich.
Wie  vicl  hat  nicht  letzterer  mit  seinen  Schriften  auch  der
        <pb n="441" />
        429
natürlichen  Religion  geschadet?  Wie  muthwillig  die
Christliche  Religion  mißhandelt?  Wie  wenig  war  er  Mann
von  religidser  Bedachtsamkeit  und  Stetigkeit?
S.  66.

Gr.  v.  Rochester.  Shaftsbury.  Bolingbroke.  Hume.

Einen  solchen  Apostel  als  Hobbes  hoͤrten  die  Wolluͤstlinge
  am  Hofe  Karls  II.  viel  lieber  als  den  ernsthaften  Tugendfreund
  Cherburyz  noch  freudiger  versammelten  sie  sich
aber  um  den  Grafen  von  Rochester,  wenn  er  mit  der
muthwilligsten  Laune  des  Christenthums  spottete,  Lehrer  und
Anführer  bei  einem  Weltgenuß  wurde,  der  sich  zuletzt  noch
an  seiner  eigenen  Gesundheit  rächte.  Die  Geschichte  nennt
solche  Menschen  kaum  als  Beispiele  der  herrschenden  Denkart
  ihres  Zeitalters,  denn  in  die  Reihe  der  Unglaubigen  verdienen
  diejenigen  nicht  gestellt  zu  werden,  welche  bloß  Schutz
für  ihre  Lüsie  suchten.

Wie  überhaupt  nicht  jeder  orthodore  Theolog  einen  Platz
in  der  Kirchengeschichte  verdient,  so  auch  nicht  jeder  Zweifler
und  Unglaubige;  es  sind  auch  hier,  besonders  je  mehr  sich
in  neuern  Zeiten  die  Schaar  verstärkte,  gar  zu  viele  schwachsinnige,
  die  oft  mit  ihren  Papieren  nur  bewiesen,  daß  auch
sie  gerne  wollten.  Karl  von  Blount,  Toland,  Collins,
  Woolsion,  Tindal,  Chubb  und  mehrere  in  der
Antideistik  genannte  Schriftsteller  kommen  deßwegen  hier  nur
als  Namen  vor,  und  der  Name  der  Teutschen,  welche  vor
dem  Wolfendüttler  Fragmentisten  dieser  von  Engländern  und
Franzosen  betretenen  Spur  folgten,  verdient  nicht  einmal  genannt
  zu  werden.  Der  Verfasser  der  Werthheimer  Bibekübersetzung
  ist  nach  dem  Styl  seiner  Zeiten  behandelt  worden;
die  Nachwelt  beurtheilt  ihn  billiger.

Um  nicht  ganz  ohne  Nutzen  von  der  Geschichte  dieser
        <pb n="442" />
        430

kleinern  deistischen  Krieger  hinwegzugehen,  bemerkt  man  sich  ihre
ihre  abwechslende  Arten  des  Angriffes,  wie  sie  bald,  durch
untreue  historische  Vergleichungen  der  Wunder  Jesu  gespottet,
  bald  durch  Spinozistische  Schwärmerei  oder  durch  unrichtige
  Lobsprüche  der  natürlichen  Religion,  das  Christenthum
entbehrlich  zu  machen  suchten,  oder  das  Religionsurkundenbuch
selbst  von  der  historischen  und  kritischen  Seite  angreisen  wollten,
  oder  wohl  gar  von  der  Moral  des  Chrisienthums  ver-Achtlich
  sprachen.

Möchte  doch  das  letztere  der  edle  Shaftsbury  nicht  gethan
haben.  Wie  warnend  ist  das  Beispiel  eines  solchen  großen  Mannes,
  auf  seine  eigene  ganze  Studierart  acht  zu  haben,  um
sich  vor  individuellen  Vorurtheilen  gegen  gewisse  Wahrheiten
  zu  hüten.  Vielleicht  sieng  auch  Bolingbrokes  Antipathie
  gegen  das  Chrisienthum  auf  eine  ähnliche  Weise  an.
Dem  Freund  einer  pragmatisch  politischen  Geschichte  mochten
  wohl  Mosis  Familienanekdoten  nicht  gefallen,  der  ganze
historische  Ton  des  Alten  Testaments  war  ihm  zuwider,  und
das  neue  Tesiament  mußte  seine  unzertrennbare  Verbindung
mit  dem  A.  T.  entgelten.  Ueberhaupt  waren  die  Juden
kein  Volk  für  den  politisirenden  Historiker,  und  Christen  erschienen
  ihm  immer  nur  als  reformirte  Juden.

