200 I. 2. Revolution und Fremdherrschaft. die Erkenntniß gewonnen, daß unser Geschlecht nur durch die Kunst zur harmonischen Vollendung erzogen werde; nur in der Kunst sei der Mensch zugleich thätig und frei, nach außen wirksam und ganz bei sich selber. Damit war das innerste Herzensgeheimniß des Zeitalters kühnlich aus- gesprochen. Tausend jubelnde Stimmen antworteten dem weckenden Rufe: „fliehet aus dem engen dumpfen Leben in des Ideales Reich!“ und ver- kündeten die frohe Botschaft, daß der Künstler der vollkommene Mensch, daß alles Schöne gut und gut nur das Schöne sei. Zugleich ging der Dichter mit der Formlosigkeit seiner eigenen Jugendwerke streng, ja grau- sam in's Gericht und eroberte sich die lebendige Anschauung der antiken Formenreinheit. Erst durch Schiller ward Winckelmann's Werk vollendet; erst seit er in den Göttern Griechenlands die an der Freude leichtem Gängelbande regierten seligen Geschlechter des Alterthums in brennender Farbenpracht verherrlicht hatte, wurde die Sehnsucht nach der erhabenen Einfalt der Antike, der Cultus des classischen Ideals zum Gemeingute der gebildeten Deutschen. Wunderbar schnell lebte Schiller sich ein in diese Welt, die seiner Jugend so fremd gewesen, und fand mit genialer Sicherheit die treibende Kraft der alten Geschichte heraus, den letzten und höchsten Gedanken des Hellenenthums: „ist der Leib in Staub zerfallen, lebt der große Name nochl!“ Als die beiden großen Dichter sich verbündeten, da galt es zunächst, diesen neuen Idealismus in der Welt durchzusetzen und zu behaupten, die Afterweisheit der hausbackenen Moral, der platten Nützlichkeitslehren, der phantastischen Unklarheit hinauszufegen aus dem Tempel der deutschen Muse, freie Bahn zu schaffen für das wahrhaft Bedeutende und Schöpfe- rische, der Mittelmäßigkeit zu zeigen, daß die Kunst für sie keinen Raum bietet. Diesem Zwecke diente der Tenienstreit, ein Parteikampf großen Stiles, der mit aller seiner Grobheit und Gehässigkeit doch nothwendig war für die Entwickelung unseres nationalen Lebens; die Deutschen wußten wohl, daß hier um eine Lebensfrage ihrer Cultur gefochten wurde. Von dem thatenlustigen Freunde zu frischem Schaffen angeregt zeigte sich nun Goethe in immer neuen Wandlungen. Schönheitstrunken, heidnisch un- befangen wie ein rosenbekränzter Poet des Alterthums besang er in den römischen Elegien die Freuden des lieberwärmeten Lagers, und nur zu- weilen, wenn er den majestätischen Ausblick auf das ewige Rom eröffnete, ließ er die Leser errathen, daß der Gedankenreichthum eines die Jahr- hunderte überschauenden Geistes sich hinter der herzhaften Sinnlichkeit dieser lieblichen Verse verbarg. Bald darauf stand er wieder mitten in der deutschen Gegenwart und schilderte mit homerischer Einfalt die gesunde Kraft unserer Mittelstände, die schlichte Größe, die in der Kleinheit des befriedeten Hauses wohnt, und mahnte sein Volk, sich selber treu zu bleiben, in schwankender Zeit das Seine zu behaupten. Die warme treue Liebe zum Vaterlande, die aus Hermann und Dorothea sprach, machte