80 II. 3. Geistige Strömungen der ersten Friedensjahre. Stolze rief Wilhelm dem Jüngeren zu: Du wobst aus dem was geistvoll Du erspähet ein reiches, Weltenall umschlingend Band! Auch dem Idea— lismus des Bruders stand Alexander weit näher als Schiller glaubte; denn wie jener fand er den einzigen wirklichen Inhalt der Weltgeschichte in der Entwicklung des Menschengeistes, nur daß nach seiner Schätzung das Schauen, Bilden und Dichten hinter dem Forschen zurückstand. Und wie jener durfte er sich des „freien, von der Gegenwart nie beschränkten Sin— nes“ rühmen, der alles groß behandelte und in der peinlichen Einzelfor— schung immer den Blick auf das All gerichtet hat. „Er sucht“ — so sagte sein Bruder — „wirklich nur alles zu umfassen, um eines zu erforschen, dem man nur von allen Seiten zugleich beikommen kann.“ Die Erkenntnis galt ihm als das höchste der Güter; alle Kräfte seiner Seele erschienen beherrscht, fast aufgesogen von dem einen allumfassenden Wissensdrange. Niemals störte ihm die Liebe oder irgend eine andere starke persönliche Leidenschaft die Bahnen seiner Forschung; keinen wählte er zum Freunde, der nicht mitbauen half an dem großen Werke seines Lebens. So blieb auch das schöne, innige Verhältnis zwischen den beiden Brüdern mehr eine Gemeinschaft der Geister als ein Herzensbündnis; ihre Vertraulichkeit wuchs mit den Jahren, je mehr Wilhelm von seinen ästhe— tischen Arbeiten zu der vergleichenden Sprachforschung hinüberging und also dem Gedankenkreise des Bruders sich näherte. In dem Freundes— bunde dieses Bruderpaares gewann die Idee der universitas literarum Fleisch und Blut; er bewies der Welt die unzerstörbare Einheit der exakten und der historischen Wissenschaften, von deren Feindschaft kleine Geister fabeln. Alexander vermochte weder so tief wie Wilhelms schwerer und stärker angelegter Genius in die verborgenen Abgründe des Seelenlebens hinabzublicken, noch so kühn wie jener zu den Höhen der Spekulation emporzusteigen, auch die reine Mathematik lag der Richtung seines Den- kens fern. Dafür überbot er den Bruder wie alle anderen Zeitgenossen durch die wunderbare Beweglichkeit und Empfänglichkeit eines rastlosen Kopfes, der alles, was Menschen je geforscht und gedacht in sich aufzu- nehmen und mit sich zu verschmelzen wußte. In ihm fand der weltbürgerliche Zug des deutschen Geistes einen so vollkommenen Ausdruck wie vordem nur in Leibniz. Er hielt sich be- rufen, die ganze geistige Habe des Zeitalters aufzuspeichern und zu be- herrschen, allen Völkern als ein Vermittler der modernen Bildung, als ein Lehrer der Humanität zu dienen. Niemand verstand wie er, Talente aufzufinden und zu ermutigen; mit unermüdlich liebenswürdigem Eifer teilte er allen mit aus der Fülle seines immer lebendigen und immer bereiten Wissens. Goethe verglich ihn einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Selbst die Schwächen des Charakters, die er mit Leibniz teilte, kamen seinem Vermittlerberufe zu