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        <title>Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden.</title>
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            <forname>Heinrich von</forname>
            <surname>Treitschke</surname>
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        </author>
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        Staatengeschichte

der  neuesten  Zeit.

 

Vierundzwanzigster  Band.

B.  v.  Treitschke
Deutsche  Geschichte  im  neunzehnten  Jahrhundert

Erster  Theil.

Siebente  Auflage.

Einundzwanzigstes  bis  vierundzwanzigstes  Tausend.

 

Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1904.
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        Deutsche  Geschichte

im

Neunzehnten  Jahrhundert

von

Heinrich  von  Treitschke.

Erster  Theil.

Bis  zum  zweiten  Pariser  Frieden.

Siebente  Auflage.

Einundzwanzigstes  bis  vierundzwanzigstes  Tausend.

—––

 

 

Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1904.
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        Das  Recht  der  Uebersetzung  ist  vorbehalten.
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        An  Max  Duncker.

Nehmen  Sie,  mein  verehrter  Freund,  die  Widmung  dieser  Blätter
als  ein  Zeichen  alter  Treue  freundlich  auf.  Sie  haben  mir  bei  den
langwierigen  Vorarbeiten  so  oft  Ihre  warme  Theilnahme  erwiesen;  es
thut  mir  wohl,  zuerst  vor  Ihnen  auszusprechen  was  ich  über  Anlage  und
Absicht  des  Buchs  den  Lesern  zu  sagen  habe.

Mein  Plan  war  ursprünglich,  nur  die  Geschichte  des  Deutschen
Bundes  zu  schreiben,  nach  einem  kurzen  Eingang  sofort  mit  den  Verhandlungen
  des  Wiener  Congresses  zu  beginnen.  Ich  erkannte  jedoch
bald,  daß  ein  nicht  ausschließlich  für  Gelehrte  bestimmtes  Buch  weiter
ausholen  muß.  Die  Schicksale  des  Deutschen  Bundes  bilden  nur  den
Abschluß  des  zweihundertjährigen  Kampfes  zwischen  dem  Hause  Oesterreich
  und  dem  neu  aufsteigenden  deutschen  Staate;  sie  bleiben  dem  Leser
unverständlich,  wenn  er  nicht  über  die  Anfänge  der  preußischen  Monarchie
und  den  Untergang  des  heiligen  Reiches  unterrichtet  ist.  Eine  allen  Gebildeten
  gemeinsame  nationale  Geschichtsüberlieferung  hat  sich  in  unserem
kaum  erst  wiedervereinigten  Volke  noch  nicht  entwickeln  können.  Jenes
einmüthige  Gefühl  froher  Dankbarkeit,  das  ältere  Nationen  ihren  politischen
  Helden  entgegenbringen,  hegen  wir  Deutschen  nur  für  die  großen
Namen  unserer  Kunst  und  Wissenschaft;  selbst  über  die  Frage,  welche
Thatsachen  in  dem  weiten  Wirrsal  unserer  neuen  Geschichte  die  wahrhaft
entscheidenden  waren,  gehen  die  Meinungen  noch  weit  auseinander.

Ich  entschloß  mich  daher  in  einem  einleitenden  Buche  kurz  zu  schildern,
  wie  sich  seit  dem  Westphälischen  Frieden  das  neue  Deutschland
        <pb n="6" />
        VI

gebildet  hat.  Einem  Kenner  brauche  ich  nicht  zu  sagen,  wie  schwer  es
ist  diesen  massenhaften  Stoff  in  gedrängter  Uebersicht  zusammenzufassen.
Der  unendlichen  Mannigfaltigkeit  und  Bedingtheit  des  historischen  Lebens
kann  nur  eine  tief  in  das  Einzelne  eindringende  Schilderung  ganz  Ge—
nüge  leisten.  Sie  werden  leicht  zwischen  den  Zeilen  lesen,  wie  oft  ich
in  einem  kurzen  Satze  meine  Meinung  über  eine  schwierige  Streitfrage
sagen,  wie  oft  ich  jedes  Wort  abwägen  mußte  um  bestimmt  zu  reden  ohne
Härte,  gerecht  ohne  Verschwommenheit.  Das  Unternehmen  war  um  so
gewagter,  da  wir  in  Häusser's  Deutscher  Geschichte  bereits  eine  umfassende
Darstellung  der  letzten  Jahrzehnte  des  heiligen  Reichs  besitzen,  ein  Buch,
das  bei  seinem  Erscheinen  wie  eine  politische  That  wirkte  und  für  immer
eine  Zierde  unserer  historischen  Literatur  bleiben  wird.  Aber  seit  dem
Tode  des  unvergeßlichen  Mannes  ist  unsere  Kenntniß  des  napoleonischen
Zeitalters,  nicht  zuletzt  durch  Ihre  Arbeiten,  wesentlich  erweitert  worden.
Auch  der  Standpunkt  des  historischen  Urtheils  hat  sich  verändert.  Wer
heute  durch  eine  Schilderung  jener  Epoche  das  Verständniß  der  Gegen—
wart  fördern  will,  muß  die  innere  Entwicklung  des  preußischen  Staates
und  die  großen  Wandlungen  des  geistigen  Lebens  in  den  Vordergrund
der  Erzählung  stellen.

In  dem  einleitenden  Buche  bin  ich  nicht  darauf  ausgegangen  neue
Thatsachen  mitzutheilen.  Ich  habe  mich  auch  nicht  gescheut,  zuweilen
Allbekanntes  zu  wiederholen;  denn  will  der  Historiker  immer  und  überall
neu  sein,  so  wird  er  nothwendig  unwahr.  Mein  Bestreben  war,  aus
dem  Gewirr  der  Ereignisse  die  wesentlichen  Gesichtspunkte  herauszuheben,
die  Männer  und  die  Institutionen,  die  Ideen  und  die  Schicksalswechsel,
welche  unser  neues  Volksthum  geschaffen  haben,  kräftig  hervortreten  zu
lassen.  Darum  sind  auch  die  inneren  Zustände  der  kleineren  deutschen
Staaten  nur  kurz  behandelt;  ich  denke  erst  im  zweiten  Bande,  bei  der
Schilderung  der  süddeutschen  Verfassungskämpfe,  mich  auf  diese  Verhältnisse
  näher  einzulassen.  Möchten  Sie  und  andere  nachsichtige  Richter
finden,  daß  diese  Uebersicht  einen  annähernd  richtigen  Begriff  giebt  von
den  großen  Gegensätzen,  welche  den  Staatsbau  unseres  Mittelalters  zerstörten
  und  den  Boden  ebneten  für  die  weltlichen  Staatsgebilde  des  neuen
Jahrhunderts.  Mehr  als  die  Umrisse  des  Bildes  konnte  ich  auf  so  engem
Raume  nicht  bieten.
        <pb n="7" />
        VII

Nach  dem  Untergange  des  alten  Reichs  wird  die  Darstellung  allmählich
  ausführlicher,  und  mit  den  Tagen  des  ersten  Pariser  Friedens  beginnt
  dann  die  eingehende  Geschichtserzählung,  die  ich  im  zweiten  Bande
zunächst  bis  zum  Jahre  1830  fortzuführen  hoffe.  Für  diesen  Zeitraum
habe  ich,  mit  Erlaubniß  des  Fürsten  Reichskanzlers  und  des  Freiherrn
von  Roggenbach,  die  Acten  des  Berliner  Geh.  Staatsarchivs  und  des
Auswärtigen  Ministeriums  in  Karlsruhe  benutzt.  Ich  kann  nicht  genug
danken  für  die  freisinnige  Bereitwilligkeit,  die  mir  von  der  hiesigen  Archivverwaltung,
  erst  unter  Ihrer,  dann  unter  H.  von  Sybel's  Leitung,  immer
bewiesen  wurde.  Ich  habe  dies  Vertrauen  nicht  mißbraucht,  weil  ich  es
nicht  mißbrauchen  konnte.  In  der  Geschichte  Preußens  ist  nichts  zu  bemänteln
  noch  zu  verschweigen.  Was  dieser  Staat  geirrt  und  gesündigt
hat  weiß  alle  Welt  schon  längst,  Dank  der  Mißgunst  aller  unserer  Nachbarn,
  Dank  der  Tadelsucht  unseres  eigenen  Volks;  ehrliche  Forschung
führt  in  den  meisten  Fällen  zu  der  Erkenntniß,  daß  seine  Staatskunst
selbst  in  ihren  schwachen  Zeiten  besser  war  als  ihr  Ruf.

Es  giebt  viele  Arten  Geschichte  zu  schreiben,  und  jede  ist  berechtigt
wenn  sie  nur  ihren  Stil  rein  und  streng  einhält.  Dies  Buch  will  einfach
erzählen  und  urtheilen.  Sollte  die  Darstellung  nicht  völlig  formlos  werden,
  so  durfte  ich  den  Lesern  nur  das  fertige  Ergebniß  der  Untersuchung
vorlegen  ohne  ihnen  das  Handwerkszeug  der  Forschung  aufzuweisen  oder
sie  mit  polemischen  Auseinandersetzungen  zu  belästigen.

Indem  ich  noch  einmal  zurückblicke  auf  die  anderthalb  Jahrhunderte,
welche  dieser  Band  zu  schildern  versucht,  empfinde  ich  wieder,  wie  so  oft
beim  Schreiben,  den  Reichthum  und  die  schlichte  Größe  unserer  vaterländischen
  Geschichte.  Kein  Volk  hat  besseren  Grund  als  wir,  das  Andenken
  seiner  hart  kämpfenden  Väter  in  Ehren  zu  halten,  und  kein  Volk,
leider,  erinnert  sich  so  selten,  durch  wie  viel  Blut  und  Thränen,  durch
wie  viel  Schweiß  des  Hirnes  und  der  Hände  ihm  der  Segen  seiner  Einheit
  geschaffen  wurde.  Sie,  lieber  Freund,  haben  schon  in  der  Paulskirche
den  Traum  vom  preußischen  Reiche  deutscher  Nation  geträumt  und  sind
im  Herzen  jünger  geblieben  als  Mancher  aus  dem  altklugen  Nachwuchs;
denn  Sie  wissen,  wie  erträglich  die  Sorgen  der  Gegenwart  erscheinen  neben
dem  Jammer  der  alten  kaiserlosen  Tage.  Sie  werden  mich  nicht  tadeln,
wenn  Ihnen  aus  der  gleichmäßigen  Ruhe  der  historischen  Rede  dann  und
        <pb n="8" />
        VIII

wann  ein  hellerer  Ton  entgegenklingt.  Der  Erzähler  deutscher  Geschichte
löst  seine  Aufgabe  nur  halb,  wenn  er  bloß  den  Zusammenhang  der  Ereignisse
  aufweist  und  mit  Freimuth  sein  Urtheil  sagt;  er  soll  auch  selber
fühlen  und  in  den  Herzen  seiner  Leser  zu  erwecken  wissen  was  viele  unserer
  Landsleute  über  dem  Zank  und  Verdruß  des  Augenblicks  heute  schon
wieder  verloren  haben:  die  Freude  am  Vaterlande.

Berlin  10.  Februar  1879.

Heinrich  v.  Treitschke.

Vorwort  zur  fünften  Auflage.

Obwohl  Max  Duncker  inzwischen  die  Augen  geschlossen  hat,  so  soll
doch  diese  Widmung  als  ein  Zeichen  dankbarer  Erinnerung  stehen  bleiben.
Bei  der  Durchsicht  des  Bandes  habe  ich  die  reiche  Literatur  der  jüngsten
Jahre  benutzt  und,  um  mir  ein  selbständiges  Urtheil  über  die  Anfänge
des  Befreiungskrieges  zu  bilden,  von  Neuem  archivalische  Forschungen
unternommen.  Die  dadurch  veranlaßten  Berichtigungen  und  Zusätze  sind
jedoch  nicht  sehr  umfangreich.

Berlin  25.  September  1894.
        <pb n="9" />
        1.

2.

3.

4.

Inhalt.

.W  —

Erstes  Buch.

Einleitung.  Der  Untergang  des  Reichs.

Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden  .
Die  Reichsverfassung  .
Der  preußische  Staat
Die  neue  Literatur  .  .  ..

Revolution  und  Fremdherrschaft

Der  Revolutionskrieg  bis  zum  Baseler  Frieden

—

Friedrich  Wilhelm  III.  Der  Nielchedeviitalions  hauptschiuh.  Die  Fie

Dichtung  .
Auflösung  des  Reichs.  Krieg  #von  1806  .
Preußens  Erhebung  ........
Stein.  Scharnhorst.  Das  neue  Deutschthum

Ministerium  Altenstein.  Krieg  von  1809

Rheinbündische  Zustände.  Hardenberg's  Verwaltung.  Russischer  Krieg

Der  Befreiungskrieg
Die  Vorbereitung
Frühjahrsfeldzug.  Vaffensillftand
Die  Zeit  der  Siege  .

EndederKrIegsze1t........
Befreiung  des  Westens.  Kriegspläne
Der  Winterfeldzug  ....
Friede  und  Heimkehr

Zweites  Buch.

Die  Anfänge  des  Deutschen  Bundes  1814—1819.

Der  Wiener  Congrtee
Charakter  des  Congresses.  Die  bersenen
Die  Gebietsverhandlungen.  .  .
Der  Deutsche  Bund

Belle  Alliane
Der  belgische  Feldzug
Der  zweite  Pariser  Friede

 

Seite

24
86

104
104

146
212

269
269
321
352

406
406
450

473

511
511
537
556

599
59P9
619
676

714
714
774
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        Erstes  Buch.

Einleitung.

Der  Untergang  des  Reichs.

 

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.
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        Erster  Abschnitt.

Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Die  deutsche  Nation  ist  trotz  ihrer  alten  Geschichte  das  jüngste  unter
den  großen  Völkern  Westeuropas.  Zweimal  ward  ihr  ein  Zeitalter  der
Jugend  beschieden,  zweimal  der  Kampf  um  die  Grundlagen  staatlicher
Macht  und  freier  Gesittung.  Sie  schuf  sich  vor  einem  Jahrtausend  das
stolzeste  Königthum  der  Germanen  und  mußte  acht  Jahrhunderte  nachher
den  Bau  ihres  Staates  auf  völlig  verändertem  Boden  von  Neuem  be—
ginnen,  um  erst  in  unsern  Tagen  als  geeinte  Macht  wieder  einzutreten
in  die  Reihe  der  Völker.

Sie  hatte  einst  in  überschwellendem  Thatendrang  die  Kaiserkrone  der
Christenheit  mit  der  ihren  verbunden,  ihr  Leben  ausgeschmückt  mit  allen
Reizen  ritterlicher  Kunst  und  Bildung,  Ungeheures  gewagt  und  geopfert
um  die  Führerschaft  des  Abendlandes  zu  behaupten.  In  den  weltum—
spannenden  Kämpfen  ihrer  großen  Kaiser  ging  die  Macht  der  deutschen
Monarchie  zu  Grunde.  Auf  den  Trümmern  des  alten  Königthums  erhebt
sich  sodann  eine  junge  Welt  territorialer  Gewalten:  geistliche  und  weltliche
Fürsten,  Reichsstädte,  Grafen  und  Ritter,  ein  formloses  Gewirr  unfertiger
Staatsgebilde,  voll  wunderbarer  Lebenskraft.  Mitten  im  Niedergange  der
kaiserlichen  Herrlichkeit  vollführen  die  Fürsten  Niedersachsens,  die  Ritter
des  deutschen  Ordens  und  die  Bürger  der  Hansa  mit  Schwert  und  Pflug
die  größte  Colonisation,  welche  die  Welt  seit  den  Tagen  der  Römer  ge—
sehen:  die  Lande  zwischen  Elbe  und  Memel  werden  erobert  und  besiedelt,
die  skandinavischen  und  die  slavischen  Völker  auf  Jahrhunderte  hinaus
deutschem  Handel,  deutscher  Bildung  unterworfen.  Aber  Fürsten  und
Adel,  Bürgerthum  und  Bauerschaften  gehen  jeder  seines  eigenen  Weges;
der  Haß  der  Stände  vereitelt  alle  Versuche,  diese  Ueberfülle  schöpferischer
Volkskräfte  politisch  zu  ordnen,  die  zerfallende  Staatseinheit  in  bündischen
Formen  wieder  aufzurichten.

Dann  hat  Martin  Luther  nochmals  begeisterte  Männer  aus  allen

Stämmen  des  zersplitterten  Volkes  zu  großem  Wirken  vereinigt.  Der
17
        <pb n="14" />
        4  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Ernst  des  deutschen  Gewissens  führte  die  verweltlichte  Kirche  zurück  zu
der  erhabenen  Einfalt  des  evangelischen  Christenthums;  deutschem  Geiste
entsprang  der  Gedanke  der  Befreiung  des  Staates  von  der  Herrschaft
der  Kirche.  Unser  Volk  erstieg  zum  zweiten  male  einen  Höhepunkt  seiner
Gesittung,  begann  schlicht  und  recht  die  verwegenste  Revolution  aller
Zeiten.  In  anderen  germanischen  Ländern  hat  der  Protestantismus
überall  die  nationale  Staatsgewalt  gestärkt,  die  Vielherrschaft  des  Mittelalters
  aufgehoben.  In  seinem  Geburtslande  vollendete  er  nur  die  Auflösung
  des  alten  Gemeinwesens.  Es  ward  entscheidend  für  alle  Zukunft
der  deutschen  Monarchie,  daß  ein  Fremdling  unsere  Krone  trug  während
jener  hoffnungsfrohen  Tage,  da  die  Nation  frohlockend  den  Wittenberger
Mönch  begrüßte  und,  bis  in  ihre  Tiefen  aufgeregt,  eine  Neugestaltung
des  Reiches  an  Haupt  und  Gliedern  erwartete.  Die  kaiserliche  Macht,
dermaleinst  der  Führer  der  Deutschen  im  Kampfe  wider  das  Papstthum,
versagte  sich  der  kirchlichen,  wie  der  politischen  Reform.  Das  Kaiserthum
der  Habsburger  ward  römisch,  führte  die  Völker  des  romanischen  Südeuropas
  in's  Feld  wider  die  deutschen  Ketzer  und  ist  fortan  bis  zu  seinem
ruhmlosen  Untergange  der  Feind  alles  deutschen  Wesens  geblieben.

Die  evangelische  Lehre  sucht  ihre  Zuflucht  bei  den  weltlichen  Landesherren.
  Als  Beschützer  des  deutschen  Glaubens  behaupten  und  bewähren
die  Territorialgewalten  das  Recht  ihres  Daseins.  Doch  die  Nation  vermag
  weder  ihrem  eigensten  Werke,  der  Reformation,  die  Alleinherrschaft
zu  bereiten  auf  deutschem  Boden,  noch  ihren  Staat  durch  die  weltlichen
Gedanken  der  neuen  Zeit  zu  verjüngen.  Ihr  Geist,  von  Alters  her  zu
überschwänglichem  Idealismus  geneigt,  wird  durch  die  tiefsinnige  neue
Theologie  den  Kämpfen  des  politischen  Lebens  ganz  entfremdet;  das  leidsame
Lutherthum  versteht  nicht  die  Gunst  der  Stunde  zu  befreiender  That  zu
benutzen.  Schimpflich  geschlagen  im  schmalkaldischen  Kriege  beugt  das
waffengewaltige  Deutschland  zum  ersten  male  seinen  Nacken  unter  das  Joch
der  Fremden.  Dann  rettet  die  wüste  Empörung  Moritz's  von  Sachsen
dem  deutschen  Protestantismus  das  Dasein  und  zerstört  die  hispanische
Herrschaft,  aber  auch  die  letzten  Bande  monarchischer  Ordnung,  welche
das  Reich  noch  zusammengehalten;  in  schrankenloser  Willkür  schaltet  fortan
die  Libertät  der  Reichsstände.  Nach  raschem  Wechsel  halber  Erfolge  und
halber  Niederlagen  schließen  die  ermüdeten  Parteien  den  vorzeitigen  Religionsfrieden
  von  Augsburg.  Es  folgen  die  häßlichsten  Zeiten  deutscher
Geschichte.  Das  Reich  scheidet  freiwillig  aus  dem  Kreise  der  großen
Mächte,  verzichtet  auf  jeden  Antheil  an  der  europäischen  Politik.  Unbeweglich
  und  doch  unversöhnt  lebt  die  ungestalte  Masse  katholischer,  lutherischer,
  calvinischer  Landschaften  durch  zwei  Menschenalter  träge  träumend
dahin,  während  dicht  an  unsern  Grenzen  die  Heere  des  katholischen  Weltreichs
  ihre  Schlachten  schlagen,  die  niederländischen  Ketzer  um  die  Freiheit
des  Glaubens  und  die  Herrschaft  der  Meere  kämpfen.
        <pb n="15" />
        Anfang  der  neuen  deutschen  Geschichte.  5

Da  endlich  bricht  der  letzte,  der  entscheidende  Krieg  des  Zeitalters
der  Glaubenskämpfe  über  das  Reich  herein.  Die  Heimath  des  Protestan—
tismus  wird  auch  sein  Schlachtfeld.  Sämmtliche  Mächte  Europas  greifen
ein  in  den  Krieg,  der  Auswurf  aller  Völker  haust  auf  deutscher  Erde.
In  einer  Zerstörung  ohne  Gleichen  geht  das  alte  Deutschland  zu  Grunde.
Die  einst  nach  der  Weltherrschaft  getrachtet,  werden  durch  die  unbarm—
herzige  Gerechtigkeit  der  Geschichte  dem  Ausland  unter  die  Füße  geworfen.
Rhein  und  Ems,  Elbe  und  Weser,  Oder  und  Weichsel,  alle  Zugänge  zum
Meere  sind  „fremder  Nationen  Gefangene“;  dazu  am  Oberrhein  die
Vorposten  der  französischen  Uebermacht,  im  Südosten  die  Herrschaft  der
Habsburger  und  der  Jesuiten.  Zwei  Drittel  der  Nation  hat  der  gräuel—
volle  Krieg  dahingerafft;  das  verwilderte  Geschlecht,  das  noch  in  Schmutz
und  Armuth  ein  gedrücktes  Leben  führt,  zeigt  nichts  mehr  von  der  alten
Großheit  des  deutschen  Charakters,  nichts  mehr  von  dem  freimüthig  hei—
teren  Heldenthum  der  Väter.  Der  Reichthum  einer  uralten  Gesittung,
was  nur  das  Dasein  ziert  und  adelt,  ist  verschwunden  und  vergessen  bis
herab  zu  den  Handwerksgeheimnissen  der  Zünfte.  Das  Volk,  das  einst
von  Chriemhild's  Rache  sang  und  sich  das  Herz  erhob  an  den  heldenhaften
Klängen  lutherischer  Lieder,  schmückt  jetzt  seine  verarmte  Sprache  mit
fremden  Flittern,  und  wer  noch  tief  zu  denken  vermag,  schreibt  französisch
oder  lateinisch.  Das  gesammte  Leben  der  Nation  liegt  haltlos  jedem
Einfluß  der  überlegenen  Cultur  des  Auslandes  geöffnet.  Auch  die  Erinnerung
  an  die  Hoheit  wundervoller  Jahrhunderte  geht  der  Masse  des
Volks  über  dem  Jammer  der  Schwedennoth,  über  den  kleinen  Sorgen
des  armseligen  Tages  verloren;  fremd  und  unheimlich  ragen  die  Zeugen
deutscher  Bürgerherrlichkeit,  die  alten  Dome  in  die  verwandelte  Welt.
Erst  anderthalb  Jahrhunderte  darauf  hat  die  Nation  durch  mühsame
gelehrte  Forschung  die  Schätze  ihrer  alten  Dichtung  wieder  aufgegraben,
erstaunend,  wie  reich  sie  einst  gewesen.  Kein  anderes  Volk  ward  jemals
so  gewaltsam  sich  selber  und  seinem  Alterthum  entfremdet;  sogar  das
heutige  Frankreich  ist  nicht  durch  eine  so  tiefe  Kluft  getrennt  von  den
Zeiten  seines  alten  Königthums.  —

Die  grauenhafte  Verwüstung  schien  den  Untergang  des  deutschen
Namens  anzukündigen,  und  sie  ward  der  Anfang  eines  neuen  Lebens.
In  jenen  Tagen  des  Elends,  um  die  Zeit  des  Westphälischen  Friedens
beginnt  unsere  neue  Geschichte.  Zwei  Mächte  sind  es,  an  denen  dies
versinkende  Volk  sich  wieder  aufgerichtet  hat,  um  seitdem  in  Staat  und
Wirthschaft,  in  Glauben,  Kunst  und  Wissen  sein  Leben  immer  reicher
und  voller  zu  gestalten:  die  Glaubensfreiheit  und  der  preußische  Staat.

Deutschland  hatte  durch  die  Leiden  und  Kämpfe  der  dreißig  Jahre
die  Zukunft  des  Protestantismus  für  den  gesammten  Welttheil  gesichert
und  zugleich  den  Charakter  seiner  eigenen  Cultur  unverrückbar  festgestellt.
Sein  äußerster  Süden  ragte  hinein  in  die  katholische  Welt  der  Romanen,
        <pb n="16" />
        6  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

seine  Nordmarken  berührten  das  harte  Lutherthum  Skandinaviens,  doch
seine  Kernlande  blieben  der  Sammelplatz  dreier  Bekenntnisse.  Die  deutsche
Nation  war  das  einzige  paritätische  unter  den  großen  Völkern  und  darum
gezwungen,  den  blutig  erkämpften  kirchlichen  Frieden  in  Staat  und  Ge—
sellschaft,  in  Haus  und  Schule  durch  die  Gewöhnung  jedes  neuen  Tages
zu  befestigen.  Vor  Zeiten,  da  die  römische  Kirche  noch  die  allgemeine
Kirche  war  und  die  Keime  des  Protestantismus  in  sich  umschloß,  hatte
sie  unser  Volk  für  die  Gesittung  erzogen,  seine  Kunst  und  Wissenschaft
reich  befruchtet.  Als  sie  diese  Mächte  der  Freiheit  ausstieß  und  gestützt
auf  die  romanischen  Völker  sich  umgestaltete  zu  einer  geschlossenen  kirch—
lichen  Partei,  da  gelang  ihr  zwar  durch  die  Herrscherkunst  des  Hauses
Habsburg  einen  Theil  des  deutschen  Reiches  zurückzuerobern;  dem  Ge—
müthe  unseres  Volkes  blieb  der  jesuitische  Glaube  immer  fremd.  Die
reichen  geistigen  Kräfte  der  neu-römischen  Kirche  entfalteten  sich  prächtig
in  ihren  romanischen  Heimathlanden;  in  diesem  feindlichen  deutschen
Boden,  in  diesem  Volke  geborener  Ketzer  wollten  sie  nicht  Wurzel  schlagen.
Hier  sang  kein  Tasso,  kein  Calderon,  hier  malte  kein  Rubens,  kein  Murillo.
Fast  Niemand  unter  den  faulen  Bäuchen  des  deutschen  Mönchthums  wett—
eiferte  mit  dem  Gelehrtenfleiße  der  ehrwürdigen  Väter  von  St.  Maur.
Die  Gesellschaft  Jesu  erzog  unter  den  Deutschen  viele  fromme  Priester
und  gewandte  Staatsmänner,  auch  manche  plumpe  Eiferer,  welche,  wie
Pater  Busenbaum,  mit  ungeschlachter  Germanenderbheit  der  Welt  das
Geheimniß  verriethen,  daß  der  Zweck  die  Mittel  heilige;  doch  ihre  ge—
sammte  Bildung  war  das  Werk  romanischer  Köpfe,  wie  die  sinnberauschen—
den  Formen  ihres  Cultus.  In  Deutschland  wirkte  der  neue  Katholicismus
nur  hemmend  und  verwüstend;  sein  geistiges  Vermögen  verhielt  sich  zu
der  Gedankenwelt  der  deutschen  Protestanten  wie  die  unfruchtbare  Scho—
lastik  unseres  ersten  Jesuiten  Canisius  zu  der  schlichten  Weisheit  der
Werke  Luther's.  Rom  wußte  es  wohl,  Deutschland  blieb  die  feste  Burg
der  Ketzerei,  trotz  aller  Massenbekehrungen  der  Gegenreformation.  Das
Mark  unseres  Geistes  war  protestantisch.

Die  theuer  erkaufte  kirchliche  Duldung  bereitete  die  Stätte  für  eine
maßvolle  Freiheit,  eine  besonnene  Verwegenheit  des  Denkens,  die  unter
der  Alleinherrschaft  einer  Kirche  niemals  gedeihen  kann.  Auf  solchem
Boden  erwuchs,  sobald  das  erschöpfte  Volk  wieder  geniale  Naturen  zu
ertragen  vermochte,  unsere  neue  Wissenschaft  und  Dichtung,  die  wirksamste
Literatur  der  neuen  Geschichte,  protestantisch  von  Grund  aus  und  doch
weltlich  frei  und  mild.  Sie  schenkte  der  verkümmerten  Nation  auf's  Neue
eine  mächtige  Sprache,  gab  ihr  die  Ideale  der  Humanität  und  den
Glauben  an  sich  selbst  zurück.  Also  sind  unserem  Volke  selbst  die  Nieder—
lagen  der  Reformation  zuletzt  zum  Segen  geworden.  Gezwungen,  alle
die  großen  Gegensätze  des  europäischen  Lebens  in  seinem  eigenen  Schooße
zu  beherbergen,  ward  Deutschland  fähig,  sie  alle  zu  verstehen  und  mit
        <pb n="17" />
        Die  Reichsverfassung.  7

der  Kraft  des  Gedankens  zu  beherrschen.  Seine  Seele  tönte  von  jedem
Athemzuge  der  Menschheit.  Seine  classische  Literatur  ward  vielseitiger,
kühner,  menschlich  freier,  als  die  früher  gereifte  Bildung  der  Nachbar—
völker.  Hundertundfünzig  Jahre  nach  dem  Untergange  der  alten  deutschen
Cultur  durfte  Hölderlin  das  neue  Deutschland  also  anreden:

O  heilig  Herz  der  Völker,  o  Vaterland!

Allduldend  gleich  der  schweigenden  Mutter  Erd'

Und  allverkannt,  wenn  schon  aus  deiner

Tiefe  die  Fremden  ihr  Bestes  haben.

Zugleich  erwachte  wieder  die  staatenbildende  Kraft  der  Nation.  Aus
dem  Durcheinander  verrotteter  Reichsformen  und  unfertiger  Territorien
hob  sich  der  junge  preußische  Staat  empor.  Von  ihm  ging  fortan  das
politische  Leben  Deutschlands  aus.  Wie  einst  fast  um  ein  Jahrtausend
zuvor  die  Krone  von  Wessex  alle  Königreiche  der  Angelsachsen  zum  Staate
von  England  vereinigte,  wie  das  Königthum  der  Franzosen  von  der  Isle
de  France  aus,  das  ganze  Mittelalter  hindurch,  die  Theilstaaten  der
Barone  und  Communen  eroberte  und  bändigte,  so  hat  die  Monarchie
der  brandenburgisch-preußischen  Marken  der  zerrissenen  deutschen  Nation
wieder  ein  Vaterland  geschaffen.  Das  harte  Ringen  um  die  Anfänge
der  Staatseinheit  gelingt  gemeinhin  nur  der  derben  bildsamen  Lebenskraft
  jugendlicher  Völker;  hier  aber  vollzog  es  sich  im  hellen  Mittagslichte
der  neuen  Zeit,  gegen  den  Widerstand  des  gesammten  Welttheils,  im
Kampfe  mit  den  legitimen  Gewalten  des  heiligen  Reichs  und  den  unzähligen
  durch  eine  alte  Geschichte  verhärteten  Gegensätzen  des  vielgestaltigen
deutschen  Lebens.  Es  war  die  schwerste  Einheitsbewegung,  die  Europa
erlebte,  und  nur  der  letzte,  volle,  durchschlagende  Erfolg  hat  endlich  die
widerwillige  Welt  gezwungen,  an  das  so  oft  aussichtslos  gescholtene  Werk
zu  glauben.  —

Von  Kaiser  und  Reich  konnte  die  Neugestaltung  des  deutschen  Staates
nicht  mehr  ausgehen.  Die  alte  längst  schon  brüchige  Reichsverfassung
wurde  seit  dem  Eindringen  des  Protestantismus  zu  einer  häßlichen  Lüge.
Die  letzten  Folgen  alles  großen  menschlichen  Thuns  bleiben  dem  Thäter
selber  verhüllt.  Wie  Martin  Luther,  da  er  von  der  Kirche  des  Mittelalters
  sich  löste,  ahnungslos  die  Bahn  brach  für  die  weltliche  Wissenschaft
unserer  Tage,  die  seinen  frommen  Sinn  empören  würde:  so  hat  er  auch,
indem  er  den  Staat  von  der  Vormundschaft  der  Kirche  befreite,  die
Wurzeln  jenes  römischen  Kaiserthums  untergraben,  das  er  als  treuer
Unterthan  verehrte.  Sobald  die  Mehrheit  der  Nation  der  evangelischen
Lehre  sich  zuwandte,  ward  die  theokratische  Kaiserwürde  ebenso  unhaltbar
wie  ihre  Stütze,  das  geistliche  Fürstenthum.  Der  gekrönte  Schirmvogt
und  die  Bischöfe  der  alten  Kirche  durften  nicht  herrschen  über  ketzerischem
Volke.  Darum  wurde  schon  in  den  ersten  Jahren  der  Reformation,  auf
dem  Reichstage  von  1525,  die  Forderung  laut,  daß  die  geistlichen  Gebiete
        <pb n="18" />
        8  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

heimgeramscht,  den  benachbarten  weltlichen  Fürsten  unterworfen  würden;
und  an  allen  großen  Wendepunkten  der  Reichspolitik  ist  der  nothwendige
Gedanke  der  Sercularisation  seitdem  regelmäßig  wieder  aufgetaucht,  denn
aus  ihm  sprach  die  Natur  der  Dinge.  Aber  das  unheilvolle  Gleichgewicht
  der  Kräfte  und  der  Gegenkräfte,  das  jede  Bewegung  des  Reiches
hemmte,  vereitelte  auch  diese  unabweisbare  Folge  der  Reformation.  Die
Mehrzahl  der  geistlichen  Fürsten  blieb  erhalten,  und  mit  ihnen  die  traumhaften
  Herrschaftsansprüche  der  Sacra  Caesarea  Majestas,  obschon  das
deutsche  Königthum,  das  diese  römische  Krone  trug,  längst  aller  Macht
entkleidet,  alle  Hoheitsrechte  der  alten  Monarchie  längst  übergegangen
waren  in  die  Hände  der  Landesherren.

Zwei  Drittel  des  deutschen  Volkes  außerhalb  der  kaiserlichen  Erblande
  bekannten  das  Evangelium,  desgleichen  alle  mächtigen  Fürstenhäuser
mit  Ausnahme  der  Wittelsbacher  und  der  Albertiner.  Das  amtliche
Deutschland  aber  blieb  katholisch.  Die  Altgläubigen  behaupteten  die
Mehrheit  im  Kurfürsten=  wie  im  Fürstenrathe,  und  das  Kaiserthum  bewahrte
  noch  immer  seinen  halb  priesterlichen  Charakter.  Der  Kaiser
wurde  durch  die  Krönung  „ein  Theilhaber  unseres  geistlichen  Amtes“,
gelobte  dem  Papste  und  der  Kirche  die  gebührenden  geistlichen  Ehren  zu
erweisen;  er  war  von  Amtswegen  Canonicus  mehrerer  katholischer  Stifter
und  empfing  darum  das  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt.  Es  ist  nicht
anders,  unter  dieser  römischen  Theokratie  konnte  die  Ketzerei  rechtlich
nicht  bestehen.  Die  erste  große  politische  That  der  deutschen  Lutheraner
war  jene  Protestation  von  Speyer,  die  dem  neuen  Glauben  den  Namen
gab;  sie  erklärte  rund  heraus,  die  Evangelischen  würden  der  Mehrheit
im  Reiche  sich  nicht  fügen.  Und  also  im  Kampfe  gegen  das  Reich,  wie
er  begonnen,  in  beständiger  Empörung  hat  sich  der  Protestantismus  auch
fürderhin  behauptet.  Er  erzwang  die  Religionsfriedensschlüsse,  dem  alten
Kaisereide  wie  dem  Grundgedanken  des  heiligen  Reichs  schnurstracks  zuwider,
  und  bildete  einen  Staat  im  Staate,  um  die  ertrotzte  Glaubensfreiheit
  gegen  die  Mehrheit  des  Reichstages  zu  sichern.  Das  Corpus
Evangelicorum  blieb  in  milderen  Formen  doch  ein  nicht  minder  anarchischer,
  staatswidriger  Nothbehelf,  als  die  Conföderationen  der  polnischen
Adelsrepublik.

Nur  ein  revolutionärer  Entschluß,  nur  die  Umwandlung  des  heiligen
Reichs  in  einen  Bund  weltlicher  Staaten  konnte  die  Nation  erretten
aus  solcher  Unwahrheit  ihres  politischen  Lebens;  nur  eine  nationale
Staatsgewalt,  die  ehrlich  ihr  weltliches  Wesen  eingestand,  konnte  den
Altgläubigen  wie  den  Evangelischen  auf  dem  Boden  des  Gesetzes  gerecht
werden.  Schon  den  beiden  größten  Publicisten  unseres  siebzehnten  Jahrhunderts
  drängte  sich  diese  Ueberzeugung  auf:  der  Wortführer  der  schwedischen
  Partei,  Hippolithus  a  Lapide  predigte  mit  heißer  Leidenschaft  den
Vernichtungskrieg  wider  das  Kaiserthum;  der  besonnenere  Samuel
        <pb n="19" />
        Das  Kaiserthum.  9

Pufendorf  sah  das  Reich  „sicher  wie  einen  rollenden  Stein“  der  Um—
gestaltung  in  einen  Staatenbund  entgegeneilen.  Auch  das  amtliche
Deutschland  empfand  dunkel,  wie  sinnlos  die  alten  Formen  in  der  neuen
Zeit  geworden.  Die  Religionsfriedensschlüsse  gaben  sich  selber  nur  für
Waffenstillstände,  vertrösteten  die  Nation  auf  bessere  Zeiten,  da  „durch
Gottes  Gnade  eine  Vereinigung  in  Glaubenssachen  zu  Stande  kommen
wird".  Der  Westphälische  Friede  beauftragte  den  nächsten  Reichstag,
durch  eine  umfassende  Verfassungsrevision  die  neu  errungene  Macht  der
Reichsstände  in  Einklang  zu  bringen  mit  den  alten  Rechten  der  Kaiserkrone.
  Doch  das  Haus  Oesterreich  verhinderte  auch  diesmal  den  Versuch
  der  Reform.  Die  Reichsversammlung  von  1654  ging  unverrichteter
Dinge  auseinander,  und  da  der  folgende  Reichstag  durch  anderthalb
Jahrhunderte  zu  Regensburg  tagte,  ohne  seine  wichtigste  Aufgabe  jemals
in  Angriff  zu  nehmen,  so  blieb  der  deutsche  Staat  in  Wahrheit  verfassungslos.
  In  seinem  öffentlichen  Rechte  lagen  die  Trümmerstücke
dreier  grundverschiedener  Staatsformen  wirr  und  unverbunden  neben
einander:  die  schattenhaften  Ueberbleibsel  der  alten  monarchischen  Einheit,
die  verkümmerten  Anfänge  einer  neuen  staatenbündischen  Ordnung,  endlich,
  lebendiger  als  Beide,  der  Particularismus  der  territorialen  Staatsgewalten.


Das  Kaiserthum  hielt  in  allem  Wandel  der  Zeit  die  alten  Ansprüche
  monarchischer  Machtvollkommenheit  fest  und  gestattete  niemals,
daß  ein  Reichsgesetz  ihm  den  Umfang  seiner  Rechte  fest  begrenzte.  Der
kaiserliche  Oberlehnsherr  empfing  noch  immer  sitzend,  mit  bedecktem  Haupte
die  Huldigung  seiner  knieenden  Unterthanen,  der  Reichsstände;  er  übte,
soweit  sein  Arm  reichte,  die  Gerichtsbarkeit  durch  seinen  Reichshofrath,
als  sei  er  wirklich  noch  der  höchste  Richter  über  Eigen  und  Lehen  und
über  jeglichen  Mannes  Leib,  wie  einst  in  den  Tagen  des  Sachsenspiegels.
Noch  immer  schwenkte  der  Herold  bei  der  Krönung  das  Kaiserschwert  nach
allen  vier  Winden,  weil  die  weite  Christenheit  dem  Doppeladler  gehorche;
noch  sprach  das  Reichsrecht  mit  feierlichem  Ernst  von  den  Lehen  des
Reichs,  die  auf  den  Felsterrassen  der  Riviera  von  Genua  und  tief  in
Toscana  hinein  lagen;  noch  bestanden  die  drei  Reichskanzlerämter  für
Germanien,  Italien  und  Arelat;  Nomeny  und  Bisanz  und  so  viele  andere,
längst  den  Fremden  preisgegebene  Stände  wurden  noch  auf  den  Reichstagen
  zur  Abstimmung  aufgerufen;  der  Herzog  von  Savoyen  galt  als
Reichsvicar  in  Wälschland,  und  Niemand  wußte  zu  sagen,  wo  des  heiligen
  Reiches  Grenzpfähle  standen.  Dem  Dichterauge  des  jungen  Goethe
wurde  in  dem  altfränkischen  Schaugepränge  der  Kaiserkrönung  die  farbenreiche
  Herrlichkeit  des  alten  Reiches  wieder  lebendig;  wer  aber  mit  dem
nüchternen  Sinne  des  Weltmannes  zuschaute,  gleich  dem  Ritter  Lang,
dem  erschien  dies  Kaiserthum  der  verblaßten  Erinnerungen  und  der  grenzenlosen
  Ansprüche  als  ein  fratzenhafter  Mummenschanz,  ebenso  lächerlich
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        10  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

und  abgeschmackt,  wie  das  Schwert  Karl's  des  Großen,  das  den  böhmischen
Löwen  auf  der  Klinge  trug,  oder  wie  die  Chorknaben  von  St.  Bartholomäi,
die  durch  ihr  hellstimmiges  fiat!  vom  hohen  Chor  herab  im  Namen  der
deutschen  Nation  die  Erwählung  des  Weltherrschers  genehmigten.

Die  Umbildung  des  altgermanischen  Wahlkönigthums  zur  erblichen
Monarchie  hat  den  meisten  Völkern  Westeuropas  die  Staatseinheit  gesichert.
  Deutschland  aber  blieb  ein  Wahlreich,  und  die  dreihundertjährige
  Verbindung  seiner  Krone  mit  dem  Hause  Oesterreich  erweckte  nur
neue  Kräfte  des  Zerfalles  und  des  Unfriedens,  denn  das  Kaiserthum  der
Habsburger  war  unserem  Volke  eine  Fremdherrschaft.  Abgetrennt  von
der  Mitte  Deutschlands  durch  das  starke  Slavenreich  in  Böhmen,  hatte
die  alte  deutsche  Südostmark  schon  früh  im  Mittelalter  ihres  eigenen
Weges  gehen  und  sich  einleben  müssen  in  die  verschlungene  Politik  des
ungarisch-slavisch=  walachischen  Völkergemisches  der  unteren  Donaulande.
Sie  wurde  sodann  durch  das  Haus  Habsburg  zum  Kernlande  eines
mächtigen  vielsprachigen  Reiches  erhoben,  durch  falsche  und  echte  Privilegien
  aller  ernstlichen  Pflichten  gegen  das  deutsche  Reich  entbunden  und
erlangte  bereits  im  sechzehnten  Jahrhundert  eine  so  wohlgesicherte
Selbständigkeit,  daß  die  Habsburger  sich  mit  dem  Plane  tragen  konnten
ihre  deutschen  Erblande  zu  einem  Königreich  Oesterreich  zu  vereinigen.
Mitten  im  Gewimmel  fremden  Volksthums  bewahrten  die  tapferen
Stämme  der  Alpen  und  des  Donauthales  getreulich  ihre  deutsche  Art;
sie  nahmen  mit  ihrer  frischen  herzhaften  Sinnlichkeit  rühmlich  Theil  an
dem  geistigen  Schaffen  unseres  Mittelalters.  An  dem  lebensfrohen
Hofe  der  Babenberger  blühte  die  ritterliche  Kunst;  der  größte  Dichter
unserer  Staufertage  war  ein  Sohn  der  Tyroler  Alpen;  die  prächtigen
Hallen  von  St.  Stephan  und  St.  Marien  am  Stiegen  erzählten  von
dem  Stolze  und  dem  Kunstfleiß  des  deutschen  Bürgerthums  in  Niederösterreich.
  Alsdann  wandte  sich  auch  hier  der  deutsche  Geist  in  freudigem
Erwachen  der  evangelischen  Lehre  zu;  in  Böhmen  wurde  das  Hussitenthum
wieder  lebendig,  und  am  Ausgang  des  Jahrhunderts  der  Reformation
war  der  größte  Theil  der  deutsch-österreichischen  Kronländer  dem  Glauben
unseres  Volkes  gewonnen.  Da  führte  der  Glaubenseifer  des  Kaiserhauses
alle  Schrecken  des  Völkermordes  über  Oesterreich  herauf.  Unter  blutigen
Gräueln  ward  die  Herrschaft  der  römischen  Kirche  durch  die  kaiserlichen
Seligmacher  wieder  aufgerichtet.  Was  deutschen  Sinnes  war  und  dem
fremden  Joche  sich  nicht  beugte,  Hunderttausende  der  Besten  vom  böhmischen
  Volke  fanden  eine  neue  Heimath  in  den  Landen  der  evangelischen
Reichsfürsten.  Die  daheim  geblieben,  verloren  in  der  Schule  der  Jesuiten
die  Lebenskraft  des  deutschen  Geistes:  den  Muth  des  Gewissens,  den
sittlichen  Idealismus.  Kirchlicher  Druck  zerstört  die  tiefsten  Wurzeln  des.
Volkslebens.  Der  helle  Frohmuth  des  österreichischen  Deutschthums  verflachte
  in  gedankenloser  Genußsucht,  das  leichtlebige  Volk  gewöhnte  sich
        <pb n="21" />
        Oesterreich  und  die  Gegenreformation.  11

rasch  an  die  verlogene  Gemüthlichkeit  einer  pfäffischen  Regierung,  die  ihre
kalte  Menschenverachtung  hinter  läßlich  bequemen  Formen  zu  verbergen
wußte.

Der  Westphälische  Friede  gab  diesem  letzten  großen  Siege  der  Gegen—
reformation  die  gesetzliche  Weihe.  Der  Kaiser  genehmigte  die  Gleich—
berechtigung  der  drei  Bekenntnisse  im  Reiche  nur  unter  der  Bedingung,
daß  seine  Erblande  der  Regel  nicht  unterliegen  sollten.  Seitdem  schied
Oesterreich  aus  der  Gemeinschaft  des  deutschen  Lebens.  Das  Einzige,
was  der  zerrütteten  Reichsverfassung  noch  Sinn  und  Inhalt  gab,  die
gesicherte  Glaubensfreiheit,  war  für  die  habsburgischen  Länder  nicht  vor—
handen;  zur  selben  Zeit,  da  Deutschland  in  prunkenden  Friedensfesten
sich  der  endlich  errungenen  Versöhnung  freute,  ließ  sein  Kaiser  die  päpst—
liche  Bulle,  welche  den  Friedensschluß  verdammte,  in  Wien  und  Prag,
in  Graz  und  Innsbruck  an  die  Kirchthüren  anschlagen.  Auch  nach  dem
Frieden  arbeitet  das  Kaiserhaus  unablässig  an  der  Ausrottung  der  Ketzerei.
Noch  an  hundert  Jahre  lang,  bis  zum  Tode  Karl's  VI.,  fluthet  in  immer
kürzeren  Wellenschlägen  die  Auswanderung  österreichischer  Protestanten
nach  dem  deutschen  Norden  hinüber,  bis  endlich  alle  Erblande  den  Todes—
schlaf  der  Glaubenseinheit  schlummern.  Zu  Anfang  des  dreißigjährigen
Krieges  bekannte  sich  die  böhmische  Grafschaft  Glatz,  bis  auf  eine  einzige
römische  Gemeinde,  zum  evangelischen  Glauben;  als  die  Grenadiere  König
Friedrich's  dort  einzogen,  war  das  Volk  katholisch  bis  auf  den  letzten
Mann,  und  mitten  in  dem  neubekehrten  Lande  prangte  die  gnadenreiche
Wallfahrtskirche  von  Albendorf,  ein  Siegesdenkmal  für  die  Schlacht  am
weißen  Berge.  Den  katholischen  Nachbarn  in  Baiern  verfeindet  durch
Stammeshaß  und  uralte  politische  Gegnerschaft,  argwöhnisch  abgesperrt
von  jeder  Berührung  der  norddeutschen  Ketzerei,  führen  die  deutsch-österreichischen
  Länder  fortan  ein  stilles  Sonderleben.  Der  Verkehr  zwischen
Böhmen  und  der  unteren  Elbe,  im  Mittelalter  so  schwunghaft,  daß  Kaiser
Karl  IV.  hoffen  durfte,  ein  großes  Elbreich  von  Prag  bis  Tangermünde
aufzurichten  —  alle  die  alten  fruchtbaren  Wechselwirkungen  zwischen  dem
Nordosten  und  dem  Südosten  Deutschlands  verfallen  gänzlich,  und  an
der  sächsisch--böhmischen  Grenze  bildet  sich  allmählich  eine  scharfe  Völkerscheide,
  ein  grundtiefer  Gegensatz  der  Gedanken  und  Lebensgewohnheiten.
Von  den  seelenvollen  Klängen  der  wiedererwachenden  deutschen  Dichtung,
von  den  freien  Reden  unserer  jungen  Wissenschaft  drang  kaum  ein  Laut
in  diese  abgeschiedene  Welt.  Während  die  deutsche  Jugend  um  die  Leiden
des  jungen  Werther  weinte  und  mit  dem  Räuber  Moor  auf  die  Thatenarmuth
  des  tintenklecksenden  Seculums  zürnte,  ergötzte  sich  das  lustige
Wien  an  den  platten  Zerrbildern  der  Blumauerschen  Aeneide.  Allein  die
Werke  der  großen  Tonsetzer  Oesterreichs  bekundeten,  daß  die  schöpferische
Macht  des  deutschen  Geistes  noch  nicht  ganz  verloschen  war  in  der  schönen
Heimath  Walther's  von  der  Vogelweide.  Erst  im  neunzehnten  Jahr-
        <pb n="22" />
        12  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

hundert  sollte  das  zertretene  Deutschthum  der  Südostmarken  wieder  die
Kraft  finden  allen  Arbeiten  der  modernen  deutschen  Cultur  mit  lebendigem
  Verständniß  zu  folgen.

Dergestalt  hat  die  Politik  der  katholischen  Glaubenseinheit  die  Donaulande
  auf  lange  hinaus  unserem  Volke  entfremdet.  Sie  zerspaltete  das
alte  Reich,  sie  schuf  den  vielbeklagten  deutschen  Dualismus;  so  lange  die
Deutschen  sich  nicht  selber  aufgaben,  durften  sie  auch  den  Widerstand
gegen  die  Fremdherrschaft  der  Habsburger  nicht  aufgeben.  Das  Haus
Oesterreich  war  im  Verlaufe  der  Jahrhunderte  mit  der  römischen  Kaiserkrone
  so  fest  verwachsen,  daß  die  Volksmeinung  beide  kaum  noch  zu
trennen  wußte;  der  einzige  Nicht-Oesterreicher,  der  während  dieser  letzten
Jahrhunderte  den  deutschen  Thron  bestieg,  Karl  VII.,  erschien  den  Zeitgenossen
  wie  ein  Gegenkaiser.  Eine  tiefe  innere  Verwandtschaft  verband
das  entdeutschte  Kaiserthum  mit  seinem  alten  Gegner,  dem  heiligen  Stuhle.
Die  Wiener  Politik  zeigt  wie  die  römische  jenen  Charakterzug  heuchlerischer
Salbung,  welcher  die  Theokratie  zur  unsittlichsten  aller  Staatsformen
macht.  In  Wien  wie  in  Rom  die  gleiche  Unfähigkeit,  das  Recht  des
Gegners  zu  verstehen.  Alle  Habsburger,  die  heitere  Liebenswürdigkeit
Maria  Theresia's  so  gut  wie  der  stumpfsinnige  Hochmuth  Leopold's  I.,
ertragen  die  Schläge  des  Schicksals  in  dem  zuversichtlichen  Glauben,  daß
ihr  Haus  dem  Herzen  Gottes  am  nächsten  stehe,  und  nur  böse,  gottlose
Menschen  das  fromme  Erzhaus  zu  bekämpfen  wagen.  Hier  wie  dort  dieselbe
  starre  Unbeweglichkeit  in  allen  Stürmen  der  Jahrhunderte:  jeder
schmähliche  Friede,  den  die  lebendigen  Mächte  der  Geschichte  dem  alten
Kaiserhause  auferlegen,  wird  von  den  Habsburgern  unterzeichnet  mit  dem
stillen  Vorbehalt,  daß  zur  rechten  Stunde  die  unveräußerlichen  Rechte
kaiserlicher  Vollgewalt  wieder  in  Kraft  treten  sollen.  Hier  wie  dort  dieselbe
  Dreistigkeit  theokratischer  Mythenbildung  und  Rechtsverdrehung.
Indem  Maria  Theresia  sich  wider  den  rechtmäßigen  Kaiser  Karl  VII.
empört,  trägt  sie  selber  die  sittliche  Entrüstung  der  beleidigten  kaiserlichen
Majestät  zur  Schau;  als  König  Friedrich  sodann  ihrem  drohenden  Angriffe
  zuvor  kommt,  da  schwingt  ihr  Gemahl,  der  als  schlichter  Privatmann
an  ihrem  Hofe  lebt,  das  kaiserliche  Scepter  und  verurtheilt  den  Feind
der  Königin  von  Ungarn  als  Rebellen  gegen  Kaiser  und  Reich;  unbefangen,
  als  verstände  sich's  von  selber,  nimmt  nachher  das  kleine  Haus
Lothringen  alle  die  herrischen  Ansprüche  des  alten  Kaisergeschlechtes  wieder
auf,  und  wie  die  Päpste  von  dem  Throne  des  Apostelfürsten  fabeln,  so
gebärden  sich  die  Lothringer,  als  seien  die  Habsburger  niemals  ausgestorben.
  In  Wien  wie  in  Rom  derselbe  hoffärtig  träge  Kaltsinn  gegen
das  Wohl  des  eigenen  Volkes:  sobald  die  Glaubenseinheit  fest  begründet
und  der  schweigende  Gehorsam  der  Unterthanen  gesichert  ist,  wird  die
gesammte  Macht  Oesterreichs  nach  außen  gewendet.  Alles  Leben  des
Staates  geht  in  der  europäischen  Politik  auf,  im  Innern  wird  gar  nicht
        <pb n="23" />
        Das  neue  Oesterreich.  13

regiert,  die  alte  ständische  Verwaltung  schleppt  sich  gemächlich  dahin  in
ihren  verlebten  Formen.  Niemand  denkt  an  die  Ausbildung  einer  ge—
ordneten  Regierungsgewalt,  an  die  Pflege  des  Wohlstandes  und  der
Bildung,  an  alle  jene  unscheinbar  großen  Aufgaben  der  inneren  Politik,
welche  einem  gesunden  weltlichen  Staate  den  besten  Inhalt  des  Lebens
bilden.  Jahrhunderte  lang  hat  die  Geschichte  Oesterreichs  neben  zahl—
reichen  fähigen  Feldherren  und  Diplomaten  kein  einziges  Talent  der  Ver—
waltung  aufzuweisen.  Erst  unter  Maria  Theresia  entsinnt  sich  die  Krone
wieder  der  nächsten  Pflichten  der  Monarchie.

Indessen  zeigte  jene  staatenbildende  Kraft  der  neuen  Geschichte,  die
überall  zur  festen  Abrundung  der  Staatsgebiete  drängte,  auch  in  dem
bunten  Ländergemisch  der  habsburg-burgundischen  Erbschaft  ihre  Wirk—
samkeit.  Unter  Leopold  I.  wird  Ungarn  erobert,  die  Stephanskrone  erb—
lich  dem  Hause  Oesterreich  übertragen.  Damit  beginnt  die  Geschichte  der
neuen  österreichischen  Großmacht,  wie  gleichzeitig  mit  dem  Großen  Kur—
fürsten  die  neue  deutsche  Geschichte.  Der  Hausbesitz  der  Habsburger  wird
zur  geographischen  Einheit;  das  Donaureich  findet  den  Schwerpunkt  seiner
militärischen  Macht  in  Ungarns  kriegerischen  Völkern.  Starke  wirthschaftliche
  und  politische  Interessen  verbinden  fortan  die  deutschen  Erblande
  mit  dem  Völkergewimmel  jener  subgermanischen  Welt,  wo  das
Deutschthum  nur  mühsam  ein  geistiges  Uebergewicht  behauptet;  im  Verlaufe
  der  langen  ruhmvollen  Türkenkriege  entsteht  unter  den  deutschen,
ungarischen  und  slavischen  Kampfgenossen  ein  Bewußtsein  der  Gemeinschaft.
Durch  die  Eroberung  Ungarns  wurde  vollendet,  was  die  Politik  der
Gegenreformation  begonnen  hatte:  die  Trennung  Oesterreichs  von  Deutschland.
  So  lange  die  Paschas  der  Osmanen  auf  der  Königsburg  von
Ofen  hausten,  führte  Oesterreich  den  Markmannenkrieg  für  die  deutsche
Gesittung  gegen  die  Barbarei  des  Ostens;  nur  mit  Deutschlands  Hilfe,
durch  das  gute  Schwert  der  Märker,  der  Sachsen,  der  Baiern  gelang
die  Vertreibung  der  Türken  aus  Ungarn.  Seit  die  Pforte  in  Schwäche
versank,  zerriß  auch  dies  letzte  Band  gemeinsamer  Gefahr,  das  unsere
Nation  noch  an  das  Kaiserthum  gekettet  hatte.  Deutschland  und  Oesterreich
  waren  nunmehr  zwei  selbständige  Reiche,  allein  durch  die  Formen
des  Staatsrechts  künstlich  verbunden;  die  Zerstörung  dieser  unwahren
Formen  blieb  für  lange  Jahrzehnte  die  große  Aufgabe  der  deutschen  Geschichte.


Schritt  für  Schritt  befestigte  sich  seitdem  die  Staatseinheit  des  neuen
Oesterreichs.  Die  Pragmatische  Sanction  verkündete  die  Untheilbarkeit
des  kaiserlichen  Hausbesitzes.  Darauf  gab  der  größte  Herrscher  des  Habsburgerstammes
  den  Erblanden,  die  bisher  nur  durch  das  Kaiserhaus,  den
Clerus,  den  Adel  und  das  Heer  verbunden  gewesen,  eine  nothdürftige
gemeinsame  Verfassung.  Maria  Theresia  begründete  das  System  des
österreichisch-ungarischen  Dualismus.  Sie  stellte  die  böhmisch-österreichische
        <pb n="24" />
        14  J.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Hofkanzlei  als  höchste  Behörde  über  die  Kronländer  diesseits  der  Leitha,
während  die  Lande  der  Stephanskrone  in  ihrem  althistorischen  staatsrechtlichen
  Verbande  blieben.  Also  ward  mit  sicherem  Griffe  die  Form
gebildet,  welche  allein  dies  an  Gegensätzen  überreiche  Ländergewirr  zusammenhalten
  konnte;  nach  mannigfachen  vergeblichen  Anläufen  zum
Einheitsstaate  wie  zum  Staatenbunde  ist  die  Monarchie  seitdem  immer
wieder  zu  den  Gedanken  der  Kaiserin  zurückgekehrt.  Auch  die  Noth  und
der  Ruhm  der  theresianischen  Tage  kräftigten  den  Bestand  des  Staates;
durch  acht  schwere  Kriegsjahre  behauptete  die  stolze  Habsburgerin,  beharrlich
  unterstützt  von  ihren  treuen  Völkern,  das  Erbe  ihres  Hauses
gegen  eine  mächtige  Coalition;  und  wie  leuchtend  auch  während  des  siebenjährigen
  Krieges  das  Gestirn  König  Friedrich's  emporstieg,  die  Besiegten
selber  zur  Bewunderung  zwingend,  das  kaiserliche  Heer  trug  doch  die
Kränze  von  Kollin  und  Hochkirch,  freute  sich  der  Heldengröße  seines  Loudon,
ging  mit  berechtigtem  Selbstgefühl  aus  dem  gewaltigen  Kampfe  hervor.
Lange  bevor  es  ein  Kaiserthum  Oesterreich  gab,  redete  der  allgemeine
Sprachgebrauch  Europas  schon  von  dem  österreichischen  Staate  und  Heere.

Der  Besitz  der  Stephanskrone  gewährte  dem  Kaiserhause  die  Möglichkeit,
  in  der  europäischen  Politik  eine  feste  Richtung  folgerecht  einzuhalten.
  Der  Eroberer  Ungarns,  Eugen  von  Savoyen,  wies  dem  Staate
die  verheißende  Bahn  nach  dem  Schwarzen  Meere;  vorzudringen  bis  zu
den  Mündungen  des  Stromes  und  die  slavisch-walachischen  Völker  auf
beiden  Ufern  einer  überlegenen  Gesittung  zu  unterwerfen,  dies  schien
fortan  der  natürliche  Beruf  des  Donaureiches.  Darum  galt  das  entlegene
  Belgien,  das  den  Staat  beständig  in  die  Händel  Westeuropas  zu
verwickeln  drohte,  bald  als  eine  unbequeme  Last;  schon  zur  Zeit  der
schlesischen  Kriege  begannen  die  seitdem  beharrlich  wiederkehrenden  Versuche,
  den  unhaltbaren  Außenposten  gegen  ein  näher  gelegenes  Gebiet
auszutauschen.  Gleichwohl  lernte  das  Kaiserhaus  niemals,  in  weiser
Selbstbeschränkung  die  gesammelte  Kraft  des  Staates  gegen  den  Südosten
zu  wenden.  Eine  nationale  Politik  war  in  diesem  Reiche  der  Völkertrümmer
  ohnehin  unmöglich;  zu  keiner  Zeit  und  am  wenigsten  in  jener
Epoche  des  Absolutismus  hat  die  öffentliche  Meinung  auf  Oesterreichs
diplomatische  Haltung  irgend  welchen  Einfluß  ausgeübt.  Die  europäische
Stellung  des  Staates  ward  jederzeit  allein  durch  das  persönliche  Belieben
  seiner  Herrscher  bestimmt.  Die  Macht  des  Hauses  war  einst
gegründet  worden  durch  eine  schlaue  und  kühne  Familienpolitik,  die
planlos  begehrlich  nach  allen  Seiten  hin  um  sich  griff,  ohne  nach  der
Weltstellung  und  Eigenart  der  unterworfenen  Länder  zu  fragen.  Die
Gedanken  dieser  dynastischen  Staatskunst  und  die  glänzenden  Erinnerungen
kaiserlicher  Weltherrschaft  bleiben  auch  in  dem  neuen  Donaureiche  noch
lange  lebendig.  Die  Hofburg  hält  ihre  Herrscherstellung  im  deutschen
Reiche  beharrlich  fest;  sie  versucht  zugleich,  durch  die  Eroberung  Baierns
        <pb n="25" />
        Die  kaiserliche  Partei.  15

die  vorderösterreichischen  Besitzungen  am  Rheine  mit  den  Kernlanden  der
Monarchie  zu  verbinden;  seit  Karl  VI.  nimmt  sie  auch  die  italienische
Politik  der  spanischen  Habsburger  wieder  auf  und  strebt  jenseits  der
Alpen  die  Oberhand  zu  behaupten;  dazwischen  hinein  spielen  in  raschem
Wechsel  kecke  Anschläge  gegen  Polen  und  die  Osmanen:  —  ein  Uebermaß
unsteter  Herrschsucht,  das  den  mächtigen  Staat  von  einer  Niederlage  zur
andern  führt.

Also  stand  die  kaiserliche  Macht  der  protestantisch-deutschen  Bildung
feindselig,  den  europäischen  Aufgaben  der  deutschen  Politik  gleichgiltig,  den
Handelsinteressen  unserer  Küsten  mit  binnenländischer  Beschränktheit  gegen—
über.  Die  Habsburg-Lothringer  konnten  in  den  unklaren  Befugnissen
des  Kaiserthums  nur  ein  willkommenes  Mittel  sehen  um  die  gewaltige
kriegerische  Kraft  deutscher  Nation  auszubeuten  für  die  Zwecke  des  Hauses
Oesterreich,  die  Machtfragen  dieser  Hauspolitik  zu  entscheiden  durch  den
Mißbrauch  der  Formen  des  Reichsrechts.  Die  altehrwürdige  kaiserliche
Gerichtsbarkeit  ward  ein  Tummelplatz  für  rabulistische  Künste,  Deutschlands
  auswärtige  Politik  ein  unberechenbares  Spiel.  Das  Reich,  von
der  Hofburg  bald  fremden  Angriffen  preisgegeben,  bald  in  undeutsche
Händel  hineingezogen,  mußte  regelmäßig  den  Preis  für  Oesterreichs  Niederlagen
  zahlen.  Holland  und  die  Schweiz,  Schleswig-Holstein,  Pommern
und  das  Ordensland,  Elsaß  und  Lothringen  gingen  wesentlich  durch  die
Schuld  der  Habsburger  dem  Reiche  verloren:  unersetzliche  Verluste,  minder
schmachvoll  für  jene  halbfremde  Macht,  welche  die  Kaiserpflicht  mit  den
Interessen  ihres  Hauses  nicht  vereinigen  konnte,  als  für  die  deutsche
Nation,  die  nach  solchem  Unsegen  der  Fremdherrschaft  nimmer  den  Willen
fand  das  Löwenbündniß  mit  Oesterreich  zu  zerreißen.

Das  Kaiserthum  wurzelte  in  einer  überwundenen  Vergangenheit  und
fand  darum  seinen  natürlichen  Gegner  in  dem  erstarkenden  weltlichen
Fürstenthum,  seine  Anhänger  unter  den  verfaulten  und  verkommenen
Gliedern  des  Reichs.  „Das  stiftische  Deutschland“  bildete  den  Kern  der
österreichischen  Partei:  jene  reich  gesegneten  geistlichen  Gebiete,  die,  durch
die  Siege  der  Gegenreformation  der  römischen  Kirche  zurückgegeben,  nunmehr
  unter  der  weichen  Herrschaft  des  Krummstabs,  im  Behagen  der
Vetterschaft  und  der  Sinnlichkeit  ein  bequemes  Stillleben  führten.  Sie
konnten,  rings  umklammert  und  durchschnitten  von  evangelischen  Gebieten,
dem  Leben  der  Nation  nicht  so  gänzlich  entfremdet  werden  wie  die  kaiserlichen
  Erblande;  mancher  milde  und  gelehrte  Kirchenfürst  kam  den  Ideen
des  Zeitalters  der  Aufklärung  freudig  entgegen.  Doch  die  politische  Lebenskraft
  der  geistlichen  Staaten  blieb  unreitbar  verloren,  und  der  Gedankenarbeit
  des  neuen  Jahrhunderts  stand  die  Masse  des  Volkes  in  Köln,
Mainz  und  Trier  so  fern,  daß  späterhin  der  Verlust  des  linken  Rheinufers
  dem  geistigen  Leben  Deutschlands  eine  kaum  fühlbare  Wunde  schlug.
Zum  Kaiser  hielt  desgleichen  der  mächtige  katholische  Adel,  der  in  seinen
        <pb n="26" />
        16  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Domcapiteln  über  drei  Kurhüte  und  zahlreiche  Fürstenstühle  des  Reichs
verfügte,  in  den  Diensten  des  adelsfreundlichen  Erzhauses  bequeme  Versorgung
  für  seine  Söhne  fand.  Auch  die  Landstände  der  weltlichen  Fürstenthümer
  riefen  die  Hilfe  des  Kaisers  an,  wenn  sie  ihre  habenden  Freiheiten
  gegen  das  gemeine  Recht  der  neuernden  Monarchie  vertheidigten.
Der  katholischen  Mehrheit  sicher  schaute  die  Hofburg  gemächlich  zu,  wie
die  Parteien  im  Reiche  sich  an  einander  zerrieben,  das  gegenseitige  Mißtrauen
  jeden  Gedanken  der  Reichsreform  im  Keime  erstickte,  jede  dem
Kaiserthum  bedrohliche  Macht  durch  andere  Mächte  darnieder  gehalten
wurde.  Die  überlieferte  Ehrfurcht  der  kleinen  Fürsten  vor  dem  Erzhause,
der  Neid  des  Nachbars  gegen  den  Nachbarn,  der  Einfluß  der  Beichtväter
auf  die  zahlreichen  fürstlichen  Convertiten,  endlich  die  reichen  Gnaden  und
Privilegien,  womit  die  Hofburg  ihre  Getreuen  belohnte,  sicherten  dem
Kaiserhause  auch  an  den  protestantischen  Höfen  jederzeit  einen  starken
Anhang;  mancher  fürstliche  Geheime  Rath  erhielt  geradezu  den  Titel  eines
kaiserlichen  Ministers  und  damit  den  Auftrag,  die  Sache  Oesterreichs  an
seinem  Hofe  zu  vertreten.  Die  Kaiserwürde,  werthlos  in  der  Hand  eines
kleinen  Herrn,  bot  einer  Großmacht  mannigfache  Handhaben,  den  hohen
Adel  deutscher  Nation  mittelbar  zu  beherrschen;  und  dieser  mächtige  Einfluß
  stand  einem  Fürstenhause  zu,  das  weder  gewillt  noch  im  Stande
war,  sich  den  Gesetzen  des  Reichs,  den  Pflichten  deutscher  Politik  zu  fügen.
Ein  gewandter  Parteigänger  des  kaiserlichen  Hauses,  der  Freiherr  von
Gemmingen,  schrieb  in  einem  unbewachten  Augenblicke  ehrlicher  Erregung
kurzab:  „Das  Haus  Oesterreich  kann  nur  das  Oberhaupt  oder  der  Feind
des  deutschen  Reiches  sein.“  —

Neben  diesen  Trümmern  einer  verfallenen,  fremden  Zwecken  dienenden
  monarchischen  Gewalt  enthielt  die  Reichsverfassung  noch  die  Anfänge
einer  bündischen  Ordnung:  ein  Vermächtniß  jener  großen  Reformperiode
des  Reichs,  da  Berthold  von  Mainz,  Friedrich  von  Sachsen,  Eitelfritz
von  Zollern  an  der  Spitze  unseres  Fürstenstandes  den  kühnen  Versuch
gewagt  hatten,  das  deutsche  Gemeinwesen  in  einen  kräftigen  Bundesstaat
zu  verwandeln.  Von  daher  stammten  die  Kreisordnung  und  der  von  den
Reichsständen  besetzte  Bundesgerichtshof,  das  Reichskammergericht.  Aber
wie  der  Kaiser  die  Wirksamkeit  dieses  ständischen  Tribunals  durch  die  concurrirende
  Gewalt  seines  monarchischen  Reichshofraths  beständig  schwächte,
so  gelang  es  auch  der  Mehrzahl  der  größeren  Reichsfürsten,  ihre  Gebiete
der  Gerichtsbarkeit  des  Reichskammergerichts  zu  entziehen.  In  Schwaben,
Franken  und  am  Rhein,  wo  ein  Gewölk  von  Bischöfen  und  Reichsrittern,
Fürsten  und  Reichsstädten,  Aebten  und  Grafen  in  wunderlichem  Gemenge
durcheinander  hauste,  genügte  das  Ansehen  der  Kreisobersten  und  der
Kreistage  noch  zuweilen  um  die  polizeiliche  Ordnung  nothdürftig  aufrecht
zu  halten  und  die  winzigen  Contingente  der  Reichsstände  zu  größeren
Heerkörpern  zu  vereinigen.  Im  Norden  und  Osten  hatte  die  Kreis-
        <pb n="27" />
        Föderalismus  und  Territorialismus.  17

ordnung  niemals  festen  Boden  gewonnen.  Hier  waren  die  geistlichen
Gebiete  seit  dem  Westphälischen  Frieden  fast  gänzlich  vernichtet,  die
mächtigen  weltlichen  Fürsten  meinten  sich  selber  zu  genügen.  Wie  aus
einer  hellen  modernen  Welt  blickte  der  Norddeutsche  hochmüthig  hinüber
nach  jenem  bunten  Gewirr  der  Kleinstaaterei  im  Südwesten,  das  er
spottend  „das  Reich"  nannte.  Was  noch  jung  und  stark  war  im  alten
Deutschland,  strebte  aus  den  beengenden  Formen  der  Reichsverfassung
hinaus.

Der  Particularismus  des  weltlichen  Fürstenthums  blieb  doch  die
lebendigste  politische  Kraft  im  Reiche.  Das  heilige  Reich  war  in  der
That,  wie  Friedrich  der  Große  es  nannte,  die  erlauchte  Republik  deutscher
Fürsten.  Seine  Stände  besaßen  seit  dem  Westphälischen  Frieden  das
Recht  der  Bündnisse  und  die  Landeshoheit  in  geistlichen  wie  in  weltlichen
  Dingen,  eine  unabhängige  Staatsgewalt,  die  nur  noch  des  Namens
der  Souveränität  entbehrte.  Sie  trotzte  der  Reichsgewalt,  wie  das  Leben
dem  Tode  trotzt.  Keiner  der  auf  den  Trümmern  der  alten  Stammesherzogthümer
  emporgewachsenen  weltlichen  Staaten  umfaßte  ein  abgerundetes
  Gebiet,  keiner  einen  selbständigen  deutschen  Stamm;  sie  dankten
allesammt  ihr  Dasein  einer  dynastischen  Staatskunst,  die  durch  Krieg  und
Heirath,  durch  Kauf  und  Tausch,  durch  Verdienst  und  Verrath  einzelne
Fetzen  des  zerrissenen  Reiches  zusammenzuraffen  und  festzuhalten  verstand.
Diese  Hauspolitik  ergab  sich  nothwendig  aus  der  Reichsverfassung  selber.
Die  Nation  war  mediatisirt,  nur  die  Herrengeschlechter  galten  als  Reichsunmittelbare;
  auf  dem  Reichstage  waren  nicht  die  Staaten,  sondern  die
Fürstenhäuser  vertreten;  das  Glaubensbekenntniß  des  fürstlichen  Hauses,
nicht  des  Volkes,  entschied  über  die  Frage,  ob  ein  Reichsstand  den  Evangelischen
  oder  den  Katholiken  zuzuzählen  sei;  kurz,  das  Reichsrecht  kannte
keine  Staaten,  sondern  nur  Land  und  Leute  fürstlicher  Häuser.  Die
Wechselfälle  einer  wirrenreichen  Geschichte  hatten  die  Grenzen  der  Territorien
  beharrlich  durch  einander  geschoben,  jede  Achtung  vor  dem  Besitzstande
  der  Genossen,  jeden  eidgenössischen  Rechtssinn  im  deutschen  Fürstenstande
  ertödet.  Begehrlich  sah  der  Nachbar  auf  des  Nachbars  Land,
stets  bereit  mit  fremder  Hilfe  den  Landsmann  zu  überwältigen.  Die
Ländergier  und  der  Dynastenstolz  der  großen  Fürstengeschlechter  bedrohten
das  Reich  mit  gänzlichem  Zerfalle.  Längst  strebten  Sachsen  und  Baiern
nach  der  Königskrone;  Kurpfalz  hoffte  seine  niederrheinischen  Lande  zu
einem  Königreich  bei  Rhein  zu  erheben  und  also  der  Oberhoheit  des
Reiches  ledig  zu  werden.

Gleichwohl  lag  in  dem  Leben  dieser  weltlichen  Fürstenthümer  nahezu
Alles  umschlossen,  was  noch  deutsche  Politik  heißen  konnte.  Es  bleibt
der  historische  Ruhm  unseres  hohen  Adels,  daß  Deutschlands  Fürsten  die
der  nationalen  Monarchie  entrissene  Macht  nicht  wie  die  polnischen
Magnaten  allein  verwendeten,  um  die  Pracht  und  den  Glanz  ihres

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  2
        <pb n="28" />
        18  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Hauses  zu  mehren,  sondern  sich  redlich  bemühten  in  ihren  engen  Gebieten
die  politischen  Pflichten  zu  erfüllen,  denen  das  Reich  sich  versagte.  Das
Kaiserhaus  lebte  seinen  europäischen  Plänen,  der  Reichstag  haderte  um
leere  Formen;  in  den  Territorien  wurde  regiert.  Hier  allein  fanden
das  Recht,  der  Wohlstand,  die  Bildung  des  deutschen  Volkes  Schutz  und
Pflege.  Unsere  Fürsten  hatten  einst  das  Kleinod  deutscher  Geistesfreiheit
gerettet  im  Kampfe  gegen  das  Haus  Habsburg.  In  der  langen  matten
Friedenszeit  nachher  blühte  jene  treufleißige  Kurfürstenpolitik,  die,  jedes
großen  Gedankens  baar,  ängstlich  zurückschreckend  vor  den  geschwinden
Händeln  der  europäischen  Kämpfe,  ihre  wohlwollende  Sorgfalt  allein  dem
Gedeihen  des  eignen  Ländchens  widmete.  Die  durch  wunderliche  Glücksfälle
  zusammengewürfelten  Ländertrümmer  verwuchsen  nach  und  nach  zu
einer  kümmerlichen  politischen  Gemeinschaft.  Die  Territorien  wurden  zu
Staaten.  In  der  Enge  ihres  Sonderlebens  bildete  sich  ein  neuer  Particularismus.
  Der  Kursachse,  der  Kurpfälzer,  der  Braunschweig-Lüneburger
  hing  mit  fester  Treue  an  dem  angestammten  Fürstenhause,  das
so  lange  Freud'  und  Leid  mit  seinem  Völkchen  getheilt.  In  der  Hand
der  landesfürstlichen  Obrigkeit  lag  sein  und  seiner  Kinder  Glück;  das
große  Vaterland  ward  ihm  zu  einer  dunklen  Sage.  Nach  dem  dreißigjährigen
  Kriege  waren  es  wieder  die  Landesherren,  nicht  Kaiser  und  Reich,
die  dem  Bürger  und  Bauern  halfen  seine  verwüsteten  Wohnplätze  aufzubauen,
  kärgliche  Trümmer  des  alten  Wohlstandes  aus  der  großen  Zerstörung
  zu  retten;  ihrem  Karl  Ludwig  dankte  die  Pfalz  die  Wiederkehr
froherer  Tage.  Das  weltliche  Fürstenthum,  das  mit  seiner  dreisten  Selbstsucht
  jedes  Band  nationaler  Gemeinschaft  zu  zersprengen  drohte,  stand
doch  rührig  und  wirksam  mitten  im  Leben  der  Nation.  War  ein  Neubau
  des  deutschen  Gesammtstaates  noch  möglich,  so  konnte  er  nur  auf
dem  Boden  dieser  Territorialgewalten  sich  erheben.  —

In  solchem  Chaos  von  Widersprüchen  hatte  jede  Institution  des
Reichs  ihren  Sinn,  jedes  Recht  seine  Sicherheit  verloren.  Der  Mehrer
des  Reichs  mehrte  seine  Hausmacht  zu  Deutschlands  Schaden.  Das  ehrwürdige
  Amt  des  Reichskanzlers  in  Germanien,  der  vormals  der  natürliche
Führer  der  Nation  in  allen  ihren  Verfassungskämpfen  gewesen,  ward  in
den  Händen  des  Mainzer  Erzbischofs  nach  und  nach  ein  gefügiges  Werkzeug
  österreichisch-katholischer  Parteipolitik.  Die  Wahlcapitulation,  vor
Zeiten  bestimmt  den  dynastischen  Mißbrauch  der  kaiserlichen  Gewalt  zu
verhindern,  diente  jetzt  die  dynastische  Willkür  der  Landesherren  von  jedem
Zwange  zu  entfesseln.  Der  Reichstag  hatte  sich  gleich  den  Generalstaaten
der  Niederlande  aus  einer  Ständeversammlung  thatsächlich  in  einen
Bundestag  verwandelt  und  vermochte  doch  niemals,  wie  jene,  ein  gesundes
bündisches  Leben  auszubilden.  Ueberall  widersprachen  die  Formen  des
Rechtes  den  lebendigen  Mächten  der  Geschichte.  Die  Reichsverfassung  legte
das  Recht  der  Mehrheit  in  die  Hand  der  schwächsten  Stände;  sie  zwang
        <pb n="29" />
        Die  Lüge  des  Reichsrechts.  19

die  Mächtigen  zu  dem  trotzigen  Bekenntniß:  was  dem  Reiche  zugeht  wird
unserer  Freiheit  genommen.  Ein  dichter  Nebel  von  Phrasen  und  Lügen
lag  über  den  gothischen  Zinken  und  Zacken  des  alten  Reichsbaues;  in
keinem  Staate  der  modernen  Welt  ist  so  beharrlich  und  feierlich  von  Amtswegen
  gelogen  worden.  Die  frommen  reichsväterlichen  Vermahnungen  der
entdeutschten  kaiserlichen  Majestät,  die  inbrünstigen  reichspatriotischen  Betheuerungen
  der  mit  dem  Auslande  verschworenen  Reichsstände,  die  prahlerischen
  Reden  von  deutscher  Libertät  und  dem  ungebeugten  Nacken  der
Nation,  Alles,  Alles  in  diesem  Regensburger  Treiben  erscheint  dem  redlichen
  Sinne  als  eine  grobe  Unwahrheit.

Seit  jenen  müden  Tagen  nach  dem  Augsburger  Frieden,  die  den  alten
deutschen  Stolz  in  zagen  Philistersinn  verwandelten,  kam  in  unserem  Volke
die  kleinmüthige  Neigung  auf,  nach  Trostgründen  zu  suchen  für  das  Unleidliche
  und  Schmachvolle;  die  deutsche  Geduld  ließ  sich's  nicht  nehmen,
selbst  den  Aberwitz  dieser  Reichsverfassung  wissenschaftlich  zu  erklären  und  zu
rechtfertigen.  Vergeblich  erhob  Samuel  Pufendorf  seine  mahnende  Stimme
und  schilderte  das  Reich  wie  es  war,  als  ein  politisches  Ungeheuer.  Da
die  Leidenschaft  der  Glaubenskriege  allgemach  verrauchte  und  die  Unwahrheit
  der  theokratischen  Reichsformen  im  täglichen  Leben  wenig  mehr
empfunden  wurde,  so  ließ  sich  die  zünftige  Rechtsgelahrtheit  in  ihrer
unterthänigen  Ruheseligkeit  nicht  stören.  Noch  immer  versicherten  einzelne
Caesarianer  aus  Reinkingk's  Schule,  das  heilige  Reich  sei  eine  Monarchie
und  sein  Kaiser  der  rechtmäßige  Nachfolger  von  Divus  Augustus.  Andere
priesen  die  Ohnmacht  des  Reichs  und  die  Zuchtlosigkeit  seiner  Glieder
als  das  Palladium  deutscher  Freiheit.  Die  Meisten  fanden  in  dem  beglückten
  Deutschland  das  Idealbild  des  gemischten  Staates  verwirklicht,  der
alle  Vorzüge  anderer  Staatsformen  in  sich  vereinigen  solle.  Selbst  ein
Leibniz  vermochte  dem  Bannkreise  dieser  wissenschaftlichen  Traumwelt  nicht
zu  entfliehen.

Die  Fäulniß  eines  solchen  Staatslebens  begann  bereits  den  rechtschaffenen
  Gradsinn  des  Volkscharakters  zu  zerstören.  Ein  Menschenalter
voll  namenloser  Leiden  hatte  den  bürgerlichen  Muth  gebrochen,  den  kleinen
Mann  gewöhnt  vor  dem  Mächtigen  zu  kriechen.  Unsere  freimüthige  Sprache
lernte  in  allerunterthänigster  Ergebenheit  zu  ersterben  und  bildete  sich
jenen  überreichen  Wortschatz  von  verschnörkelten  knechtischen  Redensarten,
den  sie  noch  heute  nicht  gänzlich  abgeschüttelt  hat.  Die  gewissenlose  Staatsraison
  des  Jahrhunderts  vergiftete  auch  den  bürgerlichen  Verkehr.  Das
geldgierige  Geschlecht  warb,  wetteifernd  in  Bestechung  und  Ränkespiel,  um
die  Gnade  der  Großen;  kaum  daß  sich  noch  in  der  Stille  des  häuslichen
Lebens  ein  Hauch  treuherziger  Gemüthlichkeit  verspüren  ließ.  Der  Edelmann
  strebte  die  Herrschaft,  die  er  in  den  Landtagen  gegen  die  aufsteigende
Monarchie  nicht  mehr  behaupten  konnte,  durch  höfischen  Einfluß  und  durch
die  Mißhandlung  des  Landvolks  von  Neuem  zu  befestigen;  niemals  in

2
        <pb n="30" />
        20  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

unserer  Geschichte  war  der  Adel  mächtiger,  niemals  schädlicher  für  das  Leben
der  Nation.  Der  Fürstenstand  vergaß  seine  alte  landesväterliche  Sorgsamkeit,
  seit  das  gleißende  Vorbild  des  bourbonischen  Königthums  den  kleinen
Herren  den  Sinn  bethörte.  Die  größeren  Höfe  mißbrauchen  das  neu  erworbene
  Recht  der  Bündnisse,  drängen  sich  vorlaut,  vielgeschäftig  ein  in  die
Händel  der  europäischen  Mächte,  bilden  glänzende  Armeen  mit  Marschällen
und  Generalen,  und  glücklich  wer  einen  Admiral  zu  halten  vermag  wie  der
pfälzische  Kurfürst  auf  seinen  Rhein-Zollschiffen.  Alle,  die  großen  wie  die
kleinen,  wetteifern  in  prahlerischer  Pracht  mit  dem  großen  Ludwig;  das
ärmste  Land  Westeuropas  überstrahlt  bald  alle  Nachbarn  durch  die  Unzahl
seiner  prunkenden  Fürstenschlösser.  Kein  Reichsgraf,  der  sich  nicht  sein  Versailles,
  sein  Trianon  erbaute;  im  Schloßgarten  von  Weikersheim  bewachen
die  Standbilder  der  Welteroberer  Ninus,  Cyrus,  Alexander  und  Caesar
den  Eingang  zu  dem  Herrschersitze  des  Hohenlohischen  Reiches.  Der  deutsche
Kleinfürst  fand  weder  in  dem  Pflichtgefühle  der  Monarchie  noch  in  der
Standesgesinnung  eines  politischen  Adels  einen  sittlichen  Halt;  Mancher
empfand  voll  Unmuth  den  Fluch  eines  zwecklos  leeren  Daseins,  Mancher
vertobte  seine  Kraft  in  frecher  Unzucht  und  grausamen  Sultanslaunen.

Für  ein  Zusammenwirken  des  Adels  mit  dem  Bürgerthum,  für
ein  englisches  Unterhaus  bot  der  alte  deutsche  Staat  keinen  Raum.  Der
Städtebund  der  Hansa  war  zerfallen  seit  die  geeinte  nationale  Macht  der
Völker  des  Westens  die  beiden  Indien  erobert  hatte;  jene  glorreiche  Flagge,
die  im  Mittelalter  auf  allen  nordischen  Meeren  herrschte,  ließ  sich  kaum
mehr  blicken  in  dem  neuen  transatlantischen  Verkehre.  Die  Nation  ward
dem  Meere  so  fremd,  wie  ihr  Kaiserhaus.  Unter  allen  Schriftstellern  unseres
  achtzehnten  Jahrhunderts  ist  nur  Einer,  der  Seeluft  geathmet  hat
und  die  befreiende  Macht  des  völkerverbindenden  Handels  zu  schätzen  weiß:
Justus  Möser.  Wie  ein  Hohn  klang  in  der  stockigen  Luft  dieses  binnenländischen
  Stilllebens  der  frohe  Schifferspruch,  der  noch  am  Hause  Seefahrt
in  Bremen  zu  lesen  stand:  navigare  necesse  est,  vivere  non  necesse.
Englische  und  holländische  Schiffe  führten  die  Waaren  der  Colonien  zur
Elbe  und  den  Rhein  hinauf:  fast  allein  mit  seiner  Leinwand  und  seinen
Metallwaaren  beschickte  der  deutsche  Gewerbefleiß  noch  den  Weltmarkt.
Keine  der  altberühmten  Städte  des  Reichs  vermochte  ihre  historische
Größe  zu  behaupten;  die  Trave  verödete,  der  oberländische  Handel  verfiel,
die  Lübecker  Baugeschichte  endete  mit  der  Gothik,  die  Augsburger  mit  dem
Zeitalter  der  Renaissancc.  Nur  an  einigen  jüngeren  Handelsplätzen,  in
Hamburg  und  Leipzig  sammelte  sich  wieder  langsam  ein  neuer  Verkehr.  Die
alten  Reichsstädte  verschlossen  sich  still  hinter  ihren  Wällen,  ängstlich  das
Stadtrecht  und  den  Zunftbrauch  hütend,  kleinlaut  auf  den  Reichstagen,
voll  Mißtrauens  gegen  die  ausgreifende  Gewalt  der  fürstlichen  Nachbarn
ringsum;  aus  langen  Jahrzehnten  meldet  kaum  eine  dürftige  Kunde,  daß
diese  stolzen  Communen  noch  lebten.  Und  da  auch  in  dem  bedienten-
        <pb n="31" />
        Wehrlosigkeit  des  Reichs.  21

haften  Treiben  der  neuen  Residenzen  der  Bürgerstolz  nicht  gedeihen  wollte,
so  wurde  das  Land,  dessen  hansische  Helden  einst  die  Königskronen  Skan—
dinaviens  verschenkten,  zum  classischen  Boden  kleinstädtischer  Armseligkeit.
Deutschland  bot  das  in  aller  Geschichte  unerhörte  Schauspiel  eines  alten
Volkes  ohne  eine  Großstadt.  Nirgends  ein  Brennpunkt  des  nationalen
Lebens,  wie  ihn  die  Nachbarvölker  in  London,  Paris  und  Madrid,  ja
selbst  in  Kopenhagen,  Stockholm  und  Amsterdam  besaßen.  Nirgends  eine
Stelle,  wo  die  Parteikämpfe  eines  politischen  Adels  mit  der  Bildung  und
dem  Reichthum  eines  selbstbewußten  Bürgerthums  befruchtet  und  befruch—
tend  sich  berührten.  Alle  Kräfte  der  Nation  streben  in  unendlicher  Zer—
splitterung  auseinander,  in  tausend  Rinnsalen  versiegend  gleich  dem  deut—
schen  Strome:  jeder  Stand,  jede  Stadt,  jede  Landschaft  eine  Welt  für
sich  selber.

Die  ganze  Schmach  dieser  Zersplitterung  zeigte  sich  in  der  Wehr—
losigkeit  des  Reichs.  In  den  Zeiten  seiner  Größe  hatte  Deutschland  seine
gefährdete  Ostgrenze  mit  dem  eisernen  Gürtel  der  kriegsbereiten  Marken
umschlossen.  Jetzt,  da  beständig  vom  Westen  her  der  Angriff  drohte,  lagen
dicht  vor  Frankreichs  begehrlichen  Händen  die  schwächsten,  die  waffenlosen
Glieder  des  Reichs.  Die  lange  Pfaffengasse  des  Rheines  entlang  erstreckte
sich  von  Münster  und  Osnabrück  bis  nach  Constanz  hinauf  ein  Gewirr
winziger  Staaten,  unfähig  zu  jeder  ernsthaften  Kriegsrüstung,  durch  das
Gefühl  der  Ohnmacht  zum  Landesverrathe  gezwungen.  Fast  alle  rheinischen
  Höfe  bezogen  Pensionen  aus  Versailles;  der  erste  Rheinbund  von
1658  ward  von  begeisterten  Reichspatrioten  als  ein  rühmliches  Unternehmen
  zum  Schutze  deutscher  Freiheit  gepriesen.  Ein  Gebiet  von  fast
dreitausend  sechshundert  Geviertmeilen  gehörte  solchen  Kleinstaaten,  deren
keiner  mehr  als  130  Geviertmeilen  umfaßte;  der  Volkswitz  verhöhnte  die
strümpfestrickenden  Kölnischen  Stadtsoldaten  und  das  grimmige  Kriegsvolk
  des  Bischofs  von  Hildesheim,  das  auf  seinen  Hüten  die  Juschrift
trug:  Gieb  Frieden,  Herr,  in  unsern  Tagen!  Dies  reichste  Drittel
Deutschlands  diente  in  den  Kriegen  des  Reichs  nur  als  todte  Last.  Es
bleibt  ein  glänzendes  Zeugniß  für  die  deutsche  Tapferkeit,  daß  die  Nation
nach  solcher  Selbstverstümmelung  von  den  Herren  Frankreichs  und  Schwedens
  nicht  gänzlich  überwältigt  wurde.  Die  Gesammtheit  des  Reichs  galt
kaum  noch  als  eine  Macht  zweiten  Ranges,  während  seine  mächtigeren
Glieder  längst  schon  selbständig  auf  der  freien  Bühne  der  europäischen
Politik  sich  bewegten.

Die  Reichsverfassung  erscheint  wie  ein  wohldurchdachtes  System,  ersonnen
  um  die  gewaltigen  Kräfte  des  waffenfrohesten  der  Völker  künstlich
niederzudrücken.  In  der  That  wurde  der  unnatürliche  Zustand  nur
durch  die  Wachsamkeit  des  gesammten  Welttheils  aufrecht  erhalten.  Das
heilige  Reich  blieb  durch  seine  Schwäche,  wie  einst  durch  seine  Stärke,
der  Mittelpunkt  und  die  Grundlage  des  europäischen  Staatensystems.
        <pb n="32" />
        22  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Auf  der  Ohnmacht  Deutschlands  und  Italiens  ruhte  die  neue  Machtstellung
  von  Oesterreich  und  Frankreich,  von  Schweden,  Dänemark  und
Polen,  wie  die  Seeherrschaft  der  Briten  und  die  Unabhängigkeit  der
Schweiz  und  der  Niederlande.  Eine  stille  Verschwörung  des  gesammten
Auslandes  hielt  die  Mitte  des  Festlands  gebunden.  Die  Fremden  lachten
der  querelles  allemandes  und  der  miseère  allemande;  der  Franzose
Bouhours  stellte  die  höhnische  Frage:  ob  es  möglich  sei,  daß  ein  Deutscher
Geist  haben  könne?  Niemals  früher  war  die  Nation  von  den  Nachbarn
so  tief  verachtet  worden;  nur  den  alten  Ruhm  deutscher  Waffentüchtigkeit
wagte  man  nicht  zu  bestreiten.  Der  politische  Zustand  aber,  der  dies
schmähliche  Sinken  des  deutschen  Ansehens  verschuldete,  ward  überall  in
der  Welt  als  die  feste  Bürgschaft  des  europäischen  Friedens  gepriesen;
und  dies  Volk,  das  vormals  durch  seinen  Hochmuth  so  übel  berüchtigt
gewesen  wie  heute  die  Briten,  sprach  gelehrig  nach,  was  die  Eifersucht
der  Nachbarn  erfand,  gewöhnte  sich  das  Vaterland  mit  den  Augen  der
Fremden  zu  betrachten.  Die  deutsche  Staatswissenschaft  des  achtzehnten
Jahrhunderts  bereichert  die  alten  Wahnbegriffe  von  deutscher  Freiheit  noch
durch  das  neue  Schlagwort  der  Freiheit  Europas.  Alle  unsere  Publicisten
bis  herab  auf  Pütter  und  Johannes  Müller  warnen  die  friedliebende
Welt  vor  der  verderblichen  Macht  der  deutschen  Einheit  und  schließen  das
Lob  des  heiligen  Reichs  mit  der  inbrünstigen  Mahnung:  wehe  der  Freiheit
des  Welttheils,  wenn  die  hunderttausende  deutscher  Bajonette  jemals
Einem  Herrscher  gehorchten!

Eine  unerforschlich  weise  Waltung  züchtigt  die  Völker  durch  dieselben
Gaben,  welche  sie  einst  frevelhaft  mißbrauchten.  Die  Weltstellung,  die
angeborene  Eigenart  und  der  Gang  der  Geschichte  gaben  unserem  Volke
von  früh  auf  einen  Zug  vielseitiger  weltbürgerlicher  Weitherzigkeit.  Die
deutsche  Nation  besaß  ein  natürliches  Verständniß  für  die  romanische
Welt:  war  doch  einst  das  romanische  Volksthum  durch  deutsche  Eroberer
auf  den  Trümmern  der  römischen  Gesittung  begründet  worden;  sie  war
den  Briten  wie  dem  skandinavischen  Norden  blutsverwandt,  mit  den
Slaven  von  Alters  her  durch  Krieg  und  Handel  wohlvertraut;  im  Mittelalter
  hatte  sie  als  ein  Volk  der  Mitte  vom  Süden  und  Westen  her  Cultur
empfangen,  dem  Norden  und  Osten  Cultur  gegeben.  So  wurde  sie  das
weltbürgerlichste  der  Völker,  empfänglicher  noch  für  fremdes  Wesen  als
ihre  Schicksalsgenossen,  die  Italiener.  Der  Drang  in  die  Ferne  ward
uns  zum  Verhängniß,  in  ihm  lag  die  Schuld  und  die  Größe  des  deutschen
Lebens.  Auf  die  Jahrhunderte  der  deutschen  Weltherrschaftspläne  folgte
nunmehr  eine  Zeit  des  leidenden  Weltbürgerthums.  Das  Volk  der  Mitte
empfing  die  Befehle  aller  Welt.  Sämmtliche  mächtige  Fürsten  des  Welttheils
  gehörten  als  Reichsstände  oder  als  Friedensbürgen  dem  deutschen
Reiche  an  und  meisterten  sein  Leben.  Die  Nation  aber  lebte  sich  ein  in
die  Fremdherrschaft,  hing  mit  deutscher  Treue  an  den  Fahnen  des  Aus-
        <pb n="33" />
        Deutsches  Weltbürgerthum.  23

lands.  Der  particularistische  Dünkel,  die  Ueberhebung  des  Nachbarn  über
den  nachbarlichen  Stammgenossen  trat  nirgends  trotziger  auf  als  in  den
deutschen  Provinzen  ausländischer  Fürsten.  Mit  Stolz  pries  der  Holste
seinen  Danebrog;  der  Stralsunder  freute  sich  des  Schlachtenruhmes  der
drei  Kronen  und  bemitleidete  den  brandenburgischen  Pommern,  dessen
Landesherr  nur  einen  deutschen  Kurhut  trug;  die  Nachkommen  der  Er—
oberer  des  Weichsellandes,  die  stolzen  Geschlechter  der  Hutten,  Oppen,
Rosenberg  nahmen  polnische  Namen  an  und  spotteten,  froh  der  sarma—
tischen  Adelsfreiheit,  über  den  märkischen  Despotismus  im  Herzogthum
Preußen.

Dabei  lebt  in  dem  thatenfrohen  Volke  unversieglich  die  alte  aben—
teuernde  Wanderlust.  Ungezählte  Schaaren  deutscher  Reisläufer  strömen
in  alle  Lande,  drei  volle  Jahrhunderte  hindurch,  solange  das  Söldner—
wesen  blüht.  Deutsche  Hiebe  klingen  auf  jedem  Schlachtfelde  Europas,
vor  den  Mauern  von  Athen  wie  auf  Irlands  grüner  Insel.  Die  Fahnen
Frankreichs,  Schwedens,  Hollands  und  der  kaum  minder  undeutsche
kaiserliche  Dienst  gelten  für  adlicher  als  das  öde  Einerlei  des  heimischen
Garnisonlebens:  auf  dem  Sterbebette  ermahnt  der  alte  deutsche  Degen—
knopf  seine  Söhne,  dem  Wappenschilde  des  Hauses  Ruhm  und  Reichthum
zu  erwerben  im  Dienste  fremder  Kronen.  Die  deutschen  Regimenter
Bernhard's  von  Weimar  bildeten  den  Kern  jener  unüberwindlichen  Heere,
welche  Turenne  und  Condé  zum  Siege  führten;  nur  in  deutscher  Schule
lernten  die  Nachbarn  uns  zu  schlagen.  Und  dazu  die  lange  Reihe  deut—
scher  Staatsmänner,  Aerzte,  Gelehrten  und  Kaufleute  in  der  Fremde:
kraftvolle  Wildlinge  vom  deutschen  Stamme  und  allesammt  verloren  für
das  Vaterland.  Ein  unheimlich  großartiger  Anublick:  diese  titanische
Ueberkraft  eines  von  den  Fremden  getretenen  Volkes.  Jede  Darstellung
unserer  Geschichte  bleibt  Stückwerk,  wenn  sie  dies  über  die  weite  Welt
verzweigte  Wirken  deutschen  Geistes  und  deutscher  Waffen  nicht  würdigt.
Um  dieselbe  Zeit,  da  Frankreich  die  Westmarken  des  heiligen  Reichs  eroberte,
  schuf  Peter  der  Große  durch  deutsche  Kräfte  den  neuen  russischen
Staat.  Auch  die  Fürstenhäuser  wurden  von  dem  nationalen  Wandertriebe
  ergriffen;  jeder  ehrgeizige  deutsche  Hof  trachtete  nach  fremden
Thronen,  und  das  Kaiserhaus  begünstigte  dies  Bestreben  um  lästige
kebenbuhler  aus  dem  Reiche  zu  entfernen.  Endlich  sielen  alle  Kronen
Europas,  allein  Piemont  und  die  bourbonischen  Staaten  ausgenommen,
in  die  Hände  deutscher  Fürstengeschlechter;  aber  diese  glänzende  Herrenstellung
  unseres  hohen  Adels  verstärkte  nur  das  Gewicht  der  centrifugalen
Kräfte  im  Reiche,  kettete  den  deutschen  Staat  nur  um  so  fester  an  den
Willen  des  Auslands.

Ueber  diesem  verrotteten  Gemeinwesen  lag  der  Zauber  einer  tausendjährigen
  Geschichte.  Eine  niemals  unterbrochene  Ueberlieferung  verband
das  Heute  mit  dem  Gestern.  Der  Kenner  der  Reichsgeschichte  war  zugleich
        <pb n="34" />
        24  J.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

ein  kundiger  Rath  für  die  Rechtshändel  der  Gegenwart;  wenn  der  junge
Jurist  Wolfgang  Goethe  sich  aus  Datt's  Folianten  gewissenhaft  über
Landfrieden  und  Reichskammergericht  unterrichtete,  so  sah  er  die  biderbe
Gestalt  des  Ritters  Götz  von  Berlichingen  leibhaftig  auf  dem  Armen—
sünderbänkchen  sitzen.  Die  Reichsverfassung  blieb  immerhin  das  einzige
Band  politischer  Einheit  für  dies  zerrissene  Volk.  Noch  im  Jahre  ihres
Unterganges  schrieb  der  Hamburger  Publicist  Gaspari:  „Nur  durch  den
Kaiser  sind  wir  frei,  ohne  ihn  sind  wir  gar  keine  Deutsche  mehr."“  Aus
ihren  schwerfälligen  Formen  sprach  noch  immer  jener  altgermanische
Staatsgedanke,  der  schon  in  den  Anfängen  unserer  Geschichte  den  sittlichen
  Ernst  und  den  Freiheitsmuth  der  Deutschen  bekundet  hatte:  die
Reichsgewalt  war  die  Schirmerin  des  gemeinen  Friedens  und  darum  ehrwürdig
  selbst  im  Verfalle.  Das  Bewußtsein  seiner  Einheit  konnte  dem
Volke  niemals  gänzlich  verloren  gehen,  so  lange  noch  das  gemeine  Recht
bestand  und  der  rechtsbildende  Gemeingeist  der  Nation  in  der  Arbeit  der
Rechtswissenschaft  wie  der  Gerichte  sich  bekundete;  auch  als  das  gemeine
Recht  nach  und  nach  von  particularistischen  Rechtsbildungen  überwuchert
wurde,  blieb  die  nationale  Form  der  Rechtssprechung  aufrecht,  das  Reich
sicherte  der  Nation  die  Unabhängigkeit  und  Ständigkeit  der  Richterämter.
Auf  dem  Rechte  des  Kaisers  ruhte  zuletzt  jedes  Recht  im  Reiche;  wer  der
kaiserlichen  Majestät  widerstand,  verlor  den  Boden  unter  den  Füßen.
„Halte  ich  zum  Kaiser,  so  bleibe  ich  und  mein  Sohn  immer  noch  Kurfürst!“
  —  mit  solchen  Worten  hatte  einst  der  zaudernde  Georg  Wilhelm
von  Brandenburg  die  Anträge  Gustav  Adolf's  zurückgewiesen.  Dieselbe
Erwägung  hemmte  noch  im  folgenden  Jahrhundert  jeden  tapferen  Entschluß,
  sobald  ein  revolutionärer  Wille  sich  anschickte  neue  Wege  zu  bahnen
durch  die  wuchernde  Wildniß  dieses  naturwüchsigen  und  doch  so  unnatürlichen
  Reichsrechts.  Die  Politik  des  Auslandes  und  des  Hauses  Oesterreich,
  die  Selbstsucht  der  kleinen  Höfe  und  die  Eifersucht  Jedes  gegen
Jeden,  das  Gleichgewicht  der  politischen  Kräfte  wie  die  Interessen  einer
dem  Untergang  zueilenden  Gesellschaftsordnung,  das  Weltbürgerthum  und
die  Träume  von  deutscher  Freiheit,  Rechtsgefühl  und  uralte  Gewöhnung,
die  Macht  der  Trägheit  und  die  deutsche  Treue,  Alles  vereinigte  sich  die
bestehende  Unordnung  aufrecht  zu  erhalten.  Um  die  Mitte  des  achtzehnten
  Jahrhunderts  schien  das  heilige  Reich,  nach  der  Meinung  aller
Welt,  noch  einer  unabsehbaren  Zukunft  sicher.  —

 

Auf  dem  Boden  dieses  Reichsrechts  und  seiner  territorialen  Staatsgebilde,
  und  doch  in  scharfem  Gegensatze  zu  Beiden  ist  der  preußische
Staat  entstanden.  Die  zähe  Willenskraft  der  norddeutschen  Stämme
war  dem  weicheren  und  reicheren  oberdeutschen  Volksthum  in  der  Kraft
        <pb n="35" />
        Anfänge  Brandenburgs.  25

der  Staatenbildung  von  Altersher  überlegen.  Nur  so  lange  der  Sachsen—
stamm  die  Krone  trug  blieb  die  deutsche  Monarchie  ein  lebendiges  König—
thum;  ihre  Macht  zerfiel  unter  den  Händen  der  Franken  und  der
Schwaben,  zumeist  durch  den  trotzigen  Ungehorsam  der  sächsischen  Fürsten.
Dann  erwuchsen  in  Niederdeutschland  die  zwei  mächtigsten  politischen
Schöpfungen  unseres  späteren  Mittelalters,  die  Hansa  und  der  deutsche
Orden,  beide  unabhängig  von  der  Reichsgewalt,  oftmals  mit  ihr  verfeindet.
Im  Norden  stand  die  Wiege  der  Reformation;  an  dem  Widerstande  der
Norddeutschen  scheiterte  die  hispanische  Herrschaft,  und  seit  die  undeutsche
Politik  der  Habsburger  den  Dualismus  im  Reiche  hervorgerufen,  blieb
der  Norden  das  Kernland  der  deutschen  Opposition.  Die  Führung  dieser
Opposition  ging  im  Laufe  des  siebzehnten  Jahrhunderts  von  dem  un—
fähigen  Geschlechte  der  Wettiner  auf  die  Hohenzollern  über.  Der  Schwer—
punkt  deutscher  Politik  verschob  sich  nach  dem  Nordosten.

Dort  in  den  Marken  jenseits  der  Elbe  war  aus  dem  Grundstock  der
niedersächsischen  Eroberer,  aus  Einwanderern  von  allen  Landen  deutscher
Zunge  und  aus  geringen  Trümmern  des  alteingesessenen  Wendenvolkes
ein  neuer  norddeutscher  Stamm  emporgewachsen,  hart  und  wetterfest,  ge—
stählt  durch  schwere  Arbeit  auf  kargem  Erdreich  wie  durch  die  unablässigen
Kämpfe  des  Grenzerlebens,  klug  und  selbständig  nach  Colonistenart,  ge—
wohnt  mit  Herrenstolz  auf  die  slavischen  Nachbarn  herabzusehen,  so  schroff
und  schneidig,  wie  es  die  gutmüthig  gespaßige  Derbheit  des  niederdeutschen
Charakters  vermag.  Dreimal  hatte  dies  vielgeprüfte  Land  das  rauhe
Tagewerk  der  Culturarbeit  von  vorn  begonnen:  zuerst  als  die  ascanischen
Eroberer  die  Tannenwälder  an  den  Havelseen  rodeten  und  ihre  Städte,
Burgen  und  Klöster  im  Wendenlande  erbauten;  dann  abermals  zu  Be—
ginn  des  fünfzehnten  Jahrhunderts,  als  die  ersten  Hohenzollern  den
unter  bairisch-lützelburgischer  Herrschaft  völlig  zerrütteten  Frieden  und
Wohlstand  sorgsam  wieder  herstellten;  und  jetzt  wieder  war  Brandenburg
durch  die  Schrecken  der  dreißig  Jahre  schwerer  heimgesucht  als  die  meisten
deutschen  Lande,  mußte  sich  die  ersten  Anfänge  der  Gesittung  von  Neuem
erobern.

Die  rauhe  Sitte  des  armen  Grenzlandes  blieb  während  des  Mittel—
alters  im  Reiche  übel  berüchtigt.  Der  römischen  Kirche  ist  aus  dem
Sande  der  Marken  niemals  ein  Heiliger  erwachsen;  selten  erklang  ein
Minnelied  an  dem  derben  Hofe  der  ascanischen  Markgrafen.  Die  flei—
ßigen  Cistercienser  von  Lehnin  trachteten  allezeit  mehr  nach  dem  Ruhme
tüchtiger  Landwirthe  als  nach  den  Kränzen  der  Kunst  und  Gelehrsamkeit;
den  handfesten  Bürgern  der  märkischen  Städte  verfloß  das  Leben  in  grober,
hausbackener  Arbeit,  nur  die  Prenzlauer  durften  ihre  Marienkirche  mit
den  prächtigen  Bauten  der  reichen  Ostseestädte  vergleichen.  Allein  durch
kriegerische  Kraft  und  starken  Ehrgeiz  ragte  der  Staat  der  Brandenburger
über  die  Nachbarstämme  hervor;  schon  die  Ascanier  und  die  Lützelburger
        <pb n="36" />
        26  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

haben  mehrmals  den  Plan  erwogen,  hier  in  der  günstigen  Lage  zwischen
dem  Elb=  und  Odergebiete,  zwischen  den  schwächlichen  Kleinstaaten  Mecklenburgs,
  Pommerns  und  Schlesiens  eine  Großmacht  des  Nordostens  zu
errichten.  Noch  größer  schien  sich  das  Schicksal  der  Marken  zu  gestalten,
als  die  Burggrafen  von  Nürnberg  den  Kurhut  empfingen:  Friedrich  I1.
war  der  Führer  der  deutschen  Fürsten  bei  der  Reformbewegung  in  Reich
und  Kirche,  Albrecht  Achill  der  bewunderte  Held  des  ritterlichen  Adels
in  den  Kämpfen  gegen  die  Städte.  Zugleich  begann  im  Innern  eine
kühne  und  feste  monarchische  Politik.  Früher  als  das  heilige  Reich  erhielt
  die  Mark  ihren  Landfrieden,  durch  Friedrich  I.;  früher  als  in  anderen
  Reichslanden  wurde  hier  die  Untheilbarkeit  des  Staates  gesetzlich  ausgesprochen
  durch  die  Gesetze  Albrecht  Achill's.  Adel  und  Städte  beugten
ihren  trotzigen  Nacken  vor  der  Willenskraft  der  drei  ersten  Hohenzollern.
Aber  dem  vielverheißenden  Anlaufe  entsprach  der  Fortgang  nicht.  Die
Nachfolger  jener  hochstrebenden  Helden  sanken  bald  zurück  in  die  bequeme
Enge  deutscher  Kurfürstenpolitik.  Sie  verloren  die  kaum  errungene  landesherrliche
  Gewalt  zum  guten  Theile  wieder  an  den  Landtag,  hielten  mit
ihren  übermüthigen  Herren  Ständen  wohl  oder  übel  Haus,  suchten  wie
alle  mächtigeren  Reichsfürsten  Verwaltung  und  Rechtspflege  ihres  Landes
vor  jedem  Eingriff  der  Reichsgewalt  zu  behüten  und  blieben  dabei  dem
Kaiserhause  hold  und  gewärtig;  sie  traten  spät  und  zögernd  in  die  lutherische
Kirche  ein,  überließen  die  Führung  der  protestantischen  Parteien  gemächlich
  an  Kursachsen  und  Kurpfalz.

Mit  gutem  Grunde  sagt  König  Friedrich  in  den  Denkwürdigkeiten
seines  Hauses:  wie  ein  Fluß  erst  werthvoll  werde,  wenn  er  schiffbar  sei,
so  gewinne  die  Geschichte  Brandenburgs  erst  gegen  Anfang  des  siebzehnten
Jahrhunderts  tiefere  Bedeutung.  Erst  unter  Kurfürst  Johann  Sigismund
  traten  drei  entscheidende  Ereignisse  ein,  welche  den  Marken  eine
große  Zukunft,  eine  von  dem  Leben  der  übrigen  Reichsländer  grundverschiedene
  Entwickelung  verhießen:  die  Vereinigung  des  secularisirten
Deutsch-Ordenslandes  mit  Brandenburg,  der  Uebertritt  des  Fürstenhauses
  zur  reformirten  Kirche,  endlich  die  Erwerbung  der  niederrheinischen
Grenzlande.

Auch  andere  Reichsfürsten,  Katholiken  wie  Protestanten,  hatten  ihre
Macht  durch  die  Güter  der  alten  Kirche  erweitert.  Im  Ordenslande
aber  wagte  die  Politik  der  deutschen  Protestanten  ihren  verwegensten
Griff;  auf  Luther's  Rath  entriß  der  Hohenzoller  Albrecht  der  römischen
Kirche  das  größte  ihrer  geistlichen  Territorien.  Das  gesammte  Gebiet
des  neuen  Herzogthums  Preußen  war  entfremdetes  Kirchengut;  des
Papstes  Bann  und  des  Kaisers  Acht  trafen  den  abtrünnigen  Fürsten.
Niemals  wollte  der  römische  Stuhl  diesen  Raub  anerkennen.  Indem  die
märkischen  Hohenzollern  die  Herzogskrone  ihrer  preußischen  Vettern  mit
ihrem  Kurhute  verbanden,  brachen  sie  für  immer  mit  der  römischen  Kirche;
        <pb n="37" />
        Preußen  und  Cleve  mit  Brandenburg  vereinigt.  27

ihr  Staat  stand  und  fiel  fortan  mit  dem  Protestantismus.  Zur  selben
Zeit  nahm  Johann  Sigismund  das  reformirte  Bekenntniß  an.  Er  legte
damit  den  Grund  für  die  folgenreiche  Verbindung  seines  Hauses  mit  dem
Heldengeschlechte  der  Oranier  und  trat  aus  der  leidsamen  Trägheit  des
erstarrten  Lutherthums  hinüber  in  die  Gemeinschaft  jener  Kirche,  welche
allein  noch  die  politischen  Gedanken  der  Reformation  mit  kriegerischem
Muthe  verfocht.  Der  calvinische  Landesherr  beherrschte  in  den  Marken
ein  hart  lutherisches  Volk;  in  Preußen  saßen  Lutheraner  und  Katholiken,
in  den  niederrheinischen  Landen  die  Bekenner  aller  drei  großen  Kirchen
Deutschlands  bunt  durcheinander.  Von  dem  Glaubenshasse  der  eigenen
Unterthanen  bedroht,  sah  sich  das  Fürstenhaus  gezwungen,  allen  kirch—
lichen  Parteien  durch  duldsame  Schonung  gerecht  zu  werden.  Dergestalt
ward  die  eigenthümliche  Doppelstellung  der  Hohenzollern  zu  unserem
kirchlichen  Leben  begründet:  sie  standen,  seit  die  Macht  der  Pfälzer  zer—
fiel,  an  der  Spitze  des  streitbaren  Protestantismus  im  Reiche  und  ver—
traten  doch  zugleich  den  Grundgedanken  der  neuen  deutschen  Gesittung,
die  Glaubensfreiheit.  Mit  dem  Scharfblicke  des  Hasses  sagten  schon  in
den  Tagen  Johann  Sigismund's  kaiserliche  Staatsmänner  voraus:  es
stehe  zu  befürchten,  daß  der  Brandenburger  nunmehr  der  Führer  der
gesammten  protestantischen  Partei  werden  könne.

Mit  der  preußischen  Herzogskrone  gewann  das  Haus  Hohenzollern
jene  stolze  Colonie  des  gesammten  Deutschlands,  die  mit  dem  Blute  aller
deutschen  Stämme  noch  reicher  als  die  Mark  benetzt  war  und  sich  vor
allen  Landschaften  des  Reiches  einer  großen  und  heldenhaften  Geschichte
rühmte:  hier  in  dem  „neuen  Deutschland“  hatte  einst  der  deutsche  Orden
die  baltische  Großmacht  des  Mittelalters  aufgerichtet.  Das  entlegene,
durch  die  Feindschaft  des  polnischen  Lehnsherrn  wie  der  skandinavischen
und  moskowitischen  Nachbarn  unablässig  bedrohte  Grenzland  verwickelte
den  Staat  der  Hohenzollern  in  die  wirrenreichen  Kämpfe  des  nordischen
Staatensystems.  Während  er  also  an  der  Ostsee  festen  Fuß  faßte,  erwarb
  Johann  Sigismund  zugleich  das  Herzogthum  Cleve  nebst  den  Grafschaften
  Mark  und  Ravensberg,  ein  Gebiet  von  geringem  Umfang,  aber
hochwichtig  für  die  innere  Entwicklung  wie  für  die  europäische  Politik
des  Staates:  Lande  von  treu  bewahrter  alter  Bauern=  und  Städtefreiheit,
  reicher  und  höher  gesittet  als  die  dürftigen  Colonien  des  Ostens,
unschätzbare  Außenposten  an  Deutschlands  schwächster  Grenze.  In  Wien
und  Madrid  ward  es  als  eine  schwere  Niederlage  empfunden,  daß  eine
neue  evangelische  Macht  sich  festsetzte  dort  am  Niederrheine,  wo  Spanier
und  Niederländer  um  Sein  oder  Nichtsein  des  Protestantismus  kämpften,
dicht  vor  den  Thoren  Kölns,  der  Hochburg  des  römischen  Wesens  im
Reiche.  Der  junge  Staat  umschloß  auf  seinen  fünfzehnhundert  Geviertmeilen
  bereits  fast  alle  die  kirchlichen,  ständischen,  landschaftlichen  Gegensätze,
  welche  das  heilige  Reich  mit  lautem  Hader  erfüllten:  mit  gespreizten
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        28  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Beinen  gleich  dem  Koloß  von  Rhodus  stand  er  über  den  deutschen
Landen  und  stemmte  seine  Füße  auf  die  bedrohten  Marken  am  Rhein
und  Memelstrom.

Eine  Macht  in  solcher  Lage  konnte  nicht  mehr  in  dem  engen  Gesichtskreise
  deutscher  Territorialpolitik  verharren;  sie  mußte  versuchen  ihre
weithin  zerstreuten  Gebiete  zu  einer  haltbaren  Masse  abzurunden,  sie  war
gezwungen  für  das  Reich  zu  handeln  und  zu  schlagen,  denn  jeder  Angriff
der  Fremden  auf  deutschen  Boden  schnitt  ihr  in  ihr  eignes  Fleisch.  Und
dieser  Staat,  der  nur  deutsches  Land  beherrschte,  stand  doch  der  Reichsgewalt
  in  glücklicher  Unabhängigkeit  gegenüber.  Jenen  Reichsständen,
deren  Gebiete  allesammt  innerhalb  der  Reichsgrenzen  lagen,  war  eine
selbständige  europäische  Politik  immerhin  erschwert;  andere  Fürstengeschlechter,
  die  sich  durch  die  Erwerbung  ausländischer  Kronen  den  hemmenden
  Fesseln  der  Reichsverfassung  entzogen,  gingen  dem  deutschen  Leben
verloren.  Auch  dem  Hause  Brandenburg  sind  oftmals  lockende  Rufe  aus
der  Ferne  erklungen:  die  Herrschaft  in  Schweden,  in  Polen,  in  den  Niederlanden,
  in  England  schien  ihm  offen  zu  stehen.  Doch  immer  hat  bald  die
Macht  der  Umstände  bald  die  verständige  Selbstbeschränkung  des  Fürstengeschlechts
  diese  gefährlichen  Versuchungen  abgewiesen.  Eine  segensreiche
Fügung,  die  dem  ernsten  Sinne  nicht  als  Zufall  gelten  darf,  nöthigte  die
Hohenzollern  in  Deutschland  zu  verbleiben.  Sie  bedurften  der  fremden
Kronen  nicht;  denn  sie  dankten  ihre  unabhängige  Stellung  in  der  Staatengesellschaft
  dem  Besitze  des  Herzogthums  Preußen,  eines  kerndeutschen
Landes,  das  mit  allen  Wurzeln  seines  Lebens  an  dem  Mutterlande  hing
und  gleichwohl  dem  staatsrechtlichen  Verbande  des  Reiches  nicht  angehörte.
Also  mit  dem  einen  Fuß  im  Reiche,  mit  dem  andern  draußen  stehend,  gewann
  der  preußische  Staat  das  Recht,  eine  europäische  Politik  zu  führen,
die  nur  deutsche  Ziele  verfolgen  konnte.  Er  durfte  für  Deutschland  sorgen,
ohne  nach  dem  Reiche  und  seinen  verrotteten  Formen  zu  fragen.

Dem  Historiker  ist  nicht  gestattet,  nach  der  Weise  der  Naturforscher
das  Spätere  aus  dem  Früheren  einfach  abzuleiten.  Männer  machen  die
Geschichte.  Die  Gunst  der  Weltlage  wird  im  Völkerleben  wirksam  erst
durch  den  bewußten  Menschenwillen,  der  sie  zu  benutzen  weiß.  Noch
einmal  stürzte  der  Staat  der  Hohenzollern  von  seiner  kaum  errungenen
Machtstellung  herab;  er  trieb  dem  Untergange  entgegen,  solange  Johann
Sigismund's  Nachfolger  Georg  Wilhelm  aus  matten  Augen  schläfrig  in
die  Welt  blickte.  Auch  dieser  neue  Versuch  deutscher  Staatenbildung
schien  wieder  in  der  Armseligkeit  der  Kleinstaaterei  zu  enden,  wie  vormals
die  unter  ungleich  günstigeren  Anzeichen  aufgestiegenen  Mächte  der  Welfen,
der  Wettiner,  der  Pfälzer.  Da  trat  als  ein  Fürst  ohne  Land,  mit  einem
Stecken  und  einer  Schleuder  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm  ein  in  das
verwüstete  deutsche  Leben,  der  größte  deutsche  Mann  seiner  Tage,  und
beseelte  die  schlummernden  Kräfte  seines  Staates  mit  der  Macht  des
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        Brandenburg  das  Land  der  Parität.  29

Wollens.  Seitdem  blieb  die  Kraft  des  zweckbewußten  königlichen  Willens
der  werdenden  deutschen  Großmacht  unverloren.  Man  kann  sich  die
englische  Geschichte  vorstellen  ohne  Wilhelm  III.,  die  Geschichte  Frankreichs
ohne  Richelieu;  der  preußische  Staat  ist  das  Werk  seiner  Fürsten.  In
wenigen  andern  Ländern  bewährte  das  Königthum  so  stetig  jene  beiden
Tugenden,  die  seine  Größe  bilden:  den  kühnen,  weit  vorausschauenden
Idealismus,  der  das  bequeme  Heute  dem  größeren  Morgen  opfert,  und
die  strenge  Gerechtigkeit,  die  jede  Selbstsucht  in  den  Dienst  des  Ganzen
zwingt.  Nur  der  Weitblick  der  Monarchie  vermochte  in  diesen  armseligen
Gebietstrümmern  die  Grundsteine  einer  neuen  Großmacht  zu  erkennen.
Nur  in  dem  Pflichtgefühle  der  Krone,  in  dem  monarchischen  Staatsgedanken
  fanden  die  verfeindeten  Stämme  und  Stände,  Parteien  und  Kirchen,
welche  dieser  Mikrokosmos  des  deutschen  Lebens  umfaßte,  ihren  Schutz
und  ihren  Frieden.

Schon  in  den  ersten  Jahren  des  großen  Kurfürsten  tritt  die  Eigenart
  der  neuen  deutschen  Macht  scharf  und  klar  heraus.  Der  Neffe
Gustav  Adolf's,  der  sein  junges  Heer  unter  dem  alten  Protestantenrufe
„Mit  Gott"“  in  die  Schlachten  führt,  nimmt  die  Kirchenpolitik  seines  Oheims
wieder  auf.  Er  zuerst  ruft  in  den  Hader  der  Kirchen  das  erlösende  Wort
hinein,  fordert  die  allgemeine  unbedingte  Amnestie  für  alle  drei  Bekenntnisse.
Es  war  das  Programm  des  Westphälischen  Friedens.  Und  weit  über  die
Vorschriften  dieses  Friedensschlusses  hinaus  ging  die  Duldung,  welche  die
Hohenzollern  im  Innern  ihres  Landes  walten  ließen.  Brandenburg
galt  vor  dem  Reichsrechte  als  ein  evangelischer  Stand  und  wurde  doch
der  erste  Staat  Europas,  der  die  volle  Glaubensfreiheit  gewährte.  Das
bunte  Sectenwesen  in  den  Niederlanden  verdankte  seine  ungebundene  Bewegung
  nur  der  Anarchie,  der  Schwäche  des  Staates;  hier  aber  ruhte
die  Gewissensfreiheit  auf  den  Gesetzen  einer  kraftvollen  Staatsgewalt,
die  sich  das  Recht  der  Oberaufsicht  über  die  Kirchen  nicht  rauben  ließ.
In  den  anderen  deutschen  Territorien  bestand  überall  noch  eine  herrschende
Kirche,  die  den  beiden  anderen  Confessionen  nur  den  Gottesdienst  nicht
gänzlich  untersagen  durfte;  in  Brandenburg  stand  die  Krone  frei  über
allen  Kirchen  und  schützte  die  Parität.  Derweil  Oesterreich  seine  besten
Deutschen  gewaltsam  austreibt,  öffnet  eine  Gastfreundschaft  ohne  Gleichen
die  Grenzen  Brandenburgs  den  Duldern  jeglichen  Glaubens.  Wie  viel
tausendmal  ist  in  den  Marken  das  Danklied  der  böhmischen  Exulanten
erklungen:  „Dein  Volk,  das  sonst  im  Finstern  saß,  von  Irrthum  ganz
umgeben,  das  findet  hier  nun  sein  Gelaß  und  darf  in  Freiheit  leben!“
Als  Ludwig  XIV.  das  Edict  von  Nantes  aufhebt,  da  tritt  ihm  der  kleine
brandenburgische  Herr  als  Wortführer  der  protestantischen  Welt  kühn
entgegen  und  bietet  durch  sein  Potsdamer  Edict  den  Söhnen  der  Märtyrerkirche
  Schirm  und  Obdach.  Ueberall,  wo  noch  die  Flammen  des  alten
Glaubenshasses  aus  dem  deutschen  Boden  emporschlagen,  schreiten  die
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        30  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Hohenzollern  schützend  und  versöhnend  ein.  Sie  rufen  die  Wiener  Judenschaft
  an  die  Spree,  sie  sichern  „Via  facti“,  des  Reiches  ungefragt,  den
Protestanten  Heidelbergs  den  Besitz  ihrer  Kirchen,  sie  bereiten  den  evangelischen
  Salzburgern  in  Ostpreußen  eine  neue  Heimath.  So  strömte  Jahr
für  Jahr  eine  Fülle  jungen  Lebens  in  die  entvölkerten  Ostmarken  hinüber;
das  deutsche  Blut,  das  die  Habsburger  von  sich  stießen,  befruchtete  die
Lande  ihres  Nebenbuhlers.  Beim  Tode  Friedrich's  II.  bestand  etwa  ein
Drittel  der  Bevölkerung  des  Staates  aus  den  Nachkommen  der  Einwanderer,
  die  seit  den  Tagen  des  großen  Kurfürsten  zugezogen.

Erst  diese  Kirchenpolitik  der  Hohenzollern  hat  das  Zeitalter  der
Religionskriege  abgeschlossen;  sie  zwang  schließlich  die  besseren  weltlichen
Fürsten  zur  Nachahmung  und  entzog  zugleich  den  geistlichen  Staaten
das  letzte  Recht  des  Daseins;  denn  wozu  noch  geistliche  Reichsfürsten,
seit  die  katholische  Kirche  unter  den  Flügeln  des  preußischen  Adlers  gesicherte
  Freiheit  fandd  Friedrich  Wilhelm  erwarb  im  Westphälischen
Frieden  die  großen  Stifter  Magdeburg,  Halberstadt,  Minden,  Cammin.
Sein  Staat  ward  wie  kein  anderer  in  Deutschland  durch  die  Güter  der
römischen  Kirche  bereichert,  doch  er  rechtfertigte  den  Raub,  denn  er  übernahm
  mit  dem  Kirchengute  zugleich  die  großen  Culturaufgaben,  welche  die
Kirche  des  Mittelalters  einst  für  den  unreifen  Staat  erfüllt  hatte,  Armenpflege
  und  Volkserziehung,  und  er  verstand  den  neuen  Pflichten  zu  genügen.
  Dasselbe  Gebot  der  Selbsterhaltung,  das  die  Hohenzollern  nöthigte
Frieden  zu  halten  zwischen  Katholiken  und  Protestanten,  drängte  sie  auch
innerhalb  der  evangelischen  Kirche  zwischen  den  Gegensätzen  zu  vermitteln.
Der  Gedanke  der  evangelischen  Union  blieb  dem  preußischen  Staate  eigenthümlich
  seit  Johann  Sigismund  zuerst  den  lutherischen  Eiferern  das
Zetern  wider  die  Calvinisten  untersagte,  und  was  anfänglich  die  Noth
erzwang,  ward  endlich  zur  politischen  Ueberlieferung,  zur  Herzenssache
des  Fürstenhauses.

Wie  der  preußische  Staat  also  der  deutschen  Nation  den  kirchlichen
Frieden  sicherte,  der  ihr  erlaubte  wieder  theilzunehmen  an  dem  Schaffen
der  Culturvölker,  so  gab  er  ihr  auch  zurück  was  ihr  seit  den  Tagen  der
Glaubensspaltung  fehlte:  einen  Willen  gegen  das  Ausland.  Ueberall  im
Reiche  verkamen  reiche  Kräfte  in  engen  Verhältnissen,  und  wer  hoch
Hinausstrebte  eilte  in  die  Fremde;  da  faßte  Friedrich  Wilhelm's  gewaltige
Hand  die  dürftigen  Mittel  der  ärmsten  deutschen  Gebiete  entschlossen  zusammen
  und  zwang  sein  Volk  der  Heimath  zu  dienen  und  zeigte  dem  Welttheil
  wieder  was  das  deutsche  Schwert  vermöge.  Das  Reich  zehrte  von
alten  Erinnerungen,  bewahrte  die  Staatsformen  des  Mittelalters  mitten
im  neuen  Europa;  diese  norddeutsche  Macht  aber  wurzelte  fest  in  der
modernen  Welt,  über  den  Trümmern  der  alten  Kirchenherrschaft  und  der
altständischen  Rechte  stieg  ihre  starke  Staatsgewalt  empor,  sie  lebte  den
Sorgen  der  Gegenwart  und  den  Plänen  einer  großen  Zukunft.  Mit
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        Weltstellung  des  preußischen  Staates.  31

einem  Schlage  führte  Friedrich  Wilhelm  seinen  mißachteten  kleinen  Staat
in  die  Reihe  der  europäischen  Mächte  ein;  seit  der  Schlacht  von  Warschau
stand  Brandenburg  den  alten  Militärstaaten  ebenbürtig  zur  Seite.  Wie
eine  Insel  schien  diese  festgeeinte  kriegerische  Macht  urplötzlich  emporzu—
steigen  aus  der  tobenden  See  deutscher  Vielherrschaft,  vor  den  verwun—
derten  Blicken  eines  Volkes,  das  längst  verlernt  an  raschen  Entschluß
und  großes  Gelingen  zu  glauben.  So  scharf  wehte  der  frische  Luftzug
des  bewußten  politischen  Willens  durch  die  Geschichte  des  neuen  preußischen
Staates,  so  straff  und  gewaltsam  ward  jeder  Muskel  seines  Volks  zur
Arbeit  angespannt,  so  grell  erschien  das  Mißverhältniß  zwischen  seinem
Ehrgeiz  und  seinen  Mitteln,  daß  er  bei  Freund  und  Feind  durch  an—
derthalb  Jahrhunderte  nur  als  eine  künstliche  Schöpfung  galt.  Die
Welt  hielt  für  das  willkürliche  Wagniß  einiger  Lieblinge  des  Glücks,
was  der  nothwendige  Neubau  des  uralten  nationalen  Staates  der
Deutschen  war.

Preußen  behauptete  wie  in  den  deutschen  Glaubenshändeln,  so  auch
in  den  großen  Machtkämpfen  des  Welttheils  eine  schwierige  Mittelstellung.
So  lange  das  protestantische  Deutschland  willenlos  darniederlag,  zerfiel
Europa  in  zwei  getrennte  Staatensysteme,  die  einander  selten  berührten.
Die  Staatenwelt  des  Südens  und  Westens  kämpfte  um  die  Beherrschung
Italiens  und  der  rheinisch-burgundischen  Lande,  während  die  Mächte  des
Nordens  und  Ostens  sich  um  die  Trümmerstücke  des  deutschen  Ordens—
staates  und  um  den  Nachlaß  der  Hansa,  die  Ostseeherrschaft  stritten.
Der  Osten  und  der  Westen  begegneten  sich  nur  in  dem  einen  Verlangen,
die  ungeheure  Lücke,  die  in  der  Mitte  des  Welttheils  klaffte,  immerdar
offen  zu  halten.  Nun  erhob  sich  die  jugendliche  deutsche  Macht,  das
vielverspottete  „Reich  der  langen  Grenzen“.  Sie  gehörte  dem  Welttheil
an,  ihr  versprengtes  Gebiet  berührte  die  Marken  aller  Großmächte  des
Festlands.  Sobald  sie  anfing  mit  selbständigem  Willen  sich  zu  bewegen,
griffen  die  Mächte  des  Westens  in  die  Händel  des  Ostens  ein,  immer
häufiger  verschlangen  und  durchkreuzten  sich  die  Interessen  der  beiden
Staatensysteme.

Der  geborene  Gegner  der  alten,  auf  Deutschlands  Ohnmacht  ruhenden
Ordnung  Europas,  stand  Preußen  in  einer  Welt  von  Feinden,  deren
Eifersucht  seine  einzige  Rettung  blieb,  ohne  irgend  einen  natürlichen
Bundesgenossen,  denn  noch  war  der  deutschen  Nation  das  Verständniß
dieser  jungen  Kraft  nicht  aufgegangen.  Und  dies  in  jener  Zeit  der  harten
Staatsraison,  da  der  Staat  nur  Macht  war  und  die  Vernichtung  des
Nachbarn  als  seine  natürliche  Pflicht  betrachtete.  Wie  das  Haus  Savoyen
sich  hindurchwand  durch  die  Uebermacht  der  Habsburger  und  der  Bour—
bonen,  ebenso,  doch  ungleich  schwerer  bedrängt  mußte  Preußen  sich  seinen
Weg  bahnen  zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  hindurch,  zwischen
Schweden  und  Polen,  zwischen  den  Seemächten  und  der  trägen  Masse
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        32  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

des  deutschen  Reiches,  mit  allen  Mitteln  rücksichtsloser  Selbstsucht,  immer
bereit  die  Front  zu  wechseln,  immer  mit  zwei  Sehnen  am  Bogen.

Kurbrandenburg  empfand  bis  in  das  Mark  seines  Lebens,  wie  tief
das  ausländische  Wesen  sich  in  Deutschland  eingefressen  hatte.  Alle  die
zuchtlosen  Kräfte  ständischer  Libertät,  welche  der  strengen  Ordnung  der
neuen  Monarchie  widerstrebten,  stützten  sich  auf  fremden  Beistand.  Holländische
  Garnisonen  lagen  am  Niederrhein  und  begünstigten  den  Kampf
der  clevischen  Stände  wider  den  deutschen  Landesherrn,  die  Landtage  von
Magdeburg  und  der  Kurmark  rechneten  auf  Oesterreich,  der  polenzende
Adel  in  Königsberg  rief  den  polnischen  Oberlehnsherrn  zu  Hilfe  gegen
den  märkischen  Despotismus.  Im  Kampfe  mit  der  Fremdherrschaft  wurde
die  Staatseinheit  dieser  zerstreuten  Gebiete  und  das  Ansehen  ihres  Landesherrn
  begründet.  Friedrich  Wilhelm  zerstörte  die  Barriere  der  Niederländer
  im  deutschen  Nordwesten,  vertrieb  ihre  Truppen  aus  Cleve  und
Ostfriesland;  er  befreite  Altpreußen  von  der  polnischen  Lehenshoheit  und
beugte  den  Königsberger  Landtag  unter  seine  Souveränität.  Dann  ruft
er  der  tauben  Nation  sein  Mahnwort  zu:  „Gedenke,  daß  du  ein  Deutscher
bist!“  und  versucht  die  Schweden  vom  Reichsboden  zu  verdrängen.  Zweimal
  gelang  der  Mißgunst  Frankreichs  und  Oesterreichs,  den  Brandenburger
  um  den  Lohn  seiner  Siege,  um  die  Herrschaft  in  Pommern  zu
betrügen;  den  Ruhm  des  Tages  von  Fehrbellin  konnten  sie  ihm  nicht
rauben.  Endlich  wieder,  nach  langen  Jahrzehnten  der  Schande,  ein
glänzender  Triumph  deutscher  Waffen  über  die  erste  Kriegsmacht  der
Zeit;  die  Welt  erfuhr,  daß  Deutschland  wieder  wage  sein  Hausrecht  zu
wahren.  Der  Erbe  der  deutschen  Kirchenpolitik  Gustav  Adolf's  zersprengte
den  verwegenen  Bau  des  skandinavischen  Ostseereiches,  den  das  Schwert
jenes  Schwedenkönigs  zusammengefügt.  Die  beiden  künstlichen  Großmächte
  des  siebzehnten  Jahrhunderts,  Schweden  und  Holland,  begannen
zurückzutreten  in  ihre  natürlichen  Schranken,  und  der  neue  Staat,  der
sich  an  ihrer  Stelle  erhob,  zeigte  weder  die  ausschweisende  Eroberungslust
  der  schwedischen  Militärmacht  noch  den  monopolsüchtigen  Kaufmannsgeist
  der  Niederländer.  Er  war  deutsch,  er  begnügte  sich  das  Gebiet
seiner  Nation  zu  schirmen  und  vertrat  gegen  die  Weltherrschaftspläne  der
Bourbonen  den  Gedanken  des  europäischen  Gleichgewichts,  der  Staatenfreiheit.
  Als  die  Republik  der  Niederlande  dem  Angriff  Ludwig's  XIV.
zu  erliegen  drohte,  da  fiel  Brandenburg  dem  Eroberer  in  den  erhobenen
Arm;  Friedrich  Wilhelm  führte  den  einzigen  ernsthaften  Krieg,  den  das
Reich  zur  Wiedereroberung  des  Elsasses  gewagt  hat,  und  noch  auf  seinem
Sterbebette  entwarf  er  mit  seinem  oranischen  Neffen  den  Plan,  das
evangelische  und  parlamentarische  England  zu  retten  vor  der  Willkür  der
Stuarts,  der  Vasallen  Ludwig's.  Ueberall  wo  diese  junge  Macht  allein
stand  kämpfte  sie  siegreich,  überall  unglücklich  wo  sie  dem  Wirrwarr  des
Reichsheeres  sich  anschließen  mußte.
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        Der  neue  Mehrer  des  Reichs.  33

So  erwies  sich  die  neue  Staatsbildung  schon  in  ihren  Anfängen
als  eine  europäische  Nothwendigkeit.  Deutschland  aber  fand  endlich  wieder
einen  Mehrer  des  Reichs.  Mit  dem  Aufsteigen  Preußens  begann  die
lange  blutige  Arbeit  der  Befreiung  Deutschlands  von  fremder  Herrschaft.
Seit  hundert  Jahren  von  den  Nachbarn  beraubt  sah  das  Reich  jetzt  zum
ersten  male  das  ausländische  Regiment  von  einigen  Schollen  deutscher
Erde  zurückweichen.  In  diesem  einen  Staate  erwachte  wieder,  noch  halb
bewußtlos,  wie  trunken  vom  langen  Schlummer,  der  alte  herzhafte  vaterländische
  Stolt.  Das  treue  Landvolk  der  Grafschaft  Mark  begann  den
kleinen  Krieg  gegen  die  Franzosen,  die  Bauern  von  Ostpreußen  setzten
in  wilder  Jagd  den  fliehenden  Schweden  nach.  Wenn  die  Bauernlandwehr
  der  Altmark,  an  den  Elbdeichen  Wache  haltend  wider  die  Schweden,
auf  ihre  Fahnen  schrieb:  „Wir  sind  Bauern  von  geringem  Gut  und
dienen  unserm  gnädigsten  Kurfürsten  und  Herrn  mit  Gut  und  Blut,-"
so  klingt  uns  aus  den  ungelenken  Worten  schon  derselbe  Heldensinn
entgegen,  welcher  dereinst  in  freieren  Tagen  Deutschlands  Schlachten
schlagen  sollte  unter  dem  Rufe:  „Mit  Gott  für  König  und  Vaterland!“

Während  die  Hausmacht  der  Habsburger  aus  Deutschland  hinaus
wuchs,  drängte  ein  stetig  waltendes  Schicksal  den  Staat  der  Hohenzollern
  tief  und  tiefer  in  das  deutsche  Leben  hinein,  zuweilen  wider  den
Willen  seiner  Herrscher.  Friedrich  Wilhelm  hat  es  nie  verwunden,  daß
er  seine  pommerschen  Erbansprüche  im  Westphälischen  Frieden  gegen  den
Widerstand  Oesterreichs  und  Schwedens  nicht  behaupten  konnte.  Er
hoffte  als  ein  König  der  Vandalen  von  dem  Stettiner  Hafen  aus  die
Ostsee  zu  beherrschen  und  mußte  sich  mit  den  sächsisch-westphälischen
Stiftslanden,  zum  Ersatz  für  die  Odermündungen,  begnügen.  Doch
selbst  diese  diplomatische  Niederlage  ward  ein  Glück  für  den  Staat;  sie
bewahrte  ihn  vor  einem  halbdeutschen  baltischen  Sonderleben,  verstärkte
seine  centrale  Stellung  und  zwang  ihn  theilzunehmen  an  allen  Händeln
der  binnendeutschen  Politik.  Zudem  war  ganz  Norddeutschland  übersponnen
  von  einem  Netze  hohenzollerscher  Erbverträge,  die  dies  bedachtsam
  rechnende  Haus  im  Laufe  der  Jahrhunderte  abgeschlossen;  an  jedem
neuen  Tage  konnte  ein  Todesfall  der  ehrgeizigen  Macht  eine  neue  Vergrößerung
  bringen.

Das  Haus  Habsburg  erkannte  früher  als  die  Hohenzollern  selber,
wie  feindselig  dieser  moderne  norddeutsche  Staat  der  alten  Verfassung
des  heiligen  Reichs  gegenüberstand.  Es  war  das  Haupt  des  Protestantismus
  im  Reiche,  mochte  immerhin  Kursachsen  noch  Director  des  Corbus
Evangelicorum  heißen;  er  bedrohte  mit  seiner  monarchischen  Ordnung
den  ganzen  Bau  jener  ständischen  und  theokratischen  Institutionen,  welche
die  Kaiserkrone  stützten;  ein  starkes  Heer  und  sein  selbständiges  Auftreten
  in  der  Staatengesellschaft  gefährdeten  das  altgewohnte  System
kaiserlicher  Hauspolitik.  In  Schlesien,  in  Pommern,  in  dem  jülichv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  3
        <pb n="44" />
        34  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

clevischen  Erbfolgestreite,  überall  trat  Oesterreich  dem  gefährlichen  Nebenbuhler
  mißtrauisch  entgegen.  Gleich  dem  Wiener  Hofe  beargwöhnten  alle
Reichsfürsten  den  unruhigen  Staat,  der  den  gesammten  deutschen  Norden
zu  umklammern  drohte;  so  oft  er  mit  einiger  Kühnheit  sich  hervorwagte,
erklang  durch's  deutsche  Land  der  Jammerruf  über  „den  immer  tiefer
in's  Reich  dringenden  brandenburgischen  Dominat“.  Als  der  große  Kurfürst
  die  Schweden  aus  Düppel  und  Alsen  verjagte,  schlossen  die  Fürsten
des  Westens  mit  der  Krone  Frankreich  jenen  ersten  Rheinbund  zum  Schutze
des  Reichsstandes  Schweden.  Da  das  Kaiserhaus  noch  durch  den  Breisgau
  und  die  oberschwäbischen  Lande  ganz  Süddeutschland  militärisch  beherrschte,
  so  war  an  den  oberländischen  Höfen  die  Furcht  vor  Oesterreichs
Ländergier  zuweilen  stärker  als  die  Angst  vor  dem  entlegenen  Brandenburg;
  zuletzt  überwog  doch  bei  allen  Kleinfürsten  die  Erkenntniß,  daß  der
kaiserliche  Hof  eine  Macht  des  Beharrens,  jener  nordische  Emporkömmling
aber  durch  einen  tiefen,  unversöhnlichen  Gegensatz  von  der  alten  Ordnung
der  deutschen  Dinge  getrennt  sei.

Auch  die  Nation  sah  mit  Abscheu  und  Besorgniß  auf  den  Staat
der  Hohenzollern,  wie  einst  die  italischen  Stämme  auf  das  emporsteigende
Rom.  Die  freien  Köpfe  der  Zeit  begannen  bereits  sich  den  Idcen  des
modernen  Absolutismus  zuzuwenden;  die  Masse  des  Volks  hing  noch  an
den  althergebrachten  ständischen  Formen,  die  in  dem  Hause  Brandenburg
ihren  Bändiger  fanden.  Einzelne  Kriegsthaten  Friedrich  Wilhelm's  erweckten
  wohl  die  Bewunderung  der  Zeitgenossen;  nach  seinem  kühnen
Zuge  vom  Rhein  zum  Rhyn  begrüßte  ihn  das  Elsasser  Volkslied  zuerst
mit  dem  Namen  des  Großen.  Doch  solche  Stimmungen  erregter  Augenblicke
  hielten  nicht  vor.  Zorn  und  Neid  trafen  das  trotzige  Glied,  das
sich  neben  das  Reich  stellte  und  noch  nicht  vermochte  der  Nation  einen
Ersatz  zu  bieten  für  die  zerstörte  alte  Ordnung;  Leibniz,  der  begeisterte
Reichspatriot,  erwies  in  beredter  Denkschrift,  wie  der  Brandenburger
von  seinen  Mitständen  gezüchtigt  werden  müsse,  weil  er  eigenmächtig  sein
Heer  zur  Rettung  Hollands  gegen  die  Franzosen  geführt  habe.  Noch
ahnte  Niemand  in  diesem  staatlosen  Geschlechte,  daß  die  Führung  zersplitterter
  Völker  nothwendig  dem  Theile  zufällt,  welcher  die  Pflichten
des  Ganzen  auf  sich  nimmt.  Um  so  lebhafter  regte  sich  die  dunkle
Sorge,  diese  thatenlustige  Macht  müsse  wachsen  oder  untergehen;  und
wie  schon  im  Mittelalter  der  Volkswitz  immer  den  deutschen  Stamm
heimsuchte,  welcher  den  Gedanken  der  nationalen  Einheit  trug,  so  ergossen
  jetzt  die  particularistische  Seelenangst  und  Selbstgefälligkeit  ihren
Hohn  auf  die  Marken.

Das  Volk  spottete  über  die  Armuth  der  Streusandbüchse  des  heiligen
Reichs,  über  die  brandenburgische  Knechtschaft;  wie  Verzweifelte  fochten
die  Bürger  Stettins  auf  ihren  Wällen,  um  ihre  gute  Stadt  bei  der
schwedischen  Freiheit  zu  erhalten  und  vor  dem  Joche  des  märkischen  Blut-
        <pb n="45" />
        Brandenburg  und  die  deutsche  Libertät.  35

menschen  zu  bewahren.  Der  Particularismus  aller  Stände  und  aller
Landschaften  vernahm  mit  Entsetzen,  wie  der  große  Kurfürst  seine  Unterthanen
  zwang  als  „eines  Hauptes  Glieder"“  zu  leben,  wie  er  die  Vielherrschaft
  der  Landtage  den  Befehlen  der  Landeshoheit  unterwarf  und
seine  Krone  stützte  auf  die  beiden  Säulen  monarchischer  Vollgewalt,  den
miles  perpetuuns  und  die  stehende  Steuer.  In  der  Anschauung  des
Volkes  galten  Truppen  und  Steuern  noch  als  eine  außerordentliche
Staatslast  für  Tage  der  Noth.  Friedrich  Wilhelm  aber  erhob  das  Heer
zu  einer  dauernden  Institution  und  schwächte  die  Macht  der  Landstände,
indem  er  in  allen  seinen  Gebieten  zwei  allgemeine  Steuern  einführte:
auf  dem  flachen  Lande  den  Generalhufenschoß,  in  den  Städten  die  Accise,
ein  mannigfaltiges  System  von  niedrigen  directen  und  indirecten  Abgaben,
  das  auf  die  Geldarmuth  der  erschöpften  Volkswirthschaft  berechnet
war  und  die  Steuerkraft  an  möglichst  vielen  Stellen  anfaßte.  Im  Reiche
war  nur  eine  Stimme  der  Verwünschung  wider  diese  ersten  Anfänge  des
modernen  Heer=  und  Finanzwesens.  Preußen  blieb  vom  Beginne  seiner
selbständigen  Geschichte  der  bestgehaßte  der  deutschen  Staaten;  die  Reichslande,
  welche  diesem  Fürstenhause  zufielen,  sind  fast  alle  unter  lauten
Klagen  und  heftigem  Widerstande  in  die  neue  Staatsgemeinschaft  eingetreten,
  um  sämmtlich  bald  nachher  ihr  Schicksal  zu  segnen.

Das  ungeheure,  hoffnungslose  Wirrsal  der  deutschen  Zustände,  die
erbliche  Ehrfurcht  der  Hohenzollern  vor  dem  Kaiserhause  und  die  Bedrängniß
  ihres  zwischen  übermächtigen  Feinden  eingepreßten  Staates  verhinderten
  noch  durch  viele  Jahrzehnte,  daß  das  alte  und  das  neue
Deutschland  in  offenem  Kampfe  auf  einander  stießen.  Friedrich  Wilhelm
lebte  und  webte  in  den  Hoffnungen  der  Reichsreform;  mit  dem  ganzen
feurigen  Ungestüm  seines  heldenhaften  Wesens  betrieb  er  auf  dem  ersten
Reichstage  nach  dem  Westphälischen  Frieden  die  zu  Osnabrück  verheißene
Neugestaltung  der  Reichsverfassung.  Da  dieser  Versuch  scheiterte,  faßte
Georg  Friedrich  von  Waldeck  den  verwegenen  Gedanken,  daß  der  Hohenzoller
  selber  dem  Reiche  eine  neue  Ordnung  geben  solle;  er  entwarf  den
Anschlag  zu  einem  deutschen  Fürstenbunde  unter  der  Führung  des  vergrößerten
  brandenburgischen  Staates.  Noch  waren  die  Zeiten  nicht  erfüllt.
  Der  Kurfürst  ließ  seinen  kühnen  Rathgeber  fallen,  um  der  nächsten
Noth  zu  begegnen  und  mit  dem  Kaiser  verbündet  gegen  die  Schweden
auszuziehen;  er  hat  nachher  sogar  den  lang  erwogenen  Plan  der  Eroberung
  Schlesiens  aufgegeben,  weil  er  Oesterreichs  bedurfte  im  Kampfe
wider  Frankreich.  Doch  der  Weg  war  gewiesen;  jede  neue  große  Erschütterung
  des  deutschen  Lebens  hat  den  preußischen  Staat  wieder  zurückgeführt
  zu  dem  zweifachen  Gedanken  der  Gebietserweiterung  und  der
bündischen  Hegemonie.

Friedrich  Wilhelm's  Nachfolger  brachte  mit  der  Königskrone  seinem
Hause  einen  würdigen  Platz  in  der  Gesellschaft  der  europäischen  Mächte,

3*
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        36  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

seinem  Volke  den  gemeinsamen  Namen  der  Preußen.  Nur  die  Noth,
nur  die  Hoffnung  auf  Preußens  Waffenhilfe  bewog  den  kaiserlichen  Hof,
dem  Nebenbuhler  die  neue  Würde  zuzugestehen.  Ein  Schrecken  ging
durch  die  theokratische  Welt:  Kurmainz  protestirte,  der  deutsche  Orden
forderte  nochmals  seinen  alten  Besitz  zurück,  der  jetzt  dem  ketzerischen
Königthum  den  Namen  gab,  und  der  Staatskalender  des  Papstes  kannte
noch  an  hundert  Jahre  lang  nur  einen  brandenburgischen  Markgrafen.
Die  anspruchsvolle  königliche  Krone  erschien  dem  Enkel  Friedrich's  I.  als
eine  ernste  Mahnung,  die  Macht  und  Selbständigkeit  des  Staates  zu
befestigen.  Von  solchem  Stolze  wußte  die  schwache  Seele  des  ersten
Königs  wenig.  Er  diente,  ein  getreuer  Reichsfürst,  dem  Kaiserhause,
kämpfte  ritterlich  am  Rheine,  in  der  arglosen  Hoffnung,  der  Kaiser  werde
die  Feste  Straßburg  dem  Reiche  zurückbringen;  er  half  den  Habsburgern
die  Türken  zu  schlagen,  ließ  sein  Heer  als  karg  belohnte  Hilfsmacht
Oesterreichs  und  der  Seemächte  an  den  Schlachten  des  spanischen  Erbfolgekrieges
  theilnehmen.  Damals  zuerst  lernten  die  Franzosen  das  preußische
  Fußvolk  als  die  Kerntruppe  des  deutschen  Heeres  fürchten;  doch
an  der  politischen  Leitung  des  Krieges  hatte  der  Berliner  Hof  keinen
Antheil.  Während  seine  tapferen  Truppen  in  Ungarn  und  den  Niederlanden,
  in  Oberdeutschland  und  Italien  unfruchtbaren  Kriegsruhm  ernteten,
führte  Schweden  den  Verzweiflungskampf  gegen  die  Mächte  des  Nordens;
Preußen  aber  versäumte  die  Gunst  seiner  centralen  Lage  auszubeuten  und
durch  eine  kühne  Schwenkung  vom  Rhein  zur  Oder  dem  nordischen  Kriege
die  Entscheidung  zu  geben.  Mit  Mühe  hat  nachher  Friedrich  Wilhelm  I.
die  Fehler  des  Vaters  gesühnt  und  aus  dem  Schiffbruch  der  schwedischen
Großmacht  mindestens  die  Odermündungen  für  Deutschland  gerettet.
Von  Altersher  waren  die  Hohenzollern,  nach  gutem  deutschem  Fürstenbrauche,
  für  die  idealen  Aufgaben  des  Staatslebens  treu  besorgt  gewesen;
sie  hatten  die  Hochschulen  von  Frankfurt  und  Königsberg  gegründet,  die
Duisburger  wiederhergestellt.  Und  jetzt,  unter  dem  duldsamen  Regimente
des  freigebigen  Friedrich  und  seiner  philosophischen  Königin,  gewann  es
den  Anschein,  als  sollte  Deutschlands  wiedererwachende  Kunst  und  Wissenschaft
  in  dem  rauhen  Brandenburg  ihre  Heimath  finden.  Die  vier  reformatorischen
  Denker  des  Zeitalters,  Leibniz,  Pufendorf,  Thomasius,  Spener
wandten  sich  dem  preußischen  Staate  zu.  Die  neue  Friedrichs-Universität
zu  Halle  ward  die  Zufluchtsstätte  freier  Forschung,  übernahm  für  einige
Jahrzehnte  die  Führung  der  protestantischen  Wissenschaft,  trat  in  die  Lücke
ein,  welche  die  Zerstörung  der  alten  Heidelberger  Hochschule  geschlagen
hatte.  Die  dürftige  Hauptstadt  schmückte  sich  mit  den  Prachtbauten
Schlüter's;  der  schwelgerische  Hof  strebte  den  Glanz  und  den  Mäcenatenruhm
  des  gehaßten  Bourbonen  zu  überbieten.  Zwar  die  frivole  Selbstvergötterung
  des  höfischen  Despotismus  blieb  dem  Hause  der  Hohenzollern
  immer  fremd;  die  üppige  Pracht  Friedrich's  I.  reichte  an  die  ruch-
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        Das  Königreich  Preußen.  37

lose  Unzucht  der  sächsischen  Auguste  nicht  von  fern  heran.  Den  schweren
niederdeutschen  Naturen  fehlte  die  Anmuth  der  Sünde;  immer  wieder,
oft  in  hochkomischem  Contraste,  brach  das  ernsthaft  nüchterne  nordische
Wesen  durch  die  erkünstelten  Versailler  Formen  hindurch.  Doch  die  Ver—
schwendung  des  Hofes  drohte  die  Mittel  des  armen  Landes  zu  verzehren;
für  ein  Gemeinwesen,  das  sich  also  durch  die  Macht  des  Willens  empor—
gehoben  über  das  Maß  seiner  natürlichen  Kräfte,  war  nichts  schwerer  zu
ertragen,  als  die  schlaffe  Mittelmäßigkeit.  Ein  Glück  für  Deutschland,
daß  die  derben  Fäuste  König  Friedrich  Wilhelm's  J.  der  Lust  und  Herr—
lichkeit  jener  ersten  königlichen  Tage  ein  jähes  Ende  bereiteten.

Der  unfertige  Staat  enthielt  in  sich  die  Keime  vielseitigen  Lebens
und  vermochte  doch  mit  seiner  geringen  Macht  fast  niemals,  allen  seinen
Aufgaben  zugleich  zu  genügen;  seine  Fürsten  haben  das  Werk  ihrer  Väter
selten  in  gerader  Linie  weitergeführt,  sondern  der  Nachfolger  trat  immer
in  die  Bresche  ein,  welche  der  Vorgänger  offen  gelassen,  wendete  seine
beste  Kraft  den  Zweigen  des  Staatslebens  zu,  welche  Jener  vernachlässigt
hatte.  Der  große  Kurfürst  hatte  sein  Lebtag  zu  ringen  mit  dem  An—
drang  feindlicher  Nachbarn.  Seine  starke  Natur  verlor  über  den  großen
Entwürfen  der  europäischen  Politik  nicht  jenen  sorgsam  haushälterischen
Sinn,  der  den  meisten  seiner  Vorfahren  eigen  war  und  schon  in  den
Anfängen  des  Hauses  an  dem  häufig  wiederkehrenden  Beinamen  Oeco—
nomus  sich  erkennen  läßt;  er  that  das  Mögliche  den  zerstörten  Wohlstand
des  Landes  zu  heben,  erzog  den  Stamm  eines  monarchischen  Beamten—
thums,  begann  den  Staatshaushalt  nach  den  Bedürfnissen  moderner
Geldwirthschaft  umzugestalten.  Jedoch  eine  durchgreifende  Reform  der
Verwaltung  kam  in  den  Stürmen  dieser  kampferfüllten  Regierung  nicht
zu  Stande;  des  Fürsten  persönliches  Ansehen  und  die  schwerfällige  alte
Centralbehörde,  der  geheime  Rath,  hielten  das  ungestalte  Bündel  stän—
discher  Territorien  nothdürftig  zusammen.  Erst  sein  Enkel  zerstörte  den
alten  ständischen  Staat.

König  Friedrich  Wilhelm  I.  stellte  die  Grundgedanken  der  inneren
Ordnung  des  preußischen  Staates  so  unverrückbar  fest,  daß  selbst  die
Gesetze  Stein's  und  Scharnhorst's  und  die  Reformen  unserer  Tage  das
Werk  des  harten  Mannes  nur  fortbilden,  nicht  zerstören  konnten.  Er
ist  der  Schöpfer  der  neuen  deutschen  Verwaltung,  unseres  Beamtenthums
und  Offizierstandes;  sein  glanzlos  arbeitsames  Wirken  ward  nicht  minder
fruchtbar  für  das  deutsche  Leben  als  die  Waffenthaten  seines  Großvaters,
denn  er  führte  eine  neue  Staatsform,  die  geschlossene  Staatseinheit  der
modernen  Monarchie,  in  unsere  Geschichte  ein.  Er  gab  dem  neuen  Namen
der  Preußen  Sinn  und  Inhalt,  vereinte  sein  Volk  zur  Gemeinschaft
politischer  Pflichterfüllung,  prägte  den  Gedanken  der  Pflicht  für  alle  Zukunft
  diesem  Staate  ein.  Nur  wer  den  knorrigen  Wuchs,  die  harten
Ecken  und  Kanten  des  niederdeutschen  Volkscharakters  kennt,  wird  diesen
        <pb n="48" />
        38  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

gewaltigen  Zuchtmeister  verstehen,  wie  er  so  athemlos  durch's  Leben
stürmte,  der  Spott  und  Schrecken  seiner  Zeitgenossen,  rauh  und  roh,
scheltend  und  fuchtelnd,  immer  im  Dienst,  sein  Volk  und  sich  selber  zu
heißer  Arbeit  zwingend,  ein  Mann  von  altem  deutschem  Schrot  und  Korn,
kerndeutsch  in  seiner  kindlichen  Offenheit,  seiner  Herzensgüte,  seinem  tiefen
Pflichtgefühl,  wie  in  seinem  furchtbaren  Jähzorn  und  seiner  formlos  un—
geschlachten  Derbheit.  Der  alte  Haß  des  norddeutschen  Volkes  wider  die
alamodische  Feinheit  der  wälschen  Sitten,  wie  er  aus  Lauremberg's  nieder—
deutschen  Spottgedichten  sprach,  gewann  Fleisch  und  Blut  in  diesem
königlichen  Bürgersmanne;  auch  seine  Härte  gegen  Weib  und  Kind  zeigt
ihn  als  den  echten  Sohn  jenes  classischen  Zeitalters  der  deutschen  Haustyrannen,
  das  alle  Leidenschaft  des  Mannes  aus  dem  unfreien  öffentlichen
  Leben  in  die  Enge  des  Hauses  zurückdrängte.  Streng  und  freudlos,
  abschreckend  kahl  und  dürftig  ward  das  Leben  unter  dem  banausischen
Regimente  des  gestrengen  Herrschers.  Die  harte  Einseitigkeit  seines  Geistes
schätzte  nur  die  einfachen  sittlichen  und  wirthschaftlichen  Kräfte,  welche
den  Staat  im  Innersten  zusammenhalten;  er  warf  sich  mit  der  ganzen
Wucht  seines  herrischen  Willens  auf  das  Gebiet  der  Verwaltung  und
bewährte  hier  die  ursprüngliche  Kraft  eines  schöpferischen  Geistes.  So
fest  und  folgerecht,  wie  einst  Wilhelm  der  Eroberer  in  dem  unterworfenen
England,  richtete  Friedrich  Wilhelm  I.  den  Bau  des  Einheitsstaates  über
der  Trümmerwelt  seiner  Territorien  auf.  Doch  nicht  als  ein  Landgut
seines  Hauses  erschien  ihm  der  geeinte  Staat,  wie  jenem  Normannen;
vielmehr  lebte  in  dem  Kopfe  des  ungelehrten  Fürsten  merkwürdig  klar
und  bewußt  der  Staatsgedanke  der  neuen  Naturrechtslehre:  daß  der  Staat
bestehe  zum  Besten  Aller,  und  der  König  berufen  sei  in  unparteiischer
Gerechtigkeit  über  allen  Ständen  zu  walten,  das  öffentliche  Wohl  zu  vertreten
  gegen  Sonderrecht  und  Sondervortheil.  Diesem  Gedanken  hat  er
sein  rastloses  Schaffen  gewidmet;  und  wenn  sein  Fuß  mit  den  lockeren
Unsitten  des  väterlichen  Hofes  auch  alle  die  Keime  reicherer  Bildung  gewaltsam
  zertrat,  die  unter  Friedrich  I.  sich  zu  entfalten  begannen,  so  that
er  doch  das  Nothwendige.  Die  feste  Mannszucht  eines  wehrhaften,  arbeitsamen
  Volkes  war  für  Preußens  große  Zukunft  wichtiger  als  jene  vorzeitige
  Blüthe  der  Kunst  und  Wissenschaft.

Eine  sanftere  Hand  als  die  seine  war  hätte  die  Zuchtlosigkeit  altständischer
  Libertät  niemals  unter  die  Majestät  des  gemeinen  Rechts
gebeugt;  zartere  Naturen  als  diese  niederdeutschen  Kerneichen  Friedrich
Wilhelm  und  sein  Wildling  Leopold  von  Dessau  hätten  dem  Sturmwinde
wälschen  Wesens,  der  damals  über  die  deutschen  Höfe  dahinfegte,  nie
widerstanden.  Als  Organisatoren  der  Verwaltung  sind  diesem  Soldatenkönige
  unter  allen  Staatsmännern  der  neuen  Geschichte  nur  zwei  ebenbürtig:
  der  erste  Consul  Bonaparte  und  der  Freiherr  vom  Stein.  Er
verband  mit  der  Kühnheit  des  Neuerers  den  peinlich  genauen  Ordnungs-
        <pb n="49" />
        Friedrich  Wilhelm  J.  und  die  Staatseinheit.  30

sinn  des  sparsamen  Hausvaters,  dem  weder  die  schwarzundweißen  Heftfäden
  der  Actenbündel  noch  die  Kamaschenknöpfe  der  Grenadiere  entgingen;
er  faßte  verwegene  Pläne,  die  erst  das  neunzehnte  Jahrhundert  zu  vollführen
  vermocht  hat,  und  hielt  doch  im  Handeln  mit  sicherem  Blicke  die
Grenzen  des  Möglichen  ein.  Sein  prosaischer,  auf  das  handgreiflich
Nützliche  gerichteter  Sinn  ging  andere  Wege  als  die  schwungvolle  Heldengröße
  des  Großvaters,  doch  mitten  im  Sorgen  für  das  Kleinste  und
Nächste  bewahrte  er  stets  das  Bewußtsein  von  der  stolzen  Bestimmung
seines  Staates;  er  wußte,  daß  er  die  Kräfte  des  Volkes  sammle  und
bilde  für  die  Entscheidungsstunden  einer  größeren  Zukunft,  und  sagte  oft:
„Ich  weiß  wohl,  in  Wien  und  Dresden  nennen  sie  mich  einen  Pfennigklauber
  und  Pedanten,  aber  meinen  Enkeln  wird  es  zu  gute  kommen!“

Durch  das  Heer  wurde  Preußen  zur  europäischen  Macht  erhoben,
und  durch  das  Heer  ward  auch  in  das  alte  Verwaltungssystem  des
Staates  die  erste  Bresche  geschlagen.  Der  große  Kurfürst  hatte  für  die
Verwaltung  der  neuen  Steuern,  die  er  zur  Erhaltung  seiner  Kriegsmacht
  verwendete,  eine  Reihe  von  Mittelbehörden,  die  Kriegscommissariate
eingesetzt;  und  so  stand  denn  durch  einige  Jahrzehnte  die  Steuerwirthschaft
  des  werdenden  modernen  Staates  unvermittelt  neben  der  Verwaltung
  der  Kammergüter,  dem  letzten  Trümmerstücke  der  Naturalwirthschaft
des  Mittelalters.  Friedrich  Wilhelm  I.  hob  diesen  Dualismus  auf.  Er
schuf  in  dem  Generaldirectorium  eine  Oberbehörde,  in  den  Kriegs=  und
Domänenkammern  Mittelstellen  für  die  gesammte  Verwaltung  und  gab
diesen  Collegien  zugleich  die  Gerichtsbarkeit  für  die  Streitfragen  des  öffentlichen
  Rechts.  Die  bunte  Mannigfaltigkeit  des  Staatsgebietes  zwang  den
König  freilich,  eine  zwischen  dem  Provinzial=  und  dem  Realsysteme  vermittelnde
  Einrichtung  zu  treffen;  er  stellte  an  die  Spitze  der  Abtheilungen
des  Generaldirectoriums  Provinzialminister,  die  zugleich  einige  Zweige
der  Verwaltung  für  den  gesammten  Staat  zu  leiten  hatten.  Doch  im
Wesentlichen  wurde  die  Centralisation  der  Verwaltung  begründet,  früher
als  irgendwo  sonst  auf  dem  Festlande.  Was  noch  übrig  geblieben  von
altständischen  Behörden  ward  beseitigt  oder  dem  Befehle  des  monarchischen
Beamtenthums  unterworfen;  eine  schonungslose  Reform  brach  über  die
tief  verderbte  städtische  Verwaltung  herein,  beseitigte  den  Nepotismus  der
Magistrate,  erzwang  ein  neues  gerechteres  Steuersystem,  warf  die  drei
Städte  Königsberg,  die  zwei  Communen  der  Havelstadt  Brandenburg  zu
einer  Gemeinde  zusammen,  stellte  das  gesammte  Städtewesen  unter  die
scharfe  Aufsicht  königlicher  Kriegsräthe.

Ueberall  trat  der  Particularismus  der  Stände,  der  Landschaften,  der
Gemeinden  der  neuen  gleichmäßigen  Ordnung  feindlich  entgegen.  Murrend
fügte  sich  der  adliche  Landstand  den  Geboten  der  bürgerlichen  Beamten.
Die  stolzen  Ostpreußen  klagten  über  Verletzung  alter  Freiheitsbriefe,  da
nun  Pommern  und  Rheinländer  in  die  Aemter  des  Herzogthums  ein-
        <pb n="50" />
        40  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

drangen.  Auch  die  Gerichte  lebten  noch  in  dem  Gedankenkreise  des  altständischen
  Staates  und  nahmen,  gleich  den  französischen  Parlamenten,
fast  immer  Partei  für  das  verfallene  Recht  der  Theile  gegen  das  lebendige
  Recht  des  Ganzen.  Also,  im  siegreichen  Kampfe  für  Staatseinheit
und  Rechtsgleichheit,  hat  sich  Preußens  neue  regierende  Klasse,  das  königliche
  Beamtenthum  geschult.  Aus  jenem  heimathlosen  Dienergeschlechte,
das  im  siebzehnten  Jahrhundert  von  Hof  zu  Hof  umherzog,  ward  nach
und  nach  ein  preußischer  Stand,  der  sein  Leben  dem  Dienste  der  Krone
hingab  und  in  ihrer  Ehre  die  seine  fand,  streng,  thätig  und  gewissenhaft
wie  sein  König.  Er  verkümmerte  nicht,  wie  die  Herren  Stände  der  alten
Zeit,  in  dem  engen  Gesichtskreise  der  Landschaft  und  der  Vetterschaft;
er  gehörte  dem  Staate  an,  lernte  sich  heimisch  fühlen  in  Königsberg  wie
in  Cleve  und  wahrte  in  den  Klassenkämpfen  der  Gesellschaft  gegen  Hoch
und  Niedrig  das  Gesetz  des  Landes.  Der  König  aber  gab  seinen  Beamten
  durch  eine  feste  Rangordnung  und  gesicherten  Gehalt  eine  geachtete
Stellung  im  bürgerlichen  Leben,  forderte  von  jedem  Eintretenden  den
Nachweis  wissenschaftlicher  Kenntnisse  und  begründete  also  eine  Aristokratie
der  Bildung  neben  der  alten  Gliederung  der  Geburtsstände.  Die  Folge
lehrte,  wie  richtig  er  die  lebendigen  Kräfte  der  deutschen  Gesellschaft  geschätzt
  hatte;  die  besten  Köpfe  des  Adels  und  des  Bürgerthums  strömten
der  neuen  regierenden  Klasse  zu.  Das  preußische  Beamtenthum  wurde
für  lange  Jahre  die  feste  Stütze  des  deutschen  Staatsgedankens,  wie  einst
die  Legisten  Philipp's  des  Schönen  die  Pioniere  der  französischen  Staatseinheit
  waren.

Zu  der  Steuerpflicht,  welche  der  große  Kurfürst  seinen  Unterthanen
auferlegt,  fügte  Friedrich  Wilhelm  I.  die  Wehrpflicht  und  die  Schulpflicht
hinzu;  er  stellte  also  die  Dreizahl  jener  allgemeinen  Bürgerpflichten  fest,
welche  Preußens  Volk  zur  lebendigen  Vaterlandsliebe  erzogen  haben.
Ahnungslos  brach  sein  in  der  Beschränktheit  gewaltiger  Geist  die  Bahn
für  eine  strenge,  dem  Bürgersinne  des  Alterthums  verwandte  Staatsgesinnung.
  Der  altgermanische  Gedanke  des  Waffendienstes  aller  wehrbaren
  Männer  war  in  den  kampfgewohnten  deutschen  Ostmarken  selbst
während  der  Zeiten  der  Söldnerheere  niemals  gänzlich  ausgestorben.  In
Ostpreußen  bestanden  noch  bis  in's  achtzehnte  Jahrhundert  die  Trümmer
der  alten  Landwehr  der  Wybranzen,  und  Friedrich  I.  unternahm  eine
Landmiliz  für  den  gesammten  Staat  zu  bilden.  Vor  dem  Soldatenauge
seines  Sohnes  fanden  solche  Versuche  ungeregelter  Volksbewaffnung  keine
Gnade.  König  Friedrich  Wilhelm  kannte  die  Ueberlegenheit  wohlgeschulter
stehender  Heere;  er  sah,  daß  sein  Staat  nur  durch  die  Anspannung  aller
Kräfte  bestehen  und  doch  die  Kosten  der  Werbungen  auf  die  Dauer  nicht
erschwingen  konnte.  Wie  ihm  überall  hinter  dem  Gebote  der  politischen
Pflicht  jede  andere  Rücksicht  zurücktrat,  so  gelangte  er  zu  dem  kühnen
Schlusse,  daß  alle  Preußen  durch  die  Schule  des  stehenden  Heeres  gehen
        <pb n="51" />
        Verwaltung  und  Heer.  41

müßten.  Von  den  politischen  Denkern  der  jüngsten  Jahrhunderte  hatten
allein  Machchiavelli  und  Spinoza  den  einfach  großen  Gedanken  der  allgemeinen
  Wehrpflicht  zu  vertheidigen  gewagt;  Beide  schöpften  ihn  aus  der
Geschichte  des  Alterthums,  Beide  blieben  unverstanden  von  den  Zeitgenossen.
  Die  Noth  des  Staatshaushalts  und  eine  instinctive  Erkenntniß
  der  Natur  seines  Staates  führten  dann  den  derben  Praktiker  auf
Preußens  Throne  zu  derselben  Ansicht,  obgleich  er  von  der  sittlichen  Kraft
eines  nationalen  Heeres  nur  wenig  ahnte.  Er  zuerst  unter  den  Staatsmännern
  des  neuen  Europas  sprach  den  Grundsatz  aus:  „jeder  Unterthan
  wird  für  die  Waffen  geboren“  und  arbeitete  sein  Leben  lang  sich
diesem  Ideale  anzunähern,  ein  Heer  von  Landeskindern  zu  bilden.  Das
Cantonreglement  von  1733  verkündete  die  Regel  der  allgemeinen  Dienstpflicht.


Freilich  nur  die  Regel.  Der  Gedanke  war  noch  unreif,  da  die  lange
Dienstzeit  jener  Epoche  ihm  schnurstracks  zuwiderlief.  Die  Armuth  des
Landes  und  die  Macht  der  ständischen  Vorurtheile  zwangen  den  König
zahlreiche  Ausnahmen  zuzulassen,  so  daß  die  Last  des  erzwungenen  Waffendienstes
  thatsächlich  allein  auf  den  Schultern  des  Landvolkes  lag;  und
selbst  die  also  beschränkte  Wehrpflicht  konnte  nicht  vollständig  durchgeführt
werden.  Unbesiegbar  blieb  der  stille  Widerstand  gegen  die  unerhörte
Neuerung,  der  Abschen  des  Volkes  vor  dem  langen  und  harten  Dienste.
Selten  gelang  es,  mehr  als  die  Hälfte  des  Heeres  mit  einheimischen
Cantonisten  zu  füllen;  der  Rest  ward  durch  Werbungen  gedeckt.  Viele
der  meisterlosen  deutschen  Landsknechte,  die  bisher  in  Venedig  und  den
Niederlanden,  in  Frankreich  und  Schweden  ihre  Haut  zu  Markte  getragen,
fanden  jetzt  eine  Heimath  unter  den  Fahnen  der  norddeutschen  Großmacht;
  der  Süden  und  Westen  des  Reichs  wurde  das  ergiebigste  Werbegebiet
  der  preußischen  Regimenter.  Auf  so  wunderlichen  Umwegen  ist
unsere  Nation  zur  Macht  und  Einheit  aufgestiegen.  Jenes  waffenlose
Drittel  des  deutschen  Volkes,  dessen  Staatsgewalten  zum  Schutze  des
Reichs  kaum  einen  Finger  regten,  zahlte  den  Blutzoll  an  das  Vaterland
durch  die  tausende  seiner  verlorenen  Söhne,  die  als  Söldner  in  Preußens
Heeren  fochten;  jene  Kleinfürsten  in  Schwaben  und  am  Rhein,  die  in
Preußen  ihren  furchtbaren  Gegner  sahen,  halfen  selber  die  Kriegsmacht
ihres  Feindes  zu  verstärken.  Seit  das  preußische  Heer  entstand,  hörte
das  Reich  allmählich  auf  der  offene  Werbeplatz  aller  Völker  zu  sein,  und
als  dies  Heer  erstarkte  war  Deutschland  nicht  mehr  das  Schlachtfeld
aller  Völker.

Das  Heer  bot  dem  Könige  die  Mittel  den  aufsässigen  Adel  mit  der
monarchischen  Ordnung  zu  versöhnen.  Wohl  war  das  Ansehen  des
Kriegsherrn  schon  erheblich  gestiegen  seit  jenen  argen  Tagen,  da  der
große  Kurfürst  seine  eigenen  Kriegsobersten  gleich  Raubthieren  auf  der
Jagd  umstellen  ließ  und  sie  zwang  ihm  allein  den  Eid  der  Treue  zu
        <pb n="52" />
        42  J.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

schwören;  aber  erst  dem  Enkel  glückte,  was  der  Großvater  vergeblich  er—
strebte,  die  Ernennung  aller  Offiziere  in  seine  Hand  zu  bringen,  das
erste  rein  monarchische  Offizierscorps  der  neuen  Geschichte  zu  bilden.
Sein  organisatorischer  Sinn,  der  überall  die  politische  Reform  den  ge—
gebenen  Zuständen  der  Gesellschaft  anzupassen  verstand,  fühlte  rasch  heraus,
daß  die  abgehärteten  Söhne  der  zahlreichen  armen  Landadelsgeschlechter
des  Ostens  die  natürlichen  Führer  der  cantonpflichtigen  Bauerburschen
waren.  Er  stellte  das  Offiziercorps  als  eine  geschlossene  Aristokratie  über
die  Mannschaft,  schuf  in  dem  Cadettenhause  die  Pflanzschule  für  den
Sponton,  eröffnete  Jedem,  der  den  gestickten  Rock  trug,  die  Aussicht  auf
die  höchsten  Aemter  des  Heeres,  wachte  streng  über  der  Standesehre,  suchte
in  jeder  Weise  den  Adel  für  diesen  ritterlichen  Stand  zu  gewinnen,
während  er  die  gelehrte  Bildung  des  Bürgerthums  lieber  im  Verwaltungsdienst
  verwendete.  Wie  oft  hat  er  bittend  und  drohend  die  trotzigen
Edelleute  von  Ostpreußen  ermahnt,  ihre  rohen  Söhne  in  die  Zucht  des
Cadettenhauses  zu  geben;  er  selber  ging  mit  seinem  Beispiele  voran,  ließ
alle  seine  Prinzen  im  Heere  dienen.  Verwundert  pries  Karl  Friedrich
Moser  diese  „Erbmaxime  des  preußischen  Hauses,  die  den  Adel  an  das
Militär=  und  Finanzsystem  der  Krone  gewöhnen  solle.“  Und  es  gelang,
aus  verwilderten  Junkern  einen  treuen  und  tapferen  monarchischen  Adel
zu  erziehen,  der  für  das  Vaterland  zu  siegen  und  zu  sterben  lernte  und
so  fest  wie  Englands  parlamentarischer  Adel  mit  dem  Leben  des  Staates
verwuchs.  Ueberall  sonst  in  der  hocharistokratischen  Welt  der  Ostseelande
blühte  die  ständische  Anarchie:  in  Schweden  und  Schwedisch-Pommern,  in
Mecklenburg,  Polnisch-Preußen  und  Livland;  nur  in  Preußen  wurde  der
Adel  den  Pflichten  des  modernen  Staates  gewonnen.  Die  Armee  erschien
wie  ein  Staat  im  Staate,  mit  eigenen  Gerichten,  Kirchen  und  Schulen;
der  Bürger  sah  mit  Entsetzen  die  eiserne  Strenge  der  unmenschlichen
Kriegszucht,  welche  die  rohen  Massen  der  Mannschaft  gewaltsam  zusammenhielt,
  ertrug  unwillig  den  polternden  Hochmuth  der  Leutnants  und  jenen
Centaurenhaß  gegen  die  Gelehrsamkeit  der  Federfuchser,  der  seit  den  Tagen
des  feurigen  Prinzen  Karl  Aemil  in  den  Offizierskreisen  zur  Schau  getragen
  wurde  und  in  der  Berserkerroheit  des  alten  Dessauers  sich  verkörperte.
  Und  doch  war  dies  Heer  nicht  bloß  die  bestgeschulte  und  bestbewaffnete
  Kriegsmacht  der  Zeit,  sondern  auch  das  bürgerlichste  unter
allen  großen  Heeren  der  modernen  Völker,  das  einzige,  das  seinem  Kriegsherrn
  nie  die  Treue  brach,  das  nie  versuchte  dem  Gesetze  des  Landes  mit
Praetorianertrotz  entgegenzutreten.

Ebenso  unheimlich  wie  diese  Heeresorganisation  erschien  den  Deutschen
der  preußische  Schulzwang;  die  Unwissenheit  des  großen  Haufens  galt
den  herrschenden  Ständen  noch  für  die  sichere  Bürgschaft  staatlicher  Ordnung.
  König  Friedrich  Wilhelm  aber  bewunderte,  wie  sein  Großvater,
die  protestantischen  Niederlande  als  das  gelobte  Land  bürgerlicher  Wohl-
        <pb n="53" />
        Die  Krone  und  die  Stände.  43

fahrt;  er  hatte  dort  den  sittlichen  und  wirthschaftlichen  Segen  einer  weit
verbreiteten  Schulbildung  kennen  gelernt  und  fühlte  dunkel,  daß  die
Lebenskraft  der  protestantischen  Cultur  in  der  Volksschule  liegt.  Da  er
einsah,  daß  die  gedrückten  und  verdumpften  Volksmassen  des  Nordostens
nur  durch  die  Zwangsgewalt  des  Staates  ihrer  Roheit  entrissen  werden
konnten,  so  schritt  er  auch  hier  der  Gesetzgebung  aller  anderen  Großmächte
entschlossen  voraus  und  legte  durch  das  Schulgesetz  von  1717  jedem  Hausvater
  kurzab  die  Pflicht  auf  seine  Kinder  in  die  Schule  zu  schicken.  Sehr
langsam  hat  sich  auf  dem  Boden  dieses  Gesetzes  das  preußische  Volksschulwesen
  ausgebildet.  Die  Entwicklung  ward  erschwert  nicht  bloß  durch
die  Armuth  und  Trägheit  des  Volks,  sondern  auch  durch  die  Schuld  des
Königs  selber;  denn  alle  Volksbildung  ruht  auf  dem  Gedeihen  selbständiger
  Forschung  und  schöpferischer  Kunst,  und  für  dies  ideale  Schaffen
hatte  Friedrich  Wilhelm  nur  den  Spott  der  Barbaren.

So,  durch  die  Gemeinschaft  schwerer  Bürgerpflichten,  durch  die  Einheit
  des  Beamtenthums  und  des  Heerwesens  wurden  die  Magdeburger
und  Pommern,  die  Märker  und  Westphalen  zu  einem  preußischen  Volke,
und  Friedrich  II.  gab  nur  dem  Werke  seines  Vaters  den  rechtlichen  Abschluß,
  als  er  allen  seinen  Unterthanen  das  preußische  Indigenat  verlieh.
Aber  wie  schroff  und  herrisch  auch  dies  Königthum  seine  Souveränität
als  einen  rocher  von  bronze  jedem  Ungehorsam  entgegenstellte,  das  Werk
der  Einigung  schritt  doch  weit  schonender  vorwärts  als  im  Nachbarlande
die  gewaltsame  „Einebnung  des  französischen  Bodens“.  Der  Staat
konnte  seine  germanische  Natur  nicht  verleugnen;  ein  Zug  historischer
Pietät  lag  tief  in  seinem  Wesen.  Wie  er  die  kirchlichen  Gegensätze  zu
versöhnen  suchte,  so  mußte  er  auch  in  der  Politik  eine  mittlere  Richtung
einhalten  um  die  Ueberfülle  der  centrifugalen  Kräfte  zu  beschwichtigen.
Geduldige  Achtung  ward  den  alten  Erinnerungen  der  Landschaften  überall
erwiesen;  noch  heute  prangt  der  Doppeladler  Oesterreichs  fast  auf  jedem
Ring  der  schlesischen  Städte,  und  der  Schutzheilige  Böhmens  blickt  noch
von  der  Glatzer  Citadelle  auf  die  schöne  Grafschaft  hernieder.  Jene  übermüthigen
  Herren  Stände,  die  dem  großen  Kurfürsten  noch  verbieten  wollten
seinen  Vater  nach  calvinischem  Brauche  zu  beerdigen,  waren  endlich  nach
gewaltigem  Ringen  in  die  Reihen  der  gemeinen  Unterthanen  herabgedrückt.
Die  Landtage  verloren  ihre  alten  Regierungsrechte  sowie  jeden  Einfluß
auf  Staatshaushalt  und  Heerwesen;  doch  nachdem  dieser  Kampf  siegreich
beendigt  war,  ließ  man  ihnen  den  Schein  des  Lebens.

Preußens  Krone  hat  bis  zum  Untergange  des  heiligen  Reiches  in  allen
den  Landschaften,  die  sie  nach  und  nach  erwarb,  nur  dreimal  eine  landständische
  Verfassung  förmlich  aufgehoben:  in  Schlesien,  in  Westpreußen
und  im  Münsterlande,  da  dort  die  Stände  den  Herd  einer  staatsfeindlichen
  Partei  bildeten,  welche  dem  Eroberer  bedrohlich  schien.  Ueberall
sonst  kamen  die  Landtage  in  die  neueren  Tage  hinüber,  ein  seltsames
        <pb n="54" />
        44  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Getrümmer  aus  jenen  alten  Zeiten,  da  der  deutsche  Norden  noch  in  kleine
Territorien  zerfiel.  Sie  waren  die  Eierschale,  die  der  junge  Aar  noch  auf
seinem  Kopfe  trug;  sie  vertraten  die  Vergangenheit  des  Staates,  Krone,
Beamtenthum  und  Heer  seine  Gegenwart.  Sie  vertraten  den  Particularismus
  und  das  ständische  Privilegium  gegen  die  Staatseinheit  und  das
gemeine  Recht;  ihre  Macht  reichte  noch  aus  um  den  großen  Gang  der
monarchischen  Gesetzgebung  zuweilen  zu  erschweren,  nicht  mehr  um  ihn
gänzlich  aufzuhalten.  Den  Landtagsausschüssen  blieb  die  Vertheilung
einiger  Steuern  und  die  Verwaltung  des  landschaftlichen  Schuldenwesens;
auf  diesem  engen  Gebiete  bestanden  der  Nepotismus,  der  Schlendrian  und
das  leere  Formelwesen  des  altständischen  Staates  noch  ungebrochen,  und
der  märkische  Edelmann  nannte  sein  Brandenburg  noch  gern  einen  selbständigen
  Staat  unter  der  Krone  Preußen.  Auch  das  altständische  Landrathsamt
  ward  nicht  aufgehoben,  sondern  behutsam  in  die  Ordnung  des
monarchischen  Beamtenthums  eingefügt;  der  Landrath,  auf  Vorschlag  der
Stände  durch  die  Krone  ernannt,  war  zugleich  Vertreter  der  Ritterschaft
und  königlicher  Beamter,  der  Kriegs=  und  Domänenkammer  untergeben.
Der  König  hegte  ein  gut  bürgerliches  Mißtrauen  gegen  den  gewaltthätigen
Uebermuth  seiner  Junker,  doch  er  bedurfte  der  Hingebung  des  Adels  um
die  neue  Heeresverfassung  aufrecht  zu  halten,  suchte  die  Murrenden  durch
Ehren  und  Würden  zu  beschwichtigen,  ließ  den  Grundherren  einen  Theil
der  alten  Steuerprivilegien  und  die  gutsherrliche  Polizei,  freilich  unter
der  Aufsicht  der  königlichen  Beamten.

Nur  diese  kluge  Schonung  hat  dem  Könige  die  Durchführung  seiner
großen  wirthschaftlichen  Reformen  ermöglicht.  Er  begründete  jenes  eigenthümliche
  System  monarchischer  Organisation  der  Arbeit,  das  während
zweier  Menschenalter  die  altüberlieferte  Gliederung  der  Stände  mit  den
neuen  Aufgaben  des  Staates  in  Einklang  gehalten  hat.  Jeder  Provinz
und  jedem  Stande  wies  die  Krone  gewisse  Zweige  volkswirthschaftlicher
und  politischer  Arbeit  zu.  Außer  dem  Landbau,  dem  Hauptgewerbe  der
gesammten  Monarchie,  sollten  in  der  Kurmark  und  den  westphälischen
Provinzen  die  Manufacturen,  in  den  Küstenländern  der  Handel,  im
Magdeburgischen  der  Bergbau  betrieben  werden.  Dem  Adel  gebührte
allein  der  große  Grundbesitz  und  ein  nahezu  ausschließlicher  Anspruch  auf
die  Offiziersstellen,  dem  Bauernstande  die  ländliche  Kleinwirthschaft  und
der  Soldatendienst,  den  Stadtbürgern  Handel  und  Gewerbe  und,  dem
entsprechend,  hohe  Steuerlast.

Diese  Rechte  der  Stände  und  Landschaften  vor  jedem  Eingriff  zu
sichern  galt  als  die  Pflicht  königlicher  Gerechtigkeit  und  sie  war  nirgends
so  schwer  zu  erfüllen,  wie  hier  auf  dem  alten  Colonistenboden,  wo  die
Uebermacht  der  Grundherren  zugleich  der  Krone  und  dem  bürgerlichen
Frieden  bedrohlich  wurde.  Die  menschlichste  der  Königspflichten,  die
Beschützung  der  Armen  und  Bedrängten,  war  für  die  Hohenzollern  ein
        <pb n="55" />
        Der  König  der  Bettler.  45

Gebot  der  Selbsterhaltung;  sie  führten  mit  Stolz  den  Namen  „Könige
der  Bettler",  den  ihnen  Frankreichs  Hohn  ersann.  Die  Krone  verbot
das  Auskaufen  der  Bauerngüter,  das  in  Mecklenburg  und  Schwedisch-Pommern
  dem  Adel  die  Alleinherrschaft  auf  dem  flachen  Lande  verschaffte;
  sie  rettete  den  ländlichen  Mittelstand  vom  Untergange,  und  seit
Friedrich  Wilhelm  I.  arbeitete  eine  durchdachte  Agrargesetzgebung  an  der
Entfesselung  des  Landvolkes.  Der  König  wünschte  die  Erbunterthänigkeit
aufzuheben,  allen  bäuerlichen  Besitz  in  freies  Grundeigenthum  zu  verwandeln;
  schon  im  Jahre  1719  sprach  er  aus,  „was  es  denn  für  eine
edle  Sache  sei,  wenn  die  Unterthanen  statt  der  Leibeigenschaft  sich  der
Freiheit  rühmen,  das  Ihrige  desto  besser  genießen,  ihr  Gewerbe  und
Wesen  mit  um  so  mehr  Begierde  und  Eifer  als  ihr  eigenes  treiben."“
Diesen  Herzenswunsch  der  Krone  zu  erfüllen  blieb  freilich  noch  auf  lange
hinaus  unmöglich;  zu  leidenschaftlich  war  der  Widerspruch  des  mächtigen
Adels,  der  schon  die  Aufhebung  des  Lehenswesens  als  eine  Kränkung
empfand,  zu  zähe  das  stille  Widerstreben  der  rohen  Bauern  selber,  die
jede  Aenderung  des  Hergebrachten  mit  Argwohn  betrachteten.  Aber  stetig
und  unaufhaltsam  hat  sich  der  König  seinem  Ziele  angenähert.  Sein
Prügelmandat  schützte  den  Gutsunterthan  vor  Mißhandlung;  die  bäuerlichen
  Dienste  und  Abgaben  wurden  erleichtert,  die  Auftheilung  der  Gemeinheiten
  und  die  Zusammenlegung  der  Grundstücke  begonnen,  überall
die  Bahn  gebrochen  für  die  Befreiung  der  Scholle  und  der  Arbeitskraft.
Die  Reformen  Stein's  und  Hardenberg's  konnten  nur  darum  einen  so
durchschlagenden  Erfolg  erringen,  weil  sie  vorbereitet  waren  durch  die
Gesetzgebung  dreier  Menschenalter.  Bei  dem  Beamtenthum  der  Krone
fand  der  kleine  Mann  Schutz  gegen  adlichen  Uebermuth,  sachkundigen
Rath  und  unerbittlich  strenge  Aufsicht;  kein  Opfer  schien  dem  sparsamen
Könige  zu  schwer  für  das  Beste  seiner  Bauern;  die  gesammte  Staatseinnahme
  eines  vollen  Jahres  hat  er  aufgewendet  um  sein  Schmerzenskind,
das  von  Pest  und  Krieg  verheerte  Ostpreußen  der  Gesittung  zurückzugeben,
die  weite  Wüste  an  der  Memel  und  dem  Pregel  mit  fleißigen  Arbeitern
zu  bevölkern.

Der  treuen  Sorgfalt  für  das  Wohl  der  Massen,  nicht  dem  Glanze
des  Kriegsruhms  dankten  die  Hohenzollern  das  in  aller  Noth  und  Versuchung
  unerschütterliche  Vertrauen  des  Volkes  zu  der  Krone.  Zeiten  der
Erstarrung  und  Ermattung  blieben  dem  preußischen  Staate  so  wenig
erspart  wie  anderen  Völkern;  sie  erscheinen  sogar  in  seiner  Geschichte
auffälliger,  häßlicher  als  irgendwo  sonst,  weil  immer  tausend  feindselige
Augen  nach  seinen  Schwächen  spähten  und  der  vielumkämpfte  zu  versinken
drohte  ohne  die  Spannkraft  des  Willens.  Wer  längere  Zeiträume  ruhig
überblickt,  kann  gleichwohl  das  stetige  Fortschreiten  der  Monarchie  zur
Staatseinheit  und  Rechtsgleichheit  nicht  verkennen.  Wie  die  Bilder  der
Hohenzollern  zwar  nicht  die  geistlos  eintönige  Gleichheit  habsburgischer
        <pb n="56" />
        46  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Fürstenköpfe,  doch  einen  unverkennbaren  Familienzug  zeigen,  so  auch  ihr
politischer  Charakter.  Alle,  die  großen  wie  die  schwachen,  die  geistreichen
wie  die  beschränkten,  bekunden  mit  seltenen  Ausnahmen  einen  nüchtern
verständigen  Sinn  für  die  harten  Wirklichkeiten  des  Lebens,  der  nicht
verschmäht  im  Kleinen  groß  zu  sein,  und  alle  denken  hoch  von  ihrer
Fürstenpflicht.

Die  Gesinnung  des  ersten  märkischen  Hohenzollern,  der  sich  „Gottes
schlichten  Amtmann  an  dem  Fürstenthum“  nannte,  waltet  in  allen  Enkeln;
sie  kehrt  wieder  in  dem  Wahlspruche  des  großen  Kurfürsten  „Für  Gott
und  das  Volk“;  sie  spricht  aus  dem  sieberischen  Diensteifer  des  Soldatenkönigs,
  der  sich  immer  bewußt  blieb  mit  seiner  Seelen  Seligkeit  dereinst
einstehen  zu  müssen  für  das  Wohl  seines  Volkes;  sie  findet  endlich  einen
tieferen  und  freieren  Ausdruck  in  dem  fridericianischen  Worte:  „Der  König
ist  der  erste  Diener  des  Staates.“  Viele  der  Hohenzollern  haben  gefehlt
durch  allzu  gewissenhafte  Scheu  vor  dem  Würfelspiele  des  Krieges,  Wenige
durch  unstete  Kampflust;  die  überlieferte  Politik  des  Hauses  suchte  den
Herrscherruhm  in  der  Wahrung  des  Rechts  und  der  Pflege  der  Werke
des  Friedens,  richtete  nur  zuweilen,  in  großen  Augenblicken,  die  wohlgeschonten
  Kräfte  des  Staates  nach  außen  —  auch  hierin  wie  überall
das  schroffe  Gegenbild  der  gänzlich  den  europäischen  Fragen  zugewendeten
Staatskunst  der  Habsburger.  Die  Dynastie  hatte  längst  gleich  den  altfranzösischen
  Königen  ihr  Hausgut  an  den  Staat  abgetreten;  sie  lebte
allein  dem  Ganzen.  Während  fast  alle  anderen  Territorien  des  Reichs
den  Namen  und  das  Wappenschild  ihres  Fürstenhauses  annahmen,  trugen
die  Fahnen  der  Hohenzollern  den  alten  Reichsadler  der  Stauferzeit,  den
sich  die  ferne  Ostmark  durch  die  Jahrhunderte  bewahrt  hatte,  und  die
Deutsch-Ordensfarben  des  Landes  Preußen.  Dies  hart  politische  Königthum
  erzog  ein  mißhandeltes  und  verwildertes  Volk  zu  den  Rechten  und
Pflichten  des  Staatsbürgerthums.  Wo  immer  man  die  Zustände  deutscher
Landschaften  vor  und  nach  ihrem  Eintritt  in  den  preußischen  Staat  vergleichen
  mochte,  in  Pommern,  in  Ostpreußen,  in  Cleve  und  der  Grafschaft
  Mark,  überall  hatte  der  Klang  der  preußischen  Trommeln  den
Deutschen  die  Freiheit  gebracht:  die  Befreiung  von  der  Gewalt  des  Auslands
  und  von  der  Tyrannei  ständischer  Vielherrschaft.  Auf  dem  Boden
des  gemeinen  Rechts  ist  dann  unter  schweren  Kämpfen,  doch  in  natürlicher,
  nothwendiger  Entwickelung  eine  neue  reifere  Form  der  politischen
Freiheit  erwachsen,  die  geordnete  Theilnahme  der  Bürger  an  der  Leitung
des  Staates.  Nicht  das  Genie,  sondern  der  Charakter  und  die  feste
Mannszucht  gab  diesem  Staate  sittliche  Größe;  nicht  der  Reichthum,
sondern  die  Ordnung  und  die  rasche  Schlagfertigkeit  seiner  Mittel  gab
ihm  Macht.

Doch  jetzt  am  wenigsten  konnte  die  deutsche  Nation  ein  Verständniß
gewinnen  für  die  seltsame  Erscheinung  dieses  waffenstarken  Staates,  wie
        <pb n="57" />
        Haß  der  Deutschen  gegen  Preußen.  47

er  so  dastand,  eine  jugendlich  unreife  Gestalt,  knochig  und  sehnig,  Kraft
und  Trotz  im  Blicke,  aber  unschön,  ohne  die  Fülle  der  Formen,  aller  An—
muth,  alles  Adels  baar.  Die  alte  Abneigung  der  Deutschen  gegen  das
vordringliche  Brandenburg  wurde  durch  die  böotische  Rauheit  Friedrich
Wilhelm's  J.  bis  zu  leidenschaftlichem  Widerwillen  gesteigert.  Dem  Histo—
riker  ziemt  es  nicht,  die  erschreckend  grellen  Farben  unserer  neuen  Geschichte
mit  weichem  Pinsel  zu  verwischen;  es  ist  nicht  wahr,  daß  dieser  tiefe  Haß
der  Nation  nur  verhaltene  Liebe  gewesen  sei.  Damals  bildete  sich  in  der
öffentlichen  Meinung  jene  aus  Wahrem  und  Falschem  seltsam  gemischte
Ansicht  vom  Wesen  des  preußischen  Staates,  die  in  den  Kreisen  der
deutschen  Halbbildung  an  hundert  Jahre  lang  geherrscht  hat  und  noch
heutzutage  in  der  Geschichtschreibung  des  Auslands  die  Oberhand  be—
hauptet.  Dies  Land  der  Waffen  erschien  dem  Deutschen  wie  eine  weite
Kaserne.  Nur  der  dröhnende  Gleichtritt  der  Potsdamer  Riesengarde,  der
barsche  Commandoruf  der  Offiziere  und  das  Jammergeschrei  der  durch
die  Gasse  gejagten  Deserteure  klang  aus  der  dumpfen  Stille  des  großen
Kerkers  in's  Reich  hinüber;  von  den  Segenswünschen,  welche  der  dank—
bare  litthauische  Bauer  für  seinen  gestrengen  König  zum  Himmel  schickte,
hörte  Deutschland  nichts.  Der  Adel  im  Reich  sah  eben  jetzt  goldene  Tage.
In  Hannover  waltete  das  Regiment  der  Herren  Stände  schrankenlos
seit  der  Kurfürst  im  fernen  England  weilte;  das  sächsische  Junkerthum
benutzte  den  Uebertritt  seines  Polenkönigs  zur  römischen  Kirche  um  sich
neue  ständische  Privilegien  zu  erringen  und  tummelte  sich  in  Saus  und
Braus  an  dem  schamlosen  Hofe  der  albertinischen  Landverderber;  zornig
zugleich  und  geringschätzig  schauten  die  stolzen  Geschlechter  der  Nachbar—
lande  auf  den  bürgerlich-soldatischen  Despotismus  der  Hohenzollern,  der
die  fröhliche  Zeit  der  Adelsherrschaft  so  gewaltsam  störte.

Auch  der  Bürgersmann  wollte  sich  zu  dem  preußischen  Wesen  kein
Herz  fassen.  Er  betrachtete  bald  mit  ironischem  Mitleid  bald  mit  scheuer
Furcht  den  eisernen  Fleiß  und  die  unbestechliche  Strenge  der  preußischen
Beamten;  er  meinte  alle  Heiligkeit  des  Rechtes  bedroht,  wenn  er  die  neue
Verwaltung,  in  beständigem  Kampfe  mit  den  Gerichten,  über  die  alten
Freiheitsbriefe  der  Landschaften  und  Communen  rücksichtslos  hinwegschreiten
  sah,  und  ahnte  nicht,  daß  dies  alte  Leben,  das  hier  zertreten
ward,  nur  das  wimmelnde  Leben  der  Verwesung  war.  Mit  besserem
Rechte  zürnten  die  Gelehrten.  Die  gesammte  akademische  Welt  fühlte  sich
schmählich  beleidigt,  als  der  rohe  König  mit  dem  wackeren  J.  J.  Moser
und  den  Frankfurter  Professoren  seine  höhnischen  Possen  trieb.  Wie  der
Anblick  der  steifen  trockenen  soldatischen  Ordnung  auf  reiche  Künstlerseelen
  wirkte,  das  bekundet  uns  noch  der  überströmende  Haß,  welchen  der
größte  Preuße  jener  Tage  seinem  Vaterlande  widmete.  Mit  glühender
Sehnsucht  strebte  Winckelmann  hinaus  aus  der  schweren  und  erstickenden
Luft  des  vermaledeiten  Landes,  und  als  er  endlich  den  Staub  der  alt-
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        48  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

märkischen  Schulstube  von  seinen  Füßen  geschüttelt  und  an  den  Gemälden
der  Dresdner  Galerie  mit  trunkenen  Blicken  schwelgte,  da  sandte  er  noch,
unbefangen  wie  ein  großer  Heide,  seine  Flüche  der  Heimath  zu:  „Ich
gedenke  mit  Schaudern  an  dieses  Land;  auf  ihm  drückt  der  größte  Despotismus,
  der  je  gedacht  ist.  Besser  ein  beschnittener  Türke  werden  als
ein  Preuße.  In  einem  Lande  wie  Sparta  (eine  sehr  ideale  Bezeichnung
des  Regiments  des  Corporalstocksl)  können  die  Künste  nicht  gedeihen  und
müssen  gepflanzt  ausarten.“  So  weit  strebten  jene  schöpferischen  Kräfte
noch  auseinander,  die  in  unbewußtem  Bunde  das  neue  Deutschland
gebaut  haben!  Die  kleinen  Leute  im  Reiche  verwünschten  den  König
von  Preußen  wegen  der  Landplage  seiner  Werbungen.  Wachse  nicht,
dich  fangen  die  Werber!  rief  die  schwäbische  Mutter  ängstlich  ihrem
Sohne  zu.  Jedermann  am  Rheine  wußte  hundert  unheimliche  Geschichten
aus  dem  Wirthshause  zu  Frankfurt,  wo  die  preußischen  Werbeoffiziere  ihr
Standquartier  hatten;  keine  Teufelei,  die  man  den  wilden  Gesellen  nicht
zutraute.

Und  all  diese  List  und  Gewalt,  alle  die  ungeheuren  Heereskosten,
welche  volle  vier  Fünftel  der  preußischen  Staatseinnahmen  verschlangen,
dienten,  so  meinte  man  im  Reiche,  doch  nur  der  zwecklosen  Soldatenspielerei
  eines  närrischen  Tyrannen.  Ein  Menschenalter  war  verflossen
seit  jenem  Heldenkampfe  von  Cassano,  da  das  Blut  der  märkischen  Grenadiere
  die  Wellen  des  Ritorto  röthete  und  die  dankbaren  Lombarden  die
tapferen  Prussiani  zum  ersten  male  mit  den  rauschenden  Klängen  des
Dessauer  Marsches  begrüßten;  wenn  die  wilde  herausfordernde  Weise
jetzt  auf  friedlichen  Exercirplätzen  erkllang,  so  lachten  die  Deutschen  über
den  „preußischen  Wind“.  Friedrich  Wilhelm's  Regierung  fiel  in  die
armselig  ideenlose  Zeit  des  Utrechter  Friedens;  die  kleinen  Künste  der
Fleury,  Alberoni,  Walpole  beherrschten  die  europäische  Politik.  Rathlos
stand  der  gradsinnige  Fürst  in  dem  durchtriebenen  Ränkespiel  der  Diplomatie.
  Er  hielt  in  altdeutscher  Treue  zu  seinem  Kaiser,  wollte  seinen
Kindern  Säbel  und  Pistolen  in  die  Wiege  legen  um  die  fremden  Nationen
vom  Reichsboden  zu  schmeißen;  wie  oft  hat  er  mit  dem  vaterländischen
Bierkrug  in  der  Hand  sein  schallendes  Vivat  Germania  teutscher  Nation!
gerufen.  Nun  mußte  der  Arglose  erleben,  wie  die  Wiener  Hofburg  mit
seinen  beiden  ehrgeizigen  Nachbarn  Hannover  und  Sachsen  insgeheim
die  Zerstückelung  Preußens  verabredete,  wie  sie  dann  den  Albertinern
zur  polnischen  Krone  verhalf,  Lothringen  den  Franzosen  preisgab  und
in  seinem  eigenen  Hause  den  Unfrieden  schürte  zwischen  Vater  und
Sohn,  wie  sie  ihm  endlich  sein  gutes  Erbrecht  auf  Berg  und  Ostfriesland
  treulos  zu  entwinden  suchte.  So  ward  er  sein  Leben  lang  hin  und
her  gestoßen  zwischen  Gegnern  und  falschen  Freunden;  erst  am  Ende
seiner  Tage  hat  er  Oesterreichs  Arglist  durchschaut  und  seinen  Sohn  ermahnt,
  den  betrogenen  Vater  zu  rächen.  An  den  fremden  Höfen  aber  ging
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        Friedrich  II.  49

die  Rede,  der  König  stehe  beständig  mit  gespanntem  Hahn  auf  der  Wacht
ohne  jemals  abzudrücken;  und  wenn  den  deutschen  Mann  im  Reiche  zu—
weilen  eine  stille  Angst  vor  der  Potsdamer  Wachparade  überkam,  dann
tröstete  ihn  das  Spottwort:  So  schnell  schießen  die  Preußen  nicht!  —
Der  Spott  verstummte,  als  Preußen  einen  Herrscher  fand,  der  mit
dem  Sinne  für  das  Mögliche,  mit  der  glücklichen  Nüchternheit  der  Hohen—
zollern  die  Kühnheit  und  den  freien  Blick  des  Genius  vereinte.  Der  helle
Sonnenschein  der  Jugend  strahlt  über  den  Anfängen  der  fridericianischen
Zeit,  da  endlich  nach  langem  Stocken  und  Zagen  die  zähe  Masse  der  er—
starrten  deutschen  Welt  wieder  in  Fluß  gerieth  und  die  mächtigen  Gegensätze,
welche  fie  barg,  in  nothwendigem  Kampfe  sich  maßen.  Seit  den  Tagen
jenes  Löwen  aus  Mitternacht  hatte  Deutschland  nicht  mehr  das  Bild  eines
Helden  gesehen,  zu  dem  die  gesammte  Nation  bewundernd  emporblickte;
der  aber  jetzt  in  stolzer  Freiheit,  wie  einst  Gustav  Adolf,  mitten  durch
die  großen  Mächte  seines  Weges  schritt  und  die  Deutschen  zwang  wieder
an  die  Wunder  des  Heldenthums  zu  glauben,  er  war  ein  Deutscher-Der
  springende  Punkt  in  dieser  mächtigen  Natur  bleibt  doch  die
erbarmungslos  grausame  deutsche  Wahrhaftigkeit.  Friedrich  giebt  sich  wie
er  ist  und  sieht  die  Dinge  wie  sie  sind.  Wie  in  der  langen  Bändereihe
seiner  Briefe  und  Schriften  keine  Zeile  steht,  darin  er  versuchte  seine  Thaten
zu  beschönigen,  sein  eigenes  Bild  für  die  Nachwelt  auszuschmücken,  so  trägt
auch  seine  Staatskunst,  wenngleich  sie  die  kleinen  Künste  und  Listen  des
Zeitalters  als  Mittel  zum  Zwecke  nicht  verschmäht,  das  Gepräge  seines
königlichen  Freimuths:  so  oft  er  zum  Schwerte  greift,  verkündet  er  mit
unumwundener  Bestimmtheit,  was  er  von  dem  Gegner  fordert,  und  legt
die  Waffen  erst  nieder  am  erreichten  Ziele.  Seit  er  zum  Denken  erwacht,
fühlt  er  sich  froh  und  stolz  als  den  Sohn  eines  freien  Jahrhunderts,
das  mit  der  Fackel  der  Vernunft  in  die  staubigen  Winkel  einer  Welt
alter  Vorurtheile  und  entgeisteter  Ueberlieferungen  hineinleuchtet;  er  läßt
sich  das  Bild  des  Sonnengottes,  der  siegreich  durch  die  Morgenwolken
aufsteigt,  an  die  Decke  seines  heiteren  Rheinsberger  Saales  malen.  Mit
der  dreisten  Zuversicht  des  Jüngers  der  Aufklärung  tritt  er  an  die  Erscheinungen
  des  historischen  Lebens  heran  und  prüft  eine  jede,  wie  sie
bestehe  vor  dem  Urtheil  des  scharfen  Verstandes.  In  den  schweren  Machtkämpfen
  der  Staaten  achtet  er  nur  das  Lebendige,  nur  die  von  rascher
Thatkraft  klug  benutzte  Macht.  „Unterhandlungen  ohne  Waffen  sind
wie  Noten  ohne  Instrumente",  sagt  er  unbefangen,  und  auf  die  Nachricht
von  dem  Tode  des  letzten  Habsburgers  fragt  er  seine  Räthe:  „Ich  gebe
Euch  ein  Problem  zu  lösen;  wenn  man  im  Vortheile  ist,  soll  man  sich
dessen  zu  nutze  machen  oder  nicht?“  Die  prahlerische  Ohnmacht,  die  sich
als  Macht  gebärdet,  das  unsittliche  Vorrecht,  das  mit  der  Heiligkeit  des
historischen  Rechts  prunkt,  die  Thatenscheu,  die  ihre  Rathlosigkeit  hinter
leeren  Formbedenken  verbirgt,  fanden  niemals  einen  stolzeren  Verächter;
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  4
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        50  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

und  nirgends  konnte  dieser  unerbittliche  Realismus  so  reinigend  und
zerstörend,  so  revolutionär  wirken  wie  in  der  großen  Fabelwelt  des
römischen  Reichs.  Nichts  schonungsloser  als  Friedrich's  Hohn  wider  die
heilige  Majestät  des  Kaisers  Franz,  der  am  Schürzenbande  seiner  Gemahlin
  gegängelt  wird  und,  ein  würdiger  König  von  Jerusalem,  für  die
Heere  der  Königin  von  Ungarn  einträgliche  Lieferungsgeschäfte  besorgt;
nichts  grausamer  als  sein  Spott  über  „das  Phantom“  der  Reichsarmee,
über  die  dünkelhafte  Nichtigkeit  der  kleinen  Höfe,  über  die  Formelkrämerei
„dieser  verfluchten  Perrücken  von  Hannover“,  über  den  leeren  Hochmuth
des  staatlosen  Junkerthums  in  Sachsen  und  Mecklenburg,  über  „diese
ganze  Rasse  von  Prinzen  und  Leuten  Oesterreichs"':  —  wer  vor  den
Großen  dieser  Welt  die  Kniee  beugt,  „der  kennt  sie  nicht!“

Im  vollen  Bewußtsein  der  Ueberlegenheit  hält  er  den  Schattenbildern
des  Reichsrechtes  die  gesunde  Wirklichkeit  seines  modernen  Staates  entgegen;
  eine  ingrimmige  Schadenfreude  spricht  aus  seinen  Briefen,  wenn
er  „die  Pedanten  von  Regensburg"  des  Krieges  eherne  Nothwendigkeit
empfinden  läßt.  Friedrich  vollzog  durch  die  That,  was  die  streitbaren
Publicisten  des  vergangenen  Jahrhunderts,  Hippolithus  und  Severinus,
nur  mit  Worten  versucht  hatten:  er  hielt  dem  „unheimlich  leichenhaften
Angesicht  Germaniens“  den  Spiegel  vor,  erwies  vor  aller  Welt  die
rettungslose  Fäulniß  des  heiligen  Reichs.  Mochten  wohlmeinende  Zeitgenossen
  ihn  schelten,  weil  er  das  altehrwürdige  Gemeinwesen  dem  Gelächter
  preisgegeben:  die  Nachwelt  dankt  ihm,  denn  er  hat  die  Wahrheit
wieder  zu  Ehren  gebracht  in  der  deutschen  Politik,  wie  Martin  Luther
einst  im  deutschen  Denken  und  Glauben.

Friedrich  hatte  jene  streng  protestantische  Ansicht  von  deutscher  Geschichte
  und  Reichspolitik,  die  seit  Pufendorf  und  Thomasius  unter  den
freieren  Köpfen  Preußens  vorherrschte,  frühe  in  sich  aufgenommen  und
sie  dann,  unter  den  erbitternden  Erfahrungen  seiner  freudlosen  Jugend,
scharf  und  selbständig  weiter  gebildet.  Er  sieht  in  der  Erhebung  der
Schmalkaldener,  im  dreißigjährigen  Kriege,  in  allen  Wirren  der  jüngsten
zwei  Jahrhunderte  nichts  als  den  unablässigen  Kampf  der  deutschen  Freiheit
  wider  den  Despotismus  des  Hauses  Oesterreich,  das  die  schwachen
Fürsten  des  Reichs  „mit  eisernem  Scepter“  als  Sklaven  beherrsche  und
nur  die  starken  frei  gewähren  lasse.  Nicht  ohne  Willkür  legt  er  sich  die
Thatsachen  der  Geschichte  nach  dieser  einseitigen  Auffassung  zurecht;  die
dem  Lichte  und  dem  Leben  zugewandte  Einseitigkeit  bleibt  ja  das  Vorrecht
des  schaffenden  Helden.  Jenen  alten  Kampf  siegreich  hinauszuführen
scheint  ihm  die  Aufgabe  des  preußischen  Staates.  In  seinen  jungen
Jahren  steht  er  noch  treu  zur  evangelischen  Sache;  er  preist  die  rühmliche
  Pflicht  des  Hauses  Brandenburg  „die  protestantische  Religion  überall
im  deutschen  Reiche  und  in  Europa  zu  fördern“  und  bemerkt  in  Heidelberg
  voll  Unmuth,  wie  hier  in  der  alten  Herrscherstätte  unserer  Kirche
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        Friedrich's  Jugendpläne.  51

die  Mönche  und  Priester  Roms  wieder  ihr  Wesen  treiben.  Aber  auch
als  er  späterhin  dem  Kirchenglauben  sich  entfremdet  und  von  der  Höhe
seiner  selbstgewissen  philosophischen  Aufklärung  herunter  wegwerfend  ab—
urtheilt  über  die  mittelmäßigen  Pfaffennaturen  Luther  und  Calvin,  bleibt
ihm  doch  das  Bewußtsein  lebendig,  daß  sein  Staat  mit  allen  Wurzeln
seines  Wesens  der  protestantischen  Welt  angehört.  Er  weiß,  wie  alle
Helfershelfer  des  römischen  Stuhles  insgeheim  an  der  Vernichtung  der
neuen  protestantischen  Großmacht  arbeiten;  er  weiß,  daß  sein  menschliches
Ideal  der  Glaubensfreiheit,  das  Recht  eines  Jeden  nach  eigener  Facon
selig  zu  werden,  vorderhand  nur  möglich  ist  auf  dem  Boden  des  Protestantismus;
  er  weiß,  daß  er  in  neuen,  weltlichen  Formen  die  Kämpfe
des  sechzehnten  Jahrhunderts  weiterführt,  und  setzt  noch  über  sein  letztes
Werk,  den  Plan  des  deutschen  Fürstenbundes,  die  vielsagende  Ueberschrift
„entworfen  nach  dem  Muster  des  Bundes  von  Schmalkalden.“

Das  früheste  der  uns  erhaltenen  politischen  Schriftstücke  Friedrich's
zeigt  uns  die  Blicke  des  Achtzehnjährigen  schon  jenem  Gebiete  des  Staatslebens
  zugewendet,  auf  dem  er  die  höchsten  und  eigensten  Kräfte  seiner
Begabung  entfalten  sollte:  den  Fragen  der  großen  Politik.  Der  Kronprinz
  betrachtet  die  Weltstellung  seines  Staates,  findet  die  Lage  des  zerstückelten
  Gebietes  schwer  gefährdet  und  entwirft  dann,  noch  halb  scherzend,
im  übermüthigen  Spiele,  verwegene  Anschläge,  wie  die  entlegenen  Provinzen
abzurunden  seien,  damit  sie  sich  nicht  mehr  gar  so  einsam,  ohne  Gesellschaft
  befinden.  Nur  kurze  Zeit,  und  die  unreifen  jugendlichen  Einfälle
kehren  wieder  als  tiefe  und  mächtige  Gedanken;  drei  Jahre  vor  seiner
Thronbesteigung  sieht  er  bereits  ahnungsvoll,  in  wunderbarer  Klarheit,
den  großen  Weg  seines  Lebens  offen  vor  sich  liegen:  „Es  scheint,"  so  schreibt
er,  „der  Himmel  hat  den  König  bestimmt,  alle  Vorbereitungen  zu  treffen,
welche  die  weise  Umsicht  vor  Beginn  eines  Krieges  erheischt.  Wer  weiß,
ob  nicht  die  Vorsehung  mir  vorbehalten  hat,  dereinst  einen  glorreichen  Gebrauch
  zu  machen  von  diesen  Kriegsmitteln  und  sie  zu  verwenden  zur  Verwirklichung
  der  Pläne,  wofür  die  Voraussicht  meines  Vaters  sie  bestimmte!“
Er  bemerkt,  wie  sein  Staat  in  unhaltbarer  Mittelstellung  zwischen  den
Kleinstaaten  und  den  Großmächten  daherschwankt,  und  zeigt  sich  entschlossen
diesem  Zwitterwesen  einen  festen  Charakter  zu  geben  (decider  cet  étre):
die  Vergrößerung  des  Staatsgebietes,  das  corriger  la  figure  de  la  Prusse
ist  zur  Nothwendigkeit  geworden,  wenn  anders  Preußen  auf  eignen  Füßen
stehen,  den  großen  königlichen  Namen  mit  Ehren  führen  will.

Von  Geschlecht  zu  Geschlecht  hatten  seine  Ahnen  dem  Hause  Oesterreich
  treue  Heeresfolge  geleistet,  jederzeit  gewissenhaft  verschmähend  die
Verlegenheit  des  Nachbarn  zum  eignen  Vortheil  auszubeuten;  Undank,
Betrug  und  Verachtung  war  ihr  Lohn  gewesen.  Auch  Friedrich  selber
hatte  „den  Uebermuth,  die  Anmaßung,  den  wegwerfenden  Hochmuth  dieses

hochtrabenden  Wiener  Hofes“  in  den  Schmerzensstunden  seiner  miß-4*
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        52  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

handelten  Jugend  schwer  empfunden;  sein  Herz  war  geschworen  von  Haß
„gegen  die  kaiserliche  Bande“,  die  mit  ihren  Schlichen  und  Lügen  ihm
das  Herz  seines  Vaters  verfeindet  hatte.  Sein  unzähmbarer  Stolz  bäumte
sich  auf,  wenn  man  an  dem  väterlichen  Hofe  den  vornehmen  Ton  kalter
Abweisung  gegen  die  Zumuthungen  Oesterreichs  gar  nicht  finden  wollte;
dann  schrieb  er  zornig,  ein  König  von  Preußen  solle  dem  edlen  Palmbaum
  gleichen,  von  dem  der  Dichter  sage:  „wenn  du  ihn  fällen  willst,  so
hebt  er  seinen  stolzen  Wipfel.“  Zugleich  war  er  mit  wachsamen  Augen
der  Verschiebung  der  Machtverhältnisse  im  Staatensysteme  gefolgt  und  zu
der  Einsicht  gelangt,  daß  die  alte  Politik  des  europäischen  Gleichgewichts
sich  gänzlich  überlebt  hatte:  seit  den  Siegen  des  spanischen  Erbfolgekrieges
war  es  nicht  mehr  an  der  Zeit,  im  Bunde  mit  Oesterreich  und  England
die  Bourbonen  zu  bekämpfen;  jetzt  galt  es,  den  neuen  deutschen  Staat
„durch  den  Schrecken  seiner  Waffen“  auf  eine  solche  Stufe  der  Macht
emporzuheben,  daß  er  gegen  jede  Nachbarschaft,  auch  gegen  das  Kaiserhaus
  seinen  freien  Willen  behaupten  durfte.

So  erhält  denn  der  viel  mißbrauchte  Ausdruck  „deutsche  Freiheit"
in  Friedrich's  Munde  einen  neuen,  edleren  Sinn.  Er  bedeutet  nicht  mehr
jene  ehrlose  Kleinfürstenpolitik,  welche  das  Ausland  gegen  den  Kaiser  zu
Hilfe  rief  und  die  Marken  des  Reichs  an  die  Fremden  verrieth;  er  bedeutet
  die  Aufrichtung  einer  großen  deutschen  Macht,  die  das  Vaterland
im  Osten  und  im  Westen  mit  starker  Hand  vertheidigt,  aber  nach  ihrem
eigenen  Willen,  unabhängig  von  der  Reichsgewalt.  Seit  hundert  Jahren
galt  die  Regel,  daß  wer  nicht  gut  österreichisch  war  gut  schwedisch  sein
mußte,  wie  Hippolithus  a  Lapide,  oder  gut  französisch,  wie  die  Fürsten
des  Rheinbundes,  oder  gut  englisch,  wie  die  Sippe  des  Welfenhauses;
selbst  der  große  Kurfürst  konnte,  in  der  furchtbaren  Pressung  zwischen
überlegenen  Nachbarn,  nur  von  Zeit  zu  Zeit  eine  selbständige  Haltung
behaupten.  Es  ist  Friedrich's  Werk,  daß  neben  jenen  beiden  gleich  verderblichen
  Tendenzen  der  verhüllten  und  der  unverhüllten  Fremdherrschaft
eine  dritte  Richtung  sich  erhob,  eine  Politik,  die  nur  preußisch  war  und
nichts  weiter;  ihr  gehörte  Deutschlands  Zukunft.

Vom  Vaterlande  viel  zu  reden  war  nicht  die  Weise  dieses  Hassers  der
Phrase;  und  doch  lebte  in  seiner  Seele  ein  reizbarer,  schroff  abweisender
Nationalstolz,  unzertrennlich  verwachsen  mit  seinem  gewaltigen  Selbstgefühle
und  seinem  Fürstenstolze.  Daß  fremde  Nationen  auf  deutschem  Boden
die  Herren  spielen  sollten,  erschien  ihm  wie  eine  Beleidigung  seiner  persönlichen
  Ehre  und  des  erlauchten  Blutes  in  seinen  Adern,  das  der
philosophische  König,  naiv  wie  der  Genius  ist,  immer  sehr  hoch  hielt.
Wenn  das  wunderliche  Wirrsal  der  deutschen  Dinge  ihn  zuweilen  zum
Bunde  mit  dem  Auslande  zwang,  niemals  hat  er  den  fremden  Mächten  eine
Scholle  deutschen  Landes  verheißen,  niemals  seinen  Staat  für  ihre  Zwecke
mißbrauchen  lassen.  Sein  Leben  lang  ward  er  der  treulosen  Arglist
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        Friedrich's  deutsche  Politik.  53

geziehen,  weil  kein  Vertrag  und  kein  Bündniß  ihn  je  vermochte  auf  das
Recht  der  freien  Selbstbestimmung  zu  verzichten.  Alle  Höfe  Europas
sprachen  grollend  vom  travailler  pour  le  roi  de  Prusse;  von  Altersher
gewohnt  das  deutsche  Leben  zu  beherrschen  vermochten  sie  kaum  zu  fassen,
daß  sich  endlich  wieder  die  entschlossene  Selbstsucht  eines  unabhängigen
deutschen  Staates  ihrem  Willen  entgegenstemmte.  Der  königliche  Schüler
Voltaire's  hat  für  den  deutschen  Staat  dasselbe  Werk  der  Befreiung  begonnen,
  das  Voltaire's  Gegner,  Lessing,  für  unsere  Dichtung  vollführte.
Schon  in  seinen  Jugendschriften  verdammt  er  in  scharfen  Worten  die
Schwäche  des  heiligen  Reichs,  das  seine  Thermopylen,  das  Elsaß  dem
Fremdling  geöffnet  habe;  er  zürnt  auf  den  Wiener  Hof,  der  Lothringen
an  Frankreich  preisgegeben;  er  will  es  der  Königin  von  Ungarn  nie  verzeihen,
  daß  sie  die  wilde  Meute  jener  Grazien  des  Ostens,  Jazygen,
Croaten  und  Tolpatschen  auf  das  deutsche  Reich  losgelassen  und  die
moskowitischen  Barbaren  zum  ersten  male  in  Deutschlands  innere  Händel
herbeigerufen  hat.  Dann  während  der  sieben  Jahre  entladet  sich  sein
deutscher  Stolz  und  Haß  oft  in  Worten  grimmigen  Hohnes.  Den
Russen,  die  ihm  seine  neumärkischen  Bauern  ausplündern,  sendet  er  den
Segenswunsch:  „O  könnten  sie  in's  Schwarze  Meer  mit  Einem  Sprunge
sich  versenken,  köpflings,  den  Hintern  hinterher,  sich  selber  und  ihr  Angedenken.“
  Und  als  die  Franzosen  das  Rheinland  überfluthen,  da  singt
er,  freilich  in  französischer  Sprache,  jene  Ode,  die  an  die  Klänge  des
Befreiungskrieges  gemahnt:
Bis  in  seine  tiefste  Quelle
Schäumt  der  alte  Rhein  vor  Groll,

Flucht  der  Schmach,  daß  seine  Welle
Fremdes  Joch  ertragen  soll!

„Die  Klugheit  ist  sehr  geeignet  zu  bewahren  was  man  besitzt,  doch
allein  die  Kühnheit  versteht  zu  erwerben“  —  mit  diesem  Selbstgeständniß
hat  Friedrich  in  seinen  Rheinsberger  Tagen  verrathen,  wie  ihn  sein
innerstes  Wesen  zu  rascher  Entschließung,  zu  stürmischer  Verwegenheit
drängte.  Nichts  halb  zu  thun  gilt  ihm  als  die  oberste  Pflicht  des  Staatsmannes,
  und  unter  allen  denkbaren  Entschlüssen  scheint  ihm  der  schlimmste
—  keinen  zu  fassen.  Doch  er  zeigt  auch  darin  sein  deutsches  Blut,  daß
er  die  feurige  Thatenlust  von  frühauf  zu  bändigen  weiß  durch  kalte,
nüchterne  Berechnung.  Der  die  Heldenkraft  eines  Alexander  in  sich  fühlte,
beschied  sich,  das  Dauernde  zu  schaffen  in  dem  engen  Kreise,  darein  ihn
das  Schicksal  gestellt.  Im  Kriege  läßt  er  dann  und  wann  seinem  Feuergeiste
  die  Zügel  schießen,  fordert  das  Unmögliche  von  seinen  Truppen  und
fehlt  durch  die  stolze  Geringschätzung  des  Feindes;  als  Staatsmann  bewährt
  er  immer  eine  vollendete  Mäßigung,  eine  weise  Selbstbeschränkung,
die  jeden  abenteuerlichen  Plan  sogleich  an  der  Schwelle  abweist.  Keinen
Augenblick  bethört  ihn  der  Gedanke  seinen  Staat  loszureißen  von  dem
verfallenen  deutschen  Gemeinwesen;  die  Reichsstandschaft  beengt  ihn  nicht
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        54  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

in  der  Freiheit  seiner  europäischen  Politik,  sie  gewährt  ihm  das  Recht
einzugreifen  in  die  Geschicke  des  Reichs,  darum  will  er  den  Fuß  im
Bügel  des  deutschen  Rosses  behalten.  Noch  weniger  kommt  ihm  bei,
selber  nach  der  Kaiserkrone  zu  greifen.  Seit  den  Weissagungen  der  Hofastrologen
  des  großen  Kurfürsten  blieb  in  der  Umgebung  der  Hohenzollern
immer  die  dunkle  Ahnung  lebendig,  daß  diesem  Hause  bestimmt  sei  dereinst
  noch  Scepter  und  Schwert  vom  heiligen  Reiche  zu  tragen;  die
Heißsporne  Leopold  von  Dessau  und  Winterfeldt  vermaßen  sich  zuweilen
ihren  königlichen  Helden  als  den  deutschen  Augustus  zu  begrüßen.  Der
aber  wußte,  daß  sein  weltlicher  Staat  die  römische  Krone  nicht  tragen
konnte,  daß  sie  den  Emporkömmling  unter  den  Mächten  in  aussichtslose
Händel  verwickeln  mußte,  und  meinte  trocken:  „für  uns  wäre  sie  nur
eine  Fessel."

Als  er  kaum  den  Thron  bestiegen,  trat  jene  große  Wendung  der
deutschen  Geschicke  ein,  welche  schon  Pufendorf's  Seherblick  als  die  einzig
mögliche  Gelegenheit  zu  einer  durchgreifenden  Reichsreform  bezeichnet  hatte.
Das  alte  Kaiserhaus  starb  aus,  und  vor  den  flammenden  Blicken  des
jungen  Königs,  der  die  einzige  fest  geordnete  Kriegsmacht  Deutschlands
in  seinen  Händen  hielt,  erschloß  sich  eine  Welt  von  lockenden  Aussichten,
die  einen  minder  tiefen,  minder  gesammelten  Geist  zu  überschwänglichen
Träumen  begeistern  mußte.  Friedrich  fühlte  lebhaft  den  schweren  Ernst
der  Stunde;  „Tag  und  Nacht"“,  so  gestand  er,  „liegt  mir  das  Schicksal  des
Reichs  auf  dem  Herzen,  ich  allein  kann  und  soll  es  jetzt  aufrecht  halten."
Das  stand  ihm  fest,  daß  dieser  große  Augenblick  nicht  verfliegen  durfte,
ohne  dem  preußischen  Staate  die  volle  Freiheit  der  Bewegung,  einen
Platz  im  Rathe  der  großen  Mächte  zu  schenken;  doch  er  ahnte  auch,  wie
unberechenbar,  bei  der  Begehrlichkeit  der  ausländischen  Nachbarn,  bei  der
rathlosen  Zwietracht  des  Reichs,  die  Lage  Deutschlands  sich  verwirren
mußte,  sobald  die  Monarchie  der  Habsburger  in  Trümmer  fiel.  Darum
will  er  Oesterreich  schonen  und  begnügt  sich  aus  der  Masse  der  längst
bedachtsam  erwogenen  alten  Ansprüche  seines  Hauses  den  einen  wichtigsten
hervorzuholen.  Allein,  ohne  die  lauernden  fremden  Mächte  nur  eines
Wortes  zu  würdigen,  in  überwältigendem  Ansturm  bricht  er  in  Schlesien
ein.  Das  an  die  feierlichen  Bedenken  und  Gegenbedenken  seiner  Reichsjuristen
  gewöhnte  Deutschland  empfängt  mit  Erstaunen  und  Entrüstung
die  Lehre,  daß  die  Rechte  der  Staaten  nur  durch  die  lebendige  Macht
behauptet  werden.  Dann  erbietet  sich  der  Eroberer,  dem  Gemahl  Maria
Theresia's  die  Kaiserkrone  zu  verschaffen  und  für  den  Bestand  Oesterreichs
  gegen  Frankreich  zu  fechten.  Erst  der  Widerstand  der  Hofburg
treibt  ihn  weiter,  zu  umfassenden  Plänen  der  Reichsreform,  die  an
Waldeck's  verwegene  Träume  erinnern.  ·

Nicht  Friedrich  hat  den  deutschen  Dualismus  geschaffen,  wie  Mit—
und  Nachwelt  ihm  vorwarf;  der  Dualismus  bestand  seit  Karl  V.,  und
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        Die  beiden  ersten  schlesischen  Kriege.  55

Friedrich  war  der  Erste,  der  ernstlich  ihn  zu  vernichten  versuchte.  So—
bald  die  Verständigung  mit  dem  Wiener  Hofe  sich  als  unmöglich  erwies,
faßte  der  König  den  kühnen  Gedanken,  die  Kaiserkrone  für  immer  dem
Hause  Oesterreich  zu  entwinden  und  also  das  letzte  Band  zu  zerreißen,
das  diese  Dynastie  noch  an  Deutschland  kettete.  Er  näherte  sich  den
bairischen  Wittelsbachern,  dem  einzigen  unter  den  mächtigeren  deutschen
Fürstengeschlechtern,  das  gleich  den  Hohenzollern  nur  deutsche  Lande  be—
herrschte  und  gleich  ihnen  in  Oesterreich  seinen  natürlichen  Gegner  sah;
er  begründete  zuerst  jenes  Bündniß  zwischen  den  beiden  größten  rein
deutschen  Staaten,  das  sich  seitdem  so  oft,  und  immer  zum  Heile  für
das  Vaterland  erneuert  hat.  Der  Kurfürst  von  Baiern  empfing  die
kaiserliche  Würde,  und  Friedrich  hoffte  diesem  neuen  Kaiserthume,  das
er  selber  „mein  Werk“  nannte,  an  der  Krone  Böhmen  einen  festen  Rück—
halt  zu  sichern.

Und  alsbald  erwachte  in  Berlin  wie  in  München  wieder  jener  rettende
Gedanke  der  Secularisation,  der  sich  allezeit  unabwendbar  aufdrängte
sobald  man  die  heilende  Hand  legte  an  den  siechen  Körper  des  Reichs.
Es  war  im  Werke,  die  Macht  der  größeren  weltlichen  Reichsstände,  welche
Friedrich  als  die  allein  lebensfähigen  Glieder  des  Reichs  erkannte,  auf
Kosten  der  theokratischen  und  republikanischen  Territorien  zu  verstärken;
eine  rein  weltliche  Staatskunst  schickte  sich  an  die  politischen  Ideen  der
Reformation  zu  verwirklichen.  Einige  geistliche  Gebiete  Oberdeutschlands
sollten  secularisirt,  auch  mehrere  Reichsstädte  den  benachbarten  fürstlichen
Gebieten  zugeschlagen  werden.  Mit  gutem  Grunde  klagte  Oesterreich,
wie  schwer  dies  von  Preußen  geleitete  bairische  Kaiserthum  den  Adel  und
die  Kirche  zu  schädigen  drohe.  Traten  jene  unfertigen  Gedanken  in's
Leben,  so  war  der  deutsche  Dualismus  nahezu  beseitigt,  die  Reichsverfassung,
  selbst  wenn  ihre  Formen  blieben,  in  ihrem  Wesen  umgestaltet;
Deutschland  wurde  ein  Bund  weltlicher  Fürsten  unter  Preußens  beherrschendem
  Einfluß;  die  geistlichen  Staaten,  die  Reichsstädte,  der  Schwarm
der  kleinen  Grafen  und  Herren,  des  habsburgischen  Rückhalts  beraubt,
verfielen  dem  Untergange,  und  das  Trutzdeutschland  im  Herzen  des
Reichs,  die  Krone  Böhmen,  ward  für  die  germanische  Gesittung  erobert.
So  konnte  Deutschland  aus  eigener  Kraft  jene  nothwendige  Revolution
vollziehen,  die  ihm  zwei  Menschenalter  später  der  Machtspruch  des  Auslandes
  schimpflich  auferlegt  hat.  Aber  das  Haus  Wittelsbach,  ohnehin
dem  deutschen  Leben  entfremdet  durch  die  erbliche  Verbindung  mit  Frankreich
  wie  durch  die  Härte  katholischer  Glaubenseinheit,  erwies  in  großer
Zeit  eine  klägliche  Unfähigkeit;  der  Nation  fehlte  jedes  Verständniß  für
die  verheißungsvolle  Gunst  des  Augenblicks.  Auf  einer  Rundreise  durch
das  Reich  gewann  der  König  einen  so  trostlosen  Einblick  in  die  Zwietracht,
  die  Habgier,  die  sklavische  Angst  der  kleinen  Höfe,  daß  er  für
immer  seine  deutschen  Hoffnungen  herabzustimmen  lernte;  auch  seine
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        56  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

eigene  Macht  reichte  noch  nicht  aus,  den  tapferen  Widerstand  der  Königin
von  Ungarn  gänzlich  zu  brechen.  Der  zweite  schlesische  Krieg  endete  trotz
der  Triumphe  von  Hohenfriedberg  und  Kesselsdorf  mit  der  Wiederherstellung
  des  österreichischen  Kaiserthums.  Das  Reich  verblieb  in  seiner
verfassungslosen  Zerrüttung,  Franz  von  Lothringen  bestieg  den  Kaiserthron
  nach  dem  Tode  Karl's  VII.,  und  von  Neuem  schloß  sich  der  alte
Bund  zwischen  Oesterreich  und  der  katholischen  Reichstagsmehrheit.

Die  Lösung  des  deutschen  Dualismus  war  mißlungen;  schroffer,
feindseliger  denn  je  zuvor  gingen  die  Parteien  im  Reiche  auseinander.
Gleichwohl  blieb  dem  Könige  ein  dauernder  Gewinn  gesichert:  die  Großmachtstellung
  Preußens.  Er  hatte  Baiern  vom  Untergange  gerettet,  die
Macht  seines  eigenen  Landes  um  mehr  als  ein  Drittel  verstärkt,  die  lange
Kette  habsburgisch-wettinischer  Gebiete,  welche  den  preußischen  Staat  im
Süden  und  Osten  umschloß,  mit  einem  kühnen  Stoße  zersprengt,  das  stolze
Kaiserhaus  zum  ersten  male  vor  einem  Reichsfürsten  tief  gedemüthigt.
Er  dankte  alle  seine  Siege  allein  der  eigenen  Kraft  und  trat  den  alten
Mächten  mit  so  festem  Stolze  entgegen,  daß  selbst  Horatio  Walpole  gestehen
  mußte,  dieser  Preußenkönig  halte  jetzt  die  Wage  des  europäischen
Gleichgewichts  in  seinen  Händen.  Sachsen,  Baiern,  Hannover,  alle  die
Mittelstaaten,  welche  soeben  noch  mit  der  Krone  Preußen  gewetteifert,
wurden  durch  die  schlesischen  Kriege  für  immer  in  die  zweite  Reihe  zurückgeworfen,
  und  hoch  über  den  zahllosen  kleinen  Gegensätzen,  die  das  Reich
zerklüfteten,  erhob  sich  die  eine  Frage:  Preußen  oder  Oesterreich?  Die
Frage  der  deutschen  Zukunft  war  gestellt.  Der  König  blickte  jetzt  aus
freier  Höhe  auf  das  Gewimmel  der  deutschen  Reichsstände  hernieder,  gab
auf  beleidigende  Zumuthungen  gern  die  spöttische  Antwort,  ob  man  ihn
etwa  für  einen  Herzog  von  Gotha  oder  für  einen  rheinischen  Fürsten  halte;
er  spielte  bereits,  den  kleinen  Nachbarn  gegenüber,  die  Rolle  des  wohlmeinenden
  Gönners  und  Beschützers,  die  er  in  seinem  Anti-Machhiavell
als  die  schöne  Pflicht  des  Starken  bezeichnet  hatte,  und  schon  sammelte
sich  am  Reichstage  eine  kleine  preußische  Partei,  die  norddeutschen  Höfe
begannen  ihre  Prinzen  im  Heere  des  Königs  dienen  zu  lassen.

Unterdessen  verwuchs  die  neue  Erwerbung  überraschend  schnell  mit
der  Monarchie;  der  Staat  erprobte  zum  ersten  male  auf  einem  weiten
Gebiete  jene  starke  Anziehungs=  und  Anbildungskraft,  die  er  seitdem  in
deutschen  und  halbdeutschen  Landen  überall  bewährt  hat.  Die  frischen
Kräfte  der  modernen  Welt  hielten  ihren  Einzug  in  die  verwahrloste,
unter  ständischem  und  geistlichem  Drucke  darniedergehaltene  Provinz;  das
monarchische  Beamtenthum  verdrängte  die  Adelsherrschaft,  das  strenge
Recht  den  Nepotismus,  die  Glaubensfreiheit  den  Gewissenszwang,  das
deutsche  Schulwesen  den  tiefen  Seelenschlaf  pfäffischer  Bildung;  der  träge
knechtische  Bauer  lernte  wieder  auf  ein  Morgen  zu  hoffen,  und  sein  König
verbot  ihm  den  Beamten  knieend  den  Rock  zu  küssen.
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        Befreiung  Schlesiens.  57

Noch  kein  anderer  Staat  hatte  in  jenem  Jahrhundert  der  Macht—
kämpfe  seinem  Wirken  so  vielseitige,  so  menschliche  Aufgaben  gestellt.  Erst
die  friedliche  Arbeit  der  Verwaltung  gab  der  Eroberung  Schlesiens  die
sittliche  Rechtfertigung  und  führte  den  Beweis,  daß  jenes  vielgescholtene
Wagniß  eine  deutsche  That  gewesen.  Das  von  unheimischen  Gewalten
schon  halb  überfluthete  herrliche  Grenzland  wurde  durch  das  preußische
Regiment  dem  deutschen  Volksthum  zurückgegeben.  Schlesien  war  das
einzige  der  deutsch-österreichischen  Erblande,  wo  die  Politik  der  Glaubens—
einheit  eines  vollen  Sieges  sich  nicht  rühmen  konnte.  Mit  unüberwindlicher
  Zähigkeit  hatte  der  leichtlebig  heitere  deutsche  Stamm  in  den  Thälern
des  Riesengebirges  den  Blutthaten  der  Liechtenstein'schen  Dragoner  wie
den  Ueberredungskünsten  der  Jesuiten  widerstanden.  Die  Mehrzahl  der
Deutschen  blieb  dem  protestantischen  Bekenntniß  treu.  Gedrückt  und  miß—
achtet,  aller  Güter  beraubt,  fristete  die  evangelische  Kirche  ein  ärmliches
Leben;  nur  die  Drohungen  der  Krone  Schweden  verschafften  ihr  zu  den
wenigen  Gotteshäusern,  die  ihr  geblieben,  noch  den  Besitz  einiger  Gnaden—
kirchen.  Die  katholischen  Polen  Oberschlesiens  und  jene  czechischen  Colo—
nisten,  die  der  Kaiserhof  zum  Kampfe  gegen  die  deutschen  Ketzer  in's  Land
gerufen,  waren  die  Stützen  der  kaiserlichen  Herrschaft.  Beim  Einmarsch
des  preußischen  Heeres  erhob  das  Deutschthum  wieder  froh  sein  Haupt;
jubelnd  erklang  in  den  Gnadenkirchen  das  Lob  des  Herrn,  der  seinem
Volke  ein  Hartes  erzeigt  hat  und  ihm  jetzund  endlich  ein  Panier  auf—
steckt.  Der  Protestantismus  gewann  unter  dem  Schutze  der  preußischen
Glaubensfreiheit  bald  das  Bewußtsein  seiner  geistigen  Ueberlegenheit  wieder,
  das  Polenthum  verlor  zusehends  an  Boden,  und  nach  wenigen
Jahrzehnten  standen  die  preußischen  Schlesier  in  Gedanken  und  Sitten
ihren  norddeutschen  Nachbarn  näher  als  den  Schlesiern  jenseits  der
Grenze.  Die  römische  Kirche  aber  beließ  der  protestantische  Sieger  im
Besitze  fast  des  gesammten  evangelischen  Kirchenguts,  und  während  England
  seine  irischen  Katholiken  zwang,  die  anglikanische  Staatskirche  durch
ihre  Abgaben  zu  unterhalten,  mußte  in  Schlesien  der  Protestant  nach  wie
vor  Steuern  zahlen  für  die  katholische  Kirche.  Erst  die  landesverrätherischen
  Umtriebe  des  römischen  Clerus  während  des  siebenjährigen  Krieges
nöthigten  den  König  zurückzukommen  von  diesem  Uebermaße  der  Schonung,
  das  zu  Ungerechtigkeit  gegen  die  Evangelischen  führte;  doch  auch
dann  noch  blieb  die  katholische  Kirche  günstiger  gestellt  als  in  irgend
einem  anderen  protestantischen  Staate.

Das  Aufblühen  des  schlesischen  Landes  unter  dem  preußischen  Scepter
zeigte  genugsam,  daß  die  neue  Provinz  ihren  natürlichen  Herrn  gefunden
hatte,  daß  die  Entscheidung  im  deutschen  Osten  unabänderlich  gefallen
war.  Doch  unbeirrt  hielt  der  Wiener  Hof  die  Hoffnung  fest,  die  erlittene
Schmach  zu  rächen  und  den  Eroberer  Schlesiens  wieder  in  den  bunten
Haufen  der  deutschen  Reichsstände  hinabzustoßen,  gleich  allen  den  anderen
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        58  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Vorwitzigen,  die  sich  früherhin  der  Empörung  gegen  die  alte  Kaisermacht
erdreistet  hatten.  Auch  König  Friedrich  wußte,  daß  der  letzte  entscheidende
Waffengang  noch  bevorstand.  Er  versuchte  einmal  während  der  kurzen
Friedensjahre,  den  Sohn  Maria  Theresia's  von  der  Kaiserwürde  auszuschließen,
  für  die  Zukunft  mindestens  das  Reich  von  dem  Hause  Oesterreich
  zu  trennen;  der  Plan  scheiterte  an  dem  Widerspruche  der  katholischen
Höfe.  Der  unversöhnliche  Gegensatz  der  beiden  führenden  Mächte  Deutschlands
  bestimmte  auf  lange  hinaus  den  Gang  der  europäischen  Politik,  entzog
  dem  heiligen  Reiche  die  letzte  Lebenskraft.  Die  Nation  sah  in  banger
Ahnung  einen  neuen  dreißigjährigen  Krieg  heraufziehen.  Was  in  der
stillen  Arbeit  schwerer  Jahrzehnte  langsam  gereift  war  erschien  dem  nächsten
  Menschenalter  nur  als  ein  wunderbarer  Zufall,  als  das  glückliche
Abenteuer  eines  genialen  Kopfes.  Ganz  einsam  steht  in  dem  diplomatischen
  Briefwechsel  des  Zeitraums  jenes  Seherwort  des  Dänen  Bernstorff,
  der  im  Jahre  1759  traurig  an  Choiseul  schrieb:  „Alles  was  Sie
heute  unternehmen  um  zu  verhindern,  daß  sich  in  der  Mitte  Deutschlands
  eine  ganz  kriegerische  Monarchie  erhebe,  deren  eiserner  Arm  bald
die  kleinen  Fürsten  zermalmen  wird  —  das  Alles  ist  verlorene  Arbeit!“
Alle  Nachbarmächte  im  Osten  und  im  Westen  grollten  dem  Glücklichen,
der  aus  den  Wirren  des  österreichischen  Erbfolgekrieges  allein  den  Siegespreis
  davongetragen,  und  wahrlich  nicht  nur  der  persönliche  Haß  mächtiger
  Frauen  wob  an  dem  Netze  der  großen  Verschwörung,  das  sich  über
Friedrich's  Haupte  zusammenzuziehen  drohte.  Europa  fühlte,  daß  die
altüberlieferte  Gestalt  der  Staatengesellschaft  in's  Wanken  kam,  sobald
die  sieghafte  Großmacht  in  der  Mitte  des  Festlandes  sich  befestigte.  Der
römische  Stuhl  sah  mit  Sorgen,  wie  die  verhaßte  Heimath  der  Ketzerei
ihren  eigenen  Willen  wiederfand;  nur  durch  Roms  Mithilfe  ist  es  gelungen,
  daß  die  alten  Feinde,  die  beiden  katholischen  Großmächte  Oesterreich
  und  Frankreich  zum  Kampfe  gegen  Preußen  sich  vereinten.  Es  galt
die  Ohnmacht  Deutschlands  zu  verewigen.

Durch  einen  verwegenen  Angriff  rettete  der  König  seine  Krone  vor
dem  sicheren  Verderben,  und  als  er  nun  durch  sieben  entsetzliche  Jahre
seinen  deutschen  Staat  am  Rhein  und  Pregel,  an  der  Peene  und  den
Riesenbergen  gegen  fremde  und  halbfremde  Heere  vertheidigt  hatte  und  im
Frieden  den  Bestand  seiner  Macht  bis  auf  das  letzte  Dorf  behauptete,  da
schien  Preußen  wieder  an  derselben  Stelle  zu  stehen  wie  beim  Beginn  des
mörderischen  Kampfes.  Kein  Fußbreit  deutscher  Erde  war  ihm  gewonnen,
das  halbe  Land  lag  verwüstet,  die  reiche  Friedensarbeit  dreier  Geschlechter
war  nahezu  vernichtet,  die  unglückliche  Neumark  begann  die  Arbeit  der
Cultur  zum  vierten  male  von  vorn.  Der  König  selber  konnte  niemals
ohne  Bitterkeit  jener  schrecklichen  Tage  gedenken,  da  das  Unglück  alle  Pein,
die  ein  Mann  ertragen  mag,  bis  über  das  Maß  des  Menschlichen  hinaus,
auf  seine  Schultern  häufte;  was  er  damals  gelitten  erschien  ihm  wie  die
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        Der  siebenjährige  Krieg.  59

sinnlos  boshafte  Laune  eines  tückischen  Schicksals,  wie  ein  Trauerspiel  ohne
Gerechtigkeit  und  Abschluß.  Dennoch  lag  ein  ungeheurer  Erfolg  in  dem
Ergebniß  des  scheinbar  so  unfruchtbaren  Kampfes:  die  neue  Ordnung  der
deutschen  Dinge,  die  mit  der  Begründung  der  preußischen  Macht  begonnen,
hatte  sich  in  der  denkbar  schwersten  Prüfung  als  eine  unwiderrufliche  Nothwendigkeit
  erwiesen.  Hundert  Jahre  zuvor  vermochte  Deutschland  nur
durch  die  Kämpfe  eines  vollen  Menschenalters  sich  der  habsburgischen
Herrschaft  zu  erwehren  und  mußte  dann  ausländischen  Bundesgenossen
schmählichen  Helferlohn  zahlen;  jetzt  genügten  den  ärmsten  Gebieten  des
Reichs  sieben  Jahre  um  den  Ansturm  einer  Welt  in  Waffen  abzuschlagen,
und  deutsche  Kraft  allein  entschied  den  Sieg,  denn  die  einzige  fremde
Macht,  die  dem  Könige  zur  Seite  stand,  gab  ihn  treulos  preis.  Deutschlands
  Stern  war  wieder  im  Aufsteigen;  es  galt  den  Deutschen  was  in
allen  Kirchen  Preußens  frohlockend  gebetet  ward:  „Sie  haben  mich  oft
bedränget  von  meiner  Jugend  auf,  aber  sie  haben  mich  nicht  übermocht."“

Beim  Beginne  des  zweiten  Feldzugs  hat  Friedrich  die  stolze  Hoffnung
gehegt,  die  Schlacht  von  Pharsalus  gegen  das  Haus  Oesterreich  zu  schlagen
und  vor  den  Mauern  Wiens  den  Frieden  zu  dictiren,  wie  denn  diese
reiche  Zeit  überall  die  ersten  Keime  der  großen  Neubildungen  einer  fernen
Zukunft  erkennen  läßt  und  auch  ein  Bund  Preußens  mit  Oesterreichs
anderem  Nebenbuhler,  mit  Piemont,  schon  versucht  wurde.  Dann  warf
die  Schlacht  von  Kollin  den  König  in  die  Vertheidigung  zurück,  er  kämpfte
nur  noch  für  das  Dasein  des  Staates.  Was  er  versuchte  um  einen
Gegen-Reichstag  zu  berufen,  eine  norddeutsche  Union  der  kaiserlichen  Liga
entgegenzustellen,  ward  zu  nichte  an  der  unbesieglichen  Eifersucht  der  kleinen
Höfe  und  vornehmlich  an  dem  hochmüthigen  Widerwillen  des  welfischen
Bundesgenossen.  Für  die  Beseitigung  des  deutschen  Dualismus,  für  einen
Neubau  des  Reichs  war  die  Stunde  noch  immer  nicht  gekommen;  aber
durch  die  furchtbare  Wahrhaftigkeit  dieses  Krieges  wurden  die  verlebten
alten  Formen  des  deutschen  Gemeinwesens  sittlich  vernichtet,  der  letzte
Schleier  hinweggerissen  von  der  großen  Lüge  des  heiligen  Reichs.  So
hirnlos  hatte  noch  nie  ein  Kaiser  an  dem  Vaterlande  gefrevelt,  wie  dieser
lothringische  Mehrer  des  Reichs,  der  alle  Thore  Deutschlands  den  fremden
Plünderern  aufthat,  die  Niederlande  den  Bourbonen,  die  Ostmarken  den
Moskowitern  preisgab.  Und  derweil  der  Kaiser  seinen  Eid  mit  Füßen
trat,  seinem  Hause  jedes  Anrecht  auf  die  deutsche  Krone  verwirkte,  spielte
zu  Regensburg  die  freche  Posse  des  reichsrechtlichen  Strafverfahrens.  Der
Reichstag  rief  dem  Eroberer  Schlesiens  sein  „darnach  hat  Er,  Kurfürst,
Sich  zu  richten“  zu,  der  brandenburgische  Gesandte  warf  den  Boten  der
erlauchten  Versammlung  die  Treppe  hinunter,  die  elihlende  Reichsarmee
sammelte  sich  unter  den  Fahnen  des  bourbonischen  Reichsfeindes  um  sofort
  vor  Seydlitz's  Reitergeschwadern  wie  Spren  im  Winde  zu  zerstieben.
Die  deutsche  Nation  aber  feierte  mit  hellem  Jubel  den  Sieger  von  Roß-
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        60  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

bach,  den  Rebellen  gegen  Kaiser  und  Reich.  Mit  diesem  wüsten  Satyrspiele
  ging  die  große  Tragödie  der  Reichsgeschichte  in  Wahrheit  zu  Ende;
was  noch  übrig  blieb  von  dem  alten  deutschen  Gemeinwesen  bewahrte
kaum  noch  den  Schein  des  Lebens.

Der  Sieger  aber,  der  im  Donner  der  Schlachten  die  alten  theokratischen
  Formen  über  den  Haufen  warf,  war  der  Schirmherr  des  Protestantismus.
  Wie  verblaßt  auch  die  kirchlichen  Gegensätze  dem  Zeitalter
der  Aufklärung  erschienen,  Friedrich  erkannte  doch,  daß  der  Bestand  des
Westphälischen  Friedens,  die  Parität  der  Glaubensbekenntnisse  im  Reiche
unhaltbar  wurde,  sobald  die  beiden  katholischen  Großmächte  triumphirten;
die  gemeinsame  protestantische  Sache  bot  ihm  die  einzige  Handhabe  um
die  zagenden  kleinen  Fürsten  in  den  Kampf  gegen  Oesterreich  zu  drängen.
Wachsam  folgte  sein  Auge  den  geheimen  Umtrieben  der  „prétraille“  an
den  protestantischen  Höfen;  sein  Machtwort  schützte  die  Freiheit  der  evangelischen
  Kirche  in  Württemberg  und  Hessen,  als  dort  die  Thronfolger
zum  römischen  Bekenntniß  übertraten.  Und  noch  klarer  als  er  selber
erkannten  seine  kleinen  norddeutschen  Bundesgenossen  die  religiöse  Bedeutung
  des  Krieges:  in  den  Briefen  des  hessischen  Ministers  F.  A.  von
Hardenberg  heißen  die  Verbündeten  Preußens  stets  kurzweg  „die  evangelischen
  Stände",  und  das  treue  Festhalten  an  der  preußischen  Partei
wird  als  das  natürliche  System  aller  protestantischen  Staaten  des  Reichs
gepriesen.  Unter  den  Klängen  lutherischer  Kirchenlieder  zog  der  preußische
Grenadier  zur  Schlacht,  die  evangelischen  Soldaten  des  schwäbischen  Kreises
liefen  fluchend  auseinander,  weil  sie  nicht  gegen  ihre  Glaubensgenossen
fechten  wollten;  in  den  Conventikeln  der  englischen  Dissenters  beteten
gottselige  Prediger  für  den  Maccabäer  des  Evangeliums,  den  Freigeist
Friedrich.  Der  Papst  aber  beschenkte  den  Feldmarschall  der  Kaiserin  mit
geweihtem  Hut  und  Degen,  und  jede  neue  Siegesbotschaft  aus  dem
preußischen  Lager  rief  im  Vatican  einen  Sturm  des  Unwillens  und  der
Angst  hervor.  Wie  zerfahren  und  zerfallen  hatte  hundert  und  zwanzig
Jahre  zuvor  die  protestantische  Welt  zu  den  Füßen  Roms  gelegen,  als
die  Fahnen  der  Wallensteiner  am  Ostseestrande  wehten  und  die  Stuarts
das  Parlament  ihrer  römischen  Königskunst  zu  unterwerfen  trachteten.
Jetzt  gab  eine  protestantische  Großmacht  dem  heiligen  Reiche  den  Gnadenstoß,
  und  durch  die  Schlachten  am  Ohio  und  am  Ganges  wurde  für  alle
Zukunft  entschieden,  daß  die  Herrschaft  über  das  Weltmeer  und  die
Colonien  den  protestantischen  Germanen  gehörte.

Der  Kampf  um  Preußens  Dasein  war  der  erste  europäische  Krieg;
er  schuf  die  Einheit  der  neuen  Staatengesellschaft  und  gab  ihr  die  aristokratische
  Form  der  Pentarchie.  Als  die  neue  mitteleuropäische  Großmacht
sich  die  Anerkennung  der  Nachbarmächte  erzwang,  da  verschmolzen  die
beiden  alten  Staatensysteme  des  Ostens  und  des  Westens  zu  einer  einzigen
unzertrennlichen  Gemeinschaft,  und  zugleich  sank  das  Ansehen  der  minder-
        <pb n="71" />
        Die  neue  Staatengesellschaft.  61

mächtigen  Staaten,  welche  früherhin  zuweilen  durch  ihren  Zutritt  zu
einer  Coalition  den  Ausschlag  in  einem  großen  Kriege  gegeben  hatten,
doch  jetzt  den  schweren  Anforderungen  der  neuen  großartigen  Kriegsweise
nicht  mehr  genügen  konnten;  die  Staaten  zweiten  Ranges  beschieden  sich
fortan,  die  Leitung  der  europäischen  Dinge  den  großen  Kriegs-  und  See—
mächten  zu  überlassen.  Unter  diesen  fünf  führenden  Mächten  aber  waren
zwei  protestantisch,  eine  schismatisch,  die  Rückkehr  Europas  unter  die
Herrschaft  des  gekrönten  Priesters  blieb  nunmehr  undenkbar.  Die  Be—
festigung  der  protestantisch-deutschen  Großmacht  war  die  schwerste  Nieder—
lage,  welche  der  römische  Stuhl  seit  dem  Auftreten  Martin  Luther's  er—
litten;  König  Friedrich  hat  wirklich,  wie  der  englische  Gesandte  Mitchell
von  ihm  sagte,  für  die  Freiheit  des  Menschengeschlechts  gefochten.

In  der  Schule  der  Leiden  und  der  Kämpfe  erwuchs  dem  Volke
Preußens  eine  lebendige  Staatsgesinnung;  sie  berechtigte  den  König  von
seiner  nation  prussienne  zu  reden.  Ein  Preuße  zu  sein  war  vordem
eine  schwere  Pflicht,  jetzt  ward  es  eine  Ehre.  Der  Gedanke  des  Staates,
des  Vaterlandes  drang  erregend  und  stärkend  in  Millionen  Herzen;  auch
die  gedrückte  Seele  des  kleinen  Mannes  spürte  einen  Hauch  von  dem
antiken  Bürgersinne,  der  aus  den  schlichten  Worten  des  Königs  sprach:
„Es  ist  nicht  nöthig,  daß  ich  lebe,  wohl  aber,  daß  ich  meine  Pflicht  thue
und  für  mein  Vaterland  kämpfe.“  Ueberall  in  Preußen  regten  sich  unter
den  steifen  Formen  des  absoluten  Königthums  der  Opfermuth  und  die
große  Leidenschaft  des  Volkskrieges.  Das  Heer,  das  Friedrich's  letzte
Schlachten  schlug,  war  national;  die  Werbungen  im  Auslande  verboten
sich  selber  in  der  Noth  der  Zeit.  Die  Stände  der  Marken  rüsteten
freiwillig  jene  Regimenter  aus,  welche  die  Festungen  Magdeburg,  Stettin
und  Küstrin  dem  Staate  retteten;  die  pommerschen  Seeleute  traten  zusammen
  um  mit  ihrer  kleinen  Flotte  die  Odermündungen  gegen  die
Schweden  zu  halten.  Sechs  Jahre  lang  empfingen  die  blutarmen  Beamten
  kein  Gehalt  und  versahen  ruhig  ihren  Dienst,  als  verstünde  sich's
von  selber.  Wetteifernd  thaten  alle  Provinzen  ihre  verfluchte  Pflicht  und
Schuldigkeit,  wie  die  neue  Redensart  der  Preußen  lautete:  von  den
tapferen  Bauern  der  rheinischen  Grafschaft  Mörs  bis  hinüber  zu  den
unglücklichen  Ostpreußen,  die  dem  russischen  Eroberer  ihren  zähen  stillen
Widerstand  entgegenstemmten  und  sich  in  ihrer  festen  Treue  gar  nicht
stören  ließen,  als  der  unerbittliche  König  sie  des  Abfalls  zieh  und  mit
Beweisen  der  Ungnade  überhäufte.

Die  völkerbildende  Macht  des  Krieges  erweckte  in  diesen  norddeutschen
Stämmen  zuerst  wieder  jenen  schroffen  Stolz,  der  einst  die  Romfahrer
und  die  Slawenbesieger  unseres  Mittelalters  beseelte;  das  kecke  Selbstgefühl
  der  Preußen  stach  seltsam  ab  von  der  harmlos  gemüthlichen  Bescheidenheit
  der  anderen  Deutschen.  Voll  Zuversicht  widerlegt  Graf  Hertzberg
  die  Lehre  Montesquieu's  von  der  republikanischen  Tugend:  wo  sei
        <pb n="72" />
        62  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

denn  je  in  Republiken  eine  festere  Bürgertugend  gediehen,  als  hier  unter
dem  stählenden  nordischen  Himmel,  bei  den  Nachkommen  jener  heroischen
Nationen,  der  Gothen  und  Vandalen,  die  einst  das  Römerreich  in  Trümmer
  schlugen?  Derselbe  Sinn  lebt  in  den  Massen  des  Volks;  er  verräth
  sich  bald  in  dreister  Prahlerei,  in  den  tausend  landläufigen  Spottgeschichten
  von  kaiserlicher  Dummheit  und  preußischer  Husarenlist,  bald  in
rührenden  Zügen  gewissenhafter  Treue.  Der  junge  Seemann  Joachim
Nettelbeck  kommt  nach  Danzig  und  wird  gedungen,  den  König  von  Polen
über  den  Hafen  zu  rudern;  man  setzt  ihm  einen  Hut  auf  mit  dem
Namenszuge  König  August's;  er  sträubt  sich  lange,  denn  das  fremde
Hoheitszeichen  zu  tragen  scheint  ihm  ein  Verrath  an  seinem  Preußenkönig;
  endlich  muß  er  sich  fügen,  doch  der  verdiente  Ducaten  brennt  ihm
in  der  Hand,  und  sobald  er  nach  Pommern  heimkehrt  schenkt  er  das
Sündengeld  dem  ersten  preußischen  Invaliden,  der  ihm  in  den  Weg
kommt.  So  reizbar  ward  jetzt  der  politische  Stolz  in  diesem  Volke,  das
vor  wenigen  Jahrzehnten  noch  in  der  Armseligkeit  seiner  häuslichen
Sorgen  verkam.

Es  ließ  sich  doch  nicht  vergessen,  daß  zu  den  zwei  großen  Kriegsfürsten
der  Geschichte,  zu  Caesar  und  Alexander,  sich  nunmehr  ein  Preuße  als
Dritter  gesellte.  Im  Gemüthe  des  norddeutschen  Volks  liegt  dicht  neben
der  festen  Ausdauer  ein  Zug  übermüthigen  Leichtsinns,  der  mit  der  Gefahr
  vermessen  zu  spielen  liebt,  und  dies  ihr  eigenes  Wesen  fanden  die
Preußen  in  dem  Feldherrn  Friedrich  zu  genialer  Mächtigkeit  gesteigert
wieder:  wie  er,  nach  harter  Lehrzeit  rasch  zum  Meister  gereift,  die  behutsamen
  Regeln  der  schwerfälligen  alten  Kriegskunst  zur  Seite  warf  und
selber  dem  Feinde  „das  Gesetz  des  Krieges  dictirte",  stets  bereit  die  Entscheidung
  in  freier  Feldschlacht  zu  suchen;  wie  er  die  kühnste  der  Waffen,
die  Reiterei,  wieder  zu  der  Stellung  erhob,  die  ihr  im  großen  Kriege
gebührt;  wie  er  nach  jedem  Siege  und  nach  jeder  seiner  drei  Niederlagen
immer  von  Neuem  „das  stolze  Vorrecht  der  Initiative“  behauptete.  Der
Erfolg  lehrte,  wie  glücklich  der  König  und  sein  Volk  einander  verstanden.
Ein  dichter  Kreis  von  Helden  schaarte  sich  um  den  Feldherrn  und  verbreitete
  bis  in  die  untersten  Schichten  des  Heeres  die  frohe  Wagelust,
jenen  Geist  der  Offensive,  der  in  allen  ihren  großen  Zeiten  die  Stärke
der  preußischen  Armee  geblieben  ist;  aus  märkischen  Junkern  und  pommerschen
  Bauernburschen  erzog  sich  Friedrich  die  gefürchteten  Regimenter
Ansbach-Bayreuth-Dragoner  und  Zieten-Husaren,  die  im  tollen  Dahinjagen
  und  schneidigen  Einhauen  bald  die  wilden  Reitervölker  Ungarns
übertrafen.  Mit  Stolz  sprach  der  König  aus,  für  solche  Soldaten  gebe
es  kein  Wagniß:  „ein  General,  der  in  anderen  Heeren  für  tollkühn  gelten
  würde,  thut  bei  uns  nur  seine  Pflicht.“  Die  zwölf  Feldzüge  der
fridericianischen  Zeit  haben  dem  kriegerischen  Geiste  des  preußischen  Volkes
und  Heeres  für  immer  seine  Eigenart  gegeben;  noch  heute  verfällt  der
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        Die  deutsche  Nation  und  Friedrich.  63

Norddeutsche,  wenn  auf  den  Krieg  die  Rede  kommt,  unwillkürlich  in  die
Ausdrucksweise  jener  heroischen  Tage  und  spricht  wie  Friedrich  von  brillanten
  Campagnen  und  fulminanten  Attacken.

Die  gutherzige  Gemüthlichkeit  der  Deutschen  außerhalb  Preußens
bedurfte  langer  Zeit  um  das  Grauen  zu  überwinden  vor  dem  harten
Realismus  dieser  fridericianischen  Politik,  die  ihre  Gegner  so  ungroßmüthig
  immer  angriff,  wenn  es  ihnen  am  wenigsten  willkommen  war.
Aber  als  das  große  Jahr  1757  über  das  deutsche  Land  dahinbrauste,
siegreicher  Angriff  und  schwere  Niederlage,  neue  verwegene  Erhebung  und
neue  strahlende  Siege  in  sinnverwirrender  Hast  sich  drängten  und  aus
der  wilden  Flucht  der  Ereignisse  immer  gleich  groß  und  beherrschend  das
Bild  des  Königs  heraustrat,  da  fühlte  sich  das  Volk  in  Herz  und  Nieren
gepackt  und  erschüttert  von  dem  Anblick  echter  Menschengröße.  Die  verwitterte
  und  verknöcherte  Gestalt  des  alten  Fritz,  wie  der  Hammerschlag
des  unerbittlichen  Schicksals  sie  zurecht  geschmiedet,  übte  ihren  dämonischen
Zauber  auf  unzählige  treue  Gemüther,  die  zu  der  glänzenden  Erscheinung
des  jugendlichen  Helden  von  Hohenfriedberg  nur  mit  befangener  Schen
emporgeblickt  hatten.  Die  Deutschen  waren,  wie  Goethe  von  seinen
Frankfurtern  sagt,  fritzisch  gesinnt  —  „denn  was  ging  uns  Preußen
an?"  —  und  lauschten  mit  verhaltenem  Athem,  wie  der  unzähmbare
Mann  jahraus  jahrein  sich  des  Verderbens  erwehrte.  Jener  überwältigende
  Einmuth  ungetheilter  Liebe  und  Freude,  der  die  Geschichte  glücklicher
  Völker  zuweilen  mit  goldenem  Lichte  verklärt,  blieb  freilich  dem
zerrissenen  Deutschland  auch  jetzt  noch  versagt.  Wie  Luther  und  Gustav
Adolf,  die  beiden  einzigen  Helden  vordem,  deren  Bild  sich  den  Massen
unseres  Volkes  unvergeßlich  in's  Herz  prägte,  so  ward  auch  Friedrich  in
den  Krummstabslanden  am  Rhein  und  Main  als  der  große  Feind  gefürchtet.
  Doch  die  ungeheure  Mehrheit  des  protestantischen,  auch  weite
Kreise  des  katholischen  Volks,  und  vor  Allem  sämmtliche  Wortführer  der
jungen  Wissenschaft  und  Dichtung  folgten  ihm  mit  warmer  Theilnahme;
man  haschte  nach  seinen  Witzworten,  erzählte  Wunder  über  Wunder  von
seinen  Grenadieren  und  Husaren.  Dem  verschüchterten  Geschlechte  ward
die  Scele  weit  bei  dem  Gedanken,  daß  der  erste  Mann  des  Jahrhunderts
unser  war,  daß  der  Ruhm  des  großen  Königs  bis  nach  Marokko  und
Amerika  drang.

Noch  wußten  Wenige,  daß  in  dem  preußischen  Schlachtenruhme  nur
die  uralte  Waffenherrlichkeit  der  deutschen  Nation  wieder  zu  Tage  kam;
selbst  Lessing  spricht  von  den  Preußen  zuweilen  wie  von  einem  halbfremden
  Volke  und  meint  verwundert,  denen  sei  der  Heldenmuth  so  angeboren
  wie  den  Spartanern.  Nach  und  nach  begannen  doch  selbst  die
Massen  zu  fühlen,  daß  Friedrich  für  Deutschland  focht.  Die  Schlacht
von  Roßbach,  die  bataille  en  douceur,  wie  er  sie  spottend  nennt,  ward
der  folgenreichste  seiner  Siege  für  unser  nationales  Leben.  Wenn  in
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        64  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

diesem  Volke  von  Privatmenschen  noch  irgend  eine  politische  Leidenschaft
lebte,  so  war  es  die  stille  Erbitterung  gegen  den  französischen  Hochmuth,
der,  so  oft  vom  deutschen  Schwerte  gezüchtigt,  zuletzt  doch  immer  das
Feld  behauptet  hatte  und  jetzt  wieder  die  rheinischen  Lande  mit  Blut  und
Trümmern  bedeckte.  Nun  traf  ihn  Friedrich's  guter  Degen  und  stürzte
ihn  in  einen  Pfuhl  der  Schande;  ein  lautes  Frohlocken  ging  durch  alle
deutsche  Gauen  und  der  Schwabe  Schubart  rief:  „Da  griff  ich  ungestüm
die  goldne  Harfe,  darein  zu  stürmen  Friedrich's  Lob.“  Damals  zuerst
überkam  die  Deutschen  im  Reiche  wieder  ein  Gefühl,  das  dem  Nationalstolze
  ähnlich  sah,  und  sie  sangen  mit  dem  alten  Gleim:  „Laßt  uns
Deutsche  sein  und  bleiben!“  Die  von  den  deutschen  Schlachtfeldern  heimkehrenden
  französischen  Offiziere  verkündeten  in  Paris  selber  unbefangen
das  Lob  des  Siegers  von  Roßbach,  da  ihr  Stolz  noch  gar  nicht  für
möglich  hielt,  daß  dies  kleine  Preußen  die  Macht  Frankreichs  jemals
ernstlich  bedrohen  könnte;  im  deutschen  Lustspiel  aber  erhielt  der  einst
gefürchtete  Franzose  jetzt  zuweilen  die  Rollen  der  komischen  Person  und
des  windigen  Abenteurers.

Ein  politisches  Verständniß  für  das  Wesen  des  preußischen  Staates
ging  der  Nation  freilich  auch  jetzt  noch  nicht  auf;  dies  gelehrte  Volk
lebte  in  einer  wunderbaren  Unwissenheit  über  die  entscheidenden  Thatsachen
  seiner  neuen  Geschichte  wie  über  die  Institutionen  seiner  mächtigsten
  Staatsbildung.  Wenn  die  Siege  Friedrich's  den  alten  Haß  gegen
Preußen  etwas  beschwichtigt  hatten,  so  pries  sich  doch  selbst  in  den  protestantischen
  Reichslanden  jeder  Bürgersmann  glücklich,  daß  er  kein  Preuße
war.  Die  geschäftigen  Erdichtungen  der  österreichischen  Partei  fanden
überall  willige  Hörer:  „diese  freien  Leute"“,  schrieb  Friedrich  Nicolai  um
das  Jahr  1780  aus  Schwaben,  „sehen  auf  uns  arme  Brandenburger
wie  auf  Sklaven  herab.“  Nur  auf  starke  und  hochstrebende  Naturen
wirkte  die  Anziehungskraft  des  mächtigen  Staates.  Seit  den  fridericianischen
  Tagen  begann  eine  stattliche  Schaar  junger  Talente  aus  dem
Reiche  in  preußische  Dienste  einzutreten;  die  Einen  trieb  die  Bewunderung
  für  den  König,  Andere  die  Sehnsucht  nach  reicher  Thätigkeit,
Mancher  ahnte  auch  dunkel  die  Bestimmung  dieser  Krone.  Die  Monarchie
  war  jetzt  der  Engherzigkeit  des  territorialen  Lebens  völlig  entwachsen,
  nahm  alle  gesunden  Kräfte  aus  dem  Reiche  willig  auf  und  fand
in  den  Kreisen  der  Einwanderer  viele  ihrer  treuesten  und  fähigsten  Diener,
auch  ihren  Retter,  den  Freiherrn  Karl  vom  Stein.

Mit  den  Hubertusburger  Verträgen  brachen  für  den  deutschen  Norden
  vier  Jahrzehnte  tiefer  Ruhe  an:  jene  reich  gesegnete  Friedenszeit,  deren
der  alte  Goethe  späterhin  so  oft  mit  dankbarer  Rührung  gedachte.  Damals
  begann  die  alte  Ueberlieferung  von  Preußens  Armuth  zur  Fabel
zu  werden.  Das  sociale  Leben,  vornehmlich  in  der  Hauptstadt,  gewann
reichere  und  freiere  Formen,  der  Volkswohlstand  nahm  einen  über-
        <pb n="75" />
        Befreiung  Westpreußens.  65

raschenden  Aufschwung,  die  deutsche  Dichtung  trat  in  ihre  großen  Jahre.
Der  Krieg  hatte  die  Lage  des  Reiches  zugleich  vereinfacht  und  erschwert.
Von  der  alten  Ordnung  war  nichts  mehr  lebendig  als  der  ungelöste
Gegensatz  der  beiden  Großmächte.  Das  Vorgefühl  einer  schweren  Ent—
scheidung  ging  durch  die  deutsche  Welt;  die  kleinen  Höfe  beriethen  in  ge—
schäftigen  Verhandlungen,  wie  sie  durch  einen  Bund  der  Mindermächtigen
sich  decken  sollten,  falls  ein  neuer  Zusammenstoß  „der  beiden  Kolosse
Deutschlands“  sie  zu  zermalmen  drohe.  König  Friedrich  aber,  gründlich
belehrt  über  die  unendliche  Macht  der  Trägheit  in  diesem  alten  Reiche,
beschied  sich  die  erschöpften  Kräfte  seines  eigenen  Staates  von  Neuem  zu
sammeln;  seine  deutsche  Politik  zielte  fortan  nur  dahin,  jedes  Einwirken
fremder  Mächte  vom  Reiche  fern  und  dem  Einfluß  Oesterreichs  das  Gleichgewicht
  zu  halten.

Eine  schwere  Gefahr,  die  vom  Osten  her  der  deutschen  Macht  drohte,
riß  ihn  aus  seinen  friedlichen  Plänen.  Die  polnische  Republik  war  seit
dem  Kriege  dem  Willen  der  Czarin  unterthänig,  die  förmliche  Vereinigung
des  zerrütteten  Staates  mit  dem  russischen  Reiche  schien  nur  noch  eine
Frage  der  Zeit.  Da  entsprang  aus  Friedrich's  Haupte  der  Gedanke  der
Theilung  Polens,  der  die  Absichten  der  Russen  durchkreuzte,  ihrem  Ehrgeiz
  Schranken  setzte.  Es  war  ein  Sieg  der  deutschen  Politik,  zugleich
über  Rußlands  ausgreifende  Ländergier  und  über  die  Westmächte,  die  von
den  dreist  vorgehenden  Mächten  des  Ostens  rücksichtslos  zur  Seite  geschoben
  wurden.  Die  nothwendige  That  eröffnete  freilich  die  Aussicht  auf
unabsehbare  Verwicklungen,  da  das  verfaulte  Reich  des  sarmatischen  Adels
nunmehr  rettungslos  dem  Untergange  entgegentrieb;  doch  sie  war  nothwendig,
  sie  rettete  das  treue  Ostpreußen  vor  der  Wiederkehr  der  moskowitischen
  Herrschaft  und  sicherte  dem  Staate  die  Brücke  zwischen  dem
Pregel=  und  dem  Oderlande,  welche  schon  der  Kronprinz  Friedrich  als  unentbehrlich
  erkannt  hatte.  Der  König  erschien  zum  zweiten  male  als  der
Mehrer  des  Reichs,  er  schenkte  das  Kernland  der  Deutschordens-Macht,
das  schöne  Weichselthal,  das  einst  der  deutsche  Ritter  den  Barbaren,
der  deutsche  Bauer  der  Wuth  der  Elemente  abgerungen,  dem  großen
Vaterlande  wieder.  Als  die  Stände  von  Westpreußen  im  Remter  des
Hochmeisterschlosses  zu  Marienburg  „der  wiederhergestellten  Herrschaft
Treue  schwuren“  —  wie  die  Denkmünze  des  Huldigungsfestes  bezeichnend
sagt  —  da  ward  gesühnt,  was  drei  Jahrhunderte  zuvor  der  Uebermuth  der
Polen  und  der  Landesverrath  der  ständischen  Libertät  an  diesem  deutschen
Lande  gefrevelt  hatten.  Der  halbtausendjährige  Kampf  der  Deutschen  und
der  Polen  um  den  Besitz  der  Ostseeküste  war  zu  Deutschlands  Gunsten
entschieden.

Alsdann  begann  der  Staat,  der  selber  noch  aus  den  Wunden  des
letzten  Krieges  blutete,  die  schwere  Arbeit  der  friedlichen  Wiedereroberung.
Entsetzlich  hatte  der  sarmatische  Adel  im  Weichsellande  gehaust.  mit  jener

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  J.
        <pb n="76" />
        66  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

hoffärtigen  Mißachtung  fremden  Rechtes  und  fremden  Volksthums,  welche
die  Polen  vor  allen  Nationen  Europas  auszeichnet.  Noch  rühriger  als
vordem  in  Schlesien  mußte  hier  der  neue  Herrscher  schalten,  um  in  den
alten  ehrenreichen  Städten  deutschen  Kriegsruhms  und  Bürgerfleißes,  in
Schwetz,  Culm  und  Marienburg  deutsches  Wesen  wieder  zu  Ehren  zu
bringen,  die  ersten  Anfänge  wirthschaftlichen  Verkehrs  wieder  über  das
gänzlich  verödete  flache  Land  zu  leiten.  Und  wie  einst  die  ersten  deutschen
Eroberer  die  Kornkammer  der  Werder  den  Strömen  entrissen,  so  stieg
jetzt  aus  den  Sümpfen  neben  dem  aufblühenden  Bromberg  der  fleißige
Netzegau  empor,  die  Schöpfung  des  zweiten  Eroberers.  Friedrich  selber
ahnte  nur  dunkel,  was  die  Wiedererwerbung  des  Ordenslandes  in  dem
großen  Zusammenhange  der  deutschen  Geschichte  bedeutete;  der  Nation
aber  war  ihr  eigenes  Alterthum  fremd  geworden,  sie  wußte  kaum  noch,
daß  diese  Gauen  jemals  deutsch  gewesen.  Die  Einen  verdammten  mit
dem  herben  Dünkel  des  Sittenrichters  das  zweideutige  diplomatische  Spiel,
das  den  Heimfall  des  Landes  vorbereitet  hatte;  Andere  wiederholten  gläubig,
was  Polens  alte  Bundesgenossen,  die  Franzosen  erdichteten  um  die  Thei—
lungsmächte  zu  brandmarken;  die  Meisten  blieben  kalt  und  befestigten  sich
nmur  von  Neuem  in  der  landläufigen  Meinung,  daß  der  alte  Fritz  den
Teufel  im  Leibe  habe.  Für  die  neue  Wohlthat,  die  er  unserem  Volke
erwiesen,  dankte  ihm  Niemand  im  Reiche.

Der  unruhige  Ehrgeiz  Kaiser  Joseph's  II.  führte  den  König  am  Abend
seines  Lebens  zu  den  Ideen  der  Reichspolitik  zurück,  welche  seine  Jugend
beschäftigt  hatten.  Der  Wiener  Hof  gab  die  conservative  Haltung  auf,
welche  dem  Kaiserhause  allein  noch  Ansehen  im  Reiche  sichern  konnte,  und
unternahm  sich  in  Baiern  für  den  Verlust  von  Schlesien  zu  entschädigen;
der  ganze  Verlauf  der  österreichischen  Geschichte  seit  zweihundert  Jahren,
das  stetige  Hinauswachsen  des  Kaiserstaates  aus  dem  Reiche  sollte  durch
einen  abenteuerlichen  Einfall  urplötzlich  zum  Rücklaufe  gebracht  werden.
Da  schloß  König  Friedrich  zum  zweiten  male  seinen  Bund  mit  den  Wittelsbachern
  und  verbot  dem  Hause  Oesterreich  mit  dem  Schwerte,  seine  Macht
auf  deutschem  Boden  zu  erweitern;  scharf  und  klar  wie  niemals  früher
trat  der  Gegensatz  der  beiden  Nebenbuhler  an  den  Tag.  Der  bairische
Erbfolgekrieg  zeigt  in  seinem  Feldzugsplane  wie  in  seinen  politischen  Zielen
manche  überraschende  Aehnlichkeit  mit  dem  Entscheidungskriege  von  1866,
doch  nicht  um  Deutschland  von  Oesterreichs  Herrschaft  zu  befreien  zog
Preußen  das  Schwert,  wie  drei  Menschenalter  später,  sondern  lediglich
zur  Abwehr  österreichischer  Uebergriffe,  zur  Wahrung  des  Besitzstandes.
Obschon  der  alternde  Held  nicht  mehr  die  Verwegenheit  besaß,  seinen
Kriegsplan  so  groß  wie  er  gedacht  war  durchzuführen,  so  erwies  sich  doch
Preußens  Macht  stark  genug  den  Wiener  Hof  auch  ohne  glänzende  Kriegserfolge
  zum  Nachgeben  zu  zwingen.  Baiern  ward  zum  zweiten  male
gerettet,  der  stolze  Kaiserhof  mußte  sich  herbeilassen  „vor  dem  Berliner
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        Bairischer  Erbfolgekrieg.  67

Tribunale  zu  plaidiren“,  und  der  erbitterte  Fürst  Kaunitz  sprach  jene
Weissagung,  die  auf  dem  Felde  von  Königgrätz  wider  den  Sinn  des  Pro—
pheten  sich  erfüllen  sollte:  wenn  je  die  Schwerter  Oesterreichs  und  Preußens
nochmals  auf  einander  schlügen,  dann  würden  sie  nicht  eher  wieder  in  die
Scheide  fahren,  „als  bis  die  Entscheidung  offenbar,  vollkommen,  unwider—
ruflich  gefallen  sei“.  Noch  werthvoller  fast  als  der  augenblickliche  Erfolg
war  der  mächtige  Umschwung  der  Meinung  im  Reiche.  Der  gefürchtete
Störenfried,  der  Rebell  gegen  Kaiser  und  Reich  erschien  der  Nation  jetzt
als  der  weise  Beschirmer  des  Rechtes;  die  kleinen  Höfe,  die  so  oft  vor
dem  preußischen  Degen  gezittert,  blickten  nunmehr,  aufgescheucht  durch
Kaiser  Joseph's  rastlose  Pläne,  hilfesuchend  nach  dem  Schiedsrichter  in
Sanssouci.  An  den  Bauernhäusern  im  bairischen  Hochgebirge  hing  das
Bild  des  Alten  mit  dem  dreispitzigen  Hute  neben  dem  Volksheiligen  Corbinian.
  In  den  Chor  der  schwäbischen  und  norddeutschen  Poeten,  die  von
dem  Ruhme  des  Königs  erzählten,  mischten  sich  bereits  einzelne  Stimmen
aus  dem  tief  verfeindeten  Kursachsen;  der  Barde  Ringulph  besang  in
verzückten  Oden,  wie  „aus  der  Allmacht  Schooße,  König  Friedrich,  deine
große  schlachtenfrohe  Seele  ging“.  Vor  Kurzem  noch  hatte  K.  F.  Moser
ausgesprochen,  der  Blick  des  gewöhnlichen  Menschen  vermöge  diesem  Adler
nicht  in  seine  Höhen  zu  folgen,  vielleicht  erscheine  dereinst  ein  Newton
der  Staatswissenschaft,  der  die  Bahnen  der  fridericianischen  Politik  ermesse.
  Jetzt  aber  begannen  die  Deutschen  zu  fühlen,  daß  diese  räthselhafte
  Politik  im  Grunde  wunderbar  einfach  war,  daß  der  Staatsmann
Friedrich,  jedes  Hasses,  jeder  Liebe  baar,  gleichsam  unpersönlich,  immer
nur  wollte  was  die  klar  erkannte  Lage  seines  Staates  gebot.

Als  die  Empörung  in  Nordamerika  ausbrach  und  die  aufgeklärte
Welt  der  neuen  Sonne,  die  im  Westen  aufging,  zujubelte,  da  hat  auch
Friedrich  seine  Freude  nicht  verhehlt.  Seiner  jungen  Großmacht  war  ein
neuer  Staat,  der  sich  in  den  Kreis  der  alten  Mächte  eindrängte,  willkommen;
  es  that  ihm  wohl,  dies  England,  das  ihn  im  letzten  Kriege  so
schmählich  verrathen  und  ihn  dann  während  der  polnischen  Händel  an
der  Erwerbung  von  Danzig  gehindert  hatte,  jetzt  in  peinlicher  Verlegenheit
zu  sehen.  Er  erklärte  offen,  daß  er  nicht  zum  zweiten  male  Hannover
für  das  undankbare  England  vertheidigen  werde;  er  hat  einmal  sogar  den
Durchmarsch  der  in  Deutschland  erkauften  englischen  Hilfsvölker  verboten,
weil  ihn  dieser  schmutzige  Menschenhandel  empörte  und  mehr  noch  weil
er  der  jungen  Männer  aus  dem  Reiche  für  sein  eigenes  Heer  bedurfte.
Er  benutzte  die  Noth  der  Meereskönigin  um  durch  den  Bund  der  bewaffneten
  Neutralität  die  Rechte  der  Marinen  zweiten  Ranges  zu  wahren;
er  schloß  nach  dem  Frieden,  der  Erste  unter  den  europäischen  Fürsten,
einen  Handelsvertrag  mit  der  jungen  Republik  und  bekannte  sich  darin
zu  jener  freien,  menschlichen  Auffassung  des  Völkerrechts,  welche  seitdem
eine  treu  bewahrte  Ueberlieferung  des  preußischen  Staates  geblieben  ist.

57
        <pb n="78" />
        68  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Doch  weder  sein  Haß  gegen  die  „Goddam-Regierung",  noch  die  überschwängliche
  Volksgunst,  die  ihm  aus  den  Colonien  entgegenklang,  bewog
ihn  jemals  nur  einen  Schritt  über  das  Interesse  seines  Staates  hinauszugehen.
  Sein  alter  Feind  Kaunitz  konnte  sich  noch  immer  den  stolzen
Gang  der  fridericianischen  Politik  nur  aus  der  unberechenbaren  Arglist
einer  dämonischen  Natur  erklären.  Im  Reiche  aber  schwand  das  alte
Mißtrauen  nach  und  nach;  die  Nation  merkte,  daß  nirgendwo  ihre  Angelegenheiten
  so  sachlich  und  maßvoll,  so  wachsam  und  so  kalt  erwogen
wurden,  wie  in  der  Einsiedelei  von  Sanssouci.

So  konnte  denn  das  Unerhörte  geschehen,  daß  der  hohe  Adel  des
Reichs  sich  von  freien  Stücken  um  Friedrich's  Fahnen  schaarte.  Kaiser
Joseph  nahm  seine  bairischen  Pläne  wieder  auf  —  um  Preußens  Macht
zu  erschüttern,  wie  er  selber  eingestand;  er  bedrohte  zugleich  durch  hastige
Secularisationsgedanken  den  Bestand  seiner  geistlichen  Nachbarn.  Ein
jäher  Schrecken  ergriff  die  kleinen  Staaten,  da  sie  also  ihren  natürlichen
Beschützer  zum  Feinde  werden  sahen;  man  berieth  über  einen  Bund  der
Mittelmächte,  über  eine  Liga  der  geistlichen  Fürsten,  bis  sich  endlich  die
Erkenntniß  aufdrängte,  daß  man  ohne  Preußens  Hilfe  nichts  vermöge.
Mit  jugendlichem  Feuer  griff  der  alte  König  in  den  Streit  ein.  Alle  die
lockenden  Anträge,  die  ihm  vorschlugen  sich  mit  dem  Kaiser  in  den  Besitz
von  Deutschland  zu  theilen,  wies  er  weit  von  sich  als  Köder  für  „die
gemeine  Habgier“;  er  bezwang  seine  Verachtung  gegen  die  Kleinfürsten  und
begriff,  daß  er  ces  gens-Ià  nur  durch  strenge  Gerechtigkeit  an  sich  fesseln
konnte.  Es  gelang  ihm,  die  große  Mehrzahl  des  Kurfürstenrathes  und  die
meisten  der  mächtigeren  Fürsten  für  seinen  deutschen  Fürstenbund  zu  gewinnen,
  die  alte  Reichsverfassung  und  den  Besitzstand  der  Reichsstände  gegen
den  Kaiser  zu  behaupten.  „Allein  die  Liebe  zu  meinem  Vaterlande  und
die  Pflicht  des  guten  Bürgers",  so  schrieb  er,  „treibt  mich  in  meinem  Alter
noch  zu  diesem  Unternehmen.“  Was  er  in  seiner  Jugend  geträumt,  ging
dem  Greise  glänzender  in  Erfüllung;  nicht  mehr  versteckt  hinter  einem
bairischen  Schattenkaiser,  wie  einst  in  den  schlesischen  Kriegen,  sondern
mit  offenem  Visier,  trat  die  Krone  Preußen  jetzt  auf  den  Plan,  als  der
Protector  von  Deutschland.  Alle  die  Nachbarmächte,  die  auf  Deutschlands
Schwäche  zählten,  sahen  die  unerwartete  Wendung  der  Reichspolitik  mit
ernster  Besorgniß;  Frankreich  und  Rußland  näherten  sich  dem  Wiener
Hofe,  die  Allianz  von  1757  drohte  sich  von  Neuem  zu  schließen.  Das
Turiner  Cabinet  dagegen  begrüßte  den  Fürstenbund  mit  Freuden  als  „den
Schutzgott  der  italienischen  Staaten“.

Die  Politik  des  Föderalismus  war  im  Reiche  seit  zweihundert  Jahren
nicht  über  halbe  Anläufe  hinausgekommen;  nun  da  sie  sich  auf  die  Macht
des  preußischen  Staates  stützte  errang  sie  plötzlich  einen  großen  Erfolg.  Die
Erinnerung  an  die  Zeiten  Maximilian's  I.  und  die  Reformversuche  Kurfürst
  Berthold's  tauchte  wieder  auf.  Der  Fürstenbund  war  geschlossen  um
        <pb n="79" />
        Deutscher  Fürstenbund.  69

das  alte  reichsständisch-theokratische  Deutschland  aufrecht  zu  halten.  Doch
wenn  er  dauerte,  wenn  Preußen  seine  Führerstelle  an  der  Spitze  der
großen  Reichsstände  behauptete,  so  mußten  die  alten  Formen  des  Reichs—
rechtes  ihren  Sinn  verlieren;  es  eröffnete  sich  die  Aussicht,  das  öster—
reichische  System  in  seinen  Grundlagen  zu  erschüttern,  wie  Graf  Hertzberg
freudig  ausrief,  die  Erzherzöge  von  den  großen  deutschen  Stiftern  aus—
zuschließen,  bei  der  nächsten  Wahl  die  Kaiserkrone  auf  ein  anderes  Haus
zu  übertragen  und  die  Leitung  des  Reichs  in  die  Hände  der  mächtigsten
Stände  zu  legen.  Der  junge  Karl  August  von  Weimar  schlug  bereits  vor,
jene  alten  Privilegien,  welche  dem  Hause  Oesterreich  seine  Sonderstellung
sicherten,  einer  Prüfung  von  Reichswegen  zu  unterwerfen.  Fast  schien  es,
als  sollte  das  große  Räthsel  der  deutschen  Zukunft  in  Frieden  gelöst  werden.
Aber  der  Fürstenbund  konnte  nicht  dauern;  und  am  wenigsten  der  nüchterne
Sinn  des  alten  Königs  hat  sich  diese  bittere  Wahrheit  verborgen.  Nur
eine  Verkettung  zufälliger  Umstände,  nur  der  Abfall  Kaiser  Joseph's  von
den  altbewährten  Ueberlieferungen  der  österreichischen  Staatskunst  hatte  die
kleinen  Fürsten  in  Friedrich's  Arme  hinübergescheucht;  ihr  Vertrauen  zu
Preußen  reichte  nicht  weiter  als  ihre  Angst  vor  Oesterreich.  Mit  äußerstem
Widerstreben  fügte  sich  Kursachsen  der  Führung  des  jüngeren  und  minder
vornehmen  Hauses  Brandenburg,  kaum  weniger  mißtrauisch  zeigte  sich
Hannover;  selbst  die  ergebensten  und  schwächsten  der  verbündeten  Stände,
Weimar  und  Dessau,  beriethen  insgeheim,  so  erzählt  uns  Goethe,  wie
man  sich  decken  könne  gegen  die  Herrschaft  des  preußischen  Beschützers.
Sobald  die  Hofburg  ihre  begehrlichen  Pläne  fallen  ließ,  mußte  sich  auch
die  alte  natürliche  Parteibildung  wiederherstellen;  die  geistlichen  Fürsten,
die  jetzt  in  Berlin  Hilfe  suchten,  konnten  in  dem  protestantischen  Preußen
nur  den  geschworenen  Feind  ihrer  Herrschaft  sehen.  Weil  Friedrich  dies
wußte,  weil  er  mit  seinem  durchbohrenden  Blicke  den  getreuen  Bundesgenossen
  bis  in  Mark  und  Nieren  schaute,  darum  ließ  er  auch  durch  den
Erfolg  des  Tages  sich  nicht  darüber  täuschen,  daß  dieser  neue  schmalkaldische
  Bund  nur  ein  Nothbehelf  war,  nur  ein  Mittel  zur  Wahrung
des  augenblicklichen  Gleichgewichts.  Karl  August  entwarf  in  großherziger
Schwärmerei  kühne  Pläne  für  den  Ausbau  der  neuen  Reichsassociation,
er  dachte  an  einen  Zollverband,  an  Militär-Conventionen,  an  ein  deutsches
Gesetzbuch;  Johannes  Müller  verherrlichte  den  Fürstenbund  in  schwülstigen
Pamphleten,  Schubart  in  schwungvollen  lyrischen  Ergüssen,  und  Dohm
gelangte  in  einer  geistreichen  Flugschrift  zu  dem  Schlusse:  „Deutsches  und
preußisches  Interesse  können  sich  nie  im  Wege  stehen.“  Den  überlegenen
Verstand  des  greisen  Königs  berührten  solche  Träume  nicht;  er  wußte,
daß  nur  ein  ungeheurer  Krieg  die  Herrschaft  Oesterreichs  im  Reiche  brechen
konnte;  ihm  genügte,  sie  in  den  Schranken  des  Rechts  zu  halten,  da  er
des  Friedens  für  sein  Land  bedurfte.

Für  eine  ernstliche  Reform  des  Reichs  fehlten  noch  immer  alle  Vor-
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        70  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

bedingungen,  es  fehlte  vor  Allem  der  Wille  der  Nation.  Ueber  das  alte
Wahngebilde  der  deutschen  Freiheit  kamen  auch  die  reichspatriotischen  Vertheidiger
  des  Fürstenbundes  nicht  hinaus.  Die  josephinische  Politik,  so
versichert  Hertzberg  beweglich,  drohte  die  Kräfte  Deutschlands  zu  einer
Masse  zusammenzuballen,  das  freie  Europa  einer  Universalmonarchie  zu
unterwerfen;  und  in  Dohm's  Augen  erscheint  es  als  eine  preiswürdige
Aufgabe  des  neuen  Bundes,  die  Westgrenzen  Oesterreichs  offen  zu  halten,
damit  Frankreich  jederzeit  zu  Gunsten  deutscher  Freiheit  einschreiten  könne.
Das  Volk  empfand  dunkel,  daß  das  Bestehende  nicht  werth  sei  zu  bestehen;
  in  Schubart's  Schriften  werden  die  kleinen  schwäbischen  Territorien
oft  geschildert  als  ein  offener  Taubenschlag,  der  dem  fürstlichen  Marder
dicht  vor  den  Klauen  liege.  Doch  alle  solche  Einfälle  und  Ahnungen
wurden  darniedergehalten  von  einem  Gefühle  hoffnungsloser  Entsagung,
das  die  kräftigere  Gegenwart  kaum  noch  versteht;  den  Deutschen  war  zu
Muthe,  als  ob  eine  unerforschlich  geheimnißvolle  Schicksalsmacht  dies
Volk  verdammt  hätte,  für  alle  Ewigkeit  in  einem  widersinnigen  Zustande
zu  verharren,  der  jedes  Recht  des  Daseins  längst  verloren.  Als  der
große  König  schied,  da  hinterließ  er  zwar  ein  Geschlecht,  das  froher  und
stolzer  in  die  Welt  blickte  denn  die  Bäter,  und  gewaltig  hatte  sich  die
Macht  des  Staates  gehoben,  der  vielleicht  dereinst  einen  neuen  Tag  über
Deutschland  heraufführen  konnte.  Doch  die  Frage:  durch  welche  Mittel
und  Wege  eine  lebensfähige  Ordnung  für  das  deutsche  Gemeinwesen  zu
schaffen  sei?  —  erschien  bei  Friedrich's  Tode  fast  noch  ebenso  räthselhaft
wie  bei  seiner  Thronbesteigung;  ja  sie  wurde  von  der  ungeheuren  Mehrzahl
  der  Deutschen  nicht  einmal  ernstlich  aufgeworfen.  Noch  bestanden
kaum  die  ersten  Anfänge  einer  Parteibildung  in  der  Nation;  nur  ein
Wunder  des  Himmels  schien  der  rathlosen  Hilfe  bringen  zu  können.  Die
entsetzliche  Verschrobenheit  aller  Verhältnisse  erhellt  mit  unheimlicher  Klarheit
  aus  der  einen  Thatsache,  daß  der  Held,  der  einst  mit  seinem  guten
Schwerte  die  Nichtigkeit  der  Institutionen  des  Reichs  erwiesen  hatte,  nun
damit  enden  mußte,  diese  entgeisteten  Formen  selber  gegen  das  Reichsoberhaupt
  zu  vertheidigen.

Wenn  Friedrich  die  Entscheidung  der  deutschen  Verfassungsfrage  nur
vorbereiten,  nicht  vollenden  konnte,  so  hat  er  dagegen  auf  die  innere
Politik  der  deutschen  Territorien  tief  und  nachhaltig  eingewirkt  und  unser
Volk  zu  einer  edleren  Staatsgesinnung,  einer  würdigeren  Ansicht  vom
Wesen  des  Staates  erzogen.  Er  stand  am  Ende  der  großen  Tage  der
unbeschränkten  Monarchie  und  erschien  gleichwohl  den  Zeitgenossen  als  der
Vertreter  eines  neuen  Staatsgedankens,  des  aufgeklärten  Despotismus.
Nur  der  Genius  besitzt  die  Kraft  der  Propaganda,  vermag  die  widerstrebende
  Welt  um  das  Banner  neuer  Gedanken  zu  schaaren.  Wie  die
Ideen  der  Revolution  erst  durch  Napoleon  wirksam  verbreitet  wurden,  so
ist  auch  jene  ernste  Auffassung  der  Pflichten  des  Königthums,  die  seit  dem
        <pb n="81" />
        Höchste  Ausbildung  der  absoluten  Monarchie.  71

großen  Kurfürsten  auf  dem  preußischen  Throne  herrschte,  erst  durch
Friedrich  in  das  Bewußtsein  der  Menschen  übergegangen.  Erst  seit  den
blendenden  Erfolgen  der  schlesischen  Kriege  wendeten  sich  die  Blicke  der
Welt,  die  bisher  an  der  Hofpracht  von  Versailles  bewundernd  gehangen,
nachdenklich  auf  die  prunklose  Krone  der  Hohenzollern.  Im  Kriege  und
in  der  auswärtigen  Politik  zeigte  der  König  die  unvergleichliche  schöpferische
Macht  seines  Geistes;  in  der  inneren  Verwaltung  war  er  der  Sohn
seines  Vaters.  Er  hat  die  überlieferten  Formen  des  Staates  durch  die
Kraft  des  Genius  belebt,  das  Unfertige  in  freiem  und  großem  Sinne
weitergebildet;  einen  Neubau  unternahm  er  nicht.  Doch  er  wußte  den
Gedanken  des  politischen  Königthums,  den  sein  Vater  als  ein  handfester
Praktiker  verwirklicht  hatte,  mit  der  Bildung  des  Jahrhunderts  in  Ein—
klang  zu  bringen;  unablässig  gab  er  sich  und  Andern  Rechenschaft  von
seinem  Thun.  Schon  als  Kronprinz  errang  er  sich  einen  Platz  unter  den
politischen  Denkern  des  Zeitalters;  sein  Anti-Macchiavell  bleibt,  bei  allen
Schwächen  jugendlicher  Unreife,  doch  das  Beste  und  Tiefste,  was  jemals
über  die  Pflichten  des  fürstlichen  Amts  in  der  absoluten  Monarchie  gesagt
wurde.  Nachher,  in  den  ersten  Jahren  des  Siegerglückes,  schrieb  er  den
Fürstenspiegel  für  den  jungen  Herzog  von  Württemberg;  doch  mächtiger
denn  alle  Lehren  sprachen  seine  Thaten,  da  er  in  den  Tagen  der  Prüfung
seine  Worte  bewährte  und  der  Welt  zeigte  was  es  heiße  „als  König  denken,
leben,  sterben“.  Zuletzt  ward  ihm  noch  jene  Schicksalsgunst,  deren  auch
der  Genius  bedarf,  wenn  er  einem  ganzen  Zeitalter  den  Stempel  seines
Geistes  aufprägen  soll:  das  Glück  in  einem  reichen  Alter  sich  völlig  auszu—
leben.  Er  war  jetzt  der  Nestor,  der  anerkannt  erste  Mann  des  europäischen
Fürstenstandes;  sein  Ruhm  hob  den  Glanz  aller  Throne,  aus  seinen
Worten  und  Werken  lernten  die  Könige  groß  zu  denken  von  ihrem  Berufe.

Die  althergebrachte  Vorstellung  des  Kleinfürstenthums,  daß  Land  und
Leute  dem  durchlauchtigen  Fürstenhause  zu  eigen  gehörten,  verlor  an  Boden,
seit  dieser  König  trocken  aussprach:  „Der  Fürst  hat  keinen  nähern  Ver—
wandten  als  seinen  Staat,  dessen  Interessen  immer  den  Banden  des
Blutes  voranstehen  müssen.“  Die  dynastische  Selbstüberhebung  der  Bour—
bonen  erschien  in  ihrer  Nichtigkeit,  seit  er  bei  seiner  Thronbesteigung  den
leichten  Genüssen  des  Lebens  den  Rücken  wandte  mit  den  Worten  „mein
einziger  Gott  ist  meine  Pflicht“  und  nun  durch  ein  halbes  Jahrhundert
mit  allen  Kräften  seiner  Seele  diesem  einen  Gott  diente  und  auf  jeden
Dank  seines  Volkes  immer  nur  die  gelassene  Antwort  gab:  „dafür  bin
ich  da.“  So  weltlich  unbefangen  hatte  noch  nie  ein  gekröntes  Haupt  von
der  fürstlichen  Würde  geredet,  wie  dieser  Selbstherrscher,  der  unbedenklich
die  Berechtigung  der  Republik  wie  des  parlamentarischen  Königthums  an—
erkannte  und  die  Größe  der  absoluten  Monarchie  allein  in  der  Schwere
ihrer  Pflichten  suchte:  „der  Fürst  soll  Kopf  und  Herz  des  Staates  sein,
er  ist  das  Oberhaupt  der  bürgerlichen  Religion  seines  Landes.“
        <pb n="82" />
        72  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

An  Friedrich's  Beispiel  und  an  den  menschenfreundlichen  Gedanken
der  neuen  Aufklärung  bildete  sich  das  heranwachsende  Geschlecht  des  hohen
Adels.  Auf  die  kleinen  Sultane,  die  zur  Zeit  Friedrich  Wilhelm's  J.  ge—
haust,  folgte  jetzt  eine  lange  Reihe  wohlmeinender  pflichtgetreuer  Landes—
väter,  wie  Karl  Friedrich  von  Baden,  Friedrich  Christian  von  Sachsen.
Schon  geschah  es  häufiger,  daß  die  Prinzen  nach  preußischer  Weise  eine
militärische  Erziehung  erhielten;  kirchliche  Duldsamkeit,  Förderung  des
Wohlstandes  und  der  Schulen  galten  als  Fürstenpflicht;  einzelne  Klein—
staaten,  wie  Braunschweig,  gewährten  der  Presse  noch  größere  Freiheit
als  Preußen  selber.  Selbst  in  einigen  geistlichen  Gebieten  trat  eine  Wen—
dung  zum  Besseren  ein,  das  Münsterland  pries  die  milde  und  sorgsame
Verwaltung  seines  Fürstenberg.  Nicht  überall  freilich  und  nicht  mit  einem
Schlage  konnten  die  tief  eingewurzelten  Sünden  des  kleinfürstlichen  Des—
potismus  verschwinden;  die  alte  Unsitte  des  Soldatenhandels  erreichte
eben  jetzt,  während  des  amerikanischen  Krieges,  den  Gipfelpunkt  ihrer
Ruchlosigkeit  und  zeigte,  wessen  das  deutsche  Kleinfürstenthum  fähig  war.
Das  fridericianische  System  der  Völkerbeglückung  von  Oben  führte  in
der  Enge  der  Kleinstaaten  oft  zu  leerer  Spielerei  oder  zu  erdrückender
Bevormundung.  Der  badische  Markgraf  nannte  seine  Hofkammer  kurzweg
„die  natürliche  Vormünderin  unserer  Unterthanen“;  mancher  wohldenkende
kleine  Herr  mißhandelte  sein  Ländchen  durch  das  neumodische  physiokratische
Steuersystem,  durch  allerhand  unreife  philanthropische  Experimente,  und
das  fürstlich  Oettingen-Oettingen'sche  Landesdirectorium  mußte  dem  wiß—
begierigen  Landesherrn  über  „Namen,  Gattung,  Gebrauch  und  äußerliche
Gestalt“  sämmtlicher  in  fürstlichen  Landen  befindlichen  Hunde  genauen
Bericht  erstatten  nebst  beigefügtem  ohnmaßgeblichen  allerunterthänigsten
Gutachten.  Doch  im  Ganzen  war  die  Fürstengeneration  der  achtziger
Jahre  die  ehrenwertheste,  die  seit  Langem  auf  den  deutschen  Thronen
gesessen.  Wo  er  nur  konnte  trat  der  König  den  Ausschreitungen  seiner
Standesgenossen  entgegen,  befreite  den  alten  Moser  aus  dem  Kerker,
sicherte  den  Württembergern  den  Bestand  ihrer  Verfassung.  Das  Reich
als  Ganzes  lag  hoffnungslos  darnieder,  aber  in  vielen  seiner  Glieder
pulste  wieder  ein  neues  hoffnungsvolles  Leben.

Und  weit  hinaus  über  Deutschlands  Grenzen  wirkte  das  Vorbild
Friedrich'ts.  Maria  Theresia  wurde  seine  gelehrigste  Schülerin,  sie  hat
den  Gedanken  der  fridericianischen  Monarchie  in  der  katholischen  Welt
verbreitet.  Von  schwachen  Nachbarn  umgeben  hatte  das  alte  Oesterreich
bisher  sorglos  und  schläfrig  dahingelebt;  erst  das  Erstarken  des  ehrgeizigen
Nebenbuhlers  im  Norden  zwang  den  Kaiserstaat  seine  Kräfte  tapfer  anzuspannen.
  Der  Norddeutsche  Haugwitz  gestaltete  die  Verwaltung  Oesterreichs,
  soweit  es  anging,  nach  preußischem  Muster  um,  und  von  diesen
österreichischen  Reformen  wiederum  lernte  der  aufgeklärte  Despotismus,
der  nunmehr  in  allen  romanischen  Landen,  in  Neapel  und  Toscana,  in
        <pb n="83" />
        Heerwesen.  73

Spanien  und  Portugal  seine  rastlos  gewaltsame  Völkerbeglückung  begann.
Am  längsten  sträubte  sich  der  Stolz  der  französischen  Bourbonen  wider
die  neue  Auffassung  der  Monarchie;  mit  spöttischem  Lächeln  erzählte  man
sich  zu  Versailles,  daß  am  Potsdamer  Hofe  der  Oberkammerherr  noch
niemals  dem  Könige  das  Hemd  gereicht  habe.  Erst  da  es  zu  spät  war,
da  die  Mächte  der  Revolution  schon  an  die  Thore  klopften,  begann  man
etwas  zu  ahnen  von  den  Pflichten  des  Königthums.  Die  Krone  der
Bourbonen  ist  aus  dem  trüben  Dunstkreise  höfischer  Selbstvergötterung
und  Menschenverachtung  niemals  gänzlich  hinausgekommen,  darum  ging
sie  schimpflich  zu  Grunde.  Den  Deutschen  aber  wurde  die  monarchische
Gesinnung,  die  unserem  Volke  im  Blute  lag  und  selbst  in  den  Jahrhunderten
  der  ständischen  Vielherrschaft  nicht  völlig  verloren  ging,  durch
König  Friedrich  auf's  Neue  gekräftigt.  In  keiner  andern  Nation  der
neuen  Geschichte  hat  das  Königthum  seine  Aufgabe  so  groß  und  hochsinnig
  verstanden;  darum  blieb  das  deutsche  Volk,  selbst  als  die  Zeit  der
parlamentarischen  Kämpfe  kam,  das  am  treuesten  monarchisch  gesinnte
unter  den  großen  Culturvölkern.

Die  Friedensliebe  des  hohenzollernschen  Hauses  war  auch  in  seinem
größten  Kriegsfürsten  lebendig.  Friedrich  schätzte  die  Macht,  doch  nur  als
ein  Mittel  für  den  Wohlstand  und  die  Gesittung  der  Völker;  daß  sie  jemals
Selbstzweck  sein,  daß  der  Kampf  um  die  Macht  als  solche  schon  historischen
Ruhm  verleihen  sollte,  erschien  ihm  als  eine  Beleidigung  der  fürstlichen
Ehre.  Darum  schrieb  er  seine  leidenschaftliche  Streitschrift  gegen  Macchiavelli.
Darum  kam  er  in  seinen  Schriften  immer  wieder  auf  das  abschreckende
Beispiel  Karl's  XII.  von  Schweden  zurück.  Er  mochte  insgeheim  fühlen,
daß  in  seiner  eigenen  Brust  dämonische  Kräfte  arbeiteten,  die  ihn  zu  ähnlichen
  Verirrungen  mißleiten  konnten,  und  ward  nicht  müde  die  Hohlheit
des  zwecklosen  Kriegsruhms  zu  schildern,  ließ  im  runden  Saale  zu  Sanssouci
  die  Büste  des  Schwedenkönigs  verächtlich  unter  den  Füßen  der  Muse
aufstellen.  Schon  in  seinen  brausenden  Jünglingsjahren  war  er  mit  sich
im  Reinen  über  die  sittlichen  Zwecke  der  Macht;  „dieser  Staat  muß  stark
werden,“  so  schrieb  er  damals,  „damit  er  die  schöne  Rolle  spielen  kann  den
Frieden  zu  erhalten  allein  aus  Liebe  zur  Gerechtigkeit,  nicht  aus  Furcht.
Wenn  aber  jemals  in  Preußen  Unrecht,  Parteilichkeit  und  Laster  überhand
  nähmen,  dann  wünsche  ich  dem  Hause  Brandenburg  schleunigen
Untergang.  Das  sagt  Alles.“  Als  er  nach  dem  siebenjährigen  Kriege  sich
stark  genug  fühlte  aus  Gerechtigkeit  den  Frieden  zu  wahren,  da  wendete
er  seine  Sorge  mit  solchem  Eifer  der  Wiederherstellung  des  Volkswohlstandes
  zu,  daß  die  Armee  geradezu  geschädigt  wurde.

Es  ist  nicht  anders:  der  Feldherr,  der  die  Fahnen  Preußens  mit
Lorbeeren  überschüttet  hatte,  binterließ  die  Armee  in  schlechterem  Zustande
als  er  sie  bei  seiner  Thronbesteigung  vorgefunden,  reichte  als  militärischer
Organisator  an  seinen  rauhen  Vater  nicht  heran.  Er  bedurfte  der  fleißigen
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        74  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Hände  um  sein  verwüstetes  Land  zu  heben  und  begünstigte  darum  grundsätzlich
  die  Anwerbung  von  Ausländern  für  das  Heer.  Die  Regimentscommandeure
  sollten  ihre  Cantonslisten  im  Einverständniß  mit  den  Landund
  Steuerräthen  aufstellen;  seitdem  spielte  alljährlich  in  jedem  Kreise
jener  Streit  zwischen  den  militärischen  Anforderungen  und  den  bürgerlichen
  Interessen,  der  nachher  unter  wechselnden  Formen  in  der  Geschichte
Preußens  immer  wiederkehrte.  Für  diesmal  ward  der  Kampf  zu  Gunsten
der  Volkswirthschaft  entschieden.  Die  bürgerlichen  Behörden  suchten  jeden
irgend  fähigen  oder  vermögenden  jungen  Mann  vor  der  rothen  Cantonisten-Halsbinde
  zu  bewahren.  Der  König  selbst  griff  helfend  ein,  befreite
zahlreiche  Klassen  der  Bevölkerung,  die  Neueingewanderten,  die  Familien
aller  Gewerbtreibenden,  die  Hausdienerschaft  der  Grundherren  von  der
Dienstpflicht;  viele  Städte,  ja  ganze  Provinzen,  wie  Ostfriesland,  erhielten
Privilegien.  Das  Heer  bestand  bald  nach  dem  Frieden  schon  zur  größeren
Hälfte  aus  Ausländern.  Friedrich  dachte  hoch  von  der  Armee,  nannte  sie
gern  den  Atlas,  der  diesen  Staat  auf  seinen  starken  Schultern  trage;  der
Kriegsruhm  der  sieben  Jahre  wirkte  noch  nach,  der  Dienst  des  gemeinen
Soldaten  galt  in  Preußen  zwar,  wie  überall  sonst  in  der  Welt,  als  ein
Unglück,  doch  nicht  als  eine  Schande,  wie  draußen  im  Reiche.  Der  König
brachte  die  großen  Sommerübungen  auf  der  Mockerauer  Heide  zu  einer
technischen  Vollendung,  welche  die  Kunst  des  Manövrirens  seitdem  wohl  nie
wieder  erreicht  hat,  schärfte  seinen  Offizieren  unermüdlich  ein,  „das  Detail
zu  lieben,  das  auch  seinen  Ruhm  hat,“  schrieb  zu  ihrer  Belehrung  seine
militärischen  Abhandlungen,  die  reifsten  seiner  Werke.  Seinen  Blicken
entging  kein  Fortschritt  des  Kriegswesens;  noch  im  hohen  Alter  bildete
er  die  neue  Waffe  der  leichten  Infanterie,  die  grünen  Füsiliere,  nach  dem
Vorbilde  der  amerikanischen  Riflemen.  Der  Ruhm  des  Potsdamer  Exercierplatzes
  zog  Zuschauer  aus  allen  Landen  herbei;  in  Turin  ahmte  Victor
Amadeus  mit  seinen  Generalen  jede  Bewegung  des  großen  preußischen
Drillmeisters  bis  auf  die  gebeugte  Haltung  des  Kopfes  andächtig  nach;
und  wenn  der  junge  Leutnant  Gneisenau  die  spitzen  Blechmützen  der
Grenadiere  beim  Parademarsch  in  der  Sonne  funkeln  sah,  dann  rief  er
begeistert:  „Sagt,  welches  unter  allen  Völkern  ahmet  wohl  ganz  dies.
wunderbare  Schauspiel  nach?“

Und  dennoch  ist  das  Heer  in  Friedrich's  letzten  Jahren  unzweifelhaft
gesunken.  Die  Blüthe  des  alten  Offizierscorps  lag  auf  den  Schlachtfeldern;
während  der  sieben  Jahre  waren  —  ein  beispielloser  Fall  in  der  Kriegsgeschichte
  —  sämmtliche  namhafte  Generale  bis  auf  spärliche  Ausnahmen
geblieben  oder  kampfunfähig  geworden.  Die  jetzt  emporkamen  hatten  den
Krieg  nur  in  subalternen  Stellungen  kennen  gelernt  und  suchten  das
Geheimniß  der  fridericianischen  Siege  allein  in  den  Handgriffen  des  Paradeplatzes.
  Unter  den  ausländischen  Offizieren  war  mancher  zweideutige
Abenteurer;  man  jagte  nach  Gunst  und  Gnade,  für  den  stolzen  Freimuth
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        Ständische  Gliederung.  75

eines  York  oder  Blücher  war  kein  Raum.  Der  König,  minder  bürger—
freundlich  als  sein  Vater,  glaubte,  daß  nur  der  Edelmann  Ehre  im  Leibe
habe,  entfernte  die  bürgerlichen  Offiziere  aus  den  meisten  Truppentheilen.
In  den  adlichen  Offizierscorps  entstand  ein  Junkersinn,  der  dem  Volke
bald  noch  unleidlicher  wurde  als  die  ungeschlachte  Roheit  früherer  Zeiten.
Die  geworbenen  alten  Soldaten  endlich  lebten  bequem  mit  Weib  und  Kind,
in  bürgerlicher  Hantirung,  und  verabscheuten  den  Krieg  für  ein  Land,  das
ihnen  fremd  blieb.  Schon  im  bairischen  Erbfolgekriege  bemerkte  Friedrich
mit  Befremden,  wie  wenig  dies  Heer  leiste;  den  Grund  des  Verfalls
durchschaute  er  nicht.  Der  Eudämonismus  seines  Zeitalters  ließ  ihn  die
sittlichen  Kräfte  des  Heerwesens  verkennen.  Er  hatte  einst,  nach  dem
Brauche  der  Zeit,  preußische  Regimenter  aus  österreichischen  und  sächsischen
Kriegsgefangenen  gebildet  und  selbst  durch  die  massenhaften  Desertionen
der  Unglücklichen  sich  nicht  belehren  lassen;  er  hatte  in  den  letzten  Jahren
des  Krieges  genugsam  erfahren,  was  ein  Heer  von  Landeskindern  vermochte,
  doch  ein  so  gewaltsames  Aufgebot  der  gesammten  Volkskraft  blieb
ihm  stets  nur  ein  Nothbehelf  für  verzweifelte  Tage,  „da  es  auf  den  Schutz
des  Vaterlandes  und  eine  presente  Gefahr  ankommt.“  Unter  seinen
Staatsmännern  hat  allein  Hertzberg  die  kühnen  Ideen  Friedrich  Wilhelm's
  I.  heilig  gehalten;  der  wollte  das  Heer  nach  und  nach  von  allen
Ausländern  säubern:  „dann  werden  wir  unüberwindlich  sein  wie  die
Griechen  und  Römer.“  Der  alte  König  aber  sah  mit  Genugthuung,  wie
sein  unglückliches  Land  wirthschaftlich  erstarkte,  und  bezeichnete  jetzt  das
Ideal  des  Heerwesens  mit  den  wunderlichen  Worten:  „Der  friedliche
Bürger  soll  es  gar  nicht  merken,  wenn  die  Nation  sich  schlägt.“  So
gerieth  eine  der  Säulen,  welche  diesen  Staatsbau  trugen,  der  Gedanke
der  allgemeinen  Wehrpflicht,  langsam  in's  Wanken.

Die  überlieferte  Gliederung  der  Stände  und  die  hierauf  beruhende
Organisation  der  Arbeit  hielt  der  König  noch  strenger  aufrecht  als  sein
Vater;  er  half  durch  Belehrung  und  rücksichtslosen  Zwang,  durch  Geschenke
  und  Darlehen  nach,  so  oft  der  Bauer,  der  Bürger,  der  Edelmann
der  Rolle,  die  ihm  im  Haushalte  der  Nation  vorgeschrieben  war,  nicht
mehr  zu  genügen  schien.  Der  Adel  sollte  der  erste  Stand  im  Staate
bleiben,  denn,  „ich  brauche  ihn  für  meine  Armee  und  meine  Staatsverwaltung"“.
  Durch  die  Pfandbriefsanstalten  und  durch  erhebliche  Unterstützungen
  mit  baarem  Gelde  erreichte  Friedrich  die  „Conservirung“  des
adlichen  Großgrundbesitzes  nach  den  Verwüstungen  der  Kriegsjahre.  Darum
wagte  er  auch  so  wenig  wie  sein  Vater,  die  Unfreiheit  des  Landvolkes,  die
seinen  großen  Sinn  empörte,  gänzlich  aufzuheben.  Durch  das  Allgemeine
  Landrecht  wurde  zwar  die  rohe  Form  der  Leibeigenschaft  beseitigt,
doch  die  nur  um  ein  Geringes  leichtere  Erbunterthänigkeit  überall  aufrecht
erhalten.  Die  Verwaltung  begnügte  sich,  im  Einzelnen  die  Härten  der
bestehenden  Klassenherrschaft  zu  mildern.  Von  dem  alternden  Fürsten
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        76  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

nicht  bemerkt  und  nicht  gewollt,  begann  unterdessen  eine  folgenreiche  Verschiebung
  der  socialen  Machtverhältnisse.  Die  neue  Literatur  erzog  ein
aus  allen  Ständen  gemischtes  gebildetes  Publikum;  die  Kaufleute  und
Gewerbtreibenden  der  größeren  Städte,  die  bürgerlichen  Pächter  des  ausgedehnten
  Domaniums  der  Monarchie  gelangten  nach  und  nach  zu  gesichertem
  Wohlstande  und  zu  einem  kräftigen  Selbstbewußtsein,  das  die
Vorrechte  des  Adels  auf  die  Dauer  nicht  mehr  ertragen  konnte.  Der
Adel  verlor  allmählich  die  sittlichen  wie  die  wirthschaftlichen  Grundlagen
seiner  Herrenstellung.  Der  Bau  der  alten  ständischen  Gliederung  ward
unmerklich  untergraben.

Auch  die  Verwaltungsorganisation  des  Vaters  blieb  unter  dem  Sohne
unverändert,  nur  daß  er  den  Provinzialdepartements  des  Generaldirectoriums
  vier  neue,  den  ganzen  Staat  umfassende,  für  Kriegsverwaltung,
Handelspolitik,  Berg=  und  Forstwesen,  hinzufügte  und  also  einen  Schritt
weiter  that  auf  dem  Wege  zum  Einheitsstaate.  Die  Krone  stand  noch
immer  hoch  über  ihrem  Volke.  Landdragoner  mußten  den  Bauern  anhalten
  die  vom  Könige  geschenkten  Saatkartoffeln  zu  verwenden;  der  Befehl
  des  Landraths  und  der  Kammer  erzwang,  gegen  den  zähen  passiven
Widerstand  der  Betheiligten,  die  Gemeinheitstheilungen  und  Entwässerungen,
  alle  Fortschritte  der  landwirthschaftlichen  Technik.  Der  völlig  ermattete
  Unternehmungsgeist  der  bürgerlichen  Gewerbe  konnte  nur  durch
die  gewaltsamen  Mittel  des  Prohibitivsystems  geweckt  werden.  Die  Gebrechen
  der  fridericianischen  Volkswirthschaftspolitik  lagen  nicht  in  dem
Alles  meisternden  Beglückungseifer  der  Staatsgewalt,  dem  die  Zeit  noch
keineswegs  entwachsen  war,  sondern  in  den  fiscalischen  Künsten,  wozu  der
König  durch  die  Bedrängniß  seines  Haushalts  genöthigt  wurde;  er  mußte
volle  drei  Viertel  seiner  ordentlichen  Ausgaben  für  das  Heer  verwenden
und  suchte  was  am  Nothwendigen  fehlte  durch  die  Monopolien  und  indirecten
  Steuern  seiner  Regie  einzubringen.  Das  Finanzwesen  glich  in
seiner  Schwerfälligkeit  noch  einem  großen  Privathaushalte.  Fast  die
Hälfte  der  regelmäßigen  Einnahmen  kamen  aus  den  Domänen  und  Forsten;
nur  dieser  reiche  Grundbesitz  des  Staates  ermöglichte  ihm  seine  hohen
Ausgaben,  er  diente  zugleich  zur  technischen  Erziehung  des  Landvolks.
Die  Summe  der  Hauptsteuern  stand  gesetzlich  fest;  für  die  außerordentlichen
  Ausgaben  der  Colonisationen  und  Urbarmachungen  mußte  der  bewegliche
  Ertrag  der  Regie  herangezogen  werden.  Der  sorgsam  vermehrte
Schatz  genügte  für  einige  kurze  Feldzüge;  doch  einen  langen  schweren  Krieg
konnte  das  alte  Preußen  ohne  fremde  Hilfsgelder  nicht  führen,  da  die
Rechte  der  Landtage,  die  überlieferten  Anschauungen  des  Beamtenthums
und  die  Unreife  der  Volkswirthschaft  jede  Anleihe  verboten.  Wie  kräftig
auch  der  bürgerliche  Wohlstand  anwuchs,  der  weite  Vorsprung  der  glücklicheren
  Nachbarvölker  ließ  sich  so  schnell  nicht  einholen.  Der  preußische
Staat  blieb  noch  immer  die  ärmste  der  Großmächte  des  Westens,  im
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        Das  allgemeine  Landrecht.  77

Wesentlichen  ein  Ackerbauland,  und  spielte  im  Welthandel  eine  bescheidene
Rolle,  auch  nachdem  ihm  Friedrich  durch  die  Erwerbung  Ostfrieslands
einen  Zugang  zur  Nordsee  eröffnet  hatte;  den  Häfen  der  Ems  wie  der
Oder  fehlte  ein  reiches  gewerbfleißiges  Hinterland.

Als  ein  Reformator  wirkte  Friedrich  nur  in  jenem  Bereiche  des  inne—
ren  Staatslebens,  das  sein  Vorgänger  nicht  verstand.  Um  die  Rechts—
pflege  hatte  sich  der  Verwaltungsmann  Friedrich  Wilhelm  fast  allein
durch  die  zweckmäßige  Neugestaltung  des  Hypothekenwesens  ein  Verdienst
erworben.  Der  Sohn  aber  schuf  den  neuen  preußischen  Richterstand,
wie  der  Vater  das  moderne  deutsche  Verwaltungsbeamtenthum  gebildet
hatte.  Er  wußte,  daß  die  Rechtsprechung  ein  politisches  Amt  ist,  un—
zertrennlich  mit  dem  Staate  verwachsen;  er  erwirkte  sich  für  alle  seine
Lande  die  Unabhängigkeit  von  den  Reichsgerichten,  verbot  Gutachten  der
Juristenfacultäten  einzuholen,  stellte  ein  Justizministerium  neben  das  Gene—
raldirectorium,  gab  die  gesammte  Rechtspflege  in  die  Hände  eines  hier—
archisch  gegliederten  Staatsbeamtenthums,  das  sich  seinen  jungen  Nach—
wuchs  selbst  erzog  und  die  in  der  untersten  Instanz  noch  fortbestehende
Privatgerichtsbarkeit  unter  strenge  Aufsicht  nahm.  Die  unbedingte  Selb—
ständigkeit  der  Gerichte  gegenüber  der  Verwaltung  war  feierlich  ver—
heißen  und,  bis  auf  wenige  Fälle  einer  wohlmeinend  willkürlichen  Cabi—
netsjustiz,  unverbrüchlich  gehalten.  Der  neue  Richterstand  bewahrte  sich
in  bescheidener  wirthschaftlicher  Lage  eine  ehrenhafte  Standesgesinnung,
und  während  an  den  Gerichten  des  Reichs  Bestechlichkeit  und  parteiische
Gunst  ihr  Wesen  trieben,  galt  in  Preußen  auch  gegen  den  Willen  des
Königs  das  stolze  Wort:  il  y  a  des  juges  à  Berlin.  Dem  Jünger  der
Aufklärung,  dem  der  Staat  das  Werk  des  zweckbewußten  Menschenwillens
war,  drängte  sich  von  selber  das  Verlangen  auf,  daß  im  Staate  nicht
ein  gegebenes  und  überliefertes,  sondern  ein  gewußtes  und  gewolltes  Recht
herrschen  müsse;  sein  Leben  lang  trug  sich  Friedrich  mit  dem  Gedanken,
die  erste  umfassende  Codification  des  Rechts,  die  seit  den  Zeiten  Justinian's
gewagt  worden,  durchzuführen.  Erst  nach  seinem  Tode  kam  das  All—
gemeine  Landrecht  zu  Stande,  das  deutlich,  wie  kein  anderes  Werk  der
Epoche,  den  Januskopf  der  fridericianischen  Staatsansicht  erkennen  läßt.
Das  Gesetzbuch  wahrt  einerseits  die  überlieferten  socialen  Unterschiede  so
sorgsam,  daß  das  gesammte  Rechtssystem  sich  der  ständischen  Gliederung
einfügen  muß,  dem  Adel  sogar  —  zuwider  dem  gemeinen  Rechte  —  ein
ständisches  Eherecht  gewährt  wird,  und  führt  andererseits  den  Gedanken
der  Souveränität  des  Staates  mit  solcher  Kühnheit  bis  in  seine  letzten
Folgerungen  durch,  daß  mancher  Satz  schon  die  Ideen  der  französischen
Revolution  vorausnimmt,  und  Mirabeau  meinen  konnte,  mit  diesem
Werke  eile  Preußen  dem  übrigen  Europa  um  ein  Jahrhundert  voraus.
Zweck  des  Staates  ist  das  gemeine  Wohl,  nur  um  dieses  Zweckes
willen  darf  der  Staat  die  natürliche  Freiheit  seiner  Bürger  beschränken,
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        78  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

aber  auch  —  alle  bestehenden  Privilegien  aufheben.  Der  König  ist  nur
das  Oberhaupt  des  Staates,  hat  nur  als  solches  Rechte  und  Pflichten
—  und  dies  in  Tagen,  da  Biener  und  andere  namhafte  Juristen  das
Privateigenthumsrecht  der  deutschen  Fürsten  an  Land  und  Leuten  noch
als  einen  unbestreitbaren  Rechtssatz  verfochten.  Die  also  über  das  Bereich
des  Privatrechts  hinausgehobene  Staatsgewalt  greift  ordnend  und  lehrend
in  alle  Privatverhältnisse  ein,  schreibt  Eltern  und  Kindern,  Grundherren
und  Dienstboten  ihre  sittlichen  Pflichten  vor,  sie  vermißt  sich  durch  ihre
Alles  vorausbedenkende  gesetzgeberische  Weisheit  jeden  möglichen  Rechtsstreit
  der  Zukunft  von  vornherein  zu  erledigen.

Mit  diesem  Gesetzbuche  sprach  der  alte  Absolutismus  sein  letztes  Wort:
er  umgab  seine  Gewalt  mit  festen  Schranken,  erhob  das  Gemeinwesen  zum
Rechtsstaate;  er  betrat  zugleich,  indem  er  die  Herrschaft  des  römischen
Rechts  zerstörte,  ahnungslos  den  Weg,  der  zu  einer  neuen  Rechtseinheit
des  deutschen  Volkes  führen  mußte.  Der  mechanische  Staatsbegriff  der
fridericianischen  Tage  ist  bald  nachher  durch  eine  tiefer  eindringende  Philosophie,
  die  unfertige  juristische  Bildung  der  Carmer  und  Suarez  durch  die
Arbeiten  der  historischen  Rechtswissenschaft  Uüberwunden  worden;  und  gleichwohl
  blieb  das  Allgemeine  Landrecht  noch  auf  Jahrzehnte  hinaus  der  kräftige
  Boden,  dem  alle  weiteren  Reformen  des  preußischen  Staates  entwuchsen.
  Der  Glaube  an  die  Herrschaft  des  Gesetzes,  die  Vorbedingung
aller  politischen  Freiheit,  ward  eine  lebendige  Macht  im  Beamtenthum  wie
im  Volke.  Wenn  der  Staat  bestand  um  des  gemeinen  Wohles  willen,  so
führte  eine  unaufhaltsame  Nothwendigkeit,  von  der  Friedrich  nichts  ahnte,
zu  dem  Verlangen:  Aufhebung  der  Privilegien  der  höheren  Stände  und
Theilnahme  der  Nation  an  der  Staatsleitung.  Und  diese  Schlüsse  mußten
früher  oder  später  gezogen  werden,  da  schon  jetzt  in  dem  vergrößerten
Staatsgebiete  nur  eine  geniale  Manneskraft  den  schweren  Aufgaben,  welche
dies  Königthum  sich  stellte,  genügen  konnte.

Bei  weitem  nicht  in  gleichem  Maße  hat  Friedrich  das  geistige  Leben
seines  Volkes  gefördert.  Wohl  wissen  wir  aus  Goethe's  Bekenntnissen,  wie
das  Heldenthum  der  sieben  Jahre  befruchtend  und  befreiend  auf  die
deutsche  Bildung  wirkte,  wie  in  jenen  Jahren  des  Waffenruhmes  zuerst
wieder  ein  nationaler  Gehalt,  ein  schwellendes  Gefühl  der  Lebenskraft  in
die  ermattete  Dichtung  drang,  wie  die  verarmte  Sprache,  die  längst  schon
stammelnd  nach  dem  Ausdruck  mächtigen  Gefühles  suchte,  jetzt  endlich  aus
der  Plattheit  und  Leere  sich  emporrang  und  das  große  Wort  fand  für
die  große  Empfindung:  recht  eigentlich  unter  dem  Trommelschlag  des
preußischen  Kriegslagers  ward  das  erste  deutsche  Lustspiel,  Minna  von
Barnhelm,  geschaffen.  Preußens  Volk  nahm  an  dem  wunderbaren  Erwachen
  der  Geister  seinen  reichen  Antheil,  schenkte  der  literarischen  Bewegung
  mehrere  ihrer  bahnbrechenden  Talente,  von  Winckelmann  bis
herab  auf  Hamann  und  Herder.  Und  ganz  und  gar  von  preußischem
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        Kirche  und  Schule.  79

Geiste  erfüllt  war  jene  neue  reifere  Form  des  deutschen  Protestantismus,
welche  endlich  aus  den  Gedankenkämpfen  der  gährenden  Zeit  siegreich
hervorging  und  ein  Gemeingut  des  norddeutschen  Volkes  wurde:  die
Ethik  Kant's.  Der  kategorische  Imperativ  konnte  nur  auf  diesem  Boden
der  evangelischen  Freiheit  und  der  entsagenden  pflichtgetreuen  Arbeit  er—
dacht  werden.  Wo  vordem  rauhe  Befehle  die  schweigende  Unterwerfung
erzwangen,  da  sah  sich  jetzt  jedes  freimüthige  Urtheil  herausgefordert
durch  das  Vorbild  des  Königs,  der  furchtlos  auf  die  Kraft  des  forschenden
Verstandes  baute  und  gern  bekannte:  wer  zum  Besten  räsonnirt,  bringt
es  am  Weitesten.  Friedrich  führte  die  altpreußische  Politik  der  kirchlichen
Duldung  in  freiem  Sinne  fort,  verkündete  in  seinem  Gesetzbuche  den
Grundsatz:  „die  Begriffe  der  Einwohner  von  Gott  und  göttlichen  Dingen
können  kein  Gegenstand  von  Zwangsgesetzen  sein.“  Auch  die  Unions—
bestrebungen  seiner  Ahnen  hat  der  Freigeist  nicht  aufgegeben,  sondern
streng  darauf  gehalten,  daß  die  beiden  evangelischen  Kirchen  einander  im
Nothfall  die  Sacramentsgemeinschaft  nicht  versagten.  Die  oberstbischöf—
liche  Gewalt,  die  er  für  seine  Krone  in  Anspruch  nahm,  sicherte  ihn
gegen  staatsfeindliche  Umtriebe  der  Geistlichkeit,  erlaubte  ihm  sogar  die
vom  Papste  aufgehobene  Gesellschaft  Jesu  in  seinem  Staate  zu  dulden.
Er  gewährte  der  Presse  eine  selten  beschränkte  Freiheit,  denn  „Gazetten,
wenn  sie  interessant  sein  sollen,  dürfen  nicht  genirt  werden.“  Er  erklärte
alle  Schulen  für  „Veranstaltungen  des  Staates“,  sprach  gern  und  geistvoll
  von  der  Pflicht  des  Staates,  das  junge  Geschlecht  zu  selbständigem
Denken  und  aufopfernder  Vaterlandsliebe  zu  erziehen.  Wie  oft  hat  er  den
Glanz  der  Gelehrsamkeit  und  Dichtung  als  den  schönsten  Schmuck  der
Kronen  gepriesen;  auch  darin  zeigte  er  sich  als  ein  Deutscher  und  ein
Friedensfürst,  daß  er  den  classischen  Unterricht  für  den  Quell  aller  höheren
Bildung  ansah,  nicht  die  exacten  Wissenschaften,  wie  der  Soldat  Napoleon.
  Trotz  alledem  hat  der  König  für  die  Pflege  der  Volksbildung  unmittelbar
  nur  wenig  geleistet.

Die  Knappheit  der  Geldmittel,  der  Mangel  an  brauchbaren  Volksschullehrern
  und  die  unablässigen  Kämpfe  bald  mit  auswärtigen  Feinden
bald  mit  der  wirthschaftlichen  Noth  daheim  erschwerten  ihm  die  Ausführung
  seiner  Pläne;  und  schließlich  brach  auch  bei  dem  Sohne  der  trockene
Nützlichkeitssinn  des  Vaters  immer  wieder  durch.  Für  alles  Andere
wußte  der  Sparsame  leichter  Rath  zu  schaffen  als  für  die  Zwecke  des
Unterrichts.  Wenn  die  Deutschen  im  Reiche  spotteten,  dies  Preußen  habe
sich  groß  gehungert,  so  dachten  sie  dabei  zunächst  an  die  preußischen  Gelehrten.
  Für  die  Volksschulen  geschah  nur  das  Nothdürftige;  die  wiederholt
  eingeschärfte  Regel  der  allgemeinen  Schulpflicht  blieb  für  weite  Striche
des  platten  Landes  noch  ein  todter  Buchstabe.  Keine  der  preußischen  Universitäten
  reichte  an  den  Ruhm  der  neuen  Georgia  Augusta  heran.  Erst
gegen  das  Ende  der  fridericianischen  Zeit,  als  Zedlitz,  der  Freund  Kant's
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        80  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

die  Leitung  der  Bildungsanstalten  übernahm,  kam  ein  etwas  freierer  Zug
in  das  Unterrichtswesen.  Damals  verbesserte  der  treffliche  Abt  Felbiger
die  katholische  Volksschule  und  fand  in  Oesterreich  und  draußen  im  Reich
eifrige  Anhänger,  also  daß  endlich  auch  das  katholische  Deutschland  des
besten  Segens  der  Reformation  theilhaftig  wurde.

Es  schien  ein  Leichtes,  in  Berlin  einen  glänzenden  Kreis  der  besten
Köpfe  Deutschlands  zu  reicher  Thätigkeit  zu  versammeln.  Jedes  junge
Talent  im  Reiche  suchte  nach  dem  Auge  des  Helden  der  Nation.  Selbst
jener  Winckelmann,  der  einst  in  heißem  Hasse  den  Marken  entflohen  war,
empfand  jetzt,  mit  wie  starken  Banden  dieser  Staat  die  Herzen  seiner
Söhne  festhält.  „Es  lässet  sich",  so  schrieb  er,  „zum  ersten  male  die
Stimme  des  Vaterlandes  in  mir  hören,  die  mir  vorher  unbekannt  war.“
Er  brannte  vor  Begier,  dem  Aristoteles  der  Kriegskunst  zu  zeigen,  daß
ein  geborener  Unterthan  etwas  Würdiges  hervorbringen  könne,  und  unterhandelte
  jahrelang  über  eine  Anstellung  in  Berlin.  Aber  an  Friedrich's
französischer  Akademie  war  kein  Platz  für  deutsche  Denker.  Die  mediceischen
Tage,  die  man  einst  von  dem  kunstbegeisterten  Prinzen  des  Rheinsberger
Musenhofes  erhoffte,  kamen  nur  für  die  ausländischen  Schöngeister  der
Tafelrunde  von  Sanssouci;  das  junge  Leben,  das  in  den  Tiefen  seines
eigenen  Volkes  sich  unbändig  regte,  wollte  und  konnte  der  Zögling  französischer
  Bildung  nicht  mehr  verstehen.  Während  die  Berliner  Gesellschaft
an  den  Gedanken  der  neuen  Literatur  sich  bis  zur  Ueberbildung  berauschte,
spöttische  Freigeisterei  und  verfeinerte  Genußsucht  bereits  die  alte  strenge
Sitteneinfalt  verdrängten,  behielt  die  preußische  Verwaltung  auch  jetzt  die
einseitige  Richtung  auf  das  handgreiflich  Nützliche.  Jener  unausstehlich
steife,  hausbacken  prosaische  Geist,  den  der  alte  Soldatenkönig  seinem
Staate  eingeflößt,  wurde  durch  Friedrich  etwas  gemildert,  nicht  gebrochen;
nur  die  barocke  Pracht  des  neuen  Palais  und  die  mächtigen  Kuppeln  der
Gensdarmenkirchen  ließen  erkennen,  daß  mindestens  der  barbarische  Bildungshaß
  der  dreißiger  Jahre  allmählich  zu  entweichen  begann.

Der  preußische  Staat  vertrat  noch  immer  nur  die  eine  Seite  unseres
nationalen  Lebens;  die  Zartheit  und  die  Sehnsucht,  der  Tiefsinn  und  die
Schwärmerei  des  deutschen  Wesens  gelangten  in  dieser  Welt  der  Nüchternheit
  nicht  zu  ihrem  Rechte.  Der  Mittelpunkt  der  deutschen  Politik  wurde
nicht  die  Heimath  der  geistigen  Arbeit  der  Nation;  das  classische  Zeitalter
unserer  Dichtung  fand  seine  Bühne  in  den  Kleinstaaten.  In  dieser  folgenschweren
  Thatsache  liegt  der  Schlüssel  zu  manchem  Räthsel  der  neuen
deutschen  Geschichte.  Der  kühl  ablehnenden  Haltung  König  Friedrich's
dankt  unsere  Literatur  das  Köstlichste  was  sie  besitzt,  ihre  unvergleichliche
Freiheit;  aber  diese  Gleichgiltigkeit  der  Krone  Preußen  während  der  Tage,
welche  den  Charakter  der  modernen  deutschen  Bildung  bestimmten,  hat
auch  verschuldet,  daß  es  den  Helden  des  deutschen  Gedankens  noch  lange
schwer  fiel,  den  einzigen  lebenskräftigen  Staat  unseres  Volkes  zu  verstehen.
        <pb n="91" />
        Friedrich's  französische  Bildung.  81

Nach  Friedrich's  Tode  vergingen  noch  zwei  volle  Jahrzehnte  bis  Preußen
den  geistigen  Mächten  des  neuen  Dentschlands  eine  gastliche  Stätte  be—
reitete;  und  dann  sind  nochmals  lange  Jahrzehnte  verflossen,  bis  die
deutsche  Wissenschaft  erkannte,  daß  sie  eines  Blutes  sei  mit  dem  preußischen
Staate,  daß  die  staatenbildende  Kraft  unseres  Volkes  in  demselben  starken
Idealismus  wurzelte,  der  deutschen  Forschermuth  und  Künstlerfleiß  zu
kühnem  Wagen  begeisterte.

Friedrich's  Kaltsinn  gegen  die  deutsche  Bildung  ist  wohl  die  trau—
rigste,  die  unnatürlichste  Erscheinung  in  der  langen  Leidensgeschichte  des
neuen  Deutschlands.  Der  erste  Mann  der  Nation,  der  den  Deutschen
wieder  den  Muth  erweckt  hatte  an  sich  selber  zu  glauben,  stand  den
schönsten  und  eigensten  Werken  seines  Volkes  wie  ein  Fremdling  gegen—
über;  anschaulicher,  erschütternder  läßt  sich's  nicht  aussprechen,  wie  schwer
und  langsam  dies  Volk  die  arge  Erbschaft  der  dreißig  Jahre,  die  Ueber—
macht  unheimischer  Gewalten,  wieder  abgeworfen  hat.  Friedrich  war  nicht,
wie  Heinrich  IV.  von  Frankreich,  ein  getreuer  Vertreter  der  nationalen
Art  und  Unart,  dem  Volksgemüthe  verständlich  in  jeder  Wallung  seiner
Laune.  In  seiner  Seele  stritten  zwei  Naturen:  der  philosophische  Schön—
geist,  der  in  den  Klängen  der  Musik,  in  dem  Wohllaut  französischer  Verse
schwelgte,  der  den  Dichterruhm  für  das  höchste  Glück  der  Erde  hielt,  der
seinem  Voltaire  in  ehrlicher  Bewunderung  zurief:  „Mir  schenkte  das  Ge—
schick  des  Ranges  leeren  Schein,  dir  jegliches  Talent;  das  beßre  Theil
ist  dein“  —  und  der  kernhafte  norddeutsche  Mann,  der  seine  branden—
burgischen  Kerls  mit  grobem  märkischem  Jot  anwetterte,  dem  harten
Volke  ein  Vorbild  kriegerischen  Muthes,  rastloser  Arbeit,  eiserner  Strenge.
Die  französische  Aufklärung  des  achtzehnten  Jahrhunderts  krankt  an
einer  tiefen  Unwahrheit,  sie  besitzt  weder  die  Lust  noch  die  Kraft,  das
Leben  in  Einklang  zu  bringen  mit  der  Idee;  man  schwärmt  für  die
heilige  Einfalt  der  Natur  und  gefällt  sich  doch  unsäglich  in  den  unnatür—
lichsten  Sitten  und  Trachten,  welche  jemals  die  europäische  Welt  be—
herrschten;  man  spottet  über  den  albernen  Zufall  der  Geburt,  träumt
von  der  ursprünglichen  Freiheit  und  Gleichheit  und  lebt  doch  lustig  drauf
los  in  der  frechen  Menschenverachtung  und  allen  den  süßen  Sünden  der
alten  höfischen  Gesellschaft,  befriedigt  mit  der  Hoffnung,  daß  irgend  ein—
mal  in  einer  fernen  Zukunft  über  den  Trümmern  alles  Bestehenden  die
Vernunft  ihren  Herrscherthron  aufschlagen  werde.  Am  preußischen  Hofe
war  der  geistreich  boshafte  Prinz  Heinrich  ein  echtes  Kind  dieser  neuen
Bildung:  theoretisch  ein  Verächter  jenes  leeren  Rauches,  der  beim  Pöbel
Ruhm  und  Größe  heißt,  praktisch  ein  Mann  der  harten  Staatsraison,
skrupellos,  aller  Listen  und  Ränke  kundig.

Auch  Friedrich  hat  in  seiner  Weise  dies  Doppelleben  der  Männer
der  französischen  Aufklärung  geführt.  Ihm  ward  das  tragische  Schicksal,
in  zwei  Sprachen  zu  denken  und  zu  reden,  von  denen  er  keine  ganz

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  6
        <pb n="92" />
        82  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

beherrschte.  Das  rohe  Kauderwälsch,  das  in  dem  Tabakscollegium  seines
Vaters  gepoltert  wurde,  erschien  dem  schönheitstrunkenen  Jüngling  ebenso
widerwärtig  wie  das  schwerfällige  Schriftdeutsch  der  gelahrten  Pedanterei,
das  er  aus  den  Werken  hartgläubiger  Theologen  kennen  lernte;  wohl
oder  übel  behalf  er  sich  mit  dieser  ungeschlachten  Sprache,  erledigte  die
laufenden  Geschäfte  bald  im  rauhen  Dialekt,  bald  im  steifen  Kanzleistile.
Für  die  Welt  der  Ideen,  die  in  seinem  Kopfe  gährte,  fand  er  den  würdigen
  Ausdruck  allein  in  der  Sprache  der  weltbürgerlichen  Bildung.  Er
bekannte  offen,  daß  seine  bizarre  und  tudeske  Muse  ein  barbarisches  Französisch
  rede,  und  schlug  im  Bewußtsein  dieser  Schwäche  den  Kunstwerth
und  die  Sprachreinheit  seiner  Verse  noch  niedriger  an  als  sie  es  verdienten.
  Das  Eine  mindestens  was  den  Dichter  macht,  die  proteische
Begabung,  war  ihm  keineswegs  versagt.  Seine  Muse  gebot  über  die
ganze  Tonleiter  der  Stimmungen;  sie  konnte  bald  in  würdigem  Ernst
das  Große  und  Erhabene  aussprechen,  bald  in  satirischer  Laune  mit  der
Bosheit  eines  Kobolds  —  oder,  die  Wahrheit  zu  sagen:  mit  dem  Muthwillen
  eines  Berliner  Gassenjungen  —  ihre  Opfer  necken  und  zausen.
Und  doch  sagte  ihm  ein  richtiges  Gefühl,  daß  in  seinen  Versen  der  Reichthum
  seiner  Seele  nicht  so  voll  und  rein  ausströmte  wie  in  den  Klängen
seiner  Flöte;  die  höchste  Fülle  des  Wohllauts,  die  letzte  Tiefe  der  Empfindung
  blieb  dem  Deutschen  unerreichbar  in  der  fremden  Sprache.

Der  Philosoph  von  Sanssouci  wurde  nie  ganz  heimisch  in  der  fremden
  Bildung,  die  er  so  lebhaft  bewunderte.  Vor  Allem  trennte  ihn  von
den  französischen  Genossen  die  Strenge  seiner  sittlichen  Weltanschauung.
Es  ist  die  Größe  des  Protestantismus,  daß  er  die  Einheit  des  Denkens
und  des  Wollens,  des  religiösen  und  des  sittlichen  Lebens  gebieterisch
fordert.  Friedrich's  sittliche  Bildung  wurzelte  zu  tief  im  deutschen  protestantischen
  Leben,  als  daß  er  die  geheime  Schwäche  der  französischen
Philosophie  nicht  empfunden  hätte.  Er  stand  der  Kirche  mit  freierem
Gemüthe  gegenüber  als  der  Katholik  Voltaire,  der  in  seiner  Henriade,
dem  Evangelium  der  neuen  Toleranz,  endlich  doch  zu  dem  Schlusse  gelangte,
  daß  alle  anständigen  Menschen  der  römischen  Kirche  angehören
sollen;  er  hat  niemals  wie  dieser  seinen  Nacken  gebeugt  unter  religiöse
Formen,  die  sein  Gewissen  verwarf,  und  konnte  mit  der  gelassenen
Heiterkeit  des  geborenen  Ketzers  ertragen,  daß  die  römische  Curie  seine
Werke  auf  den  Index  der  verbotenen  Bücher  setzte.  Mag  er  die  Philosophie
  zuweilen  herablassend  als  seine  Passion  bezeichnen,  das  Nachdenken
über  die  großen  Probleme  des  Daseins  ist  ihm  doch  weit  mehr  als  ein
geistreicher  Zeitvertreib;  nach  der  Weise  der  Alten  sucht  und  findet  er  in
der  Gedankenarbeit  die  Ruhe  des  mit  sich  selber  einigen  Geistes,  die
über  allen  Wechselfällen  des  Geschickes  erhabene  Sicherheit  der  Seele.
Nach  den  Verirrungen  leidenschaftlicher  Jugend  lernt  er  früh,  den  Zug
künstlerischer  Weichheit  und  Sinnlichkeit,  der  ihn  zu  beschaulichem  Genusse
        <pb n="93" />
        Der  Philosoph  von  Sanssouci.  83

treibt,  gewaltsam  zu  bändigen.  So  kühn  und  frech  der  Zweifel  und
der  Spott  in  seinem  Kopfe  sich  regen,  die  sittliche  Weltordnung,  der  Ge—
danke  der  Pflicht  steht  ihm  unantastbar  fest.  Die  furchtbare  Ernsthaftig—
keit  seines  ganz  der  Pflicht  geweihten  Lebens  ist  wie  durch  eines  Himmels
Weite  getrennt  von  der  lockeren  und  weichlichen  Moral  der  Pariser  Auf—
klärung.  Wie  seine  Schriften  —  in  jenem  klaren  und  scharfen  Stile,  der
zuweilen  trivial,  doch  nie  verschwommen  wird  —  immer  mit  unaufhalt—
samer  Willenskraft  auf  einen  sicheren,  bestimmten,  greifbaren  Schluß
losdrängen,  so  will  er  auch  das  Leben  nach  der  erkannten  Wahrheit  ge—
stalten;  soweit  es  der  Widerstand  einer  barbarischen  Welt  erlaubt,  sucht
er  die  Humanität,  die  er  die  Cardinaltugend  jedes  denkenden  Wesens
nennt,  die  Herrschaft  in  Staat  und  Gesellschaft  zu  sichern  und  geht  dem
Tode  entgegen  mit  dem  ruhigen  Bewußtsein  „die  Welt  überhäuft  mit
meinen  Wohlthaten  zurückzulassen“.

Gleichwohl  gelingt  ihm  niemals  den  Zwiespalt  seiner  Seele  völlig
zu  überwinden.  Der  innere  Widerspruch  verräth  sich  schon  in  Friedrich's
beißendem  Witze,  er  tritt  darum  so  grell  heraus,  weil  der  Held  in  seiner
stolzen  Wahrhaftigkeit  nie  daran  denkt  ihn  zu  verstecken.  Das  Leben
des  Genius  ist  immer  geheimnißvoll,  selten  erscheint  es  so  schwer  ver—
ständlich  wie  in  dem  Reichthum  dieses  zwiegetheilten  Geistes.  Der  König
sieht  mit  überlegener  Ironie  auf  die  plumpe  Unwissenheit  seiner  märkischen
Edelleute  herunter,  er  athmet  auf,  wenn  er  von  der  Langeweile  dieser
geistlosen  Gesellschaft  sich  erholen  kann  bei  dem  einzigen  Manne,  zu  dem
er  bewundernd  emporschaut,  dem  Meister  der  gallischen  Musensprache;
dabei  fühlt  er  doch,  was  er  der  guten  Klinge  jenes  rauhen  Geschlechtes
verdankt,  er  findet  nicht  Worte  genug,  den  Muth,  die  Treue,  den  ehren—
haften  Sinn  seines  Adels  zu  preisen,  er  zügelt  seinen  Spott  vor  dem
handfesten  Bibelglauben  des  alten  Zieten.  Die  Franzosen  sind  ihm  will—
kommene  Gäste  für  die  heiteren  Stunden  des  Nachtisches;  seine  Achtung
gehört  den  Deutschen.  Niemand  von  den  ausländischen  Genossen  ist  dem
Herzen  Friedrich's  so  nahe  getreten  wie  jener  „Seelenmensch“  Winterfeldt,
der  seine  deutsche  Art  auch  gegen  den  königlichen  Freund  tapfer  behauptete.
Oftmals  sehnt  sich  Friedrich  in  seinen  Briefen  hinüber  nach  dem  neuen
Athen  an  der  Seine  und  beklagt  den  Neid  mißgünstiger  Götter,  der  den
Sohn  der  Musen  verdammt  hat  im  kimmerischen  Winterlande  über
Sklaven  zu  herrschen;  und  dennoch  theilt  er  unverdrossen  wie  sein  Vater
die  Sorgen  und  Mühen  dieses  armen  Volkes,  von  Herzen  froh  des  neuen
Lebens,  das  unter  den  harten  Fäusten  seiner  Bauern  aufsprießt,  und  ruft
stolz:  „ich  ziehe  unsere  Einfachheit,  selbst  unsere  Armuth  jenen  verdammten
Reichthümern  vor,  welche  die  Würde  unseres  Geschlechts  verderben.“  Wehe
den  fremden  Poeten,  wenn  sie  sich  unterstehen  dem  Könige  einen  politischen
  Rathschlag  zu  geben;  hart  und  höhnisch  weist  er  sie  dann  in  die
Schranken  ihrer  Kunst  zurück.

6*
        <pb n="94" />
        84  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Wie  lebhaft  ihn  auch  die  Ideen  des  neuen  Frankreichs  beschäftigen,
ein  großer  Schriftsteller  ist  er  nur,  wenn  er  deutsche  Gedanken  mit  französischen
  Worten  ausspricht,  wenn  er  in  seinen  politischen,  militärischen
und  historischen  Schriften  als  ein  deutscher  Fürst  und  Feldherr  redet.
Nicht  in  der  Schule  der  Fremden,  sondern  durch  eigene  Kraft  und  eine
unvergleichliche  Erfahrung  wurde  Friedrich  der  erste  Publicist  unseres
achtzehnten  Jahrhunderts,  der  einzige  Deutsche,  der  mit  schöpferischer
Kritik  an  den  Staat  herantrat  und  in  großem  Stile  von  den  Pflichten
des  Bürgers  sprach:  so  warm  und  tief  wie  der  Verfasser  der  Briefe  des
Philopatros  wußte  noch  Niemand  aus  jenem  staatlosen  Geschlechte  über
die  Vaterlandsliebe  zu  reden.  Der  greise  König  hielt  es  nicht  mehr  der
Mühe  werth,  von  der  Höhe  seines  französischen  Parnasses  hinabzusteigen
in  die  Niederungen  deutscher  Kunst  und  mit  eigenen  Augen  zu  prüfen,
ob  die  Dichterkraft  seines  Volkes  nicht  endlich  erwacht  sei.  In  dem  Aufsatze
  über  die  deutsche  Literatur,  sechs  Jahre  vor  seinem  Tode,  wiederholt
er  noch  die  alten  Anklagen  der  regelrechten  Pariser  Kritik  wider  die  zuchtlose
  Verwilderung  der  deutschen  Sprache,  fertigt  die  abscheulichen  Plattheiten
  des  Götz  von  Berlichingen,  den  er  schwerlich  je  gelesen,  mit  schnöden
Worten  ab.  Und  doch  giebt  gerade  diese  berüchtigte  Abhandlung  ein  beredtes
  Zeugniß  von  dem  leidenschaftlichen  Nationalstolze  des  Helden.  Er
weissagt  der  Zukunft  Deutschlands  eine  Zeit  geistigen  Ruhmes,  die  den
Ahnungslosen  schon  mit  ihrem  Morgenscheine  bestrahlte.  Wie  Moses
sieht  er  das  gelobte  Land  in  der  Ferne  liegen  und  schließt  hoffnungsvoll:
„Vielleicht  werden  die  zuletzt  kommen  alle  ihre  Vorgänger  übertreffen!“
So  nah  und  so  fern,  so  fremd  und  so  vertraut  stand  Deutschlands  großer
König  zu  seinem  Volke.

Die  große  Zeit  der  alten  Monarchie  ging  zur  Rüste.  Um  den  König
ward  es  still  und  stiller;  die  Helden,  die  seine  Schlachten  geschlagen,  die
Freunde,  die  mit  ihm  gelacht  und  geschwärmt,  sanken  Einer  nach  dem
Andern  in's  Grab;  der  Fluch  der  Größe,  die  Einsamkeit  kam  über  ihn.
Er  war  gewohnt,  kein  menschliches  Gefühl  zu  schonen;  waren  ihm  doch
selber  einst  alle  wonnigen  Träume  der  Jugend  durch  den  unbarmherzigen
Vater  zertreten  worden.  Im  Alter  ward  die  rücksichtslose  Strenge  zur
unerbittlichen  Härte.  Der  ernste  Greis,  der  in  spärlichen  Mußestunden
einsam  mit  seinen  Windspielen  an  den  Gemälden  der  Gallerie  von  Sanssonci
  entlang  schritt,  oder  im  runden  Tempel  des  Parkes  schwermüthig
der  verstorbenen  Schwester  gedachte,  sah  tief  unter  seinen  Füßen  ein  neues
Geschlecht  kleiner  Menschenkinder  dahin  ziehen;  sie  sollten  ihn  fürchten
und  ihm  gehorchen,  an  ihrer  Liebe  lag  ihm  nichts.  Die  Uebermacht  des
einen  Mannes  lastete  drückend  auf  den  Gemüthern.  Wenn  er  zuweilen
noch  in  das  Opernhaus  kam,  dann  schienen  Oper  und  Sänger  vor  den
Zuschauern  zu  versinken,  Alles  blickte  hinüber  nach  der  Stelle  im  Parterre,
  wo  der  verfallene  Alte  mit  den  großen  harten  Augen  saß.  Als
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        Friedrich's  Tod.  85

die  Nachricht  seines  Todes  kam,  da  rief  ein  schwäbisches  Bäuerlein,  un—
zähligen  Deutschen  aus  der  Seele:  „Wer  soll  nun  die  Welt  regieren?“
Bis  zu  seinem  letzten  Athemzuge  strömte  alle  Willenskraft  der  preußischen
Monarchie  von  diesem  einen  Manne  aus;  der  Tag  seines  Todes  war  der
erste  Rasttag  seines  Lebens.  Sein  Testament  erzählte  der  Nation  noch
einmal,  wie  anders  als  die  Hauspolitik  der  kleinen  Höfe  das  politische
Königthum  der  Hohenzollern  seinen  Beruf  verstanden  hatte:  „Meine  letzten
Wünsche  im  Augenblicke  meines  Todes  werden  dem  Glücke  dieses  Staates
gelten;  möge  er  der  glücklichste  der  Staaten  sein  durch  die  Milde  seiner
Gesetze,  der  am  gerechtesten  verwaltete  in  seinem  Haushalt,  der  am  tapfersten
  vertheidigte  durch  ein  Heer,  das  nur  Ehre  und  edlen  Ruhm  athmet,
und  möge  er  blühend  dauern  bis  an  das  Ende  der  Zeiten!“

Anderthalb  Jahrhunderte  waren  vergangen,  seit  jener  Friedrich  Wilhelm
  unter  den  Trümmern  des  alten  Reichs  die  ersten  Werkstücke  zusammensuchte
  für  das  Gebäude  der  neuen  Großmacht.  Hunderttausende
preußischer  Männer  hatten  den  Heldentod  gefunden,  eine  ungeheure  Arbeit
war  aufgewendet  um  das  neue  deutsche  Königthum  zu  sichern,  und  mindestens
  ein  reicher  Segen  dieser  furchtbaren  Kämpfe  ward  im  Reiche  lebhaft
  empfunden:  die  Nation  fühlte  sich  wieder  daheim,  als  Herrin  auf
eigenem  Boden.  Ein  langentbehrtes  Bewußtsein  der  Sicherheit  verschönte
  den  Deutschen  im  Reiche  das  Leben;  ihnen  war,  als  sei  dies
Preußen  von  der  Natur  bestimmt,  die  Friedenswerke  der  Nation  gegen
alle  fremden  Störer  mit  seinem  Schilde  zu  decken;  ohne  dies  kräftige  Gefühl
  bürgerlichen  Behagens  hätte  unsere  deutsche  Dichtung  den  frohen
Muth  zu  großem  Schaffen  nicht  gefunden.  Die  öffentliche  Meinung  begann
  sich  nach  und  nach  mit  dem  Staate  zu  versöhnen,  der  wider  ihren
Willen  emporgewachsen  war;  man  nahm  ihn  hin  als  eine  Nothwendigkeit
des  deutschen  Lebens,  ohne  viel  um  seine  Zukunft  zu  sorgen.  Die  schwere
Frage:  wie  eine  so  verwegene  Staatsbildung  ohne  die  belebende  Kraft
des  Genies  sich  behaupten  solle?  ward  im  vollen  Ernste  nur  von  einem
Zeitgenossen  aufgeworfen,  von  Mirabeau.  Die  alte  und  die  neue  Zeit
begrüßten  einander  noch  einmal  freundlich,  als  der  Tribun  der  nahenden
Revolution  kurz  vor  dem  Tode  des  Königs  am  Tische  von  Sanssouci
weilte.  Mit  der  glühenden  Farbenpracht  seiner  Rhetorik  hat  Mirabean
dann  den  größten  Menschen,  der  seinen  Blicken  begegnet  war,  geschildert;
er  nannte  den  Staat  Friedrich's  ein  wahrhaft  schönes  Kunstwerk,  den
einzigen  Staat  der  Gegenwart,  der  einen  geistreichen  Kopf  ernstlich  beschäftigen
  könne,  doch  ihm  entging  nicht,  daß  dieser  kühne  Bau  leider  auf
allzuschwachem  Grunde  ruhe.  Von  den  Preußen  jener  Tage  wurden
solche  Zweifel  nicht  verstanden;  die  Glorie  der  fridericianischen  Zeit  erschien
  so  wunderbar,  daß  selbst  dies  tadelsüchtigste  aller  europäischen  Völker
davon  geblendet  wurde.  Für  die  nächste  Generation  ward  der  Ruhm
Friedrich's  zum  Verderben;  man  lebte  dahin  in  trügerischer  Sicherheit
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        86  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

und  vergaß,  daß  nur  neue  schwere  Arbeit  das  Werk  unsäglicher  Mühen
aufrechthalten  konnte.  Als  aber  die  Tage  der  Schande  und  der  Prüfung
kamen,  da  hat  Preußen  wieder  die  langnachwirkende  segenspendende  Macht
des  Genius  erfahren;  die  Erinnerung  an  Roßbach  und  Leuthen  war  die
letzte  sittliche  Kraft,  welche  das  lecke  Schiff  der  deutschen  Monarchie  noch
über  dem  Wasser  hielt;  und  als  der  Staat  dann  nochmals  die  Waffen
zum  Verzweiflungskampfe  hob,  da  sah  ein  süddeutscher  Dichter  die  Gestalt
des  großen  Königs  aus  den  Wolken  niedersteigen  und  dem  Volke  zurufen:
„Auf,  meine  Preußen,  unter  meine  Fahnen!  und  ihr  sollt  größer  sein
als  eure  Ahnen!“

 

Unterdessen  hatte  das  deutsche  Volk  mit  einer  jugendlichen  Schnell—
kraft,  die  in  der  langsamen  Geschichte  alter  Völker  einzig  dasteht,  eine
Revolution  seines  geistigen  Lebens  vollendet;  kaum  vier  Menschenalter
nach  der  trostlosen  Barbarei  des  dreißigjährigen  Kriegs  erschienen  die
schönsten  Tage  deutscher  Kunst  und  Wissenschaft.  Aus  den  starken  Wur—
zeln  der  Glaubensfreiheit  erwuchs  eine  neue  weltlich  freie  Bildung,  die
den  verknöcherten  Formen  der  deutschen  Gesellschaft  ebenso  feindlich  gegen—
überstand  wie  der  preußische  Staat  dem  heiligen  römischen  Reiche.  Bei
allen  anderen  Völkern  war  die  classische  Literatur  ein  Kind  der  Macht
und  des  Reichthums,  die  reife  Frucht  einer  alten  durchgebildeten  natio—
nalen  Cultur;  Deutschlands  classische  Dichtung  hat  ihr  Volk  erst  wieder
eingeführt  in  den  Kreis  der  Culturvölker,  ihm  erst  die  Bahn  gebrochen
zu  reinerer  Gesittung.  Niemals  in  aller  Geschichte  hat  eine  mächtige
Literatur  so  gänzlich  jeder  Gunst  der  äußeren  Lebensverhältnisse  entbehrt.
Hier  bestand  kein  Hof,  der  die  Kunst  als  eine  Zierde  seiner  Krone  hegte,
kein  großstädtisches  Publikum,  das  den  Dichter  zugleich  ermuthigen  und
in  den  Schranken  einer  überlieferten  Kunstform  halten  konnte,  kein
schwunghafter  Handel  und  Gewerbfleiß,  der  dem  Naturforscher  fruchtbare
Aufgaben  stellte,  kein  freies  Staatsleben,  das  dem  Historiker  die  Schule
der  Erfahrung  bot;  selbst  die  große  Empfindung,  die  aus  großen  Erleb—
nissen  stammt,  kam  den  Deutschen  erst  durch  Friedrich's  Thaten.  Recht
eigentlich  aus  dem  Herzen  dieser  Nation  des  Idealismus  ward  ihre  neue
Dichtung  geboren,  wie  einst  die  Reformation  aus  dem  guten  deutschen
Gewissen  hervorging.  Die  Mittelklassen  lebten  dahin,  fast  gänzlich  aus—
geschlossen  von  der  Leitung  des  Staates,  eingepfercht  in  die  Langeweile,
den  Zwang  und  die  Armuth  kleinstädtischen  Treibens,  und  doch  in  so
leidlich  gesicherten  wirthschaftlichen  Verhältnissen,  daß  der  Kampf  um  das
Leben  noch  nicht  das  Leben  selber  dahinnahm  und  die  wilde  Jagd  nach
Erwerb  und  Genuß  dem  befriedeten  Dasein  noch  völlig  fremd  blieb.
Unter  diesen  unbegreiflich  genügsamen  Menschen  erwacht  nun  die  leiden—
schaftliche  Sehnsucht  nach  dem  Wahren  und  dem  Schönen.  Ihre  guten
        <pb n="97" />
        Die  neue  Literatur.  87

Köpfe  fühlen  sich  als  freie  Kinder  Gottes  und  flüchten  aus  der  jämmer—
lichen  Wirklichkeit  in  die  reine  Welt  der  Ideale.  Große  Talente  geben
den  Ton  an,  hundert  begeisterte  Stimmen  fallen  ein  in  vollem  Chore.
Ein  Jeder  redet  wie  es  ihm  um's  Herz  ist,  und  befolgt  getrosten  Muthes
die  frohe  Botschaft  des  jungen  Goethe:  „denn  es  ist  Drang,  und  so  ist's
Pflicht!“  und  setzt  seine  volle  Kraft  ein,  als  ob  das  Schaffen  des  Denkers
und  des  Dichters  allein  auf  der  weiten  Welt  des  freien  Mannes  würdig
wäre,  und  lebt  sich  fröhlich  aus,  wenig  bekümmert  um  den  Lohn  der
Arbeit,  ganz  verloren  im  Dichten,  Schauen  und  Forschen,  beglückt  durch
den  überströmenden  Beifall  warmherziger  Freunde,  glücklicher  noch  durch
das  Bewußtsein  das  Göttliche  geschaut  zu  haben.

So  haben  seit  dem  Jahre  1750  etwa  drei  Generationen  deutscher
Männer,  neben  und  nach  einander  wirkend  und  oft  in  leidenschaftlichem
Kampfe  mit  einander  ringend,  die  jüngste  der  großen  Literaturen  Europas
geschaffen,  die,  selber  vom  Auslande  lange  kaum  bemerkt,  unendlich  empfänglich
  den  dauernden  Gehalt  der  classischen  Dichtung  Englands  und
Frankreichs,  Spaniens  und  Italiens  in  sich  zusammenfaßte  und  schöpferisch
  neu  gestaltete  um  schließlich  in  dem  vielseitigsten  aller  Dichter,  in
Goethe,  ihre  Vollendung  zu  finden.  Es  war  eine  Bewegung  so  völlig
frei,  so  ganz  aus  dem  innersten  Drange  des  übervollen  Herzens  heraus,
daß  sie  zuletzt  bei  dem  verwegenen  Idealismus  Fichte's  anlangen  mußte,
der  den  sittlichen  Willen  als  das  einzig  Wirkliche,  die  gesammte  Außenwelt
  nur  als  eine  Schöpfung  des  denkenden  Ich  ansah;  und  doch  ein
nothwendiges  natürliches  Werden.  Die  schöpferische  Kraft  des  deutschen
Geistes  hatte  lange  gleich  einer  Puppe  schlummernd  in  zarter  Schale
gelegen,  und  ihr  geschah,  wie  der  Dichter  sagte:  „Es  kommt  die  Zeit,  sie
drängt  sich  selber  los,  und  eilt  auf  Fittichen  der  Rose  in  den  Schooß.“
Ein  lauterer  Ehrgeiz,  der  das  Wahre  suchte  um  der  Wahrheit,  das
Schöne  um  der  Schönheit  willen,  ward  in  den  hellen  Köpfen  der  deutschen
  Jugend  lebendig.  Keine  der  modernen  Nationen  hat  jemals  so  in
vollem  Ernst,  mit  so  ungetheilter  Hingebung  in  die  Welt  der  Ideen  sich
versenkt,  keine  zählt  unter  den  Talenten  ihrer  classischen  Literatur  so
viele  reine,  menschlich  liebenswerthe  Charaktere;  darum  wird  das  Gedächtniß
  der  Tage  von  Weimar  unserem  Volke  in  allen  Zeiten,  da  sein
Gestirn  sich  zu  verdunkeln  scheint,  ein  unerschöpflicher  Quell  des  Trostes
und  der  Hoffnung  bleiben.  Die  Kunst  und  Wissenschaft  ward  den  Deutschen
  zur  Herzenssache,  sie  ist  hier  niemals,  wie  einst  bei  den  Romanen,
ein  elegantes  Spiel,  ein  Zeitvertreib  für  die  müßigen  Stunden  der  vornehmen
  Welt  geworden.  Nicht  die  Höfe  erzogen  unsere  Literatur,  sondern
die  aus  dem  freien  Schaffen  der  Nation  entstandene  neue  Bildung  unterwarf
  sich  die  Höfe,  befreite  sie  von  der  Unnatur  ausländischer  Sitten,
gewann  sie  nach  und  nach  für  eine  mildere,  menschlichere  Gesittung.

Und  diese  neue  Bildung  war  deutsch  von  Grund  aus.  Während
        <pb n="98" />
        88  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

das  politische  Leben  in  unzählige  Ströme  zertheilt  dahinfloß,  waltete  auf
dem  Gebiete  der  geistigen  Arbeit  die  Naturgewalt  der  nationalen  Einheit
so  übermächtig,  daß  eine  landschaftliche  Sonderbildung  niemals  auch  nur
versucht  wurde.  Alle  Helden  unserer  classischen  Literatur,  mit  der  einzigen
  Ausnahme  Kant's,  sind  gewandert,  und  haben  ihre  reichste  Wirksamkeit
  nicht  auf  dem  Boden  ihrer  Heimath  gefunden.  In  ihnen  allen
lebte  das  Bewußtsein  der  Einheit  und  Ursprünglichkeit  des  deutschen
Wesens  und  das  leidenschaftliche  Verlangen,  die  Eigenart  dieses  Volksthums
  wieder  in  der  Welt  zu  Ehren  zu  bringen;  sie  alle  wußten,  daß
das  ganze  große  Deutschland  ihren  Worten  lauschte,  und  empfanden  es
als  ein  stolzes  Vorrecht,  daß  allein  der  Dichter  und  der  Denker  zu  der
Nation  reden,  für  sie  schaffen  durfte.  Also  wurde  die  neue  Dichtung
und  Wissenschaft  auf  lange  Jahrzehnte  hinaus  das  mächtigste  Band  der
Einheit  für  dies  zersplitterte  Volk,  und  sie  entschied  zugleich  den  Sieg
des  Protestantismus  im  deutschen  Leben.  Die  geistige  Bewegung  hatte
ihre  Heimath  im  evangelischen  Deutschland,  riß  erst  nach  und  nach  die
katholischen  Gebiete  des  Reichs  mit  in  ihre  Bahnen  hinein.  Aus  der
Gedankenarbeit  der  Philosophen  ging  eine  neue  sittliche  Weltanschauung,
die  Lehre  der  Humanität,  hervor,  die,  aller  confessionellen  Härte  baar,
gleichwohl  fest  im  Boden  des  Protestantismus  wurzelte,  und  schließlich  allen
denkenden  Deutschen,  den  Katholiken  wie  den  Protestanten,  ein  Gemeingut
wurde;  wer  sie  nicht  kannte,  lebte  nicht  mehr  mit  dem  neuen  Deutschland.

Jene  mittleren  Schichten  der  Gesellschaft  aber,  welche  die  neue  Bildung
  trugen,  rückten  dermaßen  in  den  Vordergrund  des  nationalen  Lebens,
daß  Deutschland  vor  allen  anderen  Völkern  ein  Land  des  Mittelstandes
wurde;z  ihr  sittliches  Urtheil  und  ihr  Kunstgeschmack  bestimmten  die  öffentliche
  Meinung.  Der  classische  Unterricht,  vordem  nur  ein  Mittel  für  die
Fachbildung  der  Juristen  und  Theologen,  wurde  die  Grundlage  der  gesammten
  Volksbildung;  aus  den  zerfallenden  alten  Ständen  erhob  sich
die  neue  Aristokratie  der  studirten  Leute,  die  an  hundert  Jahre  lang  der
führende  Stand  unseres  Volkes  geblieben  ist.  Nach  allen  Seiten  hin
wirkte  die  literarische  Bewegung  erweckend  und  befruchtend;  sie  veredelte
die  rohen  Sitten,  gab  der  Frau  das  gute  Recht  der  Herrin  im  geselligen
Verkehre  zurück;  sie  schenkte  einem  gedrückten  und  verschüchterten  Geschlechte
wieder  die  helle  Lust  am  Leben.  Sie  schuf,  indem  sie  die  Schriftsprache
Martin  Luther's  ausbaute,  eine  gemeinsame  Umgangssprache  für  alle
deutschen  Stämme;  erst  im  letzten  Drittel  des  achtzehnten  Jahrhunderts
begannen  die  gebildeten  Klassen  das  reine  Hochdeutsch  auch  im  täglichen
Leben  in  Ehren  zu  halten.  Unberührt  von  dem  Lärm  und  der  Hast  der
großen  Welt  konnte  sich  die  deutsche  Dichtung  wunderbar  lange  den  unschuldigen
  Frohmuth,  die  gesammelte  Andacht  und  die  frische  Werdelust
der  Jugend  bewahren.  Das  war  es,  was  Fran  von  Staäl  noch  in  den
Glanztagen  der  Weimarischen  Kunst  so  mächtig  bezauberte;  sie  meinte  an
        <pb n="99" />
        Charakter  der  neuen  Bildung.  89

der  Ilm  inmitten  der  Höchstgebildeten  des  deutschen  Volkes  die  reine
Waldluft  eines  ursprünglichen  Menschenlebens  zu  trinken  und  athmete
wieder  auf  von  dem  Dunste  und  dem  Staube  ihrer  heimischen  Weltstadt.
Und  wie  es  das  Recht  des  Jünglings  ist,  Unendliches  zu  versprechen,  nach
allen  Kränzen  des  Ruhmes  zugleich  die  Hände  auszustrecken,  so  zeigte
auch  die  deutsche  Nation  in  jenem  zweiten  Jugendalter  ihrer  Dichtung
ein  wunderbar  vielseitiges  Streben,  sie  war  unermüdlich  im  Aufwerfen
neuer  Probleme,  im  Erfinden  neuer  Kunstformen,  versuchte  ihre  Kraft  an
allen  Wissenschaften  zugleich,  mit  einziger  Ausnahme  der  Politik.

Freilich  waren  mit  dieser  eigenthümlichen  Entstehung  unserer  neuen
Literatur  auch  ihre  Schwächen  gegeben.  Da  der  Dichter  hier  nicht  un—
mittelbar  aus  den  großen  Leidenschaften  eines  bewegten  öffentlichen  Lebens
seine  Stoffe  schöpfen  konnte,  so  gewann  die  Kritik  ein  Uebergewicht,  das
der  unbefangenen  künstlerischen  Schöpferkraft  oft  gefährlich  wurde;  die
meisten  dramatischen  Helden  unserer  classischen  Kunst  zeigen  einen  kränk—
lichen  Zug  der  Entsagung,  der  Thatenscheu.  Die  regellose  Freiheit  des
Schaffens  verführte  die  Poeten  leicht  zu  willkürlichen  Einfällen,  zu  ge—
suchter  Künstelei,  zu  vielverheißenden  Anläufen,  die  keinen  Fortgang  fanden,
und  es  ist  kein  Zufall,  daß  der  erste  unserer  Dichter  unter  allen  großen
Künstlern  der  Geschichte  die  meisten  Fragmente  hinterlassen  hat.  Die
eigenartige  Begabung  durfte  sich  noch  ungestört  ausleben  in  ursprüng—
licher  Kraft,  ward  noch  nicht  durch  das  politische  Parteileben  über  einen
Kamm  geschoren.  Stürmisch  war  die  Liebe,  zärtlich  die  Freundschaft,  über—
schwänglich  der  Ausdruck  jeder  Empfindung;  eine  beneidenswerth  gedanken—
reiche  Geselligkeit  erzog  einzelne  Männer  von  allseitiger  Bildung,  wie  sie
seit  den  Tagen  des  Cinquecento  der  europäischen  Welt  nicht  wieder  er—
schienen  waren.  Doch  mit  der  Eigenart  entfaltete  sich  auch  die  Unart  der
freien  Persönlichkeit  in  der  Stille  dieses  rein  privaten  Lebens.  „Lieben,
hassen,  fürchten,  zittern,  hoffen,  zagen  bis  in's  Mark“  —  so  hieß  das
Losungswort  der  neuen  Stürmer  und  Dränger;  ein  unbändiges  Selbstgefühl,
  ein  himmelstürmender  Trotz  ward  in  dem  jungen  Geschlechte  rege,
wunderlich  abstechend  von  der  Unfreiheit  der  öffentlichen  Zustände.  Unberechenbare
  Launen,  persönlicher  Haß  und  persönliche  Neigung  traten  anmaßend
  auf  den  Markt  hinaus;  viele  Werke  jener  Epoche  sind  schon  heute
nur  dem  verständlich,  der  die  Briefe  und  Tagebücher  ihrer  Dichter  kennt.

Eine  Literatur  von  solchem  Ursprung  und  Charakter  konnte  nicht  im
vollen  Sinne  volksthümlich  werden,  konnte  nur  langsam  und  mittelbar  auf
die  Massen  wirken.  Während  die  Gebildeten  an  den  reinen  Formen  der
Antike  sich  begeisterten,  blieb  das  Schönheitsgefühl  der  Volksmassen,  obgleich
  sie  bessere  Schulbildung  genossen  als  ihre  romanischen  Nachbarn,
weit  stumpfer  als  in  Frankreich  und  Italien.  Eine  leidliche  Durchbildung
des  Formensinnes  ist  diesem  nordischen  Volke  nur  einmal  beschieden  gewesen:
  in  den  Tagen  der  Staufer,  da  die  Pfalzen  und  Dome  des  spät-
        <pb n="100" />
        90  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

romanischen  Stils  sich  erhoben  und  die  herrlichen  Lieder  unserer  älteren
classischen  Dichtung  in  jedem  Dorfe  am  Rhein  und  Main  von  den
Bauern  und  Mägden  verstanden  wurden.  Seitdem  ist  noch  auf  jeder
Entwicklungsstufe  der  deutschen  Cultur  ein  häßlicher  Bodensatz  ungebrochener
  Barbarei  an  den  Tag  getreten.  Als  die  prächtige  Renaissance-Fassade
  des  Otto-Heinrichs-Baus  zu  Heidelberg  entstand,  lag  die  deutsche
Dichtkunst  tief  darnieder,  und  das  edle  Bauwerk  ward  durch  klägliche
Knittelverse  verunziert.  Und  wieder,  als  die  frohe  Zeit  unserer  zweiten
classischen  Dichtung  anhob,  wurden  die  bildenden  Künste,  die  nur  in  der
weichen  Luft  behäbigen  Wohlstandes  gedeihen,  von  dem  frischen  Hauche
der  neuen  Zeit  kaum  berührt,  und  Goethe  verschwendete  die  Pracht  seiner
Verse  an  lächerliche  Bauten,  wie  jenes  römische  Haus  zu  Weimar,  das
mit  seinen  antikisirenden  Formen  dem  Volke  fremd  bleibt,  den  gebildeten
Sinn  durch  kahle  Nüchternheit  beleidigt.  Wohl  ist  es  ein  rührender  Anblick,
  dies  Heroengeschlecht  des  Idealismus,  das  inmitten  der  schmucklosen
Armseligkeit  kleinfürstlicher  Residenzdörfer  um  die  höchsten  Güter  der
Menschheit  warb:  unnatürlich  weit  blieb  doch  der  Abstand  zwischen  dem
Reichthum  der  Ideen  und  der  Armuth  des  Lebens,  zwischen  den  verwegenen
  Gedankenflügen  der  Gebildeten  und  dem  grundprosaischen  Treiben
der  hart  arbeitenden  Massen.  Der  Adel  einer  harmonisch  durchgebildeten
Gesittung,  wie  sie  die  Italiener  in  den  Tagen  Leonardo's  beglückte,  blieb
den  Deutschen  noch  immer  versagt.

Aber  wie  sie  nun  war  mit  allen  ihren  Mängeln  und  Gebrechen,
diese  literarische  Revolution  hat  den  Charakter  der  neuen  deutschen  Cultur
  bestimmt.  Sie  erhob  dies  Land  wieder  zum  Kernlande  der  Ketzerei,
indem  sie  den  Grundgedanken  der  Reformation  bis  zu  dem  Rechte  der
voraussetzungslos  freien  Forschung  weiterbildete.  Sie  erweckte  mit  den
Idealen  reiner  Menschenbildung  auch  den  vaterländischen  Stolz  in  unserem
Volke;  denn  wie  unreif  auch  die  politische  Bildung  der  Zeit  erscheint,
wie  verschwommen  ihre  weltbürgerlichen  Träume,  in  allen  ihren  Führern
lebte  doch  der  edle  Ehrgeiz,  der  Welt  zu  zeigen,  daß,  wie  Herder  sagt,
„der  deutsche  Name  in  sich  selbst  stark,  fest  und  groß  sei"“.  Nicht  im
Kampfe  mit  den  Ideen  der  Humanität,  sondern  recht  eigentlich  auf  ihrem
Boden  ist  die  vaterländische  Begeisterung  der  Befreiungskriege  erwachsen.
Als  grausame  Schicksalsschläge  den  in  den  Wolken  fliegenden  deutschen
Genius  wieder  an  die  endlichen  Bedingungen  des  Daseins  erinnert  hatten,
da  gelangte  die  Nation  durch  einen  nothwendigen  letzten  Schritt  zu  der
Erkenntniß,  daß  ihre  neue  geistige  Freiheit  nur  dauern  konnte  in  einem
geachteten,  unabhängigen  Staate;  der  Idealismus,  der  aus  Kant's  Gedanken
  und  Schiller's  Dramen  sprach,  gewann  eine  neue  Gestalt  in  dem
Heldenzorne  des  Jahres  1813.  Also  hat  unsere  classische  Literatur  von
ganz  verschiedenen  Ausgangspunkten  her  dem  nämlichen  Ziele  zugestrebt
wie  die  politische  Arbeit  der  preußischen  Monarchie.  Diesen  beiden  bil-
        <pb n="101" />
        Verweltlichung  der  Wissenschaft.  91

denden  Mächten  dankt  unser  Volk  seine  Stellung  unter  den  Nationen,
den  besten  Inhalt  seiner  neuesten  Geschichte;  und  merkwürdig,  wie  sie
beide  in  ihrer  Entwicklung  an  hundert  Jahre  lang  mit  einander  Schritt
gehalten  haben:  ein  innerer  Zusammenhang,  der  ebendarum  nicht  zufällig
  sein  kann,  weil  eine  unmittelbare  Wechselwirkung  selten  stattfand.
In  derselben  Zeit,  da  der  große  Kurfürst  den  neuen  weltlichen  Staat  der
Deutschen  schuf,  geschah  auch  in  der  Literatur  die  entscheidende  That,  die
Befreiung  der  Wissenschaft  von  dem  Joche  der  Theologie.  Als  darauf
der  preußische  Staat  unter  Friedrich  Wilhelm  I.  in  stiller  Arbeit  seine
Kräfte  sammelte,  trat  auch  das  geistige  Leben  der  Nation  in  einen  Zustand
  der  Selbstbesinnung:  die  dürre  Prosa  der  Wolffischen  Philosophie
lehrte  die  Mittelklassen  wieder  logisch  zu  denken  und  zu  schreiben.  Um
das  Jahr  1750  endlich,  gleichzeitig  mit  dem  Heldenthume  König  Friedrich's,
begann  das  Erwachen  der  schöpferischen  Kraft  in  der  Literatur,  und  die
ersten  dauernden  Werke  der  neuen  Dichtung  erschienen.

Dem  Mittelalter  erschien  die  sittliche  Welt  als  eine  geschlossene  sichtbare
  Einheit;  Staat  und  Kirche,  Kunst  und  Wissenschaft  empfingen  die
sittlichen  Gesetze  ihres  Lebens  aus  der  Hand  des  Papstes.  Es  war  die
Absicht  der  Reformation,  diese  Herrschaft  der  geistlichen  Gewalt  zu  zerstören,
  dem  Staate  wie  der  Wissenschaft  das  Recht  auf  ein  selbständiges
sittliches  Dasein  zurückzugewinnen.  Doch  sie  hielt  ein  bei  einem  halben
Erfolge.  Wie  die  Theokratie  des  heiligen  Reiches  aufrecht  blieb  und  alle
weltlichen  Staaten  dem  Glaubenseifer  der  Kirchen  ihren  streitbaren  Arm
liehen,  so  fiel  auch  die  Wissenschaft  wieder  zurück  in  die  theologische  Verbildung;
  die  alte  Königin  der  Wissenschaften  behauptete  ihren  Herrscherthron,
  alle  Lehrer  der  Universitäten  wurden  auf  ein  kirchliches  Bekenntniß
verpflichtet.  Da  hob,  zunächst  in  Deutschlands  höher  gesitteten  Nachbarländern,
  die  große  Arbeit  des  mathematischen  Jahrhunderts  an:  eine
strenge  und  klare,  weltlich  freie  Forschung  erklärte  die  Geheimnisse  der
Natur,  und  gegen  das  Ende  des  siebzehnten  Jahrhunderts,  als  Newton
die  Gesetze  der  Mechanik  des  Himmels  fand,  war  nach  und  nach  eine
grundtiefe  Veränderung  in  der  Weltanschauung  der  Menschheit  vorgegangen.
  Das  kirchliche  Bekenntniß  hatte  bisher  als  der  einzige  feste
Maßstab  für  das  unsichere  Denken  gegolten,  jetzt  erschien  das  Wissen
sicherer  als  der  Glaube.  Es  wird  nun  immer  eine  stolze  Erinnerung
unseres  Volkes  bleiben,  wie  kühn  und  frei  das  getretene  Geschlecht  des
dreißigjährigen  Krieges  an  dieser  mächtigen  Bewegung  sich  betheiligte;
zuerst  empfangend  und  lernend  —  denn  dahin  war  es  mit  uns  gekommen,
daß  Leibniz  sagen  mußte,  der  deutschen  Nation  sei  als  einzige  Begabung
der  Fleiß  geblieben  —  nachher  selbständig  und  selbstthätig.  Nach  langem
erbittertem  Kampfe  vertrieb  Pufendorf  die  Theologen  aus  der  Staatswissenschaft
  und  begründete  für  Deutschland  eine  weltliche  Lehre  vom
Staate.  Andere  Wissenschaften  folgten  und  stellten  sich  auf  ihre  eignen
        <pb n="102" />
        92  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Füße;  die  Heidelberger  Hochschule  gab  zuerst  den  Grundsatz  der  Glaubenseinheit
  auf.  In  Leibniz  entstand  ein  Denker,  dessen  behutsam  vermittelnder
  Geist  innerlich  schon  ganz  frei  war  von  dem  Banne  des  Dogmas  und
der  voraussetzungslosen  Forschung  der  deutschen  Philosophie  die  Bahnen
brach;  und  bald  durfte  Thomasius  frohlockend  rufen:  „Ungebundene  Freiheit
  allein  giebt  dem  Geiste  das  wahre  Leben.“  Durch  die  Verweltlichung
der  Wissenschaften  wurde  die  politische  Macht  der  Kirchen  allmählich  von
innen  heraus  zerstört.  Von  der  Herrschaft,  welche  die  Oberhofprediger
und  Consistorien  einst  in  den  lutherischen  Reichslanden  besaßen,  war  um
die  Mitte  des  achtzehnten  Jahrhunderts  wenig  mehr  übrig;  das  neue
Beamtenthum  stand  fest  zu  der  Souveränität  des  Staates.  Zugleich
wagte  Thomasius  die  deutsche  Sprache  in  den  akademischen  Unterricht
einzuführen,  und  seit  alle  protestantischen  Hochschulen  seinem  Beispiele
folgten,  sah  sich  die  lateinische  Gelehrsamkeit  der  Jesuiten  außer  Stande,
den  Wettkampf  mit  der  protestantischen  Wissenschaft  aufzunehmen;  wer
im  katholischen  Deutschland  nach  lebendiger  Bildung  verlangte,  eilte  den
protestantischen  Universitäten  zu.  Wenngleich  der  Zunftstolz  der  Gelehrten,
  die  Roheit  der  akademischen  Jugend  noch  nicht  gänzlich  überwunden
wurde,  die  erste  Brücke  zwischen  der  Wissenschaft  und  dem  Leben  der
Nation  war  doch  geschlagen.

Zugleich  brach  für  die  evangelische  Kirche  ein  neues  Leben  an,  das
in  der  jungen  Hallischen  Hochschule  seinen  Herd  fand  und  mit  der  duldsamen
  Kirchenpolitik  des  preußischen  Staates  fest  zusammenhing.  Die
Nation  war  verekelt  an  dem  wüthenden  Dogmenstreite  des  Zeitalters  der
Religionskriege.  Die  Unionsbestrebungen  der  Calixtiner,  die  fromme
Glaubensinnigkeit  der  Pietisten  und  die  rationalistische  Kritik  des  Thomasius
  fanden  sich  zusammen  im  gemeinsamen  Kampfe  gegen  die  Herrschsucht
  des  theologischen  Buchstabenglaubens.  Der  über  dem  Gezänk  der
Glaubenseiferer  fast  vergessene  sittliche  Gehalt  des  Christenthums  trat
wieder  in  sein  Recht,  seit  Francke  und  Spener  ihre  Gemeinden  mahnten
das  Evangelium  zu  leben  in  gemeiner,  brüderlicher  Liebe.  Der  werkthätige
  Sinn  christlicher  Frömmigkeit  bekundete  sich  in  der  großartigen
Stiftung  des  Hallischen  Waisenhauses  und  anderen  Werken  der  Barmherzigkeit;
  die  Predigt  des  Pietismus  sprach  zum  Herzen  und  erlaubte
den  Frauen,  sich  wieder  als  lebendige  Glieder  der  Gemeinde  zu  fühlen.
Die  Neubelebung  des  deutschen  Protestantismus  führte  nicht,  wie  die
Bestrebungen  der  holländischen  Arminianer  und  der  englischen  Latitudinarier,
  zur  Bildung  neuer  Sekten;  sie  ging  vielmehr  darauf  aus  den
ganzen  evangelischen  Namen  zu  vereinigen,  die  Kirche  wieder  mit  dem
Geiste  des  ursprünglichen  Christenthums  zu  durchdringen  und  das  Wort
zu  erfüllen:  „in  meines  Vaters  Hause  sind  viele  Wohnungen.“  Nach
manchen  Kämpfen  und  Verirrungen  blieb  doch  das  dauernde  Ergebniß,
daß  der  deutsche  Protestantismus  die  mildeste,  freieste  und  weitherzigste
        <pb n="103" />
        Deutsche  und  französische  Aufklärung.  93

aller  christlichen  Glaubensgenossenschaften  wurde  und  auch  für  die  kühn—
sten  Wagnisse  der  Philosophie  noch  einen  Raum  bot,  daß  die  religiöse
Duldung  allmählich  in  alle  Lebensgewohnheiten  der  Deutschen  drang,
zahlreiche  gemischte  Ehen  und  bald  auch  gemischte  Schulen  den  kirchlichen
Frieden  dieses  paritätischen  Volkes  sicherten.

Nur  diese  Wiedererhebung  des  deutschen  Protestantismus  erklärt  jene
eigenthümlichsten  Charakterzüge  der  neuen  deutschen  Cultur,  welche  den
meisten  Nicht-Germanen  und  selbst  den  Engländern  räthselhaft  bleiben;
nur  sie  hat  es  ermöglicht,  daß  der  Deutsche  zugleich  fromm  und  frei
sein  konnte,  daß  seine  Literatur  protestantisch  wurde  und  doch  nicht  con—
fessionell.  Der  englisch-französischen  Aufklärung  steht  es  auf  der  Stirn
geschrieben,  daß  sie  emporkam  im  Kampfe  mit  der  Herrschsucht  unfreier
Kirchen  und  der  finsteren  Hartgläubigkeit  dumpfer  Volksmassen;  selbst  der
Deismus  der  Briten  ist  irreligiös,  denn  sein  Gott  redet  nicht  zum  Ge—
wissen,  versieht  nur  das  Amt  des  großen  Maschinenmeisters  der  Welt.
Die  deutsche  Aufklärung  dagegen  wurzelte  fest  im  Protestantismus;  sie
ging  der  kirchlichen  Ueberlieferung  mit  noch  schärferen  Waffen  zu  Leibe
als  die  Philosophie  der  Nachbarvölker,  doch  die  Kühnheit  ihrer  Kritik
ward  ermäßigt  durch  eine  tiefe  Ehrfurcht  vor  der  Religion.  Sie  weckte
die  Gewissen,  welche  der  englisch-französische  Materialismus  einschläferte;
sie  bewahrte  sich  den  Glauben  an  den  persönlichen  Gott  und  an  den
letzten  Zweck  der  vollkommenen  Welt,  die  unsterbliche  Seele  des  Menschen.
Der  fanatische  Kirchenhaß  und  die  mechanische  Weltanschauung  der  französischen
  Philosophen  erschienen  den  Deutschen  als  ein  Zeichen  der  Unfreiheit;
  mit  Widerwillen  wendete  sich  Lessing  von  Voltaire's  Spöttereien,
und  der  Student  Goethe  lachte  mit  der  Selbstgewißheit  der  zukunftsfrohen
  Jugend  über  die  greisenhafte  Langeweile  des  Systme  de  la
nature.  Das  evangelische  Pfarrhaus  behauptete  das  achtzehnte  Jahrhundert
  hindurch  noch  seinen  alten  wohlthätigen  Einfluß  auf  das  deutsche
Leben,  nahm  an  dem  Schaffen  der  neuen  Literatur  warmen  Antheil.
Wenn  unsere  Kunst  nicht  zum  Besitzthume  des  ganzen  Volks  zu  werden
vermochte,  so  danken  wir  doch  der  Verjüngung  des  deutschen  Protestantismus
  den  großen  Segen,  daß  die  sittlichen  Anschauungen  der  Höchstgebildeten
  Fühlung  behielten  mit  dem  Gewissen  der  Masse,  daß  endlich
Kant's  Ethik  auf  die  evangelischen  Kanzeln  und  bis  in  die  niedersten
Schichten  des  norddeutschen  Volks  drang.  Die  sittliche  Kluft  zwischen
den  Höhen  und  den  Tiefen  der  Gesellschaft  war  in  Deutschland  schmäler
als  in  den  Ländern  des  Westens.

Diese  erste  Epoche  der  modernen  deutschen  Literatur  trägt  noch  einen
hart  prosaischen  Zug.  Gelehrte  stehen  an  der  Spitze  der  Bewegung;
die  Dichtung  wird  von  dem  Geiste  der  neuen  Tage  noch  kaum  berührt;
nur  in  Schlüter's  Bauten  und  Bildsäulen,  in  den  Tonwerken  von  Bach
und  Händel  tritt  der  heldenhafte  Charakter  des  Zeitalters  groß  und  frei
        <pb n="104" />
        94  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

hervor.  Und  doch  erscheinen  uns  heute  jene  gewaltigen  Kämpfe  gegen
den  Jesuitismus  und  das  erstarrte  Lutherthum  ebenso  bahnbrechend,
ebenso  radical  wie  die  politischen  Thaten  des  großen  Kurfürsten.  Sie
haben  den  festen  Grund  gelegt  für  Alles  was  wir  heute  deutsche  Geistesfreiheit
  nennen.  Aus  den  reiferen  Werken  von  Leibniz  und  Thomasius,
aus  Pufendorf's  Schrift  über  das  Verhältniß  von  Staat  und  Kirche
spricht  schon  der  freie  Geist  einer  unbedingten  Duldung,  welcher  im  Auslande
  weder  Locke  noch  Bayle  ganz  zu  folgen  vermochte.

Dem  nächsten  Menschenalter  gebrach  die  schöpferische  Kraft  fast  völlig;
es  waren  die  öden  Tage,  da  Kronprinz  Friedrich  die  bestimmenden  Eindrücke
seiner  Jugend  empfing.  Eine  unfruchtbare  Vielwisserei  beherrschte  den
Markt  der  Gelehrsamkeit,  und  ihren  weitschweifigen  Werken  fehlte,  was  der
Rheinsberger  Musenhof  vor  Allem  schätzte,  Maß,  Schärfe,  Bestimmtheit
des  Ausdrucks.  Gottsched's  Dichtung  folgte  sklavisch  den  steifen  Regeln
der  französischen  Poetik,  ohne  sich  jemals  aus  breitspuriger  Plattheit  zu
dem  rednerischen  Pathos  der  Romanen  zu  erheben.  Kursachsen  war  das
einzige  deutsche  Land,  das  sich  geschmackvoller  Bildung  und  einer  fruchtbaren
  künstlerischen  Thätigkeit  rühmen  konnte;  aber  die  prächtigen  Opern
und  die  reichen  Barock-Bauten  des  Dresdner  Hofes  bezeichnen  nur  eine
phantastische  Nachblüthe  der  wälschen  Kunst,  nicht  einen  Fortschritt  unseres
nationalen  Lebens.  Gleichwohl  stand  das  Wachsthum  des  deutschen  Geistes
auch  jetzt  nicht  still.  Die  gemeinfaßlichen  Ergebnisse  der  Gedankenarbeit
der  hochbegabten  letzten  Generation  wurden  allmählich  dem  Volke  geläufig.
Die  Philosophie  Christian  Wolff's  vollzog  eine  Versöhnung  zwischen  Glauben
  und  Wissen,  welche  den  Bedürfnissen  des  Zeitalters  genügte,  gab  dem
heranwachsenden  Geschlechte  eine  feste,  in  sich  übereinstimmende  Weltanschauung.
  Die  Durchschnittsbildung  der  Mittelklassen  fand  ihren  Frieden
in  dem  Glauben,  daß  Gott  nach  den  Naturgesetzen  wirke.  Wolff  ging
mit  Absicht  über  die  Schranken  der  gelehrten  Welt  hinaus,  weckte  in  weiten
  Kreisen  die  Lust  zu  denken  und  zu  schreiben,  gewöhnte  die  Gebildeten
ihr  Scherflein  beizutragen  zu  dem  Werke  der  allgemeinen  Aufklärung.
Zugleich  wirkte  der  Pietismus  in  der  Gesellschaft  fort.  Der  rauhe  Ton
tyrannischer  Härte  verschwand  aus  dem  Familienleben.  In  den  gefühlsseligen
  Conventikeln  der  schönen  Seelen  begann  der  Cultus  der  Persönlichkeit.
  Das  Leben  jedes  Einzelnen  erhielt  einen  ungeahnten  neuen  Werth
und  Inhalt:  die  Deutschen  erkannten  wieder,  wie  reich  die  Welt  des  Herzens
  ist,  und  wurden  fähig,  tief  empfundene  Werke  der  Kunst  zu  verstehen.

Und  nun,  urplötzlich  wie  die  Macht  des  fridericianischen  Staates
und  überraschend  stark  wie  sie,  traten  die  in  langen  Jahren  der  Sammlung
  still  gereiften  Kräfte  des  deutschen  Genius  in  den  Kampf  hinaus.
Im  Jahre  1747  erschienen  die  ersten  Gesänge  von  Klopstocks  Messias.
Die  Wärme  und  Innigkeit  des  Gefühls,  die  in  den  Gebeten  und  Tagebüchern
  der  Erweckten  nur  einen  unreifen,  oft  lächerlichen  Ausdruck  ge-
        <pb n="105" />
        Klopstock.  Winckelmann.  95

funden,  schuf  sich  hier  endlich  eine  würdige  poetische  Form;  die  ernüch—
terte  Sprache  gewann  Schwung,  Adel,  Kühnheit;  die  ganze  Welt  des
Erhabenen  wurde  der  deutschen  Phantasie  von  Neuem  aufgethan.  Merk—
würdig  schnell  begriff  die  Nation,  ein  neues  Zeitalter  ihrer  Bildung  sei
angebrochen.  Ein  Schwarm  von  jungen  Talenten  drängte  sich  um  den
Sänger,  der  auch  in  seiner  persönlichen  Haltung  die  Hoheit  der  neuen
Kunst  stattlich  vertrat,  und  erging  sich  in  der  naiven  Selbstüberhebung,
die  allen  kräftig  aufsteigenden  Epochen  eigenthümlich  ist,  stellte  das  Epos
des  deutschen  Meisters  über  Homer,  seine  Oden  über  Pindar.  Eine
phantastische  Schwärmerei  für  das  Vaterland  berauschte  diese  Dichter—
kreise  und  ist  von  da,  langsam  aber  mächtig  fortwirkend,  bis  in  die
untersten  Schichten  des  deutschen  Mittelstandes  hinabgedrungen.  Wie
jede  Nation,  wenn  sie  in  einem  Wendepunkt  ihres  Daseins  eintritt,  aus
den  großen  Erinnerungen  der  heimischen  Vorzeit  frischen  Muth  zu  schöpfen
pflegt,  so  wendete  sich  die  Sehnsucht  jener  Tage  der  einfältigen  Größe
der  germanischen  Urzeit  zu:  nur  im  Schatten  deutscher  Eichenhaine,  nur
in  dem  Lande  Hermann's  und  der  Barden  sollten  Wahrheit  und  Treue,
Kraft  und  Gluth  ursprünglicher  Empfindung  heimisch  sein.  Wie  jubelte
das  neue  Deutschland,  als  der  Sänger  des  Messias  die  junge  bebende
Streiterin,  die  deutsche  Muse  aufrief,  den  Wettlauf  zu  wagen  mit  der
Dichtung  Englands.

Unterdessen  erschloß  Winckelmann  unserem  Volke  die  Erkenntniß  der
antiken  Kunst  und  fand  die  einfältig  tiefe  Wahrheit  wieder,  daß  die  Kunst
die  Darstellung  des  Schönen  ist.  Er  schuf  zugleich  die  ersten  formvoll—
endeten  Werke  der  neuen  deutschen  Prosa.  Klar,  tief  und  weihevoll  er—
klang  die  Rede  dieses  Priesters  der  Schönheit,  mächtige  Leidenschaft  und
große  Gedanken  zusammengedrängt  in  maßvoll  knapper  Form;  durch  „die
erleuchtete  Kürze“  seines  Stiles  wurde  die  formlos  breite  Redseligkeit  der
gelehrten  Pedanterei  zuerst  überwunden.  Seine  Schriften  gaben  der
jungen  Literatur  die  Richtung  auf  das  classische  Ideal.  Wetteifernd,  in
leidenschaftlichem  Entzücken,  strebten  Dichtung  und  Wissenschaft  sich  zu
erfüllen  mit  dem  Geiste  des  Alterthums;  und  da  der  Mensch  nur  schältzt
was  er  überschätzt,  so  wollte  dies  schönheitsfrohe  Geschlecht,  berauscht  von
der  Freude  der  ersten  Entdeckung,  in  der  antiken  Gesittung  nichts  sehen
als  reine  Menschlichkeit,  Gesundheit,  Natur.  Den  Romanen  war  eigentlich
  nur  die  altrömische  Welt  wahrhaft  vertraut  geworden;  die  Deutschen
zog  ein  Gefühl  der  Wahlverwandtschaft  zu  dem  hellenischen  Genius.
Ihnen  zuerst  unter  den  modernen  Völkern  ging  das  volle  Verständniß
des  griechischen  Lebens  auf,  und  als  ihre  neue  Bildung  gereift  war,
durfte  ihr  Dichter  frohlockend  rufen:  „Aber  die  Sonne  Homerss,  siehe,
sie  lächelt  auch  uns!“  Durch  die  Einkehr  in  die  Formenwelt  des  Alterthums
  erlangte  die  so  oft  arm  und  hart  gescholtene  deutsche  Sprache
nicht  nur  einen  guten  Theil  ihres  alten  Reichthums  wieder;  sie  zeigte
        <pb n="106" />
        96  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

auch  eine  ungeahnte  bildsame  Weichheit  und  Schmiegsamkeit.  Sie  allein
unter  den  neuen  Cultursprachen  erwies  sich  fähig,  alle  Versmaße  der
Hellenen  treu  und  lebendig  nachzubilden;  sie  wurde  allmählich,  seit  der
Vossische  Homer  den  Weg  gewiesen,  die  erste  Uebersetzersprache  der  Welt,
bot  den  Gestalten  der  Dichtung  aller  Völker  und  Zeiten  gastfreundlich
eine  zweite  Heimath.  Und  diese  reizbare  Empfänglichkeit  war  doch  nicht
unselbständige  Schwäche:  die  deutschen  Jünger  des  Alterthums  standen
dem  classischen  Ideale  innerlich  frei  gegenüber,  sie  ließen  sich  nicht,  wie
einst  die  Humanisten  am  Ausgang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts,  durch
die  sittlichen  Anschauungen  der  antiken  Welt  in  der  festen  Führung  des
eigenen  Lebens  beirren.  Winckelmann  selber  freilich  erinnert  in  manchem
Zuge  an  die  unbefangenen  Heiden  des  Cinquecento;  aber  die  Mehrzahl
der  Dichter  und  Denker,  die  seinen  Spuren  folgten,  blieb  deutsch,  nahm
von  hellenischer  Bildung  nur  an,  was  deutschem  Wesen  zusagte,  und  das
Gedicht,  das  unter  allen  Werken  der  modernen  Kunst  dem  Geiste  des
Alterthums  am  nächsten  kam,  Goethe's  Iphigenie  ward  doch  durchweht
von  einem  Sinne  liebevoller  Milde,  den  die  Herzenshärtigkeit  der  Heiden
nie  verstanden  hätte.

Unabhängig  von  diesen  beiden  Richtungen,  aber  einig  mit  ihnen  in
dem  Kampfe  für  das  Recht  des  freien  Künstlergeistes,  ging  Lessing  seinen
Wegj  der  productivste  Kritiker  aller  Zeiten,  stand  er  zu  Klopstocks  pathetischer
  Ueberschwänglichkeit,  wie  einst  Pufendorf  und  Thomasius  zu  dem
Pietismus  gestanden  hatten,  ablehnend  zugleich  und  ergänzend.  Seiner
schöpferischen  Kritik  gelang,  was  der  Enthusiasmus  der  neuen  Lyrik  allein
nie  vermocht  hätte,  die  gespreizte  Unnatur  der  Gottschedischen  Verskunst
für  immer  zu  vernichten,  die  Zwittergattung  der  Lehrgedichte  vom  deutschen
  Parnaß  zu  vertreiben,  die  Nation  zu  befreien  von  dem  Joche  der
Kunstregeln  Boileau's.  Und  so  wenig  wir  dem  Manne,  der  den  Patriotismus
  für  eine  heroische  Schwachheit  erklärte,  das  bewußte  vaterländische
Gefühl  unserer  Tage  andichten  dürfen:  durch  jene  mächtigen  Streitschriften,
  welche  die  Dramen  Voltaire's  dem  Gelächter  der  Deutschen
preisgaben,  geht  doch  derselbe  große  Zug  erstarkenden  nationalen  Lebens
wie  durch  Friedrich's  Heldenlaufbahn.  Lessing's  Kritik  wies  die  deutschen
Poeten  von  der  höfischen  Dichtung  der  Bourbonen  hinweg  zu  dem  recht
verstandenen  Aristoteles,  zu  den  einfachen  Vorbildern  der  antiken  Kunst
und  lehrte  sie,  die  naturgetreue  Wahrheit  über  alle  erklügelten  Regeln
zu  stellen.  Sie  zeigte  ihnen  in  Shakespeare's  Dramatik  einen  Quell
ursprünglichen  germanischen  Lebens,  der  ein  Jungbrunnen  wurde  für
die  deutsche  Kunst;  der  Dichter  des  fröhlichen  alten  Englands  fand  bei
dem  weltlich  freien  Sinne  der  Deutschen  bald  ein  tieferes  Verständniß,
als  in  seinem  eigenen,  durch  das  Puritanerthum  ernüchterten  Vaterlande.
Lessing  vor  Allen  hat  das  neue  Publikum  erzogen;  er  wurde  der  erste
deutsche  Literat,  der  Erste,  der  durch  seine  persönliche  Würde  den  Beruf  des
        <pb n="107" />
        Lessing.  Herder.  97

freien  Schriftstellers  zu  Ehren  brachte  und  zu  allen  Gebildeten  der  Nation
wirksam  zu  reden  verstand.  Die  dunkelsten  Probleme  der  Theologie,  der
Aesthetik,  der  Archäologie  erschienen  durchsichtig  klar,  wenn  er  sie  behandelte
in  dem  leichten  Tone  des  lebhaften  obersächsischen  Gesprächs,  in  jener
kunstvoll  einfachen  Prosa,  die  überall  sein  innerstes  Wesen,  die  Heiterkeit
im  Verstande,  widerspiegelte.

Und  hier,  schon  in  den  Jugendjahren  der  classischen  deutschen  Prosa,
zeigte  sich's,  daß  unsere  freie  Sprache  jeden  individuellen  Stil  ertrug,
jeden  schöpferischen  Kopf  nach  seiner  Weise  gewähren  ließ:  der  offenbar  an
französischen  Mustern  gebildete  Stil  Lessing's  war  ebenso  deutsch  wie  die
majestätischen  Perioden  Winckelmann's,  denn  Beide  schrieben  wie  sie  mußten.
Die  rechte  Sicherheit  des  literarischen  Selbstgefühls  kam  den  Deutschen
aber  erst  da  der  große  Kritiker  sich  auch  als  ein  Künstler  zeigte  und
unserer  Bühne  die  ersten  Werke  schenkte,  die  nicht  beschämt  wurden  durch
die  reiche  Wirklichkeit  des  fridericianischen  Zeitalters  und  mit  der  Dramatik
des  Auslandes  in  die  Schranken  treten  durften  —  Werke  des  schärfsten
Kunstverstandes  und  doch  voll  leidenschaftlicher  dramatischer  Bewegung,
bühnengerecht  und  doch  in  voller  Freiheit  erfunden,  Gestalten  von  unver—
gänglichem  menschlichem  Gehalt,  und  doch  mit  kecker  Hand  aus  dem  be—
wegten  Leben  der  nächsten  Gegenwart  herausgegriffen.  So  stieg  er  hoch
und  höher,  nach  allen  Seiten  hin  den  Samen  einer  freien  Bildung
streuend:  durch  seine  Emilia  weckte  er  der  jungen  Literatur  den  Muth,
ihre  Stimme  zu  erheben  gegen  die  Unfreiheit  in  Staat  und  Gesellschaft;
seine  theologischen  Streitschriften  legten  den  Grund  für  eine  neue  Epoche
unserer  theologischen  Wissenschaft,  für  die  Evangelienkritik  des  neunzehnten
Jahrhunderts;  seine  letzte  Dichtung  schuf  die  Form  für  das  Drama  hohen
Stils,  das  nachher  durch  Schiller  seine  Ausbildung  erhalten  sollte,  und
verkündete  zugleich  jenes  Glaubensbekenntniß  deutscher  Aufklärung,  dessen
heitere  Milde  anderen  Völkern  erst  nach  den  Stürmen  der  Revolution
verständlich  wurde.

In  den  siebziger  Jahren  trat  eine  neue,  noch  reichere  Generation
auf  den  Plan.  Herder's  universaler  Geist  vereinte  in  sich  die  Verstandeskühnheit
  Lessing's  und  die  Gemüthsfülle  Klopstock's.  Er  fand  die  in  langen
Jahrhunderten  barbarischer  Ueberbildung  verlorene  Wahrheit  wieder,  daß
die  Dichtung  nicht  das  Besitzthum  Einzelner,  sondern  eine  gemeine  Gabe
aller  Völker  und  Zeiten  ist,  und  führte  die  deutsche  Lyrik  zu  unseren
alten  volksthümlichen  Formen  und  Stoffen  zurück:  der  seelenvolle  Klang
des  deutschen  Reims  trat  von  Neuem  in  sein  Recht,  in  Liedern  und
Balladen  gewann  das  erregte  Gefühl  einen  warmen,  tiefen  und  natür—
lichen  Ausdruck.  Einem  durchaus  unhistorischen  Zeitalter,  das  im  Zer—
stören  einer  verrotteten  Welt  historischer  Trümmer  seinen  Ruhm  fand,
erweckte  Herder  das  Verständniß  des  geschichtlichen  Lebens.  Sein  freier
Sinn  verachtete  die  Armseligkeit  jenes  selbstzufriedenen  Wahnes,  der

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  7
        <pb n="108" />
        98  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

alle  Menschenkinder  nur  „für  das  was  wir  Cultur  nennen“  geschaffen
glaubte;  er  erkannte,  daß  jedes  Volk  sein  eigenes  Maß  der  Glückseligkeit,
  sein  eigenes  goldenes  Zeitalter  hat,  und  mit  wunderbarem  Ahnungsvermögen
  fand  er  das  Eigenste  aus  dem  Seelenleben  der  Völker  heraus:
der  Gegensatz  der  naiven  Cultur  des  Alterthums  und  der  sentimentalen
Bildung  der  modernen  Welt  ist  ihm  zuerst  klar  geworden.  Seinem
prophetischen  Blicke  enthüllte  sich  schon  der  Zusammenhang  von  Natur
und  Geschichte;  er  faßte  den  grandiosen  Gedanken  „dem  Schöpfer  nachzugehen,
  nachzusinnen“,  die  Offenbarung  Gottes  in  den  weltbauenden
Kräften  des  Alls  wie  in  den  Wandlungen  der  Menschengeschichte  aufzusuchen;
  er  vertiefte  die  Idee  der  Humanität,  indem  er  den  Menschen  verstand
  als  einen  „Ton  im  Chorgesang  der  Schöpfung,  ein  lebend  Rad  im
Werke  der  Natur“.  Schärfer  als  Herder  hat  kein  Mann  des  achtzehnten
Jahrhunderts  über  die  endlichen  Erscheinungsformen  des  Christenthums
geurtheilt,  und  doch  ist  Keiner  in  das  Verständniß  des  Glaubens  tiefer
eingedrungen  als  dieser  von  Grund  aus  religiöse  Geist.  Die  Religion
zu  reinigen  von  allem  geistlosen  und  unfreien  Wesen  blieb  das  höchste
Ziel  seines  Strebens.  Durch  jede  seiner  Schriften  weht  der  Hauch  einer
tiefen  Frömmigkeit,  ein  inniges,  glückseliges  Zutrauen  zu  der  Weisheit
und  Güte  Gottes,  das  alle  Launen  einer  selbstquälerischen,  leicht  verstimmten
  Natur  schließlich  niederzwingt;  darum  konnte  der  schonungslose  Bekämpfer
  der  Verirrungen  der  Kirche  ohne  Heuchelei  ein  hoher  Geistlicher
und  Kirchenbeamter  bleiben  —  ein  glänzendes  Zeugniß  für  die  maßvolle
Freiheit  des  Zeitalters.

Die  neue  universale  Bildung,  welcher  Herder's  kühne  Ahnungen  und
Andeutungen  nur  den  Weg  wiesen,  empfing  nun  endlich  ihre  reine  künstlerische
  Form  durch  den  sprachgewaltigen  Dichter,  dem  ein  Gott  gab  zu
sagen  was  er  litt.  Diese  geheimnißvolle  Macht  der  unmittelbaren  Eingebung
  war  es,  was  die  Zeitgenossen  zuerst  an  dem  jungen  Goethe  bewunderten.
  Bald  fühlten  sie  auch  die  Kraft  seiner  unendlichen  Liebe,  seiner
unerschöpflichen  Empfänglichkeit  für  alles  Menschliche.  Es  klang  wie  ein
Selbstgeständniß,  wenn  er  seinen  Gottessohn  sagen  ließ:  „O  mein  Geschlecht,
  wie  sehn'  ich  mich  nach  dir!  und  du,  mit  Herz=  und  Liebesarmen
flehst  du  aus  tiefem  Drang  zu  mir.“  Er  dichtete  nur  Erlebtes  gleich  den
Sängern  der  Zeitalter  naiver  Kunst;  doch  dieser  Geist  war  so  reich  und
vielgestaltig,  daß  seine  Dichtung  nach  und  nach  den  weiten  Umkreis  des
deutschen  Lebens  umspannte,  und  während  langer  Jahrzehnte  fast  jeder
neue  Gedanke,  den  die  rastlos  schaffende  Zeit  emporwarf,  in  Goethe's  Werken
seinen  tiefsten  und  mächtigsten  Ausdruck  fand,  bis  endlich  die  ganze  Welt
der  Natur  und  des  Menschenlebens  in  dem  ruhigen  Auge  des  Greises  sich
widerspiegelte;  und  so  ist  ihm  geworden  was  er  sich  wünschte,  daß  heute
noch  da  Enkel  um  ihn  trauern,  zu  ihrer  Lust  noch  seine  Liebe  dauert.  Im
sicheren  Bewußtsein  einer  ungeheuren  Begabung  trat  er  seine  Laufbahn
        <pb n="109" />
        Goethe's  Anfänge.  99

an  und  hieß  den  Schwager  Kronos  in's  Horn  stoßen,  „daß  der  Orkus
vernehme:  ein  Fürst  kommt!  —  drunten  von  ihren  Sitzen  sich  die  Ge—
waltigen  lüften.“  Wohl  war  es  Fürstenwerk,  wie  er  schon  durch  seine
Jugendgedichte  der  deutschen  Lyrik  das  neue  Leben  brachte,  das  Herder
nur  ahnte.  Alle  die  holden  und  zarten,  die  süßen  und  sehnsüchtigen
Gefühle  des  deutschen  Herzens,  die  von  Klopstock's  pathetischem  Oden—
stile  übertäubt  wurden,  gewannen  jetzt  auf  einmal  Sprache;  die  uralten
Lieder  vom  Röslein  auf  der  Haide  entzückten  wieder  die  gebildete  Jugend,
seit  Goethe  sie  den  Hirten  und  den  Jägern  ablauschte,  ihre  Einfalt  adelte
durch  den  Zauber  seiner  Kunst;  an  seinen  geselligen  Liedern  lernten  die
Deutschen  wieder,  so  recht  aus  Herzensgrunde  froh  zu  sein,  unbefangen
aufzugehen  im  himmlischen  Behagen  des  Augenblicks.  Dann  führte  der
Götz  die  derbe  unverstümmelte  Kraft  und  Großheit  des  alten  deutschen
Lebens  der  Nation  wieder  vor  die  Augen;  dann  fanden  Werther's  Leiden
das  erlösende  Wort  für  den  Sturm  und  Drang  schwärmerischer  Leiden—
schaft,  der  die  Herzen  des  jungen  Geschlechts  erfüllte,  und  es  ward  auch
politisch  bedeutsam,  daß  einmal  doch  in  diesem  zerrissenen  Volke  ein  Dichter
einen  unwiderstehlichen,  allgemeinen  Erfolg  errang,  wie  einst  Cervantes,
und  Alles  was  jung  war  in  schöner  Begeisterung  sich  zusammenfand.  Als
das  fridericianische  Zeitalter  zu  Ende  ging,  riß  der  Dichter  sich  los  aus
jenen  Herzenskämpfen,  denen  wir  die  schönsten  Liebesgedichte  deutscher
Sprache  verdanken,  um  nach  zehn  Jahren  höfischen  Lebens  voll  Arbeit
und  Zerstreuung  wieder  ein  Künstler  zu  werden;  er  eilte  in  „jenes  Land,
wo  für  jeden  Empfänglichen  die  eigenste  Bildungsepoche  beginnt“,  dort
im  Süden  lernte  er  nordische  Leidenschaft  und  Gemüthstiefe  mit  antiker
Formenreinheit  zu  versöhnen.

