551

bestimmen..  Um  das  Ganze  der  Situation  zu  überschauen,
ist  noch  ndthig,  den  damaligen  Zustand  der  verschiedenen
  angesehensten  europäischen  Mächte  in's  Gedächtniß
  zurückzurufen.

Auf  dem  deutschen  Kaiserthrone  saß  Leopold,  ein
Prinz,  dem  zum  großen  Regenten  fast  Alles  fehlte,  nur  derunschätzbare
  Vortheil  nicht,  in  der  Wahl  seiner  Minister  und
Generale  besonders  gluͤcklich  zu  seyn.  Er  selbst  war  der  katholischen
  Religion  abergläubig  ergeben.  Die  evangelischen.
Unterthanen  seiner  Länder  empfanden  den  Druck  eines  solchen
Regenten;  selbst  das  deutsche  Reich,  wie  man  aus  der  Geschichte
  der  Ryswick'schen  Clausel  sieht,  litt  unter  seinem  katholischen
  Fürsten.  Es  war  bei  ihm  fast  eben  eine  solche  Zeit,
wie  bei  den  Ferdinanden,  daß  die  Beichtväter  Alles  am
Hofe  galten.  Ein  schöner  Wechsel  an  den  Beichtbater  adressirt,
  hob  bei  dem  kaiserlichen  Hofe  alle  Zweifel,  die  er  hätte
wegen  des  neuen  Königreichs  Preußen  bekommen  können.
Von  einem  solchen  Kaiser  hatte  der  Pabst  nicht  viel  zu  besorgen,
  wenn  selbst  das  politische  Interesse  sich  nichr  gar  zu
sehr  durchkreuzte.

Piel  anders  war  es  in  Frankreich.  Ludwig  XIV.
hatte  nebst  vielen  eigenen  großen  Talenten  dieß  fast  in  einem
noch  höhern  Grade  wie  Leopold,  den  glücklichen  Blick,  große
Minister  und  Generale  zu  finden.  Im  letzten  Viertel  des.
siebenzehnten  Jahrhunderts  hatte  er  oft  sehr  bitter  den  Pabst
seine  königliche  Macht  fühlen  lassen,  durch  öffentliche  feierliche.
Handlungen  den  Pabst  gedemüthigt,  und  das  Pabstthum  in.
seine,  Schranken  zurückgesetzt.  Aber  jetzt  war  er  schon  alt;
das  Gewissen  ward  ihm  oft  rege.  Nachdem  er  das  Register
alles  dessen,  was  ein  König  für  erlaubt  hält,  durchgemacht:
hatte,  so  fühlte  er  oft  die  Pein  des  Andenkens  an  die  zurückgelegten
  Jahre.  Selbst  die  alte  Maintenon  begünstigte