209

der  Pabst  die  Entdeckung,  die  Gemahlin  sey  zu  nahe  verwandt
  mit  dem  Fuͤrsten,  die  Kinder  seyen  aus  Unzucht  erzeugt.
  Was  für  tausend  Betruͤgereien  von  der  Art  ließen  sich
nicht  im  mittlern  Zeitalter  spielen,  wo  keine  gencalogische  Tabellen
  eristirten,  wo  die  genealogischen  Tabellen  nicht  beurkundet
  wurden,  die  Geschichte  der  genealogischen  Häuser  in
vdlliger  Verwirrung  und  Dunkelheit  lag,  und  dann  noch  im
zwölften  und  dreizehnten  Jahrhundert  durch's  kanonische  Rechtdie
  Idee  von  der  cognatio  spiritualis  (geistlichen  Verwandtschaft)
  ausgestreut  war!  Wenn  nach  langer  Zeit  entdeckt
wurde,  daß  der  König  Gevatter  gestanden,  da  das  Mädchen
getauft  worden,  so  sagte  man:  es  sey  cognatio  Spirituslis
da;  es  wäre  eben  so  ärgerlich,  als  wenn  ein  Vater  seine  leibliche
  Tochter  heirathete,  um  so  mehr,  da  die  geistliche  cognatio
  viel  kosibarer  als  die  leibliche  Verwandtschaft  sey!  Das
ist  ein  wichtiger  Faden,  der  von  dieser  Zeit  an  in  das  Pabst--gewebe
  geflochten  wurde!  eine  unendlich  größere  Hülfe,  wo,
durch  der  römische  Bischof  Pabst  wurde,  als  Mönche  und
Inquisition!  «

Das  andere  Factum  ist:  die  Erscheinung  des
Pseudo-Isidor.  Damit  hängt  es  so  zusammen.  In  den
fränkischen  Staaten  waren  nach  der  Theilung  unter  den  Söhnen
Ludwigs  des  Milden  beständige  Händel  zwischen  Erzbischdfen
und  Bischèfen,  und  unter  den  Bischöfen  selbst.  Ein  Bischof,
der  Zutritt  bei  Hofe  hatte,  wollte  seinem  Erzbischofe  nicht
pariren.  Die  Händel,  die  da  schon  groß  waren,  wurden  viel
gröher,  wie  das  ausgebreitete  fränkische  Reich  in  mehrere  von
einander  unabhängige  Staaten  sich  theilte.  Ein  Bischof,  der
im  Reiche  eines  andern  Königs,  als  sein  Erzbischof  war,
wollte  diesem  nicht  gehorchen,  versichert,  daß  er  in  seinem  Ungehorsam
  geschützt  würde.  Die  Erczbischöfe  suchten  nacheinan,
der  sich  vorzudringen.  Der  im  Reiche  des  ältern  Bruders

Spittler's  sämmtliche  Werke,  IX.  Bd.  44