So  groß  er  war  und  so  gewaltig  sein  Einfluß,  die  Herrschaft  über
unsere  Dichtung  hat  er  nie  beansprucht,  und  deutsche  Freiheit  hätte  sie
Keinem  gestattet.  Nach  wie  vor,  auch  nachdem  jener  übermächtige  Genius
erstanden  war,  fluthete  die  literarische  Bewegung  in  fröhlicher  Ungebun—
denheit  dahin:  hunderte  selbständiger  Köpfe  nach  eigenem  Willen  thätig;
überall  in  den  Dichterbünden  und  Freimaurerlogen  ein  begeistertes  Suchen
nach  reiner  Menschlichkeit,  nach  der  Erkenntniß  des  Ewigen;  und  überall
in  dem  bewegten  Treiben  die  frohe  Ahnung  einer  wundervollen  Zukunft.
Dies  Geschlecht  fühlte  sich  wie  emporgehoben  über  die  gemeine  Wirklichkeit
der  Dinge,  wie  auf  Windesflügeln  dahingetragen  dem  Tage  des  Lichts,
der  Vollendung  der  Menschheit  entgegen.  Die  gedankenlose  Masse  freilich
verlangte  auch  damals,  wie  zu  allen  Zeiten,  nur  nach  behaglicher  Unter—
haltung;  Wieland's  schalkhafte  Munterkeit  war  ihr  bequemer  als  Klop—
stock's  Pathos,  wie  späterhin  Kotzebue  populärer  wurde  als  Schiller  und
Goethe.  Aber  in  den  besten  Kreisen  der  Gesellschaft  herrschte  ein  freu—
diger  Idealismus;  er  gab  der  Bildung  des  Zeitalters  das  Gepräge.

Indessen  entdeckte  die  Nation,  daß  sie  neben  dem  größten  Dichter  auch
7  *
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        100  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

den  größten  wissenschaftlichen  Kopf  des  Zeitalters  besaß.  Den  Gegensatz
  der  deutschen  und  der  französisch-englischen  Weltanschauung  bezeichnete
Goethe  mit  den  einfachen  Worten:  „Die  Franzosen  begreifen  nicht,  daß
etwas  im  Menschen  sei,  wenn  es  nicht  von  außen  in  ihn  hineingekommen
ist."  Dem  deutschen  Idealismus  erschien  umgekehrt  gerade  dies  räthselhaft:
  wie  etwas  von  außen  in  die  Seele  hineingelangen  könne.  Der
Aufklärung  des  Westens  galt  die  Welt  der  sinnlichen  Erfahrung  als  die
schlechthin  unbestreitbare  Wirklichkeit;  da  unternahm  Kant  die  Thatsachen
der  menschlichen  Erkenntniß  zu  erklären  und  stellte  die  tiefe  Frage:  wie
ist  ein  wissenschaftliches  Erkennen  der  Natur  überhaupt  möglich?  Es  war
der  große  Wendepunkt  der  neuen  Philosophie.  Mit  dem  gleichen  königlichen
  Selbstgefühle  wie  Goethe  hatte  Kant  die  Arbeit  seines  Lebens  begonnen:
  „nichts  soll  mich  hindern  meinen  Lauf  fortzusetzen;“"  er  war  ausgegangen
  von  den  Ideen  des  mathematischen  Jahrhunderts  und  darauf
jeder  Bewegung  der  neueren  Jahrzehnte  selbständig  gefolgt.  Gegen  das
Ende  des  fridericianischen  Zeitalters  trat  er  dann  mit  jenen  Werken  hervor,
  welche  die  sittlichen  Grundgedanken  des  gereiften  Protestantismus
auf  lange  hinaus  feststellten.  Verwegener  als  irgend  einer  der  Gottesleugner
  der  Encyclopädie  bekämpfte  er  den  Wahn,  als  ob  es  je  eine
Wissenschaft  vom  Uebersinnlichen  geben  könne;  doch  auf  dem  Gebiete  der
praktischen  Vernunft  fand  er  die  Idee  der  Freiheit  wieder.  Aus  der
Nothwendigkeit  des  sittlichen  Handelns  ergab  sich  ihm,  nicht  gestützt  auf
theologische  Krücken  und  eben  darum  unwiderstehlich  siegreich,  die  große
Erkenntniß,  daß  das  Unbegreiflichste  das  Allergewisseste  ist:  das  empirische
Ich  unterliegt  den  Gesetzen  der  Causalität,  das  intelligible  Ich  handelt
mit  Freiheit.  Und  dem  freien  Handeln  stellte  er  jenen  Imperativ,  bei
dem  die  Einfalt  wie  die  höchste  Bildung  ihren  Frieden  finden  konnte:
handle  so,  als  ob  die  Maxime  deines  Handelns  Naturgesetz  werden  müßte.
Auch  Kant's  Gedanken,  wie  Alles  was  diese  lebensprühende  Zeit  geschrieben
hat,  empfingen  ihre  volle  Wirkung  erst  durch  die  Macht  der  Persönlichkeit.
Die  heitere  Weisheit  des  Königsberger  Denkers,  der  von  dem  Menschen
forderte,  daß  er  selbst  in  guter  Laune  sterben  müsse,  die  schlichte  Größe
dieses  ganz  von  der  Idee  erfüllten  Lebens  packte  die  Gewissen.  Kant
wurde  der  Bildner  seiner  altpreußischen  Heimath,  er  hat  die  entlegene
Ostmark  wieder  als  ein  thätiges  Glied  in  die  Werkstatt  deutscher  Geistesarbeit
  zurückgeführt;  und  die  Erhebung  von  1813  bewährte,  wie  tief  dem
tapferen  Volke  das  Wort  zu  Herzen  gedrungen  war,  daß  überall  nichts
in  der  Welt  für  gut  dürfe  gehalten  werden,  als  allein  ein  guter  Wille.

Und  schon  erhob  sich  der  junge  Dichter,  der  bestimmt  war  dereinst
die  Ideen  der  Kantischen  Ethik  in  den  weitesten  Kreisen  der  Nation  zu
verbreiten.  Roh  und  formlos  erschienen  Schiller's  Jugendwerke,  wie  sie
eine  unbändige  Willenskraft  dem  Zwange  kleinlich  unfreier  Verhältnisse
abgetrotzt  hatte;  doch  der  kühne  Wurf  der  Fabel,  das  mächtige  Pathos,
        <pb n="111" />
        Kant.  Schiller's  Jugend.  101

der  volle  langanhaltende  Athemzug  der  Leidenschaft  und  der  gewaltig
aufsteigende  Gang  der  Handlung  ließen  schon  ahnen,  daß  Deutschland
seinen  größten  Dramatiker  gefunden  hatte  —  einen  dictatorischen,  zum
Herrschen  und  Siegen  geborenen  Geist,  der  jetzt  in  den  Tagen  jugend—
licher  Gährung  seinen  Hörern  das  Wilde  und  Gräßliche  unwiderstehlich
aufzwang  und  nachher,  gereift  und  geläutert,  die  Tausende  mit  sich  empor—
riß  über  die  gemeine  Bedürftigkeit  des  Lebens.  Aus  der  lärmenden  Rhetorik
dieser  Tragödien  sprach  eine  Welt  von  neuen  Gedanken,  glühende  Sehn—
sucht  nach  Freiheit  und  der  Haß  einer  großen  Seele  wider  die  starren
Formen  der  alten  Gesellschaft;  Rousseau's  Schriften  und  die  politische  Be—
wegung  der  Nachbarlande  warfen  bereits  ihre  ersten  Funken  nach  Deutsch—
land  hinüber.  Ein  Verächter  alles  Platten,  Engen,  Alltäglichen,  strebte
dieser  Sohn  des  kleinbürgerlichen  Schwabenländchens  hinaus  in  die  großen
Kämpfe  der  historischen  Welt;  er  zuerst  band  unserer  dramatischen  Muse
den  Kothurn  an  die  Sohlen,  führte  sie  unter  Könige  und  Helden,  auf
die  Höhen  der  Menschheit.

Neben  solchem  Reichthum  der  Kunst  und  der  Wissenschaft  erscheint
die  eigentlich  politische  Literatur  unheimlich  klein  und  dürftig.  Wie  noch
jede  große  Umgestaltung  unseres  geistigen  Lebens  in  den  Schicksalen  einer
deutschen  Universität  sich  widergespiegelt  hat,  so  läßt  sich  auch  wohl  ein
Zusammenhang  nachweisen  zwischen  den  Anfängen  unserer  classischen
Literatur  und  der  ersten  Blüthe  der  Georgia  Augusta.  Die  eifrige  Pflege
der  Rechts-  und  Staatswissenschaften,  die  von  Göttingen  ausging,  stand
in  Wechselwirkung  mit  der  großen  Gedankenströmung  des  Jahrhunderts,
die  sich  überall  den  exacten  Wissenschaften  ab-  und  der  Freiheit  der  histo—
rischen  Welt  zuwandte.  Und  es  war  lebendiges  Recht  was  die  Göttinger
Publicisten  lehrten;  die  Rechte  des  Protestantismus  und  der  weltlichen
Reichsstände  gegen  die  schattenhaften  Ansprüche  des  Kaiserthums  zu  vertheidigen
  galt  als  Ehrenpflicht  der  welfischen  Professoren.  Doch  weder
Schlözer's  derber  Freimuth  noch  Pütter's  Sammlerfleiß,  weder  die  Gelehrsamkeit
  der  beiden  Moser  noch  irgend  eine  andere  unter  den  vielen  stattlichen
  publicistischen  Erscheinungen  der  Zeit  trägt  den  Stempel  des  Genies.
Keine  Spur  von  Pufendorf's  kühnem  Weitblick,  keine  Spur  von  jener
schöpferischen  Kritik,  welche  die  Dichter  mit  feurigem  Odem  berührte;  nichts
von  der  köstlichen  Prägnanz  des  Ausdruckes,  die  uns  an  der  schönen  Literatur
  der  Zeit  entzückt:  neben  dem  Silbertone  Lessing'scher  und  Goethescher
  Prosa  giebt  die  Sprache  Pütter's  einen  blechernen  Klang.

Während  die  deutsche  Dichtkunst  und  Philosophie  die  Werke  der  Nachbarvölker
  überflügelte,  behielten  in  der  Staatswissenschaft  Engländer  und
Franzosen  die  Führung.  An  der  großen  politischen  Gedankenbewegung
des  Jahrhunderts  nahm  Deutschland  einen  wirksamen  Antheil  allein
durch  die  Thaten  und  die  Schriften  des  großen  Königs,  den  der  literarische
Aufschwung  seines  Volkes  nicht  berührte.  Wie  schwach  sind  selbst  in
        <pb n="112" />
        102  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Herder's  „Ideen“  die  politischen  Abschnitte  neben  der  Fülle  der  culturhistorischen.
  Der  einzige  stark  und  eigenthümlich  angelegte  politische  Denker,
der  Deutschlands  jungem  literarischem  Leben  angehörte,  Justus  Möser,  hat
auf  die  Zeitgenossen  eigentlich  nur  ästhetisch  gewirkt  durch  seine  geistvolle
Schilderung  des  deutschen  Alterthums;  seine  tiefsinnige  geschichtliche  Auffassung
  vom  Staate  ward  erst  weit  später,  in  den  Tagen  der  historischen
Rechtsschule,  von  der  Nation  verstanden.  Die  deutschen  Leser  brachten
dem  Publicisten  ein  reicheres  Maß  von  Geschichtskenntnissen  entgegen  als
die  Briten  und  Franzosen,  aber  keinen  Schimmer  von  politischer  Leidenschaft
  und  politischem  Verständniß.  Die  durch  und  durch  unpolitische
Zeit  verstand  die  Kunst  sich  wohl  zu  befinden  unter  Zuständen,  deren
vollendeten  Widersinn  Jedermann  fühlte.  Derweil  der  Forschermuth  deutscher
  Denker  kühnlich  an  die  dunkelsten  Räthsel  des  Kosmos  herantrat,
erschien  selbst  nach  den  furchtbaren  Lehren  der  sieben  Jahre  kein  einziger
Mann,  der  den  Finger  in  die  Wunden  des  deutschen  Staates  legte  und
der  Nation  mit  schonungslosem  Freimuth  die  entscheidende  Frage  vorhielt:
  was  dies  Aufsteigen  einer  neuen  deutschen  Großmacht  für  unsere
Zukunft  bedeute?

Weder  in  dem  Gedankenreichthum  der  Literatur  noch  in  der  Thatkraft
  des  preußischen  Staates  fand  das  deutsche  Leben  einen  erschöpfenden
Ausdruck.  Wohl  kamen  Augenblicke,  da  die  beiden  schöpferischen  Mächte
unserer  neuen  Geschichte  einander  zu  berühren  und  zu  verstehen  schienen.
Wir  Nachlebenden  vernehmen  mit  Rührung,  wie  die  bärbeißigen  Offizierc
des  fridericianischen  Heeres  in  Leipzig  bei  dem  frommen  Gellert  Herzensrath
  und  Erbauung  suchten;  der  Dichter  des  Frühlings,  Ewald  Kleist,
der  preußische  Werbeoffizier,  der  sich  in  Zürich  von  den  Strapazen  der
Menschenjagd  im  Kreise  Klopstockischer  Schöngeister  erholte  und  dann  bei
Kunnersdorf  den  Soldatentod  fand,  erscheint  uns  heute  bedeutender  als
mancher  begabtere  Poet,  weil  er  den  Heldensinn  und  die  Dichtersehnsucht
dieser  reichen  Zeit  in  sich  vereinigte.  Im  Ganzen  bleibt  doch  sicher,  daß
das  alte  Preußen  ebenso  unästhetisch  war  wie  die  deutsche  Literatur  unpolitisch.
  Die  preußische  Hauptstadt  war  zu  Lessing's  Zeiten  einige  Jahre
lang  die  Hochburg  der  deutschen  Kritik;  seit  den  siebziger  Jahren  besaß
sie  wohl  das  kunstsinnigste  Publikum  Deutschlands,  eine  verfeinerte,  geistreiche
  Geselligkeit;  schöpferisches  Vermögen  zeigte  sich  noch  wenig.  Vielmehr
führte  gerade  an  der  Spree  der  seichte  Eudämonismus  das  große  Wort.
Dem  platten  Menschenverstande  Nicolai's  ging  der  Flug  der  jungen  Dichtung
  zu  hoch;  unter  den  Jammerrufen  der  Berliner  Kritik  wurden  draußen
im  Reich  die  großen  Schlachten  der  neuen  deutschen  Cultur  geschlagen.
Unserer  classischen  Literatur  fehlte  der  feste  Boden  der  nationalen  Macht.
Sie  hat  für  alle  Zukunft  erwiesen,  daß  die  stolze  Freiheit  der  Poesie  der
Sonne  des  Glücks  entrathen  kann,  daß  eine  neue  Gedankenwelt,  sobald
sie  sich  in  der  Seele  eines  Volkes  angesammelt  hat,  auch  unfehlbar
        <pb n="113" />
        Ausgang  des  fridericianischen  Zeitalters.  103

Form  und  Ausdruck  finden  muß.  Aber  die  Nation  lief  Gefahr  einer
krankhaften  Ueberschätzung  der  geistigen  Güter  zu  verfallen,  da  ihr  litera—
risches  Leben  so  viel  herrlicher  war  als  das  politische.  Der  Patriotismus
ihrer  Dichter  blieb  zu  innerlich  um  unmittelbar  auf  das  Volksgefühl  zu
wirken.  Der  edle  weltbürgerliche  Zug,  der  die  gesammte  Literatur  des
achtzehnten  Jahrhunderts  erfüllte,  fand  hier  nicht  wie  in  Frankreich  ein
Gegengewicht  an  einem  durchgebildeten  Nationalstolze,  er  drohte  die
Deutschen  ihrem  eigenen  Staate  zu  entfremden.

So  glänzend  hatte  Deutschland  seit  Luther's  Tagen  nicht  mehr  in
der  europäischen  Welt  dagestanden  wie  jetzt,  da  die  ersten  Helden  und
die  ersten  Dichter  eines  reichen  Jahrhunderts  unserem  Volke  angehörten.
Und  solche  Fülle  des  Lebens  nur  hundert  Jahre  nach  der  Schande  der
Schwedennoth!  Wer  damals  die  Lande  der  größeren  weltlichen  Reichs—
stände  in  Mittel-  und  Norddeutschland  durchreiste,  gewann  den  Eindruck,
als  ob  hier  ein  edles  Volk  in  friedlicher  Entwicklung  einer  schönen  Zu—
kunft  entgegenreifte.  Die  humane  Bildung  der  Zeit  bethätigte  sich  in
zahlreichen  gemeinnützigen  Anstalten;  die  alte  Landplage  der  Bettler  ver—
schwand  von  den  Landstraßen,  die  größeren  Städte  sorgten  freigebig  für
ihre  Armen-  und  Krankenhäuser;  eifrige  Pädagogen  bemühten  sich  nach
neu  erfundenen  Systemen  die  Jugend  wissenschaftlich  zu  bilden  ohne  ihr
die  Unschuld  des  Rousseau'schen  Naturmenschen  zu  rauben.  Ueberall
rüttelte  die  aufgeklärte  Welt  an  den  trennenden  Schranken  der  alten
ständischen  Ordnung;  schon  fanden  sich  einzelne  Edelleute,  die  freiwillig
ihren  Gutsunterthanen  die  Freiheit  schenkten;  die  Philosophen  vernahmen
mit  Befriedigung,  daß  eines  Schinders  Sohn  in  Leipzig  Arzt  geworden,
ein  junger  Frankfurter  Doctor  im  adelstolzen  Weimar  über  die  Schultern
der  eingeborenen  Edelleute  hinweg  zum  Ministerposten  aufgestiegen  war.
Eine  heitere  Naturschwärmerei  verdrängte  die  alte  Angst  vor  den  Unbilden
der  freien  Luft,  die  philisterhaften  Gewohnheiten  des  Stubenlebens:  die
Gelehrten  fingen  an  sich  wieder  heimisch  zu  fühlen  auf  Gottes  Erde.  Und
doch  war  dies  Volk  im  Innersten  krank.  Unbewegt  und  unversöhnt  stand
die  große  Lüge  des  Reichsrechts  neben  der  neuen  Bildung  und  dem  neuen
Staate  der  Deutschen;  alle  Fäulniß,  alle  Niedertracht  des  deutschen  Lebens
lag  wie  ein  ungeheurer  Scheiterhaufen  angesammelt  in  den  Kleinstaaten
des  Südens  und  Westens,  dicht  neben  dem  ruhelosen  Nachbarvolke,  das
den  Feuerbrand  über  die  Grenze  schleudern  sollte.  Der  Ruhm  des  fridericianischen
  Zeitalters  war  kaum  verblichen,  als  das  heilige  römische
Reich  schmachvoll  zusammenstürzte.
        <pb n="114" />
        Zweiter  Abschnitt.

 

Uevolution  und  Fremdherrschaft.

Nur  ein  königlicher  Feldherr  oder  ein  reformatorischer  Gesetzgeber
konnte  das  Erbe  Friedrich's  ungeschmälert  behaupten.  Die  alte  Form  der
fridericianischen  Monarchie  stand  auf  zwei  Augen.  Wenn  es  nicht  gelang
die  kriegerischen  Kräfte  dieses  Volkes  noch  einmal  zu  kühnem  Wagen  zusammenzuraffen
  und  dem  heiligen  Reiche  durch  Preußens  Waffen  eine  neue
Verfassung  zu  schaffen,  so  ließ  sich  die  gewaltsame  Vereinigung  der  gesammten
  Staatsgewalt  in  einer  Hand  nicht  mehr  für  die  Dauer  aufrecht
erhalten.  Der  erweiterte  Umfang  des  Staatsgebietes,  die  gesteigerten  Ansprüche
  an  die  Leistungen  des  Staates  und  das  mächtig  erstarkte  Selbstgefühl
  der  wohlhabenden  Klassen  geboten  eine  umfassende  Reform,  welche
den  Staatshaushalt  beweglicher  gestaltete,  die  unhaltbar  gewordene  alte
Gliederung  der  Stände  beseitigte  und  dem  Unterthan  erlaubte,  bei  der  Verwaltung
  von  Kreis  und  Gemeinde  selber  Hand  anzulegen.  Unterblieb  der
Neubau,  so  drohte  der  Monarchie  Siechthum  und  Erstarrung;  jener  Geist
der  Kritik,  der  von  Friedrich  selber  geweckt,  aber  durch  die  Scheu  vor  seinem
Genius  in  Schranken  gehalten  worden  war,  konnte  leicht  den  sittlichen  Halt
des  Staates,  die  alte  preußische  Trene  und  Mannszucht  zerstören.

Es  ward  Deutschlands  Verhängniß,  daß  Friedrich's  Nachfolger  weder
die  eine  noch  die  andre  Aufgabe  zu  lösen  vermochte.  Friedrich  Wilhelm  II.
besaß  die  ritterliche  Tapferkeit  seiner  Ahnen  und  ein  lebendiges  Gefühl  für
seine  königliche  Würde,  für  die  Großmachtstellung  seines  Staates,  doch  weder
die  Sachkenntniß  und  den  ausdauernden  Fleiß,  noch  die  Sicherheit  des
Urtheils  und  die  feste  Willenskraft,  welche  sein  schweres  Amt  erheischte.
Ebenso  mild  und  wohlwollend,  wie  sein  alternder  Oheim  menschenfeindlich
gewesen,  leicht  erregbar,  reich  an  guten  Einfällen,  empfänglich  für  hochgehende
  Entwürfe,  ließ  er  das  rasch  und  feurig  Ergriffene  wieder  fallen,
wenn  zäher  Widerstand  ihn  ermüdete  oder  schlaue  Gegner  seinen  Großmuth
zu  schmeicheln  wußten.  Die  Kleinheit  der  Menschen  athmete  erleichtert
auf,  als  die  erdrückende  Größe  des  alten  Helden  von  hinnen  ging;  aufrichtiger
  Jubel  begrüßte  den  Vielgeliebten,  der  so  traulich  und  warmherzig
        <pb n="115" />
        Friedrich  Wilhelm  II.  105

mit  seinem  Volke  verkehrte.  Wieder  wie  in  den  Tagen  Friedrich's  J.  rühmte
man  die  inepuisablen  Hände  des  Königs,  und  noch  lange  ging  im  Lande
die  Rede  von  den  Geschenken  und  Adelsbriefen  des  großen  Gnaden—
jahres  1787.  Manche  Härten  des  fridericianischen  Regiments  wurden  be—
seitigt;  die  verhaßte  Regie  fiel,  die  Werbeoffiziere  empfingen  „zum  Besten
der  Menschheit“  die  Weisung,  ihr  hartes  Handwerk  mit  Mäßigung  zu
betreiben.  Doch  im  Wesentlichen  blieb  die  alte  Verwaltung  unverändert,
nur  daß  jetzt  der  Herrschergeist  fehlte,  der  sie  zu  beseelen  verstanden.  Das
Heerwesen  sank  unter  greisenhaften  Führern;  den  Veteranen,  die  noch  die
Kränze  der  sieben  Jahre  um  die  Stirn  trugen,  wagte  der  König  nicht  den
Abschied  zu  geben.  Die  philanthropischen  Ideen  des  Zeitalters  und  eine
wohlmeinend  schwächliche  Nachgiebigkeit  gegen  die  bürgerlichen  Interessen
entfremdeten  den  Staat  der  spartanischen  Strenge  Friedrich  Wilhelm's  I.:
durch  das  Cantonreglement  von  1792  wurde  zwar  der  altpreußische  Grundsatz
  der  allgemeinen  Wehrpflicht  nochmals  als  Regel  verkündigt,  aber  zugleich
  die  Ueberzahl  der  früherhin  zugestandenen  Ausnahmen  gesetzlich
anerkannt  und  erweitert,  also  daß  der  Waffendienst  fast  ausschließlich  die
Bauernsöhne  belastete.

Der  lebenslustige  Hof  blieb  von  wüster  Verschwendung  weit  entfernt:
  die  Hofstaats-Kasse,  die  jetzt  auch  an  Künstler  und  Gelehrte  erhebliche
  Unterstützungen  gab,  brauchte  im  jährlichen  Durchschnitt  bloß
580,000  Thaler  —  nicht  mehr  als  unter  Friedrich  Wilhelm's  sparsamem
Nachfolger.  Der  unwirthschaftliche  Sinn  des  Königs  zeigte  sich  nur  in
dem  leichtsinnigen  Verschenken  der  Staatsgüter;  und  noch  verderblicher
wurde,  daß  seine  Gutmüthigkeit  sich  nicht  entschließen  konnte,  anstatt  der
aufgehobenen  drückenden  Abgaben  rechtzeitig  neue,  gerechter  vertheilte
Steuern  aufzulegen.  Die  Ueberschüsse,  deren  dieser  Staatshaushalt  nicht
entbehren  konnte,  geriethen  bald  in's  Stocken.  Es  fehlte  der  Muth,  die
schweren  Hindernisse  zu  überwinden,  welche  die  ständische  Verfassung  jeder
Erhöhung  der  Steuerlast  entgegenstellte;  der  König  rühmte  sich  gern  der
Erleichterungen,  die  er  seinem  geliebten  Volke  gebracht  habe.  Als  eine
Mobilmachung  und  zwei  Feldzüge  den  fridericianischen  Kriegsschatz  fast
geleert  hatten,  sah  sich  die  Monarchie  bald  in  der  demüthigenden  Lage,
ihre  Machtstellung  durch  ausländische  Hilfsgelder  behaupten  zu  müssen.
Die  Sittenlosigkeit  in  der  Hauptstadt  nahm  furchtbar  überhand,  seit  sie
an  dem  Vorbilde  des  Hofes  einc  willkommene  Entschuldigung  fand;  sie
schoß  noch  üppiger  in's  Kraut,  seit  der  nothwendige  Rückschlag  gegen  die
flache  Freigeisterei  der  fridericianischen  Tage  eintrat  und  eine  krankhaft
mystische  Frömmigkeit  in  den  Hofkreisen  modisch  wurde.  Es  bezeichnet  die
ungeheure  Macht  des  neuen  literarischen  Idealismus,  daß  die  öffentliche
Meinung  forthin  jedes  preußische  Regierungssystem  nach  dem  Geiste  beurtheilt
  hat,  der  in  der  Leitung  des  Kirchen=  und  Unterrichtswesens  vorherrschte.
  Ganz  Deutschland  hallte  wieder  von  zornigem  Tadel,  als  der
        <pb n="116" />
        106  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

hochverdiente  Zedlitz  den  Abschied  erhielt  und  der  geistlose  Heuchler  Wöllner
mit  seinen  Religions=  und  Censuredicten  die  freien  Gedanken  des  Jahrhunderts
  niederzuhalten  versuchte.  Mit  Mühe  gelang  es  die  Verkündigung
des  Allgemeinen  Landrechts  gegen  den  Widerstand  der  höfischen  Frömmler
durchzusetzen.  Der  gesunde  Kern  des  Beamtenthums  blieb  freilich  unzerstörbar,
  aber  der  schwerfällige  Gang  der  Verwaltung  konnte  dem  rascheren
Zuge  des  bürgerlichen  Verkehrs  nicht  mehr  folgen;  die  erschlaffte  Zucht
verrieth  sich  in  manchen  Unterschleifen  und  Bestechungen,  die  unter  den
beiden  letzten  Königen  unerhört  gewesen.

Und  nun,  in  ruhmlosen  Tagen,  zeigte  sich  doch,  auf  wie  schwachen
Füßen  noch  jene  Staatsgesinnung  stand,  welche  Friedrich  in  seinem  Volke
erweckt  hatte.  Der  Nationalstolz  der  Preußen  war  wesentlich  Verehrung
für  den  großen  König,  er  ermattete  mit  dem  Tode  des  Helden.  Berlin
lag  für  die  Masse  der  Ostpreußen  und  Schlesier  ganz  aus  der  Welt;  in
Königsberg,  Breslau,  Magdeburg  fand  der  stillvergnügte  Particularismus
der  Landschaften  den  Mittelpunkt  seiner  Interessen.  Tiefe,  verständnißvolle
  Theilnahme  an  den  Geschicken  des  Staates  war  nur  in  engen
Kreisen  lebendig.  Um  so  lauter  lärmte  die  anmaßende  Tadelsucht.  Der
politische  Trieb,  der  in  dem  Beamtenstaate  keine  Bühne  für  gemeinnütziges
  Wirken  fand,  warf  sich  auf  die  Literatur.  Eine  Fluth  von  Schmähschriften
  überschwemmte  das  Land,  erzählte  den  urtheilslos  gläubigen
Lesern  ungeheuerliche  Märchen  von  der  asiatischen  Schwelgerei  Saul's
des  Zweiten,  Königs  von  Kanonenland:  ein  unsauberes  Treiben,  hochgefährlich,
  weil  in  der  absoluten  Monarchie  jeder  Tadel  seine  Pfeile
gradeswegs  gegen  die  Person  des  Königs  richten  mußte,  gefährlicher  noch
weil  aus  diesem  Schwalle  gehässiger  Vorwürfe  nirgends  ein  fruchtbarer
Gedanke  auftauchte,  nirgends  eine  Ahnung  von  den  wirklichen  Gebrechen
des  Gemeinwesens.  Trauriger  Wandel  der  Zeiten:  noch  erzählte  die  Welt
von  den  geistsprühenden  Gesprächen  der  Tafelrunde  von  Sanssouci,  und
jetzt  trieb  nahebei  in  Charlottenburg  und  im  Marmorpalais  am  Heiligen
See  der  Kammerdiener  Rietz  mit  der  Gräfin  Lichtenau  sein  plattes  Wesen,
und  der  Nachfolger  Friedrich's  bestaunte  andachtsvoll  die  Geistererscheinungen
  im  Zauberspiegel  des  Obersten  Bischoffwerder.

Friedrich's  letztes  Werk,  der  deutsche  Fürstenbund,  zerbrach  dem  Erben
unter  den  Händen.  Der  alte  König  war  freilich  über  die  Herzensgesinnungen
  seiner  kleinen  Bundesgenossen,  über  die  Unzuverlässigkeit  der
Freundschaft  von  Hannover  und  Sachsen  nie  im  Zweifel  gewesen,  man
kannte  seinen  verächtlichen  Ausspruch  „mit  diesen  Herren  ist  nichts  zu
machen“,  aber  nicht  umsonst  hatte  er  den  Fürstenbund  als  ein  Vermächtniß
an  seine  Nachkommen  bezeichnet.  So  lange  die  außerordentliche  Gunst  der
Lage  währte,  so  lange  die  Angst  vor  Oesterreichs  Uebergriffen  den  hohen
Adel  Deutschlands  unter  Preußens  Fahnen  bannte,  mußte  ein  starker
Wille  die  glänzende  Stellung  an  der  Spitze  des  deutschen  Fürstenstandes
        <pb n="117" />
        Zerfall  des  Fürstenbundes.  107

als  ein  Mittel  zu  bleibender  Machterweiterung  zu  verwerthen  wissen.
Die  Erledigung  des  Kaiserthrones  stand  nahe  bevor,  da  Kaiser  Joseph
kränkelte;  ein  geheimer  Artikel  des  Bundesvertrages  verpflichtete  die  Ge—
nossen  des  Fürstenbundes,  das  Ob  und  Wie  (an  und  quomodo)  der
neuen  Kaiserwahl  nur  nach  gemeinsamem  Einverständniß  zu  entscheiden.
Preußen  gebot  über  die  Mehrheit  im  Kurfürstenrathe;  soeben  wurde  die
Coadjutorwahl  in  dem  wichtigsten  der  geistlichen  Staaten,  in  Kurmainz,
zu  Preußens  Gunsten  entschieden.  Mindestens  der  Versuch  mußte  gewagt
werden,  die  Politik  des  zweiten  schlesischen  Krieges  unter  ungleich  glück—
licheren  Umständen  zu  erneuern,  die  todte  Masse  der  deutschen  Mittel—
staaten  unter  Preußens  Führung  zu  einer  lebendigen  Macht  zu  erheben.
Noch  einmal  schien  es  möglich,  die  deutsche  Krone  auf  ein  deutsches  Haus
zu  übertragen  oder  auch  das  Kaiserthum  ganz  zu  beseitigen  und  die  er—
lauchte  Republik  deutscher  Fürsten  in  bündischen  Formen  neu  zu  gestalten;
einem  siegreichen  Preußen  mußten  die  kleinen  Genossen,  wie  ungern  immer,
gehorchen.  Der  leichtblütigen  vertrauensvollen  Natur  des  neuen  Königs
lagen  die  skeptischen  Ansichten  seines  welterfahrenen  Vorgängers  fern.
Schon  als  Prinz  hatte  er  auf  den  Gedanken  des  Fürstenbundes  glänzende
  Hoffnungen  gebaut;  jetzt  überließ  er  die  Leitung  seiner  deutschen
Politik  eine  Zeit  lang  den  Händen  Karl  August's  von  Weimar.

Kühne,  großartige  Reformpläne  gährten  in  dem  Kopfe  dieses  hochherzigen
  Patrioten;  unermüdlich  bereiste  er  die  Höfe  als  der  Curier  des
Fürstenbundes.  Er  sah  in  diesem  Vertheidigungsbündniß  eine  dauernde
Institution,  den  festen  Kern  einer  neuen  Reichsverfassung,  dachte  dem
Bunde  ein  stehendes  Heer  und  in  Mainz  einen  großen  Waffenplatz  zu
schaffen;  ein  Bundestag,  nach  Mainz  berufen,  sollte  das  Werk  der  Reichsreform
  in  Angriff  nehmen,  den  Unwahrheiten  des  bestehenden  Rechtes
herzhaft  zu  Leibe  gehen.  Die  Aussichten  schienen  günstig.  Alle  Kleinstaaten
  Europas  fühlten  sich  bedroht  durch  die  abenteuerlichen  Eroberungspläne
  der  Hofburg  und  hofften  auf  Preußen  als  den  Schirmer  des  Gleichgewichts.
  In  Piemont  und  der  Schweiz  wurde  schon  die  Frage  erwogen,
ob  man  nicht  dem  Fürstenbunde  beitreten  und  sich  also  gegen  Oesterreich
decken  solle;  als  Belgien  wider  die  Neuerungen  Kaiser  Joseph's  die  Waffen
erhob,  tauchte  der  Vorschlag  auf,  auch  dies  kaiserliche  Kronland  als  einen
selbständigen  Staat  in  die  Reichsassociation  aufzunehmen.

Unterdessen  war  Preußen  noch  einmal  selbstbewußt  als  die  Vormacht
Mitteleuropas  aufgetreten;  Graf  Hertzberg  hatte  den  glücklichen  Gedanken
gefaßt,  die  von  inneren  Kämpfen  erschütterte  Republik  der  Niederlande
der  Herrschaft  der  Patriotenpartei  —  das  will  sagen:  dem  Einflusse  Frankreichs
  —  zu  entreißen.  Die  Truppen  des  Königs  rückten  in  Holland  ein,
trieben  in  leichtem  Siegeszuge  die  Schaaren  der  Patrioten  auseinander,
stellten  das  Ansehen  des  Hauses  Oranien  wieder  her.  Jetzt  galt  es  den
Sieg  auszubeuten,  dies  blutsverwandte,  durch  Preußens  Waffen  wieder
        <pb n="118" />
        108  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

eingesetzte  Herrscherhaus  fest  an  das  preußische  System  anzuschließen.
Karl  August  rieth,  die  Republik  solle  dem  Fürstenbunde  beitreten  und  durch
regelmäßige  Soldzahlungen  den  Kleinfürsten  den  Unterhalt  eines  stehenden
Heeres  ermöglichen.  Doch  hier  zuerst  zeigte  sich  die  verhängnißvolle  Unbeständigkeit
  des  Königs,  der  keinen  seiner  guten  Gedanken  bis  zum  Ende
verfolgen  mochte.  Der  Eifer  für  den  Fürstenbund  war  längst  im  Erkalten;
Friedrich  Wilhelm's  weiches  Gemüth  verehrte  die  altheiligen  Formen  der
deutschen  Verfassung  mit  reichsfürstlicher  Devotion,  eine  Reform  an  Haupt
und  Gliedern  widerstrebte  seiner  Pietät.  Die  Berliner  Staatsmänner  verhehlten
  kaum  ihre  Geringschätzung  gegen  den  Bund  der  deutschen  Kleinfürsten,
  Graf  Hertzberg  nannte  ihn  oft  das  Kreuz  der  großen  Politik.
Die  Berufung  des  Bundestages  nach  Mainz  unterblieb,  da  Sachsen  und
Hannover  bösen  Willen  zeigten;  von  den  Entwürfen  Karl  August's  kam
keiner  zur  Reife,  und  schon  zwei  Jahre  nach  Friedrich's  Tode  war  von
der  Ausbildung  und  Befestigung  des  Fürstenbundes  kaum  noch  die  Rede.
Die  preußische  Armee  räumte  die  Niederlande,  und  die  leichtsinnige  Großmuth
  des  Königs  erließ  dem  reichen  Nachbarvolke  den  Ersatz  der  Kriegskosten.
  Das  so  glänzend  begonnene  Unternehmen  schloß  mit  einer  diplomatischen
  Niederlage.  Nicht  Preußen,  sondern  England  gewann  im  Haag
die  Oberhand,  das  alte  Bündniß  der  beiden  Seemächte  stellte  sich  wieder
her.  Mehr  als  sechs  Millionen  Thaler  waren  zwecklos  verschleudert;  seitdem
  begannen  die  verderblichen  Geldverlegenheiten  dieser  Regierung.  Im
Heere  aber  nahm  nach  den  unblutigen  holländischen  Triumphen  ein  gefährlicher
  Dünkel  überhand;  mit  grenzenloser  Verachtung  sah  der  Berufssoldat
  auf  jede  Volksbewaffnung  herab.

Noch  war  die  wunderbare  Gunst  des  Glückes  nicht  erschöpft.  Abermals
  bot  sich  dem  Könige  die  Gelegenheit,  seine  Machtstellung  in  Deutschland
  und  Europa  zugleich  zu  verstärken.  Kaiser  Joseph  konnte  die  Niederlage
  der  schlesischen  und  bairischen  Kriege  nicht  verwinden.  Beherrscht
von  dem  leidenschaftlichen  Verlangen  die  Ehre  seines  Hauses  an  dem
preußischen  Gegner  zu  rächen,  seine  Uebermacht  im  Reiche  wiederherzustellen,
  gab  er  die  Interessen  Oesterreichs  im  Oriente  preis;  er  verständigte
sich  mit  Rußland  und  ging  auf  die  byzantinischen  Pläne  Katharina's  ein,
gegen  die  Zusage  großer  Gebietserweiterungen  in  Baiern,  in  Italien,  in
den  türkischen  Grenzlanden.  Während  nun  die  Heere  der  beiden  Kaisermächte
  an  der  Donau  einen  mühseligen  Feldzug  gegen  die  Osmanen  begannen,
  erwachte  in  den  österreichischen  Erblanden  überall  der  Widerstand
gegen  die  hastigen  Reformen,  die  gewaltsamen  Centralisationsversuche  des
Kaisers:  Belgien  war  in  offenem  Aufstande,  die  Magyaren  so  tief  verstimmt,
  daß  bereits  Sendboten  des  unzufriedenen  Adels  den  König  von
Preußen  baten  ihnen  einen  neuen  Ungarnkönig  vorzuschlagen.  Alle  Cabinette
  geriethen  in  Aufruhr,  da  die  ungeheuerlichen  Vergrößerungspläne
der  Kaiserhöfe  an  den  Tag  kamen.  König  Friedrich  Wilhelm  schloß  mit
        <pb n="119" />
        Die  Krisis  von  1790.  109

den  Seemächten  einen  Dreibund  zur  Wahrung  des  Besitzstandes  im
Oriente;  Schweden  hatte  schon  den  Krieg  gegen  Rußland  eröffnet;  auch
die  Polen  dachten  an  eine  Schilderhebung  wider  die  Czarin,  traten  mit
Preußen  in  Bündniß.  Frankreich,  das  noch  von  den  Zeiten  Choiseul's
her  mit  Oesterreich  verbündet  war,  sah  sich  durch  den  Ausbruch  der  Re—
volution  an  jeder  kühnen  auswärtigen  Politik  verhindert;  der  Berliner
Hof  begrüßte  die  Anfänge  der  großen  Umwälzung  mit  Freuden,  weil  sie
den  Bestand  der  österreichisch-französischen  Allianz  gefährdete;  seine  Diplo—
maten  sorgten  dafür,  Petion  und  andere  Wortführer  der  Nationalversammlung
  bei  friedlicher  Stimmung  zu  halten.  Noch  nie  war  die  Lage
der  Welt  so  verlockend  gewesen  für  einen  Waffengang  wider  Oesterreich;
wenn  das  preußische  Heer,  das  sich  an  der  schlesischen  Grenze  versammelte,
  den  Stoß  in's  Herz  der  österreichischen  Macht  wagte,  so  stand  ihm
auf  der  Straße  nach  Wien  nirgends  eine  ebenbürtige  Truppenmasse  gegenüber,
  fast  die  gesammte  Streitmacht  des  Kaisers  weilte  ferne  im  Türkenkriege.
  Jetzt  oder  niemals  war  der  Augenblick,  den  deutschen  Dualismus
mit  dem  Schwerte  zu  lösen  und,  wie  einst  Friedrich,  in  stolzer  Freiheit,
mitten  hindurch  zwischen  Feinden  und  halben  Freunden,  die  Schicksalsfrage
  zu  stellen:  Preußen  oder  Oesterreich?

Aber  weder  der  König  noch  sein  Minister  Hertzberg  erkannte  ganz,
was  der  große  Augenblick  für  Deutschlands  Zukunft  bedeutete.  Dieser
doctrinäre  Gelehrte,  ein  stolzer  Preuße  voll  glühender  Vaterlandsliebe,
ganz  erfüllt  von  der  Ueberzeugung,  daß  der  unversöhnliche  Gegensatz  der
beiden  deutschen  Großmächte  in  einer  geographischen  Nothwendigkeit  begründet
  sei,  war  dem  alten  Könige  ein  brauchbarer  Helfer  gewesen,  gleich
thätig  als  Publicist  wie  als  Depeschenschreiber  bei  allen  diplomatischen
Verhandlungen  vom  Beginne  des  siebenjährigen  Krieges  bis  herab  zur
Stiftung  des  Fürstenbundes;  die  fridericianische  Politik  in  ihrer  einfachen
Großheit  selbständig  weiter  zu  führen  vermochte  er  nicht.  Obwohl  König
Friedrich  ihn  nur  als  Werkzeug  benutzt  und  auf  seinen  Rath  selten  gehört
hatte,  so  fühlte  er  sich  doch  selbstgefällig  als  den  rechten  Erben  des  großen
Königs  und  „des  alten  kraftvollen  brandenburgischen  Systems",  als  den
gewiegtesten  Kenner  aller  Machtverhältnisse  des  Welttheils;  so  lange  er
das  Ruder  führte,  sollte  kein  Fehler  möglich  sein  und  Preußen  immerdar
die  erste  Rolle  in  Europa  spielen.  Statt  der  einfachen  Pläne,  welche  der
alte  Held  mit  rücksichtsloser  Offenheit  verfolgte,  liebte  sein  Schüler  gesuchte,
  künstliche  Combinationen  zur  Wahrung  des  europäischen  Gleichgewichts
  auszuklügeln;  ein  Bund  der  drei  Nordmächte  Preußen,  England,
Rußland  erschien  ihm  als  der  Stein  der  Weisen,  obschon  dafür  alle  Vorbedingungen
  fehlten.  Während  Friedrich  allezeit  der  nüchternen  Meinung
blieb,  daß  Preußen  auf  der  weiten  Welt  nur  offene  und  versteckte  Feinde
habe,  baute  Hertzberg  mit  unbeirrtem  Dünkel  auf  die  siegreiche  Macht
seiner  Beweisgründe.  Jetzt  wähnte  er  den  unfehlbaren  Weg  zur  Bei-
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        110  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

legung  der  orientalischen  Händel  gefunden  zu  haben:  die  Abtretung  der
nördlichen  Provinzen  der  Türkei  und  die  Wiedervereinigung  Galiziens  mit
Polen  sollten  die  Mittel  gewähren  für  eine  weitumfassende  Ländervertauschung
  in  Osteuropa,  welche  sämmtliche  Mächte  des  Ostens  mit  Freuden
ergreifen  würden;  dem  preußischen  Vermittler  war  die  Erwerbung  von
Schwedisch-Pommern,  Danzig  und  Thorn,  Kalisch  und  Posen  zugedacht,
kurz  die  Ausfüllung  der  Lücken  in  seiner  Nord=  und  Ostgrenze,  und  dies
Alles  ohne  daß  er  das  Schwert  zu  ziehen  brauchte,  allein  durch  die  Zauberkraft
  der  diplomatischen  Federn!

Der  überfeine  Plan  ward  nicht  nur,  zu  Hertzberg's  Erstaunen,  von
den  beiden  Kaisermächten  zurückgewiesen;  er  stieß  auch  bald  auf  den  Widerspruch
  der  preußischen  Bundesgenossen  selber.  Die  Seemächte  scheuten
den  offenen  Bruch  mit  den  Kaiserhöfen,  weil  sie  den  ergiebigen  russischen
Handel  zu  verlieren  fürchteten;  darum  hatte  England  schon  im  siebenjährigen
  Kriege  die  einzige  für  Preußen  werthvolle  Bundeshilfe,  die  Absendung
  einer  starken  Flotte  in  die  Ostsee,  verweigert.  Auch  die  Polen
sahen  keinen  Grund  in  die  Abtretung  von  Danzig  und  Posen  zu  willigen,
welche  vielleicht  den  Fortbestand  der  polnischen  Republik  noch  hätte  retten
können.  Die  Pforte  endlich  wollte  von  einer  Verkleinerung  ihres  Gebiets
nichts  hören,  da  ihre  Heere  sich  des  Angriffs  der  Kaisermächte  glücklich
erwehrten.  In  solcher  Verlegenheit  setzte  Preußen  seine  Forderungen  herab
und  verlangte  nur  die  Wiederherstellung  des  Besitzstandes  im  Oriente.
Auch  jetzt  noch  konnten  die  Verhandlungen  die  entscheidende  Abrechnung
mit  Oesterreich  herbeiführen,  wenn  man  sie  also  verschärfte,  daß  die  Hofburg
  den  Krieg  annehmen  mußte.  Eben  dies  versäumte  Hertzberg,  während
der  König  mit  richtigem  Gefühle  eine  Entscheidung  durch  die  Waffen  verlangte.
  Inmitten  dieser  gewaltigen  Verwickelung  starb  Kaiser  Joseph,  und
nun  rächte  sich  die  hochmüthige  Geringschätzung,  welche  Hertzberg  dem
Fürstenbunde  erwiesen.  Der  Bund  war  bereits  dermaßen  geschwächt,  die
Gesinnung  der  kleinen  Höfe  so  unsicher,  daß  die  große  Frage  der  Kaiserwahl
  kaum  noch  als  eine  Frage  erschien.  König  Friedrich  Wilhelm  ließ
nach  seiner  unbeständigen  Weise  die  kriegerischen  Pläne  bald  wieder  fallen;
er  beruhigte  sich  bei  der  Erwägung,  daß  sein  Oheim  selber  die  Erwerbung
der  Kaiserwürde  für  sein  Haus  nicht  gewünscht  hatte,  und  bot  unbedenklich
dem  Nachfolger  Joseph's,  Leopold  II.,  die  Kaiserwürde  an,  als  dieser  ihm  mit
nachgiebigen  Erklärungen  entgegenkam.  Er  war  zufrieden  mit  einem  halben
Siege  und  schloß  am  26.  Juli  1790  den  unseligen  Reichenbacher  Vertrag,
der  einfach  den  Besitzstand  vor  dem  orientalischen  Kriege  wiederherstellte.

Wohl  war  es  ein  Erfolg,  daß  Preußens  Drohungen  das  Haus  Lothringen
  zwangen  das  eroberte  Belgrad  wieder  herauszugeben,  den  mit  ausschweifenden
  Hoffnungen  und  großem  Aufwande  unternommenen  Türkenkrieg
  ruhmlos  zu  beendigen.  Und  doch  wußte  Leopold  wohl,  warum  er
froh  aufathmend  schrieb:  „Es  ist  der  am  wenigsten  schlechte  Friede,  den
        <pb n="121" />
        Vertrag  von  Reichenbach.  111

wir  schließen  konnten.“  Der  Tod  Joseph's  II.  wurde  für  Preußens  deutsche
Politik  ebenso  unheilvoll  wie  einst  der  Tod  Karl's  VII.  Joseph's  kluger
Nachfolger  rettete  die  Machtstellung  Oesterreichs  im  Reiche,  indem  er  die
orientalischen  Pläne  seines  Bruders  aufgab;  er  empfing  —  so  gestand
er  selber  —  die  Kaiserkrone  ohne  jede  Bedingung  als  ein  großmüthiges
Geschenk  aus  der  Hand  des  Königs  von  Preußen.  Oesterreichs  diplo—
matische  Niederlage  gereichte  allein  der  Türkei  und  den  Seemächten  zum
Vortheil;  die  Pforte  wurde  durch  Preußens  Dazwischentreten  von  einem
gefährlichen  Gegner  befreit,  die  hartconservative  orientalische  Politik  Eng—
lands  verdankte  der  Ueberklugheit  Hertzberg's  einen  leichten  Triumph.  Der
Berliner  Hof  aber  sah  binnen  Kurzem  die  Lage  der  Welt  zu  seinem  Nach—
theil  verändert.  Die  aufsässigen  Kronlande  wurden  durch  Leopold's  ge—
wandte  Nachgiebigkeit  zum  Gehorsam  zurückgeführt,  durch  seine  florenti—
nische  Geheimpolizei  in  Ruhe  gehalten;  in  Polen  errang  Oesterreich  bald
beherrschenden  Einfluß;  Schweden  schloß  einen  nachtheiligen  Frieden  mit
Rußland;  England  versagte  offen  seine  Mitwirkung  zu  Hertzberg's  polnischen
Plänen.  Und  vor  Allem,  der  Reichenbacher  Vertrag  war  der  Tod  des
Fürstenbundes,  war  das  Ende  der  deutschen  Politik  des  großen  Königs.
Die  kleinen  Fürsten  traten  jetzt,  da  sie  in  Berlin  den  stolzen,  gebieterischen
Willen  vermißten  und  von  Leopold's  Mäßigung  nichts  mehr  zu  fürchten
hatten,  einer  nach  dem  andern  in  ihre  natürliche  Parteistellung  zurück;
sie  versöhnten  sich  mit  Oesterreich,  der  Fürstenbund  verschwand  spurlos,
nicht  einmal  eine  ernstliche  Reform  der  Wahlcapitulation  ließ  sich  erreichen.
Die  letzte  günstige  Stunde,  da  Preußen  die  heillose  Wirrniß  der  Reichspolitik
  vielleicht  noch  lichten  konnte,  war  unwiederbringlich  verloren;  führerlos
  schwankte  das  unförmliche  deutsche  Gemeinwesen  der  Vernichtung  durch
fremde  Gewalt  entgegen.  Karl  August  klagte  bitter  über  den  Schlummergeist
  der  Deutschen,  der  dies  Chaos  für  das  unantastbare  Ideal  einer  guten
Verfassung  halte;  und  derweil  im  Westen  schon  das  Unwetter  heraufzog,
das  die  gesammten  alten  Formen  der  europäischen  Welt  zu  zerstören  drohte,
faßte  der  wohlmeinende  Kurfürst  von  Köln  die  Herzenswünsche  des  deutschen
  hohen  Adels  für  die  Zukunft  des  Vaterlandes  in  den  Worten  zusammen:
  „Wir  brauchen  einen  friedlichen  Kaiser,  der  das  deutsche  Wesen
nothdürftig  zusammenhält;  aber  den  Kleinen  muß  man  die  Illusion  lassen,
als  ob  sie  auch  an  der  Maschine  mitzögen.“  Auch  dem  Volke  fehlte  jedes
Verständniß  für  den  Ernst  der  Zeit.  Einzelne  geistreiche  Publicisten,  wie
Georg  Forster,  priesen  den  Triumph  der  preußischen  Staatskunst,  ihre
Unterlassungssünden  bemerkte  Niemand.  Die  Masse  der  Nation  freute
sich  harmlos  des  wiederhergestellten  Friedens;  als  der  König  während  der
Reichenbacher  Verhandlungen  einmal  der  modischen  Naturschwärmerei
seinen  Zoll  zahlte  und  den  Gipfel  der  Heuscheuer  erkletterte,  da  errichteten
  ihm  die  treuen  Schlesier  droben  auf  dem  Grenzgebirge  ein  Denkmal
voll  warmer  Dankesworte:  „Den  Frieden  wahrt  sein  sichrer  Schild!“
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        112  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Es  war  die  nothwendige  Folge  dieser  kleinmüthigen  Friedenswahrung,
daß  Hertzberg  bald  nachher  durch  den  längst  schon  mächtigen  Günstling
Bischoffwerder  ganz  zur  Seite  geschoben  wurde;  sehr  unglücklich  in  der
Wahl  der  Mittel,  hatte  er  doch  mindestens  einen  Grundgedanken  der
fridericianischen  Staatskunst  niemals  aufgegeben,  die  stolze  Unabhängigkeit
  der  preußischen  Politik  von  den  Befehlen  der  Hofburg  immer  zu  behaupten
  gesucht.  Mit  Bischoffwerder  kam  eine  völlig  neue  Richtung  an's
Regiment:  die  Politik  des  friedlichen  Dualismus.  Sie  hoffte,  in  schroffem
Gegensatze  zu  den  Anschauungen  der  jüngsten  glorreichen  fünfzig  Jahre,
durch  ein  österreichisches  Bündniß  den  Bestand  des  Staates,  vornehmlich
gegen  Rußland  zu  sichern;  sie  verzichtete  auf  jeden  Gedanken  der  Reichsreform
  und  dachte  in  treuem  Einvernehmen  mit  dem  Kaiserhause  die  deutschen
  Dinge  zu  leiten.  Im  Frühjahr  1791  begann  Bischoffwerder  die  Verhandlungen
  über  das  österreichisch-preußische  Bündniß.  Unklarer,  unglücklicher
  konnten  sich  Deutschlands  Geschicke  nicht  gestalten.  Der  Bund  der
beiden  unversöhnten  Feinde  war  von  Haus  aus  eine  Unwahrheit;  es  fehlte
hüben  wie  drüben  das  rückhaltlose  Vertrauen.  Die  große  Mehrzahl  der
preußischen  Staatsmänner  hing  noch  fest  an  den  fridericianischen  Ueberlieferungen,
  verfolgte  mit  wachem  Argwohn  jeden  Schritt  des  Wiener  Cabinets;
  in  der  Hofburg  hatte  man  weder  die  Eroberung  Schlesiens  noch
die  Reichenbacher  Demüthigung  verziehen  und  war  keineswegs  gesonnen,
den  nordischen  Emporkömmling  als  einen  gleichberechtigten  Genossen  zu
behandeln.  Von  allen  den  großen  Machtfragen,  welche  sich  trennend  zwischen
  die  beiden  Nebenbuhler  stellten,  war  keine  einzige  gelöst.  Das  Bündniß
zwischen  Oesterreich  und  Rußland  blieb  vorderhand  noch  aufrecht,  gegen  die
Erwartung  des  Berliner  Hofes.  Die  reichsfürstliche  Ergebenheit  des  Königs
  beirrte  den  Kaiser  nicht  in  der  alten  Ueberzeugung,  daß  jede  Erweiterung
  der  preußischen  Macht  im  Reiche  ein  Unheil  für  Oesterreich  sei;
der  Wiener  Hof  sah  mit  schwerer  Besorgniß,  wie  Preußen  die  alten  Stammlande
  Ansbach-Bayreuth  mit  der  Monarchie  vereinigte  und  also  zum  ersten
male  im  Süden  Deutschlands  festen  Fuß  faßte,  die  gefährliche  Position
in  der  Flanke  Böhmens  gewann.  Noch  greller  zeigte  sich  der  Gegensatz
der  Interessen  der  beiden  Bundesgenossen  in  der  polnischen  Frage.

Beide  Mächte  wünschten  die  polnische  Adelsrepublik  aufrecht  zu  halten
als  ein  Bollwerk  gegen  Katharina's  rastlos  ausgreifende  Eroberungspolitik.
Die  mechanische  Staatsauffassung  der  Zeit  gefiel  sich  in  Künsteleien;  durch
ein  erklügeltes  System  des  Gleichgewichts,  durch  willkürlich  gebildete  Kleinstaaten,
  die  man  als  Polsterkissen  zwischen  die  großen  Mächte  einschob,
meinte  sie  den  Frieden  zu  sichern,  den  nur  die  innere  Gesundheit  lebenskräftiger
  nationaler  Staaten  verbürgen  konnte.  Weder  in  Wien  noch  in
Berlin  war  man  zu  der  Erkenntniß  gelangt,  daß  dieser  Staat  des  zuchtlosen
  Junkerthums  nicht  mehr  leben  konnte,  daß  die  polnische  Freiheit
nichts  anderes  war  als  die  Fremdherrschaft  sarmatischer  Magnaten  und
        <pb n="123" />
        Die  polnische  Verfassung  von  1791.  113

Schlachtizen  über  Millionen  slavischer,  litthauischer,  deutscher,  jüdischer,
walachischer  Unterthanen,  die  mit  ihren  grausamen  Herren  kein  Recht
und  kein  Gefühl  gemein  hatten.  Oesterreich,  dem  katholischen  Adelsstaate
innerlich  verwandt  und  seit  Jahrhunderten  beständig  mit  ihm  verbündet,
konnte  von  einer  neuen  Theilung  keinen  wesentlichen  Gewinn  mehr  erwarten
  und  hoffte  vielmehr  in  einem  erstarkten  polnischen  Reiche  eine
Deckung  zugleich  gegen  Rußland  und  gegen  Preußen  zu  finden.  Der
preußische  Staat  dagegen  war  im  Kampfe  wider  den  sarmatischen  Nachbarn
  aufgewachsen  und  hatte  von  dem  Wiederaufleben  der  polnischen
Macht  eine  schwere  Gefährdung  seiner  deutschen  Weichsellande  zu  befürchten.
  Er  durfte  sich  bei  dem  Ergebniß  der  ersten  Theilung  nur  dann
beruhigen,  wenn  Polen  eine  unschädliche  Mittelmacht  blieb  und  mindestens
Thorn  und  Danzig  mit  Westpreußen  vereinigt  wurden;  es  war  unmöglich,
  die  beiden  wichtigsten  Plätze  des  deutschen  Weichselthales  jetzt,  da  sie
rings  von  preußischem  Gebiet  umschlossen  waren,  noch  auf  die  Dauer  in
den  Händen  eines  fremden  Eroberers  zu  lassen,  der  seinen  alten  Raub
nicht  mehr  zu  behaupten  vermochte.  Alle  Erwägungen  der  Klugheit
drängten  die  polnischen  Großen,  die  Freundschaft  Preußens  durch  nachgiebiges
  Entgegenkommen  zu  gewinnen.  Aber  selbst  die  furchtbare  Erfahrung
  des  Jahres  1772  hatte  den  kopflosen  Uebermuth  dieses  Adels  nicht
zur  Besinnung  gebracht.  Nach  wie  vor  zerfleischte  sich  das  unselige  Volk
in  wüthenden  Parteikämpfen;  in  Warschau  blieb  die  Hoffnung  unverloren
den  weißen  Adler  dereinst  noch  auf  der  Grünen  Brücke  von  Königsberg
aufzurichten.

Nach  einem  kurzen  Versuche  der  Annäherung  zeigte  sich  die  polnische
Politik  den  westlichen  Nachbarn  wieder  entschieden  feindselig;  der  alte
Todhaß  gegen  die  Deutschen,  die  Protestanten,  die  Eroberer  der  Weichselmündung
  brach  wieder  aus.  Der  Staatsstreich  einer  siegreichen  Partei
legte  dem  Lande  am  3.  Mai  1791  eine  neue  Verfassung  auf,  welche  in
Preußen  als  eine  Kriegserklärung  gelten  mußte:  die  polnische  Krone  wurde
mit  verstärkter  Macht  ausgestattet  und  dem  albertinischen  Hause  erblich
übertragen.  Jene  unnatürliche  Verbindung  zwischen  Sachsen  und  Polen,
die  schon  einmal  lange  Jahrzehnte  hindurch,  wie  Friedrich  Wilhelm  I.  zu
sagen  pflegte,  den  preußischen  Staat  in  einen  „Käficht“  gesperrt  hatte,
sollte  also  für  alle  Zukunft  sich  erneuern;  eine  slavisch-katholische  Macht,
zweimal  so  volkreich  als  Preußen  selber,  dem  deutschen  Norden  verfeindet
durch  Volksthum,  Glauben  und  uralte  Erinnerungen,  beherrscht  von
einem  Fürstenhause,  das  unfehlbar  dem  Einfluß  des  römischen  Nuntius
und  des  österreichischen  Gesandten  verfallen  mußte,  drohte  bis  in  die  Mitte
Deutschlands  vorzudringen,  den  preußischen  Staat  im  Süden  wie  im
Osten  zu  umklammern.  Und  dieser  Plan,  der  das  Dasein  der  preußischen
Großmacht,  die  gesammte  Arbeit  der  Hohenzollern  seit  dem  Großen  Kurfürsten
  wieder  in  Frage  stellte,  fand  eifrige  Förderung  bei  Kaiser  Leopold,

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  8
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        114  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

dem  Verbündeten  des  Königs  von  Preußen.  Wenn  der  König  in  einer
Wallung  großmüthiger  Laune  die  neue  polnische  Verfassung  gebilligt  hatte,
so  mußte  doch  bald  der  Augenblick  kommen  da  er  seinen  Irrthum  einsah
und  erkannte,  daß  die  Politik  der  Hofburg  dem  preußischen  Interesse  in
Polen  ebenso  feindlich  war  wie  in  Deutschland.

So  stand  es:  die  Verfassung  des  heiligen  Reichs  unheilbar  zerrüttet,
jede  Möglichkeit  einer  Reform  von  innen  heraus  verloren,  die  beiden
führenden  Mächte  scheinbar  verbündet,  aber  durch  alten  Groll  und  streitige
Interessen  schärfer  denn  jemals  geschieden.  In  solcher  Lage  wurde  Deutschland
  von  jener  elementarischen  Bewegung  berührt,  die  das  alte  Frankreich
in  seinen  Tiefen  erschütterte.  Goethe  hat  uns  geschildert,  wie  dies  unschuldige,
  für  jede  Großthat  des  Auslands  neidlos  empfängliche  Geschlecht
aufjubelte,  „als  sich  der  erste  Glanz  der  neuen  Sonne  heranhob,  als  man
hörte  vom  Rechte  des  Menschen,  das  Allen  gemein  sei"“.  Der  frohe  Glaube
an  den  unendlichen  Fortschritt  der  Menschheit,  dieser  Lieblingsgedanke  des
philosophischen  Jahrhunderts,  schien  jetzt  Recht  zu  behalten,  da  „das  Hoöchste,
was  der  Mensch  sich  denkt,  als  nah  und  erreichbar  sich  zeigte“.  Der
ästhetische  Freiheitsdrang  der  jungen  Dichter  berauschte  sich  schon  längst  an
dem  Ideale  der  freien  Persönlichkeit,  die  alles  Zwanges  ledig  allein  der
Stimme  des  eigenen  Herzens  folgen  sollte.  Genialisches  Belieben  rüttelte
an  jeder  überlieferten  Sitte,  selbst  an  dem  Bande  der  häuslichen  Treue;
Ehebruch  und  leichtfertige  Scheidung  nahmen  in  den  Kreisen  der  Schöngeister
  bedenklich  überhand,  durften  auf  die  lächelnde  Nachsicht  aller  freien
Köpfe  zählen.  Und  nun,  seit  der  Nacht  des  vierten  August,  erschien  auch
die  verhaßte  Zwangsanstalt  des  Staates  nur  noch  wie  ein  Gebilde  menschlicher
  Willkür,  wie  weicher  Thon,  den  der  Wille  freier  Männer  jederzeit
in  neue  Formen  kneten  konnte.  Die  Künstlersehnsucht  nach  Freiheit  vom
Staate  sah  ihre  liebsten  Träume  überschwänglich  erfüllt  durch  die  Erklärung
  der  Menschenrechte;  nach  der  Freiheit  im  Staate  zu  suchen,  nach
den  Pflichten  zu  fragen,  welche  den  Bürger  an  das  Gemeinwesen  binden,
lag  der  ästhetischen  Weltanschauung  dieses  Geschlechts  fern.  Die  einzige
der  bestehenden  politischen  Einrichtungen,  welche  in  den  literarischen  Kreisen
leidenschaftlichen  Unwillen  erregte,  war  die  rechtliche  Ungleichheit  der  Stände;
sie  ward  um  so  bitterer  empfunden,  da  sie  in  dem  freien  geselligen  Verkehre
  der  gebildeten  Klassen  thatsächlich  längst  überwunden  war.  Welches
Entzücken  nun,  da  Frankreich  die  Gleichheit  Alles  dessen  was  Menschenangesicht
  trägt  verkündigte,  da  die  Weissagungen  Rousseau's,  der  wie  kein
anderer  Franzose  dem  schwärmerischen  Idealismus  der  deutschen  Jugend
zum  Herzen  sprach,  sich  zu  verwirklichen  schienen.  Alle  Herzensneigungen
der  Zeit,  der  edle  Drang  nach  Anerkennung  der  Menschenwürde  und  der
himmelstürmende  Trotz  des  souveränen  Ich,  fanden  sich  befriedigt  durch
den  vermessenen  Trugschluß  des  Genfer  Philosophen,  daß  im  Zustande
der  vollkommenen  Gleichheit  jeder  Mensch  nur  sich  selber  gehorche.
        <pb n="125" />
        Eindruck  der  Revolution  in  Deutschland.  115

Die  Sünden  der  Revolution  erschienen  den  harmlosen  deutschen  Zu—
schauern  kaum  minder  verführerisch  als  ihre  Größe.  Der  an  Plutarch's
Heldengeschichten  geschulte  Geschmack  begeisterte  sich  treuherzig  für  das
gespreizte  Catonenthum  der  neuen  Freiheitsapostel,  die  unhistorischen  Ab—
stractionen  ihrer  Staatslehre  entsprachen  der  philosophischen  Selbstgefällig—
keit  des  Zeitalters.  Die  schwärmerische  Jugend,  der  noch  die  Kraftworte
des  Räubers  Moor  im  Ohre  klangen,  fühlte  sich  hingerissen  von  dem
rhetorischen  Pathos  der  Franzosen,  bewunderte  arglos  die  republikanische
Tugend  der  Girondisten  —  zur  selben  Zeit,  da  diese  Partei  in  frevel—
haftem  Leichtsinn  den  Krieg  gegen  Deutschland  anstiftete.  Die  romantische
Verherrlichung  des  alten  Kaiserthums,  die  während  der  letzten  Jahre
unter  den  schwäbischen  Poeten  in  Schwung  gekommen  war,  verstummte
jetzt  gänzlich.  Der  alte  Barde  Klopstock  selber  wendete  seine  Blicke  von
den  cheruskischen  Eichenhainen  hinweg  nach  der  neuen  Hauptstadt  der
Welt,  besang  den  hundertarmigen,  hundertäugigen  Riesen  und  rief:  „Hätt'
ich  hundert  Stimmen,  ich  feierte  Galliens  Freiheit  nicht  mit  erreichendem
Ton,  sänge  die  göttliche  schwach.“  Weltbürgerliche  Freiheitsbegeisterung
träumte  von  der  Verbrüderung  aller  Völker,  lärmte  in  Vers  und  Prosa
gegen  Tyrannen  und  Sklaven:  „Ketten  rasseln  ihnen  Silberton!“  In
Hamburg  und  mehreren  anderen  Städten  wurde  am  Jahrestage  des
Bastillesturmes  das  Fest  der  Brüderlichkeit  gefeiert  und  der  Freiheitsbaum
aufgerichtet;  der  ganze  Kreis,  der  sich  um  Klopstock  schaarte  —  Hennings,
der  Herausgeber  des  Genius  der  Zeit,  Frau  Reimarus  und  die  Stol—
berge  —  schwelgten  im  Rausche  des  seligen  Völkerglücks.  Campe  und
die  anderen  Anhänger  der  neuen  humanen  Erziehungslehren  sahen  mit
Freude,  wie  die  überbildete  Welt  wieder  zurückzukehren  schien  zu  der  Un—
schuld  ursprünglicher  Menschheit.  Für  Oberdeutschland  wurde  Straßburg
der  Herd  der  revolutionären  Ideen;  dorthin  wallfahrteten  die  jungen
Brauseköpfe  aus  Schwaben  um  das  neufränkische  Evangelium  kennen  zu
lernen.  Bei  den  herkömmlichen  Straßenaufläufen  der  Studenten  ließen
sich  in  Tübingen,  Mainz  und  Jena  zuweilen  politische  Rufe  vernehmen;
da  und  dort  kam  es  zu  wilden  Raufhändeln  mit  den  Emigranten,  der
Hochmuth  und  die  Unzucht  dieser  Landesverräther  schienen  jede  Gewalt—
that  der  Revolution  zu  rechtfertigen.  Selbst  in  Berlin  sah  man  vor—
nehme  Frauen  mit  dreifarbigen  Bändern  geschmückt,  und  der  Rector  des
Joachimsthaler  Gymnasiums  pries  am  Geburtstage  des  Königs  in  feier—
licher  Amtsrede  die  Herrlichkeit  der  Revolution,  unter  lebhaftem  Beifall
des  Ministers  Hertzberg.

Unter  den  Führern  der  Nation  wurde  keiner  von  der  großen  Be—
wegung  des  Nachbarlandes  tiefer  ergriffen  als  der  alte  Kant.  Der  war
in  seiner  stillen  Weise  auch  der  politischen  Gedankenarbeit  des  Zeitalters
wachsam  nachgegangen,  namentlich  mit  Rousseau  und  Adam  Smihh  tief

vertraut  geworden  und  brachte  nun  den  metaphysischen  Freiheitskämpfen
8*
        <pb n="126" />
        116  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

des  Jahrhunderts  den  wissenschaftlichen  Abschluß  durch  die  großen  Sätze:
in  jedem  Menschen  sei  die  Würde  des  ganzen  Geschlechts  zu  ehren,  kein
Mensch  dürfe  bloß  als  ein  Mittel  benutzt  werden.  Was  er  also  in  einsamem
  Nachdenken  gefunden,  sah  er  jetzt  verwirklicht  durch  die  Thaten
der  Franzosen,  und  da  er  in  seinem  heiteren  Stillleben  von  den  dämonischen
  Kräften  des  keltischen  Volksthums  gar  nichts  ahnte,  so  ließ  er  sich
in  der  Bewunderung  der  Revolution  auch  durch  die  Gräuel  der  Schreckensherrschaft
  nicht  stören,  denn  selbst  die  Blutmenschen  der  Guillotinc  beriefen
  sich  auf  das  Recht  der  Idee.  In  Kant's  Schule  ist  der  echte  und
wahre  Gehalt  der  Gedanken  des  Revolutionszeitalters  am  trenesten  bewahrt
  worden.

Doch  diese  Begeisterung  der  deutschen  gebildeten  Welt  für  das  revolutionäre
  Frankreich  war  und  blieb  rein  theoretisch.  Wie  die  Staatsrechtslehrer
  von  Göttingen  und  Halle  in  dem  allgemeinen  Theile  ihrer
Vorlesungen  aus  der  Idee  heraus  ein  System  des  Vernunftrechts  aufbauten
  um  dann  im  besonderen  Theile  gleichmüthig  das  genaue  Gegentheil
  des  Vernunftstaats,  das  Labyrinth  der  deutschen  Reichsverfassung
darzustellen,  so  legten  sich  auch  die  deutschen  Bewunderer  der  Revolution
niemals  die  Frage  vor,  wie  ihre  Gedanken  Fleisch  und  Blut  gewinnen
sollten.  Der  Weise  von  Königsberg  verwarf  hart  und  unbedingt  jedes
Recht  des  Widerstandes.  Selbst  Fichte,  der  radicalste  seiner  Schüler,  der
noch  in  den  Tagen  Robespierre's  die  französische  Freiheit  zu  vertheidigen
wagte,  warnte  eindringlich  vor  der  Ausführung  seiner  eigenen  Gedanken;
er  sah  keine  Brücke  zwischen  „der  ebenen  Heerstraße  des  Naturrechts“
und  „den  finsteren  Hohlwegen  einer  halbbarbarischen  Politik“  und  schloß
entsagend:  „Würdigkeit  zur  Freiheit  kann  nur  von  unten  herauf  kommen,
die  Befreiung  kann  ohne  Unordnung  nur  von  oben  herunter  kommen.“
So  lange  die  Schläge  der  Revolution  nur  den  Adel  und  die  alte  Kirche
trafen,  hielt  die  theoretische  Begeisterung  der  Deutschen  Stand;  man
glaubte  arglos,  daß  die  Jacobiner  lediglich  in  gerechter  Nothwehr  eine
Rotte  gefährlicher  Verschwörer  bekämpften,  und  „wer  fiel  hatte  unrecht".
Aber  als  der  Parteikampf  immer  wüster  und  roher  dahinraste,  als  die
fanatische  Gleichheitswuth  sich  vermaß  selbst  die  letzte  Aristokratie,  die  des
Lebens,  zu  vernichten,  da  vermochte  der  treue  und  schwere  deutsche  Sinn
den  launischen  Zuckungen  der  gallischen  Leidenschaft  nicht  mehr  zu  folgen.
Der  deutsche  Schwärmer  kehrte  sich  weinend  ab  von  den  Barbaren,  die
ihm  sein  Heiligthum  geschändet.  Klopstock  klagte:  „Ach  des  goldenen
Traums  Wonn'  ist  dahin.“  Man  war  erschreckt  und  entrüstet.  Das
Gefühl  kalter  Verachtung,  das  die  Gräuel  der  Schreckenszeit  in  einer
politisch  reifen  Nation  erregen  mußten,  kam  bei  der  deutschen  Gutherzigkeit
nicht  auf;  sie  bemerkte  nicht,  daß  die  Massenmorde  des  Wohlfahrtsausschusses
  von  einer  winzigen  Minderheit  einem  sklavisch  gehorchenden  Volke
auferlegt  wurden.  Die  Enttäuschten  sanken  zurück  in  die  alte  politische
        <pb n="127" />
        F.  Gentz.  117

Gleichgiltigkeit  und  wandten  ihre  ganze  Thatkraft  wieder  auf  die  Arbeit
der  Kunst  und  Wissenschaft.  Es  war  der  großen  Mehrzahl  der  Gebil—
deten  aus  der  Seele  gesprochen,  wenn  Goethe  das  Franzthum  anklagte,
das  heute,  wie  einst  das  Lutherthum,  die  ruhige  Bildung  störe,  wenn
Schiller  seine  Horen  mit  den  Worten  ankündigte:  der  Dichter  und  Philo—
soph  gehöre  dem  Leibe  nach  seiner  Zeit  an,  weil  er  es  müsse,  dem  Geiste
nach  sei  er  der  Zeitgenosse  aller  Zeiten.

Das  bedeutendste  literarische  Werk,  das  in  Deutschland  durch  die
Revolution  veranlaßt  wurde,  kam  aus  dem  gegnerischen  Lager.  Es  konnte
nicht  fehlen,  daß  die  conservativen  Kräfte  zur  Abwehr  der  revolutionären
Ideen  sich  zusammenschaarten.  Unter  den  preußischen  Offizieren  erregte
vor  Allem  der  Eidbruch  der  französischen  Truppen  tiefe  Entrüstung;  es
bildete  sich  ein  royalistischer  Verein,  der  seinen  Genossen  die  Heiligkeit
des  Fahneneides  einschärfte.  Brandes  und  Rehberg  schrieben  im  Sinne
der  alten  Gesellschaft  wohlmeinend  und  sachkundig,  doch  ohne  Kraft  und
Tiefsinn;  Spittler  beurtheilte  Segen  und  Unsegen  der  gewaltigen  Bewegung
  mit  der  unparteiischen  Sicherheit  des  Historikers.  Der  Scharfblict
des  Hauptmanns  Gneisenau  fand  schon  im  Jahre  1790  die  Franzosen
reif  zur  Knechtschaft  und  sah  voraus,  daß  eine  Umwälzung  ohne  gleichen
die  Grenzen  aller  Länder  bedrohe.  Länger  währte  es,  bis  Friedrich  Gentz
über  die  Zeichen  der  Zeit  in's  Reine  kam.  Noch  im  April  1791  wollte
er  Burke's  Anklagen  wider  die  Revolution  nicht  gelten  lassen;  anderthalb
Jahre  später  übersetzte  er  selber  das  Buch  des  Briten  und  fügte  jene
köstlichen  Abhandlungen  hinzu,  die  einen  Wendepunkt  in  der  Geschichte
unserer  politischen  Bildung  bezeichnen.  Hier  zuerst  ward  erkennbar,  daß
die  große  Zeit  unserer  Literatur  auch  das  politische  Denken  der  Nation
zu  verjüngen  und  zu  läutern  bestimmt  war.  Ein  Jünger  der  neuen
Bildung,  ausgerüstet  mit  dem  Gedankenreichthum  der  Kantischen  Philosophie
  und  dem  reinen  Formensinne  der  classischen  Dichtung,  bewährte
zum  ersten  male  jene  Kraft  der  productiven  Kritik,  welcher  die  Kunst  und
Wissenschaft  ein  neues  Leben  dankten,  nicht  in  abstracten  naturrechtlichen
Speculationen,  sondern  in  der  Beurtheilung  der  lebendigen  Thatsachen
der  Zeitgeschichte;  er  verstand  das  Wirkliche  zu  sehen,  in  den  unfertigen
Gebilden  des  Augenblicks  schon  die  Umrisse  zukünftiger  Gestaltung  zu
erkennen.  Mit  einer  Macht  und  Fülle  der  Sprache,  wie  sie  Deutschland
bisher  nur  an  seinen  Dichtern  kannte,  geißelte  er  die  Thorheit,  die  in
Horden  geht,  und  weissagte:  „Frankreich  wird  von  Form  zu  Form,  von
Katastrophe  zu  Katastrophe  schreiten.“  Wohl  ließ  sich  bereits  errathen,
daß  die  Charakterstärke  dieses  ersten  Publicisten  der  Epoche  seinem  Talente
nicht  entsprach;  sein  Haß  gegen  die  Revolution  war  nicht  frei  von  nervöser
Aengstlichkeit,  er  zitterte  vor  dem  Uebermaße  des  Wissens,  vor  diesem
wilden  Jahrhundert,  das  „anfängt  des  Zügels  zu  bedürfen“.  Dennoch
hoben  sich  aus  seiner  Schrift  scharf  und  klar  die  Grundgedanken  einer
        <pb n="128" />
        118  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

neuen,  lebensvollen  Staatsanschauung  heraus,  die  mit  dem  erwachenden
historischen  Sinne  der  deutschen  Wissenschaft  fest  zusammenhing.  Dem
weltbürgerlichen  Radicalismus  der  Revolution  trat  eine  historische  Staatslehre
  entgegen;  sie  bekämpfte  den  selbstgefälligen  Wahn  seichter  Köpfe,  welche
die  überwundene  Grille  einer  alleinseligmachenden  Kirche  in  die  Politik
einzuführen,  die  reiche  Mannigfaltigkeit  nationaler  Staats=  und  Rechtsbildung
  durch  einen  Katechismus  naturrechtlicher  Gemeinplätze  zu  verdrängen
  gedächten;  sie  widerlegte  den  Aberglauben  an  die  Vernunft  der
Mehrheit  durch  den  schneidigen  Satz:  nicht  die  Mehrheitsherrschaft,  sondern
  das  liberum  veto  sei  natürlichen  Rechtens;  sie  vertheidigte  die  Macht
des  Staates  wider  den  zügellosen  Individualismus  des  Zeitalters  und
hielt  der  Begehrlichkeit  des  souveränen  Ich  die  tiefe  Wahrheit  entgegen:
„politische  Freiheit  ist  politisch  beschränkte  Freiheit.“

Lange  Jahre  voll  schwerer  Erfahrungen  sollten  noch  vergehen,  bis
die  Gebildeten  der  Nation  diese  Sprache  verstehen  lernten.  Vorläufig
ließ  man  sich  in  seiner  Ruheseligkeit  nicht  stören  und  noch  weniger  war
in  den  niederen  Schichten  des  Volks  irgendwelche  gefährliche  politische
Aufregung  zu  bemerken.  Deutschlands  Unheil  lag  in  der  Kleinstaaterei
und  der  Fäulniß  der  Reichsverfassung;  und  wie  hätte  der  stillvergnügte
Particularismus  der  Massen  diese  Grundschäden  des  deutschen  Lebens
erkennen  sollen?  Die  inneren  Zustände  der  größeren  weltlichen  Staaten,
soweit  sie  der  Geist  des  fridericianischen  Zeitalters  berührt  hatte,  boten  zu
leidenschaftlichem  Unwillen  keinen  Anlaß.  Viele  der  politischen  Gedanken,
welche  die  Halbbildung  heutzutage  als  „Ideen  von  89“  zu  feiern  pflegt,
waren  in  Preußen  längst  durchgeführt  oder  der  Verwirklichung  nahe;  die
Gewissensfreiheit  bestand  von  Altersher,  desgleichen  eine  wenig  beschränkte
Freiheit  der  Presse,  die  Kirchen  waren  im  evangelischen  Norden  fast  überall
der  Hoheit  des  Staates  untergeordnet  und  ihre  Güter  secularisirt;  eine
wohlmeinende  landesherrliche  Verwaltung  setzte  den  Herrenrechten  des
Adels  enge  Schranken,  und  was  noch  aufrecht  stand  von  den  Ueberresten
einer  überlebten  Gesellschaftsordnung  konnte  durch  einen  festen  reformatorischen
  Willen  friedlich  beseitigt  werden.  Nur  in  den  Kleinstaaten,  die
der  Gerechtigkeit  der  Monarchie  entbehrten,  fanden  die  Sünden  der  altfranzösischen
  Adelsherrschaft  ein  Gegenbild.  Dort  im  stiftischen  Deutschland
  blühte  noch  die  katholische  Glaubenseinheit  und  die  Hoffart  adlicher
DomcMapitel,  in  den  Reichsstädten  waltete  die  Trägheit  und  die  Corruption
altbürgerlicher  Vetterschaft,  in  den  Territorien  der  Fürsten,  Grafen  und
Reichsritter  die  Willkür  kleiner  Winkeltyrannen;  das  ganze  Dasein  dieser
verderbten  und  verknöcherten  Staatsgewalten  war  ein  Hohn  auf  die  Ideen
des  Jahrhunderts.

Fast  allein  in  diesen  winzigsten  Gebieten  des  Reichs  ließ  sich,  da
aus  Frankreich  die  frohe  Kunde  der  großen  Bauernbefreiung  kam,  eine
leise  Gährung  im  Volke  verspüren.  Es  geschah,  daß  die  Aebtissin  von
        <pb n="129" />
        Drohende  Verwickelung  mit  Frankreich.  119

Frauenalb  durch  ihre  Unterthanen  aus  dem  Lande  gejagt,  ihrer  Genossin
in  Elten  der  Eid  verweigert  wurde.  Kleine  Bauernunruhen  brachen  aus
im  Trier'schen,  in  den  Herrschaften  einiger  Reichsritter  und  vor  Allem  in
Speyer,  dem  verrufensten  der  deutschen  Bisthümer,  wo  seit  den  Zeiten
des  Bauernkrieges  eine  harte  Pfaffenherrschaft  schaltete  und  die  Gesetztafel
  für  die  weltliche  Dienerschaft  den  Beamten  „die  Erfüllung  des  Willens
des  Herrn,  somit  das  gemeine  Beste“  als  höchstes  Ziel  vorhielt.  In
Mecklenburg  rotteten  sich  mißhandelte  Fröhner  zusammen  und  drohten:
„den  Edelmann  wille  wi  dodflagen.“  Die  armseligen  örtlichen  Zänkereien,
welche  den  meisten  Reichsstädten  die  Würze  des  Lebens  bildeten,  zeigten
neuerdings  einen  ungewohnt  gehässigen  Ton;  die  Sprache  gegen  die  Obrigkeit
  ward  etwas  lauter  und  schärfer;  die  geistlichen  Fürsten  den  Rhein
entlang  erließen  schon  in  ihrer  Herzensangst  gestrenge  Strafmandate
wider  die  Aufsässigkeit  der  Unterthanen.

Das  alles  bedeutete  wenig;  der  politische  Schlummer  war  in  Wahrheit
  nirgends  im  Reiche  so  tief  wie  hier,  auch  die  literarische  Bewegung
des  evangelischen  Deutschlands  hatte  das  verkommene  Völkchen  der  Krummstabslande
  noch  kaum  berührt.  Aber  wenn  ein  Umsturz  von  unten  her
nicht  drohte,  wenn  selbst  Forster  in  den  Tagen  seiner  radicalen  Schwärmerei
gestehen  mußte,  dies  Deutschland  sei  für  eine  Revolution  nicht  reif,  so
fehlte  doch  dem  halt=  und  waffenlosen  Kleinstaatenthum  auch  jede  Kraft
des  Widerstandes  gegen  fremde  Gewalt.  Die  erstorbenen  Glieder  des  Reichs
waren  Frankreichs  Nachbarn,  seit  zwei  Jahrhunderten  gewohnt  den  Machtgeboten
  des  Versailler  Hofes  sich  zu  beugen;  sie  lagen  im  Gemenge  mit
den  Gebieten  der  lebenskräftigeren  weltlichen  Staaten.  Versuchte  das
revolutionäre  Frankreich  die  alte  Herrscherstellung  der  Bourbonen  am
deutschen  Rhein  in  neuen  Formen  gewaltsam  herzustellen,  so  konnte  das
stiftische  Deutschland  leicht  mit  einem  Schlage  zusammenbrechen,  die
letzten  Trümmer  des  heiligen  Reichs  im  Sturze  mit  sich  niederreißen.

Und  solche  Gefahr  drohte  schon  seit  den  ersten,  den  sogenannten  unschuldigen
  Tagen  der  Revolution.  Es  war  die  Größe  und  der  Fluch  dieser
Bewegung,  daß  sie  über  Frankreichs  Grenzen  hinausfluthen  mußte.  Der
gräßliche  Bauernkrieg  des  Sommers  1789  und  die  neuen  Gesetze,  welche
das  Ergebniß  dieser  Massenbewegung  anerkannten,  verwirklichten  nur  eine
Welt  von  Wünschen  und  Gedanken,  welche  das  ganze  Jahrhundert  hindurch
  über  alle  Völker  des  Westens  sich  verbreitet  hatten;  was  Wunder,
daß  die  französische  Nation  sich  jetzt  als  das  Messias-Volk  der  Freiheit
fühlte.  Sie  schrieb  den  furchtbar  plötzlichen  Zusammenbruch  des  bourbonischen
  Staates  nicht  der  Thatsache  zu,  daß  die  alte  Ordnung  in  Frankreich
  noch  ungleich  verfaulter  war  als  in  den  Nachbarlanden,  sondern  der
Ueberlegenheit  des  französischen  Genies.  Der  Unwille  über  die  tief  gesunkene
  europäische  Machtstellung  des  Staates  war  unter  den  Ursachen
der  Revolution  nicht  die  schwächste  gewesen;  nun,  da  die  Kraft  dieses
        <pb n="130" />
        120  1.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Volkes  sich  so  herrlich  zu  bewähren  schien  und  das  Ausland  bewundernd
nach  der  Hauptstadt  der  Welt  blickte,  meinte  man  sich  berufen  der  weiten
Erde  Gesetze  zu  geben.  Die  Nation  war  gewöhnt  jedes  fremde  Recht  zu
mißachten,  sie  wähnte,  daß  ihre  Bildung  noch  immer  der  ganzen  Welt
zum  Muster  diene,  wie  einst  in  dem  Zeitalter  Ludwig's  XIV.;  von  der
neuen  eigenartigen  Cultur,  die  in  Deutschland  erwacht  war,  wußte  sie
nichts.  Schon  die  Erklärung  der  Menschenrechte  erhob  den  anmaßenden
Anspruch  allen  Völkern  als  Richtschnur  zu  gelten,  und  Lafayette  begrüßte
die  neue  Tricolore  mit  der  Weissagung,  sie  werde  die  Runde  um  den
Erdkreis  machen.  Seitdem  wuchs  die  Macht  der  revolutionären  Propa—
ganda;  die  innere  Zerrüttung  aller  Nachbarlande,  Italiens  und  Spaniens,
Hollands  und  Belgiens,  der  Schweiz  und  der  deutschen  Kleinstaaten  ver—
sprach  ihr  leichte  Beute.  Ein  Weltkampf,  wie  ihn  Europa  seit  den  Tagen
der  Religionskriege  nicht  mehr  gesehen,  war  im  Anzuge,  wenn  alle  die
gräßliche  Fäulniß,  die  sich  unter  der  Bourbonenherrschaft  in  Frankreich
angesammelt,  die  Sittenlosigkeit  der  höheren,  die  rohe  Unwissenheit  der
niederen  Stände,  und  mit  ihr  zugleich  die  dämonische  Macht  der  Ge—
danken  eines  neuen  Zeitalters  über  diese  wehrlose  Staatenwelt  verheerend
hereinflutheten.

Bereits  war  der  erste  Schlag  gegen  die  Rechte  des  deutschen  Reichs
gefallen:  die  Reichsstände  im  Elsaß  wurden  ihrer  grundherrlichen  Rechte,
die  Kirchenfürsten  ihrer  geistlichen  Güter  beraubt,  offenkundigen  Verträgen
zuwider,  des  Reiches  ungefragt.  So  trat  die  alte  große  Machtfrage,  die
zwischen  den  beiden  Nachbarvölkern  schwebte,  der  niemals  völlig  ausge—
tragene  Kampf  um  die  rheinischen  Lande  in  wunderlich  verzerrter  Gestalt
abermals  an  Deutschland  heran.  Die  Nothwendigkeit  des  Gewaltstreiches
ließ  sich  nicht  schlechthin  bestreiten;  Jedermann  kannte  die  trostlose  Lage
jener  unglücklichen  Elsasser  Bauern,  die  zugleich  der  Krone  Frankreich
Steuern  und  den  kleinen  deutschen  Herren  Lehensabgaben  zu  leisten
hatten;  erst  durch  diese  befreiende  That  der  Revolution  wurden  die  Herzen
  des  Landvolks  in  dem  deutschen  Lande  ganz  für  Frankreich  gewonnen.
Sollte  Preußen,  sollten  die  verständigen  weltlichen  Reichsfürsten,  die  selber
mit  dem  Kirchengute  längst  aufgeräumt  hatten  und  bedachtsam  an  der
Befreiung  ihrer  Bauern  arbeiteten,  jetzt  mit  den  Waffen  eintreten  für
die  Zehnten  der  Bischöfe  von  Trier  und  Speyer,  für  die  Herrengerichte
der  Wurmser  und  Leiningen,  für  dies  Gewimmel  kleiner  Fürsten  und
Herren,  das  am  Reichstage  gehorsam  in  omnibus  Sicut  Austria  stimmte
und  im  Norden  nur  mit  Achselzucken  angesehen  wurde?  Der  Kampf  gegen
Frankreich  konnte  leicht  zu  einem  Principienkriege  gegen  die  Revolution
werden,  denn  der  Radicalismus  des  Krieges  duldet  keine  Mittelstellung.
Die  Emigranten  schürten  und  drängten  an  allen  Höfen;  fuhr  das  Schwert
aus  der  Scheide,  so  lag  die  Gefahr  nahe,  daß  diese  geschworenen  Feinde
der  Revolution  die  Oberhand  gewannen  und  die  deutschen  Mächte  fort-
        <pb n="131" />
        Pläne  Katharina's  II.  121

rissen  zu  dem  thörichten  Unternehmen  einer  Wiederherstellung  der  altbourbonischen
  Zustände.  Aber  die  Privilegien  der  Elsasser  Reichsstände  bildeten
zugleich  das  einzige  staatsrechtliche  Band,  das  die  avulsa  imperü  n  noch
mit  dem  heiligen  Reiche  verkettete;  sie  bedingungslos  der  Souveränität  der
Pariser  Nationalversammlung  unterordnen  hieß  die  letzten  Ansprüche  des
Reichs  auf  das  Elsaß  preisgeben;  und  so  tief  war  der  deutsche  Staat  noch
nicht  gesunken,  daß  er  das  Werk  Ludwig's  XIV.  freiwillig  hätte  zum  Abschluß
bringen  sollen  —  eben  jetzt  da  Frankreich  zwar  in  lärmenden  Drohungen
sich  erging,  doch  weder  Geldmittel  noch  ein  schlagfertiges  Heer  besaß.

Also  zogen  im  Westen  wie  im  Osten  drohende  Wolken  herauf,  und
längst  stand  eine  große  Feindin  Deutschlands  auf  der  Lauer  und  berechnete
die  Stunde,  da  beide  Unwetter  zugleich  über  unserem  Vaterlande  sich
entladen,  da  der  Untergang  Polens  und  der  französische  Krieg,  gleichzeitig
hereinbrechend,  die  deutschen  Großmächte  völlig  lähmen  würde.  Kaiserin
Katharina  trug  es  dem  preußischen  Hofe  in  gekränkter  Seele  nach,  daß
König  Friedrich  ihre  polnischen  Pläne,  sein  Nachfolger,  freilich  halb  wider
Willen,  ihre  byzantinischen  Kaiserträume  durchkreuzt  hatte.  Sie  sah  das
Einverständniß  Preußens  und  Oesterreichs  mit  Besorgniß,  fand  aber  rasch
das  Mittel  diesen  Bund  für  Rußland  unschädlich  zu  machen;  wenn  ihr
gelang  die  deutschen  Mächte  in  den  unabsehbaren  Krieg  mit  Frankreich
zu  verwickeln,  so  war  sie  Herrin  in  Polen  und  konnte  die  unausbleibliche
Vernichtung  des  Adelsstaates  nach  ihrem  Sinne  durchführen.  Sie  bemühte
  sich  kaum  ihre  Hoffnungen  zu  verbergen,  erklärte  ihren  Räthen
offen:  „Ich  will  die  Ellenbogen  frei  haben“  und  die  deutschen  Höfe  mit
den  französischen  Händeln  beschäftigen.  Darum  eilte  sie,  den  Türkenkrieg
zu  beendigen,  darum  redete  die  Freundin  Diderot's  jetzt  als  fanatische
Gegnerin  der  Revolution;  sie  beschützte  die  Emigranten,  mahnte  die  Nachbarn
  unablässig  an  die  gemeinsame  Pflicht  aller  Souveräne,  an  die  Wiederaufrichtung
  der  alten  Krone  Frankreichs;  sie  wünschte  eine  Gegenrevolution
  durch  die  Brüder  König  Ludwig's,  stellte  auch  mit  unbestimmten
Worten  die  Waffenhilfe  Rußlands  für  den  großen  Kreuzzug  des  Royalismus
  in  Aussicht,  da  es  doch  in  ihrer  Hand  lag  sich  nach  Belieben  zurückzuhalten.
  Dies  Verfahren  des  Petersburger  Hofes  ergab  sich  so  nothwendig
  aus  Rußlands  wohlgesicherter  geographischer  Stellung,  daß  der
preußische  Minister  Alvensleben,  ein  Mann  von  keineswegs  ungewöhnlichen
  Gaben,  die  Hintergedanken  der  Czarin  sofort  durchschaute  und  dem
Könige  die  Politik  seiner  rastlosen  Nachbarin  genau  voraussagte.

Weder  der  Kaiser  noch  die  preußischen  Staatsmänner  verkannten
völlig  die  unberechenbaren  Gefahren  eines  Krieges  in  so  verworrener  Lage.
Leopold's  nüchterner  Kaltsinn  blieb  lange  ganz  unempfindlich  gegen  die
hilfeflehenden  Briefe  seiner  unglücklichen  Schwester  Marie  Antoinette,  die
sich  von  weiblicher  Leidenschaft  und  gekränktem  Fürstenstolze  bis  dicht  an
die  Grenzen  des  Landesverraths  fortreißen  ließ.  Das  preußische  Cabinet
        <pb n="132" />
        122  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

war  Anfangs  von  dem  Auftreten  der  constitutionellen  Parteien  sehr  befriedigt,
  sein  Gesandter  v.  d.  Goltz  erkannte  die  Berechtigung  der  Revolution
  unbefangen  an,  zeigte  ein  offenes  Auge  für  die  gehäuften  Thorheiten
  des  verblendeten  Hofes.  Das  wüste  Treiben  der  Emigranten  wurde
in  Wien  und  Berlin  mit  der  gleichen  Strenge  verurtheilt.  Erst  seit  dem
Frühjahr  1791,  seit  König  Ludwig  seinen  mißlungenen  Fluchtversuch  durch
unerhörte  persönliche  Demüthigungen  büßen  mußte,  begannen  die  beiden
Höfe  ernstlich  an  eine  Abwehr  der  revolutionären  Gewaltthaten  zu  denken.
Die  aufregende  Nachricht  fiel  grade  in  den  verhängnißvollen  Zeitpunkt,
da  Bischoffwerder  soeben  die  ersten  Fäden  angeknüpft  hatte  zur  dauernden
Verbindung  der  beiden  Mächte.  Friedrich  Wilhelm's  ritterlicher  Sinn
flammte  auf  bei  dem  Gedanken  die  beleidigte  Majestät  in  Frankreich  mit
seinem  königlichen  Degen  zu  rächen.  Einzelne  gewandte  Köpfe  der  Emigranten
  gewannen  doch  nach  und  nach  geheimen  Einfluß  am  Hofe;  es
war  kein  Zufall,  daß  eben  jetzt  das  neue  unpreußische  Wesen  in  der  Verwaltung
  aufkam,  die  Abwendung  von  dem  stolzen  Freisinn  des  großen
Königs,  die  kleinen  Nadelstiche  gegen  die  Aufklärer;  der  mächtige  Günstling
  führte  Buch  über  die  Demagogen  und  Verschwörer  in  Preußen.  Als
der  unheilvolle  Mann  im  Sommer  1791  zum  zweiten  male  nach  Oesterreich
  hinüberging  um  die  im  Frühjahr  eingeleitete  Verständigung  zu  befestigen,
  fand  er  den  Kaiser  zu  Mailand  in  erregter  Stimmung;  drohende
Worte  fielen:  es  werde  Zeit  das  Uebel  der  Revolution  mit  der  Wurzel
auszurotten,  den  Unruhestiftern  überall,  auch  in  Deutschland  entgegenzutreten.
  Gleich  nachher  forderte  Leopold  durch  das  Rundschreiben  von
Padua  die  europäischen  Mächte  auf,  sich  seines  mißhandelten  Schwagers
anzunehmen,  jede  Beleidigung  der  Ehre  des  Königs  durch  kräftige  Maßregeln
  zu  rächen,  keine  Verfassung  Frankreichs  anzuerkennen,  die  nicht  von
der  Krone  frei  genehmigt  sei.  Dann  unterzeichnete  Bischoffwerder  eigenmächtig,
  gegen  seine  Instructionen,  den  Wiener  Vertrag  vom  25.  Juli,
wodurch  beide  Mächte  sich  gegenseitig  ihren  Besitzstand  verbürgten  und
einander  Hilfe  versprachen  für  den  Fall  innerer  Unruhen.

Damit  war  die  abschüssige  Bahn,  die  man  in  Reichenbach  betreten,
bis  zum  Ende  durchlaufen.  Leopold's  Klugheit  hatte  den  Günstling  des
Königs  völlig  überlistet.  Preußen  gab  die  stolze  Selbständigkeit  der  fridericianischen
  Politik  auf,  verpflichtete  sich,  ohne  jeden  Entgelt  dem  kaiserlichen
Hofe  in  seiner  Bedrängniß  Dienste  zu  leisten;  denn  nur  Oesterreich,  nicht
Preußen  war  in  seinem  Besitzstande  bedroht,  in  Belgien  schwellte  der
Brand  des  inneren  Unfriedens  noch  fort  und  mochte  leicht  durch  einen
Einfall  der  Franzosen  zu  hellen  Flammen  angefacht  werden.  Der  eigenmächtige
  Unterhändler  wurde  in  Berlin  mit  Vorwürfen  überhäuft;  mehrere
Minister  verwahrten  sich  feierlich  gegen  diese  verhängnißvolle  Aenderung
des  politischen  Systems:  die  Kräfte  des  Staates  sorgsam  zu  Rathe  zu
halten  sei  die  wirksamste  Bekämpfung  der  Revolution,  der  Wiener  Ver-
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        Padua  und  Pillnitz.  123

trag  lege  dem  Staate  unberechenbare  Verbindlichkeiten  auf,  die  dem  Heere
und  dem  Haushalt  zum  Verderben  gereichen  könnten.  Auch  die  öffentliche
Meinung  in  Preußen  begrüßte  die  österreichische  Freundschaft  mit  tiefem
Mißtrauen.  Die  Erinnerungen  der  sieben  Jahre  waren  noch  unvergessen;
die  Rechte  der  Reichsstände  im  Elsaß  und  das  Schicksal  des  linken  Rhein—
ufers  lagen  dem  Gesichtskreise  der  Norddeutschen  so  fern,  daß  später  noch,
als  der  Reichskrieg  am  Rheine  schon  durch  anderthalb  Jahre  währte,  einer
der  ersten  politischen  Köpfe  der  Zeit,  Spittler,  ganz  unbefangen  schreiben
konnte:  „Wir  Deutschen  im  Genusse  unserer  glücklichen  Ruhe!“  König
Friedrich  Wilhelm  aber  billigte  die  willkürlichen  Schritte  seines  Freundes;
er  traf  bald  darauf  mit  Leopold  in  Pillnitz  zusammen,  fühlte  sich  hin—
gerissen  von  der  würdigen  persönlichen  Haltung  des  schlauen  Florentiners
und  jubelte:  der  Bund  der  beiden  deutschen  Großmächte  werde  zum  Segen
kommender  Geschlechter  für  ewige  Zeiten  dauern.

Eine  unmittelbare  Bedrohung  Frankreichs  lag  freilich  in  allen  diesen
Mißgriffen  nicht.  Wenn  Friedrich  Wilhelm  selber  einen  Kreuzzug  gegen
die  französischen  Rebellen  lebhaft  wünschte,  seine  Minister  wiesen  den  Gedanken
  eines  Angriffskrieges  ebenso  entschieden  von  sich  wie  der  durchaus
friedfertige  Kaiser.  In  Pillnitz  wurden  die  zum  Kriege  drängenden  Emigranten
  hart  zur  Seite  geschoben,  und  es  kam  nur  die  inhaltlose  Erklärung
  vom  27.  August  zu  Stande:  die  beiden  Mächte  sprachen  aus,
daß  sie  die  Sache  König  Ludwig's  für  eine  gemeinsame  Angelegenheit  aller
Souveräne  hielten;  eine  Einmischung  in  Frankreichs  innere  Händel  solle
erfolgen,  falls  alle  europäischen  Mächte  zustimmten.  Das  sagte  gar  nichts,
da  Jedermann  wußte,  daß  England  an  einer  bewaffneten  Intervention
niemals  theilnehmen  wollte.  Und  sogar  diese  unklaren  Andeutungen  ließ
man  in  Wien  wieder  fallen,  als  König  Ludwig  im  Herbst  in  seine  Würde
wieder  eingesetzt  wurde  und  die  neue  Verfassung  freiwillig  beschwor.  Die
Revolution  schien  zum  Stillstande  gelangt,  der  Kaiser  war  völlig  beruhigt,
und  selbst  der  alte  Fürst  Kaunitz,  der  ernstlich  an  einen  europäischen  Krieg
gegen  „die  wüthigen  Narren“  Frankreichs  gedacht  hatte,  gestand:  nunmehr
sei  jede  Kriegsgefahr  vorüber.  Die  Verhandlungen  über  die  Rechte  des
Reichs  im  Elsaß  führte  Leopold  nach  altem  Reichsbrauch  mit  einer  Mäßigung,
  die  der  Schwäche  gleich  kam;  er  unterließ  alle  militärischen  Sicherheitsmaßregeln
  und  forderte  nur  Entschädigung,  nicht  Wiederherstellung
der  Beraubten.  Oesterreich  und  Preußen  bewogen  auf  Frankreichs  Wunsch
den  Kurfürsten  von  Trier,  daß  er  die  Rüstungen  des  Emigrantenheeres
zu  Coblenz  untersagte  —  dieses  winzigen  Heeres,  das  ohnehin,  bei  dem
Todhasse  der  Franzosen  wider  die  adlichen  Verräther,  dem  neuen  Frankreich
  nie  gefährlich  werden  konnte;  und  wenn  Leopold  hinzufügte,  er  wolle
durch  seine  belgischen  Truppen  den  Trierer  gegen  den  Ueberfall  französischer
  Freischaaren  decken,  so  that  er  nur  was  die  unabweisbare  Pflicht
des  Reichsoberhauptes  gebot.
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        124  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Frankreich  war  es,  Frankreich  allein,  das  Angesichts  dieser  friedfertigen
  Haltung  der  deutschen  Mächte  den  Krieg  erzwang.  Das  Grundgesetz
  der  constitutionellen  Monarchie  war  kaum  vereinbart,  so  arbeiteten
die  Doctrinäre  der  Gironde  bereits  an  seiner  Vernichtung;  sie  wollten  die
Republik  und  erkannten  rasch,  daß  eine  Kriegserklärung  gegen  den  Schwager
des  Königs  das  Ansehen  des  Thrones  unrettbar  erschüttern,  daß  die  letzten
armseligen  Ueberreste  des  alten  Königthums  zusammenbrechen  mußten,
sobald  die  Sturmfluth  der  revolutionären  Propaganda  über  den  Welttheil
  dahin  fegte.  Der  Widerwille  der  ungeheuren  Mehrheit  der  Nation
gegen  die  Republik  sollte  durch  den  Glanz  kriegerischer  Erfolge,  durch  das
alte  theure  Traumgebilde  der  natürlichen  Grenzen  beschwichtigt,  die  Geldnoth
  des  Staates  durch  einen  großen  Beutezug  geheilt  werden.  Bei  dem
reizbaren  Stolze  der  tief  erregten  Nation  und  ihrer  gründlichen  Unkenntniß
  ausländischer  Zustände  fiel  es  der  wilden  Rhetorik  der  Brissot,  Guadet
und  Gensonné  nicht  schwer,  aus  Wahrem  und  Falschem  ein  kunstvolles
Trugbild  zu  weben,  die  thörichten  Briefe  des  unglücklichen  Hofes,  den
offenen  Verrath  der  Emigranten  in  Zusammenhang  zu  bringen  mit  den
unvorsichtigen  Worten  der  Erklärungen  von  Padua  und  Pillnitz.  Das
Volk  begann  zu  glauben,  daß  seine  neue  Freiheit  durch  eine  finstere  Verschwörung
  aller  alten  Mächte  gefährdet  sei,  daß  man  das  Schwert  ziehen
müsse  um  das  Recht  der  nationalen  Selbstbestimmung  gegen  die  Vor
mundschaft  Europas  zu  wahren.  Derweil  die  kriegerische  Stimmung  in
der  Gesetzgebenden  Versammlung  von  Tag  zu  Tag  wuchs,  zeigte  man  in
den  Verhandlungen  mit  dem  Kaiser  schnöden  Uebermuth,  bot  den  Reichsständen
  im  Elsaß  nicht  einmal  eine  bestimmte  Entschädigung.  Dann
forderte  das  Haus,  hingerissen  von  den  flammenden  Reden  der  Gironde,
die  feierliche  Erklärung  des  Kaisers,  daß  er  den  Plan  einer  europäischen
Vereinigung  aufgebe  und,  gemäß  den  alten  Bundesverträgen  der  Bourbonen,
  Frankreich  zu  unterstützen  bereit  sei  —  bei  Strafe  sofortigen  Krieges.
Da  Leopold  eine  würdige  maßvolle  Antwort  gab,  wurde  am  20.  April
1792  der  Krieg  gegen  Oesterreich  erklärt.  Frevelhafter  waren  selbst  die
Raubzüge  Ludwig's  XIV.  nicht  begonnen  worden  als  dieser  Kampf,  der
nach  allem  menschlichen  Ermessen  das  ungerüstete  Frankreich  in  schimpfliche
  Niederlagen  stürzen  mußte.  Eine  doctrinäre  Rede  Condorcet's  verkündete
  sodann  der  Welt,  wie  das  Princip  der  republikanischen  Freiheit
sich  gegen  den  Despotismus  erhebe.  Dem  gesammten  alten  Europa  ward
der  Handschuh  hingeworfen;  für  Preußen  aber  trat  der  Wiener  Vertrag
in  Kraft,  der  unterdessen  durch  ein  förmliches  Vertheidigungsbündniß
ergänzt  worden  war.

Der  Krieg  wurde  den  deutschen  Mächten  aufgedrungen.  Fast  im
selben  Augenblicke  rückten  die  russischen  Truppen  jeden  Widerstand  niederschmetternd
  in  Polen  ein,  der  Wille  der  Czarin  gebot  an  der  Weichsel.
Wieder  wie  so  oft  schon  befand  sich  die  centrale  Macht  des  Festlandes
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        Frankreich  erklärt  den  Krieg.  125

zwischen  zwei  Feuern.  Preußens  Staatsmänner  standen  vor  der  Wahl:
ob  sie  entweder  das  zerrüttete,  zum  Angriff  kaum  fähige  Heer  der  Re—
volution  durch  eine  zähe  Vertheidigung  hinhalten  und  unterdessen  mit  der
gesammelten  Kraft  des  Staates  die  deutschen  Interessen  im  Osten  wahren
oder  umgekehrt  die  polnische  Entscheidung  vorläufig  hinausschieben  sollten
um  zunächst  den  französischen  Krieg  mit  raschen,  wuchtigen  Schlägen  zu
beenden.  Da  Frankreich  selber  durch  seine  Kriegserklärung  die  alten  Ver—
träge  zerrissen  hatte,  so  durfte  ein  heldenhafter  Sinn  jetzt  wohl  die  Hoff—
nung  fassen,  die  von  König  Friedrich  so  oft  beklagten  deutschen  Thermo—
pylen,  die  Vogesen,  dem  Reiche  zurückzubringen.  Was  man  auch  wählen
mochte,  die  Stunde  drängte;  es  galt  die  ganze  Macht  Preußens  sofort
einzusetzen,  mit  überwältigender  Schnelligkeit  im  Osten  oder  im  Westen
einen  durchschlagenden  Erfolg  zu  erringen.  Aber  das  Adlerauge  des
großen  Königs  wachte  nicht  mehr  über  seinem  Staate;  die  kleinen  Leute,
welche  seinen  Nachfolger  umgaben,  riethen  zu  dem  Verkehrtesten,  was  geschehen
  konnte:  sie  begannen  einen  Angriffskrieg  gegen  das  Innere  Frankreichs
  und  verwendeten  für  dies  gewagte  Unternehmen  kaum  die  Hälfte
des  preußischen  Heeres.

Der  Krieg  der  ersten  Coalition  ging  verloren  durch  diplomatische
Fehler,  nicht  durch  Niederlagen  auf  dem  Schlachtfelde.  Es  ward  entscheidend
  für  seinen  Verlauf,  daß  gerade  jetzt  in  Wien  und  Berlin  alle
Sünden  und  Lügen  jener  gierigen  ideenlosen  Cabinetspolitik  des  achtzehnten
  Jahrhunderts  wieder  emporkamen,  welche  der  Gradsinn  Friedrich
Wilhelm's  I.  nicht  verstanden,  der  Heldenstolz  seines  Sohnes  verachtet
hatte.  Kaiser  Leopold  starb  schon  zu  Anfang  des  Krieges.  Sein  junger
Nachfolger  Franz  II.  glaubte  an  das  althabsburgische  AEI#l  mit  der
ganzen  Starrheit  eines  gedankenleeren  Kopfes,  blieb  allezeit  der  einfachen
Ansicht,  daß  sein  Erzhaus  niemals  genug  Land  besitzen  könne;  er  nahm
die  josephinischen  Eroberungspläne  wieder  auf,  hoffte  durch  den  französischen
  Krieg  den  Austausch  von  Belgien  gegen  Baiern  zu  erreichen.
Auch  die  preußische  Staatskunst  zeigte  nicht  mehr  den  alten  Charakter
nüchterner  Selbstbeschränkung;  seit  dem  Abschluß  des  österreichischen  Bündnisses
  ward  auch  sie  von  der  unsteten  Begehrlichkeit  der  habsburg-lothringischen
  Hauspolitik  ergriffen  und  schweifte  unsicher  in's  Schrankenlose
statt  nach  guter  Hohenzollernweise  ein  fest  begrenztes  Ziel  mit  eiserner
Ausdauer  zu  verfolgen.  Den  größten  Gewinn  an  Land  und  Leuten,  wo
es  auch  sei,  mit  den  kleinsten  Opfern  herauszuschlagen,  das  war  die  Weisheit
  der  pfiffigen  Ränkeschmiede  Haugwitz  und  Lucchesini.  Sie  sahen  ein,
daß  der  Wiener  Vertrag,  welcher  dem  Kaiser  den  Beistand  Preußens  unbedingt
  zur  Verfügung  stellte,  eine  sträfliche  Thorheit  gewesen,  und  verlangten
  nun,  noch  ehe  Oesterreich  seine  bairischen  Pläne  kundgab,  zur
Belohnung  für  die  Kriegshilfe  ein  Stück  von  Polen  und  die  pfälzischen
Lande  am  Niederrhein;  Pfalzbaiern  mochte  dafür  im  Elsaß  entschädigt
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        126  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

werden.  Sie  faßten  also  die  Wiedereroberung  der  deutschen  Westmark
in's  Auge  und  gedachten  zugleich  den  alten  jülich-clevischen  Erbfolgestreit
gänzlich  zum  Vortheil  Preußens  zu  beendigen.  Der  gesunde  Kern  dieser
Gedanken  war  unverkennbar,  doch  wie  durfte  man  hoffen,  einen  so  glänzenden
  Gewinn,  die  Erwerbung  von  Posen  und  der  Rheinprovinz  zugleich,
anders  zu  erreichen  als  durch  das  Aufgebot  aller  Kräfte  der  Monarchie?
Ein  häßlicher  Anblick,  wie  nun  die  begehrlichen  Wünsche  der  beiden  Höfe
einander  wechselseitig  überboten  und  steigerten.  Um  nur  der  polnischen
Entschädigung  sicher  zu  sein,  gestattete  Preußen,  daß  Oesterreich  sich  durch
Baiern  vergrößere.  Der  vberste  Grundsatz  der  fridericianischen  Politik,
der  so  oft  mit  dem  Schwert  und  der  Feder  behauptete  Entschluß  des
großen  Königs,  dem  Hause  Oesterreich  unter  keinen  Umständen  eine  Machterweiterung
  im  Reiche  zu  gestatten,  wurde  in  kläglicher  Schwäche  aufgegeben
  —  „aus  feiger  Habgier",  wie  Friedrich  einst  auf  ähnliche  Vorschläge
  geantwortet  hatte.  Und  dabei  war  man  doch  der  treuen  Freundschaft
  des  neuen  Bundesgenossen  keineswegs  versichert.

Im  Juli  1792  versammelte  sich  der  hohe  Adel  deutscher  Nation  zu
Mainz  um  seinen  neuen  Kaiser  Franz.  Es  war  das  Henkermahl  des
heiligen  Reichs.  Noch  einmal  prunkten  durch  die  engen  Gassen  des  goldenen
  Mainz  die  Karrossen  der  geistlichen  Kurfürsten,  das  glänzende  Dienergefolge
  von  hunderten  reichsfreier  Fürsten,  Grafen  und  Herren,  die  ganze
Herrlichkeit  der  guten  alten  Zeit  —  zum  letzten  male  bevor  das  neue
Jahrhundert  den  Urväterhausrath  der  rheinischen  Bischofsmützen  und
Fürstenkronen  mit  ehernen  Sohlen  zermalmte.  Während  dieser  rauschenden
  Feste  verhandelten  die  beiden  Großmächte  insgeheim  über  den  Siegespreis.
  Das  Schicksal  Baierns  schien  entschieden;  Preußen  gab  seinen
alten  Schützling,  das  Haus  Wittelsbach  völlig  preis,  und  bei  der  militärischen
  Schwäche  der  süddeutschen  Staaten  unterlag  es  keinem  Zweifel,
daß  Oesterreich  den  bairisch-belgischen  Tausch  sogleich  erzwingen  konnte.
Da  traten  die  kaiserlichen  Unterhändler  mit  der  Erklärung  hervor,  ihr
Herr  verlange  nicht  bloß  Baiern,  sondern  auch  das  soeben  durch  Preußen
rechtmäßig  erworbene  Ansbach-Bayreuth;  kein  Zweifel  mehr,  die  Hofburg
trachtete  nach  der  Theilung  Deutschlands,  nach  der  Unterwerfung  des
ganzen  Südens.  Die  Minister  in  Berlin  fühlten  sich  „wahrhaft  empört",
der  König  empfand  den  Anschlag  wider  seine  fränkischen  Stammlande  als
eine  persönliche  Beleidigung.  Auch  über  die  polnische  Frage  kam  eine
klare  Verständigung  nicht  zu  Stande.  Obgleich  Oesterreich  einer  Gebietserweiterung
  Preußens  im  Osten  nicht  geradezu  widersprach,  so  fühlten
doch  beide  Theile,  daß  ihre  Ansichten  über  Polens  Zukunft  weit  auseinandergingen;
  der  Berliner  Hof  hatte  sich  endlich  überzeugt,  daß  die  von
Wien  her  begünstigte  polnische  Maiverfassung  dem  preußischen  Interesse
schnurstracks  zuwiderlief.

Verstimmt,  grollend,  ohne  jede  feste  Verabredung  über  das  Ziel  des
        <pb n="137" />
        Der  Krieg  von  1792.  127

Kampfes,  zogen  die  Verbündeten  in  den  Krieg  hinaus.  Der  kaiserliche
Hof  führte  den  Feldzug  ungern  als  einen  aufgezwungenen  Vertheidigungs—
krieg;  die  preußischen  Staatsmänner  leisteten  ebenso  widerwillig  eine  Hilfe,
die  nach  den  Verträgen  nicht  verweigert  werden  konnte;  beide  Mächte
trösteten  sich  mit  der  unbestimmten  Hoffnung,  das  widerwärtige  Unternehmen
  werde  doch  irgend  einen  Landgewinn  abwerfen.  Nur  König
Friedrich  Wilhelm  schwelgte  in  ritterlichen  Hochgedanken;  er  sah  sich  jetzt
als  den  Vorkämpfer  des  rechtmäßigen  Königthums,  auch  die  Gestalten
des  Arminius  und  anderer  Retter  des  deutschen  Vaterlandes  erschienen
ihm  in  seinen  Träumen.  Welche  Ordnung  er  dem  besiegten  Frankreich
auferlegen  sollte  blieb  ihm  freilich  selber  unklar.

Noch  bevor  die  Heere  aufeinander  trafen,  enthüllte  sich,  außer  der
Zwietracht  der  Verbündeten,  auch  die  andere  heillose  Unwahrheit,  daran
die  Coalition  krankte.  Da  die  Redner  der  Gironde  den  Principienkrieg
für  die  republikanische  Freiheit  predigten,  so  konnten  ihre  Feinde  sich  dem
Einfluß  der  contrerevolutionären  Partei  nicht  ganz  entziehen.  Oesterreich
galt  in  Paris  als  der  Schirm  und  Träger  aller  jener  alten  Staatsgedanken,
  die  man  dort  mit  dem  geduldigen  Gesammtnamen  Feudalismus
bezeichnete;  gegen  diese  Macht  der  Finsterniß  fochten  die  Wortführer  der
Revolution  mit  freudigem  Eifer.  Daß  aber  der  Staat  des  Philosophen
von  Sanssouci,  der  Rebell  gegen  Kaiser  und  Reich,  jetzt  das  alte  Europa
mit  seinen  Waffen  schützte,  erschien  ihnen  ganz  ungeheuerlich;  sie  gaben
die  Hoffnung  nicht  auf,  diesen  Staat  der  Aufklärung  noch  zu  sich  hinüberzuziehen.
  Gleichwohl  vermochte  das  preußische  Hauptquartier  nicht,  die
immer  lauter  und  zuversichtlicher  auftretenden  Emigranten  von  sich  fern
zu  halten.  Der  Oberbefehlshaber,  der  Herzog  von  Braunschweig,  unterschrieb
  in  einem  Augenblick  kopfloser  Schwäche  ein  fanatisches  Kriegsmanifest,
  das  durch  einen  Heißsporn  des  emigrirten  Adels  seine  Färbung
erhalten  hatte  und  im  preußischen  Cabinet  Entsetzen  erregte:  der  geistreiche
  Schüler  der  französischen  Philosophie,  dem  der  Pariser  Kriegsminister
vor  Kurzem  erst  die  Führung  des  Revolutionsheeres  angeboten  hatte,  bedrohte
  in  grimmigen  Worten  das  revolutionäre  Frankreich  mit  Verderben
und  Zerstörung.  Die  Gironde  frohlockte,  die  contrerevolutionären  Pläne
der  verbündeten  Despoten  schienen  erwiesen,  über  allen  Zweifel  hinaus.

Unselig  wie  die  Politik,  welche  den  Kampf  begann,  war  auch  die
Weise  der  Kriegführung.  Wohl  blieben  die  wohlgedrillten  Regimenter
Oesterreichs  und  Preußens  den  zerlumpten  und  verwilderten  Haufen  des
Revolutionsheeres  noch  lange  militärisch  überlegen.  Wo  es  zum  Schlagen
kam  wurden  die  Franzosen  von  den  fridericianischen  Truppen  regelmäßig
geworfen;  den  preußischen  Reitern  und  namentlich  dem  gefürchteten  rothen
König,  dem  Oberst  Blücher  von  den  rothen  Husaren,  wagten  sie  selten
Stand  zu  halten.  Der  märkische  Bauer  spottete  noch  nach  Jahren  über
die  französischen  Katzköppe,  wie  er  die  Chasseurs  nannte.  Blücher  gab
        <pb n="138" />
        128  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

nach  Abschluß  der  drei  Rheinfeldzüge  sein  Campagne-Journal  heraus  und
schilderte  bescheiden  doch  mit  herzhaftem  Selbstgefühl,  wie  oft  er  die  Feinde
„geschmissen“  habe;  die  Offiziere  zogen  aus  dem  Kampfe  heim  mit  dem
Bewußtsein  rühmlicher  Pflichterfüllung.  Und  doch  führten  diese  drei  Feldzüge,
  die  den  preußischen  Fahnen  so  viele  stattliche  Einzel-Erfolge  brachten,
zu  einem  schmachvollen  Frieden.  Der  Charakter  der  Kriegführung  wird
überall  und  zu  allermeist  in  Coalitionskriegen  bedingt  durch  die  Ziele  der
Staatskunst,  welcher  sie  dient;  eine  Politik,  die  sich  vor  dem  Siege  fürchtet,
kann  große  Feldherren  nicht  ertragen.  Die  schwankende  Rathlosigkeit  der
preußischen  Politik  fand  in  der  Willensschwäche,  in  dem  bedachtsamen
Zaudern  des  Herzogs  von  Braunschweig  ihren  getreuen  Ausdruck.  König
Friedrich  war  in  den  letzten  Zeiten  des  siebenjährigen  Krieges  durch  die
erdrückende  Uebermacht  der  Feinde  zu  einer  Behutsamkeit  gezwungen
worden,  die  seinen  Neigungen  und  Grundsätzen  widersprach.  Was  ihm
allein  die  Noth  auferlegte,  erschien  den  Generalen  der  Friedensjahre  als
die  Blüthe  militärischer  Weisheit.  Sie  hielten  für  die  Aufgabe  des  Feldherrn,
  die  Truppen  in  einen  weiten  Cordon  auseinanderzuziehen,  jeden
irgend  bedrohten  Punkt  zu  decken,  den  Berg  durch  das  Bataillon  und
das  Bataillon  durch  den  Berg  zu  sichern;  jener  Geist  der  Initiative,  den
Friedrich  so  oft  für  den  Nerv  des  Kriegshandwerks  erklärt  hatte,  ging
dem  friedensfrohen  Geschlechte  verloren.  Die  Künstelei  dieser  bedachtsamen
  Kriegsmethode  entsprach  zugleich  dem  Temperament  des  Braunschweigers
  und  seinen  politischen  Ansichten;  denn  er  allein  unter  den
Generalen  des  verbündeten  Heeres  fürchtete  die  dämonischen  Kräfte  der
Revolution,  er  scheute  das  Wagniß  der  offenen  Feldschlacht.

Nach  altösterreichischem  Brauche  kam  von  den  zugesagten  kaiserlichen
Hilfsvölkern  nur  der  kleinste  Theil  zur  Stelle.  Der  Oberfeldherr  eroberte
zunächst  die  Festungen  der  Maaslinie  und  rückte  dann,  widerwillig  dem
Befehle  des  Königs  gehorchend,  westwärts  gegen  Paris  vor,  obgleich  sein
Heer  viel  zu  schwach  war  um  die  Eroberung  der  feindlichen  Hauptstadt
versuchen  zu  können.  Schon  am  20.  September  fiel  die  Entscheidung  des
Feldzugs.  Der  Herzog  wagte  nicht,  die  Franzosen  auf  den  Höhen  von
Valmy  anzugreifen,  sondern  gab  den  sicheren  Sieg  aus  der  Hand  und
räumte  darauf  den  französischen  Boden  vor  den  anrückenden  Verstärkungen
des  Feindes.  Mit  dem  Seherblick  des  Dichters  durchschaute  Goethe  die
Folgen  dieser  großen  Wendung;  er  sagte  am  Wachtfeuer  zu  den  preußischen
  Offizieren:  „Am  heutigen  Tage  beginnt  eine  neue  Epoche  der  Weltgeschichte.“
  Inzwischen  war  die  Krone  der  Capetinger  durch  den  Aufstand
des  zehnten  August  zerbrochen  worden;  aus  dem  gräßlichen  Blutbade  der
Septembermorde  stieg  die  französische  Republik  empor,  und  triumphirend
konnten  die  Gewalthaber  des  neuen  Frankreichs  dem  Convente  als  Brautgabe
  die  große  Kunde  bringen,  daß  die  fridericianische  Armee  den  Heerschaaren
  der  Freiheit  unrühmlich  den  Rücken  gekehrt  habe.
        <pb n="139" />
        Erste  Erfolge  der  Franzosen.  129

Und  noch  waren  die  Ueberraschungen  dieses  wilden  Jahres  92  nicht
zu  Ende;  es  schien,  als  wollte  das  unerforschliche  Schicksal  die  Thorheit
aller  menschlichen  Voraussicht  erweisen.  Ein  französisches  Freicorps  unter
unfähigem  Führer  drang  in  einem  tollen  Abenteurerzuge  an  der  Flanke
des  preußischen  Heeres  vorbei  bis  gegen  Mainz;  die  erste  Festung  Deutschlands
  öffnete  ohne  Widerstand  ihre  Thore.  Die  Herrlichkeit  der  rheinischen
Kleinstaaterei  brach  wie  ein  Kartenhaus  zusammen;  Fürsten  und  Bischöfe
stoben  in  wilder  Flucht  auseinander.  Pfalzbaiern  erklärte  sich  neutral,
nach  der  alten  landesverrätherischen  Gewohnheit  des  Hauses  Wittelsbach;
das  heilige  Reich  spürte  den  Anfang  des  Endes.  Das  willenlose  Volk
der  geistlichen  Lande  ließ  sich  von  einer  Handvoll  lärmender  Feuerköpfe
das  Possenspiel  einer  rheinischen  Republik  vorführen,  sprach  in  ehrfürchtiger
Schen  alle  Kraftworte  der  Pariser  Völkerbeglücker  nach,  obgleich  „das
Phlegma,  das  uns  die  Natur  auferlegt  hat,  uns  nur  erlaubt  die  Franzosen
  zu  bewundern“;  an  dem  Anblick  dieses  Zerrbildes  der  Freiheit  ist
dem  geistreichsten  der  rheinischen  Enthusiasten,  Georg  Forster,  das  unstete
Herz  gebrochen.  Währenddem  sielen  auch  Savoyen  und  Belgien,  schlecht
vertheidigt,  den  schlechten  Truppen  der  Republik  in  die  Hände.  Wunderbare,
  strahlende  Erfolge,  die  selbst  ein  nüchternes  Volk  berauschen  konnten!
Ein  maßloses  Selbstgefühl  schwellte  den  Führern  der  neuen  Republik  die
Seele;  sie  boten  allen  Völkern,  die  sich  für  die  Freiheit  erheben  wollten,
den  Beistand  Frankreichs  an.  Der  Kampf  der  revolutionären  Propaganda
ward  feierlich  verkündigt:  Krieg  den  Palästen,  Friede  den  Hütten!  In
dieser  fanatischen  Siegeszuversicht  lag  eine  unermeßliche  sittliche  Kraft.
Auch  die  militärische  Macht  der  Republik  war  im  Erstarken,  obgleich  noch
Alles  in  ihrem  Heerwesen  wüst  und  wirr  durcheinander  gährte.  Den
ungeheuren  Massen,  welche  der  Convent  in's  Feld  führte,  konnte  die  methodische
  Kriegführung  der  fridericianischen  Generale  wohl  auf  dem
Schlachtfelde  den  Sieg  entreißen,  doch  eine  solche  Volkserhebung  völlig
niederzuwerfen  war  für  die  kleinen  Heere  der  alten  Zeit  unmöglich.
Unter  den  Freiwilligen  von  1792  fand  sich  eine  Fülle  junger  Talente,
ein  großer  Theil  der  Marschälle  und  Generale  des  Kaiserreichs;  die  neue
Gleichheit  bot  allen  aufstrebenden  Köpfen  freie  Bahn,  der  Schrecken  der
Guillotine  spornte  Jeden  das  Höchste  zu  wagen.

Also  kündigte  sich  hier  eine  neue  Kriegsweise  an  und  eine  neue  Staatskunst,
  welche  die  Ländergier  der  alten  Cabinetspolitik  mit  einer  unerhörten
Mißachtung  aller  überlieferten  Formen  des  Völkerrechts  verband.  Sollte
das  Reich  dem  Angriff  dieser  unberechenbaren  jugendlichen  Macht  widerstehen,
  so  mußten  vor  Allem  die  Rheinlande  eine  neue  kräftigere  politische
Ordnung  erhalten  und  zum  Widerstande  befähigt  werden.  Durch  die
Schuld  der  kleinen  Höfe  war  das  feste  Mainz  in  die  Hände  Custine's
gefallen,  und  auch  nach  der  Niederlage  wußten  sie  dem  bedrängten  Vaterlande
  nichts  zu  bieten  als  jammernde  Klagen  und  Rechtsverwahrungen

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  9
        <pb n="140" />
        130  I.  2.  Revolution  und  Fremdberrschaft.

und  einige  leidenschaftliche  Flugschriften,  die  den  getreuen  Unterthan  gegen
„das  Bürgerchen  Custine“  aufregen  sollten.  Durfte  man  diese  verlebten
politischen  Gewalten,  die  vor  den  ersten  Schlägen  des  Feindes  zusammengebrochen
  waren,  wieder  aufrichten?  Der  Gedanke  der  Secularisation
drängte  sich  nochmals  unabweisbar  aufj;  rechtzeitig  und  durch  die  deutschen
Mächte  allein  ausgeführt,  bot  er  das  letzte  Mittel  den  Bestand  des
Reichsgebietes  zu  retten.  In  Berlin  wie  in  Paris  wurde  die  Beseitigung
der  geistlichen  Staaten  damals  schon  ernstlich  erwogen.  Indeß  auf
Oesterreichs  Widerspruch  ließen  die  preußischen  Staatsmänner  den  Plan
fallen,  und  wieder  begann  das  traurige  geistlose  Feilschen  um  „ein  billiges
Superplus“.  Man  beschloß  endlich,  nachdem  die  Preußen  bereits  Frankfurt
  und  das  rechte  Rheinufer  von  den  Franzosen  gesäubert  hatten,  im
nächsten  Jahre  Belgien  und  Mainz  zurückzuerobern,  dafür  sollte  der
Kaiser  an  bairischen,  Preußen  an  polnischen  Landstrichen  sich  schadlos
halten.  Beide  Mächte  führten  den  leidigen  Krieg  nur  noch  weiter  um
sich  eine  Gebietsabrundung  zu  sichern.  Der  Plan  einer  royalistischen
Gegenbewegung,  der  den  ehrlichen  Sinn  des  Königs  von  Preußen  noch
immer  beschäftigte,  verlor  jeden  Boden,  seit  die  Republik  gegründet  war
und  bald  nachher  der  Kopf  König  Ludwig’s  fiel.

Währenddem  befestigten  sich  die  Russen  in  ihrer  Machtstellung  an
der  Weichsel.  Katharina  war  durch  den  Frieden  von  Jassy  des  Türkenkrieges
  entledigt,  und  da  sie  nun  mit  gesammelter  Kraft  sich  auf  die
polnische  Beute  stürzte,  fand  sie  abermals  einen  Bundesgenossen  an  der
Parteiwuth  des  sarmatischen  Adels.  Mit  Hilfe  der  Targowicer  Conföderation
  warf  sie  die  Neuerungen  von  1791  über  den  Haufen  und
stellte  die  alte  Landesverfassung  wieder  her,  das  will  sagen:  ihre  eigene
Herrschaft  über  die  Krone  Polen.  Seit  dreißig  Jahren  arbeitete  sie  unablässig
  an  dem  Plane,  das  Czarenreich  durch  die  Eroberung  Polens  in
unmittelbaren  Verkehr  mit  der  Cultur  des  Westens  zu  bringen;  jetzt  schien
sie  am  Ziele  ihrer  Wünsche,  sie  gebot  über  die  Weichsellande  und  konnte
nach  Belieben  entscheiden,  wann  und  in  welchen  Formen  die  völlige  Einverleibung
  des  eroberten  Gebietes  erfolgen  sollte.  Wer  durfte  ihr  widerstehen?
  Die  Macht  Rußlands  war  durch  die  Zwietracht  der  deutschen
Nachbarn,  durch  den  Zerfall  der  westeuropäischen  Staatengesellschaft  gewaltig
  angewachsen  und  wurde  überdies  von  allen  Zeitgenossen  überschätzt;
Niemand  bemerkte,  daß  das  menschenarme  Land  durch  die  Kriege  seiner
ruhelosen  Czarin  eine  Million  Menschen  verloren  hatte  und  zu  einem
Angriffskriege  nur  mäßige  Mittel  besaß.  Eine  Parteinahme  der  deutschen
Höfe  für  die  polnischen  Patrioten  war  durch  Katharina's  diplomatische
Kunst  von  Haus  aus  verhindert.  Da  der  Petersburger  Hof  die  jacobinischen
  Königsmörder  mit  Worten  leidenschaftlicher  Entrüstung  bekämpfte,
so  warb  die  Warschauer  Patriotenpartei  um  die  Hilfe  der  Franzosen;
wer  Frankreichs  Feind  war  konnte  nicht  der  Bundesgenosse  Polens  sein.
        <pb n="141" />
        Zweite  Theilung  Polens.  131

Dergestalt  durch  die  überlegene,  skrupellose  Politik  der  Czarin  von
allen  Seiten  her  umstellt  fand  sich  König  Friedrich  Wilhelm  wieder  in
ähnlicher  Lage  wie  sein  Vorgänger  zwanzig  Jahre  früher.  Er  mußte  sich
entscheiden,  ob  er  die  Alleinherrschaft  der  Russen  in  Polen  dulden  oder
durch  eine  neue  Theilung  das  Anschwellen  der  moskowitischen  Macht  be—
schränken  sollte.  Die  Wahl  konnte  nicht  zweifelhaft  sein.  Das  preußisch—
polnische  Bündniß  war  durch  die  Polen  selber  zerrissen,  als  sie  dem  Hause
Wettin  die  erbliche  Krone  anboten.  Der  Berliner  Hof  that  jetzt  endlich
was  die  Interessen  Preußens  längst  geboten:  er  erklärte  sich  offen  gegen
die  Maiverfassung  von  1791,  freilich  mit  Worten  erkünstelter  Entrüstung,
welche  von  seiner  bisherigen  Haltung  häßlich  abstachen.  Er  versammelte
die  Hälfte  seines  Heeres  an  der  Ostgrenze,  und  da  Katharina  bei  der
unheimlichen  Gährung,  die  das  polnische  Land  erfüllte,  sich  nicht  sicher
fühlte,  so  willigte  sie  im  Januar  1793  widerstrebend  in  die  zweite  Theilung
Polens.  Dann  sah  die  Welt  den  Selbstmord  eines  weiland  mächtigen
Volkes.  Alle  Gräuel  der  Pariser  Conventsherrschaft  erschienen  unschuldig
neben  dem  entsetzlichen  Schauspiele  der  stummen  Sitzung  des  Reichstags
von  Grodno;  durch  ein  verabredetes  Gaukelspiel,  durch  den  Schein  des
Zwanges  ließen  sich  die  bestochenen  Landboten  und  Magnaten  die  Ge—
nehmigung  der  Theilung  ihres  Vaterlandes  abtrotzen.  Preußen  erwarb,
außer  Thorn  und  Danzig,  jene  großpolnischen  Lande  um  Posen  und  Gnesen,
welche  Friedrich  im  siebenjährigen  Kriege  so  schmerzlich  vermißt  hatte.
Sie  bildeten  die  natürliche  Verbindung  zwischen  Schlesien  und  Altpreußen
und  konnten,  da  sie  bereits  einen  starken  Bruchtheil  deutscher  Bewohner
enthielten  und  mit  dem  Reiche  lebhaften  Verkehr  unterhielten,  im  Laufe
der  Jahre  vielleicht  ganz  für  die  germanische  Gesittung  gewonnen  werden.
Die  weite  Lücke  in  unserer  Ostgrenze  war  endlich  geschlossen,  all  das
Unrecht,  das  der  polnische  Adel  seit  Jahrhunderten  den  deutschen  Cultur—
bringern  angethan,  fand  nunmehr  seine  Sühne.  Aber  wenn  die  Theilung
selber  eine  That  gerechter  Nothwehr  war,  so  zeigte  doch  die  Wahl  der
Mittel  den  sittlichen  Verfall  des  preußischen  Staates.  Durch  Wortbruch
und  Lüge,  durch  Bestechung  und  Ränke  jeder  Art  erreichte  er  sein  Ziel;
nicht  befriedigt  mit  der  Sicherung  seiner  Grenzen  griff  er  schon  weit
über  das  Maß  des  Nothwendigen  hinaus,  bis  zur  Bzura,  tief  in  reinpolnisches
  Land  hinein.  Das  also  verstümmelte  Polen  konnte  nicht  mehr
bestehen;  die  zweite  Theilung  führte  unaufhaltsam  zu  einem  letzten  Umsturz,
  der  für  Deutschland  verderblich  werden  mußte.

Die  nächste  Folge  des  Theilungsvertrages  war  der  Zerfall  der  preu-Kisch-österreichischen
  Allianz.  Kaiser  Franz  hatte  zwar  der  Vergrößerung
Preußens  im  Voraus  zugestimmt,  weil  er  ohne  den  Beistand  der  norddeutschen
  Macht  Belgien  nicht  wiedererobern  konnte;  dennoch  vernahm  er
mit  Unmuth,  wie  sein  Bundesgenosse  eigenmächtig,  früher  als  er  selber,
sich  den  Siegespreis  gesichert  hatte;  es  klang  ihm  wie  Hohn,  als  Katharina

9*
        <pb n="142" />
        132  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

schrieb,  er  möge  sein  eigenes  Werk  krönen  durch  die  Genehmigung  der
neuen  polnischen  Theilung.  Erzürnt  entließ  er  seine  Räthe  und  vertraute
die  Leitung  der  auswärtigen  Geschäfte  dem  Minister  Thugut.  Dieser
gehässigste  aller  Feinde  Preußens,  durch  rührige  Schlauheit  und  gewissen—
lose  Thatkraft  den  Berliner  Staatsmännern  weit  überlegen,  dachte  nach
dem  Vorbilde  Katharina's  die  ungeheure  Verwirrung  der  europäischen  Lage
für  eine  Eroberungspolitik  im  großen  Stile  auszubeuten;  überallhin
schweiften  seine  begehrlichen  Wünsche,  nach  Flandern  und  dem  Elsaß,  nach
Baiern,  nach  Italien,  nach  den  Donaulanden,  nach  Polen.  Sein  Haß
gegen  den  norddeutschen  Verbündeten  stieg  noch,  seit  der  Erbe  von  Pfalzbaiern,
  der  Herzog  von  Zweibrücken  sich  wider  den  bairisch-belgischen
Tauschplan  verwahrte,  und  Preußen,  den  begangenen  Fehler  endlich  erkennend,
  rundweg  erklärte,  ohne  die  freie  Zustimmung  des  Hauses  Wittelsbach
  dürfe  der  Tausch  nicht  stattfinden.  Zunächst  ging  der  österreichische
Staatsmann  darauf  aus,  die  Macht  Preußens  in  Polen  niederzuhalten.
Nichts  konnte  der  Czarin  willkommener  sein;  sie  empfand  es  bitter,  daß
ihr  die  polnische  Beute  zum  zweiten  male  durch  Preußens  Dazwischentreten
  geschmälert  wurde,  und  benutzte  geschickt  den  gegenseitigen  Haß  der
deutschen  Mächte  um  den  einen  Nachbarn  durch  den  andern  zu  schwächen.
Schon  im  Sommer  1793  traten  die  Höfe  von  Wien  und  Petersburg
einander  näher;  über  die  feindseligen  Absichten  des  neuen  Kaiserbundes
konnte  man  sich  in  Berlin  nicht  täuschen.

Der  Zerfall  der  Coalition  zeigte  sich  sofort  in  den  Kriegsereignissen.
Die  Preußen  überschritten  den  Rhein  nahe  der  alten  Pfalz  bei  Caub,  an
derselben  Stelle  wo  sie  zwei  Jahrzehnte  später  den  Kampf  um  den  deutschen
Strom  von  Neuem  begonnen  haben;  sie  vertrieben  den  Feind  vom  linken
Ufer,  belagerten  und  eroberten  Mainz.  Unter  dem  Schutze  ihrer  Waffen
kehrte  der  entflohene  hohe  Adel  zurück  und  stellte  unbelästigt  allen  Unfug
der  Kleinstaaterei  wieder  her,  deren  rettungslose  Verderbniß  man  doch  in
Berlin  wohl  kannte.  Dann  stand  die  preußische  Armee  lange  im  pfälzischen
  Gebirge,  mit  der  Front  südwärts  gegen  das  Elsaß,  überall  siegreich
  wo  der  Feind  einen  Angriff  versuchte;  doch  sie  wagte  keinen  Vorstoß,
denn  das  Berliner  Cabinet  mißtraute  den  Absichten  seines  Verbündeten.
Der  kaiserliche  General  Wurmser,  der  den  linken  Flügel  des  Heeres  vor
den  Weißenburger  Linien  befehligte,  verlangte  den  Einmarsch  in's  Elsaß,
um  auch  dort  wie  am  Mittelrhein  die  Herrschaft  seiner  Standesgenossen
vom  Reichsadel  wiederherzustellen,  und  trotzte  dem  preußischen  Oberbefehlshaber
  in  offenem  Ungehorsam.  Da  trat  gegen  das  Ende  des  Jahres
General  Hoche  an  die  Spitze  der  französischen  Truppen,  der  reinste
Mensch  unter  den  jungen  militärischen  Talenten  der  Republik.  Von
den  Preußen  bei  Kaiserslautern  zurückgeschlagen,  wendete  er  sich  mit  dem
Ungestüm  des  genialen  Naturalisten  gegen  Wurmser's  Corps,  schlug  die
Kaiserlichen  auf  dem  Gaisberge,  bei  Wörth,  bei  Fröschweiler,  auf  jenen
        <pb n="143" />
        Feldzug  von  1793.  133

Vorhöhen  des  Gebirges,  wo  dereinst  die  ersten  Schläge  des  großen  Vergeltungskrieges
  fallen  sollten,  befreite  das  von  den  Verbündeten  belagerte
Landau  und  zwang  Wurmser  zum  Rückzuge.  Das  preußische  Heer  konnte
nach  den  Niederlagen  der  Oesterreicher  das  Gebirge  nicht  mehr  halten
und  räumte  die  Pfalz.  Das  unglückliche  Land  lernte  in  den  Schrecken
des  „Plünderwinters“  die  Wohlthaten  der  französischen  Freiheit  kennen.

Schwere  Niederlagen  wecken  die  sittliche  Kraft  in  einem  tüchtigen  Heere;
dieser  durch  fremde  Schuld  verlorene  Feldzug  zerrüttete  die  Mannszucht
unter  den  preußischen  Offizieren.  Man  schalt  und  klagte  laut,  forderte
die  Heimkehr  aus  dem  unnützen  Kriege.  Das  unpreußische  Wesen,  das
die  Verwaltung  lähmte,  drang  auch  in  das  Heer;  die  Armee  glich  einer
militärischen  Republik;  der  Groll  gegen  die  Oesterreicher  entlud  sich  in
hundert  gehässigen  Händeln.  Auch  auf  dem  niederländischen  Kriegstheater
war  die  jetzt  durch  England  verstärkte  Coalition  wenig  glücklich.  Sie  hatte
Belgien  zurückgewonnen,  und  im  Sommer,  nach  der  Einnahme  von  Valenciennes
  und  Mainz,  lag  die  Straße  nach  Paris  offen  vor  den  verbündeten
Heeren,  wenn  man  den  Entschluß  fand,  die  Armeen  zu  einem  gemeinsamen
Vorstoße  zu  vereinigen.  Aber  die  englische  Handelspolitik  verlangte  nach
dem  Besitze  von  Dünkirchen,  Thugut  forderte  die  Eroberung  der  Picardie;
über  dem  Gezänk  der  Diplomaten  ging  der  günstige  Zeitpunkt  verloren
und  zu  Ausgang  des  Feldzugs  stand  man  wieder  in  der  Defensive  an
der  belgischen  Südgrenze.  Unterdessen  war  die  Kriegsmacht  der  Republik
in  beständigem  Wachsen.  Die  Schreckensherrschaft  der  Jacobiner  unterwarf
  das  gesammte  Land  der  Dictatur  der  Hauptstadt;  sie  bedurfte  des
Krieges,  weil  sie  jedes  wirthschaftliche  Gedeihen  zerstörte.  Der  Gedanke
der  revolutionären  Propaganda  ward  zur  furchtbaren  Wahrheit;  eine
ruhelose  Verschwörung  spannte  ihre  Netze  über  den  halben  Welttheil,  bis
nach  Warschau  und  Turin,  nach  Amsterdam  und  FIrland,  versuchte  die
Grenzen  aller  Länder  in's  Wanken  zu  bringen.  Das  Volk  brachte  zitternd
die  ungeheuren  Opfer,  welche  das  Gebot  der  Pariser  Gewalthaber  ihm
auferlegte.  Wenngleich  der  Terrorismus  der  Conventscommissäre  die
deutschen  Provinzen  Frankreichs  erbitterte  und  im  katholischen  Elsaß  da
und  dort  sogar  altösterreichische  Erinnerungen  wachrief,  die  Masse  der
Bauerschaft  im  Osten  hielt  doch  treu  zu  der  Tricolore,  weil  sie  von  dem
Siege  der  Coalition  die  Rückkehr  der  Zehnten  und  Frohnden  fürchtete.
In  Straßburg  wurde  das  hohe  Lied  der  Revolution  gedichtet.  Carnot's
Genie  gab  dem  Heere  eine  neue  Organisation,  fügte  Linientruppen  und
Nationalgarden  in  der  taktischen  Einheit  der  Halbbrigaden  zusammen,
beseitigte  die  unbrauchbaren  gewählten  Führer,  bildete  aus  den  frischesten
Kräften  der  altbourbonischen  Offiziere  und  der  neuen  Freiwilligen  ein
fähiges  Offizierscorps.  Die  wilde  Verwegenheit  der  ungeschulten  republikanischen
  Generale,  die  mit  rücksichtsloser  Vergeudung  von  Menschenleben
und  Kriegsmaterial  auf  den  Gegner  losstürmten,  wurde  den  bedachtsamen
        <pb n="144" />
        134  I.  2.  Revolution  und  Fremdberrschaft.

Schülern  der  alten  Kriegskunst  sehr  lästig;  auch  die  Haltung  der  französischen
  Mannschaften  besserte  sich  etwas  durch  die  lange  Kriegsübung.
So  erstarkte  der  Gegner;  Preußen  fand  sich  dagegen  zu  Anfang  des
dritten  Feldzugs  völlig  gelähmt  durch  die  Erschöpfung  der  Geldmittel.
Sein  Staatsschatz  war  nahezu  geleert.  Der  König  hatte  schon  im  zweiten
Kriegsjahre  englischer  Hilfsgelder  nicht  entbehren  können.  Ihm  und  seinem
Heere  allein  verdankte  das  Reich  die  Wiedereroberung  der  rheinischen
Hauptfestung.  Er  erbot  sich  nun  den  Reichskrieg  auch  im  nächsten  Jahre
fortzuführen,  wenn  die  übrigen  Reichsstände,  die  bisher  für  die  Vertheidigung
  der  Westgrenze  kaum  20,000  Mann  in's  Feld  gestellt,  ihm  in
seiner  Geldnoth  aushülfen  und  den  Unterhalt  seines  Heeres  am  Rheine
übernähmen.  Aber  der  Scharfblick  des  kleinfürstlichen  Particularismus
sah  in  dem  preußischen  Vorschlage  das  Wiederaufleben  der  Ideen  des
Fürstenbundes.  Zagheit  und  Selbstsucht  überall;  an  manchen  Höfen  schon
offener  Verrath,  da  Frankreich  längst  darauf  hinarbeitete  die  kleinen  Herren
unter  seinen  Einfluß  zu  bringen.  Auch  Oesterreich  war  der  Neuerung  nicht
günstig,  die  den  König  von  Preußen  als  Reichsfeldherrn,  seine  Truppen
als  Reichsheer  hätte  erscheinen  lassen.  Selbst  eine  Anleihe,  welche  Hardenberg
  von  den  kleinen  Höfen  des  Westens  zu  erlangen  hoffte,  brachte  nur
einen  kaum  nennenswerthen  Ertrag.  Von  seinen  Mitständen  verlassen
entschloß  sich  Friedrich  Wilhelm  endlich,  sein  gesammtes  rheinisches  Heer
in  den  Sold  der  Seemächte  zu  geben.  Dieses  ohnehin  für  eine  Großmacht
kaum  erträgliche  Verhältniß  führte  zu  den  ärgsten  Zwistigkeiten,  da  der
Subsidienvertrag  unklare,  vieldeutige  Sätze  enthielt.  Die  Seemächte  meinten
über  die  Truppen  ihres  Verbündeten  willkürlich  verfügen  zu  können  und
wollten  im  Interesse  ihrer  Handelspolitik  die  sämmtlichen  Heere  der  Coalition
in  den  Niederlanden  versammeln.  Preußen  aber  behielt  sich  selber  die
Wahl  des  Kriegsschauplatzes  vor  und  versuchte  nochmals  die  Reichsgrenze
am  Mittelrhein  zu  vertheidigen.  Oesterreich  wiederum  hoffte  auf  Eroberungen
  in  Flandern  und  Lothringen.  Feldmarschall  Möllendorff  eröffnete  den
Feldzug  durch  einen  zweiten  Sieg  bei  Kaiserslautern;  nachdem  er  im
Sommer  aus  dem  Gebirge  hatte  zurückgehen  müssen,  drang  er  im  Herbste
wieder  vor  und  die  preußischen  Regimenter  behaupteten  zum  dritten  male
siegreich  die  blutgetränkten  Höhen  an  der  Lauter.  Auch  in  den  Niederlanden
  fehlte  es  nicht  an  glänzenden  Kriegsthaten  der  norddeutschen  Hilfsvölker;
  der  heldenkühne  Ausfall  des  hannoverschen  Generals  Hammerstein
und  seines  Adjutanten  Scharnhorst  aus  Menin  bewies,  daß  die  alte
deutsche  Waffentüchtigkeit  noch  nicht  erstorben  war.  Jedoch  der  Muth  der
Einzelnen  konnte  nicht  sühnen  was  die  Schwäche  der  Heerführung  und  die
Zweideutigkeit  der  kaiserlichen  Politik  verdarben.  Im  October  ging  das
österreichische  Heer  aus  Belgien  über  den  Rhein  zurück.  Der  Feind  rückte
nach,  besetzte  das  Rheinland  bis  nach  Coblenz  hinauf,  und  also  im  Rücken
bedroht  mußten  die  Preußen  jetzt  ebenfalls  das  linke  Ufer  räumen.
        <pb n="145" />
        Feldzug  von  1794.  135

Zur  selben  Zeit  erprobte  der  König  die  üblen  Folgen  seiner  Abhängig—
keit  von  den  Seemächten.  England,  erbittert  über  die  selbständige  Haltung
der  preußischen  Generale,  verweigerte  ihm  die  Zahlung  der  Hilfsgelder,
machte  ihm  die  Fortsetzung  des  Kampfes  unmöglich.  So  ging  das  beste
Heer  der  Coalition  durch  Englands  eigensinnigen  Hochmuth  dem  euro—
päischen  Kriege  verloren.  Gegen  Weihnachten  drang  dann  Pichegru  über
das  Eis  der  großen  Ströme  in  Holland  ein,  die  Flotte  des  weiland  see—
beherrschenden  Staates  strich  ihre  Flagge  vor  einer  französischen  Reiter—
schaar.  Die  batavische  Republik  ward  ausgerufen,  der  große  Freistaat
des  Westens  begann  sich  mit  einem  Walle  von  Tochterrepubliken  zu  um—
geben.  Auch  der  dritte  rheinische  Feldzug  war  vergeblich  geführt,  und  für
den  nächsten  Sommer  mußten  die  westphälischen  Lande  einen  Angriff  der
Franzosen  von  Holland  her  erwarten.  Preußen  stand  völlig  vereinsamt;
man  vernahm  bald,  daß  der  Bruch  zwischen  Preußen  und  England  in
Petersburg  wie  in  Wien  mit  lauter  Schadenfreude  begrüßt  wurde.  Im
preußischen  Volke  aber  ahnte  Niemand,  wie  tief  die  Macht  des  Staates
durch  eine  Politik  der  Halbheit  und  Unklarheit  geschädigt  war.  Die  Haupt—
stadt  jubelte  über  die  drei  Siege  von  Kaiserslautern;  ein  Rausch  patriotischen
Stolzes  und  royalistischer  Hingebung  erfüllte  die  Gemüther.  Damals
zuerst,  in  den  Jahren  93  und  94,  erklang  zu  Berlin  das  „Heil  dir  im
Siegerkranz“,  der  neue  preußische  Text  zu  der  alten  Händel'schen  Melodie.
Das  prächtige  Siegesdenkmal  der  alten  Monarchie,  das  Brandenburger
Thor  ward  eingeweiht;  frohlockend  drängte  sich  das  Volk  herbei,  als  die
liebliche  Braut  des  jungen  Kronprinzen  durch  dies  Triumphthor  einzog.
Preußische  Schriftsteller  verglichen  in  ehrlicher  Verblendung  das  ungetrübte
Glück  ihrer  treuen  und  siegreichen  Nation  mit  der  Zerrüttung  und  der
Ohnmacht  des  Staates  der  gallischen  Königsmörder.

Inzwischen  wurde  die  wankende  Eintracht  der  Coalition  gänzlich  zerstört
durch  die  polnischen  Händel.  In  der  Osterwoche  1794  brach  zu  Warschau
ein  blutiger  Aufstand  aus,  die  Russen  wurden  aus  dem  Lande  vertrieben.
Von  Paris  her  unterstützt  griff  der  Aufruhr  unaufhaltsam  um  sich,  bis
tief  in  das  preußische  Polen.  Auch  diesmal,  im  letzten  Verzweiflungskampfe,
  ließ  der  polnische  Adel  nicht  von  den  alten  Sünden  der  Zwietracht
  und  Zuchtlosigkeit.  Immerhin  zeigte  die  unselige  Nation  mehr
Widerstandskraft  als  die  Theilungsmächte  ihr  zugetraut,  und  ein  gnädiges
Schicksal  schenkte  ihr  das  Glück  sich  noch  einmal  das  Herz  zu  erheben  an
dem  Anblick  eines  wahrhaften  Helden.  Kosciuszko  besaß  weder  das  Genie
des  großen  Feldherrn  noch  den  Weitblick  des  Staatsmannes,  doch  seine
reine  Seele  barg  neben  allen  ritterlichen  Tugenden  seines  Volkes  eine
unerschütterliche  Rechtschaffenheit,  eine  treue  Hingebung  an  das  Vaterland,
wie  sie  Polen  seit  Jahrhunderten  nicht  mehr  kannte;  gleich  einem  Schutzengel
  erschien  Vater  Thaddäus  den  polnischen  Bauern,  wenn  der  schwermüthige
  Held  im  weißen  Bauernflausrock  auf  seinem  Klepper  durch  die
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        136  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Reihen  der  Sensenmänner  ritt.  In  Rußland  dagegen  flammte  der  alte
Haß  der  Byzantiner  gegen  die  Lateiner,  der  Ostslaven  gegen  die  Westslaven
  drohend  auf;  wie  ein  Mann  forderte  das  weite  Czarenreich  die
Vernichtung  Polens  zur  Sühne  für  die  erlittene  Schmach.  Nie  war  ein
Krieg  dem  russischen  Volke  heiliger.  Es  lag  am  Tage,  in  der  blutigen
Woche  von  Warschau  hatte  Polens  letzte  Stunde  geschlagen.  Da  war
es  Preußens  Pflicht,  sogleich,  noch  ehe  die  russischen  Heersäulen  aus  dem
entlegenen  Innern  des  Reichs  heranrücken  konnten,  selber  den  Aufstand
niederzuwerfen  um  nachher  bei  der  unvermeidlichen  letzten  Theilung  in
unangreifbarer  Stellung  das  entscheidende  Wort  zu  sprechen.

Der  König  erkannte  was  auf  dem  Spiele  stand.  Er  ließ  sein  Heer
einrücken,  schlug  die  Polen  bei  Rawka,  eroberte  Krakau  und  wendete  sich
dann  gegen  Warschau,  das  mangelhaft  gerüstet,  von  Parteikämpfen  erfüllt,
einem  Sturmangriffe  der  Preußen  nicht  gewachsen  war.  Aber  jene  unglückliche
  Bedachtsamkeit  und  Ueberfeinheit,  welche  den  rheinischen  Krieg
verdorben  hatte,  betrog  den  König  auch  um  die  Früchte  seiner  polnischen
Siege.  Der  ritterliche  Fürst  wollte  Praga  mit  Sturm  nehmen  und  dann,
wie  sein  Ahnherr  der  große  Kurfürst,  als  Sieger  in  die  polnische  Hauptstadt
  einziehen.  Da  mahnte  ihn  Bischoffwerder,  seine  Kräfte  zu  schonen
für  die  Abrechnung  mit  Rußland;  ein  Agent  Katharina's,  der  Prinz  von
Nassau-Siegen,  stimmte  dem  kleinmüthigen  Rathe  eifrig  zu;  man  begann
eine  regelmäßige  Belagerung,  die  schon  nach  wenigen  Tagen  abgebrochen
wurde.  Während  das  preußische  Heer  verstimmt  und  erbittert  von  Warschau
  abzog,  rückte  Suworow  mit  der  Hauptmacht  Katharina's  heran,  der
geniale  Barbar,  in  dem  die  wilde  nationale  Leidenschaft  der  Moskowiter
Fleisch  und  Blut  gewann:  dem  weißen  Czaren  und  der  orthodoxen  Kirche
blind  ergeben  wie  ein  großrussischer  Bauer,  und  doch  ein  Meister  in  der
Kriegskunst  der  Abendländer,  ein  großer  Feldherr,  zum  Befehlen  geboren,
gewohnt  das  Ungeheure  von  dem  Todesmuthe  seiner  Soldaten  zu  fordern,
gewohnt  zu  handeln  nach  seinem  Lieblingsworte:  die  Kugel  ist  eine  Närrin,
das  Bajonett  ein  ganzer  Mann.  Er  vollführte  was  die  preußischen  Feldherren
  versäumt,  schlug  das  Heer  Kosciuszko's  auf's  Haupt,  erstürmte  Praga
nach  mörderischem  Kampfe.  Warschau  lag  zu  den  Füßen  Katharina's,
ihre  Truppen  behaupteten  die  beherrschende  Stellung  zwischen  Bug  und
Weichsel.  Nicht  Preußen,  sondern  Rußland  hatte  den  Aufstand  gebändigt
und  prahlend  verkündete  der  Petersburger  Hof:  „Polen  ist  gänzlich  unterworfen
  und  erobert  durch  die  Waffen  der  Keaiserin.“

Die  Unterlassungssünden  der  preußischen  Heeresleitung  bestraften  sich
sofort,  als  die  drei  Ostmächte  zu  Petersburg  über  die  letzte  Theilung  verhandelten.
  Preußen  verlangte  die  Weichsellinie  mit  Warschau,  Sandomierz
und  Krakau.  Da  Oesterreich,  das  zur  Dämpfung  des  Aufstandes  sehr
wenig  gethan,  diese  letzteren  zwei  Bezirke  für  sich  begehrte,  gab  General
Tauentzien  eine  Antwort,  welche  schon  den  gänzlichen  Zerfall  der  Coalition
        <pb n="147" />
        Bund  der  Kaiserhöfe  gegen  Preußen.  137

ankündigte;  er  sagte:  „diese  zwei  Provinzen  in  Eurer  Hand  würden  uns
mehr  Noth  machen,  als  alle  Demokratien  der  Welt.“  Rußland  aber  stand
auf  Oesterreichs  Seite;  mit  glücklichem  Erfolge  hatte  Thugut  seit  andert—
halb  Jahren  um  Katharina's  Gunst  geworben.  Die  beiden  Kaiserhöfe
waren  einig  den  preußischen  Ehrgeiz  mit  jedem  Mittel  zu  bändigen  und
schlossen,  da  Preußen  nicht  nachgab,  am  3.  Januar  1795  ein  geheimes
Kriegsbündniß  gegen  ihren  Bundesgenossen.  Der  Vertrag  bestimmte:
Theilung  Polens  dergestalt,  daß  Rußland  und  Oesterreich  die  Hauptmasse
erhalten,  Preußen  mit  Warschau  und  einem  schmalen  Striche  an  der
ostpreußischen  Grenze  abgefunden  wird.  Außerdem  ward  ein  umfassender
Eroberungsplan  verabredet:  Rußland  soll  in  den  Donauprovinzen  eine
Secundogenitur  gründen,  Oesterreich  erhält  freie  Hand  zur  Erwerbung
von  Baiern,  Bosnien  und  Serbien,  sowie  der  venetianischen  Republik;
ja  die  Kaiserin  giebt  im  Voraus  ihre  Zustimmung  zu  allen  anderen
Eroberungen,  welche  ihr  Bundesgenosse  noch  für  nöthig  halten  sollte;
widerspricht  Preußen,  so  wird  es  mit  Aufbietung  aller  Kraft  durch  die
Waffen  gezwungen.  Alle  die  vermessenen  Wünsche  Kaiser  Joseph's  lebten
also  wieder  auf;  an  der  unteren  Donau,  im  Herzen  Süddeutschlands
und  vor  Allem  an  der  Adria  dachte  Thugut  die  Macht  seines  Staates
zu  erweitern,  und  Katharina  ließ  ihn  gern  gewähren,  weil  sie  in  dem
allgemeinen  Umsturz  das  zweite  große  Ziel  ihrer  Staatskunst,  die  Herrschaft
  über  Byzanz  zu  erreichen  hoffte.

Dahin  war  also  der  preußische  Staat  in  den  fünf  Jahren  seit  dem
Reichenbacher  Tage  gelangt:  die  Seemächte  und  das  deutsche  Reich  weigerten
ihm  die  Mittel  zur  Kriegführung,  Rußland  und  Oesterreich  bedrohten  ihn
mit  einem  Angriff.  Der  Vertrag  vom  3.  Januar  blieb  in  Berlin  noch
mehrere  Monate  lang  unbekannt,  doch  über  die  Gesinnungen  der  Kaiserhöfe
  bestand  kein  Zweifel.  Längst  hatte  Thugut  in  Böhmen  Truppen
angesammelt,  um  wider  den  preußischen  Alliirten  vorzubrechen.  Konnte
Preußen,  ohne  Geldmittel  wie  man  war,  mit  solchen  Bundesgenossen  den
französischen  Krieg  fortsetzen,  dessen  Ziele  in  dem  verworrenen  Ränkespiele
der  Diplomatie  immer  dunkler  und  räthselhafter  wurden?  Sämmtliche
Räthe  des  Königs  verlangten  schon  längst  Frieden  oder  Bündniß  mit
Frankreich:  auch  der  geistreiche  Minister  Hardenberg,  der  die  fränkischen
Markgrafschaften  durch  eine  treffliche  Verwaltung  für  die  Monarchie  gewonnen
  hatte  und  jetzt  zuerst  auf  die  auswärtige  Politik  einzuwirken  anfing.
  Karl  August  von  Weimar,  der  den  Kampf  gegen  Frankreich  von
Haus  aus  verwünscht  hatte,  erneuerte  jetzt  seine  Friedensmahnungen.  Der
Armee,  selbst  dem  tapferen  Blücher,  war  der  Krieg  an  der  Seite  der
Oesterreicher  gänzlich  verleidet,  nicht  minder  dem  Volke,  das  der  Lorbeeren
genug  zu  haben  glaubte.  Der  junge  Vincke  sprach  allen  aufgeklärten
Preußen  aus  der  Seele,  wenn  er  bitter  fragte:  wie  lange  wollen  wir
noch  ein  freiwilliges  Opfer  österreichischer  Falschheit  bleiben?  Hans  von
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        138  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Held,  die  böseste  Zunge  der  literarischen  Opposition,  mahnte  beweglich:
„Friedrich  Wilhelm,  ruf  es  wieder,  ruf  dein  tapfres  Heer  zurück!  Laß
uns  sein  der  Franken  Brüder,  so  gebeut  es  das  Geschick.“  Auch  im  Reiche
rief  Alles  nach  Frieden;  allgemein  war  die  Ermattung.  Thugut  andrerseits
  drohte  in  leidenschaftlicher  Erbitterung,  er  werde  sich  mit  Frankreich
vertragen,  wenn  man  ihm  Krakau  vorenthalte;  der  übereilte  Abzug  der
Oesterreicher  aus  den  Niederlanden  und  manche  bedenkliche  Nachrichten,
die  über  das  Treiben  des  toscanischen  Gesandten  Carletti  in  Paris  umliefen,
  bestärkten  den  preußischen  Hof  in  seinem  Verdachte  gegen  die  Hofburg.

Kaum  minder  dringend  war  das  Friedensbedürfniß  in  dem  tief  erschöpften
  Frankreich;  man  wünschte  sehnlich,  mindestens  mit  Preußen  in's
Reine  zu  kommen.  Doa  die  Schreckensherrschaft  gestürzt,  die  gemäßigten
Parteien  in  Paris  zur  Herrschaft  gelangt  waren,  so  schmeichelten  sich  die
Berliner  Staatsmänner  mit  der  Erwartung,  ein  preußischer  Sonderfriede
werde  den  allgemeinen  Frieden  einleiten,  den  alten  Besitzstand  des  Reiches
wiederherstellen.  Widerstrebend  ließ  sich  der  König  endlich  die  Erlaubniß
zur  Eröffnung  der  Friedensverhandlungen  abdringen;  im  Stillen  wünschte
er  noch  immer  als  getreuer  Reichsfürst  einen  neuen  Rheinkrieg  zu  führen.
Die  Baseler  Unterhandlungen  verliefen  unglücklich,  trotz  Hardenberg's
diplomatischer  Gewandtheit,  weil  die  Minister  in  Berlin  nicht  den  Muth
hatten  den  Gegnern  mit  der  Wiederaufnahme  der  Feindseligkeiten  zu
drohen.  Auch  dem  Gedanken  der  Secularisation,  der  von  den  Franzosen
wieder  aufgegriffen  wurde  und  vielleicht  noch  einen  leidlichen  Ausweg  eröffnen
  konnte,  wagten  die  preußischen  Diplomaten  nicht  ernsthaft  in's
Gesicht  zu  sehen.  Sie  begnügten  sich  mit  einer  armseligen  Halbheit  und
schlossen  am  5.  April  1795  den  Frieden  von  Basel,  kraft  dessen  Preußen
einfach  aus  dem  Coalitionskriege  ausschied;  gelang  den  Franzosen  sich
auf  dem  linken  Ufer  zu  behaupten,  so  sollte  der  König  für  seinen  überrheinischen
  Besitz  entschädigt  werden  —  durch  secularisirtes  geistliches
Land,  wie  beide  Theile  stillschweigend  voraussetzten.

Der  Friedensschluß  war,  wie  die  Menschen  und  die  Dinge  in  Preußen
augenblicklich  standen,  das  letzte  verzweifelte  Mittel  um  den  Staat  aus
einer  unhaltbaren  Lage  zu  retten.  Er  war  die  nothwendige  Folge  vieljähriger
  Fehler  und  Mißgeschicke,  eines  unwahren  Bündnisses,  das  den
Keim  des  Verrathes  in  sich  trug,  einer  kraftlosen  Politik,  die  sich  zwischen
Polen  und  dem  Rheine  unstet  hin  und  her  warf  ohne  jemals  einen  entscheidenden
  Schlag  zu  führen.  Er  war  die  Schuld  nicht  einzelner  Männer,
sondern  des  gesammten  Volkes,  das,  einmal  durch  einen  großen  Mann
aus  seinem  politischen  Schlummer  aufgerüttelt,  sich  wieder  in  ein  waches
Traumleben  verlor  und  wieder  lernte  mit  gelassenem  Wohlgefallen  an
seiner  politischen  Zukunft  zu  verzweifeln.  Er  war  trotz  aller  zwingenden
Gründe,  die  ihn  entschuldigten  oder  erklärten,  der  schwerste  politische
Fehler  unserer  neuen  Geschichte,  eine  Untreue  des  preußischen  Staates
        <pb n="149" />
        Baseler  Frieden.  139

gegen  sich  selber,  die  durch  zwei  Jahrzehnte  der  Entehrung  und  der  Noth,
durch  beispiellose  Opfer  und  Kämpfe  gebüßt  worden  ist.

Als  der  Mehrer  des  Reichs  war  dies  Preußen  über  die  Nichtigkeit
des  Kleinstaatenthums  hinausgewachsen;  keine  Niederlage  in  freier  Feld—
schlacht  konnte  diesen  Staat  je  tiefer  beugen  als  er  sich  selber  demüthigte,
da  er  ungeschlagen  seine  Hand  abzog  von  der  deutschen  Westmark  und
das  soeben  erst  durch  Preußens  Heer  dem  Reiche  wiedergeschenkte  Mainz
einem  ungewissen  Schicksal  preisgab.  Durch  die  Kraft  des  Willens  hatte
Preußen  sich  allezeit  unter  übermächtigen  Nachbarn  behauptet;  unziem—
licher  sogar  als  ein  offener  Bund  mit  dem  Reichsfeinde  war  für  diese
Macht  der  träge  Kleinmuth,  der  gemächlich  abwarten  wollte,  ob  vielleicht
Oesterreich  noch  die  Franzosen  aus  dem  Reiche  hinausschlüge.  Ein  ehren—
haftes  Gefühl  reichsfürstlichen  Stolzes  bewog  den  König  dem  Baseler
Friedenswerke  bis  zum  letzten  Augenblicke  zu  widersprechen:  er  war  der
Erbe  jenes  großen  Kurfürsten,  der,  nicht  minder  schnöde  von  Oesterreich
betrogen,  doch  immer  wieder  den  Kampf  um  die  rheinischen  Lande  gewagt
hatte;  zudem  empfand  er  dunkel,  wie  der  wackere  alte  Minister  Finkenstein,
daß  die  Behauptung  der  Westgrenze  des  Reichs  für  die  Machtstellung
Preußens  weit  wichtiger  war  als  der  Besitz  von  Sandomierz  und  Krakau.
Verrathen  von  seinen  Verbündeten  war  er  unzweifelhaft  berechtigt  von
der  Coalition  zurückzutreten  sobald  Frankreich  einen  ehrenvollen  Frieden
bot  und  die  alten  Grenzen  des  Reichs  anerkannte,  doch  ein  solcher  Friede
ließ  sich  nur  erreichen  wenn  man  den  Willen  hatte  einen  vierten  rheinischen
Feldzug  zu  wagen.  Noch  hatte  der  Krieg  die  Kernlande  der  Monarchie
nicht  berührt;  der  Wohlstand  zeigte  überall  ein  nachhaltiges  Gedeihen,  obgleich
  der  Mißwachs  des  Jahres  1794  augenblickliche  Verlegenheiten  bereitete.
Von  einer  Ueberbürdung  des  Volkes  war  keine  Rede;  das  um  tausende  von
Geviertmeilen  vergrößerte  Staatsgebiet  brachte  seinem  gutherzigen  Fürsten
kaum  eine  Million  Thaler  mehr  an  jährlichen  Einkünften  als  einst  der
kleine  Staat  Friedrich's  II.  Ein  großer  Staatsmann  mußte  in  solcher
Lage  die  Mittel  zu  finden  wissen  für  einen  neuen  Feldzug,  trotz  der  schwerfälligen
  Formen  des  Finanzwesens,  trotz  der  üblen  Erfahrungen,  die  man
soeben  mit  einer  ausländischen  Anleihe  gemacht  hatte.  Aber  im  Rathe  des
Königs  fehlte  ein  schöpferischer  Kopf;  der  unglückliche  Fürst  sah  keinen  Ausweg
mehr  und  beschwichtigte  sein  Gewissen  mit  dem  trübseligen  Troste,  daß  der
Friede  mindestens  keine  förmliche  Abtretung  deutschen  Landes  ausspreche.

Alle  Berechnungen  und  Erwartungen  seiner  schlauen  Rathgeber  erwiesen
  sich  sofort  als  ein  großer  Irrthum.  Sie  dachten  den  Reichskrieg
zu  beendigen,  Hardenberg  glaubte,  Frankreich  werde  freiwillig  auf  die
Nheingrenze  verzichten  um  nur  mit  dem  Reiche  sich  abzufinden,  und  hoffte
arglos  auf  ein  dauerndes  Freundschaftsverhältniß  zwischen  Preußen  und
der  Republik.  Wie  ahnten  sie  doch  so  gar  nichts  von  dem  Charakter  des
revolutionären  Frankreichs!  In  Paris  kam  bald  nach  dem  Baseler  Ver-
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        140  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

trägen  die  Kriegspartei  wieder  an's  Ruder,  die  von  Preußen  Waffenhilfe
erwartete  und,  getäuscht  in  ihrer  Hoffnung,  den  ruheseligen  neutralen
Nachbarn  mit  unverhohlener  Geringschätzung  behandelte.  Immer  deutlicher
  zeigte  sich,  daß  ein  Friede  mit  dem  Staate  der  revolutionären  Propaganda
  erst  möglich  war,  wenn  die  alte  Staatenwelt  in  Trümmern  lag.
Die  Haugwitz  und  Alvensleben  wähnten  durch  den  Friedensschluß  freie
Hand  zu  erhalten  für  die  polnischen  Händel  und  mußten  schließlich  doch
den  Theilungsplan  der  beiden  Kaiserhöfe  mit  geringen  Aenderungen  annehmen;
  denn  nur  als  Frankreichs  Bundesgenosse  konnte  Preußen  dem
herrischen  Willen  Thugut's  und  Katharina's  entgegentreten,  und  wider  ein
offenes  Bündniß  mit  der  Revolution  sträubte  sich  das  Ehrgefühl  des
Königs  wie  die  Thatenscheu  der  Mehrzahl  seiner  Räthe.  Gleichwohl  war
Preußen  bereits  durch  den  Baseler  Vertrag  ein  Mitschuldiger,  ein  geheimer
  Verbündeter  der  französischen  Eroberungspolitik  geworden,  man
wußte  in  Berlin,  daß  die  Republik  das  linke  Rheinufer  behaupten  wollte,
man  erwartete  von  ihrer  Freundschaft  Entschädigungen  für  die  clevischen
Lande  und  war  also,  wie  lebhaft  man  sich  auch  gegen  den  Verdacht  verwahrte,
  an  Frankreichs  Siegeswagen  angekettet.

Der  erste  Schritt  führte  weiter.  Am  5.  August  1796  wurde  ein  Ergänzungsvertrag
  abgeschlossen,  der  schon  bestimmte  Erwerbungen  in  Aussicht
stellte:  ging  das  linke  Ufer  dem  Reiche  verloren,  so  sollte  der  König  das
Bisthum  Münster  erhalten  und  sein  oranischer  Schwager  ebenfalls  mit
geistlichen  Gebieten  im  Reiche  schadlos  gehalten  werden.  So  verlor  der  große
Gedanke  der  Secularisation  seinen  reinen  Sinn;  König  Friedrich  hatte
ihn  verstanden  als  ein  Mittel  zur  Reform  des  Reichs,  jetzt  diente  er  nur
noch  zur  Beraubung  Deutschlands.  Preußen  gewann  durch  den  Frieden
scheinbar  eine  großartige  Erweiterung  seiner  Macht.  Die  norddeutschen
Kleinstaaten  folgten  rasch  dem  Beispiele  ihres  mächtigen  Mitstandes.  Eine
Demarcationslinie  wurde  den  Rhein  entlang  und  dann  quer  durch  Mitteldeutschland
  gezogen;  hinter  ihr  lag  der  neutrale  Norden,  durch  Preußens
Waffen  vor  den  Schrecken  des  Krieges  behütet.  Die  klugen  Leute  in  Berlin
jubelten:  so  sei  die  Herrschaft  des  schwarzen  Adlers  über  das  gesammte
Norddeutschland  durch  die  friedlichen  Künste  der  Diplomatie  begründet.
Und  doch  war  diese  glänzende  Stellung  nur  ein  nichtiger  Schein.  Der
Rhein  bildete  keine  haltbare  Grenze,  die  Republik  vermochte  das  linke  Ufer
nur  zu  behaupten  wenn  sie  auch  das  rechte  mittelbar  oder  unmittelbar
beherrschte;  unaufhaltsam  fluthete  der  Krieg  tief  nach  Oberdeutschland
hinein,  mehrere  der  süddeutschen  Staaten  schlossen  bereits  Unterwerfungsverträge
  mit  Frankreich,  es  waren  die  Vorboten  des  Rheinbundes.  Im
Süden  wie  im  Westen  durch  Frankreich  und  seine  Vasallen  umklammert,
konnte  Norddeutschland  seine  Unabhängigkeit  nur  so  lange  bewahren,  als
Frankreich  sich  im  eigenen  Interesse  genöthigt  fand  sie  zu  schonen.  Die
friedensselige  Thatenscheu  allein  hielt  das  nordische  Neutralitätsbündniß
        <pb n="151" />
        Neutralität  Norddeutschlands.  141

zusammen;  wurde  der  Schirmherr  Norddeutschlands  in  einen  neuen  Krieg
mit  Frankreich  verwickelt,  so  mußte  dieser  Bund,  der  jedes  sittlichen  In—
haltes,  jedes  positiven  Zweckes  entbehrte,  augenblicklich  zusammenbrechen,
der  Abfall  der  kleinen  Genossen  von  dem  besiegten  Preußen  stand  dann
unvermeidlich  bevor.  Nicht  einmal  die  dauernde  Unterordnung  der  kleinen
norddeutschen  Contingente  unter  Preußens  Oberbefehl  war  von  der  Selbst—
sucht  dieser  Höfe  zu  erlangen.  Die  Gedankenarmuth  der  Berliner  Politik
versuchte  kaum  ernstlich,  die  thatsächliche  Herrschaft,  welche  der  Staat  im
Norden  besaß,  zu  einer  staatsrechtlichen  Hegemonie  auszubilden;  und  doch
ließ  sich  der  Friedensschluß  nur  dann  entschuldigen,  wenn  man  ihn  benutzte
um  in  Norddeutschland  die  Politik  des  Fürstenbundes  wieder  aufzunehmen.

Die  Trennung  des  Nordens  von  dem  Süden  hatte  der  alte  König  immer
unerbittlich  zurückgewiesen  so  oft  Kaiser  Joseph  sie  zu  Oesterreichs  Vortheil
durchsetzen  wollte;  jetzt  wurde  die  Theilung  Deutschlands  verwirklicht  zu
Frankreichs  Vortheil.  Sobald  Preußen  sich  in  das  Stillleben  der  norddeut—
schen  Neutralität  zurückzog,  ging  der  beste  politische  Gewinn,  welchen  die
Wiedererwerbung  der  fränkischen  Stammlande  den  Hohenzollern  verhieß,
unrettbar  verloren;  der  kräftige  Schritt  mittenhinein  in  das  oberdeutsche
Leben  war  umsonst  gethan.  Unter  den  Süddeutschen  bestanden  fortan  nur
noch  zwei  Parteien:  eine  französische  und  eine  österreichische  —  soweit  dies
ermüdete  Geschlecht  überhaupt  noch  politische  Gesinnung  besaß.  Die  unzufriedenen
  württembergischen  Landstände  und  einzelne  Feuerköpfe  in  Baiern
und  Schwaben  bewunderten  die  siegreiche  Republik  als  den  Schirmherrn  der
Freiheit.  Das  Volk  aber  wußte  nichts  von  den  Hintergedanken  der  Hofburg,
sah  die  kaiserlichen  Truppen  noch  jahrelang  gegen  den  Reichsfeind  fechten,
während  Preußen  thatlos  zur  Seite  stand,  und  ehrte  sie  als  die  letzten  treuen
Beschützer  des  heimischen  Bodens.  Im  Herbst  1795  focht  der  Landsturm  der
Bauern  auf  dem  Taunus  und  dem  Westerwalde  mit  den  Oesterreichern  vereinigt
  gegen  die  plündernde  Löffelgarde  der  Sansculotten.  Als  Oesterreich
dann  in  dem  jungen  Erzherzog  Karl  wieder  einen  Helden  fand,  da  gewann
der  seit  Langem  fast  verschollene  Name  des  Kaiserhauses  bei  den  Oberdeutschen
  wieder  einen  hellen  Klang;  noch  heute  erinnern  alte  Holzschnitte  in  den
Bauernhäusern  des  Schwarzwalds  an  die  Schlachten  des  keaiserlichen
Oberfeldherrn.  In  jenen  Jahren  bildete  sich  grade  unter  den  besten
Deutschen  des  Oberlandes  eine  österreichische  Geschichtsüberlieferung,  die
noch  durch  Jahrzehnte  mächtig  fortgewirkt  hat;  damals,  da  die  Szekler
und  Kroaten  im  Neckarthale  standen,  empfing  der  junge  Ludwig  Uhland
die  bestimmenden  politischen  Eindrücke  seines  Lebens.  Preußen  aber,  das
den  Oberdeutschen  niemals  recht  vertraut  gewesen,  verfiel  jetzt  auf  lange
hinaus  der  allgemeinen  Mißachtung.  Also  wirkten  die  Baseler  Verträge
nach  allen  Seiten  hin  verderblich;  und  wenn  Hardenberg  erwartete,  der
Friede  werde  seinem  Staate  eine  lange  Reihe  innerer  Reformen,  die  Einführung
  der  berechtigten  Gedanken  der  Revolution  ermöglichen,  so  sollte
        <pb n="152" />
        142  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

auch  diese  Hoffnung  trügen.  Der  neugewonnene  Besitz  verhinderte  vielmehr
  jahrelang  jede  Fortbildung  der  Verwaltung.

Der  Baseler  Vertrag,  der  dem  Könige  die  angesehene  Stellung  eines
europäischen  Friedensvermittlers  hatte  bringen  sollen,  bewirkte  nur,  daß
die  gesammte  Staatengesellschaft  sich  von  Preußen  abwendete.  An  den
beiden  Kaiserhöfen  erregte  die  Botschaft  aus  Basel  leidenschaftliche  Entrüstung;
  sie  hielten  für  schwarzen  Verrath  was  rathlose  Schwäche  war
—  ein  sehr  begreiflicher  Irrthum,  da  Preußen  nur  noch  von  den  Siegen
der  Republik  Vortheil  ziehen  konnte.  Beide  Höfe  blieben  fest  davon  überzeugt,
  daß  Preußen  mit  Frankreich  unter  einer  Decke  spiele;  sie  trauten
den  Rathgebern  des  Königs  das  Aergste  zu,  sie  glaubten  im  Ernste,  daß
Preußen  auf  einen  Angriffskrieg  sinne,  insgeheim  die  Türken  und  Schweden
gegen  Katharina  aufzustacheln  suche.  Thugut  versammelte  bereits  ein
Heer  an  der  schlesischen  Grenze,  mahnte  das  russische  Cabinet  in  ungestümen
  Depeschen  zum  Vernichtungskriege  gegen  den  „natürlichen  Feind“,
entwarf  einen  abenteuerlichen  Plan:  wie  man  Preußen  aller  seiner  polnischen
  Provinzen,  auch  Westpreußens,  berauben  wolle;  Suworow  sollte
die  Russen  gegen  die  preußische  Hauptstadt  führen.  Die  Kriegsrüstungen
gegen  die  norddeutsche  Macht  brachten  den  rheinischen  Krieg  während  des
ganzen  Sommers  zum  Stillstande.  Erst  im  Herbst  überzeugte  man  sich,
daß  von  Preußens  Schwäche  nichts  zu  fürchten  sei,  und  zugleich  erkannte
Thugut  die  Unmöglichkeit  einer  Verständigung  mit  der  Republik.  Die
Erhaltung  der  Reichsgrenzen  lag  dem  Gedankengange  seiner  harten  Interessenpolitik
  fern;  er  war  bereit  das  linke  Rheinufer  zu  opfern,  wenn
Oesterreich  die  bairischen  Erblande  erhielte.  Der  Pflichten  des  Kaiserthums
  gedachte  in  der  Hofburg  Niemand;  stellte  man  doch  dem  Petersburger
  Hofe  ausdrücklich  frei,  die  russischen  Truppen  möchten  in  Deutschland
  nach  Gutdünken  hausen  und  die  von  Oesterreich  abgefallenen  Reichsstände
  züchtigen.  Nur  über  die  italienischen  Dinge  konnte  man  sich  nicht
einigen;  Thugut  hoffte  das  Gebiet  der  neutralen  Republik  Venedig  zu
der  Lombardei  hinzu  zu  gewinnen,  während  Frankreich  den  Schlüssel
Italiens,  Mailand,  nicht  in  Oesterreichs  Händen  lassen  wollte.  Deshalb
fuhren  die  Schwerter  im  Herbst  1795  abermals  aus  der  Scheide;  der
Wiener  Hof  dachte  am  Rhein  Venetien  zu  erobern.  Und  wie  der  Krieg
um  Italiens  Willen  erneuert  wurde,  so  sollte  er  auch  in  Italien  seine
Entscheidung  finden.  Mit  Rußland  und  England  durch  eine  neue  Tripel-Allianz
  fester  denn  je  verbündet,  von  Pitt  mit  reichlichen  Hilfsgeldern
unterstützt,  stürzte  sich  Thugut  in  den  unabsehbaren  Kampf.  Hüben  und
drüben  herrschte  die  rohe  Begierde,  die  Verhöhnung  jedes  Rechtes;  ob
Frankreich,  ob  Oesterreich  siegte,  der  Untergang  des  alten  Völkerrechtes
war  gewiß.  Und  während  dieses  unheimlichen  Ringens  blieb  der  Staat
neutral,  dem  einst  Freund  und  Feind  nachsagten,  daß  er  die  Wage  des
europäischen  Gleichgewichts  in  seinen  Händen  haltel
        <pb n="153" />
        Dritte  Theilung  Polens.  143

Erstaunlich  nun,  wie  man  in  Norddeutschland  sich  gar  nichts  träumen
ließ  von  der  ungeheuren  Einbuße,  welche  Preußens  Ruf  und  Ansehen
durch  den  kleinmüthigen  Friedensschluß  erlitten,  von  der  völligen  Ver—
wüstung  jeder  Pietät  und  jedes  Rechtsgefühls,  die  über  Deutschland  herein—
brechen  mußte  seit  der  einzige  lebendige  deutsche  Staat  das  Reich  verlassen
hatte.  Alle  Welt  im  Norden  rief  den  weisen  Friedensstiftern  Beifall  zu.
Handel  und  Wandel  blühten;  Preußens  Rhederei  und  Getreideausfuhr
genossen  der  Vortheile  der  neutralen  Flagge,  nahmen  durch  den  allge—
meinen  Seekrieg  einen  ungeahnten  Aufschwung.  In  ungestörter  Sicher—
heit  entfalteten  sich  alle  Kräfte  der  neuen  Literatur;  eben  jetzt  sah  Weimar
seine  goldenen  Tage.  Halb  verächtlich,  halb  gleichgiltig  schaute  der  bildungsstolze
  Sachse  aus  der  Fülle  geistigen  Lebens,  die  ihn  umfing,  hernieder
auf  das  wüste  Kriegsgetümmel  jenseits  der  Demarcationslinie.  Der  alte
Kant  wurde  durch  die  frohe  Nachricht  aus  Basel  angeregt  seine  Abhandlung
  vom  ewigen  Frieden  niederzuschreiben  und  träumte  von  dem  nahen
Untergange  der  Barbarei  des  Krieges  —  zur  selben  Stunde,  da  ein  neues
eisernes  Zeitalter  über  das  aufgeklärte  Europa  heraufzog.  Auch  der  König,
der  so  lange  dem  Frieden  widerstrebt,  beruhigte  sich  bald  beim  Anblick  der
allgemeinen  Zufriedenheit,  er  lernte  aus  der  Noth  eine  Tugend  zu  machen,
schrieb  voll  Selbstgefühls  an  Katharina:  er  glaube  nur  dem  Beispiele  seines
Vorgängers  zu  folgen,  der  ebenfalls  zuerst  die  Grenzen  seiner  Staaten  erweitert
  und  sich's  dann  zum  Systeme  gemacht  habe  das  neu  Erworbene
im  Frieden  zu  regieren  und  zu  behaupten.

In  der  That  hatte  außer  Johann  Sigismund  und  Friedrich  II.  noch
kein  Hohenzoller  der  Monarchie  eine  so  unverhältnißmäßige  Vergrößerung
gebracht;  das  Gebiet  wuchs  in  den  zehn  Jahren  dieser  Regierung  von
3500  auf  nahezu  5600  Geviertmeilen.  Mit  den  fränkischen  Markgrafschaften
  trat  wieder  ein  gesegnetes  Land  alter  Cultur  zu  den  dürftigen
überelbischen  Coloniallanden  hinzu.  Unter  Hardenberg's  Leitung  bildete
sich  eine  fränkische  Schule  preußischer  Beamten;  Alexander  Humboldt  war
für  den  Bergbau  im  Fichtelgebirge  thätig,  Altenstein,  Kircheisen,  Nagler
lernten  dort  die  strengen  Grundsätze  der  altpreußischen  Verwaltung  den
behäbigen  Lebensverhältnissen  freier  Bauern  und  wohlhabender  Kleinbürger
anzupassen.  Diese  Franken  und  die  philosophischen  Ostpreußen,  welche,  wie
der  junge  Schön,  in  Königsberg  zu  Kant's  Füßen  gesessen  und  durch  den
trefflichen  Kraus  die  Ideen  Adam  Smith's  kennen  gelernt  hatten,  wurden
nachher  der  Stamm  der  Reformpartei  des  Beamtenthums.  Die  neue
Grenze  am  Bug  und  der  Pilica  war  militärisch  und  wirthschaftlich  sehr
günstig,  sie  öffrete  den  Häfen  der  Provinz  Preußen  freien  Verkehr  mit
dem  Holz=  und  Getreidereichthum  des  inneren  Polens,  gab  dem  Staate
die  vielbewunderte  uneinnehmbare  Position  zwischen  Weichsel,  Bug  und
Narew.  Das  unglückliche  Volk  in  Großpolen  und  Masovien  lernte  zum
ersten  male  seit  Jahrhunderten  den  Segen  einer  gerechten  und  fürsorgen-
        <pb n="154" />
        144  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

den  Verwaltung  kennen.  Man  ehrte  das  Unglück  durch  milde  Behandlung
  der  Aufständischen,  während  über  das  russische  Polen  ein  grausames
Strafgericht  erging.  Der  Edelmann  ward  endlich  zum  Unterthan,  mußte
sich  dem  Ansehen  des  Gesetzes  unterwerfen;  der  Bauer  und  der  Jude
durften  wieder  für  die  Zukunft  schaffen,  der  friedlichen  Arbeit  nachgehen
ohne  vor  der  Karbatsche  des  Schlachtizen  zu  zittern.  Die  dem  alten  Polen
völlig  unbekannte  Sicherheit  der  Rechtspflege  lockte  zahlreiche  Ansiedler
und  Capitalien  aus  den  deutschen  Provinzen  auf  diesen  reichen  jungfräulichen
  Boden;  der  Landbau  hob  sich  zusehends,  die  Hypothekenordnung
ermöglichte  eine  intensivere  Wirthschaft,  neue  Straßen  und  Wasserwege
entstanden,  Warschau  nahm  überraschend  schnell  den  Charakter  einer
deutschen  Stadt  an.  Das  Aufblühen  der  Volkswirthschaft  war  überall
unverkennbar.

Aber  man  erfuhr  bald,  daß  Macht  und  Glück  der  Staaten  nicht
allein  von  militärischen  und  handelspolitischen  Bedingungen  abhängen.
Die  hohe  Gerechtigkeit  des  historischen  Schicksals  bleibt  darum  ewig  unerforschlich
  und  nur  der  ahnenden  Andacht  erkennbar,  weil  sie  die  Einzelnen
  wie  die  Völker  nicht  mit  gleichem  Maße  mißt.  Unter  den  Staaten
wie  unter  den  Menschen  giebt  es  Glückskinder,  denen  jeder  leichte  Erwerb
  gedeiht,  und  wieder  Andere  von  härterem  Metall,  denen  nur  das
schwer  Erkämpfte  zum  Heile  gereicht.  Was  der  preußische  Staat  besaß
war  der  Lohn  ernster  Arbeit;  diese  neue  gewaltige  Gebietserweiterung  aber
siel  ihm  in  den  Schooß  nach  schwächlichen  Feldzügen  und  ruhmlosen  Unterhandlungen,
  sie  wirkte  wie  Spielgewinn  auf  einen  geordneten  Haushalt.
Wie  oft  hatten  die  Hohenzollern  verlockenden  Rufen  aus  dem  Auslande
widerstanden;  diesmal  waren  sie  der  Versuchung  unterlegen.  Preußen  besaß
jetzt  unter  zehntehalb  Millionen  Einwohnern  an  vier  Millionen  Slaven
und  lief  Gefahr  seiner  großen  deutschen  Zukunft  entfremdet  zu  werden.
Die  Erwerbung  von  Warschau  und  Pultusk  war  freilich  ein  nothwendiger
Schritt,  unbedingt  geboten  nach  den  Anschauungen  der  Zeit,  da  Preußen
den  Schlüssel  zu  seiner  Ostgrenze  weder  an  Oesterreich  noch  an  Rußland
  überlassen  durfte;  den  König  trifft  kein  persönlicher  Vorwurf,  weil
er  über  die  Gleichgewichtslehre  der  Epoche  nicht  hinaussah  und  von  der
Macht  der  nationalen  Gegensätze  ebenso  wenig  ahnte  wie  alle  seine  Zeitgenossen.
  Doch  es  blieb  unmöglich,  diese  Tausende  feindseliger  Schlachtizen,
diese  verdummten,  den  Kaplänen  blind  gehorchenden  Bauern  mit  dem
protestantischen  deutschen  Staate  zu  versöhnen;  während  der  rheinischen
Kriege  sah  man  polnische  Rekruten  in  Ketten  geschlossen  nach  dem  Westen
marschiren,  und  es  geschah  zuweilen,  daß  die  Hälfte  unterwegs  entsprang.
Die  polnischen  Provinzen  schwächten  die  sittliche  Kraft  des  Staates,  der
ohne  die  willige  Hingebung  seiner  Bürger  nicht  bestehen  konnte,  und
brachten  seine  innere  Entwicklung  zum  Stillstande.  Die  Theilung  Polens
steht  obenan  unter  den  mannigfaltigen  Ursachen  jener  unheimlichen  Er-
        <pb n="155" />
        Ausgang  Friedrich  Wilhelm's  II.  145

starrung,  welche  während  des  folgenden  Jahrzehntes  Verwaltung  und
Heerwesen  lähmte.  Die  Kräfte  des  deutschen  Beamtenthums  genügten
kaum,  um  diesen  halbbarbarischen  Landen,  die  für  die  altpreußische  Ver—
waltung  noch  nicht  reif  waren,  die  Anfänge  gesitteten  Menschenlebens  zu
sichern.  Wie  durfte  man  vollends  an  Reformen  denken?  an  die  Ein—
führung  der  Selbstverwaltung,  die  in  zwei  Fünfteln  der  Monarchie  nur
der  Tyrannei  des  polnischen  Junkerthums  zu  gute  gekommen  wäre?  oder
an  die  Bildung  eines  rein  nationalen  Heeres,  das  unter  zehn  Soldaten
je  vier  Polen  gezählt  hätte?

Während  der  Staat  früherhin  mit  heilsamer  Strenge  alle  seine  In—
stitutionen  und  namentlich  die  Steuerverfassung  sofort  in  seinen  neu—
erworbenen  Provinzen  eingeführt  hatte,  waltete  jetzt  am  Hofe  eine  nach—
sichtige  Milde,  die  nur  allzugeneigt  war  jeden  Herzenswunsch  der  neuen
Landeskinder  zu  erhören,  jede  berechtigte  und  unberechtigte  Eigenthümlichkeit
zu  schonen.  Man  gab  den  neuen  Provinzen,  statt  sie  in  die  Organisation
der  alten  Behörden  einfach  einzufügen,  eine  provisorische  Verwaltung;  in
Franken  regierte  Hardenberg,  in  Südpreußen  Graf  Hoym  mit  der  Machtvollkommenheit
  eines  Vicekönigs.  Die  alten  Abgaben  blieben  erhalten,
selbst  an  dem  verworrenen  und  verderbten  polnischen  Steuerwesen  wurden
nur  einzelne  schreiende  Mißstände  beseitigt,  und  so  geschah  das  Unerhörte,
daß  die  weiten  polnischen  Gebiete  zu  den  Ausgaben  des  Gesammtstaates
nur  eine  winzige  Summe,  kaum  200,000  Thaler,  beisteuerten,  während
das  reiche  Franken  sogar  einen  jährlichen  Zuschuß  beanspruchte.  Es  war,
als  ob  der  erschlaffte  Staat  sich's  nicht  mehr  zutraute  seine  neuen  Erwerbungen
  mit  seinem  Geiste  zu  erfüllen;  der  alte  mannhafte  Grundsatz
der  rücksichtslosen  Anspannung  aller  Kräfte  erschien  der  weichlichen  Philan--thropie
  des  Zeitalters  grausam.  Zudem  bot  die  Einziehung  der  Starostenund
  Kirchengüter  in  Polen  der  Großmuth  des  Königs  eine  unwiderstehliche
  Versuchung;  er  verschenkte  einen  großen  Theil  dieser  Latifundien  nach
Gunst  und  Laune,  statt  sie  zu  zerschlagen  und  unter  deutsche  Einwanderer
zu  vertheilen.  Der  gierige  Wettbewerb  um  die  südpreußischen  Krongüter
schädigte  die  ohnehin  gelockerte  Zucht  des  Beamtenthums  schwer;  der  polnische
  Bauer  vergaß  den  Dank  für  die  Wohlthaten  der  preußischen  Verwaltung,
  wenn  er  die  vielen  schimpflich  erworbenen  Vermögen  der  neuen
Herren  betrachtete.

Von  allen  Unterlassungssünden  dieser  müden  Jahre  war  keine  so
verderblich  wie  die  Vernachlässigung  des  Heerwesens.  Die  Gutmüthigkeit
des  Königs,  die  falsche  Sparsamkeit  einer  schlaffen  Friedenspolitik  und
das  stille  Mißtrauen  gegen  die  Treue  der  polnischen  Soldaten  bewirkten,
daß  die  nothwendige  Verstärkung  der  Armee  unterblieb.  Während  die
Bevölkerung  sich  fast  verdoppelte,  wurden  die  Truppen  nur  um  etwa
35,000  Mann  vermehrt,  die  Ausgaben  für  das  Heerwesen  stiegen  seit
Friedrich's  Tode  von  11—12  auf  etwa  14  Millionen  Thaler.  Indessen

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  10
        <pb n="156" />
        146  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

schwollen  die  Heere  aller  Nachbarreiche  zu  ungeheuren  Massen  an,  die
Weltstellung  des  Staates  ward  durch  die  Verschiebung  der  Grenzen  im
Osten  und  im  Westen  schwieriger  denn  je.

Als  der  zweite  Friedrich  Wilhelm  die  Augen  schloß,  war  Preußens
Macht  im  Innern  wie  nach  Außen  schwächer  denn  beim  Tode  seines
Oheims.  Aus  dem  festgefügten  deutschen  Staate,  dem  ein  genialer  Wille
das  Ungeheure  zumuthen  konnte,  war  ein  schwerfälliges  deutsch-lavisches
Mischreich  geworden,  das  weder  die  Heeresmacht  noch  die  Geldmittel  besaß
um  sein  weites  Gebiet  zu  vertheidigen  und  langen  Friedens  bedurfte  um
nur  wieder  zu  innerer  Einheit  zu  gelangen.  Die  großen  Strafgerichte
der  Geschichte  sind  schwachen  Gemüthern  unheimlich,  denn  der  Vollstrecker
des  gerechten  Urtheils  ist  fast  immer  selbst  Partei,  selbst  schuldbelastet.
So  ward  die  durch  gehäufte  Frevel  verdiente  Zerstörung  des  polnischen
Staates  jetzt  von  unreinen  Händen  vollzogen.  Die  Schuld,  die  an  der
nothwendigen  That  haftete,  wurde  an  Rußland  bestraft  durch  eine  lange
Reihe  schwerer  innerer  Kämpfe,  an  Oesterreich  durch  die  Mißerfolge  der
französischen  Kriege,  doch  von  keiner  der  drei  Theilungsmächte  ist  sie
so  schwer  gebüßt  worden  wie  von  Preußen;  denn  keine  von  ihnen  war
durch  die  Eroberung  reinpolnischen  Landes  so  weit  abgeirrt  von  den  Bahnen
ihrer  natürlichen  Politik,  wie  dieser  deutsche  Staat.  Durch  den  Kleinmuth
  von  Basel  wie  durch  das  Ränkespiel  von  Grodno  hatte  Preußen
an  seinem  Theile  dazu  geholfen,  daß  nunmehr  jene  ruchlose  Ländergier
in  Europa  zur  Alleinherrschaft  gelangte,  die  kein  Recht  anerkannte  als
das  Recht  des  Starken  und  in  Napoleon  ihren  größten  Vertreter  fand.
Deutschland  aber  war,  da  alle  seine  Staaten  sich  dem  unabweisbaren
Werke  der  Reform  versagten,  wieder  in  der  gleichen  Lage  wie  zur  Zeit
Gustav  Adolf's:  wie  damals  die  Parität  der  Kirchen,  so  konnte  jetzt  die
Verweltlichung  des  heiligen  Reichs,  die  Vernichtung  der  Theokratie  nur
noch  durch  das  Eingreifen  ausländischer  Gewalten  erreicht  werden.  —

 

So  lagen  die  Dinge,  als  König  Friedrich  Wilhelm  III.  den  Thron
bestieg.  Ernst  und  pflichtgetreu,  fromm  und  rechtschaffen,  gerecht  und
wahrhaft,  in  Art  und  Unart  ein  deutscher  Mann,  besaß  er  alle  Tugenden,
die  den  guten  und  reinen  Menschen  bilden,  und  schien  wie  geschaffen,
einen  wohlgeordneten  Mittelstaat  in  Ehren  durch  eine  ruhige  Zeit  hindurchzuführen;
  diesem  tiefen  Gemüthe  war  es  ein  Bedürfniß  von  seinen
Unterthanen  geliebt  zu  werden.  Sein  Geist  umspannte  nur  ein  enges
Gebiet;  doch  über  alle  Fragen,  die  in  seinen  Gesichtskreis  fielen,  urtheilte
er  klar  und  richtig,  nach  tiefer,  gründlicher  Erwägung,  und  bewährte
immer  ein  angeborenes  glückliches  Verständniß  für  die  Mächte  der  Wirklichkeit.
  Seine  Erziehung  hatte  Alles  verabsäumt,  was  diese  edle,  aber
schwunglose  und  im  Grunde  unpolitische  Natur  zu  der  Freiheit  königlicher
        <pb n="157" />
        Friedrich  Wilhelm  III.  147

Weltanschauung  emporheben  konnte.  Erst  wurde  die  unbefangene  Heiter—
keit  des  Knaben  durch  die  gallige  Laune  eines  pedantischen  Lehrers,  des
Theologen  Behnisch,  gewaltsam  niedergedrückt;  dann  mußte  der  sitten—
strenge  Prinz  das  leichtfertige  Treiben  des  väterlichen  Hofes  mit  ansehen
und  den  tiefen  Ekel,  den  sein  schamhafter  Sinn  empfand,  scheu  ver—
bergen.  So  lernte  er,  in  sich  einzukehren  und  die  Welt  zu  meiden.  Eine
unbezwingliche  Schüchternheit  lähmte  ihm  die  Thatkraft;  es  war  sein
Verhängniß,  daß  er  nie  vermochte  leicht  zu  leben  und  mit  heiterem  Selbst—
gefühle  unter  seine  Menschen  zu  blicken.  Jedes  Hinaustreten  in  die
Oeffentlichkeit,  selbst  das  Reden  in  größerem  Kreise  fiel  ihm  lästig;  in
barschen,  abgerissenen  Sätzen  sprach  er  dann  sein  verständiges  Urtheil,
seine  zarte  Empfindung  aus;  das  gedrückte,  verlegene  Wesen  ließ  die  hohe
ritterliche  Gestalt  mit  den  schönen  treuen  blauen  Augen  nicht  zur  rechten
Geltung  kommen.  Von  Jugend  auf  an  den  Umgang  mit  mittelmäßigen
Köpfen  gewöhnt,  hat  er  den  Widerwillen  gegen  das  Geniale,  Kühne,
Außerordentliche  selten  überwunden.  Ihn  erschreckte  jener  laute  rücksichts—
lose  Freimuth,  der  den  großen  Germanen  eignet.  Von  allen  den  hochbegabten
  Männern,  die  ihm  dienten,  ist  ihm  nur  Einer  wahrhaft  lieb
und  theuer  geworden:  Scharnhorst's  einfältig  anspruchslose  Größe.

Es  ist  die  Stärke  und  die  Schuld  treuer  Gemüther,  daß  sie  schwer
vergessen.  Friedrich  Wilhelm  verzieh  leicht,  doch  vergaß  er  nicht.  Wie
er  jedes  Verdienst  und  jede  unscheinbare  Gefälligkeit  dankbar  im  Gedächtniß
  bewahrte  und  die  Trennung  von  treuen  Unterthanen  als  ein  tiefes
Herzeleid  empfand,  so  konnte  er  auch  den  Zorn  jahrelang  in  sich  verschließen,
  bis  er  sich  einmal  das  Herz  faßte  „auf  gut  deutsch  seine  Meinung
  zu  sagen“;  dann  wurde  der  gütige  Fürst  in  polternder  Heftigkeit
auf  gut  deutsch  ungerecht  und  kleinlich.  Am  wenigsten  vergaß  er  eigenmächtiges
  Handeln  seiner  Diener.  Denn  er  wollte  der  König  sein,  und
er  war  es.  Niemand  hat  ihn  je  beherrscht.  Unsäglich  schwer  fiel  ihm
jeder  große  Entschluß;  er  zauderte  und  überlegte,  ließ  die  Dinge  gehen,
duldete  lange  was  ihm  mißfiel,  weil  er  sich  mit  seinem  Urtheil  nicht
heraustraute;  doch  wenn  entschieden  sein  mußte,  dann  folgte  er  immer
und  überall  nur  seinem  Gewissen.  Er  hat  aus  Unentschlossenheit  Vieles
unterlassen,  wozu  sein  gerader  Verstand  ihn  drängte,  aber  nie  etwas  gethan,
  was  nicht  aus  eigener  wohlerwogener  Ueberzeugung  kam.  Sein
langsamer,  doch  zäher  und  fester  Geist  nahm  von  den  Gedanken  größerer
Köpfe  nur  auf  was  seinem  Wesen  zusagte;  keine  Macht  der  Ueberredung
hätte  ihn  je  bestimmt,  die  sittlichen  und  politischen  Grundsätze,  die  ihm
heilig  waren,  aufzugeben.  Von  der  Schuld  wie  von  dem  Ruhme  seiner
langen  Regierung  gebührt  ihm  selber  weit  mehr  als  die  Zeitgenossen  annahmen,
  die  den  schlichten  Fürsten  neben  den  glänzenden  Gestalten  seiner
Generale  und  Staatsmänner  zuweilen  fast  aus  den  Augen  verloren.  Er
trägt  die  Hauptschuld  an  jener  schlaffen  Friedenspolitik,  welche  dem  alten

10“
        <pb n="158" />
        148  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Staate  den  Untergang  bereitete;  aber  er  hat  auch,  als  er  nach  zehn  Jahren
des  Zauderns  und  nach  grausamen  Schicksalsschlägen  endlich  wagte  ganz
er  selber  zu  sein,  aus  freiem  Entschlusse  den  Neubau  des  Staates  in
Angriff  genommen,  die  Reformgedanken  seiner  Räthe  genau  so  weit  durchgeführt,
  wie  es  ihm  richtig  schien,  und  den  lange  vorbereiteten  Befreiungskrieg
  nicht  eher  gestattet,  als  bis  er  selber  einsah,  der  rechte  Augenblick
sei  gekommen.  Er  hat  in  der  zweiten  Hälfte  seiner  Regierung  den  Anschluß
  der  preußischen  Politik  an  Oesterreich,  die  Sünden  der  Demagogenjagd
  und  das  Ausbleiben  der  verheißenen  Verfassung  verschuldet,  aber
auch  die  Neugründung  des  preußischen  Einheitsstaates  mit  zäher  Geduld
geleitet  und  mit  richtigem  Blicke  die  gute  Stunde  erkannt,  da  die  orientalischen
  Wirren  und  die  Kämpfe  der  deutschen  Handelspolitik  dem  Staate
erlaubten  wieder  selbständig  seines  Weges  zu  gehen.  Ohne  ihn  und  das
allgemeine  Zutrauen  zu  seiner  Rechtschaffenheit  war  die  Versöhnung  der
zahllosen  landschaftlichen  Gegensätze  in  dem  neuen  Preußen  ebenso  unmöglich
  wie  die  friedliche  Entstehung  jenes  Zollvereins,  der  das  nichtösterreichische
  Deutschland  unauflöslich  mit  dem  preußischen  Staate  verkettete
  und  die  Grenzpfähle  aufrichtete  für  das  neue  deutsche  Reich.
Dieser  König  konnte  nicht,  wie  der  erste  Friedrich  Wilhelm  und  sein
Sohn,  den  Stempel  seines  eigenen  Wesens  dem  Staate  aufprägen,  sondern
  mußte  die  schöpferischen  Gedanken  von  anderen,  reicheren  Geistern
entlehnen.  Und  doch  ist  er  der  Herr  geblieben;  der  monarchische  Charakter
des  preußischen  Staates  hat  sich,  im  Guten  wie  im  Bösen,  auch  unter
seiner  Regierung  nie  verleugnet.  In  Noth  und  Schande,  unter  Demüthigungen,
  die  einen  freieren  und  kühneren  Geist  zur  Verzweiflung
bringen  konnten,  hat  er  unentwegt  ausgehalten  bei  seiner  Pflicht.  So  ist
sein  Name  unzertrennlich  verbunden  mit  den  dunkelsten  und  den  reinsten
Erinnerungen  unserer  neuen  Geschichte.  Seine  Pflichttreue  und  ein  natürliches
  Gefühl  für  die  Ehre  des  Königthums  gaben  ihm  die  Kraft,  allmählich
  hineinzuwachsen  in  das  Verständniß  seiner  Stellung.  Nach  und  nach
lernte  er  selbst  solche  Gebiete  des  nationalen  Lebens  schätzen,  die  seinem
nüchternen  hausbackenen  Wesen  ursprünglich  fremd  waren.  Er  lernte  sich
zurechtfinden  in  der  auswärtigen  Politik;  und  dieser  prosaische  Mensch,  der
in  seinen  jungen  Jahren  an  der  weinerlichen  Plattheit  Lafontaine'scher
Romane  Gefallen  fand,  ist  schließlich  der  Mäcenas  seines  Hauses  geworden,
  ein  Beschützer  der  Künste  und  Wissenschaften  wie  kein  Anderer  unter
den  Hohenzollern.  Wer  ihn  in  seiner  menschlichen  Liebenswürdigkeit  sehen
wollte,  der  mußte  ihn  aufsuchen  im  einsamen  Schlößchen  zu  Paretz.  Dort
unter  den  alten  Bäumen  am  blauen  Havelsee  verlebte  der  junge  Fürst
seine  glücklichsten  Tage  an  der  Seite  seiner  lieblichen  Gemahlin  Luise,  in
dem  munteren  Kreise  der  schönen  kleinen  Flachsköpfe,  die  ihm  heranwuchsen;
  dort  thaute  er  auf  und  brachte  durch  drollige  Einfälle  selbst  die
gestrenge  Wächterin  der  Etikette,  die  Gräfin  Voß  zu  respectwidrigem  Lachen.
        <pb n="159" />
        Absichten  des  jungen  Königs.  149

Wohl  war  es  ein  Segen  für  seine  schwere,  zum  Trübsinn  geneigte  Natur,
daß  er  in  den  Armen  eines  heiteren  und  hochherzigen  Weibes  einmal
erwarmen  und  die  ganze  Lust  des  Lebens  empfinden  durfte;  dennoch  hat
das  Glück  der  Ehe  ihn,  wie  so  viele  germanische  Gemüthsmenschen,  eine
Zeit  lang  mehr  gedrückt  als  gehoben.  Er  fand  als  junger  Gatte  an  den
unschuldigen  Freuden  seines  Hauses  volles  Genügen  und  widmete  dem
Staate  nur  ehrlichen  Fleiß,  doch  nicht  jene  Hingebung  des  ganzen  Denkens,
die  das  Fürstenamt  fordert;  befangen  in  der  unbewußten  Selbstsucht  der
Glücklichen,  trat  er  ungern  aus  der  reinen  Luft  seines  Heimwesens  hinaus
und  begnügte  sich,  die  Fäulniß,  welche  den  Staat  und  die  Gesellschaft
zerfraß,  von  seiner  persönlichen  Umgebung  fern  zu  halten,  statt  sie  nach
Königspflicht  unbarmherzig  zu  bekämpfen.

Der  Kronprinz  wurde  von  seinem  freimüthigen  Lehrer  Sack  früh  auf
den  althohenzollernschen  Gedanken  der  evangelischen  Union  hingewiesen,
an  eine  innige  und  doch  freie  Auffassung  des  christlichen  Glaubens  ge—
wöhnt.  Er  lernte  durch  Engel  die  philanthropischen  Ideen  des  Zeitalters
der  Aufklärung,  durch  Suarez  die  Staatslehren  der  Juristen  des  All—
gemeinen  Landrechts  kennen,  bewährte  sich  in  den  Feldzügen  am  Rhein
und  in  Polen  wie  in  den  Friedensübungen  als  ein  tapferer  sachkundiger
Offizier.  Aber  —  wie  oft  hat  er  es  selbst  beklagt  —  allen  Staatsgeschäften
hielt  man  ihn  fern.  Als  der  Siebenundzwanzigjährige  die  Herrschaft  an—
trat,  stand  er  in  einer  fremden  Welt,  selber  voll  tiefer  Ehrfurcht  vor  den
Werken  seines  Großoheims,  umgeben  von  alten  eigenrichtigen  Herren,  die
dem  Schüchternen  mit  dem  ganzen  Dünkel  fridericianischer  Allwissenheit
begegneten.  Nichts  lag  ihm  ferner  als  eine  phantastische  Ueberschätzung
der  königlichen  Würde;  wie  der  Name  Staat  aus  den  Gesetzen  Friedrich's  II.
allmählich  in  den  Sprachgebrauch  des  Volks  hinübergedrungen  war,  so
verstand  es  sich  auch  längst  von  selbst,  daß  jeder  König  von  Preußen  sein
hohes  Amt  als  eine  schwere  politische  Pflicht  auffaßte.  Der  junge  König
hatte  ein  warmes  Herz  für  den  geringen  Mann,  schlicht  bürgerliche  Nei—
gungen  wie  sein  Urgroßvater,  gar  keine  Vorliebe  für  den  Adel;  sein  Wunsch
war,  die  von  seinen  Vorfahren  seit  hundert  Jahren  schrittweis  vorbereitete
Befreiung  des  Landvolks  zu  vollenden.  In  demselben  Sinne  wie  der
erste  Friedrich  Wilhelm  konnte  er  sagen:  „ich  denke  wie  ein  Republikaner.“
Nicht  als  ob  ihn  die  Ideen  der  französischen  Revolution  bezaubert  hätten;
das  blutige  Schauspiel  der  gewaltsamen  Volkserhebung  blieb  seiner  Fried—
fertigkeit  und  seinem  Rechtssinne  gleich  widerwärtig.  Doch  sein  natür—
liches  Billigkeitsgefühl,  die  Ueberlieferungen  seines  Hauses  und  die  in
Suarez's  Schule  aufgenommenen  politischen  Gedanken  drängten  ihn  auf
die  Bahn  der  socialen  Reformen.  Menschenfreundlicher  Sinn  machte  ihn
zum  Freihändler,  zum  Gegner  jener  Gesetze,  welche  den  kleinen  Leuten
die  Lebensbedürfnisse  vertheuerten  oder  die  Verwerthung  der  Arbeitskraft
erschwerten.  Sein  gesunder  Verstand  entdeckte  bald  fast  alle  die  einzelnen
        <pb n="160" />
        150  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Gebrechen,  daran  der  erstarrte  Staat  krankte;  als  die  Zerstörung  über
das  alte  Preußen  hereinbrach,  da  sprach  sich  der  König  mit  einer  Klarheit,
  die  seiner  Umgebung  schier  unheimlich  erschien,  über  die  Ursachen
des  tiefen  Sturzes  aus.  Auch  über  die  Mittel  und  Wege  zur  Besserung
dachte  er  oft,  und  mit  eindringendem  Verständniß  nach;  es  war  die  volle
Wahrheit,  wenn  er  späterhin  auf  die  meisten  Reformvorschläge  Stein's
und  Scharnhorst's  zu  antworten  pflegte:  „diese  Idee  habe  ich  schon  längst
gehabt.“  Nur  das  Eine,  worauf  Alles  ankam,  erkannte  er  nicht:  die
Unmöglichkeit,  durch  Einzelreformen  an  dem  fridericianischen  Staate  etwas
Wesentliches  zu  ändern.

Jenes  harte  System  monarchischer  Arbeitsvertheilung,  das  der  erste
Friedrich  Wilhelm  und  sein  Sohn  aufgerichtet,  war  das  Ergebniß  eines  planvollen
  bewußten  Willens;  darin  lag  die  einseitige  Größe,  der  Charakter  des
alten  Preußens.  Das  ganze  Werk  war  aus  einem  Gusse,  wie  von  eisernen
Klammern  gehalten;  ein  Pfeiler  stützte  den  andern,  die  Gliederung  der
Stände  und  die  Ordnung  der  Verwaltung  hingen  untrennbar  zusammen;
fiel  ein  Stein  heraus,  so  stürzte  das  ganze  Gebäude.  Wollte  man  die
Vorrechte  des  Adels  im  Heere  beseitigen,  so  mußte  dem  Edelmann  erlaubt
werden  bürgerliche  Gewerbe  zu  treiben  und  Bauernhufen  zu  kaufen.  Wollte
man  den  Bauern  der  Dienste  und  Frohnden  entlasten,  so  konnte  auch
die  Trennung  von  Stadt  und  Land,  das  Zunftwesen  und  die  Accise  nicht
mehr  aufrecht  bleiben.  Die  Monarchie  bedurfte  einer  Reform  an  Haupt
und  Gliedern,  sobald  man  einmal  erkannte,  daß  die  alten  Formen  der
Gesellschaft  sich  überlebt  hatten.  Aber  zu  solcher  Einsicht  war  in  Preußen
noch  Niemand  gelangt,  auch  nicht  der  Freiherr  vom  Stein.

Das  erste  Jahrzehnt  Friedrich  Wilhelm's  III.,  die  bestverleumdete
und  unbekannteste  Epoche  der  preußischen  Geschichte,  war  eine  Zeit  wohlgemeinter,
  aber  völlig  unfruchtbarer  Reformversuche.  Vor  wenigen  Jahren
noch  war  dieser  Staat  mit  Recht  als  der  bestregierte  des  Festlandes  gepriesen
  worden;  er  hatte  soeben  erst  —  so  wähnte  der  gesammte  Norden
—  im  Kampfe  gegen  die  Revolution  seine  Lebenskraft  bewährt.  Und  so
geschah,  daß  selbst  der  tadelsüchtige  Freimuth  der  Norddeutschen  kaum  bemerkte,
  wie  Alles  morsch  ward  in  dem  Gemeinwesen.  Daß  das  neue
Jahrhundert  auf  Windesflügeln  dahineilte,  daß  jetzt  in  kurzen  Jahren
gewaltige  Neubildungen  der  Geschichte  sich  vollzogen,  welche  vordem  kaum
in  Jahrzehnten  gereift  waren,  daß  in  solchen  Tagen  zurückging  wer  nicht
vorwärts  schritt,  —  von  diesem  großen  Wandel  der  Zeiten  ahnte  man
nichts  in  dem  friedlichen  Volke,  das  hinter  dem  Walle  seiner  Demarcationslinie
  mit  philosophischer  Ruhe  beobachtete,  wie  „zwo  gewalt'ge
Nationen  ringen  um  der  Welt  alleinigen  Besitz"“.

Die  deutsche  Gutherzigkeit  ist  immer  geneigt  von  einem  Thronfolger
das  Höchste  zu  erwarten,  doch  selten  hat  sie  in  so  überschwänglichen  Hoffnungen
  geschwelgt  wie  bei  dem  Regierungsantritt  dieses  anspruchslosen
        <pb n="161" />
        Erwartungen  im  Volke.  151

Fürsten.  Schon  durch  seine  schlichten  Sitten  gewann  er  das  Herz  der
Mittelklassen,  und  diese  Schichten  der  Gesellschaft  wurden  mehr  und  mehr
die  Träger  unserer  öffentlichen  Meinung.  Die  aufgeklärte  Zeit  fühlte  sich
praktisch  wohl  in  einer  ungebundenen  Geselligkeit  voll  heiterer  sinnlicher
Lust,  doch  sie  hegte  eine  lebhafte  theoretische  Begeisterung  für  die  abstracte
„Tugend“;  der  Ausdruck  hatte  noch  nicht,  wie  heutzutage,  den  Nebensinn
der  philisterhaften  Leere.  Das  preußische  Volk  hatte  seit  den  Zeiten  des
großen  Kurfürsten  das  Schauspiel  ehelichen  Glückes  auf  dem  Throne  nicht
mehr  gesehen:  welcher  Jubel  nun  unter  diesen  deutschen  Familienmenschen,
als  der  Thron  sich  in  ein  Heiligthum,  der  Hof  sich  in  eine  Familie  verwandelte
  —  so  sang  Novalis  in  ehrlicher  Begeisterung.  Die  unbarmherzige
  Strenge  der  beiden  gewaltigen  Könige  des  achtzehnten  Jahrhunderts
hatte  die  Massen  in  scheuer  Ehrerbietung  dem  Throne  ferngehalten;  erst
durch  die  heitere  Herzensgüte  der  Königin  Luise  gewann  das  Verhältniß
zwischen  den  Hohenzollern  und  ihrem  treuen  Volke  jenen  gemüthlichen
Zug  der  Vertraulichkeit,  der  sich  sonst  nur  in  dem  Stillleben  der  Kleinstaaten
  zeigt.

Die  Preußen  fühlten  sich  stolz  als  Royalisten,  als  Gegner  der  Revolution.
  Nicht  bloß  der  Heißsporn  des  märkischen  Junkerthums,  der  junge
v.  d.  Marwitz,  auch  Andere  vom  Adel  und  Offizierscorps  maßen  den
Gesandten  der  Republik,  den  Königsmörder  Sieyes  mit  zornigen  Blicken,
als  er  mit  ungepudertem  Haar  und  der  dreifarbigen  Schärpe  bei  dem
altväterischen  Gepränge  des  Huldigungsfestes  erschien.  Die  aufgeklärte
Berliner  Gesellschaft  stand  aber  zugleich  in  bewußtem  Gegensatze  zu
Oesterreich  und  dem  heiligen  Reiche.  Man  gab  den  Franzosen  zu  verstehen,
  der  König  sei  Demokrat  auf  seine  Weise,  er  werde  mit  Maß  und
Ordnung  thun  was  jene  im  Sturm  vollendet,  und  bald  wollte  man
wissen,  daß  ein  Jacobiner  geklagt  habe:  „dieser  Fürst  verdirbt  uns  die
Revolution.“  Als  der  junge  König  nun  unter  der  zweideutigen  Umgebung
  seines  Vaters  mit  Strenge  aufräumte  und  in  einigen  wortreichen
Cabinetsordres  eine  Fülle  guter  Vorsätze  und  menschenfreundlicher  Ansichten
  aussprach,  da  rief  Marcus  Herz  frohlockend:  „die  reine  Vernunft
ist  vom  Himmel  niedergekommen  und  hat  sich  auf  unserem  Throne  niedergelassen.“
  Ein  Verein  von  Berliner  Schriftstellern  veröffentlichte  „Jahrbücher
  der  preußischen  Monarchie“,  welche  das  Walten  des  königlichen
Reformators  auf  jedem  Schritte  begleiten  sollten.  Die  hoffnungsvolle
Stimmung  währte  noch  lange.  Als  Hufeland  im  Jahre  1800  nach
Berlin  berufen  wurde,  schrieb  er  befriedigt:  „ich  gehe  in  einen  liberalen,
unter  einer  neuen  Regierung  neu  aufblühenden  Staat.“  Auch  Schiller
und  Johannes  Müller  sprachen  mit  warmer  Anerkennung  von  dem  Genusse
  grundsatzmäßiger  Freiheit  in  Preußen  und  lobten,  wie  rasch  Berlin
zu  einer  Freistätte  deutscher  Art  und  Bildung  werde.

Der  König  mußte  bald  erfahren,  wie  beschränkt  in  Wahrheit  seine
        <pb n="162" />
        152  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

absolute  Gewalt  war,  beschränkt  durch  die  Schwerfälligkeit  der  Verwaltung
und  durch  den  stillen  Widerstand  der  öffentlichen  Meinung,  der  ständischen
Vorurtheile,  des  militärisch-bureaukratischen  Kastengeistes.  In  der  vergrößerten
  Monarchie  hätte  selbst  ein  Friedrich  kaum  noch  die  unmittelbare
  Leitung  aller  Staatsgeschäfte  in  der  Hand  behalten  können.  Die
persönliche  Regierung  wurde  zur  Unmöglichkeit,  doch  ihre  Formen  blieben
aufrecht  mit  verändertem  Sinne.  Die  Cabinetsräthe  waren  unter  Friedrich
  nur  willenlose  Secretäre  gewesen,  verpflichtet  die  Befehle  des  Königs
den  Behörden  zu  übermitteln;  unter  seinen  beiden  Nachfolgern  erlangten
sie  eine  gefährliche  Macht.  Aus  Schreibern  wurden  Rathgeber,  da  der
Fürst  die  Unmasse  der  Berichte  nicht  mehr  übersehen  konnte.  Man
wählte  die  Räthe  des  Cabinets  meist  aus  den  Reihen  der  bürgerlichen
Richter;  sie  allein  hielten  dem  Monarchen  regelmäßigen  Vortrag  und
fühlten  sich  bald  als  Volkstribunen,  als  Vertreter  des  friedlichen  Bürgerthums
  gegenüber  dem  Adel  und  dem  Heere.  Ein  unberechenbarer  subalterner
  Einfluß  drängte  sich  zwischen  die  Krone  und  ihre  Minister.
Unter  diesen  vertrauten  Räthen  war  Keiner,  der  den  jungen  Fürsten
aus  dem  lauen  Elemente  der  guten  Vorsätze  in  die  frische  Luft  der  kräftigen
  Entschließung  emporheben  konnte.  Der  bedeutendste  unter  ihnen,
Cabinetsrath  Mencken  wurde  dem  Königspaare  werth  durch  die  Milde
seiner  aufgeklärten  moral-philosophischen  Ansichten  und  bemühte  sich  redlich
für  allerhand  Verbesserungen  im  Einzelnen;  der  umfassende  Blick  des
Staatsmannes  war  auch  ihm  nicht  gegeben.  Nachher  hatte  Beyme  den
Vortrag  über  die  wichtigsten  inneren  Angelegenheiten,  Lombard  über  das
Auswärtige  —  Jener  ein  tüchtiger  Jurist  von  humanen  Anschauungen,
aber  nur  im  Kleinen  groß,  Dieser  ein  leerer,  frivoler  Wüstling.  Auch
die  Persönlichkeit  der  Generaladjutanten  stimmte  zu  dem  Geiste  trivialer
Mittelmäßigkeit,  der  in  diesem  Kreise  vorherrschte.  Oberst  Zastrow  war
ein  dünkelhafter  Gegner  jeder  Reform;  Oberst  Köckritz  eine  enge  Philisterseele,
  seinem  jungen  Herrn  bequem  durch  phlegmatische  Gutmüthigkeit,
glückselig  wenn  er  sich  bei  der  Pfeife  und  einem  ruhigen  Spielchen  von
den  Geschäften  des  Tages  erholte,  aber  sehr  unwirsch,  wenn  ein  junger
Edelmann  sich's  beikommen  ließ  „Versche  zu  machen“,  wie  der  arme  Heinrich
v.  Kleist.  Obgleich  der  König  diese  kümmerlichen  Menschen  weit  übersah,
so  ließ  er  sich  doch  unmerklich  zu  ihrer  Zagheit  und  Kleinheit  hinabziehen.

Wie  die  Neubildung  des  Staates  einst  von  dem  Heere  ausgegangen
war,  so  wurde  auch  jetzt  zuerst  im  Heerwesen  fühlbar,  daß  die  neue  Zeit
neue  Formen  forderte.  Das  beste  Werbegebiet  der  alten  Monarchie  ging
verloren,  als  das  linke  Rheinufer  an  Frankreich  kam  und  bald  nachher
die  neuen  Mittelstaaten  des  Südwestens  sich  ihre  eigenen  kleinen  Armeen
bildeten.  Daher  befahl  der  König  schon  zu  Beginn  seiner  Regierung  eine
stärkere  Aushebung  der  cantonpflichtigen  Inländer  „wegen  Abnahme  der
Reichswerbung“.  Diesem  ersten  Schlage  mußten  andere  folgen.  Die
        <pb n="163" />
        Unfruchtbare  Reformversuche.  153

Armee  war  fortan  allein  auf  preußische  Kräfte  angewiesen;  sollte  sie  die
dringend  gebotene  Verstärkung  erhalten,  so  mußte  mindestens  ein  Theil
der  privilegirten  Klassen  zum  Waffendienste  herangezogen  werden,  und
dies  war  unmöglich,  so  lange  das  Offizierscorps  wie  eine  geschlossene
Kaste  in  unnahbarer  Höhe  über  der  Mannschaft  thronte,  so  lange  jene
grausame  alte  Kriegszucht  bestand,  welche  den  philantropischen,  bis  zur
Weichlichkeit  milden  Anschauungen  des  Zeitalters  in's  Gesicht  schlug.  Sobald
  der  alte  Stamm  der  geworbenen  Ausländer  ausstarb,  war  ein  radicaler
  Umbau  der  Heeresverfassung  unvermeidlich,  das  will  sagen:  eine
völlige  Verschiebung  aller  gewohnten  ständischen  Verhältnisse,  vor  Allem
der  Stellung  des  Adels  in  Staat  und  Gesellschaft.

Mannigfache  Reformvorschläge  tauchten  auf.  Einige  freie  Köpfe
unter  den  jüngeren  Beamten,  wie  Hippel  und  Vincke,  verlangten  schon
die  vollständige  Durchführung  des  altpreußischen  Gedankens  der  allgemeinen
  Wehrpflicht;  Knesebeck,  Rüchel  und  andere  Offiziere  empfahlen
die  Bildung  einer  Landmiliz.  Aber  einerseits  sträubte  sich  der  Dünkel
der  alten  Generale  gegen  alle  Aenderungen.  Jedermann  glaubte  noch
an  die  Unübertrefflichkeit  des  fridericianischen  Heeres.  Sogar  Friedrich
Gentz,  der  zum  Aergerniß  der  zahmen  Zeit  sich  unterstand  ein  ermahnendes
  Sendschreiben  an  den  neuen  Monarchen  zu  richten,  sagte  über
das  Heer  kurzweg:  „von  dieser  Seite  bleibt  uns  nichts  zu  wünschen
übrig;"  und  Blücher,  der  Mann  ohne  Menschenfurcht,  sprach  noch  im
Frühjahr  1806  unbedenklich  von  unserer  unbesiegbaren  Armee.  Wenn
nun  der  hochmüthige  alte  Feldmarschall  Möllendorff  jeden  Neuerungsvorschlag
  mit  seinem  schnarrenden  „das  ist  vor  mir  zu  hoch“"  begrüßte,  dann
wollte  der  König  —  er  hat  es  später  bitter  bereut  —  nicht  klüger  sein
als  die  Grauköpfe  von  bewährtem  Ruhme.  Auf  der  andern  Seite  regte
sich  in  der  aufgeklärten  Welt  eine  doctrinäre  Friedensseligkeit,  die  zu  der
blutigen  Staatspraxis  des  neuen  Jahrhunderts  einen  lächerlichen  Gegensatz
  bildete  und  gleichwohl  bei  der  deutschen  Gemüthlichkeit  lebhaften  Anklang
  fand.  Salbungsvolle  Flugschriften  erörterten  schon  die  Frage:  „sind
stehende  Heere  in  Friedenszeiten  nöthig?“"  Es  bezeichnet  den  inneren
Zerfall  des  gestrengen  Absolutismus,  daß  solche  Stimmen  aus  dem
Publikum  jetzt  einigen  Eindruck  machten,  daß  man  anfing  mit  der  öffentlichen
  Meinung  zu  rechnen.  Am  Hofe  vertrat  Mencken  mit  Eifer  die
alte  Ansicht  des  Beamtenthums,  daß  die  Last  der  Heereskosten  zu  schwer
sei;  auch  der  König  wollte  nur  das  Unerläßliche  thun,  da  er  vor  Allem
die  unter  seinem  Vater  angesammelte  Schuldenlast  abzutragen  wünschte.
Dazu  endlich  die  verzweifelte  Frage:  wie  aus  den  widerspänstigen  Polen
zuverlässige  Regimenter  gebildet  werden  sollten?

So  zwischen  entgegengesetzten  Erwägungen  hin  und  her  geschleudert
gelangte  man  nach  unzähligen  Bedenken  und  Vorschlägen  zu  keiner  wesentlichen
  Reform.  Das  Heer  wurde  um  ein  Geringes,  auf  250,000  Mann
        <pb n="164" />
        154  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

vermehrt;  die  Ausgaben  freilich  stiegen  beträchtlich,  auf  16—17  Millionen
Thaler,  da  der  König  Kost  und  Bekleidung  der  Mannschaft  endlich  etwas.
reichlicher,  aber  noch  immer  viel  zu  sparsam,  bemessen  ließ.  Zur  Verstärkung
  dieses  ungenügenden  Truppenbestandes  sollte  eine  Land-Reserve
von  50,000  Mann,  vornehmlich  aus  den  eximirten  Klassen  gebildet  werden;
  ihre  Einrichtung  war  eben  im  Gange,  als  die  Kriegswirren  von  1805
der  Politik  der  halben  Reformen  ein  jähes  Ende  bereiteten.  Ein  genialer
Plan  Scharnhorst's,  der  im  Frühjahr  1806  die  Bildung  eines  großen
Milizheeres  von  300,000  Mann  vorschlug,  fand  keine  Annahme.  Selbst
die  Verminderung  des  schwerfälligen  Trosses  und  ähnliche  technische  Verbesserungen,
  die  dem  klaren  Soldatenblicke  des  Königs  nothwendig  schienen,
stießen  auf  den  zähen  Widerstand  der  gravitätischen  alten  Herren  mit  den
langen  Westenschößen.  Der  leutselige  Fürst  war  empört  über  den  Hochmuth
  seiner  Offiziere,  schärft  ihnen  ein,  sie  sollten  sich  nicht  unterstehen,
„den  geringsten  meiner  Bürger  zu  brüskiren:  die  Bürger  sind  es,  nicht  ich,
die  die  Armee  unterhalten.“  Doch  er  sah  nicht,  daß  solche  Mahnungen  nichts
fruchten  konnten,  so  lange  die  alten  Formen  der  Heeresverfassung  bestanden
und  das  Offizierscorps  den  anerkannt  ersten  Stand  im  Staate  bildete.

Wie  sonderbar  hatte  sich  doch  das  in  seiner  Härte  und  Rauheit  so
harmonische  Heer  der  schlesischen  Kriege  verwandelt.  Bereits  wuchs  eine
neue,  an  Talenten  überreiche  Generation  heran;  alle  die  Helden  des
Befreiungskrieges  gehörten  längst  der  Armee  an,  die  meisten  schon  als.
Stabsoffiziere.  In  manchen  Kreisen  des  Offizierscorps  rührte  sich  ein
frischer  wissenschaftlicher  Sinn,  ein  lebendiges  Verständniß  für  die  Gegenwart.
  An  der  neuen  Militär-Akademie  hielt  Oberst  Scharnhorst  seine
Vorlesungen  —  der  niedersächsische  Bauernsohn,  der  im  adlichen  Hannoverlande
  kein  Feld  für  seine  Kraft  gefunden  hatte  und  endlich  dem  Rufe
des  Königs  nach  Berlin  gefolgt  war;  er  lehrte  schon  die  der  alten  bedachtsamen
  Kriegsweisheit  unfaßbare  Ketzerei,  daß  man  „nie  concentrirt
stehen,  aber  sich  immer  concentrirt  schlagen“  müsse;  er  erläuterte  seine
Sätze  an  den  Kriegen  Friedrich's  und  jenes  jungen  Bonaparte,  den  die
fridericianischen  Veteranen  kaum  als  einen  Bürgergeneral  gelten  ließen.
Und  vergessen  in  seiner  kleinen  schlesischen  Garnison  saß  der  ewige  Hauptmann
  Gneisenau  über  seinen  Karten,  verfolgte  mit  gespannten  Blicken
jeden  Schritt  des  Corsen  seit  dem  ersten  italienischen  Feldzuge,  lebte  sich
ein  in  die  Eigenart  des  dämonischen  Mannes,  als  ob  er  ahnte,  daß  er
dereinst  dem  Unüberwindlichen  entgegentreten  sollte.  Das  neue  geistige
Leben  der  Nation  begann  endlich  auch  auf  diese  militärischen  Kreise,  die
ihm  bisher  ganz  verschlossen  gewesen,  einzuwirken.  Jede  Richtung  der
Literatur  fand  unter  den  jüngeren  Offizieren  einzelne  Vertreter,  sogar
der  friedliche  Weltbürgergeist  der  Kantischen  Philosophie;  beweglich  klagte
der  Leutnant  Heinrich  Kleist,  wie  er  in  den  Rheinfeldzügen  seine  Zeit  so
unmoralisch  töden  müsse.
        <pb n="165" />
        Heerwesen  und  Verwaltung.  155

Der  herrschende  Ton  blieb  gleichwohl  noch  sehr  geistlos.  Die  meisten
alten  Offiziere  trugen  geflissentlich  ihren  Bildungshaß  zur  Schau  und  ver—
hehlten  nicht  ihre  Verachtung  gegen  den  Schulmeister  Scharnhorst.  Da
nur  vier  oder  fünf  Rekruten  jährlich  in  die  Compagnie  eingestellt  wurden,
so  war  die  schwere  und  dankbare  Aufgabe  der  militärischen  Volkserziehung,
die  für  die  Linienoffiziere  der  modernen  Volksheere  den  besten  Lebens—
inhalt  bildet,  für  jene  Zeit  noch  gar  nicht  vorhanden;  die  ewige  Wieder—
holung  derselben  Paradekünste  mit  denselben  alten  Berufssoldaten  wurde
für  feurige  Naturen  unerträglich.  Die  schüchternen  Berliner  Bürger
entsetzten  sich,  und  der  König  griff  mit  strengen  Strafen  ein,  da  die
jungen  Offiziere  des  verrufenen  Regiments  der  Gensdarmes  in  lärmen—
dem  Maskenzuge  die  Straßen  durchrasten  und  der  baumlange  Karl  Nostitz,
als  Katharina  von  Bora  verkleidet,  hinter  dem  Doctor  Luther  die  Hetz—
peitsche  schwenkte;  in  solchen  rohen  Späßen  tobte  sich  das  heiße  jugend—
liche  Blut  aus,  das  in  der  Langeweile  des  Kamaschendienstes  nichts  mit
sich  anzufangen  wußte.  Der  ganze  Jammer  dieses  Friedensheeres  ver—
körpert  sich  in  dem  tragischen  Schicksale  des  Prinzen  Louis  Ferdinand;
ein  trauriger  Anblick,  wie  der  freie  und  kühne,  zu  allem  Herrlichen  ge—
borene  junge  Held  in  wildem  Genuß  und  tollen  Abenteuern  seine  Kraft
vergeudete,  weil  er  ein  leeres  Dasein  nicht  zu  tragen  vermochte.  Mehr
und  mehr  gerieth  der  eigentliche  Zweck  des  Heerwesens  in  Vergessenheit.
Der  Orden  pour  le  mérite,  vordem  nur  auf  dem  Schlachtfelde  verliehen,
wurde  jetzt  schon  zum  Lohne  für  die  Heldenthaten  des  friedlichen  Manöverfeldes.
  Pedantische  Kleinmeisterei  überwachte  die  Länge  der  Zöpfe,  die
Form  der  Heubündel,  das  Geklirr  der  präsentirten  Musketen;  aber  die
Geschütze  waren  der  Ersparniß  halber  ohne  Bespannung.  Eine  majestätische
Langsamkeit  schien  der  fridericianischen  Armee  allein  noch  würdig  zu  sein;
es  kam  vor,  daß  ein  Artillerieregiment  für  den  Marsch  von  Berlin  nach
Breslau  vier  Wochen  brauchte.  Der  gemeine  Soldat,  der  die  gewohnte
Kundschaft  für  seine  Handwerksarbeit  nicht  verlieren  mochte,  dachte  ebenso
friedfertig  wie  die  Mehrzahl  der  ergrauten  Capitäne,  denen  die  Beurlaubungen
  der  Friedensjahre  einträgliche  Ersparnisse  für  den  eigenen  Benutel
brachten.  Es  schien,  als  sollte  der  preußische  Degen  nie  mehr  aus  der
Scheide  fahren.  Wörtlich  erfüllte  sich  die  Weissagung  Friedrich's,  der  einst
„die  Lieblingskinder  des  Mars“  gewarnt  hatte,  sie  möchten  ihre  männlichen
Sitten  nicht  verderben  lassen  durch  Trägheit,  Hochmuth,  Weichlichkeit.

Ebenso  wenig  gelang  eine  durchgreifende  Reform  der  Verwaltung.
Der  König  getraute  sich  nicht,  nach  der  Weise  seines  Großoheims  Alles
selber  zu  entscheiden,  schon  weil  sein  Billigkeitsgefühl  zurückschrak  vor  dem
harten,  von  solcher  Allmacht  unzertrennlichen  fridericianischen  Grundsatze,
daß  der  Monarch  niemals  einen  Irrthum  eingestehen  dürfe.  Er  wies
daher  alle  Bittschriften  wo  irgend  thunlich  an  die  zuständigen  Behörden.
Dadurch  wuchs  die  ohnedies  erdrückende  Geschäftslast  der  Beamten.  Seit
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        156  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

die  neuen  Provinzen  in  Polen  und  Franken  endlich  dem  Generaldirectorium
unterstellt  wurden,  zeigte  sich  die  einst  in  einfacheren  Verhältnissen  so
schlagfertige  Centralbehörde  als  völlig  unzulänglich;  jedes  Departement
ging  selbständig  seines  Wegs,  es  fehlte  die  Einheit  der  Leitung.  Noch
immer  war  dies  Beamtenthum  der  Bureaukratie  der  deutschen  Nachbarstaaten
  weit  überlegen,  thätig,  voll  patriotischen  Stolzes,  hochgebildet,  obgleich
  da  und  dort  einzelne  Präsidenten  mit  dem  Bildungshasse  der  Generale
  zu  wetteifern  strebten.  Aber  die  veraltete,  zwischen  dem  Provinzialund
  dem  Realsystem  mitteninne  stehende  Organisation  der  Behörden
bewirkte,  daß  Niemand  in  Wahrheit  Minister  war  und  den  Gang  der
Verwaltung  übersah.  Jedes  einfache  Geschäft  führte  zu  peinlichen  Streitigkeiten
  über  die  Competenz;  die  Vermehrung  der  Ministerstellen  verstärkte
  nur  das  Uebel.  In  den  alten  Beamtenfamilien,  die  nun  seit
vielen  Jahrzehnten  dem  Staatsdienste  angehörten,  vererbte  sich  zwar  ein
lebendiges  Gefühl  der  Standesehre  vom  Vater  auf  den  Sohn,  aber  auch
der  Dünkel  des  grünen  Tisches;  Neulinge,  welche  aus  der  naturfrischen
Thätigkeit  des  Landbaus  in  diese  Welt  des  Bureaus  hinübertraten,  wie  der
Freiherr  vom  Stein,  bemerkten  mit  Unwillen,  wie  das  Actenschreiben  hier
zum  Selbstzweck  zu  werden  drohte.  Eine  formenselige  Papierthätigkeit
nahm  überhand  und  konnte  durch  die  salbungsvollen  Ermahnungen  der
königlichen  Cabinetordres  nicht  überwunden  werden,  weil  sich  der  staatsmännische
  Kopf  nicht  fand,  der  dem  Beamtenthum  neue  positive  Aufgaben
gestellt  hätte.  Und  dazu  wieder  das  leidige  Bleigewicht  der  polnischen
Provinzen:  es  blieb  doch  ein  unerträglicher  Zustand,  daß  die  regierende
Klasse  aus  den  weiten  Slavenlanden  fast  gar  keinen  jungen  Nachwuchs
erhielt.  Die  Spottrede  der  Gegner,  dies  Preußen  sei  ein  künstlicher  Staat,
schien  jetzt  doch  Recht  zu  behalten.

Bald  nach  seiner  Thronbesteigung  sprach  der  König  gegen  den  Finanzminister
  Struensee  seine  Mißbilligung  aus  über  das  unhaltbare  Prohibitivsystem,
  das  beständig  übertreten  werde.  Erst  sieben  Jahre  nachher  gelang
ihm,  die  erste  Bresche  in  diese  alte  Ordnung  zu  schlagen  und  durch
Struensee's  Nachfolger  Stein  die  Binnenzölle  größtentheils  aufzuheben.
Noch  galt  die  Einrichtung  gleichmäßig  geordneter  Grenzzölle  überall  in
der  Welt  als  ein  vermessenes  Wagniß.  Wie  hoffnungslos  sprach  Necker
in  seinem  Rechenschaftsberichte  von  1781  über  die  Frage,  ob  es  wohl
möglich  sei  die  constitution  barbare  der  Provinzialzölle  zu  beseitigen.  Erst
die  Revolution  begründete  die  Zolleinheit  Frankreichs.  Als  man  sich  jetzt
in  Preußen  an  die  Aufhebung  der  Binnenzölle  heranwagte,  erfuhr  man
sofort,  daß  diese  Reform  eine  halbe  Maßregel  blieb.  Denn  noch  bestand
die  Accise  mit  ihren  67  verschiedenen  Tarifen;  vergeblich  mahnte  eine
Cabinetsordre  des  Königs,  in  dies  Durcheinander  endlich  Klarheit  zu
bringen.  Noch  bestand  der  Gewerbezwang,  der  die  Städte  von  dem  flachen
Lande  schied;  nur  in  der  Grafschaft  Mark  hatte  Stein  schon  gewagt  diese
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        Widerstand  der  alten  Stände.  157

trennende  Schranke  zu  beseitigen.  Mit  den  Provinzialzöllen  fiel  zugleich
die  Zollfreiheit  der  eximirten  Klassen,  und  dieser  erste  leise  Stoß  gegen  die
Steuerprivilegien  des  Adels  regte  sogleich  die  Frage  an,  ob  die  weit
schwerer  drückende  Ungleichheit  der  directen  Besteuerung  noch  fortdauern
dürfe.  Im  Jahre  1806  zahlten  in  der  Kurmark  die  Städte  fast  2¼½
Millionen,  die  Bauern  644,000,  die  sämmtlichen  Rittergutsbesitzer  nur
21,000  Thaler  an  Staatssteuern.  Aber  die  Zeit  für  eine  radicale  Umgestaltung
  der  Staatswirthschaft  war  noch  nicht  gekommen.  Die  nationalökonomischen
  Ansichten  gährten  wirr  durcheinander;  die  meisten  guten
Köpfe  unter  den  jüngeren  Beamten  schwärmten  mit  Vincke  für  „den
göttlichen  Smith“,  die  Grundbesitzer  neigten  zur  physiokratischen  Lehre.

Das  stärkste  Hinderniß  jeder  Reform  lag  jedoch  in  der  Opposition
der  Landtage.  Der  zähe  passive  Widerstand  der  alten  Stände  hatte  schon
den  agrarischen  Gesetzen  des  achtzehnten  Jahrhunderts  immer  wieder  die
Spitze  abgebrochen;  jetzt,  unter  einer  nur  allzu  milden  Regierung,  zeigte
er  eine  ganz  unerwartete  Stärke.  Es  war  einer  der  ersten  Schritte  des
Königs,  daß  er  einem  Theile  des  Bauernstandes,  den  Köllmern,  das
Recht  der  Vertretung  unter  den  ostpreußischen  Ständen  gewährte.  Also
verjüngt  wurde  der  Königsberger  Landtag  die  einzige  leidlich  gesunde
unter  den  verfallenen  ständischen  Körperschaften  der  Monarchie;  er  nannte
sich  mit  einigem  Rechte  die  „Vertretung  der  Nation“.  Als  aber  der
König  nunmehr  die  Beseitigung  der  Patrimonialgerichte  vorschlug,  da
widersprach  selbst  der  ostpreußische  Landtag  wiederholt  und  nachdrücklich.
Auch  ein  anderer  Lieblingsplan  des  bauernfreundlichen  Fürsten,  die  Aufhebung
  der  bäuerlichen  Dienste  und  die  Verwandlung  aller  unterthänigen
Bauerngüter  in  freies  Eigenthum,  stieß  auf  den  Widerstand  des  Adels.
Der  Gedanke  war  keineswegs  durch  die  französische  Revolution  angeregt,
sondern  ergab  sich  nothwendig  aus  der  alten  Gesetzgebung  der  Hohenzollern,
  die  seit  hundert  Jahren  auf  die  Befreiung  des  Landvolks  lossteuerte;
  gleichzeitig  und  ganz  unabhängig  von  einander  empfahlen  Beamte
wie  Stein  und  Hippel,  Schriftsteller  wie  Leopold  Krug  die  Aufhebung
der  Erbunterthänigkeit.  Auf  den  Domänen  in  West=  und  Ostpreußen
gelang  dem  wackeren  Präsidenten  Auerswald  die  Beseitigung  des  Scharwerks,
  und  wo  ein  Edelmann  freiwillig  zu  der  gleichen  Reform  bereit
war,  da  ermunterte  ihn  der  König  in  jeder  Weise;  doch  ein  umfassendes
Gesetz  für  die  ganze  Monarchie  wagte  man  nicht  zu  erlassen.  Der
Widerspruch  ging  nicht  bloß  von  den  Grundherren  aus,  sondern  auch  von
den  rohen  Bauern,  welche  jede  Aenderung  des  Bestehenden  mit  zähem
Mißtrauen  ansahen;  sogar  die  Baumpflanzungen  an  den  neuen  Landstraßen
  waren  vor  den  Fäusten  dieser  Barbaren  nicht  sicher.

Derselbe  unbelehrbare  Trotz  zeigte  sich  auch,  als  der  König,  ganz  aus
dem  freien  Antriebe  seines  guten  Herzens,  die  Verbesserung  der  Elementarschulen
  in  Angriff  nahm  und  die  allgemeine  Schulpflicht  in  vollem  Ernst
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        158  I.  2.  Revolution  und  Fremdbherrschaft.

zu  verwirklichen  suchte.  Die  Regierung  stand  noch  immer  sehr  hoch  über
ihrem  Volke.  Während  die  gehässigen  Schmähschriften  der  Opposition  sich
nach  wie  vor  durch  eine  klägliche  Gedankenarmuth  auszeichneten,  fanden
in  den  Kreisen  des  Beamtenthums  alle  die  großen  socialen  Reformen  des
folgenden  Jahrzehnts  schon  jetzt  eine  gründliche  Besprechung;  selbst  die
Aufhebung  des  Zunftwesens  wurde  bereits  von  J.  G.  Hoffmann  empfohlen.
  Doch  es  fehlte  die  Kraft,  diese  guten  Gedanken  dem  widerstrebenden
  Volke  aufzuzwingen.  Aus  Rücksicht  auf  die  „Opinion“  wurde
das  Tabaksmonopol  aufgehoben,  das  doch,  richtig  gehandhabt,  eine  sehr
ergiebige  und  für  den  Verkehr  wenig  beschwerliche  Einnahmequelle  werden
konnte.  Als  der  wackere  Struensee  im  Jahre  1798  die  Ausgabe  einer
mäßigen  Summe  Papiergeld  vorschlug,  da  genügte  eine  leise  Regung  der
Unzufriedenheit  im  Berliner  Handelsstande,  und  alle  Minister  erklärten
wie  aus  einem  Munde,  sie  fühlten  sich  außer  Stande  eine  so  gehässige
Maßregel  zu  vertreten.  Die  Ohnmacht  der  Krone  offenbarte  sich  namentlich
  an  den  sittlichen  Zuständen  der  Hauptstadt.  Während  am  Hofe  anspruchslose
  Einfachheit  und  altväterlicher  Anstand  mit  peinlicher  Strenge
gehütet  wurden,  lebte  die  Berliner  vornehme  Welt,  als  sei  dies  Musterbild
  schlichter  Familiensitte  gar  nicht  vorhanden.  Die  Stadt  zählte  nun
schon  182,000  Einwohner;  der  Verkehr  der  höheren  Stände  zeigte  bereits
die  Freiheit  großstädtischen  Lebens,  während  in  den  Mittelklassen  noch
ein  schwerfälliges  Pfahlbürgerthum  vorherrschte.  Die  Geselligkeit  wurde
zu  einer  verfeinerten  Kunst,  wie  seitdem  nie  wieder  in  Deutschland.
Zügellos  entfalteten  sich  Witz  und  Kritik;  die  Liederlichkeit  und  ein  grausamer
  geistiger  Hochmuth  traten  so  keck  heraus,  daß  selbst  Goethe  mit
einiger  Scheu  von  diesem  gefährlichen  Völkchen  sprach.  In  solcher  Luft
erwuchsen  Naturen  von  der  unendlichen  Empfänglichkeit  und  Reizbarkeit
Schleiermacher's,  Virtuosen  des  Genusses  und  des  Denkens  wie  Wilhelm
Humboldt  und  Friedrich  Gentz,  aber  auch  die  eitlen  Anempfinder  und
Geistverkäufer  des  Varnhagen'schen  Kreises,  und  Virtuosen  des  Verbrechens
wie  die  Giftmörderin  Ursinus.

Im  Einzelnen  ist  während  dieses  Jahrzehntes  der  halben  Anläufe
und  der  wohlgemeinten  Versuche  manches  Gute  geschehen.  Die  Landwirthschaft
  erlebte  eine  Zeit  großartiger  Fortschritte;  der  Getreidepreis
stieg  in  den  zwanzig  Jahren  seit  Friedrich's  Tode  auf  das  Doppelte,  die
Preise  der  Landgüter  noch  schneller,  fast  schwindelhaft  hoch.  Thaer  lenkte
die  Augen  der  Norddeutschen  zuerst  auf  das  Vorbild  des  englischen  Landbaues,
  und  seit  der  beredte  Vertheidiger  der  freien  Arbeit  in  Möglin
seine  Lehranstalt  eröffnet  hatte,  wuchs  unter  den  jüngeren  Landwirthen
die  technische  Einsicht  und  die  volkswirthschaftliche  Bildung.  Ohne  Thaer's
Wirken  wäre  die  Durchführung  der  Stein-Hardenberg'schen  Gesetze  kaum
möglich  gewesen.  Die  noch  überall  im  Reiche  traurig  verwahrlosten  Landund
  Wasserwege  fanden  jetzt  endlich  ernste  Beachtung.  Durch  Stein
        <pb n="169" />
        Geistiges  Leben  in  Berlin.  159

wurde  die  Ruhr  der  Schifffahrt  eröffnet;  der  König  selber  nahm  sich  mit
Eifer  des  Weichselthales  an,  wo  die  mächtigen  Deichbauten  des  deutschen
Ordens  unter  der  polnischen  Herrschaft  ganz  verfallen  waren.  Der
Bergbau,  der  schon  durch  Heinitz,  den  Lehrer  Stein's,  erheblich  gewonnen
hatte,  nahm  einen  neuen  Aufschwung  als  Graf  Reden  die  großen  Gruben—
werke  in  Oberschlesien  einrichtete.  In  dem  neugegründeten  statistischen
Bureau  waren  Krug  und  Hoffmann  thätig,  für  die  Leitung  der  Bank
ward  Niebuhr  aus  Dänemark  berufen.

In  der  öffentlichen  Meinung  wurde  der  neuen  Regierung  nichts  so
hoch  angerechnet  wie  die  Entlassung  des  verhaßten  Wöllner  und  die  that—
sächliche  Beseitigung  seines  harten  Religions-Edictes.  Die  Versicherung
des  jungen  Fürsten,  Vernunft  und  Philosophie  seien  die  unzertrennlichen
Begleiter  der  Religion,  war  der  aufgeklärten  Welt  recht  aus  dem  Herzen
gesprochen,  weil  sich  Jeder  etwas  Anderes  dabei  denken  konnte.  Als  der
König  aber  den  von  seinem  Lehrer  Sack  entworfenen  Vorschlag  zu  einer
gemeinsamen  evangelischen  Agende  den  Kirchenbehörden  empfahl,  da  zeigte
sich  wieder,  daß  die  Krone  ihrem  Volke  um  eine  gute  Strecke  voraus  war.
Er  mußte  seine  Unionspläne  auf  bessere  Zeiten  vertagen,  denn  in  den
zarten  kirchlichen  Fragen  wollte  er  noch  bedachtsamer  und  rücksichtsvoller
vorgehen  als  in  der  Politik.  Dieselbe  Bedächtigkeit  verschuldete  auch,  daß
die  in  unzähligen  Denkschriften  und  Abhandlungen  erwogene  Reform  des
Schulwesens  vorläufig  unterblieb;  man  ward  nicht  schlüssig  zwischen  all
den  verschiedenen  Erziehungsmethoden,  welche  das  Zeitalter  Pestalozzi's
unermüdlich  zu  Tage  förderte.  Für  die  Gelehrsamkeit  wurde  mit  einem
in  Preußen  unerhörten  Eifer  gesorgt;  die  Scheidewand,  welche  den  alten
Staat  so  lange  von  der  deutschen  Wissenschaft  getrennt  hatte,  brach  endlich
  zusammen.  Alexander  Humboldt,  Johannes  Müller,  Hufeland  und
eine  lange  Reihe  namhafter  Gelehrten  wurden  nach  Berlin  gerufen;  auch
Fichte,  durch  den  Glaubenseifer  der  kursächsischen  Lutheraner  aus  Jena
vertrieben,  fand  eine  Zuflucht  an  der  Spree.  Das  wissenschaftliche  Leben
der  Hauptstadt  fing  an  in  einem  großen  Zuge  sich  zu  bewegen.  Schon
im  Winter  1786  wurden  dort  einundzwanzig  Curse  öffentlicher  Vorlesungen
angekündigt,  seitdem  gewannen  sie  noch  an  Zahl  und  Bedeutung;  in
Berlin  hielt  A.  W.  Schlegel  jene  literarhistorischen  Vorträge,  welche  das
wissenschaftliche  Programm  der  romantischen  Schule  aussprachen.  Die
Sammlungen  des  königlichen  Hauses,  die  der  junge  König  zuerst  dem
Publikum  öffnete,  und  vor  Allem  das  Theater,  damals  unter  Iffland's
Leitung  noch  eine  große  nationale  Bildungsanstalt,  beförderten  einen  bewegten
  Gedankenaustausch;  und  so  wurde  ganz  von  selber  die  Frage  laut,
ob  dieser  Reichthum  geistigen  Lebens  nicht  in  einer  Hochschule  einen  wissenschaftlichen
  Mittelpunkt  finden  solle.  Keine  der  deutschen  Universitäten
ist  so  naturgemäß  entstanden  wie  die  Berliner;  sie  war  im  Grunde  schon
vorhanden  bevor  sie  förmlich  eingerichtet  wurde.  Doch  auch  dieser  Plan
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        160  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

gelangte  für  jetzt  nicht  über  Berathungen  im  Cabinet  hinaus.  Die  ganze
Zeit  schien  wie  verwunschen,  nichts  Wesentliches  wollte  zu  Ende  kommen.

Die  banausische  Gleichgiltigkeit  des  Staates  gegen  die  bildende  Kunst
war  endlich  überwunden.  Er  veranstaltete  jetzt  öffentliche  Gemäldeaus—
stellungen  und  besaß  in  Berlin  bereits  eine  Schule  aufstrebender  Künstler
von  selbständiger  Eigenart.  Neben  Langhans,  dem  streng  antikisirenden
Erbauer  des  Brandenburger  Thores,  kam  Schadow's  derber  Realismus
empor;  und  wenn  der  Wagen  der  schönen  Königin  vorfuhr,  dann  stand
am  Schlage  mit  dem  Hute  in  der  Hand  der  junge  Lakai  Christian  Rauch,
der  einst  die  Andern  alle  überflügeln  sollte  als  seine  gütige  Herrin  ihm
den  Weg  zu  großem  Schaffen  geebnet  hatte.  Aber  auch  hier  wieder  die
gleiche  unheimliche  Erscheinung:  köstliche  Kräfte,  die  nicht  benutzt,  vielver—
heißende  Entwürfe,  die  nicht  vollendet  wurden.  Nachdem  man  eine  Menge
verschiedener  Pläne  berathen  und  wieder  fallen  gelassen,  kam  nur  ein
einziges  größeres  öffentliches  Bauwerk  zu  Stande:  die  neue  Münze,  von
Schadow  mit  lebenswahren,  trefflichen  Reliefs  geschmückt,  doch  das  Ge—
bäude  selber  abschreckend  kahl  und  nüchtern,  ein  getreues  Sinnbild  dieser
schwunglosen  Zeit.

Dergestalt  war  auf  allen  Gebieten  des  politischen  Lebens  das  Alte
noch  nicht  zerstört,  das  Neue  noch  nicht  entwickelt.  Der  Staat  hatte  an
Charakter  verloren  was  er  an  humaner  Milde  gewonnen,  er  erschien  wie
ein  noch  im  Verfalle  mächtiger  gothischer  Bau,  dem  zaghafte  Hände  da  und
dort  ein  niedliches  zopfiges  Thürmchen  aufgesetzt  hatten.  Und  in  diesen
unhaltbaren  Zuständen  fühlte  sich  das  treue  Volk  unzweifelhaft  glücklich;
die  kindlichen  Aeußerungen  der  Freude,  welche  auf  den  Reisen  des  Landes—
vaters  und  der  Landesmutter  überall,  am  lautesten  unter  den  warmblütigen
Franken,  erklangen,  kamen  ebenso  gewiß  aus  ehrlichem  Herzen,  wie  nachher
die  traurigen  Abschiedsbriefe  der  verlorenen  Provinzen.

Die  Reformgedanken  des  Königs  gingen  über  sociale  Verbesserungen
nicht  hinaus:  auch  Hardenberg  wünschte  damals  nur  die  Durchführung
der  bürgerlichen  Rechtsgleichheit  nach  dem  Vorbilde  Frankreichs.  Eigentlich
politische  Reformpläne  hegte  nur  ein  einziger  Mann,  der  Freiherr  vom
Stein.  Der  hatte  als  Kammerpräsident  in  Westphalen  die  alte  Gemeinde—
freiheit  der  Grafschaft  Mark  kennen  gelernt,  aus  solchen  Erfahrungen  und
aus  dem  Studium  der  englischen  Geschichte  sich  die  Ansicht  gebildet,  daß
eine  gesunde  politische  Ordnung  nur  da  bestehe,  wo  das  Volk  selber  hand—
anlegend  das  Regieren  lerne.  Als  die  altständische  Verfassung  in  dem
neu  erworbenen  Münsterlande  aufgehoben  wurde,  schrieb  er  dem  Könige'):
diese  Landtage,  die  bisher  bei  dem  Beamtenthum  nur  als  die  Feinde  jeder
Reform  verrufen  gewesen,  könnten,  zweckmäßig  eingerichtet,  vielmehr  die
Stützen  der  Rechtsordnung  werden:  „Sie  verhindern  die  willkürlichen  Abweichungen
  von  Verfassung  und  gesetzlicher  Ordnung,  die  sich  die  Landes-*)

  Bericht  an  den  König,  Münster  30.  Oct.  1804.
        <pb n="171" />
        Auswärtige  Politik  Friedrich  Wilhelm's  III.  161

collegien  bei  dem  Drange  der  Geschäfte  nicht  selten  zu  Schulden  kommen
lassen,  und  sie  sind  durch  Eigenthum  und  Anhänglichkeit  an  das  Vaterland
  fest  an  das  Interesse  eines  Landes  gekettet,  das  den  fremden  öffentlichen
  Beamten  gewöhnlich  unbekannt,  oft  gleichgiltig  und  bisweilen  selbst
verächtlich  und  verhaßt  wird.  Die  Regenten  haben  von  Ständen,  die
aus  Eigenthümern  bestehen,  nichts  zu  fürchten,  mehr  von  der  Neuerungssucht
  jüngerer,  der  Lauigkeit  und  dem  Miethlingsgeiste  älterer  öffentlicher
Beamten  und  von  der  alle  Sittlichkeit  verschlingenden  Weichlichkeit  und
dem  Egoismus,  der  alle  Stände  ergreift.“  Dem  Könige  blieben  solche
Gedanken  noch  ganz  unverständlich.  Er  ließ  sich  zwar  nicht  zu  so  gehässigen
Urtheilen  über  die  Revolution  hinreißen,  wie  die  übereifrigen  Royalisten
an  seinem  Hofe,  sondern  erkannte  die  Berechtigung  der  französischen  Bauernbefreiung
  unbefangen  an;  aber  was  irgend  an  die  constitutionelle  Monarchie
erinnerte  war  ihm  durch  die  Blutthaten  der  Franzosen  verdächtig  und
unheimlich  geworden.  Wie  sollte  er  auch  bei  der  allgemeinen  Zufriedenheit
  des  Volkes  auf  die  Frage  kommen,  ob  dieser  pflichtgetreue  Absolu--tismus,
  der  den  Staat  gebildet  hatte,  sich  schon  überlebt  habe?  Auch  Stein
selber  wußte  noch  keineswegs,  wie  morsch  die  alte  Ordnung  sei  und  wie
dringend  geboten  der  Neubau.  Es  steht  nicht  anders,  Hoch  und  Niedrig
lebte  befangen  in  einer  ungeheuren  Selbsttäuschung.  Das  historische
Urtheil  vermag  nicht  abzusehen,  wie  die  Demüthigung  von  1806  der  alten
Monarchie  hätte  erspart  werden  sollen.  Nur  die  durchschlagende  Beweiskraft
  des  Krieges  konnte  dem  verblendeten  Geschlechte  den  inneren  Verfall
  jener  fridericianischen  Formen  zeigen,  welche  durch  den  Zauber  alten
Ruhmes  alle  Thatkraft  lähmten.  Nur  eine  Niederlage  konnte  die  unnatürliche
  Episode  der  deutschen  Herrschaft  in  Warschau  beendigen,  den
Staat  sich  selber  und  seinem  deutschen  Wesen  zurückgeben.  —

Für  keine  seiner  königlichen  Pflichten  war  Friedrich  Wilhelm  von
Haus  aus  so  wenig  vorbereitet  wie  für  die  Leitung  der  auswärtigen  Politit;
  langsam,  bedächtig  wie  er  war  hat  er  einer  sehr  schweren  Schule
bedurft  bis  sein  weiches  Gemüth  sich  an  die  Härte  der  großen  politischen
Machtfragen  gewöhnte.  Neigung  und  Pflichtgefühl  stimmten  ihn  friedlich.
Er  hätte  es  für  einen  Frevel  gehalten,  dies  emsig  arbeitende  Norddeutschland,
  dessen  ruhiges  Glück  von  Jedermann,  selbst  von  Friedrich  Gentz,
gepriesen  wurde,  ohne  dringende  Noth  den  Wechselfällen  des  Krieges,  den
verschuldeten  Staatshaushalt  neuen  Verwirrungen  preiszugeben;  nur  zur
Abwehr  eines  unmittelbaren  Angriffs  wollte  er  sein  Schwert  ziehen.  Die
allgemeine  Friedensseligkeit  der  Norddeutschen  fand  nirgends  eifrigere  Vertreter
  als  am  preußischen  Hofe;  sie  hatte  sich  hier  sogar  einc  eigene  staatsrechtliche
  Doctrin  erklügelt.  „Ein  König,"  sagte  Oberst  Köckritz  zu  seinem
fürstlichen  Freunde,  „hat  gar  nicht  das  Recht  das  Dasein  seines  Staates
auf's  Spiel  zu  setzen,  das  darf  nur  eine  Republik.“  Ueber  Frankreichs
gefährliche  Absichten  täuschte  sich  der  gesunde  Sinn  des  Königs  nicht.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  11
        <pb n="172" />
        162  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.
Sein  Vater  war  dem  alten  Widerwillen  gegen  die  Republik  immer  treu
geblieben,  hatte  noch  als  sterbender  Mann  das  Anerbieten  eines  französischen
  Bündnisses  zurückgewiesen  und  sich  nicht  beirren  lassen,  als
Caillard  ihm  die  Erwerbung  der  deutschen  Kaiserkrone  in  Aussicht  stellte.
Auch  Graf  Haugwitz  war  jetzt  voll  Mißtrauens  gegen  die  Pariser  Machthaber.
  So  blieb  das  Verhältniß  zwischen  den  beiden  Mächten  sehr  kühl,
und  der  junge  König  gestand  zuweilen:  er  wolle  die  Kräfte  seines  Staates
sammeln  und  aufsparen  für  den  Augenblick,  da  vielleicht  einmal  ein  entscheidender
  Kampf  mit  dieser  räuberischen  Macht  nothwendig  würde.  Vermuthlich
  wußte  er  selbst  nicht  recht,  ob  er  solche  Aeußerungen  ernstlich
meinte  oder  nur  nach  einem  Vorwande  für  seine  Friedfertigkeit  suchte.  Als
guter  Deutscher  wünschte  er  die  Befriedung  des  gesammten  Reichs  und  die
Wiederherstellung  der  alten  Grenzen;  den  Franzosen  gönnte  er  weder  das
durch  seine  Truppen  eroberte  Mainz  noch  seine  niederrheinischen  Erblande.

Der  Fürst,  unter  dessen  Herrschaft  die  größten  Gebietsveränderungen
der  preußischen  Geschichte  erfolgen  sollten,  verabscheute  von  jeher  das  Verhandeln
  von  Land  und  Leuten;  selbst  kleine  Grenzberichtigungen  waren
seiner  Gewissenhaftigkeit  widerwärtig.  Zu  der  Abtretung  von  Cleve  und
Geldern  hat  er  sich  schließlich  nur  darum  verstanden,  weil  diese  vorläufig
von  den  Franzosen  besetzten  Lande  ihm  persönlich  noch  nicht  gehuldigt
hatten.  Denn  noch  wurde  das  Verhältniß  zwischen  Fürst  und  Unterthan
überall  in  Deutschland  als  eine  persönliche  Verpflichtung  angesehen;  sobald
  ein  Herrscher  starb,  schloß  man  eiligst  die  Thore  der  Städte  und
vereidigte  die  Truppen  sofort  für  den  neuen  Herrn.  Die  romantische
Verehrung,  welche  sein  Vater  für  die  altehrwürdigen  Formen  der  Reichsverfassung
  gehegt,  beirrte  den  nüchternen  Kopf  des  Sohnes  nicht;  er  erkannte
  den  unaufhaltsamen  Zerfall  des  Reichs  und  empfand  als  ein  treuer
Protestant  wenig  Mitleid  mit  dem  Jammer  der  geistlichen  Staaten.
Aber  da  er  über  die  Möglichkeit  der  Reichsreform  noch  nicht  ernstlich
nachgedacht  hatte,  so  wäre  die  einfache  Wiederherstellung  der  alten  Besitzverhältnisse
  in  Deutschland  seinem  Rechtsgefühle  und  seiner  Friedensliebe
das  Willkommenste  gewesen.  Gelang  dies  nicht,  so  wollte  er  mindestens
das  Gleichgewicht  zwischen  Oesterreich  und  Preußen  wahren,  jede  Erweiterung
  der  österreichischen  Macht  durch  eine  Vergrößerung  seines  eigenen
Staates  ausgleichen.  Ohne  Groll  gegen  die  Hofburg,  nahm  er  doch  die
bairische  Politik  seines  Großoheims  wieder  auf  und  trat  für  die  Rechte
der  Wittelsbacher  gegen  die  kaiserlichen  Eroberungspläne  ein.  Der  leitende
Gedanke  seiner  deutschen  Politik  blieb  freilich  die  Erhaltung  des  Friedens
für  den  Norden:  nur  diplomatische  Mittel  sollten  die  Machtstellung  der
Monarchie  gegen  Frankreich  wie  gegen  Oesterreich  sichern.

So,  mit  der  Gesinnung  eines  rechtschaffenen  Hausvaters  trat  der
unerfahrene  junge  Fürst  jenen  dämonischen  Mächten  entgegen,  welche
während  der  jüngsten  Monate  das  Ansehen  der  Welt  verwandelt  hatten.
        <pb n="173" />
        Krieg  von  1796.  163

Die  Helden  der  Schreckensherrschaft  hatten  sich  einst  vermessen,  die  Revolution
  solle  tiefe  Furchen  ziehen;  und  so  war  es  geschehen,  über  alle
Beschreibung  gräßlich.  In  den  neun  Jahren  seit  dem  Bastillesturme
waren  zweiundzwanzigtausend  dreihundert  und  einunddreißig  neue  Gesetze
über  das  unglückliche  Frankreich  dahin  gestürmt,  jede  Brücke  zwischen  der
Vergangenheit  und  der  Gegenwart  zerstört,  von  allen  Institutionen  des
bourbonischen  Staates  keine  einzige  mehr  übrig  außer  der  Pariser  Akademie.
  Ein  volles  Drittel  des  französischen  Bodens  war  seinen  alten  Eigenthümern
  gewaltsam  entrissen.  Dazu  mehr  als  47,000  Millionen  Franken
entwertheten  Papiergeldes,  dazu  die  völlige  Verwirrung  aller  Besitzverhältnisse
  und  die  langjährige  Ausbeutung  des  Landes  durch  den  praktischen
Communismus  des  Pariser  Pöbels.  Aller  Wohlstand,  alle  Sicherheit  des
Rechtes  war  dahin,  und  dahin  auch  aller  Adel  feiner  Bildung.  Auf  den
Altären  der  geschändeten  Kirchen  thronte  die  Göttin  der  Vernunft;  das
geschmackvollste  Volk  Europas  verehrte  die  rothe  Mütze  der  Züchtlinge  des
Bagnos  als  das  Sinnbild  seiner  neuen  Freiheit  und  taufte  die  Tage  des
Kalenders  auf  die  Namen  des  Schweines,  des  Esels  und  der  Kartoffel.
Wohl  hatte  die  Guillotine  endlich  ihre  entsetzliche  Arbeit  eingestellt,  doch
die  grausamen  Strafgesetze  gegen  Priester  und  Emigranten  wurden  mit
unversöhnlicher  Rachsucht  aufrecht  erhalten.  Noch  immer  blieb  die  Habe
und  das  bürgerliche  Dasein  von  Tausenden  der  unberechenbaren  Willkür
der  herrschenden  Partei  preisgegeben.  Neun  Jahre  voll  unerhörten  Elends
hatten  den  letzten  Funken  des  politischen  Idealismus  zertreten,  den  Kämpfen
des  öffentlichen  Lebens  jeden  Inhalt  genommen;  der  Streit  der  Parteien
war,  wie  seitdem  immer  in  Frankreich,  nur  noch  ein  Ringen  um  den
Besitz  der  Macht  schlechthin.

Die  französische  Nation  verlangte  nach  Frieden,  nach  rechtlicher
Sicherheit  für  die  neue  Vertheilung  des  Volksvermögens,  nach  Wiederherstellung
  der  alten  Kirche.  Ließ  man  sie  frei  gewähren,  so  schien  die  Zurückberufung
  des  alten  Königshauses  unausbleiblich,  nicht  weil  das  ermüdete
Volk  noch  irgend  ein  Gefühl  dynastischer  Treue  gehegt  hätte,  sondern  weil
die  monarchische  Ordnung  ein  Zeitalter  friedlichen  Wohlstandes  zu  versprechen
  schien.  Das  Heer  allein  bewahrte  in  der  allgemeinen  Zerrüttung
noch  einige  Mannszucht,  in  der  allgemeinen  Ermattung  noch  einigen  sittlichen
  Schwung;  so  viele  verdiente  und  unverdiente  Erfolge  hatten  den
kriegerischen  Ehrgeiz,  den  Stolz  auf  die  unbesiegte  Tricolore,  vornehmlich
unter  den  jungen  Generalen,  wach  gerufen.  Durch  dies  Heer,  die  einzige
geordnete  und  begeisterte  Macht  im  neuen  Frankreich,  behaupteten  die
radicalen  Parteien  des  Convents  ihre  Herrschaft  gegen  den  Willen  der
Nation.  General  Bonaparte  warf  am  13.  Vendemiaire  1795  den  Aufstand
  der  Royalisten  nieder  und  erzwang,  daß  zwei  Drittel  der  Mitglieder
des  Convents  in  die  Volksvertretung  der  neuen  Directorialverfassung  eintraten.
  Damit  war  die  Fortdauer  des  Krieges  abermals  entschieden,  denn

11*
        <pb n="174" />
        164  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

nur  im  Kriege  konnte  die  siegreiche  Minderheit  hoffen  sich  im  Besitze  der
Gewalt  zu  befestigen.

Mit  dem  italienischen  Feldzuge  des  Jahres  1796  begann  die  zweite,
die  für  den  Welttheil  fruchtbarere  Epoche  des  Zeitalters  der  Revolution.
Die  revolutionäre  Propaganda  wurde  jetzt  erst  wahrhaft  wirksam;  eine
neue  Ordnung  der  Dinge  verdrängte  die  alte  Ländervertheilung,  die  überlieferten
  Formen  von  Staat  und  Gesellschaft  in  Mitteleuropa.  Erst  durch
Bonaparte's  Siege  erlangten  Frankreichs  Waffen  ein  unbestreitbares  Uebergewicht.
  Als  der  junge  Held,  die  Alpen  umgehend,  vom  Süden  her  in
Oberitalien  einbrach,  erwies  er  sich  sofort  als  Meister  einer  neuen,
kühneren  Kriegsweise,  die  ohne  Magazine  den  Krieg  durch  den  Krieg,  durch
die  Hilfsquellen  des  eroberten  Landes  zu  ernähren  verstand  und  sich  nicht
scheute,  auf  die  Gefahr  der  Vernichtung  hin,  mit  verwandter  Front  dem
Feinde  den  Kampf  anzubieten.  Die  Schlachten  waren  nicht  mehr,  wie
zur  Zeit  der  alten  Lineartaktik,  ein  einfaches  Ringen  zweier  festgeschlossenen
Linien,  die  einander  zu  durchbrechen  versuchten.  Bonaparte  gab  ihrem
Verlaufe  dramatische  Bewegung  und  Steigerung;  durch  die  überwältigenden
  Massenschläge  seiner  aufgesparten  Reservetruppen  erzwang  er  die  Entscheidung,
  wenn  die  Kraft  der  vorderen  Treffen  vernutzt  war,  und  Keiner
wußte  wie  er,  die  Gunst  des  Glückes  bis  zum  Letzten  auszubeuten.  Nicht
die  Schonung  der  eigenen  Truppen  galt  ihm  als  die  erste  Aufgabe  des
Heerführers,  wie  einst  den  Feldherren  der  kostbaren  alten  Söldnerheere
—  denn  jeden  Verlust  konnte  die  Conseription  leicht  ersetzen  —:  sondern
die  Zertrümmerung  der  feindlichen  Macht.  In  raschem  Zuge  durch  die
Länder  dahinfegend  strebte  er  dem  Gegner  in's  Herz  zu  stoßen,  ihm  seine
Hauptstadt  zu  entreißen.  Begeistert  für  sich  selber  und  den  Glanz  seiner
Fahnen,  ganz  durchglüht  von  der  finsteren,  majestätischen  Poesie  des
Krieges,  erzog  er  seine  Truppen  zu  blinder  Zuversicht  auf  seinen  Stern,
wies  ihnen  „Ehre,  Ruhm  und  Reichthümer“  als  des  Krieges  höchste  Ziele
und  erfüllte  sie  bis  in's  Mark  mit  einer  rastlosen,  abenteuerlichen  Landsknechtsgesinnung,
  die  alles  Reden  von  Völkerglück  und  Völkerfreiheit  als
hohles  Geschwätz  verachtete.  Er  taufte  die  Franzosen  mit  dem  klug  erfundenen
  Namen  der  großen  Nation  und  riß  das  an  den  Parteikämpfen
verekelte  Volk  in  einen  Rausch  der  Selbstüberhebung  und  der  Kriegslust
hinein,  der  sich  stärker  und  nachhaltiger  zeigte  als  die  Freiheitsbegeisterung
der  ersten  Tage  der  Revolution.

Wie  die  Kriegsweise  so  erhielt  auch  die  europäische  Politik  Frankreichs
durch  den  Sieger  von  Montenotte  und  Rivoli  einen  veränderten  Charakter.
Die  Pläne  der  Republik  waren,  trotz  der  kosmopolitischen  Schlagworte,
womit  sie  zu  prunken  liebte,  doch  nicht  wesentlich  hinausgegangen  über  die
alten  Ziele,  welche  das  bourbonische  Haus  der  nationalen  Politik  gewiesen
hatte:  sie  wollte  ihre  Grenzen  gegen  Osten  erweitern,  durch  die  Schwächung
Deutschlands  dem  französischen  Staate  das  Uebergewicht  im  Rathe  Europas
        <pb n="175" />
        Friede  von  Campo  Formio.  165

und  die  Führerstellung  unter  den  romanischen  Völkern  sichern;  nach  un—
mittelbarer  Beherrschung  des  Welttheils  strebte  sie  nicht.  Jener  Unersätt—
liche  aber,  der  jetzt  in  Italien  seinen  byzantinischen  Hof  hielt,  die  eroberten
Gebiete  nach  Gefallen  zu  Vasallenstaaten  zusammenballte,  jeden  Wider—
spruch  des  Directoriums  bald  durch  Drohungen  bald  durch  reiche  Beute—
sendungen  beschwichtigte,  war  ein  Mann  ohne  Vaterland.  Als  Jüngling
hatte  er  einst  für  die  Befreiung  seiner  italienischen  Heimath  geschwärmt,
doch  seine  frühreife  Weltklugheit  überwand  die  jugendlichen  Träume  schnell;
unbedenklich  trat  er  bei  den  Eroberern  Corsicas  in  Dienst,  weil  er  einsah,
daß  die  Auflösung  aller  alten  Ordnung  in  dem  revolutionären  Frankreich
hier  der  höchsten  Begabung  die  höchsten  Erfolge  verhieß.  Nun  fühlte  er
sich  als  den  geborenen  Herrscher,  in  der  Kraft  des  Wollens  und  Voll—
bringens  allen  anderen  Sterblichen  überlegen.  Er  schwelgte  in  dem  Hoch—
gefühle  der  einzigen  Größe  dieser  Zeit,  die  das  Unmögliche  zu  ermöglichen
schien,  und  in  dem  stolzen  Bewußtsein,  daß  ihm,  ihm  allein  auferlegt  sei,
den  Rathschluß  eines  fürchterlichen  Schicksals  zu  vollziehen.  Er  sah  vor
sich  das  alte  Europa,  zertheilt  durch  streitige  Interessen,  gelähmt  durch
ein  schwerfälliges  Heerwesen  und  durch  veraltete  Verfassungen  —  eine
erstarrte  Staatenwelt,  die  das  Recht  ihres  Daseins  nur  noch  auf  den
historischen  Bestand  zu  stützen  wußte;  hinter  sich  die  gewaltigen  kriege—
rischen  Kräfte  des  französischen  Volkes,  das  mit  seiner  Vergangenheit  ge—
brochen  hatte  und  sich  vermaß  der  weiten  Erde  Gesetze  zu  geben.

So  ist  in  dem  Kopfe  des  großen  Heimathlosen,  dem  das  Seelenleben
der  Völker,  die  Welt  der  Ideen  immer  unverständlich  blieb,  jetzt  schon  der
entsetzliche  Gedanke  eines  neuen  Weltreichs  entstanden.  Die  Bilder  der
Caesaren  und  Karolinger  standen  leuchtend  vor  seinem  Geiste;  die  reiche
Geschichte  eines  Jahrtausends  sollte  durch  ein  gigantisches  Abenteuer  ver—
nichtet  werden,  die  vielgestaltige  Culturwelt  des  Abendlandes  dem  Macht—
gebote  eines  ungeheuren  Menschen  gehorchen.  Mit  einer  wunderbaren
Sicherheit  und  Gewissensfreiheit  stürmte  diese  neue,  durchaus  unfranzösische
Politik  der  Welteroberung  ihren  Zielen  entgegen.  Bonaparte's  Scharfblick
erkannte  sofort,  durch  welche  Mittel  das  in  Deutschland  siegreiche,  in  Italien
besiegte  Oesterreich  zu  einem  vorläufigen  Frieden  zu  zwingen  sei;  er  durch—
schaute  Thugut's  adriatische  Pläne,  verschaffte  sich  durch  unerhörten  Ver—
rath  den  Vorwand  die  neutrale  Republik  Venedig  zu  bekriegen,  warf  die
waffenlose  nieder  und  bot  dann  für  Mailand,  Belgien  und  das  linke
Rheinufer  dem  kaiserlichen  Hofe  den  Besitz  Venetiens  an  —  eine  Ab—
rundung,  die  für  Oesterreich  fast  willkommener  war  als  die  verlorenen
unhaltbaren  Außenposten.  Außerdem  wurde  dem  Kaiser  das  secularisirte
Hochstift  Salzburg  und  Baiern  bis  zum  Inn,  seinem  aus  Modena  ver—
triebenen  Vetter  der  Breisgau  versprochen.  Auf  solche  Bedingungen  hin
wurde  am  17.  October  1797  der  Friede  von  Campo  Formio  geschlossen.

Wieder  einmal  sollte  das  heilige  Reich  die  Buße  zahlen  für  Oester—
        <pb n="176" />
        166  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

reichs  Niederlagen,  und  wieder,  heuchlerischer  denn  je  zuvor,  erklangen
am  Reichstage  jene  weihevollen  reichsväterlichen  Phrasen,  womit  die  un—
deutsche  Kaisermacht  ihre  Hauspolitik  zu  bemänteln  pflegte.  Während  in
den  geheimen  Artikeln  von  Campo  Formio  die  Verstümmelung  der  deut—
schen  Westgrenze,  die  Secularisation  geistlichen  Gebietes,  die  Entschädigung
ausländischer  Fürsten  auf  Kosten  des  Reiches  ausbedungen  war,  sprach
der  veröffentlichte  Wortlaut  des  Friedensschlusses  von  der  unangetasteten
Integrität  des  Reichs.  Ein  kaiserliches  Hofdecret  lud  die  Reichsstände  zu
einem  Congresse  nach  Rastatt,  damit  dort  „auf  der  Basis  der  Integrität
Deutschlands  Verfassung  und  Wohlfahrt  zur  bleibenden  Wonne  der  fried—
liebenden  Menschheit  auf  Jahrhunderte  befestigt  werde“.  Auf  dem  Rastatter
Congresse  traten  die  Gesandten  der  Republik  als  die  herrischen  Schiedsrichter
  der  deutschen  Händel  auf.  An  dreihundert  deutsche  Diplomaten
waren  versammelt;  viele  Gelehrte  darunter,  begierig,  die  große  Räthsel—
sammlung  des  Reichsrechts  durch  einige  neue  Ungeheuerlichkeiten  zu  be—
reichern.  Man  warb  wetteifernd  durch  Schmeichelei  und  Bestechung  um
die  Gnade  der  hochmüthigen  Fremden.  Französische  Sprache  und  Sitte
herrschten  vor;  allabendlich  rief  das  amtliche  Deutschland  den  französischen
Schauspielern  Beifall,  wenn  sie  ihre  Witze  über  die  bétes  allemandes
zum  Besten  gaben.  Den  österreichischen  Staatsmännern  fiel  die  Aufgabe
zu,  die  Verabredungen  von  Campo  Formio  vor  den  Gesandten  der  Reichsstände
  geheim  zu  halten.  Das  unwahre  Spiel  glückte  eine  Zeit  lang,  da
der  Kaiser  durch  drei  Gesandtschaften,  als  Kaiser,  als  Erzherzog  von
Oesterreich,  als  König  von  Ungarn,  vertreten  war  und  immer  der  eine
seiner  Gesandten  sich  gemächlich  hinter  den  beiden  anderen  verstecken  konnte.

Endlich  mußte  das  unselige  Geheimniß  doch  kund  werden.  Auf  Weihnachten
  1797  wurde  Mainz  von  den  kaiserlichen  Truppen  geräumt.  Die
ganze  hoffnungslos  verworrene  Lage  der  beiden  schicksalsverwandten  Nationen
  Mitteleuropas  kam  an  den  Tag,  da  zur  nämlichen  Zeit  die  Franzosen
das  unbesiegte  Bollwerk  des  Rheinlandes  besetzten  und  die  besiegten  Oesterreicher
  in  der  Stadt  des  heiligen  Marcus  einrückten.  Bald  darauf  traten
Frankreichs  Bevollmächtigte  in  Rastatt  offen  mit  der  Forderung  des  linken
Rheinufers  heraus.  Es  war  die  erste  amtliche  Ankündigung  der  Vernichtung
  des  heiligen  Reichs.  Denn  nach  der  patrimonialen  Staatsauffassung
des  Reichsrechts  verstand  es  sich  von  selbst,  daß  die  Häuser  der  weltlichen
Erbfürsten  für  ihre  linksrheinischen  Verluste  entschädigt  werden  mußten,
während  man  die  geistlichen  Wahlfürsten  —  in  den  französischen  Staatsschriften
  erhielten  sie  den  bezeichnenden  Namen:  princes  usufruitiers  —
für  ihre  Nutznießungsrechte  durch  Pensionen  abfinden  konnte.  Der  Gedanke
  einer  allgemeinen  Secularisation,  der  sich  seit  Jahren  immer  unabwendbarer
  aufgedrängt  hatte,  erschien  jetzt  als  das  letzte  Mittel  die
dynastischen  Wünsche  des  deutschen  Fürstenstandes  zu  befriedigen.  Der
große  Beutezug  des  hohen  Adels  gegen  das  Kirchengut  begann.  Der  Kaiser
        <pb n="177" />
        Rastatter  Congreß.  167

selber  hatte  der  Bewegung  die  Schleußen  geöffnet  durch  die  geplante  Ein—
verleibung  des  Salzburger  Hochstiftes.  In  wilder  Gier  drängten  sich  die
reichsfürstlichen  Gesandten  an  die  Bevollmächtigten  des  Directoriums  heran
um  durch  die  Gunst  des  Reichsfeindes  ein  reiches  Stück  aus  den  Gebieten
ihrer  geistlichen  Mitstände  zu  gewinnen.

Nach  Thugut's  Absicht  sollte  Preußen  bei  dieser  Beraubung  der  geist—
lichen  Fürsten  leer  ausgehen.  In  den  geheimen  Artikeln  von  Campo  Formio
war  ausdrücklich  nur  die  Abtretung  des  linken  Rheinufers  von  Basel  bis
zur  Nette  bewilligt  worden,  damit  Preußen  seine  niederrheinischen  Besitzungen
behielte  und  keinen  Anspruch  auf  Entschädigung  erheben  könne.  Die  Verab—
redung  stand  in  offenbarem  Widerspruche  mit  jenem  Augustvertrage  von
1796,  der  dem  Berliner  Hofe  für  den  Fall  der  Abtretung  des  linken
Rheinufers  eine  vortheilhafte  Abrundung  versprochen  hatte.  So  hatte  denn
Frankreich  durch  zwei  widersprechende  geheime  Verträge  die  beiden  verfein—
deten  deutschen  Großmächte  an  sich  gekettet,  von  denen  die  eine  aus  ihren
Niederlagen,  die  andere  aus  ihrer  Unthätigkeit  Vortheil  zu  ziehen  dachte.
Unvermeidlich  mußte  jene  dritte  Macht,  die  ihre  Ansprüche  auf  ihr  siegreiches
Schwert  stützte,  in  solchem  widerwärtigen  Streite  die  Oberhand  behaupten.

Für  eine  entschlossene  preußische  Politik  war  der  Weg,  nach  Allem
was  geschehen,  klar  vorgezeichnet.  Preußens  niederrheinischer  Besitz  wurde
unhaltbar,  seit  der  Kaiser  Belgien,  Mainz  und  die  Mosellande  an  Frank—
reich  abgetreten.  Das  gesammte  linke  Ufer  war  durch  die  Verträge  von
Campo  Formio  für  Deutschland  verloren.  Man  mußte  sich  diese  Thatsache
  eingestehen  und  versuchen,  mindestens  dem  rechtsrheinischen  Deutschland
  eine  haltbare  weltliche  Verfassung  zu  geben.  Es  war  an  Preußen,
dem  natürlichen  Gegner  der  geistlichen  Staaten,  das  nunmehr  unvermeidliche
  Werk  der  allgemeinen  Secularisation,  der  Verweltlichung  des
heiligen  Reichs,  selber  in  die  Hand  zu  nehmen,  die  Macht  der  Hofburg
in  Deutschland  durch  die  Vernichtung  ihres  geistlichen  Anhangs  zu  brechen,
das  Reich  in  einen  Fürstenbund  unter  Preußens  Führung  zu  verwandeln.
Nicht  aus  Frankreichs,  sondern  aus  Preußens  Händen  mußten  die  kleinen
weltlichen  Fürsten  ihre  Entschädigung  empfangen;  es  galt,  sie  durch  das
einzige  Band,  das  ihnen  heilig  war,  durch  das  dynastische  Interesse  für
die  preußische  Sache  zu  gewinnen.  In  der  That  hat  Dohm,  der  Gesandte
in  Rastatt,  seinem  Könige  gerathen,  die  Secularisation  also  in  großem
Stile  zu  betreiben,  als  ein  Mittel  zu  einer  umfassenden  Reichsreform,
nicht  zur  Befriedigung  kleinlicher  Habgier.  Aber  der  rathlosen  Gedankenarmuth
  des  Berliner  Hofes  blieb  jede  kühne  Entschließung  unfaßbar.  Die
preußische  Politik  war  während  des  Krieges  wohlmeinend  bemüht  gewesen,
auf  der  Grundlage  der  Reichsintegrität  den  Frieden  zwischen  Oesterreich
und  Frankreich  herbeizuführen;  man  hatte  sie  schroff  zurückgewiesen,  weil
Thugut  sein  finsteres  Mißtrauen  gegen  Preußen  nicht  überwinden  konnte,
und  weil  ein  Staat,  der  unter  keinen  Umständen  schlagen  wollte,  auch
        <pb n="178" />
        168  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

nicht  fähig  war  in  einem  Weltkriege  zu  vermitteln.  Als  darauf  die  Abtretung
  der  Rheinlande  gegen  den  Wunsch  des  Königs  entschieden  war,
wirkten  seine  Diplomaten  in  Rastatt,  wie  es  Preußens  natürliche  Politik
gebot,  für  eine  möglichst  reiche  Entschädigung  der  weltlichen  Fürsten,  während
  der  Wiener  Hof  den  Umfang  der  Serularisation  zu  beschränken
und  namentlich  die  bewährten  Stützen  des  habsburgischen  Kaiserthums,
die  drei  geistlichen  Kurfürsten,  zu  schonen  wünschte.  Auch  den  bairischen
Eroberungsplänen  der  Hofburg  wurde  von  Berlin  her  scharf  widersprochen.

Preußen  und  Baiern  erschienen  wieder,  wie  einst  in  Friedrich's  Tagen,
als  die  Führer  der  anti-österreichischen  Partei;  doch  diese  Opposition  wurde
nicht,  wie  vormals,  gehoben  durch  das  stolze  Bewußtsein  der  eigenen  Kraft.
Es  zeigte  sich  bald,  wie  hinfällig  jene  scheinbar  so  glänzende  Machtstellung
war,  die  sich  der  preußische  Staat  durch  die  norddeutsche  Neutralität  errungen
  hatte.  Seine  kleinen  Schützlinge  fühlten  schnell  heraus,  daß  die
Erfüllung  ihrer  begehrlichen  Wünsche  nur  von  der  gewissenlosen  Thatkraft
der  jungen  Republik,  nicht  von  der  Berliner  Friedensseligkeit  zu  erwarten
sei.  Frankreichs  Gesandte  beherrschten  den  Congreß;  Preußen  spielte  in
Wahrheit  nur  die  traurige  Rolle  des  Ersten  unter  den  beutelustigen  Kleinstaaten,
  wagte  nicht  einmal  den  Vorschlag  zu  einer  durchgreifenden  Neuordnung
  der  deutschen  Verfassung.  So  tief  war  das  Reich  gesunken  als
der  gefürchtete  „Italiker"  bei  einem  flüchtigen  Besuche  in  Rastatt  zum
ersten  male  einen  Blick  in  das  deutsche  Leben  warf.  An  dem  durchtriebenen
  Ränkespiele  dieses  unfruchtbaren  Congresses  hat  sich  Bonaparte  sein
Urtheil  über  unser  Vaterland  gebildet.  Er  durchschaute  die  vollendete
Nichtigkeit  des  Reichsrechts  und  meinte  befriedigt:  wenn  diese  Verfassung
nicht  bestünde,  so  müßte  sie  zu  Frankreichs  Vortheil  erfunden  werden.  Er
beobachtete  mit  der  verächtlichen  Schadenfreude  des  Plebejers  die  knechtische
Demüthigung  des  deutschen  Fürstenstandes.  Doch  ihm  entging  auch  nicht,
daß  dies  Land  in  Folge  der  Haltlosigkeit  seiner  Territorialgewalten  nur
zu  reif  sei  für  die  nationale  Einheit;  es  schien  ihm  hohe  Zeit,  die  kleinen
Dynastien  durch  Befriedigung  ihrer  Ländergier  ganz  für  Frankreich  zu
gewinnen  und  also  das  zertheilte  Deutschland  seines  Volksthums  zu  berauben
  (dépayser  IAllemagne).

Der  Rastatter  Congreß  wurde  durch  den  Wiederausbruch  des  Krieges
auseinander  getrieben.  Thugut  hatte  die  Verträge  von  Campo  Formio
nur  widerwillig  angenommen,  da  er  außer  Venetien  auch  die  pöäpstlichen
Legationen  zu  erwerben  hoffte.  Als  Frankreich  sich  diesem  Wunsche  versagte
  und,  der  Abrede  zuwider,  auf  die  allgemeine  Secularisation  in
Deutschland,  das  will  sagen:  auf  die  Vernichtung  des  alten  Kaiserthums
hinarbeitete,  fühlte  sich  die  Hofburg  in  den  Grundfesten  ihrer  Macht  bedroht;
  denn  —  so  schrieb  der  Minister  nach  Petersburg  —  „Teutschland
bestehet  nicht  durch  Italien,  sondern  Italien  bestehet  durch  Teutschland“.
Währenddem  erfolgten  neue  Gewaltthaten  der  französischen  Staatskunst:
        <pb n="179" />
        Coalition  von  1799.  169

mitten  im  Frieden  wurde  der  Kirchenstaat  zu  einer  römischen  Republik
umgestaltet  und  der  schweizerische  Einheitsstaat  aufgerichtet.  Den  alten
Mächten  drängte  sich  die  Einsicht  auf,  daß  mit  dieser  rastlosen  Politik  der
Welteroberung  kein  friedliches  Zusammenleben  möglich  sei.  Schon  im
Sommer  1798  verhandelten  Oesterreich,  England  und  der  neue  Czar  Paul
über  die  Bildung  der  zweiten  Coalition.  Die  Verbündeten  schritten  in
vollem  Ernst,  mit  dem  Aufgebot  ihrer  besten  Kraft  an's  Werk.  Auf  der
weiten  Linie  vom  Texel  bis  nach  Calabrien,  an  allen  seinen  Grenzen
zugleich  dachten  sie  den  Staat  der  Revolution  zusammt  seinen  Tochter—
republiken  anzugreifen,  und  sie  durften  um  so  sicherer  auf  den  Erfolg  ihrer
furchtbaren  Rüstungen  hoffen,  da  von  den  beiden  namhaftesten  Feldherren
der  Republik  der  Eine,  Hoche,  soeben  gestorben  war,  Bonaparte  aber  fern
in  Aegypten  weilte.  Der  junge  Held  hatte  den  grandiosen  Gedanken  ge—
faßt,  die  Macht  Englands,  das  er  als  den  gefährlichsten  Feind  seiner  Welt—
machtspläne  haßte,  an  ihrer  verwundbarsten  Stelle,  im  Oriente  zu  schlagen.
Für  Preußen  war  der  Anschluß  an  die  neue  Coalition  keineswegs
unbedenklich;  denn  jede  der  verbündeten  Mächte  verfolgte  Ziele,  welche  der
deutschen  Politik  fremd  oder  geradezu  bedrohlich  waren.  Rußland  dachte
den  Besitzstand  im  Osten  aufrechtzuhalten  um  dereinst  die  orientalische
Frage  nach  seinem  Sinne  zu  lösen.  Im  englischen  Parlamente  enthüllten
sich  immer  dreister  und  übermüthiger  die  Pläne  einer  gewaltthätigen  Handelspolitik,
  die,  nach  dem  Worte  des  deutschen  Dichters,  das  Reich  der
freien  Amphitrite  schließen  wollte  wie  ihr  eigenes  Haus;  den  Seemächten
zweiten  Ranges  konnte  weder  Englands  Alleinherrschaft  im  Mittelmeere
noch  die  gänzliche  Vernichtung  des  französisch-holländischen  Colonialbesitzes
willkommen  sein.  Der  Wiener  Hof  endlich  hoffte  auf  große  Eroberungen
in  Italien  und  auf  die  Herstellung  der  alten  kaiserlichen  Vollgewalt  im
Reiche.  Seine  Lohnschreiber  schlugen  wieder  den  herausfordernden  Ton
ferdinandeischen  Hochmuths  an,  mahnten  den  deutschen  hohen  Adel,  die
Pflicht  der  Lehensfolge  gegen  die  kaiserliche  Majestät  zu  erfüllen.  Ueberhaupt
  trug  die  zweite  Coalition  einen  ausgesprochen  reactionären  Charakter,
der  mit  den  gemäßigten  Ansichten  des  preußischen  Hofes  wenig  gemein  hatte.
Czar  Paul  sprach  in  seiner  ungestüm  phantastischen  Weise  von  der  Zurückführung
  des  altfranzösischen  Königthums.  Fanatische  Flugschriften  predigten
  den  Vernichtungskrieg  gegen  die  gottlosen  Neufränkler:  „Alle  Rottirer
Europas  blicken  nach  Paris.“  Schon  der  Rastatter  Gesandtenmord  am
Beginne  des  Krieges  ließ  die  blinde  Erbitterung  der  Vorkämpfer  des
historischen  Rechts  errathen,  obschon  die  blutige  That  nicht  unmittelbar
von  der  Hofburg  anbefohlen  war.  Noch  deutlicher  bekundete  nachher  die
gräuelvolle  Wiederherstellung  der  bourbonischen  Tyrannei  in  Neapel,
welche  unheimlichen  Leidenschaften  die  Raserei  der  Jacobiner  erweckt  hatte,
und  welchen  Wirren  Europa  entgegenging,  wenn  dies  mächtigste  von  allen
Kriegsbündnissen  der  Gegenrevolution  den  Sieg  errang.
        <pb n="180" />
        170  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Gleichwohl  sprachen  überwiegende  Gründe  für  den  Zutritt  Preußens
zu  dem  Dreibunde.  In  der  Absicht,  den  Fluthen  der  Welteroberung  endlich
Schranken  zu  setzen,  stimmten  die  Berliner  Staatsmänner  mit  den  drei
Mächten  überein;  Graf  Haugwitz  war  über  den  Charakter  der  französischen
Politik  endlich  in's  Klare  gekommen.  Und  wenn  jede  der  verbündeten
Mächte  ihre  Hintergedanken  verfolgte,  so  konnte  Preußen  um  so  gewisser
durch  entschlossenes  Handeln  seine  deutsche  Machtstellung  befestigen.  England
  bereitete  eine  Landung  an  der  holländischen  Küste  vor,  Oesterreich
versammelte  seine  Heere  in  Oberdeutschland  und  Italien.  Warf  Preußen,
diesmal  an  seinen  Ostgrenzen  unbedroht,  seine  gesammten  Streitkräfte
in  die  weite  Lücke  zwischen  diesen  beiden  Kriegsschauplätzen,  so  ging  nach
menschlichem  Ermessen  der  ehrliche  Herzenswunsch  des  jungen  Königs,  die
Wiedereroberung  der  Rheinlande,  in  Erfüllung,  und  der  siegreiche  Staat
erwarb  sich  durch  deutsche  Thaten  die  nordische  Hegemonie,  die  er  bisher
nur  scheinbar  besaß.  Es  war  die  Schuld  des  Königs  und  seiner  altersschwachen
  Generale,  daß  die  große  Stunde  unbenutzt  blieb.  Der  zaudernde
Fürst  hielt  den  Augenblick  der  Niederwerfung  der  Revolution  noch  nicht
gekommen,  er  wollte  die  Ereignisse  abwarten,  seine  Kräfte  schonen  für
einen  möglichen  letzten  Schlag.  Das  ruheselige  Norddeutschland  stimmte
dem  kleinmüthigen  Entschlusse  freudig  zu;  seine  Fürsten  und  Stämme
segneten  die  Wiederkehr  der  Baseler  Neutralitätspolitik.

So  begann  denn  ohne  Preußens  Zuthun  der  ungeheure  Kampf.
Die  Schlacht  von  Abukir  begründete  die  mediterranische  Herrschaft  der
Briten,  vereitelte  Bonaparte's  orientalische  Pläne;  Suworow's  und  Melas'
Siege  entrissen  Italien  den  Franzosen;  Erzherzog  Karl  drang  in  Oberdeutschland
  siegreich  vorwärts,  und  abermals  schloß  sich  die  Bauerschaft  des
deutschen  Südens  den  kaiserlichen  Truppen  an.  Das  Gebiet  der  Republik
lag  offen  vor  den  Heeren  der  Coalition,  aber  nochmals  wurde  die  Zwietracht
der  Verbündeten  die  Rettung  Frankreichs.  Der  Hochmuth  der  russischen
Heerführer  erschien  der  Hofburg  ebenso  unleidlich  wie  die  Politik  des  Czaren,
der  in  Italien  die  Herstellung  der  legitimen  Regierungen  forderte  und  für
sich  selber  nach  Korfu  und  Malta  griff.  Während  Thugut  die  Halbinsel
der  Herrschaft  Oesterreichs  zu  unterwerfen  trachtete,  arbeitete  ihm  Suworow
mit  jedem  Mittel  entgegen  und  weigerte  sich  endlich  geradezu,  den  Sieg
auszubeuten  und  die  letzte  Position  der  Franzosen  in  Italien,  Genua,  zu
erobern.  Auf  Englands  Vorschlag  wurde  der  große  Russe  von  der  offenen
Siegesstraße  hinweg  nach  der  Schweiz  gesendet  und  vergeudete  Zeit  und
Kraft  auf  jenen  heroischen  Alpenmärschen,  welche  zwar  der  staunenden
Welt  die  gewaltige  Ausdauer  der  russischen  Soldaten  zeigten,  aber  militärisch
  unfruchtbar  blieben.  Als  das  mit  so  glänzenden  Hoffnungen  begonnene
  Jahr  1799  sich  zum  Ende  neigte,  ging  der  gewaltige  Dreibund
in  bitterem  Unfrieden  auseinander;  der  Czar  rief  seine  Truppen  heim,
von  einer  Bedrohung  des  Gebietes  der  Republik  war  keine  Rede  mehr.
        <pb n="181" />
        Der  Bonapartismus.  171

Aber  so  tief  waren  die  Gedanken  der  Welteroberung  bereits  in  das.
Leben  des  neuen  Frankreichs  eingedrungen:  die  französische  Nation  empfand
den  Verlust  ihrer  italienischen  Machtstellung  als  eine  unerträgliche  Schmach,
begrüßte  den  heimkehrenden  ägyptischen  Helden  mit  aufrichtigem  Jubel  als
ihren  Erretter.  Der  Staatsstreich  vom  18.  Brumaire  brachte  kraft  einer
inneren  Nothwendigkeit  die  Staatsgewalt  in  die  Hände  des  Heerführers,
der  schon  seit  drei  Jahren  durch  den  Schrecken  seiner  Waffen  die  radicale
Kriegspartei  am  Ruder  erhalten  hatte,  und  schenkte  dem  neuen  Frankreich
jene  Verfassung,  die  mit  unwesentlichen  Aenderungen  fortbesteht  bis  zum
heutigen  Tage.  Die  beiden  einzigen  neuen  politischen  Ideen,  welche  in
der  Nation  feste  Wurzeln  geschlagen  hatten,  die  Gedanken  der  Staatseinheit
und  der  socialen  Gleichheit,  wurden  bis  in  ihre  letzten  Folgen  durchgeführt,
die  veränderte  Vertheilung  des  Eigenthums  anerkannt  und  durch  eine  strenge
Rechtspflege  gesichert.  Ueber  der  ungegliederten  Masse  dieses  Volkes  der
Gleichen  erhob  sich  der  homme-peuple,  der  demokratische  Selbstherrscher,
in  dessen  schrankenloser  Macht  die  eine  und  untheilbare  Nation  mit  Genugthuung
  ihre  eigene  Größe  genoß.  Ihm  gehorchte  die  festgefügte  Hierarchie
des  schlagfertigen  neuen  Beamtenthums,  das  jedem  Ehrgeiz,  wenn  er  sich
nur  dem  Herrscher  unterwarf,  Befriedigung  versprach  und  den  Regierten
alle  Sorge  und  Arbeit  für  das  gemeine  Wohl  abnahm.  Ihm  diente  blindlings
  das  Heer  der  Conscribirten  aus  den  niederen  Ständen;  eine  den
Zwecken  der  Eroberungspolitik  glücklich  angepaßte  Heeresorganisation  stellte
dem  ersten  Consul  zugleich  die  Massen  eines  Volksaufgebotes  und  die
technische  Tüchtigkeit  einer  langgedienten  Söldnertruppe  zur  Verfügung.
Die  besitzenden  Klassen  aber  sahen,  befreit  von  der  Last  der  Wehrpflicht,
in  bequemer  Sicherheit  den  Triumphen  der  dreifarbigen  Fahnen  zu  und
lernten  die  aufregenden  Nachrichten  von  Krieg  und  Sieg  als  einen  unentbehrlichen
  Zeitvertreib  schätzen.

Es  war  zugleich  der  höchste  Triumph  und  die  Selbstvernichtung  der
Volkssouveränität.  Es  war  der  stolzeste,  der  gescheidteste,  der  bestgeordnete
Despotismus  der  neuen  Geschichte,  der  nothwendige  Abschluß  des  Entwicklungsganges,
  welchen  der  französische  Staat  seit  der  Thronbesteigung  der
Bourbonen  eingeschlagen  hatte.  Auch  der  altüberlieferte  katholische  Charakter
der  französischen  Bildung  wurde  jetzt  durch  das  Concordat  wiederhergestellt.
Alle  die  fruchtbaren  neuen  Gedanken,  welche  die  Gesetzgebung  der  Nationalversammlung
  und  des  Convents  verwirklicht  oder  vorbereitet  hatte,  fanden
in  dem  Präfectensysteme,  den  Rechtsbüchern,  dem  Finanz=  und  Heerwesen
der  neuen  Selbstherrschaft  sachkundige  Verwerthung,  soweit  sie  den  beiden
Zwecken  der  Demokratisirung  der  Gesellschaft  und  der  Centralisation  des
Staates  entsprachen.  Hingegen  von  den  Freiheitswünschen  der  Revolution,
von  der  Theilnahme  der  Nation  an  der  Staatsleitung  blieb  nichts  übrig
als  ein  leeres  Schaugepräge  werthloser  parlamentarischer  Formen.  Die
Verfassung  des  napoleonischen  Frankreichs  war,  wie  die  des  altbourbo-
        <pb n="182" />
        172  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

nischen,  in  Wahrheit  nur  eine  Verwaltungsordnung.  Der  in  den  Parteikämpfen
  des  jüngsten  Jahrzehntes  völlig  zerrüttete  Handel  und  Wandel
erholte  sich  rasch,  Dank  der  Rechtssicherheit  und  der  freien  Bewegung,
welche  die  neuen  Gesetze  den  wirthschaftlichen  Kräften  gewährten.  Doch
an  dem  anderen  traurigen  Vermächtniß  der  Revolution,  an  der  geistigen
Verödung  des  französischen  Lebens  wollte  und  konnte  der  neue  Herrscher
nichts  ändern.  Er  rechnete  nur  mit  dem  gemeinen  Ehrgeiz  der  Menschen;
alle  Freiheit  des  Gedankens,  alles  selbständige  Schaffen  der  Kunst  und
Wissenschaft  war  ihm  hohle  Ideologie,  halb  lächerlich,  halb  furchtbar.

Also  trat  das  seltsam  zweischneidige  System  des  Bonapartismus  auf
die  Bühne,  an  Selbstgefühl,  Schlagfertigkeit  und  organisatorischer  Kraft
vorderhand  den  verknöcherten  Staaten  der  Nachbarlande  noch  weit  überlegen:
  ein  Gebilde  der  Revolution,  demokratisch  von  Grund  aus,  der
natürliche  Gegner  der  historischen  Staatsgewalten  und  Gesellschaftsformen
im  alten  Europa;  aber  auch  despotisch  von  Grund  aus,  der  geschworene
Feind  aller  Freiheit  und  nationalen  Eigenart  des  Völkerlebens.  Zunächst
mußte  der  Sieger  des  18.  Brumaire  die  Verluste  des  letzten  Jahres
einbringen,  den  Besitzstand  von  Campo  Formio  wiederherstellen.  Sein
genialer  Versuch,  die  Seeherrschaft  Englands  durch  einen  Bund  aller  Seemächte
  des  Nordens  und  des  Südens  zu  erschüttern,  scheiterte  gänzlich;
doch  im  Festlandskriege  war  ihm  das  Glück  hold.  Der  theatralische  Zug
über  den  St.  Bernhard  zeigte  dem  befriedigten  Frankreich,  daß  Suworow's
Lorbeeren  für  französische  Soldaten  nicht  unerreichbar  seien.  Der  Sieg
von  Marengo  brachte  die  Herrschaft  über  Italien  wieder  in  Bonaparte's
Hand;  die  Entlassung  Thugut's  ließ  erkennen,  daß  die  zähe  Ausdauer  des
Wiener  Hofes  zu  erlahmen  begann.  Aber  noch  bedurfte  es  eines  letzten
Schlages,  der  Schlacht  von  Hohenlinden,  um  das  erschöpfte  Oesterreich
zum  Frieden  zu  bewegen.  Am  9.  Februar  1801  verkündete  der  Friede
von  Luneville  öffentlich  und  unzweideutig,  was  der  Vertrag  von  Campo
Formio  nur  insgeheim  und  unklar  bestimmt  hatte:  daß  der  Rhein  fortan
Deutschlands  Grenze  sei.  —

Ein  Gebiet  von  1150  Geviertmeilen  und  fast  vier  Millionen  Einwohnern
  war  für  Deutschland  verloren,  beinahe  ein  Siebentel  von  der
Bevölkerung  des  alten  Reichs,  das  ohne  Schlesien  auf  28  Millionen
Köpfe  geschätzt  wurde.  Mit  unheimlichem  Kaltsinn  ließ  die  deutsche  Nation
den  furchtbaren  Schlag  über  sich  ergehen.  Kaum  ein  Laut  vaterländischen
Zornes  ward  vernommen,  als  Mainz  und  Köln,  Aachen  und  Trier,  die
weiten  schönen  Heimathlande  unserer  ältesten  Geschichte,  an  den  Fremden
kamen;  und  wie  viele  bittere  Thränen  hatte  einst  das  verkümmerte  Geschlecht
  des  dreißigjährigen  Kriegs  um  das  eine  Straßburg  vergossen!

Es  war  die  Schuld  der  Krummstabsregierung,  daß  die  linksrheinischen
Lande  ihrem  Volke  so  fremd  geworden.  An  Friedrich's  Siegen  und  Goethe's
Gedichten,  an  Allem,  was  dem  neuen  Deutschland  das  Leben  erfüllte,
        <pb n="183" />
        Friede  von  Luneville.  173

hatten  die  geistlichen  Gebiete  keinen  Antheil  genommen.  Jetzt  ertrugen
sie  ihr  Schicksal  mit  stummer  Ergebung;  nur  die  niederrheinischen  Provinzen
  Preußens  bekundeten  laut  ihren  Schmerz  über  die  Trennung  von
einem  ehrenwerthen  Staate.  Natürlich  hatte  die  rührige  Propaganda  der
Revolution  während  der  langen  Jahre  der  französischen  Occupation  nicht
ganz  umsonst  gearbeitet:  man  erlebte  da  und  dort  ein  bescheidenes  Nachspiel
  des  Mainzer  Clubistentreibens.  Die  Jugend  berauschte  sich  eine
Zeit  lang  an  der  Hoffnung,  ihre  Heimath  würde  eine  selbständige  Tochterrepublik
  unter  Frankreichs  Schutze  bilden.  In  Coblenz  tanzten  die  Föderirten
  der  cisrheinischen  Republik  um  den  grünweißrothen  Freiheitsbaum.
Der  Kölnische  Brutus  Biergans  bemühte  sich  mit  treuem  Fleiße,  die
wüthenden  Kraftworte  der  Marat  und  Desmoulins  nachzuahmen:  doch
die  Nachbildung  gerieth  kaum  besser  als  die  deutsche  Marseillaise,  das
spießbürgerlich  zahme  Bundeslied  der  rheinischen  Republikaner:  „Auf,  jubelt
ihr  Brüder,  Vernunft  hat  gesiegt.“  Nur  der  junge  Joseph  Görres  verstand
  die  dem  deutschen  Wesen  fremde  Sprache  des  Fanatismus  zu  reden.
Mit  dem  ganzen  Ungestüm  seines  phantastischen  Kopfes  und  mit  der  ganzen
Unreife  jener  Halbbildung,  die  in  den  geistlichen  Schulen  der  Bischofslande
  gedieh,  warf  sich  der  ehrlich  begeisterte  Jüngling  in  den  Strudel  der
revolutionären  Bewegung,  pries  in  Reden  und  Flugschriften  die  Wunder
der  gallischen  Freiheit.  Als  die  Räumung  von  Mainz  über  das  Schicksal
der  Rheinlande  entschieden  hatte,  da  hielt  er  dem  heiligen  Reiche  die
Leichenrede  —  dem  friedfertigen  leidsamen  Kindlein,  das  einst  unter  dem
Zeichen  eines  unglückschwangeren  Perrückenkometen  geboren  wurde,  jetzt
aber  den  General  Bonaparte  zum  Testamentsvollzieher  einsetzt  —  und
rief  drohend:  „Die  Natur  schuf  den  Rhein  zur  Grenze  von  Frankreich;
wehe  dem  ohnmächtigen  Sterblichen,  der  ihre  Grenzsteine  verrücken  und
Koth  und  Steinhaufen  ihren  scharf  gezogenen  Umrissen  vorziehen  will!“
Mit  solchem  Hohne  nahm  der  begabteste  Sohn  des  Rheinlandes  von  seinem
Vaterlande  Abschied;  solche  Empfindungen  hatte  der  Anblick  des  geistlichen
Regiments  in  dem  heißen  Herzen  des  Mannes  hervorgerufen,  der  bald
nachher  der  begeisterte  Apostel  des  Deutschthums  am  Rheine  werden  sollte!

Bei  den  Massen  des  rheinischen  Volks  fand  das  jacobinische  Treiben
keinen  Boden.  Sie  lebten  dahin  seufzend  über  die  hohen  Kriegslasten  und
die  Unsicherheit  der  endlosen  provisorischen  Zustände;  sie  sahen  mit  Unmuth,
  wie  die  fremden  Beamten  das  Land  ausplünderten,  die  Denkmäler
seines  Alterthums  roh  zerstörten,  die  Gebirge  entwaldeten,  die  alten  Säulen
vom  Grabe  Karl's  des  Großen  nach  Paris  entführten.  Erst  nach  der  endgiltig
  vollzogenen  Einverleibung  lernten  sie  auch  die  Wohlthaten  der  neuen
Regierung  schätzen.  Die  französische  Herrschaft  wurde  für  die  geistlichen
Gebiete  des  Rheinlandes,  wie  für  Italien,  die  Bahnbrecherin  des  modernen
Staatslebens;  sie  schenkte  ihnen  die  Anfänge  bürgerlicher  Rechtsgleichheit,
welche  in  Preußen  und  vielen  seiner  weltlichen  Nachbarstaaten  längst
        <pb n="184" />
        174  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

bestanden,  und  dazu  manche  andere  politische  Reformen,  deren  das  übrige
Deutschland  noch  entbehrte.  Durch  sie  lernte  das  staat=  und  waffenlose
  Volk  der  Krummstabslande  zum  ersten  male  den  Kriegsruhm  und
das  Selbstgefühl  eines  großen  Gemeinwesens  kennen.

Die  durcheinander  gewürfelten  Gebiete  von  97  Bischöfen,  Aebten,
Fürsten,  Grafen  und  Reichsständen  und  einer  ungezählten  Schaar  Reichsritter
  wurden  zu  vier  wohlabgerundeten  Departements  zusammengeschlagen.
Eine  strenge  Polizei  jagte  die  Banden  des  Schinderhannes  auseinander,
brachte  den  Gebirgslanden  der  Eifel  und  des  Hunsrückens  einen  Zustand
friedlicher  Sicherheit,  den  die  Zeiten  kleinstaatlicher  Ohnmacht  nie  gekannt.
Die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  wollte  hier  in  den  Landen  alter  Bauernfreiheit
  wenig  bedeuten.  Um  so  tiefer  und  heilsamer  wirkte  die  Beseitigung
der  feudalen  Lasten  und  der  hohen  Kirchenzehnten,  vornehmlich  aber  der
Verkauf  der  Nationalgüter;  auf  den  Trümmern  der  alten  geistlichen  Latifundien
  enstand  ein  neuer  wohlhäbiger  Kleingrundbesitz.  Die  Thore  des
Bonner  Ghettos  thaten  sich  auf,  die  Protestanten  von  Köln  und  Aachen
erbauten  sich  ihre  ersten  Kirchen.  Die  öffentliche  Rechtspflege  der  Schwurgerichtshöfe
  verdrängte  jene  ungeheuerlichen  Proceßformen,  welche  vordem
von  den  dreizehn  Gerichten  der  guten  Stadt  Köln,  von  den  zahllosen  Tribunalen
  geistlicher  und  weltlicher  Gerichtsherren  gehandhabt  wurden.  Statt
der  verschwiegerten  und  verschwägerten  Herren  vom  Rathe,  denen  das  Volk
den  Spottnamen  des  Kölnischen  Klüngels  anhing,  statt  der  hochedlen  und
hochweisen  Patricier,  die  einst  „das  Reich  von  Aachen“  beherrschten,  geboten
  jetzt  überall  die  Präfecten  und  die  Maires,  des  ersten  Consuls
unterthänige  Diener.  Jede  Selbständigkeit  der  Gemeinden  war  dahin;  doch
die  neue  Beamtenregierung  zeigte  sich  nicht  nur  rühriger,  sondern  auch
ehrlicher  und  gerechter  als  die  alte  Vetternherrschaft.

Wohl  vertheidigten  die  Rheinländer  ihre  deutsche  Sprache  und  Sitte
mit  zähem  Widerstande  gegen  alle  Versuche  gewaltsamer  Verwälschung.
Die  willkürliche  Unnatur  der  neuen  Flußgrenze  wurde  schwer  empfunden;
überall  den  Strom  entlang  führte  das  Volk  den  kleinen  Krieg  gegen  die
verhaßten  Zollwächter,  und  ließ  sich  den  nachbarlichen  Umgang  mit  den
rechtsrheinischen  Landsleuten  nicht  verbieten.  Man  spürte  jedoch  bald,  mit
wie  festen  Banden  ein  kräftiger  Staat  seine  Glieder  zusammenhält.  Der
freie  Handel  mit  dem  weiten  westlichen  Hinterlande,  die  Vernichtung  der
alten  Zunft=  und  Bannrechte  rief  neue  gewerbliche  Unternehmungen,  neue
Verkehrsverhältnisse  hervor;  das  gute  Frankengeld,  das  seit  Bonaparte's
Beutezügen  und  Finanzreformen  in  Frankreich  umlief,  sah  sich  doch  anders
an,  als  die  Petermännchen  und  Kastemännchen  und  das  andere  bunte
Münzengewirr  der  bischöflichen  Tage.  Die  Stämme  am  Mittel=  und
Niederrhein  sind  niemals  so  mit  ganzem  Herzen  französisch  geworden  wie
das  Soldatenvolk  des  Elsasses;  der  wachsende  Steuerdruck  und  die  furchtbaren
  Menschenopfer  der  napoleonischen  Kriege  ließen,  trotz  der  Befreiung
        <pb n="185" />
        Abtretung  des  linken  Rheinufers.  175

des  Ackerbaues  und  der  Gewerbe,  nicht  einmal  das  Gefühl  wirthschaftlichen
Behagens  recht  aufkommen.  Aber  allgemein  war  die  Meinung,  daß  man  für
immer  zu  Frankreich  gehöre.  Die  Rheinländer  hatten  mit  ihrer  Geschichte
gebrochen  und  von  ihren  alten  Ueberlieferungen  in  die  neue  Zeit  nichts
mit  hinübergenommen,  als  den  katholischen  Glauben;  daher  das  Gefühl
innerer  Verwandtschaft,  das  sie  noch  auf  lange  hinaus  mit  der  neufran—
zösischen  Bildung  verband.  Die  alte  Ordnung  war  spurlos  vernichtet,
jede  Möglichkeit  einer  Wiederherstellung  verloren;  bald  schwand  selbst  die
Erinnerung  an  die  Zeiten  der  Kleinstaaterei.  Die  Geschichte,  die  in  den
Herzen  des  aufwachsenden  rheinischen  Geschlechtes  wirklich  lebte,  begann  erst
mit  dem  Einzuge  der  Franzosen.  Nur  vereinzelte  tiefere  Naturen,  wie
Görres  und  die  Gebrüder  Beoisseree,  erkannten  nach  und  nach  den  Fluch
aller  Fremdherrschaft,  die  Verdumpfung  und  Verwüstung  des  geistigen
Lebens;  sie  wendeten  ihre  sehnsüchtigen  Blicke  den  Jahrhunderten  des  Mittelalters
  zu,  da  das  Rheinland  noch  ein  lebendiges  Glied  des  deutschen  Reichs
gewesen,  fanden  in  Schmerz  und  Reue  ihr  verlorenes  Vaterland  wieder.
Die  große  Mehrzahl  nahm  das  Geschehene  hin  wie  eine  unabänderliche
Nothwendigkeit,  zumal  da  die  Zustände  im  Reiche  so  wenig  Grund  zur
Sehnsucht  boten.  Auch  drüben  auf  dem  rechten  Ufer  glaubte  Jedermann,
die  neue  Westgrenze  Deutschlands  sei  für  alle  Zukunft  festgestellt.

Den  Reichsgewalten  lag  nun  die  Aufgabe  ob,  das  große  Entschädigungswerk
  durchzuführen,  das  sich  aus  der  Verkleinerung  des  Reichs  ergab.
  Der  siebente  Artikel  des  Luneviller  Friedens  verpflichtete  das  Reich,
die  Erbfürsten  des  linken  Rheinufers  im  Innern  Deutschlands  (dans  le
sein  de  I'’Empire)  zu  entschädigen;  die  Rastatter  Verabredungen  sollten
dabei  zur  Richtschnur  dienen.  Also  wurde  die  Verweltlichung  des  heiligen
Reichs,  die  Vernichtung  der  geistlichen  Staaten  dem  Reichstage  auferlegt
durch  das  Schwert  des  fremden  Siegers.  Was  in  den  Zeiten  der  schlesischen
  Kriege  die  Rettung  und  Verjüngung  des  deutschen  Staates  gewesen
wäre,  das  war  jetzt  Deutschlands  Theilung.  Während  der  verwickelten
Unterhandlungen,  die  nunmehr  zwei  Jahre  lang  zwischen  Paris  und
Regensburg,  Berlin,  Petersburg  und  Wien  hin  und  her  spielten,  trat
ganz  von  selber  wieder  jene  Gruppirung  der  deutschen  Parteien  hervor,
die  sich  schon  auf  dem  Rastatter  Congresse  angekündigt  hatte.  Der  Wiener
Hof  blieb  noch  lange  in  dem  wunderlichen  Wahne,  Bonaparte  werde  sich
um  die  Neugestaltung  Deutschlands  nicht  kümmern,  und  strebte  möglichst
viele  von  den  theokratischen  Gewalten  des  alten  Reichs,  vor  Allen  die
geistlichen  Kurfürsten  zu  retten:  „nicht  das  Maß  ihres  Einkommens,
sondern  ihr  Dasein  ist  für  die  deutsche  Verfassung  werthvoll“  —  hieß  es
in  einer  österreichischen  Staatsschrift.  Preußen  und  Baiern  dagegen,  die
mächtigsten  der  weltlichen  Stände,  verfochten  das  gemeinsame  Interesse
der  Erbfürsten,  die  allgemeine  Secularisation,  und  galten  daher  bei  aller
Welt  als  die  Bundesgenossen  Frankreichs.
        <pb n="186" />
        176  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Trotzdem  hat  ein  rückhaltloses  Einvernehmen  zwischen  dem  ersten
Consul  und  der  Krone  Preußen  auch  damals  nie  bestanden.  Einen  Bundesgenossen,
  der  die  Selbständigkeit  einer  Großmacht  beanspruchte,  konnte
Bonaparte  nicht  ertragen;  das  neue  „Föderativsystem"“,  das  er  an  die
Stelle  der  alten  Staatengesellschaft  zu  setzen  dachte,  bot  nur  Raum  für
ein  herrschendes  Frankreich  und  ohnmächtige  Vasallen.  Er  war  der  Feind
jeder  unabhängigen  Macht,  und  auch  für  Preußen  empfand  er  niemals
aufrichtiges  Wohlwollen.  Dem  Leben  Bonaparte's  fehlte  jede  Entwicklung;
er  hat  nicht,  wie  die  echten  Helden  der  Geschichte,  gelernt  von  dem  Wandel
der  Zeiten,  sondern  ungerührt  und  unbelehrt  bis  zum  Ende  gearbeitet  an
der  Verwirklichung  eines  weltumspannenden  Planes,  der  ihm  von  Haus
aus  fest  stand.  Darum  erscheint  er  am  größten  in  der  Zeit  des  Consulats,
als  diese  mächtigen  Gedanken  sich  zum  ersten  male  enthüllten.  In  vier
Nachbarlanden  zugleich  trat  er  jetzt  als  Friedensvermittler  und  Organisator
auf.  In  der  Schweiz  warf  er  das  willkürliche  Gebilde  des  Einheitsstaates.
über  den  Haufen  und  gab  den  Eidgenossen  eine  verständige  Bundesverfassung,
  denn  „die  Natur  selbst  hat  Euch  zum  Staatenbunde  bestimmt,
die  Natur  zu  bezwingen  versucht  kein  vernünftiger  Mann“.  Mit  demselben
  durchdringenden  Scharfblick  erkannte  er,  daß  in  Holland  die  bündischen
  Staatsformen  sich  überlebt  hatten;  er  ließ  den  batavischen  Einheitsstaat
  bestehen  und  legte  ihm  eine  Verfassung  auf,  welche  den  Uebergang
zur  Monarchie  erleichterte.  Den  Italienern  erweckte  er  eine  Welt  glänzender
  Erinnerungen  und  Erwartungen,  indem  er  den  alten  Namen  des
Landes  wieder  zu  Ehren  brachte  und  den  Vasallenstaat  am  Po  zur  italienischen
  Republik  erhob,  auch  hier  wurde  die  Monarchie  und  die  verhüllte
Fremdherrschaft  umsichtig  vorbereitet.  Für  seine  deutsche  Politik  endlich
hatte  er  längst  den  Weg  vorgezeichnet,  der  zur  Vernichtung  des  deutschen
Namens  führen  sollte.  Nie  ward  ein  unmöglicher  Plan  mit  schlauerer
Berechnung  ersonnen,  mit  heißerer  Thatkraft  in's  Werk  gesetzt.

Wenn  der  erste  Consul  in  Reden  und  Staatsschriften  das  deutsche
Reich  als  unentbehrlich  für  das  europäische  Gleichgewicht  bezeichnete,  so
meinte  er  damit  nur  die  Anarchie  der  deutschen  Kleinstaaterei,  keineswegs
die  theokratischen  Formen  der  Reichsverfassung.  Die  karolingischen  Traditionen
  des  heiligen  Reichs  standen  den  Weltherrschaftsplänen  des  Corsen
ebenso  feindlich  im  Wege,  wie  die  mittelalterlichen  Institutionen  des  alten
Deutschlands  dem  demokratisch-modernen  Charakter  der  neuen  Tyrannis
widersprachen.  Die  deutsche  Verfassung  war,  wie  der  Moniteur  sich  ausdrückte,
  „der  Mittelpunkt  aller  feudalen  Vorurtheile  Europas“  und  zugleich
  eine  Stütze  der  österreichischen  Macht.  Der  Wiener  Hof  aber  galt
in  Paris  nächst  England  als  der  bitterste  Feind  der  Revolution;  die  Zertrümmerung
  seiner  deutschen  Machtstellung  war  dort  längst  beschlossene
Sache.  Schon  im  Sommer  1800  mußten  Talleyrand's  Lohnschreiber  den
„Brief  eines  deutschen  Patrioten“  ausarbeiten,  ein  erstes  Probestück  jener
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        Bonaparte  der  Beschützer  der  Mittelstaaten.  177

diabolischen  Halbwahrheiten,  wodurch  der  Bonapartismus  so  verführerisch
auf  unser  Volk  gewirkt  hat:  das  Libell  zählte  mit  beredten  Worten  auf,
was  Oesterreich  am  heiligen  Reiche  gesündigt  hatte,  und  empfahl  den  auf—
geklärten  Deutschen  die  Beseitigung  der  habsburgischen  Herrschaft.  Der
erste  Consul  nahm  die  Pläne  wieder  auf,  welche  Sieyes  schon  im  Jahre  1798
als  Gesandter  in  Berlin  entworfen  hatte:  er  bereitete  die  Dreitheilung
Deutschlands  vor  und  wollte,  um  die  wehrlosen  Kleinstaaten  ganz  in  seine
Gewalt  zu  bringen,  vorerst  die  beiden  deutschen  Großmächte  so  weit  als
möglich  in  den  Osten  zurückschieben.  Darum  wurde  der  Breisgau  dem
Herzog  von  Modena  gegeben;  darum  erhob  Frankreich,  diesmal  mit  dem
Wiener  Hofe  einverstanden,  entschiedenen  Widerspruch,  als  Hardenberg
den  Vorschlag  wagte,  Preußen  solle  seine  Entschädigung  in  Franken  suchen.
Darum  fanden  die  Wünsche  Baierns,  das  jetzt  schon  begehrliche  Blicke  auf
Ansbach-Bayreuth  warf,  in  Paris  gnädige  Aufnahme;  darum  endlich  ließ
der  erste  Consul  in  Berlin  anfragen,  ob  nicht  Mecklenburg  eine  bequeme
Abrundung  für  Preußen  bieten  würde,  das  alte  Herzogshaus  mochte  dann
in  den  preußischen  Rheinlanden  entschädigt  werden.  Es  blieb  für  dies—
mal  bei  einem  halben  Erfolge,  da  König  Friedrich  Wilhelm  sich  standhaft
weigerte,  Mecklenburg  wider  den  Willen  der  Herzöge  zu  besetzen;  doch  das
Eine  wurde  erreicht,  daß  Preußen  seinen  fränkischen  Besitz  nicht  vergrößern
durfte  und  im  Süden  allen  Einfluß  verlor.

Für  die  Beherrschung  dieser  süd-  und  westdeutschen  Gebiete  nun  ersann
sich  der  große  Menschenverächter  ein  unfehlbares  Mittel.  Nicht  umsonst
hatte  er  auf  dem  Rastatter  Congresse  dem  deutschen  hohen  Adel  bis  in
die  innersten  Falten  des  Herzens  geblickt.  Er  wurde  der  Schöpfer  unserer
neuen  Mittelstaaten  um  durch  sie  Deutschlands  Zersplitterung  für  immer  zu
sichern.  Das  kleine  Volk  der  Fürsten,  Grafen  und  Reichsritter  war  ihm  lästig,
weil  sie  zumeist  zur  österreichischen  Partei  gehörten  und  im  Kriege  nichts
leisten  konnten.  Unter  den  Kurfürsten  und  Herzögen  dagegen  fand  sich  des
brauchbaren  Stoffs  genug  zur  Bildung  einer  französischen  Vasallenschaar.
Sie  waren  zu  schwach  um  auf  eigenen  Füßen  zu  stehen,  zu  dünkelhaft  um
sich  einer  nationalen  Staatsgewalt  zu  beugen,  gerade  mächtig  genug  um
einige  kleine  Contingente  zu  stellen,  die  unter  der  Führung  des  Welt—
eroberers  die  alte  deutsche  Waffentüchtigkeit  wieder  bewähren  konnten;  sie
hatten  fast  allesammt  während  der  jüngsten  Kriege  Sonderverträge  mit  dem
Reichsfeinde  geschlossen,  als  Rebellen  gegen  Kaiser  und  Reich  den  Rechtsboden
verlassen  und  die  Brücken  hinter  sich  abgebrochen.  Wenn  der  Gewaltige
diese  politischen  Zwitterwesen,  die  nicht  leben  noch  sterben  konnten,  unter
seinen  Schutz  nahm,  wenn  er  ihrer  Habgier  einige  Brocken  aus  den  Gütern
der  kleineren  Mitstände  zuwarf,  ihre  Eitelkeit  durch  anspruchsvolle  Titel
und  den  Schein  der  Unabhängigkeit  kirrte;  wenn  er  also  die  Hunderte
winziger  Territorien  zu  einigen  Dutzend  neuer  Zufallsstaaten  zusammenballte,
  die  mit  einer  Geschichte  von  gestern,  jedes  Rechtstitels  entbehrend,

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  12
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        178  I.  2.  Revolution  und  Fremdbherrschaft.

allein  von  Frankreichs  Gnaden  lebten;  wenn  er  die  Satrapen  dann  zu
frechen  Kriegen  gegen  das  Vaterland,  von  einer  Felonie  zur  andern  führte
und  neuen  Schergendienst  durch  neue  Beute  belohnte,  so  hatten  sie  ihm
ihre  Seele  verschrieben,  und  er  durfte  darauf  rechnen,  daß  sie  lieber  dem
Fremden  die  Schuhe  küssen  als  jemals  freiwillig  einem  deutschen  Gemeinwesen
  sich  unterordnen  würden.  Er  war  nicht  der  Mann  seinen  Schützlingen
  die  Schuld  der  Dankbarkeit  zu  erlassen.  „Frankreich",  so  schrieb
er  dem  Kurfürsten  von  Baiern,  „und  Frankreich  allein  kann  Sie  auf  der
Höhe  Ihrer  Macht  erhalten;"  und  nochmals:  „von  uns  allein  hat  Baiern
seine  Vergrößerung,  und  nur  bei  uns  kann  es  Schutz  finden.“

Insoweit  erscheint  Bonaparte's  deutsche  Politik  nur  als  eine  großartige
Weiterbildung  der  altfranzösischen  Staatskunst,  die  seit  dem  zweiten  und
dem  vierten  Heinrich  beständig  nach  der  Schirmherrschaft  über  die  deutschen
Kleinstaaten  getrachtet  hatte;  das  verführerische  Wort  Souveränität,  das
die  Diplomaten  Frankreichs  einst  beim  Westphälischen  Friedensschlusse  zuerst
auf  die  deutsche  Landeshoheit  angewendet  hatten,  tauchte  jetzt  in  den  Staatsschriften
  des  ersten  Consuls  wieder  auf.  Aber  die  Gedanken  des  Rastlosen
schweiften  schon  weit  über  diese  Ziele  hinaus:  war  erst  Westdeutschland
unterworfen,  so  sollten  auch  Oesterreich  und  Preußen  gebändigt  werden.
Bonaparte's  Freundschaft  für  Preußen  war  niemals  mehr  als  ein  verschlagenes
  diplomatisches  Spiel.  Obgleich  er  gegen  die  ängstliche  Politik  des
Berliner  Hofes  eine  tiefe  und  wohlberechtigte  Verachtung  hegte,  so  theilte
er  doch  in  jenen  Jahren  den  Irrthum  aller  Welt  und  überschätzte  die  Macht
Preußens;  für  die  unerschöpflichen  sittlichen  Kräfte,  welche  in  dem  erstarrten
Staate  schlummerten,  hatte  der  Verächter  der  Ideologen  freilich  kein  Auge,
er  wußte  aber  sehr  wohl,  was  der  preußische  Soldat  in  den  Rheinfeldzügen
geleistet  hatte,  und  war  über  den  fortschreitenden  Verfall  des  fridericianischen
  Heeres  nicht  genugsam  unterrichtet.  Den  Kampf  mit  einem  solchen
Gegner  wollte  er  nur  unter  günstigen  Umständen  und  mit  der  Hilfe  des
gesammten  übrigen  Deutschlands  aufnehmen.  Für  jetzt  konnte  er  Preußens
Mitwirkung  noch  nicht  missen.  Während  des  Krieges  hatte  er  mehrmals
  gehofft,  durch  die  Vermittelung  der  friedfertigsten  der  Großmächte
zum  allgemeinen  Frieden  zu  gelangen,  und  nachher  das  erwachende  Mißtrauen
  des  Berliner  Hofes  durch  unbestimmte  Zusagen  hingehalten.  Nach
dem  Frieden  betrachtete  er  die  Zertrümmerung  der  österreichischen  Partei
im  Reiche  als  seine  nächste  Aufgabe;  dazu  war  die  Hilfe  des  alten  Nebenbuhlers
  der  Lothringer  unentbehrlich.  Die  Briefe  des  ersten  Consuls  an
den  jungen  König  flossen  über  von  zärtlichen  Betheuerungen:  wie  jeder
Wunsch  des  königlichen  Freundes  für  das  französische  Cabinet  ein  Befehl
sei,  und  wie  sie  Beide,  der  Nachfolger  und  der  Bewunderer  Friedrich's,
selbander  in  den  Fußtapfen  des  großen  Königs  weiter  wandeln  wollten.
Eine  reichliche  Entschädigung  ließ  sich  dem  mächtigsten  der  weltlichen  Reichsstände
  nicht  abschlagen;  nur  jede  Verstärkung  der  preußischen  Partei  im
        <pb n="189" />
        Begründung  der  preußisch-russischen  Allianz.  179

Reiche  mußte  vermieden  werden.  Daher  erhielt  Talleyrand  die  Weisung,
das  preußisch  gesinnte  Haus  Mecklenburg  von  dem  neuen  Kurfürsten—
rathe  auszuschließen,  er  dürfte  aber  nicht  davon  sprechen.

Der  Berliner  Hof  seinerseits  war  von  der  Ehrlichkeit  der  französischen
Freundschaft  durchaus  nicht  überzeugt.  Man  hatte  dort,  wie  fast  an  allen
Höfen,  den  Staatsstreich  des  18.  Brumaire  willkommen  geheißen,  weil
eine  geordnete  Regierung  in  Frankreich  den  Weltfrieden  zu  verbürgen
schien;  man  war  wieder,  wie  so  oft  schon,  bemüht  gewesen  durch  diplo—
matische  Vermittlung  die  Integrität  des  Reichs  zu  retten.  Aber  wie  sollte
ein  deutscher  Staat,  der  selbst  nach  der  Erklärung  des  Reichskrieges  im
Jahre  1799  sein  Schwert  in  der  Scheide  hielt,  so  hohe  Ziele  erreichen?
Die  Losreißung  der  Rheinlande  wurde  vollzogen,  und  Preußen  hatte  nichts
Ernstliches  gewagt  um  den  Schlag  abzuwenden.  Noch  einmal  ermannte
man  sich  dann  zu  einem  tapferen  Schritte,  als  Frankreich  und  Rußland
im  Jahre  1801  Hannover  zu  besetzen,  die  Schließung  der  deutschen  Häfen
zu  erzwingen  drohten;  da  kam  Preußen  den  Fremden  zuvor  und  nahm
selber  das  deutsche  Land  in  Beschlag  —  ein  entschlossenes  Auftreten,  das
in  England  richtig  gewürdigt,  von  Bonaparte  nie  verziehen  wurde.  Unter—
dessen  bemerkte  der  König  mit  Besorgniß,  wie  vereinzelt  sein  Staat  stand.
Er  mißtraute  den  unberechenbaren  Absichten  Bonaparte's  und  wies  dessen
Anfragen,  ob  Preußen  seine  Entschädigung  nicht  in  Hannover  suchen  wolle,
wiederholt  zurück,  nicht  bloß  aus  Rechtlichkeit,  sondern  weil  er  die  Hinter—
gedanken  der  französischen  Politik  errieth.  Auf  der  anderen  Seite  sah  er
die  Interessen  der  preußischen  Schifffahrt  durch  die  englische  Handelspolitik
schwer  beeinträchtigt.  Von  dem  Wiener  Hofe  endlich  war  er  durch  das
alte  unbelehrbare  gegenseitige  Mißtrauen  geschieden:  hatte  doch  Oesterreich
noch  im  Kriege  von  1799  abermals  einen  großen  Theil  seines  Heeres  in
Böhmen  aufgestellt  um  Preußen  in  Schach  zu  halten.

So  kam  der  König  zu  dem  Entschlusse  eine  Verständigung  mit  Ruß—
land  zu  suchen;  diesen  Staat  hielt  er,  nach  seiner  geographischen  Lage,
für  eine  wesentlich  defensive  Macht.  Es  geschah  zum  ersten  male,  daß
der  junge  Fürst  in  der  auswärtigen  Politik  sich  mit  einem  selbständigen
Gedanken  herauswagte;  er  fing  jetzt  an  auch  in  diesen  Fragen  nach  seiner
erwägsamen  Art  sich  zurechtzufinden.  Da  am  Petersburger  Hofe  jederzeit
eine  starke  preußische  Partei  bestand,  so  ward  ein  gutes  Einvernehmen  mit
dem  Czaren  Paul  bald  erreicht;  Preußen  war  es,  das  im  Jahre  1800
den  Frieden  zwischen  Frankreich  und  Rußland  herbeizuführen  suchte.  Die
Annäherung  wurde  zur  Freundschaft,  als  der  junge  Czar  Alexander  über
die  Leiche  seines  Vaters  hinweg  den  Thron  bestieg.  Am  10.  Juni  1802
hielten  die  beiden  Nachbarfürsten  in  Memel  jene  denkwürdige  Zusammenkunft,
  die  für  Friedrich  Wilhelm's  ganze  Regierung  folgenschwer  werden
sollte.  Beide  jung,  Beide  erfüllt  von  den  philantropischen  Ideen  der
völkerbeglückenden  Aufklärung,  fanden  sie  sich  rasch  zusammen,  besprachen

127
        <pb n="190" />
        180  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

die  gemeinsame  Gefahr,  die  von  der  Weltmacht  im  Westen  drohe,  und
gelobten  einander  feste  Treue.  Auf  den  noch  knabenhaft  unreifen  Czaren
machte  die  ritterliche  ernsthafte  Haltung  des  Königs  und  die  bezaubernde
Anmuth  der  Königin  lebhaften  Eindruck,  soweit  sein  aus  Schwärmerei,
Selbstbetrug  und  Schlauheit  seltsam  gemischter  Charakter  tiefer  Empfin—
dung  fähig  war;  und  immer  wieder  klagte  sein  polnischer  Freund  Czar—
toryski,  der  unversöhnliche  Gegner  Preußens:  dieser  Tag  von  Memel  sei
der  Anfang  alles  Unheils.  Friedrich  Wilhelm  aber  hing  an  dem  neuen
Freunde  mit  der  unwandelbaren  Treue  seines  ehrlichen  Herzens.  Persön—
liche  Neigung  bestärkte  ihn  in  dem  Entschlusse,  den  sein  gerader  Verstand
gefunden  hatte:  nur  im  Bunde  mit  Rußland  wollte  er  einen  Krieg  gegen
Frankreich  wagen.  Er  drängte  den  russischen  Hof,  an  den  Verhandlungen
über  die  deutschen  Entschädigungsfragen  theilzunehmen,  damit  Frankreich
nicht  der  alleinige  Schiedsrichter  im  Reiche  sei.

Wie  der  König  also  sich  insgeheim  den  Rücken  zu  decken  suchte  für
einen  möglichen  Krieg  gegen  Frankreich,  so  verfolgte  auch  seine  deutsche
Politik  Gedanken,  welche  den  Plänen  des  ersten  Consuls  schnurstracks
zuwiderliefen;  es  war  nur  die  Folge  der  verworrenen  Parteiungen  des
Augenblicks,  daß  der  preußische  Hof  eine  Zeit  lang  mit  dem  französischen
Cabinette  Hand  in  Hand  zu  gehen  schien.  Die  allgemeine  Secularisation
konnte  dem  preußischen  Staate  nur  willkommen  sein  sobald  einmal  die
Abtretung  der  Rheinlande  entschieden  war.  Alle  seine  protestantischen
Ueberlieferungen  wiesen  ihn  auf  dies  Ziel  hin.  Zudem  herrschte  damals
in  der  aufgeklärten  Welt  die  Lehre  von  der  Allmacht  des  Staates,  die
alle  Kirchengüter  von  Rechtswegen  der  Nation  zuwies;  Stephani's  Buch
über  „die  absolute  Einheit  von  Staat  und  Kirche“  machte  die  Runde  im
deutschen  Norden.  Der  König  von  Preußen  war  selber  von  diesen  An—
schauungen  durchdrungen,  ließ  eben  jetzt  in  seinem  Cabinet  einen  um—
fassenden  Plan  für  die  Einziehung  des  gesammten  preußischen  Kirchenguts
ausarbeiten.  Desgleichen  glaubte  er  ganz  im  Sinne  seines  Großoheims
zu  handeln,  wenn  er  sich  auf  die  Seite  Baierns  und  der  neuen  Mittel—
staaten  stellte;  auch  Friedrich  hatte  ja  bei  seinen  Reichsreformplänen  die
Verstärkung  der  größeren  weltlichen  Reichsstände  immer  im  Auge  gehabt.
Bonaparte  begünstigte  die  Mittelstaaten,  weil  er  sich  aus  ihnen  den  Stamm
einer  französischen  Partei  bilden  wollte;  der  preußische  Hof  unterstützte
diese  Politik,  weil  er  umgekehrt  hoffte  durch  die  Vernichtung  der  aller—
unbrauchbarsten  Kleinstaaten  die  Widerstandskraft  des  Reiches  gegen  Frank—
reich  zu  erhöhen.  Unumwunden  erklärte  Haugwitz  dem  österreichischen
Gesandten  Stadion,  dies  sei  schon  seit  Jahren  die  feststehende  Ansicht
seines  Hofes.  Im  gleichen  Sinne  ließ  Rußland  dem  Wiener  Hofe  aussprechen,
  man  habe  aus  den  preußischen  Staatsschriften  die  Ueberzeugung
gewonnen,  daß  die  allgemeine  Secularisation  zur  Kräftigung  des  deutschen
Westens  nothwendig  sei.  Und  wieder  mit  den  nämlichen  Gründen  recht-
        <pb n="191" />
        Preußen  und  die  Mittelstaaten.  181

fertigte  der  König,  dem  Czaren  gegenüber,  Preußens  eigene  Entschädi—
gungsforderungen:  er  müsse  sich  stärken  für  den  Fall,  daß  einst  ein  großer
deutscher  Krieg  wider  Bonaparte  unvermeidlich  würde.

Im  Hintergrunde  aller  dieser  Pläne  und  Wünsche  stand  die  schüchterne,
  unbestimmte  Hoffnung,  es  werde  gelingen,  das  verweltlichte  Reich
oder  mindestens  den  Norden  in  bündischen  Formen  neu  zu  ordnen.  Die
Erkenntniß  der  Unhaltbarkeit  des  alten  Kaiserthums  brach  sich  allmählich
in  immer  weiteren  Kreisen  Bahn.  Schon  ein  Jahr  nach  Friedrich's  Tode
hatte  eine  Flugschrift  kurzab  die  Frage  aufgeworfen:  „warum  soll  Deutschland
  einen  Kaiser  haben?“  Während  des  Krieges  der  zweiten  Coalition
sodann  erschienen  die  „Winke  über  Deutschlands  Staatsverfassung“  und
mahnten:  „o  ihr  Deutschen,  schließet  einen  festen  deutschen  Bund!“  Aehnliche
  föderalistische  Gedanken  wurden  auch  unter  den  preußischen  Staatsmännern
  besprochen.  Der  unermüdliche  Dohm  führte  im  Jahre  1800,
nach  einer  Unterredung  mit  dem  Herzoge  von  Braunschweig,  seine  schon
in  Rastatt  geäußerten  Vorschläge  weiter  aus  und  entwarf  den  Plan  für
einen  norddeutschen  Bund.  Es  gelte,  der  Uebermacht  Frankreichs,  die  alle
Nachbarn  zugleich  bedrohe,  einen  Damm  entgegenzustellen;  darum  müsse
der  Baseler  Neutralitätsbund  zu  einer  thatkräftigen,  dauernden  Föderation
umgestaltet  werden;  vier  Sectionen  unter  der  Leitung  der  mächtigeren
Mittelstaaten  und  der  Oberleitung  Preußens;  ein  Bundestag  und  stehende
Bundesgerichte;  das  Heer  von  Preußen  befehligt  und  nach  preußischem
Reglement  geschult.  Mit  solchen  Entwürfen  unterhielt  man  sich  wohl  am
Berliner  Hofe,  sie  durchzuführen  wagte  man  nicht.  Und  auch  Dohm
selber  kam  nicht  los  von  jenem  verhängnißvollen  Irrthum,  der  alle  Berechnungen
  der  preußischen  Politik  zu  Schanden  machte;  auch  er  wähnte,
die  Neubefestigung  der  deutschen  Macht  lasse  sich  durch  friedliche  Mittel
erreichen,  der  erste  Consul  werde  nicht  widersprechen  wenn  man  ihm  nur
die  Idee  der  „nationalen  Unabhängigkeit"“  nachdrücklich  vorhaltel

Die  Berliner  Staatsklugheit  bemerkte  nicht,  wie  von  Grund  aus  die
Machtverhältnisse  im  Reiche  seit  Friedrich's  Tagen  sich  verschoben  hatten.
Nicht  Preußen,  sondern  Frankreich  hielt  jetzt  die  Wage  des  deutschen  Gleichgewichts
  in  seinen  Händen.  Frankreich  vertheilte  nach  Gunst  und  Laune
die  Trümmer  der  geistlichen  Staaten.  Die  Mitwirkung  Rußlands  bei  den
Verhandlungen  konnte,  wie  die  Dinge  standen,  nur  eine  scheinbare  sein;
sie  bewirkte  lediglich,  daß  einige  mit  dem  Petersburger  Hofe  verwandte
Fürstenhäuser  bei  der  Ländervertheilung  bevorzugt  wurden.  Wenn  der
preußische  Staat  unter  solchen  Umständen  die  Bildung  der  neuen  Mittelstaaten
  beförderte,  so  stärkte  er  nur  die  französische  Partei  im  Reiche
ohne  sich  selber  einen  treuen  Anhang  zu  gewinnen;  er  wurde  Bonaparte's
Mitschuldiger  ohne  sich  die  Bundesgenossenschaft  des  Uebermächtigen  auf
die  Dauer  zu  sichern.

Wie  viel  geschickter  als  diese  wohlmeinende  Politik  der  Halbheit  und
        <pb n="192" />
        182  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

der  Selbsttäuschung  wußte  die  dreiste  Gewissenlosigkeit  des  neuen  Münchener
Hofes  ihren  Vortheil  wahrzunehmen.  Dort  war  soeben  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken
  auf  den  Thron  gelangt,  den  ihm  Oesterreichs  Habgier  so  oft
bestritten  hatte.  Der  leitende  Minister  Graf  Montgelas  verkannte  keinen
Augenblick,  daß  die  junge  Dynastie  von  der  Hofburg  Alles  zu  fürchten,
von  Bonaparte  Alles  zu  hoffen  habe.  Rasch  entschlossen  trat  er  bald  nach
dem  Frieden  an  die  Spitze  der  französischen  Partei  in  Deutschland  und
empfing  dafür  die  herablassende  Zusicherung  des  ersten  Consuls:  Frankreichs
  Größe  und  Edelmuth  wolle  die  früheren  Schwankungen  des  bairischen
Hofes  vergessen.  Der  serupellose  Realist  sah  in  Baierns  Vorzeit  nur  eine
Geschichte  der  versäumten  Gelegenheiten;  jetzt  endlich  da  die  Welt  aus  den
Fugen  ging  galt  es  das  Glück  an  der  Locke  zu  fassen,  dem  Siegeszuge
des  Welteroberers  sich  anzuschließen,  durch  treuen  Vasallendienst  und  unablässiges
  Feilschen  so  viel  Beute  zu  erhaschen  als  des  Herrschers  Gnade
bewilligen  mochte.  Was  irgend  an  das  Reich,  an  den  tausendjährigen
Verband  der  deutschen  Nation  erinnerte,  erschien  dieser  Politik  des  folgerechten
  Particularismus  lächerlich;  alle  Scham,  alle  Pietät,  alles  Rechtsgefühl
  war  ihr  fremd.  Begierig  griff  sie  den  Gedanken  einer  deutschen
Trias  auf,  der  einst  nach  dem  Hubertusburger  Frieden  zuerst  hervorgetreten
  und  neuerdings  wieder  in  Schwang  gekommen  war,  als  Preußen
die  süddeutschen  Kleinstaaten  verließ,  Oesterreich  sie  bedrohte.  Der  nassauische
Minister  Gagern,  ein  wohlmeinender  Reichspatriot,  nach  der  dilettantischen
Weise  der  kleinstaatlichen  Diplomaten  immer  rasch  bei  der  Hand  mit
leichtfertigen,  unklaren  Projecten,  hatte  schon  zur  Zeit  des  Vertrags  von
Campo  Formio  dem  keaiserlichen  Hofe  arglos  die  Bildung  eines  Bundes
der  kleinen  Höfe  unter  russischer  Garantie  angerathen;  in  gleichem  Sinne
schrieb  der  ehrliche  schwäbische  Publicist  Pahl  eine  Appellation  an  den
Luneviller  Friedenscongreß.  Wenn  aber  jetzt  die  Federn  des  pfalzbairischen
Lagers  einen  Sonderbund  aller  Mindermächtigen  ohne  Oesterreich  und
Preußen  empfahlen,  so  wollten  sie  nicht,  wie  jene  redlichen  Phantasten,
dem  deutschen  Süden  die  nationale  Unabhängigkeit  retten.  Ihre  Absicht
war:  die  Unterwerfung  der  Mittelstaaten  unter  Frankreichs  Willkür,  die
Vernichtung  Deutschlands.  Vorläufig,  so  lange  man  noch  die  österreichische
Partei  zu  bekämpfen  hatte,  blieb  die  Dynastie  Zweibrücken  mit  ihrem  alten
Beschützer  Preußen  in  gutem  Vernehmen.  Bonaparte  ließ  sie  gewähren;
er  wußte,  wie  leicht  diese  Freundschaft  zu  trennen  sei,  lagen  doch  die
fränkischen  Markgrafschaften  des  Königs  von  Preußen  der  bairischen  Begehrlichkeit
  dicht  vor  der  Thür.

Während  der  schwersten  Krisis,  welche  je  den  alten  deutschen  Staat
erschüttert  hat,  verscherzte  sich  Oesterreich  jeden  Einfluß  durch  eine  starrsinnige
  Politik,  die  einen  unhaltbaren  Zustand  zu  retten  suchte;  der  preußische
  Hof  verkannte  nicht  die  Nothwendigkeit  des  Umsturzes,  doch  er  hatte
für  den  Neubau  des  Reichs  nur  unbestimmte,  schwächliche  Wünsche  und
        <pb n="193" />
        Oesterreichs  Widerstand.  183

Hoffnungen.  So  fiel  die  Entscheidung  über  Deutschlands  Zukunft  un—
ausbleiblich  dem  fremden  Sieger  zu,  der  von  sich  rühmte:  „ich  allein,  ich
weiß,  was  ich  zu  thun  habe.“  Der  Regensburger  Reichstag  war  den
schläfrigen  Gewohnheiten  seines  gespenstischen  Daseins  auch  während  dieser
argen  Jahre  so  treu  geblieben,  daß  ein  warmherziger  Reichspatriot  mitten
im  Reichskriege  alles  Ernstes  über  die  Frage  schreiben  konnte:  womit  die
hohe  Reichsversammlung  sich  in  der  nächsten  Zeit  beschäftigen  solle?  Das
Reich  genehmigte  den  Luneviller  Frieden,  und  die  geistlichen  Stände  fanden
nicht  den  Muth  ihrem  eigenen  Todesurtheile  zu  widersprechen.  Dann
verging  fast  das  ganze  Jahr  1801,  bis  Oesterreich  und  Preußen  endlich  die
Bildung  einer  Reichsdeputation  durchsetzten;  nach  abermals  acht  Monaten
waren  die  Berathungen  dieses  Ausschusses  noch  nicht  eröffnet.  Der  zerrüttete
  Körper  des  heiligen  Reichs  besaß  nicht  mehr  die  Kraft,  mit  eigenen
Händen  seinen  letzten  Willen  aufzusetzen;  der  Kampf  Aller  gegen  Alle  und
die  Verblendung  des  österreichischen  Hofes  verhinderten  jeden  Beschluß.

Die  Hofburg  wollte  noch  immer  nicht  begreifen,  daß  sie  selber  in
Luneville  die  geistlichen  Stände  preisgegeben  hatte;  sie  versuchte  Alles,  die
unausbleiblichen  Folgen  des  Geschehenen  rückgängig  zu  machen,  ließ  sogar
eben  jetzt  durch  ihre  Anhänger  einen  Erzherzog  auf  die  erledigten  fürstlichen
  Bischofstühle  von  Köln  und  Münster  erwählen.  Zugleich  bewahrte
sie  ihren  alten  Widerwillen  gegen  jede  Vergrößerung  Preußens:  man
könne  leichter,  hieß  es  in  Wien,  auf  drei  reiche  türkische  Provinzen  verzichten,
  als  Münster  und  Hildesheim  an  die  protestantische  Großmacht
überlassen.  Und  währenddem  wurde  der  bairische  Nachbar  beständig  durch
österreichische  Tausch=  und  Vergrößerungspläne  geängstigt.  Dieser  Kaiser,
der  nicht  Worte  genug  finden  konnte  um  seine  Entrüstung  über  die  Vergewaltigung
  der  geistlichen  Stände  zu  bekunden,  stellte  dem  Münchener
Hofe  frei,  sich  im  Südwesten  die  Gebiete  der  benachbarten  Reichsstädte,
Grafen  und  Herren  anzueignen,  wenn  nur  Oesterreich  dafür  das  östliche
Baiern  erhielte;  er  zuerst  sprach  das  verhängnißvolle  Wort:  „Vernichtung
der  kleinen  weltlichen  Stände“  aus,  während  bisher  amtlich  nur  von  der
Secularisation  der  geistlichen  Staaten  die  Rede  gewesen.  Es  war  die
Folge  dieser  zugleich  starr  conservativen  und  rücksichtslos  begehrlichen  Haltung
  des  kaiserlichen  Hofes,  daß  Preußen  und  Baiern  sich  genöthigt  sahen,
ihre  eigenen  Entschädigungen  durch  Sonderverträge  mit  Frankreich  sicher
zu  stellen.  Der  preußisch-französische  Vertrag  enthielt  den  vielsagenden
Satz,  die  Krone  Preußen  erwerbe  ihre  Entschädigungslande  „mit  der  unbeschränkten
  Landeshoheit  und  Sonveränität  auf  den  nämlichen  Fuß,  wie
Se.  Mazj.  ihre  übrigen  deutschen  Staaten  besitzen“  —  während  doch  das
Reichsrecht  eine  Souveränität  der  Reichsstände  nicht  kannte.  Man  hielt
es  nicht  mehr  der  Mühe  werth,  auch  nur  den  Schein  der  keaiserlichen
Oberhoheit  zu  wahren.  Des  Reiches  ungefragt  nahm  Preußen  sodann  am
August  1802  die  ihm  von  Bonaparte  zugestandenen  Erwerbungen  in  Besitz.
        <pb n="194" />
        184  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Inzwischen  weidete  sich  der  Spott  der  Pariser  an  dem  Anblicke  der
Fürsten  und  Staatsmänner  des  heiligen  Reichs,  die  in  Schaaren  zu  dem
Herrschersitze  des  ersten  Consuls  eilten.  Die  leichtlebige  Stadt  hatte  nach
den  Schreckensjahren  der  Revolution  ihre  alte  keltische  Munterkeit  rasch
wiedergefunden;  Bonaparte  kannte  ihre  unersättliche  Lust  an  nervöser
Aufregung  und  verstand,  ihr  durch  die  glänzenden  Spektakelstücke  seiner
Triumph=  und  Beutezüge  zu  genügen.  Unterhaltsamer  als  alle  diese  Feste
war  doch  das  unerhörte  Schauspiel  der  freiwilligen  Selbstentwürdigung
des  deutschen  hohen  Adels.  Wie  oft,  alle  diese  schweren  Jahre  hindurch,
war  die  bange  Ahnung,  daß  es  zu  Ende  gehe  mit  der  alten  Herrlichkeit,
den  armen  Seelen  der  deutschen  Kleinfürsten  nahe  getreten;  sie  waren
geflohen  und  nochmals  geflohen  vor  den  Heeren  der  Revolution  und  hatten
zu  Gelde  gemacht  was  sich  irgend  zusammenraffen  ließ  von  den  Gütern
ihres  Staates.  Nun  schlug  die  Stunde  der  Entscheidung;  es  schien  noch
möglich  dem  theuren  Hause  den  angestammten  Thron  zu  retten.  In  der
Raserei  der  Angst  ging  aller  Stolz  und  alle  Scham  verloren.  Jene
edlere  Auffassung  der  Fürstenpflichten,  die  in  Friedrich's  Tagen  an  den
deutschen  Höfen  Fuß  gefaßt  hatte,  wurde  durch  Bonaparte's  Gewaltherrschaft
  zerstört;  die  Gesinnungen  der  fürstlichen  Soldatenverkäufer  der  guten
alten  Zeit  gewannen  wieder  die  Oberhand.  Aus  den  Erfahrungen  dieser
Tage  der  Fürstenflucht  und  der  Fürstensünden  schöpfte  der  deutsche  Dichter
den  ernsten  Spruch:  „Man  steigt  vom  Throne  nieder  wie  in's  Grab."“

Wie  das  Geschmeiß  hungriger  Fliegen  stürzte  sich  Deutschlands  hoher
Adel  auf  die  blutigen  Wunden  seines  Vaterlandes.  Talleyrand  aber  eröffnete
  mit  cynischem  Behagen  das  große  Börsenspiel  um  Deutschlands
Land  und  Leute  und  sagte  gleichmüthig,  wenn  ein  deutscher  Edelmann
noch  eine  Regung  der  Scham  empfand:  il  faut  étouffer  les  regrets.
Die  hochgeborenen  Bekämpfer  der  Revolution  bettelten  um  seine  Gnade,
machten  seiner  Maitresse  den  Hof,  trugen  seinen  Schooßhund  zärtlich  auf
den  Händen,  stiegen  dienstfertig  zu  dem  kleinen  Dachstübchen  hinauf,  wo
sein  Gehilfe  Matthien  hauste  —  der  Schlaueste  aus  jener  langen  Reihe
begabter  Elsasser,  deren  Arbeitskraft  und  Sachkenntniß  Bonaparte  gern
bei  seinen  deutschen  Geschäften  benutzte.  Das  Gold  der  kleinen  Höfe,  das
sie  niemals  finden  konnten  wenn  das  Reich  sie  zur  Vertheidigung  des
Vaterlandes  aufrief,  floß  jetzt  in  Strömen;  Jedermann  in  der  diplomatischen
  Welt  kannte  den  Tarif  der  französischen  Unterhändler  und  wußte,
wie  hoch  der  Curswerth  einer  Stimme  im  Fürstenrathe  des  Reichstags  sich
stellte.  Ein  Fürst  von  Löwenstein,  ein  Nachkomme  des  siegreichen  Friedrich
von  der  Pfalz,  spielte  den  Makler  bei  dem  schmutzigen  Handel.  Auch  die
Pariser  Gaunerschaft  nahm  die  gute  Gelegenheit  wahr;  mancher  der  gierigen
  deutschen  Fürsten  lief  in  seiner  kleinstädtischen  Plumpheit  einem
falschen  Agenten  Talleyrand's  ins  Garn,  bis  Bonaparte  selber  gegen  den
Unfug  einschritt.
        <pb n="195" />
        Der  Länderhandel  in  Paris.  185

Alle,  die  Guten  wie  die  Bösen,  wurden  in  das  wüste  Treiben  hinein—
gerissen;  denn  von  den  Regensburger  Verhandlungen  stand  doch  nichts
zu  erwarten,  und  wer  hier  in  Paris  nicht  mit  dreisten  Händen  zugriff,
ward  von  den  Nachdrängenden  unerbittlich  unter  die  Füße  getreten.  Selbst
der  Wackerste  der  deutschen  Kleinfürsten,  der  alte  Karl  Friedrich  von  Baden,
mußte  seine  feilschenden  Unterhändler  gewähren  lassen.  Mitten  im  Ge—
tümmel  der  bittenden  und  bietenden  Kleinen  stand  mit  selbstgewisser  Gönner—
chese  traute  sich's  zu  den  Meister  aller  Listen  selber  zu  überlisten  und
bemerkte  nicht,  wie  schwer  Preußen  sein  eigenes  Ansehen  schädigte  durch  die
Begünstigung  eines  unsauberen  Schachers,  der  an  den  Reichstag  von
Grodno,  an  die  schmachvolle  Selbstvernichtung  des  polnischen  Adels  er—
innerte.  Dieser  Wettkampf  der  dynastischen  Habgier  vernichtete  was  im
Reiche  noch  übrig  war  von  Treu  und  Glauben,  von  Pflicht  und  Ehre.
Bonaparte  frohlockte;  kein  sittliches  Band  hielt  den  alten  deutschen  Staat
mehr  zusammen.  Jeder  Hof  forderte  ungescheut  was  ihm  bequem  und
gelegen  schien;  die  Entschädigung  für  wirklich  erlittene  Verluste  diente  kaum
noch  als  Vorwand.  Bald  ergab  sich,  daß  die  rechtsrheinischen  geistlichen
Gebiete  zur  Befriedigung  aller  dieser  begehrlichen  Wünsche  nicht  aus—
reichten,  und  man  ward  einig,  auch  den  Reichsstädten  den  Garaus  zu
machen,  da  ja  die  Reichsstädte  des  linken  Ufers  ebenfalls  ohne  Ent—
schädigung  vernichtet  waren.  Endlich  wurde  die  große  Länderversteigerung
geschlossen;  der  Zuschlag  erfolgte  theils  an  die  Meistbietenden,  theils  an
die  Günstlinge  Preußens  und  Rußlands,  vornehmlich  aber  an  jene  Höfe,
welche  sich  Bonaparte  zu  Stützen  seiner  deutschen  Politik  auserlesen  hatte.
Unumwunden  schrieb  er  nach  vollzogenem  Geschäfte  dem  mit  dem  Czaren
nahe  verwandten  Markgrafen  Karl  Friedrich:  das  badische  Haus  habe
nunmehr  den  Rang  erlangt,  „welchen  seine  vornehme  Verwandtschaft  und
das  wahre  Interesse  Frankreichs  erheischen."“

Nachdem  in  Paris  das  Wesentliche  geordnet  war,  schritten  Frankreich
und  Rußland  in  Regensburg  als  Vermittler  ein;  Bonaparte  ließ  dem
Czaren  eine  scheinbare  Mitwirkung  um  dessen  Eifersucht  zu  beschwichtigen
und  einen  Wunsch  Preußens  zu  erfüllen.  Die  Mediatoren  erklärten  mit
gutem  Grunde,  die  Eifersucht  und  der  Gegensatz  der  Interessen  am  Reichstage
  mache  ihre  Vermittlung  nothwendig;  sie  legten  ihren  Entschädigungsplan
  vor  und  schlossen  herrisch:  es  sei  ihr  Wille,  daß  nichts  daran  geändert
  werde.  Der  Kaiser  widerstrebte  noch  immer  und  gab  erst  nach,
als  Preußen  und  Baiern  mit  Frankreich  ein  förmliches  Bündniß  schlossen
und  eine  drohende  Note  aus  Petersburg  eintraf;  dann  aber  trug  der
uneigennützige  Beschützer  der  geistlichen  Staaten  kein  Bedenken,  seine  Erblande
  durch  die  Bisthümer  Trient  und  Brixen  abzurunden.  In  der
Reichsdeputation  währte  der  landesübliche  Hader  noch  eine  Weile  fort.  Die
russischen  Staatsmänner  klagten  voll  Ekels,  wie  langweilig  und  ermüdend
        <pb n="196" />
        186  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

dies  deutsche  Gezänk  werde;  um  jedes  kleinen  Länderfetzens  willen  müsseman
  einen  eigenen  Curier  schicken.  Aber  die  Würfel  waren  geworfen,  diemächtigeren
  Fürsten  hatten  ihre  Beute  bereits  in  Sicherheit  gebracht.

Am  25.  Februar  1803  kam  der  Reichsdeputationshauptschluß  zu
Stande,  am  27.  April  wurde  durch  den  Jüngsten  Reichsschluß  die  Vernichtung
  von  hundert  und  zwölf  deutschen  Staaten  ausgesprochen.  Von  den.
geistlichen  Ständen  blieben  nur  drei  übrig:  die  beiden  Ritterorden  —  weil
man  dem  so  schwer  geschädigten  katholischen  Adel  noch  einen  letzten  Unterschlupf
  für  seine  Söhne  gönnen  wollte  —  und  der  Reichskanzler  in  Germanien,
  weil  Bonaparte  in  der  fahrigen  Eitelkeit  des  Mainzer  Coadjutors.
Dalberg  ein  brauchbares  Werkzeug  für  Frankreichs  Pläne  erkannte.  Die
Reichsstädte  verschwanden  bis  auf  die  sechs  größten.  Mehr  als  zweitausend
Geviertmeilen  mit  über  drei  Millionen  Einwohnern  wurden  unter  die  weltlichen
  Fürsten  ausgetheilt.  Preußen  erhielt  fünffachen  Ersatz  für  seine
linksrheinischen  Verluste,  Baiern  gewann  an  300,000  Köpfe,  Darmstadt
ward  achtfach,  Baden  fast  zehnfach  entschädigt.  Auch  einige  fremdländische
Fürstenhäuser  nahmen  ihr  Theil  aus  dem  großen  Raube,  so  Toscana.
und  Modena,  die  Vettern  Oesterreichs,  so  Nassau-Oranien,  der  Schützling
  Preußens.  Vergessen  war  der  fridericianische  Grundsatz,  daß  Deutschland
  sich  selber  angehöre.  Die  Mitte  Europas  erschien  den  Fremden
wieder,  wie  im  siebzehnten  Jahrhundert,  als  eine  herrenlose  Masse,  eine
Versorgungsstelle  für  die  Prinzen  aus  allerlei  Volk.  Das  heilige  Reich
war  vernichtet;  nur  sein  geschändeter  Name  lebte  noch  fort  durch  drei
klägliche  Jahre.

Wenige  unter  den  großen  Staatsumwälzungen  der  neuen  Geschichte
erscheinen  so  häßlich,  so  gemein  und  niedrig  wie  diese  Fürstenrevolution
von  1803.  Die  harte,  ideenlose  Selbstzucht  triumphirte;  kein  Schimmer
eines  kühnen  Gedankens,  kein  Funken  einer  edlen  Leidenschaft  verklärte
den  ungeheuren  Rechtsbruch.  Und  doch  war  der  Umsturz  eine  große
Nothwendigkeit;  er  begrub  nur  was  todt  war,  er  zerstörte  nur  was  die
Geschichte  dreier  Jahrhunderte  gerichtet  hatte.  Die  alten  Staatsformen
verschwanden  augenblicklich,  wie  von  der  Erde  eingeschluckt,  und  niemals
ist  an  ihre  Wiederaufrichtung  ernstlich  gedacht  worden.  Die  fratzenhafte
Lüge  der  Theokratie  war  endlich  beseitigt.  Mit  den  geistlichen  Fürsten
stürzten  auch  das  heilige  Reich  und  die  Weltherrschaftsansprüche  des  römischen
  Kaiserthums  zusammen.  Selbst  der  alte  Bundesgenosse  der  habsburgischen
  Kaiser,  der  römische  Stuhl,  wollte  jetzt  nur  noch  von  einem
imperium  Germanicum  wissen;  das  feine  Machtgefühl  der  Italiener  erkannte,
  daß  die  Schirmherrschaft  über  die  römische  Kirche  nunmehr  auf
Frankreich  übergegangen  war,  und  der  Papst  schrieb  seinem  geliebtesten
Sohn  Bonaparte:  an  ihn  wolle  er  fortan  sich  wenden  so  oft  er  Hilfe
brauche.  Das  heilige  Reich  verwandelte  sich  in  einen  Fürstenbund,  und
nicht  mit  Unrecht  sprach  Talleyrand  jetzt  schon  amtlich  von  der  fédération
        <pb n="197" />
        Der  Reichsdeputationshauptschluß.  187

Germanique.  Dies  lockere  Nebeneinander  weltlicher  Fürstenthümer  wurde
vorderhand  fast  allein  durch  den  Namen  Deutschland  zusammengehalten,
und  in  der  nächsten  Zukunft  .ließ  sich  eher  die  Auflösung  des  deutschen
Gemeinwesens  als  seine  föderative  Neugestaltung  erwarten.  Aber  mit
den  theokratischen  Formen  war  auch  jener  Geist  der  starren  Unbeweglich—
keit  entschwunden,  der  bisher  die  politischen  Kräfte  der  Nation  gebunden
hielt.  Das  neue  weltliche  Deutschland  war  der  Bewegung,  der  Ent—
wicklung  fähig;  und  gelang  dereinst  die  Befreiung  von  der  Vormundschaft
des  Auslands,  so  konnte  sich  auf  dem  Boden  des  weltlichen  Territoria—
lismus  vielleicht  ein  nationaler  Gesammtstaat  bilden,  der  minder  verlogen
war  als  das  heilige  Reich.

Durch  die  Secularisationen  wurde  auch  jene  künstliche  Stimmen—
vertheilung  beseitigt,  welche  dem  Katholicismus  bisher  ein  unbilliges
Uebergewicht  in  der  Reichsversammlung  verschafft  hatte.  Die  Mehrheit
des  Reichstags  war  nunmehr  evangelisch,  wie  die  Mehrheit  der  deutschen
Nation  außerhalb  Oesterreichs.  In  den  Kurfürstenrath  traten  für  Köln
und  Trier  die  neuen  Kurfürsten  von  Salzburg,  Württemberg,  Baden
und  Hessen  ein;  er  zählte  sechs  protestantische  Stimmen  unter  zehn.  Die
noch  übrigen  Mitglieder  des  Collegiums  der  Reichsstädte  waren,  bis  auf
das  paritätische  Augsburg,  allesammt  protestantisch.  Im  Fürstenrathe
verblieben  noch  dreiundfünfzig  evangelische  neben  neunundzwanzig  katholischen
  Ständen.  Als  die  neuen  Herren  der  secularisirten  Lande,  dem
Reichsrechte  gemäß,  auch  die  Stimmen  der  entthronten  Stände  für  sich
beanspruchten,  da  entspann  sich  der  letzte  große  Streit  im  Schooße  der
Regensburger  Versammlung.  Sein  Verlauf  bekundete  den  starken  Umschwung
  der  Meinungen  wie  die  radicale  Veränderung  der  alten  Machtverhältnisse
  im  Reiche.  Einst  hatten  die  Protestanten  durch  den  Sonderbund
  des  Corpus  Evangelicorum  sich  decken  müssen  gegen  die  Uebergriffe
  der  katholischen  Mehrheit;  jetzt  berief  sich  der  Kaiser  im  Namen
der  Katholiken  auf  den  Grundsatz  der  Parität  und  forderte  für  seine
Glaubensgenossen  so  viele  neue  Stimmen,  bis  die  Gleichheit  hergestellt
sei.  Doch  die  Zeitgenossen  Kant's  waren  der  Gehässigkeit  der  Religionskriege
  entwachsen.  Die  große  Mehrheit  des  Reichstags,  Preußen  und
Baiern  voran,  wollte  nicht  zugeben,  daß  das  Wesen  der  Parität  in  der
Gleichheit  der  Kopfzahl  zu  suchen  sei;  ja  man  sprach  es  offen  aus,  der
alte  Unterschied  von  katholischen  und  protestantischen  Stimmen  habe  seinen
Sinn  verloren,  wenn  nur  erst  in  jedem  deutschen  Staate  „ein  vernünftiges
  Toleranzsystem“  bestünde.  Kaiser  Franz  hingegen  dachte  die  Macht
der  österreichischen  Partei  um  jeden  Preis  wiederherzustellen;  er  gebrauchte,
  der  Verfassung  zuwider,  zum  letzten  male  das  höchste  Recht
der  kaiserlichen  Majestät,  er  legte  sein  Veto  ein,  und  der  Streit  blieb
ungeschlichtet  bis  das  Reich  sich  förmlich  auflöste.  Ein  parteiischer  Mißbrauch
  der  Rechte  der  Krone  zum  Besten  des  Hauses  Oesterreich  und
        <pb n="198" />
        188  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

der  katholischen  Partei  —  das  war  die  letzte  That  des  deutschen  Kaiserthums
  der  Habsburg-Lothringer,  der  würdige  Abschluß  für  die  lange
Sündengeschichte  der  Ferdinande  und  der  Leopolde.  1

Im  römischen  Lager  war  der  Klagen  kein  Ende,  da  mit  einem  male
die  letzten  Theokratien,  welche  die  christliche  Welt  außer  dem  Kirchenstaate
noch  besaß,  zerschmettert  wurden,  und  mit  der  politischen  Macht  auch  der
ungeheure  Reichthum  des  deutschen  Clerus  dahinsank;  denn  nicht  allein
die  Güter  der  reichsunmittelbaren  geistlichen  Herren  verfielen  der  Secularisation,
  sondern  auch  die  mittelbaren  Stifter  und  Klöster  wurden  durch
den  Reichsdeputationshauptschluß  der  freien  Verfügung  der  Landesherren
preisgegeben.  Alle  Welt  glaubte,  es  sei  zu  Ende  mit  dem  römischen
Wesen  im  Reiche;  Niemand  ahnte,  daß  die  Sercularisationen  der  Macht
des  römischen  Stuhls  zuletzt  fast  ebenso  viel  Gewinn  als  Schaden  bringen
sollten.  Die  hochadlichen  Kirchenfürsten  des  achtzehnten  Jahrhunderts
waren  zumeist  verwöhnte  Weltkinder,  lässig  in  ihrem  kirchlichen  Berufe,
aber  durch  ihr  aristokratisches  Standesgefühl  wie  durch  die  Pflichten  der
Landesherrschaft  fest  mit  dem  nationalen  Staate  verbunden:  sie  konnten,
schon  um  des  nachbarlichen  Zusammenlebens  willen,  dem  Geiste  der
Duldung,  der  dies  paritätische  Volk  erfüllte,  sich  nicht  gänzlich  entziehen,
sie  befolgten  den  Westphälischen  Frieden,  den  der  Papst  verdammte,  und
beugten  ihren  stolzen  Nacken  nur  ungern  unter  den  Fuß  des  wälschen
Priesters.  Der  Gedanke  einer  deutschen  Nationalkirche  fand  unter  ihnen
jederzeit  einige  Anhänger  und  zuletzt  in  Hontheim-Febronius  einen  geistreichen
  Wortführer.  Durch  die  Secularisationen  wurde  der  Kirchendienst
dem  Adel  verleidet;  während  der  napoleonischen  Epoche  ist,  so  viel  bekannt
  wurde,  kein  einziger  junger  Edelmann  aus  altem  Hause  in  ein
Pfarramt  eingetreten.  Der  neue  plebejische  Clerus,  der  nun  heranwuchs,
stand  der  bürgerlichen  Gesellschaft  fern;  er  grollte  dem  neuen  Deutschland
  wegen  des  großen  Kirchenraubes,  er  kannte  keine  Heimath  als  die
Kirche  und  fügte  sich,  als  späterhin  die  römischen  Weltherrschaftspläne
wieder  erwachten,  den  Geboten  des  Papstes  mit  einem  blinden  Diensteifer,
der  für  die  Curie  kaum  weniger  werthvoll  war  als  vordem  die  landesfürstliche
  Macht  der  selbstbewußten  alten  Prälatur.

Noch  weit  schwerer  wurde  der  katholische  Adel  getroffen.  Er  verlor
durch  die  Einziehung  von  720  Domherrenpfründen  nicht  bloß  einen  guten
Theil  seines  Reichthums,  sondern  seine  gesammte  politische  Machtstellung.
Die  letzten  Trümmer  einer  selbständigen  Aristokratie  verschwanden  aus
dem  Reiche;  die  Zeit  war  dahin,  da  man  die  Macht  der  westphälischen
Grafen  zweien  Kurfürsten  gleich  schätzte.  Es  war  der  Fluch  dieser  alten
Geschlechter,  daß  ihnen  das  Bewußtsein  der  politischen  Pflicht  fehlte.  Gleich
dem  bourbonischen  Hofadel,  hatten  sie  den  Vorzug  ihres  Standes  immer
nur  in  trägem  Wohlleben  gesucht  und  lernten  niemals,  nach  dem  Vorbilde
  des  altpreußischen  Junkerthums,  sich  einzuleben  in  die  modernen
        <pb n="199" />
        Folgen  der  Secularisationen.  189

monarchischen  Formen,  sondern  zogen  sich  verdrossen,  grollend  zurück  von
dem  Leben  der  Nation;  nur  dem  Erzhause  Oesterreichs  gaben  sie  noch  nach
altem  Brauche  ihre  Söhne  in  den  Dienst.  Aus  den  Kreisen  dieses  katho—
lischen  Adels  erwuchs  dem  neuen  weltlichen  Deutschland  eine  tief  verbitterte
Opposition,  die  im  Stillen  einflußreich,  bis  zum  heutigen  Tage  den  inneren
Frieden  oft  gestört,  doch  am  letzten  Ende  durch  unfruchtbares  Verneinen
nur  den  demokratischen  Zug  unserer  jüngsten  Geschichte  gefördert  hat.

Am  leichtesten  fügten  sich  die  mediatisirten  Reichsstädte  in  die  neue
Ordnung  der  Dinge.  Wohl  stieß  da  und  dort  der  schwerfällige  Stolz  der
ehrenfesten  Patricier  mit  der  durchfahrenden  Willkür  der  mittelstaatlichen
Bureaukratie  hart  zusammen,  und  Mancher  selbst  aus  dem  jüngeren
Geschlechte  bewahrte  sich,  wie  Friedrich  List,  sein  Leben  lang  das  trotzige
Selbstgefühl  des  alten  Reichsbürgers;  indeß  das  Bewußtsein  hilfloser  Ohn—
macht  ließ  nirgends  einen  ernsten  Widerstand  aufkommen.  Am  Reichs—
tage  bemerkte  man  kaum  die  Zerstörung  des  dritten  Collegiums,  das  vor
Zeiten  so  mächtig  gewesen  war  wie  die  beiden  oberen  zusammen.  Die
wenigen  Reichsstädte,  welche  der  Vernichtung  vorläufig  noch  entgangen
waren,  bedeuteten  nichts  mehr  neben  der  Uebermacht  der  Fürsten,  ja  sie
wurden  durch  den  Reichsdeputationshauptschluß  von  der  großen  Politik
geradezu  ausgeschlossen:  an  den  Berathungen  über  Krieg  und  Frieden  sollten
sie  nicht  theilnehmen  und  im  Reichskriege  einer  unbedingten  Neutralität
genießen.  Das  friedensselige  Geschlecht  fand  an  dieser  ungeheuerlichen
Bestimmung  kein  Arg.  Den  Hamburger  Rhedern  ging  ein  alter  Herzens—
wunsch  in  Erfüllung,  den  der  wackere  Büsch  oftmals  unbefangen  ausge—
sprochen  hatte;  auch  die  Presse  im  Binnenlande  rief  Beifall:  solche  weise
Begünstigung  des  Handels  gereiche  der  Aufklärung  unserer  Tage  zur  Ehre.

So  ging  denn  aus  den  vielhundertjährigen  Kämpfen  der  politischen
Kräfte  im  Reiche  die  fürstliche  Gewalt  als  die  einzige  Siegerin  hervor.
Die  hierarchischen,  die  communalen,  die  aristokratischen  Staatsbildungen
des  alten  Deutschlands  waren  bis  auf  wenige  Trümmer  vernichtet.  Was
nicht  fürstlichen  Blutes  war  sank  in  die  Masse  der  Unterthanen  hinab;
der  Abstand  zwischen  den  Fürsten  und  dem  Volke,  der  in  dem  Zeitalter
der  absoluten  Monarchie  immer  größer  geworden,  erweiterte  sich  jetzt  noch
mehr.  Und  wie  ungeheuer  stark  zeigte  sich  wieder  die  Einwirkung  des
Fürstenstandes  auf  unser  nationales  Leben!  Wie  einst  die  kirchliche  Re—
formation  bei  den  Landesherren  ihren  Schutz  und  ihre  Rettung  gefunden
hatte,  so  wurde  nun  die  politische  Revolution  von  oben  her  einem  ge—
lassen  schweigenden  Volke  auferlegt.  Nicht  die  Propaganda  der  über—
rheinischen  Republikaner,  sondern  die  dynastische  Politik  der  deutschen
Höfe  hat  die  Grundsätze  des  revolutionären  Frankreichs  auf  unserem
Boden  eingebürgert;  und  sie  schritt  vorwärts  mit  derselben  durchgreifenden
Rücksichtslosigkeit  wie  die  Parteien  des  Convents,  im  Namen  des  Salut
public  zerstörte  sie  achtlos  das  historische  Recht.
        <pb n="200" />
        190  I.  2.  Revolution  und  Fremdbherrschaft.

Für  Oesterreich  war  die  Fürstenrevolution  eine  schwere  Niederlage.
Die  alte  kaiserliche  Partei  wurde  zersprengt,  die  Kaiserwürde  zu  einem
leeren  Namen,  und  selbst  diesen  Namen  aufzugeben  schien  jetzt  räthlich,
da  der  neue  Kurfürstenrath  schwerlich  geneigt  war  im  Falle  der  Neuwahl
abermals  einen  Erzherzog  zu  küren.  Durch  die  Preisgabe  ihrer  westlichen
  Provinzen  erlangte  die  Monarchie  zwar  eine  treffliche  Abrundung
im  Südosten,  und  die  Diplomaten  der  Hofburg  wünschten  sich  Glück,  daß
man  endlich  aus  einem  gefährlichen  und  gewaltsamen  Zustande  befreit
sei.  Die  Höfe  von  München  und  Stuttgart  hatten  jetzt  wenig  Grund
mehr  vor  der  Wiener  Eroberungslust  zu  zittern,  und  es  schien  möglich
dereinst  wieder  ein  freundnachbarliches  Verhältniß  mit  ihnen  anzuknüpfen.
Aber  die  militärische  Herrschaft  im  deutschen  Südwesten  war  verloren,  ja
Oesterreich  schied  in  Wahrheit  aus  dem  Reiche  aus.  Seine  Politik  mußte
ganz  neue  Wege  einschlagen,  wenn  sie  noch  irgend  einen  Einfluß  auf
Deutschland  ausüben  wollte;  denn  die  Machtmittel  des  alten  Kaiserthums
waren  vernutzt.

Auch  Preußens  Macht  hatte  durch  den  Reichsdeputationshauptschluß
nicht  gewonnen.  Wohl  war  es  ein  Vortheil,  daß  die  österreichische  Partei  verschwand
  und  im  Reichstage  ein  leidliches  Gleichgewicht  zwischen  dem  Norden
und  dem  Süden  sich  herstellte;  vormals  hatten  die  Staaten  des  Südens
und  Westens  durch  die  Ueberzahl  den  Ausschlag  gegeben,  jetzt  konnten
auch  die  Stimmen  Norddeutschlands  zu  ihrem  Rechte  kommen.  Trotzdem
war  Preußens  Ansehen  im  Reiche  tief  gesunken.  Seine  kraftlose  Politik
hatte  überall  das  Gegentheil  ihrer  guten  Absichten  erreicht:  statt  der  Verstärkung
  der  deutschen  Widerstandskraft  vielmehr  die  Befestigung  der  französischen
  Uebermacht,  statt  des  Neubaues  der  Reichsverfassung  vielmehr
eine  wüste  Anarchie,  die  der  völligen  Auflösung  entgegentrieb.  Selbst  der
neue  Ländergewinn  schien  glänzender  als  er  war.  Preußen  verlor  die
getreuen,  für  seine  Macht  wie  für  seine  Cultur  gleich  werthvollen  niederrheinischen
  Gebiete  und  erwarb  dafür,  außer  Hildesheim,  Erfurt  und
einigen  kleineren  Reichsstädten  und  Stiftslanden,  die  feste  Burg  des  unzufriedenen
  katholischen  Adels,  das  Münsterland.  Hier  zum  ersten  male
auf  deutschem  Boden  begegnete  dem  preußischen  Eroberer  nicht  bloß  eine
flüchtige  particularistische  Verstimmung,  sondern  ein  tiefer  nachhaltiger  Haß,
wie  in  den  slavischen  Provinzen.  Die  schwerfällige  neue  Verwaltung  gewann
  wenig  Ansehen  in  dem  widerhaarigen  Lande,  sie  brauchte  drei  Jahre
bis  sie  sich  nur  entschloß  den  Herd  aller  staatsfeindlichen  Umtriebe,  das
DomcBoapitel  zu  beseitigen.  Das  Einkommen  des  Staates  wurde  durch  die
Gebietserweiterung  nicht  vermehrt,  da  er  wieder,  wie  früher  in  Franken
und  in  Polen,  die  Steuerkraft  der  neuen  Unterthanen  allzu  ängstlich  schonte;
auch  die  Armee  erhielt  nur  geringe  Verstärkung,  um  etwa  drei  Regimenter.
  Zudem  hatte  man  durch  die  neuen  Verträge  nicht  einmal  eine
haltbare  Grenze  erlangt,  sondern  lediglich  den  preußischen  Archipel  im
        <pb n="201" />
        Das  neue  Süddeutschland.  191

Westen  durch  einige  neue  Inseln  bereichert,  wie  die  Berliner  spotteten.
Der  König  fühlte  es  wohl,  ohne  Hannover  ließen  sich  in  so  schwüler  Zeit
die  westphälischen  Provinzen  nicht  behaupten.  Die  Besetzung  der  welfischen
Stammlande  konnte  bald  zu  einer  unumgänglichen  Nothwendigkeit  werden,
und  doch  geschah  nichts,  den  Staat  zu  rüsten  für  diese  ernste  Zukunft.
Das  schlaffe  System  der  landesväterlichen  Milde  und  Sparsamkeit  lebte
so  dahin,  als  sei  die  Zeit  des  ewigen  Friedens  gekommen.

Währenddem  holte  der  deutsche  Süden  mit  einem  gewaltsamen  Schlage
nach  was  Preußen  durch  die  Arbeit  zweier  Jahrhunderte  langsam  erreicht
hatte.  In  Norddeutschland  war  die  Mehrzahl  der  geistlichen  Gebiete
schon  während  des  sechzehnten  und  siebzehnten  Jahrhunderts  mit  den
weltlichen  Nachbarstaaten  vereinigt  worden;  der  Reichsdeputationshaupt—
schluß  brachte  diesen  Staaten  nur  eine  mäßige  Vergrößerung  ohne  ihren
historischen  Charakter  zu  verändern.  Im  Südwesten  dagegen  brach  der
gesammte  überkommene  Länderbestand  jählings  zusammen;  selbst  das  ruhmvollste
  der  alten  oberdeutschen  Territorien,  Kurpfalz,  wurde  zwischen  den
Nachbarn  aufgetheilt.  Hier  führte  die  Fürstenrevolution  nicht  bloß  eine
Gebietsveränderung,  sondern  eine  neue  Staatengründung  herbei.  Den
willkürlich  zusammengeworfenen  Ländertrümmern,  welche  man  jetzt  Baden,
Nassau,  Hessen-Darmstadt  nannte,  fehlte  jede  Gemeinschaft  geschichtlicher
Erinnerungen;  auch  in  Baiern  und  Württemberg  war  das  alte  Stammland
  der  Dynastie  bei  weitem  nicht  stark  genug  um  die  neuerworbenen
Landschaften  mit  seinem  Geiste  zu  erfüllen.  So  ward  unser  vielgestaltiges
  Staatsleben  um  einen  neuen  Gegensatz  reicher,  der  sich  bis  zum
heutigen  Tage  nicht  völlig  verwischt  hat.  Das  neue  Deutschland  zerfiel
in  drei  scharf  geschiedene  Gruppen.  Auf  der  einen  Seite  standen  die  kleinen
norddeutschen  Staaten  mit  ihrem  alten  Ständewesen  und  ihren  angestammten
  Fürstenhäusern,  auf  der  anderen  die  geschichtslosen  modernbureaukratischen
  Staatsbildungen  Oberdeutschlands,  die  Geschöpfe  des
Bonapartismus,  mitteninne  endlich  Preußen,  das  in  steter  Entwicklung
den  altständischen  Staat  überwunden  hatte  ohne  seine  Formen  gänzlich
zu  zerstören.  Ueber  den  Süden  brach  nun  urplötzlich  und  mit  der  Roheit
einer  revolutionären  Macht  der  moderne  Staat  herein.  Eine  übermüthige,
dreiste,  vielgeschäftige  Bureaukratie,  die  sich  Bonaparte's  Präfecten  zum
Muster  nahm,  riß  die  Doppeladler  von  den  Rathhäusern  der  Reichsstädte,
die  alten  Wappenschilder  von  den  Thoren  der  Bischofsschlösser,  warf  die
Verfassung  der  Städte  und  der  Länder  über  den  Haufen,  schuf  aus  dem
Chaos  buntscheckiger  Territorien  gleichförmige,  streng  centralisirte  Verwaltungsbezirke;
  sie  bildete  in  diesen  waffenlosen  Landschaften  eine  unverächtliche
  junge  Militärmacht,  die  für  Preußen  leicht  lästig  werden  konnte,
sie  strebte  mit  jedem  Mittel  ein  neues  bairisches,  württembergisches,  nassauisches
  Nationalgefühl  großzuziehen.

Dennoch  ist  der  große  Umsturz  in  seinen  letzten  Nachwirkungen  nicht
        <pb n="202" />
        192  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

dem  Particularismus  zu  gute  gekommen,  sondern  der  nationalen  Einheit.
Er  war  nur  ein  mächtiger  Schritt  weiter  auf  dem  Wege,  welchen  unsere
Geschichte  seit  drei  Jahrhunderten  eingeschlagen.  Immer  wieder  hatte
seitdem  eine  unerbittliche  Nothwendigkeit  verlebte  Kleinstaaten  zerstört  und
zu  größeren  Massen  zusammengeballt;  jetzt  brachen  ihrer  abermals  mehr
denn  hundert  zusammen.  Aus  solchen  Erfahrungen  mußte  das  deutsche
Volk  früher  oder  später  die  Erkenntniß  schöpfen,  daß  auch  die  neue  Länder—
vertheilung  nur  eine  vorläufige  war,  daß  sein  Geschick  unaufhaltsam  der
Vernichtung  der  Kleinstaaterei,  dem  nationalen  Staate  zustrebte.  Die
Fürstenrevolution  vernichtete  für  immer  jenen  Zauber  historischer  Ehr—
würdigkeit,  der  das  heilige  Reich  so  unantastbar  erscheinen  ließ.  Das  alte
Recht  war  gebrochen;  die  neuen  Verhältnisse  erweckten  nirgends  Ehrfurcht,
machten  die  willkürliche  Unnatur  der  deutschen  Zersplitterung  jedem  ge—
sunden  Sinne  fühlbar.  Es  war  ein  Widersinn,  daß  die  Franken  in  Bam—
berg,  die  Schwaben  in  Memmingen  sich  nunmehr  als  Baiern,  die  Pfälzer
im  Neckarthale  sich  als  Badener  fühlen  sollten.  Die  tiefe  Unwahrheit
dieses  neuen  künstlichen  Particularismus  hat  nachher,  als  die  Nation
endlich  zu  politischem  Selbstgefühle  erwachte,  ihre  freiesten  und  edelsten
Männer  mit  leidenschaftlichem  Hasse  erfüllt  und  sie  dem  Einheitsgedanken
zugeführt.  Auch  der  gedankenlosen  Masse  ging  manches  gehässige  parti—
cularistische  Vorurtheil  verloren,  seit  sie  sich  gewaltsam  aus  dem  alten
Stillleben  aufgestört  sah.  Wie  Lombarden  und  Romagnolen  in  den  neuen
italienischen  Zufallsstaaten  sich  zusammenfanden,  so  wurden  in  den  deutschen
Mittelstaaten  Reichsstädter,  Kurfürstliche  und  Bischöfliche  gewaltsam  durch—
einander  gerüttelt  und  lernten  den  gehaßten  und  verhöhnten  Nachbar
als  treuen  Landsmann  schätzen.  In  Italien  wie  in  Deutschland  hat
die  Willkür  der  Fremdherrschaft  den  alten  naiven  Glauben  an  die  Ewigkeit
des  Bestehenden  mit  den  Wurzeln  ausgerottet  und  also  den  Boden  ge—
ebnet  für  neue  Katastrophen,  deren  Ziele  Bonaparte  nicht  ahnte.

Mit  der  Revolution  von  1803  begann  für  Deutschland  das  neue
Jahrhundert,  das  in  Frankreich  schon  vierzehn  Jahre  früher  angebrochen
war.  Das  große  neunzehnte  Jahrhundert  stieg  herauf,  das  reichste  der
neuen  Geschichte;  ihm  ward  beschieden,  die  Ernte  einzuheimsen  von  den
Saaten  des  Zeitalters  der  Reformation,  die  kühnen  Ideen  und  Ahnungen
jener  gedankenschweren  Epoche  zu  gestalten  und  im  Völkerleben  zu  ver—
wirklichen.  Erst  in  diesem  neuen  Jahrhundert  sollten  die  letzten  Spuren
mittelalterlicher  Gesittung  verschwinden  und  der  Charakter  der  modernen
Cultur  sich  ausbilden,  es  sollte  die  Freiheit  des  Glaubens,  des  Denkens
und  der  wirthschaftlichen  Arbeit,  wovon  Luther's  Tage  nur  redeten,  ein
gesichertes  Besitzthum  Westeuropas  werden;  es  sollte  das  Werk  des  Colum—
bus  sich  vollenden  und  die  transatlantische  Welt  mit  den  alten  Cultur—
völkern  zu  der  lebendigen  Gemeinschaft  welthistorischer  Arbeit  sich  ver—
binden;  und  auch  das  Traumbild  der  Hutten  und  Macgchiavelli,  die  Einheit
        <pb n="203" />
        Volksstimmung  während  der  Fürstenrevolution.  193

der  beiden  großen  Nationen  Mitteleuropas,  sollte  noch  Fleisch  und  Blut
gewinnen.  In  diese  Zeiten  der  Erfüllung  trat  Deutschland  ein,  als  der
theokratische  Staatsbau  seines  Mittelalters  zusammenstürzte  und  also  das
politische  Testament  des  sechzehnten  Jahrhunderts  endlich  vollstreckt  wurde.

Aber  wie  viele  Kämpfe  und  Stürme  noch,  bevor  alle  die  großen
Wandlungen  des  neuen  Zeitalters  vollbracht  waren!  Vorderhand  bot
das  deutsche  Reich  den  trostlosen  Anblick  der  Zerstörung;  kein  Seher
ahnte,  welches  junge  Leben  dereinst  aus  diesen  Trümmern  erblühen  sollte.
Nur  das  Eine  war  unverkennbar,  daß  eine  zweite  Umwälzung  nahe  be—
vorstand.  Die  Revolution  hatte  ihr  Werk  nur  halb  gethan,  da  Bonaparte
  von  vornherein  beabsichtigte  die  deutschen  Dinge  im  Fluß  zu  halten.
Seit  dem  glücklichen  Beutezuge  durchbrach  die  alte  Ländergier  des  deutschen
Fürstenstandes  alle  Schranken;  sie  ergriff  die  Glückskinder  des  Bonapartismus
  wie  ein  epidemischer  Wahnsinn  und  bestimmte  während  des
nächsten  Jahrzehntes  die  gesammte  Politik  der  neuen  Mittelstaaten.  Die
Reichsritter,  Grafen  und  Herren  konnten  in  dieser  unruhigen  monarchischen
Welt  sich  nicht  mehr  behaupten;  durch  den  Untergang  ihrer  Standesgenossen
  am  linken  Rheinufer  sowie  durch  die  Aufhebung  der  Domcapitel
hatten  sie  den  Boden  unter  den  Füßen  verloren  und  waren  selber  nur
darum  vorläufig  verschont  geblieben,  weil  die  französische  Politik  sich  noch
nicht  in  der  Lage  befand  alle  ihre  Pläne  durchzusetzen.  Der  Reichsdeputationshauptschluß
  war  kaum  unterzeichnet,  da  begannen  bereits  mehrere
Fürsten  die  benachbarte  Reichsritterschaft  gewaltsam  zu  mediatisiren,  wie
der  modische  Ausdruck  lautete.  Der  Kaiser  nahm  sich  in  Regensburg
seiner  verfolgten  Getreuen  an,  aber  Preußen  ergriff  wieder  die  Partei
der  Fürsten,  und  unterdessen  ward  ein  Reichsritter  nach  dem  andern  von
den  gierigen  Nachbarn  gebändigt.

Die  Haltung  des  neuen  Reichstags  unterschied  sich  in  nichts  von
dem  alten;  Jean  Paul  verglich  ihn  witzig  mit  einem  großen  Polypen,  der
seine  formlose  Gestalt  nicht  ändere  und  wenn  er  noch  so  viel  heruntergeschlungen
  habe.  Mit  dem  altgewohnten  unfruchtbaren  Gezänk  kam  auch
die  hergebrachte  reichspatriotische  Phrase  in  die  neue  Zeit  mit  hinüber.
Der  Gesandte  des  Erzkanzlers  Dalberg  bewillkommnete  die  Vertreter  der
neuen  Kurfürsten  mit  dem  pomphaften  Gruße:  „das  alte  ehrwürdige
Reichsgebäude,  das  seinem  gänzlichen  Untergange  so  nahe  schien,  wird
heute  durch  vier  neue  Hauptpfeiler  unterstützt.“  Aber  Niemand  theilte
die  Zuversicht  des  ewig  begeisterten  flachen  Leichtsinns.  Dumpf,  leer  und
träge  schleppten  sich  die  Verhandlungen  dahin;  keiner  der  Gesandten  wagte
auch  nur  die  Frage  aufzuwerfen,  ob  das  in  seinen  Grundlagen  veränderte
Reich  noch  die  alte  Verfassung  behalten  könne.  Jedermann  fühlte,  daß
in  Wahrheit  schon  Alles  vorüber  war,  und  sah  mit  verschränkten  Armen
die  Stunde  nahen,  die  den  Regensburger  Jammer  für  immer  beendete.

Im  Volke  blieb  Alles  still.  Keine  Hand  erhob  sich  zum  Widerstande

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  13
        <pb n="204" />
        194  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

gegen  die  neuen  Gewalthaber,  sogar  die  Klage  um  den  Verlust  der  viel—
belobten  alten  Libertät  erklang  matt  und  schüchtern.  Der  reichspatriotische
Jurist  Gaspari  fand  in  seinem  Herzeleide  doch  ein  Wort  gutmüthig  deutscher
Dankbarkeit  für  die  Reichsdeputation,  weil  sie  durch  ihre  Pensionen  „die
Unglücklichen  wenigstens  getröstet  habe“;  und  selbst  der  conservative  Bar—
thold  Niebuhr  wollte  diese  Todten  nicht  beweinen,  die  Nothwendigkeit  dieses
Rechtsbruchs  nicht  bestreiten.  Die  Wenigen  unter  den  gebildeten  Welt—
bürgern  Norddeutschlands,  die  sich  noch  zuweilen  aus  dem  Himmel  der
Ideen  in  die  Niederungen  der  Politik  hinabließen,  begrüßten  den  Triumph
des  Fürstenthums  als  einen  Sieg  der  modernen  Cultur;  sie  hofften,  wie
der  Erlanger  Harl  in  seiner  Schrift  über  Deutschlands  neueste  Staatsver—
änderungen  sich  ausdrückte,  das  schöne  Morgenroth  der  Aufklärung  werde
jetzt  endlich  die  Finsterniß  aus  den  geistlichen  Landen  verdrängen.  Richtiger
als  die  meisten  der  Zeitgenossen  urtheilte  der  junge  Hegel  über  die  Lage  des
Reichs.  Er  sah  in  diesem  Chaos  „den  gesetzten  Widerspruch,  daß  ein
Staat  sein  soll  und  doch  nicht  ist“,  und  fand  den  letzten  Grund  des  Elends
in  der  gepriesenen  deutschen  Freiheit.  Aber  sein  Scharfsinn  erscheint  wie
die  unheimliche  Hellsichtigkeit  eines  hoffnungslos  Erkrankten,  kein  Hauch
der  Leidenschaft  weht  durch  seine  klugen  Worte;  darum  ließ  er  auch,  nachdem
das  Problem  wissenschaftlich  erörtert  war,  seine  Abhandlung  ungedruckt
im  Pulte  liegen.  Dem  Uebermuthe  der  Berliner,  der  mit  der  Schwäche
ihres  Staates  zu  wachsen  schien,  hatte  die  Fürstenrevolution  noch  nicht
genug  gethan.  In  den  kritiklustigen  hauptstädtischen  Kreisen,  wo  die  Held
und  Buchholz  das  große  Wort  führten,  schalt  man  auf  den  König,  weil
er  nicht  dreist  genug  zugegriffen  habe;  warum,  so  fragte  der  „Patrioten—
spiegel  für  die  Deutschen“,  hat  Preußen  nicht  alles  norddeutsche  Land  ver—
schlungen,  „ohne  viel  Complimente  und  ohne  sich  an  Schulmoral  und  so—
genannte  Rechtsbegriffe  zu  kehren"“  Die  große  Mehrheit  der  Nation
kümmerte  sich  weder  um  solche  frivole  Prahlereien  noch  um  den  stillen
Jammer  der  Entthronten,  sie  verharrte  in  unverwüstlicher  Gleichgiltigkeit.

Nur  ein  Mann  wagte  mit  sittlichem  Ernst  und  staatsmännischer
Einsicht  über  die  Schmach  des  Vaterlandes  öffentlich  zu  reden.  Als  der
Fürst  von  Nassau  das  alte  reichsritterliche  Haus  vom  Stein  seiner  Landeshoheit
  zu  unterwerfen  versuchte,  da  richtete  Freiherr  Karl  vom  Stein  einen
offenen  Brief  an  den  kleinen  Despoten,  mahnte  ihn  in  markigen  Worten
an  das  richtende  Gewissen  und  die  strafende  Gottheit  und  schloß:  „sollen
die  wohlthätigen  großen  Zwecke  der  Unabhängigkeit  und  Selbständigkeit
Deutschlands  erreicht  werden,  so  müssen  die  kleinen  Staaten  mit  den
beiden  großen  Monarchien,  von  deren  Existenz  die  Fortdauer  des  deutschen
Namens  abhängt,  vereinigt  werden,  und  die  Vorsehung  gebe,  daß  ich
dieses  glückliche  Ereigniß  erlebe.“"  Durch  diesen  Brief  wurde  der  Name
des  westphälischen  Kammerpräsidenten  zuerst  über  Preußens  Grenzen  hinaus
bekannt;  man  verwunderte  sich  über  seinen  stolzen  Freimuth,  aber  noch
        <pb n="205" />
        Die  goldenen  Tage  von  Weimar.  195

war  die  Nation  nicht  fähig  den  Gedanken  ihres  tapfersten  Sohnes  zu
folgen.  —

Und  doch  war  dies  Land  kein  Polen,  und  doch  lebte  in  diesem  Volke,
das  so  gleichmüthig  die  Nackenschläge  der  Fremden  dahin  nahm,  das  freu—
dige  Bewußtsein  einer  großen  Bestimmung.  Dasselbe  Jahrzehnt,  das  den
alten  deutschen  Staat  in's  Grab  führte,  brachte  der  neuen  Dichtung  ihre
reinsten  Erfolge.  Wie  weit  zurück  schien  jetzt  schon  die  Zeit  zu  liegen,  da
Klopstock  einst  pochenden  Herzens  die  deutsche  Muse  in  den  ungewissen
Streitlauf  stürmen  sah;  nun  sang  Schiller  mit  ruhigem  Stolze:  wir  dürfen
muthig  einen  Lorbeer  zeigen,  der  auf  dem  deutschen  Pindus  selbst  gegrünt!
Die  Deutschen  wußten  längst,  daß  sie  den  Schatz  der  überlieferten  euro—
päischen  Bildung  mit  neuen,  selbständigen  Idealen  bereichert  hatten  und
in  der  großen  Gemeinschaft  der  Culturvölker  einen  Platz  einnahmen,  den
Niemand  sonst  auf  der  Welt  ausfüllen  konnte.  Begeistert  sprach  die  Jugend
von  deutscher  Tiefe,  deutschem  Idealismus,  deutscher  Universalität.  Frei
hinwegzuschauen  über  alle  die  trennenden  Schranken  des  endlichen  Da—
seins,  nichts  Menschliches  von  sich  fern  zu  halten,  in  lebendiger  Gemein—
schaft  mit  den  Besten  aller  Völker  und  Zeiten  das  Reich  der  Ideen  zu
durchmessen  —  das  galt  für  deutsch,  das  ward  als  Vorrecht  deutscher  Art
und  Bildung  gepriesen.  Der  Nationalstolz  dieses  idealistischen  Geschlechtes
fand  sich  befriedigt  in  dem  Gedanken,  daß  kein  anderes  Volk  den  ver—
messenen  Flügen  des  deutschen  Genius  ganz  zu  folgen,  zu  der  Freiheit
unseres  Weltbürgersinnes  sich  emporzuschwingen  vermöge.

In  der  That  trug  unsere  classische  Literatur  das  scharfe  Gepräge
nationaler  Eigenart,  und  Frau  von  Stabl  selbst  gestand:  wer  nicht,  wie
sie,  halbdeutsches  Blut  in  den  Adern  habe  werde  sich  kaum  versucht  fühlen
der  wundersamen  Eigenthümlichkeit  des  deutschen  Denkens  nachzuspüren.
Alle  Thatkraft,  alle  Leidenschaft  unserer  Jugend  ging  in  diesen  literarischen
Kämpfen  auf,  die  nun  bereits  die  dritte  Generation  deutscher  Männer  in
ihren  Zauberkreis  zogen.  Eine  unübersehbare  Menge  neuer  Ideen  war
im  Umlauf;  ein  argloser  Fremder  —  auch  dies  ist  ein  Geständniß  der
geistreichen  Französin  —  konnte  einen  gewandten  deutschen  Schwätzer,  der
nur  Anderer  Gedanken  nachsprach,  leicht  für  ein  Genie  halten.  Jener
unersättliche  Drang  nach  Mittheilung,  der  allen  geistig  productiven  Zeitaltern
  gemein  ist,  machte  sich  Luft  durch  einen  massenhaften  gehaltreichen
Briefwechsel.  Wie  einst  Hutten  jede  neue  Offenbarung,  die  ihm  aufging,
alsbald  frohlockend  seinen  humanistischen  Freunden  verkündigte,  so  schaarte
sich  jetzt  die  unsichtbare  Kirche  der  deutschen  Gebildeten  zu  gemeinsamer
freudiger  Andacht  zusammen.  Im  Gerichtssaale  hinter  den  Actenstößen
verschlang  der  Vater  Theodor  Körner's  begierig  die  Werke  der  weimarischen
Freunde;  und  wie  oft  ist  Prinz  Louis  Ferdinand,  als  er  mit  seinem  Regimente
  in  Westphalen  stand,  nach  durchschwelgter  Nacht  früh  morgens  nach
Lemgo  hinübergeritten,  um  mit  dem  Rector  Reinert  über  Sophokles  und

137
        <pb n="206" />
        196  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Homer  zu  sprechen.  Jedes  Gedicht  war  ein  Ereigniß,  ward  in  ausführlichen
  Briefen  und  Kritiken  betrachtet,  zergliedert,  bewundert.  Alle  die
unvermeidlichen  Unarten  literarischer  Epochen,  Klatsch  und  Parteigeist,
Gefühlsschwelgerei,  Paradoxie  und  eitler  Selbstbetrug  hatten  freies  Spiel;
doch  selbst  aus  den  Schwächen  der  Zeit  sprach  die  Lebenskraft  und  Lebenslust
eines  hochbegabten  und  hochsinnigen  Geschlechtes,  dem  die  Welt  der  Ideen
die  allein  wirkliche  war.  Ganz  unbefangen  lobte  Wilhelm  Humboldt  die
göttliche  Anarchie  des  päpstlichen  Roms,  weil  sie  den  Denker  im  Sinnen  und
Schauen  nicht  störe:  —  was  galten  ihm  die  Römer  von  Fleisch  und  Blut
neben  den  Geisterstimmen,  die  aus  den  Marmorbildern  des  Vaticans
redeten?  Im  selben  Sinne  beklagte  Schiller  die  Leere  seines  revolutionären
Zeitalters,  das  den  Geist  aufrege  ohne  ihm  einen  Gegenstand  —  das  will
sagen:  ein  ästhetisches  Bild  —  zu  bieten.

Wer  den  tiefen  heiligen  Ernst  dieses  Idealismus  und  die  Fülle  geistiger
Kräfte,  welche  er  zu  seiner  Durchbildung  aufbrachte,  gerecht  würdigt,  der
wird  die  politische  Unfähigkeit  des  Zeitalters  nicht  mehr  räthselhaft  finden.
Die  Kargheit  der  Natur  setzt  der  Schöpferkraft  der  Völker  wie  der  Einzelnen
ein  festes  Maß,  verhängt  über  jedes  große  menschliche  Wirken  den  Fluch
der  Einseitigkeit.  Es  war  unmöglich,  daß  ein  Geschlecht  von  solcher  Energie
des  geistigen  Schaffens  zugleich  die  kalte  Berechnung,  den  listigen  Weltsinn,
  den  entschlossenen  Einmuth  und  den  harten  Nationalhaß  hätte  besitzen
  sollen,  welche  den  unerhörten  Gefahren  der  politischen  Lage  allein
Trotz  bieten  konnten.  Wie  Luther  seines  Gottes  voll  für  die  Bilderpracht
des  leoninischen  Roms  kaum  einen  Blick  übrig  hatte,  so  wendeten  die  Helden
der  neuen  deutschen  Bildung  absichtlich  ihre  Augen  hinweg  von  der  Verheerung,
  die  über  den  deutschen  Südwesten  dahinfluthete,  und  dankten  mit
Goethe  dem  Schicksal,  „weil  wir  in  der  unbeweglichen  nordischen  Masse
stecken,  gegen  die  man  sich  so  leicht  nicht  wenden  wird."“

In  der  Freundschaft  Schiller's  und  Goethe's  fand  die  menschliche
Liebenswürdigkeit  und  die  schöpferische  Macht  der  neuen  Bildung  ihren
vollendeten  Ausdruck.  Die  Deutschen  rühmten  sich  von  Altersher,  kein
anderes  Volk  habe  die  Blüthe  der  Männerfreundschaft,  das  neidlose  treue
Zusammenwirken  großer  Menschen  zu  großem  Zwecke  so  oft  gesehen;  und
unter  den  vielen  schönen  Freundschaftsbünden  ihrer  Geschichte  war  dieser
der  herrlichste.  Zehn  reiche  Jahre  hindurch  überschütteten  die  beiden  Freunde
ihr  Volk  unablässig  mit  neuen  Geschenken  und  bewährten  selbander  den
Goethischen  Spruch:  Genie  ist  diejenige  Kraft  des  Menschen,  welche  durch
Handeln  und  Thun  Gesetz  und  Regel  giebt.  Und  in  solcher  Fülle  des
Schaffens  gaben  sie  doch  nur  einen  Theil  ihres  Wesens  aus;  sie  wußten,
daß  dauernder  Nachruhm  Keinem  gebührt,  der  nicht  größer  war  als  seine
Werke.

Unvergeßlich  prägte  sich  in  die  Herzen  der  Jugend  dies  einzige  Bild
künstlerischer  und  menschlicher  Größe:  wie  diese  beiden  durch  Schicksal,
        <pb n="207" />
        Schiller  und  Goethe.  197

Bildungsgang  und  Begabung  so  weit  Geschiedenen  nach  langer  Ver—
kennung  sich  endlich  fanden  und  dann  auf  der  Höhe  des  Lebens  in
schlichter  Germanentreue  fest  zusammenstanden,  so  einig  in  ihrem  Wirken,
daß  sie  selber  nicht  mehr  wußten,  wer  die  einzelnen  Distichen  des  Xenien—
kampfes  alle  geschrieben  hatte,  und  doch  ein  Jeder  des  eigenen  Werthes
klar  bewußt,  in  voller  Freiheit  gebend  und  empfangend,  nicht  im  mindesten
gemeint  des  Freundes  Eigenart  zu  stören  Dort  der  verwöhnte  Lieblings—
sohn  des  Glücks,  mit  Rang  und  Reichthum,  Schönheit  und  Gesundheit
verschwenderisch  ausgestattet;  hier  der  Hartgeprüfte,  der  jahrelang  mit
Krankheit  und  Entbehrung  kämpfte  und  dabei  in  seinem  Gemüthe  so  stolz
und  frei  blieb,  daß  keine  Zeile  seiner  Werke  die  gemeinen  Nöthe  seines
Lebens  errathen  ließ.  Der  Eine  verweilte  gelassen  in  sich  selber,  ganz
unbekümmert  um  den  Erfolg  des  Augenblicks;  er  ließ  die  goldenen  Früchte
seiner  Dichtung  ruhig  reifen,  bis  er  sie  zur  guten  Stunde  mit  einem
Drucke  der  Hand  vom  Aste  brach;  die  deutsche  Sprache  offenbarte  ihm
ihre  holdesten  Geheimnisse,  folgte  gelehrig  jedem  Winke  des  Meisters;  aus
den  Tiefen  einer  ewig  frischen  und  lauteren  Phantasie,  aus  den  Weiten
eines  unermeßlichen  Wissens  strömten  ihm  die  Bilder  und  Gedanken  ungesucht
  von  selber  zu.  Den  Anderen  durchglühte  ein  edler  Ehrgeiz:  er
wollte  siegen,  jetzt  und  hier,  er  wollte  die  lichten  Gedanken,  die  ihm  das
Herz  bewegten,  groß  und  prächtig  ausgestalten,  die  träge  Welt  hinreißen,
daß  sie  daran  glaube  und  „allen  Unrath  der  Wirklichkeit“  von  sich  schüttle;
er  nutzte  jede  Stunde,  wie  im  Vorgefühl  des  nahen  Todes,  wußte  die
Lücken  seiner  minder  vielseitigen  Bildung  durch  rastlosen  Fleiß  immer  zur
rechten  Zeit  auszufüllen  und  als  ein  umsichtiger  königlicher  Haushalter
jedes  Wort  aus  seinem  minder  reichen  Sprachsatze  sicher  und  wirksam
zu  verwerthen;  den  letzten  Hauch  seines  feurigen  Willens  setzte  er  ein,
bis  ein  erhebender  und  erschütternder  Schluß  gefunden  war,  während
Goethe  gemächlich  so  manchen  herrlichen  Torso  halb  behauen  liegen  ließ.

