469

nicht  bloß  um  der  Gelehrsamkeit  fuͤr  einen  großen  Mann  hielt,
ungeachtet  er  damals  schon  politisch  reif  zum  Cardinal  war,
gerade  vielleicht  auch  weil  er  gar  zu  hartherzig  schien  ),
schwerlich  große  Dinge  ausgerichtet  haben,  wenn  nicht  der
rastlose  und  schlaue  Lüttichische  Archidiakon  Nikolaus  von
Cus,  als  dritter  Mann  bei  der  Legation  gewesen  wäre;
wohin  wollte  nicht  dieser  Deutsche  nebst  seinem  Iraliänischen
Freunde,  dem  kaiserlichen  Secretär,  das  ganze  heilige  Roͤ-mische
  Reich  Deutscher  Nation  fuͤhren?

Sie  beide  hatten  noch  vor  sechs,  sieben  Jahren  vielleicht
den  wichtigsten  Theil  der  Christenheit  für  die  Basler  Synode
gestimmt,  sie  beide  den  Pabst  schrecklich  enrkleidet,  und  der
scharfblickende  Deutsche  hatte  der  Christenheit  sogar  zuerst
verrathen,  was  seit  mehr  als  sechs  Jahrhunderten  ein  fast  unentdeckbares
  Geheimniß  geworden  war,  daß  unter  des  guten
alten  Isidors  Namen  so  viel  zusammengelogen  worden  sey,
als  nie  noch  unter  einem  ehrwürdigen  Namen  zusammengelogen
  wurde.  Nun  aber  sanden  beide  Herren  ihrem  Interesse
gemäß,  die  Christenheit  wieder  päbstlich  zu  machen,  beide  hatten
  sich  sast  zu  gleicher  Zeit  zu  einer  Coalition  mit  dem  Pabste
entschlossen,  und  betrieben  beide  nun  auch  ihre  Coalitions-Politik
  mit  einer  Frechbeit,  die  mehr  als  Schamlosigkeit  heissen
müßte,  wenn  sie  nicht  der  wunderbarglücklichste  Erfolg,  wie
zwei  solcher  Männer  ihr  Publikum  stimmen  und  umstimmen
konnten,  wenigstens  von  dem  Schämen  vor  ihrem  Zeitalter
vollkommen  freispräche.  6

Der  große  Fürsten  =  Convent  in  Frankfurt  ward  also  eröffnet
  70),  sämmtliche  drei  geistliche  Churfürsten  waren  persdn-*)

  Johannes  durior  videbatur,  sagt  einmal  Aeneas  Piccolomini
bei  einer  Gelegenheit,  wo  ihm  selbst  sehr  daran  lag,  ihn  milder
zu  machen.

)  1446.  1.  Sept.