Das  hauptsächlichste  dieser  Bemerkungen  paßt  auch  auf
den  scharfsinnigen  Hume,  wenn  schon  sein  an  methodischeres
  Denken  gewöhnter  Geist  mehr  auf  die  Hauptpuncte  der
Christl.  Religion  traf,  metaphysische  und  historische  Einwürfe
geschickter  vermengte.  In  wie  vielfacher  Rücksicht,  Ehrgeiz,
Neuerungssucht,  und  oft  manchmal  so  gar  gewisse  Privatverhältnisse
  zur  Entstehung  oder  Bekräftigung  solcher  Abneizungen
  gegen  die  Christl.  Religion  beigetragen,  kann  die  Geschichte
  selten  ohne  lieblose  Vermuthungen  erzählen,  weil  sel-
        <pb n="443" />
        431
ten  der  Charakter  dieser  Maͤnner  so  genau  gekannt  ist,  als
der  Charakter  von  Voltaire.

9.  67.
Voltalre  und  Rousseau.  Spstem  der  Natur.  Wolfenbüttler
Fragmente.

Alle  Englische  Deisten  zusammengenommen  haben  der
Christlichen  Religion  nicht  so  viel  geschadet  als  dieser  Franz5sische
  Dichter.  Die  biblische  Geschichte  war  unter  seinen
Händen,  wozu  er  sie  brauchen  wollte,  und  sein  zauberischer
Witz  machte  die  Frage  ganz  vergessen,  ob  die  Erzählung  auch
wahr  sey,  ob  nicht  die  Wahrheit  einer  Lehre  durch  den  Ton  des
Schriftstellers,  der  sie  vortrug,  unkenntlich  gemacht  worden.
Er,  ein  genauer  Kenner  aller  Kunsigriffe  der  Beförderung  einer
  gewissen  Ideencirculation,  wußte  die  Gestalt  seiner  Einwürfe
  und  Lästerungen  gegen  das  Christenthum  so  zu  vervielfältigen,
  daß  sich  die  Welt  wunderte,  wie  sse  durch  diesen
  Mann  innerhalb  dreißig  Jahren  so  klug  geworden  sey,
und  unstreitig  hat  er  besonders  die  Katholische  Welr  lachend
von  manchem  überzeugt,  was  sie  vorher  keinem  Protestanten
und  keinem  ihrer  eigenen  aufgeklärtern  Theologen  glauben
wollte.

Er  hat  den  Königen  begreiflich  gemacht,  daß  sie  für  die
Bartholomäusnächte  und  für  ihre  Dragonerapostel  weder  in
dieser  noch  in  jener  Welt  Dank  verdienten.  Er  hat  so  treffend
  abwechslend  über  die  Mönche  gespottet,  daß  wir,  wie
es  scheint,  nun  endlich  auch  hier  einmal  die  Hülle  des  mittlern
  barbarischen  Jeitalters  ablegen  werden.  Er  hat  allgemeine
  Duldung  unter  Protestanten  und  Katholiken  verbreitet,
und  selbst  die  Theologen  der  erstern  Partie  konnten  zu  Berichtigung
  ihrer  Vorstellungsarten  aus  seinen  Spoͤttereien  öf.
ters  den  Nutzen  ziehen,  den  jeder  unparteiische  Wahrheits-
        <pb n="444" />
        432

freund  auch  aus  der  Hand  seines  Gegners  dankbar  als  Geschenk
  annimmt.

Gewiß  war  es  zum  Glück  der  Religion,  daß  Rousseau
Voltaire's  Zeitgenosse  war,  und  mit  seinem  rednerischen  Eifer
  für  reine  Moral  und  aufgeklärte  natürliche  Religion  den
unermeßlichen  Schaden  einigermaaßen  verhütete,  welchen  allgemein
  einreißender  Unglauben  nothwendig  anrichten  muf.
Traurig  genug,  daß  wir  es  noch  als  Vortheil  ansehen  müssen,
  nur  nicht  alle  Religion  niedergestürtzt  zu  sehen,  daß  einer
  der  heftigsten  Gegner  der  Wunderwerke  Jesu  noch  mittelbar
  als  Schutzwehr  der  Christl.  Religion  betrachtet  werden  kann:
aber  warum  sollken  wir  uns  hierüber  in  Ansehung  Katholischer
  Länder  wundern,  da  sich  manches  selbst  im  Protestantischen
  Teutschland  hie  und  da  zum  Zeitalter  des  Systems
der  Natur  zu  neigen  scheint,  wenn  anders  die  schriftstellerische
  Welt  einen  sichern  Maßstab  des  allgemeinen  Justandes
  geben  kann.