Dem  wesentlich  lyrischen  Genius  Goethe's  wurde  jede  Dichtung  zum
Bekenntniß,  doch  mitten  in  der  Erregung  des  subjectiven  Gefühls  erhielt  er
sich  immer  jene  „gutmüthige  in's  Reale  verliebte  Beschränktheit“,  die  er  so
gern  als  den  unschuldigen  productiven  Zustand  des  naiven  Dichters  pries.
Wenn  er  mit  seinen  inneren  Erfahrungen  abschloß,  so  blieben  die  Leser
stets  in  dem  holden  Wahne,  als  ob  er  ganz  verschwände  hinter  den  Gestalten,
  die  von  dem  Blute  seines  Herzens  getrunken  hatten.  Schiller's
dramatisches  Genie  schritt  kühner  in  die  objective  Welt  hinaus.  Suchend
und  wählend  griff  er  oft  nach  Stoffen,  die  mit  seinem  inneren  Leben  ursprünglich
  nichts  gemein  hatten;  aber  wenn  diese  fremden  Gestalten  erst
unter  seinen  bildenden  Händen  erwarmten,  dann  blies  er  sie  an  mit  dem
Odem  seines  eigenen  heldenhaften  Wesens  und  ließ  sie  das  hohe  Pathos
seiner  eigenen  feurigen  Empfindung  so  mächtig,  so  unmittelbar  aussprechen,
daß  die  Hörer  immer  nur  seine  Stimme  zu  vernehmen  glaubten  und  ihn
        <pb n="208" />
        198  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

für  einen  subjectiven  Dichter  hielten.  Beide  Dichter  verbanden  mit  der
traumgängerischen  Sicherheit  des  Genius  die  dem  gesammten  Zeitalter
eigenthümliche  klare  Bewußtheit  des  Denkens,  sie  liebten,  sich  und  Anderen
Rechenschaft  zu  geben  von  den  Gesetzen  ihrer  Kunst.  Beide  suchten  die
große  Aufgabe  der  Zeit  nicht  in  der  ästhetischen  Cultur  allein;  als  Staatsmann,
  Naturforscher  und  Psycholog  wirkte  der  Eine,  als  Historiker  und
Philosoph  der  Andere  für  die  Vertiefung  und  Läuterung  einer  allseitigen
Bildung.  Beide  fühlten  sich  eins  mit  ihrem  Volke;  sie  ahnten  es  wohl,
daß  ihre  Werke  dereinst  noch  auf  fremdem  Boden  Frucht  bringen  sollten,
doch  sie  wußten  auch,  daß  sie  dem  deutschen  Leben  ihre  eigenste  Kraft  verdankten
  und  das  volle,  innige,  unwillkürliche  Verständniß  nur  da  finden
konnten  wo  deutsche  Herzen  schlugen:  „Im  Vaterlande  schreibe  was  dir
gefällt!  Da  sind  Liebesbande,  da  ist  deine  Welt!“

Es  gereicht  aber  der  deutschen  Rechtschaffenheit  zur  Ehre,  daß  selbst
in  diesem  Zeitalter  der  ästhetischen  Weltanschauung  Schiller  in  der  Gunst
des  Volkes  höher  stieg  als  sein  größerer  Freund.  Der  Durchschnitt  der
Menschen  erhebt  sich  nicht  über  den  stofflichen  Reiz  der  Dichtung,  darum
darf  er  auch  die  einseitig  moralische  Schätzung  der  Kunst  nicht  ganz  aufgeben.
  Einem  gesunden  Volke  mußte  Posa's  edle  Schwärmerei  und  die
Hochherzigkeit  Max  Piccolomini's  theurer  sein  als  das  lose  Treiben  der
Philinen  und  Mariannen.  Nur  reiche  Gemüther  blickten  dem  tiefen
Strome  der  späteren  Goethischen  Dichtung  bis  auf  den  Grund,  nur  den
Lebenskundigen  ging  das  geheimnißvolle  Leben  seiner  Gestalten  auf,  nur
sinnige  Naturen  erkannten  in  seinen  proteischen  Wandlungen  den  immer
sich  selbst  getreuen  Genius  wieder.  Ueber  diese  Höchstgebildeten  der  Nation
gewannen  Goethe's  Leben  und  Werke  nach  und  nach  eine  stille  unwiderstehliche
  Gewalt,  die  von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt  nur  immer  mächtiger
wurde;  es  ist  sein  Verdienst,  daß  Wilhelm  Humboldt  sagen  konnte,  nirgendwo
  sonst  werde  das  eigentliche  Wesen  der  Poesie  so  tief  verstanden  wie
in  Deutschland.  Aus  Luther's  Tischreden  hatten  die  Deutschen  einst  erfahren,
  was  es  heiße  ganz  in  Gott  zu  leben,  in  jeder  einfachen  Schickung
der  vierundzwanzig  Tagesstunden  die  Allmacht  und  Liebe  des  Schöpfers
zu  empfinden.  Jetzt  verkörperte  sich  die  neue  Humanität  in  einem  gleich
mächtigen  und  ursprünglichen  Menschendasein;  aus  Goethe's  Leben  lernte
der  frohe  Kreis  der  dankbar  Verstehenden,  wie  dem  Künstlergeiste  jede
Erfahrung  zum  Bilde  wird,  wie  die  freieste  Bildung  zur  Natur  zurückkehrt,
wie  vornehmer  Stolz  mit  Herzenseinfalt  und  demokratischer  Menschenliebe
sich  verträgt.  Schiller's  Wirksamkeit  ging,  wie  es  das  Recht  des  Dramatikers
  ist,  mehr  in  die  Breite;  ihm  gehörte  das  Herz  der  schwärmerischen
Jugend;  sein  sittlicher  Ernst  packte  die  Gewissen;  sein  freudiger  Glaube  an
den  Adel  der  Menschheit  war  Allen  ebenso  verständlich  wie  die  funkelnde
Pracht  seiner  nichts  verhüllenden  Sprache.  Es  ist  sein  Verdienst,  daß
die  Freude  an  der  neuen  Bildung  sich  in  weiten  Kreisen  verbreitete  —  so
        <pb n="209" />
        Goethe  nach  der  italienischen  Reise.  199

weit  diese  Literatur  volksthümlich  sein  konnte;  durch  die  mächtige  Rhetorik
seiner  Jungfrau  von  Orleans  wurden  sogar  die  Höfe  von  Berlin  und
Dresden  aus  ihrer  gründlichen  Prosa  aufgeschüttelt.  Goethe  hatte  schon
als  Jüngling  an  dem  Bilde  des  Straßburger  Münsters  sich  begeistert
und  damals  schon,  zuerst  unter  den  Zeitgenossen,  einen  Einblick  gewonnen
in  das  Leben  unseres  Mittelalters;  er  liebte,  das  Alterthümliche  in  den
Reichthum  seiner  Sprache  aufzunehmen  und  neu  zu  beleben.  Schiller
dagegen  war  ein  durchaus  moderner  Mensch,  modern  in  Empfindung
und  Rede,  ohne  Sinn  für  das  deutsche  Alterthum  und  ebendeshalb  populärer;
  denn  die  Nation,  die  ihrer  Vorzeit  vergessen  hatte,  verlangte
nach  dem  Neuen  und  Blanken.

In  Italien  verbrachte  Goethe  seine  zweite  Jugendzeit,  er  lebte  sich
ein  in  die  classische  Formenwelt  und  ward  im  Alterthum  heimisch  wie
Niemand  seit  Winckelmann.  Nach  den  neuen  Anschauungen,  die  ihm  dort
zuströmten,  formte  er  nun  die  in  den  letzten  zehn  Jahren  still  empfangenen
Werke  und  überraschte  die  Nation  durch  eine  Reihe  von  Dichtungen,  welche
mit  der  Anschaulichkeit  und  der  Lebenswärme  seiner  Jugendschriften  eine
den  Deutschen  noch  ganz  unbekannte  stilvolle  Hoheit  und  getragene  Würde
verbanden.  Doch  er  mußte  erfahren,  daß  die  Masse  der  Leser  seinem
neuen  Stile  noch  nicht  folgen  konnte  und  weder  die  zarte  sinnvolle  Schönheit
  der  Iphigenia  noch  die  verhaltene  tiefe  Leidenschaft  des  Tasso  recht
verstehen  wollte.  Die  Deutschen  verloren  den  Dichter  ganz  aus  den
Augen,  da  er  jetzt  „in  seiner  Dachshöhle"“  sich  vergrub  und  durch  jahrelange
  Forschung  und  Betrachtung  ein  Vertrauter  der  Natur  wurde.  Er
wagte  sich  an  das  titanische  Unternehmen,  schrittweis  aufsteigend  von  der
einfachsten  zu  der  höchsten  Organisation  die  ganze  Natur  zu  verstehen
und  verstehend  mit  ihr  zu  leben.  Und  dies  wissenschaftliche  Erkennen,
„nie  geschlossen,  oft  gegründet,“  war  zugleich  künstlerische  Anschauung;  er
gab  sich  der  Natur  hin  mit  allen  Kräften  seiner  Seele,  so  innig,  so  liebevoll,
  daß  er  seine  geologischen  Studien  mit  Recht  „meine  Erdfreundschaft"
nennen  durfte.  Die  Forschung  beirrte  ihn  nicht,  sie  bestärkte  ihn  in  der
naiven  Weltanschauung  des  Dichters,  der  immer  den  Schwerpunkt  der
Welt  im  Herzen  des  Menschen  sucht.  Das  All  belebte  sich  vor  seinen
ahnenden  Blicken,  und  indem  er  erkannte,  wie  das  Ewige  sich  in  allen
Wesen  fort  regt,  hielt  er  nur  um  so  freudiger  den  Glauben  fest  an  das
selbständige  Gewissen,  die  Sonne  unseres  Sittentages.  Seit  er  den  Gott
ahnte,  der  die  Welt  im  Innersten  bewegt,  erschien  die  heitere  Weltfreudigkeit
  seines  Dichtergeistes  verklärt  durch  die  Weihe  einer  frommen,  heiligen
Andacht:  „strömt  Lebenslust  aus  allen  Dingen,  dem  kleinsten  wie  dem
größten  Stern,  und  alles  Drängen,  alles  Ringen  ist  ew'ge  Ruh  in  Gott
dem  Herrn!"“

Unterdessen  hatte  Schiller,  wie  er  selbst  gesteht,  im  Poetischen  einen
völlig  neuen  Menschen  angezogen  und  durch  ernste  philosophische  Forschung
        <pb n="210" />
        200  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

die  Erkenntniß  gewonnen,  daß  unser  Geschlecht  nur  durch  die  Kunst  zur
harmonischen  Vollendung  erzogen  werde;  nur  in  der  Kunst  sei  der  Mensch
zugleich  thätig  und  frei,  nach  außen  wirksam  und  ganz  bei  sich  selber.
Damit  war  das  innerste  Herzensgeheimniß  des  Zeitalters  kühnlich  ausgesprochen.
  Tausend  jubelnde  Stimmen  antworteten  dem  weckenden  Rufe:
„fliehet  aus  dem  engen  dumpfen  Leben  in  des  Ideales  Reich!“  und  verkündeten
  die  frohe  Botschaft,  daß  der  Künstler  der  vollkommene  Mensch,
daß  alles  Schöne  gut  und  gut  nur  das  Schöne  sei.  Zugleich  ging  der
Dichter  mit  der  Formlosigkeit  seiner  eigenen  Jugendwerke  streng,  ja  grausam
  in's  Gericht  und  eroberte  sich  die  lebendige  Anschauung  der  antiken
Formenreinheit.  Erst  durch  Schiller  ward  Winckelmann's  Werk  vollendet;
erst  seit  er  in  den  Göttern  Griechenlands  die  an  der  Freude  leichtem
Gängelbande  regierten  seligen  Geschlechter  des  Alterthums  in  brennender
Farbenpracht  verherrlicht  hatte,  wurde  die  Sehnsucht  nach  der  erhabenen
Einfalt  der  Antike,  der  Cultus  des  classischen  Ideals  zum  Gemeingute
der  gebildeten  Deutschen.  Wunderbar  schnell  lebte  Schiller  sich  ein  in
diese  Welt,  die  seiner  Jugend  so  fremd  gewesen,  und  fand  mit  genialer
Sicherheit  die  treibende  Kraft  der  alten  Geschichte  heraus,  den  letzten  und
höchsten  Gedanken  des  Hellenenthums:  „ist  der  Leib  in  Staub  zerfallen,
lebt  der  große  Name  nochl!“

Als  die  beiden  großen  Dichter  sich  verbündeten,  da  galt  es  zunächst,
diesen  neuen  Idealismus  in  der  Welt  durchzusetzen  und  zu  behaupten,
die  Afterweisheit  der  hausbackenen  Moral,  der  platten  Nützlichkeitslehren,
der  phantastischen  Unklarheit  hinauszufegen  aus  dem  Tempel  der  deutschen
Muse,  freie  Bahn  zu  schaffen  für  das  wahrhaft  Bedeutende  und  Schöpferische,
  der  Mittelmäßigkeit  zu  zeigen,  daß  die  Kunst  für  sie  keinen  Raum
bietet.  Diesem  Zwecke  diente  der  Tenienstreit,  ein  Parteikampf  großen
Stiles,  der  mit  aller  seiner  Grobheit  und  Gehässigkeit  doch  nothwendig
war  für  die  Entwickelung  unseres  nationalen  Lebens;  die  Deutschen  wußten
wohl,  daß  hier  um  eine  Lebensfrage  ihrer  Cultur  gefochten  wurde.  Von
dem  thatenlustigen  Freunde  zu  frischem  Schaffen  angeregt  zeigte  sich  nun
Goethe  in  immer  neuen  Wandlungen.  Schönheitstrunken,  heidnisch  unbefangen
  wie  ein  rosenbekränzter  Poet  des  Alterthums  besang  er  in  den
römischen  Elegien  die  Freuden  des  lieberwärmeten  Lagers,  und  nur  zuweilen,
  wenn  er  den  majestätischen  Ausblick  auf  das  ewige  Rom  eröffnete,
ließ  er  die  Leser  errathen,  daß  der  Gedankenreichthum  eines  die  Jahrhunderte
  überschauenden  Geistes  sich  hinter  der  herzhaften  Sinnlichkeit
dieser  lieblichen  Verse  verbarg.  Bald  darauf  stand  er  wieder  mitten  in
der  deutschen  Gegenwart  und  schilderte  mit  homerischer  Einfalt  die  gesunde
Kraft  unserer  Mittelstände,  die  schlichte  Größe,  die  in  der  Kleinheit  des
befriedeten  Hauses  wohnt,  und  mahnte  sein  Volk,  sich  selber  treu  zu
bleiben,  in  schwankender  Zeit  das  Seine  zu  behaupten.  Die  warme  treue
Liebe  zum  Vaterlande,  die  aus  Hermann  und  Dorothea  sprach,  machte
        <pb n="211" />
        Schiller's  Dramen.  201

auf  die  bildungsstolzen  Zeitgenossen  geringen  Eindruck.  Aber  mit  Ent—
zücken  erkannten  sie  sich  selber  wieder  in  den  Gestalten  des  Wilhelm
Meister:  in  diesen  staatlosen  Menschen  ohne  Vaterland,  ohne  Familie,
ohne  Beruf,  die  von  aller  Gebundenheit  des  historischen  Daseins  frei,  nur
einen  Lebensinhalt  kennen:  den  leidenschaftlichen  Drang  nach  menschlicher
Bildung.  In  dieser  Odyssee  der  Bildung  hielt  Goethe  seinem  Zeitalter
einen  Spiegel  vor,  der  alle  Züge  jener  literarischen  Epoche,  ihre  Schwächen
wie  ihre  Lebensfülle,  in  wunderbarer  Klarheit  wiedergab,  und  löste  zu—
gleich,  was  noch  keinem  Poeten  ganz  gelungen  war,  die  höchste  Aufgabe
des  Romandichters:  er  zeigte,  wie  das  Leben  den  strebenden  und  irrenden
Menschen  erzieht.

Minder  vielseitig,  aber  rastlos  mit  seinem  Pfunde  wuchernd  errang
sich  Schiller  indessen  die  Herrschaft  auf  der  deutschen  Bühne.  Die  ge—
waltsame  dramatische  Aufregung,  welche  Goethe  gern  von  sich  fern  hielt,
war  ihm  Bedürfniß;  glänzende  Bilder  von  Kampf  und  Sieg  schritten
durch  seine  Träume,  das  Schmettern  der  Trompeten,  das  Rauschen  der
Fahnen  und  der  Klang  der  Schwerter  verfolgten  ihn  noch  bis  auf  sein
Todesbette.  Die  Leidenschaften  des  öffentlichen  Lebens,  die  Kämpfe  um
der  Menschheit  große  Gegenstände,  um  Herrschaft  und  um  Freiheit,  jene
mächtigen  Schicksalswandlungen,  die  über  Völkerleid  und  Völkergröße  entscheiden,
  boten  seinem  dramatischen  Genius  den  natürlichen  Boden.  Auch
seine  kleineren  Gedichte  verweilten  mit  Vorliebe  bei  den  Anfängen  des
Staatslebens,  veranschaulichten  in  mannigfachen  geistvollen  Wendungen,
wie  der  heilige  Zwang  des  Rechts  die  friedlosen  Menschen  menschlich  aneinander
  bindet,  wie  die  rohen  Seelen  zerfließen  in  der  Menschlichkeit
erstem  Gefühl.  Schöner  als  in  dem  Liede  von  der  Glocke  ist  die  Verkettung
  des  einfachen  Menschenlebens  mit  den  großen  völkererhaltenden
Mächten  des  Staates  und  der  Gesellschaft  niemals  geschildert  worden.

Wie  tief  er  auch  seine  „prosaische“  Zeit  verachtete,  wie  stolz  er  auch  jeden
Versuch  tendenziöser  Dichtung  von  sich  wies,  dieser  ganz  auf  die  historische
Welt  gerichtete  Geist  war  doch  erfüllt  von  einem  hohen  politischen  Pathos,
das  erst  die  Nachlebenden  völlig  begreifen  sollten.  Es  war  kein  Zufall,
daß  er  sich  so  lange  mit  dem  Gedanken  trug,  die  Thaten  Friedrich's  in
einem  Epos  zu  besingen.  Als  die  Deutschen  selbst  zur  Befreiung  ihres
Landes  sich  rüsteten,  da  ward  ihnen  erst  das  farbenglühende  Bild  der
Volkserhebung  in  der  Jungfrau  von  Orleans  recht  verständlich;  als  sie
unter  dem  Drucke  der  Fremdherrschaft  sich  wieder  auf  sich  selber  besannen,
  da  würdigten  sie  erst  ganz  die  Größe  des  Dichters,  der  ihnen  in
seinen  beiden  schönsten  Dramen  die  vaterländische  Geschichte  so  menschlich
nahe  gebracht  hatte.  Die  entsetzlichste  Zeit  unserer  Vergangenheit  gewann
durch  seine  Dichtung  ein  so  frisches,  freudiges  Leben,  daß  der  Deutsche
sich  noch  heute  im  Lager  Wallenstein's  fast  heimischer  fühlt  als  unter
fridericianischen  Soldaten;  aus  den  Kämpfen  der  handfesten  deutschen
        <pb n="212" />
        202  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Bauern  des  Hochgebirges  gestaltete  er  das  verklärte  Bild  eines  großen
Freiheitskrieges  und  legte  Alles  darin  nieder  was  nur  ein  hoher  Sinn
über  die  ewigen  Rechte  des  Menschen,  über  den  Muth  und  Einmuth
freier  Völker  zu  sagen  vermag.  Der  Tell  sollte  bald  für  unser  politisches
Leben  noch  folgenreicher  werden  als  einst  Klopstock's  Bardengesänge.  An
diesem  Gedichte  vornehmlich  nährte  das  heranwachsende  Geschlecht  seine
Begeisterung  für  Freiheit  und  Vaterland;  die  ganz  dramatisch  gedachte
Mahnung:  „cseid  einig,  einig,  einig!“  erschien  den  jungen  Schwärmern
wie  ein  heiliges  Vermächtniß  des  Dichters  an  sein  eigenes  Volk.

Die  nationale  Bühne  freilich,  worauf  seit  Lessing  alle  unsere  Dramatiker
  hofften,  ist  auch  durch  Schiller  den  Deutschen  nicht  geschenkt  worden,
weil  kein  einzelner  Mann  sie  zu  schaffen  vermochte.  Schiller  strebte  nach
einem  nationalen  Stile,  der  das  Echte  und  Große  der  älteren  Dramatik,
den  Gestaltenreichthum,  die  bewegte  Handlung  und  die  tiefe  Charakteristik
Shakespeare's,  den  lyrischen  Schwung  der  antiken,  und  die  strenge  Composition
  der  französischen  Tragödie  bewußt  und  selbständig  in  sich  vereinigen
  und  darum  dem  Charakter  unserer  neuen  Bildung  entsprechen
sollte.  Aber  es  fehlte  dem  Dichter  der  lebendige  Verkehr  mit  dem  Volke.
Nur  der  brausende  Jubelruf  einer  großstädtischen  Hörerschaft  zeigt  dem
Dramatiker,  wann  er  das  Allen  Gemeine,  das  wahrhaft  Volksthümliche
gefunden  hat.  Die  Handvoll  trübseliger  Kleinbürger  im  Parterre  des
weimarischen  Theaterschuppens  waren  kein  Volk,  und  die  vornehmen
Schöngeister  in  den  Logen  des  Hofes  zollten  den  Experimenten  geistreich
spielender  Willkür  den  gleichen,  ja  vielleicht  noch  lebhafteren  Beifall  wie
dem  einfach  Großen.  Es  fehlte  den  Deutschen  überhaupt,  wie  Goethe
klagte,  „eine  Nationalcultur,  die  den  Dichter  zwingt  die  Eigenheiten  seines
Genies  ihr  zu  unterwerfen“.  Fast  nur  gebend,  wenig  empfangend  standen
die  Dioskuren  von  Weimar  ihrem  Volke  gegenüber,  das  sie  erst  emporhoben
  zu  reinerer  Bildung.  Darum  sind  Beide  nach  mannigfachen  Versuchen
  mit  Trilogien  und  Einzeldramen,  mit  Jamben  und  Reimpaaren,
mit  Chorgesängen  und  melodramatischen  Einlagen  doch  nicht  dahin  gelangt
für  unser  Drama  eine  Kunstform  zu  schaffen,  die  als  die  nationale  anerkannt
  wurde.  Wie  die  feierliche,  übertrieben  pathetische  Declamation  der
weimarischen  Schauspieler  im  übrigen  Deutschland  nicht  zur  Herrschaft
kam,  so  trieben  auch  die  dramatischen  Dichter  nach  Willkür  und  Laune
ihr  Wesen,  Jeder  von  vorn  beginnend,  Jeder  bemüht  durch  neue  Künste
und  Künsteleien  alle  Anderen  zu  übertreffen.  Unsere  Bühne  bot  ein
Bild  der  Anarchie,  das  freilich  auch  allen  Zauber  der  ungebundenen  Freiheit
  zeigte.  Niemand  hat  die  kleinliche  Zersplitterung  des  deutschen  Lebens.
und  ihre  verderbliche  Einwirkung  auf  die  Kunst  schmerzlicher  empfunden
als  Goethe.  Ueber  seinen  Wilhelm  Meister  sagte  er  geradezu:  da  habe
er  nun  „den  allerelendesten  Stoff,  Komödianten  und  Landedelleute“  wählen
müssen,  weil  die  deutsche  Gesellschaft  dem  Dichter  keinen  besseren  biete;
        <pb n="213" />
        Komische  Dichtung.  203.

und  im  Tasso  schilderte  er  die  trotz  aller  Feinheit  der  Bildung  doch
drückende  Enge  des  Lebens  an  kleinen  Höfen  mit  einer  Bitterkeit,  welche
nur  aus  selbsterlebter  Pein  stammen  konnte.

Nicht  bloß  die  natürliche  Anlage  des  deutschen  Geistes,  der  am  Gestalten
  der  Charaktere  mehr  Freude  findet  als  am  Erfinden  spannender
Situationen,  sondern  vor  Allem  die  Verkümmerung  unseres  öffentlichen
Lebens  hat  es  verschuldet,  daß  der  Humor,  der  noch  in  unserem  lebensfrohen
  sechzehnten  Jahrhundert  so  prächtige  Funken  schlug,  in  dieser  Blüthezeit
  deutscher  Dichtung  sich  so  selten  zeigte.  Das  Lustspiel  konnte  dem
kühnen  Aufschwunge  der  Tragödie  nicht  folgen.  Die  Komödie  wurzelt
immer  in  der  Gegenwart  und  blüht  nur  in  Völkern,  die  unbefangen  an
sich  selber  glauben,  sich  herzhaft  wohl  fühlen  in  der  eigenen  Haut;  sie
bedarf  fester  nationaler  Sitten  und  Anstandsbegriffe,  wenn  sie  nicht  willkürlich,
  gemeinverständlicher  socialer  Kämpfe  und  Interessen,  wenn  sie  nicht
platt  werden  soll.  Von  Alledem  waren  in  der  langsam  wieder  auflebenden
deutschen  Nation  erst  schwache  Anfänge  vorhanden.  Der  beliebteste  Lustspieldichter
  der  Zeit,  Kotzebue,  ein  Talent  von  unverächtlicher  komischer
Kraft,  widerte  edlere  Naturen  an  nicht  bloß  durch  die  angeborene  Gemeinheit
  eines  durchaus  flachen  Geistes,  sondern  mehr  noch  durch  die  Erbärmlichkeit
  der  Verhältnisse,  die  er  schilderte,  und  durch  die  Unsicherheit  seines
sittlichen  Gefühls,  das  zwischen  weinerlicher  Schwäche  und  schmunzelnder
Frechheit  haltlos  schwankte.  Auch  Jean  Paul,  der  Einzige,  der  damals
mit  hohen  künstlerischen  Absichten  sich  dem  Dienste  der  komischen  Muse
widmete,  ward  durch  die  zerfahrene  Unfertigkeit  des  deutschen  geselligen
Lebens  zu  Grunde  gerichtet.  Seine  Gestalten  bewegen  sich  bald  in  der
schweren  Stickluft  unfreier,  armseliger  Kleinstädterei,  bald  in  dem  dünnen
Aether  idealer  Bedürfnißlosigkeit,  wo  die  Menschenbrust  nicht  mehr  athmen
kann.  Die  Schwärmerei  seiner  warmherzigen  Menschenliebe  giebt  ihm
doch  keinen  festen  sittlichen  Halt;  nach  Lust  und  Laune  rüttelt  er  in  frivolem
  Spiele  an  den  ewigen  Gesetzen  der  sittlichen  Welt  um  nachher
wieder  in  verhimmelten  Gefühlen  zu  schwelgen  und  seine  Liebenden  „im
kurzen  seligen  Elysium  des  ersten  Kusses  wohnen“  zu  lassen.  Das  unsichere
Stilgefühl  der  Leser  gestattet  seinem  Humor  jede  Willkür;  ungescheut  läßt
er  der  natürlichen  Formlosigkeit  des  deutschen  Geistes  die  Zügel  schießen,
verrenkt  die  Sprache  und  überladet  sie  mit  schwülstiger  Künstelei.

Goethe's  klaren  Blicken  entgingen  die  sittlichen  Gefahren  der  ästhetischen
  Weltanschauung  nicht;  warnend  hat  er  der  Ingend  zugerufen:
„daß  die  Muse  zu  begleiten,  doch  zu  leiten  nicht  versteht!“  Aber  ein
reiches  Geschlecht  war  es  doch,  das  so  zügellos  dem  Drange  seines  Herzens
nachging.  Alle  Schleußen  des  deutschen  Genius  schienen  aufgezogen:
unsere  Musik  erlebte  ihr  classisches  Zeitalter,  in  der  Philologie  schlug
F.  A.  Wolf,  in  den  bildenden  Künsten  Asmus  Carstens  neue  kühne
Bahnen  ein.  Selbst  die  gesellige  Anmuth,  die  sonst  deutscher  Wahrhaf-
        <pb n="214" />
        204  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

tigkeit  wenig  zusagt,  kam  in  den  Kreisen  der  Auserwählten  zu  reizender
Entfaltung;  geistreicher,  verführerischer  als  in  Caroline  Schelling's  Briefen
hat  Weiberliebe  und  Weiberbosheit  selten  geredet.  Und  wie  mochte  man
ohne  Freude  den  edlen  Fürsten  betrachten,  der  alle  diese  großen  Menschen
frei  gewähren  ließ,  der  sie  alle  verstand  und  dabei  so  fest  und  stattlich
sich  selbst  behauptete?  Ganz  unbekümmert  stürmte  Karl  August  in's  junge
Leben,  bis  eigene  Erkenntniß,  nicht  fremder  Rath  ihn  lehrte  „nach  und
nach  die  freie  Seele  einzuschränken“.

Wenn  die  altfranzösischen  Edelleute,  die  Talleyrand,  Segur,  Ligne,
damals  zu  behaupten  pflegten,  wer  nicht  die  letzten  Zeiten  des  alten
Königthums  vor  dem  Jahre  89  mit  erlebt,  der  wisse  nicht  was  leben
heißt,  so  konnten  Deutschlands  Dichter  und  Denker  mit  besserem  Rechte
das  Gleiche  von  ihrem  goldenen  Zeitalter  sagen.  Eine  wunderbare  Dich—
tigkeit  des  geistigen  Daseins  gestattete  Jedem  seine  Gaben  in  Genuß  und
That  nach  allen  Seiten  hin  harmonisch  zu  entfalten;  und  es  entsprach
nur  den  wirklichen  Zuständen,  wenn  die  schöne  Geselligkeit  sich  besser
dünkte  als  der  geistlose  Staat,  wenn  die  Briefe  Schiller's  und  Goethe's
immer  wieder  die  Sorge  aussprachen,  daß  nur  der  Staat  ja  nicht  „die
Freiheit  des  Particuliers“  antaste.  Wie  diese  Künstlerwelt  sich  zum
Staate  stellte,  das  zeigte  Wilhelm  Humboldt  vornehm  und  geistvoll  in
seiner  Abhandlung  über  die  Grenzen  der  Wirksamkeit  des  Staates:  der
höchste  Zweck  des  Lebens,  die  Erziehung  des  Menschen  zur  Eigenthüm—
lichkeit  der  Kraft  und  Bildung,  wird  nur  erreicht,  wenn  der  Einzelne  in
Freiheit  und  in  mannigfaltigen  Situationen  sich  bewegt;  darum  muß
die  Zwangsanstalt  des  Staates  auf  die  Sicherung  von  Hab'  und  Leben
sich  beschränken,  in  Allem  sonst  den  königlichen  Menschen  frei  schalten
lassen;  der  Staat  steht  um  so  höher,  je  reicher  und  selbständiger  sich  die
Eigenart  der  Personen  in  ihm  gestalten  darf.  So  wurde  die  Kantische
Lehre  vom  Rechtsstaate  im  ästhetischen  Sinne  weiter  gebildet;  die  dürre
Doctrin  des  naturrechtlichen  Individualismus  gewann  Reiz  und  Leben
seit  sie  mit  dem  Cultus  der  freien  Persönlichkeit  sich  vermählte.  Die
Bewunderer  des  classischen  Alterthums  predigten  die  Flucht  vor  dem
Staate,  das  genaue  Gegentheil  hellenischer  Tugend.

Bald  genug  sollte  ein  furchtbares  Erwachen  dem  seligen  Traume
folgen;  bald  genug  sollte  der  Bildungsstolz  erfahren,  daß  für  edle  Völker
Eines  noch  schrecklicher  ist  als  das  Banausenthum:  —  die  Schande.  Den—
noch  trifft  die  Heroen  der  deutschen  Dichtung  in  keiner  Weise  der  Vor—
wurf,  als  ob  sie  irgend  eine  Mitschuld  trügen  an  der  Demüthigung  ihres
Vaterlandes.  Der  Zerfall  des  alten  deutschen  Staates  war  entschieden;
die  Theilnahme  unserer  Dichter  an  den  politischen  Ereignissen  der  Zeit
konnte  das  Verhängniß  nicht  wenden,  konnte  nur  sie  selber  dem  Ewigen
entfremden.  Sie  hüteten  das  Eigenste  unseres  Volkes,  das  heilige  Feuer
des  Idealismus,  und  ihnen  vornehmlich  danken  wir,  daß  es  noch  immer
        <pb n="215" />
        Anfänge  der  Romantik.  205

ein  Deutschland  gab  als  das  deutsche  Reich  verschwunden  war,  daß  die
Deutschen  mitten  in  Noth  und  Knechtschaft  noch  an  sich  selber,  an  die
Unvergänglichkeit  deutschen  Wesens  glauben  durften.  Aus  der  Durch—
bildung  der  freien  Persönlichkeit  ging  unsere  politische  Freiheit,  ging  die
Unabhängigkeit  des  deutschen  Staates  hervor.

In  dem  Gedichte,  das  stolz  und  spröde  wie  kein  zweites  die  Ver—
achtung  der  Idealisten  gegen  die  schlechte  Wirklichkeit  aussprach,  in  Schiller's
Reich  der  Schatten  standen  die  Worte:

Nehmt  die  Gottheit  auf  in  euren  Willen,

Und  sie  steigt  von  ihrem  Weltenthron!
Der  Dichter  ließ  sie  unverändert,  obgleich  Humboldt  ihm  treffend  bemerkte,
sie  gäben  den  ästhetischen  Grundgedanken  des  Gedichtes  nicht  rein  wieder.
Und  er  wußte  was  er  that.  Denn  die  Bildung,  welche  er  mit  seinen  Freunden
verkündigte,  war  nicht  beschaulicher  Genuß,  sondern  freudiges  Handeln,
Hingabe  des  ganzen  Menschen  in  den  Dienst  der  Idee;  sie  schwächte  nicht,
sie  stählte  ihren  Jüngern  die  Kraft  des  Willens,  erfüllte  sie  mit  jener
Sicherheit  der  Seele,  die  „schlechterdings  Alles  was  Schicksal  heißt  als
ganz  gleichgiltig“  ansah,  wie  Gentz  von  seinem  Humboldt  rühmte.  Dieser
active  Humanismus  war  weder  weichmüthig  noch  staatsfeindlich,  er  hatte
nur  das  Wesen  des  Staates  noch  nicht  verstanden  und  bedurfte  nur  der
Schule  der  Erfahrung  um  alle  Tugenden  des  Bürgers  und  des  Helden  aus
sich  heraus  zu  bilden.  Wenn  derselbe  Humboldt,  der  jetzt  die  Flucht  vor
dem  Staate  predigte,  späterhin  in  fester  Treue  seinem  Staate  diente,  so
widersprach  er  sich  nicht  selber,  sondern  schritt  nur  weiter  auf  dem  ein—
geschlagenen  Wege:  er  hatte  gelernt,  daß  der  Adel  freier  Menschenbildung
in  einem  unterdrückten  und  entehrten  Volke  nicht  bestehen  kann.

Unterdessen  begann  bereits  in  der  Literatur  selbst  eine  neue  Strö—
mung,  welche  die  Deutschen  zu  einem  tieferen  Verständniß  vom  Staat
und  Vaterland  führen  sollte.  Das  erste  Auftreten  der  jungen  roman—
tischen  Schule  erschien  zunächst  als  ein  sittlicher  und  künstlerischer  Ver—
fall.  Waren  die  beiden  letzten  literarischen  Generationen  an  edlen,
liebenswerthen  Menschen  überreich  gewesen,  so  nahm  jetzt  die  Zahl  der
Eitlen,  der  Lüsternen,  der  Ueberbildeten  bedenklich  zu.  Der  Sturm  und
Drang,  dessen  das  aufsteigende  Dichtergeschlecht  sich  rühmte,  war  nicht
mehr  naive  jugendliche  Leidenschaft,  sondern  zeigte  bereits  den  Charakter
des  Epigonenthums.  Statt  der  einfältigen  Lust  am  Schönen  herrschte
ein  krankhafter  Ehrgeiz,  der  um  jeden  Preis  das  Niedagewesene  leisten
wollte,  und  treffend  sagte  Goethe  von  seinen  Nachfolgern:  „sie  kommen
mir  vor  wie  Ritter,  die,  um  ihre  Vorgänger  zu  überbieten,  den  Dank
außerhalb  der  Schranken  suchen.“

Die  dichterische  Kraft  der  Romantiker  blieb  weit  hinter  ihren  großen
Absichten  zurück;  schon  den  Zeitgenossen  fiel  es  auf,  daß  ihre  Phantasie
immer  laut  rauschend  mit  den  Flügeln  schlug  ohne  je  in  rechten  Schwung
        <pb n="216" />
        206  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

zu  kommen.  Ihre  Führer  waren,  obgleich  sie  hochmüthig  lärmend  auf
das  Recht  des  Genies  zu  trotzen  liebten,  mehr  feingebildete  Kenner  als
schöpferische  Dichter,  ihre  Kunst  mehr  ein  absichtliches  Experimentiren  als
unbewußtes  Schaffen;  statt  jener  Goethischen  „Verliebtheit  in's  Reale"
sollte  die  Ironie,  die  Todfeindin  aller  Naivität;  jetzt  die  echte  poetische
Stimmung  sein.  Der  schöne  Ausspruch:  edle  Naturen  zahlen  mit  dem
was  sie  sind  —  diente  der  anmaßlichen  Unfruchtbarkeit  zum  Lotterbette.
Spielende  Willkür  verwischte  die  Grenzen  aller  Kunstformen,  verdarb  die
Keuschheit  der  Tragödie  durch  Operngesänge,  führte  die  Zuschauer  als
Mitredende  in  die  dramatische  Handlung  ein,  brachte  die  unverständlichen
  Empfindungen  entlegener  Völker  und  Zeiten  auf  die  Bühne,  die
doch  stets  im  edlen  Sinne  zeitgemäß  bleiben  und  nur  darstellen  soll  was
die  Hörer  mitfühlen.  Die  Sprache  war  nunmehr,  nach  Schiller's  Worten,
durch  große  Meister  so  weit  gebildet,  daß  sie  für  den  Schriftsteller  dichtete
  und  dachte;  das  junge  Geschlecht  muthete  ihr  das  Unmögliche  zu,
sang  von  klingenden  Farben  und  duftenden  Tönen.  Die  Schranken
zwischen  Poesie  und  Prosa  stürzten  ein,  die  Dichtung  erging  sich  in  Betrachtungen
  über  die  Kunst,  die  Kritik  in  phantastischen  Bildern.  Die
Kunst  war  Wissenschaft,  die  Wissenschaft  Kunst;  alle  Offenbarungen  des
Seelenlebens  der  Menschheit,  Glauben  und  Wissen,  Sage  und  Dichtung,
  Musik  und  bildende  Künste  entströmten  dem  einen  Ocean  der
Poesie  um  wieder  in  ihn  zurückzufließen.

So  gelangten  die  Romantiker,  während  sie  beständig  von  volksthümlicher
  Dichtung  sprachen,  zu  einer  phantastischen  und  überbildeten  Weltanschauung,
  die  nur  wenigen  Eingeweihten,  und  auch  diesen  kaum,  verständlich
  war.  Von  ihrer  Zuchtlosigkeit  und  zugleich  von  ihrem  Unvermögen
  gab  Friedrich  Schlegel's  Lucinde  ein  trauriges  Zeugniß:  da  schwelgte
eine  künstlich  erhitzte  Phantasie  in  „Dithyramben  über  die  schönste  Situation“,
  ohne  jemals  sinnlich  warm  und  anschaulich  zu  werden,  es  war
wie  das  Frrereden  eines  trunkenen  Pedanten.  Auch  die  Philosophie
wurde  von  dem  Uebermuthe  und  der  Unklarheit  der  Romantik  angekränkelt.
  Sie  war  bisher  von  den  weltbürgerlichen  Einwirkungen,  welche
die  übrige  Literatur  ergriffen,  gar  nicht  berührt  worden,  sondern  hatte
sich  eine  selbständige  Ideenwelt  geschaffen,  die  dem  Auslande  ebenso  unfaßbar
  blieb  wie  die  Terminologie  der  deutschen  Philosophen.  Der  Genius
unserer  Sprache,  der  zu  geistvoller,  vielsagender  Unbestimmtheit  neigt,
kam  den  mystischen  Neigungen  der  deutschen  Natur  nur  zu  bereitwillig
entgegen;  die  romantische  Schwärmerei  mußte  ihnen  vollends  verhängnißvoll
  werden.  Wenn  der  junge  Schelling,  durch  Goethe's  Ideen  angeregt,
  sich  vermaß  die  Natur  zu  verfolgen,  wie  sie  sich  in  allem  Lebendigen
auseinandersetzt,  so  eröffnete  er  allerdings  mit  erstaunlicher  Kühnheit  dem
philosophischen  Denken  ein  völlig  neues  Gebiet;  doch  ihm  fehlte  gänzlich
jene  tiefe  Bescheidenheit,  welche  Kant  in  seinen  verwegensten  Speculationen
        <pb n="217" />
        Romantische  Weltanschauung.  207

nie  verleugnet  hatte.  Die  Inspiration  der  „intellectuellen  Anschauung“,
die  im  Bereiche  der  Erfahrungswissenschaften  schlechterdings  nur  zu  ge—
nialen  Hypothesen  anregen  kann  und  sich  immer  erst  durch  empirische
Beweise  rechtfertigen  muß,  sollte  ihm  die  Beobachtung  und  Vergleichung
ersetzen.  Durch  willkürliches  Construiren,  aus  der  Phantasie  heraus,
wähnte  er  der  Natur  die  Geheimnisse  zu  entreißen,  welche  sie  allein  dem
liebevollen,  entsagenden  Fleiße  enthüllt.  Das  nüchterne  Forschen  über—
ließ  man  verächtlich  den  geistlosen  Handwerkern;  die  gute  Gesellschaft
schwärmte  für  die  Naturphilosophie  oder  lernte  befriedigt  aus  Gall's
Schädellehre,  wie  leicht  und  spielend  der  geniale  Mensch  die  dunkelsten
Probleme  der  Psychologie  und  Naturwissenschaft  bewältigen  könne.  Alle
Schäden  der  Ueberbildung  begannen  sich  zu  zeigen;  der  geistige  Hochmuth
stellte  launisch  die  welterhaltenden  Gesetze  des  sittlichen  Lebens  in  Frage,
schaute  mit  geringschätzigem  Lächeln  auf  den  moralischen  Pedanten  Schiller
herunter.  Schwächere  Naturen  verfielen  einer  übergeistreichen  Matther—
zigkeit,  lernten  alle  Dinge  von  allen  Seiten  zu  betrachten  und  verloren
inmitten  der  entgegengesetzten  Gesichtspunkte,  welche  der  Gedankenreichthum
der  Zeit  einem  Jeden  darbot,  die  Kraft  zu  selbständigem  Denken  und
Wollen;  wer  eine  historische  Erscheinung  theoretisch  erklürt  und  verstanden
hatte,  wähnte  sie  auch  gerechtfertigt  zu  haben.

Gleichwohl  ist  die  romantische  Dichtung  für  unser  Leben  überaus
fruchtbar  geworden,  weniger  durch  ihre  eigenen  Kunstwerke,  als  durch  die
Anregung,  die  sie  der  Wissenschaft  gab,  durch  den  neuen  weiten  Gesichts—
kreis,  den  sie  dem  gesammten  Fühlen  und  Denken  der  Nation  erschloß.
Sie  verfeinerte  und  vertiefte  das  Naturgefühl,  weckte  das  Verständniß
für  die  Seele  der  Landschaft,  für  den  ahnungsvollen  Zauber  der  Wald—
einsamkeit,  der  Felsenwildniß,  der  moosbedeckten  Brunnen.  Das  acht—
zehnte  Jahrhundert  hatte  sich,  gleich  den  Alten,  in  der  reichangebauten
fruchtbaren  Ebene  wohl  gefühlt,  die  neue  Zeit  suchte  nach  den  roman—
tischen  Reizen  der  Natur;  die  Jugend  lernte  die  unschuldigen  Freuden
der  frischen,  freien  Wanderlust  wieder  schätzen,  das  Volk  bis  tief  in  die
Mittelstände  herab  ward  nach  und  nach  um  eine  Fülle  neuer  Anschau—
ungen  reicher.  Die  Welt  des  Märchenhaften,  Geheimnißvollen,  Dunkel—
klaren  wurde  jetzt  erst  der  deutschen  Dichtung  ganz  erschlossen.  Ihre
Traumgestalten  traten  nicht  so  rund,  klar  und  fertig  heraus  wie  die
Gebilde  der  classischen  Kunst;  doch  sie  hoben  sich  ab  von  einem  tiefen
Hintergrunde  und  schienen  in's  Unendliche  hinauszudeuten,  und  über
ihnen  lag  der  Dämmerschein  der  „mondbeglänzten  Zaubernacht,  die  den
Sinn  gefangen  hält“.  Uralte,  längst  verschollene  Empfindungen  des
germanischen  Volksgemüths  wurden  wieder  lebendig.

Die  Romantiker  fühlten,  daß  die  classischen  Ideale  das  innerste  Leben
unseres  Volkes  nicht  vollständig  wiedergaben;  sie  suchten  nach  neuen  Stoffen,
durchstreiften  als  wagelustige  Conquistadoren  die  weite  Welt,  bis  zu  der
        <pb n="218" />
        208  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Wiege  der  Menschheit  in  Indien,  bis  zu  den  stillen  Naturvölkern  in  den
vergessenen  Winkeln  der  Erde.  Ueberall  wo  nur  die  Allerzeugerin  Poesie
in  Sprache,  Kunst  und  Religion  sich  entfaltet  hatte,  suchte  man  sie  auf
und  strebte  ihre  Offenbarungen  dem  deutschen  Genius  zu  vermählen:
wie  einst  die  Römer  die  Götterbilder  der  Unterworfenen  in  ihrem  Pantheon
  aufstellten,  so  sollte  das  neue  Herrschervolk  im  Reiche  des  Geistes,
das  alle  anderen  Nationen  zu  durchschauen  und  zu  überschauen  meinte,
die  Dichtungen  aller  Länder  in  getreuen  Nachbildungen  sich  zu  eigen
machen.  Der  feine  Formensinn  und  die  sinnige  weibliche  Empfänglichkeit
A.  W.  Schlegel's  brachten  die  deutsche  Uebersetzerkunst  zur  Blüthe.  Rasch
nach  einander  erschienen  Shakespeare,  Cervantes,  Calderon,  eine  Menge
anderer  glücklicher  Uebersetzungen.  Die  deutsche  Poesie  zeigte  sich  jeder
noch  so  fremdartigen  Aufgabe  gewachsen,  ja  sie  lief  schon  Gefahr  einer
virtuosen  Formenspielerei  zu  verfallen,  die  ihrem  innersten  Wesen  widersprach:
  denn  in  allen  ihren  großen  Zeiten  hatten  die  Germanen  den  Inhalt
  höher  geschätzt  als  die  Form.  Aber  einen  unschätzbaren,  bleibenden
Gewinn  brachten  die  kühnen  Entdeckerfahrten  der  Romantiker:  in  ihrem
Kreise  zuerst  erwachte  der  historische  Sinn,  der  dem  philosophischen  Jahrhundert
  immer  fremd  geblieben.  In  seinen  literarhistorischen  Vorlesungen
führte  A.  W.  Schlegel,  an  Herder's  Ahnungen  anknüpfend,  den  großen
Gedanken  durch,  daß  die  Kunst  im  nationalen  Boden  wurzele,  daß  jedes
Volkes  Sprache,  Religion  und  Dichtung  als  ein  nothwendiges  Werden,
als  die  Entfaltung  des  Volksgeistes  zu  verstehen  sei.  So  ward  der  Grund
gelegt,  auf  dem  sich  dereinst  der  stolze  Bau  der  vergleichenden  Sprachforschung,
  der  Literatur=  und  Kunstgeschichte  erheben  sollte.

Und  eben  dies  Schweifen  in  die  Ferne  führte  die  Romantiker  wieder
zur  Heimath  zurück.  Da  sie  überall  in  der  Geschichte  nach  dem  Volksthümlichen
  und  Ursprünglichen  suchten,  so  gelangten  sie  endlich  auf  seltsamen
  Umwegen  zu  der  Frage:  wie  sich  denn  dies  neue  deutsche  Volk
gebildet  habe?  Sie  faßten  sich  das  Herz  dem  vaterländischen  Alterthume
wieder  in's  Gesicht  zu  schauen,  und  es  erschien  dem  neuen  Geschlechte  zuerst
so  fremd,  wie  dem  Manne  sein  eigenes  Knabenbildniß.  Die  Deutschen
entdeckten  mit  freudiger  Beschämung,  wie  lächerlich  wenig  sie  doch  von  dem
Reichthum  des  eigenen  Landes  gekannt  hatten.  Die  verrufene  finstere  Nacht
des  Mittelalters  leuchtete  wieder  in  freudigem  Glanze.  Ein  farbenreiches
Gewimmel  fremdartiger  Gestalten,  Mönche  und  Minnesänger,  heilige
Frauen  und  Gottesstreiter,  bewegte  sich  vor  den  entzückten  Blicken;  die
Stauferkaiser,  deren  Name  kaum  noch  in  Schwaben  dem  Volke  bekannt
war,  erschienen  wieder  als  die  ritterlichen  Helden  der  Nation.  Der  Händler
auf  den  Jahrmärkten,  der  die  Löschpapierausgaben  alter  Volksbücher  für
den  kleinen  Mann  feil  bot,  setzte  seine  Waare  jetzt  zuweilen  auch  an  gelehrte
Herren  ab.  Die  vornehmen  Leute  horchten  auf,  wenn  die  Magd  den  Kindern
  Märchen  erzählte,  und  unter  den  Eingeweihten  ging  die  Rede,  daß
        <pb n="219" />
        Einkehr  in  das  deutsche  Leben.  209

in  den  Mythen  des  altgermanischen  Heidenthums  noch  ein  unerschöpflicher
Schatz  gemüthvollen  Tiefsinns  verborgen  liege.  Johannes  Müller  gab  in
seiner  Schweizergeschichte  zum  ersten  male  eine  ausführliche  Schilderung
mittelalterlichen  Lebens,  die  trotz  ihrer  geschraubten  und  gesuchten  Rhetorik
doch  tief  und  lebendig  war  und  eine  Menge  neuer  Gesichtspunkte  aufstellte;
er  war  es  auch,  der  zuerst  auf  die  heldenhafte  Großheit  des  Nibelungen—
liedes  hinwies.  Im  Jahre  1803  erschien  Tieck's  Sammlung  der  deutschen
Minnelieder.  Drei  Jahre  darauf  ließ  Schenkendorf  seinen  Hilferuf  er—
schallen  gegen  die  Nützlichkeitsbarbaren,  die  sich  an  dem  altehrwürdigen
Hochmeisterschlosse  zu  Marienburg  vergreifen  wollten;  die  vielverspottete
Gothik  wurde  jetzt  unter  dem  Namen  der  altdeutschen  Baukunst  gepriesen.

So  begann  von  allen  Seiten  her  die  Einkehr  in  das  deutsche  Leben;  ein
großer  Umschwung  kündigte  sich  an,  der  bald  nachher  durch  den  Druck  des
fremden  Joches,  durch  das  Erwachen  des  Nationalhasses  beschleunigt  wurde.
Die  ästhetische  Freude  am  Alten  und  Volksthümlichen  machte  die  Romantiker
zu  Gegnern  der  Revolution;  sie  haßten  „den  glattgewalzten  Rasen“  der
modernen  Rechtsgleichheit,  sie  haßten  das  Naturrecht,  das  die  schöne  Man—
nigfaltigkeit  der  historischen  Erscheinungen  unter  die  Scheere  seiner  kahlen
Regeln  nahm,  sie  verabscheuten  das  neue  Weltreich,  das  den  Reichthum  natio—
naler  Staats-  und  Rechtsbildungen  zu  zerstören  drohte.  Es  geschah  zum
ersten  male  in  aller  Geschichte  und  konnte  nur  in  einem  so  durchaus  idealisti—
schen  Volke  geschehen,  daß  eine  ursprünglich  rein  ästhetische  Bewegung  die
politischen  Anschauungen  verjüngte  und  umgestaltete.  Für  dies  Geschlecht
war  die  Poesie  wirklich  der  Ocean,  dem  Alles  entströmte.  Wenn  Wissenschaft,
Glauben  und  Kunst  als  die  nothwendigen  Gebilde  des  Volksgeistes  verstan—
den  werden  sollten,  so  doch  sicherlich  auch  Recht  und  Staat;  früher  oder
später  mußte  dieser  nothwendige  Schluß  gezogen  und  der  Gedanke  des
nationalen  Staates  für  die  deutsche  Wissenschaft  erobert  werden.  Die  Ver—
bindung  zwischen  Friedrich  Gentz  und  der  romantischen  Schule  beruhte
auf  dem  Gefühle  einer  tiefen  inneren  Verwandtschaft,  und  geradeswegs
aus  den  geschichtsphilosophischen  Ideen  und  Ahnungen  der  Romantiker  ist
nachher  die  historische  Staatslehre  Niebuhr's  und  Savigny's  hervorgegangen.

Ebenso  folgenreich  wurde  die  Wiederbelebung  des  religiösen  Gefühls,
die  sich  in  dem  jungen  Geschlechte  vorbereitete.  Die  classische  Dichtung  hielt
sich  dem  kirchlichen  Leben  fern;  sie  wollte  „aus  Religion"  keine  der  bestehenden
  Religionen  bekennen,  obgleich  sie  mit  den  sittlichen  Grundgedanken
des  Protestantismus  innig  verwachsen  war.  Kant  sah  in  der  Religion
die  Erkenntniß  unserer  Pflichten  als  göttlicher  Gebote,  die  Aufnahme  des
Göttlichen  in  den  Willen;  seine  erhabene  Strenge  wurde  den  Gefühlen  des
gläubigen  Herzens,  dem  Drange  der  Erhebung  und  Ergebung  nicht  völlig
gerecht.  Eben  diese  wunderbare  Welt  des  Gefühles,  der  ahnenden  Sehnsucht
  zog  die  Blicke  der  Romantiker  unwiderstehlich  an.  Während  ihre
Schwarmgeister  an  der  sinnlichen  Schönheit  des  katholischen  Cultus  sich

v.  Treitschke,  Deutsche  Eeschichte.  I.  14
        <pb n="220" />
        210  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

berauschten  oder  nach  einer  neuen  ästhetischen  Weltreligion  suchten,  stand  der
junge  Schleiermacher  fest  auf  dem  Boden  des  Protestantismus.  Sein
Geist  war  zu  sehr  auf  die  Welt  des  Handelns  gerichtet,  um,  gleich  den
weimarischen  Poeten,  die  Wirklichkeit  über  dem  heiteren  Spiele  der  Kunst
zu  vergessen,  und  doch  zu  künstlerisch  um  bei  der  unerbittlichen  allgemeinen
  Regel  des  kategorischen  Imperativs  sich  zu  beruhigen.  Die  Persönlichkeit,
  die  ihre  Eigenart  frei  entfaltet  und  zugleich  den  großen  objectiven
Ordnungen  des  Staates  und  der  Gesellschaft  sich  mit  Bewußtsein  einfügt,
war  ihm  die  individuelle  Form  des  allgemeinen  Sittengesetzes.  In  seinen
Reden  über  die  Religion  hielt  er  ihren  gebildeten  Verächtern  die  Mahnung
  entgegen:  „die  Religion  haßt  die  Einsamkeit,“  und  zeigte,  wie  sie
ihre  Wurzeln  im  Gefühle  habe,  wie  sie  ein  ursprüngliches,  allem  Handeln
und  aller  Lehre  vorangehendes  Leben  sei,  eine  sittliche  Macht,  wirksam  in
allen  Menschen;  nur  durch  sie  könne  der  Mensch  mitten  in  der  Endlichkeit
  eins  werden  mit  dem  Unendlichen  und  ewig  sein  in  jedem  Augenblicke.
Und  mit  einem  patriotischen  Stolze,  der  schon  die  Stimmungen  späterer
Jahre  vorausnahm,  wies  er  auf  die  unbezwingliche  Macht  der  Heimath
des  Protestantismus:  „denn  Deutschland  ist  immer  noch  da,  und  seine
unsichtbare  Kraft  ist  ungeschwächt.“  Wie  er  die  philosophische  Selbstgenügsamkeit
  zum  religiösen  Gemeinleben  heranrief,  so  wollte  er  sie  auch  die
Würde  des  Staates  erkennen  lehren:  der  Staat  ist  das  schönste  Kunstwerk
der  Menschheit,  giebt  dem  Einzelnen  erst  den  höchsten  Grad  des  Lebens,
sein  Zwang  darf  also  nicht  als  lästige  Beschränkung  empfunden  werden.

Zu  verwandten  Anschauungen  gelangte  auch  jener  gestrenge  steifnackige
  Denker,  dem  Schleiermacher's  Gemüthsreichthum  als  weibische
Schwäche  erschien;  denn  nur  unter  beständigen  Kämpfen  trotziger,  eigenrichtiger
  Persönlichkeiten  vollendete  sich  die  literarische  Bewegung,  die  uns
Rückschauenden  heute  so  einfach,  so  nothwendig  erscheint.  Mit  Fichte's
Philosophie  sprach  der  transcendentale  Idealismus  sein  letztes  Wort.  Er
bestritt  der  Welt  der  Erfahrung  kurzweg  jede  Realität:  nur  weil  das  sittliche
  Handeln  eine  Bühne  fordere,  nur  deshalb  sei  der  Geist  gezwungen,
eine  Außenwelt  aus  sich  herauszuschauen  und  als  wirklich  anzunehmen.
Auch  in  seinen  politischen  Schriften  schien  der  verwegene  Mann  alle
Schranken  der  historischen  Wirklichkeit  zu  mißachten.  Das  Ideal  des  Zeitalters,
  den  ewigen  Frieden,  wollte  er  verwirklichen  durch  die  völlige  Aufhebung
  des  Welthandels,  dergestalt  daß  die  „geschlossenen  Handelsstaaten“
nur  noch  durch  den  Austausch  wissenschaftlicher  Gedanken  mit  einander
verkehrten;  und  in  seinen  Reden  über  die  Grundzüge  des  gegenwärtigen
Zeitalters  rühmte  er  geradezu  als  das  Vorrecht  des  sonnenverwandten
Geistes,  daß  er  sich  von  der  Scholle  löse  und  als  ein  Weltbürger  sein
Vaterland  da  finde,  „wo  Licht  ist  und  Recht“.  Und  doch  redete  schon
aus  diesen  Vorträgen  ein  thatenfroher  Sinn,  der  über  die  Welt  der
Theorie  hinausstrebte.  Jeder  Satz  predigte  den  strengen  Dienst  der  Pflicht;
        <pb n="221" />
        Literarischer  Nationalstolz.  211

es  giebt  nur  eine  Tugend:  sich  selbst  als  Person  zu  vergessen,  und  nur
ein  Laster:  an  sich  selbst  zu  denken.  Der  also  sprach,  wußte  selber  noch
nicht  recht,  daß  er  in  seinen  herben  Mahnungen  an  die  schlaffe  Zeit  die
mannhaften  Tugenden  des  alten  Preußens  verherrlichte.  Nur  als  eine
kühne  Ahnung  warf  er  den  Gedanken  hin,  der  mit  seinen  weltbürgerlichen
Träumen  in  schneidendem  Widerspruche  stand:  am  letzten  Ende  sei  doch
der  Staat  der  Träger  aller  Cultur  und  darum  berechtigt,  jede  Kraft  des
Einzelnen  für  sich  in  Anspruch  zu  nehmen.

Also  bereitete  sich  im  Schoße  der  Literatur  selber  eine  neue  politische
Bildung  vor.  Wer  die  unheimlichen  Widersprüche  der  deutschen  Zustände
nur  flüchtig  betrachtete  —  solche  Blüthe  des  geistigen  und  solchen  Jammer
des  politischen  Lebens  dicht  neben  einander  —  der  mochte  sich  wohl  an
jene  Zeiten  des  makedonischen  Philippos  gemahnt  fühlen,  da  die  Thebaner
auf  dem  Grabe  griechischer  Freiheit,  auf  dem  Schlachtfelde  von  Chaironeia
das  herrliche  Löwendenkmal  errichteten  und  Lykurgos  das  besiegte  Athen
mit  seinen  Prachtbauten  schmückte:  ganz  so  unsicher  wie  einst  Hellas  zwischen
Persien  und  Makedonien  stand  das  gedankenschwere  Deutschland  zwischen
Oesterreich  und  Frankreich.  In  Wahrheit  lagen  die  deutschen  Dinge
keineswegs  so  hoffnungslos.  Der  trübselige  Spruch,  daß  die  Eule  der
Minerva  erst  in  der  Dämmerung  ihren  Flug  beginne,  gilt  für  Hellas,
nicht  für  Deutschland.  Unsere  classische  Literatur  war  nicht  das  Aus—
klingen  einer  alten  Gesittung,  sondern  der  vielverheißende  Anfang  einer
neuen  Entwicklung.  Hier  faßte  kein  Aristoteles  die  letzten  Ergebnisse  einer
Cultur,  die  zu  Grabe  ging,  in  einem  großen  Gedankensysteme  zusammen,
sondern  ein  junges,  in  allen  seinen  Verirrungen  lebensfrohes  und  zukunfts—
sicheres  Geschlecht  überraschte  die  Welt  mit  immer  neuen  Entdeckungen.
Keinen  Augenblick  ist  den  geistigen  Führern  der  Nation  der  Glaube  an
Deutschlands  große  Bestimmung  abhanden  gekommen.  Trotz  ihrer  elenden
Verfassung,  sagte  A.  W.  Schlegel,  und  trotz  ihrer  Niederlagen  bleiben  die
Deutschen  doch  die  Rettung  Europas.  Im  selben  Sinne  schrieb  Novalis:
während  andere  Völker  in  Parteikämpfen  oder  in  der  Jagd  nach  dem
Gelde  ihre  Kraft  vergeudeten,  bilde  sich  der  Deutsche  mit  allem  Fleiße
zum  Zeitgenossen  einer  höheren  Epoche  der  Cultur  und  werde  im  Laufe
der  Zeit  ein  großes  Uebergewicht  über  die  anderen  erlangen.  Selbst  der
schwermüthige  Hölderlin,  dem  die  Ohnmacht  der  „thatenarmen  und  ge—
dankenvollen“  Deutschen  am  Herzen  fraß,  rief  doch  in  freudiger  Ahnung:

Oder  kommt,  wie  der  Blitz  aus  dem  Gewölke  kommt,
Aus  Gedanken  die  That?  Leben  die  Bücher  bald?

Die  Gesinnung  der  Knechte  ist  diesem  Geschlechte  von  Dichtern  und
Denkern  immer  fremd  geblieben.  Wohl  sendete  auch  Deutschland  seine
Pilger  zu  dem  großen  Fremdenzuge,  der  während  des  Consulats  und  der
ersten  Jahre  des  Kaiserreichs  von  allen  Enden  Europas  nach  Paris
strömte.  Die  ersten  Kunstschätze  der  Erde  lagen  dort  aufgespeichert,  wie

14*
        <pb n="222" />
        212  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

einst  im  kaiserlichen  Rom,  und  wieder  wie  in  den  Tagen  des  Augustus
versammelte  sich  ein  weltbürgerliches  Publikum,  das  mit  feinem  Urtheil
aus  dem  Schönen  das  Schönste  herausfand;  erst  in  der  Weltgalerie  des
Louvre  ist  die  überwältigende  Größe  Rafael's  erkannt  worden.  Den  deutschen
  Schöngeistern  ward  es  in  den  heimischen  Kleinstädten  zu  eng,  sie
eilten  nach  der  Seine  und  berauschten  sich  an  den  edlen  wie  an  den  gemeinen
  Freuden  der  Hauptstadt  der  Welt.  Aber  mitten  in  dem  sinnberückenden
  Glanze  blieb  ihnen  das  Gefühl  der  eigenen  Ueberlegenheit;
sie  vergaßen  es  nicht,  daß  die  Franzosen  an  dieser  zusammengeraubten
Herrlichkeit  gar  kein  Verdienst  hatten,  sondern  soeben  erst,  durch  die  Werke
Laplace's,  langsam  begannen  aus  der  Barbarei  wieder  zur  Cultur  emporzu--steigen.
  Während  Friedrich  Schlegel  die  Schildkrötensuppen  und  die  nackten
Actricen  der  neuen  Babylon  bewundert,  schreibt  er  zugleich:  „Paris  hat  den
einzigen  Fehler,  daß  ziemlich  viel  Franzosen  dort  sind“,  und  seine  Dorothea
fügt  hinzu:  „wie  dumm  die  Franzosen  sind,  das  ist  ganz  unglaublich.“
Schöner  als  diese  spottlustigen  Weltkinder  hat  Schiller  den  Nationalstolz
seines  Denkervolkes  ausgesprochen.  Er  wußte,  daß  die  Siege  Kant's  und
Goethe's  schwerer  wogen  als  die  Lorbeeren  von  Marengo,  daß  die  Deutschen
noch  immer  ein  Recht  hatten,  ihre  prahlerischen  Nachbarn  an  die  ewigen
Güter  der  Menschheit  zu  erinnern,  und  sagte  über  das  Pantheon  der
Pariser  Plünderer  stolz  und  groß:

Der  allein  besitzt  die  Musen,

Der  sie  trägt  im  warmen  Busen;

Dem  Vandalen  sind  sie  Stein!

 

Dahin  war  es  nun  schon  gekommen,  daß  nur  noch  ein  Bund  der
vier  großen  Mächte  das  übermächtige  Frankreich  in  seine  Schranken  zurückweisen
  konnte.  Aber  Oesterreich  hatte  die  Schläge  der  letzten  Kriege  noch
nicht  verwunden.  Der  junge  Czar  begann  zwar  seit  dem  Frühjahre  1803
ernstlich  besorgt  zu  werden  über  die  Unersättlichkeit  der  napoleonischen
Politik,  die  er  in  den  deutschen  Entschädigungshändeln  genugsam  kennen
gelernt,  doch  seine  knabenhafte  Unsicherheit  fand  noch  keinen  festen  Entschluß.
  Preußen  bemühte  sich  ängstlich,  das  Gleichgewicht  zu  behaupten
zwischen  den  gefürchteten  beiden  Kolossen  des  Ostens  und  des  Westens,
Rußlands  Freundschaft  zu  bewahren  ohne  Frankreich  zu  verletzen.  Nur  in
der  glücklichen  Sicherheit  des  britischen  Inselreichs  fühlte  man  sich  stark  genug
den  Dingen  in's  Gesicht  zu  sehen.  Der  Friede  von  Amiens,  der  den  Krieg
zwischen  den  beiden  Todfeinden  abgeschlossen  hatte,  erwies  sich  sofort  als  ein
unsicherer  Waffenstillstand;  in  Italien,  in  Holland,  in  der  Schweiz,  in
Deutschland,  überall  drang  der  erste  Consul  herrisch  vor,  ohne  jede  Rücksicht
auf  die  Verträge.  Schwerer  als  all  dies  wog  in  den  Augen  des  Handelsvolks
  die  Verletzung  der  wirthschaftlichen  Interessen  der  Insel:  die  Nation.
fühlte  sich  in  den  Grundfesten  ihrer  Macht  bedroht,  als  Frankreich,  Spanien,
        <pb n="223" />
        Wiederausbruch  des  englisch-französischen  Krieges.  213

Italien  und  Holland  durch  Bonaparte  den  englischen  Waaren  verschlossen
wurden.  In  voller  Uebereinstimmung  mit  seinem  Volke  weigerte  sich  der
Hof  von  St.  James,  Malta  zu  räumen  so  lange  Holland  und  die  Schweiz
von  französischen  Truppen  besetzt  seien.  Bonaparte  hatte  unterdessen  längst
beschlossen  den  Krieg  mit  dem  unangreifbaren  Feinde  wieder  aufzunehmen.
Schon  im  März  1803,  lange  bevor  der  Bruch  zwischen  den  beiden  West—
mächten  erfolgte,  sendete  er  seinen  Vertrauten  Duroc  nach  Berlin,  mit
der  Anzeige,  daß  er  sich  genöthigt  sehe  Hannover  in  Beschlag  zu  nehmen.
Da  er  Englands  Seemacht  nicht  bewältigen  konnte,  dachte  er  durch  die
Besetzung  von  Tarent  und  Hannover  dem  britischen  Handel  die  Absatz—
wege  nach  Italien  und  dem  deutschen  Norden  zu  sperren.

So  war  der  letzte  und  einzige  Stolz  der  preußischen  Politik,  die
Neutralität  Norddeutschlands  in  Frage  gestellt.  Um  den  gleichen  Schlag
vom  deutschen  Reiche  abzuwenden  hatte  einst  Friedrich  den  Westminster-Ver—
trag  geschlossen,  die  Gefahren  des  siebenjährigen  Krieges  auf  sich  genommen,
und  dies  in  Zeiten  da  das  linke  Rheinufer  noch  deutsch,  die  Macht  Frank—
reichs  bei  weitem  weniger  furchtbar  war.  Selbst  Graf  Haugwitz  rieth
dringend  durch  einen  entschlossenen  Einmarsch  dem  ersten  Consul  zuvor—
zukommen.  Die  Lage  war  freilich  keineswegs  einfach.  In  Wien  sah  man
die  Verlegenheiten  Preußens  mit  offenbarer  Genugthuung,  ein  Hilfegesuch
der  hannoverschen  Regierung  wurde  kurz  abgewiesen,  von  den  Pflichten  des
Reichsoberhauptes  war  keine  Rede  mehr.  England  that  gar  nichts  um  das
Stammland  seiner  Könige,  die  Pflanzschule  seiner  besten  Soldaten  vor
einem  Ueberfalle  zu  sichern.  In  Hannover  selbst  war  die  Occupation,
welche  Preußen  vor  zwei  Jahren  zum  Besten  des  Landes  gewagt,  sehr  übel
aufgenommen  worden;  statt  der  freundnachbarlichen  Gesinnung  der  frideri—
cianischen  Zeiten  herrschten  Verstimmung  und  Mißtrauen.  Doch  was  wogen
diese  Bedenken  gegenüber  dem  drängenden  Gebote  der  Ehre  und  der  Selbst—
behauptung?  Der  letzte  Rest  des  preußischen  Ansehens  fiel  dahin,  wenn
französische  Truppen  ungehindert  mittenhinein  zwischen  die  östlichen  und
westlichen  Provinzen,  bis  dicht  vor  die  Wälle  der  Hauptfestung  Magdeburg
drangen.  Aus  Bonaparte's  späteren  Aeußerungen  geht  mit  Sicherheit  her—
vor,  daß  ein  rechtzeitiger  kräftiger  Entschluß  des  Berliner  Hofes  in  jenem
Augenblicke  den  Krieg  mit  Frankreich  nicht  herbeigeführt  hätte.  Der  erste
Consul  lebte  und  webte  damals  in  den  grandiosen  Plänen  der  Eroberung
Englands.  Er  versammelte  sein  Heer  an  der  Küste  von  Boulogne,  und
dort  in  der  strengen  militärischen  Schule  eines  zweijährigen  Uebungs—
lagers  brachte  er  die  technische  Ausbildung  seiner  großen  Armee  zur  Voll—
endung.  Im  Volke  wallte  der  Nationalhaß  des  fünfzehnten  Jahrhunderts
wieder  auf;  eine  Transportflotte,  durch  freiwillige  Beiträge  der  Nation
erheblich  verstärkt,  lag  bereit  das  Heer  an  die  feindliche  Küste  zu  führen.
Wenn  es  nur  gelang  zwölf  Stunden  lang  den  Canal  zu  beherrschen,
dann  mußte  die  Landung  gewagt  werden,  und  —  „dann  wird  England
        <pb n="224" />
        214  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

nicht  mehr  sein,“  sagen  Bonaparte's  Briefe;  die  Unabhängigkeit  Irlands
und  die  Zerstörung  des  britischen  Reichthums  sollten  die  Macht  des
Inselreichs  für  immer  vernichten.  In  solchen  Träumen  verloren  konnte
Bonaparte  für  jetzt  einen  Bruch  mit  Preußen  nicht  wünschen.

König  Friedrich  Wilhelm  wollte,  getreu  dem  leitenden  Gedanken  seiner
auswärtigen  Politik,  das  Wagniß  nur  unternehmen,  wenn  er  sich  im  Rücken
durch  Rußland  gedeckt  wußte.  Er  ließ,  nachdem  er  in  Paris  und  London
schüchtern  zur  Erhaltung  des  Friedens  gemahnt  hatte,  bei  dem  Czaren
anfragen,  ob  Preußen  auf  Rußlands  Hilfe  rechnen  könne.  In  Petersburg
aber  gab  die  blinde  Preußenfeindschaft  des  hannoverschen  Junkerthums
den  Ausschlag.  Der  englisch-hannoversche  Gesandte  am  russischen  Hofe,
Graf  Münster  theilte  den  unauslöschlichen  Haß  der  englischen  Hochtorys
gegen  den  Erben  der  Revolution,  aber  auch  den  tiefen  Widerwillen  des
hannoverschen  Adels  gegen  die  Rechtsgleichheit  und  das  schlichte,  bürgerlich
soldatische  Wesen  des  preußischen  Staates:  in  Preußens  Anerbieten  sah
er  nur  eine  Falle,  nur  einen  feindseligen  Anschlag  gegen  die  Unabhängigkeit
Hannovers.  Auf  Münster's  Rath  ertheilte  Czar  Alexander  seinem  königlichen
  Freunde  eine  ablehnende  Antwort.  Und  da  überdies  England  sich
weigerte,  zu  Gunsten  der  preußischen  Flagge  seine  harten  Schifffahrtsgesetze
zu  mildern,  so  wurde  die  hannoversche  Regierung,  als  sie  endlich  eigenmächtig
  in  der  elften  Stunde  um  Preußens  Hilfe  bat,  abschlägig  beschieden.

Mitten  im  Frieden  des  Reichs  rückte  das  Armeecorps  Mortier's  ungestört
  in  das  Reichsland  Hannover  ein,  das  nach  Völkerrecht  mit  dem
englisch  -französischen  Kriege  nichts  gemein  hatte.  Die  Unfähigkeit  der
alten  Staatsgewalten  bereitete  den  bonapartischen  Heerschaaren  abermals
ein  leichtes  Spiel.  Das  treue  Volk  haßte  den  Franzosen  als  den  Erbfeind,
  noch  von  den  Siegen  Ferdinand's  von  Braunschweig  her,  und  war
gern  bereit  den  alten  niedersächsischen  Schlachtenmuth  wieder  an  dem
Franzmann  zu  erproben,  „wenn  hei  nich  ruhig  sin  kann.“  Aber  das
feige  Adelsregiment  in  Hannover  gab  den  Truppen  den  Befehl,  „bkeine
Ombrage  zu  erregen,"  und  überlieferte,  ohne  jeden  Versuch  ernsten  Widerstandes,
  durch  den  Vertrag  von  Suhlingen  das  ganze  Land  dem  feindlichen
  Heerführer.  Zum  zweiten  male  binnen  fünfzig  Jahren  ward  die
tapfere  hannoversche  Armee  durch  eine  ehrlose  Politik  zur  Capitulation
gezwungen.  Und  diesmal  folgte  nicht,  wie  einst  auf  den  Tag  von  Kloster
Zeven,  ein  rettendes  Eingreifen  der  britischen  Regierung:  England  ließ  die
Franzosen  gewähren.  Am  4.  Juni  1803  zogen  die  französischen  Truppen,
zur  Feier  des  Geburstages  Georg's  III.,  in  die  Stadt  Hannover  ein.
Mortier  sperrte  die  Elbe  und  Weser,  erhob  Contributionen  im  Gebiet  der
Hansestädte.  Zwei  Jahre  lang  währte  die  Besetzung  und  Aussaugung  des
hannoverschen  Landes;  Bonaparte  gab  eigenhändig  Anweisungen,  wie  der
königliche  Marstall  nach  Paris  geschafft,  die  Forsten  zum  Besten  der  französischen
  Flotte  verwüstet  werden  sollten.  Eine  zweite  noch  schimpflichere
        <pb n="225" />
        Besetzung  von  Hannover.  215

Capitulation  führte  sodann  zur  Entwaffnung  der  kleinen  Armee.  Den
Tod  im  Herzen,  fluchend  auf  die  Hundsvötter  von  der  Regierung  und
den  Landständen,  ließen  die  verrathenen  Soldaten  die  Schande  über  sich
ergehen.  Hunderte  entkamen  einzeln  an  Bord  englischer  Schiffe  und
traten  in  die  deutsche  Legion  des  Königs  von  Großbritannien.  Jedermann
im  Lande  unterstützte  die  Flüchtigen  und  half  ihnen  weiter;  das  Volk
hielt  zusammen  wie  in  einer  großen  Verschwörung.  Die  unglücklichen
Capitulanten  von  Suhlingen  bildeten  den  Kern  jener  glorreichen  Regimenter,
  welche  nachher  in  Spanien  den  Kampf  gegen  Frankreich  wieder
aufnahmen  und  das  stolze  Peninsula  auf  ihre  Fahnen  schrieben.  So
unverwüstlich  dauerte  die  alte  Treue  im  deutschen  Volke;  nur  der  große
Wille  fehlte,  der  solche  herrliche  Kräfte  würdig  zu  benutzen  verstand.

Als  es  zu  spät  war  erkannte  Czar  Alexander  den  begangenen  Fehler.
Das  Berliner  Cabinet  aber  bemühte  sich  in  vergeblichen  Unterhandlungen
den  ersten  Consul  zur  Räumung  des  hannoverschen  Landes  zu  bewegen.
Die  holden  Täuschungen,  welche  der  leichtgläubige  Lombard  von  einer
Unterredung  mit  Bonaparte  aus  Brüssel  heimbrachte,  verflogen  schnell.
Bald  erfuhr  man,  daß  Frankreich  die  preußische  Allianz  verlangte,  ohne
irgend  eine  ernste  Gegenleistung  zu  versprechen.  Der  König  fühlte,  daß
er  einen  solchen  Schritt  vor  seinem  Lande  nicht  verantworten  könne,  und
wendete  sich  wieder  an  Rußland  um  seinen  Staat  aus  einer  unerträglichen
  Pressung  zu  befreien.  Es  war  sein  Verdienst,  daß  am  4.  Mai  1804,
Preußen  und  Rußland  sich  zu  gegenseitiger  Hilfe  verpflichteten,  falls  Bonaparte
  noch  in  andere  deutsche  Reichslande  übergreifen  sollte.  Aber  zugleich
  unterhandelte  man  mit  Frankreich,  erhielt  die  unbestimmte  Zusage,
daß  die  französischen  Truppen  nicht  über  die  hannoverschen  Grenzen  hinausschreiten
  würden,  und  verbürgte  sich  für  die  Neutralität  Norddeutschlands.
  Noch  immer  fehlte  es  in  Berlin  nicht  an  guten  Einfällen  und
Absichten.  Man  ließ  in  Weimar  wegen  einer  Erneuerung  des  Fürstenbundes
  anfragen,  und  Hardenberg,  der  seit  April  1804  dem  Ministerium
angehörte,  sprach  bereits  die  Idee  aus,  welche  nachher  in  der  zweiten  Hälfte
seines  öffentlichen  Lebens  den  Grundgedanken  seiner  deutschen  Politik  gebildet
  hat:  den  Plan,  ganz  Deutschland  zu  einem  Staatenbunde  unter
der  gemeinsamen  Führung  Oesterreichs  und  Preußens  zu  vereinigen.  Doch
jedem  guten  Einfall  brach  die  friedensselige  Aengstlichkeit  des  Cabinets  die
Spitze  ab.  Alle  preußischen  Staatsmänner  schmeichelten  sich  mit  dem
Wahne,  der  durch  die  Erfahrungen  der  jüngsten  fünfzehn  Jahre  bestätigt
zu  werden  schien:  als  ob  der  Staat  durch  friedliche  Verhandlungen  einen
Gewinn,  eine  Verstärkung  seines  unhaltbaren  Besitzstandes  erlangen  könne.
Auch  der  gewandte  neue  Minister  des  Auswärtigen  war  noch  weit  entfernt
  von  der  Einsicht,  daß  allein  ein  europäischer  Bund  gegen  Frankreich
die  Rettung  bringen  konnte,  sondern  erhoffte  von  Frankreichs  Freundschaft
eine  Vergrößerung  des  preußischen  Gebiets.
        <pb n="226" />
        216  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Indessen  mußte  das  heilige  Reich  den  Becher  der  Schande  bis  zur
Hefe  leeren.  Als  Bonaparte  den  Herzog  von  Enghien  auf  badischem  Gebiete
  aufheben  und  zum  Tode  führen  ließ,  da  wagten  in  Regensburg  nur
die  fremden  Mächte  Rußland,  Schweden  und  England  Genugthuung  zu
fordern  für  die  frevelhafte  Verletzung  des  Reichsfriedens.  Baden  dagegen
ersuchte,  auf  Napoleon's  Befehl,  inständig,  die  peinliche  Angelegenheit  nicht
zu  verfolgen,  die  übrigen  Gesandten  aber  traten  vor  der  Zeit  ihre  Ferien
an,  schnitten  durch  die  Flucht  jede  weitere  Verhandlung  ab.  Im  Mai  1804
wurde  das  napoleonische  Kaiserthum  gegründet;  und  es  lag  vor  Augen,
die  Krone,  womit  dieser  Usurpator  unter  dem  Segen  des  Papstes  seinen
Scheitel  schmückte,  war  das  Diadem  der  Caesaren  und  der  Karolinger.
Das  römische  Kaiserthum  ging  von  den  Habsburg-Lothringern  auf  die
Napoleons  über.  Unverhohlen  sprach  der  Gewaltige  schon  von  dem  Koaiserthum
  des  Abendlandes;  alle  die  altrömischen  Erinnerungen,  die  in  der
gallischen  Mischcultur  sich  erhalten  hatten,  rief  er  wach:  die  Adler  des
kaiserlichen  Roms  prangten  auf  den  Feldzeichen  seiner  Legionen.  Und
schon  fragte  er  drohend  in  seinen  Briefen:  ob  wohl  Oesterreich  oder  Rußland
  die  Narrheit  begehen  würden  die  Fahne  der  Empörung  zu  erheben?

Vergeblich  beschwor  Gentz  den  Wiener  Hof:  die  Anerkennung  dieser
angemaßten  Krone  werde  den  Unersättlichen,  der  nur  groß  sei  durch  die
Kleinheit  seiner  Knechte,  zu  neuen  Uebergriffen  ermuthigen.  Der  geistvolle
Anwalt  der  alten  Staatengesellschaft  erfand  bereits  die  vieldeutige  Formel,
welche  nachher  den  Höfen  bei  der  Bekämpfung  des  Bonapartismus  zur
Richtschnur  gedient  hat;  es  gelte,  so  schrieb  er,  das  historische  Recht  zu
behaupten  gegen  das  Recht  der  Empörung,  gegen  die  Idee  der  Volkssouveränität.
  Die  ermüdete  österreichische  Politik  blieb  für  solche  Ideen
vorderhand  noch  ganz  unempfänglich.  Die  Krone  Karl's  des  Großen  war
ihrem  rechtmäßigen  Träger  längst  verleidet,  zumal  da  das  Haus  Lothringen
auf  die  Stimmen  der  Kurfürsten  nicht  mehr  sicher  rechnen  konnte.  Kaiser
Franz  benutzte  also  die  Aufrichtung  der  napoleonischen  Monarchie  um
den  hohen  Rang  seines  Hauses  für  alle  Zukunft  sicher  zu  stellen.  Mit
Zustimmung  Napoleon's  nahm  er  den  Namen  eines  Kaisers  von  Oesterreich
  an,  und  zum  Danke  erhielt  der  Usurpator  die  Anerkennung  des
alten  Kaiserhauses.  So  wurde  das  Kaiserthum  Oesterreich,  das  in  Wahrheit
  schon  seit  Leopold  I.  bestand,  förmlich  begründet;  die  Hauspolitik  der
Habsburg-Lothringer,  die  seit  drei  Jahrhunderten  allein  auf  die  Wahrung
ihrer  Erblande  bedacht  gewesen,  erreichte  ihr  natürliches  Ziel.  Die  Titel
des  römischen  Kaisers  behielt  der  Wiener  Hof  vorläufig  noch  bei,  doch
unmöglich  konnte  er  sein  bizarres  Doppelkaiserthum,  wie  Talleyrand  es
spottend  nannte,  auf  die  Dauer  behaupten.  Ueber  lang  oder  kurz  mußte
der  jedes  Sinnes  entkleidete  altheilige  Name  verschwinden;  die  Macht  der
karolingischen  Kaiserkrone  lag  in  Napoleon's  Händen.

In  Berlin  begrüßte  man  das  bonapartische  Kaiserthum  als  eine  neue
        <pb n="227" />
        Napoleonisches  Kaiserthum.  217

Bürgschaft  für  die  bürgerliche  Ordnung  Frankreichs  und  säumte  nicht  die
Anerkennung  auszusprechen;  aber  von  der  norddeutschen  Kaiserkrone,  welche
Napoleon's  Diplomaten  in  unbestimmten  Andeutungen  darboten,  wollte
Friedrich  Wilhelm's  bescheidener  Sinn  nichts  hören.  Die  kleinen  Reichs—
stände,  die  guten  wie  die  schlechten,  Baden  und  Hessen-Rothenburg,  Fürsten—
berg  und  Leiningen,  Bremen  und  Augsburg  sendeten  dem  gekrönten  Plebejer
unterwürfige  Glückwunschschreiben,  deren  byzantinische  Niedertracht  selbst
die  Schmeicheleien  der  Franzosen  in  Schatten  stellte.  Sie  unterzeichneten
sich  als  Seiner  Majestät  allerunterthänigste  und  allergehorsamste  Diener,
feierten  den  Hort  und  Beschützer  der  deutschen  Verfassung,  den  Helden
und  Friedensbringer,  zu  dessen  glänzendem  und  wohlthätigem  Genie  der
Welttheil  in  stummer  Bewunderung  aufblicke,  schilderten  beweglich,  mit
welcher  Freude  alle  dentschen  Herzen  diesen  neuen  Caesar  empfingen,  der
ihrem  ersten  Kaiser  Karl  so  ähnlich  sei,  dankten  inbrünstig  für  die  bei  den
deutschen  Entschädigungshändeln  empfangenen  Wohlthaten  und  empfahlen
sich  schließlich  zu  huldvoller  Berücksichtigung  für  den  Fall  einer  neuen
Ländervertheilung.“)

Um  das  Maß  der  deutschen  Entwürdigung  zu  füllen  hielt  Napoleon
im  Herbst  1804  eine  Rundreise  durch  die  neugewonnenen  rheinischen  Lande.
In  der  alten  Kaiserstadt  Aachen  übergab  ihm  der  Gesandte  des  Kaisers
Franz  sein  neues  Beglaubigungsschreiben;  aufrichtiger  Jubel  des  Volks
empfing  den  Friedensfürsten  in  allen  rheinischen  Städten.  Dann  hielt  er  in
Mainz  seinen  prunkenden  Hoftag,  in  denselben  Räumen,  wo  zwölf  Jahre
zuvor  das  alte  Reich  seine  letzten  Feste  gefeiert  hatte.  Die  Fürsten  des
Südens  und  des  Westens  eilten  herbei  dem  Nachfolger  Karl's  des  Großen
ihre  Huldigungen  darzubringen.  Alles  schwelgte  in  karolingischen  Erinnerungen;
  schon  besprach  man  die  Pläne  für  einen  zweiten  rheinischen  Bund.
Aber  im  einsamen  Zimmer  fiel  der  redliche  alte  Karl  Friedrich  von  Baden
dem  Erzkanzler  Dalberg  schluchzend  in  die  Arme  und  bejammerte  den
Untergang  seines  Vaterlandes.  Was  hatte  dieser  Fremdling  gemein  mit
dem  alten  königlichen  Bauersmanne  der  Germanen,  der  Nachts  die  Reben
des  rheinischen  Winzers  segnet?  was  wußte  er  von  jenem  Zauberringe
der  Fastrade,  der  einst  den  deutschen  Karl  zum  deutschen  Strome  zog?
Eine  harte,  mißtrauische  Fremdherrschaft  lastete  auf  Deutschland  noch  bevor
seine  Fürsten  sich  dem  Imperator  förmlich  unterworfen  hatten.  Ueberall
im  Reiche  hielt  Napoleon  seine  Späher;  zehn  Spione,  so  schrieb  er,  genügen
  kaum  für  eine  Stadt  wie  Hamburg.  Niemand  war  sicher  vor  den
Griffen  seiner  Polizei.  Der  in  Hamburg  von  den  Franzosen  aufgegriffene
englische  Agent  Rumbold  wurde  zwar  auf  die  Verwendung  des  Königs
von  Preußen  wieder  freigegeben;  doch  Napoleon's  Vertraute  wußten,  ihr
Herr  würde  dem  Hohenzollern  diese  Auflehnung  gedenken.

*)  Im  29.  Bande  der  Preuß.  Jahrbücher  (1872,  S.  103f.)  habe  ich  diese  Briefe
veröffentlicht.
        <pb n="228" />
        218  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Während  die  deutschen  Mächte  die  neue  Kaiserkrone  anerkannten,
herrschte  am  Petersburger  Hofe  eine  erregte  kriegerische  Stimmung.  Der
junge  Czar  hatte  seit  der  Ermordung  des  Herzogs  von  Enghien  gänzlich  mit
Frankreich  gebrochen;  er  ersah  dann  aus  Napoleon's  herausfordernden  Er—
widerungen,  daß  dieser  einen  neuen  Festlandskrieg  wünschte,  begann  Ver—
handlungen  in  Wien  und  London  und  erging  sich  bereits  in  dem  schwär—
merischen  Traume  einer  großen  Völkerbefreiung,  den  er  acht  Jahre  später
wieder  aufnahm.  Er  wollte  sich  schlagen  für  die  Freiheit  Europas,  nicht
Frankreich  bekämpfen,  sondern  die  Person  des  Usurpators,  die  wiederherge—
stellten  alten  Staaten  durch  freisinnige  Verfassungen  beglücken,  das  befriedete
Europa  zu  einem  dauernden  heiligen  Völkerbunde  vereinen.  Nach  langem
Zaudern  kam  Oesterreich  dem  Drängen  Alexander's  um  einen  Schritt  ent—
gegen  und  schloß  im  November  1804  ein  Vertheidigungsbündniß  mit  Ruß—
land  für  den  Fall,  daß  Napoleon  in  Italien  weiter  um  sich  griffe.

Wenn  die  preußische  Politik  die  Zeichen  der  Zeit  verstand,  so  mußte
sie  den  kriegerischen  Eifer  Alexander's  zugleich  zu  benutzen  und  zu  zügeln
suchen.  Nicht  ein  unzeitiger  Krieg  konnte  die  Freiheit  des  Welttheils
retten,  sondern  allein  eine  wohlvorbereitete,  im  rechten  Augenblicke  gleichzeitig
  gewagte  Schilderhebung  der  drei  Ostmächte.  Napoleon's  Gedanken
verweilten  noch  immer  bei  seiner  armée  navale  und  dem  Plane  der
Landung  in  England.  Er  brannte  vor  Begier  „sechs  Jahrhunderte  der
Schmach  und  der  Beleidigung  zu  rächen:  ist  dies  größte  aller  Ziele
erreicht,  so  fällt  alles  Uebrige  von  selbst!“  Mit  Absicht  reiste  er  im
Sommer  1805  lange  in  Italien,  um  die  Augen  der  Welt  von  den  Küsten
des  Canals  hinwegzulenken  und  dann  urplötzlich  in  Boulogne  zu  erscheinen,
„das  große  Ereigniß,  dem  ganz  Europa  entgegenzittert,“  zu  vollenden.
Aber  nach  seiner  Weise  hielt  er  sich  wieder  zwei  Thüren  offen.  Das  Heer
von  Boulogne  konnte  auch  zu  einem  plötzlichen  Angriff  auf  Oesterreich
verwendet  werden;  und  je  deutlicher  sich  die  ungeheuren  Schwierigkeiten
der  Landung  in  England  allmählich  herausstellten,  um  so  lebhafter  beschäftigte
  sich  Napoleon  mit  dem  Plane  eines  neuen  Festlandskrieges.

Die  Klugheit  gebot  zunächst  den  wahrscheinlichen  Mißerfolg  der  englischen
  Landung  abzuwarten,  dem  lauernden  Gegner  keinen  Vorwand  zum
Angriff  zu  bieten  und  unterdessen  in  der  Stille  durch  sorgfältige  Rüstung
einen  neuen  Coalitionskrieg  vorzubereiten;  waren  doch  Oesterreichs  Heer
und  Haushalt  in  so  kläglichem  Zustande,  daß  der  bedeutendste  Mann  der
kaiserlichen  Armee,  Erzherzog  Karl  dringend  zum  Frieden  mahnte.  Eine
Versöhnung  zwischen  den  Höfen  von  Berlin  und  Wien  schien  jetzt  nicht
mehr  unmöglich.  Erzherzog  Johann  und  der  patriotische  Kreis,  der  sich
um  ihn  schaarte,  vertraten  längst  die  Ansicht,  daß  man  ohne  Preußen  nichts
ausrichten  könne;  auch  Gentz,  der  sich  in  seinem  Hasse  gegen  die  Revolution
mehr  und  mehr  verbitterte  und  bereits  alle  Sünden  der  neuen  Geschichte
auf  den  Protestantismus  zurückführte,  blieb  doch  Staatsmann  genug  um
        <pb n="229" />
        Dritte  Coalition.  219

die  Verständigung  mit  Preußen  zu  fordern.  Wie  tief  sich  auch  das  Miß—
trauen  gegen  den  nordischen  Nebenbuhler  eingefressen  hatte,  die  Unent—
behrlichkeit  der  preußischen  Waffenhilfe  konnte  man  in  der  Hofburg  nicht
ganz  verkennen;  im  Verlaufe  der  geheimen  Verhandlungen  von  1805
ließ  Oesterreich  einmal  alles  Ernstes  in  Berlin  eine  Neugestaltung  der
deutschen  Verfassung  vorschlagen,  also  daß  der  Norden  unter  Preußens,
der  Süden  unter  Oesterreichs  Oberhoheit  käme.  Aber  am  preußischen
Hofe  überwog  noch  immer  der  landesväterliche  Wunsch  nach  gesicherter
Ruhe;  man  hoffte  den  Frieden  auf  dem  Festlande  zu  erhalten,  wo  nicht,
die  Neutralität  Norddeutschlands  zu  behaupten.  Selbst  Hardenberg  erging
  sich  noch  in  optimistischen  Träumen;  er  fand,  die  Macht  Frankreichs
werde  allgemein  überschätzt,  und  wollte  die  Hände  frei  behalten  um  nöthigenfalls
  selbst  durch  ein  französisches  Bündniß  die  nothwendige  Verstärkung
  der  Monarchie,  vor  Allem  die  Einverleibung  Hannovers,  zu  erreichen.
  Es  war  sein  Werk,  daß  Preußen  auf  die  Anfragen  der  beiden
Kaiserhöfe  gar  keine  beruhigende  Zusage  gab.

So  überließ  sich  denn  der  junge  Czar,  durch  keinen  überlegenen  Willen
gebändigt,  haltlos  den  Einfällen  seines  unruhigen  Kopfes.  Dem  großen
Staatsmanne,  der  seit  zehn  Jahren  fast  ununterbrochen  den  zähen  Kampf
Englands  gegen  Frankreich  leitete,  fehlte,  wie  allen  britischen  Diplomaten,
die  gründliche  Kenntniß  festländischer  Verhältnisse.  Unbedacht  ging  William
Pitt  auf  die  verworrenen  Pläne  Alexander's  ein;  schon  im  April  1805
wurde  das  geheime  Kriegsbündniß  zwischen  Rußland  und  England  abgeschlossen.
  Unterdessen  setzte  sich  Napoleon  die  italienische  Königskrone  auf
das  Haupt  und  schrieb  dem  Czaren  wie  zum  Hohne:  nur  der  Wunsch
der  italienischen  Nation  nöthige  ihn  dies  Opfer  seiner  Größe  zu  bringen.
Dann  wurde  die  ligurische  Republik  dem  Kaiserreiche  einverleibt  und  dadurch
  auch  das  zaudernde  Oesterreich  in  das  Lager  der  dritten  Coalition
hinübergedrängt.  Gewaltige,  weitaussehende  Entwürfe  beschäftigten  die
verbündeten  Höfe:  man  wollte  Frankreichs  Grenzen  bis  zum  Rhein  und
zur  Mosel  zurückschieben,  für  Deutschland,  Holland  und  die  Schweiz  die
volle  Unabhängigkeit  wiedergewinnen,  die  Kronen  von  Frankreich  und
Italien  für  immer  trennen;  man  hoffte,  ganz  im  Sinne  der  alten  englischniederländischen
  Barrierenpolitik,  die  ausgreifende  Macht  des  französischen
Staats  durch  die  Verstärkung  von  Holland,  Piemont  und  der  Schweiz
zu  bändigen.  Für  Preußen  war,  wenn  es  noch  beitrat,  das  oranische
Fulda  und  das  niederrheinische  Land  von  der  Mosel  bis  zur  niederländischen
Grenze  in  Aussicht  genommen.  Ein  allgemeiner  Congreß  sollte  nach  dem
Siege  die  neue  Ländervertheilung  ordnen;  selbst  die  Entthronung  des
Corsen  hielt  man  nicht  für  unerreichbar.  Aber  zu  so  kühnen  Absichten
standen  die  langsamen,  schwächlichen  Rüstungen  in  einem  schreienden  Mißverhältniß.
  So  gefährlich  die  zweite  Coalition  von  1799  für  Frankreich
gewesen,  ebenso  leichtsinnig  und  aussichtslos  war  die  dritte.
        <pb n="230" />
        220  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Unter  den  zahlreichen  Mißgriffen  der  ungeduldig  dahinstürmenden
russischen  Politik  rächte  sich  keiner  so  schwer,  wie  die  übermüthige  Geringschätzung
  gegen  Preußen.  Der  zu  Memel  geschlossene  Freundschaftsbund
wurde  jetzt  zum  ersten  male  gestört  durch  die  polnischen  Pläne  des  Czaren,
die  seitdem  für  das  gute  Einvernehmen  der  beiden  Nachbarmächte  noch
auf  lange  hinaus  bedrohlich  blieben.  Erzogen  in  den  Anschauungen  der
modischen  Aufklärung  hatte  Alexander  von  früh  auf,  wie  sein  Lehrer
Laharpe,  die  Theilung  Polens  mit  dem  Bilicke  des  französischen  Philosophen
  betrachtet.  Er  sah  in  der  furchtbaren  Katastrophe  nicht  eine  unerbittliche
  historische  Nothwendigkeit,  sondern  eine  schlechthin  bejammernswerthe
  Gewaltthat,  die  Rechtfertigung  aller  Gräuel  der  Revolution.  Der
Gedanke,  diese  blutbefleckte  Erbschaft  aus  den  Händen  seiner  Großmutter
empfangen  zu  müssen,  lastete  schwer  auf  seinem  schwachen  Gemüthe.  In
solcher  Stimmung  lernte  er  noch  als  Großfürst  den  Prinzen  Adam  Czartoryski
  kennen,  den  Sohn  jenes  alten  Fürsten,  den  eine  polnische  Adelspartei
  als  ihren  König  Adam  I.  feierte.  Unwiderstehlich  trat  der  gewandte
Pole  dem  Cezarensohne  entgegen,  geistreich,  hochgebildet,  an  Jahren  und
Welterfahrung  dem  Großfürsten  überlegen,  ein  Meister  in  den  Künsten
sarmatischer  Schmeichelei  und  Schmiegsamkeit;  den  Fremden  erschien  er
gleich  einem  irrenden  Ritter,  der  sein  verlorenes  Vaterland  sucht,  verklärt
und  geadelt  durch  einen  Hauch  patriotischer  Schwermuth.  Viele  Jahre
lang  haben  die  beiden  Freunde  nunmehr  selbander  tief  geheime  Entwürfe
geschmiedet,  wie  die  Unthat  Katharina's  zu  fsühnen  und  Polen  wieder
herzustellen  sei.  In  Alexander's  Geiste  lag  die  Berechnung  dicht  neben
der  Gefühlsseligkeit,  seine  menschenfreundlichen  Absichten  stimmten  stets
genau  mit  seinem  persönlichen  Vortheil  überein;  wenn  er  von  der  Befreiung
  Polens  träumte,  so  sah  er  bereits  die  Krone  der  Jagiellonen  auf
seinem  eigenen  Haupte  glänzen.

Czartoryski  verfolgte  seine  sarmatischen  Pläne  mit  einer  Dreistigkeit,
die  jedem  Russen  als  Landesverrath  erscheinen  mußte,  und  mißbrauchte
sein  Amt  als  Curator  der  Universität  Wilna  um  die  polnisch-katholische
Bildung,  den  Todhaß  wider  die  Russen  zu  pflegen.  Jetzt,  da  ihm  die
Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten  anvertraut  wurde,  begrüßte  er
den  Krieg  der  Coalition  als  ein  willkommenes  Mittel  um  Preußen  auf
Napoleon's  Seite  hinüberzudrängen  und  dann  den  gehaßten  Nachbarstaat
seiner  polnischen  Provinzen  zu  berauben.  Man  wußte,  daß  die  polnischen
Patrioten  noch  immer  hoffnungsvoll  auf  ihren  alten  Bundesgenossen
Frankreich  blickten.  Jahrelang  hatte  eine  polnische  Legion  unter  dem
Banner  der  Tricolore  gefochten;  Napoleon  überlegte  bereits,  wie  sich  dies
unglückliche  Volk  als  eine  Waffe  gegen  die  Ostmächte  gebrauchen  ließe.
Darum  rieth  Czartoryski,  der  Czar  möge  den  Franzosen  zuvorkommen
und  selber  die  Freiheit  Polens  ausrufen.  Der  polnische  Leichtsinn  traute
sich's  zu  den  Krieg  gegen  Preußen  nebenbei  mit  abzuthun;  Oesterreich
        <pb n="231" />
        Alexander  und  Czartoryski.  221

mochte  dann  in  Schlesien  und  Baiern  die  Entschädigung  finden  für  seinen
galizianischen  Besitz.  Noch  war  der  Czar  nicht  gänzlich  für  diese  luftigen
Entwürfe  gewonnen;  aber  so  viel  hatte  der  gewandte  Pole  doch  erreicht,
daß  sein  kaiserlicher  Freund  völlig  rücksichtslos  gegen  Preußen  auftrat.
Die  brünstigen  Freundschaftsbetheuerungen  von  Memel  schienen  vergessen;
die  Verhandlungen  in  Berlin  wurden  russischerseits  mit  einem  beleidigenden
  Uebermuthe  geführt  als  ob  man  beabsichtigte  den  preußischen  Hof
von  der  Coalition  hinweg  zu  scheuchen.  Als  König  Friedrich  Wilhelm
unbeirrt  bei  seiner  Neutralität  beharrte,  war  Alexander  entschlossen,  das
russische  Heer  selbst  gegen  den  Willen  des  Königs  durch  preußisches  Gebiet
  nach  Oesterreich  zu  führen.

Währenddem  wurde  der  Erfolg  der  napoleonischen  Anschläge  gegen
England  immer  fraglicher;  den  großartigen  Plan,  die  Flotte  Nelson's  nach
Westindien  zu  locken  und  unterdessen  den  Canal  zu  säubern,  vereitelte
die  Wachsamkeit  des  britischen  Seehelden.  Napoleon  erwog  schon  die
Frage,  ob  es  nicht  räthlich  sei  das  gewagte  Unternehmen  zwar  nicht  gänzlich
  aufzugeben  —  denn  noch  fünf  Jahre  später  hielt  Arthur  Wellesley
aus  guten  Gründen  einen  neuen  Landungsversuch  für  wahrscheinlich  —
doch  auf  eine  günstigere  Gelegenheit  zu  vertagen.  Nichts  konnte  dem
Imperator  in  solcher  Lage  willkommener  sein  als  die  Nachricht  von  den
Rüstungen  der  Coalition.  Begierig  ergriff  er  den  Vorwand,  den  ihm
seine  Gegner  boten,  und  frohlockte  bei  der  Aussicht  „dies  Skelett  Franz
den  Zweiten,  den  das  Verdienst  seiner  Vorfahren  auf  den  Thron  gebracht
hat“,  gänzlich  aus  dem  deutschen  Reiche  zu  verdrängen;  „Deutschland  wird
mehr  Soldaten  sehen  als  je  zuvor!“  Indeß  die  große  Armee  unbemerkt
in  wunderbarer  Ordnung  von  Boulogne  zum  Rheine  eilte,  wurde  der
Kriegsschauplatz  an  der  oberen  Donau  von  französischen  Spähern  sorgfältig
  ausgekundschaftet  und  zugleich  der  glänzendste  der  napoleonischen.
Feldzüge  durch  eine  kluge  diplomatische  Action  umsichtig  vorbereitet.

Vom  heiligen  Reiche  stand  kein  Widerstand  zu  befürchten.  Der  Regensburger
  Reichstag  vertiefte  sich  soeben  in  die  wichtigen  Verhandlungen
über  die  Eutiner  Gemeinweiden  und  füllte  mit  dieser  Berathung  die
Galgenfrist,  die  ihm  noch  vergönnt  war,  würdig  aus.  Zu  seinen  alten
Schützlingen,  den  Höfen  der  süddeutschen  Mittelstaaten,  sprach  der  Imperator
  jetzt  offen  als  Schirmherr  des  dynastischen  Particularismus:  er
komme  Deutschlands  Freiheit  zu  retten,  nimmermehr  dürften  deutsche
Fürsten  als  Unterthanen  des  deutschen  Kaisers  behandelt  werden.  Auf
Napoleon's  Befehl  hielt  Kurfürst  Max  Joseph  von  Baiern  die  österreichischen
  Unterhändler,  die  ihn  herrisch  und  drohend  zum  Anschluß  an  die
Coalition  drängten,  durch  erheuchelte  friedliche  Betheuerungen  hin.  Der
deutsche  Fürst  gab  sein  heiliges  Ehrenwort,  daß  seine  Truppen  keinen
Schwertstreich  führen  sollten,  bat  in  der  fürchterlichen  Verzweiflung  seines.
geängsteten  Vaterherzens  nur  um  einige  Geduld,  da  sein  in  Frankreich
        <pb n="232" />
        222  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

reisender  Sohn  der  Rache  des  Corsen  preisgegeben  sei,  und  eilte  dann
mit  seinem  Heere  von  den  betrogenen  Oesterreichern  hinüber  zu  den  Franzosen.
  Im  bairischen  Volke  hatte  Niemand  ein  Auge  für  die  Niedertracht
des  Hofes.  Der  alte  Stammeshaß  gegen  die  kaiserlichen  Kostbeutel,  das
alte  nur  allzusehr  gerechtfertigte  Mißtrauen  gegen  die  Begehrlichkeit  der
Hofburg  erwachten  von  Neuem;  jubelnd  vernahm  die  tapfere  kleine  Armee
den  Aufruf  des  Imperators:  Ihr  kämpft  für  die  ersten  Güter  der  Nationen,
  für  Unabhängigkeit  und  politisches  Dasein!  Baden  und  Darmstadt
  schlossen  sich  an,  nach  einigem  Zaudern  auch  Württemberg;  alle  die
vier  Mittelstaaten,  welche  Napoleon  bereits  als  die  Stützen  „meines
künftigen  deutschen  Bundes"“  bezeichnete,  standen  in  seinem  Lager.

Auch  Preußen  dachte  er  durch  einen  plumpen  Betrug  zu  gewinnen.
Er  ließ  in  Berlin  den  Erwerb  von  Hannover  anbieten,  wenn  Preußen
dafür  das  rechtsrheinische  Cleve  mit  Wesel  abträte  und  an  dem  Kriege
gegen  die  Coalition  theilnähme.  Die  preußische  Monarchie  sollte  also  mit
Oesterreich  und  Rußland  brechen,  sie  sollte  ihre  letzte  Position  am  Rheine
räumen  und  sich  freiwillig  in  den  Osten  zurückschieben  lassen,  sie  sollte
Italien,  die  Schweiz  und  Holland  dem  Welteroberer  preisgeben:  —  denn
ausdrücklich  behielt  sich  Napoleon  die  freie  Verfügung  über  diese  Länder
vor;  er  sah  die  Zeit  schon  kommen,  da  die  Holländer  ihrer  Einsamkeit
müde  werden  und  die  Vereinigung  mit  Frankreich  fordern  würden.  Und
für  alle  diese  Opfer  bot  man  dem  Könige  nichts  als  jenes  Hannover,
das,  unter  solchen  Umständen  erworben,  nur  durch  einen  langen  Krieg
gegen  England  behauptet  werden  konnte!  Mit  unverantwortlichem  Leichtsinn
  ging  Hardenberg  auf  diese  Zumuthungen  ein;  dringend  rieth  er  zum
Anschluß  an  Frankreich.  Nur  der  gebotene  Preis  genügte  ihm  nicht,  vielmehr
  hoffte  er  durch  Napoleon's  Hilfe  außer  Hannover  auch  Böhmen  und
Sachsen  zu  gewinnen.  Allein  die  Nüchternheit  des  Königs  bewahrte  den
Staat  vor  einem  verderblichen  Schritte,  der  jede  Verständigung  mit  den
Ostmächten,  jede  gemeinsame  Erhebung  gegen  das  napoleonische  Weltreich
für  immer  zu  verhindern  drohte.  Friedrich  Wilhelm  wies  das  französische
Bündniß  zurück,  doch  er  erfuhr  alsbald  die  Wahrheit  der  Worte  des  großen
Kurfürsten,  daß  Neutralität  für  diesen  Staat  das  undankbarste  aller  politischen
  Systeme  sei.  Denn  während  Napoleon  durch  neue  Verhandlungen
eine  für  Frankreich  vortheilhafte  Neutralität  zu  erwirken  suchte,  sah  man  sich
zugleich  von  Osten  her  bedrängt.  Czar  Alexander  kündigte  in  unverblümten
Drohungen  den  Durchmarsch  seiner  Russen  an;  der  König  that  was  die
Ehre  gebot,  setzte  einen  großen  Theil  seines  Heeres  auf  den  Kriegsfuß
und  versammelte  die  Truppen  an  der  Warthe.  Erschreckt  stand  der  Czar
von  dem  Friedensbruche  ab,  zur  Verzweiflung  Czartoryski's,  und  sein
thörichtes  Vorhaben  hatte  nur  die  Folge,  daß  die  Vereinigung  seiner  Armee
mit  den  österreichischen  Bundesgenossen  sich  noch  mehr  verspätete.

In  dieser  unhaltbaren  Stellung,  mit  Frankreich  nicht  im  Reinen,
        <pb n="233" />
        Ulm  und  Ansbach.  223

mit  Rußland  gespannt  und  fast  verfeindet,  von  allen  Seiten  beargwohnt
und  mißachtet,  sah  der  preußische  Hof  dem  Ausbruche  des  Titanenkrieges
zu,  wie  der  Feigling  Lombard  in  seiner  Seelenangst  zu  sagen  pflegte.
Mit  zermalmenden  Schlägen  traf  Napoleon  das  österreichische  Heer  an
der  oberen  Donau,  noch  bevor  die  Russen  herankamen;  die  Welt  erfuhr
zum  ersten  male,  was  es  bedeutete,  daß  die  französische  Militärmacht
jetzt  durch  die  kriegerische  Kraft  der  rheinischen  Lande  und  des  deutschen
Südens  verstärkt  war.  Die  Glorie  des  großen  Tages  von  Trafalgar,
der  die  Flotte  Napoleon's  vernichtete,  verschwand  fast  neben  den  Schreckensnachrichten,
  die  aus  Oberdeutschland  kamen:  wie  die  einzelnen  Corps  der
österreichischen  Armee  in  einer  Reihe  glänzender  Gefechte  geschlagen,  das
Hauptheer  unter  Mack  bei  Ulm  zu  schimpflicher  Capitulation  gezwungen
wurde,  wie  die  Raserei  der  verzweifelnden  Angst  durch  die  Reihen  der
Kaiserlichen  flog,  überall  im  Heer  und  Beamtenthum  Kopflosigkeit,  Schwäche
und  Feigheit,  alle  Sünden  eines  tiefverderbten  Staatswesens  heraustraten,
wie  die  große  Armee  endlich  in  unaufhaltsamem  Vormarsch  bis  zur  Hauptstadt
  Oesterreichs  vordrang.

Aber  zum  Glücke  für  die  Verbündeten  hatte  der  Sieger  schon  bei
Beginn  des  Feldzugs  eine  That  des  Uebermuthes  sich  erlaubt,  welche,
recht  benutzt,  dem  aussichtslosen  Kriege  der  Coalition  eine  andere  Wendung
geben,  der  unhaltbaren  Neutralität  Preußens  ein  Ende  bereiten  mußte.
Um  das  Corps  Bernadotte's  bei  Ulm  rechtzeitig  zur  Stelle  zu  bringen,
that  Napoleon  unbedenklich  was  der  Czar  nur  angedroht  hatte,  ließ  die
Truppen  durch  das  neutrale  preußische  Gebiet  in  Franken  marschiren.
Diesem  Staate  glaubte  er  alles  bieten  zu  dürfen,  denn  Preußen  —  so
schrieb  er  schon  früher  —  „Preußen  ist,  was  es  auch  sagen  mag,  in  die
Reihe  der  Mächte  zweiten  Ranges  hinabgesunken.“  Auf  diese  Nachricht
flammte  der  König  auf,  sein  hohenzollernsches  Blut  gerieth  in  Wallung.
Er  verwahrte  sein  Recht  durch  eine  muthige  Erklärung,  sagte  sich  los  von
allen  Verbindlichkeiten  gegen  Napoleon,  gestattete  den  Russen  den  Durchzug
  durch  Schlesien,  befahl  die  Mobilmachung  der  gesammten  Armee;
sein  gerader  Sinn  hielt  für  selbstverständlich,  daß  der  diplomatische  Verkehr
mit  Frankreich  sofort  aufzuhören  habe.  Auch  das  Volk  empfand  die  erlittene
  Beleidigung  lebhaft.  Die  Berliner  stimmten  im  Theater  jubelnd
mit  ein  in  die  kriegerischen  Klänge  des  Reiterliedes  der  Wallensteiner,
lärmten  übermüthig  vor  den  Fenstern  des  Gesandten  Laforest;  die  märkischen
  Stände  erklärten  sich  bereit  zu  unentgeltlichen  Lieferungen  für  die
Armee;  die  jungen  Offiziere  zogen  mit  der  Zuversicht  fridericianischer
Unbesiegbarkeit  den  Grenzen  zu.  Lombard  und  die  französische  Partei  wagten
den  gewohnten  Verkehr  mit  Laforest  nur  noch  insgeheim  fortzuführen.

Auch  Hardenberg  erkannte  jetzt  die  Nothwendigkeit  entschlossener  Abwehr,
  doch  die  ganze  drängende  Gefahr  des  Augenblicks  ermaß  er  nicht.
Er  sah  weder,  daß  die  jüngsten  Schritte  des  Königs  jede  ehrliche  Ver-
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        224  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

ständigung  mit  dem  rachsüchtigen  Corsen  abschnitten,  noch  daß  dieser  Held
nicht  gewohnt  war  sich  durch  Unterhandlungen  in  der  Verfolgung  seiner
Siege  aufhalten  zu  lassen.  Der  Hoffnungsvolle  glaubte  noch  immer  an
die  Möglichkeit  eines  friedlichen  Ausgangs  und  rieth  daher,  während  nur
das  rasche  Eintreten  in  den  Krieg  noch  Heil  versprach,  vielmehr  zu  einer
bewaffneten  Vermittelung,  welche  leicht  durch  neue  Kriegserfolge  der  Franzosen
  überholt  werden  konnte.  Unterdessen  kam  der  Czar  selbst  nach  Berlin,
und  am  3.  November  wurde  der  Potsdamer  Vertrag  unterzeichnet.  Preußen
verpflichtete  sich,  Napoleon  durch  diplomatische  Verhandlungen  zur  Anerkennung
  des  Besitzstandes  von  Luneville  zu  bewegen.  Lehnte  er  ab,  wie
vorauszusehen,  so  trat  die  vermittelnde  Macht  der  Coalition  bei  und
empfing  als  Siegespreis  eine  Gebietsvergrößerung;  Rußland  verhieß  durch
seine  guten  Dienste  die  Abtretung  von  Hannover  in  London  durchzusetzen,
während  die  englischen  Staatsmänner  lieber  Holland  an  Preußen  geben
wollten.  Genng,  der  große  europäische  Kriegsbund  schien  geschlossen.  Der
Czar  verzichtete  auf  seine  polnischen  Hintergedanken,  sagte  reumüthig:  „man
wird  mich  nicht  wieder  darüber  ertappen.“  Eine  zärtliche  Umarmung  über
dem  Sarge  des  großen  Friedrich  —  einer  jener  rührenden  Auftritte,  wie
sie  Alegander's  Schauspielernatur  liebte  —  besiegelte  das  Bündniß  zwischen
den  beiden  wiederversöhnten  Freunden.

Die  preußische  Armee  konnte,  nach  der  Rechnung  des  Herzogs  von
Braunschweig,  nicht  vor  dem  15.  December  in  den  Kampf  eingreifen;  denn
die  an  der  Ostgrenze  versammelten  Truppen  wurden  nicht  geradewegs
nach  Mähren  geführt  zur  Vereinigung  mit  dem  russisch-österreichischen
Heere,  sondern  auf  weitem  Umwege  nach  Thüringen  um  von  dort  aus
den  Franzosen  in  den  Rücken  zu  fallen.  Diese  weitläufige  Bewegung
entsprach  den  Wünschen  Oesterreichs  und  der  Vorliebe  des  Braunschweigers
für  künstliche  Evolutionen;  sicherlich  hat  dem  bedachtsamen  alten  Herrn  auch
der  Gedanke  vorgeschwebt,  vielleicht  könne  der  Krieg  doch  noch  vermieden
werden.  Der  König  hegte  im  Grunde  des  Herzens  dieselbe  Meinung;j  er  hoffte
noch  immer,  ohne  Schwertstreich,  lediglich  durch  die  drohende  Entfaltung
seiner  Heereskräfte  den  Frieden  zu  erzwingen.  Er  hatte  den  Einmarsch  in
Hannover  befohlen,  Hessen  und  Sachsen  für  die  Coalition  gewonnen.  Ein
Heer  von  200,000  Mann  versammelte  sich  an  den  Südgrenzen  der  Monarchie
  um  die  Unabhängigkeit  des  deutschen  Nordens  zu  vertheidigen;
dazu  die  englischen  und  russischen  Truppen,  die  in  Hannover  landeten,
dazu  die  Schweden  König  Gustav's  IV.,  des  Todfeindes  der  Revolution.
Gleichzeitig  zog  die  russische  Reservearmee  durch  Schlesien  gegen  Mähren,
aus  Ungarn  führte  Erzherzog  Karl  das  österreichische  Südheer  herbei.

Das  Schicksal  der  Welt  hing  an  der  klugen  Verzögerung  des  Kampfes.
Wurde  Napoleon  von  den  Alliirten  in  Mähren  durch  eine  behutsame  Defensive
  hingehalten,  bis  alle  Zuzüge  herankamen,  bis  mit  dem  verhängnißvollen
  15.  December  auch  die  preußische  Armee  in  die  Action  eintrat,  so  schien
        <pb n="235" />
        Schlacht  von  Austerlitz.  225

seine  Niederlage  unausbleiblich;  er  stand  über  hundert  Meilen  von  Frank—
reichs  Grenzen  entfernt,  konnte  keine  Verstärkungen  erwarten,  und  sein  Heer
war  schon  jetzt  kaum  so  stark  wie  der  Feind  gegenüber.  Aber  auch  dies—
mal  sollten  ihn  die  Fehler  seiner  Gegner  retten.  Bei  den  Unterhand—
lungen,  die  er  angeknüpft  hatte,  stellte  er  sich  nachgiebig  und  friedfertig
um  den  Glauben  zu  erwecken,  als  ob  er  sich  fürchte.  Alexander  durch—
schaute  das  Spiel,  betheuerte  wiederholt,  keine  List  des  Feindes  sollte  ihn
zu  vorzeitigem  Losschlagen  verlocken;  alle  kriegserfahrenen  Offiziere  riethen
ihm  zur  Vorsicht.  Da  brachte  eine  glänzende  Heerschau  den  Czaren  um
alle  seine  guten  Vorsätze;  sein  Uebermuth  erwachte  bei  dem  Anblick  dieser
schönen  Regimenter,  die  noch  die  Lorbeeren  der  Suworow'schen  Feldzüge
an  den  Fahnen  trugen.  Den  jungen  Heißsporn  durchzuckte  der  Gedanke,
die  Welt  durch  einen  entscheidenden  Krieg  zu  überraschen  noch  bevor  Preußen
am  Kriege  theilnahm;  jene  eleganten  jungen  Generale  vom  Hofe,  die  so
oft  in  der  russischen  Geschichte  leichtfertige  Entschließungen  verschuldet
haben,  stimmten  dem  unbesonnenen  Einfall  lärmend  zu.  Man  beschloß
zum  Angriff  auf  Napoleon's  wohlgesicherte  Stellung  vorzugehen,  in  der
Richtung  von  Osten  nach  Westen,  dergestalt  daß  die  Armee,  wenn  sie  ge—
schlagen  wurde,  nach  Ungarn  zurückweichen  mußte  und  die  Verbindung
mit  Schlesien  verlor,  wo  40,000  Preußen  bei  Neiße  zur  Aufnahme  bereit
standen.  Am  Jahrestage  der  napoleonischen  Kaiserkrönung  empfing  Alexander
durch  die  Schlacht  von  Austerlitz  den  Lohn  für  die  größte  Thorheit  seines
Lebens.  Und  nun  verlor  auch  Kaiser  Franz  die  Besinnung,  bat  den
Sieger  um  einen  Waffenstillstand.  Napoleon  gewährte  die  Bitte  unter
der  Bedingung,  daß  die  Hofburg  das  Bündniß  mit  dem  Czaren  aufgab,
die  russischen  Truppen  durch  Ungarn  heimzogen  und  kein  fremdes  Heer
den  Boden  Oesterreichs  betreten  durfte.

So  wurde  der  große  europäische  Kriegsbund  durch  die  Mißgriffe
der  beiden  Kaiser  schon  im  Entstehen  zersprengt.  Preußens  militärische
Lage  blieb  indeß  noch  immer  vortheilhaft.  Der  Czar  gab  den  Krieg  noch
nicht  gänzlich  auf,  sondern  stellte  seine  Armeecorps,  die  in  Schlesien  und
Preußisch-Polen  standen,  unter  die  Befehle  des  Königs.  Friedrich  Wilhelm
gebot  mithin  über  300,000  Mann  kriegsbereiter  frischer  Truppen;  mit
einer  solchen  Macht  durfte  er  wohl  hoffen  die  Freiheit  Norddeutschlands
zu  schützen  und  dem  bedrängten  Oesterreich  zu  einem  leidlichen  Frieden
zu  verhelfen.  Daß  auch  diese  Hoffnung  trog,  war  zunächst  die  Schuld
des  preußischen  Unterhändlers,  des  Grafen  Haugwitz,  im  letzten  Grunde
die  Schuld  des  Königs  selber.  Preußens  bewaffnete  Vermittlung  war
sinnlos,  wenn  sein  Unterhändler  nicht  ein  kurzes  Entweder  —  Oder
aussprach  und  dem  Eroberer  nicht  entweder  die  preußischen  Friedensbedingungen
  auferlegte  oder  ihm  den  Krieg  erklärte.  Zu  einem  solchen
Entschlusse  vermochte  sich  indeß  der  friedfertige  König  nicht  aufzuraffen.
Er  brach  den  Verhandlungen  von  vornherein  die  Spitze  ab,  indem  er

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  15
        <pb n="236" />
        226  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

dem  Abgesandten  insgeheim  die  Weisung  mitgab,  unter  allen  Umständen
den  Frieden  mit  Frankreich  zu  bewahren.“)  Haugwitz  hatte  während  der
jüngsten  Jahre  manchen  Beweis  diplomatischen  Scharfsinns  gegeben  und
die  feindseligen  Absichten  Napoleon's  mehrmals  richtiger  beurtheilt  als
sein  Amtsgenosse  Hardenberg,  doch  in  der  gegenwärtigen  Verwicklung  schien
ihm  die  Neutralität  allein  geboten.  Daher  trug  er  kein  Bedenken,  über
die  friedlichen  Befehle  des  Königs  sogar  noch  hinauszugehen.  Er  reiste
langsam,  wie  befohlen,  damit  der  verabredete  Termin  des  15.  Decembers
herankäme;  endlich  bei  Napoleon  eingetroffen  sagte  er  in  einer  mehr—
stündigen  Unterredung  kein  Wort  von  den  Friedensbedingungen  des  Königs,
kein  Wort  von  bewaffneter  Vermittlung  und  kriegerischen  Drohungen,
sondern  ließ  sich  mit  leeren  Worten  vertrösten  und  ging  dann  nach  Wien
den  Gang  der  Ereignisse  abzuwarten.  Dort  traf  ihn  die  Nachricht  von
der  Austerlitzer  Schlacht,  und  sofort  war  er  entschlossen,  um  jeden  Preis
die  Versöhnung  mit  dem  Uebermächtigen  zu  Stande  zu  bringen;  in  seiner
Seelenangst  redete  er  sich  ein,  Oesterreich  stehe  bereits  im  Begriff,  mit
Napoleon  vereint  gegen  Preußen  zu  kämpfen.  Abermals  eigenmächtig,
ohne  jede  Vollmacht,  unterzeichnete  er  am  15.  December  zu  Schönbrunn
ein  Schutz-  und  Trutzbündniß  mit  Frankreich:  Preußen  erkannte  alle  die
Abtretungen,  welche  Napoleon  vom  Kaiser  Franz  zu  erzwingen  hoffte,
schon  im  Voraus  an,  übergab  das  rechtsrheinische  Cleve  an  Frankreich,
das  treue  Ansbach  an  Baiern  und  erhielt  dafür  Hannover.

Der  Sieger  jubelte;  „bin  ich  Preußens  sicher,  so  muß  auch  Oesterreich
  gehen  wohin  ich  will!l“  Mit  dem  Schönbrunner  Vertrage  in  der
Hand  nöthigte  er  den  rathlosen  Wiener  Hof  schon  am  26.  December  die
drückenden  Bedingungen  des  Preßburger  Friedens  anzunehmen.  Das
Haus  Oesterreich  verlor  Venetien,  Tyrol  und  den  Rest  seiner  schwäbischen
  Besitzungen;  die  abgetretenen  deutschen  Provinzen  wurden  den
süddeutschen  Satrapen  Frankreichs  zugetheilt.  Baiern  und  Württemberg
erlangten  durch  Napoleon's  Gnade  die  Königskrone  und  dazu  das
höchste  aller  Güter,  das  letzte  Ziel  zweier  Jahrhunderte  des  Verrathes
und  der  Felonie  —  die  volle  und  unbeschränkte  Souveränität.  Kaiser
Franz  mußte  zum  Voraus  alle  aus  diesem  neuen  Rechte  sich  ergebenden
Folgerungen  genehmigen.  Damit  schwand  der  letzte  Schatten  der  alten
nationalen  Monarchie;  über  souveränen  Königskronen  konnte  das  deutsche
Königthum  nicht  mehr  bestehen.  In  der  Friedensurkunde  wurde  das
Reich  bereits  mit  dem  Namen  des  Deutschen  Bundes  bezeichnet.  Schon
seit  längerer  Zeit  berieth  der  Imperator  mit  den  süddeutschen  Höfen,  was
wohl  an  die  Stelle  der  „elenden  Aefferei“  des  Regensburger  Reichstages
treten  könne.  Nunmehr  kündigte  er  in  herablassenden  Briefen  den  Getreuen
  ihre  neue  Herrlichkeit  an:  Baden  sei  also  in  den  Kreis  der  großen

 

*)  Neuerdings  nachgewiesen  von  M.  Lehmann,  Scharnhorst  I.  354.
        <pb n="237" />
        Friede  von  Preßburg.  227

Mächte  emporgehoben,  Baiern  solle  bei  nächster  Gelegenheit  noch  weitere
Vergrößerungen  empfangen.  Er  stand  jetzt  auf  der  Höhe  seiner  Erfolge;
noch  hatte  kein  Mißgeschick  die  wundervollen  Triumphe  seiner  glückhaften
Fahnen  getrübt.  Staunend  blickte  Frankreich  zu  dem  Unüberwindlichen
empor;  das  deutsche  Straßburg  fühlte  sich  stolz,  dem  neuen  Kaiserreiche
als  Ausfallspforte  gegen  sein  altes  Vaterland  zu  dienen  und  taufte  sein
Metzgerthor  auf  den  Namen  der  Dreikaiserschlacht;  in  Paris  sollte  eine
Trajanssäule  den  Ruhm  des  Imperators  verherrlichen.

Auf  der  Rückreise  in  München  empfing  Napoleon  die  unterthänige
Danksagung  des  neuen  Baiernkönigs,  feierte  die  Vermählung  seines  Stief—
sohnes  mit  einer  Tochter  des  Wittelsbachers  und  vernahm  befriedigt,  wie
Max  Joseph  dem  jubelnden  Volke  die  angebliche  Wiederherstellung  der  an—
gestammten,  ursprünglichen  bairischen  Königswürde  ankündigte:  alle  Baiern
sollten  fortan  die  blau-weiße  Kokarde  tragen  „um  sich  gleichsam  als  Brüder
zu  erkennen  und  im  Auslande  die  ihnen  gebührende  Auszeichnung  zu  er—
halten“.  Der  Erzkanzler  Dalberg  eilte  herbei  zur  Einsegnung  der  Neu—
vermählten.  Der  Vielgewandte  hatte  während  des  Krieges  in  einer  Auf—
wallung  patriotischer  Gefühle  einen  verworrenen  Aufruf  an  den  deutschen
Reichstag  gerichtet  und  wehmüthig  gefragt:  „sollte  der  Name  Deutschland,
der  Name  deutsche  Nation,  der  Name  eines  Volksstammes  erlöschen,  der
ehemals  den  römischen  Koloß  besiegte?“  Er  mußte  jetzt  harte  Scheltworte
hören  weil  er  sich  unterstanden  „den  deutschen  Geist  aufzuwecken“.  Um
den  Gewaltigen  ganz  zu  versöhnen  ernannte  er  bald  darauf  den  Oheim
Napoleon's,  Cardinal  Fesch  zu  seinem  Coadjutor;  ein  geringschätzig  behan—
delter  Nebensproß  des  Hauses  Bonaparte,  ein  Corse,  der  kein  Wort  deutsch
verstand  und  die  angebotene  Würde  nur  ungern  annahm,  sollte  also  demnächst
  den  vornehmsten  Fürstenstuhl  Deutschlands  besteigen.  Um  dieselbe
Zeit  vermählte  sich  der  badische  Thronfolger  mit  Stephanie  Beauharnais.
Seinem  Schwager  Murat  aber  hatte  Napoleon  das  preußische  Cleve  und
das  Herzogthum  Berg  zugedacht,  das,  einem  alten  Münchener  Plane  gemäß,
jetzt  von  Baiern  gegen  Ansbach  ausgetauscht  wurde.  Also  hielt  die  Familie
  Bonaparte  ihren  fröhlichen  Einzug  in  die  Reihen  des  hohen  Adels
deutscher  Nation;  der  deutsche  Fürstenstand  erkannte  die  Gleichberechtigung
der  „vierten  Dynastie  Frankreichs“  förmlich  an.

Unterdessen  traf  Napoleon  alle  Anstalten  um  die  Krone  Preußen  zur
Annahme  des  Schönbrunner  Vertrags  zu  zwingen.  Die  große  Armee
und  die  süddeutschen  Truppen  rückten  gegen  den  Main  vor,  andere  Corps
wurden  in  Nassau  und  Holland  bis  dicht  an  Preußens  Grenzen  vorgeschoben.
  Als  der  Imperator  nach  Frankreich  ging,  ließ  er  Berthier  in
München,  seine  Pferde  in  Straßburg  zurück;  „schnell  wie  der  Blitz“  wollte
er  jederzeit  zurückkehren  um  zugleich  vom  Westen  und  Süden  her  seine
Schaaren  in  Preußen  einbrechen  zu  lassen.  So  standen  die  Dinge  als
Haugwitz  nach  langsamer  Reise  heimkehrte;  er  schmeichelte  sich,  durch  seinen

15*
        <pb n="238" />
        228  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Schönbrunner  Vertrag  den  Staat  gerettet  zu  haben.  Sollte  der  König
den  pflichtvergessenen  Unterhändler  für  seine  unerhörte  Eigenmacht  durch
schimpfliche  Entlassung  strafen  und  mit  dem  Schwerte  in  der  Faust  die
Herrschaft  über  Norddeutschland,  zusammt  Hannover,  das  thatsächlich  in
Preußens  Händen  war,  behaupten  —  oder  dies  Hannover  als  ein  Geschenk
aus  Napoleon's  Händen  entgegennehmen  und  dafür  Cleve  und  Ansbach
abtreten,  ein  Schutz-  und  Trutzbündniß  mit  Frankreich  schließen  und  sich
in  den  Krieg  gegen  England  verwickeln  lassen?  Die  Frage  durfte  für
einen  ehrenhaften  Staat  keine  Frage  sein.  Und  dennoch  rieth  Harden—
berg  zu  einem  Mittelwege:  er  rieth  den  Schönbrunner  Vertrag  anzu—
nehmen,  aber  unter  Vorbehalten,  welche  dem  Zerwürfniß  mit  England
vorbeugen  sollten;  denn  obgleich  er  das  Verfahren  seines  Gegners  Haugwitz
scharf  verdammte,  so  hoffte  er  doch  noch  jetzt  durch  neue  Verhandlungen  mit
Napoleon  vielleicht  neuen  Landgewinn  zu  erreichen.  Dergestalt  lieferte  man
dem  listigen  Gegner  selber  den  willkommenen  Vorwand,  sich  auch  seiner—
seits  nicht  mehr  an  den  Schönbrunner  Vertrag  zu  binden.  Dem  schweren
Fehler  folgte  sogleich  ein  zweiter,  noch  gröberer.  Während  Napoleon  sich
in  verdächtiges  Schweigen  hüllte  und  seine  Heersäulen  von  allen  Seiten
her  gegen  Preußens  Grenzen  heranrückten,  wurde  die  Abrüstung  des
preußischen  Heeres  beschlossen.  Getäuscht  durch  Laforest's  zweideutige  Zu—
sagen,  hielt  man  Frankreichs  Zustimmung  für  sicher  und  wollte  den
Staatshaushalt  nicht  noch  mehr  belasten;  war  doch  bereits  zur  Bestreitung
der  Kosten  der  Mobilmachung  eine  Anleihe  aufgenommen  und  die  Aus—
gabe  von  fünf  Millionen  Thalern  Tresorscheinen  angeordnet  worden.  Die
ängstliche  Sparsamkeit  sollte  dem  Staate  theuer  zu  stehen  kommen.  Napo—
leon  hatte  nur  auf  den  Heimzug  der  preußischen  Armee  gewartet  um
„einen  noch  weiteren  Vertrag“  zu  erzwingen;  nun  Preußen  waffenlos  vor
ihm  lag,  ließ  er  alsbald  die  Maske  fallen.  Hardenberg  hoffte  noch  arg—
los,  sich  mit  dem  Imperator  über  die  Neugestaltung  Deutschlands  freund—
schaftlich  zu  verständigen;  er  dachte  an  eine  deutsche  Trias,  also  daß
Desterreich  für  sich  bliebe,  Preußen  im  Norden,  Frankreich  im  Süden  den
beherrschenden  Einfluß  erlangte,  und  hielt  in  solchen  ungeheuerlichen  Formen
noch  eine  gewisse  politische  Gemeinschaft  der  deutschen  Nation  für  möglich.

Da  sendete  Haugwitz,  der  in  Paris  die  Verhandlungen  abschließen
sollte,  die  niederschmetternde  Nachricht,  daß  Napoleon  den  Schönbrunner
Vertrag  nicht  mehr  anerkenne.  Am  15.  Februar  1806  unterzeichnete  der
geängstete  Unterhändler  den  Pariser  Vertrag,  der  die  harten  Schönbrunner
Bedingungen  noch  verschärfte;  Preußen  versprach  die  hannoverschen  Flüsse
zu  sperren,  mithin  sofort  einen  Krieg  gegen  England  zu  beginnen,  der
den  preußischen  Handel  völlig  lähmen  mußte,  und  von  der  in  Schönbrunn
verheißenen  Entschädigung  für  Ansbach  war  nun  keine  Rede  mehr.  Welch
eine  Lage!  Die  Regimenter  standen  längst  auf  Friedensfuß,  zerstreut  in
ihren  Garnisonen;  vom  Main  und  Rhein  her  zugleich  einbrechend  konnten
        <pb n="239" />
        Verträge  von  Schönbrunn  und  Paris.  229

die  französischen  Heersäulen  den  Staat  in  wenigen  Wochen  überrennen.
Oesterreich  hatte  seinen  Frieden  geschlossen;  der  Czar  hielt  sich  zurück,
stellte  seinem  Freunde  anheim  sich  wohl  oder  übel  mit  der  Uebermacht
abzufinden.  Auch  von  England  stand  rasche  Hilfe  nicht  zu  erwarten;
dem  großen  Pitt  war  das  Herz  gebrochen  nach  dem  Tage  von  Austerlitz,
nach  seinem  Tode  schwankte  die  britische  Politik  eine  Zeit  lang  unsicher
umher.  Alle  Generale,  selbst  der  grimmige  Franzosenfeind  Rüchel,  er—
klärten  den  Widerstand  für  unmöglich;  Hardenberg  aber,  in  tiefster  Seele
erschüttert  und  empört,  überließ  die  Entscheidung  dem  Könige,  da  ja  die
Minister  noch  keine  selbständige  Verantwortlichkeit  trugen.  Friedrich
Wilhelm  entschied  wie  er  mußte;  er  genehmigte  den  Pariser  Vertrag.

So  jammervoll  verlief  der  erste  Versuch  die  bequeme  Baseler  Neutralitätspolitik
  zu  verlassen.  Die  Coalition  war  durch  den  Vorwitz  des
Czaren  und  den  Kleinmuth  des  Kaisers  Franz  zerstört,  das  isolirte  Preußen
durch  Napoleon  aus  einer  falschen  Stellung  in  die  andere  gelockt  und
endlich  zu  Gnaden  und  Ungnaden  unterworfen  worden.  Unter  den  Verwünschungen
  der  Hannoveraner  wurden  die  schwarzen  Adler  an  die  Thore
der  alten  Welfenstädte  angeschlagen;  ungehört  verhallten  die  Klagen  der
getreuen  Ansbacher,  die  in  verzweifelten  Adressen  den  König  baten,  er
möge  sie  nicht  verstoßen.  Aber  mitten  in  dieser  Demüthigung  zeigten  sich
schon  die  ersten  Spuren  einer  sittlichen  Widerstandskraft,  die  in  den  trägen
Jahren  des  friedlichen  Behagens  ganz  entschwunden  schien.  Während  des
Winters  war  die  alte  unbelehrbare  Selbstgefälligkeit  oft  sehr  prahlerisch
hervorgetreten;  noch  im  Januar  konnte  ein  begabter,  thatenlustiger  Offizier
wie  der  junge  Bardeleben  triumphirend  schreiben:  „wir  haben  das  Glück
des  Friedens  mit  großem,  wahrem  Ruhme  herbeigeführt!“  Nach  dem
Pariser  Vertrage  schlug  die  Stimmung  um.  Unter  den  aufgeklärten
Publicisten  der  Hauptstadt  fanden  sich  zwar  einige  pfiffige  Köpfe,  die  den
König  lobten,  weil  er  ohne  Schwertstreich  eine  schöne  Provinz  gewonnen
habe.  Der  Adel  dagegen  und  das  Heer  empfanden  mit  Unmuth,  daß  die
Glorie  der  fridericianischen  Zeiten  dahin  war;  tiefere  Naturen  wie  Gneisenau
sahen  den  Entscheidungskampf  mit  schnellen  Schritten  heranrücken  und
setzten  ihre  Hoffnung  auf  ein  Bündniß  der  zwei  deutschen  Großmächte.
Niemand  fühlte  den  Schimpf  schwerer  als  die  ehrliche  Natur  des  Königs.
Er  erklärte  seinen  Vertrauten  rund  heraus:  der  Pariser  Vertrag  sei  nicht
bindend,  sei  durch  Lug  und  Trug  erschlichen,  die  Pflicht  gebiete  bei  dem
nächsten  Uebergriffe  Frankreichs  das  Schwert  zu  ziehen.

Während  der  Schützling  Napoleon's  Haugwitz  die  amtliche  Leitung  der
auswärtigen  Angelegenheiten  übernahm  und  den  Staat  im  Fahrwasser  der
französischen  Allianz  steuerte,  blieb  Hardenberg  der  vertraute  Rathgeber  des
Königs  und  knüpfte,  in  der  Voraussicht  des  nahen  Krieges,  insgeheim  die
Verbindung  mit  Rußland  wieder  an.  Auch  diesem  Hoffnungsvollen  waren
jetzt  die  Augen  aufgegangen.  Er  hatte  an  den  politischen  Sünden  der
        <pb n="240" />
        230  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

letzten  zwei  Jahre  seinen  reichen  Antheil  und  galt  gleichwohl  in  Paris
als  der  Führer  der  antifranzösischen  Partei,  weil  er  ein  Gegner  von
Haugwitz  war  und  den  König  wiederholt  beschworen  hatte,  sich  von
diesem  homme  sans  foi  et  sans  loi')  zu  trennen.  Napoleon  witterte
in  Hardenberg  mit  feiner  Spürkraft  den  tapferen  und  hochherzigen
Staatsmann,  wollte  sich  rächen  für  die  Verlegenheiten  des  vergangenen
Herbstes,  überhäufte  den  Minister  mit  öffentlichen  Schmähungen,  die  der
Angegriffene  freimüthig  beantwortete,  und  forderte  endlich  die  Entlassung
des  Verhaßten.  Diesen  Angriffen  Napoleon's  verdankte  Hardenberg  einen
Ruf,  den  seine  Thaten  noch  nicht  verdienten;  alle  Guten  blickten  hoffend
zu  ihm  auf,  der  tapfere  Patriot  v.  d.  Marwitz,  der  stolze  Führer  des
märkischen  Adels,  verehrte  ihn  „seit  dem  Herbst  1805  wie  das  Ideal  des
Mannes,  der  den  Staat  retten  sollte“.  *)  Doch  erst  in  diesen  furchtbaren
  Frühlingswochen  von  1806  wurde  Hardenberg  wirklich  wofür  die
Welt  ihn  hielt.  Mit  Entsetzen  sah  er,  an  welchem  Abgrunde  Preußen
dahinschwankte;  Alles  was  edel  und  hochherzig  war  in  dieser  reichbegabten
Natur,  wurde  lebendig,  und  fortan  ist  er  bis  zum  Ende  der  unermüdliche
Feind  des  napoleonischen  Weltreichs  geblieben.

Der  letzte  Trost  des  Grafen  Haugwitz  beim  Abschlusse  des  Pariser
Vertrages  war  die  Hoffnung  auf  die  baldige  Heimkehr  der  französischen
Truppen.  Aber  auch  diese  Erwartung  erwies  sich  eitel.  Die  große  Armee
blieb  in  Deutschland,  bedrohte  vom  Inn  her  Oesterreichs,  vom  Rhein  und
Main  her  Preußens  Grenzen.  Sie  sollte  die  Hofburg  zwingen,  die  förmliche
  Aufhebung  des  heiligen  Reichs,  welche  der  Imperator  plante,  gut  zu
heißen;  und  zugleich  war  Napoleon  entschlossen,  den  Frieden  mit  England
nöthigenfalls  durch  die  Preisgabe  des  soeben  erst  an  Preußen  abgetretenen
hannoverischen  Landes  herbeizuführen.  Widersetzte  sich  der  preußische  Hof
dieser  neuen  Beleidigung,  so  stand  das  französische  Heer  zum  Einbruch
bereit.  Indessen  wurden  die  festen  Plätze  Kehl,  Kastel,  Wesel  von  Frankreich
  in  Besitz  genommen;  die  niederrheinische  Festung  war  bestimmt  einem
Angriffskriege  gegen  Preußen  als  Stützpunkt  zu  dienen.

Also  gerüstet  schritt  Napoleon  daran,  den  Gedanken  der  deutschen
Trias,  womit  Hardenberg  soeben  noch  gespielt  hatte,  nach  seiner  Weise  zu
verwirklichen.  Nicht  im  Bunde  mit  Oesterreich  und  Preußen,  sondern
unabhängig  von  beiden  und  im  Gegensatze  zu  ihnen  sollte  Frankreichs
alter  Schützling,  la  troisieme  Allemagne  sich  politisch  gestalten.  Eine
phantastische  Denkschrift  Dalberg's,  die  von  der  Wiederherstellung  des
Karolingerreichs,  von  der  Verjüngung  der  ehrenwerthen  deutschen  Nation
redete,  und  eine  kurze  ergebnißlose  Vorverhandlung  mit  den  größeren
süddeutschen  Staaten  in  München  überzeugten  den  Imperator,  wie  schwer
es  hielt  diese  deutschen  Köpfe  unter  einen  Hut  zu  bringen;  darum  be-*)

  Hardenberg's  Journal,  6.  Sept.  1806.
*“)  So  gesteht  Marwitz  in  einem  Briefe  an  Hardenberg  vom  11.  Febr.  1811.
        <pb n="241" />
        Der  Rheinbund.  231

schloß  er  ihnen  die  neue  Ordnung  kurzerhand  aufzuerlegen,  wie  einst
Karl  V.  die  Fürsten  Italiens  durch  halb  erzwungene  Verträge  an  sich  ge—
kettet  hatte.  Er  wußte,  daß  er  den  Höfen  der  Mittelstaaten  Alles  zumuthen
durfte,  wenn  er  ihnen  einen  neuen  Beutezug  gegen  ihre  kleinen  Mitstände
gestattete.  An  Unterwürfigkeit  hatten  es  diese  kleinen  Herren  des  Südens
freilich  nicht  fehlen  lassen.  Die  Mehrzahl  war  zu  einer  Frankfurter
Union  zusammengetreten  und  hielt  sich  in  Paris  einen  gemeinschaftlichen
Gesandten.  Fort  und  fort  wurde  der  Gewaltige  von  den  geängsteten
Kleinfürsten  mit  Bitten  und  Anliegen  behelligt;  wenn  er  bei  guter  Stimmung
  war,  so  ließ  er  sich  auch  wohl  durch  seinen  Talleyrand  berichten
ce  due  C'est  due  ce  prince  -  Ià  und  gab  eine  gnädige  Antwort.  Doch
mit  waffenlosen  Vasallen  wußte  der  Eroberer  nichts  anzufangen;  auch
beargwöhnte  er  die  Freundschaft,  welche  einige  dieser  kleinen  Herren  mit
Preußen,  die  meisten  mit  Oesterreich  verband.  Sein  Entschluß  war  gefaßt,
  „es  liegt  in  der  Natur  der  gegenwärtigen  Verhältnisse,  daß  die
kleinen  Fürsten  vernichtet  werden.“  Schon  erhob  sich  über  den  Trümmern
der  alten  Staatengesellschaft  das  neue  Föderativsystem:  die  „Sonnen-Nation“
  Frankreich  umgeben  von  Trabantenstaaten.  Zwei  Brüder  des
Imperators  bestiegen  die  Throne  von  Holland  und  Neapel;  das  übrige
Italien  und  die  Schweiz  hielt  er  unter  seiner  Botmäßigkeit.  Für  den
Deutschen  Bund,  der  die  Reihe  dieser  Trabantenvölker  zu  verstärken  bestimmt
  war,  rechnete  er  zunächst  auf  die  vier  süddeutschen  Mittelstaaten
und  auf  das  neue  niederrheinische  Großherzogthum  Joachim  Murat's;  von
den  kleineren  dachte  er  nur  wenige  zu  verschonen,  die  sich  durch  Unterthänigkeit
  oder  hohe  Verwandtschaft  empfahlen.

Im  Frühjahr  1806  verbreitete  sich  an  den  deutschen  Höfen  das  Gerücht,
  eine  neue  umfassende  Mediatisirung  sei  im  Anzuge.  Abermals  wie
vier  Jahre  zuvor  eilten  die  Gesandten  unseres  hohen  Adels  nach  Paris
um  durch  Schmeichelei  und  Bestechung  ihren  Herren  den  Beutetheil  zu
sichern.  Wieder  wie  damals  mußte  ein  Elsasser  das  Geschäft  der  deutschen
Ländervertheilung  besorgen:  der  alte  Reichspublicist  Pfeffel  unter  der
Leitung  Talleyrand's  und  La  Besnardiere's.  Währenddem  gelangte  die  Verfassung
  des  Rheinbundes  in  Napoleon's  Cabinet  zum  Abschluß;  mit  keinem
der  deutschen  Höfe  wurden  Unterhandlungen  geführt,  selbst  von  den  Gesandten
  in  Paris  erhielten  nur  vier  die  Urkunde  zum  Lesen,  bevor  Talleyrand
  am  12.  Juli  die  Getreuen  zur  Sitzung  berief.  Hier  hielt  er  ihnen  ihre
hilflose  Lage  vor,  wie  sie  als  Rebellen  gegen  das  Reich  nicht  mehr  auf
halbem  Wege  stehen  bleiben  dürften;  dann  wurde  die  Urkunde  ohne  jede
Berathung  angenommen.  Der  rheinische  Bund  Ludwig's  XIV.  lebte  wieder
auf,  in  ungleich  stärkeren  Formen.  Sechzehn  deutsche  Fürsten  sagten  sich
vom  Reiche  los,  erklärten  sich  selbst  für  souverän,  jedes  Gesetz  des  altehrwürdigen
  nationalen  Gemeinwesens  für  nichtig  und  wirkungslos;  sie  erkannten
  Napoleon  als  ihren  Protector  an,  stellten  ihm  für  jeden  Festlands-
        <pb n="242" />
        232  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

krieg  Frankreichs  ein  Heer  von  63,000  Mann  zur  Verfügung.  Unbedingte
Unterwerfung  in  Sachen  der  europäischen  Politik  und  ebenso  unbeschränkte
Souveränität  im  Innern  —  das  waren  die  beiden  aus  gründlicher  Kenntniß
  des  deutschen  Fürstenstandes  geschöpften  leitenden  Gedanken  der  Rheinbundsverfassung.
  Die  Höfe  ertrugen  die  Unterwerfung,  weil  sie  eingepreßt
zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  eines  Schutzes  bedurften  und  auf  neue
Geschenke  napoleonischer  Gnade  hofften;  einige  trösteten  sich  wohl  insgeheim
  mit  dem  Gedanken,  die  französische  Uebermacht  werde  nicht  ewig
dauern;  die  Souveränität  aber  hielten  sie  sämmtlich  fest  als  einen  Schatz  für
alle  Zeiten.  Der  deutsche  Particularismus  trat  in  seiner  Sünden  Blüthe.

Napoleon  versagte  sich's  nicht,  in  einem  Briefe  an  Dalberg  an  den
uralten  Landesverrath  der  deutschen  Kleinfürsten  höhnisch  zu  erinnern;  er
nannte  die  Politik  des  Rheinbundes  conservativ,  denn  sie  stelle  nur  von
Rechtswegen  ein  Schutzverhältniß  her,  das  in  der  That  schon  seit  mehreren
Jahrhunderten  bestanden  habe.  Doch  zugleich  schmeichelte  er  klug  dem
dynastischen  Dünkel:  kein  Oberlehnsherr  stehe  mehr  über  den  deutschen
Fürsten,  kein  fremdes  Gericht  dürfe  sich  in  ihre  Landesangelegenheiten
mischen;  er  selber  übe  nur  die  einfache  Pflicht  des  Schutzes,  die  keinen
höheren  Zweck  habe  als  den  Verbündeten  die  volle  Souveränität  zu  gewährleisten.
  Das  verheißene  Fundamentalstatut  des  Rheinbundes  ist  nie  erschienen,
  der  Bundestag  mit  seinen  zwei  Räthen  nie  zusammengetreten;
diesem  Werke  der  rohen  Gewalt  fehlte  von  Haus  aus  die  Fähigkeit  rechtlicher
  Weiterbildung.  Dem  Protector,  der  schon  seinem  zahmen  gesetzgebenden
  Körper  in  Paris  ein  unwilliges  vous  chicanez  le  pouvoir!
zurief,  lag  wenig  daran,  auch  noch  durch  die  schwerfälligen  Berathungen
eines  rheinischen  Bundestags  belästigt  zu  werden;  ihm  genügte,  daß  er
jetzt  mit  den  deutschen  Regimentern  vom  linken  Rheinufer  an  150,000
deutsche  Soldaten  unter  seinem  Befehle  hielt.  Die  beiden  Könige  des
Rheinbundes  aber  verhehlten  nicht  ihren  Widerwillen  gegen  jede  bündische
Unterordnung  und  verwarfen  kurzweg  alle  die  Pläne  für  den  Ausbau  des
Bundes,  welche  der  neue  Fürstprimas  Dalberg  mit  unerschöpflicher  Begeisterung
  entwarf.

Das  Bundesgebiet  erstreckte  sich  vom  Inn  bis  zum  Rhein  über  den
ganzen  Südwesten,  reichte  dann  nordwärts  bis  tief  nach  Westphalen  hinein,
den  preußischen  Staat  und  seine  kleinen  Verbündeten  in  weitem  Bogen
umklammernd;  und  der  Artikel  39  der  Rheinbundsacte  kündete  bereits
drohend  an,  daß  auch  anderen  deutschen  Staaten  der  Eintritt  vorbehalten
bleibe.  Was  im  Süden  und  Westen  noch  übrig  war  von  kleinen  Reichsständen
  wurde  der  Landeshoheit  der  sechzehn  Verbündeten  unterworfen:
alle  Fürsten  und  Grafen,  alle  Reichsritter,  so  viele  sich  in  den  Stürmen
der  jüngsten  Jahre  noch  behauptet  hatten,  die  beiden  Ritterorden,  die
Reichsstädte  Nürnberg  und  Frankfurt,  zusammen  ein  Gebiet  von  550  Geviertmeilen
  und  fast  fünfviertel  Millionen  Einwohnern.  Aller  Schmutz,
        <pb n="243" />
        Neue  Mediatisirungen.  233

der  an  dem  Reichsdeputationshauptschlusse  haftete,  verschwand  neben  der
entsetzlichen  Roheit  dieser  neuen  Gewaltthat;  denn  nicht  durch  das  Reich
selber  und  nicht  unter  dem  Vorwande  der  Entschädigung,  sondern  durch
die  nackte  Willkür  einer  Handvoll  eidbrüchiger  Fürsten  und  unter  dem
Schutze  des  napoleonischen  Heeres  wurde  jetzt  die  Vernichtung  verhängt  über
die  Lobkowitz  und  Schwarzenberg,  über  alle  jene  österreichischen  Standesherren,
  welche  so  lange  den  Stamm  der  keaiserlichen  Partei  unter  den
weltlichen  Fürsten  gebildet  hatten.  Mit  ihnen  fielen  auch  die  alten  ruhmvollen
  Geschlechter  der  Fürstenberg  und  Hohenlohe,  die  vor  wenigen  Jahrzehnten
  fast  ebenso  mächtig  gewesen  wie  ihre  glücklichen  Nachbarn  in
Karlsruhe  und  Stuttgart;  und  einer  mindestens  unter  den  Mediatisirten
ließ  mit  Bewußtsein,  um  der  Ehre  willen  das  Verhängniß  über  sich  ergehen.
  Fürst  Friedrich  Ludwig  von  Hohenlohe-Oehringen  wies  alle  die
Lockungen,  wodurch  Napoleon  den  berühmten  preußischen  General  für  den
Rheinbund  zu  gewinnen  suchte,  stolz  zurück;  er  wollte  die  Treue  nicht
brechen,  die  sein  Haus  seit  Jahrhunderten  mit  den  Hohenzollern  vereinte,
er  verlor  seine  Landeshoheit,  weil  er  sich  muthig  auf  Preußens  Seite
stellte.  Noch  unmittelbarer  wurde  der  Berliner  Hof  verletzt  durch  die
Beraubung  der  Nassau-Oranier;  dies  Haus,  dem  die  Krone  Preußen
auf  deutschem  Boden  eine  Entschädigung  für  den  verlorenen  niederländischen
Besitz  verschafft  hatte,  sah  sich  jetzt  aus  einem  Theile  seiner  deutschen
Lande  vertrieben,  ohne  daß  man  auch  nur  eine  Anzeige  in  Berlin  für
nöthig  hielt.  Zufall  und  Laune  entschieden  über  Bestand  und  Untergang
der  Kleinstaaten;  der  kleine  Graf  von  der  Leyen  wurde  als  souveräner
Fürst  in  den  Rheinbund  aufgenommen  weil  er  ein  Neffe  Dalberg's  war.
Und  doch  waltete  eine  heilige  Nothwendigkeit,  den  Frevlern  unbewußt,  auch
über  dieser  Gewaltthat.  Wieder  verschwand  eine  ganze  Schaar  jener  unfruchtbaren
  Staatsbildungen,  die  sich  einst  mit  den  Spolien  der  alten
deutschen  Monarchie  bereichert  hatten;  es  ebnete  sich  der  Boden,  auf  dem
dereinst  ein  neuer  Bau  der  deutschen  Einheit  emporsteigen  sollte.

Bis  tief  in  den  Sommer  hinein  blieb  Napoleon  darauf  gefaßt,  daß
der  rechtmäßige  Kaiser  der  Vernichtung  des  alten  Reichs  widersprechen
werde;  bestimmte  doch  der  Preßburger  Friede  ausdrücklich,  daß  die  neuen
Könige  nicht  aufhören  sollten  dem  Deutschen  Bunde  anzugehören.  Aber
Oesterreich  war  tief  erschöpft  von  dem  unglücklichen  Kriege;  Erzherzog  Karl
und  der  neue  Minister  des  Auswärtigen  Graf  Philipp  Stadion  hofften
in  Frieden  die  Kräfte  der  Monarchie  wiederherzustellen.  Zudem  waren
in  jenem  Preßburger  Vertrage  alle  Folgen  der  bairisch-württembergischen
Souveränität  bereits  gutgeheißen,  also  mittelbar  die  kaiserlichen  Majestätsrechte
  schon  preisgegeben.  Wollte  und  konnte  man  die  Ansprüche  des
alten  Kaiserthums  nicht  mit  den  Waffen  behaupten,  so  erforderte  die  Würde
des  kaiserlichen  Hauses,  daß  man  dem  werthlosen  Titel  rechtzeitig,  von
freien  Stücken  entsagte,  bevor  Napoleon  den  Verzicht  erzwang.  So  lautete
        <pb n="244" />
        234  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

auch  Stadion's  Rath;  doch  die  alte  Begehrlichkeit  der  habsburgischen
Dynastenpolitik  wollte  selbst  in  diesen  finsteren  Tagen,  da  eine  tausendjährige
  Geschichte  ihren  tragischen  Abschluß  fand,  nicht  zur  Ruhe  gelangen.
Wie  seine  Ahnen  den  Besitz  des  Kaiserthrones  immer  nur  als  ein  Mittel
zur  Vermehrung  ihrer  Hausmacht  angesehen  hatten,  so  dachte  Kaiser  Franz
auch  die  Niederlegung  der  Krone  noch  zu  einem  einträglichen  Handelsgeschäfte
  zu  verwerthen.  „Der  Zeitpunkt  zur  Abtretung  der  Kaiserwürde"“
—  so  schrieb  er  —  „ist  jener,  wo  die  Vortheile,  die  aus  solcher  für  meine
Monarchie  entspringen,  durch  die  Nachtheile,  die  durch  eine  fernere  Beibehaltung
  derselben  entstehen  könnten,  überwogen  werden.“  Darum  solle
Graf  Metternich  nach  Paris  eilen  um  dort  „die  Kaiserwürde  recht  hoch
anzurechnen  und  keine  Abneigung  zur  Abtretung  der  gedachten  Würde,
vielmehr  eine  Bereitwilligkeit  hierzu,  jedoch  nur  gegen  große  für  meine
Monarchie  zu  erhaltende  Vortheile  merken  zu  lassen".  Mit  solchen  Gesinnungen
  nahm  der  letzte  römisch-deutsche  Kaiser  Abschied  von  dem  Purpur
der  Salier  und  der  Staufer.  Der  altgewohnte  Phrasenschwall  von  reichsväterlicher
  Treue  und  reichsoberhauptlicher  Fürsorge  verfing  nicht  mehr;
die  Politik  des  Hauses  Oesterreich  bekannte  endlich  mit  dürren  Worten,
wie  sie  zu  Deutschland  stand.  Aber  das  geplante  Handelsgeschäft  mißlang.
  Als  Metternich  in  Paris  eintraf,  war  die  Rheinbundsacte  bereits
abgeschlossen.  Der  deutsche  Kaiser  stand  der  vollendeten  Thatsache  gegenüber
  und  mußte  noch  erleben,  daß  in  Regensburg  Napoleon  und  seine
Vasallen  die  förmliche  Aufhebung  des  Reiches  aussprachen.

Dem  Reichstage  war  inzwischen  durch  einen  der  treuesten  Reichsstände
  noch  die  letzte  Beschimpfung  geboten  worden;  der  Heißsporn  des
Royalismus,  König  Gustav  von  Schweden,  rief  seinen  Gesandten  ab,  denn
es  sei  unter  seiner  Würde  theilzunehmen  an  Beschlüssen,  die  unter  dem
Einfluß  der  Usurpation  und  des  Egoismus  ständen.  Als  in  Paris  die
Vorbereitungen  zur  Stiftung  des  Rheinbundes  getroffen  wurden,  ließ
Dalberg  vorsorglich  die  Regensburger  Versammlung  in  die  Ferien  reisen.
Am  1.  August  erklärten  dann  acht  Gesandte  im  Namen  der  rheinbündischen
Fürsten,  daß  ihre  durchlauchtigen  Herren  es  „ihrer  Würde  und  der  Reinheit
  ihrer  Zwecke  angemessen“  fänden,  sich  feierlich  loszusagen  von  dem
heiligen  Reiche,  das  in  der  That  schon  ausgelöst  sei;  sie  stellten  sich  unter
„den  mächtigen  Schutz  des  Monarchen,  dessen  Absichten  sich  stets  mit  dem
wahren  Interesse  Deutschlands  übereinstimmend  gezeigt  haben“.  Gleichzeitig
  verkündete  der  französische  Gesandte,  Napoleon  erkenne  das  Reich
nicht  mehr  an,  das  längst  schon  nur  ein  Schatten  seiner  selbst  gewesen.

In  den  alten  Jahrhunderten  der  Gewalt  und  der  Roheit  blieb  ein  letztes
Gefühl  der  Scham  den  Germanen  immer  unverloren;  der  Mörder  mied
die  Nähe  seines  Opfers,  weil  er  fürchtete  das  rothe  Blut  wieder  aus  den
Wunden  des  Leichnams  hervorbrechen  zu  sehen.  Anders  empfand  dies
neue  vorurtheilsfreie  Geschlecht;  als  die  Erklärung  vom  1.  August  ver-
        <pb n="245" />
        Auflösung  des  Reichs.  235

lesen  wurde,  da  waren  im  Reichstage  fast  allein  die  Gesandten  der  Rhein—
bundshöfe,  die  den  alten  deutschen  Staat  vernichtet  hatten,  zugegen.  Ohne
weitere  Verhandlungen  ging  der  Reichstag  auseinander.  Darauf  legte
Kaiser  Franz  durch  ein  kühl  und  farblos  gehaltenes  Manifest  vom  6.  August
die  deutsche  Krone  nieder  und  erklärte  zugleich,  dem  Rechte  zuwider,  „das
reichsoberhauptliche  Amt  und  Würde“  für  erloschen,  sein  Kaiserthum  Oester—
reich  für  ledig  aller  Reichspflichten.  Die  Verbindung  zwischen  Deutsch—
land  und  den  kaiserlichen  Erblanden  war  aber  seit  Langem  so  locker,  daß
die  förmliche  Trennung  in  den  inneren  Zuständen  Oesterreichs  gar  keine
Spuren  zurückließ.  Durch  einen  Staatsstreich  des  letzten  Habsburger—
kaisers  ging  also  jene  Krone  zu  Grunde,  die  seit  tausend  Jahren  mit  den
stolzesten  und  den  schmachvollsten  Erinnerungen  des  deutschen  Volkes  ver—
wachsen  war;  der  Heldenruhm  der  Ottonen  haftete  an  ihr,  aber  auch  der
Fluch  des  dreißigjährigen  Krieges  und  die  lächerliche  Schande  von  Roßbach.
Den  ganzen  Umrkreis  irdischer  Schicksale  hatte  sie  durchmessen,  aus  einer
Zierde  Deutschlands  war  sie  zu  einem  widrigen  Zerrbilde  geworden,  und
als  sie  endlich  zusammenbrach,  da  schien  es  als  ob  ein  Gespenst  versänke.
Die  Nation  blieb  stumm  und  kalt;  erst  als  sie  die  Schmach  der  kaiserlosen
  Zeit  von  Grund  aus  gekostet  hatte,  ist  der  Traum  von  Kaiser  und
Reich  wieder  lebendig  geworden  in  deutschen  Herzen.

Im  Lager  des  Bonapartismus  lärmte  die  freche  Schadenfreude.  Die
Mainzer  Zeitung  schrieb:  „Es  ist  kein  Deutschland  mehr.  Was  man  für
Anstrengungen  einer  gegen  ihre  Auflösung  kämpfenden  Nation  zu  halten
versucht  werden  könnte,  sind  nur  Klagen  weniger  Menschen  an  dem  Grabe
eines  Volkes,  das  sie  überlebt  haben.  Deutschland  ist  nicht  heute  erst
untergegangen.  Was  der  Geschichte  der  Völker  Inhalt  und  Leben  giebt,
ist  der  Geist  einiger  größeren  hervorragenden  Menschen“  —  worauf  dann
die  übliche  Kniebeugung  vor  dem  Helden  des  Jahrhunderts  folgte.  Im
Oberlande  und  am  Rhein  war  die  Meinung  weit  verbreitet,  daß  nur
Englands  Gold  und  Oesterreichs  Uebermuth  den  jüngsten  Krieg  und  den
Untergang  des  Kaiserthums  verschuldet  habe;  im  Norden  aber  kannte  die
Masse  das  Reich  kaum  dem  Namen  nach,  den  Ernst  der  Zeit  hatte  sie
noch  gar  nicht  empfunden.  Gedeckt  durch  die  große  Armee  nahmen  die
Fürsten  des  Rheinbundes  ihre  Beute  in  Besitz,  und  wieder  wie  vor  drei
Jahren  ließ  das  Volk  leise  klagend  Alles  über  sich  ergehen.  Alle  rheinbündischen
  Höfe  meinten  sich  kraft  ihrer  neuen  Souveränität  berechtigt
die  letzten  Trümmer  der  alten  ständischen  Rechte  zu  zerstören;  das  napoleonische
  Machtwort  c'est  commandé  par  les  circonstances  rechtfertigte
jede  Gewaltthat.  Friedrich  von  Württemberg  ließ  gleich  nach  der  Erwerbung
  der  Königskrone  dem  Landtagsausschusse  die  Schlüssel  zu  der
ständischen  Kasse  abfordern  und  beseitigte  die  alte  von  den  tapferen  Schwaben
in  dreihundertjährigen  Kämpfen  vertheidigte  Landesverfassung,  die  einzige
lebenskräftige  im  deutschen  Süden,  als  eine  „nicht  mehr  in  die  itzige
        <pb n="246" />
        236  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Zeit  passende  Einrichtung“;  seine  Minister  jubelten,  jetzt  endlich  sei  der
Schlange  des  ständischen  Trotzes  der  Kopf  zertreten.  Auch  die  Krone
Dänemark  benutzte  die  Auflösung  des  Reichs  um  Holstein  ihrem  Gesammt—
staate  einzuverleiben;  König  Gustav  nahm  seinen  Pommern  ihr  altes
Landesrecht  und  führte  die  schwedische  Verfassung  ein.

Die  Anarchie  eines  neuen  Interregnums  brach  über  Deutschland  her—
ein;  das  Faustrecht  herrschte,  nicht  mehr  von  adlichen  Wegelagerern,  sondern
von  fürstlichen  Höfen  gehandhabt.  Mißtrauisch  verfolgte  Napoleon  jede
Regung  des  nationalen  Gefühls  in  dem  unterjochten  Lande;  Frankreichs
Interesse  verlangt,  so  schrieb  er  seinem  Talleyrand,  daß  die  Meinung  in
Deutschland  getheilt  bleibe.  Als  nun  ein  Ansbacher  Yelin  eine  anonyme
Flugschrift  „Deutschland  in  seiner  tiefen  Erniedrigung“  herausgab  —  ein
treugemeintes,  gefühlsseliges  Schriftchen,  das  in  eiserner  Zeit  nur  den
friedlichen  Rath  fand:  „weine  laut  auf,  edler,  biederer  Deutscher!“  —  da
schien  dem  Imperator  selbst  dieser  Stoßseufzer  des  harmlosen  Spießbürger—
thums  bedenklich,  und  er  ließ  den  Buchhändler  Palm,  der  das  Buch
verbreitet  haben  sollte,  standrechtlich  erschießen.  Es  war  der  erste  Justizmord
  des  Bonapartismus  auf  deutschem  Boden;  die  klugen  Leute  in
Baiern  fingen  an  zu  zweifeln,  ob  der  Rheinbund  wirklich  den  Sieg  der
Freiheit  und  der  Aufklärung  gebracht  habe.

Wie  anders  als  jener  weinerliche  Ansbacher  wußte  Friedrich  Gentz
zu  seinem  Volke  zu  reden!  Die  schönste  seiner  Schriften,  die  Fragmente
aus  der  neuesten  Geschichte  des  politischen  Gleichgewichts  verriethen  freilich
schon,  daß  der  geistvolle  Mann  jetzt  im  Solde  Oesterreichs  schrieb;  für  das
ehrwürdige  Erzhaus  hatte  er  nur  Worte  des  Lobes  und  die  offenkundigen
Pläne  der  Hofburg  gegen  Baiern  leugnete  er  kurzweg  ab.  Doch  was
wollten  solche  Bemäntelungen  bedeuten  neben  der  großartigen  Offenheit,
die  hier  mit  flammenden  Worten  die  letzten  Gründe  der  deutschen  Schande
beleuchtete?  Das  alte  Gleichgewicht  der  Mächte  ist  durch  eine  neue  Weltherrschaft
  zerstört;  nicht  Napoleon's  Genie,  sondern  Deutschlands  selbstverschuldete
  Wehrlosigkeit  hat  das  Verhängniß  heraufgeführt,  und  die  große
Frage  der  Zukunft  lautet:  soll  Deutschland  in  seinem  ganzen  Umfange
werden,  was  heute  schon  die  Hälfte  davon  ist,  was  Holland  und  die
Schweiz  und  Spanien  und  Italien  wurde?  Europa  ist  durch  Deutschland
  gefallen;  durch  Deutschland  muß  es  wieder  emporsteigen.  Einen
Retter  und  Rächer  ruft  er  auf,  der  uns  einsetze  in  unser  ewiges  Recht,
der  Deutschland  und  Europa  wieder  aufbaue;  und  mit  der  Wucht  seines
Hohnes  erdrückt  er  die  Thoren,  die  von  Frankreich  das  Heil  der  Welt
erwarten:  „eben  der  rächende  Dämon,  der  sie  zur  Strafe  ihrer  hochmüthigen
  Plattheit  durch  den  ganzen  ermüdenden  Kreis  politischer  Rasereien
gepeitscht  hat,  schuf  sie  endlich  aus  Enthusiasten  der  Freiheit,  einer  scheuseligen
  fieberhaften  Freiheit,  zu  Lobrednern  der  vollkommensten  Sklaverei,
die  jemals  die  Völker  gebeugt  hatte,  um.“
        <pb n="247" />
        Palm.  Gentz.  Arndt.  237

Auch  aus  dem  stillen  Norden  erklangen  jetzt  endlich  wieder  mächtige
Worte  vaterländischen  Zornes.  Als  ein  ergebener  Unterthan  der  drei
Kronen  Schwedens  hatte  Ernst  Moritz  Arndt,  der  tapfere  Sohn  der
Insel  Rügen,  bisher  dahin  gelebt;  erst  da  die  Schande  den  Deutschen
in  den  Nacken  schlug  wallte  das  deutsche  Blut  in  ihm  auf  und  er
entsann  sich  seines  Vaterlandes.  Während  des  Krieges  von  1805  schrieb
er  den  ersten  Theil  des  „Geistes  der  Zeit"“  und  seitdem  blieb  er  seinem
unglücklichen  Volke  unerschütterlich  als  ein  getreuer  Eckart,  ein  Wecker
der  Gewissen  zur  Seite.  Weder  Gentzen's  umfassende  Sachkenntniß,  noch
die  stahlharte  Schärfe  und  die  bewußte  Berechnung  des  großen  Publicisten
  standen  ihm  zu  Gebote;  ein  Kind  der  Natur  wie  er  war  brauchte
er  langer  Jahre  um  die  landschaftlichen  Vorurtheile  seiner  schwedischpommerschen
  Heimath  zu  überwinden:  die  unklare  Begeisterung  für  das
Land  der  Wälder  und  der  Freiheit,  Skandinavien,  und  den  Widerwillen
gegen  dies  ärmlich  nüchterne  Preußen,  das  mit  seinem  verstandeskalten
Friedrich  doch  allein  die  Spaltung  Deutschlands  verschuldet  habe.  Aber
frisch  und  kräftig,  wie  die  Wogen  seines  heimischen  Meeres,  mit  einer  ursprünglichen,
  unmittelbaren  Macht  der  Empfindung,  die  so  keinem  anderen
politischen  Schriftsteller  jener  Tage  gegeben  war,  strömte  ihm  die  Rede
aus  dem  übervollen,  liebeglühenden  Herzen;  jedes  Wort  war  treu,  muthig,
wahrhaft  wie  die  tiefen  blauen  Augen  des  ewig  jugendlichen  Mannes.
Während  die  hart  politischen  Gedanken  des  Wiener  Publicisten  nur  von
Wenigen  in  diesem  staatlosen  Geschlecht  verstanden  wurden,  schloß  Arndt
sein  Buch  mit  dem  kindlichen  Ausruf:  „ich  liebe  die  Menschen;“  er  ergriff
die  Gemüther,  weil  er  die  Politik  von  der  menschlichen  Seite  nahm.  Er
zuerst  erkannte  und  strafte  die  sittlichen  Schäden  der  geistigen  Ueberbildung
  und  rief  dem  klugen  Jahrhundert  zu:  besser  ist  Leben  als  vom
Leben  schwatzen.  „Ohne  das  Volk  ist  keine  Menschheit  und  ohne  den
freien  Bürger  kein  freier  Mensch.  Ein  Mensch  ist  selten  so  erhaben,  daß
er  äußere  Knechtschaft  und  Verachtung  dulden  kann  ohne  schlechter  zu
werden;  ein  Volk  ist  es  nie.“  Verwandte  Stimmungen  regten  sich  auch
in  der  Berliner  literarischen  Jugend;  seit  den  unseligen  Ansbacher  Händeln
wollte  das  alte  behagliche  Selbstgefühl  nicht  wiederkehren.  In  den  Kreisen
Schleiermacher's  träumte  man  gern  von  dem  nordischen  Bunde,  der  durch
Verkehrsfreiheit  und  gemeinsames  Heerwesen  die  Deutschen  des  Nordens
wieder  zu  Brüdern  machen  sollte.

Eben  diesen  Gedanken,  den  einzigen  der  noch  Rettung  verhieß,  hatte
die  preußische  Regierung  selbst  soeben  aufgenommen.  Während  das  heilige
Reich  unterging,  der  Süden  und  Westen  sich  der  französischen  Herrschaft
beugten,  unternahm  König  Friedrich  Wilhelm  —  so  sagte  nachher  sein
Kriegsmanifest  —  die  letzten  Deutschen  unter  Preußens  Fahnen  zu  versammeln.
  Vor  zwei  Jahren  hatte  er  die  norddeutsche  Kaiserkrone,  die
ihm  Napoleon  anbieten  ließ,  rundweg  zurückgewiesen  weil  er  den  Geschenken
        <pb n="248" />
        238  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

der  Danger  mißtraute,  und  mit  aufrichtigem  Bedauern  sah  er  jetzt  das
Reich  zu  Grunde  gehen.  Erst  als  die  alte  Rechtsgemeinschaft  der  deutschen
Nation  sich  völlig  auflöste,  entschloß  sich  der  gewissenhafte  Fürst,  jene  bündischen
  Reformpläne,  die  seit  dem  Fürstenbunde  am  Berliner  Hofe  immer
wieder  aufgetaucht  waren,  endlich  durchzuführen,  und  der  Schirmherrschaft
Preußens  über  den  Norden,  die  seit  dem  Baseler  Frieden  thatsächlich
bestand,  eine  feste  rechtliche  Form  zu  geben.  Er  wollte,  so  schrieb  er  an
Friedrich  August  von  Sachsen,  dem  Rheinbunde  ein  Föderativsystem
entgegensetzen,  welches  das  nördliche  Deutschland  retten  könne.  Preußen
lenkte  endlich  wieder  ein  in  die  Bahnen  einer  gesunden  deutschen  Politik,
und  gerade  diese  Rückkehr  zu  seinen  großen  Ueberlieferungen  sollte  dem
Staate  eine  schreckliche  Demüthigung,  die  Strafe  für  vergangene  Sünden
bringen.  Der  König  glaubte  kein  Wort  mehr  von  den  glatten  Schmeichelreden,
  womit  ihn  Napoleon  noch  während  des  Winters  überschüttet  hatte.
Seit  dem  Pariser  Vertrage  war  er  auf  das  Aergste  gefaßt;  er  nannte  die
Stiftung  des  Rheinbundes,  die  dem  alliirten  Berliner  Hofe  nicht  einmal
im  Voraus  angezeigt  wurde,  eine  Revolution  und  eine  offenbare  Feindseligkeit
  gegen  Preußen;  auch  fühlte  er  sich  keineswegs  sicher  im  Besitze  von
Hannover,  das  er  für  das  Bollwerk  der  Unabhängigkeit  des  Nordens  hielt.
Die  Vereinigung  dieses  Landes  mit  der  norddeutschen  Großmacht  entsprach
so  sehr  dem  europäischen  Interesse,  daß  sogar  in  England  einzelne  Einsichtige
  zu  einer  friedlichen  Verständigung  mit  dem  Berliner  Cabinet
riethen;  doch  der  Welfenstolz  Georg's  III.  widerstand  hartnäckig.  Während
  Preußen  also  um  Hannovers  willen  mit  England  einen  unfruchtbaren
Krieg  führte,  mußte  der  König  zugleich  fürchten,  daß  die  Tücke  seines
Alliirten  ihm  das  so  theuer  erkaufte  Land  wieder  entreißen  würde.

Es  ward  hohe  Zeit  die  letzten  Lande,  die  noch  deutsch  und  frei
waren,  in  wehrhaften  Stand  zu  setzen.  Jene  Dreitheilung  Deutschlands,
wovon  Hardenberg  im  Frühjahr  träumte,  war  jetzt  nahezu  vollzogen,  ganz
anders  freilich  als  der  Vertrauensvolle  gedacht  hatte;  dem  preußischen
Hofe  blieb  nur  noch  übrig,  ohne  Rücksicht  auf  Oesterreich  und  Frankreich
vorzugehen  und  das  Drittel  Deutschlands,  das  in  sein  Machtgebiet  fiel,
selbständig  zu  gestalten.  Da  auch  Haugwitz  längst  über  Napoleon's  Absichten
  in's  Klare  gekommen  war,  so  begann  Preußen  schon  im  Juli,  noch
bevor  der  Rheinbund  abgeschlossen  wurde,  Verhandlungen  mit  dem  Dresdner
und  dem  Casseler  Hofe  wegen  der  Errichtung  eines  Norddeutschen  Bundes.
Der  preußische  Plan  lehnte  sich  eng  an  die  altgewohnten  Institutionen
des  Reichs  an,  forderte  von  den  kleinen  Höfen  nur  die  unerläßlichen
militärischen  Leistungen.  Man  verlangte  die  Kaiserwürde  für  Preußen,
für  die  beiden  Kurfürsten  die  längst  ersehnten  Königskronen;  ferner  einen
Gesandtencongreß  unter  dem  Directorium  dieser  drei  Staaten  und  für
jeden  von  ihnen  die  Stellung  eines  Kriegsobersten  in  einem  der  drei
Kreise  des  Bundes;  endlich  ein  Bundesgericht  und  ein  Bundesheer  von
        <pb n="249" />
        Der  Norddeutsche  Bund.  239

240,000  Mann,  das  im  Kriege  unter  Preußens  Oberbefehl  stehen  sollte.
Aengstlich  war  Alles  vermieden  was  den  Dünkel  der  Bundesgenossen
erbittern  konnte:  Congreß  und  Tribunal  erhielten  ihren  Sitz  nicht  in
Berlin,  sondern  nach  altem  Reichsbrauch  in  zwei  kleinen  Städten.  Um
den  Ehrgeiz  Sachsens  und  Hessens  zu  befriedigen  schlug  man  auch  die
Mediatisirung  der  Reichsritterschaft  und  einiger  der  allerkleinsten  Grafen
und  Herren  vor,  wobei  den  beiden  Mittelstaaten  der  Löwentheil  zuge—
dacht  war.

Aber  man  erfuhr  nochmals,  daß  diesem  Staate  ohne  harte  Arbeit
kein  Erfolg  gelang:  nicht  so  als  ein  Nothbehelf  der  Verlegenheit  und  nicht
durch  friedliche  Unterhandlungen  konnte  die  kühne  Idee  des  preußischen
Kaiserthums  in's  Leben  treten.  Die  räthselhaften  Schwankungen  der
Berliner  Staatskunst  hatten  an  allen  Höfen  tiefes  Mißtrauen  erregt;  ihre
zaudernde  Verlegenheit  erschien  der  Welt  als  durchtriebene  Berechnung.
Selbst  an  dem  befreundeten  Petersburger  Hofe  bezweifelte  man  eine  Zeit
lang,  ob  dieser  Norddeutsche  Bund  nicht  ein  napoleonisches  Ränkespiel  sei.
Oesterreich  vollends  konnte  eine  Politik,  die  einen  Bruchtheil  der  alten  Kaiser—
herrlichkeit  auf  Preußen  zu  übertragen  suchte,  nicht  mit  günstigen  Augen  an—
sehen.  Kaiser  Franz  blieb  voll  Argwohns,  zumal  da  Preußen  die  Verhand—
lungen  streng  geheim  hielt;  durch  die  Vermittlung  des  österreichischen
Gesandten  in  Paris  erhielt  der  Kurfürst  von  Sachsen  zuerst  die  Nachricht,
daß  Napoleon  ihn  vor  dem  Berliner  Ehrgeiz  warnen  lasse.  Was  ließ
sich  unter  solchen  Umständen  von  der  guten  Gesinnung  jener  Kleinstaaten
erwarten,  die  von  jeher  gewohnt  waren  den  Zweck  zu  wollen  ohne  die
Mittel,  Preußens  Schutz  zu  beanspruchen  ohne  die  geringste  Gegenleistung?

Der  Kurfürst  von  Hessen  hatte  soeben  erst  wegen  des  Zutritts  zum
Rheinbunde  geheime  Verhandlungen  geführt  und  war  nur  deshalb  mit
Frankreich  nicht  handelseins  geworden,  weil  Napoleon  dem  Habgierigen
das  Land  der  Darmstädter  Vettern  nicht  schenken  wollte.  Nun  betrieb  er,
immer  in  der  Hoffnung  auf  Landgewinn,  freudig  den  Plan  des  Norddeutschen
  Bundes;  doch  sein  Eifer  erkaltete  gänzlich  sobald  sich  herausstellte,
  daß  Friedrich  Wilhelm's  Rechtlichkeit  die  Mediatisirungen  auf  ein
sehr  bescheidenes  Maß  beschränken  wollte.  Das  sächsische  Cabinet  zeigte
wieder  denselben  steifen  Hochmuth,  wie  einst  bei  den  Berathungen  über
Friedrich's  Fürstenbund.  Von  einer  Unterordnung  des  Rautenkranzes  unter
ein  preußisches  Kaiserthum  durfte  gar  nicht  die  Rede  sein.  Da  Preußen
nachgiebig  die  Kaiserwürde  fallen  ließ,  forderte  der  Dresdner  Hof  ein
Bundesdirectorium,  das  zwischen  Preußen,  Sachsen  und  Hessen  reihum
gehen  sollte,  und  statt  des  Bundesheeres  und  des  Bundesgerichts  vielmehr
  drei  Kreisheere  und  drei  Kreistribunale  unter  der  Leitung  der  drei
Vormächte.  Die  alte  Sehnsucht  der  Albertiner  nach  der  Einverleibung
der  ernestinischen  Lande  wurde  wieder  lebendig  und  blieb  seitdem  durch
zwei  Menschenalter  der  Lieblingswunsch  der  Dresdner  Staatskunst.  Auch
        <pb n="250" />
        240  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

die  Hansestädte  verhielten  sich  ablehnend,  obgleich  ihnen  der  Norddeutsche
Bund  schonend  nur  eine  Geldzahlung  statt  der  Kriegsleistungen  zumuthete;
sie  beriethen  insgeheim  über  die  Bildung  eines  hanseatischen  Sonderbundes.
Als  sodann  die  Kriegsgefahr  näher  rückte  und  Preußen  von  seinen  kleinen
Schützlingen  einen  Beitrag  zu  den  Verpflegungskosten  der  Armee  ver—
langte,  da  bekundete  der  Schweriner  Hof  die  patriotischen  Gefühle  des
deutschen  Kleinfürstenstandes  in  der  unvergeßlichen  Erklärung:  so  dankbar
des  Herzogs  Durchlaucht  den  Allerhöchsten  königlichen  Schutz  benutzen
würde,  wenn  Sie  Sich  in  Gefahr  glaubten,  so  dringend  müßten  Sie
unter  den  gegenwärtigen  Umständen  eine  Beitragsleistung  Sich  verbitten.
Der  aufrichtige  Schweriner  Herr  gab  freilich  sofort  nach,  als  Preußen
ihn  an  „die  National-Ehre  des  zertretenen  Vaterlandes“  erinnerte  und
mit  dem  Einmarsch  seiner  Truppen  bedrohte.  Indeß  der  ganze  Verlauf
der  schleppenden  Unterhandlungen  lehrte,  daß  ein  fester  Bund  mit  diesen
Höfen  nicht  anders  als  durch  den  Zwang  der  Waffen  begründet  werden
konnte.

Das  Widerstreben  der  kleinen  Staaten  fand  seinen  Rückhalt  in  Paris;
durch  Napoleon's  Treulosigkeit  wurde  der  Norddeutsche  Bund  schon  im
Werden  zerstört.  Am  22.  Juli  hatte  Talleyrand  selbst  den  Berliner  Hof
aufgefordert,  er  möge  Vortheil  ziehen  aus  der  Stiftung  des  Rheinbundes
und  sich  ein  norddeutsches  Kaiserthum  gründen.  Die  freundliche  Einladung
bezweckte  selbstverständlich  nur,  Preußens  Zustimmung  zu  der  Auflösung
des  alten  Reichs  zu  gewinnen.  War  doch  der  Rheinbund  von  Haus
aus,  wie  der  Schluß-Artikel  seiner  Verfassung  deutlich  aussprach,  auf  den
Eintritt  aller  deutschen  Kleinstaaten  berechnet;  kaum  abgeschlossen  ward  er
schon  erweitert  durch  die  Aufnahme  des  neuen  Großherzogs  von  Würzburg.
  Im  nämlichen  Augenblicke,  da  Napoleon  seinem  Verbündeten  die
norddeutsche  Kaiserkrone  antrug,  warnte  er  die  Höfe  von  Dresden  und
Cassel  vor  dem  preußischen  Bündniß  und  ermuthigte  iusgeheim  die  großsächsischen
  Pläne  wie  die  Sonderbundsversuche  der  Hanseaten.  Am  13.  August
  trat  er  noch  weiter  aus  dem  Dunkel  heraus,  ließ  durch  Dalberg  den
beiden  Kurfürsten  seinen  Schutz  gegen  Preußens  Mißwollen  zusichern,
falls  sie  dem  Rheinbunde  beitreten  wollten;  und  vier  Wochen  darauf  erklärte
er  dem  Fürsten-Primas  rundweg:  er  habe  die  volle  Souveränität  aller
deutschen  Fürsten  anerkannt  und  werde  keinen  Oberherrn  über  ihnen  dulden.
  Nirgends  hinterließen  diese  französischen  Umtriebe  tieferen  Eindruck
als  am  Dresdner  Hofe;  sobald  das  Kriegswetter  heraufzog,  versuchte  der
geängstete  Kurfürst  ein  ähnliches  Doppelspiel  zwischen  Preußen  und  Frankreich,
  wie  es  Baiern  ein  Jahr  zuvor  zwischen  Frankreich  und  Oesterreich
durchgeführt  hatte.  Zu  furchtsam  und  zu  ehrlich  um  dem  Nachbarn  die
Bundeshilfe  zu  versagen,  dachte  er  sich  doch  für  alle  Fälle  sicherzustellen
und  bat  um  plötzlichen  Einmarsch  der  preußischen  Truppen,  weil  er  vor
Napoleon  als  ein  unfreiwilliger  Bundesgenosse  Preußens  erscheinen  wollte.
        <pb n="251" />
        Scheitern  des  Norddeutschen  Bundes.  241

Durfte  Preußen  nach  allen  den  kläglichen  Demüthigungen  der  jüngsten
Monate  sich's  auch  noch  bieten  lassen,  daß  Napoleon  ihm  verbot  die  letzten
Trümmer  Deutschlands  vor  der  Fremdherrschaft  zu  bewahren?  Sollte  man
zuwarten  bis  der  Treulose,  der  die  Monarchie  mit  seinen  Heeren  umzingelt
hielt  und  in  seinen  Rheinfestungen  unablässig  rüstete,  auf  der  Spitze  seines
Degens  dem  Könige  einen  neuen  noch  schimpflicheren  Unterwerfungsvertrag
entgegenreichte?  „Napoleon  greift  uns  an  das  Herz,“  so  schrieb  General
Rüchel,  „er  bedroht  Sachsen  und  Hessen  wider  die  heiligsten  seiner  Ver—
sicherungen.“  Nur  das  Schwert  bot  noch  einen  Ausweg  aus  der  völlig
unhaltbaren  Lage.  Schon  seit  dem  Winter  ahnten  die  einsichtigen  Pa—
trioten  am  Hofe,  daß  der  Entscheidungskampf  unaufhaltsam  herannahe.
Im  Vorgefühle  der  nahen  Katastrophe  versuchte  der  Finanzminister  Stein
während  des  Frühjahrs  den  König  von  dem  Einfluß  seiner  subalternen
Rathgeber  zu  befreien.  Er  entwarf  eine  Denkschrift  über  die  Gebrechen
der  Staatsregierung,  das  erste  Programm  seiner  großen  Reformpolitik:  da
Preußen  keine  Staatsverfassung  hat  und  die  oberste  Gewalt  nicht  zwischen
dem  Oberhaupt  und  den  Stellvertretern  der  Nation  getheilt  ist,  so  scheint
die  Regierungsverfassung  um  so  wichtiger;  die  Gewalt  ist  der  Raub  einer
untergeordneten  Influenz  geworden;  darum  Aufhebung  der  geheimen
Cabinetsregierung,  und  statt  ihrer  ein  Staatsrath  und  fünf  Fachminister,
in  unmittelbarem  Verkehre  mit  dem  Könige;  dazu  neue  kräftige  Männer,
denn  man  muß  die  Personen  ändern,  wenn  man  Maßregeln  ändern  will.
Auch  Blücher  schalt  mit  seinem  kühnen  Freimuth  laut  wider  die  Rotte
niederer  Faulthiere,  die  den  edlen  König  umlagere.  Im  September,  kurz
bevor  die  Würfel  fielen,  brachten  dann  mehrere  Prinzen  des  königlichen
Hauses,  Stein,  Blücher  und  Rüchel  eine  gemeinsame  Vorstellung  vor
den  Thron:  sie  sagten  dem  Könige  „was  ganz  Preußen,  ganz  Deutschland
  und  Europa  weiß"“,  beschworen  ihn,  Haugwitz,  Beyme  und  Lombard
zu  entlassen.  Wie  tief  mußte  das  feste  Gefüge  des  alten  Absolutismus
erschüttert  sein,  wenn  königliche  Prinzen  einen  solchen  Schritt  wagen
durften!  Friedrich  Wilhelm  aber  war  nicht  gesonnen  das  Ansehen  seiner
Krone  gefährden  zu  lassen,  er  nannte  das  Unterfangen  eine  Meuterei,
gab  den  Bittenden  einen  ungnädigen  Bescheid.  So  blieben  denn  die  alte
und  die  neue  Zeit  in  den  entscheidenden  Aemtern  unvermittelt  neben
einander:  im  Heere  stand  der  Generalquartiermeister  Scharnhorst  neben
dem  Oberfeldherrn,  dem  Herzog  von  Braunschweig,  im  Ministerium  saß
Stein  neben  Haugwitz,  im  Cabinet  trieb  Lombard  sein  Wesen,  während
Hardenberg  dem  Monarchen  vertraulichen  Rath  ertheilte.  Unter  solcher
Leitung  nahm  die  unförmliche  alte  Monarchie  den  Kampf  auf  wider  den
Gewaltigen,  von  dem  die  Franzosen  mit  scheuer  Bewunderung  sagten:
er  weiß  Alles,  er  will  Alles,  er  kann  Alles!

Eine  neue  Verrätherei  Napoleon's  führte  endlich  den  Ausbruch  des
unvermeidlichen  Krieges  herbei.  Wie  oft  und  feierlich  hatte  Frankreich

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  16
        <pb n="252" />
        242  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

seinem  preußischen  Verbündeten  den  Besitz  von  Hannover  gewährleistet;
nun  erfuhr  man  plötzlich  in  Berlin,  daß  der  Imperator,  der  den  Sommer
über  eine  große  Friedensverhandlung  mit  England  und  Rußland  führte,
sich  unbedenklich  erboten  habe  den  Welfen  ihr  Stammland  wieder  auszuliefern.
  Auf  diese  Nachricht  schrieb  Friedrich  Wilhelm  sofort  (9.  August)
an  den  Czaren:  „wenn  Napoleon  mit  London  über  Hannover  verhandelt,
so  will  er  mich  verderben.“  Der  König  sah  voraus,  daß  binnen  Kurzem
der  unwürdige  Zustand  vom  Februar  sich  erneuern  mußte,  daß  Preußen
nur  noch  die  Wahl  hatte  abermals  eine  schimpfliche  Beraubung  schweigend
zu  ertragen  oder  den  Einbruch  der  großen  Armee  mit  den  Waffen  abzuweisen.
  Darum  wurde  das  preußische  Heer  auf  Kriegsfuß  gesetzt  und  im
Magdeburgischen  versammelt.  Mit  diesem  Schritte  berechtigter  Nothwehr
war  der  Krieg  entschieden.  Denn  obwohl  Frankreichs  Verhandlungen  mit
England  sich  zerschlugen  und  der  geplante  Handel  mit  Hannover  vorläufig
nicht  zu  Stande  kam,  so  stand  doch,  nach  den  geheimen  Umtrieben  der
französischen  Diplomatie  in  Dresden  und  Cassel,  mit  voller  Sicherheit  zu
erwarten,  daß  Napoleon  freudig  den  bequemen  Anlaß  benutzen  werde,  um
den  einzigen  Staat  niederzuwerfen,  der  noch  die  Ausbreitung  des  Rheinbundes
  über  das  gesammte  Deutschland  verhinderte.  Der  König  mußte
gewärtig  sein,  daß  in  den  nächsten  Tagen  schon  Frankreich  drohend  die  Abrüstung
  des  preußischen  Heeres  und  die  Auflösung  des  werdenden  Norddeutschen
  Bundes  forderte.  Mit  vollem  Rechte  schrieb  er  seinem  russischen
Freunde:  der  Friede  sei  nur  noch  unter  zwei  Bedingungen  möglich,  wenn
Napoleon  seine  Truppen  aus  Deutschland  zurückziehe  und  sich  verpflichte,
dem  Norddeutschen  Bunde  nichts  mehr  in  den  Weg  zu  legen;  es  bleibe  nichts
mehr  übrig  als  der  Krieg,  denn  wer  könne  diesem  Manne  Gesetze  vorschreiben?

Wenn  der  Imperator  gleichwohl  mit  seinen  letzten  Forderungen  nicht
sofort  heraustrat,  so  geschah  es  nur,  weil  er  vorerst  den  Erfolg  der  mit
Rußland  eingeleiteten  Friedensverhandlungen  abwarten  wollte.  Mit  vollendeter
  Umsicht,  jeden  Schritt  berechnend,  betrieb  er  seit  Monaten  die
diplomatischen  und  militärischen  Vorbereitungen  für  den  preußischen  Krieg;
keinen  andern  seiner  Eroberungszüge  hatte  er  je  so  behutsam  eingeleitet,
denn  er  dachte  noch  immer  hoch  von  dem  fridericianischen  Heere.  Es
gelang  ihm,  den  Gegner  von  den  anderen  Großmächten  fast  völlig  zu
trennen,  und  er  hielt  sein  Spiel  so  wohl  verdeckt,  daß  Mit=  und  Nachwelt
  ihm  die  Lüge  glaubte,  dieser  dem  preußischen  Staate  aufgezwungene
Vertheidigungskrieg  sei  durch  einen  verzweifelten  Entschluß  des  Königs
muthwillig  vom  Zaune  gebrochen  worden.  Das  Märchen  fand  in  Preußen
selbst  Anklang,  da  nach  dem  unheilvollen  Verlaufe  des  Waffenganges
Jedermann  die  Politik  von  1806  verwünschte.

Durch  die  Abtretung  Hannovers  hatte  Napoleon  den  preußischen  Hof
mit  England  verfeindet;  nun  beredete  er  den  russischen  Bevollmächtigten
Oubril  zum  Abschluß  eines  Sonderfriedens.  Versagte  der  Czar  dem
        <pb n="253" />
        Vorbereitungen  zum  Kriege.  243

eigenmächtigen  Schritte  seines  Gesandten  die  Genehmigung,  so  lag  noch
eine  andere  Waffe  bereit,  die  den  Petersburger  Hof  von  dem  preußischen
Kriege  fern  halten  sollte.  Schon  im  August  ging  der  Corse  Sebastiani
nach  Konstantinopel,  um  den  Sultan  Selim  zum  Kriege  gegen  Rußland
zu  verlocken.  Er  fand  den  Divan  in  zorniger  Aufregung,  weil  Czartoryski's
unstete  plänereiche  Politik  die  aufständischen  Serben  insgeheim  ermuthigt,
die  Hospodare  der  Donauprovinzen  unter  russischen  Einfluß  gebracht  und
Unruhen  unter  den  Inselgriechen  angezettelt  hatte.  Es  hielt  nicht  schwer
die  Pforte  vorwärts  zu  drängen.  Als  Czar  Alexander  den  Oubril'schen
Sonderfrieden  verwarf,  wußte  man  in  Paris  bereits,  daß  Rußland  jedenfalls
  nur  mit  halber  Kraft  in  den  preußischen  Krieg  eingreifen  konnte.
Bald  nach  den  Schlachten  in  Thüringen  brach  der  Kampf  an  der  Donau
aus,  und  Napoleon  mahnte  den  Sultan:  „jetzt  ist  es  Zeit  Deine  Unabhängigkeit
  zu  erobern!"  Dem  Berliner  Hofe  aber  blieb  seit  der  Verwerfung
  der  Friedensvorschläge  Oubril's  keine  Wahl  mehr;  denn  nunmehr
stand  ein  Krieg  zwischen  Frankreich  und  Rußland  unausbleiblich  bevor,
ein  Krieg,  der,  wie  man  sich  auch  wendete,  nicht  ohne  Preußens  Mitwirkung
  geführt  werden  konnte.  Durch  die  orientalischen  Händel  sicherte  sich
Napoleon  zugleich  die  Neutralität  Oesterreichs.  Der  Haß  wider  den  Sieger
von  Austerlitz  war  in  Wien  stärker,  als  das  Mißtrauen  gegen  Haugwitz,
stärker  sogar  als  die  Befriedigung  über  die  Noth  des  norddeutschen  Nebenbuhlers.
  Aber  die  Macht  Oesterreichs  war  durch  den  letzten  Krieg  so  tief  erschüttert,
  daß  sie  in  der  Verwicklung  des  Augenblicks  kaum  noch  mitzählte,  und
jetzt  wurde  sie  vollends  gelähmt  durch  die  unberechenbaren  türkischen  Wirren.
Sobald  Alexander's  Truppen  in  die  Walachei  einrückten,  rieth  Erzherzog
Karl  seinem  kaiserlichen  Bruder  zur  Besetzung  von  Belgrad;  Monate  lang
blieb  das  Wiener  Cabinet  gefaßt  auf  einen  Krieg  gegen  Rußland.  Die  Hofburg
  nahm  daher  die  preußischen  Aufforderungen  ebenso  kühl  auf,  wie
Napoleon's  Anfragen  wegen  einer  Allianz  zum  Schutze  der  Unabhängigkeit
Sachsens;  um  sich  die  Gunst  des  Imperators  zu  sichern  verrieth  sie  sogar
dem  Tuilerienhofe  einige  kriegerische  Depeschen  des  preußischen  Ministers.

Also  war  Haugwitz  durch  die  diplomatische  Meisterschaft  des  Gegners
umgarnt  und  in  Wahrheit  schon  geschlagen;  gleichwohl  wiegte  er  sich  in  glückseligen
  Hoffnungen.  Er  rechnete  zuversichtlich  auf  Oesterreichs  Beistand,
wozu  gar  kein  Grund  vorlag,  und  wähnte,  das  Volk  des  Rheinbundes  werde
freiwillig  den  Fahnen  des  Königs  zuströmen,  während  überall  Mißtrauen
und  Kaltsinn  den  Preußen  begegneten.  Nur  Rußlands  Hilfe  hatte  der  König
durch  geheime  Verhandlungen  in  Petersburg  seinem  Staate  gesichert;  aber
auch  der  Czar  ahnte  nichts  von  der  Größe  der  Gefahr,  sondern  meinte  durch
ein  Hilfsheer  von  70,000  Mann  genug  zu  leisten  und  ließ  sich  in  den  orientalischen
  Krieg  hineinziehen,  derweil  der  Kampf  um  Preußens  Dasein  anbrach.
Dazu  quälte  wieder  die  Sorge  um  die  unzuverlässigen  polnischen  Provinzen.
Der  wohlmeinende  Fürst  Radziwill  rieth,  der  König  möge  den  Namen  eines

167
        <pb n="254" />
        244  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

—ê

Königs  von  Polen,  der  Czar  den  eines  Königs  von  Litthauen  annehmen,
„diese  Titel  würden  jedes  andere  Gefühl  verwischen“.  Friedrich  Wilhelm
hütete  sich  wohl  dem  zweischneidigen  Rathe  zu  folgen;  doch  unterdessen  entwarf
  man  in  Paris  ein  Manifest,  das  die  Polen  aufrief  an  der  Seite  ihrer
alten  französischen  Bundesgenossen  für  die  Freiheit  zu  kämpfen.  Für  die
Eröffnung  des  Feldzugs  konnte  Preußen  allein  auf  Kursachsens  Mitwirkung
rechnen,  und  dieses  einen  Freundes  Treue  wankte  schon  längst.  Mehrmals
ließ  Napoleon  dem  Dresdner  Hofe  erklären,  er  betrachte  Sachsens  Theilnahme
  an  dem  Kriege  als  erzwungen;  der  ängstliche  Kurfürst  wagte  den
offenbaren  Verrath  noch  nicht,  doch  beließ  er  seinen  Gesandten  in  Paris  und
sprach,  schon  bevor  die  Nachricht  von  der  Jenger  Schlacht  eintraf,  dem
französischen  Kaiser  seinen  Dank  aus  für  die  freundschaftliche  Gesinnung.
Auch  sein  Vertreter  in  Wien,  Graf  Schönfeld  erhielt  die  Weisung  dem
französischen  Gesandten  zu  erklären:  der  Kurfürst  habe  sich  nur  durch  die
Umstände  gezwungen  an  Preußen  angeschlossen  und  hoffe,  daß  Napoleon
in  dem  Verfahren  des  sächsischen  Hofes  nicht  eine  Feindseligkeit  gegen
Frankreich  sehen  werde.  Mit  Sicherheit  durfte  Napoleon  auf  Kursachsens
Abfall  rechnen;  der  hessische  Kurfürst  aber  blieb  neutral,  da  seine  Habgier
von  diesem  Kriege  nichts  erwarten  konnte,  und  Haugwitz  ließ  ihn  gewähren.

In  solcher  Vereinsamung  erhob  Preußen  die  Waffen  wider  die  Macht
des  gesammten  Westeuropas.  Nur  eine  vorsichtige  Vertheidigung  konnte
dem  ungleichen  Kampf  einen  leidlichen  Ausgang  sichern;  gestützt  auf  jenes
Festungsdreieck  zwischen  Elbe  und  Oder,  das  so  oft  schon  die  Rettung  des
bedrängten  Staates  gewesen,  durfte  man  vielleicht  hoffen  die  Uebermacht
des  Feindes  so  lange  hinzuhalten,  bis  das  Hilfsheer  aus  dem  Innern
Rußlands  herankam.  Aber  Haugwitz  wollte  der  mißtrauischen  Welt  unzweideutig
  beweisen,  daß  es  ihm  Ernst  sei  mit  dem  Kriege;  er  rieth  zum
Angriff,  auch  die  fridericianischen  Traditionen  des  Heeres  sprachen  für
die  verwegene  Offensive.  So  beschloß  man  durch  Thüringen  gegen  Süddeutschland
  vorzubrechen  und  setzte  für  dies  tollkühne  Unternehmen  nicht
einmal  die  gesammte  Armee  in  Marsch.  Alle  ostpreußischen  und  die  Mehrzahl
  der  südpreußischen  Regimenter,  an  vierzigtausend  Mann  blieben  in
der  Heimath  zurück.  Wie  anders  wußte  Napoleon  für  Krieg  und  Sieg
zu  rüsten.  Noch  im  August  schob  er  die  Truppen  des  Rheinbundes  bis
an  die  Grenzen  Thüringens  heran;  in  den  ersten  Septembertagen  erließ
er  sodann  seine  Marschbefehle  an  die  große  Armee,  jeden  Tagemarsch
mit  peinlicher  Genauigkeit  bestimmend.  Seine  Spione  bereisten  die  Straßen
von  Bamberg  bis  Berlin;  eine  Kriegskasse  von  24,000  Fr.  war  ihm  genug,
alles  Weitere  ergab  sich  von  selbst  nach  dem  sicheren  Siege.

Noch  bestimmter  als  im  vorigen  Jahre  bezeichnete  der  Imperator  diesmal
  die  Zertheilung  Deutschlands,  die  Unabhängigkeit  aller  deutschen
Kronen  als  das  Ziel  des  Krieges;  für  diesen  Zweck  verlangte  er  in  einem
Rundschreiben  die  Heeresfolge  der  Rheinbundshöfe.  Dem  Senate  erklärte
        <pb n="255" />
        Krieg  von  1806.  245

eine  kaiserliche  Botschaft,  wie  Napoleon  sich  verpflichtet  fühle  das  überfallene
Sachsen  vor  dem  Ehrgeiz  eines  ungerechten  Nachbars  zu  sichern,  und  nach
Ausbruch  des  Krieges  verkündete  ein  Manifest  „den  Völkern  Sachsens“:
Frankreich  komme  sie  zu  befreien.  Die  Franzosen,  so  viele  in  dem  abgestumpften
  Geschlechte  sich  noch  um  politische  Fragen  kümmerten,  stimmten
ihrem  Herrscher  freudig  bei;  galt  doch  die  Beschützung  der  deutschen  Kleinstaaterei
  allgemein  als  die  Aufgabe  der  nationalen  Politik,  seit  Heinrich  II.
sich  zuerst  zum  ewigen  Defensor  deutscher  Libertät  aufgeworfen  hatte.  Ebenso
bereitwillig  folgten  die  Fürsten  des  Rheinbundes  dem  Schirmherrn  des
deutschen  Particularismus;  Friedrich  von  Württemberg  tobte  im  Zorne  der
beleidigten  Majestät,  als  der  Herzog  von  Braunschweig  ihn  an  das  gemeinsame
  Vaterland  und  an  die  Pflichten  deutscher  Fürsten  mahnte.  Die  süddeutschen
  Offiziere  frohlockten  bei  dem  Gedanken  endlich  einmal  diesen  übermüthigen
  Preußen  die  Schande  von  Roßbach  und  von  Leuthen  zu  vergelten;
die  Landsknechtsroheit  der  bairischen  und  württembergischen  Soldaten
hauste  in  den  preußischen  Quartieren  noch  ärger  als  die  Franzosen  selbst.

Wohl  war  es  ein  heiliger  Krieg;  erst  durch  ihn  und  sein  schreckliches
Mißlingen  wurde  die  alte  Ordnung  des  deutschen  Lebens  völlig  vernichtet.
Was  dort  in  Regensburg  zusammenstürzte  war  ein  leerer  Schatten;  was
aber  auf  den  Schlachtfeldern  Thüringens  und  Ostpreußens  zertrümmert
wurde,  das  war  der  lebendige  deutsche  Staat,  der  einzige,  der  dem  politischen
  Dasein  dieses  Volkes  einen  Inhalt  und  ein  Ziel  gegeben  hatte.
Ihn  traf  das  Verderben,  als  er  nach  langer  Verirrung  sich  wieder  auf
sich  selbst  besann,  den  Kampf  aufnahm  wider  die  Zwingherrschaft  der
Fremden  und  die  Felonie  der  heimischen  Fürsten.  Nichts  konnte  ehrlicher
sein  als  der  schonungslos  aufrichtige  Absagebrief  des  Königs  an  Napoleon;
nichts  berechtigter  als  die  drei  Forderungen  des  preußischen  Ultimatums
vom  1.  October:  Abzug  der  Franzosen  aus  Deutschland,  Anerkennung  des
Norddeutschen  Bundes,  friedliche  Verständigung  über  die  andern  zwischen
den  beiden  Mächten  noch  schwebenden  Streitfragen.  Selbst  aus  dem  weitläufigen
  ungeschickten  Kriegsmanifeste  brach  doch  zuweilen  ein  Ton  würdigen
  nationalen  Stolzes  hervor:  der  König  ergreift  die  Waffen  „um
das  unglückliche  Deutschland  von  dem  Joche,  worunter  es  erliegt,  zu  befreien;
  vor  allen  Tractaten  haben  die  Nationen  ihre  Rechtel“"

Im  Volke  wie  im  Heere  regte  sich  noch  kaum  eine  Ahnung  von  dem
großen  Sinne  des  Krieges.  Wie  ein  Prediger  in  der  Wüste  stand  Schleiermacher
  auf  der  Kanzel  der  Ulrichskirche  zu  Halle  und  deutete  den  Verblendeten
  die  Zeichen  der  Zeit:  „unser  Aller  Leben  ist  eingewurzelt  in  deutscher
Freiheit  und  deutscher  Gesinnung;  und  diese  gilt  es!“  Auch  Fichte  blieb  noch
einsam,  von  Wenigen  verstanden.  Sobald  der  Ernst  des  Kampfes  an  Preußen
herantrat,  erwachte  in  dem  tapferen  Manne  die  lebendige  Staatsgesinnung;
alle  seine  weltbürgerlichen  Träume  warf  er  entschlossen  hinter  sich,  und  mit
flammenden  Worten  pries  er  den  Beruf  des  vaterländischen  Kriegers:  „was
        <pb n="256" />
        246  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

ist  der  Charakter  des  Kriegers?  opfern  muß  er  sich  können.  In  ihm  kann  die
wahre  Gesinnung,  die  rechte  Ehrliebe  gar  nicht  ausgehen,  die  Erhebung  zu
etwas,  was  über  das  Leben  und  seine  Genüsse  hinausliegt.“  In  den  selbstgenügsamen
  Kreisen  des  Offizierscorps  hatte  man  kaum  ein  geringschätziges
Lächeln  übrig  für  die  begeisterten  Reden  des  sonderbaren  Schwärmers;  hier
herrschte  noch  der  steife  Dünkel  der  fridericianischen  Zeiten  und  daneben  eine
freche  Tadelsucht,  die  an  jedem  Befehle  der  Vorgesetzten  ihren  Witz  übte.
Niemand  übersah  noch  vollständig,  wie  schwer  die  Armee  durch  den  tiefen
Schlummer  des  jüngsten  Jahrzehnts  gelitten  hatte.  Am  richtigsten  vielleicht
urtheilte  der  König  selbst:  die  Unordnung,  das  Besserwissen,  die  Schwerfälligkeit
  in  Allem  und  Jedem  entgingen  seinem  klaren  Blicke  nicht;  doch  wie
hätte  der  Schüchterne  gegen  den  weltberühmten  alten  Braunschweiger  sein
Ansehen  brauchen  sollen?  Der  gemeine  Soldat  that  mechanisch  seine
Schuldigkeit.  Die  Massen  des  Volkes  blieben  kalt  und  gleichgiltig;  nur  die
Alten,  die  den  großen  König  noch  gekannt,  vertrauten  fest  auf  die  scharfen
Fänge  des  preußischen  Adlers,  sprachen  prahlend  von  dem  Zuge  nach  Paris.

So  begann  der  einzige  gänzlich  verlorene  Feldzug  der  glückhaften
preußischen  Kriegsgeschichte.  Beispiellos  wie  das  Aufsteigen  dieses  Staates
gewesen,  sollten  auch  seine  Niederlagen  werden,  allen  kommenden  Geschlechtern
  unvergeßlich  wie  selbsterlebtes  Leid,  allen  eine  Mahnung  zur
Wachsamkeit,  zur  Demuth  und  zur  Treue.  Napoleon  flammte  auf  in
wilder  Schadenfreude,  als  er  die  ruhmreichste  der  alten  Mächte  so  hilflos
unter  seinen  Griffen  sah;  die  Schmähungen  troffen  ihm  von  den  Lippen;
noch  niemals  war  er  so  ganz  Leidenschaft,  so  ganz  Haß  und  Grimm  gewesen.
Er  fühlte,  daß  in  diesem  Staate  Deutschlands  letzte  Hoffnung  lag;  er  ahnte
mit  dem  Instinkte  der  Gemeinheit,  daß  diese  Hohenzollern  doch  von  anderm
Metall  waren  als  Kaiser  Franz  und  die  Satrapen  des  Rheinbundes.  In
seinen  Ansprachen  an  die  Armee  überschüttete  er  vor  Allem  die  edle  Königin
mit  pöbelhaftem  Schimpf;  sie,  die  an  den  entscheidenden  Berathungen  des
Augusts  gar  keinen  Antheil  genommen,  sollte  die  Schuld  tragen  an  „dem
Bürgerkriege“,  der  das  arglose  Frankreich  so  ganz  unvermuthet  überraschte;
sie  dürstete  nach  Blut,  sie  setzte,  eine  andere  Armida,  im  Wahnsinn  ihr
eigenes  Schloß  in  Brand.  Noch  bevor  die  Schwerter  an  einander  schlugen
war  bereits  entschieden,  daß  zwischen  Napoleon  und  den  Hohenzollern  nie
wieder  ein  ehrlicher  Friede  bestehen  konnte.  Höhnend  schloß  der  Imperator
sein  Kriegsmanifest:  möge  Preußen  lernen,  daß,  wenn  es  leicht  ist  durch
die  Freundschaft  der  großen  Nation  Land  und  Leute  zu  gewinnen,  ihre
Feindschaft  schrecklicher  ist  als  die  Stürme  des  Oceans!

Wie  Haugwitz  durch  die  Eigenmächtigkeiten  des  letzten  Winters  den
Staat  in  seine  verzweifelte  diplomatische  Lage  gebracht  hatte,  so  verschuldete
er  auch  die  verfehlte  Einleitung  des  Feldzugs.  Trotz  ihres  ungeheuren
Trosses  hatte  die  preußische  Armee  ihren  Aufmarsch  in  Thüringen  früher
beendet  als  der  Feind;  aber  der  beabsichtigte  Einfall  in  Franken  unterblieb,
        <pb n="257" />
        Schlacht  von  Jena.  247

weil  Haugwitz  erst  den  Erfolg  seines  Ultimatums  abwarten  wollte.  Man
verlor  einige  unschätzbare  Tage  in  zwecklosem  Verweilen  nördlich  des  Thü—
ringerwaldes.  Da  kam  die  Nachricht,  daß  der  Feind  durch  das  östliche
Thüringen  auf  der  Nürnberg-Leipziger  Straße  heraneile,  die  linke  Flanke
der  Preußen  bedrohend.  Der  Herzog  von  Braunschweig  fürchtete  für
seine  Rückzugslinie  und  befahl  den  Abmarsch  nach  der  Elbe.  Auf  diesem
Rückzuge  wurde  die  Armee  zugleich  vom  Süden  und  vom  Osten  her  ange—
griffen.  Der  Kaiser  selbst  rückte  durch  das  Saalthal  nordwärts.  Die
Vorhut  der  Preußen  ward  bei  Saalfeld  geworfen;  der  Tod  des  hochherzigen
  Prinzen  Louis  Ferdinand  schlug  als  ein  unheilvolles  Vorzeichen
die  Zuversicht  der  Truppen  völlig  nieder,  und  mit  Entsetzen  hörten  die
Offiziere  aus  den  zerstreuten  Haufen  den  in  der  preußischen  Armee  noch
unbekannten  Ruf:  wir  sind  Versprengte!

Fürst  Hohenlohe  aber,  von  dem  eitlen  Schönredner  Massenbach  übel
berathen,  verlor  jetzt  in  einem  Tage  den  einst  am  Rheine  ritterlich  erworbenen
  Soldatenruhm.  Er  ging  mit  seinem  preußisch-sächsischen  Corps
auf  die  Hochebene  des  linken  Saalufers  über  Jena  zurück,  und  da  ihm
verboten  war  sich  in  ein  ernstes  Gefecht  einzulassen,  so  versäumte  er  nicht
nur  die  Flußübergänge  sondern  auch  die  das  Thal  und  die  Hochfläche
überschauenden  Höhen  zu  besetzen.  Napoleon  bemerkte  den  Fehler  sofort,
  bemächtigte  sich  alsbald  der  Höhenränder,  führte  selber  Nachts,  mit
der  Fackel  in  der  Faust,  das  Geschütz  die  steilen  Abhänge  hinauf:  und
als  der  nebelgraue  Morgen  des  14.  Octobers  anbrach,  hielt  der  Imperator
  schon  den  sicheren  Sieg  in  Händen.  Wie  sollte  dieser  Bruchtheil
der  preußischen  Armee  die  Position  von  Vierzehnheiligen  behaupten  gegen
das  französische  Hauptheer,  das  jetzt  mit  erdrückender  Uebermacht  von  den
beherrschenden  Höhen  aus  den  Angriff  begann?  Der  deutsche  Soldat
focht  tapfer,  des  alten  Ruhms  würdig,  die  preußische  Reiterei  zeigte  sich
den  Welschen  wie  immer  überlegen;  nur  im  zerstreuten  Gefecht  konnte
das  schwerfällige  Fußvolk  mit  den  flinken  Tirailleurs  Napoleon's  sich  nicht
messen.  Die  Franzosen  beflügelte  das  kriegerische  Feuer  junger  sieggewohnter
  Führer,  die  Alliirten  lähmte  die  Bedachtsamkeit  ihrer  hilflosen  alten
Stabsoffiziere;  voyez  donc  le  pauvre  papa  saxon!  rief  der  französische
Soldat  mit  spöttischer  Verwunderung  einem  gefangenen  greisen  Obersten
zu.  Noch  konnte  General  Rüchel  mit  seinen  frischen  Truppen  der  geschlagenen
  Armee  einen  geordneten  Rückzug  sichern,  aber  er  führte  die
Regimenter  vereinzelt  zu  nutzlosem  Kampfe  vor.  Also  ward  auch  die
Reserve  mit  in  die  Niederlage  verwickelt,  und  als  nun  in  der  frühen
Herbstnacht  der  Rückmarsch  gegen  Weimar  angetreten  wurde,  da  zerrissen
die  letzten  sittlichen  Bande,  welche  dies  Heer  noch  zusammenhielten.  Taub
gegen  die  Mahnungen  ungeliebter  Führer  dachte  der  Soldat  nur  an
sich  selber.  In  einem  unförmlichen  Klumpen  wälzten  sich  die  Trümmer
der  Bataillone  und  der  Batterien,  dazwischen  eingekeilt  der  unendliche
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        248  I.  2.  Revolution  und  Fremdbherrschaft.

Troß,  über  die  Hochebene  dahin;  jeder  Hornruf  des  nachsetzenden  Feindes
steigerte  die  Verwirrung,  weckte  die  gemeine  Angst  um  das  Leben.  „Das
waren  Gräuel,“  sagte  Gneisenau,  dieser  fürchterlichen  Nacht  gedenkend;
„tausendmal  lieber  sterben,  als  das  noch  einmal  erleben!“  Vergeblich
sammelte  er  einige  Haufen  der  Flüchtigen  am  Rande  des  Webichtholzes
nahe  vor  Weimar  um  den  Rückzug  des  Corps  zu  decken.  Er  sollte  lernen,
was  die  dämonische  Macht  des  Schreckens  über  ein  geschlagenes  Heer  vermag;
  ein  letzter  Angriff  der  französischen  Reiter  auf's  Gerathewohl  in
das  Dunkel  der  Nacht  hineingeführt,  warf  Alles  in  wilder  Flucht  auseinander.
  Unauslöschlich  haftete  dies  Bild  des  Entsetzens  in  der  Seele
des  Helden,  ein  Vermächtniß  für  die  Tage  der  Vergeltung.

Gleichzeitig  erfocht  Davoust  einige  Meilen  weiter  flußab  einen  ungleich
  schwereren  Sieg  über  die  preußische  Hauptarmee.  Er  zog  auf  der
Straße  von  Naumburg  westwärts  um  den  Preußen  den  Weg  zur  Elbe
zu  verlegen.  Als  seine  Colonnen  am  Morgen  des  Vierzehnten  soeben
aus  dem  Kösener  Engpasse  auf  die  wellige  Hochfläche  hinaufgerückt  waren,
die  zwischen  Hessenhausen  und  Auerstedt  steil  über  dem  linken  Saalufer
empor  steigt,  da  stießen  die  beiden  Heere  plötzlich  im  dichten  Nebel  auf
einander,  beide  im  Marsch,  beide  des  Kampfes  nicht  gewärtig,  die  Preußen
hier  dem  Feinde  an  Zahl  reichlich  gewachsen.  Schon  während  der  ersten
Stunden  der  Schlacht  wurde  der  Herzog  von  Braunschweig  tödlich  verwundet;
  das  preußische  Heer  blieb  in  den  entscheidenden  Augenblicken
ohne  Leitung,  da  der  König  weder  selbst  den  Oberbefehl  zu  übernehmen
wagte  noch  einen  anderen  Befehlshaber  ernannte.  Wohl  drang  Scharnhorst
  mit  dem  linken  Flügel  siegreich  vor  und  glaubte  schon  die  Ehre
des  Tages  gerettet  zu  haben;  doch  die  Reiterei  des  rechten  Flügels  ward
ungeschickt  verwendet,  und  das  zweite  Treffen  unter  Kalckreuth  nahm  an
dem  Kampfe  gar  nicht  theil,  denn  in  diesem  Friedensheere  wagte  kein
General  auf  eigne  Faust  zu  handeln.  So  glückte  es  dem  Feinde,  freilich
nur  mit  dem  Aufgebot  seiner  letzten  Reserven,  den  rechten  Flügel  der
Preußen  zu  werfen,  und  nunmehr  mußte  auch  Scharnhorst  weichen.
In  leidlicher  Ordnung  ging  das  Heer  zurück  um  weiter  westlich  bei  Buttstedt
  gegen  Norden  abzubiegen  und  den  Weg  über  Sangerhausen  nach
Magdeburg  einzuschlagen.  Dieselbe  Rückzugsstraße  hatte  auch  Hohenlohe
von  Weimar  aus  genommen,  und  jetzt  erst,  da  die  beiden  geschlagenen
Heere  im  Dunkel  der  Nacht  auf  einander  trafen,  ward  der  Schrecken
allgemein  und  die  Hauptarmee  in  die  Zerrüttung  des  Hohenlohischen
Corps  mit  hineingerissen.  Die  Mannschaft  sah  stumpf  und  theilnahmlos
den  Untergang  des  alten  Preußens,  schaarenweise  verließ  sie  die  Fahnen;
selbst  Gefangene,  die  ein  beherzter  Reitertrupp  wieder  befreit  hatte,  weigerten
sich  die  Waffen  wieder  aufzunehmen.  Als  man  der  Heimath  näher  kam,
stahl  sich  auch  mancher  treue  Mann  zu  den  Seinigen  hinwegj;  die  Altgedienten
sagten:  ich  habe  lange  genug  den  Kuhfuß  getragen,  der  König  hat  der
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        Die  Capitulationen.  249

jungen  Burschen  genug,  die  mögen  es  ausfechten!  Der  Zauber  der
fridericianischen  Unbesiegbarkeit  war  gebrochen,  ein  Kriegsruhm  ohne
Gleichen  war  verloren.

Schon  am  15.  October  legte  Napoleon  allen  preußischen  Provinzen
diesseits  der  Weichsel  eine  Contribution  von  159  Mill.  Fr.  auf,  denn  das
Ergebniß  der  gestrigen  Schlacht  sei  die  Eroberung  aller  dieser  Lande.
Vermessener  hatte  der  Glückliche  noch  nie  geprahlt,  und  doch  sollte  die
frevelhafteste  der  Lügen  durch  ein  wunderbares  Geschick  zur  buchstäblichen
Wahrheit  werden.  Der  Dresdner  Hof  vollzog  sogleich  nach  der  Niederlage
  den  längst  geplanten  Abfall  und  trat  zu  Napoleon  über.  Acht  Tage
nach  der  Schlacht  wurden  die  preußischen  Gebiete  links  der  Elbe,  sowie
die  Besitzungen  der  Oranier  und  des  hessischen  Kurhauses  vorläufig  dem
französischen  Kaiserreiche  einverleibt.  Das  System  zweideutiger  Neutralität,
  das  der  Kurfürst  von  Hessen  mit  Napoleon's  Zustimmung  eingehalten,
  fand  jetzt  seine  Strafe:  der  Sieger  wollte  den  geheimen  Feind  in
seinem  Rücken  nicht  mehr  dulden.  In  Münster  feierte  die  altständische
Libertät  jubelnd  die  Erlösung  vom  preußischen  Joche;  man  riß  die  schwarzweißen
  Schlagbäume  nieder,  französische  und  münsterländische  Fahnen  verherrlichten
  den  Einzug  der  napoleonischen  Truppen.  Auch  in  Hannover
wurden  die  schwarzen  Adler  eilfertig  abgenommen  und  die  Entfernung  der
preußischen  Beamten  mit  unverhohlener  Schadenfreude  begrüßt.

Während  also  die  neuen  Provinzen  verloren  gingen,  erlitt  die  Reservearmee
  bei  Halle  eine  Niederlage,  und  da  sie  nach  Magdeburg  zurückwich  statt
die  Hauptstadt  zu  sichern,  so  konnte  Napoleon  ungehindert  auf  der  Sehne
des  weiten  Bogens,  den  die  Besiegten  beschrieben,  seinen  Siegeszug  nach
Berlin  fortsetzen.  Furchtbar  rächte  sich  nun  der  selbstgefällige  Hochmuth  der
bequemen  Friedenszeiten.  Keiner  der  festen  Plätze  war  gerüstet,  denn  Niemand
  hatte  das  Vordringen  des  Feindes  bis  in  das  Herz  der  Monarchie
für  denkbar  gehalten;  der  schwerfällige  Staatshaushalt,  der  nach  der  Weise
eines  guten  Hausvaters  die  Ausgaben  nach  den  Einnahmen  bemaß,  gebot
auch  gar  nicht  über  Mittel  für  außerordentliche  Fälle.  Mancher  der  abgelebten
  alten  Festungscommandanten  war  in  jungen  Jahren  ein  wackerer
Offizier  gewesen,  doch  ihr  Pflichtgefühl  entsprang  nicht  der  Vaterlandsliebe,
sondern  dem  Standesstolze;  das  Heer  war  ihnen  Alles,  erfroren  in  steifem
Dünkel  erwarteten  sie  gelassen  den  unfehlbaren  Sieg  der  fridericianischen
Regimenter.  Als  nun  die  sinnverwirrende  Kunde  von  der  Niederlage  durch
das  Land  flog,  als  die  elenden  Trümmer  dieses  unüberwindlichen  Heeres  in
Magdeburg  anlangten,  die  ganze  Stadt  mit  Schrecken  und  Verwirrung
füllend,  da  ward  den  alten  Herren  zu  Muthe,  als  ginge  die  Welt  unter;
jeder  Widerstand  schien  ihnen  nutzlos,  was  ihrem  Leben  Halt  gegeben  war
zerbrochen.  Nach  dem  Falle  von  Erfurt,  das  sogleich  nach  der  Schlacht
schimpflich  capitulirte,  öffneten  bald  auch  die  Hauptfestungen  des  alten
Staates,  Magdeburg,  Küstrin,  Stettin,  und  mehrere  kleine  Plätze  ihre  Thore.
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        250  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Mit  richtigem  Gefühle  warf  das  treue  Volk  seinen  Zorn  zumeist  auf
„die  Federbüsche“,  die  Generale;  denn  wie  der  Verlust  der  Doppelschlacht
wesentlich  durch  die  Führung  verschuldet  war,  so  auch  diese  letzte  Schmach.
Ueberall  zeigte  die  Haltung  der  Besatzungen,  daß  sie  eines  besseren  Looses
würdig  waren.  Junge  Offiziere  zerbrachen  in  wilder  Verzweiflung  ihre
Degen,  gemeine  Soldaten  setzten  einander  die  Muskete  auf  die  Brust  und
feuerten  ab  um  nur  den  Schimpf  der  Capitulation  nicht  zu  erleben;  in
Küstrin  meuterten  mehrere  Bataillone  gegen  den  ehrlosen  Commandanten.
Aber  so  machtlos  war  noch  das  öffentliche  Urtheil:  keiner  dieser  pflichtvergessenen
  Alten  hat  nachher,  als  die  schimpfliche  Strafe  ihn  ereilte,  ein  beschmutztes
  Leben  durch  freiwilligen  Tod  gesühnt.  Auch  Fürst  Hohenlohe
ging  mit  Unehren  zu  Grunde:  unter  unsäglichen  Entbehrungen  hatte  er
die  Trümmer  seines  Corps  auf  weiten  Umwegen  bis  in  die  Ukermark  geführt,
  da  ereilten  ihn  die  Franzosen  bei  Prenzlau,  in  den  Sümpfen  am
Ukersee.  Erschöpft  an  Leib  und  Seele,  tief  erschüttert  durch  die  Unglücksbotschaften,
  die  ihm  von  allen  Seiten  zuströmten,  ließ  er  sich  durch
Massenbach's  Einflüsterungen  entmuthigen  und  durch  Murat's  Lügen  über
die  Stärke  des  Feindes  gröblich  täuschen;  der  Schwager  Napoleon's  verpfändete
  nach  dem  Brauche  der  Abenteurer  des  Kaiserreichs  unbedenklich
sein  Ehrenwort  für  eine  bewußte  Unwahrheit.  Ein  letzter  verzweifelter
Angriff  des  tapferen  Prinzen  August  scheiterte;  das  Hohenlohische  Corps
capitulirte  im  freien  Felde.  So  endete  jener  ritterliche  Fürst,  der  einst
die  Zierde  des  preußischen  Heeres  war,  der  in  den  Versuchungen  der
rheinbündischen  Tage  allein  unter  den  Fürsten  des  Südens  ehrenhaften
Muth  und  deutsche  Treue  bewährt  hatte.

Die  Armee  war  vernichtet.  Durch  den  Fall  von  Stettin  und  Küstrin
ward  auch  die  Oderlinie  unhaltbar,  und  völlig  aussichtslos  schien  der  Gedanke
  mit  den  ostpreußischen  Regimentern  jenseits  der  Weichsel  noch  einen
letzten  Widerstand  zu  versuchen.  Napoleon  schrieb  dem  Sultan  befriedigt:
„Preußen  ist  verschwunden;"“  und  selbst  Gentz  meinte:  „es  wäre  mehr
als  lächerlich,  an  die  Wiederauferstehung  Preußens  auch  nur  zu  denken!“
Wie  viele  Stürme  waren  über  diesen  Staat  dahin  gegangen  seit  seine
Herrscher  ihm  den  steilen  Weg  zur  Größe  wiesen;  schon  oft  hatte  die
Hauptstadt  den  Landesfeind  in  ihren  Mauern  gesehen;  doch  jetzt  zum
ersten  male  in  Preußens  ehrenreicher  Geschichte  gesellte  sich  dem  Unglück
die  Schande.  Scham  und  Reue  brannten  verzehrend  in  Aller  Herzen,
und  die  rohe  Schadenfreude  des  Eroberers  unterließ  nichts,  was  solche
Empfindungen  stärken  konnte.  Geflissentlich  trug  er  die  Verachtung  gegen
Alles  was  preußisch  hieß  zur  Schau;  im  Königsschlosse  der  Hohenzollern
schrieb  er  neue  unfläthige  Schmähungen  gegen  die  Königin  Luise.  Rock
und  Degen  Friedrich's  des  Großen  schenkte  er  den  Invaliden  in  Paris
unter  Hohnreden  gegen  diesen  Hof,  der  das  Grab  seines  größten  Mannes
so  schmucklos  lasse;  den  Obelisken  auf  dem  Roßbacher  Schlachtfelde  zer-
        <pb n="261" />
        Napoleon  in  Berlin.  251

trümmerte  die  kaiserliche  Garde;  die  Victoria  vom  Brandenburger  Thore
wurde  abgerissen  um  an  der  Seine  in  einem  Schuppen  zu  verschwinden.
Welch  ein  Anblick,  als  das  glänzende  Regiment  der  Gensdarmes,  ent—
waffnet,  abgerissen  und  halb  verhungert,  in  jammervollem  Zustande  wie
eine  Viehherde  die  Linden  hinabgetrieben  wurde.  Unter  Trommelwirbel
und  Trompetengeschmetter,  in  feierlichem  Aufzuge  trug  man  die  alten
Fahnen  mit  dem  sonnenwärts  fliegenden  Adler,  ganze  Körbe  voll  silberner
Pauken  und  Trompeten  durch  die  Stadt,  beredte  Zeugen  alten  Ruhmes,
neuer  Schande.  Von  den  Truppen,  die  im  Felde  gestanden,  war  die  Garde
du  Corps  wohl  das  einzige  Regiment,  das  alle  seine  alten  Ehrenzeichen
gerettet  hatte.  Bald  wurde  verboten,  daß  irgend  eine  preußische  Uniform
sich  in  Berlin  blicken  lasse;  auch  die  pensionirten  alten  Offiziere  sollten  den
blauen  Rock  ausziehen.  Dazu  die  unerschwinglichen  Contributionen,  dazu
der  Uebermuth,  die  Völlerei,  die  Erpressungen  der  Einquartierung.  Am
21.  November  erließ  Napoleon  aus  Berlin  jenes  unerhörte  Decret,  das
allen  Handel  mit  England  verbot,  alle  englischen  Waaren  zur  Confis—
cation  verurtheilte:  das  System  der  Continentalsperre  war  begründet,
Deutschlands  Wohlstand  auf  Jahre  hinaus  gewaltsam  unterbunden.

Es  fehlte  nicht  an  Zügen  ehrloser  Unterwürfigkeit;  die  Niedertracht,
die  in  keinem  Volke  mangelt,  erschien  hier  häßlicher  als  anderswo,  denn
deutsche  Formlosigkeit  versteht  sich  nicht,  wie  die  feinere  Bildung  der  Ro—
manen,  auf  die  zweifelhafte  Kunst  den  äußeren  Anstand  mitten  in  der
Gemeinheit  zu  wahren.  Mancher  schlechte  Gesell  bot  dem  Eroberer  kriechend
seine  Dienste  an.  Lange,  Buchholz  und  andere  Chorführer  der  Berliner
Aufklärung  verherrlichten  den  Sieg  der  Vernunft  über  das  adliche  Vor—
urtheil:  der  Haß  des  Volkes  gegen  den  Uebermuth  der  Offiziere  bekundete
sich  in  einigen  empörenden  Auftritten  roher  Spötterei.  Auch  die  schwer—
fällige  Pedanterei  und  die  gedankenlose  Pünktlichkeit  des  Beamtenthums
lähmten  dem  Staate  die  Widerstandskraft;  alle  Behörden  besorgten  in  der
wilden  Zeit  ruhig  ihr  gewohntes  Tagewerk,  also  daß  die  einrückenden
Sieger  überall  einen  geordneten  Verwaltungsapparat  zu  ihren  Diensten
vorfanden  und  mancher  wohlmeinende  alte  Kriegsrath,  ohne  es  selber
recht  zu  merken,  ein  Werkzeug  des  Feindes  wurde.  Unter  den  Fällen
offenbaren  Verrathes  erschien  keiner  so  schmählich  wie  der  Abfall  Johannes
Müller's.  Den  pathetischen  Lobredner  altdeutscher  und  schweizerischer  Frei—
heit  rissen  die  Triumphe  des  Imperators  zu  knechtischer  Bewunderung
hin;  er  hielt  es  an  der  Zeit  sich  gänzlich  umzudenken,  feierte  in  schwül—
stigen  Perioden  Napoleon  und  Friedrich  als  die  Heroen  der  modernen
Welt.  Da  sagte  ihm  sein  alter  Genosse  Gentz  empört  die  Freundschaft
auf  und  wünschte  ihm  nur  die  eine  Strafe  von  allmächtigem  Gewicht:
daß  er  den  Usurpator  gestürzt  und  Deutschland  wieder  frei  und  glücklich
sehen  möge!  Minder  unwürdig,  doch  ebenso  krankhaft  war  die  wissen—
schaftliche  Gelassenheit,  womit  Hegel  sich  den  Untergang  seines  Vaterlandes
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        252  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

zurechtlegte:  der  meinte  die  Weltseele  zu  sehen,  als  Napoleon  über  das
Feld  von  Jena  sprengte,  und  zog  aus  dem  Falle  des  alten  Preußens
die  kluge  Lehre,  daß  der  Geist  immer  über  geistlosen  Verstand  und  Klügelei
den  Sieg  davontrage.  Ueberhaupt  wurde  dort  in  Thüringen  der  erste
betäubende  Eindruck  des  Unglücks  rasch  verwunden;  erst  unter  dem  unbarmherzigen
  Drucke  der  folgenden  Jahre  lernte  das  mitteldeutsche  Volk,  wie  fest
sein  eigenes  Leben  mit  dem  Schicksale  des  preußischen  Staates  verwachsen  war.

In  den  alten  preußischen  Provinzen  begann  der  Umschwung  der
Stimmungen  schon  früher,  unmittelbar  nach  den  ersten  Niederlagen.
Napoleon's  zügelloser,  beständig  wachsender  Haß  gegen  Preußen  nährte  sich
an  dem  geheimen  Argwohne,  daß  in  diesem  Staate,  trotz  aller  Schmach
und  Thorheit  der  jüngsten  Wochen,  doch  eine  unzähmbare  Willenskraft
schlummere,  wie  sie  dem  Imperator  auf  dem  Festlande  noch  nie  begegnet
war.  Was  der  preußische  Soldat  unter  kräftiger  Führung  zu  leisten  vermochte,
  das  lehrte  der  Rückzug  des  Blücher'schen  Corps;  in  diesen  Kämpfen
wurden  mehrere  jener  Helden,  welche  dereinst  eine  neue  bessere  Zeit  über  den
Staat  heraufführen  sollten,  zuerst  bei  Freund  und  Feind  bekannt.  Blücher
ging  mit  den  Ueberresten  der  Reservearmee  und  einigen  anderen  Truppen
im  Magdeburgischen  über  die  Elbe  um  das  Hohenlohische  Corps  zu  erreichen,
  und  Oberst  York  mit  seinen  Jägern  wehrte  dem  nachrückenden
Feinde  viele  Stunden  lang  den  Uebergang  über  den  Fluß  in  dem  glänzenden
  Gefechte  von  Altenzaun.  Als  die  Vereinigung  mit  Hohenlohe
durch  die  Nachricht  von  der  Prenzlauer  Capitulation  vereitelt  wurde,  faßte
Scharnhorst  den  verwegenen  Plan  sich  gegen  Flanke  und  Rücken  der  Franzosen
  zu  wenden,  damit  ein  Theil  des  feindlichen  Heeres  von  den  Marken
hinweggezogen  würde.  Die  kleine  Schaar  warf  sich  nach  Mecklenburg,
und  es  gelang  ihr  wirklich,  drei  französische  Armeecorps  hinter  sich  herzulocken.
  Inmitten  der  Sorgen  und  Nöthe  dieses  harten  Rückzugs  läuterten
  sich  in  Scharnhorst's  freier  Seele  schon  die  schöpferischen  Gedanken
der  Heeresreform,  die  er  bereits  im  Frühjahr  in  seiner  Denkschrift  über
das  Milizheer  angedeutet  hatte:  mit  überzeugender  Klarheit  erörterte  er
in  Gadebusch,  in  einem  Gespräche  mit  Müffling:  wie  die  Theilnahmlosigkeit
  des  gemeinen  Soldaten  unter  den  niederschlagenden  Erfahrungen
der  letzten  Wochen  doch  die  schwerste,  der  letzte  Grund  alles  Unglücks  sei,
und  wie  es  jetzt  gelte  die  Armee  also  umzugestalten,  daß  sie  sich  eins  wisse
mit  dem  Vaterlande.)  Dann  kämpfte  das  Corps  noch  mit  verzweifeltem
Muthe  an  den  Thoren  und  in  den  Straßen  Lübecks  gegen  die  Uebermacht
  des  Feindes;  erst  als  alle  Munition  und  aller  Proviant  verloren,
jeder  Widerstand  unmöglich  war,  legte  Blücher  bei  Rattkau  die  Waffen
nieder.  Es  waren  Kämpfe  voll  Heldenzornes,  wie  sie  der  elende  Feldzug

 

*)  So  erzählt  Müffling  in  einer  Denkschrift  über  die  Landwehr,  die  er  am  12.  Juli
1821  an  Hardenberg  übersendete.
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        Umschlag  der  Volksstimmung.  253

von  1805  nie  gesehen;  und  ganz  anders  als  die  gedankenlose  Neugierde
der  Wiener  erschien  auch  die  würdige  Haltung  der  großen  Mehrheit  des
Berliner  Volkes  beim  Einzuge  Napoleon's.  So  hatte  noch  Niemand  zu
dem  Imperator  geredet  wie  jener  ehrwürdige  Prediger  Erman,  der  bei  der
Begrüßung  am  Thore  rund  heraus  sagte,  ein  Diener  des  Evangeliums  dürfe
nicht  die  Lüge  aussprechen,  daß  er  sich  freue  über  den  Einzug  des  Feindes.
Die  schonungslose  Wahrhaftigkeit  des  Krieges  vernichtete  die  Phrasen
der  aufgeklärten  Eitelkeit,  zerstörte  jene  Traumwelt  des  Verstandes,  worin
die  großstädtische  Ueberbildung  sich  zu  verlieren  pflegt,  und  zwang  die  er—
schlafften  Gemüther  wieder  aus  Herzensgrunde  zu  hassen  und  zu  lieben.
Mit  dem  Wohlleben  der  geistreichen  Geselligkeit  ging  auch  die  papierene
Zeit  zu  Ende.  Nun  da  das  Elend  in  jedem  Hause  wohnte,  sah  auch  der
Bildungsstolz  die  gewaltige  Hand  des  lebendigen  Gottes;  der  Gelehrte
wie  der  Einfältige  erkannte,  was  dies  räthselvolle  Leben  ist  ohne  den
Glauben  und  was  der  armselige  Mensch  ohne  sein  Volk.  Je  länger  die
Einquartierung  währte,  um  so  ernster,  gesammelter,  preußischer  wurde  die
Stimmung,  und  bald  war  die  Stadt  der  frivolen  Kritik  kaum  mehr
wiederzuerkennen.  Alles  lauschte  in  athemloser  Spannung  auf  die  Nach—
richten  vom  ostpreußischen  Kriegsschauplatze.  Die  Invaliden  spielten  auf
ihren  Drehorgeln  das  Klagelied  um  Prinz  Louis  Ferdinand,  das  einzige
Volkslied,  das  in  dem  dumpfen  Jammer  dieses  Krieges  entstanden  war,
und  am  Geburtstage  der  geliebten  Königin  flammten,  dem  Verbote  des  fran—
zösischen  Gouverneurs  zum  Trotz,  in  allen  Berliner  Häusern  die  Lichter
hinter  den  verhängten  Fenstern.  Auch  auf  dem  Lande  begann  die  Schlum—
mersucht  der  Friedenszeiten  zu  schwinden;  mancher  wetterfeste  Bauersmann
blickte  grimmig  auf  zu  dem  Bilde  des  großen  Königs  an  der  Wand.
So  in  Noth  und  Schmach  lernte  Barthold  Niebuhr  das  preußische
Volk  zuerst  kennen  und  schloß  sich  ihm  an  mit  aller  Leidenschaft  seines
großen  Herzens,  denn  er  sah  an  ihm,  daß  edle  Naturen  im  Unglück
größer  erscheinen  als  im  Glücke.  Unmittelbar  vor  der  Jenaer  Schlacht  war
er  aus  Dänemark  in  den  preußischen  Staatsdienst  hinübergekommen,  und
als  er  dann  auf  der  Flucht  nach  Königsberg  mit  den  Pommern  und
Altpreußen  verkehrte,  da  schrieb  er  zuversichtlich:  „ich  habe  in  diesen  Tagen
nirgends  mehr  so  viel  Kraft,  Ernst,  Treue  und  Gutmüthigkeit  vereinigt
zu  finden  erwartet;  mit  einem  großen  Sinne  geleitet  wäre  dies  Volk  der
ganzen  Welt  unbezwinglich  gewesen!“  Doch  die  Menge  will  immer  erst
fühlen  bevor  sie  hört;  früher  und  bewußter  als  in  der  Masse,  die  erst  durch
die  anhaltende  Noth  der  kommenden  Jahre  ganz  für  den  Gedanken  der
Befreiung  gewonnen  wurde,  erwachte  der  vaterländische  Zorn  unter  dem
Kriegsadel  und  unter  den  Gelehrten.  Der  militärische  Stolz  des  alten
Preußenthums  und  der  kühne  Idealismus  der  jungen  deutschen  Literatur
begegneten  sich  plötzlich  in  einem  Gedanken.  Mitten  im  Niedergange
der  alten  Monarchie  bereitete  sich  schon  die  große  Wendung  vor,  welche
        <pb n="264" />
        254  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

den  Gang  unserer  Geschichte  im  neunzehnten  Jahrhundert  bestimmt  hat:
die  Versöhnung  des  preußischen  Staates  mit  der  Freiheit  deutscher  Bildung.
  Während  in  den  alten  Soldatengeschlechtern  ingrimmige  Erbitterung
  gegen  die  Fremdherrschaft  vorherrschte,  mancher  tapfere  Mann  aus
diesen  Kreisen  dem  Könige  freiwillig  seine  Dienste  anbot,  ging  auch  Fichte
von  freien  Stücken  nach  Königsberg,  weil  er  sein  Haupt  nicht  unter  das
Joch  des  Treibers  biegen  wollte.  Um  Schleiermacher  aber  sammelte  sich
schon  in  der  Stille  ein  Kreis  warmherziger  Patrioten.  Der  treue  Mann
sah  aus  dem  tiefen  Falle  die  „Regeneration  Deutschlands“  emporsteigen;
er  wollte  dabei  sein  mit  Wort  und  Schrift  und  jetzt  am  wenigsten  seinen
König  verlassen:  „eine  freie  Rede  ist  für  Napoleon  das  schärfste  Gift;“
keinen  Augenblick  glaubte  er  an  die  Dauer  der  französischen  Triumphe,
denn  dieser  Sieger  „hat  zu  wenig  den  Sinn  eines  Königs“.

Völlig  überwältigt  von  der  unerwarteten  Niederlage  hatte  König
Friedrich  Wilhelm  sogleich  nach  der  Schlacht  unter  demüthigenden  Bedingungen
  den  Frieden  angeboten.  Es  waren  die  häßlichsten  Tage  seines
Lebens;  einige  seiner  Räthe  empfahlen  schon  den  Eintritt  Preußens  in
den  Rheinbund.  Erst  der  Uebermuth  des  Siegers  gab  dem  unglücklichen
Fürsten  das  Bewußtsein  seiner  königlichen  Pflichten  wieder.  Napoleon
steigerte  seine  Forderungen  im  Verlaufe  der  Unterhandlungen,  verlangte
außer  der  Abtretung  aller  Lande  links  der  Elbe  auch  noch,  daß  Preußen
von  dem  russischen  Bündniß  zurücktrete.  Da  erwachte  der  Stolz  des
Königs;  sein  Gewissen  konnte  sich  nicht  entschließen,  dasselbe  zu  thun,  was
Kaiser  Franz  vor  einem  Jahre  in  ungleich  günstigerer  Lage  unbedenklich
gethan,  und  den  Bundesgenossen  zu  verlassen,  den  er  soeben  selbst  um
Hilfe  gebeten  hatte.  Als  am  21.  November  im  Hauptquartier  zu  Osterode
Rath  gehalten  wurde  über  die  Annahme  des  Waffenstillstandes,  welchen
Lucchesini  und  Zastrow  kleinmüthig  unterschrieben  hatten,  da  kam  der
Augenblick,  der  die  Männer  von  den  Buben  und  den  Klüglingen  schied.
Nicht  bloß  Stein,  der  die  Kassen  des  Staates,  die  Mittel  zur  Fortsetzung
des  Krieges,  nach  Ostpreußen  gerettet  hatte,  stimmte  für  die  Verwerfung
des  Vertrages,  sondern  auch  sein  politischer  Gegner,  der  hochconservative
Graf  Voß,  einer  der  Führer  des  märkischen  Adels.  Der  König  entschied
in  ihrem  Sinne,  nahm  die  Waffen  wieder  auf  hier  in  der  entlegenen
Ostmark  des  Reichs,  dem  letzten  Bollwerk  deutscher  Freiheit.  Gleich  darauf
  erhielt  Haugwitz  seine  Entlassung.  Von  jenem  Tage  an  hat  der
vielverkannte  Monarch,  wie  oft  er  auch  im  Einzelnen  irrte  und  schwankte,
doch  unverbrüchlich  durch  sechs  entsetzliche  Jahre  den  Gedanken  festgehalten:
kein  ehrlicher  Friede  mit  Frankreich  als  nach  der  Wiederherstellung  des
alten  Preußens.  So  begann  der  Feldzug  in  Ostpreußen,  der  erste,  während
dessen  die  Sonne  des  Glücks  dem  Imperator  nicht  ungetrübt  leuchtete,  der
erste,  der  dem  verzweifelnden  Welttheil  wieder  die  Ahnung  erweckte,  daß
auch  dieser  Allgewaltige  nicht  unüberwindlich  sei.
        <pb n="265" />
        Unterwerfung  der  norddeutschen  Fürsten.  255

Napoleon's  scharfes  Auge  erkannte  rasch,  daß  er  in  Norddeutschland
die  Zügel  seiner  Herrschaft  straffer  anziehen  mußte  als  in  den  Kernlanden
des  Rheinbundes.  Im  Süden  umgaben  ihn  Frankreichs  erprobte  Bundes—
genossen,  die  ihre  neugebildeten  Staaten  gelehrig  nach  neufranzösischen
Grundsätzen  regierten;  im  Norden  fand  er  ein  zäheres,  dem  gallischen
Wesen  völlig  unzugängliches  Volksthum,  eine  streng  protestantische  Cultur,
schwerfällige  altständische  Verfassungen,  alte  mit  Preußen,  England  und
Rußland  eng  verbundene  Fürstengeschlechter.  Darum  griff  er  hier  von
Haus  aus  schärfer  ein,  behielt  sich  die  ganze  Masse  des  Nordwestens,  die
Lande  der  Welfen,  Hessen  und  Oranier,  zur  Ausstattung  seiner  eigenen
Verwandten  vor.  Nur  eine  der  eingesessenen  norddeutschen  Dynastien
war  ihm  als  ein  natürlicher  Freund  willkommen:  die  alten  Nebenbuhler
der  Hohenzollern,  die  Albertiner,  für  deren  Souveränität  er  ja  angeblich
die  Waffen  ergriffen  hatte.  Am  11.  December  wurde  Kursachsen  durch
den  Posener  Frieden  in  den  Rheinbund  aufgenommen  und  mit  der  Königskrone
  begnadigt.  Um  den  neuen  König  für  immer  von  Preußen  zu  trennen
versprach  ihm  Napoleon,  zum  Austausch  gegen  das  Mansfeldische  Land,
die  preußische  Niederlausitz,  den  treuen  Cottbuser  Kreis,  und  befahl  ihm
sofort  ein  Hilfscorps  gegen  den  verrathenen  Bundesgenossen  in's  Feld  zu
senden.  Auch  die  persönliche  Dankbarkeit  des  bigotten  Friedrich  August  gewann
  sich  der  Imperator,  da  er  die  Gleichberechtigung  der  Katholiken  und
der  Protestanten  in  Sachsen  anordnete,  eine  Neuerung,  welche  der  Dresdner
Hof  bei  seinen  hartlutherischen  Ständen  niemals  hätte  durchsetzen  können.
Dieser  letztere  Schritt  Napoleon's  war  übrigens  mehr  als  ein  diplomatischer
Schachzug;  denn  immer  deutlicher  von  Jahr  zu  Jahr  trat  die  innere  Verwandtschaft
  hervor,  welche  jedes  moderne  Weltreich  mit  der  römischen  Weltkirche
  verbindet.  Auch  der  Erbe  der  Revolution  konnte  den  Beistand  Roms
nicht  entbehren,  so  wenig  wie  einst  Karl  V.;  seine  Briefe  an  den  heiligen
Stuhl  wie  seine  Botschaften  an  den  Senat  betonten  nachdrücklich,  wie  er
überall  unsere  heilige  Religion  von  ihren  protestantischen  Verfolgern  befreit
  habe  und  den  Todfeind  der  römischen  Kirche,  England,  unablässig
bekämpfe.

In  Kursachsen  aber  feierte  die  deutsche  Unterthänigkeit  ihre  Saturnalien,
  gemeiner  noch  als  ein  Jahr  zuvor  in  Baiern.  Wie  fühlte  man
sich  so  glücklich,  dem  stolzen  preußischen  Nachbarn  endlich  wieder  im  Range
gleich  zu  stehen!  Auf  Neujahr  1807,  während  an  der  Weichsel  um  die
letzten  Splitter  deutscher  Freiheit  gefochten  wurde,  veranstaltete  die  Stadt
Leipzig  ein  prächtiges  Freudenfest  zu  Ehren  der  neuen  Rautenkrone.  Die
Sonne  Napoleon's,  das  prahlerische  Sinnbild,  das  er  von  seinem  Vorfahren
  Ludwig  XIV.  entlehnt  hatte,  leuchtete  weithin  durch  die  geschmückten
Gassen.  Auf  dem  Markte  prangte  der  Altar  des  Vaterlandes;  die  Studenten
  rückten  in  feierlichem  Zuge  heran  und  verbrannten  dort  ihre  Fackeln
unter  dem  Jubelgesange:  „gerettet  ist  das  Vaterland!“  Auch  die  Cadaver
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        256  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

in  der  akademischen  Anatomie  schlossen  sich  dem  kursächsischen  Nationalvergnügen
  an:  eine  erleuchtete  Inschrift  über  der  Eingangsthür  verkündete:
„Selbst  die  Todten  rufen:  Lebel“

Die  übrigen  kleinen  Herren  des  Nordens  waren  in  Napoleon's  Augen
nur  preußische  Vasallen  und  Offiziere,  gern  hätte  er  sie  allesammt  entfernt.
  Aber  die  zerstreute  Lage  dieser  wundersamen  Staatsgebilde  erschwerte
  die  Einverleibung,  auch  stand  ein  zuverlässiger  Rheinbundskönig,
  dem  man  sie  schenken  konnte,  augenblicklich  nicht  zur  Verfügung.
Den  Imperator  gquälten  ernstere  Sorgen,  er  legte  auf  die  Frage  nicht
mehr  Werth  als  sie  verdiente  und  wünschte  vor  Allem  raschen  Abschluß
des  Handels,  weil  er  die  kleinen  Contingente  sogleich  in  dem  preußischen
Kriege  verwenden  wollte.  So  fanden  denn  die  Kleinfürsten  Thüringens
und  Westphalens  eine  leidliche  Aufnahme,  als  sie,  die  Einen  persönlich,
die  Andern  durch  ihre  Minister,  im  Hauptquartiere  zu  Posen  die  Gnade
des  Siegers  anflehten.  Zum  dritten  male  begann  das  ekelhafte  Schauspiel
  des  deutschen  Länderhandels,  zum  dritten  male  floß  das  Gold  deutscher
Fürsten  in  die  unergründlichen  Taschen  der  napoleonischen  Diplomatie,
und  das  Geschäft  verlief  glücklich,  da  die  bedrängten  Kleinen  in  dem
nassauischen  Staatsmanne  Hans  von  Gagern  einen  rührigen  und  uneigennützigen
  Makler  fanden.  Dieser  wunderliche  Verehrer  der  altdeutschen
Freiheit  hatte  aus  seinen  gelehrten  reichsgeschichtlichen  Forschungen  den
Schluß  gezogen,  daß  der  reine  Germanismus,  die  wahre  Größe  Deutschlands
  in  der  buntscheckigen  Zersplitterung  seines  Staatlebens  bestehe.
Als  er  nun  von  den  Aengsten  der  kleinen  Herren  des  Nordens  erfuhr,
eilte  er  spornstreichs  herbei,  nahm  sich  der  Bedrohten  an  und  hielt  durch
seine  vielgeschäftige  Zudringlichkeit  seinen  alten  Gönner  Talleyrand  dermaßen
  in  Athem,  daß  der  Franzose,  ohnehin  ein  stolzer  Aristokrat  und
dem  deutschen  hohen  Adel  wohlgesinnt,  endlich  auf  alle  Wünsche  des
Unermüdlichen  einging.  Auch  der  Humor  fehlte  nicht,  der  eines  solchen
Gegenstandes  würdig  war.  „Schenken  Sie  mir  einige  Ihrer  kleinen
Fürsten,"“  rief  einmal  Talleyrand's  Gehilfe  La  Besnardiere.  „Nicht  einen,"
erwiderte  der  heitere  Lebensretter  der  Kleinstaaterei,  „Sie  müssen  sie  alle
hinunterschlucken,  und  sollten  Sie  daran  ersticken!“

So  geschah  es,  daß  die  Ernestiner  und  die  Ascanier,  die  Reuß  und
Schwarzburg,  die  Lippe  und  Waldeck  als  Souveräne  in  den  Rheinbund
eintraten.  Der  Graf  von  Bückeburg  erschlich  sich  nebenbei  den  Fürstentitel,
  da  die  Franzosen  das  Geschäft  mit  geringschätziger  Leichtfertigkeit
betrieben  und  in  dem  Vertrage  kurzweg  von  den  beiden  Fürsten  von  Lippe
sprachen.  Napoleon  aber  klagte  nachher  ärgerlich,  in  diesem  Handel  sei
er  zum  ersten  male  betrogen  worden;  hätte  er  gewußt,  wo  die  Reuß,
Lippe  und  Waldeck  eigentlich  säßen,  so  würden  sie  ihre  Throne  nicht  behalten
  haben.  Er  vergaß  auch  niemals,  daß  diese  Dynasten  des  Nordens
einst  den  Kern  der  preußischen  Partei  im  Reiche  gebildet  hatten.  Darum
        <pb n="267" />
        Abfall  der  Polen.  257

blieb  er  ihnen  stets  ein  gestrenger  Herr,  gönnte  ihnen  keine  Vergrößerung,
nahm  sie  nicht  in  seine  Verwandtschaft  auf,  während  er  dem  Dresdner
und  den  süddeutschen  Höfen  nach  seiner  brutalen  Art  einiges  Wohlwollen
erwies.  Darum  blieb  auch  das  patriarchalische  Völkchen  der  norddeutschen
Kleinstaaten  ganz  unberührt  von  dem  Napoleonscultus,  der  in  Kursachsen
und  Süddeutschland  so  viele  Anhänger  fand;  der  Bauersmann  in  Thü—
ringen  und  Mecklenburg  fühlte  sich  persönlich  gekränkt,  wenn  er  seinen  ange—
stammten  Herzog  in  demüthiger  Haltung  neben  den  fremden  Gewalthabern
sah.  Genug,  noch  während  des  Krieges  wurde  Preußen,  wie  im  Sommer
vorher  Oesterreich,  aus  Deutschland  hinausgestoßen,  die  Gesammtheit  der
Mittel-  und  Kleinstaaten  dem  Protector  des  Rheinbundes  unterworfen.

Derweil  Preußens  deutsche  Bundesgenossen  abfielen,  ereilte  den  un—
glücklichen  Staat  zugleich  die  Vergeltung  für  die  Theilung  Polens.  Diese
slavischen  Gebiete,  die  während  des  letzten  Jahrzehnts  die  innere  Entwick—
lung  der  Monarchie  in's  Stocken  gebracht  hatten,  erwiesen  sich  im  Augen—
blicke  der  Gefahr  als  ein  unhaltbarer  Besitz.  Vier  Wochen  nach  der  Jenaer
Schlacht  erhob  Dombrowsky  in  Polen  das  Banner  der  Empörung,  der
gesammte  Adel  eilte  den  Fahnen  des  weißen  Adlers  zu,  und  bald  er—
griff  der  Aufruhr  alle  Lande,  die  durch  die  beiden  letzten  Theilungen  an
Preußen  gelangt  waren.  Der  König  konnte  die  Bürde  seines  hohen  Amtes
nicht  ertragen,  wenn  er  der  Liebe  und  Treue  seiner  Unterthanen  nicht  sicher
war;  er  ahnte,  daß  sittliche  Bande  den  Staat  zusammenhalten.  Der
Anblick  des  großen  Abfalls  erfüllte  sein  Gemüth  mit  tiefer  Erbitterung,
doch  erkannte  er  nüchtern,  wie  unhemmbar  diese  nationale  Bewegung
dahinfluthete,  und  ließ  sich  nicht  ein  auf  die  phantastischen  Vorschläge
des  Fürsten  Radziwill,  der  von  einer  royalistischen  Gegenbewegung  träumte.
Dem  Imperator  kam  die  Erhebung  des  alten  Bundesgenossen  Frankreichs.
hochwillkommen;  eifrig  ermuthigte  er  den  Aufruhr,  ließ  Waffen  an  die
Empörer  vertheilen,  die  Polen  in  den  preußischen  Regimentern  zur  Desertion
  verleiten,  rühmte  in  seinen  Bulletins,  wie  dies  Volk  sich  in  wahrhaft
  interessanten  Farben  zeige.  Dabei  hütete  er  sich  wohl  den  Polen
eine  feste  Zusage  zu  geben;  kalt  und  sicher  durchschaute  er  diese  sarmatischen
Junker,  ihre  brausende  Tapferkeit,  aber  auch  ihren  Leichtsinn,  ihre  Selbstsucht,
  ihre  politische  Unfähigkeit.  Das  Land  war  ihm  werthvoll  als  ein
Lager  streitbarer  Hilfstruppen  und  als  ein  Mittel  um  die  längst  geplante
Demüthigung  Rußlands  vorzubereiten;  je  nach  Umständen  behielt  er  sich
vor,  den  Polen  wieder  den  Schein  politischer  Selbständigkeit  zu  gewähren.

Der  polnische  Aufstand  nöthigte  den  Czaren,  die  Unterstützung,  die
er  seinem  preußischen  Freunde  zugesagt,  jetzt  endlich  zu  leisten.  Aber  nicht
als  ein  Hilfsheer,  wie  man  im  Herbst  angenommen,  erschien  die  russische
Armee  auf  preußischem  Boden;  sie  hatte  die  Hauptlast  des  Kampfes  zu
tragen,  und  schwer  rächte  sich  jetzt  der  leichtsinnig  begonnene  Türkenkrieg,
denn  nur  ein  Theil  der  russischen  Streitkräfte  war  für  Preußen  verfügbar.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  17
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        258  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

In  dem  unglücklichen  Grenzlande  erneuerten  sich  die  Schrecken  des  sieben—
jährigen  Krieges.  Bald  wurde  die  zuchtlose  Roheit  der  russischen  Freunde
dem  ausgeplünderten  preußischen  Landmanne  noch  verhaßter  als  die  Wuth
des  Feindes;  dazu  die  kopflose  Heeresleitung  der  Russen  und  der  unerträgliche
  Uebermuth  ihrer  Offiziere  gegen  das  tapfere  kleine  preußische  Corps  des
Generals  Lestocq.  Trotzdem  hat  dieser  Feldzug,  wie  er  sich  viele  Monate
lang  unentschieden  durch  die  verödeten  Ebenen  Polens  und  Preußens
fortschleppte,  zum  ersten  male  die  feste  Siegeszuversicht  des  napoleonischen
Heeres  in's  Wanken  gebracht.  Der  an  rasche  Erfolge  und  reiche  Beute,  an
das  Wohlleben  der  Weinlande  des  Südens  gewöhnte  Soldat  begann  zu
murren  und  fragte,  ob  der  Unersättliche  des  Schlachtens  gar  kein  Ende
finde.  Mehrere  Wochen  hindurch  vertheidigte  Lestocq's  Heertheil  mit  altpreußischer
  Zähigkeit  die  Weichselübergänge  im  Kulmerlande,  und  als  er  endlich
  zu  der  russischen  Armee  nach  Osten  zurückgerufen  wurde,  da  gaben  diese
armen  Trümmer  des  preußischen  Heeres  den  Ausschlag  in  der  ersten  Schlacht,
welche  der  Sieggewohnte  nicht  gewann.  Am  7.  und  8.  Februar  1807
versuchte  Napoleon  bei  Eylau  durch  einen  überwältigenden  Angriff  das
Heer  der  Verbündeten  ostwärts  zu  drängen.  Schon  war  am  zweiten
Schlachttage  der  linke  Flügel  der  Russen  nach  mörderischem  Kampfe  geworfen;
  da  erkannte  Scharnhorst's  Feldherrnblick  die  entscheidende  Stunde,
ließ  die  Truppen  Lestocq's,  die  nach  anstrengendem  Marsche  soeben  erst  auf
dem  äußersten  rechten  Flügel  der  Verbündeten  eingetroffen  waren,  gegen
das  Centrum  einschwenken,  und  endlich  wieder  schien  über  den  Deutschen
der  Glücksstern  der  fridericianischen  Tage  zu  glänzen,  als  das  kleine
preußische  Corps  mit  klingendem  Spiel  und  fliegenden  Fahnen  durch  die
fliehenden  Russen  hindurch  gegen  den  Wald  von  Kutschitten  vorbrach  und
dann  weiter  über  Anklappen  hinaus  die  Feinde  vor  sich  hertrieb.

Der  Angriff  der  Franzosen  war  gescheitert.  Allen  seinen  Gewohnheiten
  zuwider  mußte  der  Imperator  nach  der  unentschiedenen  Schlacht
die  Winterquartiere  beziehen,  und  so  gewaltig  war  der  Eindruck  dieses
ersten  Mißerfolges,  daß  Napoleon  alsbald  nach  dem  Kampfe  mit  neuen
Friedensvorschlägen  sich  dem  Könige  näherte.  Das  sei  der  schönste  Augenblick
  seines  Lebens,  schrieb  er  schmeichelnd  und  drohend;  die  preußische
Nation  müsse  wiederhergestellt  werden  als  ein  Schutzwall  zwischen  Rußland
  und  Frankreich,  sei  es  unter  dem  Hause  Brandenburg  oder  unter
irgend  einem  anderen  Fürstengeschlechte;  alle  Länder  diesseits  der  Elbe
wolle  er  zurückgeben,  an  die  Polen  denke  er  nicht  mehr  seit  er  sie  kenne.
Aber  allzu  unverkennbar  war  doch  die  Absicht  des  Versuchers,  Preußen
von  seinem  Verbündeten  zu  trennen,  um  dann  nach  der  Niederwerfung
Rußlands  den  von  aller  Welt  verlassenen  König  auf's  Neue  zu  demüthigen.
Friedrich  Wilhelm  schwankte  keinen  Augenblick,  wies  die  französischen
Zumuthungen  entschieden  zurück.  Erst  im  Unglück  kamen  die  passiven
Tugenden  der  Treue  und  der  Ausdauer,  worin  die  Stärke  seines  Charakters
        <pb n="269" />
        Schlacht  von  Eylau.  2590

lag,  zur  rechten  Wirksamkeit.  Das  königliche  Haus,  das  jetzt  im  letzten
Winkel  deutscher  Erde,  in  Memel,  seinen  ärmlichen  Hofhalt  aufschlug,
wurde  dem  ganzen  Lande  ein  Vorbild  würdiger  Fassung,  frommen  Gottvertrauens.
  Herzlicher,  inniger  als  in  den  Tagen  des  Glücks  schloß  sich
das  stolze  Volk  Ostpreußens  an  das  Herrscherhaus  an;  Jedermann  im
Lande  erzählte  bewundernd  von  der  schönen  Königin,  wie  sie  krank  bei
wildem  Schneesturm  über  die  Oede  der  kurischen  Nehrung  geflohen  war
um  lieber  in  Gottes  Hand  als  in  die  Hände  des  Feindes  zu  fallen,  und  wie
sie  dann  dem  tiefgebeugten  Gatten  tröstend  und  mahnend  zur  Seite  stand.

Freilich  fehlte  noch  viel  daran,  daß  sich  sofort  in  der  Leitung  des
Staates  ein  freier  und  kühner  Sinn  gezeigt  hätte;  so  mit  einem  Schlage
waren  die  Nachwirkungen  eines  Jahrzehntes  der  Schwäche  und  der  Halbheit
  nicht  zu  überwinden.  Wohl  ergingen  scharfe  Mahnungen  an  die
Truppen,  strenge  Strafen  gegen  die  pflichtvergessenen  Festungscommandanten.
  Die  kleine  Armee  Lestocq's  zeigte  eine  musterhafte  Haltung,  und
Scharnhorst,  der  bereits  im  vorigen  Jahre  die  Bildung  großer,  aus  allen
Waffen  gemischter  Divisionen  durchgesetzt  hatte,  beseitigte  jetzt  auch  thatsächlich
  die  schwerfällige  alte  Lineartaktik,  leitete  die  Bewegungen  des  Heeres
nach  den  Grundsätzen  der  neuen  kühneren  Kriegführung,  welche  der  König
selbst  in  einer  eingehenden  Instruction  seinen  Offizieren  einschärfte.  Aber  die
Ausrüstung  der  neunzehn  Reservebataillone  ging  so  langsam  von  statten,
daß  keines  mehr  im  Felde  zur  Verwendung  kam.  Ein  von  dem  Könige
bereits  unterschriebener  Aufruf  zur  allgemeinen  Volksbewaffnung  blieb
liegen,  weil  die  treuen  Stände  Ostpreußens  dringend  vorstellten:  der  Adel
könne  nur  in  der  königlichen  Armee,  nimmermehr  in  einem  Landsturme
dienen.  Auch  die  Civilverwaltung  kam  noch  monatelang  aus  einem  unerquicklichen
  Uebergangszustande  nicht  heraus.  Der  Monarch  wollte  noch
nicht  einsehen,  daß  die  altgewohnte  Cabinetsregierung  mit  der  selbständigen
Verantwortlichkeit  der  Minister  sich  nicht  vertrug,  und  entließ  den
Minister  Stein  mit  harten  und  ungerechten  Worten,  als  der  stolze  Freiherr
  schroff  und  leidenschaftlich  auf  der  Beseitigung  des  Cabinets  bestand.
Richtiger  verstand  Hardenberg  den  König  zu  behandeln.  Sein  Freimuth,
der  immer  in  liebevollen,  ruhigen  Formen  blieb,  drang  endlich  durch,  und
am  26.  April  1807  vollzog  sich  in  aller  Stille  eine  Verfassungsveränderung,
die  folgenreichste,  welche  der  alte  Absolutismus  seit  den  Zeiten  Friedrich
Wilhelm's  I.  erlebt  hatte.  Die  Cabinetsregierung  wurde  aufgehoben,
Hardenberg  als  erster  Minister  mit  der  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten
  sowie  aller  mit  dem  Kriege  zusammenhängenden  Geschäfte
beauftragt.

Die  Lage  der  Verbündeten  blieb  auch  nach  dem  halben  Erfolg  von
Eylau  schwer  bedrängt.  So  erfolgreich  der  zäheste  Gegner  Napoleon's
auf  den  Meeren  kämpfte,  in  der  Behandlung  der  festländischen  Dinge
zeigte  Englands  Handelspolitik  nach  wie  vor  ein  Ungeschick,  das  bereits

177
        <pb n="270" />
        260  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

anfing  sprichwörtlich  zu  werden.  Während  sich  drei  Jahre  früher  in  London
keine  Hand  gerührt  hatte  um  Hannover  gegen  die  Franzosen  zu  vertheidigen,
  wurde  Preußen  für  die  Besetzung  des  Kurfürstenthums  sofort
durch  eine  Kriegserklärung  bestraft;  und  auch  als  der  preußische  Hof  im
Januar  1807  mit  England  Frieden  geschlossen,  alle  seine  Ansprüche  auf
Hannover  aufgegeben  hatte,  that  das  Cabinet  von  St.  James  gar  nichts
um  den  neuen  Bundesgenossen  gegen  den  gemeinsamen  Feind  zu  unterstützen.
  Nicht  einmal  ein  Subsidienvertrag  kam  zu  Stande.  Graf  Münster,
dessen  Rath  in  London  bei  allen  deutschen  Angelegenheiten  den  Ausschlag
gab,  konnte  das  alte  welsische  Mißtrauen  gegen  Preußen  nicht  überwinden.
Oesterreich  wurde  selbst  durch  die  erschreckende  Kunde  von  dem  polnischen
Aufruhr  nicht  aus  seiner  Neutralität  aufgescheucht.  Beide  Theile  warben
wetteifernd  um  die  Hofburg.  Napoleon  bot  ihr  Schlesien  zum  Austausche
gegen  Galizien;  der  Czar  sendete  den  Todfeind  des  Hauses  Bonaparte,
Pozzo  di  Borgo,  mit  dringenden  Mahnungen  nach  Wien;  der  König  von
Preußen  erklärte  sich  in  seiner  Bedrängniß  sogar  bereit,  einem  österreichischen
  Hilfsheere  die  vorläufige  Besetzung  der  schlesischen  Festungen
zu  gestatten.  Doch  Erzherzog  Karl  blieb  obenauf  mit  seiner  friedfertigen
Politik;  um  die  Unthätigkeit  zu  bemänteln  erbot  sich  Oesterreich  endlich  zu
einer  Friedensvermittelung,  die  in  solcher  Lage  nichts  fruchten  konnte.  Die
Freundschaft  des  Czaren  bot  der  wankenden  preußischen  Monarchie  die
letzte  Stütze,  und  an  schönen  Worten  ließ  es  der  schwärmerische  junge
Herr  nicht  fehlen,  als  er  im  Frühjahre  selber  auf  dem  Kriegsschauplatze
erschien.  Wie  strahlte  er  in  zärtlicher  Liebenswürdigkeit  inmitten  der
königlichen  Familie:  verzückte  blaue  Augen  und  doch  verschwommen,  ohne
Tiefe;  edle  und  doch  unreife,  halb  durchgearbeitete  Züge.  „Nicht  wahr?
Keiner  von  uns  beiden  fällt  allein!“  sagte  er  inbrünstig  zu  seinem  unglücklichen
  Freunde.  Mancher  ehrliche  Preuße  meinte  nun  erst  Alexander's
großes  Herz  ganz  zu  verstehen.

Es  bezeichnet  Hardenberg's  ganzes  Wesen,  seinen  unerschrockenen
Muth  wie  seine  leichtlebige  Beweglichkeit,  daß  er  in  solcher  Zeit,  während
Preußens  Dasein  noch  in  Frage  stand,  bereits  einen  großgedachten,  weitumfassenden
  Plan  für  die  Neuordnung  Deutschlands  und  des  gesammten
Staatensystems  zu  entwerfen  wagte.  Mehr  als  zehn  Jahre  lang  hatte
er  der  Hoffnung  gelebt,  mit  Frankreichs  Beistand  eine  norddeutsche  Großmacht,
  die  dem  Hause  Oesterreich  die  Wage  hielte,  zu  bilden;  sobald  er
die  Hohlheit  dieser  Träume  erkannte,  ergriff  er  sofort  ein  neues  System
deutscher  Politik,  dem  er  dann  bis  zum  Tode  treu  blieb:  die  Politik  des
geregelten  Dualismus.  Gar  zu  vernehmlich  hatte  doch  das  Schicksal  gesprochen:
  vereinzelt  waren  Oesterreich  und  Preußen  unterlegen,  nur  ihre
treue  Eintracht  konnte  Deutschland  befreien.  In  diesem  Gedanken  begegnen
  sich  während  der  folgenden  Jahre  alle  preußischen  Patrioten  ohne
Unterschied  der  Partei;  wie  ein  Naturlaut  bricht  er  gleichzeitig  aus  hun-
        <pb n="271" />
        Vertrag  von  Bartenstein.  261

derten  besorgter  Herzen  hervor.  In  den  Schriften  von  Gentz  kehrt  er
als  ein  ceterum  censeo  wieder;  auf  den  kunstvollen  Zeichnungen,  worin
Oberst  Knesebeck  die  Zukunft  des  Welttheils  darzustellen  liebte,  wird  die
Wage  Europas  immer  durch  den  Bund  Oesterreichs  und  Preußens  aufrecht
  erhalten.  Arndt  und  Kleist  beschwören  die  beiden  mächtigsten  Söhne
Germaniens  sich  zu  vertragen;  die  Königin  Luise  ersehnt  den  Tag,  da
die  versöhnten  deutschen  Brüder  gemeinsam  in  den  heiligen  Krieg  ziehen
werden.  Nur  der  König  hielt  in  aller  Stille  seine  alte  Meinung  fest
und  dachte,  wenn  er  auf  ein  europäisches  Bündniß  gegen  Frankreich
rechnete,  stets  in  erster  Linie  an  Rußland.  Hardenberg  dagegen  betrachtete
jetzt  die  Nebenbuhlerschaft  der  beiden  deutschen  Mächte  als  ein  überwundenes
  unglückseliges  Vorurtheil,  ihre  Interessen  als  schlechthin  gleich.
Arglos,  großherzig,  ohne  jeden  Hintergedanken  betrieb  er  diese  Pläne;
keine  einzige  seiner  geheimen  Staatsschriften  verrieth  noch  irgendwelche
versteckte  Feindseligkeit  gegen  Oesterreich.  Er  glaubte  durch  den  guten
Vorsatz  freundnachbarlicher  Gesinnung  einen  uralten  Gegensatz  der  Interessen
  völlig  beseitigen  zu  können,  und  unleugbar  entsprach  seine  Politik
dem  Bedürfniß  der  nächsten  Zukunft.

In  diesem  Sinne  war  auch  der  neue  Bundesvertrag  gehalten,
welchen  Preußen  und  Rußland  am  26.  April  in  Bartenstein  unterzeichneten.
  Die  zwei  Mächte  verpflichteten  sich  die  Waffen  erst  niederzulegen,
wenn  Deutschland  befreit  und  Frankreich  über  den  Rhein  zurückgeworfen
sei;  das  deutsche  Gebiet  sollte  durch  eine  Festungsreihe  auf  dem  linken
Rheinufer,  Oesterreich  im  Südwesten  durch  Tyrol  und  die  Minciolinie
gesichert  werden;  statt  des  Rheinbundes  ein  deutscher  Bund  von  souveränen
  Staaten  unter  der  gemeinsamen  Führung  der  beiden  Großmächte,
dergestalt,  daß  Oesterreich  im  Süden,  Preußen  im  Norden  den  Oberbefehl
  erhielte;  Wiederherstellung  Preußens  auf  den  Besitzstand  von  1805,
mit  Abrundungen  und  verstärkten  Grenzen;  endlich  Vergrößerung  des
welfischen  Hausbesitzes  auf  deutschem  Boden  und  wo  möglich  Wiederaufrichtung
  der  Unabhängigkeit  Hollands.  Ein  besonderer  Artikel  behielt  der
Hofburg  den  Zutritt  zu  dem  Bündniß  ausdrücklich  vor;  auch  auf  den
Anschluß  Englands  und  Schwedens  rechnete  man  sicher.  Mit  erstaunlicher
  Zuversicht  wurden  hier  schon  fast  alle  die  Gedanken  verkündigt,
welche  das  Jahr  1814  verwirklichen  sollte.

Doch  eben  die  Kühnheit  dieser  Politik  erschreckte  den  Wiener  Hof.
Graf  Stadion  hörte  befremdet,  daß  man  so  verwegene  Pläne  ohne  das
Zuthun  der  Hofburg  zu  entwerfen  wagte,  und  wollte  behutsam  nicht  über
den  Preßburger  Frieden  hinausgehen.  Und  wie  wenig  entsprach  doch  die
russische  Kriegführung  dem  stolzen  Fluge  der  Hardenbergischen  Entwürfe.
Allein  die  Laune  des  Glücks  und  die  Tapferkeit  der  Soldaten  hatten  der
Mittelmäßigkeit  des  Generals  Bennigsen  die  Lorbeeren  von  Eylau  in  den
Schooß  geworfen;  er  hütete  sich  sorgsam  seinen  Ruhm  wieder  auf  das
        <pb n="272" />
        262  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

Spiel  zu  setzen,  blieb  vier  Monate  lang  fast  unbeweglich.  Währenddem
entfaltete  Napoleon  im  Winterquartier  zu  Osterode  eine  fieberhafte  Thätigkeit,
  verstärkte  sein  Heer,  ließ  die  Conscription  von  1808  zum  Voraus
ausheben,  die  Rheinbundfürsten  eine  Reserve-Armee  bilden,  leitete  aus
der  Ferne  die  Vertheidigung  von  Konstantinopel  gegen  die  englische  Flotte
und  betrieb  zugleich  die  Belagerung  von  Danzig.  Da  dieser  Platz  ihm
als  Stützpunkt  für  die  Fortsetzung  des  Feldzugs  dienen  sollte,  so  entschloß
er  sich,  zum  zweiten  und  letzten  male  in  seinem  Feldherrnleben,  zu  der
langsamen  Arbeit  des  Festungskrieges,  die  er  seit  den  Kämpfen  um  Mantua
immer  verschmäht  hatte.  Die  Festung  wurde  durch  General  Kalckreuth
tapfer  vertheidigt;  bei  den  Entsatzversuchen  that  sich  schon  ein  großer
Name  des  neuen  deutschen  Heeres,  Oberst  Bülow,  glänzend  hervor.  Aber
da  Bennigsen  zur  Befreiung  des  wichtigen  Platzes  nichts  Entscheidendes
wagte,  so  mußte  Kalckreuth  am  27.  Mai  ehrenvoll  capituliren.
Glücklicher  behauptete  sich  der  grimmige  alte  General  Courbiere  in
Graudenz.  Auch  im  schlesischen  Grenzgebirge  führte  Graf  Götzen,  ein
Feuergeist  in  schwachem  Körper,  mit  umsichtiger  Kühnheit  den  kleinen  Krieg.
Doch  alle  anderen  Thaten  des  verbündeten  Heeres  überstrahlte  die  heldenhafte
  Vertheidigung  der  kleinen  hinterpommerschen  Feste  Colberg.  Hier
in  der  treuen  Stadt,  die  schon  im  siebenjährigen  Kriege  dreimal  dem
überlegenen  Feinde  widerstanden  hatte,  stand  die  Wiege  des  neuen  preußischen
  Waffenruhms;  hier  erwachte  zuerst  jener  heilige  Völkerzorn,  der
nach  sechs  argen  Jahren  die  Befreiung  der  Welt  erzwingen  sollte;  hier
trat  jener  Mann  auf  die  Bühne  der  Geschichte,  der  herrlich  wie  kein
Zweiter  den  echten  preußischen  Soldatengeist,  schneidige  Verwegenheit  und
helle  Einsicht,  in  sich  verkörperte.  Zwanzig  Jahre  der  Langeweile  im
subalternen  Garnisonleben  hatten  Gneisenau's  jugendliche  Frische  nicht  gebrochen.
  Gütig  und  wahrhaftig,  ganz  frei  von  Selbstsucht,  im  Innersten
bescheiden  trotz  des  scharfen  Spottes,  womit  er  die  Dummheit  und  Gemeinheit
  zu  treffen  wußte,  stand  er  auf  den  freien  Höhen  der  Bildung.
Sein  Blick  umfaßte  den  ganzen  Umkreis  der  Völkergeschicke  einer  ungeheuren
  Zeit,  doch  der  Reichthum  der  Gedanken  beirrte  ihn  nicht  in  dem
frohen  Glauben,  daß  eines  starken  Volkes  Kräfte  unerschöpflich  seien,
störte  ihm  nicht  die  tollkühne  Lust  am  Wagen  und  am  Schlagen.  In
dem  Feuer  seiner  Blicke,  in  der  heiteren  Majestät  seiner  Erscheinung  lag
etwas  von  jenem  Zauber,  der  einst  den  jungen  König  Friedrich  umstrahlte.
  Wie  wurde  in  der  bedrängten  Festung  plötzlich  Alles  anders,
als  der  unbekannte  Major  unter  die  Hoffnungslosen  trat,  aus  dem  buntscheckigen
  Haufen  von  Versprengten,  den  er  als  Garnison  vorfand,  binnen
Kurzem  eine  treffliche,  siegesgewisse  Truppe  bildete  und  die  tapfere  Bürgerschaft,
  den  wagehalsigen  alten  Seemann  Nettelbeck  voran,  zu  den  Arbeiten
  der  Vertheidigung  mit  heranzog.  „Ich  nahm  alles  auf  meine
Hörner,“  so  erzählt  er  selbst,  „verfuhr  als  ein  unabhängiger  Fürst,  manch-
        <pb n="273" />
        Gneisenau.  Schlacht  von  Friedland.  263

mal  etwas  despotisch,  kassirte  feigherzige  Offiziere,  lebte  fröhlich  mit  den
Braven,  kümmerte  mich  nicht  um  die  Zukunft  und  ließ  brav  donnern.“
Die  feindlichen  Generale  bemerkten  mit  Erstaunen,  wie  hier  ein  genialer
Wille  eine  neue,  der  französischen  ebenbürtige  Kriegsweise  anwendete:  der
Vertheidiger  wechselte  die  Rollen  mit  dem  Angreifer,  beunruhigte  die  Be—
lagerer  durch  überraschende  Ausfälle,  warf  Erdwerke  im  freien  Felde  auf,
die  den  Feind  wochenlang  von  den  Wällen  der  Festung  fern  hielten.  Auch
die  alte  hochgemuthe  Liederlust  des  deutschen  Soldaten,  die  sonst  in  diesem
düsteren  Kriege  gänzlich  schwieg,  regte  sich  hier  zuerst  wieder;  neckend
klang  es  von  den  unbezwungenen  Wällen:  „wir  haben  Kanonen,  wir
haben  kein  Bang;  marschirt  nur  nach  Hause  und  wartet  nicht  lang!“

Zugleich  führte  der  tapfere  Husar  Schill  in  der  Nähe  von  Colberg  einen
abenteuerlichen  Parteigängerkrieg,  und  Gneisenau  vernahm  mit  neidloser
Freude,  wie  die  Masse  den  wackeren  beschränkten  Mann  als  den  Helden  des
Vaterlandes  pries:  ihm  war  es  recht,  wenn  nur  die  gedrückte  Seele  dieses
Volkes  sich  wieder  hoffend  emporhob,  gleichviel  an  wessen  Bilde.  In  Vor—
pommern  sammelte  Marwitz  ein  Freicorps,  zur  Befreiung  des  deutschen
Vaterlandes,  wie  der  tapfere  Junker  seinen  Leuten  sagte;  in  Westphalen  ver—
suchte  der  treue  Vincke  einen  Aufstand  anzuzetteln.  Blücher  aber  schickte
sich  an,  mit  einem  kleinen  preußischen  Corps,  mit  schwedischen  Hilfs—
truppen  und  einer  englischen  Landungsarmee,  die  auf  Rügen  erwartet
wurde,  eine  Diversion  im  Rücken  Napoleon's  zu  unternehmen.  Dem
Imperator  wurde  das  zähe  preußische  Wesen  täglich  verhaßter.  In  über—
strömendem  Zorne  nannte  er  Schill  einen  Räuber,  ließ  in  seinen  Zei—
tungen  den  König  verhöhnen  als  einen  Einfältigen,  der  neben  Alexander
kaum  so  viel  gelte  wie  ein  Adjutant;  er  war  entschlossen  den  unbequemen
Staat,  den  er  nie  mehr  versöhnen  konnte,  gänzlich  zu  vernichten.

Da  fiel  die  Entscheidung  in  Ostpreußen.  Der  allgemeine  Unwille
über  den  Fall  von  Danzig  nöthigte  den  russischen  Oberbefehlshaber,  im
Juni  endlich  wieder  seine  Armee  in  Bewegung  zu  setzen.  Ein  Angriff
der  Franzosen  wurde  bei  Heilsberg  glücklich  zurückgewiesen.  Als  aber
Napoleon  nunmehr  die  Alle  abwärts  zog  um  die  Russen  zu  umgehen,  da
unternahm  Bennigsen,  ohne  Kenntniß  der  Stärke  des  Feindes,  einen  un—
bedachten  Vorstoß  gegen  die  französischen  Marschcolonnen  und  erlitt  bei
Friedland  am  14.  Juni  eine  vollständige  Niederlage.  Am  Jahrestage
von  Marengo  ging  der  preußische  Krieg  zu  Ende,  denn  nach  diesem  einen
Schlage  brach  Alexander's  Muth  ebenso  plötzlich  zusammen  wie  vordem
nach  der  Austerlitzer  Schlacht.  Noch  war  sein  Land  vom  Feinde  unberührt,
  aber  er  fürchtete  einen  Aufstand  im  russischen  Polen;  sein  Bruder
Konstantin  und  die  große  Mehrzahl  der  Generale  verwünschten  laut  diesen
Krieg  für  fremde  Zwecke,  auch  Stadion  hatte  schon  früher  den  russischen.
Gesandten  gefragt,  warum  sich  der  Czar  für  Preußen  opfern  wolle.  Der
Unbeständige  meinte  der  Großmuth  genug  gethan  zu  haben;  ohne  den  König,
        <pb n="274" />
        264  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

der  unerschütterlich  auf  die  Betheuerungen  seines  Freundes  vertraute,  auch
nur  zu  benachrichtigen  bot  Alexander  dem  Sieger  einen  Waffenstillstand
an.  Napoleon  griff  freudig  zu;  er  war  außer  Stande  jetzt  schon  den
Krieg  bis  in  das  Innere  Rußlands  zu  tragen,  und  zudem  ängstigte  ihn
die  schwankende  Haltung  Oesterreichs,  das  um  die  nämliche  Zeit  einen
Unterhändler  zu  den  Verbündeten  sendete.  In  wenigen  Tagen  gelang  es
ihm  dann  den  Czaren  für  das  französische  Bündniß  zu  gewinnen.  Nicht
als  ob  Alexander's  Schlauheit  diesem  Bundesgenossen  jemals  getraut  hätte.
Nur  für  einige  Jahre  mindestens  hoffte  er  von  der  neuen  Freundschaft
Vortheil  zu  ziehen;  waren  erst  mit  Frankreichs  Hilfe  zwei  Lieblingswünsche
des  thatenlustigen  jungen  Kaisers  erfüllt,  war  erst  Finnland  erobert  und
auf  der  Balkanhalbinsel  fester  Fuß  gefaßt,  so  konnte  das  verstärkte  Rußland
vielleicht  dereinst  mit  besserem  Erfolge  das  Werk  der  Weltbefreiung  wieder
aufnehmen.  Geblendet  von  solchen  lockenden  Aussichten  bemerkte  Alexander
  kaum,  daß  das  napoleonische  Weltreich  und  die  Continentalsperre  ohne
die  Unterwerfung  Rußlands  nicht  bestehen  konnten,  daß  der  Imperator
schon  jetzt  durch  die  Besetzung  Danzigs  und  die  Wiederaufrichtung  eines
polnischen  Staates  den  Entscheidungskrieg  gegen  seinen  neuen  Freund
von  langer  Hand  her  vorbereitete.

Nachdem  die  beiden  Kaiser  über  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß  und
einen  gemeinsamen  Krieg  gegen  England  sich  geeinigt,  wurde  auch  der
verlassene  Bundesgenosse  herbeigerufen.  Der  König  hatte  ritterlich  ausgehalten,
  bis  fast  der  letzte  Fußbreit  seines  Landes  verloren  warz;  jetzt
mußte  er  sich  beugen,  denn  was  konnte  ein  Aufruf  an  die  Deutschen,
wie  ihn  Hardenberg  wünschte,  in  dieser  Stunde  noch  nützen?  Als  Friedrich
Wilhelm  auf  dem  Floße  im  Memelstrome  dem  Eroberer  begegnete,  vermochte
  er  nicht  den  tiefen  Widerwillen  seines  ehrlichen  Herzens  zu  verbergen,
  und  der  Sieger  hatte  für  den  Geschlagenen  nur  schnöde  Geringschätzung,
  grollende  Vorwürfe.  Auch  die  Bitten  der  mißhandelten  Königin,
die  ihrem  Lande  selbst  den  weiblichen  Stolz  opferte  und  dem  rohen  Peiniger
  persönlich  nahte,  glitten  von  Napoleon  ab  —  so  schrieb  er  schadenfroh
  —  wie  das  Wasser  vom  Wachstuch.

Am  7.  und  9.  Juli  1807  wurde  der  Friede  von  Tilsit  unterzeichnet,
der  grausamste  aller  französischen  Friedensschlüsse,  unerhört  nach  Form
und  Inhalt.  Nicht  der  rechtmäßige  König  von  Preußen  trat  dem  Sieger
einige  Landestheile  ab,  sondern  der  Eroberer  bewilligte  aus  Achtung  für
den  Kaiser  aller  Reußen  die  Rückgabe  der  kleineren  Hälfte  des  preußischen
  Staates  an  ihren  Monarchen.  Und  dieser  empörende  Satz,  den
die  Zeitgenossen  nur  für  eine  Ungezogenheit  napoleonischen  Uebermuths
ansahen,  sagte  die  nackte  Wahrheit.  Denn  wirklich  nur  aus  Rücksicht
  auf  den  Czaren  führte  Napoleon  die  fest  beschlossene  Vernichtung
Preußens  vorläufig  bloß  zur  Hälfte  aus.  Er  bedurfte  der  russischen
Allianz  um  zunächst  seinen  großen  Anschlag  gegen  Spanien  ungestört  in'’s
        <pb n="275" />
        Friede  von  Tilsit.  265

Werk  zu  setzen;  Alexander  aber  wollte  den  letzten  schmalen  Damm,  der
das  russische  Reich  noch  von  den  französischen  Vasallenlanden  trennte,
nicht  gänzlich  niederreißen  lassen  und  verhehlte  sein  Mißtrauen  nicht,  als
Napoleon  vorschlug,  auch  Schlesien  und  Ostpreußen  von  der  preußischen
Monarchie  abzutreten.  Preußen  behielt  von  den  5700  Geviertmeilen,
welche  der  Staat,  Hannover  ungerechnet,  vor  dem  Kriege  besaß,  nur
etwa  2800,  von  seinen  dreiundzwanzig  Kriegs-  und  Domänenkammern
nur  die  acht  größten,  von  9¾  Millionen  Einwohnern  nur  4¼.  Millionen.
Das  Werk  Friedrich's  des  Großen  schien  vernichtet.  Der  Staat  war  nur
noch  wenig  umfangreicher  als  im  Jahre  1740  und  weit  ungünstiger  gestellt;
  zurückgedrängt  auf  das  rechte  Elbufer,  aller  seiner  Außenposten  im
Westen  beraubt  stand  er  unter  der  Spitze  des  französischen  Schwertes.  Seine
geretteten  Provinzen,  Schlesien,  das  verkleinerte  Altpreußen,  die  noch  übrigen
Stücke  von  Brandenburg  und  Pommern,  lagen  wie  die  drei  Blätter
eines  Kleeblattes  durch  schmale  Streifen  verbunden;  jeden  Augenblick  konnten,
auf  einen  Wink  des  Imperators,  die  Polen  vom  Osten,  die  Sachsen
vom  Süden  her,  die  Westphalen  aus  Magdeburg,  die  Franzosen  aus
Mecklenburg  und  Hamburg  gleichzeitig  gegen  Berlin  vorbrechen  und  das
Netz  über  dem  Haupte  der  Hohenzollern  zusammenziehen.

Die  gesammten  polnischen  Provinzen  der  Monarchie  wurden,  mit
Ausnahme  eines  Theils  von  Westpreußen,  dem  Könige  von  Sachsen  zugetheilt,
  der  den  Namen  eines  Herzogs  von  Warschau  annahm.  Diese
vierte  Theilung  Polens  stellte  also  die  verderbliche  sächsisch-polnische  Union
wieder  her,  und  zugleich  gewann  das  Haus  Wettin  eine  Etappenstraße
durch  Schlesien,  die  von  den  polnischen  Augusten  so  oft  erstrebte  Via  regia.
Das  neue  Herzogthum  bildete  sich  nach  französischem  Muster  rasch  eine
tüchtige  Armee,  wie  sie  die  alte  Adelsrepublik  nie  gekannt.  Der  Deutschenhaß
  des  sarmatischen  Adels  schaltete  zügellos  unter  der  weichen  Herrschaft
des  ängstlichen  Wettiners,  der  den  stolzen  Königswählern  nichts  wehren
mochte  und  jagte  sofort  alle  deutschen  Beamten  aus  dem  Lande,  gegen
die  ausdrückliche  Vorschrift  des  Tilsiter  Friedens  aber  mit  der  geheimen
Zustimmung  des  französischen  Schutzherrn.  Um  dem  polnischen  Fanatismus
  einen  Rückhalt  zu  sichern,  erhob  Napoleon  die  Festung  Danzig  zu
einer  freien  Stadt  mit  starker  französischer  Besatzung.  Und  um  den
Czaren  für  immer  mit  seinen  preußischen  Freunden  zu  entzweien  beredete  er
ihn  sich  auf  Kosten  seines  unglücklichen  Bundesgenossen  zu  bereichern  und
den  Bezirk  von  Bialystock  mit  dem  russischen  Reiche  zu  vereinigen.  Gefügig
  wie  Friedrich  August  von  Sachsen  ging  Alexander  auf  die  häßliche
Zumuthung  ein;  sein  Gewissen  tröstete  sich  mit  der  Erwägung,  sonst  wäre
der  Landstrich  doch  mit  Warschau  verbunden  worden.  Aus  den  preußischen
Landen  links  der  Elbe,  aus  den  welfischen  und  kurhessischen  Gebieten
wurde  ein  Königreich  Westphalen  gebildet  und  dem  Bruder  des  Imperators
  Hieronymus  übergeben  mit  der  strengen  Weisung,  daß  er  den  Ge-
        <pb n="276" />
        266  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

horsam  gegen  Frankreich  als  seine  erste  Fürstenpflicht  zu  betrachten  habe;
eine  „regelmäßige  Verfassung"“  sollte  hier  alle  „jene  leeren  und  lächerlichen
Unterschiede“  der  Stände  und  Landschaften  beseitigen,  welche  der  bureaukratischen
  Centralisation  des  Weltreichs  gefährlich  schienen.

An  den  Höfen  des  Rheinbundes  herrschte  lauter  Jubel,  da  der  einzige
deutsche  Staat,  der  eine  Geschichte,  ein  eigenes  Leben  besaß,  also  wieder
hinabgestoßen  wurde  in  das  allgemeine  deutsche  Elend.  Die  Mittelstaaten
standen  am  Ziele  ihrer  Wünsche,  sie  hatten  keine  deutsche  Macht  mehr  zu
fürchten  und  zu  beneiden.  Ihre  Offiziere  prahlten  gern,  wie  wacker  sie
selber  mit  geholfen  hätten  bei  der  Demüthigung  des  norddeutschen  Uebermuths,
  wußten  nicht  genug  zu  erzählen  von  den  Wundern  der  preußischen
  Dummheit.  Hörte  man  auf  die  Stimmen  der  amtlichen  Presse
in  München  und  Stuttgart,  so  war  die  Schlacht  von  Jena  die  einzige
denkwürdige  Waffenthat  der  preußischen  Kriegsgeschichte.  Diesem  verkleinerten
  Preußen  war  der  Rheinbund  an  Flächengehalt  zweifach,  an
Bevölkerung  dreifach  überlegen,  schon  Baiern  allein  durfte  sich  jetzt  dem
Staate  Friedrich's  ebenbürtig  dünken,  da  dies  Kernland  des  Rheinbundes
nur  etwa  eine  Million  Köpfe  weniger  zählte  und  unvergleichlich  wohlhabender
  war.  Die  Spaßvögel  in  Dresden  und  Leipzig  beschauten  ergötzt
das  englische  Spottbild,  das  die  Zusammenkunft  auf  dem  Floße  zu  Tilsit
darstellte:  wie  der  prahlerische  kleine  „Bony“  den  jungen  Czaren  so  stürmisch
umarmte,  daß  das  Floß  in's  Wanken  gerieth  und  der  zuschauende  Friedrich
Wilhelm  jämmerlich  in's  Wasser  fiel.

Der  neue  König  von  Sachsen  aber  wurde  der  unterthänigste  aller  Rheinbundsfürsten.
  Der  schwerfällige,  peinlich  gewissenhafte  Mann  war  grau  geworden
  in  den  Traditionen  des  alten  Reichsrechts,  in  den  steifen  Formen
einer  spanischen  Etikette;  er  allein  unter  den  größeren  Reichsfürsten  hatte
nicht  theilgenommen  an  dem  großen  Beutezuge  gegen  die  geistlichen  Staaten
—  was  ihm  freilich  leicht  fiel,  da  er  keine  Entschädigungen  zu  fordern
hatte.  Noch  im  vergangenen  Herbst  entschloß  er  sich  nur  schwer  dem  siegreichen
  Plebejer  seine  Huldigung  darzubringen;  da  er  endlich  in  Berlin
eintraf,  fand  er  den  Imperator  nicht  mehr  vor  und  fragte  rathlos  den
hilfsbereiten  Gagern:  wie  lebt  man  eigentlich  mit  diesem  Menschen?  Doch
als  nachher  der  Verrath  an  Preußen  mit  reichen  Geschenken  belohnt  wurde,
als  Napoleon  auf  der  Heimkehr  selbst  in  Dresden  erschien  und  gegenüber
  der  rasch  durchschauten  Beschränktheit  die  Miene  des  wohlwollenden
Gönners  annahm,  da  wurde  der  schwache  Fürst  durch  die  Cäsarengröße
des  Protectors  völlig  geblendet,  baute  mit  abergläubischer  Zuversicht  auf
den  Stern  seines  „großen  Alliirten“.  Ehrgeizige  junge  Männer  traten  an
die  Spitze  der  Armee,  wider  allen  Brauch  dieses  langsamen  Staatswesens,
und  erfüllten  die  tapfere  Truppe,  die  nur  widerwillig  zu  den  Franzosen
übergetreten  war,  bald  mit  der  gewissenlosen  Wagelust  rheinbündischer
Landsknechte;  das  rothe  Band  der  Ehrenlegion  wurde  hier  wie  in  Baiern
        <pb n="277" />
        Preußens  Verluste.  267

und  Württemberg  als  das  höchste  Ehrenzeichen  des  Soldaten  verehrt.  In
Allem  und  Jedem  war  Friedrich  August  seinem  Herrn  zu  Willen;  er  be—
durfte  kaum  der  Mahnung  des  Imperators:  „was  Ihr  für  Preußen  thut,
das  thut  Ihr  gegen  Euch!“

So  ging  das  alte  Preußen  unter  dem  Frohlocken  der  deutschen  Klein—
staaterei  zu  Grunde.  Anders  dachten  die  Bewohner  der  alten  preußischen
Provinzen,  als  ihr  König  ihnen  mit  würdigen  Worten  verkündete:  „was  Jahr—
hunderte  und  biedere  Vorfahren,  was  Verträge,  was  Liebe  und  Vertrauen
verbunden  hatten  mußte  getrennt  werden.“  Stumpf  und  gelassen  hatte  das
Volk  der  hunderte  von  deutschen  Staaten,  die  in  den  Stürmen  dieser  wilden
Zeit  dahingesunken,  sein  Schicksal  ertragen;  die  aber  jetzt  von  Preußen  los—
gerissen  wurden,  empfanden  bis  in  das  Mark  ihres  Lebens,  was  ein  ehren—
hafter  Staat  dem  Menschen  bedeutet.  Der  unglückliche  Monarch  konnte  kaum
seine  Fassung  behaupten,  da  ihm  aus  Ostfriesland  und  Magdeburg,  aus
Thorn  und  Westphalen,  aus  allen  seinen  verlorenen  deutschen  Landen
Briefe  voll  heißen  Dankes,  voll  erschütternder  Klagen  zukamen;  die  treuen
Bauern  der  Grasschaft  Mark  schrieben  in  ihrem  derben  Platt:  „das  Herz
wollte  uns  brechen,  als  wir  Deinen  Abschied  lasen;  so  wahr  wir  leben,  es
ist  nicht  Deine  Schuld!“  Auch  die  deutschen  Einwanderer  in  den  polnischen
Provinzen  schieden  schweren  Herzens  von  der  alten  Monarchie.  Und  wie
furchtbar  war  das  Land  verwüstet,  das  dem  Könige  noch  blieb;  ein  einziges
  Jahr  hatte  die  reiche  Friedensarbeit  dreier  Jahrzehnte  zerstört.  Erst
seit  diesem  Kriege  nahm  das  häusliche  Leben  Norddeutschlands  durchweg
den  Charakter  kahler  Dürftigkeit  an.  Vorher  hatten  doch  einige  Zweige
des  Kunstgewerbes  noch  in  leidlicher  Blüthe  gestanden;  jetzt  erst  kam  die
Zeit  der  allgemeinen  Form=  und  Geschmacklosigkeit.  Das  Elend  verrieth
sich  überall:  in  den  nüchternen  Bauten,  dem  häßlichen  Geräth,  der  kargen
Kost;  ängstliche  Sparsamkeit  bestimmte  alle  Gewohnheiten  des  Lebens.  In
dem  unglücklichen  Ostpreußen  lagen  weite  Landstriche  wie  ausgestorben,
ganze  Dorfschaften  an  der  Passarge  waren  verschwunden;  die  Prediger
mahnten  von  der  Kanzel:  wer  da  wolle  möge  ernten,  daß  nur  das  Korn
nicht  auf  dem  Halme  verderbe.  Der  Sieger  aber  sorgte  auch  nach  dem
Frieden  mit  peinlicher  Strenge  für  die  Ausplünderung  des  verhaßten
Landes.  Alle  Kranken  aus  den  Hospitälern  in  Warschau  und  Westphalen
ließ  er  sofort  nach  Preußen  schaffen;  wo  eines  seiner  Regimenter  abzog,
wurden  zuvor  alle  königlichen  Magazine  und  Vorräthe  verkauft,  bis  herab
zu  den  Beständen  der  Salzwerke  und  der  Porzellanfabrik.  Keine  Flinte,
so  befahl  er,  und  kein  Pulverkorn  darf  im  Lande  verbleiben,  auch  nicht
wenn  die  Preußen  sie  baar  bezahlen  wollen;  ich  habe  keinen  Grund  mehr
Preußen  zu  schonen.  Gegen  den  klaren  Wortlaut  des  Tilsiter  Vertrages
wurde  Neu-Schlesien  sofort  mit  Warschau  vereinigt;  die  Beschwerden  des
Königs,  hieß  es  kurzab,  seien  sinnlos,  keiner  Widerlegung  werth.

Das  Entsetzlichste  blieb  doch,  daß  mit  allen  diesen  Opfern  die  Ruhe
        <pb n="278" />
        268  J.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.

des  Friedens  noch  immer  nicht  erkauft  war.  Der  preußische  Bevollmäch—
tigte,  Feldmarschall  Kalckreuth,  ein  warmer  Verehrer  Napoleon's,  hatte  die
Tilsiter  Verhandlungen  mit  einem  vertrauensvollen  Leichtsinn  geführt,  der
alle  militärischen  Verdienste  des  Vertheidigers  von  Danzig  in  Schatten
stellte  und  von  dem  Staate  hart  gebüßt  werden  mußte.  Die  Räumung
des  Landes  und  der  Festungen  sollte  zwar  bis  zum  1.  October  erfolgen,
doch  nur  wenn  zuvor  die  gesammte  Kriegsschuld  abgezahlt  sei;  und  da
über  den  Betrag  dieser  Summe  gar  nichts  Bestimmtes  ausbedungen  war,
so  blieb  nach  wie  vor  fast  das  gesammte  preußische  Gebiet  durch  Napoleon's
Heer  besetzt.  Also  gewann  der  Imperator  freie  Hand  für  seine  iberischen
Pläne,  da  die  große  Armee  in  Preußen  die  beiden  Kaisermächte  des
Ostens  in  Ruhe  hielt,  und  verschaffte  sich  zugleich  durch  die  preußischen
Contributionen  die  Geldmittel  für  den  spanischen  Krieg.

Entwaffnet,  geknebelt,  verstümmelt  lag  die  preußische  Monarchie  zu
Napoleon's  Füßen;  mit  vollendeter  Schlauheit  hatte  er  Alles  vorbereitet
um  sie  zur  gelegenen  Stunde  gänzlich  zu  vernichten.  Nur  Eines  entging
dem  Scharfblick  des  Verächters  der  Ideen:  daß  dieser  Staat  an  innerer
Einheit  und  sittlicher  Spannkraft  gewann  was  er  an  äußerer  Macht  ver—
lor.  Der  ungetreuen  Polen  war  er  ledig;  die  alten  deutschen  Stamm—
lande,  die  ihm  blieben,  hielten  zusammen  wie  ein  Mann.  Von  diesen
Adlerlanden  war  einst  der  Siegeszug  des  großen  Kurfürsten,  der  ver—
wegene  Versuch  der  neuen  deutschen  Staatenbildung  ausgegangen;  auf
ihnen  lag  jetzt  wieder  Deutschlands  ganze  Zukunft.  Sie  allein  unter
allen  rein-deutschen  Landen  blieben  dem  Rheinbunde  fern.  Vor  der  letzten
Schmach  der  freiwilligen  Knechtschaft  hatte  Friedrich  Wilhelm's  ehrenhafter
Sinn  seine  Preußen  bewahrt.  Die  schwere  Schuld  der  letzten  Jahre  war
nicht  nur  gebüßt,  sie  war  auch  erkannt;  noch  in  Tilsit  entschloß  sich  der
König,  auf  Hardenberg's  Rath,  den  Freiherrn  vom  Stein  mit  der  Neu—
bildung  der  Verwaltung  zu  beauftragen.  Was  nur  ein  starkes  Volk  zu
verzweifelten  Entschlüssen  entflammen  kann,  Stolz  und  Haß,  Schmerz
und  Reue  gährte  in  tausend  tapferen  Gemüthern,  jede  neue  Unbill  der
fremden  Peiniger  steigerte  die  Erbitterung,  bis  endlich  Alles  was  preu—
ßisch  war  sich  vereinigte  in  dem  leidenschaftlichen  Verlangen  nach  Ver—
geltung.  Wenn  es  gelang,  die  schwere  Kraft  dieses  zornigen  Volkes  zu
sammeln  und  zu  ordnen,  seinen  Staat  zu  verjüngen  durch  den  Idealis—
mus  der  neuen  Bildung,  so  war  Deutschlands  Rettung  noch  möglich.
Schon  während  des  Krieges  schrieb  ein  geistvoller  Franzose,  der  in  der
deutschen  Wissenschaft  eine  neue  Heimath  gefunden  hatte,  Karl  von  Villers,
ahnungsvoll:  „Die  französischen  Heere  haben  die  deutschen  geschlagen,  weil
sie  stärker  sind;  aus  demselben  Grunde  wird  der  deutsche  Geist  schließlich
den  französischen  Geist  besiegen.  Ich  glaube  schon  einige  Anzeichen  dieses
Ausganges  zu  sehen.  Die  Vorsehung  hat  ihre  eigenen  Wege.“  —
        <pb n="279" />
        Dritter  Abschnitt.

Preußens  Erhebung.

Schon  mehrmals  hatte  Preußen  durch  das  plötzliche  Hervorbrechen
seiner  verborgenen  sittlichen  Kräfte  die  deutsche  Welt  in  Erstaunen  gesetzt:
so  einst,  da  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm  seinen  kleinen  Staat  hineindrängte
in  die  Reihe  der  alten  Mächte;  so  wieder,  als  König  Friedrich  den  Kampf
um  Schlesien  wagte.  Aber  keine  von  den  großen  Ueberraschungen  der
preußischen  Geschichte  kam  den  Deutschen  so  unerwartet,  wie  die  rasche
und  stolze  Erhebung  der  halbzertrümmerten  Großmacht  nach  dem  tiefen
Falle  von  Jena.  Während  die  gefeierten  Namen  der  alten  Zeit  sammt
und  sonders  verächtlich  zu  den  Todten  geworfen  wurden  und  in  Preußen
selbst  Jedermann  den  gänzlichen  Mangel  an  fähigem  jungem  Nachwuchs
beklagte,  schaarte  sich  mit  einem  male  ein  neues  Geschlecht  um  den  Thron:
mächtige  Charaktere,  begeisterte  Herzen,  helle  Köpfe  in  unabsehbarer  Reihe,
eine  dichte  Schaar  von  Talenten  des  Rathes  und  des  Lagers,  die  den  lite—
rarischen  Größen  der  Nation  ebenbürtig  zur  Seite  traten.  Und  wie  einst
Friedrich  auf  den  Schlachtfeldern  Böhmens  nur  erntete  was  sein  Vater
in  mühereichen  Friedenszeiten  still  gesäet  hatte,  so  war  auch  dies  schnelle
Wiedererstarken  der  gebeugten  Monarchie  nur  die  reife  Frucht  der  schweren
Arbeit  langer  Jahre.  Indem  der  Staat  sich  innerlich  zusammenraffte,
machte  er  sich  Alles  zu  eigen,  was  Deutschlands  Dichter  und  Denker
während  der  letzten  Jahrzehnte  über  Menschenwürde  und  Menschenfreiheit,
über  des  Lebens  sittliche  Zwecke  gedacht  hatten.  Er  vertraute  auf  die  be—
freiende  Macht  des  Geistes,  ließ  den  vollen  Strom  der  Ideen  des  neuen
Deutschlands  über  sich  hereinfluthen.

Jetzt  erst  wurde  Preußen  in  Wahrheit  der  deutsche  Staat,  die  Besten
und  Kühnsten  aus  allen  Stämmen  des  Vaterlandes,  die  letzten  Deutschen
sammelten  sich  unter  den  schwarzundweißen  Fahnen.  Der  schwungvolle  Idea—
lismus  einer  lauteren  Bildung  wies  der  alten  preußischen  Tapferkeit  und
Treue  neue  Pflichten  und  Ziele,  erstarkte  selber  in  der  Zucht  des  politischen
        <pb n="280" />
        270  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Lebens  zu  opferfreudiger  Thatkraft.  Der  Staat  gab  die  kleinliche  Vorliebe
  für  das  handgreiflich  Nützliche  auf;  die  Wissenschaft  erkannte,  daß  sie
des  Vaterlandes  bedurfte  um  menschlich  wahr  zu  sein.  Das  alte  harte  kriegerische
  Preußenthum  und  die  Gedankenfülle  der  modernen  deutschen  Bildung
fanden  sich  endlich  zusammen  um  nicht  wieder  von  einander  zu  lassen.
Diese  Versöhnung  zwischen  den  beiden  schöpferischen  Mächten  unserer  neuen
Geschichte  giebt  den  schweren  Jahren,  welche  dem  Tilsiter  Frieden  folgten,
ihre  historische  Größe.  In  dieser  Zeit  des  Leidens  und  der  Selbstbesinnung
  haben  sich  alle  die  politischen  Ideale  zuerst  gebildet,  an  deren  Verwirklichung
  die  deutsche  Nation  bis  zum  heutigen  Tage  arbeitet.

Nirgends  hatte  die  Willkür  des  Eroberers  grausamer  gehaust  als  in
Preußen;  darum  ward  auch  der  große  Sinn  des  Kampfes,  der  die  Welt
erschütterte,  nirgends  tiefer,  bewußter,  leidenschaftlicher  empfunden  als
unter  den  deutschen  Patrioten.  Gegen  die  abenteuerlichen  Pläne  des  napoleonischen
  Weltreichs  erhob  sich  der  Gedanke  der  Staatenfreiheit,  derselbe
Gedanke,  für  den  einst  der  Neugründer  des  preußischen  Staates  gegen
den  vierzehnten  Ludwig  gefochten  hatte.  Den  kosmopolitischen  Lehren  der
bewaffneten  Revolution  trat  die  nationale  Gesinnung,  die  Begeisterung
für  Vaterland,  Volksthum  und  heimische  Eigenart  entgegen.  Im  Kampfe
wider  die  erdrückende  Staatsallmacht  des  Bonapartismus  erwuchs  eine
neue  lebendige  Anschauung  vom  Staate,  die  in  der  freien  Entfaltung  der
persönlichen  Kraft  den  sittlichen  Halt  der  Nationen  sah.  Die  großen
Gegensätze,  die  hier  auf  einander  stießen,  spiegelten  sich  getreulich  wieder
in  den  Personen  der  leitenden  Männer.  Dort  jener  eine  Mann,  der  sich
vermaß,  er  selber  sei  das  Schicksal,  aus  ihm  rede  und  wirke  die  Natur
der  Dinge  —  der  Uebermächtige,  der  mit  der  Wucht  seines  herrischen
Genius  jeden  anderen  Willen  erdrückte;  tief  unter  ihm  ein  Dienergefolge
von  tapferen  Landsknechten  und  brauchbaren  Geschäftsmännern,  aber  fast
kein  einziger  aufrechter  Charakter,  fast  Keiner,  dessen  inneres  Leben  sich
über  das  platt  Alltägliche  erhob.  Hier  eine  lange  Schaar  ungewöhnlicher
Menschen,  scharf  ausgeprägte,  eigensinnige  Naturen,  jeder  eine  kleine  Welt
für  sich  selber  voll  deutschen  Trotzes  und  deutscher  Tadelsucht,  jeder  eines
Biographen  würdig,  zu  selbständig  und  gedankenreich  um  kurzweg  zu  gehorchen,
  doch  allesammt  einig  in  dem  glühenden  Verlangen,  die  Freiheit
und  Ehre  ihres  geschändeten  Vaterlandes  wieder  aufzurichten.

Einer  aber  stand  in  diesem  Kreise  nicht  als  Herrscher,  doch  als  der
Erste  unter  Gleichen:  der  Freiherr  vom  Stein,  der  Bahnbrecher  des  Zeitalters
  der  Reformen.  Das  Schloß  seiner  Ahnen  lag  zu  Nassan,  mitten
im  buntesten  Ländergemenge  der  Kleinstaaterei;  von  der  Lahnbrücke  im
nahen  Ems  konnte  der  Knabe  in  die  Gebiete  von  acht  deutschen  Fürsten
und  Herren  zugleich  hineinschauen.  Dort  wuchs  er  auf,  in  der  freien
Luft,  unter  der  strengen  Zucht  eines  stolzen,  frommen,  ehrenfesten  altritterlichen
  Hauses,  das  sich  allen  Fürsten  des  Reiches  gleich  dünkte.
        <pb n="281" />
        Der  Freiherr  vom  Stein.  271

Standen  doch  die  Stammburgen  der  Häuser  Stein  und  Nassau  dicht  bei
einander  auf  demselben  Felsen;  warum  sollte  das  alte  Wappenschild  mit
den  Rosen  und  den  Balken  weniger  gelten  als  der  sächsische  Rautenkranz
oder  die  württembergischen  Hirschgeweihe?  Der  Gedanke  der  deutschen
Einheit,  zu  dem  die  geborenen  Unterthanen  erst  auf  den  weiten  Umwegen
der  historischen  Bildung  gelangten,  war  diesem  stolzen  reichsfreien  Herrn
in  die  Wiege  gebunden.  Er  wußte  es  gar  nicht  anders:  „ich  habe  nur
ein  Vaterland,  das  heißt  Deutschland,  und  da  ich  nach  alter  Verfassung
nur  ihm  und  keinem  besonderen  Theile  desselben  angehöre,  so  bin  ich  auch
nur  ihm  und  nicht  einem  Theile  desselben  von  ganzem  Herzen  ergeben.“
Wenig  berührt  von  der  ästhetischen  Begeisterung  der  Zeitgenossen  versenkte
sich  sein  thatkräftiger,  auf  das  Wirkliche  gerichteter  Geist  früh  in  die  histo—
rischen  Dinge.  Alle  die  Wunder  der  vaterländischen  Geschichte,  von  den
Cohortenstürmern  des  Teutoburger  Waldes  bis  herab  zu  Friedrich's  Grena—
dieren  standen  lebendig  vor  seinen  Blicken.  Dem  ganzen  großen  Deutsch—
land,  soweit  die  deutsche  Zunge  klingt,  galt  seine  feurige  Liebe.  Keinen,
der  nur  jemals  von  der  Kraft  und  Großheit  deutschen  Wesens  Kunde  ge—
geben,  schloß  er  von  seinem  Herzen  aus;  als  er  im  Alter  in  seinem  Nassau
einen  Thurm  erbaute  zur  Erinnerung  an  Deutschlands  ruhmvolle  Thaten,
hing  er  die  Bilder  von  Friedrich  dem  Großen  und  Maria  Theresia,  von
Scharnhorst  und  Wallenstein  friedlich  nebeneinander.  Sein  Ideal  war
das  gewaltige  deutsche  Königthum  der  Sachsenkaiser;  die  neuen  Theil—
staaten,  die  sich  seitdem  über  den  Trümmern  der  Monarchie  erhoben  hatten,
erschienen  ihm  sammt  und  sonders  nur  als  Gebilde  der  Willkür,  heimischen
Verrathes,  ausländischer  Ränke,  reif  zur  Vernichtung  sobald  irgendwo
und  irgendwie  die  Majestät  des  alten  rechtmäßigen  Königthums  wieder
erstünde.  Sein  schonungsloser  Freimuth  gegen  die  gekrönten  Häupter  entsprang
  nicht  bloß  der  angeborenen  Tapferkeit  eines  heldenhaften  Gemüthes,
sondern  auch  dem  Stolze  des  Reichsritters,  der  in  allen  diesen  fürstlichen
Herren  nur  pflichtvergessene,  auf  Kosten  des  Kaiserthums  bereicherte  Standesgenossen
  sah  und  nicht  begreifen  wollte,  warum  man  mit  solchen  Zaunkönigen
  so  viel  Umstände  mache.

Er  hatte  die  rheinischen  Feldzüge  in  der  Nähe  beobachtet  und  die
Ueberzeugung  gewonnen,  die  er  einmal  der  Kaiserin  von  Rußland  vor
versammeltem  Hofe  aussprach:  das  Volk  sei  treu  und  tüchtig,  nur  die
Erbärmlichkeit  seiner  Fürsten  verschulde  Deutschlands  Verderben.  Er  haßte
die  Fremdherrschaft  mit  der  ganzen  dämonischen  Macht  seiner  naturwüchsigen
  Leidenschaft,  die  einmal  ausbrechend  unbändig  wie  ein  Bergstrom
  dahinbrauste;  doch  nicht  von  der  Wiederaufrichtung  der  verlebten
alten  Staatsgewalten  noch  von  den  künstlichen  Gleichgewichtslehren  der
alten  Diplomatie  erwartete  er  das  Heil  Europas.  Sein  freier  großer
Sinn  drang  überall  gradaus  in  den  sittlichen  Kern  der  Dinge.  Mit
dem  Blick  des  Sehers  erkannte  er  jetzt  schon,  wie  Gneisenau,  die  Grund-
        <pb n="282" />
        272  I.  3.  Preußens  Erhebung.

züge  eines  dauerhaften  Neubaues  der  Staatengesellschaft.  Das  unnatürliche
  Uebergewicht  Frankreichs  —  so  lautete  sein  Urtheil  —  steht  und  fällt
mit  der  Schwäche  Deutschlands  und  Italiens;  ein  neues  Gleichgewicht
der  Mächte  kann  nur  erstehen,  wenn  jedes  der  beiden  großen  Völker
Mitteleuropas  zu  einem  kräftigen  Staate  vereinigt  wird.  Stein  war  der
erste  Staatsmann,  der  die  treibende  Kraft  des  neuen  Jahrhunderts,  den
Drang  nach  nationaler  Staatenbildung  ahnend  erkannte;  erst  zwei  Menschenalter
  später  sollte  der  Gang  der  Geschichte  die  Weissagungen  des
Genius  rechtfertigen.  Noch  war  sein  Traum  vom  einigen  Deutschland
mehr  eine  hochherzige  Schwärmerei  als  ein  klarer  politischer  Gedanke;  er
wußte  noch  nicht,  wie  fremd  Oesterreich  dem  modernen  Leben  der  Nation
geworden  war,  wollte  in  den  Kämpfen  um  Schlesien  nichts  sehen  als
einen  beklagenswerthen  Bürgerkrieg.

Immerhin  hatte  er  schon  in  jungen  Jahren  die  lebendige  Macht  des
preußischen  Staates  erkannt  und,  weit  abweichend  von  den  Gewohnheiten
des  Reichsadels,  sich  in  den  Dienst  der  protestantischen  Großmacht  begeben.
Wie  ward  ihm  so  wohl  in  der  naturfrischen,  den  Körper  stählenden  Thätigkeit
  des  Bergbaus,  und  nachher,  da  er  als  Kammerpräsident  unter  den
freien  Bauern  und  dem  stolzen  alteingesessenen  Adel  der  westphälischen
Lande  eine  zweite  Heimath  fand,  bei  Wind  und  Wetter  immer  selbst  zur
Stelle  um  nach  dem  Rechten  zu  sehen,  herrisch  durchgreifend,  rastlos  anfeuernd,
  aber  auch  gütig  und  treuherzig,  durch  und  durch  praktisch,  nicht
minder  besorgt  um  die  Kühe  der  kleinen  Kötter  wie  um  die  Wasserwege
für  die  reichen  Kohlenwerke  —  ein  echter  Edelmann,  vornehm  zugleich
und  leutselig,  großartig  in  Allem,  ein  kleiner  König  in  seiner  Provinz.
Den  Osten  der  Monarchie  kannte  er  wenig.  Der  Rheinfranke  konnte  das
landschaftliche  Vorurtheil  gegen  die  dürftigen  Colonistenlande  jenseits  der
Elbe  lang  nicht  überwinden;  er  meinte  in  den  ernsthaften  verwitterten
Zügen  der  brandenburgischen  Bauern,  die  freilich  die  Spuren  langer
Noth  und  Unfreiheit  trugen,  einen  scheuen,  bösen  Wolfsblick  zu  erkennen,
und  mit  dem  naiven  Stolze  des  Reichsritters  sah  er  auf  das  arme  anspruchsvolle
  Junkerthum  der  Marken  herunter,  das  doch  für  Deutschlands
neue  Geschichte  unvergleichlich  mehr  geleistet  hatte  als  der  gesammte  Reichsadel.
  Sold  zu  nehmen  und  seinen  steifen  Nacken  in  das  Joch  des  Dienstes
zu  schmiegen  fiel  dem  Reichsfreiherrn  von  Haus  aus  schwer.  Als  er  dann
auf  der  rothen  Erde  die  noch  lebensfähigen  Ueberreste  altgermanischer  Gemeindefreiheit
  und  altständischer  Institutionen  kennen  lernte,  als  er  die
gemeinnützige  Wirksamkeit  der  Landstände,  der  bäuerlichen  Erbentage,  der
Stadträthe  und  Kirchensynoden  beobachtete  und  damit  die  formensteife
Kleinmeisterei,  die  allfürsorgende  Zudringlichkeit  des  königlichen  Beamtenthums
  verglich,  da  überkam  ihn  eine  tiefe  Verachtung  gegen  das  Nichtige
des  todten  Buchstabens  und  der  Papierthätigkeit.  Mit  harten  und  oftmals
ungerechten  Worten  schalt  er  auf  die  besoldeten,  buchgelehrten,  interesse-
        <pb n="283" />
        Stein's  Ansicht  vom  Staate.  273

losen,  eigenthumslosen  Buralisten,  die,  es  regne  oder  scheine  die  Sonne,
ihren  Gehalt  aus  der  Staatskasse  erheben  und  schreiben,  schreiben,  schreiben.

So  in  rüstigem  Handeln,  in  lebendigem  Verkehr  mit  allen  Ständen
des  Volkes  bildete  er  sich  nach  und  nach  eine  selbständige  Ansicht  vom  Wesen
politischer  Freiheit,  die  sich  zu  den  demokratischen  Doctrinen  der  Revolution
verhielt  wie  die  deutsche  zur  französischen  Staatsgesinnung.  Adam  Smith's
Lehre  von  der  freien  Bewegung  der  wirthschaftlichen  Kräfte  hatte  schon  dem
Jüngling  einen  tiefen  Eindruck  hinterlassen;  nur  lag  dem  deutschen  Frei—
herrn  nichts  ferner,  als  jene  Ueberschätzung  der  wirthschaftlichen  Güter,
worein  die  blinden  Anhänger  des  Schotten  verfielen,  vielmehr  bekannte  er
sich  laut  zu  der  fridericianischen  Meinung,  daß  übermäßiger  Reichthum
das  Verderben  der  Völker  sei.  Justus  Möser's  lebenswarme  Erzählungen
von  der  Bauernfreiheit  der  germanischen  Urzeit  ergriffen  ihn  lebhaft,  das
Studium  der  deutschen  und  der  englischen  Verfassungsgeschichte  kam  seiner
politischen  Bildung  zu  statten,  und  sicher  hat  die  romantische  Weltan—
schauung  des  Zeitalters,  die  allgemeine  Schwärmerei  für  die  ungebrochene
Kraft  jugendlichen  Volkslebens  unbewußt  auch  auf  ihn  eingewirkt.  Doch  der
eigentliche  Quell  seiner  politischen  Ueberzeugung  war  ein  starker  sittlicher
Idealismus,  der,  mehr  als  der  Freiherr  selbst  gestehen  wollte,  durch  die
harte  Schule  des  preußischen  Beamtendienstes  gestählt  worden  war.

Die  Verwaltungsordnung  des  ersten  Friedrich  Wilhelm  hatte  einst  das
dem  öffentlichen  Leben  ganz  entfremdete  Volk  in  den  Dienst  des  Staates
hineingezwungen.  Stein  erkannte,  daß  die  also  Erzogenen  nunmehr  fähig
waren  unter  der  Aufsicht  des  Staates  die  Geschäfte  von  Kreis  und  Ge—
meinde  selbst  zu  besorgen.  Er  wollte  an  die  Stelle  der  verlebten  alten
Geburtsstände  die  Rechtsgleichheit  der  modernen  bürgerlichen  Gesellschaft
setzen,  aber  nicht  die  unterschiedslose  Masse  souveräner  Einzelmenschen,
sondern  eine  neue  gerechtere  Gliederung  der  Gesellschaft,  die  den  „Eigen—
thümern“,  den  Wohlhabenden  und  vornehmlich  den  Grundbesitzern,  die
Last  des  communalen  Ehrendienstes  auferlegte  und  ihnen  dadurch  erhöhte
Macht  gäbe  —  eine  junge  auf  dem  Gedanken  der  politischen  Pflicht  ruhende
Aristokratie.  Er  dachte  die  Revolution  mit  ihren  eigenen  Waffen  zu  be—
kämpfen,  den  Streit  der  Stände  auszugleichen,  die  Idee  des  Einheits—
staates  in  der  Verwaltungsordnung  vollständig  zu  verwirklichen;  doch  mit
der  Thatkraft  des  Neuerers  verband  er  eine  tiefe  Pietät  für  das  historisch
Gewordene,  vor  Allem  für  die  Macht  der  Krone.  Eine  Verfassung  bilden,
sagte  er  oft,  heißt  das  Gegenwärtige  aus  dem  Vergangenen  entwickeln.
Er  strebte  von  jenen  künstlichen  Zuständen  der  Bevormundung  und  des
Zwanges,  die  sich  einst  aus  dem  Elend  des  dreißigjährigen  Krieges  heraus—
gebildet  hatten,  wieder  zurück  zu  den  einfachen  und  freien  Anschauungen
der  deutschen  Altvordern,  denen  der  Waffendienst  als  das  Ehrenrecht  jedes
freien  Mannes,  die  Sorge  für  den  Haushalt  der  Gemeinde  als  die  natür—
liche  Aufgabe  des  Bürgers  und  des  Bauern  erschien.  Dem  begehrlichen

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  18
        <pb n="284" />
        274  I.  3.  Preußens  Erhebung.

revolutionären  Sinne,  der  von  dem  Staate  unendliche  Menschenrechte
heischte,  trat  das  strenge  altpreußische  Pflichtgefühl  entgegen,  dem  dreisten
Dilettantismus  der  Staatsphilosophen  die  Sach=  und  Menschenkenntniß
eines  gewiegten  Verwaltungsbeamten,  der  aus  den  Erfahrungen  des  Lebens
die  Einsicht  gewonnen  hatte,  daß  der  Neubau  des  Staates  von  unten  her
beginnen  muß,  daß  constitutionelle  Formen  werthlos  sind  wenn  ihnen  der
Unterbau  der  freien  Verwaltung  fehlt.

Diese  Gedanken,  wie  neu  und  kühn  sie  auch  erschienen,  ergaben  sich
doch  nothwendig  aus  der  inneren  Entwicklung,  welche  der  preußische  Staat
seit  der  Vernichtung  der  alten  Ständeherrschaft  bis  zum  Erscheinen  des
Allgemeinen  Landrechts  durchlaufen  hatte;  sie  berührten  sich  zugleich  so  nahe
mit  dem  sittlichen  Ernst  der  Kantischen  Philosophie  und  dem  wieder  erwachenden
  historischen  Sinne  der  deutschen  Wissenschaft,  daß  sie  uns  Nachlebenden
  wie  der  politische  Niederschlag  der  classischen  Zeit  unserer  Literatur
  erscheinen.  Gleichzeitig,  wie  auf  ein  gegebenes  Stichwort  wurden
sofort  nach  dem  Untergange  der  alten  Ordnung  die  nämlichen  Ideen  von
den  besten  Männern  des  Schwertes  und  der  Feder  geäußert,  von  Keinem
freilich  so  umfassend  und  eigenthümlich  wie  von  Stein.  In  den  Briefen
und  Denkschriften  von  Scharnhorst  und  Gneisenau,  von  Vincke  und  Niebuhr
  kehrt  überall  derselbe  leitende  Gedanke  wieder:  es  gelte,  die  Nation  zu
selbständiger,  verantwortlicher  politischer  Arbeit  aufzurufen  und  ihr  dadurch
  das  Selbstvertrauen,  den  Muth  und  Opfermuth  der  lebendigen
Vaterlandsliebe  zu  erwecken.  Ein  geschlossenes  System  politischer  Ideen
aufzubauen  lag  nicht  in  der  Weise  dieser  praktischen  Staatsmänner;  sie
rühmten  vielmehr  als  einen  Vorzug  des  englischen  Lebens,  daß  dort  die
politische  Doctrin  so  wenig  gelte.  Und  so  war  auch  das  einzige  literarische
Werk,  das  unter  Stein's  Augen  entstand,  Vincke's  Abhandlung  über  die
britische  Verwaltung,  der  Betrachtung  des  Wirklichen  zugewendet.  Die
kleine  Schrift  gab  zum  ersten  male  ein  getreues  Bild  von  der  Selbstverwaltung
  der  englischen  Grafschaften,  die  bisher  neben  der  bewunderten
Gewaltentheilung  des  constitutionellen  Musterstaates  noch  gar  keine  Beachtung
  gefunden  hatte;  sie  enthielt  zugleich  eine  so  unzweideutige  Kriegserklärung
  gegen  die  rheinbündisch-französische  Bureaukratie,  daß  sie  erst
nach  dem  Sturze  der  napoleonischen  Herrschaft  gedruckt  werden  durfte.
Darum  ist  den  Zeitgenossen  der  ganze  Tiefsinn  der  Staatsgedanken  Stein's
niemals  recht  zum  Bewußtsein  gekommen.  Erst  die  Gegenwart  erkennt,
daß  dieser  stolze  Mann  mit  der  Idee  des  nationalen  Staates  auch  den
Gedanken  der  Selbstverwaltung,  eine  edlere,  aus  uralten  unvergessenen
Ueberlieferungen  der  germanischen  Geschichte  geschöpfte  Auffassung  der
Volksfreiheit  für  das  Festland  gerettet  hat.  Jeder  Fortschritt  unseres
politischen  Lebens  hat  die  Nation  zu  Stein's  Idealen  zurückgeführt.

Es  war  der  Schatten  seiner  Tugenden,  daß  er  in  den  verschlungenen
Wegen  der  auswärtigen  Politik  sich  nicht  zurecht  fand  und  die  unentbehr-
        <pb n="285" />
        Stein's  Charakter.  275

lichen  Künste  diplomatischer  Verschlagenheit  als  niederträchtiges  Finassiren
verachtete.  Ihm  fehlte  die  List,  die  Behutsamkeit,  die  Gabe  des  Zauderns
und  Hinhaltens.  Auf  dem  Gebiete  der  Verwaltung  bewegte  er  sich  mit
vollendeter  Sicherheit.  Wenn  aber  eine  Aussicht  auf  die  Befreiung  seines
Vaterlandes  sich  zu  eröffnen  schien,  so  verließ  ihn  die  besonnene  Ruhe,
und  fortgerissen  von  dem  wilden  Ungestüm  seiner  patriotischen  Begeisterung
rechnete  er  dann  leicht  mit  dem  Unmöglichen.

Den  Staat  bedachtsam  zwischen  den  Klippen  hindurchzusteuern,  bis  der
rechte  Augenblick  der  Erhebung  erschien,  war  diesem  Helden  des  heiligen
Zornes  und  der  stürmischen  Wahrhaftigkeit  nicht  gegeben.  Doch  Niemand
war  wie  er  für  die  Aufgaben  des  politischen  Reformators  geboren.  Der  zerrütteten
  Monarchie  wieder  die  Richtung  auf  hohe  sittliche  Ziele  zu  geben,
ihre  schlummernden  herrlichen  Kräfte  durch  den  Weckruf  eines  feurigen
Willens  zu  beleben  —  das  vermochte  nur  Stein,  denn  Keiner  besaß  wie  er
die  fortreißende,  überwältigende  Macht  der  großen  Persönlichkeit.  Jedes
unedle  Wort  verstummte,  keine  Beschönigung  der  Schwäche  und  der  Selbstsucht
  wagte  sich  mehr  heraus,  wenn  er  seine  schwerwiegenden  Gedanken  in
markigem,  altväterischem  Deutsch  aussprach,  ganz  kunstlos,  volksthümlich
derb,  in  jener  wuchtigen  Kürze,  die  dem  Gedankenreichthum,  der  verhaltenen
  Leidenschaft  des  echten  Germanen  natürlich  ist.  Die  Gemeinheit
zitterte  vor  der  Unbarmherzigkeit  seines  stachligen  Spottes,  vor  den  zermalmenden
  Schlägen  seines  Zornes.  Wer  aber  ein  Mann  war,  ging  immer
leuchtenden  Blicks  und  gehobenen  Muthes  von  dem  Glaubensstarken  hinweg.
Unauslöschlich  prägte  sich  das  Bild  des  Reichsfreiherrn  in  die  Herzen  der
besten  Männer  Deutschlands:  die  gedrungene  Gestalt  mit  dem  breiten
Nacken,  den  starken,  wie  für  den  Panzer  geschaffenen  Schultern;  tiefe,
funkelnde  braune  Augen  unter  dem  mächtigen  Gehäuse  der  Stirn,  eine
Eulennase  über  den  schmalen,  ausdrucksvoll  belebten  Lippen;  jede  Bewegung
  der  großen  Hände  jäh,  eckig,  gebieterisch:  ein  Charakter  wie  aus
dem  hochgemuthen  sechzehnten  Jahrhundert,  der  unwillkürlich  an  Dürer's
Bild  vom  Ritter  Franz  von  Sickingen  erinnerte  —  so  geistvoll  und  so
einfach,  so  tapfer  unter  den  Menschen  und  so  demüthig  vor  Gott  —  der
ganze  Mann  eine  wunderbare  Verbindung  von  Naturkraft  und  Bildung,
Freisinn  und  Gerechtigkeit,  von  glühender  Leidenschaft  und  billiger  Erwägung
  —  eine  Natur,  die  mit  ihrer  Unfähigkeit  zu  jeder  selbstischen  Berechnung
  für  Napoleon  und  die  Genossen  seines  Glücks  immer  ein  unbegreifliches
  Räthsel  blieb.  Er  war  der  Mann  der  Lage;  selbst  seine  Schwächen
und  einseitigen  Ansichten  entsprachen  dem  Bedürfniß  des  Augenblicks.
Wenn  er  das  Beamtenthum  und  den  kleinen  Adel  ungebührlich  hart  beurtheilte,
  die  Oesterreicher  schlechtweg  als  Preußens  deutsche  Brüder  ansah:
umso  besser  für  den  Staat,  der  jetzt  die  adlichen  Privilegien,  die  Alleinherrschaft
  der  Bureaukratie  zerstören  und  Alles  was  trennend  zwischen
den  beiden  deutschen  Großmächten  stand,  hochherzig  vergessen  mußte.

18*
        <pb n="286" />
        276  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Nach  seinem  vergeblichen  Kampfe  gegen  die  Cabinetsregierung  und
seiner  schnöden  Entlassung  hatte  Stein  still  in  Nassau  gelebt  und  dort
schon  in  einer  umfassenden  Denkschrift  einige  Umrisse  für  die  Neugestaltung
  des  Staates  aufgezeichnet.  Da  traf  ihn  die  Kunde  von  dem  unseligen
  Frieden  und  warf  den  Heißblütigen  auf  das  Krankenbette.  Bald
darauf  kam  die  Aufforderung  zur  Rückkehr.  Er  nahm  an;  jede  Kränkung
war  vergessen;  nach  drei  Tagen  wurde  sein  Wille  des  Fiebers  Herr.  Am
30.  September  1807  traf  er  in  Memel  ein,  und  der  König  legte  vertrauensvoll
  die  Leitung  des  gesammten  Staatswesens  in  die  Hände  des
Ministers.  Welch  eine  Lagel  An  seinem  letzten  Geburtstage  hatte  Friedrich
Wilhelm,  da  die  Räumung  des  Landes  gar  nicht  beginnen  wollte,  in  einem
eigenhändigen  Briefe  dem  Imperator  geradezu  die  Frage  gestellt,  ob  er
Preußen  zu  vernichten  beabsichtige.  Napoleon  blieb  stumm,  die  Thaten
gaben  die  Antwort.  Mitten  im  Frieden  standen  160,000  Franzosen  in
den  Festungen  und  in  großen  Lagern,  über  das  ganze  Staatsgebiet  vertheilt,
  allein  Ostpreußen  ausgenommen.  Der  Kern  der  alten  preußischen
Armee,  mehr  als  15,000  Mann,  lag  noch  kriegsgefangen  bei  Nancy,  und
woher  sollte  die  ausgeplünderte  Monarchie  die  Mittel  nehmen  für  die
Bildung  eines  neuen  Heeres?  An  verfügbarem  jährlichem  Einkommen  verblieben
  dem  Staate  noch  13⅛½  Mill.  Thlr.,  kaum  zwei  Drittel  seiner
früheren  Einnahmen.  Ueberall  wo  Napoleon's  Truppen  standen  wurden
die  Staatseinkünfte,  als  ob  der  Krieg  noch  fortwährte,  für  Frankreich  in
Beschlag  genommen,  so  daß  der  König  nahezu  nichts  erhielt,  hunderte
der  auf  halben  Sold  entlassenen  Offiziere  unbezahlt  darben  mußten.  Die
einst  vielbeneidete  Seehandlung  hatte,  wie  die  Bank,  ihre  Zahlungen  eingestellt;
  ihre  Obligationen  sanken  im  Curse  bis  auf  25.  Die  Tresorscheine
fielen  bis  auf  27,  da  an  die  Einlösung  nicht  mehr  zu  denken  war  und  die
französischen  Behörden  das  Papiergeld  zu  Wuchergeschäften  mißbrauchten.
Massen  entwertheter  Scheidemünzen  strömten  aus  den  abgetretenen  Provinzen
  in  das  Land  zurück,  und  die  Franzosen  ließen  um  das  Unheil  zu
vermehren  in  der  Berliner  Münze  noch  für  3  Mill.  Thlr.  neues  Kleingeld
prägen.  Der  Staatscredit  war  so  gänzlich  vernichtet,  daß  eine  Prämienanleihe
  von  einer  Million,  in  kleinen  Scheinen  zu  25  Thlr.  ausgegeben,
nach  drei  Jahren  noch  immer  nicht  vergriffen  war.  In  der  diplomatischen
Welt  galt  Preußen  kaum  noch  so  viel  wie  eines  der  Königreiche  des  Rheinbundes;
  der  holländische  Gesandte,  ein  französischer  Consul  und  ein  österreichischer
  Geschäftsträger  bildeten  im  Jahre  1808  die  gesammte  Vertretung
des  Auslandes  am  Königsberger  Hofe.  Die  französische  Militärverwaltung
unter  Daru's  brutaler  Leitung  hauste  im  Frieden  ärger  als  im  Kriege  und
jeder  ihrer  Uebergriffe  erfolgte  auf  Napoleon's  ausdrücklichen  Befehl:  eine
Contribution  drängte  die  andere,  und  monatelang  blieb  es  ein  tiefes  Geheimniß,
  wie  viel  der  unersättliche  Feind  noch  von  dem  erschöpften  Lande
fordern  wolle.  In  Ost=  und  Westpreußen  wurde  zur  Abtragung  der  Kriegs-
        <pb n="287" />
        Wirthschaftliche  Erschöpfung  des  Staates.  277

lasten  eine  progressive  Einkommensteuer,  die  bis  zu  20  vom  Hundert  stieg,
ausgeschrieben;  ein  keineswegs  reicher  Stettiner  Kaufmann  mußte  in  dem
Jahre  nach  dem  Frieden  für  Contribution  und  Einquartierung  mehr  als
15,000  Thlr.  zahlen.

Handel  und  Wandel  stockten.  Der  britische  Kaufmannsneid  hatte  den
letzten  Krieg  rücksichtslos  benutzt  um  die  stärkste  Handelsmarine  der  Ostsee—
küsten  zu  zerstören.  Als  nachher  der  Krieg  gegen  Frankreich  ausbrach,  der
Friede  mit  England  noch  nicht  geschlossen  war,  sah  sich  die  preußische  Flagge
gleichzeitig  durch  die  britischen  und  die  französischen  Kreuzer  bedroht.  Dann
kam  der  Jammer  der  Continentalsperre.  Die  Rhederei  der  pommerschen
Häfen  verringerte  sich  in  kurzer  Zeit  von  34,000  auf  20,000  Last.  Die  alten
natürlichen  Straßen  des  Welthandels  lagen  verödet;  die  baltischen  Provinzen
verloren,  da  ihnen  gute  Landstraßen  noch  fast  gänzlich  fehlten,  den  Absatzweg
  für  ihren  einzigen  Exportartikel,  das  Getreide.  Ein  heilloser  Schmuggelhandel
  führte  von  Gothenburg  und  Helgoland,  dem  neuen  Klein-London,
die  Waaren  der  Colonien  in's  Land;  andere  Waarenzüge  kamen  aus  Malta
und  Corfu  durch  Bosnien  und  Ungarn.  Der  preußische  Mittelstand  konnte
die  Preise  der  gewohnten  Genußmittel  nicht  mehr  erschwingen;  man  trank
Cichorienwasser,  rauchte  Huflattich  und  Nußblätter.  Bettelhaftes  Elend
in  jedem  Haushalt,  jedem  Gewerb:  die  Königsberger  Buchdrucker  verlangten
  drei  Wochen  Frist  um  ein  sechs  Bogen  langes  Gesetz  zu  drucken,
weil  sie  nur  für  einen  Bogen  Satz  hatten.  Schön,  der  gewiegte  Finanzmann,
  der  sich  gern  seines  altpreußischen  Muthes  rühmte,  fand  die  Zustände
  so  hoffnungslos,  daß  er  schon  vier  Monate  nach  dem  Frieden  in
einer  Denkschrift  ausführte:  man  müsse  den  Sieger  durch  die  Abtretung
des  Magdeburgischen  rechts  der  Elbe  und  eines  Theiles  von  Oberschlesien
befriedigen,  sonst  gehe  das  Land  durch  den  Steuerdruck  zu  Grunde.

Alles  erinnerte  an  jene  jammervollen  Zeiten,  da  einst  die  Wallensteiner
  in  den  Marken  hausten  und  Georg  Wilhelm  als  ein  Fürst  ohne
Land  in  Königsberg  weilte.  Aber  welche  Saat  von  Liebe  und  Treue  war
während  der  sechs  Menschenalter  seitdem  ausgegangen!  Damals  widersetzte
  sich  der  Königsberger  Landtag  in  störrischem  Trotze  seinem  Kurfürsten;
jetzt  standen  Fürst  und  Volk  zu  einander  wie  eine  große  Familie.  Das
ärmliche  Landhaus  bei  Memel  und  die  düsteren  Räume  des  alten  Ordensschlosses
  in  Königsberg  wurden  nicht  leer  von  Besuchern,  die  ihrem  Könige
in  seiner  Noth  eine  Freude  bereiten,  ein  gutes  Wort  sagen  wollten;  zu
der  Taufe  der  neugeborenen  Königstochter  erschienen  die  Stände  von  Ostpreußen
  als  Pathen;  an  allen  Läden  hing  das  neue  Bild,  das  den  König
in  der  häßlichen  Uniform  der  Zeit  inmitten  seiner  Kinder  darstellte.  Und
wie  viel  königlicher  als  der  Vater  des  großen  Kurfürsten  wußte  Friedrich
Wilhelm  sein  hartes  Loos  zu  tragen.  Eine  tiefe  Bitterkeit  erfüllte  ihm
die  Seele,  mehr  als  je  bedurfte  er  des  herzlichen  Zuspruchs  seiner  Gemahlin;
  er  hatte  Stunden,  wo  ihm  zu  Muthe  war,  als  ob  nichts  ihm
        <pb n="288" />
        278  I.  3.  Preußens  Erhebung.

gelänge,  als  ob  er  nur  für  das  Unglück  geboren  sei.  Als  er  im  Königsberger
  Dome  die  Inschriften  auf  den  Gräbern  der  preußischen  Herzoge
las,  wählte  er  sich  den  Sinnspruch  für  sein  hartes  Leben:  meine  Zeit  in
Unruhe,  meine  Hoffnung  in  Gott!  Doch  diese  Hoffnung  hielt  ihn  aufrecht.
  Niemals  wollte  er  sich  überzeugen,  daß  die  gemeinen  Seelen  aus
der  Familie  Bonaparte,  die  jetzt  Europas  Kronen  trugen,  wirkliche  Fürsten
seien,  daß  dies  mit  allem  seinem  Ruhm  und  Glanz  so  windige,  so  schwindelhafte
  Abenteuer  des  napoleonischen  Weltreichs  in  der  vernünftigen  Gotteswelt
  auf  die  Dauer  bestehen  könne.  Niemals  ließ  er  sich  zu  einer  persönlichen
  Freundlichkeit  gegen  Napoleon  herbei.  Selbst  Stein  rieth  einmal,
  den  Imperator  durch  Schmeichelei  milder  zu  stimmen  und  ihn  als
Pathen  zur  Taufe  der  neugeborenen  Prinzessin  zu  laden.  Aber  der  König
wies  den  Gedanken  weit  von  sich.  Dagegen  ging  er  willig  und  ohne  Vorbehalt
  auf  die  politischen  Vorschläge  seines  großen  Ministers  ein.  An
Stein's  Gesetzen  hatte  er  weit  größeren  Antheil  als  die  Zeitgenossen  wußten.
Vieles  was  sich  jetzt  vollendete  war  ja  nur  die  kühne  Durchführung  jener
Reformgedanken,  worüber  der  unentschlossene  Fürst  ein  Jahrzehnt  hindurch
gebrütet  hatte.  Nur  so  werden  die  raschen,  durchschlagenden  Erfolge  des
einen  kurzen  Jahres  der  Stein'schen  Verwaltung  verständlich.

Auch  unter  den  Beamten  fand  der  neue  Minister  willige  Helfer.  Ein
Glück  für  ihn,  daß  er  sein  Reformwerk  grade  auf  ostpreußischem  Boden
beginnen  mußte.  Hier  wurde  die  Unhaltbarkeit  der  alten  ständischen  Gliederung
  besonders  lebhaft  empfunden,  da  die  Provinz  in  ihren  Köllmern  einen
freien  nichtadlichen  Grundbesitzerstand  besaß;  hier  waren  die  Gebildeten,
namentlich  die  Beamten,  längst  vertraut  mit  den  freien  sittlichen  und  politischen
  Anschauungen,  welche  die  beiden  wirksamsten  Lehrer  der  Königsberger
  Hochschule,  Kant  und  der  soeben  verstorbene  Kraus,  seit  Jahren
verbreitet  hatten.  Die  meisten  Gesetze  Stein's  wurden  in  dem  ostpreußischen
  Provinzialdepartement  vorbereitet.  An  der  Spitze  dieser  Behörde
stand  der  Minister  v.  Schrötter,  ein  musterhafter  Verwaltungsbeamter  von
erstaunlicher  Thätigkeit,  der  sich  in  seinen  hohen  Jahren  noch  eine  jugendliche
  Empfänglichkeit  für  neue  Gedanken  bewahrt  hatte;  unter  ihm  arbeiteten
Friese  und  Wilckens.')  Ganz  und  gar  von  den  Ideen  Kant's  erfüllt  war
Schön,  in  mancher  Hinsicht  ein  getreuer  Vertreter  des  stolzen,  freisinnigen,
gedankenreichen  ostpreußischen  Wesens,  freilich  auch  ein  Doctrinär  der  unbedingten
  Freihandelslehre,  zudem  maßlos  eitel,  unfähig  fremdes  Verdienst
bescheiden  anzuerkennen  und,  ganz  gegen  die  Art  seines  edlen  Stammes,
unwahrhaftig.  Neben  ihm  wirkte  Staegemann,  ein  hochgebildeter,  kundiger
Geschäftsmann  von  seltenem  Fleiße  und  seltener  Bescheidenheit,  der  seine
treue  Liebe  zum  preußischen  Staate  zuweilen  in  tief  empfundenen  ungelenken
  Gedichten  aussprach,  dann  Niebuhr,  der  geniale  Gelehrte,  zu  reiz-*)

  Neuerdings  nachgewiesen  in  dem  trefflichen  Buche  von  Ernst  Meier,  die  Reform
der  Verwaltungs-Organisation  unter  Stein  und  Hardenberg,  Leipzig  1881.
        <pb n="289" />
        Hardenberg's  Rigaer  Denkschrift.  279

bar,  zu  abhängig  von  der  Stimmung  des  Augenblicks  um  sich  leicht  in
die  gleichmäßige  Thätigkeit  der  Bureaus  zu  finden,  aber  Allen  unschätzbar
durch  den  unerschöpflichen  Reichthum  eines  lebendigen  Wissens,  durch  die
Weite  seines  Blicks,  durch  den  Adel  einer  hohen  Leidenschaft;  dann  Nicolovius,
  ein  tiefes,  von  der  religiösen  Strömung  der  Zeit  im  Innersten
bewegtes  Gemüth;  dann  Sack,  Klewitz  und  viele  Andere,  ein  schöner  Verein
ungewöhnlicher  Kräfte.  Unter  Allen  stand  der  westphälische  Freiherr  von
Vincke  den  Anschauungen  Stein's  am  nächsten.  Auch  er  hatte  sich  seine
Ansicht  vom  Staate  unter  dem  Adel  und  den  Bauern  der  rothen  Erde
gebildet,  nur  daß  der  geborene  Preuße  die  Verdienste  des  Soldbeamtenthums
  unbefangener  anerkannte  als  der  Reichsritter;  er  rechnete  sich  selber
nicht  zu  den  schöpferischen  Köpfen,  seine  Stärke  war  die  Ausführung,  die
rastlose  Thätigkeit  des  Verwaltungsbeamten.

Hardenberg,  der  auf  Napoleon's  Befehl  zum  zweiten  male  das  Ministerium
  hatte  verlassen  müssen,  sendete  aus  Riga  eine  große  Denkschrift
über  die  Reorganisation  des  preußischen  Staats,  die  er  dort  im  Verein
mit  Altenstein  ausgearbeitet.  Sie  berührte  sich  vielfach  mit  den  Ideen
des  neuen  Ministers,  manche  ihrer  Vorschläge  waren  seinen  Aeußerungen
wörtlich  entlehnt  —  so  der  Gedanke  einer  Ständeversammlung  für  den
gesammten  Staat.  Doch  verrieth  sich  auch  hier  schon  jener  feine  und  tiefe
Gegensatz,  welcher  den  Jünger  der  Aufklärung  von  Stein's  historischer
Staatsanschauung  immer  getrennt  hat.  Hardenberg  war  zuerst  Diplomat,
  in  Verwaltungssachen  bei  weitem  nicht  so  gründlich  unterrichtet  wie
Stein,  und  nahm  daher  unbedenklich  in  seine  Denkschrift  einige  allgemeine
theoretische  Sätze  auf,  wie  sie  Altenstein,  der  Freund  Fichte's,  liebte.  Sein
Reformplan  war  „nach  der  höchsten  Idee  des  Staates“  bemessen;  in  der
Handelspolitik  sollte  ohne  Einschränkung  der  Grundsatz  des  laisser  faire
gelten.  Während  Stein  die  Revolution  von  frühauf  mit  dem  Mißtrauen
des  Aristokraten  betrachtet  hatte  und  nur  einige  ihrer  probehaltigen  Ergebnisse
  auf  deutschen  Boden  verpflanzen  wollte,  war  Hardenberg  von
den  französischen  Ideen  ungleich  stärker  berührt  worden.  Er  bezeichnete
geradezu  als  das  Ziel  der  Reform:  „demokratische  Grundsätze  in  einer
monarchischen  Regierung,“  schloß  sich  im  Einzelnen  eng  an  das  Vorbild
Frankreichs  an,  verlangte  für  das  Heer  die  Conscription  mit  Stellvertretung,
  und  die  altpreußischen  Ehrenämter  der  Landräthe  hätte  er  gern
durch  bureaukratische  Kreisdirectoren  verdrängt.  Von  der  Selbstverwaltung
  der  Gemeinde  sprach  er  gar  nicht.  Gemeinsam  war  beiden  Staatsmännern
  die  sittliche  Hoheit  der  Staatsgesinnung.  Beide  wollten,  wie
Altenstein's  Entwurf  sich  ausdrückte,  „eine  Revolution  im  guten  Sinne,
gradehin  führend  zu  dem  großen  Zwecke  der  Veredlung  der  Menschheit;"“
Beide  wußten,  daß  Frankreich  nur  „eine  untergeordnete,  auf  bloße  Kraftäußerung
  gerichtete  Tendenz“  verfolge,  und  forderten  von  dem  verjüngten
deutschen  Staate,  daß  er  Religion,  Kunst  und  Wissenschaft,  alle  idealen
        <pb n="290" />
        280  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Bestrebungen  des  Menschengeschlechts  um  ihrer  selbst  willen  beschütze  und
also  durch  sittliche  Kräfte  sich  den  Sieg  über  die  feindliche  Uebermacht  sichere.

Stein  besaß  in  hohem  Maße  die  dem  Staatsmanne  unentbehrliche
Kunst  die  Gedanken  Anderer  zu  benutzen.  Alle  die  Vorschläge,  die  ihm
aus  den  Kreisen  des  Beamtenthums  entgegengebracht  wurden,  ließ  er  auf
sich  wirken,  doch  seine  letzten  Entschließungen  faßte  er  stets  nach  eigenem
Ermessen.  Dann  stellte  er  die  leitenden  Gedanken  in  großen  Zügen  fest,
überließ  die  Ausarbeitung  den  Räthen  und  trat  erst  wieder  ein,  wenn  es
galt  das  vollendete  Werk  gegen  Zweifel  und  Widerspruch  durchzusetzen.
Als  er  in  Memel  eintraf,  fand  er  bereits  einen  Entwurf  vor  für  die  Aufhebung
  der  Erbunterthänigkeit  in  Ost=  und  Westpreußen.  Schön,  Staegemann
  und  Klewitz  hatten  den  Plan,  auf  Befehl  des  Königs,  ausgearbeitet
und  sich  namentlich  darauf  berufen,  daß  in  dem  benachbarten  Herzogthum
Warschau  die  Beseitigung  der  Leibeigenschaft  bevorstehe.  Der  Minister
gab  dem  Gesetze  sofort  einen  größeren  Sinn,  verlangte  die  Ausdehnung
der  Reform  auf  das  gesammte  Staatsgebiet.  Seit  er  politisch  zu  denken
vermochte  hatte  er  die  Unfreiheit  des  Landvolks  als  den  Fluch  unseres
Nordostens  betrachtet;  jetzt  schien  es  ihm  an  der  Zeit,  dies  uralte  Leiden
endlich  zu  heilen,  mit  einem  kühnen  Schritte  das  Ziel  zu  erreichen,  worauf
die  Gesetze  der  Hohenzollern  seit  Friedrich  Wilhelm  I.  immer  mit  halbem
Erfolge  hingearbeitet  hatten.  Der  König  stimmte  freudig  zu;  die  tapfere
Zuversicht  des  Ministers  erweckte  ihm  den  Muth  ernstlich  zu  wollen  was
er  sein  Lebelang  nur  gehofft  und  gewünscht.  So  erschien  denn  am  9.  October
1807  das  Edict  über  den  erleichterten  Besitz  und  den  freien  Gebrauch  des
Grundeigenthums  —  die  Habeas  Corpus-Acte  Preußens,  wie  Schön  sagte.
In  anspruchslosen  Formen  ward  eine  tiefgreifende  sociale  Revolution  vollzogen:
  etwa  zwei  Drittel  der  Bevölkerung  des  Staates  gewannen  die  unbeschränkte
  persönliche  Freiheit,  am  Martinitage  1810  sollte  es  nur  noch
freie  Leute  in  Preußen  geben.  Dasselbe  Gesetz  vernichtete  mit  einem
Schlage  die  ständische  Ordnung  des  fridericianischen  Staates,  Der  Edelmann
  erhielt  das  Recht,  ein  Bauer  zu  werden  und  bürgerliche  Gewerbe
zu  treiben  —  ein  Recht,  das  zugleich  als  Ersatz  galt  für  die  bisherige
Bevorzugung  des  Adels  in  der  Armee.  Jede  Art  von  Grundbesitz  und
Geschäftsbetrieb  war  fortan  jedem  Preußen  zugänglich.

Aber  Stein  war  nicht  gewillt,  die  alten  volksfreundlichen  Grundsätze
der  Monarchie  preiszugeben  und  unter  dem  Vorwande  des  freien  Wettbewerbs
  die  Vernichtung  des  kleinen  Grundbesitzes  zu  erlauben;  ein  freier
kräftiger  Bauernstand  erschien  ihm  als  die  festeste  Stütze  des  Staates,
als  der  Kern  der  Wehrkraft.  Darum  wurde  den  Rittergutsbesitzern  das
Auskaufen  der  Bauergüter  nur  unter  Beschränkungen  und  mit  Zustimmung
der  Staatsbehörden  gestattet.  Und  während  Schön,  getreu  den  Dogmen
der  englischen  Freihandelsschule,  den  Untergang  der  alten  landsässigen
Geschlechter  als  eine  unabänderliche  wirthschaftliche  Nothwendigkeit  hin-
        <pb n="291" />
        Befreiung  des  Landvolks  281

nehmen  wollte,  griff  Stein  den  verschuldeten  Großgrundbesitzern  mit  einem
General-Indult  unter  die  Arme.  So  gelang  es,  dem  Landadel  über  die
nächste  schwere  Zeit  hinwegzuhelfen,  die  Mehrzahl  der  Rittergüter  ihren  alten
Besitzern  zu  erhalten.  Ebenso  maßvoll  bei  aller  Kühnheit  war  auch  das
neue  Edict,  das  den  Einsassen  der  Domänen  in  Ost-  und  Westpreußen,  etwa
47,000  bäuerlichen  Familien,  das  freie  Eigenthum  verlieh;  sie  sollten  befugt
  sein,  drei  Viertel  der  auf  ihren  Gütern  haftenden  Dienste  und  Abgaben
  binnen  vierundzwanzig  Jahren  durch  Geldzahlungen  abzulösen.  Ein
Viertel  blieb  als  unablösliche  Contribution  fortbestehen;  Stein  verwarf  die
vollständige  Beseitigung  aller  dinglichen  Lasten  der  Bauerngüter  als  eine
allzu  radicale  Störung  der  gewohnten  Besitzverhältnisse.  Daran  schloß  sich
die  Aufhebung  des  Mühlenzwanges,  der  Zünfte  und  Verkaufsmonopolien
für  Bäcker,  Schlächter  und  Höker.  Verwandlung  aller  Dienste  und  Naturalabgaben
  in  Geldzahlungen,  Beseitigung  der  Zwangs=  und  Bannrechte,
der  Servituten,  der  Gemeinheiten  war  das  Ziel,  dem  der  Gesetzgeber  zustrebte;
  das  freie  Privateigenthum  sollte  überall  zu  seinem  Rechte  kommen.
In  scharfem  Gegensatze  zu  dem  fridericianischen  Systeme  der  monarchischen
Arbeitsorganisation  wollten  die  neuen  Gesetze  „Alles  entfernen,  was  den
Einzelnen  bisher  hinderte  den  Wohlstand  zu  erwerben,  den  er  nach  dem
Maße  seiner  Kräfte  zu  erreichen  fähig  war.“  Die  nach  Stein's  Abgang  erlassene
  Instruction  an  die  Verwaltungsbehörden  sagte  kurzab  —  in  der
Form  sicherlich  etwas  abstracter  als  Stein  selbst  geschrieben  hätte  —:  die
Gewerbe  sollten  ihrem  natürlichen  Gange  überlassen  bleiben;  es  sei  nicht
nothwendig  den  Handel  zu  begünstigen,  er  müsse  nur  nicht  erschwert  werden.

Im  Auslande  wurde  der  mächtige  Umschwung,  der  das  alte  Preußen
in  seinen  socialen  Grundfesten  erschütterte,  kaum  beachtet.  Die  bewegte
Zeit  hatte  der  radicalen  Neuerungen  genug  erlebt,  und  wie  viele,  die  mit
größerem  Lärm  begannen,  waren  im  Sande  verlaufen.  Die  Franzosen
spotteten,  wie  bedachtsam  man  in  Königsberg  den  Spuren  der  großen
Revolution  folge.  In  Preußen  selbst  empfand  man  um  so  lebhafter,  wie
tief  die  neue  Gesetzgebung  in  alle  Lebensverhältnisse  einschnitt.  Das  gebildete
  Bürgerthum  begrüßte  die  Befreiung  des  Landvolks  mit  Freuden;
in  Breslau  wurden  die  Thaten  des  königlichen  Reformators  auf  der
Bühne  verherrlicht.  Aber  der  kurmärkische  Adel,  der  tapfere  Marwitz
voran,  zürnte  auf  den  dreisten  Ausländer,  der  mit  seiner  fränkischen  und
ostpreußischen  Beamtenschule  das  alte  gute  brandenburgische  Wesen  zerstöre.
  Unerhört  erschien  außer  dem  revolutionären  Inhalt  auch  die  jacobinische
  Sprache  der  Stein'schen  Gesetze,  die  nach  dem  alten  Brauche  des
Absolutismus  in  ausführlichen  Erläuterungen  die  Absichten  des  Monarchen
dem  Volke  zu  erklären  suchten  und  sich  dabei  wiederholt  auf  das  Wohl
des  Staates,  auf  die  Fortschritte  des  Zeitgeistes  beriefen.  Und  nun  gar
die  den  märkischen  Junkern  ganz  unbekannte  Menschenklasse  der  „Landbewohner“,
  die  man  am  grünen  Tische  erfunden  hatte!  In  der  Priegnitz
        <pb n="292" />
        282  I.  3  Preußens  Erhebung.

rotteten  sich  sogar  die  Bauern  zusammen,  tobend  gegen  „die  neue  Freiheit“,
  und  der  König  mußte  seine  gelben  Reiter  wider  sie  aussenden.
Auf  der  Junkergasse  zu  Königsberg  tagte  der  Perponcher'sche  Club,  würdige
  Herren  vom  Hofe,  vom  Landadel,  von  der  Armee,  allesammt  tief  entrüstet
über  „das  Nattergezücht“  der  Reformer.  Niemand  dort  schalt  grimmiger
als  General  Nork:  der  sah  die  alte  strenge  Zucht  aus  der  Welt  verschwinden,
  sah  die  Zeit  gekommen,  wo  jeder  Fähnrich  an  seinem  Obersten
zum  Marquis  Posa  werden  wollte.  Selbst  Gneisenau  konnte  der  Kühnheit
des  Ministers  nicht  folgen,  er  meinte  den  Untergang  des  großen  Grundbesitzes
  vor  Augen  zu  schauen  bis  ihn  die  Erfahrung  eines  Besseren  belehrte.
  Einige  der  wackersten  Männer  aus  den  alten  ostpreußischen  Geschlechtern
  der  Dohna,  der  Auerswald,  der  Finkenstein  beschworen  den  König
in  einer  Eingabe,  die  Rechte  des  Adels  zu  schützen,  ihm  mindestens  die
Befreiung  vom  Kriegsdienste  und  die  Patrimonialgerichte  zu  erhalten.  Auch
berechtigte  Beschwerden  blieben  nicht  aus;  denn  obwohl  der  Gesetzgeber
seine  Hauptgedanken  überall  mit  geschäftlicher  Klarheit  und  Bestimmtheit
aussprach,  so  waren  doch  im  Einzelnen,  bei  der  Eile  der  Arbeit,  manche
Unklarheiten  und  Widersprüche  mit  untergelaufen.  Aber  das  Ansehen  des.
Königlichen  Befehls  stand  ebenso  fest  wie  das  Vertrauen  zu  der  Rechtschaffenheit
  Friedrich  Wilhelm's.  Daß  dieser  Fürst  ein  offenbares  Unrecht
gebieten  könne,  wollten  doch  selbst  die  Unzufriedenen  nicht  glauben.  Die
Reform  ging  ihren  Gang.  Wieder,  wie  so  oft  schon,  wurde  eine  That  der
Befreiung  dem  preußischen  Volke  durch  den  Willen  seiner  Krone  auferlegt.

Die  zweite  große  Aufgabe,  welche  Stein  sich  stellte,  war  die  Vollendung
  der  Staatseinheit.  Er  hatte  aus  den  Verhandlungen  der  Pariser
Nationalversammlung  die  Nothwendigkeit  eines  centralisirten  Kassenwesens,
aus  der  Verwaltungsorganisation  des  ersten  Consuls  die  Vorzüge  einer
übersichtlichen  Eintheilung  der  Staatsgeschäfte  kennen  gelernt  und  schon
vor  dem  Kriege  die  Einsetzung  von  Fachministern  für  den  gesammten  Staat
empfohlen.  Das  wunderliche  Nebeneinander  von  Provinzial=  und  Fachministern,
  die  Vermischung  des  Realsystems  mit  dem  Provinzialsysteme
genügte  nicht  mehr  für  die  Bedürfnisse  der  schlagfertigen  modernen  Verwaltung.
  War  doch  die  ängstliche  Schonung  der  landschaftlichen  Eigenthümlichkeiten
  während  der  letzten  Jahrzehnte  so  weit  getrieben  worden,
daß  die  Beamten  der  alten  Schule  die  preußische  Monarchie  geradezu
einen  Föderativstaat  nennen  konnten.  Bei  näherer  Prüfung  ergab  sich
indeß,  wie  gesund  und  lebensfähig  die  Verwaltungsordnung  Friedrich
Wilhelm's  I.  noch  immer  war.  Nun  man  sich  anschickte  sein  Werk  weiterzuführen
  lernte  man  den  sicheren  Blick  des  alten  gestrengen  Organisators
erst  völlig  würdigen;  Schön  pries  ihn  gern  als  Preußens  größten  inneren
König.  Nicht  ein  Umsturz,  nur  die  Fortbildung  und  Vereinfachung  der
alten  Institutionen  wurde  beschlossen.  Das  Gesetz  vom  16.  December
1808  über  die  veränderte  Verfassung  der  obersten  Staatsbehörden  stellte
        <pb n="293" />
        Der  Einheitsstaat  in  der  Verwaltung.  283

fünf  Fachminister,  für  das  Innere,  die  Finanzen,  das  Auswärtige,  den
Krieg  und  die  Justiz,  an  die  Spitze  der  gesammten  Staatsverwaltung,
vereinigte  die  alten  Generalkassen  zu  einer  General-Staatskasse  unter  der
Leitung  des  Finanzministers.  Stein  sah  voraus,  wie  gefährlich  die  un—
geheure  Macht  jener  fünf  Männer  werden  konnte;  er  beabsichtigte  daher
als  höchste  Behörde  der  Monarchie  einen  Staatsrath  zu  bilden,  der  alle
hervorragenden  Kräfte  des  Staatsdienstes,  auch  die  Minister  selbst,  in
sich  vereinigen,  die  Gesetzentwürfe  berathen,  die  großen  Streitfragen  des
öffentlichen  Rechts  entscheiden  sollte.  Aber  dieser  Theil  seiner  Entwürfe
blieb  unter  seinen  Nachfolgern  unausgeführt.

Durch  die  Einsetzung  der  Fachminister  war  das  Generaldirectorium
beseitigt.  Dagegen  blieben  die  altbewährten  Kriegs=  und  Domänenkammern
unter  dem  neuen  Namen:  Regierungen  bestehen.  Man  trennte  Rechtspflege
  und  Verwaltung  vollständig,  nahm  den  Regierungen  die  Gerichtsgeschäfte
  der  alten  Kammern;  man  säuberte  sie  von  unbrauchbaren  Mitgliedern,
  wie  denn  Stein  überall  die  thatsächliche  Unabsetzbarkeit  des  alten
Beamtenthums  bekämpfte  und  der  Krone  das  Recht  vorbehielt,  die  Verwaltungsbeamten
  nach  Belieben  zu  entlassen;  man  erleichterte  den  Geschäftsgang,
  gab  den  Präsidenten  und  den  Decernenten  für  die  einzelnen
Fächer  größere  Selbständigkeit.  Jedoch  die  Vorzüge  des  deutschen  Collegialsystems,
  Unparteilichkeit  und  sorgsame  Berücksichtigung  aller  Verhältnisse
des  einzelnen  Falls,  standen  in  Stein's  Augen  zu  hoch,  als  daß  er  sie
gegen  die  raschere  Beweglichkeit  der  bureaukratischen  Präfecten-Verwaltung
hingegeben  hätte.  Die  Mittelstellen  der  preußischen  Verwaltung  blieben
Collegien  und  haben  in  dieser  Gestalt  noch  durch  zwei  Menschenalter  ersprießlich
  gewirkt.  Statt  des  leeren  Schaugepränges  der  Generalräthe,
die  den  napoleonischen  Präfecten  mit  unmaßgeblichem  Beirath  zur  Seite
standen,  verlangte  der  deutsche  Staatsmann  vielmehr  eine  thätige,  regelmäßige
  Theilnahme  der  Nation  an  den  Geschäften  der  Verwaltung;  dann
ströme  den  Männern  am  grünen  Tische  ein  aus  der  Fülle  der  Natur
genommener  Reichthum  von  Ansichten  und  Gefühlen  zu,  und  im  Volke
belebe  sich  der  Sinn  für  Vaterland,  Selbständigkeit,  Nationalehre.

Doch  wie  diese  verwaltende  Thätigkeit  der  Regierten  einfügen  in  die
festgeordnete  Hierarchie  des  Soldbeamtenthums?  Einzelne  Verwaltungsgeschäfte
  den  Landtagen  zu  übertragen  verbot  sich  von  selbst;  der  Nepotismus,
  die  Schwerfälligkeit,  die  Händelsucht  der  alten  landständischen  Ausschüsse
  standen  noch  in  allzu  üblem  Andenken.  Daher  kamen  Stein  und
Hardenberg  Beide  auf  den  sonderbaren  Einfall,  in  jede  Regierung,  immer
auf  drei  Jahre,  neun  von  den  Landständen  vorgeschlagene  Repräsentanten
zu  berufen,  die  mit  vollem  Stimmrecht  an  allen  Arbeiten  der  Behörde
sich  betheiligen  sollten.  Der  Gedanke  zeigt  deutlich,  wie  gründlich  man
mit  den  alten  Anschauungen  bureaukratischer  Selbstgerechtigkeit  gebrochen
hatte;  doch  er  war  verfehlt.  Die  neue  Einrichtung  trat  nur  in  Ost-
        <pb n="294" />
        284  I.  3.  Preußens  Erhebung.

preußen  in's  Leben;  überall  sonst  zeigten  die  Landstände  geringe  Neigung
die  Tagegelder  für  die  Notabeln  aufzubringen.  Die  ostpreußischen  Repräsentanten
  fühlten  sich  bald  sehr  einsam  unter  der  Ueberzahl  ihrer
bureaukratischen  Amtsgenossen,  sie  standen  wie  Dilettanten  unter  Fachmännern;
  die  vom  Lande  wollten  nicht  so  lange  im  Bureau  aushalten;
die  Tagegelder  blieben  aus,  der  Eifer  erkaltete  rasch,  und  im  Jahre  1812
wurde  der  verunglückte  Versuch  aufgegeben.)  Auch  das  neue  Amt  der
Oberpräsidenten  bewährte  sich  vorerst  nur  wenig.  Während  das  revolutionäre
  Frankreich  seine  alten  Provinzen  in  ohnmächtige  Departements
zerschlug,  wollte  Stein,  in  bewußtem  Gegensatze,  die  schwachen  Regierungsbezirke
  zu  großen  lebensfähigen  Provinzen  vereinigen.  Drei  Oberpräsidenten,
  für  Schlesien,  für  die  altpreußischen,  für  die  märkisch-pommerschen
Lande,  erhielten  die  Oberaufsicht  über  die  Regierungen,  nicht  als  eine
Zwischeninstanz,  sondern  als  ständige  Commissare  des  Ministeriums  und
als  Vertreter  der  gemeinsamen  Interessen  ihrer  Provinz.  Die  Institution
war  offenbar  auf  die  weiten  Verhältnisse  eines  Großstaates  berechnet.  In
der  Enge  der  verkleinerten  Monarchie  bewirkte  sie  nur  die  Erschwerung
der  Geschäfte,  und  erst  nach  der  Wiederherstellung  der  preußischen  Großmacht
  hat  sie  sich  als  segensreich  erwiesen.

Stein's  sociale  Reformen  und  die  Befestigung  der  Staatseinheit  gingen
hervor  aus  der  selbständigen,  eigenthümlichen  Durchbildung  von  Gedanken,
welche  seit  dem  Ausbruche  der  Revolution  in  der  Luft  lagen  und  allen
hellen  Köpfen  des  preußischen  Beamtenthums  als  ein  Gemeingut  angehörten.
  Eine  durchaus  schöpferische  That,  das  freie  Werk  seines  Genius,
war  dagegen  die  Städte-Ordnung  vom  19.  November  1808.5)  Als  die
letzte  und  höchste  Aufgabe  seines  politischen  Wirkens  erschien  ihm  die  Erhebung
  der  Nation  aus  der  dumpfen  Enge  ihres  häuslichen  Lebens;  er
sah  sie  in  Gefahr,  der  Sinnlichkeit  zu  verfallen  oder  den  speculativen
Wissenschaften  einen  übertriebenen  Werth  beizulegen,  und  wollte  sie  erziehen
  zu  gemeinnütziger  Thätigkeit,  zu  kräftigem  Handeln.  Ein  glücklicher
  praktischer  Blick  hieß  ihn  sein  Werk  bei  den  Städten  beginnen.
Erst  wenn  unter  der  gebildeten  städtischen  Bevölkerung  wieder  ein  selbständiges
  Gemeindeleben  erwacht  war,  konnten  den  rohen,  soeben  erst  der
Erbunterthänigkeit  entwachsenen  Bauern,  die  ihren  Grundherren  noch  voll
Grolles  gegenüberstanden,  die  Rechte  und  Pflichten  der  Selbstverwaltung
auferlegt  werden.  An  der  Ausarbeitung  des  Gesetzes  hatte  Wilckens
den  größten  Antheil.  Die  Städte  erhielten  die  selbständige  Verwaltung
ihres  Haushalts,  ihres  Armen=  und  Schulwesens  und  sollten  auf  Ver- 



*)  Bericht  des  Ministers  von  Schuckmann  an  den  König,  24.  Mai  1812.

**)  Stein  hat  die  Städte-Ordnung  stets  auf  das  Bestimmteste  als  sein  Werk  bezeichnet.
  Daß  sich  in  den  Akten  nur  wenige  Bemerkungen  darüber  von  der  eigenen  Hand
des  Ministers  befinden  (E.  Meier  a.  a.  O.  S.  147)  erklärt  sich  leicht  aus  dem  bureaukratischen
  Geschäftsgange.
        <pb n="295" />
        Die  Städteordnung.  285

langen  des  Staates  in  seinem  Namen  auch  die  Geschäfte  der  Polizei  be—
sorgen.  Sie  wurden  gegenüber  der  Staatsgewalt  fast  ganz  unabhängig
gestellt  und  sogar  mit  dem  Rechte  der  Autonomie  in  Steuersachen  ausge—
stattet,  einem  Rechte,  dessen  gemeinschädliche  Wirkungen  noch  Niemand
ahnte.  Die  alten  buntscheckigen  Abstufungen  des  Bürgerrechts  fielen
hinweg,  wie  die  Vorrechte  der  Zünfte.  Die  Einwohner  der  Städte  zer—
fielen  nur  noch  in  zwei  Klassen,  Bürger  und  Schutzverwandte.  Wer  das
leicht  zu  erwerbende  Bürgerrecht  erlangt  hatte,  war  verbunden  zur  Ueber—
nahme  aller  Gemeindeämter;  denn  war  die  Freiheit  des  Eigenthums  ein
leitender  Gedanke  der  Stein'schen  Gesetze,  so  nicht  minder  der  Grundsatz,
daß  der  Eigenthümer  dem  Gemeinwesen  zum  Dienst  verpflichtet  sei.  Ein
erwählter  Magistrat,  aus  unbesoldeten  und  wenigen  besoldeten  Mitgliedern
zusammengesetzt,  und  eine  von  der  gesammten  Bürgerschaft  nach  Bezirken
gewählte  Stadtverordnetenversammlung  leiteten  die  städtische  Verwaltung.
So  ward  endlich  gebrochen  mit  der  zweihundertjährigen  Verkümmerung
des  deutschen  Communallebens.

Die  Reform  erscheint  um  so  bewunderungswürdiger  in  ihrer  einfachen
Klarheit  und  Zweckmäßigkeit,  da  Stein  nirgends  in  Europa  ein  Vorbild
fand.  Die  verwahrlosten  englischen  Stadtverfassungen  konnten  ihm  ebenso
wenig  zum  Muster  dienen  wie  die  Patricierherrschaft  in  seinen  geliebten
westphälischen  Städten.  Nun  erst  gab  es  in  Deutschland  moderne  Gemeinden
  —  unabhängige  Corporationen,  die  doch  zugleich  als  zuverlässige
Organe  den  Willen  der  Staatsgewalt  vollstreckten,  der  Aufsicht  der  Regierungen
  unterworfen  blieben.  Bisher  war  ein  Theil  der  Städte  jeder
Selbständigkeit  beraubt  gewesen.  Andere  hatten,  wie  die  Grundherrschaften
des  flachen  Landes,  kleine  Staaten  im  Staate  gebildet  mit  patrimonialer
Gerichtsbarkeit  und  Polizei,  und  wie  oft  waren  die  Gebote  des  Königs  an
„Unsere  Vasallen,  Amtleute,  Magistrate  und  liebe  Getreue“  durch  den
passiven  Widerstand  dieser  altständischen  Communalherrschaften  zu  Schanden
geworden.  Jetzt  endlich  erhielt  die  Staatsverwaltung  in  dem  Städtewesen
  einen  kräftigen  Unterbau,  der  ihrem  eigenen  staatlichen  Charakter
entsprach.

Auch  diese  Reform  mußte  der  Nation  durch  den  Befehl  des  Königs
aufgezwungen  werden.  Der  märkische  Adel  und  die  alte  Schule  des  Beamtenthums
  klagten  über  die  republikanischen  Grundsätze  der  Städteordnung.
  Welch  ein  Entsetzen  in  diesen  Kreisen,  als  man  erfuhr,  daß  einer
der  ersten  Staatsbeamten,  der  Präsident  von  Gerlach  die  Wahl  zum  Oberbürgermeister
  von  Berlin  angenommen  habel  Der  ermattete  Gemeinsinn
des  Bürgerthums  zeigte  anfangs  geringe  Neigung  für  den  erzwungenen
Ehrendienst;  auch  entdeckte  man  bald,  daß  jede  Selbstverwaltung  theuer
ist,  während  Stein  und  seine  Freunde  vielmehr  eine  Verminderung  der
Kosten  erwartet  hatten.  Die  von  Friedrich  Wilhelm  I.  regulirten,  an
strenge  Haushaltung  gewöhnten  Städte  fanden  sich  meist  williger  in  die
        <pb n="296" />
        neue  Ordnung  als  die  alten  Communen,  die  noch  das  Vetterschaftswesen
selbstherrlicher  Magistrate  sich  bewahrt  hatten.  Das  rechte  Verständniß
für  den  Segen  ihrer  Freiheit  erwachte  den  Bürgern  jedoch  erst  während
der  Befreiungskriege,  als  die  Staatsbehörden  fast  überall  ihre  Arbeit  ein—
stellten  und  jede  Stadt  sich  selber  helfen  mußte.  Seitdem  erst  kam  un—
serem  Städtewesen  eine  zweite  Blüthezeit,  minder  glänzend  aber  nicht
weniger  ehrenreich  als  die  große  Epoche  der  Hansa;  das  Schulwesen,  die
Armenpflege,  die  gemeinnützigen  Stiftungen  des  deutschen  Bürgerthums
versuchten  wieder  zu  wetteifern  mit  der  älteren  und  reicheren  städtischen
Cultur  der  Romanen.  Wie  der  erste  Friedrich  Wilhelm  das  moderne
dentsche  Verwaltungsbeamtenthum  geschaffen  hatte,  so  wurde  Stein's
Städteordnung  der  Ausgangspunkt  für  die  deutsche  Selbstverwaltung.
Auf  ihr  fußten  alle  die  neuen  Gemeindegesetze,  welche  durch  zwei  Menschen—
alter,  so  lange  der  Parlamentarismus  noch  unreif  und  unfertig  dastand,
den  bewährtesten,  den  bestgesicherten  Theil  deutscher  Volksfreiheit  gebildet
haben.  Durch  Stein's  Reformen  wurde  der  lebendige  Gemeinsinn,  die
Freude  am  verantwortlichen  politischen  Handeln  wieder  im  deutschen
Bürgerthum  erweckt.  Ihnen  danken  wir,  daß  der  deutsche  constitutionelle
Staat  heute  auf  festem  Boden  steht,  daß  unsere  Anschauung  vom  Wesen
der  politischen  Freiheit,  so  oft  wir  auch  irrten,  doch  nie  so  leer  und
schablonenhaft  wurde  wie  die  Doctrinen  der  französischen  Revolution.
Durch  die  Verluste  des  Tilsiter  Friedens  war  Preußen  wieder  wesent—
lich  ein  Ackerbauland  geworden.  Darum  dachte  Stein  der  Städteordnung
so  bald  als  möglich  eine  Landgemeinde-Ordnung  folgen  zu  lassen.  Ein
von  Schrötter  und  dem  Ostpreußischen  Provinzialdepartement  verfaßter
Entwurf  lag  bereits  vollendet  vor.  Stein  verlangte  freie  Landgemeinden
mit  Schulzen  und  Dorfgerichten.  Die  letzten  und  stärksten  Stützen  der
altständischen  Gesellschaftsordnung,  die  gutsherrliche  Polizei  und  die  Pa—
trimonialgerichtsbarkeit,  mußten  fallen,  denn  Regierung  könne  nur  von
der  höchsten  Gewalt  ausgehen.  An  dem  althistorischen  Charakter  des
Landrathsamtes  änderten  Stein's  Pläne  nichts;  der  Landrath  sollte  wie
bisher  ein  Staatsdiener  sein,  aber  zugleich  ein  gering  besoldeter  Ehrenbeamter,
  ein  Grundbesitzer  aus  dem  Kreise  selbst,  der  Vertrauensmann
der  Kreiseingesessenen.  Nur  der  Umfang  der  Kreise  schien  dem  erfahrenen
Auge  des  Ministers  zu  groß  für  die  Kräfte  eines  Mannes,  und  er  erwog
  bereits  mit  seinem  Freunde  Vincke  die  Anstellung  mehrerer  Landräthe
in  jedem  Kreise;  sie  sollten  wie  die  englischen  Friedensrichter  von  Zeit  zu
Zeit  in  Quarter-Sessionen  zusammentreten.  Neben  dem  Landrathe  ein
Kreistag  aus  sämmtlichen  Rittergutsbesitzern  und  einigen  Abgeordneten
der  Städte  und  Dörfer.  Die  starke  Vertretung  des  großen  Grundbesitzes
  gebot  sich  von  selbst  in  einem  Augenblicke,  da  Jedermann  noch  bezweifelte,
  ob  der  rohe  „Rusticalstand“,  die  kaum  erst  freigewordenen  Bauern
überhaupt  fähig  seien  den  Kreistag  zu  beschicken.  Auch  für  diese  Reform
        <pb n="297" />
        Stein's  Verfassungsplan.  287

hatte  der  unermüdliche  Schrötter  schon  einen  ausführlichen  Plan  ent—
worfen,  der  im  Wesentlichen  von  denselben  Grundsätzen  ausging  wie
späterhin  die  Kreisordnung  von  1872.

Den  Oberpräsidenten  wollte  Stein  Provinziallandtage  an  die  Seite
stellen,  damit  die  Eigenart  und  die  Sonderinteressen  der  großen  Land—
schaften  innerhalb  der  Staatseinheit  zu  ihrem  Rechte  kämen.  Er  rühmte
sich  gern,  sein  Verfassungsplan  sei  auf  freies  Eigenthum  gegründet,  gebe
das  Wahlrecht  allen  „Eigenthümern“  —  und  dies  bedeutete  in  seinem
Munde  ausschließlich  oder  doch  überwiegend:  die  Grundbesitzer  in  Stadt
und  Land.  Mit  verwegener  Hand  hatte  er  die  rechtlichen  Schranken  zwischen
  den  alten  Ständen  niedergerissen,  es  gab  in  Preußen  keine  Geburtsstände
  mehr;  jedoch  über  die  thatsächlich  noch  vorhandenen,  im  Volksbewußtsein
  noch  lebendigen  Unterschiede  der  Berufsstände  und  Interessengruppen
  wollte  er  nicht  leichtfertig  hinweggehen.  Darum  forderte  er
ständische  Wahlen  für  die  Provinziallandtage,  dergestalt  daß  Ritterschaft,
Städte,  Bauerschaft  für  sich  ihre  Vertreter  ernennen  sollten,  und  verwarf
  die  Vorschläge  seines  schlesischen  Freundes  Rhediger,  die  von  der
alten  ständischen  Gliederung  gänzlich  absahen.  Ihm  war  es  genug,  wenn
die  Gesammtheit  der  Stadtbürger  und  der  Bauern  ständische  Vertretung
erhielt,  während  an  den  altständischen  Landtagen  nur  einige  bevorrechtigte
  Immediatstädte  und  von  den  Bauern  allein  die  ostpreußischen  Köllmer
theilgenommen  hatten.  Ein  erster  Schritt  nach  diesem  Ziele  hin  geschah
noch  unter  seiner  Verwaltung.  Ostpreußen  erhielt,  damit  „die  Regierung
durch  die  allgemeine  Intelligenz  unterstützt  werde",  eine  neue  Landschaftsordnung,
  die  den  Köllmern  gleiches  Recht  mit  den  Edelleuten  und  Zutritt
zu  den  landständischen  Ausschüssen  gewährte.

Ueber  diesen  neuen  Provinzialständen  sollten  endlich  die  preußischen
Reichsstände  stehen,  als  eine  Stütze  für  die  Krone,  als  das  unumgängliche
  Mittel  den  Nationalgeist  zu  erwecken  und  zu  beleben.  Der
alte  Absolutismus  fühlte  in  diesen  wilden  Zeiten  überall  seine  eigene
Ohnmacht.  Als  die  Bedrängniß  des  Staatshaushalts  den  Verkauf  der
Domänen  gebot,  wollte  der  König  die  Verantwortung  für  einen  so  gewagten
  Schritt  nicht  allein  auf  sich  nehmen;  er  ließ  daher  das  neue
Hausgesetz  über  die  Veräußerung  der  Domänen  den  Ständen  aller  Provinzen
  —  in  Schlesien,  das  keine  Stände  hatte,  den  Vertretern  der  Pfandbriefsinstitute
  und  einiger  Städte  —  zur  Mitunterzeichnung  vorlegen,  obgleich
  er  ausdrücklich  erklärte,  daß  er  dazu  nicht  verpflichtet  sei.  Ein  solcher
Zustand  der  Unsicherheit  des  öffentlichen  Rechts  durfte  nicht  dauern.
Stein  trug  sich  mit  dem  Plane  einer  großen  Steuerreform,  er  wollte
brechen  mit  der  ängstlichen  hausväterlichen  Sparsamkeit,  welche  die  Ausgaben
  nach  den  Einnahmen  bemaß,  und  auch  in  Preußen  den  kühnen
Grundsatz  einführen,  der  für  jede  Finanzwirthschaft  großen  Stiles  gilt,
daß  die  Einnahmen  sich  nach  den  Ausgaben  richten  sollen.  Für  diese
        <pb n="298" />
        288  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Reform  und  für  alle  die  anderen  Opfer,  die  er  sonst  noch  der  wiedererstehenden
  Nation  zudachte,  schien  ihm  der  Beistand  einer  reichsständischen
Versammlung  unentbehrlich;  nur  müsse  sie  vorläufig,  wegen  der  Unreife
des  Volks,  auf  das  Recht  der  Berathung  beschränkt  bleiben.

So  im  Wesentlichen  Stein's  Entwürfe  für  eine  Reform  an  Haupt  und
Gliedern  —  das  Größte  und  Kühnste,  was  der  politische  Idealismus  der
Deutschen  je  gedacht  hatte.  Durch  ähnliche  Pläne  hatte  einst  Turgot  die
nahende  Revolution  abzuwenden  gehofft,  doch  der  Entwurf  des  deutschen
Staatsmannes  überbot  die  Gedanken  des  Franzosen  weitaus  in  seiner
bescheidenen  Größe,  seiner  folgerechten  Bestimmtheit,  seiner  Schonung  für
den  historischen  Bestand.  Der  König  war  mit  Allem  einverstanden,  am  wenigsten
  mit  der  Berufung  der  Reichsstände.  Nicht  als  ob  er  die  Beschränkung
seiner  Macht  gefürchtet  hätte;  doch  der  Lärm  der  Debatte,  die  Leidenschaft
des  parlamentarischen  Kampfes,  die  Nothwendigkeit,  selber  öffentlich  aufzutreten,
  war  seiner  Schüchternheit  peinlich.  Aufgewachsen  in  den  Ueberlieferungen
  eines  milden  Absolutismus,  voll  Widerwillens  gegen  die  Sünden
der  Revolution,  konnte  er  von  der  Unentbehrlichkeit  des  Repräsentivsystems
sich  noch  nicht  vollständig  überzeugen.  In  der  That  schien  es  fraglich,  ob
die  Reichsstände,  bei  dem  kläglichen  Zustande  der  politischen  Bildung,
nicht  eher  hemmend  als  fördernd  wirken  würden.  Von  dem  Adel,  der
doch  nach  Stein's  Entwürfen  das  mächtigste  Glied  des  Vereinigten  Landtags
  bilden  sollte,  stand  die  freie  Zustimmung  zu  einem  gerechteren  Stenersysteme
  und  zu  den  anderen  Neuerungsplänen  des  Ministers  schwerlich
zu  erwarten.  Auch  die  Städter  und  die  Bauern  bewiesen  nur  zu  oft,
wie  wenig  sie  den  Reformgedanken  der  Krone  zu  folgen  vermochten.

Wenn  aber  Stein's  gewaltiger  Wille  am  Ruder  blieb,  wenn  die  Reform,
  wie  er  plante,  schrittweis  vorging,  wenn  zunächst  durch  die  Aufhebung
  der  gutsherrlichen  Polizei  die  Herrenstellung  des  Adels  auf  dem
flachen  Lande  zerstört  wurde  und  dann  über  den  befreiten  Gemeinden  die
Kreistage  und  die  Provinziallandtage  sich  erhoben,  so  durfte  er  hoffen,
den  König  zu  der  Erkenntniß  zu  bringen,  daß  die  Berufung  einer  reichsständischen
  Versammlung  um  der  Staatseinheit  willen  geboten  sei  als  ein
Gegengewicht  gegen  die  centrifugalen  Kräfte  der  Provinzialstände.  Und  so
konnte  durch  den  freien  Entschluß  der  Krone  der  Uebergang  von  der  absoluten
  Monarchie  zum  Repräsentativsystem  vollzogen,  dem  preußischen
Staate  vielleicht  ein  Menschenalter  tastender  Versuche  erspart  werden.
Stein  baute  auf  die  wachsende  Einsicht  in  dem  treuen,  gutherzigen  Volke.
Die  tiefe  Kluft,  welche  die  überfeinerte,  weltfremde  Bildung  der  Gelehrten
von  der  gründlichen  Roheit  der  Massen  trennte,  entging  seinem  Blicke
nicht;  er  dachte  sie  zu  überbrücken  durch  die  Neugestaltung  des  Unterrichtswesens,
  und  nur  sein  plötzlicher  Sturz  ließ  diese  Pläne  nicht  zur  Reife
kommen.  Daß  auch  dieser  Zweig  der  inneren  Verwaltung  seinem  freien,
umfassenden  Geiste  nicht  fremd  war,  hatte  er  schon  vor  Jahren  in  Mün-
        <pb n="299" />
        Scharnhorst.  289

ster  bewiesen,  als  er  dort  den  Jesuitismus  auf  der  Hochschule  bekämpfte
und  an  der  erstarrten  Universität  ein  neues  Leben  erweckte.  —

Hand  in  Hand  mit  der  Verwaltungsreform  ging  die  Neugestaltung  des
Heeres,  ebenfalls  unter  Stein's  persönlicher  Theilnahme.  Der  König  selbst
gab  den  ersten  Anstoß.  Auf  diesem  seinem  eigensten  Gebiete  behielt  er
immer  die  unmittelbare  Leitung  in  der  Hand,  zeigte  stets  treffendes  Ur—
theil  und  eindringende  Sachkenntniß.  Schon  im  Juli  1807  berief  er
Scharnhorst  zum  Vorsitzenden  einer  Commission  für  die  Reorganisation
der  Armee  und  legte  ihr  eine  eigenhändige  Denkschrift  vor,  worin  er  alle  die
wunden  Stellen  des  Heerwesens  mit  sicherem  Griffe  heraushob,  die  Mittel
der  Heilung  richtig  angab.  Zu  Scharnhorst  aber  gesellte  sich  eine  Schaar
jüngerer  Talente,  die,  wie  er,  der  gesammten  geistigen  Arbeit  der  Zeit  mit
lebendigem  Verständniß  folgten,  staatsmännische  Köpfe,  die  das  Heer  als  eine
Schule  des  Volks,  die  Kriegskunde  als  einen  Zweig  der  Politik  betrachteten.
Ihr  stilles  Wirken  hat  nicht  nur  die  Waffen  geschliffen  für  den  Kampf
der  Befreiung,  sondern  auch  die  preußische  Armee  wieder  in  Einklang  ge—
bracht  mit  der  neuen  Cultur,  dem  deutschen  Heerwesen  für  alle  Zukunft
den  Charakter  ernster  Bildung,  geistiger  Frische  und  Rührigkeit  aufgeprägt.

Eine  merkwürdige,  instinctive  Uebereinstimmung  der  sittlichen  und  poli—
tischen  Ueberzeugungen  verband  diese  Offiziere  von  Haus  aus  mit  dem  leiten—
den  Staatsmanne.  Klang  es  doch  wie  ein  Bekenntniß  aus  Stein's  eignem
Munde,  wenn  Gneisenau,  gegenüber  den  Menschenrechten  der  Franzosen,
die  Mäßigung  anrief:  „begeist're  Du  das  menschliche  Geschlecht  für  seine
Pflicht  zuerst,  dann  für  sein  Recht!“  Wie  der  Schüler  Adam  Smith's
den  Grundsatz  der  Arbeitstheilung  nicht  unbedingt  auf  die  Staatsverwaltung
anwenden  wollte,  sondern  die  Geschäftsgewandtheit  des  Berufsbeamtenthums
  geringer  schätzte  als  die  in  der  Selbstverwaltung  bewährte  Mündigkeit
  des  Volks,  so  lebten  auch  diese  militärischen  Fachmänner  des  Glaubens,
  daß  im  Kriege  zuletzt  die  sittlichen  Mächte  entscheiden.  Wie  hoch  sie
den  Werth  der  gründlichen  technischen  Ausbildung  anschlugen,  höher  stand
ihnen  doch,  nach  Scharnhorst's  Worten,  die  innige  Verbindung  der  Armee
mit  der  Nation.  Auch  ihnen,  wie  dem  Minister,  galt  als  der  Eckstein  aller
Freiheit  das  alte  deutsche:  selbst  ist  der  Mann!  „Man  muß“  —  aoö  schrieb
Scharnhorst  bald  nach  dem  Frieden  —  „der  Nation  das  Gefühl  der
Selbständigkeit  einflößen,  man  muß  ihr  Gelegenheit  geben,  daß  sie  mit  sich
selbst  bekannt  wird,  daß  sie  sich  ihrer  selbst  annimmt;  nur  erst  dann  wird
sie  sich  selbst  achten  und  von  Anderen  Achtung  zu  erzwingen  wissen.
Darauf  hinzuarbeiten,  dies  ist  Alles  was  wir  können.  Die  Bande  des
Vorurtheils  lösen,  die  Wiedergeburt  leiten,  pflegen  und  in  ihrem  freien
Wachsthum  nicht  hemmen,  weiter  reicht  unser  hoher  Wirkungskreis  nicht."

Scharnhorst  war  längst  der  anerkannt  erste  Militärschriftsteller,  der
größte  Gelehrte  unter  den  deutschen  Offizieren;  aber  auch  ein  seltener
Reichthum  praktischer  Erfahrungen  stand  ihm  nach  einem  wechselreichen

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  19
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        290  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Leben  zu  Gebote.  Er  hatte  in  allen  Waffengattungen,  im  Generalstabe
und  in  den  Militärbildungsanstalten  gedient.  Er  lernte,  als  er  auf  der
Kriegsschule  des  Wilhelmsteins  seinen  ersten  militärischen  Unterricht  empfing,
  jene  berühmte  kleine  Mustertruppe  kennen,  welche  sich  der  geistvolle
alte  Kriegsheld  Graf  Wilhelm  von  Bückeburg  aus  der  gesammten  waffenfähigen
  Jugend  seines  Ländchens  gebildet  hatte;  dann  wurde  er  als  hannoverscher
  Offizier  auf  dem  niederländischen  Kriegsschauplatze  genau  vertraut
  mit  der  englischen  Armee,  die  unter  allen  europäischen  Heeren  noch
am  treuesten  den  Charakter  des  alten  Söldnerwesens  bewahrte;  er  zog  zu
Felde  gegen  die  lockeren  Milizen  der  Republik  wie  gegen  das  wohlgeschulte
Conscriptionsheer  Napoleon's  und  stand  im  Kriege  von  1806  der  Heeresführung
  nahe  genug  um  die  Gebrechen  der  fridericianischen  Armee,  die
letzten  Gründe  ihres  Unterganges  ganz  zu  durchschauen.  Jene  stramme
soldatische  Haltung,  wie  sie  der  König  von  seinen  Offizieren  verlangte,
war  dem  einfachen  Niedersachsen  fremd.  In  unscheinbarer,  fast  nachlässiger
  Kleidung  ging  er  daher,  den  Kopf  gesenkt,  die  tiefen  sinnenden
Denkeraugen  ganz  in  sich  hineingekehrt.  Das  Haar  fiel  ungeordnet  über
die  Stirn  herab,  die  Sprache  klang  leise  und  langsam.  In  Hannover  sah
man  ihn  oft,  wie  er  an  dem  Bäckerladen  beim  Thore  selber  anklopfte  und
dann  mit  Weib  und  Kindern  draußen  unter  den  Bäumen  der  Eilenriede
zufrieden  sein  Vesperbrot  verzehrte.  So  blieb  er  sein  Leben  lang,  schlicht  und
schmucklos  in  Allem.  Die  Einfalt  des  Ausdrucks  und  der  Empfindung
in  seinen  vertraulichen  Briefen  erinnert  an  die  Menschen  des  Alterthums;
auch  in  seinen  Schriften  ist  ihm  die  Sache  Alles,  die  Form  nichts.  Doch
die  Ueberlegenheit  eines  mächtigen,  beständig  productiven  und  durchaus
selbständigen  Geistes,  der  Adel  einer  sittlichen  Gesinnung,  die  gar  nicht
wußte  was  Selbstsucht  ist,  verbreiteten  um  den  schlichten  Mann  einen
Zauber  natürlicher  Hoheit,  der  die  Gemeinen  abstieß,  hochherzige  Menschen
langsam  und  sicher  anzog.  Seine  Tochter,  Gräfin  Julie  Dohna,  dankte
dem  frühverwittweten  Vater  Alles,  man  nannte  sie  eine  königliche  Frau
und  nahm  sie  in  der  vornehmen  Gesellschaft  auf  als  müßte  es  so  sein.
Dem  Könige  war  die  gleichmäßige  Ruhe  des  Generals  behaglicher  als
Stein's  aufregendes  und  aufgeregtes  Wesen;  Keiner  unter  seinen  Räther
stand  ihm  so  nahe.  Scharnhorst  erwiderte  das  Vertrauen  seines  königlichen
Freundes  mit  unbedingter  Hingebung;  er  fand  es  niedrig,  jetzt  noch  vergangener
  Fehler  zu  gedenken,  er  bewunderte  die  Seelenstärke  des  unglücklichen
Monarchen  und  hat  in  seiner  Treue  nie  geschwankt,  auch  dann  nicht,  als
manche  seiner  Freunde  in  ihrer  patriotischen  Ungeduld  an  dem  bedachtsamen
Fürsten  irr  wurden.  Ein  echter  Niederdeutscher,  war  er  schamhaften  Gemüthes,
  still  und  verschlossen  von  Natur;  das  Lob  klang  ihm  fast  wie
eine  Beleidigung,  ein  zärtliches  Wort  wie  eine  Entweihung  der  Freundschaft.
Nun  führte  ihn  das  Leben  einen  rauhen  Weg,  immer  zwischen  Feinden
hindurch;  in  Hannover  hatte  der  Plebejer  mit  der  Mißgunst  des  Adels,  in
        <pb n="301" />
        Scharnhorst's  Freunde.  291

Preußen  der  Neuerer  mit  dem  Dünkel  der  alten  Generale  zu  kämpfen.  Als
ihn  jetzt  das  Vertrauen  des  Königs,  die  allgemeine  Stimme  der  Armee
an  die  Spitze  des  Heerwesens  stellten,  da  mußte  er  fünf  Jahre  lang  das
finstere  Handwerk  des  Verschwörers  treiben,  unter  den  Augen  des  Feindes
für  die  Befreiung  rüsten.  So  lernte  er  jedes  Wort  und  jede  Miene  zu  be—
herrschen,  und  der  einfache  Mann,  der  für  sich  selber  jeden  Winkelzug  ver—
schmähte,  wurde  um  seines  Landes  willen  ein  Meister  in  den  Künsten  der
Verstellung,  ein  unergründlicher  Schweiger,  listig  und  menschenkundig.  Mit
einem  raschen  forschenden  Blicke  las  er  dem  Eintretenden  sofort  die  Hinter—
gedanken  von  den  Augen  ab,  und  galt  es  ein  Geheimniß  des  Königs  zu  ver—
stecken,  dann  wußte  er  mit  halben  Worten  Freund  und  Feind  auf  die  falsche
Fährte  zu  locken.  Die  Offiziere  sagten  wohl,  seine  Seele  sei  so  faltenreich
wie  sein  Gesicht;  er  gemahnte  sie  an  jenen  Wilhelm  von  Oranien,  der  einst
in  ähnlicher  Lage,  still  und  verschlagen,  den  Kampf  gegen  das  spanische
Weltreich  vorbereitet  hatte.  Und  wie  der  Oranier,  so  barg  auch  Scharnhorst
in  verschlossener  Brust  die  hohe  Leidenschaft,  die  Kampflust  des  Helden;  sie
hatte  ihm  während  des  jüngsten  Krieges  die  Freundschaft  des  thatenfrohen
Blücher  erworben.  Er  kannte  die  Furcht  nicht,  er  wollte  nicht  wissen,  wie
sinnbethörend  die  Angst  nach  einer  Niederlage  wirken  kann;  in  den  Kriegsgerichten
  war  sein  Urtheilsspruch  immer  der  strengste,  schonungslos  hart  gegen
Zagheit  und  Untreue.  Räthselhaft  und  doch  harmonisch  verbanden  sich  in
dieser  großen  Seele  kleinbürgerliche  Schlichtheit  und  weltumspannender
Weitblick,  Friedenssehnsucht  und  Kriegsmuth,  menschenfreundliche  Herzensweichheit
  und  die  dämonische  Kraft  des  Nationalhasses.  Niemand  vielleicht
  hat  die  Bitterniß  jener  Zeit  in  so  verzehrenden  Qualen  empfunden
wie  dieser  Schweigsame;  Tag  und  Nacht  folterte  ihn  der  Gedanke  an  die
Schande  seines  Landes.  Alle  nahten  ihm  mit  Ehrfurcht,  denn  sie  fühlten
unwillkürlich,  daß  er  die  Zukunft  des  Heeres  in  seinem  Haupte  trage.
Unter  den  Männern,  die  ihm  bei  der  Reorganisation  des  Heeres
zur  Hand  gingen,  sind  vier  gleichsam  die  Erben  seines  Geistes  geworden,
so  daß  Jeder  einen  Theil  von  der  umfassenden  Begabung  des  Meisters
überkam:  die  Feldherrennaturen  Gneisenau  und  Grolman,  der  Organisator
  Boyen,  der  Gelehrte  Clausewitz  —  alle  Vier,  wie  Scharnhorst  selber,
arm,  genügsam,  bedürfnißlos,  ohne  jede  Selbstsucht  allein  der  Sache
dienend  und  bei  allem  Freimuth  tief  innerlich  bescheiden,  wie  es  dem  begabten
  Soldaten  natürlich  ist;  denn  das  einsame  Schaffen  des  Künstlers
und  des  Gelehrten  verführt  leicht  zur  Eitelkeit,  der  Soldat  wirkt  nur  als
ein  Glied  des  großen  Ganzen  und  kann  nicht  zeigen  was  er  vermag,  wenn
ihn  das  unerforschliche  Schicksal  nicht  zur  rechten  Zeit  an  die  rechte  Stelle
führt.  Allzu  bescheiden  nannte  sich  Gneisenau  selber  nur  einen  Pygmäen
neben  dem  Riesen  Scharnhorst.  Ihm  fehlte  die  schwere  Gelehrsamkeit  des
Meisters  und  er  empfand,  gleich  so  vielen  Männern  der  That,  die  Lücken
seines  Wissens  wie  ein  Gebrechen  der  Begabung;  dafür  besaß  er  in  weit
19  *
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        292  I.  3.  Preußens  Erhebung.

höherem  Maße  die  begeisternde  Zuversicht  des  Helden,  jenen  freudigen
Fatalismus,  der  den  Feldherrn  macht.  Wie  stolz  und  sicher  spannte  er
jetzt  seine  Segel  aus,  da  er  endlich  nach  den  Irrfahrten  einer  leidenschaftlichen
  Jugend  und  nach  der  langen  traurigen  Windstille  des  subalternen
Dienstes  auf  die  hohe  See  des  Lebens  gelangt  war.  Jede  Aufgabe,  die  ihm
das  Schicksal  bot,  griff  er  mit  glücklichem  Leichtsinn  an,  unbedenklich  übernahm
  der  Infanterist  das  Commando  der  Ingenieure  und  die  Aussicht
über  die  Festungen.  Während  Scharnhorst  bedächtig  die  Gefahren  des
nächsten  Tages  erwog,  dachte  Gneisenau  immer  mit  glühender  Sehnsucht
an  die  Stunde  der  Erhebung  und  hieß  auch  die  Narren  freundlich  willkommen,
  wenn  sie  nur  mithelfen  wollten  bei  der  großen  Verschwörung.

Eine  verwandte  Natur  war  Grolman,  hochherzig,  hell  und  freudig,
scharf  und  schonungslos  in  That  und  Rede,  geschaffen  für  das  Schlachtgewühl,
  für  das  kühne  Ergreifen  der  Gunst  des  Augenblicks;  doch  er  sollte
die  Grausamkeit  des  Soldatenschicksals  schwer  erfahren  und  niemals  im
Kriege  an  erster  Stelle  stehen.  In  der  Weise  seines  Auftretens  schien
Boyen  dem  General  am  ährlichsten,  ein  ernsthafter,  verschlossener  Ostpreuße,
  der  zu  den  Füßen  von  Kant  und  Kraus  gesessen  hatte,  auch  als
Poet  mit  der  neuen  Literatur  in  regem  Verkehre  stand.  Nur  die  feurigen
Augen  unter  den  buschigen  Brauen  verriethen,  welche  stürmische  Verwegenheit
  in  dem  einfachen,  wortkargen  Manne  schlummerte.  Er  hat  die  organisatorischen
  Ideen  Scharnhorst's  nach  seiner  stillen  Art  in  sich  verarbeitet
und  fortgebildet  und  nach  den  Kriegen  dem  neuen  Volksheere  seine  bleibende
  Verfassung  gegeben.  Der  Jüngste  endlich  aus  diesem  Freunde  kreise,
Carl  von  Clausewitz,  war  mehr  als  die  Aelteren  ein  vertrauter  Schüler
Scharnhorst's,  tief  eingeweiht  in  die  neuen  kriegswissenschaftlichen  Theorien,
womit  jener  sich  trug;  nachher  hat  er  sie  selbständig  ausgestaltet  und
durch  eine  Reihe  von  Werken,  deren  classische  Form  die  Schriften  des
Meisters  weit  übertraf,  der  Lehre  vom  Kriege  ihren  Platz  in  der  Reihe
der  Staatswissenschaften  gesichert.  Ein  großer  wissenschaftlicher  Kopf,  ein
Meister  des  historischen  Urtheils  war  er  vielleicht  zu  kritisch  und  nachdenklich
  um  so  beherzt  wie  Gneisenau  das  Glück  der  Schlachten  bei  der
Locke  zu  fassen,  aber  keineswegs  bloß  ein  Mann  der  Bücher,  sondern  ein
praktischer,  tapferer  Soldat,  der  mit  offenem  Auge  in  das  Getümmel  des
Lebens  schaute.  Soeben  kehrte  er  mit  dem  Prinzen  August  aus  der  Kriegsgefangenschaft
  zurück.  Dort  in  Frankreich  hatte  sich  seine  Liebe  für  die
jugendliche  Wahrhaftigkeit  und  Frische  der  Germanen  bis  zum  Enthusiasmus
  gesteigert;  er  brachte  die  Ueberzeugung  mit  heim:  diese  Franzosen  seien
im  Grunde  noch  immer  ein  ebenso  unmilitärisches  Volk  wie  einst  in  den
Tagen  der  Hugenottenkriege,  da  sie  vor  den  deutschen  Lansquenets  und
Reitres  zitterten;  wie  könne  der  uralte  Charakter  der  Nationen  sich  in
zehn  Jahren  verändern?  wie  sollten  die  hundertmal  Besiegten  auf  die
Dauer  das  waffenmächtige  Deutschland  beherrschen?
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        Reorganisation  der  Armee.  293

Mit  solchen  Kräften  schritt  der  König  an  das  Werk  der  Wiederher—
stellung.  Die  ganze  Armee  wurde  neu  formirt.  Sechs  Brigaden,  zwei
schlesische,  zwei  altpreußische,  je  eine  aus  Pommern  und  den  Marken,  das
war  Alles  was  von  dem  fridericianischen  Heere  noch  übrig  blieb,  das  war
der  letzte  Anker  für  Deutschlands  Hoffnungen.  Der  Zopf  fiel  hinweg,  die
Truppen  erhielten  zweckmäßigere  Waffen  und  Kleider,  die  Künste  des  Paradeplatzes
  traten  zurück  hinter  der  angestrengten  Arbeit  des  Felddienstes.  Alle
Vorräthe  mußten  von  Neuem  angeschafft  werden;  Napoleon's  Marschälle
hatten  die  Ausplünderung  mit  solcher  Gründlichkeit  besorgt,  daß  die  schlesische
Artillerie  einmal  monatelang,  aus  Mangel  an  Pulver,  ihre  Schießübungen
einstellen  mußte.  Eine  Untersuchungskommission  prüfte  das  Verhalten
jedes  einzelnen  Offiziers  im  Kriege,  entfernte  unerbittlich  die  Schuldigen
  und  Verdächtigen.  Gneisenau  forderte  in  der  Zeitschrift  „der  Volksfreund“,
  die  der  wackere  Bärsch  herausgab,  die  Freiheit  des  Rückens  für  die
Armee,  fragte  bitter,  ob  der  preußische  Soldat  den  Antrieb  zum  Wohlverhalten
  auch  fernerhin  im  Holze  suchen  solle,  statt  im  Ehrgefühle.  Seine
Meinung  drang  durch;  die  neuen  Kriegsartikel  beseitigten  die  alten  grausamen
  Körperstrafen.  Wie  hatte  sich  doch  die  Welt  verwandelt,  daß  jetzt  preu-Pische
  Offiziere  in  der  Presse  die  Mängel  des  Heerwesens  besprechen  durften!

In  einem  anderen  Zeitungsaufsatze  schilderte  Gneisenau  sarkastisch,
wie  bequem  es  doch  für  die  adlichen  Eltern  sei,  daß  ihre  Söhne  schon
im  Kindesalter  als  Junker  die  Soldaten  des  Königs  befehligen  dürften.
Er  sprach  damit  nur  aus  was  alle  verständigen  Offiziere  dachten.  Die
Beseitigung  der  Junkerstellen  sowie  aller  andern  Vorrechte  des  Adels  im
Heere  ergab  sich  von  selbst  aus  dem  Geiste  der  neuen  Gesetzgebung,  und
da  man  die  Tüchtigkeit  der  jugendlichen  Heerführer  Napoleon's  kennen  gelernt,
  so  verlangte  mancher  Heißsporn  die  Nachahmung  des  vielgerühmten
freien  Avancements  der  Franzosen.  Scharnhorst  aber  ging  seines  eigenen
Wegs;  er  durchschaute,  welche  sittlichen  Schäden  der  napoleonische  Grundsatz
  „iunge  Generale,  alte  Hauptleute“  hervorgerufen,  wie  viel  rohe,  unsaubere
  Elemente  sich  in  die  unteren  Schichten  des  französischen  Offizierscorps
  eingedrängt,  und  wie  bedenklich  dort  ein  zügelloser  Ehrgeiz  die
Bande  der  treuen  Kameradschaft  gelockert  hatte.  Der  deutsche  Bauernsohn
  wußte  wohl,  warum  Washington  den  Amerikanern  zugerufen:  nehmt
nur  Gentlemen  zu  Offizieren  —  warum  König  Friedrich  Wilhelm  I.  seinen
Offizieren  erlaubt  hatte  dann  nicht  zu  gehorchen,  wenn  ihnen  etwas  gegen
die  Ehre  angesonnen  würde.  Er  wollte  den  alten  aristokratischen  Charakter
des  preußischen  Offizierscorps  nicht  zerstören,  sondern  nur  die  Aristokratie
der  Bildung  an  die  Stelle  des  adlichen  Vorrechts  setzen.

Das  Reglement  vom  6.  August  1808  über  die  Besetzung  der  Stellen
der  Portepeefähnriche  stellte  den  Grundsatz  auf:  im  Frieden  gewähren  nur
Kenntnisse  und  Bildung,  im  Kriege  nur  ausgezeichnete  Tapferkeit  und  Umsicht
  einen  Anspruch  auf  die  Offiziersstellen;  keine  Junker  mehr,  dafür  Por-
        <pb n="304" />
        294  I.  3.  Preußens  Erhebung.

tepeefähnriche,  die  erst  im  siebzehnten  Jahre  und  nach  einer  wissenschaftlichen
  Prüfung  zugelassen  werden,  erst  nach  einer  zweiten  Prüfung  und  auf
Vorschlag  des  Offizierscorps  die  Epauletten  erlangen  können.  Den  Offizieren
  schärfte  der  König  ein,  sie  sollten  sich  ihre  ehrenvolle  Bestimmung,
die  Erzieher  und  Lehrer  eines  achtbaren  Theiles  der  Nation  zu  sein,  immer
vergegenwärtigen.  In  den  unteren  Graden  bis  zum  Hauptmann  erfolgte
das  Aufrücken  in  der  Regel  nach  dem  Dienstalter;  bei  der  Auswahl  der
Stabsoffiziere  und  bei  der  Besetzung  der  höheren  Commandos  entschied
das  Verdienst  allein.  Durch  diese  unscheinbaren  Vorschriften  erhielt  der
Offiziersstand  eine  neue  Verfassung,  die  uns  heute  selbstverständlich  erscheint,
  während  sie  doch  einen  unterscheidenden  nationalen  Charakterzug
des  deutschen  Heerwesens  bildet.  Jetzt  erst  wurde  das  Offizierscorps  dem
Civilbeamtenthum  innerlich  gleichartig,  durch  einen  geistigen  Census  über
die  Mannschaft  erhoben.  Dem  Talente  war  die  Aussicht  auf  rasches  Aufsteigen
  eröffnet,  doch  die  langsame  Beförderung  auf  den  niederen  Stufen,
die  Gleichheit  der  Bildung  und  der  Lebensgewohnheiten  bewirkten,  daß
sich  Jeder  schlechtweg  als  Offizier  fühlte,  ein  aristokratisches  Standesbewußtsein
  alle  Glieder  des  Corps  durchdrang.  Die  sociale  Schranke,
welche  in  Frankreich  den  aus  der  Mannschaft  emporgestiegenen  Capitän
von  seinen  gebildeten  Kameraden  trennte,  konnte  hier  nicht  entstehen.
Für  Niemand  wurde  die  Umgestaltung  des  Heerwesens  so  folgenreich
  wie  für  die  alten  Geschlechter  vom  Landadel,  die  noch  immer  den
Stamm  des  Offizierscorps  bildeten.  Es  währte  noch  viele  Jahre,  bis
die  thatsächliche  Begünstigung  des  Adels  in  der  Armee  aufhörte.  Aber
der  Grundsatz  stand  doch  fest,  daß  auch  der  Edelmann  durch  den  Nachweis
  wissenschaftlicher  Kenntnisse  sich  das  Offizierspatent  erwerben  mußte,
und  den  neuen  schärferen  Anordnungen  des  Dienstes  konnten  nur  Männer
von  einiger  Bildung  genügen.  Der  Staatsdienst  bot  dem  völlig  Unwissenden
  nirgends  mehr  ein  Unterkommen,  die  Reformer  nannten  das
neue  Preußen  zuweilen  schon  einen  Staat  der  Intelligenz.  Erst  durch
Scharnhorst  wurde  die  naturwüchsige  Roheit  des  ostdeutschen  Junkerthums
völlig  gebrochen,  was  dem  Cadettenhause  Friedrich  Wilhelm's  I.  nur  halb
gelungen  war.  Das  alte  Geschlecht,  das  die  Federfuchser  verhöhnte,  starb
hinweg,  der  junge  Nachwuchs  kannte  und  achtete  die  Macht  des  Wissens.
Allen  diesen  Reformen  lag  der  Gedanke  zu  Grunde,  daß  die  Armee
fortan  das  Volk  in  Waffen  sein  solle,  ein  nationales  Heer,  dem  jeder
Wehrfähige  angehöre.  Die  Werbung  wurde  abgeschafft,  die  Aufnahme  von
Ausländern  verboten,  nur  einzelne  Freiwillige  von  deutschem  Blute  ließ
man  zu.  Die  neuen  Kriegsartikel  und  die  Verordnung  über  die  Militärstrafen
  hoben  sogleich  mit  der  Verheißung  an,  künftig  würden  alle  Unterthanen,
  auch  junge  Leute  von  guter  Erziehung,  als  gemeine  Soldaten
dienen,  und  begründeten  damit  die  Nothwendigkeit  einer  milderen  Behandlung
  der  Mannschaft.  Ueber  die  Verwerflichkeit  der  alten  Befreiungen  vom
        <pb n="305" />
        Das  Volk  in  Waffen.  295

Waffendienste  waren  alle  denkenden  Offiziere  einig.  Der  Gedanke  der
allgemeinen  Wehrpflicht  war  schon  vor  dem  Kriege  von  Scharnhorst  selbst,
von  Boyen,  Lossau  und  anderen  Offizieren  vertheidigt,  von  dem  Könige  selbst
reiflich  erwogen  worden;  während  des  unglücklichen  Feldzugs  hatte  er  dann
in  der  Stille  seinen  Weg  gemacht,  und  jetzt  war  jedem  einsichtigen  Soldaten
klar,  daß  der  ungleiche  Kampf  nur  mit  dem  Aufgebote  der  gesammten  Volks—
kraft  wieder  aufgenommen  werden  konnte.  Gleich  nach  dem  Frieden  bat
Blücher  seinen  lieben  Scharnhorst  „vor  einer  National-Armee  zu  sorgen,
Niemand  auf  der  Welt  muß  eximirt  sein,  es  muß  zur  Schande  gereichen,  wer
nicht  gedient  hat“.  Prinz  August  sendete  noch  aus  der  Kriegsgefangenschaft
einen  Plan  für  die  Neubildung  des  Heeres,  worin  die  allgemeine  Wehrpflicht
als  leitender  Gedanke  obenan  stand.  Scharnhorst  aber  wußte,  was  die
meisten  der  Zeitgenossen  ganz  vergessen  hatten,  daß  damit  nur  ein  altpreußi—
scher  Grundsatz  erneuert  wurde.  Er  erinnerte  den  König  daran,  sein  Ahn—
herr  Friedrich  Wilhelm  J.  habe  zuerst  unter  allen  Fürsten  Europas  die  all—
gemeine  Conscription  eingeführt;  dieser  Grundsatz  habe  Preußen  einst  groß
gemacht  und  sei  in  Oesterreich  und  Frankreich  nur  nachgeahmt  wordeng  jetzt
erscheine  es  geboten,  zu  dem  altpreußischen  Systeme  zurückzukehren  und  den
Mißbrauch  der  Exemtionen  kurzerhand  hinwegzufegen;  nur  so  bilde  sich
eine  wahre  stehende  Armee,  eine  solche  die  man  jederzeit  in  gleicher  Größe
erhalten  könne.  Fast  genau  mit  den  Worten  des  alten  Soldatenkönigs
begann  Scharnhorst  seinen  Entwurf  für  die  Bildung  einer  Reserve-Armee
also:  §  1.  Alle  Bewohner  des  Staates  sind  geborene  Vertheidiger  desselben.

