120

vnĩus  voluminis  texlum  expositionem  digessi  plura  addens,
  plura  minuens,  plura  eodem  tremite  digerens,
  plura  sensu  ad  sensum  neglecto  verborum
tramite  allerens.  Alle  Zeugen  von  dieser  Art  sind
bei  dieser  Untersuchung  ganz  unnütze.  Noch  ist  nur  ein
einziger  übrig,  der  weder  Dionysens  Uebersetzung  abgeschrieben,
  noch  die  Canones  so  willkührlich  geändert  bat  —
Martin,  Bischof  von  Braga  in  Spanien.  Er  lebte  in  der
letztern  Hälfte  des  sechsten  Jahrhunderts.  Johann  von  Antiochien
  ist  noch  vollkommen  sein  Zeitgenosse,  und  auch
Dionys  der  Kleine,  zu  Rom.  Auf  einer  Pilgrimsreise  nach
dem  Orient  lernte  er  griechisch  und  andre  Wissenschaften,  für
welche  in  den  Abendländern  damals  noch  kein  Raum  war.
Bei  der  Rückkunft  in  sein  Vaterland  fand  er  unter  andern,
wie  schlecht  und  unverständlich  die  gewöhnliche  Uebersetzung
der  griechischen  Kirchengesetze  sey,  und  wie  sie  durch  Abschreiber
verändert  und  verderbt  worden.  Er  machte  sich  also  an  eine
Perbesserung  derselben  nach  dem  Griechischen:  und  um  diese
Kirchengesetze  zum  Gebrauch  recht  bequem  zu  machen,  ordnete
er  sie  unter  gewisse  Hauptklassen  zusammen.  Hieraus  entstund
  collectio  LXXXIV  Ccanonum  seu  capitulorum.
Im  ersien  Theile  derselben  *)  kommt  unser  Canon  vor,  aber
ohne  das  Verzeichniß  der  kanonischen  Schriften.  „Non  oportet
  psalmos  compositos  et  vulgares  in  Ecclesia  dicere:
neque  libros,  dui  sunt  extra  canonem,  logore  nisi  solos
oanonicos  veteris  et  noui  testamenti.“  Zwar  setzt  Martin
bei  keinem  Canon,  woher  er  ihn  genommen  habe:  aber  man
sieht  durchgängig,  daß  er  Laodicenische  Schlüsse  gehabt  hat,
und  ist  nicht  dieses  wörtlich  genau  unser  Laodicenischer  Canon,

)  Justelli  bibl.  jur.  can.  vet.  T.  I.  append.  pag.  10.  S.  Ubrigens
die  Berichtigung  in  der  Gesch.  des  kanon.  Rechts  S.  291.