Zerfall des Fürstenbundes. 107 als ein Mittel zu bleibender Machterweiterung zu verwerthen wissen. Die Erledigung des Kaiserthrones stand nahe bevor, da Kaiser Joseph kränkelte; ein geheimer Artikel des Bundesvertrages verpflichtete die Ge— nossen des Fürstenbundes, das Ob und Wie (an und quomodo) der neuen Kaiserwahl nur nach gemeinsamem Einverständniß zu entscheiden. Preußen gebot über die Mehrheit im Kurfürstenrathe; soeben wurde die Coadjutorwahl in dem wichtigsten der geistlichen Staaten, in Kurmainz, zu Preußens Gunsten entschieden. Mindestens der Versuch mußte gewagt werden, die Politik des zweiten schlesischen Krieges unter ungleich glück— licheren Umständen zu erneuern, die todte Masse der deutschen Mittel— staaten unter Preußens Führung zu einer lebendigen Macht zu erheben. Noch einmal schien es möglich, die deutsche Krone auf ein deutsches Haus zu übertragen oder auch das Kaiserthum ganz zu beseitigen und die er— lauchte Republik deutscher Fürsten in bündischen Formen neu zu gestalten; einem siegreichen Preußen mußten die kleinen Genossen, wie ungern immer, gehorchen. Der leichtblütigen vertrauensvollen Natur des neuen Königs lagen die skeptischen Ansichten seines welterfahrenen Vorgängers fern. Schon als Prinz hatte er auf den Gedanken des Fürstenbundes glän- zende Hoffnungen gebaut; jetzt überließ er die Leitung seiner deutschen Politik eine Zeit lang den Händen Karl August's von Weimar. Kühne, großartige Reformpläne gährten in dem Kopfe dieses hoch- herzigen Patrioten; unermüdlich bereiste er die Höfe als der Curier des Fürstenbundes. Er sah in diesem Vertheidigungsbündniß eine dauernde Institution, den festen Kern einer neuen Reichsverfassung, dachte dem Bunde ein stehendes Heer und in Mainz einen großen Waffenplatz zu schaffen; ein Bundestag, nach Mainz berufen, sollte das Werk der Reichs- reform in Angriff nehmen, den Unwahrheiten des bestehenden Rechtes herzhaft zu Leibe gehen. Die Aussichten schienen günstig. Alle Klein- staaten Europas fühlten sich bedroht durch die abenteuerlichen Eroberungs- pläne der Hofburg und hofften auf Preußen als den Schirmer des Gleich- gewichts. In Piemont und der Schweiz wurde schon die Frage erwogen, ob man nicht dem Fürstenbunde beitreten und sich also gegen Oesterreich decken solle; als Belgien wider die Neuerungen Kaiser Joseph's die Waffen erhob, tauchte der Vorschlag auf, auch dies kaiserliche Kronland als einen selbständigen Staat in die Reichsassociation aufzunehmen. Unterdessen war Preußen noch einmal selbstbewußt als die Vormacht Mitteleuropas aufgetreten; Graf Hertzberg hatte den glücklichen Gedanken gefaßt, die von inneren Kämpfen erschütterte Republik der Niederlande der Herrschaft der Patriotenpartei — das will sagen: dem Einflusse Frank- reichs — zu entreißen. Die Truppen des Königs rückten in Holland ein, trieben in leichtem Siegeszuge die Schaaren der Patrioten auseinander, stellten das Ansehen des Hauses Oranien wieder her. Jetzt galt es den Sieg auszubeuten, dies blutsverwandte, durch Preußens Waffen wieder