Die  preußischen  Offiziere  faßten  den  Gedanken  der  allgemeinen  Dienstpflicht
  von  Haus  aus  in  einem  freieren  und  gerechteren  Sinne  auf  als
vormals  die  Bourgeois  der  französischen  Dircctorialregierung.  Die  Besiegten
  dachten  zu  stolz  um  die  Institutionen  des  Siegers  einfach  nachzuahmen.
  Man  hatte  es  ertragen,  daß  der  Befehl  des  Königs  einzelne  Volksklassen
  kraft  ihrer  Standesprivilegien  oder  aus  volkswirthschaftlichen
Rücksichten  von  der  Cantonspflicht  befreite.  Aber  die  Vorstellung,  daß  der
Bemittelte  sich  von  der  Dienstpflicht  loskaufen,  ein  Unterthan  für  den  anderen
seine  Haut  zu  Markte  tragen  solle,  war  ganz  und  gar  unpreußisch,  widersprach
  allen  Traditionen  der  Armee.  Das  französische  System  der  Stellvertretung
  wurde  wohl  von  einigen  Civilbeamten,  aber  von  keinem  einzigen
namhaften  Offizier  empfohlen.  Man  dachte  demokratischer  als  die  Erben
der  Revolution,  verlangte  kurz  und  gut  die  Wehrpflicht  für  Alle  —  und
nicht  bloß  als  ein  Kriegsmittel  für  den  Befreiungskampf,  sondern  als  eine
dauernde  Institution  zur  Erziehung  des  Volkes.  Ein  Verächter  aller
müßigen  militärischen  Künstelei  blieb  Scharnhorst  doch  ein  streng  geschulter
Fachmann;  er  wußte,  wie  wenig  die  Begeisterung  allein  die  Ausdauer,
die  Kunstfertigkeit,  die  Mannszucht  des  geübten  Soldaten  ersetzen  kann.
Aus  seiner  reichen  Geschichtskenntniß  hatte  er  die  Ueberzeugung  gewonnen,
je  weicher  die  Sitten  würden,  um  so  nöthiger  sei  den  Nationen  die  mili-
        <pb n="306" />
        296  I.  3.  Preußens  Erhebung.

tärische  Erziehung,  damit  die  männlichen  Tugenden  einfacher  Zeiten  der  Culturwelt
  erhalten  blieben,  die  rüstige  Kraft  des  Leibes  und  des  Willens  den
fein  Gebildeten  nicht  verloren  gehe.  Mit  hellem  Jubel  ging  Gneisenau
auf  diese  mannhafte  Anschauung  des  historischen  Lebens  ein;  er  wollte
die  militärischen  Uebungen  schon  in  der  Volksschule  beginnen  lassen,  dann
sei  der  Heldenruhm  der  Spartaner  für  die  moderne  Menschheit  nicht  mehr
unerreichbar.  Allen  Freunden  Scharnhorst's  aus  der  Seele  schrieb  Boyen
die  Verse:  wehrhaft  sei  im  ganzen  Lande  jeder  Mann  mit  seinem  Schwert,
denn  es  ziemet  jedem  Stande  zu  vertheidigen  Thron  und  Herd!

Ueber  den  Grundsatz  also  bestand  kein  Zweifel.  Doch  wie  die  unüberwindlichen
  Schwierigkeiten,  welche  sich  der  Ausführung  entgegenstellten,
besiegen?  Die  Söhne  der  gebildeten  Klassen  in  Friedenszeiten  ohne  Weiteres
in  das  stehende  Heer  einzureihen  erschien  dieser  Zeit,  die  soeben  erst  der
Barbarei  der  alten  Kriegszucht  entwuchs,  als  eine  unerträgliche  Härte;
und  zudem  erzwang  Napoleon  im  September  1808  den  Pariser  Vertrag,
kraft  dessen  der  mißhandelte  Staat  sich  verpflichten  mußte,  nicht  mehr  als
42,000  Mann  Truppen  zu  halten.

So  blieb  nur  übrig,  den  Eroberer  zu  überlisten,  die  Verträge  zu  umgehen
  und  neben  dem  stehenden  Heere  eine  Reserve-Armee,  eine  Landwehr
  für  Kriegsfälle  zu  schaffen.  Aber  auch  zu  diesem  Ziele  war  der  gerade
Weg  versperrt.  Scharnhorst  erkannte  sofort,  das  Einfachste  sei  die  Landwehr
  durch  die  Schule  des  stehenden  Heeres  gehen  zu  lassen,  die  Reserve-Armee
  aus  ausgedienten  Soldaten  zu  bilden.  Und  doch  war  dies  für
jetzt  unmöglich.  Die  Einstellung  einer  so  großen  Anzahl  von  Rekruten
hätte  alsbald  den  Argwohn  Napoleon's  erregt,  und  überdies  konnte  eine  so
gebildete  Landwehr  offenbar  erst  nach  Jahren  eine  erhebliche  Stärke  erreichen,
  während  man  in  jedem  neuen  Monat  den  Wiederausbruch  des
Krieges  erwartete.  Darum  mußte  man  sich  mit  einer  Miliz  begnügen,
welche  ohne  sichtbaren  Zusammenhang  mit  dem  stehenden  Heere,  scheinbar
  nur  für  den  inneren  Sicherheitsdienst  bestimmt,  aber  durch  wiederholte
  Uebungen  militärisch  geschult  und  mit  genügenden  Waffenvorräthen
versehen  sofort  beim  Ausbruch  des  Krieges  als  Reserve-Armee  auftreten
sollte.  Viermal  hat  Scharnhorst  während  der  Jahre  1807—10  diese
Landwehrpläne  wiederaufgenommen  und  mit  dem  Monarchen  berathen.
Seinen  ersten  Entwurf  brachte  er  bereits  am  31.  Juli  1807  zu  Stande,
ganz  selbständig,  lange  bevor  die  österreichische  Landwehr  bestand.

Die  älteren  Pläne  verfolgten  den  Hauptzweck,  die  Söhne  der  wohlhabenden
  Klassen,  die  sich  selber  bewaffnen  und  bekleiden  konnten,  für  den  Dienst
im  Kriege  vorzubereiten;  unter  dem  harmlosen  Namen  einer  Bürgergarde
oder  Nationalwache  sollten  sie  im  Frieden  eingeübt  werden.  Im  Sommer
1809  gab  der  Rastlose  seinen  Entwürfen  eine  großartigere  Gestalt,  welche
bereits  die  Grundzüge  der  Organisation  von  1813  erkennen  läßt.  Er
dachte  hoch  von  der  Heldenkraft  eines  zornigen  Volks,  doch  er  sah  auch
        <pb n="307" />
        Landwehr.  Krümpersystem.  207

nüchtern  voraus,  wie  viele  Zeit  vergehen  muß  bevor  aus  einem  bewaffneten
Haufen  eine  kriegstüchtige  Truppe  wird.  Sein  Plan  war:  das  stehende
Heer  beginnt  den  Angriff;  unterdessen  bildet  sich  die  Reserve-Armee  aus
den  ausgedienten  und  überzähligen  Soldaten  sowie  aus  allen  jüngeren
Cantonspflichtigen;  die  Wohlhabenden  treten  als  freiwillige  Jäger  ein.
Diese  Landwehr  übernimmt  den  Festungsdienst  und  die  Belagerung  der
vom  Feinde  besetzten  Plätze;  sobald  sie  genügend  ausgebildet  ist,  zieht  sie
dem  Heere  nach  und  an  ihre  Stelle  rückt  die  inzwischen  versammelte  Miliz,
ein  Landsturm,  der  alle  noch  übrigen  Wehrhaften  umfaßt.  Scharnhorst
wußte,  wie  ungern  Napoleon  sich  der  Vendeeer  Kämpfe  erinnerte,  wie
sehr  er  den  Volksaufstand  fürchtete;  er  hoffte  den  Befreiungskampf  mit
einem  kleinen  Kriege  zu  eröffnen,  der  sich  auf  einige  Festungen  oder  verschanzte
  Lager  stützen  sollte,  und  ließ  das  für  solchen  Zweck  so  ungünstige
Terrain  der  norddeutschen  Ebene  sorgsam  auskundschaften.  Gneisenau
dachte  sogar  aus  dem  kleinen  Spandau  ein  Torres  Vedras  der  Ebene  zu
machen,  als  er  von  Wellington's  portugiesischen  Siegen  erfuhr.

Aber  alle  diese  Hoffnungen  wurden  zu  Schanden.  Sobald  Napoleon
von  einem  neuen  preußischen  Landwehrplane  hörte,  griff  er  stets  sofort
mit  herrischer  Drohung  ein;  nicht  einen  Schritt  durfte  ihm  der  verhaßte
Gegner  über  die  Pariser  Versprechungen  hinausgehen,  nur  er  selber  behielt
  sich  vor  sie  mit  Füßen  zu  treten.  Man  mußte  endlich  einsehen,  daß
die  Bildung  einer  Landwehr  schlechterdings  unmöglich  blieb  so  lange
Preußen  noch  nicht  in  der  Lage  war  an  Frankreich  den  Krieg  zu  erklären.
  Das  Einzige,  was  bis  dahin  geschehen  konnte  ohne  das  Mißtrauen
  des  Imperators  aufzustacheln,  war  die  raschere  Ausbildung  der
Mannschaften  des  stehenden  Heeres.  Die  gesetzliche  zwanzigjährige  Dienstzeit
  der  Cantonspflichtigen  blieb  unverändert,  doch  man  hob  ihrer  so  vicle
aus  als  irgend  möglich  und  beurlaubte  dann  diese  leidlich  ausexercirten
Krümper  nach  einigen  Monaten.  Die  vertragsmäßige  Heeresziffer  wurde
dabei  nicht  allzu  streng  eingehalten;  das  Leibregiment  in  Berlin  ließ  jahrelang,
  so  oft  die  Truppe  zum  Felddienst  ausrückte,  einen  Theil  der  Mannschaft
  in  der  Kaserne  zurück,  damit  Napoleon's  Späher  die  Stärke  der
Bataillone  nicht  bemerkten.  Es  konnte  nicht  fehlen,  daß  manche  Wehrpflichtige
  sich  der  strengeren  Aushebung  durch  die  Flucht  entzogen,  wie
umgekehrt  viele  Conscribirte  aus  den  Rheinbundslanden  nach  Preußen
hinüberflohen;  es  gab  beständig  kleine  Unruhen  an  den  Landesgrenzen,
der  arme  Mann  wurde  ganz  irr  an  der  wüsten  Zeit.  Im  Ganzen  zeigte
das  Volk  dem  Könige  hingebende  Treue;  geschah  es  doch  einmal,  daß
Bauern  aus  der  Umgegend  Nachtis  eine  Kanone  von  den  Wällen  der
westphälischen  Festung  Magdeburg  stahlen  und  sie  zu  Schiff  nach  Spandau
entführten:  ihr  angestammter  Herr  brauche  Waffen  gegen  den  Franzmann.
  Durch  dies  Krümpersystem  bildete  Scharnhorst  nach  und  nach
150,000  Soldaten  nothdürftig  aus.  Ein  tragisches  Schauspiel,  wie  der

—
        <pb n="308" />
        298  I.  3.  Preußens  Erhebung.

große  Mann  so  jahraus  jahrein  mit  tausend  Listen  und  Schlichen  dem
allwissenden  Feinde  zu  entschlüpfen  suchte.  Seine  Seele  schmachtete  nach
der  Freude  der  Schlacht;  den  letzten  Hauch  von  Mann  und  Roß,  Alles
was  an  die  Wände  pissen  konnte  wollte  er  dahingeben  damit  Deuschland
wieder  sei;  und  immer  wieder  vereitelte  der  wachsame  Gegner  die  Pläne
der  Rüstung.  Erst  als  die  Stunde  des  offenen  Kampfes  schlug,  trat  mit
einem  Schlage  in's  Leben  was  in  fünf  Jahren  voll  aufreibender  Arbeit,
voll  namenloser  Sorge  still  bereitet  war.  Scharnhorst  und  Niemand
sonst  ist  der  Vater  der  Landwehr  von  1813.  —

Unterdessen  brachten  Haß  und  Noth  in  den  gebildeten  Klassen  Norddeutschlands
  eine  grundtiefe  Umstimmung  der  Gesinnungen  zur  Reife,
die  durch  die  Gedankenarbeit  der  romantischen  Literatur  längst  vorbereitet
war.  Nach  den  großen  Heimsuchungen  des  Völkerlebens  erhebt  sich  stets.
ein  Sturm  von  Klagen  und  Anklagen,  die  gequälten  Gewissen  suchen  die
Schuld  Aller  auf  die  Schultern  Einzelner  hinüberzuwälzen,  Schmähreden
und  Schmutzschriften  kriechen  wie  ekle  Würmer  aus  dem  Leichnam  der
gefallenen  alten  Ordnung.  So  stürzte  sich  auch  auf  den  gedemüthigten
preußischen  Staat  ein  Schwarm  frecher  Lästerer  —  zumeist  dieselben
Menschen,  die  vor  dem  Kriege  den  Bund  Norddeutschlands  mit  Frankreich
  verherrlicht  hatten.  Cölln's  Feuerbrände,  Massenbach's  Denkwürdigkeiten,
  Buchholz's  Gallerie  preußischer  Charaktere  und  ähnliche  Schriften
trugen  geschäftig  allen  Unrath  zusammen,  der  sich  nur  irgend  in  den
Winkeln  der  alten  Monarchie  aufwühlen  ließ,  bis  herab  zu  den  Domänenkäufen
  der  Zeiten  Friedrich  Wilhelm's  II.  )  Jene  dünkelhafte  unfruchtbare
Altklugheit,  die  seit  Nicolai's  Tagen  in  den  Kreisen  der  Berliner  Halbbildung
  nicht  mehr  aussterben  wollte,  fand  jetzt  ihren  politischen  Ausdruck.
Wie  jener  ehrliche  Alte  einst  im  Namen  der  Aufklärung  alles  Freie  und
Lebendige  der  jungen  Dichtung  bekämpft  hatte,  so  wurde  jetzt  im  Namen
der  Freiheit  der  Krieg  gegen  Napoleon  getadelt  und  verhöhnt.  Nur  Englands
  Kaufmannsselbstsucht  und  der  Uebermuth  der  preußischen  Offiziere
hatten  das  friedliebende  Frankreich  zum  Kampfe  gezwungen;  und  nichts
wollte  Buchholz  dem  Staate  Friedrich's  weniger  verzeihen  als  den  unwürdigen
  Bund  mit  der  russischen  Uncultur  gegen  die  französische  Cultur.

Die  Verfasser  dieser  Libelle  wurden  die  geistigen  Ahnherren  einer
neuen  politischen  Richtung,  welche  seitdem  unter  mannigfachen  Formen
und  Namen  auf  dem  Berliner  Boden  heimisch  und  ein  Krebsschaden  des
preußischen  Staates  blieb,  einer  gewerbmäßigen  Tadelsucht,  die  unerschöpflich
  im  Skandal,  unendlich  eingebildet  und  doch  wehrlos  gegen  die  Macht
der  Phrase,  immer  mit  großen  Worten  von  Freiheit  und  Fortschritt  prunkte

·#

*)  Daß  die  „Gallerie“  aus  Buchholz's  Feder  stammt,  ist  für  Jeden,  der  andere
Schriften  dieses  Publicisten  kennt,  unzweifelhaft.  Dazu  das  Zeugniß  von  Gentz  (Ompteda,
Nachlaß  I.  362).
        <pb n="309" />
        Die  Schmähschriften.  290

und  ebenso  regelmäßig  die  Zeichen  der  Zeit  verkannte.  Gemeinsam  war
diesen  Schriften  auch  ein  echt  deutscher  Charakterzug,  eine  nationale
Schwäche,  wovon  nur  wenige  unserer  Publicisten  ganz  frei  geblieben  sind:
die  eigenthümliche  Unfähigkeit  die  Dimensionen  der  Menschen  und  der
Dinge  recht  zu  sehen,  das  Große  und  Echte  von  dem  Kleinen  und  Vergänglichen
  zu  unterscheiden.  Ganz  in  dem  gleichen  Tone  wie  Lombard
und  Haugwitz  wurden  auch  Hardenberg  und  Blücher  von  jenen  Allestadlern
  mißhandelt,  und  den  Lesern  blieb  nur  der  trostlose  Eindruck,  daß
in  dem  faulen  Holze  dieses  Staates  kein  Nagel  mehr  haften  wolle.

Indeß  die  Noth  des  Tages  drückte  allzuschwer;  das  Volk  dachte  zu
ehrenhaft  um  sich  noch  lange  beim  rückwärtsschauenden  Tadel  aufzuhalten.
Wer  ein  Mann  war  blickte  vorwärts,  dem  Tage  der  Freiheit  entgegen.
Die  Schmähschriften  fielen  platt  zu  Boden;  selbst  in  Berlin  fand  die
Kritik  der  Lästerer  geringen  Anklang.  Ein  tiefer  Ernst  lagerte  auf  den
Gemüthern;  es  war  als  ob  alle  Menschen  reiner  und  besser  würden,  als
ob  der  Zorn  über  den  Untergang  des  Vaterlandes  alle  gemeinen  und
niedrigen  Regungen  des  Herzens  ganz  aufsöge.  Niemals  früher  hatte  ein
so  lebendiges  Gefühl  der  Gleichheit  Hoch  und  Niedrig  im  deutschen  Norden
  verbunden:  man  rückte  traulich  zusammen  wie  die  Hinterbliebenen  im
verwaisten  Hause.  Unzählige  Vermögen  waren  zerstört,  der  ganze  Reichthum
  des  preußischen  Adels  darauf  gegangen;  die  willkürliche  neue  Ländervertheilung
  hatte  den  altgewohnten  Verkehr  ganzer  Landestheile  vernichtet;
tausende  treuer  Diener  konnte  der  verstümmelte  Staat  nicht  mehr  beschäftigen.
  Wer  jung  iw's  Leben  eintrat  und  dem  Glückssterne  der  rheinbündischen
  Untreue  nicht  folgen  wollte,  fand  nirgend  eine  Stätte  zu
fröhlichem  Wirken;  man  wußte  in  diesen  napoleonischen  Tagen  nichts  mit
sich  anzufangen,  wie  Dahlmann,  seiner  harten  Jugendzeit  gedenkend,  sagte.
Die  Erbitterung  wuchs  und  wuchs,  und  je  weiter  sich  die  Entscheidung
hinausschob,  um  so  mächtiger  und  leidenschaftlicher  war  der  Glaube,  dies
Eintagsgebilde  der  Fremdherrschaft  könne  und  dürfe  nicht  dauern,  diese
Verwüstung  alles  deutschen  Lebens  sei  eine  Sünde  wider  Gott  und  Geschichte,
  sei  der  Fiebertraum  eines  hirnwüthigen  Frevlers.

Während  dieser  Tage  krampfhafter  Aufregung  erwachte  in  Norddeutschland
  zuerst  die  Idee  der  deutschen  Einheit  —  recht  eigentlich  ein
Kind  des  Schmerzes,  der  historischen  Sehnsucht,  einer  ebenso  sehr  poetischen
als  politischen  Begeisterung.  Wie  felsenfest  hatte  das  achtzehnte  Jahrhundert
  an  die  Ewigkeit  seines  römischen  Reichs  geglaubt.  Wie  zahm,
zufrieden  und  liebevoll  hatte  noch  das  Geschlecht  der  neunziger  Jahre  an
seinen  Fürsten  gehangen,  als  Georg  Forster  in  dem  Gedenkbuche  des
Jahres  1790  mit  beweglichen  Worten  die  „menschenfreundliche  Handlung
eines  deutschen  Fürsten“  schilderte  und  Chodowiecki  in  einem  Kupferstiche
diesen  großen  Menschenfreund  verewigte  —  den  Erzherzog  Max  nänlich,
wie  er  einer  Marktfrau  den  Korb  auf  den  Kopf  zu  nehmen  half!  Jetzt
        <pb n="310" />
        300  I.  3.  Preußens  Erhebung.

war  das  Reich  dahin,  die  Deutschen  waren  kein  Volk  mehr,  nur  noch
Sprachgenossen.  Wie  bald  konnte  auch  dies  letzte  Band  zerreißen,  da
das  linke  Rheinufer  für  immer  der  wälschen  Gesittung  verfallen  schien
und  im  Königreich  Westphalen  die  französische  Amtssprache  bis  zur  Elbe
hin  herrschte;  unsere  Fürsten  aber,  die  vielgeliebten,  heißbewunderten,
trugen  die  Ketten  des  Fremdlings,  sie  alle  bis  auf  zwei!  Und  mitten  im
Niedergange  ihres  alten  Volksthums  blieb  den  Deutschen  noch  das  stolze
Gefühl,  daß  die  Welt  ihrer  nicht  entbehren  könne,  daß  sie  eben  jetzt,  durch
ihre  Dichter  und  Denker,  für  die  Menschheit  mehr  gethan  als  jemals
ihre  Besieger.  Aus  dem  Jammer  der  Gegenwart  flüchtete  die  Sehnsucht
in  die  fernen  Zeiten  deutscher  Größe;  das  Kaiserthum,  vor  Kurzem  noch
ein  Kinderspott,  erschien  jetzt  wieder  als  ein  Ruhm  der  Nation.  In  allen
den  aufgeregten  Briefen,  Reden  und  Schriften  dieser  bedrängten  Tage
klingen  die  beiden  bitteren  Fragen  wieder:  warum  sind  die  Deutschen  als
Einzelne  so  groß,  als  Nation  so  gar  nichts?  warum  sind  die  einst  der
Welt  Gesetze  gaben  den  Fremden  unter  die  Füße  geworfen?

Die  Dichter  und  Gelehrten  waren  gewohnt,  vor  einem  idealen  Deutsch—
and  zu  reden,  über  die  Grenzen  der  Länder  und  Ländchen  hinweg  an  alle
Söhne  deutschen  Blutes  sich  zu  wenden.  Nun  da  die  Literatur  mit  politischer
Leidenschaft  sich  erfüllte,  übertrug  sie  diese  Anschauungen  kurzerhand  auf
den  Staat.  Fichte  richtete  seine  politischen  Ermahnungen  als  Deutscher
schlechtweg  an  Deutsche  schlechtweg,  nicht  anerkennend,  sondern  durchaus
bei  Seite  setzend  alle  die  trennenden  Unterscheidungen,  welche  unselige
Ereignisse  seit  Jahrhunderten  in  der  einen  Nation  gemacht  haben.  Die
Deutschheit,  die  echte  alte  unverstümmelte  deutsche  Art  sollte  wieder  zu
Ehren  kommen.  Eine  hochherzige  Schwärmerei  pries  in  überschwänglicher
Begeisterung  den  angeborenen  Adel  deutschen  Wesens,  denn  nur  durch
die  Ueberhebung  konnte  ein  so  unpolitisches  Geschlecht  wieder  zur  rechten
Schätzung  des  Heimathlichen,  zum  nationalen  Selbstgefühle  gelangen.  An
die  Stelle  der  alten  leidsamen  Ergebung  trat  ein  verwegener  Radicalismus,
  der  alle  die  Gebilde  unserer  neuen  Geschichte  als  Werke  des  Zufalls
  und  des  Frevels  verachtete:  was  blieb  denn  noch  ehrwürdig  und  der
Schonung  werth  in  diesem  rheinbündischen  Deutschland?  Waren  nur  erst
die  fremden  Tyrannen  gestürzt,  ihre  freiwilligen  Sklaven  gezüchtigt  und
die  widerwilligen  befreit,  so  sollte  ein  neues  mächtiges  Deutschland,  glänzend
im  Schmucke  heller  Gedanken  und  ruhmreicher  Waffen,  sich  politisch  gestalten
—  gleichviel  in  welchen  Formen,  aber  einig  und  aus  dem  ureigenen  Geiste
der  Nation  heraus  —  und  dann  mußten  die  Deutschen,  ließ  man  sie  nur
frei  gewähren,  auch  in  Kunst  und  Wissenschaft  die  reichsten  Kränze,  die
je  ein  hellenisches  Haupt  geschmückt,  sich  auf  die  Siegerstirne  drücken.
Von  dem  einen  Gewaltigen,  der  unserer  Nation  schon  einmal  den  Weg
zur  politischen  Macht  gewiesen,  sprach  man  ungern.  Was  dies  neue  Geschlecht
  brauchte  war  scheinbar  das  Gegentheil  der  fridericianischen  Gedanken;
        <pb n="311" />
        Die  Idee  der  deutschen  Einheit.  301

Friedrich's  Werk  schien  vernichtet,  und  Viele  der  jungen  Schwärmer  wollten
ihm  nie  verzeihen,  daß  er  das  Schwert  gegen  die  gesalbte  kaiserliche  Maje—
stät  erhoben  hatte.  Großherziges  Vergessen  der  alten  Bruderkämpfe,  treue
Eintracht  aller  deutschen  Stämme,  das  war  es  was  man  forderte  für  den
gemeinsamen  Kampf;  nicht  von  einem  gegebenen  politischen  Mittelpunkte
aus,  sondern  durch  die  Erhebung  der  gesammten  Nation  sollte  das  Welt—
reich  zerschmettert  werden,  und  alles  Weitere  fand  sich  dann  von  selbst.

Es  wurde  verhängnißvoll  für  unser  politisches  Leben  und  hängt  uns
nach  bis  zum  heutigen  Tage,  daß  der  Gedanke  der  nationalen  Einheit
bei  uns  nicht  wie  in  Frankreich  langsam  die  Jahrhunderte  hindurch  her—
anreifte,  die  natürliche  Frucht  einer  stetigen,  immer  auf  dasselbe  Ziel  ge—
richteten  monarchischen  Politik,  sondern  so  urplötzlich  nach  langem  Schlum—
mer  wieder  erwachte,  unter  zornigen  Thränen,  unter  Träumen  von  Zeiten
die  gewesen.  Daher  jener  rührende  Zug  idealistischer  Schwärmerei,  treu—
herziger  Begeisterung,  der  die  deutschen  Patrioten  der  folgenden  Generationen
  so  liebenswürdig  erscheinen  läßt.  Daher  ihre  krankhafte  Verbitterung:
  denn  auch  nachdem  der  rauhe  Franzosenhaß  jener  gequälten  Zeit
verraucht  war,  blieb  ein  tiefer  Groll  gegen  das  Ausland  in  den  Herzen
der  begeisterten  Teutonen  zurück;  man  konnte  nicht  träumen  von  Deutschlands
  künftiger  Größe,  ohne  die  fremden  Völker  zu  schelten,  die  sich  so
oft  und  so  schwer  an  der  Mitte  Europas  versündigt  hatten.  Daher  auch
die  wunderbar  verschwommene  Unklarheit  der  politischen  Hoffnungen  der
Deutschen.  Ein  durch  unbestimmte  historische  Bilder  erhitzter  Enthusiasmus
  berauschte  sich  für  die  Idee  eines  großen  Vaterlandes  in  den  Wolken,
  das  irgendwie  die  Herrlichkeit  der  Ottonen  und  der  Staufer  erneuern
  sollte,  begrüßte  Jeden,  der  in  die  gleichen  Klagen,  in  die  gleiche
Sehnsucht  mit  einstimmte,  Männer  der  verschiedensten  politischen  Richtungen,
  willig  als  Parteigenossen  und  bemerkte  kaum  die  lebendigen  Kräfte
der  wirklichen  deutschen  Einheit,  die  in  dem  preußischen  Staate  sich  regten.
Daher  endlich  die  haltlose  Schwäche  des  deutschen  Nationalgefühls,  das
bis  zur  Stunde  noch  nicht  die  untrügliche  Sicherheit  eines  naiven  volksthümlichen
  Instinctes  erlangt  hat.  Der  Traum  der  deutschen  Einheit
drang  sehr  langsam  aus  den  gebildeten  Ständen  in  die  Massen  des  Volkes
hinab,  und  auch  dann  noch  blieb  der  große  Name  des  Vaterlandes  dem
geringen  Manne  lange  nur  ein  unbestimmtes  Wort,  eine  wundervolle
Verheißung,  und  die  ehrliche  Liebe  zum  einigen  Deutschland  vertrug  sich
wohl  mit  einem  engherzigen,  handfesten  Particularismus.

In  Preußen  stand  die  alte  Königstreue  zu  fest,  als  daß  sich  die  Hoffnungen
  der  Patrioten  so  ganz  in's  Grenzenlose  hätten  verlieren  können.
Es  ist  kein  Zufall,  daß  Keiner  unter  den  Publicisten  und  Volksrednern
der  Zeit  so  viel  nüchterne  realpolitische  Einsicht  zeigte  wie  Schleiermacher,
der  geborene  Preuße:  wenn  er  von  Deutschlands  Befreiung  sprach,  so  blieb
ihm  die  Wiederherstellung  der  alten  preußischen  Macht  immer  die  selbst-
        <pb n="312" />
        302  I.  3.  Preußens  Erhebung.

verständliche  Voraussetzung.  Wenn  Schenkendorf  in  begeisterten  Versen
vom  Kaiser  und  vom  Reiche  predigte,  wenn  Heinrich  Kleist  die  Deutschen
beschwor,  „voran  den  Kaiser“  in  den  heiligen  Krieg  zu  ziehen,  so  nahmen
auch  sie  stillschweigend  an,  daß  Preußen  unter  diesem  neuen  Kaiserthum
eine  würdige  Stelle  behaupten  müsse.  Auf  dem  Turnplatze  in  der  Hasenhaide,
  in  den  Kreisen  von  Jahn,  Harnisch  und  Friesen,  vernahm  man  sogar
schon  die  zuversichtliche  Weissagung:  Preußen  habe  immerdar  Deutschlands
Schwert  geführt  und  müsse  in  dem  neuen  Reiche  die  Krone  tragen.  Fichte
dagegen  wuchs  erst  nach  und  nach  in  diese  preußischen  Anschauungen  hinein,
gelangte  erst  im  Frühjahr  1813  zu  der  Erkenntniß,  daß  allein  der  König
von  Preußen  „der  Zwingherr  zur  Deutschheit“  werden  könne.  Auch  Arndt
lernte  erst  durch  Preußens  Siege  die  Nothwendigkeit  der  fridericianischen
Staatsbildung  verstehen.  Gemeinsam  war  aber  allen  jugendlichen  Patrioten,
auch  den  Preußen,  der  kindliche  Glaube  an  ein  unbestimmtes  wunderbares
Glück,  das  da  kommen  müsse  wenn  Deutschland  nur  erst  wieder  sich  selber
angehöre.  Die  ganze  Macht  überschwänglicher  Gefühle,  die  sich  in  dem
classischen  Zeitalter  unserer  Dichtung  angesammelt  hatte,  ergoß  sich  jetzt
in  das  politische  Leben.  Niemals  hatte  die  norddeutsche  Jugend  so  stolz,
so  groß  gedacht  von  sich  selber  und  von  der  Zukunft  ihres  Volkes,  wie  jetzt
da  dies  Land  vernichtet  schien;  ihr  war  kein  Zweifel,  das  ganze  große
Deutschland,  das  einträchtig  wie  eine  andächtige  Gemeinde  den  Worten
seiner  Dichter  gelauscht  hatte,  mußte  als  eine  geschlossene  Macht  wieder  eintreten
  in  die  Reihe  der  Völker.  Doch  nirgends  ein  Versuch  zur  Bildung
einer  politischen  Partei  mit  klar  begrenzten  erreichbaren  Zielen;  nicht  einmal
ein  Meinungskampf  über  die  Frage,  in  welchen  Formen  sich  das  verjüngte
Vaterland  neu  gestalten  sollte.  Aus  der  Fülle  von  Ahnungen  und  Hoffnungen,
  welche  die  ungeduldigen  Gemüther  bewegte,  trat  nur  ein  einziger
greifbarer  politischer  Plan  hervor  —  und  dieser  eine  freilich  ward  mit  schwerem
Ernst  erfaßt  —  der  Entschluß  zum  Kampfe  gegen  die  Herrschaft  der  Fremden.

Noch  anderthalb  Jahre  nach  dem  Frieden  blieb  der  Feind  im  Lande,
und  auch  nachher,  als  die  französischen  Truppen  Preußen  endlich  geräumt
hatten,  stand  ganz  Deutschland  unter  der  scharfen  Aufsicht  der  napoleonischen
  Spione.  Alle  französischen  und  rheinbündischen  Diplomaten  mußten
Bericht  erstatten  über  die  Stimmung  im  Volke.  Bignon  in  Stuttgart  und
der  westphälische  Gesandte  Linden  in  Berlin  trieben  das  unsaubere  Gewerbe
mit  besonderem  Eifer;  Napoleon's  Gesandter  in  Cassel,  der  geistreiche
Schwabe  Reinhard,  ein  Freund  Goethe's,  benutzte  seine  Verbindungen  mit
der  deutschen  literarischen  Welt  um  den  Imperator  über  jede  Regung
deutscher  Gedanken  zu  unterrichten.  Darum  mußten  die  Patrioten,  ganz
wider  die  Neigung  und  Begabung  der  deutschen  Natur,  zu  geheimen  Vereinen
  zusammentreten.  Hardenberg  selbst  sagte  in  jener  Rigaer  Denkschrift
  dem  Könige,  in  solcher  Zeit  seien  Geheimbünde  unentbehrlich,  und
empfahl  namentlich  die  Logen  zur  Verbreitung  guter  politischer  Grund-
        <pb n="313" />
        Die  Geheimbünde.  303

sätze,  da  auch  Napoleon  den  noch  immer  einflußreichen  Freimaurerorden
für  seine  Zwecke  zu  benutzen  suchte  und  seinen  Schwager  Murat  zum
Großmeister  ernennen  ließ.

Nur  Wenige  unter  den  deutschgesinnten  Preußen  sind,  so  lange  die
Feinde  das  Land  besetzt  hielten,  dem  unterirdischen  Treiben  ganz  fern
geblieben.  Auch  Stein  traf,  wie  Schön  erzählt,  in  Königsberg  zuweilen
in  tiefem  Geheimniß  mit  Gneisenau,  Süvern  und  anderen  Freunden  zu—
sammen  um  die  Lage  des  Vaterlandes,  die  Möglichkeit  der  Wiedererhebung
zu  besprechen.  Selbst  die  hellen  Köpfe  —  so  gewaltig  war  die  Aufregung
—  wollten  nicht  ganz  lassen  von  der  bodenlosen  Hoffnung,  daß  vielleicht
ein  glücklicher  Handstreich,  eine  plötzliche  Erhebung  des  Volks  den  französischen
  Spuk  verscheuchen  könnte.  In  den  Gesellschaften  des  Berliner
Adels  thaten  sich  Einige,  zumal  unter  den  Damen,  durch  die  urwüchsige
Kraft  ihres  Franzosenhasses,  durch  lautes  Schelten  gegen  die  Halben  und
Schwächlinge  hervor;  man  nannte  sie  unter  den  Uneingeweihten  den
Tugendbund,  und  alle  Welt  wußte,  wann  sie  sich  insgeheim  versammelten,
da  die  deutsche  Ehrlichkeit  sich  auf  die  dunklen  Künste  der  Verschwörer
schlecht  verstand.  Ernsthaftere  Pläne  verfolgte  eine  Reihe  anderer  formloser
  patriotischer  Vereine,  denen  Lützow  und  Chasot,  Reimer,  Eichhorn,
Schleiermacher,  wackere  Männer  des  Heeres,  des  Bürgerthums  und  der
Wissenschaft  angehörten.  Hier  kaufte  man  Waffen  auf,  so  weit  die  ärmlichen
  Mittel  reichten,  suchte  die  Gesinnungsgenossen  ringsum  in  Deutschland
  zu  sammeln,  zu  ermahnen,  zu  ermuthigen;  wie  oft  ist  Leutnant
Hüser  von  Berlin  nach  Baruth  hinübergeritten  um  Briefe  an  den  Mitverschworenen
  Heinrich  Kleist  auf  die  sächsische  Post  zu  geben.  Später
stiftete  Jahn  mit  einigen  seiner  Turnfreunde  einen  Deutschen  Bund;  wie
die  Eidgenossen  auf  dem  Rütli  traten  die  Verschworenen  Nachts  im  Walde
bei  Berlin  zusammen  und  weihten  sich  zum  Kampfe  für  das  Vaterland.
Als  der  Ausbruch  des  Krieges  sich  weiter  und  weiter  hinausschob,  ging
unter  den  Heißspornen  zuweilen  die  Rede:  wenn  dieser  Zauderer  Friedrich
  Wilhelm  durchaus  nicht  wolle,  so  müsse  sein  Bruder,  der  ritterliche
Prinz  Wilhelm  den  Thron  besteigen.

Die  Zeit  lag  im  Fieber.  Es  war  ein  ewiges  geheimnißvolles  Kommen
und  Gehen  unter  den  Patrioten;  sie  zogen  verkleidet  umher,  sammelten
Nachrichten  über  die  Stellungen  des  Feindes,  über  die  Stärke  der  festen
Plätze;  auch  der  Offenherzige  mußte  lernen  mit  sympathetischer  Tinte  zu
schreiben,  unter  falschem  Namen  zu  reisen.  Wie  hatte  sich  doch  die  stille
norddeutsche  Welt  verwandelt,  welche  Wildheit  dämonischer  Leidenschaft
flammte  jetzt  in  den  vormals  so  friedlichen  Herzen!  Die  ganze  neue  Ordnung
  der  Dinge  stand  auf  zwei  Augen;  unwillkürlich  ward  der  Gedanke
laut,  ob  diese  sich  denn  niemals  schließen  sollten?  Die  treue  Gräfin  Voß
flehte  im  stillen  Kämmerlein  zu  ihrem  Gott,  er  möge  diesen  Mann  des
Unheils  von  der  Erde  hinwegnehmen.  Unter  den  jungen  Leuten  im  Magde-
        <pb n="314" />
        304  I.  3.  Preußens  Erhebung.

burgischen,  den  Freunden  Immermann's  war  die  Frage,  wie  man  wohl
den  Corsen  aus  dem  Wege  räumen  könne,  ein  gewöhnlicher  Gegenstand  des
Gesprächs,  und  keiner  fand  ein  Arges  daran.  Schwerere  Naturen  ergriffen
den  unheimlichen  Gedanken  mit  grimmigem  Ernst;  Heinrich  Kleist  trug  ihn
monatelang  mit  sich  herum  in  seiner  umnachteten  Seele.  Nachher  lernte
Napoleon  mit  Entsetzen  aus  dem  Mordanfalle  des  unglücklichen  Staps,
wie  tief  sich  der  Haß  selbst  in  fromme,  schlichte  Gemüther  eingefressen.
Natürlich  daß  sich  auch  die  akademische  Jugend  auf  ihre  Art  an  den  verbotenen
  Vereinen  betheiligte.  Schon  vor  der  Katastrophe  von  Jena  bildeten
Marburger  Studenten,  unter  dem  Eindrucke  der  Ermordung  Palm's,  einen
geheimen  Bund  zur  Wahrung  deutscher  Art  und  Freiheit.  Der  berühmteste
  aber  unter  jenen  Geheimbünden,  mit  dessen  Namen  die  Franzosen
alle  anderen  zu  bezeichnen  pflegten,  der  Königsberger  Tugendbund  zählte
nie  mehr  als  etwa  350  Mitglieder,  darunter  nur  vier  Berliner.  Einige
wohlmeinende,  aber  wenig  einflußreiche  Patrioten,  wie  Bärsch,  Lehmann,
Mosqua  und  der  junge  Jurist  Bardeleben,  hatten  ihn  mit  Erlaubniß  des
Königs  gestiftet  um  den  sittlichen  und  vaterländischen  Sinn  zu  beleben  und
lösten  ihn  sofort  gehorsam  wieder  auf  als  nach  dem  Abzuge  der  Franzosen  die
rechtmäßige  Staatsgewalt  zurückkehrte  und  das  alte  Verbot  der  geheimen
Gesellschaften  wieder  einschärfte.  Weder  Stein  noch  Scharnhorst  gehörte
ihm  an,  und  von  ihren  nahen  Freunden  nur  zwei,  Grolman  und  Boyen.

Ueberhaupt  blieb  die  Wirksamkeit  der  Geheimbünde  weit  geringer  als
die  geängsteten  Franzosen  annahmen,  die  sich  den  Sturz  der  napoleonischen
Herrschaft  nur  aus  dem  Walten  geheimnißvoller  Mächte  erklären  konnten.
Mancher  wackere  Mann  wurde  durch  dies  Vereinsleben  für  die  vaterländische
  Sache  gewonnen;  einige  der  Besten  aus  der  jungen  Generation,
die  späterhin  an  die  Spitze  der  Verwaltung  traten,  Eichhorn,  Merckel,
Ribbentrop  sind  durch  diese  Schule  gegangen.  Scharnhorst,  der  Alles  sah
und  Alles  wußte,  betraute  dann  und  wann  einzelne  der  Verschworenen
mit  gefährlichen  Aufträgen,  wenn  es  etwa  galt  einen  Waffentransport
über  die  Grenze  zu  schaffen.  Im  Jahre  1812  nahm  das  stillgeschäftige
Treiben  einen  neuen  Aufschwung;  man  unterstützte  deutsche  Offiziere,  die
in  russischen  Dienst  treten  wollten,  man  verbreitete  im  Rücken  der  großen
Armee  die  Nachrichten  von  ihren  Niederlagen,  fing  auch  wohl  einmal  einen
französischen  Curier  ab.  Doch  im  Ganzen  war  der  augenblickliche  Erfolg
unerheblich;  um  so  stärker,  und  keineswegs  erfreulich,  die  Nachwirkung.
Jenes  phantastische  Wesen,  das  dem  jungen  Deutschthum  von  Haus  aus
eigen  war,  gewann  durch  die  Geheimbünde  neue  Nahrung.  Ein  Theil
der  Jugend  gewöhnte  sich  mit  dem  Unmöglichen  zu  spielen,  die  harten
Thatsachen  der  gegebenen  Machtverhältnisse  zu  mißachten,  und  setzte  dann
nach  dem  glücklich  erkämpften  Frieden  ein  Treiben  fort,  das  allein  in  dem
Drucke  der  Fremdherrschaft  seine  Rechtfertigung  gefunden  hatte.  Die  Regierungen
  andererseits  wurden,  als  späterhin  das  Mißtrauen  gegen  die
        <pb n="315" />
        Schleiermacher.  305

befreiten  Völker  erwachte,  durch  die  Erinnerung  an  jene  Zeit  der  Gäh—
rung  in  ihrer  kleinlichen  Angst  bestärkt.

Genug,  der  preußische  Staat  blieb  auch  in  dieser  Bedrängniß  seinem
monarchischen  Charakter  treu.  Was  auch  Einzelne  auf  eigene  Faust  für  die
Befreiung  des  Vaterlandes  planen  mochten,  ihre  verwegensten  Hoffnungen
gingen  doch  nur  darauf,  den  Monarchen  mit  sich  fortzureißen,  sie  gedachten
für  den  König,  wenn  auch  ohne  seinen  Befehl  zu  kämpfen.  Das  treue
Volk  aber  konnte  zu  den  Versuchen  eigenmächtiger  Schilderhebung  niemals
Vertrauen  fassen;  der  Aufstand  gelang  erst  als  der  König  selbst  die  Seinen
zu  den  Waffen  rief.  Die  Unfreiheit,  die  im  Wesen  jedes  Geheimbundes
liegt,  sagte  dem  trotzigen  Selbstgefuhle  der  Deutschen  nicht  zu.  Grade
die  Besten  und  Stärksten  wollten  sich  nicht  also  selber  die  Hände  binden,
sie  sagten  wie  Gneisenau:  „mein  Bund  ist  ein  anderer,  ohne  Zeichen,
ohne  Mysterien,  Gleichgesinntheit  mit  Allen,  die  ein  fremdes  Joch  nicht
ertragen  wollen.“  Ungleich  mächtiger  als  die  Thätigkeit  der  geheimen  Vereine
  war  jene  große  Verschwörung  unter  freiem  Himmel,  die  überall,  wo
treue  Preußen  wohnten,  ihre  Fäden  schlang.  Wer  verzagen  wollte,  fand
überall  einen  Tröster,  der  ihn  mahnte  zu  harren  auf  die  Erfüllung  der
Zeiten.  Niemand  aber  im  ganzen  Lande  sah  dem  Tage  der  Entscheidung
mit  so  unerschütterlicher,  leuchtender  Zuversicht  entgegen,  wie  General
Blücher.  Der  wußte  großen  Sinnes  das  Wesentliche  aus  der  Flucht  der
Erscheinungen  herauszufinden,  die  innere  Schwäche  und  Unmöglichkeit  des
napoleonischen  Weltreichs  stand  ihm  außer  allem  Zweifel.  Zaghafte  Gemüther
  hielten  ihn  für  toll,  als  er  in  seiner  derben  Weise  über  den  Herrscher
  der  Welt  kurzab  sagte:  „laßt  ihn  machen,  er  ist  doch  ein  dummer  Kerl!“

In  der  alten  Zeit  des  geistigen  Schwelgens  konnte  ein  feingebildeter
Berliner  nicht  leicht  auf  den  Gedanken  kommen,  daß  es  Pflicht  sei  die
Genüsse  der  reizvollen  geistsprühenden  Geselligkeit  dahinzugeben  für  die
Rettung  des  in  langweiliger  Steifheit  erstarrten  Staates.  Jetzt  fühlten
Alle,  daß  der  Reichthum  der  Bildung  Keinem  den  Frieden  der  Seele
sicherte,  daß  die  Schande  des  Vaterlandes  einem  Jedem  die  Ruhe  und
Freude  des  Hauses  störte,  und  in  den  beladenen  Herzen  fanden  Schleiermacher's
  Predigten  eine  gute  Stätte.  Er  vor  allen  Andern  wurde  der
politische  Lehrer  der  gebildeten  Berliner  Gesellschaft.  Dichte  Schaaren
Andächtiger  drängten  sich  in  den  engen  Rundbau  der  dürftigen  kleinen
Dreifaltigkeitskirche,  wenn  er  in  seinen  breit  dahinrauschenden,  echt  rednerischen
  Perioden,  in  immer  neuen  Wendungen  den  sittlichen  Grundgedanken
  dieser  neuen  Zeit  verkündigte:  daß  aller  Werth  des  Menschen
in  der  Kraft  und  Reinheit  des  Willens,  in  der  freien  Hingabe  an  das
große  Ganze  liege:  mehr  denn  jemals  gelte  jetzt  die  Mahnung  des  Apostels,
  zu  haben  als  hätten  wir  nicht,  Besitz  und  Leben  nur  als  anvertraute
  Güter  zu  betrachten,  die  dahinfahren  müßten  für  höhere  Zwecke,
und  die  Feinde  nicht  zu  fürchten,  die  nur  den  Leib  töden  können;  wie

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  J.  20
        <pb n="316" />
        306  I.  3.  Preußens  Erhebung.

viel  höher  sei  doch  die  sittliche  Würde  dessen,  der  in  Liebe  seinem  Lande
lebe,  und  wie  verkomme  in  weichlicher  Empfindsamkeit  der  Sinn,  der  nur
an  sich  selber  denke;  wie  viel  Grund  zur  Liebe  und  Treue  biete  dieser
Staat,  der  einst  den  anderen  Deutschen  ein  Muster  gewesen  und  noch
immer  eine  Freistatt  sei  für  jeglichen  Glauben,  ein  Staat  der  Rechtlichkeit
und  des  ehrlichen  Freimuths.  Das  Alles  so  einfach  fromm,  dem  schlichtesten
  Sinne  verständlich,  und  doch  so  geistvoll,  tief  aus  dem  Borne  der
neuen  Cultur  geschöpft;  so  glaubensinnig  und  doch  so  klug  auf  die  politischen
  Nöthe  des  Augenblicks  berechnet.  Die  praktische  Theologie,  die  so
lange  seitab  von  den  geistigen  Kämpfen  der  Zeit  im  Hintertreffen  gestanden,
wagte  sich  wieder  heraus  auf  die  freien  Höhen  der  deutschen  Bildung,  und
die  getrösteten  Hörer  empfanden,  daß  das  Christenthum  in  jedem  Wandel
der  Geschicke  immer  neu  und  lebendig,  immer  zeitgemäß  zu  wirken  vermag.

Der  ungeheure  Umschwung  der  Meinungen,  die  gewaltsame  Umkehr
der  Zeit  von  selbstgenügsamer  Bildung  zum  politischen  Wollen  zeigt  sich
wohl  in  keiner  Schrift  jener  Tage  so  anschaulich  wie  in  Fichte's  Abhandlung
  über  Macchiavelli.  Der  Icarus  unter  den  deutschen  Idealisten,  der
Verächter  des  Wirklichen  feierte  jetzt  den  härtesten  aller  Realpolitiker,  weil
er  in  dem  willensstarken  Florentiner  den  Propheten  seines  Vaterlandes
erkannte.  Während  die  Trommeln  der  französischen  Garnison  drunten
vor  den  Fenstern  der  Akademie  erklangen,  hielt  Fichte  dann  seine  Reden
an  die  deutsche  Nation.  Zerknirscht  und  erschüttert,  im  Gewissen  gepackt
lauschte  die  Versammlung,  wenn  der  stolze  Mann  mit  den  strafenden
Augen  und  dem  aufgeworfenen  Nacken  schonungslos  in's  Gericht  ging  mit
der  tief  gesunkenen  Zeit,  da  die  Selbstsucht  durch  ihr  Uebermaß  sich  selbst
vernichtet  habe,  und  endlich  den  Hörern  sein  radicales  Entweder  —  Oder
auf  die  Brust  setzte:  ein  Volk,  das  sich  nicht  selbst  mehr  regieren  kann,
ist  schuldig  seine  Sprache  aufzugeben.  Darauf  riß  er  die  Gedemüthigten
wieder  mit  sich  empor  und  schilderte  ihnen  die  unverwüstliche  Kraft  und
Majestät  des  deutschen  Wesens  so  groß,  so  kühn,  so  selbstbewußt,  wie  in
diesen  zwei  Jahrhunderten  des  Weltbürgerthums  Niemand  mehr  zu
unserem  Volke  geredet  hatte,  aber  auch  mit  der  ganzen  unklaren  Ueberschwänglichkeit
  des  neuen  literarischen  Nationalstolzes:  die  Deutschen  allein
sind  noch  ursprüngliche  Menschen,  nicht  in  willkürlichen  Satzungen  erstorben,
das  Volk  der  Ideen,  des  Charakters;  wenn  sie  versinken,  so  versinkt  das
ganze  menschliche  Geschlecht  mit.  Soll  der  Menschheit  noch  eine  Hoffnung
  bleiben,  so  muß  ein  neues  deutsches  Geschlecht  erzogen  werden,
das  in  seinem  Vaterlande  den  Träger  und  das  Unterpfand  der  irdischen
Ewigkeit  verehrt  und  dereinst  den  Kampf  aufnimmt  gegen  den  vernunftlosen,
  hassenswürdigen  Gedanken  der  Universalmonarchie.

Die  Predigten  Schleiermacher's  erregten  den  Argwohn  der  französischen
Spione.  Mit  dem  hochfliegenden  Pathos  dieses  Redners,  der  die  Erfüllung
  seiner  Träume  auf  eine  zukünftige  Generation  verschob,  wußten  die
        <pb n="317" />
        Fichte.  Arndt.  Jahn.  307

Fremden  nichts  anzufangen:  sie  ahnten  nicht,  wie  unwiderstehlich  gerade
der  überschwängliche  Idealismus  die  Gemüther  dieses  philosophischen  Geschlechts
  ergriff.  Der  Jugend  ging  das  Herz  auf  bei  der  Lehre:  sich  der
Gattung  zu  opfern  sei  der  Triumph  der  Bildung,  sei  die  Seligkeit  des
Ich.  Die  Zeit  erlebte,  wie  Fichte  mit  philosophischer  Herablassung  sagte,
„den  seltenen  Fall,  wo  Regierung  und  Wissenschaft  übereinkommen“;  sie
fühlte,  daß  die  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Staates  mehr  noch  eine
sittliche  als  eine  politische  Pflicht  war;  sie  brauchte  nichts  dringender  als
jenen  „festen  und  gewissen  Geist“,  den  dieser  Redner  ihr  zu  erwecken  suchte.
Unwillkürlich  gedachten  die  Hörer  bei  dem  herrischen  Wesen  und  der  zermalmenden
  sittlichen  Strenge  des  Philosophen  an  den  Freiherrn  vom  Stein.

In  gleichem  Sinne  schrieb  Arndt  während  und  nach  dem  Kriege
neue  Bände  seines  Geistes  der  Zeit.  Er  zog  zu  Felde  wider  unsere
Vielherrschaft,  die  zur  Allknechtschaft  geworden,  wider  die  unpolitische
Gerechtigkeit  der  Deutschen,  die  das  Veraltete  gewissenhaft  verschonten
bis  die  Fremden  damit  aufräumten,  und  vor  Allem  wider  die  übergeistige,
überzärtliche  Bildung,  die  da  wähne,  daß  Kriegsruhm  wenig,  daß  Tapferkeit
  zu  kühn,  daß  Mannlichkeit  trotzig  und  Festigkeit  beschwerlich  sei.  Frischauf
  zum  Rhein  —  so  lautete  sein  Schluß  —  und  dann  gerufen:  Freiheit
und  Oesterreich!  Franz  unser  Kaiser,  nicht  Bonaparte!

In  dem  polternden  Treiben  des  wunderlichen  Recken  Jahn  zeigten  sich
schon  einige  der  fratzenhaften  Züge,  welche  das  neue  Deutschthum  verunzierten:
  rauher  und  hochmüthiger  Fremdenhaß,  vorlaute  Prahlerei,  Verachtung
  aller  Anmuth  und  feinen  Sitte  —  ein  formloses  Wesen,  das
für  unsere  Jugend  um  so  schädlicher  werden  mußte,  da  der  Germane
ohnehin  geneigt  ist  Grobheit  und  Wahrhaftigkeit  zu  verwechseln.  Es
blieb  ein  krankhafter  Zustand,  daß  die  Söhne  eines  geistreichen  Volkes
einen  lärmenden  Barbaren  als  ihren  Lehrer  verehrten.  Indeß  war  die
Wirksamkeit  des  Alten  im  Bart  während  dieser  ersten  Jahre  noch  überwiegend
  heilsam.  Für  den  einen  Gedanken,  der  damals  noth  that,  für
den  Entschluß  zum  Kampfe,  langte  sein  derber  Bauernverstand  aus;
auch  besaß  er  eine  seltene  Gabe  die  Jugend  in  Zucht  zu  nehmen,  ihr
einen  ehrlichen  Abscheu  gegen  alle  Schlaffheit  und  Verzärtelung  einzuflößen.
  Die  neue  Turnkunst  stählte  nicht  nur  die  Kraft  des  Leibes  dem
verwöhnten  Geschlechte.  Man  bemerkte  auch  bald,  wie  die  Sitten  der
Berliner  Jugend  reiner  und  mannhafter  wurden  seit  im  Jahre  1811
der  Turnplatz  auf  der  Hasenhaide  eröffnet  war;  und  dies  wog  für  jetzt
schwerer,  als  die  Verwirrung,  die  der  Turnvater  in  manchem  jungen
Kopfe  anrichtete,  wenn  er  mit  dröhnender  Stimme  in  seinem  neuerfundenen
  Wortsturmschritt  den  Genossen  sonderbare  Runensprüche  zurief.
Sein  Buch  über  das  deutsche  Volksthum  brachte  mitten  in  einem  krausen
Durcheinander  schrullenhafter  Einfälle  manche  lebendige  Schilderung  von
der  Kraft  und  Gesundheit  altgermanischer  Sitten.

207
        <pb n="318" />
        308  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Entsetzlich  freilich,  wie  der  rohe  Naturalist,  immer  dem  wahren
Deutschthum  zu  Ehren,  die  zarten  Blätter  und  Blüthen  unserer  Sprache
zwischen  seinen  harten  Fäusten  knetete.  Alles  wollte  er  ihr  wieder  rauben
was  sie  sich  redlich  erworben  hatte  im  Gedankenaustausch  mit  anderen
Völkern.  Dabei  widerfuhr  ihm  zuweilen,  daß  er  ein  neues  urdeutsches
Wort  aus  romanischer  Wurzel  bildete  —  so  sein  geliebtes  Turnen  selbst;
aber  da  er  wie  Luther  den  Bauern  und  den  Kindern  auf  das  Maul  sah,
so  gelang  ihm  auch  mancher  glückliche  Griff:  das  gute  Wort  Volksthum
wurde  von  ihm  erfunden.  Und  so  übermächtig  war  noch  der  idealistische
Schwung  der  Zeit,  daß  selbst  dieser  Eulenspiegel  die  eigentliche  Größe
seiner  Nation  in  ihrem  geistigen  Schaffen  suchte;  er  pries  die  Griechen
und  die  Deutschen  als  der  Menschheit  heilige  Völker  und  nannte  Goethe
den  deutschesten  der  Dichter.  In  den  gewaltigen  Kämpfen  zwischen
Oesterreich  und  Preußen  wollte  er,  ebenso  harmlos  wie  mancher  Größere
unter  den  Zeitgenossen,  nichts  weiter  sehen  als  die  Balgereien  von  zwei
kräftigen  Jungen,  die  in  ihrem  Uebermuthe  sich  raufen  und  endlich  zur
Vernunft  gekommen  sich  vertragen.  Doch  behielt  er  Mutterwitz  genug
um  den  tiefen  Unterschied  zwischen  den  beiden  Mächten  zu  erkennen;  der
große  Völkermang  Oesterreich  könne  niemals  ganz  verdeutscht  werden,
von  Preußen  sei  die  Verjüngung  des  alten  Reiches  ausgegangen,  und
nur  dieser  Staat  werde  die  Deutschen  wieder  zu  einem  Großvolke  erheben.
  Hinweg  mit  dem  deutschen  Staatskrebs,  der  kindischen  Landsmannschaftssucht,
  der  Völkleinerei;  eine  oberste  Gewalt  im  Reiche,  eine  Hauptstadt,
  Einheit  der  Zölle,  der  Münzen  und  Maße;  dazu  Reichstage  und
Landtage  und  eine  mächtige  Landwehr  aus  allen  Waffenfähigen  gebildet,
denn  unter  Germanen  gilt  der  Grundsatz:  wehrlos,  ehrlos!

Solche  Gedanken  in  die  Welt  hinausgerufen  mit  einer  berserkerhaften
  Zuversicht,  als  könne  es  gar  nicht  anders  sein,  und  von  der
Jugend  mit  jubelnder  Begeisterung  aufgegriffen  —  und  dies  in  einem
Augenblicke,  da  Preußen  wenig  mehr  als  vier  Millionen  Köpfe  zählte
und  Niemand  auch  nur  nachgedacht  hatte  über  die  Frage,  wie  man  den
österreichischen  Völkermang  mit  dem  reinen  Deutschland  unter  einen  Hut
bringen  könne!  Wie  schwer  mußten  diese  stolzen  Träume  dereinst  zusammenstoßen
  mit  der  harten  Wirklichkeit  der  particularistischen  Staatsgewalten!
  Gelang  selbst  die  Befreiung  von  der  Herrschaft  des  Auslandes,
eine  grausame  Euttäuschung,  eine  lange  Zeit  erbitterter  bürgerlicher  Kämpfe
stand  diesem  hoffenden  Geschlechte  unausbleiblich  bevor.

Nicht  allein  die  Publicistik,  sondern  die  gesammte  Literatur  wurde
jetzt  von  der  nationalen  Leidenschaft  ergriffen.  Dem  jungen  Nachwuchs
der  Romantiker  stellte  Achim  von  Arnim  die  Aufgabe:  die  frische  Morgenluft
  altdeutschen  Wandels  zu  athmen,  sich  andächtig  zu  vertiefen  in  die
Herrlichkeit  der  alten  heimischen  Sagen  und  Geschichte,  damit  wir  erkennen
wie  wir  geworden  und  mit  neuem  Selbstvertrauen  in  der  Gegenwart
        <pb n="319" />
        Die  Heidelberger  Romantiker.  309

kämpfen.  Im  Bewußtsein  eines  hohen  patriotischen  Berufes  und  mit
dem  ganzen  überspannten  Selbstgefühle,  das  der  Literatur  unseres  neunzehnten
  Jahrhunderts  eigenthümlich  blieb,  schritten  die  jungen  Dichter
und  Gelehrten  an's  Werk.  Sie  haben  immer,  ganz  wie  späterhin  die
Redner  des  Liberalismus  und  die  Schriftsteller  des  jungen  Deutschlands
der  festen  Ueberzeugung  gelebt,  die  neue  Ordnung  der  deutschen  Dinge
sei  eigentlich  von  ihnen  geschaffen,  die  Staatsmänner  und  Soldaten  hätten
nur  ausgeführt  was  sie  selber  so  viel  schöner  und  größer  erdacht.  Noch
einmal  kam  der  deutschen  Literatur  eine  Zeit  der  Jugend.  Wie  vormals
das  Geschlecht  von  1750  die  Welt  des  Herzens  entdeckt  und  mit  naiver
Verwunderung  in  ihren  Schätzen  gewühlt  hatte,  so  begrüßte  die  neue
Romantik  mit  trunkenem  Entzücken  jeden  glücklichen  Fund,  der  eine
Kunde  brachte  von  der  alten  Größe  des  Vaterlandes.  Sie  bestaunte  das
deutsche  Alterthum  mit  großen  verwunderten  Kinderangen;  durch  Alles
was  sie  dachte  und  träumte  geht  ein  Zug  historischer  Pietät,  ein  bewußter
  Gegensatz  zu  der  Verstandesbildung  und  der  Pflege  der  exacten
Wissenschaften  im  napoleonischen  Reiche.  Aus  der  Gährung  dieser  romantischen
  Tage  stieg  die  große  Zeit  der  historisch-philologischen  Wissenschaften
  hervor,  welche  nunmehr,  die  Dichtung  überflügelnd,  auf  lange
hinaus  in  den  Vordergrund  des  geistigen  Lebens  traten.

Einige  Jahre  lang  war  Heidelberg  der  bevorzugte  Sammelplatz  der
jungen  literarischen  Welt.  Wie  schmerzlich  hatte  der  ehrwürdige  Karl
Friedrich  von  Baden,  alle  diese  bösen  Jahre  über,  die  schmähliche  Lage
der  deutschen  Kleinfürsten  empfunden;  nun  konnte  er  doch  auf  seine  alten
Tage  noch  einmal  durch  eine  gute  That  dem  Vaterlande  seine  Liebe  bewähren.
  Er  stellte  die  unter  bairischer  Herrschaft  ganz  verfallene  Heidelberger
  Hochschule  wieder  her,  von  vornherein  mit  der  Absicht,  daß  sie
mehr  sein  sollte  als  eine  Landesuniversität,  eröffnete  am  Neckar  der  jungen
Literatur  eine  Freistatt  —  die  einzige  fast  in  dem  verödeten  rheinbündischen
Deutschland  —  und  erlebte  noch  die  Freude,  daß  die  alte  Rupertina  zum
dritten  male,  wie  einst  in  den  Zeiten  Otto  Heinrich's  und  Karl  Ludwig's,
mit  neuen  schöpferischen  Gedanken  in  den  Gang  des  deutschen  Lebens  eingriff.

Hier  in  dem  lieblichsten  Winkel  unserer  rheinischen  Lande  stand  die
Wiege  der  neuen  romantischen  Schule.  Das  epheuumrankte,  in  den
Blüthen  der  Bäume  wie  verschneite  Schloß,  die  Thürme  der  alten  Dome
drunten  in  der  sonnigen  Ebene,  die  geborstenen  Ritterburgen,  die  wie
Schwalbennester  an  den  Felsen  hängen,  Alles  erinnerte  hier  an  eine
hochgemuthe  Vorzeit,  die  der  Sehnsucht  so  viel  tröstlicher  schien  als  die
nüchterne  Gegenwart.  Achim  Arnim  und  Clemens  Brentano  fanden  sich
hier  zusammen,  auch  Görres,  der  phantastische  Schweber,  der  es  drüben
auf  dem  französischen  Ufer,  so  nahe  dem  Pariser  Höllenschlunde  nicht  mehr
ausgehalten.  Die  Dichter  des  achtzehnten  Jahrhunderts  hatten  sich  auf
deutscher  Erde  überall  wohlgefühlt  wo  sie  warmherzige  Freunde  fanden  und
        <pb n="320" />
        310  I.  3.  Preußens  Erhebung.

ungestört  ihren  Idealen  leben  konnten;  jetzt  begannen  die  Norddeutschen
mit  Sehnsucht  nach  den  schönen  Landen  der  Reben  und  der  Sagen  hinüberzuschauen.
  Wie  frohlockte  Heinrich  Kleist  als  er  aus  seinem  armen  Brandenburg
  in  die  Berge  Süddeutschlands  hinaufzog.  Erst  in  diesen  romantischen
  Kreisen  sind  Land  und  Leute  unsers  Südens  und  Westens  wieder
recht  zu  Ehren  gekommen.  Die  Vorliebe  für  den  Rhein,  die  jedem  Deutschen
  im  Blute  liegt,  wurde  zu  einem  schwärmerischen  Cultus,  nun  da
man  ihn  in  fremden  Händen  sah.  Wie  oft  wenn  die  vollen  Römergläser
an  einander  klangen,  wiederholte  man  die  Klage  Friedrich  Schlegel's:

Du  freundlich  ernste  starke  Woge,

Vaterland  am  lieben  Rheine,

Sieh,  die  Thränen  muß  ich  weinen

Weil  das  Alles  nun  verloren!

Der  Rhein  war  jetzt  Deutschlands  heiliger  Strom,  über  jeder  seiner
Kirchen  schwebte  ein  Engel,  um  jedes  verfallene  Gemäner  spielten  die  Nixen
und  Elfen  oder  die  Heldengestalten  einer  großen  Geschichte.  Eine  Menge
von  Liedern  und  Romanzen,  wie  sie  die  Lust  des  Weines  und  des  Wanderns
eingab,  versuchte  diese  Bilder  festzuhalten.  Die  Balladen  der  classischen
Dichtung  hatten  zumeist  irgendwo  in  grauer  Vorzeit,  auf  einem  unbestimmten
  idealen  Schauplatze  gespielt;  jetzt  mußte  der  Dichter  auch  seinen
kurzen  Erzählungen  einen  bestimmten  landschaftlichen  Hintergrund,  seinen
Figuren  ein  historisches  Costüm  geben.  Man  wollte  die  Wellen  des  Rheins
und  des  Neckars  hinter  den  Sagenbildern  des  Dichters  rauschen  hören,
die  biderben  Sitten  der  deutschen  Altvordern  in  seinen  Helden  wiederfinden.

Jener  Theil  der  vaterländischen  Geschichte,  der  allein  noch  in  der  Erinnerung
  des  Volkes  lebte,  die  letzten  hundertundfünfzig  Jahre  waren  den
Patrioten  widerwärtig  als  die  Zeit  der  deutschen  Zerrissenheit,  den  Poeten
abschreckend  durch  die  Prosa  ihrer  Lebensformen.  Nur  im  Mittelalter
sollte  die  ungebrochene  Kraft  des  deutschen  Volksthums  sich  zeigen,  und
man  verstand  darunter  mit  Vorliebe  den  Zeitraum  vom  vierzehnten  bis
zum  sechzehnten  Jahrhundert.  Die  fröhlichen  Zunftbräuche  der  alten
Handwerker,  das  geheimnißvolle  Treiben  der  Bauhütten,  die  Wanderlust
der  fahrenden  Schüler,  die  Abenteuer  ritterlicher  Wegelagerer  —  das  war
das  echte  deutsche  Leben,  und  sein  Schauplatz  lag  in  den  malerischen  Gefilden
  des  Südwestens,  in  dem  eigentlichen  alten  Reiche.  Bei  Alledem
war  von  einer  landschaftlichen  Sonderbildung  nicht  die  Rede.  Die  Norddeutschen
  sammt  einigen  protestantischen  Schwaben  und  Franken  gaben
noch  immer  den  Ton  an  für  das  ganze  Deutschland;  auch  die  geborenen
Rheinländer  unter  den  Romantikern,  Görres,  Brentano,  die  Beoisserees
—  die  ersten  Katholiken,  die  in  der  Geschichte  unserer  neuen  Literatur
wieder  mitzählten  —  verdankten  ihres  Lebens  besten  Inhalt  jener  gesammtdeutschen
  Bildung,  die  aus  dem  Protestantismus  erwachsen  war.  Wer
noch  deutsch  empfand  und  dachte  wurde  von  der  historischen  Sehnsucht
        <pb n="321" />
        Deutsche  Sprach-  und  Sagenforschung.  311

der  Zeit  ergriffen;  selbst  die  unästhetische  Natur  des  Freiherrn  vom  Stein
blieb  davon  nicht  unberührt.  An  den  Bildern  der  heimischen  Vorzeit  er—
baute  sich  das  nationale  Selbstgefühl  und  Vorurtheil.  Nur  unter  den
Germanen  —  das  stand  dem  jungen  Geschlechte  fest  —  gedieh  die  Ur—
sprünglichkeit  persönlicher  Eigenart;  in  Frankreich  hatte  die  Natur,  wie
A.  W.  Schlegel  spottete,  freigebig  von  einem  einzigen  Originalmenschen
dreißig  Millionen  Exemplare  aufgelegt.  Nur  aus  deutscher  Erde  sprang
der  Quell  der  Wahrheit;  unter  den  Wälschen  herrschte  der  Lügengeist  —
so  hieß  jetzt  kurzerhand  Alles  was  der  romantischen  Jugend  unfrei,  langweilig,
  unnatürlich  erschien:  die  akademisch  geregelte  Kunst,  die  mechanische
Ordnung  des  Polizeistaates,  die  Nüchternheit  der  harten  Verstandesbildung.

Unter  den  Schriften  jenes  Heidelberger  Kreises  wurde  keine  so  folgenreich
  wie  des  Knaben  Wunderhorn,  die  Sammlung  alter  deutscher  Lieder
von  Arnim  und  Brentano.  Der  frische  Junge  auf  dem  Titelbilde,  wie  er
so  dahinsprengte  auf  freiem  ungesatteltem  Rosse,  das  Liederhorn  in  der
erhobenen  Hand  schwingend,  schien  gleich  einem  Herold  zum  fröhlichen
Kampfe  gegen  den  Lügengeist  zu  rufen.  Nicht  ohne  Besorgniß  sendeten
die  Freunde  diese  übelangeschriebenen  Lieder  in  die  bildungsstolze  Welt
hinaus  und  baten  Goethe  sie  mit  dem  Mantel  seines  großen  Namens  zu
decken.  Ihnen  lag  daran,  daß  Deutschland  nicht  so  verwirthschaftet  werde
wie  die  abgeholzten  Berge  am  Rhein;  sie  hofften  auf  eine  neue  Zeit  voll
Sang  und  Spiel  und  herzhafter  Lebensfreude,  wo  die  Waffenübung
wieder  die  allgemeine  höchste  Lust  der  Deutschen  wäre  und  Jedermann  so
froh  und  frei  durch  die  Welt  zöge  wie  heutzutage  nur  „die  herrlichen
Studenten“,  die  letzten  Künstler  und  Erfinder  in  dieser  prosaischen  Zeit.

Die  Sammlung  erschien  zur  rechten  Stunde;  denn  eben  jetzt  begann
Schiller's  Tell  auf  weite  Kreise  zu  wirken  und  weckte  überall  die  Empfänglichkeit
  für  die  einfältige  Kraft  der  Altvordern.  Man  fand  der  freudigen
Verwunderung  kein  Ende,  als  die  Glocken  des  Wunderhorns  mit  süßem
Schall  erzählten,  wie  überschwänglich  reich  dies  alte  Deutschland  mit  der
Gottesgabe  der  Poesie  begnadet  gewesen,  welche  Fülle  von  Liebe  und  Sehnsucht,
  Muth  und  Schelmerei  tausende  namenloser  Studenten  und  Landsknechte,
  Jäger  und  Bettelleute  in  ihren  kunstlosen  Liedern  niedergelegt
hatten.  Herder's  große  Offenbarung,  daß  die  Dichtung  ein  Gemeingut
Aller  sei,  fand  nun  erst  allgemeines  Verständniß.  Nachher  gab  v.  d.  Hagen
in  Berlin  die  Nibelungen  heraus,  und  so  schülerhaft  die  Bearbeitung  war,
die  mächtigen  Gestalten  des  grimmen  Hagen  und  der  lancrächen  Chriem-=hild
  erregten  in  der  Seele  der  Leser  doch  die  frohe  Ahnung,  daß  unser
Volk  sechshundert  Jahre  vor  Goethe  schon  einmal  eine  große  Zeit  der
Dichtung  gesehen  habe.  Noch  überwog  der  Dilettantismus.  Mittelalterlich
  und  deutsch  galt  fast  für  gleichbedeutend;  man  warf  die  grundverschiedenen
  Epochen  der  mittelalterlichen  Cultur  kritiklos  durch  einander,
und  die  Begeisterten  ließen  sich's  nicht  träumen,  daß  die  verhaßten  Fran-
        <pb n="322" />
        312  I.  3.  Preußens  Erhebung.

zosen  in  der  Blüthezeit  des  Ritterthums  eigentlich  die  Tonangeber,  die
Culturbringer  gewesen  waren.  Der  schwächlich  phantastische  Fouqué,  dem
doch  nur  zuweilen  ein  stimmungsvolles,  den  Geheimnissen  des  Waldes
und  des  Wassers  abgelauschtes  Märchenlied  oder  eine  kräftige  Schilderung
  altnordischer  Reckengröße  gelang,  wurde  für  einige  Jahre  der  Modedichter
  der  vornehmen  Welt.  Die  Berliner  Damen  schwärmten  für  seine
sinnigen,  sittigen,  minniglichen  Jungfrauen,  für  die  ausbündige  Tugend
seiner  Ritter,  schmückten  ihre  Putztische  mit  eisernen  Crucifixen  und  silberbeschlagenen
  Andachtsbüchern.

Die  germanistische  Sprachforschung  war  bisher  bei  anderen  Wissenschaften
  zu  Gaste  gegangen,  nur  nebenher  von  einzelnen  Historikern,  Juristen
und  Theologen  gefördert  worden.  Nunmehr  versuchte  sie  endlich  sich  auf
eigene  Füße  zu  stellen,  Herder's  kühne  Ahnungen  und  F.  A.  Wolf's  Ansichten
  über  die  Entstehung  der  homerischen  Gedichte  für  das  deutsche  Alterthum
  zu  verwerthen.  Die  Gebrüder  Grimm  gaben  ihr  zuerst  den  Charakter
einer  selbständigen  Wissenschaft.  Man  achtete  der  beiden  Anspruchslosen
wenig,  als  sie  in  der  Einsiedlerzeitung  der  Heidelberger  auftraten;  doch
bald  sollten  sie  sich  als  die  Reinsten  und  Stärksten  unter  den  Genossen
bewähren.  Durch  sie  vornehmlich  ist  der  echte,  fruchtbare  Kern  der
romantischen  Weltanschauung  nachher  einer  gänzlich  verwandelten  Welt
erhalten  und  in  das  geistige  Vermögen  der  Nation  aufgenommen  worden.
Sie  nahmen  den  alten  Glaubenssatz  der  Romantiker,  daß  dem  Oceane
der  Poesie  alles  entströme,  in  vollem  Ernst,  suchten  auf  jedem  Gebiete
des  Volkslebens,  in  Sprache,  Recht  und  Sitte  nachzuweisen,  wie  sich  Bildung
  und  Abstraction  überall  aus  dem  Sinnlichen,  Natürlichen,  Ursprünglichen
  heraus  gestaltet  habe.  Wie  vornehm  herablassend  hatten  die  Schriftsteller
  des  achtzehnten  Jahrhunderts  noch  zum  Volke  gesprochen,  wenn  sie
sich  ja  einmal  um  den  geringen  Mann  kümmerteng  jetzt  ging  die  zünftige
Wissenschaft  bei  den  kleinen  Leuten  in  die  Schule,  hörte  andächtig  auf  das
Geplauder  der  Spinnstuben  und  der  Schützenhöfe.  Eine  alte  Bauerfrau
half  den  Brüdern  Grimm  bei  der  Sammlung  der  deutschen  Volksmärchen,
und  so  entstand  ein  Buch  wie  Luther's  Bibel:  ein  edles  Gemeingut  der
europäischen  Völker  erhielt  durch  congeniale  Nachdichtung  sein  bleibendes
nationales  Gepräge.  Die  altindischen  Märchengestalten,  der  Däumling,
Hans  im  Glücke,  Dornröschen  und  Schneeweißchen,  zeigten  so  grundehrliche
  deutsche  Gesichter,  die  einfältige  Heiterkeit,  die  ihnen  auf  der  weiten
Wanderung  durch  Deutschlands  Kinderstuben  angeflogen  war,  sprach  so
anheimelnd  aus  der  schmucklos  treuherzigen  Erzählung,  daß  wir  uns  heute
die  Lieblinge  unserer  Kindheit  nur  noch  in  dieser  Gestalt  denken  können,
wie  wir  auch  die  Bergpredigt  nur  mit  Luther's  Worten  hören  wollen.

Um  die  nämliche  Zeit  wurde  ein  anderer,  noch  ärger  verwahrloster
Schatz  der  Vorzeit  der  Nation  wieder  geschenkt.  Was  hatten  doch  unsere
alten  Dome  alles  ausstehen  müssen  von  der  Selbstverliebtheit  des  letzten
        <pb n="323" />
        Die  historische  Rechtslehre.  313

Jahrhunderts;  die  Bilderpracht  ihrer  Wände  war  mit  Gips  und  Mörtel
überdeckt,  an  den  gothischen  Altären  klebten  Pfrophenziehersäulen  und  Po—
saunenengel.  Nun  führten  der  Kirchenhaß  und  der  harte  Nützlichkeitssinn
  der  rheinbündisch-französischen  Bureaukratie  einen  neuen  Bildersturm
über  Baiern,  Schwaben  und  die  Rheinlande  herauf.  Eine  Menge  ehrwürdiger
  Kirchen  ward  ausgeplündert  und  kam  unter  den  Hammer;  ein
jammervoller  Anblick,  wenn  beim  Abbrechen  der  Mauern  der  Mörtel  herabsiel
  und  die  schönen  alten  Fresken  auf  wenige  Augenblicke  wieder  im
Tageslichte  glänzten  um  alsbald  für  immer  zu  verschwinden.  Da  faßten
sich  die  Brüder  Boisseree  das  Herz,  zu  retten  was  noch  zu  retten  war
aus  der  großen  Zerstörung;  ihre  stille  treue  Thätigkeit  war  das  erste
Lebenszeichen  der  wiedererwachenden  deutschen  Gesinnung  am  linken  Ufer.
Unermüdlich  suchten  sie  unter  dem  Gerümpel  auf  den  Böden  der  rheinischen
Patricierhäuser  die  vergessenen  altdeutschen  Gemälde  zusammen.  Ihre  alte
Mutter  begleitete  das  fromme  Werk  mit  ihrem  Segen,  die  romantischen
Freunde  draußen  im  Reiche  halfen  treulich  mit.  Wie  freuten  sich  Görres
  und  Savigny,  wenn  sie  ein  schönes  Altarschnitzwerk  für  wenige  Kreuzer
irgendwo  von  einem  Bauern  oder  Trödler  erstanden  hatten  und  den  Brüdern
  senden  konnten.  Alles  war  willkommen  und  fand  Bewunderung
was  nur  die  echten  Züge  altdeutschen  Geistes  trug:  die  idealistische  Weichheit
  der  kölnischen  Malerschule  so  gut  wie  Dürer's  Tiefsinn  und  der
kräftige  Realismus  der  alten  Niederländer.  Dann  fand  Sulpiz  Beisseree
einige  der  alten  Risse  des  Kölner  Domes  wieder  auf  und  entwarf  nun
frohen  Muthes  die  Zeichnungen  für  sein  großes  Dom-Werk.  Mitten  in
den  argen  Tagen,  da  Napoleon  einmal  seine  gute  Stadt  Köln  besuchte
und  das  schönste  Gotteshaus  der  Deutschen  nach  wenigen  Minuten  eilig
wieder  verließ  um  ein  Kürassierregiment  zu  inspiciren,  träumte  jener
treue  Sohn  des  Rheinlandes  schon  von  dem  Wiederauferstehen  der  Kölner
Bauhütte,  die  einst  durch  Jahrhunderte  der  lebendige  Herd  der  deutschen
Kunst  am  Rheine  gewesen.

Derselbe  feste  Glaube  an  die  Unsterblichkeit  des  deutschen  Volkes  bescelte
auch  den  Schöpfer  unserer  Staats=  und  Rechtsgeschichte,  K.  F.  Eichhorn.
Die  alte  Herrschaft  des  gemeinen  Rechts  schien  für  immer  gebrochen,  das
Gebiet  des  Code  Napoleon  erstreckte  sich  bis  zu  den  Ufern  der  Elbe,  die
Juristen  des  Rheinbundes  legten  das  deutsche  Recht  schon  zu  den  Todten.
Doa  zeigte  Eichhorn,  wie  der  rechtsbildende  Gemeingeist  der  deutschen  Nation
in  allem  Wandel  der  Staatsverfassungen  doch  immer  lebendig  geblieben,
wie  allein  aus  dieser  bleibenden  Naturkraft  das  Werden  und  Wachsen
des  deutschen  Rechtes  zu  erklären  sei.  Diese  historische  Ansicht  von  dem
Wesen  des  Rechts,  die  schon  durch  Herder  und  die  älteren  Romantiker
vorbereitet  war,  kam  jetzt  mit  einem  male  zur  Reife,  sie  entsprang  so
nothwendig  aus  der  Weltanschauung  des  neuen  Zeitalters,  daß  sie  gleichzeitig
  von  Männern  der  verschiedensten  Anlage  vertreten  wurde:  —  so
        <pb n="324" />
        314  I.  3.  Preußens  Erhebung.

von  Savigny,  dem  juristischen  Lehrer  der  Brüder  Grimm,  der  in  Landshut
  durch  seine  Lehre  von  der  rechtserzeugenden  Kraft  des  Volksgeistes.
bereits  den  Argwohn  der  bonapartistischen  bairischen  Bureaukratie  erregte
—  so  vor  Allen  von  Niebuhr,  dessen  Römische  Geschichte  als  die  größte
wissenschaftliche  That  der  Epoche  rasch  allgemeine  Bewunderung  fand.
Auch  bei  ihm  erschien  der  Geist  des  Römervolkes  —  ein  der  pragmatischen
  Geschichtschreibung  des  achtzehnten  Jahrhunderts  ganz  unbekannter
Begriff  —  als  die  treibende  Kraft,  die  gestaltende  Nothwendigkeit  der  römischen
  Geschichte;  und  zugleich  wies  er  der  historischen  Forschung  neue
Bahnen  durch  eine  scharfe  Quellenkritik,  die  mit  sicheren  Streichen  die  gesammte
  alte  Ueberlieferung  der  römischen  Königsgeschichte  über  den  Haufen
warf.  Doch  er  sagte  auch  „der  Historiker  bedarf  Positives.“  Die  todten
Buchstaben  der  Quellen  gewannen  Leben  vor  seinen  Augen,  und  durch
ein  wahrhaft  schöpferisches  Vermögen  gestaltete  er  über  den  Trümmern
der  zerstörten  Tradition  ein  Bild  des  wirklich  Geschehenen.  Und  welche
maßvolle  Freiheit  des  politischen  Urtheils,  ganz  in  Stein's  vornehmem
Sinne;  wahres  Lob  für  die  Mäßigung  der  Plebes,  scharfer  Tadel  gegen
den  Uebermuth  der  Patricier  und  dazu  der  echt  preußische  Schluß:  unter
einer  starken  Krone  wäre  eine  solche  Härte  des  Standesdünkels  niemals
möglich  gewesen.  So  zeigte  sich  die  Wissenschaft  fast  in  allen  Fächern
noch  lebendiger,  noch  productiver  als  die  Mehrzahl  der  jungen  Poeten.
Auch  das  war  ein  Zeichen  der  Zeit,  daß  Alexander  von  Humboldt's  „Ansichten
  der  Natur"  —  zum  ersten  male  in  Deutschland  —  die  Ergebnisse
schwerer  naturwissenschaftlicher  und  geographischer  Forschung  in  einfacher
classischer  Darstellung  der  ganzen  Nation  zu  frohem  Genusse  darboten.

Es  war  eine  Zeit  der  Dämmerung'  Frischer  Morgenwind  verkündete
das  Nahen  eines  schönen  Tages,  doch  die  Formen  und  Massen  der  jugendlichen
  Welt  traten  im  unsicheren  Zwielicht  noch  nicht  scharf  und  klar  aus
einander.  Grundverschiedene  Gesinnungen,  die  sich  bald  leidenschaftlich
bekämpfen  sollten,  gingen  noch  harmlos  Hand  in  Hand.  Der  Reactionär
Fouquê  lebte  mit  dem  radicalen  Fichte  wie  der  Sohn  mit  dem  Vater.
Von  den  romantischen  Poeten  dachten  einige  gläubigfromm,  während
andere  mit  den  mittelalterlichen  Idealen  nur  ironisch  spielten.  Auf  dem
historischen  Gebiete  erschienen  neben  Niebuhr's  und  Eichhorn's  streng  methodischen
  Forschungen  auch  phantastische  Werke,  wie  Creuzer's  Symbolik,  der
erste  Versuch,  die  geheimnißvolle  Nachtseite  der  antiken  Cultur,  die  Religion
  und  die  Mysterien  der  Alten  zu  verstehen  —  ein  Buch  voll  geistreicher
  Ahnungen,  aber  auch  voll  spielender  Willkür,  dunkel  wie  die
Träumerei  der  Naturphilosophie.  Die  wissenschaftliche  Beschaulichkeit  der
historischen  Juristenschule  war  nicht  frei  von  Angst  und  Thatenscheu;  sie
hatte  im  Grunde  wenig  gemein  mit  Arndt's  hoffnungsvollem,  unerschrockenem
Freisinn  und  berührte  sich  vielfach  mit  den  Ansichten  von  F.  Gentz,  der
jetzt,  erschöpft  durch  Ausschweifungen,  innerlich  erkältet  und  blasirt,  in
        <pb n="325" />
        Heinrich  von  Kleist.  315

dem  verflachenden,  gedankenlosen  Wiener  Leben  mehr  und  mehr  ein  un—
bedingter  Lobredner  der  guten  alten  Zeit  wurde.  Der  unerschöpfliche  Ge—
staltenreichthum  der  deutschen  Geschichte  erlaubte  Jedem,  wes  Sinnes  er
auch  war,  sich  für  irgend  ein  Stück  der  vaterländischen  Vorzeit  zu  er—
wärmen.  Die  Einen  reizte  der  fremdartige  Zauber,  die  Andern  der  frische
biderbe  Volkston  des  mittelalterlichen  Lebens.  Während  Fichte  seine  Hörer
auf  die  Bürgerherrlichkeit  der  Hansa  und  die  Schmalkaldener  Glaubens—
kämpfer  hinwies,  verdammte  F.  Schlegel  den  „Erbfeind“  Friedrich  den
Großen,  und  der  prahlerische  Phantast  Adam  Müller  feierte  das  heilige
römische  Reich  als  den  Ausbau  der  Persönlichkeit  Christi.

Noch  verworrener  wogten  die  religiösen  Stimmungen  durch  einander.
  Zwar  die  protestantischen  K  ernmenschen,  Schleiermacher,  Fichte,
die  Gebrüder  Grimm,  schwankten  niemals  in  ihrer  evangelischen  Ueberzeugung.
  Savigny  aber  wurde  durch  den  trefflichen  katholischen  Theologen
  Sailer  den  Anschauungen  der  vorlutherischen  Kirche  näher  geführt.
Schenkendorf  sang  verzückte  Lieder  auf  die  Königin  Maria;  der  Uebertritt
  F.  Schlegel's  und  F.  Stolberg's  zur  römischen  Kirche  warf  ein  grelles
Licht  auf  die  sittliche  Schwäche  der  noch  immer  überwiegend  östhetischen
Weltanschauung  des  Zeitalters.  Ein  finsterer  Judenhaß  verdrängte  die
weitherzige  Duldsamkeit  der  fridericianischen  Tage.  Mancher  unter  den
mittelalterlichen  Schwarmgeistern  meinte  in  jedem  Judengesicht  die  Marterwerkzeuge
  Christi  deutlich  eingegraben  zu  sehen.  Politischer  Haß  spielte
mit  hinein,  da  Napoleon  geschickt  und  nicht  ohne  Erfolg  das  europäische
  Judenthum  für  die  Sache  seines  Weltreichs  zu  gewinnen  suchte.
Alle  diese  Bestrebungen  standen  für  jetzt  in  leidlichem  Einklang,  und  der
alte  Voß  fand  noch  geringen  Beifall,  als  er  mit  gesundem  Menschenverstande
  und  ungeschlachter  Grobheit  im  Namen  der  protestantischen  Gedankenfreiheit
  die  Traumwelt  der  Romantik  bekämpfte.  Niemand  befand
sich  wohler  in  dem  chaotischen  Treiben  als  der  lärmende  Görres,  der
ehrliche  Jacobiner  in  der  Mönchskutte,  der  es  verstand  zugleich  ein  Radicaler
und  ein  Bewunderer  des  Mittelalters,  ein  Deutschthümler  und  ein  Verehrer
  des  römischen  Papstes  zu  sein,  immer  geistreich,  anregend  und  angeregt,
  sprudelnd  von  ästhetischen,  historischen,  naturphilosophischen  Einfällen,
aber  auch  immer  befangen  in  einem  rhetorisch-poetischen  Rausche.  In
einem  Entschlusse  waren  Alle  einig:  sie  wollten  ihres  deutschen  Wesens
wieder  so  recht  von  Herzen  froh  werden,  diese  heimische  Eigenart  behaupten
und  in  voller  Freiheit  weiterbilden  ohne  jede  Rücksicht  auf  fremdländische
Weltbeglückung  und  Weltbeherrschung.

Die  politische  Leidenschaft  der  Zeit  fand  ihren  mächtigsten  fünstlerischen
Ausdruck  in  den  Werken  Heinrich  von  Kleist's,  jenes  tief  unseligen  Dichters,
der  alle  die  Poeten  der  jungen  Generation  überragte.  Durch  die  ursprüngliche
  Kraft  dramatischer  Leidenschaft  und  leibhaftig  wahrer  Charakteristik
übertraf  er  selbst  Schiller;  doch  der  Ideenreichthum  und  die  hohe  Bildung,
        <pb n="326" />
        316  I.  3.  Preußens  Erhebung.

der  weite  Blick  und  die  stolze  Selbstgewißheit  unseres  ersten  Dramatikers
blieben  dem  Unglücklichen  versagt;  ein  friedloser  Sinn  störte  ihm  das  Ebenmaß
  der  Seele.  Kaum  beachtet  von  den  Zeitgenossen,  durch  ein  räthselhaft
grausames  Schicksal  um  alle  Freuden  eines  reichen  Schaffens  betrogen,  erscheint
  er  uns  Rückschauenden  heute  als  der  eigentlich  zeitgemäße  Dichter
jener  bedrückten  Tage,  als  der  Herold  jenes  dämonischen  Hasses,  den  fremde
Unbill  in  die  Adern  unseres  gutherzigen  Volkes  goß.  Die  Penthesilea  war
die  wildeste,  das  Käthchen  von  Heilbronn  die  zarteste  und  holdeste  unter  den
dämmernden  Traumgestalten  der  deutschen  Romantik,  die  Hermannsschlacht
aber  ein  hohes  Lied  der  Rache,  eine  mächtige  Hymne  auf  die  Wollust  der
Vergeltung  —  jeder  Zug  ebenso  sinnlich  wahr,  anschaulich,  lebensvoll  wie
einst  Klopstock's  Bardengesänge  unbestimmt  und  verschwommen  gewesen,
jedes  Gefühl  unmittelbar  aus  dem  Herzen  der  rachedürstenden  Gegenwart
heraus  empfunden.  Kleist  hatte  sich  nicht,  wie  die  patriotischen  Gelehrten,
die  Idee  des  Vaterlandes  erst  durch  Nachdenken  erwerben  müssen;  er
empfand  den  naiven,  naturwüchsigen  Haß  des  preußischen  Offiziers,  er
sah  die  alten  glorreichen  Fahnen,  die  sein  und  seines  Hauses  Stolz  gewesen,
  zerrissen  im  Staube  liegen  und  wollte  den  züchtigen,  der  ihm  das
gethan.  Ueberall  wohin  der  Unstete  seinen  Wanderstab  setzte  verfolgte  ihn
wie  der  Ruf  der  Erinnyen  die  wilde  Frage:  „stehst  du  auf,  Germania?
ist  der  Tag  der  Rache  da?"“  Stürmisch,  furchtbar  wie  noch  nie  aus  eines
Deutschen  Munde  erklang  von  seinen  Lippen  die  Poesie  des  Hasses:

Rettung  von  dem  Joch  der  Knechte,

Das  aus  Eisenerz  geprägt,

Eines  Höllensohnes  Rechte

Ueber  unsern  Nacken  legt!

Es  war  dieselbe  unbändige  Naturkraft  der  nationalen  Leidenschaft,
wie  einst  in  den  wilden  Klängen  des  Marseillermarsches,  nur  ungleich
poetischer,  wahrer,  tiefer  empfunden.  Nachher  schuf  der  unglückliche  Dichter
in  dem  Prinzen  von  Homburg  das  einzige  künstlerisch  vollendete  unserer
Historischen  Dramen,  das  seinen  Stoff  aus  der  neuen,  noch  wahrhaft
lebendigen  deutschen  Geschichte  herausgriff,  die  schönste  poetische  Verklärung
des  preußischen  Waffenruhms.  Als  auch  dies  Werk  an  den  Zeitgenossen
spurlos  vorüberging  und  die  Lage  des  Vaterlandes  sich  immer  trauriger  gestaltete,
  da  starb  der  Ungeduldige  durch  eigene  Hand  —  ein  Opfer  seiner
angeborenen  krankhaften  Verstimmung,  aber  auch  ein  Opfer  seiner  finsteren
hoffnungslosen  Zeit.  Es  bezeichnet  den  großen  Umschwung  des  nationalen
Lebens,  daß  jetzt  ein  Mann  aus  den  alten  brandenburgischen  Soldatengeschlechtern
  mit  der  ganzen  Farbenpracht  der  neuen  Dichtung  dies  preußhische
  Soldatenthum  verherrlichte,  das  so  lange,  verständnißlos  und  unverstanden,
  der  modernen  deutschen  Bildung  fern  geblieben  war.  Wie  lebhaft
betheiligte  sich  doch  nunmehr  das  starre  trotzige  Junkerthum  der  Marken
an  dem  geistigen  Schaffen  der  Nation:  eine  lange  Reihe  seiner  Söhne,
        <pb n="327" />
        Goethe  und  die  Romantik.  317

Kleist,  Arnim  und  Fouqué,  die  Humboldt's  und  L.  von  Buch  standen  mit
obenan  unter  Deutschlands  Dichtern  und  Gelehrten.  Das  banausische
Wesen  des  alten  Preußenthums  war  endlich  völlig  überwunden.

Und  seltsam,  Niemand  hat  diese  große  Wandlung  im  deutschen  Volks—
gemüthe,  das  Erstarken  des  freudigen  nationalen  Selbstgefühls  mächtiger
gefördert  als  Goethe.  Er  that  es  fast  wider  seinen  Willen,  durch  ein  Werk,
das  ursprünglich  einem  ganz  anderen  Zeitalter  angehörte.  Es  blieb  sein
Schicksalsberuf  immer  das  rechte  Wort  zu  finden  für  die  eigensten  und
geheimsten  Empfindungen  der  Deutschen.  Im  Jahre  1808  erschien  der  erste
Theil  des  Faust.  Goethe  war  jetzt  an  sechzig  Jahr  alt,  seit  nahezu  vier
Jahrzehnten  eine  anerkannte  Macht  im  deutschen  Leben;  eine  Wallfahrt
nach  Weimar  zu  dem  würdevollen,  feierlich  ernsthaften  Altmeister  gehörte
längst  zu  den  Anstandspflichten  der  jungen  Schriftsteller.  Aber  Niemand
erwartete  von  dem  alten  Herrn  noch  eine  schöpferische  That,  eine  Theilnahme
  an  den  Kämpfen  des  neuen  Deutschlands;  wußte  man  doch,  wie  kühl
und  vornehm  er  die  Heißsporne  der  Romantik  von  sich  abwies.  Wohl  nahm
er  die  Widmung  des  Wunderhorns  freundlich  auf  und  gab  der  Sammlung
  den  Segenswunsch  mit  auf  den  Weg,  sie  möge  in  jedem  deutschen
Hause  ihren  Platz  unter  dem  Spiegel  finden.  Er  selber  hatte  einst  in
seinen  glücklichen  Straßburger  Zeiten,  von  Wenigen  verstanden,  das  Lob
der  gothischen  Baukunst  verkündigt.  Wenn  er  jetzt  nach  langen  Jahren
seine  Saat  aufgehen  und  alle  Welt  für  die  alte  deutsche  Kunst  begeistert
sah,  so  meinte  er  befriedigt,  die  Menschheit  zusammen  sei  erst  der  wahre
Mensch,  und  hatte  seine  Freude  an  Sulpiz  Beisseree's  liebenswürdigem
Eifer.  Doch  das  aufgeregt  phantastische  Wesen  und  das  trotzige  nationale
  Pathos  des  jungen  Geschlechts  blieben  ihm  zuwider.

Seine  Bildung  wurzelte  in  dem  weltbürgerlichen  alten  Jahrhundert.
Niemals  wollte  er  vergessen,  was  er  und  alle  seine  Jugendgenossen  den
Franzosen  verdankten.  Kleist's  dämonische  Unruhe  erregte  dem  Beschaulichen
  Grauen;  in  den  Briefen  an  seinen  Altersgenossen  Reinhard  urtheilte
  er  sehr  scharf  über  Arnim's  und  Brentano's  fratzenhaftes  Treiben
und  vertheidigte  den  alten  ehrlichen  Rationalismus  gegen  die  zweizüngelnde
  neue  Naturphilosophie;  ja  er  hatte  Stunden,  wo  er  das  Romantische
  kurzab  das  Krankhafte  nannte,  im  Unterschiede  von  dem  Gesunden,
  dem  Classischen.  Am  wenigsten  verzieh  er  den  jungen  Leuten,
daß  ihre  literarische  Bewegung  zugleich  politische  Zwecke  verfolgte;  jedes
unmittelbare  Hinüberwirken  der  Kunst  auf  die  Prosa  des  Staatslebens
war  ihm  eine  Entweihung.  Die  große  Zerstörung,  die  über  Deutschland
hereingebrochen,  nahm  er  hin  als  ein  unentrinnbares  Verhängniß;  die
natürliche  Wahlverwandtschaft  des  Genius  hieß  ihn  fest  an  Napoleon's
Glücksstern  glauben.  Was  wußte  er  auch  von  Preußen  und  dem  tödtlich
beleidigten  preußischen  Stolze?  Wie  konnte  der  Sohn  der  guten  alten
Zeit,  der  in  Frankfurt,  Straßburg,  Leipzig,  Weimar  unter  einem  harmlos
        <pb n="328" />
        318  I.  3.  Preußens  Erhebung.

friedsamen  Völkchen  gelebt,  einen  deutschen  Volkskrieg  für  möglich  halten?
Schon  die  Mitlebenden  empfanden  es  schmerzlich,  und  in  alle  Zukunft
wird  es  den  Deutschen  eine  traurige  Erinnerung  bleiben,  daß  unser
größter  Dichter  in  dem  Feinde  seines  Vaterlandes  nichts  sehen  wollte  als
den  großen  Mann,  daß  er  zu  alt  war  um  die  wunderbare,  heilvolle
Wandlung,  die  über  sein  Volk  gekommen,  ganz  zu  verstehen.  Wie  fühlte  er
sich  so  einsam  seit  Schiller's  Tode.  Wehmüthig  der  lieben  Schatten  froher
Tage  gedenkend  ließ  er  das  Lieblingswerk  seines  Lebens  in  die  unbekannte
Menge  hinausgehen.  Als  anderthalb  Jahrzehnte  früher  einige  Bruchstücke
daraus  erschienen  waren,  hatte  Niemand  viel  Aufhebens  davon  gemacht.

Und  doch  schlug  das  Gedicht  jetzt  ein,  zündend,  unwiderstehlich,  wie
einst  der  Werther  —  als  wären  diese  Zeilen,  über  denen  der  Dichter  alt
geworden,  erst  heute  und  für  den  heutigen  Tag  ersonnen.  Die  bange
Frage,  ob  es  denn  wirklich  aus  sei  mit  dem  alten  Deutschland,  lag  auf
Aller  Lippen;  und  nun,  mitten  im  Niedergange  der  Nation,  plötzlich  dies
Werk  —  ohne  jeden  Vergleich  die  Krone  der  gesammten  modernen  Dichtung
  Europas  —  und  die  beglückende  Gewißheit,  daß  nur  ein  Deutscher
so  schreiben  konnte,  daß  dieser  Dichter  unser  war  und  seine  Gestalten  von
unserem  Fleisch  und  Blut!  Es  war  wic  ein  Wink  des  Schicksals,  daß
die  Gesittung  der  Welt  unser  doch  nicht  entbehren  könne,  und  Gott  noch
Großes  vorhabe  mit  diesem  Volke.  Schon  Schiller  hatte  dem  Drama
höhere  Aufgaben  gestellt  als  Shakespeare,  obwohl  er  die  grandiose  Gestaltungskraft
  des  Briten  nicht  erreichte;  die  Tragödie  der  Leidenschaften
genügte  ihm  nicht,  er  wollte  versinnlichen,  daß  die  Weltgeschichte  das
Weltgericht  ist.  Hier  aber  war  noch  mehr;  hier  wurde,  zum  ersten  male
seit  Dante,  der  Versuch  gewagt  die  ganze  geistige  Habe  des  Zeitalters
poetisch  zu  gestalten.  Die  Conception  war  dem  Dichter,  er  selbst  gestand
es,  von  vornherein  klar;  doch  wie  er  nun  die  geliebten  Gestalten  viele
Jahre  hindurch  mit  sich  im  Herzen  trug,  in  allen  guten  Stunden  immer
wieder  zu  ihnen  heimkehrte,  da  wuchsen  sie  mit  ihm  und  er  mit  ihnen.
Das  alte  Puppenspiel  mit  seiner  Derbheit  und  seinem  Tiefsinn,  seinen
saftigen  Späßen  und  seinen  unheimlichen  Schrecken  erweiterte  sich  zu
einem  großen  Weltgemälde,  das  freilich  die  Formen  der  dramatischen
Kunst  zersprengte,  zu  einem  Bilde  des  prometheischen  Dranges  der  Menschheit.
  Der  Dichter  legte  den  ganzen  philosophischen  Inhalt  seines  Zeitalters
  darin  nieder.  Der  moderne  Poet  konnte  nicht  wie  jener  Sohn  des
dreizehnten  Jahrhunderts  von  der  Höhe  einer  zweifellos  fertigen  Weltanschauung
  herunter  seinen  Richterspruch  fällen  über  die  Welt.  Er  hatte
dessen  kein  Hehl,  daß  er  ein  Strebender  sei,  daß  er  mit  diesem  Gedichte
eigentlich  nie  zu  Ende  kommen  könne,  und  eben  darum  wirkte  seine
Dichtung  so  gewaltig  auf  die  gährende  Zeit,  weil  sie  Jeden  unwillkürlich
  zum  Weiterdichten  und  Weitersinnen  einlud.  Der  Grundgedanke  der
Goethischen  Weltanschauung  stand  gleichwohl  fest:  die  Menschheit  blieb
        <pb n="329" />
        Faust.  319

ihm  die  Mitte  der  Schöpfung,  und  nur  um  ihretwillen  bestand  die  Welt.
Die  Erlösung  der  Menschen  durch  die  That,  durch  die  liebende  Hingabe
des  Ich  an  das  Ganze,  der  Triumph  des  Göttlichen  über  den  Geist  der
Verneinung,  der  stets  das  Böse  will  und  stets  das  Gute  schafft  —  das
war  der  freudige  Glaube  dieses  größten  aller  Optimisten,  das  war  das
Thema  der  Dichtung  seines  Lebens.

Wenn  je  ein  Gedicht  erlebt  war,  so  war  es  dieses.  Alles  kehrte
hier  wieder  was  je  die  proteische  Natur  des  Dichters  ergriffen  und  bewegt:
  die  lockere  Munterkeit  der  Leipziger,  das  Liebesglück  der  Straßburger
  Tage,  Merck  und  Herder,  Spinoza  und  Winckelmann,  die  Erdfreundschaft
  des  Gelehrten  und  die  Erfahrungen  des  Staatsmannes,  die
Schönheitstrunkenheit  der  römischen  Elegien  und  die  reife  Lebensweisheit
des  Greisenalters.  Die  Deutschen  aber  fesselte  der  Faust  noch  durch
cinen  anheimelnden  Zauber,  den  bis  zum  heutigen  Tage  kein  Ausländer
ganz  verstanden  hat.  Das  Gedicht  erschien  wie  ein  symbolisches  Bild
der  vaterländischen  Geschichte.  Wer  sich  darein  vertiefte  übersah  den
ganzen  weiten  Weg,  den  die  Germanen  durchmessen  hatten  seit  den
dunklen  Tagen,  da  sie  noch  mit  den  Göttern  des  Waldes  und  des  Feldes
in  traulicher  Gemeinschaft  lebten,  bis  zu  dem  lebensfrohen  Volksgetümmel,
das  aus  unseren  alten  Städten,  „aus  dem  Druck  von  Giebeln  und
Dächern,  aus  der  Kirchen  ehrwürdiger  Nacht“  in's  Freie  drängte.  Hier
war  des  deutschen  Lebens  Ueberschwang:  der  wilde  Teufelsspuk  unseres
Volksaberglaubens  und  die  zarte  Innigkeit  deutscher  Frauenliebe,  der
Humor  der  Studenten,  die  Schlaglust  der  Soldaten  und  die  Sonnenflüge
  des  deutschen  Gedankens  fast  Alles  was  unser  Leben  ausmacht.
In  keinem  seiner  größeren  Werke  seit  dem  Götz  hatte  Goethe  so  volksthümlich
  geschrieben.  Die  einfachen  Reimpaare  der  alten  Fastnachtsschwänke
gaben  mit  wunderbarer  Kraft  und  Klarheit  jeden  Farbenwechsel  der  Stimmung
  wieder;  dem  schlichten  Leser  schien  Alles  verständlich,  dem  geistvollen
  unergründlich.

Die  jungen  Poeten  priesen  den  Faust  als  die  Vollendung  der  romantischen
  Kunst;  sie  fühlten  sich  bestärkt  und  ermuthigt  in  ihrem  eigenen
Thun,  da  nun  auch  der  Fürst  der  classischen  Dichtung  in  die  Nebelwelt
der  Romantik  sich  verlor  und  die  Hexen  um  den  Blocksberg  tanzen  ließ.
Der  alte  Herr  zeigte  freilich  bald,  wie  hoch  er  über  den  literarischen  Parteien
  des  Tages  stand.  Kurz  nach  dem  Faust  gab  er  die  Wahlverwandtschaften
  heraus.  Man  bewunderte  den  psychologischen  Tiefsinn  und  den
hohen  Kunstverstand  des  Meisters  —  denn  eine  so  vollendete,  so  fest  geschlossene
  Composition  war  ihm  noch  nie  gelungen  —  doch  man  fühlte  auch
mit  Befremden,  daß  diese  Dichtung  mit  den  Empfindungen  der  Zeit  gar
nichts  gemein  hatte;  sie  schien  geschrieben  für  ein  Geschlecht  das  nicht  mehr
war.  Was  verschlug  es?  —  der  Jugend  blieb  Goethe  der  vergötterte
Dichter  des  Faust,  und  da  auch  Schiller's  Werke  erst  jetzt  die  volle  Wür-
        <pb n="330" />
        320  I.  3.  Preußens  Erhebung.

digung  fanden,  so  wurde  die  gemeinsame  Verehrung  für  die  Heroen  von
Weimar  ein  Band  der  Einheit  für  alle  Gebildeten.  Auch  dieser  Cultus
kam  dem  Selbstgefühle  der  unglücklichen  Nation  zu  gute.

Selbst  in  den  bildenden  Künsten  erwachte  endlich  wieder  fröhliche
Werdelust;  die  Anfänge  unserer  neuen  Malerei  verknüpften  sich  unmittelbar
  mit  der  Wiederentdeckung  des  deutschen  Alterthums.  Wie  einsam
war  noch  Asmus  Carstens  geblieben  mit  seinem  genialen  Drange  nach
der  Einfalt  der  Natur  und  der  Großheit  der  Antike  —  der  Prophet  einer
schöneren  Zeit,  die  er  nicht  mehr  sehen  sollte.  Jetzt  aber  fand  sich  in
dem  Kloster  von  San  Isidoro  zu  Rom  eine  ganze  Schaar  deutscher  Maler
zusammen,  ein  begeistertes,  streitbares  junges  Geschlecht,  das  für  Dürer,
Memling,  van  Cyck  schwärmte  und  sich  berufen  hielt,  zu  Ehren  Gottes.
und  des  deutschen  Vaterlandes  die  akademische  Kunst  der  Franzosen  durch
die  Treue  und  den  Tiefsinn  des  alten  christlich-germanischen  Wesens  zu
besiegen.  Die  Katholiken  waren  unter  den  jungen  Malern  von  Haus  aus
stärker  vertreten  als  unter  den  Dichtern  und  Gelehrten;  ein  Katholik  war
auch  der  Größte  unter  ihnen,  Peter  Cornelius,  nur,  daß  auch  er  an  dem
Borne  der  norddeutschen  Bildung  getrunken  hatte  und  sein  Bekenntniß  in
einem  weiten  und  großen  Sinne  auffaßte.  Ein  heiliger  Ehrgeiz  schwellte
ihm  die  Seele  und  er  betete:  „so  schufst  Du  dies  Herz  nach  himmlischen
Thaten  sich  sehnend,  in  der  Demuth  groß  und  in  unendlicher  Liebe  zu
Dir.“  Glühend  und  strenge,  nach  Dürerischer  Art,  sollte  die  deutsche
Malerei  sich  zeigen,  denn  nur  durch  die  Deutschen  könne  die  Kunst  eine
neue  Richtung  erhalten,  von  dieser  Nation  aus  wolle  Gott  ein  neues
Reich  seiner  Kraft  und  Herrlichkeit  über  die  Welt  verbreiten.  Das  Reisegeld
  zur  Romfahrt,  das  ihm  der  Fürstprimas  Dalberg  anbot,  wies  der
junge  Künstler  kurzerhand  zurück,  weil  man  ihm  zumuthete  französischen
Mustern  zu  folgen.  Aus  der  vaterländischen  Sagenwelt,  aus  Faust  und
den  Nibelungen  entnahm  er  die  Stoffe  zu  seinen  ersten  größeren  Werken
—  eine  echt  deutsche  Natur,  ernst,  tief  und  groß,  unerschöpflich  reich  an
Idcen,  aber  hart  und  ungelenk  in  der  Form,  fast  mehr  ein  Dichter  als
ein  Maler.  Auch  für  ihn  galt  der  Name  poeta  tacente,  womit  man
einst  treffend  die  Eigenart  Dürer's  bezeichnet  hatte.

Als  Cornelius  endlich  nach  Rom  kam,  wuchs  er  bald  hinaus  über
das  einseitige  Nazarenerthum  Overbeck's  und  der  Klosterbrüder  von  San
Isidoro,  die  nur  in  der  nordischen  und  der  älteren  italienischen  Kunst
das  wahre  Christenthum  wiederfinden  wollten.  In  seinem  Geiste  fanden
neben  Siegfried  und  Faust  auch  die  Gestalten  der  Ilias  und  der  Aeneide
Raum;  auch  die  heidnische  Schönheit  der  Werke  des  Cinquecento  genoß  er
mit  tiefem  Verständniß.  So  hat  er,  unerbittlich  an  sich  selber  arbeitend  und
mit  jedem  neuen  Blatte  des  Nibelungencyelus  wachsend  und  erstarkend,
den  Grund  gelegt  für  den  monumentalen  Stil  der  deutschen  Malerei.
Und  wie  vormals  die  classische  Dichtung,  so  entsprang  auch  diese  Er-
        <pb n="331" />
        Die  preußische  Contribution.  321

neuerung  unserer  bildenden  Kunst  in  köstlicher  Freiheit,  ohne  jedes  Zu—
thun  der  Höfe,  gradeswegs  aus  den  Tiefen  des  Volksgeistes.  Erst  als  die
neue  Richtung  sich  ihres  Wesens  und  ihrer  Ziele  schon  klar  bewußt  war,  sollte
sie  den  Mäcenas  finden,  der  ihr  die  Mittel  bot  zu  großem  Schaffen.  —

 

Einige  Monate  lang  that  Stein  seinem  heißen  Zorn  Gewalt  an.
Er  gewann  es  über  sich,  nachgiebig,  fast  unterwürfig  mit  den  Franzosen
zu  unterhandeln,  da  die  versprochene  Räumung  des  Landes  um  jeden  Preis
erlangt  werden  mußte.  Napoleon  dagegen  wollte  den  Aufenthalt  seiner
Truppen  in's  Unabsehbare  verlängern,  die  zu  Tilsit  nur  halb  gelungene
Vernichtung  des  preußischen  Staates  jetzt  im  Frieden  vollenden.  Schon
im  November  1807  erklärte  er  sich  bereit  die  Donauprovinzen  an  Rußland
  zu  überlassen,  wenn  er  dafür  Schlesien  erhielte  und  dem  Könige  von
Preußen  nur  noch  ein  Gebiet  von  zwei  Millionen  Köpfen  übrig  bliebe.
Auf  alle  Bitten  der  Preußen  hieß  es  kurzab:  die  gegenwärtige  Lage  gefällt
  dem  Kaiser,  nichts  drängt  ihn  sie  zu  ändern  —  und  wieder:  der
König  hat  Geld  genug,  er  braucht  keine  Armee,  da  er  ja  mit  Niemand
Krieg  führt!  Daru  aber  meinte  trocken:  diese  Kriegskostenrechnung  sei  eine
Frage  der  Politik,  nicht  der  Arithmetik;  im  Uebrigen  bleibe  der  Wille  des
Kaisers  unabänderlich  wie  das  Fatum,  auch  glaube  man  gar  nicht  was
ein  Land  Alles  aushalten  könne.  Vergeblich  ging  Prinz  Wilhelm  nach
Paris,  vergeblich  erbot  er  sich,  sammt  seiner  edlen  Gemahlin  als  Geisel
in  französischer  Haft  zu  bleiben  bis  zur  Abtragung  der  Kriegsschuld.  Der
Imperator  sagte  dem  Prinzen  drohend:  „ich  weiß,  daß  alle  Preußen  mich
hassen,“  und  ließ  seine  Intendanten  hausen  wie  in  Feindesland.  Während
der  zwei  Jahre  der  Occupation  wurden  dem  verarmten  Lande  an  Contributionen,
  Verpflegungen  und  Lieferungen  eine  Milliarde  und  129  Millionen
Franken  abgepreßt,  etwa  der  sechzehnfache  Jahresbetrag  der  gesammten  Roh-Einnahme
  des  Staats;?)  die  Provinz  Preußen  allein  zahlte  113  Mill.
Thaler.  Nie  und  nirgends  ward  ein  gesittetes  Volk  grausamer  mißhandelt.

Als  die  Sieger  endlich  nach  Monaten  sich  herbeiließen,  den  Betrag
ihrer  Forderungen  anzugeben,  berechneten  sie  einen  Rest  von  154½  Mill.
Fr.,  während  die  preußischen  Behörden  nachwiesen,  daß  nach  Napoleon's
ausdrücklichem  Versprechen  die  Lieferungen  von  der  Contribution  abzurechnen
  seien  und  demnach  nur  noch  eine  Schuld  von  19  Mill.  Fr.  verbleibe.
Was  wollte  es  dieser  ungeheuren  Zumuthung  gegenüber  bedeuten,  daß
die  Landstände  der  Provinzen  sich  für  einen  Theil  der  Kriegsschuld  verbürgten?
  Die  Forderung  blieb  unerschwinglich.  Dazu  die  unablässigen
Rüstungen  in  Magdeburg,  die  französischen  Armeecorps  in  Schwedisch-Pommern,
  in  Warschau,  überall  in  den  Landen  diesseits  der  Weichsel;
und  die  wiederholte  Versicherung,  der  Imperator  werde  es  als  ein  Zeichen

*)  Nach  der  Berechnung  von  M.  Duncker,  Aus  der  Zeit  Friedrich's  d.  Gr.  und
Fr.  Wilhelm's  III.  S.  505  f.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  21
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        322  I.  3.  Preußens  Erhebung.

des  Vertrauens  betrachten,  wenn  der  König  bald  aus  dem  sicheren  Königsberg
  nach  Berlin  übersiedele!  Und  endlich  noch  eine  neue  unerhörte  Gaunerei:
  Napoleon  confiscirte,  abermals  den  Tilsiter  Verträgen  zuwider,  die
von  den  preußischen  Credit=  und  Wohlthätigkeitsanstalten  im  Herzogthum
Warschau  ausgeliehenen  Capitalien,  desgleichen  die  Schuldforderungen
der  preußischen  Privatleute,  und  verkaufte  dann  seinen  Raub,  da  gestohlenes
  Gut  immer  niedrig  im  Preise  steht,  etwas  unter  dem  Nennwerthe
an  den  König  von  Sachsen,  der  für  die  Gnade  dieses  Bayonner  Vertrages
seinen  unterthänigen  Dank  aussprach.  Das  preußische  Volksvermögen  war
wieder  um  30  Mill.  Thlr.  verringert,  die  Bank  allein  verlor  an  10  Mill.
Unterdessen  währte  der  Krieg  zwischen  dem  Wolf  und  dem  Fisch  mit
steigender  Erbitterung  fort.  Der  völkerrechtswidrige  Einbruch  der  Briten
in  Dänemark  wurde  von  Napoleon  gewandt  benutzt  um  den  öffentlichen
Unwillen  aufzuregen  gegen  diese  Macht,  die  Alles  was  den  Menschen  heilig
unter  die  Füße  trete.  In  der  That  fand  das  Märchen,  daß  das  neue
Weltreich  nur  die  Freiheit  der  Meere  bezwecke,  noch  immer  manche  gläubige
Hörer.  Die  Cabinette  des  Ostens  zählten  nicht  zu  ihnen.  Keine  der  drei
Ostmächte  hat  seit  dem  Tilsiter  Frieden  je  wieder  ein  rückhaltloses  Vertrauen
  zu  dem  Weltherrscher  gefaßt,  wie  unstet  auch  ihre  Politik  zuweilen
schwankte;  die  Erkenntniß,  daß  man  dereinst  noch  selbdritt  gegen  Frankreich
  werde  kämpfen  müssen,  machte  in  der  Stille  ihren  Weg.  Die  Hofburg
  vernahm  mit  Bestürzung  von  den  weitaussehenden  orientalischen
Plänen,  womit  der  Imperator  seinen  Tilsiter  Freund  unterhielt.  Stadion
wies  den  Gedanken  nicht  geradezu  von  sich,  ob  man  nicht  äußersten  Falls
an  der  Zerstörung  des  osmanischen  Reichs  theilnehmen  und  den  Westen
der  Balkanhalbinsel,  bis  Saloniki,  für  Oesterreich  retten  könne.  Weit
näher  lag  ihm  indeß  die  Erwägung,  daß  der  Weg  von  Napoleon's  adriatischen
  Provinzen  nach  der  Türkei  durch  das  österreichische  Istrien  führte,
und  mithin  ein  neuer  Ueberfall  zu  befürchten  stand.  Der  Staat  erholte
sich  nachgerade  von  seinen  Niederlagen;  man  rüstete  mit  ungewohntem
Eifer,  schritt  im  Frühjahr  1808  sogar  zur  Bildung  einer  Landmiliz,  und
Stadion  meinte  hoffnungsvoll:  wir  sind  wieder  eine  Nation.  .
Auch  die  russisch-französische  Allianz  stand  auf  schwachen  Füßen.  So
lebhaft  die  russischen  Generale  vor  Kurzem  erst  den  preußischen  Krieg
verwünscht  hatten,  ebenso  unwillig  empfingen  der  Hof  und  das  Volk  die
Nachricht  von  dem  unehrenhaften  Friedensschlusse.  Der  nationale  Instinkt
fühlte  rasch  heraus,  was  die  Errichtung  des  Herzogthums  Warschau  für
Rußlands  Zukunft  bedeutete.  Der  Haß  gegen  Frankreich  nahm  überhand
und  ergriff  selbst  das  Heer;  man  murrte,  der  Czar  lasse  sich  von  dem
Corsen  mißbrauchen.  Alexander's  erregbare  Natur  blieb  nicht  unempfindlich
  für  diese  Volksstimmungen.  Als  er  in  Tilsit  seinen  Bundesgenossen
preisgab,  war  er  keineswegs  gemeint  gewesen  sich  von  „der  gerechten
Sache“  für  immer  zurückzuziehen;  vielmehr  versicherte  er  noch  jetzt  im
        <pb n="333" />
        Die  Erhebung  Spaniens.  323

vertrauten  Kreise:  müsse  es  sein,  so  denke  er  den  Krieg  selbst  in  den
Wüsten  Sibiriens  wieder  aufzunehmen.  Doch  zunächst  wollte  er  die
Früchte  des  Tilsiter  Bündnisses  ernten,  sein  Reich  durch  Finnland  und
die  Donauprovinzen  verstärken;  bei  günstigem  Glück  hielt  er,  nach  den
unbestimmten  Zusagen  Napoleon's,  selbst  die  Vernichtung  des  türkischen
Reichs  für  möglich.  Ein  Meister  in  der  Kunst  sich  selber  zu  belügen  fand
er  der  Vorwände  genug,  die  ihm  den  kläglichen  Entschluß  mundgerecht
machten;  zudem  befürchtete  er,  ein  vorzeitiger  Krieg  gegen  Frankreich  könne
die  vollständige  Wiederherstellung  von  Polen  herbeiführen.  So  blieb  er
denn  vorläufig  im  Fahrwasser  der  französischen  Allianz  und  begann  den
Krieg  gegen  Schweden.

Napoleon  ließ  ihn  gern  gewähren,  und  benutzte  den  Einmarsch  der
Russen  in  Finnland  um  seinerseits  in  Portugal  einzurücken  und  diesen
wichtigen  Brückenkopf  Englands  in  seine  Gewalt  zu  bringen.  Seine  Briefe
an  Alexander  flossen  über  von  Schmeicheleien  und  unbestimmten  Verheißungen:
  die  Welt  sei  groß  genug  für  sie  Beide,  nichts  liege  ihm  mehr
am  Herzen  als  Rußlands  Ruhm,  Wohlfahrt  und  Vergrößerung;  wenn
die  beiden  Freunde  vereinigt  zum  Bosporus  vordrängen,  so  werde  dieser
Schlag  bis  nach  Indien  widerhallen  und  England  zur  Unterwerfung
zwingen.  Sobald  aber  der  Czar  seine  Hoffnungen  auf  den  Besitz  der
Donauprovinzen  schärfer  aussprach  erhob  Napoleon  Bedenken  und  forderte
  als  Gegenleistung  eine  nochmalige  Verstümmelung  des  preußischen
Staates.  Alexander  konnte  sich  nicht  verbergen,  daß  diese  unheimlichen
Pläne  für  Rußland  ebenso  bedenklich  waren  wie  für  Deutschland.  Später
erhielt  man  in  Petersburg  auch  Nachrichten  über  die  Umtriebe  der  französischen
  Agenten  im  Oriente;  in  Teheran  wie  in  Constantinopel  suchte
Frankreich  die  Pläne  seines  nordischen  Verbündeten  insgeheim  zu  durchkreuzen.
  Der  Tilsiter  Bund  war  durch  dieselbe  Kraft,  die  ihn  begründet,
durch  die  frivole  Ländergier  bereits  in  seinen  Fugen  erschüttert.

Da  wurde  der  Imperator  durch  eine  selbstverschuldete  Bedrängniß
genöthigt,  das  wankende  Bündniß  nochmals  zu  befestigen.  Die  Welt  hatte
sich  längst  darein  gefunden,  in  jedem  neuen  Monat  von  neuen  Gewaltstreichen
  zu  vernehmen.  So  erfuhr  sie  jetzt  Schlag  auf  Schlag,  daß  Ostfriesland
  mit  Holland  vereinigt  worden,  daß  Toscana  dem  französischen
Kaiserreiche,  die  adriatischen  Provinzen  des  Kirchenstaats  dem  Königreich
Italien  einverleibt  seien,  daß  Napoleon's  Truppen  in  Rom  eingerückt,  daß
sie  in  Portugal  eingebrochen  waren  und  das  Haus  Braganza  aufgehört
hatte  zu  regieren.  Aber  fast  unglaublich  klangen  selbst  dieser  des  Grauens
gewohnten  Zeit  die  entsetzlichen  Nachrichten,  die  im  Mai  1808  aus  dem
Schlosse  Marrac  bei  Bayonne  kamen:  wie  Napoleon  die  spanischen  Bourbonen
  zu  sich  gelockt,  wie  er  dann  den  Vater  und  den  Sohn  gleich
wüthenden  Bestien  auf  einander  gehetzt,  Beide  zur  Abdankung  gezwungen
und  seinen  Bruder  Joseph  auf  den  spanischen  Thron  erhoben  hatte.  Er

21*
        <pb n="334" />
        324  I.  3.  Preußens  Erhebung.

schwelgte  in  Banditenstreichen;  eben  dort  brachte  er  jenes  schmutzige  Handelsgeschäft
  mit  der  Krone  Sachsen-Warschau  zu  Stande.  In  sechs  Wochen
dachte  er  der  spanischen  Wirren  ledig  zu  sein  und  das  alte  Wort:  „es
giebt  keine  Pyrenäen  mehr!“  zur  Wahrheit  zu  machen.  Aber  die  Strafe
folgte  dem  Frevel  auf  dem  Fuße.  Ganz  Spanien  erhob  sich  wie  ein  Mann
für  seine  Unabhängigkeit,  für  die  Rechte  seines  Königshauses  und  seiner
alten  Kirche.  Die  Halbinsel  starrte  von  Waffen.  Die  hochherzige  Nation
hatte  die  beiden  jüngsten  Jahrhunderte  in  einem  wachen  Traumleben  verbracht,
  kaum  berührt  von  den  Ideen  des  neuen  Europasz;  sie  stürmte  in
den  ungleichen  Kampf  mit  maßlosem  Selbstgefühl,  ohne  jede  Ahnung  von
der  Stärke  des  Feindes,  sie  wähnte  noch  immer  das  mächtigste  und  das
höchstgebildete  Volk  der  Welt  zu  sein:  wer  durfte  dem  Reiche,  in  dem
die  Sonne  nicht  unterging,  etwas  anhaben?  Niemand  im  Lande  glaubte
an  die  Abdankung  des  Königs  Ferdinand.  Alle  edlen  und  alle  finsteren
Leidenschaften  der  Spanier  gährten  in  dem  furchtbaren  Aufstande  dieser
Royalisten  ohne  König  wild  durcheinander:  ihr  patriotischer  Stolz,  ihre
Treue,  ihr  Heldenmuth,  aber  auch  ihr  starrer  Fremdenhaß,  ihre  bigotte
Unduldsamkeit,  ihre  unmenschliche  Grausamkeit;  und  zugleich  erwachten  in
dem  unerfahrenen,  sich  selber  überlassenen  Volke  die  unklaren  Träume
des  politischen  Radicalismus.

Die  englische  Politik  erkannte  schnell,  daß  sie  jetzt  den  Feind  an  einer
schwachen  Stelle  treffen  konnte,  nachdem  sie  bisher  mit  allen  ihren  festländischen
  Unternehmungen  nur  Mißerfolge  geerntet.  Sie  unterstützte
den  Aufstand  durch  britische  und  deutsche  Regimenter;  die  tapferen  Hannoveraner
  der  deutschen  Legion  durften  nun  endlich  die  Schande  von
Suhlingen  sühnen.  Wellington's  altväterisch  behutsame  Kriegführung,  die
noch,  wie  sein  Heer,  an  den  Ueberlieferungen  des  achtzehnten  Jahrhunderts
festhielt  und  auf  einem  anderen  Kriegsschauplatze  der  napoleonischen  Feldherrnkunst
  sicher  unterlegen  wäre,  bewährte  sich  hier  glänzend.  Der  bedächtige
  Brite  wagte  selten  eine  Schlacht,  niemals  eine  durchschlagende
Entscheidung;  immer  wieder,  nach  jedem  Kampfe  im  freien  Felde,  barg
er  seine  kleine  Armee  in  einer  wohlgeschützten  festen  Stellung  um  erst
nach  Wochen  und  Monaten  wieder  plötzlich  aus  seiner  Höhle  herauszubrechen.
  So  gelang  es  ihm  was  auf  dieser  Nebenbühne  des  Weltkriegs  allein
erreicht  werden  konnte:  die  Wunde  an  dem  Leibe  des  Kaiserreichs  immer
offen,  eine  letzte  Kraft  des  Widerstandes  fünf  Jahre  lang  immer  aufgespart
  zu  halten;  unterdessen  schmolzen  die  französischen  Truppen  dahin  im
Belagerungskampfe  und  in  dem  aufreibenden  kleinen  Kriege  gegen  die
spanischen  Guerillas.  Schon  das  erste  Kriegsjahr  brachte  der  napoleonischen
  Armee  zwei  in  ihren  Annalen  unerhörte  Niederlagen:  in  Portugal
capitulirte  Junot,  bei  Baylen  streckte  Dupont  mit  seinem  Corps  die  Waffen.

Durch  diese  spanischen  Nachrichten  wurde  Oesterreich  zu  rascheren
Rüstungen  ermuthigt;  Stein  aber  sah  jetzt  die  Erfüllung  seiner  theuersten
        <pb n="335" />
        Kriegspläne  von  1808.  325

Hoffnungen  nahe  gerückt  und  gab  seine  diplomatische  Zurückhaltung  auf.
Es  stand  zu  erwarten,  daß  Napoleon  sich  entweder  sogleich  auf  Oesterreich
stürzen  oder  die  große  Armee  aus  Norddeutschland  abrufen  würde  um
zunächst  den  spanischen  Aufstand  zu  bändigen.  In  beiden  Fällen  schien
dem  kühnen  Patrioten  eine  plötzliche  Erhebung  der  deutschen  Mächte  möglich.
Seine  edle  Leidenschaft  erhob  sich  zu  verwegenen,  unmöglichen  Flügen:
unter  schwarzweißgelbem  Bundesbanner,  mit  den  Namen  der  Befreier  der
Nation,  Herman  und  Wilhelm  von  Oranien  auf  den  Fahnen  —  sollten
die  Truppen  in's  Feld  ziehen.  Und  dies  in  einem  Augenblicke,  da  die
alte  preußische  Armee  noch  in  der  französischen  Kriegsgefangenschaft  weilte!
Stein  zählte  auf  die  gesunde  Kraft  der  Bauern  und  des  Mittelstandes;
von  der  „Weichlichkeit  der  oberen  Stände  und  dem  Miethlingsgeiste  der
öffentlichen  Beamten“  hoffte  er  wenig.  Um  den  Ehrgeiz  der  Nation  zu
entflammen  wollte  der  ahnenstolze  Freiherr  sogar  den  alten  Geburtsadel
abschaffen  und  einen  neuen  Adel  bilden  aus  Allen,  die  sich  in  diesem
heiligen  Krieg  hervorthäten.  Was  Wunder,  daß  der  tapfere  Mann  selbst
manchem  ehrlichen  Patrioten  in  Königsberg  wie  ein  Verzweifelter  erschien,
der  sich  mit  dem  Könige  auf  eine  Pulvertonne  setzen  wollte!  Die  enge  und
harte  Despotenseele  des  Kaisers  Franz  hatte  keinen  Sinn  für  so  überschwängliche
  Entwürfe,  doch  da  Napoleon's  Sprache  gegen  das  Haus  Lothringen
  von  Tag  zu  Tag  drohender  und  gereizter  wurde,  so  ließ  es  die
Hofburg  geschehen,  daß  die  preußische  Kriegspartei  unter  der  Hand  mit  österreichischen
  Diplomaten  in  Verbindung  trat.  In  Teplitz  fand  sich  ein  Kreis
österreichischer  und  norddeutscher  Patrioten  zusammen;  die  hannoverschen
Diplomaten  Hardenberg  und  Ompteda  entfalteten  eine  emsige  geheime  Thätigkeit.
  Auf  Befehl  des  Königs  nahm  der  rastlose  Graf  Goetzen  in  Schlesien
den  geheimen  Verkehr  mit  der  Hofburg  wieder  auf,  den  er  schon  während
des  Krieges  eingeleitet  hatte.  So  gering  das  augenblickliche  Ergebniß  blieb,
mit  diesen  vertraulichen  Verhandlungen  des  Sommers  1808  begann  doch
die  Wiederversöhnung  der  beiden  Großmächte.  Man  erkannte  mindestens,
daß  eine  Verständigung  möglich  sei;  die  Gedanken  des  Bartensteiner  Vertrages
  gewannen  einigen  Boden.

Der  König  stand  mit  seinem  Herzen  auf  der  Seite  des  Ministers,
er  nannte  die  Freunde  Stein's  und  Scharnhorst's  kurzweg  die  gute  Partei;
auch  in  seinen  Augen  war  der  Tilsiter  Friede  nur  ein  Waffenstillstand.
Doch  er  verhehlte  der  Kriegspartei  nicht,  daß  er  nur  im  Bunde  mit
Rußland  die  Waffen  wieder  aufnehmen  werde.  Selbst  der  Tilsiter  Treubruch
  beirrte  ihn  nicht  in  seinem  Vertrauen  zu  dem  Czaren,  denn  er
wußte,  wie  wenig  Alexander  gemeint  war  für  immer  bei  dem  französischen
Bündniß  zu  verbleiben.  Seine  alte  Ansicht,  daß  allein  noch  eine  Coalition
des  gesammten  Europas  der  napoleonischen  Uebermacht  gewachsen  sei,  war
durch  die  schrecklichen  Erfahrungen  der  jüngsten  Jahre  nur  befestigt  worden.
  Die  sittliche  Größe  der  nationalen  Monarchie,  der  Weitblick  und
        <pb n="336" />
        326  I.  3.  Preußens  Erhebung.

das  Pflichtgefühl  des  echten  Königthums  hat  sich  selten  so  schön  bewährt,
wie  damals,  da  Friedrich  Wilhelm  schweigend  ertrug,  daß  ihn  die  Besten
seines  Volkes  grausam  verkannten.  Der  Bescheidene  empfand  nur  zu
lebhaft,  wie  wenig  er  sich  mit  dem  Genie  Stein's  oder  Scharnhorst's  vergleichen
  konnte;  dennoch  beurtheilte  er  die  europäische  Lage  klarer,  richtiger
  als  sie  Alle  —  weil  er  der  König  war,  weil  er  sich  eins  fühlte  mit
dem  Staat,  weil  das  Bewußtsein  seiner  Verantwortlichkeit  vor  Gott  und
Menschen  ihm  auf  der  Haut  brannte.  Die  Stimmungen  der  Kriegspartei
hat  Heinrich  Kleist  mit  der  naiven  Wahrhaftigkeit  des  Dichters  ausgesprochen
  in  den  Versen:

Nicht  der  Sieg  ist's,  den  der  Deutsche  fodert,

Hilflos  wie  er  schon  am  Abgrund  steht.

Wenn  der  Krieg  nur  fackelgleich  entlodert,

Werth  der  Leiche,  die  zu  Grabe  geht!

Unwillkürlich  wendet  sich  die  Liebe  der  Nachwelt  jenen  Hochherzigen
zu,  die  also  dachten,  die  mit  kaum  fünf  Millionen  Menschen  den  Kampf
gegen  das  neue  Karolingerreich  wagen  und,  mußte  es  sein,  sich  unter
den  Trümmern  des  Staates  begraben  wollten.  Gleichwohl  war  was  sie
riethen  eine  Politik  der  Verzweiflung.  Wenn  der  König  den  leidenschaftlich
  Erregten  immer  wiederholte,  er  werde  das  Schicksal  der  spanischen
Bourbonen  nicht  über  sich  ergehen  lassen,  eine  kleine  politische  Existenz
sei  immer  noch  besser  als  gar  keine,  so  wollte  er  damit  keineswegs  sagen,
daß  er  sich  von  dem  Glanze  des  Thrones  nicht  zu  trennen  vermöge.  Nach
seinen  anspruchslosen  Neigungen  war  er  vielmehr  ganz  einverstanden  mit
der  Meinung  seines  Ministers:  die  Ruhe  des  Privatlebens  sei  ehrenvoller
als  die  Bürde  dieser  Dornenkrone.  Aber  er  fühlte,  daß  mit  der  Entthronung
  der  Hohenzollern,  mit  der  Vernichtung  des  preußischen  Staats
die  letzte  Hoffnung  der  Deutschen  dahin  schwand,  daß  eine  vorzeitige
Schilderhebung  der  sichere  Untergang  des  Vaterlandes  war.  Sein  Trübsinn
  verwand  die  niederschlagenden  Eindrücke  des  Jahres  1806  so  schnell
nicht.  Er  unterschätzte  zuweilen,  wie  er  späterhin  selbst  gestand,  die  Kräfte
des  preußischen  Volkes,  würdigte  nicht  genugsam  die  mächtige  Umstimmung
der  Gemüther,  meinte  bitter,  ihm  werde  die  Sonne  des  Glücks  nie  wieder
strahlen.  Dafür  blieb  er  aber  auch  frei  von  jenen  holden  Täuschungen,
denen  die  feurigen  Herzen  der  Kriegspartei  unterlagen.  Eine  einfache
Natur,  wie  alle  tüchtigen  Männer  seines  Hauses,  wollte  er  nicht  glauben,
daß  die  Nation  die  uralten  Gewöhnungen  monarchischer  Ordnung  sogleich
aufgeben  würde.  Von  einem  Aufstande  in  den  rheinbündischen  Landen
hoffte  er  nichts;  nur  ein  geordneter  Krieg,  von  obenher  geleitet,  schien
ihm  die  Rettung  zu  verheißen,  und  dies  königliche  Ich  will!  dachte  er  erst
dann  auszusprechen,  wenn  er  mindestens  die  Möglichkeit  eines  Sieges
erkannte  und  im  Rücken  durch  Rußland  gedeckt  war.  Der  letzte  Ausgang
hat  die  verständigen  Erwägungen  des  Königs  gerechtfertigt.  Der  heißen
        <pb n="337" />
        Der  Pariser  Vertrag  vom  8.  Sept.  1805.  327

Ungeduld  der  Zeitgenossen  genügten  sie  nicht,  und  auch  die  Nachwelt  war
lange  ungerecht  gegen  den  gewissenhaften  Fürsten,  weil  die  Historiker  ihr
Urtheil  allein  aus  den  vertrauten  Briefen  der  „guten  Partei“  schöpften
und  kalten  Blutes  Alles  wiederholten  was  einst  in  der  stürmischen  Wal—
lung  edlen  Zornes  niedergeschrieben  wurde.  War  doch  die  Aufregung
jener  argen  Tage  so  ungeheuer,  daß  selbst  der  besonnene  Scharnhorst
einmal  die  harte  Anklage  aussprach,  der  König  baue  nur  noch  auf  Ruß—
land,  habe  kein  Vertrauen  mehr  zu  seinem  Volke.

Ein  unvorsichtiger  Schritt  Stein's  durchkreuzte  plötzlich  die  kriege—
rischen  Pläne.  Ein  Brief  des  Ministers,  der  den  Fürsten  Wittgenstein
aufforderte  die  Unzufriedenheit  im  Königreich  Westphalen  zu  schüren,  fiel
den  Spähern  Napoleon's  in  die  Hände  und  erschien  am  8.  September
1808  im  Moniteur.  Damit  war  Stein's  Fall  entschieden.  Der  Impe—
rator  verlangte  sofort  die  Entlassung  des  Verschwörers  —  sonst  werde
Friedrich  Wilhelm  sein  Schloß  an  der  Spree  nie  wieder  sehen  —  und
benutzte  sogleich  den  unglücklichen  Brief  um  die  preußischen  Unterhändler,
die  in  Paris  die  Räumung  des  Landes  durchsetzen  sollten,  einzuschüchtern
und  seinem  Machtgebote  zu  unterwerfen.  Sein  Plan  war  gefaßt:  er  wollte
zunächst  das  russische  Bündniß  von  Neuem  befestigen,  damit  er  in  Sicher—
heit  die  große  Armee  aus  Deutschland  zurückziehen  und  gegen  Spanien
verwenden  könne.  Darum  zeigte  er  sich  jetzt  bereit  auf  Alexander's  orien—
talische  Pläne  einzugehen,  versicherte  dem  Czaren,  die  beabsichtigte  Räu—
mung  Deutschlands  sei  nur  ein  der  russischen  Freundschaft  gebrachtes
Opfer,  und  lud  ihn  zu  einer  feierlichen  Zusammenkunft  ein:  das  furchtbare
  Bündniß  der  beiden  Beherrscher  des  Abendlandes  und  des  Morgenlandes
  sollte  in  seiner  ganzen  Pracht  und  Größe  vor  den  erschreckten
Welttheil  treten.  In  der  That  nahm  Alexander  die  Einladung  an;  die
Hofburg  aber  wurde  durch  die  kühne  diplomatische  Schwenkung  des  Imperators
  dermaßen  eingeschüchtert,  daß  sie  ihre  Armee  wieder  auf  Friedensfuß
  zu  setzen  versprach,  wenngleich  die  Rüstungen  in  der  Stille  weiter  gingen.

Preußen  stand  wieder  völlig  vereinsamt,  aller  Mittel  zum  Widerstande
  beraubt.  Am  8.  September  unterzeichnete  Prinz  Wilhelm  die
drückenden  Bedingungen  des  Pariser  Vertrags.  Die  rückständige  Contribution
  wurde  auf  140  Mill.  festgesetzt,  die  französische  Armee  zurückgerufen;
  der  König  sollte  endlich  seine  Staatseinkünfte  wieder  erhalten,  doch
dafür  mußte  er  bis  zur  Abtragung  der  Kriegsschuld  die  Oderfestungen
Stettin,  Cüstrin  und  Glogau  den  Franzosen  einräumen  und  sich  verpflichten,
  weder  seine  Armee  über  412,000  Mann  hinaus  zu  verstärken
noch  eine  Landwehr  zu  bilden.  Napoleon  gewann  also  zu  den  festen
Plätzen  der  Elbe  und  der  Weichsel  auch  noch  den  Besitz  der  Oderlinie,
dazu  sieben  Etappenstraßen  quer  durch  das  preußische  Gebiet,  dergestalt,
daß  seinen  Polen  und  Rheinbündnern  und  den  70,000  Franzosen,  die  er
zwischen  Elbe  und  Rhein  noch  zurückhielt,  jederzeit  der  Eintritt  offen  stand.
        <pb n="338" />
        328  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Er  beherrschte  Preußen  militärisch  so  vollkommen  wie  bisher  —  auf  unbestimmte
  Zeit  hinaus,  da  die  pünktliche  Abzahlung  der  unerschwinglichen
Schuld  ganz  außer  Frage  stand;  er  unterbrach  die  Rüstungen  des  verdächtigen
  Bundesgenossen  und  gewann  zudem  die  freie  Verfügung  über
seine  große  Armee  sowie  das  Versprechen  preußischer  Hilfstruppen  für  den
Fall  eines  Krieges  mit  Oesterreich!

Der  König  schwankte  lange,  ob  er  diese  neue  Mißhandlung  hinnehmen
  dürfe.  Er  verlangte  Herabsetzung  der  Contribution,  wollte
weder  die  Oderfestungen  preisgeben  noch  die  Stärke  seiner  Armee  sich
vorschreiben  lassen  und  am  allerwenigsten  sich  von  seinem  Minister  trennen.
  Noch  blieb  ihm  eine  letzte  Hoffnung:  die  Vermittlung  Rußlands.
Alexander  aber  hatte  jetzt  nur  noch  Augen  für  die  Erwerbung  der  Moldau
und  Walachei;  erst  wenn  dies  Ziel  seines  Ehrgeizes  erreicht  war  durfte
man  ihm  wieder  von  der  Befreiung  Europas  sprechen.  Darum  hielt  er
fest  an  dem  französischen  Bündniß  und  blieb,  als  er  auf  der  Durchreise
zu  Napoleon  den  Königsberger  Hof  besuchte,  den  Mahnungen  seines  preußischen
  Freundes  völlig  unzugänglich:  wohl  oder  übel  müsse  man  sich  mit
Frankreich  vertragen,  er  wolle  zusehen,  ob  er  von  dem  Imperator  eine
Milderung  des  Pariser  Vertrages  erlangen  könne.

Im  October  1808  trafen  die  beiden  Kaiser  in  Erfurt  zusammen.
Zum  zweiten  male,  wie  vier  Jahre  zuvor  in  Mainz,  hielt  der  Protector
Deutschlands  einen  glänzenden  Hoftag  unter  seinen  deutschen  Vasallen.
Talma  spielte  vor  einem  Parterre  von  Königen;  in  jeder  Miene  des  Imperators,
  in  jeder  Förmlichkeit  des  Hofceremoniells  verrieth  sich  die  Verachtung
  des  gekrönten  Plebejers  gegen  seine  hochgeborenen  Bedienten.
Taisez-vous!  Ce  ’est  qdu’un  roil  rief  der  Offizier  der  Leibwache  seinem
Trommler  zu,  als  dieser  vor  einem  Könige  von  Napoleon's  Gnaden  das
Spiel  rühren  wollte.  Die  Anwesenheit  der  deutschen  Könige  sollte  lediglich
dem  Czaren  die  Macht  seines  Verbündeten  greifbar  vor  die  Augen  stellen;
von  den  Verhandlungen  blieb  das  Dienergefolge  ausgeschlossen.  In  einem
geheimen  Vertrage  verpflichtete  sich  Napoleon  der  Eroberung  von  Finnland
  und  den  Donaufürstenthümern  nichts  in  den  Weg  zu  legen,  dafür
wurde  Joseph  Bonaparte  von  Rußland  als  König  von  Spanien  anerkannt.
Ein  gemeinsamer  Brief  der  beiden  Kaiser  forderte  den  König  von  England
auf,  seinerseits  diesen  Abmachungen  beizutreten;  wo  nicht,  so  würden  sie
den  Krieg  mit  ganzer  Kraft  weiter  führen.  Für  Preußen  erreichte  der
Czar  nur  die  Herabsetzung  der  Contribution  um  20  Mill.;  doch  selbst
dies  einzige  Zugeständniß  mußte  durch  eine  nochmalige  schnöde  Verletzung
des  Tilsiter  Friedens  erkauft  werden.  In  Tilsit  war  dem  Könige  ein
Gebiet  von  400,000  Einwohnern  zur  Entschädigung  versprochen,  falls
Napoleon  sich  das  hannoversche  Land  aneigne;  diese  Zusage  wurde  jetzt
mit  Alexander's  Zustimmung  zurückgenommen.

Napoleon  schien  befriedigt,  er  konnte  jetzt  unbedenklich  an  die  Bändi-
        <pb n="339" />
        Erfurter  Zusammenkunft.  329

gung  des  spanischen  Aufstandes  gehen.  Für  die  Ruhe  in  Deutschland
sorgten  der  russische  Freund  und  die  wohlgerüsteten  Rheinbundstaaten.
Zum  Abschied  erließ  der  Imperator  noch  ein  drohendes  Schreiben  an
Kaiser  Franz:  daß  er  sich  nicht  unterstehe  Widersetzlichkeit  zu  zeigen;  „was
Eure  Majestät  sind,  das  sind  Sie  durch  meinen  Willen!“  Der  Czar
dagegen  war  tief  verstimmt  und  beunruhigt.  Er  hatte  den  pöbelhaften
Uebermuth  des  Glückberauschten  aus  der  Nähe  beobachtet,  er  hatte  mit
ansehen  müssen,  wie  Napoleon  den  Prinzen  Wilhelm  von  Preußen  zu
einer  Hasenjagd  auf  dem  Jenaer  Schlachtfelde  einlud  und  in  Gegenwart
  seines  russischen  Freundes  die  Soldaten,  die  sich  im  Kriege  gegen
Rußland  hervorgethan,  mit  dem  Kreuze  der  Ehrenlegion  schmückte.  Alexander
  begann  zu  zweifeln,  ob  es  denn  nicht  lächerlich  sei,  mit  diesem  Manne
irgend  etwas,  und  nun  gar  die  Weltherrschaft  theilen  zu  wollen,  er  fand
keine  Antwort,  wenn  ihm  der  wackere  preußische  Gesandte  Schladen  vorstellte,
  die  Besetzung  der  Oderlinie  solle  doch  offenbar  einen  Krieg  gegen
Rußland  vorbereiten.  Sein  Mißtrauen  wuchs  und  wuchs.  Doch  erst
mußten  seine  Adler  in  Bukarest  und  Jassy  Wache  halten;  bis  dahin  sollte
das  widerwärtige  Bündniß  noch  aufrecht  bleiben.

Dem  Königsberger  Hofe  blieb  jetzt  keine  Wahl  mehr.  Noch  im  October
  fragte  Graf  Goetzen  vertraulich  in  Wien  an,  ob  Oesterreich  sogleich
die  Waffen  ergreifen  wolle;  es  sei  die  höchste  Zeit,  daß  Preußen  sich  erkläre.
  Scharnhorst  und  seine  Freunde  wünschten  eine  Berufung  der  Landstände,
  damit  man  noch  einige  Frist  gewinne.  Aber  die  Hofburg  versagte
sich,  und  was  sollte  ein  Aufschub  frommen,  da  die  Franzosen  noch  im
Lande  standen  und  jede  feindselige  Regung  sofort  niederwerfen  konnten?
Der  König  that  das  Nothwendige,  als  er  endlich  schweren  Herzens  den
Vertrag  genehmigte.  Der  zögernde,  behutsame  Abmarsch  der  französischen
Truppen  zeigte  von  Neuem,  wessen  sich  Napoleon  von  dem  verhaßten
Preußen  versah;  seine  Kriegsgefangenen  gab  er  erst  zu  Anfang  1809  frei.
Nun  war  auch  Stein  nicht  mehr  zu  halten;  am  24.  November  nahm  er
seine  Entlassung.  Die  kleine  französische  Partei  am  Hofe,  der  ängstliche
alte  Köckritz  und  die  Hochconservativen  athmeten  auf  als  der  kühne
Reformer  schied;  doch  nicht  diesen  innern  Feinden  war  er  erlegen,
sondern  allein  dem  Machtworte  Napoleon's.  Friedrich  Wilhelm  hatte  das
Aeußerste  gewagt,  als  er  den  Minister  noch  ein  Vierteljahr  lang  gegen  die
Drohungen  des  Imperators  beschützte.  Stein  selber  warf  sich  späterhin
vor,  daß  er  nicht  schon  früher  seinen  unhaltbaren  Posten  verlassen  habe,
und  Hardenberg  schrieb  bitter:  welche  Verblendung,  daß  ein  Mann  von  Geist
glauben  konnte,  dieser  abscheuliche  Brief  würde  ihm  je  verziehen  werden!)

In  einem  von  Schön  entworfenen  Abschiedsschreiben  erinnerte  der
Entlassene  seine  Beamten  noch  einmal  an  alle  die  gewaltigen  Neuerungen
dieses  reichen  Jahres  —  „der  unerschütterliche  Pfeiler  jedes  Thrones,

*)  Hardenberg's  Journal  6.  Jan.  1809.
        <pb n="340" />
        330  I.  3.  Preußens  Erhebung.

der  Wille  freier  Menschen  ist  gegründet“  —  und  bezeichhete  sodann  in
großen  Zügen  was  Noth  thue:  vor  Allem  die  Aufhebung  der  gutsherrlichen
  Gewalt  und  die  Einführung  der  Reichsstände  —  „jeder  active
Staatsbürger  habe  ein  Recht  zur  Repräsentation.“  Stein  unterzeichnete
ungern,  er  liebte  weder  die  großen  Worte  noch  die  unbestimmten  Allgemeinheiten.
  Doch  grade  die  doctrinäre  Fassung  dieses  Actenstücks  gefiel
nachher  einem  Zeitalter  der  liberalen  Systemsucht;  während  die  Welt  die
eigensten  Ideen  des  großen  Reformers,  die  Gedanken  der  Selbstverwaltung,
  geringschätzte  und  fast  vergaß,  blieb  dies  sein  sogenanntes  politisches
Testament  hoch  in  Ehren  als  das  Programm  der  constitutionellen  Parteien.
  Der  Scheidende  nahm  mit  sich  den  Dank  seines  Königs,  daß  er
„den  ersten  Grund,  die  ersten  Impulse  zu  einer  erneuten,  besseren  und
kräftigeren  Organisation  des  in  Trümmern  liegenden  Staatsgebäudes  gelegt
  habe“;  er  vertraute,  die  Hebung  der  niederen  Klassen  und  die  neuen
freieren  Ideen  würden  bleiben  und  sich  entwickeln.

Stein's  Fall  war  ein  schlechthin  unersetzlicher  Verlust  für  Preußens
inneres  Leben,  noch  Jahrzehnte  lang  hat  der  Staat  die  Folgen  dieses
Schlages  empfunden.  Und  doch  lag  eine  tragische  Nothwendigkeit  in  dem
tückischen  Zufall,  der  jenen  verhängnißvollen  Brief  in  Napoleon's  Hände
spielte.  Es  war  unter  allen  Heimsuchungen,  womit  Preußen  vergangene
Sünden  büßte,  vielleicht  die  schwerste,  daß  die  Monarchie  einen  Staatsmann
  von  so  rückhaltlosem  Freimuth  jetzt  nicht  mehr  zu  ertragen  vermochte.
  Dieser  vulkanische  Geist  konnte  seine  vaterländischen  Hoffnungen
nicht  auf  die  Dauer  schweigsam  in  sich  verschließen  —  das  war  sein
Charakter  und  also  sein  Schicksal;  er  konnte  das  verdeckte  diplomatische
Spiel,  dessen  der  Staat  bedurfte,  nicht  mit  behutsamer  List  durchführen
und  mußte  früher  oder  später  dem  lauernden  Gegner  erliegen.  Der
Sturz  des  Ministers  genügte  der  Rachsucht  Napoleon's  noch  nicht.  Am
16.  December  wurde  durch  ein  kaiserliches  Decret  aus  Madrid  le  nommé
Stein  als  ein  Feind  Frankreichs  und  des  Rheinbundes  geächtet  und  seine
Güter  eingezogen.  „Sie  gehören  nun  der  Geschichte  an,“  rief  Gneisenau
dem  Verbannten  zu.  Die  Nation  wußte  jetzt,  wen  unter  den  Deutschen
der  Imperator  am  bittersten  haßte.  Stein  ertrug  den  Verlust  mit  gelassener
  Hoheit;  ich  habe,  meinte  er  nachher  gleichmüthig,  mehrmals  im
Leben  mein  Gepäck  verloren.  Als  er  einsam  in  der  Winternacht  durch
das  Riesengebirge  fuhr,  den  schützenden  Grenzen  Oesterreichs  entgegen,
da  erhob  er  sich  die  Seele  an  den  Trostworten  der  Schleiermacher'schen
Predigt:  was  der  Mensch  zu  fürchten  habe?  Unwandelbar  fest  stand
ihm  der  fromme  Glaube,  daß  Gott  diese  Herrschaft  der  Gewalt  und  der
Lüge  nicht  dulden  könne.

In  Oesterreich  aber  wußte  man  mit  einer  solchen  Kraft  nichts  anzufangen.
  Kaiser  Franz  glaubte  der  französischen  Polizei  willig  alle  die
finsteren  Märchen  von  den  Umsturzplänen  der  Tugendbündler,  ließ  den
        <pb n="341" />
        Stein's  Fall.  331

gefährlichen  Jacobiner  insgeheim  überwachen.  Nur  dann  und  wann  durfte
Stein  den  kaiserlichen  Staatsmännern  einen  Rath  ertheilen.  In  Troppau
verkehrte  er  viel  mit  Pozzo  di  Borgo:  der  persönliche  Feind  des  Hauses
Bonaparte,  den  die  Rachgier  corsischer  Vendetta  ruhelos  von  Land  zu
Lande  peitschte,  und  der  erste  Mann  der  deutschen  Nation  fanden  sich  zusammen
  in  gemeinsamem  Hasse.  Drei  Jahre  lang  blieb  der  Geächtete  ohne
politischen  Einfluß.  Es  war  die  Zeit,  da  Gneisenau  die  entsetzlichen  Worte
schrieb:  „wir  dürfen  es  uns  nicht  verhehlen,  die  Nation  ist  so  schlecht  wie
ihr  Regiment.“  Auch  Stein  unterlag  während  dieser  Jahre  des  Harrens
zuweilen  der  Verbitterung  des  Emigranten:  er  verlebte  Augenblicke  da  er
an  dem  unverbesserlichen  Phlegma  der  nördlichen  Deutschen  verzweifelte
und  trostlos  schrieb:  möge  denn  Preußen  untergehen!  So  fest  wie  sein
König  oder  Hardenberg  war  dieser  Reichsritter  doch  nicht  mit  dem  Staate
Friedrich's  verwachsen,  zur  Noth  konnte  er  sich  sein  verjüngtes  Deutschland
  auch  ohne  Preußen  denken.  Jetzt  sah  er  in  Europa  nur  noch  zwei
große  Heerlager:  dort  das  Weltreich,  hier  die  Freiheit  der  Völker;  mochten
alle  Theilfürsten  und  selbst  die  Hohenzollern  versinken,  wer  immer  den  Deutschen
  die  Befreiung  brachte  der  sollte  des  Reiches  Krone  tragen.  Erst  das
Frühjahr  1813  hat  den  heißblütigen  Franken  wieder  ausgesöhnt  mit  dem
norddeutschen  Volke  und  ihn  für  immer  der  preußischen  Sache  gewonnen.  —

Alsbald  nach  Stein's  Abgang  gerieth  sein  Reformwerk  in's  Stocken.
Alle  die  bedeutenden  Talente,  die  unter  ihm  gearbeitet,  vermochten  nichts
mehr  seit  sein  belebender  mächtiger  Wille  fehlte.  Der  Staat  bedurfte,  so
lange  die  neue  Organisation  nicht  vollendet  war,  eines  leitenden  Staatsmannes,
  dem  die  Minister  sich  unterordneten.  Da  indeß  Hardenberg
durch  Napoleon's  Mißgunst  den  Geschäften  noch  immer  fern  gehalten
wurde  und  Niemand  sonst  den  Ausscheidenden  ersetzen  konnte,  so  behalf
man  sich  mit  einer  collegialischen  Ministerregierung.  Der  neue  Minister
des  Innern,  Graf  Alexander  Dohna  war  ein  feingebildeter  ehrenhafter
Patriot  —  wie  alle  Söhne  jenes  alten  protestantischen  Heldengeschlechts,
von  dem  das  ostpreußische  Sprichwort  sagte:  gut  wie  ein  Dohna  —  doch
weder  ein  ideenreicher  Kopf  noch  ein  Mann  des  durchgreifenden  Entschlusses.
Der  König  verhehlte  sich  nicht,  daß  die  neue  Organisation  nicht  mehr  auf
halbem  Wege  stehen  bleiben  durfte;  er  überwand  jetzt  sogar  seine  Abneigung
  gegen  das  Repräsentatiosystem,  befahl  dem  Minister  des  Innern,
die  Neugestaltung  der  ständischen  Verfassung  sowie  der  ländlichen  Polizeiverwaltung
  schleunig  in  Angriff  zu  nehmen.)  Sein  gesunder  Verstand
erkannte,  daß  die  Polizeigewalt  der  Gutsherrschaften  das  feste  Bollwerk
der  alten  ständischen  Vorrechte  bildete.

Kaum  wurden  diese  Absichten  des  Monarchen  ruchbar,  so  erhob  sich
wieder  die  Opposition  der  Landtage,  und  sie  trat  jetzt  dreister  auf  als
unter  Stein's  kraftvollem  Regimente.  Die  Stände  der  Kurmark  verlang-*)

  Cabinets-Ordres  v.  10.  Jan.  und  4.  März  1809.
        <pb n="342" />
        332  I.  3.  Preußens  Erhebung.

ten  trotzig,  daß  man  sie  zu  der  Berathung  des  Verfassungsentwurfes  zuziehe.')
  Die  pommerische  Ritterschaft  protestirte  auf  ihrem  Stargarder
Landtage  feierlich  gegen  jede  Abänderung  der  alten  Landschafts-Verfassung,
desgleichen  gegen  den  Plan  einer  allgemeinen  Einkommensteuer,  während
die  Städte  des  Landes  umgekehrt  den  König  beschworen,  bei  seinen  Plänen
auszuharren,  denn  nur  die  Aufhebung  der  Privilegien  könne  die  heute  durch
Mißmuth  niedergeschlagene  thätige  Vaterlandsliebe  wieder  erwecken.)
Die  gesammte  feudale  Welt  gerieth  in  Unruhe.  Der  neue  brandenburgische
  Oberpräsident  Sack  und  die  Mitglieder  der  Potsdamer  Regierung,
Vincke,  Maassen,  Beuth,  Bassewitz,  durchweg  eifrige  Anhänger  der  Reformpartei,
  lebten  in  beständiger  Fehde  mit  den  Ständen  der  Kurmark.
Alle  diese  trefflichen  Männer,  die  sich  nachher  sämmtlich  einen  ehrenvollen
Platz  in  Preußens  Annalen  erworben  haben,  bezichtigte  Marwitz  der
revolutionären  Gesinnung.  Vornehmlich  Sack  galt  bei  den  Landständen
als  der  Ausbund  bureaukratischen  Jacobinerthums.  Und  in  der  That
stand  die  altväterische  Schulden=  und  Steuerverwaltung,  welche  den  Landtagen
  noch  verblieben  war,  schlechterdings  nicht  mehr  im  Einklang  mit
der  neuen  strafferen  Organisation  der  Behörden;  die  Potsdamer  Regierung
  beantragte  mit  vollem  Rechte  eine  gründliche  Umgestaltung  der  Provinziallandtage
  und  vor  Allem  „Ausschließung  der  Stände  von  aller  Administration“.*)
  Der  alte  Kampf  zwischen  der  monarchischen  Staatseinheit
  und  dem  altständischen  Particularismus  entbrannte  von  Neuem,  und
Graf  Dohna  fühlte  sich  durch  das  leidenschaftliche  Treiben  der  Privilegirten
so  entmuthigt,  daß  er  am  Ende  seiner  Ministerlaufbahn  rundweg  aussprach:
  eine  Reichsständeversammlung  in  solcher  Lage  wäre  das  Verderben
des  königlichen  Hauses.  In  keinem  Lande  Europas,  schloß  er  bitter,  seien
Sinn  und  Bildung  für  höhere  Staatsangelegenheiten,  überhaupt  alle
einem  tüchtigen  Repräsentanten  nöthigen  Eigenschaften  so  unerhört  selten
wie  in  Preußen;  dagegen  fänden  sich  auch  in  keinem  anderen  Lande  so
viele  vortreffliche  Kräfte  für  das  Detail  der  Geschäfte.)1)

Allerdings  war  die  Zeit  für  die  Einführung  constitutioneller  Staatsformen
  noch  nicht  gekommen.  Ein  preußischer  Reichstag,  jetzt  berufen,  drohte
Stein's  ganzes  Werk  wieder  in  Frage  zu  stellen,  zumal  da  der  Freiherr
selber  nicht  mehr  mit  der  Wucht  seiner  Persönlichkeit  für  die  Reform  eintreten
  konnte.  Unvermeidlich  mußten  in  einer  solchen  Ständeversammlung
die  unzufriedenen  Großgrundbesitzer  den  Ausschlag  geben,  und  auch  das
Bürgerthum  bot  den  reformatorischen  Absichten  des  Königs  keinen  sichern
Rückhalt.  Die  Zünftler  in  den  Städten  fühlen  schnell  heraus,  daß  die
Krone  der  Einführung  der  Gewerbefreiheit  zusteuerte,  und  hielten  um  so

 

*)  Bericht  des  Oberpräsidenten  Sack  an  Dohna,  19.  Sept.  1809.

**)  Eingabe  der  hinterpommerschen  Städte  an  den  König,  Stargard  28.  Sept.  1809.
*“F#P)  Bericht  der  Potsdamer  Regierung  v.  6.  Dec.  1809.

Dohna  an  Hardenberg,  22.  Aug.  1810.
        <pb n="343" />
        Ministerium  Altenstein-Dohna.  333

zäher  ihre  alten  Vorrechte  fest;  wiederholt  mußte  die  kurmärkische  Regierung
gegen  die  Magistrate  von  Berlin  und  Potsdam  einschreiten,  wenn  diese  die
halb  vergessenen  alten  Strafmandate  gegen  Pfuscher  und  Auswärtige  wieder
anzuwenden  versuchten.  Aber  der  neue  Minister  verstand  auch  nicht  einmal
jenen  Sinn  für  das  Detail  der  Geschäfte  zu  benutzen,  den  er  selber  seinen
Landsleuten  nachrühmte.  Für  die  Beseitigung  der  gutsherrlichen  Polizei
geschah  gar  nichts;  und  statt  den  fertigen  Entwurf  der  Landgemeinde—
Ordnung  entschlossen  in's  Werk  zu  setzen  ließ  man  neue  Pläne  ausar—
beiten,  die  einander  in  kühnen  Vorschlägen  überboten  und  schließlich  alle—
sammt  liegen  blieben.  Auch  der  Justizminister  Beyme,  der  neuerdings
ganz  im  Sinne  der  Reformpartei  zu  reden  pflegte,  brachte  nichts  weiter
zu  Stande,  als  daß  er  den  alten  Unterschied  der  adlichen  und  der  ge—
lehrten  Bank  in  den  obersten  Gerichtshöfen  endlich  aufhob;  an  die  Patri—
monialgerichte  wagte  er  sich  nicht  heran,  trotz  der  Mahnung  des  Königs.

Und  wie  konnte  vollends  der  ängstliche,  stillfleißige  Gelehrte  Altenstein
Ordnung  bringen  in  das  Chaos  der  Finanzen?  Er  sollte  außer  den  ordentlichen
  Staatsausgaben  monatlich  4  Mill.  Fr.  von  der  Contribution  abzahlen,
  dazu  die  Schulden  der  letzten  zwei  Jahre,  deren  Höhe  man  noch
gar  nicht  recht  übersah,  verzinsen,  endlich  Napoleon's  Truppen  in  den
Oderfestungen  versorgen.  Und  der  unversöhnliche  Feind  fand  der  Mißhandlungen
  noch  immer  kein  Ende:  die  Garnisonen  in  den  Oderplätzen
waren  weit  stärker  als  im  Vertrage  ausbedungen  worden  und  erzwangen
auf  Befehl  des  Imperators  eine  Reihe  völlig  widerrechtlicher  Leistungen
und  Lieferungen,  so  daß  dem  Lande  in  den  drei  Jahren  nach  dem  Abzuge
der  großen  Armee  noch  10¾  Mill.  Fr.  vertragswidrig  abgepreßt  wurden.“)
Die  Monarchie  konnte,  wie  einst  Frankreich  vor  dem  Ausbruch  der  Revolution,
  dem  Bankrott  nur  entgehen,  wenn  eine  radicale  Umgestaltung
des  gesammten  Finanzwesens  die  Steuerkraft  der  höheren  Stände  zu  den
Staatslasten  heranzog.  Altenstein  aber  befürchtete,  daß  neue  Steuern
das  verarmte  Volk  erdrücken  würden.  Er  suchte  zu  helfen  durch  einige
Domänen-Verkäufe,  durch  eine  freiwillige  Zwangsanleihe,  durch  einen
hohen  Stempel  auf  Juwelen,  Gold=  und  Silbergeräthe.  Alles  umsonst;
und  so  oft  man  im  Auslande  ein  Anlehen  abzuschließen  dachte,  wurden
die  Versuche  der  preußischen  Agenten  durch  die  Diplomatie  Napoleon's
durchkreuzt.  Der  Finanzminister  erklärte  endlich  verzweifelnd  im  Namen
seiner  Amtsgenossen,  so  lange  diese  Bedrängniß  des  Staatshaushaltes
währe  sei  an  innere  Reformen  nicht  zu  denken.  Die  Regierung  gerieth
allmählich  wieder  in  denselben  Zustand  wohlwollender  Unthätigkeit,  wie
vor  der  Jenaer  Schlacht;  und  der  Stillstand  war  jetzt  um  Vieles  gefährlicher,
  zumal  da  neuerdings  eine  verhängnißvolle  Unsitte  einriß,  die  nach- 



*)  Nach  der  Rechnung  des  Finanzministeriums,  welche  W.  von  Humboldt  im
Frühjahr  1814  zu  Paris  den  Großmächten  überreichte.  (Humboldt's  Bericht  an  Hardenberg,
  20.  Mai  1814.)
        <pb n="344" />
        334  I.  3.  Preußens  Erhebung.

her  unter  Hardenberg's  Regimente  noch  zunahm.  Während  früherhin  der
Gesetzgeber,  wie  seines  Amtes  ist,  einfach  befohlen  hatte,  wurde  es  in  den
neuen  Gesetzen  üblich,  allerhand  Reformen  für  die  Zukunft  in  Aussicht
zu  stellen,  Versprechen  zu  geben,  deren  Tragweite  Niemand  übersah;  um
so  schlimmer  nachher  die  Enttäuschung,  wenn  man  die  Verheißungen
nicht  halten  konnte.

Nur  in  zwei  Zweigen  der  Verwaltung  blieb  der  große  Sinn  der
Stein'schen  Tage  noch  lebendig:  in  der  Armee  und  im  Unterrichtswesen.
Die  Wiederherstellung  des  Heeres  schritt  unter  Scharnhorst's  Leitung  rüstig
fort,  und  das  Ministerium  ließ  den  unermüdlichen  Organisator  gewähren.
Als  er  aber  endlich  mit  seinen  letzten  und  liebsten  Gedanken  heraustrat
und  im  Februar  1810  ein  Conseriptions-Gesetz  vorlegte,  das  jeden  vom
Loose  Getroffenen  ohne  Unterschied  zum  persönlichen  Dienste  verpflichtete,
da  entspann  sich  im  Schooße  der  Regierung  ein  denkwürdiger  Streit  um
die  Grundgedanken  der  modernen  deutschen  Heeresverfassung.  Dort  der
alte  ehrenwerthe  Eifer  des  Civilbeamtenthums  für  die  Schonung  der  volkswirthschaftlichen
  Kräfte;  hier  ein  großherziger  politischer  Idealismus,  der  die
sittliche  Bedeutung  des  Heerwesens  höher  anschlug  als  nationalökonomische
Bedenken.  Der  Finanzminister  fürchtete,  die  Einführung  der  allgemeinen
Wehrpflicht  werde  eine  massenhafte  Auswanderung  veranlassen,  und  wollte
nicht  begreifen,  was  der  Eintritt  gebildeter  junger  Männer  in  die  Reihen
der  Mannschaft  nützen  solle,  da  doch  die  kräftigen  Leute  aus  den  niederen
Klassen  die  besten  Soldaten  abgäben.  Die  Offiziere  hingegen,  Scharnhorst,
  Boyen,  Hake,  Rauch,  beriefen  sich  auf  den  im  Allgemeinen  Landrecht
  anerkannten  Grundsatz  der  Gleichheit  vor  dem  Gesetze;  sie  fanden
es  ungerecht,  daß  der  Unbemittelte  zugleich  Steuern  zahlen  und  doch
allein  die  Last  des  Waffendienstes  tragen  solle;  sie  erinnerten  an  die  Armuth
  jener  beiden  Klassen,  welche  für  den  preußischen  Staat  das  Größte
leisteten,  des  Adels  und  des  Beamtenthums;  ja  sie  wagten  zu  behaupten
was  damals  noch  als  eine  Ketzerei  erschien:  die  gebildete  Jugend  stelle
die  brauchbarsten  Soldaten,  denn  sie  bringe  eine  sittliche  Kraft,  das  Princip
der  Ehre,  in  das  Heer,  während  die  ärmeren  Klassen  nur  selten  eine
dauernde  Anhänglichkeit  an  das  Vaterland  haben  könnten.  In  Frankreich,
erklärte  Scharnhorst,  habe  die  Stellvertretung  einen  unsittlichen  Seelenhandel
  hervorgerufen;  bei  dem  mannhaften  Römervolke  dagegen  sei  der
Waffendienst  ein  Ehrenrecht  der  höheren  Stände  gewesen.  Weder  das
Ministerium  Dohna-Altenstein  noch  späterhin  Hardenberg  vermochte  sich
zu  dieser  ethischen  Auffassung  des  Kriegswesens,  welche  Stein's  vollen
Beifall  fand,  zu  erheben,  und  überdies  war  die  Einstellung  aller  Wehrfähigen
  unmöglich  so  lange  der  Staat  nur  42,000  Mann  Truppen  halten
durfte.  Der  große  Plan  blieb  liegen  bis  zu  der  guten  Stunde,  da  der
Krieg  erklärt  und  die  Fesseln  des  September-Vertrags  gesprengt  wurden.

Unterdessen  war  Wilhelm  von  Humboldt  an  die  Spitze  des  Unter-
        <pb n="345" />
        Verhandlungen  über  die  allgemeine  Wehrpflicht.  335

richtswesens  getreten,  jener  perikleische  Staatsmann,  der  zuerst  mit  voller
Klarheit  erkannte,  Preußens  Beruf  sei  „durch  wahre  Aufklärung  und
höhere  Geistesbildung“  den  ersten  Rang  in  Deutschland  zu  behaupten.
Keiner  hatte  so  wie  er  in  den  Ideen  und  Gestalten  der  classischen  Dichtung
  geschwelgt  und  den  Becher  der  Schönheit  so  bis  zur  Hefe  geleert.
Keiner  unter  allen  Nordländern  stand  den  Universalgenies  des  Cinquecento
  so  nahe,  wie  dieser  allseitige  Geist,  der,  heimisch  in  allen  Freuden
der  Sinnlichkeit  und  auf  allen  Gebieten  des  Denkens,  zugänglich  jedem
Eindruck  und  doch  immer  gesammelt  und  ganz  bei  sich  selber,  „das  wahrhaft
  schöne  von  Kälte  und  Schwärmerei  gleich  ferne  Dasein“  des  ganzen
Menschen  führte.  Das  Idealbild  der  freien  Persönlichkeit  ward  Fleisch
und  Blut  in  diesem  Aristokraten  des  Geistes.  Sich  selber  auszuleben,
die  reiche  Fülle  seiner  Gaben  in  einem  schönen  Wechsel  von  Genuß  und
That  harmonisch  zu  entfalten,  in  gelassener  Sicherheit  erhaben  über  allem
äußeren  Zufall,  das  Leben  selbst  zu  einem  Kunstwerke  zu  gestalten  —
das  war  ihm  die  höchste  Weisheit:

Nicht  Schmerz  ist  Unglück,  Glück  nicht  immer  Freude:

Wer  sein  Geschick  erfüllt,  dem  lächeln  beide.

Niemals  wollte  er  sich  trennen  von  dem  Glauben,  daß  Schauen  und
Erkennen,  Bilden  und  Dichten  den  eigentlichen  Inhalt  der  Menschengeschichte
  bilde,  daß  in  diesem  Scheine  des  Zeitlichen  nur  die  Idee  lebe,
nur  „des  Geistes  Sein,  das  unverstanden  gefangen  gehet  in  der  Menschheit
  Banden.“"  Ganz  unbefangen,  ohne  jede  Absicht  der  Ueberhebung
schrieb  er  an  Schiller,  als  Bonaparte's  Gestirn  soeben  aufging:  „Der
Maßstab  der  Dinge  in  mir  bleibt  fest  und  unerschütterlich;  das  Höchste
in  der  Welt  bleiben  und  sind  die  Ideen.  Hätte  ich  einen  Wirkungskreis
wie  den,  der  jetzt  eigentlich  Europa  beherrscht,  so  würde  ich  ihn  doch  immer
nur  als  etwas  jenem  Höheren  Untergeordnetes  ansehen.“  Noch  im  Alter,
nach  einer  langen  und  reichen  staatsmännischen  Thätigkeit,  sagte  er  einmal
  zu  Gottfried  Hermann,  als  er  mit  dem  philologischen  Freunde  das
Leipziger  Schlachtfeld  durchwanderte:  „ja  sehen  Sie,  Liebster!  Reiche  gehen
zu  Grunde,  wie  wir  hier  sehen,  aber  ein  guter  Vers  besteht  ewig.““)  Ein
großer  Schriftsteller  konnte  und  wollte  er  nicht  werden.  Die  Kräfte  seines
Geistes  hielten  einander  so  vollkommen  das  Gleichgewicht,  daß  keine  einzige
als  die  beherrschende  heraustrat;  darum  fehlte  seinem  Stile,  wie  Schiller
beklagte,  die  Kunst  der  Massen,  die  nothwendige  Kühnheit  des  Ausdrucks.

In  jungen  Jahren  schon  trat  er  mit  den  Dioskuren  von  Weimar
und  mit  F.  A.  Wolf  in  vertrauten  Verkehr,  von  Allen  sogleich  als  ein
Ebenbürtiger  begrüßt,  und  lebte  sich  ein  in  das  Schaffen  der  beiden  Dichter.
Sein  feinsinniges  Verständniß  drang  bis  in  die  verborgenen  Falten  ihres
Seelenlebens  und  ergründete,  was  noch  kein  Kritiker  vermocht,  das  große
Räthsel  des  künstlerischen  Genies,  die  geheimnißvolle  Verbindung  von

*)  Nach  einer  handschriftlichen  Aufzeichnung  von  F.  G.  Welcker.
        <pb n="346" />
        336  I.  3.  Preußens  Erhebung.

weiblicher  Empfänglichkeit  und  schöpferischer  Manneskraft.  Dieselbe  Ge—
nialität  des  Verstehens  und  Urtheilens  machte  ihn  nachher  zum  Liebling
des  römischen  Volks,  da  er  jahrelang  als  preußischer  Gesandter,  ein
Hellene  unter  Römern  lebte  und  auf  den  Bergen  von  Albano  den  Aeschy—
los  und  Pindar  übersetzte.  Nach  und  nach  ward  er  sich  auch  der  pro—
ductiven  Kräfte  seines  Geistes  bewußt  und  begann  mit  seinen  baskischen
Forschungen  jene  Studien  der  Sprachvergleichung,  die  ihm  dienen  sollten
„das  Höchste  und  Tiefste  und  die  Mannigfaltigkeit  der  ganzen  Welt  zu
durchfahren“,  den  Schlüssel  zu  finden  zu  dem  Gemüthsleben  der  Bölker.

Mit  diesem  kühnen  Idealismus  verband  Humboldt  jedoch  von  früh
auf  ein  sicheres  Verständniß  für  die  harten  Thatsachen  des  historischen
Lebens.  Die  französische  Revolution  widerte  ihn  an,  weil  er  es  für  einen
Frevel  hielt  den  Staat  allein  aus  der  Vernunft  heraus  aufzubauen;  die
Friedensseligkeit  der  Epoche  bethörte  ihn  nicht,  denn  der  Krieg  sei  eines
der  heilsamsten  Mittel  zur  Erziehung  des  Menschengeschlechts.  Dem  Historiker
  stellte  er  die  Aufgabe,  daß  er  sich  immer  durch  Ideen  regieren  lasse
und  doch  nicht  in  das  Gebiet  bloßer  Ideen  hinüberschweife.  Mitten  in
der  ästhetischen  Schwelgerei  seiner  römischen  Jahre  packte  ihn  oft  die
Sehnsucht  nach  den  herzerhebenden  Klängen  der  Muttersprache;  er  liebte
das  deutsche  Volk  als  den  gottbegnadeten  Träger  der  neuen  europäischen
Cultur  und  weissagte  ihm  eine  vergeltende  Zeit,  „wo  es  dem  Folgegeschlecht
  zeichnet  die  leuchtende  Bahn.“  So  war  es  denn  eine  innere
Nothwendigkeit,  daß  auch  ihn  endlich  die  mächtige  politische  Strömung
jener  Tage  berührte.  Das  Pflichtgefühl  des  Patrioten  und  der  Drang  nach
allseitiger  Bethätigung  seiner  Kräfte  bewogen  ihn  dem  Staate  zu  dienen,  der
ihm  einst  nur  als  der  lästige  Vormund  der  freien  Geselligkeit  erschienen  war.

Seine  Natur  war  nicht  für  alle  Aufgaben  des  praktischen  Staatsmannes
  geschaffen.  Ein  tiefer  politischer  Denker  wie  Hugo  Grotius,  wurde
Humboldt  wie  dieser  im  diplomatischen  Kampfe  von  vielen  kleineren  Köpfen
übertroffen,  weil  ihm  der  grobe  Ehrgeiz  des  Mannes  der  That  und  die
Freude  an  den  tausend  nothwendigen  Nichtigkeiten  des  Gesandtenberufes
fehlte.  Er  war  zu  groß  für  einen  Diplomaten.  Wo  die  Politik  in  die
Welt  der  Ideale  hineinragte,  da  zeigte  sich  die  lautere  Hoheit  seines
Sinnes,  die  Thatkraft  seines  Humanismus.  Von  ganz  anderen  Ausgangspunkten
  her  gelangte  er  zu  derselben  Ansicht  von  der  Selbstverwaltung
  wie  Stein;  er  verehrte  den  Schöpfer  der  Städteordnung,  weil  er
in  der  freien  Bewegung  der  Gemeinden  die  Schule  sah  zur  Erziehung
sittlicher,  thatkräftiger  Menschen.  Doch  die  dürre  Prosa  der  internationalen
  Machtfragen  ließ  ihn  völlig  kalt.  Seine  diplomatischen  Denkschriften
sind  allesammt  zu  breit  und  zu  scharfsinnig.  Sein  reicher  Geist  ergeht
sich  oft  zwecklos  im  Genusse  seiner  eigenen  Klarheit,  wendet  den  Gegenstand
  nach  allen  Seiten  hin  und  her  und  findet  kein  Ende,  sieht  den
Wald  vor  lauter  Bäumen  nicht;  ihm  gebricht  jene  Lust  am  Handeln,
        <pb n="347" />
        W.  v.  Humboldt.  337

welche  dem  Leser  unwillkürlich  einen  bestimmten  Entschluß  abzwingt.
Nicht  ohne  Grund  nannte  ihn  Talleyrand  6%  sophisme  incarné.  Von
den  schalen  Freuden  der  vornehmen  Welt  genoß  er  nur  was  seinen
hellenischen  Schönheitssinn  reizte;  die  schwere  Kunst  sich  mit  Anstand  zu
langweilen,  allerhand  unbedeutende  Menschen  über  die  Geheimnisse  des
Augenblicks  auszuforschen,  wollte  er  niemals  lernen.  Mit  peinlicher  Gewissenhaftigkeit,
  wie  er  Alles  betrieb,  hat  er  auch  seine  diplomatischen
Pflichten  erfüllt;  doch  jene  leidenschaftliche  Freude  am  Erfolge,  die  zu  allem
großen  menschlichen  Schaffen  gehört,  kannte  er  in  diesem  Berufe  nicht.
Dagegen  war  Niemand  so  wie  er  geeignet  für  die  Leitung  des  Unterrichtswesens,
  die  ihm  der  König  im  Frühjahr  1809  übertrug.  Durch
die  kurze  Wirksamkeit  von  fünfviertel  Jahren  gab  er  der  preußischen  Unterrichtsverwaltung
  jenen  humanen,  idealistischen  Zug,  der  auch  unter
schwächeren  Nachfolgern  sich  nicht  wieder  ganz  verlieren  konnte.  Sein
universaler  Geist  wußte  jeden  Zweig  der  Wissenschaften  und  Künste  in
seinem  Rechte  und  seiner  Eigenart  zu  würdigen.  Selbst  dem  kirchlichen
Leben,  das  seiner  ästhetischen  Bildung  am  fernsten  lag,  brachte  er  ein  so
unbefangenes  humanes  Wohlwollen  entgegen,  daß  der  streng  gläubige
Nicolovius  einträchtig  mit  diesem  Heiden  zusammenwirken  konnte;  der
Gottesdienst  war  ihm  heilig,  weil  er  alle  Glieder  der  Gesellschaft  nur  als
Menschen  vereinige.  Mit  Ehrfurcht  trat  er  an  die  Fragen  des  Schulwesens
  heran;  er  verwarf  die  Errichtung  von  Realschulen,  denn  die  ganze
Zukunft  der  Nation  schien  ihm  gefährdet,  wenn  auch  nur  ein  Theil  der
gebildeten  Jugend  ohne  die  methodische  Zucht  der  classischen  Studien  aufwüchse.
  Er  kannte  die  Reizbarkeit  der  Gelehrten  und  versöhnte  sie  nicht
bloß  durch  urbane  Milde  und  geduldige  Nachsicht,  sondern  vornehmlich
durch  seinen  hochherzigen  Freisinn;  denn  er  wußte,  daß  die  harte  Macht
des  Staates  auf  dem  Gebiete  der  eigentlichen  Cultur  nur  fördern  und
leiten,  doch  wenig  schaffen  kann,  daß  die  schöpferische  Kraft  des  freien
Gedankens  hier  schlechterdings  Alles  ist.  Das  ganze  Geheimniß  seiner
organisatorischen  Größe  liegt  in  den  einfachen  Worten,  die  er  über  die
Einrichtung  der  Berliner  Universität  schrieb:  „man  beruft  eben  tüchtige
Männer  und  läßt  das  Ganze  allmählich  sich  ancandiren."“  Er  kannte
nur  ein  Vaterland,  das  Land  der  deutschen  Bildung,  und  hielt  es  für  eine
Ehrenpflicht  seines  neuen  Amts,  das  Bewußtsein  dieser  unzerstörbaren
geistigen  Einheit  in  der  mißhandelten  Nation  zu  beleben.  Darum  stellte  er
die  alte  Freizügigkeit  wieder  her,  die  vor  Zeiten  der  Stolz  unserer  Universitäten
gewesen  und  erst  im  achtzehnten  Jahrhundert  durch  die  Scheelsucht  des  Particularismus
  verkümmert  war,  und  erlaubte  der  preußischen  Jugend  den  Besuch
aller  deutschen  Hochschulen.  Allein  durch  ihre  Leistungen,  im  freien  Wetteifer,
  sollten  Preußens  hohe  Schulen  ihre  Anziehungskraft  erproben.
Während  der  ersten  Jahre  des  neuen  Jahrhunderts  hatte  die  Universität
  Halle  einen  vielverheißenden  Aufschwung  genommen.  Sie  war
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  22
        <pb n="348" />
        338  I.  3.  Preußens  Erhebung.

nochmals,  wie  einst  unter  Friedrich  I.,  in  den  Vordergrund  des  wissenschaftlichen
  Lebens  der  Nation  getreten;  der  Realismus  der  alten  Göttinger
  fand  sich  hier  zusammen  mit  der  idealistischen  Bildung  von  Jenaund
  Königsberg.  Dies  junge  Leben  ward  plötzlich  zerstört,  als  der  Tilsiter
Friede  das  Magdeburger  Land  dem  Königreich  Westphalen  zutheilte.  Gleichzeitig
  verlor  Preußen  das  aufblühende  Erlangen  und  dazu  die  drei  soeben
erst  neugewonnenen  stiftischen  Universitäten  Erfurt,  Münster,  Paderborn
sowie  das  verfallene  Duisburg.  Gleich  nach  dem  Frieden  baten  die  Hallenser
  Professoren  den  König,  ihre  Universität  nach  Berlin  zu  verlegen;
er  aber  erwiderte,  daß  er  eine  neue  Hochschule  in  der  Hauptstadt  stiften
wolle,  und  fügte  die  schönen  Worte  hinzu:  der  Staat  muß  durch  geistige
Kräfte  ersetzen  was  er  an  physischen  verloren  hat.  Jene  alten  so  oft
erwogenen  Berliner  Pläne  wurden  also  wieder  aufgenommen,  doch  erst
Humboldt  brachte  frischen  Willen  und  großen  Sinn  in  die  stockenden
Berathungen.  Zur  selben  Zeit,  da  der  Fürst-Primas  in  der  alten  Heimath
deutscher  zünftiger  Rechtsgelahrtheit,  in  Wetzlar,  eine  juristische  Fachschule
nach  napoleonischem  Modell  eröffnete,  traute  der  preußische  Idealist  seinem
erschöpften  Staate  die  Kraft  zu,  jetzt  in  Berlin  zu  vollenden,  was  in  Halle
zerstört  war  und  „der  deutschen  Wissenschaft  eine  vielleicht  kaum  jetzt  noch
gehoffte  Freistatt  zu  eröffnen“.

Die  neue  Stiftung  sollte  „durchaus  etwas  Anderes  sein  als  eine  bloße
Landesuniversität"“,  nicht  in  der  Vorbereitung  für  praktische  Berufe,  sondern
  in  der  Wissenschaft  selber  den  Zweck  der  wissenschaftlichen  Arbeit
suchen  und  daher,  vornehmlich  für  ihre  philosophische  Facultät,  die  besten
Kräfte  Deutschlands  an  sich  ziehen.  „Wir  wollen  Euch  zu  lernen  lehren“
—  sagte  Clemens  Brentano  bezeichnend  in  dem  Festliede  zur  Eröffnungsfeier.
  Für  die  Verfassung  der  Universität  fand  Humboldt,  Altes  und
Neues  mit  glücklichem  Takte  verbindend,  jene  einfachen  und  freien  Formen,
die  seitdem  allen  deutschen  Hochschulen  zum  Vorbilde  gedient  haben.  Er
gab  ihr  nicht  die  gefährliche  Stellung  eines  Staates  im  Staate,  sondern
stellte  sie  als  eine  Staatsanstalt  auf  den  Boden  des  gemeinen  Rechts.
Dagegen  blieben  die  alten  Facultäten  erhalten,  desgleichen  was  Schleiermacher
  soeben  in  einer  köstlichen  Schrift  als  das  eigentliche  Wesen  der
„Universitäten  im  deutschen  Sinne“  bezeichnet  hatte:  die  unbeschränkte
Freiheit  des  Lernens  und  des  Lehrens.  Die  radicaleren  Pläne  Fichte's
wurden  verworfen:  Humboldt  fühlte  heraus,  daß  der  freie  Sinn  der
deutschen  Jugend  den  klösterlichen  Zwang  einer  neuen  platonischen  Akademie,
  wie  sie  der  begeisterte  Philosoph  vorschlug,  nicht  ertragen  würde.
Es  war  die  erste  königlich  preußische  Universität,  und  doch  eine  Stiftung
für  das  gesammte  Vaterland,  das  Werk  einer  freien  und  großen  nationalen
  Gesinnung,  welche  die  alten  durch  römisch-kaiserliche  Privilegien  gestifteten
  Universitäten  so  nicht  kannten.  Als  die  neue  Hochschule  in  ihr
stattliches  Prinzenschloß,  dem  Palaste  des  Königs  gegenüber  einzog,  da
        <pb n="349" />
        Universität  Berlin.  339

bekannte  der  preußische  Staat,  daß  er  fortan  die  deutsche  Wissenschaft  in
sein  Herz  schließen  und  sich  nicht  mehr  von  ihr  trennen  wolle.  Edler,
würdiger  konnte  er  seine  geistige  Ueberlegenheit  dem  prahlerischen  Sieger  nicht
zeigen.  Wo  war  in  der  großen  Wüstenei  des  Imperatorenreichs  ein  Verein
von  Denkern,  wie  er  sich  hier  um  die  Wiege  der  neuen  Stiftung  schaarte:  die
Theologen  Schleiermacher  und  Marheineke,  die  Juristen  Savigny  und  Eich—
horn,  der  Arzt  Hufeland,  der  Landwirth  Thaer,  in  der  philosophischen  Facultät
Fichte,  Boeckh,  Buttmann  und  vor  allen  Anderen  doch  Niebuhr,  der  mit  seinen
Vorlesungen  über  römische  Geschichte  dem  Berliner  akademischen  Leben  ein
für  allemal  das  Gepräge  sittlichen  Ernstes  und  wissenschaftlicher  Strenge  gab.
Als  Humboldt,  erbittert  über  die  Unfähigkeit  des  Ministeriums,  seine
Stellung  aufgab  und  wieder  in  die  diplomatische  Laufbahn  eintrat,  die
ihm  mehr  Muße  gewährte  sich  selber  zu  leben,  da  blieben  doch  einige
Räthe  zurück,  die  in  seinem  Sinne  weiter  wirkten,  namentlich  der  milde
feinsinnige  Süvern.  Die  großen  Grundsätze  für  die  Leitung  des  höheren
Unterrichts  standen  fest  seit  den  Verhandlungen  über  die  Berliner  Uni—
versität;  man  brauchte  sie  nur  anzuwenden  als  man  jetzt  daran  ging
auch  die  katholischen  Bildungsanstalten  zu  verjüngen.  Die  alte  Jesuiten—
akademie  zu  Breslau  wurde  mit  der  strengprotestantischen  Frankfurter
Viadrina  vereinigt  und  aus  beiden  die  neue  Breslauer  Universität  gebildet
  (1811).  Auch  diese  Neugründung  war  ein  Markstein  in  der  Geschichte
  unseres  geistigen  Lebens.  Wie  viele  schwere  Kämpfe  hatte  der
Gedanke  der  Parität  an  den  deutschen  Hochschulen  bestehen  müssen  seit
Pfalzgraf  Karl  Ludwig  in  seinem  Heidelberg  zuerst  den  alten  starren
Grundsatz  der  Glaubenseinheit  beseitigte.  Jetzt  war  die  Duldsamkeit  der
neuen  Philosophie  tief  in  die  Anschauungen  der  gebildeten  Klassen  eingedrungen.
  Jedermann  fand  es  in  der  Ordnung,  daß  allen  Confessionen
der  Zutritt  zu  den  weltlichen  Facultäten  der  Berliner  Hochschule  freigestellt
  wurde.  In  Breslau  ging  der  Staat  schon  einen  Schritt  weiter  und
stiftete  zwei  theologische  Facultäten,  für  die  Katholiken  und  die  Protestanten.
So  entstand  die  erste  paritätische  Universität  —  eine  charakteristische,  dem
Auslande  kaum  begreifliche  Eigenthümlichkeit  des  deutschen  Lebens.
Welch  ein  Verhängniß  nun,  daß  gerade  in  dieser  Zeit,  da  Preußen
seinen  ersten  Staatsmann  verbannen  mußte,  ein  neues  Kriegswetter  über
Oesterreich  heraufzog.  Um  Neujahr  1809  folgte  das  preußische  Königspaar
  einer  dringenden  Einladung  Alexander's  nach  Petersburg.  Mit  beispiellosem
  Glanze  empfing  der  Czar  seine  Gäste,  als  ob  er  sie  entschädigen
wollte  für  die  Untreue  von  Tilsit;  auch  der  Hofadel  suchte  durch  überschwängliche
  Ehrenbezeigungen  seinen  Franzosenhaß  zu  bekunden.  Seitdem
  verband  die  beiden  Höfe  ein  Verhältniß  persönlicher  Vertraulichkeit,
wie  es  noch  niemals  zwischen  Großmächten  bestanden  hatte;  der  preußische
Gesandte  wurde  fortan  in  Petersburg  stets  wie  ein  Angehöriger  der  kaiserlichen
  Familie  behandelt.  Das  politische  Ergebniß  der  Reise  war  gleich-22
        <pb n="350" />
        340  I.  3.  Preußens  Erhebung.

wohl  nur  ein  großer  Mißerfolg.  Der  Czar  hatte  den  Krieg  mit  Schweden
noch  nicht  beendet,  er  war  an  der  kaukasischen  Grenze  mit  Persien  in
Händel  gerathen  und  stand  im  Begriff  die  Türkei  mit  Krieg  zu  überziehen.
  So  lange  diese  drei  Kriege  nicht  abgewickelt,  Finnland  und  die
Donauprovinzen  noch  nicht  in  seinen  Händen  waren,  wollte  er  sich  von
Napoleon  nicht  trennen.  Er  gestand  seinem  Freunde,  daß  er  sich  verpflichtet
  habe  Frankreich  in  einem  Kriege  gegen  Oesterreich  mit  den  Waffen
zu  unterstützen  und  rieth  dem  Könige  dringend,  die  gleiche  Politik  zu  ergreifen,
  durch  die  Rückkehr  nach  Berlin  dem  Imperator  einen  Beweis
vertrauensvoller  Freundschaft  zu  geben.  Friedrich  Wilhelm  kehrte  heim,
tief  niedergeschlagen,  doch  keineswegs  überzeugt;  nimmermehr  wollte  er  an
dem  Feldzuge  gegen  Oesterreich  theilnehmen,  vielmehr  befahl  er,  insgeheim
zu  rüsten  um  nöthigenfalls  dem  Wiener  Hofe  Beistand  zu  leisten.  Noch  im
März  versuchte  er,  wieder  vergeblich,  den  Czaren  für  den  Plan  zu  gewinnen,
der  ihm  der  allein  rettende  schien,  für  einen  Bund  der  drei  Ostmächte.“)

Napoleon  war  unterdessen  nach  Spanien  geeilt  und  hatte  in  einem
raschen  Triumphzuge  die  zur  Feldschlacht  unfähigen  Heere  der  Spanier
geschlagen,  eine  englische  Armee  bis  an  die  Küste  zurückgeworfen.  Kaum
war  also  der  Waffenruhm  seiner  Adler  wieder  hergestellt,  so  nahm  er
alsbald  die  im  vorigen  Herbst  nur  vertagten  Pläne  gegen  Oesterreich
wieder  auf  und  traf  seine  Anstalten  die  Hofburg  für  ihre  Rüstungen  zu
züchtigen.  Noch  im  Januar  1809  befahl  er,  von  Spanien  aus,  die
Armee  des  Rheinbundes  marschbereit  zu  halten,  ließ  die  Corps  von  Davonst
  und  Oudinot  gegen  die  obere  Donau  marschiren.  Zu  Ende  des
Monats  war  er  selbst  wieder  in  Paris.  Er  rechnete,  mit  260,000  Franzosen,
  Polen  und  Rheinbündnern  in  Deutschland,  mit  150,000  Mann
in  Italien  den  Krieg  zu  eröffnen,  schrieb  seinen  Vasallen  höhnisch:  ob
denn  die  Donau  ein  Lethestrom  geworden  sei,  daß  man  in  Wien  alle
früheren  Niederlagen  vergessen  habe?  Seine  Absicht  war  jedoch  den  Ausbruch
  des  Krieges  bis  zum  Frühjahr  hinauszuzögern;  früher  konnte  seine
Rüstung  nicht  beendet  sein,  auch  wollte  er  als  der  Angegriffene  erscheinen
weil  Rußland  nur  für  den  Fall  eines  Vertheidigungskrieges  zur  Beihilfe
verpflichtet  war.  „Mein  Streit  mit  Oesterreich",  sagte  er  in  einem  Briefe
an  Friedrich  von  Württemberg,  „ist  die  Fabel  von  dem  Wolfe  und  dem
Lamme;  es  wäre  doch  gar  zu  ergötzlich,  wenn  man  uns  dabei  die  Rolle
des  Lammes  spielen  lassen  wollte!“"

In  dem  alten  Oesterreich  gährte  eine  ungeheure  Aufregung;  Jedermann
  meinte  den  Augenblick  einer  großen  Entscheidung  gekommen.  Freilich
  war  in  der  liebenswürdigen,  ritterlichen  Natur  des  Grafen  Stadion
keine  Ader  von  reformatorischer  Größe;  an  seinem  Franzosenhasse  hatte
der  Standesstolz  des  mediatisirten  Reichsgrafen  starken  Antheil.  Immerhin
  kam  unter  seiner  Leitung  ein  etwas  freierer  und  milderer  Geist  in

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Kaiser  Alexander,  24.  März  1809.
        <pb n="351" />
        Krieg  von  1809.  341

die  Verwaltung.  Noch  mehr  hatte  das  Heer  unter  der  Führung  des  Erz—
herzogs  Karl  gewonnen.  Wohl  gerüstet,  wie  seit  Jahren  nicht,  konnte
Oesterreich  die  Waffen  erheben.  Mit  hellem  Jubel  eilten  die  Landwehrmänner
  zu  den  Fahnen.  Ueberall,  vornehmlich  unter  den  deutschen  Stämmen,
  festes  Vertrauen  zu  dem  alten  Kaiserhause,  freudige  Bereitwilligkeit
zu  jedem  Opfer.  Das  Jahr  1809  wurde  das  schönste  der  österreichischen
Geschichte:  die  an  Tapferkeit  so  reichen,  an  Genie  und  Begeisterung  so
armen  Annalen  des  kaiserlichen  Heeres  sollten  doch  noch  einmal  einige
glänzende  Züge  echten  Heldenthums  aufweisen.  Wohl  war  es  undenkbar,
daß  diese  durch  die  Unterdrückung  alles  Volksthums  emporgewachsene
habsburgische  Hausmacht  den  Kampf  für  die  Freiheit  der  Völker  ehrlich
durchfechten  sollte;  es  lag  eine  grausame  Ironie  darin,  daß  Erzherzog
Karl  in  einem  schwungvollen  Aufrufe  an  die  Deutschen  die  fragwürdige
Behauptung  aufstellte:  „mit  Oesterreich  war  Deutschland  selbständig  und
glücklich!“  —  und  gleichzeitig  sein  Bruder  Johann  den  Italienern  sagte,
sie  seien  heute  keine  Italiener  mehr,  nur  durch  Oesterreich  könnten  sie
ihre  Freiheit  wieder  erlangen.  Der  heilige  Zorn  der  Patrioten  im  Reiche
hatte  kein  Auge  für  solche  Widersprüche.  Die  alte  Kaisertreue  unseres
Volkes  erwachte  von  Neuem;  man  wollte  vergessen,  daß  dieser  selbe  Kaiser
Franz  vor  drei  Jahren  erst  sein  hohes  Amt  kaltsinnig  preisgegeben,  daß
sein  neues  Kriegsmanifest  mit  keiner  Silbe  von  der  Herstellung  des  Reiches
sprach.  Genug,  daß  er  das  Schwert  zog  gegen  „ein  System,  das  kein
anderes  Gesetz  als  das  seine  in  Europa  anerkennt".  An  seine  Fahnen
schien  jetzt  das  Schicksal  des  ganzen  Vaterlandes  angekettet,  ihm  Heeresfolge
  zu  leisten  hieß  jetzt  deutsche  Ehrenpflicht  selbst  unter  den  Norddeutschen,
  die  bisher  von  Kaiser  und  Reich  kaum  gesprochen  hatten.

Der  Krieg  war  für  Oesterreich  unvermeidlich,  doch  er  wurde  vorzeitig
  begonnen,  mit  leichtsinniger  Selbstüberhebung,  ohne  genügende  diplomatische
  Vorbereitung.  Getäuscht  durch  die  zuversichtlichen  Berichte  des
Grafen  Metternich  aus  Paris,  meinte  die  Hofburg  den  Streitkräften
Napoleon's  weit  überlegen  zu  sein;  ohne  auf  die  Warnungen  des  Czaren
zu  achten  übernahm  sie  die  gefährliche  Rolle  des  Angreifers  und  theilte
ihren  Entschluß  in  London  und  Berlin  erst  so  spät  mit,  daß  England
und  Preußen  im  Anfange  des  Feldzugs  gar  nicht  mitwirken  konnten.
War  die  kaiserliche  Diplomatie  zu  dreist  vorgegangen,  so  fehlte  Erzherzog
Karl  durch  bedachtsames  Zaudern.  Er  konnte,  da  die  Hauptmasse  der
französischen  Armee  noch  nicht  heran  war  und  fast  nur  Rheinbündner
ihm  gegenüberstanden,  durch  einen  kühnen  Vorstoß  den  Kriegsschauplatz
sogleich  nach  Schwaben  hinein  verlegen,  doch  er  verlor  unschätzbare  Tage
indem  er  seine  gesammelte  Armee  theilte.  Indem  kam  Napoleon  selbst
herbei  und  nahm  sein  Hauptquartier  unter  den  bairischen  Regimentern,
wie  sonst  inmitten  seiner  Garde.  Die  tapferen  Truppen  fühlten  sich  hoch
geehrt;  der  alte  Stammeshaß  flammte  wieder  auf  als  der  Imperator
        <pb n="352" />
        342  I.  3.  Preußens  Erhebung.

ihnen  in  stolzer  Rede  versprach,  er  werde  sie  zum  Siege  gegen  Baierns
ewigen  Todfeind  führen.  Dienstwilliger  denn  je  folgten  die  Fürsten  des
Rheinbundes  dem  Heerbann  ihres  Protectors;  versicherte  er  ihnen  doch,
es  gelte  die  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaiserthums  der  Habsburger
zu  verhindern.  Nun  erst  zeigte  sich  ganz,  was  der  Rheinbund  für  Frankreichs
  militärische  Macht  bedeutete;  nur  der  Beistand  des  deutschen  Südens
sicherte  dem  Imperator  den  Sieg  in  diesem  Feldzuge.

In  einer  Reihe  glänzender  Gefechte  schlug  er  darauf  die  vereinzelten
Corps  der  Oesterreicher  auf  der  bairischen  Ebene  zwischen  Isar  und  Donau
und  zwang  den  Erzherzog  durch  einen  Feldzug  von  fünf  Tagen,  mit  einem
Verluste  von  50,000  Mann  nach  Böhmen  zurückzugehen.  Die  mit  so
überschwänglichen  Hoffnungen  unternommene  Erhebung  begann  wieder  so
kläglich  wie  der  Krieg  von  1805,  und  wieder  wie  vor  vier  Jahren  zog
der  Sieger  unaufhaltsam  die  Donau  abwärts,  nahm  die  Hauptstadt  und
befahl  von  dort  aus  die  Vereinigung  des  Kirchenstaates  mit  dem  Kaiserreiche.
  Aber  als  er  jetzt  versuchte  im  Angesichte  der  Armee  des  Erzherzogs
  die  Donau  zu  überschreiten,  da  bereitete  ihm  der  Todesmuth  der
kaiserlichen  Soldaten  bei  Aspern  seine  erste  Niederlage.  Furchtbar  war  der
Eindruck  dieses  ersten  Mißerfolges  auf  die  verwöhnten  Kinder  des  Glücks.
Jedermann  fühlte,  dies  Weltreich  stand  auf  zwei  Augen.  Während  Napoleon
  nach  der  Schlacht  durch  viele  Stunden  in  starrem  Schlummer  lag,  beriethen
  seine  Generale  bereits,  ob  es  möglich  sei  das  geschlagene  Heer  nach
Frankreich  zurückzuführen,  falls  der  Imperator  nicht  wieder  erwachte.

Die  Siegeskunde  von  Aspern  schlug  wie  ein  Blitzstrahl  in  das  deutsche
Land;  Alles  jauchzte  mit  Heinrich  Kleist  dem  „Ueberwinder  des  Unüberwindlichen“
  zu.  Und  dazu  die  herzerhebenden  Nachrichten  aus  Tyrol:
wie  die  tapferen  frommen  Bauern  der  Berge  viermal  binnen  einem  Jahre
sich  gegen  die  verhaßten  bairischen  Herren  erhoben  um  die  Herrschaft  des
geliebten  Kaiserhauses  und  die  katholische  Glaubenseinheit  wieder  aufzurichten.
  Hier  war  Alles  vereinigt  was  dies  romantische  Geschlecht  erheben
und  begeistern  konnte:  die  wilde  Schönheit  des  Hochgebirges,  die  rauhe
Heldenkraft  treuherziger  Naturmenschen,  der  ehrliche  Kampf  für  Sitte,
Recht  und  Glauben  der  Väter,  das  malerische  Gewimmel  einer  freien
Volkserhebung  —  Kapuziner  und  Bauern,  Gebirgsschützen  und  Sennerinnen
  bunt  durcheinander.  „Vor  und  nach  seiner  war  und  kommt  auch
Keiner  in  der  Ehrlichkeit"  —  so  lautet  die  Inschrift  unter  dem  Bilde
Andreas  Hofer's  in  seinem  Hauptquartiere,  im  Adler  zu  Innsbruck.  Die
kindliche  Einfalt  und  Treue  seines  Stammes  verkörperte  sich  in  dem
wackeren  Sandwirth;  und  mit  naiver  Freude  —  so  gänzlich  hatte  der
politische  Zorn  den  alten  Bildungsdünkel  verdrängt  —  begrüßten  ihn  die
norddeutschen  Patrioten  als  einen  Helden  der  Nation.  Einseitigkeit  ist
das  gute  Recht  jeder  großen  Leidenschaft;  die  Erbitterten  wollten  und
konnten  nicht  sehen,  daß  die  Mönche  und  die  Bauern  des  Hochgebirges
        <pb n="353" />
        Aufregung  in  Norddeutschland.  343

sich  vom  deutschen  Vaterlande  gar  nichts  träumen  ließen,  daß  ihr  Aufstand
  ebenso  sehr  den  wohlthätigen  Reformen  als  der  bureaukratischen
Härte  der  bairischen  Regierung  galt,  daß  die  Macht  der  gedankenlosen
Gewohnheit,  der  finstere  Haß  gegen  die  Ketzerei  und  die  alte  particula—
ristische  Abneigung  wider  den  bairischen  Nachbarstamm  an  dem  Helden—
muthe  dieses  Bauernkrieges  reichen  Antheil  hatten.

Bald  da  bald  dort  schlug  der  verhaltene  Grimm  in  hellen  Flammen
aus  dem  deutschen  Boden;  der  Eroberer  erkannte  dies  geduldige  Volk
nicht  wieder,  meinte  sich  von  tausend  Vendeen  umgeben.  Im  Taubergrunde
  kämpften  die  vormaligen  Unterthanen  des  deutschen  Ordens  vergeblich
  gegen  die  Truppen  ihres  neuen  württembergischen  Herrn;  sie
wollten  zurück  zu  dem  stillen  Glücke  der  guten  alten  deutschnärrischen  Zeit.
Die  treuen  Preußen  im  Ansbachischen  empfingen  mit  offenen  Armen  das
fliegende  Corps,  das  der  Heißsporn  Karl  von  Nostitz  durch  Franken  gegen
die  Flanke  des  Feindes  führte;  die  Nürnberger  Reichsstädter  rissen  jubelnd
die  bairischen  Wappen  von  den  Thoren  als  die  Freischaar  nahte.  Von
Böhmen  aus  begann  der  Sohn  des  unglücklichen  Feldherrn  von  Auerstedt,
  Herzog  Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig,  den  Parteigängerkrieg
gegen  die  sächsischen  Lande  —  ein  echter  Welf,  tapfer,  hart  und  herrisch;
Viele  der  Besten  aus  der  norddeutschen  Jugend  drängten  sich  zu  den
Fahnen  seiner  schwarzen  Schaar.  Im  Königreich  Westphalen  wurde  zweimal,
  von  den  kurhessischen  Offizieren  Dörnberg  und  Emmerich,  eine
Schilderhebung  gewagt  und  blutig  niedergeschlagen;  gegen  das  feste  Magdeburg
  versuchte  der  preußische  Leutnant  Katt  vergeblich  eine  Ueberrumpelung.

Unter  den  Patrioten  im  preußischen  Heere  und  Beamtenthum  war
nur  eine  Stimme;  Alle  dachten  wie  der  alte  Blücher:  warum  die  Preußen
es  nicht  den  Tyrolern  und  den  Spaniern  gleich  thun  sollten?  —  „trage
Fesseln  wer  will,  ich  nicht.“"  Manche  der  entlassenen  Offiziere  fochten
bereits  in  den  Reihen  der  österreichischen  Armee.  Die  Stimmung  der
preußischen  Truppen  war  so  offenkundig,  daß  Napoleon  gar  nicht  wagte
den  König  an  die  Stellung  des  versprochenen  Hilfscorps  zu  erinnern;
ihm  graute  vor  solchen  Bundesgenossen.  So  stürmisch  flammte  die  Ungeduld,
  daß  jetzt  zum  ersten  male  in  der  ehrenreichen  Geschichte  des  preußischen
Heeres  ein  Treubruch  möglich  wurde  —  ein  Treubruch  freilich,  der  nur
den  edlen  Zweck  verfolgte  „dem  geliebten  Könige  sein  letztes  Dorf  zurückzugeben".
  Major  Schill,  der  Held  von  Colberg,  wie  ihn  der  große  Haufe
nannte,  war  von  dem  Könige  für  seine  wackere  Haltung  während  des
letzten  Krieges  dadurch  belohnt  worden,  daß  er  zuerst  nach  dem  Abzuge
der  Franzosen  in  die  befreite  Hauptstadt  einrücken  durfte.  Seine  Soldaten
  hingen  an  ihm  mit  unbegrenztem  Vertrauen;  die  Berliner  Bürger
trugen  ihn  auf  den  Händen,  und  da  die  Masse  an  Ideen  erst  glaubt
wenn  sie  in  einem  Manne  Fleisch  und  Blut  gewinnen,  so  galt  der  tapfere
Husar  bald  als  der  leibhaftige  Vertreter  des  alten  kriegerischen  Preußen=
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        344  I.  3.  Preußens  Erhebung.

thums.  Unzählige  hofften  von  ihm  die  Wiederkehr  der  alten  Größe;  man
rauchte  Schill-Kanaster,  in  jedem  Bauernhause  der  Marken  prangte  das
Bild  mit  dem  martialischen  Schnurrbart  und  Fouqué's  Versen  darunter.
Die  Volksgunst  stieg  dem  ehrlichen  Haudegen  zu  Kopfe;  der  Bescheidene
wähnte  sich  jetzt  auserkoren  zu  wunderbaren  Dingen,  und  kaum  war  der
Krieg  im  Süden  ausgebrochen,  so  führte  er  seine  kleine  Truppe,  wenige
hundert  Mann,  von  dem  Berliner  Exercirplatze  hinweg  zum  Angriff  gegen
das  Königreich  Westphalen.  Lieber  ein  Ende  mit  Schrecken  als  ein  Schrecken
ohne  Endel  —  rief  er  den  unglücklichen  Verführten  zu.  Die  treuen
Männer  folgten  ihm  nur  weil  er  im  Auftrage  der  Krone  zu  handeln  vorgab
  und  sich  vermaß,  die  alte  Größe  Preußens  wiederherzustellen.  Bald
nach  dem  Ausmarsch  ereilte  ihn  die  Nachricht  von  den  Niederlagen  der
Oesterreicher  an  der  oberen  Donau;  das  unsinnige  Unternehmen  scheiterte
schon  im  Beginne,  von  einem  großen  Volksaufstande  war  jetzt  keine  Rede
mehr.  Der  König  ließ  nicht  nur,  wie  seine  Pflicht  gebot,  den  Ernst  des
Gesetzes  gegen  die  Deserteure  in  Kraft  treten,  er  sprach  auch  in  scharfen
Worten  seine  Entrüstung  aus  über  Schill's  „.unglaubliche  That"  —  mit
vollem  Rechte,  denn  was  stand  noch  fest  in  dem  unglücklichen  Staate,
wenn  der  Gehorsam  des  Heeres  in's  Wanken  kam.  Die  verwegene  Schaar
fand  nach  planlosen  Kreuz=  und  Querzügen  einen  ehrenvollen  Untergang
in  den  Mauern  von  Stralsund,  und  Napoleon  that  das  Seine  um  das
Andenken  der  verlorenen  Söhne  des  deutschen  Volks  zu  heiligen.  Welch
ein  Eindruck,  da  man  vernahm,  daß  der  Leiche  Schill's  der  Kopf  abgeschnitten,
  seine  gefangenen  Offiziere  —  allerdings  nach  dem  Buchstaben
des  Völkerrechts  —  als  Straßenräuber  behandelt  und  theils  erschossen,
theils  auf  die  Galeeren  geschleppt  wurden!  Tausende  wiederholten  tief
empört  die  Strophen  Schenkendorf's:
Stahl  von  Männerfaust  geschwungen
Rettet  einzig  dies  Geschlecht!

Auch  den  König  drängte  die  Stimme  des  Herzens  zur  Theilnahme
an  dem  Kampfe.  Er  war  entschlossen  zu  schlagen,  doch  er  blieb  nüchtern
inmitten  des  allgemeinen  Fiebers,  das  Bewußtsein  einer  ungeheuren  Verantwortung
  lastete  schwer  auf  seiner  Seele;  denn  zog  er  diesmal  vergeblich
  das  Schwert,  so  war  Preußen  vernichtet  —  nach  menschlichem  Ermessen
  für  immer.  Die  Tollkühnheit  einer  Kriegserklärung,  während  der
Feind  wohlgerüstet  in  Danzig  und  Magdeburg  stand  und  durch  die  Garnisonen
  der  Oderlinie  das  Staatsgebiet  mittendurch  zerschnitt  —  dies  furchtbare
  Wagniß  war  ein  Unrecht,  wenn  sich  nicht  zum  mindesten  eine
Möglichkeit  des  Erfolges  zeigte.  Friedrich  Wilhelm  wollte  nicht  zum
zweiten  male,  wie  in  den  Tagen  von  Austerlitz,  durch  Oesterreichs  Wankelmuth
  der  Rache  des  Siegers  preisgegeben  werden;  er  verlangte  Bürgschaften,
  daß  Kaiser  Franz  den  Krieg  auch  nach  Mißerfolgen  fortführe
bis  Preußen  im  Stande  sei  in  den  Kampf  einzugreifen.  Er  forderte
        <pb n="355" />
        Alexander  verhindert  den  allgemeinen  Krieg.  345

ferner  Geld  und  Waffen  von  England  sowie  die  Landung  eines  britischen
Corps  in  Deutschland.  Sein  Staat  war  von  allen  Mitteln  entblößt.
Um  nur  etwas  für  die  Rüstungen  thun  zu  können  hatte  man  schon,  un—
vorsichtig  genug,  die  vertragsmäßigen  Contributionszahlungen  an  Frank—
reich  eingestellt;  und  wie  sollte  die  kleine  Armee,  in  Schach  gehalten  wie
sie  war  durch  die  Festungen  des  Feindes,  sich  im  Felde  behaupten,  wenn
sie  nicht  einen  Rückhalt  an  der  Küste  fand?  Das  Allerwichtigste  blieb
doch  die  Gefahr,  die  von  Rußland,  dem  Verbündeten  Frankreichs,  drohte;
nur  wenn  er  gegen  den  Osten  gesichert  war,  schien  dem  Könige  das  Unternehmen
  nicht  völlig  aussichtslos.  Napoleon  durchschaute  sehr  wohl  die  verzweifelte
  Lage  seines  geheimen  Gegners  und  meinte  gleichmüthig:  „Preußen
ist  heute  sehr  wenig;  ich  habe  der  Mittel  genug  es  zu  unterwerfen.“

Der  König  hatte  mit  richtigem  Blicke  die  unerläßlichen  Voraussetzungen
  bezeichnet,  von  denen  Preußens  Kriegserklärung  abhing;  bald  genug
mußte  er  erfahren,  daß  keine  einzige  dieser  Bedingungen  sich  erfüllte.
Noch  vor  Ausbruch  des  Krieges  schrieb  er  inständig  drängend  an  den
Czaren  und  bat  um  die  bestimmte  Zusage,  daß  Rußland  ihn  unterstützen
oder  doch  nicht  angreifen  werde,  wenn  er  sich  mit  Oesterreich  verbinde.
Alexander  antwortete:  erfülle  Preußen  seine  Verpflichtungen  gegen  Frankreich
  nicht,  so  könne  er  deshalb  sich  mit  Napoleon  nicht  überwerfen.  Am
12.  Mai  schrieb  der  König  nochmals:  eine  unglückliche  Schilderhebung
würde  leicht  zur  Vernichtung  Preußens  führen,  er  müsse  mindestens  die
Sicherheit  haben,  daß  Rußland  den  Untergang  dieses  Staates  nicht
dulden  werde.  Auch  diesmal  lautete  die  Antwort  des  Czaren  abschlägig;
sein  Brief  enthielt  unter  schwungvollen  Worten  und  brünstigen  Freundschaftsbetheuerungen
  nur  diesen  greifbaren  Inhalt:  Rußland  könne  sich
für  jetzt  nicht  rühren,  auch  wenn  der  preußische  Staat  von  der  Landkarte
verschwände.  Es  stand  nicht  anders:  der  russische  Freund  wollte  das
preußische  Schwert  in  der  Scheide  zurückhalten  bis  er  sich  selbst  des  Erwerbes
  der  heißersehnten  Donauprovinzen  versichert  hatte.  Und  es  war
ihm  Ernst  damit.  Die  Hilfsarmee,  welche  der  Czar  seinem  französischen
Verbündeten  zugesagt,  rückte  wirklich  durch  Warschau  gegen  Galizien  vor.
Wenngleich  sie  den  Krieg  mit  äußerster  Schonung,  fast  nur  zum  Scheine
führte  und  die  aufständischen  Polen  in  Galizien  weit  mehr  zu  fürchten
schien  als  die  Oesterreicher  selber,  so  bewirkte  sie  doch,  daß  ein  Theil  des
österreichischen  Heeres  von  den  Entscheidungsschlachten  an  der  Donau  fern
gehalten  wurde.  Ein  russisches  Armcecorps  hielt  dicht  an  der  ostpreußischen
Grenze,  konnte  in  jeder  Stunde  einmarschiren  sobald  Preußen  Miene
machte  sich  zu  regen.  Diese  Haltung  Rußlands  ward  entscheidend  für
das  Verfahren  des  Königs.

Aber  auch  von  England  geschah  monatelang  gar  nichts  was  dem
preußischen  Hofe  die  Erhebung  erleichtern  konnte.  Die  Hofburg  endlich
konnte  von  dem  alten  Hochmuth  der  Ferdinande  nicht  lassen.  Während
        <pb n="356" />
        346  I.  3.  Preußens  Erhebung.

die  Verhandlungen  über  das  Bündniß  noch  schwebten,  sendete  sie  schon
einen  Militärbevollmächtigten,  den  Oberst  Steigentesch  nach  Königsberg,
um  den  König  vor  Napoleon  bloßzustellen.  Steigentesch  trat  bei  Hofe
mit  herausfordernder  Keckheit  auf;  er  verlangte,  als  sei  man  schon  handelseinig,
  für  den  Erzherzog  Karl  den  Oberbefehl  über  das  preußische
Heer  und  verrieth  nachher  in  Berlin  die  vertraulichen  Aeußerungen  des
Königs  an  den  westphälischen  Gesandten  Linden,  der  Alles  getreulich  dem
Imperator  meldete.  War  doch  in  Preußen  selbst  die  Erbitterung  gegen  den
königlichen  Zauderer  so  stark,  daß  einige  Patrioten  alles  Ernstes  riethen,
die  österreichischen  Truppen  in  Polen  sollten  durch  Schlesien  marschiren,
damit  der  Hof  gezwungen  werde  sich  zu  erklären!  Eine  einfache  Militärconvention
  und  allenfalls  noch  eine  Bürgschaft  für  den  gegenwärtigen
Besitzstand,  das  war  Alles  was  Kaiser  Franz  dem  preußischen  Staate  in
Aussicht  stellte  für  einen  Kampf  der  Verzweiflung!  Friedrich  Wilhelm
aber  verlangte,  wie  billig,  einen  förmlichen  Staatsvertrag,  der  seiner  Monarchie
  die  Wiederherstellung  ihrer  alten  Macht  mit  haltbaren  Grenzen
gewährleiste.  Auch  in  allen  anderen  Fragen  der  deutschen  Politik  gingen
die  Absichten  der  beiden  Mächte  weit  auseinander.  Oesterreich  zeigte  sich
geneigt,  im  Falle  des  Sieges  Warschau  wieder  an  die  Krone  Preußen
zurückzugeben.  Der  König  dagegen  war  seit  dem  großen  Treubruch  von
1806  von  der  Werthlosigkeit  dieses  Besitzes  überzeugt  und  wünschte  für
seinen  Staat  nur  so  viel  polnisches  Gebiet  als  unentbehrlich  war  um  die
Verbindung  zwischen  Schlesien  und  Altpreußen  zu  sichern;  aus  dem
übrigen  Lande  hätte  er  gern  ein  nationales  polnisches  Herzogthum  unter
dem  gemeinsamen  Schutze  der  drei  Ostmächte  gebildet,  wenn  Preußen
dafür  in  Deutschland,  etwa  in  Sachsen,  entschädigt  würde.  Doch  Kaiser
Franz  war  keineswegs  gesonnen  irgend  eine  Verstärkung  Preußens  auf
deutschem  Boden  zuzugeben;  und  als  der  preußische  Unterhändler  Knesebeck
  im  Spätsommer,  nach  Oesterreichs  Niederlagen,  den  alten  Bartensteiner
  Plan  einer  zweifachen  Hegemonie  in  Deutschland  zur  Sprache
brachte,  da  begegnete  er  kalter  Abweisung.  Selbst  das  Unglück  hatte  den
Dünkel  des  Hauses  Lothringen  nicht  gebrochen.  Der  warme  Freund
Oesterreichs  schrieb  traurig  heim:  man  könne  sich  nicht  mehr  darüber
täuschen,  die  Hofburg  wolle  den  preußischen  Staat  nicht  als  eine  ebenbürtige
  Macht  anerkennen.

Also  thaten  Oesterreichs  Hochmuth,  die  Unfähigkeit  der  englischen
Politik  und  die  durchtriebene  Berechnung  des  Czaren  wetteifernd  das  Ihre
um  der  preußischen  Krone  den  Eintritt  in  den  Krieg  unmöglich  zu  machen.
Des  Königs  ruhiger  Soldatenblick  beurtheilte  auch  den  Gang  der  Kriegsereignisse
  richtiger  als  seine  aufgeregte  Umgebung;  er  hielt  die  Schlacht
von  Aspern  nur  für  die  rühmliche  Abwehr  eines  Angriffs,  nicht  für  einen
entscheidenden  Schlag,  und  der  Erfolg  gab  ihm  Recht.  Erzherzog  Karl
verstand  den  Sieg  seiner  Soldaten  nicht  zu  benutzen,  blieb  wochenlang
        <pb n="357" />
        Wiener  Friede.  347

fast  unthätig  auf  dem  Marchfelde  stehen,  während  Napoleon  rastlos  aus
allen  Ecken  seines  weiten  Reiches  Verstärkungen  heranzog  und  selbst  die
Matrosen  aus  den  Häfen  des  Canals  herbeikommen  ließ.  Im  Juli  fühlte
sich  der  Imperator  stark  genug  zum  zweiten  male  den  Uebergang  über
die  Donau  zu  wagen;  am  5.  und  6.  Juli  wurde  der  Erzherzog  bei
Wagram  geschlagen,  wesentlich  durch  die  Schuld  seines  Bruders  Johann,
der  mit  den  Truppen  aus  Ungarn  nicht  rechtzeitig  zur  Stelle  kam.  Und
wieder  wie  nach  der  Austerlitzer  Schlacht  überwältigte  der  Kleinmuth  den
kaiserlichen  Hof.  Sechs  Tage  später  ward  der  Waffenstillstand  von  Znaim
abgeschlossen,  der  Erzherzog  legte  mißmuthig  das  Commando  nieder.

Die  Welt  wußte  längst,  daß  Napoleon  einen  Waffenstillstand  nur
dann  bewilligte,  wenn  er  des  Friedens  sicher  war.  Gleichwohl  hielt  König
Friedrich  Wilhelm  noch  immer  seine  kriegerischen  Entwürfe  fest  und  versammelte
  seine  Armee  in  festen  Lagern;  das  Corps  Blücher's  stand  in
Pommern  bereit  auf  den  ersten  Wink  gegen  die  Oderlinie  vorzubrechen.
Noch  einmal  (24.  Juli)  schrieb  der  wackere  Fürst  seinem  russischen  Freunde:
der  Tag  von  Wagram  habe  keine  endgiltige  Entscheidung  gebracht;  erklärten
  jetzt  Rußland  und  Preußen  gleichzeitig  den  Krieg,  so  sei  die  Befreiung
  Deutschlands  noch  immer  möglich.  Sein  Gesandter  Schladen
bewies  dem  Czaren  in  einer  eindringlichen  Denkschrift:  wenn  Oesterreich
falle,  so  komme  an  Rußland  die  Reihe.  Doch  Alexander  schwieg;  erst
als  der  Friede  geschlossen  war  kam  eine  Antwort  aus  Petersburg.  Währenddem
  ging  Gneisenau  in  geheimer  Sendung  nach  London  und  beschwor
das  britische  Cabinet,  die  bereits  ausgerüstete  Landungsarmee  an  die  deutsche
Küste  zu  werfen,  dann  werde  sie  dem  preußischen  Heere  zur  Stütze  dienen.
George  Canning  stimmte  dem  feurigen  Deutschen  zu:  der  geniale  junge
Staatsmann  fand  damals  schon  die  insularische  Politik  Alt-Englands
engherzig  und  kleinlich.  Doch  die  Mittelmäßigkeit  der  anderen  Minister
hatte  nur  Augen  für  das  kaufmännische  Interesse.  Die  Expedition  ging
nach  den  Niederlanden,  um  für  die  britische  Flotte  einen  Brückenkopf  auf
dem  Festlande  zu  gewinnen,  und  fand  vor  den  Wällen  von  Antwerpen
und  in  den  Sümpfen  von  Walcheren  ein  schmähliches  Ende.  Auch  auf
Oesterreichs  Ausdauer  war  nicht  mehr  zu  rechnen;  man  hatte  im  Hauptquartier
  die  stolzen  Pläne  vom  Frühjahr  längst  aufgegeben  und  fühlte
sich  dem  Gegner,  der  inzwischen  abermals  an  80,000  Mann  Verstärkungen
  heranzog,  nicht  mehr  gewachsen.

Napoleon  aber  vollzog  jetzt  eine  meisterhafte  diplomatische  Schwenkung.
Das  alte  Kaiserhaus  war  vorderhand  genugsam  geschwächt;  wenn  er  mit
den  Besiegten  sich  versöhnte,  so  konnte  er  den  großen  Anschlag  gegen
Rußland,  der  dem  Unermüdlichen  jetzt  vor  allem  Anderen  am  Herzen
lag,  ungestört  reifen  lassen.  Seine  Haltung  ward  freundlicher;  im  Wiener
Frieden  (14.  October)  gewährte  er  dem  Hause  Habsburg  etwas  mildere
Bedingungen  als  kurz  zuvor  noch  erwartet  wurde.  Oesterreich  mußte
        <pb n="358" />
        348  I.  3.  Preußens  Erhebung.

zwar  seine  letzte  Position  an  der  Adria,  den  ganzen  Küstensaum  bis  zur
Sau  dem  Imperator  einräumen,  im  Westen  an  Baiern,  im  Nordosten
an  Warschau  umfangreiche  Gebiete  abtreten,  doch  blieb  ihm  seine  Großmachtstellung
  und  der  Kern  seiner  Wehrkraft,  das  Land  der  Stephanskrone.
  Baiern  erlangte  zur  Belohnung  für  treue  Rheinbundsdienste  den
Besitz  von  Bayreuth  und  damit  die  vollständige  Ausführung  jenes  seit
Jahren  in  München  emsig  betriebenen  Tauschplanes:  der  Kernstaat  des
sheinbundes  gewann  für  die  entlegenen  rheinischen  Provinzen,  wo  jetzt
Murat  hauste,  das  gesammte  preußische  Franken.

Der  Krieg  war  zu  Ende.  Der  tapfere  Welf  durcheilte  in  verwegenem
Zuge  das  Königreich  Westphalen,  genoß  auf  kurze  Stunden  die  herzlichen
Begrüßungen  des  treuen  Völkchens  in  der  Stadt  seiner  Väter  und  fand
endlich  mit  seinen  Schwarzen  eine  Zuflucht  an  Bord  englischer  Schiffe.
Seine  treuen  Tyroler  gab  Kaiser  Franz  ebenso  gleichmüthig  preis,  wie
er  sich  einst  von  den  Pflichten  des  deutschen  Kaiserthums  losgesagt  hatte;
diese  Volksbewegung  war  dem  mißtrauischen  Despoten  immer  verdächtig
gewesen.  Die  Verrathenen  wollten  nicht  glauben,  daß  ihr  Franz  sie  verlassen
  könne;  wie  heilig  hatte  er  doch  betheuert,  er  werde  keinen  Frieden
unterzeichnen,  der  das  Land  des  rothen  Adlers  von  der  Monarchie  trenne!
Sie  widerstanden  bis  zum  Aeußersten;  erst  mit  der  Hinrichtung  Andreas
Hofer's  fand  das  unheimliche  Trauerspiel  seinen  Abschluß.  Die  Erhebung
der  Völker  Oesterreichs  versank  in  Blut  und  Koth.  Betrogen  in  seinen
schönsten  Hoffnungen,  verekelt  an  allen  Idealen  wendete  sich  das  leichtlebige
  Volk  wieder  den  Freuden  des  Sinnenlebens  zu.  Die  Erbkrankheit
des  modernen  Wienerthums,  die  pessimistische  Verstimmung  nahm  überhand;
  wer  mochte  noch  von  Ruhm  und  Ehre  träumen,  da  die  österreichische
  Dummheit  doch  nur  zum  Unglück  bestimmt  war?  Nachher
brachte  ein  schmählicher  Staatsbankrott  Verwirrung  und  Unredlichkeit  in
jeden  Haushalt;  bei  Spiel  und  Tanz  und  Praterfahrten  vergaß  man  die
Noth  der  schweren  Zeit.  Die  enttäuschten  Sieger  von  Aspern  erlabten  sich
an  den  Schmutzgeschichten  der  Briefe  Eipeldauer's;  von  Fichte,  Kleist  und
Arndt  wußten  sie  nichts.  Der  Krieg  von  1809  hatte  das  deutsche  Blut  der
Oesterreicher  noch  einmal  in  Wallung  gebracht;  ein  Jahr  darauf  standen  sie
dem  Leben  unserer  Nation  unzugänglicher,  fremder  gegenüber  als  je  zuvor.

So  war  der  Boden  bereitet  für  die  Selbstherrschaft  des  Kaisers
Franz.  Der  verlogene  Biedermann  traute  sich  jetzt  endlich  der  Weisheit
genug  zu  um  die  Zügel  des  Staates  in  die  eigene  Hand  zu  nehmen;  war
er  doch  immer  klüger  gewesen  als  alle  die  Ideologen,  die  ihm  von  der
Freiheit  Europas  geredet.  Mit  der  Seelenruhe  der  selbstgewissen  Beschränktheit
  stellte  er  nun  das  althabsburgische  Regierungssystem  wieder
her,  wie  es  vor  Maria  Theresia  jahrhundertelang  bestanden  hatte.  In  den
inneren  Verhältnissen  wurde  grundsätzlich  nichts  mehr  geändert;  eine  argwöhnische
  Polizei  hielt  jeden  Gedanken  politischer  Neuerung,  wie  vormals
        <pb n="359" />
        Kaiser  Franz  und  Metternich.  349

die  Lehren  der  Ketzer,  sorgfältig  darnieder,  verhinderte,  daß  die  gewaltigen
nationalen  Gegensätze  dieses  vielsprachigen  Völkergewimmels  zum  Selbst—
bewußtsein  erwachten,  sicherte  den  Gehorsamen  das  Phäakenglück  eines
wachen  Traumlebens.  Die  Thätigkeit  der  Staatsgewalt  war  wieder  ganz
auf  die  europäische  Politik  gerichtet  und  vortrefflich  paßte  zu  diesem  Systeme
der  unfruchtbaren  Ruheseligkeit  der  neue  Minister  des  Auswärtigen,  Graf
Metternich,  der  Adonis  der  Salons,  der  vielgewandte  Meister  aller  kleinen
Mittel  und  Schliche.  Er  selber  hat  am  Ende  seiner  Laufbahn  die  Summe
seines  Lebens  gezogen  in  dem  Geständniß:  ich  habe  oft  Europa  regiert,
doch  niemals  Oesterreich.  Im  diplomatischen  Ränkespiele  ging  all  sein
Wissen  und  Können  auf.  Völlig  unwissend  in  allen  Fragen  der  Volkswirthschaft
  und  der  inneren  Verwaltung  überließ  er  diese  bürgerlichen
Dinge  nach  altösterreichischem  Cavalierbrauche  den  Hofräthen  und  den
Schreibern.  Er  haßte  und  fürchtete,  wie  sein  Kaiser,  die  dämonische
Kraft  des  nationalen  Gedankens,  der  sich  drüben  in  Deutschland  regte;
er  fürchtete  nicht  minder  den  russischen  Nachbarn,  dessen  Macht  er  jederzeit
  überschätzt  hat.  Er  kannte  die  Welt  zu  gut  und  rechnete  nüchtern,
um  an  die  Ewigkeit  des  napoleonischen  Reiches  zu  glauben;  bot  sich  die
Gunst  der  Stunde,  so  war  er  bereit  diese  drückende  Uebermacht  abzuschütteln.
  Doch  so  lange  die  Herrlichkeit  der  Weltmonarchie  noch  unerschüttert
  währte,  sollte  ihre  Freundschaft  dem  Hause  Oesterreich  Vortheil
bringen.  Mit  schamloser  Herzenskälte  warb  Kaiser  Franz  um  die  Gnade
des  Siegers.  Im  Frühjahr  1810,  noch  vor  der  Hinrichtung  Andreas
Hofer's,  verlobte  er  die  Erzherzogin  Marie  Luise  mit  Napoleon.  Die
Tochter  des  letzten  römischen  Kaisers  wurde  die  Gemahlin  des  neuen
Weltbeherrschers,  und  sie  schändete  ihr  altes  Haus  durch  flachen  Leichtsinn,
  durch  unwürdige  Schmeichelei  gegen  die  Franzosen.  Derselbe  Erzbischof
  von  Wien,  der  vor  Kurzem  die  Fahnen  der  Landwehr  geweiht,
segnete  jetzt  die  nach  katholischen  Begriffen  unzweifelhaft  ehebrecherische
Verbindung  der  beiden  Kaiserhäuser.  Das  Lieblingsblatt  der  Wiener
schilderte  mit  unterthäniger  Dankbarkeit,  wie  Gott  seinen  eingebornen
Sohn  für  die  Erlösung  der  Menschheit  dahin  gegeben  und  der  gute
Kaiser  Franz  nach  diesem  Vorbilde  seine  Tochter  für  die  Rettung  des
Vaterlandes  opfere.  So  war  Oesterreich  im  Jahre  1810.  Niemals  ist
einer  hochherzigen  Erhebung  ein  tieferer  sittlicher  Fall  gefolgt.

Aus  guten  Gründen  eilten  die  ersten  Fürsten  des  Rheinbundes  sofort
nach  dem  Frieden  wieder  nach  Paris,  um  sich  der  Gnade  des  Protectors
nochmals  zu  versichern;  denn  überall  hatte  der  Krieg  die  innere  Hohlheit
des  rheinbündischen  Regiments  an  den  Tag  gebracht.  Wie  viel  Groll  und
Haß  in  dem  Volke  Frankens  und  Westphalens;  welche  Schwäche  der
Staatsgewalt  in  Sachsen,  dessen  König  noch  vor  dem  Einmarsch  des
Feindes  mitsammt  seinem  Grünen  Gewölbe  das  Land  verließ  und  dann
im  sicheren  Frankfurt,  im  alten  Kaiserdome,  dem  Tedeum  zur  Feier  der
        <pb n="360" />
        350  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Niederlage  seines  österreichischen  Schwagers  beiwohnte!  Um  so  bitterer
zürnten  die  preußischen  Patrioten,  daß  die  große  Stunde  versäumt  sei.
Die  Königin  klagte  schmerzlich:  „Oesterreich  singt  sein  Schwanenlied,  und
dann  ade  Germania!“  Und  doch  hatte  der  König  nur  gethan  was  die  klar
erkannte  Pflicht  gebot.  Napoleon  war  im  Rechte,  wenn  er  nach  dem  Frieden
den  preußischen  Gesandten  anherrschte:  „Es  ist  nicht  Euer  Verdienst,  daß
Ihr  ruhig  bliebt;  es  wäre  der  Gipfel  des  Wahnsinns  gewesen,  wenn  Ihr
mir  den  Krieg  erklärt  hättet  mit  den  Russen  im  Rücken!“  Er  wußte  wohl,
daß  es  ihm  nöthigenfalls  ein  Leichtes  gewesen  wäre,  zunächst  den  Kaiser
Franz  durch  eine  neue  Schlacht  zu  einem  Sonderfrieden  zu  zwingen  und
dann  mit  zermalmender  Wucht  den  Todesstoß  gegen  das  vereinzelte  Preußen
zu  führen.  Wir  Nachlebenden  wissen  auch,  was  jene  Zeit  weder  sehen
konnte  noch  wollte:  daß  selbst  der  unwahrscheinliche  Fall  eines  österreichischen
  Sieges  unserem  Vaterlande  kein  Heil  bringen  konnte.  Dann  wäre
ein  neues  Wallensteinisches  Zeitalter  über  Deutschland  hereingebrochen,  die
habsburgische  Fremdherrschaft  an  die  Stelle  der  napoleonischen  getreten.

Der  Mann  aber,  der  an  der  großen  Enttäuschung  die  Hauptschuld
trug,  wurde  schnell  irr  an  der  Klugheit  seiner  feinen  Berechnungen.
Alexander  fürchtete  nichts  so  sehr  wie  die  Wiederherstellung  Polens  durch
Napoleon.  Wenn  Ihr  daran  denkt,  sagte  er  zu  Caulaincourt,  dann  ist
die  Welt  nicht  groß  genug,  um  einen  Ausgleich  zwischen  uns  zu  erlauben,
und  wiederholt  gab  er  dem  französischen  Gesandten  zu  vernehmen:  Galizien
dürfe  schlechterdings  nur  an  Rußland  fallen,  wenn  es  nicht  bei  Oesterreich
  verbleibe.  Nun  mußte  er  erleben,  daß  Napoleon  im  Wiener  Frieden
eigenmächtig  das  ganze  Neugalizien,  an  anderthalb  Millionen  Einwohner
mit  den  wichtigen  Plätzen  Zamosz,  Lublin  und  Krakau  dem  Herzogthum
Warschau  schenkte  —  lauter  Gebiete,  welche  Rußland  soeben  erobert  hatte
und  noch  besetzt  hielt.  Dem  Czaren  selber  wurde  bloß  ein  Brocken  aus
der  Beute,  der  Landstrich  um  Tarnopol,  zugeworfen  —  nur  der  Schande
halber,  nur  damit  die  Welt  sehe,  der  Czar  sei  doch  Frankreichs  Verbündeter
  gewesen;  nebenbei  sollte  dies  Dangergeschenk  den  Petersburger
Hof  mit  dem  Wiener  gründlich  verfeinden.  Die  Wiederaufrichtung  der
alten  polnischen  Krone  rückte  bedrohlich  nahe;  das  Verhältniß  zwischen
den  Tilsiter  Alliirten  ward  täglich  kühler  seit  Napoleon  den  neuen
Freundschaftsbund  mit  Oesterreich  geschlossen  hatte.  Alexander  fühlte,  daß
ihm  selber  ein  Kampf  um  das  Dasein  bevorstehe.

Zunächst  wurde  Preußen  strenge  zur  Rechenschaft  gezogen  für  die
kriegerischen  Absichten  des  vergangenen  Jahres.  Nun  der  Imperator  des
Hauses  Oesterreich  sicher  war,  nahm  er  gar  keine  Rücksicht  mehr.  Er
kannte  die  geheimsten  Gedanken  des  königlichen  Hofes,  theils  durch  die
Verrätherei  der  österreichischen  Diplomaten,  theils  aus  den  Berichten  seiner
eigenen  Spione,  und  er  hatte  Grund  zur  Beschwerde,  da  Preußen  durch
die  Einstellung  der  Contributionszahlungen  sich  selber  in's  Unrecht  gesetzt
        <pb n="361" />
        Rückkehr  des  Königs  nach  Berlin.  351

hatte.  Wenn  der  König  jetzt  die  schlesischen  Güter  des  geächteten  Braun—
schweigers  confiscirte,  so  wußte  Napoleon  genau,  daß  dieser  Diensteifer
nur  den  Zweck  verfolgte,  die  Besitzungen  des  Welfen  vor  der  französischen
Raubgier  zu  retten.  Mit  polternder  Ungeduld  verlangte  er  die  Zahlung  der
dückstände,  berechnete  Wucherzinsen  für  die  Säumniß.  Als  der  König  die
völlige  Erschöpfung  der  Finanzen  einwendete  und  erzählte,  wie  er  bereits  seine
Juwelen  und  sein  goldenes  Tafelgeschirr  zur  Deckung  der  Staatsschulden
dahingegeben,  da  hieß  es  höhnisch:  „welche  erbärmliche  Mittel,  wenn  man  un—
nütze  Lager  hält,  Pferde  ankauft  und  zwecklose  Ausgaben  für  das  Heer  macht.“

Um  den  Grollenden  durch  einen  Beweis  des  Vertrauens  zu  be—
schwichtigen,  verlegte  der  König  auf  Weihnachten  1809  sein  Hoflager  wieder
nach  Berlin,  mitten  zwischen  die  Garnisonen  der  Franzosen.  Wie  oft  waren
einst  in  den  fridericianischen  Zeiten  die  Victoria  schmetternden  Postillone
durch  diese  Thore  eingeritten.  Und  nun  der  Einzug  der  Besiegten  durch
das  neue  Königsthor!  Die  schöne  Königin  saß  weinend  in  dem  Wagen,
den  ihr  die  verarmte  Stadt  geschenkt;  darauf  der  König  zu  Roß;  hinter
ihm  Scharnhorst,  inmitten  der  Generale,  bleich  und  finster  im  Sattel
hängend,  dann  die  jungen  Prinzen  im  Zuge  ihrer  Regimenter.  Mehrere
hundert  Männer  aus  den  verlorenen  Provinzen  waren  herbeigeeilt  um
ihren  angestammten  Herrn  bei  seiner  Rückkehr  zu  begrüßen;  auch  Arndt
und  Jahn  standen  im  Volksgewühle,  erschüttert  von  dem  Uebermaß  der
Liebe,  das  mit  einem  male  aus  tausend  Herzen  brach.  Kein  Auge  blieb
trocken.  Es  war,  als  ob  Fürst  und  Volk  und  Heer  einander  gelobten,
daß  nunmehr  alle  alte  Schuld  vergessen  und  vergeben  sei.  Kleist  aber
begrüßte  den  König  als  den  Sieger,  der  größer  sei  als  jener  triumphi—
rende  Caesar,  und  rief,  auf  die  Thürme  der  Hauptstadt  weisend:

Sie  sind  gebaut,  o  Herr,  wie  hell  sie  blinken,
Für  bess're  Güter  in  den  Staub  zu  sinken.

Dem  weichen  Gemüthe  Friedrich  Wilhelm's  war  es  eine  Freude,  nun
auch  seinerseits,  nach  der  patriarchalischen  Weise  der  Zeit,  dem  treuen
Volke  eine  Liebe  zu  erweisen.  Im  nächsten  Monat  feierte  er  zum  ersten
male  das  Ordensfest,  das  demokratische  Fest  einer  bürgerlichen  soldatischen
Monarchie,  und  lud  bis  zum  Postboten  herunter  Alle,  die  sich  in  ihrem
Berufe  hervorgethan,  auf  sein  Schloß  zu  Gaste.  Und  bezeichnend  genug,
Wenige  nahmen  an  der  allgemeinen  Freude,  die  dem  heimgekehrten  Fürsten
entgegenjubelte,  aufrichtiger  theil  als  der  französische  Gesandte  Graf
St.  Marsan.  Der  ehrenhafte  hochconservative  Savoyard  mußte  dem
Könige  das  Aergste  und  Schnödeste  sagen,  was  je  einem  preußischen  Herrscher
  geboten  wurde;  er  that  nach  seiner  Amtspflicht,  doch  er  sah  mit
stiller  Bewunderung  die  sittliche  Größe  dieses  gebeugten  Staates  und
empfand  bald  tiefe  Verehrung  für  den  Charakter  Friedrich  Wilhelm's.
Zwischen  dem  unglücklichen  Monarchen  und  dem  Gesandten  seines  Tod—
feindes  entstand  ein  festes  Verhältniß  gegenseitiger  Hochachtung;  noch  viele
        <pb n="362" />
        352  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Jahre  später,  als  der  Graf  piemontesischer  Minister  war,  ließ  ihn  der
König  wiederholt  seines  vollen  Vertrauens  versichern.)

Was  wog  das  Wohlwollen  des  Gesandten,  da  sein  Herr  unerbittlich
blieb?  Immer  drohender  und  stürmischer  wurden  Napoleon's  Mahnungen.
Zwar  einen  Krieg  gegen  Preußen  beabsichtigte  er  jetzt  nicht:  —  dann
wäre  der  Entscheidungskampf  mit  Rußland  zur  Unzeit  ausgebrochen.  Doch
die  Gelegenheit  schien  günstig,  dem  verhaßten  Staate  im  Frieden  abermals
  eine  Provinz  zu  entreißen.  Bald  erfuhr  man,  der  Imperator  wolle
auf  seine  Geldforderungen  verzichten  —  gegen  die  Abtretung  von  Schlesien!
Auch  die  Minister  sahen  keinen  anderen  Ausweg  mehr,  sie  kamen  zurück
auf  jenen  verzweifelten  Gedanken  einer  neuen  Gebietsverkleinerung,  welchen
Schön  bereits  vor  dritthalb  Jahren  ausgesprochen  hatte.  Am  10.  März
1810  gestand  Altenstein  dem  Fürsten  Wittgenstein,  der  Staat  sei  verloren,
  wenn  man  nicht  auf  einen  Theil  von  Schlesien  verzichte.  Zwei
Tage  darauf  erklärte  das  Ministerium  dem  Monarchen  einmüthig:  im
äußersten  Falle  müsse  man  sich  durch  eine  Landabtretung  von  Napolcon
loszukaufen  suchen.  Dahin  also  war  es  mit  Preußen  gekommen,  daß  selbst
Scharnhorst  zu  einer  kleinmüthigen  That  rieth,  welche  dem  unglücklichen
Staate  sein  letztes  Ansehen  rauben  mußte.  Fürst  Wittgenstein  war  ein
Hofmann  des  gemeinen  Schlages,  ängstlich,  glatt,  schlau  und  frivol,  ein
abgesagter  Gegner  Stein's.  Die  Ungeheuerlichkeit  dieses  Vorschlags  brachte
ihn  doch  in  Harnisch;  entrüstet  berichtete  er  Alles  seinem  königlichen
Herrn  und  machte  dringende  Gegenvorstellungen.  Dem  Könige,  der  dies
unfähige  Ministerium  nie  sonderlich  geachtet,  riß  die  Geduld:  er  war
sofort  entschlossen  seine  Räthe  zu  entlassen.  Seinem  klugen  Oberkammerherrn
  hat  er  diese  patriotische  That  nie  vergessen;  seit  jenen  Tagen  besaß
Wittgenstein  einen  mächtigen  stillen  Einfluß,  der  sich  noch  oft,  und  meist
zum  Schaden  der  Monarchie  zeigen  sollte.  Darauf  verständigte  sich
Friedrich  Wilhelm  mit  Hardenberg,  und  nach  langen  Verhandlungen  in
Paris  ließ  sich  auch  Napoleon  herbei,  den  Wiedereintritt  des  verfehmten
Staatsmannes  zu  gestatten.  Er  mußte  einsehen,  daß  bei  dem  entschiedenen
Widerwillen  des  Königs  die  friedliche  Erwerbung  von  Schlesien  unmöglich
war;  genug  vorderhand,  wenn  ein  fähiger  Mann  die  Leitung  der  preußischen
  Finanzen  übernahm  und  die  pünktliche  Abzahlung  der  Contribution
verbürgte.  Zu  Anfang  Juni  1810  erhielt  Altenstein  den  Abschied,  und
Hardenberg  trat  in  das  Amt.  Die  zweite  Epoche  der  preußischen  Reformen
  begann.  —

 

Während  das  preußische  Volk  mit  zorniger  Ungeduld  der  Stunde
der  Befreiung  entgegensah,  wurde  im  rheinbündischen  Deutschland  die
Schande  des  Vaterlands  nur  in  einigen  Landstrichen  und  in  vereinzelten

*)  So  noch  in  einem  Briefe  des  Königs  an  K.  Victor  Emanuel  von  Sardinien
vom  15.  März  1821.
        <pb n="363" />
        Ausgang  des  Ministeriums  Altenstein.  353

patriotischen  Kreisen  tief  und  bitter  empfunden,  am  lebhaftesten  im  prote—
stantischen  Norden  und  vor  Allem  in  den  abgetretenen  preußischen  Pro—
vinzen.  Wie  ein  Mann  hielt  das  treue  Volk  der  Grasschaft  Mark  zusammen
  unter  der  Herrschaft  des  Großherzogs  von  Berg;  man  that  was
man  nicht  lassen  durfte,  unterwürfige  Schmeichelei  kam  den  Fremden  hier
nie  entgegen.  Ueberall  in  diesen  Landschaften  fanden  sich  einzelne  treue
Beamte  der  alten  Zeit,  die  sich  im  Grunde  des  Herzens  noch  als  preuhische
  Staatsdiener  und  die  neue  Ordnung  der  Dinge  nur  als  eine  flüchtige
  Episode  betrachteten:  so  der  treffliche  Jurist  Sethe  in  Münster  und
der  junge  Motz  auf  dem  Eichsfelde.  Der  alte  Präsident  Rumann  in
Celle  trat  sein  westphälisches  Amt  erst  an  als  ihm  sein  König  Georg  III.
die  förmliche  Erlaubniß  gegeben  hatte.  Nur  sehr  Wenige  von  den  preußischen
  höheren  Beamten  gingen  ohne  zwingenden  Grund  in  die  Dienste
rheinbündischer  Fürsten,  und  sie  verfielen  der  allgemeinen  Verachtung:
so  der  Minister  Schulenburg-Kehnert.  Auch  Dohm,  der  geistreiche  Publicist,
der  so  oft  für  die  Krone  Preußen  Fürstenbundspläne  geschmiedet,  büßte
sein  altes  Ansehen  ein,  da  er  jetzt  plötzlich  den  Glauben  an  seinen  Staat
verlor  und  bei  König  Jerome  Dienste  nahm.  Da  und  dort  führte  ein
trotziger  Edelmann  von  altem  Schrot  und  Korn  auf  seine  Weise  den
kleinen  Krieg  gegen  die  Fremden.  Der  Freiherr  von  Wylich  in  Cleve
brachte  das  Archiv  des  alten  ständischen  Landtags  auf  seinem  Schlosse
unter,  trat  überall  als  der  einzige  rechtmäßige  Vertreter  des  clevischen
Landes  auf,  da  seine  ritterbürtigen  Genossen  unterdessen  hinwegstarben,
und  als  die  Preußen  endlich  wieder  einzogen,  verlangte  er  getrost,  daß  sie
den  zweibeinigen  Landtag  sofort  in  seine  alten  Rechte  einsetzen  müßten.
Wie  lachte  der  magdeburgische  Adel,  als  der  unbändige  Heinrich  Krosigk
einmal  die  Gensdarmen  des  Königs  Jerome  in  das  Spritzenhaus  sperren
ließ  und  dann  befriedigt  seine  Festungshaft  absaß;  so  lange  „die  Franzosenzeit“
  währte  hatte  der  wilde  Junker  die  geladenen  Pistolen  immer  auf  dem
Tische  liegen,  und  sobald  sein  alter  König  rief,  eilte  er  spornstreichs  über
die  Elbe  zu  den  geliebten  Fahnen.

In  Sachsen  und  in  Süddeutschland  klagte  man  wohl  über  die  tausendfache
  Noth  der  Zeit;  doch  die  vielhundertjährige  Entfremdung  vom
öffentlichen  Leben  und  die  Verkümmerung  der  Kleinstaaterei  ließen  einen
rechtschaffenen  Haß  selten  aufkfommen.  Die  Preußen  glaubten  nicht  an
die  Dauer  des  Weltreichs;  in  den  Kleinstaaten  gab  man  allmählich  jede
Hoffnung  auf.  Die  leidsame  deutsche  Geduld  machte  aus  der  Noth  eine
Tugend,  verehrte  den  Rheinbund  als  das  letzte  Band,  das  die  Nation
noch  zusammenhalte.  Nicht  bloß  der  Schwächling  Dalberg  pries  begeistert,
wie  durch  den  rheinischen  Bund  die  Vaterlandsliebe  in  jeder  reinen  Seele
erweckt  werde.  Auch  Hans  Gagern  hoffte  ein  neues  wesentlich  deutsches
Karolingerreich  aus  den  Staatenbildungen  des  Imperators  hervorgehen

zu  sehen.  Der  Bremer  Smidt,  ein  durchaus  patriotischer  und  nüchterner
v.  Treitschte,  Deutsche  Geschichte.  1.  23
        <pb n="364" />
        354  I.  3.  Preußens  Erhebung.

junger  Staatsmann,  beschwor  seine  Hansestädte  sich  dem  Rheinbunde  anzuschließen,
  der  doch  bald  zum  germanischen  Bunde  werden  müsse;  nur
so  könnten  die  Hanseaten  wieder  Deutsche  sein!

Wer  das  Schalten  des  Allgewaltigen  scharf  beobachtete,  mußte  freilich
jetzt  schon  erkennen,  daß  diese  Vasallenlande  allesammt  bestimmt  waren,
dereinst  unmittelbar  in  „die  große  Familie“  des  Kaiserreichs  aufgenommen
zu  werden.  Kaum  waren  die  alten  Fürsten  entthront,  so  begann  der
Unersättliche  seine  eignen  Brüder  zu  berauben,  die  neu  geschaffenen  Staaten
wieder  zu  zerstören.  Kein  Jahr  verging,  das  nicht  den  Staaten  des
Rheinbundes  neue  Grenzverschiebungen  brachte.  Der  Erbe  der  Revolution
betrachtete,  genau  wie  die  Cabinetspolitik  des  alten  Jahrhunderts,  den
Besitz  von  Land  und  Leuten  nur  als  eine  persönliche  Versorgung  für
seine  Angehörigen  und  Getreuen;  als  er  das  Großherzogthum  Berg  vergrößerte,
  sagte  er  amtlich,  das  geschehe  um  der  Prinzessin  Karoline  einen
angenehmen  und  vortheilhaften  Dienst  zu  erweisen.  Was  hinderte,  solche
Eintagsgebilde  politischer  Laune  wieder  nach  Laune  zu  zerstören?  Ein
Zufall  war  es  doch  nicht,  daß  Napoleon  die  wichtige  Festung  Erfurt  im
Herzen  Deutschlands  für  sich  behielt  und  sie  niemals  einem  seiner  Satrapen
  anvertrauen  wollte.  In  den  Pariser  Salons  war  man  über  das
künftige  Schicksal  der  Rheinbundstaaten  nicht  im  Zweifel  und  begrüßte
die  Unterthanen  des  Königs  Jerome,  wenn  sie  an  die  Seine  kamen,
scherzend  als  Français  futurs.

Die  Stämme  im  Süden  und  Westen  Deutschlands  ließen  sich  von
solchen  Befürchtungen  nicht  anfechten.  Es  war  in  der  Ordnung,  daß
der  Code  Napoleon  von  tüchtigen  deutschen  Juristen,  wie  Daniels  und
Strombeck  wissenschaftlich  bearbeitet  wurde;  aber  auch  das  Staatsrecht
des  Rheinbundes,  das  immer  ein  todter  Buchstabe  blieb,  reizte  den  Scharfsinn
  unterthäniger  deutscher  Gelehrten,  wie  Winkopp  und  Karl  Salomo
Zachariä.  Während  Napoleon  selbst  alle  die  föderalistischen  Pläne  des
getreuen  Dalberg  zurückwies  und  trocken  bemerkte:  „ich  lege  keinen  Werth
auf  den  Bund  als  solchen,  nur  auf  seine  einzelnen  Fürsten  und  ihre  Unabhängigkeit“"
  —  entstand  in  Deutschland  eine  ganze  Literatur,  die  mit  liebevollem
  Fleiße  jede  Controverse  dieses  unfindbaren  Bundesrechts  erörterte.

Mit  vollem  Rechte  wahrlich  zürnte  die  patriotische  Jugend  des  Nordens
  über  den  Lügengeist  der  neuen  Zeit,  denn  niemals  früher  war  in
den  deutschen  Kleinstaaten  eine  solche  Fülle  gehässiger  Lügen  über  „den
Borussismus“  verbreitet  worden  wie  in  den  Tagen  Stein's  und  Scharnhorst's.
  Der  Preußenhaß  nahm  neue  Formen  an.  In  der  alten  Zeit
hatte  der  preußische  Staat  unter  der  katholisch-kaiserlichen  Partei  seine
leidenschaftlichsten  Feinde  gefunden,  und  auch  jetzt  noch  frohlockten  die
Münsterländer  über  den  Untergang  des  preußischen  Ketzerregiments;  doch
traten  nunmehr,  namentlich  in  den  Kreisen  der  bairischen  Beamten,  auch
modern  gebildete  Männer  auf,  die  von  der  lichten  Höhe  französischer  Auf-
        <pb n="365" />
        Stimmungen  im  Rheinbunde.  355

klärung  herunter  hochmüthig  absprachen  über  die  finstere  Nacht  des  slawi—
schen  Junkerthums  in  Preußen  und  den  Imperator  ermahnten,  das  zurück—
gebliebene  Oesterreich  und  Preußen  mit  einer  Verfassung  nach  gallischem
Muster  zu  segnen.  Die  giftigen  Libelle  des  Baiern  Aretin  waren  die
Erstlinge  jener  neuen  napoleonisch-particularistischen  Literatur,  die  seitdem
durch  viele  Jahre  eine  Macht  des  Unheils  im  deutschen  Süden  geblieben
ist.  Der  Vielgewandte  verstand  sehr  geschickt,  zugleich  den  altbairischen
Ketzerhaß  und  den  Aufklärungsdünkel  der  neuen  Bureaukratie  gegen
Preußen  aufzuregen:  der  Staat  Friedrich's  war  das  Land  der  Ketzerei
und  der  adlichen  Privilegien,  Napoleon  der  Held  der  Freiheit  und  der
römischen  Kirche.  Solche  Märchen  fanden  Glauben,  da  die  armseligen
Zeitungen  des  Rheinbundes  von  den  preußischen  Reformen  nichts  erzählten
und  die  hirnverbrannten  teutonomanischen  Tugendbündler  Stein  und
Scharnhorst  nur  mit  geringschätzigem  Spotte  behandelten.  Dann  erschienen
  plötzlich  zu  gleicher  Zeit  deutsch  und  französisch  in  zwei  Buchhandlungen
  des  Rheinbundes  die  Memoiren  der  Markgräfin  von  Bayreuth,
gewiß  nicht  ohne  das  Zuthun  eines  der  kleinköniglichen  Höfe.  Welcher
Sturm  der  Schadenfreude  im  Lager  des  Particularismus!  Der  unverdächtigste
  Zeuge,  die  Lieblingsschwester  des  großen  Friedrich  bestätigte
Alles  was  man  sich  im  süddeutschen  Volke  von  der  unerträglichen  Härte
des  preußischen  Staates,  von  der  soldatischen  Steifheit  seiner  Regierung  und
der  herzlosen  Grausamkeit  seines  Königshauses  längst  erzählte!  Wilhelminens
  gallige  Herzensergießungen  wurden  dem  guten  Rufe  Preußens
gefährlicher  als  irgend  eine  Schmähschrift  seiner  Feinde,  und  es  währte
lange  bis  die  historische  Kritik  die  Unwahrhaftigkeit  der  verbitterten  geistreichen
  Fürstin  nachwies.  Napoleon  bemerkte  zufrieden:  „alle  deutschen
Höfe,  namentlich  der  sächsische,  wünschen  die  Theilung  Preußens.“

Die  Wittelsbacher  hatten  längst  vergessen,  daß  sie  den  Hohenzollern  den
Besitz  ihrer  Erblande  verdankten;  Friedrich  von  Württemberg  und  mehrere
andere  Fürsten  des  Rheinbundes  wurden  nicht  müde,  den  Imperator  vor
Preußens  gefährlichen  Absichten  zu  warnen;  der  sächsische  Minister  Graf
Senfft  entwarf  mit  der  oberflächlichen  Hastigkeit  kleinstaatlicher  Ehrbegier
Plan  auf  Plan,  wie  Preußen  vernichtet  und  auf  seinen  Trümmern  ein
großes  sächsisch-polnisches  Centralreich  aufgebaut  werden  solle.  Die  alte
irrige  Ueberlieferung,  welche  die  Baiern  für  Abkommen  der  keltischen  Bojer
erklärte,  wurde  jetzt  von  Pallhausen  und  Anderen  wieder  ausgenommen:
mancher  eifrige  Bajuvare  versicherte  stolz,  sein  Stamm  sei  den  Franzosen
blutsverwandt,  wie  man  schon  an  dem  nationalen  Schnauzbarte  erkenne.
Nicolaus  Vogt  aber  bewies  in  seinem  Buche,  „die  deutsche  Nation  und  ihre
Schicksale",  wie  die  Deutschen  zweitausend  Jahre  lang  das  Drama  „die
feindlichen  Brüder“  aufgeführt,  bis  endlich  Napoleon  die  alte  deutsche
Verfassung  in  neuen  Formen  wieder  aufgerichtet  habe;  seit  der  Vermählung
  des  Imperators  mit  Marie  Luise  hat  „Schönheit  gepaart  mit  Hel-23
        <pb n="366" />
        356  I.  3.  Preußens  Erhebung.

denkraft"  dauernden  Frieden  gegründet  in  diesem  zankenden  Volke;  drei
große  Segnungen  bringt  uns  der  Rheinbund:  den  Untergang  der  feudalen
Monarchie  und  der  religiösen  Zwietracht,  dazu  die  Gewißheit,  daß  im
Innern  Deutschlands  nie  wieder  ein  Krieg  geführt  werden  kann,  endlich
die  Herstellung  der  nationalen  Unabhängigkeit;  „küßt  darum  die  Hand,
welche  Euch  lehrt  einig  zu  sein,  als  Gotteshand!“  Die  Völkchen  dieser
Kleinstaaten  hatten  sich  längst  gewöhnt  jede  Laune  ihrer  angestammten
Herren  sich  „unterthänigst  unterthänig  wohlgefallen  zu  lassen“,  wie  die
herkömmliche  Redensart  in  den  Landtagsacten  lautete;  doch  so  schamlos,
wie  jetzt  den  fremden  Gewalthabern  gegenüber,  war  auf  deutschem  Boden
noch  nie  geheuchelt  und  geschmeichelt  worden.  Mit  unwandelbarer  Begeisterung
  feierte  der  Professor  der  Beredsamkeit  in  Göttingen  die  Verdienste
  Napoleon's  und  Jerome's  —  derselbe  Mann,  der  früher  am  Geburtstage
  Georg's  III.  und  Friedrich  Wilhelm's  III.  patriotische  Prachtreden
gehalten  hatte.  Ueberall  wo  der  Imperator  erschien  mußten  die  Gemeinden
und  Corporationen  ihm  ihre  Huldigungen  darbringen,  und  das  rheinbündische
Beamtenthum  verstand  vortrefflich  „den  freien  Ausdruck  der  Freude  und
öffentlichen  Dankbarkeit  anzufeuern".  Byzantinische  Adressen  priesen  Napoleon's
  Unbesiegbarkeit,  seine  weise  Gerechtigkeit  und  vornehmlich  seine
menschenfreundliche  Friedensliebe.  „Jedesmal,“  sagten  ihm  die  Stände  des
Großherzogthums  Berg,  „jedesmal  wenn  Sie  gezwungen  waren  die  Waffen  zu
ergreifen,  schienen  Sie  grundsätzlich  dem  Kriege  selbst  den  Krieg  zu  erklären!“

Wirkliche  Gesinnung  war  im  Rheinbunde  wie  im  keaiserlichen  Frankreich
  fast  allein  noch  bei  den  Truppen  zu  finden.  Es  ging  zu  Ende  mit
jenen  philisterhaften  Friedensoffizieren  der  alten  Reichsarmee,  die  sich
aus  dem  Kampfgetümmel  wehmüthig  zu  den  Schweinchen  und  Hühnern
ihres  heimischen  Hofes  zurücksehnten.  Ein  neues  Geschlecht  wuchs  heran,
voll  prahlerischen  militärischen  Selbstgefühls,  begeistert  für  die  Glorie  der
kaiserlichen  Adler;  ein  tüchtiger  bairischer  Offizier  mußte  zu  jedem  Frühstück
  ein  Dutzend  Oesterreicher  verspeisen,  denn  was  hatte  Baierns  Kriegsgeschichte
  Herrlicheres  aufzuweisen  als  jene  glänzenden  Gefechte  um  Regensburg?
  Napoleon  unterließ  nichts  was  den  vaterlandslosen  Landsknechtsgeist
  dieser  Tapferen  nähren  konnte.  Sie  sollten  ihm  ihre  Seele
verschreiben;  darum  verwendete  er  sie  gern  zur  Besetzung  der  preußischen
Festungen  und  schickte  auch  gegen  die  aufständischen  Tyroler  meistentheils
rheinbündische  Truppen,  Baiern  und  Sachsen,  in's  Feld.

Das  System  der  napoleonischen  Präfectenverwaltung  fand  nirgends
einen  dankbareren  Boden  als  in  den  geschichtslosen  neuen  Mittelstaaten
des  Südens.  Hier  nahm  das  Organisiren  und  Reorganisiren  kein  Ende
—  in  Baden  wurden  die  Verwaltungsbezirke  binnen  sieben  Jahren  dreimal
  völlig  umgestaltet  —  bis  es  endlich  gelang  den  verworrenen  Haufen
  buntscheckiger  Staatentrümmer  nach  Flußläufen  zu  ordnen  und  in
regelrechte  Departements  zurechtzuschneiden.  Der  Protector  hütete  sich
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        Baiern.  357

weislich,  den  Dünkel  seiner  Getreuen  durch  unnützes  Eingreifen  in  ihre
Landesverwaltung  zu  reizen.  Von  selbst  verstand  sich,  daß  seine  Gesandten
vor  den  Prinzen  der  Vasallenstaaten  überall  den  Vortritt  hatten.  Brauchte
er  neue  Truppen,  so  ließ  er  sich  die  Einnahmebudgets  seiner  Könige  und
Großherzoge  ohne  Weiteres  vorlegen  und  entschied  nach  Gefallen.  Auch
hielt  er  als  Schirmvogt  der  römischen  Kirche  streng  darauf,  daß  die
Katholiken  im  Staatsdienste  nicht  zu  kurz  kamen,  und  befahl  überall
wachsame  Beaufsichtigung  der  Feinde  Frankreichs,  namentlich  unter  dem
Adel.  Im  Uebrigen  durften  die  kleinen  Despoten  ziemlich  ungestört  schalten.

Am  stärksten  und  nachhaltigsten  wirkte  die  bonapartistische  Völkerbe—
glückung  in  Baiern;  kein  anderer  Theil  Deutschlands  hat  während  der
jüngsten  drei  Menschenalter  größere  Wandlungen  erlebt.  Seit  jenem  Un—
heilsjahre  1524,  da  die  alten  Wittelsbacher  ihre  Erblande  der  evangeli—
schen  Lehre  eigenmächtig  verschlossen  und  dadurch  die  kirchlich-politische
Spaltung  der  deutschen  Nation  begründeten,  war  der  tapfere  und  treue,
an  rüstiger  Kraft  des  Leibes  und  des  Willens  den  besten  Deutschen  eben—
bürtige  altbairische  Stamm  dem  geistigen  Leben  dieses  paritätischen  Volkes
fast  so  fremd  geworden  wie  die  Oesterreicher.  Am  Schlusse  des  alten  Jahr—
hunderts  lebten  in  München  drei  Protestanten,  die  amtlich  als  Katholiken
galten  und  zum  Abendmahl  nach  Augsburg  hinüberfuhren.“)  Auf  Schritt
und  Tritt  begegnete  der  Wanderer  den  Erinnerungen  des  streitbaren  Katho—
licismus;  zu  den  Füßen  der  Mariensäule  auf  dem  Schrannenplatze  stand
der  Genius,  der  den  Drachen  der  Ketzerei  zerschmettert.  Das  Volk  glaubte
fest,  ein  Protestant  sehe  ganz  anders  aus  als  ehrliche  Christenmenschen;
in  den  Fastnachtszügen  der  Bauern  erschien  der  Luther  mit  seiner  Kathi
neben  dem  bairischen  Hiesel  und  dem  Schinderhannes;  noch  während  der
napoleonischen  Feldzüge  ließ  ein  altbairisches  Bataillon  ein  Bild  des  heiligen
Petrus  Spießruthen  laufen,  weil  der  Heilige  seiner  Herde  das  erbetene
gute  Marschwetter  versagt  hatte.  Die  gesammte  neue  Literatur  war  „luthe—
risch  deutsch“,  blieb  diesen  Hinterwäldlern  verpönt  und  unbekannt.

Welch  ein  Umschwung  nun,  als  plötzlich  ein  ganzes  Bündel  evange—
lischer  Territorien  mit  dem  gelobten  Lande  der  Klöster  und  der  geistlichen
Schulen  zusammengeschweißt  wurde  und  gleichzeitig  die  Dynastie  Zwei—
brücken  ihren  Einzug  hielt  —  jene  Nebenlinie  des  Hauses  Wittelsbach,
die  zwar  wieder  zur  römischen  Kirche  zurückgekehrt,  aber  durch  ihre  schwedisch-protestantischen
  Traditionen  und  durch  langjährigen  Familienzwist
mit  der  bigotten  älteren  Linie  tief  verfeindet  war.  Für  große,  schöpferische
politische  Ideen  freilich  blieb  die  flache,  gedankenlose  Gutmüthigkeit  des  neuen
Königs  Max  Joseph  ebenso  unzugänglich  wie  die  bureaukratische  Härte
und  Herrschsucht  seines  Ministers  Montgelas.  Niemand  verfiel  auf  den  so
naheliegenden  Gedanken,  den  Schwerpunkt  des  jungen  Königreichs  in  einen

 

*)  Ich  benutze  hier  die  Aufzeichnungen  des  bair.  Oberconsistorialraths  v.  Schmitt,
die  mir  sein  Sohn,  Herr  Pfarrer  Schmitt  in  Heidelberg  mitgetheilt  hat.
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        358  I.  3.  Preußens  Erhebung.

paritätischen  Landstrich,  nach  Nürnberg  oder  Augsburg  zu  verlegen.  Die
Residenz  blieb  in  München,  und  die  Hauptstadt  übte  auf  die  Provinzen
einen  schädlichen  Einfluß.  Das  Bier,  das  den  Altbaiern,  nach  dem  Geständniß
  ihres  gestrengen  Criminalisten  Kreittmayr,  das  fünfte  Element  des
Lebens  bildete,  hielt  seinen  Siegeszug  durch  das  ganze  Land;  die  rührigen
Schwaben  und  Franken  nahmen  bald  Vieles  an  von  der  bequemen,  läßlichen
Sinnlichkeit  der  Altbaiern.  Diese  reichbegabten  Stämme  kamen  langsam
herab  in  ihrem  geistigen  Leben,  sie  haben  unter  bairischem  Scepter  niemals
  wieder  so  Großes  für  die  deutsche  Cultur  geleistet  wie  einst  in  den
Zeiten  ihres  reichsstädtischen  Glanzes.  Für  die  altbairischen  Lande  dagegen
wurde  das  Zusammenleben  mit  den  geistreicheren  aufgeweckten  Nachbarn
ein  unermeßlicher  Segen.

Die  Person  des  Landesherrn  war  in  diesem  patriarchalischen  Volke
von  jeher  eine  lebendige  Macht;  so  recht  aus  Herzensgrunde  begrüßten
die  Münchener  Bürger  den  vergnüglich  mit  den  Augen  zwinkernden  neuen
Herrscher:  na  Maxl,  weil  nur  du  da  bist!  Wie  horchte  das  Volk  auf,
als  man  vernahm,  daß  die  Gemahlin  des  lustigen  Max,  die  edle
Prinzessin  Karoline  von  Baden,  eine  Ketzerin  sei,  als  dann  der  wackere
Cabinetsprediger  Schmitt,  zuerst  bescheiden  im  Nymphenburger  Schlosse,
nachher  öffentlich  in  der  Hauptstadt  evangelischen  Gottesdienst  hielt  und
Lutheranern  wie  Reformirten  die  Sacramentsgemeinschaft  gewährte.  Das
hatte  man  nicht  mehr  erlebt,  seit  der  Eroberer  Gustav  Adolf  in  der
Residenz  der  Wittelsbacher  gehaust.  Dann  kam  eine  Menge  protestantischer
  Beamter  in's  Land,  darunter  manche  Heißsporne  der  Aufklärung
  wie  Anselm  Feuerbach.  Die  Gleichberechtigung  der  Confessionen
wurde  verkündigt,  und  was  das  Wichtigste  war,  das  Schulwesen  der  Aufsicht
  des  Staates  unterworfen.  Dem  Feuereifer  des  Illuminaten  Montgelas
war  damit  noch  nicht  genug  geschehen;  er  haßte  „das  Schamanenthum“
der  römischen  Kirche  und  die  fromme  Einfalt  des  altbairischen  Volkes,
dem  er  immer  ein  Fremder  blieb.  Eine  Menge  von  Klöstern  wurde  geschlossen,
  hunderte  von  Kirchen  ausgeräumt  und  ihr  alter  Schmuck  unter
den  Hammer  gebracht.  Es  war  ein  radicaler  Umsturz,  herzlose  Frivolität
und  brutaler  Hochmuth  führten  das  große  Wort;  doch  mildere  Hände
hätten  den  Bann  der  Glaubenseinheit,  der  über  diesem  Lande  lag,  nicht
gebrochen.  Ein  tiefeingreifendes  Gesetz  jagte  das  andere;  die  Leibeigenschaft
fiel,  die  Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten  und  Zehnten  ward  ausgesprochen,
indeß  blieben,  Dank  der  fieberischen  Hast  der  Regierung,  die  meisten  dieser
mit  lärmender  Prahlerei  angekündigten  Reformen  unausgeführt.  Auch
den  neuen  Landtag  wagte  der  mißtrauische  Minister  niemals  einzuberufen,
obgleich  diesem  sonderbaren  Parlamente  nur  das  Recht  zustehen  sollte,
durch  drei  Commissäre  seine  Ansichten  auszusprechen  und  dann  schweigsam
über  die  Vorlagen  der  Regierung  abzustimmen.  Von  den  neuen  Institutionen
  stand  nichts  fest  als  das  Conscriptionsheer  und  die  Allmacht  des
        <pb n="369" />
        Montgelas.  359

Beamtenthums,  das  noch  immer  ebenso  nachlässig,  roh  und  bestechlich
war  wie  in  der  guten  alten  Zeit.

Die  junge  Krone  gefiel  sich  in  einem  lächerlichen  Dünkel;  man  sprach
amtlich  nur  von  dem  Reiche  Baiern,  und  es  that  dem  königlichen  Selbst—
gefühle  keinen  Abbruch,  daß  der  Protector  seine  Befehle  an  Max  Joseph
jetzt  mit  einem  einfachen  il  faut,  il  faut  zu  beginnen  und  zu  schließen
pflegte.  Baiern  sollte  der  glückliche  Erbe  der  preußischen  Monarchie  wer—
den,  ihrer  Macht,  ihres  Kriegsruhms,  ihrer  Aufklärung.  Um  den  Glanz
von  Berlin  zu  überbieten  wurden  die  Münchener  Akademie  und  die  aus
der  alten  Jesuitenburg  Ingolstadt  nach  Landshut  verlegte  Universität
reichlich  ausgestattet;  doch  was  konnten  die  tüchtigen  aus  dem  Norden  be—
rufenen  Gelehrten  hier  leisten  in  der  stockigen  Luft  dieses  napoleonischen
Satrapenlandes,  dem  der  sittliche  Schwung  des  preußischen  Lebens  völlig
fehlte?  Wie  schwer  und  langsam  die  zarte  Pflanze  der  Bildung  in  diesem
harten  Boden  Wurzeln  schlug,  das  lehrte  der  Mordanfall  eines  bairischen
Studenten  auf  den  Philologen  Thiersch;  der  bigotte  Bajnvare  konnte  den
Anblick  des  norddeutschen  Ketzers  nicht  länger  ertragen.  Alles  alte  Her—
kommen  war  zerstört,  Niemand  fühlte  sich  mehr  sicher  im  Besitze  wohler—
worbener  Rechte;  dabei  wuchs  die  Noth  der  Finanzen  von  Jahr  zu  Jahr,
die  gewissenlose  Verwaltung  kannte  den  Betrag  der  Staatsschulden  selbst
nicht  mehr.  Und  doch  hat  das  gewaltthätige  Regiment  des  Halbfranzosen
Montgelas  eine  glücklichere  Zeit  für  Altbaiern  vorbereitet;  dieser  Verächter
alles  deutschen  Wesens  —  so  wenig  übersieht  der  Mensch  die  letzten  Wir—
kungen  seines  Schaffens  —  führte  ahnungslos  den  bairischen  Stamm
aus  einem  dreihundertjährigen  Sonderleben  wieder  zu  der  Gemeinschaft
der  modernen  deutschen  Cultur  zurück.

Jene  alte  Weissagung,  die  dem  ehrgeizigen  kleinen  Hause  Württem—
berg  die  Königskrone  von  Schwaben  verhieß,  war  nun  endlich  in  Erfül—
lung  gegangen;  aber  auch  ein  anderes  Sprichwort  sollte  sich  bewähren,
das  die  Altwürttemberger  mit  naivem  Selbstgefühle  zu  wiederholen  pfleg—
ten:  „unsere  Fürsten  sind  immer  böse  Kerle  gewesen.“  Ein  hochbegabter
Mann,  neben  Herzog  Karl  August  vielleicht  der  beste  Kopf  in  jener  Ge—
neration  deutscher  Fürsten,  hatte  König  Friedrich  den  Sinn  für  edlere
Bildung  früh  in  sich  ertödet:  alle  Gelehrten  waren  ihm  nur  noch  Schrei—
ber,  Schulmeister  und  Barbierer.  Als  er  dann  den  Befehl  Napoleon's
chassez  les  bougres!  gelehrig  befolgt  und  seine  alten  Landstände  aus—
einandergejagt  hatte,  da  kannte  der  Hochmuth  des  Selbstherrschers  keine
Schranken  mehr,  und  er  begann  ein  Sündenregiment,  wie  es  der  gedul—
dige  deutsche  Boden  noch  nie  gesehen.  Breit  und  frech  wie  die  neue
Königskrone  auf  dem  Dache  des  Stuttgarter  Schlosses  prunkte  die  Willkür
daher;  der  König  verbarg  es  nicht,  daß  er  Tarquinius  und  Nero  als  die
Meister  der  Herrscherkunst  bewunderte.  Zweitausend  dreihundert  Rescripte
der  Sacra  Regia  Majestas  warfen  den  gesammten  Bestand  des  histori—
        <pb n="370" />
        360  I.  3.  Preußens  Erhebung.

schen  Rechtes  über  den  Haufen,  verschmolzen  das  bürgerlich-protestantische
Altwürttemberg  mit  den  geistlichen,  reichsstädtischen  und  adlichen  Territorien
  Neuwürttembergs  zu  einer  Masse.  Der  Wille  des  Königs  und  seiner
zwölf  Landvögte  gebot  unumschränkt  in  den  nördlichen  wie  in  den  südlichen
Provinzen  des  Reichs  —  so  lautete  der  bescheidene  Ausdruck  der  Amtssprache;
  sämmtliche  Gemeindebeamten  ernannte  der  König.  Alles  zitterte,
wenn  der  ruchlose  dicke  Herr  in  seinem  Muschelwagen  heranfuhr;  die  Werkzeuge
  seiner  unnatürlichen  Lüste  sowie  einige  habgierige  mecklenburgische
Junker  bildeten  seine  tägliche  Umgebung.  Durch  Zwangsaushebung  verschaffte
  er  sich  alle  Arbeitskräfte,  die  er  brauchte,  sogar  seine  Lakaien;  in
einem  einzigen  Oberamte  wurden  mehr  als  21,000  Mann  zur  königlichen
Jagdfrohne  aufgeboten.  Ein  strenges  Verbot  der  Auswanderung  raubte
dem  verzweifelten  Volke  die  letzte  Hoffnung.  Mit  besonderer  Schadenfreude
gab  der  König  den  erlauchten  Herren  vom  Reichsadel  seine  selbstherrliche
Macht  zu  fühlen;  er  bedurfte  kaum  der  Mahnungen  des  Protectors,  der
seine  Vasallen  beständig  vor  den  Umtrieben  der  Mediatisirten  warnte.
Die  alten  Familiengesetze  der  Fürsten,  Grafen  und  Ritter  wurden  mit
einem  Schlage  beseitigt;  die  neue  Hofrangordnung  gab  den  adlichen  Grundherren
  ihren  Platz  hinter  den  Pagen  und  Stalljunkern,  und  wer  nicht
bei  Hofe  erschien,  verlor  ein  Viertel  seines  Einkommens.

Gewiß  entsprang  auch  dieser  Sultanismus  —  wie  Stein  das  Treiben
der  rheinbündischen  Despoten  zu  nennen  pflegte  —  nicht  allein  der  persönlichen
  Laune.  Der  König  verfolgte  und  erreichte  das  Ziel  der  württembergischen
  Staatseinheit,  und  es  brauchte  einer  eisernen  Faust,  um
diese  classischen  Lande  der  Kirchthurmspolitik  in  etwas  größere  Verhältnisse
einzuführen.  Ueberall  wo  die  rheinbündische  Bureaukratie  die  Erbschaft
der  kleinen  Reichsfürsten  antrat,  stieß  sie  auf  völlig  verrottete,  lächerliche
Zustände.  Als  die  Staaten  der  beiden  Häuser  Leiningen-Westerburg  dem
Großherzogthum  Berg  einverleibt  wurden,  da  fand  sich  in  der  gemeinschaftlichen
  Kreiskasse  beider  Lande  als  einziger  Bestand  —  ein  Vorschuß
von  45  Gulden,  den  der  Rendant  aus  eigener  Tasche  vorgestreckt.  Der
Untergang  solcher  Staatsgebilde  konnte  kein  Verlust  für  die  Nation  sein.
In  Mürttemberg  aber  wurde  die  unvermeidliche  Revolution  mit  so  grausamer
  Roheit,  mit  so  cynischem  Hohne  durchgeführt,  daß  die  Massen  nur
die  Härte,  nicht  die  Nothwendigkeit  des  Umsturzes  fühlen  konnten.  Während
die  geknebelte  Presse  schwieg,  sammelte  sich  im  Volke  ein  stiller  dumpfer
Groll  gegen  den  König  an.  Die  Einwohner  der  Reichsstädte,  der  hohenlohischen,
  der  Stifts=  und  Ordenslande  wollten  sich  an  das  neue  Wesen
schlechterdings  nicht  gewöhnen.  Auch  die  Altwürttemberger  vergaßen  über
dem  schweren  Druck  der  Gegenwart  Alles,  was  einst  die  Vettern  und
Vettersvettern  der  „Ehrbarkeit“  in  ihren  Landtagsausschüssen  gesündigt
hatten  und  sehnten  sich  zurück  nach  dem  „alten  guten  Rechte"“  der  ständischen
  Verfassung.  Der  Gesichtskreis  dieser  kleinstaatlichen  Welt  blieb  frei-
        <pb n="371" />
        Württemberg.  361

lich  so  eng,  daß  selbst  der  geistvollste  und  leidenschaftlichste  Stamm  des
Südens  von  dem  wilden  Nationalhasse,  der  die  preußischen  Herzen  bewegte,
  kaum  berührt  wurde.  Die  Schwaben  verwünschten  ihren  heimischen
Tyrannen;  an  den  letzten  Grund  ihrer  Leiden,  an  die  Schmach  der  Fremdherrschaft
  dachten  sie  wenig.  Nur  einzelne  hochsinnige  Naturen,  wie  der
junge  Ludwig  Uhland,  empfanden  den  ganzen  Ernst  der  Zeit.

So  lange  der  milde  und  gerechte  Karl  Friedrich  lebte,  wurde  die
Härte  des  rheinbündischen  Regiments  in  Baden  nicht  allzu  schwer  empfunden.
  Erst  unter  seinem  Nachfolger  Großherzog  Karl  brach  auch  über
dies  Land  die  wüste  Willkür  des  Bonapartismus  herein.  Die  Ulsasser
und  Lothringer  freuten  sich  der  Glorie  des  Kaiserreichs,  zählten  mit  Stolz
die  lange  Reihe  der  Helden  auf,  welche  ihr  Land  unter  die  Fahnen  des
Unbesieglichen  gesendet  hatte:  Kleber,  Kellermann,  Lefevre,  Rapp  und  den
Tapfersten  der  Tapfern,  Ney.  Die  übrigen  Lande  des  linken  Ufers  verharrten
  in  tiefem  Schlummer.  Den  Alten  lag  die  gedankenlose  Genießlichkeit
  der  bischöflichen  Zeiten  noch  in  den  Gliedern,  die  Jungen  wanderten
mit  dem  breiten  Bonaparthut  geschmückt  in  die  französischen  Lyceen.
Wagte  sich  hier  ja  einmal  ein  deutsches  Buch  heraus,  so  begegnete  ihm
das  Mißtrauen  der  kaiserlichen  Censoren,  die  kein  Deutsch  verstanden;
die  Schrift  des  Naturforschers  Treviranus  über  die  Organisation  der
Blattlaus  ward  beanstandet,  weil  die  Organisation  den  Censor  an  den
Tugendbund  erinnerte.  Die  letzten  Spuren  deutscher  Bildung  schienen  im
Verschwinden.  Namentlich  die  leichtlebigen  Pfälzer  fügten  sich  schnell  dem
wälschen  Wesen;  von  den  Beamten  verlangte  der  gute  Ton,  daß  sie  auch
im  Hause  französisch  radebrechten.  Selbst  unter  den  preußischen  Patrioten
wurde  vielfach  bezweifelt,  ob  es  noch  möglich  sei,  dies  Bastardsvolk  dem
deutschen  Geiste  wiederzugewinnen.  In  Darmstadt,  in  Nassau,  überall
das  gleiche  Wesen:  Kriecherei  gegen  den  Protector,  durchfahrende  Strenge
gegen  das  eigene  Volk.  Selbst  der  feurige  Verehrer  der  Kleinstaaterei,
Hans  Gagern  vermochte  die  tiefe  Unsittlichkeit  dieses  Treibens  nicht  mehr
zu  ertragen;  die  patriotische  Strömung  der  neuen  Literatur  ergriff  auch
ihn,  er  verließ  den  nassauischen  Dienst  und  schrieb  in  seiner  verworrenen
Weise  eine  Nationalgeschichte  der  Deutschen.

Den  schärfsten  Gegensatz  zu  der  revolutionären  Politik  der  Staaten
des  Südens  und  Westens  bildete  das  Stillleben  der  kleinen  Territorien
des  Nordens.  Hier  blieben  die  alten  Institutionen  auch  unter  dem  Rheinbunde
  ebenso  unverändert  wie  die  Fürstenhäuser  und  die  Landesgrenzen;
nur  die  Conscription  mußte  überall  eingeführt  werden.  Im  Königreich
Sachsen  war  sogar  diese  einzige  Neuerung  nicht  durchzusetzen;  man  begnügte
  sich,  den  nach  alter  Weise  angeworbenen  Truppen  durch  die  Einführung
  neufranzösischer  Reglements  eine  bessere  militärische  Haltung  zu
geben.  Die  alte  Gesellschaftsordnung  bewahrte  hier  noch  immer  eine
überraschend  starke  Kraft  des  Widerstandes.  Napoleon  verschmähte  die
        <pb n="372" />
        362  I.  3.  Preußens  Erhebung.

kleinlichsten  Mittel  nicht,  um  sich  den  Gehorsam  des  sächsischen  Hofes  zu
sichern;  jahrelang  hielt  er  die  albertinische  Eitelkeit  hin  durch  unbestimmte
Andeutungen,  als  würde  er  vielleicht  die  Tochter  des  Königs  heirathen.
Friedrich  August  folgte  den  Befehlen  des  Protectors  fast  noch  unterwürfiger
  als  seine  Genossen  in  München  und  Stuttgart,  er  ließ  in  Warschau
den  Code  Napoleon  und  den  ganzen  Mechanismus  der  französischen
Präfectenverwaltung  einführen.  Doch  seinen  sächsischen  Ständen  gegenüber
  wagte  er  nichts:  weder  die  Aufhebung  der  Vorrechte  des  Adels  noch
die  staatsrechtliche  Vereinigung  der  Erblande  mit  der  Lausitz  und  den
stiftischen  Nebenlanden.  Der  unförmliche  Bau  des  altständischen  Staatswesens
  blieb  unwandelbar  aufrecht,  desgleichen  die  weltberühmte  steife
Etikette  des  Hofes,  also  daß  der  Emporkömmling  Jerome  seinem  Gesandten
  Dohm  die  Weisung  gab,  hier  in  Dresden  an  erster  Quelle  die
Geheimnisse  des  Ceremoniells  zu  studiren  und  ausführlich  darüber  zu
berichten.  Unter  den  alteingesessenen  Herren  des  Nordens  hat  nur  einer
seinen  Staat  in  napoleonische  Formen  umgegossen:  der  närrische  Herzog
von  Coethen.  Der  ruhte  nicht,  bis  sein  Reich  in  zwei  Departements
getheilt,  mit  einem  Staatsrathe,  Präfecten,  Unterpräfecten  und  dem  „heilbringenden“
  Code  gesegnet  war:  alle  diese  Herrlichkeiten  verkündete  das
neue  Bulletin  des  lois  de  I'Empire  Anhaltin-Coethien.

Den  beiden  Napoleoniden,  welche  inmitten  dieser  hochconservativen
norddeutschen  Welt  ihre  Throne  aufrichteten,  war  eine  revolutionäre
Politik  durch  die  Natur  der  Dinge  geboten.  Hier,  in  „Staaten  ohne  Vergangenheit"
  —  wie  der  westphälische  Minister  Malchus  sich  wohlgefällig
ausdrückte  —  lag  kein  Grund  vor  alte  Ueberlieferungen  zu  schonen,  hier
konnte  Alles,  was  bestand,  kurzerhand  nach  der  Schablone  der  napoleonischen
  constitution  réguliere  umgeformt  werden.  In  Westphalen  wie
in  Berg  begann  die  Neugestaltung  unter  der  Oberaufsicht  des  Imperators
selber;  beiden  Vasallen  schärfte  er  ein,  sie  sollten  durch  die  Zerstörung
aller  Privilegien  dahin  wirken,  daß  die  norddeutschen  Nachbarn,  namentlich
  die  Preußen,  sich  nach  der  napoleonischen  Herrschaft  sehnten.  In  der
That  galt  das  Staatsrecht  des  Königreichs  Westphalen  nicht  bloß  im
Rheinbunde,  sondern  auch  bei  einem  Theile  der  preußischen  Patrioten  als
eine  Musterverfassung.  Wie  stattlich  erhob  sich  hier  die  Krone  mit  ihrem
Scheinparlamente  hoch  über  der  eingeebneten,  von  allen  Standesvorrechten
völlig  befreiten  Gesellschaft;  und  zudem  die  Schlagfertigkeit  der  Präfecten,
die  raschere  Rechtspflege,  die  ungewohnte  Höflichkeit  der  meisten  Beamten,
die  Beseitigung  der  Binnenmauthen,  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft,
der  Patrimonialgerichte  und  der  gutsherrlichen  Gewalt!  Die  neue  Herrschaft
  wußte  sich  viel  mit  ihrer  Bauernfreundlichkeit.  Nicht  einmal  die
Namen  der  alten  ständischen  Gliederung  des  flachen  Landes  ließ  sie  mehr
gelten;  das  altgermanische  Kothsasse  schien  den  aufgeklärten  Räthen  des
Königs  schon  darum  anstößig,  weil  sie  das  Wort  von  Koth  ableiteten.
        <pb n="373" />
        Königreich  Westphalen.  363

Wer  auf  dem  Lande  wohnte  war  paysan.  Der  vielgeplagte  „Rusticalstand“
befand  sich  in  mancher  Hinsicht  wohler  als  vormals  unter  dem  Regimente
der  hannoverschen  Junker  und  der  hessischen  Soldatenverkäufer.  Noch
heute  hat  sich  unter  den  kleinen  Leuten  des  Göttinger  Landes  der  Name
Pisänger  erhalten.  Die  Bauern  fühlten  sich  geehrt,  wenn  ihre  Repräsen—
tanten  im  Schlosse  zu  Cassel  unter  den  vornehmen  Herren  erschienen  und
von  der  Wache  mit  präsentirtem  Gewehr  begrüßt  wurden.  Nach  Jahren
noch  gestanden  die  Pächter  im  Magdeburgischen  dem  preußischen  Minister
Klewitz  treuherzig,  eine  solche  Verfassung  möchten  sie  wohl  wieder  haben.“)

Trotzdem  war  von  Anhänglichkeit  auch  unter  dem  Landvolke  nicht
die  Rede.  Die  Treue  zu  den  alten  heimischen  Herren  wankte  nicht,  und
wie  sollte  der  Bauer  Vertrauen  fassen  zu  Beamten,  deren  Sprache  er
nicht  verstand?  Wenngleich  Einzelne  abfielen  und  in  Westphalen  wie  in
Berg  mehrere  stolze  Adelsgeschlechter  durch  Untreue  ihre  alten  Namen
schändeten,  so  sah  doch  die  ungeheure  Mehrheit  des  Volkes  mit  steigendem
Abscheu  auf  die  Herrschaft  der  Fremden.  Die  wüsten  Orgien  des  flachen,
leichtfertigen  Jerome,  die  Frechheit  der  französischen  Gauner  und  Abenteurer,
welche  seine  Verschwendung  mißbrauchten,  die  furchtbaren  Menschenopfer
der  unablässigen  Kriege,  die  hündische  Schmeichelei  gegen  „den,  vor  dem
die  Welt  schweigt"  —  wie  Johannes  Müller  in  einer  seiner  parlamen—
tarischen  Schaureden  sagte  —  die  schlechten  Künste  der  geheimen  Polizei,
die  Verfolgung  der  Deutschgesinnten  und  die  Verhöhnung  der  Muttersprache,
  „die  Euch  in  Europa  isolirt"  —  Alles,  Alles  an  diesem  ausländischen
  Wesen  erschien  dem  kerndeutschen  Volke  gehässig  und  verächtlich,
wie  ein  tolles  Faschingsspiel,  das  binnen  Kurzem  spurlos  verschwinden
müsse.  Jerome  fühlte  bald  selbst,  wie  der  Boden  unter  seinen  Füßen
schwankte;  um  so  straffer  hieß  ihn  Napoleon  die  Zügel  anziehen.  Der
wohlmeinende  Minister  Bülow,  ein  Vetter  Hardenberg's,  mußte  dem
Unwillen  der  französischen  Partei  weichen;  an  seine  Stelle  trat  Malchus,
ein  gescheidter  und  geschäftskundiger,  aber  harter  und  gewissenloser  Mann,
dem  Herrscher  ein  gefügiges  Werkzeug,  in  Allem  das  Ideal  des  rheinbündischen
  Beamten.  ·

Dabei  waren  die  Napoleoniden  selber  keinen  Augenblick  sicher  vor
den  Gewaltschlägen  des  unermüdlichen  Kronenräubers  und  Kronenver—
schenkers.  Murat  hatte  sein  rheinisches  Herzogthum  von  vornherein  nur
als  eine  vorläufige  Abfindung  betrachtet  und  gab  es  bereitwillig  wieder
auf,  als  sein  Schwager  ihm  nach  einigen  Jahren  befahl,  augenblicklich
zwischen  den  Kronen  von  Neapel  und  Portugal  zu  wählen:  „das  muß  in
einem  Tage  abgethan  werden!“  Das  deutsche  Ländchen  wurde  nunmehr
dem  unmündigen  Sohne  Ludwig's  von  Holland  —  das  will  sagen:  dem
Imperator  selber  —  zugetheilt.  Der  nördliche  Theil  von  Hannover  war
unterdessen  seit  dem  preußischen  Kriege  vorläufig  unter  französischer

*)  Klewitz's  Bericht  über  seine  Rundreise  in  der  Provinz  Sachsen  v.  29.  Juli  1817.
        <pb n="374" />
        364  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Verwaltung  geblieben.  Auch  über  das  Schicksal  der  Hansestädte  hatte
sich  Napoleon  noch  nicht  entschieden.  Er  haßte  sie  ingrimmig  als  Englands
  getreue  Kunden.  Während  der  letzten  drei  Jahre  hatte  er  aus
Hamburg  allein  44  Mill.  Francs  erpreßt;  auf  die  Klage  über  den  Untergang
  des  Handels  hieß  es  höhnisch:  „um  so  besser!  dann  könnt  Ihr
nicht  mehr  Englands  Geschäfte  besorgen!“  Im  Herbst  1809  verhandelte
er  mit  den  drei  Städten  zu  Hamburg  durch  seinen  vielgewandten  Reinhard:
  sie  sollten  zusammen  einen  halbsouveränen  Staat  des  Rheinbundes
bilden  unter  der  Aufsicht  von  drei  kaiserlichen  Beamten.  Die  Hanseaten
jedoch  erhoben  Bedenken,  statt  rasch  zuzugreifen,  wie  ihnen  ihr  kluger
Landsmann  Smidt  gerathen  hatte.  Sie  verlangten  die  volle  Souveränität,
  sowie  das  Recht  freien  diplomatischen  Verkehres,  sie  wollten  ihr
Rheinbunds-Contingent  durch  Geldzahlungen  abkaufen  und  hofften  eine
Zeit  lang  um  so  zuversichtlicher  auf  die  Erfüllung  ihrer  Wünsche,  da
inzwischen  (1.  März  1810)  Nord-Hannover  „für  immer“  mit  dem  Königreich
  Westphalen  vereinigt  wurde.

Bald  aber  wurde  der  Imperator  wieder  anderen  Sinnes.  Eine  neue
Dünenbildung  sollte  aus  dem  Flugsande  dieser  zertrümmerten  Staatenwelt
  emporsteigen.  Napoleon  entthronte  seinen  Bruder  Ludwig  von
Holland,  riß  das  Münsterland  von  dem  bergischen  Herzogthume  ab,  nahm
das  soeben  an  Jerome  verschenkte  nördliche  Hannover  wieder  zurück  und
vereinigte  alle  diese  Lande,  mitsammt  Oldenburg  und  den  Hansestädten,
mit  dem  Kaiserreiche  (10.  December  1810).  Das  Alles  war  einfach  „durch
die  Umstände  geboten.“  Zu  den  sieben  deutschen  Departements  des  linken
Rheinufers  traten  fünf  niederdeutsche  hinzu.  Die  Marken  der  unmittelbaren
  Herrschaft  des  Kaisers  erstreckten  sich  im  Süden  bis  über  Rom
hinaus,  im  Norden  bei  Lübeck  bis  an  die  Ostsee.  Durch  den  Besitz  der
gesammten  Nordseeküste  schien  die  Durchführung  der  Continentalsperre
endlich  gesichert.  Ein  Kanal,  binnen  fünf  Jahren  zu  vollenden,  sollte  den
Strand  der  Ostsee  mit  der  Hauptstadt  der  Welt  verbinden.  Blieb  das
Glück  dem  Vermessenen  hold,  so  war  die  Einverleibung  noch  anderer
deutscher  Lande  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit;  besaß  der  Imperator  doch
bereits  tief  im  Innern  der  Rheinbundsstaaten  eine  Menge  von  Domänen,
die  er  theils  sich  selber  vorbehielt,  theils  an  seine  Würdenträger  als  Dotationen
  vertheilte.  Schon  mehrmals  hatte  das  Geschick  den  Trunkenen
an  die  Schranken  alles  irdischen  Wollens  erinnert:  bei  Eylau,  bei  Aspern
und  in  Spanien.  Er  achtete  es  nicht.  Sein  Reich  war  jetzt  größer  denn
je,  seine  Träume  flogen  bis  über  die  Grenzen  des  Menschlichen  hinaus.
Er  beklagte  bitter,  daß  er  sich  nicht,  wie  einst  Alexander,  für  den  Sohn
eines  Gottes  ausgeben  könne:  „jedes  Fischweib  würde  mich  auslachen;
die  Welt  ist  heute  zu  aufgeklärt,  es  giebt  nichts  Großes  mehr  zu  thun!“
Die  Einverleibung  von  Spanien  und  Italien  war  längst  beschlossene
Sache.  Nur  noch  ein  letzter  siegreicher  Vormarsch  Massena's  gegen  Lissa-
        <pb n="375" />
        Einverleibung  der  Nordseeküste.  365

bon;  dann  sollte  ein  kaiserliches  Decret,  das  bereits  fertig  vorlag,  den
Völkern  der  iberischen  Halbinsel  verkünden,  daß  auch  sie  jetzt  dem  großen
Reiche  angehörten  und  ihr  Kaiser  Herr  sei  über  alle  Küsten  vom  Sunde
bis  zu  den  Dardanellen:  „Der  Dreizack  wird  sich  mit  dem  Schwerte  ver—
einen  und  Neptun  sich  mit  Mars  verbinden  zur  Errichtung  des  römischen
Reiches  unserer  Tage.  Vom  Rhein  bis  zum  atlantischen  Ocean,  von
der  Schelde  bis  zum  adriatischen  Meer  wird  es  nur  ein  Volk,  einen
Willen,  eine  Sprache  geben!“  —

So  war  die  Lage  der  Welt,  als  Hardenberg  die  Leitung  der  preußischen
  Politik  übernahm.  Wenige  Wochen  nach  seinem  Eintritt  traf  den
Monarchen  ein  erschütternder  Schlag;  Königin  Luise  starb  gebrochenen
Herzens,  sie  schwand  dahin  wie  die  Blume,  die  des  Lichts  entbehrt.  Ihre
letzten  Sorgen  noch  hatten  dem  Vaterlande  gegolten,  Hardenberg's  Rückkehr
  war  zum  guten  Theile  ihr  Werk.  Dem  Wittwer  blieb  eine  namenlose
  Wehmuth  im  Herzen  zurück;  niemals  konnte  er  der  Entschlafenen
vergessen,  niemals  hat  er  das  volle  freudige  Gefühl  der  Lebenslust  wiedergefunden.
  Das  treue  Volk  trauerte  mit  ihm.  So  viel  Raub,  Hohn  und
Schmach  hatte  man  ertragen;  und  nun  war  sie  auch  noch  hingegangen,
zu  Tode  gequält  von  dem  rohen  Sieger,  die  Holdeste  und  Edelste  der
deutschen  Frauen!  Die  alte  fromme  Ehrfurcht  der  Germanen  vor  der
Würde  des  Weibes  ward  wieder  rege;  mit  schwärmerischer  Andacht  schaute
dies  romantische  Geschlecht  zu  dem  Bilde  der  Verklärten  empor,  und  zu
all  den  zornigen  Gedanken,  die  der  preußischen  Jugend  das  Herz  bewegten,
gesellte  sich  jetzt  noch  der  Entschluß  den  Schatten  dieser  hohen  Frau  zu
rächen.  Auf  Aller  Lippen  war  das  stolze  Wort,  das  sie  einst  in  den  Tagen
der  höchsten  Noth  gesprochen:  „wir  gehen  unter  mit  Ehren,  geachtet  von
Nationen,  und  werden  ewig  Freunde  haben  weil  wir  sie  verdienen!“

Hardenberg  hatte  das  sechzigste  Lebensjahr  bereits  vollendet;  er  brachte
freilich  nicht  die  ungebrochene  Lebenskraft,  doch  den  zuversichtlichen  Muth
eines  Jünglings  mit  in  sein  schweres  Amt.  Ein  vornehmer  Herr  aus
altem  reichem  Hause,  wie  Stein,  war  er  von  diesem  durch  Charakter,
Lebensansicht,  Bildungsgang  weit  geschieden.  Die  Schwächen  des  Einen
lagen  genan  da  wo  der  Andere  seine  Stärke  zeigte,  und  nicht  zufällig
entstand  allmählich  zwischen  den  beiden  Reformern  jene  Abneigung,  die
zuerst  von  Stein  mit  leidenschaftlicher  Heftigkeit  ausgesprochen,  nachher
von  Hardenberg  etwas  gutmüthiger  erwidert  wurde.  Weniger  gründlich,
aber  vielseitiger  gebildet  als  der  Reichsritter  hatte  Hardenberg  schon  in
seinen  lockeren  Studenten=  und  Reisejahren  die  Welt  von  allen  Seiten
her  kennen  gelernt,  mit  Menschen  jeden  Schlages,  auch  mit  dem  jungen
Goethe,  munter  und  geistreich  verkehrt.  Die  Aufklärungsphilosophie  des
alten  Jahrhunderts  ergriff  ihn  weit  stärker  als  jenen  gläubigen  Urgermanen;
sein  religiöses  Gefühl  blieb  immer  schwach,  seine  Duldsamkeit  ehrlich  und
ohne  Grenzen.  Er  sah  das  Leben  an  wie  ein  lustiger,  feingebildeter  Marquis
        <pb n="376" />
        366  I.  3.  Preußens  Erhebung.

der  guten  alten  bourbonischen  Zeit.  Das  Geld  wollte  zwischen  seinen
Fingern  niemals  haften;  ein  großes  Vermögen  war  rasch  durchgebracht.
Bis  in  das  höchste  Alter  verfolgten  ihn  ärgerliche  häusliche  Händel  und
frivole  Abenteuer  mit  schlechten  Weibern.  In  seinem  Auftreten  lag  gar
nichts  von  der  überwältigenden  Kraft  und  Großheit  Stein's;  doch  er  war
noch  immer  ein  schöner  Mann  mit  hellen,  gütigen  blauen  Augen,  mit  einem
herzgewinnenden  Lächeln  um  den  geistreichen  Mund  —  eine  Erscheinung  verführerisch
  für  jede  Frau,  anmuthig  und  gewandt  in  allen  Bewegungen,
dabei  immer  heiter  und  harmlos  witzig,  ein  Meister  in  der  Kunst  die  Menschen
zu  behandeln.  Und  diese  bestrickende  Liebenswürdigkeit  kam  wirklich  aus
einem  guten,  menschenfreundlichen  Herzen.  Durchaus  wahr  schildert  er  einmal
  sich  selber  in  seinem  Tagebuche:  „ich  seufze  über  meine  Schwächen,  aber
wenn  sie  Tadel  verdienen,  so  tröste  und  erhebe  ich  mich  an  dem  Gefühle  des
Wohlwollens,  das  den  Grund  meines  Charakters  bildet.““")  Einen  Jeden
nahm  er  von  der  besten  Seite,  dem  Könige  trat  er  mit  einer  ehrfurchtsvollen
  Zartheit  entgegen,  die  dem  gebeugten  Monarchen  in  tiefster  Seele  wohl
that,  und  auch  als  mit  den  Jahren  seine  unglückliche  Taubheit  zunahm  blieb
sein  freundliches  Herz  ganz  frei  von  dem  natürlichen  Fehler  der  Schwerhörigen,
  dem  Mißtrauen.  Wirklichen  Haß  hat  er  vielleicht  nur  gegen  einen
Menschen  gehegt,  gegen  Wilhelm  Humboldt;  der  blieb  ihm  verdächtig,  „falsch
wie  Galgenholz,“  und  niemals  wollte  er  diesen  sonderbaren  Argwohn  aufgeben,
der  irgendwelche  bisher  unbekannte  persönliche  Gründe  gehabt  haben  muß.

Die  aristokratischen  Vorurtheile  seines  hannoverschen  Heimathlandes
berührten  ihn  wenig.  Seinen  Platz  auf  den  Höhen  der  Gesellschaft  nahm
er  als  ein  selbstverständliches  Recht  in  Anspruch,  doch  im  täglichen  Verkehre
  liebte  er  eine  plebejische  Umgebung,  worunter  einzelne  Talente,  wie
Rother,  aber  noch  mehr  unwürdige  Gesellen,  die  seine  offene  Hand  mißbrauchten;
  hier  war  er  der  Herr  und  konnte  sich  gehen  lassen.  Auch  in
seinen  politischen  Ueberzeugungen  verleugnete  Hardenberg  die  Schule  der
französischen  Aufklärung  nicht.  Eine  Nacht  des  vierten  August  für  Preußen,
nicht  durch  die  stürmischen  Leidenschaften  der  Nation,  sondern  von  oben
her  durch  den  besonnenen  Willen  der  Krone  herbeigeführt  —  das  war
von  jeher  sein  Herzenswunsch.  In  dem  neuen  Königreich  Westphalen
fand  er  sein  Staatsideal  nahezu  verwirklicht,  nur  daß  in  Preußen  Alles
gerechter  und  ehrlicher  zugehen  sollte.  Der  echt  deutsche  Grundgedanke
des  Stein'schen  Reformwerks,  die  Idee  der  Selbstverwaltung  ließ  ihn
immer  kalt;  ja  er  faßte  mit  den  Jahren  fast  eine  Abneigung  dawider,
da  er  den  erbitterten  Gegnern  seiner  socialen  Reformen,  den  märkischen
Junkern,  die  Fähigkeit  zur  Verwaltung  des  flachen  Landes  nicht  zutraute.
Eine  wohlgeordnete  Bureaukratie,  beschränkt  und  berathen  durch  eine  nicht
allzu  mächtige  reichsständische  Versammlung,  sollte  das  freie  Spiel  der
entfesselten  socialen  Kräfte  in  Ordnung  halten.

)  Journal  de  Hardenberg,  zum  Jahresanfang  1810.
        <pb n="377" />
        Hardenberg.  367

Hardenberg  hatte  zuerst  im  welfischen  Staatsdienste,  nachher  in
Franken  jahrelang  eine  schwierige  Landesverwaltung  geleitet;  sobald  es
ihm  behagte  sich  um  die  Geschäfte  zu  bekümmern,  fand  er  sich  rasch  auf
den  entlegensten  Gebieten  zurecht.  Er  arbeitete  erstaunlich  leicht;  seine
Entscheidungen,  die  er  mit  klaren,  eleganten  Schriftzügen,  in  gewandtem,
durchaus  modernem  Deutsch  an  den  Rand  der  Acten  schrieb,  trafen  immer
den  Nagel  auf  den  Kopf.  Doch  jene  liebevolle  Freude  am  Detail,  die
den  großen  Verwaltungsbeamten  macht,  hat  er  sich  nie  angeeignet;  er
gefiel  sich  in  einem  vornehmen  Dilettantismus.  Die  laufenden  Geschäfte
überließ  er  gern  den  aufgeklärten  jungen  Beamten,  die  er  sich  in  Franken
herangezogen;  die  Finanzfragen  behandelte  er  im  häuslichen  wie  im  öffent—
lichen  Leben  mit  der  Gleichgültigkeit  des  vornehmen  Herrn.  Seine  Stärke
war  die  diplomatische  Thätigkeit.  Wenige  verstanden  wie  er,  mit  sicherem
Blicke  den  rechten  Augenblick  abzuwarten,  in  der  peinlichsten  Lage  findig
und  hoffnungsvoll  immer  einen  neuen  Ausweg  zu  entdecken,  in  allen
Windungen  und  Wendungen  einer  finassirenden  Politik  unverrückt  dasselbe
Ziel  im  Auge  zu  behalten.  Selbst  in  diesem  seinem  eigensten  Berufe  be—
irrte  ihn  freilich  oft  ein  bequemer  Leichtsinn,  eine  gutherzige  Großmuth,
die  es  nicht  der  Mühe  werth  hielt  mit  pedantischer  Genauigkeit  unerläß—
liche  Forderungen  festzuhalten.  Schwer  hatte  er  sich  einst  versündigt  durch
sein  Vertrauen  auf  Frankreichs  Freundschaft.  Jetzt  durch  eine  grausame
Erfahrung  von  den  alten  Täuschungen  gründlich  geheilt,  richtete  er  all
sein  Dichten  und  Trachten  auf  den  Kampf  der  Befreiung.  Wie  oft  hat
er  dem  Grafen  St.  Marsan  in's  Gesicht  gesagt,  daß  Preußen  entschlossen
sei  mit  dem  Degen  in  der  Hand  zu  siegen  oder  zu  fallen.  Aber  nur  im
günstigen  Augenblicke,  nach  genügender  diplomatischer  Vorbereitung  durfte
der  verzweifelte  Krieg  gewagt  werden.  Hardenberg  war  hochherzig  genug,
jahrelang  „eine  ungeheure  Verkennung“  von  Seiten  der  Besten  der  Nation
schweigend  zu  ertragen;  und,  fügte  er  mit  gerechtem  Selbstgefühle  hinzu,
„dazu  gehört  mehr  Muth  als  um  einer  Batterie  entgegenzugehen.“

Er  war  ein  Preuße  vom  Wirbel  bis  zur  Zehe;  weit  tiefer  als  Stein
hatte  er  sich  mit  der  Staatsgesinnung  seines  selbstgewählten  Vaterlandes
erfüllt.  Auch  in  den  Tagen  seiner  napoleonischen  Träume  blieb  Preußens
Größe  sein  höchstes  Ziel,  und  ohne  jedes  Bedenken  rieth  er  zur  Einverleibung
  seiner  welfischen  Heimathlande,  weil  sie  für  Preußen  unentbehrlich
seien.  So  innig  er  auch  sein  großes  Vaterland  liebte,  mit  der  idealen
Größe  des  deutschen  Volksgeistes  wollte  er  den  Kampf  gegen  die  harte
Wirklichkeit  des  napoleonischen  Reichs  nicht  beginnen;  alle  phantastische
Deutschthümelei  lag  seiner  Besonnenheit  fern.  Er  rechnete,  ruhiger  als
Stein,  immer  nur  mit  diesem  gegebenen  preußischen  Staate;  nur  ein
Bund  dieser  Monarchie  mit  Oesterreich,  das  stand  ihm  fest  seit  den
Bartensteiner  Tagen,  konnte  das  Weltreich  zerschmettern.

In  Braunschweig,  in  Franken  und  nachher  als  Cabinetsminister
        <pb n="378" />
        368  I.  3.  Preußens  Erhebung.

während  des  ostpreußischen  Feldzugs  hatte  er  ein  nahezu  unumschränktes
Regiment  geführt.  So  war  durch  die  Gewohnheit  des  Befehlens  nach
und  nach  ein  eigenrichtiger,  herrschsüchtiger  Zug  in  seinen  Charakter  gekommen,
  der  zu  seiner  heiteren  Liebenswürdigkeit  wenig  stimmte,  doch  mit
den  Jahren  sich  verschärfte.  Menschlich  genug,  daß  er  das  Bedürfniß
fühlte,  sich  wegen  der  vergangenen  Irrthümer  vor  der  Nachwelt  zu  rechtfertigen
  und  in  seinen  Denkwürdigkeiten,  nicht  immer  ganz  ehrlich,  alle
Schuld  der  Katastrophe  des  alten  Staates  auf  andere  Schultern  abzuwälzen
  suchte.  Aber  auch  in  den  Tagebüchern,  die  nur  für  sein  eigenes
Auge  bestimmt  waren,  begegnet  uns  fast  niemals  das  Eingeständniß  eines
Irrthums;  wer  ihm  widerspricht,  wird  mit  schnöden  Worten  abgefertigt,
auch  den  König  selbst  trifft  oft  wegwerfender  Tadel,  und  doch  hatte
Friedrich  Wilhelm's  Nüchternheit  bei  solchen  Streitigkeiten  fast  immer
recht!  Hardenberg  blieb  sein  Lebelang  in  dem  völlig  grundlosen  Wahne,
seine  Rigaer  Denkschrift  vom  Herbste  1807  bilde  eigentlich  den  Ausgangspunkt
  für  das  preußische  Reformwerk;  er  äußerte  oft  mit  Bitterkeit,
Andere  hätten  ihm  den  wohlverdienten  Ruhm  hinweggenommen.  Die
Seelengröße  Stein's  hat  an  Fragen  dieser  Art  nie  gedacht.

Als  Hardenberg  jetzt  in  die  Geschäfte  zurückgerufen  wurde,  bedang
er  sich  eine  Machtvollkommenheit  aus,  die  allerdings  zum  Theile  durch
die  Nothlage  des  Staates  geboten  war,  aber  weit  über  das  Nothwendige
hinausging  und  allen  Traditionen  des  preußischen  Beamtenthums  widersprach.
  Er  wurde  Staatskanzler,  erhielt  die  oberste  Leitung  des  gesammten
  Staatswesens,  übernahm  die  Ministerien  des  Innern  und  der  Finanzen
  unmittelbar,  und  da  auch  der  Minister  des  Auswärtigen,  Graf  Goltz
in  Allem  und  Jedem  den  Befehlen  des  Kanzlers  zu  folgen  hatte,  so
blieben  nur  die  Justiz  und  das  Kriegswesen  in  einiger  Selbständigkeit.
Ein  festes  Gehalt  nahm  der  Staatskanzler  nicht  an;  die  Generalstaatskasse
  zahlte  was  er  brauchte.  Wie  die  Dinge  lagen  war  es  ein  heilvolles
Geschick  für  Preußen,  daß  diese  in  jedem  Sinne  leichtere  Natur  jetzt  die
Erbschaft  des  Freiherrn  vom  Stein  antrat.  Der  Jünger  der  neufranzösischen
  Philosophie  konnte  dreister,  als  es  der  Reichsritter  vermocht  hätte,
die  nothwendigen  Folgerungen  ziehen  aus  den  Gesetzen  des  Jahres  1808;
die  Verschlagenheit  des  Diplomaten  konnte  gewandter  als  Stein's  dämonische
  Leidenschaft  durch  kluges  Laviren  die  deutschen  Dinge  hinhalten
bis  der  offene  Kampf  möglich  wurde.

Die  erste  Sorge  des  Staatskanzlers  ging,  wie  natürlich,  auf  die
Abtragung  der  Contribution  und  die  Wiederherstellung  des  Finanzwesens,
und  in  diesen  technischen  Fragen  zeigte  sich's  sogleich,  wie  gänzlich  ihm  die
sichere  Sachkenntniß  Stein's  abging.  Nach  der  Weise  geistreicher  leichtblütiger
  Dilettanten  war  er  sehr  empfänglich  für  weit  aussehende  Projecte,
  wenn  sie  mit  dem  Anspruche  theoretischer  Unfehlbarkeit  auftraten.
Da  zu  jener  Zeit  alle  Welt  für  die  wunderbaren  Leistungen  der  Bank
        <pb n="379" />
        Hardenberg's  Finanzpläne.  369

von  England  schwärmte,  so  dachte  er  auch  in  diesem  unglücklichen  Preu—
ßen,  dem  augenblicklich  alle  Vorbedingungen  für  eine  große  Creditan—
stalt  fehlten,  eine  Nationalbank  zu  gründen  und  mit  ihrer  Hilfe  die
gesammten  Schulden  des  Staates  und  der  Provinzen  zu  consolidiren.
Außerdem  sollten  zwei  Anleihen,  im  Inlande  und  im  Auslande,  sowie  die
Ausgabe  von  26  Mill.  Thlr.  Tresorscheinen  dem  Staate  die  Baarmittel
zur  Abtragung  der  Kriegsschuld  verschaffen;  auch  einige  neue  Steuern
waren  beabsichtigt,  nur  nicht  eine  Einkommensteuer,  weil  „die  Opinion“
gar  zu  laut  dawider  spreche.  Mit  schlagenden  Gründen  wies  Niebuhr
die  Hohlheit  dieses  Planes  nach:  es  sei  ein  Unglück,  daß  an  die  Vermeh—
rung  der  Tresorscheine  auch  nur  gedacht  werde,  den  heiligen  Verspre—
chungen  der  Krone  zuwider;  und  woher  sollten  die  fünfzehn  Millionen
kommen,  welche  der  Staatskanzler  von  seinen  Anlehen  erwarte?  Hatte
Niebuhr  doch  selbst  soeben  nach  langen  peinlichen  Verhandlungen  unter
sehr  demüthigenden  Bedingungen  eine  kleine  Anleihe  in  Holland  zu
Stande  gebracht  —  die  einzige,  welche  das  Ausland  während  dieser
ganzen  Zeit  der  creditlosen  Monarchie  gewährte!  Der  feinfühlige  Ge—
lehrte  war  in  seinem  Gewissen  verletzt  durch  die  schwindelhafte  Ober—
flächlichkeit  der  Hardenbergischen  Pläne;  er  wollte  nicht  sehen,  daß  der
leichtlebige  Staatskanzler  auf  die  Einzelheiten  des  Entwurfs  gar  keinen
Werth  legte,  und  nahm  zornig  seinen  Abschied.  Auch  Schön  verweigerte
seine  Mitwirkung,  da  er  Niebuhr's  technische  Bedenken  theilte  und  nur
als  selbständiger,  vom  Staatskanzler  unabhängiger  Minister  eintreten
wollte;  der  consequente  Kantianer  dachte  überdies  sogleich  Stein's  poli—
tisches  Testament  vollständig  zu  verwirklichen  und  schalt  auf  den  „hanno—
verschen  Junker“,  als  Hardenberg  behutsam  einige  Bedenken  erhob.

So  entspannen  sich  gleich  beim  Eintritt  des  Staatskanzlers  jene
leidenschaftlichen  Kämpfe  im  Kreise  des  hohen  Beamtenthums,  welche  seitdem
  bis  zu  Hardenberg's  Tode  den  sicheren  Gang  des  Staates  so  oft  gefährdet
  haben.  Schroff  und  hart  platzten  diese  reichen  Naturen  auf  einander,
  treffliche  Männer,  die  im  Grunde  Alle  dasselbe  wollten,  aber  jeder
auf  seine  Weise.  Seit  Stein's  Abgang  fehlte  der  überlegene  Charakter,  der
die  Unbändigen  bemeistern  konnte.  Die  hervorragenden  Talente  zogen
sich  nach  und  nach  von  der  Spitze  der  Regierung  in  die  Provinzialbehörden
  zurück;  der  einzige  Finanzmann  der  Monarchie,  der  den  ungeheuren
  Schwierigkeiten  der  Lage  gewachsen  war,  Maassen,  wurde  noch
nicht  nach  seinem  ganzen  Werthe  gewürdigt.  Hardenberg  fand  es  bald
bequem,  sich  mit  ergebenen  Werkzeugen,  wie  Scharnweber  und  Jordan,
zu  behelfen,  erlaubte  auch  eine  Zeit  lang  dem  wackeren  jungen  Gelehrten
  F.  von  Raumer  eine  Rolle  zu  spielen,  welche  weit  über  das  Maß
seines  Talentes  und  seiner  praktischen  Erfahrungen  hinausging.  Inzwischen
hatte  er  den  König  auf  einer  Reise  nach  Schlesien  begleitet,  dort  mit
Stein,  in  einer  geheimen  Zusammenkunft  an  der  böhmischen  Grenze

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  24.
        <pb n="380" />
        370  I.  3.  Preußens  Erhebung.

seine  Finanzpläne  besprochen  und  aus  der  begeisterten  Freude,  welche
dem  Monarchen  überall  entgegen  jubelte,  neue  Zuversicht  geschöpft:  „ein
Wort  von  Ew.  Majestät  wirkt  mehr  als  Alles.“

Frischen  Muthes  entfaltete  er  nach  der  Heimkehr  eine  erstaunliche
Thätigkeit.  Zunächst  wurde  durch  die  Verordnung  vom  27.  October  1810
die  Vollgewalt  des  Staatskanzlers  gesetzlich  festgestellt.  Die  fünf  Ministerien
blieben  bestehen,  doch  als  Untergebene  des  Kanzlers;  der  von  Stein  geplante
  Staatsrath  wurde  endlich,  auf  dem  Papiere  mindestens,  gebildet,
doch  in  so  bescheidener  Gestalt,  daß  er  der  Allmacht  des  Kanzlers  nicht
bedrohlich  werden  konnte;  das  soeben  erst  neu  geschaffene  Amt  der  Oberpräsidenten
  fiel  hinweg,  die  Regierungen  sollten  wie  Napoleon's  Präfecten
unmittelbar  unter  der  Centralverwaltung  stehen.  So  verrieth  sich  schon
hier  ein  scharf  bureaukratischer  Zug;  an  einem  selbständigen  Leben  der
Provinzen  lag  dem  Staatskanzler  wenig.  Am  nämlichen  Tage  erschien
das  Edict  über  die  Finanzen  des  Staates  —  ein  Gesetz,  dessen  gleichen
die  preußische  Monarchie  noch  nie  gesehen,  nach  Form  und  Inhalt  ein
denkwürdiges  Zeugniß  für  die  unternehmende  Leichtfertigkeit  des  geistreichen
Cavaliers,  der  jetzt  die  Zügel  hielt.  Während  Stein's  Gesetze  immer  nur
eine  bestimmte  Frage  in's  Auge  faßten  und  diese  durch  umsichtige,  gründliche
  Vorschriften  nach  allen  Seiten  hin  erledigten,  überschüttete  das  neue
Finanzedict  die  Nation  mit  einem  Sturzbade  herrlicher  Versprechungen.
Von  der  Nationalbank,  den  Tresorscheinen  und  den  anderen  gleißenden
Projecten  des  vergangenen  Sommers  war  der  Staatskanzler  freilich  zurückgekommen;
  dafür  entrollte  er  das  Programm  einer  großartigen  Steuerreform
  „zur  Rettung  des  Landes“.  Er  versprach,  daß  fortan  „alle  Auflagen
  nach  gleichen  Grundsätzen  von  Jedermann  zu  tragen“  seien,  versprach
  ein  neues  Kataster  und  die  Ausgleichung  der  in  den  einzelnen
Landestheilen  grundverschiedenen  Grundsteuern,  er  versprach  die  völlige
Gewerbefreiheit,  die  Secularisation  der  geistlichen  Güter,  die  Vereinigung
der  gesammten  Kriegsschulden  des  Staates  und  der  Provinzen,  ebenso  die
Einführung  allgemeiner  Consumtions=  und  Luxussteuern  und  ließ  endlich
nach  allen  diesen  Versicherungen  den  König  noch  erklären:  Seine  Majestät
behalte  sich  vor  „der  Nation  eine  zweckmäßig  eingerichtete  Repräsentation
sowohl  in  den  Provinzen  als  für  das  Ganze  zu  geben.  So  wird  sich
das  Band  der  Liebe  und  des  Vertrauens  zwischen  Uns  und  Unserem
treuen  Volke  immer  fester  knüpfen!“  Welch  ein  Leichtsinn:  die  Krone
also  feierliche  Versprechungen  geben  zu  lassen,  deren  Sinn  und  Umfang
sie,  wie  sich  bald  genug  herausstellte,  noch  gar  nicht  beurtheilen  konntel
Als  einzige  Entschuldigung  für  diese  in  Preußen  unerhörte  Leichtfertigkeit
wußte  Hardenberg  nur  vorzubringen,  daß  man  dem  gefährlichen  westphälischen
  Nachbar  in  der  Gunst  der  Opinion  den  Rang  ablaufen  müssel

Einige  jener  Versprechungen  löste  der  Staatskanzler  in  der  That  sofort
  ein.  Schon  am  nächsten  Tage  wurde  eine  allgemeine  Luxussteuer  für
        <pb n="381" />
        Die  Reformen  vom  Herbst  1810.  371

Jedermann,  von  Dienstboten,  Pferden,  Hunden  und  Wagen,  angeordnet,
desgleichen  eine  Consumtionssteuer  von  etwa  zehn  der  gangbarsten  Ver—
zehrungsartikel,  Fleisch,  Mehl,  Bier  u.  s.  f,  für  die  Städte  wie  für  das
flache  Land.  Man  beabsichtigte  dadurch  die  alte  Accise,  welche  die  Städte
von  den  Dörfern  absperrte,  zu  Falle  zu  bringen;  doch  namentlich  die
Mahlsteuer  begegnete  bei  dem  Landvolke  einem  unbezwinglichen  Widerstande.
  Die  Bauern  in  Altpreußen  hatten,  seit  Stein  den  Mühlenzwang
  aufgehoben,  viele  neue  Windmühlen  erbaut  und  sich  an  den  Gebrauch
  der  Handmühlen  gewöhnt;  sie  beharrten  störrisch  bei  ihrer  neuen
Freiheit,  es  kam  mehrfach  zu  Widersetzlichkeit  und  Aufruhr;  die  armen
Leute  in  Litthauen  und  Westpreußen  aßen  Teig  statt  des  Brotes,  um  die
Mahlsteuer  zu  ersparen.  Der  Staatskanzler  mußte  bald  einsehen,  daß
er  Unmögliches  befohlen  hatte.  Am  30.  October  folgte  die  Secularisation
aller  geistlichen  Güter  —  ein  nothwendiger  Gewaltstreich,  den  der  Gesetzgeber
  rechtfertigte  durch  „den  allgemeinen  Zeitgeist",  durch  das  Beispiel
der  Nachbarstaaten  und  vornehmlich  durch  das  Gebot  der  Gerechtigkeit,
da  das  Vermögen  der  getreuen  Unterthanen  nicht  unbillig  angespannt
werden  dürfe.  Die  Maßregel  wirkte  wenig  in  den  altprotestantischen
Provinzen,  deren  Kirchengut  bis  auf  geringe  Reste  schon  seit  Jahrhunderten
eingezogen  war.  Um  so  tiefer  griff  sie  in  Schlesien  ein,  wo  das  Bisthum
  Breslau,  das  Kloster  Grüssau  und  andere  Stifter  sich  noch  von
den  österreichischen  Zeiten  her  einen  fürstlichen  Reichthum  bewahrt  hatten.
Einen  Theil  der  secularisirten  Güter  verwendete  man  für  Unterrichtszwecke,
  namentlich  für  die  Universität  Breslau;  was  man  verkaufte  gab
geringen  Ertrag,  da  das  vermehrte  Angebot  die  Güterpreise  drückte  und  in
dem  erschöpften  Lande  sich  wenig  Käufer  fanden.  Am  2.  November  endlich
  wurde  eine  allgemeine  Gewerbesteuer  nach  französisch-westphälischem
Muster  eingeführt:  jeder  unbescholtene  Volljährige  durfte  sich  gegen  die
gesetzliche  Gebühr  einen  Gewerbeschein  lösen,  nur  für  vierunddreißig  Gewerbszweige
  sollte  aus  Rücksichten  der  öffentlichen  Sicherheit  noch  ein  Nachweis
  besonderer  Befähigung  verlangt  werden.  Es  war  der  erste  Anfang
der  Gewerbefreiheit.  Gleich  darauf  erschien  die  neue  Gesindeordnung,  ein
humanes  Gesetz,  das  noch  heutzutage  den  gänzlich  veränderten  Verhältnissen
  der  dienenden  Klassen  im  Wesentlichen  entspricht,  damals  aber,
nachdem  der  harte  Gesindezwang  kaum  erst  aufgehoben  war,  als  eine
radicale  Neuerung  von  unerhörter  Kühnheit  erschien.

Dergestalt  hatte  die  Hardenbergische  Gesetzgebung  zum  ersten  male  ihr
Füllhorn  geöffnet  und  neben  einzelnen  tauben  Früchten  auch  einige  Gaben
von  bleibendem  Werthe  ausgeschüttet.  So  unsicher  die  Hand  des  Staatskanzlers
  in  den  finanziellen  Angelegenheiten  erschien,  ebenso  fest  stand  sein
Entschluß  die  bürgerliche  Rechtsgleichheit  und  die  Entfesselung  aller  wirthschaftlichen
  Kräfte  bis  in  ihre  letzten  Folgerungen  durchzusetzen.  Stein's
schöpferische  Ideen  eilten  der  Zeit  voraus,  wurden  nur  von  einem  kleinen

247
        <pb n="382" />
        372  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Kreise  ganz  verstanden.  Hardenberg's  Gedanken  lagen  näher  an  der  breiten
Heerstraße  des  Zeitalters  der  Revolution;  darum  fand  er  in  der  Presse
jederzeit  eine  lebhafte  Unterstützung,  deren  Stein  immer  entbehrte.  Unter
denen,  die  sein  Lob  sangen,  ging  die  Rede,  durch  die  Gesetze  dieser  großen
sieben  Tage  sei  ein  Kreis  umschrieben,  den  das  revolutionäre  Frankreich
erst  in  zwei  Jahren  durchlaufen  hätte  —  ein  Lob,  das  nachher  in  alle
Geschichtswerke  der  Schlosser'schen  Schule  übergegangen  ist.

In  Wahrheit  war  gerade  die  wichtigste  der  in  Aussicht  gestellten
Reformen,  die  gleichmäßige  Besteuerung  aller  Stände  vorläufig  nur  verheißen,
  nicht  erfüllt.  Aber  schon  diese  Verheißung  genügte  um  die  ganze
feudale  Partei  in  Aufruhr  zu  bringen.  Der  kurmärkische  Adel  hatte  die
Ernennung  des  Staatskanzlers  Anfangs  mit  Freuden  begrüßt,  da  man
von  Hardenberg  erwartete,  er  werde  die  Uebereilungen  Stein's  rückgängig
machen.  Sobald  der  neue  Regent  sein  wahres  Gesicht  zeigte,  brauste  ein
Sturm  der  Entrüstung  durch  die  Kreise  des  Landadels,  und  Hardenberg
wurde  bald  noch  leidenschaftlicher  angefeindet  als  vordem  Stein.  Eine
Fluth  von  Beschwerden  und  Bitten  wälzte  sich  an  den  Thron;  „es  giebt
bei  uns  keine  Hypotheken,  es  giebt  bei  uns  kein  Eigenthum  mehr,“  klagte
der  Ostpreuße  von  Domhardt  unter  heftigen  Verwünschungen  gegen  die
neuen  Nivelleurs  und  Jacobiner.)

Das  classische  Land  des  alten  Ständewesens  blieb  Brandenburg.
Nirgends  waren  die  ständischen  Institutionen  verrotteter,  nirgends  den
Ständen  theuerer.  In  den  Augen  dieses  stolzen  tapferen  Adels  galt  der
Pommer  und  der  Schlesier  noch  als  Ausländer.  Noch  einmal  erhob  sich  der
altständische  Particularismus  zu  offener  Fehde  gegen  die  Rechtsgleichheit
und  Staatseinheit  der  Monarchie.  Als  sein  Wortführer  trat,  so  prall
und  patzig  wie  einst  Conrad  von  Burgsdorff  wider  den  Großen  Kurfürsten,
der  Freiherr  von  der  Marwitz  auf  den  Plan  —  das  Urbild  des  brandenburgischen
  Junkers,  einer  der  tapfersten  Offiziere  und  der  tollste  Reiter
der  Armee,  grob,  schroff  und  knorrig,  ein  grunddeutscher  Mann  von
scharfem  Verstande  und  unbändigem  Freimuth,  voll  feuriger  Vaterlandsliebe
  aber  auch  voll  harter  Vorurtheile,  so  naiv  in  seinem  Standesstolze,
daß  er  an  die  rechtliche  Meinung  eines  Gegners  kaum  je  zu  glauben  vermochte.
  Seit  Langem  schon  lag  er  in  heftigem  Streite  mit  der  Potsdamer
Regierung,  weil  diese  dem  brandenburgischen  Landtage  einen  Theil  seiner
ständischen  Verwaltung,  namentlich  das  verwahrloste  Landarmenwesen  abnehmen
  wollte;  man  mußte  endlich  die  Landarmenkasse  gewaltsam  aufbrechen
und  nach  Potsdam  entführen,  der  trotzige  Mann  gab  die  Schlüssel  nicht  heraus.
  Die  neuen  Steuerpläne  erschienen  ihm  als  ein  frevelhafter  Bruch  des
alten  Landesrechts,  das  in  dem  kurbrandenburgischen  Landtags-Receß  von
1653  verbrieft  und  versiegelt  war.  Unablässig  bestürmten  die  Ritter  den

*)  Eingabe  v.  4.  Dec.  1810.  Aehnliche  Eingaben  aus  Altpreußen  von  v.  Hülsen,
v.  Brederlow  u.  A.
        <pb n="383" />
        Widerstand  des  Landadels.  373

Staatskanzler  mit  Protesten  und  Rechtsverwahrungen,  bald  Einzelne  allein,
bald  ganze  Landschaften,  doch  Niemand  häufiger  und  lauter  als  die  Stände
der  Lande  Lebus,  Beeskow  und  Storkow,  wo  Marwitz  hauste.  Auch  der
Romantiker  Adam  Müller  stellte  seine  Feder  den  Vorkämpfern  der  ständischen
  Libertät  zur  Verfügung.  Als  der  Staatskanzler  nach  seiner  bureaukratischen
  Weise  fragte,  woher  diese  Gutsbesitzer  das  Recht  nähmen
sich  Stände  zu  nennen,  da  antwortete  Marwitz"):  „die  Qualität  der
Landstandschaft  ist  uns  angeboren  so  gut  wie  unsere  Familiennamen,
und  wir  können  also  eigentlich  ebenso  wenig  angeben,  wodurch  wir  Stände
sind  als  wodurch  wir  unsere  angeborenen  Namen  führen!“  Die  Ritterschaft
  der  Priegnitz  —  voran  die  Herren  von  Quitzow  und  Wartensleben
—  erklärte'*):  „die  Kur=  und  Neumark  Brandenburg,  gleichsam  der  Kern
der  gesammten  preußischen  Monarchie,  hat  von  jeher  einen  besonderen,
von  den  übrigen  Provinzen  abgesonderten  Staat  gebildet,  welcher  seine
ihm  eigenthümliche  Verfassung  hat;“  sie  verlangte  demgemäß,  daß  kein
Steuergesetz  ohne  Genehmigung  der  Stände  erlassen  werde.

Der  unerschrockene  Reformer  ließ  sich  nicht  stören.  Die  allerdings
sehr  zweifelhafte  Rechtsfrage  bekümmerte  ihn  wenig;  war  doch  die  gesammte
Verfassung  der  neuen  preußischen  Monarchie  aus  der  Bekämpfung  der
altständischen  Rechte  hervorgegangen.  Ihm  genügte  die  Einsicht,  daß  die
Berufung  der  alten  Provinziallandtage  der  sichere  Untergang  der  neuen
Gesetze  war.  Um  die  Nation  von  der  Nothwendigkeit  des  Geschehenen
zu  überzeugen  und  sie  auf  weitere  Reformen  vorzubereiten,  wurde  am
23.  Februar  1811  eine  „Landesdeputirten-Versammlung“  in  Berlin  eröffnet?*“*):
  ein  Beamter  aus  jeder  der  acht  Provinzialregierungen,  achtzehn
  Ritter,  elf  Städter,  acht  Bauern,  sie  allesammt  von  der  Krone  ernannt.
  Da  die  erbitterten  Stände  von  Brandenburg  und  Pommern  sich
beschwerten  und  unaufgefordert  Abgeordnete  aus  ihrer  Mitte  sendeten,
ließ  der  Staatskanzler  auch  noch  einige  dieser  „Nebendeputirten“  zu.  Also
wurden  zum  ersten  male  seit  diese  Monarchie  bestand  Vertreter  aller  Landestheile
  zusammenberufen,  allein  nach  dem  Ermessen  der  Krone,  ohne  Rücksicht
  auf  die  ständischen  Rechte  und  Ansprüche  der  Territorien.  Der  Eintritt
  der  acht  bäuerlichen  Deputirten  galt  in  den  altständischen  Kreisen
als  das  erste  Signal  einer  furchtbaren  Umwälzung.  Mancher  der  Zeitgenossen
  erinnerte  sich  an  die  Versammlung  der  Notabeln  beim  Ausbruche
  der  französischen  Revolution;  doch  das  Ansehen  der  preußischen
Krone  stand  ungleich  fester  als  die  Macht  der  Bourbonen,  und  sie  gewährte
  ihren  Notabeln  von  Haus  aus  sehr  bescheidene  Befugnisse:  nur

 

*)  Eingabe  an  Hardenberg,  30.  Jan.  1811.
**)  Eingabe  an  den  König,  Perleberg  24.  Jan.  1811.
**“)  Ich  benutze  hier  u.  A.  den  im  Berliner  G.  St.  Archiv  verwahrten  Actenmäßigen
Bericht  über  die  Versammlung  der  ständischen  Landesdeputirten  von  1811  und  der  interimistischen
  Nationalrepräsentation  1812—15.  (Von  Riedel.  1841.)
        <pb n="384" />
        374  I.  3.  Preußens  Erhebung.

das  Recht  der  Berathung,  nicht  die  Mitentscheidung.  Stein's  Gesetzgebung
hatte  die  Grundlagen  des  großen  Reformwerks  längst  sicher  gestellt,  und
auch  die  Gesetze,  welche  Hardenberg  den  Landesdeputirten  vorlegte,  waren
zum  Theil  schon  vollendete  Thatsachen.

Der  Staatskanzler  versammelte  die  Deputirten  in  seiner  Wohnung
und  begrüßte  sie  sogleich  in  der  väterlichen  Weise  des  alten  Absolutismus:
wie  ein  guter  Vater  von  seinen  Kindern  so  verlange  der  König  von  seinem
geliebten  Volke  nicht  blinden  Gehorsam,  sondern  freie  Zustimmung  zu
seinen  wohlthätigen  Befehlen.  Darauf  wurden  vier  Abtheilungen  ge—
bildet,  unter  dem  Vorsitze  der  vier  anwesenden  Regierungspräsidenten;
jede  berieth  für  sich,  schickte  ihre  Protokolle  an  Hardenberg,  der  dann
nach  Belieben  noch  einzelne  Mitglieder  zu  sich  berief  und  endlich  dem
Monarchen  Bericht  erstattete.  Die  Versammlungen  erschienen  wie  eine
vertrauliche  Besprechung  mit  der  Person  des  höchsten  Beamten,  und  doch
wurden  sie  dem  Staatskanzler  bald  sehr  unbequem.  Eine  ganze  Welt
von  bedrohten  wirthschaftlichen  und  örtlichen  Interessen  erhob  sich  aufge—
scheucht;  gerechte  und  ungerechte  Klagen  schwirrten  hin  und  her;  keine
Spur  einer  Parteibildung,  nur  ein  krauses  Durcheinander  von  Lands—
mannschaften  und  ständischen  Gruppen.  Ueber  die  Härte  der  neuen  Mahl—
steuer  waren  die  Vertreter  des  flachen  Landes  einig;  die  beabsichtigte  Con—
solidation  der  Kriegsschulden  rief  stürmischen  Widerspruch  hervor,  da  die
Kurmark  tief  verschuldet  war,  während  Altpreußen  einen  großen  Theil
seiner  Kriegslasten  durch  Steuern  gedeckt  hatte.

Am  lautesten  lärmten  die  Vertreter  der  Ritterschaft;  sie  waren  ver—
traut  mit  der  neuen  englischen  Theorie,  wornach  die  Grundsteuer  den
Charakter  einer  Rente  trug,  behaupteten  steif  und  fest,  die  geplante  Ausgleichung
  der  Grundsteuer  sei  offenbarer  Raub.  Neben  dem  ehrlichen
Rechtsgefühle  spielte  auch  die  nackte  Selbstsucht  mit;  dieselbe  kurmärkische
Landschaft,  deren  Redner  so  zäh  an  dem  Rechtsboden  ihrer  alten  Freiheitsbriefe
  festhielten,  stellte  dem  Staatskanzler  unbedenklich  die  Zumuthung:
es  sollten  die  Klagen  ihrer  Gläubiger  durch  einen  königlichen  Machtbefehl
vorläufig  eingestellt  werden!“)  Währenddem  rückten  die  unaufhaltsamen
Stände  von  Lebus,  Beeskow  und  Storkow  mit  einer  neuen  Verwahrung
ihrer  „vertragsmäßigen  Exemtionen  und  Freiheiten“  heran.  Mit  groben,
unziemlichen  Worten  betheuerten  sie,  durch  die  neuen  Gesetze  werde  das
Grundgesetz  des  Staates  vernichtet,  und  fragten,  ob  man  das  alte  ehrliche
  brandenburgische  Preußen  in  einen  neumodischen  Judenstaat  verwandeln
  wolle.  Unter  den  Unterzeichnern  stand  Marwitz  natürlich  obenan;
  neben  ihm  der  alte  Graf  Finkenstein,  einer  jener  pflichtgetreuen
Richter,  welche  bei  dem  Processe  des  Müllers  Arnold  die  unverdiente
Ungnade  König  Friedrich's  erfahren  hatten.  Dem  Staatskanzler  riß

 

*)  Eingabe  der  kurmärkischen  Landschaft  v.  10.  Oct.  1810.
        <pb n="385" />
        Die  Landesdeputirten-Versammlung.  375

jetzt  die  Geduld;  er  ließ  die  beiden  ersten  Unterzeichner  ohne  Urtheil  und
Recht  nach  Spandau  auf  die  Festung  bringen.  Am  16.  September  schloß
er  dann  die  Versammlung  der  Landesdeputirten  und  zählte  noch  einmal
die  Grundgedanken  des  neuen  Systems  auf:  ein  Jeder  solle  frei  seine
Kräfte  benutzen,  Niemand  dürfe  einseitige  Lasten  tragen;  Gleichheit  Aller
vor  dem  Gesetze,  freie  Bahn  für  jedes  Verdienst;  Einheit  und  Ordnung
in  der  Verwaltung;  so  werde  in  Allen  ein  Nationalgeist,  ein  Interesse
und  ein  Sinn  geweckt  werden.  „Kehren  Sie  nun“  —  so  rief  er  endlich  aus
—  „in  Ihre  Provinzen  zurück  und  verbreiten  Sie  dort  den  guten  Geist,
der  Sie  selbst  beseelt.  Stärken  Sie  das  Vertrauen  zu  einer  Regierung,
die  es  so  redlich  meint!“  Seine  wirkliche  Meinung  entsprach  diesen  freundlichen
  Worten  keineswegs.  Vielmehr  zog  er,  und  gleich  ihm  der  König,
aus  dem  chaotischen  Hin=  und  Herreden  dieser  Notabeluversammlung  den
richtigen  Schluß,  daß  ein  allgemeiner  Landtag,  jetzt  berufen,  den  Fortgang
der  Reformen  hemmen  müsse.  So  stand  es:  nur  die  Machtvollkommenheit
  der  absoluten  Krone  konnte  dem  preußischen  Volke  den  Weg  zur
Freiheit  eröffnen.

Fast  gleichzeitig  mit  der  Entlassung  der  Landesdeputirten  erschien  die
zweite  große  Sturzwelle  der  Hardenbergischen  Gesetzgebung.  Das  Edict
vom  7.  Sept.  1811  über  die  Finanzen  berücksichtigte  einige  Wünsche  der
Landesdeputirten,  hob  das  Verbot  der  Handmühlen  sowie  die  Consumtionssteuer
  auf  dem  flachen  Lande  größtentheils  wieder  auf  und  belegte
statt  dessen  das  Landvolk  mit  einer  Kopfsteuer.  Dagegen  widersprach  das
am  selben  Tage  beschlossene  Gesetz  über  die  polizeilichen  Verhältnisse  der
Gewerbe  schnurstracks  den  Ansichten  der  Notabelnversammlung:  die  Krone
eilte  wieder  einmal  den  Anschauungen  des  Volkes  voraus,  sie  gewährte
vollständige  Gewerbefreiheit,  dergestalt  daß  Jeder,  der  einen  Gewerbeschein
löste,  Lehrlinze  und  Gesellen  halten,  jeder  Zünftler  aus  seiner  Innung
austreten,  jede  Zunft  durch  Mehrheitsbeschluß  oder  durch  den  Befehl  der
Landespolizeibehörde  aufgelöst  werden  durfte.  Es  war  ein  Schritt  von
radicaler  Verwegenheit.  Nicht  ohne  Grund  klagten  Stein  und  Vincke,  man
hätte  die  Zünfte,  statt  sie  aufzulösen,  vielmehr  in  einem  freien  Sinne
neugestalten  sollen.  Weit  überwiegend  blieb  gleichwohl  der  Segen  dieser
kühnen  Neuerung.  Der  kleine  Mann  genoß  fortan  in  Preußen  einer
wirthschaftlichen  Freiheit,  wie  nirgendwo  sonst  in  Deutschland,  und  obgleich
die  Verhältnisse  der  Kleingewerbe,  Dank  der  Zähigkeit  unserer  Alltagsgewohnheiten,
  sich  weit  weniger  veränderten  als  man  erwartete,  so  war
es  doch  wesentlich  der  Freiheit  des  gewerblichen  Lebens  zu  verdanken,  daß
die  Bevölkerung  der  Hauptstadt  selbst  in  diesen  Jahren  der  bitteren  Noth
unaufhaltsam  anwuchs.

Wie  dies  Gesetz  der  Städteordnung  Stein's  erst  den  Abschluß  brachte,
so  wurden  auch  die  agrarischen  Gesetze  des  Reichsritters  erst  vollendet
durch  die  beiden  Edicte  vom  14.  Sept.  1811  über  die  Regulirung  der
        <pb n="386" />
        376  I.  3.  Preußens  Erhebung.

bäuerlichen  Verhältnisse  und  über  die  Beförderung  der  Landescultur.  Dabei
hatte  Thaer's  kundige  Hand  die  Feder  mit  angesetzt.  Die  erblichen  Besitzer
von  bäuerlichen  Gütern  ohne  Eigenthumsrecht  sollten  das  volle  Eigenthum
an  ihrem  Gute  erlangen  gegen  die  Abtretung  von  einem  Drittel  ihres
Gutes  oder  gegen  eine  entsprechende  Rente;  wer  nur  die  nichterbliche
Nutznießung  an  seinem  Bauerngute  hatte,  konnte  durch  die  Abtretung
der  Hälfte  ein  freier  Eigenthümer  werden.  Das  Gesetz  schnitt  tief,  ja
grausam  ein  in  die  gewohnten  Verhältnisse;  sogar  einige  freie  Köpfe  des
Beamtenthums,  wie  Hippel,  fanden  den  Schritt  allzu  gewagt.  Die  Ritterschaft
  in  Pommern  besaß  etwa  260  Geviertmeilen,  davon  100  U□.  M.
bäuerliches  Land,  jetzt  wurden  ihrer  siebzig  freies  Eigenthum  der  Bauern.
Begreiflich,  daß  der  Adel  murrte,  auch  Stein  selber  schloß  sich  ihm  an.
Die  Lage  der  Grundherren  war  schon  längst  so  trostlos,  daß  sich  im
Jahre  1810  die  reichste  Gutsbesitzerin  in  Preußen  erbot,  ihre  Güter  gegen
eine  jährliche  Rente  von  2000  Thlr.  an  den  Staat  abzutreten;  ein  schlesischer
  Grundherr  machte  Bankrott,  obgleich  er  noch  einen  Werth  von
300,000  Thlr.  in  Grund  und  Boden  besaß.  Aber  auch  die  Bauern
lärmten.  Mehrmals  brachen  Unruhen  aus,  namentlich  in  Schlesien,
da  der  kleine  Mann  wähnte,  er  sei  mit  einem  male  aller  Pflichten  ledig;
die  Ablösung,  die  dem  Adel  unbillig  niedrig  schien,  wurde  von  den
Pflichtigen  viel  zu  hoch  gefunden.  Gleichwohl  ging  die  segensreiche  Reform
  vorwärts.  Sie  stand,  trotz  aller  äußeren  Aehnlichkeit,  in  scharfem
Gegensatze  zu  den  Gesetzen  der  französischen  Revolution,  da  die  Berechtigten
  ehrlich  entschädigt  wurden.  Ihre  Durchführung  wurde  wesentlich
gefördert  durch  das  Landesculturedict,  das  die  freie  Veräußerung  und
Theilung  der  Landgüter  gestattete:  dies  bleibe  „das  beste  Mittel,  die
Grundbesitzer  vor  Verschuldung  zu  bewahren,  ihnen  ein  dauerndes  Interesse
  für  Verbesserung  ihrer  Güter  zu  geben  und  die  Cultur  aller  Grundstücke
  zu  befördern"“".  Aus  vollem  Herzen  schloß  der  König,  es  sei  „für
sein  Gefühl  höchst  erfreulich,  daß  wir  endlich  dahin  gekommen  sind  alle
Theile  unserer  getreuen  Nation  in  einen  freien  Zustand  zu  versetzen  und
auch  den  geringsten  Klassen  die  Aussicht  auf  Glück  und  Wohlstand  eröffnen
  zu  können“.  Gegen  dieses  Edict  vornehmlich  richtete  sich  Stein'’s
Zorn.  Er  schalt,  nicht  ohne  die  gallige  Laune  des  Staatsmannes  außer
Diensten,  wider  dies  bureaukratische  Nivelliren  und  fürchtete,  die  freie
Theilbarkeit  der  Grundstücke  werde  die  Auskaufung,  die  Vernichtung  seines
geliebten  Bauernstandes  herbeiführen  —  eine  Besorgniß,  die  sich  doch  als
übertrieben  gezeigt  hat.

Hieran  schloß  sich  endlich  die  Emancipation  der  Juden,  welche  bisher
amtlich  noch  immer  als  „Judenknechte“  gegolten  hatten  (11.  März  1812):
wenn  sie  bleibende  Familiennamen  annahmen  und  sich  der  Wehrpflicht
unterwarfen,  so  wurden  sie,  wie  in  den  Ländern  des  Code  Napoleon,
vollberechtigte  Staatsbürger,  zu  jedem  Gewerbebetrieb  in  Stadt  und
        <pb n="387" />
        Gewerbefreiheit.  Agrargesetze.  377

Land,  auch  zu  den  akademischen,  den  Schul-  und  Gemeindeämtern  zu—
gelassen.  Unter  den  Jammerrufen  der  Feudalen  geschah  nun  die  große
Umtaufung  der  preußischen  Judenschaft.  Die  Levi,  Cohn  und  Jacobsohn
behielten  ihre  semitischen  Namen  bei,  die  Wolf  und  Kuh  begnügten  sich
mit  den  Spottnamen,  welche  ihnen  der  grausame  Volkshumor  der  Germanen
  angehängt,  die  Zwickauer  und  Bamberger  nannten  sich  einfach
nach  ihrer  Heimath;  jene  sinnige  Naturen  aber,  die  der  sanfte  Hauch
dieser  sentimentalen  Epoche  angeweht  hatte,  wählten  holdere  Namen  um
die  Schönheit  der  Seele  getreulich  auszudrücken,  also  daß  die  Thüren
unserer  Börsen  noch  heute  von  Blümchen,  Veilchen,  Nelken  und  Rosenzweigen
  dicht  umrankt  sind.

In  diesen  nothwendigen  socialen  Neuerungen  lag  die  Größe  der
Hardenbergischen  Reformen.  In  seinen  Finanzmaßregeln  dagegen  blieb
er  nach  wie  vor  unglücklich.  Den  Verkauf  der  Domänen  betrieb  er  mit
lebhaftem  Eifer,  theils  weil  er  baarer  Mittel  bedurfte,  theils  weil  ihn
seine  doctrinären  Rathgeber  von  der  Verwerflichkeit  alles  Staatsgrundbesitzes
  überzeugt  hatten:  in  Absicht  der  Domänen,  schrieb  F.  von  Raumer
kurzab,  ist  von  den  Briten  nur  zu  lernen,  daß  man  keine  haben  mußl
Doch  woher  sollten  die  Käufer  kommen  in  dem  verarmten  Lande?  Nach
fünftehalb  Jahren,  bis  zum  Juni  1813  waren  für  verkaufte  Staatsgüter
nur  786,000  Thlr.  baar  eingegangen,  dazu  über  6⅛  Mill.  in  werthlosen
  Papieren.  Da  auch  die  Consumtionssteuer  wenig  einbrachte  und  bald
zum  Theil  wieder  zurückgenommen  wurde,  so  konnte  Hardenberg,  der  mit
so  hoffnungsvollen  Finanzplänen  begonnen,  von  der  französischen  Schuld
nicht  mehr  abtragen  als  sein  schwerfälliger  Vorgänger  Altenstein:  im  April
1811  war  noch  fast  die  Hälfte  der  Contribution,  etwa  59  Mill.  Fr.
ungetilgt.  Die  neuen  schweren  Kriegslasten  des  Jahres  1812  nöthigten
den  Staatskanzler  endlich  —  gegen  seine  theoretischen  Ueberzeugungen  —
eine  harte  Vermögens=  und  Einkommensteuer  auszuschreiben,  die  vom
Vermögen  3  Procent,  vom  Einkommen  1  bis  5  Procent  in  Anspruch
nahm.  Aber  auch  diesmal  hatte  er  die  trostlose  wirthschaftliche  Erschöpfung
des  Landes  nicht  richtig  geschätzt.  Das  Edict  mußte  schon  nach  wenigen
Wochen  für  Altpreußen  außer  Kraft  gesetzt  werden,  da  diese  Provinz  durch
den  Marsch  der  großen  Armee  völlig  ausgesogen  wurde,  und  statt  der  gehofften
  25  Mill.  Thlr.  kamen  nur  4½  Mill.  ein,  davon  4  Mill.  baar.

Obgleich  die  socialen  Reformen  Hardenberg's  nur  durch  den  Willen
des  absoluten  Königthums  durchgesetzt  werden  konnten,  so  war  die  Krone
doch  nicht  in  der  Lage,  auf  den  Beistand  popularer  Kräfte  ganz  zu  verzichten.
  Sie  hatte  bereits  im  October  1810,  in  dem  verheißungsreichen
Edict  über  die  Finanzen,  versprochen,  daß  eine  durch  Repräsentanten  der
Communen  und  Provinzen  verstärkte  General-Commission  über  die  Regulirung
  der  Kriegsschulden  berathen  solle.  Die  Landesdeputirten,  namentlich
  die  Vertreter  des  Bürger=  und  Bauernstandes  verlangten  lebhaft  die
        <pb n="388" />
        378  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Einlösung  dieses  Wortes.  Darum  erklärte  der  König'):  „seine  Absicht
gehe  noch  immer  dahin,  der  Nation  eine  zweckmäßig  eingerichtete  Repräsentation
  zu  geben;  da  die  dazu  erforderlichen  Vorbereitungen  indessen
noch  Zeit  erforderten,  so  sollten  die  für  jene  General-Commission  bestimmten
Abgeordneten  auch  vorerst  die  Nationalrepräsentation  constituiren.“  Unter
dem  hochtönenden  Namen  einer  interimistischen  Nationalrepräsentation
trat  also  am  10.  April  1812  in  Berlin  eine  zweite  Notabelnversammlung
von  neununddreißig  Mitgliedern  zusammen.  Diesmal  räumte  man  der
Nation  ein  Wahlrecht  ein.  Die  achtzehn  Ritter  wurden  von  den  Kreistagen,
  die  zwölf  Bürger  und  neun  Bauern  durch  indirecte  Wahl  von  den
Städten  und  dem  Rusticalstande  erwählt;  die  Regierungspräsidenten  sollten
  aber  die  Gewählten  prüfen,  ob  sie  einsichtsvolle,  patriotische  und  „vorurtheilsfreie“"
  Männer  seien  —  ein  deutlicher  Wink  für  die  Feudalparteil

Das  Bedeutsamste  an  diesem  überaus  zahmen  Repräsentationsversuche
  blieb,  daß  der  neugeschaffene  Bauernstand  jetzt  durch  einige  selbstgewählte
  Vertreter  an  den  Berathungen  über  Staatsangelegenheiten  Theil
nahm.  Die  märkischen  Stände  murrten  auch  diesmalj;  sie  beriefen  sich
auf  das  „allgemeine  Mißtrauen“  des  Landes  gegen  die  neuen  Stenerpläne'*)
  und  setzten  durch,  daß  wieder  einige  Nebendeputirte  aus  ihrer
Mitte  zugelassen  wurden.  Hardenberg  erschien  auch  hier  wieder  als  der
Verfechter  der  neuen  Staatseinheit.  Er  faßte  die  Stände  im  modernen
Sinne  als  eine  Interessenvertretung,  er  verlangte,  der  Repräsentant  dürfe
„keinen  anderen  Richter  als  sein  Gewissen“  anerkennen:  wer  sich  nach
altständischer  Weise  an  die  Aufträge  seiner  Wähler  gebunden  glaube,  müsse
von  den  Berathungen  ausgeschlossen  werden.““)  In  den  Provinzen  versammelten
  sich  die  „Wahldeputirten“,  welche  die  Nationalrepräsentation  gewählt
hatten,  häufig  aus  eigenem  Antriebe  —  ganz  regelmäßig  in  Oberschlesien#)
—  um  öffentliche  Angelegenheiten  zu  besprechen  und  mit  ihren  Repräsentanten
  in  Berlin  einen  regen  Verkehr  zu  unterhalten.  Der  Sinn  für  das
politische  Leben  begann  überall  im  Volke  zu  erwachen.  In  der  Nationalrepräsentation
  erklangen  zuweilen  Reden,  welche  an  die  Schlagwörter  des
Jahres  1789  erinnerten;  einmal  verlangte  sie  sogar  in  einer  Adresse  an
den  König  das  Recht  zur  Berathung  aller  neuen  Gesetze  zugezogen  zu  werden.)
  Gleichwohl  blieb  ihre  Wirksamkeit  sogar  noch  geringfügiger  als  die
Thätigkeit  der  ersten  Notabelnversammlung.  Ihre  häufig  unterbrochenen
Verhandlungen  bewegten  sich  wesentlich  um  die  Regulirung  des  Kriegsschuldenwesens
  und  brachten  selbst  diese  Angelegenheit  nicht  in's  Reine.
Kamen  andere  Fragen  zur  Besprechung,  so  zeigte  sich  fast  immer  ein  streng
conservativer,  den  Reformen  feindlicher  Geist;  der  Staatskanzler  mußte

*)  Cabinets-Ordre  v.  6.  Sept.  1811.
*)  Eingabe  der  neumärkischen  Stände,  4.  Dec.  1812.
*  V#)  Instruction  des  Staatskanzlers  an  die  Regierungen,  11.  Febr.  1812.
z  gen,
)  Bericht  der  Regierung  in  Oppeln,  24.  Oct.  1816.
#)  A.  Stern,  Abhandl.  u.  Aktenstücke  z.  Gesch.  der  preuß.  Reformzeit,  S.  190  f.
        <pb n="389" />
        Die  Nationalrepräsentation.  379

sich  bald  überzeugen,  daß  er  die  Ausgleichung  der  Grundsteuer  gegen  den
zähen  passiven  Widerstand  des  Landadels  für  jetzt  noch  nicht  durchsetzen
könne.  Der  Eifer  der  Repräsentanten  und  ihrer  Wähler  erlahmte  schnell;
es  kam  so  weit,  daß  die  Stände  Vorpommerns  sich  weigerten  ihren  Ver—
tretern  fernerhin  Tagegelder  zu  zahlen.  Von  der  Nation  kaum  noch  be—
merkt  schleppte  die  Versammlung  ihr  unfruchtbares  Dasein  bis  zum  15.  Juli
1815  dahin;  ihr  letztes  Werk  war  die  Verordnung  über  die  Vergütung
der  Kriegsleistungen  v.  1.  März  1815.

Je  länger  der  Staatskanzler  im  Sattel  saß,  um  so  offenkundiger
wurden  seine  bureaukratischen  Neigungen.  Ohne  feste  Grundsätze  wie  er
in  Verwaltungsfragen  immer  war,  fand  er  den  aufreibenden  Kampf  mit
dem  trotzigen  Landadel  bald  unbequem  und  beschloß  den  festen  Grund
der  ritterschaftlichen  Macht,  die  Gutsherrschaft  zu  zerstören,  aber  nicht  durch
die  Begründung  einer  gerechten  Selbstverwaltung  auf  dem  flachen  Lande,
sondern  auf  gut  napoleonisch-westphälische  Art  durch  die  Verstärkung  der
Macht  des  Beamtenthums.  Sein  thätigster  Mitarbeiter  bei  diesem  Unternehmen
  war  Scharnweber,  ein  strenger  Bureaukrat,  der  Todfeind  des
märkischen  Adels.  Am  30.  Juni  1812  erschien  das  Edict  wegen  Errichtung
  der  Gensdarmerie.  Es  war  der  schwerste  Mißgriff  der  Hardenbergischen
  Verwaltung,  ein  vollständiger  Abfall  von  den  hochsinnigen  Gedanken
Stein's.  Das  althistorische,  mit  dem  Leben  dieses  Staates  fest  verwachsene
Landrathsamt  wurde  aufgehoben.  An  die  Stelle  des  Landraths  trat  ein
Kreisdirector,  ein  von  der  Krone  nach  freiem  Ermessen  ernannter,  auskömmlich
  besoldeter  Staatsbeamter,  der  seinen  Sitz  in  der  Kreisstadt  angewiesen
  erhielt  und  lediglich  ein  Werkzeug  der  Staatsgewalt,  nicht  mehr,
wie  vormals  der  Landrath,  zugleich  ein  Vertrauensmann  der  Kreisstände
war.  Unter  ihm  sollte  ein  Kreisbrigadier  mit  vier  bis  fünf  Gensdarmerie-Offizieren
  die  Polizeigewalt  im  Kreise  handhaben  und  zugleich  in  den  Geschäften
  des  Kreisdirectoriums  thätig  sein,  dergestalt  daß  diese  Behörde
einen  rein  bureaukratischen  Charakter  erhielt.  Die  Kreiskasse  wurde  zur
Staatskasse;  nur  als  ein  geringfügiger  Nebenfonds  sollte  noch  eine  Kreis-Communalkasse
  bestehen.  Da  der  Schwerpunkt  der  Selbstverwaltung  überall
  im  Finanzwesen  liegt,  so  konnte  demnach  die  aus  zwei  Abgeordneten
der  Ritterschaft,  zwei  städtischen  und  zwei  bäuerlichen  Deputirten  gebildete
Kreisversammlung,  welche  der  Kreisdirector  von  Zeit  zu  Zeit  einberief,
nur  wenig  bedeuten.  Die  Rittergutsbesitzer  verloren  ihre  Polizeigewalt,  erhielten
  nur  das  Recht  der  Aufsicht  über  die  Ortspolizei  der  Dorfgerichte,
wurden  der  Disciplinargewalt  des  Kreisdirectors  unbedingt  unterworfen.

Hardenberg  ging  bei  dem  Gensdarmerie-Edicte  von  der  berechtigten
Absicht  aus,  die  Ausführung  des  Staatswillens  auf  dem  flachen  Lande
besser  als  bisher  zu  sichern  und  das  Uebergewicht  der  Ritterschaft  in  der
Kreisverwaltung,  das  „nach  Einführung  der  Gewerbefreiheit  und  bei  gleichem
  Interesse  aller  Klassen“  keinen  Sinn  mehr  habe,  zu  beseitigen.  Doch
        <pb n="390" />
        380  I.  3.  Preußens  Erhebung.

sein  Heilmittel  war  ärger  als  die  alten  Uebel.  Sein  Kreisdirector  mitsammt
  der  Kreisversammlung  war  nichts  anderes  als  der  Unterpräfect
und  der  Arrondissementsrath  des  napoleonischen  Frankreichs.  Mit  diesem
Edicte,  das  unter  so  anspruchslosem  Namen  auftrat,  that  der  Staatskanzler
  den  verhängnißvollen  ersten  Schritt  zur  Einführung  des  Präfectursystems.
  Die  Oberpräsidenten  hatte  er  schon  abgeschafft,  und  nun
versprach  er  bereits  das  Staatsgebiet  in  „neue  Regierungs=  und  Militärdepartements“
  einzutheilen.  Er  war  jetzt  so  ganz  durchdrungen  von  der
Herrlichkeit  der  schlagfertigen  Präfectur,  daß  selbst  sein  ergebener  F.  von
Raumer  sich  bewogen  fand  ihm  die  Vorzüge  des  alten  preußischen  Collegialsystems
  in  einem  beweglichen  Briefe  vorzuhalten.

Zum  Glück  fehlte  dem  geistreichen  Manne  die  Willenskraft  zur
Durchführung  der  undeutschen,  verderblichen  Neuerung,  die  er  plante.
Vorderhand  sollte  nur  ein  Theil  der  Bestimmungen  des  Gensdarmerie-Edicts
  „provisorisch"  in  Kraft  treten.  Dieser  Unfug  der  provisorischen
Gesetzgebung  war  dem  gestrengen  alten  Absolutismus  ganz  unbekannt
gewesen  und  riß  erst  jetzt  ein,  da  der  leitende  Staatsmann  zwischen  Projecten
  und  Experimenten  unstät  hin  und  her  griff.  Provisorisch  also
sollten  die  bisherigen  Landräthe  die  Geschäfte  der  neuen  Kreisdirectorien
übernehmen,  nur  daß  man  zuvor  gründlich  unter  ihnen  aufräumte  und
eine  große  Zahl  der  Altständischgesinnten  entließ.  Jedoch  selbst  in  dieser
provisorischen  Gestalt  stieß  die  neue  Ordnung  auf  einen  ungeheueren,
völlig  unbesiegbaren  Widerstand.  Der  Landadel,  in  seinem  Allerheiligsten
bedroht,  lärmte  lauter  denn  je,  die  Nationalrepräsentanten  in  Berlin
verwahrten  sich  gegen  die  Verletzung  der  alten  Gerechtsame.  Mehrere
der  wärmsten  persönlichen  Anhänger  des  Staatskanzlers  stimmten  mit
ein  in  die  berechtigten  Vorwürfe,  welche  von  Stein,  Vincke  und  den  anderen
  Vertretern  des  Gedankens  der  Selbstverwaltung  erhoben  wurden;
der  geistreiche  Hippel  gerieth  mit  seinem  alten  Freunde  Scharnweber  ganz
aus  einander.  Das  Edict  konnte  nur  in  wenigen  Regierungsbezirken,
nirgends  vollständig  und  in  der  Kurmark  gar  nicht,  ausgeführt  werden;
bald  nachher  schwemmte  die  Sturmfluth  des  Krieges  von  1813  auch  diese
schwachen  Anfänge  großentheils  wieder  hinweg,  und  im  Jahre  1814  wurde
die  weitere  Ausführung  eingestellt.  Die  einzige  gesunde  Frucht  des  unglücklichen
  Gesetzes  waren  die  Kreisversammlungen.  Erst  in  der  stillen
Arbeit  dieser  Versammlungen  lernte  das  Landvolk  die  neue  Zeit  kennen
und  lieben.  Wo  immer  sie  in's  Leben  traten  da  war  Jedermann  des
Lobes  voll  für  das  Verhalten  der  Bauern;  sie  lieferten  den  Beweis,  daß
Stein's  Werk,  die  Befreiung  des  Bauernstandes  nicht  zu  früh  erschienen
war.  Alle  Berichte  der  Behörden  erzählten  mit  naivem  Erstaunen,  wie
willig,  brauchbar,  besonnen  dieser  neue  Stand  sich  zeige.)

*)  Viele  Belege  hierfür  giebt  der  Bericht  des  Ministers  Beyme  vom  21.  April  1818
über  seine  Rundreise  durch  Pommern  und  Preußen.
        <pb n="391" />
        Das  Gensdarmerie-Edict.  381

Welch  ein  Gegensatz  doch:  die  Gesetze  Stein's  und  die  Experimente
Hardenberg's!  Stein's  Thun  und  Denken  gemahnt  immer  an  den  alten
Wappenspruch  seiner  geliebten  Grafschaft  Mark:  vierecken  Stein,  wie  er
auch  fällt,  sich  immer  auf  ein  Seiten  stellt.  In  Hardenberg's  Geist  kommen
  und  gehen  die  Gedanken  und  Einfälle  wie  die  Nebelbilder  in  einem
Zauberspiegel.  Dort  Alles  planvoll,  tief,  gediegen  und  darum  auch  alsbald
in  vollem  Ernste  durchgeführt;  hier  ein  unsicheres  Schwanken  zwischen
radicalen  Doctrinen  und  despotischen  Neigungen,  eine  Reihe  verunglückter
Finanzgesetze,  große  gefährliche  Versprechungen  für  die  Zukunft,  kühne
Anläufe,  nach  dem  ersten  Sprunge  wieder  aufgegeben,  Alles  planlos  und
hastig;  und  mitten  in  diesem  unfertigen  dilettantischen  Treiben  doch  einige
hochwichtige  Reformen,  des  größten  Staatsmannes  würdig,  eine  Entfesselung
  der  wirthschaftlichen  Kräfte,  die  dem  Staate  nachher  ermöglicht  hat
die  Wunden  eines  fürchterlichen  Krieges  auszuheilen.  Jener  Zug  des
Leichtsinns,  welcher  Hardenberg's  proteische  Natur  so  oft  in  die  Frre  führte,
hing  doch  eng  zusammen  mit  der  besten  Kraft  seines  Wesens,  der  unverwüstlichen
  hoffnungsvollen  Freudigkeit.  Während  Stein  den  preußischen
Staat  schon  fast  verloren  gab  und  nur  noch  auf  das  Wunder  einer  allgemeinen
  deutschen  Volkserhebung  rechnete,  fand  dieser  Leichtlebige  stets
neue  Mittel  und  Behelfe  für  seinen  wirklichen  Staat  und  nach  jedem
neuen  Fehlschlage  stand  er  wieder  schnellkräftig  auf  seinen  Füßen.  —

Inmitten  der  Aufregung  dieser  inneren  Parteikämpfe  behielt  Hardenberg
  immer  seine  beste  Kraft  frei  für  die  auswärtige  Politik.  Er  wollte
die  wirthschaftlichen  und  militärischen  Kräfte  des  ausgesogenen  Landes
noch  einige  Jahre  lang  sammeln  und  unterdessen  in  der  Stille  ein  gutes
Einvernehmen  mit  den  beiden  anderen  Ostmächten  herstellen,  bis  nach
der  völligen  Räumung  der  Oderfestungen  der  rechte  Augenblick  für  die
Schilderhebung  herankäme.  Bis  dahin  durfte  man  den  Argwohn  des
Imperators  nicht  reizen.  Darum  wurde  Scharnhorst  scheinbar  der  Leitung
des  Kriegsdepartements  enthoben:  in  Wahrheit  behielt  er  nach  wie  vor
die  militärischen  Dinge  in  seiner  Hand.  Graf  Goltz,  ein  wohlmeinender,
  ängstlicher  Mann,  an  dem  die  Franzosen  keinen  Anstoß  nahmen,
blieb  dem  Namen  nach  an  der  Spitze  der  auswärtigen  Geschäfte,  während
Hardenberg  hinter  seinem  Rücken  mit  dem  englischen  Agenten  Ompteda
verhandelte.  Der  Polizeidirector  von  Berlin,  Justus  Gruner,  ein  leidenschaftlicher,
  in  die  Pläne  der  geheimen  Bünde  tief  eingeweihter  Patriot,
verlor  seine  Stelle.  Die  aufgeregten  Gelehrten  und  Schriftsteller  erhielten
freundschaftliche  Mahnungen  sich  nicht  bloßzustellen.  Eine  sorgsame  Censur
überwachte  nos  deux  gazettes:  so  hießen  in  der  Sprache  der  preußischen
  Diplomatie  die  patriotische  Spenersche  und  die  charakterlose,
vom  Grafen  St.  Marsan  insgeheim  unterstützte  Vossische  Zeitung.  Der
Staatskanzler  war  unermüdlich  im  Beschwichtigen  und  Entschuldigen,  so
oft  St.  Marsan  in  Berlin  oder  Davoust  in  Magdeburg  sich  über  die
        <pb n="392" />
        382  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Umtriebe  von  Fichte,  Schleiermacher  und  Schmalz  beschwerten.)  Indeß
die  Ereignisse  gingen  schneller  als  Hardenberg's  verständige  Wünsche.  Bald
nach  dem  Wiener  Frieden  ließ  sich  schon  errathen,  daß  der  Entscheidungskampf
  zwischen  den  Tilsiter  Verbündeten  nahte;  nicht  urplötzlich  wie  die
meisten  anderen  Kriege  dieser  athemlosen  Zeit,  sondern  schrittweise,  zwei
Jahre  zum  Voraus  erkennbar,  rückte  die  neue  Kriegsgefahr  heran.

Der  entscheidende  Grund  lag  wieder  in  dem  unzähmbaren  Charakter
des  Weltherrschers.  Wie  der  Löwe  nicht  bloß  aus  Hunger  mordet,  sondern
  weil  er  nicht  anders  kann,  weil  es  seine  Natur  ist  zu  rauben  und
zu  zerfleischen,  so  konnte  dieser  Allgewaltige  nicht  einen  Augenblick  bei
einem  erreichten  Erfolge  sich  beruhigen.  In's  Grenzenlose  schweiften  seine
begehrlichen  Träume;  noch  war  ihm  nichts  gelungen  was  der  Märchenpracht
  des  Alexanderzuges  gleich  kam.  Kaum  war  mit  Rußlands  Hilfe
Oesterreich  unterworfen,  so  sollte  der  Czar  mit  dem  Beistand  der  Hofburg
gedemüthigt  werden.  Doch  nicht  bloß  die  verzehrende  Gluth  eines  rasenden
  Ehrgeizes  trieb  den  Imperator  vorwärts,  sondern  auch  eine  unaufhaltsame
  politische  Nothwendigkeit;  sein  Weltreich  konnte  nicht  bestehen
wenn  er  nicht  über  alle  Küsten  Europas  unbedingt  gebot.  Leidenschaftlicher
  denn  je  betrieb  er  jetzt  den  Handelskrieg  gegen  das  unangreifbare
England;  durch  das  Edict  von  Trianon  hoffte  er  die  Sperrung  des  Continents
  zu  vollenden.  Als  er  die  Nordseeküste  mit  dem  Kaiserreiche  vereinigte,
  erklärte  er  den  Abgeordneten  der  Hansestädte  kurzab:  die  Edicte
über  die  Continentalsperre  sind  die  Grundgesetze  meines  Reiches!  Auf  der
spanischen  Halbinsel  wogte  der  gräuelvolle  Krieg  in's  Unabsehbare  dahin
aus  den  radicalen  Beschlüssen  der  Cortes  von  Cadiz  sprach  die  verzweifelte
Entschlossenheit  eines  heldenhaften  Volkes.  Zwingende  politische  Gründe
mahnten  den  Imperator  zunächst  diese  offene  Wunde  zu  schließen;  er  aber
wollte  und  konnte  die  ungeheure  Macht  der  nationalen  Leidenschaft  nicht
würdigen.  War  erst  Rußland  gebändigt  und  die  englische  Flagge  von  allen
Häfen  des  Festlands  ausgeschlossen,  standen  die  französischen  Zollwächter  erst
in  Petersburg,  dann  mußte  der  spanische  Aufstand  wie  Schnee  zerschmelzen
vor  der  Sonne  des  Kaiserthums.  Und  schon  brütete  der  Unersättliche  über
noch  kühneren,  noch  wunderbareren  Plänen:  nach  dem  Falle  von  Moskau
sollte  von  den  Ufern  der  Wolga  aus  ein  neuer  Kriegszug,  die  Wunder
Alexander's  überbietend,  beginnen,  ein  Zug  zum  Ganges,  der  „dies  Schaugerüste
  der  englischen  Handelsgröße"“  für  immer  vernichten  mußte.

Der  Czar  konnte  sich  die  Gefahren  des  Tilsiter  Bündnisses  nicht
länger  mehr  verbergen.  Ganz  Rußland  vernahm  mit  Unmuth,  wie
Napoleon  das  von  den  Russen  eroberte  österreichische  Polen  großentheils
an  Warschau  verschenkte  ohne  den  Verbündeten  auch  nur  zu  befragen.
Man  kannte  in  Petersburg  den  geheimen  Verkehr  zwischen  dem  polnischen
Adel  und  den  Tuilerien,  der  durch  Napoleon's  polnische  Flügeladjutanten

*)  Hardenberg's  Tagebuch  6.  Nov.  1811.
        <pb n="393" />
        Auflösung  des  Tilsiter  Bündnisses.  383

vermittelt  wurde.  Die  Wiederherstellung  Polens  durch  Frankreichs  Gnade,
nach  Alexander's  Meinung  die  schwerste  aller  Gefahren,  rückte  näher  und
näher.  Um  ihr  zu  begegnen  legte  der  Czar  dem  französischen  Gesandten
einen  Vertrag  vor,  wornach  die  beiden  Alliurten  sich  verpflichteten  den
polnischen  Staat  niemals  wieder  aufzurichten,  auch  den  Namen  Polen
nie  zu  dulden.  Der  Imperator  wich  aus;  sein  frommes  Gemüth  scheute
sich  „die  Sprache  der  Gottheit  zu  reden“,  ein  Versprechen  für  alle  Zukunft
  zu  geben.  Nicht  als  ob  er  den  Gedanken  der  Wiederherstellung  des
polnischen  Reichs  schon  im  vollen  Ernst  ergriffen  hätte.  Die  Bildung
nationaler  Staaten  widersprach  dem  Wesen  seines  Weltreichs.  Auch  die
revolutionären  Ideen,  die  in  dem  zweiseitigen  Wesen  des  Bonapartismus
lagen,  traten  mit  den  Jahren  ganz  zurück.  Wie  die  unterjochten  Völker
jetzt  in  Napoleon  nur  noch  den  Despoten  sahen,  so  fühlte  er  selber  sich
wieder  ganz  als  der  Bändiger  der  Revolution  und  prahlte  wieder,  wie
einst  nach  dem  achtzehnten  Brumaire,  auf  seinen  Schultern  ruhe  die
Ordnung  der  bürgerlichen  Gesellschaft.  Der  Radicalismus  der  Sarmaten
war  ihm  unheimlich;  ihn  beunruhigte  der  Gedanke,  von  einem  halbrepublikanischen
  Polen  könne  „eine  teuflische  Propaganda“  ausgehen,  die
sich  mit  dem  Hussitenthum  im  nahen  Böhmen  verbände.  Gleichwohl  wollte
er  sich  nicht  die  Hände  binden,  da  die  nationalen  Hoffnungen  der  Polen
ihm  vielleicht  noch  als  eine  willkommene  Waffe  gegen  Rußland  dienen
konnten;  auch  durfte  der  Usurpator  die  Schwärmerei  der  Franzosen  für
die  Wiederaufrichtung  des  altverbündeten  Polenreichs  nicht  offen  verletzen.
Genug,  die  Verhandlungen  zwischen  Paris  und  Petersburg  zerschlugen
sich,  und  der  erbitterte  Czar  erklärte  dem  französischen  Gesandten:  ich
weiß  jetzt,  daß  Ihr  Polen  wiederherstellen  wollt!  Der  Imperator  aber
gab  auf  den  Vorwurf  hinterhaltiger  Ränkesucht  die  unzweideutige  Antwort:
  ich  intriguire  nicht,  sondern  führe  Krieg  mit  100,000  Mannl
Nun  drängten  sich  Schlag  auf  Schlag  die  Beweise  der  Feindseligkeit
Napoleon's.  Kurz  bevor  er  die  Erzherzogin  heimführte,  ließ  er  um  die
Hand  der  Schwester  Alexander's  anhalten;  er  rechnete,  Kaiser  Franz
werde  lieber  sein  eigen  Fleisch  und  Blut  dem  gekrönten  Plebejer  opfern,
als  eine  Familienverbindung  zwischen  den  Bonapartes  und  dem  Hause
Gottorp  dulden.  Der  Plan  gelang  vollständig,  der  Czar  aber  sagte  verstimmt:
  Ihr  habt  ein  doppeltes  Spiel  gespielt!  Es  folgte  die  Einverleibung
der  deutschen  Küsten.  Das  Weltreich  streckte  seine  Polypenarme,  den
preußischen  Staat  umklammernd,  bis  zur  Ostsee,  immer  näher  an  Rußland
  heran,  und  der  Imperator  erklärte  ausdrücklich,  diese  Reunionen
seien  nur  die  ersten!  Dadurch  wurde  zugleich  der  Verbündete  Frankreichs,
der  Herzog  von  Oldenburg,  Alexander's  naher  Verwandter  seines  Erblandes
  beraubt,  ohne  daß  man  den  russischen  Alliirten  auch  nur  zum
Voraus  von  der  Gewaltthat  unterrichtete.  Dann  stellte  Napoleon  dem
Czaren  die  Zumuthung,  daß  er  alle  neutralen  Schiffe  mit  Beschlag  be-
        <pb n="394" />
        384  I.  3.  Preußens  Erhebung.

legen  solle;  das  hieß  den  Russen  jede  Verzehrung  von  Colonialwaaren  verbieten.
  Alexander  antwortete  durch  einen  Ukas,  der  die  Einfuhr  französischer
  Fabrikate  hart  traf.  Ein  gereizter  Briefwechsel  gab  der  Erbitterung
der  beiden  Kaiser  lebhaften  Ausdruck.  Ew.  Majestät  hat  keine  Freundschaft
  mehr  für  mich  —  so  schrieb  Napoleon  im  Februar  1811  —  unsere
Allianz  besteht  nicht  mehr  in  den  Augen  Englands  und  Europas.
Unterdessen  betrieb  er  mit  gewohnter  Umsicht  die  Rüstungen  für
einen  Kampf  ohne  Gleichen.  Schon  seit  dem  Frühjahr  1810  ließ  er  ungeheuere
  Waffenvorräthe  im  Warschauischen  aufhäufen  und  die  Festungen
des  Herzogthums  für  den  Krieg  vorbereiten  —  das  Alles  „aus  bloßer
Vorsicht",  wie  er  an  Friedrich  August  von  Sachsen  schrieb.  Im  April
1811  erhielten  die  Fürsten  des  Rheinbundes  den  Befehl,  ihre  Truppen
marschbereit  zu  halten;  Magdeburg  war  von  den  Franzosen  besetzt,  die
Garnisonen  in  Danzig  und  den  Oderfestungen  wurden  verdoppelt,  an
der  unteren  Elbe  sammelte  sich  ein  Heer  von  200,000  Mann.  Es  lag
vor  Augen:  Preußen  sollte  durch  einen  plötzlichen  Einbruch  vernichtet
oder  durch  Drohungen  zum  Anschluß  an  Frankreich  gezwungen  werden;
dann  begann  der  russische  Feldzug  sogleich  von  Warschau  aus.  Am
15.  August  1811  überschüttete  Napoleon  in  öffentlicher  Versammlung  den
russischen  Gesandten  Kurakin  mit  gehässigen  Scheltworten,  und  die  Welt  wußte
bereits:  durch  solche  Scenen  pflegte  der  Imperator  seine  Kriege  einzuleiten.
Wollte  Alexander  den  ungleichen  Kampf  bestehen,  so  war  unerläßlich,
daß  er  seine  gesammte  Macht  bereit  hielt  und  sich  mit  den  deutschen
Großmächten  verständigte.  Von  den  beiden  goldenen  Früchten,  die  er  sich
von  dem  Tilsiter  Bündniß  versprochen,  war  die  eine  bereits  glücklich  eingeheimst.
  Das  besiegte  Schweden  hatte  Finnland  den  Russen  abgetreten,
und  auch  in  den  Donauprovinzen  behaupteten  sich  Alexander's  Truppen.
Aber  die  Pforte  widerstand  noch  immer  hartnäckig,  und  Napoleon  ermuthigte
  sie  insgeheim,  denn  er  sah  voraus,  daß  der  Kampf  um  die
Donaumündungen  jede  Versöhnung  zwischen  Rußland  und  Oesterreich
vereiteln  mußte.  Die  Hofburg  grollte  dem  Czaren,  sie  schrieb  ihm  vor
Allen  das  Mißlingen  des  letzten  Krieges  zu.  Trotzdem  unternahm  Kaiser
Franz  schon  im  Jahre  1809  den  Versuch  einer  geheimen  Annäherung,
da  er  der  französischen  Freundschaft  wenig  traute.  Alexander  schlug  freudig
ein  in  die  dargebotene  Hand;  er  glaubte  in  jenem  Augenblicke  noch  an
die  Fortdauer  des  Tilsiter  Bündnisses  und  spielte  mit  dem  Plane  eines
Dreikaiserbundes,  der  die  Theilung  der  Türkei  herbeiführen  solle.  Indeß
die  Wiener  Nüchternheit  blieb  für  solche  Träume  unempfänglich.  Erzherzog
  Karl  vornehmlich  zeigte  wie  immer  ein  offenes  Verständniß  für  die
orientalischen  Interessen  der  Monarchie,  er  verwarf  jede  Verständigung
mit  Rußland,  so  lange  die  untere  Donau  in  der  Hand  des  Czaren  sei,
und  Metternich  erklärte  endlich  dem  russischen  Gesandten:  „macht  ein
Ende  mit  der  Türkei,  dann  erst  können  wir  mit  Euch  verhandeln!“
        <pb n="395" />
        Alexander's  polnische  Pläne.  385

Währenddem  erkannte  Alexander,  daß  der  Bund  von  Tilsit  zerrissen
war,  und  alsbald  stiegen  in  der  Seele  des  Leichtbeweglichen  neue  phantastische
  Träume  auf,  Pläne  ebenso  glückverheißend  für  die  Freiheit  der
Welt  wie  vortheilhaft  für  die  Ländergier  des  Hauses  Gottorp.  Er  kehrte
zurück  zu  jenen  polnischen  Projecten,  die  er  vor  Jahren  mit  Czartoryski
besprochen  und  schrieb  im  December  1810  dem  polnischen  Freunde:  seine
Absicht  sei,  dem  Imperator  den  Rang  abzulaufen  und  gleich  beim  Beginne
  des  Kriegs  die  Freiheit  Polens  auszurufen  —  natürlich  die  Freiheit
  unter  russischem  Scepter.  Er  wollte  als  Selbstherrscher  aller  Reussen
und  König  von  Polen  im  Osten  despotisch,  im  Westen  parlamentarisch
regieren,  als  der  Hersteller  Polens  in  dem  Gedächtniß  ferner  Jahrhunderte
  leben  und  dem  befreiten  Nachbarlande  eine  musterhafte  Verfassung
schenken,  denn  „Sie  wissen,  die  liberalen  Formen  habe  ich  immer  vorgezogen“.
  Folgten  die  Polen  dem  Rufe  ihres  Befreiers,  so  könne  er  „ohne
einen  Schuß  zu  thun“  bis  an  die  Oder  vorgehen,  Preußen  schließe  sich
selbstverständlich  an,  und  mit  entschiedener  Uebermacht,  mit  230,000  Mann,
die  bald  noch  um  weitere  hunderttausend  verstärkt  würden,  beginne  dann
der  Kampf  für  die  Befreiung  Europas;  mehr  als  155,000  Mann  habe
Napoleon  nicht  entgegenzustellen,  und  darunter  nur  60,000  Franzosenl!
So  tief  unterschätzten  die  alten  Mächte  noch  immer  die  Macht  des  Weltreichs,
  selbst  einsichtige  Offiziere  kamen  von  dem  allgemeinen  Irrthum
nicht  los;  berechnete  doch  Radetzky  im  Jahre  1810  ebenfalls,  daß  nur
60,000  Franzosen  gegen  Rußland  marschiren  könnten,  und  Gneisenau
schätzte  noch  ein  Jahr  darauf  die  Gesammtmasse  der  gegen  den  Osten
verfügbaren  napoleonischen  Streitkräfte  auf  200,000  Mann.

Mit  glückseliger  Zuversicht  baute  der  Czar  auf  seinen  rettenden  Gedanken.
  Er  hielt  es  für  so  schwer  nicht,  selbst  Oesterreichs  Zustimmung
zu  gewinnen  und  schrieb  dem  Kaiser  Franz:  möge  die  Hofburg  die  Donauprovinzen
  und  selbst  Serbien  für  sich  nehmen,  wenn  sie  sich  nur  der
großen  Coalition  anschließe  und  die  Wiederherstellung  Polens  gestatte.  Dem
Wiener  Hofe  aber  erschienen  diese  polnischen  Pläne,  begreiflich  genug,
fast  noch  unannehmbarer  als  vorher  die  Anschläge  gegen  die  Donaumündungen.
  Er  lehnte  jede  Verhandlung  ab;  seine  Staatsmänner  sagten
unverhohlen:  die  russische  Politik  ist  wie  ein  Kind,  sie  weiß  nicht  was
sie  will.  In  der  That  sollten  die  sarmatischen  Projecte  rasch  im  Sande
verlaufen.  Czartoryski  versagte  sich  den  Mahnungen  Alexander's;  das
polnische  Blut  war  stärker  als  die  Freundschaft  für  den  Czaren.  Der  kluge
Pole  errieth  sofort,  daß  seine  Landsleute,  getreu  den  nationalen  Ueberlieferungen,
  im  französischen  Lager  bleiben  würden,  und  hoffte  die  Herstellung
seines  Vaterlandes  von  Napoleon's  Siegen.  Er  wollte  tout  ce  qui  est
Pologne,  also  auch  Danzig  und  Westpreußen  wieder  unter  den  Fahnen  des
weißen  Adlers  vereinigen  und  verhielt  sich  kühl,  sobald  er  bemerkte,  wie  weit
diese  bescheidenen  Ansprüche  über  die  Absichten  des  Czaren  hinausgingen.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  25
        <pb n="396" />
        386  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Im  Mai  1811  sah  Alexander  endlich  ein,  daß  er  beim  Vorbrechen
gegen  Warschau  auf  eine  Schilderhebung  der  Polen  nicht  zählen  könne,
und  beschloß  nunmehr,  gründlich  ernüchtert,  den  Angriff  des  Feindes  im
eigenen  Lande  zu  erwarten.  Er  kannte  seine  Russen;  er  wußte,  daß  sie
einen  Krieg  im  Auslande  als  einen  Kampf  für  die  Heiden  immer  nur
mit  halbem  Herzen  führen,  dagegen  die  bedrohte  Erde  des  heiligen  Rußlands
  noch  immer  ebenso  tapfer  und  glaubensfreudig,  wie  einst  gegen  die
Tataren  und  Türken,  vertheidigen  würden.  An  Nachgiebigkeit  dachte  er
nicht  mehr,  der  Krieg  schien  ihm  unvermeidlich,  und  die  Bedrängniß  der
Finanzen  machte  den  bewaffneten  Frieden  auf  die  Dauer  unerträglich.

Also  drohten,  wie  die  Zeitungen  sagten,  die  beiden  Kolosse  des  Ostens
und  des  Westens  auf  einander  zu  stoßen  und  das  unglückliche  Preußen
beim  ersten  Anprall  zu  zermalmen.  Neutralität  war  unmöglich,  schon
weil  Napoleon  seinen  Heereszug  durch  Preußen  führen  mußte;  die  preuhischen
  Generale  sahen  voraus,  daß  er  diese  Straße  einschlagen  würde  um
in  das  Herz  des  russischen  Landes  zu  stoßen,  den  Norden  und  den  Süden
  des  weiten  Reichs  getrennt  zu  halten.  Alle  seine  persönlichen  Gefühle,
  der  Haß  wider  den  Unterdrücker  und  die  Freundschaft  für  den
Czaren,  drängten  den  König  sich  dem  Staate  anzuschließen,  den  er  von
jeher  als  seinen  natürlichen  Bundesgenossen  betrachtet  hatte.  Unterlag
Rußland,  so  war  sicher,  daß  der  siegreiche  Imperator  den  verhaßten  preußischen
  Staat  vernichtete:  sein  Groll  gegen  diese  zähen  Norddeutschen
wuchs  von  Tag  zu  Tage,  er  nannte  die  Preußen  nur  noch  die  Jacobiner
des  Nordens.  Seine  Hofblätter  erzählten  immer  wieder  von  der  großen
anarchistischen  Verschwörung,  die  in  Preußen  ihren  Herd  finde;  sie  wiederholten
  gern  die  Weissagung  des  Clericalen  Bonald,  daß  dieser  Staat,
das  Werk  des  Gottesleugners  Friedrich,  dem  Untergange  entgegeneile.

Aber  wie  nun,  wenn  Alexander  sich  über  Preußen  hinweg  mit  Frankreich
  verständigte?  Schon  dreimal,  in  Tilsit,  in  Erfurt  und  während
des  österreichischen  Krieges,  hatte  er  seine  deutschen  Freunde  kaltsinnig
preisgegeben.  Stand  Preußen  allein  auf,  so  wurde  das  kleine  Heer  von
der  siebenfachen  Uebermacht,  die  überall  dicht  an  den  Grenzen  und  in
den  Oderfestungen  stand,  höchstwahrscheinlich  sogleich  überrannt.  Wie
durfte  man  hoffen  die  Truppen  rechtzeitig  an  der  Küste  im  Lager  bei
Kolberg  zu  versammeln,  da  das  nahe  sächsisch-polnische  Heer  die  schlesischen
  Truppen  sofort  von  der  Hauptmasse  der  Monarchie  abschneiden
konnte?  Ein  Handstreich  der  Danziger  und  der  Stettiner  Garnison  genügte
  um  die  Dirschauer  Brücke  und  die  neue  Oderbrücke  von  Schwedt,
die  beiden  einzigen  noch  offenen  Verbindungswege  zwischen  Altpreußen,
Pommern  und  den  Marken,  alsbald  zu  sperren.  Ueber  Napoleon's  Absichten
  bestand  kein  Zweifel  mehr.  Nachdem  die  Hälfte  der  Contribution
abgezahlt  war,  hatte  er  dem  Vertrage  gemäß  Glogau  wieder  an  den  König
zurückzugeben;  doch  er  verweigerte  die  Räumung  trotz  zweimaliger  Mah-
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        Die  Krisis  von  1811.  387

nung.  Der  kluge  Talleyrand,  der  noch  zuweilen  zur  Mäßigung  gerathen,
war  längst  aus  dem  auswärtigen  Amte  zurückgetreten;  seine  Nachfolger,
Champagny  und  nachher  Maret,  folgten  knechtisch  jeder  Laune  des  Herr—
schers.  Im  December  1810  wurde  dem  preußischen  Gesandten  in  Paris
eine  gefälschte  Denkschrift  Champagny's  verkauft,  welche  ausführlich  den
Plan  der  Vernichtung  Preußens  entwickelte.  Ob  Hardenberg  den  Betrug
durchschaute,  ist  zweifelhaft;  er  ward  aber  um  so  besorgter,  je  hartnäckiger
die  napoleonischen  Diplomaten  jede  Kriegsgefahr  in  Abrede  stellten;  noch
im  April  1811  versicherte  ihm  Lauriston,  der  russisch-französische  Streit
sei  nur  ein  harmloser  Zwist  zwischen  Mann  und  Frau.“)  Es  war  klar,
man  wollte  Preußens  Wachsamkeit  einschläfern;  der  Imperator  schwankte
nur  noch,  ob  er  den  Hohenzollern  vor  oder  nach  dem  russischen  Kriege
den  Gnadenstoß  geben  solle.  Aber  eine  Schilderhebung  in  so  entsetzlicher
Lage  war  ein  Selbstmord,  wenn  der  Czar  sich  nicht  entschloß  den  Krieg
auf  preußischem  Boden  zu  eröffnen.

In  diesem  Sinne  schrieb  Friedrich  Wilhelm  seinem  Freunde,  wiederholt,
  nachdrücklich,  in  tiefster  Erregung.  Alexander  schwieg  lange.  Gegen
Ende  Mai  antwortete  er  schließlich:  er  habe  kein  Mittel  die  Ueberfluthung
Preußens  durch  eine  große  Armee  zu  hindern  und  werde  den  Krieg  nicht
anders  als  im  Innern  seines  Landes  beginnen.  Zum  vierten  male
überließ  er  seinen  Freund  einem  unheimlichen  Schicksale.  Unterdessen
hatte  Hardenberg  versucht,  ob  in  Paris  ein  Bündniß  unter  ehrenvollen
Bedingungen  zu  erlangen  sei;  er  bot  ein  Hilfscorps,  gegen  die  Rückgabe
von  Glogau,  gegen  den  Erlaß  der  Contribution  und  die  Erlaubniß  zur
Vermehrung  des  Heeres.  Napoleon  verwarf  den  Antrag;  nicht  als  ein
gleichberechtigter  Bundesgenosse,  sondern  gebunden  und  gezwungen  sollte
ihm  Preußen  Heeresfolge  leisten.  Unheil  also  und  Verderben  wohin  man
sich  auch  wenden  mochtel

Da,  im  Augenblicke  der  höchsten  Noth,  brach  die  heiße  Leidenschaft
der  Kriegspartei  in  hellen  Flammen  aus.  Hardenberg  selbst  trat  auf  die
Seite  Scharnhorst's,  Gneisenau  wurde  in  den  Staatsrath  berufen  zur
Leitung  der  Rüstungen,  und  so  entstanden  im  Sommer  1811  jene  grandiosen
  Pläne  für  eine  Massenerhebung  des  preußischen  Volkes  —  das
Tollkühnste  vielleicht,  was  moderne  Staatsmänner  je  erdacht  haben,  ein
unvergängliches  Denkmal  für  die  Seelengröße  Scharnhorst's  und  seiner
Freunde.  Wie  man  so  dalag,  dicht  unter  den  Feuerschlünden  der  großen
Armee,  die  mit  jedem  Tage  anwuchs,  traute  man  sich  noch  die  Kraft  zu,
durch  einen  plötzlichen  Aufstand  dem  übermächtigen  Feinde  zuvorzukommen;
in  jedem  Dorfe  sollte  der  Pfarrer  den  Landsturm  aufbieten,  wer  nur
irgend  die  Waffen  schwingen  konnte  mußte  mit  heran.  Bereits  waren
in  aller  Stille  die  Krümper  einberufen,  so  viele  man  nur  heranziehen
konnte  ohne  den  Argwohn  der  Franzosen  zu  wecken;  gegen  Ende  August

*)  Hardenberg's  Journal  20.  April  1811.

 

257

1
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        388  I.  3.  Preußens  Erhebung.

standen  75,000  Mann  bereit.  Die  kommandirenden  Generale  in  den
Provinzen  erhielten  außerordentliche  Vollmachten  um  auf  ein  gegebenes
Zeichen  sofort  loszuschlagen!  Berlin  war  von  Truppen  fast  ganz  entblößt,
  von  allen  Seiten  her  zogen  die  Regimenter  nach  dem  festen  Lager
bei  Kolberg,  wo  Blücher  befehligte:  dort  und  in  Spandau  sollte  der  Volkskrieg
  seinen  Stützpunkt  finden.  Gneisenau  jubelte:  die  Welt  soll  erstaunen
über  unsere  Kräfte!  Wer  den  Hochherzigen  in  jenen  Tagen  sah  vergaß
ihn  nie  mehr:  ein  Lichtstrom  der  Begeisterung  schien  von  ihm  auszustrahlen.
  Seine  Freunde  dachten  ihm  den  Oberbefehl  in  Schlesien,  wo
er  jeden  Busch  und  jeden  Weg  kannte,  anzuvertrauen,  und  Clausewitz
begrüßte  ihn  bereits  in  prophetischer  Ahnung  als  den  Marschall  von
Schlesien.  Alle  Gluth  und  allen  Adel  seiner  Seele  hatte  er  in  diesen
Kriegsplänen  niedergelegt;  sein  ganzes  Wesen  war  im  Aufruhr,  als  er
sie  dem  Könige  übergab  mit  einer  poetischen  Mahnung:

Trau'  dem  Glücke,  trau'  den  Göttern,

Steig'  trotz  Wogendrang  und  Wettern

Kühn  wie  Caesar  in  den  Kahn!

Und  doch  waren  diese  heldenkühnen  Pläne  nichts  als  eine  edle  Verirrung.
  Gneisenau  selber  sprach  sich  sein  Urtheil,  wenn  er  bekannte,  er
habe  nur  noch  den  Muth  des  Curtius.  Ein  ruhmvoller  Untergang,  ein
Untergang  ohne  jede  absehbare  Möglichkeit  der  Wiederauferstehung  war
Preußens  sicheres  Loos,  wenn  man  sich  also  kopfüber  in  den  Kampf
stürzte.  Noch  bevor  der  Volkskrieg  recht  in  Zug  kam,  mußte  Napoleon,
der  seine  Augen  überall  hatte,  das  Land  schon  mit  seinen  Heersäulen
überschwemmt  haben,  und  wo  bot  diese  offene  bebaute  Ebene  einen  Anhalt
  für  einen  spanischen  Guerillaskrieg?  Es  wurde  die  Rettung  der
Monarchie,  daß  Friedrich  Wilhelm  auch  in  dieser  schweren  Versuchung
seine  höchste  Königspflicht  nicht  aus  den  Augen  verlor  und  das  Dasein
des  Staates  nicht  einer  Aufwallung  heroischer  Gefühle  opfern  wollte.  Er
prüfte  die  Pläne  nach  seiner  tiefen,  gründlichen  Weise  und  warf  schon
jetzt  in  seinen  Randbemerkungen  einige  gute  Gedanken  hin,  welche  zwei
Jahre  später  in's  Leben  treten  sollten;  so  den  ersten  Entwurf  für  den
Orden  des  eisernen  Kreuzes.  Vieles  sah  er  allzu  trübe;  solchen  Männern
gegenüber  fragte  er  kleinmüthig,  wo  denn  die  Heerführer  seien  für  einen
Volkskrieg?  Aber  die  Stärke  Napoleon's,  die  Schwäche  des  russischen
Heeres  schätzte  er  richtiger  als  die  Generale,  und  seine  an  den  geordneten
Heeresdienst  gewöhnten  Märker  kannte  er  zu  gut  um  sich  viel  von  einer
regellosen  Volksbewegung  zu  versprechen.  „Als  Poesie  gut“  hieß  es  in
den  Randglossen  und  wieder:  „wenn  ein  Prediger  erschossen  ist,  hat  die
Sache  ein  Ende.“  Der  König  war  längst  auf  das  Aergste  gefaßt:  seine
Wagen  standen  wochenlang  reisefertig  im  Schloßhofe  um  den  Monarchen
bei  der  ersten  verdächtigen  Bewegung  der  nahen  Franzosen  nach  Königsberg
  zu  bringen.  Wiederholt  schrieb  er  an  Alexander,  wie  gern  er  bereit
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        Die  Kriegspartei.  389

sei  sein  Heer  bis  zum  Rhein  zu  führen;  aber  die  Befreiung  Deutsch—
lands  sei  nur  möglich,  wenn  die  drei  Ostmächte  vereinigt  den  Kampf  auf
dem  deutschen  Kriegstheater  eröffneten.

Im  October  erschien  Scharnhorst  in  tiefem  Geheimniß  zu  Petersburg
  und  erreichte  durch  seine  geistige  Ueberlegenheit  wirklich  ein  kleines
Zugeständniß.  Alexander  versprach,  falls  Napoleon  preußische  Gebiete
besetze  oder  seine  Streitkräfte  an  der  Weichsel  verstärke,  das  russische
Hauptheer  durch  das  Herzogthum  Warschau  gegen  die  Weichsel  vorgehen
zu  lassen  und  zugleich  zur  Vertheidigung  Königsbergs  ein  Corps  von  zwölf
Bataillonen  nach  Ostpreußen  zu  werfen.  Durfte  der  König  sich  mit  dieser
kümmerlichen  Zusage  begnügen?  Durfte  er  den  Verzweiflungskampf  beginnen
  in  der  äußersten  Ost-Ecke  des  Staates,  auf  demselben  Schauplatze,
wo  der  Krieg  von  1807  jammervoll  geendet  hatte?  Gleich  darauf  eilte
Scharnhorst  nach  Wien;  selbst  der  Gesandte  Humboldt  —  so  stark  war
Hardenberg's  Mißtrauen  —  durfte  nichts  von  seiner  Ankunft  erfahren.
Metternich  empfing  den  vertrauten  Botschafter  nicht  unfreundlich.  Der
österreichische  Minister  behielt  die  Möglichkeit  eines  Bundes  der  drei  Ostmächte
  immer  im  Auge,  obgleich  Kaiser  Franz  die  militärischen  Jacobiner
in  Berlin  nicht  weniger  verabscheute  als  sein  Schwiegersohn;  doch  er  meinte
den  Zeitpunkt  für  eine  Verschiebung  der  Allianzen  noch  nicht  gekommen  und
dachte  sehr  niedrig  von  Alexander's  Willenskraft.  Unmöglich,  ihm  eine  feste
Zusage  zu  entreißen;  selbst  für  den  Fall  der  Vernichtung  Preußens  versprach
  er  keinen  Beistand.  Seinem  Kaiser  aber  erklärte  er  zur  nämlichen
Zeit  (28.  November)  in  einer  geheimen  Denkschrift:  Oesterreich  habe  nur
noch  die  Wahl  zwischen  der  Neutralität  und  dem  französischen  Bündniß;
ziehe  der  Monarch  den  letzteren  Weg  vor,  so  möge  er  als  Lohn  für  seine
Kriegshilfe  die  Jungrenze,  Illyrien  und  Schlesien  fordern,  da  die  Auflösung
  des  preußischen  Staates  doch  fast  unvermeidlich  sei.“)

Auch  England  verweigerte  wirksame  Hilfe.  Preußen  forderte  nur
das  Unerläßliche:  Subsidien  und  eine  Landung  an  der  deutschen  Küste.
Die  britische  Regierung  aber  wollte  noch  immer  nicht  einsehen,  daß  die
Entscheidung  des  Weltkampfes  allein  in  Deutschland  lag.  Stolz  auf  ihre
iberischen  Erfolge  meinte  sie  genug  zu  thun  durch  die  rüstige  Fortführung
des  spanischen  Krieges  —  wie  ja  bis  zum  heutigen  Tage  noch  die  Durchschnittsmeinung
  der  Engländer  dahin  geht,  daß  Wellington's  spanische
Siege  das  napoleonische  Reich  zertrümmert  hätten.  Dem  bedrängten  Berliner
  Hofe  bot  England  nur  eine  Waffenlieferung,  und  trotzdem  unterstand
  sich  der  welsische  Staatsmann  Graf  Münster,  bei  Scharnhorst,
Blücher  und  Gneisenau  anzufragen,  ob  sie  nicht  gegen  den  Willen  ihres
Königs  eine  Schilderhebung  wagen  wollten!  Die  gedemüthigte  fridericianische
  Monarchie  hatte  alle  Achtung  in  der  Welt  verloren;  sie  schien  nur

 

*)  Aus  Metternich's  nachgelassenen  Papieren.  II.  426.
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        390  I.  3.  Preußens  Erhebung.

noch  ein  willenloser  Trümmerhaufen,  zählte  gar  nicht  mehr  mit  in  der
Reihe  der  Mächte.

So  stand  man  denn  abermals  allein.  Eine  Kriegserklärung  in  solcher
  Lage  mußte  den  Staat  vernichten  bevor  noch  ein  russischer  Säbel
aus  der  Scheide  fuhr.  Was  Wunder,  daß  nach  Alledem  im  Januar
1812  die  französische  Partei  am  preußischen  Hofe  sich  wieder  hervorwagte.
Ihr  Wortführer  war  Ancillon  —  der  Hofpfaffe,  wie  Gneisenau  ihn
nannte  —  ein  unterthäniger,  seichter  Schönredner,  feigherzig  von  Natur,
immer  zum  kleinmüthigsten  Entschlusse  geneigt.  Der  führte  mit  seiner
widerlichen  theologischen  Salbung  in  breiter  Denkschrift  aus,  daß  Napoleon
  freundliche  Absichten  gegen  die  preußische  Monarchie  hege,  denn  sonst
hätte  er  sie  längst  zerstört,  und  rieth  dringend  zum  Anschluß  an  Frankreich.
  Der  König  dachte  anders.  Nicht  einen  Augenblick  glaubte  er  an
die  Großmuth  des  Imperators;  hatte  er  doch  aus  dem  Schicksal  des
Oldenburger  Herzogs  soeben  gelernt,  daß  selbst  ein  Bündniß  keine  Sicherheit
  bot  gegen  die  Gewaltschläge  dieses  Freundes.  Aber  er  sah  die  Lage
wie  sie  war:  begann  man  den  Krieg  für  Rußland  und  doch  ohne  russische
  Hilfe,  so  opferte  man  sich  unfehlbar  und  völlig  nutzlos;  schloß  man
sich  dem  Verhaßten  an,  so  wurde  dem  Staate  freilich  nur  für  ein  Jahr
das  Dasein  gefristet,  jedoch  ein  Jahr  war  viel  in  so  wilder  Zeit,  und
vielleicht  zeigte  sich  dann  noch  irgend  ein  anderer  Weg  der  Rettung.  Erschüttert,
  verzweifelt  stand  der  unglückliche  Fürst  zwischen  seinen  theuersten
Neigungen  und  dem  Staatsinteresse.  Noch  einmal  versuchte  er  einen
Ausweg.  Oberst  Knesebeck,  ein  erklärter  Anhänger  der  Friedenspartei,
wurde  nach  Petersburg  geschickt  um  den  Czaren  zu  beschwören,  daß  er
einen  Unterhändler  nach  Paris  sende,  diesen  für  Preußen  auf  jeden  Fall
verderblichen  Krieg  abzuwenden  suche;  komme  es  zum  Schlagen,  so  sei
der  König  nicht  in  der  Lage,  sich  dem  französischen  Bündniß  zu  entziehen.
Auch  dieser  letzte  Versuch  rathloser  Verlegenheit  schlug  fehl.  Alexander
konnte  nur  erwidern:  er  wünsche  den  Frieden  so  aufrichtig  wie  der  König;
doch  im  Nothfalle  wolle  er  sich  tapfer  vertheidigen  „gegen  einen  zugleich
ungerechten  und  grundlosen,  nur  durch  den  unersättlichen  Ehrgeiz  Napoleon's
  herbeigeführten  Angriff.“)  Nunmehr  war  die  Allianz  mit  Napoleon
  unvermeidlich.

Der  Imperator  hatte  unterdessen  seinen  Beschluß  gefaßt.  Um  den
russischen  Krieg  ohne  Aufenthalt  sogleich  am  Niemen  eröffnen  zu  können
hielt  er  es  doch  für  gerathen  sich  vorläufig  mit  der  friedlichen  Unterwerfung
Preußens  zu  begnügen.  Die  preußischen  Rüstungen  waren,  auf  seine
Drohung,  schon  im  Herbst  theilweise  eingestellt  worden;  jetzt  hatte  er  an
300,000  Mann  dicht  an  den  Grenzen  des  Staates  stehen.  Noch  bevor
die  Verhandlung  zum  Abschluß  kam  streiften  französische  Truppen  von
Magdeburg  und  Schwedig-Pommern  aus  in  das  preußische  Gebiet  hin-*)

  Kaiser  Alexander  an  König  Friedrich  Wilhelm,  22.  Febr.  1812.
        <pb n="401" />
        Das  preußisch-französische  Bündniß.  391

über;  der  Commandant  der  Artillerie  der  großen  Armee  erhielt  geheimen
Befehl,  die  Belagerungsparks  für  Spandau,  Kolberg  und  Graudenz  be—
reit  zu  halten.  Der  König  war  verloren  wenn  er  nicht  unterschrieb.
So  kam  der  Bundesvertrag  vom  24.  Febr.  1812  zu  Stande.  Preußen
stellte  ein  Hilfskorps  von  20,000  Mann,  die  Hälfte  seines  Heeres  ver—
schwand  als  siebenundzwanzigste  Division  in  den  Massen  der  großen  Armee;
was  übrig  blieb  genügte  kaum  die  Festungen  zu  besetzen,  da  der  König
sich  ausdrücklich  verpflichten  mußte,  den  Bestand  seiner  Truppen  nicht  zu
vermehren.  Das  ganze  Land,  außer  Oberschlesien  und  Breslau,  stand
den  Heersäulen  Napoleon's  zum  Durchmarsch  offen  und  hatte  für  ihren
Unterhalt  zu  sorgen.  Und  für  alle  diese  neuen  Opfer  nur  das  Versprechen,
  daß  die  Verpflegungskosten  späterhin  vergütet  und  der  rückständige
  Rest  der  Contribution  darauf  angerechnet  werden  sollte!  Die  besetzten
Festungen  blieben  nach  wie  vor  in  Napoleon's  Händen;  selbst  die  Hauptstadt
  mußte  den  Franzosen  eingeräumt  werden,  da  Napoleon  einen  Aufstand
  des  Berliner  Pöbels  fürchtete.  Nur  Potsdam  blieb  frei;  dort  hauste
jetzt  der  König,  von  wenigen  hundert  Mann  seiner  Garde  umgeben,  doch
ließ  er  sich  nicht  abhalten,  zuweilen  in  Berlin  mitten  unter  den  Truppen
Napoleon's  zu  erscheinen.  In  einem  verzweifelten  Briefe  zeigte  Friedrich
Wilhelm  dem  russischen  Freunde  seinen  Entschluß  an:  da  Rußland  jede
thätige  und  schnelle  Hilfe  verweigere,  so  dürfe  er  nur  noch  an  die  Rettung
  seiner  Monarchie  denken;  er  bleibe  jedoch  im  Herzen  der  Freund
und  Bundesgenosse  Alexander's  und  hoffe,  sie  würden  Beide  den  Krieg
in  diesem  Sinne  führen.  Gleich  darauf  schloß  sich  auch  Oesterreich  den
Franzosen  an,  freiwillig  und  unter  weit  günstigeren  Bedingungen:  ihm
wurde  die  Wiedererwerbung  der  illyrischen  Provinzen  in  Aussicht  gestellt,
falls  Galizien  mit  dem  wiederhergestellten  Polen  vereinigt  werden  sollte.

Also  war  der  gesammte  Continent  zum  Kriege  gegen  das  Czarenreich
verbunden,  und  verheerend  ergoß  sich  die  große  Armee  über  Preußens
Gesilde  —  an  650,000  Mann,  das  gewaltigste  Heer,  das  die  Welt  seit
den  Tagen  des  Terxes  gesehen.  Die  beste  Kraft  der  europäischen  Jugend
vom  Ebro  bis  zur  Elbe,  von  Tarent  bis  zur  Nordsee  stand  in  Waffen.
Keine  Rede  mehr  von  den  Verträgen.  Wider  die  Abrede  wurden  auch
Pillau  und  Spandau  —  die  Citadelle  Berlins,  wie  Napoleon  sagte  —
von  den  Franzosen  besetzt.  Was  man  irgend  noch  im  Jahre  1807  zu
rauben  vergessen  hatte  oder  was  von  Kriegsvorräthen  neu  angeschafft  war
in  diesen  vier  Jahren,  fiel  jetzt  den  durchziehenden  Freunden  in  die  Hände.
Preußen  verlor  durch  den  Marsch  der  großen  Armee  noch  mindestens
146  Mill.  Fr.  über  den  schuldigen  Rest  der  Contribution  hinaus")  —

 

*)  Nach  der  Rechnung  des  Finanzministeriums,  die  in  Paris  am  17.  Mai  1814
übergeben  wurde.  Der  Ansatz  ist  aber  unzweifelhaft  viel  zu  niedrig.  Dem  zweiten
Pariser  Friedenscongresse  überreichte  Hardenberg  im  Septbr.  1815  eine  andere  Rechnung,
  wornach  Preußen  94  Mill.  Fr.  über  den  Rest  der  Contribution  hinaus  gezahlt
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        392  I.  3.  Preußens  Erhebung.

eine  Summe,  die  niemals  vergütet  wurde.  Es  war  Napoleon's  Absicht,
den  gefährlichen  Bundesgenossen  in  seinem  Rücken  gänzlich  unschädlich  zu
machen;  nöthigenfalls  konnte  ein  Handstreich  auf  Potsdam  die  Person
des  Königs  in  seine  Gewalt  bringen.

Entsetzlich,  niederschmetternd  war  der  Eindruck  dieser  Ereignisse  in
dem  Kreise  der  preußischen  Patrioten.  Je  höher  im  vorigen  Sommer
ihre  Hoffnungen  sich  erhoben  hatten,  um  so  stürmischer  wallte  nun  die
Entrüstung  auf.  Die  Urheber  der  Rüstungen  von  1811  konnten  nach
dem  vollzogenen  Systemwechsel  selbstverständlich  nicht  mehr  in  ihren  Stellen
  verbleiben.  Blücher  war  schon  im  Herbst,  auf  Napoleon's  dringendes
Verlangen,  seines  Commandos  enthoben  worden,  von  dem  Monarchen
mit  herzlichen  Worten  getröstet.  Jetzt  wurde  auch  Scharnhorst  entlassen,
behielt  aber  das  Vertrauen  des  Königs  nach  wie  vor.  Gneisenau  erhielt
scheinbar  den  Abschied  und  reiste  mit  geheimen  Aufträgen  nach  Oesterreich,
  Rußland,  Schweden  und  England.  Boyen  und  Clausewitz  gingen
nach  Rußland.  Der  Letztere  richtete  zum  Abschied  noch  eine  feurige
Mahnung  für  die  Zukunft  an  seinen  Schüler,  den  jungen  Kronprinzen
und  legte  das  Programm  der  Kriegspartei  nieder  in  seinen  „Bekenntnissen“
  —  einer  classischen  Denkschrift,  die  noch  heute  jedes  deutsche  Herz
erzittern  macht.  Noch  einmal  versuchte  er,  stolz  und  groß,  mit  hinreißenden
Worten,  den  Nachweis  zu  führen:  es  müsse  möglich  sein  in  diesem  mißhandelten
  Lande  750,000  Mann  auf  die  Beine  zu  bringen,  wenn  man
nur  aller  falschen  Klugheit  abschwöre  und  die  dumpfe  Erwartung  der
ungewissen  Zukunft  aufgebe.  Niemals  ist  ein  hochherziger  Irrthum  schöner
und  würdiger  vertheidigt  worden.

Von  den  anderen  Offizieren  waren  einzelne,  wie  der  feurige  hochgemuthe
  Graf  Chasot,  schon  während  der  Wirren  von  1809  ausgetreten;
ihnen  bot  jetzt  der  Czar  in  seiner  neu  gebildeten  Deutschen  Legion  eine
Freistatt.  Andere  Tapfere,  wie  Grolman,  Oppen,  die  Gebrüder  Hirschfeld,
  fochten  in  Spanien;  sie  dachten  wie  Gneisenau:  „Die  Welt  scheidet
sich  in  Feinde  und  Freunde  Bonaparte's,  auf  das  Gebiet  der  Länder
kommt  es  dabei  weniger  an  als  auf  das  der  Grundsätze.“  Die  ungeheure
  Mehrzahl  des  Offizierscorps  aber  gab  ihrem  Kriegsherrn  einen
Beweis  deutscher  Treue,  der  schwerer  wog  als  manche  glänzende  That
des  Kriegsmuthes.  Kein  Mann  in  diesen  Reihen,  der  den  Krieg  für
Napoleon  nicht  verwünschte:  und  doch  sind  nur  einundzwanzig  active
Offiziere,  darunter  nur  drei  Stabsoffiziere,  in  Folge  der  französischen
Allianz  freiwillig  ausgeschieden  um  zumeist  in  die  deutsch-russische  Legion
einzutreten.)  Die  Anderen  bezwangen  ihren  heißen  Haß,  und  sie  sollten
dereinst  noch  Größeres  vollbringen  als  jene  Ungeduldigen.  Es  stand

 

und  außerdem  noch  durch  den  Durchmarsch  der  großen  Armee  einen  Schaden  von
309  Mill.  Fr.  erlitten  hatte.

*)  Nachgewiesen  von  Max  Lehmann,  Knesebeck  und  Schön.  S.  57.
        <pb n="403" />
        Stimmung  in  Preußen.  393

doch  anders  als  Gneisenau  in  seinem  heiligen  Eifer  meinte.  Der  Krieg
für  das  Recht  der  Nationen  verlangte  nationale  Heere;  die  Bastards—
bildung  der  deutsch-russischen  Legion  blieb  ein  Gemisch  aus  edlen  und
gemeinen  Elementen,  sie  hat  weder  im  russischen  noch  im  deutschen  Kriege
eine  bedeutende  Rolle  gespielt.  Der  König  nahm  die  Abschiedsgesuche  sehr
unwillig  auf.  Clausewitz  und  noch  Mehrere  der  Ausgeschiedenen  konnten
nachher  nur  mit  Mühe  den  Wiedereintritt  in  die  Armee  erlangen;  wie
oft  haben  noch  in  späteren  Jahren  die  Gegner  der  Reformpartei  den
Monarchen  geflissentlich  daran  erinnert,  daß  einige  der  nächsten  Freunde
Scharnhorst's  und  Gneisenau's  nicht  bei  der  Fahne  geblieben  waren.

Napoleon  hatte  noch  immer  keine  Ahnung  von  der  ungeheuren  Um—
stimmung  des  deutschen  Volkes.  Vergeblich  warnten  ihn  Davoust  und
Rapp  und  selbst  sein  allezeit  lustiger  Bruder  Jerome.  Er  erwiderte  ver—
ächtlich:  „was  soll  denn  zu  fürchten  sein  von  einem  so  maßvollen,  so
vernünftigen,  so  kalten,  so  duldsamen  Volke,  einem  Volke,  dem  jede
Ausschreitung  so  fern  liegt,  daß  noch  niemals  einer  meiner  Soldaten
während  des  Krieges  gemordet  wurde?“  Graf  Narbonne  aber,  der  sich
mitten  im  Gefolge  des  Imperators  noch  ein  Gefühl  für  Recht  und
Scham  bewahrt  hatte,  sagte  voraus,  diese  gezwungene  preußische  Freund—
schaft  könne  nicht  dauern;  wie  dürfe  man  Treue  fordern  von  einem
Bundesgenossen,  den  man  in  seiner  eigenen  Hauptstadt  bewache?  In  der
That  blieb  das  herzliche  Einvernehmen  zwischen  dem  Könige  und  dem
Czaren  auch  nach  dem  Februar-Vertrage  ungestört.  Alexander  versagte
sich's  freilich  nicht  in  einem  salbungsvollen  Briefe  das  Betragen  des
preußischen  Hofes,  das  doch  von  ihm  selber  verschuldet  war,  zu  beklagen;
indeß  ließ  er  dem  Staatskanzler  durch  Graf  Lieven  vertraulich  eröffnen,
daß  seine  Freundschaft  unwandelbar  dauere.“')  Beide  Theile  hofften
auf  die  Zeit,  da  ihr  natürliches  Bündniß  sich  wieder  schließen  würde.
Auch  die  Hofburg  gab  dem  Petersburger  Hofe  beruhigende  Erklärungen,
sie  stand  jetzt  im  Kriege  sogar  freundlicher  mit  dem  Czaren  als  vorher
im  Frieden,  weil  Alexander  seine  polnischen  Pläne  vorläufig  aufgegeben
hatte;  die  diplomatische  Verbindung  zwischen  Wien  und  Petersburg  wurde
niemals  gänzlich  abgebrochen.  Die  beiden  deutschen  Höfe  aber  traten
unter  sich  und  mit  England  in  lebhaften  geheimen  Verkehr.

