59

den  man  seit  Clarke's  Zeiten  mit  so  vielem  Scheine  aus  der
Benennung  Sohn  ziehen  will.  Herr  U.  beruft  sich  auf  den
eigenen  Ausspruch  Gottes,  der  sein  Volk  bestrafe,  weil  es
ihm  die  Ehre  nicht  gebe,  so  ihm,  als  Vater,  gebühre.
Sollte  aber  in  diesen  Worten  mehr  liegen,  als  eine  Berufung
  Gortes  auf  die  Wohlthaten,  die  er  den  Israeliten  mit
väterlicher  Treue  bewlesen  habe:  er  habe  sie  erzogen,  und
ihrer  gepfleget,  wie  man  eines  Kindes  pflege:  ein  Kind
werde  doch  auch  gegen  diese,  welche  ihm  so  vieles  Gute  erweisen,
  dankbar  seyn,  aber  bei  ihnen  erwarte  er  es  längstens
  vergebens.  Das  Kind  ist  also  dem  Vater  Liebe  und
Unterwürfigkeit  schuldig,  nicht  weil  er  es  erzeugt  hat,  sondern
  weil  er  es  mit  so  vieler  Mühe  gebildet,  und  für  seine
ganze  Glückseligkeit  gesorgt  hat.

Man  setze  den  Fall,  wir  kämen  auf  die  Welt,  daß  wir
uns  ohne  einige  Hülfe  sowohl  dem  Leib,  als  der  Seele  nach
entwickeln  könnten,  daß  unsere  Eltern  ganz  keine  Sorge
für  uns  haben  dürften,  sondern,  wie  der  Strauß  seine  Eier,
uns  hinweglegten:  wer  würde  nun  in  diesem  Falle  glauben,
denen,  die  ihn  erzeugt  haben,  Ehrfurcht  und  Liebe  schuldig  zu
seyn?  Es  würde  zwar  Eltern  und  Kinder  geben,  aber  jenes
  Verhältniß  des  Gehorsams  und  der  Unterwürfigkeit
würde  gänzlich  aufhdren;  zum  deutlichen  Beweise,  daß  letzteres
  gar  keine  Hauptbestimmung  bei  dem  Wort  Sohn  ist.
Ja,  ich  glaube  die  meisten  Moralisten  auf  meiner  Seite  zu
haben,  wenn  ich  behaupte,  daß  diejenigen  keinen  gegründeten
  Anspruch  auf  den  Gehorsam  ihrer  Kinder  machen  können,
  welche  von  Jugend  auf  Andern  die  Sorge  überlassen
baben,  dieselben  zu  bilden.  Eine  Mutter,  der  die  Obrigkeit
  das  Kind  gleich  bei  der  Geburt  hinwegnimmt,  und  in
einem  öffentlichen  Hause  versorgt,  —  welchen  Anspruch