544

Also  auch  diese  Hoffnung  wenigstens  einigermaßen  geschwächt,
  und  vollends  gan  z  vernichtet,  wenn.  man  bedenkt,
  2)  daß,  ehe  ein  halbes  Jahrhundert  nach  entdeckter
Buchdruckerkunst  verflossen  war,  der  Pabst  Leute  aufstellte,  deren
  Beruf  seyn  sollte,  über  diesen  gefährlichen  neuen  Strom
zu  wachen,  daß  er  aus  der  Geistlichkeit  Bücher-Censoren
bestellte.  Hier  konnte  die  Geisilichkeir  Bücher  in's  Publikum
bringen,  welchee  sie  wollte;  sie  saß  bei  der  Quelle,  woraus
  alle  Aufklärung  fließen  mußte.  Bechielt  aber  die  Geistlichkeit
  die  Aufsicht,  so  war  fürwahr  durch  das  herrliche
  Geschenk  der  Vorsehung  kein  besserer  Zustand
  zu  erwarten.

Doch  vielleicht  daher,  weil  so  viele  vortreffliche  Köpfe,
erst  Italiener,  dann  Franzosen,  auch  Deutsche,  anfingen  kla  s
sische  Literatur  zu  bearbeiten?  Der  menschliche
Verstand,  von  einer  Seite  aufgeklärt,  wirft  immer  auch
auf  seine  übrigen  Regionen  einiges  Licht.  Es
schien  unbegreiflich  zu  seyn,  daß  ein  Mann,  der  die  Schrift
der  großen  Griechen  und  Römer  las,  noch  die  Historien  seiner
  Maffen  glauben  konnte.  Die  Päbste,  nicht  aufmerksam
auf  ihr  Interesse,  befdrderten  diese  allgemeine  Aufklärung.
Wegen  der  Wirkung  also,  die  man  von  daher  hoffen  konnte,
wird  doch  nicht  auch  noch  Besorgniß  übrig  seyn?  —  Mit
größtem  Recht  hegt  man  doch  noch  ein  paar  wichtige.
Zweifel:

1)  Die  meisten  von  den  durch  die  klassische
Literatur  aufgeklärten  Köpfen  sind,  bei  dem  Zustande
  der  Religion,  wie  er  damals  war,  Atheisten  geworden,
  eigentlich  rechte  Heiden,  da  sie  nichts  als  Heiden
lasen.  Die  Religion,  wie  sie  damals  gegeben  wurde,  war
ein  Gewebe  von  Pfaffenbetrug  und  Irrthum.  Man  nahm
sich  nicht  die  Mühe  —  die  Furcht  vor  der  Geislichkeit  war