Im  Mai  hielt  der  Nachfolger  der  Karolinger  seinen  dritten  großen
Hoftag  auf  deutschem  Boden,  glänzender  noch  als  einst  in  Mainz  und
Erfurt.  Während  die  Regimenter  der  großen  Armee  in  unendlicher
Reihe  über  die  Elbbrücke  zogen,  versammelten  sich  Deutschlands  Fürsten
im  Dresdener  Schlosse  um  ihren  Beherrscher:  unter  ihnen  der  vormals
deutsche  Kaiser  und  der  Nachfolger  des  großen  Friedrich.  Wie  that  es
dem  Plebejer  wohl,  die  Nacken  seiner  hochgeborenen  Diener  recht  wund
zu  reiben  unter  seinem  Joche!  Er  spielte  selber  den  Wirth  im  Hause

*)  Hardenberg's  Tagebuch  11.  März  1812.
        <pb n="404" />
        394  I.  3.  Preußens  Erhebung.

seines  sächsischen  Vasallen,  lud  seinen  kaiserlichen  Schwiegervater  täglich,
den  Hausherrn  und  den  König  von  Preußen  als  Personen  niederen
Ranges  nur  einen  Tag  um  den  anderen  zu  Tisch;  derweil  der  Herrscher
tafelte,  mußten  die  Herzoge  von  Weimar  und  Coburg  mit  einem  Schwarme
deutscher  Fürsten  nebenan  im  Vorzimmer  stehen.  Ehrenhafte  Franzosen
nannten  es  selber  eine  muthwillige  Beschimpfung,  daß  man  dem  Könige
diese  Reise  zugemuthet  habe;  der  Imperator  aber  versagte  seinem  Gaste
den  üblichen  Kanonensalut  und  redete  den  Eintretenden  mit  der  Frage
an:  Sie  sind  Wittwer?")  Friedrich  Wilhelm  war  empört,  er  wußte  nur
allzu  wohl,  wer  seiner  Gemahlin  das  Herz  gebrochen  hatte;  seinem  Kronprinzen,
  der  mit  zugegen  gewesen,  blieb  für  das  ganze  Leben  ein  tiefer
Abscheu  gegen  die  Familie  Bonaparte.  Sogar  die  bedientenhafte  Bevölkerung
  der  schönen  Elbstadt  fühlte  sich  entrüstet  über  die  grausame
Roheit  des  Corsen  und  ehrte  die  stille  Größe  des  Unglücks  wo  immer
der  König  von  Preußen  sich  zeigte.  Indessen  saßen  Hardenberg  und
Metternich  in  tiefem  Vertrauen  beisammen  und  schlossen  gute  Freundschaft,
  wenngleich  die  Absichten  der  beiden  Mächte  noch  weit  auseinander
gingen.  Die  Vernichtung  Napoleon's  wünschte  Kaiser  Franz  seit  der  Vermählung
  seiner  Tochter  nicht  mehr;  nur  zu  einer  Beschränkung  der  unerträglichen
  französischen  Uebermacht  war  Metternich  bereit.  So  viel
hatte  der  österreichische  Staatsmann  aus  den  furchtbaren  Lehren  der
jüngsten  Jahre  doch  gelernt,  daß  er  eine  mäßige  Verstärkung  der  preußischen
Macht,  allerdings  unter  manchem  stillen  Vorbehalte,  für  wünschenswerth
ansah;  und  seit  Preußen  sich  durch  das  französische  Bündniß  nochmals
der  Vernichtung  entzogen  hatte,  begann  er  auch  wieder  an  die  Lebenskraft
  dieses  Staates  zu  glauben.  Die  beiden  Minister  enthüllten  einander
  gegenseitig  ihre  geheimen  Beziehungen  zu  England,  sie  gelobten
sich,  den  vertraulichen  Verkehr,  den  sie  seit  Jahren  pflegten,  noch  lebhafter
als  bisher  fortzusetzen  und  in  gutem  Einvernehmen  die  Stunde  zu  erwarten,
  die  ihnen  eine  Veränderung  der  Allianzen  erlaubte.

Wann  diese  ersehnte  Stunde  schlagen  würde,  das  lag  freilich  noch
in  tiefem  Dunkel.  Vorderhand  konnte  man  nur  auf  irgend  ein  unvorhergesehenes
  Ereigniß,  etwa  auf  den  Tod  Napoleon's  hoffen.  An  den
Sieg  Rußlands  glaubten  die  Eingeweihten  nicht.  Es  zeigte  sich  bald,
wie  leichtsinnig  Alegander  seine  Kräfte  überschätzt  hatte.  Er  stellte  nur
etwa  175,000  Mann  gegen  die  dreifache  Uebermacht  Napoleon's  i#'s
Feld;  erst  beim  Beginne  des  Feldzugs  entschloß  er  sich  den  Türkenkrieg
zu  beendigen  und  im  Bukarester  Frieden  die  Donauprovinzen  größtentheils
  aufzugeben,  dergestalt  daß  seine  Südarmee  erst  spät  in  den  Krieg
eingreifen  konnte.  Bedeutende  Generale  hatte  Rußland  seit  Suworow's
Tode  kaum  noch  aufzuweisen,  und  wie  man  den  wetterwendischen  Czaren
kannte,  mußten  die  Höfe  für  wahrscheinlich  halten,  daß  er  nochmals,  wie

*)  Hardenberg's  Tagebuch  26.  Mai  1812.
        <pb n="405" />
        Zusammenkunft  in  Dresden.  395

nach  Austerlitz  und  Friesland,  nach  der  ersten  verlorenen  Schlacht  das
Spiel  verloren  geben  würde.

Das  Volk  dachte  anders.  Während  des  heißen  letzten  Sommers,
der  den  edlen  Elfer  zeitigte,  hatte  ein  prächtiger  Komet  mit  seiner  rothen
Flammenruthe  allnächtlich  den  Himmel  erleuchtet.  Die  Massen  wußten
seitdem,  daß  Großes,  Unerhörtes  bevorstehe.  Als  nun  das  wilde  fremde
Kriegsvolk  aus  allerlei  Landen  durch  die  preußischen  Dörfer  strömte  —
die  kleinen  genügsamen  braunen  Spanier  und  die  Hünengestalten  der
unersättlichen  bairischen  Trinker,  die  langsamen  Holländer  und  die  behenden
  Fanfarons  aus  der  Gascogne  —  da  schien  dem  kleinen  Manne
Alles  wie  ein  wüster  Spuk;  er  meinte,  dies  tolle  Wesen  nehme  ein
schlimmes  Ende,  und  er  bestärkte  sich  in  solchem  Glauben,  wenn  er,
Wuth  im  Herzen,  die  zügellosen  Horden  hausen  sah,  wie  sie  in  rasendem
Uebermuthe  das  frische  Weißbrot  haufenweis  in  den  Koth  traten,  die
vollen  Flaschen  an  der  Wand  zerschmetterten.  Die  Politik  der  ideenlosen
Eroberungslust  entsittlicht  auf  die  Dauer  ihre  eigenen  Heere;  die  alte
Mannszucht  der  napoleonischen  Truppen  war  verschwunden,  ein  frecher,
meisterloser  Landsknechtssinn  nahm  überhand.  Auch  die  alte  fröhliche
Siegeszuversicht  war  dahin.  Der  Soldat  selbst  begann  des  ewigen
Schlachtens  endlich  satt  zu  werden,  er  fürchtete  die  Schneewüsten  des
Ostens;  in  den  italienischen  und  deutschen  Regimentern  zeigte  sich  oft
ein  dumpfer  Groll.  Die  Reiter  klagten:  in  den  früheren  Kriegen  hätten
ihre  Rosse  beim  Ausmarsch  lustig  gewiehert,  heuer  nicht.

Und  seltsam,  der  naive  Volksglaube  urtheilte  diesmal  richtiger  als
die  Berechnung  der  Cabinette.  Die  Staatsmänner  übersahen  in  ihren
schwarzsichtigen  Erwartungen  das  Eine,  worauf  Alles  ankam:  daß  Czar
Alexander  in  diesem  Kriege  ausharren  mußte.  Die  Nachrichten  von  dem
Zuge  der  Heiden  gegen  das  heilige  Moskau  brachten  das  ganze  russische
Volk  in  Aufruhr,  und  wenn  unter  dem  Despotismus  die  sonst  schlummernde
  öffentliche  Meinung  einmal  erwacht,  dann  wirkt  sie  mit  unwiderstehlicher
  Gewalt.  Alexander  durfte  nicht  nachgeben,  bei  Verlust
seines  Thrones.  Er  wußte  es;  in  diesen  Tagen  der  Prüfung  wurde  der
unstete  Knabe  zum  Manne,  soweit  sein  Charakter  männlicher  Tugenden
fähig  war.  Wie  der  Ephen  am  Eichbaum  klammerte  er  sich  fest  an  dem
eisernen  Muthe  des  Freiherrn  vom  Stein.  Der  große  Deutsche  eilte  mit
seinem  getreuen  Arndt  nach  Rußland  und  stand,  eine  Macht  für  sich  selber,
dem  Czaren  zur  Seite,  erfüllte  ihn  mit  einem  Hauche  seiner  eigenen  Leidenschaft.
  Je  näher  die  Gefahr  sich  heranwälzte,  um  so  freudiger  und  zuversichtlicher
  hoben  sich  alle  schneidigen  und  heldenhaften  Kräfte  seiner  Seele:
bis  nach  Kasan,  bis  nach  Sibirien  hinein  wollte  er  den  Kampf  fortführen,
denn  dieser  Krieg  entschied  über  die  Freiheit  der  Welt.

Eine  tiefe  Stille  lagerte  sich  über  Europa,  als  die  letzten  Colonnen
der  großen  Armee  jenseits  der  russischen  Grenze  verschwanden.  In
        <pb n="406" />
        396  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Norddeutschland  schwebte  auf  tausend  Lippen  die  bange  Frage,  ob  das
Geschick  nicht  endlich  den  Himmelsstürmer  ereilen  werde.  Wie  ein  fremder,
greller  Mißton  klang  in  das  erwartungsvolle  Schweigen  ein  höfisches
Gedicht  Goethe's  auf  Marie  Luise;  der  Alte  konnte  sich  in  die  verwandelte
Zeit  nicht  finden  und  feierte  den  Caesar,  der  soeben  die  Blüthe  der  europäischen
  Männerkraft  zur  Schlachtbank  führte,  mit  dem  Verse:  der
Alles  wollen  kann  will  auch  den  Frieden!  Napoleon  war  fast  ohne
Aufenthalt  durch  Warschau  gezogen;  denn  „die  grenzenlose  Zukunft  vor
mir  gestattet  mir  nicht,  in  Polen  auch  nur  eine  Beiwacht  zu  halten.“
Er  hatte  sich  bereits,  wie  Hardenberg  bei  Maret  erfuhr'),  mit  dem  Plane
beschäftigt  seinen  Bruder  Jerome  zum  König  von  Polen  zu  erheben  und
ließ  es  geschehen,  daß  eine  General-Conföderation  in  Warschau  die
Wiederherstellung  des  Polenreichs  ausrief.  Feste  Zusagen  gab  er  dem
unglücklichen  Volke  auch  jetzt  nicht,  sondern  wies  seinen  Botschafter  in
Warschau  an  „die  nationalen  Bestrebungen  zu  ermuntern  ohne  die  liberalen
  zu  erwecken“.  Er  stürmte  vorwärts,  aber  schon  bevor  der  Feind
in  Sicht  kam  begann  sich  die  Ordnung  in  dem  Heere  aufzulösen.  Vornehmlich
  an  ihrer  Zuchtlosigkeit  ist  diese  glänzende  Armee  zu  Grunde
gegangen.  Die  von  obenher  anbefohlene  Ausplünderung  der  preußischen
Lande  hatte  die  Truppen  an  den  Raub  gewöhnt.  Der  Soldat  lebte  in
beständigem  Kriege  mit  den  Feldgensdarmen,  ein  Gewölk  von  Marodeurs
umschwärmte  Flanken  und  Rücken  des  Heeres;  nur  die  deutschen  und
die  polnischen  Regimenter  hielten  gut  zusammen.  Die  früher  so  treffliche
Armceverwaltung  zeigte  sich  durchweg  unredlich  und  nachlässig,  der  größte
Theil  der  ungeheuren  Vorräthe  ging  schon  auf  dem  Hinwege  zu  Grunde.
Als  Napoleon  in  die  altrussischen  Lande  eindrang,  da  ließ  er,  wie  einst
Karl  XII.  auf  dem  Zuge  nach  Pultawa,  das  von  Parteien  zerrissene
Polen  und  das  gründlich  verwüstete  Litthauen  in  seinem  Rücken.
Scharnhorst  hatte  dem  Czaren  gerathen,  den  Krieg  nach  Partherweise
  zu  führen,  den  unendlichen  Raum  als  Waffe  zu  benutzen  und  den
Feind  tief  in  das  öde  Innere  des  weiten  Reiches  zu  locken.  Der  russische
  Stolz  verschmähte  den  weisen  Rath,  dem  auch  Gneisenau  und  alle
bedeutenden  preußischen  Offiziere  beistimmten.  Der  Czar  hoffte  vielmehr,
der  Feind  werde  sich  an  dem  festen  Lager  von  Drissa  die  Hörner  einstoßen;
  das  glänzende  Beispiel  von  Torres  Vedras  blendete  noch  die
Augen  aller  Welt.  Nur  das  Gefühl  der  eigenen  Schwäche  nöthigte  die
russische  Heerführung,  wider  ihren  Plan  und  Willen,  zu  beständigem
Rückzuge.  Indessen  begannen  die  Bauern  auf  eigene  Faust  den  Partherkrieg;
  sie  erwarteten  alles  Gräßliche  von  dem  heidnischen  Feinde,  flüchteten
  ihre  Herden  und  Vorräthe  in  die  Wälder,  gaben  die  werthlosen
leeren  Holzhütten  preis,  und  wo  ein  Versprengter  in  ihre  Hände  fiel,
schlugen  sie  ihn  nieder  wie  einen  tollen  Hund.  Der  Grimm  des  gläu-*)
  Hardenberg's  Tagebuch  30.  Mai  1812.
        <pb n="407" />
        Der  russische  Krieg.  397

bigen  Volkes  wuchs  noch  als  die  heilige  Stadt  Smolensk  mit  ihren  Kir—
chen  und  Gnadenbildern  nach  blutigen  Gefechten  von  den  Feinden  besetzt
wurde.  Weiter  und  weiter  ging  der  Zug  des  Eroberers  in  das  menschen—
leere  Land  hinein;  mit  jedem  neuen  Tage  lichteten  sich  die  Reihen  seines
Heeres.  Die  Leidenschaft  der  Massen  zwang  endlich  den  russischen  Ober—
feldherrn  Kutusow,  bei  Borodino  eine  Schlacht  um'  den  Besitz  von  Moskau
zu  wagen;  die  Uebermacht  und  die  Tapferkeit  der  Truppen,  vor  Allen
der  sächsischen  Reiterei,  schenkten  dem  Imperator  den  Sieg,  den  blutigsten,
den  er  noch  erfochten.  Nochmals  hoffte  er,  wie  so  oft  schon,  in  der
eroberten  Hauptstadt  den  Frieden  zu  dictiren  und  vergendete,  nachdem
der  Feldzug  ohnehin  allzu  spät  im  Jahre  begonnen  worden,  noch  fünf
unschätzbare  Wochen  durch  fruchtlose  Friedensverhandlungen.  Währenddem
  that  der  altrussische  Fanatismus  sein  Aergstes;  der  Brand  von  Moskau
zeigte  der  Welt,  wessen  ein  in  seinen  heiligsten  Gefühlen  beleidigtes  halbbarbarisches
  Volk  fähig  ist.  Bei  der  gräßlichen  Plünderung  der  unglücklichen
  Stadt  verlor  das  Heer  seinen  letzten  sittlichen  Halt.  Der  Eroberer
sollte  an  seinen  eigenen  Truppen  die  Wahrheit  seines  oft  wiederholten
Ausspruchs  erfahren,  daß  Tapferkeit  nur  die  zweite,  Mannszucht  und
Ausdauer  die  erste  Tugend  des  Soldaten  ist.

Als  der  Rückzug  aus  der  verödeten  Stadt  unvermeidlich  wurde,
konnte  sich  Napoleon's  Hochmuth  —  er  selbst  nannte  es  seine  Seelengröße
  —  nicht  entschließen,  die  offene  nördliche  Straße  einzuschlagen;  so
hätte  er  eingestanden,  daß  er  vor  dem  russischen  Heere,  das  südwärts
von  Moskau  stand,  zurückwich.  Er  gedachte  vielmehr  den  Feind  zu
schlagen  und  sich  den  Rückzug  auf  der  südlichen  Straße  zu  erzwingen.
Das  übermüthige  Unternehmen  mißlang;  durch  die  Schlacht  von  Malo-Jaroslawetz
  wurde  die  große  Armee  wieder  auf  die  mittlere  Straße  abgedrängt,
  welche  sie  beim  Einmarsch  benutzt  hatte.  Damit  war  ihr
Untergang  entschieden.  Der  Heuschreckenschwarm  mußte  denselben  Weg
zurück,  den  er  schon  bis  auf  den  letzten  Halm  abgegrast.  Die  Witterung
blieb  noch  eine  Zeit  lang  leidlich,  und  auch  als  der  Frost,  ungewöhnlich
spät,  eintrat,  ward  die  Kälte  kaum  ärger  als  vor  sechs  Jahren  in  dem
polnisch-ostpreußischen  Feldzuge.  Aber  vor  dem  unglücklichen  Heere  lag
die  unermeßliche  Schneewüste.  Kein  Dorf,  keine  Feuerstatt  so  weit  das
Auge  reichte;  alle  Vorräthe  verloren,  alles  Ansehen  der  Oberen  vernichtet,
dazu  ringsum  die  schwärmenden  Kosaken  und  in  den  Wäldern  die  erbitterten
  Bauern.  Alles  Elend,  das  nur  irgend  die  Sterblichen  heimsuchen
  kann,  brach  über  die  Unseligen  herein;  es  war  als  ob  die  Reiter
der  Apokalypse  über  die  Schneefelder  daherrasten.  Nach  dem  gräuelvollen
Uebergange  über  die  Beresina  löste  sich  jede  Ordnung;  in  regellosen  Haufen
schleppten  sich  die  armen  Trümmer  des  stolzen  Heeres,  insgesammt  kaum
30,000  Mann,  dahin  —  wankende,  hohlwangige  Jammergestalten,  viele
blind  und  taub  vor  Kälte,  mit  wölfischem  Hunger  an  jedem  Aase  nagend,
        <pb n="408" />
        398  I.  3.  Preußens  Erhebung.

waffenlos,  in  abenteuerlicher  Vermummung  —  eine  gräßliche  Maskerade,
wie  das  Volk  in  Deutschland  spottete,  „Trommeln  ohne  Trommelstock,
Kürassier'  im  Weiberrock,  so  hat  sie  Gott  geschlagen  mit  Roß  und  Mann
und  Wagen.“  Aber  auch  der  Sieger  hatte  durch  Strapazen  und  Krankheiten
  den  größten  Teil  seines  Heeres  verloren;  kaum  40,000  Russen
erreichten  die  Grenze,  allesammt  tief  erschöpft  und  über  weite  Entfernungen
zerstreut,  völlig  unfähig  zum  Kampfe  gegen  die  frischen  Truppen  Napoleon's,
  welche  das  preußische  Gebiet  besetzt  hielten.

Die  ersten  unsicheren  Nachrichten  von  der  Katastrophe  gelangten
nach  Dänemark,  von  da  durch  Dahlmann  und  seine  deutschen  Freunde
in's  innere  Deutschland.  Nachher  erfuhr  man,  wie  der  Imperator,  der
allein  mit  Caulaincourt  dem  Heere  vorauseilte,  am  12.  December  in
Glogau  erschienen  war,  wie  er  dann  in  Dresden,  gleichmüthig  einen
Gassenhauer  trällernd,  seinem  bestürzten  Vasallen  die  Unheilsbotschaft
mitgetheilt  hatte.  Am  17.  December  brachte  der  Moniteur  das  neunundzwanzigste
  Bulletin  mit  der  Nachricht:  die  große  Armee  sei  vernichtet,  die
Gesundheit  Sr.  Majestät  sei  niemals  besser  gewesen.  Tags  darauf  erschien
  der  Imperator  selbst  in  den  Tuilerien.  Bald  nachher  überschritten
die  Spitzen  des  französischen  Heeres  die  preußische  Grenze.  Mit  einem
heiligen  Entsetzen  betrachtete  das  Volk  die  lebendigen  Zeugen  des  geschlagenen
  Hochmuths,  und  von  Millionen  Lippen  klang  wie  aus  einem
Munde  der  Ausruf:  das  sind  Gottes  Gerichte!

Die  Stunde  für  Deutschlands  Befreiung  hatte  geschlagen.  Niemand
erkannte  dies  früher  als  Stein,  der  den  russischen  Feldzug  von  Haus
aus  nur  als  Vorspiel  der  deutschen  Erhebung  betrachtete.  Er  stand
während  des  Krieges  an  der  Spitze  des  deutschen  Comitês  in  Petersburg,
  betrieb  die  Ausrüstung  der  Deutschen  Legion,  die  nach  seinen  Plänen
den  Kern  des  künftigen  deutschen  Heeres  bilden  sollte,  und  scheute  sich
nicht,  unter  den  Rheinbundstruppen  Aufrufe  verbreiten  zu  lassen,  die  sie
zur  Fahnenflucht  verleiten  sollten.  Was  galten  ihm  auch  die  Eide,  die
den  Sklaven  des  Zwingherrn  geschworen  waren?  Zugleich  schrieb  der
tapfere  Arndt  seinen  Katechismus  für  den  deutschen  Kriegs=  und  Wehrmann,
  ein  köstliches  Volksbuch,  das  in  vielen  tausenden  von  Exemplaren
verbreitet,  mit  seiner  einfältigen  Wahrhaftigkeit,  seiner  frommen  biblischen
Sprache  das  gläubige  Geschlecht  im  Innersten  erschütterte:  denn  wer
Tyrannen  bekämpft,  ist  ein  heiliger  Mann,  und  wer  Uebermuth  steuert
thut  Gottes  Dienst;  das  ist  der  Krieg,  welcher  dem  Herrn  gefällt;  das
ist  das  Blut,  dessen  Tropfen  Gott  im  Himmel  zählt!  Bei  Hofe  kam  man
dem  deutschen  Freiherrn  anfangs  mit  Mißtrauen  entgegen;  doch  wie  er
nun  vom  ersten  Augenblicke  an  die  Niederlage  des  Feindes  unbeirrt
voraussagte  und  in  seiner  Herzensfreude  über  die  Treue,  den  Opfermuth,
die  religiöse  Begeisterung  des  russischen  Volkes  immer  froher  und  liebenswürdiger
  wurde,  da  flogen  ihm  alle  edlen  Herzen  zu  und  vor  Allen  die
        <pb n="409" />
        Stein  in  Petersburg.  399

Frauen  empfanden  die  natürliche  Verwandtschaft,  welche  das  sichere  Ge—
fühl  des  Weibes  mit  dem  Genius  verbindet.

Lange  bevor  der  Untergang  der  großen  Armee  sich  entschied,  schon
im  September  entwarf  er  die  Pläne  für  Deutschlands  künftige  Verfassung  —
das  Idealste  und  Verwegenste  was  je  zuvor  über  deutsche  Politik  gedacht
worden.  Und  dies  bildet,  nächst  seiner  Theilnahme  an  der  Umgestaltung
Preußens  und  der  Befreiung  Europas,  das  dritte  welthistorische  Verdienst
des  Mannes:  er  hat  früher  und  schärfer  als  irgend  ein  Staatsmann  die
Einheit  Deutschlands,  ohne  Phrasen  und  Vorbehalte,  als  das  höchste  Ziel
deutscher  Staatskunst  aufgestellt.  Wer  ihm  von  Schonung  der  althergebrachten
  Zersplitterung  redete,  dem  erwiderte  er:  einen  solchen  Zustand  wiederherstellen
  ist  gerade  so  als  wollte  man  darauf  bestehen,  daß  ein  todter  Mann
auf  seinen  Beinen  stehen  solle  weil  er  es  thun  konnte  so  lange  er  noch
lebte.  Jede  Rücksicht  auf  die  Dynastien  schien  ihm  unwürdig:  als  ob  es  in
Deutschland  darauf  ankäme,  ob  ein  Mecklenburg  oder  Baiern  existire,  und
nicht  ob  ein  starkes,  festes,  kampffähiges  deutsches  Volk  ruhmvoll  im  Krieg
und  Frieden  dastehe;  sollte  dieser  Krieg  dahin  führen,  daß  die  alten  Streitigkeiten
  der  deutschen  Montecchi  und  Capuletti  wieder  auflebten,  dann  wäre
der  große  Kampf  mit  einem  Possenspiele  beendigt!  Sein  Ziel  war  „die
Einheit  und,  ist  sie  nicht  möglich,  ein  Auskunftsmittel,  ein  Uebergang“.
Jetzt,  da  der  gesammte  Länderbestand  Europas  in's  Wanken  kam,  meinte
er  selbst  das  Höchste  erreichbar;  eine  große  Monarchie  von  der  Weichsel
bis  zur  Maas,  ebenso  Italien  zu  einer  geschlossenen  Masse  verbunden  —
ganz  Mitteleuropa  zurückgeführt  in  einen  Zustand  „der  Kraft  und  Widerstandsfähigkeit".
  Sei  dies  nicht  möglich,  so  solle  man  Deutschland  nach
dem  Laufe  des  Mains  zwischen  Oesterreich  und  Preußen  theilen,  die
Rheinbundsfürsten  als  betitelte  Sklaven  und  Untervögte  des  Eroberers
behandeln,  auch  die  von  Napoleon  verjagten  Fürsten  nicht  wieder  einsetzen.
Könne  man  auch  dies  nicht  erreichen,  so  bleibe  als  letzter  Ausweg,  daß
man  jedem  der  beiden  „verfassungsmäßigen  Königreiche“  Oesterreich  und
Preußen  einige  Kleinstaaten  als  Vasallen  unterordne,  etwa  Baiern,  Württemberg,
  Baden  mit  geschmälertem  Gebiete  der  südlichen,  Hannover,  Hessen,
Oldenburg,  Braunschweig  der  nördlichen  Macht.

Wohl  oder  übel  suchte  er  also  seine  unitarischen  Wünsche  mit  den
Ideen  des  Bartensteiner  Vertrags  in  Einklang  zu  bringen.  Auf  jeden
Fall  sollte  der  Befreiungskrieg  mit  radicaler  Kühnheit  geführt,  das  eroberte
  deutsche  Land  als  herrenloses  Gut  vorläufig  von  einem  Verwaltungsrathe
  der  Verbündeten  regiert  werden.  Unter  den  Verbündeten  dachte  er
sich  zunächst  Rußland,  Oesterreich  und  England;  ihnen  komme  es  zu  das
zaudernde  Preußen  mit  sich  fortzureißen.  So  tief  war  sein  Widerwille
gegen  die  listenreiche  Politik  Hardenberg's.  Die  zwingenden  Gründe,  welche
das  Verhalten  des  Königs  in  den  Jahren  1809  und  1811  bestimmt
hatten,  wollte  der  Erzürnte  niemals  gelten  lassen,  und  obwohl  die  feurigen
        <pb n="410" />
        400  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Patrioten,  die  ihn  in  Petersburg  umgaben,  allesammt  Norddeutsche  waren,
so  glaubte  er  noch  immer  nicht  recht  an  die  kriegerische  Leidenschaft  dieser
kalten  und  langsamen  Stämme.

Gleichviel  welcher  Theil  des  Vaterlandes  sich  zuerst  erhöbe  —  daß
der  Krieg  wie  ein  reißender  Strom  über  die  deutschen  Grenzen  hineinfluthen
  müsse,  verstand  sich  dem  Reichsritter  von  selber.  Für  diesen  Gedanken
  suchte  er  den  Czaren  zu  gewinnen,  und  er  fand  leichtes  Spiel.
Alexander  war  in  tiefster  Seele  erschüttert;  in  dem  Rausche  des  Sieges
traten  alle  edlen  und  alle  phantastischen  Züge  seiner  Natur  zu  Tage.
Vor  Kurzem  noch  hatte  er  die  ungeheure  Last  der  Sorge  kaum  zu  tragen
vermocht,  die  Nachricht  von  dem  Brande  von  Moskau  hatte  sein  Haar
in  einer  Nacht  gebleicht.  Nun  war  Rußland  befreit  wie  durch  ein  Wunder
des  Himmels,  nun  fühlte  er  sich  auserwählt  durch  Gottes  Gnade,  als
ein  Heiland  der  Welt  die  geknechtete  Erde  von  ihrem  Joche  zu  erlösen;
nichts  billiger  darum  als  ein  reicher  Lohn  für  den  Weltbefreier.  Sofort
nahm  er  seine  polnischen  Pläne  wieder  auf,  doch  in  aller  Stille;  sein
deutscher  Rathgeber  erfuhr  kein  Wort  davon.  Die  Befreiung  Deutschlands
  sollte  dem  Czaren  die  Krone  der  Jagiellonen  bringen;  die  Interessen
der  Menschheit  stimmten  wieder  einmal  ganz  wundersam  mit  den  dynastischen
  Wünschen  des  Hauses  Gottorp  überein!  Schon  im  November  war
Alexander  so  gut  wie  entschlossen  seine  Waffen  nach  Deutschland  zu  tragen.
Der  Kanzler  Rumjanzow,  der  die  Politik  der  freien  Hand  vertrat,  verlor
allen  Einfluß;  der  deutsche  Freiherr  behauptete  sich  in  der  Gunst  des
Czaren  und  zeigte  bereits  in  einer  Denkschrift  der  russischen  Regierung
die  Mittel,  welche  ihr  nachher  ermöglichten,  vierzig  Millionen  Rubel
Papiergeld  in  Deutschland  umzusetzen  und  also  den  Krieg  fortzuführen.

Wunderbar  doch,  wie  sicher  der  große  Patriot  den  springenden  Punkt
in  der  Lage  der  Welt  —  die  Nothwendigkeit  der  deutschen  Schilderhebung
—  herausfand,  und  wie  gröblich  er  sich  in  allem  Einzelnen  irrte.  Er
kannte  weder  die  Schwäche  der  russischen  Streitkräfte,  noch  die  bedachtsame
  Aengstlichkeit  des  Wiener  Hofes,  weder  die  Unfähigkeit  des  englischen
Tory-Cabinets,  noch  den  stumpfen  Particularismus  der  Völkchen  in  den
deutschen  Kleinstaaten,  die  nirgends  daran  dachten,  sich  wider  den  Willen
ihrer  Dynastien  zu  erheben.  Doch  am  allerwenigsten  kannte  er  den  heiligen
  Zorn,  der  in  den  Herzen  der  Preußen  kochte,  und  die  stillen  Hoffnungen,
  womit  ihr  König  sich  trug;  eben  dieser  Staat,  den  der  Freiherr
sich  nur  im  Schlepptau  der  anderen  Mächte  denken  konnte,  sollte  den  Anstoß
  geben  zu  dem  europäischen  Kriege.  Hardenberg  hatte  sich  während
des  Sommers  bemüht  das  Einverständniß  mit  Oesterreich  zu  befestigen
und  deshalb  im  September  den  Flügeladjutanten  von  Natzmer  nach  Wien
gesendet.  Der  Bevollmächtigte  fand  in  Wien  eine  überaus  freundliche
Aufnahme.  In  seinem  Antwortschreiben  betheuerte  Metternich  mit  Wärme,
er  vermöge  die  Interessen  der  beiden  Staaten  nicht  von  einander  zu  trennen;
        <pb n="411" />
        Umschwung  der  preußischen  Politik.  401

greifbare  Versprechungen  gab  er  jedoch  nicht.  Als  nun  der  Krieg  sich  in
die  Länge  zog,  da  begann  der  König  zu  hoffen,  daß  sein  russischer  Freund
diesmal  endlich  ausharren  würde;  schon  am  29.  October,  noch  ehe  die
Nachricht  von  dem  Moskauer  Brande  eingetroffen  war,  erklärte  er  sich
bereit  zu  einem  Wechsel  des  politischen  Systems,  aber  nur  im  Bunde  mit
Oesterreich.  Neue  vertrauliche  Anfragen  in  Wien  hatten  geringen  Erfolg.
Die  Hofburg  behauptete  noch  die  gleiche  Haltung  wie  in  der  Krisis  von
1811:  sie  hatte  nichts  dawider,  wenn  Preußen  sein  Glück  versuchte,  wollte
aber  selber  aus  ihrer  so  viel  besser  gesicherten  Position  nicht  heraustreten.
Gewaltigen  Eindruck  hinterließ  in  Berlin  wie  überall  die  unglaubliche
Nachricht  von  der  Verschwörung  des  Generals  Mallet:  wie  dieser  Toll—
kopf  durch  das  Märchen  von  Napoleon's  Tode  die  höchsten  Behörden
überrumpelt  und  während  einiger  Stunden  Paris  beherrscht  hatte.  So
morsch  war  schon  der  Grund,  worauf  das  Weltreich  fußte!  Dann  kam
die  Kunde  von  Napoleon's  Rückkehr,  bald  darauf  (16.  Dec.)  aus  Dresden
ein  Schreiben  des  Flüchtlings  an  den  König,  das  unbefangen,  als  sei  gar
kein  Zweifel  möglich,  die  Verstärkung  des  preußischen  Hilfscorps  verlangte:
kein  Wort  von  Entschädigung,  kein  Wort  über  die  Bezahlung  der  preu—
ßischen  Lieferungen  vom  letzten  Frühjahr!  Der  Imperator  meinte  Preu—
ßen  genugsam  gefesselt  und  versah  sich  keiner  Weigerung.  In  der  That
überschätzte  Hardenberg  die  Bedeutung  der  russischen  Katastrophe  nicht.
Er  begriff,  daß  Napoleon's  unritterliche  Flucht  politisch  ebenso  wohl  erwogen
war  wie  einst  sein  heimlicher  Abzug  aus  Aegypten;  er  wußte,  was  dieser
eine  Mann  bedeutete  und  sah  voraus,  daß  der  Imperator  in  Kurzem  mit
einem  gewaltigen  Heere  zurückkehren  würde.

Der  sofortige  offene  Abfall  war  unmöglich,  nicht  bloß  weil  die  Ge—
wissenhaftigkeit  des  Königs  selbst  einen  erzwungenen  Bund  nicht  ohne  stich—
haltige  völkerrechtliche  Gründe  auflösen  wollte,  sondern  auch  weil  die  fran—
zösischen  Streitkräfte  in  den  Marken  vollauf  genügten  eine  plötzliche  Er—
hebung  im  Keime  zu  ersticken.  Dagegen  waren  alle  tüchtigen  Männer  am
Hofe  darüber  einig,  daß  die  Gunst  des  Glücks  benutzt,  der  Anschluß  an
Rußland  und  Oesterreich  sofort  vorbereitet  werden  müsse.  Der  bedächtige
conservative  Cabinetsrath  Albrecht  erklärte  schon  am  17.  Dec.  in  einer
Denkschrift,  welche  der  Monarch  vollständig  billigte:  jetzt  oder  niemals
müsse  durch  die  Erhebung  der  drei  Ostmächte  das  unerträgliche  fremde
Joch  abgeschüttelt  werden,  wenn  man  nicht  „für  die  gegenwärtige  Gene—
ration,  vielleicht  für  immer,  auf  Selbständigkeit  verzichten“  wolle.  Auch
Knesebeck,  der  Mann  des  Friedens,  mahnte  jetzt  hochpathetisch:  „Es  ist
Zeit!“*)  und  selbst  der  schroffe  Junker  Marwitz  eilte  ungeladen  zu  seinem
Todfeinde  Hardenberg,  stellte  sich  ihm  zur  Verfügung.

 

*)  Albrecht's  Denkschrift,  17.  Dec.  Knesebeck's  Denkschrift  „Es  ist  Zeit,“  23.  Dec.
König  Friedrich  Wilhelm  an  Hardenberg,  25.  Dec.  1812.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  26
        <pb n="412" />
        402  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Der  König  brauchte  noch  langer  Zeit  bis  er  die  einzige  Größe  dieser
Tage  ganz  begriff.  Unentschlossen  von  Natur,  tief  niedergebeugt  durch
die  Leiden  der  letzten  Jahre,  noch  ohne  herzhaftes  Vertrauen  zu  seinem
Volke,  wußte  er  auch  noch  nicht,  wie  gänzlich  die  Gesinnung  seines  russischen
  Freundes,  der  ihn  einst  so  kaltsinnig  preisgegeben,  schon  verwandelt
war.  Nur  im  Bunde  mit  Oesterreich  und  gedeckt  durch  sichere  diplomatische
  Verträge  wollte  er  das  Ungeheuere  wagen.  Hardenberg  sah  von
vornherein  weiter;  er  sprach  sofort  aus:  nöthigenfalls  müsse  man  auch
ohne  Oesterreichs  Hilfe  schlagen,  da  diese  Macht  zum  mindesten  nicht  feindlich
  auftreten  würde.'  Am  zweiten  Weihnachtstage  legte  der  Staatskanzler
  sein  Programm  vor:  er  rieth,  sofort  zu  rüsten,  im  Angesichte  des
Feindes  und  darum  dem  Scheine  nach  zu  Frankreichs  Gunsten.  „Es  ist
von  der  äußersten  Wichtigkeit“"  —  so  schrieb  er  —  „vorerst  die  größte  Anhänglichkeit
  an  Napoleon's  System  und  Allianz  zu  zeigen  und  allen  unseren
  Maßregeln  die  Gestalt  zu  geben  als  ob  sie  für  Frankreich  geschähen,
daher  auch  die  Concentration  und  Vermehrung  unserer  Streitkräfte  als
eine  Folge  der  französischen  Anforderungen  darzustellen  und  herauszuheben
sein  wird.““)Sein  Plan  war,  daß  Oesterreich  und  Preußen  als  bewaffnete
  Mediatoren  zwischen  die  kriegführenden  Mächte  treten  sollten;
lehnte  Napoleon's  Hochmuth,  wie  vorauszusehen,  die  Bedingungen  der
Vermittler  ab,  so  war  der  Rechtsgrund  zum  Kriege  gegeben.  Mittlerweile
solle  sich  der  König  in  das  sichere  Schlesien  begeben  und  von  dort  aus
zur  rechten  Zeit  sein  Volk  unter  die  Waffen  rufen.  Der  König  genehmigte
  Alles.  Wo  der  neue  Feldzug  beginnen  würde,  das  ließ  sich  freilich
im  Augenblicke  noch  nicht  ahnen;  der  Staatskanzler  meinte:  am  Rhein
der  König:  in  Polen  und  Litthauen.  „Schlagen  muß  man  und  vernichten“
  —  so  lautete  Friedrich  Wilhelm's  Ansicht  —  „das  aber  geschieht  zuverlässiger
  im  Norden  als  am  Rhein,  bis  wohin  Rußlands  Macht  nie
mit  ganzer  Kraft  kommen  kann  und  beinah  nicht  kommen  darf.““)  Als
dies  unheimliche  Jahr  im  Sterben  lag,  rief  man  in  Berlin  bereits  die
Beurlaubten  ein,  befahl  die  Bildung  von  Reservebataillonen  und  entwarf
die  Instruction  für  Knesebeck,  der  als  Unterhändler  nach  Wien  gehen  sollte.
Das  Eis  war  gebrochen,  und  die  entfesselten  Fluthen  des  Völkerzornes
brausten  bald  so  gewaltig  dahin,  daß  die  Krone  nicht  mehr  zurückweichen
konnte.  Bange  Wochen  vergingen  noch  bis  man  vor  dem  überlisteten  Feinde
das  Visier  aufschlagen  durfte,  und  noch  manche  schwache  Stunde  des
Zauderns,  des  Zweifelns  und  des  Schwankens  mußte  überstanden  werden;
doch  weder  der  König  noch  sein  Kanzler  ist  dem  einmal  ergriffenen  rettenden
  Gedanken  je  wieder  ganz  untreu  geworden.

Den  Massen  des  Volkes,  die  mit  wachsender  Ungeduld  den  Ruf  des

*)  Hardenberg's  Bemerkungen  zu  Albrecht's  Denkschrift,  26.  Dec.  1812.
*#n)  Hardenberg's  Bericht  an  den  König,  26.  Dec.  1812.
*  55P)  König  Friedrich  Wilhelm,  Bemerkungen  zu  Hardenberg's  Bericht,  28.  Dec.  1812
        <pb n="413" />
        Vork.  403

König  erharrten,  blieb  dieser  Umschwung  der  preußischen  Politik  natürlich
  verborgen.  Ein  Glück  daher,  daß  von  anderer  Seite  her  eine  That
gewagt  wurde,  die  dem  Volke  wie  ein  weithin  leuchtendes  Signal  verkündete,
  die  Zeit  des  Harrens  sei  zu  Ende.  Die  Nothwendigkeit  der  großen
Wandlungen  des  historischen  Lebens  erscheint  dann  am  anschaulichsten,
wenn  sie  durch  widerwillige  Werkzeuge  vollstreckt  werden.  Wer  hätte  auch
nur  für  denkbar  gehalten,  daß  General  VYork,  der  Befehlshaber  des  preuhischen
  Hilfscorps  jemals  an  seinem  Fahneneide  deuteln  könnte?  Vor
langen  Jahren  war  der  Jüngling  einst  wegen  Ungehorsams  aus  der  fridericianischen
  Armee  entlassen  worden;  als  er  dann  nach  langen  abenteuerlichen
  Fahrten  gereift  und  gesetzt  wieder  eintrat,  erschien  er  den  Soldaten
wie  der  gestrenge  Geist  der  altpreußischen  Mannszucht.  Der  Mannschaft
klopfte  das  Herz,  wenn  die  hagere  straffe  Gestalt  des  alten  Isegrimm  mit
der  drohenden  Falte  über  der  Adlernase  auf  dem  Braunen  daherritt.
Kein  Fehler  entging  den  harten  stechenden  grauen  Augen;  jedes  Schimpfwort
  ließ  sich  leichter  ertragen  als  der  gemessene  und  doch  so  furchtbare,
so  tief  demüthigende  Tadel  von  diesen  stolzen  herrischen  Lippen.  Die
Offiziere  sagten  wohl,  er  sei  scharf  wie  gehacktes  Eisen;  sie  erriethen  aus
dem  rastlos  wechselnden  Mienenspiele  der  finsteren  Züge,  wie  viel  Ehrgeiz,
  wie  viel  heiße  Leidenschaft,  durch  eiserne  Willenskraft  mühsam  gebändigt,
  in  dem  wortkargen,  unliebenswürdigen  Manne  arbeitete.  Die
Truppen  vertrauten  ihm  unbedingt,  denn  sie  kannten  seine  Tapferkeit  und
Umsicht  aus  den  Kämpfen  von  Altenzaun  und  Lübeck  und  sie  wußten,  wie
eifrig  der  durch  und  durch  praktische  Offizier  für  Kleidung,  Proviant  und
Quartiere  seiner  Leute  sorgte.  Wie  in  Marwitz  die  Standesgesinnungen
  des  Landadels,  so  verkörperte  sich  in  York  der  schroffe  Stolz
des  alten  Offizierscorps;  gegen  die  neumodischen  Narrheiten  der  Reformer
war  ihm  kein  Hohn  zu  giftig.  Er  haßte  die  Franzosen,  die  ihm  seine  Fahnen
entehrt  und  den  stolzen  Bau  der  altpreußischen  Ordnung  über
den  Haufen  geworfen  hatten,  mit  dem  ganzen  Ingrimm  seiner  vulkanischen
  Natur;  doch  für  die  Kameraden,  die  den  Dienst  des  Königs  verließen
um  nach  Rußland  zu  gehen,  hatte  er  nur  Worte  herber  Verachtung,  sie
waren  ihm  Verräther  und  Deserteure.

Die  preußische  Division  gehörte  während  des  Kriegs  zu  dem  Corps
Macdonald's  und  rückte  auf  dem  äußersten  linken  Flügel  der  großen  Armee
in  die  Ostseeprovinzen  ein.  So  widerwillig  die  Truppen  dem  französischen
Oberbefehle  folgten,  sie  brannten  vor  Begier,  jetzt  unter  den  Augen  der
Sieger  von  Jena  zu  zeigen,  was  preußische  Tapferkeit  vermöge.  York
durfte  sich  rühmen,  daß  seine  Schaar  an  kriegerischer  Tüchtigkeit  keinem
anderen  Corps  der  großen  Armee  nachstand,  in  fester  Mannszucht  alle
übertraf;  er  hielt  sie  geschlossen  zusammen,  bewahrte  sie  vor  jener  Vermischung
  mit  fremdem  Kriegsvolk,  die  in  den  Heeren  des  Weltreichs  grundsätzlich
  begünstigt  wurde,  und  zeigte  den  Franzosen  durch  schroff  abweisenden

*
        <pb n="414" />
        404  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Stolz,  daß  sie  nicht  rheinbündnerische  Vasallen,  sondern  das  Hilfscorps
eines  freien  Königs  vor  sich  hätten.  Die  trübe,  durch  die  jammervollen
Erlebnisse  dieser  sechs  Jahre  verbitterte  Stimmung  der  Truppen  wich
einem  kräftigen,  trotzigen  Selbstgefühle,  als  sie  in  dem  glänzenden  Treffen
von  Bauske  und  in  vielen  anderen  rühmlichen  Gefechten  die  alte  fridericianische
  Kühnheit  und  zugleich  ihre  Gewandtheit  in  den  Künsten  der  beweglichen
  neuen  Taktik  erprobt  hatten.  Die  aus  allen  Waffengattungen
gemischten  Brigadeverbände  bewährten  sich  ebenso  trefflich  wie  die  neuen
Exercirreglements  vom  Januar  1812.  ork  behauptete  den  Herbst  über
seine  gefährliche  Position  in  Kurland;  erst  der  Untergang  des  Hauptheeres
nöthigte  auch  den  linken  Flügel  zum  Rückzuge.  Macdonald's  Corps
erhielt  Befehl  die  Trümmer  der  großen  Armee  im  Rücken  zu  decken  und
den  nachdrängenden  Russen  den  Einmarsch  nach  Ostpreußen  zu  verbieten.

Schon  seit  Wochen  hatten  der  schlaue  Italiener  Paulucci  und  andere
russische  Befehlshaber  den  preußischen  General  zum  Uebertritt  zu  bereden
versucht.  Immer  vergeblich.  Auch  die  patriotischen  Aufrufe  in  dem  Rigaer
Zuschauer  des  wackeren  Patrioten  Garlieb  Merkel  ließen  den  Verächter
der  Literaten  kalt.  Aber  dem  scharfen  Soldatenblicke  York's  entging  nicht,
daß  sein  wohlgeordnetes  kleines  Corps  —  es  mochte  jetzt  noch  an  13,000
Mann  zählen  —  nach  der  Katastrophe  der  Hauptarmee  einen  ganz  ungeahnten
  Werth  erlangte.  Folgte  er  den  Befehlen  Macdonald's,  so  konnten
die  wenigen  Russen,  die  weiter  südlich  schon  in  Ostpreußen  eingedrungen
waren,  sich  dort  nicht  halten,  die  Franzosen  blieben  stark  genug  dem  russischen
  Corps  des  Fürsten  Wittgenstein  die  preußische  Grenze  zu  sperren,
und  der  russische  Krieg  endete  nach  menschlichem  Ermessen  mit  einem  nutzlosen
  Kosakenstreirzug  am  Niemen  —  freilich  nur  wenn  das  preußische
Corps  mit  übermenschlicher  Selbstverleugnung  sich  für  seine  gehaßten
Bundesgenossen  aufopferte.  Schieden  die  Preußen  aus  dem  Kriege  aus,
so  drang  das  russische  Heer  über  die  deutsche  Grenze  hinüber,  und  der
König  —  das  ließ  sich  vermuthen  —  ward  fortgerissen  zu  dem  großen
Entschlusse,  welchen  York  seit  Jahren  ersehnte.  Eine  Welt  von  widersprechenden
  Gedanken  stürmte  auf  den  eisernen  Mann  ein;  während  der
Schlacht  kalt  und  sicher,  war  er  vor  dem  Kampfe  immer  aufgeregt  und
schwarzsichtig.  Sollte  er  seine  treuen  Truppen,  den  Kern  des  preußischen
Heeres,  preisgeben  für  die  Rettung  des  Todfeindes  der  Deutschen  oder
durch  einen  eigenmächtigen  Schritt  Thron  und  Leben  seines  Königs,  der
noch  immer  in  der  Gewalt  der  Fremden  war,  gefährden?  Sollte  er  jetzt,
in  Ehren  grau  geworden,  nochmals  dem  strengen  Gesetze  des  Krieges  den
Gehorsam  versagen,  wie  einst,  da  der  vorwitzige  Knabe  aus  der  Armee
verjagt  wurde,  und  sein  Leben  schimpflich  auf  dem  Sandhaufen  schließen
—  dder  diese  große  Stunde  des  Gottesgerichts  unbenützt  vorüberstreichen
lassen?  Auf  wiederholte  Anfragen  in  Berlin  kam  nur  die  Erwiderung:
er  möge  nach  den  Umständen  handeln  —  eine  Antwort,  die  lediglich  er-
        <pb n="415" />
        Convention  von  Tauroggen.  405

rathen  ließ,  daß  der  König  sich  an  das  französische  Bündniß  nicht  für
immer  binden  wolle.

Den  Ausschlag  gab  ein  Schreiben  Alexander's  vom  18.  December,
das  bestimmt  versicherte,  der  Czar  sei  bereit  mit  dem  Könige  ein  Bündniß
abzuschließen  und  die  Waffen  erst  niederzulegen  wenn  Preußen  die  Macht—
stellung  vom  Jahre  1805  wieder  erreicht  habe.  Hier  also  des  Königs
alter  Freund  und  die  Aussicht  auf  Wiederherstellung  des  alten  Ruhmes,
dort  der  arge  Feind,  von  dem  York  wußte,  daß  er  nur  auf  Preußens
Vernichtung  sann.  Bewegt  wie  ein  Mann  nur  sein  kann  kündete  der
General  seinen  Offizieren  die  gefaßte  Entscheidung  an:  „so  möge  denn
unter  göttlichem  Beistand  das  Werk  unserer  Befreiung  beginnen  und  sich
vollenden.“  Mit  hellem  Jubel  stimmten  ihm  die  Getreuen  zu.  Am
30.  December  traf  York  in  der  Poscheruner  Mühle  bei  Tauroggen  mit
den  russischen  Unterhändlern  zusammen  —  es  waren  durchweg  geborene
Preußen,  Diebitsch,  Clausewitz,  Friedrich  Dohna  —  und  unterzeichnete
eine  Convention,  kraft  deren  sein  Corps  in  den  Landstrich  zwischen  Memel
und  Tilsit  zurückging,  um  dort  die  weiteren  Befehle  des  Königs  zu  er—
warten.  Mehr  wollte  der  pflichtgetreue  Soldat  nicht  wagen.  An  dem
Könige  war  es  die  Verbindung  mit  Rußland  zu  befehlen.  Ihm  legte
York  in  einem  Briefe,  den  er  mit  seinem  Herzblute  schrieb,  seinen  alten
Kopf  zu  Füßen:  „Jetzt  oder  nie  ist  der  Moment,  Freiheit,  Unabhängigkeit
und  Größe  wiederzuerlangen.  In  dem  Ausspruche  Eurer  Majestät  liegt
das  Schicksal  der  Welt!"

Die  Convention  von  Tauroggen  hat  nicht,  wie  ihr  kühner  Urheber
hoffte,  den  König  fortgerissen  zum  Anschluß  an  Rußland;  der  Monarch
hatte  bereits,  allerdings  noch  zaudernd,  einen  neuen  Weg  eingeschlagen.
Sie  kam  sogar  dem  Staatskanzler  sehr  ungelegen,  da  sie  ihn  leicht  nöthigen
konnte  sein  fein  berechnetes  Spiel  allzufrüh  aufzudecken.  Aber  sie  öffnete
die  deutschen  Grenzen  den  Russen,  sie  ermöglichte  den  Ostpreußen  sich  für
Deutschlands  Befreiung  zu  erheben,  sie  gab  den  Massen  zuerst  die  frohe
Gewißheit,  daß  der  Würfel  gefallen  sei.  Als  der  Morgen  des  schlachtenreichsten
  Jahres  dieser  blutigen  Zeit  heraufgraute,  erwachte  überall,  wo
Friedrich's  Adler  wehten  die  alte  Waffenfreude  der  Germanen,  und  weithin
  über  das  preußische  Land  erklang  der  Weckruf  des  eisernen  York:  Jetzt
oder  niemals!
        <pb n="416" />
        Vierter  Abschnitt.

Der  Befreiungskrieg.

Nichts  unheimlicher  im  Leben  der  Völker  als  das  langsame  Nachwirken
  der  historischen  Schuld.  Wie  viel  schwere  Arbeit  war  nun  schon
aufgewendet  von  den  besten  Männern  des  deutschen  Nordens  um  die
Unterlassungssünden  des  unseligen  Jahrzehntes  vor  1806  zu  fühnen.  Fester
denn  je  stand  die  alte  Königstreue  der  Preußen,  ein  neuer  freier  Geist
belebte  das  Heer  und  die  Verwaltung;  was  aber  in  Friedrich's  Tagen
der  schönste  und  eigenthümlichste  Vorzug  der  preußischen  Politik  gewesen,
die  stolze  freimüthige  Offenheit  des  Handelns  blieb  dem  gedrückten  Staate
versagt.  Als  die  Krone  sich  endlich  anschickte  Gewaltthat  und  Treubruch
mit  dem  Schwerte  abzuwehren,  den  wagnißvollen  Kampf  für  die  Herstellung
  Deutschlands  und  die  Freiheit  der  Welt  zu  beginnen,  da  fand  sie  sich
außer  Stande  das  Gerechte  und  Nothwendige  mit  Gradsinn  und  Würde
zu  thun.  Sie  war  gezwungen  zu  einem  zweizüngigen  Spiele,  das  tausende
  ehrlicher  Gewissen  beirrte  und  quälte,  viele  der  Treuesten  zu  einem
eigenmächtigen,  für  den  Bestand  der  monarchischen  Ordnung  hochgefährlichen
  Vorgehen  nöthigte.

Zu  Anfang  des  Jahres  standen  etwa  40,000  Mann  napoleonischer
Truppen  in  Ostpreußen,  10,000  in  Polen,  70,000  in  den  Festungen  der
Weichsel=  und  Oderlinie;  die  Marken  nebst  den  Uebergängen  über  die
Oder  hielt  Augereau  mit  dem  noch  ganz  unberührten  elften  Armeecorps,
mehr  als  20,000  Mann,  besetzt,  und  täglich  trafen  frische  Zuzüge  aus
dem  Westen  ein,  also  daß  die  Garnison  von  Berlin  allein  bald  auf
24,000  Mann  stieg.  Genug,  übergenug,  um  die  schwache,  an  vier  weit
entlegenen  Stellen  vertheilte  preußische  Armee  in  Schranken  zu  halten.
Das  gelichtete  Corps  York's  überschritt  soeben  die  litthauische  Grenze,  an
der  Weichsel  bildete  Bülow  ein  Reservecorps,  um  Kolberg  befehligte  General
Borstell  die  pommerschen  Regimenter,  während  eine  vierte  Abtheilung,  die
nachher  unter  Blücher's  Befehle  gestellt  wurde,  sich  in  Schlesien  versammelte.
  Als  die  jammervollen  Trümmer  der  großen  Armee  in's  Land
kamen,  wurde  der  König  von  manchen  Heißspornen  mit  Bitten  bestürmt,
er  möge  gestatten,  daß  man  sich  nach  Spanierart  auf  diese  Flüchtlinge
        <pb n="417" />
        Preußens  diplomatische  Lage.  407

stürze.  Friedrich  Wilhelm  versagte  die  Erlaubniß.  Das  Volk  gehorchte
schweigend,  obgleich  die  hastigen  Neuerungen  des  Staatskanzlers  viel  Un—
willen,  gerechten  und  ungerechten,  gegen  die  Regierung  hervorgerufen  hatten,
und  so  geschah  was  der  Barmherzigkeit  und  dem  gesetzlichen  Sinne  jenes
tapferen  Geschlechts  gleichmäßig  zur  Ehre  gereicht:  diese  Schaaren  wehr—
loser,  tödlich  gehaßter  Feinde  zogen  sicher  ihres  Wegs  durch  das  preußische
Land.  Da  und  dort  lärmte  der  Pöbel  in  wüster  Schadenfreude,  die
Schuljugend  ließ  sich's  nicht  nehmen  die  Flüchtlinge  durch  den  Schreckensruf
  „Kosak“  aus  der  Rast  aufzuscheuchen.  Es  geschah  wohl,  daß  rheinbündischen
  Offizieren  das  rothe  Band  von  der  Brust  gerissen  wurde;  diese
Landesverräther  haßte  das  Volk  noch  grimmiger  als  die  Franzosen  selber.
Die  Masse  der  Unglücklichen  blieb  unbelästigt,  fand  in  preußischen  Häusern
Obdach  und  Pflege;  sie  waren  doch  noch  unsere  Bundesgenossen.  Der  Anblick
des  grauenhaften  Elends  erschütterte  selbst  rohe  Gemüther;  den  kleinen
Leuten  schien  es  sündlich  sich  hinterrücks  an  denen  zu  vergreifen,  die  Gott
selbst  geschlagen.  Unter  den  Tausenden,  die  also  entkamen,  war  die  große
Mehrzahl  der  Generale  und  Obersten  des  Imperators;  die  deutsche  Gutherzigkeit
  rettete  ihm  seine  Heerführer.  Was  aber  bestimmte  die  Haltung
des  Königs?  Wahrlich  nicht  allein  seine  peinliche  Gewissenhaftigkeit,  die
selbst  den  heiligen  Kampf  der  Nothwehr  nicht  ohne  unanfechtbaren  Rechtsgrund
  beginnen  mochte,  sondern  die  richtige  Erkenntniß  der  militärischen
Lage.  Ein  vorzeitiger  Losbruch  ungeordneter  Massen  war  das  sichere
Verderben  des  Staates.  Es  galt,  unter  den  Augen  des  Feindes  das  Heer,
das  ihn  schlagen  sollte,  erst  zu  schaffen,  den  Bestand  der  Streitkräfte  zu
versechsfachen  und  unterdessen  die  Allianz  mit  den  beiden  anderen  Ostmächten
  abzuschließen.  Alles  dies  ward  nur  möglich  durch  die  Mittel  der
Arglist,  welche  der  erfinderische  Kopf  des  Staatskanzlers  angab.  Er  spielte
den  treuen  Verbündeten  Napoleon's,  versicherte  beharrlich,  daß  seine
Rüstungen  für  die  Fortführung  des  russischen  Krieges  bestimmt  seien.
Aber  selbst  wenn  die  geheimen  Verhandlungen  günstigen  Fortgang
nahmen  und  eine  Coalition  der  sämmtlichen  alten  Mächte  zu  Stande  kam,
so  blieb  Preußens  politische  Lage  noch  immer  sehr  nachtheilig,  fast  verzweifelt.
  Gewiß  bedurfte  Rußland  der  preußischen  Hilfe.  Denn  hielt  der
König  bei  dem  französischen  Bunde  aus,  so  wurde  die  schwache  schlechtgerüstete
  Armee  des  Czaren  von  dem  zurückkehrenden  Napoleon  unzweifelhaft
  mit  zermalmender  Uebermacht  vernichtet  bevor  der  Nachschub  aus
dem  fernen  Osten  herankommen  konnte;  der  Eroberer,  gewitzigt  durch  das
Unglück  des  vergangenen  Winters,  hätte  sicherlich  nicht  zum  zweiten  male
den  abenteuerlichen  Zug  in  das  Innere  des  weiten  Reiches  gewagt,  sondern
  sich  begnügt,  die  Ostseeprovinzen  und  die  polnisch-litthauischen  Lande
von  dem  Czarenreiche  abzureißen.  Trotzdem  standen  die  Aussichten  für
die  alten  Mächte  sehr  ungleich.  Rußland  und  England  hatten  während
der  jüngsten  Jahrzehnte  ihre  Macht  erheblich  vergrößert:  jenes  in  Polen
        <pb n="418" />
        408  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

und  Finnland,  dieses  in  den  französisch-holländischen  Colonien;  auch  Oesterreich
  war  trotz  schwerer  Verluste  doch  noch  im  Besitze  seiner  Großmachtstellung.
  Mißlang  das  Werk  der  Befreiung,  so  stand  für  England  gar
nichts,  für  Rußland  und  Oesterreich  nur  ein  Gebietsverlust  zu  befürchten.
Für  den  Fall  des  Sieges  aber  mußte  England  durch  transatlantische  Gebiete,
  Rußland  durch  polnische  Landstriche,  Oesterreich  durch  die  Wiederherstellung
  und  Vergrößerung  seiner  adriatischen  Machtstellung  entschädigt
werden.  Das  lag  in  der  Natur  der  Dinge,  die  gesammte  diplomatische
Welt  war  darüber  einverstanden,  und  alle  drei  Mächte  durften,  Dank  ihrer
geographischen  Stellung  darauf  zählen,  daß  ihnen  Niemand  diesen  Siegespreis
  entriß  falls  das  Weltreich  unterging.  Für  Preußen  dagegen  war
dieser  Krieg  ein  Kampf  um  Sein  oder  Nichtsein.  Siegte  Napoleon,  so
wurden  die  in  Tilsit  nur  vertagten  Vernichtungspläne  unfehlbar  durchgeführt.
  Siegte  der  preußische  Staat,  so  war  er  gezwungen  einen  unverhältnißmäßig
  größeren  Lohn  zu  fordern  als  seine  Verbündeten;  er  mußte
die  verlorene  Hälfte  seines  Gebietes  und  den  Wiedereintritt  in  die  Reihe
der  großen  Mächte  verlangen.  Der  Kampf  um  die  Befreiung  der  Welt
blieb  doch  in  erster  Linie  ein  Kampf  um  die  Wiederaufrichtung  Preußens.
Seine  entscheidenden  Schlachten,  das  ließ  sich  voraussehen,  mußten  auf
preußischem  Boden  geschlagen  werden  oder  in  jenen  norddeutschen  Landen,
die  zu  Preußens  Entschädigung  dienen  sollten;  jede  Scholle  deutschen
Landes,  die  der  König  für  sich  forderte,  war  erst  durch  gemeinsame  Anstrengung
  zu  erwerben,  unterlag  von  Rechtswegen  der  Verfügung  der  Coalition.
  Der  preußische  Staat  stand  mithin  in  der  denkbar  ungünstigsten
diplomatischen  Stellung,  in  einer  Lage,  deren  Nachtheile  weder  der  Muth
des  Heeres  noch  die  Gewandtheit  der  Staatsmänner  ganz  ausgleichen
konnte;  er  hatte  den  Preis  seiner  Anstrengungen  großentheils  zu  erwarten
von  dem  guten  Willen  jener  Höfe,  die  nach  ihren  Interessen  und  Ueberlieferungen
  die  Befestigung  einer  starken  mitteleuropäischen  Macht  nicht
wünschen  konnten.

Doch  was  wogen  solche  Bedenken  in  diesem  Augenblicke,  da  Deutschlands
  Zukunft  auf  dem  Spiele  stand?  Schritt  für  Schritt,  mit  bewunderungswürdiger
  Umsicht  näherte  sich  Hardenberg  seinem  zweifachen  Ziele:
der  Verstärkung  des  Heeres  und  dem  Abschluß  der  großen  Allianz.  Auf  allen
Landstraßen  sah  man  die  Schaaren  der  Krümper  zu  ihren  Regimentern
ziehen;  die  treuen  Männer  ahnten  dunkel  wem  die  Rüstung  gelte.  Den
französischen  Truppen  ward  beklommen  zu  Muthe  wenn  sie  diesen  sonderbaren
  Bundesgenossen  auf  dem  Marsche  begegneten;  sie  bemerkten  wohl
die  grimmigen  Blicke  der  Preußen  und  vernahmen  die  herausfordernden
Klänge  der  deutschen  Kriegslieder.  Die  Aufregung  stieg  von  Tag  zu
Tage.  Im  Schloßhofe  zu  Königsberg  wurde  ein  anmaßender  französischer
Gensdarm  unter  den  Augen  des  Königs  von  Neapel  von  preußischen
Rekruten  todtgeschlagen;  zwei  französische  Offiziere,  die  sich  einmischen
        <pb n="419" />
        Knesebeck  nach  Wien.  409

wollten,  mußten  mit  zerbrochenen  Degen  vor  den  Preußen  fliehen,  und
Murat  wagte  nicht  die  Schuldigen  zu  bestrafen.

Am  2.  Januar  erhielt  Knesebeck  seine  Instruction  für  die  geheime
Sendung  an  den  Wiener  Hof.  Friedrich  Wilhelm  erklärte  sich  bereit
Frankreich  zu  bekämpfen,  aber  auch  Rußlands  Herrschaft  in  Deutschland
nicht  zu  dulden;  darum  solle  Oesterreich  als  bewaffneter  Vermittler  auftreten,
  die  Unabhängigkeit  Deutschlands  bis  zum  Rheine,  die  Vernichtung
des  Rheinbundes  fordern  und  im  Falle  der  Weigerung  die  Waffen  gegen
Napoleon  ergreifen;  der  König  selbst  denke  demnächst  nach  Schlesien  zu
gehen,  wo  er  in  Freiheit  seine  Entschlüsse  fassen  könne.  Das  befreite
Deutschland  müsse  die  einst  in  Bartenstein  verabredete  Verfassung  erhalten:
  preußische  Hegemonie  im  Norden,  österreichische  im  Süden;  ein  Aufruf
  an  die  Italiener  und  die  Neuordnung  der  Verhältnisse  der  Halbinsel
blieben  dem  freien  Ermessen  der  Hofburg  überlassen.  Zugleich  wurde
Scharnhorst,  der  seit  seiner  Entlassung  in  Schlesien  lebte,  über  Alles
was  im  Werke  war  unterrichtet.  Am  nämlichen  Tage  traf  die  Nachricht
von  der  Tauroggener  Convention  in  Potsdam  ein.  Sie  war  willkommen,
weil  man  nunmehr  das  VYork'sche  Corps  aus  der  Gewalt  der  Franzosen
befreit  wußte,  doch  setzte  sie  zugleich  den  Staatskanzler  in  Verlegenheit,
da  York  allzufrüh  „dem  Fasse  den  Boden  eingeschlagen“  hatte.  Der
König  beschloß  den  kühnen  Schritt  des  Generals  öffentlich  zu  mißbilligen,
insgeheim  zu  genehmigen.

Fast  noch  wichtiger  als  die  Nachricht  von  der  Convention  selber  erschien
  jenes  Schreiben  des  Czaren  an  Paulucci  vom  18.  December,  welches
  Dork  dem  Könige  mittheilen  ließ.  Man  war  in  Potsdam  bisher
über  Alexander's  Absichten,  über  den  Vormarsch  der  Russen  wie  über
die  polnischen  Verhältnisse  ganz  im  Unklaren  geblieben.  Jetzt  endlich
erfuhr  der  König,  daß  sein  Freund  in  der  That  den  Krieg  auf  deutschem
  Boden  fortzusetzen  bereit  sei,  und  sofort  gab  er  der  Instruction
für  Knesebeck  den  Zusatz:  er  werde  sich  für  Rußland  erklären,  falls  die
Russen  die  Weichsel  überschritten.  Dann  wurde  der  Flügeladjutant
Major  Natzmer  zu  Murat  entsendet  um  die  Absetzung  des  eigenmächtigen
Generals  anzuzeigen  und  von  da  insgeheim  zum  Czaren  zu  reisen.
Währenddem  lebte  Hardenberg  mit  den  französischen  Generalen  und
Diplomaten  auf  dem  freundlichsten  Fuße,  gab  Diner  auf  Diner,  betheuerte
inbrünstig  seine  Entrüstung  über  York's  unerhörte  That,  wich  mit  verbindlichen
  Worten  aus  als  Graf  Narbonne  ihm  eröffnete,  der  Imperator
  werde  sich  freuen,  wenn  der  Kronprinz  von  Preußen  mit  einer
Murat  oder  Beauharnais  sich  verheirathe.)  Der  Gesandte  Krusemark
in  Paris  mußte  dringend  mahnen  an  die  Rückzahlung  der  von  Preußen  für
den  Durchmarsch  der  großen  Armee  geleisteten  Vorschüsse;  die  Regierung

 

*)  Hardenberg's  Journal,  7.  Januar  1813.
        <pb n="420" />
        410  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

berechnete  die  Summe,  sehr  niedrig,  auf  94  Mill.  Fr.  Um  die  Täuschung
zu  vollenden  benutzte  Hardenberg  noch  einen  verbrauchten  Kunstgriff  der
alten  Cabinetspolitik:  er  sendete  den  unfähigsten  seiner  Diplomaten,  den
Fürsten  Hatzfeldt,  einen  erklärten  Franzosenfreund,  der  von  den  Absichten
des  Staatskanzlers  nicht  das  Mindeste  ahnte,  nach  Paris  um  die  That
York's  zu  entschuldigen  und  nochmals  an  die  Abzahlung  der  Vorschüsse  zu
erinnern.  „Seine  Sendung  ist  eine  Maske,“  so  sagte  Hardenberg  selber.“)

Bei  einiger  Kenntniß  der  preußischen  Dinge  konnte  der  Imperator
schon  aus  der  Persönlichkeit  des  Unterhändlers  errathen,  daß  diese  Sendung
  bestimmt  war  zu  scheitern.  Er  aber  hatte  für  das  kleine  Preußen
kein  Auge,  sondern  lebte  und  webte  in  den  Entwürfen  für  einen  zweiten
russischen  Feldzug.  Während  prunkende  Feste  in  Fontainebleau  die  Welt
über  die  wachsende  Verstimmung  des  französischen  Volkes  täuschen  sollten,
wurde  eine  neue  Aushebung  von  350,000  Mann,  im  März  nochmals
eine  Conscription  von  180,000  Mann  angeordnet.  Seit  dem  Jahre  1793
waren  mehr  denn  drei  Millionen  Franzosen  unter  die  Fahnen  gerufen  und
die  Mehrzahl  davon  im  Kriege  umgekommen;  der  Minister  Montalivet  aber
betheuerte  in  einer  schwungvollen  parlamentarischen  Prachtrede,  die  Conseription
  habe  eine  erfreuliche  Vermehrung  der  Bevölkerung  herbeigeführt.
Der  Imperator  rechnete,  im  Frühjahr  von  Magdeburg  aus  den  zweiten
Krieg  gegen  Rußland  zu  eröffnen,  die  Sachsen  auf  dem  rechten,  die
Preußen  auf  dem  linken  Flügel;  im  Juni  sollte  Danzig  deblokirt,  im
August  der  Niemen  abermals  überschritten  werden.  Kein  Gedanke  an
Nachgiebigkeit.  Ueberall,  so  versicherte  er  seinen  Schwiegervater,  seien
die  Russen  in  offener  Feldschlacht  geschlagen  worden;  auch  nicht  ein  Dorf
von  Warschau  dürfe  der  Czar  erhalten;  nun  gar  die  constitutionellen
Grenzen  des  Kaiserreichs,  das  Rom,  Amsterdam  und  Hamburg  zu  seinen
guten  Städten  zählte,  blieben  unantastbar  für  alle  Zukunft!  Seinen
deutschen  Vasallen  gab  er  nochmals  zu  wissen,  daß  er  für  die  Herrlichkeit
des  deutschen  Particularismus  streite:  sie  hätten  nicht  bloß  den  auswärtigen
  Gegner  zu  bekämpfen,  sondern  einen  gefährlicheren  Feind  —  jenen
Geist  der  Anarchie,  welchen  die  Umsturzmänner  Stein  und  Genossen  hegten;
  die  Dynastien  des  Rheinbundes  zu  entthronen  und  ein  sogenanntes
Deutschland  zu  schaffen  (créer  ce  qwils  appellent  une  Allemagne),  das
sei  das  Ziel  der  deutschen  Aufrührer.

Der  preußischen  Monarchie  meinte  er  sicher  zu  sein,  wo  nicht  ihrer
Treue  so  doch  ihrer  Ohnmacht;  noch  im  März  schrieb  er  geringschätzig  an
Eugen  Beauharnais,  mehr  als  40,000  Mann  könnten  die  Preußen  doch
nicht  aufbringen,  und  davon  nur  25,000  für  das  freie  Feld.  Er  selber
hatte  zu  Anfang  des  letzten  Feldzugs  die  treffliche  militärische  Haltung  des
Vork'schen  Corps  bewundert;  er  war  gewarnt,  hundertmal  gewarnt  durch

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  10.  Jan.  1813.
        <pb n="421" />
        Napoleon's  Pläne.  411

die  rheinbündischen  Diplomaten,  er  wußte,  daß  jene  gefährlichen  deutschen
Aufrührer  nirgends  mächtiger  waren  als  in  Preußen,  und  doch  wollte  er
nicht  eingestehen,  daß  diese  verhaßte  Macht  ihm  je  bedrohlich  werden  könne.
Geflissentlich  trug  er  seine  Verachtung  gegen  Preußen  zur  Schau,  als
wollte  er  seine  geheimen  Sorgen  übertäuben:  „die  Preußen  sind  keine
Nation,  sie  haben  keinen  nationalen  Stolz,  sie  sind  die  Gascogner  von
Deutschland!“  Die  einfachste  Klugheit  gebot  ihm  den  Bundesvertrag  von
1812  gewissenhaft  zu  halten,  der  Krone  Preußen  keinen  Vorwand  zum
Verlassen  der  erzwungenen  Allianz  zu  bieten.  Doch  auf  seiner  einsamen
Höhe  hielt  er  es  nicht  mehr  der  Mühe  werth  nach  den  Empfindungen
derer,  die  sein  Fuß  zertrat,  zu  fragen.  Auf  alle  Mahnungen  der  preu—
ßischen  Unterhändler  antwortete  er  mit  leeren  Reden,  nicht  einmal  eine
Prüfung  ihrer  Rechnungen  konnten  sie  erreichen;  und  gleichzeitig  erging
an  die  Befehlshaber  der  Oderfestungen  der  vertragswidrige  Befehl,  daß
sie  sich  Alles,  was  sie  brauchten  durch  Requisitionen  verschaffen  sollten.
Also  that  der  Imperator  genau  was  Friedrich  Wilhelm's  Gewissenhaftigkeit
insgeheim  wünschte;  er  setzte  sich  in's  Unrecht,  er  selber  zerriß  das  Bündniß,
und  der  König  war  nach  Völkerrecht  unzweifelhaft  befugt  sich  loszusagen
von  einem  Vertrage,  dessen  Satzungen  sammt  und  sonders  von  dem  an—
deren  Theile  mißachtet  wurden.

Auf  Knesebeck's  Sendung  baute  Hardenberg  stolze  Hoffnungen.  Wäh—
rend  der  König  den  Czaren  im  Herzen  für  seinen  nächsten  Freund  an—
sah,  erstrebte  der  Staatskanzler  seit  Jahren  zunächst  ein  Bündniß  der
drei  „deutschen“  Großmächte  —  denn  auch  England  wurde  wegen  Han—
nover  noch  zu  den  deutschen  Mächten  gerechnet.  Seine  hochgespannten  Er—
wartungen  sollten  gründlich  getäuscht  werden.  Der  sofortige  Eintritt  des
Kaiserstaates  in  ein  Kriegsbündniß  war  schon  deshalb  ganz  außer  Frage,
weil  Napoleon  in  solchem  Falle  sicher  wieder  die  wohlbekannte  Siegesstraße
  der  Donau  entlang  eingeschlagen  und,  bei  dem  elenden  Zustande
der  Armee  und  der  Finanzen  Oesterreichs,  rasch  seinen  dritten  Einzug
in  die  Kaiserstadt  gehalten  hätte.  Eben  dies  wollte  Kaiser  Franz  um
jeden  Preis  verhindern.  Von  Natur  friedfertig,  ein  Freund  der  sanften
Mittel  und  der  kleinen  Ränke  fand  Graf  Metternich  die  Lage  der  Welt
durchaus  nicht  reif  für  eine  große  Entscheidung.  Wie  sollte  ein  durch—
schlagender  Erfolg  erfochten  werden  —  so  äußerte  sich  Gentz  —  da  alle
Mächte  des  Festlandes  tief  ermattet  seien  und  auch  Englands  Kräfte
durch  die  Subsidienzahlungen  für  einen  europäischen  Krieg  leicht  erschöpft
werden  könnten?  Dazu  die  natürliche  Angst  vor  der  nationalen  Leiden—
schaft  der  norddeutschen  Patrioten.  In  Wien  —  dieser  Ruhm  wird  der
Nüchternheit  der  österreichischen  Staatskunst  verbleiben  —  in  Wien  ist
seit  den  Tagen  des  Großen  Kurfürsten  bis  zum  Jahre  1866  nicht  einen
Augenblick  der  gutmüthige  Wahn  gehegt  worden,  als  ob  die  Verstärkung
des  norddeutschen  Nebenbuhlers  im  Interesse  Oesterreichs  liege.  Wenn
        <pb n="422" />
        412  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

man  auch  wünschte,  daß  Preußen  wieder  einigermaßen  zu  Kräften  käme,
eine  selbständige,  der  Hofburg  ebenbürtige  Macht  durfte  sich  im  Norden
nicht  bilden  —  jetzt  am  allerwenigsten,  da  jeder  neue  Tag  von  der  stürmischen
  Erregung  des  norddeutschen  Volkes  Kunde  brachte,  da  der  preußische
Staat  haltlos  den  dämonischen  Mächten  der  Revolution  verfallen,  sein
König  nur  „an  der  Seite",  nicht  an  der  Spitze  der  Nation  zu  stehen
schien.  Darüber  war  Kaiser  Franz  mit  seinem  Schwiegersohne  durchaus
einverstanden,  daß  nur  Aufruhrstifter  ein  sogenanntes  Deutschland  wollen
könnten.  Willig  glaubte  er  alle  Märchen  der  napoleonischen  Polizei  über
das  revolutionäre  Treiben  der  preußischen  Geheimbünde;  noch  im  März
bat  sein  Gesandter  den  König  von  Preußen,  natürlich  vergeblich,  um  Auflösung
  der  geheimen  Vereine.  Von  der  deutschen  Gesinnung  seines  eigenen
Volkes  hatte  er  freilich  wenig  zu  fürchten;  der  edle  Rausch  des  Jahres
1809  kehrte  niemals  wieder,  das  Teutonenthum  der  norddeutschen  Dichter
und  Volksredner  erregte  bei  den  ermüdeten  Wienern  nur  Spott  und
Hohn.  Indeß  selbst  die  vereinzelten  Spuren  patriotischen  Sinnes  waren
dem  Despoten  unheimlich.  Er  vergaß  es  nicht,  daß  auch  einige  österreichische
  Offiziere  in  russischen  Dienst  getreten  waren.  Der  gefährliche
preußische  Verschwörer  Justus  Gruner  war  längst  auf  die  Festung  geschafft
  worden,  und  als  im  Frühjahr  Hans  von  Gagern  mit  einigen
Patrioten  in  Vorarlberg  und  Tyrol  eine  Volkserhebung  vorzubereiten  versuchte,
  griaff  der  Kaiser  sofort  mit  Verhaftungen  und  Ausweisungen  ein.

Ein  anderer  leitender  Gedanke  der  Hofburg  war  die  Furcht  vor
Rußland.  In  späteren  Jahren  gestand  Metternich  dem  preußischen  Staatskanzler:
  seit  dem  Augenblicke,  da  die  napoleonische  Macht  in's  Wanken
gekommen,  habe  ihn  vorwiegend  die  neue  Sorge  beschäftigt:  „die  Unmöglichkeit,
  zu  verhindern,  daß  eine  ungeheuere  Machtvergrößerung  Rußlands
das  nothwendige  Ergebniß  der  Zertrümmerung  des  französischen  Kolosses
würde.““)  Und  wie  vortheilhaft  war  es  doch  andererseits,  einen  so  mächtigen
  Schwiegersohn  zu  besitzen  —  einen  so  wohlgesinnten  Mann,  der  die
Revolution  überwunden  hatte  und  mit  gleichem  Abscheu  wie  Metternich
von  dem  Jacobiner  Stein  redete!  Auch  persönliche  Rücksichten  spielten
mit.  Metternich  war  durch  die  französische  Allianz  an's  Ruder  gelangt;
trat  ein  plötzlicher  Wechsel  des  Systems  ein,  so  mußte  fast  unvermeidlich
  sein  Gegner  Stadion  die  Leitung  der  Geschäfte  übernehmen.
Zudem  wichen  die  Absichten  der  Hofburg  für  Deutschlands  Zukunft  sehr
weit  ab  von  den  Gedanken  des  preußischen  Staatskanzlers.  Hardenberg
  nahm  seine  dualistischen  Pläne  in  vollem  Ernst,  wünschte  für  Oesterreich
  eine  feste  Stellung  am  Oberrhein,  für  Preußen  am  Mittel=  und
Niederrhein,  damit  also  eine  gemeinsame  Vertheidigung  des  künftigen
Deutschen  Bundes  möglich  würde.  Und  gewiß,  war  der  Deutsche  Bund

 

*)  Metternich  an  Hardenberg,  9.  Januar  1818.
        <pb n="423" />
        Oesterreichs  Haltung.  413

mit  Oesterreich,  den  jene  Zeit  erhoffte,  überhaupt  lebensfähig,  so  konnte
er  nur  durch  ein  treues  Einvernehmen  der  beiden  führenden  Staaten
und  durch  eine  ehrliche  Abgrenzung  ihrer  Machtgebiete  erhalten  werden.
Darum  sind  auch  späterhin  die  Gedanken  des  friedlichen  Dualismus  am
Berliner  Hofe  immer  von  Neuem  wieder  aufgetaucht  so  lange  man  noch
nicht  gänzlich  an  dem  Deutschen  Bunde  verzweifelte.  Der  Staatskanzler
hatte  diese  Ideen  während  der  letzten  Jahre  wiederholt  seinem  österreichischen
  Freunde  ausgesprochen  und  schloß  aus  einigen  hingeworfenen
Worten  halber  Zustimmung  leichtsinnig  auf  Metternich's  volles  Einverständniß.
  Die  vertrauten  Hannoveraner  Ompteda  und  Hardenberg  wußten
jedoch  sehr  wohl,  daß  die  Hofburg  keineswegs  gesonnen  war  ihrem  Nebenbuhler
  die  Hegemonie  in  Norddeutschland  zuzugestehen.

Metternich  erkannte,  daß  Oesterreich  die  durch  eine  ehrlose  Politik
verscherzte  Kaiserkrone  nicht  wieder  erlangen  durfte.  Ein  erbliches  Kaiserthum
  der  Lothringer  hätte  alle  Mittelstaaten  dem  Hause  Oesterreich  verfeindet;
  eine  Wahlkrone  konnte,  da  die  alten  getreuen  geistlichen  Kurfürsten
  nicht  mehr  bestanden,  vielleicht  dereinst  den  Hohenzollern  in  die
Hände  fallen.  Es  galt  also,  durch  kluge  Schonung  der  dynastischen
Interessen  der  Mittelstaaten  den  herrschenden  Einfluß  in  Deutschland  zu
gewinnen.  Darum  verzichtete  Metternich  nicht  nur  auf  Belgien,  das  in
der  Hofburg  von  jeher  als  ein  sehr  lästiges  Besitzthum  gegolten  hatte,
sondern  auch  auf  die  Wiedererwerbung  der  vorderösterreichischen  Lande.
Durch  diesen  vorgeschobenen  Posten  hatte  das  Kaiserhaus  einst  die  süddeutschen
  Höfe  beständig  bedroht  und  die  Geängsteten  bald  in  Preußens
bald  in  Frankreichs  Arme  gescheucht.  Als  ein  wohlwollender  primus  inter
pares  wollte  Oesterreich  fortan,  wohl  abgerundet  an  der  Adria,  mit  den
alten  Feinden  Baiern  und  Württemberg  ehrlich  Frieden  halten  und  ihnen
vor  Allem  das  köstlichste  Gut,  das  sie  der  Gnade  Napoleon's  verdankten,
die  Souveränität  sicher  stellen.  Einige  Andeutungen  dieser  politischen
Grundsätze  gab  Metternich  schon  in  seinen  Unterredungen  mit  Knesebeck;
noch  bestimmter  erklärte  er  etwas  später  in  einer  Depesche  an  Lebzeltern
(23.  März),  den  Staaten  des  Rheinbundes  müsse  der  Besitzstand,  die
Souveränität  und  die  Unabhängigkeit  vollständig  gewahrt  bleiben.

Aus  Alledem  ergab  sich  mit  Nothwendigkeit,  daß  Metternich  die
augenblickliche  Krisis  benutzte,  um  „den  großen  Plan  einer  allgemeinen
Pacification“  zu  verwirklichen,  wie  Gentz  in  einem  vertrauten  Briefe  an
den  Hospodar  Karadja  aussprach.  Es  gelang  ihm  während  des  Frühjahres,
  durch  geheime  Verhandlungen  mit  Rußland,  das  österreichische
Hilfscorps,  das  noch  an  der  Seite  der  Franzosen  in  Polen  stand,  in
die  Heimath  zurückzuführen  und  sich  von  der  französischen  Allianz  thatsächlich
  loszusagen.  So  stand  Oesterreich  frei,  in  beherrschender  Flankenstellung,
  den  kriegführenden  Mächten  zur  Seite  und  konnte  hoffen  durch
seine  Vermittlung  den  Ausschlag  zu  geben.  Während  Metternich  in
        <pb n="424" />
        Paris  dringend  zum  Frieden  mahnte,  sprach  er,  dem  preußischen  Unter—
händler  gegenüber,  ebenso  warm  für  den  Anschluß  Preußens  an  Ruß—
land;  ja  Knesebeck  erhielt  sogar  ein  eigenhändiges  Schreiben  des  Kaisers
an  den  König  mit  auf  den  Weg,  worin  bestimmt  erklärt  war,  der  Ueber—
tritt  Preußens  zu  den  Russen  werde  das  Vertrauen  der  Hofburg  in
keiner  Weise  erschüttern.  Die  Absicht  war  klar:  wurde  Rußland  durch
Preußens  Zutritt  verstärkt,  so  standen  die  Aussichten  für  den  neuen
Krieg  annähernd  gleich,  und  Oesterreich  konnte  mit  seinen  Friedensvor—
schlügen  um  so  leichter  durchdringen.

Der  schlaue  Rechner  übersah  nur  Eines:  die  sittlichen  Mächte,  die
unversöhnlichen  Gegensätze,  welche  über  diesem  Kampfe  walteten;  er  wür—
digte  weder  Napoleon's  unbeugsamen  Caesarenstolz  noch  die  Naturgewalt
des  nationalen  Hasses,  die  in  Preußen  erwacht  war.  Seine  Friedensmahnungen
  in  Paris  waren  durchaus  ernst  gemeint,  obgleich  er  sie  dem
Czaren  gegenüber  als  eine  Komödie  darstellte,  und  nichts  konnte  ehrlicher
sein  als  die  Versicherung,  welche  Kaiser  Franz  späterhin  dem  Könige
von  Baiern  gab:  „wenn  Frankreich  den  Frieden  gewollt  hätte,  so  hätte
es  ihn  haben  können.“  Metternich  hoffte  noch  lange  den  Krieg  gänzlich
zu  verhindern  und  gab  eine  ausweichende  Antwort,  als  Alexander  am
12.  Februar  verlangte,  Oesterreich  solle  seine  Vermittelungsvorschläge
nöthigenfalls  mit  den  Waffen  aufrechthalten.  Indeß  blieb  der  Behutsame
auch  auf  den  unerwünschten  Fall,  daß  der  russisch-französische  Krieg  von
Neuem  anhob,  gefaßt;  dann  sollte  Oesterreich  seine  wohlgeschonte  Kraft
aufsparen,  bis  die  Kriegführenden  durch  ein  schweres  unentschiedenes
Ringen  erschöpft  und  für  die  Vorschläge  des  Vermittlers  empfänglich
wären.  So  wurde  das  alte  Kaiserhaus  vielleicht  ohne  alle  Opfer,  jedenfalls
ohne  unmittelbare  Gefahr,  wieder  das  Zünglein  in  der  Waage  Europas,
der  Friedensbringer  und  Mediator  des  Welttheils,  die  Macht  des  kaiserlichen
  Schwiegersohns  ward  nicht  vernichtet,  sondern  nur  in  gewisse
Schranken  zurückgewiesen,  und  die  Führung  in  dem  Bunde  der  souveränen
deutschen  Staaten  fiel  dem  Hause  Oesterreich  von  selber  zu.  Radetzky,  der
beste  Kopf  des  kaiserlichen  Generalstabs,  führte  noch  im  März  in  einer
militärischen  Denkschrift  aus,  wie  Oesterreich  eine  große  Armee  bereit
halten  müsse  um  die  Partei,  welche  sich  seinen  Vorschlägen  widersetzte,
niederzuschlagen;  ohne  Liebe  noch  Haß  stellte  er  sich  über  die  Parteien
und  wagte  nur  die  Vermuthung,  daß  Frankreich  der  „muthmaßliche
Gegner“  sein  werde.  —  Genug,  Knesebeck's  Sendung  brachte  nur  einen
halben  Erfolg.  Der  begeisterte  Verehrer  der  kaiserlichen  Hochherzigkeit
trug  aus  der  Hofburg  nichts  heim  als  die  Zusage,  daß  Oesterreich  gegen
einen  preußisch-russischen  Bund  nicht  feindlich  auftreten  werde.

Weit  glücklicher  verliefen  die  Verhandlungen  mit  Rußland.  Major
Natzmer  traf  den  Czaren  am  13.  Januar  zu  Bobersk  in  Litthauen  und
bot  ihm  im  Namen  des  Königs  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß  an,  falls
        <pb n="425" />
        Der  König  in  Breslau.  415

Rußland  die  Weichsel  und  Oder  überschreiten,  den  Krieg  mit  ganzer  Kraft
fortführen  wolle.  Der  Czar  strahlte  von  Zuversicht:  der  König  allein
könne  Europa  retten  oder  für  immer  verderben.  Er  ging  auf  Alles
freudig  ein,  versprach  sogleich  10—15,000  Mann  gegen  die  Oder  zu  senden
und  schätzte  die  Truppen,  die  bald  nachkommen  sollten,  auf  100,000  Mann.
Erst  am  20.  Januar  langte  Natzmer  auf  weiten  Umwegen  wieder  bei  dem
Staatskanzler  an,  da  Eugen  Beauharnais  Verdacht  geschöpft  und  seinen
Truppen  befohlen  hatte,  den  Adjutanten  seines  königlichen  Bundesgenossen
gefangen  zu  nehmen.

Sofort  nach  der  Rückkehr  des  Unterhändlers  wurden  die  Vorbereitungen
  getroffen  für  die  Abreise  des  Königs  nach  Breslau  und  zugleich
befohlen,  daß  alle  irgend  kriegsfähigen  Cadetten  nach  Schlesien  abgehen
sollten.  Der  alte  Commandeur  der  Pflanzschule  des  Offizierscorps  wußte
sich  gar  nicht  mehr  zu  helfen  in  der  wilden  Zeit.  Die  ganzen  Weihnachtsferien
  über  hatten  seine  Jungen  gezecht  und  gejubelt  in  einem  ununterbrochenen
  Siegesfeste  von  wegen  der  Nachrichten  aus  Rußland.  Nun
fuhren  die  Großen  glückselig  in  mächtigen  Korbwagen  die  hartgefrorenen
Straßen  dahin,  den  schlesischen  Bergen  zu;  die  Kleinen  aber,  die  traurig
im  Hause  blieben,  legten  ihr  Taschengeld  zusammen  für  den  heiligen  Krieg,
denn  Niemand  zweifelte,  wem  es  galt.  Am  21.  Januar  feierte  das  königliche
  Haus  die  Confirmation  des  Kronprinzen.  Wie  viele  herrliche,  ach
so  bitter  getäuschte  Hoffnungen  hingen  damals  an  dem  reichbegabten,  geistsprühenden
  Jüngling!  Kein  Auge  blieb  thränenleer;  Allen  war,  als  ob
der  Schatten  der  verklärten  Königin  unter  ihren  Kindern  erschiene,  während
  das  bedeutungsvolle  Bekenntniß  des  Thronfolgers  verlesen  wurde:
„Fest.  und  ruhig  glaube  ich  an  den,  der  zum  Uebermuthe  spricht:  hier
sollen  sich  legen  deine  stolzen  Wellen!  Das  Morgenroth  eines  besseren
Tages  bricht  an.“  Zwei  Tage  darauf  reiste  der  König  plbötzlich  nach
Breslau  ab,  und  hier,  endlich  wieder  auf  freiem  preußischem  Boden,  nicht
mehr  den  Handstreichen  französischer  Truppen  ausgesetzt,  konnte  er  etwas
offener  auftreten.

In  seinen  finanziellen  Maßregeln  war  der  Staatskanzler  freilich  auch
jetzt  wieder  unglücklich;  ein  Versuch  den  entwertheten  Tresorscheinen  durch
den  Zwangscurs  aufzuhelfen  mußte  schon  nach  wenigen  Wochen  zurückgenommen
  werden.  Rascher  schritten  die  Rüstungen  vorwärts.  Der  König
bildete  ein  „Comité  zur  Verstärkung  der  Armee“,  berief  dazu  Hardenberg,
den  Kriegsminister  Hacke  und  Scharnhorst,  dessen  Name  schon  allen  Kundigen
sagte,  daß  es  nunmehr  ganzer,  schwerer  Ernst  war.  Mit  Feuereifer  ging
der  geistreiche  Hippel,  dem  der  Staatskanzler  die  Militärsachen  übertrug,
auf  die  Entwürfe  des  Generals  ein.  Der  Waffenschmied  der  deutschen
Freiheit  sah  nun  endlich  seine  Saaten  aufgehen;  seine  Kräfte  schienen  verdoppelt,
  sein  ganzes  Wesen  gehoben  und  durchleuchtet  von  stolzer  Zuversicht.
Tag  und  Nacht  war  er  thätig,  bald  in  Berathungen  und  Unterredungen
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        416  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

mit  dem  Könige,  bald  daheim  in  seinem  weißen  Mantel  am  Schreibtisch
knieend.  Immer  wieder  mahnte  er,  „daß  man  allerdings  wagen  muß,
daß  man  aber  ohne  dies  in  dieser  Welt  keine  großen  Zwecke  erreichen
und  ohne  alles  Vertrauen  zum  Glück  von  ihm  nicht  begünstigt  werden
kann.“  Auch  Boyen,  der  soeben  mit  einem  verheißungsvollen  Briefe
Alexander's  aus  Rußland  heimgekehrt  war,  erinnerte  den  noch  immer
zaudernden  König  an  den  kühnen  politischen  Frontwechsel  des  Großen
Kurfürsten.“)  Schlag  auf  Schlag  folgten  nun  die  entscheidenden  Befehle.
Am  3.  Februar  unterzeichnete  der  König  einen  Aufruf,  der  die  jungen
Männer  der  eximirten  Klassen  aufforderte,  als  freiwillige  Jäger  in  das
Heer  einzutreten.  Schon  Tags  darauf  legte  Scharnhorst  den  Operationsplan
  vor  für  die  preußisch-russische  Armee.  Am  9.  folgte  das  Edict,  das
für  die  Dauer  dieses  Krieges  alle  Befreiungen  von  der  Wehrpflicht  aufhob.
  Wenige  Tage  später  übergab  der  General  dem  getreuen  Hippel  den
eigenhändig  geschriebenen  Entwurf  des  Landwehrgesetzes.

Unterdessen  wurde  Knesebeck  aus  Wien  zurückgerufen;  er  kam  mit
leeren  Händen  heim,  und  der  König  meinte  traurig:  „eine  ziemlich  allgemeine
  und  gleiche  Stimmung  geht  aus  allen  Berichten  und  Nachrichten
das  Innere  betreffend  hervor;  aber  in  Wien  scheint  Alles  zu  schlummern.““)
Diese  Stimmung  des  Landes  drängte  ihn  vorwärtsz;  er  entschloß  sich,  über
seine  früheren  Pläne  hinauszugehen  und  den  Kampf  auch  ohne  Oesterreich
zu  wagen.  Doch  war  es  nur  menschlich,  daß  er  nunmehr  seine  Hoffnungen
  herabstimmte.  Staatsrath  Ancillon,  der  allezeit  furchtsame,  hatte
schon  im  December  vor  den  revolutionären  Grundsätzen  vieler  Patrioten
gewarnt,  er  fürchtete  namentlich  Stein's  „republikanische“  Gesinnung  und
suchte  jetzt  durch  eine  lange  Denkschrift  zu  erweisen:  ohne  den  Beistand
Oesterreichs  und  der  deutschen  Staaten  ließe  sich  schwerlich  mehr  erreichen
als  etwa  die  Wiedergewinnung  der  Altmark  und  der  polnischen  Provinzen.
In  einem  schwachen  Augenblicke  stimmte  der  König  dieser  Meinung  zu.
Sein  Kleinmuth  währte  jedoch  nicht  lange.  Hardenberg  erklärte  sich  scharf
wider  Ancillon  und  trieb  den  salbungsvollen  Schönredner  dermaßen  in
die  Enge,  daß  dieser  sich  halb  verlegen  entschuldigte:  er  hätte  ja  nur  von
dem  möglichen  Maximum  und  Minimum  des  Kampfpreises  gesprochen.“)
Genug,  Ancillon's  Denkschrift  blieb  ohne  jede  dauernde  Wirkung.  Knesebeck
wurde  zum  Abschluß  des  Kriegsbündnisses  in  das  russische  Hauptquartier
gesendet  und  empfing  am  8.  seine  neuen  Instructionen.  Am  13.  ergingen
die  Weisungen  nach  Paris,  die  den  offenen  Bruch  mit  Frankreich  herbeiführen
  mußten;  der  König  verlangte  alsbaldige  Zahlung  der  Hälfte  seiner
Vorschüsse  und  einen  Waffenstillstand  dergestalt,  daß  die  Franzosen  hinter
die  Elbe,  die  Russen  hinter  die  Weichsel  zurückgehen,  ganz  Preußen  aber

*)  Scharnhorst  an  Hardenberg,  30.  Jan.;  Boyen's  Denkschrift,  Febr.  1813.

*“)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Hardenberg,  3.  Februar  1813.
*  )  Ancillon  an  Knesebeck,  27.  Dec.,  an  Hardenberg,  9.  Febr.;  Denkschrift,  4.  Febr.  1813.
        <pb n="427" />
        Die  Lage  in  Ostpreußen.  417

mit  sammt  den  Festungen  allein  von  preußischen  Truppen  besetzt  werden
sollte.  Friedrich  Wilhelm  sagte  voraus,  daß  der  Imperator  auf  solche
Zumuthungen  nicht  eingehen  würde.“)  Lehnte  Napoleon  ab,  so  war  der
Krieg  entschieden.  Zugleich  unterzeichnete  der  König  eine  Cabinetsordre,
welche  das  Betragen  York's  für  gerechtfertigt  erklärte.“)

So  bereitete  die  Krone  ruhig  und  umsichtig  den  Kampf  vor.  Doch
über  ihren  letzten  Absichten  lag  ein  unverbrüchliches  Geheimniß.  Selbst
die  Oberregierungscommission,  welche  der  König  unter  dem  Vorsitze  des
Grafen  Goltz  in  Berlin  zurückgelassen,  erfuhr  kein  Wort  von  den  diplomatischen
  Verhandlungen,  sie  war  angewiesen,  mit  Marschall  Augereau
und  den  französischen  Militärbehörden  auf  freundlichem  Fuße  zu  bleiben.
Der  ohnehin  langsame  Verkehr  wurde  durch  die  Truppenzüge  der  Franzosen
  fast  ganz  unterbrochen.  In  den  Provinzen  wußte  man  lange  nur
das  Eine,  daß  der  König  unfrei  sei,  von  französischen  Bajonetten  umgeben.
  Wo  sollte  das  hinaus?  Ward  es  nicht  hohe  Zeit,  daß  die  Nation
ohne  die  Krone  und  doch  für  sie  handelte,  durch  einen  heroischen  Entschluß
den  König  befreite  und  sich  selber  zurückgab?  Die  verzweifelte  Frage  lag
auf  Aller  Lippen,  nirgends  aber  ward  die  quälende  Ungewißheit  bitterer
empfunden,  als  in  dem  treuen  Altpreußen.  Hier  diese  alten  tapferen
Grenzenhüter  der  Germanen,  denen  die  rothen  Mauern  ihrer  Ordensburgen
  von  den  Wundern  einer  großen  Geschichte  erzählten  —  sollten  sie
thatlos  zuschauen,  wie  der  Moskowiter  den  Franzmann  verjagte  um  dann
vielleicht  die  schöne  Provinz,  die  schon  während  des  siebenjährigen  Krieges
fünf  Jahre  lang  unter  russischer  Herrschaft  gestanden  hatte,  für  immer
mit  dem  Czarenreiche  zu  vereinigen?  Jedermann  fühlte,  daß  irgend  etwas
geschehen,  daß  die  Provinz  sich  durch  eigene  Kraft  die  Freiheit  verdienen
müsse.  Schon  zu  Anfang  Januars  erschienen  einige  Mitglieder  der
preußischen  Stände  bei  dem  General  Wittgenstein  und  erboten  sich,  Truppen
auszuheben,  die  unter  York's  Führung  an  der  Seite  der  Russen  kämpfen
sollten.

York  selbst  war  in  der  peinlichsten  Lage.  Er  hatte  gehofft,  sein
Abfall  würde  die  Russen  zu  rastloser  Verfolgung  des  Feindes  ermuthigen,
den  König  zu  einem  raschen  Entschlusse  hinreißen,  überall  im  deutschen
Norden  den  Volkskrieg  entzünden.  Einige  Tage  lang  gaben  sich  seine
Truppen  den  frohesten  Hoffnungen  hin;  in  Tilsit,  an  der  äußersten  Ostmark
  deutscher  Erde,  versprach  Oberst  Below  seinen  litthauischen  Dragonern,
  er  werde  seinen  Säbel  nicht  niederlegen,  bis  sie  die  Thürme  von
Paris  gesehen  hätten.  Aber  Wittgenstein  betrieb  die  Verfolgung  so  saumselig,
  daß  Macdonald  sich  in  Königsberg  mit  den  übrigen  Resten  der
großen  Armee  vereinigen  und  dann,  wenig  belästigt,  über  die  Weichsel

*)  Denkschrift  des  Königs,  26.  Jan.  1813.
**)  Königliche  Weisung  an  Krusemark,  13.  Febr.  Hardenberg  an  St.  Marsan,
15.  Febr.  Cabinetsordre  an  York,  12.  Febr.  1813.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte  I.  27
        <pb n="428" />
        418  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

zurückgehen  konnte.  Damit  die  Bewegung  nicht  ganz  in's  Stocken  geriethe
  mußte  York  sich  zu  einem  zweiten  eigenmächtigen  Schritte  entschließen:
  am  8.  Januar  kam  er  nach  Königsberg,  übernahm  das  Commando
  der  Provinz.  Unbeschreiblicher  Jubel  empfing  ihn,  aus  dem  Munde
des  Studenten  Hans  von  Auerswald  nahm  er  die  feierliche  Versicherung
entgegen,  die  preußische  Jugend  sei  bereit,  für  König  und  Vaterland  in
den  Tod  zu  gehen.  Die  Provinz  war  des  besten  Sinnes  voll,  zu  jedem
Opfer  bereit,  obgleich  sie  furchtbar  gelitten  und  soeben  noch  durch  den
Marsch  der  großen  Armee  über  33  Millionen  Thaler  verloren  hatte.

Doch  was  thun  ohne  die  Krone?  Dies  Volk  war  monarchisch  bis
in  das  Mark  der  Knochen;  wer  durfte  ihm  gebieten  anders  als  im  Namen
des  Königs?  Rathlos  schwirrten  die  Meinungen  und  Vorschläge  durch
einander.  Einige  ständische  Deputirte  richteten  eine  Eingabe  an  den  König,
beschworen  ihn,  sich  Rußland  anzuschließen,  den  Untergang  des  ruhmwürdigen
  deutschen  Namens  zu  verhüten;  Andere  forderten  laut,  daß  der
Landtag  sich  eigenmächtig  versammele  und  die  Aushebung  der  Landwehr
anbefehle.  Manchen  treuen  Beamten  quälte  die  Sorge  vor  der  Ländergier
  der  Russen,  die  doch  noch  Feinde  waren,  also  nach  Völkerrecht  sich
des  Landes  bemächtigen  durften.  Noch  traten  sie  überall  schonend  auf;
der  Ehrgeiz  des  Czaren  war  auf  Warschau  gerichtet  und  nichts  lag  ihm
in  jenen  Tagen  ferner,  als  ein  arglistiger  Anschlag  gegen  Altpreußen.
Als  der  heißblütige  Bärsch  in  Königsberg  einen  Aufruf  zur  Volksbewaffnung
  drucken  wollte,  versagte  der  russische  Commandant  gewissenhaft  das
Imprimatur:  solche  Aufrufe  dürften  nur  im  Namen  des  Landesherrn  oder
seiner  Beauftragten  erlassen  werden.  Aber  wie  lange  konnte  diese  Schonung
währen,  wenn  Preußen  sich  nicht  offen  für  Rußland  erklärte?

Präsident  Wißmann  eilte  mit  einigen  anderen  Beamten  nach  Berlin,
um  den  Staatskanzler  anzuflehen,  daß  der  König  um  Gotteswillen  ein
entscheidendes  Wort  spreche,  sonst  drohe  der  Aufruhr  oder  vielleicht  die
russische  Eroberung.  Nork  schrieb  an  Bülow,  versuchte  ihn  zu  bereden,
daß  er  mit  seinem  Corps  gegen  die  Oder  und  Elbe  aufbreche:  „Die
Armee  will  den  Krieg  gegen  Frankreich.  Das  Volk  will  ihn,  der  König
will  ihn,  aber  der  König  hat  keinen  freien  Willen.  Die  Armee  muß  ihm
diesen  Willen  frei  machen.  Erkämpfen,  erwerben  wollen  wir  unsere  nationale
  Freiheit.  Die  Selbständigkeit  als  ein  Geschenk  annehmen  heißt  die
Nation  an  den  Schandpfahl  der  Erbärmlichkeit  stellen!“  Indeß  begann
der  eiserne  Mann  doch  unsicher  zu  werden,  als  vom  Hofe  noch  immer
keine  Antwort  kam  und  endlich  die  Berliner  Zeitungen  die  niederschmetternde
Nachricht  brachten,  die  Convention  von  Tauroggen  sei  durch  den  König
verworfen,  er  selber  des  Commandos  entsetzt.  Der  General  wagte  gleichwohl
  den  Oberbefehl  fortzuführen,  da  ihm  die  Absetzung  nicht  amtlich
mitgetheilt  wurde.  Aber  die  Unkenntniß  der  wirklichen  Absichten  der  Krone
quälte  und  verstörte  das  Gemüth  des  strengen  Royalisten;  sich  auflehnen
        <pb n="429" />
        Der  Königsberger  Landtag.  419

gegen  den  Willen  des  Königs  —  das  hatte  er  nie  gewollt!  Wie  ein
Missethäter  ging  er  umher,  von  finsteren  Ahnungen  gepeinigt:  er  sah  sein
ehrenreiches  Leben  in  unverdienter  Schande  ausgehen  und  wollte  zum
mindesten  nicht  die  Schuld  eines  neuen  Ungehorsams  auf  sich  laden.
Darum  begnügte  er  sich,  sein  Corps  durch  die  Cantonpflichtigen  der  Pro—
vinz  zu  verstärken;  an  ein  Massenaufgebot  dachte  er  für  jetzt  nicht  mehr.
Ein  rührender  Anblick  —  die  Rathlosigkeit  dieser  Monarchisten  ohne
Monarchen!  Das  treue  Volk  lief  Gefahr  trotz  aller  Opfer-  und  Thaten—
lust  eine  köstliche  Zeit  zu  verlieren,  wenn  sich  der  überlegene  Wille  nicht
fand,  der  durch  einen  rettenden  Entschluß  vollbrachte  und  gestaltete,  was
die  Tausende  ersehnten  und  hofften.

Und  dieser  mächtige  Wille  kam  mit  dem  Freiherrn  vom  Stein.  Der
große  Patriot  hatte  schon  am  16.  December  aus  Petersburg  dem  Präsi—
denten  Schön  angekündigt,  er  hoffe  bald  mit  seinem  Arndt  in  Altpreußen
einzutreffen:  „jetzt  ist  es  Zeit,  daß  sich  Deutschland  erhebe,  daß  es  Frei—
heit  und  Ehre  wieder  erringe,  daß  es  beweise,  wie  nicht  das  Volk,  son—
dern  seine  Fürsten  sich  freiwillig  unter  das  Joch  gebeugt  haben.“  Nichts
war  dem  stolzen  Deutschen  entsetzlicher,  als  die  Vorstellung,  daß  sein
Vaterland  durch  die  Russen  befreit  werden  sollte.  Obwohl  er  an  den
guten  Absichten  Alexander's  selbst  nicht  zweifelte,  so  hegte  er  doch  ein
starkes  Mißtrauen  gegen  die  Pläne  der  altrussischen  Partei;  noch  späterhin
hat  er  den  Staatskanzler  dringend  gewarnt,  ja  keine  preußische  Festung
den  Russen  zu  eröffnen.  Als  er  nun  bemerkte,  wie  das  altpreußische
Volk  sich  in  heißer  Ungeduld  verzehrte,  da  ließ  er  sich  von  dem  Czaren
die  Vollmacht  ertheilen,  die  Leitung  der  Provinzialbehörden  zu  übernehmen
und  die  Hilfsquellen  des  Landes  zum  Besten  der  guten  Sache  nutzbar  zu
machen  —  das  Alles  nur  vorläufig,  bis  zum  förmlichen  Abschluß  des
preußisch-russischen  Bündnisses.  Ausdrücklich  wurde  dem  Könige  mit—
getheilt,  nicht  ein  Russe,  sondern  einer  der  getreuesten  preußischen  Unter—
thanen  erhalte  diese  durch  den  Drang  der  Unstände  gerechtfertigte
Vollmacht.  Am  21.  Jannar  erschien  Stein  in  Königsberg,  und  augenblicklich
  veränderte  sich  die  Lage.  Alle  tapferen  Herzen  genasen  bei  dem
Anblicke  des  gewaltigen  Mannes.  Er  selber  fühlte  sich  wie  in  einem  unbekannten
  Lande,  da  er  überall  nur  Treue,  Hingebung,  Tapferkeit,  nirgends
mehr  eine  Spur  der  alten  Schlaffheit  fand,  und  sein  ehrliches  Gemüth
bat  dem  norddeutschen  Volke  die  ungerechten  Vorwürfe  vergangener  Tage
ab.  Er  versicherte  bestimmt,  der  Zweck  der  russischen  Heere  sei  nicht  Eroberung,
  sondern  Wiederherstellung  der  Selbständigkeit  Deutschlands  und
Preußens,  doch  forderte  er  seine  Landsleute  auf,  in  „Hinsicht  der  Größe
des  Zweckes  und  der  Reinheit  der  Gesinnungen“  über  Formbedenken  hinwegzusehen.
  Das  Land  wurde  sofort  als  thatsächlich  mit  Rußland  verbündet
  behandelt,  die  Oeffnung  der  Häfen  und  die  Aufhebung  der  Continentalsperre
  angeordnet,  eine  Anleihe  bei  der  Kaufmannschaft  der  Hafen-27*
        <pb n="430" />
        420  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

städte  aufgenommen,  die  baare  Bezahlung  aller  Lieferungen  mit  russischem
Papiergelde  befohlen.

Zugleich  verhandelte  Stein  mit  York,  Schön  und  den  Provinzialbehörden
  über  die  Anstalten  zur  Volksbewaffnung;  Clausewitz,  der  mit
seinen  Russen  im  Lande  stand,  erhielt  Befehl,  den  Entwurf  eines  Landwehrgesetzes
  auszuarbeiten.  Ein  Landtag  wurde  ausgeschrieben  —  oder
vielmehr  nur  eine  formlose  „Versammlung“  der  ständischen  Deputirten,
da  der  gewissenhafte  Präsident  Auerswald  Bedenken  trug,  in  die  Rechte
der  Krone  einzugreifen.  Schön  lehnte  behutsam  den  Vorsitz  ab.  Am
5.  Februar  begannen  jene  anspruchslosen  und  doch  so  folgenschweren  Verhandlungen
  des  Königsberger  Landtags,  mit  denen  die  Colonie  des  deutschen
  Mittelalters  dem  großen  Vaterlande  die  Schuld  des  Dankes  hochherzig
  heimzahlte.  Kurz  und  gut,  nach  alter  Preußenweise  ohne  Redeprunk
und  Lärm,  ward  das  Nothwendige  beschlossen.  Graf  Alexander  Dohna  war
der  Führer  des  Adels:  der  würdige  Mann  mochte  jetzt  an  sich  selber  und
seiner  Provinz  lernen,  wie  schwer  er  einst  geirrt,  da  er  als  Minister  seinen
Landsleuten  die  Fähigkeit  zum  constitutionellen  Leben  absprach.  An  der
Spitze  der  Bürgerlichen  stand  der  Königsberger  Bürgermeister  Heidemann.
Vork  selbst  erschien  und  legte  einem  Ausschusse  der  Stände  das  Landwehrgesetz
  vor,  das  der  Lieblingsschüler  Scharnhorst's,  selbstverständlich  ganz
nach  den  Ideen  des  Meisters,  im  Wesentlichen  übereinstimmend  mit  den
Plänen  von  1811,  entworfen  hatte;  und  so  geschah  das  Seltsame,  daß
die  Ostpreußen  eigenmächtig  die  nämlichen  Gedanken  vorausnahmen,  welche
Scharnhorst  um  dieselbe  Zeit  in  Breslau  für  den  König  niederschrieb.
Nicht  in  Allem  freilich  konnten  diese  wohlmeinenden  Vertreter  der  bürgerlichen
  Interessen  an  die  kühnen  Entwürfe  des  militärischen  Organisators
hinanreichen.  Auf  den  Wunsch  der  Städte  gestattete  der  Landtag  die
Stellvertretung,  während  gleichzeitig  in  Breslau  die  Aufhebung  aller  Befreinngen
  von  der  Wehrpflicht  ausgesprochen  wurde.  Auch  sollte  die  ostpreußische
  Landwehr  nur  eine  Provinzialarmee  sein,  ausschließlich  zur  unmittelbaren
  Vertheidigung  der  Lande  diesseits  der  Weichsel  verpflichtet;  die
Bataillonsführer  mußten  in  der  Provinz  angesessen  sein,  eine  ständische
Generalcommission  übernahm  die  Leitung  der  gesammten  Rüstungen.

Ueberhaupt  war  Scharnhorst's  Ansicht,  daß  die  Armee  das  Volk  in
Waffen,  eine  regelmäßige  Schule  der  Nation  sein  solle,  noch  durchaus
nicht  in  die  öffentliche  Meinung  eingedrungen.  In  diesen  Krieg,  aber
auch  nur  in  diesen  sollten  alle  Wehrfähigen  hinausziehen,  denn  er  war
heilig,  er  galt  allen  höchsten  Gütern  des  Lebens;  nach  dem  Siege  jedoch
—  das  war  die  natürliche  Hoffnung  jenes  an  endlosen  Kriegen  verekelten
Geschlechtes  —  mußte  die  Nation  durch  eine  wesentliche  Verringerung
des  Heeres  für  ihre  Opfer  belohnt  werden.  Selbst  Arndt,  der  soeben
im  Auftrage  Stein's  seine  feurige  Schrift:  „Was  bedeutet  Landwehr  und
Landsturm?“  herausgab,  erhob  sich  nicht  über  die  allgemeine  Ansicht.
        <pb n="431" />
        Alexander  und  Czartoryski.  421

Er  schilderte  zwar  mit  beredten  Worten,  wie  in  einer  Zeit  der  Entartung
der  Bauer  wehrscheu  geworden  sei  und  nun  endlich  wieder  der  alte  germanische
  Glaube  obenauf  komme,  „daß  ein  ganzes  Volk  waffengerüstet
und  waffengeübt  sein  müsse,  wenn  es  nicht  Freiheit,  Ehre,  Glück,  Gut
und  Muth  verlieren  wolle.“  Doch  zugleich  verwahrte  er  sich  dawider,  daß
man  die  Landwehr  als  eine  Art  Conscription  ansehe:  „es  ist  bloß  eine
Einrichtung  für  den  Krieg,“  und  sie  wird  ermöglichen,  daß  späterhin  vielleicht
  zwei  Drittel  der  stehenden  Heere  aufgehoben  werden.

Immerhin  blieben  die  Opfer,  welche  das  ausgesogene,  menschenarme
Land  brachte,  staunenswerth.  Diese  eine  Provinz  von  einer  Million  Einwohnern
  stellte  außer  13,000  Mann  Reserve  für  das  Jork'sche  Corps
noch  20,000  Mann  Landwehr,  ein  trefflich  berittenes  National-Cavallerieregiment
  und  700  Freiwillige  als  Stamm  für  das  Offizierscorps.  Am
8.  Februar,  sobald  der  Landtag  die  Landwehrordnung  angenommen  hatte,
eilte  Stein  zu  dem  Czaren  zurück;  er  sah,  daß  Alles  in  guten  Händen
lag  und  wollte  nicht  einmal  den  Schein  erregen,  als  ob  die  preußische
Erhebung  ein  Werk  der  Russen  sei.

Das  alte  Ordensland  aber  hallte  wider  vom  Klange  der  Waffen,
wie  vor  Zeiten,  wenn  das  Kriegsgeschrei  der  deutschen  Herren  die  Grenzer
zur  Heidenjagd  aufbot.  Was  nur  den  Säbel  schwingen  konnte,  eilte
herbei;  da  galt  kein  Unterschied  des  Standes  noch  des  Alters.  Alexander
Dohna  war  der  Erste,  der  als  Gemeiner  in  die  Landwehr  eintrat.  Die
Universität  stand  leer,  die  oberen  Klassen  der  Gymnasien  wurden  geschlossen.
  Welch  ein  Eindruck,  als  der  ehrwürdige  Rector  Delbrück  in
Königsberg  seinen  Primanern,  die  zu  Felde  zogen,  zum  Abschied  Klopstock’s
Ode  von  Herman  und  Thusnelda  vortrug.  Wie  oft  hatte  dies  gefühlsselige
  Geschlecht  mit  thränenden  Augen  die  überschwänglichen  Verse  von
der  alten  Schlachtengröße  der  Germanen  gehört;  jetzt  trat  es  leibhaftig
vor  Aller  Augen,  das  neue  Deutschland,  hehrer  und  herrlicher  als  des
Dichters  Traumbild,  aber  auch  streng  und  furchtbar,  das  Höchste  heischend
von  seinen  Söhnen,  über  tausende  junger  Leiber  sollte  sein  Siegeswagen
dahingehen.  Das  Alles  aber  geschah  unter  ausdrücklichem  Vorbehalt  der
Genehmigung  des  Königs.  Nach  Abschluß  der  Berathungen  schrieben  die
Stände  dem  Monarchen:  „Nur  was  unser  allgeliebter  Landesvater  will,
wollen  wir,  nur  unter  seiner  erhabenen  Leitung  Preußens  und  Deutschlands
  Schmach  rächen,  für  die  Selbständigkeit  unseres  theuren  Vaterlandes
  kriegend  siegen  oder  sterben.“  Dann  beschworen  sie  ihn  nochmals,
der  Begeisterung  seines  treuen  Volkes  freien  Lauf  zu  lassen:  „In  dem
großen  Plane  der  Vorsehung  kann  die  Vernichtung  des  preußischen  Staates
nicht  liegen.  Dieser  Staat  ist  der  Welt  und  der  wahren  Aufklärung
nöthig.“  Mit  diesen  Beschlüssen  der  Altpreußen  traf  Graf  Ludwig  Dohna
am  21.  Februar  in  Breslau  ein.  —

Dort  harrte  man  unterdessen  in  höchster  Spannung  auf  günstige
        <pb n="432" />
        422  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Nachrichten  von  Knesebeck,  der  in  Kalisch  mit  Alexander  über  das  Kriegs—
bündniß  verhandelte.  Der  König  hatte  den  Czaren  über  die  Wiener  Ver—
handlungen  brieflich  unterrichtet  und  ihm  ehrlich  eingestanden,  daß  er
dapoleon  ganz  in's  Unrecht  zu  setzen  hoffe;  „so  werde  ich  folgerecht  und
meinem  Charakter  gemäß  handeln.““)  Die  Absicht  Preußens  ging,  wie
natürlich,  auf  die  Wiedererlangung  seiner  alten  Machtstellung,  auf  die
Aufhebung  des  Rheinbundes  und  die  Befreiung  Deutschlands  bis  zum
Rheine.  Da  trat  jene  unselige  polnische  Frage,  die  so  oft  schon  das  gemeinsame
  Handeln  der  drei  Ostmächte  verhindert  hatte,  trennend  zwischen
die  Freunde.  Der  Czar  war  zu  Allem  bereit,  nur  über  das  Schicksal
des  Warschauer  Landes  wollte  er  vor  dem  siegreichen  Ende  des  Krieges
sich  nicht  aussprechen;  er  deutete  an,  sein  Verbündeter  könne  für  den
polnischen  Besitz  reiche  Entschädigung  finden  in  den  norddeutschen  Rheinbundsstaaten,
  namentlich  in  Sachsen,  wenn  dessen  König  dem  französischen
Bunde  treu  bliebe)

Alexander  stand  längst  wieder  in  geheimem  Verkehre  mit  Czartoryski.
Kaum  waren  die  napoleonischen  Träume  des  vielgewandten  Polen  in  den
Flammen  zu  Moskau  zu  nichte  geworden,  so  drängte  er  sich  abermals
an  seinen  kaiserlichen  Freund  heran,  mit  jener  glücklichen  Unbefangenheit,
die  in  der  langen  Schule  jesuitischer  Erziehung  den  Helden  sarmatischer
Freiheit  zur  anderen  Natur  geworden  ist,  und  einigte  sich  endlich  mit  dem
Czaren  über  die  Aufrichtung  eines  selbständigen  constitutionellen  Polenreichs
  unter  dem  Scepter  des  russischen  Selbstherrschers.  Der  Czar  hoffte
eine  Zeit  lang,  die  Polen  würden  auf  seinen  Ruf  sich  ihm  freiwillig  anschließen.
  Aber  keine  Hand  im  Lande  rührte  sich.  Die  Masse  des  Volks
hatte  in  dem  rasenden  Schicksalswechsel  der  jüngsten  Jahre  jeden  Willen,
jede  Hoffnung  verloren.  Die  deutschen  Einwanderer,  die  Juden  und  wer
von  den  Polen  in  ruhigem  Gewerbfleiße  thätig  war  sehnten  sich  zurück
nach  der  Ordnung  und  Rechtssicherheit  des  preußischen  Regiments.  Der
größte  Theil  des  Adels  blieb  im  französischen  Lager,  gleich  ihm  sein  Herzog,
  der  König  von  Sachsen.  Dem  russischen  Erbfeinde  traute  Niemand,
ja  man  erfuhr  bald,  daß  eine  große  Verschwörung  gegen  die  Moskowiter
im  Werke  sei.  So  fiel  denn  das  Herzogthum  Warschau,  nach  einem
kurzen  Kampfe  gegen  die  napoleonische  Süd-Armee,  als  erobertes  Feindesland
  in  Alexander's  Hände.

Die  Russen  betrachteten  die  Beute  bereits  als  eine  neugewonnene
Provinz;  Niemand  unter  ihnen  hätte  auch  nur  für  möglich  gehalten,  daß
die  Besiegten  fortan  größerer  Freiheit  genießen  sollten  als  die  Sieger.
Jeder  Widerstand  pflegt  aber  den  politischen  Schwärmer  nur  in  seinen
Träumen  zu  bestärken.  Nach  der  Gesinnung  seiner  Russen  hatte  der  Czar

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Kaiser  Alexander,  8.  17.  Febr.  1813.
**)  Knesebeck's  Bericht,  18.  Febr.  1813.
        <pb n="433" />
        Knesebeck  in  Kalisch.  423

niemals  viel  gefragt;  geistreiche  Ausländer  blieben  ihm  der  liebste  Umgang.
Auch  das  Mißtrauen  der  Polen  beirrte  ihn  nicht;  das  überschwängliche
Glück,  das  er  ihnen  zudachte,  mußte  ihren  Starrsinn  brechen,  wollte  er
doch  sogar  die  längst  mit  Rußland  vereinigten  litthauischen  Provinzen  von
dem  Czarenreiche  abtrennen  und  der  constitutionellen  Krone  des  weißen
Adlers  unterwerfen.  Grenzenlos  erschien  ihm  jetzt  die  Macht  seines  Reiches;
„ich  weiß  es  wohl,“  sagte  er  später  zu  seiner  Rechtfertigung,  „Rußlands  Uebermacht
  beginnt  für  Europa  gefährlich  zu  werden;  um  diese  Gefahr  zu  beseitigen
  will  ich  Polen  zu  einem  selbständigen  Staate  erheben.“  Für  jetzt
aber  mußten  diese  glänzenden  Entwürfe  vor  aller  Welt  geheim  gehalten
werden.  Der  polnische  Freund  durfte  nicht  im  kaiserlichen  Hauptquartier
erscheinen;  denn  „die  Kunde  von  unseren  Plänen“,  schrieb  der  Czar,  „würde
Oesterreich  und  Preußen  sofort  in  Frankreichs  Arme  treiben."

Noch  mehrere  Monate  später,  als  die  beiden  Monarchen  schon  viele
Wochen  lang  zusammen  im  Feldlager  gewesen,  klagte  König  Friedrich  Wilhelm,
  er  habe  trotz  wiederholter  Fragen  von  Alexander  niemals  etwas  Bestimmtes
  über  seine  politischen  Absichten  erfahren  können;  und  der  Hannoveraner
  Ompteda,  ein  scharfer  Beobachter  und  gründlicher  Kenner  der
Höfe,  schrieb  noch  zu  Ende  Juni  völlig  unbesorgt:  Fürst  Anton  Radziwill
und  die  anderen  polnischen  Patrioten,  die  den  Czaren  umlagerten,  würden
sicherlich  eine  schlechte  Aufnahme  finden.  Das  Geheimniß  blieb  gewahrt.
Der  preußische  Hof  ahnte  vorderhand  noch  gar  nichts  von  der  drohenden
Wiederherstellung  Polens;  er  konnte  aus  den  Nachrichten  über  den  Gang
der  Kalischer  Verhandlungen  nur  den  Schluß  ziehen,  der  Czar  wünsche
einen  Theil  des  Herzogthums  Warschau  dem  russischen  Reiche  einzuverleiben.
  Er  stand  mithin  vor  der  Frage:  ob  man  den  Krieg  gegen  Napoleon
  wagen  dürfe  auf  die  Gefahr  hin,  beim  Friedensschlusse  das  Vorrücken
Rußlands  gen  Westen  und  eine  schlecht  gesicherte  deutsche  Ostgrenze  hinnehmen
  zu  müssen?

Für  den  schlichten  Verstand  des  Königs  war  diese  Frage  längst  keine
Frage  mehr.  Er  kannte  die  polnische  Treue.  „Danke  schön;  schon  genug
haben  von  dieser  Sorte“  —  pflegte  er  ärgerlich  zu  sagen.  In  dem  Augenblicke,
  da  man  die  Deutschen  zu  der  Befreiung  des  Vaterlandes  aufrufen
wollte,  durfte  eine  verständige  preußische  Staatskunft  wahrhaftig  nicht  jenen
unheilvollen  slawischen  Besitz  vollständig  zurück  fordern.  Jeder  Strich  norddeutschen
  Landes,  den  man  gegen  Warschau,  Pultusk  und  Plock  eintauschte,
war  ein  offenbarer  Gewinn  für  die  nationale  Politik,  die  man  endlich
wieder  ausgenommen.  Nur  die  Landstriche  um  Posen  und  Gnesen,  das
natürliche  Verbindungsglied  zwischen  Schlesien  und  Westpreußen,  blieben
für  Preußen  unentbehrlich.  Verzichtete  man  aber  auf  die  Position  von
Warschau,  so  hatte  die  Frage,  wie  weit  das  preußische  Gebiet  sich-ostwärts
erstrecken  sollte,  nur  noch  geringe  Bedeutung;  denn  westlich  von  Warschau
bot  weder  die  Prosna  noch  die  Warthelinie  eine  starke  natürliche  Grenze.
        <pb n="434" />
        —  —.

424  I.  4.  Der  Befreiungkrieg.

Eine  Ostgrenze,  welche  den  preußischen  Staat  zugleich  militärisch  gesichert
und  vor  einer  allzu  starken  Beimischung  fremdartigen  Volksthums  bewahrt
  hätte,  ließ  sich  schlechterdings  nicht  finden.  Man  mußte  den  Muth
haben,  sich  diese  unbequeme  Wahrheit  einzugestehen,  und  man  durfte  die
militärischen  Bedenken  dann  den  Erwägungen  der  nationalen  Politik  opfern,
wenn  die  mittleren  Weichsellande  in  Rußlands  Hände  kamen.  Der  russische
  Staat  war  für  Preußen  unzweifelhaft  ein  weniger  lästiger  Nachbar
als  weiland  die  polnische  Republik,  er  war  nicht  wie  diese  durch  uralten
Haß  dem  preußischen  Volke  verfeindet,  nicht  wie  diese  durch  das  Gebot
der  Selbsterhaltung  gezwungen  nach  der  Eroberung  von  Altpreußen  zu
trachten.  Das  weite  Reich,  das  schon  so  viele  andere  Häfen  besaß,  konnte
zur  Noth  ohne  den  Besitz  der  Weichselmündungen  bestehen,  wie  Deutschland
  ohne  das  Rheindelta,  Oesterreich  ohne  die  Donaumündung  bestehen
kann.  Kamen  Warschau  und  Masovien  unter  Rußlands  Herrschaft,  so
wurden  voraussichtlich  die  Handelsinteressen  von  Altpreußen  wie  von
Russisch-Polen  schwer  geschädigt;  dennoch  konnte  die  neue  Ländervertheilung
dauern,  ein  leidliches  nachbarliches  Verhältniß  zwischen  Preußen  und  Rußland
  war  nicht  unmöglich.  Alle  Mißstände  an  der  Ostgrenze  wurden
reichlich  aufgewogen,  wenn  Preußen  auf  deutschem  Boden  eine  wohlgesicherte
  Abrundung  erlangte.

In  der  That  sah  Hardenberg  ein,  daß  irgend  ein  Zugeständniß  an
die  russischen  Wünsche  unvermeidlich  war,  und  beauftragte  seinen  Unterhändler
  nöthigenfalls  das  vormalige  Neu-Ostpreußen  dem  Czaren  preiszugeben.
  Oberst  Knesebeck  aber  dachte  anders,  ging  eigenmächtig  über  seine
Instructionen  hinaus.  Der  gelehrte,  vielerfahrene  Offizier  hatte  einst  die
Ideale  der  Revolution  mit  Frohlocken  begrüßt  und  war  auch  in  späteren
Jahren  nicht  ganz  so  hart  reactionär  gesinnt  wie  man  ihm  nachsagte;
von  den  Grundgedanken  der  alten  diplomatisch-militärischen  Schule  ist  er
gleichwohl  niemals  losgekommen.  Er  sah  nach  der  Weise  des  achtzehnten
  Jahrhunderts  in  jeder  Nachbarmacht  schlechtweg  den  natürlichen  Feind
des  Nachbars.  Wie  er  im  Felde  die  Landkarte  unablässig  durchforschte,
von  dem  Besitze  beherrschender  Plateaus  und  Bergrücken  entscheidende
kriegerische  Erfolge  erwartete,  so  hatte  er  sich  auch  bei  der  Lampe  ein  Bild
der  europäischen  Waage,  eine  neue  allen  Forderungen  des  Gleichgewichts
entsprechende  Karte  von  Europa  niedergezeichnet  und  hielt  daran  mit  doctrinärem
  Selbstgefühle  fest.  Ein  Jahr  darauf  stellte  er')  für  die  neue  Gebietsvertheilung
  drei  leitende  Gesichtspunkte  auf:  „daß  der  West  sein  Uebergewicht
  verliere,  daß  das  Centrum  wieder  Gewicht  bekomme  und  daß  der
Ost  nicht  in  die  Fehler  des  West  verfalle.“  Darum  muß  der  preußische
Staat  die  Grenzen  von  1805  wieder  erhalten,  sonst  wird  er  durch  Rußland
  flankirt  und  vom  Ost  abhäugig:  „die  Eigenschaften  und  Verbindungen

 

*)  Knesebeck's  Denkschrift  an  Hardenberg,  Freiburg,  7.  Jannar  1814.
        <pb n="435" />
        Vertrag  von  Kalisch.  425

der  Personen  können  temporell  dies  etwas  mäßigen,  aber  nie  heben.“  Be—
harrlich  kam  Knesebeck  auf  diesen  Lieblingsgedanken  zurück;  er  überschätzte,
wie  fast  alle  seine  Zeitgenossen  die  Aggressivkraft  des  „russischen  Kolosses“.
Mit  überschwänglichem  Entzücken  pries  er  „die  Schriftzüge  der  Natur,  die
auch  hier  mit  mütterlicher  Hand  für  den  Schutz  ihrer  Kinder  sorgte“  und
dem  preußischen  Staate  in  den  Morästen  des  Narew  seine  natürliche
Grenze  vorgezeichnet  hat.  Zudem  hegte  der  Oberst  ein  tiefes  Mißtrauen
gegen  Alexander.  So  hoffnungsvoll  er  in  die  geliebte  Hofburg  gezogen
war,  ebenso  argwöhnisch  trat  er  dem  Czaren  entgegen  und  hielt  sich  ver—
pflichtet  den  diplomatischen  Fehler  vom  Jahre  1806  zu  vermeiden:  nicht
zum  zweiten  male  sollte  Preußen  ein  russisches  Bündniß  abschließen  ohne
den  Freund  bindend  verpflichtet  zu  haben.  Die  Verhandlungen  zwischen
dem  Kaiser  und  dem  hypochondrischen,  peinlich  bedachtsamen,  maßlos  eitlen
Manne  rückten  nicht  von  der  Stelle.  Vergebens  mahnte  Hardenberg:
eilen  Sie,  und  nochmals,  eilen  Sie!“)  Während  die  freiwilligen  Jäger
bereits  zu  den  Fahnen  strömten  und  die  ostpreußische  Landwehr  sich  ver—
sammelte,  drohte  das  kühne  Werk  der  Befreiung  Deutschlands  noch  vor
dem  Beginne  zu  scheitern  —  weil  Knesebeck  am  Bug  und  Narew  die
Schriftzüge  der  mütterlichen  Natur  entdeckt  hatte.

Die  Lage  war  um  so  ernster,  da  im  russischen  Hauptquartiere  außer
dem  Czaren  fast  Niemand  den  deutschen  Krieg  ernstlich  wollte.  Die  russi—
schen  Generale,  vor  Allen  der  beschränkte  alte  Kutusow,  schwelgten  in
übermüthigem  Selbstgefühl;  sie  schrieben  die  großen  Erfolge,  die  man  zu—
meist  den  Fehlern  Napoleon's  verdankte,  allein  der  Ueberlegenheit  der  russi—
schen  Waffen  zu  und  hielten  den  Krieg  für  beendet.  Vor  einem  neuen
Angriffe  des  gedemüthigten  Frankreichs  glaubte  man  sicher  zu  sein;  War—
schau  und  vielleicht  auch  Altpreußen  mußten  dem  russischen  Sieger  von
selbst  zufallen.  Ging  der  preußische  Hof  dem  Czaren  nicht  um  einige
Schritte  entgegen,  so  kam  das  Bündniß  nicht  zu  Stande,  und  Deutsch—
lands  Hoffnungen  fielen  nochmals  zu  Boden.

Endlich  verlor  Alexander  die  Geduld  und  sendete  den  Elsasser  Frei—
herrn  von  Anstett,  einen  seiner  rührigsten  Diplomaten,  nach  Breslau  um
mit  dem  Könige  selbst  zu  verhandeln.  Mit  Anstett  kam  auch  Stein.  Der
Czar  rechnete  auf  das  richtige  Gefühl  seines  Freundes,  und  die  Hoffnung
trog  nicht.  Auch  Hardenberg  fand  es  thöricht,  über  das  Fell  des  noch
nicht  erlegten  Bären  allzu  heftig  zu  streiten.  Die  Generale  vollends  ver—
langten  raschen  Abschluß;  Scharnhorst  sagte  zu  Hippel  in  seiner  großen
Weise:  „unsere  Aufgabe  ist  den  Sieg  zu  sichern,  über  die  Vertheilung  der
Beute  wird  der  Friedenscongreß  entscheiden.“  Der  König  nahm  die  Vor—
schläge  Alexander's  ohne  jede  Aenderung  an;  Scharnhorst  ging  mit  dem
günstigen  Bescheide  nach  Kalisch,  und  am  28.  Februar  kam  der  Bundes—

 

*)  Hardenberg  an  Knesebeck,  20.  21.  Febr.  1813.
        <pb n="436" />
        426  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

vertrag  zu  Stande.  Der  Cezar  verpflichtete  sich  die  Waffen  nicht  niederzulegen
  bis  Preußen  die  Macht,  welche  es  vor  dem  Kriege  von  1806
besaß,  wieder  erlangt  habe;  er  verbürgte  seinem  Verbündeten  den  Besitz
Altpreußens  sowie  der  polnischen  Landstriche,  welche  die  Verbindung  zwischen
  Schlesien  und  Westpreußen  bildeten;  er  versprach  endlich,  daß  die
in  Norddeutschland  zu  erwartenden  Eroberungen,  mit  Ausnahme  der  Besitzungen
  des  Hauses  Hannover,  zur  Entschädigung  Preußens,  zur  Bildung
eines  abgerundeten  und  zusammenhängenden  preußischen  Staatsgebietes
verwendet  werden  sollten.  In  einem  zärtlichen  Briefe  dankte  Alexander
seinem  Freunde:  er  habe,  schrieb  er,  an  dieser  offenen  und  schnellen  Art
das  Herz  des  Königs  erkannt.

Der  Kalischer  Vertrag  war  durch  die  Lage  der  Dinge  vollkommen
gerechtfertigt;  um  einen  geringeren  Preis  ließ  sich  Rußlands  Hilfe  nicht
erlangen.  Wie  Cavour  das  Nothwendige  that  als  er  Savoyen  und  Nizza
preisgab  für  die  Befreiung  Oberitaliens,  ebenso  und  mit  weit  besserem
Rechte  opferte  in  ähnlicher  Lage  König  Friedrich  Wilhelm  der  Befreiung
Deutschlands  einen  Theil  seiner  polnischen  Ansprüche,  die  er  selbst  als  eine
Last  für  Preußen  ansah.  Er  gewann  dafür  jenes  westliche  Stück  Polens,
dessen  sein  Staat  nicht  entbehren  konnte,  und  eine  feste  Zusage  vollständiger
  Entschädigung  in  Deutschland  —  ein  Versprechen  das  Czar  Alexander
ritterlich  gehalten  hat.  Daß  der  Vertrag  weder  die  künftige  Ostgrenze
noch  die  norddeutschen  Entschädigungslande  bestimmt  bezeichnete,  war  für
Preußen  sehr  nachtheilig,  aber  ganz  unvermeidlich;  wer  wußte  denn  in
jenem  Augenblicke,  welche  Lande  das  gute  Schwert  der  Verbündeten  erobern
  würde?  Um  Preußen  nicht  allein  mit  unsicheren  Hoffnungen  abzuspeisen,
  wurde  nachher  zwischen  den  beiden  Verbündeten  der  Grundsatz
mündlich  vereinbart  und  auch  thatsächlich  ausgeführt,  daß  alle  altpreußischen
  Gebiete  in  Deutschland,  die  man  zurück  eroberte,  sofort  wieder  unter
preußische  Verwaltung  gestellt  werden  sollten.

Aus  dem  Kalischer  Bunde  erwuchs  eine  sehr  feste  Interessengemeinschaft
  der  beiden  Höfe.  Je  weiter  die  Waffen  der  Verbündeten  westwärts
drangen,  je  mehr  deutsches  Gebiet  zur  Entschädigung  Preußens  frei  ward,
um  so  gewisser  mußte  Rußland  seine  polnischen  Ansprüche  steigern;  das
ließ  sich  nach  den  Ueberlieferungen  der  russischen  Politik  nicht  anders  erwarten
  und  billigerweise  auch  nicht  tadeln,  nach  einem  Siegeszuge,  der
die  Fahnen  Rußlands  von  der  Moskwa  bis  zum  Rheine  führte.  Nicht
allein  die  beredten  Mahnungen  des  Freiherrn  vom  Stein  —  wie  hoch
man  auch  ihren  Einfluß  auf  Alexander's  erregbaren  Sinn  anschlagen
mag  —  auch  nicht  allein  die  stolzen  Träume  der  Weltbefreiung,  sondern
zu  allermeist  seine  polnischen  Pläne  bestimmten  den  Czaren,  den  deutschen
Krieg  mit  Nachdruck  zu  führen:  er  kämpfte  am  Rhein  für  seine  polnische
Eroberung,  wurde  durch  sein  eigenstes  Interesse  ein  treuer  Verbündeter
der  deutschen  Patrioten.  Der  faule  Fleck  des  Kalischer  Vertrags  lag  allein
        <pb n="437" />
        Vormarsch  der  Russen.  427

in  jenen  Plänen  der  Wiederherstellung  Polens,  welche  der  Czar  seinem
preußischen  Freunde  beharrlich  verschwieg.  Diese  Hinterhaltigkeit  Alexander's
erscheint  nicht  nur  sehr  häßlich  neben  der  treuherzigen  Offenheit  Friedrich
Wilhelm's;  sie  erwies  sich  auch  bald  als  ein  politischer  Fehler,  denn  sie
erschütterte,  als  das  Geheimniß  endlich  an  den  Tag  kam,  das  Vertrauen
zwischen  den  beiden  Mächten,  brachte  das  preußisch-russische  Bündniß  eine
Zeit  lang  in's  Schwanken.

Die  Lage  Preußens  blieb  freilich  nach  wie  vor  dem  Vertrage  sehr
unsicher.  Der  Czar  eilte  das  Herzogthum  Warschau  ganz  in  Besitz  zu
nehmen.  Preußische  Ingenieure  und  Batterien  wirkten  mit  bei  der  Belagerung
  von  Thorn  und  Modlin;  dieser  polnische  Festungskrieg  schwächte
die  für  die  Feldarmee  verfügbaren  Streitkräfte  und  hat,  wie  die  preußischen
  Offiziere  zornig  bemerkten,  wesentlich  dazu  beigetragen,  daß  der
Frühjahrsfeldzug  in  Sachsen  verloren  ging.  Also  brachte  Preußen  harte
Opfer  für  die  Eroberung  Polens  und  sah  dann  ruhig  mit  an,  wie  eine
von  dem  Cezaren  eingesetzte  provisorische  Regierung  die  Verwaltung  des
gesammten  Herzogthums  leitete.  Die  Russen  waren  ihrer  Beute  sicher,
Preußen  konnte  nur  auf  die  Zukunft  hoffen.  Ueber  Deutschlands  künftige
Verfassung  ging  man  vorläufig  mit  Stillschweigen  hinweg;  denn  Alexander
äußerte  sich  zwar  zustimmend,  wenn  ihm  Stein  von  der  Bildung  zweier
deutscher  Großmächte  sprach,')  er  wußte  jedoch  bereits,  daß  weder  Oesterreich
  noch  England  noch  Schweden  mit  solchen  dualistischen  Plänen  einverstanden
  war.  Auch  die  Bestimmungen  des  Vertrags  über  die  militärischen
  Leistungen  der  Verbündeten  brachten  dem  preußischen  Staate
schweren  Nachtheil.  Die  Regierung  konnte  im  Februar  selbst  noch  nicht
übersehen,  welche  gewaltigen  Streitkräfte  der  unvergleichliche  Opfermuth
der  Nation  entfalten  würde;  sie  war  hochherzig  entschlossen  das  Größte
zu  thun,  wollte  aber  nicht  mehr  versprechen  als  was  sie  sicher  leisten  könnte.
Czar  Alexander  dagegen  schätzte  seine  Feldarmee  fast  auf  das  Vierfache
ihrer  augenblicklichen  Stärke,  theils  weil  er  als  die  führende  Macht  der
Coalition  erscheinen  wollte,  theils  weil  er  im  Rausche  seines  Caesarenstolzes
  sich  selber  täuschte;  man  weiß  bei  ihm  niemals  recht,  wo  der  Selbstbetrug
  aufhört  und  der  Betrug  beginnt.  Freund  und  Feind  glaubte  noch
seinen  Uebertreibungen;  zu  Anfang  Februars,  in  einer  Unterredung  mit
Knesebeck,  rechnete  Metternich,  Preußen  werde  wohl  die  150,000  Russen
durch  50  oder  60,000  Mann  verstärken  können.  Die  Kalischer  Vereinbarung
  verpflichtete  Rußland  150,000  Mann,  Preußen  80,000  Mann  in's
Feld  zu  stellen.  Die  wirklichen  Streitkräfte  der  beiden  Verbündeten  aber
standen  lange  im  umgekehrten  Verhältniß;  Preußen  leistete  von  vornherein
weit  mehr  als  der  Vertrag  bedang,  Rußlands  Feldarmee  erreichte  erst
gegen  den  Herbst  die  vertragsmäßige  Stärke.  Hardenberg  legte  beim  Ab- 



*)  Stein  an  Hardenberg,  13.  April  1813.
        <pb n="438" />
        428  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

schluß  der  Verhandlungen  geringen  Werth  auf  jene  Ziffern,  doch  sie  bil—
deten  bei  den  späteren  Verträgen  mit  England  den  Maßstab  für  die  Sub—
sidien;  sie  wurden  also  für  die  ohnedies  zerrütteten  Finanzen  Preußens
sehr  schädlich  und  sie  erregten  in  der  diplomatischen  Welt  den  Glauben,
als  ob  Preußen  nur  die  Hilfsmacht  Rußlands  sei.

Allerhand  geringfügige  Umstände  haben  diesen  schlimmen  Schein  ge—
fördert.  Das  russische  Heer  glänzte  von  jeher  durch  eine  Ueberzahl  mit
Orden  beladener  Generale;  das  verarmte  Preußen  ließ  seine  Brigaden
durch  Obersten,  seine  Regimenter  durch  Majore  führen;  daher  fiel,  wenn
ein  Zusammenwirken  der  Alliirten  nöthig  ward,  der  Oberbefehl  fast  immer
in  russische  Hände.  Auch  die  schüchterne  Zurückhaltung  des  Königs,  der
so  willig  neben  der  glänzenden  Erscheinung  des  Czaren  verschwand,  ja
selbst  seine  edle  soldatische  Einfachheit  war  für  Preußens  diplomatische
Stellung  nachtheilig.  Welch  ein  Abstand,  wenn  man  den  leichten  Halb—
wagen  des  Königs  mit  kleinem  Gefolge  daherrollen  sah,  und  nachher  den
ungeheuren  Wagentroß  des  Czaren  oder  gar  die  vielen  tausende  von
Mauleseln,  welche  das  Gepäck  des  Kaisers  Franz  mitsammt  dem  berüch—
tigten  k.  k.  Leib-Grenadier-Streichquartett  schleppten!  Der  Staat,  in  dessen
Heere  die  sittliche  Kraft  des  großen  Krieges  lag,  erschien  vor  den  Augen
der  Diplomatie  wie  eine  Macht  zweiten  Ranges  neben  den  beiden  Kaiser—
höfen,  und  in  den  verwickelten  Verhältnissen  eines  Coalitionskrieges  ist
der  Schein  der  Macht  fast  ebenso  werthvoll  wie  die  Macht  selber.  —

Es  war  die  höchste  Zeit,  daß  die  Ungewißheit  ein  Ende  nahm.  Wäh—
rend  Knesebeck  in  Kalisch  zauderte,  geriethen  die  zwischen  den  kriegführen—
den  Parteien  eingeklemmten  preußischen  Generale  aus  einer  falschen  Stel—
lung  in  die  andere.  Die  Russen  drangen  westwärts  vor,  sehr  langsam
freilich,  da  sich  die  Unzulänglichkeit  ihrer  Streitkräfte  mit  jedem  Tage
deutlicher  herausstellte.  Erst  zu  Anfang  Februars  erschienen  die  ersten
Kosaken  in  der  Neumark.  Ueberall  nahm  das  Volk  die  wildfremden
Bundesgenossen  mit  offenen  Armen  auf.  Welcher  Jubel,  wenn  der  Basch—
kire  seinen  Bogen  und  seine  Pfeile  betasten  ließ,  wenn  der  bärtige  Kosak,
den  Mantel  behangen  mit  Ehrenlegionskreuzen  und  den  Fetzen  französi—
scher  Uniformen,  seine  Reiterkünste  zeigte;  glückselig  jeder  deutsche  Junge,
den  die  gutmüthigen  Kinderfreunde  auf  ihren  Kleppern  aufsitzen  ließen.
Alle  Welt  sang  das  neue  Lied  „Schöne  Minka,  ich  muß  scheiden“,  das
ein  gefühlvoller  Sohn  der  Steppe  am  Ufer  des  blauen  Don  gedichtet
haben  sollte.  Besorgte  Mütter  hielten  es  freilich  für  nöthig  ihre  Kleinen,
wenn  sie  von  den  Fremden  abgeküßt  waren,  in  die  Badewanne  zu  stecken,
und  als  man  mit  den  diebischen  Neigungen  dieses  Kindervolkes  näher
bekannt  wurde,  erkaltete  die  Begeisterung  ein  wenig.

Mit  Sorgen  sah  York  den  Vormarsch  der  Russen;  er  fühlte,  daß
man  die  Befreiung  der  Marken  nimmermehr  den  Fremden  allein  überlassen
durfte,  und  brach  mit  seinem  Corps  auf  um  die  Weichsel  zu  überschreiten.
        <pb n="439" />
        Der  Aufruf  an  Mein  Volk.  429

Von  ähnlichen  Zweifeln  wurde  General  Bülow  gepeinigt;  der  hatte  sich
wochenlang  geschickt  zwischen  den  Zumuthungen  der  Russen  und  der  Fran—
zosen  hindurchgewunden,  mitten  zwischen  den  Kriegführenden  sein  Reserve—
corps  verstärkt  und  völlig  selbständig  erhalten.  Flehentlich  bat  er  den
König,  das  von  Allen  ersehnte  befreiende  Wort  zu  sprechen:  „freiwillig
werden  die  größten  Opfer  gebracht  werden  und  Quellen  werden  sich  öffnen,
die  man  längst  versiegt  glaubte!“  Als  immer  noch  keine  bestimmte  Ant—
wort  erfolgte,  entschloß  er  sich  endlich  auf  eigene  Faust  zu  handeln,  ver—
abredete  mit  York  und  Wittgenstein  (22.  Febr.)  das  gemeinsame  Vorrücken
gegen  die  Oder.  Auch  General  Borstell,  ein  gestrenger  Mann  der  alten
militärischen  Schule  und  abgesagter  Feind  der  Scharnhorstischen  Refor—
men,  begann  am  Ende  einzusehen,  daß  der  blinde  Gehorsam  in  solcher
Lage  nicht  mehr  ausreichte;  auch  er  beschwor  den  König:  „lassen  Sie  uns
los,“  schrieb  nach  England  um  Geld  und  Waffen  und  zeigte  schließlich
(27.  Febr.)  dem  Monarchen  an,  er  breche  jetzt  mit  seinen  Pommern  in
die  Neumark  auf  um  mit  York  und  Bülow  vereinigt  gegen  die  Haupt—
stadt  vorzugehen.  In  denselben  Tagen  kehrte  Gneisenau  zur  See  aus
England  heim,  hielt  seinen  fröhlichen  Einzug  in  Kolberg,  der  Wiege  seines
Ruhms,  fest  entschlossen  die  Truppen  geradeswegs  gegen  den  Feind  zu
führen.  Noch  nie  war  die  Mannszucht  des  Heeres  auf  schwerere  Proben
gestellt  worden;  Alle  empfanden  es  wie  eine  Erlösung,  als  endlich  York
aus  Breslau  den  Befehl  erhielt  sich  an  Wittgenstein  anzuschließen  und
bald  darauf  öffentlich  von  aller  Schuld  freigesprochen  wurde.  Am  2.  März
überschritt  Wittgenstein  die  Oder,  am  10.  folgten  die  Preußen.  Das
Kriegsbündniß  trat  in  Kraft.

Und  welcher  Wirrwarr  unterdessen  in  der  Hauptstadt!  Da  saß  noch
immer  Goltz  mit  seiner  unglücklichen  Regierungscommission,  noch  immer
ohne  jede  Kenntniß  von  den  Plänen  des  Staatskanzlers,  unablässig  be—
müht  durch  strenge  Verbote  die  Zusammenrottungen  und  Aufläufe  in  der
krampfhaft  erregten  Stadt  niederzuhalten.  Der  ängstliche  Mann,  der
nichts  sein  wollte  als  ein  „einfacher  Agent  des  königlichen  Willens,“  wußte
sich  kaum  mehr  zu  helfen  als  der  Aufruf  an  die  freiwilligen  Jäger  er—
schien.  Einzelne  Vorwitzige  fragten  wohl:  für  und  gegen  wen?  Die  un—
geheure  Mehrzahl  durchschaute  sofort  was  der  König  meinte,  in  dichten
Schaaren  drängten  sich  die  Freiwilligen  herbei;  der  Magistrat  nahm  die
Sammlungen  für  die  unbemittelten  Krieger  in  seine  Hand;  Tausende
junger  Männer  gaben  den  letzten  Linientruppen,  die  aus  Berlin  nach
Schlesien  abzogen,  unter  kriegerischen  Gesängen  das  Geleite.  Am  20.  Fe—
bruar  sprengte  ein  kleiner  Trupp  Kosaken  durch  die  östlichen  Thore  hinein.
Mehrere  Deutsche  hatten  sich  angeschlossen;  einer  davon,  der  junge  Alexan—
der  von  Blomberg  fiel  hier  als  des  deutschen  Krieges  erstes  Opfer.  Mit
Mühe  wurden  die  Massen  von  einem  unzeitigen  Straßenkampf  abgehalten.
Goltz  gerieth  mit  dem  Prinzen  Heinrich  und  dem  patriotischen  Kreise,  der
        <pb n="440" />
        430  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

sich  um  den  kranken  Prinzen  schaarte,  in  offenen  Streit;  er  ließ  sich  durch
Augereau  sogar  bereden,  die  Abreise  der  Freiwilligen  vorläufig  zu  ver—
bieten.  Dafür  erhielt  er  vom  Könige  einen  strengen  Verweis;  erst  als
das  Kriegsbündniß  geschlossen  war,  wurde  der  Rathlose  durch  Harden—
berg,  aber  noch  immer  im  tiefsten  Geheimniß,  über  die  Lage  aufgeklärt.“*)
Napoleon  begann  erst  ernstlich  besorgt  zu  werden  als  er  von  der  Bildung
der  Jägerdetachements  hörte;  sofort  befahl  er  seinem  Stiefsohne,  der  den
Oberbefehl  im  Nordosten  führte,  keine  weiteren  Aushebungen  in  Preußen
mehr  zu  dulden:  die  Stellung  in  den  Marken  sollte  mit  aller  Kraft  be—
hauptet,  Berlin  nöthigenfalls  verbrannt  werden.  In  der  That  war  Eugen
Beauharnais  noch  stark  genug  um  den  Streitkräften  Wittgenstein's  und
der  drei  vereinigten  preußischen  Generale  die  Spitze  zu  bieten.  Aber  den
Soldaten  brannte  der  Boden  unter  den  Füßen,  das  dumpfe  Getöse  dieser
grollenden  Volksbewegung  schlug  sie  mit  Schrecken;  sie  rechneten,  bald
werde  Berlin  mehr  bewaffnete  Preußen  zählen  als  Franzosen.  Am  4.  März
räumte  der  Feind  die  Hauptstadt  und  die  nachsetzenden  Russen  lieferten
ihm  noch  am  Thore  ein  Gefecht.  Am  11.  hielt  Wittgenstein  seinen  Einzug,
  am  17.  ritt  der  Mann  von  Tauroggen  die  Linden  entlang,  streng
und  finster  schweifte  sein  Blick  über  die  hoch  aufjubelnden  Massen.  Am
nämlichen  Tage  nahm  Leutnant  Bärsch  mit  seinen  Kosaken  die  Schlüssel
von  Hamburg  in  Empfang;  gleich  darauf  besetzte  der  lustige  Husar  Tettenborn,
  der  unterwegs  die  mecklenburgischen  Fürsten  zum  Anschluß  an  die
Coalition  bewogen  hatte,  die  alte  Hansestadt  mit  seinen  leichten  Truppen,
und  das  freudetrunkene  Volk  riß  die  verfluchten  französischen  Aasvögel  von
den  Mauern  herunter.  Einige  Wochen  lang  blieben  die  Deutschen  in  dem
frohen  Glauben,  die  Lande  bis  zur  Elbe  seien  ohne  Schwertstreich  befreit.

Den  französischen  Gesandten  hielt  der  Staatskanzler  immer  noch  mit
freundlichen  Worten  hin;  je  länger  der  offene  Bruch  sich  hinausschob,  um
so  sicherer  konnte  die  Ausrüstung  der  Linien-Armee  vollendet  werden.  St.
Marsan  war  dem  Hoflager  nach  Breslau  gefolgt  und  ließ  sich  nach  einigen
Verwahrungen  sogar  über  den  Aufruf  vom  3.  Februar  beruhigen,  da  Hardenberg
  ihm  nachwies,  daß  der  mittellose  Staat  ohne  die  freiwilligen  Opfer
seiner  Bürger  nicht  bestehen  könne.  Noch  am  27.  erkundigte  er  sich  bei
dem  Staatskanzler  freundschaftlic:  was  wohl  Anstett's  „außerordentlicher"
  Besuch  zu  bedeuten  hätte.)  Er  sah  noch  mit  an,  wie  die  Schaaren
der  Freiwilligen  aus  allen  Provinzen  in  der  schlesischen  Hauptstadt  eintrafen,
  wie  der  König,  „um  der  herzerhebenden  allgemeinen  Aeußerung
treuer  Vaterlandsliebe  ein  äußeres  Kennzeichen“  zu  geben,  das  Tragen
der  Nationalkokarde  anordnete  und  dann  an  Luisens  Geburtstage  seinen
alten  Plan,  die  Stiftung  des  eisernen  Kreuzes,  ausführte.  Der  Wohl-*)

  Goltz's  Berichte,  31.  Jan.,  11.17.19.  25.  Febr.  Cabinetsordre  an  Goltz,  23.  Febr.
Hardenberg  an  Goltz,  28.  Febr.  1813.
**)  St.  Marsan  an  Hardenberg,  27.  Febr.  1813.
        <pb n="441" />
        Die  Volkserhebung.  431

meinende  wollte  nicht  glauben,  daß  dies  kleine  Preußen  den  lächerlich  un—
gleichen  Kampf  wagen  könne,  und  kam  erst  zur  Einsicht  als  mit  dem  Ein—
zuge  des  Czaren  in  Breslau  (15.  März)  jede  Täuschung  unmöglich  wurde.
Noch  beim  Abschied  beschwor  er  den  Staatskanzler,  diesen  Fürsten  und  dies
Land,  die  er  lieb  gewonnen,  nicht  in's  Verderben  zu  stürzen;  alle  diese
Knaben  und  Jünglinge  würden  den  König  gegen  die  Uebermacht  seines
Kaisers  nicht  schützen.  Am  16.  März  theilte  ihm  Hardenberg  amtlich
mit,  daß  Preußen  sich  mit  Rußland  verbündet  habe.  Der  Krieg  war
erklärt.

Am  folgenden  Tage  unterzeichnete  Friedrich  Wilhelm  das  Landwehrgesetz
  und  den  „Aufruf  an  Mein  Volk“.  Es  war  die  Rückkehr  zur  Wahrheit
und  zum  freien  Handeln,  wie  Schleiermacher  in  einer  freudevollen  Predigt
sagte.  Das  treue  Volk  athmete  auf,  da  nun  endlich  jeder  Zweifel  schwand,
die  allzu  harte  Prüfung  der  Geduld  und  des  Gehorsams  vorüber  war.
So  hatte  noch  nie  ein  unumschränkter  Herrscher  zu  seinem  Lande  geredet.
Ein  Hauch  der  Freiheit,  wie  er  einst  die  äschyleischen  Kriegslieder  der
Hellenensöhne  erfüllte,  wehte  durch  die  schlichten,  eindringlichen  Worte,
die  der  geistvolle  Hippel  in  guter  Stunde  entworfen  hatte.  Mit  herzlichem
  Vertrauen  rief  der  König  seine  Brandenburger,  Preußen,  Schlesier,
Pommern  und  Litthauer  bei  ihren  alten  Stammesnamen  an  und  entbot
sie  zum  heiligen  Kampfe:  „Keinen  anderen  Ausweg  giebt  es,  als  einen
ehrenvollen  Frieden  oder  einen  ruhmvollen  Untergang.  Auch  diesem  würdet
Ihr  getrost  entgegengehen,  weil  ehrlos  der  Preuße  und  der  Deutsche  nicht
zu  leben  vermag!“  Und  nun  stand  es  auf,  das  alte  waffengewaltige
Preußen,  das  Volk  der  Slawenkämpfe,  der  Schwedenschlachten  und  der
sieben  Jahre,  und  ihm  geschah  wie  jenem  Helden  der  germanischen  Sage,
der  beim  Anblick  seiner  Fesseln  so  in  heißem  Zorn  entbrannte,  daß  die
Ketten  schmolzen.  Kein  Zweifel,  kein  Abwägen  der  Uebermacht  des  Feindes;
Alle  dachten  wie  Fichte:  „Nicht  Siegen  oder  Sterben  soll  unsere  Losung
sein,  sondern  Siegen  schlechtweg!“  „Mag  Napoleon  noch  so  oft  Schlachten
gewinnen“  —  schrieb  Scharnhorst  —  „die  ganze  Anlage  des  Krieges  ist
so,  daß  im  Verlaufe  dieses  Feldzuges  uns  sowohl  die  Ueberlegenheit  als
der  Sieg  nicht  entgehen  kann.“  Schon  der  Aufruf  vom  3.  Februar  hatte
Erfolge,  welche  Niemand  außer  Scharnhorst  für  möglich  gehalten.  Es
war  der  stolzeste  Augenblick  in  Scharnhorst's  Leben,  als  er  den  König
einst  in  Breslau  an's  Fenster  führte  und  ihm  die  jubelnden  Schaaren
der  Freiwilligen  zeigte,  wie  sie  in  malerischem  Gewimmel,  zu  Fuß,  zu  Roß,
zu  Wagen,  ein  endloser  Zug,  sich  an  den  alten  Giebelhäusern  des  Ringes
vorüberdrängten.  Dem  Könige  stürzten  die  Thränen  aus  den  Augen.
Treu  und  gewissenhaft  hatte  er  seines  schweren  Amtes  gewartet  in  dieser
langen  Zeit  der  Leiden  und  oftmals  richtiger  gerechnet  als  die  Kriegspartei;
was  ihm  fehlte,  war  der  frohe  Glaube  an  die  Hingebung  seiner  Preußen,
jetzt  fand  er  ihn  wieder.
        <pb n="442" />
        432  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Seit  dem  17.  März  traten  auch  die  breiten  Massen  des  Volkes
in  das  Heer  ein.  Durch  den  Wetteifer  aller  Stände  wurde  die  größte
kriegerische  Leistung  möglich,  welche  die  Geschichte  von  gesitteten  Nationen
kennt.  Dies  verarmte  kleine  Volk  verstärkte  die  46,000  Mann  der  alten
Linienarmee  durch  95,000  Rekruten  und  stellte  außerdem  über  10,000  frei—
willige  Jäger,  sowie  120,000  Mann  Landwehr,  zusammen  271,000  Mann,
einen  Soldaten  auf  siebzehn  Einwohner,  unvergleichlich  mehr,  als  Frankreich
  einst  unter  dem  Drucke  der  Schreckensherrschaft  aufgeboten  hatte  —
das  Alles  noch  im  Verlaufe  des  Sommers,  ungerechnet  die  starken  Nachschübe,
  welche  späterhin  zum  Heere  abgingen.  Natürlich,  daß  die  entlassenen
  Offiziere  sich  sofort  herbeidrängten,  um  die  Ehre  ihrer  alten
Fahnen  wiederherzustellen.  Sobald  General  Oppen  auf  seinem  märkischen
  Landgute  von  dem  Anrücken  des  vaterländischen  Heeres  hörte,  nahm
er  seinen  alten  Säbel  von  der  Wand  und  ritt,  wie  ein  Rittersmann  in
den  Tagen  der  Wendenkriege,  mit  einem  Knechte  spornstreichs  hinüber
zu  seinem  alten  Waffengefährten  Bülow.  Der  stellt  den  herculischen
Mann  mit  den  blitzenden  Augen  lachend  seinen  Offizieren  vor:  „Das
ist  Einer,  der  das  Einhauen  versteht“  —  überträgt  ihm  den  Befehl  über
die  Reiterei,  und  einmal  bei  der  Arbeit,  bleibt  der  Wildfang  fröhlich  dabei,
ein  unersättlicher  Streiter,  bis  zum  Einzuge  in  Paris.

Neben  den  alten  Soldaten  empfand  die  gebildete  Jugend  den  Ernst
der  Zeit  am  lebhaftesten;  in  ihr  glühte  die  schwärmerische  Sehnsucht  nach
dem  freien  und  einigen  deutschen  Vaterlande.  Kein  Student,  der  irgend
die  Waffen  schwingen  konnte,  blieb  daheim;  vom  Katheder  hinweg  führte
Professor  Steffens  nach  herzlicher  Ansprache  seine  gesammte  Hörerschaft
zum  Werbeplatze  der  freiwilligen  Jäger.  Der  König  rief  auch  seine  verlorenen
  alten  Provinzen  zu  den  Fahnen:  „Auch  Ihr  seid  von  dem  Augenblicke,
  wo  mein  treues  Volk  die  Waffen  ergriff,  nicht  mehr  an  den
erzwungenen  Eid  gebunden.“  Da  aber  eine  Massenerhebung  in  den  unglücklichen
  Landen  vorerst  noch  ganz  unmöglich  war,  so  eilten  mindestens
die  Ostfriesen  und  Markaner  von  der  Göttinger  Universität  zu  den  preußischen
  Regimentern,  desgleichen  die  gesammte  Studentenschaft  aus  dem
treuen  Halle,  das  unter  westphälischer  Herrschaft  die  Erinnerungen  an  den
alten  Dessauer  und  die  gute  preußische  Zeit  nicht  vergessen  hatte.  Derselbe
Geist  lebte  in  den  Schulen.  Aus  Berlin  allein  stellten  sich  370  Gymnasiasten.
  Mancher  schwächliche  Junge  irrte  betrübt,  immer  wieder  abgewiesen,
von  einem  Regimente  zum  andern,  und  glücklich  wer,  wie  der  junge  Vogel
von  Falkenstein,  zuletzt  doch  noch  von  einem  nachsichtigen  Commandeur
angenommen  wurde.  Die  Beamten  meldeten  sich  so  zahlreich  zum  Waffendienste,
  daß  der  König  durch  ein  Verbot  den  Gerichten  und  Regierungen
die  unentbehrlichen  Arbeitskräfte  sichern  mußte;  in  Pommern  waren  die
königlichen  Behörden  während  des  Sommers  nahezu  verschwunden,  jeder
Kreis  und  jedes  Dorf  regierte  sich  selber,  wohl  oder  übel.
        <pb n="443" />
        Opfermuth  des  Volkes.  433

Aber  auch  der  geringe  Mann  hatte  in  Noth  und  Plagen  die  Liebe
zum  Vaterlande  wiedergefunden:  stürmisch,  wie  nie  mehr  seit  den  Zeiten
der  Religionskriege,  war  die  Seele  des  Volkes  bewegt  von  den  großen
Leidenschaften  des  öffentlichen  Lebens.  Der  Bauer  verließ  den  Hof,  der
Handwerker  die  Werkstatt,  rasch  entschlossen,  als  verstünde  sich's  von  selber:
die  Zeit  war  erfüllet,  es  mußte  sein.  War  doch  auch  der  König  mit  allen
seinen  Prinzen  in's  Feldlager  gegangen.  In  tausend  rührenden  Zügen
bekundete  sich  die  Treue  der  kleinen  Leute.  Arme  Bergknappen  in  Schlesien
arbeiteten  wochenlang  unentgeltlich,  um  mit  dem  Lohne  einige  Kameraden
für  das  Heer  auszurüsten;  ein  pommerscher  Schäfer  verkaufte  die  kleine
Herde,  seine  einzige  Habe,  und  ging  dann  wohlbewaffnet  zu  seinem  Regi—
mente.  Mit  Verwunderung  sah  das  alte  Geschlecht  alle  jene  herzerschüt—
ternden  Auftritte,  woran  der  Ernst  der  allgemeinen  Wehrpflicht  uns  Nach—
lebende  längst  gewöhnt  hat:  hunderte  von  Brautpaaren  traten  vor  den
Altar  und  schlossen  den  Bund  für  das  Leben,  einen  Augenblick  bevor  der
junge  Gatte  in  Kampf  und  Tod  hinauszog.  Nur  die  Polen  in  West—
preußen  und  Oberschlesien  theilten  die  Hingebung  der  Deutschen  nicht;
auch  in  einzelnen  Städten,  die  bisher  vom  Heerdienste  frei  gewesen,  stießen
die  neuen  Gesetze  auf  Widerstand.  Das  deutsche  und  litthauische  Landvolk
der  alten  Provinzen  dagegen  war  seit  dem  gestrengen  Friedrich  Wilhelm  J.
mit  der  Wehrpflicht  vertraut.  Zugleich  wurden  überall  öffentliche  Samm—
lungen  veranstaltet,  wie  sie  bisher  nur  für  wohlthätige  Zwecke  üblich  waren:
dies  arme  Viertel  der  deutschen  Nation  brachte  mit  der  Blüthe  seiner
männlichen  Jugend  auch  die  letzten  kargen  Reste  seines  Wohlstandes  zum
Opfer  für  die  Wiederauferstehung  des  Vaterlandes.  Von  baarem  Gelde
war  wenig  vorhanden,  aber  was  sich  noch  auftreiben  ließ  von  altem
Schmuck  und  Geschmeide  ging  dahin.  In  manchen  Strichen  der  alten
Provinzen  galt  es  nach  dem  Kriege  als  eine  Schande,  wenn  ein  Haushalt
noch  Silberzeug  besaß.  Kleine  Leute  trugen  ihre  Trauringe  in  die  Münze,
empfingen  eiserne  zurück  mit  der  Inschrift:  „Gold  für  Eisen;"  manches
arme  Mädchen  gab  ihr  reiches  Lockenhaar  als  Opfer.

Eine  wunderbare,  andächtige  Stille  lag  über  dem  in  allen  seinen
Tiefen  erregten  Volke.  Den  Lärm  der  Presse  und  der  Vereine  kannte
die  Zeit  noch  nicht;  aber  auch  im  vertrauten  Kreise  wurde  selten  eine
prahlerische  Rede  laut.  In  den  Tagen  ihres  häuslichen  Stilllebens  hatten
die  Deutschen  gern  überschwänglichen  Ausdruck  an  nichtigen  Gegenstand
verschwendet;  jetzt  ward  das  Leben  selber  reich  und  ernst,  Jeder  empfand
die  Größe  der  That,  die  Armuth  des  Wortes.  Jeder  fühlte,  wie  Niebuhr
gestand,  still  „die  Seligkeit,  mit  seinem  ganzen  Volke,  den  Gelehrten  und
den  Einfältigen,  dasselbe  Gefühl  zu  theilen“,  und  Allen  ward  „liebend,
friedlich  und  stark  zu  Muthe".  Recht  nach  dem  Herzen  seines  Volkes
hatte  Friedrich  Wilheln's  frommer  Sinn  den  Wahlspruch  „mit  Gott  für
König  und  Vaterland“  der  Landwehr  gegeben  und  angeordnet,  daß  die

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  28
        <pb n="444" />
        434  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

ausgehobenen  Wehrmänner  vom  Sammelplatze  sogleich  zu  einer  kirchlichen
  Feier  geführt  wurden.  In  jeder  Kirche  des  Landes  sollte  eine
Gedächtnißtafel  die  Namen  der  ruhmvoll  gefallenen  Söhne  der  Gemeinde
bewahren.  Schwer  hatte  die  Hand  des  lebendigen  Gottes  auf  den  Bildungsstolzen
  gelastet;  ergeben  und  erhoben  blickte  dies  neue  Geschlecht
wieder  mit  festem  Vertrauen  zu  „dem  alten  deutschen  Gott“  empor  und
hoffte  mit  seinem  Dichter:

Wer  fällt,  der  kann's  verschmerzen,
Der  hat  das  Himmelreich.

Als  die  ersten  Freiwilligen  nach  Breslau  zogen,  sangen  sie  noch  das
Reiterlied  der  Wallensteiner.  Bald  aber  schuf  sich  das  Heer  seine  eigenen
Gesänge.  Unversieglich  wie  einst  den  frommen  Landsknechten  floß  den
neuen  Wehrmännern  der  Quell  der  Lieder.  Beim  Ausmarsch  klang  es:
„Die  Preußen  haben  Allarm  geschlagen!“  und  dann  schlang  sich  ein  dichter
Kranz  kunstloser  Volksweisen  um  jedes  Erlebniß  des  langen  Krieges,  bis
zuletzt  der  fröhliche  Zapfenstreich:  „Die  Preußen  haben  Paris  genommen!“
noch  einmal  ein  Zeugniß  gab  von  der  kriegsmuthigen  und  doch  zugleich
tief  innerlich  friedfertigen  Stimmung  dieses  Volkes  in  Waffen.

Alsbald  ward  es  auch  auf  den  Höhen  des  deutschen  Parnasses  lebendig.
  Nur  der  alte  Goethe  wollte  sich  zu  der  neuen  Zeit  kein  Herz
fassen;  verstimmt  und  hoffnungslos  zog  er  sich  von  dem  kriegerischen
Treiben  zurück  und  meinte:  „Schüttelt  nur  an  Euren  Ketten;  der  Mann
ist  Euch  zu  groß!“  Doch  wer  sonst  im  Norden  dichterisches  Feuer  in
den  Adern  fühlte,  jauchzte  auf  „beim  Anbruch  seines  Vaterlands“",  wie
Fichte  sagte.  Was  politisch  gereifte  Völker  in  der  Presse,  in  Reden  und
publicistischen  Abhandlungen  aussprechen,  gewann  in  diesem  Geschlechte,
dem  die  Dichtung  noch  immer  die  Krone  des  Lebens  war,  sofort  poetische
Gestalt;  und  so  entstand  die  schönste  politische  Poesie,  deren  irgend  ein
Volk  sich  rühmen  kann  —  eine  Reihe  von  Gedichten,  an  denen  wir
Nachkommen  uns  versündigen  würden,  wenn  wir  dies  Vermächtniß  einer
Heldenzeit  jemals  bloß  mit  ästhetischen  Blicken  betrachteten.  An  Kleist's
mächtige  Gestaltungskraft  reichten  die  Dichter  des  Befreiungskrieges  nicht
heran;  wer  aber  in  der  Poesie  den  Herzenskündiger  der  Nationen  sieht,
wendet  sich  gleichwohl  von  jenen  dämonischen  Klängen  des  Hasses  aufathmend
  hinweg  zu  den  hellen  und  frischen  Liedern,  welche  die  Freude
des  offenen  Kampfes  gebar.  Welch  ein  Segen  doch  für  unser  Volk,
daß  sein  gepreßtes  Herz  wieder  froh  aufjubeln  durfte,  daß  nach  langem,
dumpfem  Harren  und  Grollen  wieder  der  Eidschwur  freier  Männer  zum
Himmel  stieg:

Und  hebt  die  Herzen  himmelan
Und  himmelan  die  Hände,

Und  schwöret  Alle,  Mann  für  Mann:
Die  Knechtschaft  hat  ein  Ende!
        <pb n="445" />
        Die  patriotische  Dichtung.  435

Freudig  wie  die  Signale  der  Flügelhörner  tönten  Fouqué's  Verse:
„Frischauf  zum  fröhlichen  Jagen!“  —  und  in  Arndt's  Liede:  „Was  blasen
die  Trompeten?  Husaren  heraus!“  klang  das  schmetternde  Marsch!  Marsch!
der  deutschen  Reiter  wieder.  Keiner  hat  den  Sinn  und  Ton  jener
schwärmerischen  Jugend  glücklicher  getroffen  als  der  ritterliche  Jüngling
mit  der  Leier  und  dem  Schwerte,  Theodor  Körner.  Jetzt  zeigte  sich  erst
ganz,  was  Schiller's  Muse  den  Deutschen  war.  Ihr  hohes  sittliches
Pathos  setzte  sich  um  in  patriotische  Leidenschaft,  ihre  schwungvolle  Rhetorik
  ward  das  natürliche  Vorbild  für  die  Jünglingspoesie  dieses  Krieges.
Der  Sohn  von  Schiller's  Herzensfreunde  erschien  dem  jungen  Geschlechte
als  der  Erbe  des  großen  Dichters  —  wie  er  so  siegesfroh  mit  den
Lützower  Jägern  in  den  Kampf  hinausritt,  ganz  durchglüht  von  deutschem
Freiheitsmuthe,  ganz  unberührt  von  den  kleinen  Sorgen  des  Lebens,
wie  er  auf  jeder  Rast  und  jeder  Beiwacht  seine  feurigen  Lieder  von  der
Herrlichkeit  des  Krieges  dichtete  und  endlich,  den  Sang  von  der  Eisenbraut
  noch  auf  den  Lippen,  durch  einen  tapferen  Reitertod  den  heiligen
Ernst  seiner  Reden  bezeugte  —  in  Wort  und  That  ein  rechter  Vertreter
jener  warmherzigen  Männlichkeit,  welche  die  begabten  Obersachsen  auszeichnet,
  wenn  sie  sich  nur  erst  losgerissen  haben  aus  der  zahmen  Schüchternheit
  ihres  heimathlichen  Lebens.

Frisch  auf,  mein  Volk,  die  Flammenzeichen  rauchen!
Hell  aus  dem  Norden  bricht  der  Freiheit  Licht  —
mit  diesen  Worten  hat  Körner  selbst  den  Ursprung  und  Charakter  der
großen  Bewegung  geschildert.  Sie  blieb  durchaus  auf  den  deutschen
korden  beschränkt.  Wohl  war  die  Lützow'sche  Freischaar  ausdrücklich  zur
Aufnahme  von  Nicht-Preußen  bestimmt,  in  ihr  sollte  sich  der  Gedanke
der  Einheit  Deutschlands  verkörpern.  Mancher  junge  Mann  aus  den
Kleinstaaten  meldete  sich  im  „Scepter“  zu  Breslau,  wo  die  Lützower  ihren
Werbeplatz  aufgeschlagen  hatten;  auch  zwei  süddeutsche  Poeten,  Rückert
und  Uhland,  stimmten  mit  ein  in  den  lauten  Chor  der  patriotischen  Dichtung.
  Die  Masse  des  Volkes  jedoch  außerhalb  Preußens  empfand  von  dem
Heldenzorne  dieses  Krieges  wenig.  Stein's  Hoffnungen  auf  eine  einmüthige
  Erhebung  der  Nation  erwiesen  sich  als  irrig.  Nur  in  den  vormals
  preußischen  Provinzen  und  in  einzelnen,  unmittelbar  von  den
Napoleoniden  beherrschten  Strichen  des  Nordwestens  stand  das  Volk  freiwillig
  auf,  sobald  die  Heersäulen  der  Befreier  nahten;  überall  sonst  erwartete
  man  geduldig  den  Befehl  des  Landesherrn  und  die  Macht  der
vollendeten  Thatsachen.  Die  Mecklenburger  und  Anhaltischen  Herzoge
schlossen  sich  den  altbefreundeten  preußischen  Nachbarn  an;  ein  Weimarisches
  Bataillon  ließ  sich  gleich  beim  Anbruche  des  Krieges  von  den  Preußen
gefangen  nehmen,  um  nachher,  wie  die  tapferen  Strelitzer  Husaren,  in
das  York'sche  Corps  einzutreten.  Alle  anderen  Rheinbündner  folgten  dem
Befehle  des  Protectors,  die  meisten  noch  mit  dem  ganzen  Feuereifer  napo-287
        <pb n="446" />
        436  «  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

leonischer  Landsknechtsgesinnung.  Der  deutsche  Befreiungskrieg  war  in
seiner  ersten,  schwereren  Hälfte  ein  Kampf  Preußens  gegen  die  von  Frankreich
  beherrschten  drei  Viertel  der  deutschen  Nation.

Wie  einst  der  Beginn  der  modernen  deutschen  Staatenbildung,  so
ging  auch  die  Wiederherstellung  der  nationalen  Unabhängigkeit  allein  vom
Norden  aus.  Die  neuen  politischen  und  sittlichen  Ideale  der  erregten
Jugend  trugen  das  Gepräge  norddeutscher  Bildung;  der  alte  deutsche
Gott,  zu  dem  sie  betete,  war  der  Gott  der  Protestanten,  all  ihr  Thun
und  Denken  ruhte,  bewußt  oder  unbewußt,  auf  dem  sittlichen  Grunde  der
strengen  Kantischen  Pflichtenlehre.  Es  wurde  folgenreich  für  lange  Jahrzehnte
  der  deutschen  Geschichte,  daß  doch  nur  die  norddeutschen  Stämme
wirklichen  Antheil  hatten  an  den  schönsten  Erinnerungen  dieses  neuen
Deutschlands,  während  der  Süden  erst  zwei  Menschenalter  später  des
Glückes  theilhaftig  ward,  für  das  große  Vaterland  zu  kämpfen  und  zu
siegen.

Bald  genug  zeigte  sich  die  prophetische  Wahrheit,  die  in  den  harten
Worten  Fichte's  lag:  „Auch  im  Kriege  wird  ein  Volk  zum  Volke;  wer
diesen  Krieg  nicht  mitführt,  kann  durch  kein  Decret  dem  deutschen  Volke
einverleibt  werden.“  Das  neue  Preußen,  sein  Staat  und  sein  Heer,
hatte  sich  gebildet  im  bewußten  Gegensatze  zu  allem  ausländischen  Wesen;
die  Staaten  des  Südens  verdankten  der  Herrschaft  Frankreichs  ihr  Dasein,
  ihre  Institutionen,  ihre  militärischen  Erinnerungen;  darum  war  im
Norden  die  Liebe  zum  Vaterlande  ein  starkes,  sicheres  nationales  Gefühl,
während  im  Süden  die  französischen  Ideen  noch  lange  vorherrschten  und
der  Name  Deutschland  nur  ein  leeres  Wort  blieb.  Wohl  schlug  sich  der
kurmärkische  Bauer  und  der  schlesische  Weber  nur  für  Weib  und  Kind
und  für  seinen  angestammten  König;  aber  die  Blücher,  YDork  und  Bülow,
die  er  als  seine  Preußenhelden  ehrte,  waren  doch  wirklich  die  Helden  des
neuen  Deutschlands.  Der  süddeutsche  Landmann  wußte  nichts  von  ihnen.
Und  etwas  von  den  deutsch-patriotischen  Gedanken,  welche  die  bewaffnete
Jugend  der  gebildeten  Stände  erfüllten,  drang  doch  allmählich  bis  in  die
niederen  Schichten  des  preußischen  Volkes  herab.  Jener  demokratische
Zug,  der  seit  der  Befestigung  der  absoluten  Monarchie  im  preußischen
Staate  lebendig  war,  verstärkte  sich  mächtig  während  dieses  Krieges.  Wie
vormals  die  gemeinsame  Freude  an  den  Werken  der  deutschen  Dichtung
die  Unterschiede  der  Stände  etwas  ausgeglichen  hatte,  so  fanden  sich  jetzt
alle  Klassen  zusammen  in  der  ungleich  wirksameren  Gemeinschaft  politischer
Pflichterfüllung.  Die  Geschäfte  der  Landwehr-Ausschüsse,  die  Uebungen
des  Landsturms,  die  öffentlichen  Sammlungen  und  die  Liebesarbeit  in
den  Hospitälern  brachten  auch  die  Daheimgebliebenen  einander  näher;  der
schroffe  Junker  lernte  mit  den  Bürgersleuten  der  Kreisstadt  freundnachbarlich
  zu  verkehren;  wer  in  dieser  Zeit  sich  hervorgethan,  blieb  sein  Leben.
lang  ein  geachteter  Mann.
        <pb n="447" />
        Norddeutscher  Charakter  der  Bewegung.  437

Vollends  das  Heer  verwuchs  zu  einer  großen  Gemeinde,  und  nach
dem  Frieden  lebte  die  alte  treue  Waffenbrüderschaft  in  den  Vereinen  und
Festen  der  Kameraden  fort.  Das  eigenthümliche  scharfe  und  schneidige
Wesen  der  fridericianischen  Armee  blieb  erhalten,  desgleichen  das  stolze
Gefühl  aristokratischer  Standesehre  unter  den  Offizieren.  Aber  die  alten
Berufssoldaten  mußten  sich  gewöhnen  mit  den  gebildeten  jungen  Mannschaften
  ruhig  und  freundlich  umzugehen.  Gerade  die  besten  unter  ihnen
erkannten  willig  an,  wie  viel  gesunde  Kraft  dem  Offizierscorps  aus  den
Reihen  der  freiwilligen  Jäger  zuströmte;  mit  herzlicher  Freude  lobte  Gneisenau
  die  jungen  Freiwilligen:  „es  wird  mir  schwer  mich  der  Thränen
zu  enthalten,  wenn  ich  diesen  Edelmuth,  diesen  hohen  deutschen  Sinn  gewahr
  werde.“  Da  die  Hauptmasse  der  Freiwilligen  aus  Studenten  und
studirten  Leuten  bestand,  so  behauptete  der  jugendliche  Ton  akademischer
Fröhlichkeit  auch  im  Feldlager  sein  Recht,  nur  daß  er  sich  der  strengen
Mannszucht  fügen  mußte.  Wie  oft  haben  die  Lützower  Jäger  den  Landesvater
  gesungen;  das  alte  Lied  war  ihnen  jetzt  doppelt  theuer,  da  sie  in
vollem,  heiligem  Ernst  ihr  gutes  Schwert  zum  Hüter  weihten  für  das
Vaterland,  das  Land  des  Ruhmes.  Die  jungen  Freiwilligen  wurden
wirklich,  wie  Scharnhorst  vorausgesagt,  die  besten  Soldaten;  die  Haltung
der  gesammten  Mannschaft  ward  freier  und  gesitteter  durch  den  Verkehr
mit  den  gebildeten  jungen  Männern.  Auch  der  rohe  Bauerbursch  lernte
einige  von  den  schwungvollen  Liedern  der  Freiwilligen.  Als  dann  die  Zeit
der  Siege  kam  und  die  Preußen  immer  wieder  in  befreite  deutsche  Städte
ihren  jubelnden  Einzug  hielten,  als  endlich  der  deutsche  Rhein  zu  den
Füßen  der  Sieger  lag,  da  ahnte  selbst  der  geringe  Mann,  daß  er  nicht  bloß
für  seine  heimathliche  Hofstatt  focht.  Der  Gedanke  des  Vaterlandes  ward
lebendig  in  den  tapferen  Herzen,  die  Preußen  fühlten  sich  stolz  als  die  Vorkämpfer
  Deutschlands.  Seit  Cromwell's  eisernen  Dragonern  hatte  die  Welt
nicht  mehr  ein  Heer  gesehen,  das  so  durchdrungen  war  von  heiligem  sittlichem
  Ernst,  und  es  war  nicht  wie  jene  eine  fanatische  Partei,  sondern  ein
ganzes  Volk.  Alle  die  alten  trennenden  Gegenstände  des  politischen  Lebens
verschwanden  in  dem  Einmuth  dieses  Kampfes:  Marwitz,  der  abgesagte
Gegner  der  Volksheere,  übernahm  willig  den  Befehl  über  eine  Landwehrbrigade,
  hatte  seine  Lust  an  dem  festen  Muthe  seiner  märkischen
Bauern.

Alle  die  heißen  Leidenschaften,  die  nur  ein  mannhaftes  Volk  zum
höchsten  Wagen  entflammen  können,  waren  erwacht,  und  doch  blieb  die
ungeheuere  Bewegung  in  den  Schranken  der  Gesittung.  Nichts  von  jenem
finsteren  kirchlich-nationalen  Fanatismus,  der  die  Erhebung  der  Russen
und  der  Spanier  so  unheimlich  erscheinen  ließ.  Dies  junge  Deutschland,
das  jetzt  mit  flammenden  Augen  seine  Speere  schütterte,  trug  die  Kränze
der  Kunst  und  Wissenschaft  auf  seinem  Scheitel,  und  mit  gerechtem  Stolze
durfte  Boeckh  am  Ausgang  dieses  schlachtenreichen  Sommers  rufen:  „siehe
        <pb n="448" />
        438  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

hier  ist  Germanien  mit  Waffen  so  gut  wie  mit  Gedanken  gerüstet!“  Die
diesen  Kampf  mit  Bewußtsein  führten,  fühlten  sich  auserwählt  durch  Gottes
Gnade,  das  Reich  der  Arglist  und  der  ideenlosen  Gewalt  zu  zerstören,
einen  dauerhaften  Frieden  zu  begründen,  der  allen  Völkern  wieder  erlauben
sollte  nach  ihrer  eigenen  Art,  in  schönem  Wetteifer  sich  selber  auszuleben.
Der  deutsche  Krieg  galt  der  Rettung  der  alten  nationalen  Formen  der
abendländischen  Cultur,  und  als  er  siegreich  zu  Ende  ging,  sagte  der
Franzose  Benjamin  Constant;  „die  Preußen  haben  das  menschliche  Angesicht
  wieder  zu  Ehren  gebracht!“"

Ueber  die  künftige  Verfassung  des  befreiten  Deutschlands  hatte  dies
kindlich  treuherzige  Geschlecht  freilich  noch  nicht  nachgedacht.  War  nur
erst  Alles  was  in  deutscher  Zunge  sprach  wieder  beisammen,  so  konnte  es
ja  gar  nicht  fehlen,  daß  ein  starkes,  einiges,  volksthümlich  freies  Reich
sich  wieder  erhob.  Nach  den  Mitteln  und  Wegen  fragte  Niemand,  jeder
Zweifler  wäre  des  Kleinmuths  bezichtigt  worden,  der  Krieg,  allein  der
Krieg  nahm  Aller  Gedanken  in  Anspruch.  Außer  jenen  rohen  Schmähschriften
  wider  den  Feind,  welche  in  keinem  schweren  Kriege  fehlen,  erschienen
  in  diesem  Frühjahr  nur  solche  politische  Schriften,  die  unmittelbar
auf  die  Erregung  der  Kampflust  berechnet  waren:  so  Arndt's  köstliche  Büchlein
  und  Pfuel's  Erzählung  von  dem  Rückzuge  der  Franzosen  aus  Rußland,
  die  erste  getreue  Darstellung  der  großen  Katastrophe,  ein  kleines  Buch
von  mächtiger  Wirkung.  Auch  die  einzige  norddeutsche  Zeitung,  welche
eine  bestimmte  politische  Richtung  verfolgte,  Niebuhr's  Preußischer  Correspondent,
  befaßte  sich  nicht  näher  mit  den  großen  Fragen  der  deutschen
Zukunft.

Nur  Fichte  wollte  und  mußte  sich  Klarheit  verschaffen.  In  der  frohen
Erregung  dieser  hoffnungsreichen  Tage  war  dem  Philosophen  die  Majestät
des  Staatsgedankens  aufgegangen.  Er  erkannte  dankbar,  daß  die  Wiedergeburt
  des  alten  Deutschlands  doch  früher  erfolgte,  als  er  einst  in  seinen
Reden  angenommen,  sah  mit  Freuden  seine  Hörer  allesammt  zum  Kampfe
ziehen,  trat  selber  mit  Säbel  und  Pike  in  die  Reihen  des  Berliner  Landsturms.
  Und  da  er  nun  mit  Händen  griff,  welche  Opfer  eine  geliebte
und  geachtete  Staatsgewalt  ihrem  Volke  zumuthen  darf,  lernte  er  größer
denken  von  dem  Wesen  der  politischen  Gemeinschaft  und  schilderte  in  seiner
Staatslehre  den  Staat  als  den  Erzieher  des  Menschengeschlechts  zur  Freiheit:
  ihm  sei  auferlegt  die  sittliche  Aufgabe  auf  Erden  zu  verwirklichen.
Dann  verkündete  er  kurz  vor  seinem  Tode,  in  dem  „Fragmente  einer
politischen  Schrift“,  zum  ersten  male  mit  voller  Bestimmtheit  die  Meinung,
  daß  allein  dem  preußischen  Staate  die  Führung  in  Deutschland
gebühre.  Alle  Kleinfürsten  hätten  immer  nur  ihrem  lieben  Hause  gelebt,
auch  Oesterreich  brauche  die  deutsche  Kraft  nur  für  seine  persönlichen
Zwecke.  Nur  Preußen  ist  ein  eigentlich  deutscher  Staat,  hat  als  solcher
durchaus  kein  Interesse  zu  unterjochen  oder  ungerecht  zu  sein;  der  preu-
        <pb n="449" />
        Fichte  und  die  deutsche  Einheit.  439

ßische  Staat  ist  Deutschlands  natürlicher  Herrscher,  er  muß  sich  erweitern
zum  Reiche  der  Vernunft,  sonst  geht  er  zu  Grunde.  Das  Fragment  war
ein  theueres  Vermächtniß,  das  der  tapfere  und  einflußreiche  Lehrer  der
norddeutschen  Jugend  seinen  Schülern  hinterließ,  zugleich  ein  bedeutungs—
volles  Symptom  der  Ahnungen  und  Wiünsche,  welche  in  den  Kreisen  der
Patrioten  gährten.  Jedoch  die  Absicht  einzugreifen  in  die  Politik  des  Tages
lag  dem  Idealisten  fern.  Er  schrieb  seine  prophetischen  Gedanken  nur
nieder  „damit  sie  nicht  untergehen  in  der  Welt“,  und  erst  geraume  Zeit
nach  seinem  Tode  sind  sie  veröffentlicht  worden.  Für  die  harten  Aufgaben
des  politischen  Parteilebens  hatte  die  Zeit  noch  gar  kein  Verständniß.  Nur
das  eine  Ziel  der  Vernichtung  der  Fremdherrschaft  stand  den  Patrioten
klar  und  sicher  vor  Augen;  was  darüber  hinaus  lag  waren  hochsinnige
Träume,  so  unbestimmt,  so  gestaltlos  wie  das  in  jenem  Königsberger
Winter  gedichtete  Lied:  Was  ist  des  Deutschen  Vaterland?  —

Das  russische  Hauptquartier  und  die  Wiener  Hofburg  konnten  sich
nicht  genug  verwundern,  wie  unbegreiflich  schnell  das  Werk  der  preußischen
Rüstungen  von  statten  ging.  In  Scharnhorst's  Händen  liefen  alle  Fäden
des  ungeheuren  Netzes  zusammen  und  er  verfuhr  nach  einem  festen,  seit
Jahren  durchdachten  Plane.  Da  man  rasch  mit  einer  zahlreichen  Feldarmee
  den  Angriff  beginnen  wollte  und  überdies  wünschen  mußte  den  beiden
  anderen  Ostmächten  durch  die  baldige  Aufstellung  starker  Streitkräfte
die  Leistungsfähigkeit  Preußens  zu  zeigen,  so  ergab  sich  als  erste  Aufgabe
die  Vermehrung  der  Linientruppen.  Darum  wurde  schon  seit  dem  December
  die  Bildung  der  Reservebataillone  betrieben  und  vollendet.  Wesentlich
  demselben  Zweck  diente  das  Aufgebot  der  freiwilligen  Jäger;;  sie  sollten
  den  Stamm  bilden  für  die  Offiziere  und  Unteroffiziere  der  Armee,
und  in  der  That  ist  ein  großer  Theil  der  Generale  und  Stabsoffiziere,
welche  späterhin  in  müden  Friedensjahren  die  Gesinnungen  einer  großen
Zeit  dem  Heere  erhielten,  aus  der  Schule  jener  Freiwilligen  hervorgegangen.


Die  Einberufung  der  Freiwilligen  ließ  sich  allenfalls  noch  vor  den
Franzosen  beschönigen  ohne  daß  man  die  diplomatische  Maske  völlig  abnahm.
  Sie  erfolgte  unter  kluger  Schonung  der  tiefeingewurzelten  Vorurtheile,
  welche  sich  der  allgemeinen  Dienstpflicht  noch  entgegenstemmten.  Die
Söhne  der  höheren  Stände  kurzab  als  Gemeine  einzustellen  ging  schlechterdings
  nicht  an;  deshalb  wurden  die  Freiwilligen,  die  sich  selber  ausrüsteten,
in  besondere,  den  Regimentern  aggregirte  Jägerdetachements  eingereiht
und  durch  die  grüne  Jägeruniform  vor  der  Masse  der  Mannschaft  ausgezeichnet,
  sie  erfuhren  eine  ihren  Standesgewohnheiten  entsprechende  Behandlung,
  erhielten  eine  besonders  sorgfältige  Ausbildung  und  das  Recht,
nach  einigen  Monaten  ihre  Offiziere  selbst  zu  wählen.  Darauf  erfolgte
die  Aufhebung  aller  Exemtionen  und  die  Verordnung  vom  22.  Februar,
die  jede  Umgehung  der  Wehrpflicht  mit  strengen  Strafen  belegte.  Auch
        <pb n="450" />
        440  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

diese  Schritte  konnten  zur  Noth  noch  vor  dem  französischen  Gesandten
entschuldigt  werden.  Sie  erregten  viel  Unwillen  in  dem  treuen  Volke  —
denn  wozu  der  Zwang,  da  doch  freiwillig  so  viel  mehr  geleistet  wurde
als  der  König  verlangte?  —  und  doch  waren  sie  unerläßlich.  Der
Staat  mußte  für  die  Linie  und  die  Landwehr  mit  Sicherheit  auf  alle
Wehrfähigen  zählen  können,  auch  in  den  Bezirken,  welche  geringeren  Eifer
zeigten.

Dann  erst,  als  die  diplomatischen  Verhandlungen  abgebrochen,  die
Cadres  der  Linie  schon  formirt  und  nahezu  gefüllt  waren,  erschien  das
Landwehrgesetz,  das  einer  offenen  Kriegserklärung  gleich  kam.  Scharnhorst's
  Landwehrplan  war  von  Haus  aus  in  einem  größeren  Sinne  gedacht
  als  die  Entwürfe  des  Königsberger  Landtags.  Auch  er  rechnete,
wie  die  Ostpreußen,  zunächst  auf  die  Thätigkeit  der  Kreis=  und  Provinzialstände,
  wendete  die  Grundsätze  der  neuen  Selbstverwaltung  auf  das  Heerwesen
  an.  In  jedem  Kreise  traten  zwei  ritterschaftliche,  ein  städtischer
und  ein  bäuerlicher  Deputirter  zu  einem  Ausschusse  zusammen  um  aus
der  Gesammtheit  der  Männer  zwischen  siebzehn  und  vierzig  Jahren,  die
nicht  in  der  Linie  dienten,  die  Landwehrmänner  auszulosen;  zwei  Generalcommissare,
  ein  königlicher  und  ein  ständischer,  leiteten  die  Aushebung  und
Ausrüstung  in  jeder  Provinz.  Die  Mannschaften  trugen  an  Kragen  und
Mütze  die  Farben  ihrer  Provinz,  die  Offiziere  die  Uniform  der  Landstände.
Die  Formation  der  Bataillone  und  Compagnien  folgte  so  weit  als  möglich
  den  Grenzen  der  Kreise  und  Gemeinden,  dergestalt  daß  der  Nachbar
in  der  Regel  mit  dem  Nachbarn  in  einem  Gliede  stand;  die  Offiziere  bis
zum  Hauptmann  aufwärts  wurden  gewählt,  die  Stabsoffiziere,  zum  Theil
auf  Vorschlag  der  Stände,  vom  Könige  ernannt.  Gleichwohl  war  diese
armée  bourgeoise,  wie  Napoleon  sie  höhnend  nannte,  keineswegs  bloß
ein  für  die  Vertheidigung  der  nächsten  Heimath  bestimmtes  Provinzialheer.
  Vielmehr  wurde  die  Landwehr  auf  die  Kriegsartikel  vereidigt  und
zu  Allem  verpflichtet,  was  dem  stehenden  Heere  oblag;  sie  war  uniformirt
—  freilich  sehr  einfach,  mit  der  Dienstmütze  und  der  Litewka,  die  sich  aus
dem  blauen  Sonntagsrocke  der  Bauern  leicht  zurechtschneiden  ließ  —  und
der  König  behielt  sich  vor,  die  einzelnen  Wehrmänner  oder  auch  ganze
Bataillone  zur  Feldarmee  heranzurufen.  Die  gesammte  männliche  Bevölkerung
  bis  zum  vierzigsten  Jahre  sollte  also,  wenn  es  noth  that,  zur
Verstärkung  der  offensiven  Streitkräfte  des  Staates  dienen;  die  Ostpreußen
mußten  auf  Befehl  des  Königs  ihren  enger  gedachten  Entwurf  abändern,
ihre  Landwehr  ebenfalls  zum  Dienste  außerhalb  der  Provinz  verpflichten.
Die  Mehrzahl  der  Mannschaften  bestand  aus  Bauern  und  kleinen  Leuten,
zumal  in  Schlesien,  wo  fast  alle  gebildeten  jungen  Leute  bei  den  freiwilligen
Jägern  eingetreten  waren.  Die  Offiziere  waren  zumeist  Gutsbesitzer,  zum
Theil  auch  Beamte  oder  junge  Freiwillige,  nur  wenige  darunter  militärisch
geschult.  Für  die  Ausrüstung  konnte  der  erschöpfte  Staat  nur  kümmerlich
        <pb n="451" />
        Die  Landwehr.  441

sorgen;  das  erste  Glied  des  Fußvolks  trug  Piken,  bewaffnete  sich  erst  im
Verlaufe  des  Kriegs  zum  Theil  mit  erbeuteten  feindlichen  Gewehren.

Monate  mußten  vergehen  bis  eine  solche  Truppe  in  der  Feldschlacht
verwendet  werden  konnte.  Während  des  Frühjahrsfeldzugs  wurde  die
Landwehr  nur  nothdürftig  eingeübt  oder  zum  Festungskriege  benutzt;  erst
nach  dem  Waffenstillstande  rückten  sie  in  größeren  Massen  in's  Feld.  Auch
dann  noch  bildete  die  Linie,  der  ja  alle  höheren  Führer  und  die  technischen
Truppen  ausschließlich  angehörten,  selbstverständlich  den  festen  Kern  des
Heeres.  Kleist  hatte  unter  den  41  Bataillonen  seines  Corps  16  Landwehrbataillone,
  Bülow  unter  der  gleichen  Zahl  nur  12;  nur  in  Vork's
Corps  überwog  die  Landwehr  —  mit  24  Bataillonen  unter  45.  Die
Wehrmänner  hatten  noch  eine  Zeit  lang  mit  den  natürlichen  Untugenden
ungeschulter  Truppen  zu  kämpfen:  beim  ersten  Angriff  hielten  sie  nicht
leicht  Stand,  wenn  ein  unerwartetes  Bataillonsfeuer  sie  in  Schrecken
setzte;  kam  es  zum  Handgemenge,  dann  entlud  sich  die  lang  verhaltene
Wuth  der  Bauern  in  fürchterlicher  Mordgier;  nach  dem  Siege  waren  sie
schwer  wieder  zu  sammeln,  da  sie  den  geschlagenen  Feind  immer  bis  an
das  Ende  der  Welt  verfolgen  wollten.  Nach  einigen  Wochen  wurde  ihre
Haltung  sicherer,  und  gegen  den  Herbst  hin  begann  Napoleon's  Spott  über
„dies  Gewölk  schlechter  Infanterie“  zu  verstummen.  Die  kampfgewohnten
Bataillone  der  Landwehr  waren  allmählich  fast  ebenso  kriegstüchtig  geworden
  wie  das  stehende  Heer,  wenngleich  sie  weder  mit  der  Disciplin
noch  mit  der  stattlichen  äußeren  Haltung  der  Linientruppen  wetteifern
konnten  und  immer  unverhältnißmäßige  Verluste  erlitten:  —  eine  in  der
Kriegsgeschichte  beispiellose  Thatsache,  die  nur  möglich  ward  durch  den
sittlichen  Schwung  eines  nationalen  Daseinskampfes.  Schwerer,  natürlich,
  gelang  die  Ausbildung  der  Landwehrreiter;  doch  haben  auch  sie  unter
kundigen  Führern  manches  Vortreffliche  geleistet.  Marwitz  ließ  seine  märkischen
  Bauernjungen  ihre  kleinen  Klepper  nur  auf  der  Trense  reiten,  ohne
Kandare  und  Sporen,  störte  sie  nicht  in  ihren  ländlichen  Reiterkünsten,
verlangte  nur,  daß  sie  Pferd  und  Waffen  mit  Sicherheit  zu  brauchen
lernten,  und  brachte  diese  naturwüchsige  Cavalerie  nach  kurzer  Zeit  so  weit,
daß  er  von  ihr  im  Felddienste  alles  fordern  konnte.

Nach  der  Einberufung  der  Landwehr  vergingen  wieder  fünf  Wochen
bis  am  21.  April  das  Gesetz  über  den  Landsturm  unterzeichnet  wurde.
Die  Cadres  der  Landwehrbataillone  mußten  erst  formirt  sein  bevor  man
zum  Aufgebote  der  letzten  Kräfte  des  Volkes  schreiten  konnte.  Scharnhorst
stand  damals  schon  fern  von  Breslau  im  Feldlager.  Schwerlich  ist  der
General  ganz  einverstanden  gewesen  mit  Form  und  Inhalt  dieses  von
einem  Civilbeamten  Bartholdi  verfaßten  Gesetzes,  das  einem  gesitteten
Volke  Unmögliches  zumuthete  und,  vollständig  durchgeführt,  der  Kriegführung
  beider  Theile  das  Gepräge  fanatischer  Barbarei  hätte  geben
müssen.  Ausdrücklich  war  der  furchtbare  Grundsatz  ausgesprochen,  daß
        <pb n="452" />
        442  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

dieser  Krieg  der  Nothwehr  jedes  Mittel  heilige.  Sobald  der  Feind  herannahte,
  sollten  auf  das  Geläute  der  Sturmglocken  alle  Männer  vom  fünfzehnten
  bis  zum  sechzigsten  Jahre  aufstehen,  ausgerüstet  mit  Piken,  Beilen,
Sensen,  Heugabeln,  mit  jeder  Waffe,  die  nur  stechen  oder  hauen  konnte;
denn  auf  die  Länge  habe  der  Vertheidiger  in  jedem  Terrain  immer  das
Uebergewicht.  Der  Landsturm  wird  verpflichtet  zur  Späherei  und  zum
kleinen  Kriege:  der  Feind  muß  wissen,  daß  alle  seine  zerstreuten  Abtheilungen
  sofort  erschlagen  werden.  Der  Feigling,  der  Sklavensinn  zeigt,
ist  als  Sklave  zu  behandeln  und  mit  Prügeln  zu  bestrafen.  Auf  Befehl
des  Militärgouverneurs  müssen  ganze  Bezirke  verwüstet,  Vieh  und  Geräthe
  weggeschafft,  die  Brunnen  verschüttet,  das  Getreide  auf  dem  Halme
verbrannt  werden.  Wird  eine  Gegend  überrascht,  so  sind  alle  Behörden
alsbald  aufgelöst  —  offenbar  eine  Erinnerung  an  die  tragikomischen  Erfahrungen
  von  1806.  Wer  genöthigt  ward  dem  Feinde  einen  Eid  zu
leisten  ist  an  den  erzwungenen  Schwur  nicht  gebunden.  Auch  diesen  ungeheuren
  Anforderungen  kam  das  treue  Volk  mit  Freuden  nach  soweit
es  möglich  war.  In  jedem  Kreise  trat  eine  Schutzdeputation  zusammen
zur  Leitung  des  Landsturms.  Die  müden  Alten  und  die  unbärtigen
Jungen  übten  sich  eifrig  im  Gebrauche  ihrer  rohen  Waffen  sowie  in  der
freien  Kunst  des  Pfeifens,  die  den  Landstürmern  anempfohlen  war.  Mit
Vorliebe  pflegte  dies  Volksheer  unbesetzte  Höhen  zu  erstürmen  —  so
machte  man  seinem  Namen  doch  Ehre.  In  dem  Berliner  Landsturm
exercirten  die  Professoren  der  Universität  zusammen  in  einer  Compagnie
—  einer  reisigen  Schaar,  die  allerdings  mehr  durch  wissenschaftlichen
Ruhm  als  durch  kriegerische  Kunstfertigkeit  glänzte;  ja  es  geschah,  daß
sogar  die  Berliner  Damen  aufgeboten  wurden  zum  Bau  der  Feldschanzen
im  Süden  der  Hauptstadt.  Die  Errichtung  des  Landsturmes  brachte  den
großen  militärischen  Vortheil,  daß  nach  und  nach  fast  die  gesammte  Linie
und  Landwehr  für  den  Feld=  und  Festungskrieg  verfügbar  wurde.  Von
der  Ostsee  bis  zu  den  Riesenbergen  standen  auf  allen  Höhen  die  Fanale,
von  Landstürmern  behütet.

Das  Volksaufgebot  erwies  sich  nützlich  im  Wach=  und  Botendienste,
auch  zum  Wegfangen  der  Marodeure  und  Versprengten.  Im  offenen
Kampfe  dagegen  ist  der  Landsturm  nur  ganz  ausnahmsweise  verwendet
worden:  so  erklangen  während  der  ersten  Apriltage,  noch  bevor  das  Gesetz
erschienen  war,  die  Sturmglocken  in  allen  Dörfern  an  der  Havel  und
bewaffnete  Bauernhaufen  schlossen  sich  freiwillig  den  Truppen  an,  die
gegen  Magdeburg  zogen.  In  den  großen  Städten  rief  die  fanatische  Härte
des  Gesetzes  begründete  Beschwerden  hervor.  Da  überdies  die  Gefahr
anarchischer  Zügellosigkeit  sehr  nahe  lag,  das  bürgerliche  Leben  der  Arbeitskräfte
  nicht  entbehren  konnte  und  die  Beamten  der  alten  Schule  vor  bewaffneten
  Volkshaufen  ein  instinctives  Grauen  empfanden,  so  wurden  schon
im  Laufe  des  Sommers  die  übertriebenen  Ansprüche  des  Edicts  durch  einige
        <pb n="453" />
        Der  Landsturm.  443

neue  Erlasse  gemildert.  Der  Landsturm  stand  fortan  unter  den  Kriegs—
artikeln  und  diente  wesentlich  zur  Ausbildung  der  Reservebataillone  für
die  Landwehr;  in  den  großen  Städten  fiel  er  ganz  hinweg,  aus  dem
brauchbarsten  Drittel  seiner  Mannschaft  wurden  Bürger-Compagnien  für
den  Sicherheitsdienst  gebildet.  Gleichwohl  war  die  Errichtung  des  Land—
sturms  sehr  folgenreich.  Sie  belebte  in  dem  Volke  das  Bewußtsein,  daß
dieser  heilige  Krieg  die  gemeinsame  Sache  Aller  sei;  wie  vielen  wackeren
Alten  ist  es  ein  Trost  geblieben  bis  zum  Grabe,  daß  sie  doch  auch  die
Waffen  für  das  Vaterland  getragen  hatten.  Noch  stärker  war  die  Wir—
kung  auf  die  Feinde,  die  nach  ihren  spanischen  Erfahrungen  nichts  so  sehr
fürchteten  als  einen  Krieg  Aller  gegen  Alle.  Schon  der  glücklich  gewählte
Name  dieses  Volksaufgebots  erregte  Schrecken  im  Lager  der  Rheinbündner;
wie  unheimlich  klang  das  Landsturmlied:

Ha  Windsbraut  sei  willkommen,

Willkommen  Sturm  des  Herrn!
Die  übereilte  Räumung  der  Marken  im  Frühjahr  und  nachher  die  unsicheren
  Operationen  der  Marschälle  auf  ihren  Zügen  gegen  Berlin  erklären
  sich  nur  aus  der  unbestimmten  Angst  vor  einer  Massenerhebung.

Ein  wunderbarer  Anblick,  wie  dieser  von  allen  Geldmitteln  entblößte
Mittelstaat  so  mit  einem  male  wieder  eintrat  in  die  Reihe  der  großen
Militärmächte.  Nur  ein  Meister  konnte  allen  den  ungestümen  Kräften,
die  so  urplötzlich  aus  den  Tiefen  unseres  Volkslebens  hervorbrachen,  Form,
Maß  und  Richtung  geben.  Unbeirrt  durch  Widerspruch  und  Verkennung
führte  Scharnhorst  seine  militärisch-politischen  Pläne  durch,  und  ihm  gelang
  was  in  der  modernen  Geschichte  für  unmöglich  gegolten  hatte:  ein
ganzes  Volk  zu  einem  kriegsfertigen  Heere  umzubilden.  Ihm  ward  das
höchste  Glück  das  dem  großen  Menschen  beschieden  ist:  er  durfte  endlich
zeigen  was  er  vermochte.  Er  wußte,  daß  die  Geschicke  seines  Landes
auf  seinen  Schultern  lagen,  und  einmal  doch  kam  ein  Wort  des  Stolzes
über  die  Lippen  des  Anspruchslosen:  „ich  verfahre  despotisch,“  so  schrieb
er  seiner  Tochter,  „und  lade  viel  Verantwortung  auf  mich,  aber  ich  glaube
dazu  berufen  zu  sein.“

Hardenberg's  diplomatische  Künste,  die  Schwankungen  am  Hofe  und
das  Warten  auf  Oesterreich  hatten  den  Ausbruch  des  Krieges  um  einige
Wochen  verzögert.  Und  doch  fühlte  sich  Napoleon  überrascht;  Maret  selbst
gestand  dem  Gesandten  Krusemark  beim  Abschied:  sein  Kaiser  hätte  die
Gefahr  nicht  für  so  nahe  gehalten.)  Durch  den  Abfall  Preußens  wurden
die  Kriegspläne  des  Imperators  verändert.  An  einen  Angriff  auf  das  Czarenreich
  ließ  sich  vorerst  nicht  mehr  denken,  die  nächste  Aufgabe  war  die  Vernichtung
  Preußens.  Schon  am  27.  März  ließ  Napoleon  der  Hofburg  die
Auftheilung  des  preußischen  Staates  vorschlagen,  dergestalt,  daß  Schlesien

 

*)  Krusemark's  Bericht,  13.  März  1813.
        <pb n="454" />
        444  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

an  Oesterreich  zurückfiele,  Sachsen  und  Westphalen  durch  je  eine  Million
preußischer  Unterthanen  vergrößert  würden  und  dem  Hause  Hohenzollern
nur  nach  ein  Kleinstaat  mit  einer  Million  Einwohnern  an  der  Weichsel
verbliebe.  Auf  die  preußische  Kriegserklärung  ward  mit  blutigen  Beleidigungen
  erwidert:  wenn  Preußen  sein  Erbe  zurückfordere,  so  wisse  die
Welt,  daß  dieser  Staat  alle  seine  Erwerbungen  in  Deutschland  nur  der
Verletzung  der  Gesetze  und  Interessen  des  deutschen  Reichskörpers  verdanke.
  Und  in  einem  veröffentlichten  Berichte  an  den  Kaiser  erhob  Maret
die  Anklage:  der  preußische  Hof  versammle  um  sich  die  Chorführer  jener
fanatischen  Partei,  welche  den  Umsturz  der  Throne  und  die  Zerstörung
der  bürgerlichen  Ordnung  predige.  Diese  Kriegserklärung,  so  schloß  er
höhnend,  ist  der  Dank  „für  den  Tilsiter  Vertrag,  der  den  König  wieder
auf  seinen  Thron  erhob,  und  für  den  Pariser  Vertrag  von  1812,  der  ihn
zur  französischen  Allianz  zuließ!“

In  einem  solchen  Kampfe  war  jeder  Ausgleich  undenkbar.  Und  wie
unsicher  standen  die  Aussichten  für  das  große  Wagniß!  Mit  Oesterreich
kamen  die  Alliirten  keinen  Schritt  weiter.  Auf  wiederholte  dringende
Mahnungen  ließ  sich  Metternich  endlich  am  2.  April  dahin  aus:  von
einem  sofortigen  Bruche  mit  Frankreich  könne  keine  Rede  sein;  dagegen  sei
Kaiser  Franz  bereit  mit  den  Verbündeten  zusammenzuwirken,  falls
Napoleon  die  von  Oesterreich  beabsichtigten  Friedensvorschläge  zurückwiese.
Selbst  der  junge  Graf  Nesselrode,  der  soeben  anfing  im  Rathe  des  Czaren
eine  Rolle  zu  spielen,  allezeit  ein  warmer  Freund  Oesterreichs,  fand  diese
Erklärung  nichtssagend  und  ungenügend.

Auch  Großbritanniens  Hilfe  blieb  aus.  Englische  Subsidien  waren
für  den  Krieg  ebenso  unentbehrlich,  wie  der  gute  Wille  Hannovers  für
den  Bestand  des  künftigen  Deutschen  Bundes;  deshalb  wurde  die  Wiederherstellung
  der  welfischen  Besitzungen  in  Deutschland  im  Kalischer  Vertrage
  ausdrücklich  ausbedungen.  Die  glückliche  Insel,  die  allein  unter
allen  Staaten  Europas  dem  Imperator  standhaft  die  Anerkennung  verweigert
  hatte,  galt  bei  allen  deutschen  Patrioten  als  die  feste  Burg  der
Freiheit,  ihre  schlaue  und  gewaltthätige  Handelspolitik  als  ein  heroisches
Ringen  um  die  höchsten  Güter  der  Menschheit.  Mit  glühender  Begeisterung
  ward  das  hochsinnige  Welfenhaus  verherrlicht.  Graf  Münster
träumte  von  einem  freien  Welfenreiche  Austrasien,  das  alle  deutschen
Lande  zwischen  Elbe  und  Schelde  umfassen  sollte,  und  fand  mit  diesem
tollen  Plane  bei  manchem  deutschen  Patrioten  Anklang.  Wie  oft  hatte
England  einst,  als  Pitt  noch  lebte,  dem  preußischen  Staate  glänzende  Erwerbungen,
  vornehmlich  den  Besitz  der  Niederlande  verheißen,  wenn  er  sich
dem  Bunde  gegen  Frankreich  anschlösse.  Nun  endlich  stand  Preußen  in
Waffen,  und  nichts  schien  dem  Staatskanzler  sicherer,  als  daß  England
jetzt  mit  vollen  Händen  dem  neuen  Bundesgenossen  entgegenkommen  würde.

Das  „Ministerium  der  Mittelmäßigkeiten“  aber,  das  die  Erbschaft
        <pb n="455" />
        Welfischer  Länderhandel.  445

Pitt's  angetreten,  hatte  von  seinem  großen  Vorfahren  nur  den  zähen  Haß
gegen  die  Revolution  überkommen,  nicht  den  freien  und  weiten  politischen
Blick.  Diese  Hochtorys  bildeten  den  Herd  der  europäischen  Reaction,  sie
erwarteten,  wie  Lord  Castlereagh  einmal  trocken  aussprach,  von  dem  großen
Kampfe  einfach  „die  Wiederherstellung  der  alten  Zustände“,  verfolgten
mit  ängstlichem  Mißtrauen  jede  junge  Kraft,  die  im  Welttheil  sich  regte,
blickten  mit  grenzenlosem  Hochmuth  auf  die  zur  Knechtschaft  bestimmten
Völker  des  Festlands  herab.  „Die  constitutionelle  Verfassung“,  sagte  Castle—
reagh,  „ist  nicht  geeignet  für  Länder,  die  sich  noch  in  einem  Zustande  ver—
hältnißmäßiger  Unwissenheit  befinden;  das  äußerst  gewagte  Princip  der
Freiheit  muß.  man  eher  hemmen  als  befördern.“  Das  Aufsteigen  der
russischen  Macht  war  dem  Cabinet  von  St.  James  schon  längst  unheim—
lich,  und  kaum  minder  erschrocken  als  Kaiser  Franz  beobachtete  der  Prinzregent
  die  stürmische  Begeisterung  der  norddeutschen  Jugend,  den  stolzen
Freimuth  der  preußischen  Generale.  Schwer  besorgt  schrieb  Wellington
über  die  fieberische  Erhitzung  des  preußischen  Heeres,  das  allerdings  nicht,
wie  die  Peninsula-Regimenter  des  eisernen  Herzogs,  durch  den  Idealismus
  der  neunschwänzigen  Katze  in  Zucht  gehalten  wurde.

Da  die  alte  Schwäche  der  englischen  Staatsmänner,  die  Unkenntniß
der  festländischen  Verhältnisse,  in  diesem  Tory-Cabinet  unglaublich  reich
entwickelt  war,  so  wurde  Englands  deutsche  Politik  in  Wahrheit  durch  den
Grafen  Münster,  den  vertrauten  hannoverschen  Rath  des  Prinzregenten
geleitet.  Die  Tage  waren  vorüber,  da  Graf  Münster  durch  seine  ausdauernde
  Feindschaft  gegen  das  napoleonische  Weltreich  sich  die  Achtung
des  Freiherrn  vom  Stein  verdient  hatte;  seit  Preußen  sich  erhob,  traten
nur  noch  die  kleinlichen  Züge  seines  politischen  Charakters  hervor:  der
Welfenneid  gegen  den  stärkeren  Nachbarn  und  die  gehässigen  alten  Vorurtheile
  wider  „den  preußischen  Prügel  und  Ladestock“.  Hardenberg's  gemäßigte
  dualistische  Pläne  erschienen  ihm  fast  noch  schrecklicher  als  Stein's
unitarische  Träume;  nun  und  nimmer  durfte  die  Welfenkrone  sich  einer
höheren  Macht  beugen.  Da  sein  alter  Lieblingsplan,  Preußen  als  eine
Macht  dritten  Ranges  auf  die  Lande  zwischen  Elbe  und  Weichsel  zu  beschränken
  durch  die  Macht  der  Ereignisse  vereitelt  und  damit  das  Welfenkönigreich
Austrasien  leider  unmöglich  geworden  war,  so  sollte  der  preußische  Staat
zum  mindesten  die  englischen  Subsidien  theuer  bezahlen,  er  sollte  nicht
nur  mit  seinem  guten  Schwerte  Hannover  für  die  Welfen  zurück  erobern,
sondern  dies  Land,  das  selbst  nach  seiner  Befreiung  nicht  das  Mindeste
für  den  deutschen  Krieg  geleistet  hat,  auch  noch  durch  altpreußische  Provinzen
  vergrößern.  Ohne  solche  Verstärkung,  erklärte  der  welfische  Staatsmann
  vertraulich,  könne  Hannover  neben  Preußen  nicht  in  Sicherheit
und  Ruhe  leben.  Der  Prinzregent  ging  auf  diese  Gedanken  um  so
eifriger  ein,  da  seiner  Tochter  Charlotte  das  Thronfolgerecht  in  England
zustand  und  mithin  der  welfische  Mannsstamm  erwarten  mußte  bald
        <pb n="456" />
        446  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

wieder  auf  seine  deutschen  Erblande  beschränkt  zu  werden;  in  seinen  Briefen
  freilich  versicherte  er  salbungsvoll,  daß  er  nicht  aus  persönlichem  Interesse
  handele,  sondern  sich  lediglich  verpflichtet  fühle,  sein  Kurland  für
die  Leiden  der  Franzosenherrschaft  zu  belohnen.  Sir  Charles  Stewart,
der  zu  Anfang  April  nach  Deutschland  hinüberkam,  war  beauftragt,  das
Hildesheimer  Land,  das  die  Welfen  schon  im  Jahre  1802  nur  ungern
den  Hohenzollern  gegönnt  hatten,  sowie  die  altpreußischen  Gebiete  Minden
und  Ravensberg  für  das  Welfenreich  zu  verlangen.

Der  alternde  Staatskanzler  war,  trotz  seiner  raschen  Feder,  der  erdrückenden
  Arbeitslast  seines  Amtes  nicht  mehr  gewachsen  und  doch  nicht
gewillt,  seine  Herrscherstellung  über  den  Ministern  aufzugeben.  In  dem
Strudel  von  Arbeiten  und  frivolen  Zerstreuungen  sah  er  seinen  königlichen
  Herrn  allzu  selten,  der  Geschäftsgang  in  der  Staatskanzlei  begann
schleppend  und  nachlässig  zu  werden.  Leichtfertige  Freigebigkeit  den  welfischen
  Ansprüchen  gegenüber  ließ  sich  ihm  gleichwohl  nicht  vorwerfen.  Fast
ein  Vierteljahr  lang  hat  er  diese  widerwärtigen  Verhandlungen  geführt,
erst  durch  Niebuhr,  nachher  persönlich.  Welch  ein  Anblickl  Dies  reiche
England,  das  sich  stolz  den  Vorkämpfer  der  Freiheit  Europas  nennt,  läßt
seinen  tapfersten  Bundesgenossen,  der  zum  Verzweiflungskampfe  stürmt,
monatelang  in  unerträglicher  Bedrängniß,  feilscht  mit  ihm  um  Seelen
und  Schillinge  —  und  dies  wegen  der  dynastischen  Laune  eines  unfähigen
Fürsten,  die  das  Wohl  des  englischen  Staates  nicht  im  entferntesten  berührt!
  Genug,  als  der  Feldzug  begann  war  man  noch  immer  nicht  im
Reinen  und  der  preußische  Staat  in  erdrückender  Geldnoth.

Selbst  das  mit  Rußland  bereits  verbündete  Schweden  hatte  mit  Preußen
  noch  keinen  Vertrag  abgeschlossen.  Als  die  Schweden  einst  den  schlauen
Karl  Johann  Bernadotte  zu  ihrem  Thronfolger  wählten,  erwarteten  sie
bestimmt,  der  napoleonische  Marschall  würde,  getreu  den  alten  Traditionen
schwedischer  Politik,  sich  an  Frankreich  anschließen  und  mit  Napoleon's
Hilfe  das  verlorene  Finnland  von  den  Russen  zurückgewinnen.  Der  kluge
Kronprinz  ging  jedoch  andere  Wege.  Er  sah,  daß  sein  Ackerbauland  die
Continentalsperre  nicht  ertragen  konnte,  desgleichen  daß  die  Wiedereroberung
  von  Finnland  sehr  unwahrscheinlich  war.  Darum  beschloß  er,
durch  die  Erwerbung  von  Norwegen  sein  neues  Vaterland  zu  entschädigen,
seine  junge  Dynastie  im  Volke  zu  befestigen.  Schon  seit  dem  Beginne
des  russischen  Krieges  stand  er  mit  dem  Czaren  im  Bündniß.  Seitdem
wurde  der  Kopenhagener  Hof  von  Rußland,  England  und  Schweden
dringend  aufgefordert,  Norwegen  aufzugeben  und  der  großen  Allianz  beizutreten;
  selbstverständlich  sollten  die  Dänen  sich  schadlos  halten  an  jener
großen  Entschädigungsmasse,  die  man  Deutschland  nannte.  Der  russische
Gesandte  in  Stockholm  versprach  dem  dänischen  Geschäftsträger,  dem
jungen  Grafen  Wolf  Baudissin,  im  Namen  Englands:  beide  Mecklenburg,
  das  schwedische  und  vielleicht  auch  das  preußische  Pommern,  „zwei
        <pb n="457" />
        Schweden.  Der  Rheinbund.  447

Dörfer  in  Deutschland  für  eines  in  Norwegen.“  Bernadotte  selbst  ging
noch  weiter  und  verhieß:  Mecklenburg,  Oldenburg,  Hamburg  und  Lübeck.
Zum  Heile  für  Deutschland  vertraute  Friedrich  VI.  von  Dänemark  auf
Napoleon's  Glück  und  fand  monatelang  keinen  festen  Entschluß.  Dem
Gradsinne  König  Friedrich  Wilhelm's  waren  diese  häßlichen  nordischen
Händel  von  Haus  aus  widerwärtig.  Er  hoffte  Dänemark  durch  ehrliche
Mittel  für  die  Coalition  zu  gewinnen,  wollte  seine  Hand  nicht  bieten  zu
der  Beraubung  des  kleinen  Nachbarn  und  verweigerte  die  Genehmigung,
als  sein  Gesandter  in  Stockholm  einen  Allianz-Vertrag  abgeschlossen  hatte,
der  den  Schweden  die  Eroberung  von  Norwegen  verbürgte.  So  geschah
das  Sonderbare,  daß  Bernadotte  im  Frühjahr  mit  einem  kleinen  schwedischen
  Heer  in  Stralsund  landete,  um  Norwegen  in  Deutschland  zu  erobern,
  und  doch  mit  Preußen  noch  nicht  verbündet  war.  England  gewährte
  dem  zweidentigen  Bundesgenossen  für  seine  schwache  Schaar  freigebig
eine  Million  Pfund  Sterling  Subsidien.

Was  ließ  sich  vollends  von  den  Staaten  des  Rheinbundes  erwarten!
Mit  Baiern  verhandelte  der  Staatskanzler  insgeheim  schon  seit  dem  Januar.
  Der  Untergang  der  30,000  Baiern,  die  in  den  Schneefeldern  Rußlands
  ihren  Tod  gefunden,  hatte  den  Münchener  Hof  doch  tief  erschüttert.
Obgleich  Montgelas  die  norddeutschen  Patrioten  leidenschaftlich  haßte,
auch  den  Gesandten  Hertling  anwies,  dem  Hoflager  nach  Breslau  zu
folgen  und  sich  fest  an  St.  Marsan  anzuschließen,)  so  begann  er  doch  der
Opfer  für  den  Protector  müde  zu  werden  seit  sie  nichts  mehr  einbrachten.
Die  Königin,  Kronprinz  Ludwig,  Anselm  Feuerbach  und  mehrere  andere
einflußreiche  Männer  warben  rührig  für  die  gute  Sache.  Ein  schweres
Hinderniß  der  Verständigung  räumte  Hardenberg  gewandt  hinweg.  Er
wußte,  daß  König  Max  Joseph  auf  den  Besitz  der  fränkischen  Markgrafschaften
  großen  Werth  legte  und  deshalb  vor'm  Jahre  den  Abschluß  des
preußisch-französischen  Bündnisses  mit  großer  Besorgniß  betrachtet  hatte.“)
Rasch  entschlossen  gab  er  jetzt  die  Zusage,  das  königliche  Haus  werde  seine
fränkischen  Stammlande  nicht  zurückfordern;  beide  Theile  setzten  dabei
voraus,  daß  Preußen  durch  die  vormals  pfalzbairischen  Provinzen  am
Niederrhein  entschädigt  werden  sollte.  Schon  war  Montgelas  bereit,  einen
Neutralitätsvertrag  abzuschließen,  da  hörte  er  von  Napoleon's  ungeheuren
Rüstungen  und  von  Oesterreichs  zuwartender  Haltung.  Bei  solcher  Ungleichheit
  der  Streitkräfte  schien  ihm  Preußens  Niederlage  sicher.  Er
brach  ab  und  erfüllte  wieder  mit  gewohntem  Eifer  seine  Vasallenpflichten
gegen  den  Beherrscher  des  Rheinbundes.

Während  die  Alliirten  also  vergeblich  versuchten,  den  mächtigsten
Staat  des  Südens  durch  freundschaftliche  Verhandlungen  zu  gewinnen,

 

*)  Königliche  Depesche  an  Hertling,  27.  Januar  1813.
*)  Dépèches  royales  (von  K.  Max  Joseph  und  Montgelas)  an  den  Gesandten
v.  Hertling  in  Berlin,  30.  April,  11.  Juni  1812.
        <pb n="458" />
        448  I.  4.  Der  Befreiungzkrieg.

kündigten  sie  den  norddeutschen  Staaten  schärfere  Maßregeln  an.  Der
Breslauer  Vertrag  vom  19.  März  bedrohte  —  ganz  im  Sinne  jener
Petersburger  Denkschrift  Stein's  —  alle  deutschen  Fürsten,  die  sich  nicht
in  bestimmter  Frist  dem  Kampfe  für  die  Freiheit  des  Vaterlandes  anschlössen,
  mit  dem  Verlust  ihrer  Staaten;  ein  Centralverwaltungsrath
unter  dem  Vorsitze  des  Freiherrn  sollte  in  sämmtlichen  norddeutschen
Landen  —  allein  Hannover  und  die  vormals  preußischen  Provinzen  ausgenommen
  —  provisorische  Regierungen  einrichten,  die  militärischen  Rüstungen
  leiten  und  die  Staatseinkünfte  für  die  Verbündeten  einziehen.
Den  Süden  ließ  man  stillschweigend  aus  dem  Spiele,  da  Hardenberg  an
seinen  dualistischen  Plänen  gewissenhaft  festhielt  und  demnach  dem  österreichischen
  Hofe  in  Süddeutschland  nicht  vorgreifen  wollte.  In  Wien,
in  London  und  an  allen  Rheinbundshöfen  erregte  dieser  erste  Versuch
praktischer  deutscher  Einheitspolitik  stürmischen  Unwillen.  Man  fragte
zornig,  ob  dieser  Jacobiner  Stein  deutscher  Kaiser  werden  solle.  Metternich
  und  Münster  waren  sofort  entschlossen,  die  Wirksamkeit  der  unheimlichen
  unitarischen  Behörde  zu  beschränken.

Noch  schärfer  redete  die  Kalischer  Proclamation  des  russischen  Oberbefehlshabers
  Kutusow  vom  25.  März.  Sie  sprach  die  Hoffnung  aus,  kein
deutscher  Fürst  werde  der  deutschen  Sache  abtrünnig  bleiben  und  also  „sich
reif  zeigen  der  verdienten  Vernichtung  durch  die  Kraft  der  öffentlichen
Meinung  und  durch  die  Macht  gerechter  Waffen“.  Ein  junger  Obersachse,
Karl  Müller,  hatte  das  pathetische  Schriftstück  entworfen,  ein  fanatischer
Teutone,  der  den  Generalstab  gern  in  ein  Hildamt  verwandeln,  die  Generaladjutanten
  zu  Hauptwernolden  umtaufen  wollte.  Ganz  so  haltlos
und  verschwommen  wie  die  vaterländischen  Träume  der  begeisterten  Jugend
waren  auch  die  Verheißungen  für  Deutschlands  Verfassung,  welche  der
Feldmarschall  im  Namen  der  verbündeten  Monarchen  gab.  Er  versprach,
daß  die  Wiedergeburt  des  ehrwürdigen  Reichs  allein  den  Fürsten  und  Völkern
  Deutschlands  anheimgestellt  bleiben,  der  Czar  nur  seine  schützende  Hand
darüber  halten  solle.  „Je  schärfer  in  seinen  Grundlagen  und  Umrissen  das
Werk  heraustreten  wird  aus  dem  ureigenen  Geiste  des  deutschen  Volkes,
desto  verjüngter,  lebenskräftiger  und  in  Einheit  gehaltener  wird  Deutschland
wieder  unter  Europas  Völkern  erscheinen  können!“  —  Hochtönende,  wohlgemeinte
  Worte,  nur  schade,  daß  sie  jedes  klaren  Sinnes  entbehrten.  Sie
sollten  nachher  in  einem  Menschenalter  der  Verbitterung  und  Verstimmung
eine  ganz  ungeahnte  Bedeutung  gewinnen.  Auf  sie  vornehmlich  beriefen
sich  späterhin  die  enttäuschten  Patrioten,  um  zu  beweisen,  daß  die  Nation
von  ihren  Fürsten  betrogen  sei  —  während  doch  leider  der  ureigene  Geist
des  deutschen  Volkes  selber  von  den  unerläßlichen  Vorbedingungen  der
deutschen  Einheit  damals  noch  eben  so  wenig  ahnte,  wie  seine  Fürsten.

Die  Drohungen  der  Verbündeten  entsprangen  der  richtigen  Erkenntniß,
  daß  die  Satrapen  Napoleon's  nur  noch  für  die  Sprache  der  Gewalt
        <pb n="459" />
        Die  Kalischer  Proclamation.  Sachsen.  449

empfänglich  waren.  Aber  sollten  die  starken  Worte  wirken,  so  mußte  die
That  der  Drohung  auf  dem  Fuße  folgen.  Und  sie  folgte  nicht.  Seine
natürliche  Gutmüthigkeit  und  die  stille  Rücksicht  auf  Oesterreich  verhin—
derten  den  König,  durch  die  Entthronung  seines  sächsischen  Nachbars  recht—
zeitig  den  deutschen  Fürsten  ein  warnendes  Beispiel  zu  geben.  Als  die
Aufforderung  an  Friedrich  August  von  Sachsen  herantrat,  daß  er  um
Deutschlands  willen  den  Treubruch  wiederholen  sollte,  den  er  im  Herbst
1806  um  seines  Hauses  willen  begangen  hatte,  da  war  die  Lage  des
schwachen  Fürsten  allerdings  schwierig;  er  mußte  früher  als  die  anderen
Rheinbundskönige  einen  Entschluß  fassen,  in  einem  Augenblicke,  da  der
Ausgang  des  Krieges  noch  unsicher  war,  und  er  konnte  nicht  hoffen,  das
durch  die  Russen  eroberte  Warschau  wiederzugewinnen.  Es  lag  jedoch
in  seiner  Hand,  durch  rechtzeitigen  Anschluß  sich  einen  Ersatz  für  seinen
polnischen  Besitz  zu  sichern;  der  Czar  hatte  sich  dazu  längst  bereit  erklärt.
Die  Entschädigung  für  eine  so  unsichere  Krone  konnte  freilich  nicht  be—
deutend  sein;  Warschau  war,  wie  Jedermann  wußte,  nur  vorläufig  in
Friedrich  August's  Hände  gegeben  bis  auf  weitere  Verfügung  des  Impe—
rators;  niemals  hatte  der  wettinische  Herzog  sich  unterstanden,  den  vor—
nehmen  polnischen  Königswählern  und  ihrem  wilden  Deutschenhasse  ent—
gegenzutreten,  niemals  gewagt,  seinen  polnischen  Truppen  irgend  einen
Befehl  zu  geben.  Friedrich  August  wollte  trotzdem  von  dieser  polnischen
Krone,  die  schon  soviel  Unheil  über  Sachsen  gebracht,  nicht  lassen  und
hielt  zudem  die  Niederlage  seines  „Großen  Alliirten“  für  undenkbar.  Er
that  beim  Heranrücken  der  Verbündeten,  was  er  schon  in  der  Kriegsgefahr
des  Jahres  1809  gethan:  er  floh  mit  seinem  Grünen  Gewölbe  aus  dem
Lande.  Auf  die  dringende  Frage  des  Königs  von  Preußen,  ob  er  „ein
Widersacher  der  edelsten  Sache“  bleiben  wolle,  gab  er  eine  nichtssagende
Antwort  und  verwies  auf  seine  bestehenden  Verbindlichkeiten.

Sein  Minister  Graf  Senfft  —  eine  jener  aufgeblasenen  Mittel—
mäßigkeiten,  woran  die  diplomatische  Geschichte  der  Mittelstaaten  so  reich
ist  —  entwarf  den  kindischen  Plan  einer  mitteleuropäischen  Allianz,  welche
Frankreich  und  Rußland  zugleich  demüthigen  und  Preußen  auf  der  Stufe
einer  Macht  dritten  Ranges  darniederhalten  sollte;  er  fühlte  jedoch,  daß
man  des  Schutzes  bedurfte  und  versuchte  daher  sich  an  die  zuwartende
Neutralitätspolitik  Oesterreichs  anzuschließen.  Dies  Beginnen  war  nicht
nur  unausführbar,  da  Sachsen  unvermeidlich  den  Kriegsschauplatz  bilden
mußte,  sondern  auch  eine  Verletzung  des  Völkerrechts.  Sachsen  befand
sich  noch  im  Zustande  des  Krieges  gegen  Rußland,  also  auch  gegen  Preu—
ßen;  soeben  noch  kämpften  sächsische  Truppen  in  den  Gassen  von  Lüne—
burg  mit  Dörnberg's  tapferen  Schaaren.  Nach  einer  selbstverständlichen
Regel  des  Völkerrechts  darf  aber  eine  kriegführende  Macht  nicht  ohne  die
Genehmigung  des  Feindes  sich  für  neutral  erklären,  weil  sonst  jeder  Be—
siegte  sich  den  Folgen  seiner  Niederlage  entziehen  könnte.  Dem  österrei—

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  29
        <pb n="460" />
        450  J.  Der  Befreiungskrieg.

chischen  Hofe  wurde  diese  Erlaubniß  ertheilt,  da  Napoleon  sowohl  wie  die
Alliirten  ihn  schonen  wollten  und  auf  seinen  Beitritt  hofften;  von  dem
sächsischen  Könige  verlangten  beide  Theile  sofortigen  Anschluß.

Fast  die  gesammte  sächsische  Armee  stand  in  Torgau  unter  den  Be—
fehlen  Thielmann's,  der  beauftragt  war  den  wichtigen  Elbepaß  keinem
der  beiden  kämpfenden  Theile  zu  öffnen.  Der  General  war  ein  tapferer
Soldat,  aber  eitel,  großsprecherisch,  maßlos  ehrgeizig;  ein  eifriger  Diener
Napoleon's  hatte  er  sich  neuerdings  urplötzlich  der  deutschen  Sache  zuge—
wendet.  Es  stand  in  seiner  Gewalt,  durch  einen  eigenmächtigen  verwege—
nen  Entschluß,  nach  dem  Vorbilde  York's,  seinem  Könige  Thron  und  Heer
zu  retten,  den  Verbündeten  den  Beginn  der  Operationen  wesentlich  zu
erleichtern.  Er  aber  that  zu  viel  für  einen  sächsischen  General,  zu  wenig
für  einen  deutschen  Patrioten.  Insgeheim  verhandelte  er  mit  den  Preußen
und  spielte  ihnen  sogar  einige  Fähren  in  die  Hände,  welche  den  Ueber—
gang  der  Alliirten  über  die  Elbe  ermöglichten;  doch  seine  Truppen  mit
dem  deutschen  Heere  zu  vereinigen  wagte  er  nicht.  In  solcher  Lage  waren
die  Verbündeten  unzweifelhaft  berechtigt  Sachsen  als  Feindesland  zu  be—
handeln:  sie  traten  jedoch  mit  übel  angebrachter  Milde  auf,  nahmen  das
Land  nur  im  Namen  des  landesflüchtigen  Fürsten  in  Verwahrung.  Scharn—
horst  vornehmlich  hat  diesen  Fehler  verschuldet;  er  beurtheilte  die  Gesin—
nung  des  sächsischen  Hofes  unrichtig,  nach  den  Schilderungen  seines  Ju—
gendfreundes,  des  Generals  Zeschau,  der  zu  den  nächsten  Vertrauten
Friedrich  August's  zählte.  Auch  Stein  hoffte  noch  auf  die  freiwillige  Be—
kehrung  der  Albertiner.  Wohl  schalt  er  grimmig  auf  die  Mattherzigkeit
„dieser  weichen  sächsischen  Wortkrämer“,  die  von  der  Begeisterung  des  preu—
ßischen  Volkes  kaum  angeweht  wurden,  auf  den  Stumpfsinn  der  Dresdener
Philister,  denen  unter  allen  Schickungen  einer  ungeheuren  Zeit  nichts  so
wichtig  war,  wie  die  Zerstörung  ihrer  Elbbrücke.  Aber  statt  das  besetzte
Land,  dem  Breslauer  Vertrage  gemäß,  sofort  der  Dictatur  des  Centralverwaltungsrathes
  zu  unterwerfen,  ließ  Stein  die  von  dem  flüchtigen
Könige  eingesetzte  Regierungscommission  ruhig  gewähren  und  verschmähte
sogar  die  Staatskassen  mit  Beschlag  zu  belegen.

Also  trat  die  geplante  deutsche  Centralbehörde  in  ihrem  ursprünglichen
  radicalen  Sinne  niemals  in's  Leben;  der  erste  Versuch  unitarischer
Politik  gerieth  nach  halbem  Anlauf  in's  Stocken.  Noch  ehe  der  große
Krieg  begann,  ward  schon  erkennbar,  welche  Macht  der  Particularismus
im  Volke  und  in  den  Dynastien  noch  besaß.  Die  Fremdherrschaft  war
reif  zum  Untergange;  für  den  Staatsbau  der  deutschen  Einheit  fehlte
noch  der  Boden.

 

Zeiten  der  Noth  heben  den  rechten  Mann  rasch  an  die  rechte  Stelle.
Da  der  König  in  seiner  Schüchternheit  sich  nicht  getraute  nach  dem
Brauche  seiner  Vorfahren  das  Heer  selber  zu  führen,  so  durfte  nur  ein
        <pb n="461" />
        Stein's  Centralverwaltung.  451

Mann  den  Befehl  über  die  preußische  Hauptarmee  übernehmen  —  der
erste  Feldsoldat  der  deutschen  Heere,  General  Blücher.  Wohin  waren  sie
doch,  die  Träume  der  gebildeten  Menschenfreunde  vom  ewigen  Frieden?
Gereift  und  gekräftigt  in  harter  Prüfung  glaubten  die  Deutschen  wieder
an  den  Gott  der  Eisen  wachsen  ließ,  und  jene  einfachen  Tugenden  ursprünglicher
  Menschheit,  die  bis  an  das  Ende  der  Geschichte  der  feste
Grund  aller  Größe  der  Völker  bleiben  werden,  gelangten  wieder  zu  verdienten
  Ehren:  der  kriegerische  Muth,  die  frische  Kraft  des  begeisterten
Willens,  die  Wahrhaftigkeit  des  Hasses  und  der  Liebe.  In  ihnen  lag
Blücher's  Stärke,  und  diese  Nation,  die  sich  so  gern  das  Volk  der  Dichter
und  der  Denker  nannte,  beugte  sich  vor  der  Seelengröße  des  bildungslosen
  Mannes;  sie  fühlte,  daß  er  werth  war  sie  zu  führen,  daß  der
Heldenzorn  und  die  Siegesfreude  der  Hunderttausende  sich  in  ihm  verkörperten.
  Was  hatte  der  Alte  nicht  Alles  durchgemacht  in  dem  halben
Jahrhundert,  seit  die  Belling-Husaren  einst  den  schwedischen  Cornet  einfingen
  und  der  alte  Belling  selber  den  unbändigen  Junker  in  Kunst  und
Brauch  der  fridericianischen  Reiter  unterrichtete.  Er  hatte  an  der  Peene
gegen  die  Schweden,  bei  Freiberg  gegen  die  Kaiserlichen,  in  Polen  gegen
die  Conföderirten  gefochten,  war  auf  jenem  unblutigen  Siegeszuge  durch
Holland  dem  Bürger  und  Bauern  überall  ein  wohlwollender  Beschützer
gewesen  und  dann  während  der  rheinischen  Feldzüge  von  Freund  und
Feind  bewundert  worden.  Die  schneidige  Tollkühnheit,  die  behende  List,
die  unermüdliche  Ausdauer  des  alten  Zieten  lebten  wieder  auf  in  dem
neuen  Könige  der  Husaren.  Sein  Lebelang  blieb  er  der  Ansicht,  für
das  Fußvolk  genüge  zur  Noth  der  nachhaltige  Muth,  der  Reiterführer
aber  bedürfe  einer  angeborenen  Begeisterung,  um  die  seltenen  und  flüchtigen
  Augenblicke,  die  seiner  Waffe  eine  große  Wirkung  erlaubten,  immer
sofort  mit  Ungestüm  zu  ergreifen.

Seit  dem  Jahre  1806  und  dem  kühnen  Zuge  auf  Lübeck  war  er
die  Hoffnung  der  Armee;  Scharnhorst  lernte  damals  an  Blücher's  Seite
daß  man  mit  Muth  und  Willenskraft  Alles  auf  der  Welt  überwinde  und
sagte  zu  ihm:  „Sie  sind  unser  Anführer  und  Held  und  müßten  Sie  uns
in  der  Sänfte  vor=  und  nachgetragen  werden.  Nur  mit  Ihnen  ist  Entschlossenheit
  und  Glückl“  Und  es  war  unendlich  mehr  als  die  Tapferkeit
  des  Haudegens,  was  die  Treuen  und  Furchtlosen  so  unwiderstehlich
anzog.  Aus  Blücher's  ganzem  Wesen  sprach  die  innere  Freudigkeit  des  geborenen
  Helden,  jene  unverwüstliche  Zuversicht,  welche  das  widerwillige
Schicksal  zu  bändigen  scheint.  Den  Soldaten  erschien  er  herrlich  wie  der
Kriegsgott  selber,  wenn  der  schöne  hochgewachsene  Greis  noch  mit  jugendlicher
  Kraft  und  Anmuth  seinen  feurigen  Schimmel  tummelte;  gebieterische
Hoheit  lag  auf  der  freien  Stirn  und  in  den  großen  tiefdunkeln  flammenden
Augen,  um  die  Lippen  unter  dem  dicken  Schnurrbart  spielte  der  Schalk
der  Husarenlist  und  die  herzhafte  Lebenslust.  Ging  es  zur  Schlacht,  so

29#
        <pb n="462" />
        452  I.  4.  Der  Befreiungkrieg.

schmückte  er  sich  gern  mit  allen  seinen  Orden  wie  für  ein  bräutliches  Fest,
und  niemals  in  allen  den  Fährlichkeiten  seines  Kriegerlebens  ist  ihm  auch
nur  der  Einfall  gekommen,  daß  eine  Kugel  ihn  hinstrecken  könnte.  Gewaltig
war  der  Eindruck,  wenn  er  zu  sprechen  anhob  mit  seiner  schönen,  mächtigen
  Stimme,  ein  Redner  von  Gottes  Gnaden,  immer  der  höchsten  Wirkung
  sicher,  mochte  er  nun  in  gemüthlichem  Platt  mit  Wachtstubenspäßen
und  heiligen  Donnerwettern  die  ermüdeten  Truppen  aufmuntern  oder
den  Offizieren  klar,  bündig,  nachdrücklich  seine  Befehle  ertheilen  oder  endlich
  in  festlicher  Versammlung  mit  schwungvollen  Worten  einen  vaterländischen
  Ehrentag  verherrlichen.  Wer  täglich  mit  ihm  verkehrte  wurde
ihm  ganz  zu  eigen;  seine  geliebten  rothen  Husaren  hatte  er  so  bis  auf
den  letzten  Mann  in  seiner  Gewalt,  daß  nach  der  unglücklichen  Ratkauer
Capitulation  kein  einziger  der  Rothen  nach  Frankreich  geführt  werden
konnte:  alle  entkamen  den  Siegern,  die  meisten  schlichen  sich  nach  Ostpreußen
  zu  ihrem  Könige  durch.

Blücher  kannte  Land  und  Leute  des  deutschen  Nordens  wie  Niemand
sonst  unter  den  preußischen  Generalen.  Während  eines  langen  wechselreichen
  Dienstlebens  war  er  in  jeder  Landschaft  vom  Rheine  bis  zur  polnischen
  Grenze  heimisch,  auch  als  Landwirth  mit  den  Verhältnissen  des
bürgerlichen  Lebens  wohl  vertraut  geworden.  Ueberall  wohin  er  kam  gewann
  er  die  Herzen,  wie  er  so  fröhlich  lebte  und  leben  ließ,  mit  Hoch
und  Niedrig  zechte  und  spielte,  immer  aufgeknöpft  und  guter  Dinge  und
doch  gewiß  sich  niemals  wegzuwerfen.  So  stärkte  ihm  die  Schule  des
Lebens  den  deutsch-vaterländischen  Sinn,  den  einst  Klopstock's  Oden  in  der
Seele  des  Jünglings  geweckt  hatten.  Wie  fest  er  auch  an  seinen  preußischen
  Fahnen  hing,  er  fühlte  sich  doch  immer,  gleich  Stein,  schlechtweg
als  einen  deutschen  Edelmann.  Grenzenlos  war  sein  Zutrauen  zu  der  unverwüstlichen
  Kraft  und  Treue  seines  Volkes.  Das  Herz  ging  ihm  auf  wo
er  die  ursprüngliche  Frische  und  Freiheit  germanischen  Wesens  fand;  daher
seine  Vorliebe  für  das  freie  Volk  der  Friesen  und  das  selbstbewußte  Bürgerthum
  der  Hansestädte,  sein  Abscheu  wider  den  Kastenstolz  und  die  vaterlandslose
  Gesinnung  des  münsterländischen  Adels.  Im  Alter  beklagte  er
oft,  daß  er  über  dem  Saus  und  Braus  des  lustigen  Husarenlebens  seine
Bildung  so  ganz  vernachlässigt  habe.  Ein  angeborener  Freisinn,  der  sichere
Instinct  eines  großmüthigen  königlichen  Herzens  ließ  ihn  gleichwohl  fortschreiten
  mit  der  wachsenden  Zeit.  Lange  vor  den  Reformen  von  1807
hatte  er  die  Prügelstrafe  bei  seinen  Rothen  thatsächlich  abgeschafft;  der
pedantische  Zwang  unnützer  Paradekünste  war  ihm  ein  Gräuel,  und
frühe  schon  sprach  er  aus,  daß  die  Armee  zu  einem  Volksheere  werden
müsse.  Von  dem  junkerhaften  Wesen  seiner  mecklenburgischen  Standesgenossen
  blieb  er  ganz  frei.  Wie  er  selber  seine  Erfolge  allein  der  eigenen
Tüchtigkeit  verdankte,  so  hieß  er  freudig  Alles  willkommen,  was  die  persönliche
  Kraft,  die  freie  Thätigkeit,  das  Selbstvertrauen  in  der  Nation  er-
        <pb n="463" />
        Blücher.  453

weckte.  Stein's  Reformen  und  namentlich  die  Städteordnung  fanden  an
ihm  einen  beredten  Vertheidiger.  So  wurzelte  auch  sein  grimmiger  Haß
gegen  die  Fremdherrschaft  in  dem  starken  Selbstgefühle  einer  freien  Seele:
er  empfand  es  wie  eine  persönliche  Entwürdigung,  daß  er  auf  deutschem
Boden  sich  nach  dem  Belieben  französischer  Gewalthaber  richten  sollte,
und  wetterte:  „ich  bin  frei  geboren  und  muß  auch  so  sterben.“

Der  alte  Kriegsmann  zählt  zu  jenen  echten  historischen  Größen,  die
bei  jeder  näheren  Kenntniß  gewinnen.  Welche  Schärfe  des  politischen
Blicks  in  dem  barbarischen  Deutsch  seiner  vertrauten  Briefe!  In  jeder
politischen  Lage  findet  er  sich  rasch  zurecht,  erkennt  sofort  den  springenden
Punkt  im  Gewirr  der  Ereignisse,  weissagt  mit  prophetischer  Sicherheit
den  letzten  Ausgang.  Niemals  läßt  er  sich  täuschen  durch  die  Ueberklug—
heit  der  Haugwitz'schen  Politik,  niemals  glaubt  er  an  die  Möglichkeit  einer
ehrlichen  Verständigung  zwischen  Preußen  und  Napoleon.  Im  Frühjahr
1807,  nach  einem  einzigen  Gespräch  mit  Bennigsen,  weiß  er  augenblicklich,
was  sein  Staat  von  den  Russen  zu  erwarten  hat,  und  ruft  ingrimmig:
„wir  sind  verrathen  und  verkoft!“  Und  dann  die  langen  Jahre  der  Knechtschaft:
  oft  genug  ist  er  der  Verzweiflung  nahe,  doch  immer  wieder  ermannt
  er  sich  zu  dem  frohen  Glauben:  er  werde  sein  Preußen  wieder  im
alten  Glanze  sehen,  dieser  Napoleon  müsse  herunter  und  ihm  selber  sei
bestimmt  dazu  mitzuhelfen:  „der  deutsche  Muth  schläft  nur,  sein  Erwachen
wird  fürchterlich  sein!“  Wohl  hat  auch  Blücher  in  dieser  Zeit  des  Harrens
manche  der  holden  Täuschungen  getheilt,  welche  die  tapferen  Herzen  der
Kriegspartei  in  die  Irre  führten;  er  setzte  gern  bei  allen  Deutschen  den
Heldensinn,  der  ihn  selber  beseelte,  voraus  und  traute  sich's  zu  mit  16,000
Mann  die  westlichen  Provinzen  wieder  zu  erobern.  Doch  wie  übereilt
auch  manche  der  Erhebungspläne  waren,  die  er  damals  mit  seinem  Lieblingssohne
  Franz  unermüdlich  entwarf:  das  Wesentliche,  die  innere
Schwäche  des  napoleonischen  Weltreichs  erkannte  er  richtig.  Die  Kleinmeister
  entsetzten  sich  über  den  Jüngling  im  Greisenhaar,  der  noch  zuweilen
  auf  den  Hofbällen  mit  den  eleganten  jungen  Gardeoffizieren  eine
Quadrille  tanzte;  tiefere  Naturen  fühlten  bald,  daß  dies  ausgelassene
Treiben  nur  der  natürliche  Ausdruck  einer  unbändigen  überschäumenden
Lebenskraft  war.  Die  Patriotenpartei  verließ  sich  auf  ihn  als  auf  ihre
treueste  Stütze.  Stein  hatte  sich  ihm  schon  vor  Jahren  in  herzlicher  Freundschaft
  angeschlossen;  er  schätzte  das  treffende,  immer  aus  der  Fülle  lebendiger
  Erfahrung  geschöpfte  Urtheil  des  Generals  und  ahnte  in  ihm  denselben
  kühnen  Schwung  der  Seele,  denselben  Muth  der  Wahrheit,  der
in  seiner  eigenen  Brust  lebte.

Ganz  frei  von  Menschenfurcht,  mit  unumwundenem  Freimuth  sagte
Blücher  Jedem  seine  Meinung  in's  Gesicht;  und  doch  lag  selbst  in  seinen
gröbsten  Worten  nichts  von  Stein's  verletzender  Schärfe.  Seine  Zornreden
kamen  so  gutlaunig  und  treuherzig  heraus,  daß  sich  selten  Jemand  gekränkt
        <pb n="464" />
        454  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

fühlte  und  selbst  der  König  sich  von  ihm  Alles  bieten  ließ.  Denn  bei
allem  Ungestüm  war  er  von  Grund  aus  klug,  nicht  bloß  im  Kriege  so
verschlagen  und  aller  Listen  kundig,  daß  ihn  Napoleon  ärgerlich  le  vieux
renard  nannte,  sondern  auch  ein  gewiegter  Menschenkenner,  der  Jeden
an  der  rechten  Stelle  zu  packen  wußte.  Die  Kunst  des  Befehlens  verstand
  er  aus  dem  Grunde;  von  der  Mannschaft  durfte  er  das  Unmögliche
  verlangen,  wenn  sein  Vorwärts  aus  seinen  Augen  blitzte,  und  auch
von  dem  trotzigen  Selbstgefühle  seiner  Generale  erzwang  er  sich  Gehorsam,
  da  er  stets  nur  an  die  Sache  dachte,  nach  jedem  Mißerfolge  Alles
hochherzig  auf  seine  Kappe  nahm  und  bei  Streitigkeiten  der  Untergebenen
immer  gutmüthig  vermittelte.  Die  unverwüstliche  Kraft  des  Hoffens  und
Vertrauens  wurzelte  bei  ihm  wie  bei  Stein  in  einer  schlichten  Frömmigkeit.
  Obgleich  er  nach  Husarenart  den  Herrgott  zuweilen  einen  guten
Mann  sein  ließ  und  alles  scheinheilige  Wesen  verabscheute,  so  blieb  er  doch
in  tiefster  Seele  seines  einfältigen  Glaubens  froh;  in  schweren  Stunden
tröstete  sich  der  Bibelfeste  gern  an  einem  tapferen  Worte  der  Apostel.
Und  wie  weitab  lag  doch  die  Schlaglust  dieses  gütigen,  menschenfreundlichen
  Mannes  von  der  herzlosen  Roheit  des  Landknechtes!  Für  die
Kranken  und  Verwundeten  zu  sorgen  war  ihm  heilige  Christenpflicht.  Der
junge  Kronprinz  vergaß  es  nie,  wie  ihn  der  alte  Held  einmal  auf  einem
Schlachtfelde  tief  ergriffen  bei  der  Hand  genommen  und  ihm  all  den
fürchterlichen  Jammer  ringsum  gezeigt  hatte:  das  sei  der  Fluch  des  Krieges,
und  wehe  dem  Fürsten,  der  aus  Eitelkeit  und  Uebermuth  solches  Elend
über  seine  Brüder  bringel

Blücher  wußte  längst,  „daß  er  das  Zutrauen  der  Nation  und  die
Liebe  des  Heeres  für  sich  hatte,“  daß  ihm  die  Führung  der  Armee  gebührte.
  Als  nun  die  heiß  ersehnte  Stunde  schlug  und  das  Reich  der
tausendmal  verfluchten  „Sicherheitscommissare  und  Faulthiere“  zu  Ende
ging,  da  fühlte  er  sich  verjüngt  trotz  seiner  siebzig  Jahre  und  dachte  froh
an  die  langlebige  Heldenkraft  des  Derfflingers  und  des  Dessauers  und
die  vielen  anderen  glorreichen  Grauköpfe  der  preußischen  Kriegsgeschichte.
Glückselig  wiegte  er  sich  auf  den  hohen  Wogen  dieser  brausenden  Volksbewegung;
  wie  that  es  ihm  wohl,  daß  der  frische  Luftzug  der  Wahrhaftigkeit
  wieder  durch  das  deutsche  Leben  ging  und  Jeder  tapfer  von  der  Leber
weg  sprach.  „Dichten  Sie  man  druf“,  sagte  er  seelenvergnügt  zu  einem
patriotischen  Poeten;  „in  solchen  Zeiten  muß  Jeder  singen  wie  es  ihm
um's  Herz  ist,  der  Eine  mit  dem  Schnabel,  der  Andere  mit  dem  Sabell“

So  war  der  Held,  den  die  Stimme  der  Nation  zum  Führer  wählte
—  ein  rechter  Germane,  nur  germanischen  Menschen  ganz  verständlich  in
der  rauhen  Größe,  der  formlosen  Ursprünglichkeit  seines  Wesens.  Die
Franzosen  haben  ihm  niemals  auch  nur  jene  bedingte  Anerkennung  geschenkt,
  welche  der  anhaltende  Erfolg  selbst  dem  Besiegten  abzuzwingen
pflegt.  Er  selber  konnte  in  die  feine  romanische  Art  sich  nicht  finden  und
        <pb n="465" />
        Beginn  des  Frühjahrsfeldzugs.  455

meinte  noch  als  die  Wuth  des  Kampfes  längst  verraucht  war:  „dies  Volk
ist  mich  zuwider!“  —  während  ihm  der  laute  Freimuth  und  der  derbe
Humor  „des  närrischen  Volkes“  der  Engländer  von  Herzen  behagten.  So—
bald  der  Krieg  begann  widmete  er  sich  mit  ganzer  Kraft  seinem  Berufe
und  legte  sogar  die  geliebten  Spielkarten  aus  der  Hand  um  sie  nicht  wieder
zu  berühren  vor  dem  Einzuge  in  Paris.  Er  kannte  die  Gebrechen  seiner
Bildung  und  wußte,  daß  er  eines  methodisch  geschulten  Kopfes  bedurfte,
der  ihm  die  Gedanken  für  die  Kriegführung  angab.  So  hatte  er  im  Feld—
zuge  von  1806  die  Ideen  Scharnhorst's  ausgeführt;  neidlos,  in  aufrich—
tiger  Bescheidenheit  erkannte  er  die  geistige  Ueberlegenheit  des  Freundes
an  und  freute  sich  ihn  auch  diesmal  als  Generalquartiermeister  an  seiner
Seite  zu  sehen.  Mit  diesem  hellen  Kopfe  und  seiner  eigenen  Verwegen—
heit  dachte  er  der  ganzen  Welt  zu  trotzen  —  denn  einen  vielköpfigen
Kriegsrath  hat  der  Alte  nie  gehalten.

Doch  vorläufig  stand  er  selbst  noch  unter  russischem  Oberbefehle.
Nach  dem  Tode  des  unfähigen  alten  Feldmarschalls  Kutusow  übernahm
General  Wittgenstein  die  Führung  des  verbündeten  Heeres,  ein  tapferer
wohlmeinender  Soldat  ohne  die  Gaben  des  Feldherrn.  Das  russische
Hauptquartier  war,  stolz  auf  die  Erfolge  des  jüngsten  Jahres,  wenig  ge—
neigt  auf  die  Rathschläge  der  Preußen  zu  hören.  Schon  am  Tage  nach
dem  Aufrufe  des  Königs  brach  Blücher  aus  Breslau  auf,  überschritt  die
Elbe  bei  Dresden,  unterwarf  fast  ganz  Sachsen  bis  auf  die  Festungen
und  rückte  in  den  ersten  Tagen  des  April  bis  in  die  Altenburger  Gegend;
seine  leichten  Truppen  schweiften  weit  nach  Westen,  über  Gotha  hinaus.
Gleichzeitig  näherten  sich  im  Norden  York  und  Bülow  der  Elbe,  schlugen
den  Vicekönig  Eugen  in  dem  glänzenden  Gefechte  von  Möckern  —  dem
ersten  größeren  Treffen,  das  den  Franzosen  zeigte,  daß  sie  nicht  mehr  mit
dem  Heere  von  1806  zu  thun  hatten  —  und  gingen  im  Anhaltischen  auf
das  linke  Ufer  des  Stromes  über.

Wenn  Scharnhorst  und  seine  Freunde  anfangs  hofften,  es  werde  ge—
lingen  vor  Napoleon's  Ankunft  einen  großen  Theil  von  Westdeutschland  zu
besetzen  und  überall  die  Volksbewaffnung  in  Gang  zu  bringen,  so  mußten
sie  bald  erkennen,  wie  wenig  die  verfügbaren  Streitkräfte  vorderhand  noch
für  so  großartige  Entwürfe  ausreichten.  Ein  glücklicher  Angriff  des  kleinen
Dörnberg'schen  Corps  auf  Lüneburg  gab  zwar  ein  erhebendes  Zeugniß
von  der  Tapferkeit  des  jungen  Heeres  —  die  Soldaten  priesen  den  ersten
Ritter  des  eisernen  Kreuzes,  Major  Borcke,  die  Poeten  besangen  das
Heldenmädchen  Johanna  Stegen,  das  den  Kämpfern  im  dichten  Kugel—
regen  Pulver  und  Blei  zutrug  —  jedoch  das  vereinzelte  Unternehmen
hatte  keine  bleibenden  Folgen.  Eine  Schilderhebung  der  Patrioten  im
Bremischen  wurde  durch  Vandamme,  den  rohesten  und  wüstesten  der
napoleonischen  Generale,  rasch  niedergeworfen  und  grausam  bestraft.  Auch
von  den  Festungen  diesseits  der  Elbe  waren  bis  zu  Ende  April  nur  Thorn
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        456  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

und  Spandau  den  Franzosen  entrissen.  Eine  kühne  Kriegführung,  wie
sie  Scharnhorst  verlangte,  konnte  gleichwohl  die  Armee  des  Vicekönigs  im
Magdeburger  Lande  vernichten  bevor  Napoleon's  Hauptheer  herankam.
Aber  das  russische  Hauptquartier  blieb  wochenlang  unbeweglich  in  Polen.
Der  Czar  bedurfte  längere  Zeit  um  seine  Armee,  deren  Schwäche  mit
seinen  eigenen  prahlerischen  Angaben  in  lächerlichem  Widerspruche  stand,
zu  verstärken;  auch  wollte  er  Polen  nicht  verlassen  bevor  die  Ruhe  in  dem
aufgeregten  Lande  durch  eine  genügende  Truppenmacht  gesichert  war.
Dazu  die  Unlust  seiner  Generale  und  die  peinlichen  Zweifel  über  die  Absichten
  Oesterreichs,  das  aus  seiner  starken  Flankenstellung  heraus  den
Verbündeten  hochgefährlich  werden  konnte.  Erst  am  24.  April  zog  das
russische  Hauptheer  in  Dresden  ein  um  sich  dann  nach  langsamen  Märschen
  südlich  von  Leipzig  mit  Blücher  zu  vereinigen.

Mittlerweile  hatte  Napoleon  seine  Rüstungen  mächtig  gefördert.  Wohl
lagen  tausende  der  erprobten  Veteranen  im  russischen  Schnee  begraben.
Die  jungen  Conseribirten  standen  den  alten  Kameraden  weit  nach,  viele
hatte  man  in  Ketten  zu  den  Regimentern  schleppen  müssen;  auch  die  Marschälle
  begannen  der  unendlichen  Kriegsarbeit  satt  zu  werden  und  sehnten
sich  nach  friedlichem  Genusse  der  erbeuteten  Schätze.  Die  Ueberlegenheit
der  sittlichen  Spannkraft  und  des  kriegerischen  Feuers,  die  vordem  den
napoleonischen  Heeren  eigen  gewesen,  war  jetzt  ganz  und  gar  auf  die  Preußhen
  übergegangen.  Immerhin  blieb  das  Weltreich,  das  seit  Jahren  von
keinem  Feinde  betreten  worden,  durch  seine  unermeßlichen  Hilfsquellen  den
Verbündeten  weitaus  überlegen.  Während  Bertrand  aus  Italien  durch
Baiern  heranzog,  versammelten  sich  die  übrigen  Corps  der  Franzosen  und
Rheinbündner  am  Niederrhein,  bei  Frankfurt  und  im  Würzburgischen.
In  den  letzten  Tagen  des  April  rückte  Napoleon  selbst  mit  dem  Hauptheere
  auf  der  Frankfurt-Leipziger  Straße  durch  Thüringen  ostwärts  und
vereinigte  sich  am  29.  bei  Naumburg  mit  der  Armee  des  Vicekönigs.  Er
gebot  über  eine  Feldarmee  von  mindestens  180,000  Mann,  ungerechnet
die  Garnisonen  der  deutschen  Festungen,  und  die  Verbündeten  konnten  ihm
zunächst  nur  etwa  98,000  Mann  entgegenstellen.)  Scharnhorst  wünschte
anfangs  die  Schlacht  in  der  freien  Ebene  von  Leipzig,  wo  die  überlegene
Reiterei  der  Verbündeten  zur  vollen  Wirksamkeit  gelangen  konnte.  Das
russische  Hauptquartier  dagegen  beschloß,  südlich  von  dem  alten  Lützener
Schlachtfelde,  in  dem  sumpfigen,  von  Gräben,  Hecken  und  Hohlwegen  durchschnittenen
  Wiesenlande  bei  Großgörschen,  das  zur  Entfaltung  großer
Reitermassen  wenig  Raum  bot,  einen  Vorstoß  gegen  die  rechte  Flanke  des
nach  Leipzig  vorrückenden  Feindes  zu  wagen.  Scharnhorst  gab  zuerst  den

 

*)  Selbst  C.  Rousset,  der  überall  gewissenhaft  die  niedrigsten  Zahlen  ansetzt,  berechnet
  die  Stärke  der  vereinigten  Heere  Napoleon's  und  Eugen's  auf  170,000  Mann
(La  grande  armée  de  1813  S.  113);  und  davon  nahmen  drei  Viertel  (sechs  von  acht
Armeecorps)  an  der  Großgörschener  Schlacht  Theil.
        <pb n="467" />
        Schlacht  von  Großgörschen.  457

einfach  kühnen  Rath:  man  solle  die  Uebermacht  des  Feindes  schon  auf  dem
Anmarsch  überraschen,  seine  Marschcolonnen  durch  einen  Flankenangriff
durchbrechen.  Der  verwegene  Plan  konnte  nur  durch  die  höchste  Schnellig—
keit  und  Einfachheit  der  Ausführung  gelingen.  General  Diebitsch,  der  in
Wittgenstein's  Auftrag  die  Anordnungen  traf,  leitete  jedoch  den  Anmarsch  so
unglücklich,  daß  die  Corps  von  Blücher  und  York  einander  durchkreuzten.

Erst  um  Mittag  des  2.  Mai  konnten  die  Preußen  den  Angriff  be—
ginnen  auf  die  zwischen  den  Büschen  versteckten  vier  Dörfer  Groß-  und
Klein-Görschen,  Rahna  und  Caja,  welche  Ney  mit  gewaltiger  Uebermacht
hielt.  Unter  brausendem  Hurrahruf  stürmten  ihre  Regimenter  heran,
noch  niemals  waren  die  französischen  Legionen  einem  solchen  Ungestüm
kriegerischer  Begeisterung  begegnet.  Nichts  von  der  natürlichen  Unsicherheit
  junger  Truppen;  ein  Sturm  des  Zornes  schien  Jeden  fortzureißen;
Niemand  konnte  sich  auszeichnen,  so  groß  war  die  Tapferkeit  Aller!  Nach
zweistündigem  mörderischem  Kampfe  wurden  drei  von  den  Dörfern  den
Franzosen  entrissen.  Da  eilte  Napoleon  selbst  von  der  Leipziger  Straße
herbei,  versuchte  mit  frischen  Truppen  die  Schlacht  herzustellen.  Er  mußte
mit  ansehen,  wie  die  preußische  Garde  durch  einen  zweiten  furchtbaren
Angriff  die  vier  Dörfer  sämmtlich  nahm;  kam  die  Reserve  der  Verbün—
deten  rechtzeitig  heran,  so  war  die  Marschlinie  der  Franzosen  durchbrochen,
ihrem  Hauptheere  eine  schwere  Niederlage  bereitet.  Auf  einen  Augenblick
wurde  der  Imperator  unsicher.  „Glaubt  Ihr,  daß  mein  Stern  unter—
geht?“  fragte  er  zweifelnd  seinen  Berthier,  und  beim  Anblick  des  Todes—
muthes  der  Preußen  entfuhr  ihm  der  Ausruf:  „Diese  Thiere  haben  etwas
gelernt.“  Doch  Wittgenstein's  Reserven  blieben  aus;  das  Corps  von  Milo—
radowitsch  wurde  durch  ein  unglückliches  Mißverständniß  dem  Schlacht—
felde  fern  gehalten,  und  die  russischen  Garden  erschienen  erst  auf  der
Wahlstatt  als  mit  dem  Anbruch  der  Nacht  der  Kampf  zu  Ende  ging.  Die
Reiterei  der  Verbündeten  gelangte  nicht  zu  entscheidendem  Eingreifen,  da
Wittgenstein  sich  völlig  unfähig  zeigte  die  Leitung  des  Heeres  in  der  Hand
zu  behalten  und  eigentlich  Niemand  den  Oberbefehl  führte;  ihr  Fußvolk
verbiß  sich  in  den  blutigen  Kampf  um  die  Dörfer,  der  bei  der  Ueber—
legenheit  der  feindlichen  Infanterie  keinen  günstigen  Ausgang  versprach.
Währenddem  zog  Napoleon  von  Norden  her  neue  Verstärkungen  heran,
und  gegen  sieben  Uhr  fühlte  er  sich  stark  genug  um,  nach  seiner  Gewohn—
heit,  unter  dem  Schutze  einer  mächtigen  Artilleriemasse  einen  entscheiden—
den  Stoß  zu  wagen.  Als  die  Finsterniß  hereinbrach,  behaupteten  sich  die
Preußen  nur  noch  in  Großgörschen,  die  drei  anderen  Dörfer  waren  von
den  Franzosen  zurückgewonnen,  der  Feind  hielt  das  Heer  der  Alliirten  in
weitem  Bogen  umklammert.  Ein  letzter  verzweifelter  Angriff  der  Reiterei
von  Blücher  auf  gut  Glück  in  das  Dunkel  der  Nacht  hinein  geführt
scheiterte  an  der  Ungunst  des  Terrains.

Noch  war  die  Schlacht  nicht  gänzlich  verloren;  Jedermann  im  preu-
        <pb n="468" />
        458  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Hhischen  Lager  erwartete  die  Wiederaufnahme  des  Gefechts  für  den  folgenden
  Morgen;  aber  hatten  die  Verbündeten  schon  am  Abend  mit  ihren
70,000  Mann  gegen  eine  fast  zweifache  Uebermacht  gefochten,  so  mußten
sie  am  nächsten  Tage,  wenn  Napoleon  alle  seine  Streitkräfte  aus  der
Leipziger  Umgegend  herangezogen  hatte,  einem  noch  ungleicheren  Kampfe
entgegensehen.  Unverfolgt  traten  sie  den  Rückzug  nach  der  oberen  Elbe
an.  Mindestens  10,000  Mann  von  den  Verbündeten  und  eine  weit  größere
  Anzahl  Franzosen  waren  auf  dem  Schlachtfelde  geblieben.  Die  Truppen
fühlten  sich  unbesiegt,  sie  hatten  selber  mehrere  Trophäen  erbeutet  und
keine  einzige  in  den  Händen  des  glücklichen  Gegners  zurückgelassen;  überall
  wo  sie  den  Feind  in  gleicher  Anzahl  getroffen,  waren  sie  ihm  überlegen
  gewesen.  Die  Kosaken  riefen  auf  dem  Rückzuge  fröhlich  ihr:  Pascholl!
Franzos  kaput!  Im  preußischen  Heere  lebte  das  stolze  Bewußtsein,  daß
man  unter  fremden  und  unfähigen  Führern  die  Ehre  der  Fahnen  wieder
hergestellt,  den  Siegern  von  Jena  sich  ebenbürtig  erwiesen  habe.  Hingerissen
  von  dem  Anblick  der  wieder  erwachten  deutschen  Waffengröße  sang
Arndt  sein  Lied  auf  den  Tag  von  Großgörschen:

Tapfre  Preußen,  tapfre  Preußen,

Heldenmänner,  seid  gegrüßt!

Beste  Deutsche  sollt  ihr  heißen

Wenn  der  neue  Bund  sich  schließt!

Unter  den  Opfern  des  blutigen  Tages  war  auch  Scharnhorst.  Im
siebenjährigen  Kriege  hatte  ein  grausames  Geschick  fast  alle  preußischen
Heerführer  dahingerafft;  während  des  Befreiungskrieges  blieben  sie  sämmtlich
  verschont.  Nur  dieser  eine  Eine  fiel  —  der  mächtige  Geist,  aus  dessen
lichtem  Haupte  das  deutsche  Volksheer  gepanzert  aufstieg  wie  Pallas  aus
dem  Haupte  des  Zeus.  Er  wollte  die  leichte  Wunde,  die  er  bei  Großgörschen
  empfangen,  nicht  ruhig  heilen  lassen.  Seit  man  die  Schwäche
der  russischen  Armee  und  die  Lauheit  ihrer  Führer  vor  Augen  sah,  stand
im  preußischen  Hauptquartiere  die  Ueberzeugung  fest,  daß  nur  Oesterreichs
Beistand  den  Sieg  verbürge.  Bald  nach  der  Schlacht  kündigte  der  König
in  einem  Parolebefehle  seinen  Truppen  an:  „in  wenigen  Tagen  wird  uns
eine  neue  mächtige  Hilfe  zur  Seite  stehen.“  Scharnhorst  wußte,  auf  wie
schwachen  Füßen  diese  Hoffnung  stand,  und  beschloß  daher,  trotz  der  Warnungen
  der  Aerzte,  selber  nach  Wien  zu  gehen  und  durch  persönliche  Ueberredung
  den  österreichischen  Staatsmännern  den  entscheidenden  Entschluß
zu  entreißen.  Unterwegs  verschlimmerte  sich  die  Wunde.  Während  er  in
Böhmen  einsam  auf  dem  Krankenbette  lag,  schweiften  seine  Gedanken  hinüber
  zu  dem  vaterländischen  Heere.  So  viel  herrliche  Kraft  war  vergeudet
  durch  die  Fehler  der  russischen  Heeresleitung;  er  hatte  die  Preußen
gerüstet  und  fühlte,  daß  er  sie  zum  Siege  führen  würde  wenn  man  ihn
frei  gewähren  ließ  an  Blücher's  Seite.  Der  sterbende  Mann  konnte  den
großen  Ehrgeiz,  der  ihn  verzehrte,  nicht  länger  in  seiner  verschlossenen
        <pb n="469" />
        Scharnhorst's  Tod.  459

Brust  verbergen  und  schrieb  an  seine  Tochter  —  nur  für  sie,  damit  sie
wisse,  „wie  Dein  Vater  dachte,  wenn  ich  einst  nicht  mehr  da  sein  sollte:
An  Distinctionen  ist  mir  nichts  gelegen.  Da  ich  die  nicht  erhalte,  welche
ich  verdiene,  so  ist  mir  jede  andere  eine  Beleidigung,  und  ich  würde  mich
verachten  wenn  ich  anders  dächte.  Alle  Orden  und  mein  Leben  gäbe  ich
für  das  Commando  eines  Tages!“  Es  sollte  nicht  sein.  Am  28.  Juni
erlag  er  seiner  Wunde;  seine  letzten  Worte  weissagten  den  Deutschen  die
Freiheit.  Tragischer  hat  Keiner  geendet  von  den  schöpferischen  Geistern
unserer  Geschichte.  Ohne  Scharnhorst  kein  Leipzig,  kein  Belle  Alliance,
kein  Sedan,  und  der  die  Saat  so  vieler  Siege  streute  sollte  selber  Preußens
Fahnen  niemals  glücklich  sehen!  Erschütternd  trat  das  große  Räthsel  des
Menschenschicksals  den  Ueberlebenden  vor  die  Seele;  immer  wieder,  wenn
sie  dieses  Toden  gedachten,  überkam  sie  die  Ahnung,  daß  unser  Leben  nicht
abschließt  mit  dem  letzten  Athemzuge.  Wie  oft  hat  Blücher  nach  erfoch—
tenem  Siege  in  feuriger  Rede  den  Schatten  seines  Scharnhorst  angerufen,
er  solle  niederschauen  auf  die  Vollendung  seines  Werkes!  Dem  Dichter
aber  erschien  der  Gefallene  wie  ein  Siegesbote,  den  die  befreiten  Germanen
ihren  Ahnen  nach  Walhalla  sendeten:

„Nur  ein  Held  darf  Helden  Botschaft  tragen.
Darum  muß  Germaniens  bester  Mann,
Scharnhorst  muß  die  Botschaft  tragen:
Unser  Joch  das  wollen  wir  zerschlagen,

Und  der  Rache  Tag  bricht  an!

So  viel  Ehre  die  Schlacht  von  Großgörschen  den  jungen  preußischen
Truppen  brachte,  sie  war  doch  eine  Niederlage,  verhängnißvoll  durch  ihre
politischen  Folgen.  Der  Ruf  der  napoleonischen  Unüberwindlichkeit  stand
nunmehr  wieder  aufrecht;  kein  Gedanke  mehr  an  einen  Abfall  der  rheinbündischen
  Höfe.  Friedrich  August  von  Sachsen  war  soeben  erst,  am
20.  April,  durch  einen  geheimen  Vertrag  zu  Oesterreich  und  der  Politik
der  bewaffneten  Vermittlung  übergetreten.  Auf  die  Nachricht  von  Napoleon's
  Siege  kehrte  er  sofort,  noch  bevor  eine  drohende  Mahnung  des
Protectors  ihn  ereilte,  wieder  zu  den  Fahnen  zurück,  denen  sein  Herz
immer  angehangen;  hatte  er  doch  schon  vor  Wochen  seinen  Obersten  Odeleben
  in  das  französische  Hauptquartier  gesendet  um  dem  Imperator  als
Führer  durch  Thüringen  zu  dienen!  Senfft,  der  Vertreter  der  Neutralitätspolitik,
  ward  entlassen,  die  Armee  und  das  Land  dem  Großen  Alliirten
zur  Verfügung  gestellt.  General  Thielmann  erhielt  Befehl,  Torgau  den
Franzosen  zu  öffnen  und  trat,  da  seine  Truppen  den  Weisungen  ihres
Königs  unbedingt  gehorchten,  allein  zu  den  Verbündeten  über,  nur  begleitet
von  dem  genialen  Aster,  dem  deutschen  Vauban.  Der  Besitz  der  sächsischen
Festungen  erlaubte  den  Franzosen  den  Krieg  um  Monate  zu  verlängern.
Ein  hartes  Strafgericht  erging  über  die  treuen  Preußen  in  Cottbus,  die  im
März,  als  Blücher's  Heer  einzog,  sich  sofort  jubelnd  der  deutschen  Sache
        <pb n="470" />
        460  I.  4.  Der  Befreiungzkrieg.

angeschlossen,  zahlreiche  Freiwillige  unter  die  Fahnen  ihres  alten  Landesherrn
  gestellt  hatten.  Sobald  die  sächsische  Herrschaft  zurückkam,  wurde
das  Cottbuser  Land  von  den  Franzosen  in  Belagerungszustand  erklärt,  eine
Anzahl  der  angesehensten  Patrioten,  der  wackere  Landrath  von  Normann
voran,  auf  die  Anzeige  der  sächsischen  Beamten  in  das  Gefängniß  geworfen
und  den  Familien  der  Freiwilligen,  bei  Strafe  der  Vermögenseinziehung,
anbefohlen  ihre  Söhne  zur  Heimkehr  aufzufordern.  Diese  boshafte  Verfolgung
  erfüllte  die  Bewohner  des  Landes  mit  so  ingrimmigem  Hasse,
daß  sie  nach  der  Wiederbefreiung  den  König  baten,  er  möge  sie  der  Kurmark,
  nicht  der  Provinz  Sachsen  zutheilen:  „wir  wünschen  nie  wieder  mit
den  sächsischen  Behörden  in  ein  näheres  Verhältniß  zu  treten,  auch  dann
nicht  wenn  sie  den  k.  preußischen  Unterthanen  zugesellt  werden  sollten.“)

Auf  Befehl  des  Protectors  eilte  Friedrich  August  selbst  aus  Prag
herbei  um  durch  die  Spaliere  französischer  Truppen  in  der  sächsischen
Hauptstadt  einzuziehen,  und  das  neutrale  Oesterreich  ließ  den  abtrünnigen
Bundesgenossen  ungehindert  in  das  napoleonische  Feldlager  zurückkehren.
Der  Imperator  empfing  ihn  um  so  freudiger,  da  er  aus  dem  Hergange
errieth,  daß  Kaiser  Franz  noch  keineswegs  entschlossen  war  zu  den  Verbündeten
  überzutreten.  Fortan  fuhr  der  sächsische  Hof  wieder  mit  vollen
Segeln  im  Fahrwasser  der  französischen  Allianz:  er  hoffte  abermals  auf
Preußens  Kosten  sich  zu  vergrößern  und  erbat  sich  bei  dem  Protector  für
den  Fall  des  Friedens:  Glogau  und  einen  Strich  von  Schlesien,  dergestalt
daß  Kursachsen  mit  Warschau  ein  zusammenhängendes  Gebiet  bilden  sollte.
König  Friedrich  Wilhelm  aber  sagte  schon  im  Mai  einem  sächsischen  Edelmanne
  voraus:  der  Untergang  der  albertinischen  Krone  werde  die  unvermeidliche
  Folge  solcher  Treulosigkeit  sein.

Die  Verbündeten  waren  mittlerweile  über  die  Elbe  in  die  Oberlausitz
  zurückgewichen.  Napoleon  folgte;  sein  Heer  stand  zerstreut  auf  der
weiten  Linie  von  Dresden  bis  Wittenberg.  Er  faßte  jetzt  zum  ersten
male  den  Plan  zu  einem  Angriff  auf  Berlin  —  einen  Gedanken,  der
seitdem  in  allen  Berechnungen  dieses  Feldzugs  immer  wiederkehrte:  während
  er  selbst  der  Armee  der  Allüurten  ostwärts  folgte,  sollte  Ney  durch
einen  raschen  Zug  gen  Norden  den  gehaßtesten  und  gefährlichsten  der
Feinde  in  seiner  Hauptstadt  bedrohen.  Das  preußische  Hauptquartier
war  auf  das  Aergste  gefaßt  und  traf  bereits  Anstalten,  Berlin  nöthigenfalls
  im  Straßenkampfe  durch  den  Landsturm  zu  vertheidigen.  Die  Armee
jedoch  blieb  mit  den  Russen  vereinigt;  der  König  wollte  die  Stellung  in
der  Nähe  der  österreichischen  Grenze  behaupten,  er  hoffte  durch  einen  Sieg
des  vereinigten  Heeres  die  zaudernde  Hofburg  zum  Anschluß  zu  bewegen.
In  der  That  war  ein  Erfolg  möglich,  wenn  Wittgenstein  sogleich  mit
seinem  gesammelten  Heere  einen  Angriff  auf  Napoleon  unternahm,  bevor
dieser  seine  Armee  vereinigt  hatte.  Die  russische  Führung  aber,  die  in

*)  Eingabe  der  Deputirten  des  Cottbuser  Kreises  an  den  König,  Berlin  25.  Aug.  1814.
        <pb n="471" />
        Schlacht  bei  Bautzen.  461

jenen  Tagen  wesentlich  durch  die  dilettantischen  Einfälle  des  Czaren  selber
bestimmt  wurde,  beschloß,  dem  Rathe  der  preußischen  Generale  zuwider,
bei  Bautzen  eine  Defensivschlacht  anzunehmen  und  gewährte  also  dem
Imperator,  der  die  Gedanken  der  Gegner  alsbald  durchschaute,  genügende
Zeit  um  seine  Streitkräfte  zu  versammeln  und  auch  Ney's  Armee  zurückzurufen.
  Während  die  Hauptarmee  unthätig  bei  Bautzen  stand,  sollten
die  zwei  schwachen  Corps  von  York  und  Barclay  de  Tolly  durch  ein  Ausfallsgefecht
  die  heranrückenden  dreifach  überlegenen  Heersäulen  Ney's  und
Lauriston's  zurückwerfen.  Mit  höchster  Kühnheit  versuchte  York  sich  des
unmöglichen  Auftrags  zu  entledigen;  durch  das  blutige  Waldgefecht  bei
Königswartha  (19.  Mai)  hat  er  sich  zuerst  den  Namen  des  Schlachtengenerals,
  seinen  altpreußischen  Regimentern  ein  furchtbares  Ansehen  bei
Freund  und  Feind  gesichert;  wunderbar  zäh  und  verwegen  hielt  er  aus
in  dem  ungleichen  Kampfe  und  brachte  seine  kleine  Schaar  in  guter
Ordnung  wieder  zu  dem  Hauptheere  zurück.  Aber  mit  entsetzlichen
Opfern  hatten  die  Preußen  die  Thorheit  des  Czaren  bezahlen  müssen;
mehr  als  die  Hälfte  der  Brigade  Steinmetz  lag  auf  dem  Schlachtfelde,
und  die  Vereinigung  Ney's  mit  der  französischen  Hauptarmee  war  doch
nicht  verhindert.

So  konnte  denn  Napoleon  am  20.  Mai  seine  gesammten  170,000
Mann  gegen  die  80,000  Alliirten  zur  Schlacht  vorführen.  Die  Verbündeten
  erwarteten  den  Angriff  in  weitgedehnter  Sellung  auf  dem  steilen
rechten  Ufer  des  tiefen  Spreethals,  mit  der  Front  nach  Westen;  ihr  linker
Flügel  lehnte  sich  an  jene  waldigen  Höhen  des  Lausitzer  Gebirges,  von
denen  einst  Loundon  gegen  das  Hochkircher  Lager  herniedergestürmt  war,
der  rechte  stand  ungedeckt  in  der  freien  Ebene.  Napoleon  griff  am  ersten
Schlachttage  den  linken  Flügel  der  Gegner  an,  überschritt  den  Fluß,  besetzte
  Bautzen  und  verleitete  also  den  Czaren  zu  dem  Glauben,  daß  die
Franzosen  die  Entscheidung  auf  der  Linken  der  Allürten  suchten,  das  verbündete
  Heer  vom  Gebirge  abschneiden  wollten.  Die  Absicht  des  Imperators
  ging  aber  vielmehr  dahin,  den  bloßgestellten  rechten  Flügel  der  Verbündeten
  zu  werfen,  dann  ihr  Centrum  zu  umklammern  und  die  geschlagene
Armee  zu  dem  gefahrvollen  Rückzuge  südwärts  in's  Gebirge  hinein  zu
zwingen.  Während  nun  die  Russen  ihre  wohlgesicherte  Linke  noch  mehr
verstärkten,  warf  sich  Napoleon  am  zweiten  Schlachttage  mit  Macht  auf
den  schwachen  rechten  Flügel  unter  Barclay  de  Tolly,  schlug  ihn  gänzlich
  und  drang  dann  gegen  die  Kreckwitzer  Höhen  vor,  welche  Blücher  mit
dem  Centrum  hielt.  Nach  langem  mörderischem  Kampfe  war  auch  diese
Position  fast  umgangen,  die  Linien  der  Verbündeten  bildeten  bereits  einen
weit  zurückgebogenen  Haken.  Da  erkannte  Knesebeck  die  Gefahr  einer
völligen  Niederlage;  er  bestand  darauf,  daß  die  Schlacht  abgebrochen  wurde
und  rettete  so  das  Heer.  Gegen  drei  Uhr  trat  Blücher  in  musterhafter
Ordnung  den  Rückzug  an,  und  als  der  Abend  hereinbrach,  hatte  der  Sieger
        <pb n="472" />
        462  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

durch  die  blutige  Arbeit  zweier  Tage  nichts  weiter  gewonnen  als  den  Besitz
des  Schlachtfeldes.  „Was?“  —  rief  er  grimmig,  —  „kein  Ergebniß,  keine
Trophäen,  keine  Gefangenen  nach  einer  solchen  Schlächterei?"  40,000
Mann  waren  gefallen,  davon  25,000  Franzosen;  die  Flammen  der  brennenden
  Dörfer  ringsum  beleuchteten  die  gräßliche  Wahlstatt.

Sofort  nach  dem  unfruchtbaren  Siege  nahm  Napoleon  seine  alten
Pläne  wieder  auf  und  entsendete  Oudinot's  Corps  gegen  Berlin;  der  aber
wurde  von  Bülow  und  Oppen  nach  einem  wüthenden  Kampfe  in  der
brennenden  Vorstadt  von  Luckau  zurückgeworfen  (4.  Juni).  Es  war  das
erste  jener  vier  blutigen  Treffen  und  Schlachten,  wodurch  Preußen  sich
in  diesem  Sommer  den  Besitz  seiner  Hauptstadt  sicherte.  In  denselben
Tagen  jedoch  ging  das  befreite  Hamburg  wieder  an  die  Franzosen  verloren.
  Die  unkriegerischen  Gewohnheiten  der  reichen  Handelsstadt  rächten
sich  in  der  Zeit  der  Noth.  Der  schwerfällige  bedachtsame  Senat  wußte
nichts  anzufangen  mit  dem  tapferen  Bürger  Mettlerkamp  und  den  vielen
anderen  wackeren  Patrioten,  die  sich  zur  Vertheidigung  der  Vaterstadt
erboten.  Tettenborn's  Leichtsinn  hatte  für  die  Sicherung  des  gefährdeten
Platzes  wenig  gethan;  Bernadotte  wollte,  da  er  in  Pommern  das  versprochene
  russische  Hilfscorps  nicht  vorfand,  seine  kleine  schwedische  Armee
nicht  auf  das  Spiel  setzen  und  unterließ  jeden  Entsatzversuch.  Schon
am  30.  Mai  konnte  Davoust  in  die  rebellische  gute  Stadt  des  Kaiserreichs
  wieder  einziehen.  Eine  Schreckensherrschaft  brach  herein,  wie  der
deutsche  Boden  sie  noch  nie  gesehen;  Standgerichte  und  Brandschatzungen
zeigten  den  deutschen  Bürgern  was  es  heiße,  dem  Kaiser  der  Franzosen
den  Gehorsam  aufzusagen.  Der  offene  Platz  wurde  rasch  mit  Festungswerken
  umgeben,  wobei  die  unglücklichen  Bewohner  selber  schanzen  mußten,
und  durch  die  Vertreibung  von  25,000  armen  Leuten  für  eine  lange  Vertheidigung
  eingerichtet.  Die  feste  Elblinie  von  Dresden  bis  zur  See  war
wieder  in  Frankreichs  Händen.

In  einem  Kriegsrathe  der  Monarchen  zu  Lauban  vertrat  Hardenberg,
  unterstützt  von  den  preußischen  Generalen,  die  Ansicht,  daß  die
alliirte  Armee,  statt  gradeswegs  nach  Osten  zurückzugehen,  vielmehr  südwärts
  nach  Schweidnitz  an  die  Abhänge  des  Riesengebirges  ausbiegen
solle.'"“  So  gab  man  zwar,  Alles  auf  eine  Karte  setzend,  die  Hauptmasse
der  preußischen  Monarchie  rücksichtslos  dem  Feinde  preis,  doch  man  hielt
die  Verbindung  mit  Oesterreich  fest  und  damit  die  letzte  Möglichkeit  des
Sieges.  Der  Rath  ward  befolgt.  Dann  ließ  Blücher  in  der  Ebene  von
Haynau  seine  Reiter  plötzlich  aus  einem  Hinterhalte  gegen  die  Spitzen
der  nachdrängenden  französischen  Armee  vorbrechen  (26.  Mai)  und  warf
die  Feinde  so  weit  zurück,  daß  sie  die  Fühlung  mit  den  Alliirten  verloren
und  die  veränderte  Richtung  des  Rückzugs  nicht  bemerkten.  Mit  Befremden
  entdeckte  Napoleon  nach  einigen  Tagen,  daß  die  Verbündeten  in

*)  Hardenberg's  Journal,  23.  Mai  1813.
        <pb n="473" />
        Waffenstillstand  von  Pläswitz.  463

seiner  rechten  Flanke  standen.  Wie  gern  hat  der  greise  preußische  Held
noch  in  späteren  Tagen  dieses  ersten  fröhlichen  Empfanges  gedacht,  den
er  dem  Feinde  auf  preußischem  Boden  bereitet;  zum  ersten  male  in  diesem
Feldzuge  lächelte  ihm  das  Glück,  und  seiner  Lieblingswaffe  allein  verdankte
er  den  schönen  Erfolg.  Zuversichtlich  wie  er  sah  das  gesammte  preußische
Heer  neuen  Schlachten  entgegen;  in  allen  den  hartnäckigen  Kämpfen  dieses
Rückzugs  zeigte  der  deutsche  Soldat  eine  unverwüstliche  Freudigkeit  und
Frische.  Mehr  als  zwanzig  Gefechte  und  zwei  große  Schlachten  waren
geschlagen,  fünfzig  Kanonen  und  viele  Gefangene  den  Franzosen  abge—
nommen,  Napoleon  aber  hatte  keine  einzige  Trophäe  in  seinen  Händen.
Anders  war  die  Stimmung  im  russischen  Lager.  Die  von  Haus  aus
mäßige  Kriegslust  der  Generale  erlahmte  gänzlich  seit  sie  sich  wieder  in
die  äußerste  Ostecke  Deutschlands  zurückgedrängt  sahen;  abermals  wie  vor
sechs  Jahren  vernahm  man  die  unmuthige  Frage:  wozu  uns  opfern  für
fremde  Zwecke?  Barclay  de  Tolly,  der  unterdessen  den  Oberbefehl  übernommen,
  erklärte  bestimmt,  sein  erschöpftes  Heer  bedürfe  der  Ruhe,  müsse
in  Polen  wiederhergestellt  und  verstärkt  werden.  Blücher  aber  wollte  sich
dann  von  den  Russen  trennen  und  südlich  am  Fuße  der  Glatzer  Berge  dem
Feinde  Stand  halten.')  Schon  war  der  Abmarsch  der  Russen  über  die
Oder  angeordnet,  das  Kalischer  Bündniß  drohte  auseinanderzugehen.  Da
brachte  ein  schwerer  Mißgriff  Napoleon's  den  Alliirten  die  Waffenruhe,  die
ihre  Rettung  werden  sollte.

Wie  laut  er  auch  in  seinen  Bulletins  prahlte,  so  unterschätzte  Napoleon
  doch  nicht  die  Gefahren  seiner  scheinbar  so  glänzenden  Lage.  Wohl
hielt  er  alle  Lande  des  rechten  Elbufers,  dazu  die  Lausitz  und  einen  Theil
von  Schlesien  in  seiner  Gewalt,  jedoch  er  sah  auch  die  zunehmende  Verwilderung
  seines  Heeres  und  fürchtete  die  unberechenbaren  Mächte  eines
verzweifelten  Volkskrieges.  Wenn  er  jetzt,  mit  den  Kränzen  zweier  neuer
Siege  um  die  Stirn,  die  Hand  zum  Frieden  bot,  so  ließ  sich  vielleicht
ein  Abkommen  erreichen,  das  dem  Kaiserreiche  seine  constitutionellen  Grenzen
  sicherte,  und  der  Vernichtungskampf  gegen  Preußen  mochte  nach  einiger
Zeit  unter  günstigeren  Umständen  wieder  aufsgenommen  werden.  Der  so
oft  erprobte  beste  Bundesgenosse  des  kaiserlichen  Frankreichs,  die  Zwietracht
der  Ostmächte  konnte  wohl  auch  diesmal  noch  seine  Dienste  thun.  Von
den  Vermittlungsversuchen  seines  Schwiegervaters  versprach  sich  der  Imperator
  nichts  Gutes;  er  vergaß  es  nicht,  daß  Schwarzenberg  ihm  vor
Kurzem  in's  Gesicht  gesagt:  die  Politik  hat  diesen  Ehebund  geschlossen,  die
Politik  kann  ihn  auch  lösen!  Dieser  heimtückischen  Hofburg,  die  ohne  den
Muth  zu  schlagen  nach  Ländergewinn  trachte,  gönnte  er  keinen  Vortheil.
Vielmehr  hoffte  er  eine  Zeit  lang  auf  den  Wankelmuth  Alexander's,  den
er  schon  vor  der  Bautzener  Schlacht  vergeblich  durch  lockende  Friedensvorschläge
  zu  gewinnen  versucht  hatte.  Der  bewährte  Caulaincourt  sollte

*7)  Blücher's  Bericht  an  den  König,  1.  Juni,  Gneisenau  an  Hardenberg,  3.  Juni  1813.
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        464  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

die  Unterhandlungen  mit  Rußland  führen:  vielleicht  wiederholten  sich  die
Tilsiter  Vorgänge,  wenn  man  dem  Czaren  „eine  goldene  Brücke  baute“,
wenn  Warschau  zwischen  Rußland  und  Preußen  aufgetheilt,  der  preußische
Staat  über  die  Oder  zurückgeschoben  und  also  dem  Czaren  völlig  unterworfen
  würde!  Trog  diese  Hoffnung,  so  mußten  freilich  —  Napoleon  und
seine  Marschälle  fühlten  es  wohl  —  die  Verbündeten  aus  dem  Waffenstillstande
  größeren  Gewinn  ziehen  als  der  Imperator  selber.  Aber  auch  für
den  Fall  der  Fortsetzung  des  Krieges  schien  ihm  die  Waffenruhe  unentbehrlich.
  Er  brauchte  Zeit,  um  sein  Heer,  namentlich  die  Reiterei  zu  verstärken
und  er  wollte  durch  starke  Rüstungen  in  Illyrien  sich  gegen  den  Abfall
Oesterreichs  sicherstellen.  Diese  beiden  Beweggründe  gab  er  seinen  Generalen
  als  die  entscheidenden  an.  Am  4.  Juni  schloß  er  den  Waffenstillstand
  von  Pläswitz').  Wie  scharf  er  auch  rechnete,  er  täuschte  sich  über,
die  Kräfte  des  preußischen  Staates  und  über  das  Wesen  dieses  Krieges,
das  jede  halbe  Lösung  ausschloß.  Er  wußte  nicht,  daß  die  Verbündeten
im  geheimen  Einverständniß  mit  Oesterreich  den  Waffenstillstand  annahmen
und  mit  wachsender  Zuversicht  auf  den  Beitritt  der  Hofburg  zu  der
Coalition  hofften.  Schon  am  16.  Mai  hatte  Knesebeck  mit  den  Russen
Toll  und  Wolkonsky  einen  neuen  Feldzugsplan  verabredet,  der  durchaus
auf  die  Mitwirkung  Oesterreichs  berechnet  war.

Graf  Metternich  stand  am  Ziele  seiner  Wünsche.  Eine  seltene  Gunst,
des  Glücks  fügte  Alles  nach  seinen  Hoffnungen,  warf  dem  Staate,  der
für  die  Befreiung  der  Welt  noch  nichts  gethan,  die  Entscheidung  in  den
Schooß.  Die  kämpfenden  Theile  hielten  einander  durchaus  das  Gleichgewicht,
  wie  man  in  Wien  immer  vorausgesagt;  sie  mußten,  trotz  Napoleon's
  Widerwillen,  die  Mediation  der  Hofburg  annehmen.  Nun  konnte
Oesterreich  ihnen  nach  seinem  Ermessen  den  Frieden  auferlegen  oder,  falls
wider  Verhoffen  die  Waffen  nochmals  ausgenommen  wurden,  mit  seiner
wohlgeschonten  Kraft  als  führende  Macht  in  die  Coalition  eintreten.  Stein
und  Arndt,  Blücher  und  die  gesammte  preußische  Armee  empfingen  die
Nachricht  von  der  Einstellung  der  Feindseligkeiten  mit  tiefem  Unmuth:
nichts  entsetzlicher  als  ein  fauler  Friede  nach  solchen  Opfern!  Der  Ingrimm
  wuchs  noch  als  man  erfuhr,  daß  die  Lützower  Freischaar  in  den
ersten  Tagen  der  Waffenruhe  von  Rheinbündnern  verrätherisch  überfallen
und  fast  vernichtet  worden  war.  Der  König  hielt  für  nöthig  sein  treues
Volk  durch  eine  Proclamation  zu  beruhigen:  der  Waffenstillstand,  sagte
er  stolz,  sei  angenommen,  damit  die  Nationalkraft  sich  völlig  entwickeln
könne;  wir  haben  den  alten  Waffenruhm  wieder  gewonnen,  bald  werden
wir  stark  genug  sein  auch  unsere  Unabhängigkeit  zu  erkämpfen.  Zugleich
befahl  er  bei  Spandau  ein  verschanztes  Lager  anzulegen,  damit  Preußen
im  Nothfalle,  nach  den  Plänen  der  Kriegspartei  von  1811,  den  Verzweiflungskampf
  allein  fortsetzen  könne.  Auf  Gneisenau's  Wunsch  verfaßte

*)  Vgl.  Zeitschrift  für  Geschichte  und  Altertum  Schlesiens  38,  362.
        <pb n="475" />
        Bündniß  mit  England.  465

Clausewitz  seine  köstliche  Schrift  über  den  Frühjahrsfeldzug  und  führte
darin  den  Nachweis,  daß  die  Streitkräfte  der  Alliirten  während  der  Waffen—
ruhe  unverhältnißmäßig  wachsen  müßten.  Ebenso  faßte  Hardenberg  die
Lage  auf;  sein  Tagebuch  enthält  hinter  der  Nachricht  vom  Waffenstill—
stande  die  lakonische  Bemerkung:  „war  doch  gut.“  Wie  er  Napoleon's
Stolz  kannte  hielt  er  für  ganz  undenkbar,  daß  der  noch  unbesiegte  Im—
perator  auf  Oesterreichs  Friedensvorschläge  eingehen  würde;  seine  Zu—
versicht  war  um  so  fester,  da  ihm  durch  Stadion  beruhigende  Mitthei—
lungen  über  die  freundlichen  Absichten  der  Hofburg  zukamen.

Während  Oesterreich  sich  anschickte  den  Weltfrieden  zu  vermitteln,
führte  der  Staatskanzler  die  Verhandlungen  mit  England  weiter  und
schloß  am  14.  Juni  den  Vertrag  von  Reichenbach,  kraft  dessen  die  beiden
Mächte  sich  verpflichteten  die  Unabhängigkeit  der  von  Frankreich  unter—
drückten  Staaten  wieder  herzustellen.  Schritt  für  Schritt  hatte  er  mit
der  welfischen  Habgier  ringen  müssen,  und  wenn  er  schließlich  zur  Hälfte
nachgab,  so  befand  er  sich  in  der  Lage  des  Bedrängten,  der  in  höchster  Geld—
noth  einem  Wucherer  Wucherzinsen  zahlt.  Ohne  die  englischen  Subsidien
war  Preußen  völlig  außer  Stande  den  Krieg  fortzuführen,  das  hatte  Har—
denberg  schon  im  Februar  dem  britischen  Cabinet  erklärt.  Das  Tory—
Cabinet  konnte  sich  auf  die  ergebene  Mehrheit  in  beiden  Häusern  unbe—
dingt  verlassen;  was  hätte  es  dem  preußischen  Staatskanzler  gefrommt,
den  Beistand  der  Opposition  anzurufen?  Als  er  einmal  dem  General
Stewart  vorhielt,  das  Parlament  und  die  englische  Nation  würden  ein
so  kleinliches  Verfahren  in  großer  Sache  sicherlich  nicht  billigen,  da  er—
widerte  Jener  mit  unfreiwilligem  Humor:  „ich  bin  weder  von  der  Nation
noch  von  dem  Parlament  hierhergeschickt  worden,  sondern  von  S.  K.  Hoheit
dem  Prinzregenten!“  Stewart  und  sein  Amtsgenosse,  der  hölzerne,  steif
pedantische  Lord  Clancarty  trugen  die  Ueberlegenheit  des  Bezahlenden
mit  der  ganzen  ihrem  Volke  eigenthümlichen  Rücksichtslosigkeit  zur  Schau.
Dazu  die  bodenlose  Unwissenheit  dieser  Torys;  aus  Clancarty's  Briefen
mußte  Hardenberg  ersehen,  daß  der  Lord  den  Kalischer  Vertrag  entweder
nie  gelesen  oder  gröblich  mißverstanden  hatte.  Von  selbst  verstand  sich,
daß  Preußen  nur  halb  so  viel  Subsidien  erhalten  sollte  als  Rußland,
das  überdies,  Dank  seiner  geographischen  Lage,  vor  welfischen  Landforderungen
  bewahrt  blieb;  die  unglücklichen  Ziffern  des  Kalischer  Vertrags
zeigten  jetzt  ihre  praktische  Bedeutung.  Endlich  einigte  man  sich  über
666,666  Pfd.  St.,  wofür  Preußen  80,000  Mann  in's  Feld  stellen  sollte;
und  diese  für  einen  solchen  Krieg  armselige  Summe,  um  ein  Drittel
niedriger  als  die  an  Schweden  bewilligten  Subsidien,  ward  mit  Abzug
des  Wechselkurses,  der  fast  dreißig  vom  Hundert  betrug,  ausbezahlt,  so
daß  Preußen  nur  3½  Mill.  Thlr.  erhielt.  Erst  nach  widerwärtigen  Verhandlungen
  erreichte  der  Gesandte  Jacobi  in  London,  daß  der  Werth  der

gelieferten  Waffen  nicht  auch  noch  von  den  Subsidien  abgezogen  wurde.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  30
        <pb n="476" />
        466  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Gegen  die  Abtretung  altpreußischer  Gebiete  sträubte  sich  das  Pflichtgefühl
  des  Königs.  Er  wollte  zur  Noth  Hildesheim,  das  nur  vier  Jahre
lang  preußisch  gewesen,  den  Welfen  überlassen,  doch  weder  die  getreuen
Ravensberger,  noch  das  feste  Minden,  das  der  Kriegskunst  jener  Zeit  als
der  Schlüssel  der  Weserlinie  galt.  Auch  als  die  welfischen  Unterhändler
statt  dessen  die  Abtretung  von  Ostfriesland  vorschlugen,  blieb  der  König
standhaft;  es  kam  zu  einem  heftigen  Auftritt  zwischen  ihm  und  dem  Staatskanzler.
  Die  Welfen  mußten  sich  zuletzt  begnügen  mit  dem  Versprechen,
daß  Preußen  ihrem  Stammlande  eine  Abrundung  von  260—300,000
Seelen,  einschließlich  Hildesheim,  verschaffen  werde.  Die  Aussichten  der
preußischen  Diplomatie  wurden  von  Tag  zu  Tag  trüber;  sie  hatte  neue
drückende  Verpflichtungen  übernommen  und  zum  Entgelt  wieder  nur  die
allgemeine  Zusage  erlangt,  daß  Preußen  „zum  mindesten“  ebenso  mächtig
werden  solle  wie  vor  dem  Kriege  von  1806.  Einen  Tag  darauf  schloß
Rußland  sein  Kriegsbündniß  mit  England.  Der  Czar  blieb  für  die  Friedenswünsche
  seiner  Generale  wie  für  Napoleon's  Anerbietungen  ganz  unzugänglich:
  der  Ruhm  des  Weltbefreiers  und  die  polnische  Königskrone
standen  so  glänzend  vor  seiner  Seele,  daß  er  der  Ermahnungen  Stein's
jetzt  kaum  bedurfte,  und  der  Kanzler  Rumjanzoff,  der  alte  Gegner  der
Coalition,  entmuthigt  um  Entlassung  bat.  Die  preußischen  Patrioten
fanden  sich  nach  kurzer  Verstimmung  rasch  wieder  zusammen  in  der  frohen
Gemeinschaft  der  unsichtbaren  Kirche,  wie  Niebuhr  zu  sagen  pflegte;  sie
bemerkten  bald,  wie  sehr  die  Waffenruhe  der  Ausbildung  der  Landwehr
zu  gute  kam.  In  Schlesien  entfaltete  Gneisenau  im  Verein  mit  dem
wackeren  Präsidenten  Merckel  eine  gewaltige  Thätigkeit,  so  daß  bei  Ablauf
des  Stillstands  68  Bataillone  Landwehr  formirt  waren.  Blücher  schrieb
ihm  zufrieden:  „Landwehren  sie  man  druff,  aber  wenn  die  Fehde  wieder
beginnt,  dann  gesellen  Sie  Sich  wieder  zu  mich!“

Wie  diese  Rüstungen,  so  bewiesen  auch  die  Friedensvorschläge  des
Czaren  und  des  Königs,  daß  die  Verbündeten  nicht  gesonnen  waren  auf
halbem  Wege  stehen  zu  bleiben.  Sie  verlangten:  Wiederherstellung  der
alten  Macht  von  Preußen  und  Oesterreich,  Auflösung  des  Rheinbundes
und  des  Herzogthums  Warschau,  Rückgabe  der  Nordseeküste,  endlich  die
Unabhängigkeit  von  Holland,  Spanien  und  Italien.  Es  waren  im  Wesentlichen
  die  Pläne  von  Bartenstein;  nur  ein  ungeheuerer  Krieg  konnte
sie  verwirklichen.  Ganz  anders  sah  Kaiser  Franz  die  Lage  an.  Ihm
graute  vor  diesem  Kriege,  vor  dem  Enthusiasmus  der  norddeutschen  Jugend;
  aus  tiefster  Seele  hatte  er  seinem  Schwiegersohne  zu  der  Großgörschener
  Schlacht  Glück  gewünscht  und  die  Hoffnung  ausgesprochen,  dies
erste  Treffen  werde  viele  Leidenschaften  abgekühlt,  viele  Chimären  zerstört
haben.  Furchtbar  war  ihm  der  Gedanke,  daß  er  die  unmilitärischen  Gewohnheiten
  seines  schläfrigen  Schreiberlebens  aufgeben  und,  wie  die  beiden
verbündeten  Monarchen,  in's  Feldlager  gehen  sollte.  Regungen  der  Zärt-
        <pb n="477" />
        Reichenbacher  Vertrag  vom  27.  Juni.  467

lichkeit  für  seine  Tochter  in  Paris  beirrten  freilich  den  Hartherzigen  nicht,
dem  die  Diplomaten  nachrühmten,  er  habe  ganz  politische  Eingeweide.
Aber  wozu  ein  wagnißvoller  Krieg,  wenn  man  im  Frieden  die  Ueberlegen—
heit  Frankreichs  ein  wenig  einschränken  und  eine  glänzende  Stellung  an
der  Seite  des  mächtigen  Schwiegersohnes  erlangen  konnte?  Auch  unter
den  Staatsmännern  war  die  Friedenspartei  noch  stark  vertreten.  Ihr
eifrigster  Wortführer  war  der  jetzt  ganz  in  blasirte  Stumpfheit  versunkene
Gentz;  als  nachher  die  Kriegspartei  siegte,  behauptete  er  freilich  mit  er—
staunlicher  Dreistigkeit,  daß  er  selber  den  rettenden  Entschluß  herbeigeführt
hätte.  Noch  am  24.  Juni  schrieb  er  vertraulich  an  Karadja:  die  Hofburg
hege  die  Ueberzeugung,  daß  die  Mittel  zur  Niederwerfung  der  französischen
Uebermacht  noch  nicht  reif  seien;  er  fand  es  sonderbar,  daß  die  Alliirten,
während  sie  Oesterreich  zur  Friedensvermittlung  aufforderten,  gleichzeitig
mit  England  ein  Kriegsbündniß  schlössen.  Metternich  sah  diesmal  weiter
als  sein  Kaiser.  Er  ahnte,  daß  Oesterreich  selber  in  Preußens  Nieder—
lage  mit  verwickelt  werden  mußte,  wenn  dieser  Staat  den  Kampf  bis  zur
Vernichtung  fortführte;  auch  die  dämonischen  Mächte  der  Revolution  im
preußischen  Heere  konnten  nur  dann  niedergehalten  werden,  wenn  Kaiser
Franz  in  die  Coalition  eintrat.  Aber  noch  hatte  er  einen  festen  Entschluß
nicht  gefaßt,  seine  angeborene  Vorliebe  für  krumme  Wege  noch  nicht  über—
wunden.  Am  30.  Mai  gestand  er  seinem  Vertrauten,  dem  Hannoveraner
Hardenberg:  ein  dauernder  Friede  sei  für  jetzt  doch  unmöglich;  genug
wenn  man  diesmal  zu  einem  vorläufigen  Frieden  gelange,  der  den  drei
Ostmächten  die  Operationsbasis  von  der  Ostsee  bis  zur  Adria  verschaffe
und  ihnen  für  die  Zukunft  einen  entscheidenden  Krieg  ermögliche.

In  diesem  Sinne  waren  auch  die  Friedensvorschläge  gehalten,  welche
der  Mediator  den  Verbündeten  vorlegte;  sie  zeigten  unzweideutig,  daß  die
Hofburg  von  kriegerischen  Entschlüssen  noch  weit  entfernt,  daß  ihre  bisherigen
  Verhandlungen  mit  Napoleon  keineswegs  eine  Komödie  gewesen
waren.  Oesterreichs  Wünsche  beschränkten  sich  auf  vier  Punkte:  Aufhebung
des  Herzogthums  Warschau,  das  unter  die  Ostmächte  vertheilt  werden
sollte;  Verstärkung  des  preußischen  Staates  durch  diese  Theilung,  durch
die  Rückgabe  von  Danzig  und  durch  die  Räumung  der  Festungen;  Rückfall
  der  illyrischen  Provinzen  an  Oesterreich;  dazu  die  Wiederherstellung
von  Hamburg  und  Lübeck  und  für  den  unwahrscheinlichen  Fall,  daß  England
  sich  zu  einem  allgemeinen  Frieden  bereit  fände,  auch  noch  die  Herausgabe
  der  deutschen  Nordseeküste.  Alle  Herzenswünsche  der  Hofburg  kamen
in  diesem  Programme  an  den  Tag.  Mit  Illyrien  erhielt  Oesterreich  seine
adriatische  Machtstellung  wieder;  durch  die  Auflösung  von  Warschau  verschwand
  jener  Herd  polnischer  Verschwörungen,  welchen  Metternich  immer
als  hochgefährlich  für  die  drei  Ostmächte  angesehen  hatte;  Preußen  aber
empfing  durch  die  neue  Theilung  Polens  grade  jene  Provinzen  zurück,
an  denen  dem  Könige  wenig  lag,  wurde  kaum  wieder  eine  Macht  zweiten

30“
        <pb n="478" />
        468  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Ranges;  der  Rheinbund  endlich  blieb  erhalten,  nach  Metternich's  altem
Grundsatze,  daß  man  die  kleinen  Höfe  durch  nachgiebige  Güte  gewinnen  müsse.

Welche  Zumuthung  für  die  Verbündeten!  Sie  schwankten  lange,  verhandelten
  seit  dem  10.  Juni  mit  Stadion  im  Hauptaquartier  zu  Reichenbach
und  gleichzeitig  in  wiederholten  persönlichen  Zusammenkünften  mit  dem
kaiserlichen  Hofe,  der  seine  Residenz  in  die  Schlösser  an  der  böhmisch-schlesischen
  Grenze  verlegt  hatte.  Trotz  aller  Bedenken  blieb  Hardenberg  des  zuversichtlichen
  Glaubens,  daß  Napoleon  niemals  in  die  bescheidenen  Bedingungen
  willigen  werde;  forderten  sie  doch  von  ihm  was  er  noch  in  starker
Hand  festhielt!  Am  27.  Juni  unterzeichneten  endlich  Stadion,  Nesselrode
und  Hardenberg  den  Reichenbacher  Vertrag,  welcher  die  österreichischen
Vorschläge  guthieß,  aber  zugleich  der  Hofburg  zum  ersten  male  eine  halbwegs
  sichere  Verpflichtung  auferlegte.  Oesterreich  mußte  versprechen,  falls
Napoleon  die  Friedensbedingungen  bis  zum  20.  Juli  nicht  annähme,  sofort
die  Waffen  zu  ergreifen,  mit  mindestens  150,000  Mann  an  dem  Feldzuge
  theilzunehmen  und  einen  gemeinsamen  Kriegsplan  mit  den  Verbündeten
  zu  vereinbaren;  trat  der  Kriegsfall  ein,  so  sollte  der  von  den  Allürten
ursprünglich  vorgeschlagene  Plan  einer  gründlichen  Neugestaltung  Europas
als  das  Ziel  des  gemeinsamen  Kampfes  gelten,  und  man  verpflichtete  sich
diesen  Plan  im  weitesten  Sinne  auszulegen.  So  war  die  Hofburg  doch
für  einen  Fall  gebunden.  Die  Allürten  aber  behielten  freie  Hand;  sie  erklärten
  unzweideutig,  daß  sie  ohne  die  Auflösung  des  Rheinbundes  und  die
Wiederherstellung  der  alten  Macht  Preußens  sich  nicht  beruhigen  würden,
und  der  österreichische  Bevollmächtigte  erhob  keinen  Einspruch  dawider.

Unterdessen  war  Metternich  nach  Dresden  gegangen  um  Napoleon
für  die  Einleitung  der  Friedensverhandlungen  zu  gewinnen.  Dort  ging
es  hoch  her,  im  Palaste  Marcolini;  der  gesammte  kaiserliche  Hofstaat  war
versammelt,  Talma  und  die  Mars  spielten  vor  dem  Imperator.  Die  französische
  Nation  sollte  glauben,  daß  ihr  Beherrscher  den  Frieden  ernstlich
wolle  und  sich  auf  die  langen  Verhandlungen  eines  großen  europäischen
Congresses  einrichte.  In  Wahrheit  war  all  sein  Sinnen  nur  noch  auf
die  Wiederaufnahme  des  Krieges  gerichtet;  die  Anwandlungen  friedlicher
Gedanken  verflogen  seit  er  den  guten  Fortgang  seiner  gewaltigen  Rüstungen
sah  und  die  unbeirrte  Festigkeit  des  Czaren  erkannte.  Als  er  mit  dem
Abgesandten  des  vermittelnden  Hofes  in  einer  langen  Unterredung  unter
vier  Augen  sich  besprach,  da  brach  sein  beleidigter  Stolz  und  der  verhaltene
  Zorn  über  alle  die  getäuschten  Hoffnungen,  die  er  einst  an  die  österreichische
  Familienverbindung  geknüpft,  in  so  leidenschaftlichen  und  gehässigen
  Worten  durch,  daß  Metternich  jetzt  ernstlich  zu  zweifeln  begann,
ob  eine  Verständigung  mit  diesem  Manne  möglich  sei.  Die  Ueberhebung
des  Imperators,  der  sich  längst  gewöhnt  hatte  die  Habsburg-Lothringer
als  „störrische  Vasallen  der  Krone  Frankreich“  zu  behandeln,  erschien  dem
weltkundigen  österreichischen  Diplomaten  wie  Raserei;  und  dabei  sagte
        <pb n="479" />
        Napoleon  und  Metternich  in  Dresden.  469

sich  der  vollendete  Weltmann  mit  stillbefriedigtem  Lächeln,  dieser  un—
bändig  polternde  Allgewaltige  sei  doch  nur  ein  Plebejer.  Trotzdem
trennte  man  sich  zuletzt  mit  der  Zusage,  daß  ein  förmlicher  Friedenscon—
greß  in  Prag  zusammentreten,  der  Ablauf  des  Waffenstillstandes  aber  vom
20.  Juli  auf  den  10.  August  hinausgeschoben  werden  solle.  Napoleon
hatte  seine  Rüstungen  noch  nicht  beendet,  und  auch  die  Hofburg  hieß  jede
Vertagung  willkommen,  da  ihr  Heer  sich  noch  in  unfertigem  Zustande  befand.

Darauf  neue  peinliche  Erwägungen  im  Hauptquartiere  der  Alliirten,
denen  weder  der  Congreß  noch  die  Verlängerung  der  Waffenruhe  gelegen
kam.  Am  4.  Juli  traf  Hardenberg  mit  Nesselrode,  Metternich  und  Stadion
  im  Schlosse  Ratiborschitz  zusammen.  Es  entspann  sich  eine  lange
stürmische  Verhandlung;  Nesselrode  gesteht,  daß  er  im  ganzen  Verlaufe
seiner  langen  diplomatischen  Laufbahn  kaum  je  einer  bewegteren  Sitzung
beigewohnt  habe.  Die  Allürten  legten  schließlich  die  Leitung  der  Prager
Verhandlungen  vertrauensvoll  in  Oesterreichs  Hände,  da  Metternich  drohte,
sein  Kaiser  werde  sonst  vielleicht  in  bewaffneter  Neutralität  verharren;  aber
sie  erklärten  zugleich  ihren  festen  Entschluß  den  Krieg  im  äußersten  Falle
auch  ohne  Oesterreich  fortzusetzen.  Damit  war  Oesterreichs  Eintritt  in  den
Kampf  nahezu  entschieden.  Denn  offenbar  konnten  Metternich's  Pläne
nur  gelingen,  wenn  er  sich  von  den  Verbündeten  nicht  gänzlich  trennte;
wurden  die  Waffen  wieder  aufgenommen  und  der  österreichische  Hof  blieb
neutral,  so  mußte  er  fürchten  von  den  Früchten  der  Siege  der  Coalition
ausgeschlossen,  doch  in  die  Folgen  ihrer  Niederlagen  mit  verwickelt  zu
werden.  Eine  politische  Nothwendigkeit,  die  stärker  war  als  eines  Menschen
  Wille,  drängte  den  Wiener  Hof  aus  seiner  zuwartenden  Haltung
heraus.  Gleichwohl  kehrten  noch  im  Juli,  ja  bis  zur  Stunde  der  letzten
Entscheidung  bange  Augenblicke  des  Zweifels  wieder.  Im  preußischen
Hauptquartiere  sprach  Ancillon  nach  seiner  kleinmüthigen  Weise  für  den
Frieden,  und  Knesebeck  führte  in  einer  Denkschrift?)  aus:  auf  die  Auflösung
  des  Rheinbundes  sei  für  jetzt  nicht  zu  hoffen,  der  preußische  Staat
könne  aber  zur  Noth  auch  ohne  Magdeburg  bestehen,  wenn  er  nur  auf
dem  rechten  Elbufer  durch  Mecklenburg  und  Schwedisch-Pommern  wohl
abgerundet  würde  und  eine  feste  Position  an  der  Weichsel  erhielte!  Der
König  selbst  dachte  muthiger,  hielt  dem  Kaiser  Franz  in  einem  eigenhändigen
  Briefe  vor:  der  preußische  Staat  müsse  in  Deutschland  erheblich
vergrößert  werden,  wenn  Oesterreich  an  ihm  einen  starken  und  zuverlässigen
  Nachbar  haben  wolle.

Währenddem  ward  man  auch  mit  Schweden  endlich  handelseinig.
Da  Dänemark  wieder  förmlich  zu  dem  französischen  Bündniß  zurückkehrte,
so  fielen  Friedrich  Wilhelm's  Bedenken  hinweg,  und  er  verbürgte  durch
den  Vertrag  vom  22.  Juli  der  Krone  Schweden,  die  nunmehr  dem  Kali-*)

  Die  Abschrift,  die  mir  vorlag,  trägt  kein  Datum.  Das  Memeoire  kann  aber,
nach  Form  und  Inhalt,  nur  während  des  Waffenstillstandes  geschrieben  sein.
        <pb n="480" />
        470  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

scher  Bunde  beitrat,  die  Erwerbung  von  Norwegen.  Ein  geheimer  Artikel
verhieß  den  Dänen  nöthigenfalls  auf  deutschem  Boden  eine  Entschädigung
für  Norwegen.  Hardenberg's  Leichtsinn  fand  daran  kein  Arg;  er  meinte,
diese  Entschädigung  könne  höchstens  in  einem  kleinen  Fetzen  Landes  bestehen,
  da  man  ja  Dänemark  durch  die  Waffen  bezwingen  wollte,  und
glaubte  zu  wissen,  daß  Schwedisch-Pommern  auf  keinen  Fall  den  Kaufpreis
  für  Norwegen  bilden  werde.  Hatte  ihm  doch  Bernadotte  mündlich
versichert,  Schweden  sei  geneigt,  den  letzten  Rest  seiner  deutschen  Besitzungen
an  Preußen  abzutreten.)  Aber  was  war  auf  solche  unbestimmte  Zusagen
  des  Treulosen  zu  geben?

Mit  jedem  neuen  Tage  wuchsen  die  Hoffnungen  auf  Oesterreichs
Beitritt;  auch  die  Nachricht  von  Wellington's  strahlendem  Siege  bei  Vitoria
  und  der  gänzlichen  Befreiung  Spaniens  wirkten  ermuthigend  auf
die  Hofburg.  Nach  der  Ratiborschitzer  Unterredung  gelangte  Metternich
zu  der  Einsicht,  daß  man  die  Rolle  einer  dritten  Partei  nicht  mehr  weiter
spielen  dürfe.  Am  13.  Juli  enthüllte  er  seine  kriegerischen  Pläne  zum
ersten  male  seinem  kaiserlichen  Herrn:  selbst  für  den  Fall,  daß  die  Verbündeten
  die  Friedensvorschläge  verwürfen  und  Napoleon  sie  annähme,
würde  Oesterreich  der  Coalition  nicht  mehr  fern  bleiben  können,  ohne  sich
in  der  öffentlichen  Achtung  herabzusetzen.  Der  noch  immer  durchaus  friedfertige
  Kaiser  ließ  sich  auf  diese  unwillkommene  Möglichkeit  noch  nicht  ein;
er  versprach  nur  für  das  vorgelegte  Friedensprogramm  standhaft  einzutreten,
  obschon  ihm  Einzelnes  darin  übertrieben  schien.  Napoleon  war
unterdessen  nach  Mainz  gegangen,  auf  Frankreichs  classischen  Boden,  wie
er  das  linke  Rheinufer  zu  nennen  pflegte.  Noch  einmal  hielt  er  dort
großen  Hoftag;  Dalberg  und  die  Fürsten  von  Baden,  Darmstadt,  Nassau
überbrachten  persönlich  ihre  unterthänigen  Glückwünsche  zu  den  Siegen
des  Frühjahrs.  Er  freute  sich  an  dem  Anblick  seiner  herrlichen  Truppen
und  kehrte  dann  nach  Dresden  zurück  mit  dem  stolzen  Bewußtsein,  daß
er  wieder  stark  genug  sei  um  der  Welt  Gesetze  zu  geben.  Im  Rausche
seines  Stolzes  that  er  geflissentlich  Alles  was  den  vermittelnden  Hof  beleidigen
  und  verletzen  mußte,  also  daß  Kaiser  Franz  zuletzt  geradezu  durch
die  gekränkte  Fürstenehre  genöthigt  ward  mit  dem  Schwiegersohne  zu  brechen.

Die  Gesandten  der  Alliirten  in  Prag,  Anstett  und  Humboldt,  hatten
Beide  sehr  beschränkte  Vollmacht  und  waren  insgeheim  Beide  entschlossen
den  Verhandlungen  jedes  mögliche  Hinderniß  in  den  Weg  zu  legen.  Niemand
  war  für  eine  solche  Aufgabe  besser  geeignet  als  Humboldt,  der
Meister  aller  dialektischen  Künste;  auch  er  fühlte  sich  ergriffen  von  der
Begeisterung  der  Zeit,  soweit  seine  kühle  Natur  dazu  fähig  war,  und
legte  willig  seine  gelehrten  Arbeiten  zur  Seite  um  einmal  ganz  der  Politik
zu  leben.  Napoleon's  Hochmuth  überhob  ihn  jedoch  aller  Anstrengung.
Mehrere  Tage  lang  mußte  er  mit  Anstett  warten  bevor  ein  französischer

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  24.  Januar  1814.
        <pb n="481" />
        Prager  Congreß.  471

Bevollmächtigter  eintraf;  endlich  erschien  Narbonne,  aber  ohne  genügende
Beglaubigung.  Wieder  vergingen  einige  Tage  bis  Caulaincourt  am
28.  Juli  ankam.  Dann  begann  ein  Austausch  von  diplomatischen  Noten
über  die  Form  der  Verhandlungen;  die  französischen  Bevollmächtigten
warfen  dabei  mit  hämischen  Bemerkungen  nach  allen  Seiten  hin  um  sich
und  setzten  den  leeren  Formenstreit  hartnäckig  fort  bis  zum  letzten  Tage
der  Waffenruhe,  dergestalt  daß  auf  diesem  wunderlichsten  aller  Congresse
nicht  einmal  eine  gemeinsame  Sitzung  der  Bevollmächtigten  stattfinden  konnte.

Der  offenbare  Hohn,  der  aus  dem  Auftreten  der  Franzosen  sprach,
sagte  dem  österreichischen  Minister  genug.  Er  fühlte,  daß  sein  Hof  nicht
mehr  zurück  konnte  und  traf  in  der  Stille  seine  Maßregeln  um  dem  Kaiserhause
  einen  reichen  Kriegslohn  zu  sichern.  Noch  während  des  Congresses
wurde  zu  Prag  am  27.  Juli  mit  den  Verbündeten  eine  geheime  Vereinbarung
  geschlossen,  wonach  Oesterreich  das  Königreich  Italien  und  Illyrien
  erhalten  sollte;  der  König  von  Sardinien  erhielt  sein  Erbe  zurück,
Mittelitalien  zusammt  Genua  wurde  unter  den  Erzherzogen  der  österreichischen
  Vetterschaft  aufgetheilt;  Sicilien  blieb  den  von  England  beschützten
Bourbonen.  Ja  die  Verbündeten  versprachen  sogar  im  Voraus  Alles  gutzuheißen
  was  Oesterreich  auf  der  Halbinsel  thun  würde.“)  Einige  Wochen
darauf  trat  auch  England  diesem  Vertrage  bei.  Die  Absicht  des  britischen
  Cabinets  war  einfach  die  französische  Herrschaft  aus  Italien  zu  verdrängen;
  eine  italienische  Nation  wollten  die  Torys  nicht  anerkennen,
auch  über  die  Ansprüche  des  Papstes  ging  man  gleichmüthig  hinweg.  Der
russische  Hof,  der  alte  Gönner  Piemonts,  der  unter  Kaiser  Paul  die
italienischen  Pläne  Oesterreichs  so  lebhaft  bekämpft  hatte,  sagte  sich  von
seinen  bewährten  Traditionen  los,  da  die  Freundschaft  des  Wiener  Cabinets
jetzt  über  allen  anderen  Rücksichten  stand.  Die  preußischen  Staatsmänner
aber  fanden  das  Ansinnen  Metternich's  ganz  unbedenklich.  Daß  die  Hofburg
  die  alten  Thugut'schen  Projecte  wieder  aufnehmen  würde,  galt  dem
Staatskanzler  von  vornherein  als  selbstverständlich.  Er  hat  sogar  Oesterreich
  aufgefordert,  die  Italiener  zum  Freiheitskampfe  aufzubieten;  in  Knesebeck's
  Denkschriften  hieß  es  kurzab:  „was  Oesterreich  in  Italien  verlangt
liegt  ja  in  der  Natur  der  Dinge.“

Die  Stellung  des  Mediators,  der  also  bereits  durch  zwei  geheime
Verträge  seine  Unparteilichkeit  aufgegeben  hatte,  wurde  täglich  unhaltbarer;
das  Possenspiel  des  Congresses  drängte  zum  Ende.  Vier  Tage  vor  Ablauf
  der  Waffenruhe  wendete  sich  Napoleon  noch  einmal  mit  einer  vertraulichen
  Anfrage  an  Oesterreich  allein  —  offenbar  nur  um  nachher  der

 

*)  Der  Wortlaut  dieses  Vertrages  ist  noch  unbekannt.  Sein  wesentlicher  Inhalt
erhellt  aus  einer  Note  Metternich's  an  Castlereagh,  Paris  27.  Mai  1814,  welche  Farini
(Storia  d'Italia  dall’  anno  1814.  1.  27)  im  Turiner  Hausarchive  gefunden  hat.  Vieles
an  dem  Hergang  erscheint  noch  räthselhaft.  [Die  angebliche  Note  Metternich's  ist  eine
Fälschung  Vergl.  A.  Stern,  Geschichte  Europas  I.  275.]
        <pb n="482" />
        472  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

friedenslustigen  französischen  Nation  seine  Versöhnlichkeit  beweisen  zu  können.
  Als  Metternich  darauf  ein  Ultimatum  stellte,  das  die  Reichenbacher
Vorschläge  in  etwas  schärferer  Fassung  wiederholte,  gab  der  Imperator
eine  im  Wesentlichen  ablehnende  Antwort  und  ließ  diese  absichtlich  zu  spät
von  Dresden  abgehen,  so  daß  sie  erst  am  11.  August  in  Prag  eintreffen
konnte.  Der  Waffenstillstand  war  abgelaufen  ohne  daß  Frankreich  die
Friedensbedingungen  angenommen  hatte.  Mit  dem  letzten  Glockenschlage
des  10.  August  erklärten  Humboldt  und  Anstett,  ihre  Vollmacht  sei  erloschen,
  der  Congreß  beendigt.  Die  Verpflichtungen  von  Reichenbach  traten
  nunmehr  in  Kraft,  der  Trotz  Napoleon's  hatte  Oesterreich  in  das
Lager  der  Coalition  getrieben.

Jener  große  europäische  Bund,  woran  die  Staatsmänner  seit  achtzehn
  Jahren  immer  vergeblich  gearbeitet,  jetzt  stand  er  endlich  in  Waffen:
alle  die  vier  alten  Großmächte,  mit  ihnen  Schweden  und  demnächst  auch
die  wiederbefreiten  Staaten  der  iberischen  Halbinsel.  Und  diesmal  führte
nicht  das  Ungefähr  diplomatischer  Verwicklungen  die  Höfe  zusammen,
sondern  eine  hohe  Nothwendigkeit:  es  galt,  die  Freiheit  der  Welt,  das
lebendige  Nebeneinander  der  Nationen,  worauf  die  Größe  der  abendländischen
  Gesittung  beruht,  wiederherzustellen.  Wohl  traten  mit  England
und  Oesterreich  zwei  Mächte  in  das  Bündniß  ein,  denen  jedes  Verständniß
  abging  für  die  Sehnsucht  des  norddeutschen  Volkes.  Sonderbar  genug
stach  die  gewundene  Sprache  des  österreichischen  Kriegsmanifestes  von  dem
herzerwärmenden  ehrlichen  Tone  der  preußischen  Aufrufe  ab.  Wie  war
doch  Gentzens  reicher  Geist  in  Wien  verknöchert  und  verdorrt,  daß  er  jetzt
mit  byzantinischem  Redeschwall  den  kaiserlichen  Schwiegervater  verherrlichte,
der,  über  gewöhnliche  Bedenklichkeiten  weit  erhaben,  für  das  heilige  Interesse
der  Menschheit  hingegeben  habe  was  seinem  Herzen  das  Theuerste  war!  Auch
die  bitteren  Bemerkungen  des  Manifestes  über  die  dem  regelmäßigen  Gange
der  Regierungen  zuvoreilenden  ungeduldigen  Wünsche  der  Völker  ließen
ahnen,  daß  der  Krieg  durch  Oesterreichs  Theilnahme  seinen  Charakter  verändern,
  manche  Hoffnung  der  Patrioten  in  Enttäuschung  enden  würde.
Doch  es  stand  nicht  anders,  ohne  Oesterreichs  Zutritt  konnte  die  Coalition
  sich  gegen  das  Weltreich  nicht  behaupten.  Der  Ausgang  des  Prager
Congresses  war  ein  großer  diplomatischer  Erfolg;  Friedrich  Wilhelm  wußte,
daß  er  ihn  gutentheils  der  Gewandtheit  seines  Staatskanzlers  verdankte.
Erleichterten  Herzens  eilte  Humboldt  in  jener  verhängnißvollen  Mitternacht
des  10.  August  auf  den  Hradschin  um  das  verabredete  Zeichen  zu  geben:
bald  flammten  die  Fanale  auf  den  Kuppeln  der  Riesenberge  und  trugen
noch  in  derselben  Nacht  nach  Schlesien  hinüber  zu  dem  aufjubelnden
preußischen  Heere  die  frohe  Kunde,  daß  in  sechs  Tagen  der  Krieg  von
Neuem  beginne.
        <pb n="483" />
        Ende  der  Waffenruhe.  473

Durch  den  glücklichen  Fortgang  der  preußisch-russischen  Rüstungen
und  durch  den  Zutritt  von  110,000  Mann  Oesterreichern  wurde  endlich
das  Gleichgewicht  der  Kopfstärke  zwischen  den  beiden  Parteien  annähernd
hergestellt.  Die  Coalition  verfügte  über  eine  Feldarmee  von  über  480,000
Mann,  worunter  etwa  165,000  Preußen  und  nahezu  eben  so  viel  Russen,
sie  war  dem  Feinde  namentlich  durch  die  Stärke  ihrer  Reiterei  und  Artillerie
  überlegen.  Napoleon  hatte  sein  Heer  auf  410,000  Mann  gebracht.
Die  Fürsten  des  Rheinbundes  leisteten  willig  Heeresfolge,  zumal  da  der
Protector  wieder  den  Schirmherrn  des  Particularismus  spielte  und  ihnen
die  Gefahr  der  Wiederherstellung  des  alten  deutschen  Reichs,  des  Verlustes
der  Souveränität  in  finsteren  Farben  schilderte.  Nur  der  Münchener  Hof
zeigte  eine  verdächtige  Saumseligkeit;  er  nahm  die  Kriegserklärung  Oesterreichs
  zum  Vorwande  um  die  Hauptmasse  seines  Heeres  im  Lande  zurückzuhalten,
  stellte  nur  eine  schwache  Division  auf  den  norddeutschen  Kriegsschauplatz.
  Verließ  das  Glück  die  französischen  Fahnen,  so  war  Baiern  zum
Abfall  vorbereitet.  Unter  den  unglücklichen  Truppen  des  Rheinbundes
nahm  der  Unmuth  überhand  seit  den  theuer  erkauften  fruchtlosen  Siegen
des  Frühjahrs.  Napoleon  traute  ihnen  nicht,  am  wenigsten  den  Westphalen.
  Trotzdem  sah  er  dem  Kriege  mit  Zuversicht  entgegen.  Die  geringe
  Ueberzahl  der  Feldarmee  der  Verbündeten  wurde  reichlich  aufgewogen
  durch  den  Besitz  der  Festungen  des  Nordostens,  deren  Einschließung
fast  die  Hälfte  der  preußischen  Landwehr  sowie  einen  großen  Theil  des  russischen
  Heeres  in  Anspruch  nahm,  vornehmlich  aber  durch  die  günstige  centrale
Stellung  an  der  Elblinie,  die  von  Glückstadt  und  Hamburg  bis  hinauf
nach  Dresden  und  Königstein  in  Napoleon's  Händen  war.  Fast  auf  der
nämlichen  Stelle  hatte  einst  König  Friedrich  sechs  Jahre  lang  eine  ungleich
  bedrohlichere  Uebermacht  in  Schach  gehalten;  warum  sollte  dem
Kriegsfürsten  des  neuen  Jahrhunderts  nicht  auch  gelingen,  durch  gewandte
Benutzung  der  kurzen  inneren  Operationslinien,  die  er  beherrschte,  die
Gegner  zu  überraschen,  ihre  weit  von  einander  getrennten  Heere  vereinzelt
zu  schlagen?

Den  sittlichen  Kräften  der  Coalation  erwuchs  aus  dem  Beitritt  Oesterreichs
  kein  Gewinn.  Die  kaiserlichen  Truppen  schlugen  sich  tapfer  wie  zu
allen  Zeiten;  von  der  stürmischen  Begeisterung  des  norddeutschen  Volkes
empfanden  sie  wenig,  weniger  sogar  als  die  Russen,  die  nicht  nur  ihren
alten  Ruhm  unerschütterlicher  passiver  Todesverachtung  wieder  bewährten,
sondern  auch  durch  das  lange  Zusammenleben  mit  den  Preußen  und  durch
die  Gunst  des  Glücks  nach  und  nach  Freude  gewannen  an  dem  unwillig
begonnenen  deutschen  Kriege.  Der  Geist  von  1809  erwachte  nicht  wieder.
Die  Völker  Oesterreichs  sahen  sich  ungern  aufgestört  aus  der  bequemen
Ruhe  der  jüngsten  vier  Jahre,  sie  sprachen  ihre  Furcht  vor  einem  neuen
Einbruche  der  französischen  Eroberer  so  lebhaft  aus,  daß  Erzherzog  Johann
seinen  Grazern  Muth  einsprechen  mußte;  sie  bemitleideten  die  ausziehenden.
        <pb n="484" />
        474  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Soldaten  und  behielten  von  den  Thaten  dieses  Krieges  nichts  im  Gedächtniß,
während  die  Erinnerung  an  Aspern  und  Wagram  in  Aller  Herzen  fortlebte.
Die  breite  Kluft,  welche  das  geistige  Leben  der  Oesterreicher  von  den  übrigen
Deutschen  trennte,  wurde  durch  den  Befreiungskrieg  nicht  überbrückt.  Nur
Anstands  halber,  nur  um  nicht  allzu  weit  hinter  Preußen  zurückzubleiben
ließ  auch  Kaiser  Franz  eine  Deutsche  Legion  für  Freiwillige  aus  dem
Reiche  bilden,  ein  Freicorps,  das  niemals  irgend  eine  Bedeutung  erlangte.
Die  altgewohnte  unbehilfliche  Schwerfälligkeit  der  Führung  und  Verwaltung
  des  österreichischen  Heeres  erregte  wieder  den  Spott  der  französischen
Soldaten  über  die  Kaiserlicks;  glänzenden  Kriegsruhm  erwarb  sich,  außer
einigen  kühnen  Reiteroffizieren,  kein  einziger  der  k.  k.  Generale.

Da  die  Hofburg  den  Krieg  nur  mit  halbem  Herzen  führte,  beständig
in  Angst  vor  der  nationalen  Begeisterung  der  Preußen  und  den  polnischen
Plänen  des  Czaren,  so  konnte  sie  auch  ihren  tüchtigsten  Feldherrn  nicht
verwenden;  überdies  war  Erzherzog  Karl  seinem  mißtrauischen  kaiserlichen
Bruder  verdächtig  und  als  alter  Gegner  der  russischen  Allianz  dem  Petersburger
  Hofe  unwillkommen.  Fürst  Schwarzenberg.  erhielt  den  Oberbefehl,
ein  tapferer  Reiterführer  und  ehrenhafter  Cavalier,  der  mit  feinem  diplomatischem
  Takte  die  mächtigen  streitenden  Interessen  im  großen  Hauptquartiere
  auszugleichen,  unter  den  schwierigsten  Verhältnissen,  trotz  der
Anwesenheit  von  drei  Monarchen  die  buntscheckige  Masse  der  verbündeten
  Heere  leidlich  zusammenzuhalten  verstand;  doch  dem  Genie  Napoleon's
  fühlte  er  sich  nicht  gewachsen,  der  große  Ehrgeiz  des  geborenen  Feldherrn
  blieb  ihm  fremd.  Sein  trefflicher  Generalstabschef  Radetzky  besaß
geringen  Einfluß;  in  der  Regel  gaben  die  Generale  Duca  und  Langenau
den  Ausschlag  im  Kriegsrathe,  zwei  Theoretiker  aus  Lloyd's  behutsam
methodischer  Kriegsschule,  denen  nichts  schrecklicher  war  als  das  Wagniß
der  Feldschlacht.  Noch  war  der  Zauber  des  napoleonischen  Namens  ungebrochen.
  Selbst  Czar  Alexander  begann  zu  glauben,  daß  die  neufranzösische
  Kriegskunst  allein  durch  ihre  eigenen  Schüler  zu  überwinden  sei;
er  setzte  sein  Vertrauen  vornehmlich  auf  Bernadotte  und  zwei  andere
französische  Ueberläufer,  Moreau  und  Jomini,  ja  er  erwartete  sogar,  daß
diese  Abtrünnigen  Zwiespalt  und  Parteikampf  im  napoleonischen  Heere
hervorrufen  könnten  —  eine  Hoffnung,  die  an  dem  ehrenwerthen  Patriotismus
  der  Franzosen  zu  Schanden  wurde.  Nur  im  preußischen  Lager
lebte  das  leidenschaftliche  Verlangen  nach  großen  durchschlagenden  Entscheidungen
  und  das  stolze  Selbstvertrauen,  das  den  Sieg  verbürgt;  aber
erst  im  Verlaufe  des  Kriegs,  nach  errungenem  Erfolge  erlangten  die  preußischen
  Heerführer,  die  bedeutendsten  militärischen  Talente  der  Coalition,
Macht  und  Ansehen.

Die  Absicht  Metternich's  seinem  Hofe  die  führende  Stelluug  in  der
Allianz  zu  verschaffen,  erfüllte  sich  vollständig.  Wie  der  Oberbefehl  der
gesammten  Streitkräfte  dem  Fürsten  Schwarzenberg  anvertraut  wurde,
        <pb n="485" />
        Beginn  des  Herbstfeldzuges.  475

so  berücksichtigte  auch  der  neue,  auf  Grund  der  Verabredungen  vom  Mai
festgestellte  Kriegsplan  in  erster  Linie  die  Interessen  Oesterreichs.  General
Toll,  der  fähigste  Generalstabsoffizier  der  russischen  Armee,  vereinbarte
am  12.  Juli  zu  Trachenberg  mit  Knesebeck  und  dem  schwedischen  Kronprinzen
  die  Bildung  dreier  Heere,  deren  jedes  aus  Truppen  der  verschiedenen
  Nationen  gemischt  sein  sollte,  während  Blücher  umgekehrt  seine
Preußen  unter  seinem  eigenen  Befehle  zu  vereinigen  wünschte.  Die  Hauptarmee
  von  235,000  Mann  versammelte  sich  an  der  Nordgrenze  von  Böhmen
  unter  Schwarzenberg's  unmittelbarer  Führung;  dadurch  wurde  Kaiser
Franz  seiner  schwersten  Sorge  ledig,  eine  Verlegung  des  Kriegsschauplatzes
nach  dem  Innern  Oesterreichs  war  kaum  noch  zu  befürchten.  In  den
Marken  und  an  der  Niederelbe  stand  die  Nordarmee  unter  Bernadotte,
über  150,000  Mann,  in  Schlesien  Blücher  mit  95,000  Mann.  Alle  drei
Heere  sollten  die  Offensive  ergreifen  und  ihren  Sammelplatz  im  Lager
des  Feindes  suchen;  wendete  sich  Napoleon  von  seinem  Stützpunkte  Dresden
  aus  mit  überlegener  Macht  gegen  eine  der  drei  Armeen,  so  wich  diese
aus  und  die  beiden  anderen  bedrohten  ihn  in  Rücken  und  Flanke.  So
hatte  das  alte  Europa  doch  endlich  etwas  gelernt  von  der  neuen  großartigen
  Kriegsweise:  nicht  mehr  die  Besitznahme  einzelner  geographischer
Punkte,  sondern  die  Besiegung  des  Feindes  wurde  als  der  Zweck  der  Operation
  bezeichnet.  Freilich  stimmten  die  überbehutsamen  Vorschriften  für
die  Ausführung  wenig  zu  der  Kühnheit  des  strategischen  Grundgedankens.
Der  schlesischen  Armee  dachte  das  große  Hauptquartier  nur  die  bescheidenen
  Aufgaben  eines  großen  Observationscorps  zu,  da  sie  die  schwächste
von  allen  war  und  der  stärksten  Position  des  Feindes  gegenüberstand;
mit  Mühe  erwirkte  sich  Blücher  die  Erlaubniß  unter  außerordentlich  günstigen
  Umständen  eine  Schlacht  anzunehmen.  Seine  Offiziere  klagten
über  die  bescheidene  Rolle  die  man  ihnen  zuwies,  und  beneideten  ihre  nach
Böhmen  zur  Hauptarmee  abmarschirenden  Kameraden;  der  alte  Held  aber
nahm  sich  vor,  seine  Vollmacht  im  allerweitesten  Sinne  auszulegen.  Ein
Glück  übrigens,  daß  man  im  großen  Hauptguartiere  die  feindlichen  Streitkräfte
  um  volle  100,000  Mann  unterschätzte;  so  gewannen  die  Bedachtsamen
  doch  einigen  Muth.

Auch  Napoleon  war  über  die  Stärke  und  die  Stellungen  der  Verbündeten
  schlecht  unterrichtet;  er  suchte  ihre  Hauptarmee  in  Schlesien  und
schlug  die  Kopfzahl  der  Nordarmee  viel  zu  niedrig  an.  Sein  nächstes
Ziel  blieb  noch  immer  die  Vernichtung  der  preußischen  Macht.  Derweil
der  Imperator  selbst  die  schwierige  Aufgabe  übernahm,  von  Dresden  aus
zugleich  die  böhmische  und  die  schlesische  Armee  zurückzuhalten,  sollte  Oudinot
Berlin  erobern,  die  Landwehr  entwaffnen,  die  preußische  Volkserhebung
völlig  niederwerfen.  Glückte  dieser  Schlag,  so  schien  es  möglich  Stettin
und  Küstrin  zu  verstärken,  vielleicht  selbst  Danzig  zu  entsetzen;  der  Zauderer
  Bernadotte  wich  dann  unzweifelhaft  an  die  Küste  zurück,  Preußen
        <pb n="486" />
        476  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

und  Rußland  aber  mußten  ihre  gesammten  Streitkräfte  in  den  bedrohten
Nordosten  werfen  und  sich  von  Oesterreich  trennen.  Also  wurde  die  Coa—
lition  gelockert,  und  vielleicht  gelang  es  dann  der  diplomatischen  Kunst
Napoleon's,  sie  gänzlich  zu  zersprengen.  Da  er  an  den  vollen  Ernst  der
Hofburg  auch  jetzt  noch  nicht  glaubte,  so  vermied  er  absichtlich  einen  Zug
gegen  Böhmen;  Kaiser  Franz  durfte  an  der  wohlwollenden  Mäßigung
des  liebevollen  Schwiegersohnes  nicht  zweifeln.  Die  Befürchtung,  daß  er
umgangen  und  vom  Rheine  abgeschnitten  werden  könne,  wies  der  Kriegserfahrene
  lachend  zurück:  „ein  Heer  von  400,000  Mann  umgeht  man
nicht.“  Er  wußte  wohl,  welchen  Vortheil  ihm  die  Einheit  des  Oberbefehls
und  die  concentrirte  Stellung  seines  Heeres  boten,  und  zog  was  irgend
verfügbar  war  nach  Obersachsen  heran.  Nur  das  Corps  Davoust's  wurde
aus  politischen  Gründen  an  der  Niederelbe  zurückgehalten,  denn  das  feste
Hamburg  durfte  um  keinen  Preis  einer  englischen  Landungsarmee  zum
Brückenkopfe  dienen.

Während  Oudinot  den  Marsch  nach  den  Marken  antrat,  wendete
sich  Napoleon  zunächst  gegen  die  schlesische  Armee,  in  der  Hoffnung  den
thatenfrohen  Blücher  zu  einer  Schlacht  zu  verleiten.  Der  preußische
Feldherr  wich  der  Uebermacht  aus  und  ging  erst  nach  einigen  Tagen
wieder  zum  Angriff  vor,  als  Napoleon  mit  einem  Theile  seines  Heeres
nach  Dresden  zurückeilte  um  die  heranrückende  böhmische  Armee  abzuwehren.
  Macdonald,  der  in  Schlesien  zurückgeblieben,  wähnte  die  Verbündeten
  noch  im  vollen  Rückzuge  und  marschirte  am  26.  August,  keiner
Schlacht  gewärtig,  gegen  Jauer;  seine  Truppen  drängten  die  Vorhut  der
Preußen  zurück,  überschritten  die  vom  Regen  hoch  angeschwellten  Gewässer
  der  Katzbach  und  der  wüthenden  Neiße,  stiegen  dann  sorglos  an
den  steilen  Thalrändern  empor  auf  die  Hochebene,  die  sich  über  dem  Zusammenfluß
  der  beiden  Gebirgsbäche  erhebt.  Droben  aber  stand  ork,
hinter  sanften  Anhöhen  versteckt,  mit  dem  Centrum  des  Blücher'schen
Heeres;  er  ließ  einen  Theil  der  Feinde  auf  die  Hochebene  heraufkommen
und  brach  alsdann  urplötzlich  mit  zermalmendem  Ungestüm  aus  dem
Hinterhalte  hervor,  auf  seinem  rechten  Flügel  von  Sacken's  Russen  kräftig
unterstützt.  Ein  furchtbares  Blutbad  begann.  Der  überraschte  Feind  stand
eingepreßt  in  dem  Winkel  zwischen  den  beiden  Gebirgswassern;  Kolben
und  Bajonett  bildeten  die  einzigen  Waffen  des  Fußvolks,  da  die  Musketen
im  Regen  versagten.  Bei  Anbruch  der  Nacht  warf  Katzeler's  Reiterei  die
aufgelösten  Trümmer  des  feindlichen  Heeres  in  das  Thal  der  wüthenden
Neiße  hinunter,  Tausende  fanden  den  Tod  in  den  wilden  Wogen.  Nur
die  Saumseligkeit  Langeron's,  der  mit  seinem  russischen  Corps  auf  dem
linken  Flügel  dem  Kampfe  fern  blieb,  rettete  die  Armee  Macdonald's  vor
gänzlichem  Untergange.  Gneisenau  aber  gedachte  jener  Schreckensnacht  nach
der  Schlacht  von  Jena  und  befahl  die  letzte  Kraft  von  Roß  und  Mann  an
die  Verfolgung  zu  setzen.  Erschöpft  von  der  Schlacht  und  den  Hin=  und
        <pb n="487" />
        Schlacht  an  der  Katzbach.  477

Hermärschen  der  jüngsten  Tage  lagerten  die  siegreichen  Truppen  während
der  Nacht  auf  dem  aufgeweichten  Boden  ohne  Feuer,  hungernd  und  frierend,
in  abgerissenen  dünnen  Kleidern,  die  Meisten  ohne  Schuhe;  ihrer  Viele
erlagen  der  übermenschlichen  Anstrengung.  Dann  brach  man  auf,  den
Geschlagenen  nach.  Am  29.  wurde  die  Division  Puthod  bei  Plagwitz
von  den  Nachsetzenden  erreicht  und  völlig  zersprengt  noch  bevor  sie  das
Wildwasser  des  Bobers  überschreiten  konnte;  auch  die  irische  Legion,  die
unter  französischem  Banner  gegen  den  englischen  Todfeind  focht,  fand
ihr  Grab  in  den  Wellen  des  deutschen  Flusses.  So  hielt  die  wilde  Jagd
noch  Tagelang  an,  immer  bei  strömendem  Regen,  verlustreich  für  die
Sieger,  verderblich  für  die  Fliehenden,  bis  endlich  am  1.  September
Blücher  seinem  Heere  triumphirend  verkünden  konnte,  das  gesammte
schlesische  Land  sei  vom  Feinde  gesäubert.

Die  Schlacht  an  der  Katzbach  war  der  erste  wahrhaft  fruchtbare  Sieg
dieses  Feldzugs.  Sie  befreite  Schlesien,  sie  hob  die  Zuversicht  im  Heere
der  Verbündeten  und  brachte  dem  Werke  Scharnhorst's  eine  glänzende
Rechtfertigung,  da  die  neue  Landwehr  sich  den  besten  Linientruppen  ebenbürtig
  zeigte;  sie  erweckte  was  jedem  nationalen  Kriege  unentbehrlich  ist,
die  Freude  an  einem  volksthümlichen  Helden,  zu  dem  der  kleine  Mann
bewundernd  aufschauen  konnte.  Der  Name  Blücher's  war  in  Aller  Munde.

Wer  den  Dingen  näher  stand  wußte  freilich,  daß  die  Kriegspläne  des
alten  Helden  aus  Gneisenau's  Kopfe  stammten.  So  war  der  königliche  Mann
nun  doch  der  Marschall  von  Schlesien  geworden,  wie  ihm  Clausewitz  geweissagt.
  Er  hatte  einst  in  unheilvollen  Tagen  auf  den  Wällen  Kolbergs  die  geschändeten
  preußischen  Fahnen  zuerst  wieder  zu  Ehren  gebracht.  Jetzt  wußte
er  die  schlesische  Armee  so  ganz  zu  durchdringen  mit  der  feurigen  Thatkraft
  seines  heldenhaften  Geistes,  daß  dies  kleinste  Heer  der  Coalition  bald
der  Schwerpunkt  ihrer  Streitkräfte  wurde;  denn  das  stand  ihm  außer
Zweifel,  daß  ein  Muthiger  Muthige  schaffen  könne.  Bald  hatte  sich  zwischen
  ihm  und  Blücher  jenes  menschlich  schöne  Verhältniß  unverbrüchlichen
Vertrauens  gebildet,  das  für  Deutschlands  Geschicke  ebenso  segensreich
werden  sollte  wie  vormals  die  Freundschaft  von  Luther  und  Melanchthon,
von  Schiller  und  Goethe.  Willig  ging  der  Alte  auf  die  Ideen  seines
Generalquartiermeisters  ein  und  fand  sich  darin  zurecht  als  wären  sie  sein
eignes  Werk.  Der  Jüngere  aber  wahrte  mit  feinem  Takte  das  Ansehen
des  Commandirenden,  befahl  immer  nur  in  Blücher's  Namen,  hielt  sich
so  bescheiden  zurück,  daß  seine  Frau  selber  lange  nichts  von  der  eigentlichen
  Wirksamkeit  ihres  Gatten  erfuhr,  und  ertrug  es  ohne  Murren,  daß
er  der  Mannschaft  fast  ebenso  unbekannt  blieb  wie  einst  P.  von  Westphalen
den  Soldaten  Ferdinand's  von  Braunschweig.  Beim  Ausbruch  des  Krieges
hatte  er  nur  die  Karten  von  Westdeutschland  und  Frankreich  mit  in's  Feldlager
  genommen  —  so  bestimmt  rechnete  er  auf  einen  raschen  Siegeszug;
nun  warf  ihn  das  Geschick  wieder  in  diese  Ostmark  Deutschlands,  wo  er
        <pb n="488" />
        478  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

einst  seine  besten  Jahre  im  Einerlei  subalternen  Dienstes  verbracht  hatte.
Die  Langeweile  jener  öden  Zeit  kam  ihm  jetzt  zu  gute;  er  kannte  Weg
und  Steg  im  Lande,  er  wußte,  daß  die  heimtückischen  kleinen  Bäche  des
Riesengebirges  bei  Unwetter  rasch  zu  reißenden  Strömen  werden,  und
baute  darauf  seinen  Plan.  Nichts  schien  ihm  erbärmlicher  als  das  Aus—
ruhen  auf  den  errungenen  Lorbeeren;  kaum  war  Schlesien  befreit,  so
faßte  er  alsbald  das  Ziel  der  Vereinigung  der  drei  Armeen  in's  Auge.
Nur  so  konnte  eine  große  Entscheidung  erzwungen  werden,  und  dieses
letzten  Erfolges  fühlte  sich  der  Kühne  so  sicher,  daß  er  schon  im  September,
zu  einer  Zeit  da  die  Meisten  kaum  auf  die  Eroberung  von  Dresden  zu
hoffen  wagten,  seinen  Offizieren  voraussagte,  sie  sollten  noch  in  diesem
Herbst  Trauben  am  Rhein  pflücken.  Er  nannte  Napoleon  gern  seinen
Lehrer,  denn  von  ihm  hatte  er  gelernt  die  Künstelei  der  alten  militärischen
Schule  zu  verachten;  erst  in  der  Hauptstadt  des  Feindes  hoffte  er  die
Waffen  niederzulegen.  So  stand  er  unter  den  Heerführern  der  Verbün—
deten  als  der  Pfadfinder  des  Sieges,  wie  ihn  der  Meißel  Christian  Rauch's
dargestellt  hat,  mit  vorgestrecktem  Arm  hinweisend  auf  des  Krieges  letztes
Ziel,  der  einzige  Mann,  der  sich  der  Feldherrngröße  Napoleon's  gewachsen
fühlte.  Fortiter,  fideliter,  feliciter!  —  so  lautete  der  hochgemuthe  Wahlspruch
  seines  Wappens.

Die  Begeisterung  der  Jugend  und  die  Gunst  der  Frauen  wendeten
sich  der  heiteren  Kraft  und  Frische  des  genialen  Mannes  von  selber  zu;
vor  den  älteren  Kameraden  mußte  er  sich  erst  durch  den  Erfolg  rechtfertigen.
  Die  drei  Corpsführer  der  schlesischen  Armee  fügten  sich  ungern  den
Weisungen  des  jungen  Generalmajors;  immerhin  war  Sacken's  Eigensinn
und  Langeron's  Ungehorsam  noch  erträglicher  als  das  gallige  Tadeln  und
Klagen  VYork's.  Der  Hochconservative  hatte  den  alten  Groll  gegen  die
Reformpartei  noch  nicht  überwunden,  nannte  Blücher  einen  rohen  Husaren,
Gneisenau  ein  phantastisches  Kraftgenie,  schalt  über  die  Heerverderber,
die  den  erschöpften  Truppen  unmögliche  Entbehrungen  und  Gewaltmärsche
zumutheten,  forderte  wiederholt  seinen  Abschied.  Blücher's  Hochherzigkeit
ließ  sich  von  Alledem  gar  nicht  anfechten;  er  meinte  gleichmüthig:  „der
York  ist  ein  giftiger  Kerl,  er  thut  nichts  als  räsonniren,  aber  wenn  es
losgeht  dann  beißt  er  an  wie  Keiner.“

Unbeirrt  von  Blücher's  vorwärtsdrängendem  Ungestüm  wie  von  den
besorgten  Warnungen  der  Generale  schritt  Gneisenau  seines  Weges.  Durch
den  Sieg  an  der  Katzbach  entwaffnete  er  den  Widerstand.  Der  Tadel  wagte
sich  nicht  mehr  so  laut  hervor,  obschon  er  nicht  gänzlich  verstummte;  und
als  auch  im  weiteren  Verlaufe  des  Krieges  fast  immer  die  schönsten  Kränze
diesem  kleinen  Heere  zufielen,  da  galt  es  bald  als  ein  Ruhm  der  schlesischen
Armee  anzugehören.  Ein  frohes  Selbstgefühl  verband  alle  ihre  Glieder,
sie  wußte,  daß  sie  wirklich,  wie  Clausewitz  sagte,  die  stählerne  Spitze  war
an  dem  schwerfälligen  eisernen  Keile  der  Coalition.  Selbst  die  Russen  ver-
        <pb n="489" />
        Das  schlesische  Heer.  479

spürten  etwas  von  der  eigenthümlichen  Siegesfreudigkeit,  die  von  Blücher's
Hauptquartier  ausstrahlte.  Einige  ihrer  Führer,  wie  Sacken  und  der  toll—
kühne  Reitergeneral  Wassiltschikow  lebten  mit  den  Preußen  in  vertrau—
licher  Kameradschaft;  die  Kosaken  begrüßten  den  greisen  Feldherrn  mit
endlosen  Hurrahrufen  wo  er  sich  zeigte  und  erzählten  einander,  der  Alte
sei  eigentlich  ein  Kosakenkind,  am  blauen  Don  geboren.

Einem  jungen  Deutschen  mochte  wohl  das  Herz  aufgehen  in  dem
Heldenkreise,  der  sich  um  Blücher  versammelte.  Da  standen  neben  York
die  Brigadeführer  Steinmetz,  jener  Horn,  dem  die  Franzosen  vor'm  Jahre
den  Namen  des  preußischen  Bayard  gegeben  hatten,  und  der  Bruder  der
Königin  Luise,  Karl  von  Mecklenburg;  die  verwegenen  Reiterführer  Jür—
gaß  und  Sohr,  der  Liebling  Blücher's  Katzeler  und  der  tolle  Platen  mit
seiner  ewig  brennenden  Pfeife;  unter  den  Jüngeren  Schack  und  Graf
Brandenburg,  der  Minister  von  1848,  jene  Beiden,  die  sich  York  gern
als  Preußens  künftige  Feldherren  dachte;  neben  Gneisenau  der  schwunglos
nüchterne  Müffling,  der  Einzige  fast,  der  zu  dem  jugendlichen  Tone  dieses
Kreises  nicht  paßte,  dann  Rühle  von  Lilienstern,  der  Freund  von  Heinrich
Kleist,  ein  hochgebildeter,  geistvoller  Offizier,  der  immer  zur  Hand  sein
mußte  wenn  es  galt  durch  persönliche  Ueberredung  auf  die  beiden  anderen
Hauptquartiere  einzuwirken,  dann  Major  Oppen,  der  spanische  Held,  dann
Fehrentheil,  der  nachher  in  der  demagogischen  Phantasterei  des  Teutonen—
thums  unterging,  während  der  junge  Gerlach  späterhin  ein  Führer  der
Hochconservativen  wurde;  dazu  die  Schriftgelehrten,  wie  Blücher  sie
spottend  nannte:  der  liebenswürdige,  fromme  Naturforscher  Karl  von
Raumer,  der  philosophische  Schwärmer  Steffens,  endlich  Eichhorn,  der
die  Erinnerungen  dieser  reichen  Monate  wie  ein  heiliges  Vermächtniß  im
Herzen  bewahrte  und  nachher  durch  den  Ausbau  des  Zollvereins  das
Werk  des  Befreiungskrieges  zu  vollenden  strebte.  Es  war  wie  ein  Mikro—
kosmos  des  neuen  Deutschlands:  fast  alle  die  Parteien  der  Politik  und
Literatur,  welche  in  den  folgenden  Jahrzehnten  das  deutsche  Leben  erfüllten,
fanden  hier  ihre  Vertreter.  Keine  Spur  mehr  von  dem  rohen  Bildungs—
hasse  der  alten  Armee;  an  müßigen  Abenden  lasen  die  Offiziere  zuweilen
Shakespeare'sche  Dramen  mit  vertheilten  Rollen,  oder  Oppen  spielte  deutsche
und  spanische  Lieder  auf  seiner  Cither.  Mit  rücksichtsloser  Offenheit  sagte
Jeder  seine  Meinung  gerade  heraus  wie  Blücher  selber;  nirgends  wurde
die  Felonie  der  deutschen  Fürsten  schärfer  verurtheilt,  die  Vernichtung  der
rheinbündischen  Souveränität  und  die  Verstärkung  der  preußischen  Macht
stürmischer  gefordert  als  in  der  Umgebung  des  preußischen  Feldherrn.
„Geht  es  nach  mir,“  sagte  General  Hünerbein  zu  dem  Kurprinzen  von
Hessen,  „so  bekommt  Ihr  Vater  nicht  soviel  Land  zurück  als  ich  Schmutz
unter  meinen  Nägeln  habel!“

Welch  ein  Gegensatz  zu  dem  Hauptquartiere  Napoleon's!  Wie  war
es  doch  so  unheimlich  still  geworden  um  den  neuen  Caesar  seit  das  Glück
        <pb n="490" />
        480  I.  4.  Der  Befreiungzkrieg.

ihn  mied;  finster  brütend  saß  er  am  Wachefeuer,  um  ihn  in  weitem  Kreise
scheu  flüsternd  das  Gefolge,  bis  er  dann  plötzlich  mit  barschem  Ruf  den
Befehl  zum  Aufbruch  gab  und  unter  einer  Fluth  grober  Schimpfwörter,
die  vom  Marschall  bis  zum  Stallknechte  herniederregnete,  der  Zug  sich
wieder  in  Bewegung  setzte.  Den  Diplomaten  und  gelehrten  Strategen
im  Hauptquartiere  der  drei  Monarchen  erschien  die  schlesische  Armee  wie
eine  geschlossene  politische  Partei.  Mit  Entsetzen  hörten  Metternich  und
Langenau  von  der  freudigen  Kampflust  und  dem  lauten  Freimuth,  von
dem  preußischen  Stolze  und  der  nationalen  Leidenschaft  des  Blücher'schen
Lagers.  Auch  in  der  Umgebung  König  Friedrich  Wilhelm's  wurden  schon
ängstliche  Stimmen  laut,  die  vor  den  gefährlichen  Plänen  der  schlesischen
Heißsporne  warnten;  in  Flüsterworten  und  Zwischenträgereien  kündigte
sich  bereits  ein  Parteikampf  an,  der  auf  Jahre  hinaus  für  Preußen  verhängnißvoll
  werden  sollte.  Nur  Stein  stand  unentwegt  auf  Blücher's
Seite  und  legte  bei  dem  Czaren  sein  Fürwort  ein  für  jeden  Vorschlag
des  alten  Helden.  Von  dem  schlesischen  Heere  gingen  alle  großen  Entschließungen
  der  Allianz  aus,  und  mit  vollem  Rechte  sagte  Gneisenau,  die
Nachwelt  werde  staunen,  wenn  sie  dereinst  die  geheime  Geschichte  dieses
Krieges  erfahre.

Inzwischen  war  auch  Napoleon's  dritte  Unternehmung  gegen  Berlin
gescheitert.  Die  natürliche  Schwerfälligkeit  und  Zwietracht  aller  Coalitionsheere
  zeigte  sich  nirgends  so  grell  wie  in  der  Nordarmee.  Was  hatte
auch  dieser  napoleonische  Marschall  Bernadotte  gemein  mit  dem  heiligen
Zorne  des  deutschen  Volkes?  Sein  Vaterland  hatte  er  aufgegeben,  doch
nicht  das  französische  Selbstgefühl.  Vor  sieben  Jahren  war  er  denselben
preußischen  Generalen,  die  sich  nun  seinen  Befehlen  fügen  sollten,  als
Sieger  gegenübergetreten;  er  dachte  klein  von  ihrer  Begabung  und  fragte
verächtlich,  ob  das  die  Männer  seien,  die  den  großen  Napoleon  schlagen
sollten.  Von  den  abgerissenen,  elend  verpflegten  preußischen  Truppen,
die  sich  mit  fünferlei  verschiedenen  Gewehren  und  schlechten  eisernen  Kanonen
  behelfen  mußten,  erwartete  er  nichts;  von  ihren  Gesinnungen  wußte
er  so  wenig,  daß  er  ihnen  die  Großthaten  der  Franzosen  von  1792  als
leuchtendes  Beispiel  vorhielt.  Ein  vorsichtiger  Feldherr  war  er  immer
gewesen  und  jetzt  am  wenigsten  wollte  er  Großes  wagen,  da  eine  Niederlage
  seinem  Hause  leicht  den  noch  ungesicherten  schwedischen  Thron  rauben
konnte.  Gewichtige  politische  Gründe  geboten  ihm  seine  Schweden  ängstlich
  zu  schonen;  der  Krieg  war  in  Schweden  nicht  beliebt,  der  feine  Plan
Norwegen  in  Deutschland  zu  erobern  blieb  dem  Volke  unverständlich,  und
woher  sollte  das  menschenarme  Land  Ersatz  schaffen  für  ein  verlorenes
Heer?  An  den  Preußen  war  es  —  so  sagte  er  unverhohlen  —  ihre  Hauptstadt
  mit  ihrem  Blute  zu  vertheidigen.  Da  er  in  seiner  Eitelkeit  sich
selber  für  den  gefährlichsten  Gegner  Napoleon's  hielt,  so  erwartete  er  sicher,
der  Imperator  werde  seine  beste  Kraft  gegen  ihn  wenden,  und  erklärte
        <pb n="491" />
        Die  Nordarmee.  481

einen  Vormarsch  gegen  Obersachsen  hin  für  hochbedenklich;  die  Stellung
der  Nordarmee  südlich  von  Berlin  war  allerdings  schwierig,  sie  konnte  im
Rücken  von  Hamburg  aus,  von  Magdeburg  her  in  der  Flanke  bedroht
werden  und  hatte  vor  sich  die  Festungen  Wittenberg  und  Torgau.  Noch
andere  tiefgeheime  politische  Pläne  nöthigten  Karl  Johann  zur  Vorsicht.
Der  schlaue  Bearner  hatte  schon  in  Frankreich  die  Rolle  des  freisinnigen
Oppositionsmannes  gespielt  und  stand  jetzt  wieder  in  vertraulichem  Verkehre
  mit  Lafayette  und  anderen  französischen  Unzufriedenen;  unmöglich
schien  es  ihm  nicht,  daß  der  Wille  der  Franzosen  und  die  Gunst  der
großen  Mächte  ihn  selber  auf  den  Thron  Frankreichs  beriefen  wenn  sein
persönlicher  Feind  Napoleon  fiel.  Wollte  er  aber  den  Stolz  seiner  ohnehin
gegen  den  Abtrünnigen  erbitterten  alten  Landsleute  nicht  tödlich  verletzen,
so  durfte  er  die  entscheidenden  Schläge  des  Krieges  nicht  selber  führen.“

Den  preußischen  Offizieren  gefiel  anfangs  die  gewinnende  Liebenswürdigkeit
  des  geistreichen,  redseligen  Südländers,  doch  bald  wurden  sie
mit  Befremden  gewahr,  daß  ihr  Feldherr  auch  jetzt  noch,  an  der  Spitze
einer  großen  Armee,  ebenso  zaudernd  und  bedachtsam  verfuhr  wie  im
Frühjahr,  als  er  Hamburg  in  die  Hände  des  Feindes  fallen  ließ.  Ein
widerwärtiger  Streit  brach  aus.  Die  Generale  Bülow  und  Borstell,
Beide  unter  den  preußischen  Kameraden  bekannt  als  unbequeme  Untergebene
  von  starkem  Eigensinn,  fühlten  sich  in  ihrem  Gewissen  gedrungen,
mit  Rathschlägen  und  Vorstellungen  dem  Commandirenden  entgegenzutreten,
  und  begreiflich  genug,  daß  die  tapferen  Degen  dem  verdächtigen
Fremdling  in  der  Hitze  des  Zornes  zuweilen  unrecht  thaten.

Oudinot's  Armce  rückte  von  Sachsen  aus  heran,  70,000  Mann  stark,
Truppen  aus  allerlei  Volk:  Franzosen,  Italiener,  Croaten,  Polen,  Illyrier,
dazu  die  übelberufene  Division  Durutte  mit  ihren  Schaaren  begnadigter
Deserteure  und  Verbrecher.  Die  Hauptmasse  aber  bildeten  Deutsche  aus
Sachsen,  Westphalen,  Baiern,  Würzburg;  ein  glorreicher  Einzug  in  Berlin
sollte  die  Rheinbündner  wieder  fester  an  die  französische  Sache  ketten.
Die  halbkreisförmige  starke  Vertheidigungslinie,  welche  die  morastigen  Gewässer
  der  Nuthe  und  der  Notte  sechs  Stunden  südlich  von  Berlin  bilden,
wurde  nach  lebhaften  Gefechten  von  den  Franzosen  überschritten,  da  Bernadotte
  das  sumpfige  Waldland  mit  ungenügenden  Streitkräften  besetzt
hatte.  Bereits  drang  ihre  Vorhut  durch  die  Waldungen  bis  nach  Großbeeren
vor;  gelang  ihr  sich  dort  zu  behaupten,  so  hatte  das  feindliche  Heer  nur
noch  die  freie  Ebene  des  Teltower  Landes  zu  durchschreiten  und  konnte
ohne  Aufenthalt  in  Berlin  einziehen.  Dem  schwedischen  Kronprinzen  lag
wenig  an  der  Behauptung  der  preußischen  Hauptstadt,  längst  hatte  er  schon
alle  Vorbereitungen  für  die  Räumung  Berlins,  für  den  Rückzug  über  die

 

*)  Ich  kann  nicht  finden,  daß  G.  Swederus  (in  seinem  galligen  Buche:  Schwedens
Politik  und  Kriege  in  d.  J.  1808—14)  etwas  Wesentliches  zu  Gunsten  seines  Helden
Karl  Johann  erwiesen  hätte.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  31
        <pb n="492" />
        482  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Spree  getroffen.  In  fieberischer  Spannung  lauschten  die  Bürger  auf
den  Kanonendonner,  der  von  Süden  herüber  klang.  Sie  wußten  was  ihnen
drohte;  Napoleon  hatte  befohlen  die  verhaßte  Stadt  in  Brand  zu  schießen.

Da,  am  Nachmittage  des  23.  August,  entschloß  sich  Bülow  eigenmächtig
  das  Corps  Reynier's  bei  Großbeeren  anzugreifen  bevor  Oudinot
und  Bertrand  zur  Unterstützung  herankamen.  Während  Borstell  den  Feind
in  der  rechten  Flanke  faßte,  richtete  Bülow  selbst  seinen  Angriff  gegen
das  Centrum  in  Großbeeren.  Wieder  wie  fast  an  allen  Schlachttagen
dieses  Herbstes  lag  ein  dicker  Wolkenschleier  über  der  Landschaft.  Triefend
von  Regen  stürmten  die  Truppen  vor,  viele  Landwehren  darunter,  alle
voll  Kampflust,  doch  Niemand  ergrimmter  als  die  Märker,  die  hier  recht
eigentlich  für  Weib  und  Kind,  für  Haus  und  Herd  fochten;  sie  drehten
die  unbrauchbaren  Flinten  um  und  hieben  unter  dem  Rufe:  „so  fluscht
et  bäter“  mit  schmetternden  Kolbenschlägen  auf  die  Schädel  der  Feinde
ein.  Gegen  Abend  war  Großbeeren  genommen,  trotz  des  heldenhaften
Widerstandes  der  Sachsen,  und  Reynier  trat  den  verlustreichen  Rückzug
durch  das  Waldland  an.  Daß  sein  Corps  nicht  gänzlich  aufgerieben  wurde,
verdankte  er  allein  dem  schwedischen  Kronprinzen,  der,  taub  für  alle  Bitten
Bülow's,  nur  eine  einzige  schwedische  Batterie  und  einen  Theil  der  russischen
  Geschütze  am  Kampfe  theilnehmen  ließ  statt  durch  einen  rechtzeitigen
Angriff  auf  Reynier's  linken  Flügel  dem  geschlagenen  Feinde  den  Garaus
zu  machen.  Hier  wie  in  Schlesien  fiel  den  Preußen  die  schwerste  Arbeit
zu,  und  nicht  durch  einen  Zufall,  denn  nur  für  sie  war  dieser  Krieg  Ein
Kampf  um  das  Dasein.  Oudinot  gab  das  Spiel  verloren,  ging  mit
seiner  gesammten  Armee  auf  Wittenberg  zurück.

Am  folgenden  Morgen  eilten  die  Berliner  in  Schaaren  auf  das
Schlachtfeld  hinaus  ihre  Befreier  zu  begrüßen;  lange  Züge  hochbepackter
Wagen  brachten  Bettzeug  für  die  Verwundeten,  Wein  und  Speisen  für
die  Ermatteten.  Welche  Ausbrüche  des  Jubels  und  der  Klage  unter  allen
diesen  Eltern  und  Geschwistern,  die  ihre  Söhne,  ihre  Brüder  suchten;  es
war  des  Dankes  und  der  Umarmungen  kein  Ende;  in  tausend  rührenden
Zügen  bekundete  sich  die  heilige  Macht  der  Liebe,  die  ein  gerechter  Krieg
in  edlen  Völkern  erweckt.

Das  Beste  blieb  doch,  daß  die  Preußen  abermals  einen  vaterländischen
Helden  lieben  lernten,  den  allezeit  glücklichen  Bülow:  —  so  hieß  er  jetzt  seit
den  Siegen  von  Luckau  und  Großbeeren;  in  dem  Kriege  von  1807  hatten  die
Kameraden  wohl  seine  Tüchtigkeit  gelobt  aber  sein  ewiges  Unglück  bedauert.
Auch  er  zählte  wie  York  zu  den  Soldaten  der  alten  Schule  und  war  den
Bestrebungen  der  Reformpartei  nicht  hold,  wenngleich  er  den  Groll  des
alten  Isegrimm  nicht  theilte.  Doch  die  Schande  seines  Landes  empfand
er  in  tiefster  Seele  und  als  der  Kampf  ausbrach  führten  ihn  sein  gerader
Soldatenverstand  und  der  angeborene  feurige  Muth  von  selber  zu  einer
kühnen  Kriegsweise,  die  den  Theorien  Scharnhorst's  entsprach;  zudem  stand
        <pb n="493" />
        Großbeeren.  Bülow.  483

Boyen  als  Generalquartiermeister  an  seiner  Seite.  Geistreich  und  fein  ge—
bildet,  in  jungen  Jahren  eine  Zierde  der  Salons  des  Prinzen  Louis  Ferdi—
nand,  ein  Kenner  der  Künste  und  begabter  Componist,  zeigte  er  in  seinem
äußeren  Auftreten  gar  nichts  von  jener  fortreißenden  begeisternden  Macht,
die  aus  Blücher's  Flammenaugen  blitzte.  Wer  hätte  den  unscheinbaren
kleinen  Mann  für  einen  Feldherrn  gehalten,  wenn  er  so  still  in  Ueberrock
und  Feldmütze,  einen  Kantschu  über  die  Schulter,  auf  seinem  kleinen  dauer—
haften  Rothschimmel  dahertrabte?  Aber  die  Offiziere  wußten,  was  sie  an
dem  gerechten  und  wohlwollenden,  durchaus  wahrhaftigen  und  gradsinnigen
Führer  hatten;  der  Mannschaft  war  er  ein  sorgsamer  Vater,  sie  schwor  auf
ihn  und  glaubte  fest,  unter  dem  könne  es  nicht  fehlgehen.  Und  auch  die
Furcht  fehlte  nicht,  die  zur  Beherrschung  eines  Heeres  nothwendig  ist;  der
stille  Mann  konnte  zuweilen  in  unbändigem  Jähzorn  aufflammen,  wenn
er  etwa  gefangenen  Rheinbundsoffizieren  mit  schonungslosen  Worten  die
Schande  ihres  Schergendienstes  vorhielt  oder  durch  einen  Adjutanten
Bernadotte's  einen  Befehl  zum  Rückzuge  empfing.  Seit  dem  Erfolge  von
Großbeeren  trat  er  dem  Kronprinzen  mit  der  ganzen  Schroffheit  seines
Selbstgefühls  entgegen;  er  wagte  sogar  in  den  Zeitungen  dem  parteiisch
gefärbten  Schlachtberichte  des  Oberfeldherrn  zu  widersprechen.  Die  preußischen
  Generale  nahmen  sich  vor,  dem  hinterhaltigen  Zauderer  nicht  zu
gehorchen,  falls  er  wieder  einmal  die  günstige  Stunde  zum  Angriff  versäumen
  sollte  —  ein  gefährlicher  Entschluß,  der  allein  durch  die  unnatürlichen
  Verhältnisse  in  diesem  Coalitionsheere  entschuldigt  werden  konnte.

Gleichzeitig  mit  Oundinot  war  Davoust  von  Hamburg  aus  gegen  Berlin
aufgebrochen,  aber  auf  die  Nachricht  von  Großbeeren  wieder  zurückgewichen.
Auch  das  Corps  Girard's,  das  von  Magdeburg  her  der  Nordarmce  in
die  Flanke  fallen  sollte,  trat  nach  Eintreffen  der  Unheilsbotschaft  den  Rückmarsch
  an;  da  wurden  die  Abziehenden  am  27.  August  in  ihrem  Lager
auf  den  Sandhügeln  der  Zauche  bei  Hagelberg  von  den  kurmärkischen  Landwehrregimentern
  des  Generals  Hirschfeld  angegriffen.  Der  würdige  alte
Herr,  ein  wieder  eingetretener  Veteran  aus  dem  siebenjährigen  Kriege,  leitete
das  Gefecht  nach  den  Regeln  der  fridericianischen  Lineartaktik;  er  erwartete
nicht  allzu  viel  von  seinen  rohen,  fast  ganz  ungeschulten  Truppen,  und
wie  er  dachte  Marwitz,  der  Führer  der  Reservebrigade.  In  der  That  hielt
die  junge  Mannschaft  dem  unerwarteten  Feuer  der  französischen  Batterien
anfangs  nicht  Stand;  jedoch  als  der  erste  Schrecken  überwunden  war,
stürmten  die  brandenburgischen  Bauern,  ermuthigt  durch  die  feste  Haltung
  eines  erprobten  Linienregiments,  unaufhaltsam  vor,  und  dann  brach
sie  los,  die  alte  furia  tedesca,  jene  Wildheit  des  nordischen  Berserkerzornes,
  wovon  die  Sagen  der  Romanen  seit  den  Zeiten  des  Varus  so
viel  Gräßliches  zu  erzählen  wußten.  Welch  ein  Anblick,  wie  die  Bauern
auf  ein  dichtgedrängtes  Viereck  französischen  Fußvolks  an  der  Hagelberger
Dorfmauer  losschlugen,  schweigsam,  unerbittlich,  in  namenloser  Wuth;

317
        <pb n="494" />
        484  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

als  das  dumpfe  Krachen  der  Gewehrkolben  endlich  verstummte,  da  lag
ein  scheußlicher  Leichenhaufen  hoch  aufgeschichtet  bis  zum  Rand  der  Mauer,
das  Hirn  quoll  den  Todten  aus  den  zerschmetterten  Schädeln.  Von  seinen
9000  Mann  rettete  Girard  nur  1700  aus  dem  Entsetzen  dieser  Landwehrschlacht.
  Um  solchen  Preis  ward  die  Befreiung  der  Mark  erkauft.  Auch
mancher  ältere  Berliner  Bürger  hatte  mitgeholfen,  so  der  Buchhändler
G.  A.  Reimer,  der  Freund  Niebuhr's  und  Schleiermacher's  der  unermüdliche
  Patriot;  der  stand  als  Hauptmann  bei  der  kurmärkischen  Landwehr,
eilte  nach  dem  Hagelberger  Treffen  auf  Urlaub  heim  sein  jüngstes  Töchterlein
  über  die  Taufe  zu  halten,  dann  wieder  hinaus  zu  seinem  Bataillon.

Minder  glücklich  verlief  der  Zug  der  böhmischen  Armee  nach  Dresden.
Ihre  unbehilflichen  Massen  überschritten  langsam  den  Kamm  des  Erzgebirges,
  zogen  anfangs  nordwestwärts  in  der  Richtung  nach  Leipzig  um  dann
erst  nach  Osten  gegen  Dresden  abzubiegen.  Ermüdet  von  den  schwierigen
Märschen  im  Gebirge  langte  etwa  ein  Drittel  des  Heeres,  gegen  60,000
Mann,  am  Nachmittage  des  25.  August  auf  den  Höhen  an,  welche  die
Stadt  auf  dem  linken  Elbufer  umschließen.  Faßte  man  sich  das  Herz,
das  ungleich  schwächere  Corps  von  St.  Cyr,  das  zur  Vertheidigung  des
Platzes  zurückgeblieben,  sofort  anzugreifen,  so  wurde  der  wichtige  Stützpunkt
  des  napoleonischen  Heeres  durch  einen  Handstreich  genommen.  Die
Bevölkerung,  die  nach  dem  großen  Sinne  dieses  Krieges  wenig  fragte,  gab
bereits  Alles  verloren,  der  geängstete  König  flüchtete  in  die  Neustadt,  auf
das  sichere  rechte  Ufer.  Aber  in  dem  vielköpfigen  Kriegsrathe  der  drei
Monarchen  regierte  die  bedachtsame  Vorsicht:  man  beschloß  den  Angriff
zu  verschieben  bis  die  gesammte  Armee  versammelt  war.  Unselige  Zögerung.
  Denn  unterdessen  kam  Napoleon's  Heer  aus  Schlesien  in  Eilmärschen
  auf  der  Bautzener  Straße  heran.  An  dem  grauen,  trüben
Morgen  des  26.  erreichte  der  Imperator  die  Höhe  am  Mordgrunde  dicht
über  dem  Strome,  wo  sich  der  Ausblick  öffnet  auf  den  lieblichen  Kessel
des  Elbthals,  und  betrachtete  lange  das  majestätische  Schauspiel,  wie  jenseits
  auf  dem  linken  Ufer  die  dunklen  Massen  des  Heeres  der  Verbündeten,
  in  weitem  Halbkreise  die  Stadt  umklammernd,  mit  beiden  Flügeln
an  den  Fluß  gelehnt,  sich  langsam  von  den  Hügeln  niedersenkten.

Noch  einmal,  zum  letzten  male  auf  deutschem  Boden,  umstrahlte  ihn
die  Herrlichkeit  des  Sieges.  Wohl  war  sein  Heer  augenblicklich  noch  um  die
Hälfte  schwächer  als  die  Verbündeten,  aber  mit  jeder  Stunde  kamen  neue
Zuzüge  und  bis  sie  alle  eintrafen  mußte  die  nothdürftig  befestigte  Stadt  sich
halten.  Er  war  des  Erfolges  gewiß,  sprengte  mit  verhängten  Zügeln  in
die  Stadt,  hielt  dann  stundenlang  auf  dem  Schloßplatze  jenseits  der  Brücke,
mit  kalter  Ruhe  seine  Befehle  ertheilend,  während  die  Regimenter  der
Garde  im  Lausfschritt  an  ihm  vorüber  nach  den  westlichen  Thoren  zogen.
Mit  donnerndem  Hochruf  begrüßten  die  tapferen  Bärenmützen  ihren  kleinen
Corporal,  wo  sein  Auge  wachte  da  winkten  Sieg  und  Beute.  Ein  sächsischer
        <pb n="495" />
        Schlacht  von  Dresden.  485

Offizier,  der  droben  auf  dem  Kreuzthurme  das  weite  Schlachtfeld  wie
einen  Teppich  zu  seinen  Füßen  liegen  sah,  meldete  pünktlich  den  Anmarsch
jedes  Truppentheiles  der  Verbündeten.  Im  Kriegsrathe  der  Monarchen
erregte  die  Nachricht,  daß  der  Unüberwindliche  selber  zur  Stelle  sei,  Klein—
muth  und  Schrecken:  die  gelehrten  Kriegskünstler  des  österreichischen  Hauptquartiers
  dachten  schon  ohne  Schlacht  abzuziehen,  nur  der  entschiedene
Widerspruch  des  Königs  von  Preußen  zwang  sie  den  Angriff  zu  wagen.
Statt  seine  beste  Kraft  auf  dem  linken  Flügel  zu  versammeln  und  mit
ihr  in  die  unbefestigte  Friedrichsstadt  einzubrechen  ließ  Schwarzenberg
das  Centrum  und  den  rechten  Flügel  gegen  die  Vorstädte  der  Altstadt
vorgehen,  wo  einige  Festungswerke  an  den  Thoren  sowie  die  hohen
Gartenmauern  der  Paläste  und  Landhäuser  dem  Vertheidiger  die  Arbeit
erleichterten.  Nach  blutigen  aber  völlig  planlosen  Kämpfen  erstürmten  die
Oesterreicher  im  Centrum  die  Lunette  am  Falkenschlage,  auf  dem  rechten
Flügel  besetzte  Kleist  mit  seinen  Preußen  den  Großen  Garten  dicht  vor
den  Stadtthoren  und  versuchte  von  da  in  die  Stadt  selbst  einzudringen,
unsanft  empfangen  von  den  Geschützen,  die  hinter  den  gefährlichen  Mauerlücken
  der  Rococo-Gärten,  den  Aha's,  verdeckt  standen.  Der  Abend  kam,
Napoleon  fühlte  sich  jetzt  stark  genug  selber  zum  Angriff  zu  schreiten,  ließ
plötzlich  aus  allen  Thoren  zugleich  gewaltige  Massen  frischer  Truppen
vorbrechen,  entriß  den  Verbündeten  die  wenigen  Stellen  der  Stadt,  wo
sie  bereits  Fuß  gefaßt,  und  drängte  sie  schließlich  auf  ihrer  ganzen  Linie
bis  in  die  Dörfer  an  den  Höhen  zurück.  Der  Angriff  war  abgeschlagen.

Verwirrung  und  Enttäuschung  herrschten  im  großen  Hauptquartiere,
als  während  der  Nacht  noch  die  unheimliche  Kunde  eintraf,  daß  die  große
Armee  bereits  im  Rücken  bedroht  sei.  Tausende  sächsischer  Landleute  hatten
während  der  jüngsten  Monate  an  einem  breiten  Kanonenweg  arbeiten
müssen,  der  auf  dem  rechten  Elbufer  über  den  Ziegenrücken  mitten  durch  die
Felsen  der  sächsischen  Schweiz  führte,  unter  den  Kanonen  des  Königsteins
den  Fluß  überbrückte  und  jenseits  in  die  große  Teplitzer  Straße  einmündete.
  Auf  diesem  Wege  eilte  jetzt  das  Corps  Vandamme's,  gegen
40,000  Mann  herbei,  den  Verbündeten  den  Rückzug  zu  verlegen.  In
solcher  Lage  schien  dem  Kriegsrathe  ein  Sieg  unmöglich;  man  erneuerte
die  Schlacht  am  Morgen  des  27.  nur  um  sich  einen  gesicherten  Abzug
zu  erkämpfen.  Selbst  dieser  bescheidene  Zweck  ward  verfehlt.  Während
der  rechte  Flügel  der  Alliirten  im  Verlaufe  des  Tages  langsam  von  dem
Flusse  und  der  Teplitzer  Straße  abgedrängt  wurde,  erlitt  der  linke  eine
schwere  Niederlage.  Die  Oesterreicher  dort  standen  auf  den  Höhen  zwischen
der  Elbe  und  dem  Plauenschen  Grunde;  sie  waren  rechts  durch  den  tiefen
Einschnitt  dieses  steil  abfallenden  Felsengrundes  von  der  übrigen  Armee
getrennt  und  hatten  versäumt  ihre  Posten  links  bis  dicht  an  den  Fluß
heranzuschieben.  So  konnte  denn  Murat,  von  ortskundigen  sächsischen
Offizieren  geleitet,  eine  gewaltige  Reitermasse  durch  die  Hohlwege,  die  vom
        <pb n="496" />
        486  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Elbthale  aufsteigen,  unbemerkt  auf  die  Hochebene  führen.  Mehrere  Vierecke
  des  österreichischen  Fußvolks  wurden  niedergehauen  als  er  nun  plötzlich
  in  Rücken  und  Flanke  der  Ueberraschten  erschien;  eine  ganze  Division
mußte,  eingekeilt  zwischen  dem  Feinde  und  dem  tiefen  Felsenthale,  die
Waffen  strecken.  Der  Plauensche  Grund,  und  damit  die  Straße  nach
Freiberg,  war  in  den  Händen  der  Franzosen.  Am  Nachmittage  trat  die
geschlagene  Armee  den  Rückzug  an.  Zwanzigtausend  Gefangene  lagerten
in  den  Kirchen  Dresdens  und  im  Hofe  des  Zwingers,  dreißig  erbeutete
Kanonen  standen  im  Schloßhofe  zur  Schau.  Die  unterthänige  Residenz
frohlockte  über  die  Befreiung  von  den  russischen  Plünderern  und  erzählte
sich  staunend  die  wundersame  Märe  von  dem  großen  sächsischen  Kanonier,
der  durch  einen  wohlgezielten  Schuß  den  Verräther  Moreau  an  der  Seite
Alexander's  getödet  haben  sollte.

War  schon  der  Anmarsch  der  böhmischen  Armee  schwerfällig  und
ohne  Ordnung  erfolgt,  was  ließ  sich  jetzt  von  dem  Rückzuge  erwarten?
Ein  geschlagenes  Heer  von  200,000  Mann,  und  nur  eine  einzige  Landstraße
  —  die  Straße,  welche  über  Altenberg  nach  Dux  in  das  Teplitzer  Thal
hinüberführt.  Was  dort  nicht  Platz  fand  mußte  wohl  oder  übel  die  Nebenwege
  einschlagen,  die  den  Gebirgsbächen  entlang  in  engen  Felsenthälern
allmählich  zum  Kamme  des  Erzgebirges  emporsteigen  und  nachher  an  dem
steilen  südlichen  Abhange  in  unzähligen  Windungen  sich  herniederschlängeln.
Bald  waren  die  schmalen  Felsengründe  vollgestopft  von  den  unbeweglichen
Massen  des  ungeheueren  Wagentrosses;  der  Regen  strömte  vom  Himmel;
Unordnung,  Angst  und  Hunger  überall,  kein  Gedanke  mehr  an  eine  gemeinsame
  Leitung  der  in  den  Engpässen  eingeklemmten  Heerestheile.  Dem
Oberfeldherrn  fielen  die  Zügel  aus  den  Händen;  in  seiner  Angst  ließ  er
Blücher  auffordern,  der  großen  Armee  aus  Schlesien  Hilfe  zu  bringen.
Die  Diplomaten  des  Hauptquartiers  begannen  zu  verzweifeln,  und  fast
schien  es  als  sollte  die  Coalition  nach  einem  ersten  Mißerfolge  sich  auflösen.
  Wer  stand  dafür,  daß  Kaiser  Franz  nicht  wieder  wie  nach  dem
Austerlitzer  Tage  die  Flinte  in's  Korn  warf?  War  doch  der  definitive
Bundesvertrag  mit  Oesterreich  noch  immer  nicht  abgeschlossen!  Eine
kraftvolle  Verfolgung  versprach  dem  Sieger  glänzende  Ergebnisse.  Zum
Glück  erhielt  Napoleon  unterwegs  die  Nachricht  von  der  Großbeerener
Schlacht  und  eilte  mit  dem  Kern  seines  Heeres  nach  Dresden  zurück  um
sofort  einen  neuen  Vernichtungszug  gegen  Berlin  vorzubereiten;  dies  eine
Ziel  stand  ihm  über  allen  anderen.  Auch  jetzt  noch  blieb  die  Lage  der
böhmischen  Armee  schwer  gefährdet.  Wenn  Vandamme  auf  seinem  kürzeren
Wege  früher  als  die  Verbündeten  im  Teplitzer  Thale  anlangte,  so  konnte
er  die  vereinzelten  Corps,  die  sich  aus  den  Engpässen  des  Gebirges  mühsam
  herauswanden,  leicht  mit  Uebermacht  schlagen.

Der  junge  Prinz  Eugen  von  Württemberg,  der  mit  einem  russischen
Corps  nahe  beim  Königstein  den  Truppen  Vandamme's  gegenüber  stand,
        <pb n="497" />
        Schlacht  von  Kulm.  487

erkannte  mit  sicherem  Blicke  was  auf  dem  Spiele  war.  Er  warf  sich  auf
die  große,  östliche,  Teplitzer  Straße,  von  der  die  Masse  der  Verbündeten
abgedrängt  war,  sprengte  die  Vortruppen  Vandamme's  aus  einander  und
gelangte  also  noch  vor  den  Franzosen  auf  den  Kamm  des  Gebirges  bei
Peterswalde.  Am  Morgen  des  29.  August  vom  Feinde  angegriffen  stiegen
die  Russen  am  Südabhange  des  Gebirges  langsam  herab  bis  gegen  Kulm.
Bereits  hatten  ihre  Generale  gegen  die  Meinung  des  Prinzen  beschlossen
das  Feld  zu  räumen  und  weiter  südwärts  über  die  Eger  auszuweichen.
Da  kam  von  dem  Könige  von  Preußen,  der  unterdessen  der  Armee  vor—
aus  in  Teplitz  angelangt  war,  der  wiederholte  Befehl,  Stand  zu  halten
um  jeden  Preis:  nur  wenn  dies  Corps  hier  im  Osten  dem  Vordringen
Vandamme's  einen  Riegel  vorschob,  konnte  die  böhmische  Armee  weiter  west—
lich  ungefährdet  das  Teplitzer  Thal  erreichen.  Friedrich  Wilhelm  zeigte
jetzt,  daß  er  ein  ganzer  Soldat  war  sobald  er  sich  nur  das  Herz  faßte
zu  befehlen.  Er  eilte  zu  den  Russen,  ermuthigte  die  Generale  zu  verzweifeltem
  Widerstande,  sendete  nach  allen  Ausgängen  des  Gebirges  seine
Boten  aus  um  heranzurufen  was  sich  irgend  loswinden  konnte  aus  den
verstopften  Pässen,  befahl  selber  dem  Obersten  des  tapferen  österreichischen
Dragonerregiments  Erzherzog  Johann  sogleich  in  die  Gefechtslinie  einzurücken.
  Die  Russen  nahmen  die  Schlacht  an;  der  Stolz  ihres  Heeres,
die  wohlgeschonte  Garde,  war  mit  zur  Stelle.  Den  ganzen  Tag  lang
behauptete  sich  die  tapfere  Schaar,  an  15,000  Mann,  mit  unerschütterlicher
  Standhaftigkeit  gegen  die  stürmischen  Angriffe  einer  zweifachen  Uebermacht.
  Aber  die  Garden  hatten  furchtbar  gelitten;  was  sollte  der  nächste
Tag  bringen?

Am  Abend  schickte  der  König  an  General  Kleist,  der  noch  hoch  in
den  Bergen  bei  Zinnwald  stand,  die  Weisung:  er  solle  versuchen  ostwärts
quer  über  den  Kamm  des  Gebirges  die  Teplitzer  Landstraße  zu  erreichen
und  dann  von  den  Nollendorfer  Höhen  her  den  Franzosen  in  den  Rücken
fallen.  Als  die  Botschaft  eintraf,  hatte  Kleist  schon  von  freien  Stücken
den  nämlichen  glücklichen  Entschluß  mit  seinem  Generalquartiermeister
Grolman  verabredet.  Der  General,  ein  ruhiger,  besonnener  Soldat  der
alten  Schule,  von  feinen  gemessenen  Formen,  konnte  mit  seinem  Corps
nicht  mehr  vorwärts  in  den  verrammelten  Gebirgswegen  und  begriff,  daß
die  höchste  Kühnheit  hier  die  einzige  Rettung  war.  Während  die  Russen
drunten  im  Thale,  jetzt  durch  Oesterreicher  erheblich  verstärkt,  am  Morgen
des  30.  den  Kampf  von  Neuem  aufnahmen,  hielt  Czar  Alexander  auf  einem
Hügel  bei  Kulm,  die  Wahlstatt  überschauend:  südwärts  die  malerischen
Kegel  des  Mittelgebirges,  im  Norden  meilenlang  die  ungeheure  steile  Wand
des  Erzgebirges,  dazwischen  in  der  üppigen  Ebene  die  wogende  Schlacht.
Da  bemerkte  er  mit  Erstaunen,  wie  droben  bei  Nollendorf  Geschütze  auffuhren,
  dichte  Truppenmassen  das  Gebirge  herab  den  Franzosen  nachzogen.
  Es  waren  Kleist's  Preußen,  die  hungernd  und  ermattet  nach
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        488  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

schwierigem  Nachtmarsch  die  Höhen  im  Rücken  des  Feindes  erreicht  hatten.
So  von  zwei  Seiten  her  gepackt  wurde  Vandamme's  Corps  nach  langem
heißem  Kampfe  gänzlich  zersprengt.  Ueber  9000  Mann  fielen  in  Gefangenschaft,
  unter  ihnen  der  rohe  Führer  selbst,  der  Henker  des  Bremischen
Landes;  mit  Mühe  rettete  man  ihn  vor  den  Fäusten  der  deutschen  Soldaten.

An  dem  Tage  von  Kulm  verwelkten  die  Lorbeeren  von  Dresden.  Die
wankende  Coalition  stand  wieder  aufrecht.  Je  bänger  in  den  letzten  Tagen
die  Stimmung  gewesen,  um  so  lauter  lärmte  jetzt  die  Freude  über  den
schönen  Bundessieg.  Die  drei  verbündeten  Nationen  hatten  wetteifernd
ihr  Bestes  gethan:  Eugen  mit  der  russischen  Garde,  die  tapferen  österreichischen
  Reiter,  Friedrich  Wilhelm  und  die  Helden  von  Nollendorf.
Und  dazu  die  Siegesbotschaften  aus  der  Mark  und  aus  Schlesien;  selbst
die  an  Alledem  ganz  unschuldigen  Strategen  des  großen  Hauptquartiers
fingen  an  zu  glauben,  daß  ein  Erfolg  doch  möglich  sei.  Napoleon  hatte
binnen  einer  Woche  eine  ganze  Armee,  gegen  80,000  Mann,  verloren  und
fand  sich  wieder  auf  derselben  Stelle  wie  beim  Beginne  des  Herbstfeldzugs.

Nach  abermals  acht  Tagen  traf  ihn  ein  neuer  schwerer  Schlag.  Die
Absicht,  selber  auf  die  preußische  Hauptstadt  vorzurücken  hatte  er  aufgegeben
  sobald  er  von  Blücher's  Erfolgen  hörte.  Während  er  selbst  nach  der
Lausitz  der  schlesischen  Armee  entgegenzog,  übertrug  er  dem  Marschall
Ney  die  Leitung  des  vierten  Zuges  gegen  Berlin.  Der  tapfere  Marschall,
der  zu  dem  Unternehmen  von  Haus  aus  wenig  Zutrauen  hatte,  versammelte
  seine  Armee  bei  Wittenberg,  warf  nach  blutigem  Gefechte  eine  vereinzelte
  preußische  Abtheilung  zurück  und  marschirte  am  6.  September,  ohne
die  Nähe  des  Gegners  zu  ahnen,  über  die  sandige  Ebene  auf  Jüterbog.  Da
stieß  Bertrand  mit  der  Vorhut  auf  Tauentzien's  Preußen,  und  derweil
hier  ein  hitziger  Kampf  begann,  brach  Bülow  der  französischen  Marschcolonne
  bei  Dennewitz  in  die  linke  Flanke.  So  entspann  sich  eine  unerwartete,
  weit  ausgedehnte  Begegnungsschlacht.  Bülow  wagte  mit  40,000  Preußen
den  Kampf  gegen  den  um  die  Hälfte  überlegenen  Feind,  weil  er  auf  das
Eingreifen  des  Kronprinzen  rechnete,  der  mit  der  Hauptmasse  der  Nordarmee
  in  Anmarsch  war.  Die  Franzosen  standen  in  einem  großen  Bogen,
mit  der  Rechten  nordwärts  gegen  Tauentzien  gerichtet,  mit  der  Linken
westwärts  gegen  Bülow.  Der  Marschall  hielt  auf  dem  rechten  Flügel,
hatte  nur  Augen  für  die  Vorgänge  in  seiner  Nähe.  Sobald  er  hier  die
Seinen  weichen  sah,  befahl  er  dem  Corps  Oudinot's  vom  linken  Flügel
zur  Unterstützung  herbeizueilen.  So  wurde  die  Linke  entblößt,  und  es
gelang  Bülow,  die  Sachsen  aus  Göhlsdorf  herauszuschlagen  und  bis
Dennewitz  vorzudringen.  Ueberall  waren  die  Preußen  im  Vorgehen,  da
verkündeten  gewaltige  Staubwolken  das  Nahen  des  Kronprinzen  mit  seinen
siebzig  Bataillonen.  Bei  dem  Anblick  dieser  Truppenmassen  ergriff  die
Geschlagenen  ein  jäher  Schrecken,  Ney's  Armee  stob  in  wilder  Flucht  auseinander.
        <pb n="499" />
        Schlacht  bei  Dennewitz.  489

Der  Lieblingsplan  Napoleon's  war  abermals  zu  nichte  geworden.
Den  Preußen  allein  gebührte  die  Ehre  des  Tages.  Wieder  hatte  die
Landwehr  mit  den  alten  Kerntruppen  gewetteifert,  und  wieder  hatten
Deutsche  mit  Deutschen  in  wüthendem  Kampfe  gerungen.  In  der  würt—
tembergischen  Armee,  deren  beste  Truppen  auf  Ney's  rechtem  Flügel  ge—
standen,  erzählten  sich  die  Soldaten  noch  im  Jahre  1866  mit  zähem
Groll,  wie  erbarmungslos  die  preußische  Landwehr,  vor  Allen  die  hand—
festen  pommerschen  Reiter  bei  Jüterbog  unter  den  Schwaben  aufgeräumt
hatten.  Die  tapferen  Sachsen  fochten  ihres  alten  Waffenruhmes  würdig
und  wurden  zum  Dank  in  den  napoleonischen  Bulletins  der  Feigheit  be—
zichtigt.  Die  unglückliche  kleine  Armee  begann  die  Schmach  rheinbündi—
scher  Dienstbarkeit  zu  fühlen;  nach  der  Dennewitzer  Schlacht  ging  ein
Bataillon  des  Leibregiments  zu  den  Preußen  über.  König  Friedrich  August
aber  legte  sogleich  die  Uniform  der  entehrten  Truppe  ab,  blieb  dem  Großen
Alliirten,  der  ihm  sein  Heer  beschimpfte,  unwandelbar  ergeben.  —

Nach  den  Anstrengungen  dieser  wilden  Tage  bedurfte  die  böhmische
Armee  einiger  Erholung.  Während  die  Waffen  ruhten  arbeitete  die
Diplomatie  um  so  eifriger.  Kaiser  Franz  war  seit  dem  Siege  von  Kulm
nicht  mehr  geneigt  auf  die  zärtlichen  Betheuerungen  zu  hören,  die  ihm
der  Schwiegersohn  noch  immer  zusendete.  Am  9.  September  wurden  zu
Teplitz  drei  fast  gleichlautende  Bundesverträge,  die  an  die  Stelle  der  vorläufigen
  Reichenbacher  Abrede  traten,  von  den  Allürten  unterzeichnet.
Sie  setzten  fest  was  Preußen  von  vornherein  verlangt  hatte:  Auflösung
des  Rheinbundes,  gänzliche  Beseitigung  der  Herrschaft  Frankreichs  und
der  Napoleoniden  auf  dem  rechten  Rheinufer,  Herstellung  des  Besitzstandes
  von  1805  für  Oesterreich  und  Preußen.  Die  Mächte  verpflichteten
sich  in  feierlichster  Form  keinen  Friedensvorschlag  Frankreichs  auch  nur
anzuhören,  ohne  ihn  sofort  den  Verbündeten  mitzutheilen.  Trotzdem
ward  ein  rückhaltloses  Einverständniß  keineswegs  erreicht.  Der  Czar
hüllte  seine  polnischen  Pläne  noch  immer  in  ein  tiefes  Dunkel.  Er  hatte
in  Reichenbach  zugestanden,  das  Herzogthum  Warschau  solle  unter  den
drei  Ostmächten  vertheilt  werden.  Dies  Versprechen  schloß,  buchstäblich
verstanden,  ein  Königreich  Polen  unter  russischem  Scepter  nicht  aus,  vorausgesetzt
  nur,  daß  Preußen  und  Oesterreich  einige  Theile  von  Warschau
erhielten.  In  dem  Teplitzer  Vertrage  wurde  die  Zusage  sogar  noch  abgeschwächt;
  er  bestimmte  einfach,  daß  eine  freundschaftliche  Verständigung
zwischen  den  drei  Höfen  über  das  künftige  Schicksal  Warschaus  erfolgen
solle.  Der  glückliche  Besitzer  von  Warschau  hatte  also  gar  keine  bestimmte
Verpflichtung  übernommen.

Seitdem  hing  die  polnische  Frage  wie  eine  Wetterwolke  über  der
großen  Allianz.  Alle  Eingeweihten  wußten,  wie  Graf  Münster  in  seinen
Berichten  dem  Prinzregenten  oft  wiederholte,  daß  vornehmlich  die  Sorge
um  die  Zukunft  Polens  den  zaudernden  Gang  der  österreichischen  Politik
        <pb n="500" />
        490  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

während  des  Krieges  verschuldete.  Wie  die  Dinge  lagen,  konnten  nur
Preußen  und  Rußland  von  der  gänzlichen  Demüthigung  Frankreichs  einen
großen  Gewinn  für  sich  selber  erwarten,  während  England  seine  erbeuteten
Colonien  wohlgeborgen  wußte  und  Oesterreich  auch  nach  einem  halben
Siege  auf  die  Herrscherstellung  in  Italien  hoffen  durfte.  Dazu  die
Angst  der  Welfen  und  Lothringer  vor  dem  ehrgeizigen  Preußen,  das
ihnen  nach  jedem  neuen  Siege  widerwärtiger  wurde.  So  ergab  sich  eine
Parteiung  im  Lager  der  Alliirten,  die  von  Tag  zu  Tag  schärfer  heraustrat.
  Oesterreich  und  England  zögerten,  Preußen  und  Rußland  drängten
vorwärts;  dies  blieb  doch  der  feste  Kern  in  den  diplomatischen  Händeln
des  großen  Krieges,  obgleich  sowohl  der  Czar  als  der  König  auf  Augenblicke
  schwankten.  In  Schwarzenberg's  schlaffer  Bedachtsamkeit  und  Gneisenau's
  genialer  Kühnheit  fand  der  Gegensatz  der  österreichisch-englischen
und  der  preußisch-russischen  Politik  seinen  getreuen  Ausdruck.  Laut  und
heftig  sprachen  die  Preußen  und  die  Russen  ihren  Unmuth  aus  über  die
kläglichen  Leistungen  des  großen  Hauptquartiers.  Der  König  selbst  war
sehr  unzufrieden.  Er  hatte  schon  vor  dem  Zuge  gen  Dresden  vergeblich
vorgeschlagen,  der  Oberbefehl  solle  dem  Czaren  anvertraut  werden,  der
durch  sein  kaiserliches  Ansehen  und  mit  dem  Beistande  des  geistreichen  Toll
vielleicht  etwas  ausrichten  konnte.  )  Als  darauf  die  Ereignisse  sein  Mißtrauen
  nur  zu  sehr  gerechtfertigt  hatten,  verbarg  er  seinen  Unmuth  nicht
und  weigerte  sich  zu  Hardenberg's  Kummer  entschieden,  dem  k.  k.  Oberfeldherrn
  auch  nur  die  übliche  Höflichkeit  einer  Ordensverleihung  zu  gewähren.

Die  bedenklichste  Bestimmung  des  Teplitzer  Vertrages  lag  in  dem
ersten  geheimen  Artikel,  welcher  den  zwischen  Oesterreich,  Preußen  und  dem
Rheine  gelegenen  Staaten  „die  volle  und  unbedingte  Unabhängigkeit“  zusicherte.
  Damit  war  streng  genommen  jede  Unterordnung  der  Rheinbundsfürsten
  unter  eine  nationale  Centralgewalt,  jede  irgend  ernsthafte
Gesammtstaatsverfassung  für  Deutschland  unmöglich  gemacht,  und  dahin
ging  auch  Metternich's  geheime  Absicht.  Hardenberg  hingegen  verstand
unter  jenen  verhängnißvollen  Worten  nur  die  Aufhebung  des  napoleonischen
  Protectorats  und  unterzeichnete  unbedenklich,  arglos  auf  Oesterreichs
patriotische  Absichten  vertrauend.  Nicht  im  mindesten  war  er  gesonnen
den  Rheinbundsfürsten  die  Souveränität  zuzugestehen;  vielmehr  schien
ihm,  und  so  auch  den  Freunden  Stein  und  Humboldt,  jetzt  die  rechte
Stunde  gekommen  um  mit  Oesterreich  die  Grundzüge  einer  starken  Bundesverfassung
  zu  vereinbaren.

Stein  übergab  den  Monarchen  eine  Denkschrift,  die  er  zu  Prag  in
den  letzten  Augusttagen  entworfen  hatte  —  eines  der  beredtesten  und
mächtigsten  Werke  seiner  Feder.  Mit  feierlichen  Worten  hielt  er  seinen
erlauchten  Lesern  vor,  Mit=  und  Nachwelt  würden  sie  verdammen,  wenn
sie  jetzt  nicht  mit  ganzem  Ernst  an  die  Neuordnung  der  deutschen  Nation

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  18.  August  1813.
        <pb n="501" />
        Der  Teplitzer  Vertrag.  491

heranträten.  „Es  ist  von  der  höchsten  irdischen  Angelegenheit  die  Rede.
Fünfzehn  Millionen  gebildeter,  sittlicher,  durch  ihre  Anlagen  und  den
Grad  der  erreichten  Entwicklung  achtbarer  Menschen,  die  durch  Grenzen,
Sprache,  Sitten  und  einen  inneren  unzerstörbaren  Charakter  der  Natio—
nalität  mit  zwei  anderen  großen  Staaten  verschwistert  sind!“  Hierauf
schildert  er  in  seinem  markigen  Lapidarstile,  wie  im  alten  Reiche,  Dank
den  Reichsgerichten  und  den  Landständen,  Jedermann  doch  seiner  Person
und  seines  Eigenthums  sicher  gewesen  sei,  und  knüpft  daran  eine  furcht—
bare  Anklage  gegen  den  Rheinbund,  der  diese  fünfzehn  Millionen  der
Willkür  von  sechsunddreißig  kleinen  Despoten  preisgegeben  habe.  „Einer
Neuerungslust,  einer  tollen  Aufgeblasenheit  und  einer  grenzenlosen  Ver—
schwendung  und  thierischen  Wollust  ist  es  gelungen  jede  Art  des  Glücks
den  beklagenswerthen  Bewohnern  dieser  einst  blühenden  Länder  zu  zer—
stören.“  Dauere  diese  Zerstückelung  fort,  so  werde  der  Deutsche  fort—
schreitend  schlechter,  kriechender,  unedler  werden,  die  Entfremdung  der
verschiedenen  Länder  drohe  mit  jedem  Jahre  zu  wachsen,  der  Einfluß
Frankreichs  sich  immer  fester  einzunisten.  Darum  muß  mit  dem  Rheinbunde
  auch  „die  Despotie  der  sechsunddreißig  Häuptlinge“  verschwinden.
Dann  kommt  er  auf  seine  Petersburger  Pläne  zurück  und  verlangt,  da  die
vollständige  Einheit  der  alten  großen  Kaiserzeiten  unmöglich  sei,  die  Bildung
  zweier  großer  Bundesstaaten,  also  daß  Preußen,  durch  Sachsen,
Mecklenburg  und  Holstein  bis  auf  elf  Millionen  Einwohner  verstärkt,  den
Norden,  Oesterreich  mit  einem  deutschen  Besitze  von  zehn  Millionen  den
Süden  beherrsche.  In  diesem  dualistischen  Gemeinwesen  sollen  alle  noch
brauchbaren  Institutionen  des  alten  Reichs  wieder  aufleben.  Daher  Wiederherstellung
  der  Mediatisirten  von  1806  —  die  Opfer  des  Reichsdeputationshauptschlusses
  gab  der  Freiherr  verloren  —  und  Verkleinerung  der
Mittelstaaten,  die  zum  Unheile  des  Reichs  durch  Frankreich  vergrößert
wurden  und  dem  Vaterlande  weit  gefährlicher  sind  als  der  ohnmächtige
Particularismus  der  Kleinen.  Daher  ferner  Wiederaufrichtung  des  Kaiserthums
  für  Oesterreich;  dieser  halbfremde  Staat  muß  durch  sein  Interesse
an  Deutschland  gebunden  werden,  während  in  Preußen  das  deutsche
Blut  sich  von  selbst  freier  und  reiner  erhält.  Heerwesen  und  auswärtige
Politik  gehören  dem  Reiche,  dergestalt  daß  ein  von  dem  österreichischen  verschiedenes
  deutsches  diplomatisches  Corps  gebildet  wird;  desgleichen  Münze
und  Zölle  und  die  Reichsgerichte.  Ein  Reichstag  in  Regensburg  mit
drei  Bänken  wie  vor  Alters,  jedoch  seine  Mitglieder  sind  nicht  Gesandte,
sondern  Repräsentanten;  die  Bank  der  Reichsstädte  wird  verstärkt  durch
Abgeordnete  der  Landtage,  die  in  allen  deutschen  Staaten  einzuberufen
sind.  Ein  solcher  Bund,  meinte  der  Reichsritter,  könne  vielleicht  dereinst
den  Franzosen  das  Land  zwischen  Rhein  und  Schelde  wieder  entreißen;
auf  die  sofortige  Befreiung  des  linken  Rheinufers  wagte  selbst  Stein  in
jenem  Augenblick  noch  nicht  zu  hoffen.
        <pb n="502" />
        492  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Große,  zukunftsreiche  Gedanken  waren  in  dieser  Denkschrift  nieder—
gelegt,  so  das  zweifache  Verlangen  nach  landständischen  Rechten  und  einem
deutschen  Parlamente,  doch  Alles  gährte  noch  roh  und  unfertig  durchein—
ander.  Der  eigentliche  Kern  der  deutschen  Frage  blieb  dem  ersten  Manne
der  Nation  noch  völlig  dunkel.  In  seiner  hochherzigen  Begeisterung  für
die  Größe  der  Ottonen  und  der  Staufer  wollte  er  den  dreihundertjährigen
Jammer  jener  Fremdherrschaft  wiederherstellen,  die  den  Verfall  der  alten
Kaiserherrlichkeit  herbeigeführt  hatte.  Wie  Preußens  norddeutsche  Hege—
monie  mit  dem  österreichischen  Kaiserthum  und  dem  Regensburger  Reichs—
tage  sich  vertragen,  ob  auch  Preußen  zu  Gunsten  dieser  Kaiserkrone  auf
seine  Militärhoheit  und  auf  seine  selbständige  europäische  Politik  verzichten
sollte  —  alle  diese  verhängnißvollen  Machtfragen  ließ  der  Reichsritter
unerörtert.

Der  Staatskanzler  zeigte  sich  mit  mehreren  Grundgedanken  der  Denk—
schrift  einverstanden.  Gleich  Stein  hielt  er  die  Mittelstaaten  für  Deutsch—
lands  ärgste  Feinde  und  dachte  ihnen  die  schmählichen  Erwerbungen  der
letzten  sieben  Jahre  wieder  abzunehmen;  der  Besitzstand  von  1805  sollte
wie  für  die  Wiederherstellung  der  beiden  Großmächte  so  auch  für  die
übrigen  deutschen  Staaten  die  Richtschnur  bilden.  Aber  Hardenberg  wollte
das  also  gewonnene  Land  nicht  den  Mediatisirten  zurückgeben,  sondern
zur  Verstärkung  von  Oesterreich  und  Preußen  verwenden.  Wie  Stein
war  auch  er  überzeugt  von  der  Nothwendigkeit  des  Dualismus,  und  so
ernsthaft,  so  uneigennützig  verfolgte  er  diese  alten  Bartensteiner  Pläne,
daß  er  die  österreichischen  Staatsmänner  wiederholt  und  dringend  bat,  die
vorderösterreichischen  Lande  am  Oberrhein  wieder  mit  dem  Kaiserstaate  zu
vereinigen;  nur  so  werde  Oesterreich  in  Wahrheit  der  Herr  von  Süddeutschland
  und  durch  sein  eigenes  Interesse  genöthigt  jeden  Uebergriff
Frankreichs  zurückzuweisen.  Die  Sicherung  des  deutschen  Bodens  gegen
neue  Gewaltthaten  des  westlichen  Nachbars  blieb  in  Hardenberg's  Augen
der  wichtigste  Zweck  des  künftigen  Deutschen  Bundes.  Dagegen  verwarf
er  entschieden  die  Wiederherstellung  des  Kaiserthums;  in  diesem  Gedanken
fanden  sich  Humboldt  und,  außer  Stein,  alle  preußischen  Staatsmänner
mit  dem  Staatskanzler  zusammen.  So  stark  war  das  Selbstgefühl  der
norddeutschen  Macht  doch  angewachsen,  daß  sie  eine  förmliche  Unterordnung
  nicht  mehr  ertragen  konnte;  nur  in  voller  Gleichberechtigung  durften
die  beiden  Großmächte  an  die  Spitze  der  kleinen  Staaten  treten.  Unter
den  norddeutschen  Patrioten  vernahm  man  sogar  seit  den  Siegen  der
jüngsten  Wochen  immer  häufiger  die  Frage:  warum  denn  dies  Preußen,
das  die  Waffen  Deutschlands  führe,  nicht  selber  an  Oesterreichs  Stelle
die  Herrschaft  im  Reiche  übernehmen  solle?

