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Begierde  gelesen  und  verschlungen  ist,  als  gewiß  nicht  die
Bibel.  Es  besteht  aus  lauter  Seufzern  an  Jesum,  und  fast
immer  im  verliebten,  wenigstens  in  einem  unwürdigen,  sinnlichen
  Tone.  Aber  man  versetze  sich  in  ein  Zeitalter,  wo  man
gar  nichts  von  Religion  hatte  und  wußte,  wo  der  Predigerauf
  der  Kanzel  die  Entychianer  weitläufig  widerlegte,  obgleich
es  auf  deutschem  Boden  keine  gab;  wo  Religlon  und  Theologie
  sich  von  einander  geschieden  hatten;  —  in  einer  solchen
Zeit  mußte  man  begierig  noch  Büchern  der  Art  greifen.  Wem
es  um  Religion  zu  thun  war,  wem  daran  lag,  jenseits  des
Grabes  gläcklich  zu  werden,  der  las  bloß  solche  Böcher.  Selbst
Luther,  ehe  er  auf  die  Bibel  kam,  las  meist  lauter  mystische
Schriften.  Man  trank  lieber  aus  dem  trüben
Bache,  als  daß  man  völligen  Durst  litt.  Von  solchen
  Männern,  einem  Tauler,  Dionysius  dem  Karthäuser
  u.  s.  w.,  erwartete  die  Welt  eine  Revolution.  Daß
aber  Mystiker  gegen  eine  in  der  Kirche  herrschende
scholastische  Partei  nicht  würden  emporkommen
können,  ließ  sich  leicht,  nach  der  Analogie  der  Kirchengeschichte,
  voraussehen.  Denn

4)  alle  Mystiker,  besonders  die  Anhänger  der  großen
  Mystiker,  sind  zu  wenig  thätig,  geben  sich  bloß
mit  Seufzern,  frommen  Spekulationen,  dem  recht  behaglichen
stillen  und  süßen  Meditiren  ab.  Wer  gegen  eine  herrschende
scholastische  Partei  emporkommen  will,  muß  Stürmer  seyn.
Es  gehört  ein  so  heftiges  Temperament  dazu,  wie  Luther  es
hatte.  Wer  es  gefühlt  hat,  wie  süß  es  ist,  in  der  Stille  seinen
  Spekulationen  nachzuhängen,  an  der  Sphäre,  die  nicht  im
Schwunge  ist,  nicht  zu  drehen,  der  mengt  sich  gewiß  nicht
in's  Groge  der  Geschäfte.  ·  »

2)  Die  Mystik  ist  etwas  so  Periodisches,  wie
die  empfindsamen  Romane.  Alles,  was  sich  bloß  auf