187

schloß  fie  sich  an  den  Bischof  von  Rom  an,  machte  ihm
Komplimente,  sprach,  wie  man  nur  spricht,  wenn  man  den
andern  gern  in  sein  Interesse,  oft  auch  bei  einer  ungerechten
Sache,  ziehen  möchte.  Aus  diesem  Komplimentenstyl  einer
interessirten  Partei,  womit  oft  der  Ton  der  Gegenpartei  den
glänzendsten  Contrast  machte,  wollte  die  Nachwelt  die  fundamentalsten
  Glaubensartikel  abstrahiren.  So  hat  sich  Chrysostomus,
  der  von  seiner  Kaiserin  verfolgte  Bischof,  an  den
Bischof  von  Rom,  Innocenz  I.,  angeschlossen.  Unter  allen
Bischöfen  konnte  dieser  am  ersten  ein  Wort  für  ihn  sprechen.
Er  stand  nicht  unter  dem  Kaiser  von  Constantinopel,  und
die  beiden  Höfe  von  Ravenna  und  Constantinopel  waren
wie  die  meisten  Höfe,  wo  Bruder  und  Vetter  regieren,  sie
hatten  kleine  Händel  mit  einander.  Bischof  Innocenz  der
Erste  verlor  eine  solche  Gelegenheit  nicht,  um  das  Volk  an
einen  hohen  Ton  in  Absicht  des  römischen  Bischofs  zu  gewöhnen;
  und  freilich  läßt  sich  nicht  in  jedem  einzelnen  Falle
dieser  Zeit  beweisen,  daß  die  andern  sogleich  protesiirt  habrn.
Wie  leid  muß  es  aber  uns  seyn,  wenn  einst  die  Nachwelt
glauben  sollte,  daß  unser  Zeitalter  Alles  anerkannt  habe,  was
es  vielleicht  zu  sehr  als  fühlbar  unrichtig  verachtete,  als  daß
es  mühsam  dagegen  protestiren  wollte.

In  so  politisch  unruhigen  Zeiten,  als  für  einen  rdmischen
Bischof  das  sünfte  und  sechste  Jahrhundert  seyn  mußten,  ist
es  kein  Wunder,  wenn  der  Bischof  oft  nicht  der  geübteste
Theolog  war,  und  also,  wenn  man  ihn  unglücklicherweise  um  eine
Glaubenssache  fragte,  oft  die  unrechte  Seite  traf.  So  ging
es  dem  römischen  Bischofe,  Josimus  (1417—1418).  Es
war  damals  ein  schlauer  Presbyter,  Coelestius,  ein  Pelagianer
in  der  Kirche,  der  trefflich  verltand,  wic  man  mit  dem  roͤmischen
  Bischofe  sprechen  müsse,  um  nicht  bei  ihm  zu  verlieren.
Dieser  wandte  sich  an  ihn,  und  Zosimus  gab  dem  Ketzer