Wenn  Metternich's  Angst  vor  den  norddeutschen  Jacobinern  überhaupt
noch  wachsen  konnte,  so  mußte  sie  durch  diese  Denkschrift  gesteigert  werden.
In  jedem  Satze  fand  er  das  genaue  Gegentheil  seiner  eigenen  Meinung.
        <pb n="503" />
        Stein's  und  Hardenberg's  deutsche  Pläne.  493

Was  war  entsetzlicher:  Stein's  schonungslose  Sprache  gegen  den  Rheinbund
oder  das  Verlangen  nach  der  Einverleibung  Sachsens  oder  die  Forderung
eines  deutschen  Parlaments?  Der  furchtsame  Gentz,  der  alle  die  schönen
Erinnerungen  seiner  kräftigen  Jahre  längst  über  Bord  geworfen  hatte,
klagte  bereits  beweglich:  dieser  Befreiungskrieg  beginne  einem  Freiheits—
kriege  ähnlich  zu  sehen,  drohe  mit  einer  Revolution  zu  enden,  statt  mit
einer  Restauration!  Das  Angebot  der  kaiserlichen  Würde  reizte  den  öster—
reichischen  Staatsmann  jetzt  so  wenig  wie  im  Frühjahr.  Auch  England,
Rußland,  Schweden  hatten  ihm  in  den  jüngsten  Wochen  wiederholt  von
der  Erneuerung  des  Kaiserthums  gesprochen.  Der  conservative  Zug  ward
an  den  Höfen  immer  stärker,  seit  das  revolutionäre  Weltreich  in's  Sinken
kam;  unwillkürlich  regte  sich  überall  der  Wunsch  nach  einfacher  Wieder—
herstellung  der  alten  Zustände.  Der  Oesterreicher  aber  blieb  bei  seiner
Weigerung:  nimmermehr  sollte  sich  das  Haus  Lothringen  mit  dem  leeren
Prunke  einer  Krone  belasten,  welche  ihm  jetzt  nur  noch  den  Haß  Frank—
reichs  und  der  Mittelstaaten  zuziehen  konnte.

Eben  diese  französischen  Vasallen,  denen  alle  Preußen  Verachtung  und
Groll  entgegentrugen,  wollte  Metternich  um  jeden  Preis  schonen.  Er
gedachte  die  deutsche  Politik  Napoleon's  mit  ihren  eigenen  Waffen  zu
schlagen,  spielte  den  Gönner  der  rheinbündischen  Höfe,  erklärte  sich  bereit
im  Nothfalle  sogar  einige  der  kleinsten  Fürsten  zum  Besten  dieser  Könige
zu  mediatisiren.  Da  er  den  Haß  der  Mittelstaaten  gegen  jede  starke
Bundesgewalt  kannte,  so  durfte  die  deutsche  Frage  nur  im  freien  Einverständniß
  mit  den  Rheinbundsfürsten  entschieden  werden.  Die  vertrauten
  englisch-hannoverschen  Staatsmänner  überraschte  er  sogar  durch
die  Frage:  wozu  überhaupt  eine  deutsche  Bundesverfassung,  die  doch  nur
böses  Blut  errege?  wie  viel  einfacher  doch,  sich  zu  begnügen  mit  „einem
ausgedehnten  System  von  Verträgen  und  Allianzen“,  das  die  souveränen
deutschen  Staaten  für  den  Kriegsfall  zu  gegenseitigem  Beistande  verbände!
Darum  wies  er  jede  nähere  Verabredung  mit  Hardenberg  von  der  Hand
und  erreichte  wirklich,  daß  zu  Teplitz  gar  nichts  über  die  deutsche  Verfassung
  vereinbart  wurde.  Sein  Vertrauter,  Hofrath  Binder,  meinte
gemüthlich:  wie  einst  das  Verfassungswerk  des  Westphälischen  Friedens
unmittelbar  aus  dem  Chaos  des  großen  Krieges  emporgestiegen  sei,  so
werde  auch  die  Verfassung  des  Deutschen  Bundes  zur  rechten  Zeit  ganz
von  selber  durch  die  Umstände  geschaffen  werden.  Nebenbei  wurde  Humboldt,
  der  alte  Freund  von  Gentz,  der  tägliche  Genosse  von  Metternich's
Abenteuern  und  Vergnügungen,  bei  dem  Staatskanzler  verleumdet.  Die
Oesterreicher  haßten  ihn  nächst  Stein  als  den  Haupturheber  der  preußischen
  Bundespläne,  und  es  hielt  nicht  schwer,  dem  ohnehin  voreingenommenen
  Staatskanzler  zu  beweisen,  daß  der  verdächtige  Mann  mit  Hilfe
der  „Exaltirten“  sich  des  Staatsruders  zu  bemächtigen  strebe.

Die  Haltung  Metternich's  ergab  sich  nicht  bloß  aus  der  natürlichen
        <pb n="504" />
        494  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Ruheseligkeit  und  Gedankenarmuth  seines  Geistes,  der  bei  aller  Schlauheit
  völlig  unfruchtbar  die  Idee  eines  großen  schöpferischen  Verfassungsplanes
  niemals  hätte  fassen  können,  sondern  auch  aus  einer  richtigen
Würdigung  der  Leistungsfähigkeit  seines  Staates.  Wie  Preußen  an  seiner
Schwäche,  so  krankte  Oesterreich  von  jeher  an  seiner  Stärke,  an  jener
Ueberfülle  grundverschiedener  politischer  Ziele,  die  ihm  durch  die  bunte
Mannigfaltigkeit  seines  Ländergewirrs  gestellt  wurden.  Dieser  alte  Fluch
des  Kaiserstaates  wurde  jetzt  erneuert  durch  die  blinde  Gier  einer  sich
unendlich  klug  dünkenden  Staatskunst.  Das  neue  Oesterreich  wollte  zugleich
  Italien  beherrschen,  die  Führung  in  Deutschland  behaupten  und
das  zwieträchtige  Völkergewimmel  an  der  Donau  zusammenhalten  —  drei
schwierige  Aufgaben,  denen  kein  Staat  der  Welt,  und  am  allerwenigsten
ein  Staat  von  so  geringen  geistigen  Kräften,  auf  die  Dauer  genügen
konnte.  Die  Zeit  sollte  kommen,  da  die  kurzsichtige  Thorheit  dieser  Politik
sich  grausam  bestrafte;  damals  hatte  noch  niemand  die  tiefe  Unsittlichkeit,
die  innere  Unmöglichkeit  der  Pläne  Metternich's  durchschaut.  Die  Cabinette
sahen  vielmehr  nicht  ohne  Neid,  wie  glücklich  und  sicher  der  gewandte
Mann  sich  seinen  Zielen  näherte.  Er  erkannte  richtig,  daß  sein  Oesterreich
eine  Macht  des  Beharrens  war  und  alle  verwegenen  Neuerungen  von  sich
weisen  mußte;  ein  Staat  in  solcher  Lage  hatte  keinen  ärgeren  Feind  als
das  Verlangen  der  Nationen  nach  Einheit  und  Freiheit,  er  durfte  diesseits
wie  jenseits  der  Alpen  sich  nur  auf  das  dynastische  Interesse  der  Höfe  stützen.

Der  österreichische  Staatsmann  wollte  sich  also  behutsam  mit  der
mittelbaren  Herrschaft  über  das  gesammte  Deutschland  begnügen  ohne  die
Könige  von  Napoleon's  Gnaden  durch  die  anspruchsvollen  Formen  kaiserlicher
Majestät  zu  verletzen.  An  eine  Mitherrschaft  Preußens  dachte  er  um  so
weniger,  da  er  wohl  wußte,  daß  die  Mittelstaaten  sämmtlich  die  Hegemonie
der  aufstrebenden  preußischen  Macht  im  Norden  noch  weit  mehr  fürchteten
als  das  österreichische  Kaiserthum.  Allen  irgend  unterrichteten  Diplomaten
war  diese  Ansicht  Metternich's  wohl  bekannt.  Auch  Hardenberg  konnte  sie
leicht  errathen,  wenn  er  nur  die  Augen  offen  hielt;  woher  kam  es  denn,
daß  Oesterreich  sich  so  beharrlich  weigerte,  die  Herrschaft  über  die  oberschwäbischen
  Lande  von  Neuem  zu  übernehmen?  Hier  aber  begann  die
lange  Reihe  der  diplomatischen  Fehler  des  Staatskanzlers.  Seine  Verträge
  mit  England  und  Rußland  waren,  einzelner  Mißgriffe  ungeachtet,
doch  gerechtfertigt  durch  das  Gebot  der  Noth.  Sein  Verhalten  gegen
Oesterreich  entsprang  einem  folgenschweren  Irrthum.  Er  setzte  leichtsinnig
eine  freundnachbarliche  Gesinnung  voraus,  wovon  in  der  Hofburg  keine
Spur  vorhanden  war;  höchstwahrscheinlich  ist  er  in  solcher  Meinung  absichtlich
  bestärkt  worden  durch  seinen  Vetter  Graf  Hardenberg,  den  hannoverschen
  Agenten  in  Wien,  einen  anrüchigen,  zweizüngigen  Menschen,  der
lange  den  Vermittler  zwischen  den  beiden  deutschen  Großmächten  spielte,
doch  in  Wahrheit  nur  ein  Werkzeug  Metternich's  war.
        <pb n="505" />
        Metternich's  deutsche  Pläne.  495

Geschickt  wußte  die  österreichische  Politik  dies  sorglose  Vertrauen  des
Bundesgenossen  zu  mißbrauchen.  Metternich  hat  wohl  in  späteren  Jahren,
als  er  ernster  und  arbeitsamer  wurde,  zuweilen  ein  kunstvoll  angelegtes,
sein  durchdachtes  Ränkespiel  geführt;  in  jener  Zeit  war  er  noch  ganz  der
leichtfertig  frivole  Lebemann,  brachte  den  leidenschaftlichen  Gentz,  der  den
Kampf  gegen  Preußen  und  Rußland  mit  grimmigen  Ennste  führte,  durch
seine  träge  Sorglosigkeit  und  seine  faden  Liebesabenteuer  oft  zur  Verzweiflung.
  Gegen  Hardenberg's  kindliche  Arglosigkeit  genügte  aber  schon
ein  gemächliches  Zuwarten  und  gelegentlich  eine  freundliche  Lüge.  Da  der
Oesterreicher  jeder  Erörterung  der  deutschen  Verfassungsfrage  auswich,  so
blieb  der  preußische  Staatsmann  hartnäckig  in  dem  Glauben,  die  Hofburg
werde  sich  doch  noch  bewegen  lassen  das  gefährliche  Wächteramt  am  Oberrheine
  zu  übernehmen.  Noch  mehr,  er  handelte,  als  ob  seine  dualistischen
Pläne  bereits  die  Zustimmung  des  Wiener  Hofes  gefunden  hätten,  und
bewilligte  vertrauensvoll,  daß  Oesterreich  als  die  führende  Macht  Süddeutschlands
  mit  den  Südstaaten  über  ihren  Beitritt  zur  Coalition  unterhandeln
  sollte;  das  schien  sich  ohnehin  von  selbst  zu  verstehen,  da  die
österreichischen  Truppen  bereits  an  der  bairischen  Grenze  standen.  So
wurde  das  Schicksal  der  deutschen  Verfassung  in  Oesterreichs  Hände  gelegt;
  und  dies  in  einem  Augenblicke,  da  der  Abfall  der  Rheinbündler  an
dem  Gange  des  Krieges  nichts  mehr  ändern  konnte!  Von  den  Verträgen
mit  den  Königskronen  des  Südens  hing  die  Form  des  künftigen  Deutschen
Bundes  ausschließlich  ab;  in  Norddeutschland,  dem  Machtgebiete  Preußens,
war  nichts  zu  unterhandeln,  dort  galt  es  zunächst  nur  den  König  Jerome
und  die  napoleonischen  Präfecten  zu  verjagen.  Was  die  hoffenden  Patrioten
von  der  Hofburg  zu  erwarten  hatten,  das  lehrte  im  October  ein  chnischer
Aufsatz  von  Gentz  in  der  Prager  Zeitung:  der  Sieg  sei  der  Uebergang
aus  dem  Zustande  der  Entsagung  in  den  Zustand  der  Ruhe  und  des
Genusses!  Das  lehrten  noch  deutlicher  die  endlosen  Verhandlungen  über
Stein's  Centralverwaltungsrath.

Ein  Unstern  schwebte  von  Haus  aus  über  dieser  Schöpfung  des  Freiherrn;
  monatelang  fand  sie  keine  rechte  Thätigkeit,  da  man  noch  wenig
erobert  hatte.  Alle  die  fremden  Mächte,  die  noch  zu  Deutschland  gerechnet
wurden,  England,  Schweden,  Oesterreich  äußerten  wiederholt  ihr  Mißtrauen.
  Die  entthronten  Kleinfürsten  dagegen  drängten  sich  heran,  und
natürlich  durfte  der  unaufhaltsame  Gagern  nicht  fehlen;  der  alterprobte
Lebensretter  der  Kleinstaaterei  zeigte  Vollmachten  vor  von  dem  Kurfürsten
von  Hessen  und  dem  Fürsten  von  Oranien,  forderte  Sitz  und  Stimme
für  die  beiden  Herren  ohne  Land.  Sobald  Oesterreich  der  Allianz  beigetreten
  war,  verlangte  Metternich  sogleich  gänzliche  Umgestaltung  der
verdächtigen  Behörde:  sie  durfte  nichts  sein  als  ein  militärisches  Verpflegungsamt.
  Der  russische  Gesandte  Alopeus,  der  bisher  die  provisorische
Verwaltung  in  Mecklenburg  geführt,  ein  vertrauter  Freund  der  preußischen
        <pb n="506" />
        496  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Patrioten,  mußte  auf  den  Wunsch  der  Hofburg  abberufen  werden.  In
Teplitz  legte  Humboldt  einen  veränderten  Entwurf  vor,  der  aber  zu
Metternich's  Entsetzen  die  Vorschrift  enthielt,  daß  die  Centralverwaltung
in  den  eroberten  Ländern  die  Landstände  einberufen  solle.  Neue  Bedenken,
neue  Verschleppung.  Auch  Nesselrode,  Alexander's  neuer  Rathgeber,  der
sich  immer  gelehriger  in  Metternich's  Anschauungen  einlebte,  zeigte  lauen
Willen.  Die  Sache  blieb  liegen,  und  erst  nach  der  Leipziger  Schlacht,
am  21.  October  wurde  ein  neuer  Vertrag  unterzeichnet,  welcher  die  mit
so  stolzen  Erwartungen  begründete  Behörde  jeder  politischen  Bedeutung
beraubte.  Stein  und  sein  treuer  Mitarbeiter  Eichhorn  wünschten,  daß
den  zur  Coalition  übertretenden  Kleinfürsten  nur  die  vorläufige  Fort—
führung  der  Regierung  unter  der  Aufsicht  der  Centralverwaltung  belassen
würde;  dann  hätten  sie  jedes  Hoheitsrecht,  das  ihnen  die  künftige  Bundes—
acte  zurückgab,  als  ein  Geschenk  von  Seiten  des  Deutschen  Bundes  be—
trachten  müssen.  Metternich  wollte  umgekehrt  die  kleinsten  Fürsten  dadurch
gewinnen,  daß  er  ihnen  den  Fortbestand  ihrer  durch  die  Beraubung  des
alten  Reichs  geschaffenen  Machtvollkommenheit  verbürgte;  die  Central—
verwaltung  erschien  ihm  um  so  gefährlicher  weil  er  fürchtete,  daß  sie  die
Vereinigung  Sachsens  mit  dem  preußischen  Staate  vorbereiten  könnte.
Seine  Ansicht  drang  durch.  Die  Wirksamkeit  der  Centralverwaltung
wurde  beschränkt  auf  die  Leitung  der  Rüstungen  und  der  Heeresverpflegung
in  den  eroberten  Gebieten;  Stein  mit  einem  Rathe  von  Agenten  der  ver—
bündeten  Regierungen  erhielt  die  oberste  Aufsicht;  die  von  ihm  angestellten
Militärgouverneure  sollten  immer  nur  durch  die  bestehenden  Obrigkeiten
ihre  Befehle  ausführen  lassen.  Wer  freiwillig  der  Coalition  beitrat,
durfte  durch  Vertrag  sein  Land  vor  der  Einmischung  der  Centralverwal—
tung  sicherstellen.  In  seinem  also  beschränkten  Wirkungskreise  hat  der
Centralverwaltungsrath  unter  Stein's  kraftvollen  Händen  sehr  Tüchtiges
geleistet,  obgleich  er  beständig  mit  dem  bösen  Willen  der  rheinbündischen
Souveräne  zu  kämpfen  hatte;  aber  der  ursprüngliche  kühne  Plan,  die
Gebiete  der  Kleinfürsten  als  herrenloses  Gut  zu  behandeln,  wurde  durch
Oesterreich  vereitelt.

Unterdessen  hatte  Metternich  seine  kostbare  Vollmacht  benutzt  und  mit
Baiern  abgeschlossen.  Trotz  der  günstigen  militärischen  Lage  der  Alliirten
hegte  man  in  dem  zaghaften  Hauptquartiere  drei  Wochen  vor  der  Ent—
scheidungsschlacht  noch  so  wenig  feste  Siegeszuversicht,  daß  selbst  der  Czar
die  kleine  bairische  Armee  als  eine  sehr  werthvolle  Verstärkung  ansah.
Noch  höheren  Werth  legte  Metternich  auf  den  Zutritt  Baierns;  er  hoffte
durch  eine  rasche  Verständigung  mit  dem  Münchener  Hofe  die  in  den
letzten  acht  Jahren  verlorenen  Westprovinzen,  Tyrol  und  die  Umlande,
sofort  zurückzugewinnen  und  damit  die  Pforte  Italiens  dem  österreichischen
Heere  zu  öffnen,  endlich  allen  Rheinbundskönigen  durch  die  That  zu  be—
weisen,  daß  sie  in  der  Hofburg  einen  nachsichtigen  Gönner  fänden.  Im
        <pb n="507" />
        Vertrag  von  Ried.  497

September  war  das  Münchener  Cabinet  endlich  zu  der  Einsicht  gelangt,
daß  es  Zeit  sei  das  sinkende  Schiff  zu  verlassen.  Die  beiden  Kaiser  ermuthigten
  den  König  von  Baiern  durch  freundliche  Briefe;  Hofrath  Hruby,
einer  der  gewandtesten  österreichischen  Diplomaten,  dessen  Wirksamkeit  der
preußische  Staat  noch  oft  schmerzlich  empfinden  sollte,  reiste  geschäftig  hin
und  her.  Am  8.  October  schlossen  Oesterreich  und  Baiern  den  Rieder
Vertrag.  Beide  Theile  konnten  sich  eines  großen  diplomatischen  Erfolges
rühmen,  des  größeren  doch  Oesterreich.  Die  Hofburg  gewann  für  sich
Tyrol,  Salzburg,  das  Inn=  und  Hausruckviertel  und  führte  zugleich  drei
schwere  Schläge  gegen  Preußen.  Der  Kernstaat  des  Rheinbundes  trat
als  gleichberechtigte  Macht  in  die  Coalition  ein,  wurde  feierlich  aller  vergangenen
  Schuld  entlastet;  und  jetzt  zeigte  sich,  welchen  Sinn  Oesterreich
mit  jenen  verhängnißvollen  Worten  des  Teplitzer  Vertrages  verband:  die
verheißene  ganze  und  unbedingte  Unabhängigkeit  wurde  kurzweg  dahin
erläutert,  daß  Baiern,  von  jedem  fremden  Einfluß  befreit,  „seiner  vollkommenen
  Souveränität  genießen“  solle.  Damit  war  den  Bundesplänen
Preußens  die  Spitze  abgebrochen.  Baiern  erhielt  ferner  die  Anerkennung
seines  Besitzstandes;  das  will  sagen:  Hardenberg's  Plan  den  Rheinbundsstaaten
  den  Raub  der  jüngsten  Jahre  wieder  abzunehmen,  fiel  platt  zu
Boden,  und  Ansbach-Bayreuth  ging  für  Preußen  verloren.  Der  Münchener
Hof  empfing  endlich  für  die  an  Oesterreich  abgetretenen  Provinzen  die
Lande  Würzburg  und  Aschaffenburg  sowie  die  geheime  Zusage  noch  anderer
deutscher  Landstriche,  die  mit  seinem  Gebiete  in  ununterbrochenem  Zusammenhange
  stehen  sollten;  durch  diese  Aussicht  ward  das  Haus  Wittelsbach
  für  die  nächste  Zeit  fest  an  Oesterreich  gekettet.

Die  geheimen  Artikel  des  Rieder  Vertrages  wurden  vor  dem  preußischen
  Cabinet  noch  längere  Zeit  verborgen  gehalten“)  und  erregten,  als
sie  endlich  an's  Licht  traten,  lebhaften  Unwillen.  Hardenberg  und  Humboldt
  hatten  in  Teplitz  einen  Artikel  für  den  bairischen  Vertrag  vorgeschlagen,
  worin  Baierns  Unterwerfung  unter  die  deutsche  Bundesgewalt
ausbedungen  war;  sie  waren  damit  weder  bei  dem  Czaren  noch  bei  Metternich
  durchgedrungen,  und  nun  mußten  sie  erleben,  daß  Oesterreich  den
gefährlichsten  und  böswilligsten  Staat  des  Rheinbundes  von  jeder  Verpflichtung
  gegen  Deutschland  freisprach!  Montgelas  hielt  es  nicht  einmal
für  nöthig  seine  bonapartistischen  Neigungen  zu  verbergen;  in  der  öffentlichen
  Erklärung,  die  den  vollzogenen  Fahnenwechsel  verkündigte,  sprach  er
unbefangen  die  Hoffnung  aus  auf  baldige  Wiederherstellung  der  freundschaftlichen
  Beziehungen,  denen  der  König  nur  im  letzten  Augenblicke  und
in  höchster  Bedrängniß  entsagt  habe.  Und  diesem  Staate  hatte  Oesterreich
  die  alten  Stammlande  der  Hohenzollern  preisgegeben!

Zu  Anfang  des  Jahres,  in  einem  Augenblicke  da  Baierns  Abfall  den

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  17.  Nov.  1813.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  32
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        498  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

ganzen  Verlauf  des  Krieges  ändern  konnte,  war  der  Staatskanzler  allerdings
  bereit  gewesen  auf  die  fränkischen  Markgrafschaften  zu  verzichten.
Jetzt  in  völlig  verwandelter  Lage  dachte  man  gar  nicht  mehr  daran  für
geringen  Gewinn  ein  solches  Opfer  zu  bringen;  vielmehr  hatte  Friedrich
Wilhelm  eben  jetzt  den  Obersten  Krauseneck  beauftragt  von  Böhmen  aus
einen  Streifzug  gegen  Ansbach-Bayreuth  zu  unternehmen  und  die  Franken
zur  Erhebung  für  ihren  alten  Fürsten  aufzurufen.  Da  erfuhr  man,  daß
Metternich  die  preußische  Vollmacht  mißbraucht  hatte  um  zu  erreichen,
was  die  Hofburg  schon  seit  dem  Hubertusburger  Frieden  unablässig  erstrebte,
  um  den  norddeutschen  Staat  aus  dem  Süden  zu  verdrängen  und
ihn  der  Position  in  der  Flanke  Böhmens  zu  berauben.  Der  König  war
nicht  minder  erbittert  als  das  Volk  der  Markgrafschaften.  Es  bezeichnet
die  kindliche  politische  Bildung  der  Zeit,  daß  sobald  die  Fesseln  des  Rheinbundes
  sich  lockerten,  alle  deutschen  Stämme  ohne  Ausnahme  zu  ihren  altangestammten
  Fürstenhäusern  zurück  verlangten.  Nirgendwo  äußerte  sich
diese  legitimistische  Gesinnung  so  lebhaft  wie  unter  den  Franken;  sie  waren
einst  durch  Hardenberg's  Verwaltung  aus  tiefem  wirthschaftlichem  Verfalle
  emporgehoben  worden  und  hatten  dann  unter  der  Willkürherrschaft
der  Präfecten  Montgelas'  schwer  gelitten.  Sie  bestürmten  den  König  sie.
nicht  aufzuopfern,  beschworen  nachher  den  Wiener  Congreß  in  einer  rührenden
  Adresse  um  die  Rückkehr  des  alten  Fürsten,  dessen  weise  Verwaltung
allein  das  Land  in  den  Stand  gesetzt  habe  die  Leiden  der  letzten  acht
Jahre  zu  überstehen.  Durch  viele  Jahrzehnte  blieb  im  Fichtelgebirge  die  Erinnerung
  lebendig  an  die  gute  alte  Zeit,  da  die  Königin  Luise  mit  ihrem  jungen
Gemahl  die  Felsklüfte  der  Luxburg  durchwandert  hatte;  die  Kinder  suchten
im  Walde  nach  dem  Adlerfarrnkraut,  das  im  Querschnitt  den  brandenburgischen
  Adler  zeigt.  Der  König  empfand  es  bitter  so  viel  herzliche  Treue
zurückweisen  zu  müssen;  sein  Staatskanzler  mußte  sobald  die  Rieder  Verabredungen
  bekannt  wurden  Preußens  Ansprüche  auf  Ansbach-Bayreuth
feierlich  vorbehalten.  Aber  die  Verwahrung  war  zu  spät.  Um  doch  nicht
gänzlich  leer  auszugehen  besetzte  Preußen  bald  nach  der  Leipziger  Schlacht
das  Herzogthum  Berg  und  behielt  dies  Land,  das  in  München  von  jeher
als  das  Aequivalent  der  fränkischen  Markgrafschaften  angesehen  wurde,  in
seiner  Verwaltung.  —

Dergestalt  war  bereits  entschieden,  daß  Oesterreich  die  Gestaltung  der
deutschen  Zukunft  in  seiner  Gewalt  hielt.  Indessen  wuchs  die  Bedrängniß
des  Imperators.  Neue  gewaltige  Aushebungen  wurden  dem  erschöpften
Frankreich  zugemuthet:  die  Nation  solle  sich  ein  Beispiel  nehmen  an  den  ungeheuren
  Anstrengungen  des  kleinen  Preußens,  ihr  Alles  einsetzen  in  diesem
Kriege  gegen  England;  denn  nur  darum  dauere  der  Kampf  fort  weil  der
unversöhnliche  englische  Feind  verlange,  daß  die  Franzosen  wie  die  Hindus
allein  für  ihn  arbeiteten.  Das  elende  Weib,  das  in  Napoleon's  Namen
die  Regentschaft  führte,  die  Tochter  des  letzten  deutschen  Kaisers,  hatte  die
        <pb n="509" />
        Blücher's  Zug  über  die  Elbe.  499

Stirn  im  Senate  auszusprechen:  „ich  weiß  mehr  als  irgend  Jemand,
was  unsere  Bevölkerung  zu  gewärtigen  hätte,  wenn  sie  sich  jemals  be—
siegen  ließe!“  Umringt  von  den  drei  feindlichen  Heeren  versuchte  Napo—
leon  noch  mehrmals  durch  einen  Angriff  sich  Luft  zu  machen;  zweimal
wendete  er  sich  gegen  das  schlesische  Heer,  das  bis  in  die  Lausitz  vorge—
drungen  war,  einmal  gegen  die  böhmische  Armee;  aber  Blücher  wich  ihm
gewandt  aus,  und  als  der  Imperator  am  10.  September  von  der  Höhe
des  Geiersberges  in  das  Teplitzer  Thal  hinabschaute,  da  fand  er  doch
nicht  den  Entschluß,  dem  böhmischen  Heere  die  Schlacht  anzubieten.  Es
war  ein  ewiges  va  et  vient,  wie  Napoleon  sagte.  Das  nutzlose  Spiel
drohte  sich  in's  Unendliche  zu  verlängern.  Die  große  Armee  rührte  sich
nicht  vom  Flecke.  Karl  Johann  benutzte  den  Sieg  von  Dennewitz  nicht,
wollte  die  Elbe  nicht  überschreiten,  so  lange  Wittenberg  noch  in  französischen
  Händen  war.  Wohl  vereitelte  das  Corps  Wallmoden's  durch  das
Gefecht  an  der  Göhrde  einen  Versuch  Davoust's  die  Besatzung  von  Magdeburg
  zu  verstärken;  die  Parteigänger  Colomb  und  Thielmann  errangen
manchen  schönen  Erfolg  im  Rücken  des  Feindes,  ja  den  Kosaken  Czernitscheff's
  glückte  es  sogar  für  einige  Tage  Cassel  zu  besetzen  und  den
König  Jerome  aus  seiner  Hauptstadt  zu  verjagen.  Doch  was  bedeutete
das  Alles  für  den  Ausgang  des  großen  Krieges?  Clausewitz  spottete,  die
beiden  Theile  ständen  sich  gegenüber  wie  der  Hund  und  die  Feldhühner,
die  einander  starr  ansehen  bis  der  Jäger  sein  Faß  an!  ruft.

Von  Blücher  und  Gneisenau  ward  endlich  dieser  fröhliche  Jägerruf
angestimmt.  Sie  hatten  den  wiederholten  Befehl  zum  Abmarsch  nach
Böhmen  unbefolgt  gelassen,  weil  sie  der  schlesischen  Armee  die  Freiheit
der  Bewegung  erhalten  wollten.  Als  der  Krieg  völlig  in's  Stocken  kam
entschlossen  sie  sich  eigenmächtig,  nordwestwärts  über  die  Elbe  zu  ziehen
und  den  Zauderer  Bernadotte  mit  sich  fortzureißen;  gelang  dies,  so  mußte
das  große  Hauptquartier  endlich  den  Muth  finden  das  Erzgebirge  zu  überschreiten,
  und  etwa  in  der  Gegend  von  Leipzig  konnten  die  drei  Armeen
sich  vereinigen.  Zog  Napoleon  mittlerweile  nach  Schlesien,  um  so  besser  für
die  Verbündeten,  dann  verlegten  sie  ihm  mit  gesammelter  Kraft  den  Rückzug;
  nicht  die  Sicherung  einer  Provinz,  sondern  das  Lager  des  Feindes
war  Gneisenau's  Ziel.  Wir  also,  schrieb  er  stolz,  wollen  die  Scene  eröffnen
und  die  Hauptrolle  übernehmen,  da  die  Andern  es  nicht  wollen.  Der  König
war  mit  dem  kühnen  Entschlusse  einverstanden,  aber  der  russische  Bevollmächtigte
  im  Blücher'schen  Hauptquartier  legte  förmlich  Verwahrung  ein.

Am  26.  September  traf  Bennigsen  mit  der  russischen  Reservearmee
aus  Polen  im  Teplitzer  Thale  ein;  Schwarzenberg  gebot  fortan  über  eine
gewaltige  Uebermacht,  wenn  er  sie  nur  zu  vereinigen  verstand.  Am  selben
Tage  brach  Blücher  aus  der  Lausitz  auf;  es  war  die  entscheidende  Wendung
  des  Feldzugs.  Am  3.  October  überschritt  er  die  Elbe  bei  Wartenburg,
  in  jener  sumpfigen  Niederung,  wo  die  schwarze  Elster  sich  mit  dem

32
        <pb n="510" />
        500  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Strome  vereinigt.  Drüben  auf  dem  linken  Ufer  stand  das  Corps  Bertrand's,
Franzosen,  Italiener,  Rheinbündner,  zwischen  Wartenburg  und  Bleddin,
den  Augen  der  Preußen  völlig  entzogen,  geschützt  durch  hohe  Dämme  und
durch  die  sumpfigen  Altwasser  der  Elbe.  Gegen  diese  fast  unangreifbare
Stellung  ließ  Blücher  das  York'sche  Corps  vorgehen.  York  fluchte  wieder
über  die  Tollheit  der  Pläne  Gneisenau's,  doch  er  übernahm  das  Wagniß,
  und  nach  wiederholtem  vergeblichem  Sturme  gelang  es  wirklich  dem
unvergleichlichen  Muthe  seiner  Truppen  die  Dämme  zu  ersteigen,  den
Feind  zum  Abzuge  zu  nöthigen.  Abermals  war  ein  glänzender  Sieg
allein  durch  die  Preußen  erfochten,  und  abermals  bekamen  die  unglücklichen
Württemberger  die  Schärfe  des  preußischen  Schwertes  zu  kosten.  Der
Kampf  ward  mit  solcher  Wuth  geführt,  daß  die  schwarzen  Husaren  einmal
gefangene  italienische  Kanoniere  zwangen  das  Geschütz  auf  ihre  eigenen
Kameraden  zu  richten.  Glückselig  focht  General  Oppen  mitten  im  Getümmel;
  der  war  von  der  nahen  Nordarmee  herübergeritten  und  ließ  sich'’s
nicht  nehmen  als  gemeiner  Reiter  mit  in's  Feuer  zu  gehen.  Ein  grausiger
Anblick,  wie  die  armen  Leineweber  von  der  schlesischen  Landwehr  schaarenweise
  mit  durchschossener  Brust  auf  dem  nassen  Boden  lagen  unter  den
Obstbäumen  an  den  Elbdeichen;  vor  der  Schlacht  hatten  sie  sich  noch  gemächlich
  Pflaumen  geschüttelt.  Als  Eichhorn  diese  kümmerlichen  Leiber
betrachtete,  in  denen  so  viel  Liebe  und  so  viel  Heldenmuth  gewohnt,  da
durchschauerte  ihn  heilige  Andacht  und  er  erkannte  was  es  heiße,  daß  der
Herr  auch  in  den  Schwachen  mächtig  ist.  Der  höchste  Preis  gebührte
doch  dem  Kolbergischen  Leibregimente,  jener  tapferen  Schaar,  die  schon  an
Gneisenau's  Seite  gestanden  als  das  Gestirn  des  Helden  zuerst  aufging;
vor  dieser  Truppe  entblößte  der  gestrenge  York  sein  Haupt,  wie  einst
König  Friedrich  vor  den  Ansbach-Bayreuth-Dragonern.  Blücher  aber
rief,  als  Abends  im  Wartenburger  Schlosse  der  Becher  kreiste,  den  Sohn
Scharnhorst's  an  seine  Seite,  gedachte  des  Vaters  in  bewegten  Worten,
nannte  sich  selber  bescheiden  einen  Handwerker,  der  nur  ausführe  was
jener  Unvergeßliche  geplant.

Die  Elbe  war  überschritten.  In  einer  persönlichen  Unterredung  bewog
  Blücher  den  schwedischen  Kronprinzen  seinem  Zuge  zu  folgen;  derweil
  Bernadotte  in  den  süßesten  Artigkeiten  sich  erging,  rief  der  Alte  seinem
Dolmetscher  zu:  Sagen  Sie  dem  Kerl,  der  Teufel  soll  ihn  holen  wenn  er
nicht  will!  Schon  am  8.  October  stand  die  schlesische  Armee  in  der  Nähe
von  Düben,  wenige  Meilen  nördlich  von  Leipzig,  hinter  ihr  bei  Dessau
das  Nordheer.  Blücher's  Vormarsch  brachte  Alles  in  Bewegung.  Während
  das  böhmische  Heer  sich  endlich  anschickte  auf  Leipzig  zu  marschiren,
nahm  Napoleon  seine  Truppen  vom  rechten  Elbufer  zurück,  mit  dem  Befehle
  vorher  Alles  bis  auf  den  letzten  Obstbaum  zu  zerstören,  sicherte
Dresden  durch  eine  starke  Garnison  und  eilte  selber  nordwestwärts,  den
beiden  vereinigten  Armeen  entgegen.  Doch  Blücher  wich  abermals  aus,
        <pb n="511" />
        Schlacht  von  Wartenburg.  Anmarsch  gegen  Leipzig.  501

zog  sich  westlich  über  die  Saale,  so  daß  ihm  der  Weg  nach  Leipzig  offen
blieb,  und  der  diplomatischen  Kunst  Rühle  von  Lilienstern's  gelang  es  auch
den  Kronprinzen,  der  schon  über  die  Elbe  zurückweichen  wollte,  zu  dem
Marsche  über  die  Saale  zu  bewegen.  Napoleon  erkannte  zu  spät,  daß  er
in  die  Luft  gestoßen  hatte.  Jetzt,  in  der  höchsten  Bedrängniß,  kam  er
nochmals  auf  seinen  Lieblingsplan  zurück  und  dachte  an  seinen  fünften
Zug  gegen  Berlin:  so  leidenschaftlich  war  sein  Verlangen  den  Herd  der
deutschen  Volksbewegung  zu  züchtigen.  Seine  Vortruppen  drangen  bereits
über  die  Elbe,  Tauentzien  trat  mit  seinem  Corps  einen  übereilten  Rückzug
  an,  und  am  13.  October  befürchtete  die  preußische  Hauptstadt  noch
einmal  einen  feindlichen  Angriff.  Doch  inzwischen  hatte  der  Imperator
seinen  Entschluß  wieder  geändert  und  wendete  sich  nach  Leipzig  zurück.
Sein  Stolz  verschmähte  die  offene  Rückzugslinie  nach  dem  Rheine;  er
hoffte  dicht  vor  den  Mauern  Leipzigs  der  von  Süden  heranrückenden  böhmischen
  Armee  die  Schlacht  anzubieten,  bevor  die  beiden  anderen  Heere
eintrafen.  Das  edle  Wild  war  gestellt;  das  gewaltige  K.  esseltreiben  dieses
Herbstes  näherte  sich  dem  Ende.

Gneisenau's  Augen  leuchteten,  als  er  am  Morgen  des  18.  Octobers
das  ungeheure  Schlachtfeld  überblickte,  wie  vom  Nordwesten  und  Norden,
vom  Südosten  und  Süden  her  die  Heersäulen  der  Verbündeten  im  weiten
Halbkreise  gegen  Leipzig  heranzogen.  Er  wußte,  die  Stunde  der  Erfüllung
  hatte  geschlagen,  und  wie  er  empfand  das  Volk.  Wie  oft  hatten
sich  die  Deutschen  erfreut  an  den  Schilderungen  der  Kaufleute  von  dem
vielsprachigen  Völkergewimmel,  das  von  Zeit  zu  Zeit  marktend  und
schachernd  die  hochgieblichen  Straßen  der  alten  Meßstadt  erfüllte;  jetzt
strömten  wieder  alle  Völker  des  Weltreichs  vom  Ebro  bis  zur  Wolga  in
den  schlachtgewohnten  Ebenen  Obersachsens  zusammen.  Die  große  Zahlwoche
  kam  heran,  die  Abrechnung  für  zwei  Jahrzehnte  des  Unheils  und
der  Zerstörung.  Nach  der  Schlacht  erzählte  sich  das  Volk  in  der  Pfalz,
wie  die  acht  Kaiser  aus  den  Grüften  des  Speierer  Doms  sich  erhoben
hatten  und  Nächtens  über  den  Rhein  gefahren  waren  um  bei  Leipzig
mitzukämpfen;  nach  vollbrachter  Arbeit  ruhten  sie  wieder  still  im  Grabe.
Die  Verbündeten  hatten  für  sich  den  dreifachen  Vortheil  der  Ueberzahl
an  Mannschaft  und  Geschütz,  des  concentrischen  Angriffs  und  einer  sicheren
Flügelanlehnung.  Napoleon  stand  im  Halbkreise  auf  der  Ebene  östlich
von  Leipzig;  hinter  ihm  lagen  die  Stadt  und  die  Auen  —  jene  wildreichen
  dichten  Laubwälder,  die  sich  meilenlang  zwischen  der  Elster,  der
Pleiße  und  ihren  zahlreichen  sumpfigen  Armen  ausdehnen,  ein  für  die
Entfaltung  großer  Truppenmassen  völlig  unbrauchbares  Wald=  und  Sumpfland,
  das  die  beiden  Flügel  der  Verbündeten  gegen  jede  Umgehung  sicherte.
Gelang  der  Angriff,  so  konnte  der  Imperator  vielleicht  versuchen  irgendwo
den  eisernen  Ring  der  alliirten  Heere  zu  durchbrechen  und  sich  ostwärts
nach  Torgau  durchzuschlagen  —  ein  tollkühnes  Wagniß,  das  bei  einiger
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        502  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Wachsamkeit  der  Verbündeten  sicher  scheitern  mußte.  Sonst  blieb  ihm
nur  noch  der  Rückzug  nach  Westen  offen,  erst  durch  die  enge  Stadt,  dann
auf  einer  einzigen  Brücke  über  die  Elster,  endlich  auf  dem  hohen  Damme
der  Frankfurter  Landstraße  quer  durch  die  nassen  Wiesen  der  Auen  —
der  denkbar  ungünstigste  Weg  für  ein  geschlagenes  Heer.

Am  15.  war  Rühle  von  Lilienstern  mit  einer  Botschaft  des  schlesischen
  Hauptquartiers  bei  dem  Oberfeldherrn  in  Pegau  angelangt.  Gneisenau
  schlug  vor,  am  ersten  Schlachttage  das  Gefecht  hinzuhalten,  weil
mindestens  80,000  Mann  von  der  verbündeten  Armee  noch  nicht  zur
Stelle  waren.  Sobald  diese  Verstärkungen  eingetroffen,  sollte  der  Angriff
  auf  allen  Stellen  des  Halbkreises  mit  entschiedener  Uebermacht  wieder
aufgenommen  und  indessen  durch  ein  in  Napoleon's  Rücken  entsendetes
Corps  dem  Feinde  die  einzige  Rückzugsstraße  gesperrt  werden;  dann  war
nicht  nur  ein  Sieg,  sondern  eine  Vernichtungsschlacht,  eine  in  aller  Geschichte
  unerhörte  Waffenstreckung  möglich.  Zu  so  hohen  Flügeln  vermochte
  sich  freilich  Schwarzenberg  nicht  aufzuschwingen.  Eine  Zeit  lang
hoffte  er  sogar  die  Schlacht  gänzlich  zu  vermeiden,  schon  durch  das  Erscheinen
  der  drei  vereinigten  Armeen  den  Imperator  zum  Rückzuge  zu
nöthigen.  Auch  als  er  sich  endlich  überzeugen  mußte,  daß  ein  Napoleon
so  leichten  Kaufes  nicht  zu  verdrängen  sei,  entwarf  er  einen  überaus  unglücklichen
  Schlachtplan.  Da  die  böhmische  Armee  vom  Süden,  die  beiden
  anderen  Heere  vom  Norden  herankamen,  so  mußte  der  Oberfeldherr
—  das  war  die  Meinung  des  schlesischen  Hauptquartiers  —  die  Entscheidung
  auf  seiner  rechten  Flanke  suchen,  dort  auf  der  Rechten  sich  mit  der
Nordarmee  zu  verbinden  streben  um  die  Umklammerung  des  Feindes  zu
vollenden.  Statt  dessen  ballte  er  eine  Masse  von  35,000  Mann,  lauter
Oesterreicher,  auf  seinem  äußersten  linken  Flügel  zusammen  und  ließ  sie
durch  das  unwegsame  Buschland  der  Auen  gegen  Connewitz  vorgehen,  in
der  sonderbaren  Hoffnung,  dort  auf  ganz  unzugänglichen  Boden  Napoleon's
rechten  Flügel  von  der  Stadt  abzudrängen.  Sein  General  Langenau
hatte  diesen  unseligen  Anschlag  eingegeben;  der  ehrgeizige  Sachse,  der  erst
im  Frühjahr  zugleich  mit  dem  Minister  Senfft  in  österreichische  Dienste
übergetreten  war,  brannte  vor  Begier  sich  in  der  Gnade  seines  Kaisers
fest  zu  setzen  und  wollte  darum  den  Hauptschlag  durch  die  Oesterreicher
allein  ausführen,  den  Preußen,  die  er  mit  dem  ganzen  Ingrimm  des  Particularisten
  haßte,  eine  untergeordnete  Rolle  zuweisen.  Der  kleinliche  Gedanke
  sollte  sich  grausam  bestrafen.  —

Napoleon  sammelte  die  Hauptmasse  seiner  Streitkräfte  bei  Wachau,
drei  Stunden  südöstlich  der  Stadt.  Da  er  von  dem  Zauderer  Bernadotte
nichts  befürchtete  und  die  schlesische  Armee  noch  weitab  im  Nordwesten
bei  Merseburg  wähnte,  so  gab  er  dem  Marschall  Marmont,  der  im  Norden
  bei  Möckern  stand,  den  Befehl  sich  mit  der  Hauptarmee  zu  vereinigen,
um  die  Niederlage  des  böhmischen  Heeres  vollständig  zu  machen.  In
        <pb n="513" />
        Schlacht  von  Möckern.  503

der  That  entsprach  Karl  Johann  den  Erwartungen  des  Imperators.  Die
Nordarmee  erschien  am  16.  gar  nicht  auf  dem  Schlachtfelde,  dergestalt  daß
die  Alliirten  nur  eine  geringfügige  Ueberzahl,  192,000  gegen  177,000  Mann,
in  das  Gefecht  führen  konnten;  eine  weite  Lücke  blieb  zwischen  den  beiden
Hälften  der  verbündeten  Heere  offen,  die  Kämpfe  des  ersten  Tags  zerfielen
in  Wahrheit  in  zwei  selbständige  Schlachten,  bei  Möckern  und  bei  Wachau.

Blücher  dagegen  kam  nicht  auf  dem  Umwege  über  Merseburg,  sondern
  gradeswegs  von  Halle  auf  der  Landstraße  am  Ostrande  der  Anen
heran  und  zwang  Marmont  durch  sein  unerwartetes  Erscheinen,  bei
Möckern  stehen  zu  bleiben.  Wie  lieblich  war  den  tapferen  Schlesischen
das  Leben  eingegangen  die  letzten  Tage  über,  als  sie  jubelnd  in  Halle
einzogen,  von  den  Bürgern  der  endlich  befreiten  treuen  Stadt  auf  den
Händen  getragen,  und  dann  bei  Becherklang  und  vaterländischen  Gesängen,
nach  altem  Burschenbrauche  die  Nacht  verbrachten.  Dem  Rausche  der
jugendlichen  Lust  folgte  die  ernste  Arbeit,  die  blutigste  des  ganzen  Krieges,
denn  wieder  siel  dem  Yorbschen  Corps  die  schwerste  Aufgabe  zu.  Als
York  am  Morgen  des  16.  in  Schkeuditz  unter  seinen  Fenstern  die  Husaren
zum  Aufsitzen  blasen  hörte,  da  hob  er  sein  Glas  und  sprach  den  Kernspruch
  seines  lieben  Paul  Gerhardt:  den  Anfang,  Mitt'  und  Ende,  Herr
Gott,  zum  Besten  wende!  Wohl  mochte  er  sich  einer  höheren  Hand
empfehlen,  denn  unangreifbar  wie  bei  Wartenburg  schien  wieder  die  Stellung
  des  Feindes.  Marmont  lehnte  sich  mit  seiner  linken  Flanke  bei
Möckern  an  den  steilen  Thalrand  der  Elster,  hatte  die  Mauern  des
Dorfes  zur  Vertheidigung  eingerichtet,  weiter  rechts  auf  den  flachen  Höhen
eine  Batterie  von  80  Geschützen  aufgefahren.  Gegen  diese  kleine  Festung
stürmten  die  Preußen  heran  auf  der  sanft  ansteigenden  baumlosen  Ebene;
sechsmal  drangen  sie  in  das  Dorf  und  verloren  es  wieder;  das  Gefühl
der  einzigen  Größe  des  Tages  beschwingte  beiden  Theilen  die  Kraft.  Endlich
führt  York  selber  seine  Reiterei  zum  Angriff  gegen  die  Höhen  unter  dem
Rufe:  „marsch,  marsch,  es  lebe  der  König",  nach  einem  wüthenden  Häuserkampfe
  schlägt  das  Fußvolk  den  Feind  aus  dem  Dorfe  heraus;  am  Abend
muß  Marmont  gegen  die  Stadt  zurückweichen,  53  Kanonen  in  den  Händen
der  Preußen  lassen,  und  an  den  Wachtfeuern  der  Sieger  ertönt  das  Lied:
Nun  danket  alle  Gott,  wie  in  der  Winternacht  von  Leuthen.  Aber  welch
ein  Anblick  am  nächsten  Morgen,  als  die  Truppen  zum  Sonntagsgottesdienst
  zusammentraten.  Achtundzwanzig  Commandeure  und  Stabsoffiziere
lagen  todt  oder  verwundet;  von  seinen  12,000  Mann  Infanterie  hatte
York  kaum  9000  mehr,  seine  Landwehr  war  im  August  mit  13,000  Mann
in's  Feld  gezogen  und  zählte  jetzt  noch  2000.  So  waren  an  dieser  einen
Stelle  die  Verbündeten  bis  auf  eine  kleine  Stunde  an  die  Thore  von
Leipzig  herangelangt.

Das  Ausbleiben  der  Nordarmee  hatte  die  üble  Folge,  daß  Blücher
seine  Armee  nicht  schwächen  durfte  und  nicht,  wie  seine  Absicht  war,  ein
        <pb n="514" />
        504  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Corps  westlich  durch  die  Auen  auf  die  Rückzugslinie  Napoleon's  entsenden
konnte.  Dort  im  Westen  stand  also  Gyulay  mit  seinen  22,000  Oesterreichern
  den  15,000  Mann  des  Bertrand'schen  Corps  allein  gegenüber
und  er  verstand  nicht  seine  Uebermacht  zu  verwerthen;  die  große  Frankfurter
  Straße  blieb  dem  Imperator  gesichert.  Auch  auf  dem  Hauptschauplatze
  des  Kampfes,  bei  Wachau  fochten  die  Verbündeten  nicht  glücklich.
Hier  hatte  zwei  Tage  vorher  ein  großartiges  Vorspiel  der  Völkerschlacht
sich  abgespielt,  ein  gewaltiges  Reitergefecht,  wobei  König  Murat  nur  mit
Noth  dem  Säbel  des  Leutnants  Guido  v.  d.  Lippe  von  den  Neumärkischen
Dragonern  entgangen  war.  Heute  hielt  Napolcon  selber  mit  der  Garde
und  dem  Kerne  seines  Heeres  die  dritthalb  Stunden  lange  Linie  von  Dölitz
bis  Seifertshain  besetzt,  durch  Zahl  und  Stellung  den  Verbündeten  überlegen,
  121,000  gegen  113,000  Mann.  Auf  dem  linken  Flügel  der  Alliurten,
zwischen  den  beiden  Flüssen,  vergeudeten  die  unglücklichen  Opfer  der  Feldherrnkunst
  Langenau's  ihre  Kraft  in  einem  tapferen,  aber  aussichtslosen
Kampfe;  eingeklemmt  in  dem  buschigen  Gelände  vermochten  sie  ihre  Macht
nicht  zu  gebrauchen,  General  Merveldt  selbst  gerieth  mit  einem  Theile
seines  Corps  in  Gefangenschaft;  mit  Mühe  wurden  die  Reserven  dieser
Oesterreicher  aus  den  Auen  über  die  Pleiße  rechtsab  auf  die  offene  Ebene
hinauf  gezogen.  Es  war  die  höchste  Zeit,  denn  hier  im  Centrum  konnten
Kleist'7s  Preußen  und  die  Russen  des  Prinzen  Eugen  sich  auf  die  Dauer
nicht  behaupten  in  dem  verzweifelten  Ringen  gegen  die  erdrückende  Uebermacht,
  die  unter  dem  Schutze  von  300  Geschützen  ihre  Schläge  führte.
Die  volle  Hälfte  dieser  Helden  von  Kulm  lag  auf  dem  Schlachtfelde.  Schon
glaubt  Napoleon  die  Schlacht  gewonnen,  befiehlt  in  der  Stadt  Victoria
zu  läuten,  sendet  Siegesboten  an  seinen  Vasallen  König  Friedrich  August,
der  in  Leipzig  angstvoll  der  Entscheidung  harrt.  „Noch  dreht  sich  die
Welt  um  uns“  —  ruft  er  frohlockend  seinem  Daru  zu.  Ein  letzter  zerschmetternder
  Angriff  der  gesammten  Reiterei  soll  das  Centrum  durchbrechen.
  Noch  einmal  dröhnt  die  Erde  von  dem  Feuer  der  300  Geschütze,
  dann  rasen  9000  Reiter  in  geschlossener  Masse  über  das  Blachfeld
dahin,  ein  undurchdringliches  Dickicht  von  Rossen,  Helmen,  Lanzen  und
Schwertern.  Da  kommen  die  österreichischen  Reserven  aus  der  Aue  heran,
und  während  die  Reitermassen,  athemlos  von  dem  tollen  Ritt,  allmählich
zurückgedrängt  werden,  setzen  sich  die  Verbündeten  nochmals  in  den  verlorenen
  Dörfern  fest  und  am  Abend  behaupten  sie  fast  wieder  dieselbe
Stellung  wie  am  Morgen.  Schwarzenberg's  Angriff  war  gescheitert,  doch
der  Sieger  hatte  nicht  einmal  den  Besitz  des  Schlachtfeldes  gewonnen.

Trat  Napoleon  jetzt  den  Rückzug  an,  so  konnte  er  sein  Heer  in  guter
Ordnung  zum  Rheine  führen;  denn  die  schlesische  Armee,  die  einzige
Siegerin  des  ersten  Schlachttags,  stand  von  der  Frankfurter  Straße  noch
weit  entfernt  und  war  überdies  tief  erschöpft  von  dem  verlustreichen  Kampfe.
Aber  der  Liebling  des  Glücks  vermochte  das  Unglück  nicht  zu  ertragen.
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        Schlacht  bei  Wachau.  Der  18.  October.  505

eichts  mehr  von  der  gewohnten  Kälte  und  Sicherheit  der  politischen  Be—
rechnung;  sein  Hochmuth  wollte  sich  den  ganzen  Ernst  der  Lage  nicht  ein—
gestehen,  wollte  nicht  lassen  von  unmöglichen  Hoffnungen.  Der  Impe—
rator  that  das  Verderblichste  was  er  wählen  konnte,  versuchte  durch  den
gefangenen  Merveldt  Unterhandlungen  mit  seinem  Schwiegervater  anzu—
knüpfen  und  gewährte  also  den  Verbündeten  die  Frist  ihre  gesammten
Streitmassen  heranzuziehen.  Am  17.  October  ruhten  die  Waffen,  nur
Blücher  konnte  sich  die  Lust  des  Kampfes  nicht  versagen,  drängte  die  Fran—
zosen  bis  dicht  an  die  Nordseite  der  Stadt  zurück.

Am  18.  früh  hatte  Napoleon  seine  Armee  näher  an  Leipzig  heran—
genommen,  ihr  Halbkreis  war  nur  noch  etwa  eine  Stunde  von  den  Thoren
der  Stadt  entfernt.  Gegen  diese  160,000  Mann  rückten  225,000  Ver—
bündete  heran.  Mehr  als  einen  geordneten  Rückzug  konnte  der  Impe—
rator  nicht  mehr  erkämpfen;  er  aber  hoffte  noch  auf  Sieg,  wies  den  Ge—
danken  an  eine  Niederlage  gewaltsam  von  sich,  versäumte  Alles  was  den
schwierigen  Rückmarsch  über  die  Elster  erleichtern  konnte.

Die  Natur  der  Dinge  führte  endlich  den  Ausgang  herbei,  welchen
Gneisenau's  Scharfblick  von  vornherein  als  den  einzig  möglichen  angesehen
hatte:  die  Entscheidung  fiel  auf  dem  rechten  Flügel  der  Verbündeten.  Na—
poleon  übersah  von  der  Höhe  des  Thonbergs,  wie  die  Oesterreicher  auf
dem  linken  Flügel  der  Alliirten  abermals  mit  geringem  Glück  den  Kampf
um  die  Dörfer  an  der  Pleiße  eröffneten,  wie  dann  das  Centrum  der  Ver—
bündeten  über  das  Schlachtfeld  von  Wachau  herankam.  Es  waren  die
kampferprobten  Schaaren  Kleist's  und  des  Prinzen  Eugen;  über  die  unbestatteten
  Leichen  der  zwei  Tage  zuvor  gefallenen  Kameraden  ging  der
Heerzug  hinweg,  man  hörte  die  Knochen  der  Todten  unter  den  Hufen  der
Rosse  und  den  Rädern  der  Kanonen  knarren.  Vor  der  Front  der  Angreifer
lagen  langhingestreckt  die  hohen  Lehmmauern  von  Probstheida,  auf  beiden
Seiten  durch  Geschütze  gedeckt  —  der  Schlüssel  des  französischen  Centrums.
Unter  dem  Kreuzfeuer  der  Batterien  begann  der  Angriff,  ein  sechsmal
wiederholtes  Stürmen  über  das  offene  Feld,  doch  zuletzt  behauptete  sich
Napoleon's  Garde  in  dem  Dorfe,  und  auch  Stötteritz  nebenan  blieb  nach
wiederholtem  Sturm  und  mörderischem  Häuserkampfe  in  den  Händen  der
Franzosen;  man  sah  nachher  in  den  Gärten  und  Häusern  die  Leichen  von
Russen  und  Franzosen,  die  einander  gegenseitig  das  Bajonett  durch  den
Leib  gerannt,  angespießt  auf  dem  Boden  liegen.  Unmittelbar  unter  den
Augen  des  Imperators  ward  auch  heute  den  Verbündeten  kein  entscheidender
  Erfolg,  obgleich  sie  dicht  an  den  Schlüsselpunkt  seiner  Stellung  herangelangten.
  Indessen  rückte  auf  ihrem  rechten  Flügel  das  Nordheer  in  die
Schlachtlinie  ein,  füllte  die  Lücke,  welche  die  böhmische  Armee  von  der
schlesischen  trennte,  schloß  den  großen  Schlachtenring,  der  die  Franzosen
umfaßte.  Es  hatte  der  Mühe  genug  gekostet,  bis  Karl  Johann,  der  am
17.  endlich  bei  Breitenfeld  auf  der  alten  Stätte  schwedischen  Waffenruhmes
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        506  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

angelangt  war,  zur  thätigen  Theilnahme  beredet  wurde;  um  den  Bedacht—
samen  nur  in  den  Kampf  hineinzureißen  hatte  Blücher  seiner  eigenen  That—
kraft  das  schwerste  Opfer  zugemuthet,  30,000  Mann  seines  Heeres  an  die
Nordarmee  abgetreten  und  damit  selber  auf  den  Ruhm  eines  neuen  Sieges
verzichtet.  Einmal  entschlossen  zeigte  Bernadotte  die  Umsicht  des  bewährten
Feldherrn.  Während  Langeron's  Russen  auf  der  äußersten  Rechten  der
Angriffslinie  durch  wiederholten  Sturm  den  Feind  aus  Schönefeld  zu
verdrängen  suchten,  traf  die  Hauptmasse  der  Nordarmee  am  Nachmittag
auf  der  Ostseite  von  Leipzig  ein.  Bülow  führte  das  Vordertreffen  und
schlug  das  Corps  Reynier's  aus  Paunsdorf  hinaus.

So  stießen  die  alten  Feinde  von  Großbeeren  abermals  auf  einander,
doch  wie  war  seitdem  die  Stimmung  in  den  sächsischen  Regimentern  um—
geschlagen!  Wunderbar  lange  hatte  die  ungeheure  Macht  des  deutschen
Fahneneides  die  Truppen  des  Rheinbundes  bei  ihrer  Soldatenpflicht  fest—
gehalten;  außer  einigen  vereinzelten  Bataillonen  waren  bisher  nur  zwei
westphälische  Reiterregimenter  zu  den  Verbündeten  übergegangen.  Mit
dem  Glücke  schwand  auch  das  Selbstgefühl  der  napoleonischen  Lands—
knechte;  sie  begannen  sich  des  Krieges  gegen  Deutschland  zu  schämen,  sie
empfanden  nach  was  ihr  Landsmann  Rückert  ihnen  zurief:

Ein  Adler  kann  vielleicht  noch  Ruhm  erfechten,

Doch  sicher  Ihr,  sein  Raubgefolg,  Ihr  Raben

Erfechtet  Schmach  bei  kommenden  Geschlechten!
Die  Sachsen  fühlten  sich  zudem  in  ihrer  militärischen  Ehre  gekränkt  durch
die  Lügen  der  napoleonischen  Bulletins;  sie  sahen  mit  Unmuth  wie  ihre
Heimath  ausgeplündert,  ihr  König  von  Ort  zu  Ort  hinter  dem  Protector
her  geschleppt  wurde;  und  sollten  sie  mit  nach  Frankreich  entweichen,  wenn
Napoleon  die  Schlacht  verlor  und  Sachsen  ganz  in  die  Gewalt  der  Verbündeten
  siel?  Selbst  die  Franzosen  empfanden  Mitleid  mit  der  unnatürlichen
  Lage  dieser  Bundesgenossen;  Reynier  hatte  bereits  den  Abmarsch  der
Sachsen  nach  Torgau  angeordnet,  als  das  Anrücken  der  Nordarmee  die
Ausführung  des  wohlgemeinten  Befehls  verhinderte.  Nur  König  Friedrich
August  zeigte  kein  Verständniß  für  die  Bedrängniß  seiner  Armee  noch  für
seine  eigene  Schande.  Unwandelbar  blieb  sein  Vertrauen  auf  den  Glücksstern
  des  Großen  Alliirten;  noch  während  der  Schlacht  verwies  er  seine
Generale  trocken  auf  ihre  Soldatenpflicht  als  sie  ihn  baten  die  Trennung
des  Contingents  von  dem  französischen  Heere  zu  gestatten.  Die  deutsche
Gutmüthigkeit  wollte  dem  angestammten  Herrn  so  viel  Verblendung  nicht
zutrauen.  Die  Offiziere  glaubten  fest,  ihr  König  sei  unfrei;  keineswegs
in  der  Meinung  ihren  Fahneneid  zu  brechen,  sondern  in  der  Absicht  das
kleine  Heer  dem  Landesherrn  zu  erhalten  beschlossen  sie  das  Aergste  was
der  Soldat  verschulden  kann,  den  Uebergang  in  offener  Feldschlacht.  In
der  Gegend  von  Paunsdorf  und  Sellerhausen  schlossen  sich  etwa  3000
Mann  der  sächsischen  Truppen  an  die  Nordarmee  an;  mit  ihnen  eine
        <pb n="517" />
        Die  Entscheidung.  507

Reiterschaar  aus  Schwaben.  Die  Preußen  und  Russen  nahmen  die  Flüch—
tigen  mit  Freuden  auf;  nur  den  württembergischen  General  Normann,
der  einst  bei  Kitzen  die  Lützower  verrätherisch  überfallen  hatte,  wies  Gnei—
senau  mit  verächtlichen  Worten  zurück.  Friedrich  Wilhelm's  Ehrlichkeit
aber  hielt  den  Vorwurf  nicht  zurück:  wie  viel  edles  Blut  die  Sachsen
dem  Vaterlande  ersparen  konnten,  wenn  sie  ihren  Entschluß  früher,  vor
der  Entscheidung,  faßten!  Der  traurige  Zwischenfall  blieb  ohne  jeden  Ein—
fluß  auf  den  Ausgang  der  Völkerschlacht;  doch  warf  er  ein  grelles  Schlag—
licht  auf  die  tiefe  sittliche  Fäulniß  des  kleinstaatlichen  Lebens.  Das  Gewissen
des  Volkes  begann  endlich  irr  zu  werden  an  der  Felonie  des  napoleo—
nischen  Kleinkönigthums;  trotz  aller  Lügenkünste  particularistischer  Volks—
verbildung  erwachte  wieder  die  Einsicht,  daß  auch  nach  dem  Untergange
des  alten  Reichs  die  Deutschen  noch  ein  Vaterland  besaßen  und  ihm  ver—
bunden  waren  durch  heilige  Pflichten.

Gegen  5  Uhr  vereinigte  Bülow  sein  ganzes  Corps  zu  einem  gemeinsamen
  Angriff,  erstürmte  Sellerhausen  und  Stüntz,  drang  am  Abend  bis
in  die  Kohlgärten  vor,  dicht  an  die  östlichen  Thore  der  Stadt.  Da  währenddem
  auch  Langeron  auf  der  Rechten  das  hart  umkämpfte  Schönefeld  endlich
  genommen  hatte  und  ebenfalls  gegen  die  Kohlgärten  herandrängte,  so
war  Ney  mit  dem  linken  Flügel  der  Franzosen  auf  seiner  ganzen  Linie
geschlagen.  Durch  diese  Niederlage  ward  Napoleon's  Stellung  im  Centrum
unhaltbar.  Noch  am  Abend  befahl  er  den  Rückzug  des  gesammten  Heeres.
Nun  wälzten  sich  die  dichten  Massen  der  geschlagenen  Armee  durch  drei
Thore  zugleich  in  die  Stadt  hinein  um  dann  allesammt  in  entsetzlicher
Verwirrung  auf  der  Frankfurter  Straße  sich  zu  vereinigen.  Daß  dieser
eine  Weg  noch  offen  blieb,  war  das  Verdienst  des  unglücklichen  Gyulay,
der  auch  am  dritten  Schlachttage  auf  der  Westseite  nichts  ausgerichtet
hatte;  bis  zur  Saale  hin  hielt  Bertrand  den  Franzosen  die  Rückzugsstraße
frei.  Die  Hunderttausende,  die  beim  Feuerscheine  von  zwölf  brennenden
Dörfern  auf  dem  theuer  erkauften  Schlachtfelde  lagerten,  empfanden  tief
erschüttert  den  heiligen  Ernst  des  Tages;  unwillkürlich  stimmten  die  Russen
eines  ihrer  frommen  Lieder  an,  und  bald  klangen  überall,  in  allen  Zungen
der  Völker  Europas,  die  Dankgesänge  zum  Himmel  auf.  Die  Sieger
beugten  sich  unter  Gottes  gewaltige  Hand;  recht  aus  dem  Herzen  der
fromm  bewegten  Zeit  heraus  sang  der  deutsche  Dichter:

O  Tag  des  Sieges,  Tag  des  Herrn,
Wie  feurig  schien  dein  Morgenstern!

Nur  der  Feldherr,  der  von  Amtswegen  als  der  Besieger  Napoleon's
gefeiert  wurde,  vermochte  die  Größe  des  Erfolges  nicht  zu  fassen.  Schwarzenberg
  weigerte  sich  die  noch  ganz  unberührten  russischen  und  preußischen
Garden  zur  Verfolgung  auszusenden  —  nicht  aus  Arglist,  wie  manche
der  grollenden  Preußen  annahmen,  sondern  weil  sein  Kleinmuth  die  Geschlagenen
  nicht  zur  Verzweiflung  treiben  wollte.  Blücher  hatte  den  Tag
        <pb n="518" />
        508  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

über,  wegen  des  verspäteten  Eintreffens  der  Nordarmee,  sein  kleines  Heer
zusammenhalten  müssen  um  einen  Ausfall  in  der  Richtung  auf  Torgau,
den  man  noch  immer  befürchtete,  zurückweisen  zu  können;  darum  ward
York  erst  am  Abend  auf  dem  weiten  Umwege  über  Merseburg  dem  fliehenden
  Feinde  nachgesendet.  Also  konnte  Napoleon  noch  90,000  Mann,  fast
durchweg  Franzosen,  aus  der  Schlacht  retten.  Die  Deckung  des  Rückzugs,
  die  Vertheidigung  der  Stadt  überließ  er  seinen  Vasallen,  den  Rheinbündnern,
  Polen  und  Italienern;  mochten  sie  noch  einmal  für  ihn  bluten,
dem  Kaiserreich  waren  sie  doch  verloren.

So  mußte  denn  am  19.  der  Kampf  um  den  Besitz  der  Stadt  selber
von  Neuem  begonnen  werden.  Während  Blücher  im  Norden  seine  Russen
gegen  das  Gerberthor  führt  und  dort  zuerst  von  den  Kosaken  mit  dem
Ehrennamen  Marschall  Vorwärts  begrüßt  wird,  bricht  Bülow's  Corps  aus
den  Kohlgärten  gegen  die  Ostseite  der  Stadt  auf.  Borstell's  Brigade  dringt
in  den  Park  der  Milchinsel,  Friccius  mit  der  ostpreußischen  Landwehr  erstürmt
  das  Grimmaische  Thor.  Noch  stehen  die  Regimenter  des  Rheinbundes
  dicht  gedrängt  auf  dem  alten  Markte,  da  tönen  schon  die  Flügelhörner
  der  pommerschen  Füsiliere  die  Grimmaische  Gasse  herunter,  dazwischen
  hinein  der  donnernde  Ruf:  Hoch  Friedrich  Wilhelm!  Bald  blitzen
die  Bajonette,  lärmen  die  Trommeln  und  gellen  die  Querpfeifen  auch  in
den  andern  engen  Gassen,  die  nahe  bei  dem  alten  Rathhause  münden.
Alles  strömt  zum  Marktplatze;  die  Sieger  von  der  Katzbach,  von  Kulm
und  Dennewitz  feiern  hier  in  Gegenwart  der  gefangenen  Feinde  jubelnd
ihr  Wiedersehen.  Neue  stürmische  Freudenrufe,  als  der  Czar  und  der
König  selber  einreiten;  selbst  die  Rheinbündner  stimmen  mit  ein;  Alle
fühlen,  wie  aus  Schmach  und  Gräueln  der  junge  Tag  des  neuen  Deutschlands
  leuchtend  emporsteigt.  Während  den  König  von  Preußen  sein  tapferes
Heer  frohlockend  umdrängt,  steht  nahebei  —  ein  klägliches  Bild  der  alten
Zeit,  die  nun  zu  Grabe  geht  —  Friedrich  August  von  Sachsen  entblößten
Hauptes,  mitten  im  Gewühle  an  der  Thür  des  Königshauses.  Der  hat
während  der  Stunden  des  Sturmes  ängstlich  im  Keller  gesessen,  betrogen
von  den  prahlerischen  Verheißungen  des  Protectors  noch  bis  zum  letzten
Augenblicke  auf  die  siegreiche  Rückkehr  des  Unüberwindlichen  gehofft.  Nun
würdigen  ihn  die  Sieger  keines  Blickes,  sein  eigenes  Volk  beachtet  ihn  nicht,
vor  seinen  Augen  wird  seine  rothe  Garde  von  Friedrich  Wilhelm's  Adjutanten
  Natzmer  zur  Verfolgung  der  Franzosen  hinweggeführt.  Mit  naiver
Freude  wie  ein  Held  des  Alterthums  schreibt  Gneisenau  die  Siegesbotschaft
  den  entfernten  Freunden  in  allen  Ecken  des  Vaterlandes:  „Wir
haben  die  Nationalrache  in  langen  Zügen  genossen.  Wir  sind  arm  geworden,
  aber  reich  an  kriegerischem  Ruhme  und  stolz  auf  die  wiedererrungene
  Unabhängigkeit.“

Dreißigtausend  Gefangene  fielen  den  Siegern  in  die  Hände.  Die
Umzingelung  der  Stadt  von  den  Auen  her  war  bereits  nahezu  vollendet,
        <pb n="519" />
        Der  Sturm  auf  Leipzig.  Die  Opfer.  509

als  die  Elsterbrücke  an  der  Frankfurter  Straße  in  die  Luft  gesprengt  und
damit  den  Wenigen,  die  sich  vielleicht  noch  retten  konnten,  der  letzte  Ausweg
  versperrt  wurde.  Ein  ganzes  Heer,  an  hunderttausend  Mann,  lag
todt  oder  verwundet.  Was  vermochte  die  Kunst  der  Aerzte,  was  die
menschenfreundliche  Aufopferung  des  edlen  Ostfriesen  Reil  gegen  solches
Uebermaß  des  Jammers?  Das  Medicinalwesen  der  Heere  war  überall
noch  nicht  weit  über  die  Weisheit  der  fridericianischen  Feldscheerer  hinausgekommen,
  und  über  der  wackeren,  gutherzigen  Leipziger  Bürgerschaft  lag
noch  der  Schlummergeist  des  alten  kursächsischen  Lebens,  sie  verstand  nicht
rechtzeitig  Hand  anzulegen.  Tagelang  blieben  die  Leichen  der  preußischen
Krieger  im  Hofe  der  Bürgerschule  am  Wall  unbeerdigt,  von  Raben  und
Hunden  benagt;  in  den  Concertsälen  des  Gewandhauses  lagen  Todte,
Wunde,  Kranke  auf  faulem  Stroh  beisammen,  ein  verpestender  Brodem
erfüllte  den  scheußlichen  Pferch,  ein  Strom  von  zähem  Koth  sickerte  langsam
  die  Treppe  hinab.  Wenn  die  Leichenwagen  durch  die  Straßen
fuhren,  dann  geschah  es  wohl,  daß  ein  Todter  der  Kürze  halber  aus  dem
dritten  Stockwerk  hinabgeworfen  wurde,  oder  die  begleitenden  Soldaten
bemerkten  unter  den  starren  Körpern  auf  dem  Wagen  einen,  der  sich  noch
regte,  und  machten  mit  einem  Kolbenschlage  mitleidig  dem  Gräuel  ein
Ende.  Draußen  auf  dem  Schlachtfelde  hielten  die  Aasgeier  ihren  Schmaus;
es  währte  lange  bis  die  entflohenen  Bauern  in  die  verwüsteten  Dörfer
heimkehrten  und  die  Leichen  in  großen  Massengräbern  verscharrten.  Unter
solchem  Elend  nahm  dies  Zeitalter  der  Kriege  vom  deutschen  Boden  Abschied,
  die  fürchterliche  Zeit,  von  der  Arndt  sagte:  „dahin  wollte  es  fast
mit  uns  kommen,  daß  es  endlich  nur  zwei  Menschenarten  gab,  Menschenfresser
  und  Gefressenel“  Dem  Geschlechte,  das  Solches  gesehen,  blieb  für
immer  ein  unauslöschlicher  Abscheu  vor  dem  Kriege,  ein  tiefes,  für  minder
heimgesuchte  Zeiten  fast  unverständliches  Friedensbedürfniß.

Am  24.  October  besuchte  König  Friedrich  Wilhelm  seine  Hauptstadt.
Es  drängte  ihn  am  Grabe  seiner  Gemahlin  zu  beten,  denn  überall  auf
seiner  wilden  Kriegsfahrt  war  ihr  Bild  ihm  zur  Seite  gewesen,  und  auch
unter  den  Truppen  hieß  es  immer  wieder:  warum  durfte  die  Königin
das  nicht  mehr  erleben?  Dann  erschien  er  im  Theater;  das  Heil  Dir
im  Siegerkranz  brauste  durch  den  Saal,  diesmal  mit  besserem  Rechte  als
einst  da  das  dünkelhafte  Geschlecht  der  neunziger  Jahre  sich  zuerst  an  den
prächtigen  Klängen  weidete.  Vor  sieben  Jahren  am  nämlichen  Tage  war
Napoleon  durch  das  Brandenburger  Thor  eingeritten,  und  welch  ein  Wandel
seitdem!  Wie  hatte  sich  doch  dieser  verstümmelte  Staat  mit  seinen  fünf
Millionen  Menschen  wieder  aufgeschwungen  auf  die  Höhen  der  Geschichte!
Mochten  die  Männer  der  Kriegspartei  von  1811  geirrt  haben  in  der
Wahl  des  Augenblicks,  zu  groß  hatten  sie  nicht  gedacht  von  ihrem  Volke.
Jetzt  galt  er  wieder,  der  alte  Wahlspruch  Nec  soli  cedit!  In  jenen
Tagen  schrieb  eine  englische  Zeitung:  „Wer  gab  Deutschland  das  erste
        <pb n="520" />
        510  J.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Beispiel  des  Abfalls  von  Napoleon?  Die  Preußen.  Wer  hielt  die  Schlachten
von  Lützen  und  Bautzen?  Die  Preußen.  Wer  siegte  bei  Haynau?  Die
Preußen.  Wer  bei  Großbeeren,  bei  Katzbach  und  Dennewitz?  Immer
die  Preußen.  Wer  bei  Kulm,  Wartenburg,  Möckern  und  Leipzig?  Die
Preußen,  immer  die  Preußen.“  Wie  eine  Drohung  klang  dies  stolze  the
Prussians,  ever  the  Prussians!  dem  Kaiser  Franz  und  den  Fürsten  des
Rheinbundes.  Welcher  Zukunft  ging  Deutschland  entgegen,  wenn  dieser
Staat  seine  alte  Macht  zurück  erlangte?

Durch  die  Leipziger  Schlacht  war  das  ursprüngliche  Ziel  des  Krieges
gesichert:  die  Auflösung  des  Rheinbundes  und  die  Befreiung  Deutschlands
bis  zum  Rheine.  Aber  mit  dem  Erfolge  wuchs  die  Hoffnung.  Am  Tage
nach  dem  Sturme  trafen  sich  Stein  und  Gneisenau  auf  dem  Markte  zu
Leipzig  und  gaben  einander  die  Hand  darauf,  daß  dieser  Kampf  nicht
anders  enden  dürfe  als  mit  dem  Sturze  Napoleon's  und  der  Wiedereroberung
  des  linken  Rheinufers.  Was  vor  wenigen  Wochen  noch  den
Kühnen  selber  unmöglich  däuchte  erschien  jetzt  mit  einem  male  nah  und
erreichbar.  Auf  Stein's  Geheiß  ging  der  getreue  Arndt  sofort  an  die
Arbeit;  er  sammelte  aus  dem  reichen  Schatze  seines  Wissens  alle  die  historischen
  Erinnerungen  und  romantischen  Bilder,  deren  er  bedurfte  um  auf
sein  gelehrtes  Volk  zu  wirken,  und  lebte  sich  ein  in  eine  Anschauung,
welche  damals  noch  neu,  bald  eine  treibende  Kraft  des  Jahrhunderts
werden  sollte:  in  den  Gedanken,  daß  am  letzten  Ende  die  Sprache  und
historische  Eigenart  der  Nationen  die  Grenzen  der  Staaten  bestimme.
Und  so,  noch  unter  dem  frischen  Eindruck  „der  herrlichen  Schlacht",  schrieb
er  das  wirksamste  seiner  Bücher,  die  fröhliche  Losung  für  die  Kämpfe
der  nächsten  Monate:  der  Rhein  Deutschlands  Strom,  nicht  Deutschlands
Grenze!
        <pb n="521" />
        Fünfter  Abschnitt.

 

Ende  der  Kriegszeit.

Die  Schlacht  von  Leipzig  brachte  allen  deutschen  Landen  bis  zum
Rheine  die  Befreiung,  trotz  der  matten  Verfolgung  des  geschlagenen
Heeres.  Der  österreichischen  Politik  erschien  der  errungene  Sieg  fast  allzu
groß,  sobald  sich  sein  voller  Umfang  übersehen  ließ.  Die  Vernichtung
der  napoleonischen  Macht  stand  in  sicherer  Aussicht,  sie  ward  abgewendet
durch  die  Schuld  des  großen  Hauptquartiers.  Die  Armee  Bennigsen's
ging  an  die  Elbe  zurück,  das  böhmische  Heer  rückte  langsam  durch  Franken
und  Thüringen  westwärts,  die  Nordarmee  wendete  sich  nach  Hannover
und  Westphalen.  Blücher  aber,  der  auf  der  Frankfurter  Straße  dem
Feinde  dicht  auf  den  Hacken  saß,  nur  einen  Tagemarsch  hinter  dem  Haupt—
quartier  des  Kaisers,  erhielt  plötzlich  Befehl,  vom  geraden  Wege  ab  nach
der  Wetterau  und  dem  Lahnthale  auszubiegen,  weil  Kaiser  Franz  mit
seinen  Oesterreichern  zuerst  in  die  alte  Krönungsstadt  einziehen  wollte.
So  im  Rücken  unbelästigt  führte  Napoleon  seine  Truppen  durch  die  schwie—
rigen  Engpässe  des  Rhöngebirges.  Tausende  waren  ausgetreten  und  trieben
als  Fricoteurs  ihr  Unwesen,  mancher  auch  ward  von  den  ergrimmten
Bauern  erschlagen.  Der  Kern  des  Heeres  hielt  noch  zusammen,  erreichte
glücklich  die  Mainebene  bei  Hanau  und  schlug  dort,  aus  dem  Lamboy-Walde
  vorbrechend,  die  bairisch-österreichische  Armee  des  Generals  Wrede,
die  den  Flüchtigen  den  Weg  zu  verlegen  suchte  (30.  31.  October).  Der
bairische  Heerführer,  der  roheste  Prahler  unter  den  Landsknechten  des
Rheinbundes,  dachte  durch  einen  glänzenden  Sieg  seinem  Staate  die
Gunst  der  verbündeten  Mächte  zu  sichern,  jedoch  er  hatte  kostbare  Tage
vor  den  Wällen  von  Würzburg  versäumt  und  gelangte  nicht  rechtzeitig  in
die  vortheilhafte  Stellung  an  den  Kinzigpässen,  wo  sich  den  Franzosen
die  Rückzugslinie  leicht  versperren  ließ.  Er  setzte  voraus,  daß  die  Verbündeten
  dem  Feinde  unmittelbar  folgten,  und  durfte,  als  er  seinen  Irrthum
  endlich  erkannte,  die  Schlacht  doch  nicht  abbrechen,  weil  Baiern  sich
das  Vertrauen  seiner  neuen  Freunde  erst  zu  verdienen  hatte.  Also  ward
dem  Imperator  die  Genugthuung,  daß  er  seine  deutschen  Heerfahrten  mit
        <pb n="522" />
        512  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

der  Demüthigung  eines  abtrünnigen  Vasallen  beschließen  konnte.  An
70,000  Mann  gelangten  noch  auf  das  linke  Rheinufer.  Hier  aber  brach
die  letzte  Kraft  der  Unglücklichen  zusammen;  furchtbare  Krankheiten  lichteten
  ihre  Reihen,  und  während  einiger  Wochen  war  Frankreich  ohne  Heer,
widerstandslos  gegen  jeden  Angriff.  Die  190,000  Mann,  die  noch  zerstreut
  in  den  Festungen  Norddeutschlands  und  Polens  standen,  gab  Napoleon
  selbst  verloren;  er  erbot  sich  zur  Räumung  der  Oder=  und  Weichsellinie,
  wenn  nur  die  Garnisonen  freien  Abzug  erhielten,  aber  die  Verbündeten
durchschauten  die  Kriegslist  und  weigerten  sich  dem  Verzweifelten  ein  neues
Heer  zu  schenken.

Dem  Corps  Bülow's  wurde  die  Freude,  die  verlorenen  westlichen  Provinzen
  wieder  in  Besitz  zu  nehmen.  Sobald  die  Kunde  von  der  Leipziger
Schlacht  kam,  holte  der  westphälische  Steuerdirector  von  Motz  sofort  seine
alte  Uniform  hervor  und  trat  in  Mühlhausen  als  königlich  preußischer
Landrath  auf;  das  Volk  gehorchte  als  verstünde  sich's  von  selber.  Ueberall
wurden  die  Befreier  mit  offenen  Armen  aufgenommen,  nirgends  mit  lauterem
  Jubel  als  in  Ostfriesland,  dem  Lieblingslande  des  großen  Königs.
Die  alten  Fahnen  und  Embleme  der  fridericianischen  Zeit,  wohl  geborgen
in  dem  schönen  Waffensaale  des  Rathhauses  zu  Emden,  kamen  alsbald
wieder  zum  Vorschein,  als  die  Blücher'schen  Husaren  einzogen  und  nach
ihnen  Friccius  mit  der  ostpreußischen  Landwehr.  Wie  viel  Zorn  und
Kummer  hatte  der  treue  Vincke  die  letzten  Jahre  über  hinuntergewürgt,
während  er  still  auf  seinem  Gute  in  der  Grasschaft  Mark  saß.  Die
Franzosen  witterten  wohl,  daß  seine  ökonomische  Lesegesellschaft  in  Hamm
sich  nicht  bloß  mit  der  Landwirthschaft  beschäftigen  mochte;  eine  Zeit  lang
verwiesen  sie  ihn  auf  das  linke  Rheinufer,  denn  der  Freund  und  Nachfolger
  Stein's  dürfe  nicht  diesseits  des  Rheins  bleiben,  so  lange  die  Russen
diesseits  der  Oder  ständen.  Endlich  wieder  freigelassen  erwartete  er  stündlich
  eine  neue  Verhaftung.  Da  kam  ein  Eilbote  von  den  rothen  Husaren
aus  Hamm;  spornstreichs  eilte  Vincke  hinüber,  befahl  sogleich  in  einem
Rundschreiben  allen  Bürgermeistern  bis  zum  Rheine  sich  dem  rechtmäßigen
alten  Herrn  wieder  zu  unterwerfen,  übernahm  die  Leitung  der  Verwaltung
in  allen  altpreußischen  Gebieten  Westphalens  und  dehnte  seine  Gewalt
ohne  Weiteres  auch  über  einige  Enclaven,  Dortmund,  Limburg,  Corvey
aus.  Ein  Rausch  der  Freude  ging  durch  das  befreite  Land;  man  erkannte
  die  stillen,  ernsthaften  Menschen  der  rothen  Erde  kaum  wieder.

Dieselben  herzerschütternden  Auftritte  opferfreudiger  Erhebung,  welche
das  Frühjahr  in  den  östlichen  Provinzen  gesehen,  wiederholten  sich  jetzt
im  Westen.  Zwei  der  angesehensten  Grundherren  erließen  einen  Aufruf,
natürlich  mit  dem  preußischen  Adler  darüber,  begrüßten  die  Befreier  mit
überschwänglichen  Worten  —  „wer,  biedere  Landsleute,  ward  nicht  von
einem  heiligen  Wonneschauer  durchdrungen,  wie  er  die  ersten  Preußen
als  seine  Erretter  in  unserer  Mitte  sah?“  —  und  forderten  die  Markaner
        <pb n="523" />
        Befreiung  von  Westphalen  und  Ostfriesland.  513

auf,  nach  dem  Vorbilde  dieser  „wahren  Hermannssöhne“  Freiwillige  zu
stellen  und  eine  Landwehr  zu  bilden.  Auch  in  Cleve  überall  derselbe
jubelnde  Empfang.  Es  war  ein  großes  häusliches  Fest,  ein  fröhliches
Wiedersehen  lange  getrennter  Brüder,  eine  handgreifliche  Widerlegung  der
in  den  Kleinstaaten  landläufigen  Ansicht,  daß  dieses  Preußen  ein  künstlicher
  Staat  sei.  Nur  unter  dem  Adel  des  Münsterlandes  zeigte  sich
wieder  der  alte  pfäffische  Haß  gegen  die  preußischen  Ketzer.  Die  Jugend
eilte  frohlockend  zu  den  Fahnen;  am  eifrigsten  in  den  altpreußischen  Gebieten
  —  wie  ja  noch  bis  zum  heutigen  Tage  jene  Striche  Deutschlands,
  die  durch  die  harte  Schule  König  Friedrich  Wilhelm's  I.  gegangen
sind,  die  größte  Bereitwilligkeit  zum  Waffendienste  zeigen.  In  den  meisten
Kreisen  von  Cleve  und  der  Grasschaft  Mark  war  eine  förmliche  Aushebung
  nicht  nöthig,  da  die  Zahl  der  Freiwilligen  den  Bedarf  überreichlich
  deckte.  Selbst  die  Ostfriesen,  denen  König  Friedrich  die  Befreiung
von  der  Cantonspflicht  geschenkt  hatte,  überwanden  den  Widerwillen  des
Seemanns  gegen  den  Landdienst  und  stellten  sich  zahlreich.  Ein  Theil
der  also  in  höchster  Eile  gebildeten  Truppen  konnte  in  der  That  noch
rechtzeitig  zur  Einschließung  der  französischen  Festungen  abgehen.  Den
bibelfesten  Markanern  predigten  die  Pfarrer  von  dem  eifrigen  Herrn
Zebaoth,  der  sein  Volk  aufruft  zum  heiligen  Kampfe;  nach  dem  Kriege
ward  auf  den  grauen  Felsen  über  der  Grüne  ein  Gedächtnißkreuz  errichtet
mit  der  Inschrift:  Und  im  Namen  unseres  Gottes  warfen  wir  Panier
auf!  Selbst  der  Landsturm  kam  mehrmals,  öfter  als  im  Osten,  zur  Verwendung.
  Die  ostfriesischen  Landstürmer  nahmen  Theil  an  der  Belagerung
  von  Delfzyl,  die  clevischen  lagen  wochenlang  vor  Wesel;  in  dem
altberühmten  clevischen  Dorfe  Brünen,  das  schon  im  siebenjährigen  Kriege
seine  Treue  erprobt  hatte,  trugen  nach  dem  Frieden  alle  Männer  die
Kriegsdenkmünze.

Merkwürdig  aber,  wie  streng  conservativ  dies  Volk  sich  zeigte  sobald
es  wieder  sich  selber  angehörte:  man  wollte  zurück  zu  der  guten  alten
Zeit,  zu  allen  ihren  Segnungen,  auch  zu  ihrem  Ständewesen.  Ständische
Ausschüsse  besorgten  hier  wie  im  Osten  die  Aushebung  der  Landwehr
unter  der  Oberleitung  eines  königlichen  und  eines  ständischen  Commissars.
Was  Wunder,  daß  sich  die  alten  Landstände  sofort  wieder  als  die  rechtmäßigen
  Vertreter  des  Landes  fühlten.  Alsbald  nach  der  Befreiung  berief
  der  Landesdirector  von  Romberg  den  Landtag  der  Grasfschaft  Mark
ein:  „die  wohlthätige  ständische  Verfassung  tritt  wieder  in  Wirkung.“)
Dann  wurde  der  Führer  der  altständischen  Partei,  Freiherr  von  Bodelschwingh-Plettenberg,
  zum  Könige  nach  Frankfurt  geschickt  um  die  Freude
der  Grafschaft  über  die  Wiedervereinigung  auszusprechen,  aber  auch  die

 

*)  Romberg's  Rundschreiben  an  die  Stände  der  Grasschaft  Mark  vom  22.  November
  1813.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  33
        <pb n="524" />
        514  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Bitte,  daß  keine  Veränderung  der  alten  Landesverfassung  erfolge,  es  sei
denn  nach  Anhörung  des  Landtags.  In  gleichem  Sinne  schrieb  der  Vorsitzende
  von  Ritterschaft  und  Ständen  Ostfrieslands,  Freiherr  zu  Innund
  Knyphausen  zum  nächsten  Geburtstage  des  Königs,  betheuerte  mit
warmen  Worten,  wie  sehr  das  Land  sich  freue  „seinen  alten  herrlichen
Festtag“"  wieder  feiern  zu  dürfen,  wie  tief  man  beklage,  daß  nur  ein
Theil  des  Landsturms,  nicht  die  Landwehr  in's  Feuer  gekommen;  zugleich
baten  die  Stände  um  gänzliche  Aufhebung  der  französischen  Einrichtungen
und  Herstellung  der  alten  Verfassung.)  Hardenberg  erwiderte  behutsam:
  der  König  werde  gern  das  Glück  einer  ihrem  rechtmäßigen  Landesherrn
  und  ihrer  Verfassung  so  ergebenen  Provinz  dauerhaft  begründen.
Ein  festes  Versprechen  gab  er  nicht,  denn  was  sollte  aus  den  Reformplänen
  der  jüngsten  Jahre  werden,  wenn  man  alle  diese  von  der  Fremdherrschaft
  längst  aufgehobenen  kleinen  Landtage  wieder  anerkannte?  So
begann  bereits  im  Augenblicke  der  Befreiung  jene  altständische  Bewegung,
welche  nachher,  verbündet  mit  den  verwandten  Bestrebungen  des  brandenburgischen
  Adels,  der  Staatseinheit  der  wiederhergestellten  Monarchie  bedrohlich
  werden  sollte.

Unter  den  nichtpreußischen  Gebieten  zeigte  das  Herzogthum  Berg  den
freudigsten  patriotischen  Eifer.  Das  Land  stand  von  Altersher  in  freundlichem
  Verkehre  mit  den  preußischen  Nachbarn  in  der  Grafschaft  Mark,
seine  Protestanten  hatten  schon  in  der  fridericianischen  Zeit  immer  zur
preußischen  Partei  gehalten;  jetzt  war  Alles  erbittert  gegen  die  napoleonischen
  Präfecten,  die  schon  zu  Anfang  des  Jahres  einen  Aufstandsversuch
mit  blutiger  Strenge  niedergeworfen  hatten.  Das  ganze  Land  fiel  der
deutschen  Sache  zu,  als  der  Generalgouverneur  Justus  Gruner  einzog
und  nach  seiner  leidenschaftlichen  Weise  mit  schwungvollen,  enthusiastischen
Worten  das  Volk  zur  Rüstung  aufforderte.  Fast  so  schnell  wie  in  den
altpreußischen  Gebieten  versammelte  sich  die  junge  Mannschaft.  Der  Landsturm
  versuchte  sogar  am  3.  Januar  bei  Mülheim  und  am  Fuße  des
Siebengebirges  den  Uebergang  über  den  Rhein  zu  erzwingen,  und  lange
noch  blieben  die  Namen  der  beiden  Führer  des  verunglückten  Unternehmens,
  Boltenstern  und  Genger,  dem  bergischen  Volke  im  Gedächtniß.  Es
war  das  erste  Wiedererwachen  eines  ernsten  politischen  Wollens  in  diesen
ermatteten  rheinischen  Landen.  Das  erbitterte  Volk  wollte  alle  Institutionen
  der  Fremdherrschaft  sogleich  beseitigt  sehen.  Fort  mit  dem  wälschen
Rechtel  hieß  es  überall;  am  Jahrestage  der  Leipziger  Schlacht  wurde  in
Düsseldorf  die  Guillotine  als  das  Symbol  der  fremden  Tyrannei  feierlich
  verbrannt.  Gruner  aber  begnügte  sich  das  Heerwesen  neuzugestalten
und  —  bezeichnend  genug  für  den  idealistischen  Zug  der  Zeit  —  das  französische
  Wesen  aus  den  Schulen  auszutreiben;  das  altehrwürdige  Düssel- 



*)  Eingabe  Knyphausen's  an  den  König,  25.  Juli  1814.
        <pb n="525" />
        Das  linke  Rheinufer.  515

dorfer  Gymnasium  illustre  wurde  sofort  wieder  auf  deutschen  Fuß  ein—
gerichtet.  Auch  die  härtesten  der  napoleonischen  Steuern,  die  berüchtigten
droits  réunis  und  die  den  rauchlustigen  Deutschen  besonders  verhaßte
Tabaksregie  fielen  dahin.  Sonst  blieb  die  Organisation  der  Verwaltung
und  der  Gerichte  vorläufig  unverändert,  nur  daß  den  Kreisdirectoren,  wie
jetzt  die  Unterpräfecten  hießen,  nach  deutscher  Weise  größere  Selbständig—
keit  gewährt  wurde.“)  Im  Ganzen  war  das  Volk  zufrieden  und  ertrug
willig  die  schweren  Lasten  dieses  provisorischen  Regiments,  das  in  andert—
halb  Jahren  dem  ausgesogenen  Lande  noch  6⅛  Millionen  Franken  an
Kriegssteuern  und  Zwangsanlehen  abfordern  mußte.

Wie  anders  die  Stimmungen  und  Zustände  am  linken  Ufer.  Als
die  Verbündeten  im  December  das  Elsaß  betraten,  begegnete  ihnen  überall
ein  finsterer  fanatischer  Haß;  das  tapfere  Volk  war  völlig  berauscht  von
dem  Kriegsruhme  der  napoleonischen  Adler,  der  Bauer  glaubte  jetzt  noch
weit  fester  als  in  den  neunziger  Jahren,  daß  der  Sieg  der  Coalition  ihm
den  Jammer  der  Zehnten  und  der  Herrendienste  wiederbringen  werde.
Weiter  abwärts  am  Rheine  zeigte  sich  zwar  solche  offene  Feindseligkeit
nur  selten;  jedoch  nach  zwei  Jahrzehnten  der  Fremdherrschaft  baute  alle
Welt  auf  Frankreichs  Unüberwindlichkeit.  Wenige  hielten  den  Untergang
des  napoleonischen  Reiches  schon  für  entschieden,  Niemand  wünschte  die
alten  Zustände  zurück.  Die  unter  dem  Schutze  des  Continentalsystems
emporgekommene  Industrie  fürchtete  den  reichen  französischen  Markt  zu
verlieren;  die  Frauen  der  höheren  Stände,  die  ja  selbst  im  Innern
Deutschlands  sich  nur  zu  oft  schwach  gezeigt  hatten  gegen  die  wälsche
Liebenswürdigkeit,  verhehlten  hier  selten  ihre  Vorliebe  für  die  leichte  Anmuth
  der  französischen  Sitten.  Die  Massen  des  Volkes  waren  des  fremden
Wesens  müde;  man  bereitete  da  und  dort  den  deutschen  Truppen  festlichen
  Empfang,  ließ  sich  die  Aufhebung  der  verwünschten  droits  réunis
und  den  wieder  eröffneten  Verkehr  mit  den  überrheinischen  Landsleuten
wohl  gefallen,  half  auch  wohl  selber  beim  Niederreißen  der  verhaßten
Zollhäuser.

In  jenen  Kreisen  der  gebildeten  Jugend,  die  von  dem  Hauche  der
neuen  christlich-germanischen  Romantik  berührt  waren,  herrschte  fröhliche
  Begeisterung;  freudestrahlend  zog  der  junge  Ferdinand  Walter  mit
den  Donischen  Kosaken  in's  Feld,  auch  einzelne  ältere  Männer  schlossen
sich  freiwillig  den  preußischen  Bataillonen  an.  Doch  von  einer  allgemeinen
Volkserhebung  war  nicht  die  Rede.  Die  Sieger  selbst  wagten  kaum,  diese
grunddeutschen  Menschen  schlechtweg  als  Deutsche  zu  behandeln.  Der
Courrier  d’Aix  la  Chapelle  schrieb  noch  fast  ein  Jahr  lang  französisch,
das  Journal  du  Bas  Rhin  et  du  Rhin  Moyen  brachte  seine  amtlichen

 

*)  Gruner's  Bericht  über  die  Verwaltung  des  General-Gouvernements  Berg,
24.  Januar  1814.

33“
        <pb n="526" />
        516  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Bekanntmachungen  in  beiden  Sprachen.  Der  neue  Generalgouverneur,
Oberpräsident  Sack,  selber  ein  geborener  Rheinländer,  verstand  mit  den
Leuten  umzugehen;  war  er  doch  wie  sie  ein  abgesagter  Feind  aller  ständischen
  Vorrechte  und  dem  brandenburgischen  Adel  seit  Jahren  verdächtig.
So  weit  es  anging,  suchte  er  das  Volk  selber  zu  den  Verwaltungsgeschäften
heranzuziehen.  Mehrmals  wurden  die  alten  Generalräthe  —  Landesdeputirte
  hießen  sie  jetzt  —  nach  Aachen  berufen  um  über  die  Vertheilung
der  Kriegssteuern  und  Lieferungen  zu  berathschlagen;  in  jedem  Canton
ward  ein  unbesoldeter  Commissär  aus  der  Mitte  der  Eingesessenen  ernannt,
  der  die  Wünsche  und  Beschwerden  des  Bezirks  dem  Gouvernement
vortragen  sollte.'!)  Aber  die  Masse  der  neuen  Beamten,  die  in  die  Stellen
der  entflohenen  Franzosen  einrückten,  der  unvermeidliche  Druck  der  Kriegssteuern
  und  die  Unsicherheit  der  provisorischen  Zustände  erweckten  bald
Unwillen  in  dem  leicht  erregbaren  Volke.  Nicht  lange,  und  der  Ruf:
„da  möchte  man  doch  gleich  provisorisch  werden“  war  eine  beliebte  rheinländische
  Verwünschung.  Jetzt  schon  ließ  sich  erkennen,  wie  viel  schwere
Arbeit  dereinst  noch  nöthig  sein  würde  um  diese  halbverwälschten  Krummstabslande
  wieder  einzufügen  in  das  neue  deutsche  Leben.  Nur  die  altpreußischen
  Unterthanen  im  linksrheinischen  Cleve,  in  Mörs  und  Geldern,
schlossen  sich  mit  ungemischter  Freude  der  vaterländischen  Sache  an  und
begannen  bereits  auf  Bülow's  Aufforderung  ihre  Landwehr  zu  bilden.
Da  fuhr  plötzlich  der  Oberbefehlshaber  Bernadotte,  der  noch  immer  auf
Frankreichs  Krone  hoffte,  mit  einem  Verbote  dazwischen  und  erklärte:  französische
  Unterthanen  dürften  nicht  gegen  Frankreich  fechten!

Wunderbarer  Kreislauf  der  Geschicke!  Von  diesen  schönen  rheinischen
Landen  war  vor  einem  Jahrtausend  unsere  Geschichte  ausgegangen:  jetzt
fluthete  der  mächtige  Strom  des  deutschen  Lebens  aus  den  jungen  Colonistenlanden
  des  Nordostens  wieder  nach  Westen  zurück  in  sein  verschüttetes
  altes  Bette.  Keiner  unter  den  Söhnen  des  Rheinlandes  grüßte  den
neuen  Morgen,  der  über  der  Westmark  aufging,  mit  so  schwärmerischem
Entzücken  wie  Joseph  Görres.  Der  Heißsporn  trat  jetzt  in  die  glücklichste
und  fruchtbarste  Zeit  seines  wechselnden  Lebens;  er  kehrte  von  seinen
wunderlichen  wissenschaftlichen  Irrfahrten  zurück  zu  der  publicistischen
Thätigkeit  seiner  Jugend  und  begann  in  dem  Rheinischen  Mercur  den
Federkrieg  für  das  neue  Deutschthum  —  noch  ganz  so  stürmisch,  unbändig,
  gewaltsam  wie  vor  Jahren,  als  er  die  Heilswahrheiten  der  Revolution
  verkündete,  ein  Redner  großen  Stiles,  sprachgewaltig,  unerschöpflich
  in  prächtigen,  grandiosen  Bildern,  ein  ehrlicher,  freimüthiger  Eiferer,
ein  Wecker  der  Gewissen,  und  bei  Alledem  doch  ein  unpolitischer  Kopf,
ohne  eindringende  Sachkenntniß,  ohne  Verständniß  für  die  Machtverhält- 



*)  Sack's  Generalbericht  über  die  provisorische  Verwaltung  am  Mittel=  und  Niederrhein,
  31.  März  1816.
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        Der  Rheinische  Mercur.  517

nisse  der  Staatenwelt.  Der  Rheinische  Mercur  war  nicht,  wie  er  sich
selber  nannte,  eine  Stimme  der  Völker  diesseits  des  Rheines,  die  nun—
mehr  eine  Vormauer  für  das  Vaterland  werden  sollten.  Am  Rheine
fand  die  überschwängliche  Sprache  der  patriotischen  Leidenschaft  nur  in
vereinzelten  Kreisen  Anklang.  Um  so  lauter  war  der  Wiederhall  in  Norddeutschland.
  Das  entlegene  Coblenz  wurde  zwei  Jahre  lang  die  Hochburg
der  deutschen  Presse:  so  nach  Zufällen  und  Persönlichkeiten  wechselte  der
Mittelpunkt  des  politischen  Lebens  in  diesem  Volke  ohne  Hauptstadt.  Die
erzürnten  Franzosen  nannten  Görres  die  fünfte  unter  den  verbündeten
Großmächten,  die  Diplomaten  der  Hofburg  zitterten  vor  ihm.  Der  Rheinische
  Mercur  ward  bald  noch  mehr  gelesen  als  vordem  Schlözer's  Staatsanzeigen
  und  gewann  unter  den  gebildeten  Klassen  ein  Ansehen,  wie  seitdem
  kein  anderes  deutsches  Blatt;  bei  ausgebildetem  Parteileben  ist  eine
solche  Machtstellung  einer  einzelnen  Zeitschrift  unmöglich.  Der  Mercur
diente  den  Patrioten  aller  Farben  zum  parlamentarischen  Sprechsaale;
Jeder  war  willkommen,  wenn  er  nur  nicht  französisch  dachte,  auch  Stein
und  Gneisenau  verschmähten  nicht  Beiträge  zu  senden.

Eine  bestimmte  politische  Richtung  gab  sich  nur  in  der  Polemik  des
Blattes  kund;  Görres  wußte  in  Wahrheit  nur  was  er  nicht  wollte.  Wenn
er  die  geheimen  verrätherischen  Umtriebe  der  rheinbündischen  Fürsten  geißelte
oder  seine  Donnerkeile  schleuderte  gegen  die  Lohnschreiber  Montgelas'  und
die  seichte  Aufklärung  von  Zschokke's  Aarauer  Zeitung,  dann  war  der  alte
Kämpe  in  seinem  Elemente.  Schonungslos,  mit  packender  Wahrheit  schilderte
er  die  Sünden,  die  den  Fall  des  alten  Reiches  herbeigeführt,  und  ließ
den  gestürzten  Napoleon  sagen:  „ein  Volk  ohne  Vaterland,  eine  Verfassung
  ohne  Einheit,  Fürsten  ohne  Charakter  und  Gesinnung,  ein  Adel
ohne  Stolz  und  Kraft,  das  Alles  mußte  leichte  Beute  mir  versprechen!“
Seine  Pläne  für  Deutschlands  Zukunft  aber  waren  um  nichts  klarer  als
die  hochtönenden  Worte  des  Kalischer  Aufrufs.  Der  Romantiker  schwärmte
für  die  Wiederherstellung  der  Karolingerkrone  und  suchte  seine  Kaiserträume
  wohl  oder  übel  zu  verschmelzen  mit  den  dualistischen  Plänen,  die
ihm  aus  der  preußischen  Staatskanzlei  mitgetheilt  wurden;  doch  selbst
diesen  verschrobenen  Gedanken  einer  zweifachen  Hegemonie  unter  habsburgischer
  Oberhoheit  vermochte  er  nicht  festzuhalten,  sondern  legte  in
seinem  Blatte,  zur  Auswahl  gleichsam,  eine  bunte  Reihe  grundverschiedener
  Verfassungspläne  vor,  wie  sie  ihm  gerade  von  warmherzigen  Patrioten
  eingesendet  wurden.  Bei  einigem  guten  Willen  der  Regierungen  —
das  schien  Allen  zweifellos  —  war  die  Neuordnung  des  befreiten  Vaterlandes
  ein  Kinderspiel;  wer  die  Wiederkehr  der  alten  Machtkämpfe  zwischen
Oesterreich  und  Preußen  auch  nur  für  möglich  gehalten  hätte,  wäre  als
ein  Lästerer  verrufen  worden.  Die  Dankbaren  nahmen  jeden  Vorschlag
für  den  Staatsbau  der  deutschen  Zukunft  freundlich  auf,  wenn  der  Verfasser
  nur  recht  kräftig  von  deutschem  Wesen,  von  der  Eintracht  der  beiden
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        518  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Großmächte,  von  Einheit  und  von  Freiheit  sprach  und  das  stolze  Selbstgefühl
  zur  Schau  trug,  das  die  Nation  von  ihren  Tribunen  verlangte.

Die  hier  redeten  fühlten  sich  als  die  Vertreter  des  Volks,  und  dies
Volk  glaubte  mitten  in  seinen  verschwommenen  Träumen  seines  Zieles
sicher  und  der  Weisheit  der  Cabinette  weit  überlegen  zu  sein.  „Etwas
Ganzes  und  Rechtes  soll  da  werden“,  rief  Görres  den  Diplomaten  zu,
„und  man  soll  dabei  die  Stimme  des  Volkes  hören,  die  vernehmlich  und
deutlich  aller  Orten  spricht!“  Gleichwohl  war  der  Rheinische  Mercur  das
Beste,  was  eine  Zeitschrift  sein  kann,  ein  treues  Spiegelbild  der  Gegenwart,
  ehrlich,  geistvoll,  jugendlich,  begeistert  wie  dies  ganze  Geschlecht,  noch
ganz  unberührt  von  jenen  unlauteren  Nebenzwecken,  welche  die  Presse  in
Zeiten  entwickelten  Verkehres  zu  verfolgen  pflegt.  Die  clericalen  Neigungen
  des  phantastischen  Herausgebers  traten  noch  nicht  verletzend  hervor.
Seine  Verehrung  für  das  kaiserliche  Erzhaus  hinderte  ihn  nicht  das  Lob
der  preußischen  Helden  mit  brausendem  Jubel  zu  singen;  und  wenn  er
die  Deutschen  aufforderte  den  Kölner  Dom  als  ein  Ehrendenkmal  für  das
wiedererstandene  Vaterland  auszubauen,  wenn  er  den  Papst  Pius  VII.,
den  standhaften  Märtyrer  der  napoleonischen  Tyrannei,  für  den  ersten
Helden  dieses  Weltbefreiungskampfes  erklärte,  so  nahm  die  romantisch  erregte
  Zeit  daran  keinen  Anstoß.  Eine  verwandte  Richtung  verfolgten
Rotteck's  Teutsche  Blätter  in  Freiburg,  eine  vielgelesene  Zeitschrift,  welche
die  Kriegsberichte  des  großen  Hauptquartiers  aus  erster  Hand  brachte.

Ebenso  freudig  wie  die  Bewohner  der  altpreußischen  Provinzen  empfingen
  die  Hannoveraner,  die  Braunschweiger,  die  Kurhessen  ihre  wiederkehrende
  alte  Herrschaft.  Vor  den  Thoren  von  Braunschweig  prangte
ein  festlich  geschmückter  Tempel  auf  der  Stelle,  wo  „Braunschweigs  Welfe“
Friedrich  Wilhelm  vier  Jahre  zuvor  mit  seiner  schwarzen  Schaar  gelagert
hatte.  Die  Hannoveraner  fühlten  sich  wieder  stolz  als  Großbritannier
und  begeisterten  sich  für  den  geisteskranken  englischen  König,  der  während
einer  halbhundertjährigen  Regierung  ihr  Land  niemals  eines  Besuches
gewürdigt  hatte.  In  Cassel  zog  der  böse  Kurfürst  Wilhelm  wieder  ein,
nachdem  König  Jerome  zum  zweiten  male  geflohen  war;  die  Bürger
spannten  ihm  die  Pferde  vom  Wagen  ab  und  fuhren  den  Landesvater
mit  dem  dicken  Kropfe  und  dem  langen  Zopfe  jauchzend  vor  das  Schloß
seiner  Ahnen.  Ueber  seine  Fürstentugend  täuschte  sich  freilich  das  getreue
  Völkchen  selber  nicht;  doch  er  war  der  angestammte  Herr,  und  was
fragt  die  Liebe  nach  Gründen?  Treffender  als  die  unterthänigen  Federn
der  amtlichen  Blätter  drückte  ein  alter  Bauer  von  der  Schwalm  die  Familiengefühle
  dieser  verkommenen  kleinstaatlichen  Welt  aus  in  den  unwiderleglichen
  Worten:  „und  ob  er  schon  ein  alter  Esel  ist,  wir  wollen  ihn  doch
wieder  haben!“  Das  große,  mit  dem  Blute  der  verkauften  hessischen  Soldaten
  erworbene  Vermögen  des  kurfürstlichen  Hauses  war  während  der  Jahre
des  Exils  in  Frankfurt  bei  Amschel  Rothschild  verwahrt  worden,  der  mit
        <pb n="529" />
        Restauration  in  den  norddeutschen  Kleinstaaten.  519

diesen  Geldern  die  Weltmacht  seiner  Firma  begründete,  und  der  geizige  Fürst
hatte  nicht  das  Mindeste  von  seinen  Schätzen  aufgeopfert  für  die  Befrei—
ung  Deutschlands.  Trotzdem  nahmen  ihn  die  Verbündeten  als  einen
wiedergefundenen  Freund  auf;  die  Gutmüthigkeit  König  Friedrich  Wilhelm's
wollte  dem  treulosen  Nachbarn  das  zweideutige  Spiel  von  1806  nicht
nachtragen,  die  Hofburg  begünstigte  grundsätzlich  die  dynastischen  Interessen,
  und  selbst  Stein  zeigte  sich  hier  überraschend  nachgiebig  gegen  die
Wünsche  des  Particularismus.

Alsbald  nach  der  Wiedereinsetzung  begann  in  Hessen  das  unsinnige
Regiment  „der  Siebenschläfer“:  die  jüngsten  sieben  Jahre  mit  Allem  was
„mein  Verwalter  Jerome“  geschaffen  sollten  spurlos  verschwinden.  Auch
über  die  welfischen  Lande  brach  eine  gehässige  Restauration  herein,  die
alle  Schöpfungen  der  Fremdherrschaft  unbesehen  hinwegfegte,  während
Preußen  in  seinen  wiedergewonnenen  Provinzen  mit  verständiger  Schonung
  verfuhr.  Den  militärischen  Anforderungen  der  Coalition  kamen  die
wiederhergestellten  Kleinfürsten  des  Nordwestens  mit  der  höchsten  Saumseligkeit
  nach.  Aus  Oldenburg  und  Hannover  rückten  gar  keine  Truppen
in's  Feld;  die  Göttinger  Studenten,  die  sich  als  Freiwillige  stellten,  wurden
von  der  welfischen  Adelsregierung  barsch  abgewiesen.  Der  hessische  Landverderber
  begann  zwar  sogleich  wieder  seine  altgewohnte  Soldatenspielerei
und  beglückte  die  Hessen  durch  den  Kriegsorden  vom  eisernen  Helm,  da
ja  die  Preußen  ihr  eisernes  Kreuz  hatten;  jedoch  die  Ausrüstung  der  Landwehr
  ging  sehr  langsam  von  statten,  unter  fortwährendem  gehässigem
Zanke  mit  der  Centralverwaltung,  also  daß  Stein  zornig  rief:  „geben  Sie
mir  Kanonen,  mit  Vernunftgründen  ist  bei  dem  nichts  anzufangen!“  Der
hessische  Landsturm  ward  erst  im  April  1814  einberufen,  als  Paris  bereits
erobert  war.

Warmen  Eifer  für  die  deutsche  Sache  zeigten  unter  allen  Fürsten
des  Nordwestens  nur  die  kleinen  mediatisirten  Herren  —  weil  sie  hofften
sich  durch  ihren  Kriegsmuth  ihre  Kronen  zurückzugewinnen.  Im  Schlosse
zu  Anhalt  stickten  die  zarten  Hände  der  Prinzessinnen  bereits  an  der
Fahne,  welche  der  Kriegsmacht  der  Salm-Salmischen  Nation  zum  Kampf
und  Sieg  voranleuchten  sollte;  da  drohte  General  Bülow,  er  werde  alle
westphälischen  Kleinfürsten  verhaften  wenn  sie  sich  unterständen  wieder
als  regierende  Herren  aufzutreten.  Glücklicher  als  diese  Mediatisirten
waren  die  Hansestädte.  Schon  am  5.  November  versammelte  sich  eigenmächtig
  der  alte  Bremische  Senat,  dann  wurde  die  Wiederherstellung  der
alten  Republik  feierlich  ausgerufen  und  der  kluge  Smidt  in  das  Hauptquartier
  nach  Frankfurt  gesendet.  Der  gewandte  Diplomat  bewog  sofort
die  Hamburger  und  Lübecker  ebenfalls  Abgeordnete  an  die  Monarchen  zu
senden  und  verstand  die  österreichischen  Staatsmänner  so  geschickt  zu  behandeln,
  daß  sie  ihr  Mißtrauen  gegen  alles  republikanische  Wesen  überwanden.
  Preußen  hatte  schon  in  den  Friedensverhandlungen  in  Prag
        <pb n="530" />
        520  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

die  Unabhängigkeit  der  Hansestädte  gefordert,  und  wie  konnte  man  Ham—
burg  als  eine  feindliche  Stadt  behandeln,  da  die  Hamburgische  Bürger—
garde,  geführt  von  dem  tapferen  Mettlerkamp,  schon  seit  Monaten  in
den  Reihen  der  Nordarmee  kämpfte?  Die  drei  Städte  erhielten  die  Zusage
der  Wiederherstellung,  und  durch  Stein's  Schuld  wurde  noch  eine  vierte
Republik  in  das  neue  monarchische  Deutschland  eingeführt,  die  alte  Krö—
nungsstadt.  Frankfurt.  So  verschroben  und  hoffnungslos  lagen  bereits
die  deutschen  Dinge,  daß  der  stolze  Vorkämpfer  der  nationalen  Einheit
sich  mit  Eifer  und  Erfolg  für  die  Wiederaufrichtung  eines  lebensunfähigen
Stadtstaates  verwendete.  Der  Reichsritter  hegte  von  jeher  eine  Vorliebe
für  das  reichsstädtische  Leben  und  wollte  um  jeden  Preis  die  schöne  Mainstadt
  erretten  vor  den  benachbarten  Rheinbundsfürsten,  die  schon  allesammt
ihre  gierigen  Hände  nach  der  reichen  Beute  ausstreckten.  —

Diese  Rheinbündner  drängten  sich  jetzt  nach  der  Entscheidung  geschäftig
  an  die  Verbündeten  heran.  Wieder  wie  einst  in  Rastatt,  Paris,
Posen  bettelte  Deutschlands  hoher  Adel  um  die  Gnade  der  Sieger  und
diesmal  brauchte  er  kein  Geld  zur  Handsalbe  zu  geben.  Als  Kaiser  Franz
in  Frankfurt  einzog,  begrüßte  ihn  das  jauchzende  Volk  als  den  Herrscher
Deutschlands;  der  Name  „unser  Kaiser“  übte  wieder  seinen  mächtigen
Zauber  auf  die  deutschen  Herzen.  Er  aber  wollte  von  „diesem  unbedeutenden
  Titel“  nichts  hören;  „auf  solche  Weise“  —  gestand  Metternich  einem
französischen  Unterhändler  —  „gehört  uns  Deutschland  noch  mehr  als  früher."
Die  Beherrschung  des  Deutschen  Bundes  durch  eine  dem  Hause  Oesterreich
  ergebene  Fürstenmehrheit  war  das  nächste  Ziel  der  deutschen  Politik
der  Hofburg.  Darum  blieb  Metternich  unerbittlich  gegen  die  Mediatisirten;
  er  erkannte  richtig,  daß  die  Freundschaft  dieser  alten  Parteigenossen
Oesterreichs  wenig  mehr  bedeutete  seit  die  geistlichen  Fürstenthümer  verschwunden
  waren,  und  wendete  sein  Wohlwollen  ihren  glücklichen  Erben,
den  rheinbündischen  Fürsten  zu.  Ebenso  dachten  alle  fremden  Höfe,  denn
sie  alle  wünschten  Deutschlands  Schwäche  und  waren  zudem  mit  den
Kleinkönigen  verschwiegert  und  vervettert.  Ueber  diese  durchlauchtigen
Familienverbindungen,  die  bis  zum  heutigen  Tage  die  stärkste  Stütze  der
deutschen  Kleinstaaterei  bilden,  sprach  sich  der  Czar  in  Frankfurt  offenherzig
aus,  als  er  einmal  in  einem  unbewachten  Augenblicke  zu  Stein  sagte:
„woher  sollte  ich  Gemahlinnen  für  meine  Großfürsten  bekommen,  wenn
alle  diese  kleinen  Fürsten  entthront  würden?"“"  Zornig  fuhr  der  Freiherr
heraus:  „das  habe  ich  freilich  nicht  gewußt,  daß  Ew.  Majestät  Deutschland
  als  eine  russische  Stuterei  betrachten.“  Gleich  ihm  erwarteten  alle
preußischen  Generale  eine  kräftige  Abstrafung  des  Rheinbundgesindels,
wie  Blücher  sich  ausdrückte.  York  ließ  nach  dem  Einmarsch  in  Wiesbaden
sogleich  die  nassauischen  Wachposten  abziehen  und  gab  einem  Kammerherrn,
der  ihn  fragte,  ob  er  denn  Seine  Hoheit  entthronen  wolle  —  die  barsche
Antwort:  „noch  habe  ich  keinen  Befehl  dazu.“
        <pb n="531" />
        Verträge  mit  den  süddeutschen  Höfen.  521

Im  Frankfurter  Hauptquartiere  aber  trug  man  die  reumüthigen
Rheinbundsfürsten  auf  den  Händen  und  feierte  den  Baiern  Wrede,  von
wegen  der  Hanauer  Niederlage,  wie  einen  ruhmgekrönten  Feldherrn.
Unter  den  größeren  Fürsten  des  Rheinbundes  wurde,  außer  den  beiden
Napoleoniden,  allein  der  Fürstprimas  Dalberg  entthront,  keineswegs  wegen
seines  unwürdigen  Verhaltens,  sondern  weil  er  nicht  fürstlichen  Blutes
und  Eugen  Beauharnais  zu  seinem  Nachfolger  bestimmt  war.  Mit  ihm
fiel  sein  Vetter,  der  Fürst  von  der  Leyen;  auch  den  Fürsten  von  Isenburg
  mußte  Oesterreich  dem  Zorne  König  Friedrich  Wilhelm's  opfern,  da
er  aus  preußischen  Deserteuren  und  Vagabunden  ein  französisches  Regiment
  gebildet  hatte.  Jene  kleinen  westphälischen  Rheinbundsfürsten,  welche
Napoleon  erst  vor  drei  Jahren  entthront  hatte,  erlangten  ihre  Kronen
nicht  wieder,  da  niemand  sich  ihrer  annahm.  Man  hielt  sich  an  das
bequeme  beati  possidentes,  nahm  Alle  zu  Gnaden  auf,  die  im  Augenblicke
  noch  regierten.  Zufall,  Gunst  und  Laune  hatten  zwei  Dutzend  von
den  zahllosen  Staatsgewalten  des  heiligen  Reichs  durch  die  Stürme  des
napoleonischen  Zeitalters  hindurch  gerettet;  dieselbe  Willkür  entschied  jetzt
über  ihren  Fortbestand.  Die  Fürstenberg  und  Hohenlohe  blieben  mediatisirt,
  die  Reuß  und  Bückeburg  behielten  ihre  Throne;  den  Verräthern
am  Vaterlande  aber  ward  die  im  Dienste  des  Landesfeindes  erworbene
schimpfliche  Beute  erhalten.

Schon  auf  dem  Marsche  nach  Frankfurt  hatte  Metternich  mit  Württemberg
  abgeschlossen.  Der  Vertrag  von  Fulda  vom  2.  November  war
dem  Rieder  ähnlich,  nur  wurde,  aus  Rücksicht  auf  Preußen,  ein  Vorbehalt
  zu  Gunsten  des  künftigen  Deutschen  Bundes  eingeschaltet.  König
Friedrich  trat  in  die  Coalition  ein  und  behielt  seine  Souveränität  sowie
seine  Besitzungen  „unter  der  Garantie  der  politischen  Beziehungen,  welche
sich  ergeben  werden  aus  den  Anordnungen,  die  beim  künftigen  Frieden
zur  Herstellung  und  Sicherung  der  Unabhängigkeit  und  Freiheit  Deutschlands
  getroffen  werden  sollen.“  Das  einzig  Klare  in  diesen  nichtssagenden
  gewundenen  Sätzen  war  die  Zusage  der  Souveränität  und  des  Besitzstandes.
  Auf  Stein's  Andringen  wurde  sodann  für  die  Accessionsverträge
  der  übrigen  Mittelstaaten  eine  etwas  bestimmtere  Clausel,  die  freilich
noch  immer  unklar  genug  blieb,  verabredet.  Baden,  Darmstadt,  Nassau,
Kurhessen  mußten  versprechen  sich  den  Pflichten  zu  fügen,  welche  die  für
die  Unabhängigkeit  Deutschlands  nothwendige  Ordnung  erfordern  würde,
sowie  die  für  den  obigen  Zweck  nothwendigen  Gebietsabtretungen  gegen
volle  Entschädigung  zu  ertragen.  Doch  was  wog  dies  Versprechen,  da  auch
ihnen  Besitzstand  und  Souveränität  verbürgt  wurde?  Hardenberg's  dualistische
  Hoffnungen  verloren  damit  jeden  Boden,  desgleichen  sein  Plan  das
befreundete  Oesterreich  am  Oberrheine  anzusiedeln;  zugleich  ward  das
deutsche  Gebiet,  das  für  Preußens  Entschädigung  verfügbar  blieb,  mit  jedem
neuen  Accessionsvertrage  kleiner.  Der  Staatskanzler  war  voll  Unmuths,
        <pb n="532" />
        522  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

aber  nachdem  er  einmal  der  Hofburg  den  Vortritt  bei  den  süddeutschen
Verträgen  eingeräumt  hatte  konnte  er  dem  Unheil  nicht  mehr  wehren.
Und  trotz  so  vieler  bitterer  Erfahrungen  kam  der  Vertrauensvolle  über
die  Absichten  des  Wiener  Hofes  noch  immer  nicht  in's  Klare.  Er  beklagte
lebhaft  die  „fehlerhafte,  ganz  thörichte,  übereilte  Art“  jener  Verhandlungen)
und  erkannte  nicht,  daß  Metternich  keineswegs  aus  leichtsinniger  Gutmüthigkeit
  fehlte,  sondern  vielmehr  geschickt  und  folgerecht  das  bereits  in
Teplitz  ausgesprochene  Ziel  der  Selbständigkeit  aller  deutschen  Fürsten
verfolgte.

Sechs  Wochen  nach  der  Entscheidungsschlacht  waren  die  Fürstenrevolutionen
  von  1803  und  1806  durch  eine  große  Amnestie  gesühnt,
Frankreichs  deutsche  Vasallen  allesammt  in  die  große  Allianz  aufgenommen.
Einzelne  der  kleinen  norddeutschen  Fürsten  freuten  sich  ehrlich  der  Erlösung
  vom  fremden  Joche,  keiner  aufrichtiger  als  Herzog  Karl  August.
Der  Weimarische  Hof  war  auch  während  dieser  argen  Jahre  eine  Heimstätte
  deutschen  Geistes  geblieben;  Napoleon  selbst  hatte  die  fürstliche  Haltung
  der  Herzogin  bewundert,  als  sie  ihm  nach  der  Jenaer  Schlacht  stolz
und  würdig  entgegentrat.  Ihr  aber  blieb  ein  tiefer  Abscheu  gegen  den
Imperator;  sie  errieth,  wie  Luise  von  Preußen  und  Karoline  von  Baiern,
mit  dem  sicheren  Instinct  des  edlen  Weibes  den  Zug  der  Gemeinheit  in
dem  Wesen  des  großen  Mannes.  Wie  sie  empfand  ihr  Gemahl;  die
Franzosen  wollten  dem  leichtlebigen,  lustigen  Herrn  nichts  Arges  zutrauen
und  ahnten  nicht,  daß  er  jahrelang  mit  den  preußischen  Patrioten  in  geheimem
  Verkehr  stand.  Sobald  er  die  Hände  wieder  frei  hatte  trat  er
als  russischer  General  in  das  Heer  der  Verbündeten  ein  und  sagte  traurig
  über  seinen  noch  immer  hoffnungslos  verstimmten  Freund  Goethe:
„Laßt  ihn,  er  ist  alt  geworden!“

Ganz  anders  war  die  Stimmung  der  süddeutschen  Höfe.  Sie  thaten
nur  was  sie  nicht  lassen  und  ließen  nur  was  sie  nicht  thun  durften.  Unverhohlen
  sprach  Montgelas  seinen  Groll  aus  wider  „die  fatale  Deutschheit".
Der  württembergische  Despot  verbot  bei  Festungsstrafe  alle  politischen  Gespräche,
  entließ  sofort  den  bei  Leipzig  übergegangenen  General  und  herrschte
einen  seiner  Landvögte,  der  sich  im  deutschen  Sinne  ausgesprochen  hatte,  mit
der  Weisung  an:  „Es  ist  die  Pflicht  eines  jeden  guten  Dieners,  nur  die
Sache,  für  welche  sich  sein  Souverän  erklärt  hat,  als  die  wahre  gute
Sache  anzusehen.“  Von  seinem  Besuche  im  Frankfurter  Hauptgauartier
kehrte  er  sehr  unwirsch  heim.  Keinen  Fetzen  nachbarlichen  Landes  hatten
ihm  die  Verbündeten  zum  Lohne  für  den  Fahnenwechsel  gewährt,  wie  viel
einträglicher  war  doch  der  Dienst  des  Imperators  gewesen!  Sofort  trat
er  wieder  in  geheimen  verrätherischen  Verkehr  mit  dem  freigebigen  Protector.
  Auch  in  Baden  währte  es  eine  geraume  Weile,  bis  die  Karlsruher

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  1.  December  1813.
        <pb n="533" />
        Stimmung  in  Süddeutschland.  523

Staatszeitung  statt  des  gewohnten  „Seine  Majestät  der  Kaiser“  erst  „Na—
poleon“  und  endlich  „der  Feind“  schrieb;  als  der  Uebertritt  unvermeidlich
wurde,  sprach  Großherzog  Karl  dem  Protector  noch  sein  lebhaftes  Be—
dauern  aus.  Napoleon  aber  verstand  seine  Leute  zu  behandeln,  er  schwor
im  Falle  der  Rückkehr  ihre  Länder  zu  verwüsten,  wie  einst  Ludwig  XIV.
die  Pfalz.  Mit  geballter  Faust  und  einem  grimmigen:  „Du  sollst  mir's
bezahlen,  mein  Fürst!“  schied  sein  Gesandter  Vendeuil  von  dem  Großherzog
  Ludwig  von  Darmstadt,  als  dieser  das  Bündniß  aufkündigte.

Die  Drohungen  des  Imperators  verfehlten  ihren  Zweck  nicht,  sie
lähmten  die  Thatkraft  auch  der  besser  gesinnten  Rheinbundsfürsten.  Eine
Volksbewaffnung  nach  preußischer  Weise  war  in  der  Mehrzahl  dieser
Länder  ohnehin  unmöglich,  da  die  Gewalthaber  ihrem  eigenen  Volke  nicht
trauten.  In  Baiern  wurden  die  Freiwilligen  von  den  Behörden  mit  Hohn
heimgeschickt.  In  Württemberg  wollte  der  König  weder  Freiwillige  noch
eine  Landwehr  dulden;  die  Bildung  des  Landsturms  benutzte  er  nur  als
einen  willkommenen  Vorwand  um  seine  Unterthanen  zu  entwaffnen  und
bei  Zuchthausstrafe  die  Einlieferung  aller  Gewehre  anzubefehlen.  Niemand
  war  bei  diesen  Höfen  schlimmer  verrufen  als  Stein;  wußten  sie
doch,  daß  der  Freiherr  in  Frankfurt  soeben  beantragt  hatte,  ihre  Regierungsgewalt
  vorläufig  zu  suspendiren.  Auch  die  trefflichen  Männer,  die
er  in  seiner  deutschen  Centralverwaltung  anstellte,  hießen  bald  allesammt
moskowitische  Jacobiner:  die  Preußen  Friesen  und  Eichhorn,  der  Russe  Turgeniew,
  der  Leiter  des  Hospitalwesens  Graf  Solms-Laubach,  der  Organisator
  der  Volksbewaffnung  Rühle  von  Lilienstern.  Tagaus  tagein  versuchten
  der  particularistische  Dünkel  und  die  Niedertracht  der  süddeutschen
Cabinette  die  Wirksamkeit  der  Centralverwaltung  zu  durchkreuzen,  Montgelas
  bedrohte  Stein's  Beamte  mit  Ausweisung,  als  sie  sich  von  dem
Zustande  der  bairischen  Lazarethe  überzeugen  wollten.  Friedrich  von  Württemberg
  weigerte  sich  „ausländische“  Verwundete  in  seine  Hospitäler  aufzunehmen;
  als  die  Oesterreicher  ihre  Kranken  aus  dem  überfüllten  Villingen
nach  Rottweil  hinüberbrachten,  ließen  die  württembergischen  Behörden  die  Jammernden
  auf  der  Straße  liegen,  bis  man  mit  Gewalt  die  Thüren  des
Krankenhauses  öffnete.  So  erprobte  sich  die  bundesfreundliche  Gesinnung  jener
Höfe,  denen  Oesterreich  bedingungslos  die  Souveränität  zurückgab.  Stein
selber  meinte  jetzt  traurig,  man  thue  besser,  die  Verhandlungen  über
Deutschlands  Verfassung  bis  zum  Frieden  zu  vertagen,  sonst  könne  die
lockere  Coalition  sich  leicht  ganz  auflösen.  Um  aber  die  Nation  über  die
Denkweise  ihrer  Gewalthaber  zu  belehren,  ließ  er  seinen  treuen  Eichhorn
eine  Schrift  über  die  Centralverwaltung  veröffentlichen,  welche  ohne  Umschweifse
  die  Sünden  der  Kleinkönige  aufdeckte.  Seitdem  kannte  der  Haß  der
rheinbündischen  Höfe  gegen  das  preußische  Deutschthum  keine  Grenzen  mehr.

Auch  das  Volk  des  Südens  wurde  von  dem  Sturme  der  Begeisterung,
  der  über  Norddeutschland  dahinbrauste,  nur  obenhin  berührt,  obgleich
        <pb n="534" />
        524  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

sich  überall  ehrlicher  Wille  zeigte  und  viele  junge  Männer  aus  den  gebildeten
  Ständen  auf  Stein's  und  Görres'  Worte  schworen.  So  tief
wie  in  Preußen  hatte  der  Haß  gegen  die  Fremdherrschaft  hier  niemals
Wurzeln  schlagen  können,  denn  hier  war  kein  verlorener  Ruhm  zurückzugewinnen.
  Als  die  Stunde  der  Befreiung  schlug,  thaten  zwar  die
Meisten  ihre  Schuldigkeit,  doch  ein  starker  kriegerischer  Thatendrang,  der
die  böswilligen  Regierungen  mit  fortgerissen  hätte,  zeigte  sich  nirgends.
Nichts  bezeichnender  als  Rückert's  Lied  für  die  Coburger  Landwehr:  „Man
hat  uns  eh'  gerufen  nicht,  sobald  uns  aber  rief  die  Pflicht  war'n  wir
bereit  zu  gehn!“  Ruh'  und  Frieden  war  nach  dem  Jammer  dieser  endlosen
  Kriegszeit  der  allgemeine  Wunsch.  Im  Mannheimer  Theater  wurde,
bei  einer  festlichen  Aufführung  zum  Besten  der  Volksbewaffnung,  das
Schiller'sche  Reiterlied  gesungen  mit  der  zeitgemäßen,  von  dem  wackeren
jungen  Patrioten  A.  von  Dusch  verübten  Verschönerung:

Und  setzet  Ihr  nicht  die  Ruhe  ein,

Nie  wird  Euch  die  Ruhe  gewonnen  sein.

Leider  führte  auch  der  weitere  Verlauf  des  Krieges  Nord=  und  Süddeutsche
  einander  nicht  näher.  Das  einzige  süddeutsche  Generalgouvernement
  der  Centralverwaltung,  das  Frankfurter,  wurde,  den  dualistischen
Plänen  Hardenberg's  entsprechend,  österreichischen  Beamten  und  Offizieren
übergeben;  im  Elsaß  rissen  die  Baiern  eigenmächtig  die  provisorische  Verwaltung
  an  sich  ohne  nach  Stein  zu  fragen.  Treue  Waffenbrüderschaft
verband  die  Russen  und  die  Preußen  nach  so  vielen  gemeinsamen  Siegen.
Die  russischen  Truppen  vergötterten  den  König  Friedrich  Wilhelm,  der  sie
in  ihrer  Muttersprache  anzureden  wußte,  und  ihren  Marschall  Vorwärts;
ein  preußischer  Soldat  blickte  zwar  nur  mit  gemäßigter  Hochachtung  auf
den  russischen  Leutnant,  der  von  seinem  Major  vor  der  Front  geohrfeigt
wurde,  doch  die  Tapferkeit  der  Mannschaften  schätzte  er  hoch.  Von  den
bairischen  und  württembergischen  Regimentern  dagegen  hörte  er  wenig,
da  sie,  den  Verträgen  gemäß,  der  österreichischen  Armee  zugetheilt  wurden;
nur  die  badische  Garde  focht  mit  der  preußischen  vereinigt.  So  konnte,
zum  Unheil  für  Deutschland,  ein  lebendiges  Gefühl  der  Kameradschaft
zwischen  den  Preußen  und  den  Truppen  der  Kleinstaaten  sich  nicht  bilden,
die  gehässigen  Erinnerungen  aus  den  blutigen  Schlachten  des  Sommerfeldzugs
  blieben  unvergessen.  Ein  eigener  Unstern  wollte,  daß  die  kleinen
Contingente  an  dem  Kriegsruhme  der  Verbündeten  geringen  Antheil  gewannen.
  Ein  großer  Theil  von  ihnen  wurde  zur  Einschließung  von  Mainz
und  in  dem  thatenarmen  flandrischen  Festungskriege  verwendet;  die  Freiwilligen
  des  sächsischen  Banners  bekamen  den  Feind  nie  zu  sehen.  Die
Baiern  und  Württemberger  zogen  zwar  mit  gen  Paris  und  schlugen  sich
mit  ihrer  gewohnten  Tapferkeit,  jedoch  einen  glänzenden  Sieg,  der  die
Triumphe  von  Regensburg,  Wagram  und  Borodino  verdunkelt  hätte,  errangen
  sie  nicht.  Darum  behauptete  der  Stern  der  Ehrenlegion  nach  wie  vor
        <pb n="535" />
        Verhandlungen  über  den  Kriegsplan.  525

sein  Ansehen  unter  den  Veteranen  der  Mittelstaaten.  Die  Bauern  in
Franken  und  im  Schwarzwalde,  die  noch  immer  viel  vom  Erzherzog  Karl
und  den  Feldzügen  der  neunziger  Jahre  erzählten,  wußten  von  diesem
Kriege  wenig.  Der  rückhaltlose  Einmuth  einer  allgemeinen  Erhebung  war
den  Deutschen  auch  jetzt  noch  nicht  beschieden.  Erst  in  weit  späteren  Tagen
erregten  die  historische  Wissenschaft  und  der  endlich  erwachte  Einheitsdrang
unter  den  Süddeutschen  eine  nachträgliche  Begeisterung  für  den  Befreiungs—
krieg,  wie  sie  die  Zeitgenossen  in  solchem  Maaße  nicht  gehegt  hatten.

Während  die  Mächte  mit  den  süddeutschen  Höfen  verhandelten,  be—
riethen  sie  zugleich  unter  sich  über  die  Fortsetzung  des  Krieges.  Frank—
reich  lag  wehrlos  vor  der  Spitze  ihres  Schwertes;  es  stand  wirklich  so,
wie  Ney  späterhin  spottete:  „Die  Herren  Alliirten  konnten  Marsch  für
Marsch  ihre  Nachtquartiere  bis  nach  Paris  im  Voraus  bestimmen.“
Radetzky  wies  in  einer  lichtvollen  Denkschrift  auf  die  entscheidende  That—
sache  hin,  daß  Napoleon  kein  Heer  mehr  besitze  und  mithin  der  Winter—
feldzug  seine  Schrecken  verliere.  Selbst  Schwarzenberg  war  für  den  Ein—
marsch  in  Frankreich,  schon  weil  er  nicht  absah,  wie  er  diese  ungeheuren
Heeresmassen  in  den  ausgesogenen  deutschen  Landen  verpflegen  sollte;
„meine  Basis“,  meinte  er  zuversichtlich,  „ist  Europa  vom  Eismeere  bis
zum  Hellespont,  für  diese  wird  doch  Paris  das  Operationsobject  sein
dürfen?"  Noch  weit  nachdrücklicher  mahnte  Gneisenau  seinen  König  zu
raschem  Vorgehen,  bevor  die  lockere  Coalition  sich  auflöse;  wenn  man
sogleich  von  den  Niederlanden  und  dem  Mittelrheine  her  das  französische
Land  an  seiner  verwundbarsten  Stelle  packe,  so  sei  der  gefürchtete  dreifache
  Festungsgürtel  der  Ostgrenze  für  Napoleon  nicht  ein  Schutz,  sondern
  ein  Nachtheil,  da  dem  Imperator  die  Truppen  zur  Besetzung  der
festen  Plätze  fehlten.  Blücher  endlich  war  von  Haus  aus  nicht  darüber
im  Zweifel  gewesen,  daß  dieser  Krieg  nur  an  der  Seine  enden  dürfe:
„der  Tyrann  hat  alle  Hauptstädte  besucht,  geplündert  und  bestohlen;  wir
wollen  uns  so  was  nicht  schuldig  machen,  aber  unsere  Ehre  fordert  das
Vergeltungsrecht,  ihn  in  seinem  Neste  zu  besuchen.“"

Dem  schlichten  Verstande  erschien  die  Lage  so  einfach,  daß  sogar
Erzherzog  Johann,  ein  keineswegs  heroischer  Geist,  die  Einnahme  von
Paris  als  sicher  ansah.  Aber  in  der  diplomatischen  Welt  herrschte  seit
Jahrhunderten  unerschütterlich  wie  ein  Glaubenssatz  die  Meinung,  Frankreich
  sei  auf  seinem  eigenen  Boden  unbesiegbar.  Hatten  doch  selbst  Karl  V.
und  Prinz  Eugen,  die  allezeit  Glücklichen,  nichts  ausgerichtet,  als  sie  in
das  Innere  des  Landes  einzudringen  wagten;  und  wie  kläglich  war  der
Feldzug  von  1792  verlaufen,  obgleich  Frankreich  auch  damals  kein  schlagfertiges
  Heer  besaß.  Die  Franzosen  Bernadotte  und  Jomini  schilderten
die  Gefahren  des  vermessenen  Unternehmens  in  den  dunkelsten  Farben.
Knesebeck  rieth  besorglich  die  Götter  nicht  zu  versuchen.  York  grollte  über
den  elenden  Zustand  seines  tapferen  Corps  und  verlangte  mindestens
        <pb n="536" />
        526  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

eine  kurze  Ruhe  für  die  erschöpften  Truppen.  Auch  König  Friedrich
Wilhelm  unterlag  für  einige  Zeit  einem  Anfalle  seines  Kleinmuths.  Der
Zweck,  um  dessentwillen  er  im  Frühjahr  das  Schwert  gezogen  hatte,  die
Befreiung  Deutschlands  bis  zum  Rheine,  war  erreicht;  seine  langsame
Natur  bedurfte  einer  geraumen  Weile,  um  sich  in  die  gänzlich  veränderte
Lage  zu  finden  und  einzusehen,  daß  alles  bisher  Errungene  nur  durch
die  Vernichtung  der  französischen  Uebermacht  gesichert  werden  konnte.  Am
lebhaftesten  aber  wünschte  der  Wiener  Hof  die  schleunige  Beendigung  des
unbequemen  Krieges.

Schon  zu  Anfang  Novembers  hatte  Metternich,  gegen  Sinn  und
Wortlaut  des  Teplitzer  Vertrags,  einseitig  Verhandlungen  angeknüpft  mit
dem  gefangenen  französischen  Diplomaten  St.  Aignan  und  ihm  zugesichert,
Niemand  denke  an  Napoleon's  Entthronung;  wenn  der  Imperator  die
Unabhängigkeit  von  Spanien,  Italien  und  Holland  anerkenne,  so  möge
Frankreich  innerhalb  seiner  natürlichen  Grenzen,  zwischen  Rhein,  Alpen
und  Pyrenäen,  seine  alte  Machtstellung  behaupten  und  über  die  kleinen
deutschen  Staaten,  ohne  förmliche  Oberherrlichkeit,  jenen  Einfluß  ausüben,
  welcher  jedem  großen  Staate  den  minder  mächtigen  gegenüber
nothwendig  zustehe.  Gelang  dann  noch  eine  Verständigung  über  die
Grenzen  des  österreichischen  Machtgebietes  in  Italien,  so  war  in  der
That  Alles  erfüllt,  was  Metternich  wünschte.  Die  Befreiung  des  linken
Rheinufers  lag  gänzlich  außerhalb  seines  Gesichtskreises;  seine  Anschauungen
  gingen  über  die  mechanische  Gleichgewichtslehre  der  alten  Barrierenpolitik
  nicht  hinaus.  Ihm  genügte  vollauf,  wenn  eine  Handvoll  willkürlich
  gebildeter  Kleinstaaten  zwischen  das  streitlustige  Frankreich  und
die  Ostmächte  eingeschoben  und  also  die  Reibung  der  großen  politischen
Massen  durch  einige  Polsterkissen  abgeschwächt  wurde;  war  doch  sein  Haus
Oesterreich  der  natürliche  Feind  jeder  kräftigen  nationalen  Staatsbildung.
Der  englische  Bevollmächtigte  im  Hauptquartiere,  Lord  Aberdeen,  folgte
in  allen  continentalen  Fragen  blindlings  der  Ansicht  Metternich's  und
meinte,  dem  englischen  Interesse  sei  genug  geschehen,  wenn  nur  Hannover
und  die  Niederlande  wieder  hergestellt  würden.  Zum  Glück  hatte  er  keine
genügende  Vollmacht.  Daher  wurde  Pozzo  di  Borgo  nach  London  gesendet,
  um  die  Zustimmung  des  Prinzregenten  einzuholen,  während
St.  Aignan  in  Paris  seinem  Kaiser  die  Friedensvorschläge  Metternich's
unterbreiten  sollte.

Indessen  kam  Stein  nach  Frankfurt,  den  die  österreichischen  Staatsmänner
  bisher  in  Leipzig  zurückgehalten  hatten,  und  trat  alsbald  mit
flammendem  Eifer  für  die  Fortsetzung  des  Krieges  ein.  Es  gelang,  den
Czaren,  dann  auch  den  König  zu  gewinnen.  Napoleon's  Stolz  konnte
sich  nicht  entschließen,  sofort  auf  die  übergünstigen  Vorschläge  Oesterreichs
  einzugehen.  Als  er  sich  endlich  zu  den  Friedensverhandlungen
bereit  erklärte  —  freilich  unter  dem  Vorbehalte,  daß  die  Kleinstaaten
        <pb n="537" />
        Das  Kriegsmanifest  vom  1.  December.  527

Deutschlands  und  Italiens  keiner  Oberherrlichkeit  irgend  welcher  Art  unter—
worfen  werden  sollten  —  da  war  im  Hauptquartiere  bereits  der  Entschluß
gefaßt,  zwar  die  Unterhandlungen  nicht  abzubrechen,  doch  gleichzeitig  den
Krieg  weiterzuführen.  Damit  hatte  Stein  gewonnenes  Spiel;  denn  jeder
neue  Waffenerfolg  der  Verbündeten  mußte  unvermeidlich  die  Friedens—
bedingungen  verschärfen.  Die  Zuversicht  wuchs  von  Tag  zu  Tag  und  bald
galt  es  ohne  förmliche  Abrede  als  ausgemachte  Sache,  daß  man  nun—
mehr  mindestens  einen  Theil  des  linken  Ufers,  etwa  die  Grenzen  von
1792,  zurückfordern  werde.  Die  Kriegspartei  triumphirte.  Als  Blücher
in  Frankfurt  von  dem  Staatskanzler  Abschied  nahm,  sagte  er  auf  die
Frage:  „Wo  werden  wir  uns  wiedersehen?“  mit  seinem  fröhlichsten  Lachen:
„Im  Palais  Royal!“)

Die  Worte  und  Thaten  des  großen  Hauptgquartiers  ließen  freilich
von  solcher  frischen  Entschlossenheit  nichts  erkennen.  Das  Manifest  vom
1.  December,  das  den  Franzosen  den  bevorstehenden  Angriff  ankündigte,
schien  geradezu  darauf  berechnet,  den  französischen  Hochmuth,  der  die  Welt
seit  zwei  Jahrzehnten  nicht  zur  Ruhe  kommen  ließ,  auf  das  Aeußerste  zu
steigern.  Mit  schmeichelnden  Worten,  deren  gleichen  noch  nie  in  einer
Kriegserklärung  vorgekommen,  entschuldigten  die  Verbündeten  ihr  Unternehmen:
  sie  wollten  nicht  Frankreich  bekriegen,  sondern  die  Uebermacht
Napoleon's,  sie  wünschten,  daß  Frankreich  groß,  stark  und  glücklich  sei,
und  versprachen  dem  französischen  Staate  einen  größeren  Gebietsumfang,
als  er  jemals  unter  seinen  Königen  gehabt,  denn  eine  tapfere  Nation
dürfe  darum  noch  nicht  von  ihrer  Höhe  herabsinken,  weil  sie  in  einem
heldenhaften  Kampfe  unglücklich  gewesen  sei!

Kläglich,  mattherzig  wie  diese  Worte  war  auch  der  von  Duca  und
Langenau  ausgeklügelte  Kriegsplan.  Vergeblich  vertheidigte  Gneisenau  die
damals  noch  neue  Ansicht,  daß  dieses  centralisirte  Frankreich  nur  in  seiner
Hauptstadt  ganz  besiegt  werden  könne.  Die  k.  k.  Kriegstheoretiker  hatten  auf
der  Landkarte  das  Plateau  von  Langres  entdeckt,  jene  bescheidene  Bodenerhebung
  an  den  Grenzen  Hochburgunds,  welche  die  Wasserscheide  dreier
Meere  bildet;  sie  nahmen  an,  daß  auch  Napoleon  bei  seinen  Feldzügen  sich
durch  die  Erwägungen  geographischer  Gelehrsamkeit  bestimmen  lasse,  und
mithin  eine  Demonstration,  „eine  Winterbewegung"  gegen  diese  merkwürdige
Hochebene  den  Imperator  zum  Frieden  zwingen  werde.  Im  December  setzte
sich  die  große  Armee  langsam  in  Bewegung,  um  auf  dem  ungeheuren  Umwege
  durch  Baden,  das  Elsaß  und  die  Schweiz  nach  Langres  zu  gelangen.
Die  Hofburg  verfolgte  dabei  zugleich  politische  Nebenzwecke;  sie  dachte  in
der  Schweiz  das  alte  aristokratische  Regiment  herzustellen  und  den  Feind
zur  Räumung  des  italienischen  Kriegsschauplatzes,  der  ihr  ungleich  wichtiger
  war  als  der  französische,  zu  nöthigen.  Ihre  Strategen  rechtfertigten

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  16.  December  1813.
        <pb n="538" />
        528  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

die  unnatürliche  Künstelei  dieses  Kriegsplanes,  der  die  Uebermacht  der
Verbündeten  willkürlich  von  der  geraden  und  sicheren  Siegesstraße  ablenkte,
  mit  der  wundersamen  Behauptung:  auf  diese  Weise  gewinne  man
den  Beistand  der  Armee  Wellington's,  die  im  äußersten  Südwesten  Frankreichs,
  nahe  den  Pyrenäen,  stand.  Die  lästigen  Stürmer  und  Dränger
des  schlesischen  Heeres  wollte  Langenau  durch  die  Belagerung  von  Mainz
beschäftigen  und  dem  Kriegsschauplatze  fern  halten.  Erst  nach  langem,
heftigem  Streite  erwirkte  sich  Blücher  die  Erlaubniß,  am  Mittelrhein  die
französische  Grenze  zu  überschreiten;  von  da  sollte  er  durch  die  Saarlande
  und  Lothringen  ebenfalls  jene  wunderbare  Hochebene  zu  erreichen
suchen,  wo  man  sein  Wasser  nach  drei  Meeren  zugleich  abschlagen  konnte
—  wie  der  derbe  Lagerwitz  der  erbitterten  Schlesier  spottete.

Also  gewährte  die  Unfähigkeit  einer  altväterischen  Politik  und  Strategie
  dem  Imperator  abermals  eine  Möglichkeit  der  Rettung.  Sie  schenkte
ihm  drei  Monate  Frist  um  ein  neues  Heer  zu  schaffen  und  berechnete  ihre
Kriegspläne  auf  das  behutsame  Vermeiden  jeder  durchschlagenden  Entscheidung.
  Mochten  immerhin  Lainê  und  einige  andere  muthige  Männer
in  dem  zahmen  gesetzgebenden  Körper  jetzt  ihre  Stimme  erheben  und  den
Unwillen  des  Landes  über  die  endlosen  Kriege  aussprechen,  der  Despot
herrschte  sie  mit  verächtlichen  Worten  an.  Noch  galt  der  Wahlspruch  des
Kaiserreichs:  die  Herrschaft  der  Schwätzerei  ist  zu  Ende!  Napoleon  förderte
seine  Rüstungen  mit  der  alten  Umsicht  und  rechnete  zugleich  auf  den
Erfolg  der  diplomatischen  Verhandlungen,  auf  den  Zerfall  der  lockeren
Coalition.  Wiederholt  ließ  er  den  Staatsmännern  der  Hofburg  sagen,
ein  großer  Sieg  liege  nicht  im  Interesse  Oesterreichs,  könne  leicht  das
europäische  Gleichgewicht  zum  Nachtheile  für  Oesterreich  verschieben.  Keine
Rede  von  Nachgiebigkeit.  „Die  alten  Grenzen",  schrieb  er  an  Caulaincourt,
„wären  eine  Erniedrigung  für  Frankreich;  alle  unsere  Eroberungen  wiegen
nicht  auf  was  Preußen,  Oesterreich,  Rußland,  England  während  der  letzten
Jahrzehnte  gewonnen  haben.“  Seine  Unterhändler  sollten  ihre  Friedensvorschläge
  „so  unbestimmt  als  möglich  halten,  denn  wir  haben  Alles  von
der  Zeit  zu  gewinnen!“  —

Währenddem  fielen  einige  der  Festungen  des  Nordostens,  die  von
den  Franzosen  allesammt  mit  ehrenhafter  Ausdauer  vertheidigt  wurden,
so  Danzig  und  Torgau.  Am  13.  Januar  wurde  Wittenberg  von  den
Truppen  Tauentzien's  erstürmt  nach  einer  schweren  Beschießung,  die  der
junge  Bardeleben  umsichtig  leitete;  es  war  der  einzige  einigermaßen  großartige
  Belagerungskampf  in  diesem  schlachtenreichen  Kriege.  Ungleich
wichtiger  ward  die  Eroberung  von  Holland.  Da  Bernadotte  schon  im
November  von  Hannover  aus  gegen  Dänemark  zog  um  seine  norwegische
Beute  in  Sicherheit  zu  bringen,  so  machte  sich  Bülow  von  dem  verhaßten
Oberfeldherrn  los,  brach  aus  Westphalen  in  die  Niederlande  ein,  und  sofort
  erfuhr  die  Welt  wieder,  was  die  Nordarmee  vermochte,  wenn  man
        <pb n="539" />
        Eroberung  von  Holland.  529

sie  frei  gewähren  ließ.  General  Oppen  erstürmte  das  feste  Doesborgh,
das  Kolbergische  Regiment  und  die  Königin  Dragoner,  die  alten  Ansbach—
Bayreuther,  flochten  sich  ein  neues  Blatt  in  ihren  Lorbeerkranz.  Dann
ward  auch  Arnheim  mit  stürmender  Hand  genommen,  der  Uebergang  über
den  Rhein  und  die  Maas  erzwungen,  Herzogenbusch  mußte  seine  Thore
öffnen,  und  abermals,  wie  in  den  Tagen  des  großen  Kurfürsten,  war
Frankreichs  Machtstellung  in  den  Niederlanden  durch  Preußens  Waffen
in  Stücke  geschlagen.  Erst  vor  den  Mauern  von  Antwerpen  kam  Bülow's
reißender  Siegeszug  in's  Stocken.  Hier  befehligte  Carnot;  der  unbeug—
same  Republikaner  hatte  seinen  Parteihaß  hochherzig  bezwungen  um  des
Vaterlandes  willen  und  behauptete  sich  in  dem  wichtigen  Platze  standhaft
bis  zum  Friedensschlusse.

Die  klugen  Holländer  verstanden  das  Glück  an  der  Locke  zu  fassen.
Die  Mitglieder  der  alten  Aristokratie,  die  Altregenten,  hatten  schon  seit
Jahren  die  Wiederherstellung  des  Staates  vorbereitet.  Auf  ihren  Wink
erhob  sich  das  Volk  von  Amsterdam,  sobald  die  ersten  Kosakenschwärme
sich  an  der  Grenze  zeigten,  und  hißte  die  Orangeflagge  auf  (15.  Nov.).
Die  französischen  Beamten  flohen,  die  Truppen  zogen  sich  in  die  festen
Plätze.  Die  Altregenten  bildeten  eine  provisorische  Regierung  und  riefen
den  Prinzen  von  Oranien  zurück.  Ueberall  erklang  das  alte  Oranje
boven!  und  das  neue:  Met  Willem  komt  de  vrede!  So  konnte  denn  das
unkriegerische  Handelsvolk  mit  einigem  Scheine  behaupten,  das  Land  habe
sich  selbst  befreit,  obgleich  die  Blutarbeit  der  Eroberung  allein  den  Preußen
und  Russen  überlassen  wurde.

Da  Jedermann  wußte,  daß  Oesterreich  sich  Belgiens  zu  entledigen
wünschte,  so  war  der  Plan,  die  beiden  Hälften  der  alten  Niederlande  zu
vereinigen,  bereits  mehrmals  während  der  Coalitionskriege  besprochen
worden;  schon  im  Jahre  1794  hatte  der  Rathspensionär  v.  d.  Spiegel
diesen  Vorschlag  vertheidigt.  Der  Gedanke  lag  in  der  Luft,  er  ergab  sich
von  selbst  aus  dem  Ideengange  jener  alten  diplomatischen  Schule,  die
ohne  Verständniß  für  das  historische  Leben  ihre  Staatengebilde  allein  nach
den  Rücksichten  der  geographischen  Lage  und  Abrundung  zurechtzuschneiden
pflegte.  Mit  Eifer  nahm  die  englische  Handelspolitik  jetzt  den  alten  Gedanken
  auf.  Die  Briten  hatten  das  holländische  Colonialreich  erobert  und
wollten  aus  der  reichen  Beute  die  für  die  indische  Herrschaft  wichtigsten
Plätze,  Ceylon  und  das  Cap,  mitsammt  der  holländischen  Flotte  und  einem
Theile  von  Guyana  behalten.  Nach  den  Anschauungen  des  achtzehnten
Jahrhunderts  war  das  herrenlose  Deutschland  selbstverständlich  verpflichtet
den  Holländern  diesen  Verlust  zu  ersetzen;  die  Befestigung  der  englischen
Seeherrschaft  sollte  durch  den  burgundischen  Kreis  des  deutschen  Reichs
bezahlt  werden.  Und  wie  nun  überall  die  gute  alte  Zeit  zurückzukehren
schien,  so  lebten  auch  die  wilhelminischen  Ueberlieferungen,  die  Erinnerungen
an  das  langlebige  Bündniß  der  beiden  Seemächte  wieder  auf.  England

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  34
        <pb n="540" />
        530  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

gedachte  in  den  verstärkten  Niederlanden  einen  zuverlässigen  Bundesgenossen,
  in  dem  Antwerpener  Hafen  einen  wohlgedeckten  Brückenkopf  für
seine  Festlandskriege  zu  finden;  man  hoffte  durch  die  Verheirathung  des
Erbprinzen  von  Oranien  mit  der  Erbin  der  englischen  Krone  diesen  Bund
noch  fester  zu  begründen.  Die  Angst  vor  dem  jacobinischen  Geiste  des  preußischen
  Heeres  bestärkte  das  Tory-Cabinet  in  solchen  Anschauungen:  diese
„exaltirte“  kriegerische  Macht  mußte  um  des  Friedens  willen  durch  einen
friedfertigen  Handelsstaat  von  dem  unruhigen  Frankreich  abgetrennt  werden.

So  geschah  es,  daß  die  englischen  Staatsmänner  die  Herstellung  der
Vereinigten  Niederlande  rührig  wie  eine  britische  Angelegenheit  betrieben;
sie  zeigten  noch  mehr  Eifer  dafür  als  für  die  Vergrößerung  des  hannoverschen
  Welfenreichs.  Schon  seit  dem  Frühjahr  1813  stand  das  Londoner
  Cabinet  mit  dem  Prinzen  von  Oranien  in  Verbindung  und  suchte
die  europäischen  Höfe  von  der  Nothwendigkeit  des  oranischen  Gesammtstaates
  zu  überzeugen.  In  der  diplomatischen  Welt  galt  das  neue  Königreich
  so  gänzlich  als  eine  britische  Schöpfung,  daß  man  von  jedem  Landstriche,
  der  an  die  Niederlande  kam,  kurzab  zu  sagen  pflegte:  „dies  Gebiet
wird  englisch.“  Ein  gewandter  Kaufmann  pflegt,  wenn  er  den  Käufer
um  die  Hälfte  des  Preises  übervortheilt,  heilig  zu  betheuern,  daß  er  nur
aus  persönlicher  Verehrung  für  den  Kunden  den  Handel  schließe.  So
hat  auch  die  englische  Handelspolitik  immer  verstanden,  ihre  Absichten
hinter  großen  Worten  von  Freiheit  und  Gleichgewicht  zu  verbergen.  Sie
wollte  ihrem  niederländischen  Schützling  die  Hälfte  seiner  Colonien  vorenthalten;
  Lord  Castlereagh  aber  erklärte  stolz,  sein  Staat  sei  hochherzig
bereit  einen  Theil  seiner  Eroberungen  herauszugeben,  er  könne  jedoch  dies
Opfer  nur  bringen,  wenn  die  Niederlande  auf  dem  Festlande  vergrößert
und  also  in  den  Stand  gesetzt  würden,  den  zurückgewonnenen  Theil  ihres
Colonialreichs  gegen  Frankreich  zu  vertheidigen.  England  beraubte  die
Niederlande  jenes  überseeischen  Besitzes,  worauf  ihre  alte  Machtstellung
beruht  hatte,  und  beanspruchte  dann  noch  den  Dank  Europas  für  seine
Großmuth.  Das  neue  niederländische  Reich  war  an  arrangement  for  an
European  object;  nur  um  die  Rheinlande  vor  Frankreich  zu  sichern,
sollte  Deutschland  wieder  einige  seiner  alten  Reichslande  verlieren.  Zugleich
  wurde  mit  begeisterten  Worten  der  Heldenmuth  der  Holländer  gepriesen;
  Europa  war  verpflichtet  den  noble  élan  dieses  Volkes  zu  belohnen.
  Das  englische  Märchen  ward  mit  solcher  ausdauernden  Ernsthaftigkeit
  wiederholt,  daß  man  im  Großen  Hauptgquartier  schließlich  daran
glaubte  und  die  Phrase  von  „Hollands  Verdiensten  um  Europa“  in  das
Wörterbuch  der  Diplomatie  aufnahm.

Durch  Bülow's  Siegeszug  kam  der  preußische  Hof  zum  ersten  male
während  dieses  Krieges  in  die  günstige  Lage  zu  bieten,  nicht  bloß  zu
bitten;  er  konnte  jetzt  dem  englischen  Cabinet  erklären,  über  diese  durch
Preußen  mit  eroberten  Lande  dürfe  erst  verfügt  werden,  wenn  England
        <pb n="541" />
        Die  Vereinigten  Niederlande.  531

eine  bindende  Zusage  für  die  Einverleibung  Sachsens  gäbe.  Aber  dieser
Gedanke  kam  gar  nicht  zur  Sprache,  da  das  preußische  Cabinet  selber
durchaus  beherrscht  war  von  jener  Gleichgewichtspolitik,  worauf  Englands
niederländische  Pläne  fußten.  In  allen  Entwürfen  Hardenberg's  wurde
als  selbstverständlich  vorausgesetzt,  daß  die  Schweiz  und  die  Niederlande
in  der  Regel  den  Frieden  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  behüten,
im  Falle  des  Krieges  den  ersten  Anprall  der  französischen  Angreifer  aus—
halten  müßten;  erst  in  zweiter  Linie  sollten  Oesterreich  und  Preußen  den
Kampf  aufnehmen.  Die  Vergrößerung  der  Niederlande  schien  um  so  mehr
im  deutschen  Interesse  zu  liegen,  da  Hardenberg  noch  zuversichtlich  hoffte,
Holland  und  die  Schweiz  durch  ein  föderatives  Band  —  als  „Bundesverwandte“,
  wie  man  zu  sagen  pflegte  —  mit  Deutschland  zu  verketten.
Zudem  ward  der  den  Hohenzollern  so  nahe  verwandte  Prinz  von  Oranien
bei  Hofe  fast  wie  ein  Mitglied  des  königlichen  Hauses  angesehen,  obgleich
die  Offiziere  ihm  die  schimpfliche  Capitulation  von  Erfurt  nicht  verziehen.
Er  hatte  wegen  seiner  Theilnahme  am  Kriege  von  1806  Land  und  Leute
verloren;  es  schien  Ehrenpflicht  ihn  reichlich  zu  belohnen.  Daher  ging
Hardenberg  kaum  minder  lebhaft  als  die  englischen  Staatsmänner  für
die  oranische  Sache  in's  Zeug;  er  umarmte  unter  Freudenthränen  den
niederländischen  Gesandten  Gagern,  als  die  Nachricht  von  der  Eroberung
Hollands  kam.  Die  Bildung  dieses  Zwischenstaates  erschien  in  den  Augen
der  europäischen  Höfe  als  ein  Erfolg  der  preußischen  Politik,  keineswegs
als  ein  Rechtstitel,  kraft  dessen  Preußen  neue  Forderungen  stellen  durfte.

Hier  liegt  ohne  Zweifel  der  zweite  große  Fehler  der  Politik  Harden—
berg's;  doch  diese  niederländischen  Träume  sind,  wie  jene  Pläne  des  deut—
schen  Dualismus,  die  Schuld  nicht  eines  Mannes,  sondern  des  gesammten
Zeitalters.  Lange  bevor  man  auf  die  Eroberung  des  linken  Rheinufers
zu  hoffen  wagte,  hatte  Stein  schon  den  verstärkten  niederländischen  Staat
als  eine  europäische  Nothwendigkeit  gefordert,  und  Jedermann  stimmte  bei.
Nachher,  da  die  Ländergier  des  Oraniers  sich  allzu  dreist  herauswagte,
sind  wohl  Manchem  Zweifel  aufgestiegen.  Der  Rheinische  Mercur  be—
klagte,  daß  „der  am  wenigsten  kriegerische  deutsche  Stamm“  mit  der  Grenzhut
  betraut  werden  solle,  und  selbst  Castlereagh  fragte  in  seinen  Briefen
einmal  bedenklich,  ob  dies  Handelsvolk  seiner  europäischen  Aufgabe  genügen
könne.  Ludwig  Vincke,  der  von  seiner  theueren  rothen  Erde  aus  die
niederländischen  Dinge  lange  beobachtet,  sagte  voraus,  dies  willkürlich  ausgeklügelte
  Staatsgebilde  müsse  untergehen;  in  den  Niederlanden  selbst  erwachte
  sofort  wieder  der  alte  Groll,  der  die  katholischen  Belgier  und  die
protestantischen  Holländer  seit  einem  Vierteljahrtausend  getrennt  hielt.  Die
deutsche  Diplomatie  aber  blieb  von  solchen  Bedenken  unberührt.  Hardenberg
  brachte  der  englischen  Politik  ein  unbeschränktes  Vertrauen  entgegen.
Nach  der  Einnahme  von  Antwerpen  genehmigte  er  sofort,  daß  die  dort
im  Hafen  von  den  Preußen  und  Russen  erbeuteten  Kriegsschiffe  nach

34
        <pb n="542" />
        532  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

England  entführt  wurden.  Für  die  Seemacht  fehlte  der  deutschen  Politik
noch  jedes  Verständniß;  Niemand  hat  auch  nur  die  Frage  aufgeworfen,  ob
nicht  jene  köstliche  Beute  den  Stamm  einer  preußischen  Flotte  bilden  könne.

Der  Prinz  von  Oranien,  also  mit  Geschenken  verschwenderisch  überschüttet,
  fand  sich  noch  immer  nicht  genug  belohnt  für  seine  unbekannten
Verdienste  um  Europa,  entwarf  mit  unbeschämter  Stirn  neue  Vergrößerungspläne:
  bald  sollte  ein  links-rheinisches  Königreich  Neu-Burgund  bis
zur  Mosel  und  Nahe,  bald  ein  rechts-rheinisches  Groß-Nassau  von  Düsseldorf
  bis  Bieberich  in  den  unersättlichen  Schlund  seines  Hauses  fallen.
Das  Volk  am  Rhein,  ermüdet  durch  den  Druck  der  napoleonischen  Präfecten,
  versprach  sich  goldene  Berge  von  den  reichen  Holländern,  fürchtete
die  militärische  Strenge  der  Preußen.  Gegen  diese  Befreier  seines  Landes
hegte  der  Oranier,  gleich  seinen  britischen  Gönnern,  ein  tiefes  Mißtrauen.
Fast  auf  jedem  Blatte  des  englisch-niederländischen  Depeschenwechsels  wird
die  Besorgniß  ausgesprochen,  daß  nur  Preußen  nicht  Luxemburg  erhalte,
nicht  durch  eine  starke  rheinische  Provinz  „erdrückend“  auf  die  Niederlande
wirke,  denn  die  „preußische  Schlauheit  wird  sich  schwerlich  mit  Wärme
an  die  englische  Ehrlichkeit  anschließen".  Von  dieser  feindseligen  Gesinnung
  der  welfisch-oranischen  Staatsmänner  ahnte  Hardenberg  nichts,  vielmehr
  förderte  er  die  oranische  Sache  wie  seine  eigene  und  zeigte  sich  sogar
bereit  einige  rein  deutsche  Striche  am  Niederrhein  dem  niederländischen
Gesammtstaate  zu  überlassen.

Erst  nachdem  die  Eroberung  des  linken  Rheinufers  beschlossen  war,
konnte  das  preußische  Cabinet  einen  bestimmten  Plan  für  die  Wiederherstellung
  der  Monarchie  aufstellen,  denn  jetzt  erst  ließ  sich  übersehen,  welche
deutsche  Gebiete  für  Preußen  frei  wurden.  Ungesäumt  benutzte  der  Staatskanzler
  die  Gunst  des  Augenblicks  und  begann  mit  den  Allürten  über
die  preußischen  Landforderungen  zu  verhandeln.  Seit  der  Leipziger  Schlacht
hielten  die  Verbündeten  das  Königreich  Sachsen  in  ihrer  Gewalt.  Niemand
hätte  an  jenem  Tage,  da  König  Friedrich  August  als  Kriegsgefangener
aus  der  erstürmten  Stadt  abgeführt  wurde,  die  ungeheuerliche  Behauptung
  gewagt,  daß  dieser  ergebenste  Vasall  Napoleon's  ein  wiedergefundener
befreiter  Freund  der  Verbündeten  sei.  Der  Imperator  selbst  bewahrte
dem  Könige  immer  eine  wohlverdiente  Dankbarkeit  und  forderte  noch  mehrmals
  während  dieses  Winters  die  Warschauer  Krone  für  Friedrich  August
zurück,  weil  es  wider  seine  Ehre  gehe  den  treuen  Verbündeten  zu  verlassen.
  Der  Wettiner  hatte  von  Napoleon's  Siegen  die  Vergrößerung
Sachsens  erhofft  und  mußte  mithin  auch  die  Folgen  der  französischen
Niederlagen  über  sich  ergehen  lassen.  Sein  Land  war  in  gerechtem  Kriege
bis  auf  das  letzte  Dorf  erobert  und  unterlag  nach  Völkerrecht  allein  der
Verfügung  der  Sieger.  Der  wider  den  Befehl  des  Königs  erfolgte,  politisch
  und  militärisch  gleich  wirkungslose  Uebertritt  eines  Theiles  der  sächsischen
  Armee  konnte  an  solchen  Thatsachen  nichts  ändern.  Nach  der
        <pb n="543" />
        Preußens  Gebietsforderungen.  533

Gefangennahme  Friedrich  August's  begrüßte  Hardenberg  triumphirend  seinen
königlichen  Herrn  als  König  von  Sachsen  und  Großherzog  von  Posen.

Durch  die  Eroberung  Sachsens  war  die  naturgemäße  Entschädigung
für  Preußen  gefunden.  Der  preußische  Staat  erhielt  durch  diese  Erwer—
bung  das  Mittel  sich  mit  Rußland  über  die  polnische  Frage  ganz  zu
verständigen;  er  gewann  eine  wohlgesicherte  Südgrenze,  die  um  so  unent—
behrlicher  schien,  da  sein  Gebiet  gegen  Osten  hin  offen  blieb,  und  eine
deutsche  Provinz,  die  durch  Stammesart  und  Bildung,  durch  das  kirch—
liche  Bekenntniß  wie  durch  die  Interessen  des  Verkehres  mit  den  nordi—
schen  Nachbarlanden  eng  verbunden  war.  Für  das  Gedeihen  des  künf—
tigen  Deutschen  Bundes  war  die  Entfernung  eines  Fürstenhauses,  das  fast
in  allen  Krisen  unserer  neueren  Geschichte  schwer  an  dem  großen  Vaterlande
  gefrevelt  hatte,  ein  unzweifelhafter  Segen.  Da  man  leider  nicht
alle  Könige  von  Napoleon's  Gnaden  nach  Verdienst  behandeln  konnte,  so
blieb  es  doch  nothwendig  mindestens  an  einem  Rheinbundsfürsten  eine
wohlthätige  Züchtigung  zu  vollstrecken;  wie  heilsam  ein  solches  Beispiel
auf  die  Gemüther  des  deutschen  hohen  Adels  wirken  mußte,  ist  durch  die
Erfahrungen  des  Jahres  1866  überzeugend  erwiesen.  Aber  alle  die  guten
Gründe,  welche  der  preußisch-deutschen  Politik  die  Einverleibung  Sachsens
empfahlen,  konnten  dem  Wiener  Hofe  nur  als  dringende  Warnungen
erscheinen.

Der  Gegensatz  der  Interessen  der  beiden  Großmächte  trat  gerade  in
der  sächsischen  Frage  mit  so  schneidender  Schärfe  hervor,  daß  nur  Hardenberg's
  Vertrauensseligkeit  sich  darüber  zu  täuschen  vermochte.  Gneisenau's
Scharfsinn  war  über  die  einfache  Wahrheit  keinen  Augenblick  zweifelhaft.
Die  Hofburg  mußte  wünschen  die  norddeutsche  Großmacht  möglichst  weit
in  den  Osten  zu  schieben.  Sie  durfte  nicht  dem  Staate,  der  schon  durch
die  vorspringende  Gebirgsfeste  der  Grafschaft  Glatz  das  östliche  Böhmen
bedrohte,  auch  noch  die  Pässe  des  Erzgebirges  ausliefern;  sie  konnte  noch
weniger  ein  katholisches,  dem  kaiserlichen  Hofe  nahe  verwandtes  Fürstenhaus
  preisgeben,  das  von  jeher  ein  brauchbares  Werkzeug  gegen  Preußen
gewesen.  Und  wie  sollte  sie  die  Entthronung  eines  napoleonischen  Satrapen
  billigen,  da  sie  sich  ja  aus  den  Mittelstaaten  eine  ergebene  österreichische
  Partei  bilden  wollte?  Am  29.  October  schrieb  Gentz  schwer  besorgt
  an  Metternich:  „die  täglich  mehr  am's  Licht  tretenden  ländersüchtigen
Projecte  der  Preußen  werden  uns  dereinst  mehr  zu  schaffen  machen  als
die  Hauptverhandlung  mit  Napoleon  selbst.“  Radetzky  aber  sagte  zu
Frankfurt  in  einer  vertraulichen  Denkschrift:  es  sei  dringend  zu  wünschen,
daß  die  Preußen,  „wie  sie  sich  jetzt  zeigen,“  beim  einstigen  Frieden  möglichst
  wenig  Truppen  übrig  behielten.

Noch  schien  es  nicht  an  der  Zeit,  solche  Gesinnungen  offen  auszusprechen.
  Zu  laut  erklang  noch  selbst  im  sächsischen  Volke  der  allgemeine
Unwille  wider  die  Sünden  des  albertinischen  Hofes;  sogar  der  Welfe
        <pb n="544" />
        534  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Münster  meinte  noch,  man  müsse  Friedrich  August  nicht  achten  sondern
ächten.  Wer  den  hinterhaltigen  Biedersinn  des  österreichischen  Monarchen
durchschaute,  konnte  freilich  die  Herzenswünsche  der  Lothringer  leicht  errathen;
  Kaiser  Franz  forderte  nämlich,  der  gefangene  König  solle  nach
Prag  übersiedeln,  seine  Truppen  dem  österreichischen  Heere  angeschlossen
werden.  Preußen  und  Rußland  erwirkten  jedoch,  daß  Friedrich  August
nach  Berlin  abgeführt  und  Sachsen  vorläufig  einem  russischen  Gouverneur
  untergeordnet  wurde.  Die  Einsetzung  einer  preußischen  Verwaltung,
welche  den  Uebergang  zur  Einverleibung  vermittelt  hätte,  blieb  vorderhand
  unmöglich,  da  man  ohne  Oesterreichs  Zustimmung  nicht  über  die
gemeinsame  Eroberung  verfügen  durfte.  Die  Mitglieder  des  sächsischen
Königshauses  hielten  unter  dem  Schutze  der  französischen  Waffen  in  dem
belagerten  Dresden  aus;  sobald  die  Hauptstadt  capitulirte,  bot  Kaiser
Franz  seinen  Verwandten  Wohnsitze  in  Oesterreich  an.  Prinz  Anton,
des  Kaisers  Schwager,  begann  von  Prag  aus  eine  emsige  geheime  Thätigkeit
  zur  Rettung  seines  gefangenen  Bruders;  die  Umgebung  Friedrich
August's  setzte  von  vornherein  ihre  besten  Hoffnungen  auf  Oesterreichs
Gunst.

Der  Staatskanzler  bemerkte  nichts  von  alledem.  Er  theilte,  während
des  Aufenthaltes  der  Monarchen  in  Freiburg,  dem  österreichischen  Minister
seine  sächsischen  Pläne  vertrauensvoll  mit  und  nahm,  da  der  verschlagene
Oesterreicher  bei  einem  freundschaftlichen  Diner  ihm  einige  süße  Worte
erwiderte,  leichten  Sinnes  als  sicher  an,  daß  Metternich  den  preußischen
Absichten  zustimme.“")  Dort  im  Breisgau  wurde  der  alte  Landesvater
Kaiser  Franz  mit  überströmender  Freude  empfangen.  War  doch  dies  Vorderösterreich
  immer  eine  der  bestverwalteten  Provinzen  des  Kaiserhauses
gewesen.  Das  Volk  sehnte  sich  zurück  nach  dem  schlaffen,  bequemen  Regimente,
  der  mächtige  katholische  Adel  grollte  der  bürgerlich  aufgeklärten
badischen  Bureaukratie  und  konnte  den  Verlust  seiner  alten  landständischen
  Verfassung  nicht  verschmerzen.  Der  Kaiser  begegnete  in  der  lieblichen
  Dreisamstadt  überall  altösterreichischen  Erinnerungen:  dort  lag  die
Dauphinenstraße,  die  einst  den  Brautzug  Marie  Antoinettens  gesehen,  da
das  Denkmal  am  Martinsthore,  das  von  den  Kämpfen  der  Breisgauer
Freiwilligen  in  den  neunziger  Jahren  erzählte,  hier  das  schöne  alte  Kaufhaus
  mit  den  Standbildern  der  Habsburger,  das  der  Stadtrath  zur  Erinnerung
  an  den  kaiserlichen  Besuch  wiederherzustellen  beschloß.  Zahlreiche
Breisgauer  meldeten  sich,  den  badischen  Dienst  verschmähend,  zum  Eintritt
in  das  österreichische  Heer;  wiederholt  ward  der  Kaiser  in  vertraulichen
Unterredungen  beschworen  seine  Kinder  wieder  an  sein  Vaterherz  zu  nehmen,
  ja  bereits  war  der  Stempel  fertig  für  eine  Denkmünze,  welche  die
Wiedervereinigung  verherrlichen  sollte.  Kaiser  Franz  zeigte  sich  den  Wün- 



*)  Hardenberg's  Tagebuch,  8.  Januar  1814.
        <pb n="545" />
        Verhandlungen  in  Freiburg  und  Basel.  535

schen  seiner  Getreuen  keineswegs  abgeneigt,  aber  Metternich  blieb  stand—
haft  bei  dem  Systeme  seiner  Arrondirungspolitik.  Er  wollte  die  rhein—
bündischen  Höfe  nicht  reizen,  und  obwohl  das  Karlsruher  Cabinet  noch
zwei  Jahre  lang  durch  die  österreichische  Gesinnung  des  Breisgaues  leb—
haft  beunruhigt  wurde,  so  hat  doch  die  Hofburg  niemals  während  dieser
ganzen  Zeit  auch  nur  versucht  mit  Baden  wegen  des  Rückfalls  der  vorder—
österreichischen  Lande  zu  verhandeln.  Hardenberg  sah  mit  Kummer,  daß
Oesterreich  selber  für  die  süddeutsche  Machtstellung,  welche  er  ihm  zu—
dachte,  gar  keine  Neigung  offenbarte.

Nachdem  die  Schwankungen  jener  Frankfurter  Tage  überwunden
waren,  stellte  sich  rasch  das  natürliche  Verhältniß  der  Parteien  unter  den
Verbündeten  wieder  her.  Preußen  und  Rußland  forderten  eine  entschlos—
sene  Kriegführung,  Oesterreich  und  England  wichen  der  Entscheidung
ängstlich  aus.  Die  Spannung  im  großen  Hauptquartiere  nahm  bedenk—
lich  zu.  Ueberall  stießen  die  beiden  Parteien  feindlich  auf  einander.  In
der  Schweiz  versuchte  Metternich  durch  den  Grafen  Senfft  der  Berner
Aristokratie  wieder  ihre  alte  Vollgewalt  sowie  die  Herrschaft  über  den
Aargau  und  das  Waadtland  zu  verschaffen.  Czar  Alexander  dagegen
spielte  den  Gönner  der  liberalen  Ideen,  unterstützte  die  Landsleute  seines
waadtländischen  Lehrers  Laharpe  und  erreichte,  mit  Preußen  vereint,  daß
die  Unabhängigkeit  der  neuen  Cantone  anerkannt  und  also  doch  etwas
von  den  berechtigten  Neubildungen  der  jüngsten  Jahre  in  das  Zeitalter
der  Restauration  hinübergerettet  wurde.

Der  langsame  Marsch  gewährte  den  preußischen  Staatsmännern
genügende  Muße  um  über  die  Friedensbedingungen  zu  berathschlagen.  Zu
Freiburg  stellte  Knesebeck  in  einer  Denkschrift  die  Forderungen  zusammen,
die  ihm,  Angesichts  der  Stimmungen  der  Hofburg,  noch  erreichbar  schienen.
Während  im  schlesischen  Hauptquartiere  bereits  das  Verlangen  nach  der
Rückerwerbung  der  deutschen  Thermopylen,  der  Vogesen  erhoben  wurde,
hielten  sich  die  österreichischen  Diplomaten  streng  an  das  Manifest  vom
1.  December,  das  ihnen  schon  allzu  kühn  vorkam.  Knesebeck  meinte  also:
„da  man  einmal  hingesprochen  hat,  daß  Frankreich  größer  als  unter  den
Königen  sein,  der  Rhein  einen  Theil  seiner  Grenze  ausmachen  soll,  so
bleibe  der  Rhein  Grenze  von  Basel  bis  Landau.““")  Nur  Straßburg
hoffte  er  als  eine  freie  Stadt  für  Deutschland  zurückzugewinnen.  Für
Preußen  forderte  er:  Sachsen,  Westphalen,  Berg,  das  linke  Rheinufer
und  vor  allem  das  gesammte  polnische  Land  bis  zum  Narew.  Die  fixen
Ideen  der  Russenfurcht  ließen  den  pedantischen  Mann  nicht  schlafen.

Hardenberg  aber  wollte  sich  zunächst  über  Rußlands  Absichten  Klar—
heit  verschaffen.  Daher  bat  er  in  Freiburg  und  nachher  in  Basel,  wie  es
sein  König  schon  oft  gethan,  den  Czaren  dringend  um  die  bündige  Er—

 

*)  Knesebeck's  Denkschrift  über  die  Reconstruction  Preußens,  7.  Januar  1814.
        <pb n="546" />
        536  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

klärung,  wie  viel  polnisches  Land  Rußland  für  sich  verlange.  Erst  als
Alexander  abermals  jede  bestimmte  Antwort  vor  dem  Friedensschlusse  verweigerte,
  ging  Preußen  auf  eigene  Faust  vor.  Der  Staatskanzler  entwarf
  eine  genaue  Berechnung  der  für  Preußen  nothwendigen  Entschädigungen
  und  übergab  diese  Denkschrift,  während  des  Aufenthalts  zu
Basel  im  Januar  1814,  dem  österreichischen  Hofe.  Sie  forderte  ganz
Sachsen,  Vorpommern,  die  Rheinlande  von  Mainz  bis  zur  niederländischen
  Grenze,  sowie  Polen  bis  zur  Warthe;  die  Einwohnerzahl  der  Monarchie
  war  auf  10—11  Millionen  berechnet.  Als  einzige  Antwort  erhielt
  Hardenberg  ein  französisches  Billet  des  Grafen  Stadion.)  Im
Tone  vertraulicher  Freundschaft,  mit  der  wohlbekannten  k.  k.  Gemüthlichkeit
  bemerkt  der  Oesterreicher,  die  preußischen  Zahlen  seien  doch  gar  zu
hoch,  über  zehn  Millionen  dürfe  man  nicht  hinausgehen.  Dann  wagt  er
eine  schüchterne  „Bemerkung  zu  Gunsten  des  unglücklichen  sächsischen  Kurhauses,
  dessen  gänzliche  Vertreibung  aus  Deutschland  mir  allzusehr  das
Gefühl  der  politischen  Moral  zu  verletzen  scheint.“  Er  deutet  an,  Preußen
  könne  sich  wohl  mit  der  Lausitz  und  dem  rechten  Elbufer  begnügen
und  schließt  harmlos:  „Ew.  Excellenz  werden  mir  diese  Betrachtungen
eines  Biedermannes  verzeihen;  ich  erlaube  mir  dergleichen  zuweilen  in
der  Politik.“  Hardenberg  antwortete  sogleich:*)  „Von  Allem  was  Sachsen
  widerfahren  könnte,  wäre  die  Theilung  des  Landes  ohne  Zweifel  das
Schlimmste.“  Er  hielt  seine  Forderungen  entschieden  aufrecht,  verwies
zum  Schluß  auf  die  soeben  eingetroffene  Meldung  von  der  Erstürmung
Wittenbergs  und  auf  alle  die  anderen  Rechtstitel,  welche  sich  Preußen
durch  seine  kriegerischen  Leistungen  erworben  habe.  Damit  hatte  der
Schriftwechsel  ein  Ende;  Metternich  weigerte  sich,  vor  dem  Frieden  irgend
welche  Zusage  zu  geben.

Bei  einiger  Wachsamkeit  konnte  der  Staatskanzler  sich  über  die  Beweggründe
  der  Stadion'schen  „Biedermanns-Betrachtungen“  nicht  täuschen.
Eben  in  jenen  Tagen  erhielt  er  die  sichere  Nachricht,  daß  derselbe  Mann,
der  das  Vertrauen  des  Kaisers  Franz  besaß  und  die  Operationspläne
des  großen  Hauptquartiers  entwarf,  der  Sachse  Langenau,  mit  den  sächsischen
  Royalisten  insgeheim  in  Verbindung  stand.  Metternich,  wegen
dieser  Umtriebe  zur  Rede  gestellt,  gab  sogleich  eine  beschwichtigende  Zusage.
Trotz  aller  solcher  Anzeichen  wollte  Hardenberg  seinen  Glauben  an  Oesterreichs
  treue  Freundschaft  nicht  aufgeben.

Auch  eine  andere  theure  Hoffnung  des  Vertrauensvollen  erwies  sich
als  sehr  unsicher.  Bernadotte  hatte  seinen  dänischen  Krieg  beendigt  und  im
Kieler  Frieden  den  Besiegten  die  Abtretung  von  Norwegen  abgezwungen
(14.  Januar  1814);  zur  Entschädigung  wurde  dasselbe  Schwedisch-Pommern,

 

*)  Stadion  an  Hardenberg,  Basel,  21.  Januar  1814.
*5#)  Hardenberg  an  Stadion,  21.  Januar  1814.
        <pb n="547" />
        Blücher  über  den  Rhein.  537

das  der  Kronprinz  im  letzten  Sommer  dem  preußischen  Staatskanzler  zugesagt
  hatte,  an  Dänemark  abgetreten.  Hardenberg  erging  sich  in  bitteren
Anklagen  gegen  die  Treulosigkeit  des  Bearners  und  nahm  sich  fest  vor,
diesen  Streich  unter  keinen  Umständen  zu  ertragen.  Zu  seiner  Genugthuung
  erhielt  er  bald  darauf  eine  Zuschrift  von  dem  ersten  Grundherrn
Schwedisch-Pommerns,  dem  Fürsten  Putbus,  der  sich  im  Namen  seiner
Landsleute  feierlich  gegen  die  Abtretung  an  Dänemark  verwahrte.))  Jedoch
das  Alles  lag  noch  in  weitem  Felde.  Als  der  Krieg  von  Neuem  anhob,
war  Preußen  wohl  des  Sieges  sicher,  doch  nicht  des  Siegespreises.

 

In  der  Neujahrsnacht  von  1814  saßen  zu  Caub  am  Rhein  die  Offiziere
  des  schlesischen  Hauptquartiers  beim  vollen  Römer  und  gedachten
in  froh  bewegtem  Gespräche  des  großen  Wandels  der  Zeiten.  Vor  einem
Jahre  gerade  hatte  York  noch  jenseits  der  deutschen  Ostgrenze  jenen  Vertrag
  geschlossen,  der  den  Preußen  den  Anbruch  des  Entscheidungskampfes
ankündigte;  heute  stand  Blücher  mit  Yorks  siegreichen  Truppen  vor  den
Thoren  der  deutschen  Westmark,  an  der  nämlichen  Stelle,  wo  er  vor
zwanzig  Jahren  den  ersten  Krieg  um  die  Befreiung  der  linksrheinischen
Lande  eröffnet  hatte.  Mittlerweile  schlugen  die  Russen  draußen  bei  scharfem
  Froste  eine  Schiffbrücke  hinüber  nach  der  kleinen  Insel,  die  das  graue
Gemäuer  der  alten  Pfalz  trägt;  dort  bestieg  Graf  Brandenburg  mit  den
brandenburgischen  Füsilieren  in  tiefer  Stille  die  Kähne,  und  um  Mitternacht
  erklang  am  linken  Ufer  der  donnernde  Hurrahruf  der  Landenden.
Die  Glücklichen  hatten  das  anbefohlene  Schweigen  doch  nicht  bewahren
können;  der  Jubel  mußte  heraus,  zu  herrlich  war  die  Stunde,  die  der
Sehnsucht  so  vieler  arger  Jahre  die  Erfüllung  brachte.  Am  nächsten
Tage  feierte  drüben  die  fröhliche  Pfalz  ihr  lustiges  Neujahrsfest:  Musik
und  Gesang  und  Freudenrufe  überall,  wo  die  Preußen  einzogen;  die
treuen  Protestanten  auf  dem  Hunsrücken  waren  allzeit  gut  deutsch  geblieben
  und  begrüßten  ihre  Befreier  mit  wärmerem  Danke  als  ihre  Nachbarn
  in  den  Krummstabslanden.  Gleichzeitig  zog  General  St.  Priest  mit
seinen  Russen  in  Coblenz  ein,  und  als  er  neben  der  Castorkirche  den
neuen  Brunnen  sah  mit  der  prahlerischen  Inschrift  zu  Ehren  der  Einnahme
  von  Moskau,  ließ  er  vergnüglich  sein  „Gesehen  und  genehmigt“
darunter  schreiben.

Ohne  ernsten  Widerstand  zu  finden  marschirte  das  schlesische  Heer
durch  Lothringen.  Die  mit  Rekruten  schwach  bemannten  Festungen  konnten,
wie  Gneisenau  vorausgesagt,  den  Verbündeten  nicht  gefährlich  werden;
und  bald  zog  das  große  Publicum  aus  den  außerordentlichen  Erfahrungen
dieses  Feldzuges  den  übereilten  Schluß,  die  Zeit  der  Festungen  sei  vor- 



*)  Eingabe  des  Fürsten  Malte  zu  Putbus,  Januar  1814.
        <pb n="548" />
        538  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

über.  In  Nanchy  feierte  Blücher  zu  seiner  lebhaften  Genugthuung  das
preußische  Krönungsfest,  in  derselben  Stadt,  die  zwei  Jahre  lang  seine
unglücklichen  kriegsgefangenen  Kameraden  beherbergt  hatte.  Dann  wendete
  er  sich  in  kühner  Schwenkung  südwestwärts,  überschritt  die  Marne
und  langte  in  den  letzten  Tagen  des  Januars  bei  Brienne  an  der  Aube
an.  So  schob  er  sein  Heer  mitten  hinein  zwischen  den  von  Chalons
heranrückenden  Imperator  und  die  Große  Armee,  die  nach  einem  Marsche
von  mehr  als  einem  Monat  endlich  das  Plateau  von  Langres  erreicht
hatte.  Der  alte  Held  hoffte  den  zaudernden  Schwarzenberg  mit  sich  zum
gewissen  Siege  fortzureißen.

Im  großen  Hauptquartier  zu  Langres  herrschte  wieder  Zwietracht  und
Rathlosigkeit.  Die  wundersame  Hochebene,  von  deren  Besitznahme  Langenau
  die  Entscheidung  des  Krieges  erwartet  hatte,  war  glücklich  erreicht,
die  Festung  Langres  selber  hatte  fast  ohne  Widerstand  ihre  Thore  geöffnet
und  doch  war  mit  Alledem  gar  nichts  gewonnen.  Die  Thorheit  dieser
gegen  Berge  und  Flüsse  gerichteten  Kriegführung  drängte  sich  jedem  unbefangenen
  Kopfe  auf.  Nur  um  so  zäher  hielten  die  gelehrten  Strategen
an  ihren  Principien  fest;  nach  ihrer  Meinung  war  durch  den  Zug  vom
Rhein  bis  Langres  „die  zweite  Campagne“  beendigt,  und  nun  galt  es
erst  zu  erwägen,  ob  eine  dritte  Campagne  noch  nöthig  sei.  Knesebeck  erklärte
  die  Wasserscheide  von  Langres  für  den  Rubicon,  der  nicht  überschritten
  werden  dürfe.  General  Duca  empfahl,  durch  die  Belagerung
von  Mainz  einen  methodischen  Festungskrieg  zu  eröffnen.  Schwarzenberg
bemerkte  verächtlich,  mit  welcher  kindischen  Wuth  Blücher  und  Gneisenau,
alle  Regeln  der  Kriegskunst  verachtend,  nach  Paris  drängten;  er  fand
diese  preußischen  Köpfe  „zu  klein  für  ein  so  großes  Ereigniß“:  sie  verfolgten
ja  doch  nur  den  Zweck  sich's  wohl  sein  zu  lassen  in  den  Restaurants
des  Palais  Royal!  Ueber  Alexander's  Kriegseifer  urtheilte  er,  ganz  im
Sinne  seines  Hofes:  „nicht  Gründe,  sondern  Lüsternheit  leiten  Alexander's
Schritte;“"  denn  jeder  neue  Sieg  konnte  nur  noch  die  Machterweiterung
Rußlands  und  die  Wiederherstellung  Preußens  sichern.  Die  zärtlichen
Briefe,  worin  Marie  Luise  das  Herz  ihres  Vaters  bestürmte,  richteten
freilich  bei  der  Gemüthlosigkeit  des  Kaisers  Franz  nichts  aus;  jedoch  sah
er  mit  steigendem  Unmuthe,  daß  er  die  Kräfte  seines  Staates  und  seine
eigene  Bequemlichkeit  für  fremde  Zwecke  opfern  sollte.  Die  Wiederherstellung
  der  getreuen  geistlichen  Kurfürsten  war  doch  unmöglich;  wie  durfte
man  ihm  zumuthen,  das  linke  Rheinufer  für  Preußen  zu  erobern?  Er
verlangte  Frieden,  schleunigen  Abschluß  mit  Anerkennung  jener  „natürlichen
Grenzen"“,  welche  Metternich  ja  schon  in  Frankfurt  zugestanden  hatte.  Seine
Unlust  an  dem  Kriege  steigerte  sich  bis  zum  Abschen,  seit  er  erfuhr,  daß
Alexander  auf  Napoleon's  Absetzung  hinarbeitete.  Denn  der  Sturz  des
Schwiegersohnes  war  nicht  nur  an  sich  gegen  das  Interesse  des  Hauses
Oesterreich;  es  stand  auch  zu  befürchten,  daß  der  Czar  auf  die  neue  Re-
        <pb n="549" />
        Das  Hauptauartier  in  Langres.  539

gierung  Frankreichs  —  wer  immer  die  Erbschaft  des  Entthronten  antrat
—  einen  entscheidenden  Einfluß  gewänne.

Manche  der  österreichischen  Staatsmänner  hatten  sich  in  die  Schande
jener  Jahre  so  gemächlich  eingelebt,  daß  ihnen  der  Todfeind  des  alten
Europas  bereits  als  die  Stütze  der  öffentlichen  Ordnung,  seine  Beseitigung
  als  eine  gefährliche  revolutionäre  Gewaltthat  erschien.  Derselbe  Gentz,
der  vor  neun  Jahren  vor  der  Anerkennung  des  napoleonischen  Kaiserthums
  gewarnt  hatte,  schrieb  nun  in  schlotternder  Angst:  gestatte  man  den
Franzosen  die  Berufung  eines  anderen  Herrschers,  so  werde  „der  Grundsatz
  anerkannt,  den  man  in  unseren  Zeiten  ohne  Zittern  kaum  aussprechen
kann,  daß  es  von  der  Nation  abhänge,  ob  sie  den  wirklich  regierenden
Souverän  toleriren  will  oder  nicht.  Dies  Princip  der  Volkssouveränität
ist  ganz  eigentlich  der  Angel,  um  welchen  alle  revolutionären  Systeme  sich
drehen.“  Der  Leidenschaftliche  fand  jetzt  kaum  Worte  genug,  um  seine
Verehrung  für  die  stabile  Friedenspolitik  des  Hauses  Oesterreich,  seinen
Renegatenhaß  gegen  das  unruhige  Preußen,  seine  Angst  vor  Rußland
auszusprechen.  Als  die  „Exaltirten“  des  schlesischen  Hauptquartiers  nachher
  den  Zug  gegen  Paris  durchsetzten,  meinte  er  ingrimmig:  dieser  Marsch
sei  „im  Grunde  wohl  nicht  weniger  gegen  uns  als  gegen  den  Kaiser  Napoleon
  gerichtet".  Nur  eine  Hoffnung  blieb  seinem  bekümmerten  Herzen
bei  dem  Vorwärtsstürmen  der  schlesischen  Jacobiner:  —  daß  der  Imperator
  baldigst  Frieden  schlösse.  „Jeden  anderen  Ausweg  wird  die  mächtige
Partei,  die  uns  halb  schon  zum  Weichen  gebracht  hat,  nicht  bloß  als  einen
Sieg  über  Napoleon,  sondern  als  einen  Sieg  über  uns  feiern.  Daß  die
Coalition,  die  nun  ausgedient  und  mehr  als  ausgedient  hat,  zerfalle,
macht  mir  wenig  Kummer.  Aber  wie  sie  endigen  wird,  kann  uns  nicht
gleichgültig  sein."“

Einer  solchen  Gesinnung  mußte  freilich  die  französische  Hauptstadt,
die  so  dicht  vor  den  Füßen  des  Eroberers  lag,  ganz  uneinnehmbar  erscheinen.
  Metternich  selbst  dachte  nicht  so  napoleonisch  wie  sein  Gentz.
Aber  er  fürchtete  „die  Arndt,  die  Jahn“  und  alle  die  anderen  preußischen
Mordbrenner,  welche  die  Hauptstadt  mit  Verwüstung  bedrohten;  er  fürchtete
  die  revolutionären  Träume  des  Czaren,  der  bereits  vorschlug  die  französische
  Nation  zur  Einsetzung  der  neuen  Regierung  aufzurufen;  er
fürchtete  zu  allermeist  Rußlands  polnische  Pläne.  Hieß  es  doch  schon,
Alexander  denke  das  Elsaß  an  Oesterreich  zu  geben  und  dann  Galizien
für  sich  zu  fordern.  Die  Gewandtheit  des  österreichischen  Ministers  brachte
bald  fast  die  sämmtlichen  Diplomaten  des  Hauptquartiers  auf  seine  Seite.
Alle  englischen  Staatsmänner,  Castlereagh,  Stewart,  Cathcart,  Aberdeen
bewunderten  die  weise  Mäßigung  Metternich's,  wenn  er,  der  bald  nachher
das  Banner  des  Interventionsprincips  erheben  sollte,  jetzt  dem  Czaren
beweglich  vorhielt:  die  Ehrfurcht,  die  man  allen  rein  nationalen  Angelegenheiten
  schulde,  verbiete  die  Entthronung  Napoleon's.  Aberdeen  fand
        <pb n="550" />
        540  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

es  geradezu  unwürdig  hinauszugehen  über  die  Frankfurter  Bedingungen,
welche  Napoleon  doch  selbst  verworfen  hatte.  Mehr  und  mehr  befestigte
sich  das  englische  Cabinet  in  dem  Glauben,  die  Demüthigung  Rußlands  sei
die  nächste  Aufgabe  der  britischen  Politik.  Metternich  aber  verstand,  den
Verzicht  auf  Belgien,  der  in  der  Hofburg  von  Haus  aus  beschlossene
Sache  war,  geschickt  so  darzustellen,  als  ob  Oesterreich  dem  theueren  englischen
  Freunde  ein  schweres  Opfer  brächte,  und  gewann  sich  dadurch
das  volle  Vertrauen  der  Briten.  Wie  hätten  solche  Köpfe  vollends  die
Biedermannsmaske  des  guten  Kaisers  Franz  durchschauen  sollen?  Ganz
hingerissen  schrieb  Castlereagh  über  diesen  reinen  Charakter,  der  über  alle
Verstellung  hoch  erhaben  sei.  Auch  Nesselrode  neigte  sich  der  Friedenspartei
  zu;  Hardenberg  klagte  über  Stein's  Intriguen  und  gab  sich  der  bestrickenden
  Liebenswürdigkeit  des  Oesterreichers  mit  einem  arglosen  Vertrauen
  hin,  das  auch  durch  die  härtesten  Enttäuschungen  nicht  belehrt
wurde.  Die  Coalition  war  nahe  daran,  bevor  noch  eine  Schlacht  auf  französischem
  Boden  gewagt  worden,  den  Frieden  auf  die  Frankfurter  Bedingungen
  hin  abzuschließen.  Und  dies  unter  den  denkbar  günstigsten  militärischen
  Aussichten,  während  man  nur  acht  Märsche  von  Paris  entfernt  stand!

Das  Heer  Schwarzenberg's  zählte  190,000,  das  Blücher's  83,000
Mann  —  eine  erdrückende  Uebermacht,  obgleich  die  Heerhaufen  von  Genf
bis  zur  Mosel  verzettelt  waren.  Napoleon  war  zwar  nicht  mehr,  wie  er
im  November  selbst  gestanden,  zu  jedem  kriegerischen  Unternehmen  unfähig,
sondern  hatte,  Dank  dem  Zaudern  der  Alliirten,  eine  neue  Feldarmee
gebildet,  aber  nur  70,000  Mann,  meistentheils  ungeschulte  muthlose
Rekruten,  während  die  Truppen  der  Verbündeten  aus  krieggewohnten,
siegesfrohen  Soldaten  bestanden.  Der  Schimpf  eines  Friedensschlusses
in  solcher  Lage  wurde  durch  die  Monarchen  von  Rußland  und  Preußen,
mit  Stein's  Hilfe,  abgewendet.  Alexander  drohte  den  Feldzug  nöthigenfalls
  allein  fortzuführen,  und  da  der  König  erklärte,  daß  er  sich  von
seinem  Freunde  nicht  trennen  werde,  so  gab  Oesterreich  zur  Hälfte  nach
und  man  einigte  sich  über  ein  Compromiß:  der  Krieg  sollte  fortgesetzt,
aber  gleichzeitig  eine  große  Friedensunterhandlung  in  Chatillon  eröffnet
werden.  Von  der  Absetzung  Napoleon's,  überhaupt  von  Frankreichs  inneren
  Verhältnissen  sah  man  vorläufig  ab.  Auch  über  die  Entschädigungsansprüche
  der  einzelnen  Mächte  sollte  erst  nach  dem  Kriege  verhandelt
werden;  dies  verlangte  Alexander  nicht  bloß,  weil  er  seine  polnischen  Pläne
nicht  aufdecken  wollte,  sondern  auch  weil  die  Coalition  in  der  That  schon
auf  zu  schwachen  Füßen  stand  als  daß  sie  die  Erörterung  so  peinlicher
Fragen  jetzt  noch  hätte  ertragen  können.

Widerwillig  nahm  Metternich  diese  Beschlüsse  an,  widerwillig  führte
Schwarzenberg  sie  aus.  Blücher  hatte  am  29.  Januar  bei  Brienne  mit
geringem  Glücke  ein  Gefecht  gegen  Napoleon  bestanden;  er  brannte  vor  Begier,
  hier  im  Angesichte  des  Schlosses,  wo  der  große  Kriegsfürst  des  Jahr-
        <pb n="551" />
        Schlacht  von  La  Rothieère.  541

hunderts  einst  auf  der  Schule  gewesen,  sein  Examen  abzulegen:  „die
Franzosen  sollen  doch  sehen,  daß  wir  Deutschen  in  der  Kriegskunst  auch
etwas  gelernt  haben!“  Auf  die  dringenden  Vorstellungen  der  preußischen
Generale  gestattete  der  Oberfeldherr  endlich,  daß  Blücher  am  1.  Februar,
verstärkt  durch  zwei  Corps  der  Großen  Armee,  von  den  Höhen  von  Trannes
hinabstieg  und  den  Imperator  in  seiner  weit  ausgedehnten  Aufstellung  bei
La  Rothieère  angriff.  Schwarzenberg  selbst  sah  mit  zwei  Dritteln  der
vereinigten  Armeen  der  Schlacht  unthätig  zu.  Aber  schon  jenes  eine
Drittel  war  den  40,000  Mann,  welche  Napoleon  zur  Stelle  hatte,  weitaus
  überlegen.  Im  Centrum  drang  Sacken  mit  seinen  Russen  bei  wildem
Schneegestöber  gegen  La  Rothiere  vor  und  behauptete  sich  dort  wider  die
kaiserliche  Garde.  Dann  ward  auch  der  rechte  Flügel  der  Franzosen  durch
Wrede  und  den  Kronprinzen  von  Württemberg  geschlagen,  und  obwohl
der  Unglücksmann  Gyulay  wieder,  wie  einst  bei  Leipzig,  gegen  die  Linke
des  Feindes  wenig  ausgerichtet  hatte,  so  war  doch  am  Abend  ein  vollständiger
  Sieg  erfochten.  Ein  großer  Theil  des  französischen  Heeres  floh
in  wüster  Verwirrung;  wurde  der  Sieg  von  der  Uebermacht  der  Verbündeten
  recht  benutzt,  so  konnten  die  Geschlagenen  der  Vernichtung  nicht
entgehen.  Sacken  schrieb  triumphirend:  „An  diesem  denkwürdigen  Tage
hört  Napoleon  auf  ein  gefährlicher  Feind  der  menschlichen  Gesellschaft  zu
sein.“  Zum  ersten  male  hatte  der  Marschall  Vorwärts  in  offener  Feldschlacht
  selbständig  dem  Imperator  gegenüber  gestanden,  zum  ersten  male
seit  Jahrhunderten  war  das  stolze  Frankreich  auf  seinem  eigenen  Boden
in  einer  ernsten  Schlacht  besiegt.  Gewaltig  war  der  Eindruck  bei  Freund
und  Feind.  Napoleon  selber  gab  für  jetzt  das  Spiel  verloren  und  bevollmächtigte
  seinen  Unterhändler  in  Chatillon,  Caulaincourt,  um  jeden  Preis
die  Hauptstadt  zu  retten  und  den  Frieden  abzuschließen;  freilich  sah  er  in  einem
solchen  Vertrage,  wie  er  seinem  Bruder  Joseph  schrieb,  nur  eine  Capitulation
und  nahm  sich  vor  nach  zwei  Jahren  den  Krieg  von  Neuem  zu  beginnen.

Da  bereitete  die  österreichische  Politik  dem  Imperator  nochmals  die
Rettung.  Statt  mit  vereinten  Kräften  die  Geschlagenen  nachdrücklich  zu
verfolgen,  theilte  Schwarzenberg  sein  Heer  —  angeblich,  weil  er  die  gewaltigen
  Massen  nicht  zu  verpflegen  vermochte,  in  Wahrheit  weil  die
Oesterreicher  sich  der  schlesischen  Stürmer  und  Dränger  entledigen  wollten.
Während  die  große  Armee  an  der  Seine  entlang  marschirte  um  den  Hauptstoß
  gegen  den  Feind  zu  führen,  sollte  Blücher  sich  nordostwärts  an  die
Marne  wenden  und  von  da  die  linke  Flanke  Napoleon's  umgehen.  Wohlgemuth
  zog  der  Alte  seines  Weges  über  die  kahle  baumlose  Hochfläche  der
Champagne,  die  im  Norden  von  den  rebenreichen  weißen  Kreidefelsen  des
Marnethals,  im  Süden  von  den  lieblichen  Hügeln  der  Seine  begrenzt
wird.  Der  Wind  pfiff  schneidend  über  das  offene  Land,  der  Regen
strömte  hernieder;  mühselig  wateten  die  Truppen  durch  jene  berüchtigten
Schlammwege  der  Champagne  ponilleuse,  die  bei  den  älteren  Offizieren
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        542  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

noch  vom  Jahre  1792  in  üblem  Andenken  standen.  Nachher  trat  hartes
Frostwetter  ein  und  zwang  die  Soldaten,  die  von  den  Bauern  verlassenen
Häuser  und  Scheunen  anzuzünden,  wenn  sie  sich  nur  irgend  wärmen  wollten
in  dem  holzarmen  Lande.  Ein  Unstern  hatte  die  Armee  gerade  in  den
häßlichsten  Theil  des  schönen  Frankreichs  verschlagen;  die  Preußen  meinten,
neben  diesen  öden  Flächen  erscheine  die  grüne  Ebene  der  Mark  wie  ein
Garten,  sie  spotteten  über  die  höhlenartigen,  unwohnlichen  Häuser  mit  den
gepflasterten  Stuben  und  den  rauchenden  Kaminen.  Doch  ihr  Sinn  blieb
fröhlich;  sie  wußten,  daß  der  sieggewohnte  Alte  sie  geradeswegs  nach  der
Hauptstadt  führte,  zum  glücklichen  Ende  aller  Leiden  und  Kämpfe.

Ein  unbändiges  Selbstgefühl  lebte  in  den  tapferen  Regimentern  des
Bork'schen  Corps;  war  doch  den  Litthauer  Dragonern  in  diesem  ganzen
Kriege  noch  keine  einzige  Attake  fehlgeschlagen.  Wer  sollte  den  Heurichs
des  alten  Isegrimm  etwas  anhaben?  An  diesem  Scherznamen,  den  die
Wälschen  nicht  nachsprechen  konnten,  erkannten  die  York'schen  einander  im
Dunkel  der  Nacht.  Soeben  erst  war  VYork  mit  seinen  Reitern  bei  La
Chaussee  in  die  Marschcolonnen  des  Macdonald'schen  Corps  eingebrochen,
und  die  Soldaten  erzählten  sich  noch  lange,  wie  die  Eisenreiter  der  napoleonischen
  Kürassier=  und  Carabiniersregimenter  dem  Angriffe  der  leichten
  brandenburgischen  Husaren  nicht  hatten  widerstehen  können,  wie  dann
die  Litthauer  und  die  Landwehrreiter  den  gefürchteten  Weißmänteln,  den
polnischen  Lanciers,  der  besten  Reitertruppe  Napoleon's,  die  Standarte
abgenommen  hatten.  Darauf  hatte  York  seinen  alten  Vorgesetzten  Macdonald,
  den  ein  tückisches  Schicksal  immer  wieder  dem  verhaßten  Untergebenen
  in  die  Hände  jagte,  zum  Abzuge  aus  Chalons  gezwungen  und  sich
wieder  mit  dem  schlesischen  Heere  vereinigt.

Die  einzelnen  Corps  der  Armee  zogen  weit  von  einander  getrennt
westwärts.  Gneisenau  hatte  nichts  gethan  um  die  linke  Flanke  zu  sichern;
war  doch  mit  Schwarzenberg  verabredet,  daß  Wittgenstein's  Corps  die
Verbindung  zwischen  den  beiden  Armeen  unterhalten,  den  weiten  Raum
zwischen  dem  rechten  Seineufer  und  der  Marschlinie  der  Schlesier  decken
sollte.  Der  Oberfeldherr  aber  hielt  sein  Versprechen  nicht,  sondern  wendete
  sich  nach  langsamen  Märschen  und  wiederholter  Rast  südwärts  auf
das  linke  Seineufer,  so  daß  zwischen  seinem  und  Blücher's  Heere  eine
weite  Lücke  offen  blieb.  Ein  geheimer  Befehl  seines  Monarchen  zwang
ihn  dann  am  13.  Februar  auf  dem  linken  Ufer  der  Seine  zu  verbleiben,
ein  Befehl,  der  dem  Erfolge  nach  einem  Verrathe  gleich  kam?);  der  gute
Kaiser,  dessen  kindliche  Unschuld  die  britischen  Staatsmänner  bewunderten,
  wollte  verhindern,  daß  ein  Sieg  der  vereinigten  Armeen  die  schwebenden
  Friedensverhandlungen  störe.

 

*)  [Aus  dem  Werke  „Oesterreichs  Theilnahme  an  den  Befreiungskriegen“  (Wien
1887)  S.  810  folg.  scheint  hervorzugehen,  daß  ein  solcher  Befehl  nicht  ergangen  ist.
Vergl.  auch  Delbrück,  Gneisenau  112  67.)
        <pb n="553" />
        Unfälle  des  schlesischen  Heeres.  543

Wie  durch  ein  Wunder  sah  sich  Napoleon  von  dem  sicheren  Untergange
gerettet.  Er  zog  alle  seine  Streitkräfte  sogleich  nach  Sezanne  heran,  in  der
Mitte  zwischen  den  beiden  Heeren  der  Verbündeten,  brach  dann  plötzlich  gegen
die  linke  Flanke  der  überraschten  schlesischen  Armee  vor  und  schlug  ihre  ver—
einzelten  Corps  mit  seiner  gesammelten  Uebermacht  in  einer  Reihe  glänzen—
der  Gefechte  während  der  fünf  Tage  vom  10.  bis  14.  Februar.  Zuerst  zer—
sprengte  er  Olsuwieff's  schwache  Division  bei  Champaubert  und  drängte  sich
also  mitten  in  die  Colonnen  des  schlesischen  Heeres  hinein.  Folgenden  Tags
entging  Sacken's  Corps  bei  Montmirail  dem  Untergange  nur  durch  York's
heroische  Aufopferung;  die  verwegenen  Litthauer  lernten  hier  zum  ersten
male  den  Unbestand  des  Kriegsglücks  kennen.  Am  12.  zogen  sich  die  Tags
zuvor  geschlagenen  Generale  bei  Chateau-Thierry  nach  hitzigem  Gefechte  auf
das  rechte  Ufer  der  Marne  zurück.  Am  13.  hielt  Napoleon  seinen  triumphirenden
  Einzug  in  die  eroberte  Stadt,  um  schon  am  14.  bei  Etoges  und
Vauchamps  dem  letzten  noch  unberührten  Corps  der  schlesischen  Armee,
das  der  Feldmarschall  selber,  noch  ohne  nähere  Kenntniß  von  den  Unfällen
der  letzten  Tage,  heranführte,  einen  unerwarteten  blutigen  Empfang  zu
bereiten.  Auch  diesmal  war  das  Glück  den  Franzosen  günstig.  Während
des  Gefechtes  kam  ein  furchtbarer  Augenblick,  der  leicht  dem  ganzen  Kriege
ein  schmähliches  Ende  bereiten  konnte.  Blücher,  Gneisenau,  Prinz  August,
Kleist,  Grolman,  fast  alle  die  besten  Männer  des  deutschen  Heeres  hielten
eingepreßt  in  einem  Viereck  preußischen  Fußvolks,  von  überlegenen  feindlichen
  Reiterschaaren  rings  umschwärmt.  Blücher  selbst  suchte  den  Tod,
lebendig  sollte  ihn  der  Feind  nicht  fangen.  Grolman  aber  sprach  mit
mächtiger  Stimme  zu  den  Truppen,  die  sichere  Ruhe  der  majestätischen
Heldengestalt  flößte  den  Verzweifelnden  neuen  Muth  ein,  mit  dem  Bajonette
  griffen  sie  die  Reiter  an  und  bahnten  den  Generalen  den  Weg  bis
zu  dem  nahen  schützenden  Walde.  Unerschütterlich  wie  nur  je  in  den
Zeiten  des  Glücks  hatten  die  Regimenter  während  dieser  Tage  der  Prüfung
  stand  gehalten.  Selbst  jener  stumme  hagere  Engländer,  der  immer
mit  demselben  langweiligen,  steifen  Gesichte,  mit  dem  Stocke  die  Luft
durchfuchtelnd,  neben  Gneisenau  einherzutraben  pflegte,  selbst  Hudson
Lowe  fand  kaum  Worte  genug,  um  den  Löwenmuth  dieser  abgerissenen,
halbverhungerten  Helden  zu  preisen.  Aber  wie  ruhmvoll  immer  —  das
beste  Heer  der  Verbündeten  war  geschlagen,  hatte  16,000  Mann  und  an
fünfzig  Kanonen  verloren,  nicht  ohne  die  Schuld  seiner  Führer,  die  doch
die  Zuverlässigkeit  der  österreichischen  Bundesgenossen  kennen  mußten.

Noch  einmal  erhob  sich  strahlend  das  Gestirn  des  Kaiserreichs.  Napoleon
  hatte  mit  seinen  30,000  Mann  einen  fast  zweifach  so  starken  Feind
angegriffen  und  war  doch  überall  auf  dem  Schlachtfelde  mit  Uebermacht
erschienen.  Wieder  wie  in  den  Austerlitzer  Zeiten  wurden  lange  Züge  von
Gefangenen  unter  den  Klängen  der  Feldmusik,  den  Parisern  zur  Augenweide,
  an  der  Vendomesäule  vorübergeführt.  Wieder  wie  damals  jubelten
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        544  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

die  Truppen,  wenn  die  prächtigen  stahlblauen  Ordonnanzoffiziere  des  Kaisers
auf  den  reichgeschirrten  Rossen  mit  den  Tigerschabraken  heransprengten,  um
einen  Befehl  des  Unüberwindlichen  zu  überbringen.  Selbst  die  schwächste
Waffe  der  Franzosen,  die  Reiterei,  konnte  wieder  von  Siegen  erzählen,
da  Schwarzenberg  von  seinen  gewaltigen  Reitermassen  der  schlesischen  Armee
nichts  abgetreten  hatte.  Was  Wunder,  daß  das  Selbstvertrauen  im  Heere
wie  im  Volke  mächtig  anwuchs.  Die  ermüdeten  Massen  hatten  anfangs
mit  scheuem  Staunen  zugeschaut,  wie  die  langen  Züge  hochgewachsener
blonder  Männer  in's  Land  hereinströmten,  da  und  dort  sogar  ihre  Freude
kundgegeben,  wenn  die  Eroberer  die  drückenden  Steuern  des  Kaiserreichs
beseitigten.  Indeß  der  ehrenhafte  patriotische  Stolz  der  Franzosen  zeigte
sich  stärker  als  der  Parteihaß.  Nirgends  fanden  die  Fremden  zuverlässige
Wegweiser  und  Spione,  überall  mußten  die  Reiter  fürchten,  daß  der  Hufschmied
  ihnen  die  Rosse  vernagelte;  die  Frauen  bewahrten  durchweg  eine
würdige  Zurückhaltung,  zeigten  gar  nichts  von  der  gutmüthigen  Schwäche
der  Deutschen.  Als  der  Krieg  sich  in  die  Länge  zog,  schwoll  den  Bauern
der  Kamm;  nach  den  ersten  Siegesnachrichten  folgten  sie  dem  Rufe  ihres
Kaisers,  der  alle  erwachsenen  Franzosen  zum  Kampfe  aufbot,  und  schaarten
sich  zusammen  gegen  den  étranger.  Allerdings  beschränkte  sich  dieser  kleine
Krieg  auf  die  unmittelbare  Nachbarschaft  der  verödeten  Dörfer.  Napoleon
selber  wußte  wohl,  daß  sein  centralisirter  Beamtenstaat  für  einen  Volksaufstand
  großen  Stiles  keinen  Raum  bot;  eine  levée  en  masse,  sagte  er
oft,  ist  eine  Chimäre  in  diesem  Lande,  wo  Adel  und  Geistlichkeit  durch
die  Revolution  und  die  Revolution  durch  mich  zerstört  worden  ist.  Immerhin
  ward  der  Kampf  mit  dem  aufsässigen  Landvolke  den  Eroberern  sehr
beschwerlich;  beide  Theile  verwilderten  in  der  ruhelosen  Fehde.  ·

In  dem  Charakter  der  Franzosen  zeigte  sich  seit  jenen  Tagen  ein
Zug  rauhen  Fremdenhasses,  den  sie  in  den  Jahrhunderten  ihrer  übermüthigen
  Selbstgewißheit  nie  gekannt  hatten,  und  dieser  Haß  traf  am
schärfsten  die  Preußen.  Napoleon  pflegte  in  seinen  Briefen  von  Preußen
gar  nicht  mehr  zu  sprechen;  sein  Stolz  sträubte  sich  zuzugeben,  was  Maret
schon  im  September  1813  dem  Kriegsminister  Clarke  vertraulich  eingestand:
daß  Frankreich  seine  schwersten  Schläge  durch  das  Schwert  dieses  mißachteten
  kleinen  Staates  erlitten  hatte.  Und  doch  wußte  er  so  gut  wie
sein  Volk,  wer  sein  furchtbarster  Gegner  war.  Dem  Pariser  Witze  waren
die  Prussiens:  les  plus  chiens,  noch  gräulicher  als  les  Rustres  und
les  autres  chiens.  Die  Siege  der  Russen,  der  Briten,  der  Oesterreicher
nahm  man  hin  als  Unglücksfälle,  die  der  Preußen  erschienen  wie  ein
Unrecht,  eine  unverschämte  Ueberhebung.  Es  konnte  nicht  fehlen,  daß
solche  Gesinnungen  auf  die  Stimmung  des  preußischen  Heeres  zurückwirkten.
  Jene  Gutmüthigkeit,  die  der  deutsche  Soldat  im  vergangenen  Jahre
trotz  seiner  Erbitterung  bewahrt  hatte,  verlor  sich  mehr  und  mehr.  Die
durch  Schwarzenberg's  Schlaffheit  verschuldete  Verlängerung  des  Krieges
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        Steigende  Erbitterung  des  Krieges.  545

erschütterte  den  sittlichen  Ernst  der  Truppen;  namentlich  die  Landwehr
war  oft  schwer  in  Zucht  zu  halten.  Das  Plündern  wurde  fast  zur  Noth—
wendigkeit,  da  die  Dörfer  allesammt  leer  standen  und  die  räuberischen
Russen  den  preußischen  Kameraden  wenig  übrig  ließen.  In  tiefster  Seele
empört  hielt  York  einmal  seinen  Tapferen  ihre  Zügellosigkeiten  vor  und
zeigte  ihnen  das  Suum  cuique  auf  seinem  Ordenssterne.  Napoleon  ließ
im  Volke  ungeheuerliche  Märchen  von  den  Greueln  der  kinderfressenden
Fremdlinge  verbreiten;  er  betrachtete  die  zunehmende  Verwilderung  des
Krieges  mit  cynischem  Behagen:  um  so  besser,  rief  er  aus,  dann  greift
der  Bauer  zur  Flinte!  Das  Aergste  freilich,  was  preußische  Soldaten
während  dieser  letzten  wilden  Wochen  des  Krieges  verübten,  reichte  nicht
von  fern  an  die  Unthaten  der  Franzosen  in  Deutschland  heran;  und
während  die  napoleonischen  Marschälle  ihrer  Mannschaft  mit  schmählichem
Beispiele  vorangingen,  thaten  die  preußischen  Offiziere  und  Freiwilligen
das  Menschenmögliche  um  die  Roheit  der  Masse  zu  bändigen.  Kein  einziger
  deutscher  General,  der  nicht  mit  reinen  Händen  aus  dem  reichen
Frankreich  zurückkehrte.

Genug,  bei  der  ersten  Gunst  des  Kriegsglücks  flammte  der  alte  Nationalhaß
  wieder  auf  und  die  Friedenswünsche  verflogen.  Mit  vollem
Rechte  fühlte  Napoleon  sich  seines  Thrones  sicher.  Von  innen  heraus
drohte  ihm  keine  Gefahr.  Der  Name  der  Bourbonen  war  überall  verschollen,
  bis  auf  einige  royalistische  Gegenden  des  Südens  und  Westens;
was  über  die  Tage  des  Bastillesturmes  hinauslag,  lebte  nicht  mehr  im
Gedächtniß  dieses  durch  und  durch  modernen  Volkes.  Kam  ja  einmal
die  Rede  auf  das  alte  Königshaus,  so  dachte  der  Bauer  grollend  an  den
Druck  der  Zehnten  und  Frohnden.  Bernadotte  galt  allgemein  als  ein
elender  Landesverräther,  und  wer  sonst  sollte  noch  die  Erbschaft  des  Imperators
  antreten?  Wenn  Napoleon  die  geschlagene  schlesische  Armee
unaufhaltsam  verfolgte,  so  stand  außer  Zweifel,  daß  die  große  Armee
den  Rückzug  zum  Rheine  antrat,  und  dann  war  ein  glorreicher  Friedensschluß
  dem  Kaiserreiche  sicher.  Aber  wie  Schwarzenberg  aus  Furchtsamkeit
die  Früchte  des  Sieges  von  La  Rothiêère  zu  pflücken  versäumt  hatte,  so
unterließ  jetzt  Napoleon  aus  Uebermuth  die  Ausbeutung  seiner  Erfolge.
Die  schlesische  Armee  besteht  nicht  mehr  —  rief  er  frohlockend;  er  meinte
wieder  näher  an  München  als  an  Paris  zu  sein  und  vermaß  sich  bald
nochmals  die  Weichsel  zu  erreichen.  Von  der  sittlichen  Widerstandskraft,  die
in  Blücher's  Hauptquartiere  lebte,  ahnte  er  noch  immer  nichts.  Statt  diese
gefährlichsten  Feinde  bis  zur  Vernichtung  zu  bedrängen,  warf  er  sein  Heer
plötzlich  südwärts  an  die  Seine,  schlug  einige  vereinzelte  Corps  der  großen
Armee,  zwang  den  Kronprinzen  von  Württemberg,  die  steilen  Abhänge  des
Seinethals  bei  Montereau  zu  verlassen  und  bewirkte  in  der  That,  daß
der  erschreckte  Schwarzenberg  mit  seinem  ungeheuren  Heere  an  der  Seine
aufwärts  zurückwich  und  an  Blücher  dringende  Bitten  um  Hilfe  sendete.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  J.  35
        <pb n="556" />
        546  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Der  Alte  aber  und  sein  genialer  Freund  zeigten  sich  nie  größer  als
in  diesen  Tagen  der  Noth.  Freimüthig  gestanden  sie  die  begangenen
Fehler  ein  und  versprachen  Alles  wieder  gut  zu  machen;  sie  wollten  vergessen,
  daß  Schwarzenberg  durch  seinen  Marsch  über  die  Seine  den  Angriff
  Napoleon's  auf  die  Schlesier  verschuldet  und  ihnen  auch  nachher,
als  zwei  Tage  lang  der  Kanonendonner  von  Champaubert  und  Montmirail
  zu  der  großen  Armee  hinüberklang,  jeden  Beistand  verweigert  hatte.
Sie  dachten  nur  an  den  Sieg.  Vier  Tage  nach  dem  Gefechte  von  Etoges
stand  ihr  Heer  wieder  in  guter  Ordnung,  begierig  die  Scharte  auszuwetzen.
  In  Eilmärschen  ging  es  nun  gen  Süden,  und  schon  am  21.  Februar
  vereinigte  sich  Blücher  bei  Mery  an  der  Seine  wieder  mit  der
großen  Armee.  Seine  Soldaten  erwarteten  mit  Zuversicht  einen  Tag
wie  den  von  Leipzig,  eine  Hauptschlacht,  die  mit  einem  Schlage  den  Krieg
beenden  mußte:  stand  man  doch  mit  fast  dreifacher  Uebermacht  dicht  am
Feinde,  150,000  Mann  gegen  60,000.

Mittlerweile  hatte  die  Diplomatie  in  Chatillon  ihre  Friedensverhandlungen
  eröffnet.  Nur  die  Großmächte  waren  dort  vertreten,  denn  mit
dem  Untergange  des  Weltreichs  kehrte  die  aristokratische  Verfassung,  welche
König  Friedrich  der  Staatengesellschaft  gegeben,  sofort  zurück.  Die  Uebermacht
  der  europäischen  Pentarchie  ward  täglich  fühlbarer,  die  Staaten
zweiten  und  dritten  Ranges  bedeuteten  weniger  denn  je,  und  es  war
Hardenberg's  Stolz,  daß  er  seinen  Staat  wieder  in  die  Reihe  jener  leitenden
  Mächte  eingeführt  hatte.  Die  Verbündeten  verlangten  die  Grenzen
von  1792,  einige  Berichtigungen  vorbehalten,  und  stellten  zugleich  die  Bedingung,
  daß  die  Mächte  der  Coalition  allein,  ohne  Zuziehung  Frankreichs,
  über  die  Vertheilung  der  von  Napoleon  und  seinen  Bundesgenossen
abgetretenen  Gebiete  entscheiden  sollten.  Auf  diesem  Satze  bestanden
Preußen  und  Rußland  entschieden;  hart  und  demüthigend  wie  er  für
Frankreich  war,  legte  er  dem  Besiegten  doch  nur  eine  Beschämung  auf,  die
von  der  tief  empörten  öffentlichen  Meinung  in  Deutschland  und  England
stürmisch  gefordert  wurde.  Hardenberg  wünschte  sogar  Frankreich  gänzlich
auszuschließen  von  dem  allgemeinen  Congresse,  der  nach  Abschluß  des
Friedens  zur  endgiltigen  Feststellung  der  neuen  Verhältnisse  Europas  berufen
  werden  sollte.  Er  täuschte  sich  nicht  über  den  tödtlichen  Haß,  den
die  Franzosen  ihrem  kühnsten  Feinde  bewahrten,  und  sah  voraus,  daß
Frankreich  im  Vereine  mit  seinen  alten  Bundesgenossen  auf  dem  Congresse
  ein  hochgefährliches  Ränkespiel  anzetteln  würde.  Auf  eine  so  tiefe
Demüthigung  des  Gegners  wollte  jedoch  Metternich  nicht  eingehen,  und
nur  nach  lebhaftem  Widerstreben  schloß  er  sich  mindestens  der  Forderung
an,  daß  die  Vertheilung  der  Eroberungen  den  Allürten  ausschließlich  zustehen
  solle.  Caulaincourt  trat  anfangs  sehr  versöhnlich  auf,  so  lange
der  Schrecken  von  La  Rothière  noch  nachwirkte.  Am  12.  Februar,  im
Hauptquartier  zu  Troyes  erklärten  sich  Hardenberg,  Metternich  und
        <pb n="557" />
        Congreß  von  Chatillon.  547

Castlereagh  bereit,  dem  Imperator  auf  Grund  jener  Friedensvorschläge
sofort  einen  Waffenstillstand  zu  bewilligen;  nur  Rußland  verlangte  den
Marsch  auf  Paris.

Gleich  beim  Beginne  des  Congresses  von  Chatillon  benutzte  England
die  Geldverlegenheit  seiner  Bundesgenossen  um  einen  Meisterstreich  seiner
Handelspolitik  zu  vollführen.  War  irgend  einer  von  Napoleon's  Plänen
berechtigt  gewesen,  so  doch  sicherlich  sein  Kampf  für  die  Freiheit  der
Meere.  Jenes  Gleichgewicht  der  Mächte,  wornach  die  ermüdete  Welt  ver—
langte,  war  nicht  gesichert,  so  lange  ein  einziger  Staat  auf  allen  Meeren
nach  Willkür  und  Laune  schaltete  und  der  Seekrieg,  zur  Schande  der
Menschheit,  noch  den  Charakter  des  privilegirten  Raubes  trug.  Preußen
und  Rußland  hatten  seit  dem  Bunde  der  bewaffneten  Neutralität  alle—
zeit  die  Grundsätze  eines  menschlichen,  dem  Handel  der  Neutralen  unbe—
schwerlichen  Seerechts  vertreten;  sie  hofften  jetzt  diese  Gedanken  Friedrich's
und  Katharina's  durch  einen  Beschluß  des  gesammten  Europas  anerkannt
zu  sehen.  England  aber  fühlte  sich  dadurch  in  den  Grundfesten  seiner  Macht
bedroht.  Lord  Cathcart  erklärte  rund  heraus:  hätten  wir  je  die  Grundsätze
der  bewaffneten  Neutralität  anerkannt,  so  wäre  der  französische  Handel
nicht  zerstört  worden  und  Napoleon  regierte  noch  heute  über  die  Welt;
niemals  wird  Großbritannien  auf  den  Meeren  ein  anderes  Gesetz  an—
erkennen  als  die  allgemeinen  Regeln  des  „Völkerrechts“.  Wie  die  Dinge
standen,  lagen  andere  Fragen  für  jetzt  den  drei  Festlandsmächten  ungleich
näher;  zudem  bedurften  sie  allesammt  neuer  Geldmittel  für  den  Krieg,
und  der  reiche  Alliirte  war  bereit  abermals  5  Mill.  Pfd.  St.  Subsidien
zu  zahlen.  Daher  setzte  England  schon  in  der  ersten  Sitzung,  am  5.  Fe—
bruar,  durch,  daß  über  die  Angelegenheit  des  Seerechts  nicht  verhandelt
werden  dürfe.  Caulaincourt  widersprach  nicht;  auch  er  hatte  dringendere
Sorgen.  So  ist  es  geschehen,  daß  der  faulste  Fleck  des  modernen  Völker—
rechts  während  der  langen  Friedensverhandlungen  zu  Chatillon,  Paris
und  Wien  gar  nicht  berührt  wurde.  Die  öffentliche  Meinung,  blind  be—
geistert  wie  sie  war  für  das  glorreiche  Albion,  fand  an  alledem  kein  Arg.

Einmal  im  Zuge  suchte  Lord  Castlereagh  sogleich  noch  einen  zweiten
Lieblingsgedanken  der  britischen  Politik  zu  verwirklichen  und  den  Nieder—
landen  eine  genügende  Abrundung  zu  sichern.  Niemand  widersprach,  ob—
gleich  man  doch  soeben  erst  beschlossen  hatte  alle  Entschädigungsforderungen
bis  zum  Friedensschlusse  zu  vertagen;  denn  Niemand  mochte  es  mit  der
großen  Geldmacht  verderben,  und  über  die  europäische  Nothwendigkeit
des  niederländischen  Gesammtstaates  waren  Alle  einig.  Am  15.  Februar  kam
im  Hauptquartiere  zu  Troyes  ein  Vertragsentwurf  zu  Stande,  wornach
die  alte  holländische  Republik  unter  die  erbliche  Herrschaft  des  Hauses
Oranien  gestellt  und  durch  Belgien  sowie  durch  ein  Stück  des  deutschen
Rheinufers  mit  Köln  und  Aachen  vergrößert  werden  sollte.  Auch  Harden—
berg  stimmte  im  Wesentlichen  zu  und  machte  nur  einen  Vorbehalt  zu

357
        <pb n="558" />
        548  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Gunsten  der  deutschen  Nordwestgrenze;  ganz  so  tief  in  rein  deutsches
Land  wollte  er  die  Holländer  doch  nicht  hinübergreifen  lassen.

Unterdessen  waren  die  ersten  Nachrichten  von  Blücher's  Unglücksfällen
im  großen  Hauptquartiere  angelangt.  Es  fehlte  nicht  an  spöttischen  Bemerkungen:
  so  hatte  sich  der  Vorwitz  der  kleinen  Köpfe  des  schlesischen
Heeres  doch  bestraft;  warum  wollten  sie  auch  klüger  sein  als  die  Weisheit
  der  Duca  und  Langenau?  Stärker  als  die  Schadenfreude  war  doch
der  Schrecken.  In  höchster  Angst  verlangte  Metternich  die  schleunige  Beendigung
  des  unglückseligen  Krieges;  es  kam  so  weit,  daß  Oesterreich
geradezu  drohte  sich  von  der  Coalition  loszusagen.“)  Und  im  selben
Maße  wuchs  Napoleon's  Starrsinn.  Alsbald  nach  seinem  ersten  Erfolge
nahm  er  die  an  Caulaincourt  ertheilte  Vollmacht  zurück  und  befahl  dem
Gesandten,  auf  keine  Forderung  der  Alliirten  einzugehen.  Mit  meinen
Gefangenen,  meinte  er  trotzig,  pflege  ich  nicht  zu  unterhandeln.  Die  Coalition
  schien  der  Auflösung  nahe.  Die  hochmüthige  Gönnermiene,  welche
der  Czar  zur  Schau  trug,  verletzte  den  österreichischen  Stolz.  Auch  Hardenberg
  gerieth  in  Unruhe,  als  er  erfuhr,  wie  die  Russen  sich  in  Danzig
häuslich  einrichteten  und  ihre  preußischen  Waffengefährten  kaum  in  die
Stadt  einlassen  wollten.  Nur  ein  großer  Waffenerfolg  konnte  die  verstimmten
  Gemüther  versöhnen.  Schwarzenberg  aber  war  auch  jetzt,  nach
der  Wiedervereinigung  mit  Blücher,  nicht  gewillt  seine  offenbare  Uebermacht
  zu  brauchen;  er  gab  den  Gedanken  einer  Entscheidungsschlacht  wieder
auf  und  befahl,  sicherlich  auf  das  Andringen  der  österreichischen  Diplomaten,
  den  Rückzug  nach  dem  unglückseligen  Plateau  von  Langres.  Heftiger
  denn  je  geriethen  die  beiden  Parteien  aneinander.  Der  König  sagte
nach  seiner  ehrlichen  Art  dem  Oberfeldherrn  die  härtesten  Wahrheiten  in's
Gesicht,  der  Czar  stritt  sich  lebhaft  mit  den  Lords  Aberdeen  und  Castlereagh.


Da  kam  Rettung  durch  die  schlesischen  Helden.  Oberst  Grolman
stellte  seinem  Feldmarschall  vor:  angeschmiedet  an  den  k.  k.  Kriegsrath  gelange
  man  doch  nimmermehr  an's  Ziel;  wie  nun,  wenn  die  schlesische  Armee
sich  abermals  von  dem  Hauptheere  trennte,  nochmals  nordwärts  an  die
Marne  marschirte,  dort  die  Corps  von  Bülow  und  Wintzingerode,  die  aus
Belgien  heranrückten,  an  sich  zöge  und  also  verstärkt  geradeswegs  gegen
Paris  vorginge?  Es  war  als  ob  Scharnhorst  selber  durch  den  Mund
seines  feurigen  Schülers  redete;  so  einfach,  groß  und  kühn  erschien  der
Plan.  Blücher  griff  mit  Freuden  den  glücklichen  Gedanken  auf,  schrieb
sofort  an  den  König  und  den  Czaren,  bat  sie  um  Genehmigung  des  Unternehmens.
  Am  25.  Februar  wurde  zu  Bar  ein  großer  Kriegsrath  ge- 



*)  Hardenberg's  Tagebuch,  15.  Februar  1814.  Castlereagh's  Denkschrift  über  die
Niederlande,  28.  Jan.  1815.
*)  Hardenberg's  Tagebuch,  14.  Februar  1814.
        <pb n="559" />
        Blücher's  zweiter  Marsch  auf  Paris.  549

halten  und  nach  heftigem  Streite  der  Antrag  Blücher's  angenommen.
Jenes  sonderbare  Verhältniß,  das  im  letzten  Sommer  nur  thatsächlich
bestanden  hatte,  erhielt  jetzt  die  amtliche  Anerkennung:  das  kleine  schlesische
Heer  übernahm  den  Hauptstoß  zu  führen,  die  große  Armee  verhielt  sich
abwartend.  Der  Ausgang  des  Feldzugs,  schrieb  Friedrich  Wilhelm  seinem
Feldmarschall,  liegt  von  nun  an  zunächst  in  Ihrer  Hand.

Während  Blücher  seelenfroh,  ohne  erst  die  Erlaubniß  der  Monarchen
abzuwarten  seinen  zweiten  Marsch  gegen  Paris  antrat,  wiederholte  sich
im  großen  Hauptquartiere  tagaus  tagein  das  alte  Spiel.  „Die  Erbitterung
  und  das  Mißtrauen  Oesterreichs  sind  auf  dem  Gipfel“  —  klagte
der  Staatskanzler.“')  Unaufhörlich  ließ  der  Imperator  die  Oesterreicher
durch  geheime  Zuschriften  bearbeiten,  und  Kaiser  Franz  ging  auf  diese
vertragswidrigen  Sonderverhandlungen  mit  verdächtigem  Eifer  ein.  Wollt
Ihr  noch  immer,  so  fragte  Berthier  den  Oberfeldherrn  der  Alliirten,  Euer
reinstes  Blut  vergießen  um  die  übel  berechnete  Rachsucht  Rußlands  und
die  selbstsüchtige  Politik  Englands  zu  befriedigen?  Die  Angst  vor  der
Uebermacht  des  Czaren  lastete  schwer  und  schwerer  auf  dem  Wiener  Cabinette.
  Das  Gleichgewicht  in  Osteuropa  zu  sichern  —  dies  bezeichnete
Gentz  in  seinen  Briefen  an  Karadja  als  die  Hauptaufgabe  der  nächsten
Zukunft;  ein  Friede,  der  den  Franzosen  das  linke  Rheinufer  überlasse,
sei  immer  noch  weniger  traurig  als  der  Sturz  Napoleon's.  Und  was
anders  als  die  Entthronung  des  Schwiegersohnes  konnte  die  Folge  sein
wenn  der  Zug  der  Schlesier  gelang?  Die  Unmöglichkeit  mit  diesem  Manne
einen  ehrlichen  Frieden  zu  schließen  ließ  sich  seit  den  Erfahrungen  von
Chatillon  nicht  mehr  verkennen.  Der  Mensch  muß  herunter!  —  darüber
war  nur  eine  Stimme  in  der  preußischen  Armee.  Und  schon  traten  seine
glücklichen  Erben  auf  den  Schauplatz;  der  Graf  von  Artois  erschien  in
Frankreich,  im  Rücken  der  verbündeten  Heere  und  fand  an  Stein  einen
warmen  Fürsprecher.  Der  deutsche  Staatsmann  wußte  wohl,  welch  ein
Wagniß  es  sei  ein  Herrscherhaus,  das  einer  längst  versunkenen  Zeit  angehörte,
  zurückzuführen.  Der  Czar  haßte  die  steife  Hoffart  der  Bourbonen,
  der  König  liebte  sie  nicht;  unter  den  verbündeten  Monarchen  zeigte
allein  der  welfische  Prinzregent,  als  unbedingter  Anhänger  des  göttlichen
Königsrechts,  lebhaften  Eifer  für  die  alte  Dynastie.  Gleichwohl  gewann
ihre  Sache  täglich  an  Boden,  denn  Niemand  wußte  einen  anderen  Nachfolger
  für  Napoleon  vorzuschlagen.  «

Um  so  ängstlicher  ging  Oesterreich  der  Entscheidung  aus  dem  Wege.
Hatte  man  den  Zug  Blücher's  leider  nicht  verhindern  können,  so  durfte
mindestens  Schwarzenberg  nichts  Entscheidendes  wagen.  Seine  Truppen
fühlten  sich  schon  ganz  niedergeschlagen  von  dem  ewigen  Rückzuge  und
den  ziellosen  Hin=  und  Hermärschen.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Decembers

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  27.  Februar  1814.
        <pb n="560" />
        550  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

waren  die  Spitzen  der  großen  Armee  in  Frankreich  eingerückt,  und  jetzt,
nach  mehr  als  zwei  Monaten,  hatten  diese  gewaltigen  Massen  noch  keine
einzige  Schlacht  geschlagen.  Wie  ein  Nebelbild  schien  die  nahe  Hauptstadt
vor  den  Augen  der  Entmuthigten  zu  verschwinden.  Da  seht  Ihr  was
der  Schrecken  ist  —  sagte  Napoleon  befriedigt  zu  seiner  Garde.  Auch  als
am  27.  Februar  das  Corps  Oudinot's,  eine  lächerliche  Minderzahl,  bei  Bar
auf  den  Höhen  über  der  Aube  erschien,  vermied  Schwarzenberg  abermals
die  Schlacht,  räumte  Bar,  ließ  die  Feinde  sich  gemächlich  in  der  Stadt
und  im  Thale  der  Aube  ausbreiten.  Da  verlor  endlich  König  Friedrich
Wilhelm  die  Geduld,  überwand  seine  Schüchternheit  und  zeigte  wieder  wie
bei  Kulm  sein  gesundes  militärisches  Urtheil.  Er  zwang  den  Oberfeldherrn
den  Angriff  zu  befehlen.  Mit  lautem  Jubel  vernahmen  die  Soldaten
die  heißersehnte  Kunde.  Obwohl  der  Oesterreicher  allzu  spät  und  nur
mit  einem  Theile  seines  Heeres  das  Treffen  begann,  so  wurde  doch  ein
schöner  Sieg  erfochten.  Es  war  ein  froher  Tag  für  das  königliche  Haus,
denn  heute  ritt  Friedrich  Wilhelm's  zweiter  Sohn,  Prinz  Wilhelm  an  der
Seite  des  Vaters  zum  ersten  male  in  die  Schlacht.  Die  Offiziere  lächelten
zufrieden,  als  der  schöne  siebzehnjährige  Jüngling  im  furchtbaren  Kugelregen
  ganz  unbefangen  seinen  Adjutantendienst  versah  und  nachher  mit
dem  altberühmten  russischen  Regimente  Kaluga  den  beherrschenden  Hügel
von  Malepin  hinaufstürmte.  Sie  meinten,  aus  dem  könne  noch  einmal
ein  anderer  Prinz  Heinrich  werden;  Unehrerbietige  stellten  auch  schon  Vergleichungen
  an  zwischen  diesem  frischen  Heldensinne  und  der  ästhetischen,
ganz  unsoldatischen  Natur  des  geistreichen  Kronprinzen.

Der  Sieg  wurde,  nach  der  Gewohnheit  des  großen  Hauptgquartiers,
nicht  verfolgt;  immerhin  stellte  er  den  Einmuth  der  Coalition  nothdürftig
  wieder  her.  Wie  einst  der  Teplitzer  Vertrag  auf  die  Kulmer
Schlacht,  so  folgte  auf  die  Schlacht  von  Bar  der  Vertrag  von  Chaumont.
Am  1.  März  wurde  die  große  Allianz  feierlich  auf  zwanzig  Jahre  erneuert.
  Spanien,  Italien,  die  Schweiz  und  die  verstärkten  Niederlande
sollten  beim  Friedensschlusse  ihre  volle  Unabhängigkeit  erlangen,  die  deutschen
  sonveränen  Fürsten  „vereinigt  werden  durch  eine  föderative  Verbindung,
  welche  die  Unabhängigkeit  Deutschlands  sichert  und  verbürgt".

Indessen  erreichte  Blücher  das  Marnethal;  aber  da  Napoleon,  die
Gefährdung  der  Hauptstadt  rasch  erkennend,  ihm  folgte,  so  wichen  die
Schlesier  in  Eilmärschen  gen  Norden  aus  und  trafen  bei  Soissons  mit
Bülow's  Heer  zusammen.  Der  Eroberer  von  Holland  entsetzte  sich,  als
er  neben  seinen  vollzähligen,  in  den  behäbigen  flandrischen  Winterquartieren
  wohl  genährten  Schaaren  die  schwachen  Bataillone  York's,  dies
schmutzige,  verwilderte  und  verwahrloste  Kriegsvolk  erblickte.  Unwillkürlich
  gedachten  die  Generale  an  jene  Tage  vor  der  Zorndorfer  Schlacht,
da  König  Friedrich  seine  bissigen  Grasteufel  mit  Dohna's  frischen  Truppen
vereinigte.  Und  welche  Aussichten  für  die  Zukunft!  Das  preußische  Heer
        <pb n="561" />
        Schlacht  von  Laon.  551

hatte  das  Größte  gethan  und  das  Schwerste  gelitten,  die  Blüthe  der  nord—
deutschen  Jugend  lag  auf  den  Schlachtfeldern.  Selbst  Gneisenau  verlor,
wenn  er  die  gelichteten  Schaaren  musterte,  zuweilen  seinen  königlichen
Frohmuth  und  fragte  besorgt,  wie  dieser  Staat  mit  erschöpftem  Haushalt
und  geschwächter  Kriegsmacht  den  schweren  Kampf  um  die  Theilung  der
Beute  bestehen  solle.  Doch  die  Stunde  drängte.  Napoleon  hatte  die
Russen  bei  Craonne,  allerdings  unter  furchtbaren  Verlusten,  zum  Rück—
zuge  genöthigt  und  schritt  am  nebeligen  Morgen  des  9.  März  durch  die
sumpfigen  Niederungen  der  Lette  zum  Angriff  vor  gegen  die  Felsenstadt
Laon,  den  Stützpunkt  des  Blücher'schen  Heeres.  Der  Schlachttag  verlief
ohne  Entscheidung.  Am  späten  Abend  erst  warfen  sich  York  und  Kleist
auf  Marmont's  Corps,  den  rechten  Flügel  des  Feindes,  und  hier,  bei
Athis,  entspann  sich  jenes  schaurige  Nachtgefecht,  das  den  Preußen  nach
so  vielen  Mißerfolgen  wieder  die  erste  Siegesfreude  schenkte.  Zuerst  führte
Prinz  Wilhelm  seine  ostpreußischen  Bataillone  im  Sturmschritt,  bei  rau—
schender  Feldmusik,  Alles  niederschmetternd  durch  das  Dorf  und  darüber
hinaus;  dann  räumten  die  Litthauer,  Sohr's  brandenburgische  Husaren
und  die  schwarzen  Reiter  mit  den  Todtenköpfen  unter  den  erschreckten
Feinden  auf.  Das  ganze  Corps  ward  zersprengt,  ließ  fünfundvierzig  Ge—
schütze  in  den  Händen  der  Sieger.  York  aber  hatte  in  der  wilden  Hetz—
jagd  dieser  Tage  einen  Freund  gefunden;  das  Herz  ward  ihm  doch  warm,
wenn  er  den  Mann  von  Nollendorf  so  neben  sich  schalten  sah,  immer
klar,  sicher,  ganz  bei  der  Sache.  Noch  eine  Weile  und  die  Heurichs  er—
zählten  sich  verwundert,  der  harte  Alte  habe  nach  altem  germanischem
Kriegsbrauche  mit  seinem  Kameraden  Kleist  Brüderschaft  getrunken.  Am
nächsten  Morgen  schien  das  Schicksal  des  Imperators  entschieden.  Keine
Möglichkeit,  nach  der  völligen  Auflösung  des  rechten  Flügels  noch  dem
nunmehr  dreifach  überlegenen  Heere  der  Verbündeten  zu  widerstehen;  und
dazu  wieder  wie  bei  Leipzig  nur  eine  einzige  Rückzugsstraße,  durch  das
Sumpfland  der  Lette!  Allem  Anschein  nach  mußte  dies  alte  Felsennest,
das  vor  neunhundert  Jahren  der  einzige  Besitz  und  die  letzte  Zuflucht  des
jungen  französischen  Königthums  gewesen,  nun  den  Untergang  des  neuen
Kaiserthums  sehen.

Jetzt  aber  zeigte  sich,  was  Blücher's  Flammenblick,  was  sein  gebieteri—
scher  Wille  dem  deutschen  Heere  war.  Der  Feldmarschall  war  erkrankt,  er—
schöpft  an  Leib  und  Seele  von  den  furchtbaren  Aufregungen  dieser  Wochen,
und  seit  er  nicht  mehr  befahl,  erfüllte  Haß  und  Streit  das  Hauptquar—
tier.  Jene  Ueberfülle  von  schroffen,  starken  Charakteren,  worin  die  Stärke
des  preußischen  Heeres  lag,  wurde  nun  gefährlich.  Weder  York  noch
Kleist  noch  Bülow  wollte  sich  dem  Phantasten  Gneisenau  unterordnen.
Der  alte  Groll  brach  wieder  aus;  es  kam  so  weit,  daß  York  die  Armee
zu  verlassen  drohte.  Gneisenau  aber  ward  durch  diesen  Zwist  nur  be—
stärkt  in  den  vorsichtigen  Erwägungen,  die  ihn  schon  während  der  letzten
        <pb n="562" />
        552  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Tage  beherrscht  hatten;  er  mochte  nach  so  vielen  Opfern  die  Verantwortung
  für  einen  neuen  blutigen  Kampf  nicht  übernehmen.  Es  war  die
patriotische  Sorge  um  Preußens  Zukunft,  was  diesen  einzigen  großen
Mißgriff  seines  Feldherrnlebens  verschuldete.  Durfte  man  jetzt,  da  Napoleon's
  Sturz  doch  in  sicherer  Aussicht  stand,  die  Truppen  abermals  schwächen
und  also  dem  Hause  Oesterreich  die  Freude  bereiten,  daß  Preußen  beim
Friedensschlusse  kein  Heer  mehr  besaß,  wie  dies  Radetzky  schon  in  Frankfurt
  freundnachbarlich  gewünscht  hatte?  Boyen  vornehmlich  hob  diese  politischen
  Bedenken  mit  Nachdruck  hervor  und  überzeugte  seinen  feurigen
Freund.  Noch  einmal  rettete  den  Imperator  eine  wunderbare  Gunst  des
Glückes.  Unverfolgt  durfte  er  abziehen  und  alsbald  wendete  er  sich,  den
Vortheil  der  inneren  Operationslinie  geschickt  benutzend,  wieder  gegen  die
große  Armee.  Schwarzenberg  war  nach  dem  Siege  von  Bar,  statt  geradezu
  auf  Paris  loszugehen  oder  den  Imperator  im  Rücken  zu  bedrohen,
wieder  nach  Süden  ausgewichen.  Weitab  von  der  offenen  Siegesstraße,
bis  nach  Sens  im  freundlichen  Thale  der  Yonne,  standen  seine  Heersäulen
  zerstreut.  Die  Preußen  grollten:  ob  es  denn  wider  die  Natur
eines  österreichischen  Generals  sei,  sein  Ziel  auf  dem  kürzesten  Wege  zu
erreichen?  Nachher  drängte  der  Zauderer  ein  schwaches  französisches  Corps
von  der  Seine  zurück  und  getraute  sich  wieder  eine  kleine  Strecke  nordwärts,
  bis  zur  Aube  vorzugehen.  Das  Elend  dieses  jämmerlichen  Feldzugs
  wollte  kein  Ende  nehmen.

Da  wendete  sich  plötzlich  die  Politik  des  Wiener  Hofes.  Hatten  vor
sechs  Wochen  die  Unglücksfälle  der  schlesischen  Armee  den  Gang  des  Congresses
  von  Chatillon  durchkreuzt,  so  wirkte  jetzt  umgekehrt  der  Abbruch  der
diplomatischen  Verhandlungen  stärkend  und  anfeuernd  auf  die  Führung  des
Krieges  zurück.  Vergeblich  warteten  die  Bevollmächtigten  der  Alliirten  seit
dem  17.  Februar  auf  die  Beantwortung  ihres  Ultimatums,  vergeblich  suchte
Kaiser  Franz  noch  am  10.  März  durch  einen  mahnenden  Brief  den  Starrsinn
  seines  Schwiegersohnes  zu  brechen.  Erst  am  15.  März  gab  Caulaincourt
eine  bestimmte  Erwiderung,  und  sie  lautete  in  wesentlichen  Punkten  ablehnend,
  ja  sie  war  für  Oesterreich  noch  weniger  annehmbar  als  für  die
anderen  Mächte;  denn  während  Napoleon  die  Abtretung  der  Rheinlande
endlich  zugestand,  die  Auflösung  des  Rheinbundes  zugab  und  nur  Berg  und
Sachsen  ihren  bisherigen  Souveränen  sichern  wollte,  behielt  er  andererseits
den  italienischen  Königsthron  seinem  Stiefsohne  Eugen  vor.  So  stieß  der
Verblendete  wie  mit  Absicht  die  einzige  der  verbündeten  Mächte,  die  ihm
aufrichtig  wohl  wollte,  zurück,  und  mit  gutem  Grunde  sagte  Gneisenau:
„Napoleon  hat  uns  bessere  Dienste  geleistet  als  das  ganze  Heer  der  Diplomatiker.“
  Metternich  mußte  endlich  erkennen,  daß  dem  Unseligen  nicht
mehr  zu  helfen,  daß  der  Untergang  des  Kaiserreichs  unvermeidlich  war.
Am  19.  März  erklärten  die  Verbündeten  den  Congreß  für  beendigt,  und
sofort  offenbarte  sich  der  Umschwung  der  österreichischen  Politik  in  der  ge-
        <pb n="563" />
        Schwarzenberg's  Zug  nach  Paris.  553

hobenen  Stimmung  des  Hauptquartiers.  Mit  ungewohnter  Entschlossen—
heit  zeigte  sich  Schwarzenberg  am  20.  März  bei  Arcis  an  der  Aube  bereit
eine  Schlacht  gegen  den  Imperator  zu  wagen.  Die  Ausführung  des
glücklichen  Gedankens  war  freilich  schlaff  wie  immer;  nur  die  Truppen
Wrede's  gelangten  in's  Gefecht.  Immerhin  wurde  Napoleon  genöthigt  am
nächsten  Tage  nach  schweren  Verlusten  das  Schlachtfeld  zu  verlassen  und
was  das  Beste  war,  die  große  Armee  fing  doch  wieder  an  sich  zu  regen.
Der  Geschlagene  faßte  nun  einen  tolldreisten,  auf  den  Charakter  des
Gegners  berechneten  Entschluß;  er  umging  in  weitem  Bogen  den  rechten
Flügel  der  Sieger  und  zog  ostwärts  nach  St.  Dizier,  um  in  den  Rücken
der  Verbündeten  zu  gelangen.  Er  hoffte,  Schwarzenberg  werde,  besorgt
für  seine  Rückzugslinie,  sofort  den  Abmarsch  nach  dem  Rheine  antreten.
Einige  Wochen  früher  ausgeführt  wäre  der  kecke  Anschlag  sicherlich  gelungen.
  Jetzt  aber  fühlten  alle  Mächte,  auch  Oesterreich,  daß  das  unwürdige
  Schauspiel  der  zitternden  Uebermacht  ein  Ende  nehmen  mußte.
Es  stand  wirklich  so  wie  Gneisenau  nachher  dem  alten  Rüchel  schrieb:
„So  zogen  wir  endlich  nach  Paris,  nicht  aus  Ueberlegenheit  der  dafür
sprechenden  Gründe,  sondern  weil  nichts  anderes  übrig  blieb  und  das
Verhängniß  die  große  Armee  dahin  stieß.“  Als  der  Czar  in  Sommepuis
am  24.  März  aus  einem  Briefe  Napoleon's,  den  die  Kosaken  Blücher's  aufgefangen,
  die  Absichten  des  Feindes  erfuhr,  da  forderte  zuerst  Toll  das
Selbstverständliche,  das  den  Ueberklugen  so  lange  unfaßbar  gewesen:  den
Marsch  auf  Paris.  Die  Straße  war  nahezu  offen.  Vereinigt  mit  der
nahen  schlesischen  Armee  konnte  man  die  schwachen  Corps  des  Feindes,
die  noch  im  Wege  standen,  leicht  überwältigen;  ein  starkes  Reitercorps
unter  Wintzingerode  sollte  zurückbleiben,  um  den  Imperator,  dessen  Name
jetzt  doch  allmählich  seinen  alten  Zauber  verlor,  über  den  Zug  der  großen
Armee  zu  täuschen.  Alexander  stimmte  zu,  er  schmachtete  nach  Vergeltung
für  den  Einzug  in  Moskau.  Am  selben  Tage  erklärten  auch  der  König
und  Schwarzenberg  in  einem  Kriegsrathe  zu  Vitry  ihre  Zustimmung.
Aufathmend  empfing  Blücher  die  entscheidende  Botschaft:  „nun  heißt
es  nicht  mehr  bloß  bei  uns,  sondern  überall  Vorwärts!“  Dort  in  Vitry
erließen  die  Verbündeten  auch  eine  öffentliche  Erklärung,  worin  sie  die
französische  Nation  geradezu  aufforderten,  durch  ihren  freien  Willen  dem
verderblichen  Systeme  dieses  Kaiserthums  ein  Ziel  zu  setzen;  nur  dann
sei  der  Frieden  Europas  gesichert.  Die  letzte  Brücke  war  abgebrochen.
Selbst  Kaiser  Franz  hatte  seinen  Schwiegersohn  aufgegeben,  er  blieb  in
Burgund  zurück  um  der  Entthronung  nicht  persönlich  beiwohnen  zu
müssen.  So  ging  es  denn  endlich  westwärts,  quer  über  die  unheimlichen
Schlachtfelder  des  Februars,  und  noch  einmal  rasten  über  diese  blutgedüngten
  Gefilde  alle  Schrecken  des  Krieges,  als  die  Division  Pacthod
am  25.  März  bei  La  Fere  Champenoise  gleichzeitig  von  der  schlesischen
und  der  Hauptarmee  ereilt  wurde.  Rettungslos  verloren  verschmähte  der
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        554  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

tapfere  französische  General  die  Capitulation,  die  ihm  Friedrich  Wilhelm  anbot;
  so  blieb  nichts  übrig  als  eine  grausige  Schlächterei.  Schaudernd  sahen
der  König  und  sein  Sohn  Wilhelm,  wie  die  Kanonenkugeln  durch  den
zusammengekeilten  Menschenhaufen  lange  Furchen  zogen  und  dann  die
Reiter  mit  der  blanken  Waffe  hineinschmetterten.  Ihrer  viertausend  ergaben
  sich  endlich,  fünftausend  lagen  todt  am  Boden.  Es  war  ein  Schauspiel
  der  Vernichtung,  wie  es  in  prahlerischen  Schlachtberichten  oft  geschildert,
  selten  wirklich  erlebt  wird;  alte  wetterfeste  Offiziere  sah  man
erbleichen,  wenn  auf  diesen  Tag  die  Rede  kam.

Wohl  war  es  die  höchste  Zeit,  daß  den  verstimmten  Truppen  endlich
wieder  die  Zuversicht  des  Gelingens  kam.  Heuer  fand  sich  kein  Clausewitz,
der,  wie  nach  den  verlorenen  Schlachten  des  letzten  Frühjahrsfeldzuges,  dem
Heere  die  unvermeidliche  Nothwendigkeit  des  Geschehenen  erwiesen  hätte.
Die  denkenden  Offiziere  wußten  allesammt,  daß  eine  beispiellos  mattherzige
Kriegführung  das  Blut  der  Deutschen  und  der  Russen  in  Strömen  nutzlos
vergossen  hatte;  die  fade  Schönfärberei  der  amtlichen  Kriegsberichte  des
großen  Hauptquartiers  begann  der  Armee  selber  zum  Ekel  zu  werden.  Nun
endlich  war  der  Bann  gebrochen,  aller  Groll  verstummte  vor  der  beseligenden
Gewißheit  der  nahen  letzten  Entscheidung.  Napoleon  blieb  in  der  That
einige  Tage  lange  in  dem  Wahne,  daß  die  große  Armee  ihm  gen  Osten
folge;  als  er  endlich  seinen  Irrthum  erkannte  und  in  Gewaltmärschen
herbeieilte,  konnte  er  die  bedrohte  Hauptstadt  nicht  mehr  rechtzeitig  erreichen,
  das  Verhängniß  nicht  mehr  wenden.

Auf  dem  Wege  der  Verbündeten  standen  nur  noch  die  gelichteten
Corps  von  Marmont  und  Mortier.  Schwarzenberg's  langsamer  Marsch
gewährte  ihnen  die  Zeit  Paris  zu  erreichen.  Die  beiden  Marschälle  beschlossen,
  obgleich  Marie  Luise  mit  dem  Könige  von  Rom  an  die  Loire
flüchtete,  vor  den  Mauern  der  Hauptstadt  eine  letzte  Schlacht  zu  wagen.
Verstärkt  durch  Nationalgarden  besetzten  sie  mit  34,000  Mann  die  Dörfer
der  Bannmeile  und  die  steilen  Anhöhen,  welche  die  Stadttheile  des  rechten
Seineufers  auf  der  Nord=  und  Ostseite  in  weitem  Bogen  umkränzen.
Marmont  stand  auf  der  Rechten  bis  hinüber  zum  Walde  von  Vincennes,
dicht  am  Zusammenfluß  der  Seine  und  Marne,  Mortier  hielt  jenseits
des  Ourcq-Canals  und  lehnte  sich  mit  dem  äußersten  linken  Flügel  an
den  Hügel  des  Montmartre.  Der  Kampf  gegen  die  100,000  Mann  der
Verbündeten  war,  trotz  der  festen  Positionen  der  Franzosen,  von  vornherein
  aussichtslos;  gleichwohl  ward  er  überaus  blutig,  Dank  den  unglücklichen
  Anordnungen  des  großen  Hauptquartiers,  das  seine  Uebermacht
wieder  nicht  rechtzeitig  zur  Stelle  brachte.  Schon  seit  dem  Morgen  des
30.  März  kämpfte  Prinz  Eugen  mit  seinen  Russen  gegen  das  Centrum
der  Franzosen,  nahm  das  Dorf  Pantin,  versuchte  die  Hochebene  von  Romainville
  zu  erreichen,  ward  geworfen  und  hart  bedrängt,  bis  endlich  die
russischen  und  die  allzu  lange  pedantisch  geschonten  preußischen  Garden
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        Schlacht  vor  Paris.  555

ihm  Luft  machten.  Die  Garde  erstürmte  unter  Oberst  Alvensleben  die
Batterien  bei  Pantin,  während  die  Russen  den  Bergkirchhof  Pere  La
Chaise  mit  der  blanken  Waffe  nahmen.  Weit  später  ward  das  Gefecht
auf  dem  rechten  Flügel  der  Franzosen  eröffnet;  der  Kronprinz  von  Württemberg
  setzte  sich  im  Walde  von  Vincennes  fest,  behauptete  sich  dort  und
drang  am  Nachmittage  bis  an  das  Ufer  des  Flusses  vor.  Auch  die  schlesische
  Armee  gelangte  erst  kurz  vor  Mittag  zum  Kampfe  gegen  den  linken
Flügel  des  Feindes.  Wer  hätte  dem  kranken  Blücher  verbieten  dürfen,
an  solchem  Ehrentage  dem  Sturme  der  Deutschen  auf  den  „Sankt  Märten“
beizuwohnen?  Die  entzündeten  Augen  mit  einem  Damenhut  und  Schleier
bedeckt  hielt  er  mitten  im  Getümmel  und  sah  mit  an,  wie  seine  vielgeprüften
  Schlesier  noch  einmal,  wie  einst  bei  Möckern,  unter  dem  Kreuzfeuer
  der  feindlichen  Batterien  kämpften.  Am  Nachmittage  war  die  ganze
Linie  der  Verbündeten  im  siegreichen  Vorgehen;  Prinz  Wilhelm  der  Aeltere
hatte  bereits  die  Barrieren  der  Stadt  erreicht,  nahebei  erstürmten  Kleist's
Truppen  mit  gefälltem  Bajonett  den  Hügel  mit  den  fünf  Windmühlen
neben  dem  Montmartre,  und  auf  der  Linken  der  Franzosen  drangen
Langeron's  Russen  an  den  steilen  Abhängen  der  Steinbrüche  des  Montmartre
  empor  bis  hinauf  zu  den  staffelförmig  aufgestellten  Batterien.  Da
sprengten  Adjutanten  heran,  weiße  Tücher  in  den  Händen;  die  Schlacht
war  beendet,  Paris  hatte  capitulirt.

Lange  hielten  die  Generale  neben  den  Mühlen  auf  der  Höhe  und
betrachteten  schweigend  die  bezwungene  Stadt;  die  stumpfen  Thürme  von
Notre  Dame  und  die  Kuppel  des  Pantheon  glänzten  im  Abendlichte.  Auch
Oberst  Below  trabte  herauf  mit  seinen  Litthauern;  er  mußte  doch  halten
was  er  in  Tilsit  versprochen  und  seinen  Jungen  die  Hauptstadt  des  Feindes
  zeigen.  Neuntehalb  Jahrhunderte  waren  vergangen,  seit  unser  Kaiser
Otto  II.  auf  diesen  Hügeln  seine  Adlerfahnen  aufpflanzte  und  die  Stadt
da  drunten  durch  die  Hallelujahrufe  seiner  Streiter  schreckte;  seitdem  waren
Engländer  und  Spanier  und  auch  einzelne  Reiterhaufen  deutscher  Landsknechte
  bis  in  das  Herz  der  französischen  Macht  eingedrungen,  doch  niemals
  wieder  ein  deutsches  Heer.  Wie  furchtbar  war  dann  das  unglückliche
  Deutschland  durch  die  Uebermacht  und  den  Uebermuth  dieser  bösesten
aller  Nachbarn  mißhandelt  worden,  also  daß  schon  der  große  Kurfürst
zu  der  Einsicht  kam,  nur  ein  Zug  nach  Paris  könne  dem  Welttheil  die
Staatenfreiheit,  das  dauernde  Gleichgewicht  der  Mächte  wiedergewinnen.
Nun  lag  Jas  neue  Rom  gebändigt,  eine  unabsehbare  Zukunft  voll  friedlichen
  Völkerglücks  schien  sich  aufzuthun  vor  den  entzückten  Blicken  der
kampfesmüden  Welt.  Die  Deutschen  glaubten  das  Unrecht  zweier  Jahrhunderte
  gesühnt,  als  am  nächsten  Tage  der  Czar,  der  König  und  Schwarzenberg
  an  der  Spitze  der  verbündeten  Heere  ihren  Eintritt  hielten  durch
das  Martinsthor,  das  noch  an  König  Ludwig's  deutsche  Eroberungsfahrten
erinnerte;  darauf  ging  der  Zug  unter  dem  rasenden  Jubel  der  dichtge-
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        556  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

drängten  Volksmassen  die  breiten  Boulevards  entlang  nach  dem  Platze
Ludwig's  XV.,  wo  einst  die  Guillotine  ihre  Blutarbeit  gethan,  dann  auf
die  Elysäischen  Felder  zur  prunkenden  Heerschau.  Wer  hätte  sich  auch
nur  träumen  lassen,  daß  dieselben  preußischen  Fahnen  noch  zweimal  binnen
zweier  Menschenalter  desselben  Weges  ziehen  würden?  Glücklicher  war
doch  Niemand  als  jene  beiden  großen  Deutschen,  die  nun  glorreich  erfüllt
  sahen,  was  sie  sich  einst  auf  dem  Leipziger  Markte  in  die  Hand
versprochen  hatten.  Gneisenau  schrieb:  „was  Patrioten  träumten  und
Egoisten  belächelten  ist  geschehen;"  Stein  aber  sagte  in  seiner  wuchtigen
Weise:  „Der  Mensch  ist  am  Boden!“

 

In  der  alten  Heimath  der  gallischen  Unbeständigkeit,  in  der  Stadt
Paris  war  die  Erbitterung  gegen  das  Kaiserreich  früher  und  lebhafter  erwacht
  als  in  den  Provinzen.  Die  so  lange  entschlummerte  Lust  an  Kritik
und  Widerspruch  wurde  wieder  rege,  die  Reden  der  Opposition  im  Gesetzgebenden
  Körper  fanden  lauten  Widerhall,  die  constitutionellen  Ideen  aus
den  Anfängen  der  Revolution  lebten  auf,  das  geistreiche  Volk  begann  die
dumpfe  Stille,  die  über  seinem  öffentlichen  Leben  lag,  als  einen  unnatürlichen
  Zwang  zu  empfinden.  Der  Imperator  hatte  mit  wunderbarer
Kenntniß  des  Volkscharakters  die  nationale  Staatsform  des  neuen  Frankreichs,
  den  centralisirten  Beamtenstaat  auf  viele  Menschenalter  hinaus  fest
begründet.  Die  Spitze  dieses  mächtigen  Gebäudes  blieb  gleichwohl  ungesichert.
  Sobald  das  Glück  den  Herrscher  floh  mußte  er  empfinden,  daß
er  doch  nur  der  Erwählte  des  Volkes  und  den  Millionen  persönlich  verantwortlich
  war;  auf  Treue  konnte  ein  Regiment  nicht  rechnen,  das
grundsätzlich  nur  den  gemeinen  Ehrgeiz  benutzte.  Schon  als  man  im
Februar  die  Gefangenen  von  den  Schlachtfeldern  der  Champagne  durch  die
Pariser  Straßen  führte,  wurden  sie  nicht  mehr  wie  sonst  mit  triumphirenden
  Rufen,  sondern  mit  Bedauern  und  Mitleid  empfangen.  Seit  den
Niederlagen  des  März  vollendete  sich  die  Umstimmung  der  Hauptstadt,
ein  Gesinnungswechsel  so  jäh,  so  durchgreifend,  so  übermächtig  wie  vor
Zeiten  als  Heinrich  IV.  seinen  Frieden  mit  der  alten  Kirche  schloß  und
das  katholische  Paris  sich  mit  einem  male  jauchzend  in  die  Arme  des  verhaßten
  Ketzers  stürzte.

Mit  richtigem  Instincte  begriff  das  Volk,  daß  nunmehr  nur  die  alte
Dynastie  noch  möglich  war;  nicht  Royalisten,  sondern  Männer  der  Revolution
  und  des  Kaiserreichs  erhoben  am  lautesten  ihre  Stimme  für  die
vergessenen  und  verlachten  Boubonen.  Bei  ihrem  Einzuge  bemerkten  die
Verbündeten  mit  Verwunderung,  wie  die  Massen  versuchten  das  Bild  des
glorreichen  Imperators  von  der  Vendomesäule  hinabzustürzen,  wie  Nationalgardisten
  den  vielgefeierten  Stern  der  Ehrenlegion  ihren  Rossen  an  den
Schweif  banden.  Schon  sah  man  an  vielen  Hüten  die  weiße  Kokarde
        <pb n="567" />
        Die  Alliirten  in  Paris.  557

Ueberall  Verwünschungen  gegen  den  Tyrannen,  donnernde  Jubelrufe  für
die  Befreier.  Die  französische  Eitelkeit  ließ  sich's  nicht  nehmen,  daß  die
weiße  Armbinde,  welche  die  buntscheckigen  Kriegsvölker  des  alten  Europas
als  Erkennungszeichen  trugen,  eine  Huldigung  sei  für  Frankreichs  Könige;
die  Alliirten  erschienen  den  Erregten  wie  ein  royalistisches  Kreuzfahrer—
heer,  das  im  Namen  und  Auftrag  der  französischen  Nation  das  Urtheil
an  dem  Tyrannen  vollstreckte.  Den  König  von  Preußen  begrüßte  im
Theater  das  Lied:  Vive  Guillaume  et  ses  guerriers  vaillams.  de  ce
royaume  il  sauve  les  enfants!  Der  schlichte  Friedrich  Wilhelm  war,
wie  Frau  von  Staêl  sagt,  ganz  erstaunt,  daß  es  diesen  Leuten  so  viel
Vergnügen  machte,  besiegt  zu  sein.  In  seinem  Heere  ward  der  alte  Nationalhaß
  durch  den  Anblick  solcher  Untreue  nur  verschärft.  Mit  tiefer
Geringschätzung  sprachen  alle  Norddeutschen  von  dieser  herzlosesten  aller
Nationen.  Für  die  unverwüstliche  elastische  Lebenskraft,  die  in  dem  beweglichen
  französischen  Charakter  liegt,  hatten  sie  kein  Auge.  Ein  ruhiges  Verhältniß
  gegenseitiger  Achtung  stellte  sich  nicht  her,  zum  Unheil  für  beide
Nationen.  Jene  ganze  Generation  preußischer  Staatsmänner  und  Generale
hielt  immer  die  Ueberzeugung  fest,  daß  eine  letzte  Abrechnung  mit  Frankreich
  noch  bevorstehe;  Gneisenau  und  Stein  haben  bis  zu  ihrem  Todestage
  in  solcher  Ahnung  gelebt.

Indessen  genossen  die  Sieger  mit  vollen  Zügen  die  Freuden  des
üppigen,  hauptstädtischen  Lebens.  Den  Parisern  brachte  die  Eroberung
durchaus  kein  Ungemach,  da  die  Allürten  aus  zärtlicher  Schonung  gegen
die  Gefühle  der  Besiegten  ihre  Truppen  längere  Zeit  auf  den  Plätzen
bivouakieren  ließen,  sondern  nur  Gelegenheit  zu  leichtem  Gewinne.  Viele
reiche  englische  Familien  eilten  an  die  Seine  zu  den  lang  entbehrten  Genüssen
  der  Stadt  des  Vergnügens.  Das  Gold  floß  in  Strömen.  Die
Cafehäuser  in  den  Galerien  des  Palais  Royal  und  die  Spielhöllen  an
den  Boulevards  freuten  sich  der  glänzenden  Geschäfte  und  der  guten
Kundschaft  des  preußischen  Feldmarschalls,  der  nach  vollbrachter  Kriegsarbeit
  das  Blüchern  nicht  mehr  lassen  konnte;  allabendlich  saß  er  stundenlang
  mit  Frack  und  Ordensstern  über  den  geliebten  Karten,  mit  kaltblütiger
  Ruhe  seine  Goldrollen  setzend,  am  grünen  Tisch  ebenso  kühn  und
glücklich  wie  im  Kriege.  Ganz  unbegreiflich  blieb  den  an  die  Roheit  der
Conscribirten  gewöhnten  Franzosen  der  Charakter  des  preußischen  Volksheeres.
  Sie  schüttelten  den  Kopf,  wenn  die  preußischen  Freiwilligen,  fast
so  eifrig  wie  ihr  Kronprinz,  zu  den  Kunstschätzen  des  Louvre  wallfahrteten.
Kein  Murillo  und  kein  Rafael  zog  diese  teutonische  Jugend  so  unwiderstehlich
  an  wie  Memling's  Weltgericht  mit  der  fürchterlich  ernsten  Gestalt
des  richtenden  Erzengels  —  jenes  „Danziger  Bild“,  das  Napoleon  aus
der  Marienkirche  geraubt  hatte;  hier  standen  die  jungen  Deutschen  immer
dicht  gedrängt,  als  ob  sie  sich  mitten  in  der  wälschen  Herrlichkeit  ihres
heimischen  Wesens  recht  bewußt  werden  wollten.  Für  das  stille  Gefühl
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        558  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

der  Beschämung,  das  sie  doch  nicht  los  werden  konnten,  rächten  sich  die
Pariser  nach  ihrer  Weise  durch  Couplets  und  Caricaturen.

Ihre  ganze  Liebenswürdigkeit  wendete  sich  dem  Czaren  zu.  Die  berechnete
  Schmeichelei  berauschte  den  glücklichen  Sieger,  der  Einfluß  Stein's
sank  von  Tag  zu  Tag.  Alexander  wohnte  im  Palaste  Talleyrand's,  und  der
schlaue  Hausherr  fand  der  Bewunderung  kein  Ende  für  den  ersten  Mann
des  Jahrhunderts,  der  allein  die  Befreiung  Europas  vollendet  habe.  Die
Behörden,  die  Gelehrten  der  Akademie  und  vor  Allem  die  Damen  schwangen
  wetteifernd  ihre  Weihrauchsfässer  vor  dem  sanften,  liebevollen  „Engel
des  Friedens“.  Alexander's  Eitelkeit  fühlte  sich  lebhaft  geschmeichelt,  als
die  Vorsteherin  einer  weiblichen  Irrenanstalt  ihm  erzählte,  daß  die  Zahl
der  aus  unglücklicher  Liebe  erkrankten  jungen  Damen  seit  der  Anwesenheit
  des  russischen  Selbstherrschers  bedenklich  zugenommen  habe.  Der
Czar  gebärdete  sich  wieder  als  der  mächtige  Schirmherr  der  Völkerfreiheit
und  dachte  die  Welt  durch  seine  Großmuth  in  Erstaunen  zu  setzen,  zumal
da  sein  Rußland  unmittelbar  von  Frankreich  nichts  gewinnen  konnte.  Das
englische  Cabinet,  voll  höchster  Eifersucht  gegen  Rußland,  suchte  jetzt  ebenfalls
  durch  nachsichtige  Schonung  die  Freundschaft  der  Franzosen  zu  gewinnen.
  Oesterreich,  das  schon  längst  den  Frieden  um  jeden  Preis  wünschte,
steuerte  in  derselben  Richtung.  So  stand  denn  Preußen  bald  völlig  einsam
  mit  seinem  Verlangen  nach  rücksichtsloser  Benutzung  des  Sieges.

Die  veränderte  Stellung  der  Parteien  im  Lager  der  Coalition  zeigte
sich  bereits  bei  den  Verhandlungen  mit  Napoleon.  Am  25.  März  endlich
  hatte  Caulaincourt  —  und  immer  noch  in  sehr  unbestimmten,  allgemeinen
  Ausdrücken  —  an  Metternich  geschrieben,  daß  er  Vollmacht  habe
den  Frieden  zu  unterzeichnen.  Der  Brief  kam  zu  spät,  die  Entscheidung
war  gefallen.  Sogleich  nach  ihrem  Einzuge  erklärten  die  Alliirten,  daß
sie  nicht  mehr  mit  Napoleon  unterhandeln  würden,  und  forderten  den
Senat  auf  eine  vorläufige  Verwaltung  einzurichten.  Diese  provisorische
Regierung  verfuhr  nach  dem  einfachen  Grundsatze  ihres  Führers  Talleyrand:
  „es  ist  nicht  Jedermanns  Sache  sich  von  dem  einstürzenden  Gebäude
  begraben  zu  lassen“  und  sprach  unter  nichtswürdigen  Schmähungen
die  Absetzung  des  Imperators  aus.  Daß  die  tausende  von  Beamten  und
Rittern  der  Ehrenlegion  allesammt  alsbald  ihres  Eides  vergaßen,  war  in
dem  neuen  Frankreich  selbstverständlich.  Talleyrand  meinte  seine  Zeit  gekommen,
  hoffte  im  Namen  des  unmündigen  Napoleon  II.  die  Regentschaft
zu  führen;  sobald  er  aber  einsah,  daß  dieser  Plan  bei  den  Siegern  keinen
Anklang  fand,  stellte  er  sich  sofort  mit  gewandter  Schwenkung  auf  die
Seite  der  Bourbonen  und  verständigte  sich  mit  seinem  kaiserlichen  Gaste
über  die  Restauration  des  alten  Königshauses.

Napoleon  wurde,  als  er  nach  dem  Falle  der  Hauptstadt  in  Fontainebleau
  anlangte,  bald  von  seinen  eigenen  Marschällen  verlassen;  er  fand  den
Muth  nicht,  durch  einen  freiwilligen  Tod  ein  Leben  zu  beenden,  das  nun-
        <pb n="569" />
        Sturz  Napoleon's.  559

mehr  jedes  Zwecks  entbehrte,  und  unterzeichnete  am  11.  April  seine  Abdan—
kung.  Vergeblich  rieth  Hardenberg  den  Monarchen,  den  gefährlichen  Mann
in  ein  entlegenes  Exil  zu  verweisen,  vergeblich  empfahl  das  preußische  Cabinet
  noch  mehrmals  während  der  folgenden  Monate  die  Insel  St.  Helena
als  den  bestgeeigneten  Verbannungsort.  Kaiser  Franz  war  nicht  gesonnen
den  Schwiegersohn  gänzlich  in's  Verderben  zu  stürzen,  obgleich  er  unbedenklich
  seine  Tochter  von  dem  Gestürzten  trennte;  die  Briten  rechneten
auf  die  Wachsamkeit  ihrer  Mittelmeerflotte.  Den  Ausschlag  gab,  daß  Czar
Alexander  seinen  Edelsinn  zeigen  wollte.  Also  wurde  der  unbegreiflich
thörichte  Beschluß  gefaßt,  diesen  gewaltigen  Menschen  mit  seinem  rastlosen
Ehrgeiz  auf  die  Insel  Elba  zu  senden.  Dort  sollte  er  friedlich  hausen,
inmitten  der  aufgeregten  Nationen  Frankreichs  und  Italiens,  denen  er
beiden  gleich  nahe  stand  —  der  Titane,  der  eben  jetzt  zu  seinem  Augereau
sagte:  Asien  bedarf  eines  Mannes!  Man  ließ  ihm  Würde  und  Rechte
eines  souveränen  Fürsten,  also  auch  das  Recht  der  Kriegführung,  und
wähnte  seine  Laufbahn  beendet,  zumal  da  er  auf  der  Reise  durch  die  royalistischen
  Striche  Südfrankreichs  nur  mit  Noth  der  Wuth  des  Pöbels  entging.

Alexander  hoffte  nun,  seinen  neuen  liberalen  Grundsätzen  gemäß,
durch  einen  Beschluß  der  französischen  Nation  die  Bourbonen  zurückzurufen
  und  sie  sogleich  auf  eine  Verfassung  zu  verpflichten.  Der  Prätendent
  dachte  anders,  desgleichen  sein  Bruder  Artois,  der  sogleich  als
Monsieur,  Fils  de  France  in  Paris  auftrat.  Wer  im  Bourbonischen
Hause  hätte  jemals  bezweifelt,  daß  die  Krone  der  Capetinger  am  Todestage
  des  unglücklichen  Knaben,  den  man  Ludwig  XVII.  nannte,  von
Gottes  Gnaden  auf  den  Roy  Louis  XVIII.  übergegangen  war?  Ludwig
vergaß  es  dem  Czaren  nicht,  daß  dieser  ihn  einst  aus  Mitau  ausgewiesen,
trug  geflissentlich  seine  Vorliebe  für  England,  den  Nebenbuhler  Rußlands,
zur  Schau;  hier  ward  ihm  wohl  bei  dem  hart  reactionären  Prinzregenten
und  seinen  Hochtorys,  die  von  dem  göttlichen  Rechte  des  französischen
Königthums  so  fest  überzeugt  waren.  Mit  der  Versicherung,  daß  er  die
Wiederherstellung  seines  Hauses  nächst  Gott  diesem  großen  Reiche  verdanke,
  verließ  er  England  an  Bord  einer  britischen  Flotte,  trat  in  Frankreich
  sofort  als  der  rechtmäßige  König  auf,  verkündete  noch  unterwegs,
trotz  der  persönlichen  Abmahnungen  des  Czaren,  seinen  Entschluß  den  getreuen
  Unterthanen  kraft  seines  königlichen  Rechtes  eine  Charte  zu  schenken,
und  langte  am  3.  Mai  in  Paris  an.  Wie  er  so  in  seine  Hauptstadt
einfuhr,  der  dicke  gichtbrüchige  Greis,  auf  dem  Rücksitze  die  beiden  noch
älteren  Herzöge  von  Condé  und  Bourbon,  der  Eine  von  ihnen  fest  eingeschlafen,
  da  fragten  die  verwundert  zuschauenden  preußischen  Offiziere,
ob  dies  Greisenregiment  die  Erbschaft  eines  Napoleon  antreten  solle.  Und
dann  jenes  sonderbare  Gegenstück  zu  den  majestätischen  Siegesfesten  des
Soldatenkaisers,  die  Heerschau  vor  den  Tuilerien:  droben  auf  dem  Altane
der  alte  Herr  in  seinem  Lehnstuhle,  drunten  die  Truppen  gehorsam  ihr
        <pb n="570" />
        560  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

vive  le  Roy  rufend,  und  zuletzt  ein  gnädiges  Kopfnicken  des  Königs  und
ein  herablassendes  je  suis  content!  Der  Bourbone  fühlte  sich  seines
Thrones  völlig  sicher,  trat  den  Verbündeten  mit  naiver  Anmaßung  entgegen,
  beanspruchte  als  vornehmster  Fürst  der  Christenheit  in  seinem
eigenen  Schlosse  den  Vortritt  vor  den  drei  Monarchen,  denen  er  Alles
verdankte.

Den  Siegern  dagegen  entgingen  die  schweren  Gefahren  nicht,  welche
dies  aus  dem  Grabe  erstandene  Regiment  bedrohten.  Sie  sahen  mit  wachsender
  Sorge,  wie  weder  das  knechtische  Betragen  der  sofort  zum  Royalismus
  bekehrten  napoleonischen  Marschälle,  noch  die  Soldatenspielerei  des
Herzogs  von  Berry  die  napoleonischen  Gesinnungen  des  Heeres  unterdrücken
  konnte,  wie  die  abgesetzten  Beamten  grollten  und  schürten,  wie
zwischen  den  heimkehrenden  Emigranten  und  der  Masse  des  Volkes  eine
tiefe  unübersteigliche  Kluft  sich  aufthat.  Vom  ersten  Tage  der  neuen  Regierung
  an  hatten  die  Alliirten  geringes  Vertrauen  zu  ihrem  Bestande.
Aber  statt  aus  solchen  unheimlichen  Anzeichen  den  Schluß  zu  ziehen,  daß
Frankreichs  Nachbarn  verstärkt  und  zum  Widerstande  gegen  diese  unberechenbare
  Macht  in  Stand  gesetzt  werden  müßten,  dachten  die  Staatsmänner
  von  Rußland,  England  und  Oesterreich  vielmehr  durch  milde
Friedensbedingungen  dem  alten  Königshause  seine  dornige  Aufgabe  zu  erleichtern.


In  Deutschland  hatten  unterdessen  jene  Töne,  welche  Arndt  in  seiner
Schrift  über  den  Rhein  angeschlagen,  mannigfachen  Widerhall  gefunden.
Der  vielgeschäftige  Reichspatriot  Gagern  forderte  in  einem  wunderlichen
Büchlein  „zur  Berichtigung  einiger  politischen  Ideen“  die  avulsa  imperii,
Elsaß  und  Lothringen  für  das  Reich  zurück:  dies  sei  der  Weg  für  Oesterreich
  zur  Kaiserkrone;  „die  Krone  Preußen  aber  wird  ohne  Unbill  dadurch
den  Raum  gewinnen,  der  zur  Haltung  dieses  Reichs  nothwendig  scheint,
und  ein  Zutrauen,  ohne  welches  unsere  Zukunft  trübe  wäre.“  Ein  Herman
  Teuthold  schrieb  einen  „Appell  an  die  Nation“,  wollte  alle  Lande
des  linken  Ufers  zu  einem  Königreiche  Burgund  vereinigen.  In  gleichem
Sinne  sprachen  der  Rheinische  Mercur  und  die  Teutschen  Blätter.  Arndt,
Görres  und  ihre  Freunde  huldigten  fast  alle  der  Hardenbergischen  Ansicht,
  daß  Oesterreich  im  Elsaß,  Preußen  in  den  Mosellanden  die  Grenzhut
  übernehmen  müsse.  Ein  beliebtes  Lied  sagte:

Gehalten  hier  von  Oesterreichs  Macht,

Von  Preußens  Helden  dort  bewacht,

Am  Rhein,  am  Rhein

Muß  Deutschlands  Markung  eisern  sein.
Ein  allgemeines  leidenschaftliches  Verlangen  nach  der  Vogesengrenze  zeigte
sich  in  diesem  Jahre  jedoch  noch  nicht.  Es  gab  ihrer  doch  Viele,  die  mit
einem  gelehrten  Poeten  das  Jahr  1814  sprechen  ließen:  jam  vicisse  sat
est,  victor  non  ultor  habebor.  Der  wunderbare  Siegeszug  vom  Memel
        <pb n="571" />
        Deutschlands  Forderungen.  561

bis  zur  Seine  hatte  die  kühnsten  Hoffnungen  übertroffen.  Mancher  er—
klärte  sich  befriedigt,  wenn  nur  die  alte  Grenze  im  Nordwesten  wiederhergestellt
  und  der  Tyrann  gezüchtigt  würde:  den  Tod  des  Corsen  forderte
man  fast  allgemein,  die  Zeitungen  sprachen  viel  von  Harmodios  und
Aristogeiton.

Nach  Allem  was  geschehen,  war  eine  Verschärfung  der  Friedensbedingungen
  in  der  That  fast  unmöglich.  Der  Cezar  hatte  soeben  noch,
beim  Einzuge,  erklärt,  daß  die  Verbündeten  das  alte  Königthum  und  die
alten  Grenzen  Frankreichs  wiederherstellen  wollten.  Es  ging  kaum  an,
diese  so  oft  wiederholte  Zusage  jetzt  plötzlich  zu  brechen  und  den  befreundeten
  Bourbonen  härtere  Zumuthungen  zu  stellen  als  dem  Feinde  Napoleon.
  Daher  wagten  die  preußischen  Diplomaten  gar  nicht  einen  förmlichen
  Antrag  auf  die  Wiedererwerbung  von  Elsaß-Lothringen  zu  stellen,
obgleich  der  Staatskanzler  persönlich  diesen  Wunsch  hegte  und  alle  seine
Generale  ihm  eindringlich  vorstellten,  wie  schwer  die  Sicherheit  Süddeutschlands
  gefährdet  würde,  wenn  jener  mächtige  Keil  französischen  Gebietes
von  Landau  bis  Hüningen  tief  in  unser  Oberland  hineinragte.  Hardenberg
  und  sogar  Stein  begnügten  sich  den  Rückfall  von  Straßburg  und
Landau  zu  verlangen;  denn  diese  Forderung  durften  sie  stellen  ohne  den
früheren  Versprechungen  der  Coalition  untreu  zu  werden.  Beim  Ausbruche
der  Revolutionskriege  war  ja  ein  volles  Viertel  des  Elsasses,  245  Gemeinden
  mit  252,000  Einwohnern,  noch  im  Besitze  deutscher  Reichsstände
gewesen,  freilich  zum  größten  Theile  unter  französischer  Oberhoheit.  Gaben
  die  Deutschen  diese  alten  Ansprüche  auf,  verzichteten  sie  auf  den
Wiedergewinn  der  schönen  Herrschaften  Saarwerden,  Lützelstein,  Rappoltstein,
  Mömpelgard,  Dagsburg,  Hanau-Lichtenberg,  so  waren  sie  sicherlich
berechtigt,  zur  Entschädigung  die  beiden  gefährlichen  Hauptfestungen  des
Oberrheins  zu  fordern.  Aber  einstimmig  traten  die  drei  verbündeten
Mächte  dieser  bescheidenen  Forderung  Preußens  entgegen.  Talleyrand
betheuerte  salbungsvoll:  das  einzige  Mittel  zur  Verhinderung  künftiger
Kriege  sei  —  eine  große  starke  Nation  nicht  zu  entehren,  und  fand  nur
zu  schnell  Gehör  bei  dem  Czaren,  bei  Metternich  und  Castlereagh.

Schon  am  23.  April  wurde  mit  Monsieur  ein  vorläufiger  Vertrag
abgeschlossen,  kraft  dessen  die  Civilverwaltung  in  allen  den  Gebieten,  welche
am  1.  Januar  1792  französisch  gewesen,  sofort  an  die  französischen  Behörden
  zurückgegeben  werden  sollte;  auch  die  Entfernung  der  verbündeten
Heere  aus  diesen  Landstrichen  wurde  zugesagt,  sobald  Frankreich  die  noch
in  Italien  und  Deutschland  besetzten  Festungen  geräumt  habe.  Stein
machte  den  Staatskanzler  darauf  aufmerksam,  durch  diesen  Vertrag  seien
keineswegs  ganz  Elsaß-Lothringen  und  Burgund  der  französischen  Verwaltung
  preisgegeben,  vielmehr  lägen  dort  überall  noch  eingesprengte  altdeutsche
  Gebiete;  als  Leiter  der  Centralverwaltung  befahl  er  sogleich,  daß

im  Moseldepartement  alle  die  Ortschaften,  die  erst  im  Jahre  1793  erobert
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  36
        <pb n="572" />
        562  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

worden,  den  Franzosen  nicht  ausgeliefert  werden  sollten.))  Jedoch  diese
ehrliche  Auslegung  des  Vertrags  fand  bei  den  Verbündeten  Preußens  keinen
Anklang.  Die  schnelllebige  Zeit  hatte  in  der  That  schon  ganz  vergessen,
daß  jenes  deutsch  gebliebene  Viertel  des  Elsasses  einst  den  ersten  Anlaß  zu
den  Revolutionskriegen  gegeben  hatte;  allgemein  glaubte  man  in  der  diplomatischen
  Welt,  was  die  Franzosen  geflissentlich  aussprengten,  das  gesammte
oberrheinische  Land  sei  schon  seit  zweihundert  Jahren  französisch.  Jedenfalls
  wollte  man  sich  auf  schwierige  historische  Untersuchungen  nicht  einlassen
  und  beschloß  das  ganze  Elsaß  sowie  das  ganze  Moseldepartement
sogleich  den  französischen  Behörden  auszuliefern.  Damit  war  die  Grundlage
  des  Friedensschlusses  bereits  festgestellt  noch  bevor  der  Friedenscongreß
eröffnet  wurde.  Die  Coalition  hatte,  gegen  den  Widerspruch  Preußens,  thatsächlich
  schon  den  Grundsatz  anerkannt,  daß  die  Grenzen  vom  1.  Januar
1792  zwar  im  Allgemeinen  die  Regel  bilden,  doch  im  Einzelnen  zu  Gunsten
des  Besiegten  verändert  werden  müßten.  Jene  Frankfurter  Verheißung:
Frankreich  wird  größer  sein  als  unter  seinen  Königen  —  sollte  sich  erfüllen.

Die  Verhandlungen  über  den  Friedensvertrag  konnten  erst  am  9.  Mai
beginnen,'*)  sobald  wieder  eine  anerkannte  Staatsgewalt  in  Frankreich
bestand.  Die  Bevollmächtigten  versammelten  sich  in  Talleyrand's  Hause.
Metternich  und  Stadion,  Hardenberg  und  Humboldt,  Nesselrode  und
Rassumowsky,  endlich  Castlereagh,  Stewart,  Aberdeen  und  Cathcart  vertraten
  die  Coalition.  Der  soeben  zum  Minister  des  Auswärtigen  ernannte
Talleyrand  und  jener  Laforest,  der  vor  1806  in  Berlin  die  Geschäfte  Napoleon's
  geführt  hatte,  verhandelten  im  Namen  des  Allerchristlichsten  Königs.
Mit  gewohnter  Dreistigkeit  sprach  der  französische  Minister  sein  Befremden
  darüber  aus,  daß  man  dem  unbefleckten  Lilienbanner  dieselben  Zumuthungen
  stellte,  wie  der  revolutionären  Tricolore,  und  wiederholte
pathetisch  die  in  Napoleon's  letzten  Erklärungen  so  oft  erneuerte  Versicherung:
  alle  anderen  Großmächte  hätten  sich  unmäßig  vergrößert;  kehre
Frankreich  wieder  in  die  Grenzen  von  92  zurück,  so  werde  das  Gleichgewicht
  Europas  bedenklich  verschoben.  Indeß  sah  der  kluge  Mann  wohl
ein,  daß  alles  Wesentliche  in  Wahrheit  schon  entschieden  war;  er  wußte,
daß  dies  entwaffnete  Frankreich  nach  Lage  der  Umstände  sich  gar  nichts
Besseres  wünschen  konnte  als  die  nachsichtigen  Anerbietungen  der  Coalition,
und  beschränkte  sich  daher  bald  auf  den  Versuch,  die  Grenzen  von  92
möglichst  vortheilhaft  abzurunden.  Die  wenigen  kurzen  Sitzungen  des
Congresses,  die  in  Eile  mitten  in  einem  Strudel  von  Bällen,  Schmäusen
und  Vergnügungen  aller  Art  abgehalten  wurden,  galten  nur  der  Erledigung
  von  Fragen  zweiten  Ranges;  darum  ist  auch  in  den  Archiven
wenig  darüber  zu  finden.  Bei  der  Gönnerschaft,  welche  Rußland,  Eng- 



*)  Stein  an  Hardenberg,  11.  März  1814.
**)  Metternich  an  Hardenberg,  8.  Mai  1814.
        <pb n="573" />
        Frankreichs  neue  Grenzen.  563

land  und  Oesterreich  den  Franzosen  wetteifernd  entgegen  trugen,  konnte
von  einer  Verschärfung  der  ursprünglichen  Bedingungen  nicht  mehr  die
Rede  sein;  die  Frage  war  nur,  wie  viel  Land  Talleyrand's  Schlauheit
noch  zu  dem  alten  Gebiete  hinzu  erhandeln  würde.  Wohl  bäumte  sich  der
französische  Hochmuth  noch  zuweilen  auf.  Am  11.  Mai  verlangten  die
Marschälle  im  Staatsrathe  die  Wiedereröffnung  des  Krieges,  offenen  Widerstand
  gegen  die  schimpflichen  Anforderungen  der  Coalition,  und  die  preußischen
  Generale  befürchteten  einige  Tage  lang  den  Ausbruch  eines  Straßenkampfes
  in  Paris.))  Doch  das  Gewölk  zog  vorüber,  die  Nüchternheit
König  Ludwig's  wollte  sich  auf  den  tollen  Vorschlag  nicht  einlassen.
Jene  Vereinbarung  von  Chatillon,  kraft  deren  die  Vertheilung  der
abgetretenen  Provinzen  den  Alliirten  allein  überlassen  blieb,  wurde  aufrecht
  erhalten,  Dank  der  Festigkeit  Hardenberg's.  Indeß  erreichte  Talleyrand,
  daß  man  diesen  Satz  in  den  geheimen  Artikeln  des  Friedensvertrags
  begrub;  die  Franzosen  durften  nichts  erfahren  von  jener  Bestimmung,
die  ihrem  Stolze  am  unerträglichsten  war.  Bei  der  Berathung  über  die
einzelnen  Punkte  der  Grenze  bereitete  die  Nachgiebigkeit  der  drei  Verbündeten
  Preußens  dem  französischen  Minister  einen  Triumph  nach  dem
andern.  Er  bewirkte  nicht  nur,  daß  alle  von  französischem  Gebiete  eingeschlossenen
  Herrschaften,  Avignon  und  Venaissin,  Mömpelgard  und  die
elsässischen  Reichslande,  bei  Frankreich  verblieben,  sondern  erlangte  auch
noch  einige  köstliche  Außenposten  über  die  alten  Grenzen  hinaus:  so  Savoyen
  und  einen  Landstrich  an  der  belgischen  Grenze  mit  der  wichtigen
Maasfestung  Givet.  Mit  der  äußersten  Zähigkeit  marktete  er  um  jeden
Brocken  Landes;  nur  durch  Humboldt's  entschiedenen  Widerspruch  wurde
Kaiserslautern  für  Deutschland  gerettet.  *)  Dagegen  überließ  man  die
altpfälzischen  Gebiete,  die  zwischen  den  Weißenburger  Linien  und  der
Enclave  Landau  lagen,  an  Frankreich,  und  um  die  Grenze  bei  Saarlouis
abzurunden  wurde  sogar  Saarbrücken  mit  seinem  unschätzbaren  Kohlen—
becken  und  der  alten  nassauischen  Fürstengruft  von  St.  Arnual  preisgegeben.
  Die  treue  deutsche,  altprotestantische  Stadt  war  in  Verzweiflung.
Sie  hatte  so  ganz  fest  gebaut  auf  die  Versicherung  des  Generalgouverneurs
  Gruner:  wer  deutsch  spricht  soll  deutsch  bleiben.  Nun  vernahm
Stein  tief  erschüttert  die  rührenden  Klagen  dieser  wackeren  Lothringer  über
ihre  schreckliche  Lage,  die  in  dem  Herzen  jedes  Deutschen  Trauer  erregen
müsse  und  legte  ein  gutes  Wort  ein  für  die  Bitte  der  Saarbrücker,  daß
man  ihre  Söhne  mindestens  im  deutschen  Staatsdienste  anstellen  möge)
Besser  ward  für  die  Schweiz  gesorgt,  natürlich  wieder  auf  Deutschlands
Kosten:  man  konnte  gar  nicht  genug  thun  die  gerühmten  Polsterkissen  an

 

*)  Gneisenau  an  Hardenberg,  13.  Mai  1814.
**)  Humboldt  an  Hardenberg,  17.  Mai  1814.
***)  Eingabe  des  Oberbürgermeisters  Laukhard  an  Gruner,  Saarbrücken,  7.  Juni
1814.  Stein  an  Hardenberg,  15.  Juni  1814.
36*
        <pb n="574" />
        564  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

der  deutschen  Grenze  zu  verstärken.  Die  Eidgenossenschaft  erhielt  das  Bisthum
  Basel,  und  Metternich  erklärte  sich  auch  bereit  ihr  das  alltösterreichische
  Frickthal  mit  Rheinfelden  und  Laufenburg  zu  lassen.

Tag  für  Tag  hatten  die  preußischen  Staatsmänner  mit  der  unerschöpflichen
  Freigebigkeit  ihrer  Verbündeten  zu  kämpfen,  bis  Humboldt  sich
endlich  von  Metternich  und  Nesselrode  das  Wort  darauf  geben  ließ,  daß
es  nun  genug  sei  und  kein  Zollbreit  deutschen  Bodens  mehr  abgetreten
werden  solle.)  Talleyrand  aber  durfte  mit  Befriedigung  sein  Werk  betrachten:
  Frankreich  blieb  nach  einem  viertelhundertjährigen  Kriege,  den
allein  sein  Hochmuth  über  die  Welt  verhängt,  um  hundert  Geviertmeilen
und  mehr  als  eine  Million  Einwohner  stärker  denn  zuvor.

Im  Rausche  seiner  Großmuth  wollte  der  Czar,  allem  völkerrechtlichen
Brauche  zuwider,  dem  Besiegten  die  Bezahlung  der  Kriegskosten  erlassen;
er  fand  es  unedel,  diesem  wohlhabenden,  durch  die  Ausplünderung  aller
Länder  bereicherten  Frankreich  einen  bescheidenen  Theil  des  ruchlosen
Raubes  wieder  abzunehmen.  Da  auch  Oesterreich  und  England  dieser
eigenthümlichen  Ansicht  beistimmten,  so  mußten  die  Preußen  nach  lebhaftem
  Widerstreben  sich  fügen  und  verzichteten  auf  jede  Vergeltung  für  die
unerschwingliche  Tilsiter  Contribution.  Es  war,  als  wollte  man  die
Franzosen  absichtlich  bestärken  in  dem  übermüthigen  Wahne,  daß  für  sie
allein  das  Völkerrecht  nicht  vorhanden  sei.  Außerdem  hatte  Preußen  noch
die  Rückerstattung  der  von  ihm  an  Frankreich  bezahlten  Vorschüsse  zu
fordern.  Das  Finanzministerium  berechnete,  sehr  niedrig:  136  Millionen
für  den  Durchmarsch  der  großen  Armee  nach  Rußland,  ferner  10,7  Millionen
  für  die  vertragswidrig  erpreßten  Leistungen  und  Lieferungen  aus  den
Jahren  1808—12,  endlich  über  23  Millionen  rückständige  Zahlungen  an
das  Königreich  Sachsen  und  die  Stadt  Danzig,  die  man  beide  schon  als
preußische  Gebiete  ansah,  zusammen  169,8  Millionen  Fr.  Die  Zahlung
dieser  Summe  war  eine  Lebensfrage  für  die  preußischen  Finanzen;  der
ungleiche  Kampf  hatte  den  Staatshaushalt  dermaßen  erschöpft,  daß  Hardenberg
  eben  jetzt  bei  Lord  Castlereagh  dringend  um  ein  sofortiges  baares  Darlehn
  von  —  100,000  Pfd.  St.  bitten  mußte!  Alle  jene  Millionen  waren
für  den  Unterhalt  der  französischen  Armee  verwendet  worden,  an  der  Rechtmäßigkeit
  der  Schuldforderung  bestand  gar  kein  Zweifel.  Hardenberg  hielt
die  Berichtigung  der  Schuld  jetzt  um  so  mehr  für  unausbleiblich,  da  ja
im  letzten  Frühjahr  die  vertragswidrige  Verweigerung  der  Zahlung  der  unanfechtbare
  Rechtsgrund  für  Preußens  Kriegserklärung  gewesen  war.  Darum
  hatte  er  auch  versäumt,  während  des  Krieges  eine  Bürgschaft  der  Alliirten
  für  seine  Ansprüche  zu  verlangen.

Es  war  eine  folgenschwere  Unterlassungssünde,  freilich  ein  Fehler,
den  auch  wohl  ein  minder  vertrauensvoller  Staatsmann  als  Hardenberg.

—  —

*)  Humboldt  an  Hardenberg,  20.  Mai  1814.
        <pb n="575" />
        Kriegskosten  und  Kunstschätze.  565

war  hätte  begehen  können;  denn  wer  mochte  glauben,  daß  eine  so  sonnen—
klare,  unbestreitbare  Forderung  nicht  die  Unterstützung  der  Bundesgenossen
finden  würde?  Als  Preußen  seine  Rechnung  dem  Congresse  zuerst  vor—
legte,  widersprach  Niemand  unter  den  Verbündeten.  In  der  Sitzung  vom
17.  Mai  verlangte  Humboldt  sodann  eine  bestimmte  Erklärung  der  Fran—
zosen.  Da  erwiderte  Laforest:  sein  König  habe  ihm  unbedingt  verboten
über  diese  Frage  auch  nur  zu  verhandeln  —  und  zwar  unmittelbar  nach
einem  Gespräche  mit  dem  Czaren.)  Nachher  erfuhr  der  preußische  Bevollmächtigte
  vertraulich  von  Metternich  und  Anstett:  die  beiden  Kaisermächte
  seien  einig  durchaus  keine  Geldforderungen  an  Frankreich  zu  stellen
—  sie  allerdings  hatten  von  Frankreich  keine  Schulden  einzutreiben  —  und
überließen  den  Preußen  was  sie  thun  wollten.  Also  war  Preußen  von
seinen  Alliirten  völlig  preisgegeben,  in  einer  bizarren  Situation,  wie  Humboldt
  sagte;  und,  fügte  er  mit  bitterem  Vorwurf  gegen  den  Staatskanzler
hinzu,  mit  etwas  weniger  Verschämtheit  und  etwas  mehr  Geschick  hätten
wir  unsere  gerechten  Ansprüche  schon  vor  dem  Einzuge  in  Paris  durchsetzen
  können.  König  Ludwig  kannte  den  Haß  seines  Volkes  gegen  die
Preußen  und  gab  daher,  sobald  er  von  den  drei  Mächten  nichts  mehr
zu  befürchten  hatte,  die  hochtrabende  Antwort:  „lieber  dreihundert  Millionen
  aufwenden  um  Preußen  zu  bekämpfen,  als  hundert  um  es  zu  befriedigen!“
  Sollte  die  norddeutsche  Macht,  mittellos  wie  sie  war,  mit  ihrem
gelichteten  Heere  den  Krieg  allein  wieder  aufnehmen?  Es  blieb  kein  Ausweg;
  man  mußte  die  Folgen  der  Fehler  Hardenberg's  tragen.  Durch  die
Artikel  18  und  19  des  Friedensvertrags  verzichteten  die  europäischen  Mächte
—  vorbehaltlich  einiger  Ansprüche  von  Privatleuten  —  wechselseitig  auf
alle  ihre  Schuldforderungen,  ein  Verzicht,  der  für  Oesterreich  und  Rußland
  nichts,  für  Preußen  eine  ungeheure  Einbuße  bedeutete.

Ueberall  bei  den  Berathungen  des  Congresses  erschienen  die  Preußen
als  die  Dränger  und  Treiber  und  überall  zogen  sie  den  Kürzeren.  Friedrich
  Wilhelm  nahm,  wie  sein  treues  Volk,  als  selbstverständlich  an,  daß
die  mit  Verhöhnung  alles  Völkerrechts  zusammengeraubten  Kunstschätze  jetzt
zu  ihren  rechtmäßigen  Eigenthümern  zurückkehren  würden;  er  forderte  Alles
zurück  was  seinem  Staate  an  Büchern,  Kunstwerken  und  Trophäen  abgenommen
  war  und  erreichte  in  der  That  eine  mündliche  Zusage.  Als
aber  Humboldt  den  französischen  Minister  ernstlich  über  das  Wann  und
Wie  zur  Rede  stellte,  wurde  Talleyrand  sichtlich  verlegen  und  meinte:  er
glaube  wohl,  daß  sein  Herr  Alles  wieder  herausgeben  wolle;  König  Friedrich
  Wilhelm  möge  noch  einmal  mit  dem  Monarchen  sprechen;  wahrscheinlich
  habe  der  premier  gentilhomme  du  Roy  diese  Sache  zu  besorgen.“)
Auf  erneutes  Drängen  kam  endlich  die  Berliner  Victoria  aus  ihrem

 

*)  Humboldt's  Bericht  an  den  Staatskanzler  über  die  Sitzung  v.  17.  Mai  1814.
*)  Humboldt  an  Hardenberg,  27.  Mai  1814.
        <pb n="576" />
        566  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Schuppen  hervor;  wie  jubelte  Jacob  Grimm,  als  er  sich  eines  Morgens
auf  die  eherne  Quadriga  setzte  und  dort  sein  Frühstück  verzehrte.  Auch
der  Degen  Friedrich's  des  Großen  fand  sich  wieder,  und  Grimm  entdeckte
  mit  dem  Spürsinne  des  Sammlers  noch  einige  Schätze  der  Casseler
Bibliothek  in  ihrem  Versteck.  Das  war  Alles.  Freiherr  von  Oelssen,  den
der  König  im  Spätsommer  zur  Abholung  der  preußischen  Kunstwerke  nach
Paris  sendete,  wurde  monatelang  mit  Ausflüchten  und  leeren  Reden  hingehalten.)
  Da  die  anderen  drei  Mächte  für  Preußens  Ansprüche  kaum
einen  Finger  regten,  so  hielt  sich  König  Ludwig  seines  Wortes  entbunden.
Sein  gesammtes  Volk  stand  hinter  ihm  wie  ein  Mann;  kein  Franzose,
der  nicht  die  Zurückforderung  des  völkerrechtswidrigen  Raubes  für  ein
himmelschreiendes  Unrecht  gehalten  hätte.  Mit  erschreckender  Klarheit  trat
zu  Tage,  wie  von  Grund  aus  die  Plünderungszüge  des  Kaiserreichs  das
Rechtsgefühl  in  dieser  Nation  verwüstet  hatten  und  wie  nöthig  es  war,  sie
durch  eine  strenge  Züchtigung  wieder  an  die  sittlichen  Grundgedanken  jeder
friedlichen  Staatengesellschaft  zu  erinnern.

Stand  es  also,  wie  durfte  man  hoffen,  daß  die  Allürten  sogleich  auf
die  von  Preußen  beanspruchte  Gebietsentschädigung  eingehen  würden?
Seinen  eigenen  Antheil  an  der  Beute  hatte  Oesterreich  soeben  in  Sicherheit
  gebracht.  Am.  20.  April  zogen  die  Oesterreicher  nach  einem  schlaffen
unrühmlichen  Feldzuge  in  Venedig  ein;  am  selben  Tage  warf  ein  unbesonnener
  Aufstand  der  Mailänder  das  Königreich  Italien  über  den  Haufen.
  So  erlangte  Kaiser  Franz  fast  mühelos  durch  eine  seltene  Gunst  des
Glückes  den  Besitz  von  Ober=  und  Mittelitalien  und  war  daher  weniger
denn  je  geneigt,  dem  beargwöhnten  Preußen  gegenüber  irgend  eine  Verpflichtung
  zu  übernehmen.  Gleichwohl  wagte  Hardenberg,  wie  seine  Pflicht
gebot,  den  aussichtslosen  Versuch  und  legte  am  29.  April  jene  Forderungen,
  die  er  schon  in  Basel  ausgesprochen  hatte,  in  einer  ausführlichen
Denkschrift  den  Verbündeten  vor.)

Er  beginnt  mit  dem  aufrichtigen  Geständniß,  daß  Preußen  für  alle
anderen  Mächte  freundliche  Absichten  hege,  nur  nicht  für  Dänemark;  denn
das  soeben  an  die  Dänen  abgetretene  schwedische  Pommern  müsse  um
jeden  Preis  preußisch  werden.  Für  Deutschland  fordert  er  eine  Bundesacte,
  welche  vornehmlich  eine  kräftige  Kriegsordnung  einrichten,  die  Beziehungen
  zwischen  Fürsten  und  Unterthanen,  desgleichen  das  Gerichtswesen
  und  den  deutschen  Handel  regeln  und  „die  Stelle  einer  Verfassung
vertreten“  soll.  Holland  und  die  Schweiz  schließen  ein  ewiges  Bündniß
mit  dem  Deutschen  Bunde.  Rußland  erlangt  den  größten  Theil  von
Warschau  mit  etwa  2,,  Millionen  Einwohnern;  Preußen  erhält  Posen
bis  zur  Warthe,  mit  Einschluß  von  Thorn,  etwa  1,3  Millionen  Köpfe;

*)  Berichte  des  Gesandten  Grafen  von  der  Goltz  aus  Paris  vom  31.  October
1814  u.  f.

**)  Hardenberg's  Plan  pour  l'arrangement  futur  de  IEurope,  29.  April  1814.
        <pb n="577" />
        Hardenberg's  Plan  für  die  Herstellung  Preußens.  567

Oesterreich  nur  das  1800  abgetretene  Neu-Galizien,  Krakau  und  Zamoscz
  mit  700,000  Einwohnern.  Außer  diesen  polnischen  Strichen  und
Oberitalien  soll  Oesterreich  vor  Allem  den  zur  Vertheidigung  des  Oberrheins
  unentbehrlichen  Breisgau  erhalten;  der  vorgeschobene  Posten  muß
mit  dem  Kaiserstaate  in  ununterbrochener  Verbindung  stehen,  daher  haben
Baiern,  Baden  und  Württemberg  einige  Stücke  ihres  Oberlandes  (so
Passau  und  Lindau)  abzutreten,  die  Fürsten  von  Hohenzollern  und  Liechtenstein
  werden  mediatisirt  und  ihre  Länder  zu  dem  gleichen  Zwecke  verwendet.
  Dergestalt  wird  Oesterreich  um  1,7  Millionen  Seelen  stärker  als
im  Jahre  1801.  Preußen  verzichtet,  wenngleich  sehr  ungern,  auf  das
treue  Ansbach-Bayreuth  und  erlangt,  außer  den  beiden  Herzogthümern
Westphalen  und  Berg:  ganz  Sachsen  sowie  die  Rheinlande  von  Mainz
bis  Wesel.

Der  Staatskanzler  unterschätzte  also  keineswegs,  wie  die  Uneingeweihten
  ihm  vorwarfen,  die  militärische  Bedeutung  des  Rheinlandes;  vielmehr
  war  die  Spitze  seines  Planes  ersichtlich  gegen  Frankreich  gerichtet.
Hardenberg  berechnete  die  Einwohnerzahl  der  also  hergestellten  Monarchie,
offenbar  zu  niedrig,  auf  10  ½  Millionen,  600,000  Köpfe  mehr  als  im
Jahre  1805.  Wie  Vorderösterreich,  so  sollten  auch  Preußens  westliche
Provinzen  durch  einen  „Isthmus"  mit  dem  Hauptkörper  des  Staates
verbunden  werden;  die  Landkarten  der  Staatskanzlei  bestimmten  ein  Stück
hannoverschen  Landes  südlich  von  Göttingen  für  Preußen,  um  den  Zusammenhang
  zwischen  dem  Eichsfelde  und  dem  östlichen  Westphalen  herzustellen.
  Den  Niederlanden  wurde  außer  Belgien  auch  Luxemburg  und
ein  Stück  der  deutschen  Rheinlande  zugedacht;  doch  war  man  jetzt  etwas
behutsamer  geworden  und  bot  dem  Oranier  nur  noch  einen  Strich  im
äußersten  Westen  mit  der  Festung  Jülich,  außerdem  die  Versetzung  seiner
deutschen  Vettern  auf  das  linke  Ufer,  an  die  luxemburgische  Grenze.  Die
festen  Plätze  des  Rheinthals  wollte  Hardenberg  schlechterdings  nicht  in
schwache  Hände  kommen  lassen.  Nur  ungern,  so  gestand  er  selbst,  forderte
  er  für  seinen  Staat  diesen  gefährlichen  Wachtposten;  er  fühlte,  daß
Preußen  hier  eine  Ehrenpflicht  gegen  das  große  Vaterland  zu  erfüllen
hatte.  Der  mißtrauische  Blick  des  oranischen  Staatsmannes  Gagern  bemerkte
  wohl,  wie  das  preußische  provisorische  Gouvernement  in  Aachen
die  wiedergewonnenen  altpreußischen  Lande  Cleve  und  Geldern  mit  den
kölnisch-trierischen  Krummstabslanden  durchaus  auf  gleichen  Fuß  behandelte;
  man  bereitete  in  der  Stille  die  Einverleibung  vor.  Baiern  endlich
sollte  für  die  an  Oesterreich  abgetretenen  Provinzen  das  gesammte  nördliche
  Baden  mit  Mannheim  und  Heidelberg  sowie  einen  Theil  der  linksrheinischen
  Pfalz  mit  Speyer  empfangen.  Der  badische  Hof  mochte  irgendwo
  auf  dem  linken  Rheinufer  seine  Entschädigung  finden;  das  schlaffe
Regiment  des  Großherzogs  Karl  stand  überhaupt  bei  den  großen  Mächten
in  schlechtem  Ansehen,  zudem  schien  seine  Dynastie  dem  Aussterben  nahe.
        <pb n="578" />
        568  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

So  Hardenberg's  Hoffnungen.  Oesterreich  empfing  durch  die  Denkschrift
  einen  schlagenden  Beweis  der  treuen  Freundschaft  des  Berliner
Cabinets.  Wie  oft  hatte  einst  der  große  König  jeden  Schritt  westwärts,
den  Oesterreich  wagte,  mit  der  Feder  und  dem  Schwerte  bekämpft;  jetzt
reichte  Preußen  selber  der  Hofburg  die  Herrschaft  über  Süddeutschland
wie  auf  einem  Teller  entgegen.  Der  Staatskanzler  erbot  sich  selbst  die
Stammesvettern  seines  Monarchen,  die  schwäbischen  Hohenzollern  dem
Gedanken  des  deutschen  Dualismus  zu  opfern,  ja  er  wollte,  um  nur  der
Kaisermacht  eine  feste  Stellung  am  Oberrheine  zu  verschaffen,  sogar  dem
bairischen  Staate,  der  ihm  stets  verdächtig  blieb,  eine  hochgefährliche  Vergrößerung
  gestatten:  durch  den  Besitz  der  badischen  Pfalz  schnitt  Baiern
die  kleinen  süddeutschen  Staaten  gänzlich  von  dem  Norden  ab,  der  Süden
wurde  unbedingt  von  Oesterreich  und  Baiern  abhängig.  Die  patriotische
Absicht  dieser  thörichten  Pläne  war  die  Hoffnung,  Oesterreich  vielleicht
dereinst  für  die  Wiedereroberung  des  Elsasses  zu  gewinnen;  wußte  man
doch,  daß  der  mächtige  Adel  des  Oberlandes  auf  beiden  Ufern  des  Rheines
begütert  war  und  noch  ganz  in  österreichischen  Erinnerungen  lebte.  Die
Vergrößerung  Baierns  schien  ungefährlich,  wenn  ein  österreichisches  Vorland
  zwischen  Baiern  und  Frankreich  eingeschoben  wurde.

Zum  Glück  für  Deutschland  versagte  sich  Oesterreich  selbst  den  freigebigen
  Absichten  seines  preußischen  Freundes.  Metternich  blieb  bei  seiner
Ansicht,  daß  man  die  süddeutschen  Nachbarn  nicht  erschrecken  dürfe.  In
der  preußischen  Denkschrift  fand  er  schlechterdings  nichts  was  seiner  eigenen
Ansicht  entsprach;  er  wollte  weder  Rußland  so  weit  in  Polen  eindringen
noch  Preußen  südwärts  über  die  Mosellinie  vorrücken  lassen  und  am
allerwenigsten  die  Albertiner  den  Hohenzollern  preisgeben.  Daher  erwiderte
  er,  die  Frage  könne  erst  auf  dem  großen  Congresse,  der  binnen
zwei  Monaten  zusammentreten  sollte,  ihre  Erledigung  finden.  In  der
Stille  aber  traf  er  bereits  seine  Anstalten  um  die  Mainzer  Festung  den
Händen  Preußens  zu  entwinden  und  schloß  am  3.  Juni  mit  Wrede  einen
Vertrag  zur  Ausführung  der  Rieder  Verabredungen:  Baiern  sollte  Mainz
und  ein  möglichst  großes  Gebiet  auf  dem  linken  Rheinufer  erhalten,  dazu
die  badische  Pfalz  und  die  zur  Verbindung  mit  dem  Hauptlande  nöthigen
Gebiete.  Deutschlands  wichtigste  Festung,  der  Schlüssel  der  Rheinlande
war  also  dem  Staate  versprochen,  der  noch  unter  Montgelas“  Leitung
stand  und  in  Berlin  mit  Recht  als  ein  geheimer  Bundesgenosse  Frankreichs
  beargwöhnt  wurde.  Selbstverständlich  durfte  Preußen  von  diesem
Abkommen  nichts  erfahren.  Seinen  englischen  Freunden  aber  gestand
Metternich  offen:  er  wünsche  möglichst  viele  deutsche  Staaten  im  Rheinthale
  anzusiedeln  und  also  zur  Vertheidigung  des  Stromes  zu  zwingen:
nimmermehr  könnten  Oesterreich  und  Baiern  das  feste  Mainz  und  damit
„die  Herrschaft  über  ihren  einzigen  großen  Strom“,  den  Main,  an  Preußen
geben,  das  schon  Rhein  und  Elbe,  Oder  und  Weichsel  beherrsche.  Die
        <pb n="579" />
        Vertagung  der  Gebietsfragen.  569

Hochtorys  gingen,  wie  gewöhnlich,  bereitwillig  auf  Metternich's  Ansichten
ein;  sie  glaubten  ihm  auf's  Wort,  daß  der  Main  ein  österreichischer  Strom
sei,  und  wollten  sich  ebenfalls  in  Paris  auf  keine  Verhandlung  über
Preußens  Ansprüche  einlassen.

Auch  der  Czar  war  der  gleichen  Ansicht,  obgleich  Stein  sich  warm
für  die  Vorschläge  des  Staatskanzlers  verwendete  und  dringend  vorstellte:
die  preußisch-russischen  Forderungen  müßten  jetzt  in's  Reine  gebracht  wer—
den,  so  lange  Frankreich  sich  noch  nicht  erholt  und  Oesterreich  sein  Heer
nicht  verstärkt  habe.  Alexander  wünschte  nicht,  sich  jetzt  schon  über  seine
polnischen  Pläne  zu  äußern,  von  denen  auch  Stein  noch  immer  nichts
Sicheres  wußte.  In  der  That  sprachen  auch  gewichtige  sachliche  Gründe
für  die  Verschiebung  der  Entscheidung  bis  zu  dem  Congresse,  der  die  neue
Gestalt  des  Staatensystems  festsetzen  sollte.  Es  zeigte  sich  jetzt,  daß  dieser
ungeheure  Krieg  doch  in  erster  Linie  ein  Kampf  um  Preußens  Dasein
gewesen  war.  Die  Wiederherstellung  Preußens  setzte  voraus  Verhand—
lungen  mit  Rußland,  Oesterreich,  England-Hannover,  Dänemark,  Schwe—
den,  Holland  und  einer  langen  Reihe  deutscher  Kleinstaaten;  sie  berührte
die  beiden  Fragen,  worüber  die  Meinungen  am  weitesten  auseinander—
gingen,  den  sächsischen  und  den  polnischen  Handel.  Diese  Fragen  jetzt
erledigen  hieß  nichts  anderes  als  dem  Congresse  die  wichtigsten  Aufgaben,
um  derentwillen  er  berufen  war,  im  Voraus  wegzunehmen.  Von  der  Um—
gestaltung  des  preußischen  Gebiets  hing  die  neue  Ordnung  der  Staaten—
gesellschaft  vornehmlich  ab;  darin  lag  die  Bedeutung  zugleich  und  die
schwere  Gefahr  unserer  centralen  Stellung.

Stein  hat  späterhin  den  Staatskanzler  getadelt,  weil  er  den  gün—
stigen  Augenblick,  da  die  Waffenthaten  Preußens  noch  in  frischer  Erinne—
rung  standen,  nicht  benutzt  habe,  um  sich  den  Siegespreis  zu  sichern.
Als  ob  solche  gemüthliche  Stimmungen  irgend  etwas  bedeuteten  gegen—
über  den  mächtigen  Interessen,  welche  die  berechnete  Zurückhaltung  der
Alliirten  bestimmten!  In  den  Augen  Oesterreichs  und  Englands  waren
die  Siege  Blücher's  und  Gneisenau's  wahrhaftig  kein  Verdienst,  sondern
nur  ein  Grund  mehr,  Preußen  zu  beargwöhnen,  den  aufstrebenden  Staat
in  Schranken  zu  halten.  Der  Reichsritter  war  völlig  im  Irrthum,  wenn
er  wähnte,  Metternich  sei  in  jenem  Augenblicke  zur  Abtretung  von  Sachsen
bereit  gewesen.  Und  welches  Mittel  besaß  denn  Hardenberg,  um  die
widerstrebenden  Höfe  jetzt  zu  bindenden  Versprechungen  zu  zwingen?  Da
die  Alliirten  sich  verpflichtet  hatten  nur  gemeinsam  (d'un  commun  accord)
  Frieden  zu  schließen,  so  war  Preußen  allerdings  formell  berechtigt
seine  Zustimmung  an  Bedingungen  zu  knüpfen;  man  konnte  erklären:
wir  gestatten  nicht,  daß  Bestimmungen  über  die  Niederlande  und  Italien
in  den  Friedensschluß  aufgenommen  werden,  wenn  nicht  auch  unsere  Ent—
schädigungen  Erwähnung  finden.  Aber  dieser  letzte  Trumpf  war  schon
verspielt;  Preußen  hatte  ja  längst  der  Herrschaft  Oesterreichs  über  Ober—
        <pb n="580" />
        570  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

italien  und  der  Verstärkung  der  Niederlande  zugestimmt.  Ein  nachträglicher
  Widerspruch  war  ein  Lufthieb,  konnte  höchstens  bewirken,  daß  die
Artikel  über  Italien  und  Holland  aus  den  Friedensurkunden  wegblieben.
Damit  ward  Preußens  Stellung  nicht  gebessert,  nur  das  Mißtrauen  der
Alliirten  verschärft.

Für  jetzt  war  schlechterdings  nichts  zu  erreichen.  Preußen  unterzeichnete
  am  31.  Mai  mit  den  drei  verbündeten  Höfen  ein  Protokoll,  das  die
Entscheidung  aller  noch  streitigen  Gebietsfragen  auf  den  Congreß  verwies.
Bis  dahin  sollten  Würzburg  und  Aschaffenburg  durch  Baiern,  das  Herzogthum
  Berg  und  die  Lande  zwischen  Maas  und  Mosel  durch  Preußen,
die  Striche  südlich  der  Mosel  durch  Baiern  und  Oesterreich,  die  belgischen
Lande  durch  England  und  Holland  verwaltet  werden;  Mainz  aber  erhielt
eine  gemischte  Garnison  von  Preußen  und  Oesterreichern,  ausdrücklich  damit
  die  Entscheidung  frei  bliebe.  Hardenberg  hatte  bei  seiner  Niederlage
nur  den  einen  Trost,  daß  sein  gefährlichster  Gegner,  Frankreich,  bei  der
Gebietsvertheilung  nicht  mitwirken  sollte.  Aber  die  praktische  Bedeutung
dieser  Bestimmung  hing  offenbar  lediglich  von  der  Eintracht  der  Verbündeten
  ab.  Verständigten  sie  sich  nicht  unter  sich,  so  mußte  ein  Staat  von
der  Macht  und  den  weitverzweigten  Verbindungen  Frankreichs,  wenn  er
einmal  an  dem  Congresse  theilnahm,  unausbleiblich  auch  in  die  Gebietsstreitigkeiten
  hineingezogen  werden,  ja  er  konnte  vielleicht  allen  Verabredungen
  zum  Trotz  das  entscheidende  Wort  sprechen.  Dies  ward  auch  schon
in  Paris  dunkel  geahnt.  Czar  Alexander  und  Stein  erfuhren  bald  von
einem  verdächtigen  geheimen  Verkehre  zwischen  Talleyrand,  Metternich  und
Castlereagh;  man  fühlte,  wie  die  Coalition  sich  lockerte,  wie  England  und
Oesterreich  nach  Bundesgenossen  suchten  um  die  preußisch-russischen  Pläne
zu  vereiteln.

Während  also  Preußens  unversöhnlichster  Feind  von  einigen  der
verbündeten  Mächte  umworben  wurde,  begann  zugleich  die  Freundschaft
zwischen  dem  preußischen  und  dem  russischen  Cabinet  bedenklich  zu  erkalten.
Schon  die  wohlfeile  Großmuth  des  Czaren  hatte  den  Staatskanzler  tief
verstimmt,  und  jetzt  wurde  auch  von  dem  Plane  der  Wiederherstellung
Polens  Einiges  ruchbar.  Man  vernahm,  wie  der  Czar  im  Hotel  Talleyrand
  begeistert  von  Polens  Freiheit  sprach;  der  kluge  Franzose  bedurfte
noch  der  russischen  Gunst  für  die  Abwicklung  der  Friedensverhandlungen  und
bestärkte  den  kaiserlichen  Gast  durch  harmlose  zustimmende  Bemerkungen
in  seiner  Schwärmerei.  Alexander  besuchte  mehrmals  die  Festlichkeiten  der
polnischen  Emigranten,  die  ihn  huldigend  umdrängten;  er  nahm  die  polnischen
  Regimenter,  die  unter  Napoleon  gefochten,  sofort  in  seinen  Dienst
und  schickte  sie  unter  dem  Banner  des  weißen  Adlers  in  die  Heimath.
Auch  das  russische  Heer  marschirte  alsbald  nach  dem  Friedensschlusse
eilig  nach  Polen  zurück;  zugleich  trafen  die  Reserven  aus  dem  Osten  des
Reiches  in  Warschau  ein.  Während  des  Sommers  versammelte  sich  am
        <pb n="581" />
        Der  Friedensschluß.  571

Bug  und  Narew  eine  Truppenmasse  doppelt  so  stark  als  das  Heer,  das
der  Czar  gegen  Frankreich  in's  Feld  geführt;  die  Generale  drohten  laut,
sie  wollten  doch  sehen,  wer  einer  solchen  Kriegsmacht  das  eroberte  Polen
entreißen  würde.  Man  hörte,  daß  der  Czar  unter  seiner  polnischen  Krone
fast  das  gesammte  Herzogthum  Warschau  und  vielleicht  auch  Litthauen
zu  vereinigen  hoffe;  nur  ein  kleiner  Strich  Landes  in  der  Nähe  Krakaus,
doch  ohne  diese  Stadt,  sollte  an  Oesterreich,  nur  Posen  bis  zur  Prosna,
aber  ohne  das  altdeutsche  Thorn,  sollte  an  Preußen  abgetreten  werden.
Dabei  vermied  Alexander  nach  wie  vor  jede  offene  Erklärung  über  die
polnische  Sache.  Es  war  nur  menschlich,  daß  Hardenberg  durch  dies
hinterlistige  Verfahren  des  überschwänglich  zärtlichen  Freundes  tief  er—
bittert  wurde  und  jetzt  den  Einflüsterungen  der  englisch-österreichischen
Diplomaten  sein  Ohr  lieh.  Gleichwohl  forderte  die  schwer  bedrängte  Lage
des  Staates  gebieterisch,  solche  Empfindlichkeit  zu  unterdrücken  und  eine
Verständigung  mit  dem  Czaren  zu  suchen;  denn  wer  anders  als  Rußland
konnte  die  Forderungen  Preußens  ehrlich  unterstützen?

Die  Friedensurkunde,  am  30.  Mai  unterzeichnet,  enthielt  über  die
Vertheilung  der  Eroberungen  nur  einige  kurze  Sätze,  das  Wenige  worüber
man  sich  verständigt  hatte:  die  Länder  des  linken  Rheinufers  sollten  zur
Entschädigung  für  Holland,  Preußen  und  andere  deutsche  Staaten  ver—
wendet,  Oesterreichs  italienischer  Besitz  im  Westen  durch  den  Tessin  und
den  Langen  See  begrenzt,  das  Gebiet  der  alten  Republik  Genua  mit  dem
wiederhergestellten  Königreich  Sardinien  vereinigt  werden.  Die  anderen
Fragen  blieben  sämmtlich  offen.  Oesterreich  sah  also  doch  nicht  alle  seine
ausschweifenden  italienischen  Hoffnungen  erfüllt.  Den  Kirchenstaat  über—
ging  der  Friedensvertrag  mit  Stillschweigen;  aber  da  der  Papst  soeben,
am  24.  Mai,  in  der  ewigen  Stadt  wieder  einzog  und  die  romantisch
aufgeregte  Welt  ihn  überall  mit  Entzücken  begrüßte,  so  war  bereits  sicher,
daß  er  mindestens  einen  Theil  seines  Landes  zurück  erlangen  würde.  Auch
die  Auslieferung  von  Genua  an  den  alten  Nebenbuhler  Piemont  war  für
die  Hofburg  ein  schwerer  Schlag;  England  hatte  die  Stadt  soeben  erobert
und  erklärte  sich  unbedenklich  bereit  sie  an  König  Victor  Emanuel  dahinzugeben,
  weil  man  ihn  für  die  Abtretung  von  Savoyen  entschädigen  mußte.
Rußland  ergriff,  seinen  alten  Ueberlieferungen  getreu,  die  Partei  der  Piemontesen,
  und  auch  Frankreich  erwies  sich  ihnen  günstig;  denn  Talleyrand
erkannte,  scharfsinniger  als  die  Diplomaten  der  Coalition,  daß  die  Verstärkung
  der  Zwischenstaaten  für  Frankreich  eher  vortheilhaft  als  gefährlich
  war.  Wie  er  gegen  die  Bildung  des  Königsreichs  der  Vereinigten
Niederlande  nichts  einzuwenden  hatte,  so  suchte  er  auch  das  Polsterkissen,
das  im  Süden  die  Gebiete  Oesterreichs  und  Frankreichs  auseinander
halten  sollte,  möglichst  zu  verstärken.  Dem  vereinigten  Widerspruche  dieser
drei  Mächte  mußte  Oesterreich  nachgeben.  Kaiser  Franz  ertrug  die  halbe
Niederlage  sehr  unwirsch;  auf  den  Besitz  des  Kirchenstaates  hatte  er  be-
        <pb n="582" />
        572  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

stimmt  gerechnet,  war  doch  schon  im  Jahre  1799  die  Secularisation  des
Patrimonium  Petri  von  Thugut  in  vollem  Ernst  geplant  worden.  Metternich
  übergab  dem  englischen  Cabinet  einen  feierlichen,  auf  die  naive
Unwissenheit  der  Torys  berechneten  Protest,  erinnerte  die  Briten  an  die
im  vorigen  Sommer  zu  Prag  gegebenen  Versprechungen  und  verwahrte
die  unbestreitbaren  Rechte  auf  den  Kirchenstaat,  welche  das  Haus  Oesterreich
  als  König  der  Römer  sowie  als  erblicher  Kaiser  und  Oberhaupt  des
deutschen  Reichskörpers  besitze.  Immerhin  waren  Oesterreichs  wesentliche
Ziele  erreicht;  sein  italienischer  Besitz  hatte  sich  vervierfacht,  seine  Vettern
hausten  wieder  in  Florenz  und  Modena,  die  Halbinsel  lag  jederzeit  seinen
Waffen  offen.  Ganz  Italien,  allein  Piemont  ausgenommen,  stand  fortan
unter  fremden  Herrschern,  die  mit  der  Hofburg  durch  eine  natürliche
Interessengemeinschaft  verbunden  waren.  Der  gefährliche  Name  des  Königreichs
  Italien  wurde  sofort  beseitigt,  das  Vaterland  Machhiavelli's  sollte
nicht  mehr  sein  als  ein  Familiengut  der  Sippe  des  Hauses  Oesterreich.
Darum  durften  auch  die  altehrwürdigen  Republiken  Venedig  und  Genua
nicht  wieder  aufleben;  wie  leicht  hätte  der  durch  Napoleon  wieder  erweckte
Nationalgeist  der  Italiener  hier  eine  Zuflucht  finden  können.

Ohnehin  war  dies  Zeitalter  der  beginnenden  Restauration  allen  Republiken
  ungünstig;  wo  kein  Prinz  auftrat,  der  ein  Erbrecht  von  Gottes
Gnaden  geltend  machte,  da  schien  überhaupt  kein  Recht  vorhanden  zu  sein.
Das  neue  Staatensystem  Europas  trug  durchaus  den  Charakter  eines
großen  Fürstenbundes,  und  immer  stärker  ward  in  dieser  monarchischen
Staatengesellschaft  der  Einfluß  der  fünf  großen  Mächte.  Sie  allein  hatten
den  Pariser  Friedensschluß  beschickt.  Nur  der  Form  halber  gestatteten
sie  nachher  den  drei  Staaten  Spanien,  Portugal  und  Schweden  auch
ihrerseits  Frieden  mit  Frankreich  zu  schließen,  so  daß  die  huit  puissances
signatrices  gleichsam  einen  weiteren  Ausschuß  der  Pentarchie  bildeten.
Ueber  das  Schicksal  der  Schweiz  ward  entschieden  ohne  daß  man  die  Eidgenossenschaft
  auch  nur  befragt  hätte.

Mit  der  üblichen  officiellen  Glückseligkeit  benachrichtigte  der  Staatskanzler
  den  in  Berlin  zurückgebliebenen  Minister  des  Auswärtigen,  Graf
Goltz,  von  dem  Abschlusse  des  Friedens,  worauf  Goltz  allen  Diplomaten
Preußens  in  einem  Rundschreiben  versicherte:  wir  können  uns  der  gewissen
  Erwartung  hingeben,  unsere  Wünsche  für  den  Glanz  und  die
Macht  Preußens  vollständig  erfüllt  zu  sehen.)  In  Wahrheit  war  die
Stimmung  der  leitenden  Kreise  besorgt  und  gedrückt.  Die  Generale  zürnten
laut  über  die  noch  immer  völlig  ungesicherte  Lage  der  Monarchie.  Gneisenau
  schrieb  dem  Staatskanzler,  ohne  Mainz  und  Jülich  sei  Preußen
schlechterdings  nicht  im  Stande  die  deutsche  Westgrenze  zu  decken.  Müffling
  erzählte,  wie  Wrede  bereits  triumphirend  von  der  künftigen  Bundes- 



*)  Hardenberg  an  Goltz,  31.  Mai.  Goltz  an  die  Gesandten,  8.  Juni  1814.
        <pb n="583" />
        Die  Heimkehr.  573

festung  Mainz  spreche,  und  fragte,  ob  denn  das  Elend  der  alten  Reichs—
festungen  wiederkehren  solle.  „Welche  Sicherheit  für  uns,“  fuhr  er  fort,
„und  welche  traurige  Aussicht,  wenn  die  Krautfürsten  trotzen  und  wir  —
nachgeben!  Wenn  wir  nicht  in  demselben  Verhältniß  vergrößert  werden
als  Oesterreich  und  Rußland,  wenn  wir  uns  von  dem  österreichischen
Systeme  der  Familien-Apanage  täuschen  und  Mainz  und  Jülich  entreißen
lassen,  so  kann  es  die  Nation,  die  so  viel  gethan  hat,  nicht  vergeben."“
Besser  ein  neuer  Krieg  als  eine  große  Enttäuschung!?)  —

Der  Masse  des  Volkes  blieben  solche  Befürchtungen  fern,  ob  auch
einzelne  denkende  Patrioten  über  den  faulen  Frieden  klagten.  Den  ganzen
Sommer  über  lag  der  helle  Sonnenschein  dankbarer  Freude  über  den
altpreußischen  Landen.  Was  hatte  dies  Volk  gelitten!  Vor  wenigen  Monaten
  erst  hatte  die  Hauptstadt  den  Donner  der  Schlacht  dicht  vor  ihren
Mauern  gehört,  verwüstet  lagen  die  Felder,  kahl  und  schmucklos  die
Zimmer,  kaum  ein  Haus  das  nicht  den  Tod  eines  Sohnes,  eines  Bruders
betrauerte,  und  nun  war  das  Höchste  doch  gelungen,  das  wälsche  Babel
war  gebändigt,  das  den  Daheimgebliebenen  ganz  unerreichbar,  ganz  aus
der  Welt  zu  liegen  schien.  Es  war  der  Wunder  genug  für  ein  kurzes
Jahr;  wer  hätte  klagen  mögen?  So  glückliche  Stunden  hatte  Berlin  seit
Friedrich's  Zeiten  nicht  mehr  erlebt,  wie  an  jenem  sonnigen  Apriltage,  da
der  Flügeladjutant  Graf  Schwerin  die  erste  Nachricht  von  der  Schlacht
vor  Paris  überbrachte.  Nach  dem  alten  fridericianischen  Brauche  ritt  der
Curier  mit  einem  Geschwader  blasender  Postillone  zum  Potsdamer  Thore
ein;  dann  die  Wilhelmsstraße  hinunter,  vorbei  an  dem  Dönhoff'schen
Hause,  wo  seine  schöne  junge  Frau  im  Fenster  lag  und  vor  Wonne  fast
vergehen  wollte.  Dann  die  Linden  entlang  zum  Gouverneur,  dem  alten
Lestocq;  der  alte  Herr  hatte  dem  Heere  nicht  mehr  folgen  dürfen  und
pries  mit  neidloser  Freude  die  Jungen,  die  so  viel  glücklicher  gewesen  als
er  selber  einst  bei  Eylau.  Dann  weiter  zu  den  Palästen  der  Prinzessinnen
und  der  Minister.  Ueberall  dicht  gedrängte  jauchzende  Massen,  überall
der  Ruf:  „der  Curier,  der  Curier!  Paris  ist  über!“  —  und  nachher  hieß
es  wieder:  „das  ist  ja  der  Graf  Schwerin,"  denn  in  diesen  unschuldigen
Tagen  kannte  man  einander  noch.  Nur  Einer  nahm  an  dem  Jubel  dieses
großen  Berliner  Familienfestes  nicht  theil:  der  böse  alte  Feldmarschall
Kalckreuth,  Tilsiter  Andenkens;  der  war  ein  verstockter  Franzose  geblieben
und  ließ  seinen  Aerger  aus  durch  frivole  Späßchen  wider  das  neue  Teutonenthum.
  Ein  zweiter  großer  Freudentag  kam  im  Juli.  Ganz  Berlin
war  auf  den  Beinen,  Tausende  harrten  stundenlang  in  der  warmen  Sommernacht
  draußen  im  Thiergarten,  bis  endlich  unter  dem  Hurrahruf  der
Menge  ein  riesiger  Lastwagen  herankam,  wohl  von  zwanzig  Rossen  mühsam
  gezogen;  obenauf  stand  ein  großer  Holzkasten,  über  und  über  bedeckt

 

*)  Gneisenau  an  Hardenberg,  18.  Mai.  Müffling  an  Gneisenau,  17.  Mai  1814.
        <pb n="584" />
        574  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

mit  Namen,  Versen,  Inschriften  aller  Art  von  der  Hand  guter  Preußen,
die  dem  sonderbaren  Gefährt  unterwegs  ihren  Willkommgruß  mit  auf  die
weite  Reise  gegeben.  Es  war  die  Victoria  vom  Brandenburger  Thore.
Wie  oft  hatten  die  Berliner  Bürger,  alle  diese  bösen  Jahre  über,  ingrimmig
  aufgeblickt  zu  der  langen  Eisenstange  auf  dem  Thore,  woran
einst  die  Quadriga  befestigt  gewesen;  man  erzählte  gern,  daß  der  Turnvater
  Jahn  einmal  einen  kleinen  Teutonen  geohrfeigt  hatte,  weil  der  Junge
nicht  zu  sagen  wußte,  was  er  sich  bei  dem  Anblick  der  Stange  denken  sollte.
Die  entführte  Siegesgöttin  erschien  dem  Volke  wie  das  Symbol  altpreuhischer
  Ehre;  nun  hatte  man  sie  wieder  nach  ehrlichem  Kampfe  und  Alles
war  in  Ordnung.

Aehnliche  Auftritte  stürmischer  Freude  wiederholten  sich  überall.  Als
die  Preußen  durch  das  alte  Thor  von  Hildburghausen  einzogen,  da  sang
Rückert:

Niemals  durchritten
Hat  Dich  ein  Heer

Milder  von  Sitten,
Tapf'rer  von  Speer.

Wie  athmete  das  unglückliche  Hamburg  wieder  auf,  das  bis  zum  Friedensschlusse
  in  Davoust's  harten  Händen  geblieben  war.  Dank  der  Barmherzigkeit
  des  wackeren  dänischen  Obersten  Buchwald  hatten  die  aus  der  Stadt
vertriebenen  Tausende  armer  Leute  freilich  in  Altona  ein  Unterkommen
gefunden;  ihrer  fünfhundert  waren  doch  der  Noth  erlegen  und  ruhten
nun  in  dem  unheimlichen  Massengrabe  auf  dem  Kirchhofe  von  Ottensen.
Auch  die  aus  der  Bank  geraubten  Millionen  kehrten  nicht  zurück,  da  die
strenge  Untersuchung,  welche  König  Ludwig  im  Pariser  Frieden  versprach,
natürlich  kein  Ergebniß  hatte:  den  Deutschen  gegenüber  zeigten  sich  die
Bourbonen  durchaus  als  Napoleon's  Erben,  Treue  und  Glauben  galt
ihnen  nichts.

Aller  Jubel  der  Daheimgebliebenen  reichte  doch  nicht  heran  an  das
unsagbare  Gefühl  freudigen  Stolzes,  das  den  heimkehrenden  Kriegern  die
Seele  schwellte.  Mit  einer  Herzlichkeit,  wie  sie  das  barsche  alte  fridericianische
  Heer  nie  gekannt,  nahmen  die  Führer  von  ihren  Truppen  Abschied.
  „In  jedem  meiner  bisherigen  Waffenbrüder  hoffe  ich  auch  künftig
einen  Freund  zu  finden“  —  schrieb  der  greise  General  Putlitz,  als  er  am
Rhein  von  seiner  märkischen  Landwehrbrigade  schied,  —  „und  Jeder  von
Ihnen,  der  mir  Gelegenheit  giebt  ihm  zu  zeigen,  daß  ich  der  seinige  bin,
wird  mir  eine  wahrhaftige  Freude  machen.“  Noch  in  Paris  wurde  die
Auflösung  der  Jägerdetachements  angeordnet.  Sodann  stellte  die  Cabinetsordre
  vom  27.  Mai  1814  die  für  die  Dauer  des  Krieges  aufgehobenen
  Exemtionen  von  der  Cantonspflicht  wieder  her,  „nachdem  der  Zweck
der  großen  Anstrengungen  so  glücklich  erreicht  ist,“  und  befahl  allen  Beamten
  und  Lehrern  die  Rückkehr  in  ihre  Aemter.  Die  Bedürfnisse  des
        <pb n="585" />
        Die  Monarchen  in  England.  575

bürgerlichen  Lebens  forderten  gebieterisch  ihr  Recht.  Wie  ging  diesen  Frei—
willigen  das  Herz  auf,  als  sie  aus  dem  wüsten  Getöse  des  Kriegslagers
wieder  hinübertraten  in  des  Friedens  heilige  Sabbathstille.  Da  lag  es
strahlend  in  der  Blüthenpracht  seines  Frühlings,  das  herrliche  Rheinland
und  es  war  wieder  unser  und  die  Glocken  seiner  alten  Dome  läuteten
zur  Feier  deutscher  Siege.  Recht  aus  dem  Herzen  seiner  Kameraden  rief
Schenkendorf:

Wie  mir  deine  Freuden  winken

Nach  der  Knechtschaft,  nach  dem  Streit!

Vaterland,  ich  muß  versinken
Hier  in  Deiner  Herrlichkeit!

Und  wie  hatte  sich  das  Urtheil  des  Auslandes  über  die  Deutschen  ge—
ändert,  seit  die  bestechende  Macht  des  Erfolges  für  sie  redete.  Frau  von
Staöl  gestand  wehmüthig:  so  sei  es  nun  doch,  die  Freiheit  gehe  heute  wie
die  Sonne  im  Osten  auf;  Pozzo  di  Borgo  und  Capodistrias  meinten:
der  feste  Hort  der  europäischen  Gesittung  bleibe  doch  dies  alte  Deutschland
mit  seiner  Treue,  seinem  Muthe  und  der  Macht  seiner  tiefen  Leidenschaft
überall  sonst  Fels  oder  Sand,  hier  allein  fruchtbares  Erdreich.

Auch  in  England  waren  die  Preußen  die  Helden  des  Tages,  als  der
König  und  der  Czar  mit  Metternich  und  Blücher  von  Paris  aus  zum
Besuche  des  Prinzregenten  hinüberkamen.  Die  unverdorbene  Masse  des
Volkes  drängte  sich  mit  urkräftiger  Begeisterung  um  Blücher  und  Gneisenau,
  kaum  waren  sie  ihres  Lebens  sicher  bei  den  tollen  Ausbrüchen  der
ungestümen  Freude;  höchstens  der  tapfere  Kosakenhetman  Platow  kam
neben  ihnen  noch  auf.  Wie  viel  hundertmal,  bis  zum  Tode  des  alten
Feldmarschalls,  ist  in  englischen  Häusern  der  Ruf  erklungen:  drink  a
cup  for  old  Blucher!  Dem  stolzen  Adel  aber  gefiel  weder  die  schlichte
Erscheinung  des  Königs  noch  die  soldatische  Derbheit  seiner  Generale.
Allein  Metternich  verstand  die  Herzen  der  vornehmen  Welt  zu  gewinnen;
sein  Verhältniß  zu  dem  Tory-Cabinet  ward  täglich  vertrauter.  Die  Abneigung
  des  Hofes  gegen  Rußland  steigerte  sich  durch  den  persönlichen
Verkehr  bis  zu  tiefem  Hasse.  Die  vollendete  Nichtigkeit  des  Welfen  widerte
  den  Czaren  an;  der  liberale  Selbstherrscher  vernahm  mit  unverhohlener
  Verachtung,  wie  der  Prinzregent  sich  kaum  auf  die  Straße  hinaus
  wagen  durfte,  wie  der  Londoner  Pöbel  dem  Ehebrecher  zurief:  wo
hast  Du  Deine  Frau  gelassen?  Die  Torys  ihrerseits  hörten  mit  Abschen
die  großen  Worte  Alexander's  über  Völkerfreiheit  und  Völkerglück;  er  war
ihnen  „halb  ein  Narr,  halb  ein  Bonaparte".  Ihr  Zorn  wuchs  noch  als
eben  in  diesen  Tagen  ein  Lieblingswunsch  ihres  Hofes  zu  Schanden  wurde.
Der  junge  Prinz  von  Oranien  war  in  London  eingetroffen  und  hatte  die
lang  geplante  Verlobung  mit  der  Prinzessin  Charlotte  abgeschlossen;  Alles
hoffte  auf  die  Wiederkehr  der  Zeiten  Wilhelm's  III.  Wenn  nur  der  kleine
Trotzkopf  der  Prinzessin  selber  nicht  gewesen  wäre,  der  doch  auch  mitzu-
        <pb n="586" />
        576  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

reden  hatte!l  Mit  dem  lauten  Ausrufe  „I  hate  Orange“  wies  sie  vor
versammeltem  Hofe  eine  Schale  voll  Apfelsinen  zurück,  sie  wollte  England
nicht  verlassen.  Das  Verlöbniß  mußte  aufgelöst  werden.  Der  Welfe  aber
schäumte  vor  Grimm.  Er  glaubte  zu  wissen,  daß  Alexander's  Schwester,
die  geistreiche  Großfürstin  Katharina,  seine  Tochter  aufgestiftet  habe.)
fand  die  Anmaßung  der  Russen  ganz  unerträglich  und  bot  dem  österreichischen
  Minister  geradezu  eine  geheime  Allianz  gegen  den  Czaren  an,
wie  Humboldt  bald  darauf  durch  Metternich  selbst  erfuhr.)

Auf  der  Rückreise  besuchte  der  König  seine  wiedergewonnenen  Neufchateller,
  und  die  allgemeine  ungeheuchelte  Freude  des  treuen  Völkchens
zeigte,  wie  fest  unter  einem  wohlwollenden  Regimente  selbst  eine  unnatürliche
  politische  Verbindung  sich  einwurzeln  kann.  Zu  Anfang  August
kehrte  er  in  die  Mark  zurück.  Unterdeß  zogen  auch  die  Truppen  heim.
Dem  alten  Blücher  gönnten  seine  dankbaren  Landsleute  keine  Erholung
von  den  englischen  Jubelstrapazen;  fast  in  jeder  Stadt  mußte  er  zum
Volke  reden,  immer  fröhlich  und  hochgemuth;  aber  auch  fromm  und  tief
bescheiden.  Gott  allein  gab  er  die  Ehre,  die  neue  Fürstenwürde  merkte
ihm  Niemand  an,  und  das  Wörtchen  „mir“  bestrafte  er  als  ein  echter
Niederdeutscher  noch  immer  mit  stiller  Verachtung.  Neuer  Jubel  in  der
Hauptstadt,  als  die  Berliner  Landwehr  heimkehrte;  die  Massen  ließen  sich
nicht  halten,  die  Bataillone  brachen  auseinander,  die  Frauen  stürzten
den  Gatten  in  die  Arme,  die  Jungen  trugen  den  VBätern  die  Flinten  und
so  wogte  der  lange  Zug  dahin,  die  Wehrmänner  ganz  mit  Kränzen  überdeckt,
  Soldaten  und  Bürger,  Männer  und  Frauen  in  krausem  Durcheinander
  —  recht  eigentlich  ein  Volk  in  Waffen.  Nur  der  König  war
unzufrieden,  in  Sachen  des  Parademarsches  verstand  er  keinen  Scherz.
Am  7.  August  endlich  feierlicher  Einmarsch  der  Armee,  ein  wenig  gestört
durch  die  Bescheidenheit  Friedrich  Wilhelm's.  Der  Rücksichtsvolle  hatte
nicht  nur,  wie  billig,  den  gefangenen  Friedrich  August  schleunigst  nach
dem  benachbarten  Friedrichsfelde  übersiedeln  lassen  um  ihm  den  kränkenden
  Anblick  des  Siegesfestes  zu  ersparen;  sein  demüthiger  Sinn  nahm
sogar  Anstoß  an  den  von  Schinkel  aufgestellten  Siegessäulen  und  Trophäen,
  er  wollte  jede  Beleidigung  des  geschlagenen  Feindes  vermeiden,
und  noch  in  der  Nacht  mußten  die  französischen  Fahnen  und  Waffen
unter  dicken  Kränzen  verhüllt  werden.  —

Während  also  im  preußischen  Volke  die  Freude  hohe  Wellen  schlug,
gestalteten  sich  die  Aussichten  für  den  Congreß  täglich  trüber.  Der  König
fühlte  mit  seinem  Sinne  für  das  Wirkliche  rasch  heraus,  daß  sein  Freund
in  Wien  keineswegs  gesonnen  war  mit  ihm  die  Herrschaft  in  Deutschland
zu  theilen;  „mich  will  man“,  sagte  er  bitter,  „zum  Regierungsrath  des

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  29.  Juni  1814.
**)  Humboldt's  Bericht  an  den  König,  Wien,  20.  August  1814.
        <pb n="587" />
        Oesterreich  und  die  Albertiner.  577

Kaisers  von  Oesterreich  machen.“  Seine  Staatsmänner  aber  gaben  ihre
dualistischen  Pläne  noch  nicht  auf.  Knesebeck  entwarf  noch  in  Paris  eine
neue  Denkschrift,  die  dem  Hause  Oesterreich  nochmals  den  Breisgau  und
außerdem  Mannheim,  als  den  künftigen  Hauptwaffenplatz  Süddeutschlands,
anbot.)  Unter  den  Wiener  Staatsmännern  war  allein  Stadion  diesem
Gedanken  günstig;  er  lebte  noch  in  den  Anschauungen  eines  schwäbischen
Reichsgrafen  und  sagte  zu  Humboldt  treffend:  durch  den  Verzicht  auf
seine  oberrheinischen  Lande  „würde  Oesterreich  fast  aufhören  ein  deutscher
Staat  zu  sein“.  Metternich  aber  blieb  fest  und  erklärte  endlich  im  August
dem  preußischen  Gesandten  mit  ungewohnter  Bestimmtheit:  der  ganze
Plan  sei  unannehmbar.  So  hat  Oesterreich,  nach  Stadion's  Worten,
aufgehört  ein  deutscher  Staat  zu  sein  —  allein  durch  den  freien  Entschluß
  seines  Hofes,  gegen  Preußens  dringenden  Wunsch.

In  jeder  der  großen  schwebenden  Gebietsfragen  war  Metternich  der
entschiedene  Gegner  Preußens.  Wie  er  Mainz  bereits  an  Baiern  versprochen,
  so  war  er  auch  in  der  polnischen  Sache  mit  dem  arglosen
Staatskanzler  keineswegs  einverstanden,  sondern  fand  Hardenberg's  Forderungen
  viel  zu  niedrig  und  wollte  Rußland  noch  weiter  in  den  Osten
drängen.  Die  Hofburg  täuschte  sich  weder  über  den  untrennbaren  Zusammenhang
  der  sächsischen  und  der  polnischen  Frage  noch  über  die  natürliche
  Interessengemeinschaft  der  preußischen  und  der  russischen  Politik.
Im  Juni  sagte  Kaiser  Franz  zu  einem  Bevollmächtigten  des  gefangenen
Königs,  General  Zeschau:  er  finde  die  Entthronung  Friedrich  August's
unbillig  und  unmoralisch,  „denn  wir  haben  ja  jetzt  den  Krieg  geführt  um
Alles  wieder  auf  den  alten  Fuß  herzustellen.  Aber  es  handelt  sich  darum,
daß  Rußland  nichts  von  Polen  hergeben  will,  und  dafür  mag  Preußen
sich  in  Sachsen  entschädigen.“  Er  habe  darum,  fuhr  er  fort,  seinem  Minister
  befohlen  alle  Verhandlungen  über  diese  Fragen  auf  den  Congreß  zu
verschieben,  „weil  ich  hoffe,  daß  man  hier  der  Sache  eine  bessere  Richtung
  geben  kann.“  Der  General  möge  das  seinem  Könige  erzählen;
„schreiben  kann  ich's  nicht.“““)  Schon  im  Laufe  des  Winters  war  ein
sächsischer  Agent  Freiherr  von  Uechtritz  durch  die  Kosaken  des  sächsischen
Generalgouvernements  aufgefangen  worden.  Aus  seinen  Papieren  ergab
sich,  daß  der  entlassene  sächsische  Minister  Graf  Senfft  von  König  Friedrich
  August  bevollmächtigt  werden  sollte  mit  den  Mächten  insgeheim  wegen
der  Wiedereinsetzung  des  albertinischen  Hauses  zu  verhandeln;  der  Verkehr
  zwischen  Senfft  und  seinem  gefangenen  Herrn  sollte  durch  die  Hände
des  Grafen  Zichy,  des  k.  k.  Gesandten  in  Berlin  gehen!  Während  des
Sommers  versuchte  Kaiser  Franz  abermals  vergeblich  den  König  von  Preu- 



*)  Knesebeck's  Denkschrift  über  den  Frieden  von  Paris  (undatirt,  in  Paris  geschrieben).
**)  Nach  Zeschauf's  Aufzeichnungen  (Erinnerungen  an  General  H.  W.  v.  Zeschau.
Dresden  1866.)  S.  69.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  37
        <pb n="588" />
        578  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

hen  zu  bewegen,  daß  er  seinen  Gefangenen  an  Oesterreich  ausliefere.  Man
erfuhr,  daß  Prinz  Anton  von  Sachsen,  eingeladen  von  seinem  kaiserlichen
Schwager,  schon  im  Juli  sich  nach  Wien  begab,  um  auf  dem  Congresse
für  seinen  Bruder  zu  wirken.  Einige  Wochen  nachher  erklärte  Metternich
selbst  einem  anderen  sächsischen  Agenten,  dem  Grafen  Schulenburg:  die
Interessen  Preußens  und  Oesterreichs  laufen  in  der  sächsischen  Frage  einander
  schnurstracks  zuwider;  am  besten,  wenn  Schulenburg  selbst  als  sächsischer
  Gesandter  „mit  ruhender  Vollmacht“  auf  dem  Congresse  erscheint
und  statt  aller  Instructionen  den  einfachen  Auftrag  mitbringt,  in  Allem
und  Jedem  den  Weisungen  Oesterreichs  zu  folgen.  Friedrich  August  beeilte
  sich  den  Rathschlag  wörtlich  zu  befolgen.  Das  Bündniß  zwischen  den
Lothringern  und  den  Albertinern  war  unerschütterlich  fest  begründet.

Das  englische  Cabinet  stand  dem  sächsischen  Streite  vorderhand  sehr
gleichgiltig  und  völlig  unwissend  gegenüber.  Nach  Castlereagh's  Briefen
ließ  sich  die  Frage  wohl  aufwerfen:  ob  der  edle  Lord  genau  wußte,  wo
eigentlich  das  Königreich  Sachsen  lag?  Soweit  die  Torys  über  die  Angelegenheit
  nachgedacht  hatten,  waren  sie  als  geschworene  Feinde  Napoleon's
  dem  gefangenen  Rheinbundfürsten  ungünstig  gesinnt.  Nur  der
Prinzregent  empfand  die  natürliche  Theilnahme  des  Welfen  für  den  Albertiner.
  Sehr  geschickt  verstanden  die  Agenten  Friedrich  August's  solche
Stimmungen  zu  nähren;  sie  stellten  dem  Hofe  von  St.  James  vor:  diese
conservative  Macht  habe  die  legitimen  Bourbonen  wiederhergestellt  und
könne  doch  unmöglich  die  nicht  minder  legitimen  Wettiner  entthronen  wollen.
Am  letzten  Ende  hing  Englands  deutsche  Politik  nach  wie  vor  von  den  Rathschlägen
  Metternich's  und  Münster's  ab,  und  Hardenberg  durfte  eine  nachhaltige
  Unterstützung  seiner  sächsischen  Ansprüche  von  Seiten  der  englischen
Minister  um  so  weniger  erwarten,  da  die  Verkettung  der  sächsischen  und
der  polnischen  Frage  früher  oder  später  doch  selbst  den  harten  Köpfen  dieser
Torys  einleuchten  mußte.

In  die  polnischen  Händel  aber  stürmte  Castlereagh  mit  dem  ganzen
Feuereifer  der  Beschränktheit  hinein.  Die  Theilung  Polens  war  einst  von
den  beiden  Westmächten  als  eine  schwere  Demüthigung  empfunden  worden,
weil  sie  durch  die  Ostmächte  allein  vollzogen  ward;  jetzt  galt  es  die  alte
Schmach  zu  sühnen.  Der  Wille  Englands,  den  man  nach  alter  Gewohnheit
  für  den  Willen  Europas  ausgab,  sollte  an  der  Weichsel  entscheiden.
Die  Torys  hatten  im  Sommer  1812  den  klugen  Rath  Stein's  verschmäht,
der  ihnen  vorschlug,  sich  im  Voraus  mit  Alexander  über  die  polnische
Grenze  zu  verständigen;  jetzt  sprach  man  in  London  viel  von  einem  unabhängigen
  Polen  unter  einer  nationalen  Dynastie.  Was  man  sich  dabei
dachte,  war  sicherlich  den  Ministern  selbst  nicht  klar;  nur  so  viel  stand
fest,  daß  Castlereagh  als  der  Wortführer  Europas  dem  Ehrgeiz  Rußlands
entgegentreten  wollte.  Besonders  unheimlich  erschien  den  Hochtorys  die
Absicht  des  Czaren,  den  Polen  eine  Verfassung  zu  verleihen:  „das  sei
        <pb n="589" />
        Schwenkung  der  englischen  Politik.  579

eine  Gefahr  für  die  Ruhe  Europas,"  sagte  Wellington  in  Paris  zu  dem
preußischen  Gesandten  Goltz,  „besonders  jetzt,  wo  man  durch  die  Verbreitung
  allzu  liberaler  Grundsätze  von  oben  her  in  die  meisten  Völker  einen
gewissen  Gährungsstoff  gelegt  hat.““.)  England  besaß  bereits  Alles  was
sein  Herz  begehrte:  das  Cap  und  Ceylon,  Malta  und  Helgoland,  das
vergrößerte  Hannover  und  den  verstärkten  niederländischen  Gesammtstaat.
Außer  den  ionischen  Inseln,  die  man  in  Wien  noch  zu  erwerben  hoffte,
blieb  auf  der  weiten  Welt  nichts  mehr  zu  wünschen  übrig.  Mit  erhabener
  Uneigennützigkeit  konnte  man  also,  unter  dem  Beifall  aller  aufgeklärten
  Geister,  den  Anwalt  des  europäischen  Gleichgewichts  spielen.

Zugleich  stand  Castlereagh  in  regem  Verkehr  mit  den  Tuilerien.
Der  Czar  hatte  den  Bourbonen  schon  nach  wenigen  Wochen  seine  Gunst
wieder  entzogen;  Ludwig  XVIII.,  gekränkt  durch  Alexander's  Stolz,  war
mit  Freuden  bereit,  das  Cabinet  von  St.  James  im  Kampfe  wider  Rußland
  zu  unterstützen.  Castlereagh  bat  die  Bourbonen,  ihre  Meinung  über
die  polnische  Frage  den  großen  Mächten  mitzutheilen  und  erkundigte  sich
zugleich  bei  seinem  Gesandten  Wellington,  ob  Frankreich  in  der  Lage  sei,
dieser  Ansicht  durch  die  Waffen  Nachdruck  zu  geben.  Der  eiserne  Herzog
erwiderte:  „die  Lage  der  europäischen  Angelegenheiten  wird  nothwendigerweise
  England  und  Frankreich  zu  Schiedsrichtern  auf  dem  Congresse
machen,  wenn  diese  Mächte  sich  verständigen,  und  ein  solches  Einverständniß
  mag  den  allgemeinen  Frieden  bewahren.“  Castlereagh  dachte  noch
keineswegs  sich  von  den  alten  Alliirten  gänzlich  loszusagen;  vielmehr  sah
er  nicht  ohne  Argwohn  auf  Frankreichs  unberechenbaren  Ehrgeiz.  Er
kannte  das  tiefe  Friedensbedürfniß  seines  ermüdeten  Landes  und  wußte,
daß  auch  Oesterreich  nur  mit  diplomatischen  Waffen  gegen  Rußland
kämpfen  wollte.  Doch  indem  er  Frankreich  einlud  sich  in  die  polnischen
Händel  zu  mischen,  verletzte  er  leichtfertig  die  Verträge  von  Reichenbach
und  Teplitz,  und  dieser  gedankenlose  Vertragsbruch  konnte,  bei  der  Klugheit
  des  französischen,  der  Thorheit  des  englischen  Cabinets  leicht  zur  Zerstörung
  der  Coalition  führen.

Auch  in  der  niederländischen  Frage  war  England  den  preußischen
Plänen  nicht  günstig.  Während  jenes  Aufenthalts  der  Monarchen  in
London  wurde  die  Vereinigung  Belgiens  und  Hollands  durch  die  Allürten
endgiltig  anerkannt,  aber  das  ewige  Bündniß  mit  Deutschland,  das  Hardenberg
  vorgeschlagen,  fand  weder  bei  den  Holländern  noch  bei  ihren
britischen  Beschützern  Anklang.  Als  ein  völlig  unabhängiger  europäischer
Fürst  wollte  der  Oranier,  ohne  jede  Gegenleistung,  sich  des  Schutzes  der
preußischen  Waffen  erfreuen.  Seine  Politik  verfolgte  fortan  den  zweifachen
  Zweck,  dem  preußischen  Befreier  möglichst  viel  deutsches  Land  auf
dem  linken  Rheinufer  zu  entreißen  und  dem  welfischen  Hause  die  an

 

*)  Goltz's  Bericht,  Paris,  2.  Sept.  1814.
377
        <pb n="590" />
        580  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Holland  angrenzenden  ostfriesisch-westphälischen  Provinzen  zu  verschaffen,
damit  eine  geschlossene  welfisch-oranische  Macht  den  Preußen  im  Nordwesten
  das  Gleichgewicht  halte.  Graf  Münster  wirkte  in  demselben  Sinne.
Mit  Entsetzen  hörten  die  welfischen  Diplomaten  von  jenem  preußischen
„Isthmus“,  der  Hannover  im  Süden  umfassen  sollte;  nimmer  durfte  das
stolze  Welfenreich  eine  Enclave  des  verhaßten  Nachbarstaates  werden.
Während  das  siegreiche  England  seine  Kraft  vergeudete  an  die  künstliche
  Bildung  des  niederländischen  Staates,  der  sechzehn  Jahre  nachher
unter  Englands  eigener  Mitwirkung  wieder  zertrümmert  ward,  verschaffte
die  gewandte  Staatskunst  der  Bourbonen  dem  gedemüthigten  Frankreich
erstaunlich  schnell  wieder  seine  alte  Stellung  im  Staatensysteme.  Talleyrand
  führte  seinen  Staat  von  den  Träumen  napoleonischer  Weltherrschaft
zurück  zu  jener  nationalen  Politik,  die  seit  den  Tagen  Heinrich's  IV.  mit
allen  Vorurtheilen  und  Gewohnheiten  der  Franzosen  fest  verwachsen  war:
in  der  Zersplitterung  der  Nachbarmächte,  in  der  Begünstigung  der  Kleinstaaten
  sollte  Frankreich  seine  Stärke  suchen.  Wohl  nirgends  hat  diese
Politik,  die  bis  zum  heutigen  Tage  fortwährt,  einen  so  durchsichtig  klaren
Ausdruck  gefunden,  wie  in  der  Instruction,  welche  Talleyrand  im  September
  1814  für  sich  selbst  niederschrieb.  Der  Vertrag  war  noch  kaum
unterzeichnet,  wodurch  Frankreich  sich  verpflichtete  an  der  Entscheidung  der
Gebietsfragen  nicht  theilzunehmen;  und  sofort,  als  sei  nichts  versprochen,
mit  unerschütterlicher  Gewissenlosigkeit,  entwarf  der  französische  Staatsmann
  ein  vollständiges  Programm  für  die  Neugestaltung  der  europäischen
Karte.  Da  jener  Artikel  des  Pariser  Friedens  auf  Frankreichs  Betrieb
geheim  gehalten  wurde,  so  ahnte  das  große  Publicum  gar  nicht,  welchen
unerhörten  Vertragsbruch  das  französische  Cabinet  beging.  Talleyrand's
Instruction  folgte  Punkt  für  Punkt  der  vertraulichen  Pariser  Denkschrift,
  worin  Hardenberg  die  preußischen  Gebietsansprüche  dargelegt  hatte,
und  beantwortete  alle  deutschen  Fragen  durchaus  im  Sinne  des  österreichischen
  Cabinets.  Jener  preußische  Entwurf  ist  also  höchstwahrscheinlich
  durch  Metternich  an  Talleyrand  verrathen  und  zwischen  den  beiden
Staatsmännern  genau  besprochen  worden:  —  ein  Probestück  österreichischer
Bundestreue,  das  sich  nachher  in  Wien  noch  mehrmals  wiederholte.
Ludwig  XVIII.  wußte  wohl,  daß  Preußen  die  Napoleoniden  argwöhnisch
  beobachtete  und  mehrmals  bei  den  Alliirten  die  Entfernung
Bonaparte's  aus  Elba  beantragte;  doch  er  wußte  auch,  daß  der  preußische
Hof  die  Bourbonen  kaum  minder  mißtrauisch  ansah  als  den  gestürzten
Usurpator.  Auf  Augenblicke  schien  sich  zwar  ein  freundliches  Verhältniß
zwischen  den  beiden  Höfen  herzustellen.  Der  Herzog  von  Berry  hoffte
auf  die  Hand  der  schönen  Prinzessin  Charlotte  von  Preußen  und  ließ  den
Grafen  Goltz  mehrmals  über  diese  zarte  Frage  ausforschen.)  Indeß  da

 

*)  Goltz's  Berichte  vom  20.  Juli  1814  u.  f.
        <pb n="591" />
        Talleyrand's  Instruction.  581

König  Friedrich  Wilhelm  von  einer  solchen  Familienverbindung  durchaus
nichts  wissen  wollte,  so  trat  bald  wieder  eine  peinliche  Spannung  ein.
Der  Bourbone  fühlte  sehr  richtig,  daß  seine  Nation  von  ihm  entschiedene
Feindschaft  gegen  den  werdenden  deutschen  Staat  verlangte.

Auch  Talleyrand's  Instruction  geht  von  demselben  Gedanken  aus.  Sie
zeigt  zunächst,  daß  Frankreich  überall  die  kleinen  Staaten  unterstützen  müsse,
und  stellt  sodann  drei  angeblich  unanfechtbare  Regeln  des  Völkerrechts  auf:
die  Souveränität,  die  für  das  öffentliche  Recht  das  Nämliche  ist  was  das
Eigenthum  für  das  Privatrecht,  kann  niemals  allein  durch  die  Eroberung
erworben  werden,  sondern  nur  durch  den  Verzicht  des  Souveräns;  sie  ist
rechtsgiltig  nur  für  diejenigen  Mächte,  welche  sie  anerkannt  haben;  endlich
(mit  Nutzanwendung  auf  den  gefangenen  König  von  Sachsen)  jeder  Verzicht
  auf  die  Souveränität  ist  nichtig,  wenn  er  nicht  in  voller  Freiheit  ausgesprochen
  wird.  Daraus  folgt:  Preußen  hat  durchaus  kein  Recht  die  im
Tilsiter  Frieden  rechtmäßig  abgetretenen  Provinzen  zurückzugewinnen.  Die
Mittelstaaten  dagegen  sind  berechtigt  die  ihnen  durch  Napoleon  geschenkten
Gebiete  mediatisirter  Reichsstände  zu  behalten.  Denn  die  Mediatisirten
waren  nicht  Souveräne,  sondern  Unterthanen  von  Kaiser  und  Reich;  jeder
Versuch  sie  wieder  herzustellen  wäre  illegitim  und  gefährlich.  „Schon  ein
Zögern  in  diesem  Punkte  würde  genügen  ganz  Süddeutschland  aufzuregen
und  in  Flammen  zu  setzen.“  So  ist  denn  mit  wunderbar  dreister  Logik
erwiesen,  daß  die  legitime  Dynastie  der  Bourbonen  die  Politik  des  Rheinbundes
  fortführen,  die  Könige  von  Napoleon's  Gnaden  beschützen  muß.
Die  größte  Gefahr  droht  der  deutschen  Freiheit  von  der  Herrschsucht
Preußens.  Jeder  Vorwand  ist  dem  Ehrgeiz  dieses  Staates  recht;  kein
Gewissensbedenken  hält  ihn  auf.  Gebe  man  ihm  erst  die  versprochenen
zehn  Millionen  Seelen,  so  wird  er  bald  ihrer  zwanzig  haben  und  ganz
Deutschland  ihm  unterworfen  sein.  Darum  muß  sein  Besitzstand  in
Deutschland  beschränkt,  sein  Einfluß  auf  die  deutschen  Staaten  im  Zaum
gehalten  werden  durch  eine  weise  Bundesverfassung,  welche  die  Bundesgewalt
  in  möglichst  viele  Hände  legt.  Dazu  ist  nöthig  die  Erhaltung  der
kleinen,  die  Vergrößerung  der  Mittelstaaten  und  vor  Allem  die  Wiederherstellung
  des  den  Bourbonen  so  nahe  verwandten  Königs  Friedrich  August;
„durch  die  Erwerbung  Sachsens  würde  Preußen  einen  ungeheuren  und
entscheidenden  Schritt  thun  nach  dem  Ziele  der  völligen  Beherrschung
Deutschlands.“  Darum  soll  auch  Mainz  nimmermehr  eine  preußische
Festung  werden,  sondern,  wie  Luxemburg,  ein  fester  Platz  des  Deutschen
Bundes;  südlich  der  Mosel  darf  sich  Preußen  nicht  ausbreiten.  Wir  müssen
Holland  helfen  möglichst  weit  auf  dem  linken  Rheinufer  vorzurücken,  desgleichen
  die  Ansprüche  Hessens,  Baierns  und  namentlich  Hannovers  unterstützen,
  „um  das  für  Preußen  verfügbare  Ländergebiet  zu  verkleinern“.  Da
die  Unabhängigkeit  Polens  leider  unmöglich  ist  und  nur  zur  Anarchie  führen
kann,  so  muß  dort  der  Zustand  von  1805  wiederhergestellt  werden,  um  so
        <pb n="592" />
        582  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

mehr,  „da  dies  den  Ansprüchen  Preußens  auf  Sachsen  ein  Ziel  setzen
würde“.  Italiens  Unabhängigkeit  besteht  darin,  daß  stets  mehrere  Mächte
auf  der  Halbinsel  einander  das  Gleichgewicht  halten;  daher  soll  der  Usurpator
  Murat,  celui  qui  regne  à  Naples,  den  legitimen  Bourbonen  die
Krone  zurückgeben,  Toscana  an  einen  andern  Zweig  der  Bourbonen  fallen,
der  Papst  erhält  die  Legationen,  Sardinien  wird  vergrößert  und  das  Erbfolgerecht
  der  Linie  Carignan  sicher  gestellt.  So  empfängt  Frankreich  im
Süden  neben  Oesterreich  den  herrschenden  Einfluß.  Der  beste  Bundesgenosse
  für  diese  Pläne  ist  England,  das  außerhalb  Europas  der  Ländergier
  fröhnt,  in  Europa  eine  conservative  Politik  einhält.

Meisterhaft  hatte  Talleyrand  seine  Denkschrift  auf  die  persönlichen
Neigungen  des  legitimsten  aller  Könige  berechnet.  Der  Mann,  der  einst
bei  dem  Verbrüderungsfeste  der  Revolution  das  Hochamt  gehalten  und
dann  jahrelang  als  napoleonischer  Minister,  nach  seinem  eigenen  Geständniß,
  „den  Henker  Europas“  gespielt,  vertheidigte  jetzt  das  legitime  Recht
mit  jener  feierlichen  Salbung,  die  den  Bourbonen  wohl  gefiel,  schilderte
dies  besiegte  Frankreich,  das  nach  der  Niederlage  nichts  für  sich  fordern
durfte,  als  den  großmüthigen  Beschützer  der  Schwachen  und  Bedrängten
und  empfahl  schließlich  geradezu  den  Krieg  für  das  „Recht“  in  Polen,
wenn  Rußland  nicht  im  Frieden  zu  bändigen  sei.  Der  Tuilerienhof  war
damals  allein  unter  allen  Großmächten  kriegerischen  Plänen  nicht  fremd,
wie  selbst  Wellington  bald  bemerkte.  Die  aus  den  deutschen  Festungen
heimkehrenden  Veteranen  verlangten  stürmisch  die  Wiedereroberung  der
natürlichen  Grenzen.  Die  Angst  vor  dem  gefährlichen  Narren  auf  Elba,
wie  Fouché  sagte,  und  die  steigende  Verwirrung  im  Innern  drängten  den
Bourbonen  den  Gedanken  auf,  wieder  einmal  durch  das  oft  erprobte
Mittel  des  Waffenlärms  die  Leidenschaften  der  Parteien  zu  beschwichtigen.
König  Ludwig  billigte  aus  voller  Seele  die  Denkschrift  des  Ministers,  der
so  geschickt  die  alten  Ueberlieferungen  der  bourbonischen  Politik  mit  dem
modischen  Mantel  der  Legitimität  zu  umhüllen  wußte.  Am  lebhaftesten
beschäftigte  den  König  das  Schicksal  seines  sächsischen  Vetters;  er  schrieb
dem  Gefangenen  ermuthigende  Briefe  und  gab  noch  beim  Abschied  dem
Minister,  als  dieser  nach  Wien  reiste,  den  gemessenen  Befehl,  um  jeden
Preis  dem  Verwandten  der  ältesten  und  vornehmsten  Dynastie  sein  Erbland
  zu  retten.

So  die  Gesinnungen  Oesterreichs  und  der  Westmächte.  Da  zudem
die  sämmtlichen  kleinen  deutschen  Höfe  der  Vergrößerung  Preußens  leidenschaftlich
  widerstrebten,  so  war  offenbar  schon  vor  dem  Congresse  der
Boden  geebnet  für  das  französisch  -englisch-österreichische  Bündniß,  das
Talleyrand  seit  Jahren  wünschte.  Die  italienische  Frage,  die  einzige,
welche  Frankreich  und  Oesterreich  hätte  trennen  können,  trat  neben  der
deutschen  in  den  Hintergrund.  Preußen  durfte  nicht  hoffen,  alle  seine
Ansprüche,  wie  billig  sie  auch  waren,  vor  dem  hohen  Rathe  Europas
        <pb n="593" />
        Die  polnische  Frage.  583

durchzusetzen.  Wollte  Hardenberg  nicht  ganz  vereinsamt  in  die  Kämpfe
des  Congresses  eintreten,  so  mußte  er  ein  unvermeidliches  Opfer  bringen
und  eine  klare  Verständigung  mit  Rußland  herbeiführen.  Die  polnische
Frage  war  bei  gutem  Willen  hüben  und  drüben  keineswegs  unlösbar.
Der  Staatskanzler  konnte,  ohne  ein  Lebensinteresse  seines  Staates  zu
schädigen,  Kalisch,  Czenstochau  und  das  militärisch  werthlose  Land  zwi—
schen  Prosna  und  Warthe  an  Rußland  dahin  geben,  wenn  er  dafür  das
deutsche  Thorn  nebst  dem  Kulmerlande  und  Rußlands  treuen  Beistand  in
allen  deutschen  Gebietsfragen  gewann.  Selbst  die  polnische  Königskrone
Alexander's  verlor  bei  nüchterner  Prüfung  viel  von  ihren  Schrecken.  Der
Plan  des  Czaren  war  unzweifelhaft  eine  phantastische  Thorheit,  doch  ebenso
gewiß  weit  gefährlicher  für  Rußland  selbst  als  für  Preußen.  Alexander
verwickelte  sich  durch  seine  polnische  Krone  in  unabsehbare  Händel,  die  den
russischen  Staat  auf  Jahre  hinaus  beschäftigen  und  schwächen  mußten;
Preußen  dagegen  konnte  mit  einiger  Zuversicht  hoffen,  durch  eine  strenge
und  gerechte  Verwaltung  sein  geringes  polnisches  Gebiet  gegen  die  sarmatische
  Begehrlichkeit  zu  behaupten.  Mitten  im  Rausche  der  Siegestrunkenheit
  fühlte  Alexander  doch  zuweilen  lebhaft  die  Gefahren  seiner  vereinsamten
Stellung.  Auf  der  Rückreise  von  London  traf  er  in  Bruchsal  mit  Metternich
  zusammen  und  versuchte  dort  sich  mit  der  Hofburg  über  Polens  Zukunft
  zu  verständigen;  der  österreichische  Staatsmann  wich  behutsam  der
verfänglichen  Frage  aus.  Ein  gewandter  preußischer  Diplomat,  der  die
Eitelkeit  des  Czaren  zu  schonen  verstand,  hätte  also  höchstwahrscheinlich
für  das  Angebot  der  polnischen  Krone  eine  leidliche  Regelung  der  Ostgrenze
  erreichen  können;  ein  treues  Zusammengehen  der  beiden  alten
Bundesgenossen  in  der  Mainzer  und  der  sächsischen  Frage  ergab  sich
dann  von  selbst,  da  Rußland  die  bairisch-österreichischen  Zettelungen  sehr
ungünstig  ansah  und  seinem  Nachbarn  von  vornherein  Sachsen  zur  Entschädigung
  für  Warschau  angeboten  hatte.

Zu  Preußens  Unheil  hat  Hardenberg  diesen  einzigen  Weg,  der  zum
Ziele  führen  konnte,  erst  sehr  spät,  nach  monatelangen  Irrgängen,  eingeschlagen.
  Er  konnte  den  niederschlagenden  Eindruck,  den  ihm  die  überraschende
  erste  Kunde  von  Alexander's  polnischen  Plänen  hinterlassen,  lange
nicht  verwinden;  er  sah  eine  unberechenbare  schwere  Gefahr  vom  Osten  her
gegen  seinen  Staat  heranrücken  und  wollte  mit  England  und  Oesterreich
vereint  das  sogenannte  Interesse  Europas  vertheidigen,  die  Eroberungslust
des  Czaren  in  Schranken  halten  ohne  doch  den  Bund  mit  Rußland  aufzugeben.
  Die  Dankbarkeit  der  Hofburg  und  des  Cabinets  von  St.  James
sollte  ihm  dann  den  Besitz  von  Sachsen  sichern.  Er  bemerkte  nicht,  daß
er  dadurch  den  Staat  unvermeidlich  zwischen  zwei  Feuer  führte  und  seinen
sächsischen  Ansprüchen  selber  den  Boden  unter  den  Füßen  hinwegzog.

Der  Staatskanzler  wurde  in  seinem  Irrthume  bestärkt  durch  einen
ausführlichen  Bericht  Humboldt's  vom  20.  August  über  die  Stimmungen
        <pb n="594" />
        584  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

des  Wiener  Hofes  —  ein  merkwürdiges  Schriftstück,  das  mit  überraschender
  Klarheit  beweist,  wie  gröblich  selbst  ein  großer  Kopf  von  entschiedener
politischer  Begabung  die  diplomatischen  Verhältnisse  des  Augenblicks  verkennen
  kann,  wenn  er  die  kleinen  Pflichten  des  Gesandten  verschmäht.“)
Von  Oesterreichs  inneren  Verhältnissen,  von  der  verderbten  Verwaltung,
dem  zerrütteten  Staatshaushalte  und  der  steigenden  Unzufriedenheit  der
Italiener  gab  der  geistvolle  Mann  eine  meisterhafte  Schilderung.  Ueber
die  nächsten  Zwecke  der  Hofburg  dagegen  hatte  er  sich  durch  Metternich's
glatte  Zunge  völlig  täuschen  lassen.  Hinsichtlich  der  polnischen  Händel
sagte  er  zuversichtlich:  Metternich  sei  fest  überzeugt,  daß  Czar  Alexander
vor  dem  einmüthigen  Widerspruch  Englands,  Oesterreichs  und  Preußens
zurückweichen  würde,  da  die  Russen  wie  die  Polen  selbst  den  Plänen  des
Czaren  widerstrebten.  England  und  Oesterreich  sind  entschlossen,  mit
friedlichen  Waffen  gegen  Rußland  aufzutreten;  um  dies  Einverständniß
zu  vollenden  ist  soeben  General  Nugent  nach  London  geschickt  worden,
derselbe  Diplomat,  der  schon  im  Jahre  1810  die  Annäherung  der  beiden
Höfe  bewirkt  hatte.  Uebrigens  will  Oesterreich  sein  Heer  verstärken  und
„eine  imposante  Haltung“  annehmen.  Nach  Humboldt's  Ansicht  muß
auch  Preußen  sich  diesen  Bestrebungen  anschließen;  denn  schon  die  Vereinigung
  Polens  mit  Rußland  ist  gefährlich,  noch  weit  verderblicher  aber
die  Wiederherstellung  der  polnischen  Krone,  gleichviel  unter  welchem  Namen.
In  der  sächsischen  Sache  haben  wir  von  Oesterreich  nichts  zu  fürchten.
Zwar  lärmt  die  Militärpartei,  an  ihrer  Spitze  General  Radetzky,  wegen
der  Preisgebung  der  Pässe  des  Erzgebirges;  einige  andere  Personen  fordern,
  daß  Oesterreich  selbst  sich  in  Sachsen  vergrößern  soll.  „Aber  der
Fürst  Metternich,  dessen  Rath  sicher  allein  von  dem  Kaiser  befolgt  werden
wird,  betrachtet  diese  Sache  von  dem  richtigen  Gesichtspunkte“  und  wünscht
uns  die  nothwendige  Abrundung  in  Deutschland.  Da  die  einfache  Entthronung
  des  gefangenen  Albertiners  den  legitimistischen  Anschauungen  der
Zeit  unfaßbar  war,  so  hatte  der  Staatskanzler  durch  Humboldt  vorschlagen
lassen,  Friedrich  August  solle  durch  die  Legationen  entschädigt  werden.
In  Deutschland  konnte  das  seiner  Erblande  beraubte  sächsische  Haus  nur
Unfrieden  stiften;  als  König  der  Romagna  hätte  Friedrich  August  die
Rolle  eines  ergebenen  k.  k.  Vasallen  sicher  ebenso  glücklich  gespielt  wie
seine  Vettern  in  Florenz  und  Modena.  Metternich  aber,  so  erzählte  Humboldt
  arglos,  fand  bei  dem  Vorschlage  „die  größten  Schwierigkeiten“.
Nicht  als  ob  Oesterreich  die  Legationen  für  sich  selber  wünschte;  vielmehr
würde  Kaiser  Franz  sehr  gern  seinen  Verwandten  dort  im  Süden  versorgen.
  Aber  der  Papst  wird  die  Abtretung  niemals  zugeben  und  der
bigotte  König,  aus  Furcht  vor  dem  Kirchenbanne,  sie  niemals  annehmen.
Humboldt  ahnte  also  gar  nichts  weder  von  dem  geheimen  Verkehre  zwischen

 

*)  Humboldt's  Bericht  an  den  König,  Wien,  20.  August  1814.
        <pb n="595" />
        Hardenberg  gegen  Rußland.  585

den  Lothringern  und  den  Albertinern,  noch  von  Oesterreichs  Absichten
auf  Bologna  und  Ferrara.  «

Ebenso  schlecht  unterrichtet  zeigt  er  sich  in  der  Mainzer  Sache.  Er
befürchtet  zwar,  diese  Frage  werde  schwere  Verwicklungen  herbeiführen,  da
Baiern  die  rheinische  Festung  stürmisch  für  sich  fordere;  aber  auf  Oester—
reich  meint  er  sich  stützen  zu  können.  Hatte  er  doch  soeben  bei  den  k.  k.
Staatsmännern  zu  seiner  Beruhigung  eine  Karte  von  Deutschland,  „wahr—
scheinlich  nach  Stadion's  Entwürfen,“  gesehen,  worauf  Mainz  als  preußische
Stadt  verzeichnet  war!  In  der  deutschen  Verfassungsfrage  endlich  will
Metternich  „noch  mehr  als  in  jeder  anderen  Angelegenheit  sich  auf  Harden—
berg  verlassen,  dem  er  unbegrenztes  Vertrauen  schenkt.“  —  Wahrlich,  es
war  kaum  möglich  die  Absichten  der  Hofburg  gröblicher  mißzuverstehen.
Die  Denkschrift  mußte,  trotz  einzelner  Bedenken,  dem  Staatskanzler  um
so  zuverlässiger  erscheinen,  da  sie  seiner  eigenen  vorgefaßten  Meinung
entsprach.  Er  schenkte  der  Aussage  seines  Gegners  diesmal  ausnahmsweise
  Glauben,  obgleich  die  verdächtigsten  Anzeichen  für  Oesterreichs  sächsische
  Pläne  vorlagen,  obgleich  Goltz  aus  Paris  berichtete,  aus  den  Aeußerungen
  des  k.  k.  Gesandten  Grafen  Bombelles  gehe  hervor,  daß  Metternich
  die  Wiederherstellung  der  Albertiner  wünsche,')  und  nahm  den  Bericht
Humboldt's  zur  Grundlage  für  seinen  diplomatischen  Feldzugsplan.

Darauf  schickte  Hardenberg  dem  Geschäftsträger  in  Petersburg,
Oberst  von  Schöler,  ein  ostensibles  Ministerialschreiben  und  einen  Brief
des  Königs  an  den  Czaren.““")  Der  König,  dem  ersichtlich  bei  dem  Handel
nicht  wohl  zu  Muthe  war,  begnügte  sich  seinen  kaiserlichen  Freund  mit
warmen  Worten  um  Mäßigung  zu  bitten.  Das  Ministerialschreiben,
offenbar  durch  Humboldt's  Bericht  veranlaßt,  sprach  die  Hoffnung  aus,  der
Kaiser  werde  von  seinen  polnischen  Plänen  abstehen.  „Seine  Absichten
sind  rein,  groß,  hochherzig,  aber  offen  gestanden,  ich  glaube,  daß  er  sich
irrt.“  Die  Polen  verlangen  unbelehrbar  die  Grenzen  von  1772  zurück,
darum  darf  nicht  eine  Wiederherstellung  Polens  unter  russischer  Führung
erfolgen,  sondern  nur  eine  neue  Theilung  des  Landes;  Rußland  mag  den
größten  Theil  von  Polen  seinem  Reiche  einverleiben,  nur  nicht  Kalisch,
Czenstochau,  Thorn  und  Krakau.  Preußen  fordert  sodann,  daß  ihm  die
Verwaltung  von  Sachsen  baldigst  übergeben  werde,  und  verlangt  freie
Hand  für  zeitgemäße  Reformen  in  Sachsen,  da  die  Aufrechterhaltung  der
alten  unbrauchbaren  Gesetze  „nur  den  Oligarchen  willkommen  ist“.

Oberst  Schöler  war  ein  literarischer  Dilettant,  wie  es  ihrer  viele
gab  unter  den  Offizieren  jenes  ästhetischen  Zeitalters,  fein  gebildet,  wohlmeinend,
  von  angenehmen  Formen.  Empfänglich  für  die  liberalen  Ideen,
hatte  er  einst  die  Reformen  Stein's  und  Schön's  in  einem  begeisterten

 

*)  Goltz's  Bericht,  31.  August  1814.
**)  Hardenberg  an  Schöler,  26.  August  1814.
        <pb n="596" />
        586  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

Akrostichon  besungen;  in  der  Theilung  Polens  sah  er  ein  politisches  Verbrechen:
  „die  Vorsehung  hat  offenbar  zum  ewigen  Memento  in  der  Politik
  die  Herstellung  Polens  beschlossen.“  Sicheres  staatsmännisches  Urtheil
und  scharfe  Menschenkenntniß  blieb  ihm  versagt.  Er  hatte  den  Czaren
in  großer  Zeit,  um  das  Jahr  1811,  von  der  besten  Seite  kennen  gelernt
und  sich  eine  sehr  günstige  Ansicht  von  dem  Charakter  des  Monarchen
gebildet.  Nachher,  während  der  Kriege,  verlor  er  ihn  aus  den  Augen
und  konnte  auch  nach  der  Heimkehr  des  Czaren  lange  keine  vertrauliche
Unterredung  erlangen,  da  Alexander  den  Verkehr  mit  dem  diplomatischen
Corps  absichtlich  vermied.  Der  Oberst  fiel  aus  allen  seinen  Himmeln,
da  ihm  nun  plötzlich  die  polnischen  Pläne  des  Kaisers  enthüllt  wurden.
Er  konnte  kaum  fassen,  wie  Alexander,  sonst  so  empfänglich  für  alles
Edle  „in  diese  wirkliche  Napoleonspolitik“  verfallen  mochte,  und  war,  wie
sein  österreichischer  College  General  Koller,  der  festen  Meinung,  daß  man
diesem  Ehrgeiz  entgegentreten  müsse.

Am  7.  September  übergab  er  dem  Czaren  den  Brief  des  Königs.
Alexander  nahm  die  Zeilen  mit  sichtlicher  Befriedigung  entgegen,  doch
als  ihm  Schöler  sodann  das  Ministerialschreiben  vorlas,  fuhr  er  in  hellem
Zorne  auf:  die  Minister  in  Berlin  verfolgen  offenbar  eine  andere  Politik
als  ihr  königlicher  Herr;  ich  habe  Warschau  erobert;  was  ich  davon  behalten
  will  (und  dazu  gehört  Krakau,  Thorn,  Czenstochau,  Kalisch)  werde
ich  mit  700,000  Mann  gegen  Jedermann  vertheidigen.  Zugleich  betheuerte
  er  hoch  und  heilig,  in  allen  anderen  Fragen  stehe  er  seinem
alten  Freunde  unbedingt  zur  Verfügung.  Er  versprach,  sofort  bei  Eröffnung
  des  Congresses  das  Königreich  Sachsen  ganz  und  allein  an  Preußen
auszuliefern;  ohne  jede  Frage  habe  Preußen  das  Recht  seine  neue  Provinz
  nach  Belieben  zu  organisiren,  wenngleich  es  wünschenswerth  sei  den
alten  sächsischen  Namen  und  die  Verfassung  des  Landes  noch  eine  Zeit
lang  zu  erhalten.  Mitten  in  seinem  herrischen  Zorne  erbot  er  sich  also
zu  einer  werthvollen  bindenden  Verpflichtung,  während  Oesterreich  und
England  dem  Berliner  Hofe  nur  unbestimmte  Verheißungen  entgegengebracht
  hatten.

Ein  kluger  Unterhändler  mußte  auf  Grund  dieser  Zusage  weiter
gehen  und  eine  klare  Verständigung  zu  erwirken  suchen.  Schöler  aber,
allein  beschäftigt  mit  der  polnischen  Frage,  bemerkte  die  Gunst  der  Stunde
nicht.  Am  11.  September  rief  ihn  der  Kaiser  auf  der  Parade  heran
und  entschuldigte  sich  mit  warmen  Worten  wegen  seiner  Heftigkeit.  Die
Antwort  des  Gesandten  war  „ein  kurzes  und  erbauliches  Billet“,  das  er
gleich  nachher  dem  Czaren  sandte.  „Das  Gefühl  Seiner  Erkenntlichkeit
nur“  —  so  schrieb  er  —  „hindert  Ihren  besten  Freund,  Sire,  Seine
Wünsche  selbst  laut  werden  zu  lassen.  Dagegen  scheint  es  mir,  daß
es  keine  stärkere  Aufforderung,  als  diese  edle  Nachgiebigkeit  des  Königs,
für  Ew.  Kaiserliche  Majestät  geben  könne,  soweit  es  möglich  ist  die
        <pb n="597" />
        Schöler's  Berichte  aus  Petersburg.  587

Wünsche  Ihres  Freundes  zu  erfüllen.  Die  Billigkeit  der  Forderungen
Ew.  Majestät  beruht  auf  den  Vortheilen,  welche  Europa  Ihnen  zu  ver—
danken  haben  soll  und  wirklich  hat,  so  lange  die  Unabhängigkeit  der  an—
deren  Staaten  ungefährdet,  der  eben  erfochtene  Frieden  ungestört  bleibt.
Rußlands  innere  Kraft  und  seine  daraus  entspringende  Sicherheit  ist
unleugbar.  Soll  durch  überwiegende  Vortheile  seiner  Abgrenzung  mit
den  Nachbarn  diese  Kraft  so  weit  vermehrt  werden,  daß  die  Sicherheit
dieser  Nachbarn  gefährdet  wird,  so  schwindet  jenes  Verdienst  Ew.  Majestät
um  Europa  völlig.““)  Eine  solche  Sprache,  die  nicht  einmal  den  Versuch
einer  Annäherung  machte,  konnte  den  Czaren  nur  in  seinem  herrischen
Trotze  bestärken;  er  wich  fortan  jeder  Unterredung  aus.

In  seinen  Berichten  an  den  Staatskanzler  und  in  einem  ausführlichen
  „Memoire  über  Rußlands  Forderungen“  entwarf  der  Gesandte
ein  finsteres  Schauergemälde  von  Alexander's  Ehrgeiz.  Wahres  und
Falsches  wirft  er  wirr  durcheinander.  Er  vermuthet,  daß  der  Czar
selbst  Memel,  ja  ganz  Ostpreußen  zu  gewinnen  gedenke,  und  verweist  warnend
  auf  die  russische  Garnison,  die  noch  immer  unter  General  Kuleneff
in  Danzig  stand.  Seit  dem  Teilsiter  Frieden  gefalle  sich  Alexander  in
„unbedingtem  Huldigen  des  Zeitgeistes“;  er  werde  vielleicht  dereinst  seinen
Russen  eine  Verfassung  geben  und  jedenfalls  die  orientalischen  Pläne  seiner
Vorfahren  wieder  aufnehmen.  Er  ist  „ein  Schüler  Napoleon's“"“.  Der
Oberst  fühlt  indeß,  daß  sein  erschöpfter  Staat  nicht  daran  denken  darf
die  Russen  aus  Warschau  zu  vertreiben:  vorderhand  müssen  wir  um
jeden  Preis  den  Frieden  wahren,  doch  die  Zukunft  wird  uns  zwingen
mit  Oesterreich  verbündet  gegen  Rußland  zu  fechten.

Erschreckt  durch  diese  düstere  Schilderung,  ermuthigt  durch  Humboldt's
  hoffnungsvollen  Wiener  Bericht,  beschloß  der  Staatskanzler  sich
an  Oesterreich  und  England  anzuschließen,  freilich  ohne  mit  Rußland
offen  zu  brechen.  In  seiner  Antwort  an  Humboldt"“)  sprach  er  diesen
Entschluß  aus  und  entwickelte  zugleich  nochmals  sowohl  die  Gebietsansprüche
  Preußens  als  die  alten  dualistischen  Pläne:  „Wir  brauchen
Sachsen  (il  nous  faut  la  Save).  Ich  würde  mir's  ewig  vorwerfen,  wenn
ich  in  diesem  Punkte  nur  im  Geringsten  nachgäbe.  Die  Anstrengungen
Preußens  haben  so  wesentlich  zur  Befreiung  Europas  beigetragen,  daß
wir  berechtigt  sind  die  Berücksichtigung  unserer  Interessen  zu  erwarten.
Der  Bund  Oesterreichs  und  Preußens  ist  so  nothwendig  für  die  Erhaltung
  der  Unabhängigkeit  Europas;  die  Staatsmänner,  welche  den  guten
Gedanken  gehabt  haben  sich  von  den  unglückseligen  Vorurtheilen  früherer
Zeiten  zu  befreien,  müssen  einsehen,  daß  die  Interessen  der  beiden  Großmächte
  zusammenfallen,  und  daß  Oesterreich  gar  nichts  Besseres  thun

 

*)  Nach  Schöler's  Berichten,  St.  Petersburg,  7.  10.  und  12.  September  1814.
*“)  Hardenberg  an  Humboldt  3.  September  1814.
        <pb n="598" />
        588  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

kann  als  zur  Verstärkung  Preußens  beizutragen,  ganz  wie  Preußen  mit
großer  Freude  die  Vergrößerung  und  Kräftigung  Oesterreichs  sehen
wird.  Ich  sehe  mit  Schmerz  —  und  ich  habe  die  Beweise  dafür  —
daß  es  noch  sehr  achtenswerthe  Männer  giebt,  die  von  diesen  großen
Wahrheiten  noch  nicht  durchdrungen  sind,  sondern  im  Gegentheil  nach
den  politischen  Ansichten  des  vergangenen  Jahrhunderts  denken  und
handeln."“

Dann  erklärt  sich  der  Staatskanzler  über  Mainz:  wir  werden  diesen
Platz  niemals  an  Baiern  ausliefern,  auch  die  bairischen  Ansprüche  auf
Frankfurt  und  Hanau  entschieden  bekämpfen.  Um  Metternich  zu  überzeugen
  ward  eine  Denkschrift  Knesebeck's  beigefügt,  die  mit  einem  großen
Aufwande  schwerfälliger  militärischer  Gelehrsamkeit  den  richtigen  Satz  bewies,
  daß  Mainz  für  die  Vertheidigung  von  Nord=  und  Mitteldeutschland
unentbehrlich  sei.  Fürst  Metternich  irrt,  so  fährt  Hardenberg  fort,  wenn
er  Baiern  durch  Gefälligkeit  zu  gewinnen  hofft.  „Er  wird  diesen  Staat
nie  zufrieden  stellen.  Diese  werdende,  unablässig  ländergierige  Macht  ist,
ganz  wie  Württemberg,  ein  drohendes  und  schädliches  Element  in  dem
System  unserer  deutschen  Politik  geworden.  In  diesem  Systeme  kann  es
nach  Lage  der  Umstände  nur  noch  ein  Ziel  geben,  wonach  Oesterreich
und  Preußen  im  eigenen  und  allgemeinen  Interesse  trachten  müssen:  die
Macht  und  den  entscheidenden  Einfluß  zwischen  den  beiden  Großmächten
zu  theilen  und  diesen  Einfluß  gemeinsam,  in  vollkommenster  Eintracht
auszuüben.“"  Darum  müssen  auch  die  Länder  des  linken  Rheinufers  an
Oesterreich  und  Preußen  kommen.  „Dies  ist  unzweifelhaft  das  einzige
Mittel  um  die  deutschen  Staaten  zweiten  und  dritten  Ranges  von  unserem
Systeme  abhängig  zu  machen  und  dasselbe  zu  sichern.  Kleine  Staaten
auf  dem  linken  Ufer  werden  immer  unter  dem  Einfluß  Frankreichs  stehen,
immer  Ränke  schmieden,  unablässig  das  Gleichgewicht,  das  wir  aufrichten
wollen,  zu  untergraben  drohen."“

Kein  Wort  in  diesen  Zeilen,  das  nicht  den  Plänen  Metternich's
in's  Gesicht  schlug,  und  doch  wähnte  Hardenberg  mit  dem  Oesterreicher
wesentlich  eines  Sinnes  zu  sein.  Völlig  verblendet  warf  er  sich  dem
falschen  Freunde  in  die  Arme,  führte  den  Staat  einer  beschämenden
Niederlage  entgegen.  Der  König  dachte  anders,  er  verhehlte  nicht,  daß
er  den  Czaren  noch  immer  als  den  besten  Bundesgenossen  Preußens  ansehe,
  wofür  ihn  Hardenberg  in  seinen  Tagebüchern  mit  gewohnter  Unfehlbarkeit
  der  pusillanimité  beschuldigte.  Nach  seiner  allzu  schonenden
Weise  ließ  Friedrich  Wilhelm  den  Staatskanzler  vorläufig  schalten,  doch
er  nahm  sich  vor  den  Bruch  mit  Rußland  auf  keinen  Fall  zu  dulden,
und  durch  diesen  rettenden  Entschluß  sollte  er  bald  nachher  den  Staat
wieder  in  die  Bahnen  der  nationalen  Politik  zurückführen.  —

Währenddem  schritt  man  rüstig  an  die  Neuordnung  der  Verwaltung,
noch  bevor  die  Grenzen  des  Staatsgebietes  irgend  fest  standen.  Der
        <pb n="599" />
        Rühle  von  Lilienstern,  vom  Kriege.  589

Staatskanzler  fühlte  die  Abnahme  seiner  Kräfte  und  hatte  daher  schon
im  November  1813  das  Finanzministerium  seinem  Vetter,  dem  Grafen
Bülow,  übergeben.  Am  3.  Juni  1814  folgte  eine  umfassende  Umgestaltung
  des  Ministeriums.  Hardenberg  übernahm  neben  dem  Staatskanzleramte
  die  unmittelbare  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten;  sein  alter
Mitarbeiter  von  Franken  her,  Freiherr  von  Schuckmann,  wurde  Minister
des  Innern;  das  neu  gebildete  Polizeiministerium  ward  dem  Grafen  Wittgenstein
  übergeben,  während  der  Minister  von  Kircheisen  nach  wie  vor
das  Justizdepartement  behielt.  An  die  Spitze  der  Kriegsverwaltung  endlich
trat  Generalmajor  von  Boyen,  bisher  Bülow's  unzertrennlicher  Waffengefährte.
  Unter  ihm  leitete  Generalmajor  von  Grolman  den  Generalstab
  und  gab,  rasch  durchgreifend  wie  er  war,  dieser  Behörde  sogleich  die
Verfassung,  die  ihr  im  Wesentlichen  bis  zum  heutigen  Tage  geblieben  ist.
Der  Generalstab  sollte  nicht,  wie  in  vielen  anderen  Heeren,  eine  selbständige
Waffengattung  bilden,  deren  Mitglieder  ihr  für  immer  angehörten,  sondern
  mit  der  praktischen  Arbeit  der  Linientruppen  in  lebendiger  Berührung
  bleiben;  seine  Offiziere  traten  nach  einigen  Jahren  in  die  Linie  ein
um  je  nach  ihren  Leistungen  späterhin  wieder  zurückzukehren.  Zugleich
berief  der  König  eine  Commission  um  die  Grundlagen  der  gesammten
Heeresverfassung  festzustellen;  außer  dem  Kriegsminister  gehörten  ihr  auch
Hardenberg,  Gneisenau  und  Grolman  an.

Darüber  bestand  unter  den  Generalen  kaum  ein  Streit,  daß  jene
Cabinetsordre  vom  27.  Mai,  welche  die  Exemtionen  von  der  Wehrpflicht
wieder  eingeführt  hatte,  nur  ein  Nothbehelf  für  den  Augenblick  gewesen
war,  bestimmt  den  schreienden  Mißständen  der  Volkswirthschaft  zu  begegnen.
  Die  Dienstpflicht  Aller  hatte  sich  glänzend  bewährt;  was  die
Noth  der  Stunde  geboren  sollte  jetzt  zu  einer  dauernden  Institution
des  Staates  werden.  In  solchem  Sinne  brachte  Blücher  an  der  Tafel
des  Königs  einen  Trinkspruch  auf  Hardenberg  aus;  der  Staatskanzler
habe  den  neuen  Geist  der  Monarchie  geweckt,  also  daß  man  heute  in
Preußen  nicht  mehr  wisse  wo  der  Bürgerstand  aufhöre  und  wo  der  Kriegerstand.
  Noch  stolzer  forderte  Gneisenau  für  sein  Preußen  das  beste  und
volksthümlichste  Heerwesen  der  Welt,  dazu  die  Freiheit  gründlicher  wissenschaftlicher
  Bildung  und  eine  verständige,  die  Nation  zu  einem  lebendigen
Ganzen  vereinende  Staatsverfassung:  „der  dreifache  Primat  der  Waffen,
der  Constitution,  der  Wissenschaft  ist  es  allein,  der  uns  zwischen  den
mächtigeren  Nachbarn  aufrechterhalten  kann.“

Nirgends  aber  fand  der  kühne  politische  Idealismus  der  Soldaten
des  Befreiungskrieges  einen  edleren  Ausdruck  als  in  dem  Buche  des
Obersten  Rühle  von  Lilienstern  „Vom  Kriege“.  Die  geistvolle  Schrift,
die  uns  Rückschauenden  heute  wie  das  wissenschaftliche  Programm  der
modernen  deutschen  Heeresverfassung  erscheint,  widerlegte  Kant's  Lehre
vom  ewigen  Frieden  und  namentlich  die  ihr  zu  Grunde  liegende  Fiction
        <pb n="600" />
        590  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

des  Naturzustandes  durch  die  Beweisgründe  der  historischen  Staats=  und
Rechtslehre,  deren  Anschauungen  bereits  anfingen  zu  einem  Gemeingute
der  bestgebildeten  Deutschen  zu  werden.  Sie  erwies  siegreich  die  unzerstörbare,
  segensreiche  Nothwendigkeit  des  Krieges,  der  die  Völker  für  den
Frieden  erziehe,  und  stellte  dem  neuen  Jahrhundert  die  Aufgabe,  „die
Heere  zu  nationalisiren  und  die  Völker  zu  militarisiren.“  Jeder  Tropfen
Blutes  in  einem  freien  Staate  müsse  mit  dem  Eisen  des  Krieges  versetzt
sein;  das  Heer  dürfe  nicht  als  die  Waffe  des  Staates  begriffen  werden,
als  ein  todtes  Werkzeug,  das  man  zur  Zeit  der  Noth  aus  dem  Winkel
hervorhole,  sondern  als  der  bewaffnete  Arm  des  Staates,  als  ein  mit
seinem  eigenen  Leben  eng  verbundenes  lebendiges  Glied  des  Gemeinwesens.
Alle  Institutionen  des  Staates,  alle  Wissenschaft  und  Gesinnung  sollen
kriegerisch  und  friedlich  zugleich  sein;  nur  dann  bleiben  die  erhaltenden
sittlichen  Kräfte  des  Volkslebens  lebendig,  Muth,  Gehorsam  und  Ehrgefühl.
  Während  das  gesammte  Ausland  und  selbst  preußische  Staatsmänner,
  wie  W.  von  Humboldt,  das  alte  Märchen  von  dem  künstlichen
Staate  Preußen  noch  immer  wiederholten,  sprach  dieser  tapfere  Soldat  zuversichtlich
  aus:  dies  bewaffnete  preußische  Volk  bewahre  in  der  ansteckenden
  Umgebung  zerfließender  und  vertrockneter  Kleinstaaten  allein  das
Gefühl  des  Vaterlandes  und  den  stolzen  Entschluß  ein  ganzes  und  “lebendiges
  Volk  bleiben  zu  wollen.  —  So  gingen  Scharnhorst's  Saaten  auf.
Die  gereifte  Gesittung  führte  die  Deutschen  wieder  zurück  zu  einer  mannhaften
  Auffassung  des  Lebens,  zur  richtigen  Werthschätzung  der  rüstigen
Willenskraft  einfacher  Menschheit.

Auch  in  den  Massen  des  preußischen  Volkes  hatten  sich  die  Meinungen
  über  das  Heerwesen  von  Grund  aus  verändert.  Der  einst  so  gefürchtete
  blaue  Rock  war  jetzt  ein  Ehrenkleid,  und  den  Meisten  leuchtete
ein,  daß  weder  Geburt  noch  Reichthum  von  der  schwersten  der  allgemeinen
Bürgerpflichten  befreien  dürfe.  In  den  Kreisen  der  Patrioten  sprach  man
geringschätzig  von  der  waffenscheuen  alten  Zeit.  Rückert  sang  spöttisch:

Es  galt  die  alte  Regel:
Soldat  in's  Feu'r  hinein!
Der  Bauer  mit  dem  Flegel
Sieht  zu  und  läßt  es  sein.

Das  Bild  freilich,  das  sich  die  öffentliche  Meinung  von  der  Kriegsverfassung
  der  Zukunft  entwarf,  hatte  mit  Scharnhorst's  Ideen  wenig
gemein.  Schon  während  des  Krieges  entstand  in  den  Massen  eine  Fülle
von  Sagen  über  die  Ereignisse  des  wunderbaren  Jahres.  Die  Landwehr
wurde,  wie  natürlich,  der  Liebling  des  Volkes;  denn  ganz  war  die  alte
Abneigung  gegen  die  Berufsoffiziere  doch  nicht  verflogen.  Man  wußte
tausend  Geschichten  von  der  Angst  der  Franzosen  vor  dem  peuple  sauvage
des  Landweres,  und  bald  schien  es,  als  ob  diese  Kerntruppe  eigentlich
Alles  gethan  und  die  Linie  nur  ein  werthloses  Anhängsel  gebildet  hätte.
        <pb n="601" />
        Kriegsminister  von  Boyen.  591

Aus  diesen  volksthümlichen  Vorstellungen  und  dem  unendlichen  Friedens—
bedürfniß  der  Zeit  entwickelte  sich  nun  die  Ansicht,  die  technische  Ausbildung
  des  Soldaten  sei  leere  Spielerei,  ein  Milizheer  von  möglichst  kurzer
Dienstzeit  genüge  am  besten  den  Anforderungen  des  Krieges  wie  des
Friedens.  Bis  in  die  höchsten  Schichten  des  Beamtenthums  hinauf  fand
diese  Meinung  Anklang;  Präsident  Schön  war  ihr  eifriger  Anhänger.

Der  neue  Kriegsminister  stand  vor  einer  überaus  schwierigen  Aufgabe.
  Er  hatte  schon  vor  dem  Kriege  von  1806  den  Gedanken  der  allgemeinen
  Wehrpflicht  vertheidigt  und  wollte  jetzt  diese  große  Errungenschaft
  bewahren  ohne  doch  in  die  dilettantischen  Träume  vom  Milizwesen
zu  verfallen,  dem  Staate  ein  starkes,  den  größeren  Nachbarmächten  gewachsenes
  Heer  sichern  ohne  doch  die  erschöpften  Finanzen  völlig  zu  zerstören.
  Während  der  zwei  letzten  Jahrzehnte  war  eine  für  Preußen  sehr
ungünstige  Verschiebung  der  militärischen  Machtverhältnisse  eingetreten.
Das  fridericianische  Heer  war  das  stärkste  Europas  gewesen,  Dank  der
Cantonpflicht  Friedrich  Wilhelm's  I.  Seitdem  aber  hatten  alle  Nachbarstaaten,
  jeder  in  seiner  Weise,  das  preußische  System  der  Zwangsaushebung
  nachgeahmt.  Die  natürliche  Ueberlegenheit  der  Kopfzahl  trat
in  Kraft;  die  kleinste  der  Großmächte  konnte  nur  noch  hoffen  nicht  allzu
weit  hinter  den  stärkeren  Nachbarn  zurückzubleiben,  sie  mußte  versuchen,
durch  die  höchste  Anspannung  der  sittlichen  Kräfte  des  Heeres  die  Ungunst
  der  Zahlen  einigermaßen  auszugleichen.  Boyen  wußte  wohl,  mit
wie  unverhältnißmäßigen  Verlusten  die  Landwehr  alle  ihre  Siege  erkauft,
und  wie  mangelhaft  ihre  Manneszucht,  namentlich  in  den  furchtbaren
Prüfungen  des  Winterfeldzugs,  sich  gezeigt  hatte.  Auf  eine  so  massenhafte
Verwendung  der  Landwehren  im  freien  Felde  war  Scharnhorst  selber  Anfangs
  schwerlich  gefaßt  gewesen.  Erst  die  Noth,  erst  das  Mißlingen  des
Frühjahrsfeldzuges  und  wahrscheinlich  Gneisenau's  Rath  hatten  den  König
während  des  Waffenstillstandes  bewogen,  diese  Truppen  mit  ihrem  buntgemischten
  Offizierscorps  kurzweg  in  die  Feldarmee  einzureihen.  Nur  durch
ganz  außerordentliche  Ereignisse,  durch  den  langjährigen  harten  Druck  der
Fremdherrschaft  war  jene  wilde  Gluth  des  Nationalhasses  und  der  patriotischen
  Leidenschaft  möglich  geworden,  welche  die  ungeschulten  Schaaren  der
Landwehr  zu  so  wunderbaren  Erfolgen  befähigt  hatte.  Der  Kriegsminister
kannte  die  Welt  zu  gut  um  die  Wiederkehr  der  gleichen  Opferfreudigkeit
auch  in  der  Zukunft  zu  erwarten,  wenn  etwa  ein  den  Massen  der  Nation
unverständlicher  Krieg  dem  Könige  aufgezwungen  würde.  Und  doch  war
Preußen  durch  seine  centrale  Lage  wie  durch  die  stolzen  fridericianischen
Traditionen  seines  Heeres  in  jedem  Krieg  immer  zur  Offensive  genöthigt:
der  Staat  brauchte  eine  starke  Feldarmee,  er  mußte  seine  Landwehr  zum
Dienste  außerhalb  der  Landesgrenzen  verpflichten  um  das  feindliche  Gebiet
sogleich  mit  gewaltigen  Massen  überfluthen  zu  können.

Aus  Alledem  ergab  sich  die  Nothwendigkeit,  die  Landwehr  eng  an  das
        <pb n="602" />
        592  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

stehende  Heer  anzuschließen.  Nun  gebot  die  Monarchie  augenblicklich  über
viele  tausende  ausgedienter,  kampfgewohnter  Soldaten,  desgleichen  über
eine  Menge  erprobter  Offiziere,  die  wieder  in  das  bürgerliche  Leben
zurücktraten;  es  war  die  denkbar  günstigste  Stunde  zur  Bildung  einer
kriegstüchtigen  Landwehr.  Die  Natur  der  Dinge  führte  die  Reorganisatoren
  der  Armee  zurück  zu  jenen  einfach  großen  Gedanken,  von  denen
einst  Scharnhorst  ausgegangen  und  nur  durch  die  Noth  des  Tages  wieder
abgedrängt  worden  war;  sie  erkannten,  daß  die  stehende  Armee  die  militärische
  Schule  für  die  gesammte  Nation  bilden,  die  Landwehr  wesentlich
aus  ausgedienten  Mannschaften  bestehen  müsse.  Wie  oft  hatten  Boyen,
Gneisenau  und  Grolman  einst  mit  Scharnhorst  jede  mögliche  Form  der
Volksbewaffnung  besprochen.  Alle  hier  einschlagenden  Fragen  waren  ihnen
aus  eingehenden  Berathungen  längst  geläufig;  hatte  doch  Boyen  einst
jahrelang  die  Organisation  des  Krümpersystems  unmittelbar  geleitet.  Nur
durch  diese  vieljährige  Vorarbeit  wird  es  erklärlich,  daß  die  Commission
ihre  schwierigen  Verhandlungen  in  wenigen  Wochen  beendigte  und  der
König  ebenso  schnell  den  Vorschlägen  seine  Genehmigung  ertheilte.

Schon  am  3.  September  1814  erschien  das  Gesetz  über  die  Verpflichtung
  zum  Kriegsdienste,  von  dem  Könige  und  sämmtlichen  Ministern
unterzeichnet  —  ein  Grundgesetz  des  preußischen  Staates,  einer  jener
epochemachenden  Acte  der  Gesetzgebung,  welche  mit  siegreicher  Beredsamkeit
  erweisen,  daß  alle  Geschichte  wesentlich  politische  Geschichte  ist,  daß
die  Historie  nicht  die  Aufgabe  hat  einen  Volta  unter  seinen  Froschschenkeln
zu  beobachten  oder  aus  den  Funden  der  Topfgräber  die  Entwicklung  der
Lampen  und  der  Trinkgeschirre  nachzuweisen,  sondern  die  Thaten  der  VBölker
als  wollender  Personen,  als  Staaten,  erforschen  soll.  Das  Wehrgesetz  von
1814  hat  die  sittlichen  und  politischen  Grundanschauungen  der  Preußen
auf  Generationen  hinaus  bestimmt,  in  alle  ihre  Lebensgewohnheiten  tiefer
eingegriffen  als  jemals  eine  wissenschaftliche  Entdeckung  oder  eine  technische
  Erfindung.