Die  letzte  große  Erscheinung  in  den  Annalen  des  Teutschen
  Unglaubens  sind  —  die  von  Lessing  herausgegebenen
  Fragmente  eines  Ungenannten,  in  welchen  besonders
  die  Auferstehungsgeschichte  Jesu  so  feindselig  aber  auch  so
scharf  angegriffen  wurde,  als  bisher  von  keinem  englischen
oder  Französischen  Deisten  gesah.  Sollten  sie,  wie  nicht  unwahrscheinlich
  ist,  ein  Nachlaß  von  Reimarus  seyn,  so
würde  das  Phänomen  in  Ansehung  des  Orts,  wo  es  erschien,
und  selbst  auch  in  Ansehung  des  Verfassers  manche  pragmas
tische  Bemerkung  veranlassen  welche  uns  zur  Duldung  und  unparteiischen
  Selbsiprüfung  führen  müßte.
        <pb n="445" />
        433

g.  66.
Einige  Ursachen  der  Ausbreitung  des  Naturalismus.

Allgemeine  Klagen  über  die  Verkehrtheit  des  menschlizen
  Geistes  klären  die  historische  Frage  nicht  auf,  warum
wade  im  letzten  Viertel  des  achtzehnten  Jahrhunderts  der
nglaube  so  herrschend  geworden,  und  der  Aberglaube,  wenn
r  hie  und  da  sein  Haupt  noch  erheben  will,  nicht  mehr  als
Keligionsfanatismus,  sondern  nur  als  alchimistisch  hermetische
eisheit  geduldet  wird.

Wer  kennt  nicht  die  Wirkungen  des  steigenden  Luxus
uf  alle  Verhältnisse  der  Gesellschaft?  Auf  die  Verfeinerung
ind  Verfälschung  der  Charaktere  der  Menschen?  Wer  hat
eicht  als  Freund  der  Religion  mit  Betrübniß  die  Beobachung
  gemacht,  daß  der  geistliche  Stand,  wie  er  im  mittlern
Jeitalter  in  Rücksicht  auf  Kenntnisse  und  Sitten  immer  der  geschätzteste
  war,  nun  allmählig  eben  so  sehr  im  Verhältniß  gegen
Vdie  Laien  zurückbleibt,  und  den  Verlust  der  ehemaligen  bürzerlichen
  Achtung  gar  nicht  durch  größere  Verdienste  ersetzt.
Der  Ton,  in  welchem  die  Sache  der  Religion  vertheidigt
wird,  ist  dem  Tone  der  Gegner  an  einnehmendem  Witze  gar
zu  selten  gleich,  und  es  ist  wirklich  unendlich  schwerer,  als
unsere  rüstigen  theologischen  Schriftsteller  denken,  pofftive  Lehren,
  die  aus  einem  vor  siebzehen  Fahrhunderten  geschriebenen
  Buch  abstrahirt  werden  müssen,  gegen  die  Einwürfe  einer
  durch  Raisonnement  schmeichelnden  Philosophie  zu  vertheidigen.
  Ein  großer  Theil  der  Teutschen  Protestantischen
Theologen  ist  nicht  einmal  einig,  was  eigentlich  vertheidigt
werden  solle,  und  der  wichtige  einheimische  Streit  über  die
Vorzüge  der  äußern  oder  der  innern  Beweise  der  Wahrheit  des
Chrisienthums  gründet  sich  zu  sehr  auf  ursprüngliche  Ver-Spittler's

  sämmtl.  Werke.  II.  Bd.  28
        <pb n="446" />
        434

schiedenheit  der  Denkfaͤhigkeiten  der  Menschen,  als  daß  er  s
schnell  geschlichtet  werden  koͤnnte.

So  traurig  die  Aussichten  send,  welche  sich  durch  dies
Betrachtungen  eröffnen,  so  vermindert  sich  doch  ein  groge-Theil
  eihrer  Furchtbarkeit,  avenn  man  zugleich  wahrnimmt.
daß  sich  die  Moralität  vieler  Menschen,  in  unserem  Zeitalter
weit  weniger  als  in  allen  vorhergehenden,  c.inzig  auf  Christliche
  Religion  gründet,  daß  die  aufgeklärtesten  Männer,  wenr
je  etwa  ihre  Privatmeinung  nicht  völlig  entschieden  für  Christl.
Religion  ist,  die  ganze  Größe  des  Schadens  doch  kennen,
welchen  jede  laute  Erklärung  einer  solchen  Privatmeinung
anrichtet,  daß  innerhalb  zwanzig  bis  dreißig  Jahren  die  ganze
  theologische  Generation,  welche  sich  gegemwärtig  durch
Spalding's  und  Herder's  und  Döderlein's  Schriften
bildet,  überall  in  Consistorien  sitzen,  und  durch  ihre  weise  Veranstaltungen
  zendlich  auch  ein  allgemeine  Ausübung  bringen
wird,  was  bisher  oft  nur  noch  Wunsch  schüchterner  Weisen
oder  fast  kühne  Unternehmung  einzelner  entschlossener  Aufgeklärten
  war.
        <pb n="447" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
