357

Meister  seyn  konnte.  Das  Monopol  dieser  Art  von  Kenntnissen
  gieng  fast  einzig  auf  die  Univerfitaͤtslehrer  uͤber.  Die
Entscheidung  von  diesen  bestimmten  Orthodorie  und  Heterodorie;
  die  theologischen  Fakultäten  waren  nun  das  geworden,
was  ehemals  die  Synoden  waren,  und  wenn  jetzt  auch  Synoden
  zusammengerusen  wurden,  also  auch  eine  Gelegenheit
sich  zeigte,  wo  man  den  Bischof  im  glänzendsten  Genuß  seiner
alten  Rechte  hätte  erwarten  sollen,  so  waren  es  wieder  die
Doktoren  der  Theologie  und  des  kanonischen  Rechts,  nach
deren  Gutachten  alles  gieng,  welche  den  Bischof  gleichsam  im
Gängelband  führten.  Die  Theologie  hat  von  dieser  Veränderung
  keinen  Nutzen  gehabt.  Es  ist  ihr  von  jeher  am  besten
gegangen,  wenn  diejenigen,  welche  bei  ihren  Bestimmungen
etwas  Entscheidendes  zu  sprechen  hatten,  in  sorglosem  Schlummer
  lagen.  Das  dogmatische  Zanken  entleidet  selbst  dem
großen  Haufen,  wenn  er  sieht,  wie  wenig  darauf  geachtet
wird,  und  die  Länge  der  Zeit  bringt  endlich  die  nöthige  Abkühlung
  von  selbst  hervor,  wenn  nur  nichts  während  der  eigentlichen
  Gährung  im  öffentlichen  Namen  der  Kirche  festgesetzt
  wird.  Ein  Unglück  ist  es  also  immer,  wenn  derjenige,
so  der  Disputator  ist,  zugleich  auch  Sentenz  sprechen  kann,
und  das  Gefühl  von  der  Wichtigkeit  unserer  Meinung,  das  sich
durch  das  Disputiren  selbst  öfters  zu  tief  eindrückr,  wird  gar
leicht  so  stark,  daß  man  alles  aufbietet,  um  seiner  Hypothese
das  Siegel  unverbrüchlicher  Kirchenorthodorie  aufdrücken  zu
lassen.  So  lange  sich  die  Bischöfe  selbst  um  Theologie  bekümmerten,
  auf  Provincial=  und  dkumenischen  Synoden  über
Frrthum  und  Rechtgläubigkeit  urtheilten,  so  ist  es  ewiger
Kampf,  daß  jede  Partie  ihren  theologischen  Sprachgebrauch
allgemein  herrschend  machen,  durchaus  in  keinem  Wort  der
andern  nachgeben  will.  Wie  sich  die  Scene  der  merkwürdigen
  christlichen  Kirchengeschichte  immer  mehr  aus  dem