Das  Gesetz  begann,  wie  einst  Scharnhorst's  Entwurf,  mit  einer  Wiederholung
  jener  monumentalen  Worte  Friedrich  Wilhelm's  I.:  „jeder
Eingeborene  ist  zur  Vertheidigung  des  Vaterlandes  verpflichtet;“  doch
jetzt  machte  man  unerbittlich  Ernst  mit  der  altpreußischen  Regel.  Der
König  erinnerte  nochmals  daran,  wie  die  allgemeine  Anstrengung  seines
treuen  Volkes,  ohne  Ausnahme  und  Unterschied  die  Befreiung  des  Vaterlandes
  bewirkt  und  dem  Staate  seinen  heutigen  ehrenvollen  Standpunkt
  erworben  hätte.  Die  Einrichtungen  also,  die  diesen  glücklichen
Erfolg  hervorgebracht  und  deren  Beibehaltung  die  ganze  Nation  wünsche,
sollten  als  Grundlage  für  alle  Kriegseinrichtungen  des  Staates  dienen,
doch  so  daß  die  Fortschritte  der  Wissenschaften  und  Gewerbe  nicht  gestört
würden;  „denn  in  einer  gesetzmäßig  geordneten  Bewaffnung  der  Nation
liegt  die  sicherste  Bürgschaft  für  einen  dauernden  Frieden.“  Statt  der
        <pb n="603" />
        Das  preußische  Wehrgesetz.  593

alten  zwanzigjährigen  Dienstzeit  der  Cantonisten  ward  allen  Wehrfähigen
für  neunzehn  Jahre  die  Waffenpflicht  aufgelegt.  Sie  dienten  fünf  Jahre
im  stehenden  Heere,  davon  drei  Jahre  bei  den  Fahnen,  zwei  Jahre  als
beurlaubte  Reservisten,  und  traten  im  sechsundzwanzigsten  Lebensjahre
auf  sieben  Jahre  in  das  erste  Aufgebot  der  Landwehr  ein.  Dies  Auf—
gebot  war  in  Kriegszeiten,  wie  das  stehende  Heer,  zum  Dienste  im  In—
und  Auslande  verpflichtet,  hielt  an  bestimmten  Tagen  in  der  Heimath
kleinere  Uebungen  ab  und  vereinigte  sich  jährlich  einmal  mit  Abtheilungen
des  stehenden  Heeres  zu  längeren  Manövern.  Das  zweite  Aufgebot  der
Landwehr,  ebenfalls  mit  siebenjähriger  Dienstzeit,  wurde  während  des
Friedens  nur  in  der  Heimath  und  an  einzelnen  Tagen  versammelt,
diente  im  Kriege  zunächst  zur  Verstärkung  der  Garnisonen;  doch  behielt
sich  der  König  vor  auch  diesen  Theil  der  Landwehr  im  Allgemeinen  „zur
Verstärkung  des  Heeres“  zu  verwenden,  so  daß  eine  Verwendung  im
Auslande  nicht  ausgeschlossen  war.  Der  Landsturm  endlich,  nur  für  den
äußersten  Fall  zur  Abwehr  feindlicher  Angriffe  bestimmt,  sollte  alle  irgend
Waffenfähigen  vom  siebzehnten  bis  zum  fünfzigsten  Jahre  umfassen.  Die
Söhne  der  gebildeten  Stände,  die  sich  selber  ausrüsteten,  dienten  nur
ein  Jahr  bei  der  Fahne,  traten  schon  nach  drei  Jahren  in  die  Landwehr
ein  und  hatten  den  ersten  Anspruch  auf  die  Offiziersstellen  der  Landwehr.
Die  abgesonderten  Jägerdetachements  blieben  aufgehoben,  indeß  wagte
man  noch  nicht  den  demokratischen  Gedanken  der  allgemeinen  Wehrpflicht
bis  in  seine  letzten  Folgerungen  hinauszuführen:  die  gebildeten  Freiwilligen
  wollte  man  vornehmlich  den  Elitecorps  der  Jäger  und  Schützen  überweisen,
  obwohl  ihnen  freistand  sich  auch  ein  anderes  Regiment  zu  wählen.
Erst  die  Erfahrung  sollte  lehren,  wie  heilsam  die  Mischung  von  feineren
und  gröberen  Elementen  für  die  sittliche  Haltung  der  Truppen  war.
Die  Kreisausschüsse,  welche  das  Heer  mit  der  bürgerlichen  Selbstverwaltung
  verbanden,  bestanden  in  veränderten  Formen  fort:  eine  Commission,
gebildet  aus  dem  Landrathe,  einem  Offizier  und  mehreren  städtischen  und
ländlichen  Gutsbesitzern,  sollte  das  Ersatzgeschäft  in  jedem  Kreise  besorgen.

Noch  nie  hatte  ein  moderner  Staat  in  Friedenszeiten  so  harte  Forderungen
  an  sein  Volk  gestellt;  die  Blutsteuer,  welche  Preußen  seinen
Bürgern  auferlegte,  war  unleugbar  schwerer  als  alle  anderen  Steuern
zusammengenommen.  Selbst  die  Anhänger  der  allgemeinen  Wehrpflicht
wollten  kaum  ihren  Ohren  trauen,  als  sie  erfuhren,  daß  alle  Männer
bis  zum  neununddreißigsten  Jahre,  allerdings  bei  völlig  freier  Wahl  des
Wohnsitzes  wie  des  Berufes,  sich  zum  Waffendienste  bereit  halten  sollten.
Es  war  ein  radicaler  Bruch  mit  allen  Neigungen  und  Vorurtheilen  einer
friedlich  erwerbenden  Gesellschaft,  ein  Wagniß  ohne  jeden  Vorgang,  das
nur  darum  gelingen  konnte,  weil  der  Stamm  der  Landwehr  bereits  vorhanden
  war  und  die  hochherzige  Erregung  der  Kriegszeit  noch  nachwirkte.
Der  König  verbarg  sich  nicht,  welchem  zähen  passiven  Widerstande  die

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  38
        <pb n="604" />
        594  I.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

neuen  Institutionen  namentlich  in  den  neuen  Provinzen  begegnen  würden,
und  befahl  daher  eine  schonende,  schrittweis  vorgehende  Ausführung.

Ueberhaupt  war  noch  Alles  im  Werden.  Das  Gesetz  selber  erkannte
an,  daß  unmöglich  alle  Wehrfähigen  in  das  stehende  Heer  eintreten  konnten
und  ein  Theil  davon  sogleich  der  Landwehr  zugetheilt  werden  mußte;
doch  über  die  Höhe  der  jährlichen  Aushebung  war  noch  nichts  endgiltig
beschlossen.  Nur  soviel  stand  schon  fest,  daß  die  trostlose  Lage  des  Staatshaushalts
  eine  sehr  starke  Linienarmee  nicht  gestattete;  neben  diesen  überwältigenden
  finanziellen  Sorgen  mußten  die  schweren  militärischen  und
volkswirthschaftlichen  Bedenken,  welche  gegen  die  unverhältnißmäßige  Vermehrung
  der  Landwehr  sprachen,  vorläufig  zurücktreten.  Desgleichen  konnte
nur  die  Erfahrung  zeigen,  ob  das  Offizierscorps  der  Landwehr  wirklich
im  Stande  war,  wie  dies  Gesetz  annahm,  völlig  selbständig  neben  den
Offizieren  der  Linie  zu  stehen.  Aber  wie  unfertig  auch  Manches  noch
erschien,  der  große  Wurf  war  doch  gelungen.  Mit  diesem  Volksheere
war  ein  großartiges  Mittel  sittlicher  Volkserziehung  gefunden,  trefflich
geeignet  die  alten  Tugenden  der  Nation,  Muth,  Treue,  Pslichtgefühl  zu
entwickeln,  ihre  natürlichen  Schwächen,  Eigensinn,  Particularismus,  Verschwommenheit
  zu  bekämpfen.  Der  Staat  wurde  nun  erst  diesem  staatlosen
  Geschlechte  wahrhaft  lebendig,  wie  den  Bürgervölkern  des  Alterthums,
trat  mit  seiner  begeisternden  Majestät  und  seiner  herben  Strenge  in  jedes
Haus  hinein.  Die  kurze  Dienstzeit  zwang  die  Mannschaft  und  mehr  noch
die  Offiziere  zur  Anspannung  aller  Kräfte;  das  Freiwilligenjahr  bot  das
einfache  Mittel  den  höheren  Ständen  die  ungewohnte  Last  erträglich  zu
machen.  Der  alte,  mit  dem  Wesen  dieses  Staates  fest  verwachsene  Gedanke
  Friedrich  Wilhelm's  I.  fand  endlich  die  Gestaltung,  welche  den
demokratischen  Anschauungen  des  neuen  Jahrhunderts  entsprach  und  doch
der  unzerstörbaren  Aristokratie  der  Bildung  gerecht  wurde.

Das  Wehrgesetz  gab  ein  unzweideutiges  Zeugniß  für  die  friedfertigen
Absichten  der  Regierung;  mit  einer  Feldarmee,  die  zur  größeren  Hälfte
aus  Landwehren  bestand,  ließ  sich  eine  Politik  des  unruhigen  Ehrgeizes
schlechterdings  nicht  führen.  Gleichwohl  sprach  aus  dem  Aufgebote  der
gesammten  Nation  zugleich  der  bestimmte  Entschluß,  die  wiedererrungene
Großmachtstellung  der  Monarchie  zu  behaupten.  Daher  denn  an  allen
Nachbarhöfen  lebhafte  Beunruhigung.  Mochten  einzelne  Generale  der
alten  Schule  über  das  preußische  „Milizwesen“  verächtlich  absprechen,  die
Kriegsthaten  dieses  Heeres  standen  doch  noch  in  zu  frischer  Erinnerung.
Der  französische  Kriegsminister  Dupont  zog  sogleich  mit  ersichtlicher  Sorge
bei  dem  preußischen  Gesandten  Erkundigungen  ein  und  erhielt  die  trockene
Antwort:  „wir  wollen  große  Streitkräfte  ohne  ein  unverhältnißmäßig
großes  stehendes  Heer.““')  Noch  besorgter  war  die  Hofburg;  sie  fürchtete

 

*)  Goltz's  Bericht,  Paris,  26.  Sept.  1814.
        <pb n="605" />
        Boyen  über  die  deutsche  Kriegsverfassung.  595

nicht  bloß  das  Erstarken  des  alten  Nebenbuhlers,  sondern  sie  erkannte
auch  in  dem  Wehrgesetze  einen  Triumph  der  militärischen  Jacobiner  des
schlesischen  Heeres  und  witterte  unheimliche  demokratische  Bestrebungen.

Boyen  aber  sah  in  seinem  Gesetze  das  köstliche  Vermächtniß  des  Be—
freiungskrieges;  er  sagte  sich  mit  frohem  Stolze,  daß  die  Eigenart  des
preußischen  Staates  in  diesen  Institutionen  sich  verkörperte,  daß  Preußen
in  der  Ausbildung  seines  Heerwesens  allen  anderen  Staaten  überlegen
war  und  keine  andere  Großmacht  jener  Zeit,  am  allerwenigsten  Oester—
reich  mit  seinen  murrenden  Italienern,  wagen  durfte  ihrem  ganzen  Volke
Waffen  in  die  Hände  zu  geben.  In  wie  großem  und  freiem  Sinne  er
sein  Werk  auffaßte,  wie  treu  er  die  Ueberlieferungen  der  Stein-Scharn—
horstischen  Tage  in  seinem  Feuergeiste  bewahrte,  das  hat  der  anspruchslose
Mann  erst  nach  Jahren  öffentlich  ausgesprochen,  als  er  zum  fünfundzwan—
zigjührigen  Jubelfeste  der  Landwehr  jenen  Ausspruch  Gneisenau's  über  den
dreifachen  Primat  in  poetischer  Form  wiederholte  und  die  Verse  schrieb:
„Der  Preußen  Losung  ist  die  Drei  —  Recht,  Licht  und  Schwert!“

Der  Schweigsame  liebte  Deutschland  mit  der  ganzen  tiefen,  verhaltenen
  Leidenschaftlichkeit  des  echten  Ostpreußen;  um  seines  Vaterlandes
willen  war  er  einst  unter  die  Verschwörer  des  Tugendbundes  und  nach
Rußland  auf  die  Wanderschaft  gegangen.  Aber  dem  unbestimmten  Idealbilde
  einer  deutschen  Bundeskriegsverfassung  wollte  er  das  eigenartige
Wesen  seines  preußischen  Volksheeres  nicht  opfern.  In  einer  ausführlichen
Denkschrift?)  schilderte  er  dem  Staatskanzler,  wie  in  Deutschland  vier
grundverschiedene  Systeme  der  Kriegsverfassung  beständen:  das  österreichische,
  das  rheinbündisch-französische,  das  englisch-hannoversche  und  das
preußische;  nimmermehr  dürfe  Preußen  den  deutschen  Charakter  seines
Heeres  einem  Compromisse  mit  diesen  ausländischen  Systemen  zum  Opfer
bringen.  „Man  wird  doch  nicht,  weil  der  leibeigene  Böhme,  Raize,  Bukowiner,
  der  Landesmeinung  wegen,  nach  harten  Gesetzen  behandelt  werden
soll,  den  Pommern  und  Brandenburger,  bloß  um  der  lieben  Uebereinstimmung
  willen,  strengeren  Vorschriften  unterwerfen  wollen?  Preußen
kann  seinen  Standpunkt  in  Europa  nur  behaupten,  wenn  es  die  größere
Uebereinstimmung  seiner  Einwohner,  die  bessere  Bildung  seines  Adels
und  Bürgerstandes  auf  das  Kräftigste  zu  einem  eigenen  Kriegssysteme
benutzt.  Wer  diese  nationalen  Vorzüge  einer  augenblicklichen  philanthropischen
  Idee  aufopfern  wollte,  wäre  nicht  allein  ein  Feind  Preußens,  sondern
  er  vernichtete  auch  die  Willenskraft,  durch  die  sich  Preußen  seit  dem
großen  Kurfürsten  in  Europa  hielt.“  Darum  mag  der  künftige  Deutsche
Bund  wohl  den  größeren  Fürsten,  den  Kreisobersten,  die  militärische  Führung
  ihrer  Kreise  anvertrauen  und  von  allen  Bundesgliedern  sehr  große

 

*)  Boyen's  Denkschrift  über  die  deutsche  Kriegsverfassung  (undatirt,  während  des
Congresses  dem  Staatskanzler  übergeben).
387
        <pb n="606" />
        596  1.  5.  Ende  der  Kriegszeit.

militärische  Leistungen  verlangen:  „Preußen  hat  in  diesem  Kriege  60,000
Mann  von  der  Million  gegeben.  Dies  sei  der  Maßstab!  Wer  mehr  geben
will,  wird  belobt.“  Aber  in  die  Organisation  unseres  Heeres  darf  sich
der  Bund  nicht  einmischen.  „Wer  mehr  in  die  deutsche  Kriegsverfassung
legen  will,  schadet  sich  und  auch  Deutschland.“

So  die  Meinung  des  berechtigten  preußischen  Particularismus,  der
zugleich  bewußte  deutsche  Gesinnung  war.  Mochten  die  Kleinstaaten  noch
eine  Weile  ihre  französischen  und  englischen  Institutionen  behalten,  da
sie  doch  vorderhand  weder  die  Kraft  noch  den  Willen  besaßen  die  Geschenke
  der  Freimden  aufzugeben.  Unterdessen  wuchs  und  reifte  in  Preußen
Scharnhorst's  Werk,  die  deutsche  Kriegsverfassung,  und  einmal  doch  mußte
die  Zeit  kommen,  da  das  ausländische  Wesen  in  den  kleinen  Staaten
sich  überlebte.  Dann  konnte  das  preußische  Volksheer  sich  zum  deutschen
Heere  erweitern.  Bei  Großgörschen  stand  seine  Wiege,  wer  mochte  wagen
ihm  die  stolzen  Siegesbahnen  seiner  Zukunft  vorherzubestimmen?  Boyen
trug  in  seiner  verschlossenen  Seele  die  sichere  Ahnung,  daß  dies  nationale
Heer  dereinst  noch  reichere  Kränze  um  seine  Fahnen  winden  würde  als
weiland  die  Soldaten  Friedrich's.

Derweil  in  Wien  der  große  Friedenscongreß  zusammentrat,  erhob
sich  in  Preußen  eine  neue  Größe  der  deutschen  Geschichte:  das  Volk  in
Waffen.  —
        <pb n="607" />
        Zweites  Buch.

—.  —„

Die  Anfänge  des  Deutschen  Bundes.

1814—1819.
        <pb n="608" />
        <pb n="609" />
        Erster  Abschnitt.

Der  Wiener  Congreß.

Als  König  Friedrich  Wilhelm  im  Herbste  nach  Wien  abreiste,  rechnete
er  auf  einen  Aufenthalt  von  drei  Wochen.  Aber  volle  neun  Monate
sollten  vergehen  von  der  ersten  Conferenz  der  Bevollmächtigten  der  vier
alliirten  Mächte  am  18.  September  1814  bis  zu  der  endgiltigen  Unter—
zeichnung  der  Schlußacte  des  Congresses  am  19.  Juni  1815.  Wer  hätte
auch  Kraft  und  Lust  gefunden  zur  raschen  Erledigung  der  Geschäfte?  Die
fünf  Sinne  forderten  ihr  Recht  nach  der  krampfhaften  Sorge  und  Un—
ruhe  dieser  beiden  wilden  Jahrzehnte.  Wie  einst  Paris  nach  dem  Sturze
der  Schreckensherrschaft  sich  kopfüber  in  den  Strudel  des  Genusses  ge—
stürzt  hatte,  so  athmete  das  alte  fürstliche  und  adliche  Europa  jetzt  auf,
froh  seiner  wiedergewonnenen  Sicherheit.  Der  große  Plebejer  war  gefallen,
  der  einmal  doch  den  Hochgeborenen  bewiesen  hatte  was  eines
Mannes  ungezähmte  Kraft  selbst  in  einer  alten  Welt  vermag;  die  Helden
des  Schwertes  verschwanden  vom  Schauplatze,  mit  ihnen  die  große  Leidenschaft,
  die  unerbittliche  Wahrhaftigkeit  des  Krieges.  Wie  Würmer  nach
dem  Regen  krochen  die  kleinen  Talente  des  Boudoirs  und  der  Antichambre
aus  ihrem  Versteck  hervor  und  reckten  sich  behaglich  aus.  Die  vornehme
Welt  war  wieder  ganz  ungestört,  ganz  unter  sich.  Wer  hätte  das  gedacht,
daß  der  greise  Fürst  von  Ligne,  vor  langen  Jahren  der  Löwe  der  Salons
im  königlichen  Frankreich,  nun  am  Rande  des  Grabes  noch  einmal  allen
Glanz  und  alle  Pracht  der  alten  hochadlichen  Geselligkeit  genießen  und
über  den  erlauchten  Congreß,  der  wohl  tanzte,  aber  nicht  marschirte,  geistreich
  boshafte  Epigramme  schmieden  würde?

Sie  kehrte  freilich  nicht  wieder,  die  naive  Unbefangenheit  jener  guten
alten  Zeit,  die  so  bestimmt  gewußt  hatte,  daß  der  Mensch  erst  beim
Baron  anfängt,  daß  die  glückliche  Einfalt  des  Pöbels  von  der  Spötterei
und  den  freigeisterischen  Gedankenspielen  der  großen  Herren  niemals  ein
Wort  erfahren  kann.  Dem  neuen  Geschlechte  lag  die  Angst  vor  den
Schrecken  der  Revolution  noch  in  allen  Gliedern;  mitten  in  die  rauschen-
        <pb n="610" />
        600  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

den  Lustbarkeiten  des  Congresses  drangen  unheimliche  Nachrichten  von
dem  italienischen  Geheimbunde  der  Carbonari,  von  der  dumpfen  Gährung
in  Frankreich,  von  den  Zornreden  der  enttäuschten  preußischen  Patrioten,
von  den  Verschwörungen  der  Griechen  und  dem  Heldenkampfe  der  Serben
  wider  ihre  türkischen  Tyrannen.  Mochte  man  immerhin  sorgsam
die  Thüren  schließen  und  das  laute  Anklopfen  des  demokratischen  neuen
Zeitalters  überhören,  ganz  geheuer  fühlte  man  sich  doch  nicht  mehr.  Wie
sonst  der  Spott  so  war  jetzt  der  Glaube  Modepflicht:  ein  paar  salbungsvolle
  Worte  über  Christenthum  und  göttliches  Königsrecht  mußte  auch
das  Weltkind  zur  Verfügung  haben.  Die  weibische  Zierlichkeit  des  achtzehnten
  Jahrhunderts  verrieth  sich  noch,  wenngleich  Zopf  und  Puder  nicht
wieder  auferstanden,  in  den  bartlosen  Gesichtern,  den  Tabaksdosen,  den
Schuhen  und  seidenen  Strümpfen,  in  der  gesuchten  Eleganz  der  männlichen
  Kleidung;  doch  war  der  Ton  des  Umgangs  schon  um  Vieles  freier
und  formloser  geworden.  Keine  Rede  mehr  von  den  alten  Rang=  und
Titelstreitigkeiten,  von  dem  pedantischen  Gezänk  über  Form  und  Farbe
der  Sessel;  bald  da  bald  dort,  bei  irgend  einem  der  Bevollmächtigten
fanden  sich  die  Minister  zur  Berathung  zusammen  und  unterzeichneten
die  Urkunden  nach  dem  Alphabet  oder  auch  in  bunter  Reihe,  wie  man
gerade  am  Tische  saß.  Am  auffälligsten  bekundeten  sich  die  veränderten
Sitten  an  den  großen  Prunk=  und  Feiertagen  des  Congresses.  Das
Mittelalter  feierte  kirchliche,  das  Jahrhundert  Ludwig's  XIV.  höfische  Feste;
die  neue  Zeit  trug  einen  entschieden  militärischen  Charakter.  Parade  und
Heerschau  wurden  unvermeidlich,  so  oft  sich  der  moderne  Staat  im  Glanze
seiner  Herrlichkeit  sonnen  wollte.  Selbst  dies  Oesterreich,  damals  der  am
wenigsten  militärische  unter  den  großen  Staaten  des  Festlandes,  durfte
die  ungeheure  Macht  der  neuen  massenhaften  Heere  nicht  ganz  verkennen.
Vor  fünfzig  Jahren  hatte  man  noch  über  den  militärischen  Anstrich  des
preußischen  Hofes  vornehm  gespottet,  jetzt  war  die  preußische  Sitte  allgemein
  eingebürgert,  und  auch  der  waffenscheue  Kaiser  Franz  mußte  zuweilen
in  der  Uniform  erscheinen.

Ein  Diplomaten-Congreß  kann  niemals  schöpferisch  wirken;  genug,
wenn  er  die  offenbaren  Ergebnisse  der  vorangegangenen  kriegerischen  Verwicklungen
  leidlich  ordnet  und  sicherstellt.  Und  wie  hätte  diese  Wiener  Versammlung
  Größeres  leisten  sollen!  Eine  unbeschreibliche  Ermattung  lastete
auf  den  Gemüthern,  wie  einst  da  der  Utrechter  Congreß  das  blutige  Zeitalter
  Ludwig's  XIV.  beendigte;  und  wie  damals  Kronprinz  Friedrich  die
allgemeine  Verkommenheit  der  europäischen  Staatskunst  beklagte,  so  ging
jetzt  die  abgespannte  und  abgehetzte  diplomatische  Welt  allen  den  unfertigen
neuen  Ideen  der  Zeit  ängstlich  aus  dem  Wege  und  ließ  sich's  wieder
wohl  sein  bei  jener  bequemen  Staatsanschauung  des  alten  Jahrhunderts,
die  den  Staat  nur  als  einen  Haufen  von  Geviertmeilen  und  Seelen  betrachtete.
  Die  Wiener  Luft  that  das  Ihrige  hinzu.  Hier  in  dem  Mittel-
        <pb n="611" />
        Die  neue  Diplomatie.  601

punkte  des  ungeheuren  Familiengutes,  das  man  Oesterreich  nannte,  in
diesem  Wirrwarr  zusammengeheiratheter  Länder  und  Völker  hatte  man
nie  etwas  geahnt  von  den  sittlichen  Kräften,  welche  ein  nationales  Staatswesen
  zusammenhalten;  und  es  war  so  recht  im  Geiste  der  alten  Habsburgerpolitik,
  wenn  Oesterreich  und  Baiern  jetzt  selbander  über  die  Frage
stritten,  ob  die  Unterthanen  der  Mediatisirten,  die  ihrem  Landesherrn  nur
wenig  einbrachten,  als  halbe  Seelen  oder  als  Drittelseelen  zu  berechnen
seien.  Mit  Entrüstung  vernahmen  die  befreiten  Völker,  daß  sie  nun
wieder  nichts  sein  sollten  als  eine  große  Herde,  die  nur  durch  ihre  Kopfzahl
  Werth  hatte.  Görres  lärmte  im  Rheinischen  Mercur  gegen  „das
herzlose  statistische  Wesen“  der  Wiener  Diplomaten,  und  Blücher  schrieb
grimmig  an  seinen  alten  Freund  Rüchel:  „Der  gute  Wiener  Congreß
gleicht  einem  Jahrmarkt  in  einer  kleinen  Stadt,  wo  ein  Jeder  sein  Vieh
hintreibt  es  zu  verkaufen  oder  zu  vertauschen.“  Durch  eine  kunstvoll  abgewogene
  Vertheilung  der  Länder  und  der  Leute  die  Wiederkehr  der  französischen
  Uebermacht  zu  verhindern  —  in  diesem  einen  Gedanken  ging
jetzt  wie  einst  zu  Utrecht  die  ganze  Weisheit  der  Cabinette  auf.  Und  wie
damals  Catel  de  St.  Pierre  wähnte,  aus  der  neuen  völlig  willkürlichen
Gestaltung  der  Länderkarte  werde  ein  unabänderlicher  Friedenszustand
hervorgehen,  so  erwachte  jetzt  wieder  der  unmännliche  Traum  vom  ewigen
Frieden,  dies  sicherste  Kennzeichen  politisch  ermatteter  und  gedankenarmer
Epochen:  viele  treffliche  Männer  aus  jedem  Stande  und  jedem  Volke
gaben  sich  im  Ernst  der  Hoffnung  hin,  daß  die  Weltgeschichte  in  ihrer
ewigen  Bewegung  nunmehr  still  stehen,  vor  den  Rathschlüssen  des  Wiener
Areopags  ehrfürchtig  verstummen  würde.

Preußens  Diplomatie  stand  nicht  auf  der  Höhe  seiner  Feldherrnkunst;
keiner  seiner  Staatsmänner  besaß  den  kühnen,  freien,  sicheren  Blick
Gneisenau's.  Aber  das  halbe  und  flaue  Ergebniß  der  Wiener  Verhandlungen
  war  durch  die  Natur  der  Dinge  selbst  gegeben,  nicht  verschuldet
durch  die  Fehler  einzelner  Männer.  Die  schwerste  Krankheit  des  alten
Staatensystems,  deren  der  treue  Arndt  soeben  wieder  in  dem  neuesten
Bande  des  Geistes  der  Zeit  warnend  gedachte,  die  Zersplitterung  Deutschlands
  und  Italiens,  hatte  der  Befreiungskrieg  nicht  geheilt.  Da  hier
wie  dort  die  öffentliche  Meinung  noch  in  einem  Zustand  völliger  Unreife
verharrte,  so  brachte  der  Congreß  beiden  Völkern  im  Wesentlichen  eine
Restauration:  den  Italienern  die  Gebietsvertheilung  von  1795,  den  Deutschen
  die  Wiederherstellung  jenes  lockeren  Nebeneinanders  kleiner  Monarchien,
  das  einst  aus  der  Fürstenrevolution  von  1803  hervorgegangen  war.
Diesseits  wie  jenseits  der  Alpen  hatte  sich  Oesterreich  eine  mittelbare,  geschickt
  verhüllte  Herrschaft  errungen,  die  ungleich  fester  stand  als  das
napoleonische  Weltreich  und  den  Deutschen  wie  den  Italienern  jede  Möglichkeit
  friedlicher  nationaler  Entwicklung  abschnitt.  Ein  Deutscher  Bund
mit  Oesterreich  und  den  noch  unbekehrten  Satrapen  Bonaparte's  konnte
        <pb n="612" />
        602  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

nichts  anderes  sein  als  die  verewigte  Anarchie;  ein  Italien  mit  Oester—
reich,  mit  dem  Papste,  den  Bourbonen  und  den  Erzherzogen  mußte  in
kläglicher  Ohnmacht  verharren.  Es  bedurfte  einer  langen  Schule  der
Leiden,  bis  den  beiden  schicksalsverwandten  Nationen  die  Erkenntniß  der
letzten  Gründe  ihres  Unglücks  aufging,  bis  jenes  Wahngebilde  des  fried—
lichen  Dualismus,  das  jetzt  noch,  und  nicht  durch  einen  Zufall,  die  besten
Köpfe  beherrschte,  in  seiner  Hohlheit  erkannt  ward  und  die  alten  stolzen
fridericianischen  Ueberlieferungen  wieder  zu  Ehren  kamen.  Die  Herstel—
lung  einer  wohlgesicherten  norddeutschen  Macht,  wie  sie  der  Nation  noth
that,  war  in  Wien  von  Haus  aus  unmöglich,  da  Preußens  Schicksal  zum
guten  Theile  von  dem  Willen  seiner  Feinde  und  Nebenbuhler  abhing.
Ein  kühner  genialer  Staatsmann  an  Preußens  Spitze  hätte  vermuthlich
das  verschlungene  Spiel  der  Wiener  Verhandlungen  weit  einfacher  ge—
staltet,  die  Krisis  und  die  Entscheidung  rascher  herbeigeführt,  doch,  wegen
der  erdrückenden  Ungunst  der  Umstände,  zuletzt  schwerlich  viel  mehr  er—
reicht  als  wirklich  erlangt  wurde.

Bei  dieser  vorläufig  noch  unheilbaren  Schwäche  der  Mitte  des  Welt—
theils  konnte  das  neue  System  des  europäischen  Gleichgewichts,  das  in
Wien  begründet  wurde,  nur  ein  Nothbehelf  sein,  ein  schwächlicher  Bau,
der  seine  Dauer  nicht  der  eigenen  Festigkeit,  sondern  allein  der  allgemei—
nen  Erschöpfung  und  Friedensseligkeit  verdankte.  Viele  der  schwierigsten
und  gefährlichsten  Streitfragen  des  Völkerrechts  mußte  man  unerledigt
liegen  lassen  und  tröstete  sich  mit  jener  Gelegenheitsphrase,  die  nun  bald
modisch  wurde:  c'est  une  question  vide.  Immerhin  blieb  aus  den
bitteren  Lehren  dieser  entsetzlichen  Kriegsjahre  mindestens  ein  großer  und
neuer  Gedanke  als  ein  Gemeingut  der  politischen  Welt  zurück:  selbst  die
frivolen  Durchschnittsmenschen  der  Diplomatie  fingen  an  zu  begreifen,
daß  der  Staat  doch  nicht  bloß  Macht  ist,  wie  das  alte  Jahrhundert  ge—
wähnt  hatte,  daß  sein  Leben  doch  nicht  allein  in  der  Belauerung  und
behenden  Uebervortheilung  der  Nachbarmächte  aufgeht.  Der  Anblick  jener
Triumphe,  welche  der  Revolution  und  ihrem  gekrönten  Helden  durch  die
Zwietracht  der  alten  Mächte  bereitet  wurden,  hatte  doch  endlich  ein  leben—
diges  europäisches  Gemeingefühl  erweckt.  Die  befreite  Welt  war  ernstlich
gesonnen  in  einer  friedlichen  Staatengesellschaft  zusammenzuleben;  sie
fühlte,  daß  den  Staaten,  trotz  aller  trennenden  Interessen,  eine  Fülle
großer  Culturaufgaben  gemeinsam  war,  die  allein  durch  freundliche  Ver—
ständigung  gelöst  werden  konnten.  Mochte  die  mechanische  Staatsan—
schauung  vergangener  Tage  noch  überwiegen,  die  gewissenlose  Staatsraison
  der  alten  Cabinetspolitik  war  bereits  im  Untergehen;  und  es  bleibt
das  dauernde  historische  Verdienst  des  Wiener  Congresses,  daß  er  für
den  freundnachbarlichen  Verkehr  der  Staatengesellschaft  einige  neue  Formen
  und  Regeln  fand.  Ein  Fortschritt  war  es  doch,  daß  man  sich  über
die  Vorschriften  der  internationalen  Etikette,  über  die  Rangordnung  der
        <pb n="613" />
        Die  neue  Staatengesellschaft.  603

diplomatischen  Agenten  und  viele  andere  unscheinbare  aber  unentbehrliche
Voraussetzungen  eines  geordneten  Völkerverkehrs  endlich  einigte.  Zur  See
blieb  freilich  Alles  beim  Alten.  Hier  galt  kein  Völkerrecht,  sondern  die  Ueber—
macht  Englands;  nimmermehr  wollte  die  Hoffart  der  Meereskönigin  sich
auch  nur  zu  einer  Verständigung  über  den  Flaggengruß  herbeilassen.

Noch  folgenreicher  wurden  die  Verträge  über  die  Schifffahrt  auf  den
conventionellen,  mehreren  Staaten  gemeinsam  angehörigen  Flüssen,  ein
mühseliges  Werk,  woran  Humboldt's  Fleiß  und  Scharfsinn  das  Beste  that.
Die  Handelspolitik  des  achtzehnten  Jahrhunderts  hatte  grundsätzlich  den
eigenen  Nutzen  in  der  Schädigung  des  Nachbars  gesucht,  jetzt  zum  ersten
male  berief  sich  ein  europäischer  Vertrag  auf  die  Lehre  der  neuen  Nationalökonomie,
  daß  die  Erleichterung  des  Verkehres  im  gemeinschaftlichen
Interesse  aller  Völker  liege.  Auch  ein  großes  gemeinsames  Werk  christlicher
  Barmherzigkeit  wurde  schon  in  Angriff  genommen:  die  Mächte
einigten  sich  über  die  Abschaffung  des  Negerhandels.  Allerdings  vorerst
nur  über  den  Grundsatz,  da  Spanien  und  Portugal  bindende  Verpflichtungen
  nicht  übernehmen  wollten.  Aber  mit  Alledem  ward  doch  die  Bahn
gebrochen  für  eine  lange  Reihe  von  Verträgen,  welche  das  Netz  des  völkerverbindenden
  Verkehrs  immer  enger  flochten,  den  Rechtsschutz  für  die
Ausländer  immer  sicherer  stellten.  Der  neu  erwachte  Nationalstolz  hatte
den  gesunden  Kern  der  alten  deutschen  Weltbürgergesinnung  keineswegs
zerstört.  Kaum  war  der  Imperator  gestürzt,  so  legte  der  wackere  preuhische
  Jurist  Sethe  dem  Freiherrn  vom  Stein  in  einer  Denkschrift  dar,
wie  viele  harte  und  feindselige  Bestimmungen  gegen  die  Ausländer  der
Code  Napoleon  enthalte;!))  Gelehrte  und  Geschäftsmänner  bestürmten  die
deutsche  Diplomatie  um  Sicherung  der  Rechte  der  Fremden.  Mit  dem
Wiener  Congresse  begann  in  der  That  eine  neue  Epoche  des  Völkerrechts,
eine  menschlichere  Zeit,  welche  den  großen  Namen  der  Staatengesellschaft
allmählich  zur  Wahrheit  machte  und  namentlich  dem  internationalen
Privatrechte  endlich  einen  positiven  Inhalt  gab.

An  diesem  großen  Fortschritte  des  Völkerrechts  hatte  freilich  der  Aufschwung
  des  Weltverkehres  ein  größeres  Verdienst  als  die  bewußte  Einsicht
  der  Mitglieder  des  Congresses.  Wie  hätte  sich  auch  eine  ernste  und
tiefe  politische  Gesinnung  entwickeln  können  in  dieser  glänzenden  und
rauschenden  Versammlung,  der  prächtigsten  und  zahlreichsten,  welche  die
Welt  seit  dem  großen  Constanzer  Kirchentage  gesehen  hatte?  Alle  Mächte
Europas,  mit  einziger  Ausnahme  des  Sultans,  waren  vertreten.  Auf
dem  Graben  und  auf  den  Basteien  des  alten  Wiens,  im  Prater  und  an
der  großen  Diplomatenbörse,  dem  Gasthofe  zur  „Kaiserin  von  Oesterreich"
drängte  sich  das  bunte  Gewimmel  von  Fürsten  und  Prätendenten,  Staatsmännern
  und  Offizieren,  Priestern  und  Gelehrten,  Abenteurern,  Gaunern

 

*)  Sethe  an  Stein,  Düsseldorf,  13.  Mai  1814.
        <pb n="614" />
        604  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

und  Supplicanten,  unterthänigst  angestaunt  und  unterthänigst  ausgebeutelt
von  den  gemüthlichen  Wienern,  die  sich  an  den  hohen  Herrschaften  gar
nicht  satt  sehen  konnten.  Die  Erbsünde  des  gemeinen  Durchschnittsschlages
der  Diplomaten,  die  Vermischung  der  ernsten  Staatsgeschäfte  mit  der
Tändelei,  dem  Ränkespiel  und  dem  Klatsch  des  Salons,  gedieh  zur  üppigsten
  Blüthe.  Häßlicher  als  die  unvermeidliche  Sittenlosigkeit  dieses  großen
Fürstenbacchanals  erschien  die  lächelnde  Verlogenheit,  die  sich  jetzt  zur
Virtuosität  ausbildete;  wer  hier  etwas  gelten  wollte,  mußte  sich  auf  die
Kunst  verstehen  Morgens  ein  geheimes  Kriegsbündniß  gegen  seine  täglichen
Tischgenossen  abzuschließen  und  Nachmittags  mit  den  nämlichen  Freunden
wieder  in  ungetrübter  Zärtlichkeit  zu  verkehren.

Ueber  dem  ganzen  glitzernden  und  blitzenden  Treiben  lag  der  Hauch
jener  trivialen  Gedankenlosigkeit,  welche  das  Habsburgerregiment  auf  dem
Wiener  Boden  eingebürgert  hatte.  Die  Zeit  war  dahin,  da  das  wackere
Bürgerthum  der  ehrenfesten  deutschen  Landstadt  Wien  sich  seine  herrlichen
Kirchen  errichtete.  Was  hatten  diese  langen  drei  Jahrhunderte,  seit  die
Donaustadt  der  Mittelpunkt  eines  großen  Reiches  geworden,  an  Schönem
gebaut  und  gebildet?  Nichts,  gar  nichts,  kaum  daß  der  Kuppelbau  der
Karlskirche  und  das  Belvedereschloß  mindestens  einige  Eigenthümlichkeit
zeigten.  Sonst  überall,  an  dem  häßlichen  Häuserhaufen  der  Burg  wie
an  den  Palästen  des  reichen  Adels,  dieselbe  abschreckende  Geschmacklosigkeit.
  Einige  Kunstsammlungen  waren  wohl  vorhanden,  doch  Niemand
beachtete  sie;  die  Schätze  der  Ambraser  Sammlung  lagen  vergessen,  Karl
August  von  Weimar  entdeckte  sie  erst  jetzt  von  Neuem,  denn  der  geistvolle
Fürst  hielt  es  in  der  schalen  Nichtigkeit  dieser  geselligen  Freuden  nicht
aus  und  durchstreifte  die  Stadt  nach  feineren  Genüssen  suchend.  Es
war  noch  ganz  das  von  Schiller  verspottete  alte  Wien,  die  Stadt  der
Phäaken  mit  ihrem  ewigen  Sonntag  und  dem  immer  sich  drehenden  Bratspieß.
  Keine  Spur  von  wissenschaftlicher  Thätigkeit:  wer  hatte  von  der
altehrwürdigen  Universität  je  etwas  gehört,  außer  daß  sie  ein  wohleingerichtetes
  Hospital  mit  einigen  trefflichen  Aerzten  besaß?  Dazu  der  dumpfe
Druck  der  geheimen  Polizei  und  ein  allgemeiner  politischer  Stumpfsinn.
Kein  Mensch  in  diesem  lustigen  Völkchen  bekümmerte  sich  um  die  politische
Thätigkeit  des  Congresses;  der  Oesterreichische  Beobachter  brachte  in  neun
Monaten  einen  einzigen  Artikel  über  die  Geschäfte  der  erlauchten  Versammlung,
  und  Niemand  fand  das  sonderbar.  Allein  die  Blüthe  des
Theaters  ließ  errathen,  daß  hier  noch  ein  reichbegabter  Menschenschlag
lebte  und  das  verfallene  geistige  Leben  dereinst  doch  wieder  erwachen
konnte.  Die  Bildung  in  den  Kreisen  der  österreichischen  Magnatengeschlechter
  war  noch  ganz  französisch;  nur  mit  den  Herren  aus  Preußen
sprach  man  deutsch  um  dem  nordischen  Teutonenthum  doch  eine  Liebenswürdigkeit
  zu  erweisen.  Der  Esprit  der  alten  bourbonischen  Aristokratie
fehlte  freilich  ganz;  auch  die  großen  Judenhäuser,  welche  jetzt,  Dank  der
        <pb n="615" />
        Das  Wiener  Leben.  605

Finanznoth  des  Hauses  Oesterreich,  zum  ersten  male  als  eine  Macht  auf—
traten  und  in  die  vornehme  Welt  eindrangen,  die  Firmen  Arnstein,  Eskeles,
Herz  waren  damit  nicht  allzu  reich  gesegnet.

Unvermeidlich  wirkte  die  geistige  Armseligkeit  dieser  Umgebung  auf  den
ganzen  Ton  des  Congresses  zurück.  Das  flache  Vergnügen  bot  hier  den  ein—
zigen  Schutz  gegen  die  Langeweile.  Maskenzüge  und  Praterfahrten,  Bälle
und  Spielpartien,  Schmausereien  und  lebende  Bilder  drängten  einander  in
eintönigem  Wechsel,  so  daß  die  Arbeit  der  Diplomatie  lange  kaum  beginnen
konnte.  Eine  kaustische  Bemerkung  des  Fürsten  von  Ligne  oder  eine  Skan—
dalgeschichte  von  Metternich,  der  niemals  weniger  als  zwei  Damen  zu—
gleich  mit  seiner  Gunst  beehrte,  oder  eine  Witzelei  über  die  neu  erfundene
Draisine  des  Barons  Drais,  deren  humpelnde  Bewegung  dem  Fortschreiten
der  Congreßverhandlungen  so  verzweifelt  ähnlich  sah,  oder  ein  Urtheils—
spruch  jenes  hohen  Gerichtshofs  der  Feinschmeckerei,  der  an  Talleyrand's
Tafel  den  Käse  von  Brie  feierlich  zum  König  des  Käsegeschlechts  ausrief
—  das  waren  die  Silberblicke  in  dieser  ungeheuren  Fadheit.  Es  schien,
als  wollte  der  wiederhergestellte  alte  Fürstenstand  den  Völkern  Europas
recht  gründlich  zeigen,  für  welches  Nichts  sie  geblutet  hatten.  Man  hat
viel  von  Napoleon  gelernt,  sagte  Karl  August  bitter,  unter  Anderem  auch
die  Frechheit.

kicht  ohne  Geschick  spielte  der  Hausherr,  Kaiser  Franz  die  Rolle
des  ehrwürdigen  Patriarchen  unter  dem  hohen  Adel,  obgleich  er  noch
kaum  siebenundvierzig  Jahre  zählte.  Er  ließ  sich's  nicht  verdrießen,  täglich
fünfzigtausend  Gulden  für  die  kaiserliche  Tafel,  für  den  Congreß  insgesammt
  16  Millionen  Gulden  auszugeben,  während  seine  unbezahlten  Invaliden
  auf  den  Landstraßen  betteln  gingen;  der  pfiffige  Rechner  wußte
wohl,  welche  Vortheile  ihm  die  Stellung  des  Wirthes  bot.  Wie  rührend
erschien  den  durchlauchtigen  Gästen  diese  mehr  als  unscheinbare  Gestalt
in  ihrem  abgeschabten  blauen  Rocke,  mit  dem  gemüthlichen  kleinbürgerlichen
Wesen.  Ein  geborener  Florentiner  war  Franz  erst  als  junger  Mann  an
die  Donau  gekommen;  aber  die  Maske  des  biederen,  treuherzig  groben
Oesterreichers,  die  er  damals  vor  sein  Gesicht  genommen,  saß  ihm  jetzt
wie  angegossen,  weil  sie  seinem  Phlegma  und  seinen  vulgären  Neigungen
entsprach.  Niemand  auf  der  Welt  vermochte  ihm  jemals  ein  Gefühl
herzlichen  Wohlwollens  zu  entlocken;  spurlos  rauschten  die  Schicksalswechsel
  einer  ungeheuren  Zeit  über  den  Stumpfsinn  seiner  Selbstsucht
dahin.  Er  begnadigte  niemals,  außer  wenn  der  Verbrecher  selber  um
den  Tod  bat;  er  leitete  in  eigener  Person  die  Mißhandlung  der  politischen
Gefangenen,  bestimmte  jedem  selber  die  Schwere  der  Ketten  und  die  Zahl
der  Fasttage  und  kannte  keine  süßere  Erholung  als  das  Durchlesen  erbrochener
  Briefe;  er  hatte  schon  zwei  Frauen  verloren  und  sollte  bald
auch  die  dritte  begraben  um  sofort  wieder  mit  unwandelbarer  Gemüthsruhe
  die  vierte  zu  heirathen;  er  umgab  sich  grundsätzlich  nur  mit  Menschen
        <pb n="616" />
        606  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

von  unsauberer  Vergangenheit,  die  er  jederzeit  mit  einem  Fußtritt  ent—
lassen  konnte.  Trotz  Alledem  und  trotz  dem  bösen  Blicke  seiner  kalten
harten  Augen,  trotz  der  so  nahe  liegenden  Erinnerung  an  seinen  Familien—
und  Geistesverwandten  Philipp  II.  von  Spanien  glaubte  alle  Welt  an
die  kindliche  Unschuld  des  herzlosen,  mißtrauischen  Despoten.  Sein  poli—
tisches  System  war  das  denkbar  einfachste.  Nach  allen  den  Plagen  und
Sorgen  dieser  wüsten  Jahre  wollte  er  endlich  wieder  seine  Ruhe  haben,
wollte  wieder  als  ein  fleißiger  Hofrath  Stöße  von  Acten  mit  nichtssagen—
den  Randbemerkungen  bemalen,  in  Mußestunden  die  Geige  spielen,  Papier
ausschneiden,  Vogelbauer  lackiren  und  was  sonst  der  k.  k.  Ausschweifungen
mehr  war.  Geistlos  und  denkfaul,  wie  die  Mehrzahl  seiner  Ahnen,  völlig
unfähig  einen  neuen  politischen  Gedanken  auch  nur  zu  verstehen,  sah  er
in  allen  den  revolutionären  und  nationalen  Ideen,  welche  das  neue  Jahr—
hundert  bewegten,  nichts  als  Bosheit  und  Dummheit,  nichts  als  sträfliche
Auflehnung  gegen  das  fromme  Erzhaus.  Mit  dieser  Gedankenarmuth
verband  sich  aber  eine  durchtriebene  Bauernschlauheit,  ein  gewisser  roher
Instinct  für  das  politisch  Erreichbare:  der  Kaiser  fühlte  sehr  richtig,  daß
sein  Haus  nahezu  Alles  was  sich  nur  wünschen  ließ  bereits  erlangt  und
jede  Aenderung  in  der  Staatengesellschaft  als  eine  Gefahr  zu  fürchten  hatte.
So  ward  er  aus  Neigung,  Grundsatz  und  Berechnung  ein  geschworener
Feind  jeder,  aber  auch  jeder  Neuerung,  ein  argwöhnischer  Gegner  der
beiden  ehrgeizigen  Nachbarmächte,  Rußlands  und  vornehmlich  Preußens.

Wenn  es  dem  guten  Kaiser  nicht  leicht  fiel  aus  seinen  prunklosen
Alltagsgewohnheiten  hinauszutreten  in  die  prächtige  Gesellschaft  des  Congresses,
  so  schwamm  sein  vielgewandter  Metternich  vergnüglich  wie  ein
Fischlein  in  dem  glänzenden  Strudel.  So  wohl  war  es  ihm  nie  mehr
geworden  seit  jenen  lockeren  Jugendtagen,  da  er  an  den  leichtlebigen  geistlichen
  Höfen  der  rheinischen  Heimath  seine  Schule  durchgemacht  hatte.
Niemand  verstand  wie  er,  in  der  Pause  zwischen  Diner  und  Maskenball
eine  diplomatische  Intrigue  einzufädeln,  vor  der  Fahrt  zum  Stelldichein
noch  rasch  eine  Depesche  abzuthun  oder  mit  dem  Ausdrucke  wärmster
Zärtlichkeit  in  den  schönen  blauen  Augen  einen  Herzensfreund  recht  gründlich
  anzulügen.  Auch  sah  er  keineswegs  ungern,  wenn  seine  preußischen
Freunde  ihn  für  leichtfertiger  hielten  als  er  war  und  für  Vergeßlichkeit  und
Nachlässigkeit  nahmen  was  aus  böser  Absicht  hervorging.  Denn  wie  er  in
seinem  Hause  bei  allem  Aufwande  immer  ein  umsichtiger  Wirth  blieb,  habsüchtig,
  genau  bis  zum  Geize,  so  hielt  er  auch  mitten  im  Gewirr  der  geselligen
  Zerstreuungen  seine  politischen  Pläne  mit  zäher  Ausdauer  fest.  Er
sah  in  diesem  großen  Fürstentage  auf  österreichischem  Boden  einen  glänzenden
  Triumph  der  habsburg--lothringischen  Staatskunst,  betrachtete  die
Beschlüsse  der  erlauchten  Versammlung  wie  sein  eigenes  Werk  und  dachte
durch  sie  der  Bewegung  des  Völkerlebens  ein=  für  allemal  eine  feste
Schranke  zu  setzen.  Gleich  seinem  Kaiser  sah  er  ein,  daß  sein  Oesterreich
        <pb n="617" />
        Der  österreichische  Hof.  607

nur  noch  eine  conservative  Politik  verfolgen  konnte,  und  wollte  wie  jener
die  revolutionären  Ideen  der  Völker  durch  eine  scharfe  polizeiliche  Aufsicht
bändigen,  den  Ehrgeiz  der  beiden  aufstrebenden  jungen  Ostmächte  unter
dem  Scheine  zärtlicher  Freundschaft  zügeln.  Daher  das  feste  Bündniß
mit  den  gleichgesinnten  englisch-hannoverschen  Torys  und  das  bereits
vorbereitete  gute  Einvernehmen  mit  dem  bourbonischen  Hofe.  Der  natio—
nalen  Politik  Preußens  hatten  die  Verträge  mit  den  Rheinbundstaaten
schon  einen  Riegel  vorgeschoben;  jetzt  galt  es  zunächst  durch  die  Errettung
Sachsens  die  kleinen  Kronen  noch  fester  an  das  Haus  Oesterreich  anzu—
schließen  und  sodann  die  Türkei  vor  Rußlands  Uebergriffen  sicher  zu  stellen.
Durch  die  Bekämpfung  der  Osmanen  war  Oesterreich  einst  emporgekommen
und  in  Wahrheit  erst  zu  einem  Staate  geworden;  der  gedankenlosen
Ruheseligkeit  dieser  neuen  Staatsweisheit  erschien  umgekehrt  die  Erhaltung
der  letzten  Trümmer  der  Osmanenherrschaft  als  eine  heilige  Aufgabe.  Für
den  himmelschreienden  Jammer  der  serbischen  und  griechischen  Rajah  hatte
man  in  der  Hofburg  nur  noch  ein  frivoles  Lächeln.  Ein  Gefühl  innerer
Wahlverwandtschaft  verband  dies  neue  Oesterreich,  das  sich  in  seinen
italienischen  Provinzen  nur  durch  das  Schwert  aufrecht  erhalten  konnte,
mit  der  hohen  Pforte.  Schon  seit  Anfang  1813  hatte  Gentz  mit  dem
Hospodaren  der  Wallachei,  Janko  Karadja,  einen  regelmäßigen  vertrauten
Briefwechsel  eröffnet,  der  den  Divan,  „unseren  treuesten  Alliirten“,  über
die  Lage  der  Welt  und  die  Absichten  des  Wiener  Hofes  genau  unterrichten
sollte.  Vergeblich  war  Metternich  seit  dem  Herbst  des  nämlichen  Jahres
bemüht  gewesen,  den  Czaren  dahin  zu  überreden,  daß  der  Sultan  mit
in  die  europäische  Fürstenfamilie  aufgenommen,  sein  Besitzstand  durch  alle
Mächte  insgesammt  feierlich  verbürgt  werden  sollte.

Diese  Lücke  in  dem  großen  Systeme  der  Stabilitätspolitik  mußte  jetzt
noch  ausgefüllt  werden.  Gelang  dies  und  wurden  auch  die  polnischen
Pläne  Alexander's  vereitelt,  so  war  nach  Metternich's  Meinung  das  Werk
des  Congresses  auf  unabsehbare  Zeiten  hinaus  sichergestellt.  So  spiegelte
sich  in  diesem  Kopfe  die  Welt.  Genuß  und  Ruhe  war  ihm  das  höchste
Ziel  der  Politik,  und  nur  die  Furcht  vor  einer  Ruhestörung  vermochte  ihm
einen  tapferen  Entschluß  zu  entreißen.  Ewige  Zersplitterung  Deutschlands,
also  daß  die  souveränen  Kleinkönige  freiwillig  bei  Oesterreich  Schutz  suchten
gegen  Preußen  und  „den  höchstgefährlichen  Gedanken  der  deutschen  Einheit“
ewige  Ohnmacht  Italiens,  das,  wie  Lord  Castlereagh  den  klagenden  Piemontesen
  trocken  erwiderte,  um  der  Ruhe  Europas  willen  immer  getheilt
bleiben  mußte  und  in  den  Augen  der  Hofburg  nur  ein  geographischer
Name  war;  Frankreich  bewacht  durch  eine  Reihe  friedfertiger  Mittelstaaten,
die  vom  Texel  bis  zum  ligurischen  Meere  hin  den  gefährlichen  Staat  umgeben
  und  von  jeder  Berührung  mit  den  Großmächten  absperren  sollten;
Rußland  im  Zaume  gehalten  durch  das  gesammte  Europa,  das  die  Türken
unter  seinen  Schutz  nahm;  die  Revolution  zerschmettert  durch  den  vereinten
        <pb n="618" />
        608  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Widerstand  der  Höfe,  wo  und  wie  sie  sich  auch  zeigte:  in  solchen  Formen
etwa  stellte  sich  Metternich  das  neue  von  Oesterreich  geleitete  Europa  vor.
Es  war  ein  System  der  Seelenangst,  die  Ausgeburt  eines  ideenlosen
Kopfes,  der  von  den  treibenden  Kräften  der  Geschichte  nicht  das  Mindeste
ahnte;  aber  diese  Politik  entsprach  dem  augenblicklichen  Bedürfniß  der
österreichischen  Monarchie,  sie  entsprach  der  allgemeinen  Schlummersucht
der  ermatteten  Welt  und  sie  ging  an's  Werk  mit  gewiegter  Schlauheit,
mit  gründlicher  Kenntniß  aller  gemeinen  Triebe  der  menschlichen  Natur,
sie  verstand  sich  meisterhaft  auf  jene  kleinen  Künste  gemüthlich  lächelnder
Verlogenheit,  worin  von  Alters  her  die  Stärke  der  habsburgischen  Staatskunst
  lag.

Unter  den  fremden  Gästen  erregten  die  Engländer  das  größte  Aufsehen.
  Eine  solche  Toilette,  wie  sie  die  colossale  Lady  Castlereagh  trug,
so  altmodisch,  grell  und  abgeschmackt,  war  den  glatten  Continentalen  lange
nicht  vorgekommen.  Die  seit  Jahren  von  dem  Festlande  abgesperrten
Insulaner  erschienen  wie  Gestalten  aus  einer  anderen  Welt;  überall
reizten  sie  den  Spott  durch  die  wunderlichen  Schrullen  ihres  Spleens,  den
Widerwillen  durch  ihren  protzenhaften  Uebermuth.  Die  gesammte  vornehme
Welt  lachte  schadenfroh,  als  die  Wiener  Fiakerkutscher  einmal  das  allgemeine
  Urtheil  über  die  britische  Bescheidenheit  auf  dem  Rücken  des  Generals
  Charles  Stewart  urkundlich  beglaubigten.  Erst  gegen  das  Ende
des  Congresses  traf  Wellington  ein,  endlich  ein  würdiger  Vertreter  der
großen  Seemacht,  aber  auch  er  verstand  von  den  deutschen  Dingen  nicht
mehr  als  seine  armseligen  Genossen  Castlereagh  und  Cathcart,  hielt  sich
wie  diese  an  die  Rathschläge  der  Oesterreicher  und  der  Hannoveraner.

Wie  anders  wußte  der  Czar  sich  zur  Geltung  zu  bringen.  Er
spielte  noch  gern  den  schönen  jungen  Mann,  man  sah  ihn  zuweilen  Arm
in  Arm  mit  den  durchlauchtigen  jungen  Cavalieren  von  der  böhmischen
oder  der  ungarischen  Nobelgarde.  Dabei  bewahrte  er  doch  die  salbungsvolle
  Weihe  des  Weltheilands  und  Weltbefreiers;  noch  nie  hatte  er  so
beredt  und  sanft  über  die  Beglückung  des  Menschengeschlechts  gesprochen.
In  einer  Instruction,  die  er  von  Wien  aus  an  alle  seine  Gesandten
schickte,  schlug  er  einen  Ton  an,  der  an  die  Sprache  des  Rheinischen
Mercurs  erinnerte:  der  Sturz  Napoleon's,  sagte  er  geradezu,  sei  bewirkt
durch  den  Sieg  der  öffentlichen  Meinung  über  die  Ansichten  der  meisten
Cabinette;  für  die  Zukunft  müsse  jedes  Volk  in  den  Stand  gesetzt  werden
selber  seine  Unabhängigkeit  zu  vertheidigen;  darum  keine  Zerstückelung
der  Länder  mehr  und  Einführung  des  Repräsentativsystems  in  allen
Staaten!  Und  abermals  war  Alexander  in  der  glücklichen  Lage,  daß  seine
weltbefreienden  Gedanken  mit  seinem  persönlichen  Interesse  genau  zusammentrafen.
  Unterwegs  hatte  er  einige  Tage  in  Pulawy,  dem  prächtigen
Schlosse  Czartoryski's  verweilt  und  in  vollen  Zügen  die  berauschenden
Huldigungen  der  schönen  polnischen  Damen  genossen;  nun  brachte  er

3
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        Alexander  und  Friedrich  Wilhelm.  609

seinen  sarmatischen  Freund  mit  nach  Wien  und  trat  offen  auf  als  con—
stitutioneller  König  des  neuen  Polenreichs.

Nesselrode,  der  Freund  Metternich's,  fiel  fast  in  Ungnade;  sein  Wort
galt  wenig  neben  den  Ansichten  Czartoryski's  und  Capodistrias'.  Dieser
geistreiche  Corfiot  verhehlte  kaum,  daß  er  den  russischen  Dienst  nur  als
eine  Staffel  ansah  um  dereinst  der  Held  und  Befreier  seines  griechischen
Vaterlandes  zu  werden;  allen  geknechteten  Völkern  brachte  er  seine  begeisterte
  Theilnahme  entgegen,  zu  allermeist  dem  unglücklichen  Italien,
das  ihm  als  die  Schicksalsschwester  seiner  Hellas  theuer  war.  Die  neugegründete
  Hetärie  von  Odessa  und  der  Philomusenbund  der  Athener
fanden  an  ihm  einen  Beschützer.  Bald  sah  man  einige  der  russischen  Herren
mit  dem  goldenen  und  dem  ehernen  Ringe  der  beiden  hellenischen  Bünde
geschmückt,  der  junge  Fürst  Opsilanti  warb  rührig  für  die  griechische  Sache.
Auch  deutsche  Prinzen,  Gelehrte  und  Staatsmänner  schlossen  sich  bereits
den  Philhellenen  an;  Haxthausen's  schöne  Sammlung  neugriechischer  Balladen
  ging  von  Hand  zu  Hand,  erweckte  zugleich  altclassische  Erinnerungen
und  christlich-romantische  Schwärmerei.  Wie  conservativ  die  Zeit  auch
dachte,  diesen  Großtürken,  der  soeben  die  Serben  schaarenweise  schinden,
pfählen  und  rösten  ließ,  wollten  die  deutschen  Idealisten  doch  nicht  als
einen  legitimen  Fürsten  gelten  lassen.  Metternich  sah  mit  Sorge,  daß
die  gehoffte  europäische  Gesammtbürgschaft  für  seinen  türkischen  Schützling
doch  noch  im  weiten  Felde  lag,  und  beobachtete  mit  wachsendem  Mißtrauen
die  revolutionäre  Gesinnung  des  Czaren,  der  auch  mit  Stein  wieder  in
ein  freundliches  Verhältniß  trat  und  den  Deutschen  eine  lebensfähige
Bundesverfassung  wünschte.  Ein  Unglück  nur,  daß  der  Freiherr  kein
Amt  bekleidete;  so  konnte  er  wohl  Allen  freimüthig  in's  Gewissen  reden,
doch  in  den  kritischen  Augenblicken  der  Verhandlungen  niemals  den  Ausschlag
  geben.

Der  Anspruchslosigkeit  König  Friedrich  Wilhelm's  ward  das  ewige
Gepränge  bald  unausstehlich,  er  sehnte  sich  heim  zur  geordneten  Arbeit
in  seinem  ruhigen  Schlosse  und  langweilte  sich  gründlich  auf  den  rauschenden
  Festen,  kaum  daß  er  schüchtern  der  schönen  Gräfin  Julie  Zichy  ein
ganz  klein  wenig  den  Hof  machte.  Seine  Meinung  über  die  Unentbehrlichkeit
  der  russischen  Allianz  stand  fest,  jedoch  wagte  er  noch  nicht  den
abweichenden  Ansichten  Hardenberg's  und  Humboldt's  ein  entschiedenes
Nein  entgegenzustellen  und  ließ  sich  sogar  zum  täglichen  Umgang  den  erklärten
  Gegner  Rußlands  Knesebeck  gefallen,  der,  allzeit  eifrig  österreichisch,
sich  wie  Metternich  für  den  Sultan  begeisterte.  Dem  leichtlebigen  Staatskanzler
  behagte  das  bunte  Treiben  wohl;  er  hörte  es  gern,  wenn  man  ihm
unter  den  älteren,  wie  dem  Fürsten  Metternich  unter  den  jüngeren  Männern
des  Congresses  den  Preis  der  Anmuth  und  Liebenswürdigkeit  zuerkannte;
seine  abnehmenden  Kräfte  litten  sichtlich  unter  der  unablässigen  Zerstreuung.
Glücklicher  wußte  Humboldt  die  Strapazen  des  Genusses  zu  ertragen

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  39
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        610  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

und  im  Taumel  der  geselligen  Freuden  seinen  zähen  Fleiß  zu  bewahren.
An  Geist  und  Bildung,  an  Rührigkeit  und  ehrenhafter  Gesinnung  gebrach
es  den  preußischen  Staatsmännern  nicht.  Humboldt  und  die  Geheimen
Räthe  der  Hardenbergischen  Staatskanzlei  Stägemann,  Jordan,  Hoffmann,
  waren,  neben  Gentz,  die  besten  Arbeitskräfte  des  Congresses;  sie
besorgten  fast  allein  die  schwierigen  statistischen  Berechnungen,  welche  der
Neugestaltung  der  Karte  Europas  zur  Unterlage  dienten,  und  wurden
durch  ihre  unerbittlichen  Zahlen  den  Fremden  oft  unbequem,  namentlich
den  Franzosen,  die  jederzeit  mit  der  Geographie  auf  gespanntem  Fuße
gelebt  haben.  Ueber  den  gelehrten  Statistiker  Hoffmann  sagte  Talleyrand
einmal  erbost:  „wer  ist  denn  der  kleine  Mann  da,  der  alle  Köpfe  zählt
und  seinen  eigenen  verliert?“  Aber  die  Spannkraft  des  Entschlusses,  die
aus  dem  Lahyrinth  der  diplomatischen  Ränke  einen  sicheren  Ausweg  gefunden
  hätte,  war  diesen  treuen  Arbeitern  versagt.  Im  Ganzen  trat  das
kleine  Gefolge  des  Königs,  bis  auf  die  Lebemänner  Prinz  August  und
Hardenberg,  schlicht  und  ehrbar  auf;  die  lustigen  Wienerinnen  begriffen
gar  nicht,  warum  des  Königs  Bruder,  der  schöne  vielumworbene  Prinz
Wilhelm,  der  doch  seinen  Löwenmuth  vor  dem  Feinde  gezeigt  hatte,  gegen
die  Damen  so  mädchenhaft  schüchtern  war  und  seiner  geliebten  Gemahlin
gar  nicht  vergessen  wollte.

Den  zahlreichsten  und  buntesten  Theil  der  erlauchten  Gesellschaft
bildeten  natürlich  die  deutschen  Kleinfürsten.  Da  war  Keiner,  von  dem
Baiern  Max  Joseph  bis  herab  zu  Heinrich  LXIV.  von  Reuß,  der  nicht
geschäftig  um  die  Gnade  der  fremden  Herrscher  warb;  die  Russen  erzählten
  mit  unverhohlener  Verachtung,  welche  Berge  deutscher  durchlauchtiger
Bettelbriefe  im  Cabinet  ihres  Kaisers  aufgeschichtet  lagen.  Da  war  Keiner,
der  nicht  seine  angemaßte  Souveränität  als  ein  unantastbares  Heiligthum
betrachtete:  seit  den  Verträgen  des  vergangenen  Herbstes  fühlte  man  sich
dieses  napoleonischen  Geschenkes  wieder  so  sicher,  daß  Einer  der  Kleinsten
unbefangen  zu  Stein  sagen  konnte:  „ich  weiß  es  wohl,  die  Souveränität
ist  ein  Mißbrauch,  aber  ich  befinde  mich  wohl  dabei.“  Zu  den  Souveränen
gesellte  sich  die  dichte  Schaar  der  Mediatisirten,  die  noch  immer  auf  die
Anerkennung  ihres  formell  unbestreitbaren  Rechts  hofften,  obgleich  ihr
Schicksal  schon  in  Ried  und  Fulda  entschieden  war.  Ihr  Führer  war
die  Fürstin  Mutter  von  Fürstenberg,  eine  tapfere  und  kluge  Dame;  unermüdlich
  vertrat  sie  die  Interessen  ihrer  Leidensgenossen,  im  Verein  mit
dem  Geheimen  Rathe  Gärtner,  dem  viel  verspotteten  Surchargé  d'aftaires,
den  sich  die  Entthronten  auf  gemeinschaftliche  Kosten  hielten.

Dazu  Abgeordnete  aus  verschiedenen  deutschen  Landschaften,  die  ihre
alte  Dynastie  zurückforderten:  Freiherr  von  Summerau  und  Dr.  Schlaar  im
Auftrage  der  österreichischen  Partei  des  Breisgaus,  eine  Deputation  aus
Düsseldorf,  die  wieder  pfalz-bairisch  werden  wollte  u.  s.  w.  Nicht  minder
eifrig  verlangten  die  drei  Oratoren  der  katholischen  Kirche  Deutschlands,
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        Die  deutschen  Fürsten.  611

Wamboldt,  Helfferich  und  Schies  die  Wiederherstellung  der  durch  den
Reichsdeputationshauptschluß  vernichteten  geistlichen  Staaten  oder  doch
mindestens  die  Herausgabe  des  geraubten  Kirchengutes.  Sie  standen  unter
dem  Schutze  des  päpstlichen  Gesandten,  des  gewandten,  geistreichen  Cardinals
  Consalvi;  der  Convertit  Friedrich  Schlegel,  der  Neffe  Goethe's  Rath
Schlosser  aus  Frankfurt  und  ein  großer  an  guten  Köpfen  reicher  Kreis
von  Clericalen  schlossen  sich  ihnen  an.  Aber  auch  auf  dem  kirchlichen
Gebiete  zeigte  sich  die  unendliche  Zersplitterung  des  vielgestaltigen  deutschen
  Lebens.  Denn  neben  diesen  Vertretern  der  römischen  Papstkirche
erschien  der  Generalvicar  von  Constanz,  Freiherr  von  Wessenberg,  noch  einer
von  den  milden,  aufgeklärten  hochadlichen  Kirchenfürsten  des  alten  Jahrhunderts
  —  famosus  ille  Wessenbergius  nannte  ihn  eine  päpstliche  Bulle.
Der  hoffte  auf  eine  deutsche  Nationalkirche  und  dachte  seinem  Auftraggeber,
dem  entthronten  Großherzog  von  Frankfurt  Dalberg,  den  Primat  Germaniens
  zu  verschaffen.  Dazu  eine  Reihe  ehrenfester  republikanischer
Staatsmänner  aus  den  Hansestädten,  an  ihrer  Spitze  der  wackere  Smidt
von  Bremen,  der  während  des  Winterfeldzugs  im  großen  Hauptquartiere
tapfer  ausgehalten  und  sich  durch  Klugheit  und  Zuverlässigkeit  allgemeine
Achtung  erworben  hatte;  dann  Jakob  Baruch  aus  Frankfurt  als  Vertreter
der  deutschen  Judenschaft;  dann  der  kluge  Buchhändler  Cotta  aus  Stuttgart,
  der  mit  feiner  Spürkraft  bereits  witterte,  daß  die  Entscheidung  der
deutschen  Dinge  in  Oesterreichs  Händen  lag,  und  darum  seine  Allgemeine
Zeitung  der  Hofburg  zur  Verfügung  stellte;  und  so  weiter  eine  unendliche
  Reihe  von  Strebern,  Horchern  und  Bittstellern.

Als  die  eigentlichen  Vertreter  der  troisieme  Allemagne,  wie  die
Franzosen  sagten,  erschienen  die  Häupter  der  Mittelstaaten.  Allen  diesen
Creaturen  Napolcon's  war  das  Herz  geschworen  von  Neid  wider  das  siegreiche
  Preußen.  Das  ließ  sich  doch  nicht  ertragen,  daß  der  Staat  Friedrich's
  den  Deutschen  wieder  ein  Vaterland,  wieder  ein  Recht  zu  frohem
Selbstgefühle  gegeben  hatte.  Herunter  mit  dem  waffengewaltigen  Adler
in  den  allgemeinen  Koth  deutscher  Ohnmacht,  Zanksucht  und  Armseligkeit
—  in  diesem  Gedanken  fanden  sich  die  Satrapen  des  Bonapartismus  behaglich
  zusammen.  Den  Staat  zu  schwächen,  der  allein  das  Vaterland
vertheidigen  konnte,  schien  Allen  eine  selbstverständliche  Forderung  deutscher
Freiheit.  Selbst  jener  bürgerlichste  aller  Könige,  der  alltäglich,  mit  Jedermann
  schäkernd  und  plaudernd,  in  den  Straßen  Wiens  umherschlenderte,
jener  allbekannte  gemüthliche  Herr,  der  mit  seinem  derblustigen  Wesen  bald
an  einen  altfranzösischen  Obersten,  bald  an  einen  bairischen  Bierbrauer
erinnerte,  selbst  König  Max  Joseph  betrieb  den  Kampf  gegen  Preußen  mit
schwerem  Ernst,  befahl  seinem  Bevollmächtigten  in  Gegenwart  der  Monarchen,
  schlechterdings  nichts  zu  unterzeichnen,  so  lange  der  König  von
Sachsen  nicht  wieder  eingesetzt  sei.  Nicht  anders  dachte  sein  Sohn,  der
excentrische  Kronprinz  Ludwig,  obgleich  er  zum  Aerger  des  Vaters  sich  zu

397
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        612  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

den  begeisterten  Teutonen  hielt  und  gern  mit  großen  Worten  von  teutschen
Sinnes  teutschester  Bewährung  sprach.  «

Ungleich  herausfordernder  trat  der  württembergische  Despot  auf.  Als
Senior  hatte  er  unter  den  gekrönten  Häuptern  überall  den  Vortritt  und
schloß  daraus  mit  dem  naiven  Dünkel  des  deutschen  Kleinfürstenstandes,
daß  er  nun  wirklich  der  Vornehmste  von  allen  sei,  gab  stets  die  reichsten
Trinkgelder,  um  die  Großmächtigkeit  der  neuen  Schwabenkrone  zu  erweisen,
bemühte  sich  in  Worten  und  Gebärden  dem  gefallenen  Imperator  nach—
zuahmen,  so  weit  sein  ungeheurer  Leibesumfang  dies  erlaubte,  bekundete
seinen  Ingrimm  über  den  Untergang  der  rheinbündischen  Herrlichkeit  un—
gescheut  in  rohen  Zornreden.  Auch  sein  Thronfolger  war  wie  der  bai—
rische  ein  Gegner  der  bonapartistischen  Gesinnung  des  Vaters.  Ein  rast—
loser  Ehrgeiz  arbeitete  in  der  Seele  dieses  Kronprinzen  Wilhelm;  da  er
sich  in  dem  letzten  Winterfeldzuge  als  ein  tapferer  und  geschickter  Offizier
gezeigt  hatte,  so  hoffte  er  auf  das  Generalat  der  deutschen  Bundesarmee.
Seine  Geliebte,  die  geistreiche  Großfürstin  Katharina  bestärkte  ihn  in  seinen
stolzen  Träumen;  das  junge  Paar  verstand  einen  solchen  Nimbus  geistiger
Größe  um  sich  zu  verbreiten,  daß  selbst  nüchterne  Männer  meinten,  von
dem  Stuttgarter  Hofe  werde  dereinst  ein  neues  Zeitalter  über  Deutsch—
land  ausgehen.  Man  überschätzte  den  Prinzen  allgemein,  und  Manche
sahen  in  ihm  schon  den  künftigen  deutschen  Kaiser;  von  den  so  ungleich
größeren  Leistungen  der  preußischen  Generale  wollte  der  deutsche  Parti—
cularismus  schon  nichts  mehr  hören.

Unter  den  Staatsmännern  der  kleinen  Höfe  thaten  sich  namentlich
Drei  hervor,  Wrede,  Münster  und  Gagern,  Jeder  in  seiner  Weise  ein
typischer  Vertreter  jener  den  kleinstaatlichen  Diplomaten  eigenthümlichen
impotenten  Großmannssucht,  welche  schon  so  viel  Schmach  über  Deutschland
  gebracht  hatte  und  nunmehr  während  eines  halben  Jahrhunderts
das  große  Wort  in  unserem  Vaterlande  führen  sollte.  Als  ein  tapferer
Haudegen  hatte  sich  Wrede  immer  bewährt,  seit  jenen  Tagen,  da  er  den
Landsturm  der  Odenwälder  Bauern  gegen  die  Sansculotten  führte,  bis
herab  zu  der  „Entscheidungsschlacht"  von  Arcis,  wie  die  servile  bairische
Presse  sagte.  Von  wirklichem  Feldherrntalente  besaß  er  so  wenig  wie  von
edler  Gesinnung  und  ernster  Bildung;  von  seiner  brutalen  Roheit  wußten
die  unglücklichen  Tyroler  Aufständischen  zu  erzählen.)  Die  einsichtigen
bairischen  Offiziere  glaubten  selber  nicht  an  diese  gemachte  Größe;  sie
wußten  wohl,  daß  sein  in  Rußland  gebliebener  Kamerad  Deroy,  der  RefoFrmator
  der  bairischen  Infanterie,  ein  ungleich  tüchtigerer  Soldat  gewesen,

 

*)  Hier  stand  in  den  beiden  ersten  Ausgaben  eine  Bemerkung  über  den  Raub,  welchen
Wrede  (nach  der  Erzählung  Arndt's,  Wanderungen  mit  Stein,  S.  218)  im  Jahre  1807
im  Schlosse  Oels  begangen  haben  soll.  Diese  Worte  sind  jetzt  gestrichen,  weil  ich  inzwischen
  in  Oels  Erkundigungen  eingezogen  habe  und  die  Erzählung  nicht  mehr  für
richtig  halten  kann.  S.  Beilage  I.  Band  II  S.  631.
        <pb n="623" />
        Wrede.  Münster.  613

daß  die  Glanzzeit  der  bairischen  Waffen  nicht  in  dem  jüngsten  Winterfeldzuge,
  sondern  in  den  Kriegen  des  Rheinbundes  zu  suchen  war.  Indeß
  der  Glückliche  hatte  sich  zur  rechten  Zeit  von  Frankreich  abgewendet
und  den  für  Oesterreich  so  vortheilhaften  Rieder  Vertrag  abgeschlossen.
Seitdem  erfreute  er  sich  der  besonderen  Gunst  des  Wiener  Hofes;  mit
dem  plumpen  Polterer  kam  man  leichter  aus  als  mit  Montgelas“  zäher
Schlauheit.  Auch  war  die  österreichische  Armee  selber  so  arm  an  Talenten,
  daß  viele  der  k.  k.  Diplomaten  diesen  Mann  im  Ernst  für  einen
Feldherrn  hielten.  Noch  ganz  berauscht  von  dem  beflissenen  Lobe,  das
ihm  die  Alliirten  für  die  Niederlage  von  Hanau  gespendet,  kam  er  nach
Wien  und  vermaß  sich  die  preußische  Habgier  mit  den  Waffen  zu  züchtigen,
während  er  für  Baiern  selbst  Mainz,  Frankfurt  und  Hanau,  eine  ganz
unverhältnißmäßige  Entschädigung  forderte.  Er  war  jetzt  Fürst  und  Feldmarschall,
  da  Baiern  doch  auch  seinen  Blücher  haben  mußte,  und  suchte
durch  lärmende  Schimpfreden  gegen  die  Federsuchser  seinem  Titel  Ehre  zu
machen:  ein  Marschall  Wrede,  rief  er  aus,  unterzeichnet  nur  mit  dem  Degen!

Einen  seltsamen  Gegensatz  zu  diesem  säbelrasselnden  Prahler  bildete
der  steife,  würdevoll  gemessene  Graf  Münster  —  einer  jener  beneidenswerthen
  Menschen,  die  ihren  eigenen  Kopf  mit  so  ersichtlicher  Ehrerbietung
  auf  den  Schultern  tragen,  daß  jeder  Uneingeweihte  an  die  Kostbarkeit
  dieses  Schatzes  glauben  muß.  Den  Bedientennaturen  der  herzoglichen
und  großherzoglichen  Diplomatie  erschien  der  riesige  Mann  mit  dem  langen,
an  die  bekannte  Erbschönheit  des  Hauses  Habsburg  erinnernden  Gesichte
wahrhaft  großartig,  wenn  er  mit  naiver  Unbefangenheit  sein  eigenes  Lob
verkündete.  In  der  That  besaß  der  Graf  eine  vielseitige,  allerdings  wenig
gründliche  Bildung:  Gemahl  einer  bückeburgischen  Prinzessin,  langjähriger
Genosse  des  stolzesten  Adels  der  Welt  spielte  er  gern  den  großen  Herrn;
auch  durfte  er  wohl  mit  einigem  Selbstgefühle  auf  die  kleinen  Leute  aus
den  Rheinbundsstaaten  herniederschauen,  da  er  im  Dienste  der  englischen
Krone  eine  reiche  Erfahrung  gesammelt  und  in  der  Bekämpfung  des  Bonapartismus
  zähe  Ausdauer  gezeigt  hatte.  Gleichwohl  war  er  mehr  Hofmann
  als  Staatsmann,  mehr  Junker  als  Aristokrat.  Wie  er  sich  den
Welfen  unentbehrlich  machte  durch  kleine  Gefälligkeiten  bei  den  ärgerlichen
häuslichen  Händeln  des  Königshauses  —  Kammerherrendienste,  zu  denen
sich  weder  Stein's  Stolz  noch  Hardenberg's  Schmiegsamkeit  jemals  hergegeben
  hätte  —  so  erhob  sich  auch  seine  Auffassung  der  großen  Kämpfe
des  Jahrhunderts  nicht  über  das  platte  Standesvorurtheil:  das  ist  der
Hauptkampf  unserer  Zeit,  pflegte  er  zu  sagen,  die  Antichambre  will  durchaus
  in  den  Salon!  Als  ein  correcter  kurbraunschweigischer  Beamter  verlangte
  er  die  Wiederherstellung  der  Kaiserwürde,  deren  Aufhebung  die
Welfen  ja  niemals  anerkannt  hatten,  nur  durfte  die  Selbstherrlichkeit  des
erlauchten  Welfenhauses  dadurch  nicht  geschmälert  werden.  Seine  zur
Schau  getragene  Verachtung  gegen  „die  Zaunkönige“  des  Rheinbundes
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        614  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

hinderte  ihn  keineswegs,  sofort  auf  dem  Congresse,  ohne  Wissen  des  Prinzregenten,
  für  seine  Welfen  ebenfalls  ein  hannoversches  Zaunkönigthum  zu
verlangen  —  eine  anmaßliche  Königskrone,  deren  unhaltbare  Ansprüche
dereinst  noch  schwer  auf  dem  kleinen  Lande  lasten  sollten.

Es  war  der  Fluch  dieser  kleinstaatlichen  Welt,  daß  sich  ein  ehrenhafter
Nationalstolz  in  ihr  nicht  bilden  konnte.  Wie  oft  Münster  auch  mit  vollem
Athem  von  Deutschlands  Größe  redete,  so  setzte  er  doch  seinen  Stolz  darein,
  daß  alle  seine  Kinder  Engländer  waren.  Und  wie  laut  er  auch  den
Freisinn  der  wahren  Aristokratie  zu  rühmen  pflegte,  so  war  er  doch  selber
ganz  und  gar  befangen  in  den  lakaienhaften  Vorstellungen,  welche  die  gewerbmäßige
  Geschichtsverfälschung  des  Particularismus  in  den  deutschen
Kleinstaaten  ausgebildet  hatte.  Dies  welfische  Haus,  das  seit  Heinrich
dem  Löwen  der  deutschen  Nation  nahezu  nichts  gewesen,  war  ihm  das
herrlichste  der  Erde.  Ganz  so  urtheilslos  wie  die  unterthänigen  Göttinger
Professoren  schrieb  er  die  Blüthe  des  englischen  Parlamentarismus,  die
sich  doch  allein  durch  die  erbliche  Unfähigkeit  der  welfischen  George  und
auf  Kosten  ihrer  Krone  entwickelt  hatte,  der  Weisheit  des  Hauses  Braunschweig
  zu  und  fand  auch  in  der  verknöcherten  Junkerherrschaft  des  altadlichen
  Hannoverlandes  die  geliebte  „welfische  Freiheit“  wieder.  Diesen
großen  Augenblick,  da  Deutschland  endlich  wieder  sich  selber  angehörte,
dachte  er  zu  benutzen,  um  die  gerechte  Strafe,  welche  Heinrich  der  Löwe
vor  mehr  denn  sechshundert  Jahren  für  seine  Felonie  empfangen  hatte,
rückgängig  zu  machen;  dagegen  fand  er  es  höchst  anmaßend,  daß  Preußen
seinerseits  die  vor  sieben  Jahren  erlittene  rohe  Mißhandlung  fühnen  wollte.

Diesem  Nachbar  widmete  der  welfische  Staatsmann  glühenden  Haß,
ohne  daß  er  je  versucht  hätte,  die  preußischen  Zustände  auch  nur  oberflächlich
  kennen  zu  lernen.  Unter  den  politischen  Sünden,  welche  dieser
unglücklichen  Nation  die  Bahn  zur  Macht  und  Freiheit  versperrten,  ward
keine  so  verderblich  wie  die  allgemeine,  in  einem  gebildeten  Volke  fast  wunderbare
  Unkenntniß  des  eigentlichen  Inhalts  der  neueren  vaterländischen
Geschichte.  Von  allen  den  gewaltigen  Umgestaltungen,  welche  die  Entstehung
  des  preußischen  Volksheeres  und  damit  die  Befreiung  Deutschlands
  erst  ermöglicht  hatten,  wußte  man  in  den  Kleinstaaten  schlechterdings
nichts.  Wie  die  Rheinbündner  ungeheuerliche  Märchen  erzählten  von  dem
Stumpfsinn  der  leibeigenen  brandenburgischen  Bauern  und  der  Tyrannei
des  preußischen  Junkerthums,  so  sprachen  die  Hannoveraner  wegwerfend
von  der  Vielregiererei  der  Berliner  Bureaukratie.  Die  Klügsten  dort  zu
Lande  blieben  von  solchem  Dünkel  nicht  frei.  In  den  Jahren,  da  der
hannoversche  Staat  gar  nicht  mehr  bestand,  schrieb  Rehberg,  der  bedeutendste
  Mann  unter  jenen  bürgerlichen  Räthen,  die  für  die  adlichen  hannoverschen
  Minister  die  Arbeit  besorgen  mußten,  sein  Buch  über  die  Verwaltung
  in  Monarchien,  eine  Verherrlichung  des  welfischen  Adelsregiments  im
Gegensatz  zur  preußischen  Knechtschaft;  die  treffende  Widerlegung,  welche
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        Hans  von  Gagern.  615

Friedrich  von  Bülow,  aus  gründlicher  Kenntniß  beider  Staaten  heraus,
veröffentlichte,  wurde  von  Niemand  beachtet.  So  hatte  sich  auch  Münster
seinen  Begriff  vom  preußischen  Staate  allein  aus  dem  landläufigen  Ge—
rede  und  vielleicht  aus  Wilhelminens  Memoiren  gebildet;  mit  unendlicher
Verachtung  äußerte  er  sich  über  die  Misere  der  Berliner  Corporalswirth—
schaft.  Wie  er  im  Jahre  1804  aus  kleinlichem  Mißtrauen  die  preußische
Occupation,  welche  seine  Heimath  vielleicht  noch  retten  konnte,  hintertrieb,  so
glaubte  er  beim  Ausbruche  des  Befreiungskrieges,  Preußen  lebe  nur  noch
in  der  Erinnerung,  und  jetzt  da  dieser  holde  Traum  verflogen  war,  schrieb
er  schwer  besorgt  an  Gagern:  seit  Oesterreich  sich  im  Osten  abrundet  und
halb  aus  Deutschland  ausscheidet  ist  Preußens  Vergrößerung  für  uns
die  schwerste  Gefahr.  Angst  und  Scheelsucht  blieben  die  treibenden  Kräfte
in  der  deutschen  Politik  dieser  Ministeriunculi.  wie  Stein  sie  verächtlich
nannte.  In  Wien  hielt  sich  Münster  vorerst  noch  zurück;  er  wollte,  so
meldete  er  dem  Prinzregenten,  die  preußischen  Staatsmänner  nicht  erbittern
  um  die  schwebenden  Verhandlungen  über  die  Abrundung  des
Welfenreichs  nicht  zu  erschweren.  Eine  läßliche  Dilettantennatur,  war  „der
Maler“,  wie  er  bei  seinen  Freunden  hieß,  ohnehin  wenig  geneigt  zu  nachhaltiger
  Thätigkeit,  auch  fesselte  ihn  jetzt  eine  Krankheit  lange  an  das  Zimmer.
Wo  sich  aber  die  Gelegenheit  bot,  da  arbeitete  er  emsig  gegen  Preußen  und
leider  war  er  über  die  Gedanken  des  Staatskanzlers  nur  zu  genau  unterrichtet
  durch  jenen  bösen  Zwischenträger,  den  Hannoveraner  Hardenberg.

Wieder  eine  andere  Spielart  kleinstaatlicher  Ausländerei  verkörperte
sich  in  dem  constitutionellen  Föderalisten  Hans  von  Gagern.  Wer  kannte
ihn  nicht,  den  Hans  in  allen  Gassen,  den  rastlos  beweglichen  kleinen  Herrn
mit  den  munter  blitzenden  Augen  und  dem  gewinnenden  Lächeln  um  den
geistreichen  Mund?  Ueberall  mußte  er  mit  dabei  sein,  wo  gespielt  und
dinirt  und  über  Land  und  Leute  verhandelt  wurde;  völlig  unberufen
mischte  er  sich  in  alle  Geschäfte  des  Congresses,  unerschöpflich  in  großen
Worten  vom  europäischen  Gleichgewicht  und  vom  Schutze  der  Mindermächtigen.
  Der  berühmte  Weinkeller  des  Hauses  Nassau  und  die  Freundschaft
  Talleyrand's  boten  ihm  die  Mittel  sich  zwischen  den  Gesandten  der
Großmächte  festzunisten.  Vor  Jahren  hatte  der  vielgeschäftige  Reichsritter
für  das  heilige  Reich  geschwärmt,  nachher,  immer  mit  der  gleichen  vaterländischen
  Begeisterung,  dem  Rheinbunde  gedient  und  ein  reichliches
Dutzend  verurtheilter  Kleinfürsten  menschenfreundlich  vom  Galgen  abgeschnitten.
  Jetzt  empfahl  er  eine  Föderation  von  völlig  gleichberechtigten
Königen,  Groß=  und  anderen  Herzogen  unter  dem  Schutze  der  österreichischen
  Kaiserkrone,  aber  auch  ein  hohes  Maß  von  Grundrechten  für  das
deutsche  Volk,  denn  ein  ehrlicher  Liberaler  blieb  dieser  wunderliche  Jünger
der  französischen  Aufklärung  immer.

Wie  Münster  in  England,  so  suchte  Gagern  in  Holland  den  Schwerpunkt
  der  mitteleuropäischen  Politik.  Soeben  erst  durch  einen  Zufall  in
        <pb n="626" />
        616  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

den  holländischen  Dienst  verschlagen  hatte  er  sich  alsbald  in  seiner  unsteten
Phantasie  ein  Idealbild  von  dem  europäischen  Berufe  des  oranischen
Hauses  entworfen,  und  wie  Münster  von  der  welfischen  Freiheit  so  redete
er  von  der  oranischen  Politik  der  rechten  Mitte.  Was  kümmerte  es  ihn,
daß  das  alte  Heldengeschlecht  der  Oranier  längst  die  Augen  geschlossen
und  die  neue  Linie  Nassau-Diez  von  dem  großen  Sinne  ihrer  Ahnen
nicht  das  Mindeste  geerbt  hatte?  Selbst  die  unersättliche  Ländergier  des
neuen  Königs  der  Niederlande  belehrte  den  Begeisterten  nicht,  obgleich  er
auf  Augenblicke  über  dies  Uebermaß  der  Habsucht  selber  erschrak.  Vornehmlich
  für  Deutschland  erwartete  er  wunderbar  segensreiche  Folgen  von
der  weisen  Politik  des  Fürstenhauses,  dessen  Wahlspruch  lautete:  je  maintiendray!
  Im  Rausche  seines  Enthusiasmus  wußte  er  zwischen  holländischen
  und  deutschen  Interessen  gar  nicht  mehr  zu  unterscheiden.  Den
geliebtesten  und  begabtesten  seiner  Söhne  ließ  er  in  das  holländische  Heer
eintreten  ohne  zu  ahnen,  daß  er  ihn  in  die  Fremde  schickte;  ebenso  arglos
  versuchte  er  ein  Stück  nach  dem  andern  vom  deutschen  linken  Rheinufer
  für  seinen  Herrn  abzureißen.  Sein  König  wollte  von  dem  Deutschen
  Bunde  nichts  hören;  auch  der  Gesandte  selber  fand  es  bedenklich,
die  gesammten  Niederlande  als  Bundesverwandte,  wie  Hardenberg  wünschte,
dem  deutschen  Gesammtstaate  anzugliedern,  und  kam  daher  auf  den  unsinnigen
  Vorschlag,  daß  die  Niederlande,  wie  Oesterreich,  Preußen  und
Dänemark,  nur  mit  einem  Theile  ihres  Gebiets,  mit  Luxemburg,  dem
Deutschen  Bunde  beitreten  sollten.  Diese  Halbheit  galt  ihm  keineswegs
als  ein  trauriger  Nothbehelf,  sondern  vielmehr  als  ein  Triumph  echt  germanischer
  Staatskunst;  denn  je  verzwickter,  abgeschmackter  und  nebelhafter
sich  das  deutsche  Staatsrecht  gestaltete,  um  so  mehr  schien  es  ihm  dem
uralten  Geiste  deutscher  Freiheit  zu  entsprechen.  An  dem  alten  Reiche
hatte  er  nichts  so  sehr  bewundert  wie  die  ungeheuerlichen  Rechtsverhältnisse
  von  Schlesien  und  Altpreußen,  von  denen  Niemand  sicher  sagen
konnte,  ob  sie  zu  Deutschland  gehörten.  In  solchen  Bastardsgebilden  sah
er  das  eigentliche  Wesen  des  corpus  nomenque  Germanige;  wie  beglückte
ihn  die  Hoffnung,  auch  unsere  Westgrenze  mit  einem  ähnlichen  Meisterwerke
  germanischer  Staatenbildung  zu  schmücken.

Also  trabten  die  großen  Kinder  der  Kleinstaaterei  seelenvergnügt  auf
ihren  Steckenpferden  dahin  und  bosselten  und  feilten  mit  ihren  feinen
Händen  so  lange  an  dem  Staatsbau  ihres  Vaterlandes,  bis  die  deutsche
Verfassung  wieder  ganz  ebenso  phrasenhaft,  verlogen  und  sinnlos  wurde
wie  einst  das  alte  Reich.  Gegen  Preußen  hegte  Gagern  eine  aus  Todesangst
  und  Verehrung  sonderbar  gemischte  Empfindung;  der  Haß  fand
überhaupt  keine  Stätte  in  dieser  gutmüthigen  Seele,  die  Alles,  Menschen
  und  Dinge  immer  von  der  freundlichsten  Seite  nahm.  Wenn  er
in  seinen  historischen  Phantasien  sich  bis  in  die  Zeiten  Wilhelm's  III.
verstieg,  dann  hielt  er  sogar  auf  Augenblicke  Brandenburg  und  Hol-
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        Talleyrand.  617

land  für  natürliche  Verbündete  und  betheuerte  seinen  preußischen  Freun—
den  inbrünstig,  „wie  sehr  dem  jetzigen  Völkersysteme  an  dem  guten  Ein—
vernehmen  zwischen  Berlin  und  dem  Haag  gelegen  ist.“  Aber  zu  nahe
an  sein  geliebtes  Holland  durfte  ihm  der  streitbare  Nachbarstaat  nicht
heranrücken;  vollends  die  sächsischen  Ansprüche  der  preußischen  Politik  er—
schienen  dem  alten  Vorkämpfer  des  Kleinfürstenthums  schlechthin  ruchlos.
Mit  Feuereifer  warf  er  sich  in's  Zeug  um  die  „heiligsten  Rechte“  des
deutschen  hohen  Adels  zu  vertheidigen  und  schrieb  den  preußischen  Staats—
männern  nachdrückliche  Briefe  in  jenem  possirlichen  Lehrtone,  den  diese
Kleinen  allesammt  gern  gegen  die  langmüthigen  Großen  anschlugen.  Als
er  einmal  dem  Staatskanzler  eine  seiner  wohlgemeinten,  verworrenen  ge—
lehrten  Flugschriften  sendete,  erlaubte  er  sich  die  strafende  Bemerkung:  „Es
ist  so  viel  Edles  in  Ihrem  Gemüth,  daß  ich  immer  zu  den  besten  Erwar—
tungen  zurückkehre,  wenn  auch  Dinge  vorgegangen  waren,  die  ich  eben
nicht  billigen  kann.“  Darauf  Hardenberg,  mit  sanfter  Anspielung  auf
die  proteische  Natur  des  kleinstaatlichen  Patrioten:  „Uebrigens  muß  ich
über  den  Zusatz  bemerken,  daß,  so  sehr  viel  Werth  ich  auf  Ihren  Bei—
fall  setze,  ich  doch  nicht  glaube,  in  Ihnen  einen  Censor  meiner  öffentlichen
Handlungen  anerkennen  zu  müssen,  so  wenig  ich  mir  anmaße,  Eurer  Exc.
politisches  Betragen  in  verschiedenen  Epochen  zu  vergleichen,  oder  zu  ent—
scheiden,  wer  von  uns  am  Mehrsten  auf  Deutschlands  Ruhe,  Eintracht
und  herzustellendes  Vertrauen  hinwirkt.“  Trotz  solcher  Anzüglichkeiten
wollte  Hardenberg's  Gutherzigkeit  dem  wunderlichen  Heiligen  nicht  ernstlich
  gram  werden.  Seine  Freunde  betrachteten  den  Unermüdlichen  nicht
ohne  Humor.  Alopeus  schrieb  treffend:  „Dieser  unruhige  Staatsmann,
dem  es  gleichgiltig  ist,  welcher  Sache  er  seine  Talente  widmet,  wenn  er
nur  recht  thätig  erscheinen  kann,  ist  jetzt  zum  Holländer  geworden.“)
Unter  Staatsmännern  solchen  Schlages  mußte  bald  der  Einfluß  des
Mannes  fühlbar  werden,  der  von  allen  Diplomaten  des  Congresses  der
gewandteste,  von  allen  Gegnern  Preußens  der  entschlossenste  war:  des
Fürsten  Talleyrand.  Unerschütterliche  Sicherheit  des  Auftretens  ist  auf
dem  glatten  Boden  des  Salons  von  jeher  noch  siegreicher  gewesen  als
verbindliche  Liebenswürdigkeit.  Wenn  Metternich  und  Hardenberg  durch
anmuthig  gewinnende  Formen  große  Erfolge  in  der  vornehmen  Gesellschaft
  errangen,  so  wirkte  Talleyrand's  cynische  Schamlosigkeit  noch  unwiderstehlicher.
  Welch  ein  Eindruck,  wenn  die  unförmliche  Gestalt,  angethan
  mit  der  altmodischen  Tracht  aus  den  Zeiten  des  Directoriums,  sich
schwerfällig  auf  ihrem  Klumpfuß  in  den  glänzenden  Kreis  des  Hofes
hineinschob:  dicht  über  der  hohen  Halsbinde  ein  ungeheurer  Mund  mit
schwarzen  Zähnen;  kleine  tiefliegende  graue  Augen  ohne  jeden  Ausdruck;

 

*)  Gagern  an  Hardenberg  12.  18.  Novbr.  Hardenberg  an  Gagern  16.  Novbr.
Alopeus  an  Humboldt  11.  Octbr.  1814.
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        618  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

abschreckend  gemeine  Züge,  kalt  und  ruhig,  unfähig  jemals  zu  erröthen
oder  die  innere  Bewegung  zu  verrathen.  Eine  durchaus  mephistophelische
Erscheinung;  in  Hardenberg's  Tagebuch  heißt  er  stets:  Talleyrand  Bocksfuß.
  Die  Damen  lauschten  ergötzt,  wenn  er  ihnen  mit  faunischem  Lächeln
eine  zweideutige  Bemerkung  oder  ein  boshaftes  Witzwort  zuwarf;  auf  die
Fragen  der  Diplomaten  gab  er  mit  unverwüstlich  kaltblütigem  Phlegma
salbungsvolle  Antworten.  Unsaubere  Gewohnheiten,  die  man  bei  jedem  Anderen
  plebejisch  genannt  hätte,  galten  bei  ihm  als  originell;  der  vornehme
Herr  aus  dem  uralten  Hause  des  Fürsten  von  Perigord,  das  Orakel  aller
Feinschmecker  des  Welttheils,  der  gründlichste  Kenner  der  Höfe  gab  sich
selber  die  Gesetze  des  guten  Tons.  Er  hatte  sie  alle  kommen  und  gehen
sehen,  die  Eintagshelden  einer  wirrenreichen  Zeit;  er  kannte  die  Marquis
des  alten  Regimes,  wie  die  Redner  der  Revolution  und  die  Glückskinder
des  Kaiserreichs.  Er  hatte  den  kleinen  deutschen  Souveränen  bis  in's
innerste  Herz  geblickt,  als  er  die  Ländervertauschung  der  rheinbündischen
Politik  besorgte,  immer  bereit  das  Gold  aus  Jedermanns  Hand  zu  nehmen,
  aber  auch  gutmüthig,  ergebenen  Freunden  gefällig,  tiefdurchdrungen
von  der  Wahrheit,  daß  eine  Hand  die  andere  waschen  muß.  So  war
er  fast  allein  von  den  Zeitgenossen  des  alten  Regimes  immer  obenauf
geblieben  auf  den  Speichen  des  Glücksrades  und  rühmte  sich  gern,  die
hinkende  Schildkröte  sei  doch  schneller  zum  Ziele  gekommen  als  der  napoleonische
  Hase.  Geschickt  wußte  er  die  Meinung  zu  verbreiten,  als  ob
er  zu  jedem  Erfolge  Napoleon's  geholfen,  jeden  Mißgriff  des  Kaisers  widerrathen
  hätte.  Er  besaß  jene  gemessene  Haltung  und  sichere  Menschenkenntniß,
  die  den  hochadlichen  Kirchenfürsten  des  achtzehnten  Jahrhunderts
eigenthümlich  war,  und  galt  zudem  für  eingeweiht  in  alle  persönlichen
Geheimnisse  der  vornehmen  Welt.  Jeder  Partei  war  er  dienstbar  gewesen;
in  dem  berühmten  „Wörterbuch  der  politischen  Wetterfahnen“  behauptete
sein  Name  unbestritten  den  ersten  Platz.  Gleichmüthig  wie  er  einst  als
Bischof  für  das  Heil  des  freien  Frankreichs  gebetet,  stand  er  jetzt  als  Oberkammerherr
  hinter  dem  Stuhle  des  legitimen  Königs  und  schwenkte  die
Oriflamme  bei  dem  Krönungsfeste  der  Bourbonen;  „ich  habe  stets  die
Erfahrung  gemacht,"  sagte  er  würdevoll,  „daß  noch  jedes  System,  von  dem
ich  abfiel,  bald  nachher  zusammenbrach.“  Im  Grunde  des  Herzens  ist  er
doch  immer  ein  eingefleischter  Aristokrat  geblieben.  Darum  wünschte  er
von  jeher  einen  Bund  mit  den  alten  Mächten  Oesterreich  und  England,
denn  mit  dem  stolzen  Adel  dieser  Länder  ließ  sich's  leben;  das  Regiment
der  russischen  Emporkömmlinge  und  vollends  die  bürgerlich-soldatische
Schlichtheit  des  preußischen  Staates  war  ihm  verächtlich.

Also  konnte  er  zu  Wien  mit  innerem  Behagen  die  Rolle  spielen,  welche
ihm  durch  die  Interessen  seines  Hofes  auferlegt  wurde.  Er  trat  auf  als
der  Wortführer  der  rechtmäßigsten  aller  Dynastien,  schilderte  prahlerisch,
wenige  Monate  vor  den  hundert  Tagen,  wie  unerschütterlich  fest  die  Macht
        <pb n="629" />
        Vorbereitende  Sitzungen.  619

seines  Königshauses  stehe,  wie  jedes  bedrängte  Recht  an  den  Bourbonen
einen  sicheren  Anker  finde,  und  erfreute  die  Gedankenarmuth  der  dynasti—
schen  Politik  sogleich  durch  das  geschickt  erfundene  Stichwort  „Legitimität“.
Mit  feierlicher  Salbung  verkündete  er  sofort  die  drei  schon  in  seiner  In—
struction  bezeichneten  Hauptziele  der  bourbonischen  Staatskunst:  Beseiti—
gung  „des  Menschen  der  in  Neapel  herrscht“  —  der  Name  Murat's  kam
niemals  über  Talleyrand's  keusche  Lippen  —,  Abwehr  der  russischen  Ueber—
griffe  in  Polen,  endlich  und  vor  Allem  Wiedereinsetzung  des  Königs  von
Sachsen.  In  dem  sächsischen  Handel  erkannte  der  Franzose  scharfblickend
den  Keil,  der  die  Coalition  zersprengen  mußte;  pathetisch  nannte  er  die
Sache  Friedrich  August's  „die  Sache  aller  Könige"  und  beklagte  das  unglückliche
  Europa,  dessen  öffentliches  Recht  durch  Preußens  und  Rußlands
Gewaltthaten  so  schwer  bedroht  sei.

 

Schon  die  formelle  Leitung  einer  so  vielköpfigen  und  buntscheckigen
Versammlung  bot  die  größten  Schwierigkeiten,  zumal  da  ihre  führenden
Männer  meistentheils  nur  als  bescheidene  Gehilfen  der  Monarchen  auftreten
  durften.  Da  Rußland  und  Oesterreich  die  Entscheidung  aller
Streitfragen  geflissentlich  auf  den  Congreß  verschoben  hatten,  so  waren
die  großen  Mächte  vorläufig  noch  über  gar  nichts  einig,  nicht  einmal  über
die  Frage,  wer  an  den  Berathungen  theilnehmen  dürfe.  Daher  konnte
weder  jemals  eine  förmliche  Eröffnung  des  Congresses  stattfinden  noch
eine  gemeinschaftliche  Sitzung  aller  seiner  Mitglieder  noch  endlich  eine
Prüfung  der  Vollmachten;  nur  wenn  ein  Sondervertrag  unterzeichnet
wurde,  tauschten  die  Unterhändler  unter  sich  ihre  Beglaubigungen  aus.

Um  doch  einige  Ordnung  in  dies  Chaos  zu  bringen,  traten  die  Minister
  der  vier  verbündeten  Großmächte  schon  in  der  Mitte  Septembers,
noch  vor  Ankunft  der  Franzosen,  zu  Vorberathungen  zusammen.  Die
preußischen  Staatsmänner  wahrten  eifersüchtig  die  neugewonnene  Großmachtstellung
  ihres  Staates;  antifranzösisch  von  Grund  aus,  bekämpften
sie  zugleich  die  Napoleoniden  und  verlangten  strenge  Ausführung  jenes
geheimen  Artikels,  der  den  Bourbonenhof  von  allen  Gebietsverhandlungen
ausschloß.  Aus  beiden  Gründen  suchten  sie  die  kleinen  Staaten  den  wichtigeren
  Berathungen  fern  zu  halten,  da  die  Theilnahme  der  Mindermächtigen
  unfehlbar  den  Einfluß  Frankreichs  verstärken  mußte.  In  solchem
Sinne  entwarf  Humboldt  den  Plan  einer  Geschäftsordnung?),  den  er
dem  „Comité  der  Vier“  überreichte.  Der  Congreß,  hieß  es  hier,  ist  kein
Friedenscongreß,  da  der  Friede  längst  geschlossen,  auch  keine  berathende
Versammlung  Europas,  da  Europa  kein  constituirtes  Ganzes  bildet,

 

*)  Humboldt's  „Vorschläge  über  den  Geschäftsgang  des  Congresses“,  verhandelt
am  18.  Sept.  u.  f.
        <pb n="630" />
        620  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

sondern  er  hat  eine  Mehrzahl  verschiedener  Geschäfte  zu  erledigen,  die
auch  auf  verschiedene  Weise  behandelt  werden  müssen:  Gebietsfragen,  besondere
  Angelegenheiten  und  solche  Einrichtungen,  die  für  den  ganzen
Welttheil  wichtig  sind.  Von  den  Gebietsfragen  bleibt  die  polnische,  nach
den  Verträgen,  allein  den  drei  Theilungsmächten  vorbehalten,  doch
soll  England  eine  allen  Theilen  willkommene  Vermittlung  übernehmen.
Die  allgemeinen  Grundsätze  über  die  Vertheilung  der  deutschen  Gebiete
werden,  gemäß  dem  Pariser  Frieden,  von  den  vier  Mächten  allein  aufgestellt;
  Frankreich,  Holland,  Dänemark  und  die  Schweiz  sind  fern  zu
halten  weil  sie  nicht  von  dem  europäischen  Standpunkte  ausgehen,  auch
Baiern  und  Württemberg  dürfen  erst  am  Schlusse  der  Berathungen  zugezogen
  werden.  Die  italienische  Gebietsvertheilung  unterliegt  den  Berathungen
  zwischen  Oesterreich,  Piemont,  dem  Papste,  den  Bourbonen  von
Sicilien  und  ihrem  Schirmherrn  England;  Murat  bleibt  ausgeschlossen.
Unter  den  „besonderen  Angelegenheiten“  steht  die  deutsche  Verfassungsfrage
  obenan;  sie  wird  allein  durch  die  deutschen  Staaten  entschieden,  mit
Zuziehung  von  Dänemark  —  wegen  Holstein  —,  den  Niederlanden,  die
ganz  oder  theilweise  beitreten  müssen,  und  der  Schweiz,  denn  ein  ewiges
Bündniß  zwischen  dem  Deutschen  Bunde  und  der  Eidgenossenschaft  „wäre
im  höchsten  Grade  wünschenswerth“.  So  bleiben  für  die  Berathungen
aller  Mächte  nur  übrig  einige  gemeinsame  Angelegenheiten,  nämlich:  die
Verfassung  der  Schweiz,  da  dort  ein  Bürgerkrieg  droht;  die  neapolitanische
  Sache:  —  der  nicht  von  allen  Mächten  anerkannte  Gewalthaber
dort  muß  beseitigt  werden;  die  Entfernung  Napoleon's  aus  Elba:  —  dieser
Feuerbrand  darf  nicht  in  so  drohender  Nähe  bleiben;  endlich  die  Abschaffung
  des  Sklavenhandels,  die  Regelung  der  internationalen  Flußschifffahrt
und  die  Rangordnung  der  Diplomaten.  Diese  allgemein-europäischen  Angelegenheiten
  werden  von  einem  leitenden  Comité  bearbeitet  und  dann  dem
gesammten  Congresse  vorgelegt.

Die  preußischen  Vorschläge  fanden  sofort  lebhaften  Widerspruch,  obgleich
  sie  sich  strng  auf  dem  unzweifelhaften  Rechtsboden  des  Pariser  Vertrages
  hielten.  Talleyrand  hatte  längst  dafür  gesorgt,  daß  man  in  der
Hofburg  von  seiner  geheimen  Instruction  Kunde  erhielt,  und  die  Oesterreicher
  erkannten  dankbar,  welche  löblichen  Grundsätze  der  Tuilerienhof  hinsichtlich
  der  sächsischen  und  der  polnischen  Frage  hegte.  Sie  fanden  es
jetzt  höchst  unbillig,  Frankreich  von  irgend  einem  wichtigen  Theile  der  Verhandlungen
  auszuschließen.  Lord  Castlereagh  stimmte  ihnen  zu;  denn
das  Verhältniß  zwischen  den  Höfen  von  Paris  und  London  war  inzwischen
immer  freundlicher  geworden,  und  soeben  erst,  auf  der  Reise  nach  Wien,
hatte  sich  Castlereagh  nochmals  in  den  Tuilerien  aufgehalten.  König  Ludwig
  schätzte  die  Welfen  sogar  höher  als  die  Lothringer,  da  diese  sich  doch
durch  das  Ehebündniß  mit  dem  Corsen  eines  unverzeihlichen  Frevels  gegen
die  Legitimität  schuldig  gemacht  hatten.  Nur  Rußland  hielt  zu  Preußen.
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        Talleyrand  und  das  Comite  der  Vier.  621

So  stand  man  denn  rathlos,  Zwei  gegen  Zwei,  und  einigte  sich  endlich
(23.  September)  über  einen  unglücklichen  Mittelweg.  Man  beschloß:  die
deutschen  Verfassungssachen  werden  von  einem  Ausschuß  der  fünf  deutschen
  Königshöfe,  alle  europäischen  Angelegenheiten  von  den  vier  verbündeten
  Großmächten  und  den  beiden  bourbonischen  Mächten  (Frankreich
und  Spanien)  bearbeitet;  jedoch  blieb  der  Plan  der  Gebietsvertheilung,
nach  der  Pariser  Abrede,  zunächst  den  vier  Mächten  vorbehalten,  diese
sollten  dann  ihre  Vereinbarungen  an  Frankreich  und  Spanien  mittheilen
und  zuletzt  auch  die  kleinen  Höfe  zur  Aeußerung  auffordern.

Offenbar  gewährte  dies  Compromiß  den  Franzosen  die  Handhabe
alles  bisher  Beschlossene  wieder  umzuwerfen,  und  der  mittlerweile  eingetroffene
  Talleyrand  säumte  nicht,  den  Fehler  zu  benutzen.  Als  der  französische
  Minister  und  sein  ergebener  Freund  Don  Labrador,  der  Gesandte
der  spanischen  Bourbonen,  am  30.  September  in  das  Comité  der  Vier
geladen  wurden  um  den  Beschluß  der  vier  Mächte  entgegenzunehmen,  da
feierte  Talleyrand's  eiserne  Stirn  einen  glänzenden  Triumph.  Mit  unvergleichlicher
  Dreistigkeit,  als  sei  der  geheime  Artikel  des  Pariser  Friedens
gar  nicht  vorhanden,  forderte  der  Franzose  die  Theilnahme  aller  Staaten
an  allen  Verhandlungen  des  Congresses,  brachte  die  Minister  der  vier
Mächte  durch  tönende  Phrasen  von  der  Heiligkeit  des  öffentlichen  Rechtes
dermaßen  in  Verwirrung,  daß  die  Sitzung  ohne  Ergebniß  aufgehoben
wurde.  Keiner  der  anderen  Gesandten  besaß  Geistesgegenwart  genug,  um
durch  eine  kühle  Berufung  auf  den  Pariser  Frieden  die  vertragswidrige
Anmaßung  des  Franzosen  schon  an  der  Schwelle  abzuweisen.  Hardenberg
konnte  schon  wegen  seiner  unglücklichen  Taubheit  bei  solchen  unerwarteten
Ueberfällen  nicht  leicht  das  rechte  Wort  finden.  Humboldt  aber  und  der
russische  Bevollmächtigte  sind  auf  eine  so  freche  Verhöhnung  der  kaum
erst  unterzeichneten  Verträge  offenbar  nicht  gefaßt  gewesen.  Castlereagh
und  Metternich  endlich  hatten  bereits  selber,  durch  ihre  geheimen  Verhandlungen
  mit  dem  Tuilerienhofe,  den  Pariser  Frieden  gebrochen.  In
einem  theatralisch  gefärbten  Berichte,  der  Wort  für  Wort  darauf  berechnet
war  die  Ueberlegenheit  seines  Verfassers  in  helles  Licht  zu  rücken,  meldete
Talleyrand  seinem  Könige  den  erfochtenen  Sieg;  zu  seinen  rheinbündischen
Freunden  aber  sagte  er  stolz:  jai  Su  nr’asseoir.

Einen  durchschlagenden  Erfolg  errang  der  Franzose  vorerst  noch  nicht.
Er  beantragte  in  den  folgenden  Sitzungen:  alle  Souveräne,  die  nicht
förmlich  abgedankt,  also  auch  Friedrich  August  von  Sachsen  sollten  zum
Congresse  zugelassen  und  sodann  durch  die  Gesammtheit  der  Staaten  eine
Reihe  von  Ausschüssen  eingesetzt  werden.  Beide  Anträge  fielen;  sie  bekundeten
  doch  gar  zu  deutlich  die  Absicht,  dem  französischen  Hofe  als  dem
Gönner  der  Kleinstaaten  die  Führung  des  Congresses  zu  verschaffen.
Endlich  ward  beschlossen,  aus  den  acht  Mächten,  welche  den  Pariser
Frieden  unterzeichnet,  ein  leitendes  Comité  zu  bilden.  Dieser  Ausschuß
        <pb n="632" />
        622  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

der  Acht  war  der  amtliche  Congreß,  doch  er  ward  nur  sehr  selten  und
lediglich  der  Form  halber  versammelt,  da  drei  von  den  puissances  signatrices
  in  der  Staatengesellschaft  nur  noch  wenig  bedeuteten.  Zunächst
hatte  Talleyrand  lediglich  erreicht,  daß  Alles  formlos  und  haltlos  durcheinander
  wogte.  Ohne  nach  dem  Comité  der  Acht  zu  fragen  begannen
die  vier  alliirten  Großmächte  unter  sich  vertrauliche  Unterredungen  über
die  polnische  Frage.

Wie  mächtig  hatte  sich  doch  in  wenigen  Tagen  Talleyrand's  Ansehen
gehoben!  Als  er  ankam,  wurde  er  in  den  Salons  ängstlich  gemieden,
desgleichen  sein  Amtsgenosse,  der  Herzog  von  Dalberg,  der  als  ein  Ueberläufer
  bei  allen  Deutschen  in  schlechtem  Rufe  stand;  nur  der  gutmüthige
Gagern  nahm  sich  der  Verlassenen  an.  Jetzt  suchten  die  Diplomaten
den  gewandten  Franzosen  eifrig  auf,  am  eifrigsten  natürlich  die  bedrängten
Sachsen.  Höchstwahrscheinlich  hat  er  wie  Metternich  von  dem  sächsischen
Hofe  große  Geldsummen  erhalten.  Das  galt  in  diesen  Kreisen  für  durchaus
  unverfänglich;  verzeichnete  doch  Gentz  in  seinen  Tagebüchern  mit  der
Ruhe  des  guten  Gewissens  die  Summen,  die  ihm  von  der  französischen
Gesandtschaft  bezahlt  wurden.  Talleyrand's  geheimer  Verkehr  mit  dem
gefangenen  Könige  war  den  preußischen  Staatsmännern  wohl  bekannt,)
und  umsonst  pflegte  er  seine  Freundschaftsdienste  nicht  zu  leisten.  Ein
urkundlicher  Beweis  für  die  Bestechung  wird  sich  allerdings  wohl  niemals
führen  lassen,  denn  die  Rechnungen  der  sächsischen  Chatoulle  sind  späterhin
  auf  Befehl  des  Königs  von  Sachsen,  und  sicherlich  aus  guten  Gründen,
  verbrannt  worden.  Uebrigens  hat  die  ganze  Frage  nur  für  die
Skandalsucht  oder  die  moralisirende  Kleinmeisterei  irgend  welche  Bedeutung,
  nicht  für  das  ernste  historische  Urtheil.  Talleyrand's  Bestechlichkeit
ist  allbekannt,  wird  selbst  von  seinem  Lobredner  Hans  von  Gagern  nicht
in  Abrede  gestellt;  gleichgiltig  also,  wie  oft  und  von  wem  er  sich  bezahlen
ließ.  Dem  sächsischen  Hofe  aber  gereicht  nur  zur  Schande,  daß  er  die
alte  Politik  des  Landesverrathes  weiter  führte;  ob  er  dafür  auch  Geld
aufwendete,  thut  nichts  zur  Sache.  Auf  den  Verlauf  des  Congresses  sind
diese  schmutzigen  Händel  ohne  jeden  Einfluß  geblieben;  nicht  das  Albertinische
  Gold,  sondern  das  richtig  erkannte  Interesse  ihres  eigenen  Staates
bestimmte  die  Haltung  der  österreichischen  wie  der  bourbonischen  Staatsmänner.
  Der  französische  Gesandte  in  Berlin  äußerte  unverhohlen  zu
Jedermann:  Friedrich  August  ist  Frankreichs  treuester  Verbündeter  gewesen,
wir  dürfen  ihn  nicht  verlassen.

Zugleich  spielte  Talleyrand  den  großmüthigen  Beschützer  aller  deutschen
  Souveräne.  Die  kleinen  Herren  waren  allesammt  in  übler  Stimmung;
  Gebietsvergrößerungen  standen  zu  Wien  nicht  in  Aussicht,  und
das  natürliche  Uebergewicht  der  großen  Mächte  machte  sich  schwer  fühlbar.

 

*)  Humboldt  an  Hardenberg,  27.  Jan.  1815.
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        Talleyrand  und  die  Kleinfürsten.  623

Meisterhaft  verstand  Talleyrand  diesen  Groll  der  Mittelstaaten  zu  schüren;
das  gesammte  öffentliche  Recht  schien  ihm  in  Frage  gestellt,  wenn  die
Kronen  von  Baiern  und  Württemberg  bei  der  Neuordnung  Europas  nicht
ebenso  vollberechtigt  mitsprächen  wie  Preußen  oder  Rußland.  So  hob  er
binnen  Kurzem  seinen  gedemüthigten  Staat  wieder  empor  zu  der  althistorischen
  Führerstelle  an  der  Spitze  der  deutschen  Kleinstaaten.  Mit  gutem
Grunde  priesen  die  Franzosen  ihren  geschickten  Unterhändler.  König  Ludwig
  überhäufte  ihn  mit  Lob  und  fühlte  sich  vollends  befriedigt,  als  der
Minister  hochpathetisch  schrieb:  es  scheine  doch  sehr  unziemlich,  daß  man
hier  in  Wien  drei  oder  vier  Könige  und  eine  Menge  von  Prinzen  auf
dem  Balle  eines  Privatmannes  versammelt  finden  könne;  „man  muß  nach
Frankreich  gehen  um  das  Königthum  in  jenem  Glanze  und  jener  Würde
zu  sehen,  welche  es  in  den  Augen  der  Völker  zugleich  erhaben  und  liebenswerth
  erscheinen  lassen!“  Czar  Alexander  aber  sagte:  „Talleyrand  spielt
hier  den  Minister  Ludwig's  XIV.“  —  ein  treffendes  Wort,  das  seitdem
oftmals  auf  die  neufranzösische  Politik  angewendet  worden  ist.

Kaum  vierzehn  Tage  nach  jener  stürmischen  Sitzung  hatte  sich  Gentz
schon  völlig  mit  dem  dreisten  Franzosen  ausgesöhnt.  Auch  der  Czar  ließ
den  gefährlichen  Gegner  mehrmals  zu  geheimen  Unterredungen  über  Polen
rufen  und  gab  ihm  dadurch  selber  das  Recht  sich  in  die  polnischen  Händel
einzumischen.  Vor  Allen  die  deutschen  Kleinstaaten  umdrängten  dienstbeflissen
  den  hochherzigen  Mann,  der  die  Gleichberechtigung  von  Rußland
und  Schwarzburg-Sondershausen  so  nachdrücklich  verfocht.  Das  siegreiche
Deutschland  erlebte  die  Schmach,  daß  sein  hoher  Adel  sich  abermals,  wie
einst  in  den  Tagen  unserer  Niederlagen,  um  die  Gunst  eines  französischen
Subalternbeamten  bewarb.  Wie  die  kleinen  Herren  im  Jahre  1803  zu
Matthieu,  drei  Jahre  darauf  zu  dem  alten  Pfeffel  als  Bittsteller  gezogen
waren,  so  schlichen  sie  jetzt  in  das  bescheidene  Stübchen  zu  Talleyrand's
vertrautem  Rathe,  demselben  La  Besnardiere,  der  schon  vor  sieben  Jahren
in  Posen  sich  in  den  Künsten  deutscher  Vaterlands-Gründung  geübt  hatte.
Am  lautesten  lärmten  die  Baiern;  mit  Montgelas  hatte  Talleyrand  bereits
  auf  der  Reise,  in  Baden  eine  Besprechung  gehalten.  Selbst  Karl
August  von  Weimar  erhob  sich  nicht  über  das  Gefühl  vetterschaftlicher
Theilnahme  und  zog  sich  erst  spät  von  den  Albertinern  zurück,  als  er  die
unsauberen  Hintergedanken  der  sächsischen  Partei  durchschaute.  Geschäftig
trugen  die  französischen  Unterhändler  allerhand  übermüthige  Aeußerungen
hin  und  her,  die  angeblich  im  preußischen  Heere  laut  geworden.  Die
Pariser  Zeitungen  erzählten,  „das  anmaßende  Benehmen  der  preußischen
Generale  in  Wien“  habe  selbst  die  wärmsten  Freunde  des  ländergierigen
Staates  abgestoßen,  während  doch  von  allen  namhaften  preußischen  Generalen
  allein  der  gemessen  bedachtsame  Knesebeck  anwesend  war.

Die  von  späteren  Historikern  nachträglich  gegen  Preußens  sächsische
Pläne  erhobenen  Einwände  kamen  im  Jahre  1814  Niemandem  in  den
        <pb n="634" />
        624  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Sinn.  Uns  Heutigen  erscheint  es  als  ein  schwächlicher  Gedanke,  daß  man
den  gefangenen  König  nicht  einfach  entthronen,  sondern  anderswo  mit  Land
und  Leuten  entschädigen  wollte;  aber  diese  Entschädigung  verstand  sich  nach
der  Gesinnung  jener  Tage  von  selbst,  ohne  sie  wäre  der  preußische  Plan
den  anderen  Höfen  noch  viel  ruchloser  erschienen.  Ein  Gelehrter  von  heute
mag  wohl  finden,  Friedrich  August  sei  kaum  schuldiger  gewesen  als  der
mit  Gnaden  überhäufte  König  von  Baiern;  Max  Joseph  selber  jedoch  und
sein  Talleyrand  haben  solche  Gründe  zur  Entschuldigung  ihres  sächsischen
Schützlings  begreiflicherweise  nie  ausgesprochen.  Auch  an  die  angeblichen
Verdienste  der  Wettiner  um  Deutschlands  Gesittung  dachten  die  nüchternen
Geschäftsmänner  in  Wien  niemals.  Der  Parteigegensatz,  der  dort  heraustrat,
  war  ungleich  einfacher.  Auf  der  einen  Seite  stand  der  Wunsch
der  jungen  deutschen  Großmacht,  ihrem  zerrissenen,  bedrohten  Gebiete  eine
haltbare  Südgrenze  zu  verschaffen  und  zugleich  der  landesverrätherischen
Gesinnung  der  Rheinbundshöfe  eine  heilsame  Warnung  zu  geben;  auf
der  anderen  Seite  der  uralte  Haß  Oesterreichs  und  Frankreichs  gegen  den
Staat,  in  dem  man  dunkel  den  Hort  der  deutschen  Einheit  ahnte,  und  der
dynastische  Neid  der  kleinen  Höfe.  Das  wettinische  Haus  war  ein  „Haus“
wie  das  wittelsbachische  und  württembergische  auch,  und  in  der  Wahrung
der  Hausmacht  gingen  alle  Gedanken  der  kleinen  Herren  auf.  Talleyrand
verstand  binnen  Kurzem  alle  die  Kräfte  des  Widerstandes  um  sich  zu
sammeln  und  verhehlte  nicht,  daß  ihm  das  Loos  Friedrich  August's  weit
näher  am  Herzen  lag  als  das  Schicksal  Polens.  Der  Rheinische  Mercur
schrieb  warnend:  in  den  bourbonischen  Lilien  sind  noch  immer  die  napoleonischen
  Bienen  und  Wespen  verborgen.  Jenes  große  europäische  Bündniß,
das  sich  um  Frankreichs  Banner  schaarte,  giebt  den  sächsischen  Händeln
eine  weit  über  den  Werth  des  streitigen  Landes  hinausgehende  historische
Bedeutung.  Der  preußische  Staat  erfuhr  abermals,  wie  zur  Zeit  der
schlesischen  Kriege,  daß  die  weite  Welt  ihn  zu  bekämpfen  einig  war.

Der  Gefangene  von  Friedrichsfelde  spielte  unterdessen  nicht  ungeschickt
  und  sicherlich  in  gutem  Glauben  die  Rolle  der  tief  gekränkten  Unschuld.
  Er  war  sein  Lebelang  gewissenhaft  auf  dem  Boden  des  positiven
Rechts  geblieben  und  hatte,  so  lange  das  heilige  Reich  bestand,  seine
reichsfürstlichen  Pflichten  genau  erfüllt.  Der  Gedanke  aber,  daß  auch  ein
souveräner  König  von  Sachsen  sich  gegen  Deutschland  versündigen  könne,
blieb  diesem  Kopfe  unfaßbar.  Im  Sommer  1814  ließ  er  dem  Czaren
eine  Denkschrift  überreichen;  sie  zählte  in  vollem  Ernst  die  Entschädigungen
auf,  welche  Sachsen  von  Preußen  zu  verlangen  habe!  Der  König  ohne
Land  forderte  von  dem  Sieger  großmüthig  nur  den  Beeskow-Storkower
Kreis,  einige  preußische  Enclaven  und  Begünstigungen  für  den  sächsischen
Handel;  außerdem  Ersatz  für  Warschau.  Wie  läppisch  dies  Machwerk  erscheinen
  mochte,  es  bildete  doch  den  passenden  Uebergang  zu  einer  zweiten
Denkschrift,  die  im  Juli  zu  Nürnberg  mit  Genehmigung  der  bairischen
        <pb n="635" />
        Die  Lage  in  Sachsen.  625

Regierung  gedruckt  wurde.  Mit  dem  äußersten  Erstaunen,  heißt  es  hier,
habe  der  König  das  Gerücht  vernommen,  daß  die  Alliirten  ihm  sein  Erb—
land  vorenthalten  wollten;  er  würde  fürchten  die  hohen  Mächte  zu  be—
leidigen,  wenn  er  solcher  Verleumdung  irgend  Glauben  schenkte.  Darauf
wird  das  Verhalten  des  sächsischen  Hofes  gerechtfertigt,  alle  Schuld  auf
die  force  prépondérante  geschoben  —  so  hieß  der  Große  Alliirte  jetzt  —
und  mit  der  ganzen  stillvergnügten  Naivität  des  deutschen  Kleinfürsten—
thums  die  treffende  Wahrheit  ausgesprochen:  „nur  große  Staaten  können
ihren  Ansichten  treu  bleiben.“  Friedrich  August  erklärte  sodann  allen
Höfen,  daß  er  niemals  in  eine  Abtretung  willigen  werde,  und  rief  in
einem  eigenhändigen  Briefe  (19.  Sept.)  die  Hilfe  Ludwig's  XVIII.  an.
Sein  Gesandter  in  Wien,  Graf  Schulenburg  fand  zwar  keinen  Zulaß  zu
den  amtlichen  Verhandlungen  des  Congresses,  und  in  den  Berathungen
des  deutschen  Verfassungsausschusses  wurde  das  Königreich  Sachsen  als
nicht  mehr  vorhanden  angesehen.  Doch  Wrede  trug  dem  Sachsen  dienst—
bereit  alles  Wissenswerthe  zu.  Zugleich  verhandelte  Prinz  Anton  insge—
heim  mit  seinem  Schwager,  dem  Kaiser  Franz;  der  Sachse  Langenau  war
der  nächste  Vertraute  von  Gentz.  Die  Sache  der  Albertiner  gewann  täglich
an  Boden.

Auch  im  sächsischen  Volke  stand  es  anders  als  der  Staatskanzler
wähnte.  Mehrere  einsichtige  Männer  vom  Adel  schlossen  sich  dem  Gene—
ralgouvernement  des  Fürsten  Repnin  an,  so  Carlowitz,  Miltitz,  Oppell,
Vieth,  auch  einige  höhere  Beamte  wie  der  Freund  Schiller's,  der  Vater
von  Theodor  Körner;  mit  ihrer  Hilfe  hat  die  russische  Verwaltung  sehr
segensreich  gewirkt,  binnen  Kurzem  eine  Menge  verrotteter  Mißbräuche  aus
dem  kleinen  Staate  hinausgefegt.  Im  gebildeten  Bürgerthum  bestand  eine
kleine  preußische  Partei,  die  Leipziger  Kaufleute  waren  längst  verstimmt
wider  das  Adelsregiment.  Aus  diesen  befreundeten  Kreisen  entnahmen
Stein  und  Hardenberg  ihre  hoffnungsvolle  Ansicht  von  der  Stimmung
des  Landes.  In  Wahrheit  verharrte  die  Masse  des  Volkes  in  tiefer  Abspannung.
  Sie  war  erschöpft  von  den  Drangsalen  des  Krieges,  durch  die
Alleinherrschaft  des  Adels  von  allem  politischen  Denken  entwöhnt;  man
betrachtete,  wie  alle  Deutschen  jener  Zeit,  das  angestammte  Fürstenhaus
als  ein  unentbehrliches  Kleinod  des  engeren  Vaterlandes,  doch  man  blieb
vorerst  still  und  gleichmüthig.  An  dem  regen  Federkriege,  der  den  diplomatischen
  Kampf  um  Sachsens  Zukunft  begleitete,  haben  bloß  zwei  namhafte
  Sachsen  theilgenommen:  Karl  Müller  schrieb  für  die  preußische  Ansicht,
  Kohlschütter  als  Vertreter  des  unterthänigen  Beamtenthums.  Nur
eine  Partei  entfaltete  eine  rührige  Thätigkeit:  die  Oligarchen  vom  Hofadel.
  Sie  beherrschten  das  Land  seit  Jahrhunderten,  die  starke  Hand
des  preußischen  Königthums  drohte  sie  in  die  Reihen  der  gemeinen  Unterthanen
  hinabzudrücken.  Der  Hofadel  und  die  hohen  Beamten  hielten,  so
lange  der  Krieg  währte,  mit  den  zahlreichen  französischen  Gefangenen,  die

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  40
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        626  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

sich  in  Dresden  umhertrieben,  vertraute  Freundschaft;  sie  ließen  die  sächsischen
  Truppen  in  den  Rheinlanden  durch  ihre  Sendboten  bearbeiten,
standen  mit  den  befreundeten  Diplomaten  zu  Wien  in  lebhaftem  Verkehr
und  wußten,  des  Herrschens  gewohnt,  das  zahme  Völkchen  daheim  nach
und  nach  dermaßen  einzuschüchtern,  daß  sich  bald  die  große  Mehrheit  des
Volks  in  dem  Rufe  vereinigte:  „wir  wollen  unseren  König  wieder.“  Man
begann  die  trefflichen  Männer  an  der  Spitze  der  provisorischen  Verwaltung
  als  Ueberläufer  zu  verleumden.  Noch  vor  wenigen  Jahren  lebte
im  Armenhause  zu  Wahren  ein  alter  Mann,  der  im  Volksmunde  der
Verräther  hieß;  er  hatte  während  des  blutigen  Kampfes  um  Möckern
einem  preußischen  Bataillon  einen  versteckten  Fußweg  gewiesen.

Das  Bild  der  jüngsten  Ereignisse  verschob  sich  allmählich  in  dem
Gedächtniß  des  Volks;  die  Sünden  des  Königs  waren  vergessen,  der
Uebergang  der  Truppen  während  der  Leipziger  Schlacht  erschien  bald
schlechtweg  als  eine  schimpfliche  Fahnenflucht.  Eine  Theilung  des  Landes
wünschte  man  freilich  noch  weniger  als  die  Einverleibung  in  den  preußischen
Staat;  man  berief  sich  auf  den  Czaren,  der  den  klagenden  Deputationen
aus  Sachsen  wiederholt  „die  Integrität  ihres  Landes“  zugesichert  hatte.
Die  politische  Urtheilslosigkeit  der  Masse  erkannte  nicht,  daß  diese  Integrität
  nur  möglich  war,  wenn  der  alte  König  nicht  wiederkehrte.  Die
günstigen  Nachrichten  aus  Wien  verstärkten  jene  maßlose  Selbstüberschätzung,
die  zum  Wesen  der  Kleinstaaterei  gehört;  man  erwartete  gemüthlich,  ganz
Europa  werde  die  Waffen  ergreifen  um  dem  gefangenen  Albertiner  auch
das  letzte  seiner  Dörfer  zurückjzugeben.  Bei  den  Führern  der  particularistischen
  Partei  reichte  allerdings  die  Einsicht  weiter,  doch  sie  wollten  lieber
in  einem  verkleinerten  Sachsen  die  alte  Adelsherrlichkeit  fortführen  als  dem
gemeinen  Rechte  des  preußischen  Staates  sich  unterwerfen.  Der  Generalgouverneur
  Fürst  Repnin  schrieb  nach  der  Katastrophe  an  seinen  Gehilfen,
den  geistreichen  Staatsrath  Merian,  scharf  und  treffend:  „Ich  klage  die
hohen  Beamten  an,  die  ganz  ebenso  wie  ich  überzeugt  waren,  daß  die
Rückkehr  des  Königs  nicht  ohne  die  Zerreißung  ihres  Vaterlandes  stattfinden
  konnte.  Die  selbstsüchtigen  Menschen  haben  lieber  das  Unglück
ihres  Vaterlandes  bewirken  als  ihre  persönlichen  Vortheile  verlieren  wollen.
Die  Sachsen  wollten  ihren  Fürsten  wieder  haben  und  gaben  durch  ihr
Betragen  eine  moralische  Unterstützung  den  Absichten  jener  Mächte,  welche
die  Theilung  Sachsens  für  vortheilhaft  hielten.“)

So  lagen  die  Dinge,  als  die  vier  Mächte  ihre  formlosen  Verhandlungen
  über  Polen  begannen.  Hardenberg  wollte  noch  immer  nicht  sehen,
daß  seine  sächsischen  Hoffnungen  rettungslos  zu  Schanden  werden  mußten,
wenn  er  in  den  polnischen  Händeln  mit  Oesterreich  und  England  Hand
in  Hand  ging.  Entweder  wich  der  Czar  vor  dem  vereinten  Widerstande

 

*)  Repnin  an  Merian,  Wien  15./25.  Febr.  1815.
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        Die  Verhandlungen  über  Polen.  627

der  drei  Höfe  zurück:  dann  wurde  die  preußische  Krone  durch  ihre  ge—
treuen  Verbündeten  wieder  mit  jenem  polnischen  Besitze  beladen,  den  sie
selber  als  eine  verderbliche  Last  ansah,  und  verlor  damit  jeden  Anspruch
auf  eine  Entschädigung  in  Sachsen.  Oder  beide  Theile  bequemten  sich
zu  einem  Vergleiche  —  und  dieser  Ausgang  war  der  wahrscheinlichere,  da
weder  Oesterreich  noch  England  in  jenem  Augenblicke  einen  Krieg  wünschte:
dann  war  mit  Sicherheit  vorauszusehen,  daß  Alexander,  erbittert  über  Preu—
ßens  Widerstand,  die  sächsischen  Ansprüche  des  preußischen  Hofes  nicht  mehr
unterstützte;  von  allen  Seiten  preisgegeben,  hätte  unser  Staat,  wenn  er
nicht  einen  Kampf  gegen  ganz  Europa  wagen  wollte,  sich  mit  einem  Landstrich
an  der  Warthe  und  etwa  mit  einigen  Stücken  der  Lausitz  begnügen  müssen.
So  einfach  stand  die  Rechnung.  Für  Metternich  ergab  sich  zunächst  die  Aufgabe,
  den  Staatskanzler  über  den  untrennbaren  Zusammenhang  der  polnischen
  und  der  sächsischen  Sache  zu  täuschen,  die  Lösung  der  sächsischen
Frage  hinauszuschieben  und  vorderhand  mit  Preußen  und  England  vereint
den  Plänen  Alexander's  zu  widersprechen;  dann  war  das  Bündniß  zwischen
Rußland  und  Preußen  gesprengt  und  die  Demüthigung  der  norddeutschen
Großmacht  sicher.  Die  Falle  war  erstaunlich  plump.  Schon  im  September
schrieb  Gentz  hoffnungsvoll  an  Karadja:  wenn  es  nur  gelinge,  die  Vergrößerung
  Rußlands  im  vormals  preußischen  Polen  zu  ermäßigen,  so  falle
der  einzige  Grund  für  die  Einverleibung  Sachsens  hinwegl

In  der  That  wurde  die  Aufmerksamkeit  der  preußischen  Staatsmänner
  fast  gänzlich  durch  die  polnischen  Angelegenheiten  in  Anspruch
genommen.  Die  Generale  verlangten  einmüthig  eine  militärisch  haltbare
Ostgrenze.  Humboldt  forderte,  daß  Preußen  für  das  bedrohte  Gleichgewicht
Europas  eintrete.  Stein  sagte  dem  Czaren  mit  genialer  Sicherheit  voraus,
daß  die  Errichtung  eines  polnischen  Königreiches  unter  russischem  Scepter
entweder  zur  Losreißung  von  Rußland  oder  zur  gänzlichen  Unterwerfung
der  Polen  führen  werde.  In  Hardenberg's  Umgebung  ließen  sich  auch  beredte
  Freunde  der  Polen  vernehmen:  so  der  liebenswürdige  Fürst  Anton
Radziwill  und  der  Geheimrath  Zerboni,  ein  geistreicher  Liberaler  und
schwärmerischer  Bewunderer  der  sarmatischen  Freiheit.  Dem  Staatskanzler
selber  schien  das  Vorrücken  Rußlands  gegen  Westen  weniger  gefährlich  als
die  Wiederherstellung  des  Königreichs  Polen  und  die  drohende  polnische
Propaganda.  Alle  diese  Bestrebungen,  grundverschieden  unter  sich,  trafen
doch  zusammen  in  dem  Gedanken,  daß  man  Alexander's  Pläne  bekämpfen
müsse;  die  Frage,  wie  dann  Preußens  eigene  Ansprüche  zu  sichern  seien,
ward  noch  kaum  ernstlich  aufgeworfen.

Der  Czar  war  in  Petersburg  über  den  einmüthigen  Widerspruch  seines
gesammten  Hofes  doch  etwas  erschrocken  und  begann  zu  zweifeln,  ob  er  die
Vereinigung  Litthauens  mit  Polen  seinen  Russen  zumuthen  dürfe;  indeß
an  der  Wiederaufrichtung  des  polnischen  Königthums  hielt  er  hartnäckig
fest.  In  Wien  trat  er  sogleich  offen  heraus  mit  dem  Vorschlage,  daß

40“
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        628  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

ganz  Warschau  bis  zur  Prosna,  mit  Einschluß  von  Thorn  und  Krakau,
als  ein  selbständiges  Königreich  dem  Czarenhause  überlassen  werden  sollte.
Zugleich  unterstützte  er  auf  das  Wärmste  die  Ansprüche  Preußens  auf
Sachsen  und  verpflichtete  sich  schon  am  28.  September  durch  einen  förm—
lichen  Vertrag,  die  Verwaltung  des  Landes  sofort  an  Preußen  zu  übergeben.
Auch  in  der  deutschen  Verfassungsfrage  befürwortete  er  nachdrücklich  die
preußischen  Pläne;  er  verhehlte  nicht,  wie  tief  er  die  Selbstsucht  der  rhein—
bündischen  Höfe  verachtete,  und  vermied  doch  klug  jede  zudringliche  Ein—
mischung.  Auch  Capodistrias  wünschte  lebhaft  die  Befestigung  des  Deut—
schen  Bundes,  und  der  jüngere  Alopeus,  Alexander's  Gesandter  in  Berlin,
war  ein  feuriger  Bewunderer  des  preußischen  Waffenruhms.  Kurz,  Ruß—
lands  Haltung  gegen  Preußen  blieb  durchaus  freundschaftlich,  obgleich
Preußen  sich  noch  in  keiner  Weise  verpflichtet  hatte  die  polnischen  Absichten
des  Czaren  zu  unterstützen.  Unabweisbar  drängt  sich  die  Vermuthung  auf,
daß  Hardenberg  durch  offenes  Entgegenkommen  auch  eine  Verständigung
über  Thorn  und  das  Kulmerland,  ein  unbedingtes  Zusammenhalten  der
beiden  Mächte  erwirken  konnte.  Er  aber  blieb  auf  Metternich's  Seite
und  hoffte  zunächst,  daß  auch  England  und  Oesterreich,  wie  Rußland  bereits
  gethan,  in  die  vorläufige  Occupation  von  Sachsen  willigen  würden.

Der  König  sah  der  Politik  seines  Kanzlers  nicht  ohne  Sorgen  zu  und
hielt  die  sofortige  Besitznahme  von  Sachsen  für  einen  voreiligen  Schritt,
da  er,  minder  hoffnungsvoll  als  Hardenberg,  aus  dem  Verhalten  des
Kaisers  Franz  den  richtigen  Schluß  zog,  daß  Oesterreich  die  Vertreibung
der  Albertiner  schwerlich  billigen  würde.  Hätte  man  die  Occupation  ein
Jahr  vorher,  gleich  nach  der  Leipziger  Schlacht  durchsetzen  können,  so
wäre  sie  ein  wirksames  Mittel  gewesen  um  die  gänzliche  Einverleibung
vorzubereiten.  Wie  jetzt  die  Dinge  standen,  unmittelbar  vor  der  Entscheidung
  des  Congresses,  brachte  die  Besitznahme  keinen  Vortheil  mehr,
sie  setzte  den  Staat  nur  der  Gefahr  einer  Demüthigung  aus,  falls  er
nicht  im  Stande  war  das  occupirte  Land  ganz  zu  behaupten.  Deshalb
widersprach  der  König.  Er  traute  jedoch  seinem  eigenen  Verstande  zu
wenig,  am  wenigsten  in  diplomatischen  Fragen,  ließ  widerwillig  den  Kanzler
schalten  und  meinte  nachher,  als  Hardenberg's  Pläne  scheiterten,  ärgerlich
nach  seiner  Weise:  „Hab's  immer  gesagt,  haben  aber  Alle  klüger  sein
wollen.“  Nür  die  von  Hardenberg  vorgeschlagene  Ernennung  des  Prinzen
Wilhelm  zum  Statthalter  von  Sachsen  gab  er  schlechterdings  nicht  zu;
er  wollte  mindestens  die  Personen  des  königlichen  Hauses  vor  einer  beschämenden
  Niederlage  bewahren.

Mit  unbeirrtem  Selbstgefühle  blickte  der  Staatskanzler  über  die
verständigen  Bedenken  seines  königlichen  Herrn  hinweg,  schrieb  verächtlich
in  sein  Tagebuch:  „jurat  in  verba  des  Kaisers  von  Rußland““)  und

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  1.  October  1814.
        <pb n="639" />
        Castlereagh  als  Vermittler.  629

eröffnete,  im  Bunde  mit  Metternich,  seinen  diplomatischen  Kampf  gegen
den  Czaren.  Auf  die  Einladung  der  drei  Theilungsmächte  übernahm
England  die  Vermittlung;  und  schwerlich  ist  jemals  in  der  gesammten
Geschichte  der  neueren  Diplomatie  ein  Unterhändler  so  thöricht  und  un—
geschlacht  aufgetreten  wie  der  edle  Lord,  dem  seine  Parteigenossen  nach—
rühmten:  „für  alles  Gute  müssen  wir  Gott  und  Castlereagh  danken.“
Er  sollte  vermitteln  und  gebärdete  sich  als  ein  Parteimann,  stellte  sogleich
Forderungen,  welche  weit  über  Oesterreichs  und  Preußens  Wünsche  hinaus—
gingen.  Die  einfachsten  Rücksichten  des  Anstandes  geboten  ihm  eine  ge—
mäßigte  Sprache,  da  England  nach  den  Verträgen  gar  nicht  berechtigt
war  sich  in  die  polnischen  Händel  zu  mischen;  und  gleichwohl  schlug  er
sofort  einen  zankenden  Ton  an,  den  kein  gekröntes  Haupt  und  am  allerwenigsten
  das  überspannte  Selbstgefühl  Alexander's  sich  bieten  lassen  konnte.
Schon  in  seiner  ersten  Denkschrift  vom  4.  October  warf  er  dem  Czaren
die  Beschuldigung  in's  Gesicht,  Rußlands  Verfahren  verstoße  wider  Wortlaut
  und  Geist  der  Verträge  —  eine  offenbar  unwahre  Behauptung,  da
Alexander  sich  weislich  gehütet  hatte  irgend  eine  bindende  Verpflichtung
einzugehen.  Er  erdreistete  sich  sogar  die  Absichten  seiner  Auftraggeber  zu
verfälschen  und  erklärte,  Oesterreich  und  Preußen  würden  die  Herstellung
eines  völlig  unabhängigen  Polenreichs  mit  Freuden  begrüßen  —  was  der
Meinung  des  Wiener  wie  des  Berliner  Hofes  geradeswegs  zuwiderlief.

Die  einzige  Entschuldigung  für  ein  so  unerhörtes  Verfahren  lag  in
der  tiefen  Unwissenheit  des  Lords;  offenbar  ahnte  er  gar  nicht,  was  unter
der  Unabhängigkeit  Polens  zu  verstehen  sei.  Mit  naiver  Selbstgefälligkeit
  schrieb  er  an  Wellington  nach  Paris,  die  kräftige  Sprache  seines
Memoires  könne  und  werde  ihres  Eindrucks  auf  den  Czaren  nicht  verfehlen").
  Noch  anschaulicher  zeigte  sich  die  Unfähigkeit  dieses  wunderlichen
  Vermittlers  in  seiner  zweiten  Denkschrift  vom  14.  October.  Hier
verlangt  er,  Oesterreich  solle,  wo  möglich  mit  Preußen  vereinigt,  dem
Czaren  folgende  Vorschläge  unterbreiten:  entweder  Herstellung  des  freien
Polenreichs  unter  einem  unabhängigen  Fürsten,  wie  es  vor  1772  bestanden;
  oder  falls  dies  unerreichbar,  Wiederherstellung  des  Zustandes
von  1791;  oder  endlich,  im  schlimmsten  Falle,  eine  Theilung  des  Herzogthums
  Warschau  dergestalt,  daß  Preußen  alles  Land  bis  zur  Weichsel,
Rußland  nur  den  schmalen  Landstrich  weiter  östlich  erhielte.  Während
Hardenberg  niemals  mehr  als  die  Warthelinie  für  Preußen  gefordert
hatte,  wollte  der  Brite,  der  in  Preußens  Namen  zu  sprechen  behauptete,
unserem  Staate  fast  seinen  gesammten  alten  polnischen  Besitz  wieder
aufladen,  ja  er  versicherte,  Preußen  sei  bereit  für  die  Wiederherstellung
des  Polens  von  1771  „alle  nöthigen  Opfer  zu  bringen“,  also  die  Marienburg
  und  die  Weichsellande  des  Deutschen  Ordens  wieder  den  Sarmaten

 

*)  Goltz's  Bericht,  Paris  21.  Oct.  1814.
        <pb n="640" />
        630  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

auszuliefern!  Noch  mehr.  Der  Lord  forderte,  sämmtliche  in  der  polnischen
Sache  gewechselten  Schriftstücke  sollten  dem  Congresse  vorgelegt,  alle
europäischen  Staaten  aufgefordert  werden  den  Plänen  Rußlands  ent—
gegenzutreten.  In  seinem  blinden  Eifer  nahm  er  also  harmlos  Talley—
rand's  Vorschläge  wieder  auf  und  wollte,  den  Verträgen  entgegen,  alle
Kleinstaaten  in  die  polnischen  Händel  hineinziehen;  das  hieß  Frankreich
zum  Schiedsrichter  Europas  erheben!  In  einer  dritten  Denkschrift  vom
4.  November  gestattete  er  sich  vollends  eine  Sprache,  wie  sie  sonst  nur
dicht  vor  Ausbruch  eines  Krieges  gehört  wird.  Er  erklärte,  die  Ansichten
des  Czaren  „würfen  alle  zwischen  den  Staaten  hergebrachten  Grundsätze
von  Treu  und  Glauben  zu  Boden“,  und  betheuerte  nochmals:  ein  russi—
scher  Kaiser,  der  bis  zur  Prosna  herrsche,  werde  nach  Belieben  seine  Heere
an  die  Donau  und  die  Oder  werfen,  Oesterreich  und  Preußen  völlig  in
Schach  halten.

Es  war,  als  ob  der  Lord  den  Czaren  zum  äußersten  Widerstande
aufreizen  wollte.  In  der  That  fühlte  sich  Alexander  tief  beleidigt  und
gab  in  zwei  Denkschriften  (vom  30.  October  und  21.  November)  eine
schroff  ablehnende  Antwort.  In  hochtrabenden  Worten  entwickelte  er  die
Anschauungen,  welche  seitdem  in  der  halbamtlichen  russischen  Geschicht—
schreibung  herrschend  geblieben  sind:  Rußland  konnte  im  Frühjahr  1813
leicht  einen  glorreichen  Frieden  schließen  und  hat  nur  um  Europas  willen
den  Kampf  weiter  geführt;  die  geforderte  Vergrößerung  ist  für  die  Nach—
barn  nicht  bedrohlich,  aber  nothwendig  um  die  Russen  wie  die  Polen  zu
beruhigen.  Dazu  eine  wohlverdiente  Abfertigung  für  den  Lord:  ein  Ver—
mittler  ist  nur  dann  nützlich,  wenn  er  die  Geister  einander  näher  führt!  —
Ging  man  auf  solchem  Wege  weiter,  so  trieb  die  nach  Frieden  schmachtende
Welt  einem  neuen  Kriege  entgegen.

Währenddem  ward  dem  preußischen  Staatskanzler  doch  unheimlich
inmitten  seiner  sonderbaren  Bundesgenossen.  Er  sah  den  britischen  Ver—
mittler  Forderungen  aufstellen,  die  mit  Preußens  eigener  Ansicht  nichts  mehr
gemein  hatten,  und  war  noch  immer  nicht  sicher,  ob  seine  treuen  Freunde  ihn
bei  seinen  sächsischen  Plänen  unterstützen  würden.  Hardenberg  beschloß  also
sich  Gewißheit  zu  verschaffen  und  sendete  am  9.  October  einen  warmen
und  treuherzigen  Brief  an  Metternich:  Preußen  will  dem  weisen  Systeme
d'une  Europe  intermèédiaire  (d.  h.  dem  engeren  Bund  der  drei  „deutschen“
Großmächte)  treu  bleiben,  muß  aber  in  seiner  unsicheren  Lage  zunächst  an
seine  eigenen  Interessen  denken  und  fordert  daher  offene  Antwort  auf
folgende  drei  Fragen:  stimmt  Oesterreich  der  Einverleibung  von  ganz
Sachsen  zu?  genehmigt  die  kaiserliche  Regierung  die  Versetzung  Friedrich
August's  nach  den  Legationen?  verzichtet  sie  auf  den  Gedanken  Mainz  an
Baiern  auszuliefern?  (Ueber  diese  Absicht  Oesterreichs,  welche  Hunboldt
noch  vor  zwei  Monaten  nicht  gekannt,  war  also  Hardenberg  endlich  in's  Klare
gekommen.)  Wenn  die  kaiserliche  Regierung  diese  drei  Fragen  bejaht  und
        <pb n="641" />
        Hardenberg's  drei  Fragen  an  Metternich.  631

zugleich  verspricht,  unsere  Absichten  auf  Mainz  und  Sachsen  fest  zu  unter—
stützen,  dann  „werde  ich  mit  Ihnen  hinsichtlich  der  polnischen  Frage  in
das  vollkommenste  Einvernehmen  treten“.  Zuletzt  wird  Metternich  auf—
gefordert,  sofort  der  vorläufigen  Occupation  Sachsens  zuzustimmen.  Die—
selbe  Bitte  erging  an  Castlereagh.  Hardenberg  lebte  mithin  noch  immer
der  Hoffnung,  der  österreichische  Freund  werde  ihm  ganz  Sachsen  und
außerdem  noch  das  polnische  Land,  wofür  Sachsen  als  Ersatz  dienen  sollte,
großmüthig  gewähren!

Castlereagh  antwortete  bereits  am  11.  October,  bewilligte  die  vorläufige
  Occupation  und  erklärte:  sein  Hof  werde  auch  der  gänzlichen  Einverleibung
  von  Sachsen  zustimmen;  England  wünsche  eine  vollkommene
Wiederherstellung  der  preußischen  Macht  und  eine  Züchtigung  der  „politischen
  Unsittlichkeit“  Friedrich  August's.  Aber,  fuhr  er  in  seinem  gräßlichen
  Französisch  fort,  „wenn  diese  Einverleibung  stattfinden  soll  als  ein
Mittel  um  den  preußischen  Staat  zu  entschädigen  für  die  Verluste,  welche
er  erleiden  könnte  durch  beunruhigende  und  gefährliche  Unternehmungen
von  Seiten  Rußlands,  und  als  ein  Mittel  um  Preußen  mit  unvertheidigten
  Grenzen  in  offenbare  Abhängigkeit  von  Rußland  zu  versetzen,"
dann  kann  ich  die  Zustimmung  Englands  nicht  in  Aussicht  stellen.  —
Was  sollte  dieser  Wortschwall  sagen?  Preußen  erklärte:  Erst  verbürget
uns  den  Besitz  von  Sachsen,  nur  dann  können  wir  wagen  unser  Bündniß
  mit  Rußland  aufzugeben  und  eure  polnische  Politik  zu  unterstützen.
Castlereagh  antwortete:  Erst  bewirket,  daß  Rußland  seine  Westgrenze  nicht
zu  weit  vorschiebt,  dann  werden  wir  der  Einverleibung  Sachsens  zustimmen!
  Der  Lord  stellte  also  die  preußische  Forderung  kurzweg  auf  den
Kopf,  knüpfte  seine  Zusage  an  ein  unerfüllbares  Verlangen.  Da  keine
der  drei  Mächte  in  jenem  Augenblicke  einen  Krieg  gegen  Rußland  wollte,
so  lag  es  offenbar  nicht  in  Preußens  Hand  allein,  eine  Ermäßigung  der
russischen  Ansprüche  durchzusetzen;  und  trotzdem  sollte  Preußens  Vergrößerung
  von  dieser  sinnlosen  Bedingung  abhängen,  während  die  Erwerbungen
  Oesterreichs  in  Italien  die  bedingungslose  Zustimmung  Englands
gefunden  hatten!  Diese  sonderbare  Kunst  sich  im  Kreise  zu  drehen  macht
einen  so  entschieden  zweideutigen  Eindruck,  daß  sich  unwillkürlich  die  Vermuthung
  regt,  Metternich  oder  Münster  hätte  dem  edlen  Lord  die  Feder
geführt.  Gleichwohl  war  der  unbeholfene  englische  Staatsmann  selber
unzweifelhaft  in  gutem  Glauben  und  nicht  geradezu  feindlich  gegen  Preußen
gesinnt;  er  erkannte  nur  ebenso  wenig  wie  Hardenberg,  daß  Preußen  nach
der  Lage  der  Dinge  nur  zwischen  Warschau  und  Sachsen  wählen,  doch
nimmermehr  Beides  zugleich  verlangen  konnte.

Die  österreichischen  Staatsmänner  brachte  Hardenberg's  offene  Anfrage
  in  peinliche  Verlegenheit.  Gentz  wollte  kurzerhand  mit  Preußen
und  Rußland  brechen;  leidenschaftlicher  denn  je  schalt  er  wider  die  Habgier
  der  preußischen  Revolutionäre,  wider  Alexander's  Lehrer  Laharpe,  der
        <pb n="642" />
        632  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

seine  liberalen  Grundsätze  so  keck  zur  Schau  trage;  immer  traulicher  ward
sein  Verkehr  mit  Talleyrand  und  Langenau.  Metternich  sah  weiter.  Er
begriff,  daß  es  noch  nicht  an  der  Zeit  war  die  Maske  fallen  zu  lassen,
und  wollte  den  vertrauensvollen  preußischen  Freund  so  lange  in  seinem
holden  Wahne  erhalten,  bis  Preußen  sich  mit  Rußland  überworfen  habe
und  gänzlich  vereinzelt  dastehe;  darum  war  er  geneigt,  der  vorläufigen
Occupation  von  Sachsen  zuzustimmen.  Nach  wenigen  Tagen,  am  14.  October,
  wurde  Gentz  selber  durch  Castlereagh's  Zureden  zu  der  Ansicht  seines
ruhigeren  Freundes  bekehrt.  Oesterreich  genehmigte,  daß  preußische  Truppen
  in  Sachsen  einrückten  —  sans  reconnattre  le  principe,  wie  Gentz
befriedigt  hinzufügt.  Durch  dies  Zeichen  des  Wohlwollens  bestärkte  man
den  preußischen  Staatskanzler  in  seinem  arglosen  Vertrauen  und  behielt
doch  freie  Hand  für  die  letzte  Entscheidung.

Um  so  schwieriger  war  die  Erwiderung  auf  Hardenberg's  drei  Fragen;
erst  am  22.  October  kam  Metternich  damit  zu  Stande.  Die  zweite  der
preußischen  Fragen  —  wegen  der  Versetzung  Friedrich  August's  nach  den
Legationen  —  wurde  in  der  k.  k.  Antwort  mit  keinem  Wort  erwähnt,
was  nach  altem  diplomatischem  Brauche  einer  unbedingten  Weigerung
gleich  kam.  Die  dritte  —  wegen  Mainz  —  wurde  entschieden  verneint.
Diesen  Platz,  welchen  Kaiser  Franz  selber  im  Jahre  1797  gegen  Venedig
an  die  Franzosen  preisgegeben,  erklärte  Metternich  jetzt  für  die  einzige
Festung,  die  einen  Marsch  gegen  die  untere  Donau  verhindere,  ja  für
den  einzigen  Handelsplatz,  welcher  Oesterreich  den  Zugang  zu  den  nördlichen
  Meeren  eröffne  —  eine  erstaunliche  Behauptung,  die  sich  nur  aus
den  noch  erstaunlicheren  geographischen  und  volkswirthschaftlichen  Kenntnissen
  des  k.  k.  Staatsmannes  erklären  läßt.  „Niemals  wird  der  Kaiser
darauf  verzichten.“  Soll  der  Deutsche  Bund  unter  dem  gleichmäßigen
Einfluß  von  Oesterreich  und  Preußen  stehen  und  Süddeutschland  in  seinen
gerechten  Ansprüchen  befriedigt  werden,  so  darf  Preußen  das  linke  Moselufe#r
  nicht  überschreiten.  Also  dem  preußischen  Freunde  wurde  jetzt  selbst
Coblenz  abgesprochen  und  die  unhaltbarste  aller  deutschen  Flußgrenzen
angeboten!  Auf  Hardenberg's  erste  Frage  endlich  erwiderte  Metternich:
sein  Kaiser  würde  nur  mit  Schmerz  die  Entthronung  eines  der  ältesten
Geschlechter  sehen;  die  Einverleibung  widerspreche  dem  Interesse  Oesterreichs,
  könne  unter  den  deutschen  Fürsten  nur  Mißtrauen  gegen  Preußen,
Anklagen  gegen  Oesterreich  hervorrufen;  der  Kaiser  hoffe,  Preußen  werde
dem  gefangenen  Könige  mindestens  ein  Stück  Landes  an  der  böhmischen
Grenze  lassen.  „Wenn  aber  die  Gewalt  der  Umstände  die  Einverleibung
Sachsens  unvermeidlich  machen  sollte,“  dann  behält  sich  Oesterreich  Verabredungen
  über  die  Festungen  und  Grenzplätze,  über  Handel  und  Schifffahrt
  vor.  Der  Kaiser  rechne  auf  „die  unbedingte  Uebereinstimmung  des
Vorgehens“  der  beiden  Höfe  in  der  polnischen  Sache,  auf  eine  Verständigung
  über  die  gemeinsame  Ausführung  der  „lichtvollen“  Castlereagh'schen
        <pb n="643" />
        Metternich's  Antwort.  633

Denkschrift.  Metternich  erlaubte  sich  dazu  noch  die  unziemliche  Bemerkung,
die  persönlichen  Gefühle  des  Königs  Friedrich  Wilhelm  dürften  einer  ge—
sunden  Politik  nicht  im  Wege  stehen.

Ein  entschlossener  preußischer  Staatsmann  mußte  nach  Empfang  dieser
Erwiderung  sofort  erkennen,  daß  auf  die  beiden  Bundesgenossen  kein
Verlaß  und  ein  fester  Anschluß  an  Rußland  geboten  war.  Von  den  drei
preußischen  Bedingungen  hatte  Metternich  zwei  rundweg  abgelehnt;  und
wer  irgend  wußte,  wie  wenig  selbst  ein  entscheidendes  Ja  aus  diesem  Munde
bedeutete,  der  mochte  leicht  berechnen,  wie  viel  auf  die  halbe,  gewundene,
widerwillige  Zustimmung  zu  der  dritten  Bedingung  zu  geben  sei.  Lag
es  denn  nicht  auf  flacher  Hand,  daß  „die  Gewalt  der  Umstände  die  Ein—
verleibung  Sachsens  nicht  mehr  unvermeidlich  machte“,  sobald  Preußen
den  größten  Theil  von  Warschau  zurück  erhielt?  Metternich  aber  rechnete
auf  das  leichtgläubige  Vertrauen  seines  preußischen  Freundes  und  froh—
lockte  laut,  daß  er  seine  Gedanken  so  geschickt  umhüllt  habe.  Auch  Gentz
war  mit  der  schriftstellerischen  Leistung  seines  Freundes  einverstanden
und  weissagte  jubelnd  an  Wrede's  Tafel,  in  vierzehn  Tagen  würde  das
System  der  europäischen  Allianzen  verschoben  —  das  will  sagen:  eine
Annäherung  Oesterreichs  an  die  Westmächte  vollzogen  sein.

Gentz  war  es,  der  den  Fürsten  Metternich  bewogen  hatte  in  der
Mainzer  Frage  so  bestimmt  ablehnend  aufzutreten;  selbst  durch  ein  Bünd—
niß  mit  Frankreich,  meinte  er  grimmig,  müsse  Mainz  vor  Preußens  Hab—
gier  gerettet  werden.  Diese  Ansicht  fand  einen  treuen  Bundesgenossen
an  der  unsterblichen  Neigung  unserer  Kleinfürsten,  das  einfach  Zweckmä—
ßige  nicht  zu  thun,  die  bedrohten  Stellen  des  Vaterlandes  stets  den
schwächsten  Händen  anzuvertrauen.  Die  ernestinischen  Höfe,  Nassau  und
Hessen  erklärten  am  25.  October,  diese  wichtige  Festung  dürfe  an  keinen
der  größeren  Staaten,  weder  an  Baiern  noch  an  Preußen,  preisgegeben
werden;  sie  gehöre  dem  gesammten  Deutschland.  Man  schlug  vor,  einen
neuen  Deutschen  Orden  zum  Schutze  der  Rheinfestung  zu  bilden;  so  all—
gemein  war  der  Widerspruch  gegen  die  Befestigung  der  preußischen  Macht
am  Mittelrhein,  daß  der  Freiherr  vom  Stein  endlich  auf  den  künstlichen
Plan  verfiel,  den  Kronprinzen  von  Württemberg  als  deutschen  Feldmar—
schall  in  Mainz  zu  versorgen.  Wer  sehen  wollte  konnte  auch  aus  anderen
Anzeichen  entnehmen,  wie  Oesterreich  gegen  Preußen  gesinnt  war.  Die
im  tiefsten  Vertrauen  an  Metternich  mitgetheilte  preußische  Landkarte,
welche  jenen  „Isthmus“  südhannoverschen  Landes  zur  Verbindung  der
östlichen  mit  den  westlichen  Provinzen  für  Preußen  verlangte,  wurde,  wie
Münster  selbst  erzählt,  durch  die  österreichischen  Staatsmänner  dem  wel—
fischen  Diplomaten  verrathen.

Gleichzeitig  mit  der  Antwort  an  Hardenberg  (22.  Oct.)  erklärte  Met—
ternich  in  einem  Schreiben  an  Castlereagh:  Oesterreich  könne  nur  ungern
einen  Zwischenstaat  fallen  lassen,  der  so  oft  für  das  Gleichgewicht  Deutsch—
        <pb n="644" />
        634  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

lands  und  Europas  nützlich  gewesen;  wenn  aber  die  Einverleibung  Sachsens
von  den  Verbündeten  als  unvermeidlich  angesehen  werde,  dann  wolle
Oesterreich  dies  schwere  Opfer  bringen  unter  der  zweifachen  Bedingung:
daß  das  Gleichgewicht  in  Deutschland  nicht  durch  das  Vorrücken  Preußens
südwärts  der  Mosel  gestört  werde,  und  daß  die  Einverleibung  „nicht  die
Entschädigung  bilde  für  die  Zustimmung  zu  Vergrößerungsabsichten“.  Die
fast  wörtliche  Uebereinstimmung  dieses  dunklen  Satzes  mit  Castlereagh's
Note  vom  11.  October  legt  abermals  den  Gedanken  nahe,  daß  der  edle
Lord  bei  dem  verschlungenen  Ränkespiel  nur  ein  argloses  Werkzeug  Met—
ternich's  gewesen  ist.  Der  österreichische  Staatsmann  hielt  das  Spiel  be—
reits  für  gewonnen  und  war  der  blinden  Hingebung  des  preußischen
Staatskanzlers  so  sicher,  daß  er  ihn  in  einer  neuen  Note  vom  2.  No—
vember  geradezu  aufforderte,  mit  Oesterreich  vereint  das  aberwitzige  pol—
nische  Programm  Lord  Castlereagh's  zu  unterstützen;  Preußen  sollte  ver—
langen  entweder  die  Herstellung  des  Polenreichs  von  1771  oder  den  Zu—
stand  von  1791  oder  endlich  zum  allermindesten  die  Theilung  Polens
nach  dem  Laufe  der  Weichsel!  Dies  Allermindeste  war  selbstverständlich
die  eigentliche  Absicht  der  Hofburg.  Wahrlich,  Preußens  Staatsmänner
mußten  mit  Blindheit  geschlagen  sein,  wenn  sie  jetzt  nicht  bemerkten,  daß
Oesterreich  überall,  in  Sachsen,  in  Polen  wie  am  Rhein,  das  Gegentheil
der  preußischen  Pläne  verfolgte.
Und  doch  hat  es  noch  lange  gewährt,  bis  dem  Staatskanzler  und
Wilhelm  Humboldt  die  Augen  aufgingen.  Seltsam,  wie  künstlich  die  beiden
geistreichen  Männer  sich  drehten  und  wendeten  um  nur  das  Nächstliegende,
das  treulose  Doppelspiel  der  Hofburg,  nicht  zu  bemerken.  Sofort  nach
Empfang  der  österreichischen  Note  vom  22.  October  begannen  lebhafte
Berathungen  im  Schooße  des  preußischen  Cabinets.  Am  23.  stellte  Humboldt
  die  leitenden  Gedanken  für  die  Beantwortung  der  Note  zusammen.“)
Hier  spricht  er  noch  ganz  ohne  Mißtrauen,  wiederholt  nochmals  alle  Gründe,
die  für  die  Einverleibung  Sachsens  sprechen:  Preußen  vertragsmäßigen
Anspruch  auf  Entschädigung,  und  die  Nothwendigkeit,  durch  „eine  politische
Lection“  zu  zeigen,  „daß  ein  Fürst  nicht  ungestraft  gegen  die  Interessen
der  Nation,  welcher  sein  Volk  angehört,  handeln  darf.“  Der  Kalische
Vertrag  und  die  Vergrößerung  Rußlands  in  Polen  war  eine  unerfreuliche
  aber  unvermeidliche  Folge  der  Lage,  „des  falschen  Systems  die  Uebermacht
  des  Westens  durch  den  Osten  zu  bekämpfen.  Gerade  damit  dies
nicht  wieder  vorkomme,  müssen  die  Mächte  Mitteleuropas  und  namentlich
Preußen  verstärkt  werden.“  Zerstreute  Gebiete  in  Polen,  Deutschland  oder
Belgien  reichen  zu  solcher  Verstärkung  nicht  aus,  „man  darf  die  großen
Mächte  nicht  als  Zahlenwerthe  behandeln."“  Darum  ist  die  Einverleibung
Sachsens  für  Oesterreich  nicht  ein  dem  preußischen  Bündniß,  sondern  ein

 

*)  Humboldt's  Denkschrift  über  den  Brief  des  Fürsten  Metternich,  23.  Octbr.  1814.
        <pb n="645" />
        Humboldt's  Denkschriften  vom  23.  und  25.  October.  635

dem  europäischen  Gleichgewichte  gebrachtes  Opfer;  eine  Theilung  des  Landes
erscheint  durchaus  unannehmbar.  Darauf  erörtert  Humboldt  die  Mainzer
Frage  und  erklärt:  Betrachten  wir  den  Platz  nur  als  nöthig  für  die
Vertheidigung  Deutschlands  gegen  Frankreich,  so  haben  wir  nur  zu  ver—
langen,  daß  Baiern  gar  keinen  Einfluß  auf  Mainz  gewinne,  „wenn  dieser
Staat  nicht  offen  und  ehrlich  dem  Deutschen  Bunde  beitritt  und  auf  das
Recht  selbständiger  Kriegführung  nicht  verzichtet".  Dies  unveräußerliche
Recht  der  europäischen  Macht  Baiern  hatte  Wrede  während  der  letzten
Tage  in  dem  deutschen  Verfassungsausschusse  prahlend  verfochten.  Hum—
boldt  aber  fährt  mit  unverwüstlicher  Mäßigung  fort:  sollte  Baiern  bessere
Gesinnung  gegen  den  Deutschen  Bund  zeigen,  dann  müssen  wir  suchen
„diesen  Hof  zu  gewinnen,  statt  ihn  zu  beargwöhnen“.  Die  Frage  der
Moselgrenze  endlich  ist  eine  rein  statistische  Frage;  sie  läßt  sich  leicht  be—
seitigen,  wenn  Oesterreich  uns  den  Erfolg  unserer  Gebietsverhandlungen
mit  den  kleinen  deutschen  Staaten  verbürgt.

Humboldt  sah  also  in  der  Hofburg  noch  immer  den  treuen,  leider
etwas  schwachen  Freund,  der  durch  Vernunftgründe  in  seinen  löblichen
Entschlüssen  bestärkt  werden  mußte;  er  hoffte  selbst  die  Baiern  zu  be—
kehren,  die  bereits  unverhohlen  den  Krieg  gegen  Preußen  predigten;  er
wollte  endlich,  um  nur  Oesterreich  bei  guter  Stimmung  zu  halten,  Mainz
aufgeben  und  auf  das  rechte  Moselufer  verzichten.  Die  Stadt  Coblenz
selber  war  allerdings  in  diesem  Zugeständniß  nicht  inbegriffen.

Nach  zwei  Tagen  war  die  Stimmung  des  preußischen  Cabinets  schon
weniger  gemüthlich.  Man  hatte  offenbar  die  englischen  und  österreichischen
Schriftstücke  unterdessen  schärfer  geprüft  und  wohl  auch  Einiges  erfahren
von  dem  vertrauten  Verkehre  zwischen  Gentz  und  Talleyrand.  Vielleicht
mag  der  König  selbst  seinen  Diplomaten  bemerkt  haben,  die  Zustimmung
der  Hofburg  zu  der  Einverleibung  Sachsens  sei  doch  sehr  unbestimmt  gehalten,
  und  Lord  Castlereagh's  polnische  Pläne  gingen  weit  über  Preußens
eigene  Wünsche  hinaus.  Genug,  eine  zweite  Denkschrift  Humboldt's  an
Hardenberg")  verräth  bereits  lebhafte  Besorgnisse;  sie  giebt  ein  sehr  anschauliches
  Bild  von  dem  reichen  Geiste  ihres  Verfassers,  bringt  in  breiter
Ausführung  eine  Ueberfülle  feiner  Gedanken,  die  einander  gegenseitig  das
Licht  vertreten,  und  gelangt  schließlich  doch  nicht  zu  einem  runden,  klaren,
unzweifelhaften  Ergebniß.  Humboldt  prüft  zuerst  Castlereagh's  Vorschläge
und  stellt  nunmehr  endlich  den  so  nahe  liegenden  Gedanken  auf,  daß
man  die  Grenzfrage  und  die  Verfassungsfrage  aus  einander  halten  müsse.
Den  polnischen  Verfassungsplänen  des  Czaren  entgegenzutreten  sei  nicht
räthlich;  denn  „Kaiser  Alexander  befindet  sich  gewiß  in  großer  Verlegenheit,
  wenn  er  ausführen  will  was  er  den  Polen  versprochen  zu  haben
scheint,  und  die  Mächte  vermehren  diese  Verlegenheit,  wenn  sie  seinen

 

*)  Humboldt's  Denkschrift  sur  1  mémoire  de  Lord  Castlereagh,  25.  Oct.  1814.
        <pb n="646" />
        636  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Absichten  nicht  allzu  entschieden  widersprechen.  Unter  diesem  Gesichts—
punkte  betrachtet  ist  die  geplante  polnische  Verfassung  vielleicht  sogar  ein
Gegengift  gegen  die  Nachtheile,  welche  aus  der  übermäßigen  Vergrößerung
Rußlands  entstehen.“  Ueber  die  Grenzfrage  bemerkt  er,  bisher  habe
man  immer  nur  die  Warthelinie  mit  Thorn  und  Krakau  gefordert,  das
gelegentlich  geäußerte  Verlangen  nach  der  Weichselgrenze  sei  wohl  niemals
ernstlich  gemeint  gewesen.  Kluge  Mäßigung  sei  nothwendig  um  die  Ge—
fahr  zu  vermeiden  „daß  ein  Bruch  entstehe,  und  an  Europa  —  d.  h.  vor
Allem  an  Frankreich  gegen  Europa  —  appellirt  werde.  Frankreich  wird
sich  der  Streitfrage  immer  vornehmlich  zu  dem  Zwecke  bedienen  um  die
Zwietracht  zwischen  den  Cabinetten  zu  verewigen,  gelegentlich  Vortheil
davon  zu  ziehen  und  nachher  uns  preiszugeben  und  sich  mit  Rußland
zu  verständigen,  sobald  das  französische  Sonderinteresse  befriedigt  ist.“
Dann  betrachtet  er  Preußens  eigenthümliche  Stellung.  Wir  verlangen
über  Rußlands  Angebot  hinaus  nur  noch  Thorn  und  einige  halbdeutsche
Striche;  Oesterreich  aber  fordert  das  wichtige  Krakau,  das  die  Polen  nie—
mals  preisgeben  werden.  Der  Gewinn  für  Oesterreich  ist  also  ungleich
größer,  während  wir  um  geringer  Vortheile  willen  Gefahr  laufen  uns  mit
Rußland  zu  überwerfen  und  in  eine  sehr  peinliche  Lage  zu  gerathen.  Sehr
bedenklich  ist  auch  „die  Weise,  wie  Oesterreich  der  Einverleibung  Sachsens
zustimmt.  Denn  statt  laut  und  kühn  zu  sagen,  daß  die  kaiserliche  Regie—
rung  die  Sache  Preußens  gegen  Jedermann  vertheidigen  wird,  stimmt  sie
nur  mit  Widerstreben,  wie  aus  Gefälligkeit  zu  und  will  uns  diese  Gunst
durch  andere,  sehr  schmerzliche  Opfer  erkaufen  lassen.  Offen  gestanden,
es  ist  sehr  zweifelhaft,  ob  wir  nur  unseren  augenblicklichen  Vortheil  dem
wirklichen  und  dauernden  Interesse  Preußens  opfern,  wenn  wir  in  der
polnischen  Angelegenheit  denselben  Weg  mit  Oesterreich  gehen.  Man  muß
vielmehr  zugeben,  daß  Preußen  dann  sein  persönliches  Interesse  aufgiebt
um  die  Sache  Europas  zu  ergreifen.  Dennoch  wird  Preußen  immer  den
Weg  der  Grundsätze  und  niemals  den  der  reinen  Convenienz  einschlagen.“
Wir  verlangen  aber,  daß  die  verbündeten  Mächte  bei  der  Feststellung  der
von  Rußland  zu  fordernden  Grenzen  auf  Preußens  schwierige  Lage  Rück—
sicht  nehmen;  desgleichen  daß  sie  „gegen  alle  anderen  Mächte  offen  und
kräftig  die  Sache  Preußens  und  seiner  neuen  Erwerbungen  vertheidigen;
daß  sie  selber  die  Aufgabe  übernehmen  gewissenhaft  die  Verträge  auszu—
führen,  welche  uns  eine  vollständige  Wiederherstellung  und  selbst  eine
angemessene  Vergrößerung  zusichern;  daß  sie  uns  endlich  förmlich  den
Besitz  der  Landstriche  verbürgen,  wegen  deren  wir  noch  von  Rußland  ab—
hängig  sind.“  Wollen  die  Mächte  diese  Verpflichtungen  nicht  übernehmen,
dann  werden  wir  zwar  nicht  eine  Politik  befolgen,  die  wir  verdammen,
aber  Preußen  wird  zu  seinem  großen  Leidwesen  sich  genöthigt  sehen  „zuerst
an  seine  Selbsterhaltung  zu  denken.“  Zum  Schluß  nochmals:  wir  müssen
in  der  Verfassungsfrage  nachgeben  und  nur  die  Warthelinie  fordern;  weigert
        <pb n="647" />
        Einschreiten  des  Königs.  637

sich  Alexander,  so  dürfen  die  drei  Mächte  keinen  Vertrag  mit  ihm  schließen,
sondern  sie  müssen  die  Frage  offen  lassen  und  bestimmt  erklären,  daß  sie
von  ihrer  Ansicht  nicht  abgehen  würden,  aber  auch  in  diesem  Falle  müssen
sie  so  weit  als  möglich  Frankreich  fern  halten.

Ein  wunderlicher  Anblick,  wie  der  geistvolle  Mann  immer  wieder  sein
Roß  bis  dicht  an  den  Graben  heranführt  und  sich  doch  nicht  das  Herz
faßt  das  Hinderniß  zu  nehmen.  Er  sieht,  daß  die  vorgeblichen  Bundesge—
nossen  ganz  andere  Pläne  verfolgen  als  Preußen  selbst,  daß  Preußen  für
sich  bei  diesem  diplomatischen  Feldzuge  nichts  Wesentliches  gewinnen  kann;
er  ahnt  die  Nichtigkeit  der  österreichischen  Versprechungen;  er  begreift,  daß
aus  dem  Kampfe  gegen  Rußland  nur  Frankreich  Vortheil  ziehen  wird.
Wir  erwarten,  die  einzig  mögliche  Schlußfolgerung  schwebe  dem  scharf—
sinnigen  Denker  schon  auf  den  Lippen.  Da  führt  ihn  ein  wunderbar  künst—
licher  Gedankengang  zu  der  ungeheuerlichen  Ansicht:  die  erste  und  selbst—
verständliche  Pflicht  jedes  preußischen  Staatsmannes,  die  Pflicht,  des
eigenen  Landes  Macht  zu  sichern,  sei  eine  niedrige  Sorge  für  „das  per—
sönliche  Interesse  Preußens“!  Die  gleißnerische  englische  Phrase  von  „der
Sache  Europas“  berauscht  auch  diesen  kalten  Kopf!  Es  ist  dieselbe  über—
irdische  Großmuth,  dieselbe  übergeistreiche  Willensschwäche,  die  in  unserer
Geschichte  immer  mit  unheimlicher  Regelmäßigkeit  den  großen  Zeiten  kühn
zugreifender  Thatkraft  zu  folgen  pflegt.  Auch  der  gelehrte  Hoffmann  be—
gnügte  sich  mit  unfruchtbaren  Klagen  über  die  Feindseligkeit  fast  aller
Mächte  gegen  Preußen;)  er  so  wenig  wie  Humboldt  fand  den  einfachen
Schluß,  daß  man  die  erdrückende  Masse  der  Gegner  sprengen  und  mindestens
  mit  einer  der  fremden  Mächte  sich  abfinden  müsse.

Was  man  von  Oesterreich  zu  erwarten  habe,  konnte  nur  der  gutmüthigen
  Schwäche  noch  zweifelhaft  scheinen.  Eben  jetzt  traten  auf  Befehl
  ihres  Kaisers  Metternich,  Stadion  und  Schwarzenberg  zu  einem  Rathe
zusammen  und  beschlossen,  Preußen  müsse  durchaus  wieder  bis  zur  Weichsellinie
  vorrücken.  Zur  selben  Zeit  ließ  Metternich  dem  Czaren  vertraulich  anbieten,
  Oesterreich  sei  bereit  in  der  polnischen  Sache  nachzugeben,  wenn  Rußland
  die  sächsischen  Ansprüche  Preußens  nicht  mehr  unterstütze.  So  versicherte
Alexander  seinem  königlichen  Freunde  auf  das  Bestimmteste;  Metternich,
nach  seiner  Gewohnheit,  leugnete  Alles.  Da  aber  jenes  Anerbieten  genau
übereinstimmt  mit  der  gleich  nachher  von  Oesterreich  wirklich  eingehaltenen
Politik,  so  ist  diesmal  der  Czar  sicherlich  nicht  der  Lügner  gewesen.  —

Eine  unerhörte  Demüthigung  stand  dem  preußischen  Staate  bevor;
da  griff  König  Friedrich  Wilhelm  rettend  ein.  Es  war  vielleicht  der  heilsamste
  diplomatische  Entschluß  seines  Lebens.  Am  6.  November  hatte  er  mit
dem  Czaren  eine  lange  Unterredung  im  engsten  Kreise.*)  Die  beiden

*)  Hoffmann's  Bemerkungen  zu  seiner  Statistischen  Uebersicht,  30.  Oct.  1814.
**)  Möglicherweise  hat  diese  Unterredung  schon  am  5.  Nov.  stattgefunden,  wie  das
allerdings  sehr  ungenaue  Tagebuch  Hardenberg's  angiebt.
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        638  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Freunde  verständigten  sich,  und  der  König  wagte  nun  endlich,  seinen  Diplomaten
  die  Politik  anzubefehlen,  welche  er  schon  seit  Monaten  für  die  einzig
sichere  hielt:  er  befahl  dem  Staatskanzler,  fortan  nicht  mehr  feindlich  gegen
Rußland  vorzugehen.  Friedrich  Wilhelm  hatte  die  Wiedererwerbung  der
Millionen  treuloser  Polen  nie  gewünscht  und  konnte  also  nur  mit  Befremden
  erfahren,  wie  hartnäckig  England  und  Oesterreich  nach  der  Weichselgrenze
  verlangten.  Er  wußte  besser  als  Hardenberg,  welche  Hemmnisse
sich  der  Einverleibung  Sachsens  entgegenstellten;  er  hatte  aus  vertrautem
persönlichem  Umgang  richtig  herausgefühlt,  daß  der  Czar  für  Preußen
mindestens  mehr  aufrichtiges  Wohlwollen  hegte  als  der  gute  Kaiser  Franz.
Sein  schlichter  Verstand  begriff  nicht,  warum  Preußen  —  auf  die  Gefahr
hin  seinen  besten  Bundesgenossen  zu  verlieren  —  um  jeden  Preis  den
phantastischen  Gedanken  des  russisch-wpolnischen  Königthums  bekämpfen  sollte,
der  für  Rußland  selbst  weit  gefährlicher  war  als  für  Deutschland.  Nun,
da  er  seine  eigenen  Staatsmänner  rathlos  hin  und  her  schwanken  sah,
griff  er  selber  durch  und  bewährte  wieder  den  klaren,  sicheren  Soldatenblick,
  den  er  am  Tage  von  Kulm  und  so  oft  auf  den  Schlachtfeldern  des
letzten  Winterfeldzuges  gezeigt  hatte.  Die  persönliche  Neigung  mag  dabei
mitgewirkt  haben,  doch  der  Drang  des  Gemüths  stimmte  überein  mit  der
nüchternen  politischen  Berechnung.

Hardenberg  fühlte  sich  tief  gekränkt  durch  das  entschiedene  Auftreten
seines  königlichen  Herrn  und  dachte  ernstlich  daran  seinen  Abschied  zu  fordern;
  Metternich  und  Castlereagh  suchten  ihn  in  diesem  Entschlusse  zu  bestärken.
  Die  Schwenkung  des  Königs  wurde  sofort  von  den  gewandten  Gegnern
  ausgebeutet.  Die  Franzosen  setzten  ein  effectvolles  Märchen  in  Umlauf:
wie  Alexander  durch  brünstige  Zärtlichkeitsbetheuerungen  seinen  Freund  und
sich  selber  in  sanfte  Rührung  hineingeredet  und  dann  dem  arglosen  König
das  verhängnißvolle  Versprechen  abgenommen  habe.  Die  anmuthige  Erfindung
  fand  bei  den  erbosten  fremden  Diplomaten  um  so  leichter  Gehör,  da
der  Entschluß  des  Königs  ihre  sämmtlichen  Berechnungen  über  den  Haufen
warf;  seit  dem  bekannten  Auftritte  am  Grabe  Friedrich's  des  Großen  wußte
ohnehin  Jedermann,  wie  Großes  der  Czar  in  kunstvollen  Rührscenen  zu
leisten  vermochte.  Talleyrand  verkündete  schon  am  7.  November  frohlockend
an  Gentz  den  großen  Verrath  der  Preußen  und  gab  dann  die  Parole  aus,
welche  bald  von  Metternich  und  Castlereagh  nachgesprochen  wurde:  Preußen
hat  „die  Sache  Europas“  aufgegeben  und  darf  darum  Sachsen  nicht  erhalten!
  Dieser  Abfall  der  falschen  Freunde  ist  aber  nicht  durch  den  König
verschuldet  worden;  er  wäre  vielmehr,  auch  ohne  die  That  Friedrich
Wilhelm's,  unzweifelhaft  nach  einigen  Wochen,  und  dann  unter  Mitwirkung
  des  Czaren  selber,  eingetreten.  Es  bleibt  das  Verdienst  des  Monarchen,
  daß  er  seinem  Staate  für  den  unausbleiblichen  Zusammenstoß
mit  Oesterreich  und  den  Westmächten  den  Beistand  Rußlands  und  also
doch  mindestens  eine  leidliche  Entschädigung  sicherte.
        <pb n="649" />
        Wendung  der  preußischen  Politik.  639

Leider  führte  der  König  sein  gutes  Werk  nicht  ganz  zu  Ende.  Ihm
genügte,  daß  er  den  Bruch  mit  Preußens  natürlichem  Bundesgenossen
abgewendet  hatte;  das  Weitere  überließ  er,  nach  seiner  schüchternen  Weise,
dem  Staatskanzler.  Die  Monarchen  waren  in  jenem  Gespräche  nur
über  zwei  Punkte  übereingekommen:  der  König  wollte,  da  ihm  der  Czar
abermals  den  Besitz  von  Sachsen  verbürgte,  der  polnischen  Königskrone
Alexander's  nicht  mehr  widersprechen,  und  er  verwarf  die  von  Oesterreich
und  England  verlangte  Weichselgrenze  als  eine  übertriebene,  für  Preußen
selbst  nachtheilige  Forderung.  Doch  über  die  Zukunft  des  Landstrichs
zwischen  Warthe  und  Prosna  gingen  die  Meinungen  noch  auseinander,
und  es  war  sicherlich  Hardenberg's  Pflicht,  diese  Grenzfrage  sogleich  durch
vertrauliche  Verhandlungen  zu  erledigen,  alle  zwischen  Rußland  und
Preußen  noch  streitigen  Punkte  aus  der  Welt  zu  schaffen,  um  dann,
wohl  gedeckt  durch  gegenseitige  bindende  Verpflichtungen,  mit  einem  gemeinsamen
  Programm  den  Westmächten  und  der  Hofburg  entgegenzutreten.
Der  bestimmte  Befehl  des  Königs  hatte  die  Lage  völlig  verändert;  der
Staatskanzler  konnte  nicht  mehr  den  Vermittler  spielen,  er  mußte  Partei
ergreifen.  Angesichts  der  unwahren  Winkelzüge  Metternich'’s,  der  sinnlosen
Phrasen  Castlereagh's,  der  offenbaren  Feindseligkeit  Talleyrand's  und  aller
kleinen  Höfe  war  Preußen  verpflichtet  rücksichtslos  an  seine  eigene  Sicherung
  zu  denken.  Dem  heuchlerischen  Geschrei  über  den  „Verrath  an  der
Sache  Europas“  entging  man  ja  doch  nicht  mehr.

Außer  der  von  Rußland  bereits  angebotenen  Prosnalinie  waren  aber
nur  Thorn  und  die  benachbarten  Gebiete  des  alten  Deutsch-Ordenslandes
für  Preußen  unentbehrlich.  Diese  wichtige  Position  an  der  Weichsel  und
ihr  deutsches  Hinterland  dem  großen  Vaterlande  zurückzugeben  blieb  allerdings
  eine  unerläßliche  Aufgabe  der  nationalen  Politik.  Schon  auf  die
erste  unbestimmte  Nachricht  von  der  bevorstehenden  Wiedervereinigung  sprachen
  die  Aemter  Engelsburg  und  Rheden  sofort  dem  Staatskanzler  ihre
herzliche  Freude  aus  und  schilderten  beweglich,  mit  wie  „unnennbaren
Empfindungen"“  sie  durch  sieben  lange  Jahre  dicht  an  ihrer  Grenze  das
Glück  der  Preußen  gesehen  und  selber  das  Joch  der  fremden  Tyrannei
hätten  tragen  müssen.))  Die  Wiedererwerbung  dieser  treuen  deutschen
Lande  war,  wie  der  Erfolg  gezeigt  hat,  keineswegs  unmöglich,  obgleich
Czar  Alexander  auf  das  feste  Thorn  großen  Werth  legte;  man  mußte
nur  einen  klaren  Entschluß  fassen,  auf  die  rein  polnischen  Landstriche
um  Kalisch  und  Czenstochau  verzichten  und  vor  Allem  Oesterreichs  Ansprüche
  auf  Krakau  nicht  mehr  unterstützen.  Krakau  war,  wenn  Preußen
die  Stadt  erlangen  konnte,  unschätzbar  als  Grenzfestung  wie  als  Stapelplatz
  für  den  oberschlesischen  Handel;  die  alte  Pflanzung  des  deutschen
Bürgerthums  hätte  voraussichtlich  unter  preußischem  Scepter  bald  wieder
ein  deutsches  Gepräge  empfangen.  Aber  wie  die  Dinge  lagen,  stritten  sich

*)  Eingabe  an  Hardenberg,  5.  Novbr.  1814.
        <pb n="650" />
        640  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

nur  Oesterreich  und  Rußland  um  den  Besitz  des  Platzes;  und  warum
sollte  Preußen  die  österreichische  Nachbarschaft  der  russischen  vorziehen  oder
gar  die  Ansprüche  der  Hofburg  auf  Zamosz  und  die  Niederungen  der  Nida
unterstützen?  Nachdem  der  König  entschieden  hatte,  war  es  geboten  sofort
mit  Rußland  die  Grenzfrage  in's  Reine  bringen.

Hardenberg  aber  hatte  sich  schon  allzutief  eingelassen  in  die  englischösterreichischen
  Zettelungen;  er  konnte  das  Mißtrauen  gegen  Rußland  nicht
überwinden.  Alle  seine  ehrlichen  Hoffnungen  für  Deutschlands  Zukunft
beruhten  auf  dem  Bündniß  der  „drei  deutschen  Großmächte“.  Darum
wollte  er  auch  jetzt  noch  eine  Mittellinie  zwischen  den  beiden  Parteien  einhalten
  und  schrieb  am  Tage  nach  jenem  Gespräche  (7.  November)  vertraulich
  an  Castlereagh.  Er  hütete  sich  wohl,  von  dem  Befehle  des  Königs
etwas  zu  sagen  und  erzählte  nur,  wie  er  im  Verlaufe  jener  Unterredung
die  Ueberzeugung  gewonnen  habe,  daß  man  Alexander's  polnische  Königskrone
  anerkennen  müsse.  Für  Preußen  verlangte  er  nochmals  die  Warthelinie
  und  Thorn,  für  Oesterreich  das  Land  bis  zur  Nida,  Krakau  und
Zamossz,  obgleich  Metternich  selber  auf  letzteren  Platz  wenig  Werth  legte.  —
Es  war  kaum  möglich,  ungeschickter  zu  verfahren.  Der  Staatskanzler  setzte
sich  zwischen  zwei  Stühle;  durch  die  Anerkennung  des  Königreichs  Polen
gab  er  der  Hofburg  willkommenen  Anlaß  über  Preußens  Verrath  zu  klagen,
und  zugleich  stieß  er  den  Czaren  vor  den  Kopf  durch  die  Forderung  einer
Grenze,  welche  Rußland  nicht  bewilligen  wollte.

Auch  Humboldt  fügte  sich  nur  widerstrebend  dem  Befehle  des  Königs.
In  einer  dritten  Denkschrift,  vom  9.  November,  warnte  er  vor  der  Gefahr,
daß  Oesterreich  durch  unser  russisches  Bündniß  in  allen  deutschen  Fragen
uns  verfeindet  werde?):  „Da  diese  Verhältnisse  für  Preußen  immer  die
nächsten  und  wichtigsten  bleiben,  wird  Rußland  es  dafür  nicht  entschädigen
können.  Ruhe,  Gleichgewicht  und  Sicherheit  lassen  sich  nicht  mehr  denken,
wenn  Preußen  sich,  ohne  die  gerechtesten  und  wichtigsten  Gründe,  von
seinem  natürlichen  politischen  Systeme,  der  Verbindung  mit  Oesterreich,
Deutschland,  England  und  Holland  trennt.“  Immer  wieder  verbreitet  der
holde  Traum  des  deutschen  Dualismus  seinen  Dunstkreis  um  die  Köpfe
der  preußischen  Staatsmänner.  Auch  ein  sehr  sonderbarer  Grund  wird
von  Humboldt's  überscharfem  Geiste  für  Hardenberg's  Politik  herangezogen:
der  Umstand  nämlich,  daß  die  beiden  schlimmsten  Feinde  Preußens  und
des  europäischen  Friedens,  Frankreich  und  Baiern,  ebenfalls  gegen  Rußland
  kämpfen;  daraus  folgt  nicht,  wie  gewöhnliche  Menschen  vermuthen
werden,  daß  Preußen,  mit  diesen  Feinden  verbündet,  höchstwahrscheinlich
frevelhaft  betrogen  würde,  sondern  umgekehrt,  daß  „Frankreich  und  Baiern
alles  Interesse  dabei  verlieren,  sobald  Preußen  auf  die  Seite  tritt,  auf
welche  sie  sich  in  Absicht  der  polnischen  Angelegenheit  stellen!“

 

*)  Humboldt's  Denkschrift  über  die  polnische  Frage,  9.  Nov.  1814.
        <pb n="651" />
        Neue  Bedenken  Humboldt's.  641

Aus  solchen  kunstvollen  Vordersätzen  ergiebt  sich  die  Nothwendigkeit
offen  für  England  und  Oesterreich  aufzutreten;  aber  Preußen  muß  fordern,
  daß  die  beiden  Mächte  augenblicklich  in  einem  definitiven  Vertrage
Preußens  gerechte  Forderungen  anerkennen  und  ihm  namentlich  die  Einverleibung
  von  Sachsen  verbürgen.  Sollten  sie  jedoch  wider  Erwarten
auf  diese  Bedingungen  nicht  eingehen,  „so  bewiesen  sie  dadurch  schon,
daß  sie  rein  kein  europäisches  Interesse  hätten,  und  daß  sie  Preußen  die
Kräfte  nicht  einräumen  wollten,  deren  es  zur  Erhaltung  seiner  Unabhängigkeit
  bedarf;  und  so  würde  Preußen  vor  sich  und  Europa  gerechtfertigt
  sein,  sich  von  ihnen  zu  trennen  und  einen  eigenen  Weg  mit  Rußland
  einzuschlagen."

Wahrlich,  blinde  Ergebenheit  gegen  Rußland  ist  das  Letzte,  was  sich
den  Diplomaten  der  Staatskanzlei  vorwerfen  läßt;  bis  zur  zwölften  Stunde
bauten  sie  fest  auf  Oesterreichs  Freundschaft.  Schon  nach  wenigen  Tagen
ward  offenbar,  daß  weder  Oesterreich  noch  England  eine  feste  Verpflichtung
  für  Preußens  Wiederherstellung  übernehmen  wollte.  Hardenberg
hat  dann  noch  wochenlang  in  unfruchtbaren  Vermittlungsversuchen  sich
erschöpft;  Preußen  trug  von  seinem  „Abfall“  zunächst  nur  den  Haß  davon,
  der  jedem  diplomatischen  Frontwechsel  zu  folgen  pflegt.  Doch  als
nachher  der  Streit  sich  verbitterte,  da  führte  die  Natur  der  Dinge,  halb
wider  den  Willen  der  preußischen  Staatsmänner,  jene  Parteigruppirung
herbei,  welche  dem  klaren  Blicke  des  Königs  von  vornherein  als  unvermeidlich
  erschienen  war.  Auf  der  einen  Seite  standen  Preußen  und  Rußland,
  auf  der  andern:  Oesterreich,  England,  alle  kleinen  Neider  des  werdenden
  deutschen  Staats  und,  als  der  Leiter  der  großen  Verschwörung,
Frankreich.  Nur  seinem  Könige  verdankte  der  aus  tausend  Wunden  blutende
  Staat,  daß  er  aus  einem  solchen  Kampfe  nicht  völlig  gedemüthigt
hervorging.  —

Am  8.  November  übergab  Fürst  Repnin  die  Verwaltung  von  Sachsen
an  die  preußischen  Bevollmächtigten  General  von  Gaudy  und  Minister
v.  d.  Reck.  Der  Leipziger  Bürgermeister  Siegmann  und  die  Handlungsdeputirten
  sprachen  sofort  im  Namen  von  Stadt  und  Kaufmannschaft  dem
Staatskanzler  ihr  volles  Vertrauen  aus,  dankten  ihm  für  die  treffliche
Wahl  der  obersten  Beamten..)  Es  fehlte  nicht  an  unerquicklichem  Streite,
da  der  moderne  Staat  mit  seiner  strengen  Aufsicht  plötzlich  unter  die
Spinnweben  und  den  verstaubten  Urväterhausrath  dieser  verkommenen
altständischen  Verwaltung  hineinfuhr.  An  die  Spitze  des  Finanzwesens
wurde  Staatsrath  Friese  gestellt,  einer  der  besten  Köpfe  des  preußischen
Beamtenthums,  derselbe,  der  in  Königsberg  an  den  Reformen  Stein's  so
wirksam  theilgenommen  hatte.  Er  wußte  nicht  grell  genug  zu  schildern,

 

*)  Eingabe  der  Leipziger  Handelsdeputirten  an  den  Staatskanzler,  15.  November,
Siegmann  an  Hardenberg,  16.  November  1814.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  41
        <pb n="652" />
        642  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

wie  sündlich  der  Staatshaushalt,  der  freilich  noch  immer  minder  ver—
schuldet  war  als  die  erschöpften  Finanzen  Preußens,  durch  eine  faule,
schwerfällige  und  bestechliche  Verwaltung  verwahrlost  sei,  und  gerieth  mit
den  Mitgliedern  des  sächsischen  Finanz-Collegiums  hart  an  einander.)
Den  sächsischen  Edelleuten,  welche  bisher  den  Abtheilungen  des  Generalgouvernements
  vorgestanden,  wurden  bürgerliche  Beamte  an  die  Seite
gesetzt,  so  der  Geh.  Rath  Krüger,  ein  echter  Sohn  der  tüchtigen,  rücksichtslos
  strengen  altpreußischen  Beamtenschule,  und  der  sächsische  Hofrath
  Ferber,  ein  alter  Gegner  der  Ständeherrschaft,  beim  Adel  längst  als
Demagog  verrufen.  Darüber  denn  große  Entrüstung.  Die  Gekränkten
hielten  die  heiligen  Rechte  „der  sächsischen  Nation“  für  gefährdet  —  die
harmlose  Verwechslung  des  persönlichen  mit  dem  allgemeinen  Interesse
bleibt  ja  die  Erbsünde  kleinstaatlicher  Weltanschauung  —  und  brachten  den
armseligen  Handel  bis  vor  den  Congreß.  Stein,  der  in  Streitigkeiten
zwischen  Edelleuten  und  „Officianten“  selten  unparteiisch  verfuhr,  schalt  auf
die  Roheit  der  Preußen.  Der  Staatskanzler  aber  wies  die  Klagenden  scharf
ab:  „Sie  können  aus  diesen  nur  persönlichen  Differentien  nicht  eine  Sache
des  sächsischen  Volkes  machen,  als  dessen  Repräsentanten  Sie  keineswegs
angesehen  werden  können.“

Die  verständigen  Leipziger  Geschäftsmänner  faßten  bald  Zutrauen
zu  dem  neuen  straffen  und  gerechten  Regimente;  der  Curs  der  Staatspapiere
  und  Kassenbillets  stieg  sofort.  Mit  warmen  Worten  dankte  der
Handelsconsulent  Gruner  dem  Staatskanzler,  daß  er  der  Adelsherrschaft
entgegentrete;  in  ihr  liege  der  Grund  „der  unserer  Administration  eigenthümlichen
  Schwerfälligkeit“.  Noch  entschiedener  schrieb  der  Chef  des  großen
Bankhauses  Reichenbach:  „Die  Leute  werden  bald  zu  bekennen  gezwungen
sein,  daß  der  das  Heil  des  Vaterlandes  nicht  will,  der  die  alte  Verwirrung,
den  häßlichen  Schlendrian  und  die  starrköpfige  Aufrechthaltung  alter  Mißbräuche
  wünscht,  welche  eine  gewisse  Clique  für  unser  Palladium  ausgeben
möchte.““)  Einige  dieser  alten  Mißbräuche  waren  freilich  auch  der  wackern
Leipziger  Bürgerschaft  theuer.  Die  Stadt  hatte  bisher  nahezu  einen  Staat
im  Staate  gebildet;  sie  hielt  ihre  eigenen  Stadtsoldaten,  keine  landesherrlichen
  Truppen  durften  in  ihren  Mauern  erscheinen;  der  Stadtrath  erfreute
sich  des  behaglichen  Rechtes,  Niemand  von  der  Verwaltung  des  Gemeindevermögens
  Rechenschaft  abzulegen  u.  s.  w.  Unter  der  Hand  ließ  man  um  die
Erhaltung  dieser  Privilegien  bitten.  Der  Staatskanzler  konnte  jedoch,  so  lieb
ihm  die  Stadt  war,  lediglich  die  Bewahrung  der  alten  Meßprivilegien  und
eine  freie  Gemeindeverfassung  zusagen;  er  versprach  auch,  die  nothwendigen

 

*)  Darüber  berichtet  der  Finanzminister  von  Bülow  ausführlich  an  den  Staatskanzler,
  Berlin,  8.  December  1814.
**)  Gruner  an  Stägemann  27.  November,  Reichenbach  an  Hardenberg  28.  November
  1814.
        <pb n="653" />
        Sachsen  unter  preußischer  Verwaltung.  643

neuen  Steuern  nur  „unter  Zuziehung  einer  aus  der  Nation  gewählten
Ständeversammlung“  aufzulegen  und  der  Stadt  in  Friedenszeiten  keine
Garnison  aufzudrängen.“)  Weiter  ging  er  nicht.  Das  gemeine  Recht  der
monarchischen  Verwaltung  konnte  die  oligarchischen  Vorrechte  nicht  unbe—
rührt  fortbestehen  lassen.

Gewiß  sind  auch  in  Sachsen  einzelne  Mißgriffe  vorgekommen;  die
Erhebung  aus  der  Enge  der  Kleinstaaterei  ist  noch  in  keiner  unserer  neuen
Provinzen  ganz  ohne  verletzende  Härte  geschehen.  Aber  die  Masse  des
Volks  blieb  trotz  ihrer  unzweifelhaft  particularistischen  Gesinnung  von
jedem  Gedanken  des  Widerstandes  weit  entfernt.  Ein  gründlicher  Kenner
der  Verhältnisse,  der  Gouvernementscommissar  von  Zeschau  in  Wittenberg,
der  spätere  sächsische  Finanzminister,  erklärte  freimüthig:  man  könne  nicht
verlangen,  „daß  das  sächsische  Volk  einen  Fürsten  ganz  vergesse,  unter
dessen  Regierung  es  bis  zum  Jahre  1806  ganz  glücklich  lebte;“  doch  die
Mäßigung  der  Regierung  finde  Anerkennung;  ganz  gewiß  seien  keine  Unruhen
  zu  befürchten,  das  Volk  werde  sich  rasch  in  die  neue  Ordnung  eingewöhnen.*)
  Jedermann  weiß,  wie  genau  diese  Weissagung  bald  nachher
in  der  nördlichen  Hälfte  des  Landes  sich  erfüllt  hat.  Doch  weil  es  so  stand,
weil  die  leichte  Verschmelzung  des  Landes  mit  dem  preußischen  Staate
außer  Zweifel  war,  darum  kämpfte  die  Adeliche  Ressource  in  Dresden,
der  alte  Sammelplatz  des  Hofadels  und  der  Bureaukratie,  mit  leidenschaftlichem
  Eifer  gegen  den  drohenden  Untergang  ihrer  alten  Herrlichkeit.
Die  Förster  —  fast  die  einzigen  Menschen  im  Lande,  denen  sich  der  alte
König,  frei  von  dem  Zwange  der  Etikette,  in  seiner  menschlichen  Harmlosigkeit
  gezeigt  hatte  —  beförderten  eifrig  die  Briefe  des  Gefangenen  und
seines  Contino  Marcolini.  Die  Ungewißheit  der  Zukunft  gab  der  Wühlerei
  des  Junkerthums  stets  neue  Nahrung.  Man  lauschte  angstvoll  auf
jede  Nachricht  aus  Wien,  auf  jeden  Wink  aus  Friedrichsfelde.  Als  der
Herzog  von  Braunschweig  im  November  durch  Dresden  kam,  hielt  er  für
Welfenpflicht,  gegen  Jedermann  von  der  nahen  Rückkehr  des  angestammten
Herrn  zu  sprechen.  Sofort  bemerkte  Geh.  Rath  Krüger,  wie  die  Aufregung
  in  der  Residenz  zunahm;  „meine  eigene  Kanzlei,“  schrieb  er  dem
Staatskanzler,  „zittert  und  bebt  bei  dieser  Aussichtl"

Unterdessen  tobte  weithin  durch  das  Lager  des  Rheinbundes,  am
lautesten  in  Baiern,  ein  erbitterter  Federkrieg,  dessen  bodenlose  Gemeinheit
  der  Sachse  Karl  von  Nostitz  treffend  als  „pamphletistische  Mordbrennerei“
  bezeichnete.  Diese  Libelle,  zumeist  von  den  Cabinetten  selber
veranlaßt  oder  beeinflußt,  haben  nicht  nur  die  Leidenschaften  des  Tages

 

*)  Hardenberg  an  Miltitz  12.  December  1814,  an  Bülow  25.  Januar  1815.
**)  Schreiben  Zeschau's  an  den  provisorischen  Chef  der  sächsischen  Polizei  von  Bülow
(18.  November  1814).
***)  Krüger's  Bericht  an  Hardenberg,  29.  November  1814.

41“
        <pb n="654" />
        644  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

geschürt  und  den  Kampf  verschärft.  In  ihnen  sammelte  sich  auch  das
ganze  Rüstzeug  jener  vergifteten  Waffen  an,  welche  seitdem  während  eines
Menschenalters  gegen  Preußen  geschwungen  wurden;  schon  jetzt  verrieth
sich  das  nachher  in  den  Tagen  der  Demagogenverfolgung  mit  so  reichem
Erfolge  gekrönte  Bestreben,  den  Befreiungskrieg  und  seine  Helden  vor  der
Krone  Preußen  zu  verdächtigen.  Mit  Gentzens  Freunde  Adam  Miller,
dem  Herausgeber  des  ultramontanen  „Tyroler  Boten“,  wetteiferte  der
Welfe  Sartorius.  Der  gelehrte  Göttinger  Historiker  verfaßte,  während
er  zu  Wien  in  den  Vorzimmern  der  Diplomaten  umherschlich  und  vertraulich
  mit  Gentz  verkehrte,  unter  dem  Namen  eines  „preußischen  Patrioten“
  die  Flugschrift  „über  die  Vereinigung  Sachsens  mit  Preußen“
und  schilderte  mit  dem  ganzen  Kummer  eines  beschämten  treuen  Preußenherzens:
  im  Lande  geht  das  Gerücht,  daß  verblendete  Rathgeber  die  Hände
des  Königs  mit  gestohlenem  Gute  beflecken  wollen;  die  Verführung  lauert,
der  Staat  steht  am  Scheidewege;  soll  denn  nochmals,  wie  einst  in  Schlesien,
  Westpreußen,  Hannover,  das  suum  cuique  rapit  der  Sinnspruch
unseres  Adlers  sein?  Die  Augsburger  Allgemeine  Zeitung  stand,  wie  in
jeder  großen  Krisis  unserer  neueren  Geschichte,  auch  diesmal  unter  den
Feinden  Preußens.

Noch  handfester  sprachen  Aretin  und  Hörmann,  die  beiden  alterprobten
Schergen  des  Bonapartismus,  in  der  Münchener  Alemannia.  Aretin's
Schrift  „Sachsen  und  Preußen“  führte  den  Gedanken  aus,  der  seitdem
ein  Lieblingssatz  unserer  Föderalisten  wurde:  der  aufgeblasene  preußische
Frosch  müsse  eine  Macht  zweiten  Ranges  bleiben;  werde  er  zu  einer
„Primär-Macht“,  so  gehe  die  Ruhe  und  das  Gleichgewicht  Europas  unter;
dazu  die  herkömmliche  Versicherung,  daß  die  preußische  Ländergier  auch
nach  Hamburg,  nach  Böhmen  und  Mähren  trachte.  Gleichfalls  aus  den
Kreisen  Montgelas'  und  der  bairischen  Regierung  stammt  die  Flugschrift
„Preußen  und  Teutschland“,  die  nach  einer  Fluth  wüster  Schmähreden
schließlich  die  „Sachsen,  Rheinländer  und  Mainzer“  feierlich  aufruft,  ihre
Freiheit  gegen  die  Fänge  des  preußischen  Adlers  zu  vertheidigen.  Die
Krone  dieser  Literatur  bilden  die  in  Baiern  heimlich  gedruckten  „Sächsischen
Actenstücke  aus  der  Dresdener  ungeschriebenen  Zeitung“  —  eine  Fälschung
von  solcher  Plumpheit,  daß  wir  heute  kaum  noch  begreifen,  wie  sie
jemals  gläubige  Leser  finden  konnte.  Da  verwendet  sich  Herzog  Ernst
von  Coburg  für  seinen  gefangenen  Verwandten  in  einem  rührenden  Briefe,
welchen  nachweislich  La  Besnardiere  auf  Talleyrand's  Befehl  angefertigt
hat.  Da  richten  die  preußischen  Generale  (York,  Bülow,  Kleist,  Gneisenau
und  Massenbach  bunt  durcheinander)  eine  drohende  Adresse  an  den  Staatskanzler
  und  verlangen  säbelrasselnd  die  sofortige  Einverleibung  Sachsens;
„wo  wäre  die  preußische  Monarchie,  wenn  wir  dem  behutsamen  Cabinette
blind  gehorcht  hätten?“"  Da  warnt  eine  Denkschrift  Hardenberg's  den
König  vor  dem  zügellosen  Geiste  des  Heeres  und  den  gefährlichen  Um-
        <pb n="655" />
        Der  Federkrieg  um  Sachsen.  645

trieben  jener  geheimen  Vereine,  die  zur  Bekämpfung  Napoleon's  so  nütz—
lich  gewesen.  Wilhelm  Humboldt  frohlockt  in  einem  Briefe  an  Niebuhr,
wie  glorreich  die  Preußen  dem  Beispiele  des  von  dem  großen  Historiker
so  herrlich  geschilderten  räuberischen  Römervolkes  zu  folgen  verständen:
„nur  Baiern  mit  seinem  eisernen  Ministerium  steht  uns  noch  im  Wege!“
Neben  solchen  Kraftleistungen  des  bajuvarischen  Bonapartismus  erscheinen
die  spärlichen  Kundgebungen  aus  Sachsen  selbst  zahm  und  harmlos.  Ein
kummervoller  Aufruf  „an  alle  teutschen  Nationen“;  ein  anonymes  Flug—
blatt,  verlegt  „bei  St.  Landgier“;  ein  paar  Schriften  von  Beamten  und
Advocaten,  worin  unter  wiederholten  „je  und  ja“  versichert  wird,  der  Ver—
fasser  schreibe  nur  „aus  innerer  Ueberzeugung“  —  das  ist  Alles.  Auch
die  wenigen  der  Einverleibung  günstigen  Flugschriften  aus  Sachsen  zeigen
denselben  Charakter  politischer  Versumpfung;  nirgends  ein  großer  natio—
naler  Gesichtspunkt,  immer  nur  kleinbürgerliche  Klagen  über  die  Miß—
bräuche  der  adlichen  Vetterschaft  und  den  bigotten  Sinn  des  katholischen
Hofes:  wie  anders  in  Preußen,  wo  die  Prinzessin  wie  die  Bürgersfrau
den  Luisenorden  trägt  und  alle  Religionsparteien  der  königlichen  Gerech—
tigkeit  genießen!

Auch  die  ausländischen  Zeitungen  begannen  in  dem  Streite  Partei
zu  ergreifen:  durchgängig  gegen  Preußen.  Da  das  Tory-Cabinet  anfangs
den  preußischen  Ansprüchen  günstig  schien,  so  nahmen  sich  die  Whigs,
nach  der  alten  Regel  englischer  Parteitaktik,  im  Parlamente  wie  in  den
Zeitungen  eifrig  des  gefangenen  Königs  an,  und  die  öffentliche  Meinung
stand  hinter  ihnen.  Die  englische  Nation  hat  während  der  zwei  jüngsten
Menschenalter  dem  Erstarken  des  deutschen  Nordens  immer  ebenso  feind—
selig,  wenngleich  minder  lärmend  widerstrebt  wie  die  Franzosen.  Damals
fand  sie  vollends  ihre  theuersten  Handelsinteressen  durch  Preußen  gefähr—
det:  Leipzig,  der  große  Stapelplatz  der  britischen  Waaren,  durfte  nicht  in
die  Zollgemeinschaft  eines  großen  Staates  eintreten.  In  heiligem  Zorne
verfluchten  die  Redner  der  Whigs  die  arglistigen  Anschläge  der  Despoten
wider  „die  sächsische  Nation“,  und  mit  der  gleichen  erhabenen  Begeisterung
wurde  die  Vereinigung  Genuas  mit  Piemont  als  der  Tod  der  Freiheit
Italiens  gebrandmarkt.  Die  französische  Presse  hielt  wie  Ein  Mann  zu
dem  treuen  Alliirten  Napoleon's.  Schon  am  7.  November,  also  bevor
man  in  Paris  den  entscheidenden  Schritt  des  Königs  von  Preußen  kannte,
verkündete  die  halbamtliche  Quotidienne  unverhohlen  das  Programm  des
bourbonischen  Rheinbundes:  die  Regierung  des  allerchristlichen  Königs
ist  vielleicht  die  einzige  in  Europa,  welche  bei  einer  Volksabstimmung  auf
einstimmige  Anerkennung  rechnen  kann;  „die  schöne  Rolle  des  Vertheidigers
der  Unterdrückten,  des  Beschützers  der  Schwachen,  des  bewaffneten  Bürgen
für  die  Heiligkeit  der  Verträge,  das  ist  Frankreichs  berechtigte  Größe,  hierin
liegt  ein  legitimes  und  unverjährbares  Uebergewicht;“  darum  volle  Selb—
ständigkeit  für  Polen,  das  als  ein  schon  bestehender  Staat  nur  reicherer
        <pb n="656" />
        646  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Ausstattung  bedarf;  darum  unbeschränkte  Souveränität  für  die  deutschen
Staaten,  Achtung  vor  der  individualité  nationale  der  Sachsen,  der
Baiern  und  der  anderen  deutschen  Völker;  „dann  wird  eine  freie  und
starke  Conföderation  die  französischen  Waffen  auf  immer  von  den  Waffen
Oesterreichs  und  Preußens  trennen.“

Der  Rheinische  Mercur  trat  dem  vollstimmigen  Chor  der  Rhein—
bündler  tapfer  entgegen  und  ward  darum  von  den  Journalisten  Mont—
gelas'  der  Thersites  unter  den  deutschen  Zeitschriften  gescholten.  Görres
warnte  in  seiner  bilderreichen  Sprache  vor  den  Basiliskeneiern  des  galli—
schen  Hahnes.  Doch  ein  sicheres  Verständniß  der  großen  Machtfrage  war
selbst  in  diesen  Kreisen  nicht  vorhanden.  Der  Mercur  öffnete  seine  Spalten
nicht  nur  den  Freunden,  sondern  auch  den  gemäßigten  Gegnern  der  preu—
ßischen  Ansprüche.  Zu  diesen  zählte  auch  Jacob  Grimm,  der  hochbeglückt
durch  die  Rückkehr  seines  hessischen  Kurfürsten  den  Sachsen  die  gleiche
Freude  nicht  mißgönnen  wollte.  Ein  gefühlvoller  Artikel  bat  die  Söhne
Germaniens  um  Schonung  für  Sachsen,  „den  geistigeren  Bruder,  der
allein  studirt  hat“  —  als  ob  dieser  Bruder  nicht  auch  unter  preußischer
Herrschaft  ungestört  hätte  weiter  studiren  können!  Die  literarische  Ver—
theidigung  der  preußischen  Politik  ward  im  Ganzen  nur  von  solchen  Män—
nern  geführt,  welche  der  Regierung  nahe  standen.  Auf  Veranlassung  des
Staatskanzlers  erschien  eine  Flugschrift  von  Varnhagen,  oberflächlich  wie
Alles  was  dieser  politische  Dilettant  in  Staatssachen  geschrieben  hat,  voll
hohler  Phrasen  über  „den  Geist  der  Liberalität,  der  über  Preußens  Be—
strebungen  schwebt“.  Ernster  und  würdiger  sprachen  Arndt,  Eichhorn  und
J.  G.  Hoffmann.  Die  Schrift  des  wackeren  Statistikers  „Preußen  und
Sachsen“  giebt  mit  ihrer  ruhig  bescheidenen  Haltung  eine  beredte  Antwort
auf  die  modischen  Anklagen  wider  den  preußischen  Uebermuth.  Niemals,
sagt  Hoffmann  gelassen,  sei  Preußen  so  einstimmig  von  der  deutschen  Welt
geschmäht  worden  wie  in  den  Tagen  der  Stein-Hardenbergischen  Gesetze;
gleichwohl  müsse  das  Gute  in  dem  Staate  doch  wohl  überwiegen,  da  die
Nation  für  die  Wiederaufrichtung  eines  so  verrufenen  Gemeinwesens  so
unvergeßliche  Opfer  gebracht  habe.  Die  kühle  und  sachliche  Darstellung
der  Schuld  des  gefangenen  Königs  erregte  in  Friedrichsfelde  solche  Er—
bitterung,  daß  der  sächsische  Minister  Graf  Einsiedel  sich  erdreistete  von
der  preußischen  Regierung  das  Verbot  der  Hoffmann'schen  Schrift  zu  ver—
langen;  selbstverständlich  ward  ihm  seine  Note  zurückgegeben.

Weitaus  das  bedeutendste  Werk  aus  diesem  Federkriege  ist  Barthold
Niebuhr's  Flugschrift  „Preußens  Recht  wider  den  sächsischen  Hof“  —  wohl
überhaupt  die  vornehmste  Leistung  der  deutschen  Publicistik  aus  jenem  Zeit—
raum,  denn  sie  vereinigt  Arndt's  edle  Leidenschaft  und  rhetorischen  Schwung
mit  dem  Gedankenreichthum  und  der  politischen  Sachkenntniß  von  Fried—
rich  Gentz.  Wie  frei  und  kühn  entwickelt  der  große  Historiker  zwei  Kern—
gedanken  unserer  nationalen  Politik,  welche  noch  niemals  früher  mit  solcher
        <pb n="657" />
        Metternich  beantragt  die  Theilung  Sachsens.  647

Klarheit  ausgesprochen,  seitdem  allen  edleren  Deutschen  in  Fleisch  und
Blut  gedrungen  sind.  Er  zeigt,  daß  ein  großes  seiner  Einheit  bewußtes
Volk  den  Abfall  von  der  Sache  der  Nation  auch  dann  als  Felonie  be—
strafen  darf,  wenn  der  Verräther  kein  geschriebenes  Recht  verletzt  hat;  „die
Gemeinschaft  der  Nationalität  ist  höher  als  die  Staatsverhältnisse,  welche
die  verschiedenen  Völker  eines  Stammes  vereinigen  oder  trennen.“  Als—
dann  sagt  er  mit  der  Sicherheit  des  Sehers  voraus,  daß  die  Tage  der
deutschen  Kleinstaaterei  gezählt  sind:  schwache  Gemeinwesen,  die  sich  nicht
durch  eigene  Kraft  behaupten  können,  „hören  auf  Staaten  zu  sein.“  Zu
solchem  Urtheile  gelangte  der  conservative  Denker,  da  er  ein  Jahr  nach
der  Schlacht  von  Leipzig  das  deutsche  Kleinfürstenthum  wieder  den  Fahnen
Frankreichs  folgen  sah.  In  dem  vertrauten  Briefwechsel  der  preußischen
Diplomatie  sprach  sich  der  Unmuth  über  den  wiederauflebenden  Particu—
larismus  noch  weit  schärfer  aus.  „Die  nämlichen  Menschen“  —  schrieb
Alopeus  an  Humboldt  —  „die  nach  der  Schlacht  von  Leipzig  ausriefen:
ihm  geschieht  recht,  bemitleiden  jetzt  den  frommen  König;  und  die  Bour—
bonen,  die  im  Junimonat  vollauf  zu  thun  hatten,  sich  selbst  zu  erhalten,
haben  es  jetzt  so  weit  gebracht,  daß  sie  sich  um  die  Erhaltung  Anderer
kräftig  verwenden  können.  Freilich  empört  sich  das  Gefühl,  wenn  man
es  ansehen  muß,  daß  der  nämliche  deutsche  Kaiser,  der  von  seinen  Vasallen
schändlicherweise  verlassen  wurde,  jetzt  diese  mit  dem  Verbrechen  des  Hochverraths
  und  der  Felonie  beschmutzten  Vasallen  schaarenweise  in  der
Kaiserstadt  mit  allen  den  Souveränen  gebührenden  Ehrenbezeigungen  aufnimmt.
  Man  frägt  sich,  welches  der  Endzweck  einer  solchen  nicht  von
der  Nothwendigkeit  gebotenen  Herablassung  sein  kann.“  —

Auf  den  Gang  der  Congreßverhandlungen  übten  natürlich  weder
solche  Zornworte  noch  Niebuhr's  und  Hoffmann's  Vernunftgründe  irgend
einen  Einfluß.  Oesterreich  hatte  gehofft,  mit  England  und  Preußen  vereint
  den  Czaren  in  die  Enge  zu  treiben  und  dann  über  Preußens  Kopf
hinweg  sich  mit  Rußland  zu  verständigen.  Nun  war  dieser  Plan  durch
das  Eingreifen  des  Königs  vereitelt,  und  sofort  änderte  Metternich  seine
Taktik.  Auch  ihm,  wie  den  Franzosen,  war  die  sächsische  Frage  ungleich
wichtiger  als  die  Zukunft  Polens.  Schon  am  11.  November,  in  einem
Gespräche  mit  Castlereagh  und  Hardenberg,  nahm  er  das  dem  Staatskanzler
  gegebene  Versprechen  zurück  und  erklärte:  der  allgemeine  Widerstand
  gegen  die  Einverleibung  Sachsens  sei  unüberwindlich,  mindestens
Dresden  und  der  südliche  Theil  des  Landes  müßten  dem  gefangenen  Fürsten
wieder  zufallen.  So  wurde  der  Gedanke  der  Theilung  Sachsens,  welchen
Stadion  schon  im  Sommer  den  Unterhändlern  Friedrich  August's  angedeutet
  hatte,  endlich  als  das  Ziel  der  österreichischen  Politik  ausgesprochen.
Die  willkürliche  Zerreißung  des  alten  sächsischen  Gemeinwesens,  die  Zerstörung
  seines  altgewohnten  Verkehrs  durch  neue  Zolllinien  erregte  der
Hofburg  kein  Bedenken.  Ihre  Absicht  war  lediglich,  das  ergebene  alber-
        <pb n="658" />
        648  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

tinische  Haus  wieder  auf  der  für  Preußen  lästigsten  Stelle  anzusiedeln  und
zugleich  dem  preußischen  Freunde  eine  Wunde  an  seinem  Leibe  offen  zu
halten.  Da  die  Lothringer  selber  in  den  Völkern  ihres  Hausbesitzes  nie—
mals  eine  österreichische  Staatsgesinnung  zu  erwecken  versucht  hatten,  so
besaßen  sie  auch  kein  Verständniß  für  die  staatsbildende  Kraft  der  preußi—
schen  Monarchie;  sie  hofften,  das  getheilte  Sachsen  werde  für  Preußen
ein  zweites  Polen  sein.  Kaiser  Franz  tröstete  den  Herzog  von  Weimar:
„nu,  nu,  was  bruddeln's  mit  dem  Kopf?  wenn  das  Land  getheilt  wird,
kommt's  am  ersten  wieder  z'samm.“

Hardenberg  wies  den  Antrag  Metternich's  entschieden  zurück  und  schlug
dann  vor,  die  Albertiner  nicht  durch  die  Legationen,  sondern  durch  ein
Stück  des  katholischen  Westphalens  zu  entschädigen.  Er  hatte  in  Wien
endlich  bemerkt,  daß  Oesterreich  den  nördlichen  Theil  des  Kirchenstaates
selber  zu  behalten  wünschte,  und  dachte  die  Hofburg  durch  dies  Anerbieten
nachgiebiger  zu  stimmen.  Niemand  in  ganz  Deutschland  hat  damals  die
preußischen  Staatsmänner  darauf  hingewiesen,  was  es  bedeutete  die  beiden
festen  Burgen  des  römischen  Wesens  in  unserem  Norden,  Münster  und
Paderborn,  als  einen  selbständigen  Staat  in  die  Hände  eines  bigott  katho—
lischen  Fürstenhauses  zu  geben;  der  heilige  Stuhl  wurde  von  allen  Frei—
geistern  jener  Generation  als  völlig  machtlos  geringgeschätzt,  von  den  Ro—
mantikern  als  ein  Feind  der  Revolution  bewundert.  Dagegen  erkannten
die  Patrioten  sehr  richtig,  daß  nach  Hardenberg's  neuestem  Vorschlage,  der
allerdings  durch  den  Gang  der  diplomatischen  Verhandlungen  unvermeidlich
geboten  war,  die  sächsischen  Händel  viel  von  ihrer  nationalen  Bedeutung
verloren.  Wollte  man  den  getreuesten  Vasallen  Napoleon's  wieder  auf
deutschem  Boden  ansiedeln,  so  war  die  Frage:  ob  er  die  Pässe  des  Erz—
gebirges  oder  ein  Stück  von  Niedersachsen  erhalten  solle?  freilich  noch
immer  hochwichtig  für  Preußens  militärische  Machtstellung,  doch  auf  die
warme  Theilnahme  des  großen  Publicums  konnte  sie  nicht  mehr  zählen.
Selbst  Arndt  gestand,  seitdem  sei  ihm  der  sächsische  Streit  gleichgiltig  ge—
worden.  Metternich  fand  auch  diesen  neuen  Plan  hochbedenklich  und  wieder—
holte  mit  wachsender  Bestimmtheit,  nur  die  Wiedereinführung  des  Gefan—
genen  in  einen  Theil  seines  Landes  könne  den  tiefen  Unmuth  der  deutschen
Fürsten  beschwichtigen.

Auch  England  nahm  bald  sein  gegebenes  Wort  zurück.  Lord
Castlereagh  erntete  jetzt  die  Früchte  seiner  zudringlichen  Anmaßung.  Er
hatte  dem  Czaren  die  gröbsten  Beleidigungen  geboten;  und  da  nunmehr
Preußen  sich  weigerte  an  dem  diplomatischen  Feldzuge  gegen  Rußland  ferner
theilzunehmen,  so  trieb  die  Logik  der  Thatsachen  die  englischen  Staatsmänner
  auf  die  Seite  jener  Macht,  welche  Preußen  und  Rußland  am  entschiedensten
  bekämpfte.  Bereits  am  15.  November  kam  der  beschränktehrliche
  Charles  Stewart  zu  Stein  und  klagte  voll  Schmerz  und  Scham:
wir  sind  gezwungen  uns  in  Frankreichs  Arme  zu  werfen!  Die  Furcht
        <pb n="659" />
        Oesterreich  und  England  gegen  Preußen.  649

des  britischen  Cabinets  vor  den  Zornreden  der  parlamentarischen  Opposition
und  das  Mitgefühl  des  Prinzregenten  für  den  gefangenen  Wettiner  be—
schleunigten  die  Schwenkung.  Castlereagh  erhielt  aus  der  Heimath  den
Befehl  die  preußische  Sache  gänzlich  aufzugeben,  und  er  ist  sich  in  seiner
Beschränktheit  des  begangenen  Verrathes  niemals  klar  bewußt  geworden.
Auch  im  Parlamente  wußte  der  edle  Lord  späterhin  zur  Entschuldigung
seines  Gesinnungswechsels  nur  das  Eine  vorzubringen:  die  öffentliche
Meinung  Deutschlands  sei  der  Einverleibung  Sachsens  entschieden  un—
günstig  gewesen  —  eine  wundersame  Behauptung  im  Munde  dieser  Hoch—
torys,  welche  sonst  die  Geringschätzung  der  Wünsche  der  Völker  geflissentlich
zur  Schau  trugen.

Nur  Castlereagh's  Gedankenlosigkeit  und  Metternich's  Arglist  erklären
das  Räthsel,  daß  England  und  Oesterreich  jetzt  plötzlich  Alles  für  schwarz
erklärten  was  sie  bisher  für  weiß  gehalten.  Die  von  ihnen  so  lange  be—
kämpfte  polnische  Königskrone  Alexander's  erschien  ihnen  nunmehr  als  eine
„Falle“,  welche  der  Czar  sich  zum  eigenen  Schaden  stelle,  und  die  Ein—
verleibung  Sachsens,  der  sie  beide  mit  halben  Worten  zugestimmt,  galt
nun  als  eine  schwere  Verletzung  des  Völkerrechts.  Man  hatte  erkannt,  daß
Rußland  ohne  einen  Krieg  von  seinen  polnischen  Plänen  nicht  abzubringen
sei;  „die  polnische  Angelegenheit,“  schrieb  Gagern  schon  am  1.  December,
„ist  beinah  beendigt,  aus  Mangel  an  Kämpfern.“  Um  so  fester  rechnete
Metternich  auf  die  Vereitelung  der  so  ungleich  schlechter  gesicherten  preuhßischen
  Ansprüche.  Er  stand  jetzt  mit  Talleyrand  in  herzlichem  Vereine,
prüfte  und  genehmigte  mit  dem  Franzosen  gemeinsam  eine  neue  Rechtsverwahrung
  des  gefangenen  Königs.

Solcher  Erfolge  froh  trat  Talleyrand  täglich  herausfordernder  auf,
ließ  durch  Dalberg  und  La  Besnardiere  eine  Apologie  des  Albertiners
verfassen,  versicherte  dem  getreuen  Gagern:  niemals  werde  Frankreich
die  Preußen  weder  am  linken  Rheinufer  noch  in  Sachsen  dulden.  Eine
„Denkschrift  über  Sachsen  vom  französischen  Gesichtspunkte“  zählte  Preuhens
  Sünden  gegen  das  deutsche  Vaterland  auf:  den  Baseler  Frieden,
den  Reichsdeputationshauptschluß,  die  Neutralität  von  1805  —  Alles
Sünden  vom  französischen  Gesichtspunkte!  Der  Moniteur  verkündete  feierlich:
  „der  einzige  Fürst,  der  vielleicht  berechtigt  wäre,  über  Friedrich  August
zu  urtheilen,  der  König  von  Frankreich  spricht  den  Gefangenen  frei"  —
und  pries  begeistert  die  ewige  Zersplitterung  als  die  glorreiche  Eigenthümlichkeit
  der  deutschen  Nation:  „im  deutschen  Charakter  liegt  die  Anhänglichkeit
  an  heilige  Gewohnheiten;  die  heiligste  darunter  ist:  besonderen
Fürsten  zu  gehorchen."“

Diese  princes  particuliers  waren  mit  der  Geschichtsphilosophie  des
Moniteurs  ganz  einverstanden;  sie  zeigten  sich  bereit,  auf  Talleyrand's  Aufforderung
  einen  gemeinsamen  Protest  gegen  die  Einverleibung  Sachsens
zu  unterzeichnen,  nur  eine  drohende  Warnung  des  Czaren  hintertrieb  das
        <pb n="660" />
        650  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Unternehmen.  Der  Franzose  hatte  für  jeden  der  kleinen  Herren  lockende
Versprechungen  bereit,  und  jeder  von  ihnen  hoffte  doch  noch  auf  der  großen
Wiener  Länderbörse  wenigstens  einige  tausend  Seelen  zu  gewinnen.  Die
Gesinnung  des  deutschen  Kleinfürstenthums  fand  einen  getreuen  Ausdruck  in
den  zahlreichen  Denkschriften  des  Landgrafen  von  Hessen-Homburg,  welche
den  einleuchtenden  Satz  ausführten:  „da  alle  Nachbarmächte  sich  vergrößert
haben“,  so  muß  Homburg,  um  nicht  von  seiner  historischen  Machtstellung
herabzusinken,  nothwendig  die  Dörfer  Ober-Ursel  und  Ober-Roßbach  seinem
Reiche  einverleiben!  Der  darmstädtische  Gesandte  von  Türkheim  begründete
sogar,  inmitten  dieser  hoch-legitimistischen  Gesellschaft,  die  Entschädigungsansprüche
  seines  durchlauchtigen  Herrn  durch  eine  feierliche  Berufung  auf
die  unveräußerlichen  droits  de  'homme.)  Wenn  aber  Talleyrand's  Pläne
gelangen,  wenn  Preußen  weder  am  Rhein  noch  in  Sachsen  entschädigt
wurde,  so  blieb  mehr  Land  frei  für  die  Herzenswünsche  der  Kleinen;  darum
standen  sie  alle  ohne  Ausnahme  auf  Frankreichs  Seite,  und  der  besiegte
Feind  erschien  ihnen  wieder  als  der  großmächtige  Protector  Deutschlands.

Das  wüste  Gezänk  um  Sachsen  brachte  alle  anderen  Arbeiten  des
Congresses  in's  Stocken.  Der  deutsche  Verfassungsausschuß  war  schon
längst  unverrichteter  Dinge  auseinandergegangen.  Dazwischen  hinein
spielten  erbärmliche  persönliche  Ränke.  Metternich  versuchte  den  preußischen
  Staatskanzler  bei  Alexander  zu  verdächtigen,  legte  dem  Czaren  die
antirussischen  Noten  vor,  welche  Hardenberg  zu  Beginn  des  Congresses
geschrieben  hatte  —  und  was  der  Jämmerlichkeiten  mehr  ist.  Trotz  aller
solcher  Proben  der  österreichischen  Freundschaft  ließ  sich  der  Staatskanzler
von  Metternich  bereden,  noch  einmal  zwischen  Rußland  und  England-Oesterreich
  zu  vermitteln.  Er  stellte  am  23.  November  nochmals  die  alten
Forderungen  auf:  die  Warthelinie  für  Preußen,  Krakau  und  Zamosz  für
Oesterreich  —  obgleich  er  durch  den  Befehl  des  Königs  verpflichtet  war
sich  nicht  von  Rußland  zu  trennen.  Zum  Glück  kam  ihm  der  Freiherr
vom  Stein  zu  Hilfe.  Der  große  Mann  hatte  inzwischen  eingesehen,  daß
er  bisher  allzu  einseitig  den  polnischen  Plänen  des  Czaren  entgegengetreten
war;  nach  seiner  herrlichen  unbefangenen  Weise  beschloß  er  sofort  den
begangenen  Fehler  zu  sühnen  und  bot  fortan  seine  ganze  Kraft  auf,  um
Sachsen  für  Preußen  zu  retten.  Ihm  war  es  zu  verdanken,  daß  Alexander's
Antwort  ziemlich  günstig  aussiel.  Der  Czar  versicherte  (27.  Nov.),  daß
er  niemals  den  preußischen  Bundesgenossen,  der  ihn  so  „kraftvoll,  edel
und  ausdauernd  unterstützt"  habe,  verlassen  werde,  und  forderte  ganz
Sachsen  für  Preußen,  Mainz  für  den  Deutschen  Bund;  von  seinen  polnischen
  Ansprüchen  gab  er  Thorn  und  Krakau  auf,  beide  sollten  als  neutrale
  freie  Städte  anerkannt  werden.

Durch  diese  Erklärung  war  die  Mainzer  Frage  erledigt.  Metternich

 

*)  Eingaben  des  Erbprinzen  von  Homburg  an  Humboldt,  Türkheim's  an  Hardenberg
  (Jan.  Febr.  1814).
        <pb n="661" />
        Verschärfung  der  sächsischen  Frage.  651

verzichtete  auf  die  Absicht,  die  Festung  an  Baiern  zu  geben,  denn  in  der
Bekämpfung  dieses  Planes  waren  Rußland  und  Preußen  mit  dem  particularistischen
  Neide  der  Kleinfürsten  einig.  Hardenberg  wollte  den  Schlüssel
der  Rheinlande  nicht  treulosen  Händen  anvertrauen;  die  Kleinen  aber  befürchteten,
  wie  die  württembergischen  Bevollmächtigten  sich  ausdrückten),
daß  ein  starker  Staat  im  Besitze  von  Mainz  „das  Schicksal  aller  übrigen
deutschen  Staaten  von  sich  abhängig  machen  würde.“  So  verfiel  man
denn  auf  ein  Auskunftsmittel,  das,  unnatürlich  und  abgeschmackt  wie  es
war,  doch  aus  den  chaotischen  Zuständen  des  Deutschen  Bundes  sich  mit
einer  gewissen  Nothwendigkeit  ergab.  Das  goldene  Mainz,  dereinst  der
Sitz  des  vornehmsten  deutschen  Fürsten,  wurde  der  Landeshoheit  des  Darmstädter
  Großherzogs  unterworfen,  weil  dieser  Machthaber  seinen  Nachbarn
niemals  bedrohlich  werden  konnte;  die  Festung  ward  ein  fester  Platz  des
Deutschen  Bundes  mit  einer  österreichisch-preußischen  Garnison.  Also  behielt
  Preußen  hier  doch  einen  Fuß  im  Bügel.  Von  dem  unendlichen  Streite,
welchen  das  Mitbesatzungsrecht  Oesterreichs  dereinst  erregen  sollte,  ahnte
man  noch  nichts;  man  träumte  noch  den  Traum  des  friedlichen  Dualismus.
Ebenso  künstlich  war  der  russische  Vorschlag,  Thorn  und  Krakau  zu  freien
Städten  zu  erheben;  eine  Republik  Krakau  mußte  unfehlbar  der  Herd
einer  namentlich  für  Oesterreich  hochgefährlichen  polnischen  Propaganda
werden.  Indeß  die  Gedanken  der  Hofburg  erhoben  sich  nur  bis  zu  dem
Wunsche,  daß  der  beherrschende  Platz  des  oberen  Weichselthals  den  Russen
nicht  als  Grenzfestung  dienen  dürfe.  Metternich  fand  gegen  den  Plan
wenig  einzuwenden.

Die  polnischen  Händel  boten  nur  noch  geringe  Schwierigkeiten,  zumal
da  Alexander  jetzt  die  Vereinigung  von  Litthauen  und  Polen  fallen  ließ
und  allein  die  warschauischen  Lande  für  das  neue  Polenreich  bestimmte.
Seinem  klagenden  Czartoryski  sagte  er  freilich  insgeheim  zum  Troste:
dies  verstümmelte  Königreich  sei  nur  eine  pierre  d'attente.  Gleichwviel,
die  sächsische  Frage  blieb  fortan  der  einzige  ernsthafte  Streitpunkt  zwischen
  den  Mächten.  Immer  heftiger  ward  der  allgemeine  Widerspruch
gegen  die  preußischen  Pläne.  In  seiner  Verlegenheit  entschloß  sich  der
Staatskanzler  zu  einem  der  größten  diplomatischen  Mißgriffe  seines  Lebens.
Er  schrieb  an  Metternich  (3.  Deec.)  einen  unbegreiflichen  Brief,  der  das
gute  Herz  des  österreichischen  Freundes  durch  bewegliche  Worte  rühren
sollte:  „theurer  Fürst,  retten  Sie  Preußen  aus  seinem  gegenwärtigen  Zustande";
  dazu  einige  schwülstige  Verse  aus  dem  Rheinischen  Mercur,  welche
den  Doppeladler  einluden,  mit  dem  schwarzen  Aar  gefälligst  auf  derselben
Rieseneiche  zu  horsten!

Mit  kaum  verhehltem  Hohne  antwortete  Metternich  in  einer  vertraulichen
  Note  vom  10.  December.  Er  nahm  jetzt  amtlich  seine  früheren  Zusagen

 

*)  Wintzingerode  und  Linden  an  Hardenberg,  8.  December  1814.
        <pb n="662" />
        652  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

zurück,  bot  dem  preußischen  Freunde  nur  noch  ein  Fünftel  des  sächsischen
Landes,  ein  Stück  der  Lausitz  mit  etwas  über  400,000  Einwohnern:  erhalte
der  Albertiner  seine  Krone  nicht  wieder,  so  komme  der  Deutsche  Bund
nicht  zu  Stande  und  Frankreich  übernehme  wieder  das  Protectorat  der
Kleinstaaten.  Während  er  also  die  Preußen  vor  den  französischen  Ränken
warnte,  übergab  er  selbst  (16.  Dec.)  diese  seine  vertrauliche  Note  an  Talleyrand,
  auf  Befehl  des  Kaisers  Franz,  damit  König  Ludwig  ersehe,  welche
„vollkommene  Uebereinstimmung  der  Ansichten“  zwischen  Oesterreich  und
Frankreich  in  der  sächsischen  Frage  bestehe!  Die  Treulosigkeit  der  Hofburg
enthüllte  sich  so  ungescheut,  daß  der  ehrliche  Görres  entrüstet  schrieb:
Preußen  braucht  nur  die  beiden  k.  k.  Noten  vom  22.  Oct.  und  10.  Dee.
neben  einander  drucken  zu  lassen,  um  in  den  Augen  aller  rechtschaffenen
Leute  Recht  zu  behalten.  Hardenberg  war  wie  aus  den  Wolken  gefallen;
„non  fidem  servavit“  schrieb  er  verzweifelnd  in  sein  Tagebuch,  als  er  das
Eintreffen  jener  „ganz  und  gar  unerwarteten“  Antwort  verzeichnete.)
Doch  sah  er  wohl,  daß  auf  die  Meinung  der  rechtschaffenen  Leute  in
diesem  Machtkampfe  gar  nichts  ankam;  er  sprach  dem  Oesterreicher  (in
einer  mit  Alexander  vereinbarten  Note  vom  16.  Dee.)  sein  schmerzliches
Befremden  über  den  Gesinnungswechsel  der  Hofburg  aus  und  bot,  da
sein  westphälischer  Entschädigungsplan  keinen  Anklang  gefunden,  jetzt  ein
Stück  des  linksrheinischen  Landes,  mit  Trier  und  Bonn,  zur  Versorgung
Friedrich  August's  an.  Die  Verkehrtheit  dieses  nur  durch  die  letzte  peinliche
  Verlegenheit  abgedrungenen  Gedankens  leuchtet  heute  Jedem  ein:  den
Albertiner  dicht  neben  der  französischen  Grenze  ansiedeln  hieß  geradezu
den  Franzosen  ein  bequemes  Ausfallsthor  gegen  Deutschland  öffnen.  Wenn
aber  Metternich  die  schwache  Seite  des  preußischen  Vorschlags  sofort  erspähte
  und  salbungsvoll  erwiderte:  nimmermehr  dürfe  das  linke  Rheinufer
also  den  Franzosen  bloßgestellt  werden  —  so  führte  er  nur  sein  unredliches
  Spiel  weiter,  denn  mit  diesem  gefürchteten  Frankreich  stand  er  selber
bereits  in  herzlichem  Einverständniß.  Um  die  Gegner  zu  theilen,  forderte
Hardenberg  zugleich  die  fränkischen  Markgrafschaften  von  Baiern  zurück.
Es  war  ein  unglücklicher  Schachzug,  obschon  die  polternde  Gehässigkeit  der
bairischen  Staatsmänner  wohl  eine  Züchtigung  verdiente.  Der  Staatskanzler
  hatte  Ansbach-Bayreuth  zwar  noch  nicht  in  einem  förmlichen  Vertrage
  abgetreten,  doch  mehrmals  mündlich  sich  bereit  erklärt,  das  Herzogthum
  Berg  als  Entschädigung  anzunehmen;  wenn  er  jetzt  ohne  Aussicht
auf  Erfolg  den  alten  Streit  wieder  aufrührte,  so  gab  er  nur  den  Metternich,
  Wrede  und  Talleyrand  willkommenen  Anlaß,  die  „preußischen  Kniffe“
vor  der  diplomatischen  Welt  zu  verklagen.  Er  schloß  seine  Note  mit  der
Versicherung,  daß  Preußen  noch  immer  zumeist  auf  Rußlands  und  Oesterreichs
  Beistand  baue.

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  10.  12.  Dec.  1814.
        <pb n="663" />
        Kriegsrüstungen.  653

In  Wahrheit  begann  man  auf  beiden  Seiten  bereits  die  Möglich—
keit  eines  Krieges  zu  erwägen.  Die  Erbitterung  im  preußischen  Volke
stieg  zusehends.  Eine  Adresse  aus  Berlin  stellte  dem  Könige  die  Kräfte
des  Landes  für  den  gerechten  Kampf  zur  Verfügung,  und  Stägemann
sang  zürnend:

Die  Fahne  Brandenburgs,  mein  Lied,
Die  schwinge  noch  einmal,

Und  noch  einmal  erzürnt  Gemüth,
Ergreif'  den  tapfern  Stahl!  ...

Die  Hunde  Frankreichs,  noch  nicht  heil
Von  Wunden  uns'rer  Jagd  —

Auf,  Kugelblitz,  auf,  Lanzenpfeil!  —
Die  Hunde  wollen  Schlacht!

Man  erfuhr  durch  Goltz,')  daß  die  französische  Armee,  auf  Talleyrand's
  Antrag,  in  der  Stille  verstärkt  wurde.  Man  hörte  von  dem  Plane,
die  sächsischen  Truppen,  welche  unter  preußischem  Oberbefehle  nördlich  der
Mosel  standen,  im  rechten  Augenblicke  mit  den  Baiern  und  Oesterreichern
auf  dem  rechten  Moselufer  zu  vereinigen.  Unter  den  k.  k.  Generalen
zeigte  Schwarzenberg  die  froheste  Siegeszuversicht;  hatte  er  doch  im  letzten
Kriege  die  kleinen  Köpfe  Blücher's  und  Gneisenau's  genugsam  verachten
gelernt.  Am  16.  December  enthüllte  Metternich  dem  Grafen  Münster
seine  Absicht  einen  Deutschen  Bund  ohne  Preußen  zu  bilden,  falls  Preußen
die  sächsischen  Ansprüche  nicht  aufgebe;  Oesterreich  beanspruchte  selbstverständlich
  nur  die  bescheidene  Stellung  des  Ersten  unter  Gleichen.  Der
welfische  Staatsmann  begriff  sofort:  das  bedeute  den  Krieg  und  die  Auflösung
  des  Congresses;  er  war  zu  Allem  bereit,  obwohl  ihm  Oesterreichs
Herrschsucht  und  die  ungünstige  geographische  Lage  Hannovers  einige
Sorgen  bereiteten,  und  verlangte  von  England  die  Verlängerung  des
Subsidienvertrages,  damit  das  Welfenheer  gerüstet  würde.

Der  preußische  Kriegsminister  traf  sofort  seine  Anstalten  für  die
Gegenwehr.  Am  26.  December  übersendete  Grolman  den  mit  Boyen,
Gneisenau  und  Schöler  verabredeten  Kriegsplan:*)  zwei  große  Armeen
in  Sachsen  und  am  Rhein  sollten  nach  der  guten  fridericianischen  Weise
den  Feldzug  gleichzeitig  durch  eine  kühne  Offensive  eröffnen,  während  ein
Observationscorps  Schlesien  deckte.  So  bedrohlich  erschien  die  Lage,  daß
man  über  alle  Bedenken  der  militärischen  Rangordnung  hinwegsah  und
zu  Feldherren  der  beiden  Heere  Blücher  und  Gneisenau  vorschlug;  neben
diesen  komme  nur  noch  Bülow  in  Betracht,  da  York,  Kleist  und  Tauentzien
doch  nur  treffliche  Corpsführer  seien.  Oberst  Krauseneck,  der  in  Mainz
unter  dem  österreichischen  Gouverneur  Frimont  die  preußische  Garnison
befehligte,  erhielt  Auftrag,  sich  sofort  auf  gegebenen  Wink  der  Festungs-*)

  Goltz's  Berichte  aus  Paris,  24.  Nov.  19.  Dec.  1814.
**)  Grolman  an  Hardenberg,  29.  Dec.  1814  mit  einer  Denkschrift  über  den  Operationsplan.
        <pb n="664" />
        654  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

werke  am  rechten  Ufer  zu  bemächtigen;  sie  genügten  um  den  Platz  in
Schach  zu  halten,  zur  Besetzung  der  ganzen  Festung  reichten  die  bescheidenen
  Kräfte  nicht  aus.  Auch  die  anderen  Festungen  ließ  Boyen  insgeheim
  ausrüsten.  Die  sächsischen  Truppen  am  Rhein  wurden  ohne  Aufsehen
  weiter  nordwärts,  in  die  Nähe  preußischer  Regimenter  verlegt.  Von
den  kleinen  norddeutschen  Contingenten  nahm  Boyen  an,  daß  sie  allesammt,
  mit  Ausnahme  der  Hannoveraner,  den  Fahnen  Preußens  folgen
müßten.  Die  Monarchie  war  entschlossen  sogleich  als  der  Herr  von  Norddeutschland
  aufzutreten;  wer  durfte  in  einem  solchen  Daseinskampfe  nach
dem  Zetergeschrei  und  den  Souveränitätsverwahrungen  der  Kleinfürsten
fragen?

Inmitten  dieser  allgemeinen  Verwirrung  sah  Talleyrand  seinen  Weizen
  blühen.  Nachdem  ihm  Metternich  die  letzte  österreichische  Note  über
Sachsen  amtlich  mitgetheilt  hatte,  hielt  sich  der  Franzose  nunmehr  berechtigt,
  selber  von  Amtswegen  in  die  sächsischen  Händel  einzugreifen  und
antwortete  dem  österreichischen  Freunde  am  19.  December.  Da  die  polnische
  Frage  zu  einer  einfachen  Grenzfrage  geworden  sei,  so  sei  die  sächsische
Angelegenheit  gegenwärtig  die  wichtigste  Prinzipienfrage  für  den  Welttheil.
  Hier  stehen  die  beiden  Grundsätze  der  Legitimität  und  des  Gleichgewichts
  zugleich  auf  dem  Spiele.  Man  verbreitet  heute  die  entsetzliche
Lehre,  daß  Könige  verurtheilt  werden  können,  daß  die  Strafe  der  Confiscation
  wieder  eingeführt  werden  darf,  daß  die  Völker  wie  die  Herden
eines  Meierhofes  getheilt  werden  dürfen,  daß  es  kein  öffentliches  Recht
giebt,  „daß  für  den  Stärkeren  Alles  gerecht  ist.“  Aber  Europa  verflucht
diese  Grundsätze;  „sie  erregen  den  gleichen  Abscheu  in  Wien,  in  Petersburg,
  in  London,  in  Madrid  und  Lissabon“  (also  nicht  in  Berlin).  Die
Einverleibung  Sachsens  würde  aber  auch  das  Gleichgewicht  Europas  zerstören,
  inmitten  des  Deutschen  Bundes  „eine  unverhältnißmäßige  Angriffsmacht“
  schaffen.  Darum  Herstellung  des  legitimen  Königs;  sind  einige
Abtretungen  zur  Entschädigung  Preußens  unvermeidlich,  so  wird  Frankreich
  dem  rechtmäßigen  Herrscher  dazu  rathen.

Durch  diese  Note  warf  Talleyrand  den  geheimen  Artikel  des  Pariser
Friedens  den  vier  Mächten  zerrissen  vor  die  Füße.  Nachdem  er  lange
nur  im  Dunkeln  gegen  den  Vertrag  angekämpft,  drängte  er  sich  jetzt  mit
einer  amtlichen  Denkschrift  in  die  Territorialverhandlungen  ein,  von  denen
Frankreich  vertragsmäßig  ausgeschlossen  war,  und  unterstützte  den  österreichischen
  Vorschlag  der  Theilung  Sachsens  —  was  ihn  freilich  nicht
abhielt,  im  selben  Athemzuge  den  Fluch  Europas  wider  die  Politik  der
Ländervertheilung  auszusprechen.  Eine  zweite  Note  des  Franzosen  an
Castlereagh  (v.  26.  Dee.)  schlug  jenen  Ton  legitimistischer  Salbung  an,
welcher  den  Hochtorys  unwiderstehlich  war.  Der  Zweck  des  Congresses
ist,  „die  Revolution  zu  schließen“;  früher  bekämpften  sich  Republik  und
Monarchie,  heute  die  revolutionären  und  die  legitimen  Dynastien;  die
        <pb n="665" />
        Nochmals  das  Comité  der  Vier.  655

revolutionären  Dynastien  sind  alle  verschwunden  bis  auf  die  eine,  die  in
Neapel  haust,  die  legitimen  alle  wiederhergestellt  bis  auf  die  eine  des  unglücklichen
  Königs  von  Sachsen;  „die  Revolution  ist  also  noch  nicht  geschlossen;"
  und  Frankreich  erwartet,  daß  der  Congreß  seine  Pflicht  erfülle.
—  Schon  die  nächsten  Tage  lehrten,  daß  Frankreichs  Vertragsbruch  den
österreichischen  wie  den  englischen  Staatsmännern  hochwillkommen  kam.
Die  drei  Mächte  waren  einig;  bereits  am  14.  December  hielt  Metternich
die  werdende  Tripel-Allianz  für  so  gesichert,  daß  er  den  sächsischen  Agenten
Schulenburg  beauftragte,  er  möge  seinem  königlichen  Herrn  schreiben:
Sachsen  ist  gerettet!  —

Da  die  formlosen  Verhandlungen  nicht  zum  Ziele  führten,  so  beschloß
man  endlich,  das  Comite  der  Vier  wieder  einzuberufen  und  die  Gebietsfragen
  feierlich  vor  dem  Forum  der  vier  verbündeten  Großmächte  zu  erledigen.
  Am  29.  December  begann  dies  Comité  auf's  Neue  zu  tagen.
Der  Verlauf  war  wie  zu  erwarten  stand:  über  Mainz  war  alle  Welt
einig;  desgleichen  über  die  Hauptpunkte  der  polnischen  Angelegenheit;  nur
die  sächsische  Frage  rückte  nicht  von  der  Stelle.  Eine  neue  Note  Hardenberg's
  an  Metternich  (v.  29.  Dec.)  fragte  die  Gegner:  „will  man  Preußen
in  die  Nothwendigkeit  setzen,  in  Zukunft  nach  Vergrößerungen  zu  streben?“
Sie  erregte  einen  Sturm  der  Entrüstung,  da  man  die  Wahrheit  des  Vorwurfs
  fühlte.  Auch  eine  Denkschrift  Stein's  (v.  20.  Dec.)  konnte  den
österreichischen  Minister  nur  in  seiner  Ansicht  bestärken.  Der  edle  Mann
sagte  voraus,  das  wiederhergestellte  Sachsen  werde  im  Norden  eine  ebenso
gefährliche  Macht  der  Zwietracht  sein  wie  Baiern  im  Süden;  er  ahnte
nicht,  daß  die  Hofburg  nichts  sehnlicher  wünschte  als  ein  norddeutsches
Baiern.

Die  Hintergedanken  Oesterreichs  verriethen  sich  schon  in  der  ersten
Sitzung  der  Vier,  als  Metternich  den  Eintritt  Talleyrand's  in  das  Comité
beantragte;  zugleich  erklärte  er,  ohne  die  Genehmigung  Friedrich  August's
könne  die  sächsische  Frage  nicht  entschieden  werden.  Das  hieß  den  Albertiner
  zum  Herrn  der  Frage  machen.  So  weit  wollte  Castlereagh  allerdings
  nicht  gehen;  aber  für  den  Zutritt  des  französischen  Ministers  sprach
auch  er  sich  aus.  Nach  der  wunderbaren  Logik  dieses  Kopfes  war  die  Zulassung
  Frankreichs  schon  darum  nothwendig,  „weil  die  Verträge  von  Kalisch
und  Reichenbach  nach  dem  geheimen  Artikel  des  Pariser  Friedens  auch  für
Frankreich  rechtsverbindlich  seien“"  —  und  doch  schloß  jener  selbe  Artikel
Frankreich  von  jeder  Mitwirkung  bei  den  Gebietsverhandlungen  ausdrücklich
  aus.  Solchen  Zumuthungen  traten  Rußland  und  Preußen  mit  wiederholten
  scharfen  Erwiderungen  entgegen;  sie  wollten  Friedrich  August  unter
keinen  Umständen  und  auch  Talleyrand  erst  dann  in  das  Comité  einlassen,
wenn  die  vier  Mächte  sich  bereits  geeinigt  hätten.  Es  fielen  bittere  Worte,
ernste  Drohungen.  Unter  dem  Eindruck  dieser  leidenschaftlichen  Auftritte
verfiel  Lord  Castlereagh  zuerst  auf  den  unseligen  Gedanken,  welchen  Talley-
        <pb n="666" />
        656  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

rand  seit  Monaten  schürend  und  hetzend  vorbereitet  hatte:  er  beantragte
insgeheim  ein  Kriegsbündniß  zwischen  England,  Oesterreich,  Frankreich
und  ihren  kleinen  Gesinnungsgenossen.  Im  Grunde  ist  es  müßig,  einen
Charakter  dieses  Schlages  nach  seinen  Beweggründen  zu  fragen.  Der
edle  Lord  war  was  seine  Landsleute  stubborn  nennen;  in  blindem  Eifer
rannte  der  englische  Stier  auf  das  rothe  Tuch  der  sächsischen  Frage
los,  das  ihm  die  gewandten  Espadas  Metternich  und  Talleyrand  vor—
hielten;  zudem  war  dem  Lord  soeben  die  Nachricht  zugekommen,  daß
England  in  Gent  mit  Nordamerika  Frieden  geschlossen,  also  die  Arme
frei  hatte.  Irgend  ein  Interesse,  das  den  englischen  Staat  zum  Kriege
wider  Preußen  treiben  konnte,  war  freilich  auf  der  weiten  Welt  nicht
vorhanden;  aber  man  hatte  sich  seit  vielen  Wochen  in  die  Entrüstung
wider  den  Staat,  der  die  Sache  Europas  verrathen  haben  sollte,  hinein—
geredet,  und  einmal  doch  mußte  das  von  „den  Hunden  Frankreichs“  an—
gefachte  Feuer  in  hellen  Flammen  aufschlagen.  Selbst  Gagern  wußte
zur  Entschuldigung  der  britischen  Tollheit  nur  zu  sagen:  „der  Topf  lief
über  oder  es  war  Vorwand.“

Während  Metternich  mit  den  Vertretern  der  Westmächte  den  Angriff
auf  Preußen  besprach,  ging  der  gesellige  Verkehr  der  diplomatischen  Welt
in  ungetrübter  Munterkeit  weiter;  mit  der  gewohnten  treuherzigen  Ge—
müthlichkeit  bewirthete  der  gute  Kaiser  Franz  seine  fürstlichen  Gäste,  denen
er  das  Messer  in  den  Rücken  zu  stoßen  hoffte.  Noch  am  2.  Januar
schrieb  Metternich  „seinem  theuersten  Fürsten“  Hardenberg  ein  freundschaft—
liches  Billet,  bat  ihn  wegen  dringender  Geschäfte  die  heutige  Sitzung  auf
morgen  zu  verschieben;“)  einige  Stunden  nachher  kam  er  selber  zu  dem
Staatskanzler  um  Rücksprache  zu  nehmen  wegen  der  Artikel  über  Thorn
und  Krakau.  Von  der  Sitzung  des  3.  Januar  berichten  die  Protokolle
des  Vierer-Ausschusses  nur,  daß  Oesterreich,  im  Wesentlichen  mit  den
russischen  Vorschlägen  einverstanden,  eine  Vergrößerung  seines  polnischen
Antheils  verlangt  habe.  An  demselben  Tage,  der  sich  so  friedlich  anließ,
unterzeichnete  Metternich  mit  Castlereagh  und  Talleyrand  das  Kriegsbündniß
  gegen  Preußen  und  Rußland.  Der  Wortlaut  dieses  seltsamen
Vertrages  war  ebenso  dunkel  wie  die  Absichten  seiner  Urheber;  man  hatte
guten  Grund  das  Licht  zu  scheuen.  „In  Folge  neuerdings  offenbarter
Ansprüche“  verpflichten  sich  die  drei  Mächte,  einander  gegenseitig  mit  mindestens
  150,000  Mann  zu  unterstützen,  falls  eine  von  ihnen  wegen  ihrer
gemeinsam  aufgestellten  gerechten  und  billigen  Vorschläge  angegriffen  oder
bedroht  werden  sollte;  ein  Angriff  auf  Hannover  oder  die  Niederlande
gilt  als  ein  Angriff  auf  England.  Die  drei  Mächte  haben  zugleich  „die
Absicht,  die  Bestimmungen  des  Pariser  Friedens  in  der  seinem  wahren
Zwecke  und  Geiste  möglichst  entsprechenden  Weise  zu  vervollständigen."“

 

*)  Metternich  an  Hardenberg,  2.  Januar  1815.
        <pb n="667" />
        Das  Bündniß  vom  3.  Januar.  657

Andere  Mächte,  namentlich  Baiern,  die  Niederlande  und  Hannover,  sollen
zum  Beitritt  eingeladen  werden.  —  Also  zur  Vervollständigung  des  Pa—
riser  Friedens,  der  jede  Einmischung  Frankreichs  in  die  Gebietsfragen
untersagte,  schlossen  Oesterreich  und  England  ein  Bündniß  mit  Frankreich!
Der  Vertrag  sprach  nur  von  einem  Vertheidigungsbündniß;  sein  wirklicher
Zweck  war  der  Angriff.  Denn  wollte  man  jenen  „neuerdings  offenbarten
Ansprüchen“  entgegentreten,  so  mußte  man  zunächst  den  Besitzstand  Preuzhens
  in  Sachsen  angreifen.  Ein  geheimer  Artikel  enthielt  überdies  die
verständliche  Drohung:  wenn  Baiern,  Hannover  oder  die  Niederlande  der
Einladung  nicht  folgten,  so  würden  sie  „jedes  Recht  auf  die  Vortheile  verlieren,
  welche  sie  kraft  des  gegenwärtigen  Vertrages  beanspruchen  könnten."

Nach  der  Absicht  seines  eigentlichen  Urhebers,  Talleyrand's,  war  der
Bund  unzweifelhaft  dazu  bestimmt,  mit  überlegener  Macht  das  erschöpfte
Preußen  zu  überfallen  und  von  seiner  neu  errungenen  Großmachtstellung
wieder  herabzustürzen.  Der  Franzose  stand  am  Ziele  seiner  Wünsche;
er  rühmte  sich  mit  vollem  Rechte:  „ich  habe  für  Frankreich  eine  föderative
  Stellung  geschaffen,  wie  sie  fünfzig  Jahre  glücklicher  Unterhandlungen
kaum  hätten  erreichen  können,“  und  ließ  den  General  Ricard  aus  Paris
kommen  um  mit  Schwarzenberg  und  Wrede  den  Feldzugsplan  für  das
Frühjahr  zu  verabreden.  Bereits  wurden  in  Böhmen  Truppen  zusammengezogen,
  Wrede  verkündete  prahlend  den  unzweifelhaften  Sieg,  Münster
  aber  zeichnete  den  Geist  dieser  unvergleichlich  treulosen  Politik  mit
dem  frivolen  Ausruf:  „wir  spielen  eine  Partie  en  trois;  ist  der  Feind
geschlagen,  so  geht  es  gegen  den  Freund.“  Stein  hat  seitdem  nie  wieder
Vertrauen  zu  den  Welfen  fassen  wollen.  In  Friedrichsfelde  athmete
man  auf.  Der  gefangene  König  gab  seinem  Bruder  Anton  Vollmacht
sofort  beim  Einmarsch  des  Heeres  der  Tripelallianz  die  Regentschaft  in
Sachsen  zu  übernehmen,  und  empfing  von  dem  Prinzen  die  frohe  Botschaft:
  „mein  Schwager  Franz  wird  unsern  Nachbarn  nicht  sehr  gnädig
behandeln!“  Graf  Schulenburg  sah  schon  die  glücklichen  Tage  nahen,  da
Preußens  Macht  zerfallen  und  Hannover  die  Führerstellung  im  Norden
übernehmen  würde  —  eine  Weissagung,  worin  man  leicht  den  Widerhall
welfischer  Prahlereien  erkennt.

Der  Vertrag  vom  3.  Januar  ist  von  lang  nachwirkenden  mittelbaren
Folgen  gewesen.  Er  hat  Frankreich  wieder  eingeführt  in  die  Gemeinschaft
der  Staatengesellschaft  und  zwischen  den  Westmächten  jene  vielgerühmte
entente  cordiale  begründet,  welche  seitdem,  immer  nur  auf  kurze  Zeit
unterbrochen,  fortgewährt  hat  bis  zum  heutigen  Tage.  Er  hat  am  Wiener
Hofe  den  alten  Choiseul'schen  Gedanken  des  Bundes  der  katholischen  Großmächte
  wieder  belebt,  eine  Politik,  der  es  fortan  in  der  Hofburg  niemals
mehr  an  mächtigen  Freunden  fehlte.  Er  ließ  zugleich  eine  natürliche
Gruppirung  der  Mächte  ahnen,  die  einer  großen  Zukunft  sicher  war:  hier
die  Westmächte,  Oesterreich  und  die  Pforte;  dort  die  jungen  Staaten

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  J.  42
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        658  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Preußen,  Rußland  und  Nordamerika.  Preußen  lernte  endlich,  wessen
man  sich  von  Oesterreich  selbst  unter  dem  Segen  des  friedlichen  Dualismus
zu  versehen  habe.  Hardenberg  freilich  hat  die  „unglückliche  Uebereilung“
seiner  österreichischen  Freunde  nur  zu  bald  großmüthig  vergessen;  doch
unter  den  jüngeren,  kräftigeren  Männern  der  Regierungskreise  blieb  die
Erinnerung  an  jenen  Treubruch  lange  lebendig.  Die  alten  glorreichen
fridericianischen  Ueberlieferungen  fanden  wieder  muthige  Bekenner;  und
jener  Staatsmann,  der  nachher  in  langen  stillen  Friedensjahren  die  Politik
des  großen  Königs  behutsam  weiter  führen  sollte,  der  Hauptbegründer  des
Zollvereins,  Eichhorn,  hatte  an  den  sächsischen  Händeln  mit  seiner  scharfen
Feder  theilgenommen  und  sich  sein  Urtheil  über  Oesterreich  aus  den  Erfahrungen
  des  Wiener  Congresses  gebildet.

Es  giebt  aber  ein  letztes  Maß  des  Unsinns,  das  in  einer  geordneten
Staatengesellschaft  auf  die  Dauer  nicht  überschritten  werden  kann.  Kaum
war  der  Vertrag  unterzeichnet,  so  fragte  sich  Lord  Castlereagh,  wie  er  mit
einer  so  ganz  unenglischen  Politik  vor  dem  Parlamente  bestehen  sollte.
Hatte  England  darum  ein  Vierteljahrhundert  hindurch  gegen  Frankreichs
Uebermacht  gekämpft,  damit  jetzt  150,000  napoleonische  Veteranen  unter
dem  Lilienbanner  wieder  den  Rhein  überschritten?  Man  kannte  in  Wien,
trotz  aller  Ableugnungen  Talleyrand's,  die  bonapartistische  Gesinnung  des
französischen  Heeres.  Und  sollte  der  kaum  erst  blutig  erkämpfte  Friede
wieder  gestört  werden  —  einem  napoleonischen  Satrapen  zu  Lieb'?  Die
verbrecherische  Thorheit  eines  solchen  Unterfangens  begann  dem  Briten
doch  einzuleuchten;  auch  Metternich  ward  besorgt  über  den  lauten  Jubel
der  Franzosen  und  der  Rheinbündler.  Während  der  folgenden  Wochen
schlossen  sich  noch  Sardinien,  Baiern,  Hannover,  Darmstadt  dem  Bündniß
vom  3.  Januar  an,  ja  die  Schwerfälligkeit  der  Oranischen  Regierung
hatte  sogar  den  tragikomischen  Erfolg,  daß  die  Niederlande  erst  im  April
dem  Kriegsbunde  gegen  Preußen  förmlich  beitraten  —  in  einem  Augenblicke,
  da  die  Welt  durch  Napoleon's  Rückkehr  längst  wieder  verwandelt
war  und  Preußens  Heer  bereits  heranzog  die  Niederlande  gegen  Frankreich
  zu  vertheidigen.  Doch  das  Bündniß  war  todt  geboren,  eine  wirkliche
Kriegsgefahr  bestand  nur  etwa  sechs  Tage  lang.

Schon  in  der  Sitzung  vom  9.  Januar  thaten  Oesterreich  und  England,
  auf  Castlereagh's  Andringen,  einen  ersten  Schritt  zur  Versöhnung.
Sie  gaben  die  feierliche  Erklärung  ab,  daß  die  Verhandlungen  über
Sachsen  lediglich  den  Zweck  hätten  dem  preußischen  Staate  die  vertragsmäßige
  Entschädigung  zu  verschaffen,  und  darum  die  Entscheidung
in  keiner  Weise  von  der  Zustimmung  Friedrich  August's  abhängig  sei.
Nur  unter  dieser  Bedingung  genehmigten  Preußen  und  Rußland  den
jetzt  unvermeidlichen  Eintritt  des  französischen  Ministers.  Am  12.  Januar
  trat  Talleyrand  in  den  Rath  der  Großmächte  ein.  Das  Comité
der  Vier  erweiterte  sich  zum  Fünfer-Ausschuß,  und  diese  Fünf  bildeten
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        Der  europäische  Fünfer-Ausschuß.  659

den  eigentlichen  Congreß"),  so  daß  die  erlauchte  Versammlung  gerade
vier  Monate  gebraucht  hatte  um  sich  nur  zu  constituiren.  Das  Uebergewicht
  der  fünf  großen  Mächte  erzwang  sich  Geltung,  allen  Abreden
zuwider.  Nunmehr  fand  Talleyrand  selbst  die  Hegemonie  der  Groß-=mächte
  nicht  mehr  unverträglich  mit  „dem  öffentlichen  Rechte“;  keine  Rede
mehr  von  allen  den  wohllautenden  Gründen,  womit  er  einst  zu  Beginn
  des  Congresses  die  Gleichberechtigung  aller  Staaten  Europas  vertheidigt
  hatte.

„Auch  die  preußischen  Staatsmänner  begannen  einzusehen,  daß  einige
Nachgiebigkeit  geboten  war.  Der  Vertrag  vom  3.  Januar  blieb  ihnen
freilich  völlig  verborgen.  Als  die  Grenzverhandlungen  um  jene  Zeit  nicht
vorwärts  wollten,  da  haben  die  preußischen  Bevollmächtigten  einmal  dem
niederländischen  Minister  Nagell  gedroht:  wenn  Holland  allzu  widerspenstig
bleibe,  so  werde  Preußen  sich  an  Frankreich  anschließen  —  was  der  Holländer
  sofort,  triumphirend  über  die  arglose  Unwissenheit  der  Preußen,
seinen  englischen  Freunden  meldete.  So  wenig  ahnte  Hardenberg's  Staatskanzlei,
  daß  der  Kriegsbund  der  Gegner  bereits  geschlossen  war.  Doch
auf  die  Möglichkeit  eines  Krieges  war  sie  längst  gefaßt;  zu  so  vielen
anderen  drohenden  Anzeichen  kam  jetzt  noch  die  sichere  Nachricht,  daß
England  und  Oesterreich,  auf  Talleyrand's  Betrieb,  die  Pforte  zu  einem
Angriff  auf  Rußland  zu  bereden  suchten.  Man  konnte  sichs  nicht  verbergen,
  die  Einverleibung  Sachsens  ließ  sich  höchstwahrscheinlich  nur  durch
einen  europäischen  Krieg  erreichen.  Und  war  denn  die  Frage,  ob  die  Albertiner
  in  Münster,  Trier  oder  Dresden  hausen  sollten,  wichtig  genug  um
deshalb  das  ermüdete  Volk  nochmals  unter  die  Waffen  zu  rufen?  Die
wohlmeinenden  Männer  der  Staatskanzlei  überkam  doch  zuweilen  ein  Gefühl
  patriotischer  Scham,  wenn  sie  zurückschauten  auf  den  jammervollen
Gang  des  Congresses:  vier  Monate  unablässigen  Streites,  und  noch  kein
einziges  positives  Ergebniß  für  Deutschland  gesichert!  In  der  arg  enttäuschten
  Nation  stieg  der  Mißmuth  also,  daß  selbst  Goethe  einmal  zürnend
aus  seiner  olympischen  Ruhe  heraustrat.  Am  2.  Januar  brachte  eine
Jenaer  Zeitung  ein  Gedicht  des  Altmeisters:

Sagt,  wie  schon  am  zweiten  Tage

Sich  ein  zweites  Fest  entzündet?

Hat  vielleicht  willkommne  Sage

Vaterland  und  Reich  gegründet?

Nein!  —
und  mit  diesem  harten  Nein  ging  der  Alte  gelassen  dazu  über,  dem  „würdigen
  und  biedern“  Gothaischen  Minister  Frankenberg  zum  Jubelfeste  Glück
zu  wünschen.  Das  vornehm  geringschätzige  Wort  des  Dichters  machte,  wie
Varnhagen  versichert,  auf  die  Besseren  der  deutschen  Diplomaten  doch  tiefen

 

*)  So  Humboldt  in  seinem  handschriftlichen  „Systematischen  Verzeichniß“  der  Congreßverhandlungen,
  Wien  15.  Juni  1815.
42
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        660  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Eindruck;  man  empfand  immer  schmerzlicher,  daß  man  bisher  gar  nichts
geleistet.  Und  nun  sollte  gar  dieser  Congreß,  der  berufen  war  dem  zer—
rütteten  Welttheil  eine  dauerhafte  Ordnung  zu  geben,  mit  einem  neuen
europäischen  Kriege  enden?

Sehr  bald  sah  Hardenberg  ein,  daß  er  eine  solche  Verantwortung
nicht  übernehmen  dürfe.  In  der  Sitzung  der  Fünf  vom  12.  Januar  ver—
langte  er  zwar  nochmals  das  ungetheilte  Sachsen;  doch  insgeheim  berieth
er  bereits  seit  einigen  Tagen  mit  dem  getreuen  Hoffmann,  ob  es  nicht
gerathen  sei,  auf  einen  Theil  Sachsens  zu  verzichten,  und  schon  am  13.  Ja—
nuar  entwarf  er  einen  Plan  très-confidentiel,  worin  er  die  Möglichkeit
zugab  etwa  840,000  Einwohner  von  Sachsen  wieder  an  Friedrich  August
zu  überlassen.  Dafür  forderte  er  Bayreuth,  „die  Wiege  unserer  Ahnen.
Politische  und  militärische  Gründe  rathen  sowohl  uns  als  den  andern
Mächten,  nicht  zu  gestatten,  daß  Frankreich,  Baiern  und  Sachsen  in  den
Besitz  einer  ununterbrochenen,  Deutschland  von  den  Grenzen  Frankreichs
bis  nach  Böhmen  und  Preußen  hin  durchschneidenden  Querlinie  kommen.“
Die  Sorge  vor  einem  neuen  Rheinbunde  blieb  nach  wie  vor  bestimmend
für  Preußens  Politik.

Sobald  dieser  Entschluß  dem  Ausschusse  der  Fünf  bekannt  wurde,
war  der  Boden  geebnet  für  die  Verständigung.  Die  sächsische  Angelegen—
heit  verlor  den  Charakter  einer  Principienfrage,  und  es  begann  der  un—
erquickliche  Streit  um  die  einzelnen  Stücke  des  sächsischen  Landes.  Die
Aufgabe  der  preußischen  Unterhändler  blieb  noch  immer  sehr  schwierig.
Sie  verlangten  vor  Allem  die  Saalepässe  sowie  die  Festungen  Wittenberg
und  Torgau;  die  Bedeutung  dieser  Positionen  für  die  damalige  Kriegsweise
  hatte  sich  in  den  Kriegen  von  1806  und  13  genugsam  gezeigt,  und
—  dessen  hatten  Hardenberg  und  Humboldt  gar  kein  Hehl  —  ein  freundnachbarliches
  Verhältniß  zu  den  Albertinern  stand  auf  lange  Jahre  hinaus
nicht  zu  hoffen.  Sie  forderten  ferner  den  größten  Theil  der  Lausitz  mit
dem  reichen  Görlitz,  und  endlich  Leipzig.  Die  Stadt  war  nicht  nur  hochwichtig
  als  der  Mittelpunkt  des  geistigen  wie  des  wirthschaftlichen  Lebens
der  obersächsischen  Lande;  der  große  Meßplatz  mußte  auch,  wenn  er  eine
sächsische  Grenzstadt  blieb,  voraussichtlich  durch  einen  schwunghaften
Schmuggelhandel  für  das  preußische  Zollwesen  sehr  gefährlich  werden.
Fast  jede  dieser  Forderungen  fand  bei  den  Verbündeten  vom  3.  Januar
lebhaften  Widerspruch.  Talleyrand  zitterte  für  das  deutsche  Gleichgewicht:
falle  Torgau  an  Preußen,  so  werde  Oesterreich  gezwungen  ein  unerschwinglich
  kostspieliges  Heer  zu  halten.  Metternich  wünschte  den  preußischen
Antheil  auf  die  Niederlausitz  zu  beschränken  und  bot  dem  Staatskanzler
sogar  das  schon  für  Oesterreich  selbst  bestimmte  Tarnopol  an,  wenn  er
nur  seine  sächsischen  Ansprüche  ermäßige.  Castlereagh  endlich  suchte  namentlich
  Leipzig  für  die  Albertiner  —  das  will  sagen:  für  den  englischen
Schmuggel  —  zu  retten.
        <pb n="671" />
        Theilung  Sachsens.  661

Höchstwahrscheinlich  hätte  Preußen,  einem  so  allgemeinen  Widerstande
gegenüber,  selbst  in  diesem  letzten  Stadium  der  sächsischen  Frage  nochmals
den  Kürzeren  gezogen,  wenn  man  nicht  doch  noch  zum  Degen  greifen
wollte.  Jetzt  aber  zeigten  sich  die  vortheilhaften  Folgen  jener  vielgeschol—
tenen  Schwenkung  des  Königs.  Der  Czar  unterstützte  fest  und  nachdrücklich
  jeden  Anspruch  seines  Freundes,  und  da  die  Gegner,  mit  einziger
Ausnahme  Frankreichs,  den  Krieg  nicht  ernstlich  wollten,  so  haben  sie
schließlich  den  meisten  der  preußisch-russischen  Forderungen  nachgegeben.
Talleyrand's  Muse  schwelgte  wieder  in  freien  Erfindungen,  um  die  feste
Eintracht  der  beiden  Mächte  zu  zersprengen.  Da  sollte  Alexander  ärger—
lich  ausgerufen  haben:  „Ach,  wenn  ich  mich  nur  nicht  so  tief  eingelassen
hätte!  Wenn  ich  nur  mein  Wort  nicht  gegeben  hätte!“  —  und  was  der
Anekdoten  mehr  war.  Sehr  möglich,  daß  Czartoryski  seinem  kaiserlichen
Freunde  rieth  die  Preußen  preiszugeben;  Talleyrand  selbst  nannte  den
Polen  seinen  nützlichsten  Vermittler.  Aber  die  Interessen,  welche  die
russische  mit  der  preußischen  Politik  verbunden,  waren  stärker  als  Alexan—
der's  Launen  oder  der  Deutschenhaß  seines  sarmatischen  Rathgebers:  wurde
Preußen  nicht  vollständig  entschädigt,  so  konnte  Rußland  die  ersehnte  Pros—
nagrenze  nicht  erlangen.  Darum  hielt  der  Czar  treu  zu  seinem  Freunde
und  betrieb,  wie  Gentz  erbost  an  Karadja  schrieb,  die  preußischen  Forde—
rungen  ganz  so  eifrig  wie  seine  eigenen.  In  dem  gesammten  Verlaufe
dieser  letzten  Verhandlungen  ist  es  nicht  ein  einziges  mal  geschehen,  daß
Rußland  sich  von  Preußen  getrennt  hätte.  Wenn  der  Czar  schließlich
aus  dem  Streite  größeren  Vortheil  zog  als  sein  Verbündeter,  so  lag  der
Grund  nicht  in  irgend  einer  Treulosigkeit  der  Russen,  sondern  in  der  That—
sache,  daß  jetzt  nur  noch  die  preußischen,  nicht  mehr  die  russischen  Ansprüche
durch  Oesterreich  und  die  Westmächte  bestritten  wurden.  Lediglich  der  ver—
ständigen  Politik  des  Königs  war  es  zu  verdanken,  daß  nach  peinlichem
Streite  die  Saalepässe  und  die  nordthüringischen  Lutherlande,  die  Festungen
der  Elblinie  und  Görlitz  an  Preußen  kamen.  Nur  Leipzig  wurde  durch
die  englische  Handelspolitik  hartnäckig  vertheidigt.  Als  alle  Einigungsver—
suche  scheiterten,  da  entschloß  sich  Alexander  auf  Castlereagh's  dringende
Vorstellungen  endlich  zu  einem  „Opfer“,  das  ihm  hart  ankam:  er  bot
(8.  Febr.)  zum  Ersatz  das  feste  Thorn  und  dessen  Umgebungen.

Es  war  eine  kümmerliche  Entschädigung  und  doch  ein  Beweis  für
Alexander's  guten  Willen.  Seine  Russen  hatten  sich  in  der  Weichselfestung
längst  häuslich  eingerichtet  und  wollten  dem  Czaren  diese  Nachgiebigkeit
lange  nicht  verzeihen.  Alles  in  Allem  war  das  für  das  sächsische  Volk
so  schmerzliche  Compromiß  der  Theilung  des  streitigen  Landes,  bei  der
annähernden  Gleichheit  der  Kräfte  beider  Parteien,  das  einzig  mögliche  Ergebniß,
  da  man  hüben  wie  drüben  den  Krieg  scheute;  und  daß  die  Theilung
für  Preußen  so  günstig  ausfiel,  daß  der  Albertiner  die  größere  Hälfte
seines  Gebietes  abtreten  mußte,  ward  allein  möglich  durch  Rußlands  Beistand.
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        662  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Nunmehr  galt  es,  an  anderen  Stellen  Deutschlands  die  zu  Preußens
voller  Entschädigung  noch  fehlenden  Landstriche  zu  suchen.  Den  unglücklichen
  Einfall,  die  Bayreuther  Angelegenheit  wieder  aufzunehmen,  gab  der
Staatskanzler  bald  auf.  Dagegen  ließ  Metternich  die  so  lange  und  hartnäckig
  festgehaltene  Moselgrenze  fallen;  Preußen  erhielt  Coblenz  und  das
Gebirgsland  zwischen  Saar  und  Nahe.  Die  preußischen  Staatsmänner
verhehlten  nicht,  daß  der  König  nur  um  Deutschlands,  „nur  um  des  allgemeinen
  Wohles  willen“  den  linksrheinischen  Besitz  übernehme;  Preußen
gelange  dadurch  in  eine  ähnliche  bedrohte  Stellung  wie  einst  Oesterreich
durch  die  Erwerbung  Belgiens.  Eben  diese  Bedrängniß  des  Nebenbuhlers
war  in  Metternich's  Augen  der  einzige  Trost  für  das  unwillkommene  Vorrücken
  Preußens  gegen  Süddeutschland  hin;  wie  schön,  meinte  er  zu
seinen  Vertrauten,  daß  man  Preußen  also  mit  Frankreich  unmittelbar
„compromittirt“  habe!  Uebrigens  gönnte  er  dem  preußischen  Gebiete  nicht
einmal  auf  dem  linken  Rheinufer  eine  genügende  Abrundung.  Ein  Stück
des  alten  Saar-Departements  wurde  vorbehalten,  um  hier,  dicht  an  der
gefährdeten  Grenze,  die  Ansprüche  von  Oldenburg,  Coburg,  Homburg,
Strelitz  und  Pappenheim  zu  befriedigen.  Nach  Oesterreichs  Ansicht  war
es  ja  ein  Gebot  weiser  Politik,  möglichst  viele  Kleinstaaten  zur  Vertheidigung
  der  Rheingrenze  zu  nöthigen.  Es  war,  als  wollte  die  Hofburg
die  benachbarten  Elsaß-Lothringer  durch  den  täglichen  Anblick  des  ganzen
Elends  deutscher  Kleinstaaterei  gründlich  von  dem  Segen  französischer
Staatseinheit  überzeugen.  Sodann  bewilligte  Castlereagh,  daß  die  Landforderungen
  Hannovers  und  der  Niederlande  zu  Preußens  Vortheil  etwas
herabgesetzt  wurden.

Auch  die  polnischen  Händel  kamen  während  der  nächsten  Wochen  in's
Gleiche.  Durch  den  Vertrag  vom  3.  Mai  1815  wurde  die  neutrale  Republik
  Krakau  begründet.  Eine  Commission  der  drei  Theilungsmächte  —
für  Preußen  Jordan  und  Stägemann  —  ging  hinüber  um  die  neue  Verfassung
  einzurichten.  Indeß  fühlte  man  von  vorn  herein,  wie  lebensunfähig
diese  lächerlichste  von  allen  Kunstschöpfungen  des  Congresses  war;  schon
die  Instruction  der  Commissare  drohte  mit  dem  Einschreiten  der  drei
Mächte,  falls  der  junge  Freistaat  zu  einem  Herde  des  Aufruhrs  würde.

Der  englische  Bevollmächtigte  ließ  es  sich  nicht  nehmen,  noch  einmal
die  der  britischen  Tugend  so  wohlthuende  und  dabei  so  wenig  kostspielige
Rolle  des  Protectors  sarmatischer  Freiheit  zu  spielen;  so  hoffte  er  zugleich
  den  Zorn  der  Whigs  über  die  Preisgebung  Polens  zu  beschwichtigen.
Er  verlangte  in  einer  phrasenhaften  Circularnote  vom  12.  Januar:  da
ein  unabhängiges  Polen  unter  einem  eigenen  Herrscherhause  leider  unmöglich
  sei,  so  sollten  die  drei  Theilungsmächte  sich  mindestens  verpflichten
„die  Polen  als  Polen  zu  behandeln“.  Die  naive  Unwissenheit  des  edlen
Lords  dachte  die  drei  Theilungsmächte  auf  einen  Fuß  zu  behandeln;  wer
hätte  auch  diesem  Kopfe  beibringen  sollen,  daß  Preußen  zu  dem  kleinen,
        <pb n="673" />
        Die  Verträge  über  Polen.  663

schon  theilweise  germanisirten  Posen  ganz  anders  stand  als  Oesterreich  zu
dem  polnisch-ruthenischen  Galizien  oder  Rußland  zu  der  Hauptmasse  der
alten  Adelsrepublik?  Wollten  die  Ostmächte  diese  neue  unberufene  An—
maßung  Englands  nach  Gebühr  abfertigen,  so  mußten  sie  das  Cabinet
von  St.  James  verbindlich  ersuchen,  zuvörderst  die  Iren  als  Iren  zu  be—
handeln.  Sie  verschmähten  jedoch  weislich,  einen  neuen  müßigen  Streit
zu  erregen  und  antworteten  mit  höflichen  nichtssagenden  Noten.  Harden—
berg  erwiderte  (30.  Jan.):  Preußen  sei  bereit  dem  Posener  Lande  eine  den
Gewohnheiten  und  dem  Geiste  der  Einwohner  entsprechende  Verwaltung
zu  geben  und  zu  zeigen,  daß  das  nationale  Dasein  der  Völker  unter  jeder
Regierung  unangetastet  bleiben  könne.  Auf  eine  Beschränkung  der  eigenen
Souveränität  ließ  er  sich  nicht  ein.  Es  war  für  Oesterreich  wie  für
Preußen  gebieterische  Pflicht,  sich  nicht  die  Hände  zu  binden,  da  Niemand
den  Verlauf  der  polnischen  Experimente  Alexander's  berechnen  konnte;  auch
der  Czar  selber  wünschte  nicht,  in  seinen  völkerbeglückenden  Plänen  beauf—
sichtigt  zu  werden.  Daher  enthielt  weder  die  Schlußacte  des  Congresses
noch  der  Vertrag  der  drei  Theilungsmächte  vom  3.  Mai  irgend  ein  Wort,
das  die  Polen  zu  politischer  Selbständigkeit  berechtigte.  Die  drei  Mächte
versprachen  lediglich:  „ihre  polnischen  Unterthanen  sollen  Institutionen
erhalten,  welche  die  Bewahrung  ihres  Volksthums  sichern,  in  Gemäßheit
der  Staatsformen,  welche  jede  der  betheiligten  Regierungen  ihnen  zu  ge—
währen  für  gut  finden  wird.“  Dazu  die  Zusage  freien,  höchstens  durch
einen  Zoll  von  10  Procent  beschwerten  Handels  mit  den  eigenen  Erzeug—
nissen  der  vormals  polnischen  Landestheile,  freier  Durchfuhr  gegen  mäßige
Zölle  und  freier  (d.  h.  unverbotener)  Schifffahrt  auf  den  polnischen
Flüssen  bis  in  die  Seehäfen.  Die  Theilungsmächte  waren  mithin  nur
verpflichtet,  Sprache  und  Sitte  des  Volkes  zu  schonen,  desgleichen  dem
Handel  einige  geringfügige  Begünstigungen  zu  gewähren;  in  allem  Uebrigen
behielten  sie  freie  Hand.

Gegen  Mitte  Februars  waren  die  Gebietsverhandlungen  zwischen  den
Großmächten  nahezu  beendigt.  Talleyrand's  Kriegslust  hatte  an  dem  tiefen
Friedensbedürfniß  der  ermüdeten  Zeit  zuletzt  doch  einen  unüberwindlichen
Widerstand  gefunden;  in  dem  Comité  der  Fünf  gewann  er  keinen  entscheidenden
  Einfluß,  und  die  kläffende  Meute  seiner  rheinbündlerischen  Genossen
  wurde  von  den  großen  Mächten  kurzweg  zur  Seite  geschoben.  Die
deutsche  Verfassung  blieb  freilich  noch  in  tiefem  Dunkel;  doch  da  der
Hofburg  an  der  raschen  Lösung  dieser  Frage  wenig  lag,  so  entwarf  Gentz
schon  jetzt  ein  pomphaftes  Manifest,  das  der  bewundernden  Welt  verkünden
sollte:  „die  große  Arbeit  des  Congresses  ist  beendigt.“  Da  kehrte  Napoleon
  von  Elba  zurück,  das  von  Talleyrand  so  prahlerisch  geschilderte
Kartenhaus  der  bourbonischen  Herrlichkeit  stob  vor  dem  Hauche  des  Imperators
  in  alle  Winde.  Der  französische  Minister,  der  soeben  noch
pathetisch  versichert  hatte,  Millionen  französischer  Fäuste  würden  sich  gegen
        <pb n="674" />
        664  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

den  Corsen  erheben,  ward  über  Nacht  ein  machtloser  Mann.  Am  4.  Januar
hatte  Talleyrand  seinem  Könige  triumphirend  geschrieben:  „Die  Coalition
ist  auf  immer  aufgelöst!“  Jetzt  führte  die  gemeinsame  Gefahr  die  vier
alliirten  Mächte  auf's  Neue  zusammen,  die  letzten  noch  offenen  Gebietsfragen
  wurden  rasch  abgethan.  Vergeblich  versuchte  Napoleon  die  erneute
Coalition  zu  sprengen,  indem  er  die  Urkunde  des  Vertrags  vom  3.  Januar,
die  er  in  den  Tuilerien  im  Schreibtische  Ludwig's  XVIII.  vorgefunden,
dem  Czaren  übersendete.  Alexander  verbrannte  das  unsaubere  Actenstück
in  Gegenwart  Stein's  vor  Metternich's  unbeschämten  Augen.  Man  wollte
der  vergangenen  Untreue  nicht  mehr  gedenken.

Die  Rückkehr  des  Imperators  brachte  die  unter  der  Hand  langsam
fortgeführten  Verhandlungen  über  Italiens  Zukunft  endlich  zum  Abschluß.
Auch  hier  im  Süden  bewährte  sich  England  als  der  vertrauteste  Bundesgenosse
  der  Hofburg.  Aber  mit  Rußlands  Hilfe  durchkreuzten  die  Piemon—
tesen  d'  Aglic  und  Brusasco  die  geheime  Absicht  Metternich's,  einen  italienischen
  Fürstenbund  unter  Oesterreichs  Führung  zu  stiften.  Auch  der
Wunsch  Oesterreichs,  die  Linie  Savoyen-Carignan  von  der  Thronfolge  in
Piemont  auszuschließen,  erwies  sich  als  unausführbar,  da  Rußland  und
Frankreich  entschieden  widersprachen.  Um  so  zäher  hielt  die  Hofburg  ihre
alten  Ansprüche  auf  die  Legationen  fest;  sie  hatte  den  gesammten  Kirchenstaat
  durch  ihre  Truppen  besetzt  und  hoffte  sicher,  mindestens  die  Lande
nördlich  des  Apennin  zu  behalten.  Metternich  verwarf  den  Vorschlag  der
bourbonischen  Höfe,  daß  ein  italienischer  Ausschuß,  nach  dem  Vorbilde  des
deutschen,  auf  dem  Congresse  gebildet  würde  um  die  Frage  zu  entscheiden:
er  fürchtete  überstimmt  zu  werden,  zumal  da  die  Bourbonen  auch  auf
Toscana  Ansprüche  erhoben.  Inzwischen  begann  es  auf  der  Halbinsel  zu
gähren;  die  voreilige  Freude  der  Lombarden  über  den  Einzug  der  Tedeschi
wich  bald  einer  tiefen  Verstimmung,  das  Volk  in  der  Romagna  rottete
sich  zusammen  wider  die  österreichischen  Truppen,  einzelne  patriotische
Verschwörer  verkehrten  insgeheim  mit  dem  Gefangenen  von  Elba.  Als
nun  der  größte  der  Italiener  seinen  abenteuerlichen  Zug  antrat  und
Murat  in  Neapel  zum  Kriege  rüstete,  da  mußte  man  in  Wien  unberechenbare
  Wirren  befürchten.  Man  lenkte  klug  ein  und  verständigte  sich  rasch
mit  den  sogenannten  legitimen  Mächten  der  Halbinsel:  Toscana  wurde
für  die  Erzherzoge  gerettet,  die  Bourbonen  vorläufig  mit  Lucca  abgefunden,
  der  gesammte  alte  Kirchenstaat  aber  dem  Papste  zurückgegeben;  allein
die  Polesina,  das  fette  Niederungsland  der  Pomündungen,  blieb  den
Oesterreichern.  Preußen  betheiligte  sich  an  diesen  Verhandlungen  wenig;
nur  hielt  der  König  für  Fürstenpflicht,  aus  Rücksicht  auf  seine  neuen
katholischen  Unterthanen  sich  wiederholt  und  nachdrücklich  für  die  Wiederherstellung
  des  Kirchenstaates  zu  verwenden;  nach  der  allgemeinen  Ansicht
jener  romantischen  Tage  war  ja  der  Bestand  der  römischen  Kirche  unzertrennlich
  von  der  weltlichen  Macht  des  Papstthums.  In  einem  feierlichen
        <pb n="675" />
        Italien.  Orient.  665

Proteste  verwahrte  sich  der  römische  Stuhl  gegen  die  Schmälerung  des
Kirchenstaates.  Niemand  achtete  darauf.  Das  moderne  Europa  war  be—
reits  daran  gewöhnt,  daß  alle  seine  großen  Friedensschlüsse  von  den  Ver—
wünschungen  der  Curie  begleitet  wurden.  Dem  preußischen  Geschäftsträger
Piquot  aber  sprach  der  Nuntius  den  warmen  Dank  des  Papstes  aus
für  das  Wohlwollen,  das  der  Staatskanzler  der  katholischen  Kirche  be—
wiesen  habe.“)

Ueber  die  orientalischen  Händel  wurde  keine  Verständigung  erzielt.
Nirgends  zeigte  sich  so  grell  wie  hier  der  trotz  allem  äußeren  Glanze  unverkennbare
  innere  Verfall  der  österreichischen  Monarchie.  Derselbe  Staat,
der  einst,  als  die  Osmanen  mächtig  waren,  der  Vorkämpfer  der  christlichen
Welt  gegen  den  Islam  gewesen,  überließ  jetzt,  da  die  Pforte  am  Boden
lag,  muthlos,  blind  für  die  Zeichen  der  Zeit,  der  russischen  Politik  die
Vollendung  seines  eigenen  Werkes.  Im  Februar  legte  der  Czar  den
Mächten  einen  umfassenden  Entwurf  vor,  wornach  sie  sich  allesammt  verpflichten
  sollten  für  die  Menschenrechte  der  Rajah  einzutreten,  Rußland
insbesondere  als  Protector  der  Orthodoxen,  Oesterreich  und  Frankreich
als  Beschützer  der  Lateiner.  Es  gebe,  sagte  die  russische  Note,  ein  ungeschriebenes
  Gesetzbuch  des  Völkerrechts,  das  in  voller  Kraft  bestehe  und
allen  Völkern  Gleichheit  der  Rechte  verbürge.  Entrüstet  wies  Metternich
den  revolutionären  Vorschlag  zurück.  Doch  ebenso  wenig  war  der  Czar
geneigt  die  von  der  Hofburg  gewünschte  Bürgschaft  für  den  Bestand  der
Türkei  zu  übernehmen;  selbst  England  wollte  sich  nicht  mit  einer  so  unberechenbar
  schweren  Verpflichtung  belasten.  So  geschah  es,  daß  in  Wien
über  die  Türkei  gar  nichts  beschlossen,  die  orientalische  Frage  stillschweigend
zu  den  vielen  anderen  ungelösten  Aufgaben  des  Congresses  gelegt  wurde.

Gleichzeitig  mit  den  Berathungen  der  Großmächte  erledigte  Hardenberg
noch  eine  überaus  verwickelte  diplomatische  Arbeit:  die  Abrechnung  mit
Hannover,  Schweden  und  Dänemark.  Diese  durch  viele  Monate  hingezogenen
  dreifachen  Verhandlungen  zeigen  in  ihrem  sonderbar  verschlungenen
Zusammenhange  sehr  anschaulich,  welchen  weiten  Horizont  der  Blick  der
preußischen  Staatsmänner  umfassen  mußte,  wie  nahe  unser  Staat,  Dank
seiner  centralen  Lage,  selbst  durch  die  entlegensten  Händel  des  Welttheils
berührt  wurde;  und  sie  haben  dem  Vaterlande  einen  bleibenden  Gewinn
gebracht:  die  Befreiung  Pommerns  von  den  letzten  Resten  der  Fremdherrschaft.
  Trotz  des  Kieler  Friedens,  der  die  Lande  nördlich  der  Peene  an
Dänemark  gab,  blieb  der  Staatskanzler  unerschütterlich  bei  seinem  Plane,
Vorpommern  und  Rügen  für  Preußen  zu  erwerben;  jener  harte  Kampf,
den  die  Hohenzollern  fast  zweihundert  Jahre  hindurch  mit  der  Feder  und
dem  Schwerte  um  ihr  altes  Erbe  geführt,  sollte  für  immer  beendigt  werden.
Doch  wie  wollte  man  den  rechtmäßigen  Eigenthümer,  Dänemark,  zur  Ab- 



*)  Piquot's  Bericht,  Wien  29.  Sept.  1814.
        <pb n="676" />
        666  I.  1.  Der  Wiener  Congreß.

tretung  des  Landes  nöthigen,  da  doch  Preußen  von  der  dänischen  Krone
nicht  das  Mindeste  zu  fordern  hatte?  Gleichwohl  hat  Hardenberg  die
wichtige  Erwerbung  ermöglicht  durch  gewandte  Benutzung  der  wirren—
reichen  Streitigkeiten,  welche  die  skandinavische  Welt  erschütterten.

Um  die  Dänen  in  Güte  zur  Abtretung  von  Vorpommern  zu  be—
wegen,  mußte  man  zunächst  mit  dem  unbequemen  kleinen  Nachbarn  wieder
in  freundlichen  Verkehr  treten.  Es  bezeichnet  Hardenberg's  finassirende
Art,  daß  er  ganz  unbedenklich  am  25.  August  1814  mit  Dänemark  zu
Berlin  Frieden  schloß.  Die  Witzbolde  bespöttelten  den  Hardenbergischen
Familienfrieden;  der  Staatskanzler  unterzeichnete  für  Preußen,  sein  dem
Vater  ganz  entfremdeter  Sohn  Graf  Hardenberg-Reventlow  für  Dänemark.
  Der  Vertrag  enthielt,  da  die  beiden  Mächte  kaum  ernstlich  gegen
einander  gefochten  hatten,  nur  die  einfache  Bestätigung  des  Kieler  Friedens
  und  die  Wiederholung  der  dort  gegebenen  Zusage,  daß  Dänemark
für  Norwegen,  außer  Schwedisch-Pommern,  noch  weitere  Entschädigungen
erhalten  sollte.  Doch  behielt  sich  Preußen  vor,  Ersatz  zu  verlangen  für
die  Verluste,  welche  seine  Flagge  durch  die  dänischen  Kaper  erlitten  hatte.
Von  Helgoland,  das  der  Kieler  Friede  endgiltig  an  England  gegeben
hatte,  ist  weder  bei  diesen  Berliner  Verhandlungen  noch  später  auf  dem
Wiener  Congresse  irgend  die  Rede  gewesen.  Man  hatte  kein  Recht,  die
Insel  für  Deutschland  zu  fordern,  da  sie  nie  zum  alten  Reiche  gehörte;
die  binnenländische  Beschränktheit  der  deutschen  Politik  wußte  den  Werth
des  Platzes  nicht  zu  würdigen,  der  doch  soeben  erst,  in  den  Tagen  der
Continentalsperre,  seine  Bedeutung  für  den  deutschen  Handel  gezeigt  hatte.
Die  allgemeine  Begeisterung  für  das  großmüthige  Albion  fand  kein  Arg
daran,  daß  sich  England  in  aller  Stille  ein  kleines  norddeutsches  Gibraltar
  gründete.

Im  Vertrauen  auf  diese  Verträge  kam  der  König  von  Dänemark
nach  Wien  und  hoffte  dort,  außer  Vorpommern  auch  noch  Lübeck  und  Hamburg
  oder  mindestens  das  Fürstenthum  Lübeck  zu  gewinnen.  Er  wurde
der  Bruder  Lustig  der  erlauchten  Gesellschaft,  man  lachte  viel  über  seine
drolligen  Matrosenspäße;  doch  seine  Politik  fand  nirgend  Unterstützung,
der  getreue  Bundesgenosse  Napoleon's  stand  unter  den  Staatsmännern
der  Legitimität  ganz  vereinsamt.  Lord  Castlereagh  meinte  sich  nicht  verpflichtet,
  dem  kleinen  Staate,  welchen  England  zweimal  räuberisch  überfallen
hatte,  jetzt  wenigstens  das  gegebene  Wort  zu  halten.  Der  Dänenkönig
erreichte  nur  den  Fortbestand  des  Sundzolles,  allerdings  ein  werthvolles
Zugeständniß  für  die  dänischen  Finanzen.  Als  ihm  Metternich  beim  Abschiede
  zurief:  Sire,  vons  emportez  tous  les  coeurs!  —  gab  der  Betrogene
  seufzend  zur  Antwort:  mais  pas  une  seule  äme.  Währenddem
war  auch  Vorpommern  den  Dänen  verloren  gegangen.  Die  Norweger,
geführt  von  ihrem  Statthalter,  dem  dänischen  Prinzen  Christian,  hatten
sich  dem  Kieler  Frieden  widersetzt,  ihrem  Lande  eine  selbständige  Verfassung
        <pb n="677" />
        Neuvorpommern.  667

gegeben  und  den  Statthalter  zum  König  erwählt;  darauf  war  Bernadotte
mit  seinen  Schweden  eingerückt,  bis  nach  einem  Feldzuge  von  vierzehn
Tagen  Prinz  Christian  in  dem  Vertrage  von  Moß  (14.  August  1814)
seine  Ansprüche  aufgab.  Durch  Verhandlungen  zwischen  der  Krone  Schwe—
den  und  dem  norwegischen  Storthing  wurde  nachher  die  Vereinigung  der
beiden  Königreiche  der  Halbinsel  herbeigeführt.  Noch  heute  bleibt  es  dunkel,
wie  weit  die  berufene  dänische  Treue  bei  jener  Erhebung  der  Norweger
mitgewirkt  hat.  Jener  schlaue  Franzose  aber,  der  Schwedens  Geschicke
leitete,  wollte  natürlich  an  der  Mitschuld  des  Kopenhagener  Hofes  nicht
zweifeln;  er  erklärte,  der  Kieler  Friede  sei  durch  Dänemark  gebrochen,
darum  könne  auch  Vorpommern  nicht  ausgeliefert.  werden.

Es  war  sicherlich  nicht  an  Preußen,  den  unparteiischen  Richter  zu
spielen  in  diesen  unerquicklichen  Händeln  der  nordischen  Mächte;  die  na—
tionale  Politik  gebot,  den  Streit  der  Fremden  um  das  deutsche  Land  zu
Deutschlands  Vortheil  auszubeuten  und  die  verlorene  Mark  dem  Vater—
lande  zurückzubringen.  Eine  Aufgabe,  wie  geschaffen  für  Hardenberg's
schmiegsame  Gewandtheit.  Oesterreich  und  Frankreich,  in  früheren  Zeiten
die  hartnäckigsten  Feinde  der  pommerschen  Politik  der  Hohenzollern,  verhielten
  sich  diesmal  zum  Glück  ganz  gleichgiltig.  Der  Staatskanzler  verständigte
  sich  zunächst  mit  Schweden.  Bernadotte  war  bereit,  seine  Ansprüche
  auf  Vorpommern  gegen  eine  Summe  Geldes  an  Preußen  abzutreten;
am  13.  Mai  1815  berichtete  Münster  dem  Prinzregenten  als  unzweifelhaft,
daß  Preußen  und  Schweden  schon  längst  handelseinig  seien.  Also  gegen
Schweden  gedeckt,  rückte  Hardenberg  mit  seinen  Ansprüchen  gegen  die  dänischen
  Kaper  heraus  und  versuchte  auch  die  Dänen  zum  Verzicht  auf
Vorpommern  zu  bewegen.  Dies  war  nur  möglich,  wenn  man  ihnen
einen  Ersatz  an  Land  und  Leuten  bot;  denn  Dänemark  hatte  unzweifelhaft
das  bessere  Recht  auf  Vorpommern.  Auf  der  weiten  Welt  ließ  sich  aber
nur  ein  Land  finden,  das  man  den  Dänen  vielleicht  zum  Ersatze  bieten
konnte:  das  Herzogthum  Lauenburg  rechts  der  Elbe.  Welche  Zumuthung:
für  die  75  Geviertmeilen  des  reichen  Vorpommerns  19  in  Lauenburg;  für
die  Seefestung  Rügen,  für  das  prächtige  Stralsund  und  die  Greifswalder
Hochschule  bloß  —  das  Grab  Till  Eulenspiegel's  und  zwei  Drittel  der
guten  Stadt  Ratzeburg,  denn  ihr  Domhof  gehörte  dem  Strelitzer  Vaterlande!
  Nur  die  Bedrängniß  des  von  allen  Seiten  bedrohten  Kopenhagener
Cabinets  ließ  es  möglich  scheinen,  daß  Dänemark  auf  einen  so  ungleichen
Tausch  eingehen  würde,  der  ihm  nur  den  einen  Vortheil  bot  das  holsteinische
  Gebiet  abzurunden.

Lauenburg  war  aber  ein  rechtmäßiges  Besitzthum  des  hannoverschen
Hauses,  und  so  hing  denn  die  Erwerbung  Vorpommerns  von  einer  Verständigung
  mit  den  Welfen  ab,  denen  Preußen  überdies  noch  die  in
Reichenbach  ausbedungene  Vergrößerung  um  250—300,000  Seelen  schuldete.
  Daß  Hildesheim  zu  dieser  Entschädigung  verwendet  werden  sollte
        <pb n="678" />
        668  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

stand  bereits  fest;  die  Abtretung  von  Ostfriesland  dagegen  hatte  der  König
standhaft  zurückgewiesen,  und  seitdem  war  das  treue  Völkchen  seinem
Herzen  nur  noch  theurer  geworden.  Gleichwohl  liefen  beunruhigende  Ge—
rüchte  durch's  Land;  die  Abtretung  an  die  Welfen,  so  hieß  es,  stehe  doch
noch  bevor.  Schwer  besorgt  schrieb  der  Oberpräsident  Vincke  an  den
Staatskanzler:  nimmermehr  dürfe  man  dies  Kernvolk  aufopfern,  ein  Ost—
friese  sei  mehr  werth  als  zwanzig  halbfranzösische  Rheinländer;  auch  biete
der  Besitz  der  Ems  den  einzigen  freien  Zugang  zur  Nordsee,  das  einzige
Mittel  den  Rheinzöllen  der  Holländer  entgegenzuwirken.

Da  gab  der  Streit  um  Vorpommern  den  welfischen  Diplomaten  eine
bequeme  Handhabe  um  den  in  Reichenbach  gescheiterten  Versuch  zu  er—
neuern.  Der  Staatskanzler  verlangte  jetzt  von  den  Welfen  Lauenburg,
und  da  er  außerdem  noch  die  vertragsmäßige  Vergrößerung  für  Hannover
beschaffen  mußte,  so  ersah  Münster  rasch  seinen  Vortheil  und  forderte  als
Ersatz:  Ostfriesland  und  jenen  „Isthmus“  des  Göttinger  Landes,  der
nach  Hardenberg's  Plänen  die  östlichen  Provinzen  Preußens  mit  dem
Westen  verbinden  sollte.  Die  letztere  Forderung  ließ  sich  nicht  abweisen,
sie  ist  jedoch  in  Berlin  als  ein  offenbarer  Beweis  bösen  Willens  den
Welfen  lange  nachgetragen  worden;  denn  war  man  in  Hannover  ehrlich
gesonnen  mit  Preußen  gute  Freundschaft  zu  halten,  so  konnte  die  Um—
klammerung  durch  Preußen  dem  Welfenhofe  nicht  bedrohlich  erscheinen.
Noch  tiefer  verletzte  den  König  die  Zumuthung  wegen  Ostfriesland;  keine
der  vielen  Enttäuschungen  dieser  traurigen  Zeit  hat  ihn  so  schmerzlich  be—
rührt.  Viele  Monate  hindurch,  bis  in  den  März  hinein,  widersprach  er
heharrlich;  wie  oft  hat  er  Knesebeck  deshalb  zu  dem  Staatskanzler  gesendet,
was  immer  ein  untrügliches  Zeichen  der  Verstimmung  war.  Die  Welfen
aber  bestanden  auf  ihrem  Scheine.  Nicht  als  ob  sie  die  handelspolitische
Bedeutung  der  Emsmündung  irgend  gewürdigt  hätten;  die  herrlichen
Ströme  Niedersachsens  waren  in  den  Augen  des  welfischen  Adelsregiments
lediglich  dazu  bestimmt  mit  ergiebigen  Zöllen  belastet  zu  werden.  Aber
Ostfriesland  grenzte  an  Holland,  und  eine  ununterbrochen  zusammen—
hängende  welfisch-oranische  Nordwestmacht  galt  in  London  und  Hannover
wie  im  Haag  als  nothwendig,  um  dem  preußischen  Nachbarn  das  Gleichgewicht
  zu  halten.  Deshalb  verharrte  Münster  bei  seiner  Forderung,
und  König  Friedrich  Wilhelm  stand  schließlich  vor  der  Frage:  ob  Vorpommern
  für  Preußen  wichtiger  sei  oder  Ostfriesland?  Hardenberg  stimmte
unbedenklich  für  Pommern;  denn  da  die  Landgrenze  im  Osten  durch  den
Verlust  von  Warschau  sich  so  ungünstig  gestaltete,  so  war  es  für  Preußen
unerläßlich,  mindestens  auf  der  Seeseite  sich  zu  decken  und  die  Herrschaft
über  die  Odermündungen  ganz  in  seine  Hand  zu  bringen;  Ostfriesland
aber,  so  wichtig  es  war,  bildete  doch  nur  einen  Außenposten  mehr.

Noch  schwerer  wog  in  Hardenberg's  Augen  eine  Erwägung  der  nationalen
  Politik:  der  lange  Kampf  um  die  Befreiung  Pommerns  durfte
        <pb n="679" />
        Lauenburg.  Ostfriesland.  669

wahrlich  nicht  damit  enden,  daß  die  Dänen,  wie  schon  im  Kieler  Busen,
so  auch  am  Strelasunde  sich  einnisteten.  Dagegen  hatte  Hannover  selbst
während  seiner  Verbündung  mit  England  immer  als  ein  deutsches  Land  gegolten,
  und  seine  gänzliche  Abtrennung  von  Großbritannien  schien  damals,
da  Prinzeß  Charlotte  noch  lebte,  sehr  nahe,  schon  nach  dem  Tode  des  Prinzregenten
  bevorzustehen;  an  Hannover  abgetreten  ging  Ostfriesland  dem
deutschen  Leben  nicht  verloren.  Hardenberg  hat  keineswegs,  wie  ihm  erbitterte
  Patrioten  vorwarfen,  in  frevelhaftem  Leichtsinn  das  ostfriesische
Land  preisgegeben,  sondern  das  Für  und  Wider  der  verwickelten  Frage
gewissenhaft  abgewogen  und  dann  mit  seinem  richtigen  politischen  Blicke
das  kleinere  Uebel  gewählt.  Schon  am  15.  Februar  ließ  er  in  der  Staatskanzlei
  einen  Artikel  für  die  Berliner  Zeitungen  schreiben,  um  die  Leserwelt
  auf  die  Abtretung  Ostfrieslands  vorzubereiten  und  zugleich  anzudeuten,
  dies  schmerzliche  Opfer  sei  das  einzige  Mittel  zur  Erwerbung  des
ungleich  werthvolleren  Vorpommerns.  Der  Aufsatz  aber  fand  weder  bei
den  Zeitgenossen  noch  bei  späteren  Historikern  Beachtung.  Im  März
endlich  gab  der  König  widerstrebend  seine  Zustimmung.  Da  erhob  sich
ein  letztes  unerwartetes  Hinderniß.  Nach  der  thörichten  Familien-Ueberlieferung
  der  Welfen  war  Ostfriesland  ein  altes  Erbe  des  Welfenhauses,
nur  durch  Gewalt  und  List  an  Preußen  gekommen.  Der  Prinzregent  erfuhr
  also  mit  lebhafter  Entrüstung,  daß  er  für  den  Heimfall  dieses  urwelfischen
  Landes  auch  noch  Lauenburg  herausgeben  sollte.  Er  sträubte
sich  auf's  Aeußerste;  dieser  Liebloseste  aller  Söhne  verspürte  plötzlich  Anwandlungen
  kindlichen  Zartgefühls  und  versicherte,  seine  „Delicatesse"
verbiete  ihm,  noch  bei  Lebzeiten  seines  geisteskranken  Vaters  eine  Provinz
abzutreten.  Münster  mußte  alle  seine  Beredsamkeit  aufbieten;  er  stellte
dem  Erzürnten  vor,  daß  Lauenburg  für  Preußens  pommersche  Absichten
in  der  That  unentbehrlich  sei.  Erhebe  man  Schwierigkeiten,  so  werde
der  ohnehin  erbitterte  König  von  Preußen  vielleicht  den  ganzen  Handel
rückgängig  machen;  und  am  Ende  bleibe  ja  noch  die  erfreuliche  Aussicht,
daß  Preußen  bei  dem  neuen  Kriege  gegen  Napoleon  wieder  des  guten
englischen  Geldes  bedürfen  würde,  dann  könne  man  Lauenburg  dem  Bundesgenossen
  wieder  abnehmen!  Das  wirkte;  das  zarte  Gewissen  des  Welfen
war  beruhigt.

So  kam  denn  am  29.  Mai  der  Tauschvertrag  zwischen  Preußen  und
Hannover  zu  Stande:  Lauenburg  für  Hildesheim,  Goslar,  Ostfriesland
und  ein  Stück  der  Grasschaft  Lingen;  dazu  zwei  preußische  Militärstraßen
durch  Hannover  als  Ersatz  für  den  gewünschten  „Isthmus“.  Die  alten  Reichenbacher
  Forderungen  der  Welfen  waren  also  doch,  in  Folge  der  sächsischen
Händel,  um  etwa  50,000  Seelen  herabgemindert  worden.  Am  4.  Juni  sodann
  trat  Dänemark  seine  Rechte  auf  Schwedisch-Pommern  an  Preußen
ab  und  erhielt  dafür  Lauenburg  nebst  2  Mill.  Thaler;  der  Staatshaushalt
  war  aber  dermaßen  erschöpft,  daß  man  sich  ausbedingen  mußte  diese
        <pb n="680" />
        670  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

geringe  Summe  erst  vom  Neujahr  1816  ab  in  vier  halbjährigen  Raten
zu  zahlen!  Endlich  am  7.  Juni  gab  Schweden,  gegen  3½  Mill.  Thaler,
seine  letzten  Ansprüche  auf  deutschen  Boden  auf  und  erstattete  zugleich
die  während  der  letzten  Jahre  veräußerten  vorpommerschen  Domänen  dem
neuen  Landesherrn  zurück.  Preußen  bewilligte  mithin  Ostfriesland  und
über  5  Mill.  Thaler  für  ein  Land,  das  damals,  freilich  unter  einer
sehr  schlaffen  Verwaltung,  nur  einen  jährlichen  Ueberschuß  von  224,000
Thalern  brachte.  Kaufmännisch  betrachtet  war  das  Geschäft  sicherlich  unvortheilhaft,
  Schweden  allein  gewann  bei  dem  verwickelten  Handel;  die
deutsche  Nation  aber  hatte  guten  Grund  dem  Staatskanzler  für  diese
schwierige  Arbeit  zu  danken.

Es  war  die  höchste  Zeit,  Vorpommern  von  dem  skandinavischen  Leben
zu  trennen.  Das  Land  war  in  fast  zwei  Jahrhunderten  gänzlich  für  die
drei  Kronen  des  Nordens  gewonnen;  wie  spät  hatte  doch  selbst  E.  M.  Arndt,
fast  vierzig  Jahre  alt,  das  Bewußtsein  seines  deutschen  Volksthums  gewonnen!
  Wie  viel  hundert  mal  haben  die  Rügener  ihre  Feste  angetanzt
unter  den  Klängen  des  alten  Schwedensanges:  Gustafs  sk#I!  Zu  Anfang
des  Jahrhunderts  sangen  die  Stralsunder  Kaufherren  bei  festlichen  Gelagen
  nach  feierlicher  Melodie  das  Nationallied:

Laßt  die  Politici  nur  machen!

Ob  Frankreich  oder  England  siegt,
Man  kapert  uns  kein  Schiff,  kein  Boot.
Was  hat  es  denn  mit  uns  für  Noth?

Nachher,  da  die  blaugelbe  Flagge  die  Schiffe  der  Stralsunder  Rheder
nicht  mehr  zu  decken  vermochte,  begann  diese  Gemüthlichkeit  allerdings
einem  männlicheren  Gefühle  zu  weichen;  indeß  sahen  der  Landadel  und
das  städtische  Patriciat,  von  der  schwedischen  Krone  mit  kostbaren  Privilegien
  überschüttet,  der  Rechtsgleichheit  der  preußischen  Verwaltung  mit
sehr  gemischten  Empfindungen  entgegen.  Wunderbar  schnell  hat  sich  dann
die  Gesinnung  des  Landes  verwandelt.  Die  Krone  Schweden  selber  empfand,
  daß  durch  den  Einzug  der  Preußen  nur  die  natürliche  Ordnung
hergestellt  wurde;  König  Karl  XIII.  sprach  zum  Abschied  seinen  getreuen
Pommern  aus,  Schweden  sei  durch  die  Erwerbung  Norwegens  in  eine
„insularische  Lage“  gekommen  und  weniger  denn  je  im  Stande  die  entlegene
  deutsche  Provinz  zu  vertheidigen.  Und  dies  wackere  deutsche  Land
sollte  schon  nach  wenigen  Jahren  bewähren,  was  der  Sprecher  der  Ritterschaft,
  Graf  Bohlen,  bei  der  Huldigungsfeier  versprach:  „wir  werden  beweisen,
  daß  wir  auch  unter  einer  auswärtigen  Regierung  nicht  verlernt
haben  Deutsche  zu  sein.“"

In  Ostfriesland  aber  herrschte  tiefe  Trauer.  Lange  wollte  man  die
Unheilsbotschaft  nicht  glauben;  die  königlichen  Behörden  versicherten  wiederholt,
  daß  sie  von  der  Abtretung  amtlich  nichts  wüßten.  Das  tapfere
Landwehrregiment  der  Provinz  focht  noch  bei  Ligny  und  Belle  Alliance
        <pb n="681" />
        Abschluß  mit  den  Niederlanden.  671

unter  preußischen  Fahnen;  noch  im  Juli  1815  ging  eine  Deputation  der
Stände  nach  Paris,  ihre  Mitglieder  im  Verein  mit  den  Landwehrmän—
nern  beschworen  den  König  die  Provinz  nicht  zu  verstoßen.  Der  Wider—
wille  gegen  das  adeliche  Hannoverland  war  so  allgemein  in  diesem  Lande
des  Handels  und  der  Bauernfreiheit,  daß  man  die  Abtretung  erst  zu
Ende  des  Jahres  1815  zu  vollziehen  wagte.  Auch  dann  währte  die  alte
Treue  fort;  wie  lange  noch  haben  die  ostfriesischen  Studenten  in  Göttingen
die  schwarzweiße  Kokarde  an  der  Mütze  getragen,  und  wenn  sie  beim  Landesvater
  das  „Friedrich  Wilhelm  lebe  hoch“  sangen,  dann  liefen  den  ehrlichen
  Jungen  die  hellen  Thränen  über  die  Backen.  Bis  zum  Tode  des
Königs  hat  Ostfriesland  „seinen  alten  herrlichen  Festtag“  gefeiert;  noch
am  3.  August  1839  sahen  die  Badegäste  auf  Norderney  mit  Erstaunen,
wie  auf  jedem  Fischerhause  der  Insel  eine  preußische  Flagge  wehte.

Hatte  der  Staatskanzler  in  diesen  Verhandlungen,  freilich  nur  durch
ein  schweres  Opfer,  das  Interesse  des  Staates  klug  gewahrt,  so  mußte  er
dagegen  bei  den  Unterhandlungen  mit  den  Niederlanden  die  Folgen  seiner
früheren  Uebereilungen  tragen.  Alle  jene  verschwenderischen  Zusagen,  die
man  während  des  Winterfeldzuges  dem  Schooßkinde  der  englischen  Politik
gegeben,  ließen  sich  nicht  mehr  zurücknehmen;  auch  gelangte  Hardenberg
selbst  in  Wien  noch  nicht  zu  der  Einsicht,  daß  dies  durch  Preußens  Waffen
  wieder  eingesetzte  Oranische  Haus  eine  entschieden  feindselige  Gesinnung
  gegen  Deutschland  hegte.  Er  betrachtete  die  Niederlande  noch  immer
als  eine  feste  Vormauer  Deutschlands  und  begrüßte  es  mit  Freuden,  daß
mindestens  Luxemburg  dem  Deutschen  Bunde  beitrat.  War  doch  dies
Ländchen  damals  noch  kriegerisch  und  entschieden  franzosenfeindlich  gesinnt;
die  Erinnerung  an  die  k.  k.  Latour-Dragoner  und  die  Jäger  von  Le  Loup
lebte  noch  im  Volke.  Die  preußischen  Diplomaten  trugen  dem  oranischen
Unterhändler  seinen  in  den  sächsischen  Händeln  bewährten  legitimistischen
Feuereifer  nicht  nach,  sondern  bewiesen,  zu  Gagern's  eigenem  Erstaunen,
eine  „ungemeine  Nachgiebigkeit".

Von  Jülich  und  anderen  Pariser  Verheißungen  war  freilich  nicht  mehr
die  Rede;  jedoch  Preußen  erklärte  sich  bereit,  einen  Theil  von  Geldern,  die
Umgebung  des  festen  Venloo  abzutreten,  und  erprobte  dabei  nochmals  die
gehässige  Gesinnung  der  englischen  Staatsmänner.  Gagern  verlangte  „la
Tlisiere  de  la  Meuse“:  preußisch  Geldern  sollte  von  seinem  natürlichen
Wasserwege,  der  Maas,  abgesperrt,  die  Grenze  überall  mindestens  eine
Stunde  östlich  von  dem  Flusse  gezogen  werden.  Er  berief  sich  auf  den  Herzog
  von  Wellington,  der,  noch  ganz  befangen  in  den  altväterischen  Gleichgewichtslehren
  des  alten  Jahrhunderts  und  voll  Mißtrauens  gegen  den
unruhigen  preußischen  Ehrgeiz,  in  einem  militärischen  Gutachten  die  ungeheuerliche
  Behauptung  aufgestellt  hatte,  ohne  diese  Lisière  würden  die
Niederlande  durch  Preußen  erdrückt  werden.  In  der  gutmüthigen  Hoffnung
an  den  Oraniern  für  alle  Zukunft  dankbare  Bundesgenossen  zu  haben,  war
        <pb n="682" />
        672  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Hardenberg  schwach  genug  auf  diese  unverschämte  Zumuthung  einzugehen;
so  erhielt  Deutschland  jene  Nordwestgrenze,  die  auf  der  Karte  Europas
ihres  Gleichen  nicht  findet.

Schon  in  den  nächsten  Monaten  sollte  Preußen  die  Dankbarkeit  der
holländischen  Kaufmannspolitik  kennen  lernen.  Die  Oranier  zeigten  sich
unter  allen  Nachbarn  Preußens  am  gehässigsten  und  händelsüchtigsten.
Gegen  Sinn  und  Wortlaut  der  Wiener  Verträge  wurden  sofort  jene
schändlichen  Rheinzölle  wieder  eingerichtet,  wodurch  die  niederländische
Republik  einst  ihre  deutschen  Hinterlande  mißhandelt  hatte.  Da  die  stati—
stischen  Hilfsmittel  jener  Zeit  sehr  mangelhaft  waren  und  Hasselt's  geo—
graphisches  Handbuch  den  Diplomaten  als  letzte  Weisheitsquelle  diente,  so
liefen  bei  allen  Gebietsverträgen  des  Congresses  einzelne  kleine  Irrthümer
mit  unter,  die  bei  einigem  Anstandsgefühle  der  betheiligten  Staaten  nach—
träglich  leicht  berichtigt  werden  konnten.  Durch  ein  solches  Versehen  geschah
es  auch,  daß  die  beiden  preußischen  Straßen  von  Aachen  nach  Eupen  und
Geilenkirchen  auf  zwei  kurzen  Strecken  niederländisches  Gebiet  berührten;
augenblicklich  errichteten  die  Oranier  dort  ihre  Douanen,  unterwarfen  den
preußischen  Binnenhandel  ihren  Zöllen.  Als  endlich  eine  gemischte  Com—
mission  zusammentrat  um  die  Grenze  endgiltig  festzustellen,  da  stritten
die  Holländer  um  jede  Seele,  jeden  Baum  und  jeden  Zoll  Landes.“)
Ueber  die  Galmeigruben  von  Altenberg  konnte  man  sich  schlechterdings
nicht  einigen;  dies  berüchtigte  „neutrale  Gebiet“  an  der  belgisch-preußi—
schen  Grenze  erinnert  noch  heutigen  Tags  an  die  freundnachbarliche
Gesinnung  der  Niederländer.  Solche  gehäufte  Proben  oranischer  Dankbarkeit
  und  vornehmlich  die  empörende  Bedrückung  der  Rheinschifffahrt
ließen  das  Wohlwollen  des  Berliner  Cabinets  für  den  Haager  Hof  bald
erkalten.

Ein  anderer  der  kleinen  Gegner  Preußens,  Baiern,  hatte  seine  thörichte
Feindseligkeit  bitter  zu  bereuen.  Wenn  irgend  ein  deutsches  Fürstenhaus
durch  sein  dynastisches  Interesse  auf  Preußens  Freundschaft  angewiesen
war,  so  doch  sicherlich  das  durch  die  Hohenzollern  so  oft  gerettete  Haus
Wittelsbach.  Preußens  Staatsmänner  waren  auch  im  Jahre  1814,  obgleich
  sie  ein  wohlbegründetes  Mißtrauen  gegen  Montgelas  hegten,  dem
bairischen  Staate  keineswegs  feindselig  gesinnt.  Das  feste  Mainz  wollten
sie  freilich  diesen  unzuverlässigen  Händen  nicht  anvertrauen;  doch  war
Hardenberg  in  Paris  geneigt,  die  badische  und  die  linksrheinische  Pfalz
an  Baiern  zu  geben,  und  noch  in  Wien  rieth  Humboldt,  die  Baiern
durch  Entgegenkommen  zu  gewinnen,  wenn  sie  nur  irgend  guten  Willen
für  den  Deutschen  Bund  zeigten.  Die  schamlos  undeutsche  Gesinnung,
welche  von  Montgelas'  Genossen  zur  Schau  getragen  wurde,  die  prahlerische
  Feindseligkeit  Wrede's  und  die  unfläthigen  Schimpfreden  der  „lite- 



*)  So  Sack  in  seinem  Generalberichte  vom  31.  März  1816.
        <pb n="683" />
        Baierns  Ansprüche.  673

rarischen  Mordbrenner“  des  Münchener  Hofes  zwangen  die  Staatskanzlei
zu  einer  veränderten  Haltung.  Montgelas  war  durch  alte  Neigung  und
Gewohnheit  an  Frankreich  gebunden  und  mit  den  Führern  der  norddeut—
schen  Patrioten,  namentlich  mit  Stein  und  Görres,  persönlich  verfeindet;
Wrede  aber  hoffte,  durch  seinen  lärmenden  Eifer  für  Friedrich  August  sich
die  Dankbarkeit  Oesterreichs,  Englands  und  Frankreichs  zu  sichern  und
mit  deren  Hilfe  eine  reiche  Entschädigung  für  Salzburg  und  das  Inn—
viertel  zu  gewinnen.  Ein  grober  politischer  Fehler,  selbst  vom  Gesichts—
punkte  der  rein  dynastischen  Politik  betrachtet!  England  hat  sich  um  die
süddeutschen  Gebietsfragen  niemals  viel  gekümmert,  Frankreich  verlor  gegen
das  Ende  des  Congresses  jeden  Einfluß,  und  Oesterreich  erwies  sich  bald
als  ein  treuloser  Freund.

Die  großen  Mächte  schlossen  ihren  Frieden  in  der  sächsischen  Sache,
und  Wrede  trug  von  seiner  anmaßenden  Zudringlichkeit  nur  den  allge—
meinen  Haß  davon;  selbst  in  den  Kreisen  der  rheinbündischen  Diplomaten
hießen  die  Baiern  les  Prussiens  du  Midi.  Der  Czar  vor  Allen  war
tief  erbittert  und  hörte  willig  auf  den  Freiherrn  vom  Stein,  der  nicht
müde  ward  ihm  vorzustellen,  wie  gefährlich  es  sei  den  Kernstaat  des  Rheinbundes
  zu  vergrößern.  König  Friedrich  Wilhelm  vernahm  mit  Befremden
durch  seinen  Gesandten  Küster,  daß  die  Münchener  Patriotenkreise  alltäglich
  über  den  Krieg  gegen  Preußen  „wie  über  die  natürlichste  und  leichteste
Sache  von  der  Welt“  redeten.“)  Durfte  man  diesem  Staate  gestatten,
ganz  Süddeutschland  zu  umklammern?  Die  Vereinigung  der  badischen
Pfalz  mit  Baiern  mußte  dem  Staatskanzler  jetzt  in  ganz  anderem  Lichte
erscheinen,  da  die  gewünschte  Niederlassung  Oesterreichs  am  Oberrheine
nicht  erfolgt  war.  Und  war  denn  Preußen  irgend  gebunden  an  jene
leichtfertigen  Versprechungen,  welche  Metternich  eigenmächtig  und  insgeheim
den  Baiern  gegeben  hatte?  Wenn  Preußen  den  feierlich  verheißenen  ununterbrochenen
  Zusammenhang  seines  Gebietes  nicht  hatte  erreichen  können,
warum  sollte  nicht  Baiern  die  gleiche  Entsagung  üben?  Warum  mußten
Baden  und  die  beiden  Hessen,  die  für  Deutschland  nie  ernstlich  gefährlich
werden  konnten,  eine  schwere  Beraubung  ertragen  um  den  mächtigsten
Staat  des  Rheinbundes  ganz  unbillig  zu  vergrößern?

Solche  einfache  Gründe  der  Politik  und  des  Rechtes  brachten  den
König  und  den  Staatskanzler  allmählich  zu  dem  Entschlusse,  dem  Münchener
  Hofe  nur  die  volle  Entschädigung  für  die  an  Oesterreich  abgetretenen
Provinzen,  doch  nichts  weiter  zu  gestatten.  Zwar  gelang  es  den  bairischen
Unterhändlern,  nachdem  sie  den  ganzen  Winter  über  mit  einer  Commission
der  Großmächte  gefeilscht  und  gemarktet,  am  23.  April  1815  einen  vorläufigen
  Vertrag  mit  den  Mächten  der  Coalition  abzuschließen,  wornach
Baiern  für  Salzburg  und  das  Innviertel  einen  unverhältnißmäßigen  Er- 



*)  Küster  in  seinem  Berichte  vom  17.  Mai  1815;  ähnlich  in  vielen  anderen  Depeschen.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  43
        <pb n="684" />
        674  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

satz  erhalten  sollte:  die  Hauptmasse  der  linksrheinischen  Pfalz,  Hanau  und
ein  großer  Theil  des  östlichen  Odenwalds  wurden  den  Wittelsbachern
versprochen,  dazu  „der  Heimfall  der  badischen  Pfalz“  sobald  die  regierende
Linie  des  badischen  Hauses  ausstürbe.  Die  réversibilite  du  Palatinat
hat  sich  seitdem  wie  ein  rother  Faden  durch  alle  Wandlungen  der  neueren
bairischen  Politik  hindurchgezogen.  Namentlich  der  Kronprinz  Ludwig  war
völlig  beherrscht  von  diesem  Gedanken;  er  sollte  sein  schönes  geliebtes
Salzburg,  wo  er  die  letzten  Jahre  über  Hof  gehalten,  jetzt  an  Oesterreich
ausliefern  und  wollte  dafür  mindestens  die  „Wiege  seines  Geschlechts“
zurückerwerben,  obgleich  durchaus  kein  Rechtsgrund  den  Anspruch  unterstützte.
  Baiern  hatte  vor  Jahren  die  rechtsrheinische  Pfalz  gegen  überreichliche
  Entschädigung,  ohne  jeden  Vorbehalt  abgetreten,  und  es  ließ  sich
schlechterdings  nicht  absehen,  warum  das  Land  wieder  an  die  Wittelsbacher
zurückfallen  sollte  sobald  die  Erbfolge  in  Baden  auf  die  Grafen  von  Hochberg
  überging.  Nur  die  Mißgunst  der  Großmächte  gegen  das  nachlässige
Regiment  des  Großherzogs  Karl  von  Baden  hat  eine  Zeit  lang  diese
bairischen  Anmaßungen  begünstigt.  Aber  der  Aprilvertrag  war  todtgeboren,
  denn  er  behielt  ausdrücklich  „die  Zustimmung  der  betheiligten  Souveräne“
  vor,  und  diese,  Württemberg,  Baden,  beide  Hessen,  erhoben  sofort
  lauten  Einspruch.  Der  badische  Bevollmächtigte  Marschall  hatte  schon
früher  dem  Staatskanzler  geschrieben:  „Ludwig  XIV.  hat  durch  alle  blutigen
  Kriege,  die  Europa  während  seiner  Regierung  erschütterten,  nicht
eine  Million  Einwohner  für  die  französische  Monarchie  erworben,  und
nun  will  Baiern  durch  einen  coup  de  main  im  Wege  der  Unterhandlungen
  sich  um  400,000  Unterthanen  bereichern.““!)  Jetzt  erneuerte  er
seinen  Protest.  Auch  König  Friedrich  Wilhelm  fand  es  höchst  unbillig,
daß  Hanau  ohne  jeden  Rechtsgrund  von  Kurhessen  abgerissen  werden
sollte.  So  geschah  es,  daß  der  Aprilvertrag  nicht  ratificirt  wurde,  und  die
Schlußacte  des  Congresses  die  Streitfrage  offen  ließ.  —

Unter  solchen  Kämpfen  kam  die  Wiederherstellung  der  preußischen
Monarchie  zu  Stande.  Das  Ergebniß  der  Wiener  Verhandlungen  war
eine  halbe  Niederlage  der  preußischen  Politik;  weder  am  Rhein  noch  in
Sachsen  noch  an  der  polnischen  Grenze  hatte  sie  ihre  Ziele  vollständig
erreicht.  Der  Staat  war  gegen  den  Besitzstand  von  1805  um  volle
600  Geviertmeilen  kleiner  und  nur  um  kaum  eine  halbe  Million  Einwohner
  stärker  geworden,  er  hatte  die  versprochene  Abrundung  nicht  erlangt,
  sondern  zerfiel  wieder  wie  vor  Alters  in  zwei  weit  entlegene  Massen.
Zudem  war  ein  den  Hohenzollern  verfeindetes  Fürstenhaus  wieder  eingesetzt,
  ein  lebensunfähiger  Mittelstaat,  der  niemals  wieder  zu  gesunden
politischen  Zuständen  gelangen  konnte,  auf's  Neue  hergestellt.  Die  vier
Kleinkönige  beherrschten  fast  ein  Viertel  von  dem  Gebiete  des  Deutschen

 

*)  Marschall  an  Hardenberg,  5.  März  1815.
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        Ergebniß  für  Preußen.  675

Bundes;  die  Lieblingsschöpfung  Napoleon's,  die  neue  Macht  der  Mittel—
staaten  hatte  alle  Stürme  der  Zeit  überdauert.  Im  preußischen  Volke
erregte  der  Ausgang  des  diplomatischen  Kampfes  tiefe  Verstimmung.  Ganz
im  Sinne  der  öffentlichen  Meinung  schrieb  Blücher:  wir  haben  einen
tüchtigen  Bullen  nach  Wien  hingebracht  und  uns  einen  schäbigen  Ochsen
eingetauscht.  Die  Gegner  hatten  ihrer  Schadenfreude  kein  Hehl.  Nicht
zufrieden  mit  dem  wirklich  errungenen  Erfolge  sprengten  sie  das  Märchen
aus,  der  preußische  Staat  habe  sich  widerwillig  statt  der  südlichen  Hälfte
von  Sachsen  die  Rheinlande  aufladen  müssen,  während  doch  Hardenberg's
Absichten  von  Haus  aus  zugleich  auf  Sachsen  und  das  Rheinland  ge—
richtet  waren.  Alle  aber  begegneten  sich  in  der  frohen  Hoffnung,  ein  so
künstliches  politisches  Gebilde  könne  nicht  dauern.

Und  doch  frohlockten  Preußens  Feinde  zu  früh.  Das  Künstliche
dieses  Staatsbaues  lag  nicht  darin,  daß  er  zugleich  die  äußersten  Marken
des  Ostens  und  Westens  beherrschte,  sondern  allein  darin,  daß  er  noch
nicht  fertig  war,  daß  jene  Landschaften,  welche  die  natürlichen  Mittelglieder
  zwischen  seinen  Provinzen  bildeten,  ihm  noch  nicht  angehörten.  Trotz
aller  Mißerfolge  im  Einzelnen  hatte  Preußen  durch  die  Wiener  Verhandlungen
  die  Möglichkeit  einer  gesunden,  kräftigen  Fortbildung  gewonnen.  Die
Gefahr  eines  neuen  Rheinbundes,  die  in  Wien  so  drohend  schien,  wurde
durch  Napoleon's  Rückkehr  und  abermalige  Niederlage  auf  lange  hinaus  beseitigt.
  Die  Schwäche  der  Bourbonen  lag  vor  Aller  Augen;  der  von  Preußen
so  hartnäckig  bekämpfte  Einfluß  Frankreichs  auf  die  kleinen  Höfe  blieb  in
der  That  während  der  nächsten  Jahrzehnte  sehr  geringfügig.  Und  wie  ganz
anders  stand  Deutschland  jetzt  dem  unruhigen  Nachbarvolke  gegenüber,  da
statt  jener  elenden,  vom  Versailler  Hofe  besoldeten  geistlichen  Fürsten  der
norddeutsche  Großstaat  die  Wacht  am  Rhein  übernahm.  Des  lästigen
polnischen  Besitzes  ledig  verwuchs  er  jetzt  fester  denn  je  mit  dem  deutschen
Leben;  zu  den  jungen  überelbischen  Colonien  traten  die  alten  Culturlande
des  Rheins  mit  ihren  mächtigen  Städten  und  ihrem  entwickelten  Gewerbfleiße
  hinzu.  Es  gab  fortan  kein  deutsches  Interesse  mehr,  das  den  preuhischen
  Staat  nicht  im  Innersten  berührte.  Er  besaß,  wie  König  Friedrich
Wilhelm  sagte,  kein  Dorf  anders  als  mit  der  Zustimmung  des  gesammten
Europas  und  gewann  dadurch  die  Sicherheit,  deren  er  bedurfte  um  seine
buntgemischten  neuen  Gebiete  mit  seinem  Geist  und  Wesen  zu  durchdringen.
Wenn  er  diese  unsäglich  schwere  Aufgabe  löste,  wenn  er  das  schöne  Wort
bewährte,  das  sein  König  in  jenen  Tagen  aussprach:  „Deutschland  hat
gewonnen  was  Preußen  erworben  hat,“  dann  konnte  der  halbe  Erfolg
der  Wiener  Verhandlungen  für  ihn  leicht  ebenso  segensreich  werden  wie
einst  die  diplomatische  Niederlage  des  großen  Kurfürsten  auf  dem  Westphälischen
  Friedenstage.  Nicht  aus  Uebermuth  wahrlich  hatte  Hardenberg
die  Gegner  gefragt:  wollt  ihr  Preußen  durchaus  zwingen  nach  neuen  Vergrößerungen
  zu  streben?  Nur  die  Gedankenlosigkeit  der  Hofburg  und  der

437
        <pb n="686" />
        676  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

kleinen  Staaten  vermochte  sich  darüber  zu  täuschen,  daß  die  neue  Gestaltung
des  preußischen  Gebietes  keine  Dauer  versprach,  daß  eine  Großmacht  in  so
unnatürlicher  Lage  nicht  verharren  durfte.  Die  Hälfte  Deutschlands  ge—
horchte  dem  preußischen  Scepter;  war  in  dieser  erst  der  deutsche  Einheits—
staat  fest  und  sicher  begründet,  so  mußte  früher  oder  später  die  Stunde
kommen,  da  das  Schwert  Friedrich's  wieder  aus  der  Scheide  fuhr  um
auch  die  andere  Hälfte,  die  noch  in  allen  Gliedern  die  Nachwirkung  der
zweihundertjährigen  Fremdherrschaft  verspürte,  zum  Vaterlande  zurück—
zuführen.

 

Als  ein  Menschenalter  später  die  Vertreter  der  Nation  ohne  die
Mitwirkung  der  Fürsten  über  den  Neubau  des  deutschen  Gesammtstaates
beriethen,  vergeudeten  sie  die  günstige  Zeit  mit  Berathungen  über  die
Grundrechte  des  Volks.  Derselbe  dunkle  Drang  der  Selbstsucht  beherrschte
die  Diplomaten,  die  in  Wien  ohne  Zuziehung  der  Nation  über  Deutsch—
lands  Zukunft  verhandelten;  das  deutsche  Verfassungswerk  gerieth  nach
kurzem  Anlauf  in's  Stocken,  der  Streit  über  die  dynastischen  Interessen
des  Hauses  Wettin  nahm  Monate  lang  alle  Kräfte  des  Congresses  in  An—
spruch,  und  erst  gegen  das  Ende  des  großen  Fürstentages,  als  die  Dinge
bereits  völlig  aussichtslos  lagen,  ward  in  übereilter  Hast  die  deutsche
Bundesacte  beendigt.  Sehr  günstig  hatten  die  Aussichten  freilich  nie  ge—
standen.  Einem  Lande,  dessen  Grenzen  Niemand  kannte,  dem  unbestimm—
ten  Begriffe  „Deutschland“  eine  feste  politische  Form  zu  geben  war  an
sich  eine  unmögliche  Aufgabe.  Ein  erbarmungsloser  Druck  der  Noth,  wie
er  einst  die  Staaten  Nordamerikas  gezwungen  hatte  widerwillig  auf  ihre
Souveränität  zu  verzichten,  ward  in  jenem  Augenblicke  nicht  fühlbar,  da
alle  Welt  auf  eine  lange  Zeit  friedlichen  Behagens  hoffte.  So  zeigte  sich
denn  hart  und  nackt  das  politische  Naturgesetz,  das  jeden  Staat  treibt,
sein  Ich,  seine  Unabhängigkeit  bis  auf's  Aeußerste  zu  vertheidigen.  Ehr—
furcht  vor  dem  großen  Vaterlande,  Dankbarkeit  gegen  seine  Befreier,
Scham  über  die  eigenen  Frevel  ließ  sich  von  den  Sklaven  Napoleon's
nicht  erwarten.

Auch  eine  durchgebildete  öffentliche  Meinung,  ein  leidenschaftlicher
Volkswille,  stark  genug  die  Widerstrebenden  fortzureißen  bestand  noch
nirgends.  Was  diese  Generation  an  schöpferischem,  politischem  Vermögen
besaß,  war  in  dem  ungeheuren  Ringen  um  die  Befreiung  des  Vaterlandes
darauf  gegangen.  Wohl  flogen  die  Hoffnungen  der  Patrioten  hoch;  wir
warten,  sagte  Arndt,  einer  neuen  Herrlichkeit  wie  seit  Jahrhunderten  nicht
gewesen  ist!  Die  constitutionellen  Ideen  der  Revolution  hatten  in  der
Stille  auf  deutschem  Boden  überall  Wurzel  geschlagen,  „Verfassung“
und  „Repräsentativsystem“  galten  bereits  als  gleichbedeutende  Worte.
        <pb n="687" />
        Die  öffentliche  Meinung.  677

Gleichzeitig,  unter  Männern  von  ganz  verschiedener  Bildung,  ward  die
zuversichtliche  Weissagung  laut:  wie  die  kirchliche  Reformation  im  sech—
zehnten,  so  werde  die  politische  im  neunzehnten  Jahrhundert  von  Deutschland
  über  die  Welt  hinausgehen.  Zu  diesen  modernen  Gedanken  gesellten
sich  romantische  Erinnerungen  aus  Deutschlands  ältester  Geschichte:  die  unvergeßliche
  Schande  der  Regensburger  Tage  schien  wie  ausgelöscht,  mit
der  Herstellung  von  Kaiser  und  Reich  mußte  auch  die  Macht  der  Ottonen
den  Deutschen  wiederkehren.  Niemals  hat  sich  ein  hochbegabtes  und  hochgebildetes
  Geschlecht  in  so  kindlich  unklaren  politischen  Vorstellungen  bewegt;
  Alles  was  diese  Zeit  über  den  Staat  dachte  kam  aus  dem  Gemüthe,
aus  einer  innigen,  überschwänglichen  Sehnsucht,  die  ihre  Ideale  nach
Belieben  bald  in  der  Vergangenheit  bald  in  der  Zukunft  suchte.  Ganz
unbefangen  verschmolz  man  das  Uralte  mit  dem  Allerneuesten:  während
der  Rheinische  Mercur  das  Scharnhorstische  Heerwesen  und  die  Aufhebung
aller  deutschen  Binnenmauthen  empfahl,  holte  er  zugleich  Dante's  Monarchia
  aus  dem  Staube  hervor  und  meinte  durch  die  Ideen  des  dreizehnten
  Jahrhunderts  die  Leiden  der  neuen  kaiserlosen  Zeit  zu  heilen.
Daß  der  Politiker  bei  der  Stange  bleiben,  für  seine  Gedanken  einstehen
soll,  war  der  Mehrzahl  dieser  Publicisten  noch  unbekannt;  harmlos,  unmaßgeblich
  gab  Jeder  in  Zeitungen  und  Flugschriften  seine  Wünsche  und
Einfälle  zum  Besten,  gern  bereit  auch  die  entgegengesetzte  Ansicht  sich
anzueignen.  Arndt  erklärte  geradezu:  „die  Zeit  ist  jetzt  so,  daß  ein  gescheidter
  Mann  bloß  Ideen  aussäen  darf  aus  der  Lust  des  Säens  und
weil  er  die  Nothwendigkeit  begriffen  hat,  daß  die  in  mancher  Hinsicht
noch  immer  zu  trägen  germanischen  Geister  aufgeschüttelt  werden.“  —
Wie  richtig  hatte  doch  Fichte  seine  Zeitgenossen  beurtheilt,  da  er  sagte,
der  Deutsche  könne  nie  ein  Ding  allein  wollen,  er  müsse  auch  stets  das
Gegentheil  dazu  wollen!

Und  welches  krankhaft  überspannte  Selbstgefühl  mitten  in  dieser  Zer—
fahrenheit  der  öffentlichen  Meinung!  Unablässig  versichern  die  Blätter:
Einzelheiten  ausgenommen  ist  die  ganze  Nation  vollkommen  mit  sich  ein—
verstanden  und  weiß  was  ihr  frommt  und  was  sie  zu  fordern  berechtigt
ist;  mit  unendlicher  Verachtung  reden  sie  von  dem  Lottospiele  der  Politiker
  und  den  Spiegelfechtereien  der  Diplomatik.  Dies  tapfere  Geschlecht
durfte  sich  mit  gerechtem  Stolze  eines  Heldenkampfes  rühmen,  und  da  nun
der  Verfassungsbau  des  neuen  Deutschlands  so  lächerlich  weit  zurück  blieb
hinter  den  kühnen  Erwartungen  des  Befreiungskriegs,  so  entstand  in  der
Nation  ein  verhängnißvoller  Irrthum,  der  durch  zwei  Menschenalter
wie  ein  Fluch  auf  dem  deutschen  Leben  gelegen  hat:  der  Wahn,  als  ob
die  Zersplitterung  des  Vaterlandes  allein  die  Schuld  der  Höfe  sei  und
nicht  ebenso  sehr  die  Schuld  dieses  zwischen  Wollen  und  Nichtwollen,
zwischen  patriotischer  Sehnsucht  und  particularistischer  Gewöhnung  hin
und  her  schwankenden  Volkes  selber.  Die  Sprache  der  Publicistik  zeigte
        <pb n="688" />
        678  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

ein  eigenthümliches  Gemisch  von  Salbung  und  Bitterkeit.  Nirgends  erklang
  sie  lauter  als  in  den  Spalten  des  Rheinischen  Mercurs,  der  denn
auch  schon  im  Sommer  1814  in  den  Rheinbundsstaaten  des  Südens  verboten
  ward.  Mögen  die  Fürsten  ernstlich  bedenken,  rief  Görres  drohend,
wie  ihre  Völker  sie  empfangen  werden,  wenn  sie  ein  zerfetztes  Vaterland
mit  nach  Haus  bringen,  dann  bleibt  uns  nur  noch  die  Wahl  zwischen
Entwürdigung  und  Empörung!  Das  Bild  der  deutschen  Verfassung,  das
der  Mehrzahl  der  Patrioten  vorschwebte,  entsprach  etwa  jenem  Vorschlage
für  das  künftige  Reichswappen,  welchen  der  Rheinische  Mercur  veröffentlichte:
  „der  Doppeladler  den  schwarzen  Aar  zärtlich  umhalsend  und  der
bairische  Löwe  friedlich  dazu  gesellt!“  Wahrlich,  es  war  nicht  bloß  trübe
Verstimmung,  wenn  Goethe  sagte:  der  Schlaf  sei  zu  tief  gewesen,  diese  eine
Aufrüttelung  würde  nicht  genügen.

So  weit  sich  in  dem  Durcheinander  guter  Vorsätze  und  phantastischer
Wünsche  ein  greifbarer  politischer  Gedanke  erkennen  ließ,  fand  der  Plan
der  Wiederherstellung  des  habsburgischen  Kaiserthums  außerhalb  der  alten
preußischen  Provinzen  noch  den  meisten  Anklang.  Was  wußte  man  auch
in  den  Kleinstaaten  von  der  traurigen  Rolle,  welche  das  Haus  Oesterreich
noch  in  dem  jüngsten  Kriege  gespielt?  Mancher  wackere  Mann  sah  zwischen
Schwarzenberg  und  Gneisenau,  Gyulay  und  Bülow  keinen  wesentlichen
Unterschied.  Der  Rheinische  Mercur  bewunderte  den  „rührend  wahren“
Charakter  des  Kaisers  Franz:  in  dem  sei  kein  Arg,  keine  Ader  vom
Tyrannen;  selbst  Metternich  ward  wohl  zuweilen  schwacher  Gutmüthigkeit
beschuldigt,  an  seiner  deutschen  Gesinnung  zweifelte  man  nicht.  Was  schien
natürlicher  als  die  Rückkehr  zu  den  altheiligen  Formen  einer  tausendjährigen
  Geschichte:  nur  ein  Kaiser  konnte  das  deutsche  Dornröschen  aus
dem  Schlummer  wecken.  In  Vers  und  Prosa  fand  der  alte  Kaisertraum
neuen  Ausdruck:

Ach  das  Sehnen  wird  so  laut:
Wollt  Ihr  keinen  Kaiser  küren?
Kommt  kein  Ritter  heimzuführen
Deutschland  die  verlassne  Braut?

Die  Frage,  ob  denn  die  heillose  Vereinigung  deutscher  und  ausländischer
  Interessen  abermals  beginnen  sollte,  ward  mit  einigen  nachdrücklichen
  patriotischen  Vermahnungen  abgethan.  Görres  befahl  kurzab:
„deutsche  Fürsten  auf  fremden  Thronen  müssen  ihre  deutschen  Länder  nie
in  fremde  Angelegenheiten  mischen!“  Noch  beweglicher  redete  Rückert  dem
Adler  Habsburgs  in's  Gewissen:

Nicht  die  fremde  Pommeranze
Ist's,  die  Dir  gehört  zunächst:
Der  Reichsapfel,  der  im  Glanze
Hier  an  deutschen  Eichen  wächst!

Willst  bei  Apfel,  Stab  und  Kronen
Nicht  auf  unsern  Eichen  wohnen?
        <pb n="689" />
        Kaiserträume.  679

Der  Naturforscher  Oken,  ein  warmherziger  Patriot  von  handfestem,  kurz
angebundenem  Radicalismus,  erwies  in  der  Jenenser  Nemesis:  mit  der
Kaiserkrone  seien  alle  anderen  Forderungen  der  Nation  von  selbst  erfüllt,
  durch  sie  erlange  Deutschland  wieder  den  ersten  Rang  in  Europa.
Der  geistvolle  Philolog  F.  G.  Welcker  führte  noch  zwei  Jahre  später  in
den  Kieler  Blättern  alle  Gebrechen  des  Vaterlandes  darauf  zurück,  „daß
dem  verfallenen  Deutschland  kein  Kaiser  werden  wollte.“  So  lebendig
erhielt  sich  der  Gedanke  des  Kaiserthums,  doch  wer  vermochte  ihn  praktisch
zu  gestalten?  Die  harte  Thatsache  des  deutschen  Dualismus  machte  den
Patrioten  für  die  Zukunft  geringe  Sorgen:  wenn  die  Lothringer,  nach
einem  Vorschlage  des  Rheinischen  Mercurs,  mit  den  Hohenzollern  eine
Erbverbrüderung  schlossen,  so  stellte  sich  ja  die  wirkliche  Einheit  über  lang
oder  kurz  von  selber  her.  Bis  dahin  mußte  man  dem  preußischen  Staate
allerdings  eine  gewisse  Unabhängigkeit  neben  und  unter  der  österreichischen
Kaiserkrone  zugestehen.  Ein  Aufsatz  im  Mercur  wollte  den  Kaiser  Franz
an  die  Spitze  eines  zwiegetheilten  Reichstags  stellen,  so  daß  Preußen  das
norddeutsch-protestantische  Collegium,  Oesterreich  das  rheinisch-katholische
leitete.  Der  preußische  Staat  sollte  die  schaffende  und  treibende  Kraft  in
diesem  Doppelreiche  bilden;  denn  seit  der  Staat  Friedrich's  seine  alte
Kraft  wiedergewonnen  hatte,  gab  man  sich  draußen  im  Reiche  wieder,  wie
im  achtzehnten  Jahrhundert,  der  behaglichen  Ansicht  hin,  daß  Preußen
von  der  gütigen  Natur  dazu  bestimmt  sei  den  anderen  Deutschen  die  Last
und  Arbeit  der  großen  Politik  dienstfertig  abzunehmen.  Den  Oesterreichern
theilte  Görres  die  angenehmere  Aufgabe  zu,  „das  innerlich  wärmende
und  nährende  Element“  im  deutschen  Reiche  zu  bilden,  dies  entspreche
ihrem  „Stammescharakter“.  Aehnliche  Ansichten  vertrat  der  wohlmeinende
Hildburghausener  Geheime  Rath  Schmid  in  seinem  Buche  „Deutschlands
Wiedergeburt“;  er  dachte  sich  die  preußische  Krone  als  den  Reichsverweser
im  Norden  und  zugleich  als  einen  warnenden  Rath  und  Volkstribunen
neben  dem  österreichischen  Erbkaiser.

Auch  was  Arndt  auf  Stein's  Veranlassung  „über  die  künftige  ständische
  Verfassung“  schrieb,  zeigt  doch,  daß  der  herrliche  Mann  über  die
wesentlichen  staatsrechtlichen  Begriffe  noch  gar  nicht  nachgedacht  hatte.  Er
fordert  einen  Kaiser  und  einen  aus  den  Landboten  der  Provinzen  gebildeten
  Reichstag,  ohne  der  Rechte  der  Fürsten  auch  nur  zu  gedenken;  er
verlangt  die  alten  Landstände  zurück,  allerdings  nicht  so  unbedingt  wie
der  Coblenzer  Romantiker,  der  die  Dreizahl  des  Lehr-,  Wehr=  und  Nährstandes
  feierte,  sondern  in  etwas  moderner  Form,  und  diesen  altständischen
  Körperschaften  sollen  die  Minister  verantwortlich  sein.  Die  wenigen
politischen  Sätze  der  Schrift  liegen  vereinzelt  wie  die  Muscheln  am  Strande
im  dicken  Sande  moralischer,  historischer,  ethnographischer  Betrachtungen.
Die  gesammte  Bildung  der  Zeit  blieb  noch  durch  und  durch  unpolitisch,
die  Methode  politischen  Denkens,  die  Kunst  sachlicher  Erörterung  besaßen
        <pb n="690" />
        680  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

unter  allen  deutschen  Publicisten  nur  Zwei:  Niebuhr,  der  sich  über  die
deutsche  Verfassungsfrage  niemals  aussprach,  und  Gentz,  die  Feder  der
Hofburg.  Und  wie  fremd  war  doch  selbst  den  besten  Deutschen  jener
Tage  der  ruhige,  gehaltene  Nationalstolz  eines  großen  Volkes.  Auf  der
einen  Seite  ein  fanatischer  Haß  gegen  Frankreich,  ein  Haß,  welchen  Arndt
noch  nach  dem  Kriege  als  den  heiligen  Wahn,  als  die  Religion  unseres
Volkes  verherrlichte;  auf  der  anderen  eine  ebenso  blinde  Bewunderung
für  das  allein  freie  England,  das  allein  unter  allen  heutigen  Völkern
von  vielen  herrlichen  Namen  leuchte  —  und  dies  aus  dem  Munde  der
Landsleute  von  Goethe,  Stein,  Blücher  und  Gneisenau!  Als  die  Pläne
der  Welfen  auf  dem  Congresse  sich  enthüllten,  da  gingen  dem  treuen
Manne  freilich  die  Augen  auf,  und  er  sagte  in  einer  seiner  schönsten
Schriften,  dem  „Blick  aus  der  Zeit  in  die  Zeit“  frisch  von  der  Leber  weg
dem  englischen  Kleinsinn  und  dem  hannoverschen  Dünkel  harte  Wahrheiten.

Ueberall,  auch  in  den  Schriften  der  kundigsten  Publicisten,  wird
als  unumstößliche  Wahrheit  gepredigt,  die  Kleinstaaterei  sei  Deutschlands
Zierde,  sei  der  kräftige  Fruchtboden  unserer  Freiheit  und  Cultur;  die
alte  unselige  Verwechslung  von  Freiheit  und  Vielherrschaft  kehrt  in  den
mannigfachsten  Formen  wieder.  Aber  da  man  mit  dem  Wasser  der
Kleinstaaterei  auch  das  Feuer  der  nationalen  Macht  verschmelzen  wollte,
so  war  allen  politischen  Tausendkünstlern  Thür  und  Thor  geöffnet.  Die
handgreifliche  Wirklichkeit  der  deutschen  Einzelstaaten  nöthigte  die  Publicisten
  von  selbst  zu  nüchterner  Selbstbeschränkung;  hinsichtlich  der  Rechte
der  Landstände  entstand  bereits  eine  gewisse  Uebereinstimmung  der  Ansichten,
  Alle  forderten  das  Recht  der  Bitten  und  Beschwerden  sowie  die
Steuerbewilligung,  die  Meisten  auch  Theilnahme  an  der  Gesetzgebung.
Dagegen  bot  die  unfindbare  Größe  des  deutschen  Gesammtstaates  ein  bequemes
  Versuchsfeld  für  dilettantische  Schrullen  und  spielende  Willkür;
für  das  große  Vaterland  erschien  keine  Narrheit  zu  abgeschmackt.  Da
empfahl  Professor  Lips  in  Erlangen  ein  Kaiserthum,  das  unter  den
deutschen  Fürsten  aller  fünf  Jahre  reihum  gehen  sollte:  —  wie  der
Plumpsack,  meinte  Görres.  Da  sendete  ein  hannoverscher  Staatsmann
dem  Congresse  den  Entwurf  einer  deutschen  Bundesacte,  die  sich  bereits
  im  Artikel  7  zu  dem  geistreichen  Satze  erhob:  „die  große  Frage,
von  welcher  alles  Uebrige  abhängt,  besteht  aber  darin:  wie  soll  es  künftig
in  Deutschland  werden  und  welche  Verfassung  soll  es  erhalten?  Hic
nodus  Gordius.“

Neben  den  verworrenen  Träumereien  der  Patrioten  ließen  sich  auch
schon  wieder  die  begehrlichen  Wünsche  des  Particularismus  vernehmen.
Der  geistreiche  schwergelehrte  Karl  Salomo  Zachariä,  ein  würdiger  Vertreter
  jenes  bedientenhaften  alten  Professorenthums,  das  nun  doch  anfing
  seltener  zu  werden,  hatte  sich  bei  seiner  Berufung  nach  Heidelberg
sofort  aus  einem  unterthänigen  Kursachsen  in  einen  unterthänigen  Badener
        <pb n="691" />
        Particularistische  Schriften.  681

verwandelt  und  schrieb  jetzt,  ganz  im  Geiste  der  Karlsruher  Rheinbunds—
gesinnung,  einen  „Entwurf  zu  dem  Grundvertrage  des  deutschen  Staaten—
bundes“.  Keine  Rede  mehr  von  der  tausendjährigen  Geschichte  der
deutschen  Nation;  die  souveränen  Fürsten  Deutschlands  können  sich  nur
zum  Zwecke  der  Sicherung  der  inneren  Ruhe  und  zur  Vertheidigung
gegen  das  Ausland  verbinden;  in  allen  anderen  Angelegenheiten  gilt  das
liberum  veto,  dergestalt,  daß  Bundesbeschlüsse  nur  die  Zustimmenden
verpflichten.  Ueber  diesem  Chaos  steht  ein  Bundestag  in  Wien,  geleitet
von  dem  Protector  Oesterreich  und  dem  Erzkanzler  Preußen.  Noch  deut—
licher  sprach  jener  Gehilfe  Münster's,  Sartorius  in  einer  Flugschrift,  die
einen  Sonderbund  aller  Mittel-  und  Kleinstaaten  empfahl.  Das  Aeußerste
leistete  ein  in  der  diplomatischen  Welt  insgeheim  verbreitetes  Schriftchen
„Zum  Wiener  Congreß“,  das  wahrscheinlich  mit  La  Besnardiere's  Beihilfe
verfaßt  war:  hier  ward  ungescheut  die  Wiederherstellung  des  Rheinbundes
für  den  Süden  und  Westen  angerathen,  der  Norden  mochte  sich  an  Preußen
halten.  Aber  auch  ein  wohlgemeintes  patriotisches  Buch  („Ideen  über
die  Bildung  eines  freien  germanischen  Staatenbundes“)  verlangte  die
Bildung  einer  Föderation  der  Kleinstaaten  unter  Baierns  Führung.  Der
Verfasser  war  wahrscheinlich  der  Leipziger  Buchhändler  Baumgärtner,
Generalconsul  des  Königs  von  Preußen.  Die  unglaubliche  Begriffsver—
wirrung  der  beiden  nächsten  Jahrzehnte  kündigte  sich  schon  an  in  der
charakteristischen  Thatsache,  daß  sogleich  nach  dem  Befreiungskriege  ein
wackerer,  verständiger  Deutscher  in  aller  Unschuld  den  preußischen  Staat
als  eine  halbfremde  Macht  behandeln  konnte!

Die  altpreußischen  Provinzen  verhielten  sich  gänzlich  schweigsam  in
diesem  Federkriege.  Die  Natur  forderte  ihre  Rechte  nach  der  krampfhaften
Anspannung  des  ungleichen  Kampfes;  manche  der  Einsichtigen  fühlten
wohl  auch,  daß  der  Traum  des  preußischen  Kaiserthums,  der  in  den
Kreisen  der  Freiwilligen  so  oft  besprochen  worden,  für  jetzt  ganz  unmög—
lich  blieb.  Nur  in  den  Deutschen  Blättern  des  wackeren  Leipziger  Buch—
händlers  F.  A.  Brockhaus  ward  einmal  eine  Stimme  laut,  die  den  An—
sprüchen  Preußens  einigermaßen  gerecht  wurde.  Ein  Artikel  „Tantae
molis  erit  Germanam  condere  gentem“  zeigte  mit  einer  damals  unerhörten
  Nüchternheit:  für  den  Einheitsstaat,  der  unser  Ziel  bleiben  müsse,
sei  der  rechte  Augenblick  noch  nicht  gekommen;  von  der  Erneuerung  der
alten  sogenannten  freien  Föderativverfassung  könne  man  aber  nichts  Anderes
  erwarten  als  die  Wiederkehr  jener  elenden  Zeiten,  da  Deutschland
„das  allgemeine  Wirths-,  Werb=  und  Hurenhaus  von  ganz  Europa  war."“
Vorderhand  bleibe  den  Deutschen  lediglich  die  Aufgabe,  den  Ausbau  der
Freiheit  im  Innern  zu  sichern,  und  in  dieser  Hinsicht  biete  nur  ein  Staat
Grund  zur  Hoffnung:  Preußen.  Der  also  schrieb  wagte  noch  kaum
zwischen  den  Zeilen  anzudeuten,  daß  er  von  Preußen  dereinst  auch  die
Vollendung  der  nationalen  Einheit  erwartete.
        <pb n="692" />
        682  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Wie  viel  tapferer  ging  der  Adjutant  Karl  August's,  der  junge  Thon
auf  die  Frage  der  deutschen  Zukunft  los  —  derselbe,  der  späterhin  als
Leiter  des  Weimarischen  Finanzwesens  in  der  Geschichte  des  Zollvereins
eine  Rolle  spielen  sollte.  Er  hatte  unter  den  Lützow'schen  Jägern  mitge—
fochten  und  sich  die  stolzen  patriotischen  Stimmungen  der  Kriegszeit  auch
während  des  Congresses  treu  bewahrt.  Als  er  nun  das  unvermeidliche
Mißlingen  der  Wiener  Verhandlungen  vor  Augen  sah,  schrieb  er  kurz,
scharf  und  sicher  einen  Aufsatz:  Was  wird  uns  die  Zukunft  bringen?)
und  erwies,  wie  für  jetzt  doch  nur  ein  ganz  loser  Bund  ohne  Haupt  zu
Stande  komme;  das  alte  Reich  sei  todt  für  immer,  alle  Hoffnungen  der
Nation  beruhten  fortan  auf  Preußens  innerer  Entwicklung.  Möge  dieser
Staat  sich  innerlich  kräftigen,  dann  werde  er  stark  genug  sein  um  dereinst
  die  undeutschen  Mächte  Oesterreich  und  England  aus  unserem  Lande
hinauszuschlagen,  die  Mittelstaaten,  Napoleon's  Gebilde,  zu  zertrümmern
und  die  gesammte  Nation  unter  seiner  Krone  zu  vereinigen.  So  die  Gedanken
  eines  deutschen  Soldaten  im  Mai  1815.  Sie  blieben  den  Zeitgenossen
  verborgen  wie  jene  Schrift  Fichte's  aus  dem  Sommer  18138;  vielleicht
  daß  einmal  Karl  August  auf  die  Abhandlung  seines  jungen  Adjutanten
einen  Blick  geworfen  und  darin  einen  Anklang  an  die  Fürstenbundsträume
seiner  eigenen  Jugend  erkannt  hat.  Wie  unheimlich  erscheint  doch  die
schwerflüssige  Langsamkeit  der  nationalen  Entwicklung  neben  den  raschen
Gedanken  der  kurzlebigen  Einzelmenschen!  Vor  hundertundfünfzig  Jahren
gerade  hatte  Pufendorf  die  Bildung  des  Deutschen  Bundes  vorausgesagt;
jetzt  endlich  ward  das  Seherwort  zur  Wahrheit.  Und  wie  viele  Jahrzehnte
  voll  Sorge,  Schmach  und  Arbeit  sollten  abermals  vergehen,  bis
sich  erfüllte  was  dieser  neue  namenlose  Prophet,  allein  unter  allen  Zeitgenossen,
  vorher  sah:  die  Losreißung  von  Oesterreich  und  die  Einheit
Deutschlands  unter  Preußens  Kronel

Eine  so  verworrene  öffentliche  Meinung  konnte  den  Cabinetten  nicht
die  Richtung  auf  bestimmte  Ziele  geben;  sie  bewirkte  nur  das  Eine,  daß
eine  deutsche  Bundesverfassung  überhaupt  zu  Stande  kam.  Die  österreichischen
  Staatsmänner  hatten  noch  in  Teplitz  beabsichtigt,  die  deutschen
Souveräne  wie  die  italienischen  lediglich  durch  eine  Defensiv-Allianz  mit
der  Hofburg  zu  verbinden.  Aber  schon  während  des  Krieges  war  Metternich
  zu  der  Einsicht  gelangt,  daß  Angesichts  der  hochgespannten  Erwartungen
  der  deutschen  Nation  irgend  eine  festere  Form  bündischer  Verfassung
  gewährt  werden  müsse.  Deshalb,  aus  Furcht  vor  der  Revolution,
gab  er  in  Chaumont  dem  Drängen  Hardenberg's  nach  und  bewilligte  die
Zusage  „eines  föderativen  Bandes“  für  die  deutschen  Staaten.  Auch
darin  zeigte  sich  die  Erstarkung  des  neuen  Deutschlands,  daß  keine  der

 

*)  Als  Manuscript  gedruckt  Weimar  1867  u.  d.  T.:  Aus  den  Papieren  eines
Verstorbenen.
        <pb n="693" />
        Stein's  erste  Bundespläne.  683

fremden  Mächte  in  Wien  den  Anspruch  erhob  unmittelbar  in  die  deutschen
Verfassungshändel  einzugreifen.  Für  diese  Arbeit,  die  ihm  die  heiligste
aller  irdischen  Angelegenheiten  blieb,  setzte  Stein  die  ganze  Wucht  seines
heroischen  Willens  ein.  Mit  starrem  Entsetzen  sahen  die  kleinen  Fürsten
und  Minister  auf  den  unzähmbaren  Mann,  wie  er  einmal,  die  mächtigen
Augen  funkelnd,  die  Nase  kreideweiß  vor  Zorn,  dem  bairischen  Kronprinzen
die  geballte  Faust  vor  das  Gesicht  hielt.  Doch  was  vermochte  alle  Leiden—
schaft,  alle  Ausdauer  gegenüber  einer  Aufgabe,  die  schon  völlig  unlösbar
geworden  war  durch  den  Dualismus  der  Großmächte,  durch  den  bösen
Willen  der  Rheinbundshöfe  und  nicht  am  wenigsten  durch  die  allgemeine,
auch  von  Stein  selber  getheilte  politische  Unklarheit  der  Zeit?

Sobald  der  Reichsritter  sich  überzeugte,  daß  Oesterreich  die  Wiederannahme
  der  Kaiserwürde  hartnäckig  abwies,  ließ  er  seine  Teplitzer  Pläne
fallen  und  arbeitete,  noch  in  Chaumont  am  10.  März  1814,  einen  neuen
Bundesentwurf  aus,  welcher  die  executive  Gewalt  den  vier  größten  deutschen
  Staaten  zuwies.  Sein  Augenmerk  war  jetzt  vornehmlich  auf  die
Beschränkung  des  „Sultanismus“  der  kleinen  Despoten  gerichtet;  darum
Grundrechte,  „Rechte  der  Deutschheit",  von  Bundeswegen  jedem  Deutschen
gewährleistet,  und  ein  aus  Abgeordneten  der  Fürsten  und  der  Landtage
gemischter  Bundestag.  Im  nächsten  Sommer  ward  dieser  Entwurf  von
Neuem  umgestaltet  und  im  Juli,  bei  einer  Zusammenkunft  in  Frankfurt,
mit  dem  Staatskanzler  und  dem  Grafen  Solms-Laubach  eingehend  berathen.
  Widerstrebend  ergab  sich  der  Freiherr  jetzt  darein,  die  Abgeordneten
  der  Landtage  aus  dem  Bundestage  auszuschließen;  bildet  man  den
Bundestag  allein  aus  Fürsten,  meinte  er  bitter,  so  vertraut  man  den
Schutz  der  landständischen  Rechte  gerade  denen  an,  welche  ein  Interesse
haben  sie  zu  untergraben!  Aber  die  Unmöglichkeit,  bei  Oesterreich  und
den  Rheinbundshöfen  ein  deutsches  Parlament  durchzusetzen  sprang  in  die
Augen,  desgleichen  die  unbehilfliche  Schwerfälligkeit  einer  allzu  zahlreichen
  Bundesversammlung  ohne  Haupt;  auch  schien  es  bei  der  Macht,
welche  die  Landesherren  besaßen,  in  der  That  unziemlich,  ihre  Vertreter
unter  der  Ueberzahl  der  Volksabgeordneten  verschwinden  zu  lassen.  Der
so  naheliegende  Gedanke,  ein  Staatenhaus  für  die  Fürsten,  ein  Volkshaus
für  die  Vertreter  der  Nation  zu  bilden,  tauchte  noch  nirgends  auf;  um
die  Verfassung  der  nordamerikanischen  Union  hatte  sich  noch  Niemand  in
Deutschland  ernstlich  bekümmert.

Den  also  umgebildeten  Entwurf  legte  Graf  Solms  schon  am  2.  Septbr.
in  Hardenberg's  Auftrag  dem  österreichischen  Minister  vor,  und  seltsam
genug  war  das  Werk  gerathen.  Wie  wunderlich  hatten  sich  doch  diese
wohlmeinenden  norddeutschen  Patrioten  gedreht  und  gewendet  um  die
Quadratur  des  Cirkels  zu  finden  und  das  kaum  halbdeutsche  Oesterreich
mit  dem  eigentlichen  Deutschland  unter  einen  Hut  zu  bringen.  Sie  erkannten
  richtig,  daß  Oesterreich  sich  einer  irgend  kraftvollen  Bundesge-
        <pb n="694" />
        684  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

walt  nicht  fügen  konnte;  jedoch  da  sie  von  der  völligen  Gleichheit  Oesterreichs
  und  Preußens  wie  von  einem  unantastbaren  Glaubenssatze  ausgingen,
  so  verlangten  sie  für  das  Haus  Lothringen  nicht  jene  privilegirte
Sonderstellung  zurück,  welche  die  kaiserlichen  Erblande  im  alten  Reiche
seit  Jahrhunderten  eingenommen  hatten,  sondern  schlugen  vor:  Oesterreich
solle  nur  mit  den  Ländern  westlich  des  Inns,  Preußen  nur  mit  den  Provinzen
  links  der  Elbe  in  den  engeren  Bund  eintreten,  beide  Mächte  aber
für  ihr  gesammtes  Gebiet  eine  ewige  Allianz  mit  Deutschland  schließen.
Dabei  war  als  selbstverständlich  vorausgesetzt,  daß  Oesterreich  seine  oberrheinischen
  Provinzen  doch  noch  wieder  übernehmen  würde.  Auch  die
Schweiz  und  die  Niederlande  beabsichtigte  man  zu  einem  ewigen  Bündniß
einzuladen.  Tragische  Ironie  des  Schicksals!  Unmittelbar  nachdem  die
Märker,  Pommern,  Preußen  und  Schlesier  den  anderen  Deutschen  das
Signal  gegeben  hatten  für  den  Kampf  der  Befreiung,  dachte  unser  erster
Staatsmann  alles  Ernstes  diese  Kernlande  des  neuen  Deutschlands  vom
Deutschen  Bunde  auszuschließen.  Der  leitende  Gedanke  des  Reichsritters
war  die  ehrliche  Absicht,  dem  Volke  der  Rheinbundsstaaten  landständische
Rechte  und  einige  Sicherheit  gegen  den  Sultanismus  ihrer  Fürsten  zu
gewähren;  Stein  wußte  aber,  daß  die  Einführung  einer  Verfassung  in  den
altpreußischen  Provinzen  nicht  einfach,  in  Oesterreich  fast  unmöglich  war,
und  griff  daher  zu  dem  verzweifelten  Vorschlage  der  Inn=  und  Elbgrenze.)

In  dies  Deutschland  links  der  Elbe  und  des  Böhmerwaldes  wollten  die
preußischen  Staatsmänner  die  Kreisverfassung  des  alten  Reichs  wieder  einführen,
  damit  die  unbrauchbaren  Contingente  der  kleinsten  Staaten  zu  leistungsfähigen
  Massen  zusammengeballt  würden.  Daher  sieben  Kreise,  und  wo  möglich
noch  die  Niederlande  als  achter  burgundischer  Kreis.  Oesterreich  und
Preußen  übernehmen  in  je  zwei  Kreisen,  Baiern,  Hannover,  Württemberg
  in  je  einem  das  Amt  des  Kreisobersten,  die  militärische  Führung
und  die  Aufsicht  über  die  Ausführung  der  Bundezsgesetze;  die  vormaligen
Kurfürsten  von  Baden  und  Hessen  erhalten  in  je  einem  Kreise  die  Stelle
des  zweiten  Kreisobersten.  Hier  aber  erhob  sich  die  peinliche  Frage,  ob
man  dem  unsteten  Ehrgeiz  des  Münchener  und  Stuttgarter  Hofes  eine
verstärkte  Macht  gewähren  dürfe.  Alle  kleinen  Nachbarn  zitterten  vor
der  gewaltthätigen  Ländergier  des  Königs  Friedrich;  die  Hechinger  Regierung
  beschwor  die  preußischen  Staatsmänner  beweglich,*)  doch  ja  dafür  zu
sorgen,  daß  ihr  Ländchen  nicht  gänzlich  von  württembergischem  Gebiete
umschlossen  würde,  sondern  durch  badisches  Land  hindurch  einen  freien
Zugang  zum  Bodensee  erhielte.  Deshalb  schlug  Stein  vor,  dem  bairischen

 

*)  Dieser  Beweggrund  ergiebt  sich  aus  den  Briefen  und  Denkschriften  des  Grafen
Solms,  welche  neuerdings  H.  Baumgarten  (Im  neuen  Reich  1879  S.  549)  veröffentlicht
  hat.

**)  In  wiederholten  Eingaben  des  Fürsten  von  Hohenzollern-Hechingen  an  den
Staatskanzler.
        <pb n="695" />
        Vorverhandlungen  zwischen  Oesterreich  und  Preußen.  685

und  schwäbischen  Kreise  ausschließlich  die  Gebiete  von  Baiern  und  Würt—
temberg  zuzuweisen;  die  sämmtlichen  Kleinstaaten  wurden  der  Führung
der  drei  sogenannten  deutschen  Großmächte,  Oesterreich,  Preußen,  Eng—
land-Hannover  untergeben.  Diese  sieben  vormaligen  Kurfürsten  bilden
zusammen  den  Rath  der  Kreisobersten,  der  die  executive  Gewalt,  die  aus—
wärtige  Politik  und  das  Kriegswesen  in  seine  Hand  nimmt;  kein  Bundes—
staat  darf  selbständig  mit  dem  Auslande  unterhandeln.  Der  Kurfürsten—
rath  des  alten  Reichs,  der  selbst  in  der  Rheinbundsverfassung  als  Rath
der  Könige  fortbestanden  hatte,  sollte  also  mit  erhöhter  Macht  wieder  auf—
leben.  Stein  wollte,  wie  alle  preußischen  Staatsmänner,  so  weit  noch
möglich  zurückkehren  auf  den  Rechtsboden,  welchen  die  Fürstenrevolution
von  1803  geschaffen  hatte.  Das  Directorium  im  Rathe  der  Kreisobersten
erhalten  Oesterreich  und  Preußen  gemeinschaftlich,  dergestalt  daß  Oester—
reich  wie  vor  Alters  den  Vorsitz  führt,  Preußen  aber  das  eigentliche  Direc—
torium,  die  Geschäftsleitung  übernimmt,  wie  einst  Kurmainz  „Mund  und
Feder“  des  Regensburger  Reichstags  war.  Die  gesetzgebende  Gewalt  steht,
gemeinsam  mit  den  Kreisobersten,  dem  Rathe  der  Fürsten  und  Stände
zu,  der  alle  mindermächtigen  Fürsten,  die  freien  Städte  und  die  Mediatisirten
  umfaßt:  jeder  Stand,  der  ein  Gebiet  von  mehr  als  50,000  Köpfen
besitzt,  erhält  eine  Stimme,  gleichviel  ob  er  noch  Souverän  heißt  oder
nicht,  die  übrigen  zusammen  haben  sechs  Curiatstimmen.

Auf  solche  Weise  wollte  der  Reichsritter  den  unglücklichen  Opfern
des  Staatsstreichs  von  1806  gerecht  werden  ohne  ihnen  doch  die  Landeshoheit
  zurückzugeben.  Er  machte  seine  preußischen  Freunde  wiederholt  darauf
aufmerksam,  daß  man  die  in  ihrer  Macht  so  ungleichen  Mediatisirten
nicht  alle  auf  gleichen  Fuß  behandeln  dürfe;?)  da  sei  das  Gesammthaus
Hohenlohe  mit  106,000  Seelen,  Fürstenberg  mit  83,000  und  so  abwärts
bis  zu  den  Aspremonts,  die  ein  Völkergewimmel  von  195  Köpfen  beherrschten.
  Den  besten  Theil  des  Entwurfs  bildeten  die  Abschnitte  über
die  Rechte  der  Nation:  in  jedem  Bundesstaate  sollen  Landstände  bestehen
mit  dem  Rechte  der  Steuerbewilligung,  der  Vertretung  der  Landesrechte,
der  Mitwirkung  bei  der  Gesetzgebung;  jedem  Deutschen  wird  die  Sicherheit
  des  Eigenthums  gewährleistet,  desgleichen  Preßfreiheit,  das  Recht  der
Beschwerde,  das  Recht  in  andere  deutsche  Staaten  auszuwandern  und  sich
auf  jeder  deutschen  Lehranstalt  zu  bilden.

Als  Hardenberg  am  13.  September  in  Baden  bei  Wien  diesen  Plan
mit  Metternich  besprach,  zeigte  sich  sogleich,  daß  Oesterreich  einen  so  ausführlichen
  Entwurf  nicht  wünschte.  Die  Hofburg  war,  wie  Gentz  seinem
Karadja  gestand,  von  vornherein  gesonnen  in  Wien  nur  die  allgemeinen
Grundzüge  der  Bundesverfassung  festzustellen,  alles  Weitere  dem  Frankfurter
  Bundestage  zu  überlassen;  mehr  als  das  schlechthin  Unerläßliche

 

*)  Stein  an  Humboldt,  29.  December  1814.
        <pb n="696" />
        686  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

wollte  sie  den  Souveränen  nicht  zumuthen.  Sodann  verlangte  Metter—
nich,  daß  Oesterreich  und  Preußen  mit  allen  ihren  vormals  „teutschen
Ländern“  dem  Bunde  beiträten;  nur  die  Wacht  am  Oberrhein  wollte
Oesterreich  durchaus  nicht  wieder  übernehmen.  Hardenberg  gab  um  so
leichter  nach,  da  durch  Oesterreichs  Vorschlag  der  Rechtsboden  von  1803
wiederhergestellt  wurde.  Mit  Behagen  erzählten  die  k.  k.  Diplomaten
ihren  Vertrauten,  daß  nunmehr  der  Kaiserstaat  in  allen  Kriegsfällen,
etwa  die  italienischen  Händel  ausgenommen,  auf  die  Heeresfolge  Deutschlands
  rechnen  könne;  lägen  doch  irgendwo  in  Galizien  zwei  alte  schlesische
Lehen,  die  sogenannten  Herzogthümer  Zator  und  Auschwitz,  folglich  sei
der  Deutsche  Bund  auch  zur  Vertheidigung  des  österreichischen  Polens
verpflichtet!  Welche  Provinzen  der  beiden  Großmächte  als  teutsche  Länder
zu  betrachten  seien,  das  hatte  freilich  in  jener  confusio  divinitus  ordinata,
  die  sich  römisches  Reich  nannte,  Niemand  zu  sagen  gewußt,  und
auch  jetzt  kam  man  darüber  nicht  in's  Klare;  die  Frage  ward  erst  vier
Jahre  später,  auf  dem  Papiere  mindestens,  entschieden.  Sicher  war  nur,
daß  mit  dem  Eintritt  der  Hauptmasse  Cisleithaniens  jede  ernsthafte  Bundesverfassung
  unmöglich  wurde,  und  eben  dahin  ging  Metternich's  Absicht.

Endlich  stellte  der  österreichische  Minister  seinem  preußischen  Freunde
eindringlich  vor,  wie  schwerfällig  das  zweiköpfige  Directorium  sei;  wie  viel
einfacher,  wenn  Oesterreich,  das  doch  nicht  auf  alle  seine  alten  Kaiserrechte
verzichten  könne,  allein  den  Vorsitz  übernähme;  alle  deutschen  Geschäfte
würden  ja  doch  im  Voraus  vertraulich  zwischen  den  beiden  führenden
Großmächten  vereinbart  werden;  auch  sei  unter  dem  Präsidium  „bloß
eine  formelle  Leitung  der  Geschäfte  zu  verstehen"“.  Hardenberg  gab  nach;
er  hatte  den  Plan  Stein's  von  Haus  aus  nicht  als  ein  festes  Programm,
sondern  nur  als  einen  Versuch  betrachtet.  Ebenso  blind  wie  er  einst  in
den  Anfängen  seiner  diplomatischen  Laufbahn  an  Frankreichs  Freundschaft
geglaubt  hatte,  vertraute  er  jetzt  auf  Oesterreich;  er  wollte  die  Möglichkeit
eines  Streites  zwischen  den  beiden  Mächten  nicht  mehr  zugeben  und  bemerkte
  nicht,  welchen  Vortheil  in  solchem  Falle  das  Recht  des  Vorsitzes
bot.“)  Da  auch  Münster  sich  auf  das  Entschiedenste  gegen  das  zweiköpfige
  Directorium  erklärte,  so  wurde  der  preußische  Entwurf  nunmehr
nach  Oesterreichs  Wünschen  abgeschwächt  und  verkürzt,  bis  seine  41  Artikel

 

*)  Man  hat  oft  behauptet,  Metternich  habe  dem  Staatskanzler  mündlich  die  Theilung
  des  Präsidiums  für  die  Zukunft  versprochen.  Aber  nicht  nur  ist  für  diese  sonderbare
  Vermuthung  niemals  irgend  ein  Beweis  erbracht  worden,  sondern  es  liegen  auch
Actenstücke  vor,  welche  zu  dem  entgegengesetzten  Schlusse  zwingen.  Im  Jahre  1816
nämlich,  unmittelbar  vor  Eröffnung  des  Bundestages,  machte  der  Bundesgesandte  von
Hänlein  auf  eigene  Hand  den  vergeblichen  Versuch,  nachträglich  noch  für  Preußen  einen
Antheil  am  Präsidium  zu  erlangen.  Es  entspann  sich  darüber  zwischen  ihm  und  Hardenberg
  ein  langer  Briefwechsel,  und  in  diesen  sämmtlichen  vertrauten  Briefen,  worin
alle  die  Forderung  Hänlein's  unterstützenden  Gründe  ausführlich  erörtert  werden,  geschieht
  einer  österreichischen  Zusage  nirgends  Erwähnung.
        <pb n="697" />
        Der  deutsche  Fünfer-Ausschuß.  687

zu  zwölf  zusammengeschrumpft  waren.  Diese  zwölf  Artikel  legten  die
beiden  führenden  Staaten  am  14.  October  dem  Fünfer-Ausschusse  vor,
der  nach  dem  Beschlusse  der  europäischen  Mächte  über  die  deutsche  Verfassung
  berathen  sollte.  Das  Schicksal  des  Deutschen  Bundes  ward  also
allein  in  die  Hände  von  Oesterreich,  Preußen,  England-Hannover,  Baiern
und  Württemberg  gegeben;  den  übrigen  Staaten  blieb  nur  die  nachträgliche
  Zustimmung  vorbehalten.

Offenbar  war  dieser  Versuch  der  Bildung  einer  deutschen  Pentarchie
nur  ein  willkürlicher  Nothbehelf  der  Verlegenheit;  denn  wollte  man  sich
an  das  historische  Recht,  an  die  alten  Prärogativen  des  Kurfürstenrathes
halten,  so  durfte  man  die  Kurhäuser  Baden  und  Hessen  nicht  ausschließen.
Um  die  Willkür  zu  beschönigen  berief  sich  Metternich  auf  jene  Clausel  der
Accessionsverträge,  welche  die  Kleinstaaten  von  Baden  abwärts  verpflichtete
sich  den  Anforderungen  der  künftigen  Bundesverfassung  zu  fügen;  aber
durch  diese  Zusage  war  das  Recht  der  Mitberathung  keineswegs  ausgeschlossen.
  Der  wirkliche  Beweggrund  für  das  eigenmächtige  Vorgehen
der  beiden  Großmächte  war  lediglich  die  diplomatische  Convenienzz  sie
hielten  für  unmöglich  durch  eine  Verhandlung  mit  allen  deutschen  Staaten
irgend  ein  Ergebniß  zu  erzielen.  Der  Erfolg  lehrte  jedoch,  daß  in  dem
wunderbaren  Wirrsaal  der  deutschen  Politik  das  Leichte  oft  schwer  und  das
Unwahrscheinliche  möglich  ist.  Die  Bundesverfassung  kam  erst  zu  Stande
als  man  den  bunten  Haufen  der  gesammten  Kleinstaaten  zur  Berathung
heranrief.  Die  Verhandlungen  des  Fünfer-Ausschusses  dagegen,  die  sich
in  dreizehn  stürmischen  Sitzungen  bis  zum  16.  November  hinzogen,  verliefen
  ohne  jedes  Ergebniß;  denn  unter  den  auserwählten  fünf  Staaten
tagten  die  beiden  boshaftesten  Feinde  der  deutschen  Einheit,  Baiern  und
Württemberg.

Sie  hatten  beide,  Baiern  ohne  jede  Bedingung,  Württemberg  unter
einem  nichtssagenden  Vorbehalt,  die  volle  Souveränität  zugesichert  erhalten;
  ermuthigt  durch  die  unbillige  Gunst,  welche  ihnen  die  Großmächte
gewährten,  entfalteten  sie  sofort,  wie  Stein  entrüstet  sagte,  ihr  System
„der  Vereinzelung  gegen  den  Bund,  des  Ehrgeizes  gegen  die  Kleinstaaten,
  des  Despotismus  gegen  das  eigene  Land.“  Ihre  Absicht  war,  wie
die  preußischen  Staatsmänner  sogleich  erriethen,  die  Entscheidung  der
deutschen  Verfassungsfrage  so  lange  hinauszuschieben,  bis  ihre  eigenen
Gebietsansprüche  nach  Wunsch  erledigt  seien.)  Mit  seiner  gewohnten
brutalen  Grobheit  versicherte  Wrede  sofort,  die  europäische  Macht  Baiern
habe  gar  kein  „persönliches  Interesse“  an  dem  Deutschen  Bunde,  sie
könne  durch  Anschluß  an  Frankreich  weit  größere  Vortheile  erlangen  und
wolle  nur  aus  freundlicher  Nachgiebigkeit  gegen  den  allgemeinen  Wunsch  dem
Vereine  der  deutschen  Souveräne  beitreten.  Noch  nach  dem  Congresse  gestand

 

*)  So  Humboldt  in  dem  oben  erwähnten  Systematischen  Verzeichniß.
        <pb n="698" />
        688  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Montgelas  dem  preußischen  Gesandten  von  Küster  „seine  äußerste  Gleichgiltigkeit
  gegen  den  Deutschen  Bund:  warum  sollten  denn  die  deutschen  Staaten
nicht  wie  die  italienischen  ganz  selbständig  neben  einander  leben,  verbunden
  nur  durch  gute  Nachbarschaft  und  gegenseitige  freie  Convenienz?“)

Nichts  lag  den  preußischen  Staatsmännern  ferner  als  eine  radicale
unitarische  Politik.  Während  in  Stein's  Augen  der  Einheitsstaat  immer
das  Ideal  blieb,  theilten  Hardenberg  und  Humboldt  aus  voller  Ueberzeugung
  den  allgemeinen  Glauben  an  die  culturfördernde  Macht  der
Kleinstaaterei.  Knesebeck  führte  in  seiner  doctrinären  Weise  wiederholt
den  Gedanken  aus,  Deutschland  werde  nur  durch  die  Buntheit  seiner
politischen  Zustände  fähig  den  Mittelpunkt  Europas  zu  bilden;  er  wollte
„dies  Centrum  als  Palladium  für  die  freie  Association  und  Erhaltung
des  Gleichgewichts  auch  dadurch  stempeln,  daß  es  Beides  auch  in  sich
darstellen  soll.“““)  Aber  wie  bescheiden  auch  die  Wünsche  der  Preußen
waren,  der  frivole  Hohn  gegen  Deutschland,  welchen  Wrede  zur  Schau
trug,  erregte  doch  ihren  Zorn.  Der  Baier  erklärte  kurzab,  sein  König
sei  nicht  gewillt,  „sich  der  Ausübung  irgend  eines  Regierungsrechtes,  das
der  Souveränität  anhängt,  zu  begeben,“  am  allerwenigsten  der  Befugniß,
  nach  Belieben  mit  dem  Auslande  Bündnisse  abzuschließen;  denn  an
diesem  Rechte  finde  der  bairische  Nationalstolz  Gefallen;  verzichte  man
darauf,  so  „verliere  Baiern  an  Achtung  und  Würdigkeit  bei  den  Auswärtigen".
  Für  die  fünf  Kreisobersten  verlangte  er  vollständige  Parität,
also  ein  jährlich  wechselndes  Directorium.  Darum  wünschte  er  auch  möglichst
  wenige  Provinzen  Oesterreichs  und  Preußens  in  den  Bund  aufzunehmen;
  jedenfalls  dürften  die  beiden  Großmächte  nur  ebenso  viel  Truppen
zum  Bundesheere  stellen  wie  Baiern.

So  enthüllte  sich  zum  ersten  male  die  Absicht  der  Mittelstaaten  das
deutsche  Heer,  aus  Eifersucht  gegen  die  Großmächte,  zu  schwächen  —  eine
Politik  des  Neides,  die  selbst  in  der  polnischen  Geschichte  kein  Seitenstück
fand  und  nach  Jahren  in  der  lächerlichen  Kriegsverfassung  des  Deutschen
Bundes  ihre  Absichten  durchsetzen  sollte.  Noch  frecher  als  die  Baiern
sprachen  die  württembergischen  Bevollmächtigten;  sie  rührten  durch  ihre
herausfordernden  Reden  den  ganzen  eklen  Bodensatz  der  alten  Rheinbundsgesinnung
  wieder  auf.  Von  Grundrechten  der  Nation  wollten  sie  schon
darum  nichts  hören,  weil  der  Stuttgarter  Hof  das  Dasein  einer  deutschen
Nation  nicht  anerkannte.  Eine  schamlose  Geschichtsverfälschung,  die  bereits
in  den  Schulen  der  Rheinbundsstaaten  ihr  Gift  zu  säen  begann,  leugnete
kurzerhand  Alles  ab  was  den  Deutschen  durch  Jahrhunderte  gemeinsam
gewesen,  ließ  aus  der  gesammten  Vorzeit  unseres  Volkes  nichts  gelten  als
die  acht  Jahre  der  napoleonischen  Anarchie.  „Der  Zweck  des  Bundes,“

 

*)  Küster's  Bericht,  München  28.  August  1815.
*“)  Knesebeck's  Denkschrift  vom  7.  Januar  1814.
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        Parteikampf  im  Fünfer-Ausschusse.  689

erklärte  Minister  von  Linden  trocken,  „widerspricht  der  Absicht,  aus  verschie—
denen  Völkerschaften,  z.  B.  Preußen  und  Württembergern,  so  zu  sagen
eine  Nation  zu  bilden!“  Dagegen  zeigte  der  Stuttgarter  Hof  einen  sehr
verdächtigen  Eifer  für  die  Kriegsverfassung.  Er  wünschte,  daß  allein  die
Kreisobersten  Mitglieder  des  Bundes  werden,  alle  anderen  Fürsten  sich
nur  als  untergebene  Kreisstände  „den  fünf  Mächten“  anschließen  sollten,
und  verlangte  vornehmlich  Vergrößerung  der  südwestdeutschen  Kreise,  damit
  König  Friedrich  den  ersehnten  neuen  Landgewinn  auf  einem  Umwege
erlangen  und  über  vier  Millionen  mittelbarer  oder  unmittelbarer  Unterthanen
  das  Schwert  des  Kreisobersten  schwingen  konnte.

Die  preußischen  Bevollmächtigten  führten  den  Kampf  gegen  dies  unwürdige
  Treiben  in  erster  Reihe;  selbst  Metternich  sah  nicht  ohne  Sorge,
daß  die  zu  Ried  und  Fulda  gestreute  Saat  doch  gar  zu  üppig  aufging,
  und  konnte  nicht  umhin  seinen  süddeutschen  Schützlingen  zuweilen
zu  widersprechen,  namentlich  wenn  sie  den  Rechten  seiner  Standesgenossen,
  der  Mediatisirten  zu  nahe  traten.  Münster  endlich  ergriff  begierig
die  Gelegenheit  um  das  Licht  der  gerühmten  welfischen  Freiheit  vor  aller
Welt  leuchten  zu  lassen.  Sein  Prinzregent  theilte  soeben  in  einem  hochmüthigen
  Rundschreiben  den  europäischen  Höfen  die  Gründung  des  Königreichs
  Hannover  mit  und  stellte  die  fragwürdige  Behauptung  auf,  „durch
seine  Verbindung  mit  Großbritannien  habe  das  welfische  Haus  dem  deutschen
  Vaterlande  vielfältig  Schutz  und  Unterstützung  angedeihen  lassen.“
In  dem  gleichen  prahlerischen  Tone  schrieb  Münster  eine  Note  zur  Bekämpfung
  der  Doctrinen  des  württembergischen  Sultanismus;  er  wies
nach,  daß  die  Rechte  der  Landstände  durch  die  Sonveränität  der  kleinen
Kronen  keineswegs  hinfällig  geworden  seien,  und  ward  von  der  urtheilslosen
  öffentlichen  Meinung  wegen  seiner  edlen  liberalen  Gesinnung  hoch
gepriesen,  während  er  doch  in  Wahrheit  nur  für  das  Ständewesen  des
hannoverschen  Adelsregiments  eine  Lanze  gebrochen  hatte.  Die  Lage  der
Dinge  im  Fünfer-Ausschuß  gestaltete  sich  bald  so  hoffnungslos,  daß  Stein
im  äußersten  Unmuth  den  Czaren  zu  Hilfe  rief.  Alexander  ließ  mit
warmen  Worten  seine  Zustimmung  zu  den  Vorschlägen  der  deutschen
Großmächte  aussprechen  und  mahnte  die  deutschen  Staaten  an  die  Verheißungen
  der  Kalischer  Proclamation.  Der  Stuttgarter  Despot  aber
konnte  die  frevelhaften  Angriffe  auf  die  Vollgewalt  seiner  Rheinbundskrone
  nicht  länger  mehr  mit  ansehen;  „man  wird  sich  bald  schämen  müssen
ein  Württemberger  zu  sein“  —  hörte  man  ihn  schelten.  Am  16.  November
erklärte  Württemberg  seinen  Austritt  aus  dem  Rathe  der  Fünf  und  vor
den  Augen  des  spottenden  Europas  ging  die  deutsche  Pentarchie  an  ihrer
Uneinigkeit  zu  Grunde.

Unterdessen  hatten  sich  auch  die  kleinen  Staaten  geregt,  mit  Recht
erbittert  über  die  angemaßte  Fünfherrschaft.  Baden,  das  vergeblich  Einlaß
  in  den  Rath  der  Fünf  verlangt  hatte,  überreichte  an  demselben

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  44
        <pb n="700" />
        690  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Tage,  da  Württemberg  ausschied,  eine  förmliche  Verwahrung,  welche  dem
Großherzog  alle  Rechte  der  unbeschränkten  Souveränität  vorbehielt.  Die
bonapartistische  Gesinnung  des  Ministers  von  Hacke  verschmähte  die  gehässigsten
  Worte  nicht:  nicht  darum  habe  sein  Großherzog  fremde  Ketten
abgestreift  um  vielleicht  eigene  zu  tragen.  Gagern  aber  versammelte  die
Vertreter  der  meisten  Kleinstaaten,  von  Kurhessen  abwärts,  um  sich  und
stellte  ihnen  die  Nothwendigkeit,  den  Großen  „fühlbar  zu  machen,  daß
wir  da  sind  und  unser  Handwerk  wohl  verstehen.“  Eine  überaus  gemischte
Gesellschaft  fand  sich  hier  zusammen:  ehrliche,  einsichtige  Patrioten  wie
Smidt  und  der  Mecklenburger  Plessen,  verstockte  Particularisten  wie  der
Nassauer  Marschall,  endlich  Phantasten  wie  Gagern  selber,  der  nicht  die
rheinbündische  Gesinnung  Baierns  und  Württembergs  fürchtete,  sondern
„die  verhüllte  Zweiherrschaft"  Oesterreichs  und  Preußens.  Manche  der
Theilnehmer  bestimmte  lediglich  die  Eifersucht  gegen  die  Mediatisirten;  sie
wollten  sich  nicht  überbieten  lassen  von  diesen  Entthronten,  die  als  consequente
  Legitimisten  für  alle  Kleinodien  aus  des  heiligen  Reiches  Rumpelkammer
  sich  begeisterten  und  den  Kaiser  Franz  mit  Bitten  um  die  Wiederannahme
  der  Karolingerkrone  bestürmten.  Einig  waren  die  Kleinstaaten
vorderhand  nur  in  dem  Wunsche  die  Fünfherrschaft  zu  brechen.

Immerhin  zeigten  die  kleinen  Höfe  auch  diesmal,  wie  so  oft  in  der
älteren  Reichsgeschichte,  doch  etwas  mehr  vaterländischen  Sinn  als  die
Mittelstaaten;  mehrere  unter  ihnen  wünschten,  im  Bewußtsein  der  eigenen
Ohnmacht,  ernstlich  eine  starke  Reichsgewalt,  die  sie  gegen  den  Ehrgeiz  der
größeren  Nachbarn  beschützen  sollte.  Daher  entschloß  sich  Stein  diese  kleinfürstliche
  Opposition  für  seine  patriotischen  Zwecke  zu  benutzen;  er  schob
den  vielgeschäftigen  Gagern  geschickt  zur  Seite  und  bewog  den  Verein  der
neunundzwanzig  kleinen  Fürsten  und  Städte  am  16.  November,  an  demselben
  Tage,  da  Württemberg  ausschied,  den  beiden  führenden  Mächten
eine  Collectivnote  zu  überreichen.  Darin  wurden  Oesterreich  und  Preußen
gebeten,  sämmtlichen  deutschen  Staaten  einen  neuen  Verfassungsplan  „auf
der  Basis  gleicher  Rechte  und  einer  vollständigen  Repräsentation  aller
Bundesglieder“  vorzulegen;  an  die  Spitze  des  Bundes  aber  müsse  ein
Kaiser  „als  teutscher  Freiheit  Aegide“  treten.  So  luftig  und  unklar  dieser
Kaiserplan  erschien  und  so  gewiß  mehrere  der  Unterzeichner  den  Kaisergedanken
  lediglich  als  einen  frivolen  Vorwand  gebrauchten  um  nur  der
Fünfherrschaft  ledig  zu  werden,  ebenso  gewiß  enthielt  die  Erklärung  der
Kleinstaaten  einige  ehrenwerthe  bestimmte  Zugeständnisse:  sie  erboten  sich
namentlich,  den  Landtagen  ein  von  Bundeswegen  festzustellendes  Minimum
landständischer  Rechte  zu  gewähren.

Also  zugleich  von  Innen  und  Außen  angegriffen  brach  die  deutsche
Pentarchie  zusammen.  Einige  Monate  lang  bestand  gar  kein  deutscher  Verfassungsausschuß
  mehr.  Der  Boden  war  frei  für  willkürliche  Pläne  jeder
Art;  Gagern  und  Plessen  sprachen  bereits  von  einem  Bunde  der  Mittel-
        <pb n="701" />
        Unterbrechung  der  Berathungen.  691

und  Kleinstaaten  ohne  Oesterreich  und  Preußen,  aber  mit  Dänemark  und
den  unvermeidlichen  Niederlanden.  Münster  erwiderte  den  Kleinstaaten
im  Namen  der  Großmächte,  erkannte  ihre  patriotischen  Absichten  wohl—
wollend  an  und  erklärte  bestimmt,  die  Wiederaufrichtung  des  Kaiserthums
sei,  Angesichts  der  Weigerung  Oesterreichs,  ganz  unmöglich.  Die  Rheinbundsgesinnung
  dagegen,  welche  sich  in  den  Noten  Württembergs  und  Badens
  so  schamlos  ausgesprochen  hatte,  wollten  die  Großmächte  nicht  ungerügt
  hingehen  lassen.  Oesterreich  und  England-Hannover  hofften  in  jenem
Augenblicke  noch,  den  preußischen  Hof  von  Rußland  abzuziehen  und  kamen
darum  in  den  deutschen  Händeln  den  Ansichten  Preußens  mit  einer  Beflissenheit,
  die  sie  freilich  zu  nichts  Ernstlichem  verpflichtete,  entgegen.
Münster  entwarf  für  Preußen  und  Oesterreich  eine  identische  Note,  welche
dem  badischen  Hofe  übergeben  werden  sollte.  In  einer  unerhört  scharfen
Sprache  hielt  er  der  Karlsruher  Regierung  ihr  Sündenregister  vor,  alle
ihre  Bedrückungen  gegen  das  eigene  Volk,  „Maßregeln,  die  unter  die  willkürlichsten
  des  französischen  Revolutionssystems  gerechnet  werden  müssen.“
Dann  wird  der  wichtige  Grundsatz  aufgestellt,  daß  es  den  deutschen  Staaten
keineswegs  frei  stehe,  ob  sie  dem  Bunde  beitreten  wollten  oder  nicht.  Die
Großmächte  berufen  sich  nicht  auf  den  tausendjährigen,  niemals  rechtsgiltig
aufgehobenen  Bestand  des  deutschen  Reichs;  sie  halten  sich  an  das  Nächstliegende,
  an  die  Accessionsverträge  des  vergangenen  Jahres:  alle  der  großen
Allianz  Beigetretenen  seien  gebunden  an  die  Kalischer  Proclamation,  die
dem  deutschen  Volke  die  Wiederaufrichtung  seiner  Verfassung  „unter  nöthigen
  Modificationen“  zusage.  „Die  Garantie,  welche  die  alliirten  Mächte
über  die  Souveränität  Badens  ertheilt  haben,  kann  nicht  auf  unbedingte
Befugnisse  gedeutet  werden,  welche  Seiner  K.  Hoheit  niemals  zugestanden
haben  und  welche  mit  den  Absichten  geradezu  streiten  würden,  welche  der
deutschen  Nation  von  Seiten  der  alliirten  Mächte  als  Zwecke  des  Kriegs,
zu  dessen  glücklicher  Beendiguug  ihre  Vaterlandsliebe  und  ihr  auf  diese
Zusicherung  gestützter  Muth  so  Vieles  beigetragen  hat,  bekannt  gemacht
worden  sind.““)  Im  letzten  Augenblicke  wurde  Metternich  bedenklich;  ein
solcher  Ton  erschien  ihm  zu  schroff.  Man  begnügte  sich  dem  badischen
Minister  mündlich  die  Meinung  der  Großmächte  mitzutheilen.  Dagegen
wurde  dem  württembergischen  Hofe  am  24.  November  eine  gemeinsame  Antwort
  übergeben,  welche,  obschon  in  etwas  milderer  Form,  dem  Münster'schen
Entwurfe  entsprach  und  sehr  nachdrücklich  erklärte:  alle  deutschen  Staaten
sind  verpflichtet  dem  Bunde  beizutreten.  Es  war,  als  ob  Stein  selber  den
Großmächten  die  Feder  geführt  hätte;  schade  nur,  daß  weder  Metternich
noch  Münster  ernstlich  gewillt  war  den  schönen  Reden  die  That  folgen  zu  lassen.

Die  Auflösung  des  Fünfer-Ausschusses  wurde  folgenreich  für  viele
Jahre,  denn  sie  gab  den  Anlaß  für  die  Begründung  der  constitutionellen

 

*)  Münster's  Entwurf  zur  Beantwortung  der  badischen  Note  vom  16.  Nov.  1814.
44
        <pb n="702" />
        692  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Staatsformen  in  Süddeutschland.  Aus  den  gemeinsten  Beweggründen,
aus  Souveränitätsdünkel  und  particularistischer  Angst  vor  der  Einmischung
der  Bundesgewalt  entschlossen  sich  die  Cabinette  der  drei  Mittelstaaten
des  Südens,  auf  eigene  Faust  das  Nothwendige  zu  thun  und  ihren  Landen
das  Repräsentativsystem  zu  gewähren.  Sie  waren  dazu  auch  leichter  im
Stande  als  Preußen,  da  ihre  napoleonische  Präfectenverwaltung  bereits
zehn  Jahre  Zeit  gehabt  hatte  um  alle  Landestheile  einer  gleichmäßigen
Ordnung  zu  unterwerfen  und  jede  centrifugale  Kraft  zu  bändigen.  König
Max  Joseph  hatte  schon  im  September  eine  Durchsicht  der  papiernen  Verfassung
  von  1808  angeordnet;  sobald  er  dann  in  Wien  wahrnahm,  daß
die  Großmächte  den  Souveränen  ein  Minimum  landständischer  Rechte  von
Bundeswegen  auferlegen  wollten,  befahl  er  seiner  Revisionscommission  im
October  ihre  Arbeiten  schleunigst  zu  beendigen.  Friedrich  von  Württemberg
ließ  seine  Minister,  in  einer  ungezogenen  Replik  vom  24.  November,  die
unantastbare  Allmacht  der  schwäbischen  Königskrone  nochmals  vertheidigen,
er  wetterte  und  tobte  wider  die  Anmaßung  der  Großmächte  und  verließ
Wien  schon  um  Weihnachten  hoch  entrüstet.  Gleichwohl  entging  seiner
Klugheit  nicht,  daß  es  zu  Ende  war  mit  den  guten  Tagen  der  ungestörten
Selbstherrlichkeit.  Die  Schwaben  erkannten  den  brutalen  Tyrannen  kaum
wieder,  so  sanft  und  gnädig  trat  er  nach  seiner  Heimkehr  plötzlich  auf,  so
sichtlich  bemühte  er  sich  Frieden  zu  halten  mit  seinem  Volke;  von  Napoleon
  wollte  er  gar  nichts  mehr  hören,  doch  ebenso  bestimmt  sprach  er  aus,
daß  er  niemals  irgend  einer  Weisung  aus  Wien  gehorchen  werde.)  Am
11.  Januar  1815  überraschte  er  sein  unglückliches  Land  durch  eine  Proclamation,
  welche  die  nahe  Einberufung  eines  Landtags  ankündigte:  der
König  gewähre  diese  längst  beabsichtigte  Wohlthat  schon  jetzt,  um  zu  beweisen,
  „daß  nicht  eine  äußere  Nothwendigkeit  oder  eine  gegen  Andere
eingegangene  Verbindlichkeit“  ihn  zwinge.  Damit  glaubte  er  dem  Deutschen
  Bunde  ein  Schnippchen  geschlagen  zu  haben;  er  ahnte  nicht,  wie
bald  sein  mißhandeltes  Volk  selber  ein  furchtbares  Strafgericht  über  die
Sünden  des  letzten  Jahrzehntes  halten  würde.  Auch  dem  kranken  Großherzog
  Karl  von  Baden  fehlte  es  nicht  an  Verstand.  Die  herrischen
Mahnungen  der  Großmächte  schreckten  ihn  aus  seinem  dumpfen  Brüten  auf;
schon  am  1.  December  ließ  er  dem  preußischen  Staatskanzler  in  einer  verbindlichen
  Note  anzeigen,  er  sei  bereit  seinem  Volke  alle  die  in  dem  preußischen
  Bundesplane  geforderten  landständischen  Rechte  zu  gewähren  und
habe  bereits  eine  Verfassungscommission  eingesetzt.  Aus  so  trüben  Quellen
entsprang  die  constitutionelle  Bewegung  in  Süddeutschland;  doch  da  sie
der  Natur  der  Dinge  entsprach,  so  nahm  sie  ihren  Fortgang  auch  als  die
kleinen  Kronen  von  dem  Deutschen  Bunde  nichts  mehr  zu  fürchten  hatten.

In  jenem  Augenblicke  war  die  Besorgniß  der  Mittelstaaten  keineswegs

 

*)  Berichte  des  Geschäftsträgers  Jouffroy,  Stuttgart  12.  Jan.  7.  März  1815.
        <pb n="703" />
        Preußische  Entwürfe  im  December.  693

grundlos,  denn  die  preußischen  Staatsmänner  betrieben,  ungeschreckt  durch
den  Zerfall  des  Fünfer-Ausschusses,  das  deutsche  Verfassungswerk  mit
rührigem  Eifer.  Die  nationale  Politik  war  ihnen  Herzenssache;  wieder—
holt  hatten  sie  dem  vaterlandslosen  Gerede  der  Baiern  und  Württem—
berger  die  Erklärung  entgegengehalten:  ihr  König  betrachte  es  „als  seine
Regentenpflicht,  seine  Unterthanen  wieder  in  eine  Verbindung  zu  bringen,
wodurch  sie  mit  Deutschland  eine  Nation  bilden.“  Humboldt  schritt  sofort
an  die  Ausarbeitung  eines  neuen  Entwurfs;  da  stieß  er  auf  eine  ganz
unerwartete  neue  Schwierigkeit.  Der  österreichische  Minister  nämlich,  der
bisher  für  die  Kreisverfassung  gesprochen  hatte,  ward  plötzlich  anderen
Sinnes.  Er  errieth,  was  allerdings  sehr  nahe  lag,  daß  die  kleinen  nord—
deutschen  Contingente,  dem  preußischen  Kreisobersten  untergeordnet,  un—
fehlbar  in  der  preußischen  Armee  verschwinden  würden;  und  da  er  bei
dem  deutschen  Verfassungswerke,  das  ihn  im  Uebrigen  völlig  kalt  ließ,
nur  den  einen  Zweck  verfolgte  die  Macht  Preußens  zu  beschränken,  so
erklärte  er  sich  jetzt  gegen  jede  Kreiseintheilung.  Auch  Münster  stimmte
dem  österreichischen  Freunde  bei,  sobald  dieser  ihm  das  Schreckgespenst
der  norddeutschen  Hegemonie  vor  die  Augen  hielt.

So  geschah  es,  daß  Humboldt  jetzt  gleichzeitig  zwei  Entwürfe  für
die  Bundesacte  ausarbeiten  mußte,  den  einen  mit,  den  anderen  ohne
Kreise;  in  beiden  waren  die  wesentlichen  Grundgedanken  der  Zwölf  Artikel
  beibehalten.  Am  9.  December  erörterte  der  Rastlose  in  einer  Denkschrift
  die  Vorzüge  der  Kreisverfassung:  sie  sei  unentbehrlich  um  den
kleinsten  Staaten  einen  geordneten  Instanzenzug  für  ihr  Gerichtswesen
zu  sichern  und  die  militärische  Kraftanspannung  schon  im  Frieden  vorzubereiten;
  das  Gegentheil  ging  nur  an  unter  „dem  bonapartistischen
Systeme",  das  in  beständigem  Kriegszustande  lebte  und  vor  keinem
Mittel  zurückschrak.  Zugleich  versucht  er  den  Klagen  der  Kleinstaaten
über  Unterdrückung  zu  begegnen  und  schlägt  vor,  außer  Baden  und
Kurhessen  noch  drei  jährlich  wechselnde  Mitglieder  des  Fürstenrathes  in
den  Rath  der  Kreisobersten  aufzunehmen.))  Zwei  Tage  später  übersandte
  er  die  vollendeten  Entwürfe  dem  Staatskanzler,  betonte  nochmals,
wie  wichtig  die  Kreisverfassung  für  Preußens  zerstückelte  Lage  sei,  rieth
aber  trotzdem  nicht  allzu  ängstlich  auf  dieser  Forderung  zu  bestehen,  denn
unsere  Stärke  in  Deutschland  werde  immer  zum  Theil  eine  moralische
sein,  und  viel  komme  darauf  an,  „daß  Preußen  den  kleinen  Fürsten  nicht
als  eine  Gefahr,  sondern  als  ein  Schutz  erscheine.“  Jetzt  endlich,  nach
fast  drei  Monaten  fruchtloser  Verhandlungen,  stieg  dem  geistvollen  Manne
eine  Ahnung,  aber  auch  nur  eine  Ahnung  auf  von  Oesterreichs  bundesfreundlichen
  Absichten.  „Man  hat  uns“,  schrieb  er,  „gern  bei  der  deutschen
  Verfassungsangelegenheit  vorangestellt  und  uns  leicht  und  gern  in

*)  Humboldt's  Denkschrift  über  die  beiden  neuen  Entwürfe  zur  Bundesacte,  9.  December
  1814
        <pb n="704" />
        694  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Allem  nachgegeben,  weil  man  es  lieber  mochte,  wenn  lieber  wir  (da  man
auch  von  uns  wußte,  daß  wir  immer  eine  feste  und  kräftige  Verfassung
wollen  würden)  den  Fürsten,  denen  allen  die  Fesseln  einer  Constitution
lästig  sind,  unangenehm  würden  und  gefährlich  erschienen.“"  Daß  aber
die  Hofburg  selber  eine  feste  und  kräftige  Verfassung  nicht  wallen  konnte,
war  ihm  noch  immer  nicht  klar  geworden;  vielmehr  hoffte  er  sich  rasch  mit
Oesterreich  und  Hannover  über  einen  der  beiden  Entwürfe  zu  verständigen
und  etwa  in  acht  Tagen  die  Verhandlungen  mit  Baiern  und  Württemberg
  wieder  aufzunehmen.)  Während  die  preußischen  Staatsmänner
also,  treufleißig  und  arglos,  Wasser  in  das  deutsche  Danaidenfaß  schöpften,
  verhandelte  Metternich  mit  Münster  insgeheim  über  den  Plan  eines
Deutschen  Bundes  ohne  Preußen!

Stein  versah  die  Arbeit  Humboldt's  mit  seinen  Bemerkungen,  forderte
  höhere  Rechte  für  die  Mediatisirten  und  die  Reichsritter,  aber  auch
ein  reicheres  Maaß  von  Volksrechten,  namentlich  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft
  und  des  Dienstzwanges  sowie  die  Ablösung  der  Frohnden  in
ganz  Deutschland.  Ernstlichen  Anstoß  nahm  Stein  allein  daran,  daß
Humboldt,  aus  Rücksicht  auf  Oesterreich,  die  Bestimmungen  über  die  Landtage
  abgeschwächt  und  den  Landständen  nur  noch  eine  berathende  Stimme
eingeräumt  hatte.  „Das  ist  ein  Riesenschritt  rückwärts“,  erwiderte  der
Freiherr.  „Preußen  hat  unter  allen  Ländern  am  wenigsten  Ursache  ihn
zu  thun  und  zu  veranlassen.  In  diesem  Staate  vereinigen  sich  alle
Elemente,  die  eine  ruhige,  verständige  Bewegung  kräftig  organisirter  Landstände
  verbürgen:  Nationalität,  Gewohnheit  und  erprobte  Bereitwilligkeit
Abgaben  zu  leisten,  Opfer  zu  bringen,  Besonnenheit  und  gesunder  Menschenverstand,
  allgemeine  Bildung.  Oesterreich  kann  aus  vielen  Gründen
nicht  gleiche  Grundsätze  aussprechen,  wegen  der  Fremdartigkeit  seiner  Bestandtheile,
  dem  niederen  Zustande  seiner  allgemeinen  Bildung,  den  Maximen
  seiner  Regierung  und  Regenten,  und  es  mag  aus  diesen  Gründen
eine  Ausnahme  machen.  Man  überlasse  es  ihm  sich  auszusprechen.““)
Also  sah  sich  selbst  dieser  feurige  Parteigänger  des  lothringischen  Kaiserthums
  genöthigt  eine  Ausnahmestellung  für  Oesterreich  zu  fordern  sobald
auf  die  praktischen  Folgen  des  bündischen  Lebens  die  Rede  kam.

Alle  die  saueren  Mühen  dieser  Decemberwochen  blieben  für  jetzt
verlorene  Arbeit.  Denn  mittlerweile  verschärfte  sich  der  Streit  um  die
sächsisch-polnische  Frage,  die  drohende  Kriegsgefahr  nahm  Aller  Gedanken
in  Anspruch,  und  während  der  ersten  Hälfte  des  Januars  rückte  das
deutsche  Verfassungswerk  keinen  Schritt  von  der  Stelle.  Sobald  die  Luft
etwas  reiner  ward,  kehrte  Humboldt  sofort  wieder  zu  seinem  Schmerzenskinde
  zurück.  Er  hatte  inzwischen  mit  dem  wohlmeinenden  Weimarischen
Minister  von  Gersdorff  viel  verkehrt,  die  Wünsche  der  Kleinstaaten  näher

*)  Humboldt  an  Hardenberg,  11.  December  1814.
*)  Stein's  Bemerkungen  zu  dem  Entwurfe  ohne  Kreise  26.  u.  29.  Dezember  1814.
        <pb n="705" />
        Wiederaufnahme  der  Verhandlungen.  695

kennen  gelernt  und  die  Ueberzeugung  gewonnen,  daß  sich  seit  der  Auflösung
  des  Reichs  an  den  deutschen  Höfen  ein  ungeheurer  Dünkel,  mit
dem  man  rechnen  mußte,  gebildet  hatte.  Jene  Abstufungen  des  Ranges
und  des  Rechtes,  die  in  der  alten  Reichsverfassung  bestanden,  waren
vergessen,  die  neuen  Souveräne  fühlten  sich  einander  schlechthin  gleich.
Sollte  die  Bundesacte  überhaupt  zu  Stande  kommen,  so  durfte  den
Kleinstaaten  keine  allzu  auffällige  formelle  Unterordnung  unter  die  größeren
  Genossen  zugemuthet  werden;  denn,  meinte  Gersdorff  mit  jener
kindlichen  Unschuld,  die  von  jeher  das  Vorrecht  unserer  kleinstaatlichen
Diplomaten  war:  „man  liebt  den  Schein  der  Freiheit  selbst  wenn  man
ihr  Wesen  nicht  zu  besitzen  vermag.““)  Daß  ein  Staatenbund  nur  in
einer  Vielheit  von  Staaten  möglich  sei,  hatte  Humboldt  von  vornherein
ausgesprochen.  Zudem  fiel  jeder  Grund  für  die  Bildung  eines  Kreisoberstenrathes
  hinweg,  wenn  man  die  Kreiseintheilung  selber  bei  der  Hofburg
  nicht  durchsetzen  konnte.  Nach  der  Haltung,  welche  die  Mittelstaaten
im  Fünfer-Ausschuß  und  in  den  sächsischen  Händeln  eingenommen  hatten,
schien  es  auch  sehr  zweifelhaft,  ob  ein  Rath  von  fünf,  sieben  oder  zehn
Staaten  die  executive  Gewalt  des  Bundes  einträchtiger,  wirksamer  handhaben
  würde  als  ein  aus  allen  Staaten  gebildeter  Bundestag.

Daher  erwog  Humboldt  mit  dem  Staatskanzler  schon  im  Januar
die  Frage,  ob  man  nicht,  Angesichts  der  Verstimmung  der  Kleinstaaten
besser  thue  die  zwei  Räthe  fallen  zu  lassen  und  statt  ihrer  eine  einzige
Bundesversammlung  zu  bilden,  welche  die  laufenden  Geschäfte  in  einem
engeren  Rathe,  wichtigere  Fragen  im  Plenum  zu  erledigen  hätte;  in  dem
Plenum  sollten  alle  Staaten  mindestens  eine  Stimme,  die  Mediatisirten
einige  Curiatstimmen  erhalten.  Bei  der  grenzenlosen  Eifersucht  Aller
gegen  Alle  erschien  die  nahezu  vollständige  Parität  als  das  einzige
Mittel  um  nur  irgend  eine  Form  bündischer  Einheit  zu  erreichen.  Die
beiden  Staatsmänner  entwarfen  sodann  eine  Note  an  Metternich,  baten
um  die  bestimmte  Erklärung:  ob  der  kaiserliche  Hof  die  Kreisverfassung
endgiltig  ablehne?  und  ob  er  die  Bildung  eines  einfachen  Bundestages,
statt  der  zwei  Räthe,  genehmige?  Dann  könne  ein  neuer  Entwurf  ausgearbeitet
  werden.  Preußen  sei  zu  jedem  Zugeständniß  bereit:  „nur  drei
Punkte  sind  es,  von  denen  man  nicht  abgehen  kann:  eine  kraftvolle
Kriegsgewalt,  ein  Bundesgericht  und  landständische,  durch  den  Bundesvertrag
  gesicherte  Verfassungen.  Ohne  das  Bundesgericht  würde  es  dem
Rechtsgebäude  in  Deutschland  an  dem  letzten  und  nothwendigsten  Schlußsteine
mangeln.“““)  Es  waren  dieselben  drei  Cardinalpunkte,  welche  Hardenberg
schon  in  Paris  als  die  Hauptaufgaben  der  Bundesverfassung  bezeichnet  hatte.

*)  Geredorff  an  Humboldt,  6.  December  1814.

*.)  Hardenberg  und  Humboldt,  Entwurf  einer  Note  an  Fürst  Metternich,  die  neue
Organisation  des  Bundestags  betreffend.  Das  Concept  ist  undatirt,  muß  aber  schon
im  Januar  geschrieben  sein,  da  mehrere  der  darin  enthaltenen  Sätze  wörtlich  in  der
preußischen  Note  vom  2./10.  Februar  wiederkehren.
        <pb n="706" />
        696  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Also  quälten  die  treuen  Patrioten  sich  ab  an  der  hoffnungslosen
Arbeit.  Preußen  allein  unter  allen  deutschen  Staaten  betrieb  das  deutsche
Verfassungswerk  mit  nachhaltigem  Eifer;  seine  Staatsmänner  wiesen  jetzt
auch  den  einzigen  Weg,  der  noch  mindestens  zu  einer  nothdürftigen  Verständigung
  führen  konnte.  Seine  Politik  zeigte  sich  in  Allem  rechtschaffen
und  ohne  Hintergedanken,  namentlich  auch  den  Mediatisirten  gegenüber,
die  es  wiederholt  dankbar  aussprachen,  daß  sie  allein  an  der  preußischen
Krone  einen  großmüthigen  Beschützer  fänden.)

Um  die  Sache  nur  rasch  wieder  in  Gang  zu  bringen,  beschlossen  die
preußischen  Staatsmänner  am  2.  Februar,  das  einzige  was  fertig  vorlag,
  jene  beiden  Humboldt'schen  Entwürfe  vom  December,  an  den  österreichischen
  Minister  zu  übersenden.  In  einer  begleitenden  Note  wiederholten
  sie  nochmals  alle  die  in  Humboldt's  vertraulichen  Denkschriften
ausgesprochenen  Bedenken  für  und  wider  die  Kreisverfassung  und  erboten
sich  bereitwillig  zu  jeder  Abänderung  —  mit  einziger  Ausnahme  jener
drei  unantastbaren  Punkte:  Kriegsgewalt,  Bundesgericht  und  landständische
Verfassungen.  Durch  diese  entgegenkommende  Haltung  hofften  sie  um  so
sicherer  eine  rasche  Verständigung  mit  der  Hofburg  zu  erreichen,  da  ja
Humboldt's  beide  Entwürfe  nichts  weiter  enthielten  als  eine  gründlichere
Ausarbeitung  jener  Zwölf  Artikel,  welche  Metternich  selbst  im  October
dem  Fünfer-Ausschuß  mit  vorgelegt  hatte.  Sehr  willkommen  war  es
ihnen  daher,  daß  sich  im  nämlichen  Augenblicke  auch  der  Verein  der
deutschen  Fürsten  und  Städte  wieder  rührte.  Durch  den  Zutritt  Badens
und  einiger  Kleinen  bis  auf  zweinnddreißig  Mitglieder  verstärkt,  bat  er
am  2.  Februar  die  beiden  führenden  Mächte  um  schleunige  Eröffnung
der  Berathungen  Aller.  Hardenberg  und  Humboldt  erklärten  sich  sofort
bereit,  und  da  auch  Metternich  zustimmte,  so  ließen  sie  nunmehr,  am
10.  Februar,  ihre  Note  mit  den  beiden  Denkschriften  an  das  österreichische
Cabinett  abgehen.

Aber  der  österreichische  Staatsmann,  der  im  Herbst  so  gefällig  mit
Preußen  zusammengegangen  war,  fand  jetzt  der  Bedenken  kein  Ende:  er
hatte  während  der  sächsischen  Händel  die  Mittelstaaten  als  brauchbare
Bundesgenossen  gegen  den  norddeutschen  Nebenbuhler  schätzen  gelernt  und
wollte  durchaus  Alles  vermeiden  was  ihren  Souveränitätsdünkel  verletzen
konnte.  Wie  man  sich  in  der  Hofburg  den  Deutschen  Bund  vorstellte,
das  hatte  Freiherr  von  Wessenberg  schon  im  December  in  einem  neuen
Bundesplane  verrathen.  Es  war  bereits  der  fünfte  Entwurf,  der  in  dieser
trostlosen  Verhandlung  zur  Sprache  kam.  Dies  geistlose  Machwerk  lud
die  deutschen  Staaten  ein,  sich  nach  Gefallen  einem  Bunde  anzuschließen,
der  die  gemeinsame  äußere  und  innere  Sicherheit  erhalten  sollte;  wer

 

*)  Graf  Solms-Laubach  an  Hardenberg,  4.  April  1815,  und  viele  andere  ähnliche
Eingaben.
        <pb n="707" />
        Wessenberg's  Entwurf.  697

eintritt,  darf  ohne  Zustimmung  der  Genossen  nicht  wieder  ausscheiden.
Alle  Bundesstaaten  haben  als  solche  gleiche  Rechte.  Ein  permanenter
Bundesrath  wird  aus  den  Gesandten  aller  Staaten  gebildet,  Oesterreich
führt  den  Vorsitz.  Keine  Spur  von  einer  wirklichen  Bundeskriegsgewalt;
der  Bundesrath  hat  lediglich  „darauf  zu  sehen“,  daß  jeder  Staat  sein
Contingent  vollständig  erhält.  Die  Ausgaben  werden  durch  Matrikularbeiträge
  bestritten.  Die  auswärtige  Politik  bleibt  den  Bundesstaaten  ungeschmälert,
  nur  dürfen  ihre  Verbindungen  mit  Auswärtigen  nicht  gegen
den  Bund  selber  gerichtet  sein.  Landstände  sind  binnen  Jahr  und  Tag
einzuberufen,  doch  wird  ihre  Einrichtung  den  Landesherren  überlassen.
Dazu  noch  ein  Artikel  über  die  Mediatisirten  und  einige,  sehr  bescheidene,
Unterthanenrechte,  wozu  aber  die  Preßfreiheit  nicht  gehört;  endlich  noch
die  Zusage,  daß  der  Bund  für  die  Freiheit  des  Handels  und  der  Schifffahrt
  „sorgen“  werde.?)  Hier  endlich  bekannte  die  Hofburg  Farbez  jene
Zwölf  Artikel  hatte  sie  im  October  nur  deshalb  angenommen,  weil  sie  damals
  Preußen  noch  bei  guter  Stimmung  erhalten  wollte.  Metternich's  wirkliche
  Meinung  ging  jetzt,  wie  schon  in  Teplitz,  dahin,  daß  die  Souveränität
der  deutschen  Staaten  nur  so  weit  beschränkt  werden  dürfe  als  erforderlich
war  um  die  europäische  Stellung  des  Hauses  Oesterreich  einigermaßen
sicher  zu  stellen.  Von  den  drei  Punkten,  welche  Preußen  als  die  Fundamente
  der  Bundesverfassung  ansah,  war  der  eine,  das  Bundesgericht,
in  dem  Wessenbergischen  Plane  gänzlich  beseitigt;  über  die  anderen  beiden,
Kriegsgewalt  und  Landstände,  schlüpfte  der  Vertraute  Metternich's  mit
einigen  allgemeinen  Redensarten  hinweg.  So  weit  gingen  die  Absichten
jener  beiden  Mächte  auseinander,  deren  Interessen  Hardenberg  für  harmonisch
  hielt.

Die  Wessenbergische  Arbeit  konnte  ruhig  ihrer  Stunde  harren,  grade
weil  sie  der  leerste  und  farbloseste  von  allen  den  bisherigen  Entwürfen
war;  sie  wurde  die  Grundlage  der  deutschen  Bundesverfassung,  das  Ei,
woraus  der  Kuckuck  des  Frankfurter  Bundestages  auskroch.  Vorderhand
hütete  sich  Metternich  weislich  das  Werk  seines  Geheimen  Raths  schon
jetzt  förmlich  als  k.  k.  Gegenentwurf  vorzulegen,  er  begnügte  sich  die
beiden  Pläne  Humboldt's  für  unausführbar  zu  erklären.  Da  die  beiden
Vormächte  sich  über  eine  Vorlage  nicht  einigten,  so  konnten  auch  die  verheißenen
  Berathungen  Aller  nicht  beginnen.

Um  die  Verwirrung  zu  vollenden  warf  jetzt  Stein  noch  einen  neuen
Zankapfel  unter  die  Hadernden.  Der  Reichsritter  konnte  sich  von  dem
schönen  Kaisertraume  so  schnell  nicht  trennen,  allzutief  waren  ihm  die
grandiosen  Bilder  der  Stauferzeiten  in's  treue  Herz  gegraben.  Sobald  er

 

*)  Die  Behauptung  Ad.  Schmidt's  (Gesch.  d.  d.  Verfassungsfrage  S.  373),  daß
Metternich  diesen  Entwurf  hätte  gebrauchen  wollen  um  Preußen  aus  Deutschland  auszuschließen,
  ist  unerwiesen  und,  wie  mir  scheint,  auch  ganz  unerweisbar.
        <pb n="708" />
        698  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

gewahr  wurde,  daß  auch  die  Kleinstaaten,  mit  den  Lippen  mindestens,  die
Herstellung  der  Kaiserkrone  forderten,  nahm  er  seine  Teplitzer  Pläne  wie—
der  auf,  und  es  gelang  ihm  diesmal  sogar  den  Czaren  zu  überzeugen.
Alexander  hatte  aus  den  widrigen  Erfahrungen  der  jüngsten  Wochen  ge—
lernt,  wie  leicht  sich  eine  österreichisch-französische  Allianz  gegen  Rußland
und  Preußen  bilden  konnte,  und  gab  sich  der  Hoffnung  hin,  der  Besitz
der  deutschen  Kaiserkrone  würde,  wie  vor  Alters,  der  Hofburg  die  Annähe—
rung  an  die  Tuilerien  erschweren.  Doch  verfuhr  er  auch  jetzt,  wie  immer
während  des  Wiener  Congresses,  als  ein  zuverlässiger  Freund  König
Friedrich  Wilhelm's  und  wollte  den  Kaiserplan  nur  dann  unterstützen,
wenn  Preußen  von  freien  Stücken  zustimme.  So  begann  denn  seit  dem
9.  Februar,  zu  Hardenberg's  bitterem  Aerger,  ein  lebhafter  Notenwechsel
zwischen  Stein  und  Capodistrias  einerseits,  Humboldt  andererseits.  Aber—
mals  führte  Stein,  wie  einst  in  Teplitz,  den  verzwickten  Gedanken  aus:
weil  Oesterreich  kein  rein  deutscher  Staat  sei,  darum  müsse  der  Kaiser—
staat  durch  ein  künstliches  verfassungsmäßiges  Band  an  Deutschland  ange—
schlossen  werden.  Mit  unbestreitbaren  Gründen  zeigten  der  Reichsritter
und  sein  russischer  Gehilfe,  daß  eine  monarchische  Spitze  kräftiger  sei  als
eine  collegialische.  Ebenso  unwiderleglich  erwies  Humboldt  die  Unfähigkeit
Oesterreichs  diese  monarchische  Macht  zum  Heile  der  Nation  zu  gebrauchen:
„Deutschland  widerstrebt  jener  österreichischen  Unbeweglichkeit,  für  welche
die  Erfahrung  nichts  ist  und  die  Jahrhunderte  spurlos  vorübergehen.“
Die  Nothwendigkeit  des  preußischen  Kaiserthums,  die  sich  aus  diesem  Für
und  Wider  von  selber  zu  ergeben  schien,  konnte,  wie  die  Lage  war,  noch
nicht  erkannt  werden;  saßen  doch  die  Lothringer  wieder  so  fest  im  germa—
nischen  Sattel,  daß  sie  zuweilen  schon  daran  dachten  Preußen  ganz  vom
Rücken  des  deutschen  Rosses  herunterzuwerfen!  Das  Ergebniß  war,  daß
die  Kaiserpläne  begraben  wurden.  König  Friedrich  Wilhelm  ließ  sich  durch
Stein  nicht  überzeugen,  obgleich  sogar  seine  Vertrauten  Wittgenstein  und
Knesebeck  ihre  Sehnsucht  nach  der  Herstellung  des  habsburgischen  Kaiser—
thums  nicht  verhehlten.  Humboldt  behielt  Recht  mit  seiner  trockenen
Erklärung:  nur  ein  Bund  ist  jetzt  noch  möglich.

Ueber  diesem  unfruchtbaren  Zwischenspiele  gingen  wieder  vier  Wochen
verloren,  und  kaum  war  es  zu  Ende,  so  kam  am  7.  März  die  Nachricht
  von  Napoleon's  Rückkehr.  Das  europäische  Kriegsbündniß  und  die
Rüstungen  drängten  viele  Wochen  lang  alle  anderen  Fragen  in  den  Hin—
tergrund.  Die  deutsche  Verfassung  schien  rettungslos  verloren.  Auch
der  auf  Preußens  Antrag  eingesetzte  deutsche  Militärausschuß,  welchem
der  Kronprinz  von  Württemberg  vorsaß,  ging  unverrichteter  Dinge  aus—
einander;  mit  zorniger  Scham  verließ  Rühle  von  Lilienstern  diese  Ver—
sammlung,  von  der  er  gehofft  hatte,  sie  werde  die  allgemeine  Wehrpflicht
für  ganz  Deutschland  einführen.  Desgleichen  scheiterten  die  ebenfalls  auf
Preußens  Betrieb  berufenen  Conferenzen  über  die  deutsche  Flußschifffahrt;
        <pb n="709" />
        Verhandlungen  über  das  Kaiserthum.  699

denn  die  Welfen  fanden  es  ganz  unerhört,  daß  die  rein  deutschen  Flüsse
derselben  Freiheit  genießen  sollten  wie  die  mehreren  europäischen  Mächten
gemeinsam  angehörigen.  Wegwerfend  schrieb  Münster  an  den  Prinzregenten:
  Hannover  werde  sicherlich  nicht  finanzielle  Opfer  bringen  „um
einige  vage  Ideen  von  Handelsfreiheit  zu  begünstigen“.  Die  ehrenwerthen
Männer  unter  der  deutschen  Diplomatie  überkam  ein  vernichtendes  Gefühl
  der  Scham.  Welch  ein  Schauspiel  bot  seit  sechs  langen  Monaten
dies  Deutschland,  das  soeben  noch  die  Welt  mit  seinem  Kriegsruhm  erfüllt
  hatte!  Nichts  als  Zank  und  Stank,  nichts  als  Neid  gegen  die  Retter
der  Nation,  und  noch  immer  kein  Ende!  Der  wackere  Gersdorff  rieth
in  seiner  Herzensangst  den  Preußen:  jetzt  könne  aus  Deutschland  doch
nichts  Tüchtiges  werden,  die  feindselige  Gesinnung  von  Baiern  und  Genossen
  lasse  sich  nicht  verkennen;  besser  also,  Preußen  schließe  mit  dem
Süden  nur  eine  Allianz,  mit  den  kleinen  norddeutschen  Staaten  aber
einen  festen  Bund,  der  für  das  ganze  Vaterland  eine  bessere  Zukunft
vorbereiten  könne.)

Die  Mehrzahl  der  streitigen  Gebietsfragen  war  erledigt,  die  Monarchen
  rüsteten  sich  zur  Abreise,  Alle  verlangten  ungeduldig  nach  dem  Schluß
des  Congresses  und  horchten  gespannt  auf  die  Nachrichten  aus  Westen;  die
Rheinbündner  erhoben  wieder  keck  das  Haupt,  mehrere  der  Mittelstaaten
verhehlten  kaum,  daß  sie  auf  neue  Siege  des  Imperators  hofften.  Das
war  die  Stimmung  nicht,  die  ein  dauerndes  nationales  Werk  zeitigen
konnte.  Hardenberg,  der  in  der  Regel  ein  sicheres  Gefühl  für  die  Gunst
des  Augenblicks  zeigte,  wünschte  denn  auch  die  Verfassungsberathungen  zu
vertagen,  bis  nach  einer  neuen  Niederlage  Napoleon's  der  Trotz  der  Rheinbündner
  gebrochen  und  die  allgemeine  Stimmung  wieder  ruhiger  und  gesammelter
  wäre.  Aber  wie  würde  die  Nation,  die  jetzt  abermals  zu  neuen  schweren
  Opfern  aufgeboten  ward,  ihre  Fürsten  und  Minister  empfangen,  wenn
sie  ihr  nach  diesem  Pomp  endloser  Feste  nichts,  rein  nichts  heim  brachten?
Dies  schien  doch  gar  zu  schmachvoll;  selbst  Gentz  warnte  vor  dem  Zorne
der  öffentlichen  Meinung.  Ueberdies  wünschte  Metternich  dringend,  die
deutsche  Bundesacte,  die  in  seinen  Augen  ja  nur  eine  europäische  Angelegenheit
  war,  in  die  große  Schlußacte  des  Congresses  mit  aufzunehmen  und
sie  also  unter  die  Bürgschaft  des  gesammten  Welttheils  zu  stellen.  Er
legte  hierauf  noch  in  späteren  Jahren  den  höchsten  Werth  und  stellte  gern
die  charakteristische  Behauptung  auf:  der  Deutsche  Bund  ist  gerade  deshalb
  eine  dauernde  Föderation,  weil  „sein  Entstehen  das  vereinte  Werk  der
europäischen  Mächte  und  der  deutschen  Fürsten  war".*)  Und  seltsamerweise
ward  diese  Ansicht  von  allen  preußischen  Staatsmännern,  selbst  von
Humboldt  getheilt;  sie  hofften  durch  die  europäische  Gesammtbürgschaft

 

*)  Gersdorff  an  Humboldt,  7.  April  1815.
*)  Metternich  an  Hruby,  11.  December  1817.
        <pb n="710" />
        700  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

den  Mittelstaaten  eine  neue  Felonie  zu  erschweren  und  bedachten  nicht,
wie  grausam  einst  das  alte  Reich  unter  der  zudringlichen  Einmischung
seiner  auswärtigen  Garanten  gelitten  hatte.  So  kam  es,  daß  Preußen
sich  doch  noch  entschloß  die  Verhandlungen  zu  der  denkbar  ungünstigsten
Zeit  wieder  aufzunehmen.

Auf  eine  irgend  erträgliche  Ordnung  der  deutschen  Dinge  hoffte
Humboldt  freilich  längst  nicht  mehr;  was  frommte  seine  dialektische  Kunst
gegen  die  Bosheit  der  Mittelstaaten  und  die  berechnete  Zurückhaltung
Oesterreichs?  Er  selbst  gesteht:  jetzt  blieb  nichts  mehr  übrig  als  den
Bund  zu  Stande  bringen,  gleichviel  auf  welche  Weise.  Dennoch  legte
er  sich  abermals  in's  Zeug  und  brachte  zu  Anfang  Aprils  einen  neuen
wesentlich  abgekürzten  Entwurf  zu  Stande.  Es  war  der  sechste.  Aber
die  Verhandlungen  wurden  wieder  verschoben;  die  Mittelstaaten  zeigten
keine  Neigung  sich  noch  auf  irgend  etwas  einzulassen.  In  der  zweiten
Hälfte  des  Monats  schien  die  Stimmung  wieder  günstiger  zu  werden.
Sofort  schöpfte  Humboldt  neuen  Muth')  und  wagte  am  1.  Mai  einen
siebenten,  mehr  in  das  Einzelne  eingehenden  Plan  vorzulegen.

Die  Hofburg  jedoch  erklärte  beide  Entwürfe  für  unmöglich.  Das
Haus  Oesterreich  selber  war  natürlich  nach  seiner  oft  bewährten  Reichstreue
  zu  jedem  Opfer  bereit;  daran  durfte  Niemand  zweifeln,  der  die
brünstigen  Betheuerungen  der  k.  k.  Staatsmänner  vernahm.  Nur  wegen
des  unüberwindlichen  Widerstandes  der  kleinen  Königshöfe  sah  sich  der
österreichische  Minister  zu  seinem  lebhaften  Bedauern  genöthigt,  die  preuhischen
  Vorschläge  wieder  einmal  abzuweisen.  Metternich  wußte  aus  seiner
reichen  diplomatischen  Erfahrung,  daß  langwierige  Streitigkeiten  zuletzt
durch  die  allgemeine  Ermüdung  entschieden  werden.  Jetzt  begann  dies
Gefühl  bei  Jedermann  übermächtig  zu  werden.  Alle  stimmten  dem  Oesterreicher
  bei,  da  er  nun  heraussagte,  was  schon  im  September  seine  Meinung
  gewesen  war:  an  eine  Bundesverfassung  sei  für  jetzt  doch  nicht  zu
denken;  genug  wenn  man  ihre  „Grundzüge“  feststelle.  Dann  holte  er
jenen  Wessenbergischen  Plan  vom  December  wieder  hervor,  der  allerdings
kaum  als  der  Grundzug  eines  Grundzugs  gelten  konnte,  ließ  das  Machwerk
  ein  wenig  erweitern  und  übergab  diese  Umarbeitung  am  7.  Mai
als  achten  Entwurf  den  preußischen  Staatsmännern.  Ueber  diesen  Entwurf
  ward  nun  endlich  eingehend  zwischen  Metternich  und  Hardenberg
verhandelt.  Auf  Preußens  Wunsch  schaltete  der  Oesterreicher  einige  verschärfende
  Zusätze  ein,  der  Staatskanzler  fügte  eigenhändig  den  Artikel
über  die  Medigtisirten  hinzu,  und  so  entstand  jener  neunte  und  letzte
Bundesplan,  welchen  Metternich  am  23.  Mai  im  Namen  Oesterreichs
und  Preußens  den  Bevollmächtigten  aller  deutschen  Staaten  zur  Beschlußfassung
  unterbreitete.  Trotz  der  zweimaligen  Umarbeitung  waren

 

*.)  So  berichtet  er  selbst  in  der  Systematischen  Uebersicht.
        <pb n="711" />
        Preußische  Verordnung  über  die  Volksrepräsentation.  701

die  Hauptsätze  des  österreichischen  December-Entwurfs  unverändert  ge—
blieben,  so  daß  Wessenberg  als  der  eigentliche  Verfasser  der  deutschen  Bun—
desacte  betrachtet  werden  muß.  Der  liebenswürdige,  feingebildete  Breis—
gauer  Baron  zählte  zu  den  freisinnigsten  Politikern  Oesterreichs;  er  hegte
sogar,  wie  sein  Bruder,  der  den  Römischen  verhaßte  Coadjutor,  eine  gewisse
Schwärmerei  für  das  deutsche  Vaterland.  Aber  in  Sachen  der  deutschen
Politik  konnte  es  unter  den  k.  k.  Staatsmännern  keine  Meinungsverschie—
denheit  geben;  wer  dem  Hause  Oesterreich  diente,  mußte  dem  deutschen
Gesammtstaate  den  Charakter  eines  losen  völkerrechtlichen  Vereins  zu  verleihen
  suchen,  weil  sonst  der  Kaiserstaat  keinen  Raum  darin  fand.

Tags  zuvor,  am  22.  Mai  hatte  König  Friedrich  Wilhelm  die  folgenschwere
  Verordnung  über  die  Repräsentation  des  Volks  unterzeichnet.  Die
preußischen  Staatsmänner  rechneten  sich's  zur  Ehre,  wie  Humboldt  oft
sagte,  daß  Niemand  in  Wien  wärmer  als  sie  für  die  Rechte  der  deutschen
Landstände  eingetreten  war.  Wie  durfte  also  Preußen  zurückbleiben  hinter
den  süddeutschen  Höfen,  die  bereits  ihre  Verfassungscommissionen  einberufen
  hatten?  Wer  hätte  damals  auch  nur  für  denkbar  gehalten,  daß
die  Einführung  des  Repräsentativsystems  gerade  in  Preußen  auf  die
schwersten  Hemmnisse  stoßen  und  sich  am  längsten  verzögern  würde?
Mindestens  eine  feierliche  Zusage  schien  unerläßlich;  war  doch  Hardenberg
längst  gewöhnt,  sich  durch  hochtönende  Versprechungen  mit  den  harten
Pflichten  des  Gesetzgebers  abzufinden.  Auch  der  König  war  seit  Ende
1808  für  die  constitutionellen  Gedanken  gewonnen  und  wünschte  seinem
treuen  Volke  sogleich  ein  Zeichen  dankbaren  Vertrauens  zu  geben.  Aber
mit  welcher  frevelhaften  Fahrlässigkeit  ging  der  Staatskanzler  wieder  zu
Werke!  Er  ließ  den  König  versprechen,  daß  die  Provinzialstände  wiederhergestellt
  oder,  wo  sie  nicht  mehr  beständen,  neu  eingeführt  werden  und
aus  ihnen  durch  Wahl  die  allgemeine  Landesrepräsentation  hervorgehen
solle.  So  band  er  der  absoluten  Krone  im  Voraus  die  Hände,  und  dies
in  cinem  Augenblicke,  da  er  selber  über  die  provinzialständischen  Rechte
jenes  bunten  Ländergemischs,  das  in  den  preußischen  Staat  neu  eintrat,
nicht  einmal  oberflächlich  unterrichtet  war!  Die  öffentliche  Meinung,  dankbar
  für  Alles  was  freisinnig  hieß,  nahm  die  königliche  Verheißung  mit
heller  Freude  auf,  vornehmlich  gefiel  ihr  die  der  Modeansicht  entsprechende
Zusage  einer  schriftlichen  Verfassungsurkunde.  Bald  genng  sollte  sich
herausstellen,  daß  Hardenberg  einen  schweren  politischen  Fehler  begangen,
daß  er  das  Unmögliche  versprochen  hatte.  —

Dem  tragischen  Niedergange  unserer  vaterländischen  Hoffnungen
durfte  auch  der  Humor  nicht  fehlen.  Das  durch  sieben  Monate  verschleppte
  deutsche  Verfassungswerk  mußte  zuletzt  in  athemloser,  unbedachter
Hast  über's  Knie  gebrochen  werden.  Als  die  so  oft  verheißenen  Berathungen
Aller  endlich  eröffnet  wurden,  da  hatte  Gentz  die  Redaction  der  Schlußacte
  des  Congresses  schon  nahezu  beendigt;  es  galt  zu  eilen,  wenn  die
        <pb n="712" />
        702  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

deutsche  Bundesacte  darin  noch  Platz  finden  sollte.  So  wurde  denn
zwischen  dem  23.  Mai  und  dem  10.  Juni,  in  elf  kurzen  Conferenzen,
wovon  zwei  nur  den  Ceremonien  der  Eröffnung  und  des  Schlusses  galten,
die  schwerste  aller  europäischen  Fragen  abgethan.  Frivoler  ward  niemals
mit  dem  Schicksal  eines  großen  Volks  gespielt.  Bei  der  Eröffnung  fehlte
Württemberg.  Freiherr  von  Linden  entschuldigte  sein  Ausbleiben  in  einem
französischen  Billet  mit  einer  Landpartie,  sein  Amtsgenosse  Wintzingerode
schützte  Unpäßlichkeit  vor,  und  auch  allen  folgenden  Sitzungen  blieben  die
Württemberger  fern.  Für  die  bereits  abgereisten  badischen  Minister  war
zwar  ein  Stellvertreter  anwesend,  er  hatte  jedoch  keine  Vollmacht  und
erklärte  nach  einigen  Tagen  seinen  Austritt.  Die  Uebrigen  erschienen.
Die  Kleinstaaten  waren  Anfangs  nur  durch  fünf  Bevollmächtigte  vertreten,
setzten  aber  durch,  daß  von  der  dritten  Sitzung  an  jeder  Staat  seinen
eigenen  Vertreter  sendete.

Am  26.  Mai  begann  die  eigentliche  Berathung.  Baiern  verlangte
sogleich,  gegen  den  lebhaften  Widerspruch  der  Preußen,  daß  der  Ausdruck
„souveräne“  Fürsten  in  den  Eingang  der  Bundesacte  aufgenommen  werde.
Als  man  sodann  den  Entwurf  im  Einzelnen  durchging,  da  erhob  sich
bei  jedem  Artikel  ein  so  heilloser  Wirrwarr  grundverschiedener  Forderungen,
und  auf  dem  Tische  des  Vorsitzenden  häufte  sich  ein  solcher  Berg  von
Noten,  Vorbehalten  und  Bedenken  an,  daß  jede  Möglichkeit  einer  Verständigung
  aufhörte.  Verstimmt  ging  man  auseinander.  Hardenberg  und
Humboldt  richteten  Tags  darauf  in  voller  Verzweiflung  an  Metternich  und
Münster  eine  Note-),  worin  sie  aussprachen:  bei  der  Kürze  der  Zeit  und
nach  den  Erlebnissen  der  jüngsten  Sitzung  scheine  die  Fortsetzung  einer
wirklichen  Discussion  unmöglich;  die  Ansichten  gingen  zu  weit  auseinander,
  auch  dürften  Oesterreich,  Preußen  und  Hannover  —  die  also  in  den
Augen  der  preußischen  Staatsmänner  noch  immer  als  treue  Gesinnungsgenossen
  erschienen  —  sich  nicht  in  eine  schiefe  Stellung  bringen,  sich
nicht  zwingen  lassen  um  des  lieben  Friedens  willen  für  die  Schwächung
der  Bundesgewalt  zu  stimmen.  „Die  Unterzeichneten  sind  bei  allen  Vorberathungen
  durchaus  der  Meinung  S.  F.  Gnaden  des  Herrn  Fürsten
von  Metternich  beigepflichtet,  daß  dasjenige,  was  die  früheren  Entwürfe
hierüber  enthielten,  nur  der  Nothwendigkeit  den  Bund  jetzt  und  hier
wirklich  zu  schließen  aufgeopfert  werden  könne;  und  sie  gestehen  frei,  daß
sie  einzig  und  allein  aus  diesem  Grunde,  einzig  und  allein  um  nicht  jede
Vereinigung  der  Fürsten  Deutschlands  zu  hindern  oder  aufzuschieben,
aber  übrigens  mit  sehr  schmerzlichen  Gefühlen  einen  Entwurf  mit  vorgelegt
  haben,  von  dem  sie  nur  zu  sehr  empfinden,  wie  wenig  er  dem
wichtigen  Zwecke  entspricht,  den  man  sich  unmittelbar  nach  der  Befreiung
Deutschlands  und  noch  bei  dem  Anfange  des  Congresses  vorgesetzt  hatte,

 

*)  Hardenberg  und  Humboldt  an  Metternich  und  Münster,  27.  Mai  1815.
        <pb n="713" />
        Die  Berathungen  Aller.  703

und  wie  ungünstig  dies  auch  auf  die  allgemeine  Stimmung  einwirken
wird.  Sollte  dieser  Entwurf  durch  eine  Discussion,  für  welche  der  jetzige
Augenblick,  in  dem  die  schnelle  allgemeine  Uebereinkunft  der  vorherrschende
Gesichtspunkt  ist,  immer  ungünstig  bleibt,  noch  mehr  geschwächt  werden,
so  ist  kaum  der  mindeste  günstige  Erfolg  der  Verhandlungen  in  Frank—
furt  abzusehen.“  Daher  verlangt  Preußen  ein  Ultimatum  der  drei  Groß—
mächte  an  die  deutschen  Staaten;  die  drei  Höfe  nehmen  sogleich  an  dem
Entwurfe  die  Abänderungen  vor,  welche  nach  dem  Verlaufe  der  letzten
Conferenz  unumgänglich  scheinen,  und  erklären  in  der  nächsten  Sitzung:
weitere  Aenderungen  sind  unzulässig,  wir  schließen  den  Bund  ab  mit  allen
den  Fürsten,  welche  diese  Vorlage  annehmen,  über  Einzelheiten  mag  dann
der  Frankfurter  Bundestag  entscheiden.  Die  Beiden  schlossen:  verfahre
man  also,  dann  würden  die  meisten  Staaten  sofort  beitreten,  einige  erst
etwas  später  sobald  sie  sich  überzeugten,  daß  der  Bund  auch  ohne  sie  zu
Stande  gekommen  sei.

Also  doch  endlich  wieder  ein  rasches  kühnes  Ergreifen  des  Moments,
nach  der  alten  stolzen  fridericianischen  Weise!  Wenn  Oesterreich  und  Eng—
land-Hannover  den  preußischen  Antrag  annahmen,  so  war  der  Erfolg
sicher,  so  wurden  das  Bundesgericht,  die  schärfere  Fassung  des  Artikels
über  die  Landstände  und  alles  Gute,  was  Preußen  sonst  noch  in  den
österreichischen  Entwurf  hineingebracht  hatte,  für  den  Deutschen  Bund
gerettet.  Denn  nur  drei  Wochen  später  ward  die  Schlacht  von  Belle
Alliance  geschlagen,  und  wie  hätten  die  Mittelstaaten  dann  noch  wagen
dürfen  dem  Deutschen  Bunde  fern  zu  bleiben?  Der  Vorschlag  Preußens
entsprach  auch  durchaus  der  wohlbegründeten  Rechtsansicht,  welche  die
drei  verbündeten  Höfe  im  November  den  Cabinetten  von  Stuttgart  und
Karlsruhe  entgegengehalten  hatten  —  der  Ansicht,  daß  die  Kleinstaaten
durch  die  Accessionsverträge  verpflichtet  waren  dem  Bunde  beizutreten.
Jetzt  aber  kam  an  den  Tag,  daß  jene  kräftigen  November-Noten  für
Oesterreich  und  Hannover  nur  ein  diplomatischer  Schachzug  gewesen
waren.  Metternich  wollte  von  jener  strengen  Rechtsansicht  nichts  mehr
wissen.  Wie  schon  der  Wessenbergische  Entwurf  die  deutschen  Fürsten
nur  bescheiden  „einlud“,  nach  Belieben  in  den  Bund  einzutreten,  so
erklärte  jetzt  der  österreichische  Minister:  irgend  ein  Zwang  zum  Ein—
tritt  dürfe  gegen  die  deutschen  Souveräne  niemals,  auch  nicht  mittel—
bar  angewendet  werden!  Was  kümmerten  ihn  auch  das  Bundesgericht
und  die  Landstände  —  diese  fixen  Ideen  der  preußischen  Politik,  die  man
in  der  Hofburg  halb  gleichgiltig  halb  mißtrauisch  ansah?  Sollte  Oesterreich
  wegen  solcher  Dinge  sich  die  Freundschaft  der  Mittelstaaten  verscherzen?


Metternich  lehnte  den  preußischen  Vorschlag  ab,  und  am  29.  Mai
setzte  man  die  Conferenzen  in  der  alten  chaotischen  Weise  fort.  Die
Aussichten  gestalteten  sich  immer  düsterer,  denn  an  diesem  Tage  wurde
        <pb n="714" />
        704  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Hofrath  von  Globig,  der  Gesandte  des  endlich  wieder  hergestellten  Königs
von  Sachsen,  in  die  Versammlung  eingeführt;  durch  ihn  erhielten  die
centrifugalen  Kräfte  eine  werthvolle  Verstärkung.  Globig  trat  natürlich
mit  seinem  alten  Gönner  Metternich  in  vertrauliche  Berathungen.  Man
erwog  insgeheim,  ob  Sachsen  nicht  einem  süddeutschen  Bunde  unter
Oesterreichs  Führung  beitreten  solle,  gab  aber  den  Gedanken  rasch  wieder
auf;  der  Oesterreicher  meinte:  gegenwärtig  erscheine  ein  gesammtdeutscher
Bund  doch  als  das  geeignetste  Mittel  um  den  Ehrgeiz  Preußens  wirksam
zu  beschränken!  Am  30.  Mai  besprach  die  Conferenz  den  Artikel  über
die  Landtage.  Der  lautete  jetzt,  nachdem  Oesterreich  alle  die  in  den
preußischen  Entwürfen  vorgeschriebenen  landständischen  Rechte  gestrichen
hatte,  ganz  kurz:  In  allen  deutschen  Staaten  soll  eine  landständische  Verfassung
  bestehen.  Gagern,  allezeit  ein  begeisterter  Vertreter  der  constitutionellen
  Ideen,  fand  diese  Fassung  zu  nackt  und  unbefriedigend.  Anderen
erschien  sie  zu  streng  und  gebieterisch;  wer  durfte  sich  denn  herausnehmen,
souveränen  Fürsten  mit  einem  „soll“  irgend  etwas  zu  befehlen?  Die
Mehrheit  beschloß:  „In  allen  deutschen  Staaten  wird  eine  landständische
Verfassung  stattfinden"  —  statt  eines  Befehles  eine  Prophezeiung!  Und
mancher  der  Abstimmenden  hoffte  schon  insgeheim  als  ein  falscher  Prophet
erfunden  zu  werden.

Der  2.  Juni  brachte  die  Katastrophe,  den  Triumph  des  Particularismus.
  Die  deutsche  Welt  sollte  erfahren,  was  die  Wiederherstellung
des  albertinischen  Königthums  für  unsere  nationale  Politik  bedeutete.
Darüber  war  kein  Streit,  daß  man  jetzt  nur  über  die  Grundzüge  der
künftigen  Bundesverfassung  berieth.  Die  Bundesacte  sagte  ausdrücklich,
das  erste  Geschäft  des  Frankfurter  Bundestags  werde  „die  Abfassung
der  Grundgesetze  des  Bundes  und  dessen  organische  Einrichtung“  sein.
So  blieb  doch  noch  die  schwache  Hoffnung,  daß  sich  in  Frankfurt  nach
Napoleon's  Niederwerfung  vielleicht  eine  verständige  Mehrheit  bilden  und
einige  der  Wiener  Sünden  sühnen  konnte.  Da  beantragte  Sachsen  das
liberum  veto,  die  Einstimmigkeit  für  alle  Beschlüsse  des  Plenums  der
Bundesversammlung.  Ein  letzter  Rest  von  Schamgefühl  hinderte  die
Conferenz  zwar,  diesen  Antrag  in  seiner  nackten  Frechheit  anzunehmen.
Aber  die  Mehrheit  beschloß  Tags  darauf,  was  der  Sache  nach  auf  dasselbe
  hinauslief:  daß  alle  Beschlüsse  über  die  Grundgesetze,  über  organische
Bundeseinrichtungen,  über  fura  sin  gulorum  und  Religionsangelegenheiten
nur  mit  Stimmeneinhelligkeit  gefaßt  werden  dürften.  Damit  wurde  ein
neuer  polnischer  Reichstag  begründet,  der  gesetzlichen  Fortbildung  des
deutschen  Gesammtstaates  für  immer  ein  Riegel  vorgeschoben,  die  Partei
der  Reform  in  die  Bahnen  der  Revolution  hinübergedrängt  Dies
war  das  erste  Lebenszeichen  des  wieder  aufgerichteten  sächsischen  Königreichs.
  Die  Grundgesetze  einer  Bundesverfassung,  die  noch  gar  nicht
bestand,  deren  Grundzüge  man  erst  feststellte,  an  einstimmige  Beschlüsse
        <pb n="715" />
        Sachsen  und  das  liberum  veto.  705

binden  —  das  hieß  nichts  anderes  als  von  vornherein  erklären:  dem
neuen  Deutschland  ist  nur  durch  das  Schwert  zu  helfen.  Und  was  war
denn  mit  der  Phrase  „organische  Bundeseinrichtungen“  gemeint?  Auch
darüber  ward  man  nicht  einig  und  vermied  jede  Auslegung.

Durch  diesen  Beschluß  war  das  Wenige  verdorben  was  sich  noch
verderben  ließ.  In  Allem  und  Jedem  hatte  der  Particularismus  und
die  Willkür  der  kleinen  Kronen  die  Oberhand  behalten.  Natürlich  be—
hauptete  sie  ihre  eigene  Diplomatie  und  das  Recht  der  Bündnisse;  nur
gegen  den  Bund  und  seine  Mitglieder  durften  sie  sich  mit  Auswärtigen  nicht
verbinden.  Dadurch  war  nicht  unbedingt  ausgeschlossen,  daß  Deutsche
gegen  Deutsche,  als  Hilfstruppen  fremder  Mächte,  zu  Felde  zogen.  Und
diese  Gefahr  lag  noch  immer  sehr  nahe.  Fing  doch  der  alte  schmutzige
Soldatenhandel  wieder  an:  noch  während  des  Congresses  wurde  ein
nassauisches  Regiment  an  Holland  verkauft  oder,  wie  man  sich  amtlich
ausdrückte,  verliehen.  „Bei  einmal  erklärtem  Bundeskriege“  sollte  kein
Bundesstaat  einseitige  Unterhandlungen  mit  dem  Feinde  eingehen.  Was
aber  ein  Bundeskrieg  sei?  und  ob  der  Bund  bei  einem  Angriffe  auf  die
ausländischen  Besitzungen  seiner  Mitglieder  zum  Einschreiten  verpflichtet
sei  —  über  diese  Lebensfrage  konnte  man  sich  nicht  einigen.  Gewiß
war  nur,  daß  der  Bund,  armseliger  als  ein  Staat  dritten  Ranges,  selber
keine  Angriffskriege  führen  durfte,  denn  die  Bundesacte  sprach  nur  vom
Schutze  gegen  Angreifer.  Nachdem  die  Rechte  der  Landstände  mit  einer
Redensart  abgefertigt  waren,  wendete  sich  der  Uebermuth  der  napoleonischen
Könige  gegen  die  Mediatisirten.  Vergeblich  versuchte  Preußen  den  Ent—
thronten  einige  Curiatstimmen  zu  sichern;  die  Mittelstaaten  setzten  durch,
daß  diese  Frage  an  den  Bundestag  verwiesen  wurde,  und  nach  Allem  was
man  hier  vor  Augen  sah  wußte  bereits  Jedermann  was  eine  solche  Ver—
tröstung  bedeutete.  Noch  schlimmer  erging  es  den  Juden.  Der  ursprüng—
liche  Entwurf  hatte  ihnen  „die  denselben  in  den  einzelnen  Bundesstaaten
bereits  eingeräumten  Rechte  zugesichert.  An  die  Stelle  dieses  bedeutungs—
vollen  „in“  setzte  man  ein  „von“.  Durch  diese  drei  Buchstaben  erhielten
Hannover  und  Kurhessen  freie  Hand  die  Gesetze  des  Königreichs  West—
phalen  aufzuheben  und  den  Juden-Leibzoll  wieder  einzuführen;  die  Frank—
furter  Juden  gingen  der  Emancipation  verlustig,  welche  sie  soeben  erst
nach  Abkaufung  des  Judenschlosses  von  dem  Fürsten-Primas  Dalberg  er—
langt  hatten.

Auch  die  Hoffnung  auf  eine  nationale  Neugestaltung  der  katholischen
Kirche  Deutschlands  schwand  mehr  und  mehr.  Wie  war  doch  die  deutsche
Hierarchie  zugerichtet  worden  durch  die  Secularisationen  und  die  zahllosen
anderen  Gewaltthaten  des  napoleonischen  Zeitalters.  Und  wie  tief  war
ihre  politische  Machtstellung  gesunken:  statt  jener  Wolke  geistlicher  Fürsten
saßen  jetzt  im  hohen  Rathe  des  Deutschen  Bundes  nur  noch  sechs  katho—
lische  Souveräne,  Oesterreich,  Baiern,  Sachsen,  zwei  Hohenzollern  und

v.  Treitschke,  Teutsche  Geschichte.  I.  45
        <pb n="716" />
        706  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Liechtenstein.  Beide  Parteien  des  deutschen  Clerus  bestürmten  die  Staats—
männer  mit  ihren  Eingaben.  Cardinal  Consalvi  und  die  Oratoren  for—
derten  Herstellung  des  alten  Besitzes  und  wo  möglich  auch  der  alten
politischen  Macht  der  Kirche,  jedenfalls  Theilnahme  kirchlicher  Vertreter
an  den  Verhandlungen  über  den  Bund  und  Wiederbesetzung  der  verwaisten
  Bisthümer  durch  den  Papst.  Heinrich  Wessenberg  andererseits
führte  den  Plan  einer  deutschen  Nationalkirche  unter  der  Leitung  eines
Fürsten-Primas  wiederholt  in  wortreichen  Denkschriften  aus  und  blieb  doch
dabei,  nach  Priesterart,  den  Protestanten  gegenüber  ultramontan;  eine
Anerkennung  der  Rechte  der  Evangelischen  von  Bundeswegen  schien  ihm
wenig  wünschenswerth.  Beide  Parteien  bekämpften  einander  leidenschaftlich.
  Wessenberg  war  den  Oratoren  kaum  mehr  als  ein  Ketzer.  Graf
Spiegel  aber,  auch  ein  vornehmer  feingebildeter  Kirchenfürst  der  alten
Zeit,  warnte  die  preußischen  Staatsmänner  dringend  vor  den  Denkschriften
der  Oratoren:  „es  weht  darin  ein  rein  ultramontanischer  Geist,  eine
Größe  ganz  im  Gegensatze  mit  dem  auf  immer  ehrwürdigen  Wahrheitssinne,
  der  die  Väter  auf  den  Concilien  zu  Constanz  und  Basel  beseelte.“
Er  wünschte  zwar  Herstellung  der  katholischen  Kirche,  aber  auch  ihre
Weiterbildung  durch  „liberale  Regierungen“.)

Baiern  und  Württemberg  standen  beiden  Theilen  gleich  feindlich  gegenüber;
  sie  hofften,  jedes  für  sich,  durch  ein  Concordat  mit  Rom  Landesbisthümer
  zu  gründen  und  den  Deutschen  Bund  hier  wie  überall  ganz  aus  dem
Spiele  zu  lassen.  Die  Preußen  endlich  zeigten  sich  auch  in  dieser  Frage,  wie
durchweg  in  den  Wiener  Bundesverhandlungen,  gerecht,  freisinnig,  national;
sie  forderten,  daß  der  Bund  der  katholischen  Kirche  eine  für  ganz  Deutschland
  gemeinsame  Verfassung  gebe,  aber  auch  den  evangelischen  Landeskirchen
ihre  alten  Rechte  gewährleiste.  So  wogten  die  Ansichten  durch  einander.
Nur  in  Einem  stimmten  Alle  ohne  Ausnahme  überein:  in  der  Meinung
nämlich,  daß  Oesterreich  sich  selbst  überlassen,  außerhalb  der  neuen  Ordnung
  unseres  kirchlichen  Lebens  bleiben  müsse.  Sobald  man  an  irgend
eine  praktische  Frage  herantrat,  ergab  sich  immer  wieder,  daß  Oesterreich
nicht  zu  uns  gehörte.  Daher  konnte  denn  der  von  der  liberalen  Welt
gefeierte  Heinrich  Wessenberg  in  Wien  bei  seinem  Bruder,  dem  k.  k.  Geheimen
  Rath  wohnen  und  sich  sogar  in  den  Kreisen  der  Hofburg  einiger
Gunst  erfreuen:  was  er  erstrebte  galt  ja  nur  für  die  Länder  draußen  im
Reich,  ließ  die  kaiserlichen  Erblande  unberührt.  Zahllose  Conferenzen
waren  schon  wegen  dieser  Kirchensachen  gehalten  worden,  zu  hohen  Thürmen
  hatte  sich  das  Schreibwerk  der  Petitionen  und  Entwürfe  aufgestapelt;
da  gelang  es  doch  endlich,  vermuthlich  durch  Wessenberg's  älteren  Bruder,
in  den  letzten  österreichischen  Bundesentwurf  einen  Artikel  einzuschalten,
welcher  der  katholischen  Kirche  eine  gemeinsame  Verfassung,  den  Evange- 



*)  Spiegel  an  Humboldt,  2.  Decbr.  1815.
        <pb n="717" />
        Baiern  droht  auszutreten.  707

lischen  die  Aufrechterhaltung  ihrer  alten  Rechte  verhieß.  Die  Mehrheit
stimmte  zu.  Aber  Baiern  widersprach,  und  mit  solchem  Eifer,  daß  Hein—
rich  Wessenberg  alle  Hoffnung  aufgab.  Am  3.  Juni  schrieb  er  dem
Staatskanzler*):  da  „die  Kirchensachen  in  Deutschland  noch  immer  in
einem  beispiellosen  Zustande  von  Verlassenheit  sich  befänden“  und  der
Congreß  sich  mit  den  Einzelheiten  nicht  habe  beschäftigen  können,  so  er—
laube  er  sich  vorzuschlagen,  daß  die  betheiligten  Souveräne,  die  Fürsten
mit  katholischen  Unterthanen,  binnen  zwei  Monaten  Abgeordnete  nach
Frankfurt  senden  möchten.  Dort  in  Frankfurt,  auf  freien  Conferenzen,
welche  dem  bairischen  Dünkel  doch  unmöglich  gefährlich  erscheinen  konnten,
dachte  der  Unermüdliche  seine  Nationalkirche  doch  noch  durchzusetzen.
Mittlerweile  war  selbst  Oesterreich  zu  der  Einsicht  gelangt,  daß  man
ein  Ende  machen  mußte.  Gingen  die  Verhandlungen  so  weiter,  so  konnte
zuletzt  sogar  von  dem  österreichischen  Entwurfe  nichts  mehr  übrig  bleiben.
Metternich  eröffnete  also  der  Conferenz  am  5.  Juni  —  was  er  schon
mehrmals  angekündigt,  aber  aus  Rücksicht  auf  die  Gefühle  der  Rheinbundshöfe
  noch  nicht  ausgeführt  hatte  —:  die  Bundesacte  habe  nunmehr
eine  Fassung  erhalten,  welche  der  Ansicht  der  meisten  Höfe  zu  entsprechen
scheine;  er  erkläre  hiermit  Oesterreichs  Beitritt  zum  Deutschen  Bunde,
auf  Grund  der  beschlossenen  Verfassungs-Grundzüge,  und  bitte  die  anderen
Staaten  das  Gleiche  zu  thun.  Er  sagte  jedoch  keineswegs,  wie  Preußen
verlangt  hatte,  daß  der  Bund  auch  ohne  den  Beitritt  Aller  zu  Stande
kommen  werde,  sondern  stellte  Jedem  frei  zu  thun  und  zu  lassen  was
ihm  beliebe.  Darauf  traten  auch  Preußen,  Hannover,  Dänemark,  Luxemburg
  und  einige  Kleine  bei.  Die  Meisten  gaben  nachher  wehmüthige
schriftliche  Erklärungen  hinzu.  Preußen  fügte  sich  nur,  weil  es  immer
noch  besser  sei  „einen  unvollkommenen  Bund  zu  schließen  als  gar  keinen“,
desgleichen  Hannover  nur  weil  es  „wünschenswerther  scheine  einen  unvollkommenen
  Deutschen  Bund  als  keinen  einzugehen“;  Luxemburg  schloß
„ein  Band,  das  Zeit,  Erfahrung  und  steigendes  Zutrauen  erst  bessern
müssen“  —  und  was  der  Klagen  mehr  war.  Aber  welch  ein  Aufruhr
in  der  Versammlung,  als  Graf  Rechberg  jetzt  trocken  erklärte,  er  sehe  sich
genöthigt  den  Beitritt  Baierns  in  diesem  Augenblicke  noch  vorzubehalten!
Er  machte  dann  noch  einige  ernste,  geheimnißvolle  Andeutungen,  woraus
Jedermann  schließen  mußte,  der  Münchener  Hof  versage  sich  dem  Bunde.
Die  Bestürzung  war  allgemein,  und  zu  allem  Unglück  beging  der  gute
Gagern  noch  eine  folgenschwere  Thorheit.  Ohne  reichspatriotische  Phrasen
ging  es  bei  ihm  niemals  ab;  daher  fügte  er,  indem  er  den  Beitritt
Luxemburgs  erklärte,  noch  die  Bedingung  hinzu:  der  Bund  müsse  das
ganze  Deutschland  umfassen.  Nassau  schloß  sich  wie  immer  den  oranischen
Vettern  an.  Gagern's  Vorbehalt  entsprang  allerdings  zum  Theil  einer

 

*)  Wessenberg's  Denkschrift  an  Hardenberg,  3.  Juni  1815.
457
        <pb n="718" />
        708  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

föderalistischen  Schrulle;  denn  in  einer  erläuternden  Note  bemerkte  der
luxemburgische  Gesandte:  da  sein  König  nur  die  Gesammtheit  der  deutschen
  Staaten  als  Deutschen  Bund  gelten  lasse,  so  dürfe  die  Besatzung
der  Bundesfestung  Luxemburg  auch  nur  vom  Bunde,  d.  h.  von  allen
Staaten  abwechselnd  gestellt  werden.  Gleichwohl  war  die  Erklärung  des
redseligen  Phantasten  sicherlich  nicht  bös  gemeint.  Er  ahnte  nicht,  welches
arge  Beispiel  er  gab.  Welch  eine  Verwirrung  mußte  entstehen,  wenn  noch
mehrere  der  übrigen  Staaten  erklärten:  wir  treten  nur  bei,  falls  alle
Anderen  beitreten!  Und  so  geschah  es  in  der  That.  Die  Entscheidung  über
Deutschlands  Zukunft  ward  im  Submissionswege  ausgeboten  und  schließlich
denen  zugeschlagen,  die  das  Geringste  für  das  Vaterland  leisten  wollten.

In  der  Conferenz  am  8.  Juni,  so  war  beschlossen,  sollten  die  noch
ausstehenden  Beitrittserklärungen  verlesen  und  das  Werk  beendet  werden.
Die  zwei  Tage  bis  dahin  vergingen  in  banger  Aufregung,  in  peinlicher
Angst.  Graf  Rechberg  ließ  nichts  von  sich  hören;  allgemein  ward  versichert,
  Baiern  trete  nicht  bei.  Selbst  der  kaltblütige  Humboldt  war  wie
vernichtet,  nach  Allem  was  er  in  dieser  Gesellschaft  hatte  erleben  müssen.
Völlig  entmuthigt  entwarf  er  bereits  den  Plan  für  einen  provisorischen
Bund  ohne  Baiern.“)  Unterdessen  trug  Gagern's  Fehler  seine  Früchte.
Sachsen,  Darmstadt  und  Andere,  ja  sogar  Dänemark  und  Mecklenburg,
welche  am  5.  Juni  ohne  Vorbehalt  beigetreten  waren,  erklärten  jetzt,  sie
könnten  sich  nur  einem  Bunde,  der  das  ganze  Deutschland  umfasse,  anschließen.
  Mehrere  dieser  Staaten  baten  ausdrücklich,  man  möge  den
Fürsten,  welche  noch  draußen  bleiben  wollten,  durch  neue  Zugeständnisse
den  Eintritt  ermöglichen.  Es  war  eine  Schraube  ohne  Ende.  Wenn
Baiern  sich  versagte,  so  stob  Alles  auseinander.

Da  meldete  Graf  Rechberg  am  Morgen  des  8.  Juni,  seine  neuen
Instructionen  seien  eingetroffen.  So  behauptete  er  wenigstens;  doch  scheint
es  keineswegs  unmöglich,  daß  der  Baier  sich  diesen  ganzen  lächerlichen
Schlußeffect  des  unwürdigen  Intriguenstücks  nur  in  seiner  schöpferischen
Phantasie  ausgedacht  hat  um  die  letzten  Wünsche  der  Wittelsbacher  desto
sicherer  durchzudrücken.  Genug,  Alles  athmete  auf.  Oesterreich  und
Preußen  traten  sofort  mit  Rechberg  in  vertrauliche  Berathung;  er  aber
forderte  außer  einigen  Kleinigkeiten:  Beseitigung  des  Bundesgerichts  und
des  Artikels  über  die  katholische  Kirche.  So  erfüllte  sich  denn  was  Hardenberg
  am  27.  Mai  warnend  vorhergesagt:  die  beiden  Großmächte  kamen
wirklich  in  die  schiefe  Lage,  um  des  Friedens  willen  für  die  Schwächung
der  Bundesgewalt  stimmen  zu  müssen,  was  für  Metternich  freilich  kein
Opfer  war.  Das  Bundesgericht  siel  —  der  Schlußstein  des  deutschen
Rechtsgebäudes,  wie  es  Humboldt  so  oft  genannt;  und  von  den  Papier- 



*)  Humboldt,  Entwurf  für  einen  vorläufigen  Vertrag  zwischen  den  beitretenden
deutschen  Staaten.
        <pb n="719" />
        Abschluß  der  Bundesverfassung.  709

massen  der  kirchlichen  Verhandlungen  blieb  nichts  übrig  als  ein  dürftiger
Artikel,  welcher  anordnete  was  fast  überall  in  Deutschland  schon  längst
zu  Recht  bestand:  daß  die  Verschiedenheit  der  christlichen  Religionsparteien
keinen  Unterschied  im  Genusse  der  bürgerlichen  und  politischen  Rechte  be—
gründen  könne.  Dann  ging  es  zur  Conferenz,  und  Metternich  verkündete
„mit  Vergnügen“,  daß  Baiern  nur  noch  einige  wenige  Aenderungen
wünsche.  Dies  einige  Wenige  ward  genehmigt,  und  nunmehr  war  man
wirklich  zu  Ende,  denn  was  hätte  an  dieser  Acte  noch  gestrichen  werden
können?  Am  10.  Juni  versammelte  man  sich  noch  einmal  um  die  Bundesacte
  zu  unterzeichnen  und  die  Leiche  der  deutschen  Einheit  mit  allen
diplomatischen  Ehren  feierlich  zu  verscharren.  Wann  sollte  sie  auferstehen?

Die  ersten  elf  Artikel  der  vom  8.  Juni  datirten  Urkunde  wurden
noch,  gerade  vor  Thorschluß,  in  die  Schlußacte  des  Congresses  eingefügt;
das  siegreiche  Deutschland  hatte  fortan  alle  Fürsten  Europas,  mit  Ausnahme
  des  Papstes  und  des  Sultans,  als  die  Garanten  seines  Grundgesetzes
  zu  verehren.  Auch  die  Proteste  fehlten  nicht,  welche  von  Alters
her  zu  jeder  großen  deutschen  Staatsaction  gehörten.  Die  Mediatisirten
verwahrten  allesammt  ihre  Rechte.  Noch  kühner  erhoben  die  Fürsten  von
Isenburg  und  Knyphausen  ihr  Hauptz  sie  betrachteten  sich  als  Souveräne
und  erklärten  als  solche  ihren  Beitritt  zum  Deutschen  Bunde.  Es  war
vergeblich;  den  Bedürfnissen  der  deutschen  Cultur,  die  ja  nach  der  allgemeinen
  Meinung  in  der  schönen  Mannigfaltigkeit  unseres  Staatslebens
ihre  Wurzeln  haben  sollte,  genügten  achtunddreißig  deutsche  Mächte.  Da
ergab  sich  plötzlich,  daß  noch  ein  neununddreißigster  Souverän  vorhanden
war,  der  Landgraf  von  Hessen-Homburg.  Den  hatte  man  ganz  vergessen;
doch  da  der  patriotische  alte  Herr  und  seine  tapferen  Söhne  sich  der  besonderen
  Gunst  der  beiden  Großmächte  erfreuten,  so  durften  die  Deutschen
  hoffen,  daß  der  Bundestag  sich  seiner  noch  erbarmen  würde.  —
Am  lautesten  klagte  der  römische  Stuhl.  Cardinal  Consalvi  berief  sich
in  einer  schwungvollen  lateinischen  Note  auf  jenen  Nuntius  Chigi,  der
einst  gegen  den  Westphälischen  Frieden  protestirt  hatte,  und  legte  Verwahrung
  ein,  weil  weder  das  heilige  römische  Reich,  dieser  durch  die
Heiligkeit  des  Glaubens  geweihte  Mittelpunkt  der  politischen  Einheit,  noch
die  Macht  der  geistlichen  Fürsten  wieder  hergestellt  sei.

Nur  damit  der  Bund  gewiß  das  gesammte  Deutschland  umfasse
hatten  die  besser  gesinnten  Cabinette  den  letzten  schweren  Forderungen
Baierns  nachgegeben,  und  dennoch  war  trotz  allem  Feilschen  und  Dingen
der  Bund  Aller  nicht  zu  Stande  gekommen.  Wie  einst  Nordcarolina  und
Rhode  Island  an  der  Begründung  der  zweiten  Unionsverfassung  Nordamerikas
  nicht  theilnahmen,  so  blieben  Baden  und  Württemberg  der  Stiftung
des  Deutschen  Bundes  fern  und  traten  erst  bei  als  Napoleon's  Sturz
zum  zweiten  male  entschieden  war:  Baden  am  26.  Juli,  Württemberg
am  1.  September.  —
        <pb n="720" />
        710  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

So  entstand  die  Bundesacte,  die  unwürdigste  Verfassung,  welche  je
einem  großen  Culturvolke  von  eingeborenen  Herrschern  auferlegt  ward,
ein  Werk,  in  mancher  Hinsicht  noch  kläglicher  als  das  Gebäude  des  alten
Reichs  in  den  Jahrhunderten  des  Niedergangs.  Ihr  fehlte  jene  Majestät
der  historischen  Größe,  die  das  Reich  der  Ottonen  noch  im  Verfalle  umschwebte.
  Blank  und  neu  stieg  dies  politische  Gebilde  aus  der  Grube,
das  Werk  einer  kurzlebigen,  in  sich  selbst  versunkenen  Diplomatie,  die  aller
Erinnerungen  des  eigenen  Volkes  vergessen  hatte;  kein  Rost  der  Jahrhunderte
  verhüllte  die  dürftige  Häßlichkeit  der  Formen.  Von  Kaiser  und
Reich  sang  und  sagte  das  Volk;  bei  dem  Namen  des  Deutschen  Bundes
hat  niemals  ein  deutsches  Herz  höher  geschlagen.  Unter  den  Bundesstaaten
  hatten  nur  sechs  der  kleinsten  ihren  Besitzstand  seit  zwanzig  Jahren
nicht  verändert;  selbst  das  geduldigste  der  Völker  konnte  an  die  Legitimität
einer  zugleich  so  neuen  und  so  willkürlichen  Ländervertheilung  nicht  mehr
glauben.  Dieselbe  Fremdherrschaft,  die  das  alte  Reich  zu  Grunde  gerichtet,
  belastete  auch  den  neuen  Bund.  Oesterreichs  Uebermacht  hatte  sich
seit  den  Tagen  Friedrich's  erheblich  verstärkt,  sie  war  jetzt  um  so  schwerer
zu  brechen,  da  sie  ihren  Einfluß  mittelbar,  ohne  die  herrischen  Formen
des  Kaiserthums  ausübte.  Die  auswärtigen  Diplomaten  lächelten  schadenfroh:
  wie  schön,  daß  wir  Oesterreich  und  Preußen  zusammengekoppelt
und  dadurch  geschwächt  haben!  Das  alte  Reichsrecht  sprach  doch  noch
von  einer  deutschen  Nation;  die  Vorstellung  mindestens,  daß  alle  Deutschen
  ihrem  Kaiser  treu,  hold  und  gewärtig  seien,  war  niemals  ganz  verschwunden.
  Die  neue  Bundesacte  wußte  gar  nichts  mehr  von  einem
deutschen  Volke;  sie  kannte  nur  Baiern,  Waldecker,  Schwarzburg-Sondershausener
  Unterthanen  jener  deutschen  Fürsten,  welche  nach  Gefallen  zu
einem  völkerrechtlichen  Vereine  zusammengetreten  waren.  Die  Nation
mußte  den  Becher  der  Demüthigung  bis  zur  Hefe  leeren;  jene  württembergische
  Mahnung:  „man  werde  doch  nicht  aus  verschiedenen  Völkerschaften
  sozusagen  eine  Nation  bilden  wollen“  hatte  vollständig  Recht  behalten.
  Die  Deutschen  standen  außer  jeder  Beziehung  zu  der  Bundesgewalt,
  waren  nicht  einmal  verpflichtet  ihr  zu  gehorchen;  nur  wenn  ein
Souverän  einen  Bundesbeschluß  als  Landesgesetz  zu  verkündigen  geruhte,
mußten  seine  Unterthanen  diesem  Landesgesetze  sich  fügen.  Die  Nation  war
mediatisirt  durch  einen  Fürstenbund.  Wie  die  Revolution  von  1803  so
ward  auch  diese  neue  Verfassung  Deutschlands  ausschließlich  durch  die
Dynastien  geschaffen.

Der  neue  Bundestag  war  der  Regensburger  Reichstag  in  etwas
modernerer  Gestalt,  ganz  ebenso  schwerfällig  und  unbrauchbar;  daß  er  bald
als  engerer  Rath  bald  als  Plenum  tagte,  war  eine  leere  Förmlichkeit,  da
auch  im  engeren  Rathe  alle  Neununddreißig  mitstimmten.  Der  Widerspruch
  zwischen  dem  formalen  Rechte  und  der  lebendigen  Macht  trat  im
Deutschen  Bunde  sogar  noch  greller  hervor  als  im  heiligen  Reiche.  Der
        <pb n="721" />
        Die  Bundesacte.  711

durch  den  Genuß  der  Souveränität  aufgestachelte  Dünkel  der  kleinen
Kronen  bewirkte  in  Wien  eine  Stimmenvertheilung,  welche  alle  Unge—
heuerlichkeiten  des  alten  Reichsrechts  weitaus  überbot  und  nun  ihrerseits
dazu  half  jenen  Dünkel  bis  zum  Wahnsinn  zu  steigern.  Eine  gewisse
Bevorzugung  der  kleinen  Bundesglieder  liegt  im  Wesen  jeder  Föderativ—
verfassung;  das  aber  ging  doch  über  jedes  Maß  erlaubter  Unbilligkeit
hinaus,  daß  im  Plenum  des  Bundestages  die  sieben  größten  Staaten,
Oesterreich,  die  Königreiche  und  Baden,  die  zusammen  mehr  als  fünf
Sechstel  des  deutschen  Volks  umfaßten,  mit  nur  27  Stimmen  die  Minderheit
  bildeten  neben  den  42  Stimmen  des  letzten  Sechstels.  Das  hieß
die  großen  Staaten  geradezu  auffordern  zur  Umgehung  der  Bundesbeschlüsse
  oder  zur  gewaltsamen  Einschüchterung  der  kleinen  Genossen.  Und
dazu  jenes  Geschenk  der  Krone  Sachsen,  die  Einstimmigkeit  für  alle  wichtigen
  Beschlüsse  —  eine  Vorschrift  die  im  heiligen  Reiche  nur  für  Religionssachen
  und  fura  Singulorum  gegolten  hatte.  Jetzt  konnte  Reuß
jüngerer  Linie  jede  Entwicklung  des  Bundes  verbieten.  Diese  Fortbildung
ward  aber  vollends  unmöglich  gemacht  durch  die  Begründung  der  landständischen
  Verfassungen.  Denn  sollte  der  Bund  irgend  welches  Leben
gewinnen,  so  mußte  er  zunächst  die  Militärgewalt  und  die  auswärtige
Politik  der  Bundesstaaten  zu  beschränken  suchen;  dies  waren  aber  gerade
die  einzigen  Kronrechte,  welche  nach  Einführung  der  Landstände  den  Kleinfürsten
  noch  ungeschmälert  verblieben,  ein  freiwilliger  Verzicht  darauf  stand
mithin  ganz  außer  Frage.

Und  diese  vielköpfige  Bundesversammlung  ohne  Haupt  trug  keine
Verantwortlichkeit,  weder  rechtlich  noch  sittlich.  Sie  bestand  aus  Gesandten,
  welche  lediglich  ihre  Instruction  zu  befolgen  hatten  und  also  jeden
Tadel  von  sich  auf  ihre  Auftraggeber  abwälzen  konnten,  während  andererseits
  die  kleinen  Kronen  nur  allzubald  die  Kunst  lernten,  sich  vor  dem
Zorne  der  öffentlichen  Meinung  hinter  dem  Bundestage  zu  verstecken.
Deutschlands  innere  Politik  ward  zu  einem  Luftkampfe;  Niemand  wußte
mehr,  wo  er  eigentlich  seine  Gegner  suchen  sollte.  Die  entsittlichenden
Wirkungen  solcher  Unwahrheit  zeigten  sich  rasch  genug,  an  den  Höfen  wie
im  Volke:  feige  Angst  auf  der  einen,  Wolkenkuckucksheimer  Träume  und
unklare  Verbitterung  auf  der  anderen  Seite.  Die  heillose  Verwirrung
mußte  um  so  unerträglicher  werden,  da  ein  schwerer  Kampf  zwischen  dem
Bunde  und  seinen  Gliedern  gar  nicht  ausbleiben  konnte;  denn  die  Centralgewalt
  des  Bundes  war  absolutistisch,  war  lediglich  ein  Organ  der  Fürsten,
in  den  Einzelstaaten  aber  kam  bald  die  Macht  der  Landtage  empor.

Die  Nation  nahm  das  traurige  Werk  mit  unheimlicher  Kälte  auf.
Wer  überhaupt  davon  redete  sprach  seine  grimmige  Entrüstung  aus.  Die
wenigen  Artikel  über  Volksrechte,  an  denen  der  öffentlichen  Meinung  zumeist
  gelegen  war,  enthielten  so  leere,  so  windige  Versprechungen,  daß
sogar  diese  gutherzige  Nation  anfangen  mußte  an  den  bösen  Willen  ihrer
        <pb n="722" />
        712  II.  1.  Der  Wiener  Congreß.

Machthaber  zu  glauben.  Wie  sonderbar  nahm  sich  neben  den  unbestimmten
  Phrasen  über  Preßfreiheit,  Handelsfreiheit,  Landstände  die  genaue
Aufzählung  der  Privilegien  der  Mediatisirten  und  der  Thurn=  und  Taxisschen
  Postrechte  aus.  Und  zu  Alledem  das  Kläglichste:  die  Bundesacte
war  gar  keine  Verfassung,  sondern  enthielt  nur  die  damals  ausgeführten
Grundzüge  eines  künftigen  Bundesrechts.  Vier  Jahre  später  schrieb  der
ehrliche  Gagern  nicht  ohne  Reue  einem  conservativen  Freunde:  „Sie  reden
von  der  Erhaltung  des  Bestehenden.  Ich  suche  vergeblich  den  Bestand.
Ich  sehe  eine  Bundesacte,  die  wir  zu  entwickeln  zu  Wien  uns  erst  vornahmen!“


In  den  Gebietshändeln  hatten  Preußens  Staatsmänner,  durch  die
Festigkeit  ihres  Königs,  doch  einen  halben  Erfolg  erreicht.  In  den  Bundesverhandlungen
  wurden  sie  auf's  Haupt  geschlagen;  nichts,  gar  nichts  von
ihren  Absichten  hatten  sie  durchgesetzt.  Aber  der  Schild  preußischer  Ehre
war  ohne  Makel  geblieben.  Die  Haltung  des  Staates,  der  uns  von
den  Fremden  befreit,  gereichte  noch  in  Wien  allen  anderen  Deutschen
zur  Beschämung  —  wenn  in  einem  solchen  harten  Interessenkampfe  die
Scham  überhaupt  Raum  fände.  Zäh  und  redlich,  consequenter  als  Stein
hatten  Hardenberg  und  Humboldt  einen  bestimmten  Plan  eingehalten,
immer  nur  Schritt  für  Schritt  zurückweichend  vor  dem  vereinten  Widerstande
  nahezu  des  gesammten  Deutschlands,  einen  Plan,  der  freilich  auch
an  der  allgemeinen  politischen  Unklarheit  der  Epoche  krankte,  aber  jedenfalls
  ehrenhafter  und  verständiger  war  als  alle  anderen  Wiener  Vorschläge.
Die  beständig  wechselnde  Form  ihrer  Entwürfe  war  nicht  ihre  Schuld,
sondern  ergab  sich  unvermeidlich  aus  der  Bedrängniß  eines  aussichtslosen
Streites  wider  Gegner,  die  nicht  durch  das  Wort,  sondern  allein  durch
den  Schlag  überzeugt  werden  konnten.  Das  Einzige,  was  den  Beiden
zur  Last  fiel,  war  das  arglose  Vertrauen  zu  den  falschen  Freunden  Oesterreich
  und  Hannover.  Aber  selbst  ein  vollkommener  Staatsmann,  der  von
solcher  Schwäche  frei  blieb,  konnte  in  diesem  Kriege  nicht  siegen.  Der  gesammte
  Gang  der  deutschen  Schicksale  während  der  jüngsten  Jahre  führte
unabwendbar  zu  der  traurigen  und  doch  nothwendigen  Folge,  daß  nach
Napoleon's  Fall  nicht  sein  tapferer  Feind  Preußen,  sondern  sein  schwankender
  Gegner  Oesterreich  und  dessen  Bundesgenossen,  die  Rheinbündner
über  die  Gestaltung  unseres  Staates  entschieden.

Selbst  der  Czar  äußerte  seinen  Unwillen  über  den  kläglichen  Ausgang,
  und  sogar  Gentz  hatte  ein  so  lächerliches  Machwerk  doch  nicht  erwartet.
  Gleichwohl  besaß  die  neue  Ordnung  der  deutschen  Dinge  drei
folgenschwere  Vorzüge.  Die  welthistorischen  Wirkungen  der  Fürstenrevolution
  von  1803  blieben  unverändert,  das  fratzenhafte  theokratische  Wesen
kehrte  nicht  wieder;  das  neue  Deutschland  athmete  in  der  gesunden  Luft
weltlichen  Staatslebens.  Sodann  ward  durch  die  Bundesverfassung  die
Entstehung  eines  neuen  Rheinbundes  zwar  keineswegs  verhindert  aber
        <pb n="723" />
        Preußen  und  der  Deutsche  Bund.  713

wesentlich  erschwert;  deshalb  allein,  so  gestanden  Hardenberg  und  Hum—
boldt  oftmals,  nahmen  Preußens  Staatsmänner  ein  Werk  an,  über  dessen
Mängel  sie  sich  nicht  täuschten.  Preußen  trat  dem  Bunde  bei  um  die
Mittelstaaten  an  wiederholtem  Landesverrathe  zu  hindern,  während  diese
und  Oesterreich  in  der  Bundesverfassung  nur  ein  Bollwerk  gegen  den
preußischen  Ehrgeiz  sahen.  Endlich  war  der  Deutsche  Bund  so  locker  und
ohnmächtig,  daß  er  den  Staat  Friedrich's  in  seiner  inneren  und  äußeren
Entwicklung  kaum  stören  konnte.  Sobald  Preußen  sich  erst  wieder  auf
sich  selbst  besann,  bot  ihm  die  schattenhafte  Bundesverfassung  tausend
Mittel  und  Wege  um  die  kleinen  Staaten  durch  Sonderbünde  an  sich  zu
ketten  und  durch  die  That  zu  beweisen,  daß  Oesterreich  für  Deutschland
nichts  leisten,  Preußen  allein  der  Sehnsucht  der  Nation  und  dem  recht
verstandenen  Interesse  der  kleinen  Höfe  selber  gerecht  werden  konnte.  Und
dies  bleibt  für  uns,  die  wir  die  abgeschlossene  Laufbahn  überschauen,  der
historische  Ruhm  des  Deutschen  Bundes:  er  besaß  nicht  die  Kraft,  das
Erstarken  des  einzigen  lebendigen  deutschen  Staates  zu  hindern  —  des
Staates,  der  berufen  war  dereinst  ihn  selber  zu  zerstören  und  diesem
unglücklichen  Volke  eine  neue,  würdige  Ordnung  zu  schenken.  —
        <pb n="724" />
        Zweiter  Abschnitt.

Belle  Alliance.

So  alltäglich  es  ist,  daß  kommende  Ereignisse  ihren  Schatten  voraus
werfen,  ebenso  selten  geschieht  es,  daß  die  Helden  einer  abgeschlossenen,
überwundenen  Vergangenheit  wieder  auf  der  verwandelten  Bühne  der
Zeit  erscheinen.  An  solcher  Wiederkehr  vergangener  Größe  haftet  immer
ein  wunderbarer,  traumhafter  Zauber,  weil  sie  dem  nothwendigen  ewigen
Werden  des  historischen  Lebens  widerspricht.  Phantastischer  hat  das
Schicksal  nie  gewaltet  als  während  jener  hundert  Tage,  da  mit  einem
male  wie  ein  Gespensterzug  am  hellen  Mittag,  die  Männer  und  die
Leidenschaften  eines  Zeitalters  der  Kriege  wieder  hereinbrachen  über  ein
neues  friedensfrohes  Geschlecht  und  das  grandiose  Abenteuer  des  napo—
leonischen  Kaiserthums  in  einem  stürmischen  Nachspiele  seinen  würdigen
Abschluß  fand.  Am  1.  März  landete  Napoleon  mit  seinen  neunhundert
Getreuen  an  der  Küste  bei  Cannes;  am  20.  Abends,  am  Geburtstage
des  Königs  von  Rom,  fuhr  sein  bestaubter  Reisewagen  durch  die  schweigende
  Hauptstadt  nach  den  Tuilerien,  und  ein  Schwarm  von  Veteranen
begrüßte  freudetrunken  den  heimkehrenden  Helden  am  Portale  des  verlassenen
  Königsschlosses.  „Der  Kaiser  hat  sich  gezeigt,  und  die  königliche
Regierung  besteht  nicht  mehr“  —  schrieb  er  stolz  an  die  Gesandten.  Noch
nie  und  nirgends  hatten  die  dämonischen  Mächte  des  Genies  und  des
Ruhmes  einen  so  glänzenden  Triumph  gefeiert;  der  unblutige  Siegeszug
schien  wirklich,  wie  der  Imperator  den  Fürsten  Europas  versicherte,  „das
Werk  einer  unwiderstehlichen  Gewalt,  des  einstimmigen  Willens  einer
großen  Nation,  die  ihre  Pflichten  und  ihre  Rechte  kennt.“

Und  doch  ging  diese  wundergleiche  Revolution  fast  allein  von  der
Mannschaft  des  Heeres  aus.  Die  alten  Corporale  und  Sergeanten,  die
hier,  wie  in  allen  Berufsarmeen,  den  Geist  des  Heeres  beherrschten,
hingen  mit  abgöttischer  Verehrung  an  dem  Bilde  des  demokratischen  Helden,
  sie  waren  die  Apostel  jener  napoleonischen  Religion,  deren  ungeheuerliche
  Legenden  das  stolze  Volk  über  seine  Niederlagen  trösteten.  Wie
hätte  das  vierte  Artillerieregiment,  in  dessen  Reihen  einst  der  Leutnant
Bonaparte  gedient,  der  feurigen  Anrede  des  gros  papa  widerstehen  sollen,
        <pb n="725" />
        Die  hundert  Tage.  715

der  die  glorreiche  Tricolore  und  die  weltbezwingenden  Adler  zurückbrachte,
den  verhaßten  neuen  Offizieren  aus  dem  Emigrantenadel  den  Laufpaß
gab?  Hingerissen  von  einem  Taumel  der  Begeisterung,  überwältigt  von
der  Macht  wundervoller  Erinnerungen  folgte  ein  Regiment  nach  dem
anderen  dem  lockenden  Beispiele:  die  Zeit  sollte  wiederkehren,  da  der
Praetorianer  Alles  war,  der  Bürger  nichts.  Die  alte  Garde  umwand
ihre  Adler  mit  Flor  und  gelobte  sie  nicht  eher  zu  enthüllen,  als  bis  die
Ehre  des  Kaiserreichs  durch  glänzende  Siege  an  den  Prussiens  und  den
anderen  Fremdlingen  gerächt  sei.  Aber  das  Heer  war  nicht  mehr  Frank—
reich,  wie  einst  in  den  Tagen  des  achtzehnten  Brumaire.  Wenn  sogar
ein  Theil  der  Offiziere,  darunter  einige  der  tüchtigsten  Marschälle  wie
Oudinot  und  Macdonald,  an  dem  großen  Eidbruch  theilzunehmen  ver—
schmähte,  so  sahen  vollends  die  friedlichen  Mittelklassen  mit  rathloser  Be—
stürzung  dem  Wiederaufsteigen  dieser  demokratischen  Tyrannis  zu,  dereu
sonderbar  zweideutiges  Wesen  ihnen  zugleich  willkommen  und  bedrohlich
schien.  Die  Restauration  hatte  an  der  napoleonischen  Verfassung  nichts
Wesentliches  geändert;  sie  zehrte,  wie  die  Bonapartisten  sagten,  von  „dem
Capitale  von  Autorität“,  das  der  erste  Consul  allen  seinen  Nachfolgern
hinterlassen.  Die  schlagfertige  Maschine  der  Präfectenverwaltung  arbeitete
stetig  weiter.  Der  wohlmeinende  König  aber,  dem  die  Gunst  der  Torys
die  Kurbel  in  die  Hand  gegeben,  blieb  den  Personen,  den  Gefühlen  und
Gewohnheiten  der  neuen  demokratischen  Gesellschaft  völlig  fremd;  und  um
ihn  drängten  sich  die  Artois  und  Blacas,  die  begehrliche  Meute  der
Emigranten,  die  den  Augenblick  der  Wiederaufrichtung  des  alten  Adels—
regimentes  kaum  erwarten  konnten.  Nicht  allein  die  Mißgriffe  der  Krone,
sondern  mehr  noch  die  unheimlichen  Absichten,  welche  man  ihren  An—
hängern  zutraute  und  zutrauen  mußte,  erweckten  den  Haß  des  Volkes  gegen
die  Bourbonen.

Neben  jenen  Pilgern  des  Grabes,  die  sich  um  das  Lilienbanner
schaarten,  erschien  der  rückkehrende  Napoleon  selbst  den  bürgerlichen  Klassen
als  ein  nationaler  Held,  ein  Vertreter  der  vergötterten  Ideen  von  89.
Aber  sein  Name  bedeutete  zugleich:  Krieg.  Der  Instinct  der  Geschäftswelt
  fühlte  alsbald  heraus,  daß  weder  dieser  Mann  jemals  Frieden  halten,
  noch  die  Nachbarmächte  ihn  ruhig  gewähren  lassen  konnten.  Sofort
nach  seiner  Rückkehr  ging  die  vortheilhafte  Stellung,  welche  Talleyrand's
Schlauheit  der  bourbonischen  Krone  in  der  Staatengesellschaft  verschafft
hatte,  wieder  verloren;  Frankreich  stand  völlig  vereinsamt,  und  vor  den
Augen  der  friedensbedürftigen  Gesellschaft  eröffnete  sich  die  düstere  Aussicht
  auf  neue  unabsehbare  kriegerische  Stürme.  Zudem  hatten  die  parlamentarischen
  Institutionen  der  Charte  rasch  Boden  gewonnen.  Kaum
war  das  Zeitalter  des  militärischen  Ruhmes  abgelaufen,  so  warf  sich  die
Nation  mit  bewunderungswürdiger  Lebenskraft  wieder  in  die  politischen
und  literarischen  Parteikämpfe.  Das  Land  freute  sich  an  dem  rednerischen
        <pb n="726" />
        716  II.  2.  Belle  Alliance.

Prunk  der  Kammerverhandlungen,  an  der  lauten  Kritik  der  freien  Presse.
Die  constitutionelle  Doctrin  fand  wieder  ehrliche,  überzeugte  Bekenner.
Tausende  glaubten  treuherzig,  es  sei  die  Bestimmung  dieses  Volkes  der
Freiheit,  die  englische  Parlamentsherrschaft  mit  dem  unantastbaren  napo—
leonischen  Verwaltungsdespotismus  zu  verquicken  und  also  den  constitutio—
nellen  Musterstaat  zu  begründen;  die  Verwirklichung  dieser  Ideale  schien
aber  leichter  möglich  unter  der  schwachen  Krone  der  Bourbonen  als  unter
der  eisernen  Herrschaft  des  Soldatenkaisers.  So  geschah  es,  daß  die
Gebildeten  und  Besitzenden  sich  dem  Imperator  argwöhnisch  fern  hielten;
der  Curs  der  Rente  sank  in  wenigen  Tagen  bis  auf  53.  Anhänglichkeit
an  das  königliche  Haus  zeigten  freilich  nur  einzelne  Striche  des  Südens
und  Westens;  selbst  der  legitimistische  Aufstand,  der  in  der  Vendee  aus—
brach,  war  ungefährlich,  da  er  mehr  von  dem  Adel  als  von  den  Bauern
ausging.  Die  Rückkehr  Napoleon's  erfolgte  zu  früh;  einige  Jahre  später,
da  die  Erinnerung  an  die  Schrecken  der  Kriegszeit  schon  mehr  verblaßt
und  der  Groll  gegen  die  Emigranten  noch  mächtiger  angewachsen  war,
hätte  sie  vielleicht  Erfolg  haben  können.  Wie  jetzt  die  Dinge  lagen  ver—
hielt  sich  die  Mehrheit  der  Nation  skeptisch,  ängstlich,  verlegen.  Nur  die
Bauern  in  den  allezeit  kriegerischen  Ostprovinzen  und  die  Arbeitermassen
einiger  großen  Städte  hießen  den  gekrönten  Plebejer  willkommen.  In  den
Vorstädten  von  Paris  that  sich  eine  Föderation  zusammen,  aber  die
jacobinischen  Erinnerungen,  die  hier  wieder  auflebten,  hatten  mit  dem
Cäsarencultus  des  Heeres  wenig  gemein.

Napoleon  bemerkte  schnell,  wie  sehr  das  Land  sich  verwandelt  hatte;
die  Bourbonen,  sagte  er  ingrimmig,  haben  mir  Frankreich  sehr  verdorben.
  Um  die  Mittelklassen  zu  gewinnen  mußte  er  mit  den  liberalen
Ideen  liebäugeln:  „das  Genie  hat  gegen  das  Jahrhundert  gekämpft,  das
Jahrhundert  hat  gesiegt!“  In  geschickten  Manifesten  stellte  er  sich  als  den
Erwählten  des  Volkes  dar  und  hob  den  popularen  Charakter  des  Kaiserreichs
  hervor,  das  die  Demokratie  disciplinirt,  die  Gleichheit  vollendet  und
die  Freiheit  vorbereitet  habe.  Doch  Verheißungen  genügten  längst  nicht
mehr.  Er  sah  sich  genöthigt  ein  Cabinet  aus  Männern  der  Revolution  zu
bilden  und  die  Verfassung  des  Kaiserreichs  durch  eine  Zusatzacte  zu  ergänzen,
  welche  der  Nation  eine  gewählte  Volksvertretung,  die  Preßfreiheit,  das
Petitionsrecht,  ja  sogar  eine  Beschränkung  der  militärischen  Gerichtsbarkeit
gewährte.  So  mußte  er  sich  selber  die  Hände  binden,  in  einem  Augenblicke,
  da  nur  eine  schrankenlose  Dictatur  die  friedenslustige  Nation  zu
starker  kriegerischer  Anstrengung  zwingen  konnte.  In  Tricots  und  antikem
Mantel  zog  er  dann  auf  das  Maifeld  hinaus  um  die  Schaulust  der
Pariser  durch  ein  großes  volksthümlich-militärisches  Spektakelstück  zu  befriedigen
  und  öffentlich  sein  demokratisches  Glaubensbekenntniß  abzulegen:
„als  Kaiser,  als  Consul,  als  Soldat  verdanke  ich  Alles  dem  Volkel!“
Seine  Lieblingstochter  Hortensia  und  ihr  kleiner  Sohn  Ludwig  wohnten
        <pb n="727" />
        Stimmung  in  Frankreich.  717

dem  prahlerischen  Schauspiele  bei;  aber  Marie  Luise  kehrte  nicht  wieder
in  die  Tuilerien  zurück:  die  Treue  der  Oesterreicherin  gehörte  nur  dem
Glückskinde,  nicht  dem  Gatten.

Auf  Schritt  und  Tritt  erfuhr  der  Imperator,  daß  er  nur  noch  der
Bandenführer  einer  großen  Soldatenmeuterei,  nicht  mehr  das  allgefürch—
tete  Staatsoberhaupt  war;  Scham  und  Zorn  übermannten  seine  stolze
Seele,  wenn  er  sich  am  Fenster  zeigen  mußte  um  die  Huldigungen  der
Föderirten  aus  den  Arbeitervierteln  entgegenzunehmen.  Auf  Augen—
blicke  fragte  er  sich  wohl,  ob  er  nicht  kurzab  die  rothe  Mütze  aufsetzen,
die  Führung  der  radicalen  Parteien  übernehmen,  die  Nationalgarde  der
Pariser  Bourgeoisie  auflösen  und  an  ihrer  Statt  ein  Volksheer  aus  den
föderirten  Arbeitermassen  bilden  solle.  Aber  der  Abscheu  wider  die  Jaco—
biner  überwog.  Napoleon  konnte  nicht  lassen  von  den  alten  despotischen
Gewohnheiten,  verfolgte  seine  Gegner  durch  Proscriptionslisten,  errichtete
wieder  eine  zweifache  geheime  Polizei,  deren  Agenten  einander  wechsel—
seitig  bewachten.  Und  trotz  der  Zusatzacte,  trotz  seiner  liberalen  Be—
theuerungen,  trotz  seiner  ablehnenden  Haltung  gegen  die  Jacobiner  erwarb
er  sich  doch  nicht  das  Vertrauen  der  Bourgeoisie.  Wohl  schloß  sich  der
leichtgläubige  Doctrinär  Benjamin  Constant  dem  bekehrten  Despoten  an,
und  das  Organ  der  Constitutionellen,  Dunoyer's  Censeur  pries  die  Zu—
satzacte  als  die  Vollendung  der  französischen  Freiheit  —  eine  wundersame
Selbsttäuschung,  die  nachher  durch  Jahrzehnte  das  Schlagwort  der  Oppo—
sition  geblieben  ist.  Aber  die  Masse  der  Constitutionellen  verharrte  in
ihrem  Mißtrauen;  sie  hoffte  insgeheim  auf  den  schlauen  Ludwig  Philipp
von  Orleans,  der  schon  seit  Langem  stillgeschäftig  nach  der  Bürgerkrone
Frankreichs  seine  Netze  auswarf.  Als  die  Abgeordneten  im  Juni  zusam—
mentraten,  wurde  ein  Gegner  Napoleon's,  der  Mann  des  Convents  Lan—
juinais  zum  Präsidenten  erwählt;  mit  rücksichtsloser  Heftigkeit  traten  die
radicalen  Parteiführer  dem  Kaiser  entgegen.

Das  Aergste  blieb  doch,  daß  Napoleon,  um  die  Scheu  der  Bourgeois
vor  dem  Kriege  zu  beschwichtigen,  eine  erheuchelte  Zuversicht  auf  den  Be—
stand  des  Friedens  zeigen  mußte.  Nichts  lag  ihm  in  jenem  Augenblicke
ferner  als  der  Wunsch  nach  Krieg:  erst  wenn  die  große  Armee  des  Kaiser—
reichs  wiederhergestellt  war,  durfte  der  Streit  um  die  unveräußerlichen
alten  Grenzen  von  Neuem  beginnen.  Wiederholt  versicherte  er  den
europäischen  Höfen,  daß  sich  in  Frankreich  nichts  verändert  habe,  daß  er  auf
alle  Pläne  kriegerischer  Größe  verzichte  und  nur  noch  einen  Kampf  anerkenne,
den  heiligen  Kampf  um  das  Glück  der  Völker.  Niemand  glaubte  ihm.
Unaufhaltsam  rüstete  sich  das  alte  Europa  zur  Vernichtung  des  Usurpators,
und  doch  mußte  er  noch  eine  Weile  den  Schein  bewahren,  als  ob  sein
Kaiserthum  ein  Reich  des  Friedens  sei.  Nach  drei  Wochen  erst  wagte  er
die  Vermehrung  des  Heeres  zu  befehlen:  die  Armee,  die  er  115,000  Mann
stark  vorgefunden,  wuchs  bis  Anfang  Juni  nur  auf  198,000  Mann
        <pb n="728" />
        718  II.  2.  Belle  Alliance.

kriegsbereiter  Truppen.  Das  nämliche  Gefühl  der  Unsicherheit  zwang  ihn
auch  zu  einer  höchst  gewagten  Kriegführung.  Nach  den  Erfahrungen
des  letzten  Jahres  schien  bei  einem  zähen  Vertheidigungskriege  im  Innern
Frankreichs  ein  Erfolg  nicht  ganz  unmöglich;  doch  da  der  Usurpator
weder  auf  eine  Massenerhebung  rechnen  noch  sich  der  Gefahr  einer  Niederlage
  auf  französischem  Boden  aussetzen  konnte,  so  mußte  er  den  Angriff
  auf  die  Nachbarlande  wagen,  und  für  diesen  verzweifelten  Schlag
standen  ihm  nur  128,000  Mann  zu  Gebote.  Was  übrig  blieb  wurde  an
den  weiten  Grenzen  entlang  vertheilt  —  eine  völlig  nutzlose  Zersplitterung
der  militärischen  Kräfte;  der  Argwohn  der  öffentlichen  Meinung  erlaubte
dem  Imperator  nicht,  irgend  ein  Stück  französischer  Erde  ganz  ohne
Vertheidigung  preiszugeben.  Erst  als  der  Krieg  unvermeidlich  ward,  ließ
Napoleon  die  friedliche  Maske  fallen  und  bekannte  sich  nochmals  zu  den
hochmüthigen  Gedanken  der  alten  Kaiserpolitik.  Sein  Kriegsminister  Davoust
  mußte  alle  die  alten  Soldaten  vom  linken  Rheinufer  unter  die
Fahnen  rufen.  In  seiner  Anrede  an  die  Armee  sprach  der  Imperator
wieder  wie  einst  als  der  Schirmherr  des  deutschen  Particularismus,
mahnte  zum  Kampfe  gegen  die  unersättliche  Coalition,  die  sich  bereits
anschicke  die  kleinen  deutschen  Staaten  zu  verschlingen;  eine  Proclamation,
die  auf  dem  Schlachtfelde  von  Belle  Alliance  in  dem  erbeuteten  Wagen
Napoleon's  gefunden  wurde,  verkündete  den  Belgiern  und  Rheinländern
die  frohe  Botschaft:  sie  seien  würdig  Franzosen  zu  sein!

Sobald  dieser  Caesar  wieder  an  die  Spitze  seiner  Praetorianer  trat,
mußte  der  alte  Kampf  zwischen  Weltherrschaft  und  Staatenfreiheit  unausbleiblich
  von  Neuem  entbrennen.  Nach  dem  Buchstaben  des  Völkerrechts
war  Napoleon's  Schilderhebung  allerdings  nur  ein  legitimer  Eroberungskrieg
  des  souveränen  Fürsten  von  Elba  gegen  den  Allerchristlichsten  König;
vergeblich  suchte  Gentz  im  Oesterreichischen  Beobachter  durch  künstliche
Sophismen  dies  unbestreitbare  Rechtsverhältniß  wegzudeuteln.  Aber  wie
durften  die  Formen  des  Völkerrechts  diesem  Gewalthaber  zu  Gute  kommen,
der  sein  Leben  lang  mit  Treu  und  Glauben  gespielt,  jedes  heilige  Recht
der  Staatengesellschaft  mit  Füßen  getreten  hatte?  Den  Millionen  in
Deutschland,  Rußland,  England  erschien  der  rückkehrende  Despot  nicht  als
ein  kriegführender  Fürst,  sondern  schlechtweg  als  ein  blutiger  Verbrecher,
der  durch  ruchlosen  Wortbruch  alle  Segnungen  des  schwer  errungenen
Friedens  wieder  in  Frage  stellte.  Ein  Aufschrei  des  Zorns  ging  durch
das  preußische  Land.  Der  alte  Todfeind  war  wieder  zur  Stelle,  war  wie
ein  hungriger  Wolf  eingebrochen  in  die  friedlichen  Hürden  der  befreiten
Völker;  das  deutsche  Schwert  mußte  ihn  nochmals  herunterschleudern
von  dem  angemaßten  Throne  —  wer  hätte  das  bezweifelt?  Dies  tapfere
Volk,  das  unter  den  Nackenschlägen  des  Tyrannen  so  namenlos  gelitten,
wollte  und  konnte  nichts  sehen  von  allen  den  rührenden  und  erhebenden
Auftritten,  welche  die  Rückkehr  des  Imperators  verschönten,  nichts  von
        <pb n="729" />
        Napoleon's  Aechtung.  719

allen  den  politischen  Wirren,  welche  die  rathlose  Ueberraschung  der
französischen  Nation  erklärten.  Den  Preußen  war  Frankreichs  Volk  ein—
fach  eine  Rotte  von  Verräthern,  sein  Heer  eine  eidvergessene  Soldatesca,
die  sich  mit  ihrem  alten  Räuberhauptmann  zu  neuen  Plünderungszügen
verschwor.  Und  mit  dem  grimmigen  Hasse  verband  sich  diesmal  ein
Gefühl  freudigen  Stolzes.  Der  alte  Blücher  sprach  seinen  Preußen  wieder
aus  der  Seele,  da  er  auf  die  erste  Nachricht  jubelnd  rief:  „das  ist  das
größte  Glück  für  uns,  nun  kann  die  Armee  wieder  gut  machen  was  die
Diplomaten  verfehlten.“  Erst  durch  den  Verlauf  des  Congresses  und
Talleyrand's  feindselige  Zettelungen  hatte  die  Masse  der  Patrioten  im
Norden  klar  erkannt,  wie  matt  und  schwächlich  der  Pariser  Friedensschluß
gewesen  und  wie  wenig  gesichert  unsere  Westgrenze  war.  Sobald  sich  die
Aussicht  auf  einen  neuen  Krieg  eröffnete,  erhob  die  Presse,  der  Rheinische
Mercur  voran,  sofort  den  Ruf:  jetzt  endlich  sei  die  Zeit  gekommen  dem
gallischen  Raubthier  die  Zähne  auszubrechen.  In  tausend  Tönen,  weit
lauter  und  bestimmter  als  ein  Jahr  zuvor,  erklang  die  Forderung:  heraus
mit  dem  alten  Raube,  heraus  mit  Elsaß  und  Lothringen!

Auch  den  Höfen  war  keinen  Augenblick  zweifelhaft,  daß  sie  die  Zerstörung
  des  Pariser  Friedens  nicht  dulden  durften.  Schon  am  8.  März
schlug  Stein  die  Aechtung  des  Friedensbrechers  vor.  Am  13.  traten  die
acht  Mächte,  welche  den  Friedensschluß  unterzeichnet  hatten,  zusammen
und  beschlossen  eine  öffentliche  Erklärung,  worin  sie  den  Völkern  Europas
verkündeten,  daß  Napoleon  Buonaparte  sich  selber  außerhalb  des  bürgerlichen
  und  politischen  Rechts  gestellt,  als  Feind  und  Störer  der  Ruhe
der  Welt  sich  der  öffentlichen  Verfolgung  preisgegeben  habe.  Die  Bonapartisten
  schrieen  Zeter  über  diesen  unerhörten,  diesen  menschenfresserischen
Beschluß;  doch  er  sprach  nur  aus,  was  das  empörte  Gewissen  aller  Deutschen
  und  Russen  und  der  großen  Mehrheit  des  englischen  Volkes  gebieterisch
  forderte.  Am  25.  März  erneuerten  die  vier  Verbündeten  von  Chaumont
  ihr  altes  Bündniß,  boten  dem  Könige  von  Frankreich  sowie  jedem
anderen  von  Buonaparte  angegriffenen  Lande  auf  Verlangen  ihren  Beistand
an,  luden  alle  Mächte  Europas  zum  Beitritt  ein  und  verpflichteten  sich
die  Waffen  nicht  eher  niederzulegen  als  bis  Buonaparte  außer  Stand
gesetzt  sei  neue  Unruhen  zu  erregen  und  sich  der  Staatsgewalt  in  Frankreich
  abermals  zu  bemächtigen.  Die  Achtserklärung  schloß  eine  Veränderung
  der  französischen  Grenzen  nicht  schlechthin  aus,  denn  sie  behielt
den  Mächten  ausdrücklich  das  Recht  vor  die  Bestimmungen  des  Pariser
Friedens  zu  vervollständigen  und  zu  verstärken.  Aber  sie  beruhte,  wie
das  Kriegsbündniß  vom  25.  März,  auf  einem  verhängnißvollen  thatsächlichen
  Irrthum,  auf  der  Annahme,  daß  die  Bourbonen  mindestens  in
einem  Theile  Frankreichs  sich  behaupten  und  die  verbündeten  Heere  als
Hilfstruppen  der  königlichen  Armee  auftreten  würden.

Erst  einige  Tage  später  erfuhr  man  in  Wien,  daß  König  Ludwig  sein
        <pb n="730" />
        720  II.  2.  Belle  Alliance.

Land  bis  auf  das  letzte  Dorf  hatte  räumen  müssen.  Der  legitime  Herrscher
saß  als  ein  Fürst  ohne  Land  in  Gent,  jetzt  gänzlich  unter  dem  Einfluß
der  racheschnaubenden  Emigrantenpartei;  der  geächtete  Störer  der  öffent—
lichen  Ruhe  aber  zeigte  seinen  gekrönten  Herren  Brüdern  in  friedfertigen
Briefen  die  unblutige  Unterwerfung  Frankreichs  an  und  erbot  sich  sofort
den  Pariser  Vertrag  anzuerkennen.  Die  Lage  war  mit  einem  Schlage
verändert,  und  die  grollenden  Whigs  im  Parlamente  säumten  nicht  sie
auszubeuten:  Whitebread  und  Burdett  fragten  in  donnernden  Reden,
ob  England  von  Neuem  bluten  solle  um  einem  freien  Volke  eine  Regierung
  aufzuzwingen,  eine  Dynastie,  deren  haltlose  Schwäche  sich  so  kläglich
offenbart  habe?

Die  Tory-Regierung  fühlte,  daß  sie  die  Opposition  beschwichtigen
mußte,  und  ließ  daher  in  Wien  erklären:  der  Prinzregent  genehmige
zwar  den  Vertrag  vom  25.  März  und  werde  Alles  aufbieten  um  Buonaparte
  zu  bekämpfen,  doch  könne  er  sich  nicht  verpflichten  den  Franzosen
eine  bestimmte  Regierung  aufzuerlegen.  Oesterreich,  Preußen  und  Rußland
  erkannten  am  9.  Mai  diese  Auslegung  des  Vertrags  als  wohlbegründet
  an  und  behielten  sich  ebenfalls  freie  Hand  vor  gegenüber  der  künftigen
  Regierung  Frankreichs.  Sodann  entspann  sich  in  dem  Comité  der
acht  Mächte  eine  langwierige  Berathung  über  die  Frage:  ob  nicht  in
Folge  der  thatsächlichen  Erfolge  und  der  friedfertigen  Zuschriften  Buonaparte's
  eine  neue  veränderte  Erklärung  geboten  sei.  Talleyrand  hatte  die
Stirn,  den  Verbündeten  den  Entwurf  eines  Manifestes  vorzulegen,  worin
sie  bescheiden  versicherten:  Europa  kämpfe  ebenso  sehr  für  Frankreich  als
für  seine  eigene  Sicherheit  und  werde  die  Waffen  nach  der  Entthronung
Buonaparte's  augenblicklich  niederlegen.)  Aber  auf  solche  Zumuthungen
wollte  sich  Niemand  mehr  einlassen.  Die  zur  Erwägung  der  Frage  eingesetzte
  Commission  gelangte  zu  dem  Schlusse,  daß  die  Betheuerungen
des  Usurpators  keinen  Glauben  verdienten;  sie  behauptete  in  sehr  gemäßigten
  Worten:  das  Recht  einer  Nation  ihre  Regierungsform  zu  verändern
  sei  nicht  schrankenlos,  sondern  den  Nachbarstaaten  stehe  die  Befugniß
zu  sich  gegen  den  gemeingefährlichen  Mißbrauch  dieses  Rechtes  zu  verwahren;
  sie  erinnerte  an  die  allbekannte  Thatsache,  daß  die  Alliirten  dem
besiegten  Frankreich  nur  unter  der  ausdrücklichen  Bedingung  der  Entthronung
  des  corsischen  Friedensstörers  einen  milden  Frieden  gewährt
hätten,  und  erklärte  scharf  und  treffend:  „die  förmliche  Zustimmung  der
französischen  Nation  zu  der  erneuten  Thronbesteigung  Buonaparte's  würde
einer  Kriegserklärung  gegen  Europa  gleichkommen.“  Diese  förmliche  Zustimmung
  der  französischen  Nation  zu  dem  Gewaltstreiche  des  Usurpators  erfolgte
  in  der  That,  fast  im  nämlichen  Augenblicke  da  der  Commissionsbericht

 

)  Correspondence  inédite  de  Talleyrand  et  de  Louis  XVIII.  Paris  1881.
p.  383.
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        Zwiespalt  der  Coalition.  721

(am  12.  Mai)  dem  Comitée  der  Acht  vorgetragen  wurde.  Die  napoleonische
Zusatzacte  ward  der  Nation  zur  allgemeinen  Abstimmung  vorgelegt;  mehr
als  1¼  Millionen  Stimmen  erklärten  sich  dafür,  kaum  5000  wagten
zu  widersprechen,  die  große  Mehrzahl  hielt  sich  fern,  ließ  willenlos  Alles
über  sich  ergehen.  Damit  hatte  das  französische  Volk  die  Thronrevolution
  unzweifelhaft  anerkannt,  und  für  die  acht  Mächte  ergab  sich,  nach
den  eigenen  Worten  ihrer  Commission,  die  Nothwendigkeit,  nunmehr  die
frühere,  allein  gegen  die  Person  Buonaparte's  gerichtete  Declaration  fallen
zu  lassen  und  dem  Staate  Frankreich,  wie  er  sich  jetzt  thatsächlich  neu
gestaltet  hatte,  den  Krieg  zu  erklären.  Aber  dieser  allein  richtige  Schluß
ward  nicht  gezogen,  da  die  Absichten  der  verbündeten  Mächte  sehr  weit
auseinander  gingen.

Jene  salbungsvolle  Versicherung  der  Torys,  England  wolle  den  Franzosen
  nicht  eine  bestimmte  Regierung  aufzwingen,  war  keineswegs  ehrlich
gemeint,  sondern  lediglich  ein  parlamentarischer  Schachzug.  Die  starr
legitimistische  Gesinnung  des  Tory-Cabinets  änderte  sich  nicht;  in  seinen
Augen  war  und  blieb  der  König  ohne  Land  der  rechtmäßige  Beherrscher
von  Frankreich,  und  Europa  war  selbstverständlich  verpflichtet,  durch  einen
royalistischen  Kreuzzug  den  legitimen  König  wieder  auf  den  Thron  seiner
Väter  zurückzuführen,  damit  England  als  der  hochherzige  Beschützer  der
dankbaren  Bourbonen  den  herrschenden  Einfluß  in  den  Tuilerien  erhielte.
In  solchem  Sinne  wiederholte  Wellington  beständig:  „Frankreich  hat  keine
Feinde;  dieser  Krieg  ist  ein  Krieg  Europas,  Frankreich  mit  eingeschlossen,
gegen  Buonaparte  und  sein  Heer.“  Darum  durfte  auch  Niemand  irgend
welche  Gebietsforderungen  an  Frankreich  stellen.  Voll  hoher  sittlicher
Entrüstung,  behaglich  auf  ihre  wohlgefüllten  Taschen  klopfend,  sprachen
die  Torys  über  die  preußische  Armuth  und  Habgier;  ihr  Neid  gegen
Deutschland  trat  so  gehässig  hervor,  daß  selbst  die  Gutherzigkeit  der  preuhischen
  Patrioten  jetzt  endlich  über  den  wahren  Charakter  der  britischen
Handelspolitik  in's  Klare  kam  und  Mancher,  der  seit  Jahren  ein  glühender
Bewunderer  der  englischen  Hochherzigkeit  gewesen,  nunmehr  sein  Urtheil
berichtigte.  Aber  wie  beschränkt,  heuchlerisch,  engherzig  die  Politik  der
Torys  auch  erschien,  sie  allein  unter  den  Verbündeten  wußten  genau  was
sie  wollten  und  verfolgten  ihr  Ziel  mit  hartnäckiger  Ausdauer.

In  der  Hofburg  fehlte  es  nicht  an  fanatischen  Legitimisten,  die  in
das  englische  Horn  bliesen.  Adam  Müller  fand  es  ganz  unbestreitbar,
daß  Ludwig  XVIII.  nunmehr  schon  seit  vierundzwanzig  Jahren  regiere
und  Buonaparte  nur  ein  Rebell  sei;  sonst  würde  ja  das  göttliche  Recht
aller  Throne  geleugnet  und  „das  lächerliche  Recht  der  Völker,  eine  Art
von  Willen  zu  haben,  anerkannt!“  Metternich  selbst  dachte  nüchterner,
er  hegte  keine  Vorliebe  für  die  Bourbonen,  und  behielt  sich  vor,  nach  den
Umständen  zu  handeln;  aber  da  seine  ruheselige  Natur  jede  zweifelhafte
Neuerung  verabscheute  und  die  Verträge  von  Paris  und  Wien  ihm  als

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  46
        <pb n="732" />
        722  II.  2.  Belle  Alliance.

ein  unantastbares  Werk  ausbündiger  diplomatischer  Weisheit  erschienen,
so  durften  die  Torys  hoffen,  den  österreichischen  Freund  allmählich  zu
ihrer  Anschauung  hinüberzuziehen.  Czar  Alexander  dagegen  und  König
Friedrich  Wilhelm  konnten  dem  Bourbonen  das  Kriegsbündniß  vom  3.
Januar  nicht  verzeihen.  Unter  den  preußischen  Generalen  war  die  An—
sicht  weit  verbreitet,  daß  dies  zugleich  schwache  und  treulos  undankbare
Königshaus  nicht  zurückkehren  dürfe;  der  Czar  sprach  mit  Wärme  von
dem  liberalisirenden  Herzog  von  Orleans.  Doch  weder  der  Petersburger
noch  der  Berliner  Hof  hatte  schon  einen  bestimmten  Plan  für  die  Wieder—
besetzung  des  französischen  Thrones  gefaßt;  überdies  stimmten  die  beiden
Mächte  unter  sich  keineswegs  überein.  Während  die  preußischen  Staatsmänner
  von  Haus  aus  auf  die  Sicherung  der  deutschen  Westgrenze  hinarbeiteten,
  gesiel  sich  der  Czar  wieder  in  überschwänglicher  Großmuth.
Den  wahren  Grund  seiner  Hochherzigkeit  verrieth  er  einmal,  als  ihm  der
Ausruf  entfuhr:  entweder  ich  nehme  Theil  an  diesem  Kuchen,  oder  der
Kuchen  soll  gar  nicht  gebacken  werden!  Rußland  konnte  von  diesem
Kriege  nichts  gewinnen,  und  was  kümmerte  ihn  Deutschland  wenn  er
hoffen  konnte  durch  Freisinn  und  Zartgefühl  den  englischen  Einfluß  in
Frankreich  aus  dem  Felde  zu  schlagen?  Schon  am  25.  Mai  ließ  er
seinen  Gesandtschaften  schreiben:  es  besteht  eine  französische  Nation,  deren
berechtigte  Interessen  nicht  ungestraft  geopfert  werden  dürfen;  darum  weder
eine  Herstellung  der  unhaltbaren  alten  Ordnung  noch  eine  Demüthigung
Frankreichs,  das  für  die  Wohlfahrt  Europas  unentbehrlich  ist.

Bei  dieser  tiefgreifenden  Meinungsverschiedenheit  ließ  sich  eine  unzweideutige
  Kriegserklärung  gegen  Frankreich,  wie  sie  von  Hardenberg  und
Humboldt  gewünscht  wurde,  nicht  durchsetzen.  Die  Coalition  beschloß  auf
jede  weitere  öffentliche  Erklärung  zu  verzichten  und  beruhigte  sich  bei  dieser
Halbheit  um  so  lieber,  da  ja  in  den  Wechselfällen  des  Krieges  sich  leicht
die  Gelegenheit  zu  bestimmteren  Beschlüssen  bieten  konnte.  Alle  Welt  erwartete
  einen  langen  und  langweiligen  Krieg;  war  doch  die  Führung  der
europäischen  Heere  wieder  in  Schwarzenberg's  und  Langenau's  bewährte
Hände  gelegt  worden.  Die  Mächte  begannen  also  den  Feldzug  in  einer
überaus  unklaren  völkerrechtlichen  Stellung.  Sie  hatten  den  Kampf  gegen
Buonaparte  angekündigt  —  denn  so  nannten  sie  den  Imperator  noch  immer
—  und  nachher  versichert,  daß  sie  nicht  den  Zweck  verfolgten  die  Bourbonen
  wieder  einzusetzen.  Sie  waren  unbestreitbar  im  Zustande  des  Krieges
gegen  den  französischen  Staat,  da  das  Völkerrecht  nur  Kriege  zwischen
Staaten  kennt;  ob  sie  sich  aber  selber  als  Feinde  Frankreichs  betrachteten,
das  blieb  Angesichts  ihrer  eigenen  widerspruchsvollen  Erklärung  durchaus
zweifelhaft.  Auch  die  Proclamation  an  die  Franzosen,  welche  Schwarzenberg
beim  Einmarsche  der  Heere  erließ,  lautete  sehr  unbestimmt;  mit  Mühe  hatte
Gagern  erlangt,  daß  aus  dem  Satze  „Europa  will  den  Frieden“  mindestens
  der  gefährliche  Schluß  „und  nichts  als  den  Frieden"“  gestrichen  wurde.
        <pb n="733" />
        Das  Bündniß  gegen  Buonaparte.  723

Diese  rechtliche  Unklarheit  bei  der  Einleitung  des  Krieges  hat  nach—
her  den  unglücklichen  Ausgang  der  Friedensverhandlungen  zwar  nicht
allein  verschuldet  —  denn  die  Entscheidung  gab  der  vereinte  Widerstand,
welchen  das  gesammte  Europa  den  deutschen  Forderungen  entgegensetzte
—  aber  die  Stellung  der  deutschen  Unterhändler  auf  dem  Friedenscon—
gresse  wesentlich  erschwert.  Genug,  diesem  vieldeutigen  Bündniß  „gegen
Buonaparte“  traten  nach  und  nach  alle  Mächte  zweiten  Ranges  bei;  eine
thörichte,  vorzeitige  Schilderhebung  Murat's  in  Italien,  die  rasch  nieder—
geschlagen  ward,  bestärkte  die  Höfe  in  der  Ueberzeugung,  daß  jede  Ver—
handlung  mit  dem  Bonapartismus  unmöglich  sei.  Deutschland  erschien,
was  seit  drei  Jahrhunderten  nicht  mehr  erlebt  worden,  schon  beim  Beginne
  des  großen  Krieges  vollkommen  einig.  Offenen  Verrath  wagte  Niemand
  mehr,  obwohl  sich  die  böse  Gesinnung  des  Münchener  und  des
Stuttgarter  Hofes  wieder  in  tausend  Zänkereien  über  das  Verpflegungswesen
  bekundete.  Aber  die  Nation  sollte  schmerzlich  genug  erfahren,  daß
Einigkeit  nicht  Einheit  ist.  Da  der  Deutsche  Bund  in  dem  Augenblicke
der  Kriegserklärung  noch  nicht  bestand,  so  konnten  die  deutschen  Staaten
auch  nur  einzeln  der  Coalition  beitreten;  sie  erhielten  im  Rathe  der  großen
Mächte  keine  Stimme  und  erprobten  sogleich,  wie  werthlos  jenes  Recht
der  selbständigen  diplomatischen  Vertretung  war,  das  sie  als  die  schönste
Zierde  ihrer  Kronen  betrachteten.

Angesichts  der  ungeheuren  Ueberlegenheit  der  Streitkräfte  der  Verbündeten
  verhieß  die  alsbaldige  Eröffnung  des  Feldzugs  sicheres  Gelingen;
fast  alle  namhaften  Generale  der  Coalition,  Blücher  und  Gneisenau,  Wellington,
  Toll  und  Diebitsch  stimmten  darin  überein.  Die  Zögerung,
meinte  Blücher,  schafft  Napoleon  nur  die  Heere,  die  wir  mit  vielem  Blute
bekämpfen  müssen.  Nach  Gneisenau's  Ansicht  konnten  am  1.  Mai  drei  große
Armeen  von  je  200,000  Mann  etwa  am  Ober-,  Mittel-  und  Niederrhein
zum  Einmarsch  in  Frankreich  bereit  stehen.  Sein  staatsmännischer  Blick  sah
voraus,  was  fast  alle  Uebrigen  für  unmöglich  hielten,  daß  der  Imperator
die  Offensive  ergreifen  würde.  Um  so  dringender  rieth  er  den  Allürten
ihrerseits  mit  dem  Angriff  zuvorzukommen.  Rückten  die  drei  Armeen
gleichzeitig  gegen  Paris  vor  und  versammelte  sich  unterdessen  in  ihrem
Rücken  die  vierte  Armee,  die  aus  Rußland  herankam,  dann  konnte  Napoleon
  nur  einer  von  ihnen  eine  ebenbürtige  Macht  entgegenstellen;  erlitt
das  eine  Heer  durch  die  Feldherrnkunst  des  Gegners  einen  Unfall,  so
zog  es  sich  auf  die  große  Reservearmee  zurück,  die  beiden  anderen  aber
blieben  im  Vorgehen  auf  Paris.  Wieder  wie  vor'm  Jahre  bezeichnete
Gneisenau  die  feindliche  Hauptstadt  als  das  einzig  mögliche  Ziel  des
Kampfes,  während  selbst  muthige  Männer  wie  Humboldt  bedenklich  meinten,
  die  Geschichte  kenne  keine  Wiederholungen.  Und  wieder  wie  damals
warnte  er  vor  jeder  Zersplitterung  der  Kräfte:  mit  dem  Sturze  Napoleon's
  sei  alles  Andere,  auch  das  Schicksal  Italiens  von  selbst  entschieden.

46“
        <pb n="734" />
        724  II.  2.  Belle  Alliance.

In  der  Hofburg  dagegen  ward  der  italienische  Kriegsschauplatz  als  so
hochwichtig  angesehen,  daß  selbst  Radetzky  erklärte:  Oesterreich  müsse  die
Schweiz  zum  Mittelpunkte  seiner  Operationen  wählen,  um  mit  der  ita—
lienischen  Armee  in  Verbindung  zu  bleiben.  Auf  der  Halbinsel  begann
es  zu  gähren.  Die  Mailänder  fingen  schon  an,  die  übereilte  Revolution
des  vergangenen  Frühjahrs  zu  bereuen,  murrten  über  die  Herrschaft  des
bastone  tedesco.  Die  phantastischen  Manifeste  Murat's,  die  von  der
Einheit  Italiens  redeten,  machten  doch  einigen  Eindruck;  auch  die  natürliche
  Theilnahme  für  den  großen  Landsmann,  der  soeben  wieder  die  Wunderkraft
  des  antico  senno  Italiens  offenbart  hatte,  erwachte  von  Neuem.
Kaiser  Franz  hielt  für  nöthig,  seinen  Bruder  Johann  in  das  neue  lombardo-venetianische
  Königreich  zu  senden,  denselben  der  vor  sechs  Jahren  die
Italiener  zuerst  zur  Freiheit  aufgerufen  hatte.  Der  Erzherzog  ließ  es  an
Biederkeit  und  guten  Worten  nicht  fehlen,  doch  machte  er  auf  die  menschenkundigen
  Südländer  einen  sehr  ungünstigen  Eindruck.  Der  Wiener  Hof
fühlte  sich  seines  adriatischen  Besitzes  keineswegs  sicher.  Dazu  die  alte,
auch  von  Knesebeck  getheilte  Vorliebe  der  k.  k.  Generale  für  gesuchte  und
weitläufige  Bewegungen,  endlich  und  vor  Allem  der  dringende  Wunsch
die  Gefahren  des  Krieges  den  Verbündeten  zuzuschieben,  damit  Oesterreich
bei  dem  schwierigen  Friedensschlusse  mit  ungebrochener  Kraft  dastände.

Aus  Alledem  ergab  sich  ein  ungeheuerlicher  Kriegsplan,  der  selbst
die  Künsteleien  von  1814  noch  überbot:  in  den  Niederlanden  210,000
Mann  unter  Blücher  und  Wellington,  am  Mittelrhein  Barclay  de  Tolly
mit  150,000  Russen,  am  Oberrhein  und  in  der  Schweiz  200,000  Oesterreicher,
  in  Piemont  endlich  eine  Armee  von  60,000  Mann  —  eine  Truppenmasse,
  die  bis  zu  Ende  Juli  noch  durch  einen  Nachschub  von  170,000
Mann  auf  800,000  Mann  verstärkt  wurde  und  dann  dem  Feinde  um  das
Dreifache  überlegen  war.  Als  das  nächste  Ziel  der  Operationen  dachte
sich  Schwarzenberg  nicht  Paris,  sondern  Lyon.  Von  Napoleon  aber  stand
mit  Sicherheit  zu  vermuthen,  daß  er  sich  auf  den  zunächst  stehenden  Feind,
auf  das  niederländische  oder  das  mittelrheinische  Heer  stürzen  würde;  die  k.  k.
Truppen  waren  also  vor  der  Faust  des  Gefürchteten  sicher.  Da  nach  dem
österreichischen  Plane  die  Russen  sogleich  in  die  erste  Reihe  der  Kämpfer
einrücken  sollten,  so  verlangte  Schwarzenberg  die  Vertagung  des  Einmarschs
  bis  zum  16.,  dann  zum  27.  Juni,  endlich  gar  bis  zum  1.  Juli.
Obgleich  alle  anderen  Mächte  es  hochbedenklich  fanden  dem  rastlosen  Feinde
ein  volles  Vierteljahr  Frist  zu  schenken,  so  behält  doch  in  einem  Coalitionskriege
  der  Zaudernde  immer  Recht.  Oesterreich  behauptete  hartnäckig,  seine
Rüstungen  nicht  eher  beendigen  zu  können,  und  so  mußte  denn  am  19.  April
der  große  Kriegsrath  der  Coalition  zu  Wien  die  Vorschläge  der  Hofburg
im  Wesentlichen  annehmen,  in  die  Verspätung  der  Operationen  willigen.
Die  diplomatische  Welt,  und  Hardenberg  mit  ihr,  glaubte  bestimmt,  die
Entscheidung  würde  im  Centrum  der  verbündeten  Heere  fallen.  Der  Armee
        <pb n="735" />
        Kriegsplan  der  Coalition.  725

in  den  Niederlanden  dachte  man,  wie  vor  zwei  Jahren  der  schlesischen,
die  bescheidene  Rolle  eines  Hilfscorps  zu,  und  wieder  wie  damals  sollte
der  Gang  der  Ereignisse  aller  Voraussicht  spotten.

Mit  den  Berathungen  über  den  Kriegsplan  verband  sich  ein  lebhafter
Streit  über  die  Vertheilung  der  kleinen  deutschen  Contingente.  Die  Höfe
der  Mittelstaaten  hielten  es  allesammt  für  ein  Gebot  kleinköniglicher  Ehre,
ihre  Truppen  lieber  unter  fremden  als  unter  preußischen  Oberbefehl  zu
stellen.  Graf  Münster  meinte  die  Stunde  gekommen  um  sein  altes  Ideal,
die  englisch-hannoversche  Hegemonie  in  Norddeutschland  zu  verwirklichen,
und  warnte  die  kleinen  Nachbarn  dringend  vor  dem  Anschluß  an  Preußen.
In  der  That  wurden  außer  den  Niederländern  auch  die  Hannoveraner,
Sachsen,  Nassauer  und  Braunschweiger  dem  englischen  Heere  Wellington's
zugetheilt;  nur  ein  kleines  norddeutsches  Bundesarmeecorps,  zumeist  aus
Kurhessen  bestehend,  trat  unter  preußischen  Befehl.  Die  süddeutschen
Truppen  zogen  zu  den  Oesterreichern  und  Russen  am  Ober=  und  Mittelrhein,
  so  daß  sich  auch  diesmal  ein  Gefühl  nationaler  Waffengemeinschaft
nicht  bilden  konnte.

Napoleon's  Heer  war  das  beste,  das  er  je  in's  Feld  geführt.  Die  aus
der  Kriegsgefangenschaft  und  den  deutschen  Festungen  heimgekehrten  Veteranen
  bildeten  den  Stamm  seiner  Regimenter.  Mit  abgöttischer  Verehrung
  blickte  der  gemeine  Mann  auf  seinen  kleinen  Corporal;  noch  niemals
  war  die  Mannschaft  so  ganz  durchglüht  gewesen  von  Praetorianerstolz
und  leidenschaftlicher  Kampflust.  Aber  ihren  Generalen  trauten  sie  nicht
über  den  Weg,  da  ein  Theil  der  Marschälle  den  Bourbonen  treu  geblieben
war;  und  kehrte  das  Glück  dem  Imperator  den  Rücken,  so  stand  von
diesen  tapferen  Graubärten,  die  allesammt  ihren  Fahneneid  gebrochen
hatten  und  von  den  Bourbonen  das  Aergste  befürchten  mußten,  wenig  sittliche
  Widerstandskraft  zu  erwarten.

Wie  anders  die  Stimmungen  im  preußischen  Heere!  Als  der  König
in  einem  kräftigen  Aufrufe  seinen  Preußen  sagte:  „Europa  kann  den  Mann
auf  Frankreichs  Thron  nicht  dulden,  der  die  Weltherrschaft  als  den  Zweck
seiner  stets  erneuerten  Kriege  laut  verkündigte“  —  da  fand  er  überall  in
dem  treuen  Volke  williges  Verständniß.  Abermals  wie  vor  zwei  Jahren
eilte  die  Jugend  zu  den  Waffen,  der  Landsturm  und  die  Detachements
der  freiwilligen  Jäger  wurden  von  Neuem  errichtet  und  abermals  beseelte
  die  Kämpfer  der  feste  Entschluß,  daß  dieser  heilige  Krieg  nicht
anders  enden  dürfe  als  mit  einem  ganzen  und  vollen  Siege.  Das  von
den  ungeheuren  Anstrengungen  der  jüngsten  Jahre  noch  ganz  erschöpfte
Preußen  stellte  wiederum  250,000  Mann  unter  die  Fahnen;  auch  die
kleinen  norddeutschen  Nachbarn  zeigten  diesmal  regeren  Eifer,  stellten
etwa  70,000  Mann.  An  kriegerischer  Erfahrung  und  Sicherheit  kam  das
Volksheer  freilich  dem  Feinde  nicht  gleich.  Die  Armee  befand  sich  gerade
in  einem  gefährlichen  Uebergangszustande  als  der  unerwartete  Kriegsruf
        <pb n="736" />
        726  II.  2.  Belle  Alliance.

erscholl.  Das  Wehrgesetz  und  die  Gebietserwerbungen  machten  eine  Neu—
bildung  eines  großen  Theiles  der  Truppenkörper  nothwendig;  noch  auf
dem  niederländischen  Kriegsschauplatze  mußten  einzelne  Bataillone  von
ihren  alten  Regimentern  abgetrennt  werden.  Die  gesammte  Reiterei
wurde  neu  formirt,  der  Artillerie  fehlte  die  Mannschaft;  Blücher  hatte
für  seine  304  Kanonen  nur  5303  Mann,  bei  einem  Armeecorps  gar  nur
11  Mann  für  das  Geschütz,  während  das  Reglement  30  Mann  auf  das
Geschütz  rechnete.  Die  Mehrzahl  der  Linientruppen,  die  bis  zum  Ende
des  vorigen  Jahres  noch  am  Rhein  gestanden,  hatte  der  Kriegsminister  erst
vor  Kurzem  in  die  östlichen  Provinzen  zurückverlegt,  theils  weil  er  die
schwer  heimgesuchten  Rheinländer  der  Einquartierung  entlasten  wollte,
theils  weil  er  einen  Krieg  mit  Oesterreich  befürchtete.  Als  nun  plötzlich
das  Unwetter  im  Westen  aufstieg  und  der  König  der  Niederlande  dringend
um  sofortige  Hilfe  bat,  da  mußte  man  was  am  nächsten  zur  Hand  war
auf  den  Kriegsschauplatz  werfen.  Die  116,000  Mann,  die  sich  in  Belgien
versammelten,  waren  zur  Hälfte  Landwehren,  und  von  diesen  wieder  bestand
  ein  großer  Theil,  die  Elblandwehr,  aus  Truppen  der  neuen,  vormals
  westphälischen  Provinzen  —  Mannschaften,  die  sich  erst  in  den  preußischen
  Dienst  einleben  mußten:  hatten  doch  Manche  darunter  vor  Kurzem
noch  unter  Napoleon  gefochten.

Den  Oberbefehl  über  die  Feldarmee  hatte  der  König  schon  im  März
seinem  greisen  Feldmarschall  wieder  übertragen;  auch  Gneisenau  übernahm
wieder  die  schwere  Vertrauensstellung  an  Blücher's  Seite.  Um  der  Wiederkehr
  der  gehässigen  Streitigkeiten  zwischen  den  Führern  vorzubeugen,  wurde
das  Commando  der  drei  ersten  Armeecorps,  welche  den  belgischen  Feldzug
eröffnen  sollten,  den  Generalen  Zieten,  Borstell  und  Thielmann  anvertraut,
die  alle  drei  im  Dienstalter  hinter  Gneisenau  standen.  Bülow  erhielt  das
vierte  Corps,  das  als  Reserve  dienen  sollte;  so  kam  der  Eigensinnige
nicht  zu  häufig  mit  seinem  Gegner  Gneisenau  in  Berührung.  Das  norddeutsche
  Bundesarmeecorps,  das  sich  am  deutschen  Niederrhein,  im  Rücken
der  Blücher'schen  Armee  versammelte,  wurde  unter  Kleist's  Befehle  gestellt,
  dessen  mildes  und  gehaltenes  Wesen  sich  für  die  diplomatischen
Aufgaben  eines  Bundesfeldherrn  besonders  eignete.  York  und  Tauentzien
endlich  erhielten  das  Commando  der  beiden  Armeecorps  in  den  östlichen
Provinzen.  General  Grolman  trat  selbst  als  Generalquartiermeister  in
Blücher's  Hauptquartier  ein  und  wies  den  Corpsführern  der  belgischen
Armee  vier  seiner  fähigsten  Offiziere,  Reiche,  Aster,  Clausewitz  und  Valentini
  als  Stabschefs  zu.  Der  Held  von  Wartenburg  fühlte  sich  in  tiefster
Seele  gekränkt,  forderte  nochmals  seinen  Abschied,  wollte  in  dieser  Vertheilung
  der  Rollen  nichts  sehen  als  eine  Parteigehässigkeit  des  „Tugendbundes“.
  Wie  Jork  dachten  alle  die  alten  militärischen  Gegner  der  Reformpartei;
  sie  klagten,  durch  Boyen  und  Grolman  kämen  die  Phantasten
und  Demagogen  in  der  Armee  obenauf.  Am  Hofe  begann  wieder  das
        <pb n="737" />
        Zustand  des  preußischen  Heeres.  727

arge  Spiel  der  geheimen  Verdächtigung  gegen  das  schlesische  Hauptquartier.
In  den  Offizierskreisen  versicherte  man  bestimmt:  Herzog  Karl  von  Mecklenburg,
  der  den  Feldmarschall  bei  der  Abreise  im  Namen  der  Berliner
Garnison  noch  einmal  begrüßte,  habe  vergeblich  um  ein  Brigadecommando
in  der  Blücher'schen  Armee  gebeten;  der  Schwager  des  Königs  solle  dem
gefährlichen  Einflusse  Gneisenau's  fern  gehalten  werden.  General  Knesebeck
  unternahm  sogar  den  Feldmarschall  selbst  zu  freiwilligem  Verzicht  auf
den  Oberbefehl  zu  bereden;  doch  kaum  fing  er  behutsam  an  von  Blücher's
hohen  Jahren  zu  sprechen,  so  lachte  der  Alte  hell  auf:  was  das  für
dummes  Zeug  ist!

Damit  war  Alles  abgethan;  wer  hätte  den  Helden  der  Nation  von
der  Stelle,  die  ihm  gebührte,  verdrängen  dürfen?  Während  der  thatenarmen
  Monate  letzthin  war  er  wirklich  nur  ein  gebrechlicher  alter  Mann
gewesen,  und  eben  jetzt  traf  den  zärtlichen  Vater  noch  ein  grausamer
Schlag:  sein  Lieblingssohn  Franz,  ein  hochbegabter,  verwegener  Reiteroffizier,
  war  im  Kriege  schwer  am  Kopfe  verwundet  worden  und  verfiel
in  unheilbare  Geisteskrankheit.  Aber  sobald  der  Krieg  entschieden  war,
raffte  sich  der  herrliche  Greis  wieder  auf,  wie  ein  edles  Schlachtroß  beim
Schmettern  der  Trompete;  er  fühlte  die  Last  der  Jahre  und  des  Kummers
nicht  mehr.  Wieder  einmal  hatte  er  Alles  voraus  gewußt:  warum  wollten
ihm  die  verfluchten  Diplomatiker  nicht  glauben,  als  er  ihnen  vor'm  Jahre
vorhersagte,  der  Bösewicht  werde  ganz  gewiß  aus  seinem  Käfig  ausbrechen?
Ueberall  auf  der  Reise  drängten  sich  die  Massen  um  den  volksthümlichen
Helden.  Frisch  und  jugendlich,  leuchtend  von  Zuversicht  trat  er  unter
seine  jubelnden  Truppen.  Wie  that  es  ihm  wohl,  das  neue  ostfriesische
Regiment,  die  Landsleute  seiner  herzlieben  Frau  mit  unter  seinen  Befehlen
  zu  sehen.  Den  erbitterten  sächsischen  Offizieren  hielt  er  aus  der
Fülle  seines  deutschen  Herzens  heraus  eine  mächtige  Rede:  hier  kenne  er
nicht  Preußen  noch  Sachsen,  hier  seien  nur  Deutsche,  die  für  ihr  großes
Vaterland  siegen  wollten  und  müßten.  Mit  diesem  Heere  getraute  er
sich  Tunis,  Tripolis  und  Algier  zu  erobern,  wenn  nur  das  Meer  nicht
dazwischen  wäre.  Die  Stunde  des  Kampfes  konnte  er  kaum  erwarten
und  schrieb  siegesgewiß  an  seinen  getreuen  Heinen,  der  ihm  daheim  seine
Güter  verwaltete:  „Die  Franzosen  habe  ich  vor  mich,  den  Ruhm  hinter
mich,  balde  wird  es  knallen!“)

Er  fand  die  Armeeverwaltung  in  peinlicher  Verlegenheit.  Denn  der
König  der  Niederlande,  der  so  dringend  um  schleunigen  Einmarsch  der
Preußen  gebeten  hatte,  that  jetzt,  da  er  sich  in  Sicherheit  wußte,  gar
nichts  für  die  Verpflegung  der  verbündeten  Heere  in  dem  reichen  Lande;
er  kannte  die  Verachtung,  welche  die  preußischen  Offiziere  seit  dem  thüringischen
  Feldzug  gegen  ihn  hegten,  erwiderte  sie  durch  unverhohlene  Ab- 



*)  Blücher  an  Heinen,  Lüttich  6.  Mai  1815.
        <pb n="738" />
        728  II.  2.  Belle  Alliance.

neigung  und  zeigte  so  üblen  Willen,  daß  ihn  Gneisenau,  sicher  mit  Unrecht
französischer  Sympathien  beschuldigte.  Baares  Geld,  woran  Wellington
Ueberfluß  hatte,  fehlte  den  Preußen  gänzlich;  schon  seit  anderthalb  Mo—
naten  war  der  Armee  kein  Sold  bezahlt  worden.  Der  treffliche  General—
intendant  Ribbentrop  wußte  keinen  Rath  mehr.  Blücher  schrieb  dem
Staatskanzler  zornig:  „der  niederländische  König  ist  der  ungefälligste,
heimlichste,  interessirteste  Mensch.““)  Um  der  dringendsten  Noth  abzuhelfen,
stellte  er  eigenmächtig  Wechsel  aus,  die  von  den  Elberfelder  Kaufleuten
auf  seinen  großen  Namen  hin  bezahlt  wurden.  Seine  Truppen  mußte
er  vorläufig  von  den  Bauern  verpflegen  lassen  und  ebendeshalb  weiter
als  räthlich  war  im  Norden  der  Maas  und  Sanbre  zwischen  Fleurus,
Namur,  Cinay  und  Hannut  zerstreuen.  Alle  diese  Sorgen  fochten  ihn  in
seiner  Siegeszuversicht  gar  nicht  an.  Auf  den  ersten  Blick  durchschaute  er
die  innere  Schwäche  des  neuen  Kaiserreichs:  „die  Nation  ist  bei  Weitem  nicht
so  vor  Bonaparte  portirt  wie  die  französischen  Blätter  es  ausposaunen.“
Er  sagte  mit  prophetischer  Sicherheit  voraus,  daß  die  Entscheidung  hier
auf  dem  belgischen  Kriegsschauplatze  fallen  werde.  „Beendigen  wir  den
Krieg  glücklich“,  schrieb  er  dem  Staatskanzler,  „so  gerathen  alle  großen
Herren  in  meine  Schuld;  und  gut  soll  und  wird  es  gehen,  denn  die
große  Macht,  so  sich  die  Sicherheitscommissarien  von  Bonaparte  träumen,
ist  ein  Hirngespinnst.  Es  fehlt  ihm  an  Allem  und  besonders  hat  er  das
Zutrauen  zu  sich  selbst  und  seinem  Anhang  verloren.“**)

Auch  über  die  Forderungen,  welche  Deutschland  nach  dem  Siege  an
die  Franzosen  zu  stellen  habe,  war  Blücher  von  Haus  aus  mit  sich  im
Reinen;  „ich  hoffe“,  so  schrieb  er  schon  zu  Anfang  Mai,  „dieser  Krieg  wird
sich  so  endigen,  daß  Frankreich  in  Zukunft  Deutschland  nicht  mehr  so
gefährlich  sein  wird.  Elsaß  und  Lothringen  müssen  sie  hergeben.“  Und
wunderbar,  derselbe  Mann,  in  dem  sich  der  nationale  Stolz  und  Haß
des  norddeutschen  Volkes  verkörperte,  war  zugleich  ein  Kosmopolit  im
edelsten  Sinne.  Es  wird  in  alle  Zukunft  eine  stolze  Erinnerung  für
unsere  Nation  bleiben,  wie  jener  weitherzige  deutsche  Weltbürgersinn,  der
bisher  nur  unserer  Bildung  zu  Gute  gekommen,  für  unser  Staatsleben  ein
Fluch  gewesen  war,  jetzt  einmal  unter  höchst  außerordentlichen  Verhältnissen
  auch  politisch  fruchtbar  wurde  und  Deutschlands  Feldherren  befähigte
  europäische  Politik  großen  Stiles  zu  treiben.  In  Blücher's  Augen
war  dieser  Kampf  ein  heiliger  Krieg  der  verbrüderten  Völker  Europas
für  die  gemeinsame  Freiheit,  und  nichts  schien  ihm  selbstverständlicher  als
daß  der  Bruder  für  den  Bruder  einstehen  müsse  bis  zum  letzten  Blutstropfen.
  Mit  einer  rückhaltlosen  Selbstvergessenheit,  deren  schlechterdings
nur  der  deutsche  Idealismus  fähig  war,  erklärte  er  sich  bereit  alle  Kräfte

 

*)  Blücher  an  Hardenberg,  Namur  27.  Mai  1815.
**)  Blücher  an  Hardenberg,  Namur  2.  Juni  1815.
        <pb n="739" />
        Blücher  in  Belgien.  729

seines  Heeres  für  die  Sache  Europas  einzusetzen.  Vertrauensvoll  kam
er  seinem  englischen  Waffengefährten  entgegen  und  setzte  treuherzig  bei
dem  Briten  die  nämliche  Gesinnung  voraus.  Das  kurze,  sichere  solda—
tische  Wesen  des  englischen  Feldherrn  gefiel  ihm  wohl:  „Wellington  ist  die
Gefälligkeit  selbst,“  schrieb  er  befriedigt,  „und  ein  sehr  bestimmter  Mann,
wir  werden  eine  gute  Ehe  mit  einander  führen.“  Als  trotz  seiner  stür—
mischen  Bitten  und  Vorstellungen  der  Beginn  des  Krieges  von  den  Wiener
Strategen  immer  weiter  hinausgeschoben  wurde,  da  drohte  er  dem  Staats—
kanzler:  „Wenn  der  Befehl  zum  Vorwärts  ausbleibt,  die  Unruhen  in
Frankreich  zunehmen,  so  mache  ich  es  wie  in  Schlesien  und  schlage  los.
Wellington  accompagnirt  mich  sicher.“  Gneisenau,  gleich  seinem  greisen
Freunde  bereit  zu  jedem  Opfer  für  die  gemeinsame  Sache,  urtheilte  doch
anders  über  den  Charakter  des  Briten;  er  meinte,  von  dem  lasse  sich
der  zäheste  und  tapferste  Widerstand  gegen  den  Feind  erwarten,  aber
weder  eine  kühne  Unbotmäßigkeit,  noch  irgend  eine  Aufopferung  für  die
Verbündeten.  Und  dies  Urtheil  traf  das  Rechte;  denn  wenn  im  Blücherschen
  Hauptquartiere  die  hochherzige  Begeisterung  für  die  Freiheit  Europas
vorherrschte,  so  war  Wellington  ein  Engländer  vom  Wirbel  bis  zur  Zehe,
im  Guten  wie  im  Bösen.

Die  kurzen  sechs  Tage  des  belgischen  Feldzugs  erwecken  nicht  nur  die
höchste  politische  und  menschliche  Theilnahme  durch  den  rastlosen,  mächtig
aufsteigenden  dramatischen  Gang  der  Ereignisse,  durch  die  Ueberfülle  grandioser
  Kämpfe,  Leidenschaften  und  Schicksalswechsel,  die  sich  in  wenigen
Stunden  zusammendrängte;  sie  gewähren  auch  einen  tiefen  Einblick  in  die
wunderbar  vielgestaltige  und  ungleichmäßige  Entwicklung  der  abendländischen
  Völker,  denn  drei  grundverschiedene  Epochen  der  europäischen  Kriegsgeschichte
  traten  in  den  Ebenen  von  Brabant  gleichzeitig  auf  den  Kampfplatz.
  Hier  das  achtzehnte  Jahrhundert,  das  Söldnerheer  Altenglands;
dort  das  Zeitalter  der  Revolution,  das  Berufssoldatenthum  der  demokratischen
  Tyrannis;  da  endlich  die  neueste  Zeit,  das  preußische  Volk  in
Wassen.  Jede  der  drei  Armcen  entfaltet  in  einem  ungeheuren  Ringen
ihre  eigenste  Kunst,  und  jede  wird  geführt  von  dem  Feldherrn,  der  ihrem
Charakter  entspricht.  Da  Blücher  und  Gneisenau,  die  Helden  des  stürmischen
  Völkerzornes;  dort  der  gekrönte  Plebejer;  hier  endlich  jener  Wellington,
  der  damals  von  Münster  und  den  Hochtorys  als  der  größte
Feldherr  des  Jahrhunderts  gefeiert  wurde,  uns  Nachlebenden  aber  als  der
letzte  großartige  Vertreter  einer  völlig  überwundenen  Kriegsweise  erscheint.

Wellington  zählt  zu  jenen  seltenen  Männern,  die  ohne  schöpferisches
  Genie,  fast  ohne  Geist,  allein  durch  die  Kraft  des  Charakters,
durch  die  Macht  des  Willens  und  der  Selbstbeherrschung  zu  den  Höhen
historischen  Ruhmes  emporstiegen.  Wer  hätte  diesem  langsam  fassenden
Knaben  einen  Weltruf  geweissagt,  ihm  der  nie  recht  jung  war  und  von
seinen  eigenen  Brüdern  Richard  und  Heinrich  an  Talent  weitaus  über-
        <pb n="740" />
        730  II.  2.  Belle  Alliance.

troffen  wurde?  Ein  Sohn  jener  hochkirchlichen  Toryfamilien,  die  sich
als  Eroberer  in  Irland  niedergelassen  hatten  und  inmitten  der  feindseligen
  Kelten  den  Rassen=  und  Standesstolz,  die  Art  und  Unart  des
englischen  Mutterlandes  nur  um  so  starrer  bewahrten,  hatte  er  nach  altenglischem
  Adelsbrauche  die  subalternen  Stellen  im  Heere  durch  Geld  und
Gunst  rasch  übersprungen,  schon  mit  fünfundzwanzig  Jahren  in  dem  Revolutionskriege
  ein  Regiment  befehligt.  Sodann  lernte  er  in  Ostindien  die
Kunst  des  Herrschens,  unter  den  Augen  seines  Bruders  Richard  Wellesley,
  des  genialen  Begründers  der  britischen  Großmachtstellung  im  Oriente.
Streng  gegen  sich  und  Andere,  unverbrüchlich  gehorsam  und  pflichtgetreu,
gerecht  und  ehrenhaft,  kalt,  sicher  und  verständig  in  Allem,  zeigte  er  sich
jeder  der  schwierigen  militärischen  und  politischen  Aufgaben,  welche  das  indische
  Leben  dem  Heerführer  stellt,  vollauf  gewachsen;  und  wie  verwegen
der  Bedachtsame,  der  alle  Möglichkeiten  peinlich  genau  vorher  erwog,  zur
rechten  Stunde  das  Glück  zu  packen  wußte,  das  lehrten  der  glänzende
Sieg  von  Assaye  über  die  sechsfache  Uebermacht  der  Hindus  und  der
kühne  Reiterzug  in  die  Berge  der  Mahratten.  Nach  Europa  zurückgekehrt
  nahm  er  Theil  an  der  berüchtigten  Raubfahrt  nach  Kopenhagen,
tapfer  und  tüchtig  wie  immer,  aber  auch  vollkommen  gleichgiltig  gegen
das  traurige  Schicksal  des  ruchlos  überfallenen  schwachen  Gegners;  denn
niemals  war  ein  Sohn  Britanniens  so  ganz  durchdrungen  von  der  altnationalen
  Ansicht:  right  or  wrong,  my  country!  Nachher  übernahm
er  den  Oberbefehl  in  Portugal,  von  Haus  aus  voll  ruhiger  Siegeszuversicht;
  trocken  erklärte  er:  „ich  werde  mich  behaupten.“  Der  theatralische
Prunk  der  neufranzösischen  Kriegsherrlichkeit  machte  auf  diesen  nüchternen
Kopf  gar  keinen  Eindruck;  an  dem  Sturze  Napoleon's  zweifelte  er  niemals.
  Während  der  sechs  Jahre  des  Halbinselkrieges  erzog  er  seine
Söldner  zu  Virtuosen  in  allen  Künsten  der  altüberlieferten  Kriegsweise.

Von  Neuerungen  und  durchgreifenden  Verbesserungen  hielt  er  nichts;
niemals  hat  er  irgend  ein  Verdienst  begünstigt,  niemals  eine  Beförderung
außer  der  Reihe  vorgeschlagen.  Selbständige,  denkende  Generale  waren  ihm
unbequem,  während  sein  weitherziger  Bruder  Richard  begabte  Untergebene
in  ungestörter  Freiheit  schalten  ließ;  er  brauchte  zuverlässige,  geschickte  Werkzeuge
  und  fand  sie  mit  sicherer  Menschenkenntniß  heraus.  Seine  Adjutanten
  waren  zumeist  junge  Lords,  die  auf  den  besten  Pferden  der  Welt
die  Befehle  des  Feldherrn  pünktlich  überbrachten  und  auf  jede  eigene
Meinung  gehorsam  verzichteten.  Er  kannte  seinen  Werth,  sagte  seinen
Freunden  im  Tory-Cabinet  gerade  heraus:  „Ihr  habt  Niemand  außer
mir,“  ließ  sich  mit  einer  außerordentlichen,  nie  mißbrauchten  Vollmacht
ausstatten,  so  daß  er  jeden  Offizier  ohne  Weiteres  suspendiren  und  in
die  Heimath  zurücksenden  konnte.  Seine  Generale  durften  während  der
Schlacht  in  der  angewiesenen  Position  Alles  thun,  was  sie  für  gut  hielten,
aber  das  nächste  Hinderniß  vor  ihrer  Front  war  ihre  unüberschreitbare
        <pb n="741" />
        Wellington.  731

Grenze,  bei  Strafe  des  Standrechts.  Die  Offiziere  liebten  den  Gestrengen
wenig,  der  nie  in  kameradschaftlicher  Herzlichkeit  aufthaute,  nie  einen  An—
flug  von  Wohlwollen  oder  Großmuth  verrieth,  auch  nicht  wenn  der  Dienst
dabei  keinen  Schaden  nehmen  konnte.  Der  durchbohrende  Blick  der  kalten
Augen,  die  stolzen  Züge  mit  der  Adlernase  und  dem  festgeschlossenen
unbeweglichen  Munde,  der  scharfe  befehlende  Klang  der  Stimme  verboten
jede  vertrauliche  Annäherung.  Aber  Alle  gehorchten,  Alle  fühlten  sich
stolz  dem  schwer  zu  Befriedigenden  genug  zu  thun;  ein  Tadel  oder  auch
nur  ein  Urtheil  über  die  Maßregeln  des  Feldherrn  wagte  sich  selbst  im  vertrauten
  Gespräche  der  Offiziere  nicht  heraus.  Sie  folgten  seinen  Befehlen
blindlings  wie  den  unerforschlichen  Rathschlüssen  des  Schicksals;  selten  einmal
würdigte  er  sie  einer  Ansprache  und  setzte  dann  in  langsamer  Rede  schwerfällig
  und  unschön,  aber  bestimmt  und  deutlich  seine  Absichten  auseinander.

Eine  so  unbedingte  Abhängigkeit  war  nur  möglich  in  den  kleinen
Armeen  der  alten  Zeit.  In  der  That  befand  sich  Wellington  dann  am
wohlsten,  wenn  er  selber,  wie  die  Landsknechtsführer  des  sechzehnten  Jahrhunderts,
  die  Frundsberg,  Emser  und  Leyva,  den  persönlichen  Mittelpunkt
  des  Heeres  bildete,  wenn  er  seine  Regimenter  in  dicht  gedrängter
Aufstellung  eng  um  sich  versammelt  hielt  und  sie  mit  seinem  Auge  nahezu
  übersah.  Tief  unter  den  hochadlichen  Offizieren,  die  ihre  Patente
durch  Kauf  erwarben,  von  ihnen  getrennt  durch  eine  unausfüllbare  Kluft
stand  die  rohe  Masse  der  Mannschaft,  der  Abschaum  des  englischen  Volks,
wie  Wellington  selber  sagte.  Reicher  Sold  und  gute  Kost  nebst  der  entsprechenden
  Prügeltracht  hielt  diese  Miethlinge  zusammen.  Wunderbares
vermochten  die  athletischen  Körper  mit  ihrem  altenglischen  Boxermuthe,
ihrer  Muskelkraft  und  Ausdauer  zu  leisten,  wenn  der  Drillsergeant  sie
einige  Jahre  lang  unter  seine  Fuchtel  genommen  hatte;  unwiderstehlich
wirkte  der  Bajonettangriff  der  Hünengestalten  der  Garde  oder  der  wuchtige
Anprall  der  schweren  Reiter  auf  ihren  großen  edlen  Rossen.  Aber  wehe
der  Stadt,  die  von  diesen  Truppen  mit  Sturm  genommen  ward  wie  das
unglückliche  Badajoz;  in  dem  Taumel  des  Sieges  verlor  die  neunschwänzige
Katze  ihre  Schrecken,  die  Bande  der  Mannszucht  zerrissen  und  entfesselt
rasten  die  Mordlust,  die  Raubgier,  alle  viehischen  Begierden  dahin.  So
glich  das  Heer  einem  großen,  mit  höchster  Sicherheit  arbeitenden  Uhrwerke
  und  war  doch  mehr  als  eine  Maschine;  denn  in  dem  Offizierscorps
lebten  der  ritterliche  Anstand  und  der  Nationalstolz  des  englischen  Adels,
auch  der  brutale  Soldat  war  nach  so  vielen  glänzenden  Erfolgen  dem
nie  besiegten  Feldherrn  ganz  und  gar  ergeben,  sah  mit  Selbstgefühl  auf
seine  ruhmreiche  Fahne.

Wellington  hatte  in  Spanien  sein  kleines  Heer  mit  bedachtsamer
Umsicht  geschont,  nur  von  Zeit  zu  Zeit,  wenn  alle  Anzeichen  den  Erfolg
verbürgten,  einen  kühnen  Angriff  gewagt,  ohne  je  das  Dasein  seiner
Armee  auf  das  Spiel  zu  setzen.  Dem  Imperator  selber  war  er  niemals
        <pb n="742" />
        732  II.  2.  Belle  Alliance.

auf  dem  Schlachtfelde  begegnet;  die  großartige,  durch  ungeheure  Massen—
schläge  den  Sieg  mit  einem  male  erzwingende  Kriegsweise  Napoleon's
blieb  ihm  unbekannt.  Ganz  unbefangen  hielt  er  jene  altväterisch  bedacht—
same  Kriegführung,  die  ihm  selber  in  den  ungewöhnlichen  Verhältnissen
des  spanischen  Kriegsschauplatzes  so  große  Erfolge  bereitet  hatte,  für  die
einzig  richtige.  Auf  die  Volksheere  sah  er  mit  der  ganzen  Verachtung
des  Berufssoldaten  herunter;  sie  waren  ihm  allesammt  um  nichts  besser
als  die  spanischen  Guerillas,  welche  sich  auf  dem  Schlachtfelde  so  oft  un—
brauchbar  erwiesen,  und  niemals  wollte  er  zugeben,  daß  der  Erfolg  des
Halbinselfeldzuges  doch  nicht  möglich  gewesen  wäre  ohne  den  Fanatismus
jener  zuchtlosen  Banden,  die  den  Feind  im  Rücken  durch  die  Schrecken
des  kleinen  Krieges  ermüdeten  und  schwächten.  „Der  Enthusiasmus",
schrieb  er  in  seiner  ungelenken.  Weise  an  Castlereagh,  „ist  in  der  That
keine  Hilfe  um  irgend  ein  Ding  zu  vollbringen  und  ist  nur  eine  Entschuldigung
  für  die  Unordnung,  womit  jedes  Ding  gethan  wird,  und  für
den  Mangel  an  Mannszucht  und  Gehorsam  in  den  Heeren.“  Aus  diesen
militärischen  Ansichten  sprach  zugleich  die  antirevolutionäre  Gesinnung  des
Hochtorys.  Wellington  hat  in  späteren  Jahren,  sobald  sein  sicherer  Soldatenblick
  die  unauhnaltsame  Nothwendigkeit  einer  Reform  erkannte,  mehrmals
  gewagt,  sich  vde  seinen  politischen  Freunden  zu  trennen  und,  unbekümmert
  um  den  Zorn  der  Partei,  selber  mit  starker  Hand  vollendet  was
er  bisher  als  gefährliche  Neuerung  bekämpft.  Im  Alter  stand  der  Ruhmgekrönte
  hoch  genug  um  allein  dem  Ganzen  zu  leben,  allein  der  Stimme
seines  lauteren  Patriotismus  zu  folgen:  „ich  gäbe,"  sagte  er  einst,  „willig
mein  Leben  dahin,  wenn  ich  meinem  Lande  damit  einen  Monat  bürgerlichen
  Krieges  ersparen  könnte.“  Im  Jahre  1815  war  er  durchaus  noch
ein  hochconservativer  Parteimann;  der  Weltkrieg  jener  Tage  erschien  ihm
einfach  als  ein  Kampf  der  legitimen  Obrigkeit  gegen  die  Revolution.
Die  nationalen  Leidenschaften,  die  in  den  Völkern  des  Festlandes
brandeten,  betrachtete  er  halb  mit  Argwohn  halb  mit  Verachtung.  Unter
Iren,  Hindus,  Spaniern  und  Portugiesen  hatte  er  den  größten  Theil
seines  Lebens  verbracht;  nach  solchen  Erfahrungen  stand  ihm  die  Meinung
  fest,  daß  keine  andere  Nation  sich  den  Briten  auch  nur  von  fern
vergleichen  dürfe.  Die  altenglische  Sünde  der  Geringschätzung  fremden
Volksthums  zeigte  sich  bei  diesem  trockenen  unliebenswürdigen  Helden  in
so  beleidigenden,  kalt  hochmüthigen  Formen,  daß  selbst  die  Spanier,  die
ihm  so  viel  verdankten,  ihn  aus  Herzensgrunde  haßten.  Ganz  wie  sein
Freund  Castlereagh  blieb  er  der  Ansicht,  daß  die  parlamentarische  Freiheit
ein  ausschließliches  Besitzthum  des  bevorzugten  englischen  Stammes  sei
und  für  die  Unreife  der  Continentalen  nicht  tauge.  Wie  er  schon  in
Indien  und  Spanien  die  staatsmännische  Thätigkeit  mit  der  militärischen
verbunden  hatte,  so  war  er  nach  dem  Frieden  in  Paris  und  Wien  als
Gesandter  wirksam  und  wurde  von  den  Ministern  so  tief  in's  Vertrauen
        <pb n="743" />
        Das  englisch-deutsche  Heer.  733

gezogen,  daß  man  ihn  geradezu  wie  ein  Mitglied  des  Cabinets  betrachtete.
Er  theilte  das  Mißtrauen  der  Torys  gegen  die  aufstrebenden  Mächte
Preußen  und  Rußland,  war  in  den  Geheimnissen  der  Cabinette  weit
gründlicher  bewandert  als  das  Blücher'sche  Hauptquartier  und  übernahm
sein  Commando  sogleich  mit  einem  festen,  klar  durchdachten  politischen
Plane  —  mit  der  Absicht  den  legitimen  König  wieder  in  das  Schloß
seiner  Väter  zurückzuführen.

Unter  den  94,000  Mann  seines  Heeres  waren  32,000,  etwa  ein
Drittel,  Engländer,  37,000  Deutsche,  25,000  Niederländer.  Von  den
Deutschen  waren  nur  die  ruhmreichen  Regimenter  der  Deutschen  Legion,
etwa  7000  Mann,  ebenso  kriegserfahren  wie  die  wohlgedrillten  englischen
Veteranen,  die  Mannschaft  weniger  roh,  die  Offiziere  nach  deutscher  Weise
höher  gebildet;  auch  die  schwarze  Schar  des  Herzogs  von  Braunschweig
bestand  größtentheils  aus  geschulten  Soldaten.  Dagegen  befand  sich  unter
den  Hannoveranern  und  Nassauern  viel  junge  Mannschaft,  desgleichen
unter  den  neugebildeten  niederländischen  Regimentern;  auf  die  französisch
gesinnten  Belgier  war  überdies  kein  Verlaß.  Wellington  betrachtete  diese
buntscheckige  Armee  mit  geringem  Zutrauen  und  suchte  ihr  mehr  sittlichen
Halt  zu  geben  indem  er  die  alten  Regimenter  mit  den  jungen  Truppen
durcheinander  mischte.  Auch  von  dem  kriegerischen  Werthe  des  preußischen
Heeres  dachte  er  nicht  hoch.  Wohl  kamen  Augenblicke,  da  Blücher's  mächtige
Persönlichkeit,  der  hohe  Schwung  der  Seele,  der  aus  den  Worten  und
Blicken  des  Alten  sprach,  selbst  diesen  Nüchternen  bezauberte;  was  für
ein  schöner  alter  Knabe  er  doch  ist,“  sagte  er  einmal  mit  ungewohnter
Wärme,  als  er  dem  Davonreitenden  nachblickte.  Aber  der  „republikanische
Geist“  dieses  Volksheeres  blieb  ihm  unheimlich.  War  doch  der  stürmische
nationale  Stolz  und  Thatendrang  der  preußischen  Armee  jetzt  schon  allen
Höfen  verdächtig  geworden;  selbst  der  Czar  meinte  um  jene  Zeit,  er
werde  wohl  noch  einst  seinen  preußischen  Freund  gegen  dessen  eigenes
Heer  beschützen  müssen.

Obwohl  Wellington,  wie  die  meisten  seiner  Landsleute,  im  Stillen
der  Meinung  war,  daß  der  Sturz  des  Weltreichs  eigentlich  durch  den
spanischen  Krieg  bewirkt  worden  sei,  so  sah  er  doch  nicht  ohne  Sorge  dem
Augenblicke  des  ersten  persönlichen  Zusammentreffens  mit  Napöleon  selber
entgegen.  Der  Gefahr  einer  Niederlage  wollte  und  durfte  er  sich  nicht
aussetzen;  denn  wie  sollte  England  die  von  den  anderen  Höfen  nicht  gewünschte
  Zurückführung  der  Bourbonen  erwirken,  wenn  sein  kleines
Heer  geschlagen  wurde?  Darum  ging  er  mit  höchster  Vorsicht  zu  Werke.
Sobald  der  Kriegsrath  in  Wien  die  Vertagung  des  Kampfes  beschlossen
hatte,  fügte  sich  der  englische  Feldherr  nach  seiner  Gewohnheit  unweigerlich
  dem  Befehle  und  richtete  sich  auf  eine  behutsame  Vertheidigung  tin.
Während  Blücher  durch  die  Schwierigkeiten  der  Verpflegung  genöthigt
ward,  sein  Heer  nördlich  der  Sambre  weit  auseinanderzulegen  —  doch
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        734  II.  2.  Belle  Alliance.

immerhin  noch  nahe  genug  um  die  Armee  bei  der  höchsten  Pünktlichkeit
allenfalls  in  starken  vierundzwanzig  Stunden  versammeln  zu  können  —
zerstreute  Wellington  seine  Truppen  ohne  Noth,  absichtlich  über  einen  noch
weit  größeren  Raum.  Denn  da  er  Napoleon's  Charakter  und  Kriegsweise
nicht  kannte,  so  nahm  er  an,  die  Franzosen  würden  in  mehreren  Colon—
nen,  an  verschiedenen  Stellen  zugleich  in  Belgien  einbrechen,  und  ver—
theilte  seine  Armee,  statt  sie  nahe  an  die  Preußen  heranzuschieben,  auf
der  weiten  Linie  von  Quatrebras  bis  westlich  in  die  Gegend  von  Gent,
während  er  nach  seiner  streng  methodischen  Art  seine  Reserve  bei  Brüssel
zurückbehielt  um  nach  Umständen  die  bedrohten  Punkte  unterstützen  zu
können.  So  dachte  er  gegen  jeden  möglichen  Angriff  gerüstet  zu  sein,  die
Verbindung  mit  England  über  Antwerpen  und  Ostende  sicherzustellen  und
zugleich  seine  Schützlinge,  den  Hof  des  flüchtigen  Königs  in  Gent  und
das  Häuflein  der  bourbonischen  Haustruppen  bei  Alost  vor  einer  Ueber—
rumpelung  zu  bewahren.  Aber  durch  diese  weitgedehnte  Aufstellung  ward
ein  rasches  Zusammenwirken  mit  Blücher  verhindert;  es  blieb  möglich,
daß  Napoleon,  der  jedem  einzelnen  der  beiden  verbündeten  Heere  überlegen
  war,  sich  plötzlich  zwischen  die  beiden  Armeen  eindrängte  und  die
Preußen,  die  ihm  am  nächsten  standen,  schlug  ehe  Wellington  zur  Unterstützung
  herbeieilen  konnte.  —

Kurz  bevor  die  Schwerter  aus  der  Scheide  fuhren  erlebte  die  deutsche
Armee  noch  eine  unheimliche  Katastrophe.  Selbst  dieser  erste  Krieg,  den  die
Deutschen  in  vollem  Einmuth  führten,  sollte  nicht  beginnen,  ohne  daß  die
Flammen  des  alten  grimmigen  Bruderzwistes  noch  einmal  aus  dem  Boden
  emporschlugen.  Den  unglücklichen  sächsischen  Händeln  folgte  in  Belgien
  noch  ein  tragisches  Nachspiel.  Sobald  die  großen  Mächte  über
Sachsens  Schicksal  einig  geworden,  hatten  sie  beschlossen  den  gefangenen
König  in  die  Nähe  von  Wien  kommen  zu  lassen,  damit  er  der  geschlossenen
  Uebereinkunft  beiträte.  Die  preußische  Regierung  wußte  aus  Dresden,
daß  der  sächsische  Hofadel  die  Durchreise  seines  angestammten  Fürsten  zu
lärmenden  Kundgebungen  benutzen  wollte;  sie  wußte  desgleichen  durch  die
Minister  in  Berlin,  daß  Friedrich  August  entschlossen  war,  alles  in  Wien
Beschlossene  rundweg  abzulehnen  und  die  Verhandlungen  von  vorn  zu
beginnen.)  Sofort  traf  Hardenberg  seine  Maßregeln.  Der  Gefangene
mußte,  als  er  am  22.  Februar  die  Reise  nach  Preßburg  antrat,  seinen
Weg  durch  Schlesien  nehmen.  An  der  österreichischen  Grenze  begrüßte
ihn  alsbald  das  Geläute  der  Glocken  und  aller  Pomp  eines  fürstlichen
Empfanges.  Doch  mehr  als  solche  Ehren  konnte  Kaiser  Franz  seinem
Schützlinge  nicht  bieten;  denn  neben  der  Abwehr  des  neuen  Angriffs  der
Franzosen  erschien  jetzt  der  Streit  um  Sachsen  in  seiner  ganzen  klein- 



*)  Berichte  des  sächsischen  Generalgouvernements  und  des  Ministers  v.  d.  Goltz
an  den  Staatskanzler  vom  2.  Januar  und  19.  Februar  1815.
        <pb n="745" />
        Nachspiele  der  sächsischen  Händel.  735

lichen  Erbärmlichkeit,  als  eine  lästige  Störung,  die  man  um  jeden  Preis
aus  der  Welt  schaffen  mußte.  Preußen  erlebte  die  Genugthuung,  daß  alle
die  völkerrechtlichen  Grundsätze,  welche  Hardenberg  bisher  unter  dem  Zeter—
geschrei  des  entrüsteten  „Europas“  vertheidigt  hatte,  nunmehr  von  Oester—
reich,  England  und  Frankreich  förmlich  anerkannt  wurden.  Einstimmig
erklärten  die  Mächte:  da  eine  Eroberung  des  ganzen  Landes,  eine  debellatio
  vorliegt,  so  ist  ein  Friedensschluß  mit  dem  entthronten  Fürsten
rechtlich  nicht  geboten;  nur  aus  freiem  Willen  sind  die  Eroberer  bereit
die  eine  Hälfte  des  Landes  an  Friedrich  August  zurückzugeben,  wenn  er
zuvor  die  Bewohner  der  anderen  Hälfte  ihres  Eides  entbunden  und  sich
den  Wiener  Beschlüssen  unterworfen  hat;  bis  dahin  verbleibt  die  Verwaltung
  des  ganzen  Landes  in  Preußens  Händen.  Mit  solchen  Aufträgen
traten  am  12.  März  Metternich,  Wellington  und  Talleyrand  vor  den
Wettiner.

Als  er  trotzig  die  Wiederaufnahme  der  Verhandlungen  verlangte,  erwiderten
  sie  in  einer  scharfen  Note,  „er  verkenne  gänzlich  seine  Lage.“
Talleyrand  aber  versicherte  erhaben:  Friedrich  August  habe  „dem  grausamsten
  Feinde  Deutschlands“  gedient  und  verdiene  darum  keine  Schonung!
  Das  Hin=  und  Herzerren,  das  nun  begann  (von  Unterhandlungen
  kann  man  kaum  reden),  erregt  höchstens  ein  pathologisches  Interesse.
Zwei  Monate  lang  hielt  der  verblendete  alte  Mann  die  Mächte  hin  mit
Entschädigungsforderungen  für  Warschau  oder  die  Lausitz,  mit  Rechtsverwahrungen,
  Formbedenken  und  tausend  armseligen  Quälereien.  Erst
am  18.  Mai  kam  der  Friede  zwischen  Preußen  und  Sachsen  zu  Stande,
genau  nach  den  Beschlüssen  des  Comités  der  Fünf.  An  den  Hüöfen  regte
sich  der  Verdacht,  Friedrich  August  suche  absichtlich  die  Verhandlungen  hinzuziehen,
  bis  ein  neuer  Sieg  Napoleon's  den  Albertinern  ihre  alte  Macht
zurückgäbe.  Die  Vermuthung  lag  sehr  nahe.  Der  Dresdner  Pöbel,  der
mit  blauem  wie  der  mit  rothem  Blute,  jubelte  dem  rückkehrenden  Großen
Alliirten  entgegen;  damals  wie  im  Jahre  1866  fand  das  Ehrgefühl  dieser
Kreise  seinen  getreuen  Ausdruck  in  dem  Verslein:  „Preußischer  Kuckuck,
warte!  Uns  hilft  Bonaparte!“  Der  Hof  in  Preßburg  dachte  doch  anders;
die  Rückkehr  der  napoleonischen  Herrschaft  war  dem  alten  Könige  in  jenem
Augenblicke  unwillkommen,  weil  sie  ihn  des  Beistandes  seiner  mächtigen
Beschützer  beraubte.  Der  mühselige  Gang  der  letzten  Verhandlungen
erklärt  sich  genugsam  aus  der  legitimistischen  Starrheit  und  der  pedantischen
  Formenseligkeit  des  Albertiners.  Was  verschlug  es  dem  kleinköniglichen
  Stolze,  wenn  die  unleidlichen  provisorischen  Zustände  in  dem
armen  Lande,  das  seit  anderthalb  Jahren  nicht  mehr  zur  Ruhe  gekommen,
noch  um  einige  Monate  verlängert  wurden?

Derselben  Gesinnung  begegnete  das  preußische  General-Gouvernement
bei  den  sächsischen  Beamten.  Die  obersten  Behörden  widersetzten  sich  hartnäckig,
  als  die  in  Folge  der  Theilung  unvermeidliche  Absonderung  der
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        736  II.  2.  Belle  Alliance.

Archive  und  Registraturen  anbefohlen  wurde;  man  ging  so  weit,  sogar
Rechnungs-Ablegung  von  dem  General-Gouvernement  zu  verlangen.  Das
Dresdner  Geheime  Consilium  behauptete  in  einem  höchst  possirlichen  band—
wurmartigen  Schriftstücke')  „die  Ohnmöglichkeit,  ohne  allseitiges  Einverständniß“
  die  Theilung  durchzuführen,  und  berief  sich  auf  die  Parlamentsreden
  „des  bei  der  Abfassung  der  Wiener  Protocolle  selbst  mitgewirkten  Lord
Castlereagh“.  Alles  vergeblich;  sogar  der  Name  des  selbst  mitgewirkten
Lords  machte  auf  den  Staatskanzler  keinen  Eindruck.  Hardenberg  befahl,
mit  Strenge  vorzugehen;  die  Theilung  sei  durch  die  Mächte  unwiderruflich
beschlossen,  von  einer  Rechenschaft  über  die  Verwaltung  eines  eroberten
Landes  „könne  gar  nicht  die  Rede  sein“.“*)  Das  Land  blieb  also  vorläufig
  in  Preußens  Besitz,  alle  für  die  definitive  Theilung  erforderlichen
Vorbereitungen  wurden  vollzogen;  das  Zaudern  des  alten  Königs  bewirkte
nur  einige  unfruchtbare  Zänkereien.  Den  sächsischen  Legitimisten  aber  ist
niemals  ein  Schimmer  der  Selbsterkenntniß  aufgegangen,  auch  als  sie
endlich  die  Früchte  ihres  Thuns  vor  Augen  sahen;  sie  haben  nie  begriffen,
daß  sie  selber  durch  ihre  Gehässigkeit  gegen  Preußen  redlich  mitgeholfen
hatten  zu  der  vielbeweinten  Theilung  des  Landes.

Für  die  kleine  sächsische  Armee  sollte  der  Starrsinn  Friedrich  August's
verhängnißvoll  werden.  Der  Kriegsherr  als  Gefangener  in  Preußens
Händen,  und  seine  Soldaten  als  Bundesgenossen  im  Lager  der  Alliirten,
in  diesem  schiefen  und  unwahren  Verhältniß  waren  die  bedauernswerthen
Regimenter  durch  anderthalb  Jahre  verblieben.  Ihr  Unstern  wollte,  daß
sie  an  dem  Kriegsruhm  der  Verbündeten  fast  keinen  Antheil  gewannen;
die  Anschauungen  des  preußischen  Heeres  blieben  diesen  altgedienten  Berufssoldaten
  ganz  fremd,  der  Name  Landwehr  galt  hier  als  Schimpfwort.
Nach  dem  Frieden  standen  sie  lange  in  Westdeutschland,  der  Heimath
fern,  doch  von  Dresden  aus  beständig  durch  Briefe  und  Sendboten  bearbeitet.
  Die  anhaltende  Ungewißheit  über  die  Zukunft  des  Landes  rief
Parteiungen  im  Offizierscorps  hervor.  Eine  Adresse  zu  Gunsten  des  gefangenen
  Königs  wurde  eingereicht,  unter  lebhaftem  Widerstreben  der
preußischen  Vorgesetzten.  Die  Legitimisten  wollten  das  grüne  Kreuz,  eine
von  dem  russischen  Gouvernement  gestiftete  Auszeichnung,  nicht  mehr  auf
der  Brust  ihrer  Kameraden  dulden;  in  Coblenz  kam  es  zu  gewaltsamen
Auftritten  zwischen  Görres  und  sächsischen  Offizieren.  Die  Mannschaft
begann  irr  zu  werden  an  ihren  Führern;  sie  fühlte  sich  wie  verrathen
und  verkauft,  da  selbst  der  gemeine  Soldat  merkte,  daß  die  plötzliche  Verlegung
  des  Armeecorps  in  die  Nähe  preußischer  Garnisonen  politische
Gründe  hatte.  Aller  Unsegen  des  Parteikampfes  brach  über  die  Truppen
herein.  Wer  billig  urtheilt,  wird  sich  nur  darüber  verwundern,  daß  in

 

*)  v.  31.  März,  eingetragen  als  „Nr.  6  der  ausländischen  Registrande“.
*“)  Weisungen  an  das  General-Gouvernement  v.  24.  u.  27.  März  1815.
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        Die  sächsische  Armee.  737

so  ungesunden  Zuständen  die  Bande  der  ehrenhaften  deutschen  Mannszucht
  nicht  schon  früher  zerrissen.

Die  dienstliche  Haltung  der  Regimenter  blieb  untadelhaft  den  Winter
über,  obgleich  die  alten  rheinbündischen  Erinnerungen  natürlich  wieder  lebendig
  wurden,  da  und  dort  in  den  Ouartieren  der  sächsischen  Soldaten
auch  ein  vive  l’empereur  erklang.  Die  beiden  Generale,  welche  in  der
Armee  mit  Recht  des  höchsten  Ansehens  genossen,  Zeschau  und  Le  Cogq,
waren  strenge  Legitimisten  und  durften  deshalb  nicht  bei  den  Truppen
bleiben.  Das  Commando  des  Corps  wurde  durch  einen  argen  Mißgriff
dem  General  Thielmann  anvertraut,  der  seinen  alten  Kameraden  als  ein
Deserteur  verdächtig  war;  und  er  verstärkte  diese  Mißgunst,  indem  er
nach  seiner  schauspielerischen  Weise  mit  unmilitärischer  Redseligkeit  durch
Trinksprüche  und  Anreden  die  Offiziere  für  Preußen  zu  gewinnen  suchte.
Da  aus  Wien  die  Nachricht  von  der  Theilung  des  Landes  kam,  forderte
er  sofort  eigenmächtig  seine  Kameraden  auf,  zwischen  dem  preußischen  und
dem  sächsischen  Dienste  zu  wählen;  darauf  neuer  Zwist  unter  den  Offizieren,
  steigendes  Mißtrauen  unter  der  Mannschaft.  So  hat  der  General
durch  sein  taktlos  zudringliches  Benehmen  die  Lockerung  der  Mannszucht
in  der  kleinen  Armee  mitverschuldet.

Diese  heillosen  Wirren  zu  beendigen  war  für  den  König  von  Preußen
unerläßliche  Pflicht.  Boyen  sah  schon  im  März  unruhige  Auftritte  unter
den  sächsischen  Truppen  voraus.  Durfte  man  sie  in  ihrem  unfertigen
Zustande  belassen  bis  zu  dem  ganz  unabsehbaren  Zeitpunkte,  da  es  dem
Albertiner  gefallen  würde  seinen  thörichten  Widerstand  aufzugeben?  Der
König  befahl  daher  am  14.  März  dem  General  Gneisenau  ungesäumt
aus  den  dem  preußischen  Antheile  angehörigen  Mannschaften  neue  Regimenter
  zu  bilden:  „ich  werde  mich  freuen,  von  jetzt  an  nie  einen  Unterschied
  zwischen  meinen  älteren  Regimentern  und  ihnen  zu  machen.““)
Den  Offizieren  blieb  die  Wahl  des  Dienstes  freigestellt.  Die  Gewissenhaftigkeit
  des  Königs  ließ  sich  nicht  ein  auf  die  peinliche  Frage,  ob  der
alte  Fahneneid  der  Sachsen  nicht  durch  ihren  Uebertritt  zu  den  Verbündeten
  aufgehoben  sei.  Er  befahl  einfach  eine  neue  Formation  der  sächsischen
  Regimenter,  wozu  er  unzweifelhaft  befugt  war,  und  wollte  die  Vereidigung
  der  an  Preußen  kommenden  Truppentheile  so  lange  vertagen,
bis  Friedrich  August  sie  des  alten  Eides  entbunden  hätte.  Am  1.  April
schärfte  Hardenberg  dem  General  Gneisenau  den  königlichen  Befehl  nochmals
  ein,  da  nach  dem  Gange  der  Verhandlungen  an  der  schließlichen  Zustimmung
  des  Wettiners  nicht  zu  zweifeln  sei.  Die  Mächte  in  Wien  waren
mit  dem  Verfahren  des  Staatskanzlers  einverstanden;  sie  beschlossen  die  bei
der  Krone  Sachsen  verbleibenden  Regimenter  der  Armee  Wellington's  zuzutheilen.
  Die  preußischen  Generale  schoben  dann  die  Ausführung  schonend

 

*)  Cabinetsordre  an  Gneisenau  14.  März  1815.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  47
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        738  II.  2.  Belle  Alliance.

noch  um  einige  Wochen  hinaus.  Um  den  Sachsen  sein  Vertrauen  zu
zeigen  nahm  Blücher  in  Lüttich  mitten  unter  ihnen  sein  Hauptquartier.
Aber  seine  herzliche  Ansprache  fand  taube  Ohren;  der  Groll  der  Truppen
stieg  von  Tag  zu  Tag,  die  ganz  bonapartistisch  gesinnten  Quartierwirthe
des  Lütticher  Landes  regten  die  Verblendeten  noch  mehr  auf.

Als  endlich  auf  einen  neuen  königlichen  Befehl  am  2.  Mai  die  Theilung
der  Armee  angeordnet  wurde,  da  brach  die  so  lange  von  Dresden  her  ge—
schürte  und  unzweifelhaft  auch  durch  einzelne  gewissenlose  Offiziere  genährte
Erbitterung  der  Mannschaft  furchtbar  aus.  Trunkene  Soldatenhaufen
stürmten  unter  dem  Rufe  „wir  lassen  uns  nicht  theilen“  das  Haus  des
Feldherrn.  Der  alte  Held  mußte  fliehen  vor  seinen  eigenen  Soldaten;  nur
durch  die  Tapferkeit  seiner  sächsischen  Wachen  entging  er  dem  Tode.  Auf  die
Willenskraft  und  das  sittliche  Ansehen  der  Offiziere  kommt  bei  solchen  Aus—
brüchen  der  Roheit  Alles  an.  Die  sächsische  Wache  vor  Blücher's  Thor  that
ehrenvoll  ihre  Soldatenpflicht;  die  Reiterei  und  die  Artillerie  hielten  sich
dem  wüsten  Treiben  ganz  fern.  Auch  unter  dem  Fußvolk  blieb  die  Mann—
schaft  überall  da  ruhig,  wo  die  Führer  sie  zu  beherrschen  verstanden;  selbst
solche  Offiziere,  die  sich  bereits  für  den  preußischen  Dienst  gemeldet  hatten,
behaupteten  ihr  Ansehen,  wenn  sie  nur  tüchtig  waren.  Jenes  Bataillon
dagegen,  das  schon  zur  Zeit  der  Dennewitzer  Schlacht,  früher  als  die
anderen  Sachsen,  zu  den  Preußen  übergegangen  war,  zeichnete  sich  in
Lüttich  durch  seine  Zuchtlosigkeit  traurig  aus.)

Nachsicht  gegen  diese  fast  im  Angesichte  des  Feindes  begangene  Meuterei
wäre  schimpfliche  Schwäche  gewesen.  Das  Kriegsrecht  nahm  seinen  Gang,
die  Rädelsführer  wurden  erschossen,  die  Fahne  der  sächsischen  Garde  vor
der  Front  verbrannt.  General  Borstell,  der  sich  aus  Mitleid  mit  den
Unglücklichen  geweigert  hatte,  die  Verbrennung  der  Fahne  vorzunehmen,
büßte  seinen  Ungehorsam  auf  der  Festung;  an  seiner  Stelle  übernahm
General  Pirch  den  Befehl  über  das  zweite  Armeecorps.  Dann  mußte
das  sächsische  Corps  den  Rückmarsch  in  die  Heimath  antreten,  da  die
preußischen  Soldaten,  wüthend  über  die  dem  Marschall  Vorwärts  angethane
  Schmach,  mit  den  Sachsen  nicht  zusammen  fechten  wollten,  und
Wellington  sich  weigerte  die  meuterische  Truppe  in  sein  Heer  aufzunehmen.
Schuldige  und  Unschuldige  gingen  des  Schlachtenruhms  von  Ligny  und
Belle  Alliance  verlustig.  Auf  dem  Rückmarsch  erfuhren  die  Sachsen  vielleicht
  das  Entsetzlichste,  was  jemals  deutsche  Krieger  ertragen  haben.
Ueberall  am  Rhein  und  in  Westphalen  grimmiger  Haß  und  Abscheu  gegen
die  Meuterer;  in  Aachen  besetzten  bewaffnete  Bürger  argwöhnisch  die  Wachen
und  Thore,  als  die  sächsischen  Regimenter  vorbeikamen.  Ueberall  jubelte
das  Volk  über  den  neuen  strahlenden  Sieg  Blücher's  und  Gneisenauf's.  Die

*)  Ich  benutze  hier  u.  A.  die  Aufzeichnungen  meines  Vaters,  der  als  blutjunger
Offizier  bei  einem  sächsischen  Regimente  in  der  Nähe  von  Lüttich  stand  und  seine  Leute
im  Zaume  zu  halten  wußte.
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        Meuterei  in  Lüttich.  739

preußischen  Freiwilligen,  welche  dem  siegreichen  Heere  nachzogen,  konnten
ihre  Verachtung  gegen  die  „sächsischen  Hunde“  nicht  bemeistern;  nach  wie—
derholten  blutigen  Raufhändeln  mußte  man  mehrmals  die  Landstraße  ver—
meiden  um  schmählichen  Begegnungen  auszuweichen.  Und  dazu  der  gerade
für  die  ehrenhaften  Offiziere  empörende  Gedanke,  daß  sie  an  dem  Kampfe
von  Belle  Alliance  hätten  theilnehmen  können  und  dort  unzweifelhaft  ihre
Pflicht  gethan  haben  würden!  Natürlich  schob  man  alle  Schuld  auf  die
preußischen  Generale,  die  doch  nur  den  Befehl  ihres  Königs  ausgeführt
und  den  Sachsen  durchaus  keinen  neuen  Eid  zugemuthet  hatten.  Während
ganz  Deutschland  sich  das  Herz  erhob  an  dem  neuen  Ruhme  der  preußischen
  Waffen,  herrschte  in  Sachsen  tiefe  Trauer;  man  sang  das  Lied  des
sächsischen  Tambours:  „O  Vaterland,  daß  du  zerrissen  bist!  Wie  sollt'
ich  noch  leben  zu  dieser  Frist?“  Die  kleine  Armee  hat  nach  der  endlich
vollzogenen  Theilung  noch  Jahrzehnte  lang  unter  den  Folgen  jenes  bösen
Tages  gelitten;  sie  blieb  mit  Offizieren  überfüllt,  das  Avancement  stockte
gänzlich.  Die  napoleonischen  Veteranen,  die  alten  Herren  mit  dem  blau—
gelben  und  dem  rothen  Bande,  gaben  den  Ton  an;  aus  diesen  Kreisen
ist  dann  der  Todhaß  gegen  Preußen  wie  ein  heiliges  Vermächtniß  auf  die
jüngere  Generation  übergegangen.

Der  greise  Feldmarschall  aber  fühlte  sich  unglücklich  bis  zur  Verzweiflung.
  Seit  fünfundfünfzig  Jahren  trug  er  den  Degen  und  hatte  niemals
anderes  Blut  vergossen  als  das  Blut  der  Feinde.  Und  nun  diese  Schmachl
Nun  mußte  er,  der  Vater  seiner  Soldaten,  Hinrichtungen  vornehmen  in
der  eigenen  Armec  und  nachher  noch  sein  ganzes  Ansehen  einsetzen  um  die
Menterer  vor  dem  Ingrimm  der  Preußen  zu  beschützen.  Der  gewaltige
Mann  war  wie  vom  Fieber  geschüttelt  und  horchte  in  furchtbarer  Aufregung
  auf  das  Knattern  des  Gewehrfeuers,  als  draußen  der  Spruch  des
Kriegsgerichts  vollstreckt  ward.  An  den  König  von  Sachsen  aber  schrieb
er  mit  seinem  mächtigen  Freimuth,  in  einer  Sprache  wie  sie  nie  ein
Feldherr  gegen  ein  gekröntes  Haupt  gewagt  hat:  „Ew.  K.  Majestät  haben
durch  Ihre  früher  ergriffenen  Maßregeln  Ihre  Unterthanen,  einen  geachteten
  deutschen  Völkerstamm,  in  das  tiefste  Unglück  gestürzt.  Durch
Ihre  späteren  Maßregeln  kann  es  dahin  kommen,  daß  er  allgemein  mit
Schande  bedeckt  wird.  Das  vergossene  Blut  wird  dereinst  vor  Gottes
Gericht  über  den  kommen,  der  es  verschuldet  hat,  und  vor  dem  Allwissenden
  wird  Befehle  geben  und  Befehle  dulden,  als  ein=  und  dasselbe  geachtet
werden  müssen.  Ew.  K.  Mgjestät  wissen,  daß  ein  Greis  von  73  Jahren
keine  anderen  irdischen  Absichten  mehr  haben  kann  als  daß  die  Stimme
der  Wahrheit  gehört  werde  und  das  Rechte  geschehe.  So  haben  Ew.  K.
Majestät  dieses  Schreiben  aufzunehmen!““)  Blücher  mochte  in  seinem  Zorne
ein  Wort  zu  viel  sagen;  es  ließ  sich  nicht  erweisen,  daß  die  Meuterei  plan- 



*)  Blücher  an  König  Friedrich  August,  6.  Mai  1815.  S.  Beilage  II.  Bd.  II,  S.  634.
47
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        740  II.  2.  Belle  Alliance.

mäßig  vorbereitet  worden  wäre.  Doch  im  Wesentlichen  traf  der  Alte  das
Rechte:  ohne  das  verblendete  Zaudern  Friedrich  August's,  ohne  die  schänd—
liche  Aufwiegelung,  die  von  seinen  Helfershelfern  seit  Monaten  betrieben
wurde,  wäre  das  Blut  der  sächsischen  Soldaten  bei  Lüttich  nicht  geflossen.  —

In  der  zweiten  Woche  des  Juni  führte  Napoleon  seine  Feldarmee,
den  Marsch  geschickt  verdeckend,  gegen  die  belgische  Grenze  um  bei  Charleroi
die  Sambre  zu  überschreiten.  Von  dort  geht  eine  Straße  nordwärts  über
Quatrebras  nach  Brüssel,  eine  zweite  ostwärts  in  einem  großen  Bogen
über  Sombreffe  nach  Namur.  Der  Imperator  wußte  über  die  Aufstellung
  der  Verbündeten  ungefähr,  daß  Wellington's  Heer  in  der  Gegend
von  Brüssel,  das  preußische  bei  Namur  stand.  Das  Dreieck  zwischen
Charleroi,  Quatrebras  und  Sombreffe  bildete  also  den  natürlichen  Platz
für  die  Vereinigung  der  verbündeten  Armeen;  gelang  diese  Vereinigung
rechtzeitig,  so  war  den  210,000  Mann  der  beiden  Feldherren  der  Sieg
über  die  128,000  Franzosen  von  vornherein  gesichert.  Daher  beschloß  Napoleon
  hier  zwischen  die  beiden  Heere  einzubrechen  um  sie  dann  getrennt  zu
schlagen.  Obwohl  er  sich  durch  die  Gährung  in  Frankreich,  durch  die  fast
hoffnungslose  Schwierigkeit  seiner  militärischen  Lage  lebhaft  beunruhigt
fühlte  und  während  dieses  Feldzuges  nach  seinem  eigenen  Geständniß  die
gewohnte  kalte  Sicherheit  nicht  immer  bewahrte,  so  war  ihm  doch  die  alte
hochmüthige  Geringschätzung  des  Gegners  geblieben.  Er  hoffte,  sein  plötzliches
  Erscheinen  werde  genügen  um  Blücher  gegen  Osten  abzudrängen,
Wellington  zum  Rückzug  nordwärts  zu  bewegen,  so  daß  der  Zwischenraum
zwischen  Beiden  sich  erweiterte.  Daß  die  Preußen  sogleich,  dicht  an  der
Grenze,  eine  Schlacht  annehmen  würden,  erwartete  er  nicht.  Aber  dies  Unerwartete
  geschah.  Sobald  Gneisenau  das  Anrücken  des  Feindes  gegen
Charleroi  erfuhr,  befahl  er  sofort,  in  der  Nacht  vom  14.  auf  den  15.  Juni,
die  Concentration  des  gesammten  Heeres  bei  Sombreffe,  die  am  16.  vollendet
  sein  sollte.  Am  15.  bei  Morgengrauen  begann  der  Anmarsch  der
Franzosen.  Ihr  rechter  Flügel  wendete  sich  gegen  das  Armeecorps  Zietem's,
das  unter  blutigen  Gefechten  auf  der  Straße  nach  Sombreffe  zurückging.

Schon  bei  diesen  ersten  Kämpfen  zeigte  sich  die  furchtbare  Erbitterung
der  beiden  Nationen.  Wie  oft  hatten  im  vorigen  Jahre  die  aus  den
deutschen  Festungen  heimkehrenden  napoleonischen  Veteranen  in  blinder
Wuth  Raufhändel  begonnen,  wenn  sie  unterwegs  preußischen  Regimentern
begegneten;  jetzt  galt  es  Rache  zu  nehmen  an  diesen  preußischen  Hunden,  die
ihrerseits  den  Haß  nicht  minder  herzhaft  erwiderten.  Gleichzeitig  ging  Napoleon's
  linker  Flügel  nordwärts  auf  der  Straße  nach  Quatrebras  vor  und
gelangte,  da  die  Spitzen  der  englischen  Armee  um  eine  bedeutende  Strecke
weiter  zurückstanden  als  die  Preußen,  mit  leichter  Mühe  bis  nach  Frasnes.
Die  Stellung  des  preußischen  Heeres  bei  Sombreffe  wurde  dadurch  in
der  rechten  Flanke  bedroht.  Zudem  ward  auch  schon  zweifelhaft,  ob  Bülow's
Corps  am  nächsten  Tage  rechtzeitig  bei  der  Armee  eintreffen  würde.  Um
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        Napoleon's  Anmarsch.  741

die  Empfindlichkeit  des  älteren  Generals  zu  schonen  hatte  Gneisenau  dem
Marschbefehle  an  Bülow  eine  so  höfliche  Fassung  gegeben,  daß  er  fast
wie  ein  unmaßgeblicher  Vorschlag  klang.  Bülow,  immer  geneigt  zu  eigen—
mächtigem  Handeln  und  noch  ohne  Kenntniß  von  dem  wirklichen  Ausbruch
der  Feindseligkeiten,  blieb  unbesorgt  in  Lüttich  und  verschob  die  anbefohlene
Vereinigung  seines  Corps  bei  Hannut  auf  den  16.  Juni.  Ein  zweiter
dringenderer  Befehl  zum  Anmarsch  traf  ihn  daher  in  Hannut  nicht  an.
Das  vierte  Corps  verlor  in  einem  Zeitpunkte,  da  jede  Minute  kostbar
war,  einen  vollen  Tag  und  konnte  am  16.  nicht  mehr  bei  der  Armee
eintreffen.  Die  Lage  der  drei  preußischen  Corps,  die  sich  in  der  Gegend
von  Sombreffe  zusammenzogen,  gestaltete  sich  also  sehr  ernsthaft,  und  obwohl
  das  Blücher'sche  Hauptquartier  ungestüm  nach  einer  raschen  Entscheidung
  verlangte,  so  wurde  doch  am  Morgen  des  16.  ernstlich  die  Frage
erwogen,  ob  man  nicht  besser  thue  die  Armee  weiter  nördlich,  näher  an
das  rechts  rückwärts  stehende  englische  Heer  heranzuführen;  dort  konnte
die  Vereinigung  der  Verbündeten  sich  ungestört  vollziehen.

Während  Gneisenau  die  Absicht  Napoleon's  sogleich  durchschaute,  blieb
Wellington  bei  seiner  vorgefaßten  Meinung,  daß  der  Anmarsch  der  Feinde
in  mehreren  Colonnen  erfolgen  werde,  und  befürchtete  einen  Angriff  auf
seiner  rechten  Flanke,  auf  der  Straße  von  Mons  her.  Die  erste  Nachricht
  von  den  Gefechten  bei  Charleroi  ließ  er  unbeachtet,  da  er  dort  nur
einen  Theil  der  Armee  Napoleon's  vermuthete;  und  auch  als  er  endlich
am  Abend  des  15.  von  Brüssel  aus,  einen  ganzen  Tag  später  als  Blücher,
die  Concentration  seiner  Armee  anordnete,  befahl  er  nicht  einfach  den
Linksabmarsch  des  gesammten  Heeres  nach  dem  wichtigen  Knotenpunkte
OQuatrebras,  wo  die  Straßen  von  Charleroi  und  Namur  nach  Brüssel
zusammentrafen  und  eine  Vereinigung  mit  den  Preußen  möglich  war,
sondern  gab  seinen  Corps  die  Richtung  auf  die  fünf  Meilen  lange  Linie
von  Enghien  im  Westen  über  Nivelles  nach  Genappe  im  Osten,  so  daß
die  englische  Armee  nur  mit  ihrer  äußersten  Linken  die  Straße  nach  Charleroi
  berührte.  Die  völlig  grundlose  Sorge  vor  einer  Umgehung  im  Westen
bestimmte  alle  Anordnungen  des  englischen  Feldherrn;  seine  Reserven,  die
nach  Genappe,  auf  die  Straße  von  Charleroi  marschiren  sollten,  ließ  er
am  16.  fünf  Stunden  lang  bei  Waterloo  rasten,  weil  er  im  Zweifel  war,
ob  er  sie  nicht  noch  weiter  im  Westen  verwenden  sollte.  Zum  Glück  besetzte
  Prinz  Bernhard  von  Weimar  mit  seiner  nassauischen  Brigade  am
Abend  des  15.  eigenmächtig  den  Kreuzweg  von  Quatrebras;  aber  selbst  dieser
schwache  vorgeschobene  Posten  des  linken  Flügels  der  Engländer  stand  noch
eine  starke  Meile  rechts  rückwärts  hinter  der  preußischen  Aufstellung  und
vermochte  eine  Umgehung  der  rechten  Flanke  Blücher's  schwerlich  zu  verhindern.

Noch  verderblicher  wurde,  daß  der  Herzog  sich  selber  und  den  preußhischen
  Feldherrn  gründlich  täuschte  über  die  Stellung,  welche  sein  Heer
am  16.  einnehmen  konnte.  Am  15.  um  Mitternacht  ließ  er  an  Blücher
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        742  II.  2.  Belle  Alliance.

schreiben,  nächsten  Tags  früh  10  Uhr  würden  20,000  Mann  des  engli—
schen  Heeres  bei  Quatrebras  stehen  —  was  nach  den  getroffenen  Anord—
nungen  rein  unmöglich  war.  Am  16.  vor  Tagesanbruch  verließ  er  selbst
das  glänzende  Ballfest,  das  die  Herzogin  von  Richmond  den  englischen
Offizieren  gab,  warf  sich  auf's  Pferd  und  eilte  auf  der  Straße  nach  Charleroi
  südwärts  bis  über  Quatrebras  hinaus  auf  die  Höhen  von  Frasnes,
dicht  gegenüber  dem  linken  Flügel  der  Franzosen.  Von  dort  schrieb  er
um  10½  Uhr  früh  an  Blücher:  um  12  Uhr  würden  seine  Reserven  in
Genappe,  nur  eine  halbe  Meile  hinter  Quatrebras  eintreffen,  die  englische
Reiterei  in  Nivelles,  1  ½  Meile  westlich  von  Quatrebras.  War  dies
richtig,  so  durfte  Blücher  mit  Sicherheit  auf  die  Unterstützung  der  Engländer
  am  Nachmittage  zählen.  Um  1  Uhr  hielten  die  beiden  Feldherren
auf  dem  Windmühlenhügel  von  Bussy,  im  Rücken  der  preußischen  Aufstellung
  eine  Zusammenkunft,  und  hier  versprach  Wellington,  daß  er  Nachmittags
  in  die  Schlacht  eingreifen,  die  Franzosen  je  nach  Umständen  über
Marbais  oder  Frasnes  im  Rücken  oder  in  der  Flanke  anfallen  werde.
Mit  den  Worten  „um  4  Uhr  werde  ich  hier  sein“  trennte  sich  der  Herzog
von  dem  preußischen  Feldherrn.

Im  Vertrauen  auf  diese  Zusage  beschlossen  Blücher  und  Gneisenau
die  Schlacht  anzunehmen.  Die  beiden  Armeecorps  von  Zieten  und  Pirch
standen  mit  der  Front  nach  Süden  auf  dem  Höhenzuge  von  Brye  und
weiter  vorwärts  in  dem  tiefen  feuchten  Wiesengrunde  des  Lignebaches,
der  sich  zu  den  Füßen  dieser  sanften  Bodenerhebung  ausdehnt;  hier  am
Bache  waren  die  Dörfer  St.  Amand  la  Haye  rechts  und  Ligny  links
stark  besetzt.  Thielmann  mit  dem  dritten  Armeecorps  traf  erst  um  Mittag
nach  angestrengtem  Marsche  auf  dem  Schlachtfelde  ein  und  stellte  seine
Truppen  zwischen  Sombreffe  und  Tongrinelle  als  linken  Flügel  mit  der
Front  nach  Westen  auf,  so  daß  die  Linien  des  Centrums  und  des  linken
Flügels  fast  senkrecht  auf  einander  stießen  und  die  Schlachtstellung  einen
nach  Süden  geöffneten  Haken  bildete.  Der  äußerste  rechte  Flügel  bei
Wagnelée  stand  überdies  völlig  ungedeckt,  falls  etwa  vom  Westen  her,
aus  der  Gegend  von  Frasnes  ein  Angriff  erfolgte.  Nur  die  bestimmte
Erwartung,  daß  Wellington  rechtzeitig  zur  Unterstützung  des  rechten  Flügels
  herankommen  werde,  bewog  die  preußischen  Heerführer,  sich  in  so  unvortheilhafter
  Stellung  auf  eine  Schlacht  einzulassen;  sie  hofften  das
Gefecht  den  Nachmittag  über  hinzuhalten,  bis  gegen  Abend  40,000  Mann
vom  englischen  Heere  die  Entscheidung  brächten.

Aber  der  englische  Feldherr  konnte  sein  Wort  nicht  halten.  Er  sah  sich
selbst  bei  Quatrebras  mit  überlegener  Macht  angegriffen  und  hatte  dort
noch  um  3  Uhr  Nachmittags  nur  7000  Mann  zur  Stelle;  dann  erst  trafen
neue  Zuzüge  ein.  Erst  am  späten  Abend  standen  etwas  über  30,000  Mann
bei  Quatrebras  versammelt,  grade  genug  um  den  Angriff  nothdürftig  abzuschlagen;
  an  die  verheißene  Unterstützung  war  also  nicht  mehr  zu  denken.
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        Wellington's  Versprechen.  743

Wellington  hatte  das  Unmögliche  versprochen,  sicherlich  nur  aus  Irrthum,
in  gutem  Glauben;  aber  was  verschlug  es  ihm  auch,  wenn  er  sein  Wort
nicht  halten  konnte  und  die  Bundesgenossen  durch  seine  Schuld  eine
Schlappe  erlitten?  Es  waren  ja  doch  nur  Deutsche,  und  auf  die  fremden
Nationen,  mit  denen  ihn  sein  Kriegerleben  zusammenführte,  hatte  er  nie—
mals  Rücksicht  genommen,  mochten  sie  nun  Hindus,  Portugiesen  oder
Preußen  heißen.  Seine  nächste  Aufgabe  war,  das  englische  Heer  zu  er—
halten  —  so  faßte  er  seine  Pflichten  auf;  und  wenn  die  Bundesgenossen
den  Hauptstoß  der  Feinde  aufnahmen,  so  gewann  er  um  so  sicherer  Zeit
seine  eigenen  Truppen  zu  vereinigen.  Der  Herzog  allein  verschuldete  —
erst  durch  die  verspätete  und  verfehlte  Versammlung  seiner  Streitkräfte,
dann  durch  eine  unhaltbare  Zusage  —  daß,  statt  einer  Schlacht  mit
vereinten  Kräften,  zwei  Schlachten  zu  gleicher  Zeit  und  nur  durch  den
Zwischenraum  einer  guten  Meile  getrennt,  beide  unter  sehr  ungünstigen
Verhältnissen  geschlagen  werden  mußten.“)

Der  Imperator  blieb  noch  am  Vormittag  des  16.  in  dem  Wahne,
daß  die  beiden  Heere  der  Coalition  sich  nach  Brüssel  und  Namur  zurückzögen,
  er  gönnte  daher  seinen  durch  das  gestrige  Gefecht  und  die  starken
Märsche  der  letzten  Tage  ermüdeten  Truppen  eine  sehr  lange  Rast.  Erst
um  Mittag  überzeugte  er  sich,  daß  die  Preußen  in  der  Position  von  Ligny
und  St.  Amand  la  Haye  Stand  hielten  und  beschloß  den  Angriff  mit
der  Hauptmasse  seines  Heeres,  dem  rechten  Flügel  und  den  Reserven.
Ney  aber,  der  mit  dem  linken  Flügel  bei  Frasnes  auf  der  Brüsseler
Straße  stand,  erhielt  Befehl  rechts  abzumarschiren  und  den  Preußen  in  die
rechte  Flanke  zu  fallen;  so  konnte  am  Abend  des  langen  Sommertages
das  Heer  Blücher's  vernichtet  werden.  Dieser  Schlachtplan  setzte  freilich
voraus,  daß  Ney  auf  der  Brüsseler  Straße  nur  eine  schwache  feindliche
Macht  antraf,  daß  die  Engländer  wirklich  auf  Brüssel  zurückgingen.

Napoleon  hatte  auf  dem  Schlachtfelde  von  Ligny  etwa  75,000  Mann
zur  Stelle,  Blücher  78—80,000  Mann.  Die  unglückliche  hakenförmige
Aufstellung  der  Preußen  erlaubte  aber  dem  Imperator  fast  seine  gesammten
  Streitkräfte  gegen  La  Haye  und  Ligny  zu  verwenden,  wo  die
beiden  Armeecorps  von  Zieten  und  Pirch,  56,000  Mann,  allein  den  Angriff
  der  Uebermacht  aushalten  mußten.  Thielmann,  durch  den  gewundenen
  Lauf  des  Aignebachs  von  Ligny  getrennt,  wurde  durch  einige  Scheinangriffe
  der  Franzosen  beschäftigt;  er  konnte  wohl  einige  Truppentheile
den  beiden  anderen  Corps  zu  Hilfe  senden,  doch  mit  der  Masse  seines
Corps  nicht  an  dem  Hauptkampfe  theilnehmen.  Die  eigentliche  Schlacht

 

*)  So  hat  im  Wesentlichen  schon  Clausewitz  den  Sachverhalt  dargestellt,  ohne  daß
der  Herzog,  in  seiner  bekannten  Erwiderung  auf  das  Buch  des  Generals,  einen  Widerspruch
  versucht  hätte.  Was  Clausewitz  nur  andeutete,  ist  jetzt  im  Einzelnen  erwiesen
durch  die  Untersuchungen  von  M.  Lehmann  (Historische  Zeitschrift.  Neue  Folge  II.  S.  274)
und  H.  Delbrück  (Zeitschrift  f.  Pr.  Geschichte  1877.  S.  645).
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        744  II.  2.  Belle  Alliance.

bewegte  sich  um  den  Besitz  von  La  Haye  und  Ligny;  hier  auf  diesem
engen  Raume  lag  die  Entscheidung,  und  hier  vermochte  der  linke  Flügel
der  Preußen  gar  nicht  einzugreifen.  Beide  Heere  fochten  mit  verzweifeltem
  Muthe,  der  Haß  so  vieler  Jahre  brach  furchtbar  aus.  Kein  Pardon
hüben  und  drüben;  ein  französischer  General  drohte  Jeden  erschießen  zu
lassen,  der  ihm  einen  gefangenen  Preußen  brächte.  Im  Ganzen  bewahrten
  die  französischen  Truppen  mehr  Ruhe  und  Sicherheit;  die  Offiziere
behielten  ihre  Leute  fest  in  der  Hand,  während  die  Leidenschaft  ungestümer
Kampflust,  die  in  dem  deutschen  Volksheere  flammte,  die  preußischen  Führer
oft  zu  vorzeitiger  Vergeudung  der  Kräfte  verleitete.  Der  wellige,  erstarrten
  Meereswogen  gleichende  Boden,  die  mit  manneshohem  Getreide  und
dichtem  Kartoffelkraut  bestandenen  Felder  der  üppigen  Brabanter  Ebene
boten  Gelegenheit  zu  mannigfachen  Ueberraschungen,  denen  die  Kaltblütigkeit
  der  jungen  preußischen  Truppen,  namentlich  der  Landwehr  nicht
immer  gewachsen  war.  Es  war  ein  drückend  heißer  Tag.  Bei  stechender
Sonne  und  schwüler  Gewitterluft  mußte  das  preußische  Fußvolk,  das  zum
Theil  schon  Tags  zuvor  gefochten  hatte,  zum  Theil  die  Nacht  hindurch
marschirt  war,  sechs  Stunden  lang  fast  ununterbrochen  das  Nahgefecht
um  die  Dörfer  bestehen.  Manchen  stand  der  Schaum  vor  dem  Munde
von  der  Wuth  des  Kampfes  und  der  ungeheuren  Anstrengung;  hier
schlürfte  Einer  mit  lechzenden  Lippen  das  Kothwasser  aus  einer  Mistlache,
dort  brach  ein  Anderer  unverwundet,  vor  Erschöpfung  todt  zusammen.

Kurz  vor  3  Uhr  begann  Vandamme  den  Angriff  auf  den  rechten
Flügel  der  Preußen  bei  La  Haye  und  nahm  das  Dorf  nach  zweistündigem
blutigem  Ringen.  Da  führt  Blücher  selbst  frische  Truppen  zum  Angriff
vor,  das  Dorf  wird  zurückerobert,  geht  aber  von  Neuem  verloren,  da
eine  Attake  der  preußischen  Reiterei  nebenan  mißlingt.  Gleichwohl  kommt
das  Gefecht  hier  zum  Stehen,  die  Franzosen  werden  in  dem  Dorfe  festgehalten,
  gelangen  keinen  Schritt  darüber  hinaus.  Vergeblich  sendet
Napoleon  gegen  Abend  einen  Theil  seiner  Garde  zur  Unterstützung  Vandamme's;
  das  Corps  Zieten's  behauptet  sich  sechs  Stunden  lang  unerschütterlich.
  Trafen  jetzt  die  Engländer  zur  Verstärkung  des  rechten  Flügels
ein,  so  war  der  Sieg  entschieden.  Unterdessen  war  Gerard  mit  dem  rechten
Flügel  der  Franzosen  gegen  das  Dorf  Ligny  vorgegangen:  dort  hatten
die  Preußen  das  Schloß  und  die  Häuser  zur  Vertheidigung  eingerichtet,
ihre  Batterien  bestrichen  wirksam  die  Fläche  vor  der  Front.  Viermal  werden
  die  Angreifenden  zurückgeworfen,  und  als  sie  endlich  in  die  Häuserzeile
  eindringen,  gewinnen  sie  doch  nur  die  Hälfte  des  Dorfes.  In  der
anderen  Hälfte,  jenseits  des  Baches  behaupten  sich  die  Preußen,  und  nun
entbrennt  im  Innern  des  Dorfes  ein  Gefecht  von  unerhörter  Hartnäckigkeit,
da  beide  Parteien  aus  den  dichten  Infanteriemassen  in  ihrem  Rücken
beständig  Verstärkungen  an  sich  ziehen.  Bald  steht  das  Schloß  und
ein  großer  Theil  des  Dorfes  in  Flammen;  in  der  Dorfgasse  thürmen
        <pb n="755" />
        Schlacht  bei  Ligny.  745

sich  die  Leichen  auf;  jedes  Haus  und  jeder  Stall  wird  zu  einer  kleinen
Festung,  bis  auf  die  Treppen  und  in  die  Stuben  der  Wohnungen  versolgen
  die  Wüthenden  einander  mit  dem  Bajonett.  So  wogt  der  Kampf
unentschieden  dahin,  durch  fünf  furchtbare  Stunden.  Aber  die  Preußen
verbrauchen  ihre  ganze  Kraft;  14,000  Mann,  mehr  als  neunzehn  Bataillone
  werden  nach  und  nach  in  dies  eine  Dorf  hineingeworfen,  und
zuletzt  bleibt  kein  einziges  frisches  Regiment  des  Fußvolks  mehr  übrig  für
die  Entscheidung.  Noch  war  nichts  verloren;  noch  mußte  das  Erscheinen
der  Engländer  die  Schlacht  wenden.  Hatte  doch  Wellington  am  Nachmittage
  dem  Feldmarschall  abermals  durch  Leutnant  Wussow  sagen  lassen,
er  werde  mit  den  soeben  eingetroffenen  Verstärkungen  eine  kräftige  Offensive
  zu  Gunsten  der  preußischen  Armee  versuchen;  sein  Bevollmächtigter
im  Blücher'schen  Hauptquartiere,  Oberst  Hardinge  versicherte  noch  um
7  Uhr  bestimmt,  in  einer  halben  Stunde  spätestens  müßten  seine  Landsleute
  zur  Stelle  sein.  Eine  Stunde  nachher  ließ  Gneisenau  dem  General
Krafft  sagen,  nur  noch  eine  kleine  Weile  solle  er  sich  in  Ligny  behaupten,
dann  könne  die  englische  Hilfe  nicht  fehlen.

Die  Sonne  neigte  sich  zum  Untergange.  Da  führte  Napoleon  seine
wohlgeschonten  Reserven,  die  alte  Garde  und  eine  gewaltige  Reitermasse
persönlich  gegen  Ligny  vor  um  das  Centrum  der  Preußen  zu  durchbrechen.
Während  die  Grenadiere  unter  dem  wilden  Rufe:  „Es  lebe  der  Kaiser!
Kein  Pardon!“  in  die  Dorfgasse  eindringen  und  jetzt  endlich  die  ermatteten
Vertheidiger  zum  Abzuge  zwingen,  umgehen  einige  Bataillone  der  Garde,
von  der  Dämmerung  begünstigt,  das  Dorf  auf  der  Ostseite.  Ihnen  nach,
den  Bach  durchreitend,  sieben  Regimenter  schwerer  Reiter,  der  Kern  der
kaiserlichen  Cavallerie,  5000  Pferde.  Sie  wenden  sich  an  Ligny  vorbei
gegen  den  Windmühlenberg  von  Bussy,  gegen  die  zweite  Linie  der  preuhischen
  Aufstellung.  Blücher  erkennt  die  Gefahr  und  versucht  mit  seiner
Lieblingswaffe  den  Schlag  abzuwehren.  Soeben  noch  sah  man  den  Alten
erschöpft  von  der  Anstrengung  und  dem  quälenden  Zweifel  wie  einen
gebrochenen  Maun  dahertraben.  Jetzt  flammt  er  wieder  auf  in  jugendlichem
  Feuer,  läßt  eine  Reiterbrigade,  welche  seitwärts  hinter  Ligny  hält,
zum  Angriff  vorgehen.  Die  Reiter  jubeln,  als  der  alte  Held,  den  Säbel
in  der  Faust  schwingend,  in  weiten  Bogensätzen  auf  seinem  prächtigen
Schimmel  heransprengt  und  sich  selber  an  die  Spitze  stellt.  Neben  ihm
führt  Oberstleutnant  Lützow,  der  Freischaarenführer  von  1813  das  sechste
Ulanenregiment  mit  lautem  Marsch  Marsch!  vor;  es  folgen  die  westpreußischen
  Dragoner,  die  kurmärkischen  und  die  Elb-Landwehrreiter;  in
gestrecktem  Laufe  jagen  die  Rosse  durch  das  hohe  Korn.  Da  stutzen  die
Thiere  plötzlich  vor  einem  tiefen  Hohlwege,  der  die  Felder  durchschneidct,
und  während  die  Ulanen  versuchen  das  unvermuthete  Hinderniß  zu
nehmen,  schlagen  zwei  wohlgezielte  Salven  in  ihre  aufgelösten  Reihen,
Milhaud's  Kürassiere  hauen  nach,  die  Preußen  machen  Kehrt.  Auch  die
        <pb n="756" />
        746  II.  2.  Belle  Alliance.

Kürassiere  müssen  gleich  darauf  vor  dem  Feuer  eines  preußischen  Bataillons
  umkehren;  lachend  sehen  die  Westphalen  mit  an,  wie  die  schweren.
Reiter  sich  unter  ihren  gefallenen  Pferden  hervorwinden  und,  den  Küraß
mit  beiden  Händen  haltend,  zu  Fuß  das  Weite  suchen.  Die  Ulanen
und  die  Landwehrreiter  sammeln  sich  wieder,  dringen  von  Neuem  vorwärts;
  herüber  und  hinüber  fluthen  die  Massen  der  Kämpfer.  Mitten  in
dem  wilden  Getümmel  trabt  Gneisenau,  zieht  den  Säbel,  sagt  fröhlich  zu
Major  Bardeleben,  der  wehrlos,  den  Arm  in  der  Binde,  neben  ihm  reitet:
„halten  Sie  sich  nur  an  mich;  ein  Hundsfott,  wenn  ich  Sie  nicht  heraushaue!“
  Zugleich  drängen  sich  die  aus  Ligny  vertriebenen  Regimenter  gegen
Brye  zurück,  langsam,  unablässig  feuernd,  aber  in  ungeordneten  Schwärmen.
  Die  Mitte  der  Schlachtstellung  ist  schon  nahezu  durchbrochen.
Auch  St.  Amand  la  Haye  wird  endlich  geräumt;  unaufhaltsam  dringt
der  Feind  gegen  die  Höhe  von  Bussy.  Kurz  vor  Einbruch  der  Nacht
braust  ein  Gewitter  über  das  Schlachtfeld;  das  Rollen  des  Donners  und
das  Geheul  des  Sturmes  übertäubt  während  einer  halben  Stunde  den
Lärm  der  Schlacht.  Doch  mitten  in  der  Finsterniß  des  Unwetters  tobt
der  Kampf  weiter;  die  erschöpften  Soldaten  athmen  auf  bei  dem  frischen
Luftzuge.  Die  Geschlagenen  sammeln  sich  um  Brye  und  den  Hügel  von
Bussy,  das  Vorrücken  des  Feindes  geräth  hier  in's  Stocken.  Währenddem
war  der  Feldmarschall  verschwunden.  Schon  bei  jener  ersten  Attake  der
Ulanen  hatte  eine  Kugel  sein  Pferd  getroffen,  und  er  lag  nun  lange
fast  bewußtlos  unter  dem  schweren  Thiere;  ohne  ihn  zu  bemerken  stürmten
Freund  und  Feind  mehrmals  dicht  an  ihm  vorüber,  nur  sein  getreuer
Adjutant  Graf  Nostitz  hielt  bei  ihm  aus,  bis  endlich  Major  v.  d.  Busche
von  den  Elb-Landwehrreitern  herbeikam  und  den  Betäubten  auf  einem
Soldatenpferde  hinwegführte.  Aber  in  der  Verwirrung  der  Nacht  vergingen
  mehrere  Stunden  bevor  die  Rettung  des  Feldherrn  bekannt  wurde.
Die  Führung  des  Heeres  lag  für  jetzt  allein  auf  den  Schultern
Gneisenau's,  der  eine  Weile  schweigend  in  der  Nähe  von  Brye  hielt.  Die
ihn  so  sahen  in  seiner  majestätischen  Ruhe  ahnten  nicht,  welche  schweren
Gedanken  ihm  Kopf  und  Herz  bestürmten.  Er  hatte,  wie  Blücher  und
Grolman,  der  Zusage  Wellington's  volles  Vertrauen  geschenkt,  noch  vor
einer  Stunde  sicher  auf  den  Sieg  gerechnet  und  dachte  mit  Unmuth  an
den  englischen  Feldherrn,  der  sein  Wort  so  schlecht  gehalten.  Was  schien
natürlicher,  als  dem  Beispiel  des  Briten  zu  folgen,  nur  für  die  Sicherheit
des  eigenen  Heeres  zu  sorgen  und  den  gefahrlosen  Weg  nach  der  deutschen
Grenze  einzuschlagen?  Die  alte  Römerstraße,  die  im  Rücken  des  Schlachtfeldes
  nordostwärts  in  das  Maasthal  führte,  bot  den  Geschlagenen  die
bequemste  Rückzugslinie;  hier  mußte  man  bald  mit  Bülow,  der  von  Osten
herankam,  zusammentreffen  und  konnte  später  Verstärkungen  aus  Deutschland
  an  sich  ziehen.  Unwillkürlich  hatte  bereits  ein  Theil  der  Truppen
diesen  Weg  eingeschlagen,  der  auf  den  ersten  Blick  als  der  einzig  mög-
        <pb n="757" />
        Rückzug  von  Ligny.  747

liche  erschien.  Aber  nahm  die  Armee  die  Richtung  nach  der  Maas,  so
entfernte  sie  sich  von  den  Bundesgenossen,  und  es  stand  mit  Sicherheit
zu  erwarten,  daß  der  behutsame  englische  Feldherr  sich  dann  nach  Ant—
werpen,  vielleicht  auf  seine  Schiffe  zurückzog.  So  ging  der  belgische  Feld—
zug  mit  einem  Schlage  zu  Ende,  und  wer  stand  dafür,  ob  die  Coalition
mit  ihren  bösen  Congreß-Erinnerungen,  mit  ihrer  mühsam  verhaltenen
Zwietracht,  mit  ihrem  kleinmüthigen  Schwarzenbergischen  Hauptquartiere
dann  noch  den  Muth  fand  den  Krieg  gegen  Frankreich  fortzusetzen,  wenn
ihre  beiden  besten  Feldherren  das  Spiel  verloren  gaben?  Ein  Ausweg
blieb  noch:  hatte  Wellington  nicht  vorwärts  zu  den  Preußen  kommen
wollen,  so  konnten  diese  rückwärts  die  Vereinigung  mit  dem  englischen
Heere  suchen.  Wenn  die  Armee  ihre  Verbindung  mit  dem  Rheine  aufgab
  und  auf  jede  Gefahr  hin  den  schwierigen  Weg  nach  Norden,  in  der
Richtung  auf  Wavre  einschlug,  so  näherte  sie  sich  den  Verbündeten  und
es  blieb  möglich,  daß  in  zwei  oder  drei  Tagen  irgendwo  in  der  Nähe  von
Brüssel  die  Schlacht  mit  vereinten  Kräften  noch  geschlagen  wurde,  welche
heute  durch  Wellington's  Schuld  vereitelt  war.  In  wenigen  Minuten
mußte  der  folgenschwere  Entschluß  gefaßt  werden;  das  Schicksal  der  nächsten
Monate  europäischer  Geschichte  hing  daran.  Gneisenau  entschied  wie  er
mußte,  wie  außer  ihm  von  allen  Heerführern  jener  Tage  nur  noch  Blücher
selbst  entschieden  hätte.  Nach  einem  Blick  auf  die  Karte  befahl  er  den
Marsch  nordwärts  über  Tilly  und  Mellery  nach  Wavre.

Die  Adjutanten  flogen  aus  um  den  Truppen  in  der  Finsterniß  die
Richtung  anzugeben.  General  Jagow  deckte  den  Rückzug,  blieb  noch  bis
2  Uhr  Nachts  auf  dem  Schlachtfelde.  Die  Franzosen  trauten  ihrem  eigenen
Siege  nicht,  die  Garde  stand  die  ganze  Nacht  hindurch  unter  den  Waffen.
Sie  wagten  weder  zu  verfolgen  noch  auch  nur  die  Marschrichtung  der
Geschlagenen  zu  erkunden  und  verloren  jede  Fühlung  mit  dem  Gegner.
Die  preußische  Armee  hatte  12,000  Mann  verloren,  etwas  mehr  als  der
Feind,  das  Corps  Zieten  sogar  fast  ein  Viertel  seiner  Mannschaft.  Aber
so  unerschütterlich  war  die  sittliche  Spannkraft  dieses  Heeres:  nach  wenigen
Stunden  der  Nachtruhe  standen  die  Regimenter  schon  bei  Tagesanbruch
wieder  in  guter  Ordnung  beisammen.  Keine  Spur  von  jener  gedrückten
Stimmung,  die  nach  unglücklichen  Kämpfen  selbst  den  Tapferen  überkommt;
gleich  lebhaft  verlangten  die  Soldaten  wie  die  Führer  nach  einer  neuen
Schlacht  um  die  Scharte  auszuwetzen.  Einige  tausend  Mann  von  den  neugebildeten
  westphälischen  Regimentern  waren  freilich  versprengt,  irrten  an  der
Römerstraße  entlang  der  Maas  und  dem  Rheine  zu.  Doch  von  den  erprobten
Truppen  aus  den  alten  Provinzen  fehlte  fast  Niemand;  die  Wenigen  unter
diesen  Veteranen  von  1813,  die  im  Dunkel  der  Nacht  von  ihren  Regimentern
  ostwärts  abgekommen,  schlossen  sich,  sobald  sie  auf  Bülow's  Corps  trafen,
diesem  an  und  nahmen  noch  Theil  an  der  Schlacht  von  Belle  Alliance.

Glücklicher  hatte  das  englische  Heer  den  heißen  Tag  überstanden.  Als
        <pb n="758" />
        748  II.  2.  Belle  Alliance.

Ney  gegen  2  Uhr  mit  dem  linken  Flügel  des  französischen  Heeres  befohlenermaßen
  auf  der  Brüsseler  Straße  nordwärts  gegen  Quatrebras
vorging,  mußte  er  bald  erfahren,  daß  die  englische  Macht  ihm  gegenüber
weit  stärker  war  als  Napoleon  angenommen.  Der  niederländische  General
Perponcher  war  mit  seiner  Division,  da  er  die  Bedeutung  der  Stellung
richtig  erkannte,  eigenmächtig,  gegen  Wellington's  Befehl,  bei  Quatrebras
stehen  geblieben")  und  mußte  jetzt  den  ersten  Angriff  abwehren.  Zu  Anfang
des  Gefechts  war  Ney  den  7000  Nassauern  und  Niederländern,  die  hier
standen,  um  reichlich  das  Doppelte  überlegen,  und  da  er  überdies  sein  Fußvolk
  durch  den  Wald  von  Bossu,  der  links  vor  seiner  Fronte  lag,  unbemerkt
  dicht  an  den  Gegner  heranschieben  konnte,  so  geriethen  die  Alliirten
eine  Zeit  lang  in  ernste  Bedrängniß  und  waren  bereits  nahe  daran  den
wichtigen  Kreuzungspunkt  zu  räumen.  Da  kamen  zwischen  3  und  4  Uhr
—  mehrere  Stunden  später  als  Wellington  gerechnet  hatte  —  die  ersten
Regimenter  der  Reserve  von  Brüssel  heran:  eine  englische  Division  unter
General  Picton,  dann  Herzog  Wilhelm  mit  seinen  schwarzen  Braunschweigern.
  Ihnen  gelang,  das  Gefecht  auf  dem  linken  Flügel  wieder  herzustellen,
  und  sie  drangen  schon  über  Quatrebras  hinaus,  als  ein  mächtiger
Reiterangriff  der  Franzosen  sie  in  Verwirrung  zurückschleuderte.  Wellington
  entging  selbst  nur  durch  die  Schnelligkeit  seines  Rosses  dem  Tode.  Der
tapfere  Welfe  aber  ward  inmitten  seines  Leibbataillons  von  der  tödlichen
Kugel  getroffen.  Er  starb  zur  rechten  Zeit  für  seinen  Ruhm;  denn  nun
lebte  er  fort  im  Gedächtniß  seines  treuen  Volkes  als  ein  Held  der  Nation,
  als  der  Führer  der  schwarzen  Schaar,  und  jene  häßlichen  Züge  welsischer
  Härte  und  Ueberhebung,  die  sich  während  der  kurzen  Monate  seiner
Regierung  dem  braunschweigischen  Ländchen  schon  sehr  fühlbar  gemacht
hatten,  wurden  gern  vergessen.

In  diesem  gefährlichen  Augenblicke  trafen  die  englischen  und  hannoverschen
  Regimenter  des  Generals  Alten  auf  dem  rechten  Flügel  der  Verbündeten
  ein;  mehr  als  diese  schwache  Division  wollte  Wellington  nicht
von  Nivelles  heranziehen,  da  ihn  noch  immer  der  Wahn  beherrschte,  Napoleon
  werde  eine  Umgehung  im  Westen  versuchen.  Die  Division  Alten
begann  sich  in  dem  Walde  von  Bossu  auszubreiten,  und  mit  ihrer  Hilfe
wurde  Ney's  zweiter  Angriff  abgeschlagen.  Marschall  Ney  hoffte  längst
nicht  mehr,  nach  Ueberwältigung  der  englischen  Streitkräfte  sich  auf  das
Schlachtfeld  von  Ligny  wenden  zu  können;  genug  wenn  ihm  nur  gelang
den  Gegner  hier  von  der  Brüsseler  Straße  zu  verdrängen.  Der  sonst
allen  Anderen  durch  unbekümmerten  Soldatenmuth  voranleuchtete,  zeigte
sich  in  diesem  Feldzuge  immer  fieberisch  unruhig;  die  Erinnerung  an  den
Eidbruch  der  jüngsten  Wochen,  die  Furcht  vor  einer  schmachvollen  Zukunft
quälte  ihn  sichtlich.  In  leidenschaftlicher  Erregung  beschwor  er  seinen

*)  Die  Wichtigkeit  dieses  tapferen  Entschlusses  wurde  von  Gneisenau  anerkannt
in  einem  Schreiben  an  den  König  vom  12.  Juni  1817.
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        Treffen  von  Quatrebras.  749

tapferen  elsaß-lothringischen  Landsmann  Kellermann,  wieder  wie  einst  bei
Marengo  durch  einen  wuchtigen  Reiterangriff  den  Ausschlag  zu  geben;
Frankreichs  ganze  Zukunft  stehe  auf  dem  Spiele.  Auch  dieser  dritte  Versuch
  scheiterte,  vornehmlich  an  der  Festigkeit  der  englischen  Veteranen  Picton's,
  die,  wie  einst  ihre  Vorfahren  bei  Minden,  das  Gewehr  zur  Attake
rechts  nahmen  und  mit  dem  Bajonett  den  Reitern  zu  Leibe  gingen.  Indessen
  nahmen  Alten's  tapfere  Regimenter  den  Wald  von  Bossu,  und  auf
der  Brüsseler  Straße  zogen  neue  Reserven  heran:  die  englischen  Garden
und  die  letzten  Braunschweiger.  Wellington  verfügte  jetzt  über  mehr  als
30,000  Mann  gegen  21,000.  Als  die  Dämmerung  hereinbrach,  war  seine
ganze  Linie  im  langsamen  Vorgehen,  freilich  nur  eine  kleine  Strecke  weit;
die  Schlacht  endete  fast  auf  der  nämlichen  Stelle  wo  sie  begonnen.

Ein  seltsamer  Glücksfall  kam  dem  englischen  Feldherrn  zu  gute.  Das
Corps  des  Generals  Erlon  war  der  Armee  Ney's  zugetheilt,  aber  am
Nachmittage,  noch  bevor  Erlon  an  dem  Treffen  von  Quatrebras  theilnehmen
  konnte,  durch  Napoleon  nach  dem  Schlachtfelde  von  Ligny  abberufen
  worden;  die  Regimenter  langten  in  der  That  schon  in  der  Nähe
des  rechten  Flügels  der  Preußen  an,  als  Ney  sie  nach  Quatrebras  zurückrief.
  So  irrte  dies  Corps,  das  leicht  gegen  Wellington  den  Ausschlag
geben  konnte,  während  des  Nachmittags  zwischen  den  beiden  Schlachtfeldern
hin  und  her  und  vereinigte  sich  erst  am  Abend,  als  das  Treffen  bereits
entschieden  war,  mit  Ney's  Armee.  Der  Marschall  hatte,  wenngleich  er
den  unmöglichen  Zumuthungen  des  Imperators  nicht  genügen  konnte,  doch
einen  werthvollen  Erfolg  erreicht:  die  Vereinigung  der  beiden  Heere  der
Coalition  war  vorläufig  verhindert.  Wellington  aber  sprach  mit  unerquicklichem
  Hochmuthe  von  seinem  wahrlich  bescheidenen  Siege;  „wir  haben
geschlagen,  die  Preußen  sind  geschlagen“  —  wiederholte  er  mehrfach.  Da
er  Napoleon's  Pläne  noch  immer  nicht  durchschaute,  noch  am  17.  ja  selbst
am  18.  Juni  eine  Umgehung  von  Westen  her  für  möglich  hielt,  so  konnte  er
auch  nicht  begreifen,  daß  er  selber  das  ganze  heillose  Wirrsal  dieser  unnöthigen
  Doppelschlacht  hervorgerufen,  und  fand  kein  Wort  der  Dankbarkeit
  für  die  Preußen,  deren  uneigennützige  Aufopferung  ihm  doch  allein
die  Annahme  des  Gefechts  bei  Quatrebras  ermöglicht  hatte.  —

Spät  in  der  Nacht  wurde  Blücher  von  seinen  Generalstabsoffizieren
in  einem  Bauernhause  zu  Mellery,  auf  dem  Wege  nach  Wavre,  ausgefunden.
  Ruhig  seine  Pfeife  rauchend  lag  der  Alte  auf  der  Streu;  er
fühlte  sich  an  allen  Gliedern  zerschlagen  von  dem  schweren  Sturze,  doch
seine  frohe  Zuversicht  war  nicht  gebrochen.  Unbedenklich  genehmigte  er  die
Anordnungen  seines  Freundes;  die  Beiden  hatten  sich  so  ganz  in  einander
  eingelebt,  daß  Gneisenau  sicher  war  stets  aus  der  Seele  des  Feldmarschalls
  heraus  zu  beschließen.  Am  Morgen  ritt  der  Feldherr  dem  Heere
voraus  nach  Wavre;  die  Soldaten  jubelten  sobald  sie  des  Geretteten  ansichtig
  wurden,  und  antworteten  mit  einem  fröhlichen  Ja  als  er  im  Vor-
        <pb n="760" />
        750  II.  2.  Belle  Alliance.

überreiten  fragte,  ob  sie  morgen  wieder  schlagen  wollten.  Auf  den  Sonnen—
brand  von  gestern  folgte  ein  grauer  schwüler  Tag  mit  vereinzelten  Ge—
witterschauern,  dann  am  Abend  strömender  Regen,  die  ganze  Nacht  hin—
durch.  Mühsam  wateten  die  Soldaten,  die  nun  seit  drei  Tagen  im  Marsch
oder  im  Gefechte  gewesen,  in  dem  aufgeweichten  schweren  Boden  und  schoben
die  Räder  der  Kanonen  durch  den  tiefen  Schlamm.  Auf  der  Beiwacht  war
der  Schlaf  fast  unmöglich,  und  doch  blieb  der  frohe  Muth  unverwüstlich;
am  Morgen  des  18.  sah  man  die  schlesischen  Füsiliere  nach  den  Klängen  der
Feldmusik  einen  lustigen  Walzer  tanzen.  Ein  warmer  Aufruf  des  Feldmar—
schalls  mahnte  die  Truppen  ihre  letzte  Kraft  aufzubieten  für  den  neuen  Kampf:
„vergesset  nicht,  daß  Ihr  Preußen  seid,  daß  Sieg  oder  Tod  unsere  Losung  ist!“

In  seinem  Berichte  an  den  König  sprach  Gneisenau  offen  die  An—
klage  aus,  daß  Wellington  „wider  Vermuthen  und  Zusage“  seine  Armee
nicht  rechtzeitig  concentrirt  habe,  und  in  vertrauten  Briefen  äußerte  er
sich  noch  weit  schärfer.  Jedoch  in  dem  veröffentlichten  Berichte  des  Blücherschen
  Hauptquartiers  wurde  die  peinliche  Frage  schonend  übergangen,
und  auch  nach  dem  Kriege  verschmähte  Gneisenau,  um  der  Bundesfreundschaft
  willen,  hochherzig  jeden  Federkrieg,  obgleich  die  unaufrichtigen  Erzählungen
  des  Briten  sein  reizbares  militärisches  Ehrgefühl  geradezu  zum
Widerspruche  herausforderten.  Erst  zwanzig  Jahre  später  wurde  durch
ein  nachgelassenes  Geschichtswerk  von  Clausewitz,  der  unzweifelhaft  die
Mittheilungen  seines  Freundes  Gneisenau  benutzt  hatte,  die  geheime  Geschichte
  dieses  Feldzuges  aufgeklärt.  In  jenem  Augenblicke  vollends  lag
dem  kühnen  Manne  nichts  ferner  als  unfruchtbares  Hadern  um  vergangene
  Fehler;  er  meldete  dem  Könige,  eine  Schlacht  mit  getheilten  Kräften
sei  jetzt  nicht  mehr  möglich,  und  traf  sofort  seine  Vorbereitungen  für  die
Vereinigung  mit  dem  englischen  Heere.  Die  Stimmung  im  Hauptquartiere
  ward  mit  jeder  Stunde  zuversichtlicher,  da  die  zuwartende  Haltung
des  Feindes  deutlich  bewies,  daß  das  Ergebniß  des  16.  Juni  zwar  eine
verlorene  Schlacht,  aber  keine  Niederlage  war.  Blücher  fühlte  sich  des
Erfolges  völlig  sicher;  er  wollte,  falls  Napoleon  die  Engländer  nicht  angriffe,
  selber  mit  Wellington  vereint  dem  Feinde  alsbald  die  Schlacht  anbieten
  und  hieß  das  wilde  Regenwetter,  „unseren  alten  Alliirten  von  der
Katzbach“,  hochwillkommen.  Der  russische  Militärbevollmächtigte  Toll  kam
übel  an,  als  er  für  nöthig  hielt  diese  stolzen  Preußen  zu  trösten  und  beschwichtigend
  sagte,  die  große  Armee  unter  Schwarzenberg  werde  alles
wieder  gut  machen.  Blücher's  Adjutant  Nostitz  erwiderte  scharf:  „ehe  Sie
zu  Ihrem  Kaiser  zurückkehren,  ist  entweder  der  belgische  Feldzug  ganz  verloren
  oder  wir  haben  die  zweite  Schlacht  gewonnen,  und  dann  brauchen
wir  Eure  große  Armee  nicht  mehr!“

Auf  Blücher's  Anfrage  erklärte  sich  der  englische  Feldherr  bereit,  am
18.  an  der  Brüsseler  Straße  eine  neue  Schlacht  anzunehmen,  wenn  er
auf  die  Hilfe  von  etwa  25,000  Preußen  zählen  könne.  Der  Alte  erwiderte,
        <pb n="761" />
        Gneisenau's  Pläne  für  den  18.  Juni.  751

er  werde  kommen  und  hoffentlich  mit  seiner  ganzen  Armee.  Nach  einem
kurzen  glänzenden  Reitergefechte,  wobei  Lord  Uxbridge  mit  den  Riesen
der  englischen  Garde-Cavallerie  die  französischen  Lanciers  buchstäblich
niederritt,  ging  Wellington  am  Nachmittage  nordwärts  zurück  und  versammelte
  sein  Heer  bei  Mont  St.  Jean,  rittlings  auf  der  Brüsseler  Straße,
mit  der  Front  nach  Süden.  Die  Furcht  vor  einer  Umgehung  von  rechts
her  gab  er  freilich  noch  immer  nicht  ganz  auf  und  ließ  daher  bei  Hal,
zwei  Meilen  westlich  vom  Schlachtfelde  ein  Corps  von  17,000  Mann
stehen,  sodaß  in  den  Entscheidungsstunden  fast  ein  Fünftel  seines  Heeres
fehlte.  Das  preußische  Heer  war  in  der  Nacht  vom  17.  auf  den  18.
vollzählig  in  der  Gegend  von  Wavre  versammelt,  nur  zwei  starke  Meilen
östlich  von  Mont  St.  Jean,  und  auch  die  sehnlich  erwartete  Munitionscolonne
  traf  noch  ein.  Aber  diese  kurze  Entfernung,  die  ein  Adjutant  im
Galopp  wohl  in  einer  guten  Stunde  zurücklegen  konnte,  bot  bei  dem  entsetzlichen
  Zustande  der  Wege  für  die  unbehilflichen  Geschützmassen  einer
großen  Armee  erhebliche  Schwierigkeiten.  Zudem  ward  ein  langer  Aufenthalt
  unvermeidlich,  da  das  noch  unberührte  Corps  Bülow's  die  Spitze
nehmen  sollte  und  die  weiter  vorwärts  stehenden  Heertheile  erst  durchkreuzen
  mußte.  Beabsichtigte  der  englische  Feldherr  nur  eine  Demonstration,
  wie  Gneisenau  eine  Zeit  lang  argwöhnte,  so  konnte  die  Lage
der  Preußen,  die  ihre  linke  Flanke  bloß  stellten,  hochgefährlich  werden;
nur  im  festen  Vertrauen  auf  die  unerschütterliche  Ausdauer  des  englischen
  Heeres  durften  sie  das  Wagniß  unternehmen.  Wellington  getraute
sich  dem  preußischen  Feldherrn  nur  zuzumuthen,  daß  er  zur  Verstärkung
des  linken  Flügels  der  Engländer  herankäme.  Gneisenau  aber  wählte  nach
seiner  großen  Weise  einen  kühneren  und  schwereren  Plan:  er  dachte  vielmehr
  die  Franzosen  im  Rücken  und  der  rechten  Flanke  anzugreifen.  Gelang
  dieser  Schlag,  so  war  Napoleon's  Heer  vernichtet  und  der  Krieg  mit
einem  male  beendet.

Daß  die  Besiegten  so  verwegene  Gedanken  fassen  durften,  wurde  nur
möglich  durch  die  Unterlassungssünden  des  Siegers.  Gewiß  war  es  für
Napoleon  nicht  unbedenklich  den  Preußen  mit  der  Hauptmacht  seines  Heeres
zu  folgen.  Aber  seine  verzweifelte  Lage  forderte  kühne  Entschlüsse.  Blieb
er  dem  rührigsten  seiner  Gegner  auf  den  Hacken,  so  war  möglich,  daß  die
geschlagene  Armee  auf  dem  Rückzuge  gänzlich  aus  den  Fugen  gerieth,  da
die  Wirkung  eines  Sieges  sich  durch  unaufhaltsame  Verfolgung  zu  verdoppeln
  pflegt.  Ob  Wellington  dann  noch  einen  Schlag  gegen  Ney  wagte,
erschien  mindestens  zweifelhaft;  wahrscheinlicher  doch  daß  der  Bedachtsame
sich  auf  Antwerpen  zurückzog.  Es  war  nicht  Kleinmuth  was  den  Imperator
  hinderte  diesen  Entschluß  zu  fassen,  sondern  der  alte  Fehler  der
Ueberhebung.  Wie  einst  nach  der  Dresdener  Schlacht  und  nach  den
Siegen  in  der  Champagne,  so  dachte  er  auch  jetzt  zu  niedrig  von  dem
Gegner;  er  glaubte  bestimmt,  die  Preußen  eilten  in  voller  Auflösung  dem
        <pb n="762" />
        752  II.  2.  Belle  Alliance.

Rheine  zu,  und  hielt  nicht  einmal  für  nöthig  ihren  Rückzug  beobachten
zu  lassen.  Stand  es  also  wie  er  wähnte,  dann  blieb  ihm  freilich  Zeit
vollauf  um  das  englische  Heer  zu  schlagen.  Gemächlich  ließ  er  seine
Truppen  am  Vormittag  des  17.  rasten.  Seine  Gedanken  weilten  mehr
in  Paris  als  bei  dem  Heere;  er  fragte  seine  Generale,  was  wohl  die  Ja—
cobiner  nach  diesem  neuen  Siege  des  Kaiserreichs  thun  würden.  Erst
um  Mittag  befahl  er  dem  Marschall  Grouchy  den  Preußen  zu  folgen,
in  der  Richtung  ostwärts  nach  Gembloux  und  der  Maas,  sie  nicht  aus
den  Augen  zu  lassen  und  ihre  Niederlage  zu  vollenden;  für  diesen
Zweck  gab  er  dem  Marschall  33,000  Mann,  eine  Macht  zu  stark  für  ein
Beobachtungscorps,  zu  schwach  um  eine  Schlacht  gegen  das  gesammte
preußische  Heer  zu  wagen.  Grouchy  zog  während  der  zweiten  Hälfte  des
Tages  nach  Osten  in  die  Irre  ohne  der  Preußen  gewahr  zu  werden.
Erst  am  Morgen  des  18.  fand  er  ihre  Spur  und  wendete  sich  gegen
Wavre:  aber  von  Gneisenau's  Plänen  ahnte  er  nichts,  sondern  vermuthete
nunmehr  die  preußische  Armee  auf  dem  Rückzuge  nach  Brüssel.  Er  so
wenig  wie  sein  Kaiser  hielt  für  denkbar,  daß  ein  geschlagenes  Heer  sich
sogleich  nach  der  Schlacht  wieder  ordnen  und  zu  einem  neuen  Angriffe
rüsten  könnte.  Der  Gedanke  sich  zwischen  die  beiden  Heere  der  Coalition
einzuschieben,  kam  dem  Imperator  jetzt  nicht  mehr  in  den  Sinn,  da  die
Möglichkeit  des  Rückzuges  der  Preußen  nach  Norden  durchaus  außerhalb
seiner  Berechnung  lag.  Er  selber  vereinigte  sich  am  Nachmittage  des
17.  in  der  Nähe  von  Quatrebras  mit  der  Armee  Ney's,  zog  dann  in
voller  Sicherheit  nordwärts  auf  der  Brüsseler  Straße  den  Engländern
nach,  um  sie  morgen  oder  übermorgen  diesseits  oder  jenseits  von  Brüssel
zur  Schlacht  zu  zwingen.

So  verworren  und  unfertig  die  Doppelschlacht  am  16.  Juni  verlaufen
war,  ebenso  einfach  großartig  gestaltete  sich  der  Gang  der  Ereignisse  am  18.
Wellington  hatte  mit  Kennerblick  eine  feste  defensive  Stellung  gewählt,
wie  er  sie  von  Spanien  her  liebte.  Sein  Heer  hielt  auf  einem  langgestreckten
  niederen  Höhenzuge,  der  von  Westen  nach  Osten  streichend,
etwa  in  der  Mitte,  bei  dem  Dorfe  Mont  St.  Jean  von  der  wohlgepflasterten
  Brüsseler  Landstraße  senkrecht  durchschnitten  wird.  Auf  diesem
engen  Raume  von  kaum  5000  Schritt  Länge  standen  die  Truppen  dicht
zusammengedrängt,  mehr  als  30,000  Deutsche,  24,000  Engländer,  über
13,000  Niederländer,  zusammen  68,000  Mann,  auf  der  Rechten  Lord
Hill,  im  Centrum  der  Prinz  von  Oranien,  auf  dem  linken  Flügel  General
Picton.  Ein  tief  eingeschnittener,  von  Hecken  eingefaßter  Querweg  lief
die  Front  entlang.  Im  Rücken  des  Heeres  fiel  der  Boden  sanft  ab,
so  daß  die  Mehrzahl  der  Regimenter  dem  anrückenden  Feinde  verborgen
blieb;  weiter  nördlich  lag  an  der  Landstraße  der  lichte,  von  zahlreichen
Wegen  durchzogene  Wald  von  Soignes,  der  für  den  Fall  des  Rückzugs
eine  gute  Deckung  bot.  Der  Herzog  blieb  während  vieler  Stunden  im
        <pb n="763" />
        Schlachtfeld  von  Belle  Alliance.  753

Centrum  bei  Mont  St.  Jean;  hier  unter  einer  Ulme,  auf  einer  Boden—
welle  neben  der  Landstraße  konnte  er  fast  die  ganze  Aufstellung  über—
blicken  und  nach  seiner  Gewohnheit  Alles  unmittelbar  leiten.  Einige
hundert  Schritt  vor  der  Front  lagen  wie  die  Vorwerke  einer  Festung  drei
stark  besetzte  Positionen:  vor  der  Rechten  das  Schloß  Goumont  inmitten
der  alten  Bäume  seines  Parkes,  von  hohen  Mauern  unschlossen;  vor
dem  Centrum  an  der  Landstraße  das  Gehöfte  La  Haye  Sainte;  vor  dem
äußersten  linken  Flügel  die  weißen  Häusergruppen  von  Papelotte  und  La
Haye.  Die  Straße  fällt  südlich  von  Mont  St.  Jean  sanft  ab,  führt  dann
völlig  eben  durch  offene  Felder  und  steigt  eine  starke  halbe  Stunde  weiter
südlich,  nahe  bei  dem  Pachthofe  La  Belle  Alliance  wieder  zu  einem  anderen
niederen  Höhenzuge  empor,  so  daß  das  Schlachtfeld  eine  weite,  mäßig  eingetiefte
  Mulde  bildet,  die  allen  Waffen  den  freiesten  Spielraum  gewährt.

Auf  diesen  Höhen  bei  Belle  Alliance  stellte  Napoleon  sein  Heer  auf,
Reille  zur  Linken,  Erlon  zur  Rechten  der  Straße,  dahinter  bei  Rossomme
die  Reserve;  sein  Plan  war  einfach  durch  einen  oder  mehrere  Frontalangriffe
  die  Linien  der  Engländer  zu  durchbrechen,  wo  möglich  an  der
schwächsten  Stelle,  auf  ihrem  linken  Flügel.  Da  die  unsicheren  Feuerwaffen
  jener  Zeit  dem  Angreifer  erlaubten  mit  ungebrochener  Kraft  nahe
an  den  Vertheidiger  heranzugelangen,  so  hoffte  der  Imperator  durch
ungeheure  Massenschläge  den  zähen  Gegner  niederzuringen.  Seine
Kriegsweise  war  während  der  letzten  Jahre  immer  gewaltsamer  geworden;
heute  vollends,  in  der  fieberischen  Leidenschaft  des  verzweifelten  Spielers
zeigte  er  die  ganze  Wildheit  des  Jacobiners,  ballte  viele  Tausende  seiner
Reiter,  ganze  Divisionen  des  Fußvolks  zu  einer  einzigen  Masse  zusammen,
damit  sie  wie  die  Phalangen  Alexander's  mit  ihrem  Elephantentritt  Alles
zermalmten.  So  begann  die  Schlacht  —  ein  beständiges  Vordringen  und
Zurückfluthen  der  Angreifer  gleich  der  Brandung  am  steilen  Strande  —
bis  dann  das  Erscheinen  der  Preußen  in  Napoleon's  Rücken  und  rechter
Flanke  den  Schlachtplan  des  Imperators  völlig  umstieß.  Der  Kampf
verlief  wie  eine  planvoll  gebaute  Tragödie:  zu  Anfang  eine  einfache  Verwicklung,
  dann  gewaltige  Spannung  und  Steigerung,  zuletzt  das  Hereinbrechen
  des  Alles  zermalmenden  Schicksals;  unter  allen  Schlachten  der
modernen  Geschichte  zeigt  wohl  nur  die  von  Königgrätz  in  gleichem  Maße
den  Charakter  eines  vollendeten  Kunstwerks.  Der  letzte  Ausgang  hinterließ
  in  der  Welt  darum  den  Eindruck  einer  überzeugenden,  unabwendbaren
  Nothwendigkeit,  weil  ein  wunderbares  Geschick  jeder  der  drei  Nationen
  und  jedem  der  Feldherren  genau  die  Rolle  zugewiesen  hatte,
welche  der  eigensten  Kraft  ihres  Charakters  entsprach:  die  Briten  bewährten
in  der  Vertheidigung  ihre  kaltblütige,  eiserne  Ausdauer,  die  Franzosen
als  Angreifer  ihren  ritterlichen,  unbändigen  Muth,  die  Preußen  endlich
die  gleiche  stürmische  Verwegenheit  im  Angriff  und  dazu,  was  am  schwersten
wiegt,  die  Selbstverleugnung  des  begeisterten  Willens.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  48
        <pb n="764" />
        754  II.  2.  Belle  Alliance.

Napoleon  rechnete  mit  Sicherheit  auf  einen  raschen  Sieg,  da  er  die
Preußen  fern  im  Südosten  bei  Namur  wähnte.  Seine  Armee  zählte
über  72,000  Mann,  war  dem  Heere  Wellington's  namentlich  durch  ihre
starke  Cavallerie  und  die  Ueberzahl  der  Geschütze  —  240  gegen  150
Kanonen  —  überlegen.  Unter  solchen  Umständen  schien  es  unbedenklich
den  Angriff  auf  die  Mittagszeit  zu  verschieben,  bis  die  Sonne  den  durch—
weichten  Boden  etwas  abgetrocknet  hätte.  Um  den  Gegner  zu  schrecken
und  die  Zuversicht  des  eigenen  Heeres  zu  steigern,  veranstaltete  der
Imperator  im  Angesichte  der  Engländer  eine  große  Heerschau;  krank  wie
er  war,  von  tausend  Zweifeln  und  Sorgen  gepeinigt,  empfand  er  wohl
auch  selber  das  Bedürfniß  sich  das  Herz  zu  erheben  an  dem  Anblick
seiner  Getreuen.  So  oft  er  späterhin  auf  seiner  einsamen  Insel  dieser
Stunde  gedachte,  überkam  es  ihn  wie  eine  Verzückung,  und  er  rief:  „die
Erde  war  stolz  so  viel  Tapfere  zu  tragen!“  Und  so  standen  sie  denn
zum  letzten  male  in  Parade  vor  ihrem  Kriegsherrn,  die  Veteranen  von
den  Pyramiden,  von  Austerlitz  und  Borodino,  die  so  lange  der  Schrecken
der  Welt  gewesen  und  jetzt  aus  dem  Schiffbruch  der  alten  Herrlichkeit
nichts  gerettet  hatten  als  ihren  Soldatenstolz,  ihre  Rachgier  und  die
unzähmbare  Liebe  zu  ihrem  Helden.  Die  Trommler  schlugen  an;  die
Feldmusik  spielte  das  Partant  pour  la  Srie!  In  langen  Linien  die
Bärenmützen  der  Grenadiere,  die  Roßschweifhelme  der  Kürassiere,  die  betroddelten
  Czakos  der  Voltigeure,  die  flatternden  Fähnchen  der  Lanciers,
eines  der  prächtigsten  und  tapfersten  Heere,  welche  die  Geschichte  sah.  Die
ganze  prahlerische  Glorie  des  Kaiserreichs  erhob  sich  noch  einmal,  ein  überwältigendes
  Schauspiel  für  die  alten  Soldatenherzen;  noch  einmal  erschien
der  große  Kriegsfürst  in  seiner  finsteren  Majestät,  so  wie  der  Dichter  sein
Bild  kommenden  Geschlechtern  überliefert  hat,  mitten  im  Wetterleuchten  der
Waffen  zu  Fuß,  in  den  Wogen  reitender  Männer.  Die  brausenden  Hochrufe
  wollten  nicht  enden;  hatte  doch  der  Abgott  der  Soldaten  vorgestern  erst
auf's  Neue  seine  Unbesiegbarkeit  erwiesen.  Und  doch  kam  dieser  krampfhafte
  Jubel,  der  so  seltsam  abstach  von  der  gehaltenen  Stille  drüben  im
englischen  Lager,  aus  gepreßten  Herzen:  das  Bewußtsein  der  Schuld,  die
Ahnung  eines  finsteren  Schicksals  lag  über  den  tapferen  Gemüthern.  Zehn
Stunden  noch,  und  die  verwegene  Hoffnung  des  deutschen  Schlachtendenkers
  war  erfüllt,  und  dies  herrliche  Heer  mit  seinem  Trotze,  seinem
Stolze,  seiner  wilden  Männerkraft  war  vernichtet  bis  auf  die  letzte
Schwadron.

Um  ½12  Uhr  begann  Napoleon  die  Schlacht,  ließ  seinen  linken
Flügel  gegen  das  Schloß  Goumont  vorgehen,  während  er  zugleich  auf  seiner
Rechten  die  Anstalten  für  den  entscheidenden  Stoß  traf.  Vier  Divisionen
Fußvolk  schaarten  sich  dort  zu  einer  riesigen  Heersäule  zusammen;  eine  bei
Belle  Alliance  aufgestellte  große  Batterie  bereitete  durch  anhaltendes  Geschützfeuer
  den  Angriff  vor.  Gegen  ½2  Uhr  führte  General  Erlon
        <pb n="765" />
        Beginn  der  Schlacht.  755

die  gewaltige  Infanteriemasse  wider  den  linken  Flügel  der  Briten  heran.
Aber  noch  bevor  diese  Bewegung  begann  wurde  der  Imperator  bereits
durch  eine  unheimliche  Nachricht  in  der  kalten  Sicherheit  seiner  Berech—
nungen  gestört.  Er  erfuhr  um  1  Uhr  durch  einen  aufgefangenen  Brief,
daß  General  Bülow  auf  dem  Marsche  sei  gegen  die  rechte  Flanke  der
Franzosen;  und  während  er  auf  der  Höhe  bei  Rossomme,  im  Rücken
des  Centrums,  an  seinem  Kartentische  stand,  glaubte  er  auch  schon  fern
im  Osten  bei  dem  hochgelegenen  Dorfe  Chapelle  St.  Lambert  dunkle  Trup—
penmassen  zu  bemerken,  die  alsbald  zwischen  den  Wellen  des  Bodens  wieder
verschwanden.  Ein  sofort  ausgesendeter  Adjutant  bestätigte  die  Vermu—
thung.  Gewaltsam  suchte  sich  der  Kaiser  zu  beruhigen  und  schickte  vorläufig
zwei  Cavalleriedivisionen  ostwärts  über  den  rechten  Flügel  der  Schlacht—
stellung  hinaus.  Es  war  ja  doch  sicher  nur  das  eine  Corps  Bülow's,
vielleicht  nur  ein  Theil  davon,  und  ehe  die  Preußen  in  die  Schlacht  ein—
greifen  konnten,  mußte  Wellington  geschlagen  sein.  Seinen  Offizieren
aber  sagte  Napoleon  mit  zuversichtlicher  Miene,  Marschall  Grouchy  ziehe
zur  Unterstützung  der  rechten  Flanke  herbei:  die  Armee  durfte  von  der
Gefahr  nichts  ahnen.  Währenddem  war  Erlon  mit  seinen  vier  Schlachthaufen
  vorgerückt;  schon  während  des  Anmarsches  erlitt  er  schwere  Verluste,
  ganze  Reihen  in  den  tiefen  Colonnen  wurden  von  den  englischen
Kanonenkugeln  niedergerissen.  Es  gelang  zuerst  eine  niederländische  Brigade
  in  die  Flucht  zu  schlagen;  nur  ein  Theil  der  Truppen  des  jungen
Königreichs  bewährte  sich;  der  alte  Blücher  hatte  ganz  recht  gesehen,  als
er  meinte,  diese  Belgier  schienen  „keine  reißenden  Thiere“  zu  sein.  Dann
aber  brach  das  englische  und  hannoversche  Fußvolk  hinter  den  schützenden
Hecken  hervor,  umfaßte  mit  seinen  langen  Linien  die  unbehilflichen  Klumpen
  der  Franzosen.  Nach  einem  mörderischen  Gefechte,  bei  dem  der  tapfere
Picton  den  Tod  fand,  mußten  die  Angreifer  zurückgehen.  Ponsonby's  schottische
  Reiter  setzten  nach,  sprengten  die  Weichenden  auseinander,  drangen
in  unaufhaltsamem  Laufe  bis  in  die  große  Batterie  der  Franzosen;  hier
erst  wurden  sie  durch  französische  Cavallerie  zur  Umkehr  genöthigt.

Der  große  Schlag  war  mißlungen.  Und  jetzt  ließ  sich  schon  nicht
mehr  verkennen,  daß  jedenfalls  ein  beträchtlicher  Theil  der  preußischen
Armee  im  Anmarsch  war,  und  zwar  in  der  Richtung  auf  das  Dorf
Plancenoit,  das  im  Rücken  des  rechten  Flügels  der  Franzosen  lag.  Noch
stand  es  dem  Imperator  frei  die  Schlacht  abzubrechen,  aber  wie  hätte
der  Stolze  einen  so  kleinmüthigen  Entschluß  fassen  können?  Er  sendete
das  Corps  Lobau's  über  Plancenoit  hinaus,  so  daß  seine  Schlachtstellung
statt  einer  einfachen  Linie  nunmehr  einen  auf  der  Rechten  rückwärts  gebogenen
  Haken  bildete.  Die  Preußen  verdarben  ihm  die  ganze  Anlage
der  Schlacht  noch  bevor  von  ihrer  Seite  ein  Schuß  gefallen  war.  Den
gegen  die  Engländer  fechtenden  Heertheilen  wurde  die  auf  der  Rechten
drohende  Bedrängniß  sorgsam  verborgen  gehalten.  Darum  ließ  Napoleon

48“
        <pb n="766" />
        756  II.  2.  Belle  Alliance.

die  Truppen  Lobau's  nicht  weiter  nach  Osten  vorgehen,  wo  sie  das  Corps
Bülow's  am  Rande  des  breiten  Lasnethals  leicht  aufhalten  konnten,  son—
dern  hielt  sie  nahe  bei  Plancenoit  zurück:  der  Zusammenstoß  mit  den
Preußen  sollte  so  lange  als  möglich  hinausgeschoben  werden,  damit  die
Armee  nicht  durch  den  Kanonendonner  auf  der  Rechten  in  ihrer  Sieges—
zuversicht  beirrt  würde.  Aus  Furcht  vor  dem  Angriff  der  Preußen  wagte
der  Imperator  auch  nicht  mehr,  die  24  Bataillone  seiner  Garde,  die  noch
unberührt  in  Reserve  standen,  gegen  die  Engländer  vorzuschicken,  sondern
beschloß  mit  seiner  gesammten  Cavallerie  das  Centrum  Wellington's  zu
durchbrechen:  ein  aussichtsloses  Beginnen,  da  die  Hauptmasse  des  Fuß—
volks  der  Verbündeten  noch  unerschüttert  war.

Blücher  war  am  Morgen  von  Wavre  aufgebrochen.  Die  alten  Glieder
wollten  sich  noch  gar  nicht  erholen  von  dem  bösen  Sturze  vorgestern,  doch
wer  durfte  dem  Helden  heute  von  Ruhe  und  Schonung  sprechen?  „Lieber,“
rief  er  aus,  „will  ich  mich  auf  dem  Pferde  fest  binden  lassen,  als  diese
Schlacht  versäumen!“  Wohlgemuth  ritt  er  inmitten  der  Regimenter,  die
sich  mit  unsäglicher  Anstrengung  durch  den  tiefen  Schlamm  hindurcharbeiteten;
  ein  Brand  in  Wavre  hatte  den  Marsch  erheblich  verzögert.
Die  Soldaten  frohlockten  wo  der  Feldherr  sich  zeigte,  traten  mit  lautem
Zuruf  an  ihn  heran,  streichelten  ihm  die  Knie;  er  hatte  für  Jeden  ein
ermunterndes  Wort:  „Kinder,  ich  habe  meinem  Bruder  Wellington  versprochen,
  daß  wir  kommen.  Ihr  wollt  mich  doch  nicht  wortbrüchig  werden
lassen?“  Thielmann  blieb  mit  dem  dritten  Armeecorps  bei  Wavre  zurück
um  den  Rücken  des  Heeres  gegen  einen  Angriff  Grouchy's  zu  decken,  der
in  der  That  am  Nachmittage  auf  Wavre  heranzog.  Die  übrigen  drei
Corps  nahmen  den  Marsch  auf  Chapelle  St.  Lambert;  um  10  Uhr  waren
die  Spitzen,  um  1  Uhr  die  Hauptmasse  der  Armee  dort  auf  den  Höhen
angelangt.  Nun  theilte  sich  das  Heer.  Zieten  mit  dem  ersten  Corps  marschirte
  gradaus,  in  der  Richtung  auf  Ohain  und  weiter  gegen  den  rechten
Flügel  der  Franzosen.  Bülow  mit  dem  vierten  Corps  und  dahinter  das
zweite  Corps  unter  Pirch  wendeten  sich  nach  links,  südwestwärts,  gegen  den
Rücken  der  französischen  Aufstellung.  Das  schwierige  Desilé  des  Lasnethals
  war  zum  Glücke  vom  Feinde  nicht  besetzt,  der  Bach  ward  überschritten,
und  gegen  4  Uhr  ließ  Bülow  seine  Truppen  wohl  verdeckt  in  und  hinter
dem  Walde  von  Frichemont  antreten:  erst  wenn  eine  genügende  Macht  zur
Stelle  war,  sollte  der  überraschende  Vorstoß  erfolgen.  In  tiefem  Schweigen
rückten  die  Regimenter  in  ihre  Stellungen  ein;  die  Generale  hielten  am
Rande  des  Waldes  und  verfolgten  mit  gespannten  Blicken  den  Gang  der
Schlacht.  Als  einer  der  Offiziere  meinte,  der  Feind  werde  nun  wohl  von
den  Engländern  ablassen  und  um  sich  den  Rückzug  zu  sichern  seine  Hauptmacht
  gegen  die  Preußen  werfen,  da  erwiderte  Gneisenau:  „Sie  kennen
Napoleon  schlecht.  Er  wird  gerade  jetzt  um  jeden  Preis  die  englische  Schlachtlinie
  zu  zersprengen  suchen  und  gegen  uns  nur  das  Nothwendige  verwenden.“
        <pb n="767" />
        Anmarsch  der  Preußen.  757

Und  so  geschah  es.  Noch  ehe  die  Preußen  bei  dem  Walde  von  Friche—
mont  anlangten,  zwischen  3  und  4  Uhr  hatte  der  zweite  große  Angriff
der  Franzosen  begonnen.  Ney  sprengte  mit  vierzehn  Regimentern  schwerer
Reiterei  auf  der  Westseite  der  Landstraße  gegen  die  Vierecke  der  englischen
Garde  und  der  Division  Alten  im  Centrum  heran.  Lange  wogte  der
Kampf  unentschieden  hin  und  her,  aber  das  Fußvolk  hielt  unerschütterlich
aus.  Endlich  zurückgeworfen  zog  Ney  auch  die  Cavallerie  Kellermann's
an  sich,  so  daß  er  jetzt  26  Reiterregimenter  zu  erneutem  Angriff  heran—
führte,  die  größte  Reitermasse,  welche  dies  kriegerische  Zeitalter  jemals  an
einer  Stelle  thätig  gesehen  hatte.  Der  Boden  dröhnte  von  dem  Hufschlag
von  10,000  Pferden,  ein  Wald  von  Säbeln  und  Lanzen  bedeckte  die  Thalmulde,
  stundenlang  schwankte  das  Gefecht,  zehn-,  zwölfmal  ward  die  Attake
gegen  einzelne  Bataillone  erneuert.  Nochmals  behielt  die  Standhaftigkeit
  des  englischen  und  deutschen  Fußvolks  die  Oberhand.  Auch  dieser
Angriff  scheiterte,  die  Schwadronen  begannen  zu  weichen,  ein  kühnes  Vorgehen
  der  englischen  und  hannoverschen  Reservereiterei  brachte  sie  vollends
in  Verwirrung;  aber  auch  die  Sieger  fühlten  sich  tief  erschöpft.

Auf  den  anderen  Theilen  des  Schlachtfeldes  gestaltete  sich  unterdessen
  der  Gang  der  Ereignisse  weit  günstiger  für  Napoleon.  Die  Division
  Quiot,  die  schon  an  dem  großen  Angriffe  Erlon's  theilgenommen,
ging  von  Neuem  auf  der  Landstraße  vor  und  bestürmte  die  Meierei  von
La  Haye  Sainte.  Dort  stand  Major  Baring  mit  einem  Bataillon  von
der  leichten  Infanterie  der  Deutschen  Legion  und  einigen  Nassauern.  Die
grünen  Jäger  hatten  schon  um  Mittag  die  Schlachthaufen  Erlon's  abgeschlagen;
  die  treuen  Männer  hingen  mit  ganzem  Herzen  an  ihren  Offizieren,
  alle  bis  zum  letzten  Gemeinen  zeigten  sich  entschlossen  von  diesem
Ehrenposten  nimmermehr  zu  weichen.  Und  welche  Aufgabe  jetzt!  Schon
brannten  die  Dächer  des  Gehöftes,  die  Einen  mußten  löschen,  die  Anderen
führten  aus  den  Fenstern,  hinter  den  Hecken  und  Mauern  des  Gartens
das  Feuergefecht  gegen  die  furchtbare  Uebermacht  draußen.  Pulver  und
Blei  gingen  aus;  vergeblich  sandte  Baring  wiederholt  seine  Boten  rückwärts
  nach  Mont  St.  Jean  mit  der  dringenden  Bitte  um  Munition.
Erst  als  fast  die  letzte  Patrone  verschossen  war,  räumte  die  tapfere  kleine
Schaar  den  Platz.  Wie  Rasende  drangen  die  Franzosen  hinter  den  Abziehenden
  in  das  Gehöft  ein,  durchsuchten  brüllend  alle  Stuben  und
Scheunen:  „kein  Pardon  diesen  grünen  Brigands!“  —  denn  wie  viele
ihrer  Kameraden  waren  heute  Mittag  und  jetzt  wieder  den  sicheren  Kugeln
der  deutschen  Jäger  erlegen!  Das  Vorwerk  des  englischen  Centrums  war
genommen,  und  bald  ergoß  sich  der  Strom  der  Angreifer  weiter  bis  nach
Mont  St.  Jean.  Die  Mitte  der  Schlachtlinie  Wellington's  war  durchbrochen.
  Da  führte  der  Herzog  selber  die  hannoversche  Brigade  Kielmannsegge
  herbei  und  ihr  gelang  die  Lücke  im  Centrum  vorläufig  zur
Noth  wieder  auszufüllen.  Aber  auch  nur  vorläufig;  denn  die  Reserven
        <pb n="768" />
        758  II.  2.  Belle  Alliance.

waren  schon  herangezogen  bis  auf  den  letzten  Mann,  und  La  Haye  Sainte,
die  beherrschende  Position  dicht  vor  dem  Centrum,  blieb  in  den  Händen
des  Feindes.  Mittlerweile  konnte  auch  der  tapfere  Bernhard  von  Weimar
auf  dem  linken  Flügel  die  Vorwerke  La  Haye  und  Papelotte  gegen  die
Division  Durutte  nicht  mehr  behaupten.  Er  begann  zu  weichen.  Welling—
ton's  Besorgniß  stieg.  Schon  seit  mehreren  Stunden  hatte  er  wiederholt
Adjutanten  an  Blücher  gesendet  mit  der  dringenden  Bitte  um  Hilfe.  Kalt
und  streng  stand  er  unter  seinen  Offizieren,  die  Uhr  in  der  Hand,  und
sagte:  „Blücher  oder  die  Nacht!“  Wenn  Napoleon  jetzt  im  Stande  war
seine  Garde  gegen  Mont  St.  Jean  oder  gegen  den  erschütterten  linken
Flügel  der  Engländer  zu  verwenden,  so  konnte  ihm  der  Sieg  nicht  fehlen.

In  diesem  verhängnißvollen  Zeitpunkte  begann  der  Angriff  der  Preu—
ßen.  Bereits  klang  fern  vom  Osten  her,  beiden  Theilen  vernehmlich,  Ka—
nonendonner  nach  dem  Schlachtfelde  hinüber  —  die  erste  Kunde  von  dem
Gefechte,  das  sich  bei  Wavre,  im  Rücken  der  Blücher'schen  Armee,  zwischen
Thielmann  und  Grouchy  entspann.  Um  die  nämliche  Zeit  fiel  vor  dem
Walde  bei  Frichemont  der  erste  Schuß.  Es  war  ½5  Uhr  Nachmittags;
gerade  fünf  Stunden  lang  hatte  die  Armee  Wellington's  den  Kampf  allein
aushalten  müssen.  Bülow's  Batterien  fuhren  staffelförmig  auf  den  Höhen
vor  dem  Walde  auf.  Ein  einzig  schönes  Schauspiel,  wie  dann  die  Brigaden
  des  vierten  Corps  mit  Trommelklang  und  fliegenden  Fahnen  nach
einander  aus  dem  Gehölz  heraustraten  und  zwischen  den  Batterien  hindurch
  sich  in  die  Ebene  gegen  Plancenoit  hinabsenkten.  Gneisenau  fühlte
sich  in  seinem  ewig  jungen  Herzen  wie  bezaubert  von  der  wilden  Poesie
des  Krieges  und  unterließ  selbst  in  seinem  amtlichen  Schlachtberichte  nicht
zu  schildern,  wie  herrlich  dieser  Anblick  gewesen  sei.

Der  Held  von  Dennewitz  that  sein  Bestes  um  die  Fehler  vom  15.
und  16.  Juni  zu  fühnen,  leitete  den  Angriff  mit  besonnener  Kühnheit
wie  in  den  großen  Zeiten  der  Nordarmee.  Gleich  im  Beginne  des  Gefechts
  fiel  der  allbeliebte  Oberst  Schwerin,  derselbe,  der  vor  einem  Jahre
der  Hauptstadt  die  Siegesbotschaft  gebracht  hatte.  Das  Corps  Lobau's
ward  zurückgedrängt,  unaufhaltsam  drangen  die  Preußen  vorwärts  auf
Plancenoit.  Etwas  später,  um  6  Uhr  hatte  General  Zieten  mit  der  Spitze
des  ersten  Corps  Ohain  erreicht  und  ging  dann,  sobald  er  von  der  Bedrängniß
  des  englischen  linken  Flügels  unterrichtet  war,  rasch  auf  die
Vorwerke  La  Haye  und  Papelotte  vor,  wo  die  Division  Durutte  sich  soeben
eingenistet  hatte.  Prinz  Bernhard  von  Weimar  rettete  die  Trümmer  seiner
Truppen,  als  die  preußische  Hilfe  herankam,  rückwärts  in  den  schützenden
Wald  von  Soignes;  seine  tapferen  Nassauer  waren  durch  das  lange,
ungleiche  Gefecht  völlig  kampfunfähig  geworden.  Die  Brigade  Steinmetz
warf  nun  die  Franzosen  aus  den  beiden  Vorwerken  wieder  hinaus,  die
brandenburgischen  Dragoner  hieben  auf  die  Zurückweichenden  ein,  die
Batterien  des  ersten  Corps  bestrichen  weithin  den  rechten  Flügel  des  Feindes,
        <pb n="769" />
        Bülow  bei  Frichemont.  759

und  bis  in  das  französische  Centrum  hinein  verbreitete  sich  schon  die
Schreckenskunde,  dort  auf  der  Rechten  sei  Alles  verspielt.

Gegen  7  Uhr  war  die  Schlacht  für  Napoleon  unzweifelhaft  verloren.
  Sein  linker  Flügel  hatte  wieder  und  wieder  vergeblich  das  Schloß
Goumont  berannt,  im  Centrum  war  der  große  Reiterangriff  gescheitert,
auf  der  Rechten  und  im  Rücken  drängten  die  Preußen  von  zwei  Seiten
her  näher  und  näher;  den  einzigen  Gewinn  der  letzten  Kämpfe,  die
Meierei  von  La  Haye  Sainte  auf  die  Dauer  zu  behaupten  war  nicht
mehr  möglich.  Durch  einen  rechtzeitigen  Rückzug  konnte  noch  mindestens
die  Hälfte  des  Heeres  gerettet  werden.  Es  ergab  sich  aber  nothwendig
aus  dem  Charakter  des  Imperators  und  aus  seiner  verzweifelten  politischen
  Lage,  daß  er  diesen  Ausweg  verschmähte  und  noch  einen  dritten
allgemeinen  Angriff  versuchte  —  diesmal  nach  zwei  Seiten  zugleich.  Er
ließ  um  sieben  Uhr  die  24  Bataillone  seiner  Garde  heranrufen,  behielt
nur  zwei  als  letzte  Reserve  zur  Hand,  sendete  zwölf  nach  Plancenoit
gegen  Bülow.  Die  übrigen  zehn  sollte  Ney  zu  einem  neuen  Angriff
gegen  das  englische  Centrum  führen,  abermals  westlich  der  Landstraße,
möglichst  entfernt  von  den  Schaaren  Zieten's.  Mit  stürmischem  Hochruf
eilten  die  Bataillone  bei  Belle  Alliance  an  dem  Imperator  vorüber:  es
war  ja  ihr  Handwerk  den  Sieg  zu  entscheiden.  Sie  tauchen  dann  in
die  unheimliche  Bodenmulde  hinab,  wo  dichte  Haufen  von  Leichen  und
Pferden  den  Todesweg  der  französischen  Reiter  bezeichnen,  stürmen  unter
Trommelschlag,  unbekümmert  um  die  Geschosse  der  englischen  Batterien,
über  die  Felder,  ersteigen  den  Abhang  dicht  vor  der  Front  der  britischen
Garde.  Droben  liegen  indessen  Maitland's  Grenadiere  im  Grase  verborgen.
  Als  die  ersten  Bärenmützen  auf  der  Höhe  erscheinen,  schallt  weithin
  Wellington's  durchdringender  Ruf:  „auf,  Garden!  fertig!“  —  und
mit  einemmale  steigt  dicht  vor  den  Augen  der  entsetzten  Franzosen  eine
rothe  Mauer  auf,  die  lange  Linie  der  englischen  Garde,  eine  furchtbare
Salve  kracht  auf  wenige  Schritte  Entfernung  in  die  Reihen  der  Angreifer
hinein.  Ein  kurzes  wüthendes  Handgemenge,  dann  werden  die  Blauen
von  den  Rothen  mit  dem  Bajonett  den  Abhang  hinuntergeschleudert.
Ney's  Pferd  bricht  von  einer  Kugel  getroffen  unter  dem  Reiter  zusammen,
und  wie  sie  den  Führer  fallen  sehen  wenden  sich  die  Garden  zur  Flucht.
Der  aber  macht  sich  von  seinem  Thiere  los,  springt  auf,  versucht  mit
zornigen  Rufen  die  Weichenden  zu  halten.  Umsonst;  denn  mittlerweile
sind  die  übrigen  Bataillone  weiter  links  zwischen  zwei  Feuer  gerathen
und  gehen  ebenfalls  zurück.  Die  Kaisergarde  stiebt  auseinander;  ihr  unglücklicher
  Führer  irrt  baarhaupt,  mit  zerbrochenem  Degen  auf  dem
Schlachtfelde  umher  und  sucht  vergeblich  die  Kugel,  die  ihn  von  seiner
Gewissensangst  und  seinen  finsteren  Ahnungen  erlösen  soll.

Indem  hatte  Blücher  schon  den  Schlag  geführt,  der  die  Vernichtung
des  napoleonischen  Heeres  entschied.  Die  Truppen  Bülow's  gingen  in
        <pb n="770" />
        760  II.  2.  Belle  Alliance.

drei  Colonnen  im  Sturmschritt  auf  Plancenoit  vor.  In  und  neben  dem
Dorfe  hielten  jene  zwölf  frischen  Bataillone  der  Kaisergarde;  und  sie
fochten  mit  dem  höchsten  Muthe,  denn  Alle  fühlten,  daß  hier  die  Ent—
scheidung  des  ganzen  Krieges  lag.  Die  anstürmenden  Preußen  sahen  sich
im  freien  Felde  den  Kugeln  der  Vertheidiger,  die  in  den  Häusern  und
hinter  den  hohen  Mauern  des  Kirchhofs  verdeckt  standen,  schutzlos  preis—
gegeben.  Dieser  letzte  Kampf  ward  fast  der  blutigste  dieses  wilden  Zeit—
alters;  das  Corps  Bülow's  verlor  in  viertehalb  Stunden  6353  Mann,
mehr  als  ein  Fünftel  seines  Bestandes,  nach  Verhältniß  ebenso  viel  wie
die  englische  Armee  während  des  ganzen  Schlachttages.  Der  erste  und
der  zweite  Sturm  ward  abgeschlagen;  da  führte  Gneisenau  selbst  die  schle—
sischen  und  pommerschen  Regimenter  zum  dritten  male  vorwärts,  und  jetzt
gegen  8  Uhr  drangen  sie  ein.  Noch  ein  letzter  wüthender  Widerstand  in
der  Dorfgasse,  dann  entwich  die  Garde  in  wilder  Flucht;  ihr  nach  Major
Keller  mit  den  Füsilieren  des  15.  Regiments,  dann  die  anderen  Bataillone.
Auf  der  ganzen  Linie  erklang  in  langgezogenen  Tönen  das  schöne  Signal
der  preußischen  Flügelhörner:  Avanciren!  Zu  gleicher  Zeit  ward  weiter
nördlich  das  Corps  Lobau's  von  Bülow's  Truppen  in  der  Front,  von
Zieten's  Reitern  in  der  Flanke  gepackt  und  völlig  zersprengt.  Die  beiden
Heertheile  der  Preußen  vereinigten  sich  hier;  der  furchtbare  Ring,  der  den
rechten  Flügel  der  Franzosen  auf  drei  Seiten  umklammern  sollte,  war
geschlossen.  Von  Norden  drängten  die  Engländer,  von  Osten  und  Süden
die  Preußen  heran.  Den  Truppen  Zieten's  wies  Grolman  die  Richtung
nach  der  Höhe  hinter  dem  Centrum  der  Franzosen,  nach  dem  Pachthof
La  Belle  Alliance,  der  mit  seinen  weißen  Mauern  weithin  erkennbar  wie
ein  Leuchtthurm  über  dem  tiefen  Gelände  emporragte.  Dorthin  nahmen
auch  die  Sieger  von  Plancenoit  ihren  Weg.

Ueber  40,000  Preußen  hatten  noch  am  Gefechte  theilgenommen,  und
jetzt  da  die  Arbeit  fast  gethan  war  kam  auch  das  Armeecorps  Pirch's  von
den  Höhen  hinter  Plancenoit  herab.  Napoleon  war  während  dieser  letzten
Stunde  nach  La  Haye  Sainte  vorgeeilt  um  die  Division  Quiot  noch
einmal  zum  Angriff  auf  Mont  St.  Jean  vorzutreiben.  Sobald  er  zu
seiner  Linken  die  Niederlage  Ney's  und  gleichzeitig  den  Zusammenbruch
des  gesammten  rechten  Flügels  bemerkte,  sagte  er  wie  vernichtet:  „es  ist
zu  Ende,  retten  wir  uns!“  Er  eilte  an  der  Landstraße  zurück,  nicht  ohne
schwere  Gefahr,  denn  schon  ward  die  Straße  zugleich  von  den  Engländern
und  von  Zieten's  Batterien  mit  einem  heftigen  Kreuzfeuer  bestrichen.

Schweigsam,  unbeweglich,  mit  wunderbarer  Selbstbeherrschung  sah
Wellington  auf  die  ungeheure  Verwirrung.  Sein  Heer  war  nicht  nur
völlig  ermattet,  sondern  auch  in  seiner  taktischen  Gliederung  ganz  gebrochen;
der  lange  Kampf  hatte  alle  Truppentheile  wirr  durcheinander  geschüttelt,
aus  den  Trümmern  der  beiden  prächtigen  Reiterbrigaden  Ponsonby  und
Somerset  stellte  man  soeben  zwei  Schwadronen  zusammen.  Keine  Mög—
        <pb n="771" />
        Die  Entscheidung  bei  Plancenoit.  761

lichkeit,  mit  solchen  Truppen  noch  ein  entscheidendes  Gefecht  zu  bestehen.
Der  Herzog  wußte  wohl,  daß  allein  das  Erscheinen  der  Preußen  ihn  vor
einer  unzweifelhaften  Niederlage  bewahrt  hatte;  seine  wiederholten  dringen—
den  Bitten  an  Blücher  lassen  darüber  keinen  Zweifel.  Doch  er  war  dem
militärischen  Ehrgefühle  seiner  Tapferen  eine  letzte  Genugthuung  schuldig;
auch  sah  er  mit  staatsmännischer  Feinheit  voraus,  wie  viel  gewichtiger
Englands  Wort  bei  den  Friedensverhandlungen  in  die  Wagschale  fallen
mußte,  wenn  man  sich  so  anstellte,  als  hätten  die  britischen  Waffen  die
Schlacht  im  Wesentlichen  allein  entschieden.  Darum  ließ  er,  sobald  er
den  rechten  Flügel  der  Franzosen  dem  preußischen  Angriffe  erliegen  sah,
alle  irgend  verwendbaren  Trümmer  seines  Heeres  noch  eine  Strecke  weit
vorrücken.  Auf  diesem  letzten  Vormarsch  trieb  der  hannoversche  Oberst
Halkett  die  beiden  einzigen  Vierecke  der  Kaisergarde,  die  noch  zusammenhielten,
  vor  sich  her  und  nahm  ihren  General  Cambronne  mit  eigenen
Händen  gefangen.  Aber  die  Kraft  der  Ermüdeten  versagte  bald,  sie  gelangten
  nur  wenig  über  Belle  Alliance  hinaus.  Wellington  überließ,
nachdem  er  den  Schein  gerettet,  die  weitere  Verfolgung  ausschließlich  den
Preußen,  die  ohnehin  dem  Feinde  am  nächsten  waren.

Die  Geschlagenen  ergriff  ein  wahnsinniger  Schrecken.  Kein  Befehl
fand  mehr  Gehör,  Jeder  dachte  nur  noch  an  sein  armes  Leben.  Fußvolk
und  Reiter  wirr  durcheinander,  flohen  die  aufgelösten  Massen  auf  und
neben  der  Landstraße  südwärts;  die  Troßknechte  zerhieben  die  Stränge
und  sprengten  hinweg,  so  daß  die  210  Kanonen  allesammt  bis  auf  etwa  27
in  die  Hände  der  Sieger  fielen.  Selbst  der  Ruf  L'Empereur!  der  sonst
augenblicklich  jeden  Weg  dem  kaiserlichen  Wagen  geöffnet  hatte,  verlor
heute  seinen  Zauber;  der  kranke  Napoleon  mußte  zu  Pferde  davonjagen,
obgleich  er  sich  kaum  im  Sattel  halten  konnte.  Nur  um  die  Fahnen
schaarten  sich  immer  noch  einige  Getreue;  ihrer  vier  waren  in  der  Schlacht
verloren  gegangen,  die  übrigen  wurden  allesammt  gerettet.  Niemals  in
aller  Geschichte  war  ein  tapferes  Heer  so  plötzlich  aus  allen  Fugen  gewichen.
  Nach  der  übermenschlichen  Anstrengung  des  Tages  brach  alle
Kraft  des  Leibes  und  des  Willens  mit  einem  Schlage  zusammen;  das
Dunkel  der  Nacht,  die  Uebermacht  der  Sieger,  der  umfassende  Angriff
und  die  rastlose  Verfolgung  steigerten  die  Verwirrung.  Entscheidend  blieb
doch,  daß  diesem  Heere  bei  all  seinem  stürmischen  Muthe  die  sittliche  Größe
fehlte.  Was  hielt  diese  Meuterer  zusammen?  Allein  der  Glaube  an
ihren  Helden.  Nun  dessen  Glücksstern  verbleichte,  waren  sic  nichts  mehr
als  eine  zuchtlose  Bande.

Die  Sonne  war  schon  hinter  dicken  Wolken  versunken,  als  die  beiden
Feldherren  eine  Strecke  südlich  von  dem  Hofe  von  Belle  Alliance  mit  einander
  zusammen  trafen;  sie  umarmten  sich  herzlich,  der  bedachtsame  Vierziger
  und  der  feurige  Greis.  Nahebei  hielt  Gneisenau.  Endlich  doch  ein
ganzer  und  voller  Sieg,  wie  er  ihn  so  oft  vergeblich  von  Schwarzenberg
        <pb n="772" />
        762  II.  2.  Belle  Alliance.

gefordert;  endlich  doch  eine  reine  Vergeltung  für  allen  Haß  und  alle
Schmach  jener  entsetzlichen  sieben  Jahre!  Es  sang  und  klang  in  seiner
Seele;  er  dachte  an  das  herrlichste  der  fridericianischen  Schlachtfelder,
das  er  einst  von  seiner  schlesischen  Garnison  aus  so  oft  durchritten  hatte.
„Ist  es  nicht  gerade  wie  bei  Leuthen?“  —  sagte  er  zu  Bardeleben  und
sah  ihn  mit  strahlenden  Augen  an.  Und  wirklich,  wie  einst  bei  Leuthen
bliesen  jetzt  die  Trompeter  das  Nun  danket  Alle  Gott!  und  die  Soldaten
stimmten  mit  ein.  Aber  Gneisenau  dachte  auch  an  die  Schreckensnacht
nach  der  Schlacht  bei  Jena,  an  jene  Stunden  beim  Webichtholze,  da  er
die  Todesangst  eines  geschlagenen  Heeres,  die  dämonische  Wirkung  einer
nächtlichen  Verfolgung  mit  angesehen.  Noch  gründlicher  als  einst  an  der
Katzbach,  sollte  heute  der  Sieg  ausgebeutet  werden.  „Wir  haben“,  rief
er  aus,  „gezeigt  wie  man  siegt,  jetzt  wollen  wir  zeigen  wie  man  verfolgt."“
Er  befahl  Bardeleben  mit  einer  Batterie  den  Fliehenden  auf  den  Hacken
zu  bleiben,  immer  auf's  Gerathewohl  in  das  Dunkel  der  Nacht  hineinzuschießen,
  damit  der  Feind  nirgends  Ruhe  fände.  Er  selber  nahm  was
von  Truppen  zur  Hand  war  mit  sich,  brandenburgische  Ulanen  und
Dragoner,  Infanterie  vom  15.  und  25.  und  vom  1.  pommerschen  Regimente;
Prinz  Wilhelm  der  Aeltere,  der  die  Reservereiterei  des  Bülow'schen  Corps
geführt,  schloß  sich  ihm  an.

So  brauste  die  wilde  Jagd  auf  der  Landstraße  dahin;  nirgends  hielten
die  Flüchtigen  Stand.  Erst  bei  Genappe,  wo  die  Straße  auf  einer  engen
Brücke  das  Thal  der  Dyle  überschreitet,  versuchten  die  Trümmer  der
kaiserlichen  Garde  den  Ulanen  zu  widerstehen;  doch  kaum  erklang,  gegen
11  Uhr,  der  Sturmmarsch  des  preußischen  Fußvolks,  so  brachen  sie  auseinander.
  General  Lobau  und  mehr  als  2000  Mann  geriethen  hier  in
Gefangenschaft;  auch  der  Wagen  Napoleon's  mit  seinem  Hut  und  Degen
ward  erbeutet.  Welche  Ueberraschung  als  man  die  Sitzkissen  aufhob;
der  große  Abenteurer  hatte  sich  die  Mittel  sichern  wollen  für  den  Fall
der  Flucht,  den  Wagen  über  und  über  mit  Gold  und  Edelsteinen  angefüllt.
  Die  armen  pommerschen  Bauernburschen  standen  vor  dem  Glanze
fast  ebenso  rathlos  wie  einst  die  Schweizer  bei  Granson  vor  dem  Juwelenschatze
  des  Burgunderherzogs;  Mancher  verkaufte  einen  kostbaren  Stein
für  wenige  Groschen.  Das  prächtige  Silbergeschirr  des  Imperators  behielten
  die  Offiziere  der  Fünfundzwanziger  und  schenkten  es  der  Lieblingstochter
  ihres  Königs  als  Tafelschmuck.

Gneisenau  aber  und  Prinz  Wilhelm  ritten  nach  kurzem  Verschnaufen
rastlos  weiter.  Drüben  jenseits  der  Dyle  glaubten  die  Franzosen  sicher  zu
sein  und  hatten  sich  zur  Beiwacht  gelagert.  Mindestens  siebenmal  wurden
sie  durch  die  nachsetzenden  Preußen  von  ihren  Feuern  aufgescheucht.  Als
sein  Fußvolk  nicht  mehr  weiter  konnte,  ließ  Gneisenau  einen  Trommler
auf  ein  Beutepferd  aufsitzen;  der  mußte  schlagen  was  das  Kalbfell  aushalten
  wollte,  und  weiter  ging  es  mit  den  Ulanen  und  etwa  fünfzig
        <pb n="773" />
        Die  Verfolgung.  763

Füsilieren,  die  noch  aushielten.  Wie  viele  Schaaren  der  Franzosen  sind
dann  noch  vor  dem  Klange  dieser  einzigen  Trommel  auseinandergelaufen!
Die  Straße  war  übersäet  mit  Waffen,  Tornistern  und  allerhand  Getrümmer,
wie  einst  der  Weg  von  Roßbach  nach  Erfurt.  Beim  Morgengrauen  ward
das  Schlachtfeld  von  Quatrebras  erreicht,  aber  erst  jenseits,  in  Frasnes,
nach  Sonnenaufgang  hielten  die  erschöpften  Verfolger  ein.  Sie  hatten  die
Zerrüttung  des  feindlichen  Heeres  so  bis  zur  völligen  Auflösung  gesteigert,
daß  sich  von  den  Kämpfern  von  Belle  Alliance  nur  10,000  Mann,  lauter
ungeordnete  Haufen,  nachher  in  Paris  wieder  zusammenfanden.

Mit  stolzen  Worten  dankte  Blücher  dem  unübertrefflichen  Heere,  das
ermöglicht  habe  was  alle  großen  Feldherren  bisher  für  unmöglich  gehalten
hätten:  „So  lange  es  Geschichte  giebt  wird  sie  Euer  gedenken.  Auf  Cuch,
ihr  unerschütterlichen  Säulen  der  preußischen  Monarchie,  ruht  mit  Sicherheit
  das  Glück  Eures  Königs  und  seines  Hauses.  Nie  wird  Preußen  untergehen,
  wenn  Eure  Söhne  und  Enkel  Euch  gleichen!“  An  Stein  schrieb
er  einfach:  „Ich  hoffe,  mein  verehrter  Freund,  Sie  sind  von  mich  zufrieden“
  und  sprach  die  Hoffnung  aus,  seine  alten  Tage  als  Stein's  Nachbar
„in  Ruhe  auf's  Land  zu  verleben“.  Er  befahl,  die  Schlacht  zu  neunen
nach  dem  sinnvollen  Namen  des  Hofes  La  Belle  Alliance,  wo  die  beiden
Sieger,  „durch  eine  anmuthige  Gunst  des  Zufalls"  zusammen  getroffen
waren  —  „zum  Andenken  des  zwischen  der  britischen  und  preußischen
Nation  jetzt  bestehenden,  von  der  Natur  schon  gebotenen  Bündnisses,  der
Vereinigung  der  beiden  Armeen  und  der  wechselseitigen  Zutraulichkeit  der
beiden  Feldherren.“  Wellington  ging  auf  den  schönen  Gedanken,  der  beiden
Völkern  die  verdiente  Ehre  gab,  nicht  ein.  Die  Schlacht  sollte  als  sein
Sieg  erscheinen,  darum  taufte  er  sie  auf  den  Namen  des  Dorfes  Waterloo,
wo  gar  nicht  gefochten  wurde;  denn  dort  hatte  er  am  17.  Juni  übernachtet
  und  von  Spanien  her  war  er  gewohnt  die  Stätten  seiner  Siege
mit  dem  Namen  seines  letzten  Hauptquartiers  zu  bezeichnen.  Während
Gneisenau's  Schlachtbericht  durchaus  ehrlich  und  bescheiden  den  wirklichen
Hergang,  so  weit  er  schon  bekannt  war,  erzählte,  stellte  der  Herzog  in  seinem
Berichte  die  Ereignisse  so  dar,  als  ob  sein  letzter  Scheinangriff  die  Schlacht
entschieden  und  die  Preußen  nur  eine  immerhin  dankenswerthe  Hilfe  geleistet
  hätten.  Zum  Glück  wurde  von  solchen  Zügen  englischer  Bundesfreundschaft
  vorderhand  noch  weng  ruchbar.  Das  Verhältniß  zwischen
den  Soldaten  der  beiden  Heere  blieb  durchaus  freundlich;  die  tapferen
Hochschotten,  die  auf  dem  Schlachtfelde  den  preußischen  Vierundzwanzigern
um  den  Hals  fielen  und  mit  ihnen  gemeinsam  das  Heil  Dir  im  Siegerkranzl
  sangen,  fragten  wenig,  wem  das  höhere  Verdienst  gebühre.

In  der  Heimath  hatte  die  Unglückspost  von  Ligny  große  Bestürzung
erregt;  man  sah  schon  ein  neues  Zeitalter  unendlicher  Kriege  emporsteigen.
Um  so  stürmischer  nun  die  Freude  über  die  Siegesbotschaft.  Wie  war
doch  plötzlich  das  Machtverhältniß  zwischen  den  beiden  Nachbarvölkern
        <pb n="774" />
        764  II.  2.  Belle  Alliance.

verschoben!  Schon  jenseits  der  Grenze  empfingen  die  Deutschen  den
Feind;  die  Hälfte  des  preußischen  Heeres  und  ein  Theil  der  norddeutschen
Contingente  genügten  um,  vereint  mit  etwa  60,000  Engländern  und  Nie—
derländern,  das  französische  Heer  auf's  Haupt  zu  schlagen;  unabweisbar
drängte  sich  der  Gedanke  auf,  daß  Preußen  allein,  selbst  ohne  Oesterreich,
bereits  stark  genug  war  die  bösen  Nachbarn  zu  bemeistern,  wenn  sich  nur
alle  deutschen  Staaten  ihm  anschlossen.  Gneisenau  sagte  befriedigt:  „Die
Franzosen  ahnen  nicht  bloß,  sie  wissen  jetzt,  daß  wir  ihnen  überlegen  sind.“
Im  Bewußtsein  solcher  Kraft  verlangte  die  Nation  wie  aus  einem  Munde
rücksichtslose  Ausbeutung  des  Sieges,  gänzliche  Befreiung  des  deutschen
Stromes.  Im  Namen  Aller  rief  Arndt  den  Siegern  zu:

Nun  nach  Frankreich,  nun  nach  Frankreich!
Holt  gestohlnes  Gut  zurück!

Unfre  Vesten,  unsre  Grenzen,

Unsern  Theil  an  Siegeskränzen,

Ehr'  und  Frieden  holt  zurück!

In  gleichem  Sinne  rief  ein  anderer  Poet:

Reißt  Vauban's  Stachelgurt  von  Frankreichs  Grenze,
Legt  ihn  der  Euren  an!

Die  Unvollkommenheit  alles  menschlichen  Thuns  zeigt  sich  aber  nirgends
  greller  als  im  Kriege.  Ein  letzter  Erfolg,  der  noch  möglich  schien,
entging  den  Preußen  —  nicht  ohne  die  Schuld  der  beiden  gelehrtesten
Männer  der  Armee,  wie  die  Offiziere  urtheilten.  Das  Heer  Grouchy's
entzog  sich  der  Vernichtung.  Als  der  Marschall  am  18.  Juni  gegen
Wavre  herankam,  hielt  ihn  Thielmann  bis  zum  Abend  durch  ein  geschickt
und  muthig  geführtes  Gefecht  an  der  Dyle  fest.  Am  frühen  Morgen
des  19.  griff  Grouchy  abermals  an,  und  Thielmann,  der  dem  übermächtigen
  Feinde  nur  drei  Brigaden  entgegenzustellen  hatte,  wich  in  der  Richtung
  auf  Löwen  zurück.  Sein  Generalstabschef,  der  geistvolle  Clausewitz
hielt  die  Lage  für  noch  bedenklicher  als  sie  war  und  setzte  den  Rückzug
allzuweit  nach  Norden  fort.  Als  die  Franzosen  sodann,  auf  die  Schreckensnachricht
  aus  Belle  Alliance,  schleunigst  umkehrten  und  der  Sambre  zueilten,
  da  hatten  die  Preußen  die  Fühlung  mit  ihnen  verloren  und  konnten
sie  nicht  mehr  erreichen.  Unterdessen  ward  auch  von  der  Hauptarmee  her
ein  Unternehmen  gegen  Grouchy  eingeleitet.  Während  General  Pirch  am
späten  Abend  des  18.  bei  Plancenoit  eintraf  und  die  Schlacht  schon  nahezu
beendet  fand,  verfiel  sein  Generalstabschef,  der  gelehrte  Aster  sogleich  auf
den  glücklichen  Gedanken,  dies  zweite  Corps  müsse  sich  jetzt  ostwärts
wenden  um  je  nach  Umständen  die  Armee  Grouchy's  zu  verfolgen  oder
ihr  den  Rückzug  abzuschneiden.  Er  sprach  damit  nur  aus  was  unmittelbar
  nachher  Gneisenau  selber  dem  General  auftrug.  Die  Aufgabe  bot
große  Schwierigkeiten.  Das  Corps  war  durch  den  Tag  von  Ligny  und
        <pb n="775" />
        Treffen  bei  Wavre.  765

durch  mehrfache  Entsendungen  geschwächt,  zählte  nur  16,000  Mann,  halb
so  viel  wie  vor  drei  Tagen;  die  Soldaten  fühlten  sich  tödlich  erschöpft,
und  zudem  wußte  man  nichts  Sicheres  über  Grouchy's  Stellung.  Was
Wunder,  daß  der  Nachtmarsch  nur  langsam  von  statten  ging?  Aber  bei
größerer  Rührigkeit  seines  Generalstabs  mußte  der  General  am  19.  erfahren,
  wo  Grouchy  zu  finden  sei.  Dies  ward  versäumt.  Erst  am  20.  kam
die  Nachricht,  daß  der  Marschall  in  der  Nacht,  ohne  einen  Schuß  zu  thun,
unweit  der  Vorposten  nach  der  Sambre  zu  vorübergezogen  und  also  den
beiden  Corps  von  Pirch  und  Thielmann  glücklich  entschlüpft  war.  Pirch
eilte  sofort  nach,  traf  die  Nachhut  bei  Namur,  nahm  die  Stadt  nach  einem
blutigen  Gefechte  an  den  Thoren,  aber  die  Hauptmacht  Grouchy's  war
schon  in  Sicherheit.  So  geschah  es,  daß  den  Franzosen  vorläufig  noch
ein  leidlich  geordnetes  Heer  von  30,000  Mann  übrig  blieb,  das  vielleicht
den  Kern  für  eine  neue  Armee  bilden  konnte.

Die  beiden  Feldherren  verständigten  sich  schnell  über  den  gemeinsamen
Einmarsch  in  das  Innere  Frankreichs,  wobei  die  Preußen  wieder  die  Spitze
nehmen  sollten;  nur  gingen  Beide  von  grundverschiedenen  Absichten  aus.
Blücher  wollte  einfach  die  Unterwerfung  des  verhaßten  Landes  vollenden
bis  die  Monarchen  das  Weitere  verfügten;  Wellington  wünschte  den  legitimen
  König  schleunig  in  die  Tuilerien  zurückzuführen.  Und  wie  viel
vortheilhafter  war  die  politische  Stellung  des  Briten!  Während  Blücher,
ohne  Kenntniß  von  den  Plänen  seines  Hofes,  sich  begnügen  mußte  seinen
Generalen  jeden  amtlichen  Verkehr  mit  den  Bourbonen  zu  verbieten,  ging
Wellington,  unbekümmert  um  die  Wünsche  der  Bundesgenossen,  ruhig  auf
sein  sicheres  Ziel  los,  forderte  den  Genter  Hof  auf,  dem  englischen  Heere
nachzuziehen.

Die  Entscheidung  des  Krieges  fiel  so  wunderbar  rasch,  daß  jene
Mächte,  welche  eine  neue  Restauration  nicht  wünschten,  sich  gar  nicht  auf
die  veränderte  Lage  vorbereiten  konnten.  König  Ludwig  war  noch  der  von
allen  Mächten  anerkannte  König  von  Frankreich,  das  gesammte  diplomatische
  Corps  hatte  ihn  nach  Gent  begleitet,  und  den  Vorstellungen  der
fremden  Staatsmänner  glückte  es,  den  gefährlichen  Einfluß  des  Grafen
Blacas  zu  beseitigen,  den  König  für  eine  gemäßigtere  Richtung  zu  gewinnen.
  Einer  ersten,  unklugen  und  übermüthigen  Proclamation  folgte
schon  am  28.  Juni  eine  zweite  voll  freundlicher  Verheißungen.  Der  Bourbone
  versprach,  sich  abermals  zwischen  die  alliirten  und  die  französischen
Armeen  zu  stellen,  „in  der  Hoffnung,  daß  die  Rücksichten,  welche  man
mir  zollt,  zu  Frankreichs  Heile  dienen  werden;“  er  verwahrte  sich  feierlich
gegen  die  Wiederherstellung  der  Zehnten  und  grundherrlichen  Rechte,  gegen
die  Rückforderung  der  Nationalgüter.  Wellington  trug  kein  Bedenken,
den  Friedensdeputationen,  welche  ihm  die  Hauptstadt  zusendete,  zu  erklären,
  die  Bedingungen  der  Sieger  würden  um  Vieles  härter  werden,
wenn  die  Nation  ihren  König  nicht  zurückriefe.  Und  seltsam,  der  russische
        <pb n="776" />
        766  II.  2.  Belle  Alliance.

Gesandte  Pozzo  di  Borgo  unterstützte  eifrig  die  Bestrebungen  des  englischen
Feldherrn:  ganz  auf  eigene  Faust,  denn  der  Czar  selber  dachte  in  jenem
Augenblicke  noch  an  die  Thronbesteigung  der  Orleans.  Pozzo  hoffte  durch
Begünstigung  der  bourbonischen  Sache  auf  Jahre  hinaus  der  mächtigste
Mann  in  den  Tuilerien  zu  werden.  Ein  Theil  der  besitzenden  Klassen
neigte  sich  nun  doch  der  Ansicht  zu,  daß  eine  neue  Restauration  der  einzig
mögliche  Ausgang  der  rathlosen  Verwirrung  und  namentlich  für  Frankreichs
  europäische  Stellung  vortheilhaft  sei  —  eine  kühle  Berechnung,
die  freilich  mit  den  Gefühlen  dynastischer  Treue  nicht  das  Mindeste
gemein  hatte.

Der  Imperator  mußte  sogleich  erfahren,  daß  Frankreich  für  einen
unglücklichen  Napoleon  keinen  Raum  bot.  Auf  den  Rath  seiner  Umgebung
  verließ  er  das  Heer,  das  ihn  doch  allein  stützen  konnte,  am
20.  Juni  und  eilte  nach  Paris;  dort  sah  er  sich  von  aller  Welt  so  gänzlich
verlassen,  daß  er  bereits  nach  zwei  Tagen  zu  Gunsten  seines  Sohnes  abdankte.
  Die  provisorische  Regierung,  die  sich  unter  Leitung  des  schlauen
Fouché  gebildet  hatte,  beachtete  die  Worte  des  Gestürzten  nicht  mehr.  Er
verbrachte  dann  noch  einige  Tage  voll  banger  Zweifel  in  jenem  Malmaison,
wo  einst  die  verstoßene  Josephine  in  ihrer  Einsamkeit  gelebt  hatte,  bot
der  Regierung  vergeblich  seine  Dienste  als  einfacher  General  an.  Endlich
sah  er  ein,  daß  seine  Rolle  ausgespielt  war;  der  Gedanke,  mit  Hilfe  der
jacobinischen  Föderirten  in  den  Pariser  Vorstädten  wieder  an's  Ruder
zu  gelangen,  schien  dem  Despoten  zu  unmilitärisch.  Als  die  Preußen
sich  näherten,  verließ  er  am  29.  Juni  das  Schloß  und  eilte  an  die
Küste  nach  Rochefort.  Der  große  Schauspieler  schlug  nun  noch  einmal
seine  Toga  in  malerische  Falten,  erklärte  dem  Prinzregenten,  er  komme
um  wie  Themistokles  Schutz  zu  suchen  am  gastlichen  Herde  des  großmüthigen
  Feindes,  und  begab  sich  am  15.  Juli  an  Bord  des  englischen
Kriegsschiffes  Bellerophon.  Hardenberg  erlebte  die  Genugthuung,  daß
sein  so  oft  wiederholter  Vorschlag  jetzt  von  allen  Mächten  unbedenklich
gebilligt  wurde;  es  blieb  nichts  übrig  als  den  unheilvollen  Mann  fern
von  Europa  in  sichere  Haft  zu  bringen.  Dort  auf  der  einsamen  Felseninsel
  hat  der  Gefangene  mit  eigenen  Händen  eine  Strafe  über  sich  verhängt,
  wie  sie  der  bitterste  Feind  nicht  grausamer  ersinnen  konnte.  Dies
titanische  Leben  nahm  ein  gaunerhaftes  Ende.  Mit  wüstem  Gezänk  und
der  gewerbsmäßigen  Verbreitung  ungeheuerlicher  Lügen  füllte  er  seine
letzten  Jahre  aus;  er  selber  riß  den  Schleier  hinweg  von  der  bodenlosen
Gemeinheit  des  Riesengeistes,  der  sich  einst  erdreistet  hatte  der  Welt  den
Fuß  auf  den  Nacken  zu  setzen.

Ueber  die  Behandlung  Napoleon's  hatten  die  beiden  Feldherren  sich
nur  schwer  geeinigt.  Der  Gegensatz  der  britischen  und  der  deutschen
Politik  brach  überall  hervor.  Wellington  wollte  die  Gefühle  der  Franzosen
  sorgsam  schonen,  und  da  er  im  Herzen  völlig  kalt  blieb,  so  erkannte
        <pb n="777" />
        Napoleon's  zweite  Entthronung.  767

er  auch  richtig,  daß  es  den  Eroberern  übel  anstand  ihren  Sieg  durch
eine  Gewaltthat  zu  beslecken.  In  Blücher's  Hauptquartier  dagegen  flammte
der  alte  Haß  gewaltig  auf:  so  viele  deutsche  Männer  lagen  abermals  in
ihrem  Blute  durch  die  Schuld  dieses  einen  Mannes!  Blücher  vermaß
sich,  er  wolle  den  Unhold,  wenn  er  ihn  finge,  im  Schlosse  von  Vincennes
erschießen  lassen,  auf  derselben  Stelle,  wo  einst  der  Herzog  von  Enghien
ermordet  wurde;  denn  wozu  sonst  die  Wiener  Achtserklärung  gegen  den
Störer  der  öffentlichen  Ruhe?  Erst  auf  Wellington's  dringende  Bitten
gab  er  den  grimmigen  Plan  auf  und  fügte  sich  „der  theatralischen  Großmuth“,
  wie  Gneisenau  erbittert  schrieb,  „aus  Achtung  für  den  Charakter
des  Herzogs  und  —  aus  Schwäche"“.  Dagegen  setzte  der  preußische  Feldherr
  durch,  daß  der  Marsch  bis  nach  Paris  fortgesetzt  wurde,  während
der  Engländer  der  Hauptstadt  die  neue  Demüthigung  lieber  ersparen  und
seinen  bourbonischen  Schützling  allein  einziehen  lassen  wollte.  Blücher
blieb  standhaft,  stellte  den  Friedensgesandten  der  Pariser  so  strenge  Bedingungen,
  daß  die  Fortsetzung  des  Krieges  unvermeidlich  wurde.

Das  preußische  Heer  drang  unaufhaltsam  vor,  den  Engländern  weit
voran;  auch  der  Festungskrieg  ward  mit  Nachdruck  begonnen,  so  daß  noch
vierzehn  feste  Plätze  ihre  Thore  den  Deutschen  öffnen  mußten.  Das  Volk
betrug  sich  überall  tief  feindselig;  die  Franzosen  ließen  sich's  nicht  nehmen,
daß  dieser  neue  Krieg  der  Coalition  ein  himmelschreiendes  Unrecht  sei.
Auch  die  Preußen  traten  härter  und  schroffer  auf  als  im  vorigen  Jahre.
Gneisenau  hoffte  die  Armee  Grouchy's  an  der  Oise  von  Paris  abzuschneiden.
Dies  gelang  nicht;  immerhin  wurden  die  Truppen  des  Marschalls  durch
die  rastlose  Verfolgung  fast  ebenso  vollständig  aufgelöst  wie  die  Besiegten
von  Belle  Alliance.  Der  kühne  Parteigänger  Major  Frankenhausen  ließ
ihnen  nirgends  Ruhe,  er  bewährte  wieder  den  alten  Ruhm  der  preußischen
  Reiterei,  die  sonst  in  diesem  Kriege  wenig  Gelegenheit  zur  Auszeichnung
  fand.  In  den  Gefechten  von  Compiegne  und  Villers  Cotterets
leisteten  die  Franzosen  nur  schwächlich  Widerstand.  Die  Geschlagenen
entkamen  in  aufgelösten  Schaaren  in  die  Hauptstadt,  und  mit  ihnen  gebot
Davoust,  der  Oberbefehlshaber  von  Paris,  noch  über  70,000  Mann;  doch
was  war  von  diesen  muth=  und  zuchtlosen  Haufen  zu  erwarten?  Am
29.  Juni  langte  Blücher  in  Gonesse  an,  wenige  Stunden  nördlich  von
Paris;  der  liebliche  Kessel  des  Seinethales  lag  dicht  vor  seinen  Blicken.
Sein  Heer  hatte  die  36  Meilen  von  dem  belgischen  Schlachtfelde  in  elf
Tagen,  mit  nur  einem  Ruhetage,  zurückgelegt.

Hier  im  Hauptquartier  zu  Gonesse  kam  ein  böser  Tag  für  Gneisenau.
Das  zieht  die  Herzen  so  mächtig  zu  dem  Bilde  dieses  großen  Deutschen
hin,  daß  er  in  Allem  so  einfach  menschlich  war  und  darum  auch  einmal
recht  menschlich  bitter  und  ungerecht  werden  konnte.  So  widerfuhr  es
ihm  heute.  Er  wußte,  daß  er  der  eigentliche  Feldherr  dieses  Krieges  gewesen,
  daß  der  rettende  Gedanke  der  Vereinigung  der  beiden  Heere  allein
        <pb n="778" />
        768  II.  2.  Belle  Alliance.

aus  seinem  Kopfe  entsprungen  war;  nun  mußte  er  hören,  wie  die  Ver—
bündeten  Wellington  als  den  ersten  Helden  priesen,  diesen  Briten,  der
wohl  auf  dem  Schlachtfelde  hohe  Umsicht  und  Ausdauer  gezeigt,  doch  bei
der  Leitung  des  Feldzugs  Fehler  auf  Fehler  gehäuft  hatte.  Eine  tiefe
Bitterkeit  überkam  ihn,  wenn  er  sein  ruhmlos  verborgenes  Wirken,  alle
die  so  lange  schweigsam  ertragenen  Kränkungen  der  letzten  Jahre  über—
dachte.  Wie  abenteuerlich  hatte  das  Schicksal  mit  ihm  gespielt,  von  Kindes—
beinen  an!  In  Schilda,  dem  sächsischen  Abdera  war  er  zur  Welt  ge—
kommen,  mitten  im  Wirrwarr  des  Kriegslagers  der  Reichsarmee,  unter
den  Feinden  Preußens;  die  preußischen  Kanonen  brummten  dem  Kinde
das  Wiegenlied,  und  wenig  fehlte,  so  wäre  der  Knabe  auf  dem  Rückzuge
in  der  Nacht  nach  der  Torgauer  Schlacht  von  den  Hufen  der  Pferde  zer—
treten  worden,  hätte  ihn  ein  mitleidiger  Grenadier  nicht  aufgehoben.
dachher  die  öde  freudlose  Zeit,  da  er  in  Schilda  barfuß  die  Gänse  hütete,
bis  endlich  die  katholischen  Verwandten  in  Würzburg  sich  seiner  erbarmten.
Der  Heimathlose  wußte  niemals  recht,  zu  welchem  deutschen  Stamme
noch  zu  welcher  Kirche  er  eigentlich  gehörte.  Dann  die  wilden  tollen
Studentenjahre  in  Erfurt,  eine  kurze  Dienstzeit  bei  den  österreichischen
Reitern,  eine  Fahrt  nach  Amerika  mit  den  Unglücklichen,  die  der  Ans—
bacher  Markgraf  den  Briten  verkaufte.  Darauf  der  preußische  Dienst:
im  Anfang  glänzende,  überschwängliche  Hoffnungen,  dann  wieder  die  leere
Nichtigkeit  des  subalternen  Lebens,  so  armselig,  so  niederdrückend,  daß
dieser  Feuergeist,  der  sich  einst  fast  in  seinen  eigenen  Gluthen  verzehrt
hatte,  jetzt  ernstlich  Gefahr  lief  zum  Philister  zu  werden.  Als  dann  die
weltverwandelnden  Geschicke  über  Preußen  hereinbrachen,  da  jauchzte  der
Genius  in  ihm  auf;  durch  ihn  errang  das  gedemüthigte  Heer  den  ersten
Erfolg,  seit  Scharnhorst's  Tode  durfte  sich  Niemand  mehr  mit  ihm  ver—
gleichen.  Und  was  war  sein  Lohn?  Die  Offiziere  des  Generalstabs,  die
den  Zauber  des  Genies  im  täglichen  Umgang  empfanden,  wußten  freilich
wohl,  was  Deutschland  an  diesem  Manne  besaß;  sie  kamen  sich  vor  wie
in  der  verkehrten  Welt,  wenn  sie  diesen  geborenen  Herrscher  mit  dem
Federhute  in  der  Hand  ehrerbietig  neben  dem  Czaren  stehen  sahen.  Aber
wenn  die  Soldaten  den  alten  Blücher  mit  donnerndem  Hurrah  begrüßten,
so  bemerkten  sie  kaum  den  unbekannten  General  an  der  Seite  des  Feld—
marschalls.  Bülow  hatte  seinen  Namen  in  die  Tafeln  der  Geschichte
eingetragen,  von  Gneisenau  wußte  sie  nichts.  Er  glaubte  älter  zu  sein,
als  alle  Generale  der  Infanterie  und  war  noch  immer  Generalleutnant,
hatte  nie  ein  selbständiges  Commando  geführt,  trug  weder  den  schwarzen
Adlerorden  noch  das  große  eiserne  Kreuz.  Der  König  liebte  ihn  nicht,
das  boshafte  Geflüster  unter  den  Hofleuten  hörte  nicht  auf;  er  fühlte  sich
seiner  Stellung  im  Heere  so  wenig  sicher,  daß  er  erst  kürzlich  den  Staatskanzler
  gebeten  hatte  ihm  doch  für  die  Friedenszeiten  das  Amt  des  Generalpostmeisters
  zu  verschaffen.  Wie  fern  lag  ihm  alle  Ueberhebung,  wie  oft
        <pb n="779" />
        Feldzug  in  Frankreich.  769

nannte  er  sich  nur  einen  vom  Glücke  begünstigten  Soldaten;  aber  ein—
mal  doch  mußte  der  Unmuth  heraus.  In  höchster  Leidenschaft  schrieb  er
dem  Staatskanzler  an  einem  Tage  drei  Briefe  voll  heftiger  Anklagen,
beschuldigte  in  seinem  Zorne  selbst  Stein  und  Blücher  des  Undanks.“)
Die  Gerechtigkeit  des  Königs  gab  ihm  bald  Genugthuung;  er  trug  nachher
  den  Ordensstern,  der  im  Wagen  Napoleon's  gefunden  worden.  Doch
über  den  historischen  Ruhm,  der  ihm  gebührte,  ist  die  Mehrzahl  der  Zeitgenossen
  nie  in's  Klare  gekommen;  erst  ein  späteres  Geschlecht  seiner
Landsleute  ward  seiner  Größe  gerecht,  und  die  Franzosen  wissen  bis  zum
heutigen  Tage  noch  nicht,  wer  der  erste  Feldherr  des  verbündeten  Europas
  war.

Der  Unmuth  zog  nur  wie  ein  flüchtiges  Gewölk  über  Gneisenau's
freie  Stirne  hin.  Noch  an  dem  nämlichen  30.  Juni  war  der  Held  wieder
  ganz  bei  der  Sache,  legte  den  beiden  Heerführern  seinen  Plan  für  die
Einnahme  der  Hauptstadt  vor.  Während  Bülow  die  leidlich  befestigte
Nordseite  von  Paris  durch  Scheinangriffe  beschäftigte,  marschirte  Blücher
mit  der  übrigen  Armee  rechtsab,  überschritt  die  Seine  unterhalb  der  Stadt
und  schickte  sich  an,  den  Platz  vom  Süden  her  anzugreifen;  am  2.  Juli
wurde  Bülow  von  den  nachrückenden  Engländern  abgelöst  und  folgte  dem
Feldmarschall.  Die  letzten  Kämpfe  an  der  offenen  Südseite  fielen  wieder
allein  den  Preußen  zur  Last.  Umsonst  versuchte  Davoust  in  einem  beweglichen
  Briefe  Waffenruhe  zu  erbitten.  Die  Behauptung  des  Marschalls,
nach  dem  Sturze  Napoleon's  bestehe  kein  Grund  mehr  zum  Kriege,  klang
dem  deutschen  Feldherrn  wie  Hohn;  in  einer  geharnischten  Antwort
forderte  er  den  verhaßten  Peiniger  der  deutschen  Bürger  zur  Capitulation
auf:  „wollen  Sie  die  Verwünschungen  von  Paris  ebenso  wie  die  von
Hamburg  auf  sich  laden?"  Ein  unglückliches  Gefecht  seiner  Lieblingswaffe
  erschütterte  den  Alten  tief.  Die  alterprobten  brandenburgischen
und  pommerschen  Husaren,  650  Pferde  unter  der  Führung  des  kühnen
Sohr,  geriethen  bei  Versailles  plötzlich  in  einen  Hinterhalt,  unter  die
elf  Reiterregimenter  des  Generals  Excelmans;  als  sie  zurücksprengten,
verirrten  sie  sich  in  dem  Dorfe  Chesnoy  zwischen  die  hohen  Mauern
einer  Sackgasse.  Ein  Drittel  schlug  sich  durch,  die  Anderen  wurden
größtentheils  niedergehauen.  Unter  ihnen  auch  der  blutjunge  Freiwillige
Heinrich  von  York,  der  Lieblingssohn  des  Generals;  der  rief,  als  die  Feinde
ihm  Pardon  anboten:  „ich  heiße  YVorkl“  und  hieb  um  sich  bis  er  zusammenbrach.
  So  mußte  der  eiserne  Mann,  der  einst  den  deutschen  Krieg  begonnen,
dicht  vor  dem  letzten  Siege  noch  einmal  mit  seinem  Herzblute  zahlen.

Am  2.  Juli  drang  das  Corps  Zieten's  nach  einem  heftigen  Gefechte
  bis  auf  die  Hochebene  von  Menudon  vor.  Als  der  wilde  Vandamme
  in  der  folgenden  Nacht  versuchte,  von  Issy  aus  diese  Position

 

*)  Gneisenau  an  Hardenberg,  drei  Briefe  aus  Gonesse  30.  Juni  1815.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1.  49
        <pb n="780" />
        770  II.  2.  Belle  Alliance.

zurückzuerobern,  ward  er  gänzlich  geschlagen;  die  Ueberlegenheit  der  preußi—
schen  Waffen  zeigte  sich  so  glänzend,  daß  Davoust  noch  am  selben  Morgen
sich  zur  Uebergabe  bereit  erklärte.  Blücher  sendete  den  General  Müff—
ling  als  Unterhändler.  Der  hatte  einst  in  Blücher's  Namen  die  unver—
geßliche  Capitulation  von  Ratkau  abgeschlossen;  der  Alte  konnte  ihn  seitdem
nie  ohne  stillen  Aerger  ansehen  und  hieß  ihn  jetzt  eine  andere  Capitu—
lation  zu  Stande  bringen,  die  den  letzten  Flecken  von  seinem  Ehrenschilde
tilgen  sollte.  Binnen  drei  Tagen  mußte  die  Stadt  übergeben  werden,
Davoust  mit  den  Trümmern  der  Armee  über  die  Loire  zurückgehen.  Trium—
phirend  schrieb  Blücher  an  Knesebeck:  „Mein  Tagewerk  ist  vollendet,  Paris
ist  mein!  Meinen  braven  Truppen,  ihrer  Ausdauer  und  meinem  eisernen
Willen  verdanke  ich  Alles!“  Nachher  ward  noch  der  ganze  Westen  und
Norden  des  Landes  von  den  Heeren  der  Verbündeten  besetzt.  Welche
Freude,  als  Scharnhorst's  Schwiegersohn  Friedrich  Dohna  seine  Reiter
ihre  Rosse  in  der  Loire  tränken  ließ;  er  dachte  stolz  an  seine  tapferen
Ahnen,  die  in  den  Hugenottenkriegen  gleichfalls  den  Schrecken  der  deut—
schen  Waffen  bis  vor  die  Wälle  von  Blois  und  Orleans  getragen  hatten.

Diesmal  wollte  Blücher  der  verhaßten  Stadt  weder  die  Ehre  seines
Besuches  noch  die  Augenweide  eines  feierlichen  Einzugs  gönnen.  Sie
sollte  fühlen  was  der  Krieg  ist.  Die  Regimenter  rückten  einzeln  ein  und
wurden  allesammt  einquartiert,  obgleich  die  Bourgeois  über  solche  Beschim—
pfung  leidenschaftlich  klagten.  Behörden  und  Bürgerschaft  zeigten  die
höchste  Gehässigkeit;  daß  diese  Preußen  in  vier  Tagen  der  französischen
Kriegsherrlichkeit  ein  Ende  gemacht,  war  ihnen  eine  unbegreifliche  Unver—
schämtheit.  Der  Sieger  verlangte  die  Zahlung  von  zwei  Monaten  Sold
für  die  Armee  und  sofort  zwei  Millionen  Kriegssteuer;  die  Klagenden  ver—
wies  er  an  Daru:  der  verstehe,  wie  man  das  Geld  zur  Stelle  schaffe.
Gleich  am  ersten  Abend  wurde  das  Danziger  Bild  von  preußischen  Musketieren
  aus  dem  Louvre  entführt,  und  nun  begann  die  Zurücknahme
des  Raubes.  Haarklein  müssen  sie  Alles  herausgeben  —  meinte  der
Alte  und  trieb  zur  Eile,  damit  die  verfluchten  Diplomatiker  nicht  dazwischen
kämen.  Allein  dem  harten  Willen  des  deutschen  Feldherrn  verdankte  die
Welt,  daß  der  europäische  Skandal  des  großen  Pariser  Plünderungsmagazins
  nun  ein  Ende  nahm.  Altenstein,  Eichhorn  und  der  junge
Kölnische  Kunstforscher  de  Groote  zeigten  den  preußischen  Soldaten  das
gestohlene  Gut;  doch  trotz  dem  Spüreifer  der  deutschen  Gelehrten  ward
ein  Theil  des  unübersehbaren  Raubes  nicht  wieder  aufgefunden.  Nachdem
  die  Preußen  das  Werk  der  Sühne  einmal  in  Gang  gebracht,
machten  auch  andere  Staaten  ihre  Ansprüche  geltend.  Der  Manuscriptenschatz
  der  Heidelberger  Palatina,  den  einst  Tilly  nach  Rom,  dann  Bonaparte
  nach  Paris  entführt  hatte,  gelangte  endlich  wieder  an  den  Neckar
zurück;  das  kunstsinnige  Volk  von  Florenz  empfing  mit  Sang  und  Klang
in  bekränztem  Zuge  seine  Götterbilder,  die  Venus  und  den  Apollino,  als
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        Zweite  Einnahme  von  Paris.  771

sie  wieder  heimkehrten  in  die  herrliche  Tribuna  der  Ufficien.  Die  Brücke
von  Jena  wollte  Blücher  in  die  Luft  sprengen  lassen  —  am  liebsten,  wenn
sich  Fürst  Talleyrand  vorher  darauf  gesetzt  hätte;  nur  das  Einschreiten  der
Monarchen  vereitelte  die  Absicht.

Das  Hauptquartier  blieb  zu  St.  Cloud.  In  jenem  Saale  der
Orangerie,  wo  einst  der  Staatsstreich  des  Brumaire  vollführt  wurde,
schlugen  die  preußischen  Regimentsschneider  ihre  Werkstatt  auf;  zum  Abschied
  nahm  der  Feldmarschall  noch  das  David'sche  Bild  von  Bonaparte's
Alpenzug  mit  hinweg  und  schenkte  es  seinem  König  für  das  Berliner
Schloß.  In  Paris  führte  der  Gouverneur  Müffling  ein  strenges  Regiment,
über  die  Truppen  wie  über  die  ewig  scheltenden  und  jammernden  Quartierwirthe.
  Unter  ihm  gebot  der  Commandant  Oberst  Pfuel,  ein  eifriger
Teutone,  hochgerühmt  auf  allen  Turn=  und  Schwimmplätzen  der  norddeutschen
  Jugend;  dem  handfesten  Manne  kam  es  nicht  darauf  an,  einem
schimpfenden  Franzosen  sogleich  mit  der  nationalen  Waffe,  dem  Floret,
Satisfaction  zu  geben.  Er  hatte  einen  schweren  Stand  unter  dem  sieberisch
  aufsgeregten  Volke;  häufig  wurden  die  preußischen  Wachtposten  Nächtens
angefallen,  mehrmals  mußten  sie  in  den  Arcaden  des  Palais  Royal  mit
der  Waffe  einschreiten,  wenn  der  herausfordernde  Hohn  der  Gäste  in  den
Cafehäusern  gar  zu  übermüthig  wurde.

Einen  seltsamen  Gegensatz  zu  dem  scharfen,  doch  keineswegs  gewaltthätigen
  Auftreten  der  Preußen  bildete  Wellington's  berechnete  Milde.
Der  Herzog  ließ  seine  Truppen  im  Freien  beim  Boulogner  Gehölz  lagern
vermied  Alles  was  die  Pariser  Eitelkeit  irgend  kränken  konnte,  und  vollendete
  unterdeß  in  aller  Gelassenheit  einen  Meisterstreich  britischer  Diplomatie,
  der  dem  gewandtesten  Londoner  Stockjobber  zur  Ehre  gereichte.
Wie  er  die  Dinge  ansah,  verstand  sich's  ganz  von  selbst,  daß  Englands
Wille  in  diesem  Coalitionskriege  allein  entscheiden  mußte.  Ohne  bei  den
verbündeten  Höfen  auch  nur  anzufragen  ließ  er  den  Bourbonen,  unter  dem
Schutze  der  englischen  Bajonette,  in  die  Tuilerien  einziehen.  Als  die  drei
Monarchen  am  Abend  des  10.  Juli  in  Paris  eintrafen,  saß  König  Ludwig
schon  seit  zwei  Tagen  wieder  auf  seinem  Throne  und  empfing  sie  als
leutseliger  Hausherr.  Fouché,  der  rasch  merkte,  woher  der  Wind  wehte,
hatte  sich  den  Bourbonen  noch  rechtzeitig  angeschlossen  und  dafür  gesorgt,
daß  die  Kammern  des  Kaiserreichs  sich  nicht  wieder  versammelten.  Was
frommte  es,  daß  Blücher  jede  Einladung  König  Ludwig's  ausschlug,  daß
die  preußischen  Wachen  in  den  Tuilerien  den  Hof  gar  nicht  bemerken
wollten?  Die  zweite  Restauration  war  vollzogen,  durch  England  allein;
an  die  Wiedervertreibung  der  Bourbonen  konnte  keine  der  anderen  Mächte
im  Ernst  denken.  Durch  diese  vollendete  Thatsache  vereitelte  die  britische
Politik  zugleich  die  gerechten  Forderungen  der  deutschen  Nation.  Die  Abtrennung
  von  Elsaß-Lothringen  war  möglich,  wenn  die  Alliirten  sich  zunächst
  unter  sich  einigten  und  dann  den  Bourbonen  in  das  verkleinerte

49“
        <pb n="782" />
        772  II.  2.  Belle  Alliance.

Königreich  zurückriefen;  sie  war  unerreichbar  wenn  man  darüber  mit  einem
befreundeten  Könige  verhandeln  mußte.  Mit  gutem  Grunde  klagte  Harden—
berg,  das  eigenmächtige  Verfahren  der  Briten  habe  die  Coalition  in  einen
„amphibischen  Zustand“  versetzt.)

Die  beiden  Kaiser  wurden  durch  den  glänzenden  Erfolg  des  belgischen
Feldzugs  keineswegs  angenehm  überrascht.  Das  Heer  des  Czaren  kam
gar  nicht  mehr  in's  Feuer.  Die  Oesterreicher  und  die  Süddeutschen  begannen,
  nach  einem  unbedeutenden  Gefechte  bei  Straßburg,  einen  sehr
matten  Belagerungskrieg  gegen  die  elsässischen  Festungen;  Erzherzog  Johann
ward,  von  wegen  der  fast  unblutigen  Eroberung  von  Hüningen,  durch
die  dankbaren  Baseler  wie  ein  anderer  Napoleon  gefeiert.  Die  anderen
Plätze  hielten  sich  ämmtlich.  Das  Volk  bethätigte  überall  fanatischen  Haß;
mancher  Nachzügler  der  verbündeten  Heere  ward  unter  unmenschlichen
Martern  umgebracht.  In  den  Vogesen  rotteten  sich  die  Gebirgsschützen
zusammen;  die  Schlettstätter  ließen  nachher  die  äußerst  harmlosen  Gräuel
der  Belagerung  auf  ihrem  Rathhause  in  pathetischen  Bildern  verherrlichen.
Genug,  der  österreichische  Kriegsruhm  hielt  sich  in  den  bescheidensten
Grenzen.  Kaiser  Franz  sagte  zu  den  Offizieren  des  Blücher'schen  Hauptquartiers
  in  seiner  anbiedernden  Weise:  „Ihr  Herren  Preußen  seid  doch
Taifelskerle;"  und  Metternich  gestand  dem  Freiherrn  vom  Stein,  ein
österreichisches  Heer  hätte  nach  der  Schlacht  von  Ligny  mindestens  sechs
Wochen  gebraucht  um  sich  zu  erholen  —  worauf  Stein  nachdrücklich  erwiderte:
  „da  sehen  Sie  was  die  sittliche  Kraft  vermag.“  Getreuer  als  in
solchen  Artigkeiten  bekundete  sich  die  wirkliche  Stimmung  der  Hofburg  in
den  hämischen  Briefen  Adam  Müller's,  der  nicht  genug  witzeln  konnteüber
  die  auf  den  Boulevards  berlinisirenden  Blücher'schen  Römer.

Auch  der  Czar  verbarg  kaum,  wie  tief  es  ihn  wurmte,  daß  die  Bundesgenossen
  ihm  allen  Kriegsruhm  vorweg  genommen  hatten.  Sobald  er  sah,
daß  an  der  Herstellung  der  Bourbonen  nichts  mehr  zu  ändern  war,  gab.
er  seine  orleanistischen  Pläne  sofort  auf,  hieß  Pozzo  di  Borgo's  eigenmächtiges
  Verfahren  nachträglich  gut  und  bemühte  sich  wieder,  durch
Großmuth  gegen  Frankreich  dem  englischen  Nebenbuhler  den  Rang  abzulaufen.
  Das  hochherzige  Pathos,  worin  er  sich  gefiel,  zeigte  jetzt  eine
eigenthümlich  mystische  Färbung.  Unterwegs,  in  Heidelberg  war  er  in  die-Netze
  der  bigotten  Schwärmerin  Frau  von  Krüdener  gerathen,  die  ihn  seitdem
  nicht  mehr  los  ließ.  Die  vielgefeierte  Prophetin  war  im  Grunde
eine  flache  Natur;  der  alte  Goethe  meinte,  als  sie  starb:  „So  ein  Leben,
wie  Hobelspäne!  Nicht  einmal  ein  Häuschen  Asche  ist  daraus  zu  gewinnen
zum  Seifensieden!“  Aber  sie  verstand  sich  in  der  Modesprache  und  den
Modegefühlen  der  romantischen  Zeit  mit  Anmuth  zu  bewegen,  und  Alexander's
  liebebedürftiges  Herz  sehnte  sich  nach  süßerer  Tröstung,  als  der  dürre

—  —

*  Hardenberg's  Tagebuch,  3.  Juli  1815.
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        Ankunft  der  Monarchen.  773

Rationalismus  seines  Lehrers  Laharpe  sie  bieten  konnte.  In  Paris  empfing
den  Czaren  sofort  ein  Kreis  christlich  begeisterter  Damen,  huldigte  dem
neuen  Weltheiland,  der  das  Reich  des  Gottesfriedens  begründen  und,
natürlich,  nach  dem  Vorbilde  des  Erlösers  Alles  vergeben  und  vergessen
sollte.  Ebenso  natürlich,  daß  diese  großmüthigen  Absichten  wieder  genau
zusammenfielen  mit  dem  vermeintlichen  Interesse  der  russischen  Politik.
Obgleich  Alexander  nach  seiner  Weise  wirklich  ein  treuer  Bundesgenosse
seines  westlichen  Nachbarn  war,  so  wünschte  er  doch  keineswegs  daß  Preußen
stark  genug  würde  um  der  russischen  Freundschaft  entrathen  zu  können;
darum  sollte  Deutschland  an  seiner  Westgrenze  verwundbar  bleiben.  Noch
lebhafter  als  im  vorigen  Jahre  trat  der  Czar  heuer  für  die  Franzosen
ein,  blieb  für  Stein's  Mahnungen  ganz  unzugänglich.  Metternich  fand  sich
ebenfalls  schnell  in  die  neue  durch  Wellington's  Rücksichtslosigkeit  geschaffene
Lage;  er  ließ  den  Gedanken  an  die  Einsetzung  Napoleon's  II.,  womit  Gentz
eine  Zeit  lang  gespielt  hatte,  sofort  fallen,  und  kam  den  Bourbonen  freundlich
  entgegen.  Da  er  nach  wie  vor  der  Meinung  blieb,  daß  Oesterreich
die  gefährliche  Position  am  Oberrheine  keinesfalls  wieder  übernehmen
dürfe,  so  wünschte  er  einen  schleunigen,  milden  Friedensschluß.  Was
fragte  der  Wiener  Hof  nach  den  gerechten  Ansprüchen  der  deutschen  Nation?

Diese  Hoffnungen  der  Deutschen  fanden  nirgends  wärmeren  Ausdruck
  als  in  den  Briefen  der  preußischen  Generale.  Schon  vier  Tage
nach  der  Entscheidungsschlacht  schrieb  Gneisenau  an  den  Staatskanzler:
„wehe  denen  und  Schande  ihnen,  wenn  diese  einzige  Gelegenheit  nicht
ergriffen  würde  um  Belgien,  Preußen  und  Deutschland  zu  sichern  für  ewige
Zeiten!“  Er  forderte  für  Belgien  einige  feste  Plätze  im  französischen  Flandern,
  für  Preußen  Mainz  und  Luxemburg,  desgleichen  Nassau  und  Ansbach-Bayreuth;
  Baiern  sollte  dafür  in  Elsaß-Lothringen  entschädigt  werden,
das  Haus  Nassau  im  wälschen  Luxemburg.  „Welche  Sprache  jetzt  Preußen
führen  kann  und  muß,  wissen  Sie  besser  als  ich.  So  hoch  hat  noch  nie
Preußen  gestanden!“  In  ähnlichem  Sinne  bat  Blücher  den  König,  „die
Diplomatiker  anzuweisen,  daß  sie  nicht  wieder  verlieren  was  der  Soldat
mit  seinem  Blute  errungen  hat.“  Der  Alte  lebte,  wie  fast  die  gesammte
deutsche  Nation,  des  naiven  Glaubens,  daß  die  fremden  Mächte  den
Preußen  den  so  redlich  verdienten  Siegespreis  gar  nicht  versagen  könnten,
wenn  nur  unsere  Diplomaten  fest  blieben.  Der  König  war  mit  den  Wünschen
  seiner  Generale  persönlich  durchaus  einverstanden  und  beauftragte
Gneisenau,  neben  Hardenberg  und  Humboldt  als  Bevollmächtigter  an
dem  Friedenscongresse  theilzunehmen;  dem  feurigen  Helden  that  es  recht
in  der  Seele  wohl,  daß  derselbe  Talleyrand,  der  in  Wien  den  Vernichtungskrieg
  gegen  Preußen  geschürt  hatte,  ihm  jetzt  als  demüthiger  Unterhändler
  für  die  Besiegten  gegenübertreten  mußte.  Aber  Friedrich  Wilhelm's
Nüchternheit  erkannte  auch,  wie  wenig  in  diesem  harten  Machtkampfe  auf
Vernunftgründe  und  auf  die  offenbare  Gerechtigkeit  der  preußischen  Forde-
        <pb n="784" />
        774  II.  2.  Belle  Alliance.

rungen  ankam;  „das  alleinige  Verfolgen  meines  Staatsinteresses,“  schrieb
er  beschwichtigend  an  den  Feldmarschall,  „findet  Schwierigkeiten  in  den
vielfach  combinirten  Interessen  der  übrigen  Staaten.“

In  der  That  war  die  Stellung  der  preußischen  Unterhändler  heuer
sogar  noch  ungünstiger  als  bei  dem  ersten  Friedenscongresse:  in  allen
wesentlichen  Fragen  begegneten  sie  dem  Widerspruche  der  anderen  vier
Mächte.  Wohl  traten  die  alten  Gegner  von  Wien  her,  die  Niederlande,
Baden  und  Württemberg,  diesmal  mit  Eifer  für  die  preußischen  Forde—
rungen  ein,  da  die  Schwächung  der  französischen  Ostgrenze  für  sie  noch
weit  wichtiger  war  als  für  Preußen  selber.  Aber  —  so  scharf  hatte  sich
das  System  der  Pentarchie  bereits  ausgebildet  —  die  Denkschriften  der
Staaten  zweiten  Ranges  wurden  von  den  großen  Mächten  als  müßige
Stilübungen  angesehen,  selten  auch  nur  einer  Antwort  gewürdigt.  Der
preußische  Staat  stand  allein;  sein  Heer  hatte  sich  heldenhaft  für  die  ge—
meinsame  Sache  des  Welttheils  aufgeopfert  um  schließlich  für  das  eigene
Land  nahezu  nichts  zu  erringen.

 

Als  Hardenberg  am  15.  Juli  in  Paris  eintraf,  mußte  er  von  dem
Czaren  sogleich  heftige  Vorwürfe  hören  wegen  der  Zügellosigkeit  des  preu—
ßischen  Heeres.  Und  doch  hielt  Blücher  strenge  Mannszucht,  bestrafte
unnachsichtlich  die  vereinzelten  Ausschreitungen  unter  seinen  Truppen.
Nur  die  Niederländer  und,  nach  ihrer  alten  Gewohnheit,  die  Baiern,
ließen  sich  einige  Ausbrüche  der  Roheit  zu  schulden  kommen;  indeß  trug
auch  daran  die  störrische  Gehässigkeit  der  Quartierwirthe  reichliche  Mitschuld.
  Der  Seinepräfect  selber  hetzte  die  Pariser  gegen  die  Verbündeten
auf.  Als  Müffling  das  venetianische  Viergespann  von  dem  Triumph-=bogen
  des  Carrouselplatzes  herabnehmen  ließ,  wurden  die  Arbeiter  mehrmals
  von  dem  Pöbel  und  den  Leibgardisten  der  Bourbonen  vertrieben,
bis  endlich  ein  österreichisches  Bataillon  Frieden  stiftete.  Der  Staatskanzler
  errieth  sofort,  daß  die  einseitig  gegen  die  Preußen  gerichteten  Anklagen
  des  Czaren  eine  bestimmte  Absicht  versteckten:  es  kam  darauf  an,
die  Preußen  als  siegestrunkene  Uebermüthige  darzustellen,  auch  ihr  Kriegsruhm
  wurde  geflissentlich  verkleinert  und  angezweifelt.

In  dem  großen  Ministerrathe  saßen  Nesselrode,  Capodistrias,  Pozzo;
Castlereagh,  Wellington,  Stewart;  Metternich,  Wessenberg,  Schwarzenberg
—  Keiner  darunter,  der  den  drei  preußischen  Bevollmächtigten  entgegengekommen
  wäre.  Die  Präsidialmacht  des  neuen  Deutschen  Bundes  hielt
sich  zu  Anfang  zurück,  da  sie  dem  einmüthigen  Verlangen  der  deutschen
Nation  doch  nicht  allzu  laut  widersprechen  durfte,  aber  sie  that  auch  nicht
das  Mindeste  um  die  Zurückforderung  der  Vogesengrenze  zu  unterstützen.
        <pb n="785" />
        Der  Rath  der  vier  Mächte.  775

Gentz  sprach  von  vorn  herein  mit  giftigem  Hohne  über  „die  engherzigen
Anschauungen“  der  Preußen,  die  aus  dem  Kampfe  gegen  die  Revolution
selbstsüchtig  Vortheil  ziehen  wollten.  Der  von  Stein  und  seinen  Freunden
aufgeworfene  Vorschlag,  das  Elsaß  dem  Erzherzog  Karl  zu  geben,  steigerte
nur  den  Widerwillen  des  Kaisers  Franz,  der  gegen  diesen  Bruder  stets
ein  tiefes  Mißtrauen  hegte.

Zwischen  den  beiden  Nebenbuhlern  Rußland  und  England  entspann
sich  nun  ein  stürmischer  Wettlauf  um  den  Preis  der  Großmuth;  beide
hofften  sich  für  die  drohende  orientalische  Verwicklung  die  Freundschaft
Frankreichs  zu  sichern.  Bei  den  Briten  wirkte  auch  noch  die  Erinnerung
an  das  Bündniß  vom  3.  Januar  und  die  damals  begründete  entente
cordiale  mit,  vor  Allem  aber  die  den  Hochtorys  eigenthümliche  geistige
Beschränktheit.  Zu  großen  Gesichtspunkten  der  festländischen  Politik  vermochten
  sich  diese  Insulaner  nicht  zu  erheben;  Castlereagh  sprach  unbefangen
  aus:  „wenn  man  für  fünf  oder  sieben  Jahre  Vorsichtsmaßregeln
ergriffe,  so  sei  das  Höchste  geschehen,  was  die  Diplomatie  leisten  könne."“
Die  Sieger  beschlossen,  die  Unterhandlung  mit  der  Krone  Frankreich  erst
dann  zu  beginnen,  wenn  sie  sich  unter  einander  geeinigt  hätten.  Das
unglückliche  Land  lag  waffenlos  zu  den  Füßen  der  Eroberer.  Ueberall
die  Raserei  des  Parteihasses;  in  Paris  tiefer  Groll  gegen  den  König,  den
Schützling  der  Fremden;  im  Süden  begann  schon  der  Bürgerkrieg,  der
wüthende  Kampf  des  „weißen  Schreckens“.  Ueberdies  wurden  die  Trümmer
der  napoleonischen  Armce  eben  jetzt,  auf  Alexander's  Rath,  aufgelöst,  weil
der  Czar  den  Verbündeten  beweisen  wollte,  daß  ihnen  kein  Feind  mehr
gegenüberstehe,  daß  die  Stunde  des  Vergebens  gekommen  sei.  Das  Land
war  außer  Stande  den  Bedingungen  der  Sieger  irgend  welchen  Widerstand
  entgegenzustellen.  Um  so  schwerer  hielt  die  Verständigung  zwischen
den  Siegern  selbst.  So  glatt  und  leicht  die  Verhandlungen  über  den  ersten
Pariser  Frieden  verlaufen  waren,  ebenso  stürmisch  gestaltete  sich  diesmal
die  Berathung.  Zwei  volle  Monate  lang  führten  die  preußischen  Staatsmänner
  den  diplomatischen  Kampf  gegen  das  gesammte  Europa,  bis  sie
endlich  nachgeben  mußten  und  dann,  nach  der  cigentlichen  Entscheidung,
die  Friedensverhandlung  mit  Frankreich  eröffnet  wurde.

Schon  am  15.  Juli  hatte  Castlereagh  die  Grundsätze  aufgestellt,  von
denen  die  Verbündeten  ausgehen  sollten"):  „das  Ansehen  König  Ludwig's
entehren  oder  schwächen  heißt  in  der  That  die  eigene  Macht  der  Verbündeten
  verringern.“  Es  ist  auch  die  Pflicht  der  Mächte,  die  Nation  mit
echsicht  und  Versöhnlichkeit  zu  behandeln,  dagegen  den  König  bei  der
Neubildung  des  Heeres  und  der  Unterdrückung  der  Verschwörer  zu  unterstützen.
  Im  schärfsten  Gegensatze  zu  dieser  Ansicht,  welche  die  Sieger
von  Belle  Alliance  in  der  That  nur  als  die  ergebene  Polizeimannschaft

 

*)  Castlereagh's  Memorandum  v.  15.  Juli  1815.
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        776  II.  2.  Belle  Alliance.

des  Allerchristlichsten  Königs  betrachtete,  sprach  Hardenberg  am  22.  Juli
seine  Forderungen  aus.)  Drei  Ziele,  sagt  er,  sind  durch  diesen  Friedensschluß
  zu  erreichen:  Bürgschaft  für  die  Ruhe  Europas,  Entschädigung
für  die  Kriegskosten,  endlich  Ausführung  der  beim  ersten  Frieden  gegebenen
Versprechungen.  Die  Ruhe  der  Welt  kann  nur  durch  die  Schwächung
der  französischen  Ostgrenze  gesichert  werden,  da  die  Franzosen  spätestens
nach  Abzug  unserer  Heere  sich  wieder  feindselig  zeigen  werden.  Der  letzte
Krieg  hat  die  Verwundbarkeit  der  Niederlande  offenbart,  wie  die  militärische
  Schwäche  Oberdeutschlands  durch  die  napoleonischen  Feldzüge  erwiesen
  ist.  Also  Verstärkung  der  Niederlande  durch  eine  Reihe  französischer
  Festungen;  das  Elsaß  an  Deutschland  zurückgegeben,  seine  festen
Plätze  durch  Oesterreich  besetzt;  für  Preußen  die  Festungen  an  der  Saar
und  der  oberen  Mosel;  für  die  Schweiz  einige  Grenzfestungen  im  Jura,
für  Piemont  ganz  Savoyen.  Von  Dünkirchen  bis  hinauf  nach  Chambery
  und  den  savoyischen  Seen  sollte  ein  mehrere  Meilen  breiter  Streifen,
der  die  ganze  Ostgrenze  entlang  lief  und  die  vorderste  der  drei  Vaubaw#'schen
Festungsreihen  umfaßte,  abgetrennt  werden,  wie  eine  Landkarte  aus  der
Staatskanzlei  näher  angab.

Wie  Preußen  überall  in  diesem  Kriege  seine  rücksichtslose  Hingebung
an  die  gemeinsame  Sache  Europas  bethätigt  hatte,  so  forderte  Hardenberg
auch  von  dem  Siegespreise  für  seinen  eigenen  Staat  unmittelbar  nur  wenig:
Metz,  Diedenhofen  und  Saarlouis.  Selbst  Gneisenau  hatte  rasch  eingesehen,
  wie  stark  das  allgemeine  Mißtrauen  gegen  Preußen  sei  und  rieth
daher  jetzt,  mehr  für  die  Niederlande,  Oesterreich  und  Süddeutschland  als
für  Preußen  selbst  zu  verlangen;  den  Briten  müsse  man  vorstellen:  so
werde  Preußen  im  Westen  gesichert  und  könne  gegen  Rußland  schärfer
auftreten"*).  Als  eine  Möglichkeit  bezeichnete  der  Staatskanzler  endlich
noch  die  Losreißung  der  freien  Grafschaft  Burgund,  die  sich  nach  ihrer
alten  Freiheit  zurücksehne.  In  der  allgemeinen  Zerrüttung  jener  Tage
regten  sich  allerdings  auch  vereinzelte  centrifugale  Bestrebungen,  die  man
längst  erstorben  glaubte:  sogar  aus  Lyon  kamen  Abgesandte  zum  Kaiser
Franz  und  baten,  die  Stadt  als  selbständige  Republik  von  Frankreich  abzutrennen.
  In  der  Franche  Comté  waren  die  alten  habsburgischen  Ueberlieferungen
  noch  sehr  lebendig;  Besancon,  die  Stadt  Granvella's,  bewahrte
in  jeder  Straße  Erinnerungen  an  die  goldenen  Zeiten  Karl's  V.,  über  dem
Thore  des  Rathhauses  prangte  noch  der  Adler  mit  dem  alten  stolzen  Deo
et  Caesari  semper  fidelis.  Doch  das  Alles  bedeutete  wenig;  der  Vernichtungskrieg
  des  Convents  gegen  die  Provinzen  hatte  mit  einem  vollständigen
  Siege  der  Staatseinheit  geendet.  In  allen  den  Landstrichen,

 

*)  Hardenberg,  Denkschrift  über  die  von  dem  Comité  der  Vier  zu  befolgenden
Grundsätze,  22.  Juli  1815.
**)  Gneisenau  an  Hardenberg,  27.  Juli  1815.
        <pb n="787" />
        Preußens  Friedensvorschläge.  777

welche  Hardenberg  zurückforderte,  dachte  die  große  Mehrheit  des  Volks  den
Alliirten  feindlich  —  mit  der  einzigen  Ausnahme  des  treuen  Saarbrückens,
das  den  Staatskanzler  schon  auf  der  Durchreise  festlich  begrüßt  und  aber—
mals  flehentlich  um  Vereinigung  mit  Preußen  gebeten  hatte;“*)  selbst  das
benachbarte  Saarlouis,  die  Heimath  Ney's,  war  bis  zum  Fanatismus
französisch  gesinnt.

Hinsichtlich  der  Geldentschädigung  erinnerte  Hardenberg  an  die  thö—
richte,  von  Preußen  vergeblich  bekämpfte  Großmuth  vom  vorigen  Jahre:
„Es  wäre  Narrheit  noch  einmal  ebenso  zu  handeln.“  Er  verlangte,  ob—
gleich  der  ängstliche  Altenstein  ihm  gerathen  hatte  sich  mit  800  Mill.  zu
begnügen,“*)  die  Zahlung  von  1200  Mill.  Fr.,  davon  200  Mill.  vorab
für  die  Eroberer  von  Paris,  Preußen  und  England.  Eine  Rechnung  aus
der  Staatskanzlei  wies  sodann  nach,  daß  Frankreich  in  den  Jahren  1806
bis  1812  aus  Preußen  allein  1228  Mill.  erhoben  hatte  —  was  noch  um
reichlich  300  Mill.  hinter  der  Wahrheit  zurückblieb.  *)  Endlich,  für  die
Zurückgabe  der  Kunstschätze  und  die  Einlösung  der  anderen  noch  unerfüllten
  Versprechungen  des  vorigen  Jahres  sollte  eine  europäische  Commission
  sorgen.  Die  preußischen  Vorschläge  waren  streng,  doch  durchaus
gerecht,  Angesichts  der  vollständigen  Niederlage  des  napoleonischen  Heeres
und  der  unbelehrbaren  Feindseligkeit  der  Franzosen.  Ein  Unglück  nur,
daß  die  Entsagung,  welche  der  preußische  Staat  für  sich  selber  übte,  die
Behauptung  der  erhofften  Beute  erschwerte;  denn  wer  anders  als  Preußen
konnte  die  widerspänstigen  Elsasser  mit  starker  Hand  festhalten  während
der  bösen  Uebergangszeit  bis  ein  neues  gut  deutsches  Geschlecht  heranwuchs?
  Da  Oesterreich  sein  altes  Erbe  hartnäckig  verschmähte,  so  tauchten
die  wunderlichsten  Vorschläge  auf;  man  dachte  an  einen  vierzigsten  Bundesstaat
  unter  dem  Kronprinzen  von  Württemberg,  Gagern  wollte  das  Elsaß
sogar  in  die  Eidgenossenschaft  aufnehmen.  Und  daneben  in  Frankreich
hunderttausende  grollender  napoleonischer  Veteranen!  Welche  Aussichten
für  die  Zukunft!

Indeß  ward  dieser  einzige  stichhaltige  Einwurf,  der  sich  gegen  Hardenberg's
  Vorschläge  erheben  ließ,  von  der  Gegenpartei  kaum  beiläufig
erwähnt.  Die  große  Denkschrift,  welche  Capodistrias  am  28.  Juli  überreichte,
  bewegte  sich  vielmehr  in  den  luftigen  Regionen  der  politischen  Romantik,
  da  Rußland  die  wirklichen  Zwecke  seiner  Politik  nicht  enthüllen
durfte.  Der  gewandte  Grieche  hatte  sich  in  den  salbungsvollen  Ton,
welcher  der  gegenwärtigen  Stimmung  Alexander's  entsprach,  um  so  leichter
eingelebt,  da  er  selber  die  großen  Worte  und  die  leeren  Allgemeinheiten
liebte,  und  führte  beweglich  aus:  mit  Frankreich  habe  Niemand  Krieg

 

*)  Hardenberg's  Tagebuch,  11.  Juli  1815.
Altenstein's  Denkschrift  über  die  Contribution,  Paris  21.  Juli  1815.
VBsl.  oben  S.  321  u.  391.
        <pb n="788" />
        778  II.  2.  Belle  Alliance.

geführt,  nur  mit  Bonaparte,  folglich  sei  das  Eroberungsrecht  unanwendbar,
wenn  man  nicht  das  legitime  Königshaus  dem  Hasse  preisgeben  und  in
den  Augen  der  Nachwelt  alle  Gräuel  der  Revolution  rechtfertigen  wolle.
Darum  einfache  Wiederherstellung  des  Pariser  Friedens  und,  für  den
Fall  einer  nochmaligen  Revolution,  Erneuerung  des  Bündnisses  von  Chau—
mont,  endlich  militärische  Besetzung  des  Landes  auf  kurze  Zeit,  bis  zur
Abtragung  einer  Contribution,  welche  von  den  Nachbarstaaten  Frankreichs
wesentlich  zur  Anlegung  von  Grenzfestungen  verwendet  wird.

Diese  Vorschläge  schmückten  sich  mit  dem  wohllautenden  Titel  einer
„Combination  von  moralischen  und  reellen  Garantien“,  erregten  jedoch
im  preußischen  Lager  lebhafte  Entrüstung.  Am  4.  August  schrieb  Humboldt
  dem  Staatskanzler:  „Der  russische  Plan  ist  der  verderblichste  für
Preußen,  der  hätte  ersonnen  werden  können.  Wenn  er  befolgt  würde,
so  zöge  Preußen  von  diesem  ganzen  Kriege,  seinen  Verlusten,  seinen  ungeheuren
  Aufopferungen  keinen  anderen  Vortheil  als  einen  Contributionsantheil,
  den  es  noch  größtentheils  zur  Anlegung  fester  Plätze  gegen
Frankreich  aufwenden  soll.  Dagegen  hätte  es  die  wichtigen  Nachtheile,
die  Mittel,  die  ihm  der  jetzige  Krieg  gebracht  hätte,  nicht  auf  die  Erleichterung
  des  erschöpften  Landes  und  die  Sicherung  seiner  östlichen
Grenzen  wenden  zu  können,  russische  Truppen  jahrelang  durch  seine
Staaten  und  Deutschland  ziehen  zu  sehen  und  in  allen  seinen  Verhandlungen
  mit  Frankreich  noch  den  Einfluß  des  russischen  Hofes  auf  seinem
Wege  zu  finden.“  Wir  müssen  um  jeden  Preis  die  Verbündeten  zur
Verengerung  der  Grenzen  Frankreichs  bewegen  und  darum  „das  Ansehen
  vermeiden,  als  spräche  Preußen  nur  zu  seinem  eigenen  Vortheil.
In  der  That  ist  es  auch  Preußen  in  der  jetzigen  Lage  mehr  um  Sicherung
  seiner  Grenzen  als  um  Vergrößerung  zu  thun.““)  In  einer  zweiten
vertraulichen  Denkschrift  entwickelt  er  dann  nochmals  sein  altes  so  oft
mit  Metternich  besprochenes  System  des  „intermediären  Europas",  der
festen  Vereinigung  von  England,  Oesterreich  und  Preußen,  welche  die
beiden  drohenden  Massen  Frankreich  und  Rußland  in  Schranken  halten
soll;  dies  System  ist  schon  in  Wien  erschüttert  worden  durch  die  allzu
starke  Vergrößerung  Rußlands  und  wird  vollends  unhaltbar  wenn  Preußen
mit  ungesicherten  Grenzen  der  tödlich  erbitterten  französischen  Nation  und
den  Bourbonen,  die  uns  ihre  Feindseligkeit  schon  genugsam  gezeigt  haben,
gegenüber  gestellt  wird.)

Sodann  übergab  Humboldt  dem  Comité  der  Vier  eine  schlagende
Widerlegung  der  russischen  Denkschrift;  die  Aufgabe  war  wie  geschaffen
für  seine  unbarmherzige  Dialektik.  Er  zeigte,  wie  der  Krieg  zwar  nicht
zum  Zwecke  der  Eroberung  begonnen  worden,  jetzt  aber  thatsächlich  der

 

*)  Humboldt  an  Hardenberg,  4.  Aug.  1815.
*“)  Humboldt,  Mémoire  tres-confidentiel,  4.  Aug.  1815.
        <pb n="789" />
        Rußland  und  England  gegen  Preußen.  779

Zustand  der  Eroberung  vorhanden  sei;  wie  Frankreich  büßen  müsse,  was
Frankreich  verschuldet;  wie  den  Verbündeten  zwar  das  Recht  der  eigenen
Sicherung  zustehe,  aber  nicht  unzweifelhaft  das  Recht  der  Einmischung
in  Frankreichs  innere  Angelegenheiten;  möge  man  den  Franzosen  sogleich
nehmen,  was  zur  militärischen  Deckung  ihrer  Nachbarn  unentbehrlich  sei,
dann  aber  dem  Lande  alsbald  seine  Unabhängigkeit  zurückgeben,  denn
Preußen  wisse  aus  eigener  Erfahrung,  daß  nichts  ein  Volk  tiefer  erbittere
als  die  Anwesenheit  fremder  Truppen  in  Friedenszeiten;  wolle  Europa
die  Franzosen  unter  seine  Vormundschaft  nehmen,  so  werde  die  Revolution
niemals  endigen.  Gleichzeitig  begründete  Hardenberg  nochmals  seine
Forderungen  in  einer  ausführlichen  Denkschrift  (vom  4.  August),  erwies,
wie  Frankreich  schon  seit  Ludwig  XIV.  seine  natürlichen  Vertheidigungslinien
  überschritten  habe  und  eben  durch  den  Besitz  dieser  Außenposten
zu  immer  neuen  Eroberungskriegen  verlockt  worden  sei.  Auch  Knesebeck
schloß  sich  an,  diesmal  ganz  nüchtern  und  ohne  doctrinäre  Wunderlichkeiten;
  er  hob  hervor,  daß  selbst  ein  Friedensschluß  von  übertriebener
Milde  keine  Sicherheit  gebe  für  die  Dauer  der  bourbonischen  Herrschaft,
denn  niemals  würde  das  französische  Volk  die  Niederlage  in  Brabant
verzeihen.

Mittlerweile  kam,  auf  Hardenberg's  Einladung,  auch  Stein  nach
Paris.  Der  Freiherr  verlebte  unterwegs  einige  Tage  am  Rhein  mit
Goethe  gemeinsam,  und  der  treue  Arndt  beobachtete  mit  stiller  Rührung,
wie  die  beiden  besten  Söhne  des  Vaterlands  einander  so  freundlich
forschend  mit  ihren  großen  braunen  Augen  ansahen,  Jeder  bemüht  die
räthselhafte  Eigenart  des  Anderen  behutsam  zu  schonen.  In  Paris  bot
Stein  alle  seine  Beredsamkeit  bei  dem  Czaren  auf,  widerlegte  in  einer
bündigen  Denkschrift  (vom  18.  August)  die  russische  Behauptung,  daß
Frankreich  der  Verbündete  seiner  Besieger  sei:  ist  Frankreich  unser  Freund,
warum  halten  wir  dann  das  Land  besetzt  und  schreiben  Lieferungen  aus?
Er  schloß  mahnend:  „England  und  Rußland  sollen  nicht  glauben,  es  sei
ihr  Vortheil  Deutschland  beständig  in  einem  Zustande  von  Aufregung
und  Leiden  zu  belassen.“  Aber  was  wog  jetzt  Stein's  Wort  neben  den
Thränen  und  Gebeten  der  Frau  von  Krüdener  und  der  Frau  von  Lezay-Marnesia?
  Die  Blitze  seiner  Rede  drangen  nicht  mehr  durch  den  dicken
Nebel  der  Weihrauchswolken,  welche  den  Czaren  im  Hotel  Montchennu
umgaben.  Und  wenn  Stein  nicht  mehr  galt,  was  vermochten  vollends
die  Vertreter  der  Mächte  zweiten  Ranges?  Der  bairische  Gesandte  Rechberg
  hielt  sich  vorsichtig  zurück,  weil  Baiern  für  seine  eigenen  Vergrößerungswünsche
  der  Hilfe  Oesterreichs  bedurfte.  Die  Badener  traten
sehr  bescheiden  auf,  schilderten  in  beweglichen  Eingaben  den  unhaltbaren
Zustand  an  ihrer  Rheingrenze  —  wie  soeben  erst  die  Franzosen  von
Straßburg  aus  versucht  hätten  eine  Brücke  auf  das  deutsche  Ufer  zu
schlagen  —  verlangten  zum  Mindesten  das  alleinige  Eigenthum  an  der
        <pb n="790" />
        780  II.  2.  Belle  Alliance.

Kehler  Brücke  und  die  Schleifung  der  Straßburger  Festungswerke.“)
Ungleich  dreister  sprachen  der  ehrgeizige  Kronprinz  von  Württemberg
und  sein  Minister  Wintzingerode.  In  ihren  Briefen  und  Denkschriften
kündigte  sich  schon  jene  Opposition  der  Mittelstaaten  gegen  die  Groß—
mächte  an,  welche  nachher  durch  viele  Jahre  das  deutsche  Leben  beun—
ruhigen  sollte.  Sie  erklärten  drohend,  Europa  könne  so  wenig  den  neuen
vierfachen  Despotismus  ertragen,  wie  einst  den  einfachen  Napoleon's,
und  der  Kronprinz  weissagte  bereits,  was  er  vierzig  Jahre  später  dem
Bundestagsgesandten  von  Bismarck  wiederholte:  die  Schutzlosigkeit  un—
serer  Südwestgrenze  werde  die  süddeutschen  Kronen  über  lang  oder  kurz
zu  einem  neuen  Rheinbunde  nöthigen.

Niemand  aber  war  unermüdlicher  als  der  holländische  Reichspatriot
Gagern;  fielen  doch  diesmal  die  Interessen  der  Niederlande  mit  denen
Deutschlands  durchaus  zusammen.  Der  Unaufhaltsame  fühlte  sich  so  recht
in  seinem  Elemente,  wenn  er  in  zahllosen  Denkschriften  das  ganze  Rüst—
zeug  seiner  reichsgeschichtlichen  Gelehrsamkeit  entfaltete  und  die  lange  Reihe
der  französischen  Gewaltthaten  seit  den  Zeiten  Heinrich's  II.  und  Moritz's
von  Sachsen  nachwies.  So  phantastisch  er  in  seinen  föderalistischen
Träumen  war,  die  Romantik  der  legitimistischen  Staatslehre  berührte  den
Schüler  Montesquien's  und  Hume's  nicht.  Auf  die  Behauptung,  man
habe  nur  mit  Bonaparte  Krieg  geführt,  antwortete  er  frischweg  mit  der
Frage,  ob  etwa  Bonaparte  allein  bei  Belle  Alliance  geschossen,  kartätscht
und  gesäbelt  hätte:  „die  Nationen  sind  es,  die  sich  bekriegen,  auf  die
Nationen  fallen  die  glücklichen  wie  die  unglücklichen  Folgen  der  Kriege
zurück.“  Natürlich,  daß  der  alte  Anwalt  der  Kleinstaaten  auch  gegen  die
Hegemonie  der  Großmächte  Einspruch  erhob.  Auch  Don  Labrador,  der
spanische  Gesandte,  verlangte  feierlich  Zulassung  zu  den  Conferenzen.)
Indeß  die  Unmöglichkeit,  die  an  sich  schwierige  Verhandlung  vor  dem
Forum  der  sämmtlichen  curopäischen  Staaten  zu  erledigen,  sprang  in  die
Augen,  der  Rath  der  Vier  beschloß  schon  am  10.  August,  die  Staaten
zweiten  Ranges  erst  zu  der  eigentlichen  Unterhandlung  mit  Frankreich  —
das  will  sagen:  erst  nach  der  Entscheidung  —  zuzuziehen.

Die  unzertrennliche  Interessengemeinschaft  zwischen  Preußen  und  den
süddeutschen  Staaten  zeigte  sich  so  deutlich,  daß  alle  die  bösen  Erinnerungen
der  Rheinbundszeiten  spurlos  verwischt  schienen.  Preußen  übernahm
wieder  seine  natürliche  Rolle  als  Beschützer  des  gesammten  Deutschlands.
Was  sich  an  rechtlichen  und  politischen  Gründen  für  die  Wiedereroberung
unserer  alten  Westmark  nur  irgend  anführen  ließ,  ward  in  der  That  von
den  preußischen  Diplomaten  und  ihren  Genossen  aus  den  Kleinstaaten
mit  erschöpfender  Gründlichkeit  ausgesprochen.  Mit  richtigem  Takt  hoben

 

*)  Hacke  an  Hardenberg  19.  Aug.;  Hacke  und  Berstett  an  Hardenberg  21.  Oct.  1815.
**)  Labrador  an  Hardenberg,  15.  September  1815.
        <pb n="791" />
        Preußen  an  der  Spitze  der  Mittelstaaten.  781

die  Staatsmänner  am  stärksten  den  Gesichtspunkt  der  militärischen  Siche—
rung  hervor,  den  einzigen,  der  auf  eine  Diplomatenversammlung  einigen
Eindruck  machen  konnte.  Dr.  Butte  dagegen,  in  seiner  vielgelesenen  Schrift
über  die  Friedensbedingungen,  sowie  die  Mehrzahl  der  deutschen  Zeitungen
nahmen  den  Gedankengang  Arndt's  wieder  auf  und  forderten  die  Sprach—
grenze  als  ein  natürliches  Recht  der  Nation.  Bei  der  freundlichen  Ge—
sinnung  hüben  und  drüben  stand  auch  ein  ernster  Streit  über  die  Ver—
theilung  der  Beute  nicht  zu  befürchten,  wenn  nur  erst  der  Rückfall  des
Elsasses  an  den  Deutschen  Bund  gesichert  war.  Aber  diese  Entscheidung
lag  allein  in  der  Hand  der  Großmächte,  und  nur  zu  bald  zeigte  sich  in
Paris,  wie  vor  Kurzem  in  Wien,  daß  Humboldt's  Traum  vom  „intermediären
  Europa“  ein  leeres  Phantasiegebilde  war.  England  und  Oesterreich,
  die  er  für  Preußens  natürliche  Bundesgenossen  ansah,  verhielten
sich  gegen  die  deutschen  Forderungen  ebenso  ablehnend  wie  Rußland  und
Frankreich.

Am  6.  August  ließ  sich  Metternich  zum  ersten  male  vernehmen  und
erklärte  feierlich,  dieser  Krieg  sei  gegen  das  bewaffnete  Jacobinerthum  geführt
worden  und  dürfe  nicht  in  einen  Eroberungskrieg  ausarten.  Darum
suchte  er  die  Bürgschaften  der  europäischen  Ruhe  vornehmlich  in  einer  verständigen
  Ordnung  der  inneren  Angelegenheiten  Frankreichs  und  in  einer
vorübergehenden  militärischen  Besetzung;  außerdem  sollten  die  Festungen
der  vordersten  Linie  entweder  an  die  Nachbarstaaten  abgetreten  „oder
wenigstens  geschleift  werden“.  Alsdann  führte  er  näher  aus,  wie  Deutschland
  nur  der  Festung  Landau  bedürfe,  zum  Ersatz  für  das  zerstörte
Philippsburg;  im  Uebrigen  genüge  es,  wenn  die  Festungen  im  Elsaß  geschleift
  würden  und  Straßburg  nur  seine  Citadelle  behielte.  Den  gewiegten
  Diplomaten  des  Viererausschusses  mußte  sofort  einleuchten,  daß
jenes  „oder  wenigstens“,  gleich  beim  Beginne  der  Verhandlungen  ausgesprochen,
  die  wirkliche  Meinung  Metternich's  kundgab;  bei  dem  Systeme
der  Arrondirungspolitik,  das  er  nun  seit  drei  Jahren  unbeirrt  verfolgte,
durfte  er  den  Rückfall  des  Elsasses  nicht  wünschen.  Nur  die  preußischen
Staatsmänner,  immer  geneigt  von  dem  österreichischen  Freunde  das  Beste
zu  vermuthen,  wollten  den  eigentlichen  Sinn  der  k.  k.  Denkschrift  nicht
begreifen;  sie  bedauerten  nur  „die  schwankende  Haltung“  des  Wiener
Hofes,  während  die  russischen  wie  die  englischen  Minister  sofort  erkannten,
daß  Oesterreich  sich  von  der  gemeinsamen  Sache  Deutschlands  lossagte,
und  darum  nur  noch  von  „den  preußischen  Forderungen"“  sprachen.

Auch  auf  England  hoffte  Hardenberg  noch  eine  Zeit  lang;  war  doch
allbekannt,  daß  die  Haltung  Castlereagh's  und  Wellington's  den  Wünschen
ihres  Landes  keineswegs  entsprach.  Die  Londoner  Presse  forderte  laut  entschlossene
  Ausbeutung  des  Sieges;  Castlereagh's  Parteigenossen,  die  Torys,
von  jeher  die  entschiedensten  Gegner  Frankreichs,  eiferten  am  lebhaftesten
gegen  jede  falsche  Großmuth.  Lord  Liverpool  selbst  schrieb  im  Namen
        <pb n="792" />
        782  II.  2.  Belle  Alliance.

des  Cabinets,  man  könne  diese  offenbare  Gesinnung  der  Nation  nicht
übersehen.  Sogar  der  Prinzregent  sprach  sich  für  die  deutschen  Ansprüche
aus  und  folgte  den  Rathschlägen  des  Grafen  Münster,  der  in  Paris,  zu
Stein's  freudigem  Erstaunen,  mit  den  Preußen  treulich  zusammenging.
Ganz  unbekümmert  um  den  Widerspruch  der  Nation  schritten  Castlereagh
und  Wellington  ihres  Weges  weiter.  Der  Herzog  blieb  dabei,  die  Beendigung
  der  Revolution  sei  der  einzige  Zweck  dieses  Krieges,  daher  könne
jetzt  nur  eine  Occupation  für  wenige  Jahre  erfolgen.  Castlereagh  schloß
sich  ihm  an  und  vertröstete  die  Preußen  auf  besseren  Lohn  nach  zukünftigen
  Kriegen:)  „Fortgesetzte  Ausschreitungen  Frankreichs  können  ohne
Zweifel  in  künftigen  Tagen  Europa  zur  Zerstückelung  Frankreichs  nöthigen,
und  Europa  wird  eine  solche  Veränderung  seines  Länderbestandes  mit
Kraft  durchführen  und  mit  Einmuth  aufrechthalten,  wenn  dieselbe  dereinst
in  den  Augen  der  Menschheit  als  eine  nothwendige  und  gerechtfertigte
Maßregel  erscheinen  wird.“  Aber  der  gegenwärtige  Krieg  ist  nicht  um
solcher  Zwecke  willen  begonnen  worden.  Zum  Schluß  nochmals:  „Wenn
die  Alliirten  durch  den  kriegerischen  Ehrgeiz  Frankreichs  in  ihrem  Vertrauen
getäuscht  werden  sollten,  dann  werden  sie  nochmals  die  Waffen  ergreifen,
nicht  nur  gestützt  auf  beherrschende  militärische  Positionen,  sondern  auch
mit  jener  sittlichen  Kraft,  welche  allein  eine  solche  Coalition  zusammenhalten
  kann.“

Also  in  der  angenehmen  Erwartung  neuen  Blutvergießens,  neuer
Kriegsnoth  sollten  die  nach  Frieden  schmachtenden  Deutschen  diese  einzige
Gelegenheit  zur  Sicherung  ihrer  Grenzen  aus  der  Hand  geben!  Was
Wunder,  daß  diese  Anweisung  auf  zukünftiges  Elend,  neben  den  salbungsvollen
  Worten  von  der  sittlichen  Kraft  der  Coalition,  allen  Deutschen
  wie  Spott  klang?  Die  Stimmung  ward  mit  jedem  Tage  erregter.
Sogar  der  gesellige  Verkehr  zwischen  den  Staatsmännern  der  beiden  Parteien
  gerieth  in's  Stocken,  die  Briten  beklagten  sich  bitter  über  Humboldt's
eisige  Kälte  und  schneidende  Sarkasmen.  So  zog  sich  der  Handel  durch
anderthalb  Monate.  Endlich  entschloß  sich  der  Staatskanzler  einen  halben
Schritt  zurückzuweichen;  er  erbot  sich  am  28.  August,  das  obere  Elsaß
aufzugeben,  verlangte  für  Deutschland  nur  noch  Diedenhofen  und  Saarlouis,
  Landau  und  Bitsch,  endlich  Straßburg  als  freie  Stadt.

Unterdessen  hatte  Gneisenau  eine  Denkschrift  für  den  Czaren  aufgesetzt,
  die  am  31.  August  auf  Befehl  des  Königs  übergeben  wurde;
Friedrich  Wilhelm  versprach  sich  von  den  feurigen  Worten  des  Generals
einigen  Eindruck  und  hoffte  am  nächsten  Tage  durch  eine  persönliche  Unterredung
  seinen  Freund  vollends  umzustimmen.)  Ohne  auf  die  preußischen

 

*)  Castlereagh's  vertrauliche  Note  an  Hardenberg,  wahrscheinlich  im  August  geschrieben.


*)  Boyen  an  Gneisenan  31.  Aug.  1815.  Gneisenau,  Memorandum  für  S.  Maj.
den  Kaiser  Alexander.
        <pb n="793" />
        Gneisenau's  Denkschrift.  783

Forderungen  im  Einzelnen  einzugehen  versuchte  Gneisenau  zunächst  nur
das  Herz  des  Czaren  für  den  Grundsatz  der  Gebietsabtretung  zu  ge—
winnen.  Er  zeigte,  daß  in  der  That  Frankreich  die  Schuld  an  dem  neuen
Kriegsunglück  trage;  ohne  die  Hilfe  aller  energischen  Männer  Frankreichs,
ohne  die  stumpfe  Theilnahmlosigkeit  der  Masse  hätte  „der  geächtete  Aben—
teurer“  niemals  den  Zug  von  Cannes  nach  Paris  vollenden  können.
„Europa  erwartet  von  den  Verbündeten  mit  Recht  die  Bestrafung  solcher
Unthaten  und  wird  mit  Erstaunen  erfahren,  daß  man  einen  neuen
Utrechter  Frieden  schließen,  die  Leiden  dieses  beklagenswerthen  Deutsch—
lands  verewigen  will;  das  wird  die  Regierungen  zur  Verzweiflung  bringen
und  die  Völker  erbittern.  Wenn  von  zwei  Nachbarn  der  eine  die  Ein—
heit  der  Staatsgewalt  besitzt,  physisch  und  moralisch  auf  den  Angriff  ein—
gerichtet  ist,  während  der  andere  durch  die  natürlichen  Gebrechen  einer
Bundesverfassung  und  durch  die  Gestalt  seiner  Grenzen  strenge  auf  die
Vertheidigung  beschränkt  wird,  so  läßt  sich  leicht  vorher  sehen,  welcher  von
Beiden  unterliegen  wird.  Was  in  den  Händen  des  Einen  ein  Angriffs—
mittel  ist,  wird  in  der  Hand  des  Anderen  ein  Mittel  zur  Abwehr.  Die
bourbonische  Regierung  kann  sich  nicht  sicherer  die  Volksgunst  gewinnen,
als  wenn  sie  sich  der  abenteuerlichen  Rachsucht  ihrer  Nation  ganz  hin—
giebt.  Ermuthigt  durch  die  Erfahrung,  daß  seine  Grenze  auch  nach  den
größten  Niederlagen  unverletzt  bleibt,  daß  die  Berechnungen  einer  eng—
herzigen  Politik  ihm  unter  allen  Umständen  die  Sicherheit  seines  Gebietes
gewährleisten,  wird  das  französische  Volk  bald  keine  Schranke  mehr  für
seinen  Uebermuth  kennen.  Und  sollen  wir  der  französischen  Partei  in
Deutschland  neue  Gründe  geben  zu  dem  Glauben,  daß  man  mehr  ge—
winnt  durch  Anschluß  an  die  Eroberungspläne  Frankreichs  als  durch  Er—
füllung  seiner  Pflichten  gegen  das  Vaterland  und  die  gemeinsame  Sache
Europas?  Das  mächtige  und  furchtbare  Rußland  steht  wahrlich  zu  hoch
für  kleinliche  Erwägungen,  welche  dem  großherzigen  Charakter  des  Kaisers
nicht  entsprechen.  Bleibt  Frankreichs  Grenze  unverändert,  so  wird  man
allgemein  sagen,  England  wolle  den  Continent  in  neue  Wirren  stürzen,
damit  er  nicht  Zeit  habe  sich  gegen  die  britische  Handelspolitik  zur  Wehr
zu  setzen.“  So  der  Gedankengang  des  langen,  in  mangelhaftem  Französisch,
  doch  mit  der  höchsten  rednerischen  Kraft  geschriebenen  Memorandums.
Gneisenau  trug  auch  kein  Bedenken,  für  Piemont,  die  Niederlande  und
die  kleinen  deutschen  Staaten  die  Zulassung  zu  den  Conferenzen  zu  verlangen,
  was  in  den  Augen  der  anderen  Großmächte  eine  arge  Ketzerei  war.

Der  Czar  blieb  taub.  Auch  seine  Unterredung  mit  dem  Könige  führte
zu  keinem  Ergebniß.  Dem  General  dankte  Alexander  kurz  und  trocken  für
seine  wohlgemeinten  eifrigen  Bemühungen  um  die  großen  Interessen  Europas")
  und  ließ  durch  Capodistrias  eine  ausführliche  Widerlegung  abfassen,

 

*)  Czar  Alexander  an  Guneisenau  5.  September  1815.
        <pb n="794" />
        784  II.  2.  Belle  Alliance.

die  in  Ermangelung  von  Gründen  eine  unerhörte  Fülle  moralischer  Ge—
meinplätze  entfaltete:  „Soll  Europa  darum  den  militärischen  Despotismus
  besiegt  und  den  Geist  der  Eroberung  vernichtet  haben,  um  jetzt  abermals
  aus  einem  Könige  von  Frankreich  ein  Opfer  zu  machen  und  dem
Königthume  eine  neue  Entheiligung  zu  bereiten?  Das  hieße  die  Sittlichkeit
  für  immer  aus  allen  politischen  Verhandlungen  verbannen.  Die
Gewalt  allein  würde  dann  Grundsatz,  Mittel  und  Zweck  der  Staatskunst
werden!  Frankreich  erniedrigt  und  durch  eine  Reihe  willkürlicher  Maßregeln
  noch  mehr  sittlich  verdorben,  müßte  sich  schließlich  in  die  Arme  der
gewaltsamsten  Partei  werfen.  Eine  vorübergehende  Occupation  bietet  den
Nachbarn  Frankreichs  jede  Sicherheit,  die  sie  nur  wünschen  können.“"  Zum
Schluß:  „Verkennen  wir  in  einem  so  entscheidenden  Augenblicke  nicht  den
unwandelbaren  Gang  der  Vorsehung,  welche  die  Sache  der  Religion,  der
Sittlichkeit  und  Gerechtigkeit  nur  darum  hat  straucheln  lassen,  um  ihr
neue  Triumphe  zu  bereiten  und  um  den  Fürsten  wie  den  Völkern  große
und  heilsame  Antriebe  zu  geben!“)

Als  dies  Musterstück  orientalischer  Kanzelberedsamkeit  am  5.  September
  den  preußischen  Staatsmännern  überreicht  wurde,  hatten  sie  bereits
  ihre  letzte  Hoffnung  auf  England  aufgeben  müssen.  Castlereagh's
Bruder  Lord  Charles  Stewart  war  nach  Windsor  geeilt  und  in  den  letzten
Tagen  des  August  zurückgekehrt  mit  der  frohen  Botschaft,  daß  er  den
Einfluß  des  Grafen  Münster  überwunden,  den  Prinzregenten  gänzlich
für  die  Ansicht  Castlereagh's  und  Wellington's  gewonnen  habe.  Mit  erhöhtem
  Selbstgefühle  durften  die  Beiden  nun  vorgehen.  Der  Herzog  erwiderte
  (31.  August)  auf  Hardenberg's  letzte  Denkschrift  kurz  und  scharf:
jede  Gebietsabtretung  sei  unpolitisch  und  widerrechtlich,  weil  nicht  im  Einklange
  mit  der  Wiener  Erklärung  der  Verbündeten;  die  Occupation  für
einige  Jahre  genüge  vollauf.“)  Castlereagh  aber  erklärte  (2.  September)
im  Namen  des  Prinzregenten  Englands  volle  Zustimmung  zu  den  russischen
  Vorschlägen.  So  war  man  denn  in  offener  Zwietracht:  Rußland
und  England  versagten  sich  grundsätzlich  jeder  Gebietsforderung  Preußens;
Oesterreich  —  mit  seinem  schüchternen  Verlangen  nach  Schleifung  der
elsassischen  Grenzplätze  —  stand  scheinbar  in  der  Mitte,  doch  in  Wahrheit
  der  englisch-russischen  Meinung  sehr  nahe.  Sollte  dies  an  Geld  und
Truppen  erschöpfte  Preußen  jetzt  seine  Forderungen  mit  den  Waffen  durchsetzen?
  Daran  war  nicht  zu  denken.

Aber  auch  der  Czar  fühlte,  daß  er  seinem  besten  Alliurten  nicht  eine
unbedingte,  demüthigende  Unterwerfung  zumuthen  durfte,  da  er  doch  die
Fortdauer  des  preußisch-russischen  Bündnisses  dringend  wünschte.  Er  beschloß
  daher  schon  am  7.  September  ein  wenig  einzulenken,  freilich  nur

 

*)  Capodistrias,  Réponse  au  mémoire  du  général  de  Gneisenau,  5.  Sept.  1815.
*P)  Wellington's  Denkschrift  an  Hardenberg,  31.  Aug.  1815.
        <pb n="795" />
        Oesterreichs  scheinbare  Vermittelung.  785

eine  winzige  Strecke  weit,  und  ließ  durch  Nesselrode  dem  Staatskanzler
erklären:  Rußland  halte  zwar  wie  England  unwiderruflich  fest  an  dem
Gedanken  der  vorübergehenden  Occupation  (le  systeme  des  garanties
temporaires  lautete  der  Kunstausdruck);  damit  seien  jedoch  einige  kleine
Gebietsabtretungen  wohl  vereinbar.  Also  Landau  an  Deutschland,  Savoyen
  an  Piemont,  einige  Grenzplätze  an  die  Niederlande,  vielleicht  auch
Hüningen  an  die  Schweiz;  für  Preußen  selber  gar  nichts.  Auch  diese
Denkschrift  triefte  wieder  von  Lehren  der  Weisheit  und  Tugend:  „das
doppelte  Ziel  der  Beruhigung  Europas  und  Frankreichs  kann  nur  erreicht
werden,  wenn  die  Verbündeten  bei  den  Friedensunterhandlungen  dieselbe
Reinheit  der  Absichten,  dieselbe  Uneigennützigkeit,  denselben  Geist  der  Mäßigung
  bewahren,  welche  bisher  die  unwiderstehliche  Kraft  des  europäischen
Bundes  gebildet  haben.““)  Trotz  Alledem  that  der  Cear  jetzt  doch  selber
was  er  vor  zwei  Tagen  noch  für  einen  Verrath  an  Religion  und  Sittlichkeit
  erklärt  hatte,  er  gab  die  mit  so  viel  heiliger  Entrüstung  verfochtene
Unantastbarkeit  des  französischen  Bodens  auf  und  bahnte  damit  den  Weg
zur  Verständigung.  In  einem  vertraulichen  Begleitbriefe  beschwor  Nesselrode
  den  Staatskanzler,  „diese  traurige  Angelegenheit  rasch  zu  beendigen.
Dies  werde  dem  Czaren  das  liebste  Geburtstagsgeschenk  sein.  Nichts  ist
Ihm  und  uns  Allen  peinlicher  als  diese  Meinungsverschiedenheit  zwischen
zwei  Höfen,  deren  Beziehungen  so  innig  sind.““)

Mit  großer  Gewandtheit  benutzte  Metternich  sofort  die  Gunst  des
Augenblicks,  um  als  Vermittler  zwischen  die  Streitenden  zu  treten.  In
einer  Denkschrift  vom  8.  September  erkannte  er  die  gemäßigte  und  versöhnliche
  Haltung  aller  Höfe  dankbar  an  und  fand  es  sehr  erklärlich,  daß
gleichwohl  in  Folge  der  Verschiedenheit  der  geographischen  Lage  und  der
nationalen  Stimmungen  ihre  Ansichten  nicht  gänzlich  übereinstimmten.
Oesterreich  wünsche  eine  möglichst  große  Sicherheit  aber  möglichst  geringe
Opfer  für  Frankreich  und  schlage  daher  „ein  gemischtes  System  von  dauernden
  und  zeitlichen  Bürgschaften“  vor,  also  vor  Allem  die  Zurückführung
Frankreichs  auf  den  Besitzstand  von  1790.  „Die  Grenzen  von  1790“  —
damit  war  sehr  glücklich  eines  jener  handlichen  Schlagwörter  gefunden,
wie  sie  die  noch  ganz  französisch  gebildete  Diplomatie  jener  Tage  liebte.
Die  weiteren  Vorschläge  der  Denkschrift  paßten  freilich  zu  diesem  wohlklingenden
  Worte  wie  die  Faust  auf  das  Augej  sie  zeigten  deutlich,  daß
Metternich  nicht  ehrlich  vermittelte,  sondern  die  englisch-russische  Partei
ergriff.  Von  jenem  Viertel  des  Elsasses,  das  im  Jahre  1790  noch  deutsch
gewesen,  war  gar  nicht  mehr  die  Rede;  vielmehr  verlangte  der  Oesterreicher
  außer  Landau  und  jenen  niederländischen  Grenzplätzen,  welche  der
Czar  bereits  zugestanden  hatte,  ausdrücklich  nur  noch  Saarlouis,  und

 

*)  Nesselrode  an  Hardenberg  über  Castlereagh's  Denkschrift  v.  2.  Sept.  (7.  Sept.  1815).
**)  Nesselrode  an  Hardenberg,  7.  Sept.  1815.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  J.  50
        <pb n="796" />
        786  II.  2.  Belle  Alliance.

selbst  diesen  Platz  nicht  unbedingt,  da  ja  Frankreich  zur  Erbauung  einer
anderen  Saarfestung  Gelder  an  Preußen  zahlen  könne.  Dazu  endlich
1200  Mill.  Kriegsentschädigung  und  eine  siebenjährige  Besetzung  des  Landes
durch  150,000  Mann,  welche  unter  Wellington's  Oberbefehl  „die  euro—
päische  Polizei“  handhaben  sollen.“)

Also  von  Oesterreich  preisgegeben,  erklärte  Hardenberg  endlich  (8.  September),
  daß  sein  König  um  der  Eintracht  willen  auf  seine  weitergehenden
Ansichten  verzichte  und  die  Grenzen  von  1790  annehme;  jedoch  er  verstand
  diesen  Grundsatz  ehrlich  und  verlangte  —  zum  Ersatz  für  jene
eingesprengten  deutschen  Gebiete  im  Elsaß  —  außer  Landau  auch  Saarlouis,
  Bitsch  und  den  nördlichsten  Streifen  des  Elsasses  mit  Fort  Louis,
Weißenburg,  Hagenau.  Selbst  England  fand  jetzt  gegen  eine  mäßige
Gebietsforderung  nichts  mehr  einzuwenden,  und  so  endigte  denn  die  Verhandlung,
  wie  einst  der  Streit  über  Sachsen,  mit  einem  widerwärtigen
Feilschen  um  die  einzelnen  Städte  und  Festungen.  Hardenberg  vertheidigte
  jede  seiner  letzten  Forderungen  mit  der  höchsten  Hartnäckigkeit,  doch
da  ihn  keine  der  andern  Mächte  unterstützte,  so  konnte  er  nur  Landau,
Saarlouis  und  das  Kohlenbecken  von  Saarbrücken  für  Deutschland
retten.  Von  dem  Metternich'schen  Vorschlage  „Besitzstand  von  1790“
blieb  zuletzt  nicht  mehr  viel  übrig  als  der  Name,  da  der  sogenannte  Vermittler
  sein  eigenes  Wort  nicht  ernst  nahm.  Am  19.  September  beschlossen
  die  vier  Mächte,  nunmehr  mit  Frankreich  in  Verhandlungen  einzutreten.
  Tags  darauf  überreichten  sie  ihr  gemeinsames  Ultimatum.  Sie
nahmen  an,  der  Friede  sei  gesichert,  denn  was  konnte  das  waffenlose
Frankreich  wider  ihre  nur  allzu  milden  Bedingungen  ausrichten?  Die
russische  Armee  trat  bereits  den  Rückmarsch  an.  Blücher  schrieb  schon
am  23.  September  in  die  Heimath:  „Der  Friede  ist  zu  Stande,  aber
leider  nicht  so  wie  er  hatte  sein  sollen,  wie  ich  es  eingeleitet,  aber  durch
Hardenberg  seine  zuletzt  bewiesene  Standhaftigkeit  ist  er  doch  noch  besser
zu  Stande  gekommen  wie  es  den  Anschein  hatte.  Wir  hatten  gleichsam
gegen  Alle  zu  fechten.““)

In  den  Augen  der  Franzosen  dagegen  bildete  das  Ultimatum  der
Verbündeten  erst  den  Anfang  der  eigentlichen  Verhandlungen.  Ganz
Paris  beeiferte  sich,  wie  nach  einer  stillen  Verschwörung,  den  hochsinnigen
Czaren  von  seinen  Alliirten  zu  trennen.  Die  vornehme  Welt  schwelgte
in  jenen  frommen  Redensarten,  welche  dem  neuen  Weltheiland  wohl
thaten,  und  bewunderte  den  weihevollen  Spruch  Talleyrand's:  „Nichts  ist
weniger  aristokratisch  als  der  Unglaube.“  Der  Czar  wurde  mit  geistreichen
Huldigungen  wie  mit  plumpen  Schpmeicheleien  überschüttet;  als  er  zum
Abschied  sein  Heer  auf  der  Ebene  von  Vertus  musterte,  sagten  die  Pariser

 

*)  Metternich's  Denkschrift  für  das  Comité  der  Vier,  8.  Sept.  1815.
*“)  Blücher  an  Heinen,  23.  Sept.  1815.
        <pb n="797" />
        Verhandlungen  mit  Frankreich.  787

Blätter  wonnetrunken:  wie  heimisch  müsse  sich  der  edle  Herrscher  dort  auf
dem  Tugendfelde  fühlen!  Wellington  dagegen  entging,  trotz  seines  rück—
sichtsvollen  Auftretens,  den  gehässigsten  Angriffen  nicht,  ward  einmal  im
Theater  geradezu  aus  der  königlichen  Loge  hinausgepfiffen.  Mit  den
Preußen  vollends  lebte  Jedermann  auf  Kriegsfuß.  Welche  Entrüstung
in  Paris  am  3.  August,  als  die  preußischen  Truppen  zur  Feier  ihres
nationalen  Festtags  ihre  Quartiere  und  Kasernen  erleuchteten  und  auf
dem  Hause  des  Königs  die  Inschrift  zu  lesen  stand:  parcere  subjectis
et  debellare  superbos!  Und  welch  ein  kleinlicher  Zank  um  den  Sold
und  die  Verpflegung  der  Truppen!  Anfangs  waren  die  Bourbonen,  bei
der  allgemeinen  Unordnung,  in  der  That  kaum  im  Stande  den  Pflichten
des  Besiegten  nachzukommen.  Als  aber  Hardenberg  5  Millionen  aus
Preußen  herbeischaffen  ließ  um  den  rückständigen  Sold  zu  bezahlen,  wei—
gerte  sich  Blücher  dies  neue  Opfer  aus  der  Hand  seiner  Mitbürger  anzu—
nehmen:  „die  Armee“,  schrieb  er  stolz,  „ist  kein  Söldnerheer,  das  um
jeden  Preis  abgelohnt  werden  muß,  sie  ist  mit  der  Nation  eins!“  Dann
kam  endlich  eine  Vereinbarung  zu  Stande,  kraft  deren  Frankreich  die  Ver—
waltung  in  den  occupirten  Landestheilen  wieder  übernahm  und  zugleich
die  Pflicht  für  Sold  und  Unterhalt  der  Heere  zu  sorgen.  Doch  wie  die
Bourbonen  im  vorigen  Jahre  die  versprochene  Rückgabe  der  Kunstschätze
verweigert  hatten,  so  brachen  sie  auch  diesmal  ihr  Wort.  Der  in  seiner
Großmuth  unerschöpfliche  Czar  stundete  sofort  die  fälligen  Zahlungen,
auch  das  reiche  England  drückte  ein  Auge  zu,  und  Oesterreich  hatte  nicht
den  Muth  sich  von  den  Beiden  zu  trennen.  Nur  das  von  allen  Mitteln
entblößte  Preußen  konnte  keine  Nachsicht  üben.  Als  der  Finanzminister
Louis  an  Humboldt  kurz  und  hochmüthig  schrieb,  die  für  die  Bekleidung
der  preußischen  Truppen  geforderten  Summen  könnten  nicht  bezahlt  werden,
da  erhielt  er  die  Antwort:  er  selber  trage  die  Schuld,  wenn  Preußen  sich
jetzt  allein  helfe.  Die  Generale  erhielten  Befehl,  in  den  Departements
Requisitionen  auszuschreiben,  und  nun  endlich  entschloß  sich  der  bourbonische
  Hof  seinen  Verpflichtungen  nachzukommen.)

Ganz  im  Sinne  dieses  steifen  Hochmuths  war  auch  die  Note  gehalten,
womit  Talleyrand  am  21.  September  das  Ultimatum  der  Verbündeten
beantwortete.  Der  gewandte  Mann  hatte  aus  dem  beginnenden  Abmarsch
der  russischen  Armee  neue  Hoffnungen  geschöpft  und  begann  hochtrabend,
der  Allerchristlichste  König  habe  mit  den  vier  Mächten,  seinen  Verbündeten,
keinen  Krieg  geführt  und  könne  ihnen  folglich  ein  Eroberungsrecht  nicht
zugestehen;  niemals  werde  er  eine  Scholle  Landes  von  dem  „alten  Frankreich“
  abtreten;  stellten  die  vier  Mächte  dergleichen  Zumuthungen,  so  seien
die  französischen  Bevollmächtigten  angewiesen,  sie  nicht  einmal  anzuhören
Die  Verbündeten  forderten  aber  von  dem  „alten  Frankreich“  nichts  weiter

 

*)  Louis  an  Humboldt  23.  Aug.  Humboldt's  Bemerkungen  dazu  24.  Aug.  1815.

50
        <pb n="798" />
        788  II.  2.  Belle  Alliance.

als  Saarlouis,  Landau  und  einen  Strich  an  der  Maas;  sie  waren  bereit,
dafür  Avignon  und  das  deutsche  Viertel  des  Elsasses,  die  Eroberungen
der  Revolution,  den  Bourbonen  zu  lassen,  so  daß  „das  alte  Frankreich“
noch  immer  einen  Zuwachs  von  mehreren  hunderttausend  Köpfen  behielt!
Zwei  Tage  vorher  hatte  Talleyrand  auch  die  Rückgabe  der  Kunstschätze  für
unzulässig  erklärt,  weil  sie  den  Haß  des  Volkes  gegen  die  Bourbonen  steigern
müsse.  Eine  solche  Sprache  aus  dem  Munde  eines  völlig  entwaffneten
Staates  erschien  doch  sogar  den  Briten  und  den  Russen  unerträglich.
Wellington,  der  früher  die  Rückforderung  der  Kunstschätze  bedenklich  gefunden
  hatte,  meinte  jetzt:  sie  sei  nothwendig  um  den  Franzosen  „eine
große  moralische  Lection  zu  geben“.  Auf  Talleyrand's  Note  erwiderten  die
vier  Mächte  schon  am  folgenden  Tage  scharf  abweisend:  von  Eroberungen
sei  überhaupt  nicht  die  Rede,  sondern  nur  von  Maßregeln  für  die  Sicherheit
Europas;  wolle  der  königliche  Hof  etwa  jenen  Grundsatz  der  Unantastbarkeit
  der  französischen  Grenzen  wieder  aufnehmen,  der  unter  Napoleon
so  viel  Unglück  angerichtet  habe?  —  Den  Deutschen  gegenüber  hatten
England  und  Rußland  den  Grundsatz  der  Unverletzlichkeit  Frankreichs
soeben  erst  salbungsvoll  vertheidigt;  jetzt  gaben  sie  ihn  wieder  auf.

In  den  Tuilerien  verbreitete  diese  Antwort  tiefe  Bestürzung.  König
Ludwig  versuchte  noch  einmal  persönlich  einen  Sturm  auf  das  erregbare
Gemüth  des  Czaren.  „In  der  Bitterniß  meines  Herzens“  —  so  schrieb
er  am  23.  Septbr.  —  „nehme  ich  meine  Zuflucht  zu  E.  Maj.,  um  Ihnen
hingebend  das  peinliche  Gefühl  auszusprechen,  das  ich  beim  Durchlesen
der  Vorschläge  der  vier  Mächte  empfunden  habe.  Eines  vor  Allem  erschüttert
  mich  tief  und  treibt  mich  zur  Verzweiflung  an  dem  Wohle  des
unglücklichen  Frankreichs:  der  niederschmetternde  Gedanke,  daß  E.  Maj.,
auf  den  ich  meine  Hoffnung  gesetzt,  die  mir  übersendete  Note  gebilligt  zu
haben  scheint.  Ich  zögere  nicht  Ihnen  zu  versichern,  Sire:  ich  werde
mich  weigern  das  Werkzeug  für  den  Untergang  meines  Landes  zu  werden
und  ich  werde  eher  vom  Throne  niedersteigen  als  der  Befleckung  seines
alten  Glanzes  durch  eine  beispiellose  Erniedrigung  zustimmen!“  Kaiser
Franz  und  König  Friedrich  Wilhelm  III.  wurden  durch  Handbillette  auf
dies  verzweifelte  Schreiben  aufmerksam  gemacht.“!)  Indeß  die  angedrohte
Abdankung  war  doch  allzu  unwahrscheinlich,  das  theatralische  Pathos  des
Briefes  stand  in  einem  allzu  lächerlichen  Mißverhältniß  zu  der  Thatsache,
daß  die  Verbündeten  das  alte  Frankreich  ungestört  im  Besitze  einer  erheblichen
  Vergrößerung  lassen  wollten.  Selbst  der  Czar  war  über  den  maßlosen
  Jammer  seines  Schützlings  befremdet.  Ganz  unerschütterlich  blieb
Alexander  freilich  nicht;  er  setzte  durch,  daß  von  den  letzten  Forde- 



*)  König  Ludwig  an  Kaiser  Alexander  23.  September,  an  Kaiser  Franz  23.  September
  1815  —  neuerdings  zum  Theil  abgedruckt  bei  Maggiolo,  Pozzo  di  Borgo
S.  219.
        <pb n="799" />
        Die  heilige  Allianz.  789

rungen  der  Coalition  noch  ein  wenig  nachgelassen  wurde.  Die  Verbün—
deten  verzichteten  auf  die  wichtige  Maasfestung  Givet  und  auf  Condé:
der  glorreiche  Name  dieses  Platzes  war  dem  Hause  der  Kapetinger  gar
zu  theuer!

Ein  Ministerwechsel  in  den  Tuilerien  kam  dem  Abschluß  des  Friedenswerkes
  zu  statten.  Da  die  legitimistischen  Ultras  durch  die  Gewaltmittel
des  weißen  Schreckens  den  Sieg  bei  den  Kammerwahlen  davongetragen
hatten,  so  konnte  weder  der  Königsmörder  Fouché  noch  der  vermittelnde
Talleyrand  sich  im  Cabinet  behaupten.  Der  Czar  half  in  der  Stille
nach,  da  ihm  Fouché's  Verkehr  mit  den  Engländern  verdächtig  war;  er
dachte  sogar  ernstlich  daran,  seinem  Pozzo  di  Borgo,  dem  erklärten  Feinde
der  militärischen  Jacobiner  Preußens,  als  einem  geborenen  Franzosen
einen  Platz  im  Ministerium  zu  verschaffen,  fand  es  jedoch  zuletzt  klüger
den  Vertrauten  in  der  sicheren  Stellung  eines  russischen  Gesandten  zu
belassen.  Der  Herzog  von  Richelien  bildete  am  26.  September  das  neue
Cabinet,  ein  wohlmeinender,  aber  mit  Frankreich  völlig  unbekannter
Staatsmann,  der  sich  durch  langen  Aufenthalt  in  Rußland  das  Wohlwollen
  des  Czaren  erworben  hatte.  Machtlos  wie  er  war,  allein  angewiesen
  auf  die  Gunst  Alexander's  fand  er  sich  rasch  in  das  Unvermeidliche,
  und  schon  am  2.  October  kam  die  entscheidende  Vereinbarung
zwischen  Frankreich  und  den  vier  Mächten  zu  Stande.  Das  Protokoll
brauchte  wieder  den  hochtrabenden  Ausdruck,  die  Grenze  von  1790  solle
die  Regel  bilden;  doch  in  Wahrheit  trat  Frankreich  nur  ab:  einen
Landstrich  an  der  belgischen  Grenze  mit  Marienburg  und  Philippeville,
ferner  den  Rest  von  Savoyen,  endlich  Landau  und  Saarlouis  mit  Saarbrücken.


Czar  Alexander  konnte  den  Schauplatz  seiner  Thaten  nicht  verlassen,
ohne  die  Welt  noch  einmal  durch  eine  Offenbarung  erhabener  Gefühle
in  Erstaunen  zu  setzen.  In  den  angstvollen  Tagen  nach  der  Schlacht
von  Bautzen  hatte  König  Friedrich  Wilhelm  einmal  tiefbewegt  auf  einem
einsamen  Ritt  zu  seinem  Freunde  gesagt:  „jetzt  kann  uns  nur  Gott  allein
noch  retten;  siegen  wir,  so  wollen  wir  ihm  vor  aller  Welt  die  Ehre  geben!"
Wie  oft  war  seitdem  jene  weihevolle  Stunde  dem  Czaren  wieder  vor  die
Seele  getreten.  Hochaufgeregt  durch  die  Weissagungen  der  Frau  von
Krüdener  und  durch  ein  phantastisches  Schriftchen  des  deutschen  Philosophen
  Baader,  beschloß  er  jetzt  den  hingeworfenen  Gedanken  seines
Freundes  nach  seiner  Weise  zu  gestalten  und  schrieb  eigenhändig  die  Urkunde
  der  heiligen  Allianz  nieder,  ein  persönliches  Glaubensbekenntniß,
das  der  Welt  zeigen  sollte,  das  neue  europäische  Dreigestirn  verdanke  seinen
Glanz  allein  der  Sonne  Christi.  Aller  Edelsinn  und  alle  Glaubensinbrunst,
aber  auch  die  ganze  unklare  Gefühlsseligkeit  und  die  weltliche  Eitelkeit
dieses  schwammigen  Charakters  waren  in  dem  wundersamen  Actenstücke
niedergelegt.  Die  Erkenntniß,  daß  die  europäische  Staatengesellschaft  eine
        <pb n="800" />
        790  II.  2.  Belle  Alliance.

lebendige  Gemeinschaft  bildet,  diese  alte  halb  vergessene  Wahrheit,  die  sich
nach  den  Gräueln  des  napoleonischen  Zeitalters  der  Welt  wieder  über—
mächtig  aufdrängte,  empfing  unter  den  Händen  des  Gottbegeisterten  eine
sonderbare  theokratische  Umbildung.  Die  drei  Monarchen  von  Oesterreich,
Preußen  und  Rußland,  so  schrieb  der  Czar,  betrachten  sich  als  verbunden
durch  die  Bande  einer  wahrhaften  und  unauflöslichen  Brüderlichkeit,  als
Familienväter  ihren  Unterthanen  gegenüber;  sie  sehen  sich  an  als  von
der  Vorsehung  beauftragt  drei  Zweige  einer  Familie  zu  regieren,  und
erkennen  als  den  einzigen  Souverän  der  einen  christlichen  Nation  allein
„Gott,  unsern  göttlichen  Erlöser  Jesus  Christus,  das  Wort  des  Höchsten,
das  Wort  des  Lebens.“  Alle  Staaten,  welche  sich  zu  diesen  Heilswahr—
heiten  bekennen,  sind  zum  Eintritt  in  den  heiligen  Bund  brüderlich  ein—
geladen.)

Jene  räthselhafte  Schicksalsgunst,  welche  es  immer  so  fügte,  daß  die
Gefühlswallungen  Alexander's  mit  seinem  Vortheile  zusammentrafen,
waltete  auch  über  diesem  Ergusse  seiner  heiligsten  Empfindungen.  Alle
Mächte  Europas  konnten  seiner  brüderlichen  Einladung  folgen,  nur  jene
beiden  nicht,  welche  der  russischen  Politik  von  Altersher  als  unversöhnliche
  Feinde  galten.  Der  Papst  mußte  fern  bleiben,  weil  der  Stellvertreter
  Christi  nur  die  civitas  Dei  unter  der  Herrschaft  des  gekrönten
Priesters  anerkennen  durfte.  Vollends  der  ungläubige  Sultan  war,  wie
der  Czar  unverhohlen  aussprach,  für  immer  aus  dem  großen  Bruderbunde
Europas  ausgeschlossen.  Dem  verständigen  Sinne  Friedrich  Wilhelm's
erschienen  die  orakelhaften  Sätze,  die  ihm  der  Czar  mit  feierlichem  Ernst
vorlegte,  sehr  befremdlich;  aber  warum  dem  alten  Freunde  eine  Gefälligkeit
  versagen,  welche  dem  preußischen  Staate  durchaus  keine  Verpflichtung
auferlegte  Bereitwillig  schrieb  der  König,  wie  sein  Freund  wünschte,  das
Actenstück  mit  eigenen  Händen  ab  (26.  September).  Schwerer  entschloß
sich  Kaiser  Franz;  er  sah  voraus,  wie  peinlich  dieser  heilige  Bund  den
treuen  Freund  in  Konstantinopel  berühren  würde.  Doch  da  Metternich
die  fromme  Urkunde  lächelnd  für  leeres  Geschwätz  erklärte,  so  trat  auch
Oesterreich  noch  an  demselben  Tage  bei.  Nach  und  nach  haben  sich  dann
sämmtliche  Staaten  Europas  dem  heiligen  Bunde  angeschlossen,  die  meisten
aus  Gefälligkeit  für  den  Czaren,  einige  auch  weil  die  frommen  Worte
vom  väterlichen  Fürstenregiment  den  hochconservativen  Neigungen  des  anbrechenden
  Restaurationszeitalters  entsprachen.

Nur  drei  hielten  sich  zurück:  jene  beiden  alten  Feinde  Rußlands

 

*)  Eine  Andeutung  in  einer  Parlamentsrede  Lord  Liverpool's  hat  Anlaß  gegeben
zu  der  häufig  wiederholten  Behauptung,  daß  die  Acte  der  heiligen  Allianz  einige  geheime
Artikel  enthalten  hätte.  Obgleich  die  Unhaltbarkeit  dieser  Annahme  sich  schon  aus  inneren
Gründen  ergiebt,  so  sei  hier  doch  zum  Ueberfluß  noch  versichert,  daß  die  im  Berliner
Geh.  Staatsarchiv  verwahrte  Original-Urkunde  nichts  weiter  als  den  allbekannten  Text
enthält.
        <pb n="801" />
        Der  Friede  und  der  Vierbund  vom  20.  November.  791

—  und  England.  Während  der  Prinzregent  als  Beherrscher  von  Hannover
willig  unterzeichnete,  erklärte  Castlereagh  in  einer  bissigen  Rede:  das
Parlament  bestehe  aus  praktischen  Staatsmännern  und  könne  daher  wohl
einen  Staatsvertrag  genehmigen,  doch  nicht  eine  Erklärung  von  Grund—
sätzen,  welche  den  englischen  Staat  in  die  Zeiten  Cromwell's  und  der
Rundköpfe  zurückschleudern  würden.  Der  wahre  Beweggrund  der  Hochtorys
  war  aber  nicht  die  Rücksicht  auf  das  Parlament,  mit  dem  sie  schon
fertig  zu  werden  verstanden,  sondern  das  Mißtrauen  gegen  Rußland  und
die  Sorge  für  den  Sultan,  der  in  der  That  durch  den  Abschluß  der
heiligen  Allianz  lebhaft  beunruhigt  wurde.  Die  wunderliche  Episode  ist
nicht  ohne  culturhistorisches  Interesse,  da  sich  die  romantischen  Stimmungen
und  das  lebendige  europäische  Gemeingefühl  des  Zeitalters  darin  widerspiegeln.
  Eine  politische  Bedeutung  dagegen  hat  der  heilige  Bund  nie
gehabt;  sie  ward  ihm  nur  angedichtet  durch  die  Oppositionspresse  aller
Länder,  die  sich  bald  gewöhnte  von  „dem  System  der  heiligen  Allianz“  zu
sprechen  und  ihre  Anklagen  gegen  die  Politik  der  Ostmächte  an  diese
imaginäre  Adresse  richtete.

Am  20.  November  ward  endlich  der  Frieden  unterzeichnet.  Aber
auch  dieser  Vertrag  brachte  den  Deutschen  noch  nicht  den  endgiltigen
Abschluß  ihrer  inneren  Gebietsstreitigkeiten.  Landau  ward  an  Oesterreich
  und  von  diesem  an  Baiern  abgetreten,  doch  damit  war  den  Forderungen
  der  Wittelsbacher  noch  nicht  Genüge  geleistet.  Da  Oesterreich
die  Wiedererwerbung  des  Elsasses  verschmäht  und  also  das  einfachste
Mittel  zur  gänzlichen  Befriedigung  des  Münchener  Hofes  aufgegeben  hatte,
so  ließ  sich  Metternich,  um  doch  ein  Unterhandlungsmittel  in  den  Händen  zu
haben,  von  den  großen  Mächten  den  dereinstigen  „Heimfall“  des  Breisgaus
  und  der  badischen  Pfalz  zusichern  —  eine  völlig  rechtswidrige  Verabredung
  —  und  der  unselige  Gebietsstreit  zwischen  Baiern  und  Oesterreich
  blieb  vorläufig  unerledigt.  Glücklicher  war  England.  Außer  der
Abschaffung  des  Negerhandels,  die  dem  britischen  Volke  bereits  zu  einem
Gegenstande  der  nationalen  Eitelkeit,  des  allgemeinen  Sports  geworden
war,  erlangten  die  Torys  auch  die  Schirmherrschaft  über  die  ionischen
Inseln;  die  mediterranische  Machtstellung  des  Inselreichs  war  nunmehr
fester  denn  je  begründet.  Frankreich  mußte,  je  nach  seinem  Wohlverhalten,
drei  bis  fünf  Jahre  lang  die  militärische  Besetzung  seiner  Nordostprovinzen
ertragen  und  700  Mill.  Kriegsentschädigung  zahlen.  500  Mill.  wurden
zu  je  einem  Fünftel  unter  die  vier  Großmächte  und  die  Gesammtheit
der  Kleinstaaten  vertheilt;  England  und  Preußen  erhielten  außerdem
noch  je  25  Mill.  für  die  Einnahme  von  Paris.  Der  Rest  ward  für
die  Befestigung  der  an  Frankreich  angrenzenden  Landstriche  bestimmt,  dergestalt
  daß  Baiern  15  Mill.,  der  Deutsche  Bund  25  Mill.  für  die  rheinischen
  Festungen  erhielt;  Preußen  mußte  sich  mit  20  Mill.  begnügen,  da
ihm  Saarlouis  und  das  Besatzungsrecht  in  Luxemburg  abgetreten  wurde.
        <pb n="802" />
        792  II.  2.  Belle  Alliance.

Am  nämlichen  Tage  erneuerten  die  vier  Mächte  ihr  altes  Bündniß.
England  hatte  die  einfache  Verlängerung  des  Chaumonter  Vertrages  auf
zwanzig  Jahre  gewünscht.  Aber  Rußland  hielt  entgegen,  daß  man  Frank—
reich  doch  nur  während  des  Ausnahmezustandes  der  Occupationszeit  als
einen  verdächtigen  Feind  behandeln  dürfe,  und  setzte  durch,  daß  die  vier
Mächte  sich,  ohne  feste  Zeitangabe,  zur  Erhaltung  des  legitimen  Königshauses
  und  der  Charte  verpflichteten.)  denn  von  dem  Parteifanatismus
der  Emigranten  befürchtete  der  Czar  die  schwersten  Gefahren  für  Frankreich.
  Die  vier  Mächte  gelobten  einander,  durch  wiederholte  Zusammenkünfte
  der  Monarchen  oder  der  Minister  die  europäische  Sicherheit  zu
überwachen.  So  ward  denn  der  gesammte  Welttheil,  und  Frankreich
insbesondere,  unter  die  polizeiliche  Aufsicht  der  Coalition  gestellt;  die  Bourbonen
  durften  nicht  ruhen  bis  sie  aus  dieser,  für  eine  stolze  Nation  demüthigenden
  Lage  wieder  herauskamen  und  die  Aufnahme  Frankreichs
in  das  Bündniß  der  großen  Mächte  durchsetzten.  Da  die  vier  Mächte
sämmtlich,  Oesterreich  und  England  nicht  ausgenommen,  der  wilden  Leidenschaft
  der  Emigranten  mißtrauten,  so  richteten  sie  zum  Abschied  noch  eine
Note  an  Richelieu,  ermahnten  ihn  die  Mäßigung  mit  der  Festigkeit  zu
verbinden,  allen  Feinden  der  öffentlichen  Ruhe,  unter  welcher  Gestalt  sie  sich
auch  zeigten,  die  feste  Verfassungstreue  entgegenzustellen.  Voll  schwerer
Besorgniß  verließen  die  Staatsmänner  der  Coalition  Paris.  Keiner  von
ihnen  glaubte  an  die  Lebenskraft  des  alten  Königshauses,  sie  alle  schätzten
die  Dauer  der  bourbonischen  Herrschaft  nur  auf  wenige  Jahre.  Und
einem  solchen  Staate,  dessen  Zukunft  völlig  unberechenbar  erschien,  hatte
das  verbündete  Europa  die  beherrschenden  Plätze  am  deutschen  Oberrhein
wieder  eingeräumt!

In  der  gesammten  modernen  Geschichte  ist  nur  noch  einmal  nach
glänzenden  kriegerischen  Erfolgen  ein  Friede  geschlossen  worden,  der  sich
an  schonender  Milde  dem  Vertrage  vom  20.  November  1815  vergleichen
läßt:  der  Prager  Friede  von  1866.  Aber  was  in  Prag  aus  dem  freien
Entschluß,  aus  der  weisen  Selbstbeschränkung  des  Siegers  hervorging,  das
führte  in  Paris  der  gemeinsame  Argwohn  der  Verbündeten  gegen  den  kühnsten
  und  rührigsten  der  Siegesgenossen  herbei.  Der  große  Augenblick,  da
das  seit  Richelieu  so  unnatürlich  verrenkte  Gleichgewicht  Europas  wiederhergestellt
  und  den  Deutschen  ihr  altes  Erbtheil  zurückgegeben  werden  konnte,
ward  versäumt  weil  alle  Mächte  des  Ostens  und  Westens  sich  begegneten
in  dem  Entschlusse  die  Mitte  des  Welttheils  beständig  niederzuhalten.
Durch  schmerzliche  Erfahrungen  erkaufte  sich  die  deutsche  Nation  die  Erkenntniß,
  daß  sie  die  Sühne  des  alten  Unrechts  allein  von  ihrem  eigenen
guten  Schwerte  erwarten  durfte.  Alle  die  düsteren  Weissagungen  Hardenberg's,
  Humboldt's  und  Gneisenau's  gingen  wörtlich  in  Erfüllung.  Die

 

*)  Russische  Denkschrist  über  den  Bündnißvertrag,  9./21.  Oct.  1815.
        <pb n="803" />
        Erbitterung  der  Deutschen.  793

Franzosen  empfanden  nicht  nur,  wie  billig,  die  mehrjährige  Anwesenheit
der  fremden  Truppen  als  eine  unauslöschliche  Schmach;  sie  nahmen  auch
den  beispiellos  milden  Frieden  für  eine  grausame  Beleidigung.  Nicht
Saarbrücken  oder  Landau  lag  ihnen  am  Herzen;  was  sie  nicht  vergessen
konnten  war  die  Niederlage  von  Belle  Alliance.  Rache  für  Waterloo:
—  dies  blieb  für  Jahrzehnte  der  Schlachtruf  des  französischen  Volkes.
Diesem  Gedanken  entsprangen  die  Revolution  von  1830,  die  Kriegs—
drohungen  von  1840  und  die  Wiederherstellung  des  Kaiserreiches,  bis
dann  nach  einem  halben  Jahrhundert  der  alte  Herzenswunsch  in  einem
wüsten  Eroberungskriege  sich  entlud  und  der  deutsche  Sieger  die  Unter—
lassungssünden  von  1815  endlich  fühnte.

So  blieb  das  Verhältniß  zwischen  den  beiden  Nachbarvölkern  auf
Jahrzehnte  hinaus  krankhaft  unsicher  und  gespannt.  Die  Deutschen
empfingen  die  Kunde  von  dem  faulen  Frieden  mit  bitterem  Zorne.  So
recht  im  Namen  seines  Volkes  rief  Blücher:  „Preußen  und  Deutschland
steht  trotz  seiner  Anstrengungen  immer  wieder  als  der  Betrogene  vor  der
ganzen  Welt  da“  —  worauf  er  dann  abermals  seinen  Ingrimm  gegen
die  Diplomatiker  aussprach  und  zornig  fragte,  wie  lange  denn  „diese
sonderbare  Versammlung  von  Unterthanen,  die  ihre  eigenen  Monarchen
beherrschen,“  noch  bestehen  solle.  In  ihrer  naiven  Unkenntniß  der  politischen
  Verhältnisse  hatten  viele  Deutsche  alles  Ernstes  gehofft,  in  Paris
würden  nicht  nur  die  alten  Grenzen  des  Vaterlandes  wieder  hergestellt,
sondern  auch  die  Gebrechen  der  Bundesverfassung  geheilt  werden.  Schenkendorf
  wollte  die  Hoffnung  nicht  aufgeben,  daß  man  den  Erben  der  Leopolde
und  Ferdinande,  der  die  deutsche  Krone  so  kaltblütig  verschmähte,  nun  doch
zwingen  könnte,  sich  mit  dem  alten  Purpur  zu  bekleiden.  Der  treue  Mann
konnte  die  Stunde  gar  nicht  erwarten,  da  das  versteinerte  Birnengesicht
des  Kaisers  Franz  wieder  mit  dem  Reife  der  Karolinger  geschmückt  würde,
und  sang:

O  sei  denn  endlich  weiser,

Du  Herde  ohne  Hirt,

Und  wähle  schnell  den  Kaiser
Und  zwing'  ihn  daß  er's  wird!

Welche  Entrüstung  nun  unter  diesem  teutonischen  Geschlechte,  als  sich
ergab,  daß  Alles  beim  Alten  blieb,  daß  die  Kaiserherrlichkeit  begraben  war,
daß  Rappoltsweiler  und  Oberehnheim  wieder  Ribeauvillé  und  Obernay
heißen,  daß  die  alten  schönen  Heimathlande  deutscher  Gesittung  wieder
von  dem  Schlamme  wälscher  Verbildung  überfluthet  werden  sollten,  um
vielleicht  für  immer  darin  zu  versinken!  In  tausend  deutschen  Herzen
hallte  die  Klage  des  Dichters  wieder:

Doch  dort  an  den  Vogesen
Liegt  ein  verlornes  Gut.

Da  gilt  es,  deutsches  Blut
Vom  Höllenjoch  zu  lösen!
        <pb n="804" />
        794  II.  2.  Belle  Alliance.

Und  was  am  tiefsten  verwundete:  dieselben  verlorenen  deutschen  Länder,
denen  man  die  Freiheit  hatte  bringen  wollen,  frohlockten  über  den  diplomatischen
  Erfolg  des  Auslandes.  In  heller  Verzweiflung  rief  Rückert:

Wird  unser  Siegszug  denn  zur  Flucht?

Ganz  Frankreich  höhnt  uns  nach.

Und  Elsaß,  du  entdeutschte  Zucht,

Höhnst  auch!  O  ärgste  Schmach!

Im  Rheinischen  Mercur  donnerte  Görres  mit  der  ganzen  Wildheit
seines  Jacobinerzorns  wider  das  Basiliskenei,  das  der  gallische  Hahn
gelegt  und  die  deutsche  Einfalt  ausgebrütet  habe.  Die  Erbitterten  wollten
die  so  nahe  liegenden  Gründe  des  großen  Mißlingens  nicht  sehen,  schoben
alle  Schuld  auf  Hardenberg's  Schwäche  und  auf  die  „deutsche  Uneinigkeit",
welche  fortan  ein  stehender  Klagepunkt  in  den  Beschwerden  der  enttäuschten
  Patrioten  bleiben  sollte.  Und  doch  hatten  der  König  wie  seine  Staatsmänner
  ihre  Schuldigkeit  im  vollen  Maße  gethan  und  bei  den  Ministern
der  meisten  Mittelstaaten  treue  Unterstützung  gefunden.  Nicht  die  Deutschen
  waren  uneinig  gewesen,  sondern  Oesterreich  war  von  Deutschland
abgefallen.  Jene  alte  habsburgische  Hauspolitik,  welche  so  oft  deutsche
Reichslande  gegen  kaiserliche  Erblande  an  die  Fremden  dahingegeben,  hatte
diesmal,  da  für  das  Haus  Lothringen  nichts  Wünschenswerthes  zu  erwerben
stand,  die  Deutschen  einfach  im  Stiche  gelassen.

Es  war  aber  der  Fluch  des  friedlichen  Dualismus,  daß  die  preußische
Regierung  fortan  von  der  öffentlichen  Meinung  für  die  Sünden  Oesterreichs
  verantwortlich  gemacht  wurde  und,  um  nur  den  theuren  Bundesgenossen
  nicht  zu  kränken,  grundsätzlich  unterließ  sich  selber  vor  der
Nation  zu  rechtfertigen.  Und  wie  frech  und  schamlos  log  diese  Hofburg
jetzt  dem  deutschen  Volke  in's  Angesicht!  Gentz,  der  nachgerade  jeden  sittlichen
  Halt  verlor,  versicherte  im  Oesterreichischen  Beobachter  mit  dreister
Stirn,  niemals  hätte  zwischen  den  großen  Mächten  irgend  eine  Meinungsverschiedenheit
  über  die  Friedensbedingungen  bestanden,  und  schloß
feierlich:  wäre  dem  nicht  so,  „dann  haben  wir  das  Publicum  aus  Unwissenheit
  oder  geflissentlich  falsch  berichtet!“  War  es  zu  verwundern,  wenn
einer  solchen  Politik  gegenüber  die  Sprache  der  Patrioten  täglich  heftiger
ward  und  Görres  wüthend  schrieb:  „Wie  die  Vendomesäule  ein  fortwährendes
  Zeichen  unserer  Schande  ist,  so  soll  im  Rheinischen  Mercur  die
fortwährende  Protestation  des  Volks  gegen  alles  Halbe  und  Schlechte
niedergelegt  werden,  damit  die  Nachwelt  erkenne:  die  Zeitgenossen  waren
damit  nicht  einverstanden!“

Der  unglückliche  Friede  verbitterte  nicht  nur  die  Stimmung  der
Nation  dermaßen,  daß  dem  jungen  Deutschen  Bunde  von  Haus  aus
auch  nicht  ein  Schimmer  freudiger  Hoffnung  entgegenstrahlte.  Er  förderte
  auch  die  während  des  Krieges  erwachsene  Selbstüberschätzung  des
Volks;  darüber  war  ja  gar  kein  Streit,  daß  „das  Volk“  Alles  ungleich
        <pb n="805" />
        Dahlmann  über  den  Frieden.  795

herrlicher  hinausgeführt  hätte  als  die  Diplomaten.  Die  Massen  der  Na—
tion  kehrten  bald  wieder  allen  politischen  Gedanken  den  Rücken;  sie  wen—
deten  sich  den  schweren  Sorgen  des  Haushalts  zu  um  in  treuer  Arbeit
die  Wunden  des  ungeheuren  Kampfes  auszuheilen.  Wer  aber  den  feurigen
Idealismus  des  Befreiungskrieges  noch  im  Herzen  bewahrte,  der  tröstete
sich  des  Glaubens:  jetzt  sei  die  Stunde  gekommen,  da  das  Volk  selber  die
Leitung  des  deutschen  Staates  übernehmen  müsse.  Es  klang  wie  die
Weissagung  der  Kämpfe  und  Leiden  des  kommenden  Jahrzehnts,  wenn
einer  der  Besten  aus  dem  jungen  Geschlechte,  der  Kieler  Historiker  F.  C.
Dahlmann,  zur  Siegesfeier  die  in  Form  und  Inhalt  den  Geist  der  Zeit
bezeichnenden  Worte  sprach:  „Frieden  und  Freude  kann  nicht  sicher  wiederkehren
  auf  Erden,  bis,  wie  die  Kriege  volksmäßig  und  dadurch  siegreich
geworden  sind,  auch  die  Friedenszeiten  es  werden,  bis  auch  in  diesen  der
Volksgeist  gefragt  und  in  Ehren  gehalten  wird,  bis  das  Licht  guter  Verfassungen
  herantritt  und  die  kümmerlichen  Lampen  der  Cabinette  überstrahlt.“
  —
        <pb n="806" />
        Fürstlich  priv.  Hofbuchdruckerei  (F.  Mitzlaff),  Rudolstadt.
        <pb n="807" />
      </div>
    </body>
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